Erinnerungen an Nik Vogel und den Slowenien-Krieg

Im Vergleich zu den Kriegen in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Kosovo war der in Slowenien 1991, der am Beginn der Auflösung Jugoslawiens stand, eine Kleinigkeit. 1 Woche Dauer, 74 Todesopfer (sehr wenige Zivilisten darunter), keine grösseren Zerstörungen, keine Vertreibungen. Für die daran Beteiligten war er das natürlich nicht. Der Krieg kam an die Grenzen Österreichs, bzw fand zT dort statt, vor den „Toren“ Mitteleuropas, wo seit 45 eigentlich keine Kriege mehr stattfinden, ausgenommen vielleicht die britische Besatzungspolitik in Nord-Irland und der Widerstand dagegen, von 1969 bis 1998, was oft als Bürgerkrieg gesehen wird.

Unter den Opfern waren 12 Ausländer (also weder Angehörige der Jugoslawischen Volksarmee noch Slowenen), Medienvertreter sowie LKW-Fahrer. Zweitere waren Bulgaren und Türken, die sich auf Durchfahrt befanden und angehalten wurden, sich an slowenischen LKW-Blockaden gegen jugoslawische Panzer zu beteiligen, und die von deren Kampfflugzeugen beschossen wurden. Unter den Journalisten war ein Österreicher mit einer bunten, kurzen Lebensgeschichte.

Für den Rest Jugoslawiens galten die Slowenen meist als „spiessig“, als Leute, die im Zweifelsfall lieber arbeiten als feiern; aus der Sicht der Österreicher war/ist es das Land, wo der Balkan beginnt. Die Slowenen waren in der Regel quer durch die politischen Lager entschiedene Gegner von Zentralismus und serbischem Vormachtstreben in Jugoslawien, da sie dabei eigentlich nur verlieren konnten. Der Plan zur Einführung eines einheitlichen Lehrplans für Schulen in ganz Jugoslawien in den 1980ern etwa begünstigte zwangsläufig die grösseren Republiken/Völker und deren Literatur.

Jugoslawien erlebte in seinen letzten gemeinsamen Jahren Ende der 1980er, Anfang der 1990er (das aus Serbien mit Kosovo sowie Montenegro bestehende „Rest-Jugoslawien“ bestand darüber hinaus) weniger eine Liberalisierung des sozialistischen Systems als einen Zerfallsprozess entlang der ethnischen Linien (die, vor allem im Fall von Bosnien, nicht immer kongruent waren mit den Grenzen der Teil-Republiken) in dem auch die Parteiorganisationen der KP („Bund der Kommunisten Jugoslawiens“/SKJ) in den Teilrepubliken beteiligt waren. Die Frage des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems (bzw. die der Vorherrschaft der KP) geriet in den Hintergrund und das nationale Thema in den Vordergrund. Dazu trug auch bei dass nach dem Tod Titos 1980 das politische System eine stark föderale Prägung bekommen hatte.

Im Jänner 1990 konnten sich die Delegationen aus den Teil-Republiken am KP-Parteitag (es sollte der letzte sein) nicht auf ein gemeinsames Programm einigen, was praktisch die Auflösung der Partei auf Bundesebene bedeutete. Der Ministerpräsident der Bundesregierung, der Kroate Ante Markovic, arbeitete auch danach an einer gesamtstaatlichen Reform, an einem vereinten und reformierten Jugoslawien – wobei er von den meist kommunistischen Zentralisten behindert wurde, wie auch von den Nationalisten und Demokraten, die die Auflösung dieses Staates wollten. 1990 liessen die Teilrepubliken erstmals frei wählen, wobei Slowenien den Anfang machte. Hier gewann der Reformkommunist Kucan die Präsidentenwahl und das Oppositionsbündnis DEMOS die Parlamentswahl, worauf ihr Spitzenmann Peterle Ministerpräsident wurde. Man einigte sich auf die Abspaltung von Jugoslawien, die von der Bevölkerung in einem Referendum abgesegnet wurde.

1991 brachte zu Jahresanfang einen Irak-Krieg, im August den Putschversuch in der Sowjetunion, der zum Ende dieses Staates und des Kalten Kriegs führte, und dazwischen den Auseinanderfall Jugoslawiens bzw. den Beginn davon. Die Parlamente von Slowenien und Kroatien, das denselben Weg dorthin gegangen war (Wahl, Referendum), riefen am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit aus, nach einem Halbjahr voller Spannungen in Jugoslawien. In Kroatien gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Gewalt zwischen der serbischen Minderheit in den südlichen und östlichen Rändern und der nach Unabhängigkeit strebenden Republik. Dennoch geriet zunächst Slowenien in das Visier der jugoslawischen Zentralstaates, weil es im Gegensatz zu Kroatien mit seiner Proklamation tatsächlich unabhängig wurde, die Kontrolle über seine Grenzen übernahm. An der Spitze Jugoslawiens stand ein Staatspräsidium mit Vertretern der Teilrepubliken, dessen Vorsitz rotationsmäßig unter seinen Mitgliedern gewählt wurde; während des Slowenien-Krieges wurde das der Kroate „Stipe“ Mesic (Serbien blockierte seine Wahl so lange, bis die Funktion bedeutungslos geworden war). Die Bundesregierung unter Markovic kämpfte gegen den Auseinanderfall Jugoslawiens, war nicht bereit, eine Sezession hinzunehmen. Nach dem Auseinanderfall der KP gab es als mächtige zentralstaatliche Institution noch das Militär. Dessen Führungsebene (Offizierskorps) war von Serben und Montenegrinern dominiert und hatte in der kroatischen „Krajina“ bereits unterstützend auf der Seite der dortigen Serben eingreifen lassen. Der Präsident Serbiens, Slobodan Milosevic, am Weg dazu, der starke Mann in Belgrad zu werden, mit einem guten Draht zu Verteidigungsminister Kadijevic, war indifferent gegenüber einem Auseinanderfall Jugoslawiens, so lange (wie in Slowenien) Serben nicht betroffen waren.

Am 26. Juni wurde die Tags zuvor beschlossene Unabhängigkeit gefeiert, an diesem Tag setzte die Bundesregierung die Jugoslawische Volksarmee (Jugoslavenska narodna armija; JNA) bereits in Bewegung. Sie wurde in den Kasernen in Slowenien (die aber von den Slowenen nach Kräften blockiert wurden) und von Kroatien aus (wo die für den Norden Jugoslawiens zuständige 5. Armee ihr Hauptquartier hatte) aktiviert, zunächst vor allem Panzerverbände, die Grenzübergänge einnehmen sollten. Slowenen versuchten, ihr Vorrücken mit Hilfe von Blockaden aus zivilen LKW’s aufzuhalten. Die slowenische Regierung hatte sich darauf vorbereitet, Gegenwehr zu leisten. Grundlage der quasi in diesem Krieg gegründeten slowenischen Armee war die „Territorialverteidigung“ (serbokroatisch Teritorijalna odbrana/TO) die in allen Teilrepubliken parallel zur JNA existierte und zu ihrer Unterstützung im Kriegsfall vorgesehen war – im Kriegsfall, der dann eintrat, dem ersten für die JNA, versuchte diese, den Auseinanderfall des Landes gewaltsam zu verhindern und die TO stand auf der Gegenseite… Als erster Kriegstag wird der 27. Juni angesehen, an dem die ersten Kämpfe ausbrachen. Am 28. Juni begannen die Luftangriffe auf slowenische Ziele, eine jugoslawische MIG flog nach einem Angriff auf eine Grenzstation eine Schleife über die Steiermark. Bei Nova Gorica an der Grenze zu Italien fanden an diesem Tag Kämpfe zwischen JNA und TO statt, die Slowenen eroberten dabei nicht nur den Grenzübergang (zurück) sondern auch mehrere Panzer.

Nikolas „Nik“ Vogel war der Sohn des deutsch-österreichischen Schauspielerpaars Peter Vogel und Gertraud Jesserer. Peter Vogel war der erste „Kottan“-Darsteller1, verübte nach der Trennung von Erika Pluhar Selbstmord durch eine Überdosis. Jesserer wurde Partnerin von André Heller, nachdem dieser von Pluhar verlassen wurde. Er hat in den 1980ern als Teenager selber in einigen Filmen gespielt, in „Was kostet der Sieg?“, „Die Erben“ und „Herzklopfen“ (alle von Walter Bannert), dann u. a. noch in einer „Eurocops“-Folge. Er ging dann zum Holzfällen nach Kanada, wurde Fotograf und Kameramann. Berichtete vom Berliner Mauerfall, vom Sturz Ceaucescus in Rumänien (kam dabei zu einem Cameo-Auftritt in Dornhelms „Requiem für Dominic“), vom Nordirland-Konflikt.

Viele Journalisten und andere Medienvertreter haben sich anlässlich der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens am 25. 6. 1991 in Laibach (Ljubljana) eingefunden, um darüber zu berichten und wurden dann unerwartet zu Kriegsberichterstattern. Nik Vogel, damals 24 Jahre, dürfte aber in den Tagen danach und wegen dem Krieg gekommen sein. Am 28. Juni, dem Tag schwerer Gefechte und jugoslawischer Luftangriffe in verschiedenen Teilen Sloweniens, waren Vogel und sein Fahrer Norbert Werner in ihrem Geländewagen, den sie als Medienfahrzeug markiert hatten, am Flughafen Brnik bei Laibach um dort Aufnahmen zu machen. Dort versuchte die slowenische Territorialverteidigung anscheinend, den Flughafen von der jugoslawischen Armee zurück zu erobern. Die JNA soll in dem Krieg immer wieder Fahrzeuge der internationalen Medien gezielt beschossen haben, jedenfalls hat sie an diesem Tag das Auto der beiden Österreicher beschossen und die Insaßen getötet.

Nik Vogel in „Die Erben“ (1983), mit Titanilla Kraus

Der jugoslawische Feldzug konnte trotz der waffentechnischen Überlegenheit (von der Anzahl der eingesetzten Kämpfer war man gleich) aus einer Reihe von Gründen nicht gelingen. Unter den Angehörigen mancher Nationalitäten in der JNA (v.a. Slowenen, Kosovo-Albaner, Kroaten, Bosnier) war die Motivation gering, die Unabhängigkeit Sloweniens zu bekämpfen (zumal der Kriegseinsatz ihnen gegenüber teilweise mit falschen Angaben begründet wurde), nicht-serbische Soldaten desertierten in grosser Zahl (Slowenen wechselten meist die Seiten, während andere die Waffen niederlegten), manche Offiziere unterrichteten die Slowenen auch über Pläne und Stellungen der JNA. Serben wiederum waren nicht bereit, für den Erhalt der Einheit Jugoslawiens in Slowenien bis zum äussersten zu gehen.

Nach Rückschlägen bzw. dem Nicht-Funktionieren ihrer Strategie wollte die militärische Führung (Rest-) Jugoslawiens zwar eine Ausweitung der Operation und eine Erhöhung der verwendeten Ressourcen, die politische Führung (Milosevics Marionette im Staatspräsidium war Borislav Jovic) war aber dagegen und setzte sich durch. Die Regierung unter Markovic verlor während des Kriegs die Kontrolle über das Militär. Die slowenische TO wiederum war hoch motiviert und gut organisiert, handelte im Einklang mit der Regierung und der Bevölkerung des Landes (die sich am Widerstand beteiligte), hatte die bessere Orts- und Geländekenntnis. Der Großteil der internationalen Meinung war auf der Seite Sloweniens.

Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit standen noch 4000 slowenische Soldaten und Offiziere im Dienst der JNA, nur 1000 davon in Slowenien (etliche davon wechselten während des Kriegs die Seiten) – wo 20 000 JNA-Angehörige aus anderen Nationalitäten stationiert waren, die zu Beginn des Kriegs Verstärkung bekamen. Kommandant der jugoslawischen 5. Armee war zu Kriegsbeginn ein Slowene, Konrad Kolschek, der damit die Militäraktion gegen seine Heimatrepublik leiten durfte/musste. Er wurde noch während des Krieges abgesetzt und durch einen Serben ersetzt. 1993 musste er sich in Slowenien vor Gericht verantworten und tat dies mit dem Argument, er habe versucht, schlimmeres für das Land zu verhindern (wurde freigesprochen). Er versuchte dann erfolglos, vom Nachfolgestaat des sozialistischen und vereinten Jugoslawiens, dem er gedient hatte, der aus Serbien und Montenegro bestehenden Bundesrepublik Jugoslawien, eine Pension zu bekommen und schrieb Memoiren.

Nach deutlichen Verlusten willigte die jugoslawische Seite am 7. Kriegstag, dem 3. Juli, in einen Waffenstillstand ein. Eine Fahrzeug-Kolonne wurde an diesem Tag in Belgrad zur Verstärkung losgeschickt, kam aber bald zum Stillstand, da ein Prioritäts- bzw. Loyalitätswechsel der militärischen Führung in dieser Phase griff. Während sich die JNA in die Kasernen in Slowenien und nach Kroatien zurückzog, wurde auf Brioni unter internationaler Vermittlung verhandelt. Das am 7. Juli geschlossene Abkommen sah die „Aussetzung“ der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien bis Oktober und den Abzug der JNA aus Slowenien, die schweres Gerät aber zurücklassen musste (und der jungen slowenischen Armee damit zu Ausrüstung verhalf), vor – ein Kompromiss, der die Unabhängigkeit dieser beiden Republiken beinhaltete. Kroatien verbat sich den Abzug über sein Territorium, der dann per Schiff nach Montenegro durchgeführt wurde. Die Bezeichnung „10-Tage-Krieg“ kommt daher, dass die Tage zwischen Waffenstillstand und Brioni-Abkommen hier mitgezählt werden.

Von Bedeutung ist der Krieg zum einen natürlich für Slowenien, das damit seine Unabhängigkeit behauptete (die erste Grenzänderung in Europa nach dem 2. Weltkrieg bzw. der Jalta-Konferenz, abgesehen von der deutschen Wiedervereinigung). Aber der kurze Krieg in Slowenien bedeutete auch das Ende Jugoslawiens, zumal auch die Unabhängigkeit Kroatiens mit ihm durchgesetzt wurde (wenn auch nicht mit den vorwiegend serbisch besiedelten Gebieten). Ohne Kroatien machte ein Fortbestehen Jugoslawiens keinen Sinn, schon gar nicht für Bosnien und Makedonien. Weder ein reformiertes Jugoslawien, wie es Ministerpräsident Markovic angestrebt hatte, noch ein sozialistisches hatte nun noch eine Chance, der „Partikularismus“ gewann endgültig die Oberhand und damit die konfrontative Durchsetzung von Interessen. Die jugoslawische Armee wurde infolge der Abspaltung Sloweniens und Kroatiens eine fast ausschliesslich serbische Institution. Und das Augenmerk der serbischen Politik ging nun zu den serbischen Volksgruppen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, über die die neuen nationalen Ansprüche abgesteckt wurden.

In Kroatien und Bosnien spalteten sich diese Bevölkerungsteile von den Republiken ab, bevor sich diese von Jugoslawien abspalteten (April 1991 bzw. Jänner 1992, jeweils einige Monate vor der Unabhängigkeitserklärung dieser Republik). Was in Slowenien von Seiten der JNA nicht zum Einsatz kam, wurde in Kroatien und Bosnien für ein Gross-Serbien in den Krieg geworfen. Im Herbst 1991 gingen in Kroatien bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Krajina-Serben und der Mehrheitsbevölkerung in einen offenen Krieg über, in dem Rest-Jugoslawien auf Seiten der Serben eingriff.

„Kurier“, 29. 6. 1991

Video-Dokumentation von dem Krieg (auf Slowenisch)

Das Auto am Flughafen nach dem Beschuss (Video, Slowenisch)

Slowenische Darstellung des Kriegs (auf Englisch)

Blog-Artikel über die Ereignisse, von einem Österreicher, der den Assistenzeinsatz des Bundesheers an der Grenze als Nachrichtenoffizier mit erlebte

Triptychon von Marko Kovacic „Garten der irdischen Freuden“, 1991. Künstlerhaus Wien 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. In diesen Folgen wurde die damalige Feindseligkeit gegen Jugoslawen in Wien thematisiert…

Zur Iranischen Revolution 1978-1981

 

Schwarzer Freitag: 8. September 1978, Jaleh-Platz, Teheran, Armee schiesst auf Demonstranten
Schwarzer Freitag: 8. September 1978, Jaleh-Platz, Teheran, Armee schiesst auf Demonstranten

Die 1970er endeten bezeichnenderweise mit diesem Ausgang der Revolution im Iran (der damals noch nicht ganz klar war), der Entstehung einer neuen Diktatur, dem Aufblühen des Islamismus, sowie der Wahlniederlage Carters gegen Reagan in USA, die wiederum viel mit der Revolution zu tun hatte.

Der Charakter des Regimes des letzten iranischen Schahs Mohammed Reza Pahlevi (1941 bis 1979) und damit auch die Gründe für die Revolution sind komplex. Die Entwicklungen die befördert wurden (gesellschaftliche Freiheiten und der Aufbruch in die Moderne) und jene die behindert wurden (vor allem demokratischer Pluralismus und sozialer Ausgleich), halten sich die Waage. Lange aufgestaute Unzufriedenheiten entluden sich ab Anfang 1978 in Demonstrationen, deren unverhältnismäßig brutale Niederschlagungen einen Kreislauf der Gewalt auslösten. Die Iraner lehnten sich 1978/79 und in den Jahren davor nicht gegen den Westen und die Monarchie an sich auf, sondern gegen eine absolute Monarchie, Scheindemokratie, Unterdrückung, Ungleichheit. Die breiteste Oppositionsströmung war die Jebhe Melli, die Revolution war nicht islam(ist)isch, sie wurde von dieser Seite „gestohlen“.

Das Schah-Regime wie auch die USA, von der es abhängig war, unterschätzte Ruhollah Khomeini und seinen ursprünglich kleinen Kreis als Herausforderung für das Regime, im Gegensatz zu den Linken, die man als grösste Gefahr sah. Auch die säkulare Opposition schätzte den schiitischen Kleriker, der 1978 aus seinem irakischen Exil nach Frankreich abgeschoben wurde, wo er aber eine bessere Bühne für seine Agitation hatte, zumal Journalisten wie Oriana Fallaci zu ihm pilgerten, falsch ein.

Für die USA war der Iran im Kalten Krieg wegen der Nähe zur Sowjetunion, seiner zentralen Lage in Asien und seines Erdöls wichtig. Carter war der erste USA-Präsident der wegen Menschenrechts- und Demokratie-„Defiziten“ Druck auf den Schah machte, gegen die Kritik unter anderem von seinem Vorgänger Ford und dessen Aussenminister Kissinger. Carters eigenes politisches Schicksal war schliesslich eng und unglücklich mit dieser Revolution im Iran verbunden. Der Verlust des wichtigsten strategischen Verbündeten (oder Lakaien?) in dieser Region und die Geiselnahme der US-Botschaftsangehörigen in Teheran waren mit-entscheidend für die Wahlniederlage gegen Reagan 1980 [1]. Der Schah machte ihn in seinen Memoiren für seinen Sturz verantwortlich, er sah nicht die jahrzehntelange Einmischung der Amerikaner zuungunsten der Iraner als Bevormundung, sondern Carters Drängen auf Reform.

Nach Härte (Militärregierung Azhari) setzte Pahlevi auf eine Spaltung der Opposition, um Linke und Religiöse/Islamisten zu neutralisieren, aber auch auf Zugeständnisse und Deeskalation. Eigentlich kamen nur Teile der der Jebhe Melli, der einst von Mohammed Mossadegh gegründeten „Nationalen Front“, für diese „Beschwichtigung“ der Opposition in Frage, nachdem sich die Partei als Ganzes von ihrer langwährenden Forderung nach einer konstitutionellen Monarchie verabschiedet hatte. Die Jebhe Melli war unter dem Schah nach dem Sturz Mossadeghs lange verboten, ihre Aktivisten wie Schapour Bachtiar zeitweise inhaftiert. Im November 1978 reiste ihr Chef Karim Sanjabi zu Khomeini nach Frankreich, danach dürfte die Partei die Idee einer konstitutionellen Monarchie zugunsten einer Republik mit einer noch nicht genauer definierten Rolle Khomeinis und des Islam fallengelassen haben. Bachtiar war einer jener Führer der Jebhe, die diesen Kurswechsel nicht mittrugen.

Der Schah beauftragte zunächst Gholam H. Sadighi (der wie Bachtiar und Sanjabi Mossadeghs gestürzter Regierung angehört hatte) mit der Regierungsbildung (bzw, bot ihm dies an), dieser bestand aber darauf, dass der Schah im Iran blieb und die Regierung die volle Regierungsgewalt übertragen bekam. So kam Bachtiar dran, der das Angebot akzeptierte, eine Regierung zu bilden, das viel zu spät kam; er wurde dafür aus seiner Partei ausgeschlossen. Diese versuchte auch nach Kräften (und erfolgreich), andere prominente Oppositionelle davon abzuhalten, in seine Regierung einzutreten. Als die Bachtiar-Regierung, eine Art Expertenkabinett, am 6. Jänner 1979 im Niavaran-Palast ernannt wurde (Bild unten), war die Frage der Loyalität des Militärs zur neuen Regierung und jene der dauerhaften Machtteilung zwischen dem Schah und demokratischen Regierungen weiter offen.

Shah_Bakhtiar

Schapour Bachtiar sagte während der heissesten Phase der Revolution 1978/79: „Wir wollen Freiheit und Demokratie. Wir können nicht von einer Diktatur zur anderen übergehen.“ Der ehemalige Resistance-Kämpfer (er hatte in Frankreich studiert) kämpfte für demokratische Reformen, mit dem Ziel einer konstitutionellen Monarchie. Bachtiar sah seine Regierungszeit als den Beginn einer konstitutionellen Monarchie, er ordnete an, alle politischen Gefangenen freizulassen, hob die Pressezensur auf, erlaubte Demonstrationen, lockerte das Kriegsrecht, ließ die gefürchtete Geheimpolizei SAVAK auflösen und steuerte freie Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung an, die über die künftige Staats- und Regierungsform entscheiden sollte. Die USA unter Carter dürften zu Bachtiar und einer Reform der Monarchie gestanden sein. Die Mehrheit der Bevölkerung war aber inzwischen gegen eine Reform und für einen radikalen Umsturz. Um jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, denen Bachtiars Kurs nicht revolutionär genug war, verließ der Schah in Absprache mit dem Premier („vorübergehend“) das Land, und Khomeini erhielt die Erlaubnis, nach 16 Jahren Exil, zurückzukehren.

Am 1. Februar 1979 landeten Khomeini, aus Paris kommend, mit einer (in der USA hergestellten) Boeing der Air France [2], mit seinen Mitarbeitern sowie mitgereisten Reportern (darunter Peter Scholl-Latour), in den Morgenstunden am Teheraner Flughafen Mehrabad, wo 2 Wochen zuvor der Schah ins Exil abgeflogen war. Es ist nicht aus der Luft gegriffen, wenn Beobachter sagen, dieser Rückkehr Khomeinis käme, im Nachhinein gesehen, die Bedeutung einer zweiten islamischen Invasion des Iran zu. [3] Zu diesem Zeitpunkt herrschte in allen Bereichen des öffentlichen Lebens (oft wohl auch in privaten Bereichen), nicht zuletzt in den staatlichen Institutionen, ein Gegeneinander, ein Ringen, von Pro- und Anti-Schah-Kräften [4]. Das Fernsehen brach nach der Landung Khomeinis die Direktübertragung vom Flughafen ab und zeigte ein Standbild des Schahs. Soldaten sollen dies im Funkhaus gegenüber Journalisten und Technikern durchgesetzt haben. Dazu Philipp W. Fabry, damals Direktor der deutschen Schule in Teheran, in seinem Buch „Zwischen Schah und Ayatollah. Ein Deutscher im Spannungsfeld der Iranischen Revolution“ (Gießen 1983): „Es war ein Pyrrhussieg, denn der Zorn auf die verräterischen Militärs stieg ins Ungemessene. Hätten sie das Fernsehen gewähren lassen – Millionen wären Zeuge geworden, wie der Gottesmann, durch eine tobende Rotte von Anhängern seines schwarzen Turbans beraubt, eine spiegelblanke Glatze in den Himmel reckte und zornig mit der Hand auf seine Quälgeister einschlug. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es eben wirklich nur ein kleiner Schritt.“ (286 f)

Trotz dessen versöhnlicher Gesten begann Khomeini nach seiner Rückkehr damit, Bachtiar zu bekämpfen. Der Ajatollah entpuppte sich als skrupelloser Macchiavellist, er baute zunächst Parallelstrukturen zu den bestehenden staatlichen auf und machte sich daran, das alte Regime (geleitet durch die Generäle sowie Bachtiar, der es aber reformieren wollte) zu beseitigen, um danach die anderen Anti-Schah-Kräfte auszuschalten (auch jene, die Khomeinis Führungsrolle nicht bestritten) und ein theokratisches Regime zu errichten. [5] Er ernannte zunächst Mehdi Bazargan von der Nehzat-e Azadi-e Iran („Freiheitsbewegung Irans“) zum Gegen-Premier und sich zum „Revolutionsführer“. Die Jebhe Melli beteiligte sich an dieser Regierung, Sanjabi wurde Aussenminister. Bachtiars dünne Machtbasis bröckelte. Er, der dem Schah-Regime ablehnend gegenüber gestanden war, wurde nun mit ihm identifiziert, musste es zunehmend verteidigen statt zu reformieren, und war dabei auf die Militärs angewiesen, an deren Händen viel Blut klebte. Es gab nun zwei Regierungen (unter Bachtiar bzw Bazargan), hinter denen Schah Pahlevi bzw Ajatollah Khomeini standen; viele Staatsdiener wechselten die Seiten. Bachtiars Schreckensvision, der Übergang von einer Diktatur zur nächsten, nahm Gestalt an.

Auch Bazargan, hier bei seiner Angelobung als Premier, hatte Khomeini und seine Absichten naiverweise unterschätzt. Er wollte diese Verquickung zwischen Staat und Religion und eine neue Diktatur, die dieser etablierte, nicht. Bereits nach einem Monat im Amt wollte er aufgeben, da seine Regierung gegenüber Khomeinis Leuten und Institutionen machtlos war
Auch Bazargan, hier bei seiner Angelobung als Premier, hatte Khomeini und seine Absichten naiverweise unterschätzt. Er wollte diese Verquickung zwischen Staat und Religion und die neue Diktatur, die dieser etablierte, nicht. Bereits nach einem Monat im Amt wollte er aufgeben, da seine Regierung gegenüber Khomeinis Leuten und Institutionen machtlos war

Die Phase der Revolution, in der eine Neugestaltung des bisherigen Systems möglich war, endete 10 Tage nach Khomeinis Ankunft im Iran, als die Anhänger eines neuen Umsturzes die Oberhand bekamen. Auslöser war die Auseinandersetzung zwischen Technikern und Piloten auf einem Fliegerstützpunkt gewesen, den die Pro-Khomeini-Kräfte für sich entschieden. Infolge dessen wurden Waffen in grossem Maß an Aufständische verteilt, mehr Soldaten und Einheiten liefen zu ihnen über und die Führung des Militärs unter Generalstabschef Karabachi erklärte sich „neutral“ in der Auseinandersetzung zwischen den zwei Regierungen; das Militär fiel als Stütze weg, als Stütze einer Reform der Monarchie unter Ministerpräsident Bachtiar. Dieser tauchte inmitten der blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Aufständischen und den letzten ihm (oder dem Schah) gegenüber loyalen Kräften unter, und einige Zeit später in Frankreich wieder auf, wo er eine Führungsfigur der Exil-Opposition gegen das neue Regime wurde. Am selben Tag noch, an diesem 11. Februar 1979 (22. Bahman 1357 im iranischen Kalender), fielen die ersten hochrangigen Funktionäre des alten Regimes, wie der Militärgouverneur von Teheran, Mehdi Rahimi, den Revolutionären in die Hände. Mit ihnen wurde blutig abgerechnet.

Dann das Wüten von „Revolutionsrichter“ Khalkali, Aburteilungen und Exekutionen von jenen, die als Vertreter des alten Regimes eingestuft wurden, wie Ex-Premier Amir-Abbas Howeida [6]; die Anordnung der Zerstörung von Kulturschätzen, die als „un-islamisch“ gesehen wurden. Dies führte zum Rücktritt von Kulturminister Varjavand im Mai 1979. Sanjabi trat schon im April als Aussenminister zurück. Im März ein Referendum über die Einführung der „Islamischen Republik“ (worunter die meisten noch keine genaue Vorstellung haben konnten), im August die noch einigermaßen freie Wahl einer Konstituante.

Bazargan trat mit seiner Regierung im November 1979, nach der Stürmung der USA-Botschaft, die an ihm vorbei organisiert worden war, zurück. Er wollte auch diese Konfrontation mit dem Westen nicht, war gegen die „Kulturrevolution“ in Folge von Khomeinis Machtübernahme und gegen die Fortsetzung des Krieges mit dem Irak über die Rückeroberung Khorramschahrs hinaus. Die Geiselnahme in der US-Botschaft [7] brachte eine weitere Machtverschiebung zum Revolutionsrat und Khomeinis anderen Parallelgremien, die sich längst gegen Bazargan und die anderen nicht islam-fundamentalistischen Elemente richteten. Seine Frustration über die Islamische Republik brachte er in einem offenen Brief an den damaligen Parlamentspräsidenten Rafsanjani 1982 zum Ausdruck: „Die Regierung hat eine Kultur von Terror, Angst, Rache und nationalem Zerfall geschaffen…Was hat die herrschende Elite in fast vier Jahren getan ausser Tod und Zerstörung zu bringen, die Gefängnisse und Friedhöfe in allen Städten zu füllen, lange Warteschlangen, Engpässe, hohe Preise, Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, sich wiederholende Sprüche und eine dunkle Zukunft zu schaffen?“

Viele von diesen, die eigentlich kein theokratisches Regime wollten, unterstützten Khomeini dabei, Bachtiar und seinen Weg der demokratischen Reformen als nicht revolutionär genug zu brandmarken und zu sabotieren. Sie erlebten dann ein böses Erwachen. Als Khomeinis absoluter Machtanspruch deutlich wurde, stellten sie sich gegen ihn, oder, anders gesagt, aus diesem Anspruch heraus wurden sie von der Mitgestaltung des post-revolutionären Iran ausgeschlossen und oft genug auch schwer verfolgt oder gar vernichtet: Bazargan und die Nezhat-e Azadi, die Jebhe Melli unter Sanjabi, die Forouhars, Dariush und Parvin, von der Hezb-e Mellat-e Iran („Iranische Nationalpartei“), ebenfalls in der Bazargan-Regierung, die Mujahedin-e Kalqh („Volksmujahedin“) [8], die Kommunistische Partei (Tudeh), die kurdische PDKI, der parteilose Banisadr und viele andere.

Der islamistische Machtraub durch die Ausschaltung anderer Kräfte (die grösstenteils die Mullahs zuvor unterstützt hatten, da sie nicht mit deren direkter Machtausübung gerechnet hatten) kann mit 1981 als abgeschlossen betrachtet werden. Bezeichnenderweise markiert die Einführung des Kopftuchzwangs für Frauen das Ende der Phase relativer Freiheit und politischer Pluralität, ging mit dem Abtritt von Präsident Bani Sadr einher. Gegenwehr konnten dann eigentlich nur die Volksmujahedin leisten, die schon gegen das Schah-System bewaffnet gekämpft hatten; nach einem Anschlag auf Führer des islamistischen Regimes 1981 wurde eine grosse „Jagd“ auf sie abgehalten. In ihrem Widerstand gegen das Regime verbündeten sie sich mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein. Als das Parlament in diesem Jahr ein Blutrache-Gesetz beschloss, wollte die Jebhe Melli/Nationale Front eine Demonstration dagegen veranstalten, das Regime verhinderte das; der endgültige Bruch zwischen der Partei die in der entscheidenden Phase der Revolution (Anfang ’79) dem Ajatollah gegen ihren Führer Bachtiar geholfen hatte und dem Regime der Mullahs.

Marjan Satrapi, die Zeichnerin von Comics zu ihrer Geschichte und jener ihres Landes: „Bis 1979 war mein Land das Land von ‚1001 Nacht‘. Dann wurden wir über Nacht zum Land der Terroristen. Beides war Iran jedoch nie.“ In ihrem „Persepolis“ gibt es das bezeichnende Bild, wo ein Fensterputzer durch die Revolution Krankenhaus-Direktor wird.

Es gibt Gemeinsamkeiten mit der Französischen (etwa 1789 bis 1799) und der Russischen Revolution (1917): Die Radikalsten (Islamisten/ Jakobiner bzw Montagnards/ Bolschewiken) setzten sich durch, bürgerliche und gemäßigte Regimegegner wurden im Iran (u.a. die Jebhe Melli), in Frankreich (Girondisten) und Russland („Kadetten“) nach dem Umsturz ausgeschaltet, dann auch die „moderat-radikalen“ (Tudeh u.a./Marais/Menschewiki): Auch kam der Krieg infolge der Revolution in diese Staaten; jener mit dem Irak stärkte das Mullah-Regime.

Im Laufe der Revolution und danach gab es einen Exodus von Iranern, viele gingen wie Bachtiar nach Frankreich, wo zuvor Khomeinei Unterschlupf gefunden hatte; noch mehr in die USA, manche waren schon dort und blieben, wie Fereydoun Howeida, der iranischer UN-Botschafter war. Als erstes ging die Oberschicht, die mit dem Ende des Schah-Regimes ihre Privilegien verlor und Schlimmes befürchten musste. Dann aber auch jene, die den Umsturz begrüsst hatten, evtl. daran mitgewirkt, deren Hoffnungen zerstört wurden. Bahman Nirumand gehört zu jenen, die nach dem Sturz des Schahs aus dem Exil zurück kehrten, um dann festzustellen, dass das neue System noch repressiver war.

Zu bzw. von Bachtiar noch etwas aus einem Text von Fariba Amini, der auf The Iranian erschien („The first moderate“): „When chants of Bakhtiar Nokar-e Bee-ekhtiar (Bakhtiar the powerless servant) were heard in the streets of Tehran, we were not dismayed or even a bit troubled as we were all fiery in the fervor of the revolution. We thought at the time that Shapour Bakhtiar had no guts or that he succumbed too easily to the demands of the Shah.

How wrong we were. How ignorant we were. The first Prime Minister during the revolution who understood the real nature of the regime taking power in the post-revolution period was a man of wisdom and true to his words. When I heard of his ruthless stabbing at the hands of the henchmen of the Islamic regime, I cried like many other Iranians. I thought, we lost a great man, a first class politician who was not only secular but also a protector of law and a disciple of the late Mossadegh.“

Bezugnehmend auf die Zeit vom Mossadegh-Sturz zum Ausbruch der Revolution sagte Bachtiar in seinem Buch „37 Tage nach 37 Jahren“ [9]:

„Es tut mir leid, das noch einmal wiederholen zu müssen aber um der Geschichte Willen muss es sein: Wenn der Schah in diesen 25 Jahren moderate politische Parteien zugelassen hätte – überhaupt nicht solche mit marxistischen oder sozialdemokratischen Tendenzen – dann wären einfache Menschen nicht Leuten wie Khomeini gefolgt und hätten nicht seine Ideen geglaubt.“

 

[1] Reagan soll die Geiselaffäre zur Wahlbeeinflussung missbraucht haben, Verhandlungen hintertrieben und selber welche mit den iranischen Machthabern geführt haben, diese auch mit Waffen unterstützt haben; wieder Mal wurden Islamisten im Kalten Krieg vom Westen unterstützt.

[2] Die Weiterfahrt in die Stadt erfolgte dann zunächst mit einem ebenfalls amerikanischen Chevrolet, dann, nachdem das Auto in dem aufgeregten Verkehrsgewühl „gestrandet“ war, mit einem Militär-Hubschrauber amerikanischer Herkunft. Khomeini reiste dann in die „heilige“ Stadt Ghom (zurück), viele nahmen naiverweise an, er werde sich auf Dauer dort niederlassen und sich mit einer religiösen Rolle abseits der Politik zufriedengeben.

[3] Die erste, arabische, begann 1346 Jahre zuvor. Der Abgang Schapur Bachtiars leitete dann, um bei den historischen Vergleichen zu bleiben, für den Iran eine Zäsur ein wie jener des letzten sasanidischen Königs Yazdgerd III.

[4] Der iranische Botschafter in USA, Ardeshir Zahedi, entließ Anfang 1979 Khomeini-Anhänger in der Botschaft. Geschäftsträger A. Homayoun setzte die Entlassenen wieder ein, ließ u. a. Schah-Bilder entfernen. Andere Botschafts-Angehörige schritten zur Gegenaktion, Homayoun entließ diese. Zahedi gewann dann nochmal die Oberhand ehe er nach der Durchsetzung von Khomeinis Machtanspruch im Iran (Bachtiars Aufgabe) zurücktrat. Zahedi soll in der entscheidenden Phase der Revolution, nach dem Aufstand am Luftwaffen-Stützpunkt Farahbad bei Tehran, und vor Bachtiars Rücktritt, die Idee eines Militärputsches zur Abwürgung der Revolution unterstützt haben. Als der revolutionäre Mob bereits dabei war, Panzer, Ministerien, Paläste, Kasernen, Gefängnisse, Polizeiwachen, usw. zu erobern.

Zahedi ist der Sohn des Generals der nach dem Sturz Mossadeghs Premierminister wurde. Er hat in den USA studiert und war mit einer Tochter des Schahs verheiratet. Er war Botschafter auch in Grossbritannien und (unter Premier Howeida) Aussenminister. Er dürfte bis zum Tod des Schahs im Exil einer dessen engsten Vertrauten gewesen sein. 2006 sprach er sich in einem Interview für das Recht des Iran auf ein Nuklearprogramm aus (www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A3983-2005Mar26.html).

[5] Es gab auch gemäßigte bzw. unpolitische Mullahs, die keine direkte politische Machtausübung des Klerus wollten, v.a. Schariatmadari.

[6] Der dann vom Khomeini-Regime gegründete neue Geheimdienst SAVAMA übernahm einiges an Personal von der SAVAK und war ebenso wie dieser hauptsächlich mit der Verfolgung von Oppositionellen beschäftigt. Das Evin-Gefängnis, unter dem Schah gebaut worden, wurde ebenfalls vom neuen Regime für Dissidenten genutzt. Demokraten und Linke wurden in beiden Systemen verfolgt.

[7] Das iranische Regime leistete dem Land kürzlich wieder mal einen schlechten Dienst indem es die Oscar-Verleihung an den Film über die Geiselnahme 1979, „Argo“, und die Verkündung durch Michelle Obama sowie deren Kleid als „antiiranisch“ kritisierte.

[8] Die heute gerne mit westlichen Neokonservativen gemeinsame Sache machen, welche ihre Agenda gerne als die iranische Bevölkerung unterstützend darstellen.

[9] 37 Jahre hatte der Schah geherrscht (Ende 1941 bis Anfang 1979), am Ende dieser Phase war Bachtiar für 37 Tage Premier

 

Nachher und vorher
Nachher und vorher

 

Weiterführende oder zugrundeliegende Informationen zum Thema:

* Dieser Text von Alex Capus gibt einige Einblicke in das Leben bzw. die Jugend dieses letzten Schahs: http://lysis.blogsport.de/2005/07/27/die-wahre-geschichte-des-ernest-perron/

* Ein Artikel aus der „Zeit“, der analysiert was die Situation im heutigen Iran von jener in den Ländern des arabischen Frühlings unterscheidet: http://www.zeit.de/2011/08/Aegypten-Iran

Bachtiars Informationsminister Cyrus Amuzegar über die Zeit dieser Regierung

Ablauf/Zeitleiste Revolution

* Janet Afary: Foucault and the Iranian Revolution: Gender and the Seductions of Islamism (2005)

* Ervand Abrahamian: Iran between two revolutions (1982)

* Nahid Persson-Sarvestani: Die Kaiserin und ich (Dokumentarfilm, 2008). Der linken Exil-Iranerin, die an der Revolution teilgenommen hatte, um bald in den Folterkellern des neuen Regimes zu landen, gelang es, zu der ehemaligen Kaiserin Farah Diba-Pahlevi vorzudringen und mit ihr eine Reihe von Gesprächen über die Vergangenheit und Gegenwart ihres Heimatlandes zu führen.

 

Der Schah erlaubte individuelle Freiheiten, wie auch diese Werbespots zeigen, aber keine politischen. Er förderte zwar ein iranisches Nationalbewusstsein, aber nicht nationale Selbstbestimmung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mali Länderprofil – historische Übersicht – aktuelle Analyse

Geographisch-kulturell teilweise (der Süden des Landes) West-Afrika, teilweise (der Norden) der Sahel-Zone (südliche Sahara) zugehörig. Im Süden Schwarzafrikaner (v.a. Mande-Völker wie Bambara sowie Ful) die vorwiegend als  Viehzüchter, Ackerbauern, Fischer leben und den grössten Teil der Bevölkerung stellen, da der nördliche Landesteil zwar etwas grösser ist als der südliche aber, aufgrund der Wüste, sehr dünn besiedelt. Dort leben die berberischen Tuareg [1] und Araber sowie arabisierte Völker wie die Arma, vorwiegend als Nomaden. Die Religion (sunnitischer Islam) haben die beiden Landes- bzw. Bevölkerungsteile gemeinsam; es gibt daneben Gruppen von Animisten und Christen.

Das heutige Mali war Teil des Ghana-Reichs, im Hoch-Mittelalter [2] eroberten die berberischen Almoraviden aus Marokko das Land und leiteten seine Islamisierung ein. In der Folge entstand das teilweise islamisch geprägte Mali-Reich mit der Hauptstadt Timbuktu unter der Keita-Dynastie; die vorherrschende Sprache war Manding. Timbuktu war im 15. und 16. Jahrhundert ein intellektuelles Zentrum für Nord- und Westafrika. Daneben gehörten Teile Malis zum „schwarzafrikanischeren“ Songhai-Reich. In der frühen Neuzeit gab es erneut eine marokkanische Invasion die die bestehende staatliche Situation beendete. Danach war Mali auf lokale Kleinkönigreiche aufgeteilt (z. B. eines der Fulbe im 19. Jahrhundert).

Ende des 19. Jh. eroberte Frankreich das Land, nannte das spätere (und frühere) Mali „Französischer Sudan“ (war Teil Französisch-Westafrikas). Dieser durfte 1959 eine teil-autonome Föderation mit Senegal eingehen („Mali-Föderation“). 1960 wurde diese von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassen und löste sich alsbald in die Staaten Mali und Senegal auf. Erster Staatspräsident Malis wurde Modibo Keita, der zwar stark französisch geprägt war (Absolvent der William-Pony-Schule in Dakar, wie viele andere künftige Top-Politiker ehemaliger französischer Kolonien in Westafrika; Abgeordneter im französischen Parlament), wandte sich aber von Frankreich ab und gründete einen sozialistischen Einparteienstaat, der sich an den damaligen Ostblock anlehnte, und auf die Verstaatlichung von Ressourcen (Baumwolle > Plantagen, Gold u. a. Bodenschätze [3]) setzte. Diese Phase ging 1968 mit dem Militär-Putsch unter Moussa Traoré zu Ende, der als Präsident einen authoritären Polizeistaat errichtete und ideologisch einen anderen Weg einschlug als sein Vorgänger. Anfang der 1990er erfolgte der Übergang zu Demokratie unter dem Historiker Alpha O. Konare. Die Politik ist wie in vielen afrikanischen Staaten von einem Klientelsystem geprägt, in dem Parteien bzw. Parteienbündnisse die Interessen bestimmter Schichten oder Volksgruppen vertreten, oft zum Nachteil der Allgemeinheit, und in dem Wahlmanipulationen und gewaltreiche Umstürze häufig vorkommen.

Aushängeschilder Malis sind der Musiker Mamadou Diabaté (lebt in USA), Fussballer wie Frederic Kanouté (in Spanien tätig) oder die Tuareg-Musikband „Tinariwen“, die beim ersten „Festival au Desert“ 2001 ihren Durchbruch schaffte und die Unabhängigkeit von „Azawad“ unterstützt .

Die Tuareg im Norden erhoben sich 1958 und 1990 für Autonomie, gegen Benachteiligung. Der Konflikt zwischen Bamako (der Zentrale des Landes, im Süden, den herrschenden „Schwarzen“) und Timbuktu (der Peripherie, dem Norden, den „Braunen“) brach 2012 erneut aus und führte zum Sturz von Präsident A. T. Touré durch das Militär (obwohl es von Politikern aus Putschangst „ausgehungert“ wurde). Die Putschisten wollten den Aufständischen im Norden eigtlich besser kontra geben. Doch eine Offensive der in der MNLA („Nationale Befreiungsbewegung des Azawad“) organisierten Tuareg-Rebellen führte zu deren Machtübernahme dort. Die MNLA besteht zu einem großen Teil aus Tuareg die von Libyens Diktator Gaddafi aufgenommen worden waren und in seiner Armee gekämpft hatten, und nach seinem Sturz u.a. nach Mali zurückkehrten – mit den libyschen Waffen. Die MNLA nahm den Norden Malis samt den Städten wie Timbuktu praktisch kampflos von der malischen Armee ein. Die MNLA unter ihrem Generalsekretär Acherif riefen in Nord-Mali die Unabhängigkeit von „Azawad“ aus. Dann begann der Kampf zwischen den Islamisten (v.a. den „Ansar Dine“) und der MNLA. Ob sie davor, bei der Machtüberbahme, miteinander verbündet waren, ist umstritten. Nun nahmen die radikalen Muslime „Azawad“ ein, wo sie die Scharia einführten, jahrhundertealte geschützte Mausoleen oder eine Bibliothek mit einzigartigen Manuskripten zerstören. Mehr als 200 000 Menschen flohen aus dem Norden Malis.

Das Treiben der Islamisten in Nord-Mali und die Aussicht auf ein Rückzugsgebiet für „Al Kaida“ rief 2013 eine Militärintervention der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich an Seite der malischen Armee zur Rückeroberung des Nordens des Landes/ “Azawads“ hervor. [4] Die Islamisten sind dort keine Massenbewegung sondern bestanden aus nicht allzu starken Milizen, daher erfolgte ein rascher Rückzug, z.T. kampflos, als Frankreich Luftangriffe flog und die malische Armee auf dem Boden nachzog. Die Städte wurden von den Islamisten befreit und die MNLA musste sich ganz im Norden an die Grenze zurückziehen. Frankreichs Präsident Hollande kündigt den baldigen Abzug französischer Truppen an, allein die Kosten von 70 Millionen Euro für den Militäreinsatz werfen aber die Frage auf ob Frankreich Mali wirklich nur uneigennützig helfen wollte. Es könnte ihnen auch um Uranvorkommen, um geopolitische Interessen in der Region und um die Wüste als Testgebiet für Waffen gehen. Ag Assarid, Sprecher der MNLA im französischen Exil, sagt, die malische Regierung scherte sich nie um die Islamisten – sie wollte einfach den Norden zurückerobern und bei dieser Gelegenheit gleich auch mit der MNLA (bzw. den Tuareg-Interessensvertretern) aufräumen. [5]


[1] Diese sind neben Mali hauptsächlich auf den Niger, Libyen, Burkina Faso und Algerien aufgeteilt. Sie nennen ihren Lebensraum (die südöstl. Sahara bzw. östliche Sahelzone) Azawad.

[2] Ist eine Epoche der europäisch-christlichen Geschichte, aber zumindest zur „zeitlichen Angabe“ auch auf andere geographisch-kulturelle Räume anwendbar

[3] Die Verarbeitung erfolgt bis heute, wie so oft im Fall von Ressourcen von „3. Welt-Staaten“, anderswo.

[4] und eine neue Runde im „Kampf der Kulturen“. Obwohl auch der Süden Malis moslemisch ist, wurde die Militäraktion, die zur Beendigung der Sezession führte, oft in dem Zusammenhang gesehen, und zwar von beiden Seiten. Siehe den islamistischen Anschlag in Algerien bzw. das Lob für Hollande.

[5] www.orf.at/stories/2172900