Erinnerungen an Nik Vogel und den Slowenien-Krieg

Im Vergleich zu den Kriegen in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Kosovo war der in Slowenien 1991, der am Beginn der Auflösung Jugoslawiens stand, eine Kleinigkeit. 1 Woche Dauer, 74 Todesopfer (sehr wenige Zivilisten darunter), keine grösseren Zerstörungen, keine Vertreibungen. Für die daran Beteiligten war er das natürlich nicht. Der Krieg kam an die Grenzen Österreichs, bzw fand zT dort statt, vor den „Toren“ Mitteleuropas, wo seit 45 eigentlich keine Kriege mehr stattfinden, ausgenommen vielleicht die britische Besatzungspolitik in Nord-Irland und der Widerstand dagegen, von 1969 bis 1998, was oft als Bürgerkrieg gesehen wird.

Unter den Opfern waren 12 Ausländer (also weder Angehörige der Jugoslawischen Volksarmee noch Slowenen), Medienvertreter sowie LKW-Fahrer. Zweitere waren Bulgaren und Türken, die sich auf Durchfahrt befanden und angehalten wurden, sich an slowenischen LKW-Blockaden gegen jugoslawische Panzer zu beteiligen, und die von deren Kampfflugzeugen beschossen wurden. Unter den Journalisten war ein Österreicher mit einer bunten, kurzen Lebensgeschichte.

Für den Rest Jugoslawiens galten die Slowenen meist als „spiessig“, als Leute, die im Zweifelsfall lieber arbeiten als feiern; aus der Sicht der Österreicher war/ist es das Land, wo der Balkan beginnt. Die Slowenen waren in der Regel quer durch die politischen Lager entschiedene Gegner von Zentralismus und serbischem Vormachtstreben in Jugoslawien, da sie dabei eigentlich nur verlieren konnten. Der Plan zur Einführung eines einheitlichen Lehrplans für Schulen in ganz Jugoslawien in den 1980ern etwa begünstigte zwangsläufig die grösseren Republiken/Völker und deren Literatur.

Jugoslawien erlebte in seinen letzten gemeinsamen Jahren Ende der 1980er, Anfang der 1990er (das aus Serbien mit Kosovo sowie Montenegro bestehende „Rest-Jugoslawien“ bestand darüber hinaus) weniger eine Liberalisierung des sozialistischen Systems als einen Zerfallsprozess entlang der ethnischen Linien (die, vor allem im Fall von Bosnien, nicht immer kongruent waren mit den Grenzen der Teil-Republiken) in dem auch die Parteiorganisationen der KP („Bund der Kommunisten Jugoslawiens“/SKJ) in den Teilrepubliken beteiligt waren. Die Frage des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems (bzw. die der Vorherrschaft der KP) geriet in den Hintergrund und das nationale Thema in den Vordergrund. Dazu trug auch bei dass nach dem Tod Titos 1980 das politische System eine stark föderale Prägung bekommen hatte.

Im Jänner 1990 konnten sich die Delegationen aus den Teil-Republiken am KP-Parteitag (es sollte der letzte sein) nicht auf ein gemeinsames Programm einigen, was praktisch die Auflösung der Partei auf Bundesebene bedeutete. Der Ministerpräsident der Bundesregierung, der Kroate Ante Markovic, arbeitete auch danach an einer gesamtstaatlichen Reform, an einem vereinten und reformierten Jugoslawien – wobei er von den meist kommunistischen Zentralisten behindert wurde, wie auch von den Nationalisten und Demokraten, die die Auflösung dieses Staates wollten. 1990 liessen die Teilrepubliken erstmals frei wählen, wobei Slowenien den Anfang machte. Hier gewann der Reformkommunist Kucan die Präsidentenwahl und das Oppositionsbündnis DEMOS die Parlamentswahl, worauf ihr Spitzenmann Peterle Ministerpräsident wurde. Man einigte sich auf die Abspaltung von Jugoslawien, die von der Bevölkerung in einem Referendum abgesegnet wurde.

1991 brachte zu Jahresanfang einen Irak-Krieg, im August den Putschversuch in der Sowjetunion, der zum Ende dieses Staates und des Kalten Kriegs führte, und dazwischen den Auseinanderfall Jugoslawiens bzw. den Beginn davon. Die Parlamente von Slowenien und Kroatien, das denselben Weg dorthin gegangen war (Wahl, Referendum), riefen am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit aus, nach einem Halbjahr voller Spannungen in Jugoslawien. In Kroatien gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Gewalt zwischen der serbischen Minderheit in den südlichen und östlichen Rändern und der nach Unabhängigkeit strebenden Republik. Dennoch geriet zunächst Slowenien in das Visier der jugoslawischen Zentralstaates, weil es im Gegensatz zu Kroatien mit seiner Proklamation tatsächlich unabhängig wurde, die Kontrolle über seine Grenzen übernahm. An der Spitze Jugoslawiens stand ein Staatspräsidium mit Vertretern der Teilrepubliken, dessen Vorsitz rotationsmäßig unter seinen Mitgliedern gewählt wurde; während des Slowenien-Krieges wurde das der Kroate „Stipe“ Mesic (Serbien blockierte seine Wahl so lange, bis die Funktion bedeutungslos geworden war). Die Bundesregierung unter Markovic kämpfte gegen den Auseinanderfall Jugoslawiens, war nicht bereit, eine Sezession hinzunehmen. Nach dem Auseinanderfall der KP gab es als mächtige zentralstaatliche Institution noch das Militär. Dessen Führungsebene (Offizierskorps) war von Serben und Montenegrinern dominiert und hatte in der kroatischen „Krajina“ bereits unterstützend auf der Seite der dortigen Serben eingreifen lassen. Der Präsident Serbiens, Slobodan Milosevic, am Weg dazu, der starke Mann in Belgrad zu werden, mit einem guten Draht zu Verteidigungsminister Kadijevic, war indifferent gegenüber einem Auseinanderfall Jugoslawiens, so lange (wie in Slowenien) Serben nicht betroffen waren.

Am 26. Juni wurde die Tags zuvor beschlossene Unabhängigkeit gefeiert, an diesem Tag setzte die Bundesregierung die Jugoslawische Volksarmee (Jugoslavenska narodna armija; JNA) bereits in Bewegung. Sie wurde in den Kasernen in Slowenien (die aber von den Slowenen nach Kräften blockiert wurden) und von Kroatien aus (wo die für den Norden Jugoslawiens zuständige 5. Armee ihr Hauptquartier hatte) aktiviert, zunächst vor allem Panzerverbände, die Grenzübergänge einnehmen sollten. Slowenen versuchten, ihr Vorrücken mit Hilfe von Blockaden aus zivilen LKW’s aufzuhalten. Die slowenische Regierung hatte sich darauf vorbereitet, Gegenwehr zu leisten. Grundlage der quasi in diesem Krieg gegründeten slowenischen Armee war die „Territorialverteidigung“ (serbokroatisch Teritorijalna odbrana/TO) die in allen Teilrepubliken parallel zur JNA existierte und zu ihrer Unterstützung im Kriegsfall vorgesehen war – im Kriegsfall, der dann eintrat, dem ersten für die JNA, versuchte diese, den Auseinanderfall des Landes gewaltsam zu verhindern und die TO stand auf der Gegenseite… Als erster Kriegstag wird der 27. Juni angesehen, an dem die ersten Kämpfe ausbrachen. Am 28. Juni begannen die Luftangriffe auf slowenische Ziele, eine jugoslawische MIG flog nach einem Angriff auf eine Grenzstation eine Schleife über die Steiermark. Bei Nova Gorica an der Grenze zu Italien fanden an diesem Tag Kämpfe zwischen JNA und TO statt, die Slowenen eroberten dabei nicht nur den Grenzübergang (zurück) sondern auch mehrere Panzer.

Nikolas „Nik“ Vogel war der Sohn des deutsch-österreichischen Schauspielerpaars Peter Vogel und Gertraud Jesserer. Peter Vogel war der erste „Kottan“-Darsteller1, verübte nach der Trennung von Erika Pluhar Selbstmord durch eine Überdosis. Jesserer wurde Partnerin von André Heller, nachdem dieser von Pluhar verlassen wurde. Er hat in den 1980ern als Teenager selber in einigen Filmen gespielt, in „Was kostet der Sieg?“, „Die Erben“ und „Herzklopfen“ (alle von Walter Bannert), dann u. a. noch in einer „Eurocops“-Folge. Er ging dann zum Holzfällen nach Kanada, wurde Fotograf und Kameramann. Berichtete vom Berliner Mauerfall, vom Sturz Ceaucescus in Rumänien (kam dabei zu einem Cameo-Auftritt in Dornhelms „Requiem für Dominic“), vom Nordirland-Konflikt.

Viele Journalisten und andere Medienvertreter haben sich anlässlich der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens am 25. 6. 1991 in Laibach (Ljubljana) eingefunden, um darüber zu berichten und wurden dann unerwartet zu Kriegsberichterstattern. Nik Vogel, damals 24 Jahre, dürfte aber in den Tagen danach und wegen dem Krieg gekommen sein. Am 28. Juni, dem Tag schwerer Gefechte und jugoslawischer Luftangriffe in verschiedenen Teilen Sloweniens, waren Vogel und sein Fahrer Norbert Werner in ihrem Geländewagen, den sie als Medienfahrzeug markiert hatten, am Flughafen Brnik bei Laibach um dort Aufnahmen zu machen. Dort versuchte die slowenische Territorialverteidigung anscheinend, den Flughafen von der jugoslawischen Armee zurück zu erobern. Die JNA soll in dem Krieg immer wieder Fahrzeuge der internationalen Medien gezielt beschossen haben, jedenfalls hat sie an diesem Tag das Auto der beiden Österreicher beschossen und die Insaßen getötet.

Nik Vogel in „Die Erben“ (1983), mit Titanilla Kraus

Der jugoslawische Feldzug konnte trotz der waffentechnischen Überlegenheit (von der Anzahl der eingesetzten Kämpfer war man gleich) aus einer Reihe von Gründen nicht gelingen. Unter den Angehörigen mancher Nationalitäten in der JNA (v.a. Slowenen, Kosovo-Albaner, Kroaten, Bosnier) war die Motivation gering, die Unabhängigkeit Sloweniens zu bekämpfen (zumal der Kriegseinsatz ihnen gegenüber teilweise mit falschen Angaben begründet wurde), nicht-serbische Soldaten desertierten in grosser Zahl (Slowenen wechselten meist die Seiten, während andere die Waffen niederlegten), manche Offiziere unterrichteten die Slowenen auch über Pläne und Stellungen der JNA. Serben wiederum waren nicht bereit, für den Erhalt der Einheit Jugoslawiens in Slowenien bis zum äussersten zu gehen.

Nach Rückschlägen bzw. dem Nicht-Funktionieren ihrer Strategie wollte die militärische Führung (Rest-) Jugoslawiens zwar eine Ausweitung der Operation und eine Erhöhung der verwendeten Ressourcen, die politische Führung (Milosevics Marionette im Staatspräsidium war Borislav Jovic) war aber dagegen und setzte sich durch. Die Regierung unter Markovic verlor während des Kriegs die Kontrolle über das Militär. Die slowenische TO wiederum war hoch motiviert und gut organisiert, handelte im Einklang mit der Regierung und der Bevölkerung des Landes (die sich am Widerstand beteiligte), hatte die bessere Orts- und Geländekenntnis. Der Großteil der internationalen Meinung war auf der Seite Sloweniens.

Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit standen noch 4000 slowenische Soldaten und Offiziere im Dienst der JNA, nur 1000 davon in Slowenien (etliche davon wechselten während des Kriegs die Seiten) – wo 20 000 JNA-Angehörige aus anderen Nationalitäten stationiert waren, die zu Beginn des Kriegs Verstärkung bekamen. Kommandant der jugoslawischen 5. Armee war zu Kriegsbeginn ein Slowene, Konrad Kolschek, der damit die Militäraktion gegen seine Heimatrepublik leiten durfte/musste. Er wurde noch während des Krieges abgesetzt und durch einen Serben ersetzt. 1993 musste er sich in Slowenien vor Gericht verantworten und tat dies mit dem Argument, er habe versucht, schlimmeres für das Land zu verhindern (wurde freigesprochen). Er versuchte dann erfolglos, vom Nachfolgestaat des sozialistischen und vereinten Jugoslawiens, dem er gedient hatte, der aus Serbien und Montenegro bestehenden Bundesrepublik Jugoslawien, eine Pension zu bekommen und schrieb Memoiren.

Nach deutlichen Verlusten willigte die jugoslawische Seite am 7. Kriegstag, dem 3. Juli, in einen Waffenstillstand ein. Eine Fahrzeug-Kolonne wurde an diesem Tag in Belgrad zur Verstärkung losgeschickt, kam aber bald zum Stillstand, da ein Prioritäts- bzw. Loyalitätswechsel der militärischen Führung in dieser Phase griff. Während sich die JNA in die Kasernen in Slowenien und nach Kroatien zurückzog, wurde auf Brioni unter internationaler Vermittlung verhandelt. Das am 7. Juli geschlossene Abkommen sah die „Aussetzung“ der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien bis Oktober und den Abzug der JNA aus Slowenien, die schweres Gerät aber zurücklassen musste (und der jungen slowenischen Armee damit zu Ausrüstung verhalf), vor – ein Kompromiss, der die Unabhängigkeit dieser beiden Republiken beinhaltete. Kroatien verbat sich den Abzug über sein Territorium, der dann per Schiff nach Montenegro durchgeführt wurde. Die Bezeichnung „10-Tage-Krieg“ kommt daher, dass die Tage zwischen Waffenstillstand und Brioni-Abkommen hier mitgezählt werden.

Von Bedeutung ist der Krieg zum einen natürlich für Slowenien, das damit seine Unabhängigkeit behauptete (die erste Grenzänderung in Europa nach dem 2. Weltkrieg bzw. der Jalta-Konferenz, abgesehen von der deutschen Wiedervereinigung). Aber der kurze Krieg in Slowenien bedeutete auch das Ende Jugoslawiens, zumal auch die Unabhängigkeit Kroatiens mit ihm durchgesetzt wurde (wenn auch nicht mit den vorwiegend serbisch besiedelten Gebieten). Ohne Kroatien machte ein Fortbestehen Jugoslawiens keinen Sinn, schon gar nicht für Bosnien und Makedonien. Weder ein reformiertes Jugoslawien, wie es Ministerpräsident Markovic angestrebt hatte, noch ein sozialistisches hatte nun noch eine Chance, der „Partikularismus“ gewann endgültig die Oberhand und damit die konfrontative Durchsetzung von Interessen. Die jugoslawische Armee wurde infolge der Abspaltung Sloweniens und Kroatiens eine fast ausschliesslich serbische Institution. Und das Augenmerk der serbischen Politik ging nun zu den serbischen Volksgruppen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, über die die neuen nationalen Ansprüche abgesteckt wurden.

In Kroatien und Bosnien spalteten sich diese Bevölkerungsteile von den Republiken ab, bevor sich diese von Jugoslawien abspalteten (April 1991 bzw. Jänner 1992, jeweils einige Monate vor der Unabhängigkeitserklärung dieser Republik). Was in Slowenien von Seiten der JNA nicht zum Einsatz kam, wurde in Kroatien und Bosnien für ein Gross-Serbien in den Krieg geworfen. Im Herbst 1991 gingen in Kroatien bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Krajina-Serben und der Mehrheitsbevölkerung in einen offenen Krieg über, in dem Rest-Jugoslawien auf Seiten der Serben eingriff.

„Kurier“, 29. 6. 1991

Video-Dokumentation von dem Krieg (auf Slowenisch)

Das Auto am Flughafen nach dem Beschuss (Video, Slowenisch)

Slowenische Darstellung des Kriegs (auf Englisch)

Blog-Artikel über die Ereignisse, von einem Österreicher, der den Assistenzeinsatz des Bundesheers an der Grenze als Nachrichtenoffizier mit erlebte

Triptychon von Marko Kovacic „Garten der irdischen Freuden“, 1991. Künstlerhaus Wien 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. In diesen Folgen wurde die damalige Feindseligkeit gegen Jugoslawen in Wien thematisiert…

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