Zur Geschichte des Kongo

Es gibt zwei Staaten, die diesen Namen tragen (und an dem Fluss liegen, der ihnen den Namen gab), die ehemalige französische Kolonie Republik Kongo (nach der Hauptstadt auch Kongo-Brazzaville genannt) und die ehemalige belgische Kolonie Demokratische Republik Kongo (Kongo-Kinshasa, war zeitweilig in Zaire umbenannt). Um dieses zweitere Land, das wesentlich grössere der zwei, geht es hier. Dieses Kongo (in Französisch und diversen anderen Sprachen „Congo“) war und ist in einem erstaunlichen Ausmaß in die Weltgeschichte involviert, wenn auch meist nur passiv und als Opfer in der einen oder anderen Form. Aus dem Kongo kam ein grosser Teil der Menschen, die von europäischen Mächten als Sklaven nach Amerika (Nord und Süd) deportiert wurden und von moslemischen Sklavenhändlern vor allem innerhalb Afrikas. Im Kongo-Becken dürfte der HI-Virus entstanden sein, wobei die gängigere Theorie eine Übertragung des Viruses Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts von Affen auf Menschen im westlichen Zentralafrika sieht und die „OPV-AIDS-Hypothese“ (vor allem von Edward Hooper vertreten) ebenfalls eine solche Übertragung, allerdings durch Versuche für die Kinderlähmungs-SchutzImpfung in den späten 1950ern an Kongolesen unter belgischer Kolonialverwaltung, durch einen amerikanischen Arzt, der Teile von Affen-Nieren für die Herstellung seines Impfstoffes verwendete. Aus dem Kongo kam mit das Uran für die ersten Atombomben der Welt, den einzigen bisher abgeworfenen (1945, von den USA über Japan), ebenso wie jahrzehntelang der Kautschuk für Autoreifen in aller Welt oder Elfenbein für Billardkugeln und Klaviertasten. Die wichtigsten zoologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts gab es im Kongo, voran das Okapi. Diese Aufzählung ist weit davon entfernt, vollständig zu sein.

Seine Bedeutung erhält das Land, das in diesen Grenzen seit der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 besteht (nur in den aller-seltensten Fällen haben Afrikaner die Grenzen ihrer Staaten selber bestimmt), durch seine Grösse, seine zentrale Lage in Afrika, seinen Reichtum an wirtschaftlich verwertbaren Naturschätzen. Diese Faktoren haben in der Regel aber auch sein Verhängnis ausgemacht. Natürlich gibt es einen Faden, eine rote Linie, vom vorkolonialen Sklavenhandel über die belgische Herrschaft und den Sturz von Lumumba bis in die heutige Zeit. Zur Gliederung der Geschichte des Kongo bietet sich folgendes Schema an:

* Die vorkoloniale Zeit, also bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, als das Land unter direkte auswärtige (europäische) Herrschaft kam. Die Reiche auf dem Gebiet der späteren DR Kongo, am wichtigsten jenes des Bakongo-Volkes, existierten teilweise in die belgische Zeit hinein. Schriftliche Quellen zu dieser Phase sind äusserst rar.

* Die Phase des „Kongo-Freistaats“, als das Land Privatbesitz des belgischen Königs Leopolds II. war, die mit erwähnter Kongo-Konferenz begann. Die von „Weissen“ (zum Teil mithilfe von Einheimischen) im Kongo verübte Ausbeutung und Gräuel (zum Beispiel Hände-Abhacken fürs Nicht-Erfüllen der Arbeitsquote) waren in dieser Phase besonders ausgeprägt, so dass hier auch von einem Völkermord gesprochen wird. Internationaler Druck führte 1908 zu einer Umwandlung Kongos in eine staatliche belgische Kolonie („Belgisch Kongo“). 80 mal so gross wie Belgien ist der Kongo.

* Diese Umwandlung brachte Veränderungen, einige Verbesserungen, aber die „Chicotte“, die Peitsche aus Nilpferdhaut, wurde fast bis zum Ende der belgischen Kolonialherrschaft geschwungen. Womit schon einiges über die Herrschaftsausübung der Belgier gesagt ist. Die „Force Publique“, die unter Leopold gegründete Kolonial-Armee mit belgischen Offizieren und kongolesischen Soldaten, nahm an beiden Weltkriegen an Seiten der Belgier teil. Die wirtschaftliche Ausbeutung verlagerte sich von der Plantagenwirtschaft hin zum Bergbau. Es gab, vor allem nach dem 2. Weltkrieg, eine Ansiedlung von Belgiern (und anderen Europäern, sowie im geringeren Ausmaß von Indern; zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1960 war 1% der Bewohner Kongos Nicht-Afrikaner) weshalb die Kolonialverwaltung eine gewisse Entwicklung förderte. Leopoldville etwa, das heutige Kinshasa, wurde nach 1945 eine Großstadt mit allem was dazugehört, u. a. einer Universität. Relativ kurz war die Phase vom Entstehen einer Unabhängigkeitsbewegung Mitte der 1950er zur Gewährung dieser und den Wahlen, auf deren Grundlage die Macht im unabhängigen Kongo verteilt wurde.

* Die 1. Republik oder auch Kongo-Krise, 1960 bis 1965. Die Krise begann mit der Meuterei der Force Publique wenige Tage nach der Unabhängigkeits-Feier und endete mit der Machtübernahme der Armee unter Mobutu, die aus der Force Publique hervorgegangen war. Dazwischen lagen ausländische Interventionen, Abspaltungen, die Aufteilung des Landes in mehrere Machtsphären,…Die Selbstbestimmung wurde dem Kongo nach 81 Jahren direkter oder indirekter belgischer Herrschaft zwar de jure aber nicht de facto gewährt. Als Staatsoberhaupt hielt sich in diesen Jahren der 1. Republik Joseph Kasavubu, er war so etwas wie eine Konstante in ihr, jedoch ging von ihm wenig tatsächliche Macht aus. Vereinfacht kann man sagen, dass die ehemalige Kolonialmacht Belgien und andere Europäer auf Tschombe und die Sezession der rohstoffreichen Provinz Katanga setzten, und die US-Amerikaner auf Mobutu und das Militär, und sich die USA durchsetzten. Politische Kräfte, die mehr oder weniger auf den bereits wenige Monate nach der Unabhängigkeit entmachteten und ermordeten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba zurückgingen, beteiligten sich ebenfalls, dann vom Ostblock unterstützt, an dem Machtkampf. Die Phase endete, als Mobutu Kasavubu schliesslich beiseite schob und auch offiziell die Macht übernahm.

Ministerpräsident Lumumba und Force Publique-Soldaten 1960
Ministerpräsident Lumumba und Force Publique-Soldaten 1960

* Die 2. Republik, welche die Zeit der prowestlichen Mobutu-Diktatur war. Die DR Kongo ist in vielen Aspekten exemplarisch für Afrika, so auch in den neokolonialistischen Bemühungen, mit denen der Westen erfolgreich versucht hat, das Land auch nach der Unabhängigkeit faktisch unter Kontrolle zu halten. Mobutu war von Lumumba zum Generalstabschef ernannt worden, wie Pinochet von Allende… Parallelen gibts auch zu Mossadegh (Iran) oder Arbenz (Guatemala), anderen im Kalten Krieg von den USA/dem Westen dämonisierten und gestürzten Demokraten. Auch sie vertraten jeweils einen Nationalismus, der anti-(neo)kolonial war, sich nicht gegen Nachbarn richtete oder die Vorherrschaft einer Gruppe (Ethnie) im Staat propagierte, und ursprünglich auch nicht die Nähe der Sowjetunion suchte – im Fall Lumumba geschah das, aber in eigentlich harmlosen Belangen und zu einem Zeitpunkt als die Versuche der Gegenseite zur Destabilisierung des Landes und seiner Regierung schon offensichtlich waren. Mobutu, der Zuhälter des Kongo, reiht sich wiederum neben andere vom Westen unterstützte Despoten ein.

* Die 3. Republik, die Zeit seit dem Sturz Mobutus 1997, der seinen Ausgang im Völkermord von Hutus an Tutsis im Nachbarland Ruanda 1994 genommen hatte, die Herrschaft der Kabilas, Vater und Sohn, mit den Kriegen, die im und um den Kongo seit dem Feldzug der Allianz gegen Mobutu 1996/97 geführt wurden/werden.

Die Entwicklung im Kongo ist, auch aktuell, für Afrika und darüber hinaus relevant und spannend. In den letzten paar Jahren erschienen zwei Bücher, die die Geschichte Kongos auf ganz unterschiedliche Weise behandeln und für sich beanspruchen können, hier neue Maßstäbe gesetzt zu haben.

Das wäre zum einen „Der Traum des Kelten“ des Peruaners Mario Vargas-Llosa (im spanischen Original 2010 erschienen). Darin geht es um Roger Casement, einen irischen Diplomaten in britischem Dienst, der die  Menschenrechtsverletzungen im Kongo zur Zeit des Freistaats, also der Privatherrschaft des belgischen Königs Leopold II., untersuchte und anprangerte. Casements Bericht nach einer Expedition im Auftrag des britischen Aussenministeriums führte schliesslich mit zur belgischen Verstaatlichung des königlichen Privatbesitzes, der der Kongo war. Casement untersuchte später auch die Ausbeutung von Indianern in Putumayo in Peru, die wie im Kongo für die Kautschuk-Gewinnung geschah. Diese Beobachtungen machten aus ihm einen Anti-Imperialisten und Unterstützer irischer Selbstständigkeit (er hätte auch im britischen diplomatischen Dienst Karriere machen können). Für den irischen Osteraufstand 1916 versuchte er, deutsche Unterstützung einzufädeln, flog noch vor der Niederschlagung des Aufstands auf, und wurde zum Tode verurteilt. Aufgrund seiner Homosexualität, die von den britischen Behörden nach seiner Festnahme auch herausgekehrt wurde, war er auch in Irland lange nicht akzeptiert. Die Rahmenhandlung von „Der Traum des Kelten“ schildert die letzten Tage Casements vor seiner Hinrichtung im Londoner Pentonville-Gefängnis, drei Monate nach seiner Festnahme. Vargas Llosa, der auf Casements Spuren herumreiste, erzählt in Rückblicken dessen Leben, anhand seiner prägenden Stationen, von denen der Kongo eine war. Das Buch ist ein Genre-Hybrid, aus der Romanumsetzung einer Biografie und einem Tatsachen-Roman.

Ebenfalls 2010 erschien das (hier niederländische) Original von „Kongo – Eine Geschichte“ des Belgiers David van Reybrouck, eine der wenigen Gesamtdarstellungen der Geschichte dieses Landes. Der Kulturgeschichtler Van Reybrouck, dessen Vater nach der Unabhängigkeit im Kongo (in Katanga) als Eisenbahningenieur gearbeitet hat, hat auch hier historisches, journalistisches und literarisches, Mikro-Beobachtungen und Makro-Entwicklungen, miteinander verwoben (so ähnlich, wie es auch V. S. Naipaul macht). Er hat anscheinend auch Vargas Llosa für dessen obiges Buch beraten. Hervorzuheben sind hier jedenfalls die umfangreichen Literaturhinweise. Das Buch hat auch seine Schwächen, diese Kritik von Dominic Johnson in der taz geht aber für meine Begriffe viel zu weit.

Ansonsten ist an Literatur zum Kongo essentiell:

– „The Congo from Leopold to Kabila“ von Georges Nzongola-Ntalaja, einem kongolesischen Wissenschafter, der in USA lehrt

– „Herz der Finsternis“ des Schriftstellers Joseph Conrad, einem Bekannten Casements; ein Roman in dem der Kongo sowohl Schauplatz als auch Metapher ist und der von Conrads eigener Reise dorthin inspiriert ist; er handelt von seelischen Abgründen aber auch von der des Kolonialismus‘ (der nigerianische Schriftsteller Achebe warf Conrad dennoch Rassismus vor)

– „Schatten über dem Kongo“ von Adam Hochschild, das ebenfalls die Freistaat-Ära des Kongos behandelt

– „Lord Leverhulme’s Ghosts“ von Jules Marchal, einem belgischen Ex-Diplomaten und Historiker, der die belgische Kolonialherrschaft, der er selber diente, kritisch beleuchtet (so weit ich weiss, nicht auf Deutsch erschienen)

– „Regierungsauftrag Mord: Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise“ von Ludo de Witte, eine Studie über die Ermordung des ersten Ministerpräsidenten Kongos, die er in den Kontext weiterer westlicher Bemühungen zur Be- bzw. Verhinderung einer echten Unabhängigkeit des Landes stellt

– Das „Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo“ von Emizet Francois Kisangani und Scott F. Bobb (2009), auf Englisch

– Zur vorkolonialen Geschichte des Kongo: „Geschichte Afrikas“ von John Illiffe (1997; englisches Original 1995), S. 109f, S. 172-176, S. 189f, S. 206f

– Zur AIDS-Entstehung: „The River: A Journey Back to the Source of HIV and AIDS“ von Edward Hooper (1999)

– Robert Edgerton: „The Troubled Heart of Africa. A History of the Congo“ (2002)

Und zwei Links noch: Daniel Stroux: Rohstoffe, Ressentiments und staatsfreie Räume. Die Strukturen des Krieges in Afrikas Mitte. Internationale Politik und Gesellschaft/International Politics and Society 2/2003 (Ebert-Stiftung). 

Americas War in Central Africa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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