Israel und die Apartheid

 

„We know too well that our freedom is incomplete without the freedom of the Palestinians“

Nelson Mandela 19971

 

Rima Khalaf, eine der UN-Unter-Generalsekretäre, verfasste 2017 einen Bericht, in dem sie eine Apartheid-Politik Israels gegenüber den Palästinensern konstatierte. UN-Generalsekretär Antonio Guterres liess den Bericht zurückziehen bzw von der UN-Webseite verschwinden… Israels UN-Botschafter “Danny” Danon (marokkanischer Herkunft) nannte Khalaf prompt eine “Antisemitin”. Danon, der sich dafür ausspricht, die israelische Souveränität (auch offiziell) über die “Westbank” auszudehnen, gegen eine Friedenslösung mit den Palästinensern ist, der für jede “Rakete” die aus Gaza abgefeuert wird, eine Wohngegend in diesem “Streifen” “auslöschen” lassen will. Und das sind nur jene Äusserungen von ihm, die im englischen Wikipedia-Artikel über ihn trotz entsprechender Bemühungen (noch) nicht gelöscht worden sind. Zu ihm und seiner Reaktion zur Attestierung der Apartheid kann man aufgrund seines “Hintergrunds” sagen, “QED”. Aber er ragt aus seiner Partei diesbezüglich nicht heraus, ist ein normaler Likudnik.2 In diesem Artikel geht es um die Zusammenarbeit von Israel mit Südafrika zu Apartheid-Zeiten; die Gemeinsamkeiten dieser Systeme bzw die Analogie; Entwicklungen im Post-Apartheid-Südafrika mit Relevanz bezüglich Israel; Israels Politik gegenüber Afrika; diesen Systemen zugrunde liegende Denkweisen, Entwicklungen, Querverbindungen, sowie den Diskurs über Zionismus und Apartheid.

Die Zusammenarbeit von Israel und Apartheid-Südafrika

Südafrika war zu Apartheid-Zeiten einer der wichtigsten und engsten Partner Israels, was sich ja auch daran zeigt, dass sich diese Partnerschaft sehr tief in den “Sicherheits”-Bereich hinein erstreckte. Mit der Demokratisierung Südafrikas gab es einen scharfen Bruch in der Beziehung dieser Länder, vor allem fehlte jetzt das gemeinsame ideologische Fundament, das man zuvor sah.

Ein Blick zurück: Als 1910 die Südafrikanische Union (als britisches Dominion) entstand, waren Nicht-Weisse (die Bevölkerungsmehrheit) bereits klar Bürger zweiter und dritter Klasse. Innerhalb des weissen Bevölkerungssegments gab es eine Trennlinie, die nicht (ganz) deckungsgleich mit jener zwischen Afrikaans- und Englisch-Sprachigen war, jene zwischen den Anhängern der SAP (South African Party) und der NP (Nasionale Party, Vorgängerin der Apartheid-Partei). Dieser Konflikt drehte sich hauptsächlich um das Verhältnis zu Grossbritannien und entzündete sich im 1. Weltkrieg vollends. In der Zwischenkriegszeit wurde die NP öfters an Regierungen der SAP beteiligt, vereinigte sich schliesslich 1934 mit ihr zur United Party (UP). Ein Teil der NP, unter Daniel F. Malan, gründete aber 1935 die Gesuiwerde Nasionale Party (GNP). Als in Europa der “2. Weltkrieg” ausbrach, spaltete sich die UP, Premierminister James B. Hertzog3 war dafür, dass Südafrika neutral bleibt, der Flügel um Jan C. Smuts für den Kriegs-Eintritt an der Seite von GB bzw den Alliierten. Smuts setzte sich durch, wurde Premier, Hertzog einigte sich zunächst mit Malan und der GNP, auf die Gründung der Herenigde Nasionale Party (HNP).

Zu den Differenzen zwischen Hertzog und Malan gehörte, dass zweiterer für einen Kriegseintritt an der Seite des nationalsozialistischen Deutschen Reichs bzw der Achsenmächte war. Daher spaltete sich eine Fraktion unter Hertzog von der HNP ab, gründete die Afrikaner Party (AP). Während südafrikanische Truppen in Afrika, Europa und Asien an der Seite der Alliierten kämpften, gab es in Südafrika viel Aktivismus für Nazi-Deutschland, von Organisationen wie der Ossewabrandwag (OB), aber auch der oppositionellen HNP unter Malan.4 Das Hitler-Regime sah ausser-europäische Kolonien nicht als Priorität (eher die Weltherrschaft), erwartete aber von einer mit ihm sympathisierenden Regierung Südafrikas eine Rückgabe von Südwestafrika, des ehemaligen deutschen Schutzgebiets (das wichtigste), das seit dem 1. WK von Südafrika verwaltet wurde. “Dafür” sollte sich Südafrika britische Kolonien im südlichen Afrika einverleiben, wie Swaziland, Bechuanaland (> Botswana), Basutoland (> Lesotho) und Southern Rhodesia (> Zimbabwe).

Aber, bei der Wahl 1943 setzte sich nochmal klar die UP vor der HNP durch; und das war einige Monate nach der Kriegswende in der Schlacht von Stalingrad. In beiden weissen Lagern gab es Sympathie für die Sache der Zionisten in Palästina (die zu jener Zeit auch konkretisiert wurde), sah man Gemeinsamkeiten zu Anliegen der Weissen in Südafrika. Jan Smuts (SAP, UP), der probritische, in der Zwischenkriegszeit dominierende Politiker, hatte Kontakte zu Chaim Weizman und der zionistischen Bewegung. Er unterstützte die Gründung Israels, über seine Verbindungen mit wichtigen britischen Politikern. Die engen Beziehungen zwischen Südafrika und Israel wurden von ihm begründet. Südafrika war unter den 33 Staaten, die 1947 für den umstrittenen UN-Teilungsvorschlag für Palästina stimmten, einer von nur 4 Commonwealth-Staaten. Und es war einer der ersten Staaten, die die Ausrufung “Israels” in Palästina anerkannten. Diese Proklamation geschah am 14. Mai 1948, wenige Wochen später wählte Südafrika, bzw seine weissen Bürger5, ein neues Parlament.

Die HNP besiegte die UP, bildete eine Koalition mit der AP, Daniel Malan wurde Premier. Die beiden Parteien vereinigten sich einige Jahre später zur (neuen) Nationalen Partei (NP). Während in Südafrika auf Grundlage einer sauberen (nicht geschobenen) Wahl6 die Apartheid-Politik begann, lief in Palästina die entscheidenden Phase der Nakba an. Und in diesem “israelischen Unabhängigkeitskrieg” gab es schon eine Unterstützung durch Südafrika für die zionistische Seite. Jedenfalls liess die südafrikanische Regierung tausende Juden aus Südafrika nach Palästina ziehen, wo sie für die Gründung Israels kämpften.7 Israel war bzw wurde Teil des global vorherrschenden weissen Systems. Die Apartheid in Südafrika brachte ein Ende einer “milden” Rassentrennungs- (und -diskriminierungs) politik, brachte für die Nicht-Weissen weitere Verschlechterungen, Entmachtungen; nicht umsonst hatte auch ein Wahlkampf-Slogan der NP gelautet “Die kaffer op sy plek”.8 Sie brachte aber auch eine schrittweise Machtübernahme der Afrika(an)ner/ Buren auf Kosten der Englisch-Sprachigen. Buren standen von nun an vorwiegendst hinter der regierenden NP, englischsprachige Weisse hinter der oppositionellen UP. Die Juden Südafrikas standen meist an der Seite der Englischsprachigen, mit denen sie Vieles teilten, bzw waren (sind) Teil davon.

Die von der NP gestellten südafrikanischen Regierungen sahen die Juden im Land als Weisse, was auch kohärent war, da der allergrösste Teil davon aschkenasisch war, die meisten litauischer Herkunft. Und somit hell genug9, im Gegensatz zu vielen Israelis, die damals (meist frisch umgesiedelt) selbst noch Bürger zweiter Klasse waren. Ausserdem konnte man es sich angesichts der demographischen Verhältnisse nicht leisten, einen Teil der Bevölkerung den “Farbigen” zuzuschlagen, der für die “Weissen” in Frage kam. Man wollte Juden auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht vergraulen. Es gab auf der Seite der Buren/Afrikaaner die typische rechte Bewunderung für Israel10, hier verstärkt durch die Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und den (zum Teil fundamentalistischen) Calvinismus. Der klassische Antisemitismus bei rechten Afrikaanern trat unter diesen Umständen in den Hintergrund, auch dies klassisch.

Buren haben die Portugiesen einst als „Seekaffer“ verachtet… dann aber viele von ihnen “eingevolkt”11. Und die portugiesische Kolonialherrschaft im südlichen Afrika wurde nun auch ein Verbündeter der weissen Minderheitsherrscher Südafrikas; nach ihrem Ende strömten auch wieder portugiesische Siedler von dort nach Südafrika. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Zu Apartheid-Zeiten waren in Südafrika natürlich nur weisse Einwanderer erwünscht. Aber: Katholiken, Anglosachsen sowie Ost-Europäer waren eigentlich unerwünscht. Es blieben Niederländer, Deutsche, Skandinavier…12 Die heutigen Schwierigkeiten von burischen Rechten bei der internationalen Zusammenarbeit und dem Allianzen-bilden im Inneren stehen auch in diesem Zusammenhang.

Malan besuchte Israel das erste Mal 1953.13 Jener Malan, der 1930 als Innenminister ein Einwanderungsgesetz ausarbeitete, das Nordwest-Europäer bevorzugte und jüdische Einwanderung erschwerte. Als 1937 unter einer UP-Regierung ein neues Gesetz die Einwanderung nach Südafrika betreffend kam, protestierte der damalige GNP-Chef und Oppositionsführer Malan dagegen, forderte u. a. das Verbot jüdischer Einwanderung, die Streichung von Jiddisch als anerkannte europäische Sprache die Einwanderung betreffend, keine weiteren Einbürgerungen jüdischer Immigranten, das Verbot der Ausübung gewisser Berufe für Juden.14 Malans Nachfolger als Premier, Johannes G. Strijdom, klagte in seinen früheren Jahren über den “britisch-jüdischen Kapitalismus“. Hendrik F. Verwoerd wurde während seines Studiums in Deutschland (vor der NS-Zeit) mit völkischen Ideologien bekannt. Später protestierte er in Südafrika gegen den Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten und gegen die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge. Johannes B. Vorster war zu dieser Zeit in der Ossewabrandwag aktiv. Auch Pieter W. Botha beteiligte sich an Aktionen, die sich gegen die Beteiligung Südafrikas am Kampf gegen Nazi-Deutschland richteten. Sie alle fuhren dann als Herrscher Südafrikas eine pro-israelische Politik. Auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Die Zusammenarbeit zwischen Südafrika (wo Nicht-Weisse Menschen zweiter und dritter Klasse waren) und Israel (das sich damals über ein Gebiet erstreckte, das von Nicht-Juden grossteils “gesäubert” war) war in den 1950ern und frühen 1960ern hauptsächlich eine wirtschaftliche. Jene im „Sicherheits-” (Unterdrückungs-) Bereich kam erst danach auf Touren. Südafrika hatte für die Weltwirtschaft wichtige Bodenschätze, Gold, Diamanten, Uran, und der Handel mit den grossteils von “farbigen” Arbeitskräften geförderten Rohstoffe war seit Ende des 19. Jh die Stütze der Wirtschaft des Landes. Der Handel mit Diamanten war zentral in der israelisch-südafrikanischen Partnerschaft, und diese schloss die südafrikanischen Juden zu einem Dreieck mit ein. Anglo-American/DeBeers (Ernest Oppenheimer) kontrollierte die Förderung in Südafrika und ihre Verarbeitung in Israel (v.a. von Industriediamanten) sowie in Antwerpen (v.a. für Schmuck), dominiert(e) den Weltmarkt. Theophilus E. Dönges, damals Innenminister des Apartheid-Regimes15, hat zB 1953 bei einer Feier der jüdischen Gemeinde von Worcester (damals Kap-Provinz) gesagt, es gäbe sicherlich eine “Verwandtschaft” zwischen Juden und Afrikaanern und gratulierte zu den wirtschaftlichen Errungenschaften der Juden.

Den South African Jewish Board of Deputies (SAJBD) befriedigten solche Bezeugungen bezüglich der Lage der Juden in Südafrika unter NP/Apartheid-Regierungen. Die Beziehung war aber nicht unkompliziert. Zumal die Juden Südafrikas englisch geprägt waren und auch überwiegend die Oppositionspartei UP wählten. In der UP gab es verschiedene Flügel, die sich hauptsächlich an der Haltung zur Apartheid bzw zur Mitbestimmung der Nicht-Weissen schieden. 1959 spaltete sich der liberale Flügel der UP, mit Helen Suzman und anderen Juden, ab und gründete die Progressive Party (PP).16 Als Suzman 1959, noch als UP-Abgeordnete, im (weissen) Parlament die Behandlung von schwarzen Arbeitern auf weissen Farmen thematisierte, kam von NP-Abgeordneten gleich der Hinweis auf die jüdische Identität von ihr und anderen UP-Politikern. Ein gewisses Ressentiment hielt sich bei rechten Afrikaanern gegenüber Juden, bei aller Bewunderung für Israel, kam hie und da zum Vorschein.

Israel konnte sich an den Westen anlehnen (anfangs hauptsächlich Frankreich, ab dem Krieg 67 die USA), ging Allianzen mit “antikommunistischen” Regimen wie der Militärdiktatur über Argentinien ein17, versuchte Verbündete in der weiteren Region zu finden18 (wie Iran unter dem letzten Schah19), und, es versuchte auch, in der “Dritten Welt” Einfluss zu gewinnen20 – so auch in Schwarz-Afrika ab den 1950ern. In dieser Phase stimmte es zweimal, 1961 und 1966, in der UN gegen Südafrika, ging auf Distanz zur Apartheid, um Alliierte unter den unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten zu finden. 1961 ging es um eine Resolution zur Verurteilung der Apartheid21, 1966 um die Aberkennung des Mandats über Südwestafrika (Namibia). Dadurch wurde die Beziehung mit Apartheid-Südafrika kühler, konkret von Anfang der 60er bis 73, wobei 67 schon eine Rückverschiebung brachte.22 Südafrikas Premier 1958-1966, Hendrik Verwoerd, empörte sich 1961:

“Israel is not consistent in its new anti-apartheid attitude … they took Israel away from the Arabs after the Arabs lived there for a thousand years. In that, I agree with them. Israel, like South Africa, is an apartheid state.”

Ausserdem schrieb Verwoerd damals einen privaten Brief, der öffentlich wurde, in dem er Israels aktuelle Politik mit den Juden Südafrikas in Verbindung brachte, deren Unterstützung der PP, ihren Verbindungen zu Israel, und ausschloss, dass seine Regierung/Partei jemals “antisemitisch” agieren würde. Der SAJBD hat danach seine Loyalität “zu Südafrika” bekundet, beziehungsweise zu dem Regime, das gut zwei Drittel der Südafrikaner von politischer und ökonomischer Partizipation ausschloss. Israel hat aber auch damals mit diesem Regime an einem Strang gezogen. Etwa beim Versuch der Sezession Biafras von Nigeria 1967-70; dass auch Portugal dabei mit an Bord war, unterstreicht, dass es nicht um afrikanische Anliegen ging, im Gegenteil.23 Und, entgegen der diplomatischen Offensive gegenüber Afrika begann Israel in den 1960ern auch mit einer nuklearen Zusammenarbeit mit dem Apartheid-Regime. Uran-Lieferungen Südafrikas gegen nukleare Technologie und Know-how von Israel. Südafrika begann sein (zunächst ziviles) Atomprogramm so, Israel (das schon einige Schritte näher bei der Atombombe war) fand einen Partner der Frankreich ersetzte. Bei Israels Krieg 1967 half Südafrika unter Premierminister Vorster u.a. mit der Lieferung von Kampfflugzeugen.

Die Apartheid wurde nicht selten mit dem Kalten Krieg und Antikommunismus argumentiert; die globale Block- bzw Systemkonfrontation begann auch ziemlich parallel zum Apartheid-System in Südafrika. Die Vorenthaltung staatsbürgerlicher bzw politischer Rechte für Menschen, die man als “rassisch minderwertig” betrachtete, konnte so etwas beschönigt werden – heute verwendet man dafür gerne das “Islamismus”-Etikett. Dass die (erste) kommunistische Partei Südafrikas, die CPSA, auch für Nicht-Weisse offen war und Gleichberechtigung der schwarzen Völker Südafrikas (Zulus, Xhosas,…), der Asiaten und “Farbigen” befürwortete, sagt aber etwas Gutes über diese Partei aus, nicht etwas Schlechtes über diese Gleichberechtigung… Der NP-Propaganda fiel es aber so leichter, politische Rechte für Schwarze mit Kommunismus zu verbinden. Die CPSA wurde 1950 verboten, einige Jahre später im Untergrund als SACP neu gegründet.

Brian Bunting’s Vater war einer der Gründer der CPSA gewesen, er engagierte sich in der SACP. Im 2. WK diente Brian Bunting im südafrikanischen Militär; er weigerte sich zunächst an diesem Krieg teilzunehmen, in dem “zwei imperiale Mächte um mehr Territorium kämpften”, änderte aber seine Meinung, nachdem Nazi-Deutschland die SU angegriffen hatte. 1952/53 war er einer von drei (weissen) Abgeordneten, die Schwarze wählen durften – etwas, das dann auch bald abgeschafft wurde. 1953 verlor er seinen Parlamentssitz wegen seines kommunistischen Aktivismus’. Er arbeitete fortan als Journalist, und im Zentralkomitee der SACP, die sich im Untergrund mit dem African National Congress (ANC) verbündete. 1963 musste er ins Exil gehen, wie viele andere Anti-Apartheid-Aktivisten, nach GB. 1964 kam von ihm „The Rise of the South African Reich“ heraus, eine Analyse des Apartheid-Systems (siehe Literatur). 1991 konnte er nach Südafrika zurück kehren, durch die erste freie Wahl 1994 wurde er wieder Abgeordneter.

Die meisten südafrikanischen Juden unterstützten die Apartheid nicht, forderten sie aber nicht heraus. Die Juden Südafrikas (deren Zahl sich seit Jahrzehnten konstant bei etwas über 100 000 hält) unterstütz(t)en Israel durch immense Geld-Überweisungen (Schenkungen). Da das Apartheid-Regime Südafrikas und Israel sehr lange eng zusammen arbeiteten, gab es, wie erwähnt, ein Dreieck zwischen diesen und den südafrikanischen Juden (dem Hauptstrom). Der Hauptstrom der südafrikanischen Juden lehnte sich an die englischsprachigen Weissen an, und deren “elastische” Liberalität.24 Die offizielle Organisation der Juden in Südafrika, der SAJBD, hielt sich zur Apartheid-Zeit dieser gegenüber sehr zurück mit Kritik; mit Kritik an (echter) jüdischer Opposition zur Apartheid tat man sich schon leichter. Juden, die die Apartheid offen bzw aktiv unterstützten, waren selten. Vera Reitzer ( 1921–2006, geborene Schön), eine Holocaust-Überlebende aus Europa, war so eine.25

Sie schloss sich der NP an, als diese Rassengesetze erliess, die an die Nürnberger Gesetze von 1935 erinnerten. Rassengesetze auf Grundlage der Einteilung der Bevölkerung in vier Rassen (s.o.). Verteidigte die Apartheid auch mit der “Gefahr des Kommunismus”, liess aber gegenüber McGreal vom “Guardian” durchblicken, dass sie Schwarze für minderwertiger hielt. Sie war ein respektiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde Johannesburgs, im Gegensatz zu jenen Juden, die die Apartheid bekämpften. Der Grossteil unterstützte aber weder NP noch SACP, sondern PP oder UP (bzw ihre Nachfolgeparteien). Nachdem Premier Verwoerd 1966 im Parlament getötet wurde, sagte der damalige Verteidigungsminister Pieter Botha dort zur PP-Abgeordneten Suzman auf Afrikaans, „Ihr Liberalen habt es getan, wir kriegen euch.“ Es war aber ein Parlamentsdiener mosambikanisch-griechischer Herkunft gewesen, im Apartheid-System als „Farbiger“ eingestuft, nicht privilegiert wie Suzman. Und die Liberalen sind eben immer davor zurückgeschreckt, das Apartheid-System wirklich heraus zu fordern, die Grenzen zu überschreiten, die ihnen dieses System setzte. Und Botha (der 1977 auf einem NP-Parteitag sagte, Südafrika entwickle sich in eine Richtung in der sich Israel seit 1948 befinde) entschuldigte sich dann bei Suzman.

Der Vice-Chancellor (also Rektor) der Universität Stellenbosch, J. S. Gericke, sagte 1968 auf einem Kongress des FAK (wie der Afrikaner Broederbond/AB, dem Gericke ebenfalls angehörte, ein wichtiges Afrikaaner-Netzwerk) vor einem Trend zu offenen Diskussionen und schädlichen Einflüssen aus dem Westen, nannte dabei den (jüdischen) französischen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit. Von Israel hatte aber auch Gericke eine hohe Meinung. Cohn-Bendit ist heute auch auf zionistischer Linie. Und eine Diskriminierung von Juden gab es nicht unter der Apartheid. Der Patient, dem Christiaan Barnard 1967 als erstem Menschen ein Herz transplantierte, war ein ebenfalls aus Litauen stammender Jude, der von dort aber erst spät auswanderte, zur frühen SU-Zeit.26

Südafrikanische Juden die aktiv gegen die Apartheid kämpften, wie die Slovos, Dennis Goldberg oder Ronald Kasrils, machten einen überproportionalen Anteil in diesem Kampf aus (zumindest unter Weissen, als die sie galten); diese Juden waren/sind meist auch antizionistisch und weich(t)en nicht nur in dem Punkt von der Linie der offiziellen Organe der Juden Südafrikas ab. Diese Juden waren in CPSA bzw SACP aktiv und radikaler Widerstand gegen die Apartheid von Weissen gab es eigentlich nur dort (oder direkt im ANC, mit dem die SACP verbunden war). Als der damalige südafrikanische Präsident Jacob Zuma in einer Grussbotschaft zur Konferenz des SAJBD 2015 der jüdischen Gemeinschaft Südafrikas eine historische Rolle beim Kampf gegen die Apartheid gutschrieb, hat er die Definition von diesem Widerstand wahrscheinlich auch auf die Progressive Party und die Suzmans ausgedehnt. Es gab/gibt auch solche, die “dazwischen” standen/stehen; wie Arthur Goldreich, ein Künstler, der bei der Schaffung Israels militärisch mithalf, nach Südafrika auswanderte, sich dort gegen die Apartheid engagierte (nicht in der PP sondern in der SACP und im Umkreis von Mandela), 1963 verhaftet wurde, über Swasiland flüchtete, wieder nach Israel ging, diesen Staat aber auch kritisierte27, ein moderater/kritischer Zionist wurde/blieb.

Die Ent-Kolonialisierung Afrikas nach dem 2. WK kam ja besonders in den frühen 1960ern in Gang. Südafrika war ein Sonderfall, eine Art innere Kolonialherrschaft, ähnlich wie in (Süd-) Rhodesien, wo sich die Siedler unabhängig von der Kolonialmacht erklärten. Algerien (in “Braunafrika”) wurde von der Kolonialmacht als Teil des Mutterlands gesehen – nicht aber das Gros der Bevölkerung…28 Während dort 1962 ein blutiger Unabhängigkeits-Kampf zu Ende ging, wurde die DR Kongo (nach der Unabhängigkeit 1960) Opfer von westlichem Neo-Kolonialismus. Die globale Entkolonialisierung bewirkte, dass es in internationalen Gremien (von den UN bis zum IOC) zunehmend nicht-weisse Mitgliedsstaaten gab, die die “Beseitigung” der Reste des westlichen Kolonialismus andernorts vorantrieben. In Südafrika war es hauptsächlich der ANC, der den Kampf aufnahm und, nach der Verhaftung von Nelson Mandela und Anderen, vom Untergrund bzw dem Exil weiter führte. Die Situation im südlichen Afrika radikalisierte sich in den 1960ern, der ANC tat sich mit der SWAPO (Südwestafrika/Namibia, von Südafrika beherrscht), MPLA (Portugiesisch-Westafrika/Angola), FRELIMO (Portugiesisch-Ostafrika/Mocambique), ZANU (Rhodesien/Zimbabwe) zusammen, die ähnliche Kämpfe führten.

Und, die SU (bzw der Ostblock) begann, antiimperialistische Kräfte in Afrika zu unterstützen29, während die Kräfte der weissen Vorherrschaft in der Region mit dem Westen verbündet (bzw Teil von ihm) waren, somit wurde das südliche Afrika für einige Jahrzehnte Schauplatz des Kalten Kriegs. Viele unabhängige afrikanische sowie asiatische Staaten unterstützen den “antiimperialistischen Block”, auch manche arabische und islamische Staaten (nicht zB Iran unter dem Schah oder Saudi-Arabien). Israel war aber ohnehin längst auf der Gegenseite. Arbeitete mit Apartheid-Südafrika auch schon eng zusammen bevor Gamal-Abdel Nasser in Ägypten an die Macht kam (1952 bzw 1954) und zB den Unabhängigkeitskampf Algeriens unterstützte. Dem Apartheid-Regime gelang es aber sogar in Schwarzafrika “Partner” bzw nützliche Idoten zu finden, mehr zur Detente-Politik unten.

Ja, Nelson Mandela hatte die Courage und den Stolz, sich am Guerilla-Krieg gegen die Apartheid-Politik in seinem Land zu beteiligen. Das wurde durch sein Versöhnungswerk nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1990 (während seiner Präsidentschaft, davor und danach) ganz in den Hintergrund gedrängt (und auch diese Unterdrückungspolitik selbst…), aber es gab vor dem grossväterlichen, milden Nelson Mandela (glücklicherweise) einen anderen.30 Als Mandela 1962 verhaftet wurde (angeblich nachdem die CIA die Apartheid-Behörden über seinen Aufenthaltsort informierten), hatte er bei den Verhören mit dem Polizei-Offizier “Rooy Rus” Swanepoel zu tun, einem grossen Israel-Freund. Mandela bekam den Friedens-Nobel-Preis 1993 nicht für seinen Widerstand gegen das Apartheid-System, sondern für seine Verhandlungen bzw die Einigung mit diesem…

Sein Haupt-Verhandlungspartner, der damalige südafrikanische Präsident Frederik W. de Klerk, bekam zusammen mit ihm den Preis.31 Beim aktuellen Dalai Lama (T. Guatso) oder Aung S. S. K. war Widerstand gegen ein diktatorisches System ausreichend (in diesen Fällen zwei nicht-westliche), nicht eine Einigung mit diesem. Widerstand gegen westliche Diktaturen wird selten belohnt, auch literarischer nicht. Mandela bekam Rettungsringe zugeworfen, als er das rettende Land bereits erreicht hatte. Ende der 1980er, Anfang der 1990er war die Ablehnung der Apartheid schon ziemlich konsensfähig und hegemonial (auch) im Westen geworden – und leitete De Klerk ihr Ende ein.32

Nach dem “Nahost”-Krieg von 1973 brachen die meisten schwarzafrikanischen Staaten die Beziehungen zu Israel ab. Und Israel tat sich mit dem in Afrika ebenfalls isolierten Südafrika wieder enger zusammen, enger als vor der israelischen „Entwicklungshilfe“-Offensive. Die DR Kongo/ “Zaire” unter Diktator Mobutu brach 73 für 10 Jahre die Beziehungen zu Israel offiziell ab, unterhielt aber auch in dieser Phase enge Beziehungen. Israel hatte wie die USA auf Mobutu (und das Militär) gesetzt, Belgier auf Franzosen auf Tschombé (und Katanga), und sich unter diesem militärisch und wirtschaftlich stark im Land involviert (siehe auch unten). Aber hauptsächlich wurde die Kollaboration mit Apartheid-Südafrika enger. Und man sah dieses von israelischer Seite zunehmend als “verwandten” Staat, von einer heuchlerischen Welt unfair verlassen und verurteilt, Opfer eines Bündnisses der Dritten Welt, der Araber, der Kommunisten,…, vom Westen nicht genug wertgeschätzt.33

Yosef “Tommy” Lapid, als Tomislav Lampel in Jugoslawien geboren, 1948 nach Israel ausgewandert, war, bevor er Ende der 1990er, Anfang der 2000er Politiker wurde (03/04 Justizminister und Vize-Premier für seine Shinui-Partei) u.a. Journalist. Der im Westen als “liberal” geltende schrieb 1974 in ”Maariv” (14. März) eine Tirade gegen Afrika und eine Anpreisung Apartheid-Südafrikas mit dem Titel “Le’maan D’rom Africa Lo Esheshe” – transkribiert aus Hebräisch, “Um Südafrikas willen will ich nicht schweigen”, in Abwandlung eines jüdischen Gebets. “Die angeblich befreiten afrikanischen Staaten sind zum grössten Teil ein schlechter Witz und ein Affront gegenüber der menschlichen Würde… Vor einigen Wochen wurde Professor Bakers Forschung in Grossbritannien veröffentlicht, darin wird u.a. die Geschichte von Juden und Negern in New York verglichen… Offensichtlich gibt es einen vererbbaren Unterschied im Intellekt zwischen jemandem, dessen Vater im Dschungel lebte und jemandem, dessen Vorfahren Priester im Tempel waren, wie es D’Israeli schon ausgedrückt hat… Es ist sehr schade, dass es Südafrikas weisse Herrscher nicht fertiggebracht haben, der schwarzen Mehrheit in ihrem Land den grössten Teil der Bürgerrechte zuzugestehen. Ich denke, sie hätten es getan, wenn sie nur darauf vertrauen hätten können, dass die schwarze Mehrheit nicht die weisse Minderheit unterdrückt, sie beraubt und ein reiches und prosperierendes Land in eine weitere Parodie von politischer Unabhängigkeit zu verwandeln…

…Um alles in der Welt, wenn ich wählen muss zwischen der Freundschaft des jetzigen Schwarzafrika und jener eines weissen, organisierten und erfolgreichen Landes mit einer blühenden jüdischen Gemeinschaft, dann wähle ich Südafrika. Es ist nur schade, dass wir gewartet haben bis uns die Neger hinausgeschmissen haben.”34

Eine Resolution der UN-Generalversammlung 1975, die den Zionismus als rassistisch verurteilte, ging hauptsächlich auf die neue arabisch-afrikanische “Allianz” zurück. Mit der portugiesischen Entkolonialisierung infolge des Sturzes der Diktatur im Jahr davor wurde das südafrikanische Regime für die USA bzw den Westblock wichtiger, als Bekämpfer von Kommunismus in Angola und Mocambique. Und Südafrika brauchte dafür (mehr) israelische Unterstützung. An der Spitze des Apartheid-Regimes stand nach Verwoerds Ermordung 1966 Johannes Vorster, als Premier bis 1978. Vorsters Besuch in Israel im April 1976 machte die engen Beziehungen zwischen den Regimen deutlich. Beit-Hallahmi beginnt sein Buch “Schmutzige Allianzen” nicht umsonst mit dem Kapitel “Vorster in Jerusalem”. Viele geheime gemeinsame Projekte wurden bei dem Staatsbesuch in die Wege geleitet, darunter auch die Vertiefung der nuklearen Zusammenarbeit (s.u.). Vorster machte mit seinen Gastgebern auch den Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte “Yad Vashem” in Jerusalem, er der während des Holocausts in Europa in den Reihen der Ossewabrandwag für die Nazis Stimmung gemacht hatte (und dafür interniert worden war), legte dort einen Kranz nieder, verhielt sich taktvoller als seine israelischen Gastgeber, wie Beit-Hallahmi schrieb.

Premierminister Yitzhak Rabin liess Vorsters Vergangenheit auch beim Staatsbankett (mit Verteidigungsminister Peres, Oppositionschef Begin,…) unerwähnt und kein schlechtes Haar an dessem gegenwärtigen Wirken. Im Gegenteil, er pries diesen als “Kämpfer für Freiheit”, sprach von “gemeinsamen Idealen” von Israel und Südafrika35, die sich beide gegen “von aussen gesteuerte Destabiliserung” erwehren müssten. Vorster wiederum schwärmte davon dass Israel und Südafrika “Opfer der Feinde der westlichen Zivilisation” seien. Währenddessen herrschte Israel nicht nur über die nach der Nakba gebliebenen Palästinenser, sondern auch über die 1967 besetzten Gebiete (und ihre Einwohner), und Südafrika nicht nur über die Nicht-Weissen im Land und über Südwestafrika, seine Armee war 1975 auch in Angola eingefallen. Das Jahrbuch der südafrikanischen Regierung 197636 charakterisierte die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten so:

“Israel and South Africa have one thing above all else in common: they are both situated in a predominantly hostile world inhabited by dark peoples.”

Die nächsten 10 Jahre lief die Beziehung intensiv weiter, mit Staatsbesuchen, Abkommen, Zusammenarbeit auf den verschiedensten Gebieten (von Atomwaffen bis zu den Homelands), abgestimmtem Stimmverhalten in der UN und anderen internationalen Organisationen,… Die Niederschlagung des Soweto-Aufstands im Juni 1976 geschah wahrscheinlich mit israelischen Waffen. Die Zusammenarbeit wurde intensiver, als die USA unter Präsident Carter (1977-1981) Südafrika nicht mehr alles durchgehen liess. Es war hauptsächlich eine Liebesaffäre der “Sicherheits”-Establishments der beiden Länder; darin war diese Zusammenarbeit auch ziemlich unumstritten. Und Israel war der wichtigste Unterstützer des Apartheid-Regimes. In Israel gab es wenig Opposition dazu, am ehesten in den aus der Mapam-Partei hervor gegangenen Gruppierungen.37 Das UN-Waffenembargo bezüglich Südafrika von 1977 kümmerte Israel nicht.

Nach 1973 gab es eine mehr oder weniger direkte Teilnahme an den Kriegen des anderen Partners. Etwa israelische Berater in der südafrikanischen Armee in   Angola. Beide Regime wollten die Nachbarn und die Region (“Frontstaaten”) destabilisieren. Und, was für Israel die Peripherie-Strategie war, “Verbündete” in der weiteren Region zu finden, war für das Apartheid-Regime die Detente-Politik; Malawi unter Banda kollaborierte mit ihm, Savimbis UNITA war ein Werkzeug von ihm,… In Zaire/Kongo stützten Südafrika und Israel beide Mobutu. Dass Südafrika im südlichen Afrika eine Regionalmacht war (trotz oder wegen der Apartheid), auch wirtschaftlich, hatte auch stark mit dem Wirken von Anglo-American zu tun.38 Es gab auch eine Einwanderung von Israelis nach Südafrika (zT in offizieller „Mission“). Und eine Auswanderung von Juden aus Südafrika nach Israel.

Die nukleare Zusammenarbeit war die pikanteste und geheimste der beiden Regime und basierte auf ihren Ähnlichkeiten. Durch das 2010 veröffentlichte Buch von Sasha Polakow-Suransky, “The Unspoken Alliance”, wurde eigentlich nichts Neues darüber bekannt, eher das Bekannte weiter verbreitet. Israel hatte während des “Yom-Kippur-Krieges” bereits Atomwaffen und soll erwogen haben, diese einzusetzen, als es in die Defensive geriet. Südafrika begann in den 1970ern, sein ziviles Atomprogramm zu einem militärischen “aufzuwerten”. Beide Staaten hatten den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet, Israel bis heute nicht. Die nukleare Zusammenarbeit der Apartheid-Regime umfasste die Bereitstellung von Uran (in Form von “Yellowcake”) durch Südafrika, israelische Weitergabe von Know How für Raketen (als Träger) und gemeinsame Tests dieser Raketen. Wahrscheinlich auch einen gemeinsamen Atomtest, 1979, vor den südafrikanischen Prince-Edward-Inseln; u.a. haben amerikanische Satelliten etwas registriert, was darauf hindeutet. Und, Israel hat dem Apartheid-Regime Südafrikas auch Atomwaffen zum Kauf angeboten.

Und zwar mit Nuklearsprengköpfen versehene “Jericho”-Mittelstreckenraketen, 1975, also sogar vor Vorsters Besuch in Jerusalem. Der Codename für das Unterfangen war “Chalet” und Shimon Peres war als Verteidigungsminister auf israelischer Seite führend beteiligt. Sein südafrikanisches Gegenüber Pieter Botha soll das Angebot durch eine Nachfrage initiiert haben, lehnte das Angebot ab, hauptsächlich weil er glaubte, Südafrika können diese Waffe selbst entwickeln (was dann auch geschah). 2003 wurde ein Memorandum eines Apartheid-Top-Militärs, Raymond Armstrong, an einen anderen, Hugo Biermann, aus 1975 öffentlich. Darin wird das Angebot erwähnt, in Zusammenhang mit der “Bedrohung” Südafrikas, welche nach einer Abschreckung mit eigenen Atomwaffen und Trägerraketen rufe. Auch Dieter Gerhardt, der südafrikanische Militär, der Apartheid-Geheimnisse an die SU weitergab, hat nach seiner Freigelassung von so etwas berichtet. Sasha Polakow-Suransky stammt aus einer jüdischen Anti-Apartheid-Familie aus Südafrika, wuchs in der USA auf, wo er akademisch und journalistisch tätig ist, 2010 brachte er wie erwähnt “The Unspoken Alliance: Israel’s Secret Relationship with Apartheid South Africa” heraus. Die Weitergabe der Atomsprengköpfe kam nicht zu Stande, was aber nichts an der Fülle von militärischer (auch nuklearwaffentechnischer!) Zusammenarbeit ändert.

Polakow-Suransky “beschliesst” sein Buch mit 2 Karten, die die Homelands inmitten Südafrika sowie die palästinensischen Autonomiegebiete im israelisch beherrschten Gebiet zeigen. Shimon Peres spielte einst in Israels Nuklearprojekt eine wichtige Rolle, u. a. bei der Einfädelung verschiedener Abkommen, zur Zeit der Veröffentlichung dieses Buchs war er israelischer Staatspräsident. Von ihm kam eine scharfe Leugnung des Verkaufsangebots; auch der langjährige Leiter der südafrikanischen Atomic Energy Corporation, Waldo Stumpf, und der israelische Autor Avner Cohen zweifelten ein solches Angebot an. Laut „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ von Peter Hounam und Steve McQuillan (1995) hat die südafrikanische Regierung unter Frederik de Klerk bei der Beendigung und Offenlegung des Atomprogramms des Apartheid-Regimes in den frühen 1990ern nicht alles deklariert (und einiges “behalten”), darunter “Mini-Nukes” auf Grundlage einer Substanz namens “Red Mercury”. Einige ungeklärte Morde stünden in Zusammenhang damit, der in diesen Fällen ermittelnde Polizeibeamte Charles Landman hat den israelischen Geheimdienst Mossad dafür verantwortlich gemacht, die Opfer hätten Handel mit “Red Mercury” in nahöstliche Staaten betrieben. Auch Post-Apartheid-Verteidigungsminister Johannes “Joe” Modise (ANC) brachte die Sache in Verbindung mit der israelischen Verbindung zum Apartheid-Regime. Die israelische Botschaft in Südafrika dementierte.

Die Anti-Apartheid-Bewegung machte das südafrikanische Atomprogramm mit zum Gegenstand ihrer Kampagne. Apartheid-Präsident Botha hat in der späten und heissen Phase des Krieges in Angola, 1987/88, als das kubanische Militär Angola gegen die Apartheid-Kräfte (UNITA, SADF,…) half, anscheinend einen Einsatz von Atomwaffen erwogen. Auch andere Staaten bzw Firmen aus anderen Staaten als Israel haben Apartheid-Südafrika bei seinem Atomprogramm geholfen, darunter die BRD und die USA; aber es ist sehr zweifelhaft ob von anderswo als von Israel wissentliche Unterstützung für das Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes kam. Die Atomwaffenprogramme der beiden Apartheid-Regime wurden seit den 1970ern vom Westblock toleriert. Südafrika gab wie gesagt Anfang der 90er (gemeinsam mit der Apartheid) sein militärisches Nuklearprogramm auf, mache es öffentlich, und trat dem Atomwaffensperrvertrag bei; Israel ist weit von solchen Schritten entfernt, pflegt vielmehr seinen Opferkult. Seine Unterstützung des südafrikanischen Atomprogramms nimmt dem Zionismus etwas den Heiligenschein, den er sich im Atomstreit mit dem Iran (nicht zuletzt bezüglich verantwortungsvollem Umgang mit Atomwaffen) aufgesetzt hat. In einem “Spiegel”-Interview39 wurde Polakow-S. gefragt, “Warum wollte das Apartheid-Regime nuklear aufrüsten?” >

“Es ging darum, strategisches Gewicht zu gewinnen. Pretoria wollte von den Amerikanern und den Briten ernst genommen werden und feindlich gesinnte Nachbarländer abschrecken. Es war die gleiche Logik, die heute wohl auch Iran antreibt.”

Vor der Wahl 1977 entstanden in Südafrika die New Republic Party (NRP), als Nachfolgepartei der UP40, und die Progressive Federal Party (PFP), als Nachfolgepartei der PP41. Harry Oppenheimer42, Sohn und Nachfolger von Ernest, unterstützte die PFP. Wie die NRP war sie weiss, englisch, mehr oder weniger liberal. Überraschenderweise kam die PFP bei der Wahl vor die NRP, wurde offizielle Oppositionspartei. In diesem Jahr wurde der Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko in Polizeigewahrsam getötet; in Israel kam nach der Wahl (von der die Palästinenser in den 10 Jahre zuvor besetzten Gebieten natürlich ausgeschlossen waren) erstmals der Likud an die Macht. In dieser Zeit (genau 77-79) flog in Südafrika der “Informations-Skandal” auf.

Nach Cornelius P. Mulder, dem damaligen Informationsminister in der Regierung von Premierminister Vorster auch “Muldergate” benannt43, ging es bei der Affäre um eine Propaganda-Offensive des Regimes ab 1973 in Südafrika und international, mit dem Ziel, die Meinung über die Apartheid zu verbessern. 75 Millionen Rand wurden dafür aufgewendet. Sie führte zum Rücktritt von Vorster als Premier, der 1978 zunächst Staatspräsident wurde, ’79 auch als dieser zurücktreten musste; zum Aufstieg von P. W. Botha, der Premier wurde, bis zur Verfassungsreform, dann Präsident; und zum Ende der politischen Karriere von Mulder, der als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf die Nachfolge von Vorster (als Premier und NP-Chef) gegolten hatte. Beteiligt an der Propaganda für die Apartheid war auch Arnon Milchan, israelisch-amerikanischer Filmproduzent (“Pretty Woman”,…), Lobbyist, Waffenhändler (gute Beziehungen zu Peres). Milchan, der mit der ehemaligen südafrikanischen Tennisspielerin Amanda Coetzer verheiratet ist, wurde kürzlich als illegaler Spender für Premier Netanyahu bekannt.44

Durch die 1984 in Kraft getretene Verfassungsreform wurden Parlamentskammern für Inder und Farbige eingerichtet (die nichts an der weissen Vorherrschaft änderten); für die schwarzen Völker, so das Regime, gäbe es ohnehin die 10 Homelands. Schwarzen, die beinahe drei Viertel der Gesamtbevölkerung Südafrikas ausmachten, wurden weniger als 15 % der Landesfläche (wirtschaftlich unattraktive) dafür zugewiesen; und Leute teilweise zwangsweise dorthin umgesiedelt. Ausserdem wurde auf eine Präsidialsystem umgestellt. Die kosmetische Korrektur der Parlamentsreform war Manchen in der NP schon zu viel, sie gründeten die Konserwatiewe Party van Suid-Afrika (KP). Dieser wurde bei der Wahl 1987 stärkste Oppositionspartei; blieb dies 89, somit bis zum Ende der Apartheid. Die PFP nahm Ende 80er (liberalere) NP-Abspalter auf, ausserdem den grössten Teil der NRP (der in den ID aufgegangen war), wurde zur Democratic Party (DP).

Die Allianz der beiden Staaten war wie gesagt sehr intim, umfasste nicht nur das Militärische, sondern auch Nuklearwaffen. In den 1980ern lebte eine grössere Zahl von Israelis in Südafrika, Regierungsangestellte (Militärs,…), aber auch Geschäfts- und Privatleute,…, und umgekehrt Südafrikaner in Israel. Das Gefühl, in einer ähnlichen Situation zu sein, ein Gefühl der Verwandtschaft, war sehr verbreitet, wobei viele Israelis bemüht waren, ideologische Distanz zur Apartheid an den Tag zu legen. Ariel Scharon war keiner davon. Der im damals britisch beherrschten Palästina als A. Scheinerman Geborene mit Wurzeln in Ost-Polen bzw Weissrussland war nach seiner militärischen Karriere45 ab 77, als Begin kam, unter allen Likud-Premiers Minister, bis er 01 selbst Premier wurde. Als er 1981-83 Verteidigungsminister war, war Magnus Malan sein südafrikanisches Gegenüber, wie er ein Ex-Militär. Die intime Beziehung zum Apartheid-Staat blieb unter dem Likud und Scharon so intim. Scharon setzte sich auch bei der USA (Reagan) dafür ein, dass Südafrika von ihr mehr und bessere Waffen bekam.

Natürlich im Namen des “Kampfes gegen den Kommunismus”, was damals eine Art Wild Card war. Und, Scharon leitete in den 1980ern als Minister diverser Ressorts eine Kampagne zur Rückeroberung von Kontakten und Einfluss in Afrika, machte Israel dort stärker als vor 73, heisst es. Mobutu-Zaire war dabei am wichtigsten, von dort aus konnte man auch den Kampf gegen die angolanische Regierung aufbauen, natürlich an der Seite des Apartheid-Regimes. Scharon besuchte Südafrika 1981 (geheim), als Verteidigungsminister, besuchte das südafrikanische Militär (SADF) an der Grenze von Südwestafrika zu Angola. Die SADF kämpfte dort auch mit israelischen Waffen; zT solchen, die nach israelischer Vorlage in Südafrika hergestellt wurden. Israelis und Südafrikaner sahen den Kampf, den Israel ab 1982 im Libanon führte, als analog zu jenem der Südafrikaner in Angola und anderen “Frontstaaten”.46

Die PLO hatte damals ihr Hauptquartier im Libanon (und wurde vom israelischen Militär von dort vertrieben, nach Tunesien), der ANC hatte seines in Sambia, das auch vom südafrikanischen Militär angegriffen wurde. Darüber hinaus hatten beide den Anspruch, in der Region mitzubestimmen, gegebenenfalls als Ordnungsmacht aufzutreten. Die militärische Durchschlagskraft des jeweils Anderen wurde von den Partnern bewundert. Von Scharon stammt eine bewunderungsvolle Einschätzung des Apartheid-Militär-Geheimdienstes (DMI), aus seiner Zeit als Verteidigungsminister.47 Magnus Malan wiederum schrieb Scharon nach dessem Abgang aus diesem Ministerium einen bedauernden Brief, betonte die gemeinsamen Interessen (“mutual interest”).

Die “schwarzen” Völker Südafrikas wollte das Apartheid-Regime wie erwähnt in Homelands/ Bantustans /Reservate aussiedeln, deren Anspruch auf politische Mitsprache damit abfertigen, und diese gleichzeitig aus Südafrika ausschliessen. Ausserdem konnte man die schwarze Bevölkerungsmehrheit so schön entlang der ethnischen Linien teilen. Und, die traditionellen Herrscher der Zulus, Xhosas, Sothos, Tswanas,… wurden als eine Art Konkurrenz zur Anti-Apartheid-Bewegung (hauptsächlich dem ANC) aufgebaut. Israel war auch an diesem Apartheid-Projekt mit von der Partie. Bophutatswana, eines der 4 nominell unabhängigen der 10 Homelands, war wichtigster Israel-Partner der Homelands. Bophuthatswana-“Präsident” Lucas Mangope wurde zB 1981 uA vom damaligen Avodah-Chef bzw Oppositionsführer Shimon Peres herzlich empfangen. Israel war das einzige Land, das in den südafrikanischen Homelands nennenswerte Investitionen getätigt hat. Wobei Apartheid-Südafrika die “unabhängigen” Homelands eben auch als “Ausland” sah; dennoch gab es dort weisse Südafrikaner in Schlüsselpositionen wie zB als Armeechefs. Beit-Hallahmi schrieb, israelische Künstler, die in der eigenen Gesellschaft als liberal und linksverdächtig gelten, arbeiteten in etlichen Homelands an Projekten, die sie als „Wiederbelebung authentischer Stammeskulturen“ deklarierten… Auch KwaZulu-Chefminister Mangosuthu Buthelezi hatten Unterstützung durch Israel.48

Er, der in den 1980ern als “Gegenfigur” zum inhaftierten Nelson Mandela aufgebaut wurde, von konservativen Kreisen im Westen, durfte seine “Sicherheitskräfte” in dieser Zeit durch das Apartheid-Regime und in Israel ausbilden lassen. In den frühen 1990ern, in den Übergangsjahren von der Apartheid zur Demokratie, wurde Buthelezis inzwischen südafrika-weit agierende Inkatha Freedom Party (IFP) vom “Sicherheitsapparat” des Apartheid-Regimes gegen den ANC aufgerüstet, mit blutigen Folgen. Ganz am Ende der Apartheids-Zeit schlossen sich einige Homeland-Herrscher (darunter Buthelezi und Mangope) und die afrikaansen Rechtsextremen (KP,…) zusammen.49 Etwa eineinhalb Monate vor der südafrikanischen Wahl 1994 kam es in Bophutatswana zu einem “Showdown” zwischen den Leuten des Diktators Mangope und seinen weissen rechtsextremen Verbündeten einerseits und dem südafrikanischen Militär (SADF) andererseits.

Das Apartheidregime bekam gewisse Unterstützung auch von USA, GB, BRD,… , besonders wenn dort Mitte-Rechts-Regierungen an der Macht waren. Und diese hatte begonnen, bevor die SU den Gegnern der Apartheid Unterstützung zukommen liess. In den 1980ern war Bothas Regime auch im Westblock zunehmend isoliert, trotz Reagan, Thatcher, Kohl. Auch, weil man gegenüber dem Ostblock mit “Menschenrechten” protzen wollte, die Heuchelei nicht mehr so weiter laufen lassen konnte. Man war schliesslich “Führer der freien Welt” und selbstverständlich waren Menschenrechte nicht an Rasse gebunden…50 In der Spätphase der Apartheid musste auch Israel zwangsläufig auf Distanz gehen. Es schloss sich 1987 den Sanktionen des Westens an. Bereits abgeschlossene Verträge blieben aber aufrecht… Nach dem gegen Reagans Willen vom Kongress erlassenen Comprehensive Anti Apartheid Act hätte Israel bei weiteren Brüchen des Waffenembargos gegenüber Apartheid-Südafrika Hilfe der USA verlieren können/müssen. Alon Liel, damaliger Botschafter Israels in Pretoria, sagte darüber, das Security-Establishments seines Landes bäumte sich gegen das späte Einnehmen von taktischer Distanz (Einhaltung diverser Embargos und Resolutionen) auf.

Ende 80er entspannte sich die Situation im südlichen Afrika: Perestroika (in) der SU, 1988 das Angola-Namibia-Abkommen, 1989 wurde De Klerk Präsident Südafrikas und begann bald mit Reformen: die schrittweise Abschaffung der Apartheid51, Verhandlungen mit der echten Opposition (ANC,…), aber auch die Unterstützung der IFP, mit der man u.a. den ANC “umgehen” wollte. Israels Sorge bei der Demontage der Apartheid war nicht nur, dass man einen Verbündeten verliert; sondern auch dass durch die Demokratisierung in Südafrika Informationen über die eigene Rolle bei Apartheid-Projekten, nicht zuletzt dem Atomprogramm, bekannt werden könnten – und nicht etwa die Aneignung der Atomwaffen durch weisse Rechtsextremisten oder deren Einsatz in Angola, was damals beides für möglich gehalten wurde. Im November 1991 besuchte De Klerk Shamir (der keine Siedlungen aufgeben wollte), damals wurden die noch laufenden gemeinsamen Projekte eingestellt. Das Ende der Apartheid kam mit der Wahl im Frühling 1994; die Homeland-Herrscher lenkten dazu noch ein bzw wurden dazu gezwungen, ein Teil der weissen Rechten blieb abseits.

Wenig später wie die Verhandlungen der NP-Regierung Südafrikas mit dem ANC begannen, begannen auch jene zwischen der Avodah-Regierung Israels mit der PLO, anfangs allerdings geheim. Das Oslo-I-Abkommen wurde im August 1993 unterzeichnet, das Multi Party Negotiationing Forum in Südafrika kam im November dieses Jahres zum Abschluss (machte den Weg zur Wahl frei). Die Afrikaaner waren bereit, die Apartheid aufzugeben, die Macht im Land wirklich zu teilen. Das geschah (ab) 1994 auch. Die Zionisten waren nicht dazu bereit, halten die Palästinenser bis heute hin. Die Haltung, dass das nationale Überleben durch den Feind gefährdet ist, dieser “zivilisatorisch” anders ist, man ihn kleinhalten muss, et cetera – wovon sich die Afrikaaner grossteils verabschiedet haben, dominiert nach wie vor für Israel. Dort nimmt man auch Reaktionen auf die Unterdrückung als Bestätigung dieser Unterdrückung bzw der zugrundeliegenden Geisteshaltung.

Es gibt seit Herzl eine zionistische Realpolitik der Art wie ggü der Apartheid. Zusammenarbeit mit “schmutzigen” Partnern um des eigenen Vorteils (“Überleben”) Willen, die man selbst meist als gar nicht so schmutzig sieht. Beit-Hallahmi sagt, Israel stellt sich immer auf die Seite der Stärkeren. Im Fall Apartheid-Südafrika kam das Wahrnehmen von Gemeinsamkeiten ja auch durch den Charakter als Kolonialvolk – was Zionisten ansonsten brüsk von sich zurückweisen, man habe jahrtausende alte Wurzeln in diesem Land, sei nur “zurück gekehrt”. Der eigenen Gruppe im Land Vorrechte gegenüber den “Eingeborenen” bzw “Farbigen” abzusichern, diese gewaltsam durchzusetzen, ist aber etwas was Israel viel Sympathie von Rechten in vielen Teilen der Welt einbringt. Und man hat von israelischer Seite immer Parallelen zwischen dem eigenen Kampf ggü den Palästinensern und der Region, und gewissen anderen gesehen und unterstützt.

Israel exportiert seit Jahrzehnten militärische Ausrüstung und Know How in alle Welt, an Regime und Gruppe, die meist mit der Bezeichnung “pro-westlich” zusammengefasst werden52, im Kalten Krieg und danach, meist mit Unterstützung oder zumindest Billigung der Supermacht USA. Dies half auch der israelischen Wirtschaft (nicht nur der Rüstungsindustrie) und beim Gewinnen von Freunden. So wurde Israel wichtigster Verbündeter der rechten Militärdiktaturen Lateinamerikas, Vorbild seiner Herrscher. 1983 schrieben der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel und Andere einen offenen Brief, der Israel zur Beendigung der Unterstützung u.a. des guatemaltekischen Regimes aufrief; ca 10 Jahre später richtete Rigoberta Menchu einen ähnlichen Appell. Menchus Dämonisierung aus dem philozionistisch-neokonservativen Bereich ist auch dadurch zu erklären; wahrscheinlich hat aber schon ihr Engagement gegen das Regime und den Krieg in Guatemala dazu gereicht.

Ausgehend vom Sturz von Präsident Arbenz 1954 durch die USA und einer kleinen Elite (die Nutzniesser der Aktion) kam es in Guatemala zu einer Reihe von rechten Militärdiktaturen53, gegen die sich Guerilla-Gruppen wie MR-13, FAR oder PGT auflehnten, die sich hauptsächlich aus der unterdrücktesten Bevölkerungsgruppe, den Mayas, rekrutierten. Im Bürgerkrieg 1960-96 unterstützte die USA natürlich die eine Seite, etwa über „Militärberater“. Spätestens als Carter (auch hier! wie bei Apartheid-Südafrika oder Pinochet) die Hilfe strich, engagierte sich Israel auch dort. In den 1980ern unterstützten die Reagan-USA und Israel zusammen das guatemaltekische Regime. Nach der Entscheidung Trumps, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen bzw seine Botschaft dorthin zu verlegen, kündigte mit Guatemala nun ein weiterer Staat an, diesen Schritt vollziehen zu wollen. Dessen Präsident James „Jimmy“ Morales ist ein Rechter und Evangelikaler, wie der Präsident 82/83, E. Rios Montt (der auch ein School of Americas-Absolvent).

Apartheid-Südafrika war Israels wichtigster schmutziger Verbündete, war fast so wichtig wie die USA. Aber es gab eben auch die Diktaturen in Kongo/Zaire, Chile, Argentinien, Guatemala, die Philippinen unter Marcos, die Republik China (Taiwan) vor ihrer Demokratisierung, oder jahrzehntelang die kemalistische Türkei, der man auch bei der “Verschleierung” des Völkermords an den Armeniern half54,… Bewaffnete Einheiten dieser Staaten wurden ebenso mit “Uzi”-Maschinengewehren oder “Galil”-Sturmgewehren ausgerüstet wie die nicaraguanischen Contras, die angolanische UNITA oder die afghanischen Mujahedin. Nach Beit-Hallahmi und Victor Ostrovsky hat Israel auch in Konflikte eingegriffen, deren Ausgang ihm egal sein konnte, wie dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka (und dort beide Seiten unterstützt…).

Der zionistische Umgang mit der intimen Beziehung Israels mit Apartheid-Südafrika bewegt sich heute zwischen Vertuschungen, Schönrednerei, Herunterspielen der Kollaboration (Leugnung funktioniert hier nicht), aggressiven “Antisemitismus”-Vorwürfen (bezüglich der Thematisierung dieser Kollaboration) und offenen anti-afrikanischen Ressentiments und Apartheid-Verteidgung wie einst Lapid sen. Diese Muster an Reaktionen gibt es allerdings bei jedweder Kritik an israelischer Politik (zu beobachten). Eine offensive Apologetik der Apartheid ist selten geworden, hegemonial ist das Eingeständnis, dass Apartheid schlecht/ungerecht war(, aber…).55

Chris McGreal schrieb 2010 in „The Guardian“ 2010, im Artikel „Israel and apartheid: a marriage of convenience and military might“56:

„… when the spotlight occasionally flickered over one of the most intimate and enduring alliances of the postwar years, Israel was quick to underplay its deep military ties with apartheid South Africa as nothing more than a necessity of survival without a flicker of ideological affinity…”

Die Beziehung zwischen Israel und Apartheid-Südafrika war nie problemlos, aber Gemeinsamkeiten zwischen den Systemen wurden von ihren Führern/ Vertretern und Intellektuellen immer wieder herausgestrichen. Das Apartheid-Regime konnte durch eine Anlehnung an Israel nur gewinnen, Israel hatte dabei ein bisschen was zu verlieren. Ein Israeli, der unapologetisch zu der Zusammenarbeit war (an der er entscheidend beteiligt war), war Rafael Eitan, Militär (78-83 Generalstabschef), dann rechter Politiker (Minister in den 90ern), ein anti-arabischer Rassist. Er war führend beim Feldzug im Libanon 1982, mit Verteidigungsminister Scharon Hauptverantwortlicher dafür, die Kataib-Miliz in das palästinensische Flüchtlingslager bei Beirut zu lassen, wo sie ein Massaker anrichtete. Die Schwarzen in Südafrika, so Eitan einst, wollten Kontrolle über die weisse Minderheit erlangen, genau wie die Araber über die Juden. Und man müsse genau wie die Weissen Südafrikas so etwas verhindern.

Der Unterschied im Umgang mit der Allianz zwischen Scharon und Peres spiegelt eben den zwischen Links und Rechts im Zionismus wieder. Leugnung der ideologischen Gemeinsamkeiten oder dazu stehen. So wie es eben jene gibt (zB in IT-Foren oder in den Kommentaren unter Youtube-Videos), die Verachtung ggü Palästinensern und anderen Völkern dieser Region offen und stolz zeigen (zB israelische Aktionen gegen sie bejubeln), und jene die die Existenz einer solchen Verachtung empört als “antisemitisch” abtun und zB Propaganda machen, wie gut Palästinenser von Israel behandelt werden würden (es gibt auch Mischformen). Netanyahu sagte als UN-Botschafter (84-88) zu Vorwürfen der Apartheid-Kollaboration, präpotent wie gewohnt, er wisse von diesen und jenen (europäischen) Staaten, dass sie auch starke wirtschaftliche Beziehungen mit Südafrika pflegten, aber “wieder mal” werde Israel “herausgehoben”; kam also mit verstecker “Antisemitismus”-Keule.57

Dies kommt, offen, als Rechtfertigungs (und Ablenkungs-) manöver bezüglich der Apartheid-Unterstützung, oft: “Alle haben das gemacht, daher ist es antisemitisch dies zu thematisieren”. Dazu ist zunächst zu wiederholen, dass die Beziehung von Israel zu dem Apartheid-Staat viel intensiver und intimer war als die eigentlich aller anderen Staaten; wer sonst hat Südafrika wissentlich bei seinen Atombomben geholfen, wer sonst hat Apartheid-Funktionäre an seine eigenen Geheimnisse herangelassen? Und, diese Intimität und die ideologische Gemeinsamkeit wird ja auch von vielen israelischen (politischen/militärischen) Funktionsträgern nicht geleugnet, im Gegenteil… Und dann: Was ist der Punkt dabei, darauf zu verweisen, andere hätten auch dieses Unrecht getan? Was, wenn Kroaten zur damaligen Kollaboration ihres Landes mit dem NS-Staat sagen würden, Rumänien unter Antonescu und Spanien unter Franco haben das auch gemacht, und ihr seid Anti-Kroatisten?

Wie hat der Berliner in Wien der einen “wissenschaftlichen Berater” macht, posaunt: „Mit Repräsentanten der iranischen Diktatur gibt es keinen Dialog zu führen. Diese Antisemiten und Todfeinde jeglicher emanzipatorischen Bestrebung müssen unter allen Umständen bekämpft werden.” Lobbyismus im (vermeintlichen?) Sinn Israels als “moralisch”, “emanzipatorisch”, “fortschrittlich” et cetera zu firmieren, wird noch lächerlicher, wenn man sich die Heuchelei dieser Lobbyisten, Israels Bündnisse und die westliche Politik in dieser Region anseht. Eben absolvierte Trumps neuer Aussenminister Pompeo seinen Antrittsbesuch in Saudi-Arabien und Israel. Bei Saudi-Arabien sehen wir das mit Menschenrechten und Islamismus und so nicht so streng, gell, sondern ein bisschen pragmatischer.

Zumal es da ums Erdöl geht. Bei Saddam Hussein war es so, der wurde vom Westen unterstützt, als er in den 1980ern den Iran angriff. Später wurde der Angriff auf den Irak auch mit Husseins Menschenrechtsverletzungen argumentiert. Heute führt man die Politik des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung an; nahm diese in der Vergangenheit (unter dem letzten Schah) aber nicht nur hin, man unterstützte dieses Regime auch. Und das Hinnehmen oder Unterstützen von Menschenrechtsverletzungen (absurdes Beispiel: wenn ein Staat zwei Drittel der Bevölkerung aufgrund der “Rasse” von Mitgestaltung ausschliessen würde) wenn es im eigenen Interesse ist?! Sonst wird die Sache ja so “gedeutet”, dass ein Bündnis viel über die Partner aussagt, nach dem Motto “Zeig’ mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist”; zB wenn es darum geht, Antiimperialismus über vermeintliche Bündnisse mit dem Islamismus zu diffamieren, oder bei allen tatsächlichen/vermeintlichen Bündnissen “gegen” Israel.

Beim Bündnis Israels mit Apartheid-Südafrika (historisch) oder mit dem Regime von Aserbeidschan (aktuell) wird die Sache gerne so gedreht, dass es etwas Positives über diese Partner Israels aussage, dass sie eben seine Partner geworden sind! Und wird eine “Zwangslage” behauptet, wird hier jede Menge “Kontextualisierung” gebracht, die man sonst ausblendet.58 Der “latente Antisemitismus” der Afrikaaner zB, wird angeführt. Es gab aber Juden in Südafrika, die trotzdem oder gerade deshalb mit der Waffen in der Hand das Apartheid-Regime bekämpften. Es gab die vielen Sympathiebekundungen ggü Apartheid-Südafrika von israelischer Seite, auch aus dem dortigen linken und liberalen Lager (und eine sehr intime Beziehung). Man könnte dann auch sagen, Rumänien hätte im 2. Weltkrieg keine andere Wahl gehabt, als sich mit NS-Deutschland zusammenzutun: Sein traditioneller Verbündeter Frankreich war von diesem Deutschland selbst besetzt, ein Eingreifen von Grossbritannien in Südosteuropa war nicht zu erwarten und von der stalinistischen Sowjetunion war keine Hilfe zu erwarten, im Gegenteil, aufgrund des von beiden Ländern beanspruchten Territoriums Bessarabien sowie dem sowjetischen Willen zur Ausdehnung des Machtbereichs in Osteuropa.

Und: Die Isolation in der Region kam in den Fällen von Apartheid-Südafrika und Israel ja auch nicht von ungefähr, eher von ihrer Gegnerschaft zur Region… Der Umgang von Linkszionisten mit der israelischen Partnerschaft mit dem (anderen?) Apartheid-Regime (und auch anderen, “vergleichbaren” Systemen) ist meist dahingehend, dass sie die Zusammenarbeit herunter spielen (“Zwangslage”, “Kontextualisierung”,…) und die “Antisemitismus”-Keule schwingen (gegen den Verkünder der schlechten Nachricht), Rechtszionisten verteidigen sie meist offensiv. Es gibt aber auch hier den “Antisemitismus”-Vorwurf. Dieser Dichotomie entspricht auch das “Wir würden so gern Teil dieser Region sein aber man lässt uns nicht” oder aber das “Wir gehören nicht zu dieser unzivilisierten Region”. Shimon Peres war sehr wichtig für die Zusammenarbeit Israels mit Apartheid-Südafrika; als Verteidigungsminister während Vorsters Besuch in Jerusalem, als Premier in den 80ern,…

2005 oder 2006 sagte er zu McGreal vom “Guardian”59 zur Moral der Verbindungen mit dem Apartheid-Regime, eine Entscheidung sei meist nicht zwischen “perfekten Situationen” zu treffen, sondern zwischen mangelhaften Alternativen; damals sei die “Bewegung des schwarzen Afrikas” mit der PLO “gegen uns” gewesen, man habe keine grosse Wahl gehabt; aber man sei immer gegen die Apartheid gewesen. McGreal erinnerte in seinem Artikel daran, dass der damalige (zur Zeit des Interviews) israelische Staatspräsident, der nun davon spreche, dass sein Land widerwillig in eine Allianz mit diesem System, das eigentlich ein ideologischer Gegner war, “gezwungen” worden sei (und dabei noch den Opfermantel anzieht), in dessen Brief an den (General)sekretär im südafrikanischen Informationsministerium, Eschel Rhoodie60 aus 1974 enthusiastische Formulierungen von gemeinsamen Idealen wie der “gemeinsamen Ablehnung von Ungerechtigkeit” verwendete.

Apartheid-Propaganda-Chef Rhoodie, Rabin, Apartheid-Geheimdienst-Chef Vandenbergh, Peres 1975 in Jerusalem

Polakow-Suranskys Buch gewährt intime Einblicke in die Beziehungen zwischen Israel und dem Apartheid-Regime. Daher kamen wütende Reaktionen dazu von zionistischer Seite. Peres persönlich schrieb einen Leserbrief an den “Guardian”, in dem er abstritt, dass es 1975, als er Militärminister war, das Angebot von “Jericho”-Raketen mit Nuklearsprengköpfen an Südafrika gab. “Selektive Interpretation” südafrikanischer Dokumente lägen der “Behauptung” zu Grunde. Polakow-Suransky konnte darauf in “Haaretz” antworten, nannte Peres’ Stellungnahme ausweichend. “Auslassend” könnte man es auch nennen, und seine Stellungnahme an McGreal (s.o.) eine verlogene Rechtfertigung. Zwischen Israel und Apartheid-Südafrika war so viel Gemeinsames, nicht zuletzt in der Ideologie, so viel Intimität, so viel Substanz, so gravierende Folgen – dass man nicht von einem „Zweckbündnis“ sprechen kann.

Zum Argument des “Gegenbündnisses”: Israel arbeitete seit seiner Gründung 1948 mit Südafrika (in dem im selben Jahr die Apartheid kam) zusammen, durch Israels Bemühungen in Schwarzafrika wurde das in den 50ern und 60ern etwas schwächer. Es hat auch anderswo mit Kräften der westlichen Vorherrschaft zusammengearbeitet, und mit diktatorischen Systemen (auch mit dem frühen Mullah-Regime des Iran). Wie war die Anti-Apartheid-Bewegung mit der palästinensischen Nationalbewegung verbunden? James Adams (s.u.) schreibt, Aktivisten des ANC bzw seiner Miliz Umkhonto we Sizwe (MK) seien von der PLO im Libanon und Süd-Jemen trainiert worden; die Information geht allerdings auf den israelischen Geheimdienst Mossad zurück, dem es auch gelungen sein soll, diese Lager zu infiltrieren. Aber die beiden waren schon irgendwie auf der selben Achse; und das sagt definitiv etwas Gutes über die PLO aus.

Peres sagte zur Nakba bzw “Plan Dalet”, Ben Gurion habe keine „Säuberung“ gewollt, er habe es erlebt, glaube nicht Historikern, die anderes schreiben.61 Ab 1953, als ihn sein politischer Ziehvater Ben Gurion zum Generaldirektor im Verteidigungsministerium machte, spielte er eine entscheidende Rolle in der israelischen Politik. Er fädelte die französische Unterstützung für das israelische Atomprogramm ein, den Suez-Krieg. Mit seinem Freund Jacques Soustelle (auch ein proisraelischer Rechtsaussen) redete er über die israelische Kolonialisierung von Französisch-Guyana.62 Der islamistische Terrorangriff in Kenia (Kenya) 2013 war für ihn eine Steilvorlage, sich als Freund der Afrikaner zu geben. Israel stehe “Schulter an Schulter” mit Kenya, zumal es selbst so oft Opfer von Terror gewesen sei. Das was er früher zu Rhoodie oder Vorster gesagt oder geschrieben hat, wie er sie umschmeichelte, hat er später zu Buthelezi und Mangope gesagt, den kemalistischen Herrschern der Türkei (zB über den Völkermord an den Armeniern oder dass das Militär das Rückgrat der “türkischen Demokratie” sei), oder Aserbeidschans Alijew…

Wenn man der heutigen Apologetik zur israelischen Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika (der dominierenden) folgt, waren „Schwarze“ im südlichen Afrika nur Delphine im Thunfisch-Fangnetz, das aus einer “Zwangslage” entstand. Ob Percy Yutar einer der südafrikanischen Juden war, die die Apartheid unterstützten, dazu gehen die Meinungen auseinander. Er war Ankläger/Staatsanwalt in dem Prozess gegen Nelson Mandela und 9 weitere ANC/SACP-Aktivisten (7 Schwarzafrikaner und 3 Juden!), 1963/64 in Pretoria.63 Yutar beschuldigte die Anti-Apartheid-Kämpfer vor Gericht, der Welt Lügen darüber zu erzählen, dass Schwarze in Südafrika verfolgt werden. Nach dem Prozess, als Mandela und sechs weitere Verurteilte auf Robben Island geflogen wurden, um ihre lebenslange Freiheitsstrafen abzusitzen, wurde Yutar von der Pro-Apartheid-Presse in Südafrika gefeiert64, u.a. als Verteidiger der Zivilisation gegen die Kräfte der Dunkelheit…

Der damalige Jusizminister Vorster nannte Yutar einen “echten Patrioten”. Nach dem Ende der Apartheid sagte Yutar nun, er habe das Leben der Angeklagten gerettet, indem er sie nicht wegen Hochverrat sondern wegen Sabotage angeklagt hat. Mandela, der einen seinen Gefängniswärter zu seiner Amtseinführung als Präsident einlud und Pieter Botha für seine “Reformschritte” lobte, verzieh auch ihm, und das öffentlich. Yutar war ein geachtetes Mitglied der jüdischen Gemeinde in seiner Heimatstadt (Johannesburg, war dort Vorsitzender der United Hebrew Congregation), im Gegensatz zu den Angeklagten im Rivonia-Prozess Denis Goldberg, Lionel Bernstein, James Kantor. Und, wie erwähnt wird heute abgestritten, dass Yutar der Apartheid nahe stand, wird behauptet, er habe eine gänzlich unpolitische Rolle inne gehabt, eine “rein juristische”. So wie Hans Filbinger? Zumindest Yutars Aussagen nach dem Prozess und Lob für ihn durch höchste Vertreter des Regimes waren höchst politisch.65

Der en.wikipedia-Artikel “Israel–South Africa relations” (bzw die von organisierten Teams dort getätigten Bearbeitungen) sagt ja auch einiges über den heute hegemonialen Umgang im Zionismus mit der Partnerschaft. Die (damals so gerne hervor gehobene) gemeinsame Grundlage wird unter den Tisch gekehrt, der scharfe Bruch in den Beziehungen Israels zu Südafrika während der Apartheid und nachher fällt auch der Hasbara zum Opfer. Die unverschämtesten Propaganda-Behauptungen, “belegt” durch lächerliche Quellen bzw lächerliche Interpretationen von Quellen:

“Israeli leaders’ ideological hostility made Israel took a strong and unequivocal stance against South Africa. Israel even offered asylum to South Africa’s most wanted men.”

Was das “Asyl” betrifft: Südafrikanische Juden, die die Apartheid wirklich bekämpften, kamen oft vorzeitig frei, aufgrund der engen Beziehungen des Apartheid-Regimes zu Israel – und weil sich Israel für alle Juden auf der Welt zuständig fühlt. Und durften nach bzw über Israel ausreisen. So wie Denis Goldberg, der im Rivonia-Prozess zu Lebenslänglich verurteilt wurde, nach 22 Jahren (in einem “weissen” Gefängnis) freigelassen wurde, in Israel nur kurz seine Tochter besuchte und das System dort kritisierte, dann nach GB ausreiste, wo er sich wieder voll dem Kampf gegen die Apartheid (in Südafrika) widmete. Arthur Goldreich ging nach seiner Flucht wieder nach Israel, kritisierte aber wie erwähnt den Zionismus und seine Gemeinsamkeiten mit der Apartheid.

Dann wird in dem Artikel auch wieder eine Zwangslage behauptet. “…it was long apprehensive about the punitive measures, stemming from Israel’s own vulnerability to international embargoes by the United Nations and Third World–dominated bodies…”. “Israel’s condemnation of apartheid was based on opposition to the racist nature of the practice, and its maintenance of mutually beneficial commercial and military ties was rooted in a concern for South African Jews and a realpolitik attitude that Israel was too isolated to be selective about partners in trade and arms deals.” Ja, die Henne und das Ei, was war zuerst, die “Isolation” oder die Politik die es in diese Isolation brachte?

Eine “Notsituation”, wie die Südtiroler, die sich Hitler andienten. Aber eigentlich war Hitler ja auch in einer Zwangslage, denn er brauchte (in seiner Isolation) ja Mussolini. Und, “Third World–dominated bodies” ist an sich eine Formulierung die die ganze Verachtung für diese Staaten herüber bringt. Aber auch in dem Zusammenhang schreibt man sich eine Vulnerabilität zu… Auch in der Apartheid-Rhetorik sah man sich immer der “3. Welt” und seinem Druck ausgesetzt. Dass jetzt dort retrospektiv eine Gegnerschaft Israels zur Apartheid behauptet wird, macht deutlich, dass diese Variante des Umgangs nun hegemonial ist. “Israel and the apartheid analogy” ist ein Artikel, von dem auch anzunehmen ist, dass er heftig von Aktivisten von GIYUS/CAMERA/Israel sheli/… bearbeitet worden ist und durch das “Spielen” mit Regeln so gehalten wird. Mit der Schönfärberei soll natürlich etwas verdeckt werden…

Der Deutsche Hans Grimm, der im südlichen Afrika gelebt hatte, jammerte in der Zwischenkriegszeit von den Deutschen als ein „Volk ohne Raum“, was die Nazis dann hauptsächlich in Osteuropa zu ändern versuchten. Das osmanische Palästina galt Zionisten um die Jahrhundertwende als „Land ohne Volk“. Dass Palästina ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land sei, wurde nicht von Theodor Herzl in die Welt gesetzt. Sondern erstmals wahrscheinlich vom schottischen presbyterianischen Geistlichen Alexander Keith (1792-1880), der die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina durch die Bibel “verordnet” sah, ein christlicher Zionist war. Anthony Ashley-Cooper, Earl of Shaftesbury, ebenfalls ein Brite und im 19. Jh, war ein evangelikaler Anglikaner, trat für die christliche Missionierung von Juden ein… Er sagte/schrieb (auch) so etwas ähnliches, nannte das Land (welches ohne Volk/Nation sei und den Jude zustehe) Gross-Syrien. Dann kam der englische Jude Israel Zangwill an die Reihe, er hat den Satz „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ wahrscheinlich “in Umlauf gebracht”. Dieser Zangwill, ein Bekannter von Herzl, war übrigens einer jener Zionisten, die den jüdischen Staat nicht unbedingt in Palästina verwirklicht haben wollten, und zB ein Gebiet in Afrika anvisierten. Die eurozentrische Illusion, dass sich alle aussereuropäischen Territorien in einem politischem Vakuum befänden, verbindet Kolonialismus66 und Zionismus.

Nirgendwo sind sich Zionismus und klassischer europäischer Faschismus (darunter das Erbe des deutschen Nationalsozialismus) nach der Hitler-Herrschaft in Europa so nahe gekommen wie bei der südafrikanischen Apartheid! Apartheid-Südafrika war für Beide eine wichtige positive Referenz. Wie erwähnt waren die späteren führenden Politiker der NP währen der Nazi-Herrschaft für ein Bündnis Südafrikas mit Nazi-Deutschland. Der spätere Premierminister Strijdom war in den 1930ern auch für die Rückgabe Südwestafrikas an das Deutsche Reich. Ein anderer Afrikaaner-Politiker, Strijdoms Vorgänger Malan, hat sich zB mit einer Thyra Denk, Ehefrau eines deutschen Agenten namens Hans Denk (damals in Portugiesisch-Ostafrika), 1940 im Auftrag mit Hitlers Aussenminister von Ribbentrop getroffen. Was den Nazi Leopold von Mildenstein und seine Reise nach Palästina betrifft und seine Begeisterung für das zionistische Projekt dort, dies ist ein Tabu… In diesem Kontext haben auch Nazis Juden in einem anderen Licht gesehen.

Nach dem von Hitler losgetretenen und verlorenen Krieg haben Afrikaaner in Südafrika deutsche Waisenkinder adoptiert, es mussten deutsche sein. Unter jenen, die 1948 in Kapstadt ankamen, war auch der 13-jährige Lothar P. Tietz aus (dem nunmehr sowjetrussischen) Ostpreussen. Er wurde vom Chef des Kinder-Adoptionsfonds (Dietse Kinderfonds, DKF), J. C. Neethling, adoptiert, einem ehemaligen Aktivisten der Pro-Nazi-Organisation Ossewabrandwag. Dieser Lothar Neethling, wie er dann hiess, machte Karriere in der südafrikanischen (Apartheid-) Polizei (SAP), wurde deren stellvertretender Chef; als solcher hat er auch mit Israel zusammengearbeitet. Ein Regime, dessen frühere Protagonisten allesamt Nazi-Sympathisanten gewesen waren (als die Nazis in grossen Teilen Europas an der Macht waren), unterhielt engste Beziehungen mit dem jüdischen Staat. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Die Gegenüber von Malan, Strijdom, Verwoerd, Vorster, Botha waren Politiker, die von den Palästinensern und den anderen Völker der Region eine ähnliche Meinung hatten wie die NP-Leute von den Zulus, Xhosas, Tswana, Shona,…

“Ein Wall gegenüber Asien” (Herzl) und eine Mauer zu Afrika. Und, besonders im Lager der lange oppositionellen zionistischen “Revisionisten” (Herut/Likud/…) gab es Rassen-Theoretiker und selbsterklärte Faschisten wie Ahimeir/Geisonovich. Terroristen waren (bzw galten für die Briten) auch viele Politiker der “Arbeiterpartei” (Mapai/Avodah/…). Der Chauvinismus der zionistischen “Linken” und “Liberalen” (> Lapid senior 1974) ist ein anderer. Der Zionismus ist dem westlichen Nationalismus entsprungen, steht ihm bis heute nahe.67 Wie im Südtirol IV-Artikel ausgeführt wurde, hat etwa der ÖVP-Rechtsaussen Felix Ermacora in einem Buch, in dem er sich für ein österreichisches Südtirol einsetzt, den Freiheitskampf in Namibia (gegen Apartheid-Südafrika) und Palästina attackiert. In Apartheid-Südafrika gab es auch ein Nebeneinander von einem gewissen Antijudaismus und Philozionismus; gegen die religiösen und die linken Juden (die “Sepharden”/Mizrahis zählten gar nicht als Juden), aber für die “wehrhaften” und unterdrückenden und nationalen; ähnlich wie die Evangelikalen in der USA.

Die genannten Probleme in der Beziehung zwischen Israel und dem Apartheid-Regime lagen auch hauptsächlich hier. Bezüglich Diaspora-Juden hat Israel andere Erwartungen als gegenüber seinen Bürgern und ggü den Nicht-Juden unter sich. Das ändert aber nichts an der Begeisterung, die bei rechten Afrikaanern von einer zu den Nazis zu einer für Zionisten überging. Dass Vieles an der südafrikanischen Apartheid an das Nazi-Regime gemahnte, wird nicht nur durch die “Rassengesetze” (s.o.) deutlich; zB auch daran, dass Schwarze durch den Namenszusatz “Bantu” gleich erkenbar sein sollten, wie Juden im NS durch die Beinamen “Israel”/”Sarah”. Apartheid-Südafrika wurde Bezugspunkt für Rechte und Rechtsextreme hauptsächlich aus “weissen” Teilen der Welt. Oswald Mosley, Gründer der British Union of Fascists (BUF), 1940 bis 1945 interniert, lebte nach dem Hitler-Stalin-Krieg hauptsächlich im Ausland, weil er sich in GB kaum mehr politisch betätigen konnte.68

Er war ein häufiger Besucher im Südafrika der Apartheid, wo er von Regierungsmitgliedern empfangen wurde. Trotz der Abneigung der nationalistischen Afrikaaner gegenüber allem Britischem. Was rechtsextreme Briten und diese Afrikaaner verband, war zB Rhodesien (neben den Afrikanern, den Kommunisten,…). Die Candour League von Arthur Chesterton, einem Biografen von Mosley, war eine der britischen Organisationen, die sich der Sache der Weissen im südlichen Afrika annahm. Auch NPD-Chef Adolf von Thadden besuchte Südafrika damals häufig, wo seine Mutter gelebt haben soll, traf sich mit NP-Politikern und deutschen Auswanderern, die sich 1967 zum “Deutschen Arbeitskreis Volkstreuer Verbände in Südafrika” zusammenschlossen. Die rassistische Internationale mit ZA-Connection “traf” sich nicht über Israel, das zu behaupten wäre übertrieben. Aber der “Antikommunismus”, der gelegentlich vorgeschoben wurde um die Rassenkategorien nicht beim Namen zu nennen69, verband mit den weiter in der Mitte stehenden Rechten, wie dem “Western Goals Institute”, und von dort war es nicht weit zum Philo-Zionismus.

Zu jenen, die sowohl den Nationalsozialismus wie Israel schätzten, gehörte Panamas Machthaber Manuel Noriega. Der “legendäre” Mossad-Agent Michael Harari war offiziell Panamas Honorarkonsul für Israel, de facto aber Noriegas Berater. Es heisst, Noriega trug ein israelisches Fallschirmjäger-Abzeichen auf seiner Uniform und besass eine Villa in Herzliya. Als das USA-Militär 1989 in Panama einfiel, um Noriega zu stürzen, wollte es auch Harari schnappen.70 US-Truppen fanden in Noriegas Gemächern Hitler-Bilder. Eine ähnliche Verbindung gab es auch bei anderen lateinamerikanische Rechtsdiktatoren, Wertschätzung für den NS wie für das militärisch ebenso bewundernswerte Israel – zu dem man meist auch “militärische Beziehungen” hatte.

In Apartheid-Südafrika tummelten sich Einwanderer aus der BRD wie aus IL, Geschäftsleute,… Manche Deutsche schwärmten davon, dass es nirgendwo sonst auf der Welt gegenüber dem Kriegsverlierer Deutschland so grosse Sympathien gäbe wie dort. Sowohl diese Deutschen wie diese Israelis waren Apologeten des dortigen Systems. Und man gehörte allesamt zum Westen; das bedeutete auch, dass jene die man bekämpfte, entweder mit dem Kommunismus unter der Decke steckten oder Terroristen waren; oder kommunistische Terroristen, wie es P.W. Botha formulierte, als er sich weigerte, vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu erscheinen.71 Mit dem Ende der Apartheid ist das Pro-NS-“Sentiment” unter Buren zu rechtsradikalen Splittergruppen “abgedrängt” worden, wie zur Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB), die offen modifizierte Nazi-Symbole verwendet. Als der damalige südafrikanische Präsident De Klerk, der dabei war, die Apartheid abzuschaffen, 1991 in der AWB-Hochburg Ventersdorp (damals Transvaal) eine Rede halten wollten, griff diese paramilitärische Gruppe die Sicherheitskräfte des (Noch-) Apartheid-Staates an.

Gemeinsamkeiten, Israel als Apartheid-Staat

Die Afrikaaner, die “ewig Unterdrückten” kamen 1948 in Südafrika an die Macht, knapp vorher im selben Jahr gründeten die sich ebenfalls oft so sehenden Juden ihren Staat in Palästina. Für beide Völker war es wichtig, der Boss, der Herr in dem Land zu sein. Im Fall Südafrika war die Staatsgründung 1910 im Gegensatz zu Israel nicht das Problem (gewesen), obwohl sie auch über die Köpfe der angestammten Bevölkerung hinweg erfolgte. Sowohl Weisse in Südafrika als auch Juden in Palästina haben diese Bevölkerung nach ihrer Ankunft sukzessive zurückgedrängt. Aber sie haben ja die Zivilisation in das Land gebracht. Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Zionismus und Apartheid.

Dass Eliahu Yishai als israelischer Inneminister vor einigen Jahren davon sprach, dass “das Land” (womit er wohl auch die von Israel nicht annektierten aber von ihm regierten Gebiete meint) “uns”, dem “weissen Mann”, gehöre, soll hier nicht verharmlost werden – das geschieht ohnehin andauernd mit Äusserungen von israelischen Politikern wie Bennett, Feiglin, Shaked, Netanyahu. Aber ich ziehe es nicht heran, um eine Parallele bzw Gemeinsamkeit von Israel zur Apartheid aufzuzeigen; schon allein, weil dieser Yishai (und seine Wähler, die ebenfalls grossteils aus Nordafrika stammen) für einen grossen Teil der westlich geprägten, aschkenasischen Juden selbst nicht weiss (und westlich) genug ist (sind).

Die allermeisten Afrikaaner gehören einer der Niederländisch-Reformierten Kirchen an (NGK, NHK, GK), deren Mitglieder zusammen vielleicht 5% der Bevölkerung Südafrikas ausmachen, der Anteil der Afrikaaner eben; im Laufe der Jahrzehnte hat sich das demografisch etwas nach unten verschoben72. Christen machen zwar 80-90 % der Bevölkerung Südafrikas aus, aber die meisten davon sind Angehörige unabhängiger afrikanischer Kirchen (wie der Zion Christian Church)73 und englischsprachiger protestantischer Kirchen (Pfingstler, Methodisten, Anglikaner,…). In diesen zweiteren Kirchen sind sowohl Schwarze als auch (englischsprachige) Weisse (auch Inder, Farbige,…) vertreten, und die Apartheid wurde durch sie grösstenteils nicht gestützt, teilweise wurde sie von ihren Mitgliedern bekämpft.74 Die afrikanischen Kirchen waren klarerweise gegen die Apartheid eingestellt. In Israel, das infolge der Nakba entstand75, ist das Staatsvolk (für den der Staat konzipiert ist) durch die Religion definiert.

Es gibt das Märchen von Israel als der einzigen Demokratie in “seiner” Region. Und die Realität von einer Bevorzugung von Juden, die weltweit einzigartig ist. Wie Apartheid-Südafrika klassifiziert Israel seine Bürger aufgrund einer Ethnizität und privilegiert bzw diskriminiert auf dieser Grundlage. Gegenüber Palästinensern (mit oder ohne israelischer Staatsbürgerschaft) und anderen Nicht-Juden gibt es in allen Bereichen schlechtere Standards, in zahlreichen Gesetzen (formal) und in der Praxis (informell). Zu den diskriminierenden Gesetzen gehört zB das über den Status der Jewish Agency von 1952 (das Israel als Staat des jüdischen Volkes definiert, nicht als Staat seiner Bürger), das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1948 (das geflohene/vertriebene Palästinenser ausschliesst) und auch das “Rückkehrgesetz” von 1950, das Juden und zum Judentum übergetretenen Personen das Recht auf Einwanderung und Staatsbürgerschaft zuspricht und vertriebene Palästinenser bzw ihre Nachfahren wiederum ignoriert, oder verschiedene Gesetze, die es Nicht-Juden verunmöglichen, Land- oder Immobilien-Besitz in Israel zu kaufen. Die Privilegierung von Juden betrifft das international anerkannte Israel (mit den “israelischen Arabern” als Haupt-Leidtragenden) sowie das (seit) 1967 besetzte Westjordanland mit den israelischen Siedlungen, Militärstützpunkten, Strassen,…

Israel ist eine Demokratie für Juden76 und eine Militärdiktatur für Palästinenser in deren Restgebieten77. Hier sind die Parallelen zur südafrikanischen Apartheid zu erkennen, welche für das weisse Bevölkerungssegment alle Merkmale einer Demokratie aufwies. Wenn man das Pech hat, zum falschen Kollektiv zu gehören, sind die Rechte als Einzelner aufgehoben, ist man mit der Willkür einer rassistisch agierenden Besatzungsmacht konfrontiert. Ahmad Tibi, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Parlamentarier78, sagte,

“Israel ist demokratisch gegenüber Juden und jüdisch gegenüber Palästinensern”

In Apartheid-Südafrika behauptete man, mit der Schaffung der Homelands habe man den Ansprüchen der Schwarzafrikaner auf Selbstverwaltung Genüge getan; bei Israel ist es die palästinensische Autonomieverwaltung auf die man verweist. Aber nicht einmal im Gaza-Streifen kann man von einer wirklichen Selbstverwaltung reden. Und im Westjordanland? Die PNA darf zB nicht einmal in den winzigen A-Zonen nach Wasser graben… Das letzte Wort hat überall Israel bzw dessen Militär; und darauf (auf ihre Be-Herrscher) haben die Palästinenser keinerlei Einfluss. Im damaligen Südwestafrika, von Südafrika verwaltet, hat die weisse Minderheit Selbstverwaltung gehabt (u.a. ein eigenes Budget) und wählte jahrzehntelang Vertreter ins südafrikanische Parlament (representation without taxation)79; in Südafrika hatte die nicht-weisse Mehrheit staatsbürgerliche Pflichten wie die Abfuhr von Steuern, aber keine politische Mitsprache (taxation without representation); in Rest-Palästina nimmt Israel für die Palästinensische Autonomiebehörde (PNA) Steuern und Abgaben ein und leitet diese weiter (oder auch nicht)80.

Die Palästinenser in ihren Restgebieten, und nur sie, leben quasi in einer Bürgerkriegs-Situation, für sie sind Elemente einer Diktatur verwirklicht. Demokratie sagt noch nichts über das Verhalten ggü Anderen aus, der demokratischer Charakter Israels (für Juden) verhinderte nicht die Nakba oder die Besatzung – ganz im Gegenteil: Das Militär führt(e) sie durch, auf Anordnung der gewählten Politiker.81 Auch alle “Apartheid”-Regierungen waren demokratisch gewählt, mit der Einschränkung dass etwa 3/4 der Bevölkerung von diesen Wahlen ausgeschlossen war. Ab 1953 bekam die NP bei allen Wahlen absolute Mehrheiten, bis 1989 (da nur mehr an Mandaten). Die Angeklagten im Rivonia-Prozess in Pretoria ’63/64, wenn sie Palästinenser unter israelischer Herrschaft gewesen wären, sie von israelischen Geheimdiensten der Sabotage, des Verrats et cetera, müssten sie (auch in der Gegenwart) mit lebenslänglichem Gefängnis rechnen, würden vielleicht nicht einmal einen Prozess bekommen, oder sehr lange nicht (“Administrationshaft”); solche werden aber auch durch gezielte oder geheimdientliche Tötungen “exekutiert”.

Israel hat sich nie über das Territorium definiert oder dessen Demos, immer über das Ethnos (Juden, auch jene die woanders leben), im Gegensatz zu den „rückständigen“ arabischen und moslemischen Staaten der Region. Die Existenz der “israelischen Araber” ändert nicht den monoethnischen Charakter Israels. Der Grund, warum Israel nicht zu 100% jüdisch ist, ist dass sich viele Palästinenser 1947-49 den Vertreibungen von zionistischen Terrororganisationen (Haganah, IZL, LEHI) widersetzten bzw ausharrten. Später hat Israel ihnen auf internationalen Druck widerstrebend die Staatsbürgerschaft gegeben und nach fast 2 Jahrzehnten auch die Militärverwaltung über sie aufgehoben. Phyllis Bennis:

„Unlike any other country in the world, Israel does not define itself as a state of its residents, or even a state of its citizens, but as a state of all the Jews in the world. Jews from anywhere in the world, like me, can travel to Israel, declare citizenship, and be granted all the privileges of being Jewish that are denied to Palestinians who have lived in the area for hundreds of years.“

Was Azmi Bishara und seine Partei Balad anstreb(t)en/vorschlugen, die Ent-Zionisierung Israels (ein Staat für alle seine Bürger anstatt eines jüdischen Staats), macht irgendwie wenig Sinn, Israel ohne Zionismus ist wie alkoholfreies Bier, da macht eine Abschaffung und Staats-Neugründung mehr Sinn.

Israel ist für die Palästinenser in den besetzten Gebieten zumindest ein autoritärer Staat82, nicht für die dort angesiedelten Israelis natürlich. Welche spezielle Form von autoritärem Regime? Ethnokratie oder ethnische Demokratie? Der Begriff “Ethnische Demokratie” bzw “ethnic democracy” wurde vom israelischen Soziologen Sammy Smooha eingeführt, und er betrachtet Israel als eine solche. In einer ethnischen Demokratie sind strukturelle Dominanz einer Ethnie mit demokratischen Rechten für Alle kombiniert – im Gegensatz zur Ethnokratie (oder Rassendemokratie)83, in der bestimmte ethnische Gruppen von der politischen Partizipation ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich ist Israel für die “israelischen Araber” (Palästinenser in jenem Gebiet das 1948 “Israel” wurde) eine ethnische Demokratie, für die Palästinenser in den Gebieten, die 1967 von Israel besetzt wurden, eine Ethnokratie – kombiniert mit Elementen einer Militärdiktatur.

Ein Staat bzw eine Nation und seine “illegtimen Mitglieder”, Araber bzw Schwarzafrikaner. Genau genommen gab bzw gibt es sowohl in Apartheid-Südafrika als auch in Israel eine Art Kastensystem, mit diversen Zwischenstufen, mit einer klaren Hierarchie, mit unterschiedlichen Standards für die unterschiedlichen “Bevölkerungsgruppen”, die man geschaffen hat. Nicht nur 2 Gruppen, eine privilegierte und eine unterdrückte, und eine Trennung (Apartheid) dazwischen. In Israel/Palästina betrifft das Kern-Israel, wie es also vor dem Krieg 1967 existierte. In Südafrika wurden die Inder und “Coloureds” über die Schwarzafrikaner gestellt, und auch gegen sie ausgespielt. In Israel gibt es die Mizrahis, die aus Äthiopien gebrachten Juden84, die ausländischen Arbeiter,… und die säuberlich in verschiedene Gruppen aufgeteilten Palästinenser in diesem Kern-Israel (“israelische Araber”, Drusen, Beduinen,… zur Zeit gibt es Bestrebungen, die christlichen Palästinenser gegen die anderen in Stellung zu bringen).

Dennoch bzw gerade deshalb gibt es Phrasen der “Gleichberechtigung”, Bekenntnisse zu Diversität, Protzereien wie gut es den “israelischen Arabern” doch ginge. Sie haben sich eben (zT) mit ihrer zweitrangigen Rolle bzw der abverlangten Unterordnung abgefunden. Israels rassisch-ethnische Diskriminierung trifft die allermeisten Palästinenser (die nicht im Exil leben) täglich. Die südafrikanische) Apartheid wurde (und wird) gerne als “Politik der guten Nachbarschaft“ verharmlost (bzw verfälscht); ähnlich verhält es sich mit der Definition von „Frieden“ vom zionistischen Standpunkt. „Frieden“ bedeutet für Manche, dass sich die Palästinenser damit begnügen, unter Militärherrschaft zu leben bzw Bürger 3. Klasse zu sein

Ein Kalman Katzenelson, aus Russland, revisionistischer Zionist (Anhänger des Likud-Vorläufers Herut), Schwager von “Kanaaniter-Gründer Ratosh/Halperin, brachte 1964 sein Buch “Ha-Mahfekha ha-Ashkenazit” (transkripiert, “Die aschkenasische Revolution”) heraus. Darin schreibt er, die Mizrahis (“orientalische” Juden, nach Israel gebracht) seien genetisch minderwertig, gefährdeten die Überlegenheit des aschkenasisch-zionistischen Staates, forderte die Errichtung eines Apartheid-Systems85, in dem auch die politischen Rechte der Mizrahis beschnitten bzw abgeschafft werden sollten. Weiters wollte er ein Verbot “gemischter Ehen” (zwischen Aschkenasen und Mizrahis) und die Abschaffung von Hebräisch als Staatssprache, da es zu sehr dem Arabischen ähnelte. Stattdessen solle Jiddisch Staatssprache werden, aufgrund seiner “überlegenen” deutschen Einflüsse.86 Das Buch verkaufte sich sehr gut in diesem Prä-1967-Israel87, bevor es Ben Gurion verbot.

Der aus dem damals russischen Ost-Polen stammende Ben Gurion (Grün) gab diese aschkenasisch-chauvinistische Linie selbst vor88, sprach von den Mizrahis (die er nach Israel bringen liess) als “Wüstengeneration”, von Leuten denen es an jüdischer Erziehung mangle. Als er in den frühen 1950ern sagte, die Israelis dürften nicht Araber werden und dass ein Kampf gegen den “Geist der Levante” zu führen sei, kann er Palästinenser oder Mizrahi-Juden gemeint haben. In dieser Zeit wurden ins Lande gebrachten Familien jemenitischer Juden Neugeborene weg-genommen, und diese an aschkenasische Familien übergeben.89 Die Familien wurden als primitiv gesehen, die Kinder könnten in den “richtigen” Familien gerettet werden, für den zionistischen Staat erzogen; ausserdem könnten sich so grosse Familien ein oder zwei Kinder weniger leisten. Auch aschkenasische Familien, die den Holcocaust überlebt hatten, waren an den Entführungen beteiligt.90 In der “Mini-Intifada” (seit) 2015 kam es zu Fällen, in denen Mizrahi-Israelis nach Messerattacken von Palästinensern (oder vermeintlichen) von einem Mob (darunter Soldaten) attackiert wurden, weil sie für Palästinenser gehalten wurden.91 Bei Übergriffen gegen afrikanische Einwanderer wurden auch äthiopische Juden attackiert.

Manche Mizrahis versuchen aus dem ihnen Auferlegten, Verachtung an die Palästinenser und andere Völker der Region weiterzugeben, auszubrechen. Der Author Sami Michael zB, ein aus dem Irak stammender (jüdischer) Israeli, plädiert dafür, dass sich Israel in die Region integriert. Als Alternative zum Abgrenzen, sich als Aussenposten der westlichen Welt zu sehen, zur Kleinhaltung der Anderen, mit den hochentwickeltsten Waffen, dem Anprangern, sie Überlisten,… Israel, das der schlimmste Apartheid-Staat auf der Welt geworden sei, müsse beweisen, dass es nicht ausführender Arm oder Ausläufer westlicher Politik in seiner Region sei92 und nicht nur gegen die Region bestehen könne. Israeler die nicht die ganze Region hassen, wie Sami Michael, werden diffamiert, sind Aussenseiter in ihrer Gesellschaft.

In der Hierarchie der Bevölkerungsgruppen in Apartheid-Südafrika waren Weisse natürlich ganz oben, und unter ihnen die Afrikaaner/Buren; in Israel sind das Juden, insbesondere (noch immer) die Aschkenasen. In Südafrika 1948-1994 hörte die Freiheit für Weisse dort auf, wo man die Grundsätze der Apartheid in Frage stellte.93 In einer Ethnokratie, heisst es, wird nicht nur Druck auf die benachteiligte Bevölkerung ausgeübt, sondern auch auf Dissidenten aus der privilegierten Schicht, die die Trennungspolitik bekämpfen und in Frage stellen. Das trifft auch auf Israel zu. Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer sagte, in keinem anderen Land der westlichen Welt gab es weniger Freiheit als in Südafrika, nicht zuletzt in der Kunst.94 Die Publikationen, die in der Apartheid-Zeit in ZA verboten waren, sind im “Jacobsens index of objectionable literature” (1996) aufgelistet; er umfasst fast 15 000 Publikationen. Und die israelische Militärzensur?

Das Zusammenleben mit den “Dunkelhäutigen” aus der Region auf gleichberechtigter Grundlage war/ist für beide Systeme das eigentliche Problem, kam/kommt nicht in Frage. “Die kaffer op sy plek”. Es gibt getrennte Wohngebiete (de facto, hauptsächlich) bzw gab sie de jure. Die Unterworfenen dürfen in gewisse Gebiete nicht hi(nei)n. Apartheid-Regierungen waren bereit, Teile des Territoriums Südafrikas “aufzugeben” (als Homelands), anstatt Schwarzen im Land gleiche Rechte zu geben. Ähnlich verhält sich Israel gegenüber den Palästinensern in den 1967 eroberten Gebieten, die de facto Teile Israels wurden; auch in den “Homelands”, in denen Palästinenser seit 1993/94 Selbstverwaltung haben, hat Israel das letzte Wort. Die Homelands in Südafrika waren wie gesagt etwa 15% (unattraktives) Land für 75% der Bevölkerung; in den Städten gab es die Townships. Das beste und meiste Land blieb/bleibt den Privilegierten vorbehalten. Es gibt Siedlungen, Umsiedlungen, Zerstörung von Stadtvierteln,… Sophiatown in Nord-Johannesburg oder Ost-Jerusalem.

In Hebron, der grössten Stadt im Westjordanland, ist die israelische Apartheid am schlimmsten bzw am deutlichsten. Dort entstand 1968 die erste israelische Siedlung in den neu eroberten Gebieten, durch religiöse Fanatiker um Mosche Levinger. Bezeichnenderweise steht dieses Projekt bis heute unter dem “Motto”, “an 1929 anzuknüpfen”95, für das “Recht der Juden, in dieser Stadt zu leben” zu kämpfen. Die Ereignisse in Hebron 1929 standen im Rahmen des palästinensischen Aufstands gegen die aggressive zionistische Siedlungs- und Vertreibungspolitik. Und, es sind diese Siedler und ihre Beschützer und Apologeten, welche kein Gemeinsam mit der dortigen Bevölkerung (den Palästinensern) wollen, im Gegenteil! Der Diskurs bzw die Apologetik ist typisch; man hängt der Gegenseite all das um, was man ihr entgegen bringt bzw dreht die Verhältnisse anklagend um. Die Anderen seien Fanatiker, man müsse verhindern, dass die Stadt “judenrein” werde,…96 Wären diese Siedlungen auch für Palästinenser offen, wären sie nicht darauf angelegt, Palästinenser zu vertreiben und zu schikanieren, nicht Teil des Besatzungsregimes, würden die israelischen Siedler im Westjordanland nicht in jeder Hinsicht über den Palästinensern stehen,… sähe die Sache ganz anders aus. Das gilt für das gesamte zionistische Projekt in Palästina, seit mehr als 100 Jahren.

Eine Annexion der “Westbank” wird, genau wie einst beim “Gaza-Streifen” wegen den dortigen Palästinensern nicht gemacht, weil man ihnen dann einen Status ähnlich der “israelischen Araber” geben müsste, das Wenige ist ihnen schon zuviel. Naftali Bennett ist einer jener, die weitere Annexionen wollen.97 Die Zionisten kontrollieren 100% Palästinas, haben u.a. ein “demografisches Problem” in Gestalt der Palästinenser, wie immer wieder betont wird. Der damalige Premier Olmert malte als Schreckgespenst an die Wand, dass sein Land eines Tages einen Kampf wie in Südafrika um gleiche Wahlrechte erleben könne…

Nachdem infolge der Perestroika und des Auseinanderfalls (in) der Sowjetunion Anfang der 1990er Hunderttausende Juden (und auch Nicht-Juden…) in das Land strömten (hauptsächlich Aschkenasen), jubelte man (Vertreter der Jewish Agency,…) “Endlich eine jüdische Mehrheit in Galiläa“. Die Aufrufe von Netanyahu zur Einwanderung von Juden, v.a. aus dem „antisemitischen Europa”98, sind auch gegen die „israelischen Araber“ bzw gegen die Palästinenser an sich gerichtet. Nebenbei, US-Amerikaner, Deutsche oder andere “Westler”, die Juden oder Israelis heiraten und einwandern, werden vom Zionismus nicht als demografische Bedrohung gesehen…und auch anders behandelt.99

Die Zionisten wenden bezüglich der Beherrschung der Palästinenser die selben Methoden wie die Apartheid-Herrscher Südafrikas gegenüber den Schwarzen an. Darunter eine Politik des “Teile und herrsche“, das Gegeneinander-Ausspielen der Unterworfenen, die Inkorporation von Teilen von ihnen (die gegen die anderen in Stellung gebracht werden), welche auch gegenüber der “internationalen Gemeinschaft” die Illusion von “Harmonie” erzeugen soll. Das Apartheid-Regime wollte die “schwarze” Bevölkerung entlang ihrer ethnischen Linien (Zulus, Xhosas, Sothos, Tswana,…) teilen100 und sich dabei der traditionellen Herrscher bedienen, teilweise erfolgreich. Die Palästinenser wurden wie erwähnt in mehrere ethnisch-religiöse Kasten (mit unterschiedlichem Status) geteilt, dazu kommt die Teilung zwischen jenen, die schon seit 1948 unter israelischer Herrschaft lebten und jene die die das seit 1967 tun. Es gibt Palästinenser in den IDF101, es gab Schwarze und andere Farbige in der SADF. Es gab auch Schwarze in der NP, am Ende der Apartheid, als dies möglich war (ab 1993), am prominentesten John Mavuso.

Woran keine Kollaboration und keine Beschönigungsmassnahme etwas ändern kann/konnte, ist die Ungleichheit, wer der Boss ist/war; und wenn es darum geht, “den Anderen” etwas substanziell zuzugestehen bzw sie als grundsätzlich ebenbürtig anzuerkennen… Die israelische Polizei kam zB 2017 in ein beduinen-arabisches Dorf, um Häuser zu zerstören, die ohne Genehmigung gebaut worden waren; ging aggressiv vor, es gab Tote und Verletzte, darunter der Knesset-Abgeordnete Aiman Auda. Und die Beduinen dienen teilweise im israelischen Militär – wo sie gegen andere Gruppen unter den Palästinensern eingesetzt werden, oder gegen afrikanische Einwanderer an der Grenze zum Sinai. Das Vorgehen von Polizei und Militär gegen die “Eigenen” (die privilegierte Bevölkerunsggruppe) oder aber gegen “die Anderen” (die Unterworfenen)…auch hier eine Gemeinsamkeit mit Apartheid-Südafrika. Gegen die israelischen Siedler in den palästinensischen Restgebieten würde nie so vorgegangen werden – auch wenn einmal ein Landraub von ihnen von Israel selbst als “illegal” erklärt wird und sie gegen Soldaten Widerstand leisten.102 Weisse konnten öffentlich gegen die Apartheid auftreten (solange sie nicht Taten dagegen setzten), Schwarze nicht; genau so verhält es sich mit Juden und Palästinensern.

Und, jener Soldat, der im März 16 in Hebron einen (nach einer Messerattacke auf einen anderen Soldaten) angeschossenen Palästinenser mit einem Kopfschuss exekutierte, wurde zu 9 Monaten Haft verurteilt (2 Mal wurde die Strafe reduziert, obwohl er nie Reue für seine Tat zeigte). Für Viele ist er ein Held, von Netanyahu abwärts traten viele Politiker für seine Begnadigung ein; aber auch ein anderer Chauvinismus lebte auf, die Selbstbeweihräucherung; die Botschaft der Verurteilung sei, „dass wir uns nicht auf das unmoralische Niveau derer herunterziehen lassen dürfen, die uns auslöschen wollen“. Was nicht diskutiert wird, ist die Rolle der Soldaten und Siedler in Hebron, die Ursachen des „Terrors“ bzw Widerstands.103 Die palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi beschrieb das Strafmaß im Militärprozess als „Hohn auf die Gerechtigkeit“, die leichte Haftstrafe beweise, dass palästinensisches Leben als wertlos angesehen werde. Am Ende wird die 16-jährige Ahed Tamimi wahrscheinlich länger im Gefängnis sein als dieser Elor Azaria.

Israel tötet und sperrt Leute ein, mit denen es verhandeln sollte. Selbes galt für das Apartheidsystem und seine Gegner. Dieses hat zB Ruth First 1982 durch eine Paketbombe im Exil getötet, versuchte Frank Chikane zu vergiften. Die Verantwortlichen wurden nach dem Ende der Apartheid milde “bestraft”. Und der Regierungschef 1978 bis 1989, Pieter Botha, zeigte der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) bildlich gesprochen den gestreckten Mittelfinger, was für ihn aber praktisch keine Konsequenzen hatte. Er verbrachte einen ruhigen Lebensabend, mit Bodyguards die ihm die Post-Apartheid-Regierungen zur Verfügung stellten. Die erste dieser Regierungen wurde von Nelson Mandela geleitet, der es vom Gefangenen zum Präsidenten geschafft hat. Weitere zwei südafrikanische Post-Apartheid-Staatspräsidenten waren auf Robben Island Gefangene gewesen.

Politiker und Aktivisten der Gegenseite wurden als “Terroristen” gebrandmarkt, und diese eingesperrt, Mordanschläge auf sie verübt. An dieser Stelle sei die Frage aufgeworfen, wann wem gegen wen Widerstand gestattet wird. Gegen das Nazi-Regime vielerorts in Europa, gegen das Apartheid-Regime in Südafrika, gegen die Sklaverei? Samuel Sharpe, der Anführer eines Aufstandes 1831/32 in Jamaica104, wurde damals als einer von über 300 Versklavten zur Strafe getötet (gehängt). Auch Nelson Mandela wurde mal als Terrorist gesehen, von gewissen Kreisen, und nicht die Angehörigen von südafrikanischen Terroreinheiten wie C1(0), Koevoet, CCB, BOSS. Für Pretoria und Tel Aviv waren Mandela und Arafat “Terroristen-Führer”, die Weisse bzw Juden “in das Meer jagen” wollten und gegen die man sich entsprechend zu “verteidigen” hatte. Das israelische Militär (ZAHAL/IDF) entstand einst aus drei Terrorgruppen und ist heute eine Besatzungsarmee. Der Widerstand von Palästinensern kommt nicht, „weil sie Juden hassen“, sondern aus Jahrzehnte-langen Erfahrungen, bzw aus der Tatsache, was Israel für sie bedeutet.105

Linda Sarsour, eine palästinensische Amerikanerin, mit Engagement für afro-amerikanische und palästinensische sowie moslemische Belange, kommentierte 2015 auf Twitter ein Foto, auf dem ein palästinensischer Junge einer Gruppe schwerbewaffneter israelischer Soldaten mit einem Stein in der Hand gegenübersteht: „Die Definition von Mut. #Palästina.“ Widerspruch eines jüdischen New Yorker Stadtrats: „Nein, die Definition von Barbarei“. Rechtsextreme Afrikaaner haben vor ihrer “Machtübernahme” 1948 den südafrikanischen Staat bekämpft und taten dies nach dem Ende dieser Phase 1994 auch wieder. Widerstand von den Haupt-Leidtragenden in dieser Phase (oder von jenen, die mit ihnen solidarisch waren) galt als “Terrorismus”. Und in Palästina, 1948 und danach? Ein 16-jähriges palästinensisches Mädchen (Ahed Tamimi), die (schwerbewaffnete) israelische Soldaten mit der Hand geschlagen haben soll, wird auch von Israel als Terrorist behandelt.106

Es gab und gibt den Anspruch, dass Weisse/Juden die Zivilisation/Kultur in eine in jeder Hinsicht dunkle Region brachten, zu den schwarzen/arabischen Horden. Der israelische Sieg über die Armeen arabischer Staaten 1967 wurde (auch) vom Apartheid-Regime und seinen Anhängern gefeiert; der “Mythos der militärischen Macht der dritten Welt” sei in sechs Tagen zerstört worden, hiess es da. Ein Beispiel für Südafrika, das ebenfalls numerisch überlegenen Feinden gegenüber stehe, aber eben auch waffentechnisch haushoch überlegen sei und im Gegensatz zum (“fanatischen”) Feind eine disziplinierte Armee habe, sprich, man war zivilisatorisch überlegen. „Ayn Rand“ (Alisa Zinovyevna-Rosenbaum)107 sagte zB zum “Yom-Kippur-Krieg” 1973, dass sich die Israelis als zivilisierte Männer gegen die Wilden durchgesetzt habe; passenderweise war sie auch der Meinung, dass europäische Kolonisten das Recht gehabt hätten, das Land von den amerikanischen Indianern zu nehmen.108

Der faschistische israelische Politiker Naftali Bennett sagte 2010 zum palästinensisch-israelischen Politiker Ahmad Tibi, als “ihr noch auf Bäumen herum geklettert seid, hatten wir hier schon einen jüdischen Staat”. Der “liberale” Lapid senior hat sich ja einst ähnlich ausgedrückt, mit dem Dschungel, allerdings gegenüber den Schwarzafrikanern…sein Sohn war auch Bennetts Koalitionspartner in einer Netanyahu-Regierung.109 Bennett hat übrigens Kurse geleitet, mit seiner Organisation “Israel Sheli” (mit seiner Ayelet Shaked), in der Anleitungen dazu gegeben wurden, Wikipedia-Artikel im zionistischen Sinn umzuschreiben.110 Der aus Russland eingewanderte revisionistische Zionist Wladimir Jabotinsky sagte 1923, die in Palästina ansässigen “wenigen” Araber seien “kulturell 500 Jahre hinter den Juden zurück”.

Zumindest im Fall Südafrikas hat man die “Eingeborenen” auch über 100 Jahre lang (schon vor der Apartheid) von Allem ausgeschlossen und ihnen eine Bildung zukommen lassen, die die ganze Verachtung für sie zum Ausdruck bringt. Bei Apartheid-Südafrika wie bei Israel gibt es gleichzeitig Verachtung ggü der Region und Gegreine über Ablehnung. Gibt es den Anspruch, in der Region eine Art Oberherrschaft auszuüben und das Eingehen von Bündnissen. Im Fall der NP-Regierungen Südafrikas waren das nicht nur die Homeland-Herrscher; Premierminister Vorster begründete auch die Détente-Politik des Apartheid-Regime. Bei der Eröffnung des Kohlekraftwerks in Camden (heute Provinz Mpumalanga) 1967 sagte er, dass die Republik Südafrika dazu bestimmt sei, Führer in Afrika zu sein; es sei eine himmelschreiende Ungerechtigkeit dass man unterentwickelten Ländern Geltung in der Weltpolitik gegeben habe, Ländern die noch in der Krabbelphase seien… Geltung und Akzeptanz in Afrika wollte man bekommen indem man noch einmal die ganze Verachtung für den Kontinent und seine Bewohner (die sich schon allein in der inneren Politik ausdrückte) zum Ausdruck brachte.

Ab 1967 liess Vorsters Kabinett ja die Sezession Biafras von Nigeria unterstützen; auch hier war Israel der Partner (daneben auch u.a. die portugiesische Diktatur, die ihre Kolonien in Afrika zu behaupten trachtete). Die Führer Biafras, wie Chukwuemeka Ojukwu, wenn sie nach Südafrika gekommen wären – in welchen Hotels hätten sie dann übernachten dürfen, welche Restaurants benutzen, welche Toiletten…? Probleme und Zwist unter den Afrikanern (bzw in der Region) waren jedenfalls gut für das Apartheid-Regime. Auch das verband mit Israel. In der DR Congo/ “Zaire” unterstützte Pretoria zunächst Tschombé dann Mobutu. Peres-Partner Rhoodie war ein Befürworter eines südafrikanischen Interventionismus bzw Expansionismus in Afrika, schrieb darüber “The Third Africa”. 1974 verkündete Vorster in einer Parlaments-Rede, das südliche Afrika sei an einem Punkt an dem es zwischen friedlichen Verhandlungen und eskalierender Gewalt wählen müsse.111 Sambias Präsident Kenneth Kaunda reagierte positiv. Der eigentliche Beginn der Detente. Der ANC (unter Oliver Tambo) hatte ja sein Exil-HQ in Sambias Hauptstadt Lusaka, für ihn war die Annäherung die dann folgte, Grund zu grosser Sorge.

1975 trafen sich Vorster und Kaunda auf einer Brücke über den Victoria-Wasserfällen, an der Grenze zwischen Südafrika und Rhodesien, um das es hauptsächlich ging. Daher waren auch Rhodesiens DeFacto-Machthaber Ian Smith und Delegierte des schwarzen Widerstands dabei. Dass Kaunda gegenüber dem Apartheid-Regime Appeasement übte, die UNITA in Angola unterstützte, und dem ANC in seinem Land Beschränkungen auferlegte, bewahrte Sambia nicht vor Angriffen der südafrikanischen Luftwaffe, 1986 und 1987, auf ANC-Ziele. Vorsters Verteidigungsminister und Nachfolger Botha nannte in diesem Zusammenhang Israel als Vorbild, und dessen Überfälle auf Ziele in “Nachbarstaaten”. Südafrika hatte damals ja die Herrschaft über Südwestafrika (Namibia) und damit über den Caprivi-Zipfel. In dessen Osten kamen 5 afrikanische Staaten zusammen, und das südafrikanische Militär, die SADF, hatte dort eine Luftwaffenbasis, von der sie die meisten Ziele im südöstlichen sowie teilweise im zentralen Afrika angreifen konnte. Auch Mocambiques Samora Machel liess sich auf Detente/Appeasement mit Pretoria ein (Nkomati-Abkommen 1984 mit Pieter und Roelof Botha), dennoch kam er bei einem Flugzeugabsturz (?) ums Leben.112

Israel versteht sich gerne als Aussenposten der westlichen (=weissen?) Welt, wird oft (von seinen Apologeten!) als solcher gesehen.113 Und es fühlt sich oft missverstanden und ungerecht beurteilt von diesem Westen, wie einst Apartheid-Südafrika, sind beide doch die erste Vertedigungslinie des Westens, in einer Region mit Ländern, die noch in der Krabbelphase sind. Wenn aus dem Westen, dem man sich zugehörig fühlt, ein kleines bisschen auf halbwegs faire Bedingungen für die unter israelischer Herrschaft lebenden Palästinenser kommt, spricht Netanyahu vom “internationalen Diktat”, wird von “Antisemitismus” geredet.

Vertreter des Apartheid-Regimes haben sich immer wieder als Retter der westlichen Zivilisation gegenüber den afro-asiatischen “Massen” und Staaten präsentiert, die Berechtigung dieser Staatlichkeiten angezweifelt, sich eine Mission zugeschrieben. Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der Organisation für afrikanische Einheit (OAU) durch die damals unabhängigen Staaten des Kontinents 1963 in Äthiopien von “burn and beggar”-Nationen, und nahm die Sache zum Anlass, den Transfer der Macht von europäischen Ländern an ihre bisherigen Kolonien in Afrika zu attackieren, als einen “Betrug am weissen Mann”, als Ermunterung für die “Kräfte der Barbarei”. Nico Diederichs (Staatspräsident 75-78): “Wir sind die Träger der Werte, die den Westen gross gemacht haben. Wir sind Europa in Afrika.”114 Nun, die Definition des Westens ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Europa, v.a. dessen Westen, Nord-Amerika, die zwei grossen, “weiss” besiedelten Inseln Ozeaniens, und dann? Israel? Japan? Südafrika solange es dort eine weisse Vorherrschaft gab? In den Aussenposten Europas gab es ggü „Eingeborenen“/ “Farbigen“ ähnliche Einschränkungen wie in Südafrika, ab der Ankunft des weissen Mannes dort, und diese wurden gar nicht so viel früher als in Südafrika geändert! Im Süden der USA gab es Apartheid-Zustände bis in die 1960er115, auch im Militär gab es erst im Vietnam-Krieg (theoretische) Gleichberechtigung.116 In Australien existierten bis in die 1970er apartheid-artige Gesetze gegenüber den Aborigines. In Südafrika war nur anders, dass Nicht-Weisse in der Mehrheit waren.117

Die nationalistischen Afrikaaner, die die Apartheid in Südafrika etablierten, standen eigentlich im Widerspruch zu den Anglo-Weltmächten, die den Westen führ(t)en. Besonders, als in den 1960ern auch GB ent-kolonialisierte118 und von diesen Ländern zaghafter Widerspruch zur Apartheid kam. Seit die Verbindungen zur niederländischen Kolonialgesellschaft VOC (Vereenigde Oost-Indische Compagnie) gekappt wurden und die Konfrontation mit den Briten begann (also Anfang des 19. Jh), gibt es unter Afrikaanern etwas Anti-Imperialistisches, Anti-Koloniales. Sie sehen sich durchwegs als in Afrika beheimatet, mehr als die englischsprachigen (-stämmigen) Weissen des Landes.119 Was sie aber nicht abgehalten hat, die Schwarzen des Landes noch mehr zu entrechten als unter britischer Vorherrschaft. Aber auch unter Apartheid-Apologeten weltweit gab und gibt es diese Opposition zur vermeintlich vorherrschenden “liberalen” Ausprägung der Anglo-Weltmächte; die sich zB in einer Verachtung für die UN ausdrückt.

Bezeichnend war, dass ggü der palästinensischen Sache früher auch Kommunismus-Vorwürfe kamen, wie bei der Opposition zur Apartheid in RZA. Hier wurde die „kommunistische Gefahr“ gerne vorgeschoben, zur Rechtfertigung der Bekämpfung dieser Opposition. Es gab früher diese Kombination aus rassischem Imperialismus, und einem, der aus dem Kalten Krieg heraus argumentiert wurde. Bei „Ayn Rand“ verband sich das Antikommunistische/ Turbo-Kapitalistische mit Bellizismus, Elitismus, Westismus. Und, damals wurden Faschisten (ob Franco oder Gehlen) und Islamisten (ob in Afghanistan oder Palästina) gg (tatsächliche/ vermeintliche) Kommunisten unterstützt. Ob zwischen Apartheid und Kapitalismus ein Gegensatz besteht, ist eine andere Frage. Allister Sparks schrieb 1993: “Die eigentliche Achillesferse des südafrikanischen Unterdrückungssystems war von jeher die vollkommene Abhängigkeit der Herrschenden von den Unterdrückten.” Die meisten Weissen konnten nicht ohne schwarze Arbeitskräfte auskommen, nicht im Bergbau, nicht in der Landwirtschaft, nicht in ihren Haushalten. Streiks sowie Sanktionen des Auslands erschütterten die Wirtschaft auch. Auch Israel braucht Palästinenser als billige Arbeitskräfte.

“Jimmy” Carter hat sich in seinem 06 erschienen Buch mit der israelischen Apartheid auseinander gesetzt. Carter, der einst die USA-Politik von “Sicherheit”(!) zu Menschenrechten verschoben hat, für 4 kurze Jahre. Der damalige UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in den besetzten palästinensischen (Rest-) Gebieten, Richard Falk (ein jüdischer Amerikaner), sagte am Ende seines Mandats 2014, die israelische Besatzungspolitik trage Merkmale von Kolonialismus, Apartheid und ethnischen “Säuberungen”. Ahmed Kathrada, ein früherer politischer Gefangener auf Robben Island (wo er dann das zu einer Gedenkstätte umgewidmete frühere Gefängnis leitete), schrieb, ein farbiger Südafrikaner brauche nicht mehr als einen Tag in Palästina, um in das Vor-1994-Südafrika zurückgeworfen zu werden. John Dugard, ein weisser südafrikanischer Jurist, der Widerstand gegen die Apartheid leistete, 01 von der UN-Menschenrechtskommission (Vorgänger des Menschenrechtsrats) mit einer Untersuchung israelischer Verstösse gegen Menschenrechte ggü Palästinenser beauftragt, schrieb 07 in einem Bericht, das israelische Walten in den palästinensischen Restgebieten sei in vielen Aspekten der südafrikanischen Rassentrennung ähnlich.

Jon Soske and Sean Jacobs brachten 2015 “Apartheid Israel: The politics of an analogy” heraus (leider noch nicht auf Deutsch übersetzt), darin behandeln 20 Wissenschafter aus Afrika und seiner Diaspora die Analogie zwischen der Apartheid in Südafrika und der israelischen Herrschaft über die Palästinenser. Darin heisst es,

“The parallels are unmistakable. Apartheid South Africa and Israel both originated through a process of conquest and settlement justified largely on the grounds of religion and ethnic nationalism. Both pursued a legalized, large-scale program of displacing the earlier inhabitants from their land. Both instituted a variety of discriminatory laws based on racial or ethnic grounds…in South Africa itself, the comparison is so widely accepted that it is generally uncontroversial”

Die kanadische Autorin und Aktivistin Naomi Klein hat während des israelischen Feldzugs gegen Gaza 08/09 dazu aufgerufen, israelische Unternehmen und Marken zu boykottieren bzw BDS zu unterstützen. Dies sei das effektivste Werkzeug im gewaltfreien Arsenal und habe bereits das Apartheidregime in Südafrika (mit) zu Fall gebracht. Im Sommer darauf besuchte sie Israel, die Westbank und den Gazastreifen und bekräftigte (und präzisierte sie) ihre Unterstützung für die BDS-Kampagne.

Das Propaganda-Mantra (bzw Entschuldigungs-Narrativ) „Geht ihnen so gut unter uns, besser als allen anderen Afrikanern/Arabern“ verbindet auch. Apartheid-Südafrika (und seine Verteidiger) hat seine Politik immer damit gerechtfertigt, dass die Schwarzen dort einen höheren Lebensstandard hätten als anderwo am Kontinent. Und das wurde der weissen Führung des Landes zugeschrieben, welche notwendig sei, um (auch) diesen Standard zu halten. Wenn man in den vorangegangenen 2 Sätzen “Apartheid-Südafrika” durch “Israel” ersetzt, “Schwarze” durch “Araber”, “Kontinent” durch “Region” und “Weisse” durch “Juden”, dann hat man eine wichtige heutige zionistische Apologetik.120 Verwoerd musste sein Bantustan-Konzept einst gegen Kritiker in den eigenen Reihen verteidigen, für die die “Bantus” dadurch zu viel bekamen. So ähnlich geht es auch Netanyahu manchmal (> Bennett,…). Die Forderung nach echter Gleichberechtigung wurde im einen Fall abgewehrt mit „Schwarze haben ihre Bantustans/ Homelands“, im anderen Fall wird sie das mit „Palästinenser haben ihre Autonomie-Gebiete/ihre Regierung“.

Wie die Zionisten zeterten auch die (südafrikanischen) “Apartheidler” davon, dass ihre Existenz bedroht sei (ihr tolles System, ihr Leben), von den bösen Unzivilisierten. Die “Sie wollen uns ins Meer jagen”-Unterstellung kam dort wie sie hier kommt, auch um die Unterdrückung zu rechtfertigen, zu verschleiern. Um sich davor zu retten, ist ja nun jedes Mittel recht. Informationsminister Cornelius “Connie” Mulder 1977 zur “Bild”-Zeitung: „Wenn wir angegriffen werden und es um unsere Existenz geht, werden keine Regeln gelten. Wir werden alle Mittel, die uns zur Verfügung stehen…anwenden”. Und er schloss mit einem verklausulierten Hinweis auf die südafrikanischen Atomwaffen.121 Ein einigermaßen gerechter Ausgleich mit den “inneren Feinden” wäre das beste Mittel gegen deren „Widerstand“ (gewesen), hier wie dort. Was ja von israelischer Seite auch als Antwort auf den Apartheid-Vorwurf bzw die diesbzgl. Feststellung kommt, ist so etwas wie “We are proudly apartheiding the terror”. Man reagiert also nur auf etwas, der Ausschluss bzw die Diskriminierung erfolgt nur aus Gegenwehr, man ist das Opfer.

Man könnte sich das zB anhand Gaza detailliert ansehen, wie das ablief und -läuft. Aber vielleicht ist es erhellender, wenn man sich ansieht, dass beim Zionismus, genau wie bei der südafrikanischen Apartheid einst, die Vernichtungsunterstellungen (die aus dem Kampf gegen das Unterdrückungs-System “gedreht” werden) nahtlos in Unterstellungen der Unzivilisiertheit, Unterlegenheit,… übergehen (oder aus diesen kommen?). Widerstand gegen die Besatzung (die den Gaza-Streifen weiter betrifft, wenn auch anders als das Westjordanland) wird propagandistisch in den Kontext des Wütens des “IS” (ob in der Region oder in Europa) gestellt, womit man davon ablenken will, dass man normalen Palästinensern die Gleichberechtigung versagt, seit Jahrzehnten. Islamismus und Terrorismus lässt sich (heutzutage) leichter als Ausschlussgrund anführen als Demografie, Rasse oder diverse Aspekte der Kultur. Bei israelischen Fussball-Liga-Spielen (oder bei Umzügen in palästinensische Viertel diverser Städte) wird dann wieder gerufen “Tod den Arabern” (Mavet le Aravim), nicht “Tod den Moslems” (oder: den Islamisten/den Terroristen/…).

Als Frederik W. de Klerk 1990, einige Monate nach seinem Amtsantritt, damit begann, die Apartheid “abzubauen”122, sah er das nicht als Kapitulation der Weissen oder Afrikaaner, sondern als das Einnehmen einer neuen Rolle, machte er das aus der Intention, die Zukunft der Afrikaaner in Südafrika zu sichern, wie er später schrieb. Die rechts von der NP stehende Konservative Partei erhielt bei der letzten “Apartheid-Wahl” (1989) 31%; diesen Anteil gab es auch an “Nein”-Stimmen bei De Klerks Referendum über seine Reformen 1992. Ein Teil dieser ca. 31% Weissen, die keine Reform oder Abschaffung der Apartheid wollten123, nahm an der Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde, mit der VF teil, die als KP-Abspaltung gesehen werden kann.

Die KP nahm nicht teil, ihr Chef124 Ferdinand Hartzenberg sagte damals, “unsere125 Kultur und ganze Existenz ist bedroht, soll ausgelöscht werden”. Dieser Rhetorik gibt es auch heute immer wieder. Aber die Afrikaaner und ihre (damaligen) “Führer” haben den Schritt gemacht, sich darauf einzulassen, mit den Schwarzen auf gleichberechtigter Grundlage zusammenzuleben. Die Apartheid-Nostalgiker und -Apologeten stilisieren sich als Opfer der schwarzen Mehrheit in Südafrika, die ihre Existenz bedrohe. Etwa jene, die auf Youtube Videos hochladen, in dem Nelson Mandela beschuldigt wird, über das “Töten von Weissen zu singen”. Darin sieht man Mandela das MK-Kampflied singen (mit Ronnie Kasrils), das nach MEMRI-Art “übersetzt” bzw verdreht wird, um zu diffamieren und anzuprangern.

Die beiden Staaten haben bei ihren Atomwaffenprogrammen nicht nur zusammen gearbeitet, für beide ging es darum, sich (“ihre Existenz”) mit überlegener Technologie und Waffen gegen die “farbigen” Horden zu behaupten. IL war etwas schneller am Ziel als ZA, das die Entwicklung seiner Atombomben dann auch als “Reaktion” deklarierte, auf das Engagement des Ostblocks im südlichen Afrika. Die Apartheid in Südafrika begann aber lange vor einem direkten oder indirekten Eingreifen der SU in der Region, und das südafrikanische Militär intervenierte in Angola (bevor kubanischen Truppen dorthin kamen) und destabilisierte das Land, es war nicht so, dass angolanische Truppen Südafrika bedrohten. Südafrika besetzte auch Südwestafrika, setzte auch dort eine Apartheid-Politik durch, arbeitete mit allen Kräften in der Region zusammen, die gegen schwarze (afrikanische) Selbstbestimmung bzw Gleichberechtigung arbeiteten, ob portugiesische Kolonialherren oder Rhodesien nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung von GB,… Die kommunistische Partei Südafrikas (CPSA bzw SACP) hatte Mitglieder aus allen Bevölkerungsgruppen und hatte mitnichten das Ziel eines Ausschlusses der Weissen von der Macht. Es war die Nationale Partei (bzw die von ihr gestellten Regierungen), die die Nicht-Weissen schwer diskriminierte.

Im südlichen Afrika (eigentlich in ganz Afrika) hatte die Republik Südafrika das nukleare Monopol, wie Israel in der Region Westasien und Nordafrika. Im Fall Südafrika sahen schwarzafrikanische Politiker, wie Nigerias damaliger Aussenminister A. Bolaji Akinyemi in den 1980ern, ein rassisches Monopol auf Atomwaffen, das herausgefordert werden sollte. Auch Israel bedroht die Region, und duldet keine Entwicklung von Atomwaffen durch einen anderen Staat darin. Der israelischer Historiker Benny Morris forderte wiederholt einen Präventivangriff auf den Iran, wegen dessen Atomprogramm, wenn “nötig” mit Atomwaffen. ”Ich denke, alle rundherum wären sehr ruhig danach.“ Eine kleine Belehrungsaktion für die braunen Untermenschen. Der verstorbene kenianische Wissenschafter Ali Mazrui war ein starker Kritiker von Israel bzw seiner Politik ggü den Palästinensern und der Region. Unnötig zu erwähnen, dass er dafür immer wieder attackiert wurde, als “antisemitisch”, auch “antiwestlich” sei er. Mazrui vertrat die kontroversielle Position, dass der einzige Weg, einen nuklearen Holocaust zu verhindern, die nukleare Bewaffnung der “Dritten Welt” (insbesondere Afrikas) sei; dies hat er etwa in seinem Buch “The Africans” argumentiert.

Inwiefern Apartheid-Apologetik, Zionismus-Apologetik und Rassismus (in Post-Apartheid-Zeiten) zusammen hängen, darum geht’s (u.a.) im letzten Abschnitt.

Südafrika nach der Apartheid

Nach den Wahlen in Südafrika Ende April 1994 wurde Nelson Mandela, Parteichef des Wahlsiegers ANC, Anfang Mai vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt, und stellte dann seine Regierung der nationalen Einheit zusammen, aus den drei stärksten Parteien, ANC, NP und IFP. Den ANC-Ministern ging es anfangs in ihren Ministerien ähnlich wie jenen der De Maiziere-Regierung 1990 in der Schlussphase der DDR.126 Namibia war einige Jahre voraus gegangen, 1990 unabhängig von Südafrika geworden; in Zimbabwe, dem früheren Rhodesien, hat man bereits 1980 begonnen, eine nicht-rassische Gesellschaft aufzubauen.127 Afrika war von Kap bis Kairo frei, aber Mobutu und andere Diktatoren waren noch an der Macht, und in Ruanda lief zur Zeit der Demokratisierung Südafrikas gerade das grosse Morden (wie auch in Bosnien-Herzegowina). Manche sahen ein Potential für so etwas auch in Südafrika.

Politische Gewalt kam mit dem Ende der Apartheid in Südafrika128 aber nur ausnahmsweise, zeitlich und örtlich eng begrenzt, vor.129 Mit den Abkommen zwischen Israel und der PLO 1993/94 bekamen die Palästinenser einige Homelands; dort ging die Gewalt nicht zu Ende. Denn dort blieb eine Art Apartheid, während Südafrika demokratisch wurde. Das Ende der Apartheid in Südafrika brachte auch ein endgültiges Ende der speziellen Beziehungen zu Israel (das eigentliche Ende hatten De Klerk und Shamir einige Jahre davor besiegelt); Verteidigungsminister “Joe” Modise, ein früherer Kommandant der ANC-Miliz MK, sagte, diese Beziehungen gelte es nun zu beenden. Wobei Israel ohnehin, so bereitwillig es mit dem Apartheid-Regime Waffen-Handel betrieb und Geheimnisse teilte, mit dem demokratischen Südafrika nicht viel im “Sicherheitsbereich” zusammenarbeiten wollte… Israel fand andere Verbündete, seine Rüstungsindustrie andere Abnehmer.

Und, auch im Post-Apartheid-Südafrika war Inneres und Auswärtiges in vielerlei Hinsicht verbunden. Unter der Regierung der nationalen Einheit unter Präsident Mandela sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Als dies 1996 geschehen war, stieg die NP aus der Regierung aus. Der nunmehrige Oppositionsführer De Klerk kündigte die Umwandlung der NP in eine nicht-rassische, christlich-demokratische Partei an. Beim Parteitag 1997 nannte sie sich in Nuwe Nasionale Party/ New National Party (Neue Nationale Partei, NNP) um, wählte mit Marthinus van Schalkwyk einen neuen Vorsitzenden, und gab sich ein neues Programm. Aus der burisch-nationalen, weiss-rassistischen Partei in einem Land der grossen Gegensätze eine werte-orientierte zu machen, war aber nicht einfach – auf das Christentum zB beziehen sich auch die meisten Schwarzafrikaner, wie gezeigt wurde. Die Democratic Party (DP) war bei der Wahl 1994 weder für einen grossen Teil der Weissen noch einen grösseren der Schwarzen attraktiv, schnitt schlecht ab. Zacharias De Beer, auch letzter Führer der PFP, dann 89-94 einer von drei der DP, trat zurück, wurde Botschafter in der Niederlande, Anthony “Tony” Leon übernahm die noch ziemlich linksliberale Partei.130

Unter Leon verabschiedete die DP 1998 ein Dokument namens „The Death of the Rainbow Nation: Unmasking the ANC’s Programme of Re-racialisation“, in dem der „Wiedergutmachung“ der Resultate der Apartheid eine entschiedene Absage erteilt wurde, die Weissen als schutzbedürftige Minderheit neuerfunden wurden, die im Begriff seien, ausgeplündert & entrechtet zu werden. Wirtschaftswachstum und Bildung seien Schlüssel für das Glück für Alle bzw die Heilung für die von der Apartheid  verursachten Wunden. Dort stand zB, “Racial transformation means that individuals cannot compete as individuals”; daran ist etwas Wahres, aber auch was Verlogenes. Diese(s) Richtungsfestlegung bzw Signal war mit-ausschlaggebend für das Gewinnen auch der meisten Stimmen der Afrikaaner bei der Wahl im Jahr drauf, und das sollte wohl auch bezweckt werden. Die DP positionierte sich als in Opposition zur Apartheid (gewesen) und als Opposition zum ANC. Sie zog bei der Wahl ’99 konservative wie liberale Weisse an, Briten wie Buren, gewann dazu, wurde zweitstärkste Partei und damit “offizielle” Oppositionspartei. Bei dieser Wahl saß nun die NNP zwischen den Stühlen, verlor enorm (-13,5%), war nur noch in der Provinz Westkap eine Grösse – dank der “Farbigen” dort.

Die DP übernahm Ende der 90er, Anfang der 00er Personal, Inhalte und Wähler der (N)NP. Die VF positionierte sich als Partei der konservativen Afrikaaner, in ihr ging dann der grösste Teil der KP auf, aber auch ein Teil des Erbes der NP. Leon war unapologetisch über den rechten Zufluss in die DP. In einem Interview mit dem konservativen “Focus”-Magazin, das von der Helen Suzman Foundation herausgegeben wird, beschrieb er die Weissen in Südafrika als Minderheit, die unter der neuen Demokratie “ausgeschlossen” werde, auch die anderen Nicht-Schwarzen (Asiaten, Mischlinge) nannte er als “Zielpublikum”.131 2000 taten sich DP und NNP zusammen (ausserdem die kleine Federal Alliance/FA), damals nahm die DP den Namen Democratic Alliance (DA) an. FA und NNP brachen aber weg, bevor die Vereinigung vollzogen war, die FA tat sich mit der VF zusammen, die NNP mit dem ANC.132

Die DA, die auf die teil-liberalen Parteien der englischen/jüdischen Weissen zurückgeht, wurde Sammelpartei der Nicht-Schwarzen, ist die Partei der meisten Afrikaaner, Asiaten (Inder, Chinesen,…) und Mischlinge133, sowie eines Teils der bürgerlichen Schwarzen.134 Die DA sucht ihre Identität, wozu auch die Positionierung zur Apartheid bzw ihrer Rolle in dieser Zeit gehört; zumindest ein Teil will sich Widerstand dagegen an die Fahnen heften. Die DA ist Mitglied der Liberalen Internationale, betrachtet die ’59 von der UP abgespaltene PP als früheste Vorgängerin, nicht die UP oder die SAP. Die DA und viele Weisse wollen möglichst wenig Apartheid-Aufarbeitung (in der einen oder anderen Hinsicht, materiell oder geistig), eine Minderheit verteidigt sie offensiv. Auf die Idee, den ANC mit der NP zu vergleichen und Sharpeville mit Marikana, kam eindeutig die “Mehrheitsfraktion”.135

Leons Nachfolgerin als DA-Chef (07-15), Helen Zille136, seit 09 Premierministerin der Provinz Westkap, ist etwas fortschrittlicher als Leon, anerkennt, dass auf dem Weg zu einer nichtrassischen Gesellschaft Folgen der jahrzehntelangen rassischen Diskriminierung beseitigt werden müssen. Inzwischen ist die DA etwas “schwärzer” geworden, 2015 wurde der junge schwarze Nebenjob-Prediger (in der konservativen “Liberty Church”) Mmusi Maimane zum Parteichef gewählt. Das heisst, sie wurde attraktiver für gewisse Schichten der schwarzen Bevölkerung; inwiefern hat sie sich wirklich für schwarze Anliegen geöffnet, auf Kosten der Erhaltung “weisser” Privilegien? Im “Mail & Guardian” 2014 die wunderbare Analyse einer Christi van der Westhuizen über die DA; V. d. Westhuizen weist auch darauf hin, dass schon Vorgängerparteien der DA ähnlich fuhren, Helen Suzman’s Progressive Party lange nur ein eingeschränktes Wahlrecht fü Schwarze wollte, wie der britische „Liberalismus“ im 19. Jh. in der Kapkolonie. Ein Liberalismus, der eine Art weisse Vorherrschaft beinhaltete.

Das Ende der “Regenbogen-Nation”, das Scheitern der “nicht-rassischen” Demokratie, wurde seit 1994 öfters voraus gesagt. Vor der Präsidentschaft Jacob Zumas (zwischen der ANC-Konferenz in Polokwane 07, auf der Zuma Mbeki als Parteichef ablöste und der Wahl 09)137 etwa, und nach dem kürzlich erfolgten Abgang Zumas. Oder, ebenfalls seit gut 10 Jahren, im Zusammenhang mit Julius Malema. Weisse haben da durch das Entgegenkommen von Mandela und seinen Nachfolgern viel von ihren Apartheid-Privilegien behalten, sehen das selbst meist aber anders. Die hohe Kriminalität erklärt sich hauptsächlich dadurch, dass es keinerlei Umverteilung gab. Es gibt eine Auswanderung von weissen Südafrikanern nach der Apartheid.  Die Initialen der PFP wurde auch in “Packing for Perth” umgedeutet, und nach wie vor emigrieren Leute aus der Bevölkerungsgruppe der Englischsprachigen gerne nach Australien, inzwischen auch Afrikaaner.

Der SAJBD setzte seinen Apartheid-Kurs nach 1989/94 gewissermaßen fort, ggü Zionismus-Kritikern unter jüdischen Südafrikanern. Die in der Regel jene waren, die die Apartheid besonders entschieden bekämpft hatten. Am Ende der Apartheid gab es eine kurze Umarmung (bzw Vereinnahmung) für Ronnie Kasrils oder Joe Slovo durch die jüdischen Organisationen (neben dem SAJBD ist die mit ihm eng verbundene South African Zionist Organization/SAZF zu nennen). Diese Südafrikaner (die als “Weisse” gegolten hatten) nahmen ab 1994 zum Teil hohe Positionen im Staat ein) – was für Juden in Zeiten der NP-Regierungen nie möglich gewesen wäre… Kasrils, der lange in der SACP und der ANC-Miliz MK aktiv war, wurde Vizeminister, dann Minister, in verschiedenen Ressorts. Yossel Joe Slovo, aus einer jüdischen Familie aus Litauen, die in der Zwischenkriegszeit nach Südafrika auswanderte, war ebenfalls im MK aktiv und 84-91 Generalsekretär der SACP. 1963 bis 1990 war er in Grossbritannien und Afrika im Exil (in dieser Zeit tötete das Regime seine Ehefrau Ruth First), 1994/95 war er Wohnbauminister.

Die demokratischen Regierungen Südafrikas versuch(t)en das Land nach der Apartheid in Afrika zu (re-) integrieren, in der Aussenpolitik aber auch Brücken zu bauen, zwischen Nord und Süd, 1. und 3. Welt, den Anglo-Staaten (Australien, GB,…) und den aufstrebenden Mächten der 2. Welt (Indien, Brasilien,…) – ein schwieriger Ausgleich, genau wie im Inneren. Es gibt im Land wie auch international immer wieder hysterische Reaktionen, wenn die Regierung gewisse Staaten und Personen nicht als “Pariah” behandelt bzw gemäß einem vom Westen vorgegebenen Schema einer Art globaler Apartheid. Mit guten Diktaturen wie Saudi-Arabien oder Israel und bösen wie Iran oder China. Und Israel ist für manche Weisse nach wie vor ein wichtiger “Bezugspunkt”, nicht nur für die jüdischen. Es ist nach wie vor der zivilisierte Flecken in einer Region der Dunkelheit, der sich (dank seiner Überlegenheit in allen Bereichen) behauptet, trotz stärkstem Gegenwind. Und auf die UN und die dortigen Mehrheitsverhältnisse “scheisst”.138

Der SAJBD ist auch nach dem Ende der Apartheid blind loyal zu Israel. Und attackiert Kritiker israelischer Politik und Realität, nicht zuletzt solche in den eigenen Reihen. Wie den früheren Geheimdienst-Minister Ronnie Kasrils. Als Kasrils vor einigen Jahren in einem der Goethe-Institute in Südafrika auf Einladung von NGO’s über den “Nahost-Konflikt” reden sollte, gab es eine Kampagne dagegen. Und das Institut sagte die Veranstaltung ab. Auch die ehemalige Politikerin Helen Suzman beteiligte sich daran, Kasrils zum Schweigen zu bringen. Gerade bei Kasrils (bzw, als Negativ dazu, bei Suzman) zeigt sich, dass die antizionistischen bzw zionkritischen Juden Südafrikas meist auch entschiedener gegen die Apartheid eingestellt waren/sind. Auch Polakow-Suransky hat nicht die Israel-Verteidigungs-Reflexe. Tony Leon, der langjährige DA-Leader, ist mit einer Israelin verheiratet, und liegt auf der Linie des SAJBD.

01/02 gab ANC-Politiker Kasrils eine Erklärung über die israelische Politik ggü den Palästinsern ab, die von anderen jüdischen Südafrikanern wie Max Ozinsky unterstützt wurde, daraus wurde eine Petition. 07 initiierte Kasrils einen offenen Brief jüdischer Südafrikaner zur israelischen Politik, der u.a. von Raymond Suttner, Steven Friedman, Sue Goldstein unterschrieben wurde. Es folgte wieder ein Diffamierungssturm von SAJBD und SAZF, ohne wirkliche Argumente. Über diese “Krise” (oder Kluft) unter den ZA-Juden hat ein Joel Pollak ein Buch geschrieben, “The Kasrils Affair: Jews and Minority Politics in the New South Africa (2009)”. Pollak war bei der DA (Redenschreiber für Leon!)139 und (zunächst) Unterzeichner. Inzwischen ist er ein Rechter und wirkt er in der USA, bei “Breitbart”… Israel-Kritik wird vom “Mainstream” der südafrikanischen Juden nicht geduldet, wie auch der Zeichner Jonathan Shapiro (“Zapiro”) erfahren hat. Und Richard Goldstone.

Helen Suzman starb mit 91 Jahren am 1. 1. 09 in Johannesburg. Der damalige Staatspräsident Motlanthe ordnete das Hissen der Nationalflaggen auf Halbmast an, der ehemalige anglikanische Erzbischof Desmond Tutu und Andere forderten ein Staatsbegräbnis. Ein solches gab es dann in der jüdischen Abteilung von Johannesburg’s West Park – Friedhof, mit Präsident Motlanthe, den Ex-Präsidenten Mbeki und De Klerk, Oppositionschefin Zille, COPE-Chef Lekota, Prominenten; fast alle Verwandte kamen aus dem Exil angereist. Nelson Mandela musste sich durch seine Tochter “Zindzi” vertreten lassen. Oberrabbiner Warren Goldstein sprach beim Begräbnis von „antisemitischen“ und „sexistischen“ Attacken des Apartheid-Regimes auf sie.

Der Antisemitismus von weissen Südafrikanern galt aber Juden wie Slovo und nicht solchen wie Suzman… Sie hat einen Anti-Apartheid-Kampf aus der privilegierten Position, in der Juden in dem System waren, geführt, während Andere wie Kasrils ein grosses Risiko eingingen. Und dabei immer auch den Zionismus im Blickfeld gehabt, und gegen Ende ihres Lebens kritisierte sie das Post-Apartheid-Südafrika wiederholt. Die Sängerin Miriam Makeba starb 2 Monate zuvor, als Kämpferin gegen die Apartheid durfte sie Jahrzehnte nicht in ihrer Heimat Südafrika leben. De Klerk bezeichnete Suzman als eine der “grossen Ikonen Südafrikas”. Die VF+/FF+ nannte sie “ein Beispiel, wie Oppositionspolitik funktionieren konnte”, aus einer Minderheitenposition. Die Partei also, deren Wurzeln rechts von der NP liegen… Nun war nicht die politische Position ausschlaggebend bzw das Verbindende, sondern die politischen Grössenverhältnisse (und irgendwie auch die Rasse). Ronald Kasrils hat sich inzwischen vom ANC abgewendet, wegen Marikana und der dem Massaker zu Grunde liegenden Politik. Im Wikipedia-Artikel „Political repression in post-apartheid South Africa“ wird auch Kasrils angeführt, wegen seiner Lossagung vom ANC. Nur, er kritisiert den ANC für eine Politik, die (ihm) zu unternehmer-freundlich ist und der weissen Elite zu weit entgegenkommt – während die Verfasser und Initiatoren dieses Artikels die seit 94 regierende Partei von einer völlig konträren Position heraus kritisieren…

Israels Offensive gegen den Gaza-Streifen um den Jahreswechsel 08/09, das zweite derartige “Rasenmähen”, hat auch in Südafrika für Empörung und Proteste gesorgt. Präsident Kgalema Motlanthe (ANC) sagte in einem Interview, die Angriffe gegen Gaza, die Tötungen von Zivilisten, seien pure Brutalität, die in Menschen Abscheu hervorrufen müssten. Israelis und Palästinenser hätten das Recht, nebeneinander zu existieren. Er rief in dem Zusammenhang zu einer Reform der UN auf. „The problem is that if a country has powerful friends on the Security Council they can sometimes act with impunity”, so Motlanthe. “All you have to do is listen to the minister of foreign affairs or defence of Israel to know that you are dealing with people who believe they can cock a snook with impunity.” Die UN und ihr Sicherheitsrat müssten repräsentativer für die Weltbevölkerung werden. Das lobbyistische und parteiische Verhalten von “Vetomächten” wie der USA sei gegen die Idee der Vereinten Nationen.

Der Gewerkschaftsbund COSATU rief dazu auf, den israelischen Botschafter auszuweisen und israelische Güter zu boykottieren. Dieser Botschafter, Dov Segev-Steinberg, wurde in das Parlament geladen, um die Position seiner Regierung zum Blutvergiessen und Zerstören zu erklären. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Nationalversammlung, Job Sithole vom ANC, zu den Rahmenbedingungen für Palästinenser:

“When Palestinians have to go through checkpoints like cattle through a dip, this is apartheid. When they cannot drive on the roads by virtue of the fact that they are Palestinian, this is apartheid”

Albertinah Luthuli, Enkelin des verstorbenen ANC-Führers und Friedensnobelpreisträgers Albert Luthuli, hielt Segev-Steinberg die israelische Weigerung, internationale Journalisten in den Gaza-Streifen zu lassen, vor. Und, zu den Geschossen die von Hamas-Leuten aus Gaza gefeuert wurden, müsse man sagen dass sie sehr wenig Schaden anrichteten, im Vergleich zu den israelischen, so Luthuli… Andere Abgeordnete attestierten Israel “ethnische Säuberungen” und eine Politik, die die (südafrikanische) Apartheid wie ein Sonntags-Schul-Picknick aussehen lasse.

Ein aufgebrachter Segev-Steinberg nannte Apartheid-Vergleiche “Blödsinn” (rubbish), spulte das Standard-Propaganda-Programm dazu ab. Kein Staat würde erlauben, dass seine Bürger solchen Raketen-Angriffen ausgesetzt seien. Wie die palästinensische Autonomiebehörden mit der israelischen Blockade oder den Raketen-Angriffen auf Gaza umgehen solle und ihre Bürger schützen könne, sagte er nicht. Und, was die Herrschaften wohl sagen würden, wenn Raketen auf Kapstadt niedergingen.140 Die Analogie wäre aber eher, wie sich die Einwohner von Gugulethu (einem “Township” von Kapstadt) fühlen würden, könnten sie diesen nicht mehr verlassen (in das restliche Südafrika), et cetera, wie die Palästinenser vom Gaza-Gebiet (wo zB 01/02 der Flughafen durch Israel zerstört wurde). Südafrika hätte einen einseitigen Zugang zu “dem Konflikt”, mit einer “ausbalancierteren” Politik könne es mehr Einfluss darauf nehmen. Es müsste also zuerst einmal Appeasement üben, verschiedenens unter den Tisch fallen lassen, wie das zB Deutschland tut. Tja, die Regierungen, die solches Vorgehen sehr “billigten” (und auch deshalb Israels Verbündeter waren), sind Geschichte in Südafrika, seit das Wahlrecht nicht mehr an die Rasse gebunden ist. Vor allem Abgeordnete der wichtigsten einstigen Anti-Apartheid-Bewegung ANC widerprachen, dass Israels Vorgehen eine “Antwort” sei und proportional bzw adäquat.

Die jüdischen Organisationen Südafrikas stellten sich hinter die israelische “Militäroperation” gegen Gaza. In der Glenhazel-Synagoge in Jo’burg versammelten sich dann 2000 Juden zu einem “Friedensgebet” für den “Mittleren Osten” und zur Darstellung von Solidarität mit Israel, darunter Avron Krengel, Chef der SAZF, die dazu geladen hatte, SAJBD-Chef Zev Krengel, Oberrabbiner Goldstein, Botschafter Segev-Steinberg. Paul Trewhela (Vater britischer, Mutter jüdische Südafrikanerin), ein Anti-Apartheid-Kämpfer (in SACP, MK), der ins Exil (GB) ging und dort blieb, sich von der Linken abwandte, meldete sich auf politicsweb.co.za zur Haltung des ANC ggü Israel zu Wort bzw attackierte diese. Indem er auf jüdische Anti-Apartheid-Kämpfer hinwies (wie seinen alten „prison comrade“, Ben Turok), dass das ANC-Lob für Suzman jetzt unglaubwürdig sei,… Als ob sich aus Gegnerschaft zur Apartheid eine Pro-Israel-Haltung ergeben würde; als ob jene südafrikanischen Juden die die Apartheid bekämpften, nicht in “ihrer Gemeinschaft” ausgegrenzt worden wären, als ob es keinen Kuschelkurs Israels mit der Apartheid gegeben hätte.

Rabbiner Goldstein sagte in einer Radio-Diskussion mit einem moslemischen Theologen auch, die jüdische Gemeinschaft Südafrikas sei “leidenschaftlich” davon überzeugt, dass Israel in diesem Konflikt das Opfer ist und gegen seinen Willen einen Krieg der Selbstverteidigung führe. Nun, das galt aber wiederum nicht für die gesamte jüdische Gemeinschaft des Landes. Die “üblichen Aussenseiter” schrieben bzw unterzeichneten einen offenen Brief an “The Star”, in dem sie sich von der SAJBD/SAZF-Position distanzierten und die Gewalt des israelischen Militärs als disproportional bezeichneten. Eine grosse Demonstration (3000 Teilnehmer) gegen das Massaker, in Kapstadt, führte zum Parlament, wo Vize-Aussenministerin Sue van der Merwe ein Memorandum übergeben wurde, in dem u.a. die Ausweisung des israelischen Botschafters und die Verhängung von Sanktionen gegen diesen Staat gefordert wurde.

(Die andere) Vize-Aussenministerin Fatima Hajaig, eine indische Südafrikanerin, zitierte Segev-Steinberg zu sich, dieser klagte danach, wie schlecht er von ihr behandelt worden sei.141 Auf einer Veranstaltung knapp nach dem “Krieg” kritisierte Hajaig den Einfluss von Juden, auch unter Obama in der USA, sprach auch Israels Alibischwarzen an der Botschaft in ZA, einen Äthiopien-stämmigen, an. Darüber gab es grosse Aufregung, die Politikerin musste sich entschuldigen. Die Democratic Alliance (Leon) zürnte über die Aussagen, der SAJBD reichte eine Beschwerde bei der Menschenrechtskommission SAHRC ein, stellte die Aussagen Hajaigs in eine Reihe mit “antijüdischen” von NP-Politikern zu Apartheid-Zeiten – diese waren aber glühende Israel-Anhänger gewesen. Auf Wikipedia sollte Hajaig auch gleich gebrandmarkt werden, auf Facebook wurde eine “Gruppe” gegen sie gegründet,…142

Botschafter Segev-Steinberg klagte, dass das Image von Israel in Südafrika “unangemessen schlecht” sei. Das stimmt aber gar nicht so. Grosse Teile des weissen Südafrikas (das die Medien des Landes noch immer dominiert), fühlt in Post-Apartheid-Zeiten erst recht mit Israel.143 Die zweite Frau vom letzten echten Apartheid-Führer P.W. Botha144, Barbara Botha, hat interkonfessionelle Gebete für Israel organisiert, die u.a. in der Kirche der Nederduitse Gereformeerde Kerk in George (Westkap) stattfanden. “I feel incredibly strongly about this. This is a biblical response that as Christians we support Israel and take action against the violence towards them“, so Botha. Und, es gibt weisse, burische Südafrikaner, die nach der Apartheid zum Judentum konvertierten und nach Israel auswanderten. Und unter die Siedler in den palästinensischen Restgebieten gingen. So konnte man “auserwähltes Volk” bleiben. Diese Leute mussten gar nichts von ihrem Rassismus und ihrer Apartheid-Mentalität aufgeben, noch weniger als andere weisse Auswanderer (die zB nach Australien gingen).145

Tja, und dann kam der Goldstone-Bericht. Richard Goldstone war zunächst Anwalt, dann in den 1980ern Richter in der Provinz Transvaal. Am Ende der Apartheid wurde er an die Berufungsabteilung des Obersten Gerichts berufen, wo er 1990 bis 1994 arbeitete. Danach diente er an den UN-Tribunalen für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien sowie in Ruanda. 1996 wurde er vom damaligen südafrikanischen Präsidenten Mandela an den Verfassungsgerichtshof dieses Landes berufen. Nach dem Ende des Massakers in Gaza 2009 wurde Goldstone vom UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) mit der Leitung einer Fakten-Findungs-Mission an Ort und Stelle beauftragt. Der Bericht, United Nations Fact Finding Mission on the Gaza Conflict, befand dass Israel wie die Hamas Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben.

Dies rief Entrüstung in Israel und von jüdischen Gemeinden weltweit (nicht zuletzt in Südafrika) hervor, und eine persönliche Kampagne gegen Goldstone. Der Jurist, der selbst jüdisch ist, wurde 2010 von der Bar Mitzwa seines Enkels im Johannesburger Vorort Sandton ausgeschlossen, auf Druck hauptsächlich der South African Zionist Federation (SAZF)… Goldstone knickte darauf etwas ein, schrieb 2011, dass der Bericht anders gelautet hätte, wenn er damals gewisse Beweise/Hinweise gehabt hätte. Beim nächsten israelischen “Rasenmähen” in Gaza 2012 nahmen wieder Kasrils, “Zapiro” und Andere Stellung gegen Israel (verglichen es mit Apartheid-Südafrika) und die Linie des SAJBD.

Auch Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission, musste (des öfteren) die Erfahrung machen, dass jeder Widerspruch zum (und Widerstand gegen den) Zionismus diffamiert wird, als “antisemitisch”,… 2014 schrieb ein Leon Reich, Vorsitzender von Likud South Africa146 im “South African Jewish Report”, dass Erzbischof Tutu nicht besser als Hitler und Stalin sei (Titel des Artikels: “Arch no better than Hitler or Stalin”). Tutu wolle zusammen mit der Hamas den Staat Israel zerstören, wolle Juden töten,… Zu insinuieren, dass Hamas die Kapazität hat, Israel zu zerstören, ist unseriös (oder blöd). Tutu so etwas zu unterstellen ist pure Hetze, die es gegen ihn nicht einmal zu Apartheid-Zeiten gab. Es sind (hauptsächlich) die Likud-Regierungen, die die Palästinenser täglich terrorisieren (lassen). Die ihre Existenz in mehrerer Hinsicht in Frage stellen. The pot calling the kettle black. Sogar der SAJBD hat sich von dem Artikel distanziert. Unter der Meldung über den Vorfall im “Mail & Guardian” kamen Kommentare (anscheinend von weissen Südafrikanern), mit verklausulierten Apartheid-Apologetiken, offenen Zionismus-Apologetiken, rassistischen Angriffen auf Tutu – es sei ein Fehler von der Anglikanischen Kirche gewesen, Tutu 1985 als Nachfolger des Engländers Timothy Bavin zum Bischof von Johannesburg zu ernennen.

Wenn es passt, werden aber auch christlich orientierte Schwarze angeführt, dann wird der Anti-Apartheid-Kampf instrumentalisiert und verdreht (und nicht die Apartheid apologetisiert). So wie bei Kenneth Meshoe, der immer wieder angeführt wird für die Behauptung, Israel sei kein Apartheid-Staat. Meshoe, der in diesem Kontext als „Mandela era legislator“ angepriesen wird, ist Vorsitzender der African Christian Democratic Party (ACDP), 1993 gegründet, seit dem Ende der Apartheid147 stellt sie zwischen 2 und 7 Abgeordnete von 400 in der National Assembly. Die ACDP ist für ein Verbot der Abtreibung, für die Todesstrafe, gegen die Homosexuellen-Ehe, und gegen die Verwendung von Kondomen für die Verhütung von AIDS – das beste Mittel sei Abstinenz und Sex innerhalb der Ehe.

Ein 19-jähriger Barack Obama gab seine erste öffentliche Rede 1981 an seinem Occidental College in Los Angeles, die sich um einen Boykott von Apartheid-Südafrika drehte. Obama hat ja nicht nur afrikanische Wurzeln, diese sind auch moslemisch, und in den Jahren seiner Präsidentschaft und davor wurde sein zweiter Vorname (Hussein) auch immer wieder genannt um das in Erinnerung zu rufen – nicht zuletzt von Israel-Freunden in der USA.148 Als er 2013 Südafrika besuchte, seinen Amtskollegen Zuma traf, et cetera, gab es auch Demonstrationen gegen ihn in mehreren Städten, organisiert von einem Bündnis linker, gewerkschaftlicher (u.a. Cosatu) und islamischer Gruppen, unter der Parole „Nobama“, vor allem wegen des Gefangenenlagers Guantanamo, des Drohnenkriegs und seiner Unterstützung für Israel. Ex-Präsident Mandela war damals schon sehr krank, starb einige Monate später. Zu seinem Begräbnis sollte Israels Präsident Peres kommen, der wahrscheinlich mehr als jeder andere (damals) Lebende das Apartheid-System unterstützt hatte; es kam dann aber weder er noch Premier Netanyahu, sondern Knesset-Präsident Edelstein, ein Rechtsaussen, der aus der Sowjetukraine eingewandert ist.

Es kam der damalige britische Premier David Cameron, der der Federation of Conservative Students angehört hatte, welche 1985 “Hang Mandela”-Posters produziert hat. Der 1989 für die Parteizentrale der britischen Konservativen Partei (CUP) nach Südafrika reiste, um gegen Sanktionen zu lobbyieren und dabei von einer Pro-Apartheid-PR-Firma zusammenarbeitete. Er sei von Mandela inspiriert worden, sagte Cameron gleichwohl. Er stammt ausserdem von Leuten ab, die in der Karibik Sklaven hielten. Mandela galt (besonders) in den 80ern für Viele im Westen als „Terrorist“; als er starb, nicht einmal für Rechtszionisten. Die „Jerusalem Post“ attackierte ihn damals „nur“ dafür, den „Terroristen“ Yassir Arafat unterstützt zu haben. Diese Zeitung greinte früher mal darüber, dass Mandela bei seinem Besuch im Land zu müde für einen Besuch an der “Westmauer” gewesen war und an diesem Tag dann aber Arafat getroffen hat.149 Jener Mandela, der den ANC Anfang der 1990er (nach seiner Freilassung) dazu brachte, den bewaffneten Kampf (gegen die Apartheid) einzustellen, war dessen Hauptstratege gewesen, ja, und das zeichnet ihn aus.

Ist Nelson Mandela mit seiner Politik der Versöhnung sowie mit seinen Kompromissen am Ende und nach der Apartheid zu weit gegangen? Hat er Entscheidungen getroffen, die zu noch mehr Ungleichheit und Armut geführt haben? Vielleicht ist er nach seiner Freilassung 1990 den Weissen Südafrikas (jenen, die möglichst viel Privilegien behalten wollten) zu weit entgegen gekommen, hat Apartheid-Sündern und -Profiteuren im Land und international zu leicht Absolution gegeben, zu wenig Umverteilung ausgehandelt. Auch manche Zionisten wollen Mandela und seine versöhnlichen Worte auch ihnen ggü als Absolution für ihre jahrzehntelange enge Zusammenarbeit mit dem Apartheid-Regime heranziehen.

In den De Klerk-(Präsidentschafts-)Jahren (1989-1994) bekamen jene rechten Afrikaaner, den die NP längst zu “liberal” war, grossen Zulauf. Diese sammelten sich hauptsächlich in der Konservativen Partei (KP). 1991 wurde die Siedlung “Orania” in der (damals) nördlichen Kapprovinz gegeründet, von Verwoerd-Schwiegersohn Carel Boshoff. Boshoff, der also eine Tochter von “Apartheid-Apostel” Verwoerd geheiratet hatte, war calvinistischer Theologieprofessor an der Universität Pretoria, und in den 80ern Vorsitzender des Afrikaner Broederbonds, somit eine einflussreiche Persönlichkeit im Apartheid-Staat. Als De Klerk mit seinen Reformen begann, wandte er sich von diesem Staat bzw der NP ab, ging in rechte Opposition zum ihm/ihr. Die Gründung Oranias durch Boshoff und andere Leute aus dem Umfeld der KP manifestierte diesen Bruch. Boshoff musste damit leben, dass ein Sohn Selbstmord beging und dass sich Verwoerd-Enkel Wilhelm Verwoerd (sein Neffe) dem ANC anschloss.

Es gab einen Treck nach Westen150, auch die Verwoerd-Witwe wurde geholt, aus Transvaal. Es war der “Kern” der “Volkstaat”-Idee, einer Apartheid reloaded, einem Staat im südlichen Afrika nur für burische Weisse151, mit einem calvinistischen Fundamentalismus. Es kamen hauptsächlich Arbeitslose, Rentner, Fanatiker152 in die neue Wagenburg. Man versuchte, weisse Bauern in der Gegend zu “missionieren” – die aber schwarze (billigere) Arbeiter hatten (haben) und nicht auf diese verzichten wollen. Und, die “Abhängigkeit” von schwarzer Arbeit war/ist für die Orania-Leute der Beginn des Übels. “Nur eine Nation, die ihre Drecksarbeit selber macht, kann überleben”, dieser Ausspruch von David Ben Gurion wurde absorbiert. Israel wieder als Vorbild, der “Pioniergeist”, das Urbar-Machen der Wüste, die Wilden in Schranken weisen, eine rigide Einwanderungs- und Siedlungspolitik.153

Anfang der 90er “malten” Boshoff und seine Leute Distopyen von einer Mandela-Regierung über Südafrika. Als “Madiba” dann Präsident war, besuchte er auch Orania, zeigte auch dort guten Willen und Versöhnungsbemühungen.154 Und liess den Volkstaat-Rat einrichten. Als ein Teil der weissen (burischen) Rechten 1994 den Wahlboykott dieses Lagers durchbrach (die VF unter Constand Viljoen, einem ehemaligen General), liess sich dieser die Zusage der Einrichtung dieses Gremiums geben, das die Möglichkeiten einer Afrikaaner-Selbstbestimmung innerhalb oder ausserhalb Südafrikas ausloten bzw Empfehlungen dafür geben sollte. Die Mitglieder des Volkstaatraad / Volkstaat Council standen näher bei der VF als bei der KP, die sie als Verräter bezeichnete. Das (offizielle!) Gremium tagte von Juni 1994 bis 1999, umfasste 20 Mitglieder, allesamt Volkstaat-Anhänger, darunter Johann Wingard (ein ehemaliger Industrieller), Carel Boshoffs Frau Anna Boshoff (Tochter von Hendrik Verwoerd), ihr Sohn Carel, der Atomwissenschafter „Wally“ Grant,…

Wingard, der damalige Vorsitzende dieses Rates, gab dem rechten Online-Magazin globalpolitician.com 05 ein (Promotion-) Interview.155 Dieses Magazin wird von David Storobin gemacht, einem jüdischen Amerikaner, der schrieb zB über “The Nazi roots of Palestinian nationalism”… Kommentare schreiben dort auch der offen faschistische israelische Politiker Benjamin Elon (“Nationale Union”), der rechtsextreme Norweger „Fjordman“, der anti-afrikanische Hetzer Jan Lamprecht, der britische Rassist “Mike” Smith,… Das Interview zeigt ein bisschen die grösseren Zusammenhänge auf, in denen sich das Post-Apartheid-Südafrika bzw die Diskurse darüber befinden. Das Oszillieren  der weissen Rechten zwischen “unschuldigem” Selbstbestimmungs-Wunsch (für Afrikaaner, deren grosse Mehrheit längst bei der DA ist) und Apartheid-Apologetik (war Vorherrschaft über andere!), zwischen Universalismus-Bekenntnis und offenem Partikularismus (wobei Englisch-sprachige oder liberale Weisse “dazuzunehmen” schon die erste Allianz, der erste Kompromiss ist).

Ich könnte einen eigenen Artikel über dieses Interview schreiben und seine Subtexte, will hier Weniges herausnehmen. Wingard jammerte über die Nicht-Umsetzung der Volkstaatrat-Empfehlungen durch die Regierung unter Mandela, Verfassungsminister Meyer, die Verfassungsgebende Versammlung unter Ramaphosa. Er baut nicht auf Orania (ist ihm zu klein, isoliert). Der heutige Afrikanerbond (Nachfolger des Broederbond) oder die FAK (Federasie van Afrikaanse Kultuurvereniginge) sind für ihn keine echten Afrikaaner-Organisationen. Das Ende der Apartheid (die durch Atombomben und Geheimdienst geschützt gewesen sei) sei durch “Verräter” wie De Klerk gekommen. Der Schmerz über den Untergang des Regimes, den Verlust der Privilegien, der Vormachtstellung, die Angst vor Umverteilung, ist spürbar. Und die Heuchelei. „Black empowerment is blatant racial discrimination – even worse than under the apartheid government“ – also war die Apartheid nicht so toll? Und war sie nicht Sache der Afrikaaner? Wurde nicht jahrzehntelang jemand bevorzugt, empowered?

Oder: „The ANC is now turning out to be a cynical, power-hungry group of politicians, in which the Moslem community, as well as the communists have a level of influence way beyond their numerical relevance“. Das kennt man doch von irgendwo, Einfluss weit über die numerischer Bedeutung…; ausserdem, bedeutet das doch das Kommunisten im ANC eine kleine Minderheit sind, entgegen der Apartheid-Propaganda; die Moslems, also Kap-Malaien, wurden, als Teil der “Coloureds”, über Apartheid-Zeiten hinaus von Afrikaanern gegen Schwarze ausgespielt, als Teil der Farbigen; Wingard ging mit der Zeit, bringt auch den “clash of civilizations”, aber in Zhg mit Schwarzafrikanern; im Trio des Bösen neben Moslems und Kommunisten fehlen noch die Nazis, warum er die wohl nicht erwähnt.. Wingard auch: “Unless Afrikaners soon deal with that scenario in an organised manner by means of a statutary Afrikaner Council (similar to the Jewish Board of Deputies) so as to present a coherent and credible front to the government and the international community…“. Das offene Verachten der Umgebung einerseits (zB verachtungsvoll über „die afrikanische Psyche“ und die „Terroristen des ANC“) und Geklage über ein Nicht-akzeptiert-werden andererseits (zB: „South Africa’s whites are born and bred in Africa and want to stay and make the country a success“) verbindet ebenfalls mit dem Zionismus.

Boshoff starb 2011, sein Sohn Carel Boshoff junior ist in seine Fussstapfen getreten. Dieser, ehemaliges Volkstaat-Rat-Mitglied, ist bei der VF+ in Nordkap engagiert, war 04-09 war er Abgeordneter im dortigen Provinzparlament.156 In Orania gibt es einen Jan Joubert, der dort Parteichef der VF+ sein dürfte und auf Facebook einen Beitrag aus einem Fachmagazin geteilt hat, über Israels Erfolge in der Meerwasserentsalzung, angesichts der Dürre im Westkap 2018, Wasserrationierungen in Kapstadt. Begeisterung für den Zionismus hier, eine andere Sicht darauf von einer anderen Südafrikanerin.

Israel und Afrika

Wie erwähnt war Israel ab den 1950ern in Afrika unterwegs, als Teil einer Strategie, weltweit (ausserhalb der Peripherie “seiner” Region sowie des Westens) Verbündete/Partner/Idioten zu finden, u.a. mit der „Entwicklungshilfe“-Agentur MASHAV. Die DR Congo und Mobutu (der das Land in “Zaire” umbenannte) waren dabei der wichtigste Partner – abgesehen von Apartheid-Südafrika, das man aber nicht als afrikanisches Land sah. Meir Meyouhas, ein Jude aus Ägypten (ein Mossad-Mann), war ab ’61 Israels-Vertreter im Kongo, typischerweise am Schnittpunkt von diplomatischer, geheimdienstlich-militärischer, wirtschaftlicher Interessensvertretung. Israels Kriege gegen “seine” Region 1967, besonders aber 1973, brachten ein Ende für diese “Beziehungen”. Mit der Ausnahme Südafrikas natürlich, und auch jene zum Kongo lief verdeckt weiter. In geringerem Maß auch mit Liberia, Kenia, Ghana.

In Uganda hatte Israel, durch den Militär Chaim Brotzlewsky (“Bar Lev”) aus Österreich, 1971 Idi Amins Militärputsch gegen Präsident Milton Obote unterstützt, der “zu links” geworden war, mit Unterstützung von CIA und MI6. Amins Machtübernahme leitete die blutige Periode Ugandas ein, bedeutete eine Terrorherrschaft, eine der schlimmsten in Afrika – wie auch jene von Mobutu in “Zaire” übrigens, oder Vorster und die anderen Apartheid-Herrscher. ’72 brach Amin die Beziehungen zu seinen bisherigen Gönnern, darunter auch den Zionisten, ab, wandte sich der SU und arabischen Staaten zu. 1976 dann die nach Uganda (Flughafen in Entebbe) führende Flugzeug-Entführung von PFLP und RZ, und die israelischen Heldentaten – die die Vorgeschichte in den Hintergrund rücken (sollen).157 In den 1990ern gab es wieder etwas Aufschwung in den Beziehungen Israels zu afrikanischen Ländern…und zum demokratischen Südafrika einen Abschwung.

In diesem Zusammenhang sind natürlich auch die nach nach Israel eingewanderten Afrikaner zu sehen. Die hauptsächlich aus Eritrea, Sudan (Darfur) und Süd-Sudan stammenden Flüchtlinge kommen in der Regel über Ägypten und dem Sinai. An dieser Grenze baut Israel mittlerweile auch einen Grenzwall, eine Sperranlage, wie an alllen anderen Grenzen auch (und die Mauer auf dem palästinensischen Restgebiet). An der Grenze zu Afrika. Die afrikanischen Flüchtlinge kommen in das Internierungs-/Abschiebelager “Holot” in der Negev/Nagab-Wüste; die mit zeitweiligem Aufenthaltsrecht ziehen oft in den armen Süden Tel Avivs. Israel nimmt in der Regel keine nicht-jüdischen Flüchtlinge/Einwanderer auf, nur gelegentlich Arbeitskräfte, sieht die Afrikaner als “illegale Einwanderer”. Es hat auch die Internationale Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet; so wie auch den Atomwaffensperrvertrag oder das Abkommen zur Ächtung von Landminen nicht.

Netanyahu greinte, dass Israel das einzige “Erste-Welt-Land” sei, in das Flüchtlinge aus der “Dritten Welt” “reinspazierten”. Wenn Israel Teil der “1. Welt” (=Westen?) ist, dann ist es aber so ziemlich das einzige, dass keine Füchtlinge aufnimmt. Und: Hier ist auch wieder dieses Nase-Rümpfen, diesmal nicht über die Region, sondern die “3. Welt”, man ist etwas besseres als die Leute von dort. Die israelische Regierung möchte mit ihrer (Nicht-) Einwanderungspolitik den jüdischen Charakter des Staates Israel erhalten, heisst es. Es habe nicht die „demografische Tiefe“, diese Afrikaner aufzunehmen. Die Einwanderer werden von den Israelis als “Bedrohung für die Sicherheit Israels” gesehen. Netanyahu: ”A stream of refugees threaten to wash away our achievements and harm our existence as a Jewish and democratic state”. Immer wieder geht es um “demografische Gefahren”. Eliahu Yishai: Das Heimatland muss vor diesen Fremden gerettet werden. Sie seien für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans „Atomwaffenprogramm”. Afrikaner gleich Iran gleich Hitler (mondoprinte). Bennett sprach von „Eindringlingen“. Man habe „keine Kapazitäten“ zur Aufnahme. Manche sehen in den Massenabschiebungen eine Bedrohung für das internationale Ansehen des Staates. Und: Die Probleme der Afrikaner seien nicht unsere (israelischen), hiess/heisst es dazu auch.

Von 1944 bis 1948 wurden Mitglieder der zionistischen Terror-Organisationen IZL und LEHI aus dem britischen Gefangenen-Lager Latrun in Internierungslager in britische Kolonien in Afrika gebracht, nach Eritrea, Sudan und Kenya (Kenia)… Und, bekanntlich kamen ab den 1880ern Juden aus verschiedenen Teilen der Welt nach Palästina (das zuerst unter osmanischer, dann unter britischer Herrschaft war), darunter auch alle Staats- und Ministerpräsidenten Israels bzw ihre Eltern.158 Damals wäre es für die Palästinenser um die Sicherung des Charakters des Landes und um die Frage der demografischen Tiefe gegangen…

Schwarzafrikaner, christliche Russen, Südostasiaten sind einige der Bevölkerungsgruppen in Israel/Palästina ohne Wurzeln im Land. In den ärmlichen Vierteln im Süden von Tel Aviv gibt es immer wieder Übergriffe und Hetze gegen die Afrikaner. Ein Video von so einer “Ausländer raus (aus Israel)”-Veranstaltung aus 2011 im so weltoffenen und liberalen Tel Aviv. Immer wieder dabei sind Politiker der israelischen Rechten, 2012 etwa Michael Ben-Ari, als ein rassistischer Mob u.a. „Tel Aviv den Juden! Sudan den Sudanesen!“ skandierte. Die (dort hauptsächlich lebenden) aus Nordafrika stammenden Mizrahi-Juden geben die erfahrene Diskriminierung durch Aschkenasen eben an jene weiter, die in der Hierarchie (Israels) deutlich unter ihnen stehen. Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” gebrandmarkt. David Sheen setzt sich immer wieder mit der Behandlung von Afrikaner in Israel auseinander; wegschauen und verleugnen macht es nicht besser. Es gab auch Übergriffe gegen äthiopische Juden, die man für Einwanderer aus Eritrea hielt. Dies zB relativiert zB Gil Ofarims kürzlich in einer TV-Diskussion gemachte Aussage “Israel ist das einzige Land, wo wir 159 nicht beleidigt und verfolgt werden”.160

Ein eritreischer Flüchtling/Migrant wurde 2015 vom israelischen Mob gelyncht. Haftom Zarhum hatte sogar eine Arbeitserlaubnis und lebte in Beersheva. Als er gerade am dortigen Busbahnhof war, attackierte ein israelischer Beduine einen Soldaten, erschoss ihn und eröffnete das Feuer auf Andere. Während dieser Mann floh, wurde Zarhum für einen Komplizen gehalten, von einem “Sicherheitsmann” angeschossen und dann von Passanten lange und schwer misshandelt; er starb an seinen Verletzungen. Nun scheint es so, dass die vier dafür angeklagten Israeler mit Sozialarbeit davon kommen… So wie die Mizrahis normalerweise alles tun, um sich von den Palästinensern abzugrenzen, haben die aus Äthiopien geholten Juden Angst, mit diesen Einwanderern in einen Topf geworfen zu werden, und handeln entsprechend. Es gibt im südlichen Afrika noch die Lemba, in Südafrika, Zimbabwe, Mocambique und Malawi, die sich für Juden halten.161 Sollte es eine Einwanderungsaktion für sie geben, dürften sie sich im israelischen Kastensystem ganz unten einordnen.

Als der ghanaische Fussballer John Paintsil bei der WM 06 ein Tor mit einer kleinen Flagge Israels (wo er damals spielte) zelebrierte, war das ein grosser Propagandaerfolg für die Zionisten. Nicht zuletzt wegen der (angeblichen) arabischen Empörung darüber. ynet/”Yedioth Ahronot” jubelte über “fury in egypt”.. und weil Paintsils Familie in Ghana von Moslems bedroht worden sei. Paintsil Verwandte durften nach Israel nachkommen, hiess es damals. Nun, mittlerweile sind die Paintsils ja eine Bedrohung für den jüdischen und demokratischen Staat… Werden sie auch ausgewiesen werden, von der Netanyahu-Regierung? Oder Opfer der Furie der “Strasse” dort werden? Auch die Bürgerkriege in Sudan, zwischen dem arabisierten, nubischen Zentrum und dem schwarzafrikanisch-christlichen Süden sowie dem schwarzafrikanisch-moslemischen Westen (Darfur) waren Propagandamittel für die Sache Israels.

Wie kann man einen Boykott Israels wegen seiner Politik gegen die Palästinenser unterstützen, wenn im Sudan soundsoviele Menschen getötet worden sind, hiess es da.162 Auch Entlastung für die Kollaboration mit der südafrikanischen Apartheid brachte es, denn im Sudan war ja auch irgendwie eine Apartheid, auf die man verweisen konnte. Als Leute aus Süd-Sudan163 und Darfur dann nach Israel kamen, wurde auch Propaganda mit ihnen gemacht; die Opfer der “Araber” und Moslems, die in Israel Zuflucht gefunden hätten… Dann hiess es aber, die Probleme der Afrikaner seien nicht “unsere” Probleme (der Juden).164

Auf (israelischen!) Propagandavideos auf Youtube mit Süd-Sudanesen in Israel finden sich längst Kommentare wie “Geht nun bitte wieder heim”, manchmal auch ohne “bitte” und so. Und, der damalige Innenminister Yishai sagte vor einigen Jahren (zu “Ma’ariv”), die meisten der afrikanischen Einwanderer seien Moslems und glaubten dass das Land nicht uns, dem weissen Mann, gehöre.165 Abgesehen von der patriarchalen Ausdrucksweise, dem Chauvinismus wonach ein Land (nur) einer bestimmten Ethnie gehöre, und dem Rassismus wonach Juden “Weisse” seien und sie das von Afrikanern unterscheide: Mit den Süd-Sudanesen und den Darfurern wurde Propaganda gemacht, weil sie Opfer der “Araber” und “Moslems” seien, und sie dagegen in Israel so gut behandelt werden würden! Und nun… Dies zeigt schön, wie gern und leicht man heutzutage Ressentiments und Diskriminierung mit dem “Islam” rechtfertigen will, man von dort den Bogen zum “Islamismus” spannen kann, und schon eine Tarnung für jeden Rassismus hat. Man sieht das ja auch, wenn man die Hamas vorschiebt, um die Behandlung der Palästinenser zu rechtfertigen.

In einer Gesellschaft, die schon Probleme hat, orientalische Juden (wie Yishai) als gleichrangig zu behandeln, sind Schwarzafrikaner höchstens zeitweiliges Propaganda-Kanonenfutter. Inzwischen wird auch von Eritrea und Sudan als “Problemländern” gesprochen, welche an Länder wie Ägypten grenzten. Zuvor hiess es ja, Ägypten sei so schlecht wegen der dortigen Behandlung von (durchziehenden) Flüchtlingen/Emigranten. 2012 beschloss die Netanyahu-Regierung die Massen-Abschiebungen von Afrikanern, die seither teilweise umgesetzt wurde. Anfang dieses Jahres gab es einen neuen Plan dazu, für Abschiebungen in die Drittländer Ruanda und Uganda, Länder mit deren Regierungen Netanyahu Beziehungen pflegt. Mit dieser Drittstaatenregelung wurde indirekt anerkannt, dass den Betroffenen in ihren Ländern Verfolgung droht. Nun haben aber sowohl die UNHCR als auch diese Regierungen bekannt gegeben, dass es keine Übereinkunft gibt. Netanyahu wurde ausserdem in seiner Rechtskoalition mit Protest konfrontiert, wegen der Gewährung eines Aufenthaltsstatus’ für einen Teil und Zahlungen für die Ausreisewilligen. Ein Teil der Afrikaner wurde auch in europäische Länder abgeschoben.

Netanyahu bemüht sich um afrikanische Staaten, damit seine genozidäre Politik ggü den Palästinensern und Kriegstreiberei ggü der Region international noch weniger kritisiert wird. Es geht bei seinem Rapprochement u.a. um die Mehrheitsverhältnisse in den UN, nicht um Brückenbau, Hilfe, Verständigung. Oder um Länder die die Afrikaner aufnehmen, die Israel nicht haben will. Ruandas Präsident Paul Kagame ist jetzt Israel wichtigster “Partner” bei seinem neuen Griff nach Afrika. Daneben auch Uhuru Kenyatta in Kenya, sowie politische Kräfte in Angola, Senegal, Äthiopien, Ägypten (Sisi…), Südafrika (die DA und noch weiter rechts Stehende), Congo, Nigeria, Süd-Sudan. Diese Instrumentalisierung ähnelt jener gegenwärtigen der Kurden. Bei der Herzliya-“Konferenz”166 2017 rief die rechtsextreme Justizministerin Ayelet Shaked von der Bennett-Partei zur Gründung eines kurdischen Staates auf, dies wäre integral für Israels Bemühungen zu einer “Umgestaltung” der Region. Genau, darum gehts. Für die (damals kemalistische) Türkei Öcalan in Kenya fangen, oder der Türkei bei der Verschleierung des osmanischen Völkermords an den Armeniern helfen, oder auf die “kurdische Karte” setzen – ganz nach Bedarf und gegen die Region.

Teil eines zionistischen Propaganda-Clusters ggü Afrika ist Moshe Terdiman, der im wissenschaftlichen Gewand auftritt, als “Expert on Islam in Africa” deklariert wird und gut vernetzt in jener Industrie ist, die sich zB in Herzliya trifft. Der aschkenasische Israeli mit USA-Hintergrund (> Carol Grosman) macht RIMA (“Research of Islam and Muslims in Africa”), eine “Denkfabrik” in Jerusalem, und die dazugehörige Website muslimsinafrica.wordpress, mit Haggai Erlich, Arye Oded, Timothy Furnish; und mit ein paar Alibiafrikanern wie einem Nwosu und Hussein Solomon. Terdiman ist auch bei Green Compass Research, PRISM und wikistrat(.com). In dieser neokonservativen islamophoben “Hasbara” wird der eigene (zionistische und westlicher) Rassismus und Imperialismus verleugnet, die Moslems werden (hauptsächlich) Schwarzafrikanern gegenüber als Quelle von Übel angeprangert. Hetze wird als “Engagement gg Rassismus” oder “gg Islamismus” gebracht. Moslemischer Sklavenhandel in Afrika wird von Terdiman & Co thematisiert, nicht um ihn aufzuarbeiten, sondern um politisches Geld damit zu machen, um “Schwarze” gegen “Braune” gegeneinander auszuspielen und erstere an “Weisse” zu binden.

Die Plattform heuchelt Respekt für Afrika vor, Interesse für afrikanische Belange, wissenschaftliche Objektivität, versucht aber nur die Islamkrise für ihre Belange auszunutzen. Besonders gerne würde man das neue Südafrika (ein Schlüsselstaat Afrikas, zweifellos) gegen “den Islam” aufbringen, und überhaupt Palästina-Solidarität in der farbigen Welt sabotieren. Hier kommen beosnders viele Widersprüche, Stolpersteine; u.a. dass Israel den weissen Apartheid-Nostalgikern gleichzeitig als Bezugspunkt dient, oder die Politik der DA, der “Korrespondentin” zionistischer Interessen in Südafrika, als Interessesvertretung der weissen Minderheit. Terdiman sollte vielleicht bei Lapid junior nachfragen, ob sich der von den Ausfällen seines Vaters über Afrika distanziert, oder sich von den anti-afrikanischen Rassisten in Israel. Der (israelische) Nationalismus à la Lapid junior lehnt die (eigenen) Religiösen und Orientalen ab (diese hätten sich zu integrieren), propagiert einen Westismus, will den Kampf der “israelischen Mittelklasse” kämpfen; ihm sind auch die Siedler suspekt, nicht wegen dem was sie für die Palästinenser bedeuten sondern weil sie zu wenig westlich sind bzw dem Land einen nicht-westlichen Stempel aufdrücken.

Ja, und dann gibt’s eben Hussein Solomon, der für Terdiman und dessen Belange arbeitet. Solomon ist ein moslemischer indischer Südafrikaner, auch so eine Art Wissenschafter (an der Uni. Pretoria). Er spricht sich nicht gegen Islamismus oder salafistischen Islamismus aus bzw “Auswüchse” des Islams, daran wäre nichts schlecht, im Gegenteil. Sondern er unterstützt jene, die andere über den Islam bzw Islamismus diffamieren wollen, was eigentlich das Wesen der Islamophobie ausmacht. Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, der einen Krieg gegen die Bosniaken führen liess, erfand sich in Den Haag neu als Vorkämpfer gegen den islamistischen Terrorismus. „Weder die EU noch die internationale Gemeinschaft haben nach (den Anschlägen in) Paris und Brüssel begriffen, mit wem es die bosnischen Serben in den 90er Jahren zu tun hatten“, so Karadzic 2016 in den Tagen vor seiner Urteilsverkündung. Er hatte die muslimischen Bosniaken immer wieder als “Terroristen” und Gefahr für das christliche Europa bezeichnet.167

Nach dem islamistischen Terror-Anschlag in Nairobi 2013 triumphierte Solomon, “Ich habs euch gesagt”. Er hat auch den Tunesier Bouazizi, der sich aus Protest gegen das Ben Ali – Regime verbrannte und die dortige Revolution lostrat, wegen eines “Märtyrerkults” angegriffen. Er wird von einigen Medien und rechten “think tanks” aus und in Israel hofiert – Solomon macht auch keine Versuche, seine Verbindungen zu Israel zu verhüllen. Für sein neuestes Buch168 kamen Empfehlungen vom Global Research in International Affairs Centre (GLORIA; Barry Rubin) und Anderen aus dieser Ecke. 07 durfte er auch bei der Herzliya-Konferenz auftreten. Solomon war Teilnehmer beim “limmudjohannesburg” 2016, schreibt Gastartikel für die “Jerusalem Post”,…

Aber, dass Solomon bei aller Beteiligung an Hasbara nicht die Akzeptanz gewisser Kreise bekommen wird, zeigen die Ausführungen von einem Ilya Meyer, einem “israelisch-schwedischen” Lobbyisten (xxxx://ilyameyer.com/english/tag/hussein-solomon/). Ein Zionist von der Sorte „Ich gönne den Palästinensern gar nichts“ und nicht von der Sorte „Wir würden so gerne mit ihnen zusammenleben, aber sie…“. Nahe bei tundratabloid (wo über Afrikaner, egal ob christlich oder nicht, auch etwas “andere” Haltungen vorherrschen dürften…), macht der Siedlerfreund von seiner Abscheu für alles Orientalische gar keinen Hehl, engagiert sich zB gegen “integration, multiculturalism and immigration”, und Juden sind bei ihm einfach “Weisse”, Teil des Westens (der geschützt werden muss). Er heuchelt nicht gegenüber Afrika wie Terdiman. Jene, die Leute wie Richard Goldstone (die über den Tellerrand schauen) ausgrenzen und schikanieren, als “selbsthassend” diffamieren, sind zum Teil von einem wie Solomon entzückt, zum Teil nutzt so einem bei denen alles Appeasement nichts.

Zu Grunde liegende Denkweisen und Entwicklungen, Querverbindungen

Dass Palästina nicht wirklich ein Land ohne Volk war (s.o.), dürfte Herzl und seinen Mitstreitern klar gewesen sein. Aber die lange Tradition der Nicht-Wahrnehmung der Palästinenser war wahrscheinlich eine Vorbedingung für die ethnischen “Säuberungen” um 1948. Der ehemalige israelische Parlamentspräsident Avraham Burg (Avodah) hat das in seinem Buch „Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss“ kritisiert; er meint allerdings, dass solche “Fehlentwicklungen” Abweichungen von Theodor Herzls Träumen sind – während für Andere Herzl die zionistische Sichtweise auf das Land und seine Leute geprägt hat. Immerhin hat dieser gemeint, die „eingesessenen Stämme” sollten entweder “mit dem Schwert verjagt werden”, “wie es unsere Vorfahren taten“, oder man werde mit dem “Problem einer grossen fremden Bevölkerung” zu kämpfen haben. Das “Problem einer grossen fremden Bevölkerung” sahen auch viele Weisse in Südafrika.169

Dennoch dürften die meisten afro-amerikanischen Intellektuellen und Aktivisten (jene in der USA, in der Karibik,…) vom frühen 20. Jh bis zum Krieg 1967 pro-zionistisch gewesen zu sein, auch jene auf der extremen Linken. Dies hatte zum Einen mit der starken jüdischen Mitwirkung in der “Bürgerrechtsbewegung” der USA zu tun170, zum Anderen mit der Rolle, die die extreme Linke in der zionistischen Bewegung (Palästinensische Kommunistische Partei) in den Jahrzehnten vor der Staatsgründung spielte – eine grössere Rolle als danach, und sie wollte als einzige politische Organisation die Palästinenser nicht ausgrenzen sondern einbinden. Ausserdem sahen auch Leute wie Marcus Garvey den Zionismus damals als Antwort auf europäischen Antisemitismus und den Holocaust.

Im Kongo setzte sich ja nach der Unabhängigkeit der Neokolonialismus der USA , mit Mobutu, gegen jenen Belgiens mit Tschombé durch. 1960 gab es nach der Unabhängigkeit eine belgische Militär-Intervention „zum Schutz seiner Staatsbürger“ bzw zum Schutz der Sezession Katangas; 1964 intervenierten belgische und amerikanische Truppen gegen die Simbas. Die “Krise” nach der Unabhängigkeit begann ja mit der Meuterei in der Force Publique. In deren Folge zogen “enthemmte” Soldaten durch die Strassen verschiedener Städte und überfielen Schwarze und Weisse. Die “Bild”-Zeitung schrieb: „Neger-Meuterer jagen und schänden weiße Frauen“.171 In diesem Zusammenhang ist der Kommentar von David van Reybrouck über das „Anathema“ der Sexualität von Siedlern mit Einheimischen relevant. Auch das Apartheid-Regime Südafrikas hat Bilder und Berichte von der Gewalt gegen Belgier ggü seinen Bürgern bewusst zur Stimmungsmache eingesetzt. Unnötig zu sagen, dass es die Springer-Medien sind, die Israel sakrosankt machen und verehren, damals wie heute. Malcolm X / Malik Shabazz172 hat nach der westlichen Intervention im Kongo 60, die mit der Gewalt an Frauen dort begründet wurde, gesagt, wenn diese Mächte in Afrika für Weisse intervenierten, könnten afrikanische Armeen zB in der USA anlässlich von Gewalt an Schwarzen173 dort intervenieren…174

Malcolm X und seine “Black Muslims” waren ja wie die Black Panther Party gewissermaßen eine Konkurrenz zur Strategie des Martin Luther King von der friedlichen Integration. Von King gibt es ein Märchen bezüglich einer Aussage über Israel-Kritik, Anti-Zionismus und “Antisemitismus”. Dieses wurde von einem Seymour Martin Lipset in die Welt gesetzt. Kings mutmaßlicher Mörder, James E. Ray, war 1967 der Ausbruch aus einem Gefängnis gelungen, in das er als Kleinkrimineller gekommen war. Danach engagierte er sich als Helfer bei der Präsidentschaftswahl-Kampagne von Alabamas langjährigem Gouverneur George Wallace (nunmehr AIP) von 1968, der (damals) ein Verteidiger von Rassentrennung war. Nachdem er in diesem Jahr Martin L. King in Memphis (Bundesstaat Tennessee) erschoss175, gelang ihm die Flucht, über Kanada, Portugal und Grossbritannien; Ray wollte nach Rhodesien, wo sich das Apartheid-Regime 1965 unabhängig von GB erklärt hatte; er wurde auf dem Londoner Flughafen Heathrow festgenommen. Israel half auch in Rhodesien (dem späteren Zimbabwe) dem weissen Minderheitsregime (dem auch das südafrikanische Apartheid-Regime half), militärisch, in dessen “Buschkrieg” gegen ZANU und ZAPU (1964-1979), die wiederum mit ANC und FRELIMO verbündet waren.176

Die 1966 gegründeten Black Panthers gingen nach dem “Nahost”-Krieg 1967 Bindungen mit der PLO ein. Dies erklärte sich u.a. dadurch, dass Israel von vielen Linken nach diesem Krieg als Kolonialmacht und Besatzungsstaat wahrgenommen wurde, und als Teil eines Westens der über Farbige herrscht – etwas dass bis heute viele Israelis und Israel-Unterstützer begeistert unterschreiben würden (siehe den letzten Abschnitt). Die Black Panther waren ausserdem in dem von Frankreich unabhängigen Algerien aktiv, bzw wichen aufgrund der Verfolgung in der USA auch dorthin aus – was ihr sozialistisches, antikoloniales, antiimperialistisches Profil weiter schärfte. Durch den Krieg 67 wurde Israel den Linken suspekt und bei den Rechten (noch) beliebt(er). Etwa bei den Politikern und Wählern der NP in Südafrika. Oder den Evangelikalen in der USA. Daran änderte auch nichts, dass unter den Palästinensern auch viele Christen waren, die um 1948 ihre Heimat verloren, wie der griechisch-orthodoxe George Habash (der spätere PFLP-Gründer), der im Libanon studierte, als zionistische Truppen seine Stadt Lydda einnahmen und die Palästinenser von dort vertrieben, Habashs Schwester und Andere töteten.

Der Afro-Amerikaner Andrew Young wurde unter James Carter amerikanischer UN-Botschafter (77-79). Young spielte bei der Verhandlungslösung, die den Rhodesien-Krieg 1979 beendete, eine entscheidende Rolle. Young hatte das Internal Settlement, mit dem Ian Smiths Regime ’79 die schwarze Bevölkerungsmehrheit im Land und die internationale Gemeinschaft und ihre Forderungen nach Gleichberechtigung der Ersteren abspeisen wollte, nicht als genügend akzeptiert. Nach der Wahl unter Ausschluss der wichtigsten politischen Kräfte und bei Fortführung des Kriegs gegen diese wurde der methodistische Bischof Abel Muzorewa 79 Premierminister von Zimbabwe Rhodesia, wie das Land nun hiess. Muzorewa von der UANC wurde in manchen Kreisen als “gemäßigter afrikanischer Führer” bezeichnet, so wie Buthelezi in Südafrika; diese beiden hatten übrigens gute Verbindungen zu Israel.177 Durch Andrew Youngs Vermittlung kam das Lancaster House Agreement zu Stande, mit Einbindung von Robert Mugabe (ZANU) und Joshua Nkomo (ZAPU). Zimbabwe unter Mugabe als Premier und dann Präsident unterstützte in den 1980ern die PLO und übte gegenüber Apartheid-ZA kein Appeasement.

Young musste noch 1979 zurücktreten als UN-Botschafter der USA. Weil er sich mit Zehdi Terzi, dem UN-Gesandten der PLO, getroffen hatte. Dies deshalb, weil er ihn davon überzeugen wollte, den Bericht einer UN-Kommission, die zur Schaffung eines palästinensischen Staates aufrief, vorerst zurückzuhalten. Der Mossad gab die Kunde von diesem Treffen und Details des Gesprächs an seinen Boss Begin sowie an das US-amerikanische Magazin “Newsweek”. Carter hatte den Israelis versprochen, dass mit der PLO nicht verhandelt werde, solange sie Israel nicht anerkenne. Von Israel wurde und wird nicht verlangt (als Vorbedingung für irgend etwas), dass es die Rechte der Palästinenser in den 67 von ihm besetzten Gebieten anerkennt, auf einen Staat oder sonst etwas. Und auch hier wurde die Diskussion über ein Palästina an der Seite (nicht an statt) von Israel abgewürgt, mit der “Durchsetzung” der Vorbedingung dass die eine Seite zunächst ihren Besatzer “anerkennt” (bevor dieser die Rechte der Besetzten anerkennt). Der USA-Schwarzen-Rechts-Aktivist Jesse Jackson hat in den 1980ern die Schaffung eines palästinensischen Staates unterstützt. Er hat ausserdem Äusserungen über die Instrumentalisierung des Holocausts gemacht, über die jüdisch-israelische Lobby in der USA und die Stellung der Afroamerikaner dazu. Für seine Bezecihnung von New York City as “Hymietown”178 hat er sich entschuldigt. Der einflussreiche Schreiber Norman Podhoretz hat das zB nicht getan, für seinen “Essay” aus 1963 mit dem Titel “My Negro Problem – And Ours”. Podhoretz, einer der radikalsten Neokonservativen und Zionisten in der USA, hetzt für einen vorbeugenden US-Krieg gegen Iran.

Die “special relationship” zwischen Israel und der USA179 nimmt die Form von ungefähr 125 Milliarden Dollar Hilfe ein, die bislang von zweiteren Staat an ersteren geflossen sind, seit dessen Gründung. Oder die bald 100 Mal, die die USA im UN-Sicherheitsrat ihr Veto zugunsten Israels einlegten.180 Oder die regionale Hegemonie die die USA Israel zugesteht. Auch wenn Manche aus “christlichen Gefühlen” heraus zu Israel stehen181, viele Afro-Amerikaner sehen zwischen ihren Anliegen und jenen der Palästinensern einen “Zusammenhang” (oder, anders herum, zwischen ihren “Gegnern”). Auf der “Al Jazeera”-Website stand 2014 ein Kommentar über den Unterschied zwischen Ferguson in Missouri, wo damals “rassische Unruhen” zwischen der Polizei und “schwarzen” Bürgern herrschten, und Gaza, und der rassistischen Gewalt von Polizisten und Soldaten hier und dort. “For one, Ferguson is not Gaza or even the West Bank. As events spun out of control, an African American president and attorney general spoke out against the images of militarized police. And a black state police captain from the community assumed control of the police effort and marched along with the town’s residents… However fitfully,

America recognizes its race problems. Israelis are still living in the American 1950s, while Gazans remain trapped in a ghetto in which no Ferguson resident would want to live…”

Das Movement for Black Lives, eine Gruppe innerhalb der Black Lives Matter – Bewegung, hat 2016 Israels Behandlung der Palästinenser als “Genozid” beschrieben, Israel als Apartheid-Staat bezeichnet und zu einer Unterstützung der Boycott, Divestment and Sanctions – Kampagne (BDS) aufgerufen. Es ist auch kein Zufall, dass Angela Davis, eine der wichtigsten Kämpferinnen gegen die Diskriminierung von Afro-Amerikanern in der USA (eine frühere Black Panther), eine aktive Befürworterin von BDS und der palästinensischen Sache ist. Und auch keiner, dass Apartheid-Nostalgiker/Apologeten auch heute oft auf Seiten Israels sind.182 Wobei es von (pro-) zionistischer Seite eben die 2 “Denkarten” gibt: Die (südafrikanische) Apartheid war nicht so schlecht und auch was wir machen nicht; oder: Sie war schlecht, aber Israel ist darüber erhaben (dominant).183

Was man auf Youtube so an Kommentaren unter Videos findet… Zum Beispiel “SUPPORT – ISRAEL – AND – THE – WHITES – IN – AFRICA!!!“ und „Ulster will always remain british; NO surrender!!!“ von einem Benutzer. Ein anderer: “exterminate allahs piglets” & “nelson mandela was a terrorist”. Kommentare zu einem Video über zum Judentum konvertierte Afrikaaner, die als israelische Siedler in der “Westbank” leben: “South Africans have first hand experience in dealing with Savages incapable of reason”, “Geluk en voorspoed my Joode Boere. Slaan daardie arabiere stukkend.”, “Israelis nd Afrkaaners have much in common, both are persecuted and heavily outnumbereed by terrorists that want to drive them into the sea”, “Long live Israel long live Boers. Brothers forever”,…

Der kanadische Aktivist Yves Engler schrieb einen Artikel, “What explains Harper’s slavish support for Israel?“: “Canada opposed calls for the withdrawal of Dutch troops from Indonesia in the late 1940s. For decades Canada supported British colonialism in Africa while throughout the late 1950s it sided with France against the Algerian liberation movement. Into the 1970s, Ottawa backed Portugal as it waged a colonial war against the people of Angola, Mozambique and Guinea Bissau. It took decades of struggle within Canada — and a shift in the international climate — for Ottawa to withdraw its backing for the apartheid regime in South Africa. Considering this history, it’s not surprising that Ottawa opposes the Palestinian national liberation struggle. To focus on the Jewish lobby is to downplay Canada’s broader pro-colonial, pro-empire foreign policy. It is a mistake to view Ottawa’s support for Israel in isolation. That support should not be divorced from a wider foreign-policy discussion. The Palestinian solidarity movement needs to make its critique of Canadian foreign-policy more explicit.”

Der französische Philosoph polnisch-jüdischer Herkunft Alain Finkielkraut ist einer jener, die einen Verfall “westlicher Werte und Traditionen” durch “Multikulturalismus” sehen. Wie er den “Westen“, dessen Werte und “Multikulturalismus” genau definiert, da würde es ja interessant werden.184 Jedenfalls ist er einer jener, der zB die “Schwarzen” mit den Moslems, also den Schlechten, zusammentut. Zum Beispiel bei seinen rassistischen Aussagen geegnüber “Haaretz” 05 im Zusammenhang mit dem französischen Fussball-Nationalteam. Der europäische Kolonialismus hätte den “Wilden” Zivilisation gebracht, hätte in Afrika nur Gutes getan. Der westliche “Diskurs der Selbstkritik” bezüglich Slaverei und Kolonialismus hält er für “abscheulich”, und stellte für ihn eben so einen Werteverfall dar. Der israelische Filmemacher Eyal Sivan klagte Finkielkraut, nachdem ihn dieser einen “selbsthassenden, antisemitischen” Juden genannt hatte. Als Roman Polanski 09 in der Schweiz wegen der Vergewaltigung einer 13-jährigen Amerikanerin verhaftet wurde, verteidigte Finkielkraut diesen damit, dass das Mädchen ein Teenager, kein Kind gewesen sei. Hier sieht er offensichtlich keinen Werteverfall. Er attackierte u.a. “Le Monde diplomatique” als antijüdisch/antizionistisch.

In vieler Hinsicht also ein französischer Broder. Bei beiden stellt sich die Frage, wie weit sie einen französischen bzw deutschen Nationalismus unterstützen, den sie fordern bzw dem sie sich andienen. Was die Meinungsfreiheit betrifft, diese hat bei beiden enge Grenzen. In Deutschland gibt es diese “Hohmann-Grenze”, bis zu der man rechts sein kann wie man will. In Frankreich wird man Auguste Mercier (Kriegsminister zur Zeit der Dreyfus-Affäre) oder Henri Petain vielleicht einmal von “antifranzösischer Selbstkritik” befreien wollen und stolz zu den von ihnen vertretenen Werten stehen wollen. Der aus der SU stammende Israeli Avigdor Eskin (ein Kahanist) sagt, es gäbe in Südafrika heuet einen Genozid an Weissen, Juden sollten die Afrikaaner und ihre “Freiheitskämpfer”185 unterstützen. Stepan Bandera und Roman Shukhevych (OUN bzw UPA) müssten ihm eigentlich ideologisch nahestehen; jedoch, er führte eine Kampagne gegen die (posthume) Verleihung eines hohen Ordens der Ukraine an die beiden.186

Diskurse über Zionismus und Apartheid

Die Weltsicht, die sich in Südafrika zeigt(e), zeigt sich auch bei Israel und seinen Unterstützern. Das “Wissen”, was gut für diverse Eingeborene ist zB, was sie brauchen, was ihnen zusteht,… das bestenfalls paternalistische, kolonialistische Denken. Die eiserne Mauer von Jabotinsky hier, die Wagenburg dort. Die “Eingeborenen” im Lande, das man für sich beansprucht, die so “zurückgeblieben” (und doch “furchterregend”) sind, die aus weiten Teilen des Landes verdrängt werden, und aus seiner Geschichte verdrängt werden sollen. Und Widerstand bzw Auflehnung  hat keine Grundlage, kommt im Fall der Palästinenser nur aus “Antisemitismus” oder “islamistischer Aufstachelung”, im Fall der Zulus, Xhosas, Sothos,… war es hauptsächlich der Kommunismus. Wenn sie doch nur ihren Platz im Apartheid- bzw Kastensystem akzeptieren würden, könnten alle zusammen in Frieden leben. Aber so lange das nicht der Fall ist, muss “man” (die vorherrschende ethnische Gruppe und ihre Kollaborateue) sich verteidigen, mit diesen Leuten in einer Sprache reden, die diese Leute verstehen. Das „Wissen“ um die arabische/afrikanische Mentalität.

Es gab und gibt die Personalunion von Apartheid- und Zionismus-Apologeten, sowie andererseits von Kritikern dieser Systeme. Michael Sürmer zB: Der Historiker und Journalist und Kohl-Berater ist ein typisches Kind der (alten) BRD. Er vertritt eine eurozentristische Sicht, in der alle Völker die nicht zu dem gehören, was er als “Westen” definiert, keine legitimen Ambitionen jenseits der Unterordnung haben. So verachtungsvoll der mit einer Israelin Verheiratete gegenüber den Einen ist, so zärtlich ist er, wenn es um Juden geht. Oder Richard Crossman, ein Politiker der britischen Labour Party von den 1940ern bis zu den 1960ern (gegen Ende seiner Karriere wurde er auch Minister). Der langjährige Israel-Freund und -Lobbyist war ein Anhänger der Durchsetzung “weisser” kolonialer Interessen (als Weisse sah er auch die Juden) gegenüber „Eingeborenen“. Bei einem Vortrag in Israel 1959 sagt er das zB explizit, empörte sich, dass vor dem 20. Jh niemand ernsthaft das Recht und “die Pflicht” des weissen Mannes zur “Zivilisierung” anderer Weltgegenden in Frage gestellt hat. Auch der Rassismus seines Parteikollegen Hugh Dalton war nicht auf Palästinenser begrenzt…

Es gibt eine lange Tradition der Bewunderung von Rechtsextremen für den Zionismus, seit Mildenstein, und zumindest faschistische und kolonialistische Elemente in ihm. Es gibt nicht nur Übereinstimmungen mit Apartheid-Südafrika, sondern auch dessen Apologetik über den Philo-Zionismus.187 Es gibt einen Rassismus, der mit (Philo-) Zionismus legitimiert bzw aus ihm heraus-argumentiert wird. Dieser politisch korrekte Rassismus (einer der sich hinter fortschrittlichen Werten versteckt) findet sich zB bei Sarrazin, Heinsohn, Huch, Fest. In diesem Sinn wird auch Palästina-Solidarität im Westen zu diffamieren versucht.188 Und auch Antirassismus und Emanzipation des Südens…

“Anti”deutsche schwafeln von „Antiimperialismus von Teheran bis Caracas“, um dann zB auszuführen, dass der Nord-Süd-Konflikt nur noch einer “des Islams” gegen den Westen sei. Na freilich. Wenn die Niederlande ihren Giftmüll an der Cote d’Ivoire ablädt, ist das auch “der Islam”. Ohne Kakao-Bohnen von der Cote d’Ivoire hat (zB) die Schweiz für “ihre” Schokolade nur Kuhmilch, und die Umstände unter denen der entsprechende Handel stattfindet, das ist die Ausbeutung des Südens durch den Norden. Und die Herablassung gegenüber Palästinensern oder Persern ist eine Variante jener gegenüber Afrikanern oder Lateinamerikanern. Und, Europa hat noch immer wenig Vorstellung davon, dass es nicht nur Nord-Süd-Beziehungen, sondern auch so etwas wie Süd-Süd-Beziehungen gibt. Die globale Weltordnung in der ein paar wenige weisse Staaten über den Rest bestimmen189, ist glücklicherweise endgültig im Untergang begriffen. Die Lamenti über eine “Inflation am Staatlichkeit” seit den Entkolonialisierungswellen nach dem 2. WK oder “third world dominated bodies” sagen viel über die Nutzniesser der langwährenden Ordnung aus.190

Die “berechtigten Eigeninteressen der Mehrheitsgesellschaft”, von denen Ralph Giordano schwadronierte, gelten dann eher nicht für Südafrika und seine “schwarze” Bevölkerung. Es gibt viel Hass und Hetze gegen das demokratische (Post-Apartheid) Südafrika; wobei hier (zB) jeder politische Korruptionsfall herangezogen wird, in Frage zu stellen, dass das aktive und passive Wahlrecht auf alle Bürger ausgedehnt wurde… Das Gegeifer gilt den jetzigen Politikern, hauptsächlich jenen des ANC, sowie Mandela und De Klerk, die, wenn man so will, zusammen die Apartheid abgeschafft haben.191 In Europa bewegt sich diese Hass-Szene im Umfeld von VB, PVV, FPÖ, FN, LN,.. und folgerichtig ist hier auch die Israel-“Solidarität” nicht weit. Auch bei Storobin zB sieht man ja die “Fronten”. „Why we are white refugees“ ist einer der Hass-Blogs gegen das neue Südafrika, und wofür es steht (…). “The majority of Black South Africans did not want Black Rule. …regarding Israel and Palestine; and that a majority of Palestinians do not want Arab rule.”

Der Apartheid-Vorwurf ggü Israel wird dort empört zurückgewiesen, wobei man nicht so recht weiss, ob man nicht doch lieber die Apartheid vereteidigen soll (anstatt sie zu leugnen)… Lustig wird’s auch, wenn sich die Macher über das Wort “Kaf(f)ir” auslassen: Von seinem Ursprung ist es ja ein arabisch-islamisches Wort für “Ungläubige(r)”192, das von (sunnitischen oder schiitischen) Islamisten auch heute verwendet wird. Von Arabern wurde es in der Neuzeit für (nicht-moslemische) Schwarzafrikaner verwendet, und diese Verwendung wurde von den europäischen Kolonialherren in Afrika übernommen. Von weissen Rassisten im (oder aus dem) südlichen Afrika ist “Kaffer” bis heute das ultimative Schimpfwort für Schwarzafrikaner. Die Hass-Blogger sind im Dilemma. Einerseits: “It is time that South Africans, are educated that the word ‘kaffir’ has many different meanings, besides the one and only meaning that white-guilt liberals193 assign to the word, as that used by ‘right wing white racists’ to refer to a black person.” Andererseits will man ja die Opferrolle einnehmen und sich als positiver Gegenpol zum Islamismus definieren.194

Lamprecht und seine “africancrisis”, eine andere Hetzseite, leben von den Problemen in Afrika, so wie MEMRI, Middleeastforum, sultanknish, kritiknetz.de,… von jenen in islamischen Regionen. Und, immer interessant sind die Verbindungen die hier hergestellt werden. Dan(iel) Roodt ist einer, von dem rechts nichts Platz hat195 In seinem Buch “Lethal Weakness of Altruism: Europe Overrun & South Africa’s Extreme Unrest” stellt er die Demokratisierung Südafrikas in einen “Zusammenhang” mit den Einwanderungsströmen nach Europa und dem Missverhalten eines Teils der Flüchtlinge. Allgemeiner Rassismus hat sich nicht nur hier mit Anti-Islam verbunden. Und da sind Kommentare, dass die Apartheid ja doch nicht so schlecht war, nie weit. Der “Kronen Zeitung”-Leserbriefschreiber S. Pestitschek aus Strasshof196 schrieb zB “Nach dem Ende der Apartheid machen schwarzafrikanische Horden das ganze Land unsicher, Anarchie herrscht im Land, das ist das Ziel der 68er,ein bisschen Südafrika ist auch bei uns..” Wenn Wolfgang Drechsler in „Der Tagesspiegel“ schreibt (2015), „Die Buren werden vom Unterdrücker zum Unterdrückten“, ist das zwar nicht die Realität, aber sein Artikel war noch einigermaßen im Rahmen; Buren haben eben ihre Stellung an der Spitze eines Kastensystems verloren, und Deutsche wie Drechsler haben in Südafrika auch nicht mehr den Status wie zu Apartheid-Zeiten…

Ilana Mercer (Isaacson) ist eine aus Südafrika stammende Jüdin, die in die USA ging (dazwischen war sie auch in Israel). „My grandfather fled the Latvian town of Riga after the pogroms that followed the Bolshevik Revolution” – Die Pogrome waren eher vor dieser Revolution… “Grandfather Jack, RIP, settled in South Africa, where Jews thrived until the recent ascendancy of the pro-PLO and pro-Islamist ANC“. Der Vater hätte die “petty apartheid” durchbrochen – das haben aber, alle die schwarze Hausangestellte hatten. Nun schreibt sie auf vdare.com, worldnetdaily197 frontpagemagazin,… Mercer ist paläokonservativ/- libertär; d.h. zB, die Affirmierung des Bösen mit dem Islam und jüdisch-zionistischer Chauvinismus ist bei ihr nicht so stark im Vordergrund, sie übt(e) auchKritik an militärischen Interventionen der USA, und an den neokonservativen Juden in der USA (an den liberalen sowieso); dem „jüdisch-christlichen Westen“, dem die Wilden gegenüberstünden, redet sie schon das Wort. Lob bekommt von ihr nicht nur Geert Wilders, sondern auch zB Jörg Haider.198

Bezüglich Südafrika: „South Africa is being dismantled and dropped bit-by-bit down a black hole. The almost-overnight disintegration of that Christian civilization at the tip of Africa has sharpened my understanding of how fragile such western outposts are and how quickly they can crumble in culturally inhospitable climes.“ Sie schreibt sowohl gegen südafrikanische Schwarze (pauschal, rassistisch) als auch gegen Zuwanderer nach Südafrika aus afrikanischen Staaten UND sie prangert die Gewalt von schwarzen Südafrikanern an schwarzafrikanischen Einwanderern, die es gab, an. Ein Buch von ihr heisst „Into the Cannibal’s Pot: Lessons For America From Post-Apartheid South Africa“.199

Oder Richard Littlejohn, ein Brite mit jüdischen Vorfahren, der für Channel 4 sowie “Daily Mail”200 arbeitet. Vor wenigen Jahren gestaltete er eine Doku über “anti-semitism” (“The War on Britain’s Jews”). Da ist er ganz sensitiv, über Worte, über Entwicklungen, macht aus Israel-Kritik gleich “Antisemitismus”, stellt Querfronten von Moslems über Linke zu Rechtsextremen her.201 Der selbe sagte über den Genozid in Rwanda: “Does anyone really give a monkey’s about what happens in Rwanda? If the Mbongo tribe wants to wipe out the Mbingo tribe then as far as I am concerned that is entirely a matter for them”. Und, er nannte Palästinenser die “Pikeys (abschätzige Bezeichnung für fahrendes Volk/Zigeuner) des Mittleren Ostens”. Auch über Asylsuchende und Schwule äusserte er sich abfällig.202 Littlejohn lebt meist in einer schwer “gesicherten” Villa in Florida, Entwicklungen in GB bekommt er hauptsächlich aus der rechten Presse mit.

Der Artikel sollte gegen Ende nicht zu weit abschweifen, vom Thema Israel und Apartheid, aber ein paar Dinge gilt es, aufzuzeigen. In West-Deutschland wurde nach dem Nationalsozialismus „Kommunismus“ eine Art Black Box/ Metapher/ Variable, in die jedes Ressentiment passte; dann nahm Islam bzw Islamismus diese Rolle ein, dem alles (subjektiv/objektiv) Böse zugeschrieben wird, auch der NS. Im Zeitalter der Islamkrise ist inzwischen fast alles an traditionellen rassistischen Stereotypen ist sagbar, solange es sich in das Mäntelchen der Islamkritik zu kleiden weiss. Imperialismus und Rassismus, die früher als „Antikommunismus“ daher kamen, sind heute „Anti-Islamismus“. Wenn Wolfgang Fellner in „Österreich“ zB schreibt, „Die Türken wollen Europa islamisieren – mit Kopftüchern und Moscheen“203, ist das noch harmlos. Es gibt auch Rechte wie Andreas Koller (“Salzburger Nachrichten”), die sich über „Israel“ (+) und „Islam“ (-) „liberal“ machen (wollen).

Kay Sokolowsky:

“Alt ist der Fremdenhass, der sich hier manifestiert. Neu sind die scheinaufgeklärten Gründe, mit denen er sich auftakelt. Ein perfider Trick, der es auf den ersten Blick so aussehen lässt, als habe es mit Ausländerfeindlichkeit nichts zu tun, was die Muslimhasser treiben.

Es ist gesellschaftlich nicht konform, gegen ‘die Kümmeltürken’, ‘die Kameltreiber’ oder ‘die Knoblauchfresser’ zu hetzen. Also weichen die Fremdenhasser auf Schimpfwörter wie ‘Mohammedaner’, ‘Musel’ oder ‘Kulturbereicherer’ aus.…Die Motive sind dieselben wie bei jeder anderen Form des Rassismus: Hier wird ein Kollektiv von schlechten, minderwertigen, ‘unsere Kultur und Nation bedrohenden’ Menschen konstruiert, damit der Rassist sich selbst erhöhen kann. Ohne sagen zu können, was ihn zu einem moralisch und intellektuell makellosen Wesen macht, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was denn die Überlegenheit seines Charakters und seiner Lebensführung ausmacht, definiert der Rassist sich positiv über all das Negative und Böse im Bild seines Feindes. Wichtig ist dem Fremdenhasser allein, dass er selbst ‘nicht so’ ist. Ob aber die Menschen, die er in sein Feindbild hineinpresst, tatsächlich ‘so’ sind, überprüft der Rassist nicht. Er setzt es einfach voraus. Seine Ideologie ist hermetisch, für Fakten und rationale Argumente nicht erreichbar. …Muslimfeindliche Polemiker genießen eine erheblich größere Aufmerksamkeit in den Medien als seriöse Migrationsforscher wie Werner Schiffauer oder aufgeklärte Muslime wie Navid Kermani.”204

Es gibt einen Unterschied zwischen Kritik an diversen Zuständen im neuen Südafrika205 und rassistischer Apartheid-Apologetik. Und es gibt einen Unterschied zwischen Islamkritik sowie Islamismuskritik und Islamophobie. Mark Gabriel ist ein Ägypter, der vom Islam zum Christentum konvertiert ist206, früher Mustafa geheissen hat (vielleicht hat er auch den Nachnamen geändert) und ein Imam war, sogar an der al Azhar. Er pocht auf eine Unterschiedung zwischen Islam als politische Ideologie und Moslems als Menschen. Wehrt sich dagegen, dass seine Islamkritik von Rechtspopulisten und Rassisten verschiedener Art zur Legitimation herangezogen wird. Bei Hamed Abdel-Samad ist das anders. Der ist ein orientalisches Schau- und Vorführobjekt für jene Westler (geworden), die ein Feigenblatt für ihre rassistisch-kulturalistische Nacktheit brauchen. Bei den meisten, die Abdel-Samad heranziehen, wird klar, dass Islamophobie nur eine Variante von Rassismus ist (und etwas anders als Islamkritik), und sich der Geist der Islamophobie auch leicht gegen Andere (Nicht-Moslems richten kann).

Auf der Internet-Seite des FPÖ-Akademikerverbandes waren im Sommer 15 Postings zu lesen wie „Millionen Neger wollen selbst aus Afrika weg, nach Europa, wo alles hier gratis und ohne Arbeit zu erhalten ist. Sie flüchten vor sich selbst, sie bringen ihr Unwissen, ihr Analphabetentum, ihren Haß und Streit unter sich und ihren Haß auf uns Weiße nach Europa mit und Europa wird spätestens in 50 Jahren im Chaos und Sumpf enden, wie wir es heute in Südafrika sehen“.207 Als Mireille Ngosso (aus Kongo stammend, SPÖ) vor Kurzem neue stellvertretende Bezirksvorsteherin der Wiener Innenstadt wurde, überschlugen sich im IT rassistische (und auch sexistische…) Anfeindungen gegen sie, wie „Ab in den Dschungel zum Bananenpflücken“. Das ist, was so in der unmittelbaren Nachbarschaft der Islamophobie blüht, mit ihr verwandt ist. Oder die Aussagen der Kleinpartei Christliche Bayerische Volkspartei (CBV) im Bundestags-Wahlkampf 1987. Darin verlangte der Parteivorsitzende Volkholz unter anderem Waffenlieferungen an das südafrikanische Apartheidregime und forderte, dass das „ewige englische Negergebrülle in Rundfunk und Fernsehen“ aufhören und stattdessen „wieder gesundes Volkstum“ gefördert werden solle.208

Es gibt jene, die sagen, die Wahl Obamas sei ein schwarzer Tag für die USA gewesen, oder sie schämten sich damals, Amerikaner zu sein. Pamela Geller, die ja “Ayn Rand” so verehrt, schrieb, “Our civilization is at stake”. Mit den “Bedrohern” meint sie nicht nur Moslems (bzw ihre Vermischung von Islam, “Orient”, Moslems, Islamismus), sondern auch (christliche) Schwarzafrikaner. Schwarze würden in Südafrika einen Genozid an Weissen begehen. Milo Yiannopoulos, ein Brite (u.a.) jüdischer Herkunft, Israel-Fan, Trump-Fan, ehemaliger “Breitbart”-Blogger209, spannt den Bogen von afrikanischer Einwanderung nach Europa zu Islam(ismus), von Rechtskonservatismus zu Neonazis. Von „Europa/ Deutschland ohne Scharia“ und ähnlichem, eigentlich emanzipatorischen /humanistischen „Anliegen“, kann man leicht so ziemlich alles andere „herausargumentieren“ (zB „Kanaken raus“), ebenso aus „kick some hamas assess“.

Dieser Schritt von der Zuschreibung „fanatisch“ zu „schmutzig“, mit der Zwischenstufe „primitiv“. Gerade noch wird über “westliche Werte” gefaselt, und schon ist man bei “Kameltreiber” oder „Ab in den Dschungel zum Bananenpflücken“.210 Die Verwischung der Grenze zwischen Berechtigtem und Hetzerischem geschieht auch durch Islamisten immer wieder; man denke an den austro-ägyptischen Salafisten Mohammed Mahmoud und seine Mona S., die wegen ihres Vollgesichts-Schleiers beim Prozess wegen der Anschlagsdrohung in Wien 08 ausgeschlossen wurde, was von den beiden als “islamophob” und “diskriminierend” skandalisiert wurde (was es nicht war). Die Übergänge zur offenen Verwendung von rassistischen Stereotypen und Klischees gibt es auch in anderem Kontext. „South Africa used to be a wonderful place – they didn’t let blacks walk on the pavements“, hört man “plötzlich” von einem Teil jener, die die ANC-Regierungen kritisieren.

Oder, dieser Schritt vom Shitstorm über das Treffen von Özil und Gündogan mit Erdogan (“Özil raus aus dem Nationalteam”)211 zu “Özil und Boateng raus aus dem Nationalteam weil sie keine echten Deutschen sind”.212 Oder der Tweet von Roseanne Barr (Borisofsky), der jüdischen US-amerikanischen Schauspielerin kürzlich, die pro Trump und überhaupt wirr (geworden) ist. Sie hat Valerie Jarrett, einst Beraterin von Barack Obama als Präsident als “Baby von Muslimbruderschaft und Planet der Affen“ bezeichnet. Jarretts Vorfahren sind zwar Amerikaner, aber zum Teil “schwarze” und sie ist im Iran geboren, weil ihr Vater im Rahmen der damals guten Beziehungen der Länder als Arzt in einem Krankenhaus arbeitete.

Stellungnahmen für bzw “Solidarität mit” Israel aus Deutschland/Österreich sind in der Regel (auch) eine bewusste oder unbewusste Entlastungsstrategie von der NS-Vergangenheit oder der Verstrickung der Eltern- oder Grosselterngeneration darin. Im “Nahost-Konflikt” hat man die Möglichkeit, sich an die Seite Israels und der Juden zu stellen, man kann sich als besonders humanitär und abgeklärt zeigen und muss sich nicht mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, man kann Parallelen zum eigenen Land ziehen (“Ja, die Türken hier…”).213 Dabei kommt es häufig zu rassistischen Grenzüberschreitungen gegenüber den “Feinden Israels”. Von ehemaligen Soldaten der deutschen Wehrmacht gab und gibt es für Israels Armee seit dem Krieg 1967 Bewunderung, wie vom langjährigen „Krone“-Kommentator „Staberl“ (Richard Nimmerrichter). Dieser äusserte ’67 zB Bewunderung für das „tapfere, kleine Land“, wünschte dass es nicht dem Schicksal anheim fällt, dass „Ahmed Shukeiri214 ihm zugedacht hat“.215

Wie Broder und viele “Antisemitismus-Experten” war/ist auch “Staberl” der Meinung, dass einen eine Parteinahme für Israel über jeden “Antisemitismus”- und auch “Rassismus”-Verdacht erhebe (umgekehrt, mit “Israel-Kritik” wird man zum “Antisemit”). Die positive Sicht auf Israel ermöglicht einen sehr rassistischen Blick auf “die Araber“, “die Moslems”. Begeisterung, wenn die israelische Armee Widerstandsnester aufspürt und vernichtet, wie einst die Wehrmacht in Osteuropa, so effizient und tapfer und kühl. Begeisterung von manchen Deutschen (und Österreichern), die nach den zwei Weltkriegen “nur” noch in der Fremdenlegion richtig töten konnten (oder neuerdings in Afghanistan),216. Rechte sind in der Regel für die Durchsetzung von nationalen Interessen (gegen andere solche) mit Gewalt, haben Sympathie für das Kleinhalten von Ethnien, für das Recht des Stärkeren. Philo-Zionismus ist eine Möglichkeit, sich reinzuwaschen (zB durch die Etikettierung von Israel-Kritik als “Antisemitismus”) und aus der Schmuddelecke zu kommen, einen politisch korrekten Nationalismus und Rassismus zu betreiben; und (neuerdings) die eigene Menschenverachtung anderen umzuhängen.

Zionisten sind immer wieder Allianzen mit aktiven/ehemaligen Faschisten eingegangen, nicht nur zu den von der NP gebildeten Apartheid-Regierungen Südafrikas. Parteinahme für die Achsenmächte des 2. WK und ihre Ideologie und ein klassischer Antijudaismus sind auch keine Hindernisse für Israel-Begeisterung…217 Heute sind “Islamkritik” und „Israel-Solidarität“ eben auch Alibis bzw Vorwände für die Auslebung von Rassismus. In bzw ggü Österreich/ Deutschland wird das Verhältnis zu Israel immer mit dem Holocaust verbunden, womit auch Parteinahme für Palästinenser unterbunden bzw diffamiert werden soll.218 Auch die Verschiebung des NS in den Orient steht in diesem Zusammenhang. Rechte Zionisten (die nicht unbedingt [nur] Israelis sein müssen) und “Westler” sehen oft einen gemeinsamen Feind. Ersteren geht es dabei hauptsächlich darum, berechtigte Anliegen der Palästinenser über den Islamismus zu diffamieren, zweiteren darum, Zuwanderer (aber auch generell nicht-Weisses) politisch korrekt anzugreifen.

Die FPÖ sucht nun, im Gleichschritt mit den anderen west-europäischen Rechtsparteien, den Schulterschluss mit Israel im “Kampf gegen den Islam(ismus)”, affirmiert “Westen” nun auch positiv, machte ihn zum Bezugspunkt. Für die Strache-FPÖ sind Juden nun gut für den Westen (und Teil von ihm), Moslems sind das Andere (Afrikaner und andere Nicht-Europäer werden zT dazu genommen). Und Israel sei ein Stück Westen in einer dunklen Region, sei die Antithese zum Islamismus. Strache war ja als junger Mann in der Neonazi-Szene unterwegs; ist seine Hinwendung zu Pro-Zion wirklich eine Wandlung?! Oder eher eine Kontinuität?219 Ein anderer Pseudo-Saubermann ist Sebastian Kurz, seit einigen Monaten Senior-Koalitionspartner der Strache-FPÖ. Was Rechten in Westeuropa von zionistischer Seite angeboten wird, ist “Pro-Israel” gegen “Holocaust-Absolution”, Anerkennung von Holocaust-Aufarbeitungs-Bemühungen gegen Pro-Israel und Anti-Orient, bzw: Österreich rehabilitiert Israel, Israel rehabilitiert Österreich. Kurz: Gerade für ein Land mit der Geschichte von Österreich müsse es immer ein Ziel sein, einen ganz starken Kontakt und eine ganz starke Partnerschaft mit Israel zu haben.

Und das hat Kurz als Aussenminister und Bundeskanzler (u.a.) bei Reisen und Empfängen auch “beherzigt”. Als er übrigens 2016 zum 60-jährige Bestehen der bilateralen Beziehungen” zwischen Österreich und Israel hinreiste, befand man sich zwischen der Wahl und der ersten Stichwahl um die österreichische Bundespräsidentschaft, mit Chancen des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer; israelische Politiker sagten damals, sie blieben bei ihrer Politik, offizielle Kontakte zu FPÖ-Politikern abzulehnen. Das Flüchtlingsthema war bei dieser Wahl ein bestimmendes, Hofer sagte, der Islam gehöre nicht zu unserer Kultur220 und schlug Flüchtlingslager in Afrika vor (was Barroso damit kommentierte, dass ihn das an die Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg erinnere). Nun ja, und Israels Umgang mit Flüchtlingen aus Afrika, die Haltung von Netanyahu und seinen Partnern dazu… Kurz hat(te) ja auch so Ideen zum Umgang mit Flüchtlingsströmen; und ein gutes Verhältnis mit Netanyahu.

Als der Schriftsteller Michael Köhlmeier vor einigen Wochen beim Gedenken im Parlament an den Anschluss Österreichs an NS-Deutschland 1938 eine Rede hielt, warf er der FPÖ Heuchelei im Umgang mit den Juden vor und verglich die Schließung von Fluchtrouten (Balkan) mit der Judenverfolgung (zumindest wurde das so interpretiert). Nur, die FPÖ bekommt aber immer wieder den “Koscher”-Stempel, und im Umgang mit Flüchtlingen aus Afrika sowie Moslems stehen die allermeisten israelischen Politiker “rechts” von der FPÖ; und auf Israel (und den Umgang damit) kommt es an bei NS-Aufarbeitung und Antisemitismus-Bekämpfung, wie immer betont wird, von Netanyahu bis Brauer.221 Jedenfalls, die Bemühungen von Kurz und teilweise auch jene von Strache werden anerkannt; der World Jewish Congress (WJC, R. Lauder) hat Kurz zu seiner Kür zum Bundeskanzler im Dezember ’17 gratuliert, zugleich „starke Besorgnis“ und Erschütterung über dessen Entscheidung, eine Koalition mit der FPÖ zu bilden, geäussert. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien ebenso.222 Nun, ohne die Stimmen der FPÖ-Abgeordneten wäre Kurz nicht zum Kanzler gewählt worden, und wenn man eine so grundlegende Entscheidung von ihm (die Koalitionsbildung) mißbilligt, müsste man ihn eigentlich an sich in Frage stellen.

Das staatliche Israel hat nach der Regierungsbildung in Österreich auf eine Abberufung seiner Botschafterin „verzichtet“, verkündete aber einen Boykott der FPÖ-Minister. Dies betreffe auch die parteilose (aber von der FPÖ nominierte) Aussenministerin Kneissl; damit kann auch jedwede „Einmischung“ in die israelischge Politik ggü Palästinensern verhindert werden. Insbesondere am rechten Rand der Regierungspartei Likud gibt es aber Kräfte, die sich für eine “Normalisierung” der Beziehungen zur FPÖ einsetzen. Der Likud-Abgeordnete Yehuda Glick (aus der USA, anscheinend nicht mit Caroline verwandt, ein religiöser Fundamentalist und Siedler) traf zB ’18 auf einem “privaten Besuch” in Österreich FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache, weitere FPÖ-Politiker sowie Kneissl. Strache war auch oft in Israel, zuletzt 16, traf damals auch Mitglieder der Netanyahu-Regierung; er hat kein Einreiseverbot, wie Günter Grass oder jene Palästinenser, die die Stätten ihrer Vorfahren besuchen wollen, ist auch längst pro-israelisch.223 Rassismus ggü Moslems bringt Likud-Politiker dazu, Antisemiten reinzuwaschen, könnte man sagen; aber auch das von der Avodah dominierte frühe Israel hat ja mit den NP-Regierungen Südafrikas bestens zusammen gearbeitet.

Auch von der Türkei kam Kritik an der ÖVP-FPÖ-Regierung, davon zeigte sich Kurz „unbeeindruckt“, wie er sagte. „In der Türkei werden systematisch Menschenrechte verletzt, und diese Türkei hat keinen Platz in der Europäischen Union.“ Das sei zu Recht im Regierungsprogramm so niedergeschrieben worden. Abgesehen von der Frage, ob der Platz der Türkei in der EU ist, Menschenrechtsverletzungen dort sind für Kurz/Strache eher ein Vorwand. Und: Eigentlich müssten sich Repräsentanten eines doch demokratischen Landes wie Österreich224 überlegen, ob sie mit Netanyahu, Lieberman, Shaked, Bennett Kontakte aufrecht halten sollen, aufgrund ihres Rechtspopulismus, der von ihnen begangenen (angeordneten) Menschenrechtsverletzungen (die für Palästinenser alltäglich geworden sind), ihres Rassismus’. Aber nicht nur die Rechte Österreichs findet nichts an so einer Zusammenarbeit; unter Bundeskanzler Kern (SPÖ) wurde die auch schon intensiver; Verteidigungsminister Hans-Peter Doskozil hat damals etwa “Zusammenarbeit” im “Sicherheits”-Bereich mit seinem Kollegen Avigdor Lieberman eingeleitet, bei “Cyberabwehr” oder “Schutz gegen digitale Bedrohungen”.

Kurz wird demnächst (Juni 18) wieder einmal Israel besuchen225, „Ziel Vertiefung der bilateralen Beziehungen“, „Österreich ist der Sicherheit Israels und seiner Bürger verpflichtet“, „bilateralen Beziehungen sollen insbesondere im Bildungs- und Wissenschaftsbereich vertieft werden”,… Wird in Jerusalem auch vor dem Weltforum des American Jewish Committee (AJC) sprechen, dessen Vorsitzender ihm im Vorfeld Blumen streute („erwiesener Freund von Israel und des jüdischen Volkes“, zähle zu jenen Politikern Europas, die eine besonders deutliche Sprache sprechen,…). Es ist, wie gesagt, Opportunismus von beiden Seiten zu beobachten bei diesem “Flirt”. Der palästinensische Gesandte in Österreich sagte, man habe es in Österreich jetzt mit einer rechtskonservativen Regierung zu tun, die alles unternehme, um ihre Freundschaft zu Israel zu zeigen. “Wenn ich mir die Reaktion von Strache auf den Beschluss von US-Präsident Donald Trump (für die Verlegung der USA-Botschaft nach Jerusalem) anschaue, da wird einem mulmig.“226

Die IKG, auch unter Oskar Deutsch stramm zionistisch227, dreht die Israel-Bejahung der Rechten (bzw die Querfront) um, jene der FPÖ ist gewissermaßen zu wenig, um das andere wieder gut zu machen. Die totale Verkennung/Verleugnung des Charakters des Zionismus und der Solidarität zu ihm. So habe FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky “noch 2009” nach der “israelischen Militärintervention im Gazastreifen” von einem „geplanten Vernichtungsfeldzug“ der israelischen Regierung gegen die Palästinenser gesprochen. Und wenn Vilimsky das israelische “Vorgehen” gegen die Palästinenser in Gaza (bei diesem “Krieg” und überhaupt) gutgeheissen oder dazu geschwiegen hätte, dann wäre alles gut, ja? Auch würden die österreichischen Parteien bezüglich „muslimischen Antisemitismus” “die Augen verschliessen” – „sei es aus Angst, des Rassismus beschuldigt zu werden, oder aus politischem Kalkül in Bezug auf Stimmengewinne durch die muslimische Gemeinde“. Die Realität, die islamophobe Linie der FPÖ (für die auch “moslemischer Antisemitismus” herangezogen wird), und das folgerichtig Philoisraelische der Partei, wird ausgeblendet. Ausserdem ist hier der Versuch der Desavouierung von Anti-Rassismus zu erkennen, und das Ausspielen von Rassismus gegen Antisemitismus.

Die offizielle Linie der IKG Wien, internationalen jüdischen Organisationen, der israelischen Regierung zur Regierungsbeteiligung der FPÖ ist ein “Besorgt sein”. Auf “unteren Ebenen” sieht das ja anders aus.228 Bei einem staatlichen Festakt zur Beendigung des Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft Anfang Mai 18 trat der Künstler und Holocaust-Überlebende Arik Brauer als Redner auf. Gegenüber dem Radio-Sender Ö1-Reihe äusserte dieser, es für einen Fehler zu halten, dass FPÖ-Vertreter zum zweiten Teil der Veranstaltung nicht eingeladen wurden. Er hält
Bemühungen Straches, “mit dem NS-Erbe in der FPÖ aufzuräumen”, für glaubwürdig. „Ich persönlich nehme dem Strache seine absolut faire und richtige Einstellung zum Judentum ab.“ Was aber keine Überraschung ist, wenn man Straches Gespräch mit Brauer für “Der Standard” vor einigen Jahren gelesen hat (ich glaube, es war vor einer Wahl), und überhaupt Brauers Aussagen zum “Nahost-Konflikt” und “Antisemitismus” seit Anfang der 00er.229 Die Haltung zu Israel ist (Brauer hat auch die Mauer in den palästinensischen Rest-Gebieten verteidigt), was für ihn zählt, und da war Strache brav (diverse Soli-Reisen, Jerusalemer Erklärung 2010 mit anderen westeuropäischen Rechtsextremisten,… Hetze in die richtige Richtung). Es ist auch eine weitere Neuausrichtung der FPÖ zu erwarten, bzw eine weitere Verschiebung bei ihrem Rassismus.

Rechts ist im Kontext der Beziehungen mit Israel und jüdischen Gemeinden nicht gleich rechts. Der ungarische Premier Viktor Orban (FIDESZ) ist zur Zeit gerade dabei, jenen Stempel zu bekommen, den Strache von Brauer bekommen hat. Orban, der zu den Flüchtlingsströmen nach Europa sagte, er könne sich vorstellen, dass Bürger westlicher Länder, die vor “Liberalismus, politischer Korrektheit und Gottlosigkeit in ihrer Heimat fliehen”, in Ungarn aufgenommen werden, zeigte sich kürzlich mit Netanjahu in Budapest einig. Bei den polnischen Rechtskonservativen von der PiS ist das anders, die von dieser Partei hauptsächlich gestellte Regierung hat zum Ärger Israels ein Gesetz erlassen, das es verbietet, Polen mit dem Massenmord an Juden im 2. WK in Verbindung zu bringen. Manche “Westisten”, die über Putin die Nase rümpfen (und sich klamm-heimlich über Wilders freuen), sind bei Orban in einem Dilemma… Kommt es darauf an, wer die Feindbilder sind? Wie nahe FIDESZ und Jobbik zu einander sind, ist umstritten. Jedenfalls, vor Jobbik alarmieren jüdische Organisationen wie WJC. Im “Kurier” war vor einer Wahl in Ungarn ein Artikel über Ängste” von Juden in Ungarn – Und jene in den Niederlanden, gegen die Wilders hetzt? Und Palästinenser vor Likud, HaBeit HaYahudi,…? In der AfD gibt es übrigens auch einen pro-israelischen Flügel. Und Berlusconi hat sogar einen Preis von der Anti-Defamation League (ADL) bekommen; von jener Organisation, die auch Trainings von US-Polizeibehörden mit israelischen sponsert.230

Es scheint so, dass Deutschen/Österreichern eine Pro-Israel-Haltung als Holocaust-Wiedergutmachung angerechnet wird, egal wie rassistisch man gegen Andere ist. Und in diesen Ländern hat Israel oft die Funktion eines Nationalismus-Surrogats. Ex-Politiker Hubert Kleinert, der ein reaktionärer Scharfmacher geworden ist, sagte, die Grünen hätten sich anfangs „einseitig auf die Seite der arabischen Massen“ geschlagen, was ihnen in jenen Jahren in Israel „nicht ganz zu Unrecht den Ruf der Kinder Hitlers eingebracht hat. Publizisten/ Propagandisten231 geiselten im Kalten Krieg ggü Deutschen kommunistische und anarchistische Neu-Linke, doch ging NS-Aufarbeitung hauptsächlich von denen aus, und die Alternative waren hauptsächlich jene Ex-Nazis, die sich hin zu “pro-westlich” gewandelt hatten. Auch Amos Oz phantasiert immer wieder eine mächtige und blinde westeuropäische Linke im Bündnis mit einer ebensolchen “Dritten Welt” herbei, zB in “Hier und da im Lande Israel”.

Ja, der Zionismus (auch der “linke”) war immer mit der westlichen Rechten verbunden, in Deutschland mit Strauss (v.a. als er Verteidigungsminister war) oder Springer.232 Und Südafrika war nicht das einzige Land, in dem ein Teil der Bevölkerung die Auswirkungen des Bündnisses von Machthabern mit Israel zu spüren bekam. Und Kommentare über Mehrheitsverhältnisse in den UN (und in Bezug zu IL) lassen oft viel Verachtung für “farbige” Menschen/Staaten durchschimmern. Die dem vorgegebenen Universalismus-Anspruch entgegen steht. Ein “Anti”deutschen-Video auf Youtube preist den Mord an “Che” Guevara in Bolivien – dessen damaliges Regime auch Nazis Zuflucht gewährte und mitarbeiten liess.

Die ewigen Widersprüche des Zionismus zeigen sich in den Rechtfertigungen zur Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika von Eitan und Peres (s.o.). Auch im entweder dazu Stehen dass der Zionismus brutal und rassistisch ist oder aber dies empört in Abrede stellen. “Wir hassen sie” oder “Sie hassen die Juden”. Die IKG Wien hat kürzlich die Proklamation Israels vor 70 Jahren im Rathaus der Stadt gefeiert. „Israel ist ein Licht unter den Nationen“, sagte IKG-Präsident Deutsch und behauptete, dass der jüdische Staat die einzige stabile und pluralistische Demokratie des Nahen Ostens sei. In Israel hätten alle Minderheiten dieselben Rechte wie Juden, selbst Muslime hätten in Israel mehr Rechte als in islamisch geprägten Ländern. Das stimmt natürlich nicht, nicht für die Palästinenser in den Grenzen Israels 1948-1967, und noch weniger für jene, die 1967 unter israelische Herrschaft kamen… Aber es ist eindeutig ein Chauvinismus der einen Sorte; und einer der Marke “Den Palästinensern geht es eigentlich eh gut genug”; IL sei eigentlich ein Segen für die Region, und die Menschen in der Region werden über die Religion definiert.233

Jacques Kupfer, Vorsitzender des französischen Likud und des World Likud, bezeichnete die Palästinenser als “Horde von Barbaren” und “arabische Squatter in Eretz Israel”. “Man kann nicht mit ihnen zusammenleben, falls sie überhaupt das Recht auf Leben haben”, sagte er ebenso offen wie er eine Ausweisung fordert: “Wir dürfen die Gelegenheit nicht wieder so ungenutzt verstreichen lassen, wie wir es 1948 und 1967 getan haben.”234 Das ist der andere Chauvinismus, nicht dieses Wir-sind-heiliger-als-die-Jungfrau-Maria.235 Rassismus von israelischer oder pro-israelischer Seite wird fast immer ausgeblendet. Zum Beispiel der im israelischen Fussball, gegen Palästinenser und Andere; da gibt es eine Kultur des Schweigens. Und andere Standards als für Antisemitismus irgendwo in Europa.

Islamismus wird gerne vorgeschoben, um Verachtung und Unterdrückung zu rechtfertigen. Aber manchmal wird darauf verzichtet. Ein Benutzer-Kommentar auf Youtube (“John Sparks”): “I hear people griping about Israel getting arms from the USA, so I decided to do something about it as an American. I bought a IWI Jericho 941 from Israel. Fantastic gun and great for shooting Palestinians as is my 9mm Glock. No two pistols have killed more Palestinians than the ones I own and I am proud. I challenge any gun enthusiast to match them. I am not a Jew but you are damned right I am a Zionist! Long live Israel!” Ein “Popeye” schrieb dort: “Sounds all good to me, killing Fakestinian children is only a bit fun.” Der andere Chauvinismus: “Seanán Sèitheach”: “Misinformation repeated over and over by the enemies of Israel doesn’t make it true…”. Die beiden chauvinismen kommen auch oft in EINEM vor: “yes, iran hates to see civilians killed, that is why iran kills its own civilians regularly. muslim pig.“

Siedler-Graffito “Westbank”

Diese 2 Chauvinismen korrelieren mit der Haltung, wonach Israelis “Kolonialisten” sind, oder doch “Eingeborene” (in der Region verwurzelt). Einerseits keine Orientale sein wollen (sondern etwas besseres), andererseits darüber klagen, in der Region abgelehnt zu werden. 2006 hat die israelische Botschafterin in Australien, Naftali Tamir, gesagt dass Israel und Australien wie Geschwister seien, beide lägen in Asien und ihre Einwohner hätten nicht die asiatischen Charakteristiken von “gelber Haut und Schlitzaugen”, sondern gehörten der weissen Rasse an. Sie wurde darauf hin anderswo hin versetzt.236 Ein Kommentar aus dem Forum von derstandard.at, von dem pro-israelischen User “mucosaproleps”: “Israel ist eine europäische Kolonie; sie ist überwiegend im Besitz von weißen Europäern, die aufgrund ihrer Religion vertrieben wurden, genau wie die USA früher; Israel wird regiert von überwiegend weißen Europäern; Israel ist eine Demokratie nach europäischem Vorbild. Wie jemand dann ncoh auf die Idee kommen kann, diejenigen zu wählen, die immer noch die NS-Diktatur (die Israels Gründung mit verursacht hat) bewundern und schwachsinniges Rassedenken pflegen, kann ich in keiner Weise nachvollziehen.”237

Auf der einen Seite das “Wir sind das technologisch fortgeschrittenste Land der Religion und werden mit ihnen allen locker fertig…”238, auf der anderen Seite “Wir sind klein und arglos und unser Herz ist rein und wir würden gerne mit ihnen in Frieden leben..”. Wenn Gefen (oder Lapid oder Eldad Beck) vor “iranischen Zuständen” in Israel warnt, meint er übrigens Leute wie Yishai; der ist aber auf eine andere Art anti-iranisch bzw gegen die Region. Die Siedler und andere rechtsextreme Israelis verbrennen nicht nur gern die palästinensische Flagge, sie sitzen auch in Schulen nach Geschlechtern getrennt, bewerfen auch ihre Soldaten gelegentlich mit Steinen. Die “linken”, “liberalen” Zionisten können am Strand von Tel Aviv den Militärhubschraubern zusehen, wenn sie zum Einsatz in Gaza fliegen.

Die zionistische Dichotomie zeigt sich auch in den Haltungen von Chaim Noll und Dieter Graumann zum Buch von Thilo Sarrazin mit den Vererbungs-Thesen. Hier fielen die Positionen grossteils mit “Israel” und “Diaspora” zusammen. In der Diaspora ist es ein Tabu über jüdische Gene (und Juden als Ethnie) zu reden, in Israel dreht sich alles um die die Juden als Ethnie (unabhängig von der Religiosität der Einzelnen)239, die Abgrenzung zu Nicht-Juden, ihre (vermeintlichen) Wurzeln in diesem Land,… “Während Israel im Inneren seit Beginn seiner Existenz immer das Bild des neuen Juden propagiert hat, des wehrhaften Juden, des ‘Muskeljuden’, wie Max Nordau ihn nannte, der mit Abscheu auf die europäischen Juden blickt, die zum Opfer geworden sind, wird nach außen das Bild des ‘Ewigen Juden’, des ewigen Opfers beschworen, der in der Welt nur mit Antisemitismus zu kämpfen hat. Und dieses Bild beansprucht Israel für sich als Staat. Israel hat also ein Problem mit seiner Identität.” (“encolere” via mondoprinte) Die Vermengung von „israelitisch“ (jüdisch) und „israelisch“ wird von jüdischen Organisationen, Gemeinden und Lobby-Initiativen vollzogen…nicht von “Antisemiten”.

Die grundsätzliche Doppelnatur des Zionismus zeigt sich auch zB im Artikel über  “Grossisrael” auf de.wikipedia. Einerseits will man (die üblichen deutschen Israel-Apologeten) das “Recht” eines jüdischen Staats auf alle Gebiete, die er jetzt kontrolliert, und einige mehr, hineinschrieben (“Unteilbarkeit von Eretz Israel”); andererseits sind es ja nur “islamische Verschwörungstheorien”, in denen Juden diese Länder beanspruchen… Gewundene Bemühungen zur Quadratur des Kreises sind da zu beobachten; jedenfalls sollen die Orientalen als “hysterisch” und ihre Befindlichkeiten als “ungerechtfertigt” dargestellt werden. Ja, es wäre die ideale Grenzziehung, aber es will doch niemand unter den Zionisten wirklich. Immerhin wird der zionistische Umgang mit dem Existenzrecht Jordaniens (nicht aber Palästinas) thematisiert (angebliche Anerkennung durch Friedensvertrag).

Die geschilderten Widersprüche gibt es auch bei den Israel-Fans bzw werden von ihnen wiedergespiegelt. Bei den Rechts-(Philo)-Zionisten werden neben der israelischen Fahne die des Regenbogens240 geschwungen, bei den Links-Zionisten die deutsche (oder amerikanische,…). Für Rechte in vielen Ländern ist Israel (mit seinem ausgrenzenden, kompromisslosen Nationalismus) ein grosses Vorbild, wichtiger Bezugspunkt, ob in der Ukraine, Deutschland oder bei Afrikaanern in Südafrika. Hier werden normalerweise nur Israelis geschätzt, keine Diaspora-Juden, keine religiösen, linken,… Eigentlich wird Israel hier richtig gesehen, und auf der “linken” Seite wird ein geschöntes Israelbild gemalt. Ethnisch-kultureller Pluralismus – auch bekannt als Multikulti – ist das genaue Gegenteil der Staatsdoktrin/der Realität des jüdischen Staates Israel. Und, Israel als antifaschistische Institution und Antithese auf den NS ist so, wie sich „Doris Day“ i-wann als keusche Jungfrau neu “erfand”. Daher ist zur hier gerne zur Schau gestellten Pseudo-Widerstandskämpferattitüde zu sagen “Wehret der Lächerlichkeit”.

Oder “der Heuchelei“, bei dieser Mischung aus progressiven “inneren” Positionen und dem West-Imperialismus und Paternalismus bezüglich Weltregionen, die als “rückständig” eingestuft werden. Interessant wird’s, wenn man zB einen “Schwulenrechtler” wie Marco Schreuder und einen von der anderen Seite, wie Nicolaus Fest, gegenüber stellt.241 Fest macht (auch) den Islam zum NS, um aus seinem Rassismus etwas „antifaschistisches“ machen zu können. In einem Video-Kommentar wütete der AfD-Politiker gegen die Ehe für Alle. Homosexuelle könnten keine echte Familie gründen. Und: “Vor allem jedoch für eine Gruppe ist die Ehe für alle super: für Päderasten. Sie können sich zu Paaren zusammentun und Knaben adoptieren.“ Die Ehe für alle würde so auch bedeuten “Päderastie für alle“.242 Es wird über “Homosexuellenrechte” und “Antisemitismus” geredet, “Feminismus” vorgeschoben und “Terror”, und um die Ecke wartet dann ein Dan Roodt, der auch mal über blonde Afrikaaner-Kinder schreibt, welche das “arische” Ideal verkörpern würden. Oder Herr Fest von der AfD, die Neonazis den Weg in die Mitte der Gesellschaft ebnet.243 Linke “Solidarität mit Israel”, aber die kommt auch von Strache oder aus Orania.

Die Einbindung von Israel/Juden in einen “Westen” (und der Ausschluss Anderer), der das Recht habe, über diese Anderen zu herrschen, erfolgt heute in der Regel nicht über „gemeinsame Rasse“, sondern über „gemeinsame Kultur/Werte“. Die Einen wollen das Westliche auf das Fortschrittliche (Toleranz für Homosexuelle,…) reduzieren (womit man auch insinuiert, dass man selbst niemanden aus rassischen Gründen ablehnt), die Anderen definieren “das Fortschrittliche” (wie Toleranz für Homosexuelle) als unwestlich244. Die 2 Varianten von West-Chauvinismus. Küntzel hat in seiner Interpretation des Breivik-Massakers der rechten Islamophobie quasi unterstellt, mit Moslems/Islamisten unter einer Decke zu stecken; für Breivik oder Glick gilt das für die “linke” Islamophobie – wobei es viele “Brücken” gibt, zB Broder, auf den sich beide “Lager” beziehen. Linkschauvinisten wettern gegen „homophobe Rapper“ (und HipHopper), haben kein Problem mit der jahrhundertelangen Diskriminierung von Schwarzen in der USA .

Nach dem “Echo”-Preis 18 an Farid Bang & Kollegah kam ein Entrüstungssturm, von Helene Fischer bis zu den Geissens, über “Homophobie”, “Frauenverachtung”, “Antisemitismus”. Carmen Geiss („Die Geissens“) hat Farid „Bang“ El Abdellaoui auf Facebook unter anderem als “eine arme Seele und wirklich eine kranke Person” bezeichnet. Ihr Mann Robert regte sich unterdessen bei Instagram über die Rapper auf und wetterte gegen Ausländer. “Die ganzen Ausländer die uns so beschimpfen in Deutschland alle ihre Gelder beziehen,warum seid ihr denn noch dort??”. Das ist es, was zum Vorschein kommt, unter der politisch korrekten Maske, oft entpuppt sich die propagierte “Fortschrittlichkeit” als der reaktionäre Mist, der sie ist. Beim diesem Skandalisieren, Anprangern, kommt mehr oder weniger unterschwellig eine gewisse Überheblichkeit, Selbstgerechtigkeit mit, ein „Wir sind besser“. Die “Universalität der Aufklärung” machte oft vor Nicht-Europäern Halt; nicht nur weil der Philosoph Hegel in “Philosophie der Weltgeschichte” 1830 schrieb, Afrika sei ein Kontinent ohne Geschichte. Der säkulare Charakter Deutschlands verhinderte nicht den NS. Und die Vorfahren von Richard Dawkins, dem atheistischen Aktivisten, haben ihr Vermögen durch den Einsatz von Sklavenarbeit gemacht.

Der israelische Transportminister Israel Katz (Likud) hat 2009 angeordnet, auf Strassenschildern neben den hebräischen Städtenamen nur noch ihre direkte Transkription/Transliteration in Englisch und Arabisch zu verwenden, anstatt der Namen dieser Städte in diesen Sprachen. Also zB für Jerusalem nur “Jeruschalaim” in hebräischer, lateinischer, arabischer Schrift, statt wie bis dahin auch “Jerusalem” und “al Quds”.245 Und, ein Mitarbeiter der Kärntner Post hat vor ca. 15 Jahren eine Postkarte nicht zugestellt, weil als Zustelladresse die slowenische Bezeichnung von Klagenfurt, “Celovec”, angegeben war. Das war zur Zeit von Landeshauptmann Jörg Haider, der sprach dabei von “gelebtem Patriotismus”. Mehrheiten, Minderheiten, Machtverhältnisse, ausschliessender Nationalismus (bzw völkisches Denken) hier und dort.

Apropos: Haider hat sich einst nach einem Besuch in Namibia abfällig über das Land geäussert (“…ehemaliges Deutsch-Südwestafrika…dort bringen die Schwarzen auch nichts zustande…”). Wie bei Terdiman, Paintsil,… erwähnt, gibt es zionistische Bemühungen, Schwarze gg Moslems in Stellung zu bringen, sie nicht Opfer seines Chauvinismus werden zu lassen, sondern sie zum Instrument seines Chauvinismus zu machen. Grundsätzlich sieht man ja die umgebende Region (und die im Lande verbliebenen Palästinenser) genau so wie von Apartheid-Protagonisten (den damaligen Verbündeten) das schwarze Afrika und seine “Vertreter” im Land. Und die “3. Welt” auch nur annähernd gleichwertig mit dem “Westen” zu sehen, dagegen sträubt sich vieles.246 Man hat ja schon seine Probleme mit den maghrebinischen Juden (und diese mit Schwarzafrikanern), den “Falashas”, den Black Hebrews im Land oder den Afro-Amerikanern. Aber es gibt diese Bemühungen um Einflussnahme und “Partnersuche” in Afrika. Peres, der einen Riecher für “so etwas” hatte, hat sich gegen Ende seines Lebens in die Richtung gedreht. Verbunden damit ist auf zionistischer Seite meist, sich selbst als (in der Region) Eingeborene darzustellen.

Für ein geschöntes Westbild braucht man zwangsläufig Verbündete unter Afrikanern sowie ein Geschichtsbild (bzw eine Geschichtspolitik), in dem der jahrhundertelange weisse Umgang mit Afrika gedreht wird. Der moslemische Sklavenhandel in Afrika ist diesbezüglich seit Langem ein Entlastungsventil (dann wird sogar afrikanisches Leiden anerkannt). Die Fakten dazu sind die247: Es waren v.a. Suaheli-sprachige Schwarz-Afrikaner in/aus Ost-Afrika, islamisiert durch den Kontakt mit Arabern an der Küste einst, die meisten davon nicht mal partiell arabischer Herkunft, die diesen betrieben. Verkauft wurden die Betroffenen nach Nordost-Afrika (Ägypten) oder Südost-Afrika (Sansibar,…), wo sie blieben, oder auf die Arabische Halbinsel oder anderswo hin verkauft wurden. Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha, der zweite belgische König dieses Namens, jener also der den Congo (Kongo) unterwerfen liess, empörte sich über den “arabischen Sklavenhandel”, dem “das christliche Europa ein Ende bereiten müsse” – zum Auftakt seiner Inbesitznahme Kongos.

Einer, der ihm dabei half, Henry Stanley (John Rowlands), war auch einer, bei dem sich Befürwortung sklavenähnlicher “Haltung” der Kongolesen, Ausbeutungsabsichten, Missionseifer mit der Anprangerung der Sklaverei Anderer trafen. Oder Otto von Bismarck beim Aufstand gegen die Übernahme des Küstenstreifens von Tanganjika gegenüber Sansibar durch das Deutsche Reich (1888-1890).248 Ausbeutung und Unterwerfung wurde auch damals mit einem Fortschrittschauvinismus legitimiert, es gehe um “freien Handel”, “Mission des Christentums”,…, um das “Wohl” der Unterworfenen.

Was seit Herzl immer wieder wiederholt wird, ist dass sich der jüdische Staat von der ihn umgebenden Region abhebt (abheben soll). Dass er dort ein Vorposten des Westens darstellt/ darstellen soll. Dass die Menschen in der Region so zurückgeblieben seien. Man muss dazu sagen, dass Israel einen Ethnozentrismus “lebt”, der im Westen glücklicherweise schon lange der Vergangenheit angehört, und auch sonst jene Werte verletzt, die es vorgibt hochzuhalten. Dennoch wirft das “Doppelpass”-Spiel Israels mit dem Westen auch auf diesen kein gutes Licht. Und, die Entwicklung des Westens ist mitnichten die Erfolgsgeschichte, als die sie jetzt immer dargestellt wird. Wenn man Kolonialismus, Sklaverei, Faschismus, Kriege auslagert, vielleicht. Das 20. Jh hat Krieg und Zerstörung in einem noch nie da gewesenem Maß gebracht, hauptsächlich von der westlichen “Welt” ausgehend. Harry Belafonte, Teilnehmer des 2. Weltkriegs249:

“Es ging für uns Schwarze nicht nur um Hitler und Europa, sondern auch um die USA”.

Dort gab es auch nach diesem Krieg noch Rassendiskriminierung oder Lynchjustiz. Die USA beteuerten, (zB) in Vietnam einzugreifen, um „Demokratie dort zu schützen“, im eigenen Land aber mussten jene, die zur „falschen Rasse“ gehörten, damals um demokratische Grundrechte, Gleichberechtiung und Anerkennung kämpfen. Mohammed Ali, der sich weigerte, in Vietnam für das Militär der USA zu kämpfen: “Wenn ich jemanden bekämpfe, dann euch.”

Aber bei den Beziehungen zwischen Israel und dem Westen gehe es ja um “jüdisch-christliche” sowie “universale menschliche” Werte… “Der Westen” hat im “Nicht-Westen” jahrhundertelang alles andere getan als Menschenrechte und Gleichheit zu fördern und tut das auch gegenwärtig nicht! Menschenrechte einer Menschheit erster und einer Menschheit zweiter Klasse, wie es Israel gegenüber den Palästinensern praktiziert.250 Jacob Zuma hat 2006 zum „Spiegel“ bzgl. Zimbabwes Mugabe gesagt: „…In Angola, Kongo, Ruanda, und anderswo sind Millionen Schwarze gestorben,… in Zimbabwe sind unglücklicherweise einige wenige Weisse ums Leben gekommen, und schon steht der Westen Kopf.“ Dieser “Salon-Liberalismus”, Menschenrechtsverletzungen zu verteidigen oder zu ignorieren, solange sie ggü den “Richtigen” passieren. Wie bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)251, Jeffrey Toobin, Roger Köppel,… Bei Niall Ferguson, Andrew Roberts oder Rodney Stark kommt der Chauvinismus zumindest mit weniger Heuchelei daher, von ihnen kommen Bekenntnisse zur Privilegienabsicherung von “Menschengruppen” im globalen und regionalen Kontext.

Zuma252 2006 über Chinas Engagement in Afrika: „Afrika hat über Jahrhunderte unter Europa gelitten, der Kolonialismus hat unseren Kontinent ausgesaugt. Er wurde 1885 auf der Berliner Kongo-Konferenz aufgeteilt, während des Kalten Krieges hat der Westen dann übelste Diktaturen unterstützt. Wir mussten gegen die Europäer um unsere Unabhängigkeit kämpfen, und die Auflagen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds haben die Menschen in Afrika vielerorts noch ärmer gemacht als sie ohnehin schon waren. Nun kommt China – eine riesenhafte, wachsende Wirtschaftsmacht, die sich kaum jemals in Afrika eingemischt hat. Es gibt kein Land auf der Welt, das derzeit nicht mit China Geschäfte machen will, auch Deutschland gehört dazu. Und niemand interessiert sich ernsthaft für Menschenrechte. Aber wenn die Afrikaner mit China handeln wollen, werden sie kritisiert.“253 Die ORF-Journalistin Margit Maximilian ist nicht eine Reihe mit genannten Chauvinisten bzw Heuchlern zu stellen, aber sie hat bei einer Podiumsdiskussion zu Afrika vor einigen Jahren gesagt, Chinas Engagement in Afrika sei zweifelhaft, Europa bzw dem Westen gebühre hier aufgrund seiner Menschenrechtspolitik der Vorrang. Aus afrikanischer Sicht (und es geht hier um Afrika…) ist das höchst grotesk und absurd.

Donald Trump redet nicht von „gemeinsamen westlichen Werten“, er stellt US-amerikanische darüber. So verachtungsvoll er (der im Wahlkampf 2016 schon grosse Mühe hatte, sich vom Ku Klux Klan zu distanzieren) gegenüber Afro-Amerikanern und der nicht-westlichen Welt (zB Mexiko) ist, so sehr unterstützt er Israel. Seine Rassenhierarchie zeigte sich auch, als er die Aufnahme von Migranten aus Haiti und afrikanischen Staaten in Zweifel zog und diese als „Drecksloch-Länder“ bezeichnet; stattdessen sollten mehr Einwanderer aus Ländern wie Norwegen in der USA aufgenommen werden.254 Als im Jänner 17, kurz vor Trumps Amtsübernahme, in Paris nach Ansätzen für neue Friedensverhandlungen zwischen Palästinensern und Israelis gesucht wurde255, konnte Netanyahu spotten, die Konferenz seien die „letzten Zuckungen der Welt von gestern“, „das Morgen“ sei nahe und werde „anders aussehen“, der Übergang von Obama zu Trump. Natürlich gibt es Entzücken über seine Verlegung der USA-Botschaft nach Jerusalem, die Aufkündigung des Iran-Atomabkommens, das Veto in den UN gegen eine Verurteilung der israelischen Massaker an der Grenze zum Gaza-Ghetto.256

Natürlich gibt es die Trumpisten international, auch wenn sie es schwieriger haben als bei Bush, gibt es jene, die sein verschissenes Hardliner-Gesülze anspricht. Sarrazin, Köppel, Le Pen,…oder Bolsonaro in Brasilien. Dass gegen ihn wegen sexueller Belästigung, Steuerhinterziehung, Korruption, der “Russland-Affäre” ermittelt wird (und Trump die ermittelnden Behörden verbal attackiert), stört diese nicht. Hauptsache, mit John Bolton ist ein wichtiger Bushist wieder am Ruder. Bezüglich der Bevölkerungen von „Drecksloch-Ländern“ wie Venezuela oder Syrien spielt Trump dann doch den “Menschenrechtler”. In Venezuela dachte er laut eine Intervention an (natürlich zum Wohle der Bevölkerung)257, nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff des Assad-Regime in der Stadt Duma (Region Ostghuta) sprach Trump von einem „abscheulichen Angriff auf Zivilisten“, wie bei früheren solchen mutmaßlichen Giftgasangriffen in Syrien gab es auch diesmal Jene im Westen, die Sorge um Syrer vorheuchelten und eine Intervention forderten. Die ja dann kam. Zur Freude (und Stärkung) von Israel und Saudi-Arabien.258

Guttenberg kritisierte, dass sich Deutschland an dem Militärschlag nicht beteiligte, “Wenn Menschen abgeschlachtet werden, muss man auch einmal eingreifen”, sagte der CSU-Politiker zur “Bild”. Die Bundesregierung mache es sich zu leicht, wenn sie sage, “die Drecksarbeit machen die anderen für uns”. Wie Bismarck bezüglich Ostafrika 1888. Die Achse zwischen Trump, Netanyahu und Mohammed bin Salman al Saud funktioniert jedenfalls. Saudi-Arabien unterstützt in Syrien hauptsächlich die Nusra-Milizen, richtet viel Leid in Jemen an; und sein regierender Kronprinz teilt die israelischen Unterstellungen, wonach das iranische Regime irrational agiere, es plane eine Übernahme Mekkas… Auch gegen Obama treffen sich Zionisten und Saudis; diesem hat auch hier sein Appeasement nichts genützt. Bei der Anfachung einer Belutschen-Sezession im Iran arbeiten die Drei auch zusammen.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hat zuletzt (im Westen) für “die Öffnung” seines Landes viel Lob erhalten. Kinos waren in Saudi-Arabien Anfang der 1980er verboten worden, 2018 ist wieder ein öffentliches entstanden… Im Iran hat es auch unter dem (schiitisch-)islamistischen Regime seit 1979 immer Kinos gegeben, nebenbei auch immer Filmemacher, die etwas produziert haben und sich gegen die Zensur zur Wehr gesetzt haben. Die Frauen-Aktivistin Ludschain al-Hathlu wurde kürzlich in Saudi-Arabien verhaftet, unter dem “Reformer” Mohammed, weil sie sich für das Recht von Frauen auf Autofahren starkmachte – auch etwas, das im Iran selbstverständlich ist (wie auch Wählen – da gelten für sie die selben Einschränkungen für Männer). In einem Monat will Saudi-Arabien nun als letztes Land der Welt Frauen das Autofahren erlauben, heisst es. Das ist eben die höchst selektive „Menschenrechts“-Politik des Westens, der immer wieder undemokratische und autoritär-reaktionär Herrscher und Systeme unterstützt, bei Menschenrechtsverletzungen mit zweierlei Maß misst.

Linke wie rechte Islamophobe geben vor, dass ihnen so viel an Frauen in/aus der moslemischen Welt liege, sie können aber nur solche nach Art von Ayaan Hirsi-Ali oder Saba Farzan akzeptieren; bei Enissa Amani oder Schirin Ebadi wenden sie sich angewidert und pikiert ab.259 Entsprechendes gilt für Rassisten anderer Art, die „ihre“ Afrikaner/Schwarzen haben; wenn diese unterwürfig sind, haben sie auch nichts gegen diese (so wie andere gegen Iraner). So wie Fritz Sitte dem Chef der angolanischen UNITA, Jonas Savimbi, hofierte, der den Bürgerkrieg in Angola mit westlicher Unterstützung “anfachte”, sonst aber ein von rassistischen und kolonialistischen Vorurteilen geprägtes Bild von Afrika hatte bzw verbreitete. Jene, die sich gewisser exil-iranischer “Figuren” bedienen (nicht nur gegen die Diktatur, sondern gegen den Iran an sich), sind „Freunde“ des Iran wie die weisssen Söldner in Katanga Freunde des Kongo oder Afrikas waren. Ja, und mit Ahmed Mansour oder Mossab H. Yousef gibt es auch Palästinenser, die sogar ein Flo Niederndorfer schätzen kann.

Scharfe Kritik an der Haltung der österreichischen Parlamentsparteien, die – mit Ausnahme der ÖVP – 2011 den palästinensischen Anspruch auf Anerkennung als Staat und UN-Mitgliedschaft befürwortet haben, kam damals von IKG-Präsident Muzicant. SPÖ, Grüne, BZÖ und FPÖ wüssten wohl nicht, “wofür sie da eintreten”, nämlich für einen “judenreinen islamischen Apartheidstaat” Palästina, hiess es in einer Presseaussendung; dort zählte er alles auf, was Israel in Wirklichkeit macht, von der Regelung der Einwanderung und Wohnsitznahme aufgrund ethnisch-religiöser Kriterien bis zur Rechtsprechung auf diesem Fundament. Das Umdrehen der Apartheid-Analogie gehört mittlerweile zum zionistischen Standard-Repertoire. “Judenreines Palästina”… Nicht ethnisch exklusive Siedlungen, die durch Enteignungen und Vertreibungen zu Stande kommen, sind das Problem, nicht Yishais “Land des weissen Manns“, dass in dem Land laut Umfragen 75% der Juden nicht “Araber” als Nachbarn haben wollen, nicht die260 Apartheid-Mauer, sondern dass es noch ein paar Flecken gibt, die noch nicht voll in das Besatzungsregime eingebunden sind.

Unter Youtube-Videos kann man Kommentare wie „how many jews live in gaza?“ lesen… Es war im Zionismus fast nie ein Thema, gleichberechtigt mit Palästinensern zusammen zu leben, und auch im Gebiet um die Stadt Gaza (das 1948/49 nicht an Israel fiel) war das so, dorthin kamen Israelis als Soldaten und Siedler, schikanierten die Palästinenser jahrzehntelang. Ehe sie das Gebiet aufgaben, ohne die Kontrolle darüber abzugeben. Und Juden wird nicht zugemutet, unter den Bedingungen zu leben, wie das die Palästinenser im Gaza-Streifen tun (müssen). Das was “Israel” darstellt, erstreckt sich, wie gesagt, de facto über das ganze historische Palästina, über Ramla wie auch Ramallah. KKK-Leute in der USA werfen Afro-Amerikanern (u.a.) vor, diese würden Andere ausschliessen, weil sie eigene Kirchen haben; auch hier diese Verdrehung, man liess sie nicht in “weisse” Kirchen, sie mussten eigene “machen”. Bei Netanyahu wird aus dem Siedler etwas in Schranken weisen zu “Juden entwurzeln”. Auch Kritik an der Siedlungspolitik kann mit solchen Umdrehungen delegitimiert werden. Israelis (zumindest jüdische) sind in den von Israel besetzten und besiedelten Gebieten überall Bürger 1. Klasse. Zur Frage der Anerkennung Rest-Palästinas durch Israel hat ein(e) Wikipedia-User(in) eine Übersicht der Haltung der verschiedenen Parteien dazu gemacht.

Zur Hasbara-Ausrüstung in Zusammenhang mit dem Apartheid-Vorwurf gehören auch: “einzige Demokratie”; die „israelischen Araber“ (die so viel dürften); die äthiopischen Juden (> Vielfalt); friedliebende Zionisten unschuldige Opfer von palästinensischem Antisemitismus, Islamismus, Terror, Rückständigkeit; Anführung des Holocausts und westlicher Judenfeindlichkeit (um Kritik an Israel abzuwehren)261; Relativierung des Leids der Palästinenser durch Einbettung Israel/Palästina in die geografischen/demografischen Grössenverhältnisse der “Region” (alle Araber, alle islamischen Staaten, auch noch die Schwarzafrikaner dazu,..) oder Vergleich mit anderen “Krisenherden”.

Es herrscht helle Aufregung in Deutschland, weil Kuwait Airways einen Israeli nicht mitnehmen wollte; dass Palästinensern jeden Tag tausendfach entsprechendes durch Israel widerfährt, wird als selbstverständlich hingenommen. Leute, die gewisse Verkehrswege nicht benutzen dürfen, sich am Weg zur Arbeit oder nach Hause langen Prozeduren an „Checkpoints“ unterziehen müssen, Gegenden nicht betreten dürfen, gelegentlich von der Mitfahrt in Bussen ausgeschlossen werden, deren Reisefreiheit arg beschränkt ist, und so weiter.262 Und wenn ein Kuwaiti mit El Al fliegen wollte oder nach Israel einreisen, müsste er sich stundenlangen erniedrigenden Prozeduren unterziehen, und am Ende würde ihm Mitflug bzw Einreise möglicherweise doch verwehrt bleiben… Wehret ungleichen Standards.

Links & Literatur

Ilan Pappé und Ronnie Kasrils: Israel and South Africa: The Many Faces of Apartheid (2015)

Jimmy Carter: Palestine. Peace not Apartheid (2007)

Benjamin M. Joseph: Besieged Bedfellows: Israel and the Land of Apartheid (1987)

Brian Bunting: The Rise of the South African Reich (1964)

Sasha Polakow-Suransky: The Unspoken Alliance. Israel’s Secret Relationship with Apartheid South Africa (2010)

Sean Jacobs, Jon Soske (Hg.): Apartheid Israel: The Politics of an Analogy (2015)

Ben White: Israeli Apartheid. A Beginner’s Guide (2014)

Ran Greenstein: Genealogies of Conflict: Class, Identity, and State in Palestine/Israel and South Africa (1995)

Angela Davis: Freedom is a Constant Struggle: Ferguson, Palestine, and the Foundations of a Movement (2015)

Benjamin Beit-Hallahmi, Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels. (1988)

Petra Wild: Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat (2013)

James Adams: The Unnatural Alliance (1984)

Adrian Guelke: Rethinking the Rise and Fall of Apartheid: South Africa and World Politics (2004)

Andrew James Clarno: The Empire’s New Walls: Sovereignty, Neo-liberalism, and the Production of Space in Post-apartheid South Africa and Post-Oslo Palestine/ Israel (2011)

Judith Butler: Am Scheideweg: Judentum und die Kritik am Zionismus (2013)

Hennie van Vuuren: Apartheid, guns and money: A tale of profit (2017)

Ali Mazrui: The Africans (1986)

Firoz Osman and Suraya Dadoo: Why Israel?: The Anatomy of Zionist Apartheid – A South African Perspective (2015)

Ronald S. Roberts: No Cold Kitchen. A Biography about Nadine Gordimer (2016)

Keith P. Feldman: A Shadow over Palestine. The Imperial Life of Race in America (2017)

John Bunzl: Die Vereinigten Staaten, Israel und Südafrika: Eine Untersuchung ihrer Beziehungen (1981)

Alex Lubin: Geographies of Liberation: The Making of an Afro-Arab Political Imaginary (2014; The John Hope Franklin Series in African American History and Culture)

Robert Windrem, William E. Burrows: Critical Mass. The dangerous Race for Superweapons in a fragmentic world (1994)

Christoph Marx: Im Zeichen des Ochsenwagens: Der radikale Afrikaaner-Nationalismus in Südafrika und die Geschichte der Ossewabrandwag (1998)

Peter Hounam und Steve McQuillan: The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare (1995)

Avraham Burg: Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss (2009)

Naomi Klein: Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus (2009; Original 2008)

Brian Lapping: Apartheid: A History (1986)

Sam C. Nolutshungu: South Africa in Africa: A Study in Ideology and Foreign Policy (1975)

Nancy Mitchell: Jimmy Carter in Africa: Race and the Cold War (2018)

Joel B. Pollak: The Kasrils Affair. Jews and Minority Politics in Post-apartheid South Africa (2009)

Norman G. Finkelstein: Knowing Too Much: Why the American Jewish Romance with Israel is Coming to an End (2012)

Magdel Le Roux: The Lemba – A Lost Tribe of Israel in Southern Africa? (2003)

Ahmad Farag Thiab: Zionism and Apartheid: a comparative study of the
ideologies of Israel and South Africa (1990; Dissertation an der Clark University Atlanta in Politologie)

Chris Mc Greal: Brothers in arms – Israel’s secret pact with Pretoria. In “The Guardian” 7. 2. 2006

Daniel Lieberfeld: Post-Handshake Politics: Israel/Palestine and South Africa Compared

Chris McGreal: „Israel and apartheid: a marriage of convenience and military might“. In „The Guardian“ 23. 5. 2010

Azim Husain: “The West, South Africa and Israel: A Strategic Triangle”. In “Third World Quarterly” Jänner 1982

Yarden Skop: “Knast oder Ausreise”. In “Die Zeit” 18. 2. 2016

Lindie Koorts: If neither capitalism nor communism, then what? DF Malan and the National Party’s economic rhetoric, 1895–1954. In “Economic History of Developing Regions” Ausgabe 2/2014

Black-Palestine Solidarity: Towards an Intersectionality of Struggles

When Israel invited a South African Nazi on a State Visit

http://mondoweiss.net/2013/06/israeli-apartheid-unstuck/

https://www.nbcnews.com/news/world/israeli-leader-who-mourned-mandelas-death-helped-white-regime-get-flna2D11712294

“Separate and unequal”

https:// wolfwetzel.wordpress.com/2017/06/07/50-jahre-israelische-besatzung-in-palaestina-was-ist-daran-kritik-und-was-antisemitismus/

Über den angeblichen King-Ausspruch zu Anti-Zionismus

Liste von Überfällen des Apartheid-Militärs auf die Nachbarstaaten Südafrikas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es steht auch eine Statue von ihm in Ramallah
  2. Danon schaukelte in der USA auch Eier mit einem dortigen Rechtsaussen, Glenn Beck, “Israel besetzt nichts”, waren sich die Beiden einig
  3. Wie Smuts und auch Malan ein Bure/Afrikaaner
  4. Beziehungsweise, starke personelle Überschneidungen
  5. Wenige Schwarze, Asiaten und Mischlinge, die verschiedene Kriterien erfüllten, durften einige weisse Abgeordnete wählen
  6. So wie die zionistischen Wahlen 1944 oder 1949
  7. Bunting schrieb, Südafrika war das einzige Land, das so etwas gestattete
  8. Afrikaans “Der Kaffer auf seinen Platz”
  9. Um durch die Bank als Weisse eingeteilt zu werden, was auf Grundlage des Bevölkerungsregistrierungsgesetzes (Population Registration Act/ Wet op Bevolkingsregistrasie) von 1950 mit allen Südafrikanern geschah
  10. Wie (auch) heute von vielen Deutschen, u.a. für sein Militär, eine Bewunderung die manchmal zu legitimieren versucht wird, indem man die Opfer delegitimiert – und in Zeiten des Islamismus ist das leicht
  11. Noch zu VOC-Zeiten, daher auch viele portugiesische Namen unter ihnen
  12. Auch in der USA gab es im frühen 20. Jh eine Einwanderungspolitik die zwischen Weissen bzw Europäern hierarchisch unterschied
  13. Damals wurde sein Name in das Goldene Buch der World Zionist Organization geschrieben
  14. Zur Zeit der Nazi-Herrschaft über Deutschland und weitere Teile Europas standen in Südafrika diverse burische Organisationen noch weiter rechts als Malans HNP bzw noch näher bei Hitler. Etwa die Nuwe Orde von Oswald Pirow, einem deutschstämmigen Weissen, der als NP- und SAP-Politiker Justizminister (29-33) und Verteidigungsminister (33-39) war, zweiteres auch nach seinem Wechsel zur HNP blieb. Die Nuwe Orde war zunächst eine Fraktion innerhalb der HNP, spaltete sich 1942 ab, nachdem sich Malan von Hitler distanzierte. Pirow traf sein Idol Hitler in Europa, wälzte nach dem Krieg mit Rechtsextremisten wie Oswald Mosley Pläne für eine Aufteilung Afrikas und erfand sich als “Anti-Kommunist” neu
  15. Er wurde später Finanzminister, dann nach Verwoerds Ermordung amtierender Premier, wurde ’67 zum Staatspräsidenten gewählt, starb vor der Amtsübernahme 68
  16. Nach der Wahl 1961 zog die PP mit einer Abgeordneten, Suzman, ins Unterhaus des Parlaments ein. Suzman blieb bis 1974 einzige Abgeordnete der PP, wurde aber nie deren Chefin. Die PP landete bis 1977 immer hinter NP und UP, in den späteren Jahren auch hinter der neuen HNP, die noch rechts von der NP stand
  17. Das Regime Südafrikas war so ein rechtes Regime, gehört auch irgendwie zum Westen
  18. “Peripherie-Strategie”
  19. Dessen Vater, eine Querverbindung, war übrigens 1941 von den Alliierten abgesetzt worden, ins britsche Mauritius gebracht worden, dann ins (ebenfalls noch ziemlich britische) Südafrika, dort, in Johannesburg, starb er 1944
  20. In Mikronesien hat es etwa seit Langem einen Fuss in der Türe
  21. Nur das (diktatorische) Portugal, das damals begann, sich “verzweifelt” als Kolonialmacht in Afrika zu behaupten und dabei enger Verbündeter Pretorias war, stimmte dagegen
  22. Die Etablierung einer ständigen diplomatischen Mission Südafrikas in Israel hatte indirekt mit dem Gegenwind zu tun, der dem Apartheid-Regime in den 1960ern entgegenblies: Da dies auch im Commonwealth der Fall war, trat Südafrika aus dem Staatenbund aus (was aber ohnehin ein lang gehegter Wunsch der Afrikaaner war), 1961, und wurde Republik. Nun wurde es auch in Israel nicht mehr von Grossbritannien vertreten, etablierte ein Generalkonsulat dort
  23. Der deutsche Legionär Rolf Steiner kämpfte damals auch auf der Seite Biafras; auch bei dessen anderen Kampfschauplätzen war er auf jener Seite, die Israel unterstützte: die französische Kolonialherrschaft über Algerien, Süd-Sudan im Ersten Sudanesischen Bürgerkrieg. In Algerien machten Weisse etwa 10% der Bevölkerung aus, in Südafrika damals fast 25%
  24. In der Föderation von Rhodesien und Njassaland, dem von 1953 bis 1963 existierenden (davor und danach waren Südrhodesien, Nordrhodesien und Njassaland einzelne britische Kolonien) von GB semi-unabhängigen Staat im südlichen Afrika, war der britisch geprägte Jude Roland “Roy” Welensky 56-63 Premier. Der Befürworter weisser Vorherrschaft nannte die UN, in der ein Block afro-asiatischer Staaten Entkolonialisierung forderte, “Nazis”. Welensky half auch bei der Destabilisierung Kongos nach dessen Unabhängigkeit, über dessen an Nordrhodesien grenzende Provinz Katanga
  25. www.theguardian.com/world/2006/feb/07/southafrica.israel
  26. Was Barnard betrifft, dieser soll kritisch ggü der Apartheid gewesen sein, heisst es; es sind aber nur Äusserungen von ihm zu finden, in denen er diese verteidigt (indirekt), schönredet, ihre Kritiker angreift, eine Opferrolle für Apartheid-Südafrika beansprucht
  27. Den “Bantustanismus” ggü den Palästinensern, den Rassismus in der Gesellschaft und von Politikern,…
  28. Frankreich war zur Zeit des Unabhängigkeitskampfes Algeriens enger Verbündeter Israels, das auch dort die Kolonialherrschaft unterstützend eingriff
  29. Dass das “relativ” ist, zeigt sich schon durch den Rassismus ggü Afrikanern und anderen “Dunklen” im heutigen Russland; oder durch die russisch-slawische Herrschaft in der SU über Kasachen, Georgier, Litauer,… Dennoch sollte man sich die damalige Haltung des Westens vor Augen halten, wenn es heute um Menschenrechts- und Imperialismus-Kritik an Russland geht
  30. You can’t separate peace from freedom because no one can be at peace unless he has his freedom (Malcolm X)
  31. De Klerk war der erste Regierungschef des Apartheid-Staates (die Staatspräsidenten waren ab 84 mit Exekutivgewalt ausgestattet), der nicht für Nazis aktiv gewesen war, als diese in Europa an der Macht waren. Und er hat das Ende der Apartheid eingeleitet
  32. Im US-Film „Lethal Weapon 2“, der 1989 herauskam, waren Buren die Schurken (südafrikanische Drogendealer in der USA die sich hinter diplomatischer Immunität verstecken) und einer der 2 (guten) Polizisten ein Schwarzer (nebenbei ein langjähriger politischer Aktivist, Danny Glover)
  33. Ernst Bergmann, treibende wissenschaftliche Kraft des israelischen Atomprogramms, pries bereits 1968 in einer Rede vor dem Südafrikanischen Institut für internationale Angelegenheiten die wissenschaftlichen Beziehungen der beiden Länder und sprach von „gemeinsamen Problemen“
  34. Nur 3 Anmerkungen dazu: “Professor Baker” ist dieser hier. Und jene, die hauptsächlich in den Bergwerken geschuftet haben, haben wohl zumindest einen Beitrag zu diesem Reichtum geleistet. Lapid hat in den 00ern dann auch von “westlicher Zivilisation” gefaselt
  35. Von welchen Teilen der Bevölkerung in diesen Ländern?
  36. Nach anderen Angaben war es jenes von 1978
  37. Auch hier gab es diese Korrelation zwischen der Haltung zur Apartheid und jener zu den Palästinensern bzw der israelischen Variante von Apartheid
  38. Etwas darüber: articles.latimes.com/1990-07-09/news/mn-192_1_anglo-american
  39. www.spiegel.de/spiegel/print/d-70701716.html
  40. Eigentlich aus der UP und einer NP-Abspaltung
  41. Genau genommen entstand sie aus aus der PRP und UP-Überläufer; die PRP war aus PP und RP hervorgegangen
  42. War für seine Heirat christlich geworden
  43. Auf Afrikaans Inligtingsdebakel
  44. Gegen Netanyahu wird in Israel ermittelt, nicht wegen Völkermords (in Gaza), sondern Korruption; da wird er einmal nicht die “Antisemitismus”-Keule herausholen bzw verwenden können
  45. Beziehungsweise davor in der Haganah, die eine der Terrororganisationen war, aus denen das israelische Militär hervorging
  46. Sich als Zivilisierte in einer Region von Wilden wieder mal behaupten zu müssen, gegen Gegner die nur die Sprache der Gewalt verstehen…
  47. www.dailymaverick.co.za/article/2014-01-21-ariel-sharon-apartheid-south-africa-and-mutual-military-interests/#.Vc4WVige5lk
  48. Es wurden auch Partnerschaften zwischen israelischen und südafrikanischen Städten geschlossen und vieles andere. Aber dieser Aspekt der Zusammenarbeit war ein wichtigerer
  49. Auch die schwarzen Radikalen von PAC und AZAPO waren damals gegen eine Demokratisierung. Der PAC („Kein Platz für Weisse in Südafrika“) war wegen seines Antikommunismus (der aus einem afrikanischen Nationalismus kam) einst auch als Alternative zum ANC angepriesen… Heute sagt die Partei, Südafrika gehöre allen jenen, deren Loyalität Afrika gehöre
  50. Die DDR machte eine andere Afrikapolitik als die BRD, aber das gehört anderswo hin. Hans-Georg Schleicher schrieb über die DDR-Afrikapolitik (in der auch die ehemaligen Schutzgebiete keine Rolle spielten): www.vip-ev.de/text558.htm
  51. Darunter die Aufgabe der Atomwaffen, hauptsächlich 90/91
  52. Das waren zB die Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern
  53. Kapitalismus ist nicht mit Demokratie verbunden, und das Modell von  Marktwirtschaft und Demokratie nicht allen gestattet
  54. Dieser Völkermord war eigentlich mehr ein osmanischer als ein türkischer, aufgrund der entscheidenden Mitwirkung von Kurden und Tscherkessen
  55. Wer sich dafür interessiert: Auf www.haaretz.com/opinion/.premium-1.562792 gibt’s einen zahlungspflichtigen Artikel (“Premium content”) mit dem Titel “Why Israel Supported South Africa’s Apartheid Regime (‘..which was in this case not entirely our own fault’)”
  56. McGreal glaubte übrigens, sich für solche Artikel mit einem rehabilitieren zu müssen, in dem er “neuen Antisemitismus” durch Moslems an die Wand malte
  57. Mehr hat er zu Südafrikas Atomprogramm und Israels Unterstützung nicht zu sagen, er der bezüglich des iranischen Atomprogramms seit Jahren hetzt und zetert und droht und sagt was die Welt nicht alles zu machen habe
  58. Wobei schon diese Begeisterung und Bewunderung der damals in Südafrika regierenden rechten Afrikaanern eine Menge über Israel aussagt
  59. Möglicherweise auch in einem TV-Interview
  60. Ein Hauptbeteiligter an dem Informationsskandal
  61. In einem TV-Interview, ganz der wütende abblockende Peres
  62. Keine Verschwörungstheorie, siehe zB www.haaretz.com/1.4953633
  63. “Rivonia-Prozess” genannt, nach dem Johannesburger Vorort, in dem die Angeklagten ’63 festgenommen wurden, auf einer Farm, die dem erwähnten Arthur Goldreich gehörte
  64. Die wenigen kritischen Blätter waren englischsprachig und sie sollten eben durch die als “Informationsskandal” aufgeflogenen Bemühungen auch auf Linie gebracht werden
  65. Das passt hier auch dazu: In einem Prozess vor dem Landgericht Hamburg berief sich Veit Harlan darauf, dass die Nationalsozialisten seine Kunst missbraucht, ihn zur Regie von “Jud Süß” gezwungen hätten und dass eine Weigerung ihn in eine bedrohliche Lage gebracht hätte. Das Gericht folgte dieser Argumentation und sprach Harlan am 29. April 1950 frei
  66. Leopold II. behandelte den Kongo zB so, als wäre er ein unbewohntes Grundstück, über das der Eigentümer nach Belieben verfügen konnte
  67. Davon soll abgelenkt werden
  68. Als es Ende der 1950er in London zu “Rassenunruhen” kam, zwischen schwarzen Einwanderern aus der Karibik und rechten Briten, wollte er Kapital daraus schlagen, kehrte vorübergehend zurück
  69. So wie heute manchmal “Islamismus”
  70. Übrigens, Nelson Mandela hat die Invasion 1990 nach seiner Freilassung verurteilt, im Zusammenhang mit der irakischen Invasion in Kuwait in diesem Jahr; diese irakische Invasion rief eine westliche Militäraktion hervor, aber die US-amerikanische Invasion in Panama Monate zuvor…? Die Panamaer und die Iraker seien eben für den Westen “Braunhäutige”
  71. Und während Kommunistinnen wie Anahita Ratebzhad in Afghanistan für Fortschritt in diesem Land kämpften, unterstützten Teile des Westens, darunter Israel, ihre islamistischen Widersacher
  72. Hinzu kommen die reformierten Farbigen und Schwarzen, sie hatten in der Apartheid-Zeit eigene Kirchen, die sich 1994 zur VGKSA/URCSA vereinigten (aber weiterhin abseits der weissen Reformierten stehen)
  73. Es ist nicht so klar zu trennen zwischen diesen afrikanischen Kirchen und verschiedenen Pfingstkirchen; ausserdem praktizieren manche Christen auch traditionelle afrikanische Kulte
  74. Nelson Mandela war zB Methodist; zum ehemaligen anglikanischen Bischof Desmond Tutu später noch etwas
  75. orf.at kürzlich: „Anlass für die Unruhen (an den Grenzen des Gaza-Streifens) ist der Jahrestag der Gründung Israels, die die Palästinenser nicht akzeptieren…” Auf die Idee, dass die Nakba/Azma’ut darin bestand, dass man die Palästinenser dort nicht akzeptierte, kommen Tiefenthaler, Zimmer, Wieselberg & Co nicht
  76. Und mit Abstrichen für andere israelische Staatsbürger; zur Hierarchie innerhalb der israelischen Gesellschaft unten
  77. In denen Juden wiederum Bürger erster Klasse sind
  78. Der Mediziner, dessen Eltern durch die Nakba Binneflüchtlinge wurden, wurde 1987 aus dem Hadassa-Krankenhaus in Jerusalem/Quds entlassen, nachdem er sich gegen den Angriff eines KH-Wachmanns (ein jüdischer Einwanderer aus der USA namens Rothstein) gewehrt hatte; der KH-Direktor der ihn entliess war anscheinend ein Einwanderer aus Frankreich
  79. > Unabhängigkeitskampf der USA von GB
  80. Zum Beispiel wurde das Geld im Jänner 2015 nach dem palästinensischen Antrag für einen Beitritt zum Internationalen Strafgerichtshof einbehalten
  81. Eine Erinnerung an Esther Schapira, die bei einer “Woche der Brüderlichkeit” die Palästinenser dafür attackierte, dass sie verantwortlich seien, wen sie wählten…ohne auf die Umstände einzugehen
  82. Autoritarismus gilt in der Politikwissenschaft als eine Form der Herrschaft, welche zwischen Demokratie und dem diktatorischen Totalitarismus liegt
  83. Apartheid kann vielleicht als eine Sonderform gesehen werden
  84. Die sehr gerne zur Abwehr der Rassismus-Feststellung eingesetzt werden, etwa von der IKG Wien kürzlich bei der Feier zum israelischen Nationalfeiertag, eine Sängerin mit äthiopischen Wurzeln
  85. Das zumindest ansatzweise ohnehin bestand
  86. Nicht wenige deutsche Israel-Fans sind von so einer ähnlichen Sichtweise nicht so weit weg. Übrigens gab es in der zionistischen Siedlergesellschaft in Palästina Bestrebungen, Deutsch zur Sprache der “Gemeinschaft” zu machen, um 1913 und 1933
  87. Nach Krieg und Besatzung von Rest-Palästina nahmen die Palästinenser in den “Gebieten” dann die Rolle der Mizrahis ein
  88. Sein Problem mit dem Buch war, dass es zu deutlich war
  89. Es betraf hauptsächlich Jemeniten, aber auch andere orientalische jüdische Gemeinschaften, und auch solche vom Balkan, Sepharden (die eigentlichen Sepharden, die Bezeichnung wurde auch für die Mizrahis verwendet)
  90. Siehe zB www.aljazeera.com/news/2016/08/shocking-story-israel-disappeared-babies-160803081117881.html
  91. Nicht umsonst hat Rachel Shabi ihr Buch über die Mizrahim “We Look Like the Enemy” genannt
  92. Wie es das zB beim Suez-Krieg 56 war
  93. Wie zB Donald Woods erfahren musste
  94. Anlässlich ihres Todes ’14 wurde geschrieben, dass ihre Apartheid-Kritik für viele apartheid-kritische südafrikanische Weisse zu scharf war, sie dafür eher im Ausland Anerkennung bekam; Ronald S. Roberts schrieb eine Biografie über sie, Titel “No Cold Kitchen”, Gordimer arbeitete zuerst mit ihm zusammen, wollte dann aber die Veröffentlichung des Buchs verhindern, wegen der darin geschilderten Haltung der südafrikanischen Jüdin zu Israel
  95. Und natürlich an die Zeit vor dem Exil vor 2000 Jahren
  96. Es gibt Siedlungen, die sich rühmen, “Araber” (also Palästinenser) nicht einmal für untergeordnete Arbeiten herein zu lassen. Ansatzweise gibt es so etwas auch im israelischen Kernland gegenüber “israelischen Arabern” (Geschäfte in denen sie nicht bedient werden, Busse in die sie nicht gelassen werden, Jobs die ihnen vorenthalten werden, Wohngebiete die für sie Tabu sind,…)
  97. Netanyahu und Bennett frohlockten nach Trumps Wahl 2016, dass damit eine Zwei-Staaten-Lösung bzw die Unabhängigkeit auch eines schwerst amputierten Palästinas vom Tisch sei. Eine Anerkennung der “Existenz Israels” wird immer verlangt, es gibt aber keine reziproke Anerkennung der Existenz der Palästinenser, weder als historische Einwohner des Landes, noch in den Ghettos die ihnen noch bleiben
  98. “Prophezeiungen” wie von Leon de Winter, „Wir erleben die letzte Phase der jüdischen Existenz in Europa“, kommentierte Ludwig Watzal: Wie erklärt dann de Winter die 30 000 Zuwanderer aus Israel nach Berlin?
  99. Auch hier lässt Apartheid-Südafrika grüssen
  100. Obwohl sie für die Schwarzen generell Verachtung hatten…
  101. Die als “Drusen” oder “Beduinen” gelten
  102. Als etwa 50 Siedler 2011 etwa den (israelischen…) Militärstützpunkt “Ephraim” im Westjordanland stürmten, dabei Fahrzeuge beschädigten, Reifen anzündeten und Nägel verstreuten, einen General attackierten der in einem Jeep saß, wurden zwei festgenommen. Von Verletzten war keine Rede. Auslöser war übrigens ein Gerücht, wonach die Armee in Kürze illegale Siedlungen räumen werde. Wenn sich Palästinenser dem Stützpunkt auch nur genähert hätten…
  103. Was auch nicht unter den Tisch fallen sollte: In diesem Fall kam es zu einem Prozess, weil die Tat gefilmt und ins IT gestellt wurde, es internationale Aufmerksamkeit gab
  104. Die Baptist War slave rebellion/ Christmas Rebellion
  105. Nicht das selbe wie für Touristen aus Deutschland oder Österreich, die für die Sünden ihrer Grosseltern Buße tun wollen und auch schwärmen können, dass sie dort lecker Schrimps gegessen haben, wie Marianne Kreutzer. Sie wird bei ihren Aufenthalten dort auch nicht mit Exkrementen beworfen, wie die Palästinenser am Markt in Hebron/Al Khalil öfters, wird nicht willkürlich verhaftet, ihre Bewegungsfreiheit ist nicht drastisch eingeschränkt,…
  106. Die Politikerin Miriam “Miri” Regev (Likud) sagte, Tamimi sei kein kleines Mädchen, sondern ein Terrorist und solle im Gefängnis sein, für ihren “Rassismus” (!) und ihre Subversion gegen den Staat Israel… Auf Wikipedia sind schon ganze Geschwader unterwegs, um die „Sache“ im zionistischen Sinn hin zu drehen
  107. Die Soziopathin, sie war beeindruckt vom Mädchenmörder Hickman, war nicht auf ganzer Linie zionistisch, weil ihr die Bewegung zu “sozialistisch” war und der Einfluss der Religion darin zu gross
  108. Die deutschen Israel-Fans sehen das ja auch so; zum zweiteren: für Solche waren ja auch die Spanier und Portugiesen im südlichen Amerika irgendwie Wilde…so wie die Wähler und Politiker der Schas-Partei für die Lapids
  109. Der israelische Rabbiner Yitzhak Yosef, Sohn des Ovadia Yosef (Oberrabbiner Israels und Mentor der Schas-Partei), ist in vielerlei Hinsicht in die Fussstapfen seines Vaters getreten. Schwarzafrikaner hat er im März 2018 in der Predigt in einer Synagoge in Jerusalem als “Affen” bezeichnet. Auch seine Aussagen über Nicht-Juden und Tötungen der “Feinde Israels” sind bemerkenswert. Bemerkenswert ist auch: Lapid und Yosef senior waren im zionistischen Spektrum gewissermaßen Gegenpole, ihre Söhne folgten ihnen politisch nach, jeder den Chauvinismus des Vaters übernehmend. Bezüglich Afrikanern (und ggü Palästinenser natürlich auch) sind sich die Lapids und Yosefs seltsam (?!) einig
  110. Bennett ist bekannt für die Aussage: „Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet, das ist gar kein Problem.“ > Libanon 06
  111. Die Rede könnte von Netanyahu sein, wenn man “südliches Afrika” durch “Nahen Osten” ersetzt, etc
  112. 1983 stürzte eine israelische Beobachtungs-Drohne über Mocambique ab, siehe www.csmonitor.com/1983/0606/060633.html
  113. Um nur 3 Beispiele zu nennen für die diesbezügliche Rhetorik: Daniel Ayalon, wenn er davon redet, dass “unsere” (die israelische) Existenz bedroht werde und “der Rest der westlichen Zivilisation”. Oder Lieberman: “In Europa versteht man den Konflikt … völlig falsch. Es ist nur ein Teil einer weltweiten Konfrontation zwischen extremistischen, irrationalen Akteuren und der westlichen Gesellschaft. Es gibt einen Kampf der Kulturen…”. Yehuda Bauer: Nationalsozialisten, Kommunisten und Islamisten seien nicht zuletzt deshalb alle drei so gegen die Juden (gewesen), weil diese so eng mit dem Westen verknüpft (gewesen) seien…
  114. Auch Nazi-Deutschland spielte sich propagandistisch als Verteidiger des christlichen Abendlands auf, beim Angriff auf die SU ’41, als es gegen “gottlose bolschewistische Untermenschen” ging, sowie gegen Franzosen und Briten mit ihren farbigen Kolonialsoldaten. Auch am Kriegsende wurde propagiert, dass es nun gegen den “bolschewistischen Feind” ginge – auch zur Rechtfertigung dessen, was dem Vorrücken der Roten Armee ins Deutsche Reich voraus gegangen war
  115. Durch die “Jim-Crow”-Gesetze
  116. Jesse Owens etwa erfuhr in der USA Rassismus vor und nach Olympia 36 (wo er Hitler beschämte); nur weisse Medailliengewinner wurden danach zu Franklin Roosevelt eingeladen, nicht Owens, der 4 goldene gewonnen hatte. Owens sagte, nicht Hitler habe ihn brüskiert, sondern Roosevelt…
  117. In der Apartheid war dort übrigens hin und wieder (zB auf Tafeln die die Petty Apartheid regelten) dezidiert von “Europäern” die Rede, wenn Weisse gemeint waren
  118. “Wind of Change”-Rede des konservativen britischen Premiers Macmillan im südafrikanischen Parlament 1960
  119. Die Eigenbezeichnung Afrikaner (auf Afrikaans mit einem a) bringt das auch zum Ausdruck; eben so wie die manchmal verwendete Bezeichnung für die Englischsprachigen, “Soutpiel”, was “Salzpimmel” bedeutet. Jemand, der mit einem Bein in Afrika steht und einem in Europa, dessen Penis hängt ins salzige Wasser des Mittelmeeres oder des Atlantiks…
  120. Vorgebracht auch von Schapira bei ihrer Ansprache in der “Brüderlichkeits”-Woche, die Palästinenser seien so gut ausgebildet, es gehe ihnen so gut; nach ihrer Rede wurde die Journalistin auch vom israelischen Botschafter getätschelt
  121. Mulder ging nach dem Informationsskandal übrigens zur (noch rechteren) Konservativen Partei (KP); sein Sohn Pieter Mulder war ’94 einer der Mitbegründer der Vrijheidsfront (VF; später VF+), und deren Führer 01-16, nach Viljoen und vor Groenewald
  122. Wie integer er dabei agierte, ist nicht unumstritten; darum wird es hier mal in einem Artikel gehen
  123. Dieser Anteil entspricht ziemlich den KP-Wählern, die ähnlich ausgerichtete HNP bekam ’89 0,2%, die BSP trat damals nicht an
  124. Von ’93 bis zum Aufgehen in die VF ’04
  125. Also jene der Afrikaaner, aber irgendwie auch jene aller Weissen; und manchmal werden auch die Farbigen und Asiaten “dazu genommen”, die man zu Apartheid-Zeiten sorgsam von den Schwarzen zu trennen trachtete
  126. Noch eine Parallele (?): Der Umgang mit dem Erbe der DDR, die mit der Vereinigung im Oktober 1990 abgeschafft worden war, entsprechend dazu Umgang mit und Aufarbeitung des Apartheid-Staates in Südafrika
  127. Was unter Präsident Mugabe bis 2000 auch recht gut ging
  128. Und 1994 gingen dort nicht nur 46 Jahre Apartheid, sondern 300 Jahre Dominanz von Weissen über Schwarze zu Ende
  129. Die Kriminalität wird teilweise als “Gewalt gegen Weisse” eingestuft – obwohl die meisten Opfer Schwarze sind. Als der Führer der (offen) NS-nahen AWB, Terre Blanche, 2010 nach einem Streit mit einem schwarzen Arbeiter um Löhne getötet wurde, schrien Leute inner- und ausserhalb Südafrikas plötzlich auf, redeten von besorgniserregenden Anzeichen, etc; Leute die kein Problem damit hatten, dass das Apartheid-Regime Anti-Apartheid-Aktivisten inner- und ausserhalb Südafrikas tötete, wie Stephen Biko oder Ruth First, folterte und einsperrte
  130. Wobei schon die Entstehung der DP ’89 schon mit einem gewissen Rechtsruck verbunden war, durch den Zustrom der ehemaligen NRP
  131. In mancher Hinsicht nimmt die VF(+) eine konstruktivere Rolle ein als die DP/DA, ist weniger konservativ; die VF+ (bzw FF+) hat mehrere Flügel
  132. Die NNP verlor bei der Wahl 04 weiter, 05 ging sie praktisch im ANC auf
  133. Womit hauptsächlich die “Farbigen”/Coloureds in der Provinz Westkap gemeint sind
  134. Bei der Parlaments-Wahl 09 gab es eine Handvoll Stimmen in Soweto für die VF+, in Orania (wo Julis Malema kurz zuvor gewesen war) für den ANC, auf Robben Island eine Mehrheit für die DA
  135. 2012 gab es blutige Arbeitskämpfe bei der Marikana-Platin-Mine bei Rustenburg (NW). Dabei erschoss die Polizei 34 Bergarbeiter. Cyril Ramaphosa, einst in der Minenarbeiter-Gewerkschaft, nun Anteilshalter (u.a.) beim Lonmin-Konzern (Besitzer dieser Mine), wird für das Marikana-Massaker mitverantwortlich gemacht; er ist heute Südafrikas Staatspräsident. Dass Justizminister Jeff Radebe (ANC) anordnete, dass Polizei und Justiz gegen illegale Versammlungen, Waffenbesitz und Aufrufe zu Gewalt hart vorgehen würden, müsste eigentlich nach dem Geschmack der DA-Klientel sein. Hier versuchte man aber politisches Kapital heraus zu schlagen
  136. Wie Leon jüdisch
  137. Was weisse Beobachter Mbeki ankreideten, war meist etwas Anderes, als Schwarze ihm ankreideten
  138. Veto im Sicherheitsrat, das zählt
  139. Er ist ausserdem ein Freund der Familie von Helen Zille
  140. Peres zu Erdogan in Davos damals: “Was wenn Istanbul beschossen werden würde”, diverse Zeitungskommentare: “Wie wir uns fühlen, wenn Berlin…”,…
  141. So wie der türkische Botschafter bei Ayalon?
  142. Sentletse Diakanyo hat auf “Mail & Guardian” (thoughtleader) einen Kommentar dazu geschrieben: “…current brouhaha about the alleged comments made by the Deputy Minister of Foreign Affairs…intended to whip up the emotions of the Jewish…these comments have no relevance whatsoever to Jews in South Africa…tirade against the Deputy Minister…The behaviour and over-reaction of the SA Jewish Board of Deputies is tantamount to fear mongering and a despicable attempt at playing victim to some invented threat to their dignity and human rights. The question we should all ask is whether or not Jews wield immense power and influence in the US…There is this fear to speak truth to power that is prevalent everywhere and so is the risk present of having one’s voice silenced with a nauseating anti-Semitism card”
  143. Und “pro-israelisch” heisst zB, die Unterdrückungspolitik ggü den Palästinensern und die Verachtung ggü der Region als “Existenzkampf” darzustellen
  144. Sein Nachfolger De Klerk hat das System ja, vereinfacht gesagt, abgeschafft. Botha starb 06, erlebte noch das erste israelische Rasenmähen in Gaza
  145. Es gibt auch eine weisse Einwanderung nach Südafrika (zB aus Deutschland), und es gibt eine israelische. Darunter sind Angehörige der israelischen Mafia (die dort ihren Geschäften weiter nachgehen). Das organisierte Verbrechen Israels ist in den Händen von aus Nordafrika und der Ex-SU stammende Clans. Manche flüchten vor Gesetzesverfolgung sogar in das Land ihrer Vorfahren, Marokko
  146. AKP in Österreich oder Deutschland…> Pfui, Integration; Likud in ZA oder NL?
  147. Vorher durfte sie nicht kandidieren und ihre allermeisten Wähler nicht wählen
  148. Oder, der rassistische Witz über Obama, den die Ehefrau des langjährigen israelischen Top-Politikers Silvan Schalom (Likud), auf Twitter gepostet hat. „Wisst ihr, was Obama-Kaffee ist? Schwarz und schwach.“
  149. Die vielen Besucher, die Abgesandte des Apartheid-Regimes waren, haben für die Belange der Palästinenser klarerweise kein offenes Ohr gehabt
  150. Die Vorfahren zogen aus dem Willen zur Selbstbestimmung einst in die Gegenrichtung, wegen den Briten
  151. Waisenkinder aus Europa sollten importiert werden
  152. Oder sollte man sagen, “Idealisten”?
  153. Die Zersplitterung der afrikaansen Rechte ergibt sich u.a. durch die Frage von “Allianzen” mit Nicht-Weissen und den Faktor “Dekadenz”
  154. Ansonsten kommen an Besuchern hauptsächlich sich mit der Idee solidarisch deklarierende rechte Weisse aus vielen Teilen der Welt, auch aus Deutschland
  155. Er schreibt dort auch Gastkommentare, widersprach dort auch mal der Hetze gegen das neue Südafrika und pries Zuma
  156. 07 hielt er dort eine Rede, in der er aus kritischen Songs von weissen Bänds/Sängern über das neue Südafrika zitierte (u.a. Schwermetallgruppe “Kobus!”, auch Rian Malan), aber nicht respektlos
  157. Amin reiste nach seinem Sturz 1979 nach Saudi-Arabien, wo er bis an sein Lebensende blieb
  158. Hauptsächlich aus Osteuropa. Nur Yizhak Navons Vorfahren waren länger als eine Generation in diesem Land
  159. Juden
  160. Er ist wahrscheinlich deutsch-israelischer Doppelstaatsbürger, kann damit bzgl Israel wählen und mit-bestimmen, obwohl er in München lebt, im Gegensatz zu den Palästinensern unter israelischer Militärverwaltung, die ein “Spielzeugtelefon” namens Autonomieverwaltung wählen dürfen
  161. Möglicherweise aber zu den Venda oder Shona gehören
  162. Die Bürgerkriege im Kongo zB sollten dann aber auch das Eine oder Andere relativieren – wieso tun sie das nicht?
  163. Der Süd-Sudan, wo schwarzafrikanische (nilotische) Christen und Animisten leben, wurde ebenso wie Darfur vom ägyptischen Khediven Ismail erobert und so Teil des Sudans, in dem der islamisierte, arabisierte “Norden” dominierte; 55-72 der erste Bürgerkrieg um Gleichberechtigung (der schon vor der Unabhängigkeit begann), der Aufstand v.a. der Anyanya-Organisation wurde von Israel unterstützt; 83-05 der nächste, diesmal um Trennung (dazwischen Integration der Rebellen in die sudanesische Armee); Garang war im 1. Krieg in der Anyanya gewesen, dann im sudanesischen Militär, dann Gründer der SPLA/SPLM; 2011 die Unabhängigkeit und bald Ausbruch innerer Kämpfe im Südsudan… Flüchtlinge und Emigranten von dort kamen (auch) nach Israel
  164. Wenn Netanyahu oder ein Anderer aber sagt, “Die ganze Welt muss geeint sein und den Iran stoppen”, dann weil es die (vermeintlichen) Anliegen Israels sind (die zu Anliegen der Welt werden sollen)
  165. Siehe zB https://www.thedailybeast.com/white-like-me . Dass MEMRI den Artikel aus „Maariv“ nicht übersetzt und verbreitet hat, war sicher nur Zufall
  166. Die jährliche Party für Israels “Sicherheits”-Establishment
  167. Ein Islamismus unter diesen Bosniaken wurde erst nach diesem Krieg mit genozidären Zügen lebendig, der Krieg wurde aber (auch) damit legitimiert dass sie “Islamisten” u.ä. seien
  168. “Jihad – A South African Perspective”
  169. Auch ab Ende des 19. Jh
  170. Amerikanische Juden, die sich für Afroamerikaner einsetzten, waren zB Michael Schwerner und Andrew Goodman
  171. 9. 7. 1960
  172. Wird auch des „Antisemitismus“ usw beschuldigt
  173. Von staatlicher wie “privater” Seite
  174. Von einer Zeitung nach ihrer Meinung zum Syrien-Konflikt bzw einer US-amerikanischen Intervention darin befragt, gab eine Amber Zirkelbach aus Ohio kürzlich eine kurze, sarkastische Antwort: „Ich bin einfach dankbar, dass Syrien uns nicht bombardiert hat, als wir die Kinder in Flint vergiftet oder gegen Eingeborene in Standing Rock Tränengas eingesetzt haben“
  175. Von der Pension, die jener Kings gegenüber lag. Es gibt einige Fragen um diesen Mord, besonders um mögliche Hintermänner
  176. Sowohl Verwoerd als auch Vorster waren zurückhaltend gegenüber Smith’s Siedlerregime, aus verschiedenen Gründen, aber das änderte nichts an den Fronten
  177. Auch palästinensische “Führer”, die sich gegen die Interessen ihres Volkes stellen, werden gerne als “gemäßigt” bezeichnet; und wenn von gemäßigten arabischen Staaten die Rede ist, dann ist in erster Linie Saudi-Arabien (!) gemeint…
  178. “Judenstadt”
  179. In Deutschland spricht von der “Staatsräson”, von der “besonderen Verantwortung”,…
  180. Und wenn sich in der UN die globalen Mehrheitsverhältnisse wiederspiegeln und dort eine “Politik” abseits von westlicher Vorherrschaft ausgeübt wird, kommen Organisationen wie UNwatch von Hillel Neuer und prangern das an
  181. Bei vielen christlichen Äthiopiern ist es die Auffassung der eigenen Geschichte, die dazu führt; und daran ändert auch Israels Afrika-Politik nichts
  182. Ein rechter niederländischer DJ namens Hans Dekkers schrieb auf Twitter: „#blacklivesmatter is racist bullshit. ALL lives matter. Being black is nothing special!“. Aber speziell genug, dass man u.a. in der USA dafür getötet wird; alle Leben zählen, ja. Und wer bei Kampf gegen rassistische Polizeigewalt mit der „Farbenblindheit“ beginnt, dem geht es um eine Verteidigung des Rassismus. Und  passenderweise ist dieser Dekkers auch ein grosser Israel-Fan
  183. Und eigentlich werde sie von gewissen moslemischen Gesellschaften und Staaten praktiziert
  184. Gehört das christliche, schwarze Afrika zB zum Westen? Wenn nein, ist dieser also rassisch definiert? Und, warum ist es eigentlich kein Multikulturalismus, wenn Leute wie seine Eltern aus Polen in Frankreich aufgenommen wurden? Hat, sagen wir, eine Vietnamesin auch die Möglichkeit, durch Einwanderung und Integration Teil des Westens zu werden, oder ist das Multikulturalismus?
  185. Gruppen wie die AWB?
  186. Der 2010 ursprünglich durch den damaligen Präsidenten Yuschchenko verliehene Titel “Held der Ukraine” wurde wieder aberkannt, wurde ein Streitfall zwischen den pro-russischen und pro-westlichen Kräften im Land
  187. Auch bezüglich Algerien wird eine “Siedler-Idylle” den heutigen Zuständen ggü-gestellt, als ob das Gros der Bevölkerung davon etwas gehabt hätte, daran hätte partizipieren können – aber auch den Einheimischen/Farbigen sei es im Vergleich so gut gegangen sei…also eigentlich sind sie ja “minderwertig”…aber
  188. > “Mourir pour Danzig?”
  189. Oder eine weisse Minderheit in einem Staat über eine nicht-weisse Mehrheit
  190. Wie hat es Arik Brauer ausgedrückt, die Araber haben einen halben Kontinent voller Staaten und können nichts damit anfangen
  191. Ein Kommentar am Wiki-Artikel über De Klerk: “Filthy race traitor who needs to be shot”
  192. Jemand der (tatsächlich/vermeintlich) den Islam zurückweist
  193. Die Entsprechung zum “selbsthassenden (israelkritischen) Juden”
  194. Diese Apartheid-Fans, die zu Afrikanern “Kafer” sag(t)en, sind nahe bei Islamisten, die Nicht-Moslems so nennen
  195. Die AWB macht(e) vielleicht mehr Krawall, ist aber wahrscheinlich nicht so radikal wie Roodt
  196. > Priklopil
  197. Das von einem Evangelikalen arabischer Herkunft, Joseph Farah, gemacht wird. Das rechte Online-Magazin hat die Kampagne um Obamas Staatsbürgerschaft mitgemacht, ebenso gegen seine Gesundheitsreform; der ermordete Litvinenko soll zum Islam übergetreten sein und “sein” Plutonium für Terroristen gedacht gewesen sein; der kanadische Evangelikale Tristan Emmanuel beklagte dort den “Anglo-Saxon self-hatred” und die Einwanderung nach Nord-Amerika; ein anderer Kolumnist ist Anthony Lo Baido, der 9/11 als eine Art Strafe Gottes darstellte, auch Ann Coulter schreibt dort, Aaron Klein (auch Breitbart) über Nahost,…; Immer wieder aufschlussreich, in welches ideologische Milieu Israel-Solidarität eingebettet ist
  198. Bei den linken Islamophoben/linken Zionisten ist es ja so, dass zumindest Haider in einen Gegensatz zum „jüdisch-christlichen Westen“ gestellt wird, und eine Querfront hergestellt wird
  199. Das macht auf einen Unterschied zu Segev-Steinberg (bzw der auch von diesem vertretenen Linie) aufmerksam: Der hat ja lamentiert, dass (schwarze) Südafrikaner (ungerechterweise) so ein schlechtes Bild von Israel hätten, machte auf Freund; Mercer steht für jene, die dazu stehen, kein Freund dieses Landes und seiner Bevölkerung zu sein, rassistisch zu sein
  200. Die während WKII für Hitler und Mosley gewesen sein soll
  201. Das Übliche, muss man sagen, wenn Antisemitismus/Antijudaismus behandelt wird
  202. Was zweitere betrifft, die werden sonst gerne in Stellung gebracht, gegen Moslems etc, von Schreuder & Co…
  203. Oder das TR-Veto gg Plassnik als OSZE-Chefin kommentiert „Vermutlich weil sie eine Frau ist“
  204. Übrigens auch Islamisten, von Bin Laden bis Dabbagh
  205. Wie sie zB Kasrils übt
  206. Das früher in Ägypten war als in Europa und früher als der Islam (in Ägypten)…
  207. Wolfgang Caspart, damals Obmann dieses Akademikerverbandes, musste sich als Administrator der Seite wegen Verhetzung 2016 vor Gericht verantworten, gab mehrere Ausreden an, wurde freigesprochen. Man kann ruhig vergleichen, wer noch so über Einwanderer und Südafrika redet
  208. Das mit den Waffenlieferungen hat ja Israel zur Genüge erledigt; die CSU ist verbal gemäßigter als die CBV
  209. Der Kämpfer gegen die politische Korrektheit musste ja nicht wegen seines Rassismus’ gehen, sondern weil er Pädophilie zumindest verharmloste, wenn nicht verteidigte
  210. Poggenburg von der AfD hat über Türken in Deutschland gesagt, “Diese Kameltreiber sollen zurückgehen in ihre Lehmhütten zu ihrer Vielweiberei…”
  211. Weidel von der AfD: Özil sei das Produkt gescheiterter Integration, auch weil er das Singen der National-Hymne bei Länderspielen „verweigert“
  212. Ein SPD-Lokalpolitiker kommentierte den vorläufigen deutschen Kader für die WM heuer mit “25 Deutsche und zwei Ziegenficker.”
  213. So wie 2014, als während des Krieges gegen Gaza während eines Testmatches mit einer israelischen Mannschaft in Bischofshofen einige Türken mit einer palästinensischen Flagge über das Feld rannten und ein Entrüstungssturm losbrach
  214. Damaliger PLO-Vorsitzender
  215. “Staberls” Chef Dichand war ein Freund vom aus Österreich stammenden Jerusalemer Bürgermeister Kollek (der nach diesem Krieg BM auch des Ostteils dieser Stadt wurde), sagte über dessen Arbeit, Jerusalem sei wegen den Arabern schwer zu regieren (gewesen)
  216. Wo “man” in den 1980ern die Islamisten noch als “Freiheitskämpfer” sah und unterstütze
  217. Übrigens: Das Nazi-Gold in der Schweiz wurde aufgearbeitet, spätere Gold-Transaktionen über die Schweiz wie von Apartheid-Südafrika nicht
  218. Bringt entweder Nazi-Entlastungs-Solidarität oder Scham-Soli. Wer nach der Erfahrung der Schoah ein „Nie wieder“ sage, müsse auch “Ja” zum Staat Israel sagen, so O. Deutsch von der IKG Wien. Das gelte umso mehr, als Israel sowohl bei seiner Gründung vor 70 Jahren als auch heute von verschiedenen Kräften und Staaten das Existenzrecht abgesprochen werde. So wird normalerweise die Verbindung hergestellt
  219. Heute redet Strache vom “weltweiten Kampf gegen Islamismus, nach jenem gegen NS und Kommunismus“, als sei er M. Küntzel
  220. Übrigens, 6 Jahre zuvor hat FPÖ-Kandidatin Barbara Rosenkranz (wie auch CPÖ-Kandidat Gehring) im BP-Wahhlkampf gg. die “Islamisierung Österreichs” gewettert
  221. Und viele “Antisemitismus”-Jäger sind Relativierer von (anderen) Rassismen, aber darum wird es in einem anderen Artikel gehen. Jedenfalls: Einen Netanyahu als Kapazität in “Anti-Rassismus” zu sehen, ist wie “Hannibal Lecter” zu einem Vegetarismus-Experten zu machen
  222. Bei den Gedenkfeiern zur Befreiung des NS-Konzentrationslagers Mauthausen kritisiert der Präsident der IKG, Oskar Deutsch, offen die FPÖ und die Tatsache, dass mehrere Burschenschafter in und für die Regierung aktiv seien. Einige der am weitesten rechts aussen stehenden FPÖ-Politiker, wie der nunmehrige Innenminister Kickl, waren/sind aber keine Burschenschafter
  223. Wenn man sich den Artikel über diesen Glick auf der deutschen Wiki ansieht, stellt man fest, dass der maßgebliche Autor dieses Artikels einer der erwähnten Deutschen sind, die Israel und sein Militär verehren
  224. Und demokratisch und rechtsstaatlich ist es nicht zuletzt deshalb, weil Politiker der FPÖ für ihren Machtmissbrauch aus der letzten Phase, als die ÖVP mit ihr eine Koalition bildete, noch immer angeklagt und verurteilt werden
  225. Wieder begleitet von journalistischen Groupies
  226. Der Gesandte, Abdel-Shafi, hat Österreich wegen der Teilnahme des österreichischen Botschafters bei einem Festakt zur Verlegung der US-Botschaft vorübergehend verlassen
  227. Israel-Kritiker werden dort ausgegrenzt, darum muss sich zB der jüdische FPÖ-Politiker David Lasar (will “Heimat” hier und dort verteidigen, in Österreich wie in Israel, gegen die gleichen Gegner vermutlich) keine Sorgen machen
  228. Bei Front National und den Anderen ist es ähnlich
  229. Dazu noch mehr
  230. Womit man wieder bei der Intersektionalität der Situationen der Afro-Amerikaner und der Palästinenser ist
  231. Wie zB die aus Südafrika stammende Jillian Becker
  232. Immerhin hat Oz, und das passt sehr zu diesem Thema, den Gaza-Streifen mit Soweto verglichen
  233. Nicht nur die: Mit Blick auf die Freude über den Sieg Israels beim Song Contest sagte Deutsch: „Eigentlich wollen wir nur in einem Staat leben, in dem sich alle unabhängig von ihrer Religion freuen können.“
  234. monde-diplomatique.de/artikel/!1073090
  235. Die weisse Rechte im Post-Apartheid-Südafrika ist auch gespalten, bei der Frage, ob man sich eher als Rassist oder Rassismus-Opfer verstehen soll, und, damit verbunden, was man Schwarzafrikanern überhaupt zubilligen soll, inwiefern man Verbündete unter ihnen suchen soll
  236. Warum eigentlich? Weil sie etwas laut gesagt hat, was man lieber leise sagen sollte? Weil sie gesagt hat, dass Israelis Nachfahren von Kolonialisten aus Europa ohn Wurzeln in dem betreffenden Land sind? (damit, und auch mit der “weissen Rasse”, ignoriert sie die gut 50% jüdischen Israelis, die Mizrahim sind…) Weil sie einen Blödsinn über Asien geredet hat (abgesehen von der Frage, ob Australien dazu gehört, oder nicht doch eher zu Ozeanien), Asien geht vom Bosporus bis nach Tschukotka, und vielleicht ein Drittel seiner Einwohner hat die ostasiatischen Charakteristika
  237. Fragt sich nur, WER hier schwachsinniges Rassedenken pflegt…; und auch, wer die NS-Diktatur aus der jüngeren Geschichte Europas auslagern will (neben den anderen inhaltlichen Fehlern). Der Westen hier rassi(sti)sch definitiert, nicht über “Werte” und so…; die Ausbreitung dieses Westens mit der Verfolgung einer seiner “Teilgruppen” durch andere gerechtfertigt
  238. Dieser Chauvinismus kommt auch ggü Afrikanern zum Einsatz; auch: “as long as there are no provocations or attacks, everybody is free to fuck his goats :-)”
  239. Wie bei den Feinden des Judentums
  240. Als Symbol der Friedensbewegung zur Zeit des Irak-Kriegs 03 bei Zionisten übrigens diffamiert…
  241. Man könnte auch “Ayn Rand” und ihre Haltung zur Homosexualität nehmen
  242. Christoph Rehage fragte mit Recht auf Twitter, „Hätte Joachim Fest weniger Zeit mit Albert Speer und mehr Zeit mit Kindererziehung verbringen sollen?“
  243. Ganz nebenbei, Fest hatte 2014 in Zhg mit der Verteidigung des israelischen Massakers in Gaza ja einen “islamkritischen” Kommentar in der “Bild” getippt, in diesem hatte er auch “die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle“ angeprangert…
  244. Wie zB Eliahu Yishai und viele politische Kräfte Israels
  245. Übrigens, dieser Katz ist einer Aufforderung des obersten Gerichts Israels 2011, Geschlechter-Trennung (wie sie von streng religiösen Juden bzw in deren Wohngebieten praktiziert wird) in öffentlichen Bussen einstellen zu lassen, nur halbherzig nachgekommen
  246. Zu stark ist man da in der Rolle des westlichen Kolonialisten. Und, wenn es in einem Schulbuch aus Südwestafrika von 1973 von einem Otto von Weber zum Völkermord an den Herero und Nama 1904-1908 heisst, der „Aufstand der Herero sei entscheidend geschlagen worden“, dann bringt das die Einstellung rüber, die auch heute von (philo)zionistischer Seite ggü Palästinensern vorherrscht
  247. Siehe zB Adam Hochschild: “Schatten über dem Kongo” (englisches Original 1998)
  248. Das Sultanat Sansibar, zu dem diese Küste bis dahin gehörte, war ein Haupt-Betreiber des moslemischen Sklavenhandels. Wie auf Sansibar leb(t)en an der Küste hauptsächlich eine arabisch-afrikanisches Mischbevölkerung. Es gab in Deutsch-Ostafrika dann noch den Maji Maji-Aufstand 1905-08 gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA, auch dieser wurde durch die Schutztruppe (mit Askaris) unter grossen Opfern nieder geschlagen
  249. Der wie der erste ein Krieg der weissen Welt war…
  250. Doppelte Standards, Kulturrelativismus
  251. Die zu Zeiten des Kalten Kriegs alle Menschenrechtsverletzungen ausserhalb der kommunistischen Sphäre ignorierte bzw als Teil des Kampfes gegen den Kommunismus verteidigte, darunter jene in Südafrika und Nachbarstaaten gegen Nicht-Weisse, und heute so ggü Menschenrechtsverletzungen im islamischen Raum sowie im “Rahmen des Kampfes gg Islamismus” verfährt
  252. Sein Abtritt aufgrund von Korruptionsvergehen heuer zeigt, dass die südafrikanische Demokratie funktioniert
  253. Der chinesische Admiral Zhèng Hé (Cheng Ho) hat mit grossen Flotten zwischen 1405 und 1433 sieben Expeditionen in den Pazifik und den Indischen Ozean unternommen und möglicherweise eine Weltumsegelung durchgeführt. Gefördert von den frühen Ming-Kaisern, v.a. Ch’eng-tsu; doch China hat sich nicht Afrika unter den Nagel gerissen, sondern nach innen gewandt
  254. > Aufnordung
  255. Ergebnis: ein Bekenntnis zu einer Zweistaatenlösung
  256. Südafrika hat übrigens seinen Botschafter aufgrund dessen von Israel zurück berufen
  257. Übrigens, bei aller berechtigten Kritik am iranischen Regime, dass es mit Venezuela zusammen arbeitet, ist absolut in Ordnung. Dies zeigt auch, dass es die Mehrheit des globalen Südens, von BRICS bis NAM (Blockfreie) auf seiner Seite hat, nicht isoliert ist. Jene Rechtsaussen in der USA und anderswo, die von einer Teheran-Caracas-Achse-des-Bösen reden, haben ein Problem damit, dass sie über solche Beziehungen keine Kontrolle haben
  258. Siehe den Kommentar von Malcolm X 1960
  259. Amani redete in „Hart aber fair“ auf ARD im April 18 über die nun andauernd vorgebrachte Floskel von der „jüdisch-christlichen Zivilisation“, die sie mit der jahrhundertelangen europäischen Politik ggü Juden in Verbindung brachte…
  260. Vom Internationalen Strafgerichtshof als völkerrechtswidrig verurteilt
  261. Wenn die „Jüdische Allgemeine“ eine palästinensische Konferenz in Deutschland zu einem (Pro-) Hamas-Treffen macht, ein Foto von maskierten martialischen Männern dazu bringt, will sie nicht nur palästinensische Anliegen treffen, sondern auch deren Unterstützer hier
  262. Sogar Präsident Abbas braucht eine Bewilligung der israelischen Militärverwaltung, wenn er das Land verlassen will

Aspekte der Geschichte und Gegenwart der Baha’i

Die Frage, ob die Grundlagen über diese Religion (bzw ihre Geschichte) oder Spezialaspekte über sie den Artikel ausmachen sollen, war nicht leicht zu beantworten. Da Vieles über die Baha’i noch immer im Dunklen liegt, wird doch auf ihre ganze Entwicklung eingegangen. Die meisten (echten) Religionen sind viel früher entstanden als die Baha’i-Religion, und zwar in den etwa 1000 Jahren von Spät-Antike zum Früh-Mittelalter (etwa 500 vC bis 600 nC). Dies ist eine Besonderheit dieser Religion, die im 19. Jahrhundert entstand. Dann, so angefeindet sie von Aussen auch wurde und wird, so viele innere Streitigkeiten gab und gibt es auch. In seinem Herkunftsland Iran ist der Baha’ismus heute besonders schweren Schikanen ausgesetzt. Wo “steht” diese Religion, die aus dem schiitischen Islam entstand, international im Zeitalter von Islamkrise und Islamophobie?1

Es begann am 22. Mai 1844 im persischen Schiras, als (Sayed2) Ali Mohammed (Schirasi) bei der Koran-Lektüre (bei der Yusuf-Sure) eine Offenbarung bekam.3 Der Mann gehörte dem schiitischen Islam an, wie über 90% der Perser/Iraner, und darin der Bewegung der Shayki(yeh). Die Vision stellt den Beginn der Baha’i-Zeitrechnung dar. Schirasi erklärte sich damals zum “Bab” (arabisch “Tor”), dem Tor zum Imam Mahdi, zum Verborgenen,…4 Das Mahdi-Konzept spielt im schiitischen Islam eine wichtige Rolle, bezieht sich auf den zwölften und letzten Imam, der im späten 9. Jh verschwunden sein soll. Das Konzept ist ausserhalb des Korans entstanden, der Mahdi ist nur in den Hadith erwähnt, seine Historizität an sich ist nicht gesichert. Es ist mehr politisch als religiös, dreht sich um einen erwarteten Führer, eine Art Messias. Es gab in der islamischen Welt viele Aktivisten, die sich als “Mahdi” ausgaben, sich diesen Titel zulegten, nicht zuletzt Mohammed Ahmed im Sudan, etwa zur selben Zeit wie der Bab in Persien; für die Ahmadiya ist Jesus der Mahdi.

Der Bab verkündete am 23. 5. 1844 das Tags zuvor Erlebte, zunächst einem hohen Shaykieh. Er kündigte das Kommen eines Grösseren an, gewann Jünger, schrieb den Bayan (1847/48, eine persische und eine arabische Version). Die Gründung des Babismus ist wohl 1848 anzusetzen, als die Loslösung vom Islam proklamiert wurde, auf einer Konferenz der Bab-Anhänger in Badasht. 1848, als es vielerorts in Europa bürgerlich-revolutionären Erhebungen gegen die damals herrschenden Mächte der Restauration (der Herrschaft von Adel und Klerus) gab (ausgehend von der französischen Februarrevolution), entstand im “Orient” eine neue Religion. Für westistische “Kulturkämpfer” eine Bestätigung aller ihrer Klischees. War es überhaupt eine neue Religion oder eine Erneuerung innerhalb des schiitischen Islams? Es gibt im bzw aus dem schiitischen Bereich eine Reihe von Sondergruppen bzw Abspaltungen5, die Drusen/ Duruziyyah, die Alawiten/ Nusairier/ Alawiyyun, die Alewiten, die Ahl-e Haqq/ Yarsani, die Schabak.6 Es gibt die 7er-Schiiten (Ismailiten) in ihren verschiedenen Ausprägungen und die 5er. Und es gibt Strömungen in der Zwölfer-Schia, wie die Usuli oder Shaykiyeh. Ein damals führender Shaykieh, Karim Khan, lehnte den Bab ab, führte die Bewegung abseits der Babis weiter, die heute in den schiitischen Kernstaaten Iran und Irak weiter existiert.

In der Regel werden die Anhänger des Bab vor der Proklamation Baha’ullahs “Babis” genannt (und die Religion “Babismus”), und danach als “Baha’i” oder aber “Azalis” (Asalis), je nachdem welchem der Brüder sie folgten. Manchmal werden die Babis ab der “Offenbarung” des Bayan (bis zur Erhebung der Ansprüche der Nuri-Brüder) aber als “Bayanis” bezeichnet. Dies wird hauptsächlich von den Azalis favorisiert, die auch sich zT “Azali Bayanis” (oder sogar “Bayanis”) nennen. Die Baha’i sehen durch die Entwicklungen in den 1860ern einen klaren Bruch, die Azalis eine Kontinuität. Doch ich greife vor. Es gab ab 1848 Aufstände der Babis/Bayanis in Persien bzw ein Vorgehen des Staates gegen sie. Schah/ König wurde im September dieses Jahres Naser ad Din, der letzte bedeutende der Kadscharen-Dynastie. Bei der Tabarsi-Burg (oder -Schrein) in Masandaran in Nord-Persien gab es 1848/49 Kämpfe der Armee des Schahs gegen Babis, über gut ein halbes Jahr hinweg.

Der Bab selbst war bereits zuvor gefangen genommen worden. In einem Prozess im Juli 1848 soll er allen Ansprüchen auf eine göttliche Mission, Auserwähltheit oder übernatürliche Kräfte “entsagt” haben. Nachdem 1850 ein neuer Premierminister/Grosswesir kam, Amir Kabir, wurde er in Tabriz getötet, mit 31 Jahren, mit einem Anhänger. Er hinterliess keine eindeutige Nachfolgeregelung. 1852 verübten zwei radikale Babis in Schemiran mit einer Schusswaffe ein (erfolgloses) Attentat auf Schah Nasr ad Din, aus Rache für die Hinrichtung des Bab. Dies intensivierte die Verfolgungen der Babis, die ganze Gemeinschaft wurde verantwortlich gemacht, Tausende getötet. Dass der Schah 1848 mit der Verfolgung der Babi begann (ab 1850 mit Unterstützung des neuen Grosswesirs), war eher Ursache ihrer Auflehnungen als Folge! Nasr ad Din (Nasr al-Din, Naser ad-Din, Nasreddin) wurde für seine absolutistische Herrschaftsweise vom Theoretiker und Aktivisten Dschamal ad-Din “al-Afghāni” kritisiert, dieser daher verhaftet und ausgewiesen. 1896 tötete ein Anhänger Afghanis den Schah.

1853 wurden die Babi-Führer (und ihre Familien) aus Teheran in das Osmanische Reich ausgewiesen, nach vorhergehender Inhaftierung. Es waren an die 100 Personen, die Persien verliessen. Darunter die Nuri-Brüder aus Masandaran, die 1848 Jünger des Bab bzw Babis geworden waren. Mirza Yahya Nuri war angeblich von diesem als Nachfolger eingesetzt worden, heiratete auch seine Witwe. Der grössere Teil der Babis (einige Hundert, eine Tausend?) blieb in Persien. Sie praktizierten Taqiya (schiitische Verstellung), wegen der Verfolgungen und Diskriminierungen als politische/öffentliche/religiöse Unruhestifter. Die Babi-Führer hielten sich 1853 bis 1863 im damals osmanischen Mesopotamien auf, meist in Bagdad. 1863 hat Mirza Hussain Ali Nuri im Ridvan/Nayibiyih-Park in Bagdad vor Verwandten (darunter seinem Sohn) und engen Anhängern erstmals Anspruch darauf erhoben, der vom Bab (auch im Bayan) Angekündigte zu sein, der Führer der Babis/Bayanis zu sein.7 Kurz danach wurde der Gruppe von den osmanischen Behörden angeordnet, nach Istanbul/ Konstantinopel weiter zu reisen. In Bagdad schrieb Baha’ullah u.a. das Ketab i Iqan (Buch der Gewissheit).

1863 hielten sich die Babis ein paar Monate in Konstantinopel auf, dann (1863-68) in Adrianopel/Edirne. Dort 1866 die Proklamation von “Baha’ullah” und die Spaltung der Gemeinschaft. 1866 machte Mirza Hussain Ali Nuri, nun “Baha’ullah” (Glanz Gottes), seinen Führungs- bzw Prophetenanspruch öffentlich, nach der Offenbarung der Mission in kleinem Kreis in Bagdad.8 Er bekam die Unterstützung des grösseren Teils der mitgereisten persischen Babis, aber Widerstand von seinem Halbbruder Mirza Yahya Nuri, der sich dann “Sob-i Azal” (Morgen der Ewigkeit) nannte und diesen Anspruch ebenfalls erhob. Um ihn scharte sich der kleinere Teil der Gruppe. Es gab also ein tiefes Zerwürnis zwischen Mirza H. A. Nuri und Mirza Y. Nuri und eine Spaltung der Babis. Und die Transformation des Babismus in zwei neue Religionen, jene der Baha’i (jene die Baha’ullah folgten) und jene der Azalis (die Sob-i Azal folgten).

„Nabil i Azam“, ein persischer Babi, besuchte Nuri u.a. in Bagdad, wurde Emissär zwischen den Baha’i und den Babis in Persien, reiste später auch nach Akka. Über ihn kam wohl die Kunde von dieser Entwicklung im osmanischen Ost-Thrakien zu den Babis in Persien. Bayanis/Babis die sich weder Baha’ullah noch Sob’i Azal anschlossen, gab es nicht, nicht in Persien, nicht im Sultanat, somit keine Babis mehr. Babismus ist Vorstufe zu den Religionen der Baha’i und Asalis, wobei zweitere wie gesagt eine Kontinuität sehen. Das Zerwürnis in Edirne führte zu Feindschaft und Gewalt zwischen den Gruppen, Baha’i und Azalis. Von wem diese ausging, ist umstritten, berichtet wird von Vergiftungsversuchen und Anderem. Dies führte zu neuerlichem osmanischen Einschreiten, Ausweisungen der Gruppen 1868, der Anhänger und Verwandten von Baha’ullah (über Ägypten) nach Akka in Palästina, der Gruppe um Sob-i Azal nach Famagusta 9 auf Zypern, auch dies damals Teil des längst sehr schwachen Osmanischen Reichs. Und zur endgültigen, auch räumlichen Spaltung.

Die Azalis/Asalis/Azaliya/Azali Babis/Azali Bayanis/Bayanis/Sob-i-Azal-Gruppe lebte in der damals mehrheitlich griechischen Stadt Famagusta, auch nachdem Zypern 1878 (offiziell erst 1914) britisch wurde10. Sob-i Azal starb dort 1912, wurde in einem kleinen bescheidenen Schrein begraben, wie Azalis (auch) heute betonen… MY Nuri/ Sob-i Azal hatte viele Frauen und Söhne, hinterliess keine klare Nachfolge-Regelung. Die Azalis sagen heute, das Prophetentum sei mit ihm abgeschlossen und die Führung der Gemeinschaft erfolge kollektiv. Damals gab es aber etwas Konkurrenz darum, wenn auch nicht so stark wie bei den Baha’i. Ein Sohn von Sobi, Yahya Dawlatabadi, spielte jedenfalls eine gewisse Rolle. Ein anderer Sohn, Mirza Hadiy Dawlatabadi, soll zum Baha’i-Glauben übergetreten sein. Die Azali-Religion ist konservativer als jene der Baha’i, weniger westoffen, nicht auf Massen ausgerichtet, politisch (angeblich) radikal, ihre (wenigen) Anhänger praktizieren die Taqiya / Kitman, d. h. sie gehören oft auch zum Schein anderen Religionsgemeinschaften an. Wie der Brite Denis MacEoin11 meinte, bewahrte diese Gemeinschaft den konservativen Kern der vorangegangenen Babi-Bewegung.

Baha’ullah und ca. 60 Personen (darunter sein Sohn Abbas Effendi Nuri) kamen 1868 nach Akka bei Haifa. Es heisst, manche Azalis gingen mit den Baha’i nach Palästina, als Maulwürfe, wurden (wie ein Sayed Mohammed) Opfer von Gewalt oder verübten Gewalttaten an Baha’i. Baha’ullah und weitere Baha’i (-Führer) wurden interniert, wie schon in Persien, in der Zitadelle von Akka/Akko/Akkon/Acre, die als Gefängnis der Osmanen diente12. Später arretierten die Briten dort zionistische Führer und Terroristen, wie Z. Jabotynski aus Russland (für die heute ein Heldenmuseum drin ist). Baha’ullah und sein Gefolge erlebten 2 Jahre strenge Gefangenschaft dort, ehe sie woanders hin kamen. Baha’ullah schrieb in Gefangenschaft das Kitab i Akdas (“Das heiligste Buch”, 1873 fertig), und Briefe an die damaligen Weltführer.13 Laut H. E. Miers hat die Baha’i-Religion bzw Baha’ullah von der russischen Spiritualistin Helena Blavatsky Vieles übernommen, auch in seinem “Kitab”; Anderen zufolge hat sich Blavatsky reichlich mit fremden Federn geschmückt. Baha’ullah bekam 1890 Besuch vom britischen Orientalisten Edward G. Browne, führte mit diesem mehrere Gespräche – sein einziger “Verkehr” mit dem Abendland, für das er dennoch einen gewissen Scharfblick zu haben schien.

Browne war durch Joseph A. de Gobineau auf die Baha’i aufmerksam geworden, dem französischen Diplomaten, Autor und Rassentheoretiker. Dieser war Mitte des 19. Jh (zwei Mal) als Diplomat nach Persien gekommen, relativ bald nach dem erzwungenen Exodus der Babis. Dort entwickelte er seine (in Büchern verbreiteten) Theorien über die Arier, d. h. er behauptete dass (manche) Europäer von ihnen abstammten. Seine Bewunderung galt den alten Persern, an den neuen störte ihn Vieles, u.a. dass sie sich gegen den Absolutismus der kadscharischen Schahs auflehnten. Und er sah auch einen grossen Gegensatz zwischen Orient (inklusive Persien) und Okzident (den er als überlegen sah). De Gobineau sah auch einen Gegensatz zwischen dem (arabischen) Islam und der iranischen Kultur (den sehen auch viele Iraner, auch heute) und die schiitische Ausprägung des Islam als eine Abgrenzung der Iraner/Perser gegenüber den Arabern und anderen moslemisch gewordenen Völkern (was teilweise zutrifft).

Er erlebte und beschrieb die Verfolgung der Babis in Persien, die er guthiess; die Babis seien Anarchisten und eine Art von Kommunisten, gefährlich wie jene in Frankreich. Gobineaus Auführungen dürften die ersten eines Menschen aus der westlichen Welt über diese neue Religion gewesen sein.14 Edmond Browne lernte die Religionen der Baha’i und Azalis etwas besser kennen und schrieb darüber. Er traf auch Sob-i Azal, auf Zypern. Und Baha’ullahs Sohn “Abdul’baha”, von dem er ein Buch übersetzte und ergänzte.

Baha’ullah starb 1892 in Akka, wo er auch beigesetzt wurde. Er hatte 19 Apostel ernannt, ausserdem die ersten der “Hände der Sache” (Gottes), alles (Exil-)Perser, zT Verwandte, ua seinen Bruder Mirza Musa Nuri. Als Nachfolger hat er seinen Sohn “Abdul’baha” (Abbas Effendi Nuri) eingesetzt, gegen den Widerstand von dessem Halbbruder Mirza Mohammed Ali Nuri. Abdul’baha ist am 23. 5. 1844  geboren worden, dem Tag der Offenbarung des Bab, in Tehran. Als sein Vater starb und er Baha’i-Führer wurde, befand er sich in Haft. 1908 wurden er und andere Baha’i im Zuge der Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reich freigelassen.15 Abdul’baha erlebte noch die britische Herrschaftsübernahme in Palästina im 1. Weltkrieg.

Unter ihm wurde das nördliche Palästina Zentrum der Baha’i-Religion; er liess den Leichnam des Bab 1909 aus Persien überführen und in Haifa beisetzen, am Berg Carmel/Kurmul, wo auch der Bau der Baha’i-Anlagen begann. Baha’ullahs Sohn (von dem es einige Fotos gibt) unternahm Missionreisen, nach Persien wie in den Westen. Dort ernannte er 19 “Jünger”, darunter den Schotten John Esslemont, der übergetreten war und auch Autor von Büchern über diese Religion ist. Mit Abdul’baha beginnt die Öffnung dieser Religion zum Westen bzw ihre Ausbreitung dort. Ibrahim George Kheiralla, ein griechisch-orthodoxer Syrer, der zu den Baha’i übertrat, wanderte Ende des 19. Jh in die USA aus und gründete in Chicago die erste Baha’i-Gemeinde in der USA.

Abdul’baha starb 1921, als die Spannungen zwischen zionistischen Juden, Palästinensern und den britischen Herren in Palästina begannen.16 Die Baha’i(-Führung) in Palästina, nie mehr als einige Dutzend, hauptsächlich Perser/Iraner, später eine wachsende Zahl von Westlern, nahm in den Jahrzehnten bis zur zionistischen Staatsgründung und Nakba, darüber hinaus, und zu den bürgerkriegsähnlichen Unruhen davor, eine neutrale, quietistische Haltung ein, wie es ihre Religion gebietet. Die Bevölkerung Palästinas bestand damals aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen, einer durch Einwanderung wachsenden Zahl von Juden, sowie Armeniern, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrern, und Angehöriger kleinerer Gruppen, wie auch die Baha’i dort eine waren. Missionierung unter den verschiedenen Volks- und Religionsgruppen in Palästina war für die Baha’i vor und während der israelisch-zionistischen Herrschaft schwierig.

Und wie lief die Entwicklung im Babi/Baha’i/Asali-Mutterland Persien weiter? Die Ölfunde dort im frühen 20. Jh haben den Quasi-Kolonialstatus des Landes natürlich verstärkt bzw das Interesse der Briten.17 Der schiitische Islam blieb dominierend, die Mitsprache der Bevölkerung begann erst mit der Konstitutionellen Revolution (1905 bis etwa 1911, انقلاب مشروطه). Einige Azalis waren in dieser Verfassungsbewegung aktiv, darunter Scheich Ahmed Ruhi Kermani. Danach ist diese Religionsgemeinschaft aber wirklich zu einer unbedeutenden Splittergruppe herab gesunken. Es gab anscheinend Übertritte von Zoroastriern und Juden zu den Baha’i. Zwei der bedeutendsten persischen Autoren aus der Zeit um die Jahrhundertwende, Sayed Hassan Taqizadeh und Muhammad Qazvini, haben Abdu’l-Bahá persönlich getroffen und sich mit der Baha’i-Religion auseinander gesetzt.

Die Ressentiments, die es in Persien/Iran gegenüber Baha’i und Azalis gab, wurden durch die “Dolgorukov-Memoiren” geschürt. Diese kamen erstmals 1943 heraus, unter dem Titel “Eʿterāfāt-e sīāsī yā yāddāšthā-ye Kenyāz Dolqorūkī” (transkripiert; “Politische Bekenntnisse und Memoiren des Prinzen Dolgorukov”), als Kapitel in einem Buch. Dimitri Dolgurukov stammte aus einer russischen Adelsfamilie, war russischer Botschafter/”Minister” in Persien 1845-54 gewesen. Dem Traktat zufolge war er bereits zuvor nach Persien gekommen, zum Islam übergetreten, dann aber den “Bab” zu dessen Ansprüchen aufgestachelt, später Baha’ullah geholfen, diese Religionen quasi gegründet, um den Iran zu schwächen. Die dafür herangezogenen Unterlagen sind leicht als Fälschung zu erkennen, der tatsächliche Kern der Geschichte geht in eine andere Richtung.

Auch Ahmed Kasravi anerkannte, dass die “Memoiren” ein Betrug sind, und zwar in seinem Anti-Baha’i-Buch “Bahāʾīgarī”. Spätere Forschungen haben das bestätigt. Kasravi stand in der Tradition der iranischen Intellektuellen, die ein nationales Konzept mit Betonung des Vor-Islamischen mitgestalteten. Der Philosoph sah Religionen an sich sehr kritisch, und den im Iran dominierenden schiitischen Islam erst recht. Die Baha’i-Religion war für ihn kein positives Gegenkonzept dazu. Er stand aber auch westlichem Säkularismus und Eurozentrismus skeptisch gegenüber… Kasravi erlag einem Mordanschlag, nachdem hochrangige schiitische Kleriker eine Fatwa gegen ihn erlassen hatten.

In der Frühzeit der Babi/Baha’i-Religionen emigrierten Angehörige von ihnen aus Persien in umliegende Länder, das waren hauptsächlich das inzwischen russische Kaukasus-Gebiet sowie Zentralasien, bevor und nachdem auch dieses russisch wurde. Baha’i kamen so in das Khanat Khiwa, bevor dieses 1873 russisches Protektorat wurde. Die Stadt Ashgabad (heute Hauptstadt Turkmenistans) entstand nach der russischen Übernahme. Dort wurde 1902-08 das erste Haus der Andacht (House of Worship) der Baha’i gebaut, auf Initiative von Abdul’baha und nach Planung von Vakílu’d-Dawlih, einem Cousin des Bab. Die Baha’i-Religion kam über Zentralasien auch nach Kern-Russland, fand Anerkennung etwa von Leo Tolstoi, der aber nicht übertrat.18 Während der Sowjet-Ära wurden alle Religionen unterdrückt, so auch jene der Baha’i. Das Haus der Andacht in Ashgabad in (seit 1925) der Turkmenischen SSR wurde 1938 zweckentfremdet, 1948 durch ein Erdbeben schwer beschädigt, 1963 abgerissen.19

Das Haus der Andacht in Ashgabad einst

In NS-Deutschland wurde die Baha’i-Religion 1937 verboten. Eine unter den Nazis aufgrund der jüdischen Herkunft ermordete Person war Lidia Zamenhof aus Polen, Tochter von Esperanto-Entwickler Ludwig. Sie war zu den Baha’i übergetreten. Eben so später der amerikanische Jazz-Musiker „Dizzy“ Gillespie, einer prominentesten westlichen Baha’i. Die rumänische Königsgemahlin Maria/Marie dürfte sich dagegen mit dieser Religion nur beschäftigt haben. Die Britin aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha hat 1893 Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen geheiratet, der 1914 nach dem Tod seines Onkels, König Carol I. von Rumänien, rumänischer König wurde. Die Anglikanerin wurde rumänisch-orthodox, wie ihr Sohn Carol. Nachdem Ferdinand I. 1927 starb, wurde zunächst sein Enkel Mihai König, als Kind. 1930 kam dann, für 10 Jahre, doch Carol (II.) auf den Thron. Königswitwe Maria machte nicht die Thronbesteigung ihres Sohnes Kummer, aber verschiedene seiner Entscheidungen. In dieser Situation lernte sie den Baha’i-Glauben kennen, durch Martha Root, eine frühe amerikanische Baha’i, und wandte sich ihm zu. Anscheinend gefiel ihr besonders die Idee der Einheit der Menschheit bei religiöser Diversität – angesichts ihrer religiös geteilten Familie! Maria von Hohenzollern-Sigmaringen begann auch einen Briefwechsel mit dem damaligen Baha’i-Oberhaupt Shoghi Effendi.

Shoghi Effendi Rabbani wurde 1921 Nachfolger seines Grossvaters Abdul’baha als Führer der Baha’i. Der in Akka Geborene musste sich gegen die Ansprüche seines Grossonkels Mírzá Muhammad Alí durchsetzen, der auch schon die Führung von (seinem Halbbruder) Abdu’l-Bahá bestritten hatte und deshalb mit einigen Unterstützern ausgeschlossen worden war. Mirza Mohammed Ali konnte darauf verweisen, dass ihn sein Vater Baha’u’llah in dessen Kitab-i-Ahd eingesetzt hatte. Auch in der USA wurde die Übernahme der Führerschaft durch Shoghi Effendi von Einigen bestritten, die sich um eine Ruth White sammelten und eine Gruppe namens „Free Baha’i“ gründeten. Dies wurde in Deutschland von einem Hermann Zimmer aufgegriffen.

Shoghi Effendi gilt nicht als Prophet, war “Hüter des Bündnis”. Er hat auch spirituell keine neuen Akzente gesetzt, war hauptsächlich organisatorisch aktiv. Unter ihm vollzog sich eine Hinwendung der Baha’i-Religion zum Westen, und eine gewisse (wohl damit verbundene) Entfremdung in West-Asien, wo sich in der Zwischenkriegszeit eine neue Staatenwelt formierte. Shoghi unternahm viele Missionsreisen in Westen, starb auch 1957 in London (wo seine  körperlichen Überreste begraben sind), und, er war mit einer Kanadiern verheiratet, der Tochter von William S. Maxwell, einem konvertierten Architekten, der den Überbau zum Schrein des Bab in Haifa plante. Viele Verwandte von Shoghi aus dem Baha’i-“Adel” in und um Haifa waren mit dieser westlichen Ausrichtung nicht einverstanden, und taten sich mit bereits Ausgeschlossenen zusammen, wurden nun selbst ausgeschlossen. Auch mit seinen eigenen Eltern zerkrachte er sich, mit dem allergrössten Teil der lebenden Verwandten bzw den Baha’i in Palästina. Dies führte aber nicht dazu, dass ein konkurrierender Führer zu ihm erhoben wurde, der ihn herausforderte.

Shoghi Effendi liess weltweit Strukturen aufbauen, Lokale und Nationale Geistige Räte20, 1931 wurde das nächste Haus der Andacht eröffnet, in Wilmette bei Chicago. In der USA musste Shoghi aber weiter mit Widerstand kämpfen. Die Baha’i dort waren inzwischen überwiegendst nicht-persisch und es gab Kreise, die die Baha’i als eine Art offene ökumenische Gesellschaft sahen. Hier pochte Shoghi darauf, dass die Baha’i eine eigene Religion waren. Ein Kreis in New York, mit den Chanlers und Mirza A. Sohrab, der eigene Wege ging21, wurde ausgeschlossen. Hier wurde er wiederum als der “orientalische Autokrat” wahrgenommen und kritisiert… Shoghi Effendi erlebte noch die Gründung Israels, eine Vertreibung wie sie die meisten Palästinenser (auch) im Raum Haifa damals erlebten, blieb den Baha’i erspart.

Man kann die Situation der Baha’i in Persien/Iran so analysieren dass die Herrschaftszeit der Pahlevi-Schahs eine Atempause für sie war, von Verfolgungen und Diskriminierungen. Aber, genau das wird wiederum gegen sie angeführt… Sie wurden in ihrem Herkunftsland von gewissen Seiten nicht mehr “nur” als Häretiker gesehen und als Agenten anderer Mächte, nun kamen auch Spekulationen über ihre “privilegierte Stellung” hinzu. Hinzu kamen die guten Beziehungen des Irans unter dem letzten Schah mit Israel, wo sich nun das Weltzentrum der Baha’i befand, und daraus “entstand” ein Geflecht aus Unterstellungen und Vorwürfen. Was bei “Behandlungen” dieses Geflechts gerne unter den Tisch fällt, ist der Charakter des Regimes dieses letzten Schahs, Mohammed Reza Pahlevi, was es für den Iran und die Iraner bedeutete.22 Mohammed Mossadegh, einer der ganz wenigen demokratischen Premierminister unter dem Schah (1951 bis 1953, mit einer Unterbrechung), war gegenüber den Baha’i tolerant, jedenfalls geht das aus dem Buch von Chubineh hervor, das unten in der Literaturliste angeführt ist.

Es heisst, der damalige iranische Geheimdienst SAVAK23 kollaborierte mit islamistischen Gruppen gegen die Baha’i, dennoch wurden diese gerne SAVAK-Agenten verdächtigt. Und, 1955 die Zerstörung des Baha’i-Zentrums in Teheran. Ramadan 1955, nach dem “erzwungenem” (GB, USA) Beitritt Irans zum Bagdad-Pakt, durfte sich ein Mob als “Ausgleich” (bzw Ventil) auf Initiative von Gross-Ajatollah Hossein Burudjerdi nach einer Medienkampagne mit staatlicher Unterstützung (auch der SAVAK) dort etwas austoben. Dazu muss auch gesagt werden, dass sich Burudjerdi nach anfänglicher Unterstützung gegen Mossadegh gestellt hatte und den britisch-amerikanischen Staatsstreich gegen diesen unterstützt hatte. Burudjerdi unterstützte auch die  Verfolgung und das Verbot der kommunistischen Tudeh-Partei, auch dies im Einklang mit der damaligen westlichen Politik gegenüber Iran. In einer Fatwa 1955 erklärte er Pepsi-Cola für verwerflich, weil der iranische Konzessionär ein bekennender Bahai war. Der Industrielle Habib(ollah) Sabet, der dann bereits vor der Revolution ins westliche Exil ging.

Wurden die Baha’i unter dem Schah bevorzugt behandelt? Wenn ja, spricht das für ihn ?  Verdächtigungen über den Einfluss der Baha’i unter dem letztem Schah und ihre Unterstützung für diesen sind bis heute hier und dort aktuell. Es gab Shapour Rasekh, einen Berater, seinen persönlichen Arzt sowie Verteidigungsminister Sani’ee an Baha’i im Umfeld Pahlevis. Sani’ee wurde von seiner Religionsgemeinschaft ausgeschlossen, weil sie ihren Angehörigen direkten politischen Aktivismus verbietet. Es gab damals den Architekten Hossein Amanat, der den Bau des Shayad/Azadi-Gebäudes (1966-72), bis heute eines der Wahrzeichen Tehrans, plante, sowie das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa. Viel Spekulationen gibt es diesbezüglich über die Familie des Premierministers 1965-1977, Amir A. Howeida; sein Vater dürfte Baha’i gewesen sein, der diese Religion verlassen hat.24 Jedenfalls, die Dynamik die sich im Iran bzw unter Iranern aus dem repressiven Charakter der Herrschaft dieses Schahs ergab, hat sich für die Baha’i äusserst ungünstig ausgewirkt

Shoghi Effendi starb 1957 kinderlos und ohne eine eindeutige Nachfolgeregelung zu hinterlassen. Die meisten der Baha’i in und um Haifa waren auch von ihm exkommuniziert worden… Er hatte 1951 einen Internationalen Baha’i-Rat ernannt, mit dem US-amerikanischen Architekten Charles M. Remey, seiner  Frau,… Und er hatte weitere “Hände der Sache” ernannt, darunter den Autor Hasan M. Balyuzi, Remey, den Deutschen Adelbert Mühlschlegel, Ali-Akbar Furutan,… Es gab, wie zu erwarten, nach Shoghis Abgang, Nachfolgestreits, Abspaltungen, Richtungskämpfe. 1960 erhob Remey (die Hand der Sache sowie Präsident des Internationalen Baha’i-Rats) den alleinigen Führungsanspruch, wurde ausgeschlossen, eine kleine Zahl von Baha’i folgte ihm. Er hatte diverse Baha’i-Gebäude geplant, darunter die Häuser der Andacht in Uganda und Australien. 1969 spaltete sich eine Gruppe unter dem Franzosen Joel Marangella von der Remey-Gruppe (den “Orthodox Baha’i”) ab, weitere folgten. 1961 wurde ein neuer Int. Baha’i-Rat gewählt, mit Ali Nakhjavani, Ian Semple,…

1963 wurde eine Nachfolgeregelung gefunden: die 27 lebenden Hände der Sache (Gottes) wählten 9 (die heilige Zahl der Baha’i25) aus ihrer Mitte zu “Hütern”, die das erste “Universale Haus der Gerechtigkeit” bildeten. Anfangs waren in diesem Gremien 3 von 9 Mitgliedern Exil-Iraner (Nakhjavani, Fateazam, Hakim); dieser Anteil blieb in etwa so, bis heute, die meisten Anderen kommen aus der englisch-sprachigen Welt. Nakhjavani ist 1919 in Aserbeidschan geboren, in jener Zeit in der sich das Land in den Wirren der russischen Revolutionen unabhängig gemacht hatte, vermutlich in eine Familie die den Iran verlassen hatte. Die Familie verliess auch die SU bald, lebte im britisch beherrschten Palästina (hatte Kontakt mit Abdul’Baha), im französischen Libanon, dann im Iran und in Uganda, bevor er 1961 in die erwähnte Vorgänger-Institution des Universalen Hauses der Gerechtigkeit in Haifa gewählt wurde. Diesem gehörte er von 1963 bis 2003 an. Seine Tochter Bahiyyih wurde Schriftstellerin.

Mit Shoghi Effendis Tod ging die konstituierende Periode der Religion zu Ende, auch die Zeit der Vorherrschaft der Familien der Gründergeneration (bzw der Perser), kamen interne Streitigkeiten etwas zur Ruhe. Ende der 1950er gab es eine “Konferenz” Ausgestossener/Abgespaltener verschiedener Generationen der Baha’i, auf Zypern (kurz vor dessen Unabhängigkeit von GB), von den Azalis über die “orthodoxen Baha’i” Remeys bis zu Individuen wie einigen von Shoghi Exkommunizierten… Ab 1961 entstanden weitere Häuser der Andacht, in Sydney, Kampala (von Remey geplant), Langenhain (BRD), Delhi (auch von Maxwell geplant), Ciudad de Panama, Apia (Samoa), Santiago de Chile, Battambang (Kambodscha); weitere sind geplant. In anderen Ländern versammeln sich Baha’i in unscheinbaren Häusern oder Wohnungen. In Israel/Palästina gibt es drei Gebäude auf dem Carmel/ Kurmul/ Jebel Mar Elias in Haifa: Der Schrein des Bab mit dem von Maxwell geplanten Überbau (1948-1953 gebaut), in dem auch Abdul’baha begraben wurde, mit den Gärten rundherum die 2001 fertig wurden. Das von H. Amanat geplante Universale Haus der Gerechtigkeit (-Gebäude) wurde 1983 fertig, in seinem Garten befinden sich Gräber von Verwandten Baha’ullahs. Dann gibt es es dort noch ein Archiv/Museums-Gebäude, das ’57 fertig wurde. Und das Grab Baha’ullahs in Akka. Pilgerorte der Baha’i mit Verbindung zur Geschichte dieser Religion befinden sich u.a. in Bagdad, Edirne, Schiraz, London,…

Bei den Baha’i gibt es keine Geistlichkeit, keine Priester. Man wartet auf ein göttliches “Neues Zeitalter”. Das von Baha’ullah in Gefangenschaft (auf Arabisch) geschriebene “Kitab al Akdas” ist eigentlich das heilige Buch. Es (bzw sein Inhalt) wird aber nicht nach Aussen verbreitet, und für die eigenen Anhänger bzw Angehörigen gibt es, so liest man26, nur eine interne Teilübersetzung bzw Teilfassung. Grund dafür soll sein, dass es in der vom Propheten einst geforderten bzw gewünschten Gesellschaft zB die Todesstrafe geben soll, und Weiteres was man heutzutage eher zu verstecken trachtet.

William McElwee-Miller (1892-1993), ein US-amerikanischer presbyterianischer Missionar, der auch in Iran unterwegs war, setzte sich mit dem schiitischen Islam und der Baha’i-Religion auseinander, schrieb Bücher darüber. 1961 brachte er mit einem Earl Elder eine (angebliche) englische Übersetzung des Kitab al Akdas heraus, die manchen Urteilen zufolge eine Verdrehung des Inhalts sein soll. 1931 kam von ihm erstmals “Baha’ism, Its Origin, History and Teachings” heraus, ein Buch über (bzw gegen) die Baha’i mit Attacken auch vom Azali-Standpunkt. Nach Laurence P. Elwell-Sutton soll McElwee-Millers Quelle Subh-i Azals Enkel Jalal Azal gewesen sein, den mit den Baha’i eine Erbfeindschaft auf persönlicher Ebene verband. In dem mehrfach neu aufgelegten Buch findet sich anscheinend auch eine Stellungnahme der Tochter der rumänischen Königsgemahlin Maria, Ileana, wonach diese nie übergetreten sei.

Im Iran wurde die Auflehnung gegen den Schah ab 1978 ja von den Islamisten unter Khomeini gestohlen bzw missbraucht. Für die Baha’i im Iran (etwa 300 000) änderte sich die Lage infolge der islamistischen Machtergreifung nach der Revolution ab 1979 dramatisch; Ruhollah Khomeini hat noch im Anflug auf dem Iran (bei seiner Rückkehr) auf Journalisten-Fragen gesagt, die Baha’i würden im Gegensatz zu den Juden nicht anerkannt und toleriert werden. Die Anschuldigungen der Häresie, des Abfalls vom Islam, wurden wieder hoch-aktuell, hinzu kamen jene der Spionage für westliche Mächte, und dahinter auch ein gewisser sozialer Neid aus gewissen Schichten. Die Baha’i-Religion an sich wurde in der Islamischen Republik illegal, jene die sich nicht davon abwandten, waren (sind) schweren Diskriminierungen ausgesetzt, zB ist ihnen Studieren nicht erlaubt. Manche verloren ihre Anstellungen. Besonders schwer traf es in den frühen Jahren nach der gestohlenen Revolution die Führer der Gemeinschaft im Iran. Ali-Murad Davudi, ein Philosophie-Professor an der Universität Teheran, war 1973 in den Nationalen Geistigen Rat der Baha’i im Iran gewählt worden, wurde 1974 Sekretär dieses Rats, also eine Art Oberhaupt.27 Im November 1979 ging er in einem Park in Tehran spazieren, “verschwand“… Es ist davon auszugehen, dass er von Kräften, die diesen Staat nun regierten, entführt und ermordet wurde, wahrscheinlich auch gefoltert.

Im Jahr darauf wurden die restlichen 8 Mitglieder der iranischen Baha’i-Führung28 verschleppt, von einem Treffen ihres Gremiums weg. Auch von ihnen gab es keine Spuren mehr, ist ein Schicksal wie jenes von Davudi anzunehmen. Der Nationale Baha’i-Rat des Iran wurde aber wiederum neu konstituiert, durch Wahlen, und 1981 wurden zumindest 8 davon wiederum getötet. Entsprechendes geschah in den folgenden Jahren, bis 1984, bis anscheinend die Strukturen und der Mut der Baha’i total zerschlagen waren. Auch Mitglieder von lokalen Geistigen Räten sowie einfache Mitglieder29 betraf dies. 1982 allein wurden mindestens 32 Baha’i hingerichtet, heisst es. Darunter war der Vater von Wahid Wahdath-Hagh, der in den 1960ern Militärattaché an der iranischen Botschaft in der BRD gewesen war. Der junge Wahdath-Hagh konnte nach Deutschland emigrieren, wo er seine(n) gesamte(n) akademische Arbeit und politischen Aktivismus gegen die Islamische Republik Iran und ihren religiösen Totalitarismus einsetzt.

Dabei arbeitet er aber auch (bzw hauptsächlich) mit Gegnern des Iran an sich zusammen, gibt ihnen Alibis, lässt er die Unterdrückung der Baha’i im Iran instrumentalisieren, macht den Jubelperser für Dropthebomb, Memri, “Jungle World”, “European Foundation for Democracy”, „Die Welt“, „Achsedesguten“,… So dass sich auch der letzte Rassist geschmeichelt (und fortschrittlich) fühlen darf. Wer sich nicht für Karimpour Shirazi (oder andere Opfer des Regimes dieses letzten Schahs) interessiert, möge über Alimurad Davudi schweigen und vice versa. Und jenes Publikum, das von “Die Welt” oder “Jungle World” bedient wird, interessiert sich eben nicht für Opfer, die nicht in ihr Weltbild passen, nicht dafür, dass Herrscher bei ihren Menschenrechtsverletzungen vom Westen unterstützt wurden und werden30, dass dieser im Kalten Krieg auch Islamisten gegen Demokraten unterstützt hat, nicht für den verkappten Deutsch-Nationalismus der Springer-Presse, et cetera. Nicht für Palästinenser oder die Zusammenarbeit Israels mit dem Apartheid-Regime Südafrikas31, um die es in einem Artikel geht, der demnächst erscheinen wird.

Unter Rafsanjani, der 1989 nach Khomeinis Tod iranischer Präsident wurde, mäßigte sich die islamistische Diktatur im Iran etwas, auch gegenüber den (restlichen) Baha’i. Viele sind (in den Westen) ausgewandert oder versuchen dies noch. Diese Auswanderung von religiösen Minderheiten des Iran (Zoroastrier, armenische und assyrische Christen, Juden, Baha’i) wird von der amerikanischen jüdischen Organisation HIAS organisiert, in Wien gibt es für die Betreffenden meist einen mehrmonatigen Transit-Aufenthalt. Der renommierte Psychiater   Nossrat Peseschkian, der in Deutschland wirkte, war dagegen unter jenen Iranern, die in den 1950ern/60ern in den Westen gingen, aus unpolitischen Gründen, zum Studium. Die inoffizielle Führung der Baha’i im Iran wird weiterhin drangsaliert; 2008 wurden 7 Mitglieder des “Yaran” genannten Gremiums inhaftiert und zu 10-jährigen Gefängnisstrafen verurteilt, u.a. wegen “Spionage für eine feindliche Macht” und “Bildung einer illegalen Organisation”. Fariba Kamalabadi, Mahvash Sabet, Behrouz Tavakkoli32 und die anderen wurden 2017 freigelassen. Es gibt aber ziemlich sicher noch Baha’i unter den politisch-religiösen Gefangenen des Landes.

Charles Mason Remey hat einst, in den späten 1950ern, auf Bitte von Shoghi Effendi, einen Baha’i-“Tempel” für Teheran geplant (siehe Bild rechts). Dann wurde Remey von den Baha’i ausgeschlossen (oder er verliess sie, wie man es sieht), dann machte der Verlauf der Revolution ein solches Haus der Andacht im Iran unmöglich. Ob es dies im Iran jemals geben wird? Die grösste Feindseligkeit gegenüber der Baha’i-Religion gibt es in jenem ethnisch-religiösen Milieu, in dem sie entstanden ist, dem iranischen schiitischen Islam. In vielen sunnitischen Ländern bzw Milieus, zB Pakistan oder Türkei, gibt es ihnen gegnüber mehr Toleranz. Der Schwerpunkt der Baha’i ist aber der Westen geworden und durch islamistische Diskriminierung sind auch die iranischen (und anderen “orientalischen”) Baha”i gezwungen, sich an den Westen “anzulehnen”. Was wiederum die Unterstellungen, Werkzeuge “imperialer Mächte” zu sein, nährt. Auch die “Nähe” der Baha’i zum Zionismus liegt in so einem Teufelskreis.

Von den drei Baha’i-Gebäuden in Haifa ist nur der Schrein des Bab für Besucher zugänglich; das Museum ist das nur für langjährige Baha’i. Im Krieg Israels 06 gegen Hisbollah und Hamas (bzw Libanon und Gaza) flogen Raketen der (vom iranischen Regime unterstützen, schiitischen) Hisbollah auch in die Nähe von Haifa mit seinen Baha’i-Gebäuden. Die Baha’i in Israel sind (nach wie vor) nur eine recht kleine Zahl von Funktionären, von denen ein Teil auch nur temporär dort ist, beschäftigt in den 4 Baha’i-Einrichtungen in bzw um Haifa. Sie sind eine der kleineren Bevölkerungsgruppen dieses Landes, nicht so tief verwurzelt wie die Armenier, aber tiefer als zB die Schwarzen Hebräer.33 Den Baha’i ist in Israel Vieles nicht erlaubt, sie dürfen nicht missionieren (schon gar nicht unter Juden), der Bab-Schrein darf nachts nur temporär beleuchtet werden, und ein Haus der Andacht war/ist ihnen nicht vergönnt. Ein solches wurde auch von Remey geplant, der Plan wurde von Shoghi Effendi gebilligt. Es sollte auch am Carmel/Kurmul gebaut werden, in der Nähe der anderen Gebäude; 1971 wurde an der geplanten Stelle ein Obelisk errichtet. Streng genommen gibt es in Israel keine Baha’i-Gotteshäuser, die 4 bestehenden Baha’i-Gebäude sind Verwaltungs- bzw Graborte. Wer aus Israel/Palästina zu den Baha’i konvertieren will, muss nach Zypern reisen, ausgerechnet auf die Insel der Konkurrenten von den Azalis.

Schrein des Bab

Die Baha’i-Führer in Haifa sind wie der griechisch-orthodoxe Patriarch in der Türkei, fast ohne “Fussvolk” in dem Land an sich. Es gibt einige Palästinenser die übergetreten sind. So wie Suheil Bushrui (1929-2015), aus Nazareth (ein “israelischer Araber”), ursprünglich wohl Christ. Der Wissenschafter und Khalil-Gibran-Spezialist lebte und arbeitete hauptsächlich in anderen Ländern der Region (wie Libanon) sowie dem Westen (USA, GB,…). Den (persischen) Baha’i gelang es in ihrer frühen (osmanischen) Zeit in Palästina anscheinend auch, Palästinenser zu missionieren; dies wäre ein ergiebiges Thema. Es gibt unter den Palästinensern eben Moslems (überwiegendst Sunniten), Christen (v.a. Orthodoxe), Drusen, Ahmadyiyya, Baha’i,… Und (der maronitische Christ) Gibran hatte selbst Verbindungen zu den Baha’i in Palästina, u.a. traf er Abdul’baha.

Wenn im Westen über die Baha’i berichtet wird, dann meistens dahin gehend, dass sie im Iran von Anfang an bis heute verfolgt wurden, sie werden gegen den Iran angeführt. Für Leute wie Mosche Sharon oder Henryk Broder ist das ein gefundenes Fressen. Im islamischen Bereich wird oft ihre Verbindung zum Westen gegen sie angeführt. Für manche “Westisten” sind die Baha’i aber auch zu islam-ähnlich, orientalisch. Zu den Anti-Baha’i-Hass-Seiten aus dem islamistischen Bereich gehören bahaism.blogspot (wahrscheinlich schiitisch), bahaileaders9.blogspot.com, thebahaiinsider (“Imran Shaykh”, scheint sunnitisch zu sein); bahaisects.wordpress könnte aus der Azali-“Ecke” sein.

Ein Kommentator auf “derstandard”: „…wären erste wenn ich an gott glauben würde; sie sind zu zivilisiert und fortschrittlich und gut gebildet für die monster in Teheran; 300.000 könnten doch leicht fuss fassen in europa und-oder usa. der baha’ismus kann durch das christentum gut toleriert werden, aber im iran sind sie völlig ausgeliefert. also kommt in den westen baha’i brüder und schwestern..”     Die Baha’i Licht, die Region bzw Kultur aus der sie kommen, Finsternis, ohne zu kapieren, dass sie aus eben dieser kommen. Idealisierung und Vereinnahmung ist hier aber eben nur eine Spielart von westüberheblichem Chauvinismus, es gibt auch das überhebliche Abkanzeln und ignorante Verteufeln der Baha’i selbst, das sie-in-den-Topf-mit-den-anderen-Orientalen-werfen34 – Da wird dann betont dass Baha’ullah ein schiitischer Iraner war bevor er eine Religion stiftete. Und natürlich müssen Frauen und Homosexuelle als Ausweis edler Gesinnung herhalten.

Baha’i als ideologisches Kanonenfutter – erinnert an den Gebrauch von Kurden und Süd-Sudanesen.35 Oder von Kopten – solange diese die wehrlosen Opfer der Muselmanen sind. Ein Kopte wie der ägyptische Hotelmilliardär Samih Sawiris dagegenwenn der dann noch im Schweizer Alpendorf Andermatt sein dort schon bestehendes Ferienressort gehörig erweitern will, dann ist er auch ganz schnell ein grössenwahnsinniger Orientale der die westliche Kultur missachtet, ist vom Ausverkauf der Heimat die Rede. Im “Derstandard” schrieb Einer zum Vergewaltigungs-Urteil zu Israels Präsident Mosche Kazav: “Die einzige Demokratie im Orient,so ein Urteil wäre dort sonst nirgends vorstellbar.Dazu käme der religiöse Aspekt in den Nachbarstaaten:Durch unstatthafte Kleidung werden die Frauen den Mann halt so gereizt haben, dass er nicht anders konnte.Katzav stammt aus dem Iran.” Und, wie bei McElwee-Miller erwähnt, werden die Baha’i auch gerne aus der evangelikalen Ecke angegriffen. Die Baha’i werden sowohl von islamischer wie von christlicher Seite auch oft als “Sekte” gesehen.

Der USA-Historiker John “Juan” Cole wurde Baha’i und trat wieder aus, wegen der Hierarchie, setzt sich aber (weiter) kritisch-konstruktiv mit dieser Religion auseinander; für seine Analysen über den “Orient” wird er von Efraim Karsh & Co attackiert. Ein umtriebiger Baha’i-Diffamierer im deutschsprachigen Raum ist dagegen der Schweizer Francesco Ficcicha, ein Ex-Baha’i, der dann zum Buddhismus übertrat. Er schrieb auch das Kapitel über die Baha’i im von Hans Gasper heraus gegebenen “Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen: Fakten, Hintergründe, Klärungen” (1990), einem katholizistischen Machwerk. Über manches von dem was er dort bei den Baha’i ausmacht, kann man diskutieren (“diesseitsbezogene Religion”, “theokratisches Verständnis”,…). Ansonsten macht Ficcicha diese Diffamierung auf seiner Website oder über ein eigenes Buch – zu diesem gab es eine Entgegnung vom deutschen Baha’i Udo Schäfer („Desinformation als Methode“).

Ein iranischer Baha’i, der über Wien in die USA ging, hat mir geschrieben, es gäbe in Amerika einen “bias” gegen Iraner unter den Baha’i (obwohl der Prophet ein solcher war) und grosse Unterschiede bei den Gottesdiensten zwischen diesen Ländern. Orient und Okzident ist (auch) bei den Baha’i ein grosses Thema… International bestreitet die Baha’i-Gemeinde meist eine besondere Verbindung dieser Religion mit dem Iran. Es gibt aber eine solche, trotz der schweren Diskriminierung der Baha’i dort und dem damit verbundenen Auswanderungsstrom. Die Baha’i-Religion war im Iran immer eine einer kleinen Minderheit36, ist aber ein Produkt der Entwicklung dieses Landes, mit seiner Synthese aus islamischen und nicht-islamischen Elementen. Unter jenen Iranern die den Islam als Religion für ihr Land ablehnen, scheint aber eine “Wiederbelebung” des Zoroastrismus als Staatsreligion eher in Frage zu kommen als eine Ausbreitung bzw Annahme der Baha’i-Religion. Mehr Akzeptanz sowie Gleichberechtigung für Baha’i ist aber sehr wohl ein Thema37, und eine Beendigung oder zumindest Reform der Mullah-Herrschaft war immer eines unter Iranern, seit es diese gibt. Sogar Ajatollah Hossein-Ali Montaseri ist vor seinem Tod 09 für Rechte der Baha’i im Iran eingetreten.

Es gibt etwa 6 Millionen Baha’i weltweit, die Religion dürfte global die zehnt-grösste sein. Wie bei allen Religions-Statistiken sind hier auch jene gezählt, die nicht (mehr) aktiv sind. Baha’i sind in allen Ländern in der Minderheit, weit davon entfernt, irgendwo Staatsreligion oder Religion Nr. 1 zu sein. In westlichen Ländern sind überall viele Exil-Iraner darunter, überall machen Konvertiten bzw Baha’i in erster Generation einen grossen Anteil aus.38 Die Länder mit den meisten Baha’i in absoluten Zahlen sind Indien (etwas unter 2 Millionen), dann die USA, Kenia, Vietnam, DR Congo, Philippinen, Iran (250 000), Sambia, Südafrika, Bolivien. Den höchsten Anteil an der Bevölkerung haben sie in den Pazifik-Staaten Nauru (9.22%), Tonga, Kiribati,… aus; in Bolivien machen sie etwas über 3% aus, in Belize etwas darunter. Die zweitgrösste Religionsgemeinschaft sind sie in Iran, Panama, Belize. Azalis dürfte es heute maximal einige Tausend geben, in Iran, Usbekistan, westlichen Ländern,… Die Konkurrenz bzw Feindschaft zu den Baha’i ist aktuell, wie man an IT-Publikationen sieht. Chef der Remey-Abspaltung von den Baha’i (dieser starb ’74) ist seit ’91 der Franzose J. Soghomonian.

Materialien

Dominic Parviz Brookshaw, Seena B. Fazel: The Baha’is of Iran. Socio-Historical Studies (2007). Mit Beiträgen von Mehrdad Amanat, Moojan Momen, Kavian Milani, Eliz Sanasarian, Mohamad Tavakoli-Targhi (“Anti-Bahaism and Islamism in Iran,”), Houchang Esfandiar Chehabi, Reza Afshari,…

Alessandro Bausani, Juan Cole: Religion in Iran: From Zoroaster to Baha’u’llah (2000)

Bahram Chubineh: Dr. Mohammed Mossadegh & Bahaian (2009)

Janet Afary: The Iranian Constitutional Revolution, 1906– 1911: Grossroots Democracy, and the Origins of Feminism (1996). Auch über die Mitwirkung von Azalis an der Konstitutionellen Revolution

Mehrdad Amanat: Jewish Identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and the Baha’i Faith (2011). Amanat geht der Frage auf den Grund, warum persische Juden zu den Baha’i übertraten, obwohl diese harscher verfolgt wurden

Druzelle Cederquist: The Story of Baha’u’llah: Promised One of All Religions (2005)

Edward G. Browne: Materials for the Study of the Babi Religion (1918)

Moojan Momen (Hg.)39: From Iran East and West (Studies in Babi and Bahai History 2) (1984). Mitarbeit von Juan Cole

Robert H. Stockman: The Baha’i Faith: A Guide For The Perplexed (2012)

Hasan Balyuzi: Studies in Babi and Baha’i History, Vol. 1. (1982)

Hermann A. Römer: Die Bābī-Behā’ī. Eine Studie zur Religionsgeschichte des Islams (1911, Dissertation Universität Tübingen)

Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá’í Faith (1999)

Mina Yazdani: The Islamic Revolution’s Internal Other: The Case of Ayatollah Khomeini and the Baha’is of Iran. In: Journal of Religious History, Vol. 36, No. 4, December 2012

Juan Coles Webseite über die Baha’i

Website von Moslems, die sich für Baha’i einsetzen

Baha’i in fiction (Wikipedia)

Etwas vom Azali-Standpunkt

Auf bahaiblog.net über Frauen bei den Baha’i, hauptsächlich über die Babi-Anhängerin Fatimeh Baraghani

https://bahai-library.com

Suheil Bushrui: An Evening with Suheil Bushrui: recitations & commentary on notable prayers by Baha’u’llah (Audio CD)

Reza Allamehzadeh: Iranian Taboo (2011/2012). Dokumentationsfilm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Und in der Zeit der inner-islamischen Zuspitzung zwischen Sunniten und Schiiten
  2. Dieser Titel weist darauf hin, dass er ein Nachkomme des Propheten Mohammed gewesen sei
  3. Das Haus des “Bab” in Schiras wurde später zerstört und dort eine Moschee gebaut
  4. Anscheinend erklärte er sich später auch zum Mahdi selbst
  5. Manchmal “Ghulat” (Übertreiber, bzw freier übersetzt, Extremisten) genannt
  6. Es gibt auch einige aus dem sunnitischem Islam entstandene Religionsruppen wie Yaziden oder Ahmadiyya
  7. Der Tag wird heute von Baha’i als Ridvan/Rezvan-Fest gefeiert
  8. Das wahrscheinlich einzige Foto, das von Baha’ullah existiert, stammt auch aus der Zeit in Edirne
  9. Ammochostos/Magusa
  10. Bis 1960; Palästina wurde etwas später britisch, blieb es kürzer
  11. Ein früherer Baha’i, der sich nun als “sakularen Humanisten” sieht und ein Pro-Israel-Kampaigner (schreibt auch für’s Gatestone Institute) sowie “Islamkritiker” ist
  12. Die Zitadelle geht auf die Johanniter in Kreuzfahrerzeiten zurück, wurde von den Osmanen ausgebaut, zeitweise als Kaserne genutzt, dann als Gefängnis, für politische “Verbrecher” aus allen Teilen des Reichs
  13. Papst Pius IX., die britische Königin Victoria I., den osmanischen Sultan Abdulaziz I., den russischen Zaren Alexander II., den preussischen König Wilhelm I., den USA-Präsidenten, den persischen Schah Nasr ad Din, den französischen Kaiser Napoleon III.
  14. Es heisst, er hat das Manuskript eines Mirzâ aus Kashan erhalten, das einen Bericht über die frühe Geschichte der Babis darstellt und heute in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird
  15. Diese Bewegung hatte auch ursprünglich etwas progressives, hat aber letztendlich zu einem intoleranten Nationalismus geführt und zum Völkermord an den Armeniern
  16. Er war 1920 von den Briten zum Ritter geschlagen worden, wahrscheinlich für seine Bemühungen während des 1. WK, eine Hungersnot zu vermeiden. Zu seinem Begräbnis am Kurmul kam auch Gouverneur Samuel
  17. Christopher de Bellaigue in “Rosengarten der Märtyrer”: Eine (im Iran nicht vollzogene) eindeutige Kolonisation brachte wenigstens Eisenbahn, Abwasserkanäle und eine eindeutige Unabhängigkeit
  18. Ähnlich war es bei Arnold J. Toynbee
  19. In Turkmenistan konstituierten sich die Baha’i nach der Unabhängigkeit 1991 neu; sie sind aber nicht staatlich anerkannt, da ein Gesetz aus 1995 dafür verlangt, mindestens 500 erwachsene Anghörige pro örtlicher Niederlassung zu haben
  20. Wahlrecht haben anscheinend nur Männer
  21. Organisiert in der “New History Society” und der “Caravan of East and West”
  22. Es bedeutete sicher nicht nur Negatives!
  23. Der hauptsächlich gegen die eigene Bevölkerung, gegen Iraner, vorging!
  24. Howeida war demnach ein “Baha’i-Zadeh”, jemand mit Baha’i-Hintergrund, ohne selber einer zu sein
  25. Das Symbol der Religion ist auch ein 9-zackiger Stern
  26. Bitte um Korrektur, wenn das nicht stimmt
  27. Geistliche gibt es wie erwähnt keine in dieser Religion
  28. Oder 9, möglicherweise wurde Davudi ersetzt
  29. Etwa 1983 die 18-jährige Mona Mahmudnizhad
  30. US-Politiker Dana Rohrabacher hat ja zB angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinwegzuschauen, aufgrund der “nationalen Interessen der USA”; in Deutschland hat dies Missfelder getan – Andere sagen es nicht so offen, fahren aber diese Politik
  31. Hier gibt es auch Söhne, die ihre Väter verloren haben
  32. „Es gab zur Zeit der Verhöre nach der Gefangennahme keine physische Folter. Aber wir wurden damals in Einzelhaft gehalten, was eine Form von psychischer Folter ist. Auch waren in dieser Zeit keine Besuche erlaubt. Erst 2 Monate nach der Verhaftung durfte ich meine Familie anrufen“
  33. Auch wenn de.wikipedia im Artikel über die “Demographie Israels” dazu angibt, dass sich „14 000 Baha’i” in Israel aufhalten würden… Aber dieser Artikel führt die in Israel/Palästina lebenden Armenier auch im Rahmen von Einwandereren aus der SU an, macht die Aufsplitterung der Palästinenser in kleinere (kontrollierbarere) Gruppen mit, schlüsselt in „ethnisch-religiöse Gruppen“ auf, hebt zB die Ahmadiyya unter den Palästinensern hervor (denen es dort so gut ginge), und behandelt nur das Gebiet, das bereits vor 1967 “Israel” darstellte (wenn es um die Demografie geht, sind “Judäa” und “Samaria” plötzlich nicht mehr Teile Israels)
  34. Ebenfalls im “Derstandard”-Forum gesehen
  35. Kurden unterstützen oder doch lieber (weiter) Kemalisten? Armenier oder Aserbeidschan oder..?
  36. Anders als der Buddhismus in Indien oder das Christentum in Palästina, die dort längst weitgehend verdrängt sind
  37. Siehe zB http://iranpresswatch.org/post/998/we-are-ashamed/ , http://www.iranian.com/main/2009/feb/more-signatures-defense-bahais
  38. Von adherents.com: “As is typical with a religious group made up primarily of converts, Baha’is who drift from active participation in the movement are less likely to retain nominal identification with the religion — because it was not the religion of their parents or the majority religion of the surrounding culture. On the other hand, there are no countries in which people are automatically assigned to the Baha’i Faith at birth (as is the case with Islam, Christianity, Shinto, Buddhism, and other faiths), so their numbers aren’t inflated with people who have never willingly participated in or been influenced by the religion while adults.”
  39. Wie Hasan Balyuzi, Peter Smith, Robert Stockman gehört Momen der Baha’i-Religion in offizieller bzw führender Funktion an

Eine Annäherung an den Charakter Kasachstans

Kasachstan, der neunt-grösste Staat der Welt, das grösste Binnenland, liegt zu einem kleinen Teil in Europa (bzw westlich des Uralgebirges), ist auch stark von Russland geprägt worden. Seinen (ursprünglichen) asiatischen Charakter gewinnt es seit der Unabhängigkeit allmählich wieder zurück, scheint es. Die Region, Zentralasien, war immer wieder Schnittpunkt der Kulturen, Vermischungs- und Durchzugsgebiet, umfasst eigentlich mehrere historisch-geographisch-kulturelle Räume. Die Ex-SU-Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan sind jedenfalls dazu zu zählen, dazu Afghanistan und eigentlich auch Iran sowie die Mongolei, ausserdem Teile von Russland und China. Iranische und türkische Völker sind die wichtigsten Ethnien, es gab Phasen der Oberherrschaft über grosse Teile Zentralasiens durch Perser, Griechen, Türken, Mongolen, Russen,…

Kasachstan ist ein Tiefland (Waldsteppe, Steppe, Wüste), Gebirge gibt es am südlichen und östlichen Rand. Es hat Anteil am Altai-Gebirge, dem Aral-See, dem Kaspischen Meer, den Flüssen Ural, Jaxartes/Syr Dariya (und Ausläufer), Irtysch. Wann die Vorgeschichte einer Nation beginnt und wann ihre “eigentliche” Geschichte, das ist oft so eine Frage… Die Nationswerdung der Kasachen wird mit dem späten Mittelalter bzw der frühen Neuzeit angesetzt. Das nördliche Kasachstan war Zentrum der Botai-Kultur (ca. 4000 vC), der die früheste Domestizierung von Pferden gelungen sein soll. Das spätere Kasachstan (sein östlicher Teil) ist Teil der Urheimat der Türken, von Turan/ Turkestan1; der Jaxartes/Syr Dariya bildete die historische Grenze von Gross-Persien zum türkischen Zentralasien. Eine der ersten türkischen Staatsgründungen (eher ein Verbund von Nomadenstämmen), das Reich der Gök-Türken, erstreckte sich zum Teil in später kasachisches Gebiet hinein. Dieses war in den nächsten Jahrhunderten Teile verschiedener Reiche, (Ein-) Wanderungsgebiet bzw Durchzugsgebiet verschiedener Völkerschaften, die im Mittelalter im riesigen Gebiet von Sibirien zum Schwarzen Meer “umherzogen”.

Hunnen und Skythen bewohnten in der späteren Antike das Gebiet. Zum Reich der Samaniden in Zentralasien gehörten auch Teile des späteren Kasachstans, ebenso zu jenem der Khasaren. Im 9. Jh bildeten die (türkische, später islamisierte) Karluken-Föderation den Karachaniden-Staat, der sich ab dem 11. Jh mit den südlich angrenzenden Seldschuken bekämpfte. Die Karachaniden wurden im 12. Jh von den mongolischen Kara-Khitan/ Karakitai besiegt. Der östliche Teil des heutigen Kasachstans wurde vom 9. bis zum 11. Jh von den türkischen Kiptschaken kontrolliert, der westliche von den oghusischen Türken. Im 12. und 13. Jh verbanden sich die Kumanen mit den Kiptschaken. Teile des südlichen Kasachstans gehörten im Hoch-/Spät-Mittelalter zum Choresm-Reich, in dem sich iranische und türkische Kultur verbanden. Dass die Kategorien des modernen Nationalismus für diese Zeit nicht greifen, zeigt sich auch bei der Unmöglichkeit, den im heutigen Kasachstan lebenden Sufi Ahmed Jesewi (12. Jh) diesbezüglich einzuteilen.

Die Religion der Vorfahren der Kasachen vor den diversen Islamisierungs-Schritte war äusserst vielfältig. Diesen Vorfahren waren hauptsächliche diverse Turkvölker (Karluken, Kiptschaken, Khasaren,…), daneben mongolische Volksteile (darunter die Keraiten) und die nicht leicht einzuordnenden Hunnen; auch Sarmaten und andere Iraner gingen in ihnen auf. Es sind Schamanismus, Buddhismus, Christentum, Judentum, Zoroastrismus, Manichäismus sowie Mischformen davon zu nennen! Tengrismus war die ursprüngliche Religion der türkischen und mongolischen und Völker Zentralasiens, eine Version des Schamanismus. Der Buddhismus breitete sich im Mittelalter nach Gandhara, Kaschgar und andere Gebiete Zentralasiens aus.

Das nestorianische Christentum breitete sich aus Persien über die Seidenstrasse2 auch nach Zentralasien und das westliche Ostasien aus, hauptsächlich nach Kashgar. Die Keraiten wurden etwa im 11. Jh dazu konvertiert. Ein schamanistischer Buddhismus (eine synkretistische Religionsform also) war wahrscheinlich auch noch nach Abschluss der Ethnogenese der Kasachen in der frühen Neuzeit lebendig. Im 8. und 9. Jh stiessen die Araber ins südliche (ursprünglich persische) Zentralasien vor, brachten ihre Religion (Islam) dorthin, die sich allmählich auch nördlich ausbreitete – die ersten Schritte der Islamisierung Zentralasiens. Die Kiptschaken und Karluken wurden im Grossen erst infolge der mongolischen Invasionen islamisiert; beide Völker hingen dem Schamanismus an, wurden teilweise Christen – Islamisierungen in frühen Jahrhunderten geschahen nur in Nähe moslemischer Zentren.

Im 13. Jh überfielen die Reiterhorden des Dschingis (Cengiz) Khan auch diesen Teil Zentralasiens, besiegten u.a. die Karakitai. Das Gebiet fiel dann zum Teil- bzw Nachfolgereich der Goldenen Horde, das sich von Osteuropa bis Zentralasien erstreckte; der südliche Teil des späteren Kasachstans gehörte zum Tschagatai-Khanat. Timur Leng (Tamerlan) stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, war ein turkisierter Mongole, unterwarf Ende des 14. Jh das südöstliche Zentralasien. Unter den mongolischen Herrschern erfuhr die Region ihre dritte Islamisierung, nach jenen der Araber und der Perser. Auch der Niedergang des Nestorianismus in Zentral und Ost-Asien war durch die Mongolen-Stürme des späten Mittelalters bedingt, besonders den zweiten. Der Grossteil des für diesen Artikel relevanten Gebiets blieb beim Reich der Goldenen Horde (mongolisch Altan Ord), bis zu dessen Auseinanderfall Ende des 15., Anfang des 16. Jh.

Auch im Reich der Goldenen Horde spielte der Buddhismus eine Rolle, bis 1313  Uzbeg (Öz-Beg) neuer Herrscher wurde und den Islam zur Staatsreligion machte, Buddhismus und Schamanismus zurückdrängte. Die vierte “Welle” der Islamisierung. Zu den Verwaltungseinheiten in die das Reich im 15. Jh geteilt wurde, gehörte auch das Kasachische Khanat (oder Kasachische Horde), eine Stammesföderation von (Proto-) Kasachen und Kirgisen. Es entstand um 1465, durch den Dschingisiden Janybek Khan (also einen Mongolen, keinen Kasachen), in Rebellion gegen das Usbekische Khanat, zu dem das Gebiet zuvor gehört hatte. 2015 hat man in Kasachstan 550 Jahre Staatlichkeit gefeiert mit Bezug auf die Schaffung des Khanats (kasachisch Qazaq Handyg’y bzw Қазақ Хандығы) – das aber erst im Laufe der Jahrzehnte unabhängig wurde, durch die Auflösung der Goldenen Horde (Anfang 16. Jh), und somit einer von dessen Nachfolgestaaten.

Janybeks Sohn Kasim Khan3 war Führer des Khanats Anfang des 16. Jh, vereinigte kasachische Stämme (etwa die Kumanen im Westen des Landes). Die Kasachen als eigene Nation entstanden an dieser Wende von Mittelalter zu Neuzeit, parallel zur politischen Eigenständigkeit entstand auch die kasachische Sprache, eine kulturelle Identität, un kam die Nationsbezeichnung auf (dazu unten noch mehr). Dem ging, wie erwähnt, ein Prozess der Vermischung von hauptsächlich türkischen Stämmen voraus. Die mongolische Oberschicht begann, in der kasachisch-türkischen Bevölkerung aufzugehen, oder wurde in den Osten “abgedrängt”. Grundkonstante de kasachischen Lebens blieb das Nomaden-Leben in der Steppe.

Das usbekische Scheibaniden-Reich zerfiel im 16. Jh in die Khanate Buchara und Khiwa.4 Das Kasachische Khanat legte sich mit dem Buchara-Khanat an, eroberte es teilweise, unternahm aber auch Kriegszüge nach Persien, Russland5, China, verschleppte dabei auch Menschen, die Sklaven wurden. Im 17. Jh zerfiel das Kasachen-Khanat in drei Stammesföderationen/Jüz (Grosse, Mittlere, Kleine Horde). Im selben Jahrhundert spalteten sich die Kirgisen ab. Das (usbekische) Khiwa-Khanat eroberte zu dieser Zeit der inneren Schwäche der Kasachen die Mangyshlak-Halbinsel am Kaspischen Meer.

Der Name “Kasach” (bzw “Qazaq”) kommt von einem türkischen Wort, das so viel wie “Wanderer” bedeutet, es bezieht sich auf die Nomadenkultur dieses Volkes. Das Wort “Kosacke” ist selben Ursprungs. Im 17. Jh gab es in Russland Bemühungen zur Unterscheidung der ursprünglich entlaufenen slawischen Leibeigenen und desertierten Tataren (Казак) von dem zentralasiatischen Turkvolk (Казах), so wurde der End-Buchstabe ein unterschiedlicher (Kosak/Kasak bzw Kasakh/Kasach). Und im 17. Jh begann auch die lange Geschichte der Kasachen mit den Russen. Der Zarenhof entwickelte damals hatte Interesse an der Region, im Zuge der Reichs-Expansion, es dauerte aber bis ins 19. Jh, dass diese Unterwerfung vollzogen war.

Den Russen kam zu Nutze, dass das kasachische Khanat bzw seine Teilvölker im 17. und 18. Jh vom Osten her angeriffen wurde(n), aus der Dsungarei (heute ein Teil von Sinkiang), von mongolischen Völkern wie den Oiraten und den Kalmüken. Die drei Horden der Kasachen unterstellten sich dagegen nacheinander 1731 bis 1742 russischem Schutz gegen die mongolischen Angriffe. Unter Abul Khair Khan schüttelten die Kasachen bis in die 1750er die Bedrohung ab.6 Manche setzten das Ende des Kasachischen Khanats durch die Russen mit 1731 an, nicht im 19. Jh. Die Russen begannen jedenfalls im 18. Jh damit, Festungen/Garnisonen in kasachischem Gebiet zu errichten, die dann zum Teil zu Städten wuchsen. So entstand als erster Aussenposten 1735 Orsk. Es begann auch, die Kasachen kulturell und wirtschaftlich zu beeinflussen.

Das Buchara-Emirat und das Kokand-Khanat nahmen in dieser Phase Besitz von kasachischem Gebiet, bevor sie selbst von Truppen des Russischen Reichs unterworfen wurden. Kasachen wiederum nahmen den Aufstand der Don-Kosaken unter Jemelian Pugachov im späten 18. Jh zum Anlass, Raubzüge in russisches Gebiet zu unternehmen. Anfang bis Mitte des 19. Jh unterwarfen die Russen das gesamte kasachische Gebiet (hauptsächlich unter Zar Nikolai I.); einige (Nomaden-)Stämme behielten eine Art Unabhängigkeit. Kenesary Khan (Kassimov), der letzte Khan, wurde abgesetzt, leitete einen Widerstand gegen die Unterwerfung. Das Kasachen-Khanat war der letzte Nachfolge-Staat des Khanats der Goldenen Horde, der von Russland unterworfen wurde. Die Gebiete nördlich und östlich davon (heute Teile Russlands) wurden früher erobert, waren grossteils von Tataren bewohnt. Nach dem nördlichen Zentralasien kam das südliche an die Reihe, die Unterwerfung der Staaten Kokand, Buchara, Chiwa, die bis ins späte 19. Jh ging und mit der Eroberung von Merw vor den Toren Persiens ihren (vorläufigen) Abschluss fand. Von Indien rückten zur selben Zeit die Briten nach Zentralasien vor, wurden Gegner der Russen im “Grossen Spiel” dieser europäischen Mächte um diese Weltregion.

Das russisch gewordene Zentralasien wurde Russisch-Turkestan genannt, das kasachische Gebiet ein Teil davon. 1868 wurde das Generalgouvernement Turkestan (russisch Туркестанское генерал-губернаторство, Turkestanskoje general-gubernatorstwo bzw. Туркестанский Край, Turkestanski Kraj) errichtet, mit der Hauptstadt Taschkent. Das Generalgouvernement der Steppe (Степное генерал-губернаторство, Stepnoje General-Gubernatorstwo) wurde 1882 aus Teilen des Generalgouvernements Turkestan und des dabei aufgelösten Generalgouvernements Westsibirien gebildet, es existierte bis 1917. Kasachstan gehörte grossteils zum General-Gouvernement Steppe, machte dieses hauptsächlich aus7, während “Turkestan” das südlichere Zentralasien war. Zu den russischen Garnisonen in diesen Gebieten kamen wirtschaftliche Ausbeutung (Bodenschätze, Baumwollanbau,…) sowie Ansiedlung von Russen. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kamen an die 500 000 Menschen aus “alt-russischen” Gebieten ins heutige Kasachstan, auch Ukrainer, Juden, Deutsche und Andere, ermutigt und geleitet von einem eigenen Migrationsbüro in St. Petersburg. Semirechye/ Zhetysu (heutiges Südost-Kasachstan) bildete einen Schwerpunkt dieser Ansiedlung, daneben der Nordwesten Kasachstans. 1906 wurde die Trans-Aral-Eisenbahn von Orenburg nach Taschkent fertiggestellt.

Kasachen wanderten in dieser Zeit ins chinesische Sinkiang aus. Es entfachte sich eine Konkurrenz zwischen den Neu-Siedlern und den Alt-Eingesessenen um gutes Land und Wasser. In Kasachstan gibt es wegen der Trockenheit relativ wenig Acker- und Weideland, dieses liegt v.a. im Norden des Landes. Der grösstenteils nomadische Lebensstil der Kasachen wurde unter russischer Herrschaft gestört, und es kam noch in den letzten Jahren des zaristischen Russischen Reichs Unmut und Widerstand dagegen auf. Eine kasachische Nationalbewegung formierte sich Ende des 19. Jh vor diesem Hintergrund, beinhaltete die Erhaltung der Sprache und, soweit möglich, des Lebensstils – gegen russische Assimilationsversuche. Kasachisch wurde erst im 19. Jh zu einer Schriftsprache, im arabischen Alphabet. Abai Qunanbaiuly (1845-1904) schrieb seine Werke in diesem Kasachisch, sah aber russische und andere europäische Kulturen als Bereicherung. Sein Name wird/wurde manchmal russifiziert (etwas das in Sowjet-Zeiten zur Regel wurde) zu “Kunanbayev”.

Zu der Zeit als Zentralasien mit seinen zT türkischen Völkern russisch wurde (zuvor schon der Kaukasus), geriet das Osmanische Reich in eine tiefe (und finale) Krise, mit Russland als jener Macht, die auf grössere Stücke dieses Reichs bei seinem endgültigem Auseinanderfall hoffte, bzw darauf hinarbeitete. Was im Osmanischen Reich in dieser Situation an Ideologien aufkam, war auch für Zentralasien relevant, sowohl der Islamismus als auch der Türkismus/Turanismus zielten auch auf Turkvölker ausserhalb des Sultanats ab. Das Jungtürken-Komitee, das 1908 schliesslich die Macht in Istanbul/Konstantinopel errang, verfolgte zwar einen extremen Nationalismus, aber einen der sich auf das bestehende Reich konzentrierte und keinen Pan-Turanismus. Dafür kam Ende des 19. Jh unter den moslemischen Völkern des Russischen Reichs (hauptsächlich den Tataren) eine islamische Reformbewegung auf, der Djadidismus, der hauptsächlich auf eine Verwestlichung bzw Modernisierung dieser moslemischen Kulturen abzielte.

In Zentralasien fand der Djadidismus (deren Proponenten auch Taraqqiparvarlar genannt wurden) hauptsächlich in den usbekischen Gebieten Anklang – die an sich stärker islamisch geprägt waren als die kasachischen oder kirgisischen.8 Kurz vor dem Ende des Zarenreichs, 1916, kam in Kasachstan (also dem Generalgouvernement Steppe) noch ein grosser Aufstand gegen die Fremdherrschaft, mit Angriffen auf russische Militäreinrichtungen und Siedler und harten Gegenmaßnahmen. Paradoxerweise kämpften beide Seiten, russische Soldaten und Kasachen, nach der bolschewistischen Machtergreifung in Petersburg im November 1917, gegen die Ausdehnung der kommunistischen Macht in diesen Teil Russlands, bis etwa 1919. Dies kann als Teil des Russischen Bürgerkriegs gesehen werden, der in manchen Teilen des Landes mit anderen Konflikten verbunden war.

Im Gebiet der Kasachen bildete sich Alasch Orda, eine Organisation von Stammesführern und bürgerlichen Nationalisten, die 1917 vor Hintergrund des Bürgerkriegs die Autonomie Kasachstans proklamierte, in Allianz mit der antikommunistischen Weissen Armee. Es blieben dort also weitgehend die bisherigen Kräfte an der Macht, das war als Gouverneur Vasile Balabanov, ein Russe. Hauptstadt des kasachischen Autonomiegebiets innerhalb des im Umbruch befindlichen Russlands (russisch Alashskaya avtonomiya) war Semey/Alash-qala. Premierminister war ein Kasache, Alikhan Nurmukhameduly Bukeikhanov. Alasch Orda verfolgte als mittelfristige politische Ziele die Gleichheit von Kasachen und Russen in dem Gebiet und eine Anlehnung der kasachischen an die westliche Kultur. Zu der Zeit breitete sich in Zentralasien ausserdem der Basmatschi-Aufstand gegen Russland aus (1916-32). 1920 gelang es der Roten Armee, die Alasch-Autonomie zu beenden. 1918 war bereits die Turkestanische ASSR aus Russisch Turkestan gebildet worden, als Teil der Russischen SFSR. 1920 wurde die Kirgisische ASSR aus dem Generalgouvernement Steppe (das betraf Kasachstan) gebildet.

Der Basmatschi-Aufstand9 spielte sich zT auch im Russischen Bürgerkrieg ab. Die russischen Bolschewiken schickten 1921 entmachteten osmanischen Jungtürken-Führer Enver Pascha nach “Turkestan”, um die dortige Basmatschen-Bewegung unter Ibrahim Beg nieder zu werfen, der tat aber das Gegenteil. Der Aufstand spielte sich hauptsächlich im Gebiet der Turkestanischen ASSR (S-Zentralasien) und nicht in Kirgisischen ASSR (N-Zentralasien, u.a. Kasachstan) ab. Man kann darüber diskutieren, ob die Bewegung auf eine nationale Befreiung abzielte, gegen Fremdherrschaft, oder einen falschen Nationalismus bzw religiösen Fundamentalismus (Pan-Türkismus bzw Islamismus) etablieren wollte. Im Emirat Buchara und Khanat Khiwa wurden 1917 von den Bolschewiken die traditionellen Herrscher abgesetzt. Diese beiden Gebiete waren anders als das Khanat Kokand nicht in Russisch-Turkestan aufgegangen. In Kokand formierte sich 1917/18 eine autonome Regierung für das südliche Zentralasien, dieser Aufstand wurde im Februar 1918 von der Roten Armee brutal niedergeschlagen.10  Dies stärkte den dortigen Zulauf für die “Basmatschis”. Endgültig zerschllgen wurde diese Bewegung von der Roten Armee 1934.

Zu diesem Zeitpunkt gab es längst eine Sowjetunion (seit 1922, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), und auch eine Türkei (seit 1923), die sich ganz am Westen orientierte. Die Turkestanische ASSR wurde 1924 geteilt, in zwei Sowjetrepubliken, die Turkmenische SSR und die Usbekische SSR. Die Volksrepubliken Buchara und Khoresm wurden in die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik integriert. Die ethnischen Iraner bzw Tadschiken in Zentralasien bekamen eine Tadschikische ASSR innerhalb der Usbekischen SSR. 1929 wurde diese ASSR eine vollwertige Sowjetrepublik; diese Teilung liess die alten persischen Zentren, Buchara und Samarkand, grossteils von Tadschiken bewohnt, bei der Usbekischen SSR. Der Tadschikischen SSR blieb nicht viel. Stalins innersowjetische Grenzziehungen zerschnitten zT absichtlich Nationalitätengrenzen, auch im Fall Armenien (Teile an Aserbeidschan und Georgien); im Fall der Kasachen war das nicht der Fall. Jener Teil vom südlichen Kasachstan, der 1920 zur Turkestanischen ASSR kam, kam später zur Kirgisischen ASSR.

Aus dieser wurde 1925 die Kasachische ASSR, also weiter ein Teil der Russischen Sowjetrepublik, man trug aber dem Umstand Rechnung, dass die Kasachen ein viel grösseres und anderes Volk waren/sind als die mit ihnen verwandten Kirgisen. Das eigentliche Kirgisen-Gebiet existierte von 1929 bis 1936 als Kara-Kirgisisches Autonomes Oblast innerhalb der Russischen SFSR. 1936 wurde eine Kasachische SSR geschaffen, von einer ASSR innerhalb Russlands zu einer eigenen Sowjet-Republik aufgewertet. Das Kara-Kirgisische Oblast wurde ebenfalls eine SR in diesem Jahr. 1936 war die innere Aufteilung der SU weitgehendst abgeschlossen. In Zentralasien gab es also bis zum Ende dieses Staates 1991 fünf Teilrepubliken, Kasachstan war bei weitem die grösste. Es war (bis zum Ende der SU) die zweitgrösste Republik hinter der Russischen, aber dünn besiedelt.11 1936 wurde auch eine eigene Kommunistische Partei von Kasachstan gegründet (die natürlich Teil der KPSS bzw KPdSU war), nun da das Gebiet nicht mehr Teil Russlands war.12

Teilweise gingen Führer traditioneller Bewegungen zu den “Siegern” über, wie der ehemalige Alasch-Orda-Führer Bukeikhanov, der sich der Kommunistischen Partei (RKP-B, dann WKP-B, dann KPSS) anschloss und wissenschaftlich aktiv wurde. Das bewahrte ihn aber nicht davor, später verhaftet zu werden und 1937, zur Zeit der stalinistischen “Säuberungen”, in Moskau getötet zu werden, im Rahmen von Massenexekutionen einheimischer Eliten in bzw aus Zentralasien. An die Spitze der sowjetischen Institutionen (Republik, Partei, KGB,…) in den Teilrepubliken der SU kamen meist Russen (Ukrainer und Weissrussen auch noch manchmal). Das gilt insbesondere für Zentralasien und die frühen Jahrzehnte der SU. Man bemühte sich um die Rekrutierung von Einheimischen für die sowjetische Verwaltung in den Teil-Republiken (Korenizatsiya). Nach dem 2. WK wurden moslemische, einheimische Kommunisten in Führungspositionen in den zentralasiatischen Republiken häufiger, hatten dann oft lange Amtszeiten.

In Osteuropa, Kaukasus, Baltikum geschah dies leichter, häufiger, früher. Regierung, Partei, Sowjet, KGB und andere Institutionen in den zentralasiatischen Republiken waren aber weiter stark von Russen dominiert (die von Aussen bestellt/geschickt wurden).13 Die KGB-Chefs in diesen Republiken waren weitgehend bis zum Ende Russen… Im Zarenreich konnten Zentralasiaten nicht Soldaten werden, in der SU mussten sie es, mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. In der Roten Armee waren höhere Offiziere fast alles Russen, oder andere Ostslawen. Das Abdienen der Wehrpflicht geschah meist weit weg von der Heimat, v.a. bei Nicht-Russen, was im Fall von Unruhen (ihrer Niederschlagung) wichtig war.14 Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Russen in der SU auch unterjocht wurden. Stalin selbst hatte sich von seinen georgischen Wurzeln gelöst.

Die Sowjetunion übernahm weitgehend die Grenzen des Russischen Reichs bzw dessen Ausdehnung, die das Resultat von jahrhundertelanger Expansion (und Unterwerfung) war. Widerstand gegen die Bevormundung durch Russland kam im 19. Jh in verschiedenen Ecken des Reichs auf, im Zuge der allgemeinen europäischen Nationswerdungsprozesse, auch in nicht-europäischen Teilen. In Russland blickten auch (oder gerade) die Progressiven auf die Landwirtschaft, auf die Kohle und die Metalle in der Ukraine, das Erdöl in Aserbeidschan und die Baumwolle in Zentralasien. Liberale Russen15, wie Peter Struve, lehnten einerseits die unterdrückerische Politik des Zarenreichs gegenüber Nicht-Russen ab, konnten sich aber auch nicht mit Abspaltungen von deren Territorien von Russland anfreunden, nicht mit solchen von “entfernten” Völkern wie den Kasachen und eigentlich noch weniger mit jenen von verwandten Völkern wie den Ukrainern. Gerade für liberal-bürgerliche sowie linke Russen waren die (bis zum 1. WK) von Russland kontrollierten Völker in Europa wie Polen, Finnen oder Litauer eher ernst zu nehmen in ihren Ansprüchen als Kaukasier, Zentralasiaten oder Sibirier.16

Unter den Kontinuitäten vom Zarenreich in die SU war nicht zuletzt die russische Vorherrschaft über die anderen Völker; ausserdem Absolutismus und Grossmachtpolitik. Unter den Romanovs war Russland so gross geworden, ihr Imperialismus wurde unter den Kommunisten fortgesetzt. Der russische Chauvinismus gegenüber anderen Völkern war von den Kommunisten kritisiert worden, aber dann in mancher Hinsicht übertroffen worden! Russen machten etwas über 40% der Bevölkerung der SU aus, aber sie saßen an den meisten Schalthebeln der Macht über dieses Imperium. 1920 haben die Bolschewiken einen Völkerkongress in Baku veranstaltet, nach der Wiedereingliederung von Aserbeidschan, die Völker des Orients sollten mit dem Kommunismus gegen westliche Kolonialherrscher “vorgehen”. Zentralasien war das Armenhaus der SU, seine Völker in der Rassenhierarchie der SU ganz unten, noch unter den kaukasischen Völkern. Die russische Entwicklung war ausschlaggebend für die allgemeine der Sowjetunion. In der Sowjetunion war die russisch-nationale Historiographie auch die offizielle, etwa in Bezug auf Bessarabien. Russen haben aber “ihre” “Indianer” (“Naturvölker” in Sibirien, ebenso die zentralasiatischen und kaukasischen Völker) nicht dermaßen dezimiert, an den Rand der Ausrottung gebracht wie die Amerikaner bzw. Westeuropäer “ihre”. Es gab aber kaum ein kollektives Aufbäumen von Russen oder Nicht-Russen gegen die SU.

In den frühen Jahrzehnten der SU gab es auch in Kasachstan die Kollektivierung der Landwirtschaft, eine Umwandlung von Gross- zu Kleinbetrieben. Und auch dort hat diese Umstellung zu verheerenden Versorgungsengpässen geführt, zu einer Hungerkatastrophe mit vielen Todesopfern; ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung ist dabei ums Leben gekommen. Wie fast überall in Zentralasien wurde Baumwolle auch in der Kasachischen SSR das landwirtschaftliche Hauptprodukt, daneben Tabak. Bewässerungssysteme für die Felder wurden errichtet (s.u.). Die bis ins 20. Jh hinein weit verbreitete (bzw dominierende) nomadische Lebensweise wurde weitgehend “ausgerottet”, bzw die Nomaden-Stämme unterworfen. Aufgrund dieser Lebensweise waren in Kasachstan wenige Städte und Bauten entstanden.

Die meisten Städte entwickelten sich aus russischen Festungen des 19. Jh, oder noch später, wie Astana. Im Süden des Landes gibt es einige aus alten Handelszentren hervor gegangene Städte, wie Turkestan/Jesi, Dschambul, Tamgaly. Auch wurde in der Zwischenkriegszeit in Kasachstan eine Schwer-Industrie aufgebaut (v.a. Metallverarbeitung), so wie die SU als Ganzes überhaupt erst nach Revolutionen, 1. WK und Bürgerkrieg wirklich industrialisiert wurde. Bodenschätze auszubeuten gab/gibt es hauptsächlich in bzw um Karaganda/Qaraghandy (Eisen, Kohle,…). Dass die SU-Herrschaft das Leben bzw die Kultur (auch) in Kasachstan total veränderte (stärker als die vorangegangene Zarenherrschaft) zeigt sich auch dadurch, dass Kasachisch Ende der 1920er zunächst auf lateinische Schrift umgestellt wurde, die in den frühen 1940ern dann durch die kyrillische ersetzt wurde.

Im 2. WK kam die Wehrmacht ja nicht bis nach Zentralasien, wurde dieses nicht in den Krieg involviert. Aber: Es gab dort einige der grössten politischen Gefangenenlager (GULAGs).17. Und: Manche Volksgruppen wurden in dieser Zeit unter Stalin dorthin sowie nach Sibirien deportiert, meist wegen Kollaboration mit dem Feind oder angeblicher oder möglicher. Das betraf u.a. Wolga-Deutsche, Koreaner, Tschetschenen, Ukrainer, Mescheten, Polen, Tataren, Griechen, Kurden. Die meisten kamen aus dem Westen in den Osten, bei den Koreanern war es umgekehrt. Die ersten Koreaner kamen 1905 nach der japanischen Eroberung Koreas und Süd-Sachalins als Flüchtlinge nach Russland. Dann wurden ab 1937 Koreaner aus dem Grenzgebiet zu Korea nach Zentralasien umgesiedelt, auch nach Usbekistan. Was die Tschetschenen und Inguschen betrifft, diese haben mit ihren Sufi-Orden den Islam der Kasachen aufgefrischt, eine neue Islamisierung für dieses Land gebracht. Die Nachkommen der damals Deportierten bilden heute nationale Minderheiten im unabhängigen Kasachstan, auch wenn nicht wenige in post-sowjetischer Zeit ausgewandert sind.

Nahe der Stadt Semipalatinsk entstand nach dem Krieg ein Atom-Versuchsgelände, das wichtigste Entwicklungs- und Produktionsentrum für Atomwaffen in der Sowjetunion. Von 1949 bis 1991 fanden dort Atomtests statt. Bei Baikonur (Baiconur)18 wurde 1957 ein “Weltraum-Bahnhof” eröffnet; der erste künstliche Satellit, “Sputnik I”, wurde in diesem Jahr von dort abgeschossen. 1945-54 gab es in Kasachstan erstmals einen einheimischen Parteichef, Shayakhmetov. Dann kam ein Weissrusse, dann, 1955/56 Leonid Brejschnew (schrieb dort das Buch “Neuland”). Nach ihm 2 weitere Russen, 1960 erstmals der Kasache Dinmukhamed Kunajew, 62-64 der uigurische Kasache Jusupow. 1964 bis 1986 war wieder Kunajew KP-Chef in Kasachstan. 1985 wurde ja Michail Gorbatschow Chef (1. Sekretär) der Partei für die ganze SU (KPSS/KPdSU), leitete seine Politik der Perestroika (Umgestaltung) ein, wurde ’88 auch Staatschef. 1986 hat er den einheimischen kasachischer Parteichef Kunajev durch den Russen Kolbin ersetzt, was zu Protesten (v.a. der Hauptstadt Alma-Ata) führte, bei deren Niederschlagung Blut floss.

1989 wurde der Kasache Nursultan Nasarbajew, ein ehemaliger Stahlarbeiter, KP-Chef der Republik, von “Gorbi” als solcher eingesetzt. Er war 84-89 bereits Premier gewesen. Was die wirtschaftlichen und anderen Reformen Gorbatschows betraf, Boris Jelzin (der 90/91 Präsident bzw Parlamentspräsident Russlands wurde) gingen sie zu wenig weit und zu langsam, konservativen Hardlinern wie Jegor Ligachov viel zu weit und zu schnell. 1989 wurde die Unterstützung der kommunistischen Regierung Afghanistans beendet, zog sich die Rote Armee von dort zurück, wurde das letzte grosse aussenpolitische “Abenteuer” der SU beendet. 1989 durften das Unions-Parlament gewählt werden, 1990 die Parlamente der Teilrepubliken, kam es praktisch zu einem Ende des KPdSU-Machtmonopols, ausserdem mehr Selbstbestimmung der Republiken. Nursultan Nasarbajew wurde nach der Wahl 90 Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, was eine Art Parlamentspräsident war, gleichzeitig aber auch der Posten des obersten Repräsentanten der Republik. Die Kasachische SSR gab unter ihm im Oktober 1990 eine Souveränitäts-Erklärung ab, eine solche gab es aber de facto und de jure nicht.

Im Sommer ’91 der Putschversuch reaktionärer Kräfte in Russland, kurz bevor die Umwandlung der SU in einen Staatenbund durch den Unionsvertrag umgesetzt werden sollte. Gorbatschow, seit 1990 Präsident der SU, wurde in seiner Datscha am Schwarzen Meer festgehalten, während in Moskau die Panzer aufrollten. Nasarbajew war unter jenen SU-Politikern, die gegen den Putsch Stellung nahmen. Nach 3 Tagen der Zusammenbruch, Gorbi kehrte zurück nach Moskau. Der Putsch sollte einen stramm kommunistischen Kurs und zentrale Machtausübung in der SU zurück bringen, erreichte das Gegenteil. Es gab eine Machtverschiebung zu den Republiken, Russlands Präsident Jelzin wurde der neue starke Mann – auch weil der Westen nun auf ihn setzte. Der Kommunismus in der SU verlor die Macht und die SU fiel auseinander. Die baltischen Republiken setzten ihre Unabhängigkeit nun um, andere erklärten sie jetzt. Anfang Dezember 91 gründeten die Präsidenten von Russland, Ukraine, Weissrussland (Belarus) die “Gemeinschaft Unabhängiger Staaten” (GUS), als Nachfolge-Bund der SU (deren Auflösung sie dabei beschlossen). Dieser Vertrag von Beloweschskaja Puschtscha kam über Gorbatschow hinweg zu Stande, der hatte daran gearbeitet, die SU zu erhalten – was aber auch auf einen Staatenbund hinaus gelaufen wäre. Am 21. 12. 91 schlossen sich in Alma-Ata die anderen SU-Republiken, bis auf die baltischen, der GUS an; Georgien später.

Kasachstan proklamierte am 16. Dezember 1991 seine Unabhängigkeit; bereits am 10. 12. hatten die Regierenden Kasachstans den Staat von “Sozialistischer Sowjetrepublik” in “Republik” umbenannt. Nasarbajew wurde mit der Unabhängigkeit erster Präsident Kasachstans. Die endgültige Auflösung der SU erfolgte wenig später, am 25. und 26. Dezember 91, mit dem Rücktritt von Gorbatschow als Präsident und der Selbstauflösung des Obersten Sowjets. Dieser anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten, darunter Kasachstan. Das endgültige Ende des Kalten Kriegs. Die SU ist vom Zentrum her zerfallen, nicht an der Peripherie oder durch Auflehnung, von Russen oder Anderen. Die Auflösung der SU war im Gegensatz zu jener Jugoslawiens (die im selben Jahr begann) friedlich, aber es gab doch einige „Gebietskonflikte“ in der Ex-SU in Folge, keiner aber der Kasachstan betraf (bislang). Der Rückzug Russlands aus Zentralasien und Kaukasus mit dem Ende der SU kann auch als Stück Entkolonialisierung gesehen werden.

Das Ende der SU brachte keinen Elitenwechsel in den meisten Nachfolgestaaten! Neue Parteien, alte Eliten, oft autoritäre ex-kommunistische Herrscher, personalisierte Gesellschaftsbeziehungen, klientilistische Netzwerke. Staatspräsident Nursultan Nasarbajev ist seit 1989 in Kasachstan an der Macht. In vielen Ex-SU-Republiken wandelte sich die KP um, in Kasachstan blieb sie die Qazaqstan Kommunistik Partiyasi (Қазақстан Коммунистік партиясы, KKP) blieb bestehen. Nasarbajew gründete eine neue Partei, die ein quasi Monopol bekam, das war die Union der Volkseinheit Kasachstans (SNEK). Aus ihr und anderen den Präsidenten unterstützenden Parteien wurde 1999 OTAN (Republikanische Vaterlandspartei); 2006 wurde daraus und verbündeten Partein, darunter der von Nasarbajews Tochter Dariga geführten Asar (Tochter Dariga N.), die Partei Nur Otan, die nun die einzige legitime politische Kraft im Lande ist. Echte Opposition wird keine geduldet, nur einige harmlose “Blockparteien”, wie die Ak Schol. Auch die KKP wird gelegentlich dazugerechnet.

Mindestens drei “echte” Oppositionelle, Tujakbaj, Sarsenbajev und Nurkadilov, sind in den letzten Jahren ermordet worden, der Geheimdienst KNB wird dahinter vermutet. Altynbeg Sarsenbajew (Sa’rsenbai’uly) wurde 06 ermordet, er hat die Naghyz Ak Shol 05 von Ak Shol abgespalten. Daneben gibt es u.a. die AZAT (Bulat Abilov) und die in verschiedenen Gruppen organisierten Islamisten. Manipulierte Wahlen (Präsident, Parlament) bringen die gewünschten Mehrheiten; Nasarbajew hat sich zuletzt 2015 bestätigen lassen. In dem autoritären Regime gibt es keinen Föderalismus (für die 15 Provinzen). 1995 wurde eine Verfassung erlassen. Die Hauptstadt Alma Ata wurde 1992 in Almaty umbenannt. 1997/98 wurde Astana neue Hauptstadt; die Stadt hiess zunächst Akmoly, dann Akmolinsk, Zelinograd, Akmola, dann Astana, wurde in den letzten Jahren suksessive ausgebaut. Sie liegt mehr im Zentrum des Landes als Almaty (in der Südostecke).

Unter Alleinherrscher Nasarbajew gibt es Regierungen; unter den diversen Premierministern hat sich noch kein Kronprinz “heraus kristallisiert”. Nach dem Tod von Usbekistans Islam Karimov 2016 ist Nasarbajew der letzte Präsident im Post-SU-Raum, der vor der Auflösung der SU ins Amt gekommen ist. In Turkmenistan gab es durch den Tod Nijasov 06 einen Machtwechsel. In Kirgisien gab es 05 (Sturz Akajev) und 10 (Sturz Bakijev) Umstürze. In Tadschikistan gab es einen Bürgerkrieg zwischen den Machtzentren. Auch die Medien werden in Kasachstan gegängelt. “Demokratie in Kasachstan steht am Ende der Entwicklung, nicht am Anfang”, sagte Nasarbajew. Und “einstweilen” bestimmt er die Entwicklung. Auch die wirtschaftliche, die Umstellung ab 91 und die Folgen. Auch hier stützt er sich auf ein flächendeckendes Netz aus Günstlingen. Einer der führenden Oligarchen ist Askar Mamin, der verschiedene Funktionen in der staatsnahen Wirtschaft und in der Politik selbst hat(te), ausserdem Chef des kasachischen Eishockeyverbandes ist. Der Oligarch Rachat Alijew ist in Ungnade gefallen, obwohl er Schwiegersohn Nasarbajews war. Dies fiel mit seiner Abberufung als Botschafter in Österreich zusammen. Wegen verschiedener Vorwürfe kam er hier ins Gefängnis, wo er sich anscheinend umgebracht hat.19

Das Fundament der Wirtschaft sind die Erdöl und -gas – Vorkommen, wie das Öl-Feld “Kasachgan” im Kaspischen Meer. Dadurch ist das Land relativ wohlhabend. Je tiefer der Ölpreis aber fällt, desto schwerer lässt sich das System Nasarbajew aufrecht erhalten. Die Förderung und Verarbeitung ist heute zT in der Hand ausländischer Konzerne. Andere Bodenschätze sind (noch immer) Kohle und Metalle. Die Energiegewinnung geschieht auch hauptsächlich durch Thermische/kalorische Kraftwerke, die ja mit fossilen Brennstoffen arbeiten. Thema der Expo/Weltausstellung in Astana 2017 war auch “Energie der Zukunft”. Es gibt in dem Land viel Industrie, wenig Kulturhistorisches, daher auch wenig Tourismus. Der Westen schweigt zu dieser Diktatur, immerhin ist Kasachstan ein wichtiger Anbieter für Öl und Gas, eine Alternative zu Russland. Da das Land ausser fossilen Rohstoffen nur wenig eigene Ressourcen hat, ist es auch als Abnehmer von Importgütern interessant.

Der zu Kasachstan und Usbekistan gehörende Aral-See ist seit vielen Jahren der Austrocknung nahe, weil in der SU-Zeit seine Zuflüsse (u.a. der Fluss Syr-darja) auf Baumwoll- und Reisfelder umgeleitet wurden, und aus Feldern Dünger und Pestizide in den See. Der See ist bereits in mehrere getrennte Teile zerteilt, ist versalzen, Fische sterben (Kaviar-Gewinnung war dort einst wichtig). Nach 91 wurde diese Politik fortgesetzt, v.a. in Usbekistan. Um zumindest den kleinen (nördlichen) Aralsee zu erhalten, wurde in den 90ern und den 00ern auf kasachischer Seite ein Damm gebaut. Der Zustand des Aralsees kann als Teil eines grösseren Wasser-Problems in Zentralasien gesehen werden, das auch darin besteht, dass die “Oberlaufstaaten” von Amu-darja und Syr-darja, Tadschikistan und Kirgisistan, Staudämme an ihrem Anteil dieser Flüsse bauen (> Kraftwerke), Wasser fehlt dann Unterlaufstaaten zur landwirtschaftlichen Bewässerung. Auch der Balchaschsee im Osten Kasachstans ist vom Austrocknen bedroht.

Das kasachische Militär wurde nach der Unabhängigkeit aus den Immobilien und dem grössten Teil des Geräts aufgebaut, das die Rote Armee in der vormaligen SU-Republik gehabt hatte. Was das Personal betrifft, viele Kasachen waren ja ausserhalb ihrer Republik stationiert gewesen, dagegen viele Russen und Andere in Kasachstan. Kasachstan gehörte zum Militärdistrikt Turkestan der Roten Armee, über den auch das SU-Militärengagement in Afghanistan lief. Noch vor dem endgültigen Ende der SU gab es Versuche (v.a. aus Russland), die entstehende GUS mit einer gemeinsamen Armee “auszustatten”, was aber in den anderen Republiken auf Widerstand stiess. So erfolgte die Auflösung der Roten Armee teilweise chaotisch, der Militärdistrikt Turkestan wurde etwa im Sommer 1992 aufgelöst und die “Schätze” endgültig von den dortigen Nachfolgestaaten geerbt. Ein Teil an Personal und Ausrüstung wurde nach Russland gebracht, ein Teil wurde als russisches Militär in Kasachstan behalten, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken. Russische Militär-Basen in Kasachstan sind heute das Baikonur Kosmodrom (>), eine Radarstation am Balchaschsee und ein Raketenabwehrtestgelände in Sary Shagan.

Eine heikle Sache war jene der sowjetischen Atomwaffen in Kasachstan. Im Atom-Versuchsgelände bei Semipalatinsk wurde bis 1991 getestet, 2000 wurde es geschlossen, die Schächte versiegelt. Es gab weitere Atomwaffentestgelände in Kasachstan, v.a. im Ural-Gebiet. Und Uran-Abbau, u.a. bei Simkent. Und, es gab die in SU-Zeiten dort stationierten Atomwaffen; am Ende der SU gab es nur noch welche in Russland, Ukraine, Weissrussland und Kasachstan. Russland würde weiter Atomwaffenmacht bleiben, das war klar. Im Dezember 91 wurde im Alma Ata-Abkommen beschlossen, dass Ukraine, Weissrussland und Kasachstan ihre von der SU “geerbten” Atomwaffen an Russland abgeben würden. Auch die USA, nun alleinige Weltmacht, schaltete sich ein, es gab Verhandlungen, in Lissabon wurden die 3 Staaten nochmals zur Abgabe verpflichtet sowie zum Beitritt zu START und NPT. Nasarbajew versuchte dafür etwas vom Westen und Russland zu bekommen, wehrte sich aber weniger als die Ukraine unter Kravchuk. Zunächst wurden, 1992, die taktischen Nuklearwaffen eingesammelt, 1993 wurden auch die nuklearen Sprengköpfe an Russland abgegeben. Kasachstan war temporär ein Nuklearwaffenstaat, hatte aber eigentlich keine Verfügungsgewalt über diese Waffen, und auch keine Ambitionen für verantwortungslosen Umgang.

Peter Scholl-Latour 1991 in “Den Gottlosen die Hölle. Der Islam im zerfallenden Sowjetreich”: „Vollauf dramatisch hat sich im Herbst 1991 die Situation in der riesigen Steppenrepublik Kasachstan entwickelt. Dort gebärdet sich der eigenwillige Präsident Nursultan Nasarbajew wie ein neuer Groß-Khan. Schon profiliert er sich neben Jelzin als maßgeblicher Staatsmann im ehemals sowjetischen Unions-Bereich und nimmt die Huldigungen des In- und Auslands entgegen. Außenminister Genscher besuchte bei seiner letzten Rußlandreise nicht nur das ukrainische Kiew, sondern auch die kasachische Hauptstat Alma-Ata. Dort hat Nasarbajew – gestützt auf die in Kasachstan gelagerten Interkontinentalraketen der ehemaligen Sowjetmacht – der erschrockenen Menschheit mitgeteilt, seine Republik betrachte sich nunmehr als Atommacht und verlange ein Mitspracherecht bei den laufenden Abrüstungsverhandlungen. Jedenfalls verfügt Alma-Ata nunmehr über eine beachtliche ‚bargaining power‘. Zu einem Zeitpunkt, da diverse Staaten des islamischen Gürtels, von Pakistan bis Algerien, krampfhaft nach dem Erwerb einer ‚islamischen Atombombe‘ trachten, ist die Verstreuung von zwanzigtausend taktischen Nuklearwaffen – Kurzstreckenraketen und Granaten -, über deren Plazierung, geschweige denn über deren Verfügungsgewalt keine präzisen Informationen vorliegen, zum potentiellen Alptraum des Westens geworden.“

Gegenüber Litauern oder Ukrainern werden Russen von Westisten als wilde asiatische Barbaren gesehen, gegenüber Kasachen oder Tadschiken sind sie aber zivilisierte Europäer, die die Wilden zähmen sollen.20 Der Präsident verlangte ein Mitspracherecht bei der Frage der in seinem Staat stationierten Atomwaffen – schockierend und anmaßend. Gepriesen seien da zivilisierte Völker und Regierungen wie das südafrikanische der Apartheid oder das israelische, das ersterem half, zu seinen Atomwaffen zu kommen… AKW hat Kasachstan keines mehr, 1999 wurde jenes bei Aktau nach 26 Jahren still gelegt. Dessen Hauptzweck war jedoch Entsalzung gewesen, nicht Energiegewinnung. Im Atomgelände in Semipalatinsk stehen noch drei Forschungsreaktoren. 2003 gab das kasachische Energieministerium bekannt, dass 2018 mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerks begonnen werden soll.

Russland ist der bei weitem der wichtigste Nachbar Kasachstans, nicht nur wegen der Vergangenheit, auch wegen der grossen russischen Volksgruppe im Land und vielen anderen Verbindungen. Ethnische (also “echte”) Kasachen machen heute etwas unter 65% der Bevölkerung (von 16 Millionen) aus, Russen fast 25% und andere Volksgruppen etwa 10%. Diese anderen sind Ukrainer, Usbeken, Deutsche, Tataren, Uiguren, Weissrussen, Koreaner , Juden, Turkmenen, Armenier, Tadschiken, Aserbeidschaner, Polen, Chinesen,… Im Unterhaus des Parlaments gibt es 9 Festmandate für Vertreter ethnischer Minderheiten. Zur Unterscheidung von ethnischen Kasachen (die es auch ausserhalb Kasachstans gibt) und Angehörigen von Minderheiten in Kasachstan wurden die Begriffe Kasachen und Kasachstanis (Bürger Kasachstans aber nicht unbedingt ethnische Kasachen) eingeführt (aber nicht immer verwendet). Kasachen in der Diaspora gibt es in Sinkiang (China), Türkei, Mongolei, Afghanistan, Iran,… Islam (überwiegendst sunnitischer) ist die Religion von etwa 70% der Kasachstanis; neben einem grossen Anteil an Christen (hauptsächlich orthodoxen) gibt es u.a. Buddhisten (die Koreaner).

Ethnische Russen leben hauptsächlich im Norden und Westen Kasachstans. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1991 machten sie zumindest um die 40% der Bevölkerung der Republik aus, nach manchen Angaben sogar die Hälfte oder (nach Eberhard Beckherrn, “Pulverfass Sowjetunion”, 1990) sogar die Mehrheit21. Durch höhere Geburtenrate, Auswanderung von Russen, Einwanderung von Kasachen hat sich das jedenfalls seither verschoben. Überall in Zentralasien gab es nach der Unabhängigkeit die Abwanderung von Russen (> Russland)22, Juden (>Israel), Deutschen (>BRD). Deutsche gab es zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit etwa 1 Million, hauptsächlich Nachkommen von deportierten Wolga-Deutschen und evangelisch. Ein Grossteil davon ist gegangen. Auch die meisten Nachkommen der einst aus der Türkei vertriebenen bzw von dort geflüchteten Pontus-Griechen sind ausgewandert, nach Griechenland. Eingewandert sind Kasachen von überall aus der Diaspora, hauptsächlich aus China.

Ethnische Konflikte gab es bisher keine, seit den Ausschreitungen gegen Kaukasier in Nowy Usen am Kaspischen Meer 1989. Aber es könnte sich etwas zusammenbrauen. Zwischen Kasachen und Russen, und zwischen Kasachstan und Russland. Die beiden Länder verbindet Vieles, nicht zuletzt die grosse russische Minderheit in Kasachstan und die Vergangenheit; aber genau darin liegt auch Konfliktpotential. Neben den (anderen) russischen Militär-Basen in Kasachstan wird eben auch die Weltraumbasis Baikonur (weiter) von Russland benutzt bzw gepachtet. Im Oktober 91, in den letzten Wochen der SU, wurde von dort die “Austromir”-Mission (SU/ Österreich) gestartet, mit einem Russen, einem Kasachen (der vormalige Militärpilot Aubakirov) und einem Österreicher. 01 flog von dort der erste Weltraumtourist, der US-Amerikaner Denis Tito, von dort in den Weltraum. 06 wurde von Baikonur der erste kasachische Kommunikations-Satellit ins All geschickt, mit russischer Hilfe. Und, Russlands Diktator Wladimir Putin hat ’15 die „Eurasische Wirtschaftsunion“ gegründet, mit Kasachstan und anderen Ex-SU-Republiken, deren Herrscher gegenüber Russland bislang nicht aufgemuckt haben.

 

Aber: Mit dem Ölpreisverfall wächst die Unzufriedenheit im Land mit dem Nasarbajew-Regime, könnten wirtschaftliche Probleme kommen, wachsen Spannungen mit Russland und ethnische Spannungen im Land. Putin sagte vor einigen Jahren, in einem Lob für Nasarbajew versteckt, etwas “Vernichtendes” über Kasachstan: Sein Präsidenten-Kollege habe etwas Einzigartiges zustande gebracht. “Er hat einen Staat geschaffen, wo niemals ein Staat existiert hat. Die Kasachen hatten nie einen eigenen Staat.“23 Die russische Sprache hat in Kasachstan in vielen Bereichen eine starke Stellung. Aber: Bei der kasachischen (bzw kasachstanischen) Präsidenten-Wahl 15 mussten alle Kandidaten einen kasachischen Sprachtest absolvieren, an dem laut dem Regime rund zwei Dutzend möglicher Gegner Nasarbajews scheiterten. Leute, die besser Russisch können. Vor einigen Jahren kündigte die kasachische Regierung an, dass Kasachisch künftig in lateinischer statt in kyrillischer Schrift geschrieben werden wird; die Umstellung ist noch nicht erfolgt.

Russland beansprucht über grosse Teile des Ex-SU-Raums Hegemonie, nur Georgien und die baltischen Staaten haben sich dem russischen Einfluss-Anspruch ganz entzogen, wobei Georgien zwei Regionen (Abchasien und Süd-Ossetien) “zurücklassen” musste. Wie die Ukraine, die gerade mitten in diesem “Abnabelungsprozess” steckt, die Krim und möglicherweise das Donezk-Becken/ Donbass. Russland hat auch militärisch in innere Konflikte in Georgien, Tadschikistan, Moldawien eingegriffen. Bei Kasachstan treffen sich mögliche Expansionsgelüste von Russland möglicherweise mit einer Tendenz zur Loslösung des mehrheitlich russisch besiedelten Nordwestens. Auch bezüglich Krim und Donbass (Ukraine) und Transnistrien (Moldawien) waren es die dortigen russischen Volksgruppen, die Russland zum Eingreifen motivierte (oder vorschob?). Bei den genannten Regionen Georgiens war es eher ein Imperialismus bzw Hegemonieanspruch. Bei der Ukraine geht es auch, wie auch gegenüber Weissrussland, um so etwas.

Im europäischen Kasachstan ist bislang kein nennenswerter pro-russischer Irredentismus/Separatismus/Autonomismus entstanden. Und Russland ist selbst sehr verwundbar auf diese Art, mit seinen 20% Minderheiten, von denen bislang nur die Tschetschenen den Aufstand geprobt haben, nicht aber die Tataren, Jakuten oder Mordwinen. Und: Kein Kolonialreich und kein Einflussbereich sind gottgegeben und ewig. Zwar ist Nasarbajew noch russland-freundlich und akzeptiert Putin noch Kasachstans Integrität. Aber Kasachstan hat auch andere Optionen. China ist der andere mächtige Nachbar. Wobei Kasachstans an die Provinz Sinkiang grenzt, wo es auch eines Tages ethnische Unruhen bzw gewalttätigen Separatismus geben könnte. Daneben arbeitet Kasachstan natürlich mit den anderen zentralasiatischen Ex-SU-Republiken zusammen (von denen nur Tadschikistan nicht an es grenzt). Die Türkei trat natürlich nach dem Ende der SU auch in Zentralasien auf, schliesslich gelten 4 der 5 Ex-SU-Republiken als türkische Staaten.24 Um Einflussnahme, Handelsbeziehungen, etc bemühen sich auch die USA, die EU oder Saudi-Arabien.

Sollte es zu einem Machtwechsel in Kasachstan (im Rahmen einer Demokratisierung oder auch nicht), würden die Karten bezüglich der aussenpolitischen Orientierung neu gemischt werden. Bei den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien und Moldawien Ende 16 setzten sich russland-freundliche (Radew und Dodon) gegenüber pro-europäischen Kandidaten durch. Es gibt aber in Russland auch die geopolitische Ideologie des Eurasismus25, die einen Gegensatz zwischen Russland und dem Westen sieht und Russland als einen Teil Asiens. In der neuen westlichen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt bzw verstanden. Der Islam ist in Kasachstan viel weniger ein Faktor als in Usbekistan oder Tadschikistan. Das nördliche Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien) ist schwächer islamisiert bzw islamisch geprägt worden als das südliche und es gab auch weniger Re-Islamisierung nach der Unabhängigkeit.

Kasachen und russische Minderheit, Asien und Europa, Ringen oder Eishockey, in dieser Doppelnatur des Landes steckt wahrscheinlich sein Potential.

 

Literatur und Links

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Sally Cummings: Kazakhstan: Power and the Elite (2002)

Jonathan Aitken: Kazakhstan: Surprises and Stereotypes After 20 Years of Independence Hardcover (2012)

John Everett-Heath: Central Asia: History, Ethnicity, Modernity (2003)

Peter Dück: Kasachstan: Faszination des Unbekannten (2007)

Igor Trutanow: Russlands Stiefkinder: Ein deutsches Dorf in Kasachstan (1992)

Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101; 1997)26

Elisabeth Öfner: Josef Troll – seine Reise nach Russisch-Turkestan 1888/89 und seine Widerspiegelung im schriftlichen Nachlass und den Sammlungen des Museums für Völkerkunde in Wien. Diplomarbeit, Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften, BetreuerIn: Christian Feest (2011)

http://e-history.kz

http://www.kasach.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Von wo viele Wanderungen ausgingen
  2. Deren Hauptrouten deutlich südlich des späteren Kasachstans verliefen!
  3. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tataren-Khan zur selben Zeit
  4. Die türkischen Usbeken und Turkmenen herrschten dort über die Tadschiken, Reste der iranischen Bevölkerung Zentralasiens, vermischten sich aber auch mit ihnen; im südlichen Zentralasien (heutige Staaten Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) haben sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt
  5. Mongolen und Tataren herrschten im späteren Mittelalter über Proto-Russland (mit späterer Ukraine und Belarus, ohne Nord-Kaukasus und Nordasien), dann im 16. Jh die Wende, die Ost-Slawen schüttelten diese Herrschaft ab, unterwarfen dann Khazaren oder Tataren, begründeten das Zarentum, noch unter den Rurikiden, unter den Romanovs dann die grosse Expansion in den Osten
  6. Wenige Jahre später eroberte China die Dsungarei und das restliche Kaschgar-Khotan-Gebiet, das zu “Sinkiang” wurde. Ein Teil der Kalmüken war westwärts gezogen, in russisches Gebiet
  7. Es bestand aus den Gebieten Akmolinsk, Semipalatinsk und Semirjetschensk
  8. Führende Figur der Bewegung, die bis in SU-Zeiten ging, war der Krim-Tatare Ismail Gasprinski (1851–1914)
  9. Der Ausdruck wurde von seinen Gegnern geprägt
  10. Buchara und Khiwa wurden 1920 in Sowjetische Volksrepubliken verwandelt, jene von Khiwa wurde “Khoresm” genannt
  11. Usbeken waren, bei der letzten SU-Volkszählung 1989, mit 16,7 Mio. hinter Russen und Ukrainern und vor Weissrussen das drittgrösste Volk in der SU, auch wenn ihre Republik viel kleiner war als die kasachische
  12. Erster Parteichef der Republik war ein Armenier, dann kam ein Russe an die Spitze
  13. Auch kamen innerhalb Russlands (der Russischen SFSR) nicht-assimilierte Minderheiten, wie die Tataren, äusserst selten in Spitzenpositionen
  14. Vergleiche dazu die Force Publique im Kongo!
  15. Die eigentlich nur von März bis  November 17 etwas zu sagen hatten
  16. Oder die Tataren, das grösste Volk der SU ohne eigene Republik, heute die grösste Minderheit Russlands
  17. Stalin entledigte sich nach Lenins Tod nacheinander aller Mitstreiter bzw der alten Revolutionäre. Trotzki wurde 1927 von der Partei ausgeschlossen und 1928 nach Alma Ata verbannt, ’29 reiste er in die Türkei aus
  18. Das Gelände befindet sich 350 km westlich der Stadt
  19. Er stand auch im Verdacht, mit Sarsenbajews Ermordung zu tun zu haben
  20. Bismarck sagte einst über Russland, “Lasst es ostwärts gehen. Dort ist es eine zivilisierende Kraft”. Wobei es ihm auch darum ging, in Osteuropa ohne Störung schalten und walten zu können. Baron-Cohens Darstellungen “des Kasachen” als orientalischer Super-Tölpel “Borat Sagdiev” hat ja auch diese Tendenz bzw diesen Blick auf die Asiaten. Diese Figur ist bekannter (und beliebter) als der kasachische Hollywood-Regisseur Timur Bekmambetov
  21. Er überschrieb das Kapitel über die Kasachen mit: “Minderheit in der eigenen Republik”
  22. Eine Parallele zur französischen Auswanderung aus Algerien, wie Scholl-Latour in seinem Buch über Zentralasien meint?
  23. Stimmt so nicht. Es gab die Kasachischen Khanate als Vorläufer-Staaten. Und dass Russland auf Kosten anderer Völker expandiert hat, zeigt nur, dass es höchste Zeit war, dass Kasachen, Georgier, Ukrainer,… (wieder) die Unabhängigkeit bzw einen eigenen Staat bekommen
  24. Eigentlich sind sie türkischer als die Türkei. Bei Usbekistan und Turkmenistan ist aber viel Iranisches verdeckt worden
  25. Neben jener des Panslawismus und anderen
  26. Julie Stewarts Mutter stammt aus der Mongolei, ihr Vater war Deutscher, und sie wurde in den USA geboren

Hollywood-Schauspieler die (noch) keinen “Oscar” bekamen

Lebende

*„Mia“ Farrow. Manche meinen, sie bekam für “Rosemary’s Baby” deshalb keine Nominierung, weil die Academy of Motion Picture Arts and Sciences Frank Sinatra  nicht verärgern wollte, der die Scheidung einreichte, weil sie diese Rolle annahm

*Donald Sutherland (auch noch nie nominiert, bekam einen Ehrenoscar als “Trost”)

*Richard Gere

*Willem Dafoe

*„Bill“ Murray

*Harrison Ford

*Nick Nolte

*Max von Sydow

*Mel Gibson

*Tom Cruise

*Sigourney Weaver

*John Malkovich

*Glenn Close

*Robert Redford nicht als Schauspieler für eine Rolle

*John Cusack

Weiters William Macy, Steve Buscemi, Samuel L. Jackson, Clint Eastwood, Isabella Rosselini, Ralph Fiennes, Ed Harris, Edward Norton, John Depp, Annette Benning, Leonardo Di Caprio, Gary Oldman, Hugh Grant, Robert Downey, John Travolta, Christian Slater, Ewan McGregor, Michelle Williams, Matt Damon, Joaquin Phoenix, Liam Neeson, Bruce Willis,

Verstorbene

*Alfred Hitchcock: Sein “Rebecca” wurde 1940 als bester Film ausgezeichnet, Hitchcock selbst gewann aber keinen als Regisseur

*”Marilyn Monroe”

*James Dean

*”Tony Curtis”

*John Cassavetes

*Richard Burton

*Marcello Mastroianni

*Montgomery Clift

*Doris Day

*Peter Sellers

*Peter Lorre

*Janet Leigh

*Patrick Swayze

*Grace Kelly

*Nur einen Ehrenoscar bekamen Kirk Douglas, Cary Grant, Peter O’Toole, Charles Chaplin, Greta Garbo, Orson Welles, Barbara Stanwyck, Deborah Kerr, Robert Altman, Lauren Bacall, Edward Robinson

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Russland, seine Revolutionen und alternative Entwicklungen

Eine Übersicht über die Weggabelungen bei den russischen Revolutionen 1917 inklusive der Vorlauf- und Folgeentwicklungen. 5 Tage vor der Wahl(farce) in Russland. Kontrafaktische Szenarien um diesen Wendepunkt der Weltgeschichte werden angerissen

* Ein Reformer am Zarenthron, statt Nikolai II., der 1894 letzter Zar wurde, einer der den politischen, sozialen und nationalen Herausforderungen anders begegnet wäre, vielleicht schon bevor sich Unmut in einer ersten Revolution 1905 äusserte (die zur Einrichtung einer Duma im Jahr darauf führte). Wenn Nikolaus/Nikolai etwas Macht abgegeben hätte, hätte ihm eine Revolution mit seinem Sturz erspart bleiben können (etwas, das man auch über den letzten Schah des Iran sagen kann). Noch im Winter 1916/17 hat der Zar eine Konferenz des Semstwo-Bundes unter Fürst Georgi Lwow in Moskau verboten.

* Ein anderer Verlauf der Kämpfe, in denen das russische Militär im 1. WK als Teil der Entente involviert war, also hauptsächlich an der Ostfront, wo es um die Grenzen Russlands gegenüber Deutschland, Österreich, dem wiederentstehenden Polen,… ging. Russische Kriegs-Ziele waren neben Einfluss und Gebietsgewinnen in Osteuropa auch Konstantinopel und Teile Anatoliens vom Osmanischen Reich sowie Teile Persiens. Erfolge des russischen Militärs hätten die Zarenherrschaft stabilisiert. Oder anders herum, die “Februarrevolution” war nicht zuletzt durch die Kriegssituation mit Deutschland und die Kriegsfolgen für die Bevölkerung bedingt. Die provisorischen Regierungen unter Lwow und Kerensky haben den Krieg an der Seite der Entente fortgesetzt, die imperialen Ziele des Zaren übernommen1, auch sie hatten aber wenig Erfolg. Andernfalls hätte die Oktoberrevolution ausbleiben können.

* Die Abdankung des Zaren/Kaisers durch die Revolution im März 1917 (“Februarrevolution”) verläuft anders bzw bewirkt eine andere Folge-Entwicklung. Und zwar die Erhaltung der Monarchie, unter Nikolais Bruder Michail, der vielleicht etwas Reform zulässt. Nach dem Februaraufstand (Julianischer Kalender), dem die Autokratie zum Opfer fiel, wollten auch manche Parteien eine konstitutionelle Monarchie. Und, Nikolai setzte damals auch seinen Sohn Alexei, den Bluter, ein, änderte noch am selben Tag diese Entscheidung zugunsten seines Bruders. Michael trat am Tag danach ab, nach einem Treffen mit Vertretern der provisorischen Regierung unter Georgi Lwow (der von den Rurikiden abstammte), die er gleichzeitig anerkannte.

Das Ende von 300 Jahren Romanov-Herrschaft, eine Dynastie, die sehr deutsch geworden war durch Heiraten. Wenn sich Michail (II.) Romanov also am 16. März (Gregorianischer Kalender) anders entschieden hätte, hätte er in der provisorischen Regierung und in der Duma auch einige Unterstützer gehabt. Es heisst, Michail (derwie seine Verwandten 1918 umgebracht wurde) wollte durch seine Abdankung die Monarchie erhalten, bzw sie durch eine Volksabstimmung über die Verfassung/Staatsform wieder-herstellen.

Die Provisorische Regierung unter Lwow und dann Kerensky bezog ihre Legitimation zum Einen vom Zaren-Bruder, dessen Zarentum umstritten ist, zum Anderen von der alten “zaristischen”, zuletzt 1912 gewählten Duma. Der unter sehr eingeschränktem Wahlrecht gewählten Duma. Die Republik wurde erst im September vom damaligen Premierminister Alexander Kerensky proklamiert. Die von Kommunisten dominierten Sowjets hatten ab Februar schon gewisse Macht im Land bzw bildeten Parallelstrukturen.

* Eine andere Entwicklung der “Juli-Krise” ’17 und der Kornilow-Affäre, welche den Zustand nach der Februar-Revolution erhalten hätte, mit der Provisorischen Regierung (mit oder ohne Bolschewiken), und zu einer Demokratisierung hätte führen können

Im Sommer 17 kam einiges zusammen: Streit in der Koalitionsregierung unter Lwow, u.a. über die Frage der Autonomie der Ukraine (s. u.), der Auseinanderfall der Regierung, eine neue Regierung unter dem Sozial-Revolutionären Kerensky, Kriegsniederlagen (Scheitern der Kerensky-Offensive) und wirtschaftliche Engpässe, die den Bolschewiken und dem von ihnen dominierten Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldaten-Vertreter2 Auftrieb gaben, sowie das von Armeechef Lew Kornilow im August angeordnete Vorgehen gegen den Petrograder Sowjet. Dieser war eine Konkurrenz zu den provisorischen Regierungen3 und versuchte im Revolutionsjahr, seinen Wirkungsbereich über St. Petersburg/Petrograd hinaus auszudehnen, baute eine Miliz, die Roten Garden, auf.

General Kornilow, der aus einer Kosaken-Familie stammte, war in diesen Jahren im Weltkrieg, im revolutionären Russland und im Bürgerkrieg (in der Weissen Armee) engagiert. Im August 17 ordnete er Truppen an, den Petrograder Sowjet gewaltsam aufzulösen, den er als eine Störkraft ansah. Premier Kerensky hatte er dabei nicht auf seiner Seite. Die Sache scheiterte, da der Sowjet in der Hauptstadt bewaffnete Einheiten mobilisieren konnte. Und Macht verschob sich von der Regierung zur “Gegenregierung”. Die Armee waren in den oberen Rängen ziemlich zaristisch/monarchistisch, drängte zu mehr Macht, einem anderem Kurs. Die Bolschewiken wurden zunehmend als Bollwerk gegen eine Rückkehr der Zarenherrschaft gesehen. Hätte die russische Armee aber den Sowjet aufgelöst, wären die Bolschewiken und andere linke Kräfte nachhaltig geschwächt gewesen, so dass die “Oktoberrevolution” hätte ausbleiben können.

Sich ein Pluralismus hätte erhalten bzw etablieren können. Aus marxistischer Sicht gab es aber unter den pluralistischen Regierungen der Monate März bis November keine (echten) Reformbemühungen und waren diese dominiert von den Anliegen der bisher herrschenden Klasse(n).4 Auch die Konstitutionell-Demokratische Partei (KD, “Kadetten”), deren Chef Pavel Miliukov Aussenminister war, war demnach eine Oberschichtpartei, die auf Erhaltung von Privilegien aus war, wenn auch nicht auf eine Fortsetzung der Zarenherrschaft (Monarchie).5 Die provisorischen Regierungen haben aber das universale Wahlrecht für Lokalwahlen eingeführt, weiters Gleichheit aller Bürger und bürgerliche Rechte. Jedoch: Die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung (Konstituante), die die Weichen für die Zukunft Russlands stellen sollte und die Reformarbeit legitimieren, wurde ab Februar 17 immer wieder verschoben. Und: Infolge der Juli-Krise gewannen die linken Parteien (Petersburger Sowjet, v.a. Bolschewiken) wie gesagt auf Kosten der bürgerlichen (provisor. Regierung aus KD und anderen) an Rückhalt in der Bevölkerung.

* Auch die Stellung nicht-russischer Volksgruppen waren in der Übergangsphase vom Zarenreich zur Sowjetunion ein Thema, die SU (und ihre Nachfolgestaaten) hätte(n) damals andere Grenzen bekommen können. Die provisorische Regierung akzeptierte die Unabhängigkeit Polens von Russland, was aber weniger grosszügig war als es vielleicht aussieht; denn Polen war zu diesem Zeitpunkt vom Deutschen Reich und Österreich-Ungarn besetzt, hätte auch Gebiete dieser zwei Kriegsgegner Russlands reklamieren können… Mit der Unabhängigkeit Finnlands taten sich die russischen Übergangsregierungen schon schwerer. Das “Grossfürstentum” Finnland war mit dem Russischen Reich mehr oder weniger durch eine Personalunion verbunden (und genoss innere Autonomie), hätte nach der Abdankung von Nikolai/Nikolaus eigentlich unabhängig sein müssen… Die russische Regierung argumentierte aber, dass pro-deutsche Elemente in Helsinki das Sagen hätten, akzeptierte die finnische “Autonomie”-Erklärung vom Juli 17 nicht. Die Ukraine war (und ist) natürlich für Russland als Nation noch viel wichtiger.

Im Juni 17 erklärte die ukrainische Rada die Autonomie dieses Teils des Russischen Reichs, und im Jänner 1918 die Unabhängigkeit, unterstützt von Deutschland und Österreich. Dies brachte die erste provisorische Regierung zum Auseinanderfall, die KD (“Kadetten”) unter Miliukov wollten die Rada im Gegensatz zu anderen Parteien nicht anerkennen, sah einen deutsch inspirierten Separatismus, verliessen die Regierung. Kerensky sagte beim ersten Kongress der Sowjets Russlands im Juni/Juli, er anerkenne die Rechte der Ukraine und Finnlands, aber eine gewählte russische Konstituante müsse eine Abspaltung billigen. Die in den Sowjets dominierenden Bolschewiken riefen 17 eine Ukrainische Sowjet-Republik aus. Bei der Wahl zu der Konstituante im November 17 stimmten etwa 70% der Ukrainer für ukrainisch-nationalistische Parteien.  1917 bis 1921 wurde um die Ukraine gekämpft, eigentlich handelte es sich um Anteile verschiedener Kriege, die sich zT überschnitten, das Land wurde schliesslich Teil der Sowjetunion.

Natürlich ging es russischen Politikern bei der Behandlung separatistischer Tendenzen auch darum, dass das Reich an allen Rändern und auch mittendrin bröckeln und auseinanderfallen könne. Im Kaukasus entstanden in den Jahren innerer russischer Wirren auch (drei) unabhängige Staaten, in Zentralasien versuchte man das auch, die baltischen Staaten wurden mit Weltkriegsende unabhängig, Polen und Finnland ja auch… Was Teil des russischen Kerngebiets war, war und ist nicht so eindeutig zu beantworten, und gerade im Fall der Ukraine nicht.

Lenin nicht aus der Schweiz nach Russland durchgelassen

Wladimir Uljanov (“Lenin”) wurde im Zarenreich wegen seines politischen Aktivismus in die sibirische Verbannung geschickt, war dann 17 Jahre im Exil, zuletzt in der Schweiz.6 Als 1914 der Krieg in Europa “ausbrach”, beschlossen die dortigen sozialistischen Parteien, die Regierungen ihrer Länder zu unterstützen, die russische tat das nicht. Lenin unterstützte, wie auch schon 1905 (als es auch eine Revolution während des Kriegs gab), die äusseren Feinde des zaristischen Russlands; im Inneren sah er die Menschewiki als Hauptgegner.7 Lenin wollte den “imperialistischen Krieg” in einen “Bürgerkrieg” zugunsten der Proletarier verwandeln.

Das Deutsche Reich (Kriegsgegner Russlands), nämlich Erich Ludendorff, erteilte “Lenin” und seinen Anhängern im April 17 die Genehmigung, mit dem Zug über Deutschland nach Russland zurückzukehren. Um Russland zu destabilisieren.  Kaiser Wilhelm II., Verwandter des inzwischen inhaftierten Ex-Zars Nikolaus II., soll dies gebilligt haben. Die Gruppe aus 31 russischen sozialistischen Revolutionären unter unter Lenin/Uljanov konnte in einem versiegelten Zug aus der Schweiz über Deutschland fahren, über Schweden, kamen in Finnland in russisches Gebiet, schliesslich nach Petrograd/Petersburg (vor dessen Toren der ehemalige Zar und seine Familie inzwischen interniert waren).8 Nach seiner Ankunft forderte Lenin den sofortigen Rückzug Russlands vom Krieg und die Machtübergabe an Arbeiter- und Soldaten-Räte, begann gegen die Regierungen9 zu arbeiten, die für 9 Monate Herrscher Russlands waren. Im Juli entging er knapp einer von Regierung angeordneten Verhaftung, tauchte unter in Finnland. Sechs Monate nach seiner Rückkehr brach Lenin eine neue Revolution in Russland “vom Zaun”, die zu einer Alleinherrschaft der Bolschewiki führte, und die das Land (und andere) für Jahrzehnte prägen sollte

Wenn der Erste Generalquartiermeister Ludendorff (mit Hindenburg, seinem Kollegen der Obersten Heeresleitung, Quasi-Diktator Deutschlands) also 1917 anders entschieden hätte, etwa die mittelfristigen Auswirkungen eines sozialistischen Russlands auf Deutschland in seine Entscheidung mit einbezogen hätte… Die neue Revolution im November war sehr stark mit der Person Lenin verbunden, der dann, zunächst als Revolutionsführer, Machthaber wurde. Im Idealfall wäre Russland ohne Oktoberrevolution einen Weg der Demokratisierung gegangen. Die Linke “einzubauen” wäre aber eine grosse Herausforderung gewesen.

Im Fall eines erzwungenen Verbleibs in der Schweiz wäre auch ein weiteres Alternativszenario möglich gewesen, das etwa (der Schweizer) Christian Kracht in „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ausgemalt hat. Bevor die Februarrevolution in Russland im März 17 Lenins ganze Aufmerksamkeit bekam, hat er sich auch in Schweizer Angelegenheiten engagiert. Vor allem während seines Aufenthalts in Zürich, wo er versuchte, die Sozialdemokratische Partei (SP) zu spalten, um eine Bewegung zu gründen, die auch in der Schweiz eine proletarische Revolution herbeiführen könne. Der Generalstreik vom November 1918 in der Schweiz (“Landesstreik”) hätte sich mit einem Lenin im Lande zu einem Kampf der bewaffneten Arbeiterschaft um die Macht entwickeln können

* Den Menschewiki gelingt es, sich nach Oktoberrevolution (mit) an der Macht zu halten.

Am 7. November (25. Oktober des damals in Russland gültigen Julianischen Kalenders) stürmten die Roten Garden den Winterpalast in Petersburg und nahmen die Regierung gefangen, die Bolschewiken (mit Unterstützung eines Teils der Sozial-Revolutionäre und anderer Linker) übernahmen mit dieser Oktoberrevolution die Macht. Bolschewiken-Führer Lenin wurde Staats- und zeitweise Regierungschef, bis zu seinem Tod 1924, herrschte als autoritärer Absolutist, wie die Zaren. Während die Kerensky-Regierung (mit Aussenminister Miliukov) das russische Kriegsengagement bis zuletzt aufrecht gehalten hatte, zog sich Sowjet-Russland bald vom “Weltkrieg” (europäischen Krieg) zurück, mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom März 1918 mit den Mittelmächten, nach 2-monatigen Verhandlungen.10

Ebenfalls im November 17 der zweite Sowjet-Kongress Russlands, mit Bolschewiken, Sozialrevolutionären, Menschewiki, den damals noch mit regierenden. Es gab eine deutliche Mehrheit für eine Übertragung aller Macht an die Sowjets, die anderen Optionen (Demokratie,…) bekamen viel weniger Zuspruch. Im selben Monat auch die Wahl zur Konstituante; Sieg der Sozial-Revolutionären Partei unter Chernov, vor den Bolschewiken unter Lenin, den Kadetten unter Miljukow, den Menschewiken unter Martow, den Parteien der verschiedenen Nationalitäten (Ukrainer, Georgier,…). Diese Duma trat im Jänner 18 zusammen, arbeitete aber nie, manche boykottierten die regierenden Bolschewiken, andere wurden von ihnen behindert, Lenin liess die Versammlung bald auflösen. Die RSDRP-Bolschewiki war bals die einzige herrschende und zugelassene Partei11, nannte sich 1918 in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), RKP(B), um.12

Wahlplakate November 17 Petersburg

 

* Ein anderer Verlauf bzw Ausgang des russischen Bürgerkriegs (1917-22), ein Sieg der Weissen

Die Gegner der “Roten Bewegung” waren oft auch Reaktionäre, Zaristen, aber auch Bürgerliche, gemäßigte Sozialdemokraten, Vertreter nicht-russischer Nationalitäten, und wurden von diversen Westmächten unterstützt. Bei einem solchen Ausgang wäre sowohl die Etablierung einer parlamentarischen Demokratie wie auch eine Rückkehr zur Zaren-Diktatur13 möglich gewesen. Statt der Gründung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik (Juli 18), als Vorstufe zur Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken 1922. Der Bürgerkrieg war im Westen mit einem Krieg mit Polen um die Grenzen sowie anderen inneren Konflikten verbunden14, auch der endgültige Rückzug aus dem Weltkrieg mit dem Brest-Friedensvertrag 1918 war in diese Entwicklung eingebettet.15

* Joseph “Stalin” (Dschugaschwili) setzt sich nicht als Nachfolger Lenins durch, entweder weil dieser nicht so früh stirbt, oder weil sich “Trotzki” als dessen Nachfolger etabliert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenhang mit dem Abschnitt über Grenzen und Minderheiten ist offensichtlich
  2. Петроградский Совет рабочих и солдатских депутатов
  3. Dvoyevlastiye, “Doppelherrschaft”
  4. https://www.marxists.org/history/etol/writers/haynes/1997/xx/parlalt.htm
  5. Die Partei ist in mehrerer Hinsicht der iranischen Jebhe-ye Melli (Nationale Front) ähnlich, mit ihren Flügeln/Strömungen und ihrer Rolle (bzw ihrem Widerstand) beim Übergang von einem Totalitarismus zum anderen
  6. Insgesamt verbrachte er sechseinhalb Jahre in der Schweiz: 1903-1905 und 1908 in Genf, 1914-1915 in Bern und 1916-1917 in Zürich
  7. 1903 bei einem Parteitag im Exil in GB die Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (RSDRP), hauptsächlich über Lenins Ansichten bezüglich strategischer und organisatorischer Fragen (dem Weg zum Ziel, welches für beide Lager ähnlich aussah), in “Bolschewiki” (Lenin, Kamenev, Bucharin, Stalin,…) und “Menschewiki” (Martow, Axelrod, später Plechanow; eigtl. in der Mehrheit!); Trotzki „pendelte“ zwischen den Fraktionen. Diese Spaltung soll vom zaristischem Regime („U-Boot“ Malinowski) gefördert worden sein. 1912 die endgültige Aufspaltung, in eine bolschewikische und eine menschewikische RSDRP
  8. Catherine Merridale hat in “Lenins Zug” diese Fahrt dramatisiert
  9. Deren Oberhaupt nicht nur Regierungs- sondern auch Staatschef war
  10. Der französische Premier G. Clemenceau sagte 1918 zu den Ansprüchen der inzwischen (in Westeuropa) exilierten bürgerlichen Herrscher Russlands bezüglich Nachkriegsregelungen: “Russland ist ein neutrales Land, das mit unseren Feinden einen Separatfrieden geschlossen hat”
  11. Der linke Flügel der Sozialrevolutionäre schloss sich den Bolschewiki an
  12. 1925 in Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki), WKP(B), 1952 in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU)/ Kommunistícheskaya pártiya Sovétskogo Soyúza/ KPSS
  13. Mit einem Nikolaus II. der befreit hätte werden können ider einem anderen Romanov, seinem Bruder Michail oder seinem Cousin Kyrill
  14. Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine, Georgien, Kasachstan,…
  15. Siehe Punkt über Entstehung anderer Grenzen

Deutschland und Polen

Zwischen Deutschland und Polen gibt es historisch enge Verbindungen, Wechselwirkungen, die Geschichten der Länder sind mit einander verwoben. Es gibt von Deutschland an Polen verlorene Gebiete, Deutsche im jetzigen Polen, aus Polen Vertriebene in Deutschland, polnische Einwanderer in Deutschland,… Rastenburg, Breslau oder Auschwitz sind nur einige von vielen Orten mit deutschem Bezug im heutigen Polen, die Rübezahl-Sage kommt aus dem Riesengebirge im böhmisch-schlesischen Grenzgebiet, Kant oder Schopenhauer stammten auch aus Teilen Deutschlands, die heute zu Polen gehören. Ein Streifzug durch die Wechselfälle dieses Verhältnisses.

Zusammenfassend kann man sagen, die Gebiete die im Mittelalter von der deutschen Ostsiedlung “betroffen” wurden, wurden in der Neuzeit zu “Preussen” zusammengefasst, bzw gingen mit Brandenburg in diesem auf. Durch die polnischen Teilungen kamen weitere Gebiete hinzu. Dies änderte sich durch die “Weltkriege” im 20. Jh, besonders natürlich durch den zweiten. Der allergrösste Teil der infolge dieses Kriegs verlorenen Gebiete ging an Polen, gehört ihm bis heute.1 Die ehemals deutschen Regionen Polens waren und sind alle mehr oder weniger multikulturell und multiethnisch, waren nie nur deutsch oder nur polnisch, was von beiden Seiten gerne ausgeblendet wird.2

Nach der Völkerwanderung wurden die seit dem 2. WK polnischen Gebiete durch slawische Stämme besiedelt. Im 10. Jh entstand ein Polnisches Reich, unter der Piasten-Dynastie, in Nachbarschaft zum HRR, dem Kiewer Reich und Gebieten der baltischen Völker. Bald darauf begann die deutsche Ostsiedlung, unter dem Deutschen Orden, (u.a.) in Randgebieten Polens (im Norden und Westen). Zeitweise unterstützten die piastischen Könige Polens die deutsche Ansiedlung, und gegen die “heidnischen” Prussen arbeiteten Polen und der Deutsche Orden im 13. Jh sogar zusammen. In Folge dieser Kampagne übernahm der Orden grosse Teile der Ostsee-Küste, begründete den Deutschordens-Staat. Und im 14. Jh begannen die Kriege des Ordens mit dem Königreich Polen3, die bis ins 16. Jh gingen. 1410 der polnisch-litauische Sieg von Tannenberg/ Grunwald im späteren Ostpreussen. Im 16. Jh wurde der (restliche) Deutschordensstaat im Zuge der Reformation in das Herzogtum Preussen umgewandelt, als autonomes Lehensgebiet des Königreichs Polen-Litauen.4 In dem Herzogtum herrschte eine deutsche Oberschicht, gab es Assimilationsdruck auf die slawischen und baltischen Bevölkerungsteile.

Polen-Litauen wurde im 16. Jh eine Realunion, Warschau wurde statt Krakau Hauptstadt, verlor im 17. Jh nach einem Kosakenaufstand die spätere Ukraine an das Russische Reich, stand zwischen den mächtigen Nachbarn Russland und Deutschland, wählte nach Aussterben der Jagiellonen seine Könige aus dem Adel. Das Herzogtum Preussen wurde 1618 mit dem Kurfürstentum Brandenburg in einer Personalunion verbunden, wobei der polnische König noch die Oberherrschaft hatte und das Gebiet nicht zum HRR gehörte. Einige Teile Preussens standen unter direkter polnischer Herrschaft, wie das ostpreussische Ermland (seit der Tannenberg-Schlacht) und das westpreussische Pommerellen. (Das brandenburgische) Preussen war ab 1701 Königreich. Brandenburg-Preussen wurde im 18. Jh eine Grossmacht, nicht zuletzt durch die Eroberung des grössten Teil Schlesiens von Österreich. Schlesien hat auch eine lange deutsch-polnische Geschichte, in Oberschlesien waren die Grenzen zwischen den Nationalitäten fliessend.

1764 die letzte Königswahl in Polen, Stanislav II. August Poniatowski5 wurde gewählt. Die beiden deutschen Mächte Österreich und Preussen sowie Russland einigten sich aber 1772 auf eine Auf-Teilung Polens. 1793 und 1795 folgten weitere. Russland bekam die grössten Teile, Österreich Galizien, und Preussen bekam das bislang polnische Preussen, das Posener Gebiet, sowie zeitweise Zentralpolen. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. wurde 1772 infolge der Annexion Polnisch-Preussens zum König von Preussen, statt in. Die Polen wehrten sich mit Aufständen wie jenem unter Kosciusko, gingen in den nächsten Jahrzehnten in grosser Zahl ins Exil, hauptsächlich nach Frankreich. Durch die napoleonischen Kriege änderte sich die Aufteilung der polnischen Gebiete zwischen Preussen und Russland, Zentralpolen um Warschau ging an Russland. Am Wiener Kongress 1815 erst kam es zu einer Realunion von Brandenburg und Preussen. Das eigentliche Preussen (West-, Ost-) blieb ausserhalb des Deutschen Bundes, ebenso Posen. Erst mit Gründung des Deutschen Reichs unter preussischer Führung, wenige Jahre nach dem “Ausgleich” Österreichs mit Ungarn, 1871 änderte sich das.

Im Zuge der Nationswerdungen wurde die Kluft zwischen Deutschen und Polen grösser. Die radikale Linke (!) in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 stimmte mehrheitlich für die grossdeutsche Variante (also ein Deutsches Reich mit Österreich) und wollte sich dabei, wie Carl Vogt ausführte, gegen Polen und Ungarn auch auf „einen heiligen Krieg der Kultur des Westens gegen die Barbarei des Ostens“ einlassen. Ab 1880 betrieb das Deutsche Reich in von Polen “geerbten” Gebieten eine verschärfte Germanisierungspolitik; durch die Schaffung der „Preußischen Ansiedlungskommission“ sollten laut Bismarck deutsche Neuansiedler einen „lebendigen Wall gegen die slawische Flut“ bilden, v.a. in der preussischen Provinz Posen, ein altpolnisches Gebiet, das durch die zweite polnische Teilung an Preussen gekommen war (durch den Wiener Kongress “endgültig”), zuvor nie deutsch gewesen war und besonders stark polnisch besiedelt/geprägt war. Auch die Nazis faselten dann von Bedrohung und Rettung abendländischer Kultur und Asien, während sie mordeten und vertrieben.

Alle Gebiete mit “polnischer Vergangenheit” waren preussische Provinzen geworden, und in allen gab es eine unterschiedlich ausgeprägte deutsch-polnische Mischkultur, im Norden (Ostseeküste) auch mit baltischen Beimischungen. Vieles Polnische wurde eingedeutscht. Familien- und Ortsnamen, die auf -ski, -itz, -lau, -ow und teilweise auch auf -a enden, zeugen bis heute von einem slawischen Ursprung. Manche haben aber auch irgendwann ihren Namen ändern lassen, von polnisch auf deutsch! Aber die Mischungen und Assimilationen gehen zT viel weiter zurück als die feste Etablierung deutscher Herrschaft und auch vor die deutsche Ostsiedlung. In Schlesien etwa in die Zeit der germanischen Wandalen und der west-slawischen Polanen. Niederschlesien, wo sich die Reformation durchsetzte, nahm eine andere “nationale” Entwicklung als Oberschlesien, wo keine konfessionelle Schranke zwischen Deutschen und Polen existierte, und sich eine gemeinsame Kultur mit der schlesischen (Misch-) Sprache und Bräuchen etablierte.6 Dort entwickelten sich auch spät Zugehörigkeitsgefühle zur deutschen oder polnischen Seite, zT erst im 20. Jh, unter starkem Druck.

Im späteren Ostpreussen haben sich die baltischen Prussen bereits im Spätmittelalter an die sie umgebenden Deutschen, Polen, Litauer, Masuren assimiliert, sind in ihnen aufgegangen. Das Ermland wurde erst mit der ersten polnischen Teilung Teil Ostpreussens, die lange polnische (Ober-) Herrschaft erhielt dort den Katholizismus, aber kaum eine polnische Identität. Die Masuren, slawischer und baltischer Herkunft, wurden in Ostpreussen grösstenteils an die Deutschen assimiliert – wobei auch die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche eine entscheidende Rolle spielte. Trotz aller Assimilierungen lebten in den östlichen Provinzen Preussens nach den Aufteilungen Polens etwa 3 Millionen Menschen polnischer Sprache und Identität, hauptsächlich in Posen und Westpreussen.7 Ein Teil dieser Polen in den preussischen Ostprovinzen wanderte Ende des 19. Jh und zu Beginn des 20. mit der Industrialisierung ins Rhein-Ruhr-Gebiet (ebenfalls preussisch) ein, aber auch nach Berlin und Mitteldeutschland. Sie waren dort starkem Integrationsdruck ausgesetzt. Von Ost-Preussen bzw Ost-Deutschland wurde nur Schlesien industrialisiert, hauptsächlich das “obere”; man kann also sagen dass Deutsche und Polen zusammen die beiden Industriereviere Deutschlands aufgebaut haben.

Im seit den Teilungen österreichischen Teil Polens, Galizien (ein Teil des historischen Kleinpolens), gab es eine früh polonisierte Volksgruppe deutscher Herkunft, die Walddeutschen/ Taubdeutschen/ Oberländer; daneben kamen in der österreichischen Zeit weitere Siedler. Auch in den nun russischen historischen Teilen Polens gab es deutsche Volksgruppen, in den Regionen Kurland, Litauen, Wolhynien und Lodz, wo die meisten aus der Ansiedlung in den ca. 15 Jahren der Zugehörigkeit Zentralpolens zu Preussen nach der zweiten Teilung stammten.

Das Deutsche Reich wurde nach dem 1. WK bekanntlich Republik, und musste, aufgrund des Versailles-Vertrags8, einige Gebiete abtreten: fast das gesamte Posen-Gebiet, Teile Westpreussens, Teile Schlesiens9, Teile Ostpreussens, einen Teil der Rheinprovinz, einen Teil Schleswig-Holsteins, Elsass-Lothringen und die Kolonien. Und, Polen wurde damals wieder-geschaffen, aus bislang deutschen, österreichisch-ungarischen und russischen Gebieten. Das Polen, das 123 Jahre nach der letzten Teilung wieder entstand, entsprach territorial in etwa jenem vor dem Beginn der Teilungen. Nach dem Welt-Krieg vergrösserte Polen, bis 1921, sein Gebiet noch gegenüber der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Die Grenze zur SU war Polens längste; jene zum DR durch den Versailles-Vertrag wurde zT von polnischen Nachkriegs-Aufständen in Ober-Schlesien und Posen beeinflusst.

Westpreussen wurde zwischen Deutschland und Polen geteilt, Polen sollte (nach dem Willen der Herrscher der Siegermächte des Kriegs) auch einen Ostsee-Zugang bekommen, Danzig/ Gdansk wurde internationalisiert; die deutsch gebliebenen Reste von Wespreussen und Posen wurden zur (preussischen Provinz) Grenzmark Posen-Westpreussen zusammengefasst, der östliche Teil von WP ging an Ostpreussen. Das etwas verkleinerte OP, wo es im Krieg Schlachten mit den Russen (u.a. bei Tannenberg) gab, lag exterritorial vom restlichen Reich, durch die Abtretung von Danzig und Umland; zwischen Pommern bzw Posen-Westpreussen und Ostpreussen gab es eine Art Korridor, für Polen. Bei der Volksabstimmung im südlichen Ostpreussen 1920 über die Zugehörigkeit des betreffenden Gebiets zu Deutschland oder Polen stimmten überwiegende Teile der polnischen Ermländer sowie der Masuren/ Masowier für Deutschland. Es heisst, dass viele von ihnen in der Zwischenkriegszeit (ZKZ) ihre Namen in deutsche änderten. Auch das zeigt, dass Deutschtum (auch) dort relativ ist.

Polen war Hauptnutzniessser der deutschen Gebietsverluste. Deutsche/ Deutsch-Sprachige als Minderheiten in verschiedenen europäischen Staaten, wie es sie in der Zwischenkriegszeit gab, war etwas ziemlich neues. In Polen gab es in allen Landesteilen deutsche Volksgruppen, in den bislang deutschen und österreichischen Gebieten, aber auch den von Russland gewonnenen (s.o.). Die polnische Minderheit im Deutschen Reich war dagegen kleiner geworden. Die unter polnische Herrschaft geratenen Deutschen hatten gemäß Versailler Vertrag das Recht auf die polnische Staatsbürgerschaft; es gab aber nicht wenige, die sich entschieden, ihre Heimat aufzugeben und in deutsch gebliebene Gebiete zu übersiedeln. In Schneidemühl in Posen-Westpreussen entstand ein Aufnahmelager für sie. Die meisten deutschen Regierungen der Weimarer Republik versuchten eine Form der Revision der Grenzen. Deutsche zählten in der Zweiten Polnischen Republik über eine Million, machten zwischen 2 und 4 Prozent aus. Am konzentriertesten lebten sie im abgetrennten Teil Westpreussens, der im Województwo Pomorskie (Pommersche Provinz) aufging (auch ohne Danzig, das ja international war). Pomorzie ist zwar etymologisch die polnische Entsprechung zu Pommern, bezeichnet aber nicht dasselbe Gebiet. Die Provinz/ Woiwodschaft lag in Nachbarschaft zu den deutschen Provinzen Ostpreussen und Pommern sowie zur polnischen Posen-Provinz.

Aus den polnisch gewordenen Teilen Ober- und Niederschlesien wurde das Województwo Śląskie (Provinz Schlesien) gebildet, mit der Hauptstadt Katowice/ Kattowitz. Woiwode /Wojewoda (ernannter Ministerpräsident/ Landeshauptmann) dieses polnischen Schlesiens war von 1926 bis 1938 Michał Grażyński, dessen Politik gegenüber der deutschen Minderheit als “feindselige” beschrieben wird. Es gibt starke Schwankungen zwischen den Zahlen der bei den Volkszählungen 1921 und 1931 im polnischen Schlesien als Deutsche deklarierten (von 44 auf 6%) und zwischen dem Stimmenanteil deutscher Parteien dort und den aufgrund der Volkszählungen ausgewiesenen Bevölkerungsanteilen der Deutschen. Zu erklären ist das vielleicht dadurch, dass sich viele eigentlich polnische Schlesier in der einen oder anderen Hinsicht zeitweise “deutsch” deklarierten, zusätzlich zu jenen Schlesiern polnischer Herkunft, die längst deutsch assimiliert waren.

Erwin Hasbach aus (dem früheren) Westpreussen (1945 dann geflüchtet) war lange Abgeordneter im polnischen Parlament, für die Deutsche Partei-Vereinigung des deutschen Volkstums in Polen (DP-Verein., bestand 18-22), danach für andere Parteien. Dann gab es, 22-39, eine andere Deutsche Partei (DP), für die etwa Johann Rosumek aus Ober-Schlesien im polnischen Parlament saß. Dann existierte u.a. noch eine christdemokratische deutsche Partei, die mehrmals ihren Namen änderte bzw sich neu konstituierte (KDV, DKV, CDV). Die deutschen Parteien gingen meist Wahlbündnisse mit Parteien der anderen Minderheiten in Polen ein > BNM. Der Rat der Deutschen in Polen (RDP) war die Dachorganisation der Organisationen und Parteien der deutschen Minderheit in der Zweiten Polnischen Republik. Er bestand von 1934 bis 1939 mit Sitz in Warschau. Rudolf Wiesner, im damals deutschen Oberschlesien geboren, war Gründer der Jungdeutschen Partei in Polen (JDP), einer NS-nahen Partei. Sie wurde wichtigste Deutschen-Partei in Polen, Wiesner Abgeordneter. Im internationalisierten Danzig hat, in den 1930ern, auch die NSDAP Zulauf bekommen. Wie Menschen dort dem Gesang der nationalistischen Nachtigall verfielen, wird auch in der “Blechtrommel” geschildert.

Im Polen der Zwischenkriegszeit machten ethnische Minderheiten gut ein Drittel der Bevölkerung aus (siehe).10 Auch bei den anderen mussten jene, die durch Gebietstransfers unter polnische Herrschaft kamen, erst eingebürgert werden. Ukrainer, hauptsächlich im südlichen Ost-Polen, zählten an die 4 Millionen Menschen, machten etwa 15% der Gesamtbevölkerung aus. Juden gab es unter 3 Millionen (etwa 10%), lebten vorwiegend in Ostpolen. Die über eine Million Weissrussen (ca. 3,5 %) hatten ihren Siedlungsschwerpunkt im damaligen Nordostpolen. Dann gab es eben noch Deutsche, Litauer, Kaschuben, Tschechen, Masuren, Russen, Armenier, Sinti, Griechen, Tataren,… Wenn man so will, ist die zweite polnische Republik an dieser “demografischen Situation” gescheitert bzw zerstört worden. Die Minderheiten hatten alle ihre Organisationen und Parteien, diese traten 1922 bis 1935 zusammen als Wahlbündnis Blok Mniejszości Narodowych (BMN; Block nationaler Minderheiten) an. Für die Deutschen wurde zB Heinrich Greitzer auf der Liste des Blocks gewählt. Bei der Parlamentswahl 1922 erreichte der BMN 19,5% und wurde die zweitstärkste Partei… In mehreren ostpolnischen Woiwodschaften wurde der Minderheiten-Block stärkste Partei, aufgrund der Stimmen der Ukrainer, Weissrussen, Juden. 1938 traten die diversen Minderheiten-Parteien einzeln an, dies war auch die letzte faire Wahl in Polen bis 1990.11

Die Ukrainer im ZKZ-Polen, unter Führung von Vlad Turchynyv und anderen, lebten in Gebieten die zuvor russisch gewesen waren und dem zuvor österreichischen Galizien (besonders in dessem östlichen Teil, mit dem Zentrum Lwiw/Lemberg). Sie kämpften um ukrainisch-sprachigen Schulunterricht und (erfolglos) eine ukrainische Universität in Lemberg. Im damaligen Südost-Polen des Landes war die militante Organisation Ukrainischer Nationalisten (ONU) aktiv, bekämpfte den polnischen Staat mit Anschlägen und Sabotageakten, was zu Militäraktionen Polens führte. Wie so oft bei Terrorismus, ist auch hier die Frage, was zuerst war (die Unterdrückung oder die Gewalt), was Reaktion und was Aktion war. Die Weissrussen erhielten 1929 an der Universität Wilna/ Vilnius (wo auch die Litauer im ihre Rechte kämpften) einen Lehrstuhl für Beloruthenistik. Der “Führer” der Weissrussen in Polen, Taraskiewicz, ging in die SU.

Die grosse jüdische Volksgruppe war stark diversifiziert, nach der kulturell-ethnischen Prägung (zT deutsch, zT polnisch, zT russisch-ukrainisch, zT in einer deutsch-slawisch-jiddischen Mischkultur,…), nach der Haltung zur Religion, der politischen Ausrichtung (Zionismus, Kommunismus,…),… Für die meisten war die Erstsprache Jiddisch. Etliche spätere israelische Staats- und Ministerpräsidenten, Minister, Militärs,… wuchsen in diesem Polen auf, so wie Szymon Perski (> Shimon Peres) im weissrussisch geprägten Polesien. Einer der Juden-Vertreter im Minderheiten-Block BMN, Yitzak Grunbaum, wanderte 1932/33 nach Palästina aus, wurde 1948 israelischer Innenminister.12 Das Scheitern dieses Polens, bzw seine Zerstörung, hauptsächlich durch Hitler, hatte auch Auswirkungen auf die Region, die heute gerne “Naher Osten” oder ähnlich genannt wird.

1926 endete eigentlich in Polen das parlamentarisch-demokratische Regierungssystem und das Land bekam ein autoritäres politisches System. Der starke Mann dieser Republik, Józef Piłsudski (eher nach Osten orientiert), führte augrund der instabilen innenpolitischen Situation einen Staatsstreich durch, und war bis zu seinem Tod 1935 De-Facto-Staatschef, auch wenn in der Regel Andere Staats- oder Ministerpräsidenten waren. Der deutsche “Führer” Hitler schloss 1934 mit Polen einen Nichtangriffspakt ab, trotz seiner Gebietsansprüche bzw seiner Verachtung für das Land an sich. Im selben Jahr kündigte Polen den Minderheitenschutzvertrag und kündigte an, ein solches Abkommen nur erneut abzuschliessen, wenn es ein einheitliches für ganz Europa geben würde.

1937 schlossen das Deutsche Reich und Polen einen bilateralen Vertrag, der den Schutz der “eigenen Landsleute” im jeweils anderen Staat festschrieb. Tatsächlich  gab es in Polen mit Ukrainern und Weissrussen weit grössere Reibereien als mit der deutschen Volksgruppe. Nach der Ermordung von Innenminister Pieracki durch einen ukrainischen Nationalisten 1934 liess die polnische Regierung in der Kleinstadt Bereza Kartuska im Osten ein Internierungslager für ukrainische Nationalisten, Kommunisten und Regimegegner anlegen. Nach Piłsudskis Tod blieb der autoritäre Staat (und die Auseinandersetzung mit den ostslawischen Minderheiten) erhalten, unter anderen Personen, mit den beiden Machtzentren um Mościcki sowie Rydz-Śmigły. Die deutsche Minderheit geriet nach der Machtergreifung der Nazis im Reich immer stärker unter deren Einfluss, damit sank ihre Loyalität zu Polen, wuchs das Misstrauen der Polen ihnen gegenüber,… Die beiden grossen Nachbarstaaten Polens, das Deutsche Reich und die Sowjetunion, hatten beide Volksgruppen in Polen, für die sie sich zuständig fühlten, über die sie Gebietsansprüche formulierten. Die Differenzen zwischen Hitler und Stalin verführten Polen, sich in Sicherheit zu wiegen.

Die Polen im Deutschen Reich setzten sich aus den Ruhrpolen und jenen in den preussischen Ostprovinzen zusammen, wobei der 1. WK das betreffende Territorium dort eben ziemlich stark verändert hat. Bei den Polnisch-Stämmigen im Ruhrgebiet wie jenen im Osten gab es jene, die dabei waren, sich an die Deutschen zu assimilieren. Es gab ab Anfang des 20. Jh diverse polnische Parteien und Wahlbündnisse in Deutschland, die Polnische Nationaldemokratische Partei, die in den 1920ern durch die Polnische Volkspartei und 1932 durch die Polnische Liste abgelöst wurde. Einer ihrer prominentesten Vertreter im Reichstag war der schlesische Journalist Wojciech Korfanty.13 In der Weimarer Republik wurden die Polen als nationale Minderheit anerkannt. Ihre Gesamtzahl belief sich damals auf etwas zwischen 200 000 (polnische Schätzung) und 2 000 000 (deutsche Schätzung)… Es kam eben (u.a) darauf an, ob man auch Masuren oder Oberschlesier als Polen rechnete, bzw ob man Polentum durch Abstammung oder aber durch Muttersprache definierte.

Von 1924 bis 1939 bestand ein Verband der nationalen Minderheiten in Deutschland, aus den Organisationen der Polen (Bund der Polen in Deutschland), Dänen, Sorben, Friesen, Litauer; die Tschechen und Masuren wurden noch in der Verbandszeitschrift berücksichtigt. Der Verband trat bei Wahlen zum Preussischen Landtag an. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er aufgelöst. Bei der letzten Reichstagswahl, jener im März 1933, erzielte die NSDAP ihre besten Ergebnisse in den drei Gebieten des östlichen Preussens, Ostpreussen, Pommern und Westpreussen-Posen (um die 55%). Die Familie von Reichspräsident Hindenburg stammt aus Ostpreussen14, die Vorfahren waren nach Osten ausgewandert und sind dort herumgewandert, er wurde in Posen geboren.

Mit dem Minderheitenschutz, wie polnisch-sprachigem Schulunterricht, war es schon zuvor vorbei.  Mit dem Angriff des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 wurden die polnischsprachigen Schulen in Deutschland geschlossen und zahlreiche polnische Aktivisten und Lehrer verhaftet. Viele sind anschliessend in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ums Leben gekommen. Am 7. September 1939, unmittelbar nach Beginn des Polenfeldzugs, wurde die Anerkennung als nationale Minderheit von der nationalsozialistischen Diktatur Hitlers per Dekret widerrufen und der Bund der Polen in Deutschland verboten. Am 3. Juni 1940 wurden die Immobilien, Banken und sonstiges Vermögen der polnischen Minderheitsorganisationen im Deutschen Reich beschlagnahmt.

Danzig/Gdansk

Mit dem nazideutschen Überfall auf Polen (“Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen”) begann bekanntlich der 2. Weltkrieg. Vorausgegangen war dem die Übereinkunft der Dikatoren Hitler und Stalin, die auch eine neue Auf-Teilung Polens beinhaltete und bedeutete. Wie schon 150 Jahre zuvor wurde Polen zwischen Deutschland und Russland, nun unter besonders schlimmen Diktaturen, geteilt. Den französischen Protest kommentierte die NS-Propaganda mit „Mourir pour Danzig?“, als ginge es den Nazis nur um dieses Ziel und als müsse jede Macht nur im engen eigenen Interesse handeln. Im Zuge des deutschen Einmarsches in Polen 1939 gab es Übergriffe auf die deutsche Minderheit im Lande, hauptsächlich in Bromberg/ Bydgoszcz (Posener Gebiet); dieser “Bromberger Blutsonntag” wurde von der NS-Propaganda ausgeschlachtet – wie das “Hebron-Massaker” 1929 von Zionisten bis heute, auch mit der Verdrehung von Ursache und Wirkung, Vervielfachung von Opferzahlen,… Und die NS-Kriegsmaschinerie begann zu rollen. Blitzkrieg, Gleiwitz, Bromberg, Danzig, Wolfsschanze, Auschwitz,…

West-Polen wurde nach der Besetzung dem Deutschen Reich einverleibt, den Osten nahm sich die SU, die Mitte wurde vom DR “verwaltetes” Generalgouvernement. Es wurde der Reichsgau Wartheland bzw Warthegau gebildet, mit niemals vorher deutsch gewesenen Gebieten wie jenem um Lodz; Bromberg wurde dagegen Danzig-Westpreussen zugeschlagen, auch Schlesien wurde gehörig erweitert,… Das Generalgouvernement (Warschau, Krakau, Lublin,…), der nicht annektierte deutsch besetzte Teil Polens, wurde nach dem Angriff auf die SU 41 um Teile des vormaligen Ost-Polens erweitert (u.a. Ost-Galizien), bis 45. Die anderen Teile Ostpolens kamen zum “Reichskommissariat Ukraine” und zum “Reichskommissariat Ostland”, wurden mit besetzten Gebieten der SU zusammengefasst. Im Generalgouvernement gab es nur auf kommunaler Ebene eine begrenzte polnische Selbstverwaltung; Zwangsarbeiter wurden dort rekrutiert, “Konzentrationslager” errichtet,… “Volksgruppenführer” Rudolf Wiesner war 1939 von polnischen Behörden verhaftet worden, von den Nazi-Invasoren dann befreit. Seine Partei ging ’39 in der NSDAP auf. Wiesner wurde von Hans Frank in die Verwaltung seines “Generalgouvernements” geholt, ihm ging es ähnlich wie Sudetendeutschen-Führer Henlein. 1940 wurde Wiesner als Abgeordneter in den Reichstag berufen, in dem er bis zum Ende der NS-Herrschaft im Frühling 1945 Schlesien vertreten sollte. Am Kriegsende flüchtete er nach Westdeutschland.

Für Polen brachte die Invasion Gebietsaufteilungen, Festnahmen, Umsiedelungen, Erschiessungen, Zerstörungen, Enteignungen, Zwangsarbeit,… Das Massaker von Katyn 1939 an dorthin verschleppten polnischen Offizieren war eines der von bewaffneten Kräften der SU verübten. Bezeichnenderweise waren auch alle NS-Vernichtungslager im besetzten Polen, hauptsächlich im Generalgouvernement (Treblinka, Majdanek, Sobibor, Belzec), in direkt deutsch beherrschten Gebieten lagen jene in Auschwitz/Oświęcim (40-45, ~1 Mio. Opfer) und Chelmno/Kulmhof (Warthegau). Auschwitz war historisch ein Teil des westlichen Galizien (und daher lange bei Österreich) und dann Teil der Zweiten Polnischen Republik; nach dem Nazi-Einmarsch wurde es Schlesien zugeschlagen. Die SS erstellte mit Hilfe von einigen “Volksdeutschen” des nun aufgeteilten Polens das “Sonderfahndungsbuch Polen” mit etwa 60 000 Namen von Polen – nach diesen wurde gefahndet und sie verhaftet und/oder getötet. Es gab auch in Polen Menschen, die mit dem NS kollaborierten. Es wurden im „Generalplan Ost“ auch “Wertvolle” unter den „Untermenschen“ gesucht. Und in einer „Deutschen Volksliste“ wurde die Polen mit möglichen deutschen Wurzeln in 4 Kategorien mit jeweils abgestuften Rechten eingeteilt. Bis zum Nazi-Angriff auf die SU 41 führte diese ebenfalls Deportationen von Polen durch.

Der Hitler-Stalin-Pakt war auch Basis für die Umsiedlungen von Auslandsdeutschen/ “Volksdeutschen”; 1939 bis 44 wurden ca. 1 Million dieser umgesiedelt, aus “abgelegenen” Gebieten, die nicht als Teil eines künftigen Grossdeutschen Reichs gesehen wurden. Umgesiedelt wurden sie in Gebiete dieses vergrösserte Deutschlands. Hauptsächlich war das der neu geschaffene “Warthegau”, das vergrösserte Posener Gebiet, besetztes polnisches Gebiet. Daneben auch Ostpreussen und andere Gebiete. Vor allem im Wartheland wurden Polen für sie vertrieben. Angehöriger deutscher Volksgruppen in Zentral- und Ostpolen wie die Wolhyniendeutschen sowie assimilierte Polen von dort wurden zB im Warthegau angesiedelt. Die Familie von Ex-Bundespräsident Horst Köhler waren Bessarabien-Deutsche, aus dem damaligen Rumänien. Auch diese wurden “heim ins Reich” geholt, also entwurzelt und mehrmals umgesiedelt. Aus dem Warthegau flüchtete man dann ins deutsche Ländle.

Nicht nur die Revision von Versailles wurde vorgenommen, sondern wahnsinnige Ziele angestrebt und umgesetzt. Im NS wurde die Inbesitznahme und Neu-Besiedlung von Krim oder Burgund geplant, letztlich wurde aber sogar Stettin und Breslau verloren. Die Ausweitung Deutschlands nach Osten war geplant und in Arbeit, effektiv wurde das Gegenteil erreicht. Und, Polen wurde der Gedanke näher gebracht, dass gewaltsamer Bevölkerungstransfer eine Möglichkeit zur Lösung “nationaler Probleme” ist…bzw dass die totale “Ethnisierung” der Bevölkerung im nationalen Interesse ist.

Nach der Aufteilung Polens 1939 konstituierte sich in GB eine Exilregierung, mit der diverse Exilarmeen verbunden waren, die hauptsächlich gegen die Nazi-Besatzung Widerstand leisteten, mit den West-Alliierten verbunden war. Einer dieser Armeen stand General Wladyslaw Anders vor, von den Wurzeln her Deutsch-Balte (oder Baltendeutscher) und evangelisch. 39 von der SU gefangen genommen nachdem er den Widerstand gegen ihre Besatzung leitete, durfte er dann Einheiten bilden und wurde mit ihnen über den Iran in britische Machtsphären im “Nahen Osten” verlegt. Stalin entzog der polnischen Exilregierung 1943 die Anerkennung, weil sie (zutreffenderweise) die SU für das Katyn-Massaker verantwortlich machte. Bald darauf kam der Ministerpräsident der Exilregierung, Wladyslaw Sikorski, bei einem Flugzeugabsturz bei Gibraltar ums Leben. Widerstand leistete auch die Armia Krajowa (“Heimatarmee”), die den grossen Aufstand im besetzten Warschau (Generalgouvernement) im Sommer 1944 organisierte. Das war knapp nachdem die Rote Armee die Heeresgruppe Mitte der Wehrmacht zerschlagen hatte (Juli 44), und alliierte Truppen von 3 Richtungen auf Deutschland zu rollten.

Als im Oktober 44 eine Vorhut der Roten Armee Nemmersdorf im nördlichen Ostpreussen15 erreichte, war der Krieg auch am Boden nach Vorkriegs-Deutschland zurückgekommen. Das Massaker wurde von der NS-Propaganda prompt ausgeschlachtet und verdreht (Ursache-Wirkung, Henne-Ei), die Gegend von der Wehrmacht nochmal zurück erobert. Aber, bereits im November musste die Naziführung von der “Wolfsschanze” bei Rastenburg abziehen. Gauleiter in Ostpreussen war der Rheinländer Koch, Bonzen wie er gaben Durchhaltebefehle aus, setzten sich selber ab. Anfang 45 kam die Rote Armee erneut nach Nemmersdorf, setzte sich dauerhaft in Ostpreussen fest, begann die grosse Flucht von Deutschen aus den Ostgebieten.16

Und die an die Deutschen Assimilierten gingen in der Regel mit. Im Jänner 45 die Versenkung der „Gustloff“, die Deutsche aus Gdynia/Gdingen (“Gotenhafen”) in Westpreussen evakuieren sollte, Zivilisten, Soldaten, Offiziere, sowie KZ-Häftlinge aus Stutthof in Pillau. Überall versuchte man sich in Sicherheit zu bringen. Westlich von der Weichsel/ Wisla galt zunächst als sicher, obwohl das zT nicht Vorkriegsdeutschland war (Warschau liegt an der Weichsel). Kolberg/ Kolobrzeg in Pommern wurde im März von den Sowjets belagert, die Bevölkerung war inzwischen grösstenteils evakuiert. In der Stadt hatten preussische Truppen 1806/07 gegen Napoleons Truppen ausgeharrt, Goebbels liess dazu einen Propagandafilm machen, „Kolberg“ mit „Heinrich George“, hatte im Jänner 45 Premiere, wurde kaum mehr gesehen, weil viele Kinos zerbombt waren. Und diesmal fiel die Stadt.

Ab Anfang 45 flüchteten also Deutsche aus den Ostgebieten des Reichs vor der Roten Armee, westwärts, zT mit Pferdetrecks. Die Rote Armee kam erst zum Stillstand, als sie auf Westalliierte traf, in der Mitte Deutschlands. USA-Truppen stiessen Mitte 45 in die Tschechoslowakei vor, nach Sachsen,  Thüringen, Sachsen-Anhalt,…17, auch flüchtenden Deutschen (Soldaten und Zivilisten) entgegen. Als die Sowjets zum Stillstand kamen und der Krieg zu Ende war, begannen die “wilden” Vertreibungen von Deutschen aus ihrem Machtbereich. Viele Evakuierte waren am Kriegsende zurückgekehrt; Schlesien oder Pommern schienen nur Teile einer grossen Sowjetischen Besatzungszone zu sein. Diese wurden nun neu vertrieben, bzw neue Rückkehrer zurückgeschickt, Ende Mai wurde die Oder-Neisse-Grenze für sie gesperrt, im Juli endgültig. Nun begannen, in Folge der Potsdamer Konferenz (auf der auch die Westverschiebung Polens beschlossen wurde) die geordneten Vertreibungen; in Danzig oder Stettin geschah der grösste Teil der Aussiedlung der Deutschen erst hier, Mitte 45. Insgesamt sind 44-48 15 Mio. Deutsche oder Deutsch-Assimilierte aus den 1937er-Grenzen geflüchtet/vertrieben; ca. 1 Mio kamen ums Leben. Hinzu kamen die “Volksdeutschen”.

So klar und eindeutig war die Unterscheidung zwischen Ostdeutschen und Auslandsdeutschen (bezüglich der 37er-Grenzen) nicht. Die Flüchtlinge/ Vertriebenen/ Evakuierten/ Umsiedler aus den (später) polnischen Gebieten waren hauptsächlich Reichsdeutsche, aus dem Warthegau hauptsächlich “Volksdeutsche”, Auslandsdeutsche aus deutschen Streusiedlungen in Osteuropa. Die Ostdeutschen, einst als „wahre Deutsche“ gesehen, waren nun, da sie ins deutsche Kerngebiet einströmten, „osteuropäisches Völkergemisch“ und ähnliches, auch Goebbels rümpfte über sie die Nase. Mit den Deutschen aus Ostpreussen gingen auch viele polnischsprachige Ermländer sowie Masuren – wenn sie nicht ohnehin schon aufgegangen waren unter den dortigen Deutschen.18 Die deutschen Schlesier waren mit ca 3 Millionen die grösste Gruppe die umgesiedelt wurde. Auch hier gingen viele mit “undeutschen” Namen (bzw Wurzeln), wie Przyklenk, Tyralla, Luda, Michalik. So ähnliche “Konzepte” gab und gibt es bei den Windischen die aus den Kärntner Slowenen herausgelöst wurden, und den israelischen Drusen die nichts mit den Palästinensern zu tun haben sollten. Bis zu 1,5 Mio. deutsche Schlesier entgingen zunächst der Vertreibung, ob aus Nützlichkeit gegeneüber dem neeun Polen oder unklarer Volkszugehörigkeit.

Generalgouverneur von Polen 39-45 war Hans Frank, ein früher Nazi und Wegbegleiter Hitlers, dann Bonze in dieser Diktatur. Er residierte in der Krakauer Burg Wawel, wie einst polnische Könige… In dem von ihm beherrschten Gebiet befanden sich 4 KZs, er war dort als Sklavenhalter tätig, hatte Mitschuld an der Ermordung von Millionen Polen, der Errichtung von Ghettos, Plünderungen, arbeitete an der Zerstörung polnische Kultur,… auch seine Ehefrau war an den Untaten beteiligt. Angesichts der nahenden Ostfront warb er 44 um Polen (Untergrund, Intellektuelle, obwohl Zerstörung der Intelligenz Nazi-Politik für Polen gewesen war), für den “gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus”19… Im Jänner 45 flüchtete er nach Bayern, wurde dort von USA-Truppen gefangen, aber nicht wieder verwendet (> von Braun, Gehlen,…), sondern nach Mondorf, dann Nürnberg gebracht. Befreite polnische Zwangsarbeiter (unter Franks Leitung deportiert!) überfielen den Hof in Bayern,auf dem seine Familie wohnte, nach deren Erzählungen liessen sie ab, als sie den Weinkeller entdeckten. Während Nürnberger Haft und Prozess unternahm Frank Selbstmordversuche, wurde gläubiger Katholik.20 Frank schrieb kurz vor seiner Hinrichtung 46, dass Hitlers Grossvater mütterlicherseits Jude gewesen sein könnte (Frankenberger-These), nahm sein Schuldbekenntnis zurück (Schuld sei durch Verbrechen an Deutschen relativiert). Sein Sohn Niklas schrieb im “Stern” eine Serie über den Vater, und dass er an dessen Todestag auf ein Foto von seiner Leiche onaniere.21 Niklas Frank schrieb auch Bücher, hat(te) mehrere Theaterprojekte,…

Die Exilregierung unter Raczkiewicz und Sikorski verlor 45 auch die westliche Anerkennung, ein Zugeständnis an die SU, ihre Armee aufgelöst, sie machte aber bis 90 weiter. 43 in Tehran einigten sich die Alliierten auf die Westverschiebung Polens, mit der Curzon-Linie (nach 1. WK bereits Grenze, dann Polen durch Krieg gg SU 21 weit nach Osten verschoben) als Ostgrenze22. In Jalta fasste man im Februar 45 die Oder-Neisse-Linie als Westgrenze ins Auge. Auf der Potsdamer Konferenz (Juli/August 45) wurde diese beschlossen sowie die Massenausweisungen von Deutschen (nach dem Vorbild des griechisch-türkischen “Austauschs” von 1923). Es war Stalin, der die polnische Westverschiebung durchsetzte, ggü den Westmächten, und dann eine Marionettenregierung in Polen einsetzte. Er wollte den Ostteil Polens für die SU behalten, den Hitler ihm 39 zugestanden hatte und der hauptsächlich von Ukrainern, Weissrussen, Litauern bewohnt war. Stalin hat den Ruf des Polenhassers, und manche sehen den Kulturpalast in Warschau als Souvenir, das er den Polen vor diesem Hintergrund hinterlassen hat.

Die polnischen Unabhängigkeits- und Irredentismus-Bestrebungen im späteren 19. und frühen 20. Jh fassten Gebiete, die schon sehr lange deutsch waren, wie Schlesien, meist nicht mit ein. Das Posen-Gebiet schon eher, da es erst mit den polnischen Teilungen deutsch bzw preussisch geworden war. Hauptsächlich ging es damals um die unter russischer Herrschaft stehenden Gebiete, also Kongresspolen und östlich davon liegenden Gebiete (die teilweise polnisch besiedelt waren). Und um das österreichische Galizien. Deutsche/preussische Gebiete wurden nur in Extremformen anvisiert, wurden “piastische Gebiete” genannt (weil sie unter dieser Dynastie zu Polen gehört hatten), rundeten Phantasien von einem Gross-Polen ab. Etwa bei Roman Dmowski. Wilna/Wilno/Vilnius oder Lemberg/Lwow/Lwiw waren dagegen integrale Bestandteile polnischer Pläne/Ziele. Die polnische Exilregierung in GB wollte während der Nazi-Besatzung keine territoriale Vergeltung in Form einer polnischen Westausdehnung auf Kosten Deutschlands. Weil sie einen darauf folgenden deutschen Revanchismus fürchtete, dem sich Polen nur durch Anlehnung an die SU (unter Preisgabe der Souveränität) widersetzen könnte. Aber die piastischen Grenzen kamen dann ja.

Die Westverschiebung Polens infolge des 2. WK verschob den Schwerpunkt des Landes aus dem Osten. Polen hat dadurch mehr verloren als gewonnen, flächenmäßig und was polnisch besiedeltes Gebiet betrifft. Deutschland hat etwa ein Viertel seines Territoriums an Polen verloren; und die SBZ/DDR wurde Deutschlands Osten. Polen bekam das südliche Ostpreussen (mit den Regionen Masuren und Ermland), Hinterpommern (mit Stettin und dem Oderdelta), Ost-Brandenburg/Neumark (mit dem östlichen Teil von Guben zB), den grössten Teil Schlesiens (inklusive Breslau), Westpreussen, das Posen-Gebiet23; ausserdem das einst österreichische West-Galizien. Eine Grenzziehung konsequent entlang der Oder/ Odra hätte das halbe Stettin sowie den grössten Teil Schlesiens für Deutschland erhalten (zunächst für die DDR). Die Oder-Neisse-Grenze zerschnitt mehrere Städte: Görlitz/Zgorzelec, Guben/Gubin, Frankfurt (Oder)/Słubice, Bad Muskau/Łęknica.

Im Juni 45, also vor der Potsdamer Konferenz, rückte die wieder-entstandene polnischen Armee zur Oder-Neisse-Linie vor, schloss die Grenzen für Rückkehrer. Ende Mai übergab die SU die Verwaltung dieser Gebiete an Polen, behielt sich das nördliche Ostpreussen sowie das bisherige Ost-Polen. Entgegen der Bestimmungen des Potsdamer Vertrags kam auf Wunsch der Polen ganz Stettin/ Szczecin zu ihnen und ein Gebiet westlich davon, also ein Teil Vorpommerns. Die Sowjets unterstellten Stettin und Umgebung bald nach der Eroberung Ende April 1945 einer polnischen Verwaltung. Die Festlegung der Grenze erfolgte im September, nach einer sowjetisch-polnischen Vereinbarung. Erst ab Greifenhagen/Gryfino führt die Grenze wieder entlang der Oder. Der grösste Teil Vorpommerns kam zur SBZ, dann an die DDR, an das Land Mecklenburg-Vorpommern sowie zu Brandenburg.

Polnische Soldaten markierten die Grenze am Oder-Ufer

Kriegswende, Vorrücken der Alliierten, Flucht und Vertreibungen aus dem Osten,  Besatzungen, Grenzverschiebungen bzw deutsche Teilungen, Ende der Diktatur bzw neue, das kam alles innerhalb weniger Jahre. Der Terror den die Nazis in viele Teile Europa brachten, kam zurück, er be-traf aber selten die wirklich Verantwortlichen. Man könnte sagen, dass die Vertriebenen/Umsiedler Hitlers letztes Opfer waren. Umsiedlungen in Mitteleuropa 39-49 durch Hitler wie auch seine Gegner betrafen ca 50 Mio Menschen. Ost-Europa wurde von den Nazis klar als auf einer minderwertigeren Stufe gesehen und behandelt; dort wutrde noch leichtfertiger über das Schicksal bzw den “Wert” von Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen “Volkszugehörigkeit” entschieden. Aus dem Osten kamen zunächst Zwangsarbeiter, dann (deutsche) Flüchtlinge. Mit der Kinderlandverschickung gelangte Helmut Kohl nach Bayern, wo er eine vormilitärische Ausbildung erhielt. Von Berchtesgaden ging er ab Ende April 1945 mit drei Schulkameraden zu Fuß nach Ludwigshafen. Bei Augsburg verprügelten befreite polnische Zwangsarbeiter Kohl und Freunde in den Braunhemden.

In den vormaligen Nazi-Lagern, auch in Polen, wurden in der Nachkriegszeit (u.a) Deutsche gehalten. Zgoda in Schlesien war ein Aussenlager des KZ Auschwitz, von Februar bis November 45 wurden dort tatsächliche/vermeintliche deutsche Nazi-Kollaborateure gefangen gehalten. Wer in der NS-Volksliste “weit vorne” war, konnte leicht dort landen… Im Lager Potulitz, Aussenlager des KZ Stutthof (früheres Westpreussen), verhielt es sich ähnlich. Viel über die polnischen Gefangenenlager wurde vom jüdischen US-Historiker John Sack aufgedeckt, der von ca 70000 Opfern dort schreibt. Im ehemaligen KZ Sachsenhausen (Oranienburg, Brandenburg) wurden 45-50 (unter SU-Kontrolle, nicht polnischer) zunächst anscheinend NS-Belastete, dann allmählich aber (auch) Demokraten bzw Aktivisten die sich gg Entwicklung in der SBZ wehrten, eingesperrt! Laut Hubertus Knabe sind dabei etwa 12 000 Menschen umgekommen, darunter jedenfalls “Heinrich George”24. Das Lager Hohenschönhausen in Berlin ging über in “Besitz” der DDR (MfS), Knabe ist Leiter der Gedenkstätte dort. Es gab auch die “Reichs”- und “Volks”-Deutschen, die zu Reparationsarbeit in die SU verschleppt wurden.

Polen hatte wie sonst vielleicht nur noch die SU unter dem NS gelitten, allein bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands wurden 200 000 getötet. Jenen Deutschen, die 44/45 unter polnischer Herrschaft lebten, ging es meist noch schlechter als jenen unter sowjetrussischer. Für Polen tat sich ebenfalls binnen weniger Jahre Entscheidendes; die Befreiung von den Nazis durch die Rote Armee war mit der Errichtung einer neuen Diktatur verbunden, verbunden mit einem Territorial- und Bevölkerungstransfer. Nachdem es solche Transfers bereits unter Hitler gegeben hatte. Das Nachkriegs-Polen war weitgehend ethnisch homogen. Ethnisch bereinigte Staaten hatten nach dem 2. WK Konjunktur.25 Hitler wollte die Sammlung aller Deutscher in einem Staat, nun bekam man zwei deutsche Staaten (plus Österreich, Luxemburg,…) und verlor die deutschen Ostgebiete sowie die Siedlungsgebiete in Osteuropa. Die polnische Ostgrenze stimmte weitgehend mit der Aufteilung des Hitler-Stalin-Pakts überein.

44 übernahm das Lubliner Komitee/Nationales Befreiungskomitee (PPS, PPR,.. die Vorgängerparteien der polnischen kommunistischen Partei) die Herrschaft in Mittel-Polen; im Osten herrschte die SU (in den dann von ihr kassierten Gebieten), im Westen damals noch die Wehrmacht. 45 kam eine provisorische Regierung, von den Kommunisten dominiert, von der Roten Armee und anderen SU-Behörden im Land unterstützt. Gomulka, 56-70 Generalsekretär der KP als Nachfolger von Bierut, war für die komplette Vertreibung der Deutschen. 1947 eine halbfreie Parlamentswahl, mit einem Sieg eines linken Bündnisses (PPS,…). Die bürgerliche Volkspartei (PSL) wurde in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Und, die PZPR, die 1948 entstandene KP, verdrängte in den nächsten Jahren alle andereren Kräfte, liess diese teilweise als Blockparteien bestehen, gab die Macht erst 1989/90 ab.

Als Kresy (“Grenzland”) wird das historische Ostpolen genannt, das nach dem 2. WK zur SU kam, Regionen wie Wolhynien oder Polesien.26 Der grösste Teil der Polen von dort wurde umgesiedelt, offiziell freiwillig, da die SU und die VR Polen ja “Brüderstaaten” waren. Diese “Sabuschanije” durften mehr von ihrem Hab und Gut mit nach Westen nehmen als die Deutschen aus Ostpreussen oder Schlesien. Viele von ihnen haben ein, zwei Jahre sowjetischer Herrschaft erlebt. Der Grossteil der Ostpolen kam in die piastischen/exdeutschen Gebiete im nunmehrigen West- und Nordpolen. Vor allem Ostpreussen war nach dem Abgang der Deutschen entvölkert. Bereits Anfang 45 strömten im Sog der Roten Armee die ersten Polen als Siedler in die teilweise verlassenen deutschen Ost-Gebiete, die Ostpolen/Sabuschanije kamen grossteils 1946. Daneben gab es im neuen Westpolen auch dort gebliebene oder zurückgekehrte Polen (die schon vor dem Krieg dort gelebt hatten) sowie Einwanderer aus Zentralpolen. Es fand eine Art Bevölkerungsaustausch statt; die Polen aus Vilnius/Wilna/Wilno (die Bevölkerungsmehrheit dort) oder Lwiw/Lemberg gingen nach Stettin/Szczecin oder Breslau/Wroclaw. Dessen Einwohner nach Berlin oder München.

Die VR Polen bemühte sich auch um Rückkehr von Polen aus Deutschland, als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter dorthin verschleppte, der Ruhr-Polen, der Polnisch-Stämmigen in Mitteldeutschland. Die Resonanz war gering, hauptsächlich weil Polen kommunistisch geworden war, es dort eine Kontinuität des Totalitarismus gab. Die Ruhrpolen hatten ausserdem längst Wurzeln geschlagen. Aber auch viele ehemalige Zwangsarbeiter blieben lieber in Deutschland oder gingen weiter in eines der Übersee-Anglo-Einwanderungsländer. Der RAF-Aktivist Stefan Wisniewski ist Sohn eines als Zwangsarbeiters nach Deutschland verschleppten Polen.

Die Integration der deutschen Vertriebenen/Umsiedler in BRD und DDR war eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Natürlich gabs Unterschiede, und ein Fischer aus Hinterpommern der sich in Vorpommern niederliess, musste sich nicht so umstellen wie schlesische Fabrikarbeiter die ins ländliche Bayern gingen. Vertriebene wurden in in West- wie in Mitteldeutschland oft als “Polacken” oder so gesehen und beschimpft (obwohl es in beiden Deutschlands schon polnisch-stämmige Bevölkerungsteile gab). Es gab nach dem 1. und 2. WK viele Gruppen, die solche Umsiedlungsprozesse durchmachen mussten, die Italiener aus dem jugoslawisch gewordenen Teil des Julischen Venetiens, Griechen aus dem türkischen Kleinasien, Palästinenser aus dem nunmehrigen Israel,… Vielerorts haben Vertriebene Schlüssel ihrer alten Häuser mitgenommen. In der BRD wurden etwa 10 Mio Deutsche aus dem Osten aufgenommen, in Schleswig-Holstein und Bayern am meisten.

Die BRD erhob bis 1970 Ansprüche auf ein Deutschland in den Grenzen von 1937 bzw in jenen aufgrund des Versailles-Vertrags. Und die “Frage” der ehemaligen deutschen Ostgebiete war in den Kalten Krieg eingebettet, verbunden mit den Beziehungen zum Ostblock, zur DDR (die dazwischen lag), aber auch mit der Nazi-Vergangenheit. Eine Integration der Vertriebenen stand dem Anspruch auf die ehemaligen Ostgebiete jedenfalls nicht entgegen, das eine schloss das andere nicht aus. Theodor Schieder, unter dem 1953 bis 1962 eine Dokumentation der Vertreibung erstellt wurde, im Auftrag des Vertriebenenministeriums, einer der bedeutendsten Historiker der BRD, hatte in 1930ern die Annexion von Teilen Polens, die Ausweisung von Polen aus diesen Gebieten und die “Entjudung” Rest-Polens gefordert. Viele Vertriebene/Aussiedler machten sich in der BRD einen Namen: aus Schlesien stamm(t)en etwa Georg Thomalla, Bernhard Grzimek, Hanna Schygulla27, aus Hinter-Pommern Heinrich George (Georg Schulz), Alfred Döblin, Klausjürgen Wussow, aus Westpreussen Kurt Schumacher, Günter Grass, Klaus Kinski (Nakszynski)28, aus Ostpreussen Heinz Sielmann, Marion Dönhoff, Rainer Barzel, Linus Kather oder Lena Valaitis, aus Ost-Brandenburg Gottfried Benn, aus dem Posener Gebiet (der Vertriebenen-Politiker) Waldemar Kraft.29

4 Millionen kamen in die SBZ/DDR, machten dort ein Viertel der Bevölkerung aus. In Mecklenburg-Vorpommern lebten die meisten. Die Umsiedler galten in der DDR als Hitler-Opfer, der Hauptinitiator der Vertreibungen (SU) war deren grosser Bruder, Polen war Nachbar und auch ein Bruder. Bekannte Umsiedler waren der Schriftsteller Horst Bienek (setzte sich literarisch mit seiner Heimatstadt Gleiwitz/Gliwicze auseinander), der Politiker Lothar Bolz (NDPD), ebenfalls aus Schlesien, der Schauspieler Armin Müller-Stahl (Ostpreussen), und die Staatschefs Wilhelm Pieck (aus dem östlichen Teil Gubens in der Neumark) und Egon Krenz (aus Pommern). Die DDR anerkannte die Oder-Neisse-Grenze 1950 im Görlitzer Vertrag, sah die Frage der Grenze aber damit anscheinend nicht als abgeschlossen. 1951 gab es mit der VR Polen kleine Grenzkorrekturen; die DDR hatte hauptsächlich Ambitionen auf Stettin, wünschte zumindest eine Nutzung ihres Hafens. Von polnischen Kommunisten wurde in den in den 50ern angeblich ein Tausch des nunmehrigen West-Polens an die DDR gegen das ehemalige Ostpolen von der SU angeregt. Von 1971 bis 1980 waren die ostdeutsch-polnischen Grenzen weitgehend offen, bis man einen schlechten Einfluss polnischer Regimegegner auf die DDR-Bürger fürchtete.

Ein Teil der Oberlausitz war zeitweise von Sachsen (Königreich, dann Land) zu Schlesien gewandert, nach dem Krieg wieder zu Sachsen/SBZ/DDR, weil westlich der Neisse. So blieb ein kleiner Rest (Nieder-)Schlesiens, mit dem halben Görlitz, Deutschland erhalten. Die Lausitz ist auch Heimat der slawischen Sorben. Von Brandenburg blieb der grösste Teil bei der SBZ/DDR, von Pommern wie erwähnt nur der westlich der Oder gelegene Teil, Vorpommern. Die DDR grenzte an die ehemaligen deutschen Ostgebiete (nunmehr polnisch) Hinterpommern, Ostbrandenburg/Neumark, Nieder-Schlesien, sowie das nördliche Sudetenland; in der alten BRD grenzte nur Bayern ans (westliche) Sudetenland. 1952 wurden die Bundesländer der DDR in Bezirke umgewandelt, vor der Wiedervereinigung 1990 wurden sie wieder hergestellt. Marion Dönhoffs (aus Ostpreussen) “Namen, die keiner mehr kennt” und “Anna Seghers'” “Die Umsiedler” sind zwei Thematisierungen des Verlustes der Ostgebiete bzw der Heimat aus BRD und DDR.

Über Polen kam also nach der Hitler-Herrschaft jene Stalins. Das Militärbündnis des Ostblocks wurde 1955 in Warschau geschlossen. Ohne Vertreibungen etc hätten Deutsche im neuen Polen ca ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht. Bis etwa 1950 siedelten Deutsche oder Deutsch-Assimilierte noch vereinzelt aus Polen aus, in die WBZ/BRD oder SBZ/DDR. Die (vorerst) Gebliebenen waren meist „Mischlinge“ oder an die Polen assimilierte Deutsche, unabkömmliche Fachleute, Antifaschisten oder aber NS-Verbrecher wie der KZ-Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss, der 1947 in Oswiecim hingerichtet wurde. Deutsche waren hauptsächlich in Oberschlesien (> Woiwodschaft Opolskie, mit der Hauptstadt Opole/Oppeln) geblieben, wo die Grenzen zwischen den Volksgruppen durchlässiger waren, wodurch einiges Deutsche bleiben konnte (weil es von polnischer Seite als “polnisch” gesehen wurde); daneben Bergleute in Niederschlesien (s.u., 1945-75 Województwo wrocławskie), Leute in den ländlichen Gebieten Hinterpommerns (Woiwodschaft szczecińskie) sowie im südlichen Ostpreussen (W. olsztyńskie) einst eingedeutschte Masuren und Ermländer. Gewisse (deutsche) Vornamen wurden verboten, was zB dazu führte, dass man seinen Sohn „Jan“ nannte, ein typisch polnischer Name, der aber eigentlich die niederländische Version von Johannes ist. Ab 1951 gab es offiziell keine Deutschen mehr in Polen, weil die Gebliebenen als “verkappte” Polen gesehen wurden oder als irgendwie illegitim oder temporär in Polen lebend.

In Waldenburg/ Walbrzych in Niederschlesien gab es einige zehntausend deutsche Bergleute (Steinkohle-Abbau) und Textilfacharbeiter, die man im Land behielt, um die Wirtschaft dort weiter laufen zu lassen. Als deutsche Minderheit wurden sie nicht anerkannt, viele von ihnen wollten das auch nicht, ein grosser Teil wurde DDR-Bürger. Nachdem die DDR 1951 die Oder-Neisse-Grenze anerkannt hatte, wurden in einigen Schulen der Gegend deutscher Schulunterricht erlaubt. Es kam zu einer unfreiwilligen Ökumene zwischen diesen mehrheitlich katholischen Industriearbeitern in Niederschlesien und deutschen evangelischen Christen in Oberschlesien. 1957 wurde ein grosser Teil der Waldenburger in die DDR ausgewiesen (oder ziehen gelassen), ein Teil in den Jahren davor und danach auch nach West-Berlin. In den 1960ern gab es weitere Auswanderungsaktionen, spätestens hier ist von Spätaussiedlern zu sprechen. Ein kleinerer Teil blieb anscheinend, integrierte sich ins kommunistische Polen, ohne wirklichen Schutz für ihre kulturell-ethnische Identität.

Von 1950 bis 1989 gelangten insgesamt über 1 Million “Aussiedler” aus
Polen nach dem Bundesvertriebenengesetz in die Bundesrepublik Deutschland. Etwa infolge des Warschauer Vertrages von 1970 im Rahmen von Familienzusammenführungen. Die deutsche “Sprachinseln” im kommunistischen, westverschobenen Polen schrumpften immer mehr zusammen, wurden zumeist durch gemischte Familien, wie jene von Miroslav Klose, oder Deutsch-Assimilierte gebildet. In Osteuropa war das überall so zur Zeit des Kalten Kriegs, die Besonderheit an Polen war/ist, dass es ehemals (anerkanntes) deutsches Staatsgebiet enthielt; ansonsten betrifft das nur das Gebiet um Hultschin/Hlucin, das von Schlesien zur Tschechoslowakei kam (nach dem 1. WK), sowie das nördliche Ostpreussen (nach 1. bzw 2. WK zur SU).

Es gab ein polnisches Ministerium “für die wiedergewonnenen Gebiete”, das sich zum Einen um die Ansiedlung und Integration von Polen in den ehemals deutschen Gebieten kümmerte, zum Anderen dort um (Re-)Polonisierung auf geistiger Ebene bemüht war. In Danzig/ Gdansk im ehemaligen Westpreussen wurde etwa Johannes Hevelius/ Jan Heweliusz, ein teilweise polnischer Astronom aus dem 17. Jh, zu einer Symbolfigur für die polnische Vergangenheit der Stadt aufgebaut. Polonisierung bzw „Entdeutschung“ (polnisch Odniemczanie) betraf natürlich auch die verbliebene Deutschen (in Schlesien/ Slask,…), deutsch-polnische Mischlinge, grossteils an die Deutschen assimilierte Gruppen wie die Masuren, Kaschuben30, Ermländer. Sie zielte auch auf die Verdrängung deutscher Spuren (die es hauptsächlich an den Rändern Polens gab) ab, die auch vor Friedhöfen nicht halt machte. Die polnische Verwaltungsneugliederung 1975 vermischte zudem endgültig die Grenzen ehemaliger deutscher/preussischer Provinzen mit anderen Teilen Polens.

Was die Evangelische Kirche in Polen betraf, mit dem deutschen Exodus um 1945 verlor sie ca. 75% ihrer Mitglieder. In der Zwischenkriegszeit hatte sich eine Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen (Kościół Ewangelicko-Augsburski w Polsce) gebildet, hauptsächlich aus der deutschen Minderheit und an diese Assimilierte bestehend. Generalsuperintendent war Juliusz Bursche, der von Deutschen abstammte, die nach Kongresspolen ausgewandert waren. Es gab grosse Konflikte in und um diese(r) Kirche, die die politisch-ethnischen wiederspiegelten. Nach der NS-Unterdrückung wurde also die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen wieder hergestellt, der Klerus staatlich polonisiert. Die bisherige evangelische deutsche Kirchenprovinz Schlesien (Evangelische Kirche der altpreußischen Union) etwa wurde nach 1945 mit ihren Kirchenkreisen östlich von Oder und Neisse in diese polnische evangelische Kirche eingegliedert (und aus dem schlesischen Kontext herausgelöst). Bischof der Evangelischen im ehemaligen Niederschlesien (Breslauer Woiwodschaft) wurde 1946 Ernst Hornig, als Nachfolger von Otto Zänker (1945 schon kommissarisch als Präses). Hornig wurde aber bereits Ende 1946 aus Polen ausgewiesen, die in Wrocław/ Breslau verbliebenen Konsistorialmitglieder Anfang 1947. So konstituierte sich ’47 in der SBZ in Görlitz die “Evangelische Kirche von Schlesien”, die 1968 in “Evangelische Kirche des Görlitzer Kirchengebietes” umbenannt wurde.

Auch in der katholischen Kirche zeigte sich im Nachkriegs-Polen Unduldsamkeit ggü den Resten deutscher Bevölkerung, bzw die “Polonisierung” wurde auch dort betrieben. Der aus dem einst deutschen Ober-Schlesien stammende Warschauer Erzbischof und Primas von Polen, August Hlond betrieb die Absetzung deutscher Bischöfe und Pfarrer, und setzte sich für ihre Ausweisung ein. Das betraf nicht zuletzt Maximilian Kaller, Bischof von Ermland in Ostpreussen, der zunächst in den Westen geflüchtet war, dann aber zurückgekehrt. Hlond, in Österreich ausgebildet, dann im Polen der ZKZ tätig, war während des 2. WK in Vatikan, wurde dort auf Betreiben deutschfreundlicher Kreise abgeschoben… Adolf Bertram, 1914-45 Bischof von Breslau (Schlesien), zeitweise Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, hatte anlässlich der Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 Streit mit Hlond. Bertram gestatte im deutschen Schlesien der ZKZ Predigten auf Polnisch; er starb 45 auf der Flucht in Sudetenland, wurde 91 in Breslau/Wroclaw beigesetzt.

Nikolaus von Lutterotti, 1892 im damals österreichischen Süd-Tirol geboren, Vater aus Venedig, bekam seine Priesterweihe in Nieder-Schlesien, blieb dort tätig, auch während des NS, den er ablehnte. Nachdem der grösste Teil Schlesiens 1945 an Polen gefallen war, wurde auch fast der gesamte Konvent des Zisterzienserklosters in Grüssau/Krzeszów dem Lutterotti angehörte, vertrieben. Da Lutterotti nach dem 1. WK italienischer Staatsbürger geworden war, durfte er bleiben. Er war in den folgenden Jahren in der deutschsprachigen Seelsorge in Schlesien aktiv, etwa im Waldenburger Bergrevier. Daneben wirkte er ab 1946 als Spiritual für die in Krzeszów neu angesiedelten polnischen Benediktinerinnen, die aus der Allerheiligenabtei in Lemberg/Lwiw vertrieben worden waren. Auch geheimen deutschen Schulunterricht organisierte er mit – wie er in Südtirol unter dem Faschismus stattgefunden hatte31. Von Lutterotti wurde vom vom kommunistischen Regime eingesetzten Kapitularvikar von Breslau, Kazimierz Lagosz (aus Ost-Galizen), zunehmend gegängelt. 1954 verliess er Polen, im Jahr darauf starb er.

Ein Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen katholischen Bischöfen 1965 führte zu einer Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen, obwohl er von den Ostblock-Regimen wie von westdeutschen Vertriebenen-Verbänden kritisiert wurde. Auch das Verhältnis der polnischen Zuwanderer und der deutschen Restbevölkerung in den ehemaligen deutschen Restgebieten war davon betroffen. Es entwickelten sich in Einzelfällen auch familiäre Bindungen zwischen ihnen. Józef Glemp, der einer deutschstämmigen Arbeiterfamilie im Gebiet Posen entstammte, wurde während der deutschen Besetzung Polens zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof nach Deutschland geschickt. Von 1981 bis 2009 stand er an der Spitze der katholischen Kirche Polens. Auch er tauschte sich mit seinen westdeutschen Kollegen aus, in den 1980ern, auch über deutschsprachige Seelsorge in Polen.

Das Verhältnis zwischen Polen und Juden ist ein Thema für sich. In kommunistischer Zeit gab es den Ausdruck “Zydokomuna”, der unterstellte, dass das kommunistische Polen von Juden dominiert sei; zumindest für die oberste Führung galt das aber nicht. 1956 gab es Liberalisierungsversprechen des Regimes, Proteste gegen dieses – und eine Auswanderungswelle von Juden. Broder, der Retter des Abendlandes, ging 57 in die BRD, viele nach Israel oder in die USA. Es gab auch ein polnisches 1968, wieder Anti-Regime-Proteste (die niedergeschlagen wurden), und wieder ein Bezug zu Juden. Es war die Zeit nach Israels glorreichem Sieg von 67. Die SU hat damals die Beziehungen zu Israel abgebrochen, die anderen Ostblock-Staaten folgten. 68 gab es vom polnischen Regime antizionistische Kundgebungen und Rhetorik. Die Kirche mit Kardinal Wyszyński an der Spitze nahm dagegen eher eine proisraelische Haltung ein, die meisten Juden sowieso (es wurden wieder Auswanderungen gebilligt); es heisst, in der polnischen Bevölkerung gab es auch Sympathie für das von polnischen Juden dominierte Israel, welches in einem “Überlebenskampf” sei, der dem polnischen glich, gegen “Russen” (und die SU unterstützte jetzt die arabischen Staten) und (Nazi-)Deutschland. Dort, zumindest in der BRD, verehrten aber auch Viele das von polnischen Juden geprägte Israel. Parteichef und damit Machthaber in Polen war 70-80 Gierek.

1958 wurde der westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer Mitglied des Deutschen Ordens, wurde dabei fotografiert, wie er im Ordensmantel vor dem Hochmeister des Deutschen Ordens niederkniete. Für das polnische Regime ein willkommener Anlass, den deutschen “Drang nach Osten” bestätigt zu sehen. Ausgerechnet Adenauer, für den Vertriebene und verlorene Ostgebiete aber auch eine Wiedervereinigung mit der damaligen DDR keine Priorität hatten und für den das Rheinland bzw der katholische Südwesten Deutschlands die Antithese zu “Preussen” darstellte. Die SPD fuhr lange eine grossdeutsche Linie, polemisierte gegen Adenauers “beschränkten Horizont” (> Kossert S 173), veranstaltete ihre Parteitage 1964 und 68 mit einer Land-Karte von Deutschland in den Grenzen von 1919 bis 193732; auf jenem 68 hat sie allerdings die “ostpolitische” Wende eingeleitet. Die sie 1969 nach der Regierungsbildung mit der FDP umsetzte.

Im November 70 der Staatsbesuch von Kanzler Brandt in Polen, der Kniefall vor Denkmal der Aufständischen im ehemaligen Warschauer Ghetto, die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags, die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze durch die BRD, die anderen Ostverträge (mit denen der damalige USA-Herrscher Nixon einverstanden war). Die Bundesrepublik Deutschland hatte bis dahin Ansprüche auf Deutschland in den Grenzen von 1937 erhoben, auf die DDR (daran änderte sich nichts) und auf Gebiete die zu Polen und zur SU gehörten. Die bundes-deutschen Grenzrevisionsforderungen (die oft mit einer Diskussion der “Lebendigkeit” des Deutschen Reichs verbunden waren) bezogen sich auf die nach dem 1. WK gezogenen Grenzen – obwohl die damalige Abtrennung des grössten Teil Westpreussens ebenso ein Machtwort der Siegermächte war wie die Abtrennung Schlesiens nach dem 2. WK.33

Günter Grass ist in der „Freien Stadt“ Danzig aufgewachsen, Vater war Lutheraner (in Westpreussen ca. 50%), Mutter katholische Kaschubin (Polen & Kaschuben ca 1/3 in W-Preussen); erlebte 2. WK, Gefangenschaft, Westflucht,… In „Blechtrommel“ (1959) behandelte er nicht nur das Thema Vertreibung/Flucht, sondern auch die Vorgeschichte. Der verfilmte und vielfach übersetzte Roman kann als Tatsachenroman, historischer Roman, autobiografischer oder Entwicklungsroman eingestuft werden. Den Untergang des deutschen Westpreussens, den er miterlebte, mit dem Zwischenschritt von der internationalen Stadt zur NS-Herrschaft, erzählt er hauptsächlich anhand einer Familie, aus der Perspektive des Oskar Mazerath, der inzwischen in Westdeutschland ist. Grass unterstützte die SPD und Brandts Ostpolitik, bekam den Nobelpreis, verlor wegen seiner späten Israel-Kritik international und in Deutschland viel Kredit.

Der Bundesverband der Vertriebenen (BdV) entstand 1957 als Zusammenschluss der Landsmannschaften; diese sind Vereine, keine Körperschaften oder Behörden, benahmen sich aber zT wie Exilregierungen. Daneben gab es in der BRD ein Vertriebenen-Ministerium und eine Partei (BHE), es gibt Zeitungen, einen Gedenktag, Treffen,… Erst mit Brandts Ostpolitik band sich der BdV an CDU und CSU und bekamen diese Parteien Vertriebene als Wähler, bis dahin war’s umgekehrt, u.a. weil CDU/CSU die Parteien der Alteingesesseneen in katholischen Gegenden waren. Der aus Schlesien stammende Vertriebenen-Funktionär und Politiker Herbert Hupka trat 1972 zur CDU über.34 Andere Vertriebene in der westdeutschen Politik waren Wenzel Jaksch (Sudetenland, SPD), Rainer Barzel (Ostpreussen, CDU), Erich Mende (Schlesien, FDP dann CDU), Klaus Töpfer (Schlesien, CDU), Manfred Kanther (Schlesien, CDU), Hans Klein (Sudetenland, CSU).35 Manche von ihnen waren/sind Berufs-Vertriebene, bei anderen spielte dieser Hintergrund gar keine Rolle in ihrer Politik. Ein NS-Belasteter unter den Vertriebenen-Funktionären war Theodor Oberländer; der Thüringer nahm am Hitler-Putsch 23 teil, wurde 33 NSDAP-Mitglied, diente im Bataillon “Nachtigall” in der Sowjet-Ukraine; 53-60 war er Vertriebenen-Minister, als GB/BHE-Politiker.36

Rechtsextremen Parteien gelang es nicht, Vertriebene und ihre Verbände zu gewinnen. Und, die Erinnerungskultur der Vertriebenen ging vom Öffentlichen ins Private. In dieser Kultur wurden auch Vielfalt und Heterogenität von Ländern wie Schlesien im Nachinein “gesäubert”, auch die eigene “Identität”, auf rein deutsch. Die Sache der Ostgebiete war wiegesagt einzementiert in den Kalten Krieg, wurde ein Randthema, Hoffnung auf Rückkehr schwand, wurde eine politisch irreale Position. Die BRD des Wirtschaftsaufschwungs war auch zu gemütlich als dass man “Abenteuer” gesucht hätte. Eher selten wurde die Frage von Teilung, Gebietsverlust und Vertreibung im westdeutschen Diskurs mit den vorangegangenen Nazi-Verbrechen in Zusammenhang gebracht. Polen kamen durch die Jahrzehnte als Einwanderer in die BRD, neben Spät-Aussiedlern Dissidenten, Gastarbeiter,…, waren eine von mehreren Zuwanderer-Nationalitäten, wie Jugoslawen, Italiener, Türken. Und der Papst war ab 1978 ein Pole. Polnische Antikommunisten als gleichrangige Bündnispartner im Kalten Krieg zu sehen, damit taten sich viele Konservative in der BRD schwer… Aber so eine gewisse Heuchelei gab es auch im (exil-) polnischen politischen Diskurs.

1980 wurde Jaruzelski “Herrscher” Polens, liess 1981–1983 im Kampf gegen die Solidarność von Walesa (aus Gdansk/Danzig) das Kriegsrecht gelten. Gorbatschows Reformen ermöglichten die Umbrüche in Osteuropa 1989 bis 1991, die zu einem Ende des Ostblocks und des Kalten Kriegs führten. Die Wende in der DDR 89/90, mit Demokratisierung und Vereinigung mit der BRD. In Polen in dieser Zeit ebenfalls Demokratisierung sowie Entstehung der Dritten Republik. Einreisen nach und Ausreisen aus Polen wurden möglich, etwa für weitere “Spät-Aussiedler” (der deutschen Minderheit in Polen) und Besuchsreisen von Vertriebenen, oder anderer Deutscher, zu deutschen Erinnerungsorten in Polen. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen mit ihren Anteilen an Polen verlorener Länder wurden 1990 wieder Bundesländer sowie Teile Gesamtdeutschlands, der vergrösserten BRD. Diese anerkannte 1990 nochmal bzw definitiv die bestehende Grenze zu Polen entlang Oder und Neisse. Die deutsche Rechte, angefangen von der CSU und Teilen der CDU, musste sich mit diesem Verzicht arrangieren. Der BdV dehnte sich in das nunmehrige Ost-Deutschland aus. 1991 schlossen Kohl und der polnische Regierungschef Mazowiecki (Solidarnosc) den Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrag.

In diesem wurden die gebliebenen Deutschen (oder Deutsch-Assimilierten) als Minderheit in Polen anerkannt! Wie sich herausstellte, sind Deutsche die grösste ethnische Minderheit in Polen, mit etwas zwischen 200 000 und 400 000 Personen, vor Kaschuben, Litauern, Ukrainern,… Wobei alle diese Gruppen nach den Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft mehr oder weniger an die Polen assimiliert waren. Siedlungsschwerpunkt war weiterhin klar das ehemalige Oberschlesien, die Woiwodschaft Oppeln (Województwo opolskie). Dort stellen sie in mehreren Gemeinden 20 bis 50 Prozent der Bevölkerung; in der Woiwodschaft gesamt dürfte sich ihr Anteil auf etwa 10% belaufen. An dieser Stelle sei vorgegriffen: 1999 kam in Polen eine Verwaltungsreform, die Provinzen/Woiwodschaften wurden neu eingeteilt, und im Folgenden wird auf diese eingegangen.

Ausser in Oppeln/Opole gibt es Deutsche noch v.a. im historischen Hinterpommern, das 99 auf 3 Woiwidschaften aufgeteilt wurde, da hauptsächlich in Pomorze Zachodnie (“Westpommern”) mit Sczeczin/ Stettin.37 Das ehemalige Westpreussen mit Gdansk/Danzig gehört grossteils zur Woiwodschaft Pomorskie. Reste deutscher Bevölkerung gibt es auch noch in Niederschlesien/Dolnoslask (Hauptstadt Wroclaw/Breslau), im früheren Süd-Ostpreussen, nun Woiwodschaft Warminsko-Mazurskie (Ermland-Masuren), weiters in Ost-Brandenburg (Lubusz-Woiwodschaft), Posen (Wielkopolska/Grosspolen),…

Oder/Odra, Stettin/Szczecin

Man muss dazu sagen, dass alles Deutsche jahrzehntelang aus dem öffentlichen Leben verbannt war, und auch solche, die sich als (Polen-)Deutsche deklarierten, Deutsch auch in der Familie nicht mehr als Erstsprache verwendeten. Mit der Demokratisierung Polens begann also ein Wiederaufbau, behindert von Abwanderung, Vereinnahmungsversuchen deutscher Ewiggestriger und Verdächtigungen polnischer Nationalisten. Es gibt auch Polen mit (teilweise) deutschen Wurzeln und evtl. Namen, die sich keineswegs als Deutsche sehen. So wie Janusz Steinhoff aus Gleiwitz/Gliwice, 1946 geboren, ehemaliger Vize-Ministerpräsident; Leszek Miller, Ministerpräsident 01-04, ein Linker, der pro USA ist; Danuta Hübner, ehemalige EU-Kommissarin. In Schlesien wird auch von “Deutschen” eher Schlesisch gesprochen, eine Mischsprache mit slawischer Dominanz. In Teilen der Woiwodschaft Oppeln darf inzwischen Deutsch als Zweitsprache unterrichtet werden, die Unterrichtssprache bleibt jedenfalls Polnisch. Seit 2005 ist Deutsch ab einem Minderheitenanteil von 20% auch als Hilfssprache bei Behörden zugelassen.

1989 wurde die Gründung von Vereinen der deutschen Minderheit in Polen möglich; 1990 schlossen sich diese zum Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) zusammen. Sein politischer Arm wurde das Wahlkomitee der Deutschen Minderheit (polnisch Komitet Wyborczy Mniejszość Niemiecka; MN). Wobei dieses nur in der Woiwodschaft Oppeln breit aufgestellt ist und regelmäßig an Wahlen teilnimmt. Das MN ist bei polnischen Parlamentswahlen von der 5-Prozent-Hürde befreit, hat also ein Art Festmandat im Parlament (manchmal auch 2, je nach Ergebnis). Seit 1991 ist es durchgängig im polnischen Parlament vertreten. Henryk Kroll, geboren 1949, ein Tierarzt in Oberschlesien, trat 1990 als Kandidat bei der ersten freien Parlamentswahl an, verlor gegen eine “polnische” Oberschlesierin, wurde bei der Neuwahl 1991 gewählt. Auch im Sejmik (Landtag) der Woiwodschaft Oppeln sowie in mehreren Gemeinderäten ist das MN vertreten.

Lech Walesa hat als polnischer Präsident, der er von 1990 bis 1995 war, zu zweisprachigen Ortstafeln noch gesagt, dafür fehle in Polen das Geld. Inzwischen gibt es, mit deutschen Ortsbezeichnungen neben den polnischen, v.a. im Oppeln-Gebiet (Ober-Schlesien). 05 wurden sie erlaubt, 08 wurden die ersten aufgestellt. Eine Befragung der Gemeindebevölkerung ist bei der Aufstellung zweisprachiger Ortsschilder dann erforderlich, wenn der Anteil der Deutschen an der Bevölkerung unter einem Fünftel liegt. Ansonsten müssen der Gemeinderat, der Woiwode und das Innenministerium zustimmen. Diese sichtbaren Zeichen von Ethnopluralismus, Minderheitenschutz, subnationaler Identität sorgen gelegentlich für Kontroversen, manche wurden auch beschädigt. Auch anderswo gab es Kontroversen dieser Art, in Kärnten oder Südtirol. In Deutschland gibt es bezüglich polnischer Städtenamen inzwischen die Tendenz, die landessprachlichen (polnischen) Bezeichnungen statt der deutschen zu verwenden.

Der grösste Teil jener Polen, die sich als ethnische Deutsche deklarieren, sind Katholiken. Die Evangelischen waren von der Umsiedlung nach dem Krieg viel stärker betroffen, weil sie sich eben schon durch die Konfession von den Polen unterschieden, stärker deutsch fühlten bzw stärker als Deutsche identifiziert wurden. Bischof im Bistum Oppeln/Opole war (1977-2009) Alfons Nossol, *1932, aus einer deutschen Familie die 45 blieb. Viele Deutsche in Oberschlesien/Oppeln mussten nach 1990 eine (ihre) deutsche Identität neu erfinden. Bei manchen drückt sich das so aus, dass sie Gartenzwerge im Garten aufstellen. Inzwischen sind auch nicht wenige Doppelstaatsbürger geworden, bekamen auch den deutschen Pass, ohne Polen zu verlassen. 2015 kam es vor der Parlamentswahl in Polen zu vereinzelten Störaktionen von Veranstaltungen der deutschen Minderheit in Schlesien durch polnische Nationalisten, aus der PiS-Ecke. Der deutsche Verband VdG fordert grundsätzlich mehr Deutschunterricht an den Schulen, mehr “Objektivität” im Geschichtsunterricht, bessere Sendezeiten von Minderheitensendungen im öffentlichen Rundfunk, mehr regionale  Verwendung von Deutsch bei Behörden. Es gibt aber auch im VdG unterschiedliche Meinungen, darüber inwiefern man sich von der polnischen Mehrheitsbevölkerung “entfernen” und eine Sonderrolle einehmen soll.

Spuren deutscher Vergangenheit in Gdansk/Danzig: In der Jana z Kolna (früher Schichaugasse), gegenüber dem Haupteingang der Danziger Werft, befindet sich ein Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss sich früher das Kolonialwarengeschäft Willy Iskraut befand. Die Inschriften wurden erst vor Kurzem freigelegt

Und die Polen in Deutschland? In Artikel 20 und 21 des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages vom 17. Juni 1991 verpflichten sich beide Länder, die Rechte der in ihren Staatsgebieten ansässigen Personen der jeweils anderen Abstammung zu respektieren. Die Leute polnischer Abstammung in Deutschland sind aber eine sehr heterogene “Gruppe”, reichen von den Ruhrpolen bis zu Einwanderern der 90er und 00er, Bekenntnis zum Polentum sind unterschiedlich ausgeprägt. Viele, die als “deutsche Vertriebene” oder “Spätaussiedler” deklariert werden, haben etwas Polnisches, es gibt Nachfahren von Zwangsarbeitern, jüdische Auswanderer aus Polen,…38 Viele, die in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft stehen, haben polnische Namen, vom Politiker Wolfgang Kubicki über den Sänger Michael Skowronek („Wendler“, verheirateter Norberg) bis zum Fussballer Holger Stanislawski. Nur ein relativ kleiner Teil dieser Polnisch-Stämmigen hat eine polnische Identität bzw hält sie hoch. Es gibt da den Bund der Polen in Deutschland, der Polnische Kongress in Deutschland, die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Diese Verbände forderten lange die Anerkennung der Polen als nationale Minderheit in Deutschland und Gewährung der daraus resultierenden Rechte sowie die Beseitigung der ihrer Meinung nach bestehenden Asymmetrie (Deutsche sind in Polen als nationale Minderheit anerkannt). Nach Ansicht der Bundesregierung bzw der Behörden sind die Deutschland lebenden Polen deutscher Staatsangehörigkeit aber Angehörige einer zugewanderten Gruppe und nicht einer autochthonen deutschen Minderheit. Das sind die Sorben in Sachsen, die Dänen in Schleswig-Holstein, die Friesen in Niedersachsen und die Sinti/Roma.39 Die Polen in Deutschland sind demnach in der Diaspora, wie jene, die (ab dem 18. Jh) nach Frankreich oder später in die USA gingen. Die Exilregierung, die 1939 ihre Tätigkeit aufnahm, kehrte 1990 nach Polen zurück und löste sich auf.

Das Thema Vertreibung (das mit dem Gebietsverlust und dem NS zusammen hängt) wurde in der frühen Berliner Republik (wieder) ein Thema. Wie sich auch durch Günter Grass’ 2002 veröffentlichte Novelle “Im Krebsgang”, über die Gustloff-Versenkung, zeigte. Oder durch die Knopp-Serie (fürs ZDF) und das Buch “Die grosse Flucht”. Manche machen eine Tendenz im deutschen Selbstverständnis vom Tätervolk zur Opferrolle hin aus. Aber wurde das Thema im westdeutschen, bundesrepublikanischen Diskurs wirklich jemals behandelt, ohne die Opferrolle einzunehmen? Kam es oft vor, dass auf diese Umsiedlungen geblickt wurde, und dabei auf die Vorbedingungen eingegangen wurde, etwa die Vertreibungen und Versklavungen von Polen, Tschechen oder Ukrainern. Oder auf die bei der Blockade Leningrads gestorbenen Kinder. Auf Ursache und Wirkung. Andererseits, ethnische “Säuberungen” sollten nicht Strafe für voran gegangene Verbrechen sein, bzw ersteres nicht durch zweiteres gerechtfertigt werden.

Man wollte Deutsche als Minderheit in Polen nicht akzeptieren, nach den entsprechenden Aktionen und weiteren wahnsinnigen gab es nicht nur in Danzig oder Kattowitz (fast) keine Deutschen mehr, sondern auch in Breslau oder Stettin. „Volksdeutsche“ wurden vom NS als Vehikel für expansionistische Politik benutzt, viele von ihnen machten mit, gingen damit unter. Die NS-Politik bescherte ihnen eine Entwicklung vom Bromberger Blutsonntag über Umsiedlungsaktionen (im „Warthegau“, auch Deutsche aus Ost-Polen wurden dort angesiedelt) zum Aufenthalt in Lagern wie Zgoda, Flucht/Vertreibung und die Oder-Neisse-Grenze. Der Nationalsozialismus setzte ein Ende unter deutsche Siedlung in Osteuropa die ca 1000 Jahre zuvor begann. So wie der Zionismus die Mizrahis von ihren Landsleuten entfremdete, sie zu Feinden der Region aufbaute, schliesslich entwurzelte.

Wobei in der “Unterwürfigkeit” eines Salzborn auch eine Form von Ewiggestrigkeit und Deutschchauvinismus steckt… Oder wenn Volker Beck bei einer zionistischen Veranstaltung “…against the Conference of Palestinians in Europe” in Deutschland ’15 die Ansprüche von von Israel vertriebenen Palästinensern und ihrer Nachfahren damit abzuqualifizieren versucht, indem er darauf verweist dass er von Sudetendeutschen abstammt, die aus der Tschechoslowakei vetrieben wurden und den Status als Vertriebener/Flüchtling nicht geerbt habe. Bogdan Musial, aus Galizien/Galicja, flüchtete 85 in die BRD, wurde im 2. Bildungsweg Historiker, und bekannt durch das Aufzeigen falsch beschrifteter/zugeordneter Bilder bei der Wehrmachts-Ausstellung der 1990er, wo SU-Verbrechen den Nazis zugeschoben wurden, dies ist überhaupt sein Hauptthema. Musial deutete Antisemitismus von Polen in der NS-Zeit als Reaktion auf eine Kollaboration von Juden mit den sowjetischen Besatzern Ostpolens. Unter Anderen Klaus Wiegrefe warf ihm darauf die Übernahme antisemitischer Klischee (Gleichsetzung von Juden und Kommunisten) vor. Wieder mal rümpft der Deutsche über den “Antisemiten” von anderswo die Nase.

Der jüdisch-polnische-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross schrieb, in seinem Buch „Nachbarn“ (2000)40, Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs mehr Juden als Deutsche getötet, löste in Polen einen Historikerstreit aus, in dem es u.a. um das Massaker von Jedwabne 1941 ging, bei dem Polen und Volksdeutsche zwischen 500 und 1600 Juden ermordet hatten. Musial warf Gross überhöhte Opferzahlen und Fehler in der historischen Arbeit vor. Es ging auch um die Kollaboration von Polen mit dem nazideutschen Besatzungsapparat und Opferansprüche. 2013 lief der dreiteilige deutsche Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter”, der die Erlebnisse von fünf deutschen Freunden im Hitler-Stalin-Krieg erzählt. In Polen wurde die deutsche Produktion wegen der Darstellung von Polen (auch Partisanen) als “unzivilisierte Antisemiten” und der “verharmlosenden Darstellung” der Naziverbrecher stark kritisiert.

Das deutsch-polnische Verhältnis ist also nach wie vor stark vom 2. WK geprägt. Und es gibt einige grundsätzliche Fragen dazu, wo die Meinungen stark auseinandergehen. Sind Gewalt, Vertreibungen und Diktatur in Mittel- und Ostdeutschland Folgen der Nazi-Verbrechen gewesen? War das Kriegsende dort eine Befreiung? Hätte es ohne den Nazi-Krieg keine Gräueltaten der Roten Armee und Vertreibungen von Deutschen gegeben? Die Errichtung von kommunistischen Systemen in anderen Ländern Osteuropas nach dem Krieg, inwiefern bestand ein Zusammenhang mit dem Nazi-Krieg?! Wurden Deutsche und Polen im Endeffekt beide von der SU (westwärts) vertrieben? Hubertus Knabe streitet in “Tag der Befreiung” die Verantwortung der Nazi-Politik für die Vertreibungen der Deutschen ab, schmälert den Verdienst der Roten Armee bei der Befreiung vom NS, kommt auch mit der oft (von Rechten) vorgebrachten Rechnung, wonach Stalin mehr Menschen umbringen hat lassen. Von Knabes  Argumentation ist es nicht so weit zum “Bombenholocaust” gegen Deutsche; er beklagte auch dass Millionen deutscher Soldaten in Kriegsgefangenschaft kamen.
Wo er Recht hat: Die NS-Herrschaft basierte nicht nur auf Unterdrückung…es gab viel Zustimmung; “Befreiung” war so gesehen relativ.

Auch Manfred Zeidler (“Kriegsende im Osten”) beschäftigt sich mit den Untaten der Roten Armee – mit denen schon bald nach Kriegsende jene der Nazis zugedeckt wurden. Im Gegensatz zur klassischen Rechten werden hier überzeitliche westliche “Masstäbe” in die Welt gesetzt, welche für Deutschland i-wie immer schon gegolten hätten. Andreas Kossert in “Kalte Heimat: “Während man in der Bundesrepublik von ‘Wroclaw’ spricht, erinnert man sich in Israel ganz selbstverständlich an die reiche deutsch-jüdische Vergangenheit in der Hauptstadt Schlesiens [namens Breslau]”. Er setzt Deutsche in ein Boot mit Juden, führt deutsch-sprachige Identitäten von Juden an (zB in/aus Galizien), auch solcher die nach Israel gingen. Die bundesdeutsche Absicherung. Und er stellt NS-Anklang bei “Volksdeutschen” als Folge von Diskriminierungen in ihren Staaten dar (S 26), aber wenigstens den Untergang als Folge von NS.

Am Ende noch ein Einschub: Österreich ist auch hier etwas anders, wegen des Katholizismus (der mit Polen verbindet, nicht nur zu Zeiten des polnischen Papstes), keinen eigenen Gebietsverlusten (Galizien, nach dem 1. WK verloren, war nie Teil des österreichischen Kerngebiets), weniger Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, keiner gemeinsamen Grenze, und Jan Sobieski. Dieser polnische König half mit seiner Armee Österreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gegen die Osmanen vor Wien. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, im Versuch, seine Hetzer und Ausgrenzung positiv zu affirmieren sowie die Menschen gegeneinander auszuspielen: Sein spezieller Dank gelte einem Polen, Sobieski, der „die Wiener und die Wiener Lebensart vor dem Osmanischen Reich gerettet hat“. Auch in der FPÖ gibt es immer wieder Polnisch-Stämmige, wie Rainer Pawkowicz.

Zwischen Polen und Deutschland kam es in den letzten Jahrzehnten zu Versöhnungen und neuen Spannungen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Erika Steinbach. Beide Eltern stammten aus West-Deutschland, arbeiteten für die Luftwaffe der Wehrmacht, kamen so in einen Teil Westpreussens, der nach dem 1. WK an Polen abgetreten wurde, nun im 2. WK besetzt worden war. Dort, in Rumia/Rahmel, wurden Erika Hermann, so ihr Mädchenname, und ihre Schwester geboren. Im Jänner ’45 wurde die Mutter mit den kleinen Töchtern mit dem Schiff über die Ostsee nach Schleswig-Holstein evakuiert; der Vater geriet in SU-Gefangenschaft. Als Präsidentin des BdV war sie zB entscheidend an der Planung des Zentrums gegen Vertreibungen beteiligt. Aus der DDR stammende deutsche Politiker mit Vertriebenen-Hintergrund, die im vereinten Deutschland eine wichtige Rolle einnahmen, sind Wolfgang Thierse (Schlesien) und Manfred Stolpe (Pommern).

“Wie die Deutschen uns im Westen empfangen”

Wladyslaw Bartoszewski hat als Aussenminister des demokratischen Polens 1995 vor dem deutschen Bundestag sein Bedauern über das Leid der am Kriegsende vertriebenen Deutschen ausgedrückt, setzte sich für die polnisch-deutsche Aussöhnung ein. Der Historiker war von Nazis und Kommunisten verfolgt worden. Im “Spiegel special”-Interview (2/2002): “Mein Abitur-Thema in Deutsch war Lessings ‘Minna von Barnhelm'”; “Ein Onkel hatte uns [vor den Nazis in Deutschland] beruhigt, Hitler könne schon deshalb kein Scharfmacher sein, weil er Österreicher sei und kein Preusse”; Polen hätte nur Probleme mit Preussen (und Russland) gehabt, nicht mit Rheinländern oder Bayern, er erinnerte daran dass der polnisch-französische General Ludwik Mieroslawski 1849 mit den badischen Freiheitskämpfern gegen die konterrrevolutionären preussischen Truppen gekämpft hat, Truppen aus Bayern 1812 mit Napoleon bis Moskau gezogen sind. Auch der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski, der die Nazi-Besatzung als Jugendlicher erlebt hatte, war nach Ende des kommunistischen Systems in Polen für die Aussöhnung mit Deutschland.

Als Polen 04 im Rahmen der EU-Osterweiterung EU-Mitglied wurde, wurden die Grenzkontrollen (auch) zu Deutschland gelockert, 07 durch den Schengen-Beitritt Polens weiter. 1999 war das Land bereits NATO-Mitglied geworden, zusammen mit Tschechien und Ungarn. Bereits 1995 gab es in Sagan in Nieder-Schlesien eine erste gemeinsame Übung deutscher und polnischer Streitkräfte, in Sagan, wo 1944 aus einem deutschen Gefangenen-Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel entkam. In Szczecin/ Stettin sind im Rahmen des Multinationalen Korps Nordost der NATO auch Bundeswehr-Soldaten stationiert.

Polen hat seit 2015 PiS-Regierungen, deren Umgang mit demokratischen Werten bedenklich zu sein scheint. PiS und die AfD haben im Europäischen Parlament zusammengearbeitet, scheinen viele Gemeinsamkeiten aneinander zu sehen. Für die AfD spielt die ehemaligen deutschen Ostgebiete und die deutsche Minderheit in Polen eben (noch) keine Rolle, in ihrer Fixierung auf Islam und “politische Korrektheit” in Deutschland. Rechte Positionen sind inter-national eigentlich unvereinbar, und ob AfD-Leute jene von der PiS als gleichrangig behandeln können? Ist Deutschland für sie nicht auf einer höheren Kulturstufe als Polen? Interessant in dem Zusammenhang ist zB auch, dass ein Generalschlüssel für Autodiebe in Deutschland „Polenschlüssel“ genannt wird. Jedenfalls gibt es weiter polnische Einwanderung nach Deutschland; aber auch eine in die Gegenrichtung! Es heisst, jährlich wandern 8000-9000 Personen aus Deutschland nach Polen aus, um dort zu studieren, zu arbeiten, wegen des Partners,…41

Zwischen Deutschen und Polen gibt es eben auch viele postive Bezüge sowie Gemeinsamkeiten. Im SU-Gebiet wurden während des 2. WK sowohl Deutsche als auch Polen deportiert, nach Sibirien oder Kasachstan, heute leben ihre Nachfahren (sofern nicht ausgewandert), dort zusammen. Der Sturm im deutschen Fussball-Nationalteam wurde von ca. 05-14 oft von Miroslav Klose und Lukas(z) Podolski gebildet, den beiden Spät-Aussiedlern aus gemischten Familien in Oberschlesien, zeitweise verständigten sie sich dabei auch auf Polnisch oder Schlesisch. Im Artikel über Nationswechsel von Sportlern sind auch Weitere erwähnt, die sich zwischen diesen Ländern “beweg(t)en”. Andererseits, während der EM 08 wurden rund um das Spiel zwischen den Teams dieser beiden Länder zB Erinnerungen an Tannenberg/Grunwald 1410 beschworen. In Deutschland wie in Polen gibt es heute grössere Feindbilder, gelegentlich sind sie aber noch grosse.

Was in der Slowakei (Rudolf Schuster) und Rumänien (Klaus Johannis) geschah, in Ungarn beinahe (Otto Habsburg), und in Tschechien (Karel Schwarzenberg) in abgeschwächter Form, dass Angehörige deutscher Minderheiten oder Nachfahren von dort Vertriebenen in postkommunistischer Zeit in Spitzenpositionen dieser Staaten kamen, wäre in Polen ziemlich undenkbar; aber wie gesagt, kein anderes Land hat so unter dem Nazi-Terror gelitten wie Polen. Es gibt die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung in Warschau, das Polen-Institut in Darmstadt, die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit,… Ist Polen ab 1990 zur Ruhe gekommen? Der letzte Präsident der Exilregierung, Kaczorowski, “übergab” 90 an Walesa; er starb bei dem Flugzeugunglück in Smolensk 2010. Und ist Deutschland in dieser Zeit “zur Ruhe gekommen”? Sind die Grenzen heute unumstritten?

 

Material

Andreas Lawaty, ‎Hubert Orłowski: Deutsche und Polen: Geschichte, Kultur, Politik (2003)

Marek Zybura: Niemcy w Polsce (2001)

Thomas Urban: Deutsche in Polen – Geschichte und Gegenwart einer Minderheit (2000)

Pertti Ahonen: After the Expulsion: West Germany and Eastern Europe, 1945-1990 (2003)

Hartmut Boockmann: Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte (2012)

Otto Heike: Die deutsche Minderheit in Polen bis 1939: ihr Leben und Wirken kulturell, gesellschaftlich, politisch; eine historisch-dokumentarische Analyse (1986)

Katarzyna Stokłosa: Polen und die deutsche Ostpolitik 1945-1990 (2011)

Christoph Augustynowicz: Kleine Kulturgeschichte Polens: Vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert (2017)

Manfred Raether: Polens deutsche Vergangenheit (2004)

Michael A Hartenstein: Die Geschichte der Oder-Neisse-Linie: “Westverschiebung” und “Umsiedelung” – Kriegsziele der Alliierten oder Postulat polnischer Politik? (2006)

Wolfgang Benz: Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen (1995)

Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (2010)

Mads Ole Balling: Von Reval bis Bukarest – Statistisch-Biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1945 (2 Bände, 1991)

Hans Lemberg, Erik Franzen: Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer (2001)

Christian Heidrich und Aleksandra Chylewska-Tölle (Herausgeber): Mäander des Kulturtransfers: Polnischer und deutscher Katholizismus im 20. Jahrhundert (2014)

Helga Hirsch: Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern 1945-1950 (1990)

Hans Delbrück: Die Polenfrage (1894)

R. M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg (2012)

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 (2008)

Michael Burleigh: Germany Turns Eastward (1988)

Hans-Adolf Jacobsen und Mieczyslaw Tomala: Bonn – Warschau. Die deutsch-polnischen Beziehungen 1945 – 1991. Analyse und Dokumentation (1992)

Klaus Ziemer: Die Neuorganisation der politischen Gesellschaft: staatliche Institutionen und intermediäre Instanzen in postkommunistischen Staaten Europas (2000)

Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland (2005)

John Sack: An Eye for an Eye: The Story of Jews Who Sought Revenge for the Holocaust (2000)

Tomasz Kaczmarek und Maria Edin-Kroll (Hg.): Polen und Deutschland – Von Nachbarschaft zu Partnerschaft. Interdisziplinäre Beiträge von der 1. Polnisch-Deutschen Sommer-Akademie in Ciazen 2006

Die Deutschen und die Polen. Geschichte einer Nachbarschaft. Filmreihe von Andrzej Klamt, Zofia Kunert und Gordian Maugg

Über die Behauptung einer polnischen Schuld an den Ereignissen des 2. WK

http://www.boehm-chronik.com/deutschpolnisch.htm

Rechte der polnischen Minderheit im Deutschen Reich

Deutsche und Polen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das frühere Preussen ist heute auf 6 Staaten aufgeteilt: Deutschland (durch die deutsche Teilung “zwischendurch” bei 2 Staaten); Polen (darunter der allergrösste Teil des eigentlichen Preussens, das ehemalige West- und Ostpreussen); Russland, Litauen (waren Teile der Sowjetunion); Belgien, Dänemark (nach dem 1. WK verlorene Gebiete)
  2. Das gibt es häufig, etwa auch bezüglich Istrien bei Südslawen und Italienern
  3. Das im 14. Jh eine Personalunion mit Litauen unter den Jagiellonen einging
  4. Der Deutsche Orden, ab der frühen Neuzeit mehr oder weniger bedeutungslos, bezog seinen Sitz im Zuge der Napoleonischen Kriege in Österreich. Zur Zeit der Ersten Republik Österreichs wurde er als geistlicher Orden anerkannt
  5. Der zum Regensburger Autor Friedrich M. Grimm freundschaftliche Kontakte unterhielt
  6. Ein verwandtes Phänomen ist bei den Sorben in der Lausitz zu beobachten, die nur in katholischen Gegenden ihre Identität bewahren konnten
  7. Was Posen betrifft: Im 1841 gedichteten Deutschlandlied wurde mit der Memel eine Nordostgrenze Deutschlands definiert, was leichter war als eine Grenze des deutschen Siedlungs- und Herrschaftsraums weiter südlich fest zu legen
  8. Bzw, von ihm vorgesehenen Abstimmungen der Bevölkerung in betreffenden Gebieten
  9. Österreich musste seinen Teil Schlesiens nach diesem Krieg an die Tschechoslowakei “abtreten”, im Rahmen des Aufgehens Böhmens und Mährens (mit den “Sudetengebieten”) in diesem Staat
  10. In Rumänien war es eben so
  11. 1930 sind sie anscheinend auch einzeln angetreten
  12. Der BMN bestand wie erwähnt aus Einzel-Parteien, bei den Juden waren auch zionistische Gruppierungen darunter
  13. Als Fraktion hiessen die für diese Parteien Gewählten zT nochmal anders
  14. Wo Hindenburg im 1. WK federführend beim Sieg „von Tannenberg“ über die Russen war, von dem eine Verbindung zur verlorengegangenen Schlacht des Dt. Ordens in der Nähe gegen Polen im 15. Jh hergestellt wurde
  15. Nach dem Krieg Majakowskoje, im Kaliningrad Oblast
  16. “Ostpreußische Nächte” ist eine Erzählung in Gedichtform von Alexander Solschenizyn, über Gräuel an denen er selber teilgenommen hatte; es wurde, wie “Der Archipel Gulag”, erst nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion 1974 veröffentlicht
  17. Diese Gebiete wurden dann aber von den Westalliierten Anfang Juli 1945 geräumt und gemäß den interalliierten Vereinbarungen von 1944/45 im Tausch gegen die Berliner Westsektoren der Sowjetunion überlassen
  18. In Ostpreussen begann es 44 mit Flucht und Vertreibung, ging es ca. 48 zu Ende
  19. Siehe dazu den Abschnitt über Querfronten in Iran-Atom 6 ( http://tiara013.at/2017/11/14/das-iranische-atomprogramm-teil-6-kriegsgetrommel-und-propaganda-nicht-staatlicher-akteure/ )
  20. Gottesdienste im Gefängnis mit einem irischen Priester und den Mitgefangenen Seyss-Inquart und Von Papen
  21. In der Familie von Auschwitz-Göth geschieht die Aufarbeitung mit Israel-Begeisterung
  22. Polen war im Osten noch schwerer abzugrenzen als im Westen
  23. Teile dieser Gebiete hat Deutschland bereits nach dem 1. WK verloren, diese waren dann im 2. WK von Deutschland annektiert worden
  24. “Mephisto” Gründgens wurde “verschont”
  25. Wurde nach dem 1. WK zu wenig “bereinigt” oder damals der Grundstein dieses Übels gelegt?
  26. Seit 1991 bei Ukraine, Weissrussland, Litauen
  27. Kinder schlesischer Vertriebener sind zB Thomas Gottschalk und Wolfgang Fierek; der ehemalige Reichstagspräsident Paul Löbe spielte in der BRD keine Rolle mehr, siedelte aber auch in die BRD aus
  28. Der ebenfalls von dort stammende Wernher von Braun spielte in der NS-Zeit eine Rolle, ging ja nach dem Krieg in die USA
  29. Was in dieser Aufzählung auffällt, sind doch einige polnische oder (Valaitis) litauische Namen…
  30. Der jetzige EU-Ratspräsident Donald Tusk (Partei PO) ist ein Kaschube aus Gdansk/Danzig; vor der polnischen Präsidentenwahl 05 stellte sein Gegenkandidat Lech Kaczynski (PiS) in den Raum, dass Tusks Vater ein Kollaborateur mit den deutschen Besatzern gewesen sein könnte – was er zurücknehmen musste
  31. Noch eine Parallele: In Südtirol wie in Schlesien und den anderen ehemals deutschen Gebieten Polens folgten Kirchengrenzen politischen (Grenz-)Änderungen, wurden Ausdruck einer gewissen Endgültigkeit
  32. Der aus Westpreussen stammende Chef der 1956 verbotenen KPD, Max Reimann, war auch deutsch-national
  33. Der Freistaat Bayern forderte noch 1979, dass in allen Karten, mit denen Schüler umgehen, die Grenzen des Deutschen Reiches vom 31. Dezember 1937 markiert werden
  34. Hupka wurde 1915 in einem britischen Internierungslager auf Ceylon/ Sri Lanka geboren. Sein oberschlesischer Vater sollte 1914 im deutschen Pachtgebiet Kiautschou eine Stellung als Physikprofessor antreten; auf der Überseefahrt wurden er und seine (jüdische) Frau vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und gerieten in britische Gefangenschaft, die sie vorwiegend in Australien verbrachten. Auf dem Rücktransport nach Deutschland 1919 starb der Vater an Lungenpest. Hupka wuchs bei der alleinerziehenden Mutter im oberschlesischen Ratibor/Racibórz auf
  35. Volker Kauder und “Joschka” Fischer sind in Westdeutschland geborene Kinder von Donauschwaben, bei Kauder solche aus dem damaligen Jugoslawien, Fischers Eltern stammten aus Ungarn
  36. GB/BHE fusionierte 61 mit der DP zur GDP; Oberländer trat zur CDU über
  37. Der polnische Teil Pommerns beinhaltet wie erwähnt auch Teile Vorpommerns. 1995 wurde die “Euroregion Pomerania” gegründet, aus deutschen und polnischen Gebieten. > Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino,…
  38. Manchmal werden auch die Sorben dazu gezählt
  39. Deren Vertreter haben 05 das “Minderheitensekretariat” als Interessenvertretung gegründet
  40. > Film “Poklosie”
  41. Auch in Polen gibt es heute andere Einwanderer-Gruppen, Vietnamesen, Nigerianer, Türken, Ukrainer,…

Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus Persiens gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen. Israel Finkelstein von der IAA hat mehrere Bücher, für den Westen, zur Verbreitung dieses Blut, Boden & Thora verfasst.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

Joseph P. Free, Howard F. Vos: Archaeology and Bible History (1992) Englisch

Nur-eldeen Masalha: The Bible and Zionism: Invented Traditions, Archaeology and Post-colonialism in Palestine-Israel (2007) Englisch

Eric Hobsbawm und Terence Ranger: The Invention of Tradition (1983) Englisch

Nadia Abu El-Haj: Facts on the Ground: Archaeological Practice and Territorial Self-Fashioning in Israeli Society (2002) Englisch

Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

Joseph Ernest Renan: Histoire du Peuple d’Israël (5 Bände, 1887-1893) Französisch

K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

William J. Hamblin: Solomon’s Temple: Myth and History (2007) Englisch

Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

Antonius H. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments. Eine Hermeneutik (1977)

Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

Nadia Abu El-Haj: The Genealogical Science: The Search for Jewish Origins and the Politics of Epistemology (2014) Englisch

Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

Theodor Gaster: Purim and Hanukkah in Custom and Tradition; Feast of Lots, Feast of Lights (1950) Englisch

Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Zum Beispiel: Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2004)… Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Hochstapler, Schwindler, Betrüger, Fälscher, Dilettanten

* Der “Graf von Saint Germain” (auch “Aymar de Betmar” uva Namen) war ein Abenteurer, Geheimagent, Alchemist, Okkultist und Komponist im Frankreich des 18. Jh. Um ihn ranken sich zahlreiche Legenden, die teilweise von ihm selbst geschaffen wurden, angefangen bei seinem Namen

* „Baron“ Hieronymus von Münchhausen, ein deutscher Adliger aus dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, 18. Jh, dem legendäre Lügengeschichten zugeschrieben werden. Ende dieses Jh. brachte ein Rudolf Raspe die erste literarische Verarbeitung dieser heraus

* Frank Abagnale. Leonardo di Caprio, der ihn im Film darstellte, ist ein Erwachsener, der wie ein Jugendlicher aussieht, bei Abagnale war es umgekehrt

Frank Abagnale

* Franziska Schanzkowska aus Westpreussen (aus einer polnisch-deutschen Ehe), die sich später Anna Anderson nannte, behauptete ab 1922 (zunächst in Berlin), die Tochter des letzten russischen Zaren, Anastasia Romanova, zu sein und die Exekution der Zaren-Familie überlebt zu haben. Ein Teil der russischen Monarchisten glaubte ihr. 1991, in der Endphase der Sowjetunion, fand die Bergung der Leichen der Romanov-Familie in Jekaterinburg statt; 7 Jahre nach dem Tod von Schanzkowska/Anderson in der USA. ’94 wurde die DNA der Romanovs mit jener der angeblichen Prinzessin verglichen, seither sind die Ansprüche eigentlich vom Tisch.

1605/06 gab es einen russischen Zaren, Dimitri II., der die Verwandtschaft mit den damals herrschenden Rurikiden wahrscheinlich nur behauptete, und den Thron usurpierte, zuvor hiess er Grigorij Otropeyev. Kuckuckskinder in Familien herrschender Adeliger, ausser-familiäre Usurpatoren, falsche Prinzen (wie Karl W. Naundorff) und Adelige gab es immer wieder durch die Jahrhunderte, rund um die Welt. Kaspar Hauser hat eine adelige Herkunft selbst nie behauptet, heute scheinen aber die Zweifel an seiner Kerker-Erzählungen und den Attentaten auf ihn zu überwiegen; da man aber nicht sicher sein kann, wird er hier nicht als Betrüger gelistet.

* Han van Meegeren, einer der bedeutendsten Kunstfälscher der Geschichte

* Charles Ponzi, der italienisch-amerikanische Betrüger, liess u.a. Leute Geld in den Handel mit internationalen Antwortscheinen investieren. Das System brach zusammen, als mehrere Leute gleichzeitig ihre Gewinne ausbezahlt haben wollten. Eigentlich etwas anderes als ein Pyramidenspiel oder Schneeballsystem (> Albanien 97), wird Ponzi-Schema auch als Synonym dafür verwendet

* Lafayette R. Hubbard, Sektengründer, davor SF-Autor und Seemann. Die eigentliche religiöse „Lehre“ bei Scientology ist unbedeutend, es ging bei der Schaffung als „Religion“ um Steuervermeidung. Hubbard ist daher noch mehr Scharlatan bzw falscher Prophet als Joseph Smith oder „David Koresch“

* Günter Guillaume, eine der berühmtesten Ostblock-Spione im Kalten Krieg

* Wilhelm Voigt, der „Hauptmann von Köpenick“

* Frédéric Bourdin

* Konrad Kujau, Fälscher der Hitler-Tagebücher

* Der Briefträger Gert Postel schaffte es mehrmals, als Arzt angestellt zu werden. Wenn er in Talkshows eingeladen wird und darüber redet, stapelt er wiederum hoch, übertreibt maßlos… Arzt scheint für Hochstapler einer der attraktivsten Beruf zu sein. Leander Tomarkin, Ferdinand Demara, Gerald Barnbaum sind einige andere falsche Ärzte

* Alessandro di Cagliostro vulgo Giuseppe Balsamo

* Hugo Baruch (“Jack Bilbo”, Deutschland 1907-1967)

* Edward Kelley, England 16. Jh, wird auch mit der Produktion des Voynich-Manuskripts in Zusammenhang gebracht

* Victor Lustig wurde bekannt als der Mann, der den Eiffelturm verkaufte

* Arnaud du Tilh gab sich im Frankreich des 16. Jh als der verschwundene Martin Guerre aus, täuschte alle und führte dessen Leben…bis der echte zurückkehrte. Oft künstlerisch verarbeitet

* Claude Khazizian hat sich bei hochrangigen Veranstaltungen immer wieder unter die geladenen Gäste geschmuggelt

* Charles und Frederick Gondorff zogen im frühen 20. Jh in der USA mehrmals einen Trick ab, der als „The Wire“ bekannt wurde: Betrug mit Pferderennen-Wetten über den zeitlichen Vorsprung bei der Weitergabe der Ergebnisse mit Telegraphie; dies wurde von David Maurer im Buch „The Big Con“ geschildert, der Film „The Sting“/“Der Clou“ basiert teilweise darauf

* Johann Böttger, 17./18. Jh, HRR, war Miterfinder des europäischen Hartporzellans, hat sich lange daran versucht, Gold herzustellen

* Sarah Edmonds nahm als “Franklin Thompson” auf Seite der USA (bzw Nordstaaten) am amerikanischen Bürgerkrieg teil

* Alves dos Reis, portugiesischer Geldfälscher

* Harry Domela: Der Baltendeutsche, im Russischen Zarenreich geboren, gab sich in der Weimarer Republik als Hohenzollern-Prinz aus; wechselte öfters die politischen Lager und seine Heimatländer

* Enric Marco, falsches Nazi-Opfer; > Tania Head, falsches 9/11-Opfer

* Frank Farian/Franz Reuther sang für von ihm produzierte Bands wie Milli Vanilli oder Boney M. zT selbst

* Zauberkünstler wie “David Copperfield” oder Uri Geller, irgendwie

* Mary Toft hat im England des 18. Jh behauptet, Hasen zur Welt gebracht zu haben

* Der 1912 in England gefundene Piltdown-Schädel ist erwiesenermaßen eine Fälschung, offen ist, wer dafür verantwortlich war; möglicherweise der Finder, Charles Dawson

* Erich von Däniken vielleicht und so mancher andere aus dem esoterisch-pseudo-wissenschaftlichen Bereich; wobei das Pseudowissenschaftliche nicht auf die Esoterik begrenzt ist

* Doug Bower und Dave Chorley sind zumindest für einige Kornkreise verantwortlich; Robert Wilson hat das berühmte “Nessie-Foto” gestellt

* Dilettanten: Florence Foster-Jenkins, die „schlechteste Sängerin aller Zeiten”; Robert Coates (Möchtegern-Schauspieler); Paris Hilton; Hubertus (von) Hohenlohe;

* Falsche Akademiker, solche die ihre Abschlussarbeit plagiierten und denen der Titel bzw der Abschluss daher aberkannt wurde, wie Karl-Theodor zu Guttenberg

* Der iranische Einwanderer Anoushirvan Fakhran gab sich in USA als Sohn von Steven Spielberg aus

* Weiters: Nicholas Leeson, Fritz Rössler, Gregor MacGregor, Steven J. Russell, George Psalmanazar, Robin van Helsum, Phineas T. Barnum, Christian Gerhartsreiter, William Thompson, Madhura Nagendra (Olympia-Eröffnung 12), Georges Manolescu,…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LSD & Co

Das semi-synthetische LSD (Lysergsäurediethylamid) ist eine junge Droge, das stärkste Halluzinogen. Es geht hier hauptsächlich um seine (Kultur-)Geschichte, und andere Halluzinogene werden mit-behandelt. LSD oder Meskalin können ausser als Halluzinogen (Droge, die Sinnestäuschungen hervorruft) auch als Psychedelika (seelen-öffnend) eingestuft werden, sowie als Entheogene, also als zu einer spirituellen Erfahrung hinführende Mittel. Pflanzlich „zugrunde liegt“ dem LSD der Mutterkornpilz (Claviceps purpurea), der schmarotzend auf Getreide wächst, u.a. Lysergsäure enthält, daneben Ergotamin.

Das Mutterkorn geriet früher manchmal versehentlich ins Brot, Bauern warfen  früher manchmal, aus Unwissen, Geiz oder Lust, befallene Ähren nicht fort. Die so durch Brot konsumierten Mutterkorn-Alkaloide wie Ergotamin verursachen eine Art Vergiftung, die als “Antoniusfeuer” oder “heiliges Feuer” bezeichnet wurden, wissenschaftlich als Ergotismus oder Mutterkornvergiftung (eine Form von eine Mykotoxikose). Diese Vergiftungen oder Räusche traten meist epidemisch auf und beinhalteten (im Gegensatz zum LSD) auch starke körperliche Wirkungen.

Kykeon war in der griechischen Antike ein Getränk aus Wasser und Getreide, möglicherweise war es durch mit Mutterkornpilz versehenes Getreide “potent”. Ansonsten kamen Mutterkorn-Vergiftungen in der Antike kaum vor, da damals vorwiegend Weizen angebaut wurde und Mutterkorn bevorzugt Roggen befällt. Sondern im Mittelalter und der Neuzeit. Legendär wurden eine “Tanz-Epidemie” 1518 in Mitteleuropa, rund um Strassburg (Elsass, damals Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation), bei der Betroffene tagelang tanzten. Unabsichtlich gegessene Ergotalkaloide könnten auch eine Rolle bei der “Hexen”-Verfolgung in Salem in der damals englischen Kolonie Massachusetts 1692 gespielt haben, das Verhalten, das den Frauen zur Last gelegt wurde, bewirkt haben.1

1926/27 kam es in der Sowjetunion zu Massenvergiftungen durch mutterkornhaltiges Brot, die um die 10 000 Menschen getötet haben sollen. Aus jüngerer Zeit ist ein möglicher Mutterkorn-Vergiftungsfall aus dem französischen Pont-Saint-Esprit (Occitanie) aus 1951 bekannt. Brot aus einer örtlichen Bäckerei hat anscheinend schwere körperliche und seelische Schäden bewirkt, sieben der etwa 200 Erkrankten sind gestorben. Über diese “Affaire du pain maudit” („Affäre des verfluchten Brotes“) wurde und wird spekuliert, es weist Einiges auf eine Mutterkornvergiftung (Ergotismus) hin. Weitere Hypothesen drehen sich um eine Quecksilberverbindung, die zur Desinfektion von Getreide verwendet wurde, oder einen “Feldversuch” der CIA zur Wirkung von LSD. In West-Deutschland soll 1985 durch mutterkornhaltiges Müsli eine Vergiftung bewirkt worden sein.

Ergotamin, das Hauptalkaloid des Mutterkorns, hauptverantwortlich für die Mutterkornvergiftungen, ist ein Kondensationsprodukt aus Lysergsäure und einem tricyclischen Tripeptid aus Alanin, Phenylalanin und Prolin. 1918 wurde es bei der Schweizer Pharma-Firma Sandoz unter Leitung von Arthur W. Stoll isoliert und beschrieben. Es wird, als Tatrat, als Arzneistoff eingesetzt, zur Behandlung vaskulärer Kopfschmerzen wie Migräne und Cluster-Kopfschmerz, wird dazu aus dem Mutterkornpilz gewonnen, welcher zu diesem Zweck auf Getreide kultiviert wird. Es wurde von Sandoz als „Gynergen“ in den 1920ern in den Handel gebracht. Heute ist es hauptsächlich in Kombination mit Coffein als “Cafergot” von Novartis im Handel.

Bei Sandoz in Basel, nach der Fusion mit Ciba-Geigy in den 1990ern heute Teil von Novartis, arbeitete in den 1930ern der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, in der pharmazeutisch-chemischen Abteilung, unter Arthur Scholl.2 Er entwickelte dort das erste exakt dosierbare Herzmedikament aus Digitalis-Glykosiden, wandte sich dann dem Mutterkornpilz und anderen psychedelisch-halluzinogen wirkenden Pflanzen zu, isolierte und synthetisierte ihre Wirkstoffe, um deren Wirkungen zu untersuchen. 1938 widmete Hofmann sich dem Mutterkorn, unter der Zielsetzung, ein Kreislaufstimulans zu entwickeln. Er isolierte daraus im Pharma-Industrie-Labor Lysergsäure und synthetisierte verschiedene ihrer Derivate, darunter – als 25. Substanz dieser Versuchsreihe – das Diäthylamid. Lysergsäurediäthylamid (LSD bzw LSD-25) ist also ein Derivat der (im Mutterkornpilz vorkommenden) Lysergsäure. Seine Summenformel lautet C20H25N3O.

Was die Wirkung des LSDs betraf, man testete sie bei Sandoz an Tieren, der Stoff löste bei ihnen Unruhe aus, die Wirkung deutete aber nicht auf verwertbare Eigenschaften, daher wurde die Substanz zunächst nicht weiter untersucht. Im April 1943 entschied sich Hofmann aber, LSD erneut herzustellen und seine Wirkungen nochmals zu überprüfen. In Basel in der neutralen Schweiz, rundherum war damals die Hölle los. Anscheinend kam es zunächst zu einem ersten unfreiwilligen Selbstversuch, Hautaufnahme von LSD durch unsauberes Arbeiten. Dieser erste menschliche LSD-Rausch der Geschichte war demnach versehentlich und schwach. Einige Tage später, am 19. April 1943, unternahm Hofmann einen bewussten Selbstversuch mit 250 Mikrogramm LSD, einer hohen Dosis. Die Folge war ein starker Rausch, er erlebte eine beängstigende Veränderung der Umgebung und von sich.

Er bat seine Laborassistentin, ihn mit dem Fahrrad nach Hause zu begleiten. Auf diesem Weg verschlechterte sich Hofmanns Zustand, wurden seine Halluzinationen und Angstgefühle stärker. Zuhause liess er den Hausarzt kommen, dieser konnte keine körperlichen Anomalien erkennen, ausser stark erweiterte Pupillen. In Hofmann aber, so berichtete dieser dann, ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den grotesken Wahnvorstellungen, Todesängste. Milch erwies sich als wirkungslos. Gegen Ende des mehrstündigen Rausches beruhigte sich Hofmann, konnte sogar etwas geniessen, die Entwicklung euphorischer Gefühl und jetzt auch (andere) halluzinogene Sensationen (optische und akkustische Visionen). “Der Schrecken wich und machte einem Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit Platz, je mehr normales Fühlen und Denken zurückkehrten, und die Gewißheit wuchs, dass ich der Gefahr des Wahnsinns endgültig entronnen war”. LSD-Fans feiern den 19. April heute als Bicycle Day.

Hofmann hat als Forschungschemiker bei Sandoz später das Geriatrikum “Hydergin” (Codergocrinmesilat), das Kreislaufmittel “Dihydergot” und das Gynäkologie-Medikament “Methergin” entwickelt. Er hat viele wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Und, er hat auch zu anderen Halluzinogenen geforscht (s.u.). Bei Sandoz unternahm man bezüglich LSD zunächst neue Tierversuche, unter einem Aurelio Cerletti. Die ersten ernsthaften Versuche des Medikaments an Menschen wurden nach dem Krieg durchgeführt, vom Arzt Werner Stoll, dem Sohn von Arthur (s.o.), in der Psychiatrischen Universitäts-Klinik Zürich, und wurden dann in einer Fachzeitschrift publiziert.

Sandoz brachte LSD 1949 als “Delysid” auf den Markt, als blaue Tabletten, Tropfen sowie als Injektionslösung. “Delysid” sollte der psychiatrischen Behandlung und Forschungszwecken dienen, kam fast überall im damaligen Westen auf den Arzneimittelmarkt, in der Regel streng rezeptpflichtig. Der tschechoslowakische Konzern Spofa stellte das LSD-Präparat “Lysergamid” für den Ostblock her. In beiden Fällen dürfte das LSD halbsynthetisch aus den Alkaloiden des Getreidepilzes Mutterkorn hergestellt worden sein.

Hofmanns Rausch von 1943 enthielt alle typischen LSD-Wirkungen. Durch Änderung der chemischen Struktur des Mutterkorns war eine Droge viel stärker (und auch sonst anders) als dieses entstanden. Wobei LSD-Wirkungen sehr stark variieren können, von Person zu Person, von einer Einnahme zu einer anderen, unabsehbar sind, von vielen Faktoren abhängen, stark von Erwartungen und Stimmungen. Und, die Schilderungen aus der Zeit der psychiatrischen Verwendung sind anders als jene aus der darauf folgenden “illegalen”; was natürlich auch damit zu tun hat, dass in Untergrundlaboren hergestelltes LSD von einer anderen Qualität und Art ist als das in pharmazeutischen Fabriken produzierte. Winzige Mengen dieser potenten Droge reichen jedenfalls. Die Wirkung beginnt etwa 30 bis 45 Minuten nach der Einnahme (als Tablette, als Injektion schneller). Und hält dann für mehrere Stunden an.

Sie läuft über das Zentralnervensystem. LSD ahmt gewissermaßen den Gehirn-Botenstoff Serotonin nach. Erweiterete Pupillen sind oft das einzige körperliche “Signal”, während sich innerlich die “Hölle” abspielt; es sind aber auch Herzklopfen u. a. möglich. Die psychischen Veränderungen werden durch die Aufhebung von “Wahrnehmungs-Filtern” ermöglicht. Halluzinationen (Sinnestäuschungen), die Gemeinsamkeiten mit Fieberträumen haben, zT Pseudo-Halluzinationen sind, treten sehr häufig auf. Bei Vielem, was einem im LSD-Rausch widerfährt, stellt sich die Frage, ob es sich um Bewusstseinserweiterung oder Bewusstseinstäuschung handelt. Man kann über Erkenntnisse erschrecken, aber auch über Wahnvorstellungen. Man kann, über sich und die Welt, lernen, aber auch in die Irre geführt werden. Zur Frage, ob man unter LSD religiöse Erfahrungen bzw mystische Erlebnisse machen kann, unten noch mehr; wobei so eine gefühlte Höllenfahrt jedenfalls eine Art religiöses Erlebnis sein kann.

Das Zeitgefühl wird in der Regel gestört. Und das Selbstbild ändert sich. Es besteht die Gefahr der Selbst- oder Fremdgefährdung, es gibt Leute, die auf LSD aus dem Fenster im 4. Stock “spazieren”, weil sie eine Treppe sehen, oder anderen mit dem Messer was antun, weil sie “Gespenster” sehen. Oder das Gefühl haben, Autos mit Gedankenkraft aufhalten zu können und es ausprobieren. LSD kann einen Horrortrip bewirken, ein meist stundenlanges Angststadium mit Wahnvorstellungen, Panikgefühlen, der typischen halluzinogenen/ psychedelischen Paranoia. Der Horror kommt dabei meist in Wellen daher, und man kann ihm nicht so leicht entrinnen. Die einem bekannte (Gedanken-) Welt erscheint auf einmal fremd und bedrohlich. Depersonalisations-Erfahrungen oder Zwangsphantasien über den eigenen Körper können solche Wahnvorstellungen sein. Bei gewissen Persönlichkeitstypen ist LSD eher kontraindiziert. Manche Konsumenten fallen nach der Einnahme auch in depressive Phasen. Andere schweifen in die eigene Gedankenwelt ab. Oder verlieren sich in Komik.

Horrortrips/ Bad trips und ihre psychische Folgen sind die grösste Gefahr von LSD. Manche streifen auch nur daran.3 LSD kann auch “echte” (nicht vorüber-gehende) Psychosen auslösen, nicht als Akutwirkung, sondern als Langzeit- oder Folgewirkung, “Auf einem Trip hängen bleiben”, die spezielle Form einer Drogenpsychose, die Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD; fortbestehende Wahrnehmungsstörung nach Halluzinogengebrauch) oder Halluzinogenen-Psychose. Auf dem Beipackzettel von Delysid stand: “Es können gelegentlich gewisse Nachwirkungen in Form phasischer Affektstörungen noch während einiger Tage andauern”. Damit sind aber wahrscheinlich eher “Flashbacks” gemeint, die können auch noch nach viel längerer Zeit auftreten. Ansonsten besteht auch noch die Gefahr einer psychischen Gewöhnung.

Zunächst (ab Anfang der 50er) kam LSD wie erwähnt in der Psychotherapie zum Einsatz, unter kontrollierten Bedingungen, aber in zu erforschendem Neuland. Das Mittel wurde noch knapp zu Lebzeiten Sig(is)mund Freuds erfunden, des Erfinders der Psychoanalyse, aber zu spät als dass sich dieser damit hätte beschäftigen können. Lysergsäurediäthylamid eröffnet einen Zugang zum Un(ter)bewussten, schafft eine Art experimentelle und temporäre Psychose, und das ist günstig für die Psychotherapie. Der Anstoss zu dieser Nutzung kam auch aus der Schweiz, durch den Psychiater Gion Condrau. 1950 erschien der erste Artikel bezüglich LSD im “American Psychiatric Journal”, von Robert Hyde. Hyde war einer der “Pioniere” der LSD-unterstützten Psychotherapie in der USA. Er dürfte über seinen Psychiater-Kollegen Max Rinkel auf LSD gekommen sein, der, bald nach der Markteinführung in Europa, das Mittel von Sandoz als Erster nach Nord-Amerika gebracht haben soll. Rinkel und Hyde testeten es u.a. in einem psychiatrischen Krankenhaus in Boston an Patienten. Ein Psychiater namens Nick Bercel verwendete LSD (ab) Anfang der 1950er in seiner Praxis in Los Angeles.

In West-Deutschland war der Hamburger Psychiater Walter Frederking an der Einführung von LSD entscheidend beteiligt. Frederking hatte seit langem mit Meskalin experimentiert, persönlich und in der Therapie Anderer. Nach der einen Darstellung erfuhr Frederking durch den Schriftsteller Ernst Jünger von LSD (und bekam es von Albert Hofmann), nach anderer hat Frederking Jünger damit vertraut gemacht. Jedenfalls hat Frederking ab Anfang der 50er LSD in seiner Psychotherapie eingesetzt, statt Meskalin. In Grossbritannien hat Ronald Sandison in dieser Zeit mit dem Einsatz von LSD in der psychiatrischen Behandlung. Einer der führenden Personen in der Erforschung des psychiatrischen Potenzials von LSD/”Delysid” war der US-amerikanische Psychoanalytiker Sidney Cohen. Cohen nahm das Medikament (das es damals war) selbst 1955 und erlebte eine unangenehme Überraschung. “Begleitet” wurde er bei seinen eigenen Experimenten von Aldous Huxley.

Der britischer Psychiater Humphrey Osmond prägte, 1957, den Ausdruck “psychedelisch”. Er beschäftigte sich (u.a.) mit der Wirkung halluzinogener Drogen auf die menschliche Psyche, und war Pionier bei der Behandlung von Alkoholismus mit LSD. In den 1950ern berichteten Medien in der USA darüber, dass Psychologie- oder Medizin-Studenten LSD zur Zeit ihrer Ausbildung selbst einnahmen. 1959 fand in der USA die erste internationale Konferenz über LSD-gestützte Psychotherapie statt, gesponsert von der New Yorker Josiah Macy Foundation. Zu dieser Zeit wurde LSD im Westen zunehmend in der Psychatrie verwendet. Im Ostblock war der Pole Rostafinski in diesem Zusammenhang bahnbrechend, er setzte die in der CSSR produzierte “Raubkopie” von LSD etwa bei der Behandlung von Epilepsie ein. Dass die Betroffenen dabei (und vielen anderen medizinischen Einsätzen des LSD) gewissermaßen Versuchskaninchen waren, Zwangsexperimente mit ihnen durchgeführt wurden, kann man sich dazu denken.4

Der tschechoslowakische Psychiater Milan Hausner begann Mitte der 1950er mit LSD-Versuchen an Patienten in einem Sanatorium bei Prag. Der Hirn-Forscher George Roubicek knüpfte daran in gewisser Hinsicht an, an der Prager Karls-Universität; er unternahm auch Selbstversuche. Kurioserweise bezog Roubicek sein LSD zumindest zeitweise aus der Schweiz (jenes von Sandoz); er las auch die Untersuchungsberichte von Werner Stoll’. Bei Roubicek lernte damals der (angehende) Psychiater Stanislav Grof, über LSD-Wirkungen und ihre Anwendbarkeit in Psychotherapie. Auch er erforschte das Mittel auch an sich. Grof wanderte 1967, im Jahr vor dem kurzen Prager Frühling, in die USA aus. Dort war LSD gerade verboten worden (s.u.) und er hatte grosse Schwierigkeiten, seine Forschung fortzusetzen. Grof und seine Frau Christina, eine Esoterikerin, unternahmen auch LSD-Experimente mit Sterbenden. Die therapeutische LSD-Dosis nach dem tschechisch-amerikanischen Psychiater ist übrigens 200 – 400 µg.

Der US-amerikanische Neurophysiologe John C. Lilly führte in den 1960ern Experimente mit Delphinen und LSD durch, verabreichte den Tieren das Mittel hauptsächlich im Bestreben, mit ihnen zu kommunizieren. Häufiger waren Versuche, mit LSD Menschen gegen Depressionen, psychotische Krankheiten, Alkoholismus und andere Süchte, zur Unterstützung der Psychoanalyse zu helfen, sowie auch Einsätze in der Schmerztherapie (etwa bei Cluster-Kopfschmerz). Aus den Tausenden Untersuchungen und Studien zu LSD in der Psychotherapie scheint hervorzugehen, dass das Mittel Patienten erreicht, die sonst “therapie-resistent” sind, und tiefere Bewusstseinsschichten öffnet. Auch der Einfluss von LSD auf spirituelle Sitzungen und kreatives Arbeiten wurde erforscht und ausprobiert. Der chilenisch-US-amerikanische Psychiater Claudio Naranjo bewegt(e) sich genau in diesem Grenzbereich zwischen Psychotherapie und Spiritualität, setzt(e) dabei LSD ein. Zu den prominenten Patienten, die es in (der relativ kurzen) Zeit der legalen therapeutischen Verwendung nahmen, gehörte „Cary Grant“ (Archibald Leach).

Dass LSD das Bewusstsein erweitert und einen Verlust der Selbst-Kontrolle (die natürlich auch be-hinderlich sein kann) bewirkt, birgt aber nicht nur Nutzen, sondern auch Gefahren. Wenn man so will, ist es eine Art Wahrheitsserum und kann als solches eingesetzt werden, gegen die Betreffenden. Das mit LSD eng verwandte Meskalin (s.u.) wurde von den Nazis unter Kurt Plötner im KZ Dachau als „Wahrheitsdroge“ erprobt, an (politisch-rassischen) Gefangenen. Es war dann hauptsächlich die USA, bzw diverse ihrer Behörden, die sich das Wissen der Nazis im Kalten Krieg zu Nutze machten. Der Raketenmann Wernher von Braun5 war nur der Prominenteste. Von Braun war kurz im amerikanisch-britischen Gefangenen-Lager “Dustbin” in Kransberg bei Frankfurt6 inhaftiert, dorthin kamen jene Funktionäre des NS-Systems, die als Technokraten, Wissenschafter, Unternehmer angesehen wurden, nicht politische und militärische Führer waren, bzw die nicht direkt zum NS-Machtapparat gehörten, aber auch Speer oder Schacht, die Führer des IG-Farben-Chemie-Konglomerats, auch Leute die Menschenversuche mit Drogen in KZs gemacht/beaufsichtigt hatten. Viele davon wurden für eine Weiterverpflichtung in der USA (seltener in GB) vorgesehen, wurden in den Nürnberger Nachfolgeprozessen freigesprochen. Passenderweise kam in das Schloss in Kransberg, das als Gefangenenlager diente, später die Gehlen-Organisation/ der BND und Stellen des USA-Militärs und –Geheimdienstes unter.

Spätestens 1948 wurde die US-amerikanische Politik auf allen Ebenen militant anti-kommunistisch. Nun spielte es auch keine Rolle mehr, ob ein Wisschenschafter im Dienste Hitlers Gefangene gequält hatte. Diese Politik war eine Chance für West-Deutschland. Noch im Schloss-Kransberg-Komplex gab es Menschenversuche mit Drogen, an Spionen u.ä., dann anderswo weitergeführt, unter Mitarbeit von Ex-Nazis, oder nach Abschöpfung ihres Wissens. Auch die in Dachau unter Plötner durchgeführten Tests mit Meskalin für Verhöre wurden von der USA aufgegriffen. Der amerikanische Arzt Henry K. Beecher (Unangst) wertete im Nachkriegsdeutschland für US-Behörden die medizinischen Versuche in deutschen Konzentrationslagern aus – insbesondere zu Meskalin als „Wahrheitsdroge“. In einem geheimen CIA-Gefängnis mit dem Namen “Villa Schuster” (später “Haus Waldhof”) in Kronberg bei Frankfurt leitete Beecher medizinische Experimenten zur Nutzung von Meskalin und LSD. Dies stand im engen Zusammenhang mit der Verhörungszentrale Camp King, ebenfalls im Westen Deutschlands.

In Camp King im Taunus wurden zunächst prominente deutsche Kriegsgefangene verhört, ab 1948 sowjetische „Spione“. Auch Beecher war daran beteiligt, an den Menschenexperimenten mit Drogen im Rahmen dieser Verhöre, arbeitetet mit dem an Menschenversuchen in Konzentrationslagern beteiligten ehemaligen “Generalarzt” Walter P. Schreiber zusammen. Auch ein anderer “Nazi-Arzt”, Richard Kuhn (ein Nobelpreisträger), unterstützte die US-Amerikaner dabei, durch die Entwicklung chemischer Substanzen, die vor allem im Camp King bei sowjetischen Gefangenen eingesetzt wurden. Die CIA führte Ende der 1940er, Anfang der 1950er, verschiedene Programme durch, nach einander die Operationen „Bluebird“, “Artichoke”, „MKUltra”, in denen die Nutzung von Drogen wie LSD für Bewusstseinskontrolle und ähnliche Zwecke untersucht wurde…etwa durch das Verabreichen dieser Mittel an unfreiwillige Personen. Und ehemalige Nazi-“Mediziner” waren mit dabei.

Auch Kurt Blome, Arzt und Wissenschafter, NS-Funktionär (u.a. Vize-Gesundheitsminister), führte in der NS-Zeit Menschenversuche zur biologischen Kriegsführung durch, an Gefangenen in Auschwitz mit Krankheitserregern, Euthanasie; er führte Dokumentationen darüber. Im März 45 flüchtete er aus Posen vor der Roten Armee, im Mai 45 wurde er in München von USA-Kräften verhaftet. In Kransberg interniert, wurde er ’47 im Ärzteprozess freigesprochen, auch entnazifiziert. Dafür hat er Infos über biologische und chemische Kriegsführung an die Amerikaner weitergegeben, wurde im Rahmen von “National Interest”/ “Project 63” engagiert, einem der Nachfolge-Programme von “Operation Paperclip”, arbeitete im Nachkriegs-Deutschland und dann für die USA-Armee in Fort Detrick in Maryland, wo u.a. das United States Army Medical Research Institute of Infectious Diseases (USAMRIID) beheimatet ist. Von den 1940ern bis weit in die 1970er hinein wurden dort biologische Waffen entwickelt und getestet. Das durften eben auch ehemalige Nazi-Forscher wie Kurt Blome, Samuel Rascher7), Walter Schreiber dort tun.

“MK-ULTRA” war ein geheimes Programm der CIA8 von Anfang der 1950er bis Anfang der 1970er, zur Entwicklung und Testung biologischer und chemischer Mittel (darunter LSD) als Kampfstoffe und Verhörhilfen, die über Bewusstseinskontrolle und Gehirnwäsche wirken sollten.9 Geleitet wurde MK-ULTRA die längste Zeit vom jüdischen Chemiker Sidney Gottlieb (Scheider), eingespannt waren einige rekrutierte Ex-Nazis (als “Berater”,…). Gottliebs eigenes Forschungsgebiet waren tödliche Gifte, die gegen unliebsame (USA-Interessen zuwider handelnden) Politiker in “Dritte-Welt-Staaten” eingesetzt werden sollten, wie Fidel Castro (Cuba), Patrice Lumumba (Congo), Abdelkarim Qassem (Irak)10 Die Ambivalenz des Rausches, sein Einsatz in der chemischen Kriegsführung… Es heisst, die CIA bezog das LSD für MKULTRA nicht von Sandoz, sondern vom amerikanischen Pharmakonzern Eli Lilly, der es extra (und nur) dafür herstellte.

Mit Wissen von bzw unter dem Dach der USA-Regierung wurden Menschenversuche durchgeführt, bei denen zufällige sowie ahnungslose Testpersonen, darunter auch CIA-Agenten und andere Staatsbedienstete, unter den unfreiwilligen Einfluss von Halluzinogenen wie LSD gesetzt wurden. Die Experimente wurden u.a. in Krankenhäusern, Gefängnissen, Kasernen, Universitäten, durchgeführt. Viele Versuchspersonen trugen dabei schwerste körperliche und psychische Schäden davon, bis hin zum Tod. Zu den Todesopfern gehören der Soldat James Thornwell (der an den Spätfolgen von unfrewilliger LSD-Verabreichung starb), der Psychiatrie-Patient Harold Blauer11 und Frank Olson.

Der Wissenschaftler Olson war im USA-MiIitär mit bakteriologischer Kriegsführung befasst, hatte im 1952 begonnenen “Projekt Artischocke” gearbeitet, kam dabei “in die Nähe” des MKULTRA-Programms, wurde selbst zu einem Versuchsobjekt darin. Olson, der also Täter und Opfer war, hat dabei anscheinend ohne sein Wissen LSD verabreicht bekommen. Er starb 1953 durch einen Sturz aus einem Hotelfenster in New York, nahm sich wohl das Leben, als Folge dieser Versuche. Sein Sohn Eric Olson führte Recherchen dazu durch. Die meisten Unterlagen zu dem Projekt wurden 1972 unter dem damaligen CIA-Direktor Richard Helms vorsätzlich vernichtet. Helms war bis zu seiner Berufung zum CIA-Direktor der maßgebliche Verantwortliche für MKULTRA innerhalb der CIA. Der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (“altes Europa”…) war für die Vertuschung im Olson-Fall mit-verantwortlich. 1975 wurde von der USA-Regierung eine Untersuchungskommission zu CIA-Aktivitäten innerhalb der USA eingesetzt, sie war dem damaligen Vizepräsidenten Nelson Rockefeller untergeordnet. Die Rockefeller-Kommission gestand die Existenz von MKULTRA ein, gestand Schuld der CIA (und von MKULTRA-Projektleiter Sidney Gottlieb) ein, zahlte Schadenersatz an die Familie Olsons.12

Im Rahmen von Project Bluebird war Soldaten des USA-Militärs Ende der 1950er LSD verabreicht worden, mit dem Ziel, aus der Wirkung Rückschlüsse auf den Nutzen des Mittels als Kampfstoff zu gewinnen. Videos von dem Versuch in einer Militäranlage in Maryland zirkulieren heute im Internet.13 Ausgerechnet John Lennon wird der Ausspruch zugeschrieben: “We must always remember to thank the CIA and the Army for LSD. That’s what people forget. … They invented LSD to control people and what they did was give us freedom”. Was ja vorne und hinten nicht stimmt. In der Sache kam man bei diesen Experimenten zu dem Schluss, dass die Wirkung von LSD zu vielseitig und unkontrollierbar sei, um aus ihr praktischen Nutzen für die Verwendung als Kampfmittel oder Wahrheitsserum zu ziehen.

LSD hat Ähnlichkeiten und eine Kreuztoleranz mit anderen Psychdelika/Halluzinogenen. Nicht zuletzt mit Meskalin, dem Alkaloid/Wirkstoff des Peyote(l)-Kaktus (Lophophora williamsii) in Mexiko. Meskalin wurde von den Azteken (Nahua) verwendet, was von den Spaniern bekämpft wurde, auch wegen der kultischen Bedeutung des Konsums. Nach Nordamerika bzw die USA kam Peyote/Meskalin im späten 19. Jh. Auch Meskalin wurde erstmals in Deutschland chemisch isoliert, 1896 oder 1897 von Arthur C. Wilhelm Heffter – von diesem stammt anscheinend auch der Name “Meskalin”. Sein Landsmann Louis Lewin erforschte/ananlysierte die Wirkungen des Meskalins. Einem Ernst Späth gelang die Synthetisierung. Der Psychiater Kurt Beringer habilitierte sich 1925 in Heidelberg mit einer Schrift über die Geschichte und Erscheinungsweise des Meskalin-Rausches, die 1927 veröffentlicht wurde.14

Peyote-Kaktus

Der Brite Havelock Ellis hatte bereits Ende des 19. Jh Meskalin probiert und literarisch verarbeitet, nach Europa kam das Mittel aber erst richtig in den 1920ern. Aldous Huxley widmete sich teils wissenschaftlich (aber mit einem anderen Zugang) dem Meskalin, nachdem er es (sowie LSD und Psilocybin) in den 1950ern kennen lernte. Er schrieb darüber die Essays “Die Pforten der Wahrnehmung”15  und “Himmel und Hölle”. Meskalin erhielt er vom erwähnten Humphrey Osmond, LSD erstmals vom amerikanischen “LSD-Pionier” “Al” Hubbard. An seinem Lebensende, 1963, krank mit Kehlkopfkrebs, wünschte er sich eine Injektion von LSD. “LSD, 100 µg, intramuscular”, notierte er seiner Frau, nicht mehr in der Lage zu sprechen. Es heisst, Huxley war der Meinung, dass LSD nur von gewissen “auserwählten” Menschen verwendet werden solle.

Auch Henri Michaux verarbeitete seine Meskalin- (und -LSD-) Erfahrungen literarisch. Dann kamen die Ethnologen an die Reihe, Claude Levi-Strauss (“Traurige Tropen”) oder J. S. Slotkin beschäftigten sich mit Peyote/Meskalin (und seine ursprüngliche Nutzung). Danach waren im Westen (abermals) die Hippies, Bohemiens und Denker an der Reihe mit der Nutzung von Meskalin, Allen Ginsberg oder Jean-Paul Sartre. Der US-Schauspieler David Carradine (der evtl Cherokee-Vorfahren hat) wurde 1974 verhaftet, nachdem er unter Meskalin-Einfluss nackt in der Umgebung von Los Angeles in ein Haus einbrach, sich dabei schwer am Arm schnitt und sein Blut über das Klavier des Hausbesitzers goss. Rituell genutzt wird Meskalin heute angeblich nur noch bei kleineren Indianer-Ethnien in Mittel-Mexiko.

Im Unterschied zum LSD muss man beim Meskalin eine beträchtliche Menge (des in “Buttons” geschnittenen Peyote) einnehmen und einen extrem bitteren Geschmack überwinden. Gefahren sind die selben wie beim LSD. Eine “künstliche Schizophrenie” (irreale Welt, Einbildungen, Sinnestäuschungen), die Himmel wie auch Hölle sein kann. Meskalin wurde spätestens in den 1960ern von LSD überschattet, wie Opium einst von Morphium und dann Heroin oder Coca von Kokain. Natürliche (meist pflanzliche) Mittel wurden überall weit zurückgedrängt, durch Verbote und synthetische Mittel, sind in ausser-westlichen Kulturen noch eher verbreitet. Die Agaven-Spirituose Mezcal (seltener Meskal, Mescal) hat nichts mit Meskalin (Mescaline, Mescalina) zu tun, auch wenn sie ebenfalls aus Mexiko kommt.16

Auch psilocybin- und psilocinhaltige Pilze, zB der Teonanacatlaus, wirken halluzinogen. Psilocybin-Pilze, auch „magic mushrooms“ oder „narrische Schwammerl“ genannt, haben eine dem LSD und dem Meskalin vergleichbare Wirkung.17 Auch hier kann der Rausch zum Horror werden. Der britische Drogenexperte David Nutt sagte, das Verbot von psychoaktiven Pilzen sei „absurd“ und „blödsinnig“. Denn damit könne die Wirkung des Stoffes Psilocybin, der etwa gegen Depressionen eingesetzt werden könnte, nicht erforscht werden. Von Bedeutung auf diesem Gebiet ist Steven Pollock, der Pilzforscher wurde 1981 ermordet. Der amerikanische “Stunt-Journalist” und  Drogenkonsument (v.a. synthetische) Hamilton Morris schrieb über den Mord an Pollock, hinter dem er die Pharmalobby vermutet. Andere natürliche Halluzinogene sind Ergin/ LSA (D-Lysergsäureamid)/ LA-111, das in den Samen verschiedener Windengewächse vorkommt. Etwa in den Prunkwinden (Ipomoea) und ihrer Unterart Ipomoea tricolor. Ololiuqui ist ein ritueller Trank in Mittelamerika, hergestellt aus den (LSA-haltigen) Samen von Trichterwindengewächsen.

LSA/Ergin ist verwandt mit (dem künstlichen) LSD, gehört zur Gruppe der Mutterkornalkaloide, kann als Grundstoff für die Synthese von LSD dienen. Erstmals synthetisch hergestellt wurde es bei Albert Hofmanns Studien mit den Mutterkornalkaloiden Ende der 1930er/ Anfang der 1940er, während der er auch LSD entdeckte.18 Weiters sind manche Sorten von Salbei/Salvia zu nennen, besonders der Salvia divinorum (auch Azteken-Salbei,  Götter-Salbei oder Wahrsage-Salbei genannt), mit dem Wirkstoff Salvinorin. Auch Ibogain oder die Liane Banisteriopsis caapi sind natürlich vorkommende schwächere “Verwandte” des LSD. Muskat-Samen wirken psychedelisch und speedig.19

Timothy Leary, Dozent für Psychologie an der Harvard-Universität in Massachusetts, wurde in den 1960ern so etwas wie der LSD-Papst. 1960 studierte er vor Ort rituelle Einnnahmen von Psilocybin-Pilzen bei “Indianern” in Mexiko, im Rahmen eines universitären Forschungsprojekts. Danach begannen er und seine Mitarbeiter (wie Richard Alpert) in Harvard mit Versuchen an sich und Studenten mit diesen Pilzen. Auch wurde ihm gestattet, Experimente an Gefängnisinsassen damit durchzuführen. In dieser Phase entdeckte er LSD, für sich, und begann, es zu “predigen”. 1962 begann die Universität Learys Aktivitäten kritisch zu sehen. Dabei ging es hauptsächlich um Experimente mit LSD, die er mit Studenten durchführte. Aber auch um die “Promotion” generell, die Leary mit dem damals als Medikament gehandelten starken Mittel zukommen liess. Es heisst, dass auch die CIA damals auf ihn aufmerksam wurde. 1963 wurden Leary und sein Mitarbeiter Richard Alpert von Harvard entlassen.

Leary und Alpert zogen zuerst nach Mexiko, um weiter mit Psychedelika experimentieren zu können, wurden dann aber des Landes verwiesen. Sie zogen nach Millbrook im USA-Bundesstaat New York, wo ihnen ein grosses, privates Anwesen zur Verfügung gestellt wurde. Von William Hitchcock, der paradoxerweise (?) ein Verwandter von Andrew Mellon war, Finanzminister der USA 1921 bis 1932, Gründer des Federal Bureau of Narcotics (FBN), der Anti-Drogen-Behörde, die sich nach dem Ende der Alkohol-Prohibition 1933 hauptsächlich im Kampf gegen Cannabis engagierte, unter dem berüchtigten Harry Anslinger.20 Der Aktienhändler “Billy” Hitchcock, einer der Erben des Vermögens von Mellon, unterstützte Leary auch finanziell. Seine Geschwister Peggy und “Tommy” Hitchcock waren auch mit dabei in der International Federation for Internal Freedom (IFIF), die Leary in New York gründete. In dem Anwesen wurden LSD-Experimente fort gesetzt, mit mehr oder weniger wissenschaftlichem Charakter. Für Leary und seine Jünger spielten Grenzen zwischen Drogenforschung, Drogenkonsum, Privatleben, Religion, Politik immer weniger eine Rolle…

1966 wandelte Leary die IFIF, die zeitweise auch als Castalia Foundation firmierte, in die League for Spiritual Discovery um, die er als eine Art Kirche bzw Religionsgemeinschaft sah. Learys enger Weggefährte Richard Alpert trat 1967 vom Judentum zum Hinduismus über und nennt sich seither Ram Dass. Leary vertrat die Ansicht, dass LSD durch die Bewusstseinserweiterung die Menschen und damit auch die Gesellschaft positiv verändern könne und Jedem zugänglich gemacht werden solle. Er hat bei seinen Anpreisungen von LSD schon darauf hingewiesen, dass die psychische Verfassung des Konsumenten, das richtige Setting, die Dosierung wichtig sind, also nicht “unkontrollierten” Konsum empfohlen.21 Viele, die von ihm oder Ken Kesey “inspiriert” wurden, in den 1960ern oder später, übersahen das aber und sahen nur Leary’s “Mantra” “Turn on, tune in, drop out”.

Der wilde, ausser-therapeutische Gebrauch von LSD nahm im Laufe der 1960er in einigen Ländern des Westens überhand, damit kamen auch Zweifel am therapeutischen Wert und an der Legalität des Mittels auf. So stellte Sandoz 1966 die Produktion ein.22 In der USA wurde es in diesem Jahr in Kalifornien illegal23, danach auch in anderen Bundesstaaten. 1970, unter Nixon, wurde es das auf nationaler Ebene durch den Controlled Substances Act. In der BRD wurde LSD mit der vierten Betäubungsmittel-Gleichstellungsverordnung 1967 den betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften des Opiumgesetzes, dem Vorläufer des heutigen Betäubungsmittelgesetzes (BtMG), unterstellt. Es darf dort seither nur mehr unter strengsten Auflagen, mit Genehmigung der Bundesopiumstelle, zu wissenschaftlichen und therpeutischen Zwecken freigegeben werden. Viele andere Staaten erliessen in dieser Zeit eben solche Gesetze(sänderungen). Auf internationaler Ebene kam LSD 1971 unter die Convention on Psychotropic Substances (Übereinkommen über psychotrope Stoffe) der UN, das Unterzeichnerstaaten dazu verpflichtet, das Mittel zu illegalisieren.

LSD hatte noch zu legalen Zeiten seinen Weg von der Psychiater-Couch auf die Strasse gefunden, hauptsächlich in die Hippie-Bewegung. Nachdem es mit der psychiatrischen Verwendung um 1967 vorbei war (in einzelnen Kliniken wurde es darüber hinaus noch eine zeitlang geduldet mit Sondergenehmigungen), wurde es noch stärker Teil dieser Subkultur, vor allem in jenem Teil von ihr, in dem nicht politische Veränderungen sondern jene des Bewusstseins der Individuen die Priorität waren. In der Psychotherapie wurde zT auf Psilocybin-Pilze ausgewichen. Und es begannen nun illegale Herstellung und Konsum von LSD  (“Acid”, „Trip“). Der Amerikaner Augustus Owsley „Bear“ Stanley betrieb so ein frühes Untergrund-Labor. Er arbeitete dann als Toningenieur für die Band Grateful Dead, die das Genre des Acid-Rock (kann als Synonym von Psychedelic rock gesehen werden) Ende der 1960er mit-prägte. In der USA und anderswo gab und gibt es die Gross-Produzenten24 und die “kleinen Fische”, Kreise von Leuten mit mehr oder weniger guten chemischen Kenntnissen, die LSD im begrenzten Umfang herstell(t)en und nur regionale Märkte erreich(t)en. Grundstoff zur Synthese des LSD ist Ergotamin-Tatrat, dessen Verfügbarkeit international daher eingeschränkt ist.

Darreichungsform seit dem Weg in den Untergrund sind nicht mehr die Tabletten, sondern hauptsächlich Löschpapier (“Blotter”), auf das gelöstes LSD gegeben wurde und das in “Tickets” (oder “Trips”) zerteilt ist. Die Papierstücke werden unter die Zunge (sublingual) oder auf die Backenschleimhaut (buccal) gelegt, oder auch geschluckt (oral). Seltener bekommt man die Lösung als solche, in Ethanol, sie wird dann auf Würfelzucker getropft oder in „Micros“ genannte Tabletten oder in Gelatinekapseln verarbeitet. Mikrokügelchen/ Micros enthalten viel mehr LSD als Tickets (bis zu 1000 µg), werden in der Regel in einer Flasche mit einem Getränk aufgelöst und von mehreren Leuten getrunken. Geraucht kann LSD nicht werden, da es durch Hitze zerstört wird. Auch das Strecken ist aus chemischen Gründen schwierig. Im Handel sind heute auch LSD-ähnliche Präparate im Umlauf, die aus anderen, ähnlich wirkenden Wirkstoffen bestehen, welche billiger herzustellen und oft (körperlich) gesundheitlich deutlich gefährlicher sind. Typische Lookalike-Substanzen sind Derivate von DOx (zB DOM, DOB) und 2-C-NBOMe. Während LSD praktisch geschmacklos ist weisen diese Präparate oft einen stark bitteren Geschmack auf. Dass Herstellung und Abgabe nicht mehr unter pharmazeutischer und ärztlicher Aufsicht erfolgt, bringt für die Konsumenten eine Reihe von Nachteilen. Abgesehen von dem falschen und gefährlicheren “LSD” fällt die Dosierungs-Sicherheit weg. Gleich aussehende Tickets können eine völlig unterschiedliche Wirkung haben.

Ken(neth) Kesey arbeitete 1959/60 als Pfleger in einem Krankenhaus in Kalifornien, wo im Rahmen eines Teilprojektes vom MKULTRA auch LSD-Experimente durchgeführt wurden. Diese Erfahrungen verarbeitete er in dem Roman “Einer flog über das Kuckucksnest”, der 1962 veröffentlicht wurde, dann zu einem Theaterstück und zu einem Film (1975) umgearbeitet wurde. Kesey war wie Leary davon überzeugt, dass LSD die Menschheit an sich zum Positiven verändern könnte. Zur Zeit, als LSD noch legal war, tingelte er mit einer von ihm gegründeten Hippie-Gruppe, den Merry Pranksters, in einem bunt bemalten Schulbus durch die USA und verteilte (bzw verkaufte) LSD an Interessierte, veranstaltete sogenannte Acid Tests. Bei einigen dieser Happenings traten auch Grateful Dead auf. Die Fahrten der Merry Pranksters wurden vom Autor Tom Wolfe, der zeitweise in dem Bus mitfuhr, in dem Buch “Electric Kool-Aid Acid Test” literarisch verarbeitet. Sie spielten eine Rolle bei der Entstehung der Hippie-Bewegung und auch des Psychedelic Rock. Es heisst, Kesey hat Ende der 60er seinen “Glauben” an das LSD verloren.

Timothy Leary prägte in den 1960ern die Flower Power-Bewegung mit, mit seiner Propagierung von LSD-Gebrauch. Auch unkontrollierte Selbstbehandlungen (etwa in Kommunen) waren eine Folge davon, LSD-Konsum als Mutprobe, oder (für sich/andere) gefährliches Ausflippen, negative Spätfolgen,… 1965 kehrte Leary mit seinen beiden Kindern und einer Freundin von einer Reise nach Mexiko in die USA zurück, bei der Grenzüberquerung wurde im Auto Marihuana gefunden. Leary wurde dafür 1966 (aufgrund des Marihuana Tax Acts) zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt, ein Urteil gegen das er berief und das 1969 aufgehoben wurde. Leary gründete 1966 (10 Tage nach dem LSD in Kalifornien illegal wurde) in seinem Anwesen in Millbrook eine eigene Kirche / Religionsgemeinschaft, die Brotherhood of Eternal Love, die sich natürlich um LSD drehte. Zu ihm und seinen Kreis stiessen immer wieder neue Anhänger, die sich bei seinen Aktivitäten einbringen wollten. In diesem Jahr (oder 67) zerschlug das FBI das Treiben in Millbrook, Leary und sein “Tross” zogen nach Laguna Beach in Kalifornien.

Er lernte dort neue Leute kennen, darunter auch welche aus Hollywood. Leary und die “Brüderschaft” eröffneten in Laguna Beach einen Hippie-“Zubehör”-Shop, verlegten sich dann aber auf Drogen dealen. Zunächst Cannabis, von Mexiko und von Afghanistan. Dann begann der Kreis um Leary mit der Herstellung und dem Vertrieb von LSD. Von Owsley Stanley in San Francisco hergestelltes LSD wurde verkauft, bis dieser ’67 verhaftet wurde. Die Brotherhood heuerte Stanleys Assistenten “Tim” Scully und “Nick” Sand an. So begann die LSD-Herstellung der Brotherhood of Eternal Love, u.a. in Untergrund-Laboren in St. Louis, der Vertrieb erfolgte u.a. durch die Hell’s Angels. Man brachte LSD als “Sunshine Explosion”, “Sunshine Acid” (1968), “Orange Sunshine Express” (1969) oder “Orange Sunshine” heraus, die sich weltweit verbreiteten.

1969 starb John Griggs aus dem Leary-Umfeld an einer Überdosis PCP, “Chefkoch” Scully verliess die Brotherhood, und diese war zunehmend mit den Gesetzeshütern im Konflikt. In dieser Phase tauchte ein Ronald Stark bei der Gruppe auf, eine geheimnisvolle Person. Der Name war möglicherweise nicht sein wirklicher und er soll Verbindungen zur CIA gehabt haben. Er wurde Chefchemiker der Brotherhood, bis Anfang der 70er, aber auch ihr Banker bzw Buchhalter. Leary wurde 1970 wegen zwei Marihuana-Joints in seinem Auto (1968) zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, hinzu kamen weitere 10 Jahre für das Vergehen von 1965. In diesem Jahr wollte Leary eigentlich bei der Gouverneurs-Wahl in Kalifornien kandidieren, gegen Amtsinhaber Reagan.

Den LSD-Anhängern zufolge könne das Mittel der Menschheit zu einer friedlicheren Zusammenleben verhelfen. Aber auch seine Verwendung in der Manson Family stellt das in Frage. Charles Manson selbst nahm bei “LSD-Orgien” in seiner Kommune weniger oder nichts, um die Kontrolle zu behalten, setzte es gewissermaßen zur “Gehirnwäsche” ein, wie auch die CIA. Auch Mansons Auffassung von “freier Liebe” und seine Vernichtungs-Unterstellungen gegenüber den Afro-Amerikanern sagen einiges darüber aus, was alles unter “Flower Power” lief. Im Sommer 1969, als die Brotherhood of Eternal Love Millionen Dosen LSD in der USA und andernorts verkaufte, töteten Mitglieder der “Familie” 5 Leute im Polanski/Tate-Haus in Los Angeles, dort auch ein ungeborenes Kind, sowie davor und danach weitere Menschen. Zumindest am Abend der Tate-Morde nahmen “Tex” Watson und die anderen Mörder kein LSD, sondern Kokain und andere Aufputschmittel.

Ihre Opfer in diesem Haus haben ebenfalls harte und weiche Drogen genommen, mehr oder weniger dieselben wie ihre Mörder (von LSD bis Koks). Und, während des Prozesses gegen die “Manson-Familie” 1970/71 spielte LSD auch eine Rolle. Ein Ex-Mitglied der Familie, Barbara Hoyt, sollte dort als Zeugin aussagen. Die nicht inhaftierten “Familien”-Mitglieder um Lynnette Fromme luden sie in dieser Situation zu einer Reise nach Hawaii ein. Dort liess man sie einen mit LSD gespickten Hamburger essen, mischte man ihr “Acid” ins Essen… Hoyt überlebte (siehe dazu auch unten). Der “Angriff” überzeugte Hoyt dann, im Prozess auszusagen.

Leary wurde noch 1970 von den linksradikalen Weatherman aus dem Gefängis befreit, flüchtete ins Ausland, nach Algerien, wo er bei den (ebenfalls aus der USA) exilierten Black Panthers Unterschlupf fand. Von dort reiste er dann in die Schweiz, die ihm zwar kein politisches Asyl gewährte, aber auch (1971) einen Auslieferungsantrag der US-amerikanischen Behörden ablehnte und ihn nach 1 Monat aus der Haft entliess. In der Schweiz wurde er u. a. von Sergius Golowin unterstützt, lernte eine neue Frau kennen – und traf sich mit LSD-Erfinder Albert Hofmann. Die beiden “Schlüsselfiguren der LSD-Geschichte” (Schmidbauer/vom Scheidt), der Bürgerliche und der Freak, begegneten sich zwei Mal, 1971 und 1972. Hofmann schrieb in seinen Lebenserinnerungen (“…durchdrungen vom Glauben an die Wunderwirkungen der psychedelischen Drogen und dem daraus resultierenden Optimismus…”) über die Treffen. Albert Hofmann war gegen das Verständnis von LSD wie es Leary propagierte. Er setzte sich für eine kontrollierte Verwendung unter wissenschaftlicher Aufsicht ein. Dies hat er auch in seinem 1979 veröffentlichtem Buch “LSD – Mein Sorgenkind“ formuliert. Seinen letzten “Trip” soll Hofmann 1972 mit Ernst Jünger unternommen haben. Hofmann starb 08.

Während dessen bezeichnete USA-Präsident Richard Nixon Leary als den “gefährlichsten Mann Amerikas”. Und, 1972 wurde die Brotherhood in der USA in Learys Abwesenheit von den Behörden auseinander genommen, und viele Mitglieder verhaftet. Nach kurzen Aufenthalten in Wien und Beirut reiste Leary weiter nach Afghanistan. Dort wurde er auf US-amerikanischen Druck hin verhaftet und in die USA ausgeliefert, 1972 oder 1973. Im Folsom-Gefängnis in Kalifornien hatte er eine Zelle neben jener von Charles Manson, und die Beiden konnten sich nicht sehen, aber miteinander reden. Natürlich ging es um LSD, und Manson bekräftigte, dass er es als ein Mittel zur Kontrolle von Menschen sah… Leary wurde u.a. für seinen Drogenhandel verurteilt; 1976 wurde er, im Geist der 70er, von Kaliforniens Gouverneur Edmund “Jerry” Brown (Reagans Nachfolger) begnadigt. Er beschäftigte sich danach mit Weltraum-Fahrt, Computertechnik, Esoterik und religiösen Themen, schrieb einen SF-Roman,…wenn man so will, alles Spin-Offs seiner Beschäftigung mit LSD. Daneben hielt er Kontakte zu John Lennon und manchen Hollywood-Akteuren. Er erlebte Reagans “konservative Revolution” der 1980er und zog sich etwas in die innere Emigration zurück. Leary starb 1996 im Alter von 75 an Prostatakrebs; 1997 wurden sieben Gramm der Asche seines Körpers und Überreste von 24 anderen Personen darunter Star Trek-Schöpfer Gene Roddenberry in den Weltraum geschossen.

LSD wurde im Westen (oder anderswo) keine in die Gesellschaft integrierte Droge (wie Alkohol), auch kein akzeptiertes Mittel zur Erleuchtung, wie es Leary angestrebt hatte. Schmidbauer/vom Scheidt25 weisen darauf hin, dass LSD eine gegenläufige Entwicklung durchlief als viele andere Drogen die aus einem religiösen Kontext herausgelöst wurden – es bekam in der (bzw durch die) 1960er-Subkultur eine quasi-religiöse Bedeutung, die es in den letzten Jahren aber weitgehend verloren hat. Und, manche Experten sehen in Learys Aktivitäten die Schuld für die Diskreditierung von LSD und anderen psychedelischen Drogen in Psychiatrie und Wissenschaft.

Psychiater wie Oscar Janiger haben in den 1950ern und 1960ern den Einfluss von LSD auf die Kreativität durch Einfluss untersucht. Seither ist unter LSD-Einfluss viel an Kunst entstanden und LSD in der Kunst oft thematisiert worden. Es begann mit den “Happenings” von Ken Kesey und seinen Merry Pranksters, mit von Leary organisierten psychedelischen Slide shows in städtischen Kinos, der Blotter Art eines Mark McCloud oder Thomas Lyttle. “The Company of Us,” abgekürzt zu USCO, war ein Künstler-Kollektiv der 1960er, mit Gerd Stern oder Stan VanDerBeek. 1966, kurz vor der Illegalisierung von LSD, veranstalteten sie im New Yorker Riverside Museum eine Show mit Licht-Gärten, Klanglandschaften,… Das “LIFE”-Magazin widmete dem damals eine Titelgeschichte.

“Life” 9. 9. 1966

Musikgruppen wie die Beatles beeinflussten ihre Arbeit durch erlebte Erfahrungen mit LSD, die wiederum als “Soundtrack” für solche Erfahrungen ihres Publikums diensen. Daer Song “Lucy in the Sky with Diamonds” (LP “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band”, 1967) wird häufig mit LSD in Zusammenhang gebracht, wobei Lennon diesen immer bestritt und eine Inspiration durch Lewis Carroll’s “Alice in Wonderland” behauptete. Die Lieder “She Said She Said”26 und “Tomorrow never knows” sowie “Strawberry Fields Forever” sollen von LSD-Trips handeln. Die Rolling Stones und Freunde hielten 1967 in Redland in Sussex eine Party mit LSD und Anderem ab, die von der Polizei gestört wurde. Auch Beach Boy Brian Wilson hat gelegentlich LSD genommen.

Ende der 1960er entstand wie gesagt Psychedelic rock oder Acid rock, wobei zweiteres als “extremeres” Sub-Genre des ersteren gesehen werden kann. Vertreter waren/sind Grateful Dead27, Jefferson Airplane, Jimi Hendrix, Pink Floyd,… Auch hier waren/sind Referenzen auf das Mittel im Text meist kryptisch. LSD spielte beim Woodstock-Festival 1969 beim Publikum und bei Künstlern eine Rolle, und tut es seither bei vielen solchen Veranstaltungen. Mike Oldfield hat in seiner frühen Zeit in den 1970ern angeblich LSD verwendet, möglicherweise “Tubular bells” unter dessen Einfluss komponiert/eingespielt. Einer der stärksten expliziten Drogensongs handelt vom Meskalin, “Happy Nightmare” von der niederländischen Band Focus.28

Der erste Hollywood-Film, in dem LSD eine wichtige Rolle spielte, war “The Trip” aus 1967, mit Peter Fonda und Dennis Hopper, geschrieben von Jack Nicholson. Diese 3 wirkten ja auch in dem 1969 veröffentlichten Film “Easy Rider” mit, in dem es gegen Ende einen genial dargestellten LSD-Trip auf einem Friedhof in New Orleans gibt. In den Musical-Verfilmungen “Tommy” (1975) und “Hair” (1978) wird (u.a.) LSD konsumiert, eben so in “Apocalypse Now” (1979), “Dazed and Confused” (1993), “The Acid House” (1998), “Contact High” (2009) oder “Magic Trip” (2011). In “Pink Floyd-The Wall” (1982) kommt das Mittel nicht direkt vor, das zu Grunde liegende Album wird aber gerne als unter LSD-Einfluss entstanden gesehen, und als zu dessen Einnahme animierend. Im Tatsachen-Film “Im Namen des Vaters” wird ein in LSD getauchtes Puzzle erwähnt, das ins Gefängnis geschmuggelt wird.

In “The Big Lebowski” (1998) wird der “Dude”, ein passionierter Drogen-Konsument, vom Film-Produzenten Treehorn mit einer Droge “ausser Gefecht” gesetzt; der folgenden “Traum”-Sequenz zufolge war das LSD, zumal dazu “Just Dropped In (To See What Condition My Condition Was In)” von Kenny Rogers (1968) läuft, in dem es ebenfalls andeutungsweise und gerüchteweise um das Mittel geht. Hunter Thompson hat viele Drogen genommen, seine Räusche literarisch verabeitet, in 1997 verfilmten “Fear and Loathing in Las Vegas” unter anderen auch LSD und Meskalin. In der Zeichentrickserie “Die Simpsons” kommt LSD in einigen Folgen vor, auch in “South Park”, dessen Macher 2000 in Frauenkleidern und angeblich unter Wirkung des Mittels zur Oscar-Verleihung kamen.

Ernst Jünger unter-nahm zusammen mit Albert Hofmann mehrere Trips, wie dieser auch in seinem “Sorgenkind”-Buch wiedergab. Jünger nahm neben LSD auch Kokain, Opium, Meskalin, Cannabis, Äther, Psilocybin. Der Roman “Besuch auf Godenholm” (1952) ist von den Experimenten mit LSD und Meskalin beeinflusst. In “Annäherungen” (1970) widmet er sich dem Thema Drogen und Rausch ohne erfundene Handlung. In seinem “Heliopolis” (1949) spielen Drogen ja auch eine Rolle. Der britische Autor Robert Graves nahm LSD, empfahl es auch Anderen. Zu den Malern/Grafikern für die LSD eine Rolle spielt(e), gehören Robert Mapplethorpe und Will Burtin.

Auch Kreativität im naturwissenschaftlichen Bereich kann durch LSD gefördert werden. Das Silicon Valley in Kalifornien wurde ab den 1960ern bedeutendster Standort der Computer- und High Tech-Industrie. Bei vielen Entwicklungen dort soll LSD eine Rolle gespielt haben, auch bei der Entstehung des IT. Steve Jobs hat über “Bill” Gates mal gesagt: “He’d be a broader guy if he had dropped acid once.” Douglas Engelbart war bei technischen Problemlösungen wie der Erfindung der Computer-Maus und der Copy & Paste-Technik von LSD inspiriert, heisst es. Der US-amerikanische Biochemiker Kary Mullis hat angegeben, während seines Studiums in Berkeley oft LSD genommen zu haben, und dass es ihm bei wissenschaftlichen Problemlösungen half; ob es ihm auch bei der Entwicklung der Polymerase-Kettenreaktion half (wofür er 1993 den Chemie-Nobelpreis bekam), sei dahin gestellt. Der amerikanische Biophysiker/-chemiker Gerald Oster nutzte seine Photochemie-Entdeckungen und LSD, um eine Kunst-Karriere einzuschlagen, verbrachte seinen Lebensabend in Haiti. Bei Francis Crick, einem Mit-Entdecker der Struktur der DNS (1953), kam nach dem Tod die Behauptung auf, Crick hätte die Entdeckung im LSD-Rausch gemacht.29

Was Horrortrips betrifft, diese sind von Set (psychische Verfassung des Konsumenten) und Setting (die jeweilige Umgebung, in der der Trip durchgeführt wird) bedingt. Manche LSD-Konsumenten vertrauen einem Tripsitter, der nüchtern bleibt und der gegebenenfalls eingreift – eine Supervisison, wie bei der psychotherapeutischen Verwendung von LSD. Etwa durch beruhigendes Einreden (talk down). Medikamente zum Mildern bzw Abbrechen bei halluzinogenen Horror-Trips (v.a. auf LSD) sind in erster Linie Benzodiazepine, bevorzugt Diazepam (“Valium”) oder Lorazepam (“Tavor”).30 Ein Gegenmittel sind auch Neuroleptika/ Antipsychotika, etwa Haloperidol (“Haldol”) oder Chlorpromazin („Thorazine“, “Megaphen”, “Largactil“); es heisst aber, dass sie das Erleben gegebenenfalls auch noch verstärken können. Schliesslich sind hier auch, weniger bekannt, hochpotente Opioide eine Option. Manche Sachkundige meinen, das man nur im äussersten Notfall zu diesen Mitteln greifen sollte, weil es für die Verarbeitung des Trips und seines Horrors besser sei, ihn in seiner “Negativität” durchzustehen und das Erlebte in sein nüchternes Bewusstsein zu integrieren bzw es da zu verarbeiten – anstatt den Trip abzubrechen. Es heisst, in Kulturen in denen Halluzinogene wie Meskalin integriert sind, werden “Horrortrips” als wichtige tiefenpsychologische bzw mystische Erfahrungen willkommen.

Es gibt aber Konsumenten von LSD und anderen Halluzinogenen, bei denen Angst und ihre körperlichen Symptome ein sehr hohes Maß erreichen und/oder die für sich oder Andere eine Gefahr darstellen. Der Filmregisseur James Toback nahm als Harvard-Student 1964, als LSD legal war, eine massive Überdosis des Mittels – weil er nicht auf den Eintritt der Wirkung warten wllte, der etwa eine halbe Stunde dauert, legte er nach der Einnahme des ersten beträufelten Zuckerwürfels noch und noch nach. Er blieb nach seinen Angaben für etwa eine Woche unter LSD-Einfluss, nach ein paar Tagen sei der Spass zu Ende gewesen, begann die Qual, die Angst dass der Zustand niemals enden würde. Er dachte an Selbstmord, suchte aber schliesslich Hilfe, beim Psychiater Max Rinkel. Der verabreichte ihm ein “Gegengift”, eine Combo aus den Neuroleptika Chlorpromazin, Trifluoperazin und Thioridazin, sowie Morphin. Die Mischung war riskant (und wahrscheinlich hätten schon ein oder zwei Bestandteile gereicht), aber sie half schliesslich. Toback sagt, er hat infolge dieses Trips jede Angst vor dem Tod verloren. Die Erfahrung hat er in “Harvard Man” verarbeitet.

Manche LSD-Konsumenten sagen auch, dass die Einnahme von einer geringen Menge (des verwandten) Cannabis den Trip “sanfter” und “klarer” machen würde, dass man sich so “runterrauchen” könne. Ein Joint kann einen Trip aber auch verstärken. Auch Vitamin C soll die halluzinogene Wirkung dämpfen, vielleicht aber auch nur als Placebo.

Gibt es Todesfälle infolge von LSD, kann man davon sterben? Ein gewisser Bezug dazu ist bei Trips durch die Reise in seelische Abgründe, das Erforschen anderer Welten und bei schlechten Trips durch Todesängste, gegeben. Grof hat gesagt, bei Trips das Gefühl gehabt zu haben, sich in Regionen jenseits des Todes aufzuhalten. Und durch die Verwendung durch Sterbenskranke. Dann gibt es die Gefahr bzw die Fälle von Selbst- oder Fremdgefährdung, im Grössen- oder Verfolgungswahn. Siehe Frank Olson oder James Toback fast. Es gibt aber keine bestätigten Vorfälle über eine tödliche Überdosierung. Der kanadische Psychiater Stanley Barron berichtete von einem Dealer, der 40 000 Mikrogramm LSD ver-schluckte, weil er eine Polizeikontrolle fürchtete, er er-lebte und über-lebte einen 3-Tages-Rausch/Psychose. LSD kann Herzprobleme verstärken. Ein Richard Alfredo in der USA starb 1990 mit 61 an Herzproblem; Gerüchte dass “nachgeholfen” wurde, führten zu einer Autopsie. Die Lebensgefährtin soll ihn mit LSD “vergiftet” haben, es in ein Gelatine-Dessert (der Marke “Jell-O”, der Fall wurde unter dem Namen bekannt), wurde ’92 dafür verurteilt. Nach einer Wiederaufnahme wurde sie 99 frei gesprochen > die Autopsie auf LSD-Rückstände sei fehlerhaft gewesen, ausserdem wurde von der Verteidigung in Frage gestellt, ob LSD wirklich Herzprobleme tödlich „verstärken“ kann. Der Todesfall ist aber nicht zu 100% geklärt.

Der Wrba-Hof in Wien

Im April 95 gab es in Wien einen Todesfall unter LSD-Einfluss, in “Wiener/Basta” brachte Thomas Köpf im Juni 1995 darüber eine Reportage. Helmut V. (17) und 2 Freunde kauften im Stadtpark LSD, auf buntes Papier getropft, für alle war es das erste Mal. Am Heimweg in den 10. Bezirk nahmen die Freunde das Mittel ein. Helmut hatte Probleme, als die Wirkung bei ihm anflutete, war sie schon von Unruhe und Angst dominiert. Im Karl-Wrba-Hof am Wienerberg in Favoriten (der Hof mit dem futuristisch anmutenden Terrassenbau) war die Wohnung von Helmuts Familie sowie ein Jugendzentrum. Weitere Freunde kamen. Anscheinend war von den 3 nur der eine auf Horror. Die Freunde und eine Sozialarbeiterin versuchten ihn heraus zu holen. Jemand verabreichte ihm das Schlafmittel “Rohypnol”, ein Benzodiazepin – während sich die Sozialarbeiterin mit der Drogen-Beratungsstelle “Ganslwirt” telefonisch beriet. Helmut wurde ruhiger, ging mit ein paar Freunden in ein Auto und schlafen. Und wachte nicht mehr auf. Möglicherweise ist er aufgrund der muskel-relaxierenden Wirkung des “Rohypnol” an seiner Zunge erstickt. Weitere Details oder Erkenntnisse sind mir nicht bekannt.

1962 wurde auf Initiative der CIA ein Tier-Versuch durchgeführt, von einem Dr. West an der University of Oklahoma; einem Elefanten (“Tusko” genannt) wurden 297 mg LSD injiziert, man wollte den Einfluss auf sein Verhalten studieren. Der Elefant wand sich bald unter Krämpfen, bekam daher ein Beruhigungs- und dann ein Schlafmittel injiziert – und starb. Es ist (auch hier) fraglich, ob LSD für den Tod verantwortlich war, oder eher die “Downer”. Albert Hofmann erfuhr von dem Versuch und kommentierte ihn inhaltlich; er war einverstanden mit solchen Experimenten. Auch mit Delphinen oder Spinnen wurden solche durchgeführt. Viele Tiere sind nach hohen LSD-Dosen an Lungenversagen gestorben.

War es Missbrauch von LSD (Leary, die Hippies,…), der zum Verbot von LSD geführt hat? Dadurch wurden jedenfalls auch Medizin und Wissenschaft des LSDs “beraubt”. David Nutt meinte, dass LSD aufgrund von in den 1950ern und 1960ern durchgeführten Experimenten, als hilfreich bei der Behandlung von vielen Krankheitsbildern anzusehen sei, insbesondere der Behandlung von Alkoholismus. In manchen Ländern geben Behörden vereinzelte Zulassungen für die Forschung mit und Verwendung der Substanz. Und, möglicherweise geschieht hier eine “Trendumkehr“. Einige Organisationen, wie die Albert Hofmann Foundation oder das Heffter Research Institut, setzen sich für die medizinische Verwendung von LSD ein. 2007 wurde dem Schweizer Psychotherapeut Peter Gasser bewilligt, eine Studie zur psychotherapeutischen Behandlung mit LSD von Patienten, die Krebs im Endstadium haben, durchzuführen. In der Paleativmedizin könnte LSD auch gegen Schmerzen helfen, vor allem aber soll es eine Veränderung der Einstellung zum Tod (und zum Leben) bewirken können, eine Versöhnung mit der Todesaussicht. LSD und verwandte Mittel, wie Psilocybin-Pilze, werden, dort wo es möglich ist, auch gegen Cluster-Kopfschmerzen, Süchte, Ängste,… eingesetzt bzw die diesbezügliche Wirkung erforscht, wie bei einem Projekt an der Hopkins-Uni in Baltimore. Aber die legitime medizinische Verwendung von LSD ist noch nicht anerkannt. Und der Weg zu einem Comeback in der Psychotherapie noch ein langer.

Jedenfalls ist nur ein schmaler Grat zwischen der medizinischen Verwendung (besonders der psychotherapeutischen) und jener aus spirituellen oder hedonistischen Motiven, so eindeutig lässt sich das nicht trennen. Damit müssen sich Befürworter, Skeptiker, Gegner auseinandersetzen. Die Wirkung des LSD, die einem Krebspatienten neue Horizonte eröffnen lässt, ist im Grunde die selbe, die auch ein Gesunder schätzt und brauchen kann… Der eine sieht den Trip als Abenteuer, eine andere braucht ihn als Medizin, manche sehen ihn als “Sakrament”. Beim jährlichen “Burning Man”-Wüstenfestival in Nevada wird man vorwiegend LSD-Konsumenten der ersten Kategorie antreffen, aber auch jene die (auch) spirituelle Aspekte darin sehen. Auch bei Opiaten oder Aufputschmitteln gibt es diese unscharfen Grenzen zwischen Gebrauch und Missbrauch.

 

Literatur und Links

Albert Hofmann: LSD – mein Sorgenkind (1979)

Mathias Bröckers, Roger Liggenstorfer: Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD. Auf dem Weg nach Eleusis (2006)

Stanislav Grof: Topographie des Unbewussten (1975)

Günter Amendt: Die Legende vom LSD (2008)

Timothy Leary: Politik der Ekstase (1970). Seine Autobiografie

Alexander Fromm: Acid ist fertig. Eine kleine Kulturgeschichte des LSD (2016)

Tom Wolfe: Der Electric Kool-Aid Acid Test (2009)

Ernst Jünger: Annäherungen (1970)

Paul-Philipp Hanske, Benedikt Sarreiter: Neues von der anderen Seite – Die Wiederentdeckung des Psychedelischen (2015)

Carlos Castaneda: Die andere Realität (1972)

Nicholas Schou: Orange Sunshine: The Brotherhood of Eternal Love and Its Quest to Spread Peace, Love, and Acid to the World (2011)

Richard Alpert, Sidney Cohen and Lawrence Schiller: LSD (1966)

Albert Hofmann, R. Gordon Wasson,‎ Carl Ruck: Der Weg nach Eleusis. Das Geheimnis der Mysterien (1995)

Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich: Psychotherapie mit heilenden Drogen. Behandlungsprotokolle (1987)

David Nichols: A Scientist Reflects on the Discovery and Future of LSD (1995). Essay

Egmont Koch, Michael Wech: Deckname Artischocke. Die geheimen Menschenversuche der CIA (2003)

Aldous Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung (1954), Himmel und Hölle (1956)

Martin Lee und Bruce Schlain: Acid Dreams: the Complete Social History of LSD, the CIA, the Sixties and Beyond (1985; ursprünglicher Titel: Acid Dreams: The CIA, LSD, and the Sixties Rebellion)

Tom Shroder: LSD, Ecstasy, and the Power to Heal (2014)

Stanislav Grof: LSD-Psychotherapie (2000)

J. Harold Ellens,Thomas B. Roberts: The Psychedelic Policy Quagmire: Health, Law, Freedom, and Society (2015)

Jay Stevens: Storming Heaven: LSD and the American Dream (1998)

John G. Fuller: The Day of St. Anthony’s Fire (1968); deutsch: Apokalypse 51; über die „Affäre des verfluchten Brotes“

Sidney Cohen: The beyond within: The LSD story (1964)

Jesse Jarnow: Heads: A Biography of Psychedelic America (2016)

Richard Bunce: Social and political sources of drug effects: The case of bad trips on psychedelics. In: E. Zinberg and W. M. Harding (Hg.): Control Over Intoxicant Use: Pharmacological, Psychological, and Social Considerations (1982)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: Tihkal (1997). Darin auch über LSD

Omer C. Stewart: Peyote Religion: A History (1993)

John C. Lilly: The Center of the Cyclone (1972)

Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen (1. Auflage 1971)

Claude Levi-Strauss: Traurige Tropen (1960). Über Meskalin

Weston La Barre: The Peyote Cult (1976)

Kurt Beringer: Der Meskalinrausch (1927)

J. S. Slotkin: The Peyote Religion (1956)

Magaly Tornay: Zugriffe auf das Ich. Psychoaktive Stoffe und Personenkonzepte in der Schweiz, 1945 bis 1980 (2016)

Constance Newland: Me, myself and I (1962). Angeblich unkritische LSD-Erfahrungsberichte

George K. Aghajanian und Oscar Bing: Persistence of lysergic acid diethylamide in the plasma of human subjects. In: Clinical Pharmacology & Therapeutics, Volume 5, Issue 5, September 1964

Stanley Barron, Paul Lowinger, Eugene Ebner: A clinical examination of chronic LSD use in the community. In: Comprehensive Psychiatry, Volume 11, Issue 1, January 1970

On Acid: LSD and the Sorcerer’s Apprentices

http://realitysandwich.com/177154/mystic_chemist_part_2/

https://belhistory.weebly.com

LSD-Erfahrungsberichte und Tips

https://www.erowid.org/chemicals/lsd/lsd.shtml

Über Ronald Stark

Urban Legends about LSD

www.youtube.com/watch?v=Vdsz2_X3YjE (LSD-Doku)

The Substance: Albert Hofmann’s LSD. Dokumentarfilm 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Diese These kam erstmals in einer Ausgabe des “Science magazine” 1976, in einem Artikel von Linnda Caporael. Dramatisiert hat Arthur Miller diese Ereignisse ja in „Hexenjagd“ (1953 veröffentlicht)
  2. Hofmanns Dissertation, 1929, galt der Strukturaufklärung des Chitins
  3. Der Schauspieler Jenke von Wilmsdorff in der RTL-Sendung “Das Jenke-Experiment” 2016 bei seinem LSD-Experiment etwa; “Der Spiegel” darüber: “Neben drolligen Erfahrungen … werden … auch die Grenzen zum psychotischen Abgrund gestreift, wenn den Probanden die Paranoia oder die Sentimentalität überkommt.”
  4. Unbesehen von möglichen Erfolgen/Misserfolgen dabei
  5. Der bei seiner Arbeit in Peenemünde und Nordhausen über Zwangsarbeiter verfügen konnte
  6. Zunächst war Dustbin in Paris
  7. Forschung mit Kriegsgefangenen die in eiskalte Badewannen gelegt wurden
  8. Auch das Militär der USA soll daran beteiligt gewesen sein
  9. Die Amerikaner hatten bereits im Korea-Krieg 1950-1953 mit derartigen Mitteln experimentiert, an Kriegsgefangenen aus Nordkorea
  10. Gottlieb soll das Vorbild für den “Dr Strangelove” in Stanley Kubrik’s Film von 1964 gewesen sein
  11. Er kam 1952 aufgrund von Depressionen nach einer Scheidung in ein psychiatrisches Institut in New York, wo mit ihm Versuche mit Meskalin und MDA durchgeführt wurden
  12. Es gab in der Folge noch zwei parlamentarische Untersuchungskommissionen, im Church-Komitee 1977 gaben Vertreter der Behörde zu, dass die Tests kaum einen wissenschaftlichen Sinn hatten und die für die Beaufsichtigung der Experimente eingesetzten Agenten keinerlei wissenschaftliche Qualifikation
  13. Im britischen Militär wurden 1963 oder 1964 ebenfalls LSD an Soldaten getestet: reset.me/video/army-gave-soldiers-lsd-experiment-happened-next-hilarious
  14. Erprobt und beobachtet wurde der Rausch dazu hauptsächlich von Ärzten und Studenten
  15. “The Doors of Perception” > The Doors
  16. Und auch wenn er manchmal mit Peyote-Auszügen hergestellt wurde. Tequila ist eine Sonderform des Mescal. Und der Wurm im Mescal/Tequila hat auch keinen Zhg mit Meskalin/Peyote
  17. George Clooney, US-amerikanischer Schauspieler: “Ich liebte Acid während meiner Collegezeit. Es war eine Flucht. Ich mochte Pilze. Sie waren wie schwächeres Acid”
  18. Dabei war Hofmann wahrscheinlich noch nicht bewusst, dass es erginhaltige Pflanzen gibt, die seit Jahrhunderten genutzt wurden
  19. Synthetische Mittel, die man zu den Halluzinogenen/ Psychedelika zählen kann oder auch nicht, sind Ketamin (gehört eher zu den Dissoziativa) oder PCP (Phencyclidine), das auch nicht so leicht in eine Kategorie passt
  20. Das FBN war eine Vorläufer-Behörde der DEA
  21. “Don’t take LSD unless you are very well prepared, unless you are specifically prepared to go out of your mind. Don’t take it unless you have someone that’s very experienced with you to guide you through it. And don’t take it unless you are ready to have your perspective on yourself and your life radically changed, because you’re gonna be a different person, and you should be ready to face this possibility.”
  22. Es heisst, es wird seither noch in sehr kleiner Menge für Forschung und Anderes hergestellt
  23. Aus Protest dagegen gab es im Jänner 1967 im Golden Gate Park in San Francisco eine grosse Veranstaltung mit Timothy Leary, Autor Allen Ginsberg, der Band Jefferson Airplane,…
  24. So wie William L. Pickard oder Casey Hardison in jüngerer Zeit
  25. Ihr Buch ist eigentlich drogen-pessimistisch
  26. Die Zeile: “Ich weiss wie es ist, tot zu sein” soll von einem LSD-Trip der Beatles mit dem Schauspieler Peter Fonda stammen
  27. Jerry Garcia in einem Interview 1989: “My feelings about LSD are mixed. It’s something that I both fear and that I love at the same time. I never take any psychedelic, have a psychedelic experience, without having that feeling of, ‘I don’t know what’s going to happen.’ In that sense, it’s still fundamentally an enigma and a mystery”
  28. Ansonsten kommt Meskalin in der Populärkultur sehr selten vor, etwa in den Filmen “Blumen ohne Duft” (1970) oder “Even Cowgirls Get the Blues” (1993)
  29. Und, man lese und staune, auch im Sport wurde LSD eingesetzt. Es gibt den Fall des Dock P. Ellis, eines amerikanischen Baseball-Spielers. Ellis spielte 1970 in einem Match seiner Pittsburgh Pirates in der MLB gegen die San Diego Padres einen No-Hitter, liess also keinen gültigen Schlag des Gegners zu – nach eigenen Angaben stand er unter Einfluss von LSD
  30. Auch bei ungünstig verlaufender Speed-Wirkung sowie Speed-Halluziongen-Kombi, wie einem “Candyflip”

Hitler stoppen

Hitler und den NS zu stoppen wurde, im Nachhinein, wurde oft durchdacht bzw ausgemalt. Vieles, was in der BRD gab oder gibt, von Teilen der Verfassung über den Linksterror ab den späten 1960ern bis zur Israel-Begeisterung, war/ist so ein Vorbeugen bzw Wiedergutmachen.1 Hier geht es aber um jene Punkte in Hitlers Leben und Laufbahn, an denen er hätte gestoppt werden können. Bevor er einen sehr grossen Teil Europas zerstören liess, bzw um dieses Zerstörungs-Werk wenigstens abzubrechen. Katastrophen zu vermeiden, bzw rückgängig zu machen, ist eines der Hauptmotive bei alternativer bzw kontrafaktischer Geschichtsschreibung.

Und NS/ 2. WK ist eines der am häufigsten bearbeiteten Felder darin. Nationale Sehnsüchte, wie die erwähnten deutschen, haben oft etwas alternativgeschichtliches. Vereinfacht gesagt ist Kontrafaktik eher auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet und Alternativgeschichte stärker auf Unterhaltung. Aber in beiden Sub-Genres findet auch das (sich) Trost Spenden und das Ausmalen von Sehnsüchten statt.2 Im Folgenden werden die entsprechenden Ausgangspunkte für kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien (die Diversionspunkte) formuliert. Hitlers tatsächliches Ende war ja bekanntlich sein Selbstmord im Bunker der neuen Reichskanzlei im April 45, die Rote Armee einige Hundert Meter entfernt.3

Manche AG/KF-Arbeiten, dies sei vorab auch erwähnt, malen auch Szenarien aus, in denen Hitler/ Nazideutschland siegreich aus dem von ihm losgetretenem Krieg  heraus geht. Otto Basil tat dies in Verbindung mit einem erfolgreichen deutschen Atomprogramm, in seinem 1966 erschienenen Roman „Wenn das der Führer wüsste“, worin ein siegreiches Nazi-Deutschland sehr satirisch gezeichnet (bzw überzeichnet) wird. In Lothar Meinerzhagens alternativgeschichtlichem Spionagethriller “Götterdämmerung” gibt es auch einen deutschen Sieg durch Technologie, er transportiert darin aber ganz andere Botschaften als Basil. Die Britin Katharine Burdekin brachte bereits 1937 “Swastika Night” (dt. “Nacht der braunen Schatten”) heraus, ein dystopischer Roman, der Europa nach einer 700-tjährigen nationalsozialistischen Herrschaft beschreibt.

Eine seriöse Annäherung an das Szenario eines siegreichen Hitler-Deutschlands hat Ian Kershaw versucht, in seinem Buch “Wendepunkte”. Er nimmt sich darin etwa die Situation von Dünkirchen/ Dunkerque im Mai 1940 vor, als ein Haltebefehl an die deutschen Panzertruppen die Evakuierung eingeschlossener alliierter Truppen von dort ermöglichte. 300 000 Briten und Franzosen samt ihren Panzern hätten in Hände der Wehrmacht fallen können. Eine Gefangennahme hätte auch den Kriegswillen in diesen Ländern geschwächt, und damals waren die internationalen Voraussetzungen für einen Nazi-Sieg relativ gut: Frankreich war geschlagen, die USA und die Sowjetunion standen noch abseits des Kriegs, GB stand allein, und in Churchills Kabinett gab es weiterhin Anhänger der Appeasement-Politik Chamberlains, die für Verhandlungen mit dem Deutschen Reich eintraten (wie Edward Wood, der Lord von Halifax).4

In “Vaterland” (Originaltitel: “Fatherland”) von Robert Harris (1992) wird ein Kriminalfall vor der Kulisse eines vom siegreichen Nazideutschland dominierten Europas geschildert. In Len Deightons “SS-GB” (1978) ist GB von den Deutschen besetzt, Ralph Giordano schrieb “Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte”, Gregory Benford und Martin Greenberg schrieben zusammen ebenfalls über einen siegreichen Hitler. Andere Alternativ(welt)geschichten behandeln das Szenario eines Hitler, der zwar nicht siegreich aus “seinem” Krieg hervor ging, aber irgendwie überlebte. In “Er ist wieder da” von Timur Vermes (2012) erwacht er im Jahr 2011 in Berlin auf einer grünen Wiese wieder zum Leben (eine Satire). Es halten sich auch Verschwörungstheorien, wonach Hitler an den Südpol geflohen sei, in das vom Deutschen Reich als “Neuschwabenland“ beanspruchte Antarktis-Gebiet, über Argentinien.5

Bevor wir zu den möglichen Punkten eines früheren Scheitern Hitlers kommen: Die Frage, ob Hitler die Deutschen verführt hat oder ob diesen eine (deutsche) “Welle nach oben gespült” hat, bleibt hier aussen vor.6 Wenn zweiteres der Fall ist, wäre aber eher beim Versailles-Vertrag bzw beim 1. WK anzusetzen, um Hitler zu stoppen. Oder noch früher, beim „deutschen Sonderweg“? Befürworter dieser These wie Heinrich A. Winkler sehen einen „Westen“, der eine ideale Modernisierung/Demokratisierung durchlief, und ein Deutschland das verspätet dort ankam; der Sonderweg sei erst durch die Kriegs-Niederlage des Deutschen Reichs unter der Nazi-Diktatur bewusst geworden. Demnach brauchte Deutschland diese Niederlage um „westlich“ zu werden. Was hätte das zuvor konkret bedeutet, eine (stärkere) Teilnahme an Kolonialismus und Sklavenhandel? Winkler hat bezeichnenderweise gerade etwas über den “Untergang” des Westens veröffentlicht. Ohne Hitler (und die Annahme, das Deutsche Reich sei nach dem 1. WK “klein”, müsse wieder “gross” gemacht werden) wäre Deutschland heute möglicherweise Weltmacht.

Dass Hitler nicht geboren wurde, nie existierte, wurde zB von Stephen Fry durchgedacht bzw. ausgemalt, in “Making History” (1996; dt. “Geschichte machen”). In der Alternativ(welt)geschichte ist Hitlers Vater unfruchtbar (gemacht). Es gewann den Sidewise Award for Alternate History. Jerry Yulsman hat in “Elleander Morning” ein Szenario entworfen, in dem Hitler 1913 in Wien ermordet wird, wodurch der “Zweite Weltkrieg” nicht statt findet. Norman Spinrad schrieb “Der stählerne Traum”, darin wandert Hitler nach dem 1. Weltkrieg in die USA aus und wird Science-Fiction-Autor (Rahmenhandlung), die Binnenhandlung bildet eine SF-Geschichte, die vorgeblich von Hitler geschrieben wurde. Von einem Gavriel Rosenfeld gibt’s eine Untersuchung über alternativgeschichtliche Literatur zum Komplex Hitler/Nationalsozialismus/2. WK (“The worlds Hitler never made”).

* Ein “seriöser” Divergenzpunkt in Hitlers Leben7 ist eine Aufnahme an die Kunstakademie in Wien (1907/08) oder ein Durchbruch als Postkarten-Maler in den Jahren danach, etwa mit Unterstützung “seines” Kunsthändlers Reinhold Hanisch. Eric E. Schmitt hat so etwas in der Art in seinem alternativgeschichtlichen Roman “Adolf H. Zwei Leben” (2008) ausformuliert. Hitler wird darin Kunstmaler, im Deutschen Reich setzt sich ein konservativ-militärisches Regime durch, es wird irgendwann Weltmacht. Auch hier geht es um die Möglichkeiten Deutschlands und die Defizite Hitlers. In Hitlers Wiener Jahren fand wahrscheinlich seine rassistisch-antijüdische Prägung statt; um dies zu ändern, müsste wahrscheinlich schon mehr geändert werden.

* Hitler drückte sich ja bei Kriegsausbruch 1914 vor der österreichisch-ungarischen Armee und diente sich der bayerischen Armee (Teil des Deutschen Heers) an. Hier ergibt sich natürlich die Möglichkeit, in in diesem Krieg, an der Westfront, sterben zu lassen. Es gab einen britischen Soldaten an dieser Front, Henry Tandey, der Hitler dort 1916 erschiessen hätte können. Tandey, dann ein Kriegsheld, wurde in einem Gemälde dargestellt, auf welches Hitler aufmerksam wurde. Der damalige Gefreite hat als Führer eine Kopie bzw ein Foto des Bildes bestellt. Als der britische Premier Neville Chamberlain im Zuge seiner Appeasement-Politik 1938 vor dem Münchner Abkommen den Berghof in Berchtesgaden besuchte, sah er dieses, bekam die Erklärung dazu. Chamberlain bestellte Tandey Hitlers Grüsse.

Tandey bereute inzwischen, damals nicht auf den verwirrten “Deutschen” geschossen zu haben, wahrscheinlich erst recht, als 2 Jahre später deutsche Jagdbomber seine Heimatstadt Coventry verwüsteten. Wenn Hitler nach dem Krieg infolge des Giftgas-Angriffs 1918 (oder einer Kriegshysterie) blind geblieben wäre, hätte ihn das auch stoppen können. Dudley Wade (britischer Marine-Historiker) schrieb, in Peter Tsouras’ “The Third Reich victorious” (02) über das Szenario eines Hitler, der in diesem Krieg in die Marine aufgenommen wird, dann einen anderen politischen Aufstieg macht; Deutschland geht dann mit dem Westen und den Juden gegen die SU vor. Winziger Zufall (Hitler auf Bahnfahrt zu Rekrutierungsstelle in Abteil mit einem Marineoffizier), grosse Wirkung.

* Ein anderer Ausgang des NSDAP-Putschversuchs in München 1923 für Hitler: Er hätte dabei natürlich erschossen werden können. Und, danach tauchte Hitler in Landhaus von Ernst Hanfstaengl (der am Putsch beteiligt war, nach Salzburg floh, sich später von Hitler abwandte) in Uffing am Staffelsee unter, wurde dort nach wenigen Tagen verhaftet. Nach Hanfstaengls Bericht soll seine Ehefrau Helene Hitler davon abgehalten haben, sich dort in dieser Situation zu erschiessen. Weiters war nach der Verhaftung eigentlich Hitlers Abschiebung nach Österreich vorgesehen – auch dies hätte den Gang der Geschichte ver-ändern können. Auch, wenn er durch den Putschversuch desavouiert worden wäre.

* Keine so schlimme Krise der Weimarer Republik um 1930 herum…Wenn der Berliner DVP-Politiker Gustav Stresemann nicht 1929 im Alter von 51 an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben wäre, wäre die Instabilität des Staates wahrscheinlich nicht so gross geworden. Natürlich kann man auch spekulieren, wie es gelaufen wäre, wenn diese Republik so gar nicht entstanden wäre, wenn das Deutsche Reich nach dem 1. WK monarchistisch geblieben wäre oder mit Österreich zusammen gegangen wäre, oder sich die KPD durchgesetzt hätte oder unter (bzw durch) Hindenburg die Monarchie restauriert worden wäre. Die Weltwirtschaftskrise ist bei der Krise und dem Ende der Weimarer Republik natürlich auch eine wichtige Variable; wenn sie in dieser Form also nicht gekommen wäre oder Reichskanzler Brüning sie in Deutschland in den Griff bekommen hätte (mit einer anderen Politik statt der Deflation), hätte Hitler wahrscheinlich nicht so einen Zulauf bekommen.

* Ein Strassenverkehrs-Unfall im März 1930 in Nürnberg hätte die Weltgeschichte auch verändern können. Ein schwerer Lastwagen krachte damals mit voller Wucht in den Mercedes, in dem Hitler zu einem Treffen mit Julius Streicher chauffiert wurde, schob diesen etwa 20 Meter vor sich her, aber… Henry Turner hat in “Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinterlassenschaften” (1989) die Folgen eines Abgangs Hitlers zu diesem Zeitpunkt ausgemalt. Er glaubt, dass die auf die Person des „Führers“ zugeschnittene NSDAP auseinander gefallen wäre, sich im Reich eine offene oder verdeckte Militärdiktatur etabliert hätte, diese auch einen Krieg vom Zaun gebrochen hätte, sich aber mit der Rückeroberung der 1918/19 verlorenen Gebiete8 begnügt hätte. (Zeitzeuge) Egon Fein spekulierte in “Hitlers Weg nach Nürnberg. Verführer, Täuscher Massenmörder. Eine Spurensuche in Franken (2002)” auch über andere Folgen dieses Unfalls. Natürlich ergeben sich daraus Erkenntnisse über die Bedeutung der Person Hitlers für den Nationalsozialismus, die deutsche, die Weltgeschichte.

* Ein weiteres Gedankenspiel in dem es darum geht, Hitler aufzuhalten:   Alternative Wahlausgänge, z.B. bei einer der Reichstagswahlen 1932, zuungunsten der NSDAP, die bei diesen Wahlen jeweils siegte. Hindenburgs Ernennung von Hitler zum Reichskanzler Anfang ’33 geschah auf Grundlage der Reichstags-Wahl im November 32.9 Dann gabs im Frühling 32 auch eine Reichspräsidenten-Wahl, bei der sich Paul von Hindenburg gegen Hitler (30 bzw 37% in den beiden Wahlgängen) und Ernst Thälmann (KPD) durchsetzte. Um bei der RP-Wahl 32 antreten zu können, war es notwendig, dass der seit 1925 staatenlose Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt.

Erst Ende Februar 1932, aber gerade noch rechtzeitig, erhielt er diese, indem der von einer NSDAP-DNVP-Koalition regierte Freistaat Braunschweig ihn zum Schein zum Gesandten Braunschweigs bei der Landesvertretung in Berlin ernannte und damit zum Staatsbeamten. Damit war automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft verbunden.10 Das mit der Erringung der deutschen Staatsbürgerschaft hätte schiefgehen können, dann hätte Hitler auch nicht Reichskanzler werden können. Oder, er hätte die Wahl 32 gegen Von Hindenburg gewinnen können – hätte er auch als Reichspräsident die Demokratie ausschalten können?

* Gregor Strasser gewinnt 1932 den Konflikt in der NSDAP mit Hitler oder setzt sich mit einem Teil der Partei ab

* Kurt v. Schleicher errichtet 1932/33 eine Militärdiktatur

* Christian v. Ditfurth schrieb in “Consul” (2003) über einen Mord an Hitler im November 1932 und etwas über die folgende Alternativentwicklung; wie immer bei Ditfurth eher Unterhaltung (Alternativgeschichte) als kontrafaktische Geschichtsbetrachtung.

Hindenburg hätte Hitlers Machtergreifung als einer von Wenigen abwehren können, bzw hinausschieben. Er hielt Hitler für vulgär und einen hysterischen Trommler, sah dessen Nicht-Zugehörigkeit zum preussischen Grossbürgertum als grosses Manko. Hätte am liebsten die Monarchie unter Ex-Kaiser Wilhelm oder dessen Sohn restauriert. Hindenburgs alter Heereskollege Erich Ludendorff war ein Teilnehmer des Hitler-Putsches, wandte sich dann von diesem ab, durchschaute ihn, sah das Unheil voraus.11 Hindenburg liess sich 32 zur neuerlichen Kandidatur als Präsident überreden, bei einem Nichtantreten wäre ein Sieg Hitlers sehr wahrscheinlich gewesen (siehe oben). Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jänner 33 soll auch weitgehend auf die “Kamarilla” um den greisen Hindenburg zurückgegangen sein. Hindenburg starb bekanntlich 1934, (spätestens) dann hätten Hitler und die mit ihm verbündeten Kräfte (auch in der Reichswehr) wieder laut an die Türe zur Macht geklopft.

Hitler am Beginn seiner Machtübernahme, am “Tag von Potsdam” im März ’33, mit Reichspräsident v. Hindenburg

 

* Widerstand gegen das Ermächtigungsgesetz 1933, den ersten Schritt zur Diktatur-Errichtung, von Reichswehr, Parteien, Kirchen, ausländischen Mächten (Heeren)

* Die Möglichkeit eines Eingreifens der Reichswehr nach dem “Röhm-Putsch” 34 hat Wilhelm Raddatz in “Ich schieße, Herr Hitler: Roman eines Staatsstreichs” (2003) ausformuliert. Die NSDAP-Führung wird darin in einer Reichstags-Sitzung verhaftet und vor Gericht gestellt.

* Ein Eingreifen der Westmächte nach dem deutschen Einmarsch in das (aufgrund des Friedensvertrags von Versailles entmilitarisierte) Rheinland 1936

* 1938 hatten bereits Viele in Deutschland gelernt, welcher Geist da aus der Flasche gelassen wurde. Auch in der Wehrmacht. Die Septemberverschwörung 1938, während der “Sudetenkrise”, einer der ersten ernsthaften Putsch-/Attentatspläne gegen Hitler, hauptsächlich von seiten der Wehrmacht. Mit Hitlers diplomatischem Erfolg auf der Münchner Konferenz wurde der Plan hinfällig. Hier ist natürlich auch ein Alternativszenario denkbar. Vor dem Anschluss Österreichs und dem Kriegsausbruch. Zum Beispiel mit dem Divergenzpunkt, wonach die Briten und Franzosen ggü Hitler kein Appeasement üb(t)en.

Joachim Fest meinte in seiner Hitler-Biografie12, Hitler würde im Fall seiner Beseitigung zu diesem Zeitpunkt (also einer Umsetzung dieses Vorhabens) noch heute noch als grosser Deutscher verehrt werden. Johannes Dillinger widersprach ihm, mit Hinweis auf KZs, Parteienverbote, Errichtung der Diktatur,…, auch Eberhard Jäckel. Wahrscheinlich aber würden sich in diesem Fall Deutsche auch in Schlesien oder Pommern Gedanken über Schicklgruber machen, solche oder solche. Jedenfalls, hier, vor Krieg und Holocaust, hätte das Schlimmste (vom NS) noch verhindert werden können. Danach konnte Hitler wohl nur noch durch Attentate oder eine ausländische Macht (wie geschehen) gestoppt werden.

* Die Zahl der Attentate auf Hitler beläuft sich auf irgend etwas zwischen 17 und über 40. Ein Gelingen des Attentats Georg Elsers 1939 (kurz nachdem Hitler den Weltkrieg vom Zaun brach) wäre auch eine reizvolle Grundlage für Spekulationen; man kann das unglückliche Scheitern aufs Wetter herunterbrechen, aufgrund dessen Hitler nicht mit dem Flugzeug von München nach Berlin zurückreiste, stattdessen mit der Bahn, deshalb die Veranstaltung früher als geplant verliess. Thomas E. Fischer in Michael Salewskis (Hg.) “Was wäre wenn. Alternativ- und Parallelgeschichte: Brücken zwischen Phantasie und Wirklichkeit” (1999), glaubt dass die NS-Maschine im Fall eines Gelingens auf allen Ebenen weitergerollt wäre. Wolfgang Brenner in “Führerlos” (08) glaubt an einen NS-internen Machtkampf in diesem Fall. Dieter Kühn schrieb in “Ich war Hitlers Schutzengel” über vier Fiktionen über Hitlers Ende, darunter auch über ein Gelingen von Elser.

* Als Hitler 1942 nach Finnland reiste, war er der mächtigste Mann der Welt. Bei der Landung des Flugzeugs in Helsinki begann ein Reifen unter dem Tank zu brennen…  Von Bedeutung wurde der Besuch durch die geheime Ton-Aufzeichnung des Gesprächs des “Führers” mit Carl G. Mannerheim.

* Henning von Tresckow war eine zentrale Person im Widerstand in der Wehrmacht, war auch am Anschlag bei Rastenburg/Ketrzyn beteiligt. Im März 1943 übergab er Hitlers Begleiter Heinz Brandt eine Holz-Schachtel mit zwei Flaschen “Cointreau”, in der sich eine Bombe befand, für Oberst Stieff, zum Transport in Hitlers Flugzeug von der Front in Smolensk zurück zur Wolfsschanze. Der Säurezünder versagte jedoch, wegen der Kälte im Frachtraum, wo die Box deponiert wurde. Wenn sie im Passagierbereich der Focke “Condor” gelagert worden wäre… Tresckow tötete sich nach dem Scheitern des Anschlags vom Juli 1944. Bezüglich Tresckows eigentlicher Tätigkeit als Wehrmachts-Generalmajor an der Ostfront sind in jüngerer Zeit Diskussionen aufgetreten, was er unter „Partisanenbekämpfung“ so alles mit zu verantworten hat.

Die zerstörte Lagerbaracke der Wolfsschanze nach dem 20. Juli 1944

* Das wichtigste Attentat war natürlich das vom 20. Juli 1944, von Wehrmachts-Kreisen. Dass die Verschwörer einen Bunker (wo die Druckwelle nicht entweichen konnte) statt der Baracke erwartet hatten, dürfte nicht stimmen. Aber der durch seine Kriegsverletzung stark bewegungsbehinderte Von Stauffenberg versäumte ja das Scharfmachen der zweiten Bombe, nachdem er überrascht worden war. Vielleicht hätte zu einem Gelingen schon genügt, dass Adolf Heusinger im Moment der Detonation Hitler nicht gerade die Lage im Norden der Sowjetunion erläuterte, und daher beide fast über der Landkarte am Tisch lagen und durch dessen dicke Platte geschützt waren. Heinz Brandt tauchte hier wieder auf, er schob die Tasche mit der Bombe hinter einen Tisch-Sockel, starb durch die Explosion, “rettete” aber unbewusst Andere. Es gab also eine Reihe unglücklicher Zufälle; dazu gehörten auch jene Umstände, die zur mehrmaligen Verschiebung des Attentats geführt hatten.

Mit dem Attentat verbunden war ja der Plan, (durch Ingangsetzung der “Operation Walküre”) die Wehrmacht unter Kontrolle zu bringen, Göbbels zu verhaften, Himmler und die SS auszuschalten; und dann möglichst noch eine Kriegswende. Dass die Sache mit Walküre nicht gelang, war wahrscheinlich weniger als das Attentat von Zufällen bzw Kleinigkeiten abhängig. Die wankelmütige Haltung vieler Beteiligter wurde durch das Nicht-Gelingen des Attentats bzw die Unsicherheit darüber natürlich verstärkt, auch durch das späte  Auftauchen von Claus von Stauffenberg in Berlin. Es gelang nicht, die vollständige Kontrolle über das Ersatzheer zu bekommen, nicht über Rundfunk und Fernmeldewesen, nicht über NSDAP, SS, Gestapo.

Welche Alternativabläufe wären beim Gelingen des Staatsstreichs möglich gewesen? Bis zur Stalingrad-Schlacht 42/43 (evtl. sogar bis zur Normandie-Landung) hätte ein Umsturz für das Deutsche Reich zwar nicht die Kriegswende, aber eine günstigere Niederlage bringen können: ein früheres Ende des Kriegs, keine mit der Besatzung verbundene Entmündigung, ein eigener Neustart13, nicht so grosse Gebietsverluste und Reparationen. Im Juli 44 standen aber die West-Alliierten schon in der Normandie, in Mittel-Italien standen sie vor dem Durchbruch, dies galt auch für die Rote Armee in Ost-Polen.14

Wenn die Todesumstände Hitlers bekannt geworden wären, hätten die neuen Machthaber zudem leicht ihre Legitimität in Deutschland verlieren können, eine neue Dolchstosslegende (zumal man dabei war, den Krieg zu verlieren), auch ein Bürgerkrieg wäre möglich gewesen. Die möglichen Folgen des Gelingens des Stauffenberg-Attentats und des damit verbundenen Umsturzes wurden oft behandelt. Ein Stauffenberg-Sohn (Berthold?) sagte, bei einem Gelingen wären für Deutschland die Zahl der Kriegstoten halbiert worden (ggü der tatsächlichen) und die Zerstörung der Städte erspart geblieben.

Alexander Demandt sah15 in diesem Fall ebenfalls einen schnelleren Zusammenbruch und ein schmerzloseres Kriegsende, aber auch die Möglichkeit einer inneren Konfrontation. Jäckel, in einer Darstellung eines Sammelbandes zu einem erfolgreichen 20. 7. 4416 ist diesbezüglich pessimistisch. Christian von Ditfurth malt in „21. Juli“ einen gelungenen Staatsstreich (durch ein geglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler und ein Bündnis der Verschwörer mit der SS), ein erfolgreiches deutsches Atomprojekt, und einen (dadurch) anderen Kriegsausgang aus. Deutschland gelingt bei ihm die Demokratisierung.

* Ein Ende Hitlers zwischen Juli 44 und Mai 45, etwa durch eine Überdosis „Eukodal“ (das er 43-45 nahm), hätte gegenüber dem tatsächlichen Ende wenig gerettet (für Manche aber gewiss den Unterschied ums Ganze gemacht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die RAF und ihr Umfeld werden/wurden sowohl als Reaktion auf Hitler als auch als dessen Erben gesehen, so nahe kann das bei einander liegen
  2. Beziehungsweise, es liegt ihnen gelegentlich zu Grunde
  3. Dazu: Wolfdieter Bihl: Der Tod Adolf Hitlers. Fakten und Überlebenslegenden (2000)
  4. Ich weiss nicht, ob Kershaw dies in diesem Buch behandelt hat, aber andere mögliche Wendepunkte wären ein Scheitern der britischen Entschlüsselung der “Enigma”, ein anderer Ausgang des Treffens Hitlers mit Franco in Hendaye 1940, ein nazideutscher Sieg in Stalingrad oder en Zusammengehen der Anglo-Alliierten mit Deutschland gegen die Sowjetunion, nach den Vorstellungen von George Patton
  5. Nazi-Mythen wie dieser werden in “Wo keine Sonne scheint” von Hahn und Pukallus (2010) beleuchtet
  6. Nach Nolte war er ja eine Reaktion auf die SU
  7. Wie gesagt, die Frage wo man anzusetzen hat, um eine Entwicklung zu ändern, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Auch kindliche Weichenstellungen sind hier ausser Acht gelassen
  8. An Polen, Frankreich, Tschechoslowakei, Litauen, Dänemark, Belgien
  9. Die Wahl im März 33 (43,9% für die NSDAP) fand schon nach der Machtergreifung (bzw während) statt
  10. Dass Hitler im 1. WK für das Deutsche Reich kämpfen konnte, dürfte nur durch einen Verwaltungs-Irrtum ermöglicht worden sein!
  11. Er starb aber 1937
  12. Hitler: Eine Biographie (1998)
  13. Darüber gehen die Meinungen aber auseinander, der Kreis um Stauffenberg war ja sehr konservativ, und durch die totale Niederlage kam es gewissermaßen zu einer Reinigung
  14. Darüber redete Hitler beim Attentat gerade mit seinen Generälen
  15. In “Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte” oder “Das Attentat in der Geschichte”
  16. H.-J. Schultz (Hg.): Der zwanzigste Juli. Alternative zu Hitler? (1974)