Der Fall OJ Simpson

Kürzlich hat „Arte“ die Dokumentation „O.J.: Made in America“ (bzw: „eine amerikanische Saga“) ausgestrahlt, die siebeneinhalb Stunden in 5 Teile zerlegt. Ezra Edelman hat sie im Auftrag des US-amerikanischen Sportsenders ESPN gestaltet, dafür 2017 einen Oscar erhalten. Eine ausgewogene Darstellung des Lebens von Simpson und des Mordfalls Brown/Goldman, finde ich. Kommentieren will ich einige Aspekte des Lebens von Simpson und Reaktionen Anderer auf ihn.

Orenthal James Simpson hat Ende der 1960er den Sprung vom College-Football in die NFL geschafft, spielte dort die meiste Zeit in Buffalo (Staat New York). Ende der 1970er wurde er Film-Schauspieler (> „Die nackte Kanone“,…). O. J. Simpson war ab Ende der 60er in der Welt der Weissen, das Gegenteil eines „Schwarzenrechtlers“. Es gibt Fotos aus seiner Zeit als American-Football-Spieler mit Präsident Ford und mit FBI-Chef Hoover. Er stammt aus einer der vielen afro-amerikanischen Familien, deren Vorfahren aus dem Südosten der USA nach Kalifornien geströmt waren.

In Los Angeles, wohin OJ nach seiner Football-Karriere zog, gibt es eine lange Konflikt-Geschichte zwischen Polizei und Schwarzen, die vor dem Rodney King-Fall 1992 begann. Bei den Unruhen in der Stadt nach dem Freispruch für diese Prügel-Polizisten wurde auch ein (weisser) LKW-Fahrer von Schwarzen aus seinem Fahrzeug gezerrt und geschlagen – Manche waren hier empört und fanden nichts an der vergleichbaren Behandlung von King, die dem voraus ging.

Die zweite Frau von Simpson war eine Weisse; Konflikte in der Ehe gab es zB als Nicole den Sohn bei einer Veranstaltung neben einen Schwulen setzte – der Vater vom „Juice“ war schwul. O. J. sorgte für die ganze Familie von Nicole Brown, heisst es. 1992 die Scheidung. Der Doppelmord an ihr und ihrem Liebhaber Ronald Goldman im Sommer 1994 trug sich zu, als gerade die Fussball-WM in der USA begann. Simpson hatte gerade den Pilotfilm zu der geplanten Serie „Frogmen“ abgedreht, der (bisher) unveröffentlicht bleibt. Die teilweise von Hubschraubern aus gefilmte und live in TV-Sendern übertragene Flucht Simpsons, die Festnahme, die Anklage.

Und der Prozess, 1994/95. In Simpsons Verteidigerteam war auch ein Francis L. Bailey, der beim Wiederaufnahme-Prozess von Samuel Sheppard dessen Verteidiger gewesen war. Und Robert Kardashian, dessen Tochter Kim(berley) Simpsons Patentochter ist. Bei den Ermittlungen war die DNA-Spurensicherung in ihren Anfängen gewesen. Aber, die „Rassenfrage“ rückte in den Mittelpunkt, spätestens mit dem Vorspielen der Aufzeichnungen rassistischer Flüche des Polizei-Offiziers Fuhrman, der in dem Mord den man Simpson zur Last legt(e), ermittelt hatte. Ausgerechnet bei Simpson der sich davor immer „gedrückt“ hatte, wurde das „Rassenthema“ hoch aktuell.

Aber es war nicht nur die gefinkelte Strategie des Verteidigerteams unter Johnnie Cochran, die dafür verantwortlich war. Es war gewissermaßen Karma, die Antwort bzw Reaktion, für Vieles. Simpson war entweder verdammt schuldig oder er wurde verdammt reingelegt (LA-Polizei). Und relevant in diesem Zusammenhang auch: die doppelten Standards Vieler die Freisprüche für Leute, die Schwarze töteten, verteidigten oder hinnahmen1; die Angehörigen Goldmans die die Rassenfrage herunterspielten/verdrehten und Cochran beschimpften; jene die die Rassenthematik in LA/USA auf einmal ausblenden wollten; für die Simpson ein Teufel war weil er Schwarzer war und Brown ein Engel weil weiss. Die Rassenthematik spielte ZUMINDEST bei „schwarzer“ Parteinahme für den Angeklagten eine berechtigte Rolle und beim Kurs von Cochran, der als Bürgerrechts-Anwalt viel erlebt hatte.

Jene, die den Freispruch für Powell und die anderen Prügel-Polizisten 3 Jahre zuvor bejubelt hatten, waren nach jenem für Simpson bestürzt, und umgekehrt. Eine Kluft zwischen Weiss und Schwarz tat sich auf wie schon lange nicht mehr seit den „Bürgerrechtsgesetze“ der 1960er die die formale Gleichstellung von Afro-Amerikaner brachten, wurde spürbar. Bei Schwarzen war es auch das Wissen um ihre „Macht“, dass sie nicht mehr so einfach übergangen werden konnten, die für Erleichterung sorgte. Dass sie auch ihre gefinkelten Anwälte hatten, sie als Geschworene wirken konnten. Die zT schwarzen Geschworenen bekamen noch Jahre danach schriftliche Beschimpfungen und Bedrohungen aus der Bevölkerung. Robert Shapiro, der in Cochrans Team vorwiegend im Hintergrund gewirkt hatte2, wandte sich nach dem Prozess von diesem ab wegen des Spielens der Rassenkarte.

Simpson bekam die volle Vormundschaft über die Kinder, die die Browns übernommen hatten. Erfuhr aber in seiner Wohngegend Brentwood in L.A. Hass der Anrainer, zB beim Golf-Spielen. 1997 der Zivil-Prozess auf Entschädigung, den die Goldmans anstrengten, deren Jubel nach dem Schuldspruch. Aufgrund von „double jeopardy“ war keine Neuauflage des Mordprozesses gegen Simpson möglich. Simpson zog nach Florida um, fand neue Freunde. 06/07 kam das Buch heraus, das einem Geständnis schon ziemlich nahe kommt. Das Motiv war wahrscheinlich, dass er Geld brauchte, um die über 33 Millionen $ zu zahlen, zu denen er verurteilt worden war.

Sein ehemaliger Agent Mike Gilbert hält Simpson für schuldig, wandte sich ab von ihm, sagt er hätte ihm den Mord gestanden. Gilbert könnte auch Jener gewesen sein, von dem der Sport-Fanartikel-Händler Bruce Fromong diverse Erinnerungsstücke von Simpson bezogen hat. Simpson wurde auf diese Artikel aufmerksam gemacht, 07 wurde in einem Hotel in Las Vegas ein Kauftermin zwischen Fromong und Simpson vereinbart. Simspon und seine Helfer nahmen die Gegenstände dann aber mit Gewalt an sich – sie seien gestohlen worden. Und hielten Fromong und seine Leute mit Gewalt fest.

Simpson wurde dafür ’08 zu 9 bis 33 Jahren verurteilt, die er in Nevada absitzt. Für etwas, wofür er vielleicht 2 Jahre hätte bekommen müssen. Es war die Rache für 94/95, auch wenn Richterin Glass das in ihrer Urteilsverkündung ausschloss. Fred(ric) Goldman triumphierte nach dem Urteil, „Im Gefängnis ist der Hurensohn unter Seinesgleichen“. Auch Marcia Clark, die (erfolglose) Staatsanwältin vom Mordprozess, war nach Las Vegas zum Prozess gekommen.

Wie aktuell die Thematik ist, zeigt sich durch die ausgerechnet in der Präsidentschaft Obamas in vielen Gegenden der USA wieder aufgeflammte Gewalt zwischen Polizei und Afro-Amerikanern. Quentin Tarantino (damals): „Es gibt in der USA einen schwarzen Präsidenten UND einen Rassenkrieg“. Dazu zwei Links. Und Fox-Kommentator „Bill“ O’Reilly kam zur Zeit der Amtsübergabe Obamas an Trump mit Apologetiken zur Sklaverei daher. Simpson kommt in diesem Jahr erstmals für eine vorzeitige Entlassung in Frage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Auch der Umgang mit dem Pistorius-Steenkamp-Mord(?)fall in Südafrika ab 2013 zeigt bei Manchen diesbezügliche doppelte Standards
  2. Noch weiter im Hintergrund wirkte sogar Alan Dershowitz

Südtirol im Zeichen des „Pakets“

Südtirol ist als solches ja erst durch die Abtrennung vom restlichen Tirol und Österreich entstanden, infolge des Ersten Weltkriegs, somit besteht es nun gut 100 Jahre. Im vierten, letzten Teil der Serie über dieses Jahrhundert geht es um die Zeit seit dem Abschluss des Pakets (bzw dem Beginn der Umsetzung), bis zur Gegenwart. In diese Zeit fällt auch das Ende der Ersten Italienischen Republik (1946 oder 1948 bis 1992 oder 1994).

Die Umsetzung des Pakets

Mit dem Inkrafttreten des „Südtirol-Pakets“ 1972 begann erst dessen Umsetzung, sie ging bis 1992. Das Paket umfasste 137 Maßnahmen, die zum Teil das (erste) Autonomiestatut für die Region in der italienischen Verfassung änderten oder ergänzten, teils Durchführungsbestimmungen waren, teils Staatsgesetze, teils Verordnungen. Zur Ausarbeitung der Durchführungsbestimmungen wurden eine Sechser- (für die Provinz) und eine Zwölferkommission (für die Region) gebildet. Und dann gab es noch den Operationskalender, so etwas wie den Fahrplan zur Umsetzung des Pakets. Auf allen Ebenen waren die Südtiroler Volkspartei (SVP) und die Democrazia Cristiana (DC) die wichtigsten politischen Kräfte bei der Umsetzung.

Die meisten Kompetenzen wurden von der Region auf die Ebene der Provinzen Trentino und Südtirol verlagert.1 Zum Beispiel wurde 1991 eine Aussenstelle des Appellationsgerichts (Corte d’Appello, „Oberlandesgericht“) Trient in Bozen errichtet, sie nahm 1996 ihre Tätigkeit auf. Regionalrat (und Regionalregierung) verloren durch die Delegierung von Macht fast jede politische Bedeutung. Bis zur Verfassungsreform von 2001 wurde er dennoch unmittelbar gewählt (glz mit dem LT), seither setzt er sich aus den Mandataren des Trentiner und des Südtiroler Landtags/Provinzrats zusammen2. Die Provinzen Südtirol und Trentino bekamen Vollmachten einer Region.3

Bei der Präsidentschaft des Regionalrats gibt es eine Rotationsregelung, die an jene des Südtiroler Landtags anschliesst. Dort wechseln sich in einer Legislatur-Periode ein deutsch- und ein italienisch-sprachiger Politiker als Präsident und Vizepräsident ab. Die Präsidenten der beiden Landtage übernehmen abwechselnd die Präsidentschaft im Regionalrat. Der Südtiroler Landtag nominiert aber Jenen, der in ihm gerade auf die Position des Vizepräsidenten rotiert ist. Der SVP-Politiker Robert von Fioreschy-Weinfeld zB war von 1968 bis 1970 Präsident des Südtiroler Landtags, daran anschliessend von 1970 bis 1973 Regionalratspräsident. Ausserdem ist die Zusammensetzung des Landtags-Präsidiums mit jener der Landesregierung „gekoppelt“.

Somit hat der ethnische Proporz in Südtirol auch Auswirkungen auf die Besetzung von politischen Ämtern, wenn auch nicht solche wie der religiöse Proporz im Libanon. In Südtirol kam dazu der in Italien üblichen Sottogoverno (politischer Proporz in staatlichen Institutionen). Zweisprachigkeit bei Behörden kam nun wirklich, sowie die Aufnahme von mehr Südtirolern in diese. Grundlage für den ethnischen Proporz dort oder bei der Vergabe von Gemeindewohnungen wurde die Sprachzugehörigkeitserklärung (die Volkszählung 1981 war die erste, bei der danach gefragt wurde). Es kam mit der Paket-Durchführung Entspannung ins Land, Streitpunkte blieben.

Die Selbstbestimmung rückte mit der nun vollzogenen Autonomie in weitere Ferne. Die Anfang/Mitte der 1970er Geborenen wurden die erste Generation von Südtirolern, die eine substantielle Autonomie erlebten und nicht in grösstmöglicher Distanz zu Italien aufwuchsen. Die Landtags-Wahl 1973 war die erste im Zeichen des neuen Autonomie-Statuts bzw der Provinzautonomie, die SVP behauptetet sich vor DC, PCI, PSI, PSDI, MSI,…, Silvius Magnago blieb Landeshauptmann. Und während in Südtirol mit dem Paket Frieden einzog, Terror und Gegenterror eingestellt wurden, begannen in anderen Teilen Italiens Anfang der 1970er die „Bleiernen Jahre“ (Anni di Piombo), der Terror von Rechts und Links.

Südtirol in Italien

Die DC war die dominierende Partei in Italiens Erster Republik. In den 1970ern gab es dort einen Richtungsstreit bzw eine Konkurrenz zwischen Giulio Andreotti und Aldo Moro. Der Antikommunist Andreotti, in fast allen Regierungen der 1. Republik vertreten, hielt möglichst auch die PSI aus Regierungen heraus. Moro (5x Ministerpräsident) war für den historischen Kompromiss, einen Regierungseintritt der kommunistischen Partei PCI. Und, die PCI wurde unter dem Sarden Enrico Berlinguer, der Anfang der 1970er Generalsekretär der Partei wurde, noch euro-kommunistischer als unter dessen Vorgängern (wie Togliatti), bekannte sich zur NATO, wandte sich von der SU ab. Eine Einigung Moro-Berlinguer schien möglich. Die PCI duldete in den 1970ern auch einmal eine DC-Minderheitsregierung. Auf der Ebene von Regionen, Provinzen, Kommunen war sie ohnehin vielerorts in Regierungsverantwortung.

Die SVP war strikt gegen einen historischen Kompromiss mit den Kommunisten, der v.a. Ende 70er ein grosses Thema war, hatte vor ihnen eine grössere Abneigung als gegenüber den Neo-Faschisten der MSI. 1976 fuhr die (bzw der) PCI ihr bestes Wahlergebnis überhaupt bei einer italienischen Parlamentswahl ein (selbst wenn man die Ergebnisse ihrer Nachfolge-Parteien PDS, DS, PD mit berücksichtigt), kam auf 34%, und damit bis auf 5% an die DC heran. Gegenüber der Wahl ’72 war das ein guter Zugewinn, von 7%. Peter Brugger, Senator für die SVP, drohte nach der Wahl 76 mit der Verwirklichung der Selbstbestimmung Südtirols bzw der Abspaltung von Italien. „Wenn die PCI in die Regierung kommt, verlassen wir Italien“.

Der Pustertaler Brugger hatte eine „Katakombenschule“ besucht, war für die Wehrmacht an der Ostfront, SU-Kriegsgefangener, dann für die SVP im Landtag, in der Landesregierung, Vize-Obmann der Partei, Führungskandidat, kam 68 ins italienische Parlament, 72 zusätzlich ins europäische, war Anführer der Paket-Gegner in der SVP, die auf der Landesversammlung 69 dem Lager von Magnago unterlagen. Zwei seiner Kinder, Siegfried und Octavia, wurden als Politiker bzw Journalistin von Bedeutung. Mit der Entführung und Ermordung Aldo Moros 1978 war die Frage des historischen Kompromisses aber vom Tisch. Hier ergeben sich einige interessante Beobachtungen.

Die PCI war ziemlich die einzige italienische Partei in der Provinz Südtirol, die die deutsche Übersetzung ihres Namens (Kommunistische Partei Italiens, KPI) als Alternativname dazu nahm, vor der Landtags-Wahl 1978; ansonsten taten das nur die Democrazia Proletaria (Arbeiterdemokratie) und andere Linksprojekte. Und die PCI-KPI war auch autonomiefreundlich, stand hinter dem Paket. Die neofaschistische MSI unter Almirante dagegen, landesweit bei etwa 6%, hätte bei einem (Versuch des) „Verlassen Italiens“ kaum mit sich spassen lassen. Obwohl für sie der Kommunismus auch das Schreckgespenst war. In Fragen wie Ehescheidung (70er Liberalisierung auch in Italien) und Kindsabtreibung (80er Liberalisierung) war die SVP lange rechts von der DC, auch bei Frauen-Emanzipation,… Und was Loyalität zum Staat (also Italien) betraf, war die SVP auch näher bei den italienischen Rechten als bei Anarchisten.4

Dass Italien im Kalten Krieg auf der westlichen Seite stand, war für die SVP auch ausser Frage. Und Italien war wichtig für NATO/Westblock. Den eigenen Beitrag dazu, den Dienst männlicher Südtiroler im italienischen Militär, den sah man schon „etwas differenzierter“. Im Paket ist die Möglichkeit der Ableistung des Militärdienstes in der eigenen Provinz für Südtiroler festgeschrieben worden. Die Forze armate italiane in Südtirol gehören alle zur Armee (nicht Luftwaffe oder Marine), sind hauptsächlich Alpini, eine Gebirgsjäger-Sondereinheit. In Bozen ist auch das Hauptquartier bzw das Kommando der Alpini (Comando Truppe Alpine – COMALP) untergebracht. Und, Südtirol ist bzw war Verbindungs-Stück der NATO-Bereiche „Europa Süd“ und „Europa Mitte“.

In Natz-Schabs bei Brixen befand sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Stützpunkt des USA-Militärs, namens „Site Rigel“. Dieser gehörte dann zur NATO-Struktur. Ab 1967 wurden dort in unterirdischen Bunkern taktische Atomwaffen für die nukleare Teilhabe Italiens gelagert. Der Kalte Krieg kam so in das Dorfleben von Natz-Schabs, in Form amerikanischer Soldaten, die etwa die Disco „X2000“ aufsuchten und Bekanntschaft einheimischer Frauen suchten. Was genau hinter dem streng bewachten Militär-Stützpunkt steckte, wussten Wenige in Italien. Dass „Site Rigel“ ein Atomwaffenlager war, wurde vermutet. Daher fand am Ostersonntag 1984 ein Friedensmarsch dort hin statt, nachdem von der Stationierung neuer „Lance“-Kurzstreckenraketen dort berichtet worden war, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden können.5 Bald danach wurden die Atomwaffen und diverse Trägersysteme von dort aber woanders hin gebracht, vor dem Hintergrund der Ost-West-Entspannung. 1991 wurde die Anlage aufgegeben und das USA-Militär von dort abgezogen. „Site Rigel“ war bis 2011 in staatlichem italienischen Besitz. Dann ging das Areal an die Provinz Südtirol über.

Das beste Wahlergebnis in Südtirol erzielte die PCI 1978, mit 7 %, was ihnen drei Landtagsabgeordnete brachte. In den Landtag (Consiglio provinciale) im Landhaus in der Crispi-Strasse in der Nähe des Bahnhofs von Bozen zogen u.a. Josef Stecher (siehe Südtirol III) und Anselmo Gouthier ein. Gouthier stammte aus dem Piemont, ist in Meran aufgewachsen, wurde 1963 PCI-Provinzsekretär in Südtirol, war dort eine Führungsfigur der Partei bis Anfang der 80er, wurde 1979 ins Europaparlament gewählt. Die PCI/KPI trat 1978, wie auch bei der Parlamentswahl 1978, mit einem minderheitenfreundlichen Programm an. In Südtirol war die Kommunistische Partei die erste, die sich bemühte, sich als inter-ethnische Bewegung zu positionieren. Sie stand voll hinter dem Paket, der Autonomie und dem ethnischen Proporz. Es gab jedoch innerparteiliche Konflikte zwischen Italienisch- und Deutsch-sprachigen Genossen, auch in der Gewerkschaft CGIL/AGB (> Pallaver-Text Südtirol III).

Parteien-Entwicklungen in Südtirol

Teile der italienischen Arbeiterschaft in Südtirol, das Haupt-Wählerpotential der PCI, waren nicht einverstanden mit der Umsetzung von Teilen des Pakets. Dies und die Krise der Industrie wurden vom MSI geschickt ausgenützt, sodass nicht wenige italienische Arbeiter Nationalität bzw Sprachzugehörigkeit über Klasse bzw soziale Belange stellten. Und aus der deutschsprachigen Bevölkerungs-Gruppe kamen zwar einige Gewerkschafter (wie Josef Perkmann) oder Intellektuelle, wie der Dichter Kaser, zur KPI, aber der Neuen Linke/Nuova Sinistra (1978 in den Landtag eingezogen) gelang es eher, die Sprachgruppen-übergreifende Partei zu werden. Und die kommunistische Partei geriet mit ihrem Kurs spätestens Anfang der 1980er zwischen die Mühlsteine des Nationalitäten-Konflikts (den zu entschärfen sie getrachtet hatte).

Die eine „deutsche“ Südtiroler Linkspartei, die SFP unter Jenny, verzichtete bei den italienischen Parlamentswahlen 1972 auf eine Kandidatur und empfahl die Wahl des Trentiner Sozialisten Renato Ballardini (PSI), der sich während der Verhandlungen zum „Paket“ autonomiefreundlich gezeigt hatte. Der aus der SVP ausgeschlossene Hans Dietl kandidierte bei dieser Wahl (vergeblich) für den Wahlverband der Unabhängigen. 1973 gründete Dietl die Sozialdemokratische Partei Südtirols (SPS), mit vielen Überläufern aus der SFP, die deren Wahlempfehlung für einen italienischen Kandidaten nicht verkraftet hatten. Auch der ehemalige PCI-Politiker S. Flor schloss sich ihr an. Bei der Landtags-Wahl 1973 kamen sowohl SFP als auch SPS über die Sperrhürde. Dietl zog sich 1975 aus der Politik zurück. 1976 kam es zur Fusion von SPS und SFP, wobei Jenny und Andere aus der SFP abseits blieben und die SFP somit neben der (vergrösserten) SPS bestehen blieb. Nach der LT-Wahl 78 blieb nur die SPS im Landtag. Dieser gelang es aber auch nicht, sich auf Dauer zu etablieren, es gab Streits, Richtungskämpfe. Der einzige 78 gewählte Abgeordnete, Parteichef Wilhelm Erschbaumer, wechselte während der folgenden Legislaturperiode zur SVP. Nach dem Scheitern bei der Wahl 1983 fiel auch die SPS auseinander.

Wichtigste italienische Partei in der Provinz und wichtigster Partner der SVP war jahrzehnte-lang die DC. Einer ihrer wichtigsten Leute war Alcide Berloffa, dessen Familie 1926 aus dem Trentino nach Südtirol ging. Der Unternehmensberater war nie im Landtag, war für die Democrazia Cristiana 48 bis 57 im Bozener Gemeinderat, 53 bis 68 und 72 bis 76 in der Kammer des italienischen Parlaments. Neben den SVP-Politikern war er in den früheren Jahren der Ersten Republik einer der wenigen Abgeordneten aus Südtirol in Rom. Als Mitglied der Neunzehner-Kommission (61-64) hatte Berloffa maßgeblichen Anteil an der Ausarbeitung des Autonomie-Pakets. Als Vorsitzender der Sechser- und Zwölferkommission 72-94 hatte er diesen Anteil auch an dessen Umsetzung. Er wurde Mitglied im italienischen Staatsrat, unterhielt gute Beziehungen zu De Gasperi und Moro, wie auch zur SVP. Geführt wurde die DC in Südtirol nacheinander von Sandro Panizza, Armando Bertorelle, Valentino Pasqualin, Remo Ferretti; letztere 2 waren auch Landeshauptmann-Stellvertreter.

Die linken „Dissidenten“ unter den deutschsprachigen Südtirolern gingen vorwiegend zu dem, was von Ende der 1970er bis Mitte der 1980er die Grünen wurden, bzw sie „machten“ diese Partei. Die Mutter von Alexander Langer war eine Sterzinger Apothekerin, sein Vater ein Jude aus Österreich der in Kern-Italien überlebte. Langer war Teil des italienischen 68 (Lotta Continua,…), wurde Lehrer. Das Aufbrechen diverser Grenzen war sein Thema, und Südtirol sein Haupt-Betätigungsfeld. Das Paket hatte zwar Ausgleich und Stabilität gebracht, aber keinesfalls Austausch und Verständigung zwischen den Volksgruppen, und auch die Polarisierung verstärkt. Es gab Benachteiligungshysterie auf beiden Seiten, und auf der einen Seite das „Wir sind in Südtirol und das ist unser Land“, auf der anderen das „Wir sind in Italien und das ist unser Land“. 1978 gründete Langer in Südtirol die Neue Linke/Nuova Sinistra, die nach der Wahl in diesem Jahr gleich in den Landtag einzog.

Im Gegensatz zur KPI /PCI stand die NL /NS nicht voll hinter dem Paket. Sie war eher in der deutsch-sprachigen Bevölkerung verankert (bzw, im Rand von ihr), verstand sich aber als inter-ethnisch. War die erste Südtiroler Partei, die sich als solche für alle im Land verstand. Im Land gab es bis dahin nur die SVP und andere (Deutsch-) Südtiroler Parteien sowie die gesamtitalienische Parteien. Die Bildung inter-ethnischer, gemischter Parteien war/ist in Südtirol eben so gegen den vorherrschenden Trend wie in Südafrika nach der Apartheid. Und vor dem Paket hätte das auch keinen Sinn ergeben. Italienischsprachigen Aktivisten in der Gruppe waren soziale Themen wichtiger, deutschsprachigen die ökologischen. Aus der Neuen Linken wurde vor der LT-Wahl ’83 die Alternative Liste für ein anderes Südtirol (ALFAS, der italienische Namen wurde zu LAPAS abgekürzt). 1988 trat die Bewegung als GAL an, 1993 als Grüne/Verdi.

Aus der SVP kamen dann einige Überläufer, v.a. Arbeitnehmer-Vertreter, Hubert Frasnelli, Sepp Kusstatscher, Otto Saurer. Langer leitete nicht nur den Aufbau der Südtiroler Grünen, er war auch (ebenfalls Mitte der 1980er) maßgeblich am Aufbau der Partei auf gesamt-italienischer beteiligt. Und wurde der erste Südtiroler, der in einer italienischen Partei maßgeblich mitgestaltete, noch dazu als nationale6 Führungsfigur. Bei der Parlaments-Wahl 1987 traten die italienischen Grünen als Liste Verdi (Grüne Listen) mit Langer und Gianni Mattioli als Spitzenleuten an7. Gianni Lanzinger aus Bozen wurde bei dieser Wahl in die Kammer gewählt, wurde erster deutschsprachiger Abgeordneter aus Südtirol im italienischen Parlament, der nicht für die deutsch-sprachigen Sammelparteien Deutscher Verband oder SVP antrat. Langer wurde für die Grünen 1989 und 1994 in das Europaparlament gewählt. Der weltberühmte Bergsteiger Reinhold Messner, Freund von Langer, war von 99 bis 04 ebenfalls Abgeordneter für die Verdi im EP.

Was die rechte Dissidenz unter Südtirolern ggü der SVP betrifft, so entstand zum Einen der Südtiroler Heimatbund (SHB), 1974, als Verein der „politischen Häftlinge Südtirols“ bzw von ehemaligen Militanten. Viele SHB-Aktivisten waren Mitglieder in der SVP, die meisten ihre Wähler. Obmann bis 1990 war Hans Stieler, früherer BAS-Aktivist. Eine dominante Rolle spielt spätestens seit Anfang der 1980er Eva Klotz, Tochter des führenden BAS-Mannes Georg Klotz. Eva Klotz und Andere vom SHB wurden 1986 nach einer Demo in Wien in Italien verhaftet. Bei der Landtags-Wahl 1983 kandidierte der Heimatband erstmals, als Wahlverband des Heimatbundes, kam in das Provinzparlament. 1988 kandidierte er als SHB. Zum Anderen entstand rechts von der SVP die Partei der Unabhängigen (PDU), Anfang der 1970er, aus dem Wahlverband der Unabhängigen. Viele Paketgegner, denen Dietls SPS zu links war, gingen dort hin. Die PDU wurde 78 und 83 in den LT gewählt. Bei der Wahl 1983 gab es Gewinne für das MSI, aber die DC unter Ferretti blieb noch stärkste italienische Partei (und zweitstärkste insgesamt). Andrea Mitolo wurde in diesem Jahr ins italienische Parlament gewählt, sein Bruder Pietro übernahm die Provinz für die MSI.

In den 1980ern gab es wieder Sprengstoffanschläge in Südtirol, hinter denen eine  Gruppe namens „Ein Tirol“ gestanden sein soll. Einer der „Pfunderer Burschen“ (> ST III) war nach Nord-Tirol ausgewandert, er und seine Frau Karola Unterkircher sollen die Gruppe mit geleitet haben. Einiges an den Anschlägen war dubios, etwa dass sie vor den Paket-Endverhandlungen und den italienischen Parlamentswahlen ’87 statt fanden und dem (Paket/Autonomie-Gegner) MSI grossen Zulauf bescherten. Der MSI(-DN) wurde damals stärkste italienische Partei in Südtirol, auf Kosten der DC. Der SHB, der in diesem Wahlkampf ein Freistaat-Modell für ST bewarb (also die Unabhängigkeit), geriet durch die Anschläge ins Visier der italienischen Ermittler.

Manche sagen, die Anschläge wurden von italienischen Rechtsextremen, unter falscher Flagge (des „Südtirol-Freiheitskampfes“) begangen. Andere, dass „Ein Tirol“ eigentlich eine kriminelle Bande war, die politisch wurde bzw sich so gab. Auch die Möglichkeit, dass sie im Rahmen von Gladio/StayBehind standen, und einen „starken Staat“ rechtfertigen sollten, wird genannt.8 Unterkircher wurde 1992 in Abwesenheit verurteilt, 1994 von italienischen Sicherheitskräften am Timmelsjoch an der Grenze von Nord- und Südtirol (Ötztal /Passeiertal) verhaftet9; war angeblich dorthin gelockt worden. Das war kurz vor dem Besuch des italienischen Präsidenten Scalfaro in Österreich. Ein Politiker der italienischen Grünen setzte sich in Mailand für die Inhaftierte ein, wie sogar „Metapedia“ vermeldet.

Das Paket wurde ja dennoch umgesetzt. Und als sich Ende der 80er, Anfang der 90er abzeichnete, dass dies bald ganz vollzogen war, gab es in der SVP einen Streit um die Streitbeilegung zwischen Italien und Österreich, darum, wie man sich angesichts einer echten Autonomie zur Zugehörigkeit Südtirols zu Italien positionieren sollte, zum Selbstbestimmungsrecht,… Der rechte Partei-Flügel war gegen eine Empfehlung an Österreich zur Streitbeilungsungserklärung bei umgesetzter Autonomie, der oppositionelle SHB natürlich auch. Mitten in der Auseinandersetzung verkündete Landeshauptmann Silvius Magnago, nach den Landtagswahlen von 1988 abzutreten.

Aus der PDU wurde vor der LT-Wahl 88 die Freiheitliche Partei Südtirols (FPS), mit dem Vorbild der Haider-FPÖ in Österreich. Die MSI wurde 88 stärkste Italiener-Partei, dann die DC mit Ferretti, die GAL (Langer), SHB, FPS,…  Anstatt der autonomie-freundlichen Parteien DC oder PCI war nun die MSI zweitstärkste Partei hinter der SVP. Die Neofaschisten waren in Südtirol nicht immer (nach dem 2. WK) überproportional stark. Erst als die nationalen Spannungen Anfang der 1980er wieder zunahmen, bekamen sie dort Auftrieb. Die Zustimmung stieg von 6,28 Prozent 1974 auf 22,6 Prozent im Jahr 1985 und 31,5% 1988. Politischer Ziehsohn von Provinz-Partei-„Statthalter“ Pietro Mitolo wurde Ende der 1980er Giorgio Holzmann, der anscheinend aus einer „gemischten“ Familie stammt.

Umwälzungen

1989 wurde Alois „Luis“ Durnwalder neuer Landeshauptmann, Magnago blieb vorerst Parteiobmann. FPS, SHB, und Alfons Benedikter aus der SVP (der sich anscheinend bei der Magnago-Nachfolge übergangen fühlte) gründeten in diesem Jahr die Union für Südtirol/UfS; der SHB blieb daneben separat als Verein bestehen. 1991 trat Silvius Magnago auch als SVP-Obmann zurück, Nachfolger wurde Roland Riz, Verteidiger im Mailänder Prozess, lange Abgeordneter im italienischen Parlament. Und, 1991 wurde im südlichen Teil der Öztaler Alpen eine ca. 5000 Jahre alte Gletscher-Mumie gefunden; „Ötzi“ ist seit 1998 im Archäologie-Museum in Bozen ausgestellt.

1992 war die Umsetzung des Pakets abgeschlossen. Ex-Landeshauptmann Silvius Magnago kommentierte den Erfolg mit den markigen Worten: „Einen DOC-Wein muss man deswegen nit aufmachen, es langt schon a Glasl Tischwein.“10 Und, die SVP-Landesversammlung 1992 beschloss eine Empfehlung an Österreich, eine Streitbeilegungserklärung abzugeben. Siegfried Brugger wurde auf der genannten Landesversammlung zum neuen Chef der SVP gewählt, er blieb dies bis ’04. Österreich, unter Bundeskanzler Vranitzky (SPÖ/ÖVP-Koalition11) gab diese im Juni dieses Jahres ab, das italienische Gegenüber war damals noch Andreotti, Premier einer DC-geführten Regierung. Diese Streitbeilegungserklärung bzw der Abschluss der Umsetzung der Autonomie fiel mit dem Ende der Ersten Italienischen Republik zusammen!

Im Februar 1992 kam mit der Verhaftung des Mailänder Stadtrats Mario Chiesa eine Welle in Italien ins Rollen. Der PSI-Politiker war von einem Unternehmer angezeigt worden, der ihm jahrelang Schmiergelder bezahlen musste, um Reinigungsaufträge in einem Altersheim zu bekommen. Dies war der Anstoss zu einer Offensive von Teilen der Justiz gegen Korruption in Italien. Diese „Mani pulite“ (Saubere Hände) – Kampagne machte bald klar, dass auch die höchsten Kreise der Politik in Korruption involviert waren. Dabei war Italiens Politik Anfang der 1990er ohnehin von Umbrüchen betroffen.

Die PCI, seit 1988 von A. Ochetto geführt, verwandelte sich 1991 in die Partito democratico della sinistra (PDS), schon von der zur Zeit der Wende entstandenen SED-Nachfolgepartei dieses Namens und dem Ende des Ostblocks „inspiriert“. Hammer und Sichel wurden als Parteisymbole durch eine Eiche ersetzt, die Gegnerschaft zum Kapitalismus abgeschwächt.12 1999 wurde die PDS zur DS (Democratici di sinistra), dann zur PD. 1989 war durch den Zusammenschluss regionaler Leghe die Lega Nord (LN) entstanden, die die „Besonderheiten“ des Norden Italiens zu ihrem Thema macht(e). Und, die MSI-DN wandelte sich 1994/95 unter Fini zur AN, distanzierte sich vom Faschismus, rückte auch etwas in die Mitte.

Ministerpräsident Giulio Andreotti trat im Frühling 1992 zurück, bevor Korruptions-Ermittlungen gegen ihn losgingen. Der Römer, der gerne in Südtirol Urlaub machte, war ab der Nachkriegs-Konstituante im Parlament gewesen, war an 33 Regierungen beteiligt, mehrmals Premier, war nie Parteichef der DC (Sekretär oder Präsident) gewesen, aber jahrzehnte-lang eine Führungsfigur der Christdemokraten. Sein Abtritt ging dem Ende der DC und des damaligen politischen Systems voraus.13 Die Parlaments-Wahl im April ’92 war die letzte im alten System, fand während des Umbruchs statt. Die DC (unter Forlani) behauptete sich noch einmal, vor der PDS (Ochetto), der PSI (Craxi14), die LN kam erstmals ins Parlament, eben so die PRC. Die darauf folgende Regierung des damaligen PSI-Politikers Amato hielt etwa ein Jahr, umfasste DC, PSI, PLI, PSDI. Durch den Rücktritt von Staatspräsident Cossiga wurde im Mai 92 auch hier eine Neuwahl notwendig; Andreotti war zunächst einer der Kandidaten für die Kandidatur. Die DC nominierte aber Oscar Scalfaro, der sich 16 Wahlgängen u.a. gegen Miglio von der Lega Nord durchsetzte.

In seine Wahl fiel die Ermordung des „Mafia-Jägers“ Richter Giovanni Falcone in Sizilien. Italiens Erste Republik endete durch die Tangentopoli genannte Korruptionsaffäre bzw ihre Aufdeckung, der Übergang zur Zweiten Republik vollzog sich 1992 bis 1994. Die bisherige politische Klasse musste abtreten, Spitzen-Politiker wurden angeklagt und verurteilt, die tonangebenden Parteien wie die DC und die PSI brachen zusammen, es bildeten sich Nachfolgeparteien wie auch ganz neue Parteien. Durch ihre Teilnahme an der Regierung des parteilosen Ciampi 93/94 war die sich nun PDS nennende kommunistische Partei erstmals seit 1947 in einer nationalen italienischen Regierung beteiligt.15

Dass in der SVP deshalb keine Hysterie ausbrach, deutet darauf hin, dass der Kalte Krieg wirklich vorbei war und/oder dass sie andere Probleme hatte. Nachdem ihr Autonomiepartner DC in der Provinz ohnehin schon zu Gunsten des MSI geschwächt worden war, erreichten die Tangentopoli-Aufdeckungen auch Südtirol und die dortige DC. Ihr Chef, Landeshauptmann-Stellvertreter Remo Ferretti, trat 1993 wegen Ermittlungen gegen ihn zunächst aus der Landesregierung zurück, begab sich dann auf die Flucht, reichte aus einem Versteck postalisch seinen Rücktritt als Abgeordneter ein, wurde schliesslich gefunden und verhaftet. Bald gab es keine DC mehr, gab es für die SVP in Südtirol und auf nationaler Ebene ganz andere Rahmen-Bedingungen. Dass die autonomiefreundlichen italienische Parteien durch Tangentopoli kleiner geworden waren bzw dabei waren, sich aufzulösen, war für die SVP eine beunruhigende Entwicklung.

Dass sich 1992 neben der UfS eine zweite Deutsch-Südtiroler Rechtspartei bildete, Die Freiheitlichen, kam auch dazu. Christian Waldner war Anführer eines Kreises radikaler Junger innerhalb der SVP16, der ab Ende der 1980er zu Einfluss kam. Dieser Kreis verliess 1992 wegen der Streitbeilegung die SVP, gründete die Freiheitlichen, auch an die Haider-FPÖ angelehnt. Ihren ersten Wahlampf führten sie weniger gegen Italien(er) als gegen andere Zuwanderer. Die Karriere Waldners wurde 1997 jäh abgebrochen, als ihn sein langjähriger Weggefährte Peter P. Rainer erschoss.

Bei den Landtagswahlen 1993, in der Endphase der 1. Republik, gelang es der DC (auf dem halben Weg zur Rückbenennung in PPI) vor ihrem Auseinanderbrechen noch, zwei Mandate zu erringen, während die PSI den Einzug in den Landtag nicht mehr schaffte. Teile der früheren DC kandidierten als Unione di Centro Alto Adige. MSI (AN) blieb stärkste italienische Partei, zweitstärkste insgesamt, dahinter Grüne, Freiheitliche, UfS, DC-PPI, LN17, PDS, Ladins, UdC. Für Durnwalder war 93 erste Wahl als LH bzw SVP-Spitzenkandidat. Die DC-PPI bildete wieder die Provinz-Regierung mit der SVP (ihre beiden Abgeordnete kamen in die Landesregierung), und erstmals waren die (Post-?) Kommunisten darin vertreten; der Geschichts-Lehrer R. Viola aus dem Piemont wurde für die PDS Landesrat für Personal, Industrie und Berufsbildung

Die italienische Parlaments-Wahl im Frühling 1994 markiert den endgültigen Übergang zur Zweiten Republik. Es bildeten sich ein Rechtsblock (Polo delle Libertà – Polo del Buon Governo), mit Silvio Berlusconis neuer Forza Italia (FI), der postfaschistischen Alleanza Nazionale (AN), der Lega Nord (LN), der UdC ( einer Nachfolgepartei der liberalen PLI) und anderen Kleinen; und ein Linksblock (Alleanza dei Progressisti), mit der PDS unter Ochetto, der PRC, Verdi, dem PSI-Rest, der Anti-Mafia-Partei Rete und Anderen; der grösste Teil der DC war in der PPI aufgegangen, diese trat mit 2 anderen Parteien als eigener Block an. Auf Einzelparteien gerechnet kam die FI nur knapp vor die PDS, der Rechtsblock war aber insgesamt klar vor der Linken. Die SVP behielt ihre 3 Sitze im Senat und die 3 in der Abgeordneten-Kammer.18

Der Rechtsblock bildete die Regierung, im Kabinett Berlusconi I waren MSI und Lega Nord erstmals in Regierungsverantwortung. Am Übergang von Erster zu Zweiter Republik rückten (Post-) Kommunisten und (Post-) Faschisten in den Verfassungsbogen, kamen in Regierungen. In Berlusconi I war etwa Tatarella von der MSI Postminister und Vize-Ministerpräsident. Die Regierung hielt etwa ein halbes Jahr, scheiterte am Gegensatz des Zentralismus des MSI und des Föderalismus der LN. Dann kam eine Expertenregierung unter Dini, 1996 wurde neu gewählt. Seit der Wahl 94 gibt es immer die 2 Blöcke bzw Allianzen. 96 siegte der Linksblock, unter Prodi, mit (P)DS, PPI,… In der folgenden Legislatur-Periode gab es Linksregierungen unter Prodi, D’Alema und Amato. Massimo D’Alema wurde 1998 erster postkommunistischer Premier; die (P)DS stellte in dieser Periode auch einen der 2 Parlamentspräsidenten. 01 kehrte Berlusconi und sein Rechtsblock an die Macht zurück, für lange Zeit, und neue Korruption kam.19

Während die SVP die Gedanken an eine Sezession von Italien mehr oder weniger aufgegeben hat, entwickelte sich das Programm bei der Lega Nord, ausgehend von der Vorstellung der Andersartigkeit des Nordens Italiens und seiner „Ausnutzung“ durch den „faulen Süden“20, von der Forderung nach mehr Rechten für die Regionen zur Forderung nach der Unabhängigkeit Nord-Italiens („Padaniens“). 1996 proklamierte die Lega die Unabhängigkeit „Padaniens“, ’98 rückte sie von der Unabhängigkeits-Forderung wieder ab, stellte wieder das Bemühen um eine Föderalisierung Italiens (mehr Kompetenzen für Regionen, auf Kosten der Zentralregierung) in den Vordergrund. Teile der Basis und Extremisten wie Borghezio sind weiter für die Sezession, radikale Splittergruppen ohnehin.

Wo der Norden aufhört und die Mitte Italiens beginnt, ist nicht so einfach zu definieren. Die Toskana wird gelegentlich zum Norden gezählt, Ligurien zur Mitte. Und, paradoxerweise befindet sich die LN auf nationaler Ebene im Bündnis mit föderalismus-, autonomie- und minderheitenfeindlichen Kräften, besonders der Alleanza Nazionale (AN). Wenn diese Parteien, unter Berlusconi, zusammen in einer Regierung waren, gab es dort auch immer Streit darüber. Was LN und AN eint, ist zB der Widerstand gegen die Einwanderung nach Italien, die in den 1980ern richtig begann. Auch Südtirol ist davon betroffen. In manchen Punkten trifft sich die LN mit den Minderheiten/Regional-Parteien des Nordens, wie SVP, SSK/US (Slowenen Friaul-Julisches Venetien), UV (Aostatal), PATT (Trentiner)21. Es gibt nur zwei Provinzen mit regelmäßigen Mehrheiten für regionalistische Parteien: Aostatal (das glz. eine Region ist) und Südtirol. Davon ist die sardische PSd’Az weit entfernt (Sardinien muss man wohl zur Mitte Italiens zählen). Sie fährt eine separatistische Linie, ist auf nationaler Ebene aber mit der Forza Italia (FI) verbündet, somit auch mit der AN…

Die Minderheiten im Süden (Albaner, Griechen,…) sind weitgehend assimiliert; auch im Norden einige: Etwa die Waldenser im Westen, die aus Frankreich stammen, sich nur ihre religiöse Identität bewahren konnten. Oder die Deutschen ausserhalb Südtirols, etwa die Zimbrer im Trentino. Der Radsportler Francesco Moser (70er, 80er) etwa hat Zimbrer-Wurzeln, ist einer jener Trentiner mit deutschem Namen/Wurzeln ohne Bezug dazu. In Süd- wie Nord-Tirol gibt es wiederum Leute mit Trentiner Namen bzw Wurzeln, die seit Generationen (an die Deutsch-Sprachigen) assimiliert sind, Nachfahren von Migranten die in Zeiten kamen, als Trentino ein Teil des österreichischen Kronlandes Tirol war.22

Der langjährige Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder sagte zu Berührungspunkten der SVP mit der LN: „Es sagt ein italienisches Sprichwort: ‚Tra il dire e il fare c’è di mezzo il mare‘, zwischen dem Sagen und den Tun ist das (halbe) Meer dazwischen, und so ist es halt auch bei Bossi. Bossi will zum Beispiel Bergamo in Bergem umwandeln, oder will zum Beispiel, dass die einzelnen Gemeinden entscheiden, wie sie weiter heissen sollen, will wieder die alten geschichtlichen Namen einführen. Ja, nur was uns betrifft, da scheint er halt, dass er etwas anderes möchte, oder jedenfalls nicht dafür eintritt, dass auch bei uns mit gleichem Maß gemessen wird.“

Durch den Wandel des italienischen Parteiensystems musste sich die SVP sowohl in der Provinz als auch in Rom neue Partner suchen. War sie in der Ersten Republik mit der DC „verbündet“, so war sie gezwungen, in der Zweiten mit dem Linksblock ein Bündnis („kritischer Pakt“) einzugehen. Denn die Autonomie-feindlichen Kräfte sind eindeutig im Rechtsblock (v.a. AN). Eigentlich war es die Einführung des neuen Wahlsystems 1993, einem kombinierten Mehrheitswahlsystem, dass die SVP zu Wahlkoalitionen zwang. Bei den Wahlen 1994 und 1996 lehnte die SVP ein Wahlbündnis mit italienischen Parteien noch ab; das hatte zur Folge, dass Vertreter von MSI/ AN (Pietro Mitolo 9423) und Forza Italia (Franco Frattini kandidierte 1996 in Bozen24) den Einzug ins italienische Parlament schafften. So schloss die SVP bei den Parlamentswahlen 2001 ein Abkommen mit dem Mitte-Links-Bündnis Ulivo ab. In einem Südtiroler Wahlkreis unterstützten die italienischen Ulivo-Parteien die Kandidatur des SVP-Mannes Oskar Peterlini (SVP) für den Senat, die SVP in einem anderen Bozen die Kandidatur von Gianclaudio Bressa (PD) für die Kammer. Somit unterstützten SVP-Wähler zum ersten Mal einen italienischen Kandidaten.

In der Ersten Republik war die Unterstützung der SVP im römischen nur einmal entscheidend gewesen, 1972 für die Regierung Andreotti II (72/73, DC, PSDI, PLI). In der Zweiten Republik mit geringen Mandatsunterschieden zwischen den Blöcken haben SVP und andere Kleinparteien ein hohes „Erpressungs“-Potential. Für die Regierung Prodi (06-08) waren die Stimmen der SVP-Senatoren mit-entscheidend. „Dennoch lehnt es die SVP trotz verschiedener Angebote seit jeher ab, einer italienischen Regierung beizutreten. Damit will sie zumindest symbolisch bekunden, dass sie sich nicht mit dem italienischen Staat identifiziert. Ausserdem will sie nicht für eine gesamtstaatliche Politik verantwortlich gemacht werden, auf die sie kaum Einfluss nehmen könnte.“25

Südtirol in der Zweiten Republik

Die Landtagswahl 98 brachte ein ähnliches Ergebnis wie 93. Hinter der SVP landete wieder die AN (die ihre Transformation abgeschlossen hatte), Holzmann nun der Spitzenmann, Alessandro Urzi sein „Ziehsohn“. Urzis Vater stammt aus Sizilien, war Regierungskommissar in der Region.26 Die AN wurde in Südtirol ansatzweise eine Sammelpartei der Italiener. Daneben kam auch eine rechte Abspaltung von ihr in diesen Landtag. Die inter-ethnischen Grünen schnitten wieder gut ab; die UfS (Eva Klotz) war diesmal klar vor den Freiheitlichen (nach dem Waldner-Mord). Das Erbe der DC war auf mehrere Parteien aufgesplittert: Die CCD trat zusammen mit der Forza Italia als Lista Civica an.

Die PPI/ Popolari führten die autonomiefreundliche Linie der DC fort, für sie wurde auch ein Abgeordneter gewählt, Michele di Puppo. Die UDR schliesslich wurde durch Luigi Cigolla vertreten. Die DS (als Mitte-Links-Projekt) errang ebenfalls einen Sitz. Auch die Ladiner-Partei kam wieder in den LT. Die Lega verlor mehr als zwei Drittel ihrer Stimmen von 1993 und damit ihr Landtagsmandat. Das Kabinett Durnwalder III (99-03) bildete die SVP mit den Abgeordneten von PPI (Di Puppo, 2. LH-Stellvertreter neben Otto Saurer), UDR (Cigolla) und DS (Gnecchi). Zum letzten Mal in der Landesregierung vertreten war Bruno Hosp, der daneben u.a. auch einige Jahre Landeskommandant des Schützenbundes war.

Bei der nächsten Wahl 03 traten die italienischen Zentrumsparteien, die Listen der beiden amtierenden Landesräte, mit der gemeinsamen Liste Unione Autonomista an. Aber nur Einer, Cigolla, wurde von der Liste gewählt. Und, AN, FI, LN, bildeten wieder nicht, anders als auf nationaler Ebene (und in manchen Regionen?), ein Wahlbündnis oder eine gemeinsame Liste. Cigolla trat wieder in die Landesregierung ein, ausserdem bekam die DS 2 Landesräte, darunter Luisa Gnecchi als LH-Stellvertreterin. Durnwalder wurde 04-06 erster Südtiroler Präsident der Regional-Regierung (die durch das Paket ziemlich ja bedeutungslos wurde).

Im Gemeinderat von Bozen war die SVP immer Koalitionen mit der DC (>die dann den Bürgermeister stellte) und anderen italienischen Mitte-Parteien eingegangen, hat so in der 1. Republik in der Landeshauptstadt in der Regel den Vize-Bürgermeister gestellt. Giancarlo Bolognini etwa, aus dem Veneto, DC-Politiker, war Bürgermeister von Bozen 1968-83, dann im Landtag, in der Landesregierung, und danach Präsident des italienischen Eissportverbandes FISG, 97-14. Ab der Kommunalwahl 95 änderten sich die Koalitionen, zunächst wurde Drioli von einer Bürgerliste mit SVP-Unterstützung Bürgermeister, dann kurz Benussi (05, ohne SVP, mit Rechtsparteien wie AN sowie Bürgerlisten), seither bilden die italienischen Linken (PD bzw DL/Margherita) im Gemeinderat mit der SVP Koalitionen, brachten u.a. Spagnolli als BM hervor. In Meran, wo sich deutsche27 und italienische Südtiroler die Waage halten, gab es in der 1. Republik bis 1980 meist DC-Bürgermeister, seither wechselt es sich ab, zur Zeit ist der Grüne Paul Rösch Sindaco.

Francesco Cossiga war nach seinem Abtritt als Präsident an der Gründung von Nachfolgeparteien der Christdemokraten beteiligt28, wurde ernannter Senator (auf Lebenszeit). Als solcher schlug er 2006 vor, in Südtirol ein Referendum zur Loslösung von Italien abzuhalten. Sollte dieses positiv ausgehen, sollten sich italienisches Militär und Finanzwache binnen 48 Stunden aus Südtirol zurück ziehen, Polizei und Carabinieri sollten der Landesregierung unterstellt werden. Italiener zu sein bringe ihn dazu, die Nationalität anderer zu respektieren, so Cossiga. Der Sarde wollte dies sogar als Gesetzesantrag einbringen, zog aber zurück, nachdem von der SVP keine Unterstützung bekam. Durnwalder begründete dies u.a. damit, dass keinerlei Chance auf eine Mehrheit im italienischen Parlament bestanden hätte. Der ehemalige Staats- und Ministerpräsident schrieb darauf hin einen offenen Brief an die „Dolomiten“, „die Bozner Bande von Durnwalder & Co“ interessiere das Geld aus Rom mehr als die „nationale Frage“. Das Schreiben schloss er mit „Lebe hoch Südtyrol“. Die Freiheitlichen Südtirols kritisierten die Haltung der SVP, entschuldigten sich quasi bei Cossiga für diese…

Die SVP ist zweifellos eine erfolreiche ethnoregionale Partei, nicht nur weil sie, seit es sie gibt, immer den Chef in der Regierung der Provinz stellt. Die Interessen innerhalb der Partei auszutarieren, wird aber zunehmend schwierig. Vor allem zwischen den berufsständischen Richtungen, den „Traditionalisten“ und höher gebildeten Jungen, und zwischen partikularistisch und „staatstragend“. Die SVP in der Landesregierung muss natürlich für Alle in der Provinz da sein, nicht nur die Interessen der Deutschsprachigen vertreten. Auch weil sie Ansprechpartner für Organe des italienischen Staates sein will. Südtiroler Rechtsparteien wie die UfS werfen der SVP vor, zu staatstragend zu sein, zu viel im italienischen Kontext mit zu machen. Italienische Rechtsparteien werfen ihr vor, anti-italienisch zu sein.

Die SVP rutschte in den 90ern unter 60% (wie schon 1973), wegen der rechten und linken Konkurrenz im eigenen Bevölkerungssegment, 2008 erstmals unter 50%, bei den Stimmen. Diese Verluste gingen v.a. zu Gunsten der Freiheitlichen. Bei dieser Wahl trat die AN als PdL an, hatte Verluste. Die Lega wurde 08 wieder in den LT gewählt; erfolglos kandidiert für sie hat der frühere SVP-Rechtsaussen Roland Atz. Ihm ging das Bündnis der SVP mit den italienischen Linken gegen den Strich, obwohl diese die Autonomiefreundlicheren sind. Und, als eine Abspaltung von der Union für Südtirol (UfS), war 2007 die Süd-Tiroler Freiheit (STF) entstanden, Eva Klotz und ihre Anhänger gründeten einen noch rechteren Ableger. Auch die STF kam 08 in den LT.

Südtirol und Österreich

Südtirol grenzt an die italienischen Provinzen Trento, Belluno (Lombardei), Sondrio (Veneto), ans österreichische Tirol (Nord-, Ost-) und Salzburg (Pinzgau) sowie das schweizerische Graubünden/Grischun/Grigioni. Die Beziehungen zu Österreich sind natürlich besondere, wenn auch nicht in der Sicht von Urzi und seinen Anhängern. Auf der „Gegenseite“, der Südtiroler Mehrheitsbevölkerung, ist das Bewusstsein der Tragik der Abtrennung Südtirols von Österreich, zu einem Zeitpunkt als sich dieses von einem multinationalen Reich zu einem auf seinen „Kernraum“ beschränkten Staat verwandelte, präsent. Die Beziehungen Österreich – Italien sind seit Anfang der 70er wieder gut. Auch Deutschland und Italien haben ein solides Verhältnis. Wie es Gusenbauer als Bundeskanzler vor einigen Jahren formulierte, Südtirol ist heute für Österreich ein Brücke zu Italien, nicht ein Zankapfel mit ihm.

Italien wurde (wieder) ein bevorzugtes Urlaubsland der Österreicher. Italienisches Essen und Trinken hat sich auch in Deutschland und Österreich durchgesetzt, auch in Innsbruck gibt es unzählige Pizzerias – umgekehrt fahren auch aus Nord-Tirol (dem österreichischen Bundesland Tirol, bestehend aus dem Nordtirol im engeren Sinn sowie Ost-Tirol) viele Leute auf Urlaub nach Italien. Und auch nach dem 2. WK gingen viele Südtiroler nach Österreich. So wie Franz Kössler (ORF), Adolf Dallapozza oder Paul Flora. Andreas Pfeifer ging auch zum ORF, blieb aber Südtiroler/Italiener, wanderte nicht aus, machte nur Arbeitsemigration. Oder auch Gerti Drassl. Lorenz Gallmetzer steht hier irgendwie dazwischen. Daneben wuchsen in der Zweiten Republik Österreichs hier geborene ST-Stämmige auf, wie Bruno Pezzey, Andreas Khol, Robert Palfrader. Und dann gibt’s natürlich die Südtiroler, die als Studenten nach Österreich kommen.29

Dass sich Österreich als Schutzmacht Südtirols sieht, war in Italien immer umstritten, wird gerne als „Einmischung“ gesehen. Nach den Bombenanschlägen in den 1960ern in den Mailänder Sprengstoffprozessen in Abwesenheit verurteilten Südtiroler und Österreicher leben heute in Österreich und Deutschland, würden bei einer Einreise nach Italien ihre Verhaftung riskieren. Bei jedem Staatsbesuch eines italienischen Staatspräsidenten in Österreich oder umgekehrt werden ein paar von ihnen amnestiert, von der Liste gestrichen. Vertreter der Alleanza Nazionale sind gegen diese Amnestierungen. In der EG/ EU war Italien ja viel früher als Österreich. 1995 der EU-Beitritt Österreichs, im selben Jahr trat das Schengen-Abkommen in Kraft, womit Grenzkontrollen auch zwischen Österreich und Italien weg fielen. Inzwischen haben die beiden Länder ja auch die selbe Währung.

Luis Durnwalder hat 09 zum ORF gesagt, er würde für Österreich stimmen, wenn es zu einer Volksabstimmung über eine Rückkehr Südtirols zu Österreich käme. Er schätzte, eine Mehrheit der Südtiroler würden für einen Verbleib bei Italien stimmen. Wenn die Parteien ein halbes Jahr Zeit hätten, „sich einzubringen“, wäre eine kleine Mehrheit für Österreich möglich, sagte Durnwalder damals. Italien würde aber keine Volksabstimmung zulassen und kein Votum für Österreich akzeptieren, so der Landeshauptmann. Gewalt und Terror als Mittel zur Loslösung kämen kämen auch nicht in Frage. Italien habe Südtirol Autonomie gewährt, und solange diese Autonomie respektiert werde, „lassen wir es dabei“. Durnwalder spricht von den Südtirolern als „österreichische Minderheit“.

Für einen Teil der österreichischen Rechten ist Italien auch ein positiver Bezugsrahmen, genauer die italienische Rechte. Für den anderen ist Südtirol ein Bezugspunkt. Felix Ermacora, langjähriger ÖVP-Parlaments-Abgeordneter, war Mitverhandler auf österreichischer Seite in den 1960ern gewesen, und Südtirol-Sprecher seiner Partei. Sein Buch „Südtirol und das Vaterland Österreich“ (1984) enthält auch Einiges an wichtigen Informationen rund um Südtirol, die man sonst nicht so leicht findet. Aber hauptsächlich Parteilichkeit und rechte Widersprüche, die unterstreichen, dass Ermacora am rechten Rand der ÖVP zu finden war. Er zitiert darin auch den Rechtsextremisten Hellmut Diwald zustimmend. Wenn er linke Haltungen bzgl Südtirol angreift mit Kommentaren über den Freiheitskampf der Palästinenser oder in Namibia, zeigt er endgültig, wessen Geistes Kind er ist.

Noch weiter rechts ist auch die SVP ein Feindbild. Es gibt eine Szene, um die Freiheitlichen dies- und jenseits des Brenners angesiedelt, früher auch um die NDP, in Burschenschaften, um die Zeitschrift „Aula“, mit ehemaligen BAS-Leuten,  die „Flanke“ zur Neonazi/Skinhead-Szene offen. Da ist etwa der Holocaust-Leugner Lüftl, oder Erhard Hartung, der den Kampf der Juden für Israel als gerechte Sache darstellt.30 FPÖ-Strache hat sich im Mai 16 gegenüber „La Repubblica“ für eine Wiedervereinigung Tirols ausgesprochen. Südtirol solle die Möglichkeit zur Selbstbestimmung gegeben werden. Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) hat die Aussagen kritisiert. „Ihm fehlen der europäische Blick und die Perspektive für Europa“. Da hat Kompatscher den Retter des Abendlands ganz richtig eingeschätzt.

Eine doppelte Staatsbürgerschaft für die Süd-Tiroler wird in Österreich gelegentlich diskutiert. Der neue österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen, Nord-Tiroler in erster Generation, hat bei seinem diesjährigen Besuch in Italien im Gespräch mit seinem italienischen Amtskollegen Sergio Mattarella die Südtiroler Autonomie als „weltweites Modell“ gepriesen, für Krisenregionen wie die Ostukraine. Was ich wiederum bezweifle. Schon allein, weil es in der Ukraine wenig Föderalismus an sich gibt, und die Abspaltungstendenzen im Osten dieses Landes erst ausbrachen, als sich die nicht nach Russland orientierten politischen Kräfte in der Zentralregierung durchsetzten. Die beiden Präsidenten feierten dann gemeinsam das 25. Jubiläum der Streitbeilegung.

Südtiroler, die sich in anderen Ländern als Österreich einen Namen machten, sind zB der Künstler Gilbert Prousch (Grossbritannien), Giorgio Moroder (Hauptwohnsitz seit 1978 in USA), Michael Nothdurfter, der als christlicher Missionar nach Bolivien ging und sich dort einer marxistischen Guerilla anschloss, oder einige in Deutschland, wie Georg Kofler und Markus Lanz im Medienbereich. Dass es über Lanz, der im deutschsprachigen Fernsehen ein Superstar ist, keinen Artikel auf der italienischen Wikipedia gibt, zeigt wieder, dass Südtirol gewissermaßen mit dem Rücken zum Rest Italiens steht. Das ist aber möglicherweise im Wandel begriffen, wie ich noch ausführen werde.

Lanz hat einmal, in einer seltenen Anwandlung von Authentizität, einen Witz wieder gegeben, den er und seine Freunde über Neapolitaner erzählt hätten.31 Dass er dies (im Nachhinein) selbst als rassistisch gekennzeichnet hat, hat den Rassismus grösstenteils entschärft, finde ich. Aber derartiges kommt auch in Kommentaren über Südtirol öfters vor. So schrieb der „Spiegel“ vor einigen Jahren: „…konfrontiert dieses Ringen die Südtiroler mit der schier krankhaften, nach dem Wort eines österreichischen Politikers ‚letztlich nur mit dem romanischen Hahnenstolz‘ zu erklärenden Begierde der Italiener, die deutsche Volksgruppe biologisch und kulturell zu assimilieren.“

Der Regionalpräsident von Venetien, Giancarlo Galan, sagte vor einigen Jahren, dass es ihm lieber gewesen wäre, Italien hätte nach dem 2. WK Istrien behalten statt Südtirol (den meisten Südtirolern wäre das wohl auch lieber gewesen). Ausserdem bezeichnete er die Autonomieregelung für Südtirol als überzogen, sie leite zu viele italienische Steuergelder dorthin, zum Schaden anderer Regionen. Galan gehörte der PdL (Il Popolo della Liberta) von Silvio Berlusconi an, die 07 zunächst als Allianz von FI, AN und kleineren entstand, 09 als vereinigte Partei. 13 löste sie sich auf, entstand hauptsächlich eine neue Forza Italia. Andererseits drängen einige ladinische Gemeinden in Venetien, darunter der Wintersportort Cortina d’Ampezzo, zu Südtirol. Cortina sowie Col und Buchenstein haben 07 für die Aufnahme dort gestimmt. Wegen den Minderheiten-Rechten für Ladiner, der früheren Zugehörigkeit dort,…

Galan zeigte sich 08 bestürzt über Jörg Haiders Unfalltod. Man habe „einen ehrlichen Freund Italiens und des neuen Europa verloren“. Der Europa-Parlamentarier und Spitzenpolitiker der Lega Nord, Mario Borghezio, der enge Kontakte zu Haider hatte, meinte, Haider sei wie Lega-Chef Umberto Bossi „ungerecht von den dummen Dienern des heuchlerischen Antirassismus verleumdet worden“. Der Pate der Freiheitlichen dies- und jenseits des Brenners hatte auch zu Bossi gute Kontakte. Und die in Kärnten übliche (freundliche) Haltung gegenüber Italien hat der Oberösterreicher Haider übernommen. Sein Schwiegersohn ist auch Italiener. Es gibt in Venetien auch gewaltbereite Separatisten, die diese Region von Italien abtrennen und unabhängig machen wollen, eine Gruppe um den Ex-LN-Politiker Rochetta; dieser brachte auch Sympathien für den Südtiroler Separatismus bzw Irredentismus zum Ausdruck, hat auch Verbindungen zu anderen Abspaltungsbewegungen von/in Italien (Sardinien,…). In der italienischen Rechten sind die Unterstützung einer Ausflösung Italiens und die absolute Gegnerschaft dazu kurios nahe bei einander.

Integration in Italien?

Südtiroler halten sich inzwischen nicht mehr so von allem Italienischen fern. Staatsstellen in der Provinz waren mit dem Paket nicht mehr Privileg der italienischen Südtiroler. Auch ihre Mitarbeit in staatlichen italienischen Institutionen ist mehr geworden. Es haben sich aber auch Einstellungen geändert. Je näher die Behörde an der Provinz und ihren Anliegen, desto eher findet man dort Südtiroler, also bei der Post zB ziemlich viele, im Militär sehr wenige (die über die Wehrpflicht hinaus blieben bzw kamen). Südtiroler, die in der Polizei arbeiten, haben in der Regel noch ein gewisses Problem damit, dem Staat zu dienen bzw ihn zu repräsentieren, der jahrzehntelang nur als Unterdrücker wahr genommen wurde.

Das ist auch bei den Iren (Katholiken) in Nord-Irland so. So hat man aber die Chance, den „Charakter“ (bzw das Gesicht) dieser Institutionen bei sich zu verändern, sie mit zu prägen, nicht der „Gegenseite“ zu überlassen. Ein Unterschied zu Nordirland ist das Gemeinsame im religiösen Bereich zwischen den Volksgruppen – wo wiederum nicht (mehr) eine sprachliche Kluft gegeben ist. Die katholische Kirche in Südtirol spielt versteckt eine gewisse aussöhnende Rolle, andererseits spiegeln sich Spannungen auch in ihr wider. Die Diözese Bozen-Brixen (= Südtirol) wurde nach Bischof Gargitter 1986 bis 2008 von Wilhelm Egger geführt. 08-11 von Karl Golser, seither von Ivo Muser, dessen Vater aus Timau/Paluzza in Friaul stammt.

Deutschsprachige Südtiroler die für gesamtitalienische Parteien kandidieren, sind noch immer eine Seltenheit. Bei den Kommunisten gab es etwa Josef Stecher. Die Grünen sind in Südtirol selbstständig entstanden, vorwiegend durch Leute aus dem deutschsprachigen Bereich, wurden aber Teil einer landesweiten Partei. Florian Kronbichler, früher bei der SPS, Journalist, wurde 2013 für die Grünen in ST (Liste Sinistra Ecologia Libertà) ins italienische Parlament gewählt. Möglicherweise ist der oben erwähnte Gianni Lanzinger kein primär Deutschsprachiger, vielleicht aus einer gemischten Familie, dann wäre Kronbichler der erste „Deutsch“-Südtiroler der für eine italienische Partei nach Rom gewählt wurde. Vielleicht ist Lanzinger so ein „Grenzgänger“ zwischen den Volksgruppen, wie es sie bei den Grünen dort des öfteren gibt – aber auch bei der italienischen Rechten (wie der erwähnte Giorgio Holzmann oder Robert Oberrauch).

Joachim Dalsass war der erste SVP-Politiker, der ins Europaparlament gewählt wurde, 1979, gleichzeitig mit Anselmo Gouthier von der PCI. Gouthier war auch in nationalen Führungsgremien der PCI vertreten. Für die SVP kamen nach Dalsass Michl Ebner, dann Herbert Dorfmann. Für die Grünen wurden Alexander Langer, Reinhold Messner, Josef „Sepp“ Kusstatscher aus ST ins EP gewählt. Langer war dort Co-Fraktionschef der Grünen, engagierte sich v.a. in den Ex-Jugoslawien-Konflikten, besonders dem Krieg in Bosnien-Herzegowina – vielleicht weil es eben so zerrissen und multiethnisch war wie er (und Südtirol?). Ungefähr da, als das Töten dort zu Ende ging, im Jahr 1995, nahm er sich in seiner Wahlheimat Florenz das Leben.

Der Langer-Assistent Uwe Staffler wurde auch Assistent für Dietlinde „Lilli“ Gruber. Diese war Journalistin bei der RAI in Rom, was für eine Südtirolerin schon bemerkenswert ist. In anderen Teilen Italiens zu leben und dort irgendwie von sich reden machen, in italienischen Institutionen mitzuwirken – dass das inzwischen, selten aber doch, vorkommt, ist Zeichen einer gewissen Integration Südtirols in Italien. Jene Integration, die die Faschisten einst mit Gewalt herstellen wollten. Lilli Gruber ging dann auch in die Politik, war 04-08 für Margherita/DL im EP. Der SVP-Politiker und Jurist Klaus Dubis wurde in den 1980ern in den italienischen Staatsrat (Consiglio di Stato; das Verwaltungsgericht) berufen.

Fussball ist in Italien Sport Nr. 1, dann kommt lange nichts, dann nochmal Fussball, dann irgendwann Rad, Motorsport,… In diesen Sportarten sind Südtiroler kaum beteiligt. Dafür aber im Wintersport, dieser wird in Italien von ihnen dominiert. Der Ski-Rennfahrer Gustav Thöni war in den 1970ern der erste grosse Sportheld Südtirols, der erste Superstar des Landes seit Luis Trenker.32 Im Skisport kamen dann Herbert Plank, Michael Mair, Peter Runggaldier, Isolde Kostner (bei den Frauen dominieren Südtirolerinnen weniger im italienischen Team), Dominik Paris,… Der Erfolgreichste ist aber aus der Emilia-Romagna, Alberto Tomba. Kristian Ghedina ist ein Ladiner aus Cortina d’Ampezzo im Veneto, jener Ort, dessen Einwohner mehrheitlich zu Südtirol wollen, ist ausserdem in Ost-Tirol zur Schule gegangen.

Bei Winter-Olympia 2014 waren fast 50% des italienischen Teams Südtiroler, bei den Rodlern 100% (evtl. ein italienischer Südtiroler darunter), Armin Zöggeler war auch Fahnenträger. Die Skisport-Arten wie auch Rodeln und Ähnliches (Bob,…) sind in Italien beim Wintersportverband FISI (Sitz in Mailand) „angesiedelt“. Bei den Medaillien war der Anteil auch ca 50%. Hätte sich das Eishockey-Team qualifiziert, wäre auch etwa die Hälfte aus Südtirol gekommen. Die Italiener in Südtirol spielen lieber Fussball, v.a. die aus dem Süditalien stammenden.

Südtiroler im Sommersport an der nationalen Spitze Italiens bzw dieses bei internationalen Wettkämpfen vertretend sind sehr selten. Der Leichtathlet Alex Schwazer aus dem Wipptal ist so einer. Der Geher war bei den Carabinieri, der Sportförderung wegen, hatte einen italienischen Trainer33. Er hat 08 bei Olympia Gold über 50 km gewonnen. Danach RAI-Interview mit Tränen, Ehrenrunde und Fotos mit italienischer Fahne, Siegerehrung mit Hymne (sang etwas mit), später Empfang beim Staatspräsidenten (Napolitano). Vor Olympia 12 ist er wegen Dopings aufgeflogen, was das Ende seiner Karriere bedeutete. Schwazer, der damals mit der Eiskunstläuferin Carolina Kostner aus dem Grödner Tal liiert war (aus einer Eishockey-Familie, mit der Skirennäuferin Isolde verwandt) schickte damals an einen Funktionär des nationalen Leichtathletik-Verbandes FIDAL ein Email, in dem er seine Unschuld beteuerte. Im öffentlich gewordenen Email hiess es u.a. „Fidati, sono altoatesino, non di Napoli“ („Vertraue mir, ich bin Südtiroler und nicht Neapolitaner“).

2011 fand die 150-Jahr-Feier der Entstehung Italiens statt. 1861 hatte der König von Sardinien-Piemont, Vittorio Emanuele II., den Titel des Königs von Italien angenommen, womit das Königreich Italien entstand, vorerst mit der Hauptstadt Turin. Zum Abschluss kam das Risorgimento 1870/71 mit dem Anschluss Roms, das Hauptstadt wurde. Begonnen hat es nach den Napoleonischen Kriegen, mit Sardinien-Piemont, dem einzigen Staat in Italien unter einer einheimischen Dynastie, als „Ausgangspunkt“ und Unterstützer der revolutionären Aktionen, von Giuseppe Garibaldi und Anderen. Die ihrer bisherigen Herrscher durch diese Aktionen entledigten Staaten, wie das Königreich beider Sizilien, schlossen sich dann zunächst Sardinien-Piemont an. Der Irredentismus, der dann auf das Risorgimento folgte, zielte hauptsächlich auf die österreichisch(-ungarisch)en Gebiete Trentin(o) und Julisches Venetien (Istrien,…) ab.

2011 also die Feierlichkeiten zu 150 Jahre Italien, die wichtigste offizielle in Rom. Die Lega Nord und die SVP (wie auch andere Regional-/Minderheitenparteien) blieben der Feier fern. Die Savoia-Familie, Nachfahren der Mit-Begründer Italiens34, wurde wiederum von der Italienischen Republik nicht eingeladen. Und das hatte wahrscheinlich nichts mit den juristischen Problemen des Familienoberhauptes Vittorio Emanuele („IV.“) di Savoia zu tun, dem Sohn von Umberto II., dem 1946 abgesetzten letzten König Italiens. Die Savoias hielten eine private Gedenkfeier im Pantheon in Rom ab. Wirtschafts-Vertreter in Italien waren skeptisch wegen des Feiertags zur 150-Jahr-Feier.

Die Lega Nord war damals in der Regierung, mit der PdL, in der auch die AN (der grösster Teil von ihr) aufgegangen war. Sie wurde von den anderen Rechtsparteien für ihr Fehlen angegriffen. Die LN erklärte, die Entstehung bzw Einigung Italiens (die damals vom Norden ausging!) sei kein Grund zur Freude, die Abspaltung „Padaniens“ weiter ein Thema… Bossi schimpfte auch auf die italienische Hymne. Der damalige Verteidigungsminister La Russa von der früheren AN35 reagierte, wenn Bossi meine dass er das „Gefühl nationaler Einheit“ beleidigen könne, dann wünsche er nicht, mit ihm oder einem anderen Lega-Minister an einem Tisch zu sitzen.

2012 erliess das Parlament in Rom ein Gesetz, dass es in Schulen zur Pflicht machte, den Text der italienischen Nationalhymne „Il Canto degli Italiani“ von Mameli/Novaro zu lehren. Das Risorgimento-Kampflied wurde nach dem 2. WK, 100 Jahre nach seiner Entstehung, Nationalhymne, offiziell aber erst 2012. Das war zur Zeit der Expertenregierung von Monti. Und wieder waren SVP und LN (nun in der Opposition) dagegen. Die SVP bemängelte, dass die Hymne ein anti-österreichisches Kampflied sei, „warnte“ vor einer Rückkehr zum Faschismus. In der Hymne, die nach der Anfangszeile auch „Fratelli D’Italia“ (Brüder Italiens) genannt wird, heisst es in der letzten Strophe: „Die gekauften Schwerter/ Sind weich wie die Binsen/ Der österreichische Adler/ Hat schon die Federn verloren/ Das Blut Italiens/ Das Blut Polens/ Hat er mit dem Kosaken getrunken/ Aber sein Herz hat es verbrannt“. Die Abgeordneten der Berlusconi-Partei Popolo della liberta (PdL) argumentierten, die Italiener würden heute nur die Anfangsstrophe und den Refrain kennen; bei Fussball-Länderspielen wird nur dieser Teil gespielt/ gesungen.

Bei der italienischen Parlaments-Wahl ’13 entschied sich die SVP für einen Wahlpakt mit der PD. Im Senats-Wahlkreis Bozen/Unterland, in dem Kandidaten auf italienische Stimmen angewiesen sind, einigte man sich auf den parteilosen Juristen Francesco Palermo, der an Uni Verona lehrt (in Bozen geboren ist). Das erste Autonomiestatut, so Palermo, hätten die Italiener geschrieben, das zweite die Südtiroler, ein drittes müsse von allen zusammen schreiben, „und zwar unter Verzicht auf Provokationen“. Eva Klotz (UfS) schnaubte „Mit Palermo hat der gänzliche Ausverkauf Südtirols begonnen!“ Palermo setzte sich deutlich gegen Giorgio Holzmann durch, der für Fratelli d’Italia antrat, einer Abspaltung vom PdL, unter La Russa. Holzmann, der italienische Nationalist, verlor seinen Sitz in Rom, den er für AN (06) bzw PdL (08) gewonnen hatte. Unterlag dem gemeinsamen Kandidaten von Südtiroler Volkspartei und Partito Democratico namens Palermo.

Bei der Landtags-Wahl ’13 verlor die SVP auch ihre absolute Mandatsmehrheit. Die Freiheitlichen (F), 08 zweitstärkste Partei geworden, behaupteten 13 dieses Resultat. Ihr langjähriger Obmann Pius Leitner übergab in diesem Jahr die Partei-Führerschaft. 2017 trat er aus Landtag und Regionalrat zurück, nachdem er wegen Unterschlagung von Fraktionsgeldern verurteilt worden war. Hinter Grünen und STF erst die stärkste italienische Partei, die PD, mit 2,4%. Ein grösserer Teil des zerfallenen PdL (die wieder entstandene FI u. A.) trat als „Forza Alto Adige…“ an. Urzi aber mit der Liste „L’Alto Adige nel cuore“, errang ein Mandat. Turbulenzen gibt es sowohl bei der italienischen als auch in der „alt-österreichischen“ Rechten in der Provinz. Aus der UfS wurde 2011 die Bürgerunion für Südtirol, die BfS (ohne Klotz) errang auch ein Mandat. Bemerkenswert war, dass der Provinz-Ableger der Grillo-Partei M5* mit einem deutschsprachigen Südtiroler (Paul Köllensperger) antrat, und den Einzug in den LT schaffte. Die Landesregierung kam Anfang ’14 zu Stande, mit SVP und PD. Arno Kompatscher löste Durnwalder ab, die PD bekam den Posten LH-Stellvertreters, unter den Landesräten ist auch SVP-Obmann Achammer – seit dem Abgang von Magnago ist in der SVP die Position des Parteiobmanns und jene des Landeshauptmanns getrennt.

Matteo Renzi (PD), Ministerpräsident 14-16, strebte eine Reform der im Wesentlichen seit 1948 bestehenden Verfassung an. Eine Reform des Senats und die Abschaffung der Provinzen. Südtirol war davon aber nicht betroffen, denn die beiden autonomen Provinzen Bozen und Trient wären erhalten geblieben. Bei der Volksabstimmung 16 gab es in Südtirol die höchste Zustimmung zu den Reformplänen, dort begrüsste man das Bestreben zu Einsparungen. Insgesamt gab es aber ein klares Nein. Und den Rücktritt Renzis. Eine Föderalismus-Debatte gibt es auch in Österreich immer wieder.

Von hier aus sieht Bozen ziemlich österreichisch aus, Blick über die Talferbrücke in die Altstadt. Im Rücken aber das faschistische Siegesdenkmal und die italienisch geprägte Neustadt

Gelöster Konflikt?

Die Geschichte des „Siegesdenkmals“ in Bozen bringt eigentlich die gesamte „Südtirol-Thematik“ rüber bzw enthält sie. An der betreffenden Stelle, bei der Talferbrücke, wurde noch während des Ersten Weltkriegs von österreichisch-ungarischer Seite mit dem Bau eines Denkmals für die in diesem Krieg Getöteten der eigenen Seite begonnen. Das halb-fertige Denkmal, die Stadt und dieser Teil des Kronlandes fielen nach dem Krieg an das Königreich Italien. Auf eine Protestrede des bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held (BVP) 1925, in der dieser die Unterdrückung der Südtiroler scharf anprangerte, reagierte Ministerpräsident/ Duce Mussolini mit dem Beschluss zur Errichtung eines Siegesdenkmals in Bozen. Das begonnene österreichische Kaiserjäger-Denkmal wurde nun abgerissen. Das neue war 1928 fertig, wurde von König Vittorio Emanuele III. und dem Bischof von Trient eingeweiht. Angehörige von Cesare Battisti, dem das Denkmal mit gewidmet wurde, waren gegen diese Vereinnahmung. Der Platz wurde Piazza della Vittoria (Siegesplatz) genannt.

Es fanden/finden sich an/in dem Monument Bezüge auf die alten Römer und die Germanen, den Irredentismus gegenüber Österreich, die Kämpfe und Gefallenen gegen Österreich im 1. WK, es ist voll mit chauvinistischen Pathos und soll faschistische Geschichtsbilder transportieren. Das alles hinderte die nazideutsche SS nicht, 1932 anlässlich 10 Jahre Marsch auf Rom bzw faschistische Machtergreifung in Italien vor dem Denkmal zu salutieren. In der Nachkriegszeit änderte sich, dass die Piazza della Vittoria offiziell den deutschen Zweitnamen Siegesplatz bekam. Das Denkmal wurde bewacht und abgeschirmt. Für die italienische Rechte (v.a. MSI und Nachfolger) und weitere Teile der italienischen Bevölkerung war und ist es eben so wichtiger positiver Bezugspunkt wie negativer für die meisten Südtiroler.

Die Befürworter des Denkmals stellen meist das Totengedenken für die im 1. WK gefallenen Italiener (die nicht im späteren Südtirol kämpften und starben) in den Vordergrund, sehen es auch als Zeichen der Souveränität Italiens in diesem Land. Aber es ist eben auch ein Stück Faschismus. 01 versuchte die Bozener Stadtregierung (BM Salghetti-Drioli) das etwas zu entschärfen, durch die Umbenennung  des Platzes in „Friedensplatz“; dies musste 02 nach einer Volksabstimmung rückgängig gemacht werden. Ein anderer Umgang damit wurde durch einen typisches Zusammenspiel italienischer Politik mit der Südtirols eingeleitet. Berlusconis Kulturminister Sandro Bondi (damals PdL) war 2010/11 wegen des zunehmenden Verfalls des Ausgrabungsgeländes in Pompeji von einem Misstrauensantrag der Opposition bedroht.

Bondi sagte der SVP in den Verhandlungen zum Stimmverhalten ihrer Parlamentarier beim Misstrauensvotum zu, die laufende Sanierung des Denkmals in Bozen zu stoppen und erst dann wieder aufzunehmen, wenn mit dem Land Südtirol und der Gemeinde Bozen eine einvernehmliche Lösung für die künftige Zweckbestimmung gefunden ist. So kam die jetzt aktuelle Widmung des Siegesdenkmals zu Stande, die ihm mehr oder weniger den Giftzahn gezogen hat. Es gibt ein unterirdisches Doku-Zentrum zu zwei Diktaturen, die allgemeine Zugänglichkeit, ein an einer Säule angebrachten Leuchtring. 2014 war die Eröffnung, mit dem neuen Landeshauptmann und dem neuen Kulturminister.

Zwischen den Volksgruppen in Südtirol dominiert nach wie vor viel mehr Gegeneinander und Nebeneinander statt Miteinander. Gemischte Ehen sind sehr selten. Am wenigsten Italiener gibt es im Vinschgau (Westen) und Pustertal (Osten), v.a. in kleinen und entlegenen Orten. „Walsche“ oder „Welsche“ war vor dem 1. WK ein abfälliges Wort für Italiener (nicht zuletzt an dieser Sprachgrenze), ist es noch immer. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch diesen Überlegenheitschauvinismus; die Tiroler seien ein Bauernvolk, die Italiener Träger einer grossen Zivilisation.36 Und der Abbau von Barrieren wird auf beiden Seiten eher als Gefahr denn als Glücksfall empfunden. In der Küche hat sich tirolerisches und italienisches etwas vermischt bzw ist teilweise ins jeweils andere Bevölkerungssegment eingedrungen.

Identitätsfragen stellen sich auch für italienische Südtiroler; erst Recht seit die italienische Massenzuwanderung zum Erliegen gekommen ist. Italiani altoatesini oder Altoatesini italiani, da ist ein Unterschied.37 Italienische Südtiroler haben viel mit englischen (anglophonen) Quebecern gemeinsam. Die regionale italienischsprachige Zeitung „Alto Adige“, 1945 vom Comitato di Liberazione Nazionale gegründet, und lange von V. Rolando Boesso geleitet, den es als antifaschistischen Widerstandskämpfer nach Südtirol verschlug und der dann für die dortige PRI aktiv war, steht mit seinen Kursänderungen, dem Wechseln zwischen Nationalismus und Koexistenz, für die Bandbreite an Haltungen dieser Bevölkerungsgruppe. Heute gehört sie übrigens auch zum Athesia-Verlag. Die SVP akzeptiert zunehmend italienische Südtiroler, als gleichberechtigte Bürger und auch in der Partei.

Südtiroler sind oft angenehm überrascht, wenn Touristen aus der Lombardei oder Venetien zu ihnen kommen. Italiener, die nicht süd-italienischer Herkunft sind (wie ein grosser Teil der italienischen Südtiroler), nicht Staats-Vertreter, nicht neo-faschistisch veranlangt. Verständigung zwischen alteingesessenen und italienischen Südtirolern gibt es zB in der Musik, bei Herbert Pixner und Manuel Randi. Pixner sucht neue Wege in der Volksmusik, abseits von den Kastelruther Spatzen. Die Verständigung kommt aber auch gegen neue Zuwanderer in Südtirol zu Stande, gegen Albaner, Marokkaner oder Rumänen. Bei der Europawahl 2014 traten die Freiheitlichen zusammen mit der Lega Nord an, mit Leitner als Spitzenkandidat. Oder Ulli Mair (ebf. Freiheitliche) und ihre Twitter-Meldungen, oft zweisprachig, mit vielen italienischen Folgern.38

Hat Südtirol eine Vorzeigeautonomie, ist es ein Musterbeispiel für friedliche Konfliktlösung? Eine hohe Autonomie hat es bei Finanzen, Verwaltung, in der Bildung. Mit der Errichtung der Freien Universität Bozen ab 1997 wurde auch der tertiäre Bildungsbereich teilweise in die Provinz gebracht. Brixen ist Sitz der Fakultät für Bildungswissenschaften, dort kann die Ausbildung zum Lehrer (hauptsächlich für den primären Bildungsbereich) absolviert werden. Eine Theologische Hochschule bzw Priesterseminar gibt es „seit jeher“ (1607) in Brixen. Die Landesregierung bzw die SVP will u.a. noch mehr Zuständigkeiten für die Polizei in der Provinz. Manche auf italienischer Seite wollen viel weniger (geben), manche auf Südtiroler Seite viel mehr haben.

Kürzlich gab es, in Mals, eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Südtiroler für Südtirol?“, veranstaltet vom Südtiroler Schützenbund (SSB). Jürgen Wirth-Anderlan vom SSB (der inzwischen der STF nahe steht) brachte dort den Vorschlag bzw die Forderung vor, dass Südtiroler Sportler bei internationalen Wettbewerben für Südtirol starten könnten, zog Parallelen zu den Färöer-Inseln, die zu Dänemark gehören (auch als autonomer Bestandteil), im Sport (zumindest im Fussball) aber unabhängig sind. Die ebenfalls dort anwesende Sport-Landesrätin Martha Stocker (SVP) lehnte die Forderung nach einer solchen „Sportautonomie“ ab. Italien sei im Sport bestens organisiert. Finanziell wäre eine Südtiroler Mannschaft für das Land nicht tragbar. In allen deutschen Fernsehsendern werde gegebenenfalls immer von Südtirolern gesprochen. Dass „Italien“ so etwas nicht zuliesse, erwähnte sie nicht. Jedoch bemühe man sich, die „primären Sport-Zuständigkeiten“ nach Südtirol zu bekommen.

Wirtschaftlich steht Südtirol gut da. Zum Einen aufgrund des Fremdenverkehrs, der ganz auf Bundes-Deutsche ausgerichtet ist (auch Merkel kommt). Zum Anderen sind auch das die Früchte des Pakets. Die fi­nanzielle Autonomie hat den Wohlstand des Landes gefördert. Aber die Autonomie an sich räumt eben nicht das Unbehagen von Leuten auf beiden Seiten aus und „verfestigt“ gewisse Gräben noch. Dass in abgelegenen Tälern die (inoffiziellen) Schilder auf Wanderwegen nicht zweisprachig sind, bedeutet für manche Südtiroler eine „Verschnaufpause“ davon, ständig daran erinnert zu werden, dass man in Italien ist und sich danach „zu richten hat“. Italienische Rechtspolitiker wie Michaela Biancofiore (FI) aber sponsern dort italienische Wegschilder.39

Es gibt aber auch weitaus stärker ausgeprägte Autonomien bzw Minderheiten-Rechte. Die Aaland-Inseln bzw generell die schwedische Minderheit in Finnland, oder Quebec. Dort steht die Sprache und Kultur der Minderheit grossteils über jener des Staats- bzw Mehrheitsvolks. Südtirol lässt sich wahrscheinlich mit den Ungarn der Süd-Slowakei40 und vielleicht Tibet vergleichen. Was haben die Gebiete mit stärkeren Minderheitenrechten gemeinsam dass sie von zweitgenannteren unterscheidet? Quebec kam vor ca. 350 Jahren unter britische Herrschaft, Aaland aber auch nach dem 1. WK zu Finnland, wie Südtirol (vorher gab es auch keines).

Die gewährte (oder nicht gewährte) Grosszügigkeit hat aber schon irgendwie damit zu tun, inwiefern man die betreffende Minderheit als Unterworfene sieht, und auch inwiefern man die eigene Herrschaft über dieses Gebiet als abgesichert betrachtet. Noch besser haben es jene Volksgruppen, die als konstituierendes Element einer Nation und nicht als Minderheit angesehen werden; also zB die Slowenen in Jugoslawien früher oder die Xhosa in Südafrika. Zweisprachigkeit bzw Sprachenstreit kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Im Baltikum gibt es harte Sprachengesetze, die die dortigen Russen treffen (sollen).

Umgangssprache der (deutschsprachigen) Südtiroler ist ihr Dialekt, nicht die deutsche Hochsprache. Deutsch ist ohnehin in vielen regionalen Varinaten existent. Wie auch in anderen mehrsprachigen Gebieten (zB Brüssel/Brabant) gibt es fliessende Übergänge vom Fremdsprachlichen zum Alltagssprachlichen; anders gesagt: das Italienische spielt immer eine gewisse Rolle. Es gibt im Südtiroler Deutsch viele Italianismen im fachsprachlichen Vokabular (Gebiete wie Medizin, Rechtswissenschaft) sowie in Bezeichnungen aus/in der Verwaltung. Zum Beispiel „Targa“ für Nummernschild, „Ragoniere“ für Buchhalter. Daneben auch Lehnübersetzungen bzw germanisierte Italianismen wie „Hydrauliker“ für Installateur (Klempner)41, „Diktionar“ statt Wörterbuch, „Assessor“ für Landesrat.

Aber auch italienische Redewendungen wie „Magari“ haben sich im Südtiroler Deutsch durch gesetzt. Und: Viele Bezeichnungen rund ums Essen und Trinken (wo die Südtiroler überhaupt viel Italienisches zugelassen haben). Teilweise ist das Deutsch der Südtrioler wie ein Italienisch mit deutschen Wörtern, was etwa die Wortstellung betrifft42, also kein richtiges Deutsch mehr. Wie tief das Italienische in den Südtiroler Dialekt eingedrungen ist, zeigt sich auch im Fluchen (Schimpfen), das ja ein sponataner Bereich ist. In Nordtirol heisst es: „Leck mi am Oasch, i hon in Bus versamt“. In Südtirol: „Madonna i hon varlorn in Bus“. Nordtirol deutsch, anal; Südtirol italienisch, ödipal43. Ausländische Medien (wie ORF) wirken als Regulativ, auch die Touristen in ST, sowie die Erfahrungen jener die in Österreich oder Deutschland studierten oder sich anderwärtig länger dort aufhielten.

Die Deutschkenntnisse der Italiener in ST sind meist schlechter als die Italienisch-Kenntnisse der Südtiroler. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Italiener (obwohl Minderheit in der Provinz) Staatsvolk sind, Südtiroler Unterworfene bzw (assimilationsgefährdete?) Minderheit. In Katalonien wird man auch kaum einen dort lebenden Kastilier oder Andalusier finden, der so gut Katalanisch kann wie die Katalanen (im Schnitt) Spanisch/ Kastilisch. Und, ausländische Einwanderer entscheiden sich meist für das Italienische (für sich und ihre Kinder); diese Einwanderung (aus Osteuropa,…) konzentriert sich aber auch auf den Bozener Raum. Auch das ist in Katalonien ähnlich. Italienisch war nach dem 1. WK bzw der Annexion eine reine Schikanensprache für Südtiroler, bis in die 1970er hinein, wie Afrikaans für Schwarze in Südafrika, Hebräisch für Palästinenser bis heute. Durch das Paket hat sich das geändert.

Zum Abschluss ein Vergleich von Südtirol mit Elsass und Lothringen44

Im Rahmen der Zusammenlegung von Regionen in Frankreich sind diese beiden Regionen nun wieder vereint; die neue Region Alsace-Champagne-Ardenne-Lorraine wird künftig Grand Est (Grosser Osten) heissen. Eigentlich sind Elsass und Lothringen von ihren demographischen Wurzeln sehr unterschiedlich. Die Elsässer sind von ihren Wurzeln her Alemannen, die Lothringer Franken. Diese beiden Länder/Regionen lagen/liegen im deutsch-französischen Grenzraum und sind seit dem Mittelalter mehrmals hin und her „gewandert“ – nicht nur einmal, wie Südtirol. Die Elsässer sind stärker deutsch geprägt als die Lothringer45; Elsass liegt näher bei Deutschland, die lutheranische Reformation hat sich dort teilweise durchgesetzt.

Die beiden Regionen kamen im 17. Jh vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu Frankreich, blieben es bis zum Krieg 1870/71. In diesen ungefähr 200 Jahren wurden sie stark französisch geprägt, besonders infolge von Revolution, Zentralisierung, Entstehung Nationalbewusstsein, also vereinfacht gesagt im 2. Jahrhundert der Zugehörigkeit zu Frankreich. Ausserdem fand in dieser Zeit eine relativ starke Ansiedlung von Franzosen dort statt. Nur im westlichen Lothringen (mit Nancy), das 1871 gar nicht zu Deutschland kam, sowie im südlichen Elsass gibt es topographische Bezeichnungen, die schon vor der Revolution und Napoleon bestanden. Die meisten kamen danach zu Stande, wobei etwa in Lothringen aus Ortsnamen mit der Endung –ingen ein –ange wurde (was aber teilweise inoffiziell schon davor im Gebrauch war).

Elsass und das östliche Lothringen gehörten also vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bis zum 1. Weltkrieg bzw dem Versailles-Vertrag zum Deutschen Reich. Welches ja ein sehr stark preussisch geprägtes war, und Elsass-Lothringen war als „Reichsland“ (ohne eigenen Fürsten) dem Einfluss der „Zentrale“ besonders stark ausgesetzt. Man kann sagen, Preussen machte(n) die Elsässer und Lothringer erst zu Franzosen, hier zeigte sich für sie, was sie sein wollten und was nicht, wo sie sich zugehörig fühlten, setzte sich die Mikroperspektive durch. Eine Anbindung an die badischen bzw rheinländischen Regionen des Reichs hätte wahrscheinlich etwas Anderes bewirkt. Die Aufregung in und wegen Zabern (Saverne) 1913 war eine Kulmination der Differenzen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den preussischen Behörden. Der Versuch, Elsässer und Lothringer besonders deutsch zu machen, erreichte das Gegenteil. Die in Elsass und Lothringen angesiedelten („echten“) Franzosen siedelten zu Beginn der deutschen Herrschaft zum Teil aus, nach Frankreich oder in eine seiner Kolonien.

Dass Frankreich nicht ein „Engel“ war/ist und Preussen/Deutschland nicht der „Teufel“, zeigt sich zB durch die Aufnahme der in Frankreich verfolgten calvinistischen „Hugenotten“. Sie kamen ungefähr in der Zeit, als Elsass und Lothringen von Frankreich erobert wurden, in der frühen Neuzeit.46 In der Zwischenkriegszeit waren Elsass und Lothringen also wieder vollständig bei Frankreich. Die französische Sprachpolitik dieser Zeit war noch etwas restriktiver als die deutsche in den fast 5 Jahrzehnten davor, in Schulen und Verwaltungen wurde ausschliesslich Französisch zugelassen. Nach ihrer Besetzung Frankreichs tönten die Nazis davon, dass diese Zeit das „letzte französische Intermezzo“ (in der Zugehörigkeit dieser Länder) gewesen sei… Die Befreiung Frankreichs von den Nazis ging mit einer Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen einher.

Nach dem 2. WK ging es mit der deutschen Sprache und Kultur in Elsass und Lothringen und der „Verbindung“ zu Deutschland steil bergab, was stark mit dem Kriegsgegnerschaft der beiden Staaten bzw der deutschen Kriegsschuld zu tun hatte. Es folgte eine stärkere „Französisierung“ als in den ca. 100 Jahren von der Französischen Revolution bis zum Deutsch-Französischen Krieg, Frankreich knüpfte an seine Sprachpolitik der ZKZ an. Der Bezug auf Deutschland, auch auf die bald mit Frankreich (zunächst militärisch) verbündete BRD, wurde ein Tabu. Der (in Luxemburg geborene) Lothringer Robert Schuman widmete sich in der Nachkriegszeit (Vierte Französische Republik), als französischer Premier, ganz der Einigung des „Kern-Europas“. Auch der Elsässer Pierre Pflimlin wurde Premierminister, gehörte ebenfalls (u.a.) dem MRP an. Irredentismus (Wunsch nach Wieder-Anschluss an Deutschland) kam in Elsass und (schon gar nicht in) Lothringen keiner mehr auf, das Gefühl der „Eigenartigkeit“ begann sich in einem Regionalismus auszudrücken.

Die Schaffung von Regionen war in Frankreich wie in Italien ein langer Prozess; zog sich von den 1950ern bis 1986, als die Regional-Parlamente erstmals gewählt wurden. Hier gab es zuvor Departements, dort Provinzen (die in der Verwaltungsebene darunter bestehen blieben). Auch in der Bretagne, den beiden Regionen der Normandie, Languedoc-Roussilon und natürlich auf Korsika gab es besonders starke Gefühle von Eigenheit, wie in Elsass und Lothringen. Mit der Schaffung von Regionen war eine stärkere Föderalisierung verbunden, nicht aber eine kulturelle oder verwaltungsmäßige Autonomie für die Minderheiten-Regionen! Im Bemühen um den Erhalt der Sprache in den beiden betreffenden Regionen verschob sich der Focus von Hoch-Deutsch auf den elsässischen Dialekt (Elsässisch/Alsacien bzw Lothringisch/Francique lorrain). Wobei dieser „Regionalismus“ in Lothringen viel schwächer als im Elsass war/ist.

Elsässisch wurde eine von vielen Regionalsprachen Frankreichs, wie Bretonisch oder Korsisch. Korsika ist das einzige Gebiet des metropolitanen Frankreich mit einer Kultur, die (noch) nicht ganz in die französische „eingeschmolzen“ wurde, in der es eine nennenswerte separatistische bzw irredentistische Bewegung gibt (ein Teil jener, die eine Abspaltung von Frankreich wollen, wollen nicht die Unabhängigkeit sondern den Anschluss an Italien). Elsässisch wurde aber aus Bildung und Berufsleben weitgehend herausgedrängt, weitgehend auf den familiären Bereich beschränkt. Vom Zuständen wie in Südtirol nach dem Paket können Elsässer und Lothringer nur träumen – jene die überhaupt ein solches Anliegen bzw Bewusstsein haben, träumen eher auf Französisch. Nach Andreas Freitag war der Dammbruch in den 1970ern, begannen da Familien Kinder nur noch auf Französisch zu erziehen. Elsässisch wird noch von Älteren, im ländlichen Raum, im privaten oder „geschützten“ Bereich gesprochen.

In Lothringen erinnern fast nur noch Familiennamen und manche Ortsnamen an eine deutsche Vergangenheit. Lucien Schmitthäusler dichtet im lothringischen Dialekt, der auf dem „Rückzug“ ist und den er als etwas zutiefst europäisches sieht. Eine Entwicklung mit Ähnlichkeiten zu jener in Luxemburg. Die Lothringer haben auch die selben Wurzeln wie die Luxemburger. Dort ist der Dialekt (Letzeburgisch/Luxemburgisch) über die zugehörige Standardsprache (Deutsch) gestellt und zur Schriftsprache ausgebaut worden.47 Und Französisch hat sich dort auch als Sprache Nr. 1 durchgesetzt. Ohne Zwang und Zugehörigkeit zu Frankreich.

Gibt es (noch) so etwas wie eine deutsche (oder deutschsprachige) Minderheit in Frankreich? Oder nur noch regionale Besonderheiten (und Dialekte)? In den Schulen wird Deutsch teilweise als Fremdsprache unterrichtet. Etwas anderes als Unterrichtssprache als Französisch ist dort nicht denkbar. Einigermaßen in der Mitte der Gesellschaft sind kulturelle Vereinigungen wie die René-Schickelé-Gesellschaft (1968 gegründet, als R. S.-Kreis), der sich für die Anerkennung und Pflege von Deutsch und Elsässisch einsetzt. In Lothringen gibt’s den Verein „Bi uns Dahäm“, der sich für den lothringischen Dialekt engagiert. Andere Organisationen der „Heimatbewegung“ sind schon ziemlich klein und in der Aussenseiter-Rolle. Wie die Elsässische Volksunion (EVU), 1988 u. a. von früheren Mitgliedern des Elsass-Lothringischen Volksbundes gegründet. Diese „Bewegung“ ist noch am stärksten in der Gegend um Hag(u)enau (Département Bas-Rhin), in dem Eck von Elsass, das nach Deutschland hinein-„sticht“.

Im Elsass und in Lothringen gab es keinen Faschismus, keine gelenkte Massenzuwanderung, aber auch kein Autonomieabkommen. Dafür mehrere Kriege der „Vaterländer“ gegeneinander. Man muss resumieren, dass Frankreich viel minderheitenfeindlicher als Italien ist. Was den Erhalt der Sprache betrifft: die Unterrichtssprache ist wichtig, und Südtirol hat Deutsch; paradiesische Zustände im Vergleich. Einschränkend kann man sagen, dass die Lehrinhalte in Südtirol auch vorgegeben werden, man die Heldentaten von Giuseppe Garibaldi dort auf Deutsch gelehrt bekommt (wenn die Eltern das wünschen), man die Heldentaten von Andreas Hofer privat lernen kann. Elsass und die Elsässer sind viel stärker in Frankreich integriert, Thierry Mugler oder Patricia Kaas mischen in Frankreich mit als ob sie Pariser wären. Der „Todesmarsch“ ist hier wahr geworden, wird aber anscheinend von den Betroffenen überwiegendst nicht als solcher empfunden.

Literatur & Links

Hans Karl Peterlini: 100 Jahre Südtirol. Geschichte eines jungen Landes (2012)

Manuel Fasser: Ein Tirol – zwei Welten. Das politische Erbe der Südtiroler Feuernacht von 1961 (2009)

Oskar Peterlini: Heimat zwischen Lebenswelt und Verteidigungspsychose. Politische Identitätsbildung am Beispiel Südtiroler Jungschützen und –marketenderinnen (2010). Der Autor ist Jurist und Politiker und Bruder des Journalisten und Autors Hans Karl P.

Joachim Gatterer: „Rote Milben im Gefieder“. Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol (2009)

István Gergő Székely, Levente Salat, Sergiu Constantin, Alexander Osipov (Hg.): Autonomy Arrangements around the World: A Collection of Well and Lesser Known Cases (2014)

Ulrich Ladurner: Südtiroler Zeitreisen. Erzählungen (2012)

Martha Verdorfer und Ursula Lüfter: Wie die Schwalben fliegen sie aus: Südtirolerinnen als Dienstmädchen in italienischen Städten 1920–1960 (2011)

Andrea Di Michele, Francesco Palermo, Günther Pallaver (Hg.): 1992. Fine di un conflitto. Dieci anni dalla chiusura della questione sudtirolese (2003)

Aram Mattioli: „Viva Mussolini“. Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis (2010)

Lucio Giudiceandrea: Spaesati: Italiani in Südtirol (2006). 1956 in Brixen/ Bressanone in eine aus Kalabrien stammende Familien geboren, war der Autor RAI-Journalist; er schildert die Dinge aus der Sicht eines italienischen Südtirolers

Siegfried Frech, Boris Kühn (Hg.): Das politische Italien. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik & Kultur (2011). Unter Anderem mit einem Beitrag von G. Pallaver

Rolf Steininger: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart (2014)

Oskar Peterlini: Der ethnische Proporz in Südtirol (1980)

Eva Pfanzelter, Dirk Rupnow (Hg.): Einheimisch – Zweiheimisch – Mehrheimisch: Geschichte(n) der neuen Migration in Südtirol (2017)

Georg Grote, Barbara Siller: Südtirolismen: Erinnerungskulturen – Gegenwartsreflexionen – Zukunftsvisionen (2011)

Gerald Steinacher, Günther Pallaver: Leopold Steurer: Historiker zwischen Forschung und Einmischung (2006; Festschrift zu dessem Geburtstag)

Mario Muigg: Zwischen Wien und Brüssel lag Südtirol. Die Südtirolproblematik im Gesichtspunkt der österreichischen Assoziierungs- und Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Gemeinschaft. Geschichte Diplomarbeit, 2005, Karl-Franzens-Universität Graz

Dieses und jenes zur Geschichte Südtirols, auf Italienisch, von Carlo Romeo

Seite von Andreas Freitag zu Elsass und Lothringen

Minderheitenschutz in Belgien: die Deutschsprachige Gemeinschaft

Trailer zum Dokumentarfilm von Gustav Hofer und Luca Ragazzi: Italy – Love it or leave it (2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Region Trentino-Südtirol und Provinz Südtirol entstanden unter diesen Namen erst durch das Paket, siehe Artikel „Südtirol von der Etablierung der italienischen Nachkriegsordnung bis zum Paket“
  2. Gleiche Anzahl von Mitgliedern in beiden Provinzen
  3. Das Aostatal ist seit 1948 (autonome) Provinz und Region
  4. Das war/ist aber nicht immer so. Als es anlässlich des G8-Gipfeltreffens in Genua 2001 zu Krawallen dagegen kam, wurden auch einige Österreicher verhaftet. Und, der SVP-Rechtsaussen Franz Pahl übte Solidarität mit diesen – zwar Linke, aber Österreicher, die in Italien verhaftet wurden…
  5. Dies war im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses von 1979
  6. „National“ im Sinn von „landesweit“
  7. Daneben bestand eine zweite grüne Partei, die „Regenbogen-Grünen“ mit Rutelli; 1990 gab es die Vereinigung der Beiden, zur Federazione dei Verdi. Ein Teil der Grünen in Südtirol und (Rest-) Italien schloss sich der PD an
  8. Im August 1990 informierte Premier Andreotti im Rahmen einer Parlamentsanfrage die Öffentlichkeit erstmals über die Existenz der Organisation Gladio
  9. Auf italienischem Gebiet und von als Wandereren getarnten Polizisten
  10. Magnago starb 2010
  11. Der Nationalrat beschloss die Abgabe der Erklärung, gegen die Stimmen der FPÖ
  12. Die Gegner des Wandels verliessen die PDS und gründeten die Rifondazione comunista (PRC), die sich 1998 nochmals spaltete (> PdCI)
  13. Die Ermittlungen gegen ihn führten dann zu keiner Verurteilung
  14. 2 Jahre später kehrte der dann nicht mehr aus Tunesien zurück
  15. Unter Anderem durch Luigi Berlinguer (Cousin von Enrico), der Wissenschaftsminister war; auch die Grünen waren in dieser Regierung
  16. Nicht so radikal, dass man (wieder) zu Waffen oder Sprengstoff gegriffen hätte; dazu war Südtirol zu wohlhabend und die Autonomie zu „generös“
  17. Die Lega kam bei ihrem ersten Antreten in Südtirol gleich in den Landtag, mit einem Abgeordneten, Umberto Montefiori aus Ligurien, der als Carabiniere nach Südtirol gekommen war. Dieser übernahm 1996 die Präsidentschaft des Landtages, wechselte aber in jenem Jahr zum Rinnovamento Italiano von Lamberto Dini
  18. In beiden Kammern schloss sich die SVP wieder der Misto (Mischung) – Fraktion an, im Senat wurde Roland Riz Chef dieser Fraktion, in der Kammer Siegfried Brugger
  19. Danach kam noch einmal Prodi, dann wieder Berlusconi; seit 2011 halten Regierungen wieder nur für kurze Zeit, 1 bis 2 Jahre
  20. Gedanken dieser Art haben Südtiroler bezüglich ihrer Provinz oft gehabt
  21. Aus der ASAR ging 48 die PPTT/TTVP hervor, die sich 82 spaltete, 88 zur PATT wieder vereinigte
  22. Auch in Vorarlberg gibt es diese Trentiner Namen, Nachfahren von Einwanderern des 19. Jh, Namen wie Bilgeri oder Paterno, die meist sanft an das Italienische gemahnen
  23. Er war davor 92-94 im EP gewesen
  24. Die FI wurde in Südtirol in ihren Anfängenn von Frattini betreut
  25. Günther Pallaver: Südtirols politische Parteien 1945-2005. In: Günther Pallaver, Giuseppe Ferrandi (Hg.): Die Region Trentino-Südtirol im 20. Jahrhundert. Politik und Institutionen (2007)
  26. Dieses Amt ist abgeschafft worden. Die Präfekten (der Zentral-Regierung) in den Provinzen gibt es noch
  27. Bzw Deutsch-sprachige bzw alt-österreichische…
  28. 06 gehörte er der UDC an
  29. Im März 15 hat ein damals 22-jähriger Student aus Südtirol, ein EX-Eishockeyspieler aus Ritten, bei einer U-Bahn-Station (U6 Alser Strasse) ein Kebab-Sandwich nicht bezahlt, am WE, spätnachts, wohl alkoholisiert, wurde dann handgreiflich zu Polizei, auch im Polizei-Stützpunkt Josefstadt. Das Boulevard-Schundblatt „Österreich“ machte eine falsche Identität des Täters ausfindig, stellte einen Falschen an den Pranger
  30. Was der „Rechtsextremismus-Experte“ und „Antifaschist“ Peham („Schiedel“), der über diese Szene schreibt, geflissentlich „übersieht“ – es würde nicht zu den von ihm propagierten „Querfronten“ passen
  31. „Sind deshalb so klein, damit sie immer bei der Mama bleiben können und nie arbeiten müssen“, oder so ähnlich
  32. Und vor Giorgio Moroder
  33. Und wenn im Zusammenhang mit Südtirol von „Italien“ bzw „Italienern“ die Rede ist, sind noch immer die „echten“ Italiener gemeint, Leute aus Gegenden, die schon vor dem 1. WK Teil Italiens waren; wobei diese Definition die Trentiner ausschliessen würde
  34. Damalige Herrscher-Familie von Sardinien-Piemont
  35. Ein Sizilianer der nach Mailand gegangen war
  36. Ausserdem die Attitüde „unser Land“, „wir hier Herren“, „ist hier ein Teil unseres Landes wie jeder andere“, „kein Entgegenkommen angesagt“, „kann nicht sein dass wir hier diskriminiert werden“,…
  37. „Sudtirolesi“ wird von ihnen oft als Bezeichnung für die Deutschsprachigen in der Provinz verwendet
  38. Sie freute sich etwa auf Marine Le Pen als französische Präsidentin
  39. Biancofiores Mutter dürfte als Gerichtsdienerin aus Apulien nach ST gekommen sein. In der Landespolitik war/ist sie noch rechts von der (ehemaligen) AN und Holzmann, bezüglich Italianitá, SVP und Autonomie. Andererseits befürwortet(e) sie einen Freistaat Südtirol und/oder eine Umwandlung des Landes in ein steuerbefreites „alpines Monte Carlo“. Vor der Gemeinderats-Wahl in Bozen 05 hat sie zusammen mit Berlusconi einen vulgären Auftritt hingelegt. 06 wurde sie ins italienische Parlament gewählt. Im Wahlkampf zu den Parlamentswahlen 13 sagte sie, die Südtiroler sollten den Faschisten dankbar für die Einführung der Kanalisation sein, die die bis dato verbreiteten Plumpsklos erfolgreich zurückgedrängt hätten. In der grossen Koalition von Letta (13/14) war sie für ein halbes Jahr Staatssekretärin; aufgrund homophober Bemerkungen hat der Premier ihr Ressort beschnitten
  40. In der Slowakei kam 09 ein Sprachen-Gesetz, das die Einschränkung von Ungarisch und anderen Minderheitensprachen im öffentlichen Bereich brachte, bzw dass alles Öffentliche (also zB auch Speisekarten) zumindest auch auf Slowakisch gebracht wird
  41. Von „Idraulico“
  42. Die ja in den romanischen Sprachen ganz unterschiedlich ist als in den germanischen!
  43. In diesem Beispiel ist auch die Wortstellung und das Verb zu beachten
  44. Anstatt dem Blick zu Friaul-Julisch Venetien und den Slowenen, wie in den ersten Teilen
  45. Der lothringische Dialekt weist Ähnlichkeiten zu jenem der Siebenbürger Sachsen auf (beide sind mosel-fränkisch); diese „Sachsen“ bzw ihre Vorfahren sind im Hoch-Mittelalter aus dem zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörenden Herzogtum Nieder-Lothringen nach Ungarn ausgewandert – zu dem Siebenbürgen damals gehörte
  46. Die verbliebene Calvinisten in Frankreich, die Lutheraner im Elsass und andere protestantische Gruppen, sind heute in der Fédération protestante de France zusammen geschlossen. Die Reformation hat in dem habsburgisch geprägten Südtirol kaum Spuren hinter lassen
  47. Eine Entwicklung die für Südtirol denkbar ist?!

Die wichtigsten Westblock-Überläufer im Kalten Krieg

Es geht hier also um prominente Überläufer in den Ostblock zur Zeit des Kalten Kriegs. Als Überläufer sind nur jene zu werten, die in ihrem Staat/System eine Funktion inne hatten (und sei es eine als einfacher Soldat)! Und natürlich nur Aufgeflogene bzw „Bekennende“, nicht solche, die nur verdächtigt wurden/werden. „Maulwürfe“, also Personen, die in eine Organisation verdeckt eindringen, und nicht überlaufen, sind auch dabei. Reine Deserteure sind nicht berücksichtigt, solche die in ein neutrales „Lager“ überliefen.

Auch Überläufer vor und nach dem Konflikt (Kalter Krieg) werden nicht gezählt, also zB Rosenblum/Reilly, der aus dem Russischen Reich nach Grossbritannien ging, Geheimdienst-Arbeit für Russland, GB, Deutschland, Japan leistetet, 1925 starb. Oder Günter Schabowski, der Mitglied des Zentralkomitees der SED in der DDR war, nach dem Aufgehen der DDR in der BRD die CDU untersützte. Guillaume wäre nur dann ein Überläufer gewesen, wenn er in der BRD nach seiner Enttarnung gewendet worden wäre; er war aber immer auf Seite der DDR. Die Meisten machten es aus Überzeugung, Andere aus Geld oder Liebe. Und: Des Einen Verräter ist immer des Anderen Helden. Bezüge zur Gegenwart sind viele da, etwa dass Edward Snowden auf den Spuren von Lee Oswald oder Kim Philby wandelt

Das geteilte Berlin beim Brandenburger Tor, die Welt z Zt des Kalten Kriegs

 

* Der Brite Harold „Kim“ Philby wurde Kommunist, nicht zuletzt durch Begegnungen als Journalist mit dem Faschismus, in Spanien und Österreich. Als solcher trat er noch während des Weltkriegs (und damit vor Ausbruch des Kalten Kriegs) dem MI6 bei. Er war ein lupenreiner Doppelagent, der hauptsächlich auf die Sowjetunion „angesetzt“ war, tatsächlich aber für deren Geheimdienst KGB (bzw Vorgänger NKWD) arbeitete. Stalin fürchtete, dass Philby ein Triple-Agent war. Ab 1956 arbeitete er, als „Nahost“-Korrespondent des „The Economist“ getarnt, als Agent des MI6 im Libanon. Er war dort auch an der Begleitung des (letztlich misslungenen) Kriegszugs von Grossbritannien, Frankreich und Israel gegen Ägypten (wegen des Suez-Kanals) beteiligt.

Flora Solomon, geborene Benenson, aus Russland stammende britische Jüdin, Mutter des AI-Gründers, einflussreiche Zionistin, Rothschild-Verwandte, war für das Auffliegen Philbys verantwortlich. Sie empörte sich, 1962 in Tel Aviv, über Philbys „pro-arabische“ Artikel, etwa anlässlich des Kriegs gegen Ägypten 1956. Der MI5 in London wurde „informiert“, später sagte Solomon auch, dass Philby  versucht habe, sie zu rekrutieren. Victor Rothschildt von der MI5 (später Berater konservativer Politiker) wurde geschickt, um Philby zu befragen. Während der Befragungen setzte sich dieser 1963 in die SU ab. Ein Spionage-Ring um ihn, die Cambridge Four oder Five, flogen währenddessen auf, Leute in MI5 oder 6. Philby starb 1988 in der SU.

* Rudolf Fischer (Abel, Goldfus) wurde in GB als Sohn eines Deutsch-Russen geboren. Nach den Revolutionen 1917 ging die Familie um den überzeugten Kommunisten in die entstehende SU. Von dort ging Fischer/Abel als getarnter Agent u.a. nach GB, mit diversen Decknamen. Nach dem 2. WK wurde er in der USA eingesetzt, nachdem er der stalinistischen Eliminierungswelle entgangen war. Atomwaffen wurden Hauptaugenmerk seiner Spionage; er hatte Kontakt u.a. mit Theodore A. Hall aus dem Los Alamos National Laboratory und dem Kreis von Lona und Morris Cohen, bzw war ihr Führungsoffizier. Fischer wurde 1957 enttarnt, dann verurteilt. Er wurde 1962 auf der Glienicker Brücke zwischen West-Berlin (BRD) und Potsdam (DDR) gegen den amerikanischen Kampf-Piloten Francis G. Powers ausgetauscht. Dieser war 1960 während eines Spionagefluges von der sowjetischen Luftverteidigung bei Swerdlowsk abgeschossen worden. Fischer ging in die SU.

* Theodore A. Hall dürfte von Jenen, die im amerikanischen oder britischen Atom(waffen)programm für die Sowjetunion spionierten, der Bedeutendste gewesen sein, bzw die wichtigsten Informationen geliefert haben. Der Wissenschaftler (Physiker) war in Los Alamos (New Mexico) im Manhattan-Projekt beschäftigt. Er wurde erst 1995 als Informant bzw Spion für die Sowjetunion (SU) enttarnt. Er starb 1999, ohne verurteilt worden zu sein. Verrat half der SU bei ihrem Atomwaffenprogramm. Bald nach dem 2. WK hatte auch die SU Atomwaffen, war das USA-Atommonopol gebrochen, wurde der Kalte Krieg ein potentieller atomarer Konflikt.

* 1960 reisten zwei Kryptologen der US-amerikanischen National Security Agency (NSA), William H. Martin and Bernon F. Mitchell, in die Sowjetunion. Ob sie auch davor Informationen weiter gaben und welche Beweggründe sie hatten, habe ich nicht recherchiert. Beide wurden sowjetische Staatsbürger und heirateten dort. Martin bereute sein Überlaufen anscheinend nach ein paar Jahren, auch seine Ehe wurde geschieden; er ging schliesslich nach Mexico. Mitchell starb 2001 in Sankt Petersburg.

* David Greenglass ist im Zusammenhang mit den Rosenbergs bekannt geworden. Aus dem beteiligten Personenkreis arbeitete nur Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass im Manhattan-Projekt, der amerikanischen Atombomben-Entwicklung. Greenglass trat 1943 in die USA-Armee ein, war zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied der Young Communist League USA, die der Kommunistischen Partei der USA, der CPUSA, nahe stand. In der Armee wurde Greenglass, als Maschinenschlosser, nicht etwa als Wissenschafter, zum geheimen Manhattan-Projekt kommandiert. Er war zunächst in dem Uran-Anreicherungsprojekt in Oak Ridge (Tennessee) beschäftigt, dann in den geheimen Laboratorien in Los Alamos in New Mexico.

Julius Rosenberg war Elektroingenieur, der in der Armee arbeitete, bevor er nach der Entdeckung seiner Verbindung zur CPUSA 1945 entlassen wurde. David Greenglass hat ab November 1944 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Militär 1946 geheime Informationen die nukleare Forschung betreffend gesammelt und sein Schwager Julius Rosenberg diese an die sowjetischen Geheimdienste GRU und NKWD weiter gegeben. Ethel war eigentlich nur loyal zu ihrem Mann und ihrem Bruder. Rosenberg hatte zur Zeit der Weitergabe keine Funktion in einer staatlichen Stelle inne; ob Greenglass Maulwurf oder Überläufer war, ist diskutabel. Jedenfalls lag seine Aktivität eigentlich vor dem Beginn des Kalten Kriegs, der meist mit 1947 angesetzt wird (Truman-Doktrin,…).

Nach dem Krieg betrieben Greenglass und Julius Rosenberg eine Maschinen-Reparaturwerkstatt. Sie flogen durch das VENONA-Projekt auf, ein Gemeinschaftsprojekt der Geheimdienste der USA und des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, zur Entschlüsselung von Geheimnachrichten offizieller sowjetischer Stellen in den USA, die in der Zeit von 1938 bis 1945 aufgezeichnet wurden. 1950 wurde aufgedeckt, dass Klaus Fuchs in GB als Spion für die Sowjetunion gearbeitet hatte. Fuchs‘ Geständnis ergab, dass er über seinen amerikanischen Kontaktmann Harry Gold Informationen an einen sowjetischen Agenten übergeben hatte. Die Spur von diesem führte zu Greenglass und den Rosenbergs, die ihn ebenfalls als Kurier benutzt hatten.

Greenglass wurde im Juni 1950 vom FBI wegen Spionage verhaftet, belastete Julius Rosenberg, ging eine Immunitäts (Kronzeugen)-Übereinkunft mit der Justiz ein. Er wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er 10 absass. Seine Belastungsaussage bewirkte die Todesstrafe gegen seine Schwester und seinen Schwager. Julius und Ethel Rosenberg bekamen 1951 ihren Prozess, wurden 1953 am elektrischen Stuhl hingerichtet. Die Rosenbergs sind bis heute die Letzten, die in der USA wegen Spionage hingerichtet wurden. Diese Fälle von Atomspionage im frühen Kalten Krieg heizten die Jagd auf (tatsächliche/vermeintliche) Kommunisten in der USA der 1950er, der Eisenhower-Zeit, an.

* Der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz Felfe war ein Maulwurf/Doppelagent im BND. Der KGB soll ihn mit dem Wissen über seine Verstrickungen in NS-Verbrechen „angeworben“ haben. Diese beging er als Mitarbeiter des RSHA, bestanden zT in Drangsalierungen gegen Sorben – kamen wahrscheinlich aus Gegnerschaft zu seinem sorbischen Vater. Der BND verlor durch seine Informations-Weitergabe einen Grossteil seiner geheimen Quellen im Ostblock. 1961 als „Verräter“ enttarnt und verhaftet, wurde Felfe 1963 zu 14 Jahren Haft verurteilt. 1969 kam er durch einen Agentenaustausch in Freiheit bzw in den Ostblock. Der Austausch erfolgte gegen Widerstand des damaligen BND-Chefs Gerhard Wessel (wie Vorgänger Gehlen aus der Abteilung „Fremde Heere Ost“ im Oberkommando des Heeres in der Wehrmacht) und  Bundeskanzler Kiesinger. Felfe lebte und arbeitete einige Jahre in der SU, dann in der DDR. 1986 veröffentlichte er seine Memoiren unter dem Titel „Im Dienst des Gegners“. Er starb 2008 in Berlin.

* Der Physiker Klaus Fuchs unterstützte die KPD in der Weimarer Republik, ging in der Nazi-Zeit nach GB, arbeitete an dessen Atomwaffenprogramm, und an jenem der USA (Manhattan-Projekt) mit, gab Infos darüber an die SU weiter  (über das Netzwerk mit dem auch Richard Sorge arbeitete). 1950 durch das VENONA-Projekt aufgeflogen, wurde er zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. 1959 wurde er begnadigt und reiste in die DDR aus, wo er im Jahr vor der Wende starb.

* Noel Field: Der Quäker vertrat die USA in der Zwischenkriegszeit als Diplomat, war dann beim Völkerbund tätig, während des 2. WK für eine US-amerikanische Hilfsorganisation für Flüchtlinge. Irgendwann war er Kommunist geworden, und von da war es zur Tätigkeit als Informant für die Sowjetunion (SU) nicht mehr so weit. Das war er auch im beginnenden Kalten Krieg. 1949 wurde er in der Tschechoslowakei verhaftet und nach Ungarn gebracht; er war den Ostblock-Machthabern verdächtig, als anti-stalinistischer Kommunist mit West-Hintergrund. So wurde er der Spionage für die USA beschuldigt, wurde Opfer der stalinistische Tschistki („Säuberungen“), wie auch seine Frau und seine Adoptivtochter. Rudolf Slansky und viele Andere damals getötete oder gefolterte Kommunisten im Ostblock wurden mit von Field unter Folter erpressten „Geständnissen“ belangt oder weil sie mit Field Kontakt gehabt hatten. Beinahe auch Erich Mielke. Field selbst überlebte das Martyrium, wurde freigelassen, blieb Kommunist, lebte 1955-70 in Ungarn. Eigentlich war er vor Beginn des Kalten Kriegs übergelaufen, und in Ungnade zu fallen war für Überläufer eigentlich ein seltenes Schicksal, ihn ereilte es in den frühen Jahren dieses Konfliktes.

* Li Zongren war einer der Überläufer im Konflikt zwischen den beiden Chinas. Er war Kriegsherr im Chinesischen Bürgerkrieg, auf Seite des Staates bzw des KMT, war in der Republik China vor und nach Niederlage und Exil hoher Funktionär, als Vizepräsident, amtierender Präsident,… War im Kreis v Chiang, wurde Konkurrent von diesem, wollte Verhandlungen mit der Volksrepublik bzw der KP. Er ging ins Exil und 1965 in die VR China.

* Stig Svante Eugén Bergling arbeitete für den schwedischen Geheimdienst Säkerhetspolisen (Säpo) und die Polizei. Und er gab, hauptsächlich in den 1970ern, Informationen an den Ostblock bzw die SU weiter. 1979 wurde er von Israel verhaftet und im selben Jahr in Schweden wegen Spionage zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Bergling-Affäre ging weiter, als er 1987 während eines Sexualbesuchs im Gefängnis fliehen konnte. Er lebte dann in der Sowjetunion oder auch im Libanon. 1994 kehrte er wegen angeschlagener Gesundheit nach Schweden zurück, musste wieder ins Gefängnis, ehe er 1997 begnadigt wurde. Er starb 2015.

* Über Dieter Gerhardt habe ich hier einiges geschrieben.

* Christopher Boyce

* Philip B. F. Agee (1935-2008) war ein Agent der CIA, wandte sich, noch im Kalten Krieg, öffentlich von ihr ab und kritisierte ihre Praktiken, hauptsächlich von Cuba aus, wo er sich niederliess.

* Aldrich Ames gab als CIA-Agent Informationen an den KGB weiter. 1994 wurde er verhaftet, er sitzt nach wie vor im Gefängnis.

* Otto John war Jurist, ein Bruder von ihm war beim Stauffenberg-Umsturzversuch  gegen Hitler involviert. 1950 wurde er erster Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). 1954 verschwand er nach einer Gedenkfeier für den 20. Juli 1944, tauchte Tage später in Ost-Berlin wieder auf. Er kritisierte im DDR-Rundfunk die BRD, konkret Adenauers Westbindung, welche die deutsche Wiedervereinigung behindere. Ausserdem die Beschäftigung von Ex-Nazis in Führungspositionen dieses Staates. Er wurde auch in die SU gebracht und verhört. Nach fast 1 1/2 Jahren im Ostblock kehrte er Ende 1955 zurück, nach West-Berlin, wo er verhaftet wurde. Johns Beweggründe für sein zeitweiliges Überlaufen sind nicht ganz klar. 1956 wurde er in der BRD wegen Landesverrats verurteilt, 1958 zur Hälfte seiner Strafe von Bundespräsident Heuss begnadigt. Er zog nach Österreich.

* Jeffrey Carney war im Kalten Krieg ein Überläufer, mit dem nach Ende desselben abgerechnet wurde. Der Luftwaffen-Unteroffizier arbeitete für die NSA in Berlin, aufgrund seiner Deutsch-Kenntnisse, an der Radaranlage Marienfelde. Diente sich 1982 dem MfS („Stasi“) der DDR an. Als er zurück in die USA versetzt wurde, und er verdächtigt wurde, floh er über Mexiko und Kuba in die DDR. Er bekam dort eine neue Identität. Das MfS wollte zur Zeit der Wende Unterlagen über Spione wie ihn vernichten, schaffte aber nicht alles, weil die Verbrennungsöfen überlastet waren. Die CIA spürte ihn 1991 in Berlin auf, entführte ihn nach Tempelhof, von dort in die USA. Er machte ein Geständnis, bekam einen Geheimprozess (ungefähr zur selben Zeit, als die Spähstationen der Amerikaner in Berlin abgerissen wurden), wurde zu 38 Jahren Haft verurteilt, von denen er 12 absass.

* Der Berliner Heinz Lippmann hatte als „Teil-Jude“ u.a. das „KZ“ Auschwitz/Oświęcim zu überstehen. In der DDR war in der FDJ Stellvertreter Honeckers. 1953 fuhr er über West-Berlin nach Hamburg, mit der Kasse, wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Chef. Wegen der Unterschlagung gab es in der BRD ein Verfahren gegen ihn. Er war dann als Journalist tätig, auch für den Staatssender „Deutsche Welle“.

* George Blake (Behar), 1922 in der NL geboren, als Sohn eines ägyptisch-türkischen jüdischen Vaters (mit britischer Staatsbürgerschaft) und einer protestantischen Niederländerin, war während des Korea-Kriegs an der britischen Botschaft in Süd-Korea. Von der vorrückenden nord-koreanischen Armee gefangen genommen, entschied er sich in Gefangenschaft, künftig dem kommunistischen Ostblock Informationen zu liefern. Und das tat er dann, als MI6-Agent. 1961 flog er auf, wurde verurteilt. 1966 gelang ihm aber die Flucht aus dem Gefängnis! Er floh in die SU, wo er auf Kim Philby und andere „Kollegen“ traf.

* Robert Thompson, USA-Luftwaffen-Angehöriger, der in den 1950ern in Berlin-Tempelhof stationiert war und damals der SU Infos weiter gab, flog in den 1960ern auf; seine Gefängnisstrafe kam 1978 zu einem Ende, als er ausgetauscht wurde, gegen einen amerikanischen Studenten der DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte, und einen israelischen Kampfpiloten, der dem Apartheid-Regime Südafrikas geholfen hat und dabei in/von Mozambique gefangen genommen wurde.

* Alfred Frenzel wurde im österreichisch-ungarischen Kronland Böhmen geboren, nach dem 1. WK war die Familie Deutschböhmen bzw Sudetendeutsche in der Tschechoslowakei. Mitglied der dortigen KP, blieb er in der NS-Besatzungszeit der Tschechoslowakei treu anstatt sich den Nazis anzudienen.1 Eine Aussiedlung nach dem 2. WK blieb ihm dennoch nicht erspart. Er ging wie viele andere von dort nach Bayern und wurde in der SPD aktiv. Als Abgeordneter im Landtag und Bundestag. Rechte Exil-Sudetendeutsche in anderen Parteien hielten ihm seine Vergangenheit vor. Angeblich wurde er vom CSSR-Geheimdienst mit Wissen um eine Veruntreuung in der Zwischenkriegszeit erpresst, vielleicht kam die Zusammenarbeit aber anders zu Stande. 1960 wurde Frenzel enttarnt und festgenommen. Seine Gefängnis-Strafe endete durch einen Gefangenen-Austausch mit der CSSR.

* Karel Koecher wurde von der CSSR in die USA eingeschleust (wegen seiner Englisch-Kenntnisse), arbeitete dort für die CIA (wegen seiner Tschechisch- und Slowakisch-Kenntnisse), aber tatsächlich für den KGB. Nach dem Auffliegen 1984 wurde er 1986 auf der Glienicker Brücke gegen Anatol Nathan Scharansky ausgetauscht, der aus der SU nach Israel auswandern wollte (er wurde dort Minister). Er ist einer von den wenigen hier, die noch am Leben sind.

* Der DDR-Propagandist Karl-Eduard von Schnitzler war im 2. WK als Wehrmachts-Soldat in britische Kriegsgefangenschaft geraten, wurde in der britischen Besatzungszone in Deutschland zur Propaganda eingesetzt, lief 1947 in die SU-Zone über.

* Bruno Pontecorvo (1913 – 1993), italienischer Atomphysiker, Assistent von Enrico Fermi, lief 1950 in die SU über, wo er seine Forschungen fort setzte.

* Stefan Heym: als Helmut Flieg ging er von Chemnitz in die USA, mit dessen Militär nach Deutschland zurück, sollte Propaganda im Sinn der USA machen, fühlte sich aber dem Kommunismus verbunden, verliess die Army, ging zurück in die USA, arbeitete als Schriftsteller, aufgrund des Terrors in der McCarthy-Ära ging er 1952/53 in die DDR, wandte sich von der SED ab, aber nur halb, 1994 für die PDS in den Bundestag gewählt, erlebte er bei seiner Alterspräsidenten-Rede Feindseligkeit aus den Reihen von CDU/CSU

* George Koval: Vater Jude aus Russischem Reich der in USA einwanderte, kommunistische Familie, Übersiedlung in SU (Birobidschan), George als Agent nach USA geschickt, Studium, ins Oak Ridge National Laboratory, Mitarbeit am USA-Atomprogramm, Weitergabe Infos an SU, legale Rückkkehr in SU, dann erst aufgeflogen, starb 06 in Russland.

* Der KGB-Agent Bogdan Staschinski tötete 1959 in der BRD im Auftrag seiner Behörde den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, der mit Wehrmacht und BND zusammenarbeitete. Stashinski stellte sich später in W-Berlin, wollte wegen einer Liebe überlaufen, bekam in der BRD eine milde Strafe („nur Beihilfe“)2, dann eine neue Identität.

* Arnold Schölzel desertierte 1967 aus der Bundeswehr, lief in die DDR über, an der Humboldt-Universität hat er für die Stasi Oppositionsgruppen ausgehorcht, seine Stelle an der Uni verlor er nach der Vereinigung, er wurde Herausgeber der „Junge Welt“

* Ursel Lorenzen war eine Sekretärin in der NATO, die 1979 in die DDR über lief. Vor der Wiedervereinigung verliess sie und ihr Partner das Land, möglicherweise nach Libyen

* Fred Rose/Fishel Rosenberg: Anfang des 20. Jh im damals russischen Polen geboren, wurde er von seiner Familie im 1. WK nach Canada gebracht, wo er in der Kommunistischen Partei des Landes (CPC/PCC) aktiv war, ehe diese im 2. WK verboten wurde, für deren Nachfolgepartei Labor-Progressive Party wurde er 1943 in Quebec ins kanadische Parlament gewählt; als die SU vom Alliierten der Westmächte zu ihrem Feind wurde, nach dem Krieg, wurde Rose durch die Enthüllungen des übergelaufenen SU-Diplomaten/Agenten Gusenko der Spionage beschuldigt und verurteilt; nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis reiste er ins kommunistische Polen aus

* Robert Soblen/ Ruvelis Sobolevicius/ Roman Well, ein Jude aus Litauen, war in der Weimarer Republik als Kommunist aktiv. Zusammen mit einigen Mitstreitern floh er 1933 in die Sowjetunion, später wurden sie als Spione in die USA geschickt. Sobolevicius/Well/Soblen arbeitete dort als Psychiater. 1957 flog der Ring durch das FBI auf, Soblen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er konnte jedoch 1962 fliehen, wollte Asyl von Israel3. Nachdem er das nicht bekam, sollte er über GB in die USA zurück überstellt werden. In London verübte er Selbstmord

* Hansjoachim Tiedge lief 1985 vom BfV in die DDR über

Manfred von Brauchitsch: aus schlesischer Adelsfamilie, Auto-Rennfahrer bei Mercedes-Benz; nachdem er nach dem 2. WK pleite war, diente er sich der DDR an, lief 1954 auch tatsächlich dorthin über, nachdem er in der BRD angeklagt wurde. Das war nach seiner aktiven Zeit als Rennfahrer und er wirkte in der DDR als Sportfunktionär – was im Fall des Autorenn“sports“ eine mühsame Angelegenheit gewesen sein dürfte. Ansonsten sind Sportler fast ausschliesslich in die andere Richtung „gegangen“. Er ist fast ein Fall für diesen Artikel

McKinley Nolan: Soldat des USA-Militärs, 1967 zu Nord-Vietnam über gelaufen

Margaret Schlauch: US-Wissenschafterin, ging 1951 vor McCarthy-Verfolgung nach Polen)

Clarence Adams: afro-amerikanischer US-Soldat, Kriegsgefangener Korea-Krieg, danach einer von 21 USA-Soldaten die nach China gingen, 66 Rückkehr (weil er Sehnsucht nach seiner Mutter hatte)

Ausserdem: Mihalis Maniadakis (griechische Luftwaffe, 1970 zur SU); Richard Tannimura (US-Militär, 1968 nach Schweden); Theo van Eijck (NL-Militär, 1964 nach Libyen); Gerald A. Eckert (RZA-Militär, 1983 nach Mozambique); Cheng Yi-Ming (Geheimdienst Rep. China, 1964 zur VR); Hede Massing, Alexander Koral, Gerhart Eisler, Ian Milner, Michael Peri, Harold Koch,

Beim konstruktives Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Willy Brandt 1972 (de facto wegen seiner Ostaussöhnung) versprachen die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag aufgrund der Wahl 1969 und durch diverse Übertritte von SPD und FDP zu CDU/CSU oder zur Fraktionslosigkeit ein Gelingen. Nach dem knappen Scheitern kamen Gerüchte über Stimmenkauf auf. Julius Steiner (CDU) und Leo Wagner (CSU) sollen von der DDR (MfS) und/oder der SPD bestochen worden sein. Dies ist nicht gesichert. Umstritten ist die „Schuld“ auch bei Gunvor Galtung-Haavik, norwegische Aussenministeriums-Angestellte, sie wurde 1977 der Spionage für die SU beschuldigt, starb vor einem Prozess. Arne Treholt, norwegischer sozialdemokratischer Aussenminister, saß einige Jahre wegen Spionage für den Ostblock im Gefängnis. Der USA-Regierungsbeamter Alger Hiss wurde Ende der 40er, Anfang der 50er beschuldigt und verurteilt, kommunistischer/sowjetischer Spion zu sein

Dann gibt es die Kategorie jener, wo nicht ihr Handeln bzw der Wahrheitsgehalt von Vorwürfen unklar ist, sondern ob ihr Handeln als Überlaufen oder Maulwurf-Tätigkeit für den Ostblock einzustufen ist. Lee H. Oswald zB war nach dem Militär am Höhepunkt des K.K. 59-61 in der SU, kam dann aber zurück, mit seiner russischen Frau. Abgesehen von seiner fraglichen Schuld am Mord an JFK, spricht einiges dagegen, ihn als Ostblock-Überläufer zu kategorisieren; u.a. dass er keine Funktion im Staatsapparat der USA inne hatte, privat reiste. Renfrew Christie hat Infos das Militär des Apartheid-Systems betreffend an dessen Gegner weiter gegeben, und dieser war mit der SU verbündet (so wie das Apartheid-Regime Südafrikas immer irgendwie Teil des Westens war), aber gerade bei ihm zeigt sich die die Relativität der Einteilung „Ostblock-Spion“. Henri Maillot hat in Algerien den Unabhängigkeitskampf unterstützt, der auch von der SU unterstützt wurde.

Erwin Borchers war Sohn eines preussischen Offiziers und einer elsässischen Weingutstochter, ging vor dem 2. WK aus Deutschland nach Frankreich, dort in die Fremdenlegion, kam nach Indochina. Bald brach dort der Unabhängigkeitskrieg aus, in diesem „1. Vietnam-Krieg“ lief Borchers 1945 zum Viet Minh über. Er bekam den Namen Chien Si, heiratete eine Vietnamesin, wurde kommunist, war auch beim Sieg von Dien Bien Phu dabei.4 Nazim Hikmet (Ran) ging war in den Ostblock, hatte aber in der Türkei keine offizielle Funktion. Martha Dodd, Tochter eines früheren amerikanischen Botschafters, spionierte im frühen KK und davor für die SU, war dabei aber ebenfalls „privat“ unterwegs.5 Das lässt sich auch von Ana Maria Silva Pais (Tochter des Chefs des portugiesischen Geheimdienstes PIDE, 1965 nach Cuba), Wolfgang Kieling oder JoAnne Deborah Byron (Assata Shakur) sagen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Oder sich als Auswärtiger an dieser Besatzung zu beteiligen, wie H. M. Schleyer
  2. Als Staschinski-Fall bekannt gewordene Entscheidung des Bundesgerichtshofs
  3. > Meir Lansky, Samuel Sheinbein,…
  4. Ein Jacques Doyon hat über die Franzosen und Fremdenlegionäre, die in diesem Krieg überliefen, das Buch „Les Soldats blancs de Ho Chi Minh“ geschrieben
  5. 1957 gingen sie und ihr Partner in der Tschechoslowakei, wo Dodd 1990 starb. Sie entging dem Schicksal von Susanne Albrecht

Girardelli, Mühlegg, Tchmil & Co – Nationswechsel im Sport

Ein Nationswechsel ist gegeben, wenn ein Sportler für 2 Staaten bzw Verbände bzw Nationalmannschaften antritt. Dies ist auch bei der Auflösung bzw Umwandlung eines Staats gegeben, wie beim Auseinanderfall der Sowjetunion, Jugoslawiens, der Tschechoslowakei, der Wieder-Vereinigung Deutschlands. Echte Nationswechsel sind das aber nicht. Man kann diverse Muster in den verschiedenen Sportarten über die Jahrzehnte hinweg ausmachen, Arten von Nationswechseln und Ähnlichem. Sportler, die die Nation wechseln, waren/sind immer wieder solche, die im Kalten Krieg aus dem Ostblock flohen, „Volksdeutsche“ die in die BRD gingen (auch nach Ende des Kalten Kriegs), Jene die der Konkurrenz im eigenen Land entgehen wollen, oder für die das Legionärtum in einer ausländischen Meisterschaft das Sprungbrett zu einem „vollständigen“ Wechsel in dieses Land wird. Bei Trainern ist bei der Arbeit für eine andere Nation die Hürde klarerweise viel niedriger.

Dann gibt es Jene, die einwanderten bevor sie Sportler wurden oder deren Vorfahren eingewandert sind. Oft aus ehemaligen Kolonien in die früheren „Mutterländer“, oder zu Kolonialzeiten, wie die Eltern von Zinedine Zidane oder der Vater von „Frank“ Rijkaard. Ein völlig anderes Thema sind eigentlich autochtone Minderheiten eines Landes, die dieses sportlich repräsentieren. So wie Südtiroler im Ski- oder Eishockeyteam Italiens, der Armenier Teymourian im Fussball-Nationalteam des Iran, oder der wolga-tatarische Finne Atik Ismail im jenem Finnlands. Bei den Wolga-Tataren Finnlands zeigt sich aber die Relativität von Autochthonie: Diese kamen zur Zeit der russischen Herrschaft (die vom frühen 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert ging) aus Russland. Auch die Latinos in der USA stammen hauptsächlich von Einwanderern ab. Oder die meist aus der Karibik stammenden Schwarzen in England, die in dessen Fussball stark vertreten sind. Einteilen könnte man die Nationswechsel nach Sportarten (wie es weiter unten dann auch geschieht), nach der Periode, nach den betreffenden Ländern.

* Marc Girardelli, ein Vorarlberger mit italienischem Namen/Wurzeln, verliess 1976 im Alter von 12 den Österreichischen Ski-Verband (ÖSV) im Streit, bzw aufgrund von Vorwürfen seines Vaters Helmut an diesen. Er startete fortan für Luxemburg, wurde von seinem Vater betreut, eine echte Einbürgerung erfolgte später. 1979/80 fuhr er seine ersten Weltcup-Rennen, wenige Jahre später war er mitten in der Weltspitze, trotz einer zwischenzeitlichen Verletzung. Der Schweizer Pirmin Zurbriggen wurde sein grosser Konkurrent, v.a. im Kampf um den Gesamt-Weltcup. Den Girardelli 1985 erstmals gewann. An Olympia ’84 durfte er nicht teil nehmen, da er noch nicht luxemburgischer Staatsbürger war. Bei der Ski-WM 1985 in Bormio durfte Girardelli hingegen an den Start gehen; der Internationale Ski-Verband (FIS) erteilte ihm dazu die Erlaubnis, mit der Begründung, dass das Gesuch auf die Staatsbürgerschaft eingebracht worden war.

1987 wurde er schliesslich Staatsbürger Luxemburgs. In der zweiten Hälfte der 1980er wurde er auch in der Abfahrt Weltklasse. Es gab Verhandlungen mit dem ÖSV über eine Rückkehr, die dem Fahrer v.a. bei der Vorbereitung für Abfahrten geholfen hätte (für Abfahrtstrainings braucht man einen ganzen Berg,…) und dem Verband beim Kampf um den Gesamt-Weltcup, der für den ÖSV damals ausser Reichweite war. Sie scheiterten aber daran, dass Helmut Girardelli vom ÖSV eine Art Rückerstattung von Kosten forderte, die er in Marcs Training etc investiert hatte. Aufgrund seiner Allrounder-Qualitäten (er hat auch die Abfahrten in Kitzbühel und Wengen gewonnen, 5 Mal den Gesamt-Weltcup,…) und seiner langen Karriere, die Ende 96 endete, ist er der vielleicht beste Alpin-Skifahrer bis jetzt.

Höchster Berg in Luxemburg, wo Girardelli nie gelebt und schon gar nicht trainiert hat, ist ein Hügel namens Kneiff im Norden, an der Grenze zu Belgien, etwas über 500 Meter hoch. Das Interesse am Skisport hält sich in dem Grossherzogtum auch in Grenzen. Girardelli war aber nach der Sportler-Karriere Geschäftsführer der Skihalle in Bottrop in Deutschland, nicht so weit weg von dort. Zum Abschied vom ÖSV sagte Girardelli vor einigen Jahren „Es war wirklich eine unglückliche Entscheidung, Heutzutage würde man sagen: ‚Komm, wir holen alle Parteien an einen Tisch.‘ Aber die Situation war damals verfahren und verfeindet“.

* Der Ski-Langläufer Johann Mühlegg aus Bayern wurde in den 1990ern Mitglied des DSV-Weltcup-Teams. Und begann einen Streit mit Teamtrainer Georg Zipfel, dem Mühlegg vorwarf, sein Wasser spirituell zu verunreinigen. Dabei dürfte er unter dem Einfluss einer in Deutschland lebenden Portugiesin gestanden sein, die ihren Lebensunterhalt  als Putzfrau verdiente. Von der Weltmeisterschaft 1995 in Canada wurde Mühlegg nach Hause geschickt, nachdem er seinen „Wahn“ auch dort ausgelebt hatte. 1998 wurde er aus dem Team ausgeschlossen, ab 1999 startete er für Spanien (dessen Staatsbürger er damals auch wurde), gewann gleich den Gesamt-Weltcup. Dann Olympia 2002: Mühlegg gewann drei Rennen bzw 3 Gold-Medaillien, bekam Glückwünsche des spanischen Königs.

Dann wurde er des Blutdopings überführt (er bestritt es). Die Medaillien wurden ihm aberkannt, er 2 Jahre gesperrt. Der DSV, eben noch mit Vorwürfen konfrontiert, wie man einen solchen ziehen lassen konnte, durfte sich bestätigt fühlen. Kurz vor Ablauf der Sperre ’04 trat er zurück. Langlauf ist neben dem Radfahren und einigen Leichtathletik-Disziplinen der vom Doping am stärksten versauteste Sport. Mühlegg hat eine Autobiografie auf den Markt gebracht und soll nun in Brasilien leben. Vor einigen Jahren soll er auf Wikipedia versucht haben, den Artikel über sich zu verändern.1

* Andrei Tchmil wurde in Khabarovsk in Sowjet-Russland geboren. Die Familie übersiedelte, noch in Sowjet-Zeiten, in die Ukraine, wo er mit dem Radsport begann. So kam er in eine Radsport-„Kaderschmiede“ in der Moldawischen SSR. 1989 ermöglichte ihm Perestroika und sein Talent, für ein italienisches Team professionell zu fahren. Bei Weltmeisterschaften trat er noch für die SU an. 1991/92 wurde er Staatsbürger von Moldawien/Moldau. 1995 wurde er Ukrainer und 1998 Belgier, als er für ein Team aus diesem Land fuhr. 2006 bis 2008 war er in Moldawien Sport-Minister. Dort wird sein Name Cimili (rumänisch) bzw Чмиль (russisch-ukrainisch) geschrieben.

* In der Leichtathletik gibt es einen „massenhaften“ Nationenwechsel von Athleten in finanzstärkere Länder, v.a. in Staaten der arabischen Halbinsel bzw der Golf-Region, v.a. nach Bahrain und Katar. Der afrikanische Leichtathletik-Verband CAA will dieses Länder-Hopping stoppen. Eigentlich sind Athleten bei einem Nationenwechsel drei Jahre lang für internationale Wettbewerbe gesperrt, aufgrund der Regeln des Weltverbands IAAF. Werden sich die beteiligten Verbände aber über die „Ablösemodalitäten“ einig, muss man nur noch ein Jahr pausieren. Und in vielen Fällen hilft Geld dann bei der Einigung. Exemplarisch ist hier der Langstreckenläufer James Kwalia aus Kenia zu nennen, der 2004 nach Katar wechselte.

* Auch Katars Handball-Nationalmannschaft besteht zu einem grossen Teil aus hauptsächlich in Europa angeworbenen Spielern, machte mit ihnen einen internationalen Aufstieg (Silbermedaillie WM ’15). Danijel Saric, ein serbischer Bosnier, spielte in den 00ern für Serbien-Montenegro und Serbien, dann für Bosnien-Herzegowina. 2014, als er noch für den CF Barcelona spielte, wechselte er zum Nationalteam Katars. Inzwischen spielt er auch in der Handball-Liga dieses Landes. Ein anderes Beispiel hier ist der Ägypter Hassan Mabrouk.

* Der Eishockey-Spieler Peter Stastny hat 1980 aus der CSSR „rüber gemacht“, kam so in die NHL. Er hat bei einem Canada Cup für Canada gespielt, dieses Turnier (das heute World Cup heisst) zählt nicht als IIHF-Bewerb, daher war das kein Problem. Nach den Wenden in Osteuropa konnte er zu seinen Wurzeln zurück kehren, für die nun unabhängige Slowakei spielen. Er tat dies bei Olympia 94 und der B-WM 95, als er am Ende seiner Karriere war. Als das slowakische Team 96 erstmals bei einer A-WM antreten durfte, spielte er nicht mehr. Wie Tchmil ging er in die Politik, war 2 Perioden lang Abgeordneter im EP, für die SDKU-DS. Im Eishockey sind es ansonsten meist Kanadier, die für die NHL und/oder das Team Canada nicht gut genug sind, die die Nation wechseln. Oder Spieler aus Ex-SU-Republiken, die für Russland spielen, obwohl sie nicht von dort stammen. Es gibt aber auch die für Kanada Spielenden, die von anderswo stammen und die Russen, die für andere Nachfolgestaaten der SU spielen.

* Die fünf niederländischen Eisschnellläufer Jorrit Bergsma, Robert Hadders, Arjan Stroetinga, Frank Vreugdenhil und Christijn Groeneveld wollten der grossen Konkurrenz im eigenen Land in diesem Sport durch einen Nationenwechsel entkommen, sich so für Winter-Olympia 2010 in Vancouver qualifizieren. Von ihrem Trainer Jillert Anema geleitet, wurden sie wahrscheinlich 2009 Staatsbürger Kasachstans und liefen von da an für dieses Land. Ein Qualifikationsdruck war dort nicht gegeben, Eisschnellauf ist dort nicht verbreitet. Dann legte sich aber der Weltverband ISU quer, da er Betrug beim Nationenwechsel vermutete. Die kasachischen Pässe der 5 wurden offiziell 2008 ausgestellt. Für einen Start bei Olympia muss ein Sportler mindestens zwei Jahre lang im Besitz der Staatsbürgerschaft eines Landes sein. Das Quintett wurde aber tatsächlich erst im Frühjahr 2009 eingebürgert. Dann drohte den Eisschnelläufern auch zu Hause (denn das blieben die NL für sie) Ärger: der Verlust der niederländischen Staatsbürgerschaft, die Abschiebung,…

Bergsma und die Anderen beendeten das kasachische Abenteuer, starteten wieder für die Niederlande, zT ziemlich erfolgreich. Bergsma gewann zB 2012 zwei Weltcup-Rennen…in Astana, Kasachstan. Die Sache zeigt, zu was Niederländer/Holländer bereit sind, um ihren Sport (auch bei Olympia) auszuüben. Bart Veldkamp wechselte vor Olympia 1994 zu Belgien, da er mit den Qualifikations-Richtlinien in NL nicht einverstanden war. Dort gab und gibt es, wie in Kasachstan, keine Eisschnelllauf-Tradition, und Veldkamp wurde der ungekrönte Herrscher dieses Sports in Belgien. Wie Mühlegg und Girardelli als Nordisch- bzw Alpin-Skifahrer in Spanien bzw Luxemburg. Mit der Einschränkung, dass für diese Sportarten in den betreffenden Ländern nur geringes Passiv-Interesse gegeben ist. Aber spätestens, wenn es um Olympia-Medaillien geht, ist das egal, und wird man schnell zu einem Nationalhelden.

* Der Fussballer Alfredo Di Stéfano spielte von 1947 bis 1961 für die Nationalteams von Argentinien, Kolumbien und Spanien. Nachdem er 1949 aus seiner Heimat Argentinien von River Plate Buenos Aires zu den Millionarios in Bogota gewechselt war, wurde er auch in das kolumbianische Team berufen. Aufgrund eines Disputs zwischen den kolumbianischen Verband und der FIFA war damals aber sowohl kolumbianische Liga als auch Nationalteam ausserhalb der FIFA-Aufsicht, und diese 4 Länderspiele daher inoffiziell. 1953 ging er zu Real Madrid, wo er erst ein Weltstar wurde, mit 5 Europacup-Siegen. 1956 wurde er spanischer Staatsbürger und 1957 debütierte er in der spanischen Auswahl. Für die WM 1958 qualifizierte sich diese nicht. 1962 war er im spanischen Kader bei der WM in Chile, kam wegen einer Verletzung aber nicht zum Einsatz. Di Stéfano wurde, als gebürtiger Südamerikaner, auch Europäischer Fussballer des Jahres. Er lebte und arbeitete nach seiner aktiven Karriere meist in Spanien. Sein Länder-Wechseln als Fussballer war mit Anlass für die FIFA, die diesbezüglichen Regeln in den 1960ern zu ändern.

* Monica Seles wurde in der serbischen Vojvodina (damals Teil der SFR Jugoslawien) in eine ungarische Familie geboren. Wurde 1988 mit 14 Jahren Tennis-Profi, nachdem sie zuvor schon 2 Jahre in der USA bei „Nick“ Bollettieri trainiert hatte. Ihr Lebensmittelpunkt wurde die USA, in jenen Jahren in denen die Bundesrepublik Jugoslawien (mit der Vojvodina, ohne Kroatien,…) entstand und diese die serbischen Warlords in Kroatien und Bosnien unterstützte. 1994 wurde sie auch USA-Staatsbürgerin, das war in der Pause nach der Messer-Attacke eines Graf-Fans in Hamburg 1993. Für die USA spielte sie Fed Cup und Olympia. Seles, die 9 Grand Slam-Turniere gewann und 178 Wochen lang Nummer 1 der Weltrangliste war, wurde 07 auch ungarische Staatsbürgerin.

Jelena Dokic hat so manche Berührungspunkte mit Seles. Sie wurde im sozialistischen Jugoslawien im kroatischen Ost-Slawonien geboren, in eine serbisch-kroatische Familie. Als sich dort (in Osijek) im Juni 1991 Spannungen zwischen Kroaten und Serben zu Gewalt entluden, ging die Familie in die Vojvodina. Und 1994 nach Australien, wo Dokic Profi-Tennisspielerin wurde. Wie Seles wurde ihr Vater auch im Tennis eine wichtige Bezugsperson; bei den Australian Open ’01 stritt dieser mit den Veranstaltern. Danach ging die Familie nach Jugoslawien zurück, aus dem 03 der Staatenbund Serbien-Montenegro wurde. 05 trennte sich Dokic von ihrem Vater, ging wieder nach Australien, spielte wieder für dieses Land. Die Klasse bzw die Erfolge von Seles erreichte sie nicht.

* Der Gewichtheber Naim Suleymanov entstammt der türkischen Minderheit in Bulgarien. 1984 verpasste er Olympia in der USA, wegen des Gegen-Boykotts der Ostblock-Länder für 1980. Dann zwang das kommunistische Regime Bulgariens die türkische Volksgruppe auch noch zur Bulgarisierung der Namen, aus ihm wurde Naum Shalamanov. Die Reise zu einem Wettbewerb nach Australien 1986 nutzte er zum „Überlaufen“. Wie bei DDR-Sportlern die im Kalten Krieg rübermachten, ergab sich das Einwanderungsland wie von selbst. Er ging in die Türkei und aus ihm wurde Naim Suleymanoglu. Der bulgarische Staat musste vor Olympia 88 von der Türkei abgefunden werden, damit Suleymanoglu dort antreten durfte. Als Türke gewann er viele Medaillien, bei Olympia, WM, EM. Nach seiner Karriere kandidierte er (erfolglos) 2 Mal bei Wahlen zum türkischen Parlament und einmal als Bürgermeister einer Gemeinde bei Istanbul; als Unabhängiger und für die nationalistische MHP.

Fussball:

Wie erwähnt, waren Nations-Wechsel früher ziemlich problemlos. Bedeutende frühe solche Wechsel waren die der Oriundi aus Südamerika nach Italien (s.u.).  Das war in der Zwischenkriegszeit. Die „Wechsel“ des polnisch-deutschen Fussballers Ern(e)st Wilimowski (Prandella) ergaben sich durch den 2. Weltkrieg, eigentlich auch durch den Ersten. Geboren 1916 in Kattowitz/Katowice, damals Deutsches Reich (preussische Provinz Schlesien), in eine Familie, in der sich Deutsches und Polnisches vermischt hatte, wie häufig in Oberschlesien. Nach dem Krieg und einer Abstimmung kam das südliche (bzw östliche…) Drittel Oberschlesiens mit Kattowitz zu Polen. Wilimowski spielte beim 1. FC Kattowitz, dem Fussballverein der deutschen Minderheit der Stadt, in der polnischen Liga, dann in Königshütte/Chorzow.

Kam in das polnische Nationalteam, nahm an der WM 38 teil. Dann der Nazi-Blitzkrieg und die Besetzung ganz Polens. Mit einigen Kollegen deklarierte sich Wilimowski als Deutscher („Deutsche Volksliste“), spielte bei „zentral“-deutschen Vereinen und der deutschen Nationalmannschaft. Schoss Tore für Deutschland, nachdem er 34 für Polen welche gegen es geschossen hatte. Wurde in die Wehrmacht eingezogen, musste an der Besetzung Polens mitwirken… Er blieb 45 zunächst in Mittel-Deutschland (aus dem Ost-Deutschland wurde), war dort Amateur-Fussballer und Sportlehrer, ging dann in die Westzone, aus der die BRD wurde. Er starb 1997; es gibt einen Roman des bosnisch-kroatischen Autors Miljenko Jergovic über ihn.

Auch der Fall von Ferenc Puskas spiegelt europäische Geschichte des 20. Jh wieder. Der Vize-Weltmeister von 1954 war im Oktober 1956, als in Ungarn der Aufstand gegen die kommunistische Herrschaft ausbrach, wegen eines Europapokalspiels mit seinem Klub Honvéd Budapest in Spanien. Puskas und einige Kollegen aus der Mannschaft, wie Sandor Kocsis, kehrten nicht mehr nach Ungarn zurück, andere wie Tormann Grosics schon. Ab 1958 spielte er für Real Madrid, 1961/62 in der spanischen Auswahl, jeweils zusammen mit Alfredo Di Stefano. In Spanien traf Puskas auch einen Spieler wieder, den er aus der ungarischen Liga kannte und der ebenfalls im frühen Kalten Krieg rüber gemacht hat.

László Kubala, der in Ungarn in einer slowakischen Familie aufwuchs, war 1946 in die Tschechoslowakei gegangen, spielte für Slovan Bratislava und die Auswahl des Landes. 1948 ging er zurück nach Ungarn, spielte für dessen „Nati“, 1949 lief er nach Österreich über. Die FIFA sperrte ihn auf Begehren seines letzten Klubs im Ostblock, Vasas Budapest. Über Italien kam er nach Spanien, spielte ab 1951 für den CF Barcelona, dann auch für die spanische Auswahl. Zu dieser Zeit, späte 1950er, frühe 60er, spielte auch der Uruguayaner José Santamaría bei Real Madrid und im spanischen Nationalteam. Santamaria blieb nach der aktiven Karriere in Spanien, trainierte auch dessen Nationalteam, bei der WM 1982.

Larbi Ben Barek (und Andere) spielte(n) vor der Unabhängigkeit Marokkos für Frankreich und danach für dieses, auch bei einigen Algerier wie Ben Tifour war es so. Eusebio da Silva und Mario Coluna wurden beide in Mocambique (Portugiesisch-Westafrika) geboren, als Söhne von portugiesisch-afrikanischen Ehen, beide wurden in den 1960ern in Portugal bei Benfica Lissabon und im portugiesischen Nationalteam grosse Fussballer; beide sind nie Trainer geworden, beide 2014 gestorben. Liegt hier ein Nationswechsel vor?

Beim Tormann Ramon Quiroga, der als Fussballer aus Argentinien nach Peru ging, dort eingebürgert wurde und (nur) für dessen Nationalteam spielte, ergibt sich die Relevanz aus dem einen Spiel bei der WM 1978, zwischen Argentinien und Peru, das der argentinischen Mannschaft den klaren Sieg brachte, den es zum Einzug ins Finale des Turniers brachte, und das von ziemlich konkreten Schiebungs-Vorwürfen umrankt ist.

Bernd Krauss kam Ende der 1970er als Legionär aus Dortmund zu Rapid Wien, machte sich gut, wurde eingebürgert und ins österreichische Nationalteam geholt, wo nach dem Abgang von Robert Sara auf der Position des rechten Verteidigers eine „Lücke klaffte“. Sein erstes Länderspiel war ausgerechnet gegen  die Auswahl der BRD, in der Quali für die WM 1982. Und, er schoss auch gleich ein Tor, allerdings für sein Geburtsland, somit ein Eigentor… Krauss setzte sich aber dann im österreichischen Team durch; er ging einige Jahre später als österreichischer Legionär in die deutsche Bundesliga. Die österreichische Staatsbürgerschaft hat er dann aber nach einiger Zeit wieder aufgegeben.

Es gibt jene Fussballer, deren Eltern oder frühere Vorfahren auswanderten, die im Land in dem und für das sie spielten, auch geboren wurden und dort aufwuchsen. So wie Ibrahimovic, Köglberger, Keegan, Platini, Özil, Ravelli, Ince, Carew, Scifo,… Die Vorfahren von Maradona stammen zT aus (Süd-)Italien (wie bei einem sehr grossen Teil der Argentinier), Littbarski muss dem Namen nach welche aus Polen haben.2 In den Auswahlen westeuropäischer Länder sind seit etwa Mitte der 1990er vermehrt Einwandererkinder vertreten; auch Zidane wurde in dieser Zeit Nationalspieler. In den Nationalteams von USA, Canada, Australien, Neuseeland, wo Fussball nicht wichtigster Sport ist und die ausgesprochene Einwanderungsländer sind, ist das schon länger gegeben.

2004 kam eine neue Regelung der FIFA, wonach ein Spieler auf Nachwuchs- und A-Ebene für verschiedene Nationalteams spielen kann – unter der Voraussetzung dass der Wechsel vor dem 21. Geburtstag des Betreffenden statt fand. In dieser Zeit glänzte der Brasilianer Ailton (da Silva) bei Werder Bremen, schoss es 03/04 zur Meisterschaft. Da es für das brasilianische Team dennoch nicht reichte und Katar auch im Fussball Ausschau hielt nach verfügbaren Spielern, kam die Möglichkeit auf den Tisch, dass Ailton in Katar eingebürgert wird und mit dessen Nationalteam die Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland bestreitet. Ohne in der dortigen Liga zu spielen oder sonst irgend welche Bindungen zu dem Land zu haben. Wahrscheinlich hat dieses Geplänkel einen Einfluss darauf gehabt, dass die FIFA 04 eine Neuregelung erliess, die darauf abzielte, dass ein Spieler eine Verbindung haben soll zu dem Land für das er spielt. Der Uruguayaner Sebastian Soria erfüllte das insofern, als er 04 zu al Gharafa in die Liga Katars wechselte und so konnte er auch bald auch für das Nationalteam von Katar spielen.

Ausserdem wurde festgelegt, dass Einsätze in Freundschaftsspielen kein Hindernis mehr für einen Nationswechsel darstellen würden. Jermaine Jones (Deutschland/USA) und Thiago Motta (Brasilien/Italien) haben davon profitiert. George Mourad, ein in Hasakah geborener christlicher (assyrischer/aramäischer) Syrer, ist in Schweden aufgewachsen, ist Bürger Schwedens und Syriens, spielte in schwedischen Nachwuchsauswahlteams und in der A-Mannschaft, dann auch für Syrien. Für Schweden hatte er nur 2 Freundschaftsspiele bestritten, jedoch hatte der syrische Verband nicht um den Wechsel bei der FIFA angesucht, wurde daher bestraft, von der Quali zur WM 14 ausgeschlossen.

Dann gibt es Fussball-Nationen die keine unabhängigen Staaten sind. Es gibt 25 FIFA-Mitgliedsverbände die zum selben Staat gehören wie zumindest ein weiterer Verband. Der Fussball-Verband von Puerto Rico zB hat ein Nationalteam dessen Spieler Staatsbürger der USA sind, schottische Nationalspieler sind britische Staatsbürger (was sich in absehbarer Zeit ändern könnte), die Färöer-Inseln gehören zu Dänemark, Hongkong ist seit 1997 wieder ein Teil Chinas, Curacao gehört zur Niederlande,… Dann gibt es jene Länder die ein Fussball-Nationalteam haben, (noch) nicht unabhängig sind aber auch nicht Bürger eines anderen Staates, wie Palästina. Jocelyn Angloma wurde im französischen Guadeloupe geboren und hat Karriere im französischen Fussball gemacht, auch im Nationalteam. Am Ende seiner Karriere durfte er auch für Guadeloupe spielen, das ein eignes Fussball-Nationalteam hat, 06/07, inklusive des CONCACAF Gold Cup 07. Dies deshalb, da Guadeloupe kein FIFA-Mitglied ist und nur an regionalen Bewerben teil nimmt.

Es gibt jene Fussballer, die auch für andere Nationalteams als tatsächlich3 spielen hätten können, von Daniele Dichio über Harald Cerny, von Ailton bis Juan Lozano. Hier ist auch Kontrafaktik, sind „Ifs“ des Fussballs anzusetzen: Wenn sich Vincenzo Scifo 83/84 entschieden hätte, für Italien zu spielen statt für Belgien… Wenn Steffen Hoffmann in den 00ern für Österreich hätte spielen dürfen (wie hätte sich das auf das österreichische Team ausgewirkt). Oder, auch ein Gedankenspiel: ein surinamesisches Team mit all jenen von dort Stammenden, die für die Niederlande spielten (siehe unten), von Gullit bis Wijnaldum…

Manchmal spiel(t)en Vater und Sohn für verschiedene Nationalmannschaften: Souleyman und Leroy Sané (Senegal und Deutschland), Kenneth und Patrick Kluivert, George und Ruud Gullit, Errol und Urby Emanuelson (jeweils Surinam und Niederlande), Peter Neustädter (SU-Deutscher bzw Kirgisistan-Deutscher, Fussballer in 1980ern u.a. beim kasachischen Alma Ata, 92 nach Deutschland > Karlsruher SC,…, kasachischer Staatsbürger > Deutsch-Kasache bzw deutscher Kasachstani, 1996 3 LS für kasachisches Nationalteam, dann deutscher Staatsbürger als Spät-Aussiedler bzw „Russland-Deutscher“) & Roman Neustädter (in der Ukrainischen SSR geboren, in Mainz aufgewachsen, deutsche Nachwuchs-Auswahlen, wurde russischer Staatsbürger und Nationalspieler), Andranik und Alecko Eskandarian (Iran und USA), Roger Lukaku („Zaire“/Kongo) und seine Söhne Romelu und Jordan (für Belgien)

Oder Brüder: Jerome und Kevin-Prince Boateng (Deutschland und Ghana), die Halb-Brüder trafen bei den WMen 10 & 14 aufeinander; Rafinha Alcantara und Thiago Alcantara (Brasilien und Spanien), die Söhne des brasilianischen Weltmeisters von 94, Mazinho; Paul, Florentin und Mathias Pogba (Frankreich und Guinea); John und „Archie“ Goodall (England und Nord-Irland), 19. Jh;
Christian und Max Vieri (Italien und Australien); Granit & Taulant Xhaka (Schweiz und Albanien), bei der EM 16 gegeneinander, Eltern übersiedelten zu YU-Zeiten aus dem Kosovo/Kosova in Schweiz

Bei Weltmeisterschaften für 2 verschiedene Teams haben bisher gespielt, so weit ich das überblicken konnte: Monti & DeMaria (Arg/Ita), Puskas (Hun/Esp),  Santamaria (Uru/Esp), Mazzola/Altafini (Bra/Ita), Prosinecki, Suker, Jarni (YU/Cro), Gorlukovich und Borodjuk (SU 90/Rus 94), Dejan Stankovic sogar für drei: BR Jugoslawien 98 und seine Nachfolgestaaten Serbien-Montenegro 06 und Serbien 10. Zigic und Vidic waren 06 und 10 dabei. „Pixi“ Stojkovic spielte 90 für die SFR YU, 98 für die Bundesrepublik YU; aber solche Wechsel der Staatsform ohne Änderung des Territoriums und ohne Änderung des eigentlichen Staatsnamens soll uns hier nicht interessieren.

Es gab Brasilianer wie Elber oder Jardel, die (obwohl sie Weltklasse-Fussballer waren) nicht gut genug waren, sich im brasilianischen Nationalteam voll durchzusetzen. Und es gibt jene brasilianischen Fussballer, die den Weg gingen, für ein anderes Nationalteam zu spielen, anstatt auf eine Einberufung in die Selecao zu warten. Meist war der Weg dahin ein Legionärs-Engagement in dem betreffendem Land. Eduardo da Silva (Kroatien), Paulo Rink (Deutschland), Donato (Spanien), Deco (Portugal), Thiago Motta (Italien), Wagner Lopes (Japan), M. Aurelio (Türkei), L. Oliveira (Belgien), Clayton (Tunesien) sind lange nicht alle, die das taten. Etwas

Nun zu einzelnen Ländern:

Das UK hat 4 Nationalteams, dazu kommt noch dass Bürger Nord-Irlands (auch) irische Staatsbürger werden können. Und britische Bürger mit irischen Wurzeln irische Staatsbürger. Ausserdem gibt es Aussenbesitzungen des UK of GB, wie Gibraltar oder Bermudas, die eigene Nationalmannschaften haben, britische Staatsbürger spielen somit auch für diese „Natis“. Ein britisches Team tritt im Fussball nur bei Olympia auf, zuletzt 2012. Ryan Giggs war damals dabei, kam damit doch noch zu seinem Turnier, und hat so gesehen für 2 Nationalmannschaften gespielt, Wales und Grossbritannien. Aus der Frühzeit des Fussballs gibt es einige britisch-irische Spieler, die das Nationalteam wechselten, wie John (Jack) Reynolds (England und Ireland), John Hawley Edwards (England und Wales), Robert Evans (England und Wales). James (Joe) Kennaway spielte in den 20ern und 30ern für Canada und Schottland evtl auch für USA. Kenneth „Ken“ Armstrong spielte in den  1950ern, 60ern für England und New Zealand.

Die Regelungen für die Berechtigung für Fussballer die Staatsbürger des UK sind, bezüglich der Bedingungen für Nationalmannschaften, haben sich geändert, heute ist eine Verbindung zum betreffenden Land verlangt (das kein souveränes ist). Maik Taylor, in Deutschland als Sohn eines englischen Soldaten und einer Deutschen geboren, konnte als im Ausland geborener britischer Staatsbürger in den 1990ern noch wählen, für welches der 4 Nationalteams des UK er spielt. Für das englische Team hätte es bei ihm wohl auch nicht gereicht. Zu Nordirland hatte er keinerlei Verbindungen. Auch Matthew Le Tissier, von der Kanal-Insel Guernsey (auch britischer Staatsbürger ohne territoriale Verbindungen zu einem der „Teilgebiete“), konnte auch frei wählen, entschied sich für England. Auch bei Owen Hargreaves, dem „bayerisch-walisischen Kanadier“, war es so ähnlich.

Zu den irisch-stämmigen Briten, die für England spielten, gehören Kevin Keegan oder Ray Kennedy, beide aus Liverpool, wo Iren über Jahrhundert lang einwanderten; die irische Diaspora beginnt eben in England. Die meisten Schwarzen in England (nicht nur im Fussball) stammen aus der Karibik. Viv Anderson war 1979 der erste Schwarze, der für England spielte. In den 1980ern machte der auf Jamaica geborene John Barnes von sich reden, dem noch öfters Bananen auf’s Spielfeld geworfen wurden. Als das englische Team 1993 in San Marino 7:1 gewann und schwarze Spieler (darunter Paul Ince) alle Tore der Engländer schossen, kommentierte die rechtsextreme National Front, die Torschützen seien alle „keine echten Engländer“, San Marino habe somit in Wirklichkeit 1:0 gewonnen.

Marcus Gayle war einer jener vielen Jamaikaner mit England-Verbindung, die bei der WM 1998 für Jamaica spielten; Gayle wurde in England geboren, hat immer dort gespielt und auch in englischen Nachwuchs-Auswahlen. Der auf Jamaica geborene Rahim Sterling entschied sich dagegen, für England zu spielen. Nachdem sich das Team von Trinidad-Tobago für die WM ’06 qualifizierte, lief dort der in England geborene Weisse Christopher Birchall auf, der eingebürgert wurde, weil seine Mutter von dem Archipel stammt. „Ugo“ Ehiogu wurde als Sohn nigerianischer Eltern in England geboren, spielte für dessen Fussball-Nati gespielt; er starb früh.

Einwanderer-Kinder oder Eingebürgerte die nicht vom Britisch-Irischen Archipel oder ehemaligen Kolonien des UK4 stammen, sind in dessen Nationalteams eher selten. 2004 wurde über die Einbürgerung des Italieners Lorenzo Amoruso und des Franzosen Didier Agathe, beide Legionäre in der schottischen Liga, für das schottische Team spekuliert. Dessen damaliger Teamchef „Berti“ Vogts schien dafür zu sein; der Kapitän des Teams, Christian Dailly, war dagegen: „I would rather lose with a team of Scots than win with a team of foreigners. This is not a club side we’re talking about it’s Scotland… I know the players will definitely be against it“. Der Vater des Nord-Iren „Lawrie“ Sanchez stammt aus Ecuador.

Bezüglich der Fussball-Auswahlen von Irland, des unabhängig gewordenen Landesteils und des Teil des UK of GB gebliebenen, gab es in der ersten Hälfte des 20. Jh diverse unterschiedliche Formate, parallel zu den politischen Veränderungen; die Unabhängigkeit Irlands war ein jahrzehnte-langer Prozess. In manchen Sportarten, wie Rugby, haben die Republik Irland und Nord-Irland, eine gemeinsame Struktur, ein gemeinsames Auswahlteam. John Carey und James Dunne sind unter Jenen, die für beide Irlands spielten, in der damaligen Zeit. 1965 begann das irische Team, in GB geborene/aufgewachsene irische Spieler sowie britische Spieler irischer Herkunft (die eingebürgert wurden) einzuberufen. John Aldridge ist zB in England (Liverpool) geboren und aufgewachsen, Ray Houghton in Schottland.5

Ähnlichkeiten zum erwähnten Wilimowski weist der Lebensweg von Friedrich Scherfke auf. Auch Posen, von wo er stammte, kam nach dem 1. WK von Deutschland zu Polen. Scherfke spielte in der ZKZ für Polen, nach dem nazideutschen Angriff auf Polen hatte er, wie viele andere Deutsche, in Polen keine Zukunft mehr. Im Rheinland, um den Faden weiter zu spinnen, gibts die Abramcziks, Deutsche polnischer Herkunft.6 Klose und Podolski stammen beide aus Ober-Schlesien aus teilweise deutschen Familien. Beide haben nie in und schon gar nicht für Polen gespielt. Sebastian Boenisch stammt ebenfalls aus Schlesien, hat anscheinend eine deutsche Urgrossmutter, die Familie nahm in Deutschland ihren Namen an. Er wurde Doppelstaatsbürger und entschied sich, für das polnische Nationalteam zu spielen. Kamil Glik ist zT schlesisch-deutscher Herkunft (der Name dürfte sich von „Glück“ ableiten), blieb in Polen, spielt für dessen Fussball-Auswahl.

Ulf Kirsten und 7 andere DDR-Nationalspieler haben nach der Vereinigung für die BRD gespielt, von Matthias Sammer bis Dirk Schuster. Dariusz Wosz ist polnisch-stämmig und wollte eigentlich lieber für Polen spielen. Jancker war 1998 einer der ersten BRD-Nationalspieler aus dem Osten, die nicht mehr für die DDR gespielt haben. Lutz Eigendorf und andere die rüber machten, wie Nachtweih, durften nicht für die BRD spielen. Gerhard Siedl einer jener Spieler, die für das Saarland und dann die BRD spielten. 1964 trat auch im Fussball ein gesamtdeutsches Olympia-Team an, es bestand aber nur aus Spielern aus der DDR, die Bronze-Medaillie gewann u.a. Eberhard Vogel, der eben auch DDR-Nationalspieler war. 1942 das letzte Länderspiel der Auswahl des (inzwischen längst nationalsozialistischen) Deutschen Reichs, ab 1950 begann die Spielserie des DFB bzw der BRD. Andreas Kupfer war einer von 3, die für die letzten Spiele der Auswahl des alten DFB (des Deutschen Reichs) sowie für die ersten von jener des neuen (der BRD) spielten.7

Miroslav „Mirko“ Votava wurde in Prag in der damaligen CSSR geboren, machte mit seinen Eltern im Alter von 12 rüber, in die BRD, wo er Fussballer wurde. Als er Ende der 70er, Anfang der 80er bei Borussia Dortmund spielte, kam er zu 5 Einsätzen für die DFB-Elf. Marcel Raducanu flüchtete aus Rumänien in die BRD rüber, hatte aber schon für Rumänien gespielt. Jörn Andersen, wurde gegen seiner Ende Karriere (auch?) deutscher Bürger, hat aber nur für Norwegen gespielt. Eingebürgerte bzw Einwanderer-Kinder kamen in den 00ern des 21. Jh verstärkt in das deutsche Nationalteam. Neuville, Kuranyi, Asamoah, Özil,… haben alle für kein anderes Nationalteam gespielt.8 „Uli“ Stein, Mitte der 1980er gegen „Toni“ Schumacher im Kampf um die Nr. 1 im Nationalteam unterlegen, hat später gesagt, er habe nicht einige Länderspiele für Deutschland zu wenig, sondern 6 zu viel, „da hätte es einige Möglichkeiten gegeben“. Rainer Rauffmann ging 1997 als Legionär nach Zypern, heiratete eine Zypriotin, wurde zypriotischer Nationalspieler.

„Oriundo“ kommt von oriri (entspringen..), bezeichnet Sportler, die für Italien antreten, von anderswo stammen, aber italienische Wurzeln haben, eingebürgert wurden, zT ihre erste Staatsbürgerschaft behielten. Es sind v.a. Fussballer, v.a. aus Südamerika (Argentinien, Uruguay, Brasilien), gingen meist den Zwischenschritt des Legionärs-Engagements in der italienischen Liga. Viele haben zuvor für das Nationalteam ihres Geburtslandes gespielt. Oriundi gibt es auch im Eishockey, dort v.a. aus Nordamerika. Die ersten zwei Sterne für die FIGC kamen durch einige südamerikanische Mitwirkung zu Stande.

Im WM-Sieger-Team der Italiener von 1934 standen Luis Monti und Atilio Demaría, die mit dem argentinischen Team 1930 das WM-Finale verloren hatten. Ausserdem Raimondo Orsi und Enrique/Enrico Guaita, ebenfalls gebürtige Argentinier, sowie Anfilogino Guarisi aus Brasilien. Als das faschistische Italien 1935 Abessinien (Äthiopien) den Krieg erklärte, fürchteten Guaita und andere Oriundi eine Einberufung in das Militär, verliessen Italien. 1938 bot Vittorio Pozzo, der Weltmeister-Trainer von 34 und 38, einen Oriundo auf, den in Uruguay geborenen Miguel Andreolo.

Juan A. Schiaffino war 1950 Weltmeister mit dem Team von Uruguay, als Italien-Legionär (AC Milan) machte er danach auch einige Länderspiele für Italien, nachdem er eingebürgert wurde. Genau so war es auch bei Alcides Ghiggia. José Altafini, der sich „Mazzola“ nannte, war 1958 mit Brasilien Weltmeister, spielte danach im und für das Land seiner Vorfahren. Omar Sivori, ein Argentinier italienischer Herkunft, wurde (als Italiener natürlich) sogar Europas Fussballer des Jahres, 1961. Beim vierten WM-Sieg der Italiener 2006 stand mit Mauro Camoranesi auch ein Oriundo im Team.

Davor war der Triumph 1982. Da gab es Claudio Gentile in der Mannschaft, 1953 in Libyen geboren, in einer sizilianischen Familie, die in die damalige italienische Kolonie Libyen ausgewandert war. Viele italienische Siedler blieben auch nach dem faktischen Ende der italienischen Herrschaft 1943, nach der Unabhängigkeit Libyens 1951, und gingen erst mit der Machtergreifung Ghadaffis 1969. Gentiles Familie ging schon 1961 nach Italien. Man kann ihn auch als Oriundo bezeichnen, auch wenn bei ihm die Dinge etwas anders waren als bei den „Südamerikanern“.

Ausserdem gab es da Edwin Firmani, in Südafrika geboren, kehrte auch ins Land der Vorfahren zurück und spielte für es, Roberto Di Matteo (Schweiz), Christian Vieri (in Australien geboren, Bruder blieb dort), Simone Perrotta (GB), Giuseppe Rossi (USA), Cristian Ledesma (Argentinien), Thiago Motta und Eder Martins (Brasilien),… Der Uruguayaner Alvaro Recoba wurde 2001, als er für Inter Mailand spielte, eines gefälschten italienischen Passes bzw der gefälschten Grundlagen dazu überführt (fingierte italienische Vorfahren) und ein Jahr gesperrt, eine Strafe, die dann auf 4 Monate reduziert wurde. Hintergrund der Aktion war die Begrenzung des Kontingents der Nicht-EU-Ausländer pro Klub.

Oriali, Vierchowod, Panucci, Balotelli, Montolivo, Sharaawy,… sind in Italien Geborene mit teilweise auswärtigen Eltern. Aus jenen Italienisch-stämmigen Fussballern, die anderswo für Nationalteams spielten, liesse sich zB dieses Team bilden: Pascolo (Schweiz), Caligiuri (USA), Aloisi (Australien), Vassalo (Äthiopien), Rivelino (Brasilien), Maradona (Argentinien), Platini (Frankreich), Scifo (Belgien), Cascarino (Irland), Gaudino (Deutschland), Forlan (Uruguay); Pizzi (Spanien), Guidetti (Schweden), Zuenelli (Österreich), Cremaschi (Chile), De Gregorio (Neuseeland), Denegri (Peru), Dolgetta (Venezuela), Lenarduzzi (Kanada), Cardoni (Luxemburg), Polverino (Liechtenstein)9

Frankreich hat als Kolonialmacht eine lange Geschichte der Zuwanderung sowie der Indienstnahme von Kolonialisierten (Armee,…). Ben Tifour und Andere aus den Kolonien spielten für Frankreich solange diese noch welche waren; Raoul Diagne aus Französisch-Guyana in Südamerika etwa spielte in den 1930ern für die Bleus. Dieses Land ist zwar nach wie vor französisch (ein Übersee-Departement), aber fussballerisch inzwischen unabhängig. Zuwanderer(-Kinder) sind seit Langem in Frankreichs Fussball überproportional vertreten, in der Nationalelf seit den 50ern. Damals waren es v.a. Polen, Italiener und Spanier, wie Kopa(szewski), Hidalgo, Colonna. Ende der 1970er kam dann der aus (dem nach wie vor französischen Überseegebiet) Guadeloupe stammende Marius Tresor, der sogar Kapitän wurde. Es folgten Larios und Ayache, die als französische Siedler im damals französischen Algerien geboren wurden.

Tigana stammt aus Mali, Fernandez aus Spanien. Michel Platini, Sohn italienischer Einwanderer, spielte nach seinem Karriereende ein inoffizielles (?) Länderspiel für Kuwait. Eric Cantonas Vorfahren stammen aus Spanien und Italien. Ab den 1990ern fand eine Verschiebung von europäischen Einwanderer(n-kinder) zu ausser-europäischen (meist aus ehemaligen/aktuellen Kolonien) statt, kamen farbige Spieler in grosser Zahl ins Team: Lama und Malouda aus Guyana, Karembeu aus Neu-Kaledonien, Zidane und Benzema aus Algerien, Thuram, Wiltord und Angloma aus Guadeloupe, Basile Boli aus der Cote d’Ivoire, Desailly aus Ghana, Viera und Evra aus Senegal, Loko und Makelele aus Kongo, Anelka aus Martinique,… Youri Djorkaeffs Vater Jean ist kalmückisch-polnisch (in Fra. geboren), war Fussballer, seine Mutter Armenierin.

Jean-Marie Le Pen kritisierte schon bei der EM 96 die Zusammensetzung des französischen Teams, thematisierte ihr Nicht-Singen der Hymne. Platini hatte die Marseillaise auch nicht mit gesungen, damals aber kein Spieler, nur die Fans. Der damalige PS-Chef Jospin wies darauf hin, dass zB Frz. Guyana und Neu-Kaledonien von wo Lama (der damals daran erinnerte, dass seine Vorfahren als Sklaven aus Afrika nach Südamerika gebracht worden waren) bzw Karembeu stammten, weiter französisch waren – und Le Pen war sicher der Letzte, der diesen Gebieten die Unabhängigkeit gewären würde.10 „Le Monde“ kommentierte damals, Le Pen unterminiere die nationale Identität die er zu schützen vorgibt, auch weil er nationale Erfolge schlecht mache; andere wiesen auf republikanische Werte hin.

Bei der (siegreichen) Heim-WM 1998 wurde die Hymne von den französischen Spielern mitgesungen. Le Pen sprach wieder davon, dass nur wenige echte Franzosen unter den 22 seien; genau 7, darunter Kapitän Deschamps, Guivarc’h (Bretone), Lizarazu (wenn man ihn als Basken als echten Franzosen zählt), Petit (aber langhaarig), Charbonnier (kein Einsatz). Es gab damals auch den armenisch-stämmigen Boghossian, Pires mit portugiesisch-spanischen Wurzeln, Trezeguet mit argentinischen11,… In der Euphorie nach dem WM-Sieg sprach Le Pen von Zidane aus dem „Französischen Algerien“.

Raymond Domenech (Vater Spanier der im Bürgerkrieg nach Frankreich flüchtete, Mutter Siedlerin aus Algerien) war der Nach-Nach-Nachfolger von Aimé Jacquet, dem WM-Siegertrainer, als französischer Teamchef (04-10). Viele fanden, dass das französische Team unter ihm zu „dunkel“ bzw „unfranzösisch“ sei.12 Und, der blond-braune Ribery war einer, der mit einer Algerierin verheiratet und zum Islam übergetreten war. 2011 kam die Meldung, dass Frankreichs Fussballverband (FFF) plane, in seinen Nachwuchsakademien rassische Quoten zur Aufnahme festzulegen, von maximal einem Drittel „dunkler“ Spieler. Der damalige Teamchef Blanc, 98 einer der echten Franzosen, soll sich dafür ausgesprochen haben. Bei der WM 14 waren 15 von 23 algerischen Spielern, darunter ihr Star Riyad Mahrez, in Frankreich geboren.

In der Liga und im Team der Niederlande gibt es viele Spieler mit Wurzeln in der Ex-Kolonie Surinam. Dies begann eigentlich nicht vor den 1980ern. Gullit (Dil), Rijkaard, Vanenburg, Roy, Kluivert, Seedorf, Wijnaldum,… sind in der Niederlande geboren; Winter, Davids, Haselbaink, Fraeser, van Gobbel, Menzo, Vink,… in Surinam (das 1975 unabhängig wurde). Manche wie Gullit haben auch weisse/niederländische Wurzeln/Elternteile, Kluiverts Mutter ist von Curacao (war Teil der Nl. Antillen), Winter ist zT (surinamesischer) Inder, Taument ist halb Afro-Surinamese, halb indonesischer Surinamese, Tahith Chong und Calvin Jong-a-Pin sind von den Wurzeln zT Afro-Surinamesen, zT chinesische Surinamesen.

Spannungen gab es im Oranje-Team zur Zeit der Kluivert-Generation (Seedorf, Davids,…) zeitweise, da die Surinam-Stämmigen da als Block auftraten. Humphrey Mijnals aus Surinam spielte in den 1960ern für die NL und Surinam. „Hans“ Nahar spielte in den 1930ern für Surinam und Curacao, damals beides NL-Kolonien. Die Indonesisch-Stämmigen im NL-Fussball sind meist Molukker, wie Tahamata, und teilweise Silooy, van Bronckhorst, Landzaat, Heitinga,… In jüngerer Zeit „kamen auch Marokko-stämmige wie van Hooydonk (Vater von dort), Boulahrouz. Jonathan de Guzmán wurde in Canada geboren, von einem philippinischen Vater und einer jamaikanischen Mutter. Nelisse spielte für die Niederländischen Antillen, von wo seine Vorfahren stammen.

Relevant in dem Zusammenhang ist der Absturz eines Flugzeugs 1989. Die 2. Reihe der surinam-stämmigen Fussballer in der NL reiste ins Land der Vorfahren zu einem Einladungsmatch, von Sonny Hasnoe organisiert. Der ersten Reihe, Spielern wie Gullit, war die Reise von ihren Klubs nicht gestattet worden. Die Maschine stürzte am Flughafen von Paramaribo ab; Grund waren schlechte Sicherheitsstandards der Fluglinie, des Flughafens. 176 Menschen wurden getötet, darunter 15 Fussballer. Etwa der in Surinam geborene Lloyd Doesburg, damals Ersatztormann von Ajax Amsterdam hinter Stanley Menzo. Menzo reiste auch an, nahm aber einen anderen Flieger.

Paulino Alcántara war ein spanisch-philippinischer Mischling, wurde in den damals noch spanischen Philippinen geboren, ging mit seiner Familie in der Zeit der US-amerikanischen Herrschaft nach Spanien, wurde Fussballer, spielte international für die Philippinen und Spanien. In den 1950ern gab’s wie erwähnt Puskas sowie einige gebürtige Südamerikaner im spanischen Team, wie Di Stefano, Santamaria und Hector Rial. Darunter also auch einige echte Nationswechsler, die für mehrere Nationalteams spielten. In den 70ern spielte der aus Argentinien stammende Ruben Cano für die Selección. Thomas Christiansen hatte einen dänischen Vater und eine spanische Mutter, ist in Dänemark geboren und aufgewachsen, übersiedelte dann nach Spanien, spielte dort in der ersten Liga, sowie in der U21-Auswahl des Landes, und 1993 2x im A-Team.

Donato (da Silva) stammt aus Brasilien, wie Marcos Senna und Diego Costa (der 2x für Brasilien spielte, ehe er sich für Spanien entschied). Vincente Engonga ist in Spanien geboren, stammt aus Äquatorial-Guinea, war einer der seltenen Fälle, wo jemand aus den ehemaligen spanischen Afrika-Kolonien im spanischen Fussball von sich reden machte. Ausserdem gibts die spanischen Regional-Auswahlen, die jedes Jahr einige inoffizielle Spiele machen. Der baskische Tormann Luis Arconada hat einst mit weissen Stutzen gespielt, um Distanz zum „Rest Spaniens“ zu signalisieren, ein richtiger Separatist dürfte er nicht (gewesen) sein. Ex-Spieler Josep Guardiola unterstützt eine Unabhängigkeit Kataloniens, von Pique wird das gemunkelt.

So wie Eusebio kam auch Rui Jordao zu Kolonialzeitennach Portugal, er aus Angola. Seine Fussball-Karriere war aber nach der Unabhängigkeit. Sheu Han ist ein chinesisch-afrikanischer Mischling aus Mocambique. Abel Xavier ist auch aus Mocambique. Oceano da Cruz ist von Cap Verde, „Nani“ ebenfalls, dessen Familie kam nach der Unabhängigkeit nach Portugal. Eder Lopes kam aus dem unabhängigen Guinea-Bissau. Renato Sanches‘ Eltern sind aus Cap Verde sowie Sao Tome e Principe. „Deco“ und „Pepe“ sind aus Brasilien, Bruno Alves hat Vorfahren von dort. „Petit“ und Guerreiro sind in Frankreich geboren, Cedric Soares in Deutschland. Bosingwa ist aus Kongo/Zaire. Cristiano Ronaldo Aveiro ist von Madeira, eine Urgrossmutter stammt von Cap Verde. Quaresma ist ein Sinti.

Im Fussball-Nationalteam von Schweden gab es in/ab den 80ern die aus Österreich stammenden Ravelli-Brüder (mit italienischem Namen, wie viele Kärntner), in den 90ern weiter Spieler mit einem Teil der Wurzeln im Ausland: Dahlin (Venezuela), Larsson (Cap Verde), Schwarz (Deutschland) sowie den kroatisch-finnischen Mischling Lucic. Ab den 00ern kamen weitere Emigranten-Kinder: Osmanovski (in Malmö geborener türkischer Makedonier), Ibrahimovic (Eltern aus den damals jugoslawischen Bosnien und Kroatien), Shaaban (Ägypten und Finnland), Majstorovic (Serbien), Jakup „Jimmy“ Durmaz (türkischer Assyrer, Doppelstaatsbürger),… Schwedische Elternteile haben zB Toivonen und Guidetti. Edward Gustafsson ist in der USA geboren, Safari im Iran, Zengin in der Türkei.

Die Sowjetunion löste sich ja 1991 auf; ihr Fussball-Nationalteam hatte sich für die EM 1992 qualifiziert, trat dort für den Staatenbund GUS an. Danach wurden Russland und die anderen Nachfolgestaaten der GUS fussballerisch unabhängig. Innerhalb von weniger als einem Jahr machte die SU-Auswahl eine Transformation zu jener der GUS und dann Russlands (das den grössten Teil des „Erbes“ bekam) durch. Alexandr Mostovoi ist einer jener, die für SU, GUS, Russland spielten. Andrei Kanchelskis wuchs in der Ukrainischen SSR in einer litauischen Familie auf. Er spielte 1989-91 für die SU (wurde 91 von Manchester United engagiert), ’92 für die GUS (darunter die EM) und entschied sich dann für das russische Team, anscheinend weil er sich dadurch mehr Chancen auf eine WM-Teilnahme ausrechnete (die aber nicht zu Stande kam). Stanislav Cherchesov, ein ossetischer Russe, spielte auch für SU, GUS, Rus. Viktor Onopko spielte 92 für die GUS, dann für Russland, hätte auch für die Ukraine spielen können, da von dort. Karpin ist ein Russe aus Estland, spielte für GUS & Russland.

Oleg Salenko spielte 92 1x für die Ukraine, dann für Russland, wurde 1994 WM-Co-Torschützenkönig. Nikiforov spielte für GUS, Ukraine, Russland. Sergej Mandreko ist ein in der Tadschikischen SSR aufgewachsener Russe, spielte für die U-20 der SU, die GUS, 92 1x für Tadschikistan, entschied sich dann für Russland, und wurde in seiner Zeit bei Rapid Wien (auch) österreichischer Staatsbürger. Andrey Pyatnitsky aus Taschkent (damals Usbekische SSR), spielte für SU, GUS, Usbekistan, Russland (nicht oft, aber bei der WM 94). Oleg Kusnezov spielte für SU (EM 88) und GUS, dann für die Ukraine, wie auch Michailichenko. Lhuzny und Protassov spielten für SU und Ukraine. Der Georgier Tsveiba spielte für SU, GUS, Ukraine, Russland. Zchadadse für GUS und Georgien. Alejnikov, Zygmantovich, Gotsmanov spielten für die SU und Weissrussland. Ivanauskas und Sukristovas spielten für die SU, dann Litauen.

Raschid Rachimov (ein ethnischer Tadschike) spielte für Tadschikistan und Russland, eben so Muhamadiev. V. Niederhaus, ein deutscher Kasache, spielte für Kasachstan und Russland. Albert Sarkisyan spielte für die SU und Armenien. Eric Assadourian, ein armenischer Franzose, der in der ersten französischen Liga spielte, wurde in den 1990ern Nationalspieler des unabhängigen Armenien. Michel Der-Zakarian, in Sowjet-Armenien geboren, in Frankreich aufgewachsen und Fussballer geworden, spielte dann auch für Armenien. Özbiliz war dagegen ein Türke armenischer Herkunft, der fussballerisch und staatsbürgerlich Armenier wurde, und als Legionär in die Türkei zurück kehrte.

In der Schweiz gibts den Röstigraben zwischen deutschen und romanischen Gebieten, und die Secondos. Es begann Ende der 1980er mit dem im Tessin aufgewachsenen Türkyilmaz, dann kamen Sforza und Pascolo, die in der Schweiz in italienische Familien geboren wurden. Marco Grassi ist dagegen ein Tessiner, kein Einwanderer-Kind. Zur WM 1994 kehrte das Schweizer Team auf die internationale Bühne zurück, mit einigen der Genannten, sowie dem eingebürgerten Argentinier Nestor Subiat. Dann kamen die Yakins, Vonlanthen, Behrami, Senderos,… Barmettlers Mutter ist aus der Dominikanischen Republik, er spielte für Schweizer Nachwuchs-Natis sowie ein A (09), dann für das Land seiner Mutter. Die Xhaka-Brüder sind in der CH geboren, von kosovo-albanischen Eltern. Bei der EM 16 standen in der Startelf meist 5 Albanisch-Stämmige und 3 weitere Secondos.

Im Nationalteam Belgiens gab es Scifo, Oliveira, Weber, Mpenza,… Seit Anfang der 10er ist das Team multikulturell, mit einigen Spielern, die Wurzeln in der Ex-Kolonie Kongo haben, wie Kompany, andere in Marokko (Fellaini), Spanien (Carrasco),…

Nun zum Fussball Ex-Jugoslawiens. Der Slowene Rupec spielte für die Auswahl von Österreich-Ungarn, dann für jene des SHS-Reichs (der Vorläuferstaat von Jugoslawien). Ivan Bek, in Belgrad aufgeachsener Sohn eines Deutschen und einer Tschechin, ging in den 1930ern als Legionär nach Frankreich und spielte auch für dessen Nationalteam, als so ein Nationswechsel noch einfach war. Vilmos Sipos wuchs in der serbischen Vojvodina auf, spielte für das jugoslawische Team, zur Zeit der Besetzung Jugoslawiens in den 1940ern spielte er in und für Ungarn. Kiril Simonovski, ein makedonischer Jugoslawe, spielte in dieser Zeit für Bulgarien, das sich diesen Teil Makedoniens (zuvor „Vardarska Banovina“) einverleibt hatte, änderte seinen Nachnamen auf „Simeonov“. Nach dem Krieg war er der erste Makedonier, der für das Nationalteam Jugoslawiens spielte. Für den (ebenfalls durch die Besetzung Jugoslawiens entstandenen) „Unabhängigen Staat Kroatien“ und dann für die SFR Jugoslawien spielten u.a. Cajkovsky und Wölfl. Der Kroate Kotokovic wiederum hat für das Königreich Jugoslawien und dann dieses Ustascha-Kroatein gespielt.

Robert Jarni und ca. 10 Andere spielten für (SFR) Jugoslawien und dann für das unabhängige Kroatien. Zlatko Kranjcar spielte für Kroatien nur inoffizielle Länderspiele. Einige Kroaten gingen zur Zeit des mit der Unabhängigkeit 1991 verbundenen Kriegs ins westliche Ausland, manche wurden dort eingebürgert. Goran Vidovic etwa, in Belgien. Josip Weber aus dem kroatischen Slawonien war noch zu jugoslawischen Zeiten in die belgische Liga gegangen, spielte inoffizielle Matches für Kroatien (vor dessen fussballerischer Anerkennung 1993), und dann für Belgien. Strupar ging nach der Unabhängigkeit Kroatiens nach Belgien, wo er eingebürgert wurde. Dann gibt es jene Kroatisch-Stämmigen, die anderswo geboren wurden und dort auch fussballerisch sozialisiert wurden, nicht zuletzt in Australien (Zelic,…) und Neuseeland (Vicelich,…). Manche Auslands-Kroaten kehrten nach dem Ende Jugoslawiens (zumindest fussballerisch) auch zurück, etwa Simunic (Australien), Kovac (Deutschland), Prso (Frankreich), Rakitic (Schweiz). Stanic ist dagegen einer der kroatischen Bosnier, die sich für das kraotische Team entschieden. Und Eduardo ist Teil der brasilianischen Fussball-Diaspora.

Von Stankovic und Stojkovic war schon die Rede. Savo Milosevic einer Jener, die für das Team der Bundesrepublik Jugoslawien, für jenes von Serbien-Montenegro (SCG) sowie für Serbien spielten. Kezman zB nur für die BR YU und für SCG. Einen Kosovaren, der für YU sowie Kosovo spielte, gibt es nicht. Dortmund-Spieler Subotic ist von seinen Wurzeln ein serbischer Bosnier, der mit der Familie im Bosnien-Krieg zunächst nach Deutschland ging, dann in die USA (dort für Nachwuchs-Auswahlen spielte), schliesslich wieder in die BRD, und international für Serbien spielt. Pedrag „Preki“ Radosavljevic ging noch zu Zeiten des alten Jugoslawiens in die USA, wo er fussballerisch und überhaupt heimisch wurde, spielte für deren Auswahl.

Für (das sozialistische) Jugoslawien und (das unabhängige) Makedonien spielten Pancev, Stanojkovic, Babunski, Najdoski, Djurovski, Savevski, Kanatlarovski. Für Jugoslawien und Slowenien Novak, Milanic, Katanec, Elsner. Und, viele der Fussball-Nationalspieler Sloweniens sind ethnische Serben, deren Vorfahren zu YU-Zeiten dorthin migrierten, wie Zahovic oder Novakovic. Für YU und Bosnien-Herzegowina spielte zB der jetzige BiH-Teamchef Mehmet Bazdarevic. Miralem Pjanic wurde als bosniakischer Bosnier in YU geboren, ging im Krieg mit der Unabhängigkeit nach Luxemburg, hat dort in Nachwuchs-Auswahlteams gespielt, dann aber für BiH. Salihamidzic ging im Krieg nach Deutschland.

Dejan Savicevic spielte nur für das Team von Jugoslawien, das in dieser Zeit aber einen Wandel (zu einem anderen Land) durchmachte; das unabhängige Montenegro erlebte er als Spieler nicht mehr. Für SCG und Montenegro haben zB Vucinic und Boskovic gespielt. Bleibt von den YU-Nachfolgestaaten noch Kosovo/Kosova. Valon Berisha ist in Schweden in einer kosovo-albanische Familie geboren, spielte in und für Norwegen, bevor er für Kosova spielen durfte. Ujkani hat für Albanien gespielt, bevor er Kosova-Nationalspieler wurde. Einige Kosovo-Stämmige spielen für andere Länder, Januzaj zB für Belgien.

Polen: Der ehemalige Tormann Jan Tomaszewski (WM 74 3. mit dem polnischen Team), der in die Politik gegangen ist (2011 für die von Kaczyński geführte Recht und Gerechtigkeit/ PiS ins Parlament gewählt), kritisierte vor der Heim-EM 16 die Einbürgerung von Spielern mit polnischen Wurzeln aus Deutschland und Frankreich, die dort auch in Nachwuchs-Nationalteams gespielt haben und kaum Polnisch könnten. Dies betraf den erwähnten Boenisch13, sowie Polanski, Obraniak und Perquis. „Das ist keine typische polnische Mannschaft mehr, sondern der Mülleimer Europas“. Beinahe 15 Jahre zuvor war der gebürtige Nigerianer Olisadebe eingebürgert worden, spielte bei der WM 02.

Josef Bican wurde in den letzten Jahren von Österreich-Ungarn in eine tschechische Familie in Wien geboren, war Fussballer u.a. bei Rapid, und in jenem österreichischen Team das bei der WM 34 Vierter wurde (das erste Wunderteam); ging als Legionär zu Slavia Prag, wurde tschechoslowakischer Staatsbürger, spielte für dessen Nationalteam, sowie für jenes der nazideutschen Protektorats „Böhmen und Mähren“, erlebte auch noch die CSSR. Franz „Bimbo“ Binder wurde mit Rapid nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich deutscher Meister, war einer jener Österreicher, die 38-42 im deutschen Team spielten (wie auch Karl Decker,..). Rudolf Hiden ging als Legionär nach Frankreich, machte dort 1 LS. Merkel ist halb „Ösi“, halb Deutscher, hat als Spieler meist in Österreich gelebt und gearbeitet, spielte vor dem Krieg für Deutschland, danach für Österreich; seine Kommentare über den österreichischen Fussball sind berüchtigt bzw legendär.

Helmut Köglbergers Vater war ein schwarzer USA-Soldat, der in Oberösterreich stationiert war, er ist am Land aufgewachsen. „Es war ja nicht so, dass nach dem Krieg die vielen Nazis sofort ihre Einstellung geändert hätten“, sagte er dazu. Manfred Braschler’s Eltern waren aus der Schweiz nach Tirol ausgewandert, er spielte in der Wiederaufstiegssaison 1981/82 für von Wacker Innsbruck. Als der damalige ÖFB-Teamchef Stotz an ihm Interesse zeigte, entbrannte ein Streit um seine Staatsbürgerschaft, Braschler entschied sich schliesslich für die Schweiz. Vastic ist bei Kroatien einmal auf der Bank gesessen, ehe er Österreicher wurde. Nach (der WM) 98 kamen mehr Eingebürgerte und Einwanderer-Kinder ins Nationalteam (Kocijan, Akagündüz, Sebastian Martinez, der zurückgeholte Auslands-Österreicher Lexa,…), richtig Viele nach (der EM) 08. Bei der EM 16 machten Alaba, Dragovic & Co schon einen grossen Teil der Mannschaft aus.

Für die Tschechoslowakei und dann für das „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ spielten zB Puc, Burgr, und Bican, für die Tschechoslowakei und die Slowakei spielten Stastny oder Daucik, Reimann spielte für die Slowakei und dann die CSSR. Für die CSSR, die CSFR und Tschechien spielte zB Skuhravy, die CSSR und CSFR zB Stejskal, die CSFR & Tschechien zB Kuka, nur für Tschechien zB Nedved. Für die Tschechoslowakei und die Slowakei spielten Moravcik (CSSR und CSFR), Dubovsky, Tittel, Kinder, Weiss, Molnar, Glonek, Timko, Vencel, Pecko, Hyravy, Kristofik, Luhovy, Hipp.

Rumänien: in den 1940ern gab es durch die erzwungene Abtretung von Teilen Transylvaniens an Ungarn einige ungarische Rumänen die auch für Ungarn spielten, ua Bodola und Francisc Spielmann. Später waren die diversen nationalen Minderheiten im rumänischen Nationalteam vertreten: Bölöni (Ungarn), Klein (Deutsche), Belodedici (Serben), Halagian (Armenier), Hagi (soll Aromune sein),… Im Nationalteam von Albanien gab es in den letzten Jahren einige anderswo geborene/aufgewachsene Albaner (sowohl aus Gross-Albanien als auch Diaspora), wie Lenjani (aus Kosova), Mavraj (aus Deutschland), Aliji (aus Makedonien).

Innerhalb Südamerikas gab und gibt es weit weniger Nationswechsel als zwischen Südamerika und Europa. Ein Beispiel ist Alberto Spencer, der Jamaica-stämmige Ecuadorianer. Er wurde in den 1960ern Legionär bei Penarol Montevideo, wurde dort eingebürgert und spielte auch für das Nationalteam von Uruguay. Eulogio Martinez und Raul Amarilla wechselten beide zwischen Paraguay und Spanien hin und her, also auch zwischen Europa und Südamerika.

Bezüglich Afrika verhält es sich ähnlich. Es gibt mehr Wechsel mit Europa als innerhalb. Bruce Grobbelaar dürfte von der Wurzel afrikaanser weisser Südafrikaner sein (evtl mit einer Beimischung von i-wo, wie viele Afrikaaner), ist in Rhodesien aufgewachsen, machte dort auch Militärdienst, und 1 Länderspiel, 1979 ging er als Legionär nach Canada, ’81 zum FC Liverpool in GB, spielte in dieser Zeit international für Zimbabwe, wie das Land seit dem Ende der weissen Mnderheits-Herrschaft heisst. Er dürfte auch britischer Staatsbürger geworden sein. Viera Ellong wechselte von Kamerun zu Äquatorial-Guinea. Shabani Nonda, der bei Monaco, Roma und Galatasaray spielte, wurde in Burundi geboren, spielte aber für die DR Congo.

Michel (Mazingu-Sinda-)Dinzey ist teilweise Deutscher, teilweise Kongolese, lebte immer in Deutschland, spielte international aber für Kongo bzw Zaire, wie das Land unter Mobutu hiess. Ähnlich war es bei dem Deutsch-Kameruner Joel Matip. Pierre-Emerick Aubameyang wurde in Laval in Frankreich geboren, als sein Vater, gabunesischer Fussballprofi, dort spielte; seine Mutter ist Spanierin. Er hat mehrere Staatsbürgerschaften, spielt für Gabun. Peter Odemwingie wurde in der Usbekischen SSR geboren, als Sohn eines Nigerianers und einer Russin. Er „pendelte“ jahrelang zwischen Russland und Nigeria, auch als er schon Fussballer war. Spielte schliesslich international für Nigeria (u.a. WM 10 und 14) und auf Klubebene meist in England. Raschid Azzouzi ist ein in Deutschland geborener Marokkaner, spielte für Marokko. Der Malier Frederic Kanoute ist in Frankreich geboren. Hans Vonk, Niederländer, entschied sich fussballerisch auch für das Land der Vorfahren in Afrika, Südafrika.

Joseph Gaetjens aus Haiti („Mulatte“, mit etwas europäischer Herkunft auch), spielte dort, in USA und Frankreich, für die Nationalteams von Haiti und USA (WM 50); Stefan Szefer lief aus dem kommunistischen Polen in den 1960ern über, spielte dann auch für das Nationalteam der USA; Del Llano spielte für USA und Bolivien, Armas für Puerto Rico (das fussballerisch unabhängig ist) und USA. David Regis ist einer jener ehemaligen USA-Nationalspieler, die von anderswo stammen, er ist aus dem französischen Martinique. „Tab“ Ramos und Clavijo sind aus Uruguay, Fredua Adu aus Ghana, Wegerle aus Südafrika, Dooley ist in Deutschland geboren. Claudio Reyna ist in der USA geboren, die Eltern sind aus Argentinien und Portugal. Marcelo Balboa ist auch argentinischer Herkunft, Onyewu nigerianischer, Altidore haitianischer, Bocanegra mexikanischer,… Osvaldo Alonso hat aus Cuba in die USA rübergemacht, konnte aber nicht das Nationalteam wechseln.

Asien: Erdal Keser ist in Deutschland aufgewachsen, hat für die Türkei gespielt, wie die Altintops. Mustafa Izzets Vater ist ein türkischer Zypriote, der nach GB ging, eine Dortige heiratete, Izzet spielte für die Türkei, lernte während der EM 2000 Türkisch. Bei Colin Kazim-Richards ist es ähnlich, nur dass seine Mutter eine aus der Karibik (Antigua & Barbuda) stammende Britin ist. Lefter Kücükandonyadis war ein Istanbul-Grieche, der das „Kücük“ (klein) irgendwann an seinen griechischen Namen bekam. Somit kein Nationswechsler bzw Immigrant sondern Angehöriger einer Minderheit. Er spielte bei der WM 54 für die Türkei.

In Japan begann 1993 die J-League, es kamen Legionäre aus allen Teilen der Welt, manche, um dort ihre Karriere „auszulaufen“ und nebenbei etwas „Entwicklungshilfe“ zu leisten, wie Gary Lineker, andere liessen sich dort einbürgern, wie die Brasilianer Wagner Lopes, Alessandro Santos und Ruy Ramos. Im Iran gab/gibt es mit Dejagah, Zandi, Davari drei in Deutschland aufgewachsene Nationalspieler (mit teilweise deutschen Wurzeln). Andranik Teymourian ist dagegen Angehöriger einer Minderheit.

Fereydoun Zandi 2006 beim Training des iranischen Nationalteams („Team Melli“) vor der WM. Umgeben von den Deutschland-Legionären Mahdavikia, Hashemian (der sich anscheinend bemüht, Zandis Persisch zu verstehen), Daei

Jong Tae-se wurde in Japan in eine koreanische Familie geboren. Er identifiziert sich mit Nord-Korea, sagt dass die Familie von dort stammt. Wurde nordkoreanischer Staatsbürger und spielte für dessen Nationalteam, u.a. bei der WM 10; auf Klubebene in Japan, Deutschland, Südkorea. Bei der WM schluchzte er bei der nordkoreanischen Nationalhymne vor dem Match gegen Brasilien. Bhaichung Bhutia, einer der besten Fussballer, den Indien hervor brachte, stammt aus Sikkim, ist 1976 dort geboren, ein Jahr nachdem dieses Teil Indiens wurde.

Viele Israelis sind anderswo geboren (und aufgewachsen) oder im damals britisch beherrschten Palästina, bevor dort Israel entstand – darunter auch fast alle Staats- und Ministerpräsidenten. Solche waren klarerweise auch im Fussball vertreten, etwa Mordechai Spiegler, der aus der Sowjetunion stammt. Von späteren jüdischen Einwanderern (solchen die nach der Staatsgründung ins Land kamen) ist etwa Daniel Brailovsky zu nennen, der in Uruguay auch schon Fussballer war. Die um die Gründung Israels 1948 nicht vertriebenen Palästinenser, die „israelischen Araber“, sind in diesem Nationalteam auch vertreten; ein wichtiger solcher Spieler war Rafit Turk. Giangos Simantiris war anscheinend ein Grieche, der als Legionär in Haifa spielte und in dieser Zeit auch einmal für das israelische Team. Danach auch für Griechenland. Bei Colautti war es ähnlich, nur dass sich dieser einbürgern liess, nachdem er eine Israelin heiratete, und für kein anderes Nationalteam spielte.

Der Fussball in Australien war lange von späteren, nicht-britisch/irischen Einwanderern dominiert, anderen Einwanderer-Gruppen aus Europa, aus dem damaligen Jugoslawien, Griechenland, Italien, Polen, Deutschland,… Diese Gemeinschaften hatten/haben auch eigene Klubs. Die meisten dieser Fussballer mit Migrationshintergrund sind in Australien geboren und haben nur für dessen Nationalteam gespielt. Joseph Didulica ist da eine Ausnahme, er hat für die australische U23 gespielt, entschied sich dann aber für das Land der Eltern, Kroatien.

Auf rsssf.com eine Seite über Klubs, die in verschiedenen Ligen/Ländern gespielt haben. Im Eishockey hat das Wechseln von Klubs in andere Ligen eine lange Tradition. In diesem Sport sind es sehr oft Kanadier, die für andere Länder spielen. Das Mutterland des Eishockey hat gute Spieler im Überfluss, kann sie exportieren. Und was dort 3. Wahl ist, ist anderswo ein Leistungsträger. Kanadier (oder seltener, US-Amerikaner) haben teilweise Wurzeln in den Ländern, in die sie gehen, teilweise nicht. Kanadier, auch EH-Spieler, haben Wurzeln von fast überall in der Welt, v.a. aus allen Teilen Europas, und teilweise spielten sie auch für genau diese Herkunfstländer. Aber es gehen in der Regel nur Jene, die nicht gut genug für die NHL bzw das Nationalteam sind (ist meistens eins bzw kongruent).

Die Hürde für einen Nationswechsel von Seiten der IIHF war lange jene, dass niemand 2 Nationen bei einem IIHF-Turnier repräsentieren durfte. 1987 wurde sie noch nivelliert. Anlass war die WM in Österreich (Wien, Stadthalle), und der Einsatz des polnischstämmigen Miroslav Sikora für (West-) Deutschland. Finnland protestierte gegen seinen Einsatz, da Sikora im polnischen Team bei einer U20-WM gespielt hatte. Nachdem sich die IIHF auf die Seite Finnlands gestellt hatte, trug der deutsche Verband (DEB) die Sache zu einem Wiener Gericht. Dieses gab den Deutschen Recht, was seine Spielerlaubnis bedeutete, und die IIHF änderte ihre Regeln.

Zur kanadischen Eishockey-Diaspora: Reinhard Divis gilt als der erste Österreicher, der in der NHL gespielt hat (2001), es gibt aber einige Austro-Kanadier, die das vor ihm getan haben. Diese waren damals noch keine Austro-Kanadier, sie haben aber in ihrer Karriere für kein anderes Nationalteam als das österreichische gespielt, sind Eishockey-Österreicher (und vermutlich Doppel-Staatsbürger). Austro-Kanadier (bzw allgemein Kanadier oder US-Amerikaner die nach Europa gehen und für europäische Nationalteams spielen) zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass sie für die NHL nicht gut genug waren; dennoch gibt es einige, die dort zumindest hinein geschnuppert haben. Zum Beispiel Nienhuis, Lavoie, Viveiros, Strong. Andere, wie St. John oder Stankiewicz, haben in Nordamerika nur in Minor Leagues gespielt.

Die Eishockey-Deutsch-Kanadier sind meistens solche mit deutschen Wurzeln, wie Kreis, Kölzig (der aber in Südafrika geboren ist) oder Krüger. Das niederländische EH-Team hatte ein Allzeit-Hoch mit eingebürgerten Kanadiern und Amerikanern, wie Larry van Wieren und David Livingston. 1978 gewann man die C-WM, im Jahr darauf die B-WM, 1980 nahm das NL-Team an Olympia teil, ’81 an der A-WM (erstmals seit den 1950ern). Ab 82 (wieder B) ging es dann wieder abwärts. Als Grossbritannien 1936 Olympiasieger wurde, hatte das Team einige Spieler mit Canada-Verbindung (wie James Chapell), Carl Erhardt dagegen hatte EH in Schweiz und Deutschland gelernt. Auch später waren Teil-Kanadier, wie Timothy Cranston, im britischen Team sehr präsent. Der gestandene NHL-Spieler Kenneth Hodge ist in GB geboren, hat aber nie international (für ein Nationalteam) gespielt.

Die guten Italo-Kanadier (Kanadier mit italienischen Wurzeln) spielen in der NHL und im kanadischen Nationalteam. So wie Roberto Luongo und die Esposito-Brüder. Die weniger Guten kamen als Legionäre zu Klubs in der italienischen Liga, viele wurden eingebürgert, spiel(t)en im italienischen Nationalteam. So wie Camazzola, Chitaroni, Iob, Mansi, Muzzatti, Orlando, Rosati, Scandella, Zarrillo,… „Jim“ Corsi und „Bob“ Manno ragen hier heraus, hätten wohl auch für Canada spielen können. Ausserdem gab es einige US-Amerikaner, die diesen Weg gingen, wie Delfino, Nardella,… Martin Pavlu stammt aus Tschechien, hat weitgehend in Italien EH spielen gelernt.

Domenichelli und Di Pietro sind Italo-Kanadier, die in der und für die Schweiz spiel(t)en. Raphael Diaz hat spanische Wurzeln, Vrabec tschechische, Bezina ist aus Kroatien. Im Team Kasachstans gibt es auch einige gebürtige Kanadier, die zunächst als Spieler zum KHL-KLub Barys Astana kamen, dann eingebürgert wurden. Z. B. Kevin Dallman, Neffe von Marty Dallman, der für Österreich spielte. Platt und Lalande sind gebürtige Kanadier, die für das Team von Weissrussland spiel(t)en; Imoo und Keller für Japan; Galbraith Vater & Sohn für Dänemark; Henderson oder Peloffy für Frankreich; Radunske oder Dalton für Südkorea; Prpic oder Rendulic für Kroatien; Reddick für Slowenien; Sarauer für Ungarn.

Manche Kanadier sind auch ganz oder zeitweise Amerikaner geworden. Der Sohn von Robert „Bobby“ Hull, Brett, etwa, oder „Gordie“ Howe’s Sohn Mark, oder „Chico“ Resch. Kanadische Eishockeysieler, die wiederum anderswo geboren wurden, sind zB Petr Nedved, der aus der CSSR rübermachte, für Canada spielte, dann für Tschechien. Wolski und Popiel stammen aus Dänemark bzw Polen, haben aber für kein Nationalteam gespielt. Robyn Regehr wurde in Brasilien geboren (und ist in Indonesien aufgewachsen), ist aber waschechter Kanadier, seine Eltern waren als Mennoniten-Missionare dort unterwegs.

Mit der Auflösung der Sowjetunion 1991/92 mussten sich auch viele EH-Spieler entscheiden. Manche Russen spiel(t)en für andere Nachfolgestaaten der SU, genau so aber auch Spieler aus diesen Staaten für Russland. Der Anteil von Russen an der Bevölkerung ist in Kasachstan besonders hoch, zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit waren Russen sogar in der Mehrheit! Im Eishockey dominieren sie immer noch stark, das kasachische Team besteht zu etwa 90% aus russischen Kasachen. Der Tormann Nabokov ist ein (ehemaliger) russischer Kasache, der die Nationalität wechselte, er spielt für Russland. Oleg Znaroks wiederum scheint ein Russe zu sein, der zu SU-Zeiten in Lettland spielte, 92 ins westliche Ausland ging, für Lettland international spielte, das Team dann auch trainierte, dann auch das russische, wurde (auch) deutscher Staatsbürger als er dort spielte. Petrenko und Zhitnik sind Ukrainer, die in Post-SU-Zeit für Russland spielten.

Der Litauer Kasparaitis spielte für Sowjetunion und GUS (Olympiasieger 92) und danach für Russland, ab 93, als er auch seine erste NHL-Saison spielte – in diesem Jahr versuchte sich ein litauisches Auswahl-Team erstmals seit 1938 bei einer EH-WM, schaffte nicht die Qualifikation für die C-Gruppe. ’94 ebenso, 95 spielte es in der C2-Gruppe, 96 in der D,… Seit Anfang der 00er ist das litauische Team meist in der Divsion I, Gruppe B, also in der dritthöchsten Klasse der jährlichen WM. Das litauische Team war Kasparaitis anscheinend zu schlecht. Er ging den umgekehrten Weg als Girardelli, der von einer ausgesprochenen Ski-Nation zu einer mit null Ski-Tradition ging.

Danius Zubrus wiederum, der auch den Sprung in die NHL schaffte, spielt(e) für Litauen. Zunächst aber für Russland, beim World Cup 04. „Litauen braucht mich mehr als Russland“, befand er dann richtig. Er spielte bei der WM 05 sowie der WM 14, jeweils in der 3. Leistungsstufe. Seine WM-Teilnahmen sind die „tiefsten“ eines NHL-Spielers. Zubrus‘ Entsprechung im Fussball ist vielleicht George Weah, der Liberia treu blieb, der wohl schlechtesten Fussballnation, die einen Weltklassespieler hervorbrachte. Für Arturs Irbe war es überhaupt keine Frage, dass er für Lettland spielte, sobald er konnte.

Viktor Tichonov (nicht der legendäre Trainer, ein namensgleicher Spieler) ist als Russe zu SU-Zeiten in Lettland geboren, spielt für Russland. Andrej Makrov, ein russischer Este, ist Estland treu geblieben. Mogilny lief in der Endphase der SU in den Westen über, spielte aber danach für Russland. Gelashvili ist ein georgischer Russe, dessen Vorfahren auswanderten. Jewgeni Gussin ist in der Russischen SSR geboren, war EH-Tormann, wanderte als Jude nach Israel aus, spielte für dessen Auswahl, wurde Präsident des Eishockey-Verbands.

Boris Blank ist wie sein Cousin Sachar ein Kasachstan-Deutscher, der in Post-SU-Zeiten nach Deutschland ging, dort Nationalspieler wurde. Lewandowski, Stefan, Dietrich und Kotschnew sind auch (mehr oder weniger) SU-Deutsche, die nach Deutschland gingen. Gerhard Kiessling war DDR-Nationalspieler, ging mit seinem Sohn Udo in die BRD, arbeitete dort u.a. als Bundestrainer. Zu jenen DDR-Spielern, die nach der Vereinigung für die vergrösserte BRD spielten, zählt zB René Bielke. Mirko Lüdemann gehört schon der Generation aus der Ex-DDR an, die in diesem wiedervereinigten Deutschland eishockey-mäßig „sozialisiert“ wurden. Martin Reichel und Kühnhackl sind Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei bzw Tschechien. Matthias Plachta und der erwähnte Sikora stammen aus Polen; ersterer ist Sohn eines bekannten Spielers von dort. Evan Kaufmann ist jüdischer Amerikaner mit teilweise deutschen Wurzeln, wurde Doppelstaatsbürger und spielte für Deutschland. Akdag ist türkischer Herkunft.

Mike Buckna war ein Kanadier slowakischer Herkunft, ging in der Zwischenkriegszeit ins Land der Eltern, die Tschechoslowakei, spielte für dessen EH-Team bei WM, ging dann wieder nach Canada. Die Ihnacak-Brüder haben aus der Slowakei rübergemacht, in die NHL, Peter’s Sohn Brian ist in Canada aufgewachsen, wurde Europa-Legionär ind in Italien eingebürgert. Der slowakische EH-Spieler Radivojevic hat einen serbischen Vater. Der Franzose Almasy stammt aus der (Tschecho)slowakei, aus einer ungarischen Familie von dort. Jaroslav Drobny pendelte in den 1940ern und 1950ern zwischen EH und Tennis, von der Tschechoslowakei bzw Böhmen-Mähren zu Ägypten und Grossbritannien. Thomas Vaneks Vater Zdenek ist Tscheche der rüber machte, nach Österreich, seine Mutter Slowakin. Leo Gudas ist einer Jener, die für die CSSR (bis 1989), dann für die CSFR, und ab 1993 für Tschechien spielten.

Der Schwede Ulf Samuelsson wurde in seiner NHL-Zeit in der USA eingebürgert, Thomas Steen in Canada, ging dort sogar in die Politik. Manche ungarische Rumänen spiel(t)en lieber für das ungarische EH-Nationalteam als für das rumänische, etwa Arpad Mihaly, etwas dass es auch in anderen Sportarten gibt. Komarov ging von Estland nach Finnland. Der Belgier Mike Pellegrims wurde auch deutscher Staatsbürger. Mustafa Besic stammt aus Bosnien-Herzegowina, spielte zu YU-Zeiten in Slowenien (wie fast das ganze YU-Nationalteam), dann auch in Italien.

Weitere afrikanische Leichtathleten, die die Nation wechselten, sind zB Wilson Kipketer (Kenya > Dänemark; er hat soviel verdient dass er heute in Monaco lebt), Lonah Chemtai (Kenya > Israel), Mohammed Farah (Somalia > GB). Zola Budd war eine der südafrikanischen Sportler, die zu Apartheid-Zeiten wegen Sanktionen auswichen; andere gingen nach Ende der Apartheid, Karin Melis-Mey etwa in die Türkei.

Merlene Ottey aus Jamaica, eine der besten Kurzstrecken-Läuferinnen, startete nach einem Doping-Fall für Slowenien. Ein Länder-Hopping machte der Läufer Mark McCoy: Guyana, GB, Canada, Österreich. Mark Handelsman ging zu Apartheid-Zeiten aus Südafrika zu Israel. Tamaz Mezei/Tommy Kafri tat dies aus Ungarn, kehrte wieder zurück. Eduard Hämäläinen trat für das durch die Auflösung der SU unabhängig gewordene Weissrussland an, ging dann nach Finnland zurück, von wo seine Urgrosseltern im 1. WK in die SU deportiert worden waren.

Andere Athleten aus der SU traten einfach für deren entsprechende Nachfolgestaaten an, wie Bubka für die Ukraine. Die Kubanerin Fiona May wechselte nach Italien. Nora Ivanova/Güner/Edletzberger wechselte von Bulgarien in die Türkei und nach Österreich. Tatyana Polnova aus Russland in die Türkei, wurde zu Tuna Köstem.

Im alpinen Skisport sind Österreicher am ehesten das, was Brasilianer im Fussball sind, Kanadier im Eishockey, Afrikaner in der Leichtathletik. Wobei der Grund für den Nationswechsel meistens der war, dass sich der/die Betroffene im eigenen Verband übergangen bzw schlecht behandelt fühlte. Das war bei Katharina Gutensohn so14, bei Josef Strobl und Bernhard Knauss (zu Slowenien), Markus Eberle (auch Deutschland), Elfriede Eder (Grenada), Kilian Albrecht (Bulgarien), Claudia Riegler (Neuseeland, von wo ihre Mutter stammt). Umgekehrt, Einwanderer(-Kinder) sind im ÖSV rar; schon der Niederösterreicher Thomas Sykora war eine Art Exot.

Die Deutsche Christa Kinshofer startete zeitweise für die NL, die Tlalka-Zwillingsschwestern gingen aus Polen nach Frankreich, der Schweizer Urs Imboden zu Moldawien, die ungarische Rumänin Miklos fährt für Ungarn. Huberts zu Hohenlohe hat eigentlich nicht die Staatsbürgerschaft gewechselt, seit er für Mexico fährt; seine andere ist die Liechtensteins. Der Schwede Johan Wallner ist zwar österreichischer Herkunft, aber in Schweden geboren, als Nachkomme von Einwanderern.

Ski Nordisch: Der Skispringer Andreas Goldberger wollte nach seiner Kokain-Affäre 1997 für die BR Jugoslawien antreten. Der russische Langläufer Michail Botwinow trat für Österreich an. Vladimir Smirnov (ebenfalls LL) für die SU, die GUS und Kasachstan. Die Gebrüder Jan und Thomas Schmid, in Norwegen in eine Schweizer Familie geboren, treten, als Nordische Kombinierer, für Norwegen (Jan) bzw die Schweiz („Tommy“) an. TV-Entertainer Stefan Raab hatte geplant, bei Olympia 2002 im Langlauf an den Start zu gehen, als Mitglied des moldawischen Olympiateams. Doch die moldawischen Staatsorgane stimmten einer Schnell-Einbürgerung für ein „Jux-Unterfangen“ nicht zu. Und Raab trat im Boxen gegen Regina Halmich, im Eisschnelllauf gegen Claudia Pechstein, im Wok-Rodeln gegen Georg Hackl und für „Schlag den Raab“ gegen un-prominente Kandidaten (in verschieden, auch sportlichen, Disziplinen) an.

Der deutsche Biathlet Michael Rösch wechselte nach bzw zu Belgien, da er für Olympia 10 in Vancouver in der starken deutschen Mannschaft keinen Platz bekam. In Belgien ist keine Rede von einer Biathlon-Mannschaft (genau so wenig im damaligen Dritten Jugoslawien von einem Skisprungsport oder in Moldawien vom ernsthaft betriebenen Skilanglauf), somit hat er dort zwar keine Konkurrenz in dieser Sportart, aber aus diesem Grund musste er sich auch nach dem Nationswechsel 12 erst für Weltcup-Bewerbe qualifizieren, da Belgien dafür eben keine Plätze zugewiesen bekommt…

Die Tennis-Spieler Ivan Lendl und Martina Navratilova gingen Beide zu CSSR-Zeiten in die USA, wurden dort Staatsbürger. Martina Hingis‘ Vater ist mährischer Tscheche, die Mutter ungarische Slowakin, sie ist auch in der CSSR aufgewachsen, 1988 ging sie mit 8 Jahren mit der Familie in die Schweiz. Jakob Hlasek ging einen ähnlichen Weg. Richard Krajicek ist dagegen in der NL geborener Sohn von Emigranten aus der CSSR. Manuela Maleeva wechselte von Bulgarien zu Schweiz, nachdem sie einen Schweizer heiratete.

Greg Rusedski ist Kanadier englischer und deutsch-polnischer Herkunft, der Brite wurde. Sabine Lisickis Vater ist ein zT deutscher Pole, die Mutter eine „echte“ Polin, die Eltern sind nach Deutschland ausgesiedelt. A. Kerbers Eltern sind aus der Posen-Region in die BRD eingewandert, sie unterhält viele Verbindungen zu Polen. Caroline Wozniackis Eltern sind aus Polen in Dänemark eingewandert. Die Zverev-Familie wanderte aus Russland nach Deutschland aus, Mischa ist noch in der alten Heimat geboren, „Sascha“ schon in der neuen. Johan Kriek und Kevin Curren wechselten zu Apartheid-Zeiten aus Südafrika in die USA. Liezel Huber ging aus dem Post-Apartheid-Südafrika dorthin. Anna Smashnova trat im Nachwuchs-Bereich noch für die SU an, wanderte dann nach Israel aus; zeitweise trug sie den Namen des italienischen Trainers, den sie heiratete, Pistolesi.

Die US-amerikanische Basketball-Spielerin „Becky“ Hammon spielte einige jahre in Russland, u.a. bei ZSKA Moskau. Nachdem sie für Olympia 2008 nicht für das amerikanische Team nominiert wurde, entschied sie sich, für Russland zu spielen. Die russische Staatsbürgerschaft soll sie bei der Vertragsverlängerung bei ZSKA bekommen haben. Im Basketball sind es häufig Amerikaner, die anderswo hin gehen. Der Franzose „Tony“ Parker ist in Belgien geboren, sein Vater war aber ein afroamerikanischer Basketballspieler. Ein Einwanderer in die USA ist dagegen der Nigerianer Hakim Olajuwon. Puerto Rico ist auch im Basketball unabhängig (hat ein eigenes Nationalteam), daher spielte zB Carlos Arroyo dort. Auch den Nations-/Nationalteamwechsel durch die Auflösung der multiethnischen, kommunistischen Staaten gibt es in dieser Sportart. Sabonis oder Kukoc etwa haben sowohl für SU bzw YU gespielt, als auch deren Nachfolgestaaten Litauen bzw Kroatien.

Handball: Talant Duschebajew ist ein Kirgise, der in der SU aufwuchs, für diese sowie GUS und Russland spielte. 1992 ging er als Legionär nach Spanien, wo er eingebürgert wurde. Die beiden Söhne des jetzigen Trainers sind auch Handballer und Spanier geworden. Nikola Karabatic wurde in Nis (damals SFR YU) geboren, Bruder Luka in Strasburg. Beide spielen für Frankreich. Bogdan Wenta, aus Polen, wurde in seiner Legionärs-Zeit in Deutschland eingebürgert und spielte auch für dessen Nationalteam. Eines seiner ersten Länderspiele für Deutschland wäre gegen Polen gewesen, dieses liess er aus. Auch bei Milena Foltynova, die Anfang der 1980er eine der ersten osteuropäischen Spielerinnen war, die zu Hypo Südstadt kam und im Zuge dessen in Österreich eingebürgert wurden, war die Begegnung mit ihrem Herkunftsland (Tschechoslowakei) in Form eines Länderspiels höchst emotionell. Rund um diesen Tag hat sie noch mehr geraucht als sonst. Nach ihr wurden Jez, Kolar, Topei, Fridrikas,… zum Prokop-Klub und ins österreichische Team gelotst.

Der Eiskunstläufer Samuel Gezalian repräsentierte die SU, Weissrussland, Deutschland, Armenien. Tanja Szewczenkos Eltern stammen aus der SU. Die Duchesnay-Geschwister Isabelle und Paul sind aus Canada nach Frankreich gegangen. Ilhan Mansiz wurde als Türke tatarischer Herkunft im bayerischen Schwaben geboren, wurde Fussballer, spielte u.a. bei Besiktas Istanbul und im türkischen Team (WM 02!), 06 das Karriere-Ende. 07 Auftritt in der türkischen Version eines internationalen TV-Show-Formats, in dem professionelle Eistänzer mit Prominenten tanzen und um den Verbleib bzw Sieg kämpfen, mit seiner slowakischen Partnerin Olga Beständigova (slawisierte Version eines deutschen Namens) gewann er nicht nur. Er kam mit ihr auch privat zusammen und begann mit 33 eine Karriere als Eistänzer im Paarlauf. Die Beiden trainierten in Deutschland, sie änderte aber anscheined nicht ihre Nationalität, Ziel war Olympia 14, für das sie sich aber nicht qualifizierten.

Motorsport: Mario Andretti wurde im damals italienischen Istrien geboren, das 1945 zunächst von jugoslawischen Partisanen besetzt wurde, 1947 offiziell Jugoslawien zugesprochen. Dort ist er mit seinem Bruder mit Seifenkisten-Wagen durch die hügeligen Gassen seiner Heimatstadt Montona/Motovun gefahren, heist es. Die Familie ging 1948 nach Italien, wie viele andere Italiener von dort in diesen Jahren, 1955 weiter in die USA. Jochen Rindt kam aus einer deutsch-österreichischen Familie, war deutscher Staatsbürger und trat mit österreichischer Lizenz an.

Rugby: Aus Südafrika gingen zu Apartheid- und Post-Apartheid-Zeiten einige Spieler in diverse andere Länder, Philippe de Villiers nach Frankreich, Christiaan Roets nach Wales, Dries Mehrtens nach Neuseeland,… Im australischen Team gab und gibt es einige Eingebürgerte aus anderen Teilen Ozeaniens, etwa den Samoa-Stämmigen Darrell Ioane. Italien hat auch hier Italienisch-Stämmige eingebürgert (aus Argentinien, Australien,…) und andere (wie Geldenhuys aus RZA). John Plumtree ging von NZL nach Südafrika, wegen seiner Frau. John Lomu war Angehöriger der autochthonen Minderheit Neuseelands.

Kricket: Abdul-Hafiz Kardar spielte für das (geeinte) Indien, als es noch britische Kolonie war, und nach der Unabhängigkeit und Teilung für Pakistan. Bei einigen Anderen, wie Amir Elahi, war es ähnlich. Kepler Wessels „wich“ zu Apartheid-Zeiten aus Südafrika nach Australien „aus“, kehrte wieder zurück. Kevin Pietersen von von Südafrika nach Grossbritannien/England, A. C. Botha nach Irland. Clive Lloyd ist ein ehemaliger Spieler des West Indies-Teams, das aus Spielern der anglophonen Karibik-Länder gebildet wird. Lloyd ist aus Guyana.

Im Fechten wechselte Nathalie Moellhausen von Deutschland nach Brasilien. Anja Fichtel war in erster Ehe mit dem österreichischen Fechter Merten Mauritz verheiratet und trat während dieser Ehe als Anja Fichtel-Mauritz an, lebte in Österreich; scheute auch nicht die Konfrontation mit ihrem langjährigen Förderer Emil Beck (Tauberbischofheim). Damals erwog sie sogar kurzzeitig, für Österreich zu fechten.

Hugo Simon wurde im damals deutsch annektierten „Sudetenland“ geboren, wuchs in der BRD auf, wurde Österreicher. Der deutsche Springreiter Ulrich Kirchhoff startete ür die Ukraine, seit er mit einem ukrainischen Millionär zusammen kam. Christian Ahlmann wollte die Nation wechseln als er wegen Dopings (seines Pferds) gesperrt war.

Der Gewichtheber Matthias Steiner wechselte bekanntlich von Österreich nach Deutschland. Bei Hossein Rezazadeh, Aseri-Iraner, Gewichtheber, stand mal ein Wechsel zur Türkei im Raum (oder in manchen Medien), er wurde aber Stadtrat in Teheran.

Im Boxen gibt es zB einige Deutsche mit Wurzeln anderswo, wie Michalczewski  (Polen), Krasniqi (Albanien), Abrahamian (Armenien), Riocchigiani (Italien). Die Klitschko-Brüder, in der SU aufgewachsen, leben dagegen nur zeitweise in Deutschland.

Eisschnelllauf: Emese Hunyady wechselte von Ungarn zu Österreich. Anna Friesinger hat zwar eine polnische Mutter und hat einen Holländer geheiratet, blieb aber Deutschland treu

Volleyball: Vjacheslav Zaytsev kam als Legionär aus der SU nach Italien, in dieser Zeit wurde sein Sohn Ivan geboren, der für Italien spielt.

Im Tischtennis sind Chinesen oft „Wanderspieler“, wie Ding Yi, der nach Österreich ging. Dimitrij Ovtcharev ging aus der Ukraine nach Deutschland

Christopher Froome fuhr früher in und für Kenia Rad, nun in GB

Die Golferin Miriam Nagl aus Berlin schlägt unter der Flagge Brasiliens ab, wo sie aufgewachsen ist

Die in Jugoslawien aufgewachsene Kroatin Mirna Jukic wurde in Österreich eine Weltklasse-Schwimmerin

Violetta Oblinger-Peters, deutsche Kanu-Fahrerin fuhr für Österreich, aufgrund ihrer privaten Liaison

Wendy Botha (Surfen) ging während der Apartheid von Südafrika nach Australien

Der Ringer Nazarian wechselte von Armenien zu Bulgarien

Die Turnerin Magdalena Brzeska zog von Polen nach Deutschland

Die Schach-Spielerin Zsuzsanna/Susan Polgár Schach wechselte von Ungarn in die USA, Schwester Zsofia zu Canada, dann Israel, Judit blieb in Ungarn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Etwas, das auch Matthias Rust gemacht haben soll
  2. 07 schossen in einem Länderspiel zwischen Österreich und Tschechien Martin Harnik (der nebenbei halber Deutscher ist) das Tor für Österreich und Jan Koller das für Tschechien; ohne das es einen Nationswechsel gegeben hätte oder das Eigentore gewesen wäre
  3. Das „tatsächlich“ war manchmal auch gar kein Nationalteam
  4. Leute aus dem indischen Raum sind dort zwar die grösste Einwanderer-Gruppe, sind aber im Fussball fast nicht vertreten, ihr Sport ist das Kricket
  5. Manchmal waren diese irischen Wurzeln aber reichlich „dünn“; „Bernie“ Slaven zB, ebenfalls aus Schottland, hatte gerade eine irische Grossmutter
  6. Man kann sagen, Deutsche und Polen haben zusammen die beiden Industriegebiete des Deutschen Reichs aufgebaut, im Rheinland und Schlesien, in der Kaiserzeit
  7. Das erste Länderspiel des DFV bzw der DDR war 1952; soviel ich weiss gab es keinen, der schon für das Reich gespielt hatte und dann auch für die DDR
  8. Die Türkei hätte Özil gerne gehabt
  9. Ausserdem fallen mir Bonini (San Marino) und Rosso (Kroatien) ein. Beide sind aber keine Auswanderer(-Nachfahren). Rosso ist aus einem Gebiet (Dalmatien), das früher italienisch war, Bonini aus einem Staat, der im Zuge des Risorgimento nicht in Italien aufging. Giovanni Rosso wollte übrigens für Israel spielen, wo er als Legionär engagiert war
  10. Erinnert an Netanyahu und die geplante Mauer in Jerusalem: Einerseits der Wille zur Abgrenzung (hier zu den Palästinensern), andererseits ist natürlich gaaanz Jerusalem jüdisch und israelisch…
  11. Der argentinische Stürmer Gonzalo Higuain wurde dagegen in Frankreich geboren, als sein Vater dort bei Brest Legionär war
  12. So wie Alain Finkielkraut, der 05 zu „Haaretz“ sagte, das von „Black, Blanc, Beur“ nur „Black, Black, Black“ übrig geblieben sei. In dem Interview ging es eigentlich um die Banlieu-Unruhen. Es ist anzunehmen, dass MEMRI nicht übersetzt und verbreitet hat. Auch auf „Politically Incorrect“ empörte man sich über die Zusammensetzung des französischen Teams
  13. Dass der Abschnitt über Deutschland und jener über Polen schwer ordentlich voneinander zu trennen ist, sagt etwas aus
  14. Die, als sie zum DSV wechselte, auch mit einem Deutschen verheiratet war; später wechselte sie dann auch die Sportart, zum Skicross

Codein

Codein soll das meist-benutzte Opiat der Welt sein. Es wurde bald nach dem Morphin erstmals isoliert, in Frankreich, und in der Folge als Schmerzmittel oder Hustenmittel verwendet, als Rauschdroge missbraucht. Ob es sich bei dieser Verwendung wirklich um einen Missbrauch handelt, darum geht es hier auch. Ansonsten um chemische Grundlagen, Geschichte und Aktuelles zu dieser Substanz. Auch dem Codein ähnliche Opioide wie Oxycodon sind hier mit berücksichtigt.

Codein/Kodein ist ein Alkaloid des Opiums/Mohnsafts, wurde 1832 erstmals aus diesem isoliert. Die Mohn-Milch enthält etwa 40 opioide Alkaloide: Morphin, das zwischen 3 und 23 Prozent des Opiums ausmacht, Noscapin mit durchschnittlich 2 bis 10 Prozent, Codein mit 0,2 bis 3,5 Prozent, Papaverin mit 0,5 bis 3 Prozent Thebain mit 0,2 bis 1 Prozent, und weitere. Chemiker versuchten ab dem 19. Jahrhundert, die Wirkstoffe des Naturstoffextraktes Opium zu isolieren bzw synthetische Äquivalente dazu zu finden, um sie zur medizinischen Anwendung besser dosieren zu können. Die Herstellung der Mittel sollte jedenfalls ohne grösseren Aufwand möglich sein. Die Isolierung des Morphins durch Sertürner 1804 bedeutete u.a. für die Pflanzen-Chemie und die Pharmazie einen enormen Aufschwung.

Der französische Chemiker/Pharmazeut Jean-Pierre Robiquet (1780–1840) war einer jener Wissenschaftler, die dadurch angespornt wurden, sich der Erforschung und Isolierung anderer Alkaloide aus Arzneipflanzen zu widmen. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, gehörte zu der Generation, der die Französische Revolution ab 1789 die Möglichkeit auf Studium und Aufstieg brachte. Auch Friedrich Sertürners Wirken am Morphin war von diesen politischen Veränderungen im Grunde stark beeinflusst! Robiquet hat schon während seines Studiums aus dem Spargel (Asparagus) die Aminosäure (L-)Asparagin extrahiert – als er dabei war, einen raffinierteren Prozess der Morphin-Extraktion zu suchen. Nach dem Studium betrieb Robiquet eine Apotheke und forschte dort auch weiter. Dort entdeckte er Alizarin, das dann als roter Farbstoff genutzt wurde. Robiquet hat auch das Opium-Alkaloid Noscapin isoliert (das er zunächst „Narcotine“ nannte).

1832 gelang es Robiquet und seinem Gehilfen J. B. Berthemot, aus (Roh-) Opium mit Hilfe verschiedener Lösungsmittel ein Doppelsalz aus Morphin und Codein herauszulösen und aus diesem die reinen Codeinkristalle abzutrennen. „Wir wissen, dass Morphin, von welchem wir so lange glaubten, es sei das einzige aktive Prinzip des Opiums, nicht für alle seine Wirkungen verantwortlich ist … Codein scheint diese Lücke zu füllen“, kommentierte Robiquet seinen Forschungsschritt. Der Name „Codein“ für dieses Alkaloid des Opiums stammt auch von Robiquet, er taufte die von ihm isolierte Substanz nach dem griechischen Wort für die Mohn-Kapsel (Mohn-Kopf), Kodeia. Der chemische Namen für Codein/Kodein ist Methylmorphin. Die Summenformel ist C18H21NO3.

Codein ist ein Prodrug, es entfaltet seine Wirkung über die Wirkung des aktiven Metaboliten Morphin, der durch Demethylierung unter Beteiligung des Enzyms CYP2D6 in der Leber entsteht. Die Stoffwechselendprodukte werden über die Nieren ausgeschieden. So ist im Endeffekt die Wirkung des Codeins dem Morphin ähnlich, es ist auch das Monoethyläther des Morphins, hat aber auf den Organismus eine harmlosere Wirkung. Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausprägung (sogenannte „Ultra-schnell-Metabolisierer“) wandeln Codein schnell zu Morphin um, was zu einer Opioidvergiftung führen kann.

Nachdem mit Codein ein weiterer wichtiger Bestandteil des Opiums gefunden wurde, wurden seine Eigenschaften erprobt. Zunächst in Tierversuchen, dann an Menschen. Codein/Methylmorphin erwies sich als antitussiv (narkotisiert das Hustenzentrum), obstipierend, analgetisch, sedierend. Mit der Isolierung des Codeins war nun die Herstellung neuer, wirksamerer, sicherer Heilmittel-Zubereitungen möglich. Gegen Schmerzen, (trockenen) Husten, Durchfall, als Sedativum, Hypnotikum, Anästhetikum. Die Rezeptur Robiquets für den von ihm in Frankreich auf den Markt gebrachten „Sirop de Codeine“ war: 0,3 Gramm Codein auf 30,0 Gramm Sirup. Er und Mediziner warnten damals bereits vor der Anwendung des Codeins bei Kindern. Hauptsächlich wurde es gegen Husten und Schmerzen angewandt. Als Analgetikum wurden (und werden) höhere Dosen an Codein gegeben denn als Antitussivum.

Als Nebenwirkungen wurden die typischen Opiat-Nebenwirkungen fest gestellt. Verstopfung und andere Verdauungs-Probleme sowie Juckreiz etwa. Die obstipierende Wirkung von Codein und anderer Opiate ist aber manchmal erwünscht! Wichtigstes pharmazeutisches Antidiarrhoicum ist auch Loperamid („Immodium“) geworden, ein Morphin-Abkömmling. Und, weitere „Nebenwirkungen“ zur Schmerz-/Hustenstillung sind, ebenfalls opiat-typisch, Euphorie, Wachträume,… Der Opiat-Rausch eben. Nebenwirkung ist das nur für Jene, die Codein nicht gezielt dehalb benutzen. Jedenfalls liegt hier das Suchtpotential des Codeins. Egal, wie man die antidepressive und angstlösende Wirkung kennen lernt, wenn man den Wohlfühlnebel einmal kennt, will man ihn gerne wieder haben. Noscapin wird auch als Antitussivum verwendet, es gilt als besser verträglich als Codein; es soll auch dazu verwendet werden, die Wirkung anderer Opiate zu steigern.

Codein kann aus natürlichen Ausgangsstoffen (Rohopium, Mohnstroh) hergestellt werden, semi-synthetisch aus Morphin, oder voll-synthetisch. Die Substanz kann direkt dem Saft der Mohnpflanze entnommen werden. Dieser enthält ungefähr 1-3% Codein. Die kontinuierliche Doppelextraktion, die Chemiker der Schweizer Arzneimittel-Firma Roche um 1900 entwickelten, um Morphin und Codein verlustfrei aus Rohopium zu gewinnen, dürfte eine Methode hierzu (gewesen) sein. Doch dieser Vorgang ist wenig effizient: In der Pflanze wird Codein in Morphin/Morphium umgewandelt, deshalb kommt dieses dort in sehr grossen Mengen vor, Codein in sehr kleinen. Daher wird heutzutage das meiste Codein durch eine Teilsynthese aus Morphin gewonnen, durch einen Prozess namens O-Methylierung. Ein grosser Teil des zu pharmazeutischen Zwecken produzierten Morphiuns wird zu Codein weiterverarbeitet.

Dieser Prozess zur Überführung von Morphin in Codein wurde 1886 von Albert Knoll entwickelt. Er hat ihn, im Deutschen Reich, zum Patent angemeldet, dieses wurde 1887 erteilt. Dies war so etwas wie der Grundstein zur Chemischen Fabrik Knoll, der späteren Knoll AG, heute (bei) Abbott Laboratories. Durch das Verfahren wurden codein-haltige Medikamente breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich. Dieser Codein-Gewinnungs-Prozess aus Morphin scheint im späten 20. Jh durch Robert Corcoran und Junning Ma verbessert worden zu sein.

Der Anbau von Schlafmohn für Pharmaka wird von UNODC und INCB überwacht. Kontrollierte Anbauflächen gibt es in Grossbritannien, Australien, Spanien, Frankreich, Indien und Türkei. Weltweit beträgt die von den UN-Behörden kontrollierte Anbaufläche etwa 750 km2, was etwa der Fläche des Bodensees entspricht. Für die pharmazeutische Verwendung werden nach der Blüte die Kapseln des Schlafmohns maschinell geerntet, getrocknet und zu Pellets (Mohnstroh) verpresst. Aus den Pellets wird „Roh“morphin herausgelöst, und an die Pharmafirmen geliefert. Aus dem Morphin wird Codein gewonnen. Daneben wird auch der Orientalische Mohn bzw Persische Mohn zur Gewinnung von Codein heran gezogen.

Ob es sich beim Orientalischen Mohn/ Papaver orientale/ Türkenmohn und dem Persischen Mohn/ Papaver bracteatum/ Armenischen Mohn/ Arzneimohn um zwei verschiedene Arten handelt, ist umstritten. Es gibt zahlreiche Sorten und Kreuzungen. Beide wachsen jedenfalls im Gebiet Iran/Kaukasus/Kleinasien, haben grosse, rote Blüten. In klimatisch gemäßigten Gebieten wurden/werden sie zu Zierpflanzen gezüchtet. Diese Mohnart(en) enthält(en) weder Morphin noch Codein, die beiden in erster Linie für die berauschende Wirkung des Schlafmohns verantwortlichen Alkaloide, aber Thebain. Und, die Gewinnung von Codein und anderer Schmerzmittel daraus ist möglich. Dies ist aber ein aufwändiger chemischer Prozess; dieser Mohn ist nicht so leicht in konsumierbare Formen umzuwandeln.

USA-Präsident Richard Nixon begann um 1970 mit dem „Krieg gegen Drogen“, dabei war die Eliminierung des türkischen Mohnanbaus ein Schwerpunkt. Seine Berater empfahlen den Anbau von Papaver bracteatum in der USA, als Ausgleich dazu, für die im Lande für Pharmaka benötigten Opiate. Im Gegensatz zu Schlafmohn enthält der Orientalische Mohn eben kein Morphin, aus dem Heroin, herzustellen ist. Beim illegalen Anbau von Mohn (bzw illegale Ernte, Verarbeitung, Handel), heute vorwiegend in Afghanistan, Birma, Mexiko, wird das geerntete Rohopium meistens zu Heroin (für den Export in den Westen) verarbeitet; die Verarbeitung zu und der Konsum von Rauchopium geschieht quasi nebenbei und ist nah am Anbau.

Der „Krieg gegen Drogen“ verursachte aber solche Engpässe an Mohn, dass diese auch den Anbau des Orientalischen Mohns in der USA nicht ausgeglichen werden konnten. Nachdem die meisten Vorräte des US National Stockpile of Strategic & Critical Materials an Morphin und Entsprechendem aufgebraucht waren, wurden 1973 Forscher des United States‘ National Institutes of Health von der Regierung beauftragt, einen Weg zur synthetischen Herstellung von Codein und seiner Derivate zu finden. Und so er-fand man dort die Herstellung von Codein aus Kohle und Erdöl, ganz ohne Mohn.

Erst in den 1880ern begann die grossflächige Herstellung von codein-haltigen Medikamenten (und damit ihre Anwendung), u.a. von Merck in Deutschland. Codein gibt es in Form mehrerer chemischer Verbindungen, als Base (die stärkste Form), als Phosphat, als Phosphat-Hemihydrat,… Daraus ergeben sich die Applikationsformen, nämlich Tropfen, Saft (diese flüssigen Formen werden meist bei Husten eingesetzt), Tablette/Kapsel, Zäpfchen. Die orale Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 50%. Codein hat eine Plasmahalbwertszeit von circa 2 bis 4 Stunden, eine verlängerte Wirkdauer bieten Retardarzneimittel. Merck bildete 1906 zusammen mit Boehringer Mannheim, Knoll, Gehe und Riedel eine Interessengemeinschaft.

Die IG sollte ein Gegengewicht zu den Teerfarbenfabriken bilden, die sich bereits 1904 zu dem „Dreibund“ (Bayer, BASF und Agfa) beziehungsweise dem „Dreiverband“ (Hoechst, Cassella und Kalle) zusammengeschlossen hatten.1 Innerhalb der IG wurden die Geschäftsfelder aufgeteilt und – damals erlaubte – Preisabsprachen getätigt. Durch die Bündelung der Kapazitäten konnte die IG die Einkaufspreise für Rohstoffe reduzieren. Merck gab beispielsweise die Produktion von Codein zugunsten von Knoll auf, begann dafür aber mit der Produktion von Atropin oder Scopolamin, für die anderen Unternehmen der IG.

Die Konvention von Genf 1931 (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs bzw Narcotic Limitation Convention), 1933 in Kraft, eines der ersten internationalen Drogen-Abkommen, klassifizierte 2 Gruppen von Drogen, eine erste mit Morphium, Heroin, Kokain und anderen, eine zweite u.a. mit Codein. Erstere sollten strikter konrolliert/begrenzt werden, ihr medizinischer Gebrauch stark eingeschränkt werden. Im Deutschen Reich zB wurde der Inhalt des Abkommens 1934 ins Opiumgesetz eingearbeitet. Das Sucht- und Missbrauchspotential des Codeins war damals schon bekannt. In den meisten Ländern ist Codein heute legal, aber verschreibungspflichtig. Bis in die 1980er hinein waren (zB) Hustenmittel mit Codein in vielen Ländern rezeptfrei zu bekommen. Hochkonzentrierte Präparate fallen nun sogar unter Betäubungsmittelgesetze. Gleichwohl ist Codein auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel.

Dihydrocodein (DHC) ist eigentlich keine Form des Codeins, sondern ein eigenes Opioid. Wenn man so will, eine „Weiterentwicklung“ des (Mono-) Codeins, in Phosphat-Form, aus dem frühen 20. Jh in Deutschland, auf der Suche nach einer Medizin gegen Tuberkulose. Dihydrocodein (C18H23NO3) ist mit dem Codein nur verwandt, ist ein (halbsynthetisches) Derivat von ihm. Es ist auch ein Prodrug, wird erst durch den aktiven Metaboliten Dihydromorphin im Körper des Konsumenten zu Morphin umgewandelt – dies in stärkerem Ausmaß als Codein. Dihydrocodein gibt es, ähnlich wie Codein, in mehreren chemischen Verbindungen. Dihydrocodein-Base (> Saft) ist die stärkste Form, dann kommt das Tartrat (> Tabletten), dann Thiocyanat (> Tropfen). Es wird jedenfalls oral verabreicht. DHC hat etwas andere Wirkungen und Nebenwirkungen als Codein, hat aber die selben Einsatzgebiete wie dieses, soll wirksamer sein als dieses (bzgl Schmerzstillung, Hustenstillung, Euphorisierung). Als Schmerzmittel (Analgetikum) gibt es DHC auch als Kombi-Präparat, ausserdem als Hustenmittel (Antitussivum) und Durchfallmittel (Antidiarrhoikum).

Das Hustenmittel „Paracodin“, früher von Knoll hergestellt, als Tropfen und Tabletten erhältlich, ist in Mitteleuropa das bekannteste DHC-Präparat. Hustenmittel mit Codein sind zB „Codipront“ oder „Codipertussin“. Ein Kombinationspräparat mit Guaifenesin ist „Resyl“. Codein ist das wahrscheinlich wichtigste Antitussivum, sowie eines der weltweit am häufigsten verwendeten Schmerzmittel. Codein wie Dihydrocodein sind mittelstarke Schmerzmittel, eher niederpotente opioide Schmerzmittel, in Form von Zäpfchen und oralen Präparaten. Codein gibt es als Schmerzmittel in Tablettenform in Kombination mit Paracetamol/Acetaminophen (manche Sorten von „Tylenol“), Acetylsalicylsäure oder Diclofenac (zB „Voltaren Plus“); „Dolomo TN“, bzw die blaue Nacht-Tablette davon, hat Paracetamol und Acetylsalicylsäure.

Sowohl Codein als auch Dihydrocodein (DHC) sind nicht nur Medizin (bzw, werden nicht nur als solche genutzt), sondern auch Ersatzdroge und Droge. Zunächst zur Verwendung als Substitut. In Deutschland wurden Codein und DHC von Ende der 1970er bis 1999 offiziell von Ärzten als Substitutionsmittel für Opiatabhängige (v.a. von Heroin) verschrieben, etwa in Form von „Remedacen“-Kapseln, einem Hustenmittel mit DHC. Sowohl für jene Heroin-Süchtige, die ausschleichen woll(t)en, als auch für jene, die „überbrücken“ woll(t)en, hat(te) Codein (und DHC) Vorteile. Er muss(te) nicht in die Szene, um sich den Stoff zu beschaffen, es gab keine Beschaffungskriminalität, die Qualität des „Stoffs“ ist ausser Zweifel,…

Für Patienten und Ärzte war die Einleitung der Substitution einfach, im Gegensatz zu jener mit Methadon. Andererseits fixiert diese Substitution die Sucht, bzw schafft eine neue. Und, nicht alle Abhängige können selbstverantwortlich mit dem Ersatzstoff umgehen, ohne strikte Kontrolle. Sowohl zu Zeiten der legalen Codein-Substitution als auch danach gibt es Jene, die sich bei mehreren Ärzten mit dem Ersatzstoff versorgen und so ihre Dosis steigern oder den „Überschuss“ auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Codein und andere medizinische Opiate, wie „Tramadol“, sind nach wie vor bei Heroin-Süchtigen als Substitutions-Mittel beliebt. DHC soll auch als Substitut für Alkoholiker in Verwendung sein (offiziell/inoffiziell?), sowie früher als Entzugsmittel für Morphinisten und Kokainisten.

Und, Codein und Dihydrocodein sind auch „eigene“ Drogen, Opiate erster Wahl für Manche, nicht nur Ersatz für andere. Benutzt von jenen, die es aus körperlichen Gründen (Schmerzen,..) verschrieben bekommen und die seelische Wirkung entdecken; von jenen, die von härteren Drogen umsteigen; oder von jenen, die einen Tip bezüglich der Wirkung und ihrer Nutzung bekommen. Bei Opiaten ist der Schritt vom medizinischen Gebrauch zu jenem des Wohlfühlkicks wegen immer ein kleiner, ist die Versuchung immer nahe, wie von der Freikörperkultur (dem Nudismus) zur Sexualität. Codein und DHC sind etwas harmloser als Heroin oder Morphium, was auch daran liegt, dass sie von der Pharmaindustrie hergestellt werden und nicht in Untergrund-Labors. Der halb-legale Rausch ist die typische Opiat-Wirkung. Die süsse Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt, wenn man so will. Nicht wie auf Cannabis mit sich selbst beschäftigt.

Man kann darüber diskutieren, ob das Zeug alltagstauglich ist. Bis zu einer gewissen Dosis schon. Die Halbwachzustände und Wachträume, auch als „nodding“ bezeichnet… 1 Fläschchen „Paracodin“ reicht für 2x „schweben“, heisst es. Zuerst der eklige bittere Geschmack, dann das Anfluten. Nach 30-60 Minuten entfaltet sich die Wirkung, hält 3-4 Stunden an. DHC soll weniger sedieren als Codein, dafür mehr Wachträume auslösen, euphorisierender sein, keine Ceiling-Dosis haben. Die prominenten Nutzer hier waren/sind einerseits Nazi-Bonze Hermann Göring, andererseits Südstaaten-Rapper…

Es folgt ein Kater, physisch und psychisch. Es folgt auf ein Probieren oft das Entstehen einer Gewohnheit, dann die Erhöhung der Frequenz und der Dosis. Irgendwann sind Glücksgefühle nur mehr mit dem Mittel möglich. Und dann ist „Normalität“ nur mehr mit hohen Dosen davon möglich. Darin besteht die Sucht. Jene, die Codein-Mittel als Schmerzmittel nehmen, und davon süchtig werden, vertreiben den Grund der Schmerzen damit nicht und bekommen ein Problem dazu. Es lenkt nur vom Grund der Schmerzen ab.

Es gibt Typen, die es gar nicht mögen, innerlich ohne Grund und übertrieben glücklich zu sein. Und eher Speed-Mittel bevorzugen, die sie einer Tätigkeit nachgehen lassen, der sie dann das Glück zuschreiben können. Opiaten wird vorgeworfen, sie täuschten Glück und Zufriedenheit vor. Aber wie ist das eigentlich mit Geld, Sex, Macht? Gibt es da wirklich reale, konkrete Anlässe, Grundlagen für Glück? Und, jene die lieber in einen Krieg ziehen, zB in jenen gegen Drogen, bekommen bei Verwundungen Schmerzstiller verabreicht, Opiate, und Missbrauch ist auch hier nahe.

Codein (und DHC) wird eigentlich nur für Arzneimittel gewonnen bzw synthetisiert sowie verarbeitet. Für den Drogenmarkt wird eher das stärkere Morphin gewonnen, und zu Heroin verarbeitet. Es gibt kaum illegale Herstellung von Codein, die Produktion ist bei der Pharmaindustrie. Das Illegale beginnt hier erst bei der Beschaffung, zum Zweck des Missbrauchs der Medikamente. Eine Entnahme aus der Hausapotheke steht oft am Beginn. Dann kommt das Vorgeben bzw Vortäuschen eines Reizhustens oder furchtbarer Zahnschmerzen, mit dem Ziel, ein Rezept für „Paracodin“ oder „Dolomo Nacht“ zu bekommen, das man in einer Apotheke einlöst. Wenn man aber eine Sucht entwickelt, muss man schon oft den Arzt wechseln. Abhängige betreiben oft Doktor-Hopping, um an Rezepte zu gelangen, setzen auch Familienmitglieder oder Freunde ein.

Aufwändig ist auch eine Reise in die Schweiz oder Frankreich, wo viele Codein-Präparate (wie „Neo-Codion“) rezeptfrei zu bekommen sind. Manchmal waren Ärzte oder medizinisches Personal Komplizen der Interessenten, oder auch Selbstversorger. Andere bestellen bei einer Online-Apotheke im Internet. Und dann gibt es noch den Schwarzmarkt, den illegalen Handel mit legal oder illegal Erworbenem. Codeinpräparate wie „Paracodin“ gab es zB in Wien früher am Karlsplatz, vor und in der U-Bahn-Station, neben diversen anderen Pharmaka („Antapentan“, „Mozambin“, „Rohypnol“,…) sowie Cannabis und Härterem (H, K). Daneben in bestimmten Lokalen, wie dem „Cafe Krugerhof“ in der Inneren Stadt. Auf Instagram ist in der USA ein virtueller Drogen-Flohmarkt entstanden, wie früher auf „Silk Road“.

Jene, die Codein als Droge nehmen, nehmen es oft gemeinsam mit Alkohol-Getränken. Manche nehmen Codein um die Wirkung des Alkohols zu verstärken, Andere Alkohol, um die Wirkung des Codeins zu verstärken. Jedenfalls macht Alkohol die Atmung noch flacher, als sie durch Codein schon wird, was lebensgefährlich werden kann. Mischkonsum gibts auch mit Cannabis (meist geraucht), die Wechselwirkung von DHC und THC wird von manchen Menschen als zueinander komplementär gesehen. Kratom hat grundsätzlich eine sehr ähnliche Wirkung wie Codein bzw DHC, nur um einiges schwächer, hat auch eine Kreuztoleranz damit. SSRI- bzw SRI-Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sollen die die Aktivierung von Codein hemmen, heisst es. In den 1960ern wurden in manchen westlichen Ländern Codein-Tabletten zusammen mit „Doriden“ (Glutethimid, ein Beruhigungsmittel) eingenommen, die Mischung war u.a. als „Loads, Dors & Fours“ bekannt. Später wurde Glutethimid zusammen mit einem anderen Opiat, Pentazocin („Talwin“, auch „Ts & Blues“ genannt) genommen.

Aufgrund eines genetischen Polymorphismus kann die Metabolisierung von Codein bei Menschen (und damit die Codein-Wirkung) unterschiedlich stark ausfallen. Bei Schnell-Metabolisierern kann es zu einer Morphin-Überdosis kommen, zu einer tödlich verlaufenden Atemdepression. Dies kann auch Kinder betreffen. Bei Einnahme von mehr als 400 mg Codein ist jedenfalls das Maximum der Metabolisierbarkeit erreicht (Ceiling-Effekt), da die entsprechende Enzymkapazität von CYP2D6 erschöpft ist. Die Gene im Schlafmohn, die für die Produktion eines speziellen Enzyms verantwortlich sind, das die Umwandlung von Codein in Morphin vorantreibt, wurden kürzlich von den Wissenschaftern Peter Facchini und Jilian Hagel in Canada entdeckt. O-Demethylase (ODM) heisst dieses Enzym, und das Wissen darum soll genutzt werden, Mohn-Pflanzen zu züchten, die Codein für die Produktion von Schmerzmitteln „hergeben“, bei dem die Rausch- und damit die Suchtwirkung nicht so ausgeprägt ist.

Was die Gefahr einer Atemdepression betrifft, eine solche kann jedenfalls durch eine Überdosis geschehen; bzw, eine Überdosis würde sich durch eine Atemdepression äussern.2 Mit Alkohol erhöht sich wie gesagt das diesbezügliche Risiko. Das „Gegengift“ (Antidote/Antagonist) ist hier Naloxon. Es blockiert die Wirkung von Opiaten, besonders bei Überdosen. Manchen medizinischen opioiden Präparaten ist es beigemengt, um den Missbrauch (bzw die diesbezüglich gewünschte Wirkung) zu unterbinden. Weiters gibt es natürlich auch die Gefahr des Erstickens an Erbrochenem, bei Bewusstlosigkeit.

Die Einnahme von Codein nach einer Gallenblasen-Entnahme (Cholezysektomie) kann gefährlich sein. Codein (bzw seine Abbauprodukte aus der Leber?) verursacht die Zusammenziehung des Schliessmuskels des Gallenganges an der Mündung in den Zwölffingerdarm (Sphinker Oddi). Die fehlende Gallenblase verschlimmert einen so entstehenden Spasmus (Krampf) am Gallengang. So kann es zu Kolik-artigen Schmerzen kommen. Ausserdem verstärkt Codein die Spannung (den Tonus) der (glatten) Darmmuskulatur, was zu Bauchschmerzen führen kann. Daneben ist eine Sekretstauung des Pankreas und in der Folge eine Pankreatitis möglich. Ärzte sollten Patienten nach einer Gallenblasenoperation Codein daher nur zurückhaltend verordnen. Diese möglichen Beschwerden betreffen auch die Einnahme von DHC. Auch hier ist im Notfall die Gabe des Opioid-Antagonisten Naloxon indiziert. Medizinische Dosen werden Einem, wenn der Bauch seit der Op Ruhe gab, aber eher nichts anhaben können.

Eine Codein-Drogenkultur gibt es am ehesten in einer bestimmten Rap-Szene. Dort ist ein Mischgetränk verbreitet, für das es (Slang-) Bezeichnungen wie Purple Drank, Lean, Sizzurp, Syrup, Texas teaOil, Mud, Dirty Sprite, DrankLean Drank gibt. Es gibt verschiedene Varianten dieses „Sirups“, normalerweise wird er aus einem Hustensaft, der Codein und Promethazin enthält, süsser kohlensäurehaltiger Limonade, und zerkrümelten Bonbons zubereitet. Bevorzugt ist, in der USA, dem Zentrum dieser Kultur, der Hustensaft der Marke „Actavis“, mit Codein und Promethazin, daneben auch „Hi-Tech“, „Phenergan“ und „Qualitest“. Die Codein-Dosis ist bei diesen Marken höher als bei europäischen Hustensäften. Promethazin ist ein (verschreibungspflichtiges) Antihistaminikum, das eigentlich gegen Übelkeit, Migräne, allergische Reaktionen oder als Sedativ eingesetzt wird. Es potenziert die Opiatwirkung, mehr noch als andere Antihistaminika, wie Diphenhydramin („Benadryl“) oder Loratadin.

Das verwendete Brause-Getränk ist meistens „Sprite“. Eben so wie die pulverisierten Zuckerln dient es der besseren Bekömmlichkeit, dem besseren Geschmack.3 Manche schütten noch Wodka oder anderen Alkohol in den weissen Styropor-Becher, der meist in einem zweiten steckt. Dies unter Anderem deshalb, um die Eiswürfel (ja, die gehören auch noch rein) von der Körperwärme zu schützen.4 Der Doublecup mit dem lila-farbenen sirupartigen Getränk ist dem Südstaaten-Rap der USA eigen. In dieser Szene wurde Lean Teil der Subkultur. Diese Zubereitung dürfte eine der am stärksten verbreiteten Rausch-Verwendungen von Codein sein.

Der Südstaaten-Rap und -Hip-Hop ist in Houston (Texas) entstanden, und noch immer hauptsächlich dort zu Hause. Er ist durch langsame monotone Musik gekennzeichnet, den Rhythmus den das Codein vorgibt. Auf den Purple Drank wird in den Texten auch oft (direkt/indirekt) Bezug genommen. Die Musiker sehen das Mittel als kreative Hilfe, wie andere zB Gras.5 Lean-ähnliche Drinks soll es schon in den 1930ern gegeben haben, aus Codein-Medikamenten zubereitet. Damals wurde es angeblich von Jazz-Musikern und -Fans zubereitet und konsumiert. Das eigentliche Lean ist in den 1960ern in Houston „entwickelt“ worden, also vor der Entstehung der heute dazu gehörenden Musik.

Ende der 1990er popularisierte der aus Houston stammende Discjockey „DJ Screw“ den langsamen, narkoseähnlichen Rap/Hip-Hop-Stil, passend zur Wirkung von Purple drank/Lean; diese Musikrichtung wird auch Screw Music genannt. DJ Screw rappte zu den sehr langsamen Beats („Screw-Rhythmen“), auch über den dazu gehörenden Drink. Es folgte „Big Moe“, der zwei seiner CDs „City of Syrup“ und „Purple World“ nannte. Auch die Gruppe „Three 6 Mafia“ machte den Musikstil und die Droge populär, durch Songs wie „Sippin on Some Syrup“. DJ Screw (Robert Davis) starb 2000 im Alter von 29 an einer Überdosis des Codein-basierten Gemischs. „Pimp C“ (von den „Underground Kingz“/UGK) und Big Moe starben 2007. Pimp C an einer Schlaf-Apnoe, in einem Hotel in Los Angeles.

„Lil Wayne“ bekannte sich zum Konsum von purple drank, thematisierte auch Sucht und Entzugserscheinungen („starke Magenkrämpfe mit höllischen Schmerzen“) öffentlich. Lil Wayne hat mit Justin Bieber zusammen gearbeitet, und, wie man so liest, hat auch das saubere Tennie-Idol von dem Getränk „gekostet“. Auch „Macklemore“, „Big Hawk“, „Gucci Mane“, „Soulja Boy“, „Chief Keef“, „2 Chainz“, „Schoolboy Q“, „Ty Dolla $ign“ oder „Danny Brown“ machen diese Musik und konsumieren diese Droge dazu. Das eine ohne das andere ist anscheinend schwer vorstellbar. Der eine oder andere davon versucht, von zweiterem los zu kommen. Gucci Mane etwa wurde vor einigen Jahren in ein Krankenhaus eingeliefert und twitterte von dort über seine Sucht („Das Scheisszeug ist nicht witzig“).

In Rap/Hip Hop geht es sonst ja meist um Cannabis. In der deutschen Rap-Szene ist die Screw-Richtung mit dem dazugehörigen „Syrup“ anscheinend kaum übernommen worden. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass „Paracodin“ und dergleichen weniger Codein enthalten als „Actavis“ & Co und schon gar kein Promethazin (und dieses hier schwer erhältlich ist). Und der Screw-Rap ist ja gewissermaßen der Soundtrack zur Wirkung des Purple drank. Es gibt aber einen Österreicher, der diesbezüglich etwas aufgebaut hat. Sebastian Meisinger hat 2008 ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien abgeschlossen, mit einer Magisterarbeit über „Gangsta-Rap in Deutschland. Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer“ (bei Peter Vitouch6).

Danach ist er selbst („Gangsta“-) Rapper geworden. 2012 veröffentlichte er, als „Money Boy“, das Mixtape „Pancakes And Sizzurp“, mit dem Track „Codein in meinem Eistee“. In Interviews steht er auch zu seinem Konsum einer bestimmten Sorte Hustensaft. Einmal empfahl er auch, auf Heroin zu feiern. Auch Money Boy’s Schützlinge „Hustensaft Jüngling“7 und „Medikamenten Manfred“ rappen vom und zum Codein-haltigen Mix. Über diese Szene weiss ich zu wenig als dass ich sagen könnte, ob auch die Fans Codein-hältige Hustensäfte bzw (österreichisches) Lean als „Partydroge“ konsumieren.

Grosser Sprung nun, zu prominenten Konsumenten von Codein (als Droge) in der Geschichte. In erster Linie ist da Hermann Göring zu nennen. Das Luftwaffen-Ass des 1. WK wurde beim Nazi-Putschversuch 1923 verletzt, wurde in Innsbruck mit Morphium behandelt, was den Beginn seiner Opiat-Sucht markiert. Er hat sich dann Morphium gespritzt. Mit den (Dihydro-) Codein-Tabletten soll er erst in den frühen 1930ern begonnen haben8, auch ursprünglich aus therapeutischen Gründen, aufgrund von Zahnschmerzen. Wahrscheinlich hat er DHC-Tabletten der Marke „Paracodin“ genommen. Bis zu 100 Tabletten bzw 3 g pro Tag. Sein Opiat-Konsum wurde wahrscheinlich durch „Eukodal“ (s.u.) abgerundet.

Ab 1942 nahm er seine diversen Funktionen im NS-Regime nur noch sporadisch wahr, nicht zuletzt wegen seiner Opiat-Sucht. Göring flüchtete nach dem Bruch mit Hitler kurz vor dessen Selbstmord und dem Untergang des Reichs nach Österreich, den Truppen der USA entgegen. Im Land Salzburg wurde er von ihnen gefunden, mit 2 Koffern mit Dihydrocodein-Tabletten. Anders als bei Gehlen, von Braun oder Speidel sahen die Amerikaner für ihn keine Weiterverwendung in einem künftigen Deutschland vor. In Nürnberg wurde er dann wie ein gewöhnlicher Gefangener behandelt (1945/46), und sein Opiat-Entzug dort dürfte ein kalter gewesen sein.

William Burroughs hat ja alle Opiate in allen Formen probiert, und das nicht zu knapp. Er beschrieb DHC als doppelt so stark wie Codein und „fast so gut wie Heroin“. Der Geschäftemacher Howard Hughes ist der wahrscheinlich Prominenteste, der direkt an Codein starb. Das geschah 1976, durch Leber-Versagen infolge der Einnahme einer immens hohen Codein-Dosis. Elvis Presley nahm neben andere Opiaten (wie „Demerol“/Pethidin) sowie Uppern und Downern auch Codein-Präparate, und starb wahrscheinlich an einer Mischung bzw den Langzeitfolgen davon. Und auch beim „Kannibalismus“-Mord in Rotenburg 2001 spielte Codein eine Rolle.

Meiwes wollte jemanden besitzen, Brandes suchte jemanden in dem er aufgehen konnte, Teil werden. In einem entsprechenden IT-Forum fand man sich, und nachdem man sich einig geworden war, kam Brandes zu Meiwes, der ihn am Bahnhof abholte. Brandes liess sich von Meiwes in dessen Heim seinen Penis abtrennen und ihn diesen (teilweise) essen, und sich dann von ihm töten. Eigentlich ging es dabei bei Beiden um die Stillung seelischer Schmerzen. Zur Stillung der körperlichen Schmerzen bei der Amputation, bevor er mit einem Stich in den Hals getötet wurde, nahm Brandes eine halbe Flasche Schnaps, Schlaftabletten und Codein-Hustensaft.

Der slowakische Eishockey-Spieler Marek Svatos starb 2016 an einer Mischung aus Codein und anderen Substanzen. Prominenter als die Screw-Raper ist Justin Bieber, und der ist ja aufgrund seiner Freundschaft mit einem von ihnen selbst in eine Codein-Abhängigkeit gekommen. Der American Football-Spieler JaMarcus Russell wurde des Konsums (bzw des Besitzes) von Codein bzw Lean überführt.

Codein war nicht nur Ausgangsmaterial für DHC, sondern auch von anderen medizinischen Opiaten. So wie Oxycodon (1916 Deutschland synthetisiert) und Hydrocodon (1920 in Deutschland synthetisiert). Nicocodein (1956 in Österreich erstmals hergestellt) ist ein Derivat von Codein, wird auch für Hustenmittel verwendet. Nahe beim Codein ist auch Dextromethorphan (DXM), ein synthetisches Opiat, Codein-Ersatz, gegen Husten eingesetzt, früher als „Romilar“, heute in einem „Wick“-Präparat oder im französischen „Tussidane“; es wirkt in hohen Dosen halluzinogen, Ketamin-ähnlich. Die meisten dieser codein-ähnlichen Stoffe werden aus dem Persischen bzw Orientalischen Mohn bzw dessen Inhaltsstoff Thebain hergestellt; und nicht mehr aus dem Codein synthetisiert. Im Begriff „Morphinismus“ war auch die Sucht nach Codein, Oxycodon, etc mit ein geschlossen.

Oxycodon (bzw Di[hydro]hydroxycodeinon) ist ein semi-synthetisches Opioid. Es wird aus Thebain synthetisiert, das erste Mal gelang dies 1916/17 in Deutschland, an der Universität Frankfurt, im Bestreben, eine bessere Alternative zu den existierenden Opioide zu finden. Etwas, das die analgetischen Effekte von Codein, Morphium und Heroin hat, nicht aber deren Suchtpotential. Oxycodon wurde als medizinisches Präparat von der Firma Merck 1919 unter dem Namen „Eukodal“ zur Schmerzlinderung und Hustendämpfung auf den Markt gebracht. 1939 kam es in der USA heraus. „Eukodal“/Oxycodon wurde aber auch als Rauschdroge genutzt bzw missbraucht. Und „Eukodalsucht“ bzw „Eukodalismus“ wurde ein Thema im Deutschen Reich der Weimarer Republik sowie der NS-Diktatur. Schliesslich wurde die Substanz dem Opiumgesetz unterstellt. Merck brachte 1928 „SEE“ bzw „Scophedal“ heraus, aus Oxycodon, Ephedrin, Scopolamin. Zur Herbeiführung eines Dämmerschlafs (sonst damals mit Morphin und Scopolamin erzeugt), bei der Entbindung oder als Narkosevorbereitung.

Der prominenteste und gefährlichste Eukodalist war Adolf Hitler. Dieser bekam laut Ohler von seinem Leibarzt Theodor Morell zunächst „Dolantin“/Pethidin, dann ab 1943 „Eukodal“. Auch am 20. Juli 1944, als es tatsächliche Schmerzen zu stillen galt. Morell soll Hitler auch Cocktails aus diversen Mitteln injiziert haben (Hormone, Steroide, Vitamine,…), Kokain zur lokalen Betäubung u.a. im Ohrraum, verbreicht haben, am Kriegsende auch „Pervitin“. Ein Abstinenzler war Hitler also vielleicht bezüglich Sexualität und Fleischverzehr, aber nicht bei Drogen. Und, diese dürften bei seinem Realitätsverlust eine wichtige Rolle gespielt haben, bei seinem Unterfangen, Europa in den Untergang zu reissen.

Das Regime stufte „Eukodal“ und „Scophedal“ bei Merck als kriegswichtige Produkte ein, neben Glucose- und Kohletabletten, Vitaminpräparaten (insbesondere Ascorbinsäure), Wasserstoffperoxid, Schädlingsbekämpfungsmittel wie Calciumarsenat („Esturmit“) und dem Entlausungsmittel „Cuprex“. Die schwere Arbeit übernahmen damals unfreiwillig Zwangsarbeiter, Deutsche waren ja an der Front (auch oft unfreiwillig). Das Merck-Werk in Darmstadt wurde im Dezember 1944 durch einen alliierten Luftangriff weitgehend zerstört.

Auch die Mittel für Hitler wurden dann knapp, der sich ab Jänner 1945 in den „Führerbunker“ zurückzog. Die Nr. 1 und Nr. 2 dieses Regimes befanden sich jahrelang in einer Opiat-induzierten Schlafwandler-Euphorie, waren eingehüllt in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls. Im Untergang war ihr finales Gift Zyankali, wie auch bei der Nr. 3 (Goebbels) und 4 (Himmler). Und die Wehrmacht ist auf „Pervitin“ gewesen. Die Rolle von Codein in der Geschichte? Hier zu finden. Codein an sich hat nur Göring genommen. „Eukodal“ wurde auch von den NS-Gegnern Klaus Mann („Schwesterchen Euka“) und Walter Benjamin genommen.

1996 brachte die amerikanische Purdue Pharma „OxyContin“ heraus, ein Oxycodon-Präparat, das seine Wirkung verzögert entfaltet. Es wurde dennoch eine Art „Hinterwäldler-Heroin“ in der USA. Ein Otto Snow hat 2001 ein Buch namens „Oxy“ heraus gebracht, in dem er angeblich den chemischen Weg von in gemäßigtem Klima gewachsenem Mohn zu Oxycodon vorzeichnet. Es wird aber meistens das von der Pharma-Industrie hergestelltes und von Ärzten verschriebenes „Oxy“ verwendet.

Die deutsche Grünenthal GmbH hat 1977 das opioide Schmerzmittel Tramadol unter dem Namen „Tramal“ auf den Markt gebracht. Es gibt es als Tabletten und als Injektionslösung. Mit dem Auslaufen des Patents begann die auf Generika spezialisierte Pharmaindustrie in Indien Mitte der 2000er, billigere Tramadol-Generika herzustellen und zu exportieren, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer. Dort, in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens, ist es oft das für Schmerzpatienten einzige erhältliche Medikament. Daher akzeptieren der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder Ärzte ohne Grenzen Tramadol in diesen Ländern. Doch auch Missbrauch und Abhängigkeit von Tramadol verbreiten sich dort. Um denselben Effekt zu erzielen, muss die Dosis dann sukzessive erhöht werden. Im Profi-Radsport soll es auch Verbreitung gefunden habe, um die Strapazen von langen Rennen wie etwa der Tour de France auszuhalten

Eine besondere Rolle spielt Tramadol anscheinend in Westafrika. Es ist auch unter Kämpfern der nigerianischen islamistischen Terrorgruppe Boko Haram beliebt. Und, es heisst, in Kamerun wird selbst Rindern das Mittel verabreicht, damit diese die landwirtschaftliche Arbeit in der Hitze besser ertragen. Gerade im Norden Kameruns wird es so stark konsumiert, dass es über menschliche und tierische Ausscheidungen wieder in Grundwasser und Boden landet und so von den Pflanzen aufgenommen wird. 2013 fanden Wissenschaftler in der Wurzelrinde einer dort beheimateten Heilpflanze eine Substanz, die dem Wirkstoff Tramadol glich. Dann zeigten andere Untersuchungen, dass es sich dabei nicht um natürliche Stoffe handelte, sondern dass die Pflanzen tatsächlich das chemisch hergestellte Opioid aufgenommen hatten! Zum Umschlagplatz in Afrika für die aus Indien kommende Ware wurde Benin.

In der USA sind Tramadol, Oxycodon und Codein die Drogen von Millionen geworden. Auch von Menschen, die „in der Mitte der Gesellschaft“ stehen. Die wachsende Abhängigkeit von Schmerzmitteln in der Bevölkerung, opioid epidemic oder opioid crisis genannt, kam durch Verschreibungen von Ärzten zustande. Die Grenze zwischen übertriebenem Gebrauch und Missbrauch sind fliessend. Das betrifft auch Hydrocodon („Dicodid“,…)9 oder Kombi-Präparate aus Hydrocodon und Paracetamol („Vicodin“, die Droge von „Dr. House“, oder „Lortab“). Die Lobby der Pharmaindustrie versucht Änderungen in der Politik zu vehindern.

Manche wurden auch süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten. Etwa nach Fentanyl, das ein synthetisches Opiat ist, das 50-mal stärker als Heroin wirkt. Oder Tilidin/“Valoron“, Laudanon, Trivalin,… Diese Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen sehr schnell abhängig. Oft werden sie im Untergrund hergestellt, auch im Ausland (China oder Mexiko), und illegal erworben. Zu den prominentesten Opfern gehörte, 2016, der Popstar Prince (Nelson), der an einer Überdosis Fentanyl starb. Manche US-Amerikaner greifen dann sogar zu einem Mittel, mit dem sonst Elefanten betäubt werden: Carfentanil, noch 100-mal stärker als Fentanyl. Für andere sind die opioiden Schmerzmittel die Einstiegsdroge für Heroin.

Um auf Codein zurück zu kommen, dieses kann mit Pyridin auch demethyliert werden, um daraus Morphin herzustellen, daraus wiederum kann durch Azetylase Heroin werden – das dann oft durch das sehr gesundheitsschädliche Pyridin verunreinigt ist. Und, Codein wird auch für die Untergrund-Herstellung von Desomorphin (Dihydrodesoxymorphin) verwendet. Diese Substanz wurde erstmals 1932 in der USA synthetisiert, kam als „Permonid“ auf den Markt, wurde bis vor einigen Jahrzehnten von Roche hergestellt, als Schmerzmittel. Es heisst, die Herstellung wurde eingestellt, nachdem eine Person in der Schweiz, die es wegen einer seltenen Krankheit noch gebraucht hatte, 1981 starb.

Die illegale Herstellung verläuft über Codein, Iod und roten Phosphor, in einem ähnlichen Prozess wie zur Herstellung von Methamphetamin, auf Basis von Pseudoephedrin. Das Endprodukt ist unrein und reich an stark toxischen Nebenprodukten. Es findet als „Droge des armen Menschen“ eine weite Verbreitung in Russland. Aufgrund einer seiner Nebenwirkungen, der Bildung einer harten Haut an der Stelle wo es injiziert wurde, wird es in der entsprechenden Szene auch „Krokodil“ oder „Krok“ genannt.

Ein kurzer Blick auf die Verarbeitung des Rauschmittels Codein in der Kunst. Es gibt einige Pop/Rock-Songs darüber, auch ausserhalb des Screw-Raps: „Cod’ine“ von Buffy Sainte-Marie, einer kanadischen Indianerin, „Cough Syrup“ von den Butthole Surfers, „Codéine“ von The Charlatans, „Codein Coda“ von Daevid Allen. Falco sang in „Ganz Wien“ von Codein, Heroin, Mozambin, Kokain. Es gab eine Band (Indie Rock) namens Codeine, die von 1989 bis 1994 aktiv war. Und den Codeine Velvet Club in Schottland, mit „Jon Fratelli“.

Mir ist kein nennenswerter Film bekannt, in dem Codein eine Hauptrolle spielt, in „Trainspotting“ steht es klar im Schatten von H. In „Casino“ spielt ein nicht näher spezifiziertes Schmerzmittel eine gewisse Rolle, das eines der hier genannten sein könnte. In Tao Lin’s Roman „Taipei“ kommt Codein neben vielen anderen Drogen vor. Es gibt die „Shinebox“ des Künstlers Ron Ulicny, eine Installation, Referenz an „Goodfellas“, sie enthält neben Waffen, Zigaretten, Flachmann, Spielwürfeln „Vicodin“-Tabletten, einen Joint, Kokain, „Acid“ (LSD).

Literatur & Links

Brigid M. Kane, D. J. Triggle: Codeine (2007). Englisch

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015)

Otto Snow: Oxy (2001). Englisch

Louis Lewin: Phantastica – Die betäubenden und erregenden Genußmittel – Für Ärzte und Nichtärzte (2005)

„Zeit“-Artikel, über Eukodal-Missbrauch in der BRD der 1950er, zur Steigerung von Arbeitserfolgen eingesetzt

Über die Opioid-Epidemie in der USA (Englisch)

Video über Lean

Über Codein im Opioidforum

Chemisches und Praktisches dazu (Englisch)

Erfahrungsberichte (Englisch)

DHC-Erfahrungsbericht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenschluss von Dreibund und Dreierverband 1916 war der Vorläufer der IG Farben, nicht diese IG
  2. „Da macht einfach die Lunge schlapp und zack, das war’s. Davon könnte auch Sizzurp-Vater DJ Screw ein Lied singen, wenn er nicht eh schon an einer solchen Codein-Überdosis gestorben wäre.“ (noisey.vice.com/alps/article/codein-deutsche-rapszene-432)
  3. „Sprite“ enthält heute übrigens keinen Zitronensaft mehr, die Coca-Cola Company verwendet dazu Wasser, Zucker, Kohlensäure, Zitronensäure, Aroma und Natriumcitrat
  4. Oder doch aus anderen Gründen? https://genius.com/discussions/75507-Why-do-rappers-use-2-styrofoam-cups-to-drink-lean
  5. Das sich hier wahrscheinlich ganz gut als Ergänzung eignet
  6. Vitouchs Frau hat Meisinger wahrscheinlich noch in seiner Kindheit als „Am Dam Des“-Moderatorin erlebt
  7. Rappte zusammen mit Money Boy zB „Ich hab Codein im Doublecup, doch ich bin nicht abgefuckt. Der Hustensaft und Sprite sind der Grund, warum ich high bin“
  8. Also da, als die NSDAP an die Macht kam
  9. Die Schauspielerin Brittany Murphy (Bertolotti) hatte nach einem Autounfall chronische Schmerzen, nahm ein Hydrocodon-Präparat dagegen (> Michael Jackson, H. Göring,… begannen auch nach Verletzungen mit Mitteln, die sie dann immer begleiten sollten), dann aber auch diverse Downer sowie Beta-Blocker wegen dem Bluthochdruck. Ausserdem wird ihr zeitweiser Kokain-Konsum nachgesagt. Ihr Tod mit 32 J. (09) erfolgte wahrscheinlich infolge Medikamentenmissbrauchs

Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem „Gegenpopulismus“ geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art „Gegenmittel“ zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das „aber“ soll das „einerseits“ nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster „Notre-Dame de l’Atlas“ in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime („der Kaserne“) oder den Islamisten („der Moschee“). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel „Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems“. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film „Des hommes et des dieux“ („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der „Graf von Chambord“, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. „Napoleon III.“ schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochtonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, „Mizrahis“, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsss und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt „begnügte“ man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, „mittel“ in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg bewirkte die „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Die demütigende Niederlage der französischen Armee in Indochina bei Dien Bien Phu 1954 war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion untersstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem „Time Magazine“ die Motivation, um Algerien zu kämpfen: „Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.“ Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich „zerlegen“ wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in „seinem“ Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner „Aufgabe“ Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in „Paris Match“ 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit „Fortschritts“-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der „verbrannten Erde“ durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch „aufgerundet“. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an „Harkis“, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit „Koffer oder Sarg“ wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus‘ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den „eingeborenen“ „Farbigen“ gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den „Volksdeutschen“ in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern „gehalten“. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier sind die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden „Schwarzen“ sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischem Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist für die Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit „La Valise ou le Cercueil“ stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. „Enrico Macias“ (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von „Sheick“ Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich „Adieu mon pays“.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. „Bleu-Blanc-Beur“ und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht „akzentuierten“ Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die „Charlie Hebdo“-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische (polnischer Herkunft) Philosoph Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die „Zivilisation“ zu den „Wilden“. Er beklagt den „Verfall westlicher Traditionen“ durch „Multikulturalismus“ und „Relativismus“. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, „Rasse“ zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass „westliche Werte“ nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er „Le Monde diplomatique“ wegen ihrer „Israel-Kritik“ attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer „salonfähiger“. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Jahren Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann „nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen“. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen „zersplittert“ (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie „verschwunden“. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der „Abschaffung des Sklavenhandels“ verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika“ aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine „Versöhnung“ der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantnischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: „Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems“. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken.  Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relavant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem „freien Westen“ die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und „Politiker“ beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in der „seiner“ Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in „Le Monde diplomatique“ einen Artikel von Pierre Daum über die letzten „Siedler“. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von „Christen“ die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup „Jimmy“ Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die „Überfremdung Europas“ aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig „minderwertig“ betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon „christlich-jüdische Werte“ und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die „Riposte laique“ nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). „Weder Koffer noch Sarg…“

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L‘ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte „Doyen“ der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

„C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir“ (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der „ägyptische“ Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das „koloniale“ Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Querfronten

Als „Querfront“ wird in der Regel eine Zusammenarbeit von Rechts und Links  zur Erreichung eines Ziels bezeichnet, auch (tatsächliche/vermeintliche) ideologische Gemeinsamkeiten von linken und rechten Kräften, Berührungspunkte zwischen vermeintlichen Gegenpolen, Linkes im Rechten und umgekehrt. Aber auch der Seitenwechsel von Rechts nach Links und umgekehrt oder die Zusammenarbeit mit dem Feind des Feindes gehört dazu. Und hier geht es nicht zuletzt auch um Versuche, Querfronten (bzw den Vorwurf, die Behauptung, einer solchen) zur Diffamierung bzw eigenen Entlastungen zu konstruieren bzw auszumachen. Und auch um Widersprüche/Dilemmata zwischen eigentlichen Verbündeten sowie Heucheleien und Widersprüche in Ideologien.

Die „klassische“ Querfront

Historisch war „Querfront“ zB die Zusammenarbeit des „linken“ Flügels der NSDAP hauptsächlich mit Teilen der SPD bzw die Ambitionen dieses Parteiflügels. Den sozialrevolutionären Teil der Nazi-Partei führten die Strasser-Brüder Gregor und Otto sowie SA-Gründer Ernst Röhm, er wurde anfangs auch von Joseph Goebbels unterstützt. Die Strassers, aus dem bayerischen Franken, beherrschten die Berliner Parteiorganisation und entwickelten ein gegenüber dem süddeutschen Schwerpunkt der Partei um Adolf Hitler eigenständiges, antikapitalistisches Profil. Goebbels war enger Mitarbeiter Gregor Strassers im Rheinland und in Westfalen. Diesem Flügel ging es mehr um Klassenkampf als um Rassenkampf (das Negative wurde aber auch hier auf die Juden übertragen), man unterstützte teilweise die Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften und sah auch mit dem Kommunismus Gemeinsamkeiten. Von linker Seite wurde dies hauptsächlich von den Nationalbolschewisten erwidert; Teile des Nationalbolschewismus waren auch in der NSDAP beheimatet.

Der innerparteiliche Macht- bzw Richtungskampf war eigentlich vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten entschieden. Otto Strasser trat 1930 gemeinsam mit einigen Anhängern aus der NSDAP aus. Mit dem Aufruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ hoffte er vergeblich, die NSDAP spalten zu können. Hitler setzte sich damit durch, die sozialen bzw Produktionsverhältnisse beizubehalten und Antikapitalismus gewissermaßen durch Antisemitismus zu ersetzten. Mit der Machtübernahme der Nazis im Jänner 1933 verloren die verbliebenen nationalen Sozialisten in der NSDAP bald jeden Einfluss. Innerparteilicher Pluralismus war unter Hitler ohnehin ausgeschlossen, und die Linksparteien SPD und KPD wie auch der ADGB und seine Teil-Gewerkschaften wurden gewaltsam aufgelöst. Während Otto Strasser ins Exil gegangen war, wurden Gregor Strasser, Röhm und Andere in der „Nacht der langen Messer“ 1934 im Rahmen der Machtergreifung auf Befehl Hitlers ermordet. Otto Strasser organisierte von Kanada aus etwas Widerstand gegen das Hitler-Regime.1

Hitler (bzw der NS) oszillierte zwischen den oberen und unteren Schichten, von Anfang an. Er pendelte zwischen Grossbürgern und dem Pöbel, bzw bediente beide, zunächst in München. Hitler trat vor einfachen Menschen bzw Massen als einer aus dem Volk auf, vor Wirtschaftstreibenden oder Landbesitzern als einer, der weiss wie man Massen führt. Die ideologisch-rhetorische Schulung, die er kurz nach dem 1. Weltkrieg bei der Reichswehr erhalten hatte (noch als Österreicher), kam ihm dabei wohl zu Gute. Im Februar 1933 lud Hitler Vertreter der deutschen Wirtschaft wie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Friedrich Flick, Fritz Springorum oder Ernst Tengelmann zu einem geheimen Treffen. Ihnen gegenüber war er darum bemüht, das Image des Bierzelt-Agitators abzulegen und Bedenken gegen ihn aus dem Weg zu räumen. Die Eigentumsverhältnisse in der Wirtschaft würden unangetastet bleiben, versicherte er, die Arbeiterbewegung in Grenzen gewiesen, und die Rüstungsindustrie angekurbelt.2

Der Antikapitalismus wurde hauptsächlich über den Antijudaismus erledigt. Viele aus dem Adel, dem Militär oder der Wirtschaft fanden sich aber später in Gegnerschaft zum NS-Regime bzw von diesem verfolgt. Und: Viele aus den unteren Schichten wählten NSDAP, bei Reichstagswahlen ab 1928, als sie erstmals antrat. In der Weimarer Republik war das Drei-Klassen-Wahlrecht des Kaiserreichs abgeschafft worden, alle Stimmen zählten nun gleich. Die Einschätzung darüber, wer den NS an die Macht brachte und stützte (und damit über seinen Charakter), schwankt: das Grosskapital oder der kleine Mann. Ja, auch zwischen Deutschland und Österreich wird die Verantwortung bis heute gelegentlich hin und her geschoben.

Rechtskonservative wie Erika Steinbach oder Arnulf Baring sagen, „Der NS war eine linke Bewegung“. Natürlich geht’s da um Diffamierung, Abwälzung, Reinwaschung. Solche „Nebensächlichkeiten“ wie die Arbeit des späteren BDA-Präsidenten Schleyer an „Arisierungen“ tschechischer Betriebe im besetzten Prag  werden da ausgeblendet. In diesem Zusammenhang ist aber natürlich auch das Abkommen zwischen Hitler (Schicklgruber) und Stalin (Dschugaschwili) von 1939 relevant, die Verständigungspolitik der beiden Diktaturen zu Beginn des Kriegs, die Aufteilung Osteuropas in Interessenssphären. Über manche Länder Europas, wie Rumänien oder Polen, kamen beide.3 Und in der These, mit der Ernst Nolte den deutschen Historikerstreit von 1986/87 auslöste, waren ja Verbrechen der Nazis gewissermaßen die Reaktion auf jene der Bolschewiken in der SU. Auch bei ihm steht ja Verharmlosung bzw Rechtfertigung des NS im Raum.

In jüngerer Zeit hat der US-Historiker Timothy Snyder in dem Buch „Bloodlands“ Gemeinsamkeiten von hitleristischer und stalinistischer Herrschaft herausgearbeitet. Das Massenmörderische und das Imperialistische hat das nationalsozialistische Deutsche Reich und die Sowjetunion zumindest unter Stalin wahrscheinlich tatsächlich mehr verbunden als es der Nationalsozialismus mit dem italienischen Faschismus war oder der Sowjet-Kommunismus mit dem Euro-Kommunismus im Westeuropa der Nachkriegszeit.

Den Zwiespalt/Widerspruch bei der Rechten zwischen Wirtschaftliberalismus und Kleiner-Mann-Politik gibt’s bis heute. Innerhalb des Franco-Regimes gab es Richtungskämpfe, Konflikte zwischen Anhängern von Staatsinterventionismus und „freier Marktwirtschaft“. Ein grosser Teil der Wähler von Parteien wie der FPÖ fühlt sich als zu kurz gekommen, benachteiligt. Sozialrevolutionäre Wünsche einerseits und die Ablehnung des Linken andererseits.

Der Benutzer „Reservebuddha“ hat in einer Diskussion auf orf.at mal geschrieben: „Das Geniale an der FPÖ ist seit Haider, dass sie einerseits für genau die Probleme steht, die sie anprangert, und andererseits von denen gewählt wird, denen sie letztlich schadet. Z.B. haben FPÖ-nahe Fabrikanten jahrzehntelang von billigen (und auch zugewanderten) Arbeitskräften profitiert, und hinter den Kulissen stets alles getan, um eine vernünftige, selektive Zuwanderungspolitik zu verhindern. Denn so konnten die einen weiterhin verdienen, die anderen aber über genau diese Zuwanderung laut schimpfen.
Die Globalisierungsverlierer ditto. Die FPÖ ist nie für eine solidarische Gesellschaft gestanden, sondern hat stets programmatisch an der Entsolidarisierung mitgewirkt. Nun hat sie einerseits was zum laut schimpfen, andererseits die Wähler, die ihr den Unsinn abkaufen. Aber jetzt ist der FPÖ ein Konkurrent mit derselben Taktik erwachsen: Stronach, der als allerletztes Rezepte für soziale Gerechtigkeit bereit hält, wird ausgerechnet von denen gewählt, die meinen, zu kurz gekommen zu sein………….“

Dass die FPÖ Zustände anprangert, die sie selbst mit verantwortet, gilt natürlich auch für die Korruption. Noch immer sind Gerichte in Österreich mit dem Erbe der  FPÖ-Regierungsbeteiligung (2000 bis 20074) beschäftigt.

Teile der Basis von FPÖ und SPÖ haben durchwegs Gemeinsames. In Zeiten, in denen die Armen ärmer und die Reichen reicher werden, wird in der FPÖ aber nicht der Einfluss der Prinzhorns geringer, sondern eher die Rhetorik verlogener. In Deutschland muss man das heute wahrscheinlich auf Linke und AfD umlegen.

Im Internet zirkuliert folgendes Gleichnis (?): Ein Bankier, ein FPÖ-Wähler und ein Migrant sitzen an einem Tisch. In der Mitte: ein Teller mit 12 Keksen. Der Bankier nimmt sich 11 Kekse und sagt zum FPÖ-Wähler: „Pass auf !! Der Ausländer schnappt si dein Keks!“. Die Geschichte gibt’s auch in anderen Versionen, zB so: Ein Bankier, ein BILD-Leser und ein Asylbewerber sitzen an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen 12 Kekse. Der Bankster nimmt sich 11 Kekse und sagt zum BILD-Leser: “Pass auf, der Asylant will Deinen Keks!”

 

Von Ola Betiku

Apropos Minderheiten: Gerade „Schwarze“ werden in der USA nur dann „involviert“, wenn es um das Kriegführen geht.

 

Die heute meist „konstruierte“ Querfront

In Griechenland bilden seit 2015 die linke SYRIZA und die rechte ANEL unter Alexis Tsipras die Regierung. In der Slowakei gab es so etwas Ähnliches in der ersten Regierung von Robert Fico (2006-2010), die aus der sozialdemokratischen Smer-SD, der populistischen ĽS-HZDS und der rechten SNS gebildet wurde. In diesen Fällen wurde/wird die Existenz einer Querfront, gegen ein behauptetes überzeitliches Wesen wie den Westen, den goldenen Kapitalismus, usw behauptet. Meistens geht der Querfront-Vorwurf aber heutzutage in eine andere Richtung.

Der Artikel über „krude Allianzen“5 umfasst die Einzel-Themen „Moslems im NS“ (Behauptung und Realität), die behaupteten Kollaborationen von Moslems nach dem Krieg mit Ex-Nazis, die Haltung von Moslems bzw der Bevölkerung der betreffenden Region ggü orientalischen Juden sowie dem Zionismus, Instrumentalisierung bzw Verwendung des Querfront-Vorwurfs und die ausgeblendeten Beziehungen von Zionisten mit Faschisten (historisch und aktuell), daneben andere Kollaborateure des NS, Unterstützung des Westens von Islamisten, Einsatz von Nazis im Kalten Krieg durch den Westen. Die seit etwa 2001 gerne aufgestellte Behauptung ist die einer Querfront aus Moslems/Islamisten (so genau wird da meist nicht unterschieden), Rechtsextremen und (teilweise auch) Linken. Gegen „den Westen“, „die Juden“,… Und gerne wird noch eine Linie gezogen zu Mohammed Husseini, eine Kontinuität behauptet.6

Alexandre del Valle ist ein rechter französischer Wissenschaftler und Publizist, ein antislamisch und proamerikanisch gewordener Vertreter der Nouvelle Droite, er hat nach dem 11. 9. 2001 in Frankreich den Aufstieg zum TV-Experten und zum Politiker in der UMP geschafft. Er stellt Kommunisten, Rechtsextreme und Islamisten (bzw was er darunter versteht) in eine Reihe („une alliance idéologique rouge-brun-vert“). Es handle sich beim Islamismus um den dritten grossen Totalitarismus, eine grundlegende, weltumspannende, anhaltende Bewegung, deren Ziel darin bestehe, nach der Entfachung eines Kultur- und Religionskrieges die ganze Welt dem Islamismus zu unterwerfen. Er kritisierte 08 in einer Arte-Diskussionsrunde auch Indien (Kasten), China u.a., brachte einiges Brauchbare und einige Plattheiten (pro USA, pro „Westen“, für „humanitäre Interventionen“). Einige jüdische Organisationen haben Del Valle zu ihrem Liebling erkoren, obwohl er lange für rechtsextreme Gruppen und fundamentalistische Katholiken geschrieben und gesprochen hat.

Nahe bei Del Valle ist Guillaume Faye. Dieser predigt nicht nur einen Krieg „des Abendlands“ gegen „den Islam“, sondern auch eine klare Rassentrennung auf der Welt und „warnt“ vor dem Zusammenbruch der europäischen Gesellschaften; Zionisten sind für ihn auf der richtigen Seite. Faye gehörte eine Zeit lang dem von Alain de Benoist gegründeten neurechten Denkzirkel Groupement de Recherche et d’Études pour la Civilisation Européenne (GRECE) an. Während der Spaltung der Organisation 1986 schlug er sich der neuheidnischen und antichristlichen Rechten zu. De Benoist warf ihm Extremismus vor.

Pierre-André Taguieff, als Sohn russisch-polnischer Eltern in Frankreich aufgewachsen, Forscher am CNRS, ist ein Freund von Alain de Benoist (Begründer Neue Rechte), war eine Zeit lang pro Jean-Pierre Chevenement. Er stellt Querfront-Thesen über den „neuen Antisemitismus“ auf, v.a. in seinem ’02 erschienenen Buch „La nouvelle judéophobie“; bei ihm werden in der Dreifaltigkeit der „Antisemiten“ Linke besonders heraus gestrichen und werden Juden, die „sich selbst hassen“ inkludiert. 02 sagte er gegegnüber „Ha’aretz“ über Jean-Marie Le Pen: „Niemand hat ihn je eindeutig als Antisemit identifizieren können.“ Inzwischen sieht man das ja weitgehend anders.

Alain de Benoist wurde übrigens vom Schweizer Armin Mohler beeinflusst, der einst zur Waffen-SS wollte und später die „Weltwoche“ gründete. Während De Benoist nicht besonders pro-zionistisch geworden zu sein scheint, nahm Mohler später positiv Bezug auf den Zionismus – was keineswegs im Widerspruch zu seinen mehr rechtsextremen als rechten Überzeugungen stand. Aber: Darüber, wo die behaupteten Querfronten tatsächlich eher zu finden sind, darüber geht es im nächsten Abschnitt.

Der Philosoph Pascal Bruckner, auch ein Franzose, bläst in das selbe Horn wie Taguieff und Del Valle, spricht von islamo-gauchisme, einer Allianz zwischen der areligiösen (westlichen) Linken und dem Islamismus. Er ist einer der Ex-68er die sich nach Rechts drehten, wurde ein „neo-reac“ (Neocons in Frankreich) – was ihn ja gewissermaßen zu einer wandelnden Querfront macht. Heute vertritt er eine Mischung aus rechtem und linken Chauvinismus. Westliche Aufklärung, „Liberalismus“, Moderne bilden bei ihm einen Gegensatz zu „Multikulturalismus“ (und dessen vermeintliche Vertreter wie Timothy Ash) und Anti-Rassismus und sind von diesen bedroht. Da stehen bei ihm Tradition, Gruppe, Familie, Unterordnung auf der einen Seite, und Individuen, Individualität, Loslösung auf der anderen.

Auch Frauenrechte will er westlich-imperialistisch verorten, ein Engagement für die „3. Welt“ in den Gegensatz dazu bringen, Kapitalismus als postiven Gegensatz zu Islamismus darstellen, Gegnerschaft zu Rassismus versucht er so zu diffamieren. Er beklagt einen „Schuldkomplex“, „Selbstanklagen“, „Masochismus“ des Westens, welche die Moderne bedrohten; zu den Grossverbrechen des Westens, welche nicht zu sehr an dessem Selbstvertrauen rütteln sollten, zählt er auch die „Schoa“ und andere Völkermorde…7 Die westliche Moderne verkörpert bei ihm eben nur positive Errungenschaften, der Orient bzw der globale Süden das Negative, das Andere8, und die westliche Linke wirke destruktiv und sei naiv.

Folgerichtig hat er Bushs Krieg gegen Hussein unterstützt, 07 in der französischen Präsidenten-Wahl Sarkozy, hat sich der Hysterie gegen „Durban II“ angeschlossen. Er hatte sich -vor 11/9- auch für militärische Interventionen gegen die serbischen Aggressionen im ehemaligen Jugoslawien ausgesprochen, und dann auch gegen das Gefangenen-Lager Guantanamo und andere Aspekte des Bushismus Stellung genommen. Islam, Moslems sind bei ihm nicht dezidiert das Feindbild, aber spielen eine wichtige Negativ-Rolle in seinem Weltbild. Für Teile der Pseudo-Linken („Anti“deutsche,…) dient er eben so als positive Bezugsfigur wie für Front National oder die Mitte-rechts Stehenden.

Der de.wikipedia-Artikel über „Querfronten“: „Iran und Venezuela,…2006 bildeten Mahmud Ahmadinedschad, damals Staatspräsident des Iran, und Hugo Chávez, damals Staatspräsident Venezuelas, eine bilaterale ‚Allianz gegen das Imperium der USA‘.“ Bequellt ist das mit Ivo Bozic (:Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!), Autor bei „Jungle World“, „Achse des Guten“,… Auch hier: Die Diffamierung von Anti-Imperialismus bzw von internationaler Politik, die sich nicht westlichen Wünschen unterwirft und das Ablenken von den eigentlichen heutigen Querfronten. Die Realitäten der Globalpolitik und ihre Auswirkungen in Lateinamerika und Zentralasien aus der deutschen Sicht. Und die ideologische Verbohrtheit der „Anti“-Deutschen.

Der Kampfbegriff „Third World-ism“ bzw. „Tiers-Mondisme“ ist von pseudo-wissenschaftlichen Anhängern einer Bush-Weltordnung wie Herf oder Wistrich eingeführt worden, wird gern von „Anti“deutschen verwendet (Benl: „Querfront gegen das vermeintliche USraelische Empire“), zur Diffamierung aller unliebsamen Strömungen im Westen, Unterstützung einer bestimmten Hegemonie und Rechtfertigung des eigenen Konformismus. Dort wo man „Islamismus“ nicht so leicht unterstellen oder auf ihn projezieren kann, werden Belange des globalen „Südens“ oder „Ostens“ diffamiert, meist über Fürsprecher dieser Belange im Westen (damit es nicht ganz so weiss wirkt). Gerade bei Kommentaren über Mehrheitsverhältnisse in den UN kommt Rassismus bzw Rassenhierarchie schon ziemlich unverblümt daher.9

Die „Jungle World“ ist mit ihrem Mix aus Ex-Linken und Neo-Rechten ja selbst ein Beispiel einer Querfront. Auch wenn man sich die Fluktuation ansieht: Yücel von dort zu „Die Welt“, Zellhofer vom Österreichischen Cartell-Verband zur „Jungle World“, Elsässer von dort zu AfD/PEGIDA. Oder, Bozic 2006 dort für eine deutsche militärische Intervention für Israel, wie damals auch Casdorff vom „Tagesspiegel“.10 Birgit Schmidt lobte in dem Blatt die islamophobe/reaktionäre verstorbene Richterin Heisig, die auch von Sarrazin, Frauscher oder Unterberger gelobt wird; die offen rechtsextreme Seite deutschelobby.com „wusste“ zB auch dass Heisig ermordet wurde, wie auch Jörg Haider. Da sind die Querfronten.

Und, da schon von diesem Bozic die Rede war, der serbische Nationalismus und die Solidarität damit birgt so manche Fallstricke bzw bringt so manches zu Tage. Dieser Nationalismus hat eine deutlich anti-westliche Note, nicht erst seit den US-amerikanischen Militärinterventionen gegen das serbische „Vorgehen“ in Bosnien und Kosovo. Serben sind gleichwohl „Anti“deutschen und anderen Pseudo-Linken, manchen Rechtskonservativen und -extremen und Zionisten Abendland-Retter, Islam-Opfer, etc. Serbien ist laut Wertmullah eine „antifaschistische Nation“. Strache schätzt die Serben wiederum, vereinfacht gesagt, weil er bei ihnen eine Nähe zu seinem Gedankengut sieht.11 Serbianna.com ist so eine serbo-faschistische Seite, die auch damit beschäftigt ist, Islam, Islamismus und Faschismus zu vermixen – und sich auf der Gegenseite zu platzieren. Tschetniks kollaborierten teilweise mit der Wehrmacht, das wird gerne unter den Tisch gekehrt, darüber und im Zusammenhang damit Stehendes hier.

Der de.wiki-Artikel über Querfronten weiter: „Seit 1975 verschaffte Henning Eichberg nationalrevolutionären Ideen eine Renaissance. Er griff Theorien der Konservativen Revolution nach 1918 auf und versuchte sie als Neue Rechte im Sinne einer Diskurshoheit zu etablieren. Er kam aus dem Umfeld von Otto Strasser (NSDAP) und orientierte sich an den Schriften der Weimarer Nationalbolschewisten Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel, des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle und des Zionisten Martin Buber.“ Das trifft schon eher zu. Was ein Heni wiederum aus dem „Thema“ macht: Er schrieb eine Dissertation über „Antisemitismus und Antiamerikanismus in der BRD“ anhand Eichberg, bei Anton Pelinka, 07.12

Ein Wiki-Autor hat weiters das in den Artikel geschrieben: „Ob der historische Begriff sich auf beliebige Bündnisse von linken und rechten politischen Kräften übertragen lässt, ist umstritten. Vorgeschlagen wird daher, nur lagerübergreifende Bündnisse mit anti-emanzipatorischen ‚inhaltlichen Schnittmengen‘ wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Islamismus und Antifeminismus als Querfront zu bezeichnen“ – Na klar wird das vorgeschlagen, man konstruiert eine Achse, man definiert Opfer und Täter, und versucht dann die Realität dort hinein zu pressen. Alles andere bzw unbequeme Tatsachen werden ausgeblendet. Was die NPD über Moslems oder Einwanderer sagt/schreibt, steht zwar im Schatten von dem was „Jungle World“ oder Andere in dieser Ecke tun, aber es korreliert ja. Und so Pro-israel wie mancher pseudolinke deutsche Jüngling ist, ist sonst ein Teil von Vlaams Belang oder Front National (siehe unten) oder Evangelikale am rechten Rand der amerikanischen Republikaner. Wiki weiss dazu aber: „Die NPD betreibt besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ihrerseits eine gezielte Querfront-Propaganda, um auch Linksextremisten und Islamisten für ihre Aktionen zu mobilisieren.“

Westlichen Rechtsextremismus auf den „Islam“ abzuwälzen dient zum einen zur Reinwaschung des Westens, zum anderen zur Diffamierung bestimmter Anliegen von Ländern in der „islamischen Welt“. Etwa Anliegen der Palästinenser. In den 1980ern pilgerten tatsächlich deutsche und österreichische Grüne nach Libyen zu Muammar al-Gaddafi. Das Magazin „MOZ“ wurde von diesem finanziert. Dann sind auch die FPÖ und andere Rechtsextreme zu ihm gekommen. Die Journalistin Zöchling13 deutet eine Querfront an, wenn sie darüber schreibt. Was FPÖ und Grüne heute so eint, darüber schweigt man sich aus. Oder über die Verbindungen „des Westens“ zu den Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern (bzw ihre Unterstützung), als diese die kommunistische Regierung bekämpften.

Oder die Stützung Saudi-Arabiens durch den Westen bis heute. Stattdessen hier, ebenfalls Libyen: derstandard.at/1297819228746/Gruenes-Buch-auf-Deutsch-Rechtsextremer-Verlag-gibt-Gaddafi-Bibel-heraus. Der Autor ist inkompetent aber hoch ideologisiert und das zeigt sich nicht nur durch seine Promotion für den „Experten“ in diesem Artikel, sondern auch dadurch dass er (zusammen gefasst) verschiedene Arten der Entmündigung und Vorherrschaft als „progressiv“ und „antifaschistisch“ zu firmieren trachtet. Dafür wirft er sein ganzes Gewicht rein. Und, dass Alfred Mechtersheimer am Weg von Rechts nach Links und wieder zurück auch bei Ghadaffi Stopp machte, über wen sagt das etwas aus. In den Augen der Querfront-Theoretiker nicht über Pro Köln, wo er heute wirkt – aber über die Friedensbewegung, in der er sich engagierte, et cetera.

FPÖ-Strache hat übrigens für die österreichische Parlaments-Wahl 08 Wahlwerbung mit Imitationen von „Che“ Guevara versucht, sich dann abgegrenzt von diesem. Der konnte wirklich nichts dafür, wurde tatsächlich vereinnahmt, wurde garantiert missgedeutet.

Hinweis: Realistischeres zu „Querfronten“ in arabischen Ländern

Seltsame Allianzen

„Es wächst zusammen, was zusammen gehört“,

hat Willy Brandt den „Mauerfall“ vom 9. November 1989 kommentiert.

Hinter dem Narrativ einer Querfront aus Moslems bzw Islamisten und Linken oder aber Rechten oder aus allen Drei, gegen den „Westen“, usw., verstecken sich so manche Realitäten. Nachdem so ein Pseudo-Linker mit seinen zionistischen Anliegen in einer rechtsextremen Organisation in Wien auftrat, versuchte er sich u.a. damit zu rechtfertigen, dass er nichts über diese Organisation gewusst habe. Selbst wenn daran und seiner ganzen Apologetik etwas dran gewesen wäre (und der Brückenschlag von seiner Seite damit zu erklären wäre) – es bliebe dann immer noch der Brückenschlag von seiten dieses Bundes. Und gerade bei „Israel“ und „Islam(ismus)“ treffen sich Rechte und (Pseudo-) Linke häufig. Leute, die sich hier gegen den Einfluss der Kirchen auf Politik oder Gesellschaft engagieren, haben natürlich auch das Recht, das gegen den Islam zu tun. Oder Leute, die vor der Vermischung des Islams mit der Politik aus ihren Ländern nach Europa gekommen sind. Nur, unter der Marke „Islamkritik“ werden auch andere Süppchen gekocht… Diese Auslassungen bzw Ausblendungen verdienen Aufmerksamkeit.

Wernher von Braun in Peenemünde mit Emil Leeb und Fritz Todt…

Anfangen muss man hier mit dem Einsatz von (ehemaligen) Nazis sowie Verbündeten der Nazis durch den Westen im Kalten Krieg oder gegen Dekolonisation. Während mit „keelhauling“ und anderen Zugeständnissen an Stalin der kommunistische Ostblock, der kommende Feind, gestärkt wurde, wurden auch Nazis sehr rasch in das Konzept eines „Westens“ integriert, ob Gehlen und seine Organisation in der BRD oder ehemalige SS-Angehörige in der französischen Fremdenlegion gegen die Unabhängigkeit Algeriens. Auch Franco und seine Diktatur über Spanien wurden in diesen Westen integriert, hauptsache „antikommunistisch“. Freys „Nationalzeitung ging aus der „Deutschen Soldaten-Zeitung“ hervor, welche nach dem Hitler-Stalin-Krieg von früheren Wehrmachts-Offizieren mit US-amerikanischer Unterstützung gegründet worden war, zur Förderung des „antikommunistischen Verteidigungsbeitrages“ der Bundesrepublik.14

…und mit Walt Disney in der USA

Dann gibt es ein gewisses Maß an Übereinstimmung zwischen westlichen Rechten (von US-amerikanischen Neocons über Rechtskonservative bis zu den neuen europäischen Rechtspopulisten), Pseudo-Linken wie den „Anti“deutschen, und (Rechts)zionisten.15 Diese Allianzen bzw Konstellationen kamen infolge von 11/9/01 zu Stande. Es gibt Topoi und Aussagen, die atheistische (Ex-) Linke oder Religionskritiker (wie Hitchens, Fallaci) und religiös inspirierte Rechte (nicht nur die Evangelikalen der USA), aber auch säkulare Rechtspopulisten wie die Front National, verbinden.  Zum Beispiel, dass eine Verschwörung zur Islamisierung am Werk sei, die auch Einwanderung in den Westen (seine Unterwanderung) mit einschliesst, die Vermehrung dort, die dem “Jahrhunderte alten Ziel des Islam” diene, Europa zu erobern und durch einen “Geburten-Dschihad” (Thomas Maul) zu unterwerfen. Dass es eine kontinuierlich steigende Einflussnahme der Moslems im Westen gebe und dort ein naives Entgegenkommen.

Dieser Maul hat das etwa in seinem „Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus“ (Ca Ira-Verlag…) formuliert, das im Rahmen der „linken Buchtage“ im Mehringhof in Berlin vorgestellt wurde.16 Auf PI eine begeisterte Rezension der Ex-Linken Gudrun Eussner, in „Jungle World“ eine „Vorveröffentlichung“. Das Buch ist grossteils vom stramm rechten Hans-Peter Raddatz („Junge Freiheit“,…) und der Evangelikalen Christine Schirrmacher „entlehnt“. Maul scheint sich zur (katholischen) Kirche hin bewegt zu haben; dort kann er auf Matussek treffen, der von der anderen Seite kommt. Völkisch-Rechte wie auch pseudo-radikal Linke in Deutschland17 brauchen Islamhass und Philojudaismus zur Entlastung ihres Deutschtums.

Islamkritik ist nicht nur legitim, sie ist auch notwendig; es kommt aber meist nur eine bestimmte Sorte „Islamkritik“ (an). Wenn es nur um den Islamismus ginge, in seinen diversen Spielarten, und die daran angelegten Maßstäbe allgemein gültig wären, wäre daran gar nichts auszusetzen… Oder die Förderung von Reform in der islamischen Welt. Reform die nicht auf Entmündigung hinaus läuft. Aber, vor Saudi-Arabien bzw tatsächlichem Islamismus kapituliert man, während man in anderen Fällen „Islamismus“ als Vorwand bzw zur Diffamierung verwendet. Kräfte, die einen Krieg gegen Iran wollen, heucheln dass es ihnen um die Menschenrechte (oder in Syrien!) dort gehe, während sie diese Rechte in anderen Fällen herunterhandeln, relativieren, unterordnen. Islamophobie kommt meistens im Namen des Kampfes gegen den Islamismus daher, der mit dem Islam gleichgesetzt wird.

Die Henry Jackson Society (britische Neokonservative, mit dem Gatestone Institute verbunden) unter ihrem Douglas Murray ist ein gutes Beispiel, was unter Islam(ismus)-Kritik und Pro-Israel so alles befördert wird. Etwa der Kampf gegen „white guilt“ und „Multikulturalismus“, also für eine Erneuerung der weissen globalen Vorherrschaft.18 Dass man sich zur „Homophobie“ bekennt, stört Schwulenrechts-Imperialisten aus dem teutschen Raum wiederum nicht. Die Schweizer „Weltwoche“ ist auch ein Organ, das sich im Zeitalter von Islamismus und Islamophobie eine Frischzellenkur verpasste. Und wenn ihr Ex-Frontmann Roger Köppel (heute folgerichtig bei der Schweizerischen Volkspartei) zum Entzücken bestimmter Kreise (zB PI) darüber (Klartext) redet, dass Afrika an allem selbst schuld ist und man sich nicht für westlichen Sklavenhandel und Kolonialismus zu schämen braucht, kann man eigentlich froh sein, denn im Milieu gewisser „Links-Alternativer“ verschliesst man sonst gerne die Augen vor dem Rassismus aus dieser Ecke.

Für die (offen) Rechten bot der Islamismus eine Chance, auf Neuausrichtung, auf eine Um-Deklarierung von Inhalten. Das Rückständige, darunter der Antisemitismus und die NS-Nostalgie, wurde Anderen umgehängt. Viele Rechte (Individuen, Gruppierungen) haben in den letzten 10, 15 Jahren einen Schwenk vollzogen und nehmen z.B. Homosexuelle gegen „den Islam“ rhetorisch „in Schutz“, brüsten sich mit einer Toleranz, die „die Anderen“ nicht hätten. Eine Toleranz, die sie früher als Schwäche bzw. Dekadenz ausgelegt haben. Der Schwenk von Antisemitismus und Antikommunismus zu Islamophobie ist auch mit einem sehr heuchlerischen „Bekenntnis“ zu Demokratie, Menschenrechten, Aufklärung, Universalismus, dem Westen verbunden. Der „Islam“, als statisches Wesen jenseits von Raum und Zeit, ist eine Spiel- und Projektionswiese geworden, auf der man einen emanzipativen Ansatz vorheucheln kann, seine Ressentiments als „aufklärerisch“ bzw. „progressiv“ affirmieren. Mit „Islamkritik“ können sich auch Rechtskonservative, -populisten, -extremisten als „liberal“ und „aufgeklärt“ darstellen.

Rechte können sich rehabilitieren wenn sie proisraelisch werden. Man kann mit Israel-Solidarität den völkischen Gedanken fortführen, relativ ungestört rassistisch agitieren. Dass der israelische Innenminister sagte, das Land (Israel) gehöre dem „weissen Mann“, ist da nur ein kleiner Bezugspunkt. Die Nazis meinten von Ost-Europa ja, diese Länder seien durch die „falschen Einwohner“ verschandelt worden. Das meinen auch Viele im Hinblick auf die Palästinenser; auch viele sich „links“ deklarierende. Der ORF-Forenzwerg zeigt auch, wie Israel ein diffuser, politisch korrekter Bezugsrahmen für Rassismus und Artverwandtes geworden ist. Es ist nicht selten, dass aus dem „Nahost-Konflikt“ heraus Urteile über die ganze dortige Region und Menschen von dort argumentiert werden, und „Rezepte“ für den Umgang mit ihnen.

FPÖ-Strache kürzlich ein „zynisches“ Posting auf Facebook, in dem er die in Österreich lebenden „Erdogan-Wähler“ zum Verlassen des Landes aufforderte, weil er nicht wolle, dass sie „unter westlichen Werten wie Demokratie, Pressefreiheit und Gleichberechtigung litten“.19 Er verfolge „mit Sorge und Mitgefühl, wie unverstanden Sie sich bei uns fühlen“. Abgeschrieben hat er das von der deutschen Autorin Gabriele Brinkmann – die sich auf Nachfrage distanzierte, sich „missbraucht“ fühlte. Das konnte wiederum Strache nicht nachvollziehen. „Ich verstehe nicht, warum man sich von der eigenen richtigen Anregung distanziert“, Ohnehin sei der Originaltext etwas „holprig“ gewesen. „Ich habe es geglättet und ergänzt.“

Brinkmann schreibt über „Lebenserfahrungen von Frauen mit Islam“ à la Betty Mahmoody bzw die westlichen Rettung für solche. Ein guter Weg, zu schnellem Geld und Ruhm zu kommen. Hat einen Roman über einen Ehrenmord im Rheinland geschrieben, ein Verlag hätte die Veröffentlichung abgelehnt, worauf von ihr Vorwürfe eines Kniefalls vor dem Islam kamen, und das Buch gute Werbung bekam. Sie ist also in dieser Industrie tätig und scheint sich als progressiv-liberal oder so zu verstehen, sonst hätte sie nicht so gegen diese Querfront mit Strache „gesträubt“. Lieber wäre ihr es wohl gewesen, wenn irgend ein Islamist eine Fatwa oder so gegen sie ausgesprochen hätte, das hätte ihrem Selbstbild entsprochen. So hat sie aber den österreichischen Rechtsaussen-Führer und seine Fans begeistert.. Auch zwischen Eussner und der AFD gab es so was ähnliches. Aber so ein ungewollter (?) Zuspruch sagt schon etwas über eine unbewusste Nähe aus.

2000 hat die israelische Regierung wegen der FPÖ-Regierungsbeteiligung die diplomatischen Beziehungen zu Österreich noch abgebrochen. Wobei, die langjährigen Verbündeten und Partner Israels, von Verwoerd bis Pinochet, von Ecevit bis Mobutu, eigentlich schlimmer waren als die Haiders und Riess-Passers. Und auch die Israel-Freunde in verschiedenen Staaten, wie Jacques Soustelle oder Franz J. Strauss, waren nicht ohne. Übrigens war Vizekanzlerin Riess 2001 beim WM-Qualifikationsspiel der Teams Israels und Österreichs in Tel Aviv. Für sie gab es kein Einreiseverbot oder eine Verweigerung der Einreise, wie für Günter Grass oder Norman Finkelstein. Genau 10 Jahre später dann die Soli-Reise von Strache und anderen westeuropäischen Rechtspopulisten (oder -extremisten?) nach Israel. Man hat sich gefunden.

Strache dann irgendwann in diesen Jahren seither: “Ich halte…den Herrn Al-Rawi20, der anti-israelische Demos anführt, für skandalös…“. Auch in Mölzers Blatt „Zur Zeit“ kam die neue Linie an. Beim Durchsehen einer Ausgabe (~05) fand sich zB zwischen einem Zitat von Ernst Nolte, Artikeln über das Ulrichsberg-Treffen, Deutsche in Tschechien oder russische Oligarchen die Schlagzeile „FPÖ und Muzicant21 fordern drastische Änderungen“ (in islamischen Organisationen in Österreich). Gar nicht so falsch war ein Leserbrief in dieser Ausgabe, in der von einer „schizophrenen Haltung Jörg Haiders zum Islam“ geschrieben wurde. Mölzer war übrigens nicht nur mehrmals in Israel, er hat zB auch den Yasukuni-Schrein in Tokio besucht.

Die FPÖ hat inzwischen auch Verbündete in Osteuropa und hat Kontakte zur Tea Party-Bewegung und zum Trump-Kreis in der Republikanischen Partei der USA geknüpft. Die FPÖ-Aktivistin Elisabeth Sabaditsch-Wolff war einst im Mitarbeiter-Stab von Bundeskanzler Schüssel, dessen schwarz-blaue Regierung damals Israel empörte (?). Sie ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, der aus der ÖVP ausgeschlossen wurde nach der Forderung nach der Aufhebung der NS-Verbotsgesetzes. Sie ist Teilnehmerin (oder Mitveranstalterin?) der jährlichen „Counterjihad Conference“, ist mit dem dem FPÖ-nahem „Blog“ sosheimat.wordpress verbunden, und ähnlichen, wie gatesofvienna, steht auch hinter redegefahr.com, stopislam.info, gegendenstrom.wordpress, savefreespeech.org,… Breivik hat in seinem „Manifest“ mehrmals auf sie positiv Bezug genommen. Auf xxx.gatesofvienna.blogspot.co.at/2010/12/passage-to-israel.html kann man den Bericht über eine ihrer Israel-Reisen lesen. „Profil“, das 2015 (Zöchling oder Enigl) gross herausstrich (bzw behauptete), dass „Muslimbrüder und Vertreter der Terrorgruppe Gamaa Islamija auf Einladung von FPÖ-Hübner im Nationalrat gewesen sind“, aber nicht nur dieses Magazin, übt sich bei der Darstellung von solchen Verbindungen eher in „Zurückhaltung“.

Auch der Vlaams Belang (VB) machte Anfang der 00er die Umwandlung von altrechter zu neurechter Partei, wie auch die Front National (Jean-Marie > Marine Le Pen) und andere. Klassischer bzw offener Rechtsextremismus und Nazi-Nostalgie gibt es dort nur noch versteckt, etwa in Vorfeld-Organisationen wie Voorpost (fordert zB „Vlaanderen Solidair met Blank Zuid-Afrika“), VMO, VNJ. Auch hier hat man sich auf „jüdisch-christliche Wurzeln“ besonnen, will „gemeinsam mit Juden gegen den Islam“ vorgehen, ist jetzt pro USA. Der flämische Nationalismus wird mit Fortschrittschauvinismus (Rückständig sind die Anderen) in Einklang gebracht.

Der teilweise offene Rassismus richtet sich nicht nur gegen Moslems, auch zB gegen (christliche) Schwarzafrikaner. Apologeten des VB schreiben in der Regel das „Altrechte“ in ihm klein. Seit sich die Partei einen gemäßigteren Anstrich gibt, wackelt der Cordon sanitaire um ihn in Belgien. Björn Roose, VB-Aktivist und Blogger, ist wenigstens offen. Er nimmt gegen die Verbannung (christlicher) Religion aus der Öffentlichkeit oder gegen die Homo-Ehe Stellung (und das dürfte mittlerweile gegen die Parteilinie sein). Er nennt sich paläokonservativ, sieht den Liberalismus (der für ihn sehr weit gefasst ist) als ebenso grosse Bedrohung wie den Islam(ismus).

Filip De Winter bei der Angelobung im belgischen Parlament 1991

De Winter sagt heute, der von ihm 1991 im belgischen Parlament gezeigte Hitler-Gruss sei nur der alte römische Gruss gewesen (> Strache, 3 Bier…). Damals wurde er danach stolz auf dem Umschlag der Parteizeitung abgebildet und von anderen Funktionären / Mandataren der Partei nachgemacht. Auch die vom VB lange glorifizierte Kollaboration von flämischen Nationalisten mit Nazi-Deutschland versucht er heute umzudeuten. Gegenüber der israelischen „Haaretz“ sagte er dazu: „Many Flemish nationalists collaborated during the war because they thought—and now it is clear that they were wrong—that this would help them achieve independence for Flanders. This is the whole story. The overwhelming majority were not Nazis. They collaborated in order to attain independence and because the Church called upon them to go out and fight the Communists—something that Western Europe continued to do for 50 years. Now, in 2005, it is easy to say: ‚The collaboration was a mistake.‘ The collaboration did not help our country at all; we just became a vassal state of Germany. At the time, it was logical, because of the Church, because of communism. But this has no connection with Nazism.“22

DeWinter nahm an der „Counterjihad-Konferenz“ in Brüssel 2007 teil, und Vlaams Belang wurde ein Mitglied des „CounterJihad Europa network“, das aus der „Konferenz“ hervor ging. Es war Robert Spencer persönlich, der die Teilnahme des VB verteidigte, sich dafür stark machte. Es gibt ein Foto, das Pamela Geller dort gemacht hat, von Dewinter, dem britisch-israelischen „Aktivisten“ David Littmann und dem rechtsextremen israelischen Politiker Aryeh Eldad. Zu dem Siedler und Abgeordneten von Moledet/ Nationale Union/ Hatikvah hier etwas. Das Foto der 3 wurde aus Littmans Artikel auf en.wikipedia  mit fadenscheinigen Begründungen gelöscht, im Zusammenspiel ideologisch einschlägig Orientierter; der Geller-Blog wurde als Quelle abgelehnt (obwohl eh deren Richtung), die Info als belanglos heruntergespielt. Damals, als sie sich zusammenstellten und das Foto veröffentlicht wurde, war man noch voller Stolz über die Allianz.

Israel-Unterstützung dient zur Bezeugung historischer oder ideologischer Unschuld bzw Güte. Das hat nicht nur De Winter verstanden, sondern auch Schleyer einst oder N. Fest von „Bild“ (Wenn sich diese Zeitung gerade nicht um ihre Kernanliegen kümmert, wie diese: xxx.bild.de/news/ausland/penislaenge/mexikaner-roberto-esquivel-cabrera-zeigt-seinen-riesenpenis-42465610.bild.html). Und wie man sieht, werden diese Avancen von Israel und seinen älteren Unterstützern in Europa oder Amerika ja erwidert, gibt es Gemeinsamkeiten und Gleichklänge. Während westliche (und ganz besonders jüdische) Solidarität mit Palästinensern immer in Zweifel gezogen und diffamiert wird, als bestenfalls naiv und schlimmstenfalls querfrontig, wird sehr gerne ausgeblendet, was sich hinter „Israel-Solidarität“ so alles versteckt. Und, die proislami(sti)sche, antijüdische Strömung der Rechten (Alain Soral,..) ist winzig im Vergleich zur projüdischen/prozionistischen.

„Hitler war ein unvergleichliches Genie auf militärischem Gebiet. Die NS-Ideologie verhalf Deutschland von einem tiefen zu einem fantastischen Zustand, sowohl rein physisch als auch ideologisch. Die verlumpte, dreckige Jugend wurde verwandelt in ein gut erzogenes und funtionierendes Organ der Gesellschaft, und Deutschland erhielt eine vorbildliche Regierung, eine ordentliche Gerichtsbarkeit und eine öffentliche Ordnung. Hitler schätzte gute Musik. Er malte. Das waren keine Banditen. Sie [die Nazis] bedienten sich eher der Banditen und der Homosexuellen.“ So sprach Moshe Feiglin, Teil des politischen Establishments Israels (noch mehr als Eldad). Auf Wiki (und anderswo) wurde das zu Herunterspielen versucht. Und es gibt die Kompatibilität zwischen heutigen Rechtsextremen im Westen und Zionisten.

Nicht nur weil die JDL eine „Solidarity Rally“ mit Geert Wilders veranstaltete. Oder weil die EDL (nach dem Vorbild der JDL geschaffen) ausgesprochen pro-israelisch ist und der surfende Rabbi Shifren oder Roberta Moore für sie auftreten. Seltsame Allianzen. Sind sie wirklich so seltsam? Man trifft sich nicht nur gegen Islamismus, das wird in den Vordergrund gestellt. Da geht es immer auch um (bzw gegen!) nicht-moslemische „Farbige“ in bzw aus diversen Teilen der Welt. Wenn man in die Blogosphäre schaut, etwa bei achtderschwerter.myblog/eisvogel oder bei opinionnotes.info, um zwei aus einem Meer heraus zu greifen. Israel-Verehrung trifft auf Russophobie trifft auf Franz-Fuchs-Verschwörungstheorien, trifft auf Hetze gegen Emigranten und Flüchtlinge. Oder, auf Youtube: .youtube.com/user/FriedrichHecker1848/about , Blitzkrieg & Israel,Teutschtum und Zionismus. Dort auch Solche wie „zaxx19“, im gleichen Maß philosemitisch wie gegen “Farbige”; oder „nordlicht“, ein weiterer Beleg, dass man in Deutschland rechtsextrem und proisraelisch sein kann.

Islamophobie (die sich aber nicht gegen den Islam oder Islamismus sondern gegen Moslems richtet bzw was man dafür hält) ist da nur der politisch korrekte „Aufhänger“. Man trifft sich entsprechend einer Weltanschauung bzw Agenda. Im Fall der rechtsextremen rumänischen Partei PRM unter Vadim Tudor und seines  israelischen Beraters kann man den Umgang mit solchen Allianzen und den Unterschied zu vermeintlichen auf der Gegenseite studieren. Nach dem Abgang von Eyal Arad hiess es, die Gross-Rumänien-Partei PRM habe sich nicht wirklich vom Antisemitismus gelöst. Hätte Tudor einen arabischen Berater gehabt, hätte man daraus allein eine Querfront konstruiert, den Umgang mit diesem sicher nicht zum Gradmesser für den Rassismus in der PRM gemacht…

Freilich gibt es, bei allen Gemeinsamkeiten, Gegensätze zwischen der rechten und der linken Spielart von Islamophobie und Philozionismus. Aber auch Widersprüche innerhalb der Allianzen. Also zwischen „Junge Freiheit“ und „Jungle World“, aber auch zwischen „Jungle World“ und seinen Partnern. Breivik ist eindeutig in der rechten Islamophobie zu Hause, heuchelt da nichts vor. Küntzel, auf der Gegenseite, versuchte ihn nach dem Massaker in Norwegen aus Islamophobie und Philozionismus heraus zu schreiben. Weiss von einer „weitreichenden Übereinstimmung Breiviks Feindbild mit dem Feindbild der Islamisten“. In der pseudo-progressiven („linken“) Islamophobie stecken Moslems bzw Islamisten und Rechte unter einer Decke. Rechte Islamophobe (wie Breivik) attackieren wiederum Linke als „Islamversteher“, machen eine weitreichende Übereinstimmung von Islamisten und Linken aus (gegen den Westen, gegen Juden, gegen Nationen; Konservative die Retter).

Rechte können Diaspora-Juden schwerer akzeptieren, verehren Israel. Breivik schrieb (laut Küntzel) vorwurfsvoll, „75 Prozent der europäisch/amerikanischen Juden unterstützen den Multikulturalismus, ebenso 50 Prozent der israelischen Juden“. Die Verachtung für tatsächlich oder vermeintlich liberale bzw „selbsthassende“ Juden ist etwas, das viele „Anti“Deutsche, Zionisten, Neokonservative teilen. Dass Breivik schrieb, „Die ‚Holocaust-Religion‘ ist eine extrem destruktive Kraft in Europa“, weist auf die Widersprüche innerhalb der rechten Spielart der Islamophobie. Auch das gehört zur Querfront-Thematik, Gegensätze zwischen Verbündeten. Auch jene zwischen evangelikalen Christen und rechts-zionistischen Juden. Da gibt es Gemeinsamkeiten, von der Verurteilung der Abtreibung bis zur Dämonisierung bestimmter Gruppen, aber auch Differenzen…

Das Kreuzritter-Ideal von Breivik oder den Machern von gatesofvienna gefällt den Links-Zionisten und -Islamophoben nicht… Eine TV-Diskussion zwischen Softcore-Zionist Cohn-Bendit (Jcall,…) und Neofaschist Freysinger (SVP), mehr noch die Youtube-Kommentare von den Anhängern der Beiden, zeigen Bruchstellen und Gegensätze, zwischen Altlinks und Neurechts, auch zwischen Juden und philosemitischen Nicht-Juden. Wenn etwa Cohn-B. der Schweiz vorwirft, damals die Grenzen für jüdische Flüchtlinge dicht gemacht zu haben, und die Gegenseite das als Kränkung der Nation auffasst.

FPÖ-Strache redet zwar auch davon, dass der Islamismus der Faschismus des 21. Jh sei, eine Kriegserklärung gegen die europäische Aufklärung, frauenfeindlich, man kein Appeasement ggü dem Islam üben dürfe, Moscheen ein Herrschafts-Symbol seien, es einen Kampf der Kulturen gäbe, Europa von Islamisierung bedroht sei,… Das alles könnte auch von den Küntzels kommen. Und im Westchauvinismus (linkem wie rechten) werden die Unterschiede zwischen „Westen“ und „Orient“ gerne darauf reduziert, dass man hier Frauen „besser behandle“. Und Homosexuelle. Das zweitere teilen aber die meisten rechten Westchauvinisten/Islamophoben schon nicht mehr. Aber auch der erste Punkt…

Kürzlich gab es über die FPÖ in Amstetten (Niederösterreich) Empörung, da sie eine Subvention für das Frauenhaus ablehnte. Frauenhäuser seien nämlich an der Zerstörung von Ehen beteiligt. Da ist auch so eine Bruchstelle. Und Breivik hielt auch wenig von der Gleichberechtigung der Frauen. Küntzel führte auch (zur Abgrenzung von diesem) Breiviks Ressentiments gegen die „offene Gesellschaft“ an. Gegen „Multikulti“ hetzen Broder, den Küntzel in diesem Text leidenschaftlich verteidigte, und Konsorten aber auch dauernd, ebenso wie gegen „politische Korrektheit“. Jedenfalls, das was angeblich den Westen ausmacht, entpuppt sich dann gelegentlich als Anliegen einer politisch-gesellschaftlichen Richtung.

Und, es gibt auch Korrelationen zwischen den vermeintlichen Gegenpolen Islamisten und (v.a. rechten) Islamophoben, nicht nur Wechselwirkungen, sondern auch Gemeinsamkeiten. Auf beiden Seiten wird ein Gegensatzpaar Islam-Westen gesehen, eine westliche Unterwerfung des „Islam“ oder die Notwendigkeit danach oder aber umgekehrt, beide sind auf Hegemonie in „ihrem Lager“ aus, sind froh über Störungen von Verständigung. Und definieren Menschen und Vorgänge in der „islamischen Welt“ über die Religion. Mit christlichen Palästinensern, kommunistischen Iranern oder atheistischen Ägyptern haben Islamisten wie Islamophobe in der Regel keine Freude. Eben so wenig wie mit antiimperialistischen Linken im Westen oder antizionistischen Juden.

Beide attackieren „Multikulti“ bzw was sie darunter verstehen. Ein USA-Südstaatler, der für „Grenzkontrolle (zu Mexiko) statt Waffenkontrolle“ eintritt, stolz auf seine Waffensammlung ist und mit 8 J. sein erstes Gewehr bekommen hat, weist viele Ähnlichkeiten zum vermeintlichen Antidot auf, bzw. dem Bild, das es davon gibt. Barenboim wollte mit seinem Orchester im Iran auftreten, das iranische Regime wie auch das israelische waren dagegen… Obama sagte, es sei „ironisch zu sehen, dass einige Kongressmitglieder gemeinsame Sache mit den Hardlinern im Iran machen wollen“, als es darum ging, das Atomabkommen zu verhindern (was noch immer versucht wird).

Unvereinbarkeiten zwischen Rechts und Rechts

Dass Rechte verschiedener „Völker“ bzw „Volksgruppen“ schwer eine gemeinsame Grundlage finden, ergibt sich schon daraus, dass die Definition der Völker und des ihnen „zustehenden“ Raumes unterschiedlich ist, es sich daran spiesst. Für einen spanischen Nationalisten sind Abspaltungsbestrebungen der Katalanen und Basken das grösste Übel, für katalanische und baskische Nationalisten ist die Zugehörigkeit der betreffenden Gebiete zu Spanien illegitim, unstimmig.23 Den Fall, dass es in einem Staat unterschiedliche, einander widerprechende Nationalismen gibt, gibt es häufig. Im UK ist Unionismus so etwas wie ein britischer Nationalismus; und dieser steht im Gegensatz zum schottischen, zum walisischen und zum irischen Nationalismus (der letztere in Nord-Irland). Im Fall der Türkei ist der hauptsächlich durch die MHP vertretene Nationalismus natürlich die Antithese zum kurdischen Partikularismus.24

In Südafrika war es so, dass es einen Afrikaaner-Nationalismus gab, der zur Apartheid bzw zur Vorherrschaft über andere Volksgruppen im Land führte. Es gab einen schwarzen Nationalismus, der gegen die Benachteiligung der „schwarzen“ Völker aufbegehrte. Es ist ansatzweise ein südafrikanischer Nationalismus im Entstehen, der sich positiv auf die Vielfalt des Landes bezieht und sich auch nicht gegen Andere/“Äussere“ richtet. In Ägypten gibt es die Auffassung des Landes als Führungsmacht unter den arabischen Staaten und mit einem deutlich islamischen Charakter; und jene von Ägypten als Nation mit einer eigenständigen Kultur, die weit vor die Zeit der Islamisierung zurück reicht und die ägyptische Hochkultur nicht nur mit einschliesst, sondern sie auch zur Grundlage der Nation macht. Komplex ist der chinesische Nationalismus, besonders im Hinblick auf die Teilung 1949.

Und dann beissen sich natürlich Nationalismen die aus unterschiedlichen Staaten kommen. Zumal Nationalisten zum Teil irredentistisch sind, zu Maximalansprüchen tendieren, was die territoriale Ausdehnung ihres Staates, ihrer Nation betrifft. Um hier ein Beispiel aus unzähligen möglichen heraus zu greifen: Die slowenische SNS bezieht sich auf das gesamte Siedlungsgebiet der Slowenen, und das erstreckt sich ja auch auf Teile der vier Nachbarstaaten Österreich, Ungarn, Kroatien, Italien. Zur Zeit werden „nur“ Ansprüche auf 4 Dörfer im kroatischen Teil von Istrien erhoben und ansonsten Minderheiten-Rechte für die Slowenen jenseits der Grenzen gefordert.25 Aber eigentlich ist für sie auch (zB) Triest eine slowenische Stadt. Während für die italienischen Rechtsextremen (AN,…) nicht nur Koper und das ganze (auch kroatische) Istrien italienisch sind, sondern die gesamte Ost-Adria-Küste, bis hinunter nach Korfu.

Einige ideologische Grundannahmen verbinden Rechte diverser Nationalitäten, wie die Ablehnung gesellschaftlicher Liberalität sowie der Individualität zugunsten einer „völkischen Einheit“. Aber das ist ja ins Wanken gekommen. Auch Juden und Schwule sind nicht mehr „unumstritten“ als Feindbilder. Man findet sich vielleicht noch über gemeinsame Feindbilder wie Linke, Moslems oder Sinti. In der Slowakei bekam die rechtsextreme LS-NS bei der Wahl 2016 etwa ein gutes Resultat, nach einem Wahlkampf gegen Sinti und Flüchtlinge. Das ist ziemlich konsensfähig unter europäischen Rechtsextremisten. Die Haltung der  LS-NS gegenüber der grössten Minderheit in der Slowakei, den Ungarn, dagegen… Die einzelnen Nationalismen beissen sich bald.

Der Chef der slowenischen SNS, Jelincic-Plemeniti, kommentierte den Unfall-Tod Jörg Haiders in Süd-Kärnten damit, dass ihn dieser „auf slowenischem Boden“ ereilt habe. Da, wo Nationalismen direkt aufeinander treffen, ist der Gegensatz besonders gross, unüberbietbar gross. In der Kärntner FPÖ26 wird die SNS natürlich auch nicht als Verwandter/Verbündeter wahrgenommen, sondern als „Vertretung“ einer „Spezie“, die auf einem niedrigeren „Level“ ist. Sie war auch hauptsächlich für die Verzögerung bei der Aufstellung Ortstafeln mit (auch) slowenischer Aufschrift in Kärnten verantwortlich (eines der wichtigsten der genannten Minderheiten-Rechte). Mit Distanz sieht die Sache anders aus. Die British National Party (BNP) wird mit der SNS leichter eine gemeinsame Grundlage finden können. Und wenn die SNS gegen Flüchtlinge agitiert, ist auch Gemeinsames mit den Rechtsextremen der Nachbarländer (slowenische Minderheiten in diesen, Volksgruppen dieser Länder in Slowenien), FPÖ, AN, Jobbik, HSP, möglich.

Widersprüche dominieren im Verhältnis der Rechten diverser Länder/Nationalitäten. Das faschistische Italien konnte eigentlich unmöglich Freund des kroatischen Nationalismus sein; dennoch verbündete sich die Ustaša/UHRO mit diesem Regime. Und nach dem Angriff der Achsenmächte auf Jugoslawien im 2. WK wurde zwar ein von der Ustascha geführtes Kroatien unabhängig, dieses musste aber gleichzeitig an Italien sehr viel Territorium abtreten, die gesamte Küste bzw den gesamten Westen (was nicht schon nach dem 1. WK italienisch geworden war). Nach dem italienischen Seitenwechsel zu den Alliierten 1943 wurde aus dem kroatischen „Zähneknirschen“ über die Behandlung durch die Faschisten eine Frontstellung gegen Italien – obwohl dieses nun eine Regierung hatte, die nicht solche Gebietsansprüche gegenüber den Nachbarn hatte und auch in Gebieten wie Istrien gegenüber den Slawen nicht eine solch diskriminierende Politik ausgeübt hätte!

Zu einer Herrschaft der Badoglio-Regierung bzw des CLN über die Gebiete des Julischen Venetiens kam es nicht, da diese mit dem Seitenwechsel unter nazideutsche Herrschaft kamen und dann von jugoslawischen Partisanen eingenommen wurden. Der Nationalsozialismus hatte bzgl diverser verbündeter Nationalisten das Problem der „Minderwertigkeit“ dieser Völker (bzw vice versa), konnte eigentlich keinen Nationalismus einer kollaborierenden Gruppe als ebenbürtig ansehen. Auch das Massaker von Kefalonia 1943 von Wehrmachts-Soldaten an italienischen Soldaten nach dem italienischen Frontwechsel (dramatisiert zu Roman und Film als „Corellis Mandoline“) gehört in diesen Zusammenhang. Heutige Deutschnationale respektieren italienische Faschisten entweder oder aber sehen sie auch als „minderwertige Südländer“; abgesehen von dem Konfliktstoff, den es um Südtirol gibt. Hitler hatte einst für die französische Ausgabe von „Mein Kampf“ die anti-französischen Passagen streichen lassen…

Konsequent in eine Richtung zu gehen, ist anscheinend auch nicht so leicht. Deutsch-Stämmige, besonders gern Deutsch-Nationale, bilden gerne ethnische Zellen; weshalb Chile das einzige Land neben Deutschland, Österreich, Schweiz ist, in dem es Burschenschaften gibt. In „ihren Ländern“ sehen Deutsch-Nationale das mit der Integration ganz anders. Oder die FPÖ und die Tschetschenen: Jene in Österreich werden dämonisiert, mit ihren Autokraten „zu Hause“ wird gepackelt. Bei der AfD gibt es einen dauernden Kampf zwischen den um Respektabilität Bemühten und den um Direktheit Bemühten. Den Reaktionär als Aufklärer affirmieren oder dem Reaktionären Legitimität verleihen?

1934 wurde in Polen eine rechtsextreme/faschistische Partei gegründet, die Obóz Narodowo Radykalny (ONR), von ehemaligen Mitgliedern einer anderen Rechtspartei der Zwischenkriegszeit, der Obóz Wielkiej Polski, wie Jan Mosdorf, Tadeusz Gluziński, Henryk Rossman, Tadeusz Todtleben und Marian Reutt. Sie war primär antijüdisch und nicht antirussisch oder antideutsch; als Pole hat man eine Palette an „historischen Feinden“. Aufgrund von Angriffen von ONR-Mitgliedern auf linke Demonstrationen und der Beteiligung an einem Boykott jüdischer Geschäfte wurde die Partei nach wenigen Monaten Existenz im Juli
1934 wieder verboten. Einige ihrer Führer kamen in das Gefangenenlager in Bereza Kartuska. Dort spaltete sich die ONR, 1935, in zwei Fraktionen: die ONR-Falanga27 unter Bolesław Piasecki, und die ONR-ABC unter Henryk Rossman. Beide Nachfolgegruppen waren offiziell illegal.

Nach der Besetzung Polens durch Hitler-Deutschland schufen beide Gruppen Widerstandsgruppen bzw wurden zu solchen. Aus ONR-ABC wurde die Grupa Szańca28, mit der Miliz Związek Jaszczurczy (Eidechsen-Vereinigung). Die Szańca-Gruppe unterstützte die Exilregierung und die Westalliierten. Die ONR-Falanga schloss sich der Konfederacja Narodu an, ein Widerstands-Allianz aus rechten Gruppen. Ein kleinerer Teil der früheren ONR-Aktivisten kollaborierte aber mit Nazi-Deutschland, etwa eine Splittergruppe der ONR-Falanga, die Narodowa Organizacja Radykalna (NOR), sah dessen Truppen weniger als Besetzer des Vaterlands, sondern als Verbündete gegen Juden, die sie als eigentliche Feinde Polens sahen. Die Szaniec-Gruppe, die im Widerstand war, sah das Vorrücken der Roten Armee der Sowjetunion am Kriegsende als drohende Gefahr für Polen, arbeitete dann bei einigen Gelegenheiten auch mit den (abziehenden) Nazis zusammen.

Vor dem Hintergrund der Besetzung Polens spaltete sich also der polnische Ultra-Nationalismus bzw Rechtsextremismus. Insgesamt gab es wenig Kollaboration unter Polen, einfach weil das was die Nazis dem Land zudachten (Teile sich selbst einverleibt, andere den Ukrainern versprochen, andere für den Angriff auf die SU als „Ausgangsbasis“ genutzt,…) wenig Raum liess für gemeinsame Interessen. Und auch jene die kollaborierten, bekamen kaum die Anerkennung der Nazis, auch sie wurden verachtet. Mit „Kollabos“ wurde nach Kriegsende abgerechnet; Bolesław Piasecki durfte unter kommunistischer Herrschaft die Stowarzyszenie PAX führen, die erlaubt wurde, um die Katholiken Polens in das Regime einzubinden, als Block-Partei. Piaseckis Sohn wurde unter nach wie vor ungeklärten Umständen entführt.

Die Anläufe der Rechten zur Zusammenarbeit im Europaparlament sind immer wieder Sisyphus-Bemühungen, bringen das Dilemma auch rüber. Front National-Gründer Jean-Marie Le Pen konnte nach seinem ersten Einzug ins Europaparlament 1984 eine Fraktion gründen. Ihr gehörten damals 17 Abgeordnete von vier Parteien an. Ausser den FN-Abgeordneten waren Vertreter der italienischen neofaschistischen MSI, der „Nationalen politischen Union Griechenlands“ (Epen) und der Partei der britischen Siedler in Nordirland, der Ulster Unionist Party, in der Fraktion vertreten. 1989 wurde der Epen-Abgeordnete nicht wiedergewählt, und der damalige MSI-Chef Gianfranco Fini wollte kein Bündnis mehr mit der Front National, machte sich auf den Weg zu mehr Akzeptanz. Le Pen suchte daraufhin neue Mitstreiter und gründete die sogenannte „Technische Fraktion der Europäischen Rechten“ mit ebenfalls 17 Mitgliedern, darunter Abgeordneten des belgischen Vlaams Blok (VB; der Vorgängerorganisation des heutigen Vlaams Belang) und der deutschen „Republikaner“. In der neuen Fraktion gab es bald Reibereien, unter anderem zwischen Reps und Neofaschisten wegen Südtirol…

Die Fraktion brach auseinander, nachdem fünf der Republikaner nach internen Querelen und einem Streit mit dem VB die Gruppe verliessen. 1994 wurde kein Republikaner mehr in das Europaparlament gewählt. Le Pen und seine Mitstreiter vom Vlaams Blok suchten nach neuen Verbündeten, unter anderem bei der FPÖ. Die FPÖ lehnte aber damals – im Gegensatz zu heute – eine Zusammenarbeit mit der FN ab. Daraufhin blieben die Abgeordneten von FN, Vlaams Blok, der italienischen MSI und der FPÖ fraktionslos. Erst im Jänner 2007, nach der EU-Osterweiterung, gelang es 23 Rechtsextremen wieder, eine Fraktion zu bilden, mit dem Namen „Identität, Tradition und Souveränität“. In der Gruppe unter Leitung des FN-Abgeordneten Bruno Gollnisch gab es bald wieder Streitereien, auch wieder wegen eines Konflikts zwischen Italienern und Österreichern um Südtirol. Zehn Monate nach ihrer Gründung brach auch diese Fraktion schliesslich auseinander.

Der Anlass: Nachdem eine Italienerin durch rumänische Einwanderer ermordet worden war, forderte die Duce-Enkelin Alessandra Mussolini (damals AS) den rumänischen Botschafter zum Verlassen Italiens auf und äusserte sich abfällig über Rumänen. Die sechs Mitglieder der rumänischen PRM verliessen daraufhin empört die Gruppe. Damit war die damals geforderte Mindestzahl von 20 Abgeordneten nicht mehr gegeben und die Fraktion wurde aufgelöst. Mölzer sagte damals, die Auflösung bedeute aber „keineswegs das Ende der Zusammenarbeit der rechtsdemokratischen und patriotischen Parteien Europas“. Die Unvereinbarkeit der Programme von Rechtsparteien aus verschiedenen Ländern und die diesbezüglichen Gegensätze im EP spiegelte sich 07 auch in einem Streit unter österreichischen Rechtsextremen wider.

Der Neonazi Gerd Honsik, der eben noch eine Wahlempfehlung für Strache abgegeben hatte, soll dem damaligen FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler die berühmten Fotos von Strache bei Wehrsport-Übungen zugespielt haben, die dann in Medien veröffentlicht wurden. So eine Art Vergeltung im Konflikt zwischen der FPÖ und noch rechteren Gruppen soll das gewesen sein. Hintergrund des Konflikts waren Verhandlungen der FPÖ im EP (unter Andreas Mölzer) über die Gründung eines Bündnisses im EP, mit der nationalkatholischen Liga polnischer Familien (LPR) – Honsik und andere Deutschnationale sahen dadurch eine Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze zwischen Deutschland und Polen – sowie mit den italienischen Rechtsextremisten – Honsik sah darin die Anerkennung der Brenner-Grenze zwischen Österreich und Italien.

Der Wunsch der europäischen Rechten nach einer eigenen Fraktion im EU-Parlament ist schon allein mit den damit verbundenen Geldern für Sekretariate, Dolmetscher und anderem erklärbar. Eine Führungsrolle nimmt immer die französische Front National (FN) ein. Ausser den nationalen Gegensätzen steht einer Zusammenarbeit entgegen, dass sich manche Rechtsparteien gemäßigt geben und um Respektabilität bemüht sind. Daneben gibts auch innerhalb eines Landes Widerspruch zwischen Rechtsparteien, ganz gewaltige bzw grundsätzliche sogar, zB zwischen Lega Nord (LN) und Alleanza Nazionale (AN) in Italien… Im Herbst 2010 wurde die „Europäische Allianz für Freiheit“ (EAF) gegründet, als Zusammenschluss europäischer Rechtsparteien, nicht als EP-Fraktion. Inzwischen war auch Wilders (PVV) mit von der Partie.

Nach der EP-Wahl ’14 gab es ein langes Ringen um die Bildung einer neuen Rechts-Fraktion, das von der EAF „geleitet“ wurde. 2015 wurde die Fraktion „Europa der Nationen und der Freiheit gegründet. Die Schwierigkeit bestand auch darin, Parteien aus den notwendigen sieben EU-Ländern zu finden. Das Bündnis aus FN, LN, FPÖ, PVV, VB und des polnischen Kongresses der Neuen Rechten (KNP) brauchte den Vertreter eines weiteren Landes – und fand ihn in der Person der ehemaligen UKIP-Abgeordneten Janice Atkinson. Diese war nach einem Bericht der „Sun“ über eine manipulierte Spesenabrechnung aus der Partei geworfen worden. Und, Wilders hat(te) Probleme mit der KNP (ist gegen gleichgeschlechtliche Ehe und für die Todesstrafe). Der EFD-Fraktion (UKIP, M5*) schlossen sich die Schwedendemokraten (SD), die Partei der freien Bürger aus Tschechien (SSO) und die litauische Ordnung und Justiz (PTT) an, die bei den Rechten erwartet worden waren. Jobbik (Ungarn) oder Morgenröte (Griechenland) sind fraktionslos.

Alessandra Mussolini, inzwischen bei Forza Italia (FI) bzw PdL, trat 16 aus der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) aus. Mit diesem Schritt protestierte sie gegen den deutschen Finanzminister Schäuble, der Italiens damaligen Regierungschef Renzi in seiner Kampagne für das „Ja“ beim italienischen Referendum über die Verfassungsreform unterstützte. Sie wurde eine Fraktionslose; wollte gegen die „deutsche Übermacht“ protestieren, gegen die Einmischung in Italiens Angelegenheiten. FI warb für ein Nein beim Referendum. In Wien trafen sich im Juni 16 die Rechtsextremen der EU, darunter auch die AfD, diskutierten wieder mal über Zusammenarbeit und Gemeinsamkeiten.

Eigenartiges

1905 und 1917 (Revolutionen während Kriege) unterstützte „Lenin“ aussenpolitisch Feinde des zaristischen Russlands, während er im Inneren Menschewiki, die andere Fraktion seiner Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, als Hauptgegner sah. 1917 zunächst die Februar-Revolution (nach westlichem Kalender im März), der Sturz des Zaren, ein (vielversprechendes!) demokratisches Experiment, eine provisorische Regierung, zunächst unter Lvov. Im April die Rückkehr Lenins nach Russland, ermöglicht durch die Genehmigung  zur Durchfahrt aus der Schweiz durch das Deutsche Reich, erteilt von Erich Ludendorff, damals Quasi-Co-Militärdiktator neben Hindenburg. Das deutsche Kaiserreich war Kriegsgegner des Zarenreichs, und der Feind meines Feindes…

Kaiser Wilhelm, Verwandter des damals inhaftierten Zars Nikolaus, soll die Durchfahrt von Lenins Gruppe russischer Revolutionäre in einem versiegelten Zug über Deutschland gebilligt haben. Ludendorff erhoffte sich eine Destabilisierung Russlands. Lenin verstärkte dann die Parallelherrschaft der Räte (Sowjets) neben der provisorischen Regierung (ab Juli unter Kerensky von der Partei der Sozialrevolutionäre). Und im November 17 die Oktoberrevolution, die Beseitigung des Pluralismus, die Verhinderung der geplanten Wahlen, die alleinige Herrschaft der Sowjets der bolschewistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei RSDRP(B). Im Grunde war aber ein bolschewistisches Russland (aus dem die Sowjetunion wurde) für das Deutsche Reich ein grösserer Feind als das zaristische oder ein demokratisches.

Oder Marcus Garvey. Er wurde in der Karibik (auf Jamaika) geboren, die jahrhundertelang Umschlagplatz für als Sklaven deportierte Afrikaner war, engagierte sich für die Nachfahren der nach Amerika verschleppten Afrikaner. Garvey strebte nicht eine Assimilation der „Schwarzen“ in Amerika an die „Weissen“ an, oder ihre Emanzipation. Er war für eine Trennung von ihnen, in jeder Hinsicht. Das „Zurück nach Afrika“ mit seiner „Black Star Line“ war dabei ein Projekt. Garvey und seine Universal Negro Improvement Association (UNIA) waren gegen räumliche und biologische Vermischung mit Weissen und er misstraute aus solchen „Vermischungen“ hervorgegangenen „Farbigen“, die die rivalisierende NAACP unter W.E.B. du Bois dominiert haben sollen, die einen integrationistischen Kurs fuhr. Und, Garvey traf sich in seinem Radikalismus mit dem Gegenpol, den weissen offenen Rassisten in der USA. Auch diese strebten nach Rassentrennung, und sein „Zurück nach Afrika“ für Schwarze war auch für diese ein guter Lösungsansatz. Offene Feinde der Schwarzen, so Garvey, seien ihm lieber seien als vermeintliche Freunde.29

Und so unterhielt Garvey auch Kontakte zum Ku Klux Klan! Sein Treffen mit Führern des KKK (wie Edward Y. Clarke) in Atlanta 1922 war seine wahrscheinlich kontroversiellste Aktion. Zumal sich dies zu einer Zeit zutrug, als Lynchmorde des KKK an Schwarzen im Süden der USA noch häufig vorkamen. Garvey machte keineswegs den Versuch, das Treffen geheim zu halten, im Gegenteil, in den Monaten davor machte er seinen Standpunkt in mehreren Reden unmißverständlich klar. Er hatte damals, nach dem Scheitern seiner Schiffslinie mit seiner UNIA, vor, im Süden der USA aktiv zu werden.

1956 gab es in der Georgischen Sowjet-Republik Demonstrationen gegen Chrustschows Entstalinisierungs-Politik, die stalinistisch sozialisierte Georgier schockierte sowie ihre nationalen Gefühle verletzte. Das obwohl der Georgier Stalin Georgien in Russland bzw der Sowjetunion aufgehen sah. Im Laufe der (teilweise gewaltsam verlaufenen oder niedergeschlagenen) Demos wurde dann auch die Forderung nach einer Unabhängigkeit Georgiens erhoben. Von einem Extrem ins andere, von der Forderung des Erhalts des Stalinismus zu jener nach dem Austritt aus der SU…

In Südafrika koalierten nach der ersten freien Wahl 1994 die bisherige „Apartheid-Partei“, die Nasionale Party (NP), und die „Anti-Apartheid-Partei“, der African National Congress (ANC), miteinander, zusammen mit der Inkatha Freedom Party (IFP), die so etwas wie eine „Apartheid-Kollaborations-Partei“ gewesen war. Die drei Parteien bildeten (bis 1996) die Regierung der nationalen Einheit, die auf die Apartheid folgte. Es handelte sich aber weniger um eine Querfront als einen historischen Kompromiss, ein Projekt der Versöhnung, des Neubeginns. Eine Querfront war vielleicht die Zusammenarbeit von Homeland-Parteien wie der Inkatha mit den Apartheid-Regierungen oder auch, nach der Einigung zwischen NP und ANC und bis zur Wahl, jene zwischen der IFP und den Parteien der weissen Rechtsextremen.

Tja, und Westblock/Ostblock-Überläufer oder -Spione im Kalten Krieg? Liegen hier Querfronten vor? Und wenn Linke-Wähler zur AfD gehen? Jene paschtunische Kommunisten, die in Afghanistan zu den Taliban hinüber wechselten? In Niederösterreich ist vor einigen Jahren ein Gemeinderat der FPÖ in Weikendorf (Bezirk Gänserndorf) der KPÖ beigetreten, Markus Fendrych.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. 1955 kam er in die BRD, war dort in einer kurzlebigen DSU aktiv
  2. Siehe dazu auch: Thorsten Keiser: Eigentumsrecht in Nationalsozialismus und Fascismo. Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts (2005)
  3. Und beide Ideologien/Mächte hatten „Helfer“ dort
  4. Beziehungsweise bis 2005, als die Regierungsmannschaft der FPÖ zum abgespaltenen BZÖ wechselte
  5. Die Bezeichnung ist das „Recycling“ des Titels eines Werbetextes eines Propagandisten dieser Querfront-Behauptung in Österreich
  6. Über die damaligen tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse habe ich in dem genannten Artikel geschrieben. Ein Satz hier jetzt dazu: Es waren Deutsche, die damals die Verbindungen herzustellen trachteten (im Sinne ihres „Nationalsozialismus“), das wird ausgeblendet – die „Kontinuitäten“ auf der „anderen Seite“ werden dagegen dauernd konstruiert (von den heutigen Deutschen)
  7. Andere versuchen ja den Holocaust an den Juden so aus dem Westen heraus zu definieren, in dem sie die Querfront von Nazis zu Moslems/Islamisten so konstruieren, dass zweitere quasi die Verantwortung dafür trugen/tragen und die Initiative von ihnen ausgegangen sei
  8. Das Nicht-Westliche definiert er anscheinend nicht präzise; bei Huntington waren zB Osteuropa und Südamerika keinesfalls Teile des Westens und auch beim katholischen Europa tat er sich schon schwer…
  9. Hartmut Finkeldey (kritikundkunst.wordpress): „Die schmutzigen Kriege ‚an der Peripherie‘ (wie demaskierend Sprache sein kann! – ist ja bloß die Peripherie, nicht das Zentrum, also unwichtig!) übertreffen schon in der schieren Zahl ihrer Opfer jedes Maß. Der Krieg ist derzeit Dauerzustand. Dass er für den postmodernen Spießer, der in den Machtzentren der Welt vor sich hin lebt mit seinen Privilegien, nur im TV oder im Web statt findet, ist unerheblich. (Die sog. Postmoderne ist der versteckte Herrenmenschenrassismus der sog. ersten Welt: Nur für uns happy few lösen sich diese Kriege ‚an der Peripherie‘ in Virtualität auf; für die Betroffenen ist er tödlicher Alltag“
  10. Dass huckepack auf der Begeisterung für den Zionismus nicht nur ein West-Imperialismus daher geritten kommt, sondern auch ein Deutsch-Imperialismus, wird auch gerne unter den Tisch gekehrt
  11. Strache warf dem Wiener Bürgermeister Häupl in einer Runde vor, dass die SPÖ Werbung auf Türkisch und Arabisch machte, worauf dieser auf serbische Inserate der FPÖ hinwies
  12. Heni hat übrigens ein Anti-Gauck-Buch mit Yücel und „Publikative“-Autoren geschrieben
  13. Inzwischen schaut sie auch so aus wie Kriemhild Trattnig
  14. Dass Gerard Menuhin, in der CH lebender Sohn von Yehudi, in der „Nationalzeitung“ schreibt, wird nicht als krude Querfront unter Einschluss von Juden gedeutet, sondern als Ausdruck von Antisemitismus und Querfront gegen sie
  15. Broder liegt am Schnittpunkt der 4 Strömungen
  16. A propos: Wenn man Broder liest, was er über Homosexuelle, Feministinnen und „verweichlichte Männer“ schreibt, oder die „Bahamas“, weiss man auch, wie „relativ“ an den Tag gelegte Betrachtungsweisen solcher „Linker“ zu diesen Themen sind
  17. Und, alles was sich in Deutschland durchsetzt, kommt auch nach Österreich,…
  18. Dass unter der Fahne von Anti-Islam und Pro-Israel mit Anti-Imperialismus „aufgeräumt“ wird, ist gang und gäbe; dass die Vorherrschaft die man zu erhalten trachtet, offen rassisch deklariert/definiert wird, ist aber selten
  19. Diese Werte sind es ja, die seine Anhänger verkörpern, besonders jene auf facebook… Als der Ex-Nazi dort über „Integrations- und Arbeitsverweigerer“ schreibt, erreicht die Stimmung in den Kommentaren darunter den Siedepunkt, als Einer „eine an zug und ab nach mauthausen“ schreibt
  20. Irak-Stämmiger SPÖ-Politiker
  21. Langjähriger Chef der Jüdischen Gemeinde Wiens
  22. Die Verbindung zwischen pro-zionistisch und nazi-verehrend ist nicht auf Europa beschränkt. Man findet sie etwa bei den Hindu-Nationalisten Indiens, die seit Savarkar für Zion sind und verstärkt im aktuellen Kontext, seit in den 00ern eine gewisse Zusammenarbeit zustande kam. Shiv Sena etwa, unter Uddhav Thackeray, ist nicht nur anti-moslemisch, sondern auch gegen christliche Missionierung, und hat die NS-Verdrehung des „Arier“-Begriffs übernommen
  23. Dass es bei diesen beiden spanischen Volksgruppen eine lange Tradition des Links-Nationalismus gibt, soll jetzt nicht weiter „stören“
  24. Das ist jetzt vereinfacht ausgedrückt. Die MHP und grosse Teile der CHP sind natürlich nicht nur gegen kurdische Autonomie oder gar Abspaltung, sondern auch gegen Minderheiten-Rechte. Um auf die Frage der Irredenta-Ansprüche jetzt vorzugreifen, der kurdische Nationalismus und jener der Assyrer wiederum „beissen“ sich, beanspruchen in etwa das selbe Gebiet. Einen assyrischen Nationalismus gib es in der Türkei kaum mehr, er kommt als Irredentismus von Aussen daher
  25. Rechte, bei deren Gewährung gegenüber den Minderheiten im eigenen Land man nicht so grosszügig ist, auch das ein Merkmal der Rechten
  26. Na ja, zumindest in Teilen davon
  27. Sie war von der spanischen Falange inspiriert
  28. Szańca bedeutet so etwas wie „Wall“
  29. „I regard the Klan, the Anglo-Saxon clubs and White American societies, as far as the Negro is concerned, as better friends of the race than all other groups of hypocritical whites put together. I like honesty and fair play. You may call me a Klansman if you will, but, potentially, every white man is a Klansman as far as the Negro in competition with whites socially, economically and politically is concerned, and there is no use lying“

Geschichte im Film

Hier geht es um Filme und (vergangene) Realität, somit hauptsächlich um Historienfilme: Verfilmungen historischer Stoffe mit vielen oder wenigen fiktiven Elementen, bzw Spielfilme mit thematischem Bezug zur Geschichte. Die Darstellungsformen der Vergangenheit variieren. Historienfilme können filmische Entsprechungen zu historischen Romanen sein, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB „Ben Hur“). Fiktive Filmerzählungen, deren Handlungen vor historischer Kulisse angesiedelt sind. Kleine Geschichte eingebettet in die grosse. Die andere Form ist die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente, z.B. die Stauffenberg-Attentat-Filme. Die Darstellung grosser Geschichte, die Dramatisierung historischer Begebenheiten bei Veränderungen von Details.

Daneben gibts auch die Entsprechung zu oder Umsetzung von historischer Fiktion bzw Alternativgeschichten/Kontrafaktik, wie „Inglorious Basterds“. Und Historienfilme, die grosse Geschichte bringt (also nicht zB eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des USA-Bürgerkriegs, wie „Vom Winde verweht“), aber in „verschlüsselter“ bzw fiktionalisierter Form, mit auf tatsächlichen Personen basierenden Figuren. Monumentalfilme (engl. epic film; aufwändig, epische Breite,…) sind oft Historienfilme, wie „Gladiator“, „Exodus“, „Cleopatra“.

Die englischen Entsprechungen zu „Historienfilm“, historical (fiction) film und historical (period) drama, bezeichnen mehr oder weniger dasselbe; der erstere Ausdruck vielleicht eher Filme mit Fiktion im Vordergerund, der zweitere Filme mit wirklich Geschehenem im Vordergrund. Filmische Darstellungen der Vergangenheit beinhalten immer auch Fiktion, weil manche Details nicht bekannt sind, weil Irrtümer vorliegen, oder um der Handlung willen. Im Artikel geht es auch um Verarbeitung von Geschichte für das Fernsehen.

Historienfilme sind Bestandteil von gegenwärtiger Geschichtskultur, transportieren über die Darstellung von Geschichte Vorstellungen und Verdrehungen von ihr, sind Resultat von Geschichtsbewusstsein und prägen dieses mit. Einerseits sind solche Filme Zeugnisse der Geschichtsauffassung der Macher und ihrer Umwelt/Gesellschaft, Dokumente ihrer Entstehungszeit, von bewusster und unbewusster Geschichtspolitik. Andererseits beeinflussen sie auch Vorstellungen von der Vergangenheit, verändern das Geschichtsbewusstsein der Zuschauer.

Als Vorgriff auf den Abschnitt über Filme, die nicht als Historienfilme zählen, sollen hier gleich ein paar Klarstellungen kommen. Die klassischen Historienfilme Hollywoods wurden im Wesentlichen ab den 1950ern gedreht. Es gab aber zuvor schon Filmbiografien („Biopics“) und Kostümfilme, beide auch in Form von Musicals. Deren Zugehörigkeit zu den Historienfilmen ist diskutabel. Zu den Kostümfilmen wird etwa der Sandalenfilm (sword-and-sandal, Peplum) gezählt.1 Kriterium sind die schweren Anachronismen in diesen Filmen (zB Kämpfe Herkules‘ gegen Vampire), die Betonung auf Kampfszenen, mythologischen Motive.

In anderen Monumentalfilmen werden historische Personen psychologisch (und oft spekulativ) dargestellt. Fantasy-Filme (Historical fantasy; Sagenstoffe,…), Science-Fiction, Steampunk zählen iR nicht als Historienfilme. Auch bei Western und Heimatfilmen ist das Historische meist zu entstellt. Fliessend sind die Übergänge zu Kriegs- und Abenteuerfilmen. Auch Filme, die vergangene tatsächliche Ereignisse behandeln, die aber nicht als einer anderen Epoche zugehörig erscheinen, gelten meist nicht als Historienfilme. Und Ereignisse, die für die Allgemeinheit zu wenig wichtig sind, mehr persönliche Erfahrung darstellen, qualifizieren Filme darüber auch nicht; die Grenzen sind natürlich fliessend…

Für die Unterteilung von Historienfilmen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Etwa danach, ob tatsächlich Geschehenes im Hintergrund bleibt oder Hauptsache ist (und nachgestellt wird). Dann gibt es jene Typen, in denen Tatsächliches verschlüsselt widergegeben wird. Und es gibt die Historienfilme mit Kontrafaktik bzw Alternativgeschichte. Ein anderer Parameter zur Einteilung ist, ob es eine literarische Grundlage (einen historischen Roman oder etwas ähnliches) gibt oder nicht. Einzuteilen sind Historienfilme auch nach der Epoche oder der Region in der sie spielen. Die Länge der dargestellten Periode kann vom ganzen Mittelalter bis zum Leben eines einzelnen Menschen oder noch viel kürzer reichen – auch diese Unterschiede bieten sich zur Charakteristik an. Historische Krimis (historical mystery) sind eine Untergattung, Kriegsfilme oder  Filmbiografien werden teilweise auch als solche gesehen.

Die hier getroffene Einteilung richtet sich danach, ob reales Vergangenes im Vordergrund steht (Nachstellungen gewissermaßen) oder das tatsächlich Geschehene im Hintergrund und Fiktives im Vordergrund.

Historienfilme mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund

Der letzte Kaiser (1987), eine Filmbiografie

Cleopatra (1963)

Die 5 Spielfilme über die Meuterei auf der Bounty (1916, 1933, 1935, 1962, 1984)

Gandhi (1982)

Spartacus (1960), über den realen Sklavenaufstand gegen die Römer in Süd-Italien, basiert auf einem historischen Roman

Lincoln (2012), über die Endphase des USA-Bürgerkriegs die glz. Abraham Lincolns letzte Lebens-Monate waren, grosse Akkuratesse

Tora! Tora! Tora! (1970), der Angriff auf Pearl Harbor 1941 von 2 Seiten

1492 – Die Eroberung des Paradieses (1992)

12 Years a Slave (2013)

Anna und der König von Siam (1946), basiert auf der Romanfassung (von Margaret Landon) der Tagebücher von Anna Leonowens, einer Britin mit teilweise indischen Wurzeln, die in den 1860ern am Königshof von Siam arbeitete; alle wichtigen Rollen wurden von „Anglos“ gespielt, auch wenn es sich um asiatische Figuren handelte; Anna und der König (1999) war eine Art Neuverfilmung

Quo Vadis (1951), Rom zur Zeit von Nero

Der Leopard (1963, Il Gattopardo), über einen Teil des Risorgimento; basiert auf einem Gesellschaftsroman

Jesus von Nazareth (1977), von Zeffirelli

Viva Zapata! (1952)

Der Löwe im Winter (1968), Heinrich von Anjou-Plantagenet, König von England und Herzog der Normandie, 1183, Intrigen in seiner Familie; basiert auf einem Theaterstück

Die Bartholomäusnacht (1994; La Reine Margot)

Lawrence von Arabien (1962), basiert auf der Autobiografie von Thomas Lawrence, behandelt die Phase seines Lebens, die ihn historisch relevant machte (1916–1918, die arabische Revolte gegen das Osmanische Reich)

Der Opiumkrieg (1997), chinesischer Film über die Ereignisse um den 1. Opiumkrieg gegen Großbritannien in den 1830-er und 1840er-Jahren

Braveheart (1995) dreht sich um den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace (13. Jh), die Figuren und die Handlung sind nur teils authentisch. Der Film ist eines der Indizien, die auf eine „anti-englische“ Einstellung von Mel Gibson hinweisen sollen

Der Untergang (2004), basiert vor allem auf dem gleichnamigen Werk des Historikers Joachim Fest

Der Pianist (2002), über Władysław Szpilman im Warschauer Ghetto

Die Unbestechlichen – The Untouchables (1987), über die Bekämpfung des Gangsters Al Capone in der Prohibitionszeit, basierend auf Elliot Ness‘ Buch, Personen zT authentisch, ein historischer Krimi(nalfilm)

Schindlers Liste (1993) von Spielberg, basierend auf einem Tatsachenroman

Ararat (2002), über den armenischen Aufstand von Van 1915

The King’s Speech – Die Rede des Königs (2010), behandelt den britischen König George VI. (Vater von Elizabeth), hauptsächlich seine Radio-Reden zur Krönung 1936 und zum Kriegseintritt 1939, vor dem Hintergrund seiner Sprachschwierigkeiten

Napoleon (Frankreich 1927)

Amadeus (1984) basiert auf dem Theaterstück von Peter Shaffer

Jud Süß – Film ohne Gewissen (2010), über die Entstehungsgeschichte des NS-Propagandafilms „Jud Süß“

Alexander Newski (1938), von Sergej Eisenstein, Geschichtspolitik im Sinne der damaligen Sowjetunion, hart am Propagandafilm

Masada (1981)

Mohammed – Der Gesandte Gottes (1976, Moustapha Akkad)

1911 – Revolution (2011), von Jackie Chan, über die chinesische Revolution 1911/12, mit der der letzte Kaiser des Landes gestürzt wurde und die Republik gegründet

Manfred von Richthofen – Der Rote Baron (1971)

Sattar Khan (Iran 1972)

Die Reisen des jungen Che (2004)

Beau Brummell (1954), über George B. „Beau“ Brummell, einen Engländer des 18. und 19. Jh, der eine modische Stilikone wurde

300 (2007) und Der Löwe von Sparta (1962; The 300 Spartans) haben mit den Ereignissen der Perser-Griechen-Kriege der Antike wenig zu tun, sind beides eher Propagandafilme, der frühere im Kalten Krieg, der neuere im „Kampf der Kulturen“; beide kommen übrigens praktisch ohne Griechen als Darsteller aus

Helen Mirren als „Die Queen“ (2006), kein Biopic, da nur die Phase nach dem Tod von Diana Spencer 1997 und der Umgang der britischen Königs-Familie damit behandelt wird

Argo (2012), nahe beim Polit-Thriller

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (2013), basierend auf Nelson Mandelas gleichnamiger Autobiografie, zum Teil (zu) nahe an der Gegenwart; Invictus (2008) behandelt einen kleinen Ausschnitt von Mandelas Leben, ist ausserdem ein halber Sportfilm, auch zetlich sehr nahe am betreffenenem Geschehen gedreht

Malcolm X (1992)

Brennt Paris? (Paris brûle-t-il ?; 1966), über die Befreiung Paris‘ 1944,
basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Dominique Lapierre und Larry Collins, Starensemble

Sieben Jahre in Tibet (1997), über Heinrich Harrers Erlebnisse in Tibet

R. Attenboroughs „Cry Freedom“ (Schrei nach Freiheit, 1987) über das Leben und den Tod Steven Bikos, basiert auf 2 Büchern von Donald Woods, der lebte damals (1986 Dreharbeiten) im Exil und der Film wurde auch ausserhalb Apartheid-Südafrikas gedreht

Es geschah am 20. Juli (1955), mit Bernard Wicki, einer der Filme über das Stauffenberg-Attentat und den Umsturzversuch von einem Teil der Wehrmacht 1944; der in der BRD gedrehte Film sparte bei Aussenaufnahmen mit Hakenkreuz-Fahnen, 10 Jahre nach dem Ende von Nazi-Diktatur und dem von ihr losgetretenen Krieg hatte man noch nicht die Distanz dazu…

Jobs (2013) und The Social Network (2010) zeigen Phasen aus den Leben von Steve Jobs, Mark Zuckerberg – die nicht lange zurück liegen

Jenseits von Afrika (1985), über die Erlebnisse von Karen „Tanja“ Blixen im britisch beherrschten Kenia, wo sie eine Farm hatte; die Klassifizierung als Historienfilm ist aufgrund des „unpolitischen Charakters“ der Handlung bzw der mangelnden historischen Relevanz Blixens fraglich

Im Namen des Vaters (1993), über die Geschehnisse rund um den Justizirrtum bzw die Rechtsbeugung um Gerard Conlon, die Guilford 4 und die Maguire 7 (> www.youtube.com/watch?v=-xgulzALUHo ). Aus dramaturgischen Gründen wurden einige Details abgeändert, zB die tatsächliche Rolle der Anwältin Gareth Peirce bei der Neuaufnahme des Falls

Der Elefantenmensch (1980), Schwarzweiss-Film von David Lynch über eine Phase des Lebens des missgebildeten Joseph Merrick

Der Baader Meinhof Komplex (2008), Spielfilm über die ersten beiden Generationen der RAF, nach dem Sach-Buch von Stefan Aust

Apollo 13 (1995)

Die Unbestechlichen (1976), über die Aufdeckung der Watergate-Affäre, nach dem Buch von Carl Bernstein und Bob Woodward

Catch me if you can (2002): während (der echte) Frank Abagnale älter aussah als er war, ist es bei Leonardo di Caprio umgekehrt; Geschehnisse sind nahe an Gegenwart und historische Relevanz ist fraglich, damit auch die Klassifizierung als historischer Film; selbes gilt für „Bonnie und Clyde“ (1967) oder „Zodiac“ (2007; an das Ungeklärte an den betreffenden Verbrechen hat man sich im Film angenähert bzw es offen gelassen)

The Killing Fields (1984)

Das Wunder von Bern (2003), Film von Sönke Wortmann über das Westdeutschland der Nachkriegszeit und v.a. sein Fussball-Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 19542

Foxcatcher (2014) ist ein Sportdrama, das den wahren Fall des US-amerikanischen Ringsport-Sponsors John E. du Pont erzählt, der den Ringer David Schultz 1996 tötete

Historienfilme mit Fiktivem im Vordergrund

Dazu gehören die Verfilmungen von historischen Romanen, wie „Vom Winde verweht“. Von J. F. Coopers „Lederstrumpf“-Geschichten wurde u.a. „Der letzte Mohikaner“ (Roman 1826) verfilmt (mehrmals), der vor dem Hintergrund des Britisch-Französischen Kolonial-Kriegs in Nord-Amerika spielt. Der Film über den „Glöckner von Notre-Dame“ aus 1956 (die wichtigste von mehreren Verfilmungen) weicht vom Roman Victor Hugos hauptsächlich darin ab, dass der missgestaltete Glöckner Quasimodo im Film eine dominierende Rolle einnimmt, im Buch aber nur einer von mehreren Handlungssträngen ausmacht. „Ben Hur“, über einen fiktiven jüdischen Fürsten, hat auch einen historischen Roman als Vorlage. Bei „Der Name der Rose“ ist dies allgemein bekannt.

„Les Misérables“ ist eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde; dennoch stellt der Roman eine Beschreibung der Restaurations-Zeit in Frankreich (1815-1830) dar. Er wurde als Hörspiel, zu Filmen, als Musical, TV-Serie adaptiert. Die „Robinson Crusoe“-Filme basieren bekanntlich auch auf einem Roman; dieser basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Verfilmungen von „Cry, the Beloved Country“ (Denn sie sollen getröstet werden, 1951 & 1995), dem Roman von Alan Paton, sind ein Grenzfall. Der Roman erschien 1948 spielte in der damaligen Gegenwart, im Übergang zur Apartheid. Die Handlung ist eng mit dem Politischen/Zeithistorischen verbunden und dieses ist eigentlich mehr als eine „Tapete“ bzw Kulisse. „Das Boot“ war eine Art historischer Roman, aber auch hier ist die Handlung Teil der grossen Geschichte. „Goodbye Lenin“ erzählt das Ende der DDR in Form einer Tragikkomödie.

„Heaven’s Gate“ (1980) basiert auf einem Konflikt zwischen amerikanischen Grossfarmern und osteuropäischen Einwanderern in Wyoming um 1890, dem Johnson County War, der Film verarbeitet diese realen Ereignisse, stellt sie nicht nach. „Gesprengte Ketten“ (1963; Great escape) änderte hauptsächlich die tatsächlichen Figuren ab, ihre Namen, Nationalitäten,… Konstantinos Gavras‘ Film „Z“ (1969) ist von die Lambrakis-Affäre inspiriert. „Long Walk Home“ (2002) ist ein Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall – fiktive Hauptpersonen, aber näher an der Realität als viele Filme, die Anspruch auf Authentizität bzw Abbildung erheben; daneben nahe am politischen Film. „Das Urteil von Nürnberg“ (1961) spielt eindeutig auf den Nürnberger Nazi-Juristenprozess 1947 an. In „Mississippi Burning“ (1988) sind die Personen „verschlüsselt“, die Figur des Sheriff Ray Stuckey entsprach zB dem realen Lawrence Rainey. Auch in „Windtalkers“ oder „Hexenjagd“ (1996)3 wurde Reales fiktionalisiert, und zwar die historisch relevanten Abläufe bzw Details. „Der Schakal“ (1973), eine Roman-Verfilmung, gehört auch in diese Kategorie.

„Ein Jahr in der Hölle“ aus den 1980ern dagegen, das auf einem  zeithistorischen/politischen Roman basiert, zeigt als Haupthandlung fiktive Personen vor „unverschlüsseltem“, realen Hintergrund; Indonesien 1966, die Zeit der Machtübernahme Suhartos. Dies ist auch ein häufig vorkommendes Muster. Dieses Verhältnis zur Geschichte haben auch „Pearl Harbor“ (2001), „Der Soldat James Ryan“ (1998), „Bobby“, „The Last Samurai“ (2003; die Meiji-Restauration in Japan), „Gladiator“, „Der längste Tag“ (1962, ein Kriegsfilm), „Die letzte Schlacht“ (1965, über die Ardennen-Schlacht), „Gangs of New York“, „36 Stunden“ (mit James Garner, nach R. Dahl, 1965), „Little Buddha“, „Titanic“ (1997), die meisten Vietnam-Krieg-Filme (von „Apocalypse Now“ bis „Platoon“),… Der Unterschied zum filmischen historischen Roman bei diesen Filmen ist, dass die erfundene Geschichte stärker mit der grossen, tatsächlichen, unveränderten Geschichte verbunden ist (bzw Teil von ihr ist). Die grosse Geschichte ist nicht im Hintergrund, die Handlung spielt sich in ihr ab. Natürlich wird auch hier Geschichtspolitik vertrieben, wie bei Vietnam-Kriegs-Filmen und der Darstellung der Intervention der USA darin, oder bei „Exodus“ bezüglich der Gründung Israels.

D-Day Normandie 6. 6. 1944

„Dead Man Walking“ (1995) basiert auf zwei authentischen Kriminal-Fällen, die die Ordensschwester Helen Prejean in ihrem gleichnamigen Buch schildert. Der Film kombiniert die zwei Fälle, die Figur des Matthew Poncelet ist Robert L. Willie und Elmo Sonnier nachempfunden, die beide ähnliche Straftaten begangen hatten und dafür 1984 auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. Zweifel an der Schuld gibt es hier anscheinend nicht, Zweifel an der Todesstrafe schon. Prejean ist übrigens in einem Cameo zu sehen. Sie ist nach wie vor gegen die Todesstrafe engagiert, war das etwa beim Fall „Tookie“ Williams. Die historische Relevanz ist hier fraglich. Selbes kann man bei „Casino“ (im selben Jahr erschienen) sagen, der ja die Mafia in der Glücksspiel-Industrie in Las Vegas behandelt. „23 – Nichts ist so wie es scheint“ (1998)4, über den „KGB-Hack“ 1985-1989, ist ausserdem teilweise spekulativ und verschlüsselt bzw verdichtet, und wie auch die anderen beiden Genannten nahe an der Gegenwart.

August Diehl in „23“

Manche Filme sind schwer einzuordnen. „Rapa Nui“ (1994) bringt eine verdichtete Darstellung der Zivilisation auf der Osterinsel/Rapanui, teilweise spekulativ und ahistorisch. „Die sieben Samurai“ von Kurosawa (1954, Jidai-Geki-Genre) ist ein Porträt der japanischen Gesellschaft des ausgehenden 16. Jh. In „Am Anfang war das Feuer“ (1981) sucht eine Gruppe Steinzeitmenschen nach Feuer. „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ enthält Informationen zu Grönland und seiner Beherrschung durch Dänemark, die Romanvorlage allerdings mehr. Der Musik-Film„Yentl“, basierend auf Kurzgeschichte bzw Theaterstück von Isaac B. Singer, porträtiert das Judentum im späten Zarenreich. Die „Pate“-Filme bringen zur Mafia in der USA viel Zutreffendes, aber eben sehr verschlüsselt, dramatisiert,… „Jagd auf Roter Oktober“ sagt am meisten über den späten Kalten Krieg aus und wie Thomas Clancy ihn sah.

Keine Historienfilme …

Western-Filme zählen normalerweise nicht als als Subkategorie des Historienfilms, sondern als eigenes Genre. Western behandeln normalerweise die Expansion der USA in den Westen, stellen diese heroisch dar, den Kampf gegen Indianer (das Andere), Mexikaner und Franzosen, gegen das Schlechte in eigenen (angelsächsischen) Reihen, die Behauptung gegen Widrigkeiten der Natur des neu besiedelten Landes. In der Regel zeichnen sie sich durch grob tendenziöse Darstellung sowie gravierende historische Unrichtigkeiten aus; oft auch ersteres durch zweiteres. Es gibt einen Übergang vom Abschluss der Unterwerfung des Landes und seiner Einwohner über die Wild-West-Shows des „Buffalo Bill“ zu den Western-Filmen des frühen Kinos. „(The) Alamo“ (1960) ist ein Western, der ein bestimmtes Geschichtsbild propagiert (über die Herauslösung des heutigen Texas aus Mexiko durch die USA 1836); hier steht grosse, tatsächlich Geschichte im Vordergrund.

„Hängt ihn höher“ (1968) spielt in Oklahoma, als es noch ein Territorium und kein Bundesstaat war (Ende 19. Jh), das Historische ist hier aber nur Instrument zur Verbreitung aktueller politischer Botschaften, der Film hat keinen eigentlichen historischen Bezug. Der ungerecht bzw unrechtens verurteilte Cowboy sorgt für Gerechtigkeit in seiner Angelegenheit, wird dann aber auch Teil des Staatsapparats und sorgt allgemein für Recht und Ordnung. Man kann daraus Botschaften für innere Angelegenheiten der USA (1968!, „Das Gesetz zu befolgen zahlt sich aus“) und äussere (Vietnam-Krieg, USA hat sich dort zu engagieren) ableiten. Europäische Western, von den May-Verfilmungen zu den Italo-Western, behandeln meist andere Themen bzw transportieren andere Botschaften. „Hängt ihn höher“ wird übrigens auch als „Anti-Western“ bzw „revisionistischer Western“ eingestuft; im eigentlichen Sinn sind darunter aber solche zu verstehen, die sich kritisch mit amerikanischer Politik und Dogmen auseinander setzen. So wie „Little Big Man“, „Buffalo Bill und die Indianer“, vielleicht „Der mit dem Wolf tanzt“.

Abzugrenzen vom Historienfilm sind auch Polit-Thriller bzw politische Filme, die sich u.a. durch die Aktualität des Themas und den dramaturgischen Aufbau auszeichnen. Einige schon erwähnte (bzw eingeteilte) Filme (wie „Z“) sind auch als Polit-Film zu charakterisieren bzw haben etwas von einem (wie „Mississippi Burning“). Gavras‘ „Vermisst“ (1982) oder „Hotel Ruanda“ (2004) bringen Faktisches, „Die drei Tage des Condor“ (1975) oder „I wie Ikarus“ (1979) Fiktives. Filme über den Kennedy-Mord, wie „JFK – Tatort Dallas“ (1991), sind auch eher Polit- als Geschichtsfilme. Viele Klassiker dieses Genres kommen aus Italien, von „Der Tag der Eule“ (1967; Verknüpfung von Mafia und Politik) über „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ (1970) bis „La seconda volta“ (1995; den man auch als Psychodrama sehen kann). „Citizen Kane“ (1940) ist auch eine Genre-Kreuzung. Die Verfilmungen von „Der Manchurian Candidate“ sind beinahe Science Fiction (SF), jene von 2004 mehr als jene von 1962. „Onkel Toms Hütte“ war als Roman bei seiner Erscheinung (1852) ein (höchst) politisches Buch, die 5 Verfilmungen ab 1907 wiederum können als Historienfilme gesehen werden.

Filme, die reale Kriminalfälle zeigen, wie „Kaltblütig“/ „In cold blood“ (1967, nach dem Tatsachenroman von T. Capote), erfüllen meist nicht das Kriterium der historischen Relevanz – wobei das Auslegungssache ist. „Sleepers“ zB beruht angeblich auf einer wahren Begebenheit, diese wäre an sich politisch-gesellschaftlich relevant.5 Die Grenzen zum historischen Film (bzw von ihm zu anderen) verrutschen jedenfalls öfters. Der Film „Alexis Sorbas“ (1964) beruht ja auf dem 1946 veröffentlichten Roman von Nikos Kazantzakis. Die Handlung, die sich um eine Kohlemine auf Kreta dreht, beruht wiederum auf wahren Personen bzw Begebenheiten, aber der Handlungsstrang selbst zu „unbedeutend“ und das Griechenland in dem er sich abspielt, zu vage geschildert bzw spezifiziert, als dass der Film historisch wäre. Wenn „Alexis Sorbas“ ein Historienfilm ist, dann ist das fast jeder Film.6

„Wall Street“ (I) ist zB ein ganz gutes Porträt seiner Entstehungszeit, nicht nur mit den damaligen Mobiltelefonen. Der Zeitkolorit in manchen Romanen und Filmen kommt auch dadurch zustande, dass durchschimmert, was damals dort gesellschaftlicher Konsens war; diverse Rassismen in Kinder-/Jugendbüchern von  Enid Blyton oder in „Hatschi Bratschis Luftballon“ (Ginzkey/Hartmann) störten etwa lange Keinen.7 „Mulholland Drive“ ist ein Rätsel-Thriller, aber auch die Beschreibung eines (gegenwärtigen) Milieus bzw von Zuständen, jenen in Hollywood. Der Action-Film „Top Gun“ sagt auch viel über die USA unter Reagan aus. „Johnny zieht in den Krieg“ (1971), über einen jungen Kriegsfreiwilligen, der schwer verwundet wird, spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs, ist aber eigentlich ein zeitloser Antikriegsfilm.

Der Film „Tsotsi“ kam 2005 heraus, war die Verfilmung eines Romans von Athol Fugard. Der Roman erschien 1980, geschrieben wurde er um 1960 herum. Das Roman-Original spielt wie die Film-Adaptierung in der Zeit der Entstehung, da sind also ca. 45 Jahre Unterschied. Im Roman näherte sich die Apartheid erst ihrem Höhepunkt (Zeit der Regierung von Verwoerd), im Film war sie gerade vorüber. Geschichte bzw Politik ist sowohl im Film als auch im Roman von „Tsotsi“ im Hintergrund, sind aber doch präsent. Es gibt Unterschiede in den Dialogen und der Handlung. Dass Schwarze einen Schwarzen umbringen, in einem Vorort von Johannesburg, bliebt gleich, der Umgang der Polizei damit ist unterschiedlich. Fugard war 1958, als er mit dem Schreiben des Romans begann, gerade nach Johannesburg übersiedelt, und begann eine Arbeit als Beamter. Er erlebte die Zerstörung des „gemischten“ Johannesburger Stadtteils Sophiatown mit – wo der Roman spielt -, und wurde kritisch gegenüber dem Apartheid-System, obwohl er als Weisser darin privilegiert war. Über Unterschiede zwischen Buch und Film

„Die Vögel“ von Hitchcock (1963) basiert auf einer Kurzgeschichte und  tatsächlichen Vorfällen. „Die Vögel“ von Daphne du Maurier aus 1952 handelt von einem Landarbeiter in England, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aggressives Verhalten von Vögeln beobachtet, das in der Umgebung nur er richtig deutet und er sich so in Sicherheit bringt. Die Vögel symbolisieren wahrscheinlich entweder die deutschen Luftangriffe während des Krieges oder die Furcht vor einem kommunistischen Angriff aus Osteuropa; innerhalb weniger Jahre ging das eine ja in das andere über. Zum Anderen gab es Vorfälle aus 1961, als die Dreharbeiten bereits begonnen hatten, an der Ost-Küste der USA, als Vögel massenweise gegen Häuser und andere „Hindernisse“ flogen; heute weiss man, dass ein von Kieselalgen produziertes Nervengift schuld daran war. Für einen Historienfilm ist das Ereignis zu unbedeutend und die Umsetzung zu wenig an den Tatsachen orientiert.

Die Film-Serie „Der Weisse Hai“ (4 Teile) basiert auf dem Roman von Peter Benchley, der 1974 veröffentlicht wurde, nicht lange bevor die Dreharbeiten zum ersten Teil begannen.8 Das „Original“ aus 1975 und seine Fortsetzungen gelten als Horrorthriller, Tierhorror-Filme oder Abenteuer-Film, es gibt aber auch hier eine historische Basis. Die im Roman verarbeitet wurde, die Haiangriffe an der Küste von New Jersey 1916 (vier Personen getötet, 1 verletzt). Wissenschaftler sind sich uneinig, welche Haiart für die Angriffe verantwortlich war, ob diese von mehr als nur einem Hai ausgingen und welche Faktoren dazu geführt haben. Die Haiattacken vor New Jersey führten Haie, besonders den Weissen, den man im Verdacht hat, in die Populärkultur und das Bewusstsein der USA ein, als Symbol für Gefahr. Die Buch-Verfilmung von 1975 wurde ja von Steven Spielberg vorgenommen, wurde ein internationaler Kassenschlager der 1970er. Spielberg, der damit durchstartete, gelang es, die Urängste von Menschen zu berühren.

Am Set von „Weisser Hai“

Im Roman ist der Hai zwar Protagonist, die Handlung ist aber weitaus komplexer und mehrdeutiger als im Film. Die fiktive Kleinstadt Amity auf Long Island (New York) ist darin auch Schauplatz diverser politischer und privater Verstrickungen. Im Film geht es nur um die vom Hai gestörte Badeort-Idylle und die Jagd auf diesen, durch den Polizeichef, einen Meeresbiologen und einen Haijäger. Das Politische, die Korruption, wird nur angedeutet, in Person des Bürgermeisters, der bemüht ist, die Hai-Gefahr zu vertuschen. Sowohl Buch als auch Film wurden mit dem 1972-1974 aufgeflogenen Watergate-Skandal der Nixon-Regierung in Verbindung gebracht. Zu den Fans des Buchs soll auch Fidel Castro gezählt haben, der das Buch als Metapher für das korrupte kapitalistische System gesehen haben soll. Und, die Filme sollen den Weissen Haien in der Realität das Leben schwer gemacht haben, die Jagd auf sie gefördert haben.

Dies führt zu Ric O’Barry (Feldman), der Trainer der 5 Delphine war, die „Flipper“ spielten, darunter „Cathy“, die wie er sagt, Selbstmord beging indem sie zu atmen aufhörte. Mit seiner Mitarbeit an der Serie und anderen Aktivitäten half er 10 Jahre mit, eine Industrie aufzubauen (Deplhin-Shows u.a.) – um sich dann seit mehr als 35 Jahren der Zerstörung dieser Industrie zu widmen, v.a. für die Befreiung von Delphinen aus Gefangenschaft. Hier also auch eine interessante Wechselwirkung zwischen Film und Realität. A propos Grossfische, Buchverfilmungen, Realität: Der Roman „Moby Dick“ von Herman Melville, der 1851 in London und New York erschien, erzählt nicht nur die Fahrt des Walfangschiffes „Pequod“, dessen einbeiniger Kapitän Ahab einen weissen Pottwal jagt, der ihm das Bein abgerissen hat. Entlang dieses erzählerischen Fadens wird die Welt des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert detailreich geschildert, werden aber auch philosophische, wissenschaftliche, oder mythologische Exkurse unternommen. Dies wird in den 8 Verfilmungen auch weitgehend unterschlagen.

„Cool Runnings“ (1993) geht wahrscheinlich auch nicht mehr als Historienfilm durch, abgesehen davon dass die Personen fiktiv sind und die Handlung auf der jamaikanischen Bob-Mannschaft von Olympia 1988 nur basiert, ist die Sache an sich nicht historisch relevant (genug) und liegt zu wenig weit zurück. Das trifft teilweise auch auf den Film über den Filmemacher Ed Wood zu. Sagen- und Mythen-Stoffe sind eigentlich an sich ahistorisch; daher sind die meisten Dracula- und Robin Hood-Filme nicht mal in der Nähe von Historienfilmen. Auch „Troja“ (Hollywood, 2004) oder „Elektra“ (Griechenland, 1962) behandeln Mythologie und nicht Geschichte. Science Fiction-Filme qualifizieren klarerweise auch nicht. Wobei, Nach-dem-Atomkrieg-SF-Filme wie „Der Tag danach“, andere Distopyen wie „Waterworld“, oder „Total Recall“ natürlich viel über die Zeit der Entstehung aussagen.

Dokudramen werden meist nicht als Historienfilme gesehen, sie stehen gewissermaßen zwischen diesen und geschichtlichen Dokumentarfilmen9, sind dramatisierte Dokumentationen. Die Film-Dokumentation (als solche geltende) des US-Amerikaners R. Flaherty über „Nanook“ bzw die Inuit/Eskimos in Kanada ist eigentlich eher ein Dokudrama. Zumindest wurde kritisiert, dass Vieles in dem Film gestellt war (die traditionelle Lebensweise war damals schon im Umbruch begriffen!); ausserdem dass Flaherty sexuelle Beziehungen mit Eskimo-Frauen hatte. Die „Die Götter müssen verrückt sein“-Filme kommen als Mockumentary daher, aufgrund der Einleitung als Tier- bzw Naturfilm.

„Die Geburt einer Nation“ (1915 fertiggestellt und veröffentlicht) ist ein Pseudo-Historienfilm, über den amerikanischen Bürgerkrieg und die Zeit danach; die glorifizierende Darstellung des Ku Klux Klans führte zu dessen Neu-Gründung. Ein Fall, wo ein Film die Realität bzw Gegenwart beeinflusste. Relativ offene Propagandafilme sind NS-Filme wie „Die Entlassung“ (1942; über die Entlassung Bismarcks 1890), „Kolberg“ oder „Heimkehr“. „Panzerkreuzer Potemkin“, ein schwarz-weisser Stummfilm von Sergei Eisenstein aus 1925, lehnt sich sehr frei an Ereignisse der (gescheiterten) russischen Revolution von 1905 an, die Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs „Knjas Potjomkin Tawritscheski“ gegen deren zaristische Offiziere, verarbeitet die Ereignisse im stalinistischen Sinn. „Casablanca“ (spielt 1941, wurde 1942 gedreht) war auch ein Propagandafilm, für die Anliegen der West-Alliierten im 2. WK.10

Dann gibt es die Filme mit alternativgeschichtlicher bzw kontrafaktischer Handlung. So wie „Rote Flut“ (1984), eine reaganistische Vision einer durch sowjetischen, kubanischen und nicaraguanischen Truppen besetzten USA, die sich tapfer wehrt. Während die USA unter Reagan Terror nach Nicaragua brachte, durch die Unterstützung der Contras, porträtierten John Milius11 und Kevin Reynolds die USA als Opfer der nicaraguanischen Sandinisten… In „Inglorious Basterds“ (2009) wird die Nazi-Führung im Sommer 1944 in einem Pariser Kino von einer Spezialeinheit des US-Militärs getötet und das Deutsche Reich kapituliert darauf hin. „CSA“ ist eine Mockumentary von Kevin Willmott, in der die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) den Bürgerkrieg gewonnen haben und dann die verbliebene USA (die „Nordstaaten“) geschluckt.

Weiters sind an alternativgeschichtlichen Filmen zu nennen: „Fatherland“ („Vaterland“, über die Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie 1944), „Dr. Strangelove“, „White Man’s Burden“ (1995, eine USA mit vertauschten Rollen von Schwarz und Weiss), „Osmanlı Cumhuriyeti“ („Osmanische Republik“, eine türkische Komödie aus ’08, Was wenn Atatürk nicht existiert hätte?), „District 9“,… „Unternehmen Capricorn“12, über eine Mars-Landungs-Vortäuschung, hat etwas von einem alternativgeschichtlichen Film, kann auch als Action-Thriller, SF oder Polit-Film gesehen werden. „Und täglich grüsst das Murmeltier“ (1993) bringt keine anders verlaufene historischen Entwicklungen, eher eine private Alternativgeschichte, wird mitunter als Fantasy kategorisiert. Die „James Bond“-Filme haben einen zeithistorischen Hintergrund, in den auch schon mal eingegriffen wird, sind aber eher als Agenten- oder Actionfilme einzuordnen. Den historischen Wert bekommen sie dadurch, dass sie nicht nur über die angesagteste Mode in verschiedenen Bereichen und den Stand der Technik zur Entstehungszeit Zeugnis geben, sondern auch über die jeweilige weltpolitische Grosswetterlage.13

„Forrest Gump“ (1994) ist ein Film, in dem ein Tor durch die amerikanische Zeitgeschichte wandelt, in dem der Hauptdarsteller Hanks mit Hilfe computergrafischer Methoden in Originalaufnahmen historischer Ereignisse hineingeschnitten wurde, durch den die Roman-Vorlage (die sich in Einigem vom Film unterscheidet) erst bekannt wurde, der die Realität zumindest insofern beeinflusste, als eine „Bubba Gump Shrimp Company“ wie sie im Film vorkommt, eine Fisch- und Meeresfrüchterestaurantkette, ins Leben gerufen wurde.14 In „Hot Shots“ kommen zahlreiche Zitate und Anspielungen früherer Filme vor, komödiantisch verpackt.

Im Fernsehen

Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen. Darum geht es in diesem Abschnitt nicht um die Einteiler, die für das Fernsehen produziert wurden, und die etwas Historisches haben. Wie „Am Tag als Bobby Ewing starb“ (Deutschland 2005), der die 1980er wieder bringt, in einer Landkommune in Schlewsig-Holstein spielt, 1986, als Bobby in „Dallas“ starb (für eine Saison), der Reaktor im AKW in Tschernobyl in der Sowjet-Ukraine bei einer Sicherheitsübung explodierte, und Werder Bremen die (west-)deutsche Fussball-Meisterschaft knapp gegen die Bayern verlor. „Dallas“ sagt natürlich auch viel über die 1980er aus, ungewollt.

Die Mini-Serie „Shogun“ ist die Verfilmung eines historischen Romans; bei den Dreharbeiten in Japan gab es kulturelle Konflikte. Kurzserien mit historischem Inhalt sind auch „Die Schatzinsel“ (ZDF 1966, Verfilmung), die Filmbiografie „Hitler – Aufstieg des Bösen“ mit R. Carlyle (na ja, 2 Teile), „Maximilian“ (ORF-Kurzserie 2017, über die Zeit des Übergangs von Kaiser Friedrich III. zu seinem Sohn Maximilian I. Ende des 15. Jh), „Marco Polo“ (1982), „Die Gustloff“ (2008); evtl ist auch „Dornenvögel“ als solche zu sehen.

Längere TV-Serien die mehr od weniger akkurat historischen Inhalt behandeln sind zB „Roots“, „Berlin Alexanderplatz“, „Ringstrassenpalais“ (1980-1986, ORF),„Der Kurier der Kaiserin“, „Downton Abbey“, „Fackeln im Sturm“, „Colorado Saga“, „Sandokan“, „Narcos“. Oder die türkische TV-Serie „Muhtesem Yüzyıl“ („Das prächtige Jahrhundert“; 2011-2014) über den osmanischen Sultan Süleyman den Prächtigen (15./16. Jh). Dieser wird weniger als weiser und gerechter Herrscher oder auf einem seiner zahlreichen Feldzüge gezeigt, als vielmehr bei den Intrigen innerhalb seines Palastes und vor allem seines Harems.

Auch Serien zeigen natürlich öfters eine Vergangenheit, die in Wirklichkeit anders war. „Unsere kleine Farm“, 1974-1983 erstmals ausgestrahlt (auf NBC), basiert auf der gleichnamigen (vermeintlich) autobiografischen Buchserie von Laura Ingalls-Wilder (1867-1957), die in den 1930ern und 1940ern erschien (original „Little House on the Prairie“). Die Geschichten über die heile Welt der Familie Ingalls in der ländlichen USA in den 1870ern und 1880ern sind fest im kollektiven Gedächtnis Amerikas verankert, sechs Museen beschäftigen sich dort zB mit Laura Ingalls und ihrem Leben, das angeblich ihre Bücher füllte. Dabei hatte diese eigentlich ihr Schreiben damit begonnen (in ihren 60ern), ihre tatsächliche Autobiografie zu schreiben. Nachdem diese von Verlegern abgelehnt wurde, begann sie mit der „Kleine Farm“-Serie, arbeitete ihre realen Erinnerungen zu einem Märchen um. 2014 kam diese Autobiografie erst heraus, „Pioneer Girl: The Annotated Autobiography“.

In ihren „Kleine Farm“-Büchern beschrieb Ingalls ihr Aufwachsen auf Farmen in zwei fiktiven Orten in Minnesota und Kansas, als ländliche Idylle. In Wirklichkeit  war diese Zeit für die Familie von Wanderungen geprägt, vom oftmaligen Übersiedeln. Als Erwachsene kam sie durch Heirat wieder auf eine Farm, in Missouri. Lieber hätte sie weiter als Lehrerin gerbeitet. In ihrer tatsächlichen Autobiografie hat Ingalls sowohl die Dörfer in der Natur als auch die ländlichen Kleinstädte sehr negativ dargestellt, als für sie beängstigend und bedrohlich. Manche Episoden des Landlebens hat sie für „Kleine Farm“ wiederum dramatisiert. Die Erblindung von Lauras Schwester Mary geschah in den Büchern und im Fernsehen wegen Scharlachs, in Wahrheit wegen Enzephalitis, die die „Hälfte ihres Gesichts aus der Form“ geraten liess.

Überliefert ist auch ein Spruch von Ingalls über die Verfolgung und Verdrängung der Indianer, die in ihrer Jugend zum Abschluss kam, wonach diese mehr Weisse hätten skalpieren sollen. Andere „Western“-Serien wie „Bonanza“ oder „Dr. Quinn“ erhoben nicht den Anspruch auf Authentizität, bringen aber eben auch geschönte Darstellungen über das Leben im Zuge der Expansion der USA im 19. Jh. Dr. Quinn in der 90er-TV-Serie, die um 1867 in Colorado spielt, ist eine Gute die sich für Frauen, Indianer, Schwarze, Entstellte,… einsetzt. Die Serie bringt auch die Little Bighoorn-Sache in Montana, angeblich ziemlich wahrheitsgetreu, dabei aber doch absichtlich entstellend (apologetisierend).

In den „Sopranos“ wird ja die Mafia von New Jersey dargestellt. Die Angehörigen der DeCavalcante-„Familie“ sind gewissermaßen die „echten Sopranos“, die Vorbilder. HBO-Leute haben angeblich Abhörbänder des FBI von ihnen gehört. Auch in der Realität der dortigen Mafia gibt es legale Geschäfte als Vorwand, gibt es eine „Abhängigkeit“ von der New Yorker Mafia (> Gambino/Gotti) und Minderwertigkeitskomplex dieser gegenüber. Und ist man gesellschaftlich konservativ. „Vinnie“ Palermo soll Vorbild für „Tony“ Soprano sein, war auch eigentlich jemandem untergeordnet, nämlich Giovanni Riggi. Der Beginn der TV-Serie 1998 soll die NJ-Mafia stolz gemacht haben, die Serie hat sie anscheinend erfolgreicher dargestellt als sie war/ist. Und, die De Cavalcantes imitierten die Sopranos dann in mancher Hinsicht.

„Wonder Years“ / „Wunderbare Jahre“ handelt ja von einer US-amerikanischen Familie um 1970 herum, mit dem Kleinen im Mittelpunkt. Auch wenn Vieles grob überzeichnet ist, steckt etwas Zeit- und Milieu-Porträt darin (wie zB auch in „Ein echter Wiener geht nicht unter“). „Homeland“ zeigt klar die Intentionen der Macher, die wiederum viel über die Entstehungszeit sagen. In der SF-TV-Serie „Fringe“ gibt es einige Folgen mit Alternativgeschichte. In SF-Serien (und -Filmen), die ja in der Zukunft spielen, kam Einges als Fiktion vor, das Realität wurde. Etwa PC-Tablets in „Kampfstern Galactica“ (USA, ’78-80, dem Original). Anderes, wie das Beamen in „Star Trek“/“Raumschiff Enterprise“, ist noch unerreichbar. Der Physiker Metin Tolan untersuchte in seinem Buch über die „Die Star Trek Physik“ die darin gezeigte Technik auf ihre Umsetzbarkeit.15 Beamen bei „Star Trek“ wurde ursprünglich von den Drehbuchautoren erfunden, um sich teure Kulissen für die Landung auf fremden Planten zu ersparen.

Zeichentrick-Serien? „The Flintstones“ / „Familie Feuerstein“ ist eindeutig zu wenig historisch akkurat, ist nur pseudo-historisch bzw historisierend, erhebt auch gar nicht den Anspruch auf Historizität. „Wickie und die starken Männer“ basiert ja auf einem Kinderbuch. „Es war einmal…der Mensch“ (Frankreich 1978, Teil einer Serie mit verschiedenen Wissensgebieten) bringt die Weltgeschichte in 26 Episoden, wurde in sehr viele Länder exportiert.16 „Asterix“ gab es ja als Comic bevor es zu einer Zeichentrickserie und „Realfilmen“ wurde. Es hat das Geschichtsbewusstsein bezüglich Gallien unter römischer Herrschaft in vielen Ländern maßgeblich geprägt. Die vielen Anspielungen auf Personen oder Ereignisse, die viel später kamen, kann es sich leisten.17

Historische Fehler in Filmen

Dabei geht es also nicht um inhaltliche Fehler (Handlungs-Löcher,…), Anschlussfehler („Goofs“ im engeren Sinn), filmtechnische Fehler (zB Mikrofon zu sehen) oder Synchronisationsfehler. Sondern um Anachronismen und Ähnliches; diese sind nicht nur in Historienfilmen mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund von Relevanz. Sondern auch zB, dass in „Vom Winde verweht“ elektrische Strassenlaternen vorkommen, die es zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs noch nicht gab. Fehler in historischen Filmen bzw historische Fehler in Filmen werden auch den inhaltlichen Fehlern zugerechnet (Wiki: „Ein inhaltlicher Fehler liegt auch dann vor, wenn Filme, die auf realen Ereignissen basieren, sich von der Realität unterscheiden.“). Jene historischen Fehler, die für die Meisten offensichtlich sind, sind eine Art Handlungsloch.

Es gibt hier unbeabsichtigte Nachlässigkeiten und Beabsichtigtes, das sich als falsch herausstellt (Irrtümer der Macher, falsche Annahmen); sowie beabsichtigt Falsches. Anachronismen, die öfters vor kommen, sind die Verwendung von Waffen, die zur betreffenden Zeit an diesem Ort (meistens noch) nicht in Gebrauch waren. Es gibt Überschneidungen mit inhaltlichen Fehlern, logischen und filmtechnischen; ein Statist mit Armbanduhr in „Ben Hur“ oder „Spartacus“ (Antike) ist wohl eher ein filmtechnischer Fehler (Nachlässigkeit der Kostümbildner) als ein historischer, da unabsichtlich. Fehler bei Sprachakzenten sind nahe bei historischen Filmfehlern.18 Der Dreh an einem anderen Ort als dem Schauplatz des Films ist kein Fehler, sofern sich dieser Ort nicht „verrät“.

Absichtlich verzerrte Darstellungen der Vergangenheit können zum Einen einer Geschichtsauffassung entspringen, die man transportieren will, bzw Ausdruck von Geschichtspolitik sein. „300“ ist nahe an der Propaganda, „Birth of a Nation“ ist ein Propaganda-Film. Die reale Pocahontas (16./17. Jh) war natürlich auch eine Andere, als die in Romanen und Filmen (real und gezeichnet) dargestellte. Zum Anderen kann es sich dabei um Ausdruck künstlerischer Freiheit oder eine humoristische Note handeln. Wie die Soldaten mit Maschinengewehren und Anderes in der Verfilmung von „Jesus Christ Superstar“. In Steampunk-Filmen wie „Wild Wild West“ sind Anachronismen auch beabsichtigt, es handelt sich um eine Art von Alternativgeschichte.

Beispiel „Cleopatra“: Neben Anschlussfehlern und Sachfehlern wie im Dialog über die Gezeiten des Mittelmeers19 gibt es Anachronismen wie eine Luftröhrenschnitt-Narbe bei Elizabeth Taylor oder Bikini-Streifen an einer Tänzerin. Ein historischer Fehler im eigentlichen Sinn ist die Durchfahrt Cleopatras durch den Konstantinsbogen (Arco di Costantino) in Rom. Dieser Triumphbogen wurde 312 gebaut, zur Erinnerung an den Sieg Kaiser Konstantins über den Usurpator Maxentius. Cleopatra aber lebte von 69 vC bis 30 vC, war von 51 vC bis zu ihrem Tod (letzte) Königin des ptolemäischen Ägyptens. Abgesehen davon, und das betrifft natürlich auch andere Filme: Alle Hauptdarsteller und auch die wichtigen Nebendarsteller sind US-Amerikaner, Briten oder andere „Anglos“; Ägypter, Griechen oder Italiener spielen (wörtlich) keine Rolle; kein Fehler i.e.S., aber eben auch eine Unstimmigkeit.

In den Bounty-Filmen wird Kapitän Bligh als grausam und inkompetent dargestellt. Dieses Bild geht insbesondere auf die Roman-Trilogie von Charles Nordhoff und James Hall zurück und hat sich durch die Filme verfestigt und verbreitet (v.a. durch den aus 1935, mit Charles Laughton und Clark Gable), kommt mittlerweile einem Geschichtsirrtum nahe. „Der Clou“ ist kein Historienfilm, enthält aber einige Anachronismen: Scott Joplins Ragtime war viel früher „in“ als der Film spielt (1936), Canasta wurde erst 3 Jahre nach dem Jahr in dem der Film spielt entwickelt (’39 in Uruguay); Inspiration waren übrigens die Betrügereien der echten Gondorffs, diese trugen sich auch früher zu.

Die drei Sissi-Filme aus den 1950ern: In „Sissi“ I (spielt 1853) zu sehende Autos sind eher ein filmtechnischer als historischer Fehler; an einer anderen Stelle darin fallen alle 9 Kegel während die Kugel noch weit von ihnen entfernt ist (Logikfehler oder filmtechnischer); ein Brief, der in einer Einstellung ein Siegel trägt, hat plötzlich deren zwei (Goof/Anschlussfehler); wiederholt ist in der Filmreihe vom „Starnberger See“ die Rede, obwohl dieser zu Sissis Zeiten noch „Würmsee“ hieß – dies ist ein echter Anachronismus bzw historischer Fehler. Die Darstellung der Romanze zwischen „Sissi“ und „Franz“ fällt wohl unter künstlerische Freiheit.

Im „Robin Hood“-Film von 1991 wird Schiesspulver eingesetzt, der legendäre Hood ist aber im 13. Jh angesetzt, gut 100 Jahre bevor dieses in Europa aufkommt. In „Braveheart“ treten Schotten in Kilts auf, die sich dort aber erst gut 300 Jahre nach der Zeit von William Wallace verbreiteten. Was oft vorkommt, sind Menschen in Europa im Mittelalter, die Kartoffeln aßen oder Baumwoll-Kleidung trugen.

Beispielhaft noch Links zu Behandlungen von Unstimmigkeiten in dem Kino-Film „Die letzte Schlacht“ (auf Englisch) und dem Fernseh-Zweiteiler „Hitler-Aufstieg des Bösen“.

Wenn Filme die Realität beeinflussen oder mit ihr korrelieren

Manchmal gibt es Ähnlichkeiten zwischen Film-Charakteren und den sie darstellenden Schauspielern. Robin Williams war anscheinend mehr „Sy Parrish“  („One Hour Photo“) als „Daniel Hillard“ („Mrs. Doubtfire“). „Tony“ Sirico war Berufsverbrecher in New York im Umfeld der Colombo-Mafia-Familie bevor er Mafiosi spielte. Grace Kelly spielte in „To catch a thief“/“Über den Dächern von Nizza“ 1955 eine Auto-Verfolgungsjagd auf der Grande Corniche, der Küstenstrasse in Süd-Frankreich zwischen Nizza und Monaco. Das war zu der Zeit, als sie Rainier Grimaldi kennen lernte. Auf einem anderen Abschnitt dieser Strasse ist sie im September 1982, als Fürsten-Gattin von Monaco, tödlich verunfallt. Brittany Murphy hatte etwas von der Figur, die sie in „Girl, interrupted“ darstellte. Manchmal sind reale Personen Vorbilder für Film-Charaktere. So wie Jeff Dowd (Filmproduzent und politischer Aktivist, Coen-Bekannter) für Jeffrey Lebowski oder Frank Rosenthal für „Ace“ Rothstein („Casino“).

Was die „Oscar“-Verleihungen betrifft, 1953 wurde die Verleihung erstmals im Fernsehen übertragen. Millionen konnten von da an (live) miterleben, was bislang ein elitäres Dinner für die Branche gewesen war. Und 1953 hat der zweite Anlauf des Senators Joseph McCarthy begonnen, mit einem Ausschuss seiner Parlaments-Kammer auf Jagd auf (vermeintliche oder tatsächliche) Kommunisten zu gehen. Daneben war der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses „für unamerikanische Umtriebe“ aktiv. Und auf Betreiben dieses zweiteren Ausschusses (zu HUAC abgekürzt) wurden in der Hollywood-Filmindustrie nicht Wenige beschuldigt und mit Arbeitsverbot belegt. Nominiert werden durften 1953 nur Filme, die dem HUAC als unverdächtig erschienen. Und der Kommentator der ersten im Fernsehen übertragenen Oscar-Verleihung war der Rechtsaussen Ronald Reagan.20

Reagan nahm ausserdem an der Propaganda-Kampagne „Crusade for Freedom“ (1950–1960) teil, die vom CIA-gesteuerten „Radio Free Europe“ finanziert wurde

Liberal durfte Hollywood erst später werden, und dann war es auch noch nicht die Jury der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für ihre Preise. Und deren Verleihungen wurden gelegentlich Ort politischer Manifestationen. Unter den Filmen, in denen der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses für unamerikanische Umtriebe (HUAC) und sein Wirken auf Hollywood eine zentrales Element der Handlung darstellen, ist zB „So wie wir waren“ (1973) von Sydney Pollack. Zu Quasi-Propagandafilmen Hollywoods aus späteren Jahren zählt „The Green Berets“ / „Die grünen Teufel“ (1968) von und mit Marion Morrison („John Wayne“), einem der ganz wenigen amerikanischen Filme, in denen das Mitmischen in Vietnam positiv dargestellt wurde.

In „Birdman of Alcatraz“ (1962) stellt Burt Lancaster den Mörder Robert Stroud (auch im Gefängnis tötete der einen Wärter) dar, der im Gefängnis in Leavenworth in Kansas autodidaktisch zum Ornithologen wurde. Der Film führte zu Wünschen nach Freilassung des noch inhaftierten Stroud. Stroud wurde 1942 nach Alcatraz gebracht (das vor-letzte Gefängnis, in das er verlegt wurde) – wo er keine Haustiere halten durfte. Auch wenn er als „Birdman of Alcatraz“ bekannt wurde und einer der berühmtesten Gefangenen auf dieser Insel war, der Vogelmann war er in seiner Zeit in Leavenworth (1912-1942).

Manche Filme haben Aufruhr ausgelöst. „Baby Doll“ von Elia Kazan (1957) etwa, wegen des Umgangs mit Sexualität. So eine Art Massenhysterie, die das Hörspiel „Krieg der Welten“ anscheinend ausgelöst hat, ist mir durch einen Film nicht bekannt. Charles Chaplin besuchte 1931 Berlin, wurde gefeiert, die NS-Presse hetzte gegen ihn, u.a. als „Juden“ (der er nicht war); 9 Jahre später spielte der Brite in USA Hitler in „Der grosse Diktator“. Montgomery Clift passierte während der Dreharbeiten zu „Raintree County“/“Im Land des Regenbogenbaums“21 1956 in Beverly Hills ein Auto-Unfall, der ihn entstellte und von dem er sich nie mehr erholte. Der Unterschied bei Clift zwischen den Szenen die vor dem Unfall und jenen die nachher gedreht wurden, war offensichtlich, und die Neugier darauf lockte Viele in die Kinos.

Und Lee H. Oswald ist ja, nachdem er durch die Erschiessung John Kennedys in Dallas Geschichte geschrieben hatte (oder: während mit ihm eine üble Nummer geschoben wurde) in ein Kino geflüchtet. Der Film, von dem er dort nicht viel gesehen hat, war „War Is Hell“ / „Marschbefehl zur Hölle“, über den Korea-Krieg. 2012 der Amoklauf in einem Kino in Aurora in Colorado, während der mitternächtlichen Premiere des Batman-Films „The Dark Knight Rises“.

Hinweise

Robert Burgoyne: The Hollywood Historical Film (2008)

Will Wright: Sixguns and Society: A Structural Study of the Western (1977)

Über den Film „Die Brücke am Kwai“ (1957) und die Tatsachen dahinter (Englisch)

www.historienfilm.net

www.historyvshollywood.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Beispiel dafür sind 19 italienische Hercules-Filme, aus den späten 50ern, frühen 60ern
  2. In „Deutschland – ein Sommermärchen“ zeigt Wortmann ja das deutsche Team bei der Heim-WM 06, als Dokumentarfilm
  3. Film über eine Hexenverfolgung in Salem 1692, nach einem Stück von Arthur Miller
  4. Cameo-Auftritt von Robert A. Wilson
  5. Fehler (Handlungs-Löcher) in diesem Film sind eine andere Sache, werden ein ander Mal behandelt werden
  6. „Alexis Sorbas“ hat ausserdem eine Rückwirkung auf die Realität. Der Tanz- /Musikstil Sirtaki („kleiner Syrtos“) wurde von „Mikis“ Theodorakis für den Film erfunden! Vorbild sind die Syrtos-Volkstänze. Im griechischen Tourismus werden die Erwartungen an die Folklore meist bedient. Der Sirtaki ist somit auch ist Paradebeispiel einer erfundenen Tradition, die ein Konzept des verstorbenen jüdisch-britischen Historikers Hobsbawn ist
  7. Bzw, man traute sich nicht, das zu artikulieren
  8. Benchley hatte die Filmrechte schon vor der Veröffentlichung verkauft
  9. Wie der palästinensische „Five broken cameras“
  10. Als der Film zehn Jahre nach seinem Entstehen im deutschsprachigen Raum erstmals gezeigt wurde, war davon nicht viel mehr als eine harmlose Romanze übrig
  11. Die Figur des Walter Sobchak in „Big Lebowski“ basiert (teilweise) auf diesem Drehbuchschreiber als Vorbild!
  12. Der wahrscheinlich beste Film mit O. J. Simpson
  13. Vielleicht auch über das britische Ringen um Geltung darin; zur Zeit von Ian Flemings erstem Bond-Roman Anfang der 50er und erst Recht zur Zeit des ersten Films 1962 war GB schon nicht mehr in der „ersten Liga“. Fleming hat auf seinem Anwesen „Goldeneye“ in Oracabessa in Jamaika, wo er seine Romane schrieb, wahrscheinlich etwas Anderes gefühlt
  14. Etwas, das „Big Kahuna Burger“ (kommt in mehreren Tarantino-Filmen vor), „Los Pollos Hermanos“ („Breaking Bad“) und „Krusty Burger“ („The Simpsons“) noch nicht geschafft haben
  15. Er hat auch Bücher über die Physik in James-Bond-Filmen, über den Titanic-Untergang und Fussball geschrieben
  16. Im deutschsprachigen Raum ist die Serie untrennbar mit dem Titelsong „1000 Jahre sind ein Tag“ verbunden, in Finnland aber etwa erklang als Intro die „Toccata“ von Bach…
  17. 2012 gab es in der Völklinger Hütte im Saarland die Ausstellung „Asterix & Die Kelten“, u.a. mit einem Vortrag von Meinrad M. Grewenig zu „Historizität und Fiktion. Asterix und die ganze Wahrheit“
  18. In synchronisierten Filmen sind diese dann in der Regel weg – oder aber sie entstehen erst durch die Synchronisation
  19. Fehler in Dialogen sind so eine Sache; sie können der Person auch absichtlich in den Mund gelegt worden sein. In „Jackie Brown“ gibt’s etwa die Szene mit dem Waffenvideo-Anschauen, in der Ordell einiges Falsche über Gewehre sagt, etwa dass die Steyr „AUG“ nie in einem Film vorkam. Wahrscheinlich ging es darum, zu zeigen, dass er von Gewehren nicht viel versteht, obwohl er mit ihnen handelt
  20. Reagan nahm an der Kommunisten-Verfolgung in Hollywood in den 1950ern in mehrfacher Hinsicht teil. Er soll Kollegen diffamiert und denunziert haben. Einer der das sicher getan hat, war zB Walt(er) Disney
  21. Wie „Vom Winde verweht“ eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs und Verfilmung eines Romans

Der Versuch, einen objektiven Artikel über Hanf zu schreiben

Hanf/Cannabis zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Er wird zu Rausch-, Genuss-, Heilzwecken genutzt. Seine Pflanzenteile bzw -extrakte „Marihuana“ und „Haschisch“ sind neben Alkohol, Kaffee, Tabak die meistbenutzte und weitverbreitetste Droge der Welt. So lange existent wie die Cannabis-Mittel sind nur Opium (< Mohn), Koka, Meskalin (< Peyote) und einige weitere Pflanzen (-Produkte). Doch, obwohl Cannabis von verhältnismäßig vielen Menschen ausprobiert wurde oder konsumiert wird, und in fast allen Teilen der Welt verbreitet ist, es ist kaum noch in einer Kultur verwurzelt, nur in Gegen-Kulturen1. Seit dem frühen 20. Jahrhundert haben die meisten Staaten der Welt Gesetze erlassen2, die die Nutzung von Cannabis verbieten. Ein Gegentrend ist erst in der jüngsten Vergangenheit aufgekommen. Schmidbauer/v. Scheidt schrieben in ihrem Drogenbuch: „Von den mehr als 100 Substanzen, die in diesem Handbuch beschrieben werden, ist Cannabis ohne Zweifel die umstrittenste.“ Die Autoren fällen in dem Buch (s.u.) dann übrigens ein eher negatives „Urteil“ über Cannabis, im betreffenden Kapitel. Die Einschätzungen schwanken allgemein zwischen Verherrlichung und Verteufelung, zwischen Fan-Tum und Verdammung.

Biologie, Anfänge der Nutzung

Die Hanf-Pflanze (Cannabis) gehört zur Familie der Hanfgewächse, wie etwa auch Hopfen. Sie stammt aus Asien, hat sich global verbreitet; es ist nicht gewiss, ob Hanf in Amerika vor den Europäern existent war, ansonsten ist er das wahrscheinlich auf allen Kontinenten sehr lange. Die Systematik des Hanfes ist umstritten, es gibt verschiedene Modelle dazu, seit Carl von Linné. Cannabis sativa (gewöhnlicher Hanf) und Cannabis indica (indischer Hanf) sind jedenfalls zu unterscheiden; Kultur- und Wildhanf könnten Unterarten des gewöhnlichen sein. Verschiedene Produkte aus Hanfpflanzen, die Fasern oder die Blüten, werden ebenfalls als Hanf bezeichnet. Die beiden Geschlechter kommen auf getrennten Pflanzenexemplaren vor. Die weiblichen Pflanzen produzieren den psychisch und körperlich aktiven Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), in Blättern und Blüten.

Aufgrund von Funden nimmt man an, dass arische/indo-iranische Völker in Zentralasien sowie semitische in Mesopotamien die psychoaktiven Eigenschaften bzw Wirkstoffe des Cannabis gekannt und genutzt haben. Mithin einige der ältesten Hochkulturen. Aus der persischen Bezeichnung „Kanab“ dürfte bei den Assyrern (in Mesopotamien) „Qunubu“ geworden sein; die Assyrer benutzten es in religiösen Zeremonien. Die Perser stellten Cannabis bzw seine Nutzung auch den Skythen vor, die es ebenfalls kultisch nutzten, mittels Dampfbädern, die eine schamanische Trance bzw Ekstase bewirken sollten. Aus „Qunubu“ dürfte bei den Griechen das Wort „Cannabis“ geworden sein. Die älteste bekannte schriftliche Referenz auf Cannabis ist eine von Herodot. Im vorislamischen Iran wurde Cannabis u.a. „Dugh-e-wahdat“ genannt und mit grosser Vorsicht genossen. Die negativen Seiten der Wirkung waren längst bekannt. Bei den Mazdakiten, einer religiös-politischen Bewegung zur Zeit der Sassaniden, wurde es als „ahrimanisch“ (teuflisch) verurteilt.

Auch in Indien wird der Hanf sehr lange genutzt, er wurde und wird dort „Ganja“ (गञ्जा) genannt. Ganja bezeichnet aber auch spezifisch Gras/Marihuana. Es besteht die Vermutung, dass Cannabis/Ganja das in den Veden erwähnte Rauschgetränk „Soma“ war – auch für die im Mysterienkult von Eleusis verwendete Droge ist Hanf ein Kandidat, sowie für das in der „Odyssee“ bezeichnete „Nepenthes“. Aber nicht der einzige. Neben dem Gebrauch als Rauschmittel wird Hanf ja auch als Arzneimittel sowie als Faser- und Ölpflanze verwendet. Als Arznei auch meist in Form von Marihuana und Haschisch. Als solche ist Hanf auch in der Ayurveda-Heilkunst behandelt, die ja auch auf den Veden basiert. „Charas“ ist die indische Bezeichnung für Haschisch. Im Hinduismus verwurzelt ist die Mischung „Bhang“ (s.u.).

Aus den weiblichen Pflanzen von Cannabis sativa wie von Cannabis indica werden die Rausch- bzw Heilmittel „Haschisch“ und „Marihuana“ gewonnen. Der Wirkstoff THC befindet sich im Harz aus den Blüten-Spitzen und oberen Blättern (Haschisch), und in den Blüten und Blättern (Marihuana). Cannabis sativa soll eine mehr psychedelische und anregende Wirkung als Cannabis indica haben, dem eine mehr sedative bis einschläfernde Wirkung nachgesagt wird. Haschisch ist eigentlich ein Extrakt, wenn auch kein Konzentrat; es ist eine Verarbeitung notwendig. Pflanzenhaare und Blütenspitzen (Kif) werden zusammengepresst und so das kuchen- bzw platten-artige Hasch hergestellt. Der THC-Gehalt darin ist höher als im Gras.

Konsum, Wirkung, frühere Kulturgeschichte

Hanf wächst wild oder wird kultiviert, und das entweder als Nutz-/ Industrie-/Kulturhanf oder als Rausch-/ Medizinhanf. Jener Hanf der für seine Fasern oder Samen gezüchtet wurde bzw wird (der Nutzhanf), enthält weniger „Rauschstoffe“ (THC), als jene Pflanzen, die der Gewinnung der Rauschmittel oder als Medizin dienen sollen („Rausch-Hanf“). Es kann klar unterschieden werden zwischen Nutzhanf und Rausch/-Medizinhanf. Die Grenze zwischen der Nutzung des zweiteren als Rauschmittel oder Medikament oder Geselligkeitsmittel oder Entheogen/Kultmittel ist aber sehr unscharf, eine Grauzone.

Beide Pflanzen-Teile bzw -produkte, Hasch wie Gras, werden dazu jedenfalls geraucht (gerne mit Tabak zusammen) oder oral aufgenommen, gegessen oder getrunken, ebenfalls vermischt bzw zubereitet mit anderen Zutaten. Es gab und gibt sowohl für die Pflanze und ihre Produkte als auch für die Rauch-Zubereitungen diverseste Bezeichnungen, auch für den (angestrebten) Rausch-Zustand. Oral eingenommenes Cannabis wirkt stärker als gerauchtes.

Was die medizinische Anwendung betrifft, THC ist zB ein Antiemetikum (Mittel gegen Übelkeit), wird seit langem als solches eingesetzt. Cannabis kann medizinisch (zur Behandlung medizinischer Probleme) eingesetzt werden, kann aber auch selbst solche Probleme verursachen – wie alle wirksamen Medikamente. Als Entheogen wurde es in vielen Kulturen genutzt, v.a. in Asien, v.a. in antiken. Die spirituelle /religiöse /kultische Verwendung /Perspektive /Auffassung des Mittels ist wohl ab dem Mittelalter stark zurück gegangen. Cannabis hat sich, wie erwähnt, in alle Kulturen bzw alle Erdteile ausgebreitet, in  manche mehr, andere weniger.

Was islamische Kulturen betrifft, der Koran verbietet Cannabis nicht explizit bzw erwähnt es nicht. Daher wurde und wird es von vielen Moslems als halal bzw erlaubt gesehen. Es gibt aber auch die Auffassung, dass es khamr sei (ein Rauschmittel) und daher haram (verboten). Der Ausdruck „Haschisch“ ist auch arabischen Ursprungs, soll „Heu“ bedeuten. Cannabis-Mittel bzw ihre Nutzung sind auch in der Märchensammlung von „Tausendundeiner Nacht“ (persisch hazār-o-yak šab, arabisch alf laila wa-laila) erwähnt. In der islamischen Literaur werden Cannabis wie Opium aber oft mit „Wein“ umschrieben. Zu quasi-religiöser Nutzung von Cannabis im Islam weiter unten noch etwas. „Marihuana“ bezeichnet die Pflanze wie auch die leichtere „Zubereitung“ aus Blüten, Blättern und Stielen der weiblichen Pflanze.3

Haschisch gibt es in verschiedenen Sorten, Farben und Konsistenzen. Zum Teil kann von der Farbe auf die Herkunft geschlossen werden. Schwarzes Haschisch kommt hauptsächlich in bzw aus Afghanistan („Schwarzer Afghane“) sowie anderen mittel- und südasiatischen Staaten (vor). Rotes Haschisch wird meist im Libanon gewonnen. Das auf dem mitteleuropäischen Markt häufige marokkanische Haschisch hat in der Regel eine hell- bis dunkelbraun-grünliche Färbung. Das südasiatische (Indien,…) Charas wird im Unterschied zum „eiegntlichen“ Haschisch aus dem Harz einer lebenden Hanf-Pflanze gewonnen. Die betreffende Hanf-Art wächst im nördlichen Indien sowie den angrenzenden Gebieten von Pakistan oder Nepal.

Das indische Bhang ist eine milde (< 5 % THC) Zubereitung aus Gras (und etwas Hasch) und diversen Aromen, die oral eingenommen wird (oder auch geraucht wird) und die in die hinduistische Kultur eingebettet ist. In Marokko gibt es Kif, das nicht nur die Vorstufe zum Hasch (>) bezeichnet, sondern auch eine traditionelle Rauch-Mischung aus Gras und Tabak und in meist in einer langen Pfeife („Sebsi“) geraucht wird. Das arabische Wort „Kif“ (كيف) bedeutet ausserdem Wohlbefinden und das Wort „kiffen“ (Cannabis) rauchen.

Wenn Cannabis irgendwo geraucht wird, verbreitet sich der typische, intensive Geruch. Und bei den Rauchern entfaltet sich bald die Wirkung der psychedelischen Droge. Diese kann in Entspannung und einer harmlosen Zerstreuung liegen, nicht unähnlich der von Bier, und in Euphorisierung. Cannabis wirkt meist auch phantasie-anregend, was sich auf die Kreativität in irgend einem Bereich auswirken kann. Die Wirkung kann aber auch beängstigend sein, kann einen nicht nur in den Himmel, sondern auch in die Hölle bringen. Das Empfinden ändert sich, zB auch jenes der Zeit. Das kann aufregend und interessant sein, aber auch beunruhigend. Es kommen Einsichten in das eigene Wesen und das Wesen der Dinge. Und wenn daran etwas beunruhigend ist (oder so empfunden wird), können Angstgefühle ziemlich schnell zu Horror, Paranoia, Wahnideen „ausarten“.

Manche sagen, Cannabis ruft so etwas nicht hervor, verstärkt „nur“ Vorhandenes; die Panik und die Zwangsgedanken, die unter seinem Einfluss wach werden können, sind aber so und so unangenehm. Und, es handelt sich dabei nicht um unangenehme Nebenwirkungen, psychedelisch-halluzinogene Mittel bewirken immer so eine Art Gratwanderung, die zu einem „Absturz“ führen kann. Bei höheren Dosen (an THC) sind auch Halluzinationen möglich; diese werden als Projektionen innerer Vorgänge in die äussere Welt definiert, aber auch als durch Aufhebung der Filter der Wahrnehmung zu Stande kommend (somit das Gegenteil: aus der äusseren Welt dringt etwas in das Innere ein!). Bei psilocybin-haltigen Pilzen, Meskalin, LSD ist das alles noch viel stärker ausgeprägt. Auch veränderte Bewusstseins-Zustände bis zur Depersonalisation, der Veränderung des ursprünglichen, natürlichen Persönlichkeitsgefühls.

Die aphrodisierende Wirkung von Cannabis besteht eigentlich in der Anregung der Phantasie… Im Gegensatz zur Opiat-Wirkung wird die Lust auf Nahrungs-Aufnahme eher gesteigert. Das durch THC verstärkte Serotonin ruft körperliche Wirkungen wie „Kaninchen-Augen“ und Erhöhung der Pulsfrequenz hervor. Durch Herabsetzung der Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Urteilskraft sind Unfälle möglich. Was Langzeitwirkungen betrifft, ist eine Veränderung der Persönlichkeitsstruktur wahrscheinlich.4 Es können Psychosen auftreten. Cannabis soll auch Schizophrenie auslösen bzw verstärken. Das Gedächtnis soll unter dem Konsum leiden. „Flashbacks“ (Echoräusche) werden teils als angenehm, teils als unangenehm empfunden. Langzeit-Konsum kann eine psychische Sucht hervorrrufen. Und, diverse Krebse (nicht zuletzt durch die Aufnahme über das Rauchen) sowie Herz-Leiden können die Folge sein.

Spätere Kulturgeschichte und Erforschung

Hanf wurde in moslemischen Sufi-Orden benutzt, ab dem Spät-Mittelalter, etwa bei den Qalandar-Derwischen. Man nahm dort an, dass Cannabis einen in grössere Verbundenheit mit Gott (Allah) bringen würde. Über die (vermeintliche) Cannabis-Verwendung der ismailitischen Haschischiuns/ Assassinen wurde viel geschrieben, es stellt sich aber die Frage der Faktizität dieser Verwendung und ggf ihrer Bedeutung. In den islamischen Reichen der Neuzeit (Osmanisches Reich, Persien, Mogul-Indien) war Cannabis die Droge der Sufis und der Unterschichten. In China hat es nie so eine grosse Rolle gespielt; Opiumpfeifen wurden in und ausserhalb Chinas aber auch zum Rauchen von Tabak und Hanf verwendet. In Afrika und der afrikanischen Diaspora (v.a. Karibik-Raum) erfreut sich Cannabis durchwegs grosser Beliebtheit.

Hanf hat in europäischen Gefilden eine Tradition, aber der in mildem Klima gewachsene ist immer schwach rauschmachend. Die Sonneneinstrahlung bestimmt den Gehalt (an Cannabinolen). Hildegard von Bingen empfahl, im 12. Jh, die medizinische Anwendung von Hanf, äusserlich. In Hexensalben war er dann oft enthalten, auch im Bier früher. Francois Rabelais, der auch Arzt war, schrieb darüber (in „Le tiers livre des faits et dits héroïques du noble Pantagruel“, 1546), Shakespeare hat ihn angeblich genommen (man fand Reste), und auch Goethe angeblich – alle wahrscheinlich die milden heimischen Produkte. „Linnaeus“ erforschte und kategorisierte im 18. Jh den Hanf. Angeblich wurden erst durch den Import durch französischen Soldaten der napoleonischen Invasion in Ägypten starke Hanf-Produkte in Europa etabliert.

Mitte des 19. Jh entstand in Frankreich durch J.J. Moreau de Tours der Club des Hachichins, dem die Künstler Charles Baudelaire, Theophile Gautier, Eugène Delacroix, Arthur Rimbaud, Alexandre Dumas der Ältere, Honoré de Balzac, Gérard de Nerval, Gustave Flaubert u.a. angehörten. Der Club traf sich im Hôtel Pimodan in Paris und trug zur Verbreitung des Cannabis in Europa bei. Baudelaire malte ein Selbstportrait unter dem Einfluss von Haschisch, schrieb darüber, auch die anderen verarbeiteten es künstlerisch. Da Anfang des 20. Jh die Verbote kamen, hatte potentes Cannabis in Europa nur eine kurze legale Verwendungs-Phase.

Viele Bauern rauch(t)en aber wild gewachsenes oder von ihnen kultiviertes Hanf (bzw seine Blätter), mit wenig „Gehalt“, im deutschen Raum wurde es meist „Hanfkraut“ genannt. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde (importiertes) Cannabis in Apotheken verkauft (zur medizinischen Anwendung) und Hanf-Tabakmischungen in Trafiken. Man nannte sie „orientalische Tabakmischungen“, sprach von “Sonntags-Pfeifen”. In Deutschland gab es die Zigarettenmarken “Nil” (mit 8% Cannabis) und “Harem” (7%). Eine Massendroge war Hanf in Europa nie -nur angeblich in Griechenland nach dem 1. Weltkrieg!

Die Bezeichnung „Marihuana“ kommt aus Mexiko, breitete sich global aus. Das Wort dürfte sich aber nicht von „Maria Juana“ (> Mary Jane,…) ableiten, sondern vom Nahuatl5-Wort „Malihuan“ bzw „Mariguan“. Die Ausbreitung des Ausdrucks begann wahrscheinlich mit der Eroberung mexikanischer Gebiete durch die USA Mitte des 19. Jh. Besonders im nachmaligen Texas (grosse Teile der vormaligen mexikanischen Provinz Coahuila y Tejas) war Marihuana verbreitet, als Rauschmittel, als Medizin (zur Behandlung von Asthma und zur Herbeiführung von Geburten) und als „Kultmittel“ (um Hexen abzuwehren). Als ersteres gerne zusammen mit Tabak geraucht oder dem Tequila beigesetzt, oft mit etwas Zucker hinterher, um die Wirkung zu verstärken. Auch mit Stechapfel zusammen wurde es eingenommen.

Wahrscheinlich hat Marihuana ursprünglich in Mexiko auch Haschisch bezeichnet, nicht nur das heute gemeinte („Gras“). Im mexikanischen Bürgerkrieg (bzw mexikanische Revolution, ca. 1910-1920), der den Sturz nicht nur des Langzeitpräsidenten Porfirio Díaz brachte, sondern auch des politisch-gesellschaftlichen Systems des Landes, das noch stark vom Erbe der spanischen Kolonialherrschaft gekennzeichnet war, sollen sich die Truppen des Aufständischen-Anführers Francisco „Pancho“ Villa (José Doroteo Arango Arámbula) mit Cannabis aufgeputscht haben. Wie bei den Assassinen ist es fraglich, ob dem wirklich so war. Das Mittel macht eigentlich eher passiv/friedlich, es löst aber auch eine gewisse „Verwirrung“ aus, die vielleicht genutzt werden kann.

Im Anglo-Zulu-Krieg in Südafrika Ende des 19. Jh sollen sich die Zulus ebenfalls mit Cannabis sowie psychoaktiven Pilze „vorbereitet“ haben. Auch hier also Halluzinogene, und nicht die „speedigen“ Aufputschmittel. In Südafrika6 gab es Dagga (Cannabis)-Kulte in Religionen der „schwarzen“ Völker, die staatlich zu unterbinden versucht wurden. Im südlichen Kongo gab es an der Wende vom 19. zum 20. Jh einen Cannabis-Kult bei den Bena Riamba unter ihrem Häuptling Kalomba-Mukenge; der Hanf für den Riamba-Kult kam über die Araber.

Zu den möglichen oralen Einnahmen kamen jene durch Cannabis-Tinktur (aus Gras) sowie Haschisch-Öl. Dieses, aus Hasch isoliertes Cannabinol, ist ein Konzentrat, das nicht mit dem nicht berauschenden „fettigen“ Öl der Hanfpflanze verwechselt werden sollte. Dieses wird aus dem Industrie-, Nutz- oder Faserhanf gewonnen, der aus wenig berauschenden Hanfarten gezüchtet wird. Zu gebrauchen ist dieser für Kleidung(sfasern), Segel, Seile, Fischernetze; die Papier-Herstellung; Lebensmittel, etwa Speiseöle; als Tier-Futtermittel (etwa Hanfsamen); als Baustoff, etwa für Isolierungen; als Basis für Farben, Lacke, Waschmittel. Es gab eine lange Tradition auch dieser Nutzung. Im 19. Jh kam es zu einem Niedergang des Industriehanfs, durch die Konkurrenz durch Baumwolle (> Kleidung), Holz (> Papier), u.a.

T. B. Wood identifizierte Ende des 19. Jh in Cambridge Cannabinol (CBN), eines der Cannabinoide (bzw Wirkstoffe) des Cannabis. Auch über die Taxonomie des Hanfes wurde in dieser Zeit geforscht und gestritten. Ob es also eine Spezie davon gibt, mit mehreren Unterarten/Variationen, oder mehrere Hanf-Arten. Der sowjet-russische Botaniker D. E. Janichevsky etwa vertrat in den 1920ern das zweitere Konzept. Ab den 1940ern wurden weitere Wirkstoffe des Cannabis, die Cannabinoide, entdeckt, zunächst Cannabidiol (CBD). Eigentlich ist dabei von Phyto-Cannabinoiden zu sprechen, die im Cannabis (und anderen Pflanzen) vorkommen, in Abgrenzung zu den Endo-Cannabinoiden, körpereigenen Substanzen, die ähnliche pharmakologische Eigenschaften haben, sowie synthetischen Cannabinoiden.

Verbotsgeschichte

Erst im 20. Jh wurde der Hanf als Rauschmittel stigmatisiert, vom Westen ausgehend. Das Rauschfeindliche der globalen westlichen Moderne bei gleichzeitiger Herstellung und Verbreitung von gefährlicheren konzentrierten Drogen wurde auf diesem Blog schon thematisiert. Seit dem frühen 20. Jh haben jedenfalls die meisten Staaten der Welt Gesetze gegen die Kultivierung, den Handel, die Verarbeitung, den Besitz, den Konsum von Cannabis erlassen. Vorgeschoben, als Begründung, wurden in der Regel gesundheitliche Folge-Schäden (körperliche, seelisch-geistige) durch den Konsum.

Bei den internationalen Drogen-Konferenzen in Shanghai 1909 und Den Haag 1911/12 spielte Hanf noch keine Rolle, der Schwerpunkt an diesem Beginn des internationalen Drogenregimes lag auf dem Opium – daher auch die Bezeichnungen „Opiumkonferenz“ und „Opiumabkommen“. 1925 die Zweite Opiumkonferenz des Völkerbundes in Genf, das dort verabschiedete Abkommen (das „3. Genfer Opium-Abkommen“) schloss auch Cannabis mit ein7. Die medizinische Nutzung war von diesem Verbot noch nicht betroffen. Die meisten Völkerbund-Mitglieds-Staaten setzten das Abkommen in den folgenden Jahren in nationale Gesetze um. Das Deutsche Reich etwa 1929/30, durch das „Opiumgesetz“, das sein erstes Drogengesetz von 19208 ersetzte. Damit wurde der „indische Hanf“ (Haschisch und Marihuana) verboten.

Die Entwicklung in der USA war eine andere. Die USA war nicht Mitglied des Völkerbundes, unterzeichnete damit auch nicht das Abkommen von 1925 oder setzte es in ein Gesetz um. Das Hanf-Verbot kam hier später, bald wurde die USA aber im internationalen Drogen-Regime federführend, und drängte Hanf dann weiter zurück.9 Dieses Verbot ging auf das Federal Bureau of Narcotics (FBN) zurück, die 1930 im Finanzministerium gegründete Anti-Drogen-Behörde der USA. Finanzminister der USA 1921 bis 1932 war der Geschäftsmann Andrew Mellon, unter den republikanischen Präsidenten Harding, Coolidge, Hoover. Mellon setzte seinen Schwiegerneffen Harry Jacob Anslinger als ersten Chef (commissioner) des FBN ein. Anslinger (Eltern aus Schweiz und Deutschland) war 32 Jahre lang Chef der Drogenbehörde.

Harry Anslinger und das FBN nahmen ihre Arbeit auf, als in der USA die 1919/20 eingeführte Alkohol-Prohibition galt. Es soll hauptsächlich die ärmere Bevölkerung gewesen sein, die in dieser Zeit auf (aus der Karibik und Mexiko eingeführtes) Cannabis zurück griff, und die Besserverdienenden eher zu illegal hergestelltem oder eingeführten Alkohol. Für die Überwachung des Alkoholverbots war hauptsächlich das Bureau of Prohibition zuständig. Mit dem Ende der Prohibition 1933 wurde es aufgelöst, ging der Grossteil der Mitarbeiter zum neu gegründeten Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms. Das FBN begnügte sich nicht damit, die Einhaltung des Harrison-Gesetzes und des Jones-Miller-Gesetzes durch zu setzen (das Verbot von Opium, Heroin, Kokain,…), es bemühte sich um ein Verbot von Cannabis. Anslinger und seine Behörde starteten dazu eine Kampagne, die inhaltlich und formal höchst fragwürdig war, auch oder gerade aus heutiger Sicht.

Hanf, bzw seine psychoaktiven Teile/Produkte, sei eine Gewalt verursachende Droge, wurde verbreitet.10 Wahrscheinlich hat sich erst im Zusammenhang mit dieser Kampagne der Begriff „Marihuana“ (bzw „Marijuana“) im Englisch-sprachigen Bereich und global durchgesetzt. Das Stigma des Exotischen, Fremden sollte dem Hanf aufgedrückt werden. Marihuana sei ja nicht nur ein in Wahnsinn und Tod führendes Rauschgift sei, es werde auch von “Negern“ oder „Mexikanern“ eingeführt, die damit und mit ihrer Musik das Land vergiften und „weisse“ Frauen verführen wollten. Anslinger ging auch mit heroinsüchtigen weissen Show-Stars wie „Judy Garland“ ganz anders um als mit schwarzen wie „Billie Holiday“.

1936 kam der Kreuzzug Anslingers gegen Cannabis auf Touren, erschien der Propaganda-Film „Reefer Madness“.11 Anslinger und das FBN waren nicht direkt involviert, der Film geht aber zumindest auf die von ihm geschaffene Hysterie um Cannabis zurück. Auch in „Reefer Madness“ wurde eine rassistisch gefärbte Propaganda betrieben, Marihuana daneben als krank-machend und Droge der Perversen dargestellt. Auch der Victor Licata-Fall wurde im Film ausgeschlachtet; der hat 1933 in Florida seine Familie mit einer Axt getötet, angeblich unter Marijuana-Einfluss, der Mann war aber psychisch gestört. Es gab ähnliche Propaganda-Filme in dieser Zeit, wie „Assassin of Youth“ (1937, Elmer Clifton).12

Mit dabei bei der Kampagne gegen Hanf waren die Zeitungen des „Medienmoguls“ William Randolph Hearst, zB der „San Francisco Examiner“. Darin wurden etwa häufig Verbrechen mit Marihuana in Verbindung gebracht. Das Verbot richtete sich dann ja auch gegen Hanf an sich, und hier haben die Hearst Corporation sowie der Chemie-Konzern DuPont Interessen gehabt. Der Vorwurf lautet bis heute, das FBN habe (mit Unterstützung von Finanzminister Mellon) mit Hearst und Du Pont gemeinsame Sache gemacht, ein Verbot der Hanf-Nutzung zu erreichen, aus wirtschaftlichen Gründen. Industriehanf war in den Branchen, in denen diese Industriellen tätig waren, eine Konkurrenz. William R. Hearst war nicht nur Zeitungsmagnat, sondern auch Waldbesitzer und Papier-Hersteller – und Hanf ist eine (preisgünstigere?) Alternative zu Holz als Ausgangsstoff für Papier. Du Pont wiederum entwickelte in dieser Zeit Kunststoffe wie Nylon für Kleidung, die ebenfalls in Konkurrenz zum Hanf standen. Hearst und Du Pont förderten anscheinend das FBN und weitere Träger der Kampagne in der USA. Und Mellon hatte Geschäftsbeziehungen zu Hearst und Du Pont.

Der Zusammenhang mit der Kriminalisierung von Cannabis in der USA mit der wirtschaftlichen Konkurrenz zur Hanfindustrie wird von anderen Historikern abgelehnt bzw abgestritten. Der Lobbyismus von Hearst und Du Pont wird hier als nicht entscheidend angesehen. Dass Anslinger Cannabis als Rauschmittel aus ideologischen Gründen verboten haben wollte, ist ziemlich unumstritten; die Frage ist, warum Hanf als „Ganzer“ unter das Verbot fiel. Es wird eingewandt, dass nur etwa ein Drittel von Hanf-Fasern lang und stark waren und auch Verbesserungen bei den Maschinen, die Fasern vom Stiel trennten, Hanf-Fasern wirtschaftlich nicht attraktiv machen konnten. Und dass sich Nylon auch ohne Hanf-Verbot durchgesetzt hätte.

Tatsache ist aber, dass beide Familien, Hearst und Du Pont, im 19. Jh in der USA sehr einflussreich wurden und es bis heute sind. Die Hearst-Presse spielte eine wichtige Rolle bei dem Krieg, den die USA Ende des 19. Jh gegen Spanien vom Zaun brach und u.a. dessen Kolonie Kuba eroberte. William Hearst war auch Vorbild für die Titelfigur in Orson Welles‘ Filmklassiker „Citizen Kane“.13 Du Pont ist nach wie vor ein führender Chemie-Konzern in der USA. Die Familie geht zurück auf Pierre Samuel du Pont de Nemours, der aus einer calvinistischen (hugenottischen) Familie aus dem Burgund stammte und 1800 aus Paris in die USA auswanderte, dort zunächst mit einer Schiesspulver-Fabrikation begann. Pierre „Pete“ du Pont („IV“) ist ein republikanischer Politiker, war Gouverneur von Delaware und bewarb sich 1988 für die Präsidentschafts-Kandidatur seiner Partei.

1937 erliess der Kongress der USA jedenfalls den Marijuana Tax Act14, ein Gesetz das den Anbau, Handel und Gebrauch von Hanf verbot. Dieses Gesetz war wie das Harrison-Gesetz 191415 ein fiskalisch formuliertes Drogen-Verbots-Gesetz. Inwiefern Anslinger und seine Behörde, im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Lobbies, nun für sein Zustande-kommen verantwortlich waren, ist eben umstritten. Das US-amerikanische Gesetz von 1937 wurde jedenfalls richtungsweisend, für viele Länder sowie internationale Abkommen. Das mit der Droge auch die Pflanze verboten war, begriff man in der USA erst nach und nach. Kurz nach dem Verbot meldete das Magazin „Popular Mechanics“ noch die Erfindung und Produktion effizienter Erntemaschinen für den bis dahin aufwändig zu erntenden Hanf. Es hatte das Verbot des Hanfanbaus noch nicht realisiert und prophezeite der Nutz-Pflanze goldene Zeiten.

Im Auftrag des New Yorker Bürgermeisters Fiorello LaGuardia untersuchte das LaGuardia-Komitee von 1938 bis 1944 die Gefahren von Cannabis, und widerlegte in seiner Studie im Wesentlichen die Behauptungen des FBN und des Finanzministeriums, dass das Rauchen von Marihuana zu Wahnsinn führe, die körperliche und geistige Gesundheit angriff, kriminelles Verhalten fördere, körperlich abhängig mache und eine Einstiegsdroge für gefährlichere Drogen sei.  Im 2. Weltkrieg kam Hanf in der USA nochmal zu einem „Comeback“. Das Militär brauchte Hanf, v.a. für Taue für die Marine, daher ermunterte die Regierung Bauern zum Anbau von Hanf. Die „Hemp-for-Victory“-Kampagne gipfelte in einem gleichnamigen vierzehn-minütigen Propagandafilm, der 1942 im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten gedreht wurde. Anscheinend wurde das Gesetz von 1937 für die Dauer des Kriegs ausser Kraft gesetzt.

Kunstfasern besonders des Herstellers Du Pont setzten sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der Bekleidungs-Industrie durch, in der USA und global. Der Hanf wurde auch aus der Papier-Herstellung verdrängt.16 Die britische Weltherrschaft wurde nach dem 2. Weltkrieg in grossen Teilen der Welt durch eine US-amerikanische ersetzt. Ein strenges internationales Drogenregime entstand erst jetzt allmählich. Anslinger bekämpfte Hanf nun in der UN-Drogenbehörde Commission on Narcotic Drugs (CND); der Anbau und die industrielle wie medizinische Nutzung sollten auch international verboten werden. Im nationalsozialistischen Deutschland war der Anbau von Hanf noch verstärkt worden, als Rohstoff für diverse Kriegsproduktionen.

Der Rassist und Antikommunist Anslinger setzte seinen Kreuzzug gegen Drogen also auch auf internationaler Ebene fort. Er war auch beim Verbot von Coca/Kokain in der Nachkriegszeit führend beteiligt, schüttete auch hier das Kind mit dem Bade aus, liess Coca wie Kokain verbieten. Nicht betroffen von seinem Kreuzzug waren natürlich Alkohol, Tabak und Medikamente; und unter letztere Kategorie fielen nach dem Krieg auch noch Mittel wie LSD und Methamphetamin. 1961 kam in der UN auf Anslingers Betreiben das Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel (Single Convention on Narcotic Drugs) zu Stande. Darin verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten zum Verbot des Hanf-Anbaus; Cannabisprodukte wurden Opiaten gleich gestellt. Anslinger trat als FBN-Commissioner 1962 zurück, wurde noch für 2 Jahre USA-Repräsentant bei der UN-Drogenkommission CND. Aus dem FBN und anderen Behörden ging 1973 die DEA hervor.

Zumindest die Staaten des Westen folgten dem Abkommen von 1961, passten ihre Gesetzgebung daran an, in der BRD das Betäubungsmittelgesetz (aus dem Opiumgesetz hervor gegangen). Im Ostblock war alles etwas anders (Hier über Cannabis in der Sowjetunion), anders repressiv. Einige Staaten der „Zweiten“ und „Dritten“ Welt, wie Indien, beugten sich nicht ganz. Drogen-Hunde überall auf der Welt kennen heute den Geruch von Cannabis, werden darauf abgerichtet, es aufzuspüren. Der Handel mit Cannabis wurde illegal, von „Syndikaten“ übernommen, wurde ein weltweites Multimilliardengeschäft, von keiner Behörde reguliert; besonders Haschisch ist meist gestreckt.

Gegenwart

Die Art der Aufnahme selbst änderte sich nicht so stark über die Jahrhunderte. Was man heute mit einem Vaporizer/Verdampfer macht, hat man früher mittels sauna-artigen Dampfbädern gemacht (> Skythen). Auch das „hotboxing“, kiffen in einem geschlossenen, kleinen Raum wie einem Auto (stärkere Wirkung), kennt man, in anderen Rahmen, schon sehr lange. Und Blunts, mit Marihuana gefüllte Zigarren, werden mindestens seit dem 19. Jh geraucht, wenn nicht früher. Das Rauchen in Pfeifen verschiedener Art hat sich im Westen in der jüngeren Vergangenheit stärker verbreitet. Joints sind hier wahrscheinlich noch immer die häufigste Aufnahme-Art. Oraler Konsum (bzw über das Verdauungssystem) haben eine lange Tradition, ob als Cannabis-Tinktur oder in Form von Süssigkeiten.

In Marokko gibt’s etwa Majoun, ein Konfekt, in das üblicherweise Cannabis verarbeitet wird, teilweise auch andere Mittel. Klaus Mann, Sohn von Thomas, auch Schriftsteller, reiste 1930 mit seiner Schwester nach Spanien und Französisch Marokko; in Fes nahm er eine orale Überdosis von Haschisch (zeitverzögerte Wirkung, zu schnell nachgelegt…). Die Horrortrip-Hölle führte ihn in ein Militär-Krankenhaus, bekam dort ein Schlafmittel. Mann beschrieb das in seiner zweiten Autobiografie (Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. 1952) ausführlich. Er war hauptsächlich Morphinist, nahm sich nach dem Hitler-Krieg in Frankreich mit Schlafmitteln das Leben. Cannabis wird gerne mit anderen Mitteln kombiniert, hierzulande gerne mit Alkohol17, in Teilen des Orients mit Opiaten. Über dabei entstehende Wechselwirkungen könnte man sicher einen eigenen Artikel schreiben. Cannabis hat keine Kreuztoleranz zu anderen Halluzinogenen.

Wie erwähnt, ist Cannabis (trotz Verboten) global stark verbreitet, fast überall, relativ wenig vielleicht noch in Nordost-Asien. Es wird in Gefängnissen, Kasernen, Schulen, Krankenhäusern geraucht. Mit dem Konsum ist eine gewisse (regional und zeitlich unterschiedliche) „Kultur“ verbunden.18 Die frühere religiöse/kultische Nutzung ist aber beinahe ganz „verschwunden“. Schon lange, seit dem Beginn des Mittelalters wahrscheinlich. Die kultische Bedeutung hatte Cannabis (wie andere Mittel) in antiken Religionen/Kulten. Modernere Religionen sind allgemein eher negativ zu Rausch, Lust, Ekstase. Cannabis hat heute wahrscheinlich nur im Hinduismus und in der Rastafari-Bewegung eine Rolle, einen Stellenwert. Indien mit seinem Hinduismus ist eines der ganz wenigen Länder, in denen Cannabis bis heute in der Landeskultur verwurzelt ist (v.a. als Bhang).

Cannabis kam Mitte des 19. Jh nach Jamaika (vielleicht generell in die Karibik), durch Kontraktarbeiter aus Indien, „Nachfolger“ der Sklaven in den britischen Kolonien (das waren sowohl Jamaika als auch Indien). Daher stammen viele Ausdruck der Cannabis-Kultur dort aus Indien, wie „Ganja“. Die Rastafari-Kulte entstanden ab den 1930ern, als religiös-politische Bewegung, unter Schwarzen im Karibik-Raum, der Jamaikaner Marcus Garvey war einer der wichtigen „Urheber“. Jamaica ist auch ein Zentrum der Rastafari, die dort entstandene Reggae-Musik ist stark damit verbunden. Die Rastafari stehen aber im Gegensatz zum „Mainstream“ der jamaikanischen Gesellschaft, sind dort nicht prägend sondern Aussenseiter. Und Cannabis wurde unter den Briten in Jamaika bereits 1913 verboten.19

Die chemische Struktur des Cannabis wurde in den 1960ern erforscht. Mechulam/Gaoni „entdeckten“ (isolierten) 1964/65 an der Hebräischen Universität Jerusalem20 seinen Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (eigentlich Δ9-Tetrahydrocannabinol; Summenformel C21H30O2). Neben diesem THC und Cannabidiol gibt es noch an die 100 weitere Cannabinoide. Der Gehalt an dem psychoaktiven THC wird von Umwelt-Faktoren beeinflusst; das Verhältnis THC/CBD ist genetisch fest gelegt. Heutige Cannabis-Produkte sind angeblich stärker/gehaltvoller als frühere.

In den Nachkriegs-Subkulturen des Westens spielte Cannabis eine wechselnde Rolle. Bei den Rockern und Mods war es nicht gut angeschrieben, da es eine verlangsamende Droge ist, während in diesem Lebensstil Beschleunigen angesagt war. Für die Beatniks und die Hippies wiederum waren Hasch und Gras  wichtig, für zweitere quasi elementar. Über die ideologischen Unterschiede zwischen Elvis und den Beatles auch anhand ihres Drogen-Konsums war im Speed-Artikel schon die Rede. Lennon & Co sollen 1963 von „Bob Dylan“ in der USA mit Cannabis bekannt gemacht worden sein; davor hatten sie anscheinend nur Amphetamine (seit Hamburger Zeiten) gekannt. Das Linke, Intellektuelle kam bei den Beatles aber erst mit der LP „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ 1967 richtig heraus, damit gingen sie in der Hippie-Kultur auf, bis dahin waren sie hauptsächlich eine Teenie-Band.

Auch beim linksradikalem Aufbruch in der BRD in den 60ern (ausgehend von West-Berlin) waren die Hanf-Extrakte wichtig, ein Gruppe nannte sich ja auch „Umherziehende Haschrebellen“.21 Und beim Woodstock-Konzert schwebten dicke Hasch- und Gras-Wolken herum, etwas das heutzutage bei solchen Festivals gang und gäbe ist. Dass es eine Droge ist, die gewissermaßen vom äusseren Universum ins innere führt, sie nie eine Droge der Oberschicht war, nahe an der Natur ist, und global „verwurzelt“, machte sie so passend für diese Bewegung. Für Linke stehen auch heute Aufputschmittel (von Koks bis Amphetaminen) aber auch Opiate dem („öffnenden“) Cannabis negativ gegegnüber; das eine als Droge der Leistungsgesellschaft, das andere als jene der „Dekadenz“, die einen vor Problemen nur abschirmt, einen aber nicht damit/daran arbeiten lässt, die „egozentrisch“ wirke im Gegensatz zum „sozialen“ Cannabis. Für rechte Drogen-Gegner gilt aber (auch) Cannabis als von der Realität weg-führende Droge.

Der von der USA angeheizte Krieg zwischen Süd- und Nord-Vietnam war für die Flower Power-Bewegung ja ein wichtiges Thema, v.a. für jene in der USA. Es wäre zu einfach, die nach Vietnam geschickten amerikanischen Soldaten als gesellschaftlichen Gegenpart der Hippies hinzustellen, schon allein weil auch diese von der Wehrpflicht betroffen waren. Jedenfalls wurde Marihuana auch von den US-amerikanischen Soldaten in Vietnam (circa 1964 bis 1973) stark konsumiert. Bis 1968 wurde das von der militärischen Führung toleriert, ehe man aufgrund von Medienberichten darüber die Politik änderte. Das hatte aber zur Folge, dass viele Soldaten auf Heroin umstiegen, auch meist in einem Joint mit Tabak geraucht.22

Von der linken Bewegung der 60er und 70er kam auch erstmals Widerstand im Westen gegen die bestehende Einstufung von Cannabis. Die in anderen sozialen Realitäten als die oft aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Hippies lebenden Black Panther hatten zum Cannabis eine andere Haltung, sahen es als etwas dass vom notwendigen Widerstand abhielt. Viele berühmte Cannabis-Konsumenten, die also damit erwischt wurden oder ein Bekenntnis dazu ablegten, konsumierten es (auch) in der Zeit von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er: LSD-Papst Timothy Leary (Verurteilung dafür), Louis Armstrong, Ernst Bloch (jeweils in ihren letzten Jahren), der jüdisch-amerikanische Astronom Carl Sagan, Peter Bourne („Jimmy“ Carters Drogen-Berater), William „Bill“ Clinton.

Clinton studierte in Georgetown, Oxford (68-70) und Yale (70-73), wo er seinen Abschluss in Jus machte und Hillary kennen lernte. Im Präsidenten-Wahlkampf ’92 sagte er auf eine Journalisten-Frage im Fernsehen: “When I was in England, I experimented with marijuana a time or two, and didn’t like it. I didn’t inhale, and I didn’t try it again.” An der Universität Oxford wurde David Cameron etwa 20 Jahre später damit erwischt.23 Barack Obama redete seinen Cannabis-Konsum in jüngeren Jahren nicht „schön“. Zu Berühmtheiten, die sich in späteren Jahren dazu bekannten, zählen zB Yannick Noah, Kate Moss oder „Lady Gaga“. Und weitere

Die Clintons an der Yale-Universität in New Haven, ~1971. In dieser Zeit hat er vielleicht auch gezogen jedoch nicht inhaliert

Der Mediziner Gabriel Nahas, ein US-Amerikaner libanesisch-französischer Herkunft, war wohl der namhafteste jener ernstzunehmenden Wissenschaftler, die negativ zu Cannabis standen/stehen und keine Liberalisierung woll(t)en. Nahas war hauptsächlich in den 70ern aktiv, schrieb Cannabis-Konsum schwere Gesundheits-Schäden zu. In den 1980ern beteiligte er sich an der Anti-Drogen-Werbung der Reagans.24 Konservative geiseln Liberale wegen ihrer Toleranz ggü Drogen, nehmen und propagieren selbst welche, andere.

Ein Einwand gegen Cannabis ist, dass es die Einstiegsdroge für härtere Drogen sei. Bei Christiane Felscherinow war das zumindest von der Reihenfolge so: Mit zwölf der erste Joint, bald der erste Schuss Heroin. Gibt es Todesfälle durch Cannabis? Googelt man das nach, tauchen Beiträge dazu von „Die Welt“ oder aber „Hanf-Magazin“ auf, auf beiden Seiten wird das jeweilige ideologische Anliegen in wissenschaftliche Argumentation gepresst. Verkehrsunfälle unter Cannabis-Einfluss wird es geben, und Langzeiterkrankungen (s.o.) die durch den Konsum hervor gerufen wurden. Bei tödlichem Mischkonsum war es sicher öfters involviert, ohne entscheidend dafür zu sein. Aber es soll auch tödliche akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben, durch hohe Dosen Cannabis (bzw entsprechende Veranlangung) ausgelöst.

Eine der ersten Liberalisierungen von Cannabis in der westlichen Welt nach dem Abkommen 1961 und seinen Ratifizierungen war jene Gesetzesänderung in der Niederlande, in deren Folge dort die Coffeeshops eingerichtet wurden. Auf Empfehlung einer Kommission gestaltete die Regierung 1976 die Drogenpolitik neu; Cannabis als weiche Droge blieb illegal, aber der Staat verzichtete auf eine Strafverfolgung bei „Verstössen“.25 Ziel war eine effektivere Bekämpfung harter Drogen wie Kokain und Heroin, für die Holland ein Umschlagplatz war und ist. Für die Coffee Shops, wo Cannabis verkauft und konsumiert werden darf, galten immer verschiedene Auflagen. 2012 kamen dann gesetzliche Verschärfungen der Auflagen, die u.a. die Schliessung jener in Grenzgebieten erzwang.

Über alternative Wege und Liberalisierungen wird viel nachgedacht und diskutiert, teilweise auch vernünftig. Johann Hari legt in seinem Drogenbuch nahe, dass eine weltweite, geregelte Abgabe sämtlicher harter Drogen und eine Freigabe von Cannabis zwar zu einem leichten Anstieg des Drogenkonsums führen würde, aber die Drogenkriminalität ganz wegfiele und der Anteil an Süchtigen harter Drogen und die Zahl der Drogentoten zurückginge. Die Forderung nach einer Legalisierung bzw Rehabilitation von Cannabis wurde lange von Aussenseitern wie Jack Herer (1939 – 2010) erhoben.26 Eine Übersicht über den gesetzlichen Status von Cannabis in den Staaten der Welt in der englischen Wikipedia.

Auch in Indien war Cannabis eigentlich immer illegal, zumindest auf Bundesebene, in einigen Bundesstaaten ist aber zumindest die Bhang-Mischung legal und wird Cannabis toleriert. Auch Jamaica ist einer der Staaten mit einer Politik der Tolerierung bei offiziellem Verbot gewesen. 2015 wurde der Anbau, Handel, Besitz und Konsum in gewissen Mengen ent-kriminalisiert – und wurde die Bedeutung von Cannabis für religiöse und medizinische Zwecke sowie für die Fauna anerkannt. Der Anbau für den Export in die Industrieländer des Westens (Westeuropa, Nordamerika,…) war unter den aus der britischen Kolonial-Zeit stammenden cannabis-feindlichen Gesetzen in Schwung gekommen. Ähnlich wie auch in Marokko gab es eine Politik der Tolerierung bzw Korruption, nicht zuletzt aufgrund der Profite für das Land dadurch.

Am strengsten bestraft wird Cannabis in verschiedenen Ländern Ost-Asiens, wo bis hin zur Todesstrafe viel möglich ist, und auch keine Liberalisierung diskutiert wird. Im Westen ist die Frage der Befürwortung oder Ablehnung einer Liberalisierung von Cannabis im politischen Koordinatensystem normalerweise klar zwischen Links und Rechts verteilt. Verantwortliche von Pharmakonzernen sind entschiedene Gegner einer Rehabilitierung von Cannabis, sie hätten dabei zu verlieren. Die französische Senatorin Samia Ghali (PS, algerischer Herkunft), Bürgermeisterin von zwei Bezirken Marseilles, kämpft für weitere Sanktionen gegen Dealer und Konsumenten jeder Drogen, gegen die Legalisierung von Cannabis. Hans-Christian Ströbele, deutscher Grünen-Politiker, kämpft seit 50 Jahren für die Legalisierung von Cannabis, die deutschen Grünen als Gesamtpartei inzwischen auch. Es gibt in verschiedenen Teilen der Welt auch Parteien, die sich primär der Cannabis-Legalisierung widmen, hier eine Übersicht.

David Nutt war Vorsitzender des britischen Advisory Council on the Misuse of Drugs, das dem Innenministerium untersteht, also Drogenberater der britischen Regierung. Er wurde ’09 nach einem Streit mit Innenminister Alan Johnson (Labour) entlassen. Dabei ging es um die Einstufung von Cannabis: Die britische Regierung hatte es zuvor wieder als weiche Droge der Kategorie B eingestuft, deren Besitz mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Damit machte sie eine Entscheidung von 04 rückgängig, als Cannabis als einfaches Beruhigungsmittel der Kategorie C eingestuft wurde. Nutt kritisierte diese „Rückstufung“, als politisch mehr denn als wissenschaftlich motiviert. Nutt gründete sodann das Independent Scientific Committee on Drugs, ein unabhängiges Wissenschafter-Kommitee zur Erforschung von Drogen. Suchtmittel müssten nüchterner eingestuft und die Menschen besser über die tatsächlichen Gefahren der einzelnen Drogen informiert werden, so Nutt.

Über einige Attentäter der Pariser Anschläge vom November 15 (Bataclan-Theater, Stade de France,…) gibt es Erkenntnisse, denen zufolge sie weniger gottesfürchtige Fundamentalisten waren als vielmehr ein Leben zwischen Alkohol, Drogen und Strassenkriminalität führten, bevor sie zu Mördern wurden. Der Terrorist Saleh Abdeslam etwa galt im Brüsseler Stadtteil Molenbeek als notorischer Kiffer. Gemeinsam mit seinem Bruder soll er eine Kneipe betrieben haben, die als Drogenumschlagplatz bekannt war. Seinem Anwalt sagte Abdeslam, er habe den Koran nie komplett gelesen. Nur eine Zusammenfassung im Internet. Bekifft waren auch jene Maghrebiner, die zu Sylvester 15/16 in Köln und anderen deutschen Städten Frauen sexuell belästigten. Cannabis ist also nicht nur die Droge der Einkehr, der Lockerheit und des Friedens. Andererseits, beim Alkohol ändern tödliche Verkehrsunfälle oder „Komasaufen“ von Teenagern auch nichts an der Legalität. Man gesteht den Konsumenten hier eine Eigenverantwortung zu.

Insgesamt geht der Trend beim Cannabis in Richtung Liberalisierung, auch wenn (noch) kaum grundsätzliches Umdenken stattfindet. Uruguay legalisierte 2013 unter Präsident Mujica Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis. Allerdings mit der Einschränkung, dass dieses in Uruguay von einem lizensierten Hanfbauern angebaut wird (worden ist). Chile begann 2014 damit, Cannabis zu therapeutischen Zwecken anzubauen. Der genaue Ort der Zuchtanlage in Santiago de Chile ist geheim. Aus der Ernte wird Cannabis-Öl extrahiert und an Krebspatienten verteilt. Das Ganze läuft versuchsweise und unter einer Ausnahmegenehmigung, es ist keine Legalisierung von Hanf damit verbunden.

Kürzlich wurde in Kanada Cannabis unter Auflagen legalisiert. Sogar in der USA wurden die Bestimmungen für Cannabis in den letzten Jahren liberalisiert, und zwar auf der Ebene der Bundesstaaten (sowie der Indianer-Reservate!). Überraschenderweise hat Schwarzenegger in Kalifornien als Gouverneur Cannabis weiter ent-kriminalisiert. Anscheinend ist er selbst gelegentlicher „Kiffer“. Noch wird ein Grossteil des Cannabis für die USA in Mexiko angebaut, der Bedarf sinkt aber stetig mit den Liberalisierungen. In dem vom Drogenkrieg geschüttelten Mexiko befeuert dieser Wandel eine Debatte über eine Freigabe im eigenen Land. In Kalifornien wurde der Sinsemilla-Hanf gezüchtet, eine Kreuzung aus hawaiianischem und mexikanischen Hanf, mit hohem THC-Gehalt.

Afghanistan ist eines der führenden Länder beim Anbau, Konsum und Export von Opiaten; für Cannabis gilt das auch so ähnlich, besonders für Haschisch. Es ist eines der Länder, in denen Cannabis in die Kultur bzw Gesellschaft integriert ist und nicht eine Droge der Aussenseiter ist. Das obwohl es 1973 (wie Opium) von Schah Sahir verboten wurde, was seither nicht geändert wurde, trotz aller Umstürze. Wichtige Anbau-Länder für Cannabis sind meist solche, in denen ein nennenswerter eigener Konsum stattfindet, aus denen nicht nur exportiert wird. In Marokko verhält es sich ähnlich wie in Afghanistan: Cannabis ist verboten, dennoch wird es stark angebaut (hauptsächlich im Rif im Atlas-Gebirge), ist im Volk verbreitet und wird exportiert (auch eher Haschisch)27. Auf Libanon und Nepal trifft das auch grossteils zu. Führende Anbauländer für Marihuana sind Mexiko, Kolumbien, Jamaika, Niederlande (Indoor), Kongo.

In Mitteleuropa ist nur „milder“ Hanf (mit wenig THC) züchtbar, ausser in Innenräumen mit künstlichem Licht und Heizung, oft genetisch aufgemotzt. Solche Züchter (die meist auch Händler und Konsumenten sind) fliegen gelegentlich auf. Die Bestimmungen für den Anbau von Faserhanf wurden auch in verschiedenen Ländern in der jüngeren Vergangenheit liberalisiert. Seit Anfang der 1990er hat der Anbau von Hanf für industrielle Zwecke (jener Hanf, der wegen seiner Stengeln und nicht wegen seinen Blättern und Blüten angebaut wird) kontinuierlich zugenommen. Dabei werden meist Pflanzen angebaut, die aus Kulturen mit minimalem THC-Gehalt stammen.

Cannabis-Plantage Österreich

Die Produkte des Rausch-/Medizinhanfs durchlaufen nach Ernte und Verarbeitung bis zum Konsumenten in der Regel viele Stationen und weite Strecken – und werden gestreckt, wenn auch nicht so stark wie H und K. Und auf dem Weg vom Hanf-Feld in Afghanistan oder Marokko in die U-Bahn von Wien oder Berlin ist auch der Preis etwas in die Höhe gegangen. Umsätze machen diverse Branchen auch ohne Legalisierung von Cannabis: Jene die Zigarettenpapier, Pfeifen oder Merchandising-Produkte mit dem Hanf-Symbol herstellen oder vertreiben, Head Shops, Grow Shops,…

Synthetische Cannabinoide (zT aus chinesischen Labors) sind heute in Mischungen enthalten, die als „Badesalze“, „Pflanzendünger“ oder Räucherwerk („Spice“ genannt) gehandelt werden. Synthetische Cannabinoide sind entweder dem THC strukturell verwandt oder den Endo-Cannabinoiden. Auch synthetisches Cannabis bzw THC gibt es natürlich längst. Unter Markennamen wie „Synhexyl“ bzw „Parahexyl“ war ein THC-Homolog auf dem Markt. Medizinisches Cannabis ist teilweise auch synthetisch; Markennamen sind „Dronabinol“ oder „Marinol“.

Aktuelle medzinische Nutzung

Cannabis kann beim Tourette-Syndrom helfen, bei Multipler Sklerose wie Culitis Ulcerosa, gegen Übelkeit, Spasmen,… Als medizinischer Hanf kommen sowohl Cannabis sativa als auch Cannabis indica zur Verwendung. Industrie-/Kulturhanf, mit wenig THC, wird medizinisch nur selten, als Hanföl, eingesetzt. In Deutschland war Hanf-Tinktur 1941 aus dem Arzneimittelbuch gestrichen worden, die „Haschisch-Sucht“ wurde in dieser Zeit endeckt. Heute ist Cannabis als Medizin zT wieder zugelassen, in einigen Ländern, unter bestimmten Auflagen. Die Forschung an der medizinischen Nutzung von Cannabis ist (noch) durch gesetzliche Beschränkungen beim Umgang mit der Pflanze behindert.

Der Spanier Manuel Guzman ist einer Jener, die am Einsatz von Cannabis bei Krebs forschen. Cannabinoide, die aktiven Bestandteile von Cannabis, und ihre Abkömmlinge weisen bei Krebspatienten lindernde Eigenschaften auf, indem sie Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen verhindern und den Appetit steigern. Zudem wird darüber geforscht28, inwiefern Cannabinoide – natürliche oder synthetische – das Wachstum von Tumorzellen hemmen können.

Wie in Chile steht der Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke normalerweise unter staatlichem Schutz. Verarbeitet wird er zu Rauchmischung oder zu Pillen-Form.

Künstlerische Referenzen 

Hier geht es um Songs, Bücher, Filme, die unter dem Einfluss von Cannabis entstanden oder von ihm handeln.

Fitz H. Ludlow, der amerikanische Autor aus dem 19. Jh, hat viele Haschisch-Experimente unternommen, darüber geschrieben, etwa „Der Haschisch-Esser“ (1857 erstmals erschienen). Seine Offenheit auf diesem Gebiet hielt ihn nicht von zutiefst rassistischen Überzeugungen ab, gegen Alle, die er als „un-amerikanisch“ sah, in erster Linie die amerikanischen Ureinwohner.

Paul Bowles, ein anderer amerikanischer Schriftsteller, lebte über die Hälfte seines Lebens in Marokko, scheint für andere Kulturen aufgeschlossener gewesen zu sein. Bezüglich Cannabis ist seine Zusammenarbeit mit dem berberischen Marokkaner Mohammed Mrabet (eigentlich Mohammed ben Chaib el Hajam), einem Geschichtenerzähler aus der Rif-Region, von Bedeutung. Die beiden trafen sich in Tanger, Mrabet erzählte bzw diktierte Bowles seine mündlich überlieferten oder selbst erfundenen (bzw erlebten) Geschichten, auf Spanisch, einer Sprache, die Beide halbwegs konnten und die in Tanger verbreitet war, durch den spanischen Einfluss in der internationalen Zone, die dort (1923-1956) bestand. Bowles übersetzte Mrabets Geschichten ins Englische und liess sie verlegen. „M’Hashish“, eine Sammlung von „Kiffgeschichten“ aus Marokko, kam zB 1969 heraus.

Alfred Kubins phantastischer Roman “Die andere Seite” (1908/09) basiert – wie Kubin erklärte – auf Cannabis-Erfahrungen. In „Das Geheimnis der Orakels“29 von Philip Vandenberg spielt Cannabis im Orakel von Delphi eine Rolle. Viele kennen das ‚Magische Theater‘ im „Steppenwolf“ von Hesse und haben das eingangs gerauchte Zeug unschwer identifiziert. In „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas wird dem Baron D’Epinay auf der Insel Monte Christo von einem Sinbad neben einem Essen eine grüne Paste serviert, die dieser als Haschisch deklariert, als Epinay schon Halluzinationen hat.

William Burroughs hat ja mit einigen Drogen „experimentiert“, auch mit Cannabis. „Für den Künstler ist diese Droge ist zweifellos sehr nützlich, da sie Assoziationen auslöst, die ansonsten unzugänglich wären, und ich verdanke viele der Szenen aus ‚Naked Lunch‘ direkt dem Gebrauch von Cannabis.” Auch Hunter Thompson hat viele Drogen genommen, seine Räusche literarisch verabeitet.

James Hadley Chase (ein Pseudonym) schrieb Thriller und Krimis, darunter „Figure it out for Yourself – The Marijuana Mob“ (1950 heraus, deutsch „Jeff Barratts Ratten“), ein Roman der der Richtung von „Reefer Madness“ folgen dürfte.

Auch H. Michaux, A. Crowley, Humphry Davy oder G. d.Nerval haben ihre Erfahrungen mit Cannabis literarisch verarbeitet.

Was Musik betrifft, sind einige Richtungen zu nennen, die stark mit dem Konsum von Hanf(-Teilen) verbunden sind: Der aus Jamaika stammende Reggae ist Teil der Cannabis-Kultur geworden. „Bob“ Marley maß dem Cannabis religiöse Bedeutung zu, seiner Zugehörigkeit zu einem der Häuser (Gruppen) der Rastafari gemäß. Peter Tosh brachte 1976 das Album „Legalize it“ heraus, mit dem gleichnamigen Song. Dann ist die Psychedelik zu nennen, von Iron Butterfly bis Pink Floyd. Angeblich auch der griechische Re(m)betiko (u.a. Markos Vamvakaris), hier würde sich eine Nachforschung lohnen (Kommentare dazu willkommen). „Cannabis-Musik“ macht auch die Band Cypress Hill aus der USA, setzt sich auch für die Legalisierung ein. 1989 kam eine Kompilation von Jazz-Songs über Cannabis aus dem frühen 20. Jh als LP mit dem Titel „Reefer Songs“ heraus. Nicht drauf ist aber dazu gepasst hätte “When I Get Low, I Get High” von Ella Fitzgerald.

Ob Hans Söllners Musik zum Reggae zu rechnen ist, ist fraglich. „Irgend ein“ Bezug ist schon da, klar, aber vielleicht ist es eher ein „Para-Reggae“ oder ein bayerischer Reggae. Den Bezug zum Kraut hat er natürlich auch, viele Songs handeln davon, er wurde wegen Besitz davon angezeigt (auch wegen Anderem) und setzt sich für seine gesetzliche Legalisierung ein. Söllner stammt aus einer eigentlich zerrütteten Familie in Reichenhall im Chiemgau. Er ist volkstümlicher als andere Linke, daher nicht so von Trends abhängig, ist konsequent gegen Rechts. Nichtsdestotrotz lebt er heute bürgerlich mit BMW, Haus, Garten, in 2. Ehe, und hat sogar zum CSU-Bürgermeister seines Wohnortes ein ganz gutes Verhältnis.

Janis Joplin sang auch von „Mary Jane“, eben so Rick James, Muddy Waters von „Champagne & Reefer“, W. Ambros vom „Schwarzen Afghanen“, Waldeck von „Dope Noir“. Heinrich Walchers „Gummizwerg“-Song handelt von diversen Drogen, darunter auch Grass.30

Filme & TV:

„Easy Rider“: 1969… zumindest Peter Fonda & Jack Nicholson haben auch privat ziemlich viel Cannabis konsumiert; Fonda & Hopper waren später zerstritten; auch der Song „Don’t bogart me“ von Fraternity of Men im Soundtrack handelt davon. „American Beauty“: Ein Mann mittleren Alters kehrt durch den Nachbars-Sohn in seine Jugend zurück. „Midnight Express“ handelt von den Folgen des Handelns. In „The Big Lebowski“ raucht die Hauptfigur viel Cannabis, daneben trinkt er „White Russian“ (Wodka, Kaffelikör, Sahne/Milch). In „Contact High“ (09) aus M. Glawoggers Sex-’n’-Drugs-’n’-Rock-’n’-Roll-Trilogie spielen Magic Mushrooms, Ecstasy, Haschisch-Kekse & -Zigaretten eine Rolle. Der Titel bezieht sich auf ein angebliches psychologisches Phänomen, wonach ein Rauschzustand von einer Person auf eine nüchterne „übertragen“ werden kann.

Weiters: Die „Cheech & Chong“-Serie (u.a. „Up in smoke“, 1978), „Half Baked“, „Kid Cannabis“, „Jackie Brown“, „Lammbock“, „Homegrown“, „Charas“, „Kids“, „Eyes Wide Shut“, „La Haine“, „The Wall“, „Coogan’s Bluff“, „Trainspotting“ (geht neben H ganz unter), „Lost in Translation“, „Purple Haze“ (1982), „Dazed and confused“, „Super Troopers“, „Marihuana“ („The Marihuana Story“, 1950, Argentinien),…

Die Serie „Weeds“ („Kleine Deals unter Nachbarn“, 05-12 erstmals ausgestrahlt) handelt von einer bürgerlichen Frau in einer kalifornischen Kleinstadt, die sich nach einem Unglücksfall mit dem Handel von Marihuana etwas dazu verdient.31 Arte hat die Miniserie „Cannabis“ produziert, in der es um den Handel von Haschisch von Marokko nach Spanien und Frankreich geht.

Der mexikanische Maler Diego Rivera hat anscheinend viel Marihuana geraucht, auch beim Malen. Comics: Fritz the Cat kifft auch. Die Fabulous Furry Freak Brothers noch um einiges mehr. Im 1967 erstmals aufgeführten Hippie-Musical „Hair“ (1979 verfilmt) spielt Kiffen natürlich auch eine Rolle. Wie auch im PC-Spiel „Pot Farm“.

Literatur & Links

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (1860). Hätte man auch zur Cannabis-Literatur einordnen können, und Ludlow zur Literatur über Cannabis

Rudolf Gelpke: Vom Rausch in Orient und Okzident (1966). Cannabis steht darin nicht im Mittelpunkt, eher Opium

Martin Booth: Cannabis: A History (2015)

Hans Georg Behr: Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge (1982). Angeblich nur mehr antiquarisch erhältlich

Jack Herer, Mathias Bröckers: Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf (1996). Englisch: Hemp and the Marijuana Conspiracy

Julie Holland (Hg.): The Pot Book: A Complete Guide to Cannabis. Its Role in Medicine, Politics, science, and culture (2010)

Robert C. Clarke: Haschisch: Geschichte, Kultur, Inhaltsstoffe, Genuss, Heilkunde, Herstellung (2000)

Franjo Grotenhermen (Hg.): Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potential (2004)

Leslie Iversen: The science of marijuana (2008 2. Auflage)

Ernest L. Abel: Marijuana – The First Twelve Thousand Years (1980)

Bernd Werse: Cannabis in Jugendkulturen: kulturhistorische und empirische Betrachtungen zum Symbolcharakter eines Rauschmittels (2007)

Jorge Cervantes: The Cannabis Encyclopedia: The Definitive Guide to Cultivation & Consumption of Medical Marijuana (2015). Vorwort von Vicente Fox Quesada

Johann Hari: Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges (2015). Hauptsächlich über das internationale Drogenregime

Ricardo Cortés: It’s Just a Plant (2005)

Hans Gros: Rausch und Realität. Eine Kulturgeschichte der Drogen (1996, 3 Bände)

Peter Cremer-Schaeffer: Cannabis: Was man weiß, was man wissen sollte (2016)

Gabriel Nahas: Histoire du hash (1979)

Roger Pertwee: Handbook of Cannabis (2014)

Marcus Boon: The Road of Excess: A History of Writers on Drugs (2002)

Steve Elliott: The Little Black Book of Marijuana: The Essential Guide to the World of Cannabis (2011)

Lester Grinspoon, James B. Bakalar: Marihuana: The Forbidden Medicine (1997)

Steffen Geyer, Georg Wurth: Rauschzeichen – Cannabis: Alles, was man wissen muss (2008)

Pierre Bouloc (Hg.): Hemp: Industrial Production and Uses (2013)

Andreas Müller: Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz (2015).
Müller tritt für die für Legalisierung von Cannabis ein

Walter Benjamin: Über Haschisch: Novellistisches, Berichte, Materialien (1972)

Jack Herer: The Emperor Wears No Clothes (1990)

Hans-Georg Behr: Haschisch-Kochbuch (1970)

Sidney Cohen und R.C. Stillman (Hg.): The Therapeutic Potential of Marihuana (1976)

Edward Reavis: Rauschgiftesser erzählen. Meskalin / LSD 25 / Haschisch / Opium (1967)

Mathias Broeckers: Warum Cannabis legalisiert werden muss (2014)

Christian Rätsch: Hanf als Heilmittel. Ethnomedizin, Anwendungen und Rezepte (1992)

Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen (1971)

Lark-Lajon Lizermann: Der Cannabis Anbau: Alles über Botanik, Anbau, Vermehrung, Weiterverarbeitung und medizinische Anwendung sowie THC-Messverfahren (2010)

Vera Rubin (Hg.): Cannabis and Culture (1975)

M. I. Soueif: The use of cannabis in Egypt: A behavioural study (1971)

Karl-Artur Kovar und Dieter Kleiber: Auswirkungen des Cannabiskonsums (1997)

Doug Fine: Hemp Bound: Dispatches from the Front Lines of the Next Agricultural Revolution (2014)

Oriana Josseau Kalant (Hg.): Cannabis: Health Risks (1983)

Gabriel G. Nahas: Keep off the Grass: A Scientific Enquiry Into the Biological Effects of Marijuana (1979)

Joseph Berke, Calvin C. Hernton: Cannabis Experience: Interpretative Study of the Effects of Marijuana and Hashish (1974)

Michael Pollan: Die Botanik der Begierde. Vier Pflanzen betrachten die Welt (2001). Er beschreibt am Beispiel der Züchtung von vier Pflanzen menschliche Begierden, wobei er der Tulpe die Schönheit, der Hanfpflanze den Rausch, dem Apfel die Süße und der Kartoffel die Kontrolle zuordnet

Günter Amendt: Haschisch und Sexualität (1982)

Murphy Stevens: Marijuana-Anbau in der Wohnung mit künstlichem Licht (1978). Original: How to grow Marijuana indoors (under Lights), 1975

Liat Kozma: Cannabis Prohibition in Egypt, 1880–1939: From Local Ban to League of Nations Diplomacy. In: Middle Eastern Studies Vol. 47 , Iss. 3, 2011

Brian M. du Toit: Man and Cannabis in Africa: A Study of Diffusion. In: African Economic History, No. 1., Frühjahr 1976, S. 17–3

Das Magazin „High Times“ erscheint monatlich aus New York, widmet sich der legalisierung von Cannabis

Mahmoud E. A. El-Ghany: Molekulargenetische Diversität einer monözischen und einer diözischen Hanfsorte und Analyse des Fasergehaltes von verschiedenen Hanfformen (Cannabis sativa L.). Dissertation, Martin Luther Universität Halle, 2002

Cannabis Regulation and the UN Drug Treaties (TNI)

Haschmuseum

Cannabis: A journey through the ages

Marihuana als Heilmittel

Hanfjournal

History of Cannabis in India

Cannabis Culture

Cannabis-Slang

Das steirische Unternehmen HGV Kräutergarten mit seinem „Hanfgarten“ baut Hanf an, verkauft Pflanzen und Stecklinge, und fördert die Cannabis-Forschung für medizinische Zwecke

Artikel über Auswirkungen von Cannabis auf’s Gedächtnis

Wikipedia-Portal zum Thema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Rastafari sind auch eine solche, in Jamaica und anderswo
  2. Oder übernommen, von früheren Kolonialmächten, von Staaten von denen man sich abgespalten hat, oder von internationalen Bestimmungen
  3. Im Englischen bezeichnet „Marijuana“ heute meist den Hanf generell, das „eigentliche“ Marihuana wird dort meist „Weed“ genannt
  4. Was nicht unbedingt etwas Schlimmes sein muss. Manche Menschen hätte „Kiffen“ wahrscheinlich zum Besseren verändert
  5. Die Sprache der Azteken
  6. Das als solches auch infolge des britischen Siegs über die Zulus zu Stande gekommen ist; die Kulte gab es freilich schon vor 1910
  7. Unter anderem auf Betreiben Ägyptens
  8. Auch dieses war die Umsetzung eines internationalen Abkommens
  9. Vielleicht kann man es auch so formulieren: Das Verbot in der USA kam durch eine Kampagne zu Stande, welche sich dann auch auf internationaler Ebene fort setzte
  10. Später wurde die gegenteilige Wirkung als Vorwurf aufgebracht, Cannabis würde die Menschen passiv machen und einschläfern
  11. 1939 kam eine neue Version davon heraus. Ab Ende der 1990er wurden Musicals als Satire auf den Film produziert
  12. Dass auf der Gegenseite (bis) heute mit ähnlich hanebüchener Einseitigkeit operiert wird, wird schnell klar wenn man im IT auf entsprechende Seitens stösst und Sätze liest wie: „Die nützlichste Feldfrucht des Planeten wurde als Droge bezeichnet und unsere Gesellschaft leidet darunter bis heute.“
  13. Seine Enkelin Patricia wurde in den 1970ern berühmt, durch ihre Entführung durch die linksextreme SLA und ihre darauf folgende Mitarbeit in dieser Gruppe
  14. oder Marijuana Transfer Tax Act
  15. Das auf Anslingers Druck hin verschärft wurde
  16. In der Bekleidungsherstellung wurde das auch die Baumwolle von synthetischen Fasern grossteils
  17. Der einen in gewisser Hinischt auf den Boden der Realität zurück bringt, von Höhenflügen oder Höllenfahrten
  18. Etwa der Spass-Kult um die „Heilige Cannabia“
  19. Man denke an die Diskussionen nach der deutschen Bundestags-Wahl ’05 mit dem Patt, unter dem weder SPD und Grüne noch CDU/CSU und FDP eine Mehrheit hatten. Es kam dann eine grosse Koalition (Kabinett Merkel I). Aber zuvor wurde eine Ampel-Koalition (Rot-Gelb-Grün) und eine Jamaika-Koalition (Schwarz-Grün-Gelb) ins Gespräch gebracht, an die Farben der Nationalflagge des Inselstaats angelehnt. Und „Joschka“ Fischer, ein Politiker der mit Cannabis sicher Erfahrungen hat, brachte auch die Assoziation damit vor, deutete die „Unvereinbarkeit“ von grünen und schwarzen (eigentlich auch gelben) Werten an, indem er auf die Absurdität der Vorstellung von „Unionsleuten mit Dreadlocks und einer Tüte in der Hand“ verwies
  20. Damals auf den Westteil der Stadt beschränkt
  21. Karl-Heinz Kurras blieb beim Alkohol
  22. Erinnert etwas an Iran nach der Revolution, wo harte Alkoholika illegal erhältlich sind, aber kaum mehr Bier und selten Wein. Durch das Risiko des Schmuggels werden Wodka und ähnliches bevorzugt, die im selben Volumen mehr Alkohol enthalten. Somit hat das Alkoholverbot der Mullahs eine Verschiebung zu harten Alkoholika bewirkt
  23. In seiner Studienzeit hat Cameron überhaupt so einiges ausprobiert, scheint es
  24. Der „Krieg gegen Drogen“, den auch Reagan führte, ist immer einer gegen bestimmte Drogen bzw bestimmte Verteiler. Für antikommunistische Gruppen machte die DEA (und amerikanische Politiker) immer wieder Ausnahmen, wie die nicaraguanischen Contras (Kokain) oder das blauchinesische Militär in Nord-Thailand (1950er, Opium)
  25. Anscheinend gab es schon vor ’76 vereinzelte Coffee Shops in der NL, in welchem gesetzlichen (oder ungesetzlichen) Rahmen auch immer
  26. Der Amerikaner Herer schrieb u.a. „The Emperor Wears No Clothes“ über das Thema, gründete die Organisation „Help End Marijuana Prohibition“ (HEMP); der „Jack Herer Cup“ findet jährlich in Las Vegas zu seinen Ehren statt
  27. Es wird auch im Land von Ausländern, Touristen (hauptsächlich Westlern) konsumiert
  28. An Mäusen und Ratten
  29. Eine Art historischer Roman, vielleicht aber eher eine Alternativgeschichte
  30. So etwas war im Jahr 1972 möglich: Walcher sang im Fernsehen ein schweres Drogenlied und die ORF-Big Band spielte dazu… Gut, die Meisten haben nicht kapiert, worum es geht
  31. Erinnert an „Breaking Bad“, aber die Serie ist definitiv später gedreht worden

Königtum in Frankreich: Kontinuität, Brüche und eine vergebene Chance

Henri d’Artois, der Enkel des letzten Königs Frankreichs aus der Bourbonen-Hauptlinie, hatte in den 1870ern, in der frühen Dritten Republik, die Chance darauf, König zu werden – eine Restauration der Monarchie scheiterte aber, trotz dafür günstiger Voraussetzungen. Er starb 1883 kinderlos in Österreich, was jahrzehntelang sein Exil gewesen war. Mit ihm erlosch die Bourbonen-Hauptlinie. Nach der gescheiterten Restauration geht es in dem Artikel um Monarchie und Dynastien in Frankreich, quasi die Vorgeschichte, bis zum Ende der Monarchie, dort wo die Erzählung ihren Ausgang nimmt. Danach wird der Monarchismus seit dem Untergang der letzten monarchischen Herrschaft über das Land (die der Dritten Republik vorausging, das Zweite Kaiserreich) behandelt. Darin „eingebettet“ findet sich egentlich die gesamte Geschichte Frankreichs.

Artois und seine Frau

Der „Graf von Chambord“

Henri Charles d’Artois wurde 1820 als posthumer Sohn von Charles Ferdinand, der einige Monate vor seiner Geburt ermordet wurde, und einer sizilianischen Bourbonin geboren, als Grossneffe des damaligen Königs Ludwigs XVIII., als Enkel des späteren Königs Charles X. Im Tuilerien-Palast in Paris, in einem Teil davon, der heute zum Louvre gehört. Er war bei seiner Geburt ein petit-fils de France, ein „Enkel Frankreichs“; dies war die Bezeichnung bzw Einstufung der Söhne von fils de France („Söhnen Frankreichs“), welche Söhne von Königen oder Thronfolgern (Dauphins) waren. Die in Frankreich von der Thronfolge ausgeschlossenen entsprechenden weiblichen Personen hiessen petite-fille oder fille de France.

Charles Ferdinand d’Artois wurde 1778 in Versailles als 3. Kind vom späteren Charles X., der damals Bruder des Königs war (und Graf von Artois), geboren. Seine Mutter war aus dem piemontesisch-sardischen Königshaus Savoia (Savoyen). Er bekam den Titel Duc de (Herzog von) Berry. Seine Ehefrau, Maria Carolina di Borbone (delle Due Sicilie), war Tochter von Francesco (Franz) I., König der beiden Sizilien 1825 bis 1830 und seiner habsburgischen Gattin Maria Klementine (Tochter von Kaiser Leopold II.). Nach Ausbruch der Revolution gingen Charles Ferdinand und seine Familie ebenso wie andere Bourbonen ins Exil. Henris Vater kämpfte in der französischen Emigrantenarmee unter Louis Joseph de Bourbon-Condé (s.u.), war dann in Grossbritannien. 1814 kehrte die Familie zurück; Charles Ferdinand war dann auch an der vergeblichen Verteidigung von Paris gegen Napoleons Rückkehr aus Elba beteiligt.

Bei der Ehe von Charles Ferdinand und Marie Caroline handelte es sich um eine arrangierte, wie im Hochadel (früher) so üblich, sie soll dennoch eine glückliche gewesen sein. Sie lebten meist im Élysée-Palast in Paris. Sie hatten 4 Kinder, 3 zu Lebzeiten, 2 davon überlebte die Kleinkindheit, neben Henri auch Louise. 1820 wurde Charles Ferdinand beim Verlassen der Oper in Paris von einem Bonapartisten getötet (erstochen); Henri wurde sieben Monate später geboren. Der damalige König, Ludwig XVIII., dessen Bruder und Nachfolger Charles sowie dessen anderer Sohn Louis Antoine hatten alle keine Söhne. Somit war Henri der stark erwartete künftige Thronerbe, wurde „Wunderkind“ genannt.

Etwas zum Namen dieses Henri, der hier im Vordergrund steht. Auch wenn im Ancien Régime, also im vor-revolutionären Frankreich sowie in der Zeit der Restauration (1815 bis 1830), bezüglich der Nachnamen der Mitglieder der königlichen Familie nicht alles genau festgelegt war, in der Regel verhielt es sich so: Der König hatte offiziell keinen Familien-Namen (also auch nicht den Dynastie-Namen). Die Königskinder hiessen im Nachnamen „de France“ (von Frankreich). Deren Abkömmlinge (Nachfahren) bekamen den Höflichkeitstitel oder Apanage-Titel1 des Vaters als Nachnamen, die weiblichen aber anscheinend nur in der ersten Generation und bis zur Heirat. Jüngere Königssöhne bekamen öfters die Grafschaft Orléans (und damit den Titel des Grafen von) zugewiesen. Daraus wurde für ihre Nachkommen öfters ein Familienname. Philippe, Bruder von Ludwig XIV., hiess als fils de France „de France“, sein Sohn als petit fils bekam „Orleans“ als Nachnamen – daraus wurde ein Dynastiename, der heute noch in Verwendung ist, auch als Familienname.

„Bourbon“ bzw „De Bourbon“ als Nachnamen bekamen anscheinend nur uneheliche Nachfahren von Mitgliedern des Königshauses! Die Angehörigen der Bourbon-Nebenlinie Bourbon-Condé verwendeten (bzw hiessen) „de Bourbon-Condé“. Als der Enkel von Ludwig XIV., Philippe (dann Felipe), König von Spanien wurde, war sein Nachname „de France“. Da dieser für weitere Generationen nicht erblich war und Philipp bei seiner Thronbesteigung in Spanien alle französischen Titeln aufgab, bekamen seine Nachfahren (bis heute, wo wieder ein Felipe steht) einfach den Dynastienamen als Nachnamen, hispanisiert zu „de Borbón“.

Henri bekam als „petit-fils de France“ den Apanage-Titel aus der väterlichen Linie als Familiennamen, und der war „d’Artois“ (von Artois). Dieser geht auf Charles Philippe de France zurück, als Charles X. König, Enkel von Ludwig XV.; Charles bekam von seinem Grossvater den Titel „Graf von Artois“ – mit dem keine Herrschaft über die Grafschaft Artois im Norden von Frankreich verbunden war.  Seine Kinder (petit-fils de France) hiessen „d’Artois“. Als Charles König wurde2, änderte sich das zu „de France“ (sie waren nun fils). Charles‘ Sohn, Henris Vater, war bereits tot, als sein Vater König wurde, blieb daher ein „d’Artois“. Charles‘ Enkel Henri blieb auch ein petit-fils und behielt immer seinen Familiennamen „d’Artois“ – der ihm bei seiner Geburt von Louis XVIII., dem damaligen König und Chef des Hauses, kraft der Usancen des Ancien Régimes zugewiesen worden war.

Henri d’Artois war duc de (Herzog von) Bordeaux; damit war aber auch keine tatsächliche Herrschaftsausübung in dieser Region verbunden3, es handelte sich um einen Höflichkeits-Titel. D’Artois ist besser bekannt als „Graf von Chambord“. Er bevorzugte diesen Titel bzw legte ihn sich selbst zu, nach dem Schloss Chambord, einem ab dem 10. Jahrhundert entstandenen Schloss an der Loire, im Stammland der Bourbonen in Zentral-Frankreich.4; von Napoleon an einen Günstling vergeben, wurde ihm das Schloss vom Restaurations-Regime (ab 1814/15) gewährt und er durfte es anscheinend auch im Exil ab 1830 behalten.5 Der „Comte de Chambord“ wurde (spätestens) 1844 (erster) Thronanwärter der Bourbonen-Hauptlinie bzw der diese unterstützenden Legitimisten, es ist aber fraglich, ob ihm der Name „de France“ (ab) hier zustand.

Die Schwerkraft der Verhältnisse bzw der Realität… Zu diesem Zeitpunkt war er in Österreich. Bei seiner Hochzeit dort verwendete er den Namen „Henri de Bourbon“, obwohl das nach den Regeln des alten Regimes (das er wieder herstellen wollte!) eigentlich signalisierte, dass er ein uneheliches Kind der Bourbonen war bzw der Nachkomme von einem solchen. „Henri de France“ wollte/konnte er nicht benutzen, um nicht sein Gastland Österreich (bzw Metternich) gegen sich aufzubringen bzw die diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich unter Louis-Philippe zu stören. A propos: Ab 1830 waren in Frankreich (in der Juli-Monarchie, der Zweiten Republik, dem Zweiten Kaiserreich, der Dritten Republik) die Namensgepflogenheiten (bzw -abwandlungen) des früheren Regimes abgeschafft. Als Oberhaupt der Bourbonen und deren Thronanwärter wurde er von Legitimisten aber (als) „Henri V.“ (legitimer König von Frankreich) gesehen bzw genannt. Damit verbunden ist auch die Frage, ob Henri d’Artois 1830 kurz König gewesen ist (s.u.).

Nach dem Tod seines Vaters wurde er unter Aufsicht seines Grossvaters aufgezogen, der einige Jahre nach seiner Geburt König wurde (Charles X.), und zwar so, als ob es nie eine Revolution gegeben hätte und keine neue zu erwarten war. Die Erziehung wurde von Jesuiten, Offizieren, Adeligen vorgenommen, auch im Exil dann (das durch eine solche neue Revolution bedingt wurde). Seine Mutter, die Herzogin von Berry, so liest man, war in den Tuilerienpalast gezogen und widmete sich dort hauptsächlich der Förderung von Kunst. Daneben hielt sie sich gerne in südfranzösischen Badeorten auf.

Während der Juli-Revolution 1830 dankte Charles X. zunächst zugunsten seines Sohnes Louis Antoine ab, dieser sodann zugunsten seines Neffen Henri. Auch Henris Mutter versuchte ihn in dieser Situation zum König zu machen. Schlussendlich gingen aber Alle zusammen ins Exil. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, inwiefern Louis-Philippe d’Orléans zu Charles (zunächst) loyal war bzw inwiefern dieser ihn vor der Exilierung mit einer Art Regentschaft betraute. Louis-Philippe d’Orléans wurde, nach Vorschlag von Adolphe Thiers, jedenfalls vom Parlament zum König gewählt. Und Henri war bis dahin möglicherweise kurz König. Egal ob er von seinem Grossvater oder von seinem Onkel eingesetzt wurde: Er wurde vom damals legitimen König (und bis Louis-Philippes Königswahl ist Charles bzw Louis Antoine wohl als solcher anzusehen) zum König ausgerufen, und bis im Zuge der Revolution ein neuer Herrscher kam,  war er de jure wahrscheinlich ein solcher.

Allerdings wird Henri d’Artois‘ Königtum 1830 in der Regel nur von Legitimisten akzeptiert – und in deren Augen hört seine „de jure-Herrschaft“ auch nicht mit der Proklamation von Louis Philippe auf, der in ihren Augen ein Usurpator ist. Und tatsächlich wurde Henri in diesen Tagen wohl von niemandem als König wahr genommen, war reell keiner, wird eher retrospektiv als solcher gesehen. Die Sache erinnert an Napoleon II. und Ludwig XVII., die de facto auch nie herrschten. Wenn man (den damals 10-jährigen) Henri als König für diese eine Woche sieht, dann war er einer der am kürzesten herrschenden Monarchen der Geschichte.

Die entthronte königliche Familie (Charles, Maria Carolina, Henri,…) fuhr 1830 über Cherbourg nach Grossbritannien, bezog in Schottland einen Palast, in Edinburgh, der der britischen Königsfamilie gehört und wo Charles bereits 1796 bis 1803 leben durfte. In dieser frühen Zeit des Exils wurde eine Münze bzw Medaillie für Henri geprägt, im Nennwert von 5 Francs, wahrscheinlich durch ihm nahe stehende Kreise irgendwo im Exil. Es handelte sich also um eine inoffizielle Prägung, die Münze war kein Zahlungsmittel. Auf der einen Seite befindet sich eine Abbildung des jugendlichen Kopfes von „Henri V Roi De France“, auf der anderen das Wappen der königlichen Familie Frankreichs.6 Henris Mutter (Marie) Caroline fühlte sich in Edinburgh nicht wohl und wollte sich auch mit dem Ausschluss ihres Sohnes vom französischen Thron nicht abfinden.

1831 reiste sie in ihre Heimat, das Königreich beider Sizilien. Sie heiratete dort heimlich einen italienischen Adeligen, Ettore C. Lucchesi-Palli, Duca della Grazia. 1832 fuhr sie nach Marseille, mit dem Ziel, in monarchistisch gesinnten Gegenden Frankreichs einen Aufstand gegen die Juli-Monarchie anzufachen. Sie suchte Nord-West-Frankreich auf, die Vendée und die Bretagne, wo ihr dies gelang. Dieser reichte aber bei weitem nicht aus, ihren Sohn auf den Thron zu bringen. Und, im selben Jahr (1832), gab es in Frankreich auch eine republikanische Erhebung, in Paris. Nach Niederschlagung des legitimistischen Aufstands tauchte sie in Nantes unter, wurde dann von einem Simon Deutz verraten. Und im Schloss von Blaye von den Behörden interniert. Während ihrer Gefangenschaft gebahr sie eine Tochter – infolge dessen bekamen die französischen Legitimisten erst Kunde von ihrer zweiten Ehe. Durch diese Ehe hatte sie formal ihre französische Staatsbürgerschaft verloren – womit sie auch nicht mehr als Regentin für ihren Sohn (damals 12) in Frage kam. Es heisst, aus diesem Grund wurde sie nicht mehr als Gefahr gesehen, und 1833 frei gelassen. Sie ging mit bzw zu ihrem Mann nach Süd-Italien; dann in die Steiermark. Es kamen vier Kinder vom zweiten Mann hinzu.

Die entthronte Familie (Ex-König Charles, sein Sohn Louis-Antoine de France, Henri,..) und die sie begleitenden Bediensteten wanderten 1831 von Schottland nach Böhmen weiter; mit den Habsburgern standen die Bourbonen inzwischen gut. 1833 wurde Henri d’Artois 13 und damit nach damaligen Normen volljährig; ein Teil der Legitimisten sah ihn von da an bereits als Chef des Hauses / Thronanwärter. Er wurde unter Charles‘ Lenkung weiter sehr konservativ erzogen. 1836 ging die Artois-Familie ins österreichische Küstenland, genauer in seinen friulanischen Teil, nach Görz/Gorica/Gorizia. Nach wenigen Monaten dort starb Ex-König Charles an einer Cholera. Er wurde im Franziskaner-Kloster Kostanjevica/Castagnevizza bei Görz bestattet, sein Begräbnis begründete eine Familiengruft für die engeren Angehörigen. Charles‘ Sohn Louis-Antoine, der Duc d’Angoulème, wurde neuer Chef des Hauses und als Louis XIX Prätendent der Legitimisten. Auch Henris Mutter war damals ja in Österreich (damals Teil des Deutschen Bunds), nicht so weit weg von Görz. Caroline war durch ihre Heirat bei Charles in Ungnade gefallen, wurde anscheinend nicht mehr als Teil der Familie gesehen.

Louis „XIX.“, 1789-1814 bereits im Exil, Duc d’Angoulême, „Comte de Marnes“, verheiratet mit einer Bourbonin, regierte 1830 auch angeblich, 20 Minuten lang, war danach wieder im Exil, wurde 1836 nach dem Tod seines Vaters also Chef des Hauses. Er hatte eine Cousine ersten Grades geheiratet, Marie Therese, die Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette… Er starb 1844 in Österreich. Spätestens hier wurde Henri d’Artois legitimistischer Prätendent („Henri V.“), blieb es bis zu seinem Tod, also 39 Jahre lang. Und, er hat diese Ansprüche auch immer erhoben, kompromisslos. Manche Legitimisten sahen Artois bereits ab 1830 als Chef und Anwärter, manche 1836 nach dem Tod des Opas, 44 nach dem Tod des Onkels wurde er spätestens Prätendent dieses Lagers.

Artois hatte im Exil ein gewisses Vermögen, das ausser Landes (Frankreich) geschafft worden war, und er hatte gute Beziehungen zu den meisten Fürstenhäusern – und Europas Staaten wurden damals fast ausschliesslich monarchisch regiert. Durch einen Sturz vom Pferd 1841 im Waldviertel verletzte er sich so, dass er einen hinkenden Gang behielt. 1844 zogen der Bourbonen-Chef und sein kleiner gewordenes Gefolge, darunter seine Tante Marie Therese, die Witwe von Louis Antoine (die „Duchesse de Berry“, auch „Dauphine de France“, „Herzogin von Angouleme“, „Gräfin Manes“), aus dem Friaul ins Österreich unter der Enns7. Nach Lanzenkirchen südlich von Wien, in das Schloss Frohsdorf. Es war Marie Therese de France, die die Herrschaft Frohsdorf kaufte.

Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen

Das Schloss war Anfang des 19. Jahrhunderts im Besitz der Adelsfamilie Hoyos gewesen. Napoleons Schwester Caroline Murat („Gräfin von Lipona“) flüchtete 18158 aus dem Königreich Neapel-Sizilien (= Kgr. beider Sizilien), wo ihr Mann nach der Restauration der dortigen Bourbonen eine Restauration seiner Herrschaft versuchte hatte und auf Anordnung von König Ferdinand IV. erschossen worden war. Sie erwarb 1817 Schloss Frohsdorf9, lebte dann aber meist in Nord-Italien. Sie erwarb Frohsdorf 8 Jahre, nachdem Soldaten ihres Bruders das Schloss in Beschlag genommen hatten, bei seinem Feldzug nach Österreich (1809; Fünfter Koalitionskrieg).

Das Schloss wechselte in den nächsten Jahrzehnten mehrmals den Besitzer, kam über adelige russische und französische Zwischenbesitzer in den 1840ern in den Besitz von Marie Therese de France (der Herzogin von Angouleme). Es soll bis dahin „Froschdorf“ geheissen haben, erst im Besitz der legitimistischen Bourbonen bekam es diesen anderen Namen… Es heisst, Artois verbrachte hauptsächlich die wärmeren Jahreszeiten in Lanzenkirchen, die kälteren in seiner Besitzung in Görz. Und, französische Legitimisten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten (hauptsächlich aus oberen) kamen nun nach Niederösterreich, liessen sich in der Umgebung nieder, wurden Teil des Gefolges von Artois. Darunter befanden sich Guillaume Isidore de Montbel, Freund von Villele, Minister von Polignac, dann Oberhofmeister von „Graf Chambord“, sowie Joachim Barrande, Haus-Lehrer von Artois (begleitete 1830 das bourbonische Königshaus ins Exil, wurde dabei in Böhmen ein bedeutender Geologe). Artois heiratete 1846 in Bruck an der Mur in Österreich eine Maria Theresia, eine Habsburg-Este, eine Cousine zweiten Grades; ihr Vater war Herzog von Modena gewesen, der vorletzte. Kinder waren Henri und Marie nicht vergönnt. Nach dem  Tod seiner Tante 1851 erst wurde Artois Besitzer von Frohsdorf.

Auch in Frankreich ging das 19. Jh turbulent weiter, 1848 wurde die „Juli-Monarchie“ ja gestürzt, es folgte die 2. Republik, dann das 2. Kaiserreich. Ab 1848 waren also auch die orleanistischen Bourbonen entthront und im Exil, und bald begannen Gespräche mit dem Lager der Hauptlinie in Österreich, bezüglich einer Versöhnung und einer Koordinierung der Ansprüche bezüglich der Herrschaft in Frankreich. Die Abneigung gegen die Zweite Republik und dann das neue Kaiserreich verband Orleanisten und Legitimisten. Henri hatte viel Zeit, sich über seine Vorstellungen darüber Gedanken zu machen, in seinem Schloss in Österreich, mit Dienerschaft, wertvollen Gemälden, Weinkeller, Kapelle, Park, Tiergarten, Gartentheater, Jagdrevier,… Er schrieb auch einiges darüber, und für ihn lief es eher auf eine Herrschaft über Frankreich hinaus. Er schrieb, 1861, auch: „All diese orientalischen Völker nehmen nur den Schein der Zivilisation an; im ersten besten Augenblick findet sich der Barbar wieder“.10

Während Österreich 1867 Ungarn zum gleichberechtigten Partner in seinem Reich aufwerten musste (der Ausgleich), trat in Spanien Königin Isabel (II.) de Borbón y Borbón-Dos Sicilias, deren Thronfolge 1833 grossen Widerstand bzw innere Kriege verursacht hatte, gezwungenermaßen ab (und ging nach Frankreich). In der Frage der Nachfolge für Isabel(la) am spanischen Thron (bzw in der Herrschaft über Spanien) wurden mehrere Kandidaten ins Spiel gebracht, darunter Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen – der zwar aus der katholischen Nebenlinie der preussischen Hohenzollern war, aber eben doch ein Verwandter von ihnen. Spanien unter einem Hohenzollern wollte der französische Kaiser Napoleon III. nicht akzeptieren (die Konstellation erinnert an den Spanischen Erbfolgekrieg) und zwischen ihm und dem norddeutschen11 und preussischen Kanzler Bismarck schaukelte sich etwas auf, was im Juli 1870 zum Krieg führte. Im September der deutsche Sieg von Sedan, Napoleon III. wurde dort gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Das französische Parlament rief in dieser Situation die Republik aus.

Die Chance auf die Restauration

Während in Frankreich die Dritte Republik damit begann, das grosse Teile des Landes von deutschen Truppen besetzt waren (und Paris belagert), wurde im Jänner 1871 in Versailles das Deutsche Reich gegründet. Die von der provisorischen französischen Regierung für den 8. Februar 1871 angesetzte Wahl einer neuen Nationalversammlung wurde von den deutschen Truppen nicht behindert. Denn es wurde ein monarchistischer Sieg erwartet, und die bourbonischen und orléanistischen Monarchisten wollten den Krieg unter allen Umständen beenden (dazu waren sie auch zu den von deutscher Seite geforderten Gebietsabtretungen und Entschädigungszahlungen bereit), um danach mit den Republikanern „abzurechnen“ und die Monarchie wiederherzustellen.

Und der Sieg der Monarchisten bei dieser Wahl ist möglicherweise auch auf deren Vorstellungen vom Frieden mit Deutschland zurück zu führen. Die unter universalem Männer-Wahlrecht und Persönlichkeitswahlrecht gewählte Assemblée Nationale hatte eine satte monarchistische Mehrheit von fast 2/3, allerdings aufgespalten auf die drei Richtungen der Orleanisten, Legitimisten, Bonapartisten, die vor allem in „der Provinz“ gewählt wurden. Auch die Republikaner waren in mehrere Lager aufgespalten; alle Pariser Abgeordneten waren Republikaner. Stärkste Fraktion waren die Orléanisten (Führer Albert de Broglie) mit 214 Abgeordneten (ca. 33 % der Stimmen), dann die Légitimisten unter Auguste-Alexandre Ducrot mit 182 Sitzen (28 %), vor den moderaten Republikanern unter Favre (112 Sitze, 17 %), den liberalen Republikanern (72; 11 %), den radikalen Republikanern (38; 5,8 %) und den bonapartistischen Monarchisten (20; 3%), deren System eben „gestürzt“ worden war.

Noch im Februar fand die erste Sitzung der Nationalversammlung statt, in Bordeaux, im März zog sie nach Versailles um. Es gab eine Mehrheit für eine konservative Monarchie, die Frage der Staatsform wurde aber einstweilen offen gelassen – auch weil der „Verlustfrieden“ auf das Konto der Republikaner gehen sollte. Adolphe Thiers, im 19. Jh in Frankreich immer wieder entscheidend involviert und ein Historiker, wurde bald von der Versammlung zum „Chef der Exekutive“ gewählt, damit war er provisorisches Staatsoberhaupt und Regierungschef. Thiers unterzeichnete am 26. Februar 1871 den Vorfrieden von Versailles, damit wurde der Deutsch-Französische Krieg beendet. Frankreich trat den Grossteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab (technisch gesehen waren das mehr oder weniger grosse Teile Teile von vier französischen Departements) und verpflichtete sich zu Entschädigungszahlungen. Der Vorfrieden wurde im Mai durch den Friedensvertrag von Frankfurt weitgehend bestätigt. Napoleon III. wurde im März 1871 aus Kassel nach England entlassen bzw gebracht.

Die monarchistischen Lager verhandelten derweil darüber, ihre doch ziemlich unterschiedlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Thiers rief den Monarchisten zu, zu dritt könne man den Thron nicht besteigen. Die Bonapartisten hatten ein schwaches Mandat von den Wählern bekommen, waren durch die Kriegsniederlage „kompromittiert“ und ihre Vorstellungen einer Monarchie weichten von jenen der beiden bourbonischen Lager ziemlich ab. Orleanisten und Legitimisten bildeten die Union des Droites, die über 60% der Sitze in der Nationalversammlung hatte. Emissäre der drei exilierten Prätendenten pendelten hin und her, besonders jene von Henri d’Artois und Louis-Philippe Albert d’Orléans, einem Enkel des Bürgerkönigs. 1871 zeichnete sich eine Einigung ab. Der kinderlose 51-jährige Artois sollte „Frontmann“ bzw erster Thronkandidat des geeinten bourbonischen Lagers werden; sollte er kinderlos sterben, was sich abzeichnete (seine Frau war 54), würde die Thronfolge bzw Anwartschaft auf die orleanistische Linie übergehen.

Ende März 1871 übernahm in der Stadt Paris eine Revolutionsregierung die Macht, die Commune de Paris, die die konservativ-republikanische Zentralregierung unter Thiers nicht anerkannte und die die Nationalgarde auf ihrer Seite hatte. Dieser Kommune-Aufstand wurde bis Mai unter den Augen der noch im Lande befindlichen deutschen Truppen blutig nieder geschlagen. Die bürgerlichen Regierungstruppen wurden von Patrice E. M. de MacMahon kommandiert, einem Marschhall irischer Herkunft, der bei der Eroberung von Algerien 1830 schon dabei war. Über 20 000 Kommunarden, nicht alle davon Angehörige ihrer Milizen, wurden getötet, darunter die Führer wie Louis C. Delescluze, im Strassenkampf, dann noch welche standrechtlich erschossen oder zum Tod auf der Guillotine verurteilt, viele auch zu Gefängnisstrafen, oder deportiert. Die Kommunarden ihrerseits hatten Geiseln genommen, darunter den Erzbischof von Paris, und ermordet.

Mitten in dieser blutigen Maiwoche der Niederschlagung des Commune-Aufstands (21.-28. Mai), in einer Bürgerkriegs-ähnlichen Situation, verlautbarte Henri d’Artois (am 24. 5.), dass er nicht die weisse Fahne seiner Vorfahren aufgeben werde um König zuwerden; die weisse Fahne der Bourbonen mit den Lilien symbolisiere Respekt vor der Religion, Schutz von allem, das Recht sei,… während die aktuelle dreifärbige Fahne Frankreichs die Fahne der Revolution sei und der ausländischen Feinde. Die Fahnenfrage tauchte auf, Zwist zwischen Legitimisten und Orleanisten. Dahinter „verbarg“ sich ein konkreterer Konflikt zwischen den Lagern, unterschiedliche Vorstellungen von der Monarchie. Die Flagge mit gelben Lilien auf weissem Grund war jene der königlichen Familie, der Bourbonen, und gemäß den früheren Vorstellungen vom Staat damit jene der Nation. 1790 kam die Tricolore in Gebrauch, die eine Kombination der Pariser Stadtfarben Blau und Rot sowie des Bourbonen-Weiss ist. 1814 und 1815-30 wurde die weisse Flagge wieder offiziell, manchmal ganz weiss, manchmal mit einem Lilien-Wappen. 1830 wurde wieder die Trikolore französische Flagge, blieb es seitdem mehr oder weniger.12 Henri bestand in den 1870ern, als es um die Restauration der Monarchie, unter ihm, ging, auf der Abschaffung der Trikolore (Symbol der Revolution) und der Wiedereinführung der bourbonischen weissen Lilien-Flagge. Obwohl er in jüngeren Tagen selbst einen Kompromiss aus beiden entworfen hatte, eine Trikolore mit Bourbonen-Wappen.

Früherer Flaggenvorschlag von Henri d’Artois, der dann Symbol der Orleanisten wurde

Im Juni 1871 hob die monarchistisch dominierte Nationalversammlung die Gesetze auf, die die Landesverweisung der „Prinzen“ der (ehemals) herrschenden Familien festgeschrieben hatten. Auch hier spiegelt sich die Geschichte Frankreichs im 19. Jh wieder: 1816 wurden die Bonapartes gesetzlich des Landes verwiesen. 1832 wurde der Familie des gestürzten Königs Charles, die bereits im Exil war, die Einreise nach Frankreich verboten; das Gesetz gegen die Bonapartes wurde bestätigt.13 1848 wurde Louis-Philippe nach seinem Sturz und seiner Exilierung mit einem solchen Gesetz bedacht. Louis-Napoleon (de) Bonaparte wurde 1848 ins Parlament gewählt, dann erst wurde das Gesetz von 1816 aufgehoben; und Bonaparte wurde zum Staatspräsidenten gewählt. Diese Gesetze betrafen nicht nur den Aufenthalt der Betreffenden in Frankreich, sondern auch gewisse Rechte wie passives/aktives Wahlrecht sowie die Beschlagnahme von Besitz (hauptsächlich immobilem). 1871 wurden zwei Orleans-Prinzen in die Nationalversammlung gewählt. Dann hob diese Versammlung (eben im Juni 1871) die Gesetze von 1832 und 1848 auf, womit deren Wahl erst gültig wurde.

Henri/Heinrich kehrte im Juli nach 41 Jahren im Exil für einige Tage nach Frankreich zurück, weilte auf Schloss Chambord.14 Die Bonapartes blieben in Grossbritannien. Louis Philippe Albert d’Orleans (dann „Philippe VII.“) war 1848 in die USA ins Exil gegangen, kämpfte dort im Bürgerkrieg. 1864 heiratete er eine Bourbonin, die seine Cousine war, 8 Kinder. Auch er kehrte 1871 zurück, liess sich im Gegensatz zu Artois wieder dort nieder. Als dann auch unter Napoleon III. 1852 erlassenen Konfiskationen des Besitzes aufgehoben wurden, bezog er Schlösser an der Loire, und auch in Paris eine „angemessene“ Residenz. Da die ihn unterstützenden Abgeordneten im Parlament die relative Mehrheit ausmachten, war der „Graf von Paris“ in der frühen 3. Republik eine politische Schlüsselfigur. Staatschef Thiers (der Premierminister unter seinem Grossvater gewesen war, ihn aber nicht schätzte) empfing ihn in Versailles.

Es kam wie erwähnt zur Versöhnung mit der Bourbonen-Hauptlinie (der Vater des Bürgerkönigs hatte für die Hinrichtung von Louis XVI gestimmt, der Sturz von Charles geschah mit Unterstützung von Louis-Philippe,…) und der Unterstützung der Thronkandidatur von deren Oberhaupt. Henri d’Artois verschob bei seinem Aufenthalt in Frankreich im Juli 1871 aber ein Treffen mit Louis Philippe d’Orleans, seinem Cousin. Er empfing eine Delegation von monarchistischen Abgeordneten der drei monarchistischen Lager, die ihn zur Annahme der dreifärbigen Fahne überzeugen wollten; er traf aber auch Abordnungen aus seinem Lager, aus allen Klassen, die ihn vom Gegenteil überzeugen bzw darin bekräftigen wollten. Henri verliess Frankreich und verlautbarte über die legitimistische Zeitung „L’Union“, er werde „die Flagge von Henri IV, François I und Jeanne d’Arc“ hoch halten, liess sich aus über das „heilige Vertrauen des alten Königs“, seines Grossvaters, in ihn, über „die Aufgaben eines Monarchen“, seine „Ehre“,…

Ein Teil der Legitimisten war für die Anerkennung der Trikolore, der Chef war aber kompromisslos. Und so verging im Juli 1871 die erste Chance auf die Restauration. Die monarchistische Mehrheit im Parlament war bereit, ihm den Königstitel anzutragen; die Orleanisten und viele Legitimisten wollten aber keine absolute Monarchie. Die Fahne stand Vordergrund, wichtiger war, was sie symbolisierte. Die weisse Bourbonen-Fahne mit den Lilien, an denen D’Artois festhielt (als Staatsflagge Frankreichs), stand für das Ancien régime, und damit genau für das, wofür er auch sonst stand. Die Trikolore repräsentiert(e) tatsächlich das Erbe der Revolution, die Stellung von Verfassung und Volkssouveränität. Der Flaggenstreit spiegelte den grundsätzlichen Konflikte wider, um den Charakter der Monarchie, die Rolle des Parlaments,… Die Chance auf die Restauration lebte aber noch voll. Im August 1871 wurde der gemäßigte Monarchist (oder konservative Republikaner) Thiers Präsident.

Manche Orleanisten, wie der Graf Falloux, wollten von Henri d’Artois eine Abdankung (von seinen Ansprüchen), um den Weg für Orleans frei zu machen. Die Republikaner machten etwa 34% der Abgeordneten in der Nationalversammlung aus – bei der nächsten Wahl könnten es schon viel mehr sein. (Louis) Philippe d’Orleans, so heisst es, war sich der Tatsache bewusst, dass der Graf von Chambord mehr Unterstützung hatte als er und ordnete daher seine Ansprüche diesem unter. Ausserdem, eine Restrauration der Monarchie unter dem kinderlosen Henri würde ihn zum Thronfolger/Dauphin machen. Er hielt aber an gewissen Ansprüchen fest; und aus dem legitimistischen Lager wird er ja  noch heute beschuldigt, dass er gegenüber Artois unnachgiebig bezüglich der Fahne bzw der Form der Monarchie sei.

Im Laufe des Jahres 1872 machte Henri in mehreren Stellungnahmen klar, dass er keine Kompromisse eingehen werde, nicht einlenken werde. „Ich werde nicht gegen das monarchische Prinzip verstossen, nachdem ich es vierzig Jahre aufrecht gehalten habe,… Ich trage keine neue Fahne, ich behalte jene von Frankreich… Niemand wird mich dazu bringen, dass ich einwillige, der König der Revolution zu werden…“ hiess es da. Der Möchtegern-König liess in einem „Manifest“ auch verlautbaren, dass er dagegen protestiere dass seine Abreise aus Frankreich als Abdankung ausgelegt werde („Ich werde niemals abdanken“). In einem Zeitungs-Interview im März 1872 bestätigte Artois die Einigung mit den Orleans‘, auf eine Unterstützung seiner Anwartschaft und die Einsetzung der Nebenlinie als seine Erben. Gleichzeitig tadelte er dabei die Verwandten und hielt ihnen ihre Sünden vor: „Die Prinzen von Orléans sind meine Söhne. Ich habe [aber] nichts vergessen, nicht Philippe-Egalité, nicht Louis-Philippe, nicht das Schloss von Blaye15.“ Und, er nahm gegen eine Kandidatur des Orleans-Prinzen Henri-Eugène-Philippe-Emmanuel d’Orléans, Herzog von Aumale, von dem ihm politisch und persönlich einiges trennte, für das Amt des Staatspräsidenten Stellung.16

Als Präsident Thiers im Mai 1873 erklärte, die (Wiedererrichtung der) Monarchie sei unmöglich und die Republik sei vorzuziehen, entzog ihm die monarchistische Mehrheit des Parlaments das Vertrauen, drängte ihn zum Rücktritt. Der monarchistische Militär Patrice de MacMahon wurde sodann zum Nachfolger gewählt, auf Initiative des Orleanisten-Führers De Broglie, der Premierminister wurde. Von MacMahon, dem legitimistischen Monarchisten, wurde eine Restauration der Monarchie unter dem Bourbonen Henri erwartet, er selbst sah sich als eine Art Platzhalter, wie später Hindenburg oder Horthy. Der Tod von Ex-Kaiser Napoléon III. im Jänner 1873 in Grossbritannien, die Wahl MacMahons im Mai und der Abzug deutscher Truppen nach der Bezahlung der Reparationen im September bereiteten die zweite Chance für die Restauration auf. MacMahon liess als Präsident zunächst Sacre-Coeur in Paris errichten, schränkte diverse Freiheiten ein.

Im August 1873 kam eine endgültige Einigung der beiden grossen monarchistischen Lager zu Stande, durch einen Besuch von (Louis-)Philippe bei seinem Cousin Henri auf Frohsdorf. Orleans steckte seine Ansprüche zurück, wurde aber als Erbe prädestiniert. Er begrüsste bzw huldigte Artois als „Oberhaupt meiner Familie“ und „einzigen Repräsentanten des monarchischen Prinzips“. Henri soll ihn darauf hin umarmt haben. Orléanisten sagten später, verschiedenen Aussagen damals seien unter inneren Vorbehalten gemacht worden. Aus den Reihen der orleanistischen Abgeordneten war nun jedenfalls kein Widerstand gegen die Ausrufung Henris als König zu erwarten. Die Bonapartisten scheinen nicht mit im Boot gewesen zu sein, waren aber auch nur eine kleine Fraktion. Wenige Tage später traf sich Orleans mit Präsident Mac Mahon, und bat ihn darum, eine ausserordentliche Sitzung des Parlaments vorzubereiten, die Henri zum König ausrufen sollte (dem dann MacMahon Platz machen würde).

MacMahon wollte aber an der Trikolore-Flagge festhalten bzw an einer Monarchie mit konstitutionellen Rechten. Es bedurfte also noch einiger Überzeugungsarbeit gegenüber Artois bevor es zur Restauration kommen könne, dachte man. Papst Pius IX., selbst ein Ultra-Konservativer der ein neues  Mittelalter wollte, schaltete sich ein (auf wessen Initiative auch immer), wies den apostolischen Nuntius in Wien an, Artois davon in Kenntnis zu setzen, dass der heilige Stuhl grossen Wert auf eine Restauration lege und man in der Frage der Farbe der Fahne eine Einigung finden müsse.

Anfang Oktober 1873 wurde der legitimistische Abgeordnete Pierre-Charles Chesnelong, der den Sturz Thiers‘ maßgeblich betrieben hatte, von dem legitimistisch-orleanistischen Teil des Parlaments damit beauftragt, mit Artois eine Einigung zu finden, bezüglich der künftigen Verfassung und den Bedingungen für eine Wiedereinsetzung der Monarchie. Chesnelong begab sich nach Salzburg, um sich mit dem legitimistischen Thronanwärter zu treffen. Dieser hatte keine Einwände gegen eine Trennung der Staatsgewalten, die Mitsprache des Parlaments (das wieder eines aus zwei Kammern sein sollte), die Integration der Thronfolgeregelung in die Verfassung, die Gewährung bürgerlicher und religiöser Freiheiten – dies war von der „Union des Droites“ im Parlament so ausgearbeitet worden. Bezüglich der Fahnenfrage scheint es zu einer Art Kompromiss gekommen zu sein, einem sehr schwammigen, der Henri auf nichts verpflichtete, ausser „zu einer Lösung, vereinbar mit seiner Ehre, von der er ausgehen konnte dass sie die Nationalversammlung und die Nation zufrieden stellen würde“. Anders gesagt: Artois akzeptiert provisorisch die Tricolore, bekam aber das Recht, die Fahne zu ändern, sobald er König ist.

Nach seiner Rückkehr gab Chesnelong etwas voreilig die Einigung bekannt. Ende Oktober 1873 begann man sich für die Rückkehr der Monarchie in Frankreich vorzubereiten. Die Sitzung der Nationalversammlung am 5. November sollte die notwendigen Gesetzesänderungen absegnen und wohl auch die Ausrufung vornehmen. In dem vorbereiteten Gesetzesentwurf bezüglich der Restauration hiess es im Artikel 1:

„Die nationale, erbliche und konstitutionelle Monarchie ist die Regierung Frankreichs; folglich wird Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonné, Oberhaupt der königlichen Familie von Frankreich, auf den Thron berufen; die Prinzen dieser Familie werden in der männlichen Linie nach der Reihenfolge der Erstgeburt seine Nachfolger sein“

Mit den Prinzen waren die Orléans gemeint. In Artikel 3 war die dreifärbige Fahne erwähnt. 17

Ein Mitglied der Parlamentskommission, die Chesnelong mit der Mission betraut hatte, Charles Savary, gab in diesen Tagen Worte von Artois gegenüber Chesnelong inkorrekt wider, die hier nachgiebiger waren als in Wirklichkeit, was den Kompromiss wohl absichern sollte. Er erreichte damit aber das Gegenteil. Und zwar eine die entschiedene Erwiderung von dem Bourbonen, in einem offenen Brief an Chesnelong, der in der monarchistischen Zeitung „L’Union“ am 27. Oktober veröffentlicht wurde. „Man verlangt von mir die Preisgabe meiner Grundsätze und meiner Ehre.“ Er hielt fest, dass er lieber der „ungekrönte legitime König von Frankreich“ im österreichischen Exil bleiben werde als der „legitime König der Revolution“, nicht „mit Schwäche herrschen“ werde.18 Der Bourbonen-Chef lehnte damit die Bedingungen der Nationalversammlung (ihrer Mehrheit aus Legitimisten und Orléanisten) für die Restauration ab, hielt am Ancien Régime und seinen Symbolen fest. Somit gab es keine Abstimmung über den Gesetzesentwurf und keine Restauration.

Nichtsdestotrotz begab sich der „Graf von Chambord“ Anfang November inkognito nach Frankreich, wohnte bei einem seiner adeligen Anhänger in Versailles. Er verlangte, Präsident MacMahon zu treffen. Glaubte anscheinend, unter diesen Voraussetzungen, in dieser Situation, seine Einsetzung als König herbei führen zu können, mit enthusiastischer Zustimmung des Parlaments und des Präsidenten. Doch weder MacMahon noch Premierminister Broglie wollten ihn empfangen. Das Parlament, dessen meiste Mitglieder nichts von der Anwesenheit des Bourbonen im Land wussten, verlängerte in der Situation die Amtszeit von Präsident MacMahon auf sieben Jahre, in der Hoffnung, dass dies lange genug sein würde, dass Artois noch einlenkt und eine Restauration realisiert werden konnte. Die Hoffnung lebte also noch.

Doch, obwohl MacMahon bis 1879 Staatspräsident blieb und das Parlament bis 1876 eine monarchistische Mehrheit hatte und sich das Orleans-Lager an die Abmachung der gegenseitigen Anerkennung hielt, die Kompromisslosigkeit von Henri d’Artois bzw seine Vorstellungen von der Monarchie liessen eine Restauration scheitern. Artois wollte zumindest ein semi-absoluter Monarch sein, wie sein Opa Charles die meiste Zeit oder die Hohenzollern in Preussen/Deutschland. So wie er auf einer Wiedereinführung der weissen Flagge mit Lilien statt der Trikolore als Staatsflagge bestand, wollte er eine weitgehende Restauration des Ancien Régime. Damit stiess er die Orleanisten und die Neutralen vor den Kopf, die deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Eine Restauration dieser Form von Monarchie brachte die Aussicht auf eine sehr starke Polarisierung, auf einen Bürgerkrieg, das war den Meisten klar.

Ausserdem, das Land war nach Krieg und Aufstand teilweise zerstört, viele Familien hatten Opfer zu beklagen, die Besatzungstruppen waren gerade abgezogen, man hatte hohe Reparationen zahlen müssen und ein Teil seines Staatsgebiets abtreten, und der Graf insistierte auf Gottesgnadentum und einer bestimmten Fahne – das liess viele Bürger von der Monarchie abrücken, wie sich bei den nächsten Wahlen auch zeigte. Möglicherweise glaubte er wirklich, wenn er „mit Schwäche“ an das Herrscheramt heran gehen werde, werde man weitere Konzessionen von ihm erwarten. Möglicherweise schob er das Ultrakonservative vor um sich vor der Aufgabe zu drücken, aus irgend einem Grund. Die Republik blieb, auch wenn sie damals von einem grossen Teil der Franzosen als Provisorium gesehen wurde.

Flaggenstreits sagen oft etwas über eine grundsätzliche innenpolitische Auseinandersetzung aus. So wie im Deutschen Reich der Weimarer Republik, als eine neue Fahne, die schwarz-rot-gelbe, eingeführt wurde, die Rechte aber die alte, kaiserliche (schwarz-weiss-rot) wieder haben wollte. Sie existierten dann gewissermaßen nebeneinander. 1933 wurde neben der alten Fahne die Hakenkreuz-Fahne deutsche Nationalflagge, 1935 diese dann alleinige. In Portugal gab es nach dem Sturz der Monarchie 1910 einen Streit zwischen den Anhängern der alten blau-weissen und der neuen rot-grünen Flagge. In Weissrussland steht die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der beiden Flaggendesigns für jene zwischen Befürwortern und Gegnern der Anlehnung an Russland. Im Irak wollten die Besatzer nach dem Krieg 03 eine neue Fahne; manche woll(t)en das Takbir aus der Fahne, die blieb, weg.

Die Orleanisten (auch Broglie) warteten dann auf den Tod des ultrakonservativen bourbonischen Prätendenten, nach dem Louis Philippe d’Orléans König werden sollte, unter Akzeptanz der Trikolore und der Volkssouveränität. In diesen 10 Jahren von 1873 bis 1883 zirkulierte unter orleanistischen Monarchisten ein Sprichwort, „Mon Dieu, de grâce ouvrez les yeux du comte de Chambord, ou bien fermez-les lui !“19 In diesen Jahren stabilisierte sich die Republik und 1883 war der Enthusiasmus für die Monarchie nicht mehr so gross im Volk. Der Graf starb als reicher Landadeliger in Österreich statt als König von Frankreich.

Dem Schulterschluss zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und der Orléans-Nebenlinie (und ihren Anhängern) zum Trotz hatte sich gezeigt, dass diese Lager einander im Grunde in ihren Vorstellungen von der Monarchie zu unterschiedlich war; und der legitimistische Prätendent hatte teilweise noch konservativere Vorstellungen als seine Anhänger. Doch, Monarchismus hatte bis in das 20. Jh hinein in Frankreich nennenswerte (wenn auch nicht mehr entscheidende) Unterstützung, wie auch der Anklang zeigt, den die Action Française hatte.

Anfänge Frankreichs und seines Königtums

Die Kapetinger und ihre „Nachfolge“-Linien (Valois, Bourbon) herrschten ca. 1000 Jahre in Frankreich, wenn man die Orleans dazu zählt, dann bis 1848, unterbrochen im Wesentlichen von den Bonapartes. Acht echte Bourbonen saßen am französischen Thron. Ein Henri stand am Anfang und am Ende der Bourbonen. Der erste Bourbone am französischen Thron, Heinrich IV., Ende des 16. Jh, und eben jener Henri, der im 19. Jh gerne der fünfte französische König dieses Namens geworden wäre.

Die Gründung des Frankenreichs unter den Merowingern, die Christianisierung der Bevölkerung, steht am Beginn des Mittelalters, gewissermaßen auch am Beginn der französischen Geschichte. Die Reichsteilung unter den Karolingern 843 schuf das West-Frankenreich, in dem Karolinger und Robertinger/Kapetinger (ursprünglich regionale Herrscher) eine Zeit lang alternierend herrschten. Mit Hugo (Hugues) Capet kamen Ende des 10. Jh die Kapetinger endgültig auf den westfränkischen/französischen Thron. Franken dominierten das westliche Frankenreichs politisch, demografisch aber eigentlich nur den Norden; der Süden war stärker römisch geprägt, keltische Reste hielten sich v.a. im Nordwesten.

Im West-Frankenreich/Frankreich gab es viel mehr dynastische Kontinuität als im aus dem Ost-Frankenreich hervor gegangenen Heiligen Römische Reich. Und dessen Kaiser hatten in ihrem Reich, das bis zum Ende in semi-unabhängige Fürstentümer zersplittert war, immer weniger Macht. In Frankreich gewannen die Könige allmählich an Macht über ihr Land, auf Kosten des regional herrschenden Adels. Mit König Philippe II. August (12./13. Jahrhundert) begann die Institutionalisierung der französischen Zentralmonarchie. Erst ab ihm begann die tatsächliche Machtentfaltung der französischen Könige über ganz Frankreich.20 Dieser Kapetinger war auch der erste französische König, der sich nicht mehr Rex Francorum (König der Franken), sondern Rex Franciae (König von Frankreich) nannte. Im 13. Jh ging man in Frankreich von der Wahl- zur Erbmonarchie über; Thronstreitigkeiten in der Familie kamen schon zuvor öfters vor.

Königsherrschaft hielt mittelalterliche Reiche zusammen, Reiche definierten sich durch Könige/Dynastien. Die ideologische Legitimation des Königs(hauses) war wichtig. Und die Kapetinger knüpften nicht nur an karolingische Traditionen an, um 1200 versuchten sie, eine genealogische Verbindung mit ihnen „herzustellen“ (zu erfinden). Im Hoch-Mittelalter wurde die gelbe (Schwert-) Lilie unter den Kapetingern ein heraldisches Symbol bzw eine Insignie der französischen Könige.21 Drei gelbe Lilien auf blauem Grund wurde das Wappen der Könige bzw der Königsfamilie, gelbe Lilien auf weissem Grund so etwas wie die Nationalflagge. Es waren auch die Kapetinger, die Paris zur Hauptstadt Frankreichs machten, das unter Chlodwig bereits Hauptstadt des Frankenreichs war.

Die Taufe des ersten Franken-Königs Chlodwig Ende des 5. Jh durch Bischof Remigius in Reims, der Legende nach mit einem himmlischen Öl, wurde Vorbild für Krönungen westfränkischer und französischer Könige. Auch die Vorstellung von der Erwähltheit des Herrschers, dem Gottesgnadentum, bezog sich darauf. Hinzu kamen aber auch byzantinische Einflüsse. Die Königssalbung durch einen Vertreter der Kirche, erstmals am Karolinger Pippin 752 angewandt, wurde fixer Bestandteil der Krönungen, und die Kathedrale in Reims der Ort dafür (ab 816). Die Salbung wurde mit der Heiligen Ampulle vorgenommen, die auf Chlodwigs Taufe zurück gehen soll (an die die Salbung insgesamt erinnern soll).

Die Legende davon tauchte im 9. Jh auf, durch Hinkmar, den Bischof von Reims, infolge der Krönung von Karl dem Kahlen. 1131 wurde sie vom Papst anerkannt, seither wurde die Salbung bei der Krönung immer damit vorgenommen. Liturgische Krönungsinstrumente wie die Ampulle wurden in der Kathedrale von Reims aufbewahrt. 816 wurde der fränkische König Ludwig der Fromme, ein Karolinger, in Notre-Dame de Reims zum römischen Kaiser gekrönt, vom Papst. Unter den Kapetingern wurde Reims fixer Krönungsort, ab Heinrich I. 1027. Bis Karl X. wurden alle französischen Könige dort gekrönt, normalerweise vom dortigen Erzbischof, mit Ausnahme von Heinrich IV. (Chartres, 1594, da innere Konflikte damals) und Louis VI. (in Orléans) sowie Louis XVIII. (nicht gekrönt).

Die Krönungen

Im 13. Jh entstand unter Louis IX. eine feste Form für die Krönungsszeremonie. Der König kam am Vorabend mit seiner Entourage von Paris nach Reims, verbrachte die Nacht vor der Krönung allein im dortigen Kloster (Abtei von St. Remi). Die vom Bischof geleitete Krönung begann dann mit einer vom Kloster kommenden Prozession mit dem Abt an der Spitze; der König leistet einen Eid (dieser Teil kam evtl auch später); dann eine Art Ritterweihe an ihm, mit einem besonderen Schwert; dann der wichtigste Teil, die Salbung: der Reimser Erzbischof entnimmt  mit einer Nadel aus der heiligen Ampulle Salböl, benetzt diverse Körper-Stellen damit, v.a. die Stirn; die Übergabe der Insignien (Ring, Schwert); Kronaufsetzung bzw eigentliche Krönung, mit der Krone Karls des Grossen22; dann Messe mit Abendmahl/Eucharistie/Empfängnis der Kommunion unter beiderlei Gestalten (mit Brot und Wein), damit bekam der König quasi-priesterliche Funktion, bekam Heilungskräfte zugeschrieben (nur unmittelbar nach der Krönung), besonders bei Skrofeln und anderen Hautausschlägen.23 Der neue König kam als solcher zur Krönung, sein Herrschaftsantritt beginnt mit dem Tod des alten, wenn es hiess „Der König ist tot. Es leber der König“

Die Kathedrale von Reims im 19. Jh, Bild von Quaglio

Der Ort Saint-Denis nördlich von Paris ist nach dem Hl. Dionysius benannt, der aus Rom stammte, im römisch beherrschten Gallien im 3. Jh missionierte und dafür geköpfte wurde. Dionysius/Denis wurde Bischof von Paris und lange nach seinem Tod französischer National-Heiliger. An der Stelle seiner Grablegung wurde unter den Merowingern eine Abteikirche gebaut, aus der eine Basilika/Kathedrale wurde. Diese wurde Ort der Grablegung fränkischer und französischer Könige. Vom Ende des 10. Jahrhunderts an bis 1830 wurden fast alle französischen Könige und viele Königinnen in ihrer Gruft beerdigt. Ausserdem wurden in Saint-Denis viele (Titular-) Königinnen gekrönt. Und Krönungs-Insignien wie der Thron und das Zepter von Dagobert I. oder die Krone und das Schwert von Karl d. Gr. wurden in der Kathedrale aufbewahrt.

1328 starb die Hauptlinie Kapetinger in männlicher Linie aus, das Haus Valois, eine Nebenlinie, folgte nach. Philippe IV., der letzte „direkte Kapetinger“, setzte vor seinem Tod seinen Cousin Philipp von Valois ein. Dieser wurde von deiner Adeligen- und Geistlichen-Versammlung 1328 zum König Frankreichs ausgerufen und dann gekrönt. Die Valois-Könige nahmen bis 1589 am französischen Thron Platz. Sie sahen sich selbst als Weiterführung der Kapetinger bzw als „Haus Frankreich“; der Dynastie-Name, der sich auch in der Geschichtsschreibung durchsetzte, kam im Hundertjährigen Krieg auf, als herabsetzende Umschreibung der Dynastie als Nachkommen des Grafen von Valois. Denn, die Thronbesteigung der Valois als nächste Nebenlinie der Kapetinger wurde von den englischen Königen, aus dem Haus Anjou-Plantagenet, bestritten. Die mit den (aus Frankreich stammenden) Normannen verheirateten Anjou-Plantagenet waren auch eine Kapetinger-Linie, sie herrschten nicht nur über die Normandie, sie hatten auch grossen Lehensbesitz im Westen Frankreichs – und sie beanspruchten nun den französischen Thron. Daran entzündete sich der 100-jährige Krieg (1337-1453), in dem sich die Valois behaupteten.24

Die Bourbonen

Die Bourbonen sind ein anderer Zweig der Kapetinger, stammen vom jüngeren Sohn von König Ludwig IX. ab, der 1272 das Schloss Bourbon-L’Archambault durch Heirat erwarb. Sein Sohn wurde im 14. Jh Herzog von Bourbon im Zentrum Frankreichs. Das Herzogtum Bourbon bzw die Landschaft Bourbonnais (Bourbon leitet sich von Borvo ab) korrespondiert mit dem späteren Département Allier, einige Teile befinden sich in den angrenzenden Départements Puy-de-Dôme (ebenfalls Region Auvergne-Rhône-Alpes) und Cher (Centre-Val de Loire). Die Gegend bzw das Herzogtum Bourbon(nais) wurde Stammland dieser Kapetinger-Nebenlinie, die dort herrschte, es wurde ihr Dynastie-Name. Im 16. Jh starb die ältere Linie der Bourbonen aus, die ihr Stammgebiet verloren. Aneghörige der jüngeren Linie erwarben die Vendome; der Herzog von Vendome, Antoine de Bourbon erwarb Mitte des 16. Jh durch Heirat mit Jeanne d’Albret das Königreich Navarra (dessen Süden 1516 an Spanien gegangen war; der Norden war unabhängig geworden).

Die Landschaft Bourbonnais im Zentrum Frankreichs, von wo die Bourbonen stammen

Antoines Sohn Henri/Heinrich folgte seinem Vater 1572 als König von Navarra, als III. dieses Namens, sowie als Chef des Hauses Bourbon. In Navarra hatte sich der calvinistische Protestantismus durchgesetzt, Henri de Bourbon wurde bereits calvinistisch erzogen. Antoines Bruder Ludwig/Louis begründete das Haus Condé, trat ebenfalls zum Calvinismus über. Daher vertraten die Bourbonen die Sache der Hugenotten im damals laufenden Konfessionskrieg, wurden deren Führer, neben Gaspard de Coligny, einem anderen Adeligen.

1559 starb der (natürlich katholische) französische König Henri II. (de Valois). Seine drei Söhne waren dann bis 1589 unter Regentschaft seiner Witwe Katharina de Medici Könige. Um die Hugenotten-Kriege zu beenden, sollte ein Protestant eine Katholikin ehelichen, Heinrich von Bourbon heiratete 1572 Margarethe von Valois, Schwester der letzten Valois-Könige. Henri de Bourbon wurde damit als erster Bourbone durch das (sich abzeichnendes) Valois-Aussterben Anwärter auf den französischen Thron, was im laufenden Krieg aufgrund seiner calvinistischen Konfession sehr umstritten war. Und so ging die Hochzeit als Pariser Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht in die Geschichte ein. Tausende Hugenotten, die anlässlich der Hochzeit nach Paris gekommen waren, darunter ihre Anführer wie De Coligny, wurden massakriert, auf Befehl der Regentin Katharina. Heinrich überlebte wegen des Versprechens der Konversion.

Mit dem Tod des jüngeren Bruders des letzten Valois-Königs Henri III., François, wurde der König von Navarra 1584 erster Anwärter auf die Thron-Nachfolge. Die Katholische Liga unter dem Herzog von Guise versuchte das zu verhindern, und einen katholischen Bourbonen dafür in Stellung zu bringen. Nach dem Tod von Henri III. 1589 wurde Henri de Bourbon 1589 als IV. Henri französischer König, als Calvinist (und als erster Bourbone). Nominell, denn er musste die allgemeine Anerkennung als König erst erringen. Das Parlament der Stadt Paris hielt 1593 in dem Arret Lemaistre etwa fest, dass der König katholisch sein müsse. Henri konvertierte 1593 zum Katholizismus, wurde in Folge als König anerkannt. 1594 wurde er in der Kathedrale von Chartres gekrönt; Reims war damals unter Kontrolle der Katholischen Liga. 1598 beendete Henri mit dem Toleranzedikt von Nantes für die Hugenotten den Konfessions-Krieg (bzw die Unterdrückung der Hugenotten). Nord-Navarra wurde durch den ersten Bourbonen am französischen Thron in Personalunion mit Frankreich verbunden, ging dann in Frankreich auf.25

In zweiter Ehe war Henri mit einer Medici verheiratet. Er wurde 1610 ermordet. Henris Sohn Louis XIII. wurde 1610 sein Nachfolger als König, er war mit einer Habsburgerin verheiratet. Unter ihm wurde Kardinal Armand J. du Plessis de Richelieu sehr mächtig, eine Art Premierminister. Richelieu beliess den Hugenotten zwar die Glaubensfreiheit, liess aber ihre „Parallelstrukturen“ ausschalten, die sie aufgrund der Verfolgung eingerichtet hatten. Sein Nachfolger als führender Kleriker am Königshof und erster Minister wurde Kardinal Jules Mazarin (Giulio Mazzarino), der hauptsächlich unter Ludwig/Louis XIV. wirkte. Dieser legendärste der französischen Könige herrschte von 1643 bis 1715, bis 1651 unter Regentschaft. Unter Ludwig XIV. vollzog sich eine Stabilisierung der Königsherrschaft, der Aufbau einer starken Armee, die auch bei der Niederschlagung von inneren Aufständen eingesetzt wurde. Durch Colbert wurde die Steuereintreibung verbessert.

Aussenpolitisch stand unter dem Sohn einer Habsburgerin die Rivalität zum HRR im Mittelpunkt. Elsass und Lothringen wurden erobert und auch im Spanischen Erbfolgekrieg stand man auf entgegen gesetzten Seiten. Infolge dieses Kriegs kamen Bourbonen-Nebenlinien auf den spanischen Thron und jene von zwei italienischen Fürstentümern. Der Bruder des Sonnenkönigs, Philippe, wurde Herzog von Orleans, begründete jene Seitenlinie, die 4 Generationen später während der Revolution erstmals von sich reden machte. Im 17. Jh liegen auch die Anfänge des französischen Kolonialismus, am wichtigsten war Neu-Frankreich (Nouvelle France) in Nord-Amerika, das z.T. aus Louisiane bestand (nach Ludwig XIV. benannt). Und Louis XIV liess die Schloss-Anlagen in Versailles ausbauen, den Königshof dorthin übersiedeln. Durch die Förderung von Kunst und Wissenschaften wurde die französische Kultur international bedeutend. Louis XIV überlebte seinen Sohn und seinen ältesten Enkel; 1715 wurde sein Urenkel Louis XV. sein Nachfolger.

Sein Sohn Louis „le grand dauphin“ (er blieb immer Thronfolger, wurde nie König), brachte zusammen mit einer Wittelsbacherin Louis „le petit dauphin“ und Philippe auf die Welt. Dieser Philippe, duc d’Anjou, der jüngere Enkel Ludwigs XIV. also, begründete die spanischen Bourbonen. Karl/Carlos II., eine grenzdebile Pappnase (durch Inzucht in früheren Generationen) und kinderlos, starb 1700; er war der letzte spanische König aus dem Haus der Habsburger. Der französische Sonnenkönig proklamierte nun seinen Enkel Philipp zum König Spaniens (Philipp V.). Er wurde von einigen Herrschern Europas anerkannt, von anderen nicht. Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) konnte dieser Herrschaftswechsel gegen diese zweiteren behauptet werden.

Hauptgegner Frankreichs und seiner Verbündeten waren die österreichischen Habsburger, die ja auch die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation stellten; Kaiser Leopold I. proklamierte seinen Sohn ebenfalls zum spanischen König, führte die eine Seite, die Haager Allianz. Viele europäische Konflikte waren mit dem Spanischer Erbfolgekrieg verbunden, manche Mächte wollten einfach eine Vormachtstellung von Frankreich unter dem Sonnenkönig in Europa verhindern. England rückte gegen Ende des Kriegs von der Haager Allianz ab, da nun die Aussicht auf eine österreichisch-habsburgische Übermacht in Europa bestand. Die Gliedstaaten vom HRR sowie Spanien waren geteilt zwischen den Allianzen (Katalonien auf Seiten der Habsburger, Bayern auf Seiten der Bourbonen,…).

Bourbonen-Nebenlinien in Spanien und Italien

Durch die Friedensschlüsse wurde der Bourbone Philipp am spanischen Thron (Hauptland und Kolonien) anerkannt, eine Vereinigung zwischen Spanien und Frankreich wurde für die Zukunft ausgeschlossen, die spanischen Nebenländer in Europa gingen an Österreich. Die Abtretung der Nebenländer, v.a. jener in Italien, gefiel Philipp(e)/Felipe nicht, brachte ihn in Distanz zu seinem Grossvater. Die Friedensschlüsse von 1713/14 (Rastatt/Utrecht) sprachen das Königreich Neapel Österreich zu, das Königreich Sizilien aber Viktor Amadeus von Savoyen (Piemont), der dieses 1720 mit den Habsburgern gegen Sardinien eintauschte.

Die Versuche der spanischen Bourbonen, in Italien wieder Fuss zu fassen, führten zu neuen Kriegen. Carlos de Borbon, der 5. Sohn des ersten Bourbonen am spanischen Thron, Felipe, und Elisabetta Farnese, wurde 1731 nach dem Tod seines kinderlosen Grossonkels Antonio Farnese Herzog von Parma-Piacenza, mit 15 Jahren. Der Polnische Erbfolgekrieg (1733–1738) entzündete sich um die Thronfolge Polens, entschied aber auch viele andere dynastisch-zwischenstaatliche Konflikte. Ein Wettiner/Sachse wurde polnischer König, Stanislaus Leszczynski bekam als Entschädigung Lothringen entschädigt, dessen Herzog Franz Stephan von Lothringen, der sich bereits als Schwiegersohn des Kaisers abzeichnete, mit dem Grossherzogtum Toskana abgefunden wurde, wo das Aussterben der Hauptlinie der Medici abzusehen war…

Das zu Österreich gehörige Doppelkönigreich Neapel-Sizilien eroberten die Truppen des bourbonischen Herzogs von Parma 1734 mit spanischer Unterstützung. 1735 wurde Carlo(s) in der Kathedrale von Palermo zum König von Neapel und Sizilien gekrönt, wurde Carlo VII. von Neapel und der V. König diesen Namens in Sizilien. Dies begründete eine neue Sekundogenitur der spanischen Bourbonen. Dafür verlor er (1735) die Herrschaft über Parma-Piacenza, das an Österreich ging. Carlo(s) war der erste König von Neapel und Sizilien seit über 230 Jahren, der persönlich dort lebte und regierte. Herrschaftszentrum blieb Neapel, das von den neuen Bourbonen-Königen prachtvoll ausgebaut wurde. Karl regierte „beide Sizilien“ bis 1759, als er König von Spanien wurde, nach dem Tod seines Halb-Bruders Ferdinand/Fernando VI. In Süd-Italien wurde ein jüngerer Sohn, ebenfalls ein Ferdinand, sein Nachfolger. Gemäß internationaler Verträge durfte er nicht Spanien und Neapel-Sizilien in Personalunion führen.

Nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg ging Parma-Piacenza 1748 wieder an eine Bourbonen-Nebelinie, nun an Philipps anderen Sohn Philipp. Somit entstanden im 18. Jh drei (ausserhalb Frankreichs) regierende Nebenlinien der Bourbonen: Die der spanischen Bourbonen, die sich seit 1700 mit (5) Unterbrechungen bis heute dort behaupten; der Zweig der Borbone delle Due Sicilie, der in Neapel und Sizilien ab 1735 herrschte, von der napoleonischen Invasion zwischenzeitig entthront wurde und 1816 die beiden bis dahin in Personalunion verbundenen Königreiche zu einem (Regno delle Due Sicilie)26 verbanden und bis zum italienischen Risorgimento dort herrschten; und die im Herzogtum Parma-Piacenza (ebenfalls bis zum Risorgimento und mit einer Unterbrechung) herrschenden Borbone-Parma.

Die Bourbonen konnten so, hauptsächlich durch Kriege, zwar Nebenlinien in europäischen Staaten an die Macht bringen, aber nicht Frankreich um diese vergrössern (ähnlich so, wie es etwa Österreich mit Ungarn gemacht hatte). Frankreich verlor auch im 18. Jh sein beinahe ganzes Kolonialreich, infolge des verlorenen Kolonialkriegs gegen Grossbritannien, zur Zeit von Louis XV. (König 1715-1774, ein Sohn des petit dauphins). Man verlor Nouvelle France in Amerika, seinen Teil Indiens, übrig blieben nur Teile der Karibik sowie einige „Enklaven“ in/bei britischen Kolonien, wie Pondicherry und St. Pierre et Miquelon. Unter Ludwig XV. kam, 1 Jahr vor der Geburt von Napoleone di Buonaparte, Korsika von der Republik Genua durch Kauf an Frankreich.

Die Revolution

Louis XVI., 1754 geboren, mit der Habsburgerin Marie Antoinette verheiratet, 1775 gekrönt, war eigentlich ein relativ fortschrittlicher König, war von der damals aufkommenden Aufklärung zumindest „angehaucht“, was etwa die Abschaffung der Folter durch ihn zeigt. Dennoch, das (Ancien) Regime war in einer Krise, es gab viele politisch-gesellschaftliche Spannungen, die nach einer Umwälzung verlangten. Im August 1788 berief Ludwig XVI. erstmals nach 174 Jahren für 1789 die Generalstände ein. Im Mai 1789 traten sie in Versailles zusammen. Reformwillige Abgeordnete aus den oberen beiden privilegierten Ständen (Adel, Klerus) schlossen sich dem 3. Stand an, diese Versammlung erklärte sich im Juni zur Nationalversammlung. Diese war eines der ersten modernen, nicht nach Ständen gegliederte, Parlamente. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Ausarbeitung einer Verfassung.

Im Juli 1789 der Sturm auf das Bastille-Gefängnis. Im August die Menschenrechtserklärung der Nationalversammlung. Dann ihr Umzug nach Paris (bis 1871 waren die Parlamente Frankreichs dann dort). Und ihre Umwandlung in die Nationale Verfassungs-Versammlung, dann die die Gesetzgebende Versammlung. Es bildeten sich Klubs in der Versammlung, der Monarchisten wie Lally-Tollendal (jener, die im politischen Prozess mittaten), Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie LaFayette (später Feuillants genannt), Demokraten/Republikaner,… Am frühen Morgen des 6. Oktober 1789 drang noch vor Tagesanbruch eine mit Spiessen und Messern bewaffnete Menschenmenge in das Schloss in Versailles ein. Gilbert de LaFayette, der dem Pöbel als Chef der Nationalgarde eher widerwillig gefolgt hatte, überredete den König, sich dem Volk, auf dem Balkon, zu zeigen. Die königliche Familie wurde dann mehr oder weniger gezwungen, nach Paris in den Palais des Tuileries umzuziehen. Versailles war ein Symbol der absoluten Monarchie des Ancien Régime.

Die Versammlung erliess im Zuge dessen eine neue Titulatur von König Louis XVI.: „Louis, par la grâce de Dieu, et la loi constitutionnelle de l’État, Roi des Français“ („Ludwig, durch die Gnade Gottes und das konstitutionelle Gesetz des Staates König der Franzosen“). Nun war er also „Roi des Français“, König der Franzosen, nicht mehr „Roi de France“, König von Frankreich. Als solcher schuldete er den Franzosen Treue, nicht umgekehrt. In den ersten paar Monaten der Revolution ereignete sich also Allerlei, das ein deutlicher Bruch mit den bisherigen Prinzipien der Monarchie war. Entsprechend wurde die Revolution von anderen europäischen Herrschern sowie dem grössten Teil der bisherigen herrschenden Elite Frankreichs abgelehnt.

Der spätere König Charles X., ein Bruder von Ludwig XVI., verliess Frankreich im Juli 1789, bald nach dem Sturm auf die Bastille. Der spätere Ludwig XVIII. (Louis Stanislas de France), ebenfalls ein Bruder des Königs, floh 1791. Ihnen folgten 20 000 Aristokraten, ein Teil des Hochadels, Familien wie Condé oder Polignac. Erstes Zentrum der „Emigrés“ wurde Brüssel, damals österreichische Niederlande. Da Kaiser Joseph II. das Treiben der französischen Emigranten missbilligte, wich man nach Turin aus. Der König von Piemont-Sardinien war der Schwiegervater von Charles de France, dem Grafen von Artois. 1789 formierte sich in Turin ein „Komitee der Konterrevolution“. Ludwig XVI. war bei ihnen nicht unumstritten, da er ja einige Reformen der Revolution mittrug. Innerhalb dieses Komitees gab es daher Unstimmigkeiten aufgrund der Frage der Loyalität entweder zum amtierenden König oder zu dessen Bruder. Diese Frage war zugleich eine nach pro oder kontra eines Krieges gegen das revolutionäre Frankreich. Auch London (GB) sowie im HRR Preussen und das Kurfürstentum Trier waren Exil-Zentren von Anhängern des alten Regimes.

1790 wurde zum 1. Jahrestag des Bastille-Sturms in Paris das Föderationsfest gefeiert, König Louis XVI. und Vertreter der Nationalversammlung und aller Departemente leisteten einen Treue-Eid auf die durch die Versammlung ausgearbeitete Verfassung und die Nation, eine konstitutionelle Monarchie und eine Art nationale Versöhnung wurde gefeiert; wie freiwillig auch immer, der König akzeptierte die Verfassung und seine Macht-Einschränkung. Das Turiner Komitee wollte im Dezember 1790 in Lyon einen Aufstand veranstalten, die Idee kam von Charles de France. In verschiedenen Provinzen sollten Revolten gegen die Revolution provoziert werden, eventuell mit Hilfe von Teilen der Armee. In deren Folge sollte königliche Familie „befreit“ werden. Ludwig XVI. sandte, als er von dem Plan erfuhr, eine Nachricht an das Komitee, in der er den Plan wegen der daraus resultierenden Gefahren für die königliche Familie missbilligte. Der Plan eines Aufstandes in Lyon flog schliesslich auf, es folgten Massaker und Verhaftungen an Royalisten.

Die Französische Revolution wurde über weite Strecken von verschiedenen konterrevolutionären Erscheinungen begleitet, royalistischen Aufständen, oft von adeligen Emigrées geschürt. Innerhalb des revolutionär-demokratischen Prozesses für eine Erhaltung und Reformierung der Monarchie kämpften der Club des Feuillants, eigentlich Société des Amis de la Constitution, benannt nach ihrem Tagungsort, dem Kloster der Feuillants (reformierte Zisterzienser) in Paris. Der Klub entstand 1791 durch die Ab-Spaltung von den Jakobinern, welche dann für einen Sturz der Monarchie und direkte Demokratie eintraten – was der von der Verfassunggebenden Nationalversammlung ausgearbeiteten Verfassung entgegen stand.

Von der konstitutionellen Monarchie zur Republik

Im September 1791 trat die Verfassung in Kraft, der König hatte einen Eid auf sie zu leisten, nun war wirklich von einer konstitutionellen Monarchie zu sprechen.27 Er versuchte dann mit seiner Familie in die südlichen Niederlande zu flüchten, kam bis Varennes, wurde nach Paris zurück gebracht, kurzzeitig suspendiert, stand nun quasi unter Arrest. Der Fluchtversuch des Königs 1791 bewirkte eine Schwächung der konstitutionellen Monarchie und einen Aufschwung für die Republikaner. Die Girondisten wurden infolge dessen etwa mehrheitlich republikanisch. 1792 der Beginn der Revolutionskriege, die dann in die napoleonischen Kriege übergingen. In dieser Situation kam das Manifest des Herzogs von Braunschweig und Lüneburg, in dem dieser, Befehlshaber der gegnerischen preussischen Truppen, das französische Volk dazu aufrief, sich wieder ihrem König zu unterwerfen. Das Manifest erreichte das Gegenteil des Gewünschten, löste den Sturm auf den Tuilerien-Palast (einst unter Katharina de Medici gebaut) aus (August 1792).

Es folgte die Absetzung und Internierung der königlichen Familie (im „Temple“). Der neu geschaffene National-Konvent rief im September die Republik aus. Die Revolution trat in ihre radikale Phase. Im Dezember begann vor dem Nationalkonvent der Schauprozess gegen den „Bürger Louis Capet“, wie der gestürzte König nach seiner Gefangennahme angesprochen werde, bezugnehmend auf den Ahnherrn der Bourbonen. Im Jänner 1793 die Verurteilung und dann die Hinrichtung, auf der Guillotine, auf dem späterem Place de la Concorde, durch einen der Sanson-Scharfrichter. Was den Konvent und die Öffentlichkeit gegen den Ex-König mit aufgebracht hatte, war eine gefundene Schatulle von ihm, die u.a. Material über den Kontakt mit den anti-revolutionären Emigranten enthielt.

Monarchismus zur Zeit der Revolution

Diese Emigranten bildeten, unter der Ägyide der Königsbrüder und des Turiner Komitees, 1791/92 im Römisch-Deutschen Reich die „Armée des Émigrés“ (oder „Armée des Princes“). Diese Einheiten von emigrierten adeligen oder „gewöhnlichen“ Franzosen (erstere führten, zweitere kämpften hauptsächlich), darunter auch exilierten Teilen der französischen Armee, kämpften für einen Stop der Revolution und eine komplette Restauration des Ancien Regime. Die konter-revolutionäre Emigrantenarmee wurde jenseits des Rheins, in Koblenz, Trier und Rastatt, aufgestellt und von diversen europäischen Herrschern unterstützt, an deren Seite sie dann kämpften. Unter den Führern/Gründern waren der Marquis de Saint-Simon, Louis Joseph de Bourbon-Condé, Victor F. de Broglie. Um die französischen Royalisten von den übrigen alliierten Truppen zu unterscheiden, trugen sie eine weisse Kokarde und eine weisse Armbinde. Die weisse Fahne und die weisse Kokarde wurden Symbol der (bourbonistischen) Monarchisten.

In der Vendée im Westen Frankreichs gab es einen grossen monarchistischen Aufstand, bzw mehrere, hauptsächlich 1793 bis ’96. Durch das Vorgehen der Armee dagegen wurde eine Art Bürgerkrieg daraus. Die Armée catholique et royale unter Francois de Charette wurde von den Chouans, der Armée des Émigrés und GB unterstützt. Hier wurde schon für Louis de France (Herzog von Anjou,…) gekämpft, den die Royalisten als Louis XVIII. und Nachfolger des hingerichteten Königs ansahen. Manche Adelige waren aber grundsätzlich auf der Seite der Revolution, sogar Angehörige der erweiterten Königsfamilie. So das Haus Orléans, das in einem „Vetternverhältnis“ zu den Bourbonen stand. Louis-Philippe-Joseph d’Orleans war Mitglied der Nationalversammlung und durch Freimaurerlogen mit Lafayette, Talleyrand, Mirabeau und anderen Liberalen verbunden.

Er war Gegenspieler des Königs Louis XVI., wurde 1793 dann aber selbst guillotiniert. Die Revolution frass auch ihre Kinder. Vor allem durch den Terror des Sicherheits- und Wohlfahrtsausschusses des Nationalkonvents, unter Jakobinern wie Robespierre, 1793/94. Auch die Symbolik des monarchistischen Frankreichs wurde in dieser Phase systematisch zerstört.28 Die Revolution und der mit ihr einhergehende Säkularisierungsprozess schuf eine neue Mythologie, in der vieles von christlichen Erlösungshoffnungen auf die Nation übertragen wurde.

1793 wurden auf Beschluss des Nationalkonvents die Königsgräber in Saint-Denis geplündert bzw zerstört. Das Grab Ludwigs XIV. wurde etwa im Oktober 1793 geöffnet; da der darin liegende Leichnam durch die Einbalsamierung noch sehr gut erhalten war, wurde er zusammen mit einigen anderen verstorbenen Königen z. B. Heinrich IV., für einige Zeit den Passanten vor der Kathedrale zur Schau gestellt. Die Überreste der Körper der rund 160 dort beigesetzten Mitglieder des französischen Herrscherhauses wurden entweder gestohlen oder in einem Massengrab bei der Kathedrale bestattet. Auch die Charlemagne-Krone, mit der von 1237 bis Ludwig XVI alle Könige gekrönt worden waren, wurde in St. Denis zerstört. Ausserdem hatten Könige persönliche Kronen, neben dieser Krönungskrone, auch diese wurden in St. Denis aufbewahrt und nun zerstört – bis auf jene von Louis XV., die heute im Louvre-Museum ausgestellt ist. Und: Auch die Heilige Ampulle in Reims, Symbol für das Gottesgnadentum, wurde im Zuge dieser Zerstörungen zerschlagen.

Von 1794 bis 1800 erhoben sich, wieder im Nordwesten Frankreichs (Bretagne, Normandie,…), Monarchisten gegen die Revolution bzw die Erste Republik. Der Aufstand, die Chouannerie, wurde nach dem Pseudonym des Anführers, „Jean Chouan“, genannt. Es gibt darüber eine Beschreibung von Honore de Balzac. Napoleons erste herausragende militärische Aktivität war sein Kommando bei der Bekämpfung eines anderen royalistischen Aufstands, jenem in Toulon 1793. Der Korse Napoleon Bonaparte war früh in das französische Militär eingetreten, kam so in das französische Hauptland, begrüsste die Revolution, anfangs allerdings weil er sich dadurch die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich erhoffte! Es dauerte einige Jahre, ehe er sich, ziemlich opportunistisch wie es scheint, zwischen der von P. Paoli geführten korsischen Sache und jener Frankreichs entschieden hatte. Einen Einsatz bei der Niederschlagung des Vendée-Aufstands lehnte er ab, 1795 leitete er einen gegen einen royalistischen Aufstand in Paris.

Ludwig XVI. hatte zwei Söhne, der ältere starb im Juni 1789 an einer Krankheit, also kurz bevor die Revolution losging. Der andere, Louis Charles, 1785 geboren, wurde dann Dauphin. 1793, nachdem sein Vater hingerichtet wurde, wurde er zu einem Schuster gebracht (als Jakobiner dann 1794 am selben Tag wie Robespierre hingerichtet), dann ins Gefängnis, dort ist er wohl 1795 gestorben. Im Nachhinein wurde er zum König proklamiert, als Nachfolger seines Vaters, als Ludwig XVII. Die deutsche Familie Naundorff behauptet, von ihm abzustammen, er hätte überlebt, sei vom Revolutions-Politiker Barras aus dem Gefängnis befreit worden, hätte diesen Namen angenommen.29 Spätestens 1795 gingen für die Monarchisten die Ansprüche bzw die Führerschaft der Bourbonen jedenfalls auf dn späteren Louis XVIII. über.

1794 entmachteten Barras und Andere die Jakobiner bzw Montagnards des Nationalkonvents, im Monat Thermidor des damaligen Revolutions-Kalenders. Unter Führung dieser „Thermidorianer“ wurde 1795 das Direktorium geschaffen,  das den Nationalkonvent als Exekutive ablöste; das Corps legislatif wurde durch die neue Verfassung das neue Parlament, bestehend aus 2 Kammern. Bonaparte, inzwischen General, kam unter der Herrschaft der „Themodorianer“ bzw des frühen Direktoriums, in Kontakt mit der Macht; durch die militärischen Erfolge unter seiner Führung (Italien, Ägypten) wurde er selbst ein Mächtiger.

Mit dem Fall Robespierres und dem Ende des radikal-republikanischen Terrors konnten sich auch gemäßigte Monarchisten wieder politisch artikulieren. Die lose Organisation dieser Aktivisten und Denker an der Schnittstelle von gemäßigtem Monarchismus und Republikanismus wurde „Club de Clichy“ oder „Clichyens“ genannt, nach ihrem Treffpunkt. Man legte sich auf eine konstitutionelle Monarchie als beste Staatsform fest –  die exilierten Bourbonen sowie ihre hauptsächlichen Verbündeten und Anhänger waren aber insgesamt eher für eine Rückkehr zur absoluten Monarchie.30 Bei der Wahl 1795 wurden Kandidaten der Clichyens zur zweitstärksten Fraktion hinter den Thermidorianern (gemäßigten Republikanern), vor den Ultra-Royalisten und den radikalen Republikanern.

Jean-Charles Pichegru, ein Held der Revolutionskriege und ein Führer der moderaten Monarchisten des Clichy-Clubs, war ein Unterstützer von Louis „XVIII.“ Die Wahl 1797 gewannen die Clichyens, Pichegru wurde Präsident des Rats der 500, einer der beiden Parlamentskammern. Die regierenden Thermidorianer um Barras liessen daher die Wahl in den „entsprechenden“ Departments annulieren, führten mit Unterstützung des Militärs (Bonaparte!) eine Art Staatsstreich durch. Royalisten wie Pichegru wurden infolge dieses Coups vom 18. Fructidor festgenommen, teilweise nach Französisch-Guyana deportiert. So wie Pichegru; diesem gelang dort die Flucht, über die USA gelangte er nach GB, kämpfte in den Kriegen dann gegen Frankreich, reiste 1803 inkognito ins Land um einen monarchistischen Aufstand anzufachen, flog auf, starb 1804 im Gefängnis.

Napoleon und die Restauration

1799 der Staatsstreich N. Bonapartes, Ende des Direktoriums, Beginn des seines Konsulats. Hier wird das Ende der Revolution angesetzt – dabei war Napoleon ursprünglich Republikaner, Anhänger der Jakobiner. Unter der neue Verfassung wurde das Corps legislatif weitgehend beibehalten, auch unter der nächsten, bis 1814. 1804 krönte sich der 1. Konsul ja zum Kaiser, in der Kathedrale Notre Dame, in Anwesenheit des Papstes, und rief das Kaiserreich aus. Ende der 1. Republik. Napoleon liess eine eigene Krone anfertigen, nannte sie wie das „Vorbild“ Krone Karls des Grossen. In seinen Herrscher-Insignien tauchten Bienen auf; sie sollten eine Verbindung zwischen ihm und den Ursprüngen Frankreichs suggerieren. Im Grab von Chlodwigs Vater Childerich waren im 17. Jh Darstellungen von goldenen Bienen bzw Singzikaden gefunden worden. Unter Napoleon begann auch der Umbau eines Teils der Krypta in St. Denis als künftige kaiserliche Grablege, doch kam es nicht zu Bestattungen.

Eine eigene Tradition als Herrscher zu begründen aber dabei an bestehende anknüpfen, das gefiel ihm. Unter Napoleon wurde auch eine neue adelige Klasse durch Ernennungen geschaffen, wie bei seinem Offizier Jean Baptiste Bernadotte. Und, durch die Kriegszüge unter Napoleon als Konsul bzw Kaiser wurde ein sehr grosser Teil Europas französische Einflusssphäre. 1808 wurden die spanischen Bourbonen durch die Invasion seiner Truppen zur Abdankung gezwungen. In dieser Phase verlor Spanien seine meisten Kolonien. Auch Neapel-Sizilien wurde von napoleonischen Truppen heimgesucht und der König gestürzt (1799). Ferdinando wurde jedoch von der Bewegung des Kardinals Ruffo wieder an die Macht gebracht und französische Truppen kamen 1806 ein zweites Mal. Nach der dortigen bourbonischen Restauration wurde das Doppelkönigreich ein vereintes. Auch im Herzogtum Parma(-Piacenza) wurde die Herrschaft der Bourbonen-Nebenlinie durch Napoleon unterbrochen.

Der misslungene Russland-Feldzug 1812, die Leipzig-Schlacht 1813; im März 1814 waren Koalitions-Truppen in Paris und zwangen den Kaiser zur Abdankung. Zuvor hatte der Senat ihm das Misstrauen ausgesprochen und den bourbonischen Prätendenten zurück gerufen. Und, Bonaparte setzte sein einziges eheliches Kind, seinen Sohn von einer Habsburgerin, als Nachfolger ein. Er wurde nach Elba verbannt, der Wiener Kongress begann, und der „Graf der Provence“ kam aus seinem britischen Exil. Im April 1814 zog dieser auf einem Pferd in Paris ein, mit der Nationalgarde31, darunter Marschall Ney. „Te Deum“ in Notre Dame, Einzug in den Tuilerien. Die Frage der Art der Einsetzung als König war die erste Machtprobe: Eigenrecht der Dynastie auf Herrschaft oder Einsetzung durch das Parlament?

Restauration 1814/15

Ludwig XVIII., der er nun wirklich war, liess sich nicht in Reims salben/krönen, obwohl das in seiner Charta fest gelegt war. Die Charte constitutionelle, die Louis XVIII. 1814 mit seiner Restauration einführte, schrieb manche Errungenschaften der Revolution fest, etwas Abgabe von Königs-Macht an das Parlament. Dieses bestand aus 2 Kammern, das Oberhaus, die Chambre des Pairs, war nach britischem Vorbild aus erblichen/ernannten Mitgliedern zusammengesetzt; die Chambre des députés wurde unter einem sehr eingeschränkten Wahlrecht gewählt (etwa 100 000 Franzosen bekamen das Wahlrecht zugestanden). Und, die Regierung war im Grunde nur dem König ggü verantwortlich, nicht dem Parlament. Doch, die Charte constitutionelle von Ludwig XVIII. war bezüglich der „Machtabgabe“ grosszügiger als die Herrschaft Napoleons.

Der britische Offizier Neil Campbell begleitete Bonaparte nach Elba, blieb dort, eher als Diplomat als als Aufpasser. Während einer der Besuche Campbells auf dem toskanischen Festland vollzog sich Bonapartes Flucht.32 Der General zog nach Paris und zur Macht zurück. Armee-Einheiten, die geschickt wurden, ihn auf zu halten, schlossen sich ihm an. Manche Zivilisten, die schon zu grossem Einfluss gekommen waren oder Errungenschaften der Revolution unter Napoleon besser aufgehoben sahen, unterstützten ebenfalls seine Machtergreifung. Ludwig XVIII. flüchtete aus dem Schloss in Versailles, fuhr in die Südlichen Niederlande. Mit der Abschaffung der Zensur und die Einführung der Pressefreiheit versuchte Napoleon seine Rückkehr auch im Inneren schmackhaft zu machen. Der Kongress in Wien, bei dem sich die europäischen Mächte um eine neue Ordnung stritten, bekam ein dringendes Thema auf die Tagesordnung.

Napoleon versicherte den Staaten Europas, dass er den Frieden von Paris anerkennen, die Grenzen von 1792 nicht überschreiten und zukünftig mit den Nachbarn in Frieden leben wolle. Die Alliierten waren aber keinesfalls bereit, eine neue Herrschaft Napoleons anzuerkennen. Aufmarsch in Waterloo, Schlacht. Nach 111 weiteren Tagen an der Macht wurde der selbsterklärte Kaiser auf die unter britischer Herrschaft stehende Insel St. Helena verbannt. Zweite Rückkehr, zweite Restauration von Ludwig XVIII. Der Wiener Kongress wurde weiter geführt. 1815 bis 1818 waren britische Truppen in Frankreich; infolge Waterloo verlor Frankreich die Vormachtstellung in Europa, die es seit Jahrhunderten inne hatte. Viele Republikaner und Bonapartisten wurden durch den Weissen Terror (1815, ~2000 Opfer) getötet. Die meisten der von 1789 bis 1815 wegen der Revolution und Napoleon ins Ausland (v.a. Nachbarländer) „geflüchteten“ Franzosen kehrten spätestens nach Waterloo zurück.

1815 die erste Wahl seit 1798. Louis XVIII war liberaler als die danach vorherrschenden Ultraroyalisten im Parlament, stand aber doch eher im alten Regime (bis 1789) als in der konstitutionellen Monarchie (1791-1792). Das Palais Bourbon, im 18. Jh für eine legitimierte Tochter des Sonnenkönig gebaut, in der Revolution verstaatlicht, war Tagungsort des Rats der 500, ging 1815 an die Familie Bourbon-Condé, die es an die Kammer vermietete; seitdem ist es meistens der Tagungsort des Unterhauses des Parlaments. Die liberalen Royalisten waren in der Restaurations-Zeit (1814/15-1830)33 meist die wichtigste Fraktion darin, konnten aber wenig ausrichten. Frankreich unter Louis XVIII. intervenierte in Spanien, um bei der Wiederherstellung absoluter Monarchie dort zu helfen. Alte Ordnungen wurden damals vielerorts in Europa restauriert bzw wieder her gestellt. Frankreich war in der späten Neuzeit ab 1789 immer Avantgarde/Vorreiter bei Entwicklungen/Umwälzungen.

In dieser Zeit wurden die in einem Massengrab vergrabenen Gebeine früherer Könige (auch die Ludwigs XIV.) wieder in der Kathedrale von Saint Denis bestattet. Allerdings war es nicht mehr möglich, die vorhandenen Überreste zu identifizieren bzw zuzuordnen. Die Königsgräber wurden, so weit möglich, wieder errichtet, die gesammelten Gebeine aber in einem Beinhaus in einem Seitenraum der Krypta beigesetzt. Die sichtbaren Grabstätten sind somit leer, mit Ausnahme jener von vier Personen, die 1817 von anderswo überführt wurden sowie jener, in der Ludwig XVIII. dann bestattet wurde. Auch die Überreste von Ludwig XVI. wurden in St. Denis beigesetzt, 1815. Der mit einer Savoia verheiratete Louis XVIII. starb 1824, kinderlos.

Der Tod des moderaten Königs war die Chance der Ultra-Royalisten. Denn sein Nachfolger und Bruder, Charles X., war ganz auf ihrer Linie. 1824 begann die eigentliche Restauration des Ancien Régime – sie gelang aber nicht wirklich. Seinen Kurs und seine grossen Ambitionen zeigte Charles 1825 bei seiner Krönung. Eine Krönung nach altem Ritus inklusive Salbung in Reims, die zum Ausdruck brachte, wie konservativ und anachronistisch er war bzw herrschen wollte. Er sollte der letzte gekrönte König Frankreichs sein. Von Chateaubriand und Hugo gibt es kritische Beschreibungen/Einschätzungen dieser Krönung; ein Gemälde von De Gerard schildert das Ereignis schmeichelhafter. Statt königlicher Beamte wie früher waren napoleonische Marschälle dabei, die die Seiten gewechselt hatten (Mancey,…), ausserdem Abgeordnete, Geistliche, Diplomaten. Die Salbung führte der Erzbischof von Reims mit Resten des Öls an den Glassplittern der Ampulle durch. Nach der Krönung dann auch Krankenberührungen im Krankenhaus.

Das ultrakonservative Regime von Charles X. brachte viel Macht für den Klerus, plante Entschädigungen von in der Revolutionszeit enteigneten Gutsbesitzern. Die Ultraroyalisten („Ultras“) erreichten 1815 und 1824 sehr gute Wahl-Ergebnisse bzw Mehrheiten. Ihre Führer De Villele und De Polignac wurden Premiers. Jules de Polignac wurde 1829 Premierminister; er stammt aus einer der ältesten französischen Adelsfamilien, aus der Auvergne, die in der Cognac-Produktion tätig ist, brachte auch Geistliche wie Melchior (17. Jh), Gabrielle,  Freundin von Marie Antoinette, Offiziere wie Camille (Sohn von Jules, Kolonien) oder den Vater von Rainier de Grimaldi (Pierre) hervor. Die Missachtung der Verfassung durch Polignac (seine Juli-Ordonanzen) löste im Juli 1830 eine Revolution aus.

Die zweite und dritte Revolution

1830

Diese zweite Revolution war im Gegensatz zu 1789 ff eine von wenigen Tagen in Paris, wie 1848 dann. Erleichtert wurde der Umsturz dadurch, dass Teile der Armee bei der Eroberung von Algerien von den Osmanen beschäftigt war, als der Aufstand kam. Moderate Monarchisten, Bonapartisten, Republikaner kämpften gegen ein neues Ancien Regime. Charles war genau so konservativ und halsstarrig wie sein Enkel Henri dann; so kam es zum Ende der Dynastie. Er setzte in diesen Tagen seinen Sohn als Nachfolger ein (der dann seinen Neffen, s.o.) und setzte sich ins Ausland ab. Polignac wurde verhaftet, dann begnadigt, emigrierte nach GB. Moderate Monarchisten oder konservative Republikaner wie Thiers und Lafayette sprachen sich für eine konstitutionelle Monarchie als nach innen und aussen konsens-fähigere Lösung ggü der Republik aus.

„Aus der Kiste geholt“ dafür wurden die Orleans, die „Roten in der Königsfamilie“, genauer der Sohn des in der Revolution aktiven Orleans, Louis-Philippe. Er hatte auch in der Revolution mit gewirkt, war dann nach GB geflüchtet, vor den radikalen Jakobinern, war sehr reich durch Unternehmungen geworden, residierte inzwischen im Palais Royal in Paris. Er wurde von vielen Monarchisten und den meisten Republikanern akzeptiert. Adolphe Thiers sagte, der Herzog von Orléans sei den Prinzipien der Revolution verpflichtet, habe die Trikolore unter Beschuss getragen und sei deshalb ein Bürgerkönig, wie ihn das Land wünsche. Diese Ansicht wurde vom Rumpfparlament geteilt, das noch im Palais Bourbon tagte. Orleans wirkte am Sturz von Charles nicht mit, bekundete diesem gegenüber anscheinend seine Loyalität. Es waren Notabeln wie Thiers, die ihn darum baten, den Lauf der Dinge in seine Hand zu nehmen.

Louis-Philippe d’Orléans bekam auch den „Segen“ der Republikaner bzw ihres „Führers“ LaFayette, König zu werden.34 Und so wurde Louis-Philippe ein König ohne Krönung. Er wurde vom Parlament gewählt und angelobt, Anfang August. Die Tricolore wurde wieder Nationalflagge. Louis-Philippe nannte sich „König der Franzosen“ statt „König von Frankreich“, auch um sich vom alten Regime zu distanzieren.

Die Julirevolution von 1830 („Les Trois Glorieuses“) wird in dem bekannten Gemälde von Eugene Delacroix („Die Freiheit führt das Volk“) dargestellt. Der Schriftsteller Honoré „de“ Balzac wurde durch die Juli-Revolution politisch sozialisiert, schrieb Einiges über die folgende „Juli-Monarchie“ und hatte in dieser Zeit seine ersten Erfolge. Balzac war kritisch gegenüber dem Sturz von Charles X. und der Herrschaft des Bürgerkönigs, erklärte sich zum Legitimisten, wie ab 1830 die Ultra-Royalisten genannt wurden. Zum Teil hatte das wohl mit seiner adeligen Freundin, der Marquise de Castries, zu tun. Der exzessive Kaffeetrinker und Bourgeois schrieb über die Juli-Tage der Revolution „La grande symphonie de juillet 1830“. Die Juli-Monarchie stand in seinen Augen auf keinem festen ideologischen Fundament, war schlecht organisiert und korrupt. Er wollte zunächst selbst direkt politisch aktiv werden, erwog in den frühen Jahren dieser Monarchie, für das Parlament zu kandidieren. Beschränkte sich aber dann auf das Schreiben, für eine politische Zeitschrift und seiner Prosa und Dramen, die teilweise auch politisch-zeitgeschichtlich waren.35

Unter dem „Bürgerkönig“ spielte sich ein Teil der Industrialisierung Frankreichs ab, es entstand ein Proletariat, neue soziale Fragen. Das erste französische Kolonialreich war gegen GB untergegangen, gegen Ende des Ancien Regimes. Das zweite begann mitten in den Turbulenzen des 19. Jh begonnen, in Algerien. Es entstand ein zusammenhängender Block im Westen von Afrika (Schwarz- und Nordafrika; ausserdem weitere Eroberungen in Afrika wie Madagaskar), Besitzungen in Südost-Asien, Ozeanien, Karibik, ausserdem Einfluss im Osmanischen Reich. Es war kein Zufall, dass die Fremdenlegion unter dem Bürgerkönig geschaffen wurde, 1831.36 Die Legitimisten, die die Bourbonen-Hauptlinie als „legitime“ Herrscher Frankreichs sehen und eine konservative Monarchie im Geist des Ancien Régime befürworteten, waren eine wichtige politische Kraft in der Juli-Monarchie. Ihre Führer in dieser Zeit waren François-René de Chateaubriand (Aussenminister 1822-24; Botschafter, Historiker, Politiker, Literat), dann Pierre-Antoine Berryer. Der wie sein Bruder mit einer Savoia verheiratete Bourbone Charles hatte eine Tochter, die früh starb, die Söhne starben 1820 und 1844; er selbst wie erwähnt 1836 in Österreich, wo dann auch seine Nachfolger als Familienoberhäupter weilten.

1848

1848 wurde Louis-Philippe gestürzt und die 2. Republik errichtet. Louis-Napoleon Bonaparte (Neffe) wurde zum 1. Präsidenten Frankreichs gewählt. Bezog den Elysée-Palast als seinen Amtssitz. 1848 wurde wieder eine unikamerale Nationalversammlung geschaffen (1852 wieder ein Parlament aus 2 Kammern). Das „Comité de la rue de Poitiers“, auch als „Parti de l’Ordre“ bekannt, bildete sich als gemeinsame monarchistische Partei der Orleanisten und Legitimisten in der Zweiten Republik. Die „Partei“ war die dominierende dieser Jahre. Durch die Wahl 1848 wurde sie die zweit-stärkste Gruppe im Parlament, hinter den gemäßigten Republikanern (unter De Lamartine). Führer waren Adolphe Thiers, Francois Guizot und Alexis de Toqueville. Odilon Barrot von der Parti de l’Ordre war 1848/49 auch Regierungschef. Nach der Wahl 1849 war sie stärkste Fraktion im Parlament und bildete die Regierung, unter D’Hautpoul. Auch dessen Nachfolger, L. Faucher, letzter Premier der 2. Republik, war von der monarchistischen Partei. 1850 erreichten die Monarchisten, durch das Falloux-Gesetz, dass die Katholische Kirche im sekundären Bildungsbereich wieder eine Rolle spielte.

Orleanisten und Legitimisten hatten von 1848 an über die Zweite Republik hinaus bis in die Dritte Republik hinein relativ viel Gemeinsames und Nähe zueinander. Aber die späteren Gräben waren schon sichtbar und ein „Fusion“ bzw Akkordierung der Ansprüche kam nicht zu Stande. Nachfolger des 1850 im britischen Exil verstorbenen Ex-Königs Louis-Philippe als Chef des Hauses Orleans wurde sein Enkel (Louis) Philippe (Albert), später „Philippe VII.“ genannt. Der 1838 in Frankreich geborene „Graf von Paris“ war 1848 von seinem Grossvater noch als „Louis Philippe II.“ eingesetzt worden, was ohne Anerkennung blieb. Guizot von der Parti de l’Ordre, unter dem Bürgerkönig u.a. Premier, versuchte zwischen Orleans und (dem in Österreich weilenden) Henri d’Artois eine Einigung herbei zu führen.

Zu der dann abgesagten Präsidenten-Wahl 1852 wollten die Orleanisten in der Partei der Ordnung den Sohn des gestürzten Louis Philippe kandidieren, die Legitimisten wollten aber eine Wieder-Kandidatur Bonapartes unterstützen. Nach dessen Coup im Dezember 1851 wurden die Führer der Parti de l’Ordre verhaftet. Als sich Bonaparte 1852 als „Napoleon III.“ zum Kaiser ausrief, gab es keine Krönungs-Zeremonie. Für seine Frau wurde eine kleine Krone hergestellt.

Napoleon Bonapartes Nachfolgeregelung hatte verfügt, dass im Fall, dass seine eigene Linie ausstarb (was der Fall war37), die Ansprüche auf jene seines älteren Bruders Joseph übergingen, dann auf jene der jüngeren Brüder. Nur Lucien und Jerome und ihre Nachkommen wurden ausgelassen, weil sie den Kaiser kritisiert hatten oder Ehen eingegangen waren, die er missbilligte. Da Joseph ohne eheliche Söhne 1844 starb, ging die Führung des Hauses Bonaparte auf Louis über, dann auf dessen Sohn Louis-Napoleon. 1852 erliess der nunmehrige Kaiser eine neue Nachfolgeregelung.38

Unter Napoleon III., der als Präsident noch liberale Pläne wie die Erweiterung des aktiven Wahlrechts gewälzt hatte, gab es einige halb-faire Parlaments-Wahlen, in der Regierungskandidaten (Bonapartisten) auf verschiedene Weise gegenüber Monarchisten und Republikanern bevorzugt wurden. Und, von Ende 1851 bis 1870 gab es, unter ihm, keine Premiers. Nur ganz am Ende, Emile Ollivier, der zuerst Republikaner, dann liberaler Bonapartist war. Das war weniger Demokratie, als es in der Restaurations-Zeit gegeben hatte. Monarchisten-Führer unter Napoleon III. waren Berryen und Thiers. Aufgeräumt wurde mit dem Erbe des Ende Ancien Régime unter Napoleon III. auch durch die Stadterneuerung von Paris durch Georges-Eugene Haussmann39.

Karl Marx, der sich 1843-45 in Frankreich aufhielt, schrieb 1851/52 „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ (auch bekannt als „Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon“). In dem Essay kritisierte er den Staatsstreich von 1851 und stellte ihn jenem von Napoleon Bonaparte 1799 (der nach dem französischen Revolutionskalender am 18. Brumaire VIII statt fand) gegenüber. Er kritisierte den Bonapartismus als die Machtübernahme konterrevolutionärer Offiziere aus den Händen von Revolutionären und Kooptierung des Radikalismus der Massen. Sowohl Napoleon I. als auch der III. hätten die Revolutionen in Frankreich korrumpiert.

Umwälzungen

Die beiden Bourbonen-Nebenlinien in Italien wurden im Zuge des Risorgimento entthront, ihre Fürstentümer Teile Italiens. In Parma 1859. Das Königreich beider Sizilien wurde 1860 von Truppen Giuseppe Garibaldis wie von Vittorio Emanuele di Savoia (König von Sardinien-Piemont) aufgesucht.40 König Francesco II., gerade ein Jahr im Amt, zog sich nach Gaeta zurück, das seine Truppen einige Monate verteidigen konnten. Dabei behilflich war eine französische Flotte, die Napoleon III. geschickt hatte. Im Februar 1861 die Aufgabe. Francesco wurde abgesetzt, „sein“ Königreich an Sardinien-Piemont angeschlossen, aus dem bald das Königreich Italien wurde. Im ehemaligen Königreich beider Sizilien gab es in den Folgejahren bewaffneten Widerstand gegen den italienischen Staat („Brigantaggio“). Dieser war aber nur sehr bedingt ein anti-italienischer, pro-bourbonischer Protest; eher ein sozialer. Francesco di Borbone delle Due Sicilie ging in den Kirchenstaat, bis dieser 1870 ebenfalls italienisch wurde; dann nach Frankreich, nach Bayern (von wo seine Frau stammte) und ins österreichisch-ungarischen Trentin, wo er starb. Auch das unter den Habsburg-Este stehende Herzogtum Modena(-Reggio), von wo die Gattin von Henri d’Artois stammte, ging 1860/61 im Königreich Italien auf.

Tja, und die spanischen Bourbonen: Die Karlistenkriege, Isabellas Rücktritt, die Thronkandidatur des Hohenzollern, der Deutsch-Französische Krieg – an dieser Stelle war der Artikel schon.41 Im Osten waren Frankreichs Grenzen ja über Jahrhunderte umstritten und auf lange Sicht blieben Elsass und Lothringen bei Frankreich. Und für die Monarchie in Frankreich bedeutete dieser Krieg das Ende. In der Dritten Republik waren die Monarchisten Jene, die an einen Umsturz dachten. Und der Monarchismus war in der 3. Republik wie erwähnt anfangs sehr stark, v.a. am Lande! An dieser Stelle: Falls es einen Unterschied zwischen Monarchismus und Royalismus gibt, dann dass der Monarchist ein monarchisches System anstrebt, aber nicht unbedint einen bestimmten Monarchen; der Royalist dagegen untersützt einen bestimmten Prätendenten/Monarchen bzw eine bestimmte Dynastie. In Frankreich wurde das monarchische System vor der (1.) Revolution nicht wirklich in Frage gestellt (wo auf der Welt gab es damals schon eine Alternative?); und danach entstanden bald die drei Herrscherlinien und ihre Lager. In Frankreich ist ein Monarchist fast notwendigerweise ein Royalist. Die 3 Dynastien stehen für 3 verschiedene Vorstellungen von Monarchie – die im Frankreich des 19. Jh alle für eine Zeit umgesetzt wurden.

Die dritte Republik (nochmal)

Die Monarchisten/Royalisten in Frankreich waren im 19. Jh teilweise im Untergrund, wurden teilweise unter der Herrschaft einer der anderen beiden Richtungen unterdrückt. In der Dritten Republik konnten sie sich frei politisch betätigen und artikulieren. Und sie taten das auch, haben die Republik (wie auch nicht die vorangegangene) nicht boykottiert. Was die Legitimisten betrifft, sie hatten 1871 ihr bestes Wahlergebnis, als sie zweitstärkste „Partei“ insgesamt und bei den Monarchisten hinter den Orleanisten wurden; sonst schnitten sie nur 1831 einigermaßen gut ab. Legitimisten-Führer der 1870er war der erwähnte Ducrot, ein hoher Militär. Die 3. Republik hatte eine starke Legislative und eine relativ schwache Exekutive; dies war an ihrem Beginn von den Monarchisten so fest gelegt worden.42 Aber, die günstige Gelegenheit der Restauration verstrich ja durch die Unnachgiebigkeit des legitimistischen Prätendenten in der Fahnenfrage bzw in der Frage des Charakters der Monarchie43 und bald kam es zu einem Umschwung zugunsten der Republikaner. Dazu trug auch bei, dass das Nationalgefühl in Frankreich nicht zuletzt infolge der Revolution 1789 begonnen hatte, sich von der Loyalität zum König zu lösen.

Etwas Kontrafaktik: Wenn die Restauration 1873 (oder 1871) geglückt wäre, dann am ehesten indem Henri d’Artois jene Standpunkte die diese in der Realität scheitern lassen haben, verschleiert hätte.44 Dann wären die Konflikte mit den Orleanisten und den Republikanern aber später gekommen, nach seiner Krönung. Und dann hätte es gut eine neue Revolution oder einen Bürgerkrieg geben können. Bei einem früherem Tod von Henri oder einem Durchstehen dieser Phase bis 1883 wäre es aber mit einem orleanistischen König und einer konstitutionellen Monarchie weiter gegangen. Die Chancen wären wahrscheinlich nicht schlecht gewesen, damit zumindest bis ins 20. Jh zu kommen. Aber ein 1848 hätte sich auch relativ leicht wiederholen können. Jedenfalls hätten solche Alternativ-Entwicklungen Auswirkungen über Frankreich hinaus gehabt.

Der Bonapartismus war durch den durch Kriegs-Misserfolg und Abgang von Napoleon III. in der frühen Dritten Republik angeschlagen und relativ unbedeutend. Der Ex-Kaiser starb 1873 in GB. Sein Sohn Napoléon Eugène folgte ihm als Familien-Oberhaupt („Prince Imperial“, „Napoléon IV.“). Dieser Bonaparte war nach Sedan über Belgien nach England gegangen, kehrte nicht mehr nach Frankreich zurück, engagierte sich im britischen Militär und fand so sein Ende. Im bonapartistischen Lager gab es damals diverse Strömungen: Die den Legitimisten nahe stehenden Konservativ-Klerikalen unter Paul de Cassagnac; der linkspopulistische Flügel unter Jules Amigues, der eine Nähe zu den ehemaligen Communarden sah (bzw herstellen wollte); die den Orléanisten nahe Stehenden unter Émile Ollivier; die Anhänger von Eugène Rouher, die für ein neues autoritäres Kaiserreich waren; und eine weitere links-republikanische Fraktion, unter „Prince Jérôme Napoléon“ (Joseph Charles Bonaparte), Sohn von Jerome, der König von Westfalen geworden war. Auch dessen Sohn (Napoleon) Victor Bonaparte mischte mit. Napoleon-Eugen stand den Richtungen von Rouher und Cassagnac am nächsten.

Das republikanische Lager der frühen Dritten Republik bestand aus den moderaten („opportunistischen“) Republikanern, die die Gauche républicaine um Ferry und Grevy (der den Orléanisten nahestand) sowie die radikalere Union républicaine von Leon Gambetta umfasste. Die Extremen waren „angeschlagen“ durch die Niederschlagung der Commune mit anschliessenden Todesurteilen, Gefängnisstrafen, Deportationen und Flucht/Exil. Bei den Republikanern war der Bezug auf die Errungenschaften der Revolution zentral – und die Phase von 1792 (als die Monarchie abgeschafft wurde) bis 1799 (als Napoleon die Macht an sich riss) hatte Einiges an unterschiedlichen Modellen zu bieten.

Die gescheiterte(n) Restaurations-Möglichkeit(en) von Henri d’Artois zeigte(n), dass sich die Monarchisten untereinander (Union des Droites, Legitimisten und Orleanisten) schon sehr uneinig waren, dass die Monarchie nicht mehr Garant nationalen Zusammenhalts war, im Gegenteil, dass die Republik am meisten vereinte. Der Republikaner Georges Clemenceau konnte Artois als den „französischen Washington“ verspotten, jenen ohne den die Republik nicht gegründet werden konnte. Die Republik konsolidierte sich im Laufe der 1870er, die Republikaner erstarkten, der Monarchismus wurde schwächer. 1875 bekam die Republik eine Verfassung, die zu ihrer Stabilisierung beitrug.45 In diesem Jahr verkaufte die französische Regierung auch den grössten Teil der Kronjuwelen; die Reste der Ampulle und manches Andere sind in der Kathedrale von Reims oder in Pariser Museen aufbewahrt.

Ein Teil der Monarchisten hoffte aber noch auf die Orléans, wartete auf Henris Tod. Von Louis Philippe d’Orléans und seinen Nachkommen war mehr Flexibilität und Mäßigung zu erwarten und damit die Aussicht auf eine Einsetzung und Festigung der Monarchie. Manche Orleanisten versuchten den Grafen von Paris zu überzeugen, die Abmachungen mit den Legitimisten aufzulösen und gleich für den Thron zu kandidieren. Doch das war anscheinend gegen dessen Grundsätze. Der Orleanismus war ein Ausgleich zwischen Legitimismus und Republikanismus und hatte daher lange Zuspruch. Allerdings, das war eigentlich das, was Balzac am Orleanismus als „opportunistisch“ und „prinzipienlos“ kritisiert hatte. Orléanisten waren viel stärker dem Programm als dem Prätendenten verbunden, standen der Republik eigentlich näher als der konservativen Monarchie nach Vorstellung der Legitimisten. Die Führer und ein Teil der Anhänger dieser Bewegung kamen hauptsächlich aus dem städtischen Adel und dem gehobenen Bürgertum. Henris einstiger Flaggenvorschlag wurde von den Orleanisten übernommen, als Flaggenvorschlag für Frankreich und als Symbol der Bewegung.

Bei der Parlaments-Wahl 1876 verloren die Monarchisten die Mehrheit in der Kammer. Die Republikanische Linke unter Favre und die Republikanische Union von Gambetta wurden die beiden stärksten Fraktionen. Dahinter die Bonapartisten unter Rouher, zwei weitere republikanische Fraktionen, und dann erst Orleanisten und Legitmisten. Der Republikaner Jules Simon durfte die Regierung bilden. Im Mai 1877 jedoch entliess Präsident MacMahon den Premier und ernannte wieder Broglie – obwohl dieser keine parlamentarische Mehrheit hatte. Nachdem Broglies Regierung kein Vertrauen vom Parlament bekam, wurde es von MacMahon aufgelöst und Neuwahlen angesetzt, in der Hoffnung auf einen monarchistischen Sieg. Doch die Republikaner (Union, Linke) gewannen wieder, bei den Monarchisten waren wieder die Bonapartisten am stärksten. Broglie wurde in seinem eigenen Département nicht gewählt und musste abtreten. MacMahon stellte sich nochmal quer und ernannte De Rochebouët, einen Legitimisten, also von einer Fraktion der weniger als 10% der Abgeordneten angehörten. Nach einem Tag trat dieser ab, zugunsten des Republikaners Dufaure.

In dieser Verfassungskrise setzte sich das Parlament gegenüber dem Präsidenten durch. Damit wurde die Republik weiter gestärkt und der Monarchismus weiter geschwächt. Legitimisten-Führer Ducrot, der Ex-Militär, soll nach den erzwungenen Abtritten von Broglie und Rochebouët im November 1877 einen Staatsstreich vorbereitet haben. 1879 rückte auch der Senat nach links, bekam eine republikanische Mehrheit – worauf MacMahon zurück trat. Der Republikaner Grevy wurde vom Parlament zum neuen Staatspräsidenten gewählt. In diesem Jahr zogen das Parlament (die Nationalversammlung) und die anderen Institutionen aus Versailles nach Paris zurück, das wieder Hauptstadt wurde.

Napoléon Eugène Bonaparte wurde im Krieg gegen die Zulus in Südafrika mit der britischen Armee 1879 getötet. Nach ihm hatte kein Bonaparte mehr reelle Chancen auf die Macht. Nachfolger als Chef des Hauses wurde nach Napoléon Eugène auf dessen Verfügung (obwohl sie einen Zwist gehabt hatten) Napoléon Victor Bonaparte. Er war im 2. Kaiserreich Senats-Präsident und Minister gewesen, dann, für einige Monate, nach GB gegangen. Die bonapartistischen Familienoberhäupter/ Thronanwärter seit 1879 sind Nachfahren von ihm. Er wurde Abgeordneter der Bonapartisten im Parlament und hatte Konflikte mit E. Rouher. 1886 ging Napoléon Victor nach Belgien, heiratete eine belgische Prinzessin. Nach seinem Tod 1926 folgte ihm sein Sohn Louis.

Der Bonapartismus war durch die Adaption der Prinzipien der Revolution durch Napoleon (I.) für seine imperiale Herrschaft entstanden. Eine politische Strömung wurde er infolge von Napoleons erstem Sturz. Er enthält einige Widersprüche, beinhaltet verschiedene Strömungen, wird unterschiedlich definiert bzw interpretiert. 1848 kam er nochmal an die Macht; Napoleon III. positionierte den Bonapartimus zwischen Monarchisten und Republikanern. Wie sein Onkel ging er militärisch unter, der eine in Waterloo, der andere in Sedan; und auch auf seinen Sohn (der nie herrschte und im Dienst einer anderen Macht kämpfte) trifft das gewissermaßen zu. Der eine gegen Deutsche, der andere gegen Zulus.

Was die Frage des Einklangs von Napoleon bzw des Bonapartismus mit den Werten der Revolution, v.a. ihrer Gegnerschaft zum Absolutismus betrifft, so steht auf der einen Seite die recht absolute Herrschaft der beiden Kaiser. Andererseits haben sie aber die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und die Rechte des Einzelnen zwar nicht eingeführt, aber gesfestigt. Auch eine effiziente Verwaltung wird ihnen zu Gute gehalten. Und: Klassenkampf wie auch ethnisch-religiöse Diskriminierung waren für den Bonapartismus ein Anathema. Er stand für einen (autoritär gelenkten) Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen, war für soziale Reformen offen. Und seine Auffassung von Nationalismus war eine von einem starken Staat, nationaler Einheit bei Toleranz für Diversität. Bonapartismus steht für einen autoritären, zentralisierten, interventionistischen, plebiszitären Staat, mit einer charismatischen Führerfigur. Seine Basis hatte er unter Offizieren, Beamten, Kleinunternehmern. Austausch bzw Zusammenhalt wurde weniger durch Organisationen als durch Zeitschriften hergestellt.

Um 1880 war die Republik ziemlich gefestigt. Auch deshalb, weil sie ihren revolutionären Charakter verloren hatte, für Konservative akzeptabel geworden war. 1879 wurde die Marseillaise endgültig Nationalhymne. 1792 komponiert, in Strassburg, zu Beginn der Revolutions-Kriege, als der König noch im Amt war (gegen diesen waren die Kriegsggegner Frankreichs aber nicht, im Gegenteil), war das Lied 1795 erstmals Nationalhymne geworden; wie die Trikolore-Fahne wurde sie dann im 19. Jh dann mehrmals abgeschafft (zugunsten von anderen) und wieder eingeführt, war Hymne bei den Revolutionen/Umstürzen.46 1880 wurde der 14. Juli gefeiert, in Bezug auf Föderationsfest 1790 oder den Bastille-Sturm im Jahr zuvor, und zum Nationalfeiertag erklärt.47 Monarchisten wurden eine Minderheit; und 1883, als der Weg für Orleans frei war, waren die Republikaner längst mehrheistfähig.

Als der Graf von Chambord Mitte 1883 in Österreich erkrankte, wurde nach dem Priester und Seelsorger Giovanni „Don“ Bosco, der in Turin wirkte, geschickt, der dann wirklich kam, um mit dem Grafen für seine Gesundheit zu beten.48 Henri d’Artois starb im August 1883 in Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen. Charles X. sollte der letzte Herrscher aus der Bourbonen-Hauptlinie bleiben. Die Prinzen von Orléans, einschließlich des Grafen von Paris, (Louis-)Philippe d’Orléans, kamen zur Kondolenz nach Österreich-Ungarn. Gegenüber der Witwe stellte der Orleans-Chef den Anspruch, beim Begräbnis in Görz im Trauerzug vor den (engeren) Hinterbliebenen des Verstorbenen gereiht zu werden. Da dies von der „Gräfin Chambord“ Marie Therese in einer heftig geführten Kontroverse abgelehnt wurde, nahmen die Orléans am Leichenzug nicht teil. Die Witwe entschied, dass Vertreter der spanischen Bourbonen sowie jener von Parma den Zug anführen sollten – dies war bereits ein Signal bezüglich der Nachfolge… Henri wurde in der Bourbonen-Gruft im Kloster Kostanjevica/ Castagnavizza in Görz (Küstenland, Österreich-Ungarn) begraben.

Parte Artois

Dort wo sein Grossvater Charles beigesetzt worden war und weitere im Exil verstorbene Bourbonen. Henris Schwester, die 1864 verstorbene „Herzogin“ Louise Marie Thérèse de Bourbon-Parma sorgte dafür. Kostanjevica wird auch „Klein St. Denis“ genannt. 1918, gegen Ende des 1. Weltkriegs, wurden die Bourbonen-Särge vorübergehend nach Wien gebracht, in ein Kloster, auf Anordnung von Kaiser-Gemahlin Zita. Görz/Gorizia/Gorica und das Umland kamen nach dem 1. Weltkrieg zu Italien (Compartimento Venezia Giulia). 1932 kamen die Särge zurück, ins nun italienische Gorizia. Nach dem 2. WK wurden Görz und das Friaul zwischen Italien und Jugoslawien geteilt. Gorizia gehört zur italienischen Region Friaul-Julisch Venetien, und Nova Gorica war 1991 beim Übergang Sloweniens von einer Teil-Republik Jugoslawiens zum unabhängigen Staat Kampfschauplatz (wie alle Grenzübergänge Sloweniens). Kostanjevica liegt auf der slowenischen Seite, auf einem Felsen über Nova Gorica.

Grabstein Barrande in Lanzenkirchen

Barrande, der Generalverwalter von Artois‘ Gütern in Frankreich geworden war, kam nach Artois‘ Tod 1883 nach Lanzenkirchen, zog sich dabei eine Lungenentzündung zu, an der er verstarb. Montbel, Barrande und weitere Leute aus der Entourage des verhinderten Königs sind auf dem Lanzenkirchner Friedhof begraben.

Je nachdem ob man die Einsetzung durch seinen Vorgänger 1830 als wirksam ansieht oder nicht, war Henri entweder einer der Thronfolger die niemals den „Thron bestiegen“, wie Rudolf oder Otto von Habsburg (Österreich), Louis de France (der grosse Dauphin), Alexei N. Romanov (der letzte Zarewitsch von Russland), Isabel d’Orleans-Braganca (Brasilien), Vittorio Emanuele („IV.“) di Savoia, Wilhelm von Preussen, Ahmed Nihad Osmanoglu (Osmanisches Reich/Türkei), James „VIII.“ Stuart (Schottland), Amha Selassie (Äthiopien), Juan de Borbon (Spanien, Vater von Juan Carlos), Mirza Jawan Bakhti Gurkani (Mogul-Reich), Ka’iulani Kalakaua (Hawaii), wahrscheinlich Reza Pahlevi (Iran), vielleicht Charles Windsor (GB); oder einer der am kürzesten herrschenden Monarchen (7 Tage)49, wie Louis XIX. (direkter Vorgänger, 20 Minuten), Giovanni Castagna (13 Tage Papst Urban VII. 1590, Kirchenstaat), Dipendra Shah Dev (Nepal, 2001 20 Minuten, ehe er selbst an den Folgen des Massakers starb, das seinen Vater tötete), Napoleon II (ebf. tatsächliche Herrschaft fraglich), Fuad von Ägypten, Louis XII.,…

Monarchismus nach Henri d’Artois

Schloss Chambord hatte Artois der Familie seiner Schwester, den Bourbon-Parma, vermacht; an deren Spitze stand Robert(o) di Borbone(-Parma), der abgesetzte letzte Herzog von Parma-Piacenza. Die Schlösser in Österreich behielt seine Witwe. Was sein Erbe als Oberhaupt der französischen Bourbonen und deren Thronanwärter betraf, so gab es Verwirung bzw Streit. Die Hauptlinie der Bourbonen war mit dem Tod des kinderlosen Henri ausgestorben, so viel war klar. Und eigentlich hatte Henri den Orleans-Chef als Nachfolger akzeptiert bzw eingesetzt. Dies wurde 1883 auch von den meisten Legitimisten akzeptiert, auch von Führern wie Athanase de Charette50 oder Pierre de Blacas d’Aulps. Immerhin hatte sich Orleans auch an die Abmachung gehalten und keine Ansprüche erhoben, solange Henri von Artois lebte. Auch der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. empfing D’Orleans in Wien, als „Chef des königlichen Hauses von Frankreich“, vor dessen Rückreise vom Beräbnis nach Paris. Dieser nannte sich als Chef und Prätendent der ganzen Bourbonen „Philippe VII.“, nicht Louis-Philippe II.“, wohl um die Seite, die es zu gewinnen galt, nicht dauernd an seinen Grossvater zu erinnern.

Die Nachfolge-Frage

Der „Graf von Chambord“ hat seinem Vetter nicht nur nichts vererbt, er hat ihn anscheinend auch in seinem Testament als Nachfolger „enterbt“, stattdessen einen spanischen Bourbonen als solchen ernannt, Juan de Borbon, aus der karlistischen Linie. Dieser, der Graf von Montizon, war es, der den Trauerzug von Artois angeführt hatte, seinem Schwipp-Schwager (er hatte auch eine Habsburg-Este geheiratet). In der Entourage von Artois, angeführt von seiner Witwe, hatte man sich auf den Spanier als Nachfolger festgelegt. Ein Teil der französischen Legitimisten folgte dem, auch Notabeln wie Maurice d’Andigné, Joseph du Bourg, Amédée Curé, Prosper Bole, Auguste de Bruneteau.51

Dieser konservativere Teil des konservativsten Lagers der französischen Monarchisten berief sich auf auf die Thronfolgeregelungen im Königreich Frankreich im Ancien Regime sowie nach der Restauration. Diese basierten auf dem Salischen Gesetz (Lex Salica), dessen Thronfolgeregelung nicht nur Frauen komplett von der Thronfolge ausschliesst, es legt auch eine agnatische Nachfolge fest.52 Um demzufolge hätte die Orleans-Linie der Bourbonen nicht nur 1830 den Thron usurpiert, sie wäre auch 1883 nicht an die Reihe gekommen. Der „Graf von Montizón“ war ein Nachfahre von Louis XIV, über dessen Enkel Philipp von Spanien. Der Anspruch würde nach Henris Tod demnach auf die spanischen Bourbonen übergehen bzw auf einen Neben-Zweig von ihnen – da näher an der Bourbonen-Hauptlinie bzw höher-stehend. Die Orleans dürften mit „Chambord“ bzw der Bourbonen-Hauptlinie Louis XIII. als letzten gemeinsamen Vorfahren gehabt haben, waren also knapp dran.

Dem Recht der spanischen Bourbonen auf den französischen Thron stand der Vertrag von Utrecht 1713 entgegen, einer der Friedensverträge des Spanischen Erbfolgekriegs. Dieser schliesst die gegenseitige Thronfolge der französischen und spanischen Bourbonen aus. Orléanisten führ(t)en dies auch gegen die Ansprüche (eines Teils) der Legitimisten an. Dem wird entgegen gehalten, dass das salisch-agnatische Nachfolgerecht diese Bestimmung aus dem Utrecht-Vertrag „aussteche“ (aufhebe); und man ja nicht die (regierende) Hauptlinie der spanischen Bourbonen eingesetzt hat sondern eine Nebenlinie, die auf den spanischen Thron keine Aussicht hat(te), zumal sie in Opposition zu den regierenden spanischen Bourbonen stand.53 Neben dynastischen Grundsätzen spielten bei jenen Legitimisten, die sich auf Juan/Jean „III.“ festlegten, natürlich auch Abneigung gegen die Orleans-Familie eine Rolle, welche hauptsächlich aus der Haltung der Orleans während der Revolutionen 1789 ff und 1830 kam.

In Spanien hatte König Ferdinand 1830 das salische Thronfolgesetz abgeändert damit ihm seine Tochter nachfolgen konnte, nicht sein Bruder. Dieser deshalb 1833 als Thronanwärter unterlegene Bruder, Carlos, rief sich zum Gegen-König aus, sammelte Anhänger um sich, bekämpfte das herrschende Königshaus um Isabel (drei Bürgerkriege im 19. Jh), begründete eine Gegenlinie, die Karlisten. Eigentlich haben sich die beiden auf salische Grundsätze berufenden spanischen Karlisten und französischen Legitimisten erst 1887 verbunden; denn Juan de Borbon (Sohn des Karlisten-Begründers Carlos) hatte 1868 als Oberhaupt der Karlisten zugunsten seines Sohnes Carlos abgedankt. Beim Karlismus ging es vordergründig um Thronfolge, in Wirklichkeit um einen Richtungskampf, in dem die Karlisten eine absolutistisch-katholizistische Position einnahmen. 1876 war erst der dritte Karlisten-Krieg zu Ende gegangen; nach den Kriegen wurde der Karlismus Ende des 19. Jh eine konservative, aber friedliche politische Bewegung.

Nach Artois’ Tod 1883 akzeptierte also ein Teil der Legitimisten nicht den Übergang der Ansprüche auf die Orléans, rief den Juan (Jean) aus einer Nebenlinie der spanischen Bourbonen in Konkurrenz zum Orleans zum Oberhaupt der französischen Bourbonen aus. Dabei hätte der Übergang der Ansprüche auf (Louis) Philippe d’Orleans eigentlich die Wiedervereinigung der beiden französischen Bourbonen-Linien besiegeln sollen. Die meisten Legitimisten anerkannten aber Orleans. Und, bis weit in das 20. Jh hinein war das neue Schisma im Milieu der französischen Monarchisten nicht sehr präsent, waren die Orleans weitgehend als Führer und Anwärter der Legitimisten anerkannt. Das hatte auch damit zu tun, dass die karlistischen Bourbonen viel mehr mit ihren Ansprüchen auf den spanischen Thron beschäftigt waren und dem damit verbundenen Kulturkampf. Dass der konkurrierende Anspruch überhaupt am Leben blieb, hatte wohl damit zu tun, dass er von wichtigen Führern der französischen Legitimisten erhoben wurde (s.o.). Diese Ultra-Legitimisten bekamen den Beinamen „Blancs d’Espagne“ (Weisse von Spanien), die andern wurden „Blancs d’Eu“ genannt, nach dem Schloss Eu, der damaligen Residenz der Orleans.

Dass ein Orleans Chef des Hauses Bourbon und dessen Prätendent in den Augen der Orleanisten und vieler Legitimisten wurde, verbesserte den Zuspruch des Monarchismus in der Bevölkerung 1883 etwas; die Orleanisten bekannten sich immerhin zu diversen Errungenschaften der Revolution. Dass der Übergang zu einem neuen Prätendenten mit einem neuen Schisma verbunden war, machte einen Teil dieses Bonus wieder zunichte. Das republikanische Frankreich schien Philippe d’Orleans als eine gewisse Bedrohung gesehen zu haben. Premierminister Jules Ferry versetzte mehrere Mitglieder der Orleans-Familie in der Armee in die Reserve. Der Enkel und Nachfolger des Bürgerkönigs selbst kündigte damals an, an der kolonialen Expansion Frankreichs in Afrika teilnehmen zu wollen. Überhaupt gab er viel von dem relativ liberalen Erbe seines Grossvaters auf, legte sich Titel zu, die schon lange keiner mehr gebraucht hatte, suchte die Nähe der katholischen Kirche,… Das war natürlich, um die „Blancs d’Espagne“ zu gewinnen. Ausserdem hat er einen Teil seines Vermögens aufgewendet um einen Teil der Schulden von König Ludwig II. von Bayern zu zahlen. Dies, um diesen zu einer Allianz gegen Preussen zu gewinnen.54

Republikanische Politiker55 erhoben Forderungen nach einer Exilierung der Nachfahren früherer Herrscher. „Philippe VII.“, der er für seine Anhänger war, wurde 1884 Ziel der Attacke eines Anarchisten. Bei der Wahl 1885 konnten die Monarchisten wieder zulegen; 1881 hatte es für sie einen Einbruch gegeben, nachdem man ’76 und ’77 ungefähr ein Drittel der Stimmen bekommen hatte. ’85 waren sie wieder bei dem Drittel, wobei die Legitimisten nicht gemeinsam antraten, die bisherigen Orleanisten als „Droite Royaliste“ (wurden stärkste der monarchistischen Fraktionen) und die Blancs d’Espagne als „Union conservatrice“.

Die „Gräfin von Chambord“ blieb weiter im Sommer auf Frohsdorf, im Winter in Görz. Henris Witwe starb 3 Jahre nach ihm, 1886. In Lanzenkirchen hat sie eine Schule finanziert, heisst es. Die Schlösser in Frohsdorf, Katzelsdorf, Pitten vererbte sie an Jaime de Borbon aus der Familie der spanischen karlistischen Bourbonen und der französischen Legitimisten, der Enkel des damaligen Oberhauptes Juan/Jean „III.“ (Graf von Montizón). Juans Sohn und Nachfolger Carlos, der Vater von Jaime56, und Margharita di Borbone-Parma, die Schwester von Robert, hatten 1867 in Frohsdorf geheiratet. Der Ex-Herzog von Parma, ein Neffe der Artois-Witwe, wurde von ihr als Erbe über alle beweglichen Güter, inklusive der Geldmittel, eingesetzt. Don Jaime de Borbon (Jaime „III.“, = Jacques I. für die Legitimisten) hielt sich oft in Schloss Frohsdorf auf, besonders nachdem er seine Tätigkeit in der russischen Armee beendet hatte.57 Nach dem Tod von Artois‘ Witwe kehrten die meisten Franzosen aus Lanzenkirchen in ihre Heimat zurück; manche blieben.

Jaime de Borbon (5) in Frohsdorf

Roberto di Borbone-Parma setzte 18 Kinder in die Welt, mit seinen beiden Frauen, einer Borbone-Due Sicilie und einer Braganca (dazu wahrscheinlich noch einige ausser-eheliche), Kinder die grossteils mit dem europäischen Hochadel Ehen eingingen. Der Erbe von Schloss Chambord und Anderem von Henri bekam von den Habsburgern 1889 das Schloss in Schwarzau (nahe Lanzenkirchen) zur Verfügung gestellt; der spätere österreichisch-ungarische Kaiser Karl und Robertos Tochter Zita heirateten dort.58

Die Republik behauptet sich

1886 beschloss das Parlament die Landesverweisung der Prätendenten der früher herrschenden Häuser. Diesmal betraf es alle drei Häuser, handelte es sich um eine Machtdemonstration der Republik, wenn man so will. Auslöser war die Hochzeit der Tochter von Philippe („VII.“) d’Orleans, Amélie, im Hotel Matignon in Paris, im Mai dieses Jahres, mit Carlos de Braganca, der 1889 König Portugals wurde. Der dabei zur Schau gestellte Luxus und die überschwängliche Berichterstattung in monarchistischen Zeitungen (v.a. in „Le Figaro“, der das damals war), konsternierte viele Republikaner. Nur einen Monat später erliess das Parlament das Gesetz, das den Chefs der drei ehemaligen Herrscherfamilien sowie ihren direkten Erben (das war in allen drei Fällen der älteste Sohn) den Aufenthalt in Frankreich verbat. Weiters wurde allen Angehörigen dieser Familien der Dienst im französischen Militär verboten. Das Gesetz bekam im Senat eine Mehrheit von 141 Stimmen gegen 107 (darunter Jules Simon, ein Republikaner); in der Kammer eine von 315 gegenüber 232 (darunter Albert de Mun von der Union des droites, einer der Legitimisten, die 1883 Orleans anerkannten).

Im Gegensatz zu früheren Ausweisungen / Einreiseverboten betraf diese(s) eben nur die Prätendenten und ihre Söhne, gegebenfalls Enkel. So konnte Amélie de Braganca-Orleans, die Tochter von Philippe d’Orleans (deren Hochzeit der Auslöser für das Gesetz war!) nach dem Sturz der Monarchie in Portugal 1910 nach Frankreich zurück kehren. Als das Gesetz am 23. Juni 1886 im Amtsblatt erschien, wurde es wirksam. Der Graf von Paris, Philippe d’Orleans, musste sein Chateau d’Eu verlassen, fuhr über die Normandie nach England. Victor Bonaparte ging nach Belgien. Die als Legitimisten-Chefs eingesetzten spanischen Bourbonen konnten natürlich dort bleiben wo sie waren. Der damalige Kriegsminister Georges Boulanger entliess aufgrund des Gesetzes etwa Joachim de Murat, Enkel von Napoleons (I.) Schwester Caroline, und einige Orleans-Prinzen. Es heisst, dass er damals auch gleich mit Seilschaften in der Armee „aufräumte“, die monarchistisch gesinnt waren (solche Offiziere waren oft Adelige). Es erschien damals sogar ein Chanson, der die Ausweisung thematisierte, „L’Expulsion“ von Maurice McNab.

(Louis) Philippe d’Orleans bezog 1886 sein Exil im Westen von London, wo ihm ein englischer Freund eine standesgemäße Residenz zur Verfügung stellte. Dort stellte er Überlegungen und Pläne für eine Restauration auf. Er gründete einen „Rat der Sieben“, mit monarchistischen Persönlichkeiten wie Albert de Broglie, Lambert de Sainte-Croix, Édouard de Cazenove de Pradines, Charles de La Rochefoucauld de Bisaccia. Zusammen wurde ein politisches Programm ausgearbeitet (1887), das der Entwurf für eine Verfassung im Fall der Restauration darstellte. Auch über den Weg zu einer solchen Restauration machte man sich Gedanken.

Und der Aufruhr, den General Boulanger Ende der 1880er auslöste, den sahen manche Monarchisten verschiedener Richtungen als Gelegenheit. Georges Boulanger wurde 1886 Kriegsminister, unter Premier De Freycinet, wollte einen Vergeltungsschlag gegen das Deutsche Reich, blieb unter dem nächsten Premier im Amt. 1887 wurde er unter Rouvier abgelöst. Da er als Offizier politisch aktiv blieb, wurde er 1888 als solcher entlassen. In dem Zusammenhang kam es zu einem persönlichen Konflikt mit Premier Floquet, der in einem Duell gipfelte. Hier liegt der eigentliche Beginn des Boulangismus, der in der Ligue des Patriots organisiert war und anti-parlamentarisch und autoritär war. Boulangisten errangen in diesen jahren bei Wahlen zum Parlament, den Departements und Kommunen einige Erfolge. Ligue-Führer Deroulede versuchte Boulanger 1889 zu einem Putsch gegen die Regierung zu bringen. Nach dem die Behörden gegen ihn vorgingen, flüchtetet der General ins Ausland und tötete sich dort 1891.

Der Boulangismus war eigentlich bonapartistisch59: autoritär, das Erbe der Revolution achtend, nationalistisch, sozial konservativ, wirtschaftlich protektionistisch. René Rémond hat in seinem Buch aus 1954, „Les Droites en France“ die drei monarchistischen Linien/Richtungen als Grundlagen rechter Strömungen ausgemacht. Boulangismus sieht er als vom historischen Bonapartismus beeinflusst, wie den Gaullismus und den État français (Vichy, Petain). Heute wird unter Bonapartismus gerne die Ablöse einer zivilen Führung durch eine militärische in revolutionären Bewegungen oder Regierungen verstanden. International hat sich eine Reihe von „Führern“ auf Napoleon bezogen, jeder auf seine Interpretation von ihm. Es kam Ende der 1880er auch zu einer Annäherung zwischen Bonapartisten (von Eugène Rouher geführt) und Boulangisten.

Aber auch andere Monarchisten wurden von Boulanger angezogen, sahen eine Chance bzw einen Verbündeten gegen die Republik, der General kam viel Unterstützung durch Adelige – und das obwohl Boulanger einst gegen Monarchisten im Militär vorgegangen war und die Ligue des Patriots republikanisch war. Eine seltsame Koalition tat sich mit den Boulangisten gegen die regierenden „opportunistischen“ Republikaner zusammen, aus Monarchisten und Linksrepublikanern. gegen Auch Philippe d’Orleans unterstützte Boulanger, v.a. 1888. Seine Frau, eine sizilianische Bourbonin, gründete eine monarchistische Organisation, die die Hand gegenüber dem Militär ausstrecken sollte, die „Rose de France“. Der Kollaps des Boulangismus fiel aber so auf Orleans zurück. Das zeigte sich auch bei der Wahl 1889, als die Monarchisten (die Legitimisten, zu denen nun auch die Orleanisten gehörten) gegenüber der Wahl 1885 Stimmen verloren, zugunsten der Republikaner/Linke. Auch boulangistische Kandidaten wurden gewählt – erstmals bestand das rechte Lager nicht nur aus Monarchisten.

In dieser Phase wurden Rufe im monarchistischen Lager laut, den Sohn von Orleans als Prätendenten auszurufen. (Louis-) Philippe (dann „Philippe VIII.“), 1869 in GB geboren, ein Forscher, kinderlos, war nicht von der „Boulanger-Affäre“ beschädigt. 1890 wurde er 21, was ihn zum Militärdienst in Frankreich verpflichtet hätte – wenn er nicht davon und von der Einreise nach Frankreich ausgeschlossen gewesen wäre. Monarchisten wie der Chef der konservativen Zeitung „Le Gaulois“ überzeugten ihn dennoch, heimlich einzureisen und um Erlaubnis zu fragen, in der Armee zu dienen. Dem „Herzog von Orleans“ gefiel der Plan und setzte ihn um, ohne seinen Vater zu konsultieren. In Paris ging er mehrmals, unter seinem Namen, zu einem Stellungsbüro. Eines Tages wurde er am Wohnsitz eines seiner Unterstützer, Charles H. d’Albert, Herzog von Luynes, verhaftet. Er wurde zu 2 Jahren Gefängnis wegen Verstosses gegen das Aufenthaltsverbot verurteilt, wurde aber bald von Staatspräsident Sadi Carnot begnadigt – und zur Grenze eskortiert.

1892 hat Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika „Au milieu des sollicitudes“ zu Staat und Kirche in Frankreich Stellung genommen. Darin forderte er die französischen Katholiken auf, am republikanischen System des Landes teil zu nehmen. Und ein sehr grosser Teil der Monarchisten legte auf den Katholizismus grossen Wert, und das Wort des Papstes hatte natürlich Gewicht. Für Philippe d’Orleans und die Monarchisten bedeutete das einen grossen Rückschlag; viele wichtige monarchistisch gesinnte Familien begannen nun, die Republik zu akzeptieren. Das Lager arbeitete aber weiter an einer Restauration, und zu diesem Zeitpunkt hatte es noch gut ein Drittel der Franzosen hinter sich, wie sich bei Wahlen gezeigt hat. Philippe „VII.“ starb 1894 in Grossbritannien60, nun kam sein Sohn (Louis) Philippe d’Orleans („Philippe VIII.“) an die Reihe, als Chef des Hauses.

Die Dreyfus-Affäre (1894-1906) spaltete das Land und bedeutete eine schwere Krise für die Republik, auch hier sahen monarchistische Kreise die Chance auf eine Restauration. Beim Tod von Präsident Félix Faure 1899 erwogen sowohl (Napoleon) Victor Bonaparte in Belgien als auch (Louis) Philippe d’Orleans in Grossbritannien die Anfachung eines Aufstands gegen die Republik und den Einsatz von ihnen gegenüber treuen Milizen. Hätten sie das verwirklicht, hätten ihre Anhänger nicht nur mit den bewaffneten Kräften der Republik sondern auch miteinander zu tun gehabt, die einen für die dritte Restauration des Königreichs kämpfend, die anderen für ein drittes Kaiserreich. Doch die Republik überstand auch diese Krise. Kurz vor der Dreyfus-Sache gab es den Panama-Skandal, durch den Konkurs der Gesellschaft, die ihn bauen sollte und der Korruption von Politikern in Zusammenhang damit.

Für Weltausstellung 1889 in Paris (die vierte dort) wurde der Eiffel-Turm gebaut, ab 1887. 100 Jahre nach dem Beginn der Revolution überwog 1889 in Frankreich der positive Blick auf die Revolution und damit auf die Republik. Die Tragfähigkeit der Republik brachte ihr Akzeptanz. 1891 wurde in einem Ort irgendwo in der Bretagne für den Grafen Artois ein Denkmal errichtet. Bei der Parlaments-Wahl 1893 bekamen die Monarchisten etwas zwischen 15-20%; das war nicht wenig, aber auch nicht genug, um die Republik erzittern zu lassen. Ende des Jahrhunderts kamen andere Rechtsgruppen auf, übernahmen Einiges aus dem monarchistischen Repertoire. Eine Weiterentwicklung des politischen Systems: rechte Inhalte waren nicht mehr nur bei den Monarchisten aufgehoben und die Frage der Staatsform war allmählich nicht mehr der entscheidende Parameter.

Parteien entstanden um 1900, waren aber vorerst nur so etwas wie Wahlvereine; bis dahin gab es eigentlich nur parlamentarische Gruppen. Und in dieser Zeit erfolgte auch die Umstellung von Persönlichkeitswahlrecht auf Listenwahlrecht. Aus republikanischen und monarchistischen Lagern und Gruppierungen entstanden richtige Parteien. Die Republikaner der Demokratischen Union spalteten sich während der Boulanger-Krise: links die Association nationale républicaine (ANR) mit Ferry etc., rechts die Liberale Union unter Patinot (die „progressiven Republikaner“). Aus der Liberalen Union wurde die Union libérale républicaine (ULR). Zur Zeit der Polarisierung durch Dreyfus spaltete sich die ANR, in die Alliance républicaine démocratique (ARD)61 und die Fédération républicaine (FR). Auch die ULR ging in der FR auf. Auf der linken Seite entstand zum einen die Parti républicain, radical et radical-socialiste (PPRRS), 1901, häufig nur als Parti radical socialiste bezeichnet. Sie dominierte die zweite Hälfte der Dritten Republik, stellte zwei Staats- und etliche Ministerpräsidenten. Um zum anderen, 1905, die SFIO.

Ebenfalls in dieser Zeit, 1901, wurde die Action libérale populaire (ALP) gegründet, unter Albert de Mun und Jacques Piou. Es  handelte sich um frühere Monarchisten, die das Katholische ernst nahmen und daher auch das Wort von Papst Leo XIII. Monarchisten, die Republikaner geworden waren. 1906 und ’10 errang sie relativ gute Wahlresultate, wurde eine Konkurrenz für die Monarchisten. Der Orleanismus war Anfang des 20. Jh die stärkste monarchistische Strömung, die orleanistischen Führer seit 1883 die wichtigsten. Der die Orleans nicht anerkennende Legitimismus hatte Prätendenten, die zu Frankreich keinen Bezug hatten und eine Ausrichtung, die den meisten Franzosen zu konservativ war. Der Bonapartisten-Führer Victor Bonaparte rückte von dem Ziel eines Dritten Kaiserreichs ab und peilte eine Präsidialrepublik an – ähnlich den Republiken, die 1799-1804 (als Konsulat) und 1848-1852 bestanden hatten, bevor sich Napoleon I bzw III zum Kaiser ausriefen.

1898, während der „Dreyfus-Affaire“ wurde die Action française gegründet, von Henri Vaugeois und Maurice Pujo, als Organisation sowie Zeitschrift mit rechtsextremen und katholizistischen Positionen. Einige Jahre später wurde die AF unter dem Einfluss von Charles Maurras, der ihr Chefideologe wurde, nationalistisch, monarchistisch62 und konter-revolutionär: das Erbe der Französischen Revolution und die parlamentarische Demokratie ablehnend. Das Faschistoide an der Action Francaise kam wahrscheinlich erst mit Maurras. Der Nationalismus hatte eine anti-deutsche Stossrichtung und wird als „integral“ bezeichnet. Auch der Autor Leon Daudet unterstützte den Monarchismus der AF.

Dieser Monarchismus bezog sich auf das Haus Orléans, dieses sollte Frankreich vor der „Republik der Juden“ retten. Die Monarchisten waren am Weg dazu, eine Randgruppe zu werden, die AF brachte nochmal etwas Aufschwung. War aber keine Partei, trat nicht bei Wahlen an, was auch ein Boykott des bestehenden Systems war. Die AF war primär katholizistisch und anti-modernistisch. Revolutionäre in Frankreich haben Krone und Altar meist zusammen bekämpft, umgekehrt wurden sie auch gerne gemeinsam verteidigt (bzw, war diese Verbindung auch im Positiven gegeben). Das Lilien-Wappen und die weisse Fahne waren ab 1789 Symbole der Monarchisten geworden, auch die AF benutzte das Liliensymbol.

„Philippe VIII“, der „Herzog von Orleans“, war eher ein unpolitischer Mensch, der viel reiste (das Vermögen der Familie erlaubte ihm das). Die AF war rechter als die Orléans. Eigentlich hätten die „spanische Linie“ besser zu der Organisation gepasst, aber die war eben zu un-französisch. René Rémond (selbst eher „christlich-sozial“) hat in seinem Buch über die französische Rechte, in dem er diese in Erben der Legitimisten, Orléanisten, und Bonapartisten einteilt, Action Française, wie auch Front National, als Erben der Legitimisten eingeteilt (ultra-kaholisch und den demokratischen Geist von 1789 ablehnend) – obwohl die AF die Orleanisten-Linie unterstützte.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde der Monarchismus zum grössten Teil von der AF getragen, daneben gab es nicht mehr viel. Bei der Wahl 1914 verloren die Monarchisten stark, waren danach fast nicht mehr im Parlament vertreten. Nach dem für Frankreich siegreichen Krieg und der Wahl 1919 war das „fast“ nicht mehr angebracht. Die ALP, die das Katholisch-Konservative hochhielt, ging in diesem Jahr in der Fédération républicaine auf. Die AF war eine bedeutende (ausserparlamentarische) Kraft, und dass keine Monarchisten mehr ins Parlament kamen, stützt die Vermutung, dass der Monarchismus an der AF nicht das Zentrale war, vielleicht ein Vehikel, in der Verweigerung der Moderne. Der Monarchismus hatte zu Beginn des 20. Jh an Rückhalt in der Bevölkerung verloren, und viele seiner Führer zogen sich auf ihre Land-Schlösser zurück, verliessen die politische Arena. Der Einfluss des Adels war auch zurück gegangen, die Gesellschaft entkirchlicht.

Die Zwischenkriegszeit war in Frankreich eine der innenpolitischen Krisen, der scharfen Polarisierung zwischen Rechts und Links – die Republik an sich wurde dadurch nicht de-stabilisiert. 1926 verurteilte Papst Pius XI. die Action Francaise. Gerüchte besagen, dass die „neuen“ Legitimisten mit ihren spanischen Bourbonen dahinter steckten. Einige Monarchisten wandten sich nach der päpstlichen Verurteilung dem „offenen“ Faschismus zu, ohne Katholizismus und so; Georges Valois gründete die „Faisceau“. Der Charakter der AF wandelte sich nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr in Richtung Schlägertrupp / Miliz / Terrorgruppe mit faschistischer Ausrichtung. Die AF war eine der rechten Organisationen, die 1934 einen regierungs- bzw systemfeindlichen Krawall in Paris veranstaltete.

Für die nationalistische Seite im Spanischen Bürgerkrieg stellte die Organisation Freiwilligen-Einheiten in Frankreich auf.63 1936 wurde sie verboten, zusammen mit anderen rechtsextremen Ligen, aufgrund ihrer ausser-parlamentarischen Gewalt und Agitation.64 Bei den Orleans war 1926 auf den verstorbenen „Philippe VIII.“ sein Schwager und Cousin Jean („III.“, Duc de Guise) gefolgt. Dieser Jean d’Orléans brach 1937 (endgültig) zwischen seinem Haus und Maurras sowie den Resten der AF. 11 Jahre nach dem Papst distanzierte sich also auch der Thronanwärter von dem Lager – beide eigentlich ihre positiven ideologischen Bezugsfiguren.

In der Linie der spanischen Karlisten/ französischen Legitimisten folgte auf Juan und Carlos 1909 Jaime de Borbon (wie sein Vater ein „Herzog von Madrid“). Als karlistischer Anwärter bzw Titularkönig war er Jaime III., für die französischen Legitimisten Jacques I. Die Haupt-Linie der spanischen Bourbonen wird auch als Haus Bourbon-Anjou bezeichnet. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Linie der Karlisten bzw französischen Legitimisten. Jaime de Borbon starb 1931 in Paris unverheiratet und kinderlos. Ihm folgte sein 82-jähriger Onkel Alfonso Carlos (Alphonse-Charles). Nach dem Tod des ebenfalls Kinderlosen 1936 wurde es kompliziert. Alfonso Carlos hatte sich zur Zeit der Zweiten Republik Spaniens (1931-3965) mit dem gestürztem König Alfonso XIII ausgesöhnt. Deshalb und weil mit Alfonso Carlos die karlistische Linie ausgestorben war, erlosch mit dessen Tod für einen Teil der Karlisten der Anspruch der Bewegung. Der Ex-König Alfonso de Borbon übernahm die Anwartschaft der französischen Legitimisten. Der grössere Teil der Karlisten wollte den Anspruch weiter führen; im spanischen Bürgerkrieg stellten die Karlisten auch eine Miliz auf Seiten von Franco auf (die dann mit der Falange vereinigt wurde).

Jaime de Borbon vererbte Schloss Frohsdorf an seine Schwester Beatriz (verh. Prinzessin Massimo), Pitten an seine andere Schwester Blanca (verheiratet mit Leopold Salvator von Habsburg-Lothringen-Toskana). Beatriz Massimo verkaufte Schloss Frohsdorf in der Zeit nach dem Anschluss an die Deutsche Reichspost, behielt den Gutshof (den Meierhof; in den sie auch wertvolle Bilder aus dem Schloss brachte) sowie Felder und Wälder. Seit der Zeit ihres Vaters war Frohsdorf mit Ausnahme der Kapelle für externe Besucher lange gesperrt, nun wurde auch die Kapelle für die Öffentlichkeit geschlossen. Der Meierhof wurde gegen Ende des Hitler-Stalin-Kriegs vernichtet. 1945 zog Massimo nach Italien, wo sie 1960 starb. Die Rote Armee beschlagnahmte das Schloss als deutsches Eigentum. Dann, 1955, bekam es die österreichische Post. 1961 hat die „Gräfin“ Blanca Wurmbrand-Stuppach, die Erbin vom Frohsdorfschen Meierhof sowie Ländereien nach ihrer Mutter Prinzessin Massimo, den grössten Teil dieses Erbes verkauft und hat das (ehemalige) Jagdhaus behalten, das 1978 ihr Sohn Ernst Gundaccar Wurmbrand übernahm. Monarchistische Franzosen pilgern seit Jahrzehnten nach Lanzenkirchen, in das Schloss kommen sie schon lange nicht mehr rein, es gehört einer Immobilienverwaltung.

Von 1936 bis 1952 gab es keinen offiziellen Prätendenten der karlistischen Bewegung. Als „Regent“ wurde das Oberhaupt des Hauses Bourbon-Parma, Francisco Javier de Borbón-Parma, Sohn des letzten Herzogs von Parma, Bruder von Zita und Sixtus, „auf den Schild gehoben“. Francisco Javier (mit einer Bourbon-Busset verheiratet) war über seine Mutter mit Alfonso Carlos bzw der (ersten) karlistischen Familie verwandt, über seinen Vater auch, weitschichtig. Die Borbón-Parma hatten sich ja wie die spanischen Bourbonen im 18. Jahrhundert vom Stammhaus getrennt. Daneben war auch Karl Pius von Habsburg-Lothringen, aus der toskanischen Linie und Sohn einer spanischen Bourbonin, ein Kandidat.

1940 die Invasion der Wehrmacht in Frankreich, deutsche Besetzung im Nordteil und Vichy-Regime im südlichen. Die inzwischen ja verbotene Action Francaise und die anderen Monarchisten waren gespalten, zwischen Kollaboration und Resistance. Die AF-Zeitung hatte sich 1939 gegen den Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg gestellt, sie stand nach dem Waffenstillstand 1940 auf der Seite des Vichy-Regimes unter Marschall Pétain. Charles Maurras bejubelte das Kollaborations-Regime und das Ende der Dritten Republik, als „göttliche Überraschung“; für ihn und viele seiner Anhänger war Petain wie ein lang erwarteter König. Maurras 1940: „Avec Pétain, nous sortons du tunnel de 1789“. Viele „Maurassianer“ und andere Monarchisten traten in die Vichy-Verwaltung ein, sahen eine goldene Chance, ein reaktionäres Programm in Frankreich umzusetzen. Es gab eine Reihe von Monarchisten in der engeren Umgebung von Pétain, wie Alibert, Massis, Vallat, du Moulin de Labarthète.

Es gab aber auch jene Maurassianer, die aufgrund ihres Nationalismus‘ keine Fremdherrschaft dulden wollten, die Deutschen als Besatzer sahen, Petain nicht als Ersatz für den von ihnen herbei gesehnten König und ihren Katholizismus in seinem Regime nicht gut vertreten sahen, und dieses als zu faschistisch. So wie Henri d’Astier de la Vigerie, der Henri „VI.“ an die Macht bringen wollte, in der Resistance kämpfte. Im Dezember 1940 überführte die Kollaborations-Regierung die Überreste von Napoléon II. in den Invaliden-Dom, wo jene seines Vaters seit 1840 ruhten.66 Das war eine Geste, um die Bonapartisten zu gewinnen. Auch Aktivisten dieses Lagers, wie Pierre Costantini, engagierten sich für das Vichy-Regime. Legitimisten sollen überwiegend in Gegnerschaft zu Vichy gestanden haben. Für jene Monarchisten, die in der Resistance engagiert waren, waren die Exil-Regierung von DeGaulle und die Alliierten ein Gegner wie Vichy und die Deutschen.

Jean d’Orleans starb 1940 in Marokko, Nachfolger wurde sein Sohn Henri („VI.“), 1908 in Frankreich geboren, 1931 mit einer Braganca verheiratet, ca. 11 Kinder. Henri d’Orléans taktierte opportunistisch zwischen Vichy und den Anglo-Alliierten, später näherte er sich an De Gaulle an. Er wurde von verschiedenen Seiten favorisiert für eine bestimmende Rolle im Vichy-Regime, im seit 1942 von Alliierten beherrschten französischen Nordafrika. Admiral Francois Darlan, ein Vichy-Führer in Nord-Afrika, wechselte ebenfalls 1942 auf die Seite der Alliierten, wurde durch einen monarchistischen (orleanistischen) Widerstandskämpfer (Bonnier de la Chapelle) ermordet (der dafür mit Erschiessung exekutiert wurde). 1944 bewegte sich D’Orleans inzwischen in der Nähe des Widerstands, hatte eine eigene Miliz; nach dem „D-Day“ kehrte er mit dieser ins französische Hauptland zurück. Er wurde von Truppen der provisorischen Regierung aufgegriffen, abgeschoben.

1944 bis 46 waren in Frankreich die Dinge in Bewegung, ehe es zur Bildung der Vierten Republik kam. Die Republik wurde wieder hergestellt, unter der Führung von Charles de Gaulle, der sich sogleich zurückzog. Nach Colombey-les-deux-Eglises, wo er, die Vierte Republik über, immer 2 Zugstunden von Paris und der Macht entfernt war. Unter anderem über seine Partei RPF mischte er dort mit; und seine Rückkehr bzw direkte Machtausübung war in den Jahren der 4. Republik (46-58) immer ein Thema. Dass die Republik an sich inzwischen eine Selbstverständlichkeit war, zeigte sich in der Aufhebung des Landesverweisungsgesetzes für die Prätendenten 1950. Das Gesetz von 1886 wurde damals auf Vorschlag des Abgeordneten Paul Hutin-Desgrées von dem christdemokratischen Mouvement républicain populaire (MRP), damals mit an der Regierungskoalition beteiligt, aufgehoben. In den Jahrzehnten seither wurden weitere Gesetze aufgehoben, die Orleans und Borbons und Bonapartes könnten heute für die Präsidentschaft kandidieren.

Der Monarchismus heute

Die Borbons konnten 1950 erstmals nach Frankreich kommen. Bei den Bonapartes übernahm Louis-Jérôme Bonaparte, gerne „prince Napoléon“ oder „Louis Napoléon“ genannt, 1926 die Führung – die er bis zu seinem Tod 1997 inne hatte. Er verbrachte einen Grossteil seines Lebens in der Schweiz, als Geschäftsmann. Er kehrte schon vor der Gesetzesänderung 1950 heimlich nach Frankreich zurück.67 1950 kehrte der „Graf von Paris“, Henri d’Orleans, zurück. 1948 hatte er in einem Essay seine Vorstellungen eines politischen Systems skizziert, das war eine parlamentarische bzw konstitutionelle Monarchie, wie überall in Europa, wo es noch Monarchien gab/gibt. Er wollte sich nicht mit rechten Aussenseitern verbünden, die Monarchisten auch in Frankreich oft sind. Dass Henri „VI.“ relativ liberal war, soll die konservativeren Legitimisten stärker gemacht haben bzw überhaupt erst bedeutend. Den Reichtum der Familie vermehrte er durch Unternehmungen. Zum Streit in seiner Familie später noch etwas.

Die 4. Republik scheiterte an der kolonialen Frage und an instabilen Regierungen. 1954 der Übergang vom Indochina- zum Algerien-Krieg. Der Krieg gegen Ägypten wegen des Suez-Kanals 1956 (zusammen mit GB und Israel) machte deutlich, dass Frankreich dabei war, seinen Status als Weltmacht zu verlieren. Die Entkolonialisierung begann in der Vierten Republik, wurde grossteils in der frühen Fünften (unter De Gaulle) durchgeführt. Es heisst, Henri d’Orleans sah zwei Mal die Chance auf eine Restauration: während Petain und nach De Gaulle. Zweiterer soll zur Zeit seiner Präsidentschaft (1959-1969) auf eine Nachfolge von ihm durch Orleans gesagt haben „Warum nicht gleich Brigitte Bardot?“ Eine Restauration der Monarchie war auch damals schon eine absurde Vorstellung.68

Anhänger der Action française wurden nach Kriegsende als Kollaborateure belangt, darunter Maurras. 1947 wurde die Zeitschrift „Aspects de la France“ gegründet (u.a. von Maurice Pujo), deren Schreiber und Leser Jene waren, die die AF fortführen wollten. Aus der politischen Bewegung im Umfeld des Magazins wurde 1955 die Organisation Restauration Nationale gegründet (u.a. von einem Pierre Pujo); der Name „Action française“ war untersagt. In einer Neu-Ausgabe seines berühmten Buchs über die französische Rechte 1968 hat René Rémond die AF-Nachfolgeorganisation RN auch als eigentlich legitimistisch klassisfiziert, aufgrund ihrer Ablehnung des Erbes der Revolution. 1971 spaltete sich von dieser RN eine Nouvelle Action française ab, unter Bertrand Renouvin und Anderen. Das war jener Teil der AF-Erben, die sich vom Rechtsextremismus distanzieren wollten und einen „modernen Monarchismus“ vertreten wollten: Das Bekenntnis zu einer konstitutionellen Monarchie unter einem Orleans. Daraus wurde später die Nouvelle Action Royaliste (NAR). Die NAR stellte zur Präsidenten-Wahl 1974 Renouvin auf, der bekam etwas über 40 000 Stimmen. Die Organisation nimmt ansonsten nicht an Wahlen teil.

Zur Präsidenten-Wahl 1981 rief die NAR zur Wahl des Sozialisten François Mitterrand auf, gegen Valéry Giscard d’Estaing oder den Neo-Gaullisten Jacques Chirac. Gaullisten hat Rémond als Erbe der Bonapartisten klassifiziert, Giscards UDF als in der orleanistischen Tradition stehend. In den 1990ern spaltete sich von der RN ein Centre royaliste d’Action française (CRAF) ab, unter P. Pujo. Der „Rest“ der RN wurde von einem Rechtskatholiken namens De Cremiers geführt. Anscheinend haben sich CRAF und RN 2010 zu einer neuen Action francaise vereinigt.

Die 1953 gegründete Rechtspartei Union de défense des commerçants et artisans (UDCA) von Pierre Poujade war nicht monarchistisch. Poujade, der zuerst für Petain, dann gegen die deutsch Besatzung gewesen war, vertrat rechte Positionen des Kleinbürgertums, wie Unzufriedenheit mit dem Steuersystem und der europäischen Einigung. Bezüglich der Kolonien war er natürlich für ihre Behaltung, v.a. von Algerien. Die UDCA bekam bei der Wahl 1956 mehr als 11% der Stimmen; zu den Abgeordneten die in die Nationalversammlung einzogen, gehörte der junge Offizier Jean-Marie Le Pen. Nach Streits und Abspaltungen bekam die UDCA bei der vorgezogenen Wahl 1958 dann weniger als 1,5%.

Was die Legitimisten betraf, über den spanischen Ex-König Alfonso XIII. wurde ja eine neue Nebenlinie der spanischen Bourbonen begründet, die den französischen Legitimisten als „Thronanwärter“ dient, nun nicht mehr mit den Karlisten (> Bourbon-Parma) verbunden. Auf Alfonso folgte in dieser Linie sein jüngerer Sohn Jaime (Jacques, Herzog von Segovia, 41-75), dessen älterer Bruder Juan Anwärter auf den spanischen Thron wurde und Vater des späteren Königs Juan Carlos. Jaimes Sohn Alfonso/Alphonse de Borbón heiratete eine Tochter von Spaniens Staatschef Franco, wurde von diesem als Nachfolgekandidat für sich (und als spanischer König) in Erwägung gezogen, er selbst wollte das auch. Jaime starb im März 1975, einige Monate vor dem „Caudillo“; zu diesem Zeitpunkt hatte  sich dieser längst auf Juan Carlos als König und Nachfolger festgelegt. 1975 wurde Juan Carlos spanischer König, sein Cousin Alfonso Thronanwärter der französischen Legitimisten – und 1977 Präsident des spanischen Ski-Verbandes69. 1984 bis 1987 war er Präsident des Spanischen Olympischen Komitees. Alfonso de Borbon starb bei einem Ski-Unfall am Rande der Ski-WM 1989 in Vail/Beaver Creek (USA). Ihm folgte sein Sohn Louis-Alphonse de Bourbon / Luiz Alfonso de Borbon (* 1974).

Bourbon-Parma übernahm 1952 endgültig die karlistische Sache, als „Übergangslösung“ Francisco Javier Anspruch auf den spanischen Thron erhob und so die zweite carlistische Dynastie begründete. Franco bürgerte Francisco Javier und seinen Sohn Carlos Hugo ein, spielte sie gegen die Bourbonen-Hauptlinie aus, auch sie waren Kandidaten für seine Nachfolge, bis zum Nachfolgegesetz von 1969.70 Es gab Gegenprätendenten zu Francisco Javier, wie einige Söhne von Alfonso XIII. Der Karlismus war hauptsächlich in Navarra stark. 1976 gab es in Spanien ein Massaker von Rechten an Karlisten, die nicht mehr so rechts waren, möglicherweise war auch Carlos‘ Bruder Sixto, der eine rechte Abspaltung anführt(e), beteiligt. 1977 wurde Carlos Hugo de Borbon-Parma Nachfolger seines Vaters als Chef des Hauses sowie der Karlisten

Viele aus dem legitimistischen Lager in Frankreich waren und sind in den politischen Katholizismus involviert, der auch in anderen Ländern nahe beim Monarchismus ist. In Frankreich wurde dieser Katholizismus, der das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, nicht zuletzt von Marcel Lefebvre und seiner Pius-Bruderschaft (1970 gegründet) hoch gehalten. Mit dem Faschismus, aber auch mit „gemäßigteren“ Nationalismus hat der Legitimismus immer seine Probleme gehabt, mit dem traditionalistischen Katholizismus passt er gut zusammen. Manche Legitimisten unterstützten auch den Widerstand gegen die Ent-Kolonialisierung, und hier war Algerien am wichtigsten. Die beiden Verschwörungs-Theoretiker bzw -Urheber Pierre Plantard und Geraud de Sède waren eine zeitlang Action Francaise-Anhänger gewesen und in rechtskatholischen Kreisen unterwegs; aber nicht Legitimisten – Plantard behauptete eine Abstammung von den Merowingern und beanspruchte als solcher den Thron Frankreichs…

Henri „VI.“ d’Orleans, der „Graf von Paris“, änderte mehrmals die Bestimmungen für seine Nachfolge. Seine Söhne Michel und Thibaut schloss er 1967 bzw 1973 von der „Thronfolge“ aus, wegen ihrer Heiraten (ohne seine Einwilligung) mit nicht „standesgemäßen“ Frauen. Da diese Nachfolge nirgendwo gesetzlich geregelt ist, in den Augen des Staates ja kein Anspruch dieser Familie auf die Herrschaft über Frankreich besteht, hat er das Recht, so zu walten. 1984 schloss er auch seinen ältesten Sohn Henri, „Graf von Clermont“, aus, wegen seiner Scheidung von Marie Thérèse von Württemberg und der zivilen zweiten Ehe mit einer ebenfalls geschiedenen Spanierin. 1987 proklamierte Henri d’Orleans seinen Enkel Jean, Henris Sohn, als Nachfolger.

In seinen letzten Jahren normalisierte sich aber das Verhältnis zwischen Henri „VI.“ und Henri „VII.“ und zweiterer wurde wieder als Erbe eingesetzt. 1987 verklagte Henri junior den Legitimisten-Prätendenten Alfonso wegen des Tragens des Titels „Duc d’Anjou“ sowie der Verwendung der Lilien-Blumen im Wappen. Wichtige Mitglieder der anderen Bourbonen-Linien, jener von Sizilien und Parma, schlossen sich der Klage an. 1988 entschied ein Pariser Gericht, dass die Nebenlinie der spanischen Bourbonen keinen mit der Gestaltung ihres Wappens und dem Tragen dieses Titels verletzten. Titel von französischen Adeligen sind schliesslich seit 1871 Ehren-Titel. 1999 starb der ältere Henri und der 1933 in Belgien geborene jüngere folgte ihm als orleanistischer Anwärter.

Henri „VII.“ war schon 1948 nach Frankreich gekommen, vor der Aufhebung des Aufenthaltsverbots. Der neue „Comte de Paris“ ist wie erwähnt in zweiter Ehe verheiratet. Sein ältester Sohn Francois war eigentlich sein erster Nachfolgerkandidat, wurde aber wegen einer geistigen Behinderung übergangen. 2006 legte sich Henri auf Jean, „duc de Vendôme“, als „Dauphin“ fest. Über seine Schwestern ist Henri mit Savoia oder Schönborn verwandt, über seine Kinder mit Liechtenstein oder Rohan. Henri d’Orleans versuchte, seinen Nachnamen von „Orleans“ auf „Bourbon“ zu ändern. Gegenüber den Behörden argummentierte er, dass dies sein wahres Patronym sei und „Orleans“ von einem Titel komme, den man jüngeren Königssöhnen zugeteilt hat71. 2000 wurde auch das von einem Pariser Gericht abgewiesen; das Urteil wurde in den Jahren danach von höheren Instanzen bestätigt.

Auch Jean d’Orleans und Luis Alfonso de Borbon sehen sich anscheinend als Konkurrenten. 200 Jahre Rivalität zwischen den Häusern bzw Familien spiegeln sich in ihrem Streit wieder. Und ihre Anhänger sind nicht nur für eine Familie, sondern für ein bestimmtes politisches Programm. Die Orleans waren wie erwähnt beim Sturz der Bourbonen 1792 und 1830 beteiligt, und das Misslingen der Restauration 1873 kann man auch auf Unstimmigkeiten zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und ihrer Orléans-Nebenlinie herunter brechen.

Bei den Bonapartes wurde Charles „Napoleon“ Bonaparte 1997 Chef des Hauses, er lebt zT in Korsika. Er strebt keine Restauration des Kaiserreichs an, sieht sich nicht als Thronanwärter bzw erhebt keine diesbezüglichen Ansprüche, auch wenn er seine Familie als „imperiales Haus von Frankreich“ bezeichnen lässt. Bonapartisten brauch(t)en nicht unbedingt eine Monarchie, sowohl Napoleon Bonaparte als auch sein Neffe kamen ja auch in anderen Funktionen an die Macht, innerhalb der Republik, proklamierten sich dann zum Kaiser und stürzten die Republik. Bonapartisten wollen ein autoritäres Regime, starke Stellung des Militärs, und einen inklusiven Nationalismus. Verschiedene bonapartistische Gruppen streben nichtsdestotrotz eine Monarchie an und denken dabei an den Sohn von Charles Bonaparte, „Prince“ Jean-Christophe Napoleon. Zu den bestehenden bonapartistischen Organisationen gehören das Mouvement Bonapartiste und das (in Korsika aktive) Comité central bonapartiste.

Es gibt eine Reihe monarchistischer Organisationen in Frankreich. Die aller-meisten sind in der Rechten angesiedelt, wenige in der Mitte. Die meisten unterstützen eine bestimmte Familie (bzw Richtung) und geben eine Zeitschrift heraus. Die 2001 gegründete Alliance Royale (AR) is eine der ganz wenigen davon, die als Partei organisiert sind und bei Wahlen antreten. Wie viele andere der Organisationen verwendet sie das Lilien-Symbol. Ihr jetziger Chef ist Yves-Marie Adeline. Die AR strebt die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie an. Ihre Wahlresultate sind sehr bescheiden. Patrick de Villenoisy von der AR wollte bei Präsidenten-Wahl 2012 antreten, bekam nicht die notwendigen 500 Unterstützungserklärungen zusammen…Bei Gemeinderatswahlen hat sie einige Mandate „erobert“. In der Sicht der Alliance Royale ist die Republik ein Spielzeug in den Händen korrupter, machtgeiler, prinzipienloser Politiker. Wahlen bewirkten nur Verschiebungen in diesem System. Die AR ist „Pro-Familie“ (gegen Homosexuellen-Ehe, Abtreibung,…) und für eine „faire Demokratie“ (für Korporatismus). Neben einer antimodernistischen Note hat sie auch eine antikapitalistische. Im Vergleich mit anderen monarchistischen Organisationen ist sie aber gemäßigt. Bezüglich des Prätendenten hält sie sich „neutral“.

Wahlplakat Alliance Royale EP-Wahl 09

Von der orleanistischen Nouvelle Action Royaliste (NAR) und der neuen Action francaise (AF; CRAF + RN) war schon die Rede. Das Institut de la Maison de Bourbon ist legitimistisch. Eben so die Union des Cercles Legitimistes de France (UCLF); viveleroy.fr steht ihr zumindest nahe. Das Rassemblement démocrate (RD) ist auch legitimistisch. Das Mouvement Bonapartiste ist eine der bonapartistischen Organisationen. Orléanisten sind u.a. die Amis de la Maison de France, Gens de France oder das Institut de la Maison Royale de France. Nennenswert sind auch Fédération des Union Royalistes de France (FURF), L’Union pour la MonarchieRenouveau françaisInstitut Louis XVIILe Lys Blanc oder Fondation Condé. Das Mouvement France et Royaute steht Legitimismus und Karlismus nahe.

Seit Anfang des 20. Jh ist in Frankreich die Frage einer Wiedereinführung einer Monarchie eigentlich vom Tisch; und zahlenmäßig sind die Monarchisten dort auch trotz ihrer Diversität klein und im Grunde unbedeutend. 1889, zur Zeit der 100-Jahr-Feier des Beginns der Revolution, waren Monarchisten schon ziemlich im Abseits; 1989 bei der 200-Jahr-Feier waren sie ein obskures Häuflein, wahrscheinlich kleiner als die Gemeinschaft der Scientologen in Frankreich. 1987 gab es ein staatliches Gedenken anlässlich der Krönung von Hugo Capet 987, zu dem u.a. eine 10-Francs-Münze herausgegeben wurde. Aber es gibt ihn, den Monarchismus in Frankreich. Julian T. Jackson schrieb 2001 (s.u.), dass es in der Vendée (Region Pays de la Loire) mit ihren Loire-Schlössern72 noch immer (land-adelige) Familien gibt, die nicht mit Leuten verkehren, deren Vorfahren während der Revolution von der Verstaatlichung der Ländereien des Klerus und Kirche (biens nationaux) profitierten.

Die Aufsplitterung auf drei Familien schwächt die monarchistische Sache insgesamt wahrscheinlich auch. Jedes Lager hat andere Präferenzen und Empfindlichkeiten. Legitimisten sehen die Revolution ab 1789 als Grundübel (Frankreich ist damals in ihren Augen auf die schiefe Bahn geraten) und jene von 1830 als gleichfalls schlecht, müssen/wollen den Absolutismus bzw das Ancien Regime verteidigen, haben eigene Erklärungen für das Scheitern der Restauration 1873. Die Orleanisten begrüssen 1789 und 1830, 1848 natürlich nicht, 1870 und 1873 sind für sie kein Problem. Bonapartisten haben mit 1814/15 und mit 1870 Probleme.

Monarchisten, besonders Legitimisten, berufen sich auf Traditionen Frankreichs, darauf dass die Könige dieses Land „gemacht“ hätten. Nur: der Sturz von Königen und (selbstgekrönten) Kaisern und die Erzwingung der Mitsprache des Volkes, das hat dort eigentlich auch eine lange Tradition, eine relevantere als jene die bis zum Ende der frühen Neuzeit ging. Und das Revolutionäre, Anti-Absolutistische verbreitete sich von Frankreich (fast) überall hin, brachte ein Ende der alten Ordnungen, neue Grundlagen für die Länder und das System des „Westens“. Ab 1789 wurde die französische Politik irgendwie ein rutschiger Abhang für die Anhänger der alten Ordnung; und eine Adaption oder Aufrechterhaltung dieser in der (bzw für die) neue(n) Zeit gelang nicht, im Gegensatz zu jenen Ländern Europas in denen sich bis heute Monarchien halten. Durch Säkularisierung und Demokratisierung ging möglicherweise etwas an Glanz und an Sakralem verloren; Monarchien passen in die Moderne aber nur in abgespeckter, nüchterner, entmachteter Form, wie in GB, Niederlande, Japan,…73 So ist die Monarchie aber auch entzaubert und ein Stück von ihren „Grundlagen“ entfernt; die Kirche ist in einem ähnlichen Dilemma.

Manche Monarchisten geben ihrem Anti-Modernismus mit dem Monarchismus nur eine Form, andere sehen sich gezwungen, aufgrund ihres Monarchismus einen Anti-Modernismus zu vertreten. Manchen geht es um das Nachtrauern von alten Privilegien, anderen um Nostalgie, beiden um eine „Flucht“ aus der Gegenwart. Es ist aber auch ein grosser Idealismus (angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Ziels) fest zu stellen.

Man weiss von zwei ziemlich bekannte Franzosen, dass sie sich zum Monarchismus bekennen. Zum einen der TV-Moderator und -Produzent Thierry Ardisson. Er „outete“ sich als Legitimist, der aber für eine konstitutionelle Monarchie ist. Über den aktuellen legitimistischen Prätendenten Louis Alphonse de Bourbon hat er ein Buch geschrieben (s.u.), dieser ist auch Taufpate seiner Tochter. Zum anderen ist da der Schreiber Lorànt Deutsch (Laszlo Matekovics, aus einer ungarisch-jüdischen Familie). Dieser erklärt sich als Orleanist; seine Haltung spielt eine Rolle in seinen Texten.

Protestanten in Frankreich sind hauptsächlich die dort früher Hugenotten genannten Calvinisten. Eine kleine Minderheit. Unter anderem aufgrund der Allianzen der Monarchisten mit dem Rechtskatholizismus ist davon auszugehen, dass sie eher Republikaner sind. Calvinisten und Königtum in Frankreich, das ist eine wechselvolle Beziehung. Der erste Bourbone am französischen Thro war ja eigentlich selbst Calvinist! Dann Louis XIV., der das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben hat und damit die „Hugenotten-Kriege“ neu aufleben liess, und seine Dragonaden gegen die Calvinisten. Im 17. Jh schrieb der protestantische Theologe  Pierre Du Moulin sein „Traite de la monarchie francoise“, in dem er diese Institution verteidigte. Viele Calvinisten haben an der Revolution mit gewirkt – aber wie viele Katholiken haben das getan? Und der Grossteil der Calvinisten/Hugenotten war gegen die Exekution von König Ludwig XVI., er hatte ihnen mit dem Edikt von Versailles zumindest gewisse bürgerliche Rechte gebracht, wenn auch nicht die freie Ausübung der Religion oder die völlige rechtliche Gleichstellung.

Weitere Erleichterungen kamen unter Napoleon mit seinem inklusiven Nationalismus, endgültige Anerkennung bzw Gleichstellung bekamen die Protestanten (und andere Nicht-Katholiken) in Frankreich aber erst in der Dritten Republik. In der Association Sully, die nahe an der Action française war, sammelten sich protestantische rechtsextreme Monarchisten, wie der Autor Noël Vesper. Der calvinistische/reformierte Geistliche Jean-Marc Daumas de Cornilhac, 1953-2013, war auch Monarchist. Auf der anderen Seite aber die Verfolgungen unter den Königen (bei Anerkennung in der Republik!), die Allianz von Krone und katholischer Kirche, ihr Freidenkertum, der politische Katholizismus zumindest der Legitimisten.

Die (genannten) monarchistischen Organisationen spielen in der Rechten Frankreichs keine grosse Rolle. Manche Monarchisten, hauptsächlich Legitimisten, schlossen sich der 1972 gegründeten Front National (FN) von Jean-Marie Le Pen an. Nicht zuletzt Kreise aus der ehemaligen AF. Die FN nahm verschiedenste rechte Strömungen, Traditionen und Organisationen in sich auf; die meisten davon waren/sind in der französischen Gesellschaft irgendwie an den Rand gedrängt bzw fühlen das subjektiv. Es gab und gibt ehemalige Nazi-Kollaborateure bzw Vichy-Regime-Mitarbeiter; Rückkehrer aus Algerien (Siedler und Soldaten) die den Verlust der Kolonie nicht akzeptier(t)en, oft auch gegen diesen Verlust kämpften, in der Terror-Organisation OAS; Siedler sowie gegen eine Unabhängigkeit eingestellte „Einheimische“ in den verbliebenen Kolonien; ausserdem traditionalistische Katholiken, Neofaschisten,…

Und Monarchisten, die die Republik und die Revolution ablehnen. Die Vorstellungen der Monarchisten decken sich teilweise mit jenen des FN-Hauptstroms bzw der Rechtsextremisten, aber in zentralen Punkten nicht. Es gibt sowohl bei der FN als auch bei den Monarchisten verschiedene Strömungen/Ansichten. Die FN insgesamt bezieht sich auch auf die vor-republikanische Geschichte, aber die Le Pens sind so etwas wie Ersatz-Könige. Die FN als Ganzes ist eine republikanische Partei; sie ist im demokratischen Betrieb, es gibt in ihr aber Elemente die Demokratie ablehnen; bzw Elemente der Demokratie, die die Partei ablehnt. Aber, gerade wegen der fortschreitenden Entfernung vo ihrem erklärten Ziel fühlen sich viele Monarchisten in der FN aufgehoben, weisen deren Anbindung an den republikanischen Parlamentarismus aber zurück.

(Auch) innerhalb der FN sind Rechtskatholiken und Monarchisten nahe beieinander, ihre Anliegen und Geschichtsbilder überlappen sich, sie können miteinander Allianzen bilden, finden in der Partei „Obdach“ – auch wenn diese ihren Anliegen gegenüber bestenfalls zurückhaltend gegenüber steht. Monarchismus in der FN ist nicht zuletzt im Parteikreis „Restauration Nationale“ (orléanistisch) vertreten, der eine Zeitung unterhält; Georg-Paul Wagner (war Parlaments-Abgeordneter für die FN, kommt aus dem AF-Bereich, Pierre Pujo, Alain Sanders oder Pierre Durand gehör(t)en diesem Kreis an. Auch Patrick Esclafer de la Rode (ein adeliger Legitimist) oder Jean de Viguerie (ein Historiker) sind Monarchisten in der FN. Das FN-nahe rechtsextreme Magazin „Minute“ ist nationalistisch-monarchistisch, nahm zB Stellung gegen „un-echte“ Franzosen im Fussball-Nationalteam.

Die Widersprüche innerhalb der FN sind gross. Verbindend sind ein Anti-Kommunismus (heute weniger als früher), Ablehnung der „herrschenden Ordnung“, Gegnerschaft zu Einwanderung und Erweiterung der französischen Nations-Definition.74 Teile der Partei sind pro-israelisch ausgerichtet (sehen es als eine Insel europäischer Zivilisation in einer Region der „Wilden“), andere halten den Anti-Judaismus aufrecht, manche beziehen sich nach wie vor positiv auf den Petainismus, für andere ist ihr Patriotismus ein anti-deutscher75, Skinheads in der FN wiederum weisen den sozialen Konservatismus der (oft adeligen) Monarchisten zurück.

Marine Le Pen, die die FN 2011 von ihrem Vater „übernahm“, steuerte sie etwas in die Mitte bzw definierte ihren Chauvinismus neu. Sie präsentiert die FN als republikanische Partei ohne faschistischen Charakter, die Anerkennung des „Mainstreams“ verdiene. Die Geschiedene hat wenig für die Katholische Kirche über, muss aber Rücksichten nehmen. Die Front National ist durch das Mehrheitswahlrecht im französischen Parlament deutlich schwächer vertreten, als es ihre Prozentanteile ausweisen. Nicht umsonst ist M. Le Pen auch im EP aktiv. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen, Abgeordnete im französischen Parlament aus der Region Provence-Alpes-Cote d’azur, ist in mancher Hinsicht das Gegenstück zu ihr. Sie ist sozial viel konservativer als die Parteichefin, sie hat nach ihrer Aussage mit „republikanischen Werten die Nase voll“ und erschien auf einer Veranstaltung der AF. Bei der demnächst statt findenden Präsidentschaftswahl liegt ein Sieg von Marine Le Pen im Bereich des Möglichen, nicht zuletzt aufgrund der islamistischten Anschläge in den letzten Jahren (Paris Bataclan oder Hebdo, Nizza,…).

Auch in kleineren Rechtsparteien sowie in der intellektuellen Neo-Rechten ist Monarchismus wenig bis nicht vertreten. In einigen dieser Parteien, wie in Philippe de Villiers‘ MPF, hat aber der Rechtskatholizismus (und ein darauf aufgebauter Nationalismus) einen hohen Stellenwert.

Die Bourbonen haben im 19. Jh überall ihre Herrschaften verloren, ausser in Spanien, wo ihre Herrschaft mehrmals unterbrochen wurde, aber bislang noch jedesmal wieder hergestellt. Juan Carlos de Borbon hat 1956 im Exil in Portugal seinen jüngeren Bruder Alfonso (versehentlich) erschossen, angeblich mit einer von Franco geschenkten Waffe. Die Restauration der Monarchie unter ihm brachte dann ja den Übergang zur Demokratie. 2014 folgte ihm sein Sohn Felipe. Im heutigen Spanien sind separatistische Bewegungen (aktuell jene in Katalonien) wohl eine grössere Herausforderung as die republikanische Bewegung.

Juan Carlos und Luis Alfonso de Borbon

Henri d’Orleans ist noch immer aktueller Prätendent des Hauses Orleans. Beeinflusst haben nach Remond die Orleans bzw Orleanisten übrigens jene Kräfte in Frankreich, die Atlantiker sind (freundlich gegenüber USA und GB) und Wirtschaftsliberale; die sind heute v.a. in der UMP. Luis Alfonso de Borbon/Louis Alphonse de Bourbon, spanisch-französischer Doppelstaatsbürger, legitimistischer Prätendent, als solcher „Louis XX.“ genannt, lebt grossteils in Spanien. Ansonsten in Venezuela, von wo seine Frau stammt. Der Ur-Enkel von Franco (über seine Mutter) und Grosscousin von Juan Carlos (über seinen Vater) spielt in Spanien gerne Eishockey. Auch bei ihm ist die Distanz zu Frankreich (dessen Thron er beansprucht) also nicht kleiner geworden als bei seinen Vorfahren. Dafür ist hier mehr Verbindung zur spanischen Hauptlinie gegeben (als von den Orleans).

Es gibt andere Zweige der französischen Bourbon-Hauptlinie. Bourbon-Condé starb 1830 aus, bald nach dem Tod von Louis Joseph (der die Emigrantenarmee führte). Bourbon-Busset ist ein unehelicher Zweig einer Nebenlinie der Bourbonen. Die Nachfahren von Karl-Wilhelm Naundorff beanspruchen wie erwähnt, Nachkommen von Louis XVII. zu sein, der nicht 1795 im Temple gestorben sei. Ein DNA-Test konnte die Behauptungen nicht stützen, im Gegenteil.

Carlos Hugo de Borbon-Parma y Busset, ab 1977 Chef des Hauses Bo(u)rbon(e)-Parma sowie der spanischen Karlisten, schlug einen links-liberalen Kurs ein, gründete die karlistische Partei PC, heiratete eine niederländische Prinzessin. Sein Bruder Sixto Enrique wurde ab 1975 von einem Teil der Karlisten anerkannt/proklamiert; es gibt zwei weitere Gegenlinien (toskanische Habsburger, Borbonen-Hauptlinie). Carlos Hugo, der sich von seiner Frau trennte und aus seiner Partei austrat, starb 2010; es gibt diverse „Nachfolger“. Bourbon-Parma-Angehörige haben u.a. in das Fürstenhaus von Luxemburg (Nassau-Weilburg) und das lange entthronte Königshaus von Rumänien (Hohenzollern-Sigmaringen) geheiratet.

Bei den Borbone delle Due Sicilie wurde nach dem abgesetzten König Francesco dessen Bruder Alfonso Chef des Hauses und Thron-Anwärter, bis 1934. Alfonsos Sohn Carlo(s) heiratete in das spanische Königshaus, war der Grossvater von Juan Carlos. Alfonsos anderer Sohn Ferdinando wurde sein Nachfolger, lebte zT im Deutschen Reich, machte Frieden mit Italien und den Savoias, die dann auch abgesetzt wurden. Nach ihm gab es einen Nachfolgestreit und seither zwei Linien, die eine (wichtigere) von Ranieri, die andere von Alfonso begründet. Nach Ranieri kam Ferdinando, seit ’08 ist dessen Sohn Carlo di Borbone delle Due Sicilie (der eine) Chef der Familie. Carlo nahm 02 gegen die Rückkehr des Sohns des letzten Königs von Italien, Vittorio Emanuele („IV.“) di Savoia, nach Italien Stellung. Es gibt in Süd-Italien eine organisierte neo-borbonische Bewegung (Movimento Neoborbonico), die nicht nur einen monarchistischen, sondern auch einen sezessionistischen Charakter hat76; wie stark sie aber ist?

Eine Monarchie bietet im Idealfall ein Staatsoberhaupt, dessen Familie tief in der Geschichte des Landes verwurzelt ist, das für Kontinuität steht und oberhalb des Zanks der Politiker und Parteien. „Ein König denkt an die nächste Generation, während ein Präsident an seine Wiederwahl denkt“, sagt Robert de Prévoisin von der Alliance royale.77 In Frankreich hat eine Monarchie aber keine Chance mehr. Es gibt einige Länder, wo es für eine Restauration relativ viel Unterstützung gibt, etwa Rumänien, Bulgarien, Serbien78, Libyen. In Europa gibt es seit Langem nur noch konstitutionelle Monarchien79, ausser-europäische Monarchien sind noch meist absolut (Saudi-Arabien,…). Für eine Abschaffung der Monarchie sind diverse Commonwealth-Staaten Kandidaten.

Schloss Chambord wurde im 1. WK vom französischen Staat konfisziert, anscheinend weil sich die Bourbon-Parmas teilweise in Österreich-Ungarn aufhielten und auch dynastische Verbindungen zum Herrscherhaus des Kriegsgegners hatten.80 Die Bourbon-Parmas, unter Enrico/Heinrich/Henri, klagten dagegen, wurden nach langem Rechtsstreit entschädigt. Im 2. WK wurde die „Mona Lisa“, das vielleicht bekannteste Gemälde der Welt, aus dem Louvre in Paris vor deutschen Besatzungstruppen im Schloss Chambord in Sicherheit gebracht. Ein US-amerikanisches Kampfflugzeug stürzte in diesem Krieg auf das Schloss, heisst es. Nach dem Krieg wurde es restauriert81 Heute ist es eine Touristen-Attraktion, ein Höhepunkt unter den Loire-Schlössern. Als der Dichter Gustave Flaubert im 19. Jahrhundert durch die verwaisten Räume des riesigen Schlosses schlenderte, sinnierte er über dieses82

Es ist alles gegeben worden, so als ob niemand es haben oder behalten wollte. Es sieht aus, als ob es so gut wie nie benutzt worden und immer zu groß gewesen sei. Es ist wie ein verlassenes Hotel, in dem die Reisenden nicht einmal ihre Namen an den Wänden hinterließen.

 

 

Literatur & Links

Edmund Daniek: Die Bourbonen als Emigranten in Österreich (1965)

Samuel M. Osgood: French Royalism under the Third and Fourth Republics (2015)

Marc Bloch: Die wundertätigen Könige (1998; Vorwort von Jacques Le Goff). Original: Les Rois Thaumaturges (1924)

René Rémond: Les Droites en France (1954, 1968)

Jean-Paul Bled: Les Lys en exil ou la seconde mort de l’Ancien Régime (1992)

Pierre Bordage: Ceux qui sauront (2008). Alternativgeschichtlicher Roman, in dem Philippe VII. 1882 die Restauration der Monarchie gelingt

Joachim Ehlers: Die Kapetinger (2000)

Georges Poisson: Le Comte de Chambord Henri V (2009)

Jean-François Chiappe: Le Comte de Chambord et son mystère (1999)

Marvin L. Brown: The Comte de Chambord. The Third Republic’s Uncompromising King (1967)

Jean-Paul Gautier: La Restauration nationale: Un mouvement royaliste sous la 5e République (1958-1993) (2002)

Kevin Passmore: The Right in France from the Third Republic to Vichy (2013)

Jacques Le Goff: Reims, Krönungsstadt (1997; französisches Original 1986)

Michel Leymarie, Jacques Prevotat: L’Action Française, culture, société, politique (2008)

Léo Hamon und Guy Lobrichon: L’élection du chef de l’Etat en France. De Hugues Capet à nos jours (1987)

François-Marin Fleutot: Des Royalistes dans la Résistance (2000)

Bruno Goyet: Henri d’Orléans, comte de Paris (2001)

Felix Markham: The Bonapartes (1975)

Ariane Chebel d’Appollonia: L’extrême-droite en France: De Maurras à Le Pen (1998)

Klaus Malettke: Die Bourbonen (2008, 2 Bände)

Jens Ivo Engels: Kleine Geschichte der Dritten Französischen Republik (1870-1940) (2007)

Jacques Bernot: Les princes cachés: Histoire des prétendants légitimistes 1883-1989 (2014)

Julian Swann: Exile, Imprisonment, or Death. The Politics of Disgrace in Bourbon France, 1610-1789 (2017)

Martin S. Alexander: French History since Napoleon (1999)

Albert Soboul, Kurze Geschichte der Französischen Revolution (1977; 2000)

Georges Poisson: Les Orléans, une famille en quête d’un trône (1999)

Victor Nguyen: Aux origines de l’action française: intelligence et politique vers 1900 (1991)

Volker Sellin: Die geraubte Revolution. Der Sturz Napoleons und die Restauartion in Europa (2001). Hauptsächlich zur Restauration von 1814/15

Erik Durschmied: Der Untergang grosser Dynastien. Bourbonen, Romanows, Tennos, Habsburger, Pahlewis, Hohenzollern (2000)

Gabriel de Broglie: L’Orléanisme: la ressource libérale de la France (2003). Der Autor, ein Historiker, gehört zu der Adelsfamilie, aus der viele monarchistische Aktivisten kamen

Henri de Pène: Henri de France (1884)

Thierry Ardisson: Louis XX – Contre-enquête sur la Monarchie (1986)

Charles-Philippe d’Orléans: Rois en Exil (2012)

Martin Blinkhorn: Carlism and Crisis in Spain, 1931–1939 (1975)

Frederick Brown: For the Soul of France: Culture Wars in the Age of Dreyfus (2011)

Pietro Colletta, John A. Davis: The history of the kingdom of Naples. From the accession of Charles of Bourbon to the death of Ferdinand I. (2009, 2 Bände)

Julian Jackson: France: The Dark Years, 1940-1944 (2001)

Arnaud Chaffanjon: Les rois: Les dynasties qui ont fait l’histoire (1972)

Eugen Weber: Action Française : royalism and reaction in twentieth-century France (1962)

Emmanuel de Waresquiel: Les lys et la République: Henri, comte de Chambord (1820-1883) (2015)

Daniel de Montplaisir: Le Comte de Chambord, dernier roi de France (2008)

Cédric Tartaud-Gineste: Les Protestants royalistes en France au xxe siècle (2003)

Sarah Hanley: The „Lit de Justice“ of the Kings of France: Constitutional Ideology in Legend, Ritual, and Discourse (2016)

Baptiste Roger-Lacan: Du royalisme politique au royalisme culturel: Attitudes de l’historien contre-révolutionnaire face aux bouleversements politiques de la fin du XIXe siècle (1866-1914). Masterarbeit Geschichte Sorbonne 2014

Jacques d’Orléans: Les Ténébreuses Affaires du comte de Paris (1999). Jacques d’Orléans schrieb ein wenig schmeichelhaftes Buch über seinen Vater Henri „VI.“

Daniel de Montplaisir: La monarchie: idées reçues sur la monarchie (2015)

Philippe Delorme (Hg.): Journal du Comte de Chambord (1846-1883) (2009)

Unbekannter Verfasser: Le comte de Chambord ou Henry V : notice historique et étude politique / par un montagnard (1871)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Hans Urbanski: Asyl im alten Österreich (1990)

Dominique Lambert „de la Douasnerie“: Le drapeau blanc en exile. Lieux de mémoire (1833-1883). D’après de nombreux documents et témoignages inédits (1998)

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste „Diktatur des Proletariats“ (2015)

Honoré Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen (1845)

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne (1886)

Christopher Othen: Franco’s International Brigades: Adventurers, Fascists, and Christian Crusaders in the Spanish Civil War (2013)

Elfi Bendikat: Wahlkämpfe in Europa 1884 bis 1889: Parteiensysteme und Politikstile in Deutschland, Frankreich und Großbritannien (1988)

Henri Vaugeois: Un Français chez le Duc d’Orléans (1901). Vaugeois war einer der Gründer der AF

René de La Croix, duc de Castries: Le Testament De La Monarchie (V): Le Grand Refus Du Comte De Chambord: La Legitimmite et Les Tentatives De Restauration De 1830 a 1886 (1970)

Reinhard Schneider: Das Frankenreich (2001)

Daniel de Montplaisir, Jean-Paul Clement: Charles X (2015)

Sixte de Bourbon-Parme: Le traité d’Utrecht et les lois fondamentales du royaume (Dissertation, 1914)

H. von Costa: Tod, Leichenbegängniss und Ruhestätte weiland Sr. Majestät Karl X. Königs von Frankreich und von Navarra (1837)

Andrea Cavaletto: La monarchie imaginée: sur le royalisme dans l’idéologie de l’Action Française. In: Diacronie N° 16, 4 (2013)

Robert Zaretsky: In the Name of God and History: The Association Sully and Extreme Right-Wing Protestantism in France, 1933-1945. In: Historical Reflections / Réflexions Historiques Vol. 25, No. 1 (Spring 1999)

Tagungsbericht: Ludwig XIV.: Vorbild und Feindbild. Die Inszenierung und Rezeption der Herrschaft eines barocken Monarchen. Zwischen Heroisierung, Nachahmung und Dämonisierung (Historisches Seminar Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2015)

Über die aussenpolitischen Präferenzen des verhinderten Königs (auf Französisch); fundiert und eingehend, aber auch sehr parteiisch zugunsten von Artois

Französische Thronfolgeregelungen durch die Jahrhunderte

Über Schloss Chambord

Über die monarchistische Szene in Frankreich

Französische Thronanwärter seit 1792

Un roi de France nommé Henri V

Jean III de Bourbon, une histoire de la légitimité sous la IIIème république

Schloss Frohsdorf („Petit Versailles“)

Über Joachim Barrande

Institut de la Maison de Bourbon (legitimistisch)

Unterstützer-Blog für die Orleans

Und noch einer

Der Blog des Grafen von Paris persönlich

Artikel von Maurras aus 1920 über Artois zum 100. Geburtstag von diesem

Royalistischer Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Apanage ist eigentlich die Abfindung der nichtregierenden Mitglieder eines Adelsgeschlechts mit Landbesitz
  2. Eigentlich schon, als er unter Ludwig XVIII. erster Thronfolgekandidat wurde
  3. Auch wenn bis zur Revolution und in der Restaurations-Zeit regionale Herrschaften durch Adelige ausgeübt wurde
  4. „Le Bourgeois gentilhomme“ von Moliere wurde 1670 in diesem Schloss ur-aufgeführt
  5. Nach anderer Darstellung bekam er das Schloss, im Zentrum Frankreichs, bereits bei seiner Geburt zugewiesen und nahm den Titel ab 1830, mit Beginn seines Exils, an
  6. Es sollen weitere ähnliche solche Münzen heraus gekommen sein
  7. Der Name „Niederösterreich“ war damals schon gebräuchlich, wurde aber erst 1918 offiziell
  8. Unter Mitnahme eines beträchtlichen Vermögens
  9. Burg Pitten und Schloss Katzelsdorf bekam sie dazu, da diese Bauten Teil der Herrschaft Frohsdorf waren – das bedeutete bis 1848 eine Herrschaft über die Gegend und ihre Menschen
  10. Diese Gedanken entstanden in Zusammenhang mit einer Reise in die osmanische Levante
  11. Die Entstehung des Norddeutschen Bundes und der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867 hingen natürlich miteinander zusammen
  12. 1848 war etwa kurz eine Änderung der Anordung der Farben in Gebrauch
  13. Victor Hugo war dagegen
  14. Es war im Deutsch-Französischen Krieg als Militärspital genutzt worden
  15. Wo seine Mutter gefangen gehalten worden war, s.o.
  16. Der vierte Sohn des Bürgerkönigs Louis-Philippe und der Maria Amalia von Neapel-Sizilien (Zwei Sizilien) war General, Historiker und Kunstsammler
  17. Wie konkret schon die Restauration bzw Henris Krönung vorbereitet wurde, zeigt dieses Detail: Louis Emile „Dick“ Bazin, der Stallmeister von Artois, mit ihm im Exil in Österreich, wurde schon beauftragt, das Pferd, auf dem der künftige König zu seiner Krönung einreiten wollte, nach Paris zu bringen
  18. „J’ai conservé, Monsieur, de votre visite à Salzbourg un si bon souvenir, j’ai conçu pour votre noble caractère une si profonde estime, que je n’hésite pas à m’adresser loyalement à vous, comme vous êtes venu vous-même loyalement vers moi. Vous m’avez entretenu, durant de longues heures, des destinées de notre chère et bien-aimée patrie, et je sais qu’au retour vous avez prononcé, au milieu de vos collègues, des paroles qui vous vaudront mon éternelle reconnaissance. Je vous remercie d’avoir si bien compris les angoisses de mon âme, et de n’avoir rien caché de l’inébranlable fermeté de mes résolutions. Aussi, ne me suis-je point ému quand l’opinion publique, emportée par un courant que je déplore, a prétendu que je consentais enfin à devenir le roi légitime de !a Révolution. J’avais pour garant le témoignage d’un homme de cœur, et j’étais résolu à garder le silence, tant qu’on ne me forcerait pas à faire appel à votre loyauté. Mais, puisque, malgré vos efforts, les malentendus s’accumulent, cherchant à rendre obscure ma politique à ciel ouvert, je dois toute la vérité à ce pays dont je puis être méconnu, mais qui rend hommage à ma sincérité, parce qu’il sait que je ne l’ai jamais trompé et que je ne le tromperai jamais. Ma personne n’est rien ; mon principe est tout. La France verra la fin de ses épreuves quand elle voudra le comprendre. Je suis le pilote nécessaire, le seul capable de conduire le navire au port, parce que j’ai mission et autorité pour cela. Vous pouvez beaucoup, Monsieur, pour dissiper les malentendus et arrêter les défaillances à l’heure de la lutte. Vos consolantes paroles, en quittant Salzbourg, sont sans cesse présentes à ma pensée : la France ne peut pas périr, car le Christ aime encore les Francs, et, lorsque Dieu a résolu de sauver un peuple, il veille à ce que le sceptre de la justice ne soit remis qu’en des mains assez fermes pour le porter.“ http://www.france-pittoresque.com/spip.php?article3493
  19. Gott öffne die Augen des Grafen (lass ihn doch noch einlenken), oder schliesse sie
  20. Die Zurückdrängung der kulturellen Eigenständigkeit des Südens (Okzitanien) begann in Folge der Niederwerfung der Katharer/Albigenser im 13. Jh, v.a. durch den entsprechenden Kreuzzug; 1271 fiel die Grafschaft Toulouse unter die direkte Herrschaft des französischen Königs. Die Langue d’oc wurde der langue d’oil unter geordnet. Ethnisch-sprachliche Minderheiten hielten sich an den Rändern Frankreichs (so wie Bretonen, Okzitanier oder Ethnien in später hinzu gekommenen Gebieten)
  21. Sie versinnbildlicht Jungfräulichkeit, Seelenreinheit, Unschuld; wurde mit den Merowingern in Zusammenhang gebracht
  22. Auch die Reichskrone wird auf diesen Karl zurück geführt
  23. Unter Papst Gregor VII. wurde das aufgehoben, der König wieder als Laie gesehen, kehrte dann zurück
  24. Englische/britische Könige beanspruchten noch bis 1800 den französischen Thron; und Calais wurde erst 1558 von Frankreich zurück erobert
  25. Und die Co-Herrschaft über Andorra, die Henri als König von Navarra damals mit einbrachte, ging auf die französischen Könige über, später auf die Präsidenten
  26.  Sicilia ulteriore, das eigentliche Sizilien, und Sicilia citeriore, das Festland-Süd-Italien, ehem. Kgr. Neapel; in einer päpstlichen Bulle aus 1265 war von Sizilien diesseits und jenseits des Leuchtturms von Messina (lateinisch Regnum Siciliae citra et ultra Pharum) die Rede
  27. Es wurde auf Grundlage der Verfassung die Legislativ-Versammlung gewählt, die erste Wahl in der Geschichte Frankreichs
  28. Nur damit kein schiefer Eindruck entsteht: Der Nationalkonvent liess 1794 auch die Sklaverei in den Kolonien abschaffen
  29. > Robert Pachmann, Franziska Schanzkowska/Anna Anderson,… Im Fall von Louis Charles de France gab/gibt es auch viele weitere angebliche Nachfahren
  30. Ihr Führer Louis de France (XVIII.) war diesbezüglich aber recht aufgeschlossen
  31. Die Loyalität des Militärs zu ihm war ein Fragezeichen (gewesen)
  32. Campbell nahm dann an der Waterloo-Schlacht teil
  33. „Les Miserables“ wie auch „Der Graf von Monte Christo“ spielen grossteils in dieser Zeit
  34. D’Orleans ging, eingewickelt in einen Trikolore-Schal und mit einem vorausgehenden Trommler, zu Fuss zum Hôtel de Ville, wo er von La Fayette öffentlich umarmt wurde
  35. In „Glanz und Elend der Kurtisanen“ kritisierte er die Omnipräsenz der Polizei unter Napoleon und seinem Minister Fouché
  36. Die Kreuzzüge, an denen Frankreich auch teil nahm, waren auch eine Form von Kolonialismus und Imperialismus gewesen. Die Gebiets-Erweiterungen Frankreichs am Kontinent (Elsass, Korsika,…) werden normalerweise nicht in diesem Kontext gesehen. Die napoleonischen Kriege schon eher. Ein guter Überblick hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_French_possessions_and_colonies#/media/File:Anachronous_map_of_the_All_French_Empire_(1534_-1970).png
  37. Als er 1815 endgültig abtreten musste, ernannte er seinen Sohn Napoleon „II.“ zu seinem Nachfolge. Dieser war in Österreich unter der Obhut der Familie seiner habsburgischen zweiten Frau, starb jung und unverheiratet
  38. Daneben hatte Napoleon Bonapartes Bruder Luciano/Lucien eine eigene, konkurrierende Linie begründet. Eine Urenkelin dieses Lucien war eine Freundin von Freud
  39. Wie Gustave Eiffel Nachkomme von Einwanderern aus Deutschland
  40. Diesen Umbruch schilderte Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem historischen Roman „Der Gattopardo“
  41. König Spaniens wurde dann ein Savoia, es folgte die 1. Republik; durch den Spanisch-Amerikanischen Krieg Ende des Jahrhunderts verlor Spanien endgültig seine Grossmacht-Rolle
  42. Es gab viele instabile Regierungen und oftmalige Wechsel in der 3. Republik
  43. Zu den Bedingungen, zu denen ihm die Nationalversammlung die Krone anbot, wollte er sie nicht; und die NV nicht eine Restauration zu Henris Bedingungen
  44. Vielleicht gebührt ihm Respekt für seine Offenheit und dass er nicht auf leisen Sohlen an die Macht gekommen ist um dann seine ultrakonservativen Vorstellungen umzusetzen, sondern diese immer vor sich her getragen hat
  45. Das Parlament bestand von da an aus 2 Kammern, Senat und Abgeordneten-Kammer; und Nationalversammlung hiess nunmehr das Parlament als Ganzes bzw bei einer gemeinsamen Sitzung; das Wahlrecht wurde auf alle Männer ausgedehnt
  46. Vor der Revolution gab es den „Marche de Henri IV“, der eine Art Hymne der französischen Monarchie war
  47. Heute feiern eine Menge Staaten an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von Frankreich
  48. Bosco und Artois hatten sich 1878 in Görz kennen gelernt; der Monarchist Du Bourg wurde nach Turin geschickt um ihn zu holen; Bosco wurde 1929 vom Papst selig- und 1934 heiliggesprochen
  49. Dann war natürlich Henri der letzte herrschende König aus der Bourbonen-Hauptlinie, und nicht Charles
  50. Der Politiker Herve de Charette stammt aus dieser adeligen, monarchistischen Familie; er war, als UDF-Politiker, Aussenminister unter Juppé, wechselte dann zu UMP, NC, UDI
  51. Darüber hier etwas, sehr parteiisch (nicht nur legitimistisch, sondern auch das Lager des spanischen Bourbonen unterstützend) und auf Französisch: http://beaudricourt.hautetfort.com/archive/2010/10/28/archives-le-droit-monarchique.html
  52. Das salische Thronfolgerecht wurde erstmals im Frankreich des 14. Jh schlagend/angewendet, im Erbfolgestreit der eine Ursache für den 100-j. Krieg mit England war
  53. Bei den Orleans waren solche Familien-Angehörige von der Thronfolge ausgeschlossen, die in ausländische Adelshäuser geheiratet hatten, was u.a. in den Fürstenhäusern von Portugal und Brasilien (Braganca) und Belgien (Sachsen-Coburg-Gotha) der Fall war; in Albanien war 1913 auch ein Orleans im Gespräch
  54. Dazu kam es nicht, aber Ludwig konnte mit dem Geld weitere Schlösser bauen lassen
  55. Moderate und radikale Republikaner fusionierten 1885 zur Demokratischen Union
  56. Wie erwähnt, war Carlos 1868 karlistischer Chef geworden, 1887 nach dem Tod seines Vaters französischer Legitimisten-Anwärter
  57. Schloss Katzelsdorf verkaufte er, um seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können
  58. Schloss Schwarzau wurde 1951 von Elias von Bourbon-Parma an Österreich verkauft; es wurde ein Frauengefängnis
  59. Manche sagen sogar, jakobinisch
  60. Seine Überreste wurden 1958 von seinem Nachnachfolger von England nach Frankreich überbracht
  61. Die ARD benannte sich immer wieder um, u.a. in Alliance démocratique (AD); sie bezog sich auf Leon Gambetta, der 1881/82 an seinem Lebensende Ministerpräsident war; einer ihrer Sptzenleute war Raymond Poincaré
  62. Der 1908 gegründete Kampfverband der Jugendorganisation der Action française hiess Camelots du roi, Pagen des Königs
  63. Siehe dazu das Buch von Othen
  64. Ihre Zeitung bestand bis 1944 weiter
  65. Die in einen Bürgerkrieg über ging und von der Franco-Diktatur abgelöst wurde
  66. Der Invalidendom diente damals der Wehrmacht als Kaserne, gleichzeitig versteckten sich Piloten alliierter Mächte und Mitglieder der Résistance darin, in der Kuppel
  67. 1951 schickte er einen Kranz, mit dem napoleonischen „N“ zum Begräbnis von Wilhelm von Preussen, Sohn des dritten Kaisers, Urenkel von jenem Wilhelm, unter dem 1870 die Bonapartes gestürzt wurden und Frankreich besetzt
  68. Übrigens, der Schauspieler „Coluche“, Michel Colucci, kündigte 1981 seine Kandidatur für die Präsidentschafts-Wahl an, zog dann zurück. In Prognosen gab man ihm immerhin 10%
  69. Zur Zeit der Erfolge von Francisco Fernandez Ochoa
  70. In dessen Vorfeld gab Jaime de Borbon, der französisch-legitimistische Anwärter, seine (ohnehin nie erhobenen) Ansprüche auf den spanischen Thron auf
  71. Ansonsten benutzt er aber die Titel, die man seinen Vorfahren zugeteilt hat…
  72. Im Krieg gegen England gebaut, als die Grenze zur damals englischen Normandie dort verlief
  73. Thailand steckt gerade mitten in dieser Entwicklung
  74. Aber auch diverse Minderheiten und Einwanderer (kamen v.a. im 19. und 20. Jh.) sind in der FN vertreten, von (den weitgehend assimilierten) Elsässern über Juden zu Maghrebinern
  75. Verbreitet ist eine Gegnerschaft zur europäischen Einigung, die von den Wurzeln her eine deutsch-französische ist
  76. Gewissermaßen die südliche Entsprechung zur Lega Nord
  77. > http://www.rtl.fr/actu/politique/qui-sont-les-royalistes-en-france-en-2016-7783121504 Artikel über Monarchisten in Frankreich heute
  78. Wo es eigentlich auch zwei regierende Königshäuser gab, die Obrenovic spielen aber schon lange keine Rolle mehr
  79. Am ehesten in Frage gestellt ist das noch in Zwergstaaten wie Monaco und Liechtenstein
  80. Dabei versuchte Sixtus von Bourbon-Parma, Sohn des Schloss-Erben, seine Schwester Zita war mit dem österreichischen Kaiser verheiratet, dann in diesem Krieg, zwischen Mittelmächten und Entente zu vermitteln bzw übermittelte das Verhandlungsangebot seines Schwagers
  81. Zu einem Zeitpunkt als eine Restauration der Monarchie in Frankreich schon ziemlich aussichtslos war
  82. In: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne