Eishockey, Politik und Literatur

Josef Haslinger nannte seinen Text “Roman”, doch “Jáchymov” (2011) ist eher eine romanhafte Biografie oder ein Tatsachen-Roman (erzählende Non-Fiction) oder (Zeit-)Geschichtsschreibung in Romanform. Es geht darin um den tschechischen Eishockeytorwart Bohumil Modrý, der Tormann jenes tschechoslowakischen Eishockey-Nationalteams war, das zu Beginn der kommunistischen Ära der Tschechoslowakei nach einer politischen “Intervention” beseitigt wurde. Seine Tochter Blanka Modra, Schauspielerin in Wien hat Haslinger biografisches Material über ihren Vater und sein Schicksal unter dem Stalinismus zur Verfügung gestellt, die sie auch durch Gespräche mit dessen früheren Teamkollegen und Zellenkollegen bekommen hat. In der Rahmenhandlung des Buches kommt ein Herausgeber zur Radiumkur nach Jachymov in Tschechien und trifft dort eine Tänzerin, die die Tragödie ihres Vaters untersucht. Haslinger und Modra trafen sich im wahren Leben vor etwa 20 Jahren das erstemal und redeten oft über ihren Vater, ehe er sich des Themas annahm.

Der Prager Bohumil Modry stieg in den 1930ern zu einem der besten Eishockey-Tormänner Europas auf, holte bei der vorletzten Weltmeisterschaft vor dem Krieg 1938 mit seinem Team die Bronzemedaillie, zu einer Zeit als er auch Ingenieurwissenschaften studierte. Während der nazi-deutschen Besatzung der Tschechoslowakei ab 1938 (Sudetenland) bzw. 1939 (der Rest) konnte Modry wie viele andere weder studieren noch Eishockey spielen. Nach der Befreiung 1945 wurde die Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten bald durch ein von sowjetischen Truppen im Lande gestütztes kommunistisches Machtmonopol ersetzt. Die Machtübernahme der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei wurde 1948 abgeschlossen als Staatspräsident Beneš (der zur Zeit der deutschen Besatzung aus dem Exil mit Dekreten regierte) auf Druck des kommunistischen Ministerpräsidenten der Allparteienregierung, Gottwald, eine neue, kommunistisch noch stärker dominierte Regierung vereidigen musste. Der neuen Regierung Gottwald gehörten außer Kommunisten nur solche Mitglieder anderer Parteien an, welche mit der KP sympathisierten, mit einer Ausnahme: der parteilose Aussenminister Jan Masaryk, Sohn des Mitbegründers dieses Staates, der seinen Posten behielt. Masaryk starb am 10. März beim sogenannten dritten Prager Fenstersturz (der erste, 1419, markiert den Beginn der Hussitenkriege, der zweite, 1618, den Beginn des Dreißigjährigen Krieges), höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen Mordanschlag. Danach setzten die Kommunisten eine neue Verfassung durch und nötigten Benes zum Rücktritt.

Modrý begann nach dem Krieg wieder auf nationaler und internationaler Ebene Eishockey zu spielen und arbeitete als Ingenieur. 1947, bei der ersten WM nach dem Krieg, und 1949 wurde er mit der Nationalmannschaft Weltmeister, 1948 bei den Olympischen Winterspielen in St. Moritz gewann das Team die Silbermedaille. Bei diesen drei Turnieren war die Tschechoslowakei zudem die beste europäische Mannschaft und gewann damit den Europameistertitel. Das Team um Modry, Vladimír Zábrodský, Jaroslav Drobny, Vladimir Bouzek, Ladislav Trojak musste aber 1948 eine USA-Tour absagen und stattdessen in die SU fliegen, wo es damals praktisch noch kein Eishockey gab. Bei diesem Besuch wurde das Fundament für das später dominierende sowjetrussische Eishockey gelegt. Russische Bandy-Spieler (ein Vorläufer des Eishockeys bzw. eines der mit ihm verwandten Spiele, mit einem Ball auf dem Eisfeld, das grösser ist,…) wurden in ein Trainingslager einberufen. Dort sollten ihnen die eingeflogenen Tschechen und Slowaken gemeinsam mit Eishockey-Spielern aus den baltischen Staaten die Grundlagen des Sportes näherbringen, auch die Ausrüstung. In den baltischen Staaten, besonders in Lettland, hat dieser Sport aufgrund skandinavischer Einflüsse bereits vor der zwangsweisen Angliederung an die Sowjetunion existiert. Es war der Beginn des sowjetischen Eishockey-Programms. Modry und die anderen aus der CSSR lernten dabei auch Anatoli Tarasov kennen, der das Programm leitete und dann erster Teamchef der sowjetischen Eishockey-Auswahl wurde. 1954 nahm diese erstmals an einer Weltmeisterschaft teil und gewann gleich das Turnier. Der Beginn der modernen Ära im Hockey ist hier anzusetzen, bis in die 1980er dominierte die SU das internationale Eishockey dann, wenn auch nur unter Abwesenheit Kanadas bzw. dessen Spitzenspieler (s.u.). Kern des sowjetischen Nationalteams wurde der Moskauer Armee-Klub CSKA.

1948 reiste das tschechoslowakische Nationalteam dann zu Freundschaftsspielen nach Grossbritannien, ein Flugzeug mit einem Teil der Mannschaft stürzte über dem Ärmelkanal ab. Im selben Jahr nahm Modry mit seinem Klub LTC Prag, der den Grossteil der Nationalmannschaft stellte, am Spengler-Cup in Davos in der Schweiz teil. Die Spieler wurden von dort lebenden Exil-Tschechen kontaktiert, die sie zur Flucht und Fortsetzung ihrer Karriere im Westen überreden wollten. Das Team um Modry, dessen Frau Schweizerin war, entschied sich, nicht zuletzt aus Sorge um ihre Familien in der Heimat, dagegen. Modry hatte auch noch die Hoffnung, auf anderem Weg als Profi in den Westen zu kommen; das tschechoslowakische Regime soll ihm dies in Aussicht gestellt haben, für den Fall eines Sieges bei der WM 1949. Als dies dann geschah, wurde ihm aber die Auslandsfreigabe verweigert und er beendete daraufhin seine Karriere. Das Regime argwöhnte bezüglich des Flugzeugabsturzes eine verdeckte Flucht in den Westen und begann Nachforschungen anzustellen, in deren Verlauf auch die Kontakte und Diskussionen in Davos ans Licht kamen.

Im März 1950 sollte die Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach London reisen, jedoch fürchtete das Regime das Überlaufen der Spieler in den Westen. Kurz vor dem geplanten Abflug wurde ein Teil der Spieler am Flughafen in Prag verhaftet. Der bereits zurückgetretene Modry wurde einige Tage nach zehn aktuellen Nationalspielern ebenfalls verhaftet und beschuldigt, Anführer der “Aufmüpfigen” zu sein. Insgesamt 12 Personen wurden in einem Geheimprozess und wahrscheinlich mit unter Folter erpressten Geständnissen der Spionage und des Hochverrats angeklagt; sie hätten geplant, nach der Weltmeisterschaft in Grossbritannien zu bleiben und dies schon 2 Jahre zuvor in Davos diskutiert. Alle Angeklagten wurden zu Haftstrafen und Arbeitslager verurteilt, von acht Monaten bis zu 15 Jahren, bis auf Zábrodský, der nur eine kurze Spielsperre erhielt – was später zum Verdacht führte, Zábrodský habe seine Kollegen verraten. Eine Strafe, gedacht als Warnung an die Gesellschaft der Tschechoslowakei. Modry erhielt mit 15 Jahren die höchste Strafe.

Nicht nur für Bohumil Modry selbst, im Gefängnis und dann im Arbeitslager, auch für seine Familie draussen, begannen mit der Verurteilung schwere Zeiten. Am Eingang zum Lager bei Jachymov stand auf einem Schild “Praci ke svobode”, in etwa die Übersetzung von “Arbeit macht frei”, was auf den Eingängen zu den nazideutschen Konzentrationslagern gestanden ist… Die Sowjets hatten das Arbeitslager nach dem Zweiten Weltkrieg in Jachymov errichtet, um den dortigen Uranabbau durch Zwangsverpflichtete (zunächst waren dies deutsche Kriegsgefangene und nicht-vertriebene Sudetendeutsche)  vornehmen zu lassen. Uran, das dem sowjetischen Atombombenprojekt zugute kommen sollte. Bereits die Curies hatten Uran aus St. Joachimsthal/Jachymov, damals noch ein Teil Österreich-Ungarns (Kronland Böhmen), für ihre Untersuchungen über die Radioaktivität benutzt, dann, nach der Einverleibung des “Sudetenlandes”, auch die Wissenschafter des deutschen “Uranprojekts” unter den Nationalsozialisten (neben anderen Quellen). Die Tschechoslowakei war nach dem Krieg als Gelbkuchenproduzent bzw. Uranlieferant Gründungsmitglied der IAEO, verlor aber durch die oben geschilderte Machtübernahme der Kommunisten ihre aussenpolitische Handlungsfreiheit (auch die schon fest geplante Teilnahme am Marshall-Plan kam so nicht zustande). Ab 1948 mussten politische Häftlinge des kommunistischen Regimes der Tschechoslowakei im Uranbergwerk arbeiten und dabei das Uran mit bloßen Händen abbauen; unter den Gefangenen waren genug Wissenschafter, die die tödlichen Konsequenzen vorhersagen konnten. Modry wurde nach fünf Jahren aus der Haft entlassen, litt aber schon an den gesundheitlichen Folgen der Zwangsarbeit.

1964 wurde der Uranabbau in Jachymov eingestellt. Über 150 000 Häftlinge und Zwangsverpflichtete, die Hälfte der dort Beschäftigten, dürften an den Folgen der Verstrahlung bei der Arbeit gestorben sein. Modry schrieb trotz schwerer Krankheit Bücher und Aufsätze über das Training von Eishockey-Torwarten, die grossen Einfluss auf den Sport in seinem Heimatland hatten. Als die Eishockey-WM 1959 nach Prag kam, wurde er vom sowjetischen Team unter Trainer Tarasov eingeladen. 1963 starb er im Alter von 47 Jahren an Leukämie. Modry wurde 2011 posthum in die Hall of Fame des Eishockey-Weltverbandes IIHF aufgenommen, anlässlich der WM in Bratislava, Blanka Modra vertrat dabei ihren Vater. Damals schrieb Haslinger, auch Literatur-Professor in Leipzig, noch an der Geschichte. Die Ehrung durch den Weltverband und die Veröffentlichung des Buches fielen ziemlich zusammen. Haslinger hat erst die Beschäftigung mit Modrys Geschichte näher an das Eishockey gebracht.

Als Modry in der Zwischenkriegszeit seine Karriere begann, wurde noch unter freiem Himmel auf Natureis gespielt, und entwickelte sich die Eishockey-Parallelwelt Nordamerika (NHL) – Europa (die IIHF-Turniere EM, WM, Olympia) – wobei die Regel- und Stilunterschiede zwischen hier und dort eher ein Nebenaspekt sind. Die Kluft wurde durch das Betreten der (europäischen) Bühne durch die Sowjetunion und den Kalten Krieg verstärkt. Nicht nur die Olympia-Turniere (bis 1988), auch die Weltmeisterschaften galten, bis in die 1970er, als Amateur-Bewerbe. Kanada durfte keine Profi-Teams schicken, trat bei WM und Olympia von 1920 bis 1963 mit Amateur-Klubteams an – und gewann dennoch die eine oder andere Medaille. Der Sieger des Allan Cups, der wichtigsten Trophäe im kanadischen Senioren-Amateureishockey, wurde bis 1963 als Vertreter Kanadas zu internationalen Turnieren geschickt. Zur WM 1961 fuhren die Trail Smoke Eaters, wo sie den letzten Weltmeistertitel für Kanada für die nächsten 33 Jahre gewinnen konnten (und als letztes Klub-Team). 1964 wurde erst ein richtiges kanadisches (Amateur-)Nationalteam geschaffen. Seth Martin war Mitglied des Teams der Trail Smoke Eaters von 1961, nahm auch an anderen Weltmeisterschaften teil, spielte 1967–1968 für St. Louis Blues in der NHL, kam ins Stanley Cup-Finale. Nach der Saison musste er sich zwischen der Fortsetzung seiner NHL-Karriere und Beibehaltung seiner Feuerwehrmann-Pension entscheiden, wählte letzteres.

1951 war die WM erstmals mehrklassig; ab 1969 wurden A,B,… -Turniere nicht mehr an einem Ort ausgetragen. In der NHL gab es ab Ende der 1960er, Anfang der 70er, nach ihrer Erweiterung, Legionäre aus Europa, Schweden und Finnen; andere Westeuropäer waren nicht gut genug, Osteuropäer durften nicht. Ungefähr in dieser Zeit wurden bei IIHF-Turnieren und in der NHL Helme für Spieler eingeführt (Tormannmasken gabs natürlich schon früher); in der NHL infolge des Masterton-Unglücks 1968, bei der IIHF etwas früher. Kanada boykottierte die IIHF-Turniere WM und Olympia 1970 bis 1976 wegen der Amateur-Regelung, die NHL-Spieler ausschloss (und die Ostblock-Nationen begünstigte). In dieser Phase, ab 1972, wurden die Summit Series geschaffen, in denen erstmals ein kanadisches Team, das die besten Spieler aus der NHL umfasste, auf dem Eis stand und sich mit der bei Weltmeisterschaften und Olympia-Eishockey-Turnieren dominierenden sowjetischen Auswahl maß. Daraus entstand der Canada Cup, der dann in World Cup of Hockey umbenannt wurde. Der kanadische Sieg 1972, über 8 Spiele (4 in Kanada, 4 in der Sowjetunion), hat für das Eishockey-Mutterland noch immer eine Bedeutung. Legendär war auch das Finalduell im Canada Cup 1987, zwischen der “Sbornaja”, mit ihrem erstem Block mit Krutow, Makarow oder Larionow, und Kanada, mit Spielern wie Gretzky, Lemieux, Messier, eine Art Gipfeltreffen im Kalten Krieg.

Von 1972 bis 1979 gabs zur NHL die Konkurrenzserie WHA. 1975 liess die IIHF Profis bei der WM zu, 1976 trat die USA bereits mit Spielern aus der WHA an, 1977 kehrte Team Canada zurück, mit NHL- &  WHA-Profis wie den Esposito-Brüdern (auch Schweden und Finnland, wo in dieser Zeit Profi-Ligen eingeführt werden konnten, boten Profi-Spieler aus den nordamerikanischen Ligen auf). Seither nehmen Spieler, deren Klubs nicht den Sprung in die NHL-Play Offs geschafft haben, bei Weltmeisterschaften teil. Seit 1988 sind Profis bei Olympia-Turnieren zugelassen, ab 1998 macht die NHL während Olympia Pause, sodass es dort zu Best on Best-Duellen kommt. Die gibt es in der NHL aber schon seit Anfang der 1990er, infolge der Umbrüche in Osteuropa gingen auch die besten Spieler von dort in die NHL. Auch die erste Linie aus der grossen Sbornaja, 1989, im Zuge von Perestroika: Kasatonov und Fetisov gingen nach New Jersey, Krutov und Larionov nach Vancouver, Makarov nach Calgary. Kurz davor war Mogilny noch übergelaufen, er wollte nicht auf die Erlaubnis zu einem Wechsel in die NHL warten, die davor Pryakhin als erster SU-Spieler bekommen hatte. Beim Canada-Cup 1991 trat die sowjetische Sbornaja erst- und letztmals mit NHL-Spielern an.

Neue Nationen wie die Slowakei entstanden in den 1990ern und traten im internationalen Eishockey den Weg von unten in die A-WM an, diese wurde aufgestockt um diverse “westliche” Nationen oben zu halten. 1994 wurde der “Triple Gold Club” (Gold bei Olympia und WM, Sieg im NHL-Stanley Cup) mit den ersten “Mitgliedern” eröffnet und die Parallelwelten einander noch ein Stück näher gebracht. NHL-Verantwortliche machten 2009 den Vorschlag, die WM nur noch alle 2 Jahre auszutragen, die NHL würde dann unterbrechen um den Spielern die Gelegenheit zur Teilnahme zu geben. Eine sinnvolle Reform, denn in welcher Sportart gibt es schon jedes Jahr eine WM (ausser in jenen, wo ausserhalb der WM kein Betrieb stattfindet, wie der “Formel 1”) und in welcher sind die besten Athleten anderwärtig beschäftigt wenn eine WM stattfindet. Es war aber der IIHF-Präsident Fasel, von dem das “Njet” kam, mit Hinweis auf TV-Verträge und der (erfolgten) Vergabe von Turnieren!

Die Hierarchie unter den Eishockey-Nationen ist sehr festgefügt, kommt nicht so schnell durcheinander. Seit die Slowakei 2000 ihre erste Medaille als unabhängige Nation machte und diesen Erfolg in den folgenden Jahren bestätigte, spricht man von den grossen sieben Nationen. Wobei die USA im Eishockey nur bei Olympia und beim Canada Cup/World Cup gross ist, wenn sie bezüglich ihrer NHL-Spieler aus dem Vollen schöpfen kann (auch wenn sie heuer bei der WM eine Medaille gewann). Der Sieg des USA-Amateur-Teams über das sowjetische Team bei Olympia 1980 in Lake Placid und der folgende Turniersieg der Amerikaner gilt als grösste Sensation in der Geschichte des Eishockeys, wurde auch verfilmt. Die Schweiz kommt dem Kreis der Grossen am nächsten. 1953 gab es das letztemal für 60 Jahre WM-Medaillen an Teams ausserhalb der heute Grossen bzw. ihrer Nachfolgenationen, an Schweiz und BRD; heuer gewannen die Schweizer wieder Silber, dazwischen, in den 1990ern, errangen sie auch zwei vierte Plätze. Bei Olympia hat letztmals 1976 mit der BRD eine “kleine” Eishockey-Nation einen Top-3-Platz belegt. Vom Sensations-Charakter her kann der Sieg des weissrussischen Teams über Schweden im Viertelfinale von Olympia 02 (der Grundlage für den vierten Turnier-Rang der Weissrussen war) auf eine Stufe mit dem “Wunder auf Eis” von 1980 gestellt werden; Ruslan Salei war damals dabei, einer von 26 Spielern des KHL-Klubs Lok Yaroslavl, die bei einem Flugzeugabsturz am Weg zu einem Match zu Beginn der Saison 11/12 getötet wurden.

In Kanada, wo Eishockey entstand, ist dieser Sport nach wie vor identitär, nach aussen (als Abgrenzung zur USA und Grossbritannien) und im Inneren, aufgrund der ethnischen Heterogenität, es gibt dort nicht diese anglokeltische Dominanz wie anderswo. Eishockey ist nordisch, weiss, wohlhabend, ist kanadisch. Die Micmac-“Indianer” (auch: Mi’kmaq) im äussersten Osten Kanadas haben ein Spiel mit Holz-Stöcken und einem Ball auf Eis gespielt, ob vor oder nach Kontakten mit Briten und Franzosen, ist nicht ganz klar – der Ursprung des Spiels dürfte dort liegen. Das Eishockey-Nationalteam hat in Kanada eine besondere Bedeutung, dort werden die sonst verstreuten Kräfte gebündelt, kann man mit den Besten die Kräfte messen. Roch Carriers Kurzgeschichte “Une abominable feuille d’érable sur la glace” (englisch “The Sweater”, erschien im Sammelband “Who speaks for Canada”), der in Quebec vor dem Hintergrund der Stillen Revolution spielt, ist der auch in Kanada eher seltene Fall von Eishockey als literarischem Stoff. Wie bei Haslinger wurde auch hier Hockey mit Politik in Verbindung gebracht. Ansonsten ist hier “Amazons” zu nennen, vom US-Amerikaner Don de Lillo, unter einem Pseudonym und mit Hilfe eines Ko-Autors geschrieben, über eine fiktive Frau in der NHL. Bei andere Sportarten gibt es stärkere Verarbeitungen in der Literatur (sowie anderen Kunstgattungen), sowohl als Stoff zur Dramatisierung, als auch als sachliche Behandlung durch Schriftsteller, wie jene über das Boxen von Joyce C. Oates oder Norman Mailer. Häufiger sind beim Eishockey (vermarktungsorientierte) sportgeschichtliche Aufbereitungen und (Auto)Biografien. Von Jason Blake erschien eine Übersicht über “Canadian Hockey Literature”, auch in diesem Text von ihm (ebenfalls auf Englisch) gehts über die Bedeutung des Eishockeys für Kanada sowie seine literarischen Verwendungen. Zu nennen ist etwa Morley Callaghans “The Game That Makes a Nation”.

Erich Kästner schrieb 1936, nach den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen (einen Ort den er liebte), zur Zeit seiner Drangsalierung durch die Nazis, als Fortsetzung des “Fliegenden Klassenzimmers” eine Kurzgeschichte unter dem Titel “Zwei Schüler sind verschwunden”. Darin reissen die Gymnasiasten Matthias Selbmann (genannt “Matz”, der Stärkste seiner Klasse) und “Uli” (Ulrich von Simmern, der Klügste) aus dem Internat in dem fiktiven Kirchberg nach Garmisch-Partenkirchen aus, um beim Olympia-Eishockey zuzusehen. Grossbritannien gewann dieses Turnier (deren grösster Eishockey-Erfolg), die Mannschaft rund um Carl Erhardt, der Eishockey als Schüler in Deutschland und Schweiz lernte. In der Kurzgeschichte erleben die Schüler ein packendes Spiel zwischen GB (“England”) und Kanada. Das Match ging, in Real wie in der Geschichte, 2:1 für den Aussenseiter aus Europa aus, war kein Finale, da die Medaillien nicht im K.O.-System ausgespielt wurden, sondern einer Finalrunde. Die Schüler freunden sich auch mit einem englischen Eishockeyspieler an.

In der Sowjetunion gabs, wie im Zusammenhang mit Bohumil Modry erwähnt, im Baltikum ein Eishockey, bevor es eins in Russland gab. Letten, wie Helmuts Balderis oder Arturs Irbe, mischten dann neben Russen auch am ehesten im sowjetischen Eishockey mit. Irbe weigerte sich 1991, nach der versuchten Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung der damaligen Sowjet-Republik Lettland sowie im benachbarten Litauen im Jänner dieses Jahres, bei der WM für das sowjetische Nationalteam zu spielen. 1990/91 war die letzte Saison für ihn bei Dinamo Riga und in der sowjetischen Liga bevor er in die NHL wechselte, die vorletzte Saison dieser Liga überhaupt und die WM 91 die letzte, an der eine sowjetische Mannschaft teilnahm – dieser Staat löste sich nach dem Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991 auf. 1992 nahmen 12 der 15 ehemaligen Sowjet-Republiken als “Gemeinschaft unabhängiger Staaten” (ein Staatenbund) an den Olympischen Spielen teil, ehe Russland (im Eishockey und anderwärtig) endgültig sein Erbe als Nachfolgestaat der Sowjetunion antrat und die anderen Ex-SU-Staaten ihren eigenen Weg gingen. Im Hockey hiess das, dass sie sich aus der damaligen C-Gruppe nach oben kämpfen mussten, wobei sich nur Lettland dann ununterbrochen in der Top-Gruppe halten konnte. Aus verschiedenen Gründen haben manche Spieler anderer Republiken nach dem Ende der Sowjetunion für Russland gespielt, etwa der Litauer Kasparaitis, der Ukrainer Petrenko oder der aus Kasachstan stammende Nabokov.

In Kasachstan ist das Eishockey von der russischen Minderheit, die noch immer ungefähr ein Drittel der Bevölkerung ausmacht (angegebene Zahlen variieren stark), dominiert. Der russisch-stämmige Bevölkerungsteil ist im Norden des Landes, nahe der Grenze zu Russland (die über Jahrzehnte  hinweg eine innerstaatliche war), konzentriert. Dort liegt auch Ust-Kamenogorsk (Oskemen), die Hockey-Hochburg Kasachstans. Auch Jewgeni Nabokov stammt von dort. Ethnische (asiatische) Kasachen bevorzug(t)en Sportarten wie Boxen, Ringen, Gewichtheben, sind in den Eishockey-Teams ihres Landes noch immer eine Minderheit, nennenswerte Ausnahmen im Nationalteam waren Sagymbayev in den 1990ern und jetzt Zhailauov. Auch bei Barys Astana, das als einziges kasachisches Team in der multinationalen, russisch dominierten, Kontinentalen Hockey-Liga (KHL) spielt. Es spricht einiges dafür, dass es eine politische Entscheidung war, den Klub aus der neuen Hauptstadt auf Kosten von Torpedo Ust-Kamenogorsk (heute Kazzinc-Torpedo) zu forcieren, was nicht zuletzt durch den Transfer von Spitzenspielern (russischen Kasachen) dorthin geschah.

Nationalistisch oder politisch aufgeladene Duelle gibts natürlich immer wieder im Eishockey. So etwa bei der WM 1969 das Spiel zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, ein Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Bei der WM 1972 in der damaligen Tschechoslowakei siegte die Heim-Mannschaft über die als unschlagbar geltende sowjetische Auswahl im entscheidenden direkten Aufeinandertreffen 3:2, was ihr den Turniersieg einbrachte, ein Spiel im sowjetisch kontrollierten Prag, das vielfach als eine Art Revanche für 1968 gesehen (und gefeiert) wurde. Bei der U-20-WM 1987 in der CSSR kam es im Spiel zwischen Kanada und der Sowjetunion zu einer Massenschlägerei, die zu einem Abbruch führte. Seltener sind die Fälle, wo ehemalige Eishockey-Spieler sich in der Politik versuchen. Ken Dryden war Tormann der Montreal Canadiens in deren glorreichen 1970ern (nach dem Verkauf der Quebec Nordiques nach Colorado sind sie jetzt der einzige “frankophone” Klub in der NHL, daneben der erfolgreichste mit 24 Stanley-Cup-Siegen und auch der letzte kanadische Sieger, 1992/93, sowie der älteste professionelle EH-Klub) und 1972 für das Team Canada bei den World Summit Series, und wurde Anfang des 3. Jahrtausends Parlaments-Abgeordenter für die Liberale Partei und sogar Arbeitsminister. Er schrieb auch über den Sport, u.a. in “The Game”. Auch Red Kelly war im kanadischen Parlament. Dann gibts noch den steirischen Landeshauptmann Franz Voves, oder Robert Oberrauch, der in Bozen für das Bürgermeisteramt kandidierte, für die italienischen Rechtsparteien; er ist italienisch-sprachig sozialisiert, was in Südtirol so nur in Bozen möglich ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krude Allianzen

Die Thematik, ihre Konstruktion und Verwendung

Die Herstellung von Verbindungen zwischen Islam(ismus) und deutschem Faschismus durch geschichtsrevisionistische und rechtszionistische Aktivisten, im historischen und aktuellen Kontext, ist in den letzten Jahren, an der Schnittstelle von Politologie, Geschichtswissenschaft, Publizistik und politischen Kampagnen, sehr modern geworden. Moslems, die für Nazi-Deutschland kämpften, nazi-deutsche Bemühungen um Bündnispartner (auch) in moslemisch geprägten Gegenden, palästinensische Bemühungen um Bündnispartner gegen Zionisten, und manch anderes werden als Beleg für eine vorgebliche Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Islam bzw. Islamismus bzw. Menschen in/aus islamisch geprägten Kulturen ausgeschlachtet. Die Thematik bzw. ihre Verdrehung bietet reiche Gelegenheit zu Diffamierung (z. B. der Anliegen der Palästinenser an sich) oder Vergangenheitsbewältigung (im Sinne von Entsorgung oder Umschreibung einer Vergangenheit), sie erweist sich (zumal es hier um die selben, uralten Feindbilder geht) als Kitt, um verschiedene Fraktionen miteinander zu verbinden, die viel eher jene Querfront bilden, die sie woanders orten wollen. Inzwischen singen ja auch Rechtspopulisten wie der Österreicher Strache das Lied von den drei Totalitarismen Faschismus, Kommunismus, Islamismus, denen “der Westen” und “die Juden” gegenüber stünden und versuchen sich ein antifaschistisches Mäntelchen umhängen. Die Geschichtspolitik im Dienste gegenwärtiger Kampagnen zielt hier u.a. darauf ab, Israel als Gegenstand kritischer Analyse und Reflexion zu entsorgen und nur noch als Objekt der Affirmation und Beschönigung zuzulassen.

Die Konstruktion bzw. Verwendung der Thematik spielt z. B. bei bei der deutsch-österreichischen Kampagne “Stop Drop the bomb” (auf Iran) eine wichtige Rolle, wo “linke” Polit-Kommissare, Israel-Fetischisten und Freizeit-Likudisten gerne auch den Brückenbau ins rechtskonservative Lager üben (nicht nur in jenes, in dem die “ersatzlose Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes” oder die Anerkennung der “effektiven Verschiedenheit von Rassen und Völkern” gefordert wird). Die Teilnahme an der Kampagne ist für diverse Wissenschafter und Publizisten die Verlängerung ihrer jeweiligen Arbeit. Der israelische Historiker Benny Morris etwa untersuchte früher mutig die Vertreibungen von Palästinensern im Zuge der israelischen Staatsgründung, gab dann dem Druck nach, der aufgrund dieser Arbeit auf ihn ausgeübt wurde, und befindet sich längst am rechten Rand des zionistischen Spektrums. Heute sagt er dass diese Vertreibungen gut waren und plädiert für weitere. Im Rahmen einer “Drop”-Veranstaltung 2008 in Wien rief er zu einem (gegebenenfalls atomaren) Präventivkrieg gegen den Iran auf, in dem Zusammenhang rechtfertigte er auch das israelische Atomprogramm. In der „Welt“ kam er mit dem praktischen Befund “palästinensische Mitschuld am Holocaust“ daher. Jeffrey Herf hat sich der “wissenschaftlichen Untersuchung von islamischem Antisemitismus” verschrieben, schreibt von einer “Synthese” während der “nazi-islamistischen Kollaboration”, von der heute noch die verschiedenen Formen des Islamismus geprägt sein würden, und wirkt ebenfalls an Drop mit. Matthias Küntzel, ein früher linksextremer Politikwissenschaftler und Publizist, heute ein angesehener und gut vernetzter Agitator, Vorstandsmitglied von SPME (Verhinderung Vorträge und Anprangerung unliebsamer Wissenschafter, Plattform für konforme), ADL-Preisträger, beherrscht wie kein anderer im deutschen Raum die deutsche Schuldentsorgung über “den Islam”, bei der der Brückenschlag ins rechte Lager und die Legitimierung israelischer Politik integrale Bestandteile sind; sein „Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg“ erschien z. B. auf Englisch bei “Telos Press”, dem Hausverlag der neuen Rechten in USA/Grossbritannien, der u.a. auch De Benoist und Carl Schmitt verlegt. Von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers, deutschen Erstunterzeichnern von “stopthebomb”, stammt „Halbmond und Hakenkreuz“, das Buch wurde in Wien von ziemlich jenen Kreisen, die Stop bzw Drop veranstalten, promotet. Volker Koop war Sprecher von CDU-Politikern, ist jetzt Publizist, er brachte “Hitlers Muslime. Die Geschichte einer unheiligen Allianz” heraus. Vorzügliche Demonstrationen, wie auch im 21. Jahrhundert Wissenschaft in den Dienst von Propaganda gestellt wird. “Anti”deutsche (wie sich jene “israelsolidarischen Linken” nennen, zu denen die genannten grossteils gehören) und ihre Partner argumentieren auch einen usraelischen Militärschlag gegen den Iran und Ignoranz für dessen Opfer aus dem Holocaust heraus – was nicht mehr ganz so leicht ist, seit man sich verpflichtet fühlt, die iranische Demokratiebewegung zu vereinnahmen. Niedlich wirds, wenn Küntzel auf einer Dropthebomb-“Konferenz“ davor warnt, diese zu einer „akademischen“ zu machen, und eine politische Intervention propagiert…

Die Verschiebung des NS in den “Nahen Osten”, wie auch die seit den 1950er-Jahren grassierende „Israelitis“ in Deutschland (und anderswo), ist nicht Folge der Aufarbeitung, sondern gerade der Verdrängung der eigenen Geschichte. Hannah Arendt kommentiert Anfang der 1960er einmal so: „Israel ist überflutet von Deutschen, die so philosemitisch sind, dass einem das Kotzen ankommt.“ Im Krieg 1967 solidarisiert sich ein Grossteil der westdeutschen Presse mit Israel, nicht nur der Springer-Verlag. “Spiegel” schrieb bewundernd von „Israels Blitzkrieg“ und schwärmte: „Sie rollten wie Rommel, siegten wie Patton und sangen noch dazu.“

Die Fakten

Im Verlauf des 2. Weltkrieges wurden nicht-deutsche Freiwillige und Kriegsgefangene, vor allem Osteuropäer, in Verbänden der deutschen Waffen-SS oder der Wehrmacht verwendet. Fast eine halbe Million Ausländer dienten in der Waffen-SS, in etwa 20 Divisionen, die ethnisch definiert waren. Diese ausländischen SS-Einheiten gab es für Rumänen, Serben, Spanier, Schweden, Ukrainer (s. u.), Bulgaren, Belgier (Degrelle), Briten, Dänen, Inder (ursprünglich der Wehrmacht unterstellt, siehe unten), Esten, Finnen, Ungarn, Letten, Niederländer, Norweger, Franzosen (“Charlemagne”), Italiener, Portugiesen, Weissrussen, Russen (die “Kosaken“-Division, gebildet aus seit dem Russischen Bürgerkrieg Exilierten; nach Kriegsende wurden sie in Lienz von Westalliierten an die Rote Armee ausgeliefert), Armenier, Georgier, Kroaten (inkl. Bosniaken, s.u.), Albaner (s.u.). Daneben gab es multinationale wie die “Wiking” oder die “Osttürkische” (s.u.) sowie jene der “Volksdeutschen” wie die „Prinz Eugen“. Aus kleineren Staaten wie Luxemburg oder Schweiz dienten Freiwillige in Divisionen benachbarter Völker. Der Grossteil der vertretenen Nationen waren Kriegsgegner Nazi-Deutschlands oder zumindest keiner seiner Verbündeten.

Ausländische Verbände in der Wehrmacht, die sogenannten “Ostlegionen”, umfassten neben vielen anderen die sogenannte Wlassow-Armee (von NS-Deutschland in Kriegsgefangenschaft gewonnene Russen, mehr als 300 000 Mann), die Indische Legion bevor sie der SS unterstellt wurde (s.u.), Einheiten von Ukrainern (s. u.), Georgiern, Polen, Armeniern, Kalmüken sowie jene, die im weitesten Sinn als “moslemisch” verstanden werden können und unten beleuchtet werden.

Hinzu kamen mit dem “nationalsozialistischen” Deutschen Reich verbündete Staaten bzw. Regime wie Italien, Japan, Spanien, Kroatien nach der Aufteilung Jugoslawiens,…

Asiaten aus der Sowjetunion, die als Soldaten der Roten Armee in nazi-deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, wurden anfangs als “rassisch minderwertig” eingestuft, ehe man auf die Idee kam, anti-russische bzw. anti-sowjetische Gefühle auch bei ihnen zu nutzen um Bündnispartner gegen die SU zu finden. Die Gebiete dieser Asiaten waren zum grössten Teil noch nicht von den Deutschen erobert worden. Die Wehrmacht lieferte allein in den ersten 8 Monaten ihres Einmarsches 1941/42 geschätzte 2,8 Millionen Kriegsgefangene dem Hungertod aus. Von daher wurde eine solche Rekrutierung von den Betroffenen auch als Überlebensmöglichkeit gesehen. Aus Soldaten dieser sowjetischen Nationalitäten wurden dann SS-/Wehrmachts-Einheiten gebildet oder sie in bestehende eingegliedert. Am Kriegsende wurden sie und andere freiwillige oder unfreiwillige Kollaborateure (gemäß der Yalta-Konferenz) von den Westalliierten an die Sowjetunion ausgeliefert und die betreffenden Völker unter Stalin zum Teil pauschal als Kollaborateure bestraft und umgesiedelt. Mohammed Amin al-Husseini, Grossmufti von Jerusalem, war aktiv bei der Anwerbung von Moslems, zum grössten Teil aus der Sowjetunion und vom Balkan, für Wehrmachts- und SS-Einheiten. Das deutsche Bemühen um Moslems aus der Sowjetunion (und anderswo) dürfte auch darauf angelegt gewesen sein, die Türkei auf ihre Seite zu ziehen sowie irgendwann die Ölfelder in Westasien und Aserbeidschan zu kontrollieren.

Zunächst einige Einzelheiten zur indischen Einheit. Inder hatten in verschiedenen Kriegen an Seiten der Briten gekämpft, im 1. Weltkrieg alleine 1,3 Millionen Mann. Damals hatte sich “Mahatma” Gandhi bereit erklärt, unter Indern für eine Teilnahme am Krieg der Briten zu werben, wahrscheinlich um damit die Briten in der Sache der indischen Unabhängigkeit gnädiger zu stimmen – eine Rechnung die nicht aufging. Beim Ausbruch des 2. Weltkrieges in Europa erklärte der britische Generalgouverneur dem Deutschen Reich im Namen Britisch-Indiens (des “Indischen Empires”) den Krieg, ohne die indischen Politiker zu konsultieren. Diese wollten eine indische Kriegsbeteiligung von einer Gewährung der Unabhängigkeit abhängig machen. Dennoch meldeten sich auch diesmal wieder Inder in Millionenstärke um für die Sache ihrer Kolonialmacht zu kämpfen. Subhash C. Bose gehört in der Zwischenkriegszeit im Indischen Nationalkongress jener Fraktion an, die mit Gewalt statt mit passivem Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft kämpfen wollten. Nachdem er 1941 einem von den Briten verhängten Hausarrest entflohen war, gründete er die Exilregierung “Azad Hind” und paktierte, nach dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund”, mit den Achsenmächten gegen die Briten. Die indische Öffentlichkeit sympathisierte ganz und gar nicht mit den Nationalsozialisten, auch Boses Fraktion nicht wirklich. Die von ihm aus indischen Soldaten in britischen Diensten, die von Achsenmächten gefangengenommen worden waren, sowie indischen Exilanten in Südost-Asien aufgestellte “Indische Nationalarmee” kämpfte zusammen mit den Japanern in Birma, von wo aus Indien eingenommen werden sollte. In Deutschland formierte er ab 1941 aus zumeist in Nordafrika gefangengenommenen indischen Soldaten die für die britische Armee gekämpft hatten, etwa 3500, eine militärische Einheit, die “Legion Freies Indien” oder “Indische Legion” oder “Tiger-Legion”. Geplant war, sie an Seite der Wehrmacht im sowjetischen Kaukasus einzusetzen um dann über den Iran nach Indien vorzustoßen und dort die britische Kolonialherrschaft zu beenden. Aufgrund der Lage an der Ostfront kam die Legion nie dorthin, wurde stattdessen an der Westfront, hauptsächlich in Frankreich, eingesetzt. 1944 wurde die Einheit der Waffen-SS unterstellt. Ein Jonathan Trigg, der mehrere Bücher über diese ausländischen SS-Divisionen geschrieben hat (“Hitler’s Vikings”, “Hitler’s Flemish Legions”,…), schrieb in “Hitler’s Jihadis” dass die Indische Legion zu zwei Dritteln aus Moslems bestand und zu einem Drittel aus Hindus und Sikhs; anderen Quellen zufolge (z.B. Neulen 1985) entsprach die religiöse Verteilung dieser Soldaten dagegen in etwa der damaligen indischen Gesamtbevölkerung, bestand also zu mindestens zwei Dritteln aus Hindus. Nach der deutschen Kriegsniederlage wurden die indischen Soldaten von Briten in das noch immer von ihnen beherrschte Indien zurückgebracht, wo Druck der Bevölkerung zu ihrer Freilassung führte. Die NS-Führung hatte aus rassistischen Gründen immer Vorbehalte gegenüber den indischen Soldaten sowie der Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien gehabt, die sie auch nicht förderte (Hitler in „Mein Kampf“: “Lieber Briten als Herrscher Indiens als wer anderer”). Sie hatte auch Vorbehalte gegenüber Bose und seiner Verbindung mit einer Österreicherin. Bose zweifelte immer mehr an den Nazis, nicht zuletzt, weil er auch ihren Rassismus zu spüren bekam. Auch das faschistische Italien stellte im 2. Weltkrieg eine indische Legionärs-Einheit auf, das Battaglione Azad Hindoustan.

Nun zu den “moslemischen” Einheiten. In der Wehrmacht gab es zunächst die “Wolgatatarische Legion” oder „Idel-Ural“, nach einer historischen Region in Russland, die ein Zentrum u.a. der Tataren ist. Die Namensgebung war, wie in anderen Fällen auch, ein “Appell” an nationale Gefühle – die in den Dienst der grossdeutschen Sache zu stellen waren. Wolga-Tataren wurden darin mit christlichen Mordwinen und anderen Nationalitäten aus dem europäischen Russland zwangsrekrutiert; viele liefen zu Partisanen über. Bekanntestes Mitglied war der tatarische Dichter Musa Dsahlil (auch Cälil oder Jalil). Er war nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion in die Rote Armee einberufen worden, mit der er NS-Deutschland bekämpfte. Er geriet schwer verwundet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde in die “Wolgatatarische Legion” gesteckt und wurde in dieser der Kopf einer tatarischen Widerstandsgruppe. 1943 gelang 950 Männern von dieser das Überlaufen zu sowjetischen Truppen, bald darauf flogen Dsahlil und 10 weitere auf. 1944 wurde er im Gefängnis Plötzensee in Berlin hingerichtet, wo heute auch ihm gedacht wird. Daneben wurden aus kriegsgefangenen Kaukasus-Moslems (wie Aseris oder Tschetschenen) und “Turkestanern“ (v. a. Zentralasiaten) Einheiten gebildet. Die “Legion Freies Arabien” bestand aus Arabern, moslemischen und griechisch-orthodoxen, und Moslems vom Balkan, Freiwilligen und Kriegsgefangenen. Sie wurde in Griechenland eingesetzt. Auch hier gab es Desertionen und deutsche Unzufriedenheit über die Moral. Der “Sonderverband Bergmann” unter Oberländer war ein 1941 aufgestellter Verband der Wehrmacht, der aus deutschen Vorgesetzten und kaukasischen Rekrutierten, Georgiern, Armeniern, Aserbaidschanern und Nordkaukasiern, bestand.

Die “Handschar“ war die eine kroatische SS-Division. In ihr waren Bosniaken (Bosnien-Herzegowina wurde nach dem deutschen Angriff auf Jugoslawien einem unabhängigen Kroatien zugeschlagen, quasi als Ausgleich dafür, dass Kroatien seine gesamte Adria-Küste an Hitlers wichtigsten Verbündeten Italien abtreten musste) und Kroaten unter deutschen und “volksdeutschen”  (Donauschwaben aus Jugoslawien) Offizieren zusammengefasst. Viele Bosniaken, z. B. ihr Mufti Pandza, waren unzufrieden mit ihrer Lage in Ustascha-Kroatien, einem Staat an dessen Politik sie wenig partizipierten. Für viele Ustascha-Aktivisten waren die moslemischen Bosniaken Sympathisanten der kommunistischen Partisanen und sie griffen deshalb ihre Dörfer an und töteten viele Zivilisten. Die serbisch dominierten Tschetniks beschuldigten die Bosniaken, an den Ustascha-Grausamkeiten gegen Serben teilzunehmen und verübten ähnliche Gewalttaten gegen sie. Im Oktober 1941 unterzeichnete eine Gruppe von 108 moslemischen bosnischen Notabeln in Sarajevo eine Resolution, die Ustascha-Verbrechen verurteilte und Sicherheit für alle Bürger des Landes, ungeachtet ihrer Nationalität, verlangte. Himmlers Phantasien über eine Zusammenarbeit war nicht auf ein Wohlergehen der Betroffenen abzielend; der Mufti aus Palästina war auch hier notwendig, um Bosniaken, denen ihre Ulemas eine Kollaboration mit dem Ustascha-Regime verboten hatten, von einer Rekrutierung für die Deutschen zu überzeugen. Bei und nach der Rekrutierung waren sie auch deutscher Propaganda ausgesetzt. Die Rekrutierten mussten ihren Eid auf Hitler und den Ustascha-Führer Pavelic ablegen. Die “Handschar” wurde v.a. gegen kommunistische Partisanen im jugoslawischen Raum (in deren Reihen sich ebenfalls Bosniaken befanden…) eingesetzt. Es gab Fälle von Desertionen und Meutereien, u.a. schon bald nach ihrer Gründung 1943 in Frankreich, wo sie ausgebildet werden sollten. Ursprünglich aus etwa 20 000 Männern bestehend, war die Division gegen Kriegsende in Auflösung begriffen und bestand zu ca. 50% aus Deutschen. Die “Kama”, die 2. kroatische SS-Division, war wahrscheinlich nur geplant, was immer auch davon umgesetzt wurde, ging in der “Handschar” auf. Die blutigen Abrechnungen in Jugoslawien nach dem Krieg betrafen auch diese Bosniaken. Eine einigermaßen objektive Darstellung scheint George Lepres “Himmler’s Bosnian Division: The Waffen-SS Handschar Division 1943–1945” zu sein. Dass kroatische Bosnier (v.a. in der Herzegowina) viel stärker als Bosniaken in Ustascha-Aktivitäten verstrickt waren und dieses Ustascha-Kroatien an sich eng mit der Achse verbündet bzw. von ihr geschaffen war, “fällt” meistens unter den Tisch.

Die “Skanderbeg“-SS-Division umfasste 6500 Albaner aus Jugoslawien, die zunächst für die “Handschar” rekrutiert wurden, und Albanien, beides Länder, die von den Achsenmächten besetzt waren. Gemäß der religiösen Diversifizierung der Albaner umfasste sie nicht nur Moslems, zu ihren„Verbündeten“ zählte z.B. ein katholischer Clan. Wie die kroatisch-bosnische Division(en) wurde auch sie von deutschen Offizieren geleitet. Die Division wurde gegen die Hoxha-Partisanen, also kommunistische Albaner, sowie gegen Juden und Serben, eingesetzt. In ihrer kurzen Operationszeit, gab es viele Fälle von Befehlsverweigerungen u.ä. Die Mitglieder wurden teilweise in Wehrmachtseinheiten gesteckt.

Der “Osttürkische Waffen-Verband” der SS  bzw. das “Ostmuselmanische SS-Regiment” setzte sich aus diversen, v.a. moslemischen, Nationalitäten aus der SU (war insofern multinational) zusammen, Zentralasiaten/Turkestanern, Wolgatataren, Krimtataren, Kaukasiern. SS-Hauptsturmführer Billig exekutierte 78 Mitglieder der Einheit wegen Befehlsverweigerung. Ein Teil der Mitglieder wurde der Dirlewanger-Brigade zugeschlagen, die für viele Massaker verantwortlich war.

Nazi-Deutschland sendete über Radio auch Propaganda in den arabischen Raum (die Menschen dort mussten also erst überzeugt werden); ein Klaus Faber, Ex-Staatssekretär (auch sonst diesbezüglich aktiv), hat auf “Hagalil” eine Anpreisung eines Herf-Buchs geschrieben, das auch diese “behandelt”. Eine Jane ist dem Gesülze dort so überzeugend entgegengetreten, dass ich aus ihrem Kommentar zitieren will: “…solche Radioprogramme sagen aber mehr über die Nazis aus, als über die Muslime und bzgl. letzterem macht es Sinn die muslimischen Medien auszuwerten und da stellen sich die Dinge eben, wie zu erwarten, sehr viel differenzierter dar…Nicht zu letzt muss auch eines klar sein. Für die National-Sozialisten waren auch die Muslime letztendlich semitische Untermenschen und nur ebenfalls nur dann interessant, wenn sie ihrer politischen Agenda in irgend einer Form nützlich waren. Deutscher Rassismus und deutscher Chauvnismus hat wenig übrig für islamische, braune, glutäugige Muslime. Aus der Ecke betrachtet sehen die Dinge dann nämlich auch noch mal ganz anders aus…Natürlich war Propaganda der Nazis judenfeindlich und es kann nicht verwundern, dass da, wo sich Muslime in ihrer Exisenz nicht ohne Grund durch die hohe Einwanderung und politische Agitation der Zionisten gefährdet sahen, mitunter glaubten, dass sie von der Judenfeindschaft der Nazis politisch was zu gewinnen hätten…anders als eine angebliche ‘jüdische Gefahr’ in Deutschland, stellte die massive Einwanderung und nicht zu leugnende Verdrängungspolitik der Zionisten gegenüber der muslimischen Bevölkerung ja keine eingebildete, sondern eine ganz und gar konkrete Gefahr dar… Wenn übrigens sich schon viele Deutsche nicht bewusst waren, was in den Konzentrationslagern geschah, in einer Zeit in der die Massenmedien erste Gehversuche machten, was zum Teufel erwartet man dann denn von den muslimischen Bauern in Palästina?…Dieser Tage haben jüdische Rabbis in Tel Aviv einen Aufruf gestartet keine Wohnungen an Gastarbeiter zu vermieten, weil dies angeblich gegen die Gesetze der Torah verstieße. Wenn sich heute schon manche Juden zu solch fremdenfeindlicher Agitation veranlasst sehen, weil sie glauben dass das Dasein der Gastarbeiter sie irgendwie bedrohen würde, um wieviel mehr ist es nachzuvollziehen, dass sich Palästinenser in den 30ern durch Juden bedroht sahen. Die Gastarbeiter heute in Israel sind zumeist da, weil sie dort gebraucht werden und stellen bestimmt keine Gefährdung Israels dar, das zionistische Projekt war aber sehr konkret und mit militärischen Mitteln tatsächlich auf Verdrängung der einheimischen Bevölkerung angelegt…Die Konflikte um Palästina in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts mit der rassistischen und chauvinistischen ‘arischen Bewegung’ in einen Topf zu werfen, missachtet einfach viele eigentlich nicht zu übersehende Komponenten der Geschichte…”

Exkurs zur ukrainischen OUN und Stepan Bandera. Die “Organisation ukrainischer Nationalisten” wurde in der Zwischenkriegszeit von Exil-Ukrainern gegründet, die die Ukraine aus der Sowjetunion “herausführen” wollten. Bandera leitete den radikalen Flügel der Organisation (OUN-B), Melnyk den gemäßigten OUN-M. Einheiten der OUN (bestehend vor allem aus Ukrainern, die aus dem Polen der Zwischenkriegszeit stammten, wo sie um die 15% der Bevölkerung ausmachten) nahmen in den Bataillonen “Nachtigall” und “Roland” im Verband der Wehrmacht beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 teil. Die “Galizische SS-Division” wurde dann aus diesen Einheiten oder anderen OUN-Kadern geformt. Nach dem Einmarsch proklamierten diese ukrainischen Nationalisten unter Bandera eine unabhängige Ukraine. Eine solche war aber nur einer von mehreren NS-Plänen für diese Region, die Deutschen machten die Ukrainer, auch die Kollaborateure unter ihnen, nicht zu gleichberechtigten Partnern; für das NS-Regime waren sie nützliche Vehikel gegen die Sowjetunion. Bald nach der deutschen Einnahme der ukrainischen Gebiete tauchten daher Zwistigkeiten zwischen den Verbündeten auf, noch 1941 wurden Bandera und andere OUN-Führer wie Stetsko verhaftet und nach Deutschland gebracht, 1942 in das KZ Sachsenhausen (in die Abteilung für hochstehende politische Gefangene, wo u.a. auch Kurt Schuschnigg, Julius Leber, Herschel Grynszpan, Georg Elser, Francisco Largo-Caballero saßen) eingeliefert. Die ukrainischen Gebiete wurden von den Deutschen hauptsächlich auf das “Reichskommissariat Ukraine” und das “Generalgouvernement” aufgeteilt, Gebiete im Osten nahe der sowjetischen Front kamen unter Militärverwaltung, das ebenfalls verbündete Rumänien bekam auch einen Teil ab, die Karpato-Ukraine gab Hitler (im “Wiener Schiedsspruch”) an Ungarn. Teile der ukrainischen Bevölkerung hatten die Wehrmacht als Befreierin von russischem und kommunistischem Joch begrüsst, die Abwürgung der Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen, die Verschleppung von Menschen als Zwangsarbeiter und die Abschöpfung von Ernte und Produktion ins “Reich” brachten aber auch die deutschfreundliche Bevölkerung gegen die Besatzer auf. Der grösste Teil von “Roland”, “Nachtigall” und “Galizien” ging in der “Ukrainischen Aufständischen Armee” (UPA) auf, die ab 42/43 bis Mitte der 50er  für eine unabhängige Ukraine kämpfte. Diese bekämpfte Russen (bzw. die Sowjetunion), Polen, Deutsche (die mit ihnen zuvor verbündeten NS-Truppen), Juden, Tschechoslowaken und verübte dabei Massaker auch an Zivilisten. Der ukrainisch-katholische Metropolit Szeptycki (mehr Pole als Ukrainer) war an der Ausrufung des ukrainischen Staates durch die OUN betetiligt, segnete ukrainische SS-Einheiten, rettete aber auch Juden. Die Rückeroberung der Ukraine ab 1943 durch die Rote Armee wurde nunmehr von grossen Teilen der Bevölkerung als Befreiung empfunden. 1944, als (auch) an der Ostfront die Kriegslage für Deutschland höchst prekär war, wandte sich das “Reichssicherheitshauptamt” (RSHA) an Bandera und Stetsko in Sachsenhausen, um eine neue Zusammenarbeit der ukrainischen Nationalisten gegen die Rote Armee einzufädeln. Die OUN-Führer wurden freigelassen, die UPA kollaborierte am Kriesgsende wieder mit den Deutschen, ehe für beide Seiten das dicke Ende kam. In der Beurteilung der OUN/UPA spiegeln sich nach wie vor die persönlichen/ nationalen/ politischen Präferenzen von Historikern (v.a. ukrainischen und polnischen) wieder. Die zeitweise enge Beziehung zu Nazi-Deutschland wird von Historikern wie David Marples als zwiespältig, taktisch und opportunistisch beschrieben, als Beziehung in der beide Seiten erfolgslos versuchten, die jeweils andere für ihre Ziele einzuspannen.

In der Nachkriegszeit gab es Differenzen zwischen US-Amerikanern und Briten über die Unterstützung der Guerillatätigkeit der OUN in der nun wieder sowjetischen Ukraine (v.a. ihrem Westen); die Briten (MI6) leisteten erhebliche geheimdienstliche und militärische Hilfe, während die Amerikaner (CIA) den ukrainischen Nationalisten kritisch gegenüberstanden – wegen dem brutalen Vorgehen der OUN v.a. im westdeutschen Exil auch gegen andere antisowjetische Nationalisten, weil sie skeptisch gegenüber ihrem Einfluss unter den Ukrainern, im Land wie im Exil, sowie ihren Möglichkeiten gegen die Sowjetmacht, waren, weil Bandera in seinem bundesdeutschen Exil falsche Dollar-Noten produzieren liess um die OUN-Aktionen zu finanzieren und weil sie sich einfach keine unabhängige Ukraine wünschten. Gerhard von Mende, baltendeutscher Herkunft, „Russland-Forscher“, war in der NS-Zeit bzw im 2. Weltkrieg in die Besatzung von sowjetischen Gebieten involviert gewesen. Er unterstützte  ab 1948, also noch zu Besatzungszeiten, die britische Position. In der BRD erhielt Von Mende wieder eine hohe Position auf Bundesebene, er setzte sich dann bei bayerischen Landes- sowie Bundesbehörden stark für Bandera und seine Truppe in München ein. Als ab 1953 auch die Briten zögerlicher wurden, hielt er sich mehr zurück. Daher übernahm 1956 Reinhard Gehlen, mit Mende seit grossdeutschen Zeiten politisch eng verbunden durch die “Fremden Heere Ost” (siehe unten), die Förderung der Bandera-Leute, im Gegenzug für Informationen aus der Ukraine und aus der Emigrantenszene, gegen den Willen der US-Amerikaner. Bandera wurde 1959 in München vom KGB ermordet.

Obwohl OUN-Theoretiker nachzuweisen versuchten, dass die Ukrainer keine Slawen, sondern Nachkommen einer „autochthonen Urbevölkerung“ seien, hielt Hitler sie für „genauso faul, unorganisiert und nihilistisch-asiatisch wie die Großrussen“. Die Haltung/Politik von “Anti”deutschen und anderen Hetzern gegenüber (etwa) Kurden lässt grüssen.

Nach dem Krieg flüchteten Nazis über die “Rattenlinie” über Italien, v.a. nach Lateinamerika (wo sie manchmal Terrormethoden an rechte Diktaturen vermittelten, die oft auch amerikanische und israelische Unterstützung hatten) und Westasien. Manche Rosinen aus dem Nazikuchen pickten sich aber die USA heraus. Viele Deutsche, darunter Ex-Nazis, kämpften in den 1950ern mit der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien (dort wurden auch ehemalige italienische Kriegsgefangene gegen die Aufständischen eingesetzt), wo es für Unabhängigkeits-Aktivisten auch eine Art Auschwitz-Schaukel gab. Gegen “Wilde” waren Deutsche erst recht willkommene Bündnispartner, nicht nur gegen Russen im Kalten Krieg.

Walther Rauff, in der NS-Zeit im RSHA und maßgeblich am Einsatz von Gaswagen als Tötungsinstrument beteiligt, verhandelte am Kriegsende mit Alliierten, floh dann über die “Rattenlinie” zuerst nach Italien, war Fluchthelfer für andere Nazis. War dann ein Jahr in Syrien, arbeitete für den dortigen Geheimdienst. Diese Episode lassen sich Mallmann & Cüppers nicht entgehen; die Aktionen der Einsatzkommandos in Nord-Afrika werden bei ihnen in den Zusammenhang einer “deutsch-arabischen Aktion” gestellt die gegen den „Yishuv“ in Palästina gerichtet gewesen sei. Laut diesem Artikel hat Rauff auch für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet. Er verbrachte dann etwa 10 Jahre in Ecuador, bevor er nach Chile ging, nach eigenen Angaben war der spätere chilenische Diktator Pinochet dafür verantwortlich, den er in Ecuador kennenlernte. Von Chile aus arbeitete er mit dem BND zusammen, dort hatte er Freunde aus der Zeit im RSHA. Nach dem Putsch Pinochets und der Etablierung der Militärdiktatur arbeitete Rauff offenbar auch für deren Geheimdienst DINA. Chilenische Juden hatten, als integraler Teil der Mittelklasse, den Putsch gegen Allende grossteils unterstützt. Anders als die argentinische Militärdiktatur (1976-1983) verwarf die chilenische den Antisemitismus. Pinochet besuchte Synagogen zu Yom Kipur und ernannte Juden in hohe Ämter seines Regimes, etwa Sergio Melnick, der einer seiner wirtschaftlichen Berater war und Minister wurde, oder Jose Berdichewsky, der im Militär bis zum General aufstieg und schliesslich Botschafter in Israel wurde. Das Pinochet-Regime unterhielt sehr gute Beziehungen zu Israel, kaufte dort Waffen, v. a. nachdem die USA unter Carter (ab 1977) ihm die Unterstützung versagten. Das alles hinderte Pinochet nicht daran, die Wehrmacht anzupreisen und mit Ex-Nazis in Chile Kontakte zu halten (http://www.jewishworldreview.com/0798/pinochet1.asp). Spätestens ab Anfang der 1970er war Simon Wiesenthal hinter Rauff her. Reagan, der die von Carter unterbrochene amerikanische Unterstützung der Pinochet-Diktatur wieder aufnahm, empfing Wiesenthal, es folgten Floskeln, amerikanische Interessen schienen durch Druck auf das Regime gefährdet. Auch Israel, das mit dem Regime, das Rauff schütze, verbündet war, und jetzt auch die BRD, forderten die Auslieferung von Rauff, der „inmitten“ dieses Interessengemenges starb.

Die Zusammenarbeit zwischen den Auslandsgeheimdiensten BND und Mossad begann 1957, wahrscheinlich auf Initiative des BND-Chefs Reinhard Gehlen, dem früheren Chefspion Hitlers im Wehrmachtsgeheimdienst “Fremde Heere Ost”, und als Versuch der Emanzipation vom CIA. Gehlen hatte sich mit seinen Unterlagen über die Sowjetunion in Bayern der USA gestellt und machte eine steile Karriere in der BRD. Er verhalf noch dem engsten Mitarbeiter von Eichmann, Alois Brunner, zur Flucht nach Syrien, vielleicht auch Eichmann selber, und war laut Otto Köhlers Buch “Unheimliche Publizisten” auch enger Freund des Rechtsextremisten Gerhard Frey. Der erste Kontakt zwischen den Geheimdiensten wurde wohl über die damalige israelische Mission in Köln aufgenommen, deren Aufgabe in der Umsetzung des Luxemburger Abkommen über die so genannte “Wiedergutmachung” bestand und in der auch ein Mossad-Mitarbeiter stationiert war. Der BND, bzw. seine Vorläuferorganisation, die “Organisation Gehlen”, war, von Gehlen abwärts, von alten Nazis durchsetzt, von Fremde Heere Ost wurde viel Personal übernommen, darunter auch ehemalige SS-Angehörige (teilweise mit neuer Identität). Mit “Für die Sicherheit Israels kooperieren wir sogar mit dem Teufel” soll sich der damalige Mossad-Chef Isser Harel für eine Zusammenarbeit mit den Westdeutschen ein- und durchgesetzt haben. Wie auch beim Apartheid-Regime Südafrikas oder der argentinischen Militärjunta, wenns um die “Sicherheit Israels” geht, geht man eben einen “Pakt mit dem Teufel” ein. Pragmatismus aus “nationalem Interesse” über Moral zu stellen, ist aber nicht jedem erlaubt.

In Deutschland wiederum gab es spätestens nach dem erfolgreichen israelischen Angriff auf Ägypten an der Seite Grossbritanniens und Frankreichs 1956 eine Bewunderung für die militärische Durchschlagskraft des jüdischen Staates. Der BND hatte Informationen durch seine Informanten in arabischen Ländern zu bieten, der Mossad über Osteuropa. Wertvoll waren für den BND in der Hochzeit des Kalten Krieges die Informationen von Juden, die aus Warschauer-Pakt-Staaten nach Israel kamen, v.a. übergelaufene Mitarbeiter von dortigen Geheimdiensten, durch die Ostblock-Spione in westdeutscher Politik und Verwaltung enttarnt wurden. Gehlen beauftragte seinen Vertrauten Wolfgang Langkau (anscheinend NS-unbelastet) als Verbindungsoffizier des BND für den Kontakt mit den Israelis. Auf israelischer Seite war der Mossad-Resident in Paris, Shlomo Cohen, für den Kontakt zum BND verantwortlich; dieser verstand sich auf Operationen “unter falscher Flagge”, etwa Personen (z.B. arabische Diplomaten in Bonn) für eine nachrichtendienstliche Arbeit (Geheimnis-Verrat) anzuwerben, sie jedoch dabei im Glauben zu lassen, sie arbeiteten für ein anderes Land. Langkau entwickelte auch gute persönliche Beziehungen zu Harels Nachfolger Meir Amit (Slutsky), der sich damit rühmte, die Heere Ägyptens, Syriens, Iraks, mit seinen Informanten infiltriert zu haben. Im Winter 1960/61 kam es dann zum ersten Besuch Harels im BND-Hauptquartier in der “Doktor-Villa” in der ehemaligen “Rudolf-Heß-Siedlung” an der Heilmannstraße in Pullach, wo einst Hitlers Parteikanzleichef Martin Bormann residierte. Der Besuch war der offizielle Beginn einer kurz zuvor begonnenen geheimdienstlichen und militärischen Kooperation zwischen Deutschland und Israel, die damals trotz des Wiedergutmachungsabkommens von 1952 noch keine offiziellen Beziehungen unterhielten. Gehlen bot dem Mossad, der im BND-Jargon den Decknamen “Blaumeise” bekam, unter anderem operative Freiheit auf deutschem Boden.

Selbst ehemalige Nazis wie Otto Skorzeny, Hitlers Offizier für besondere Operationen, Befreier Mussolinis und später mutmaßlicher Kopf der Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen (ODESSA), wurde vom Mossad eingespannt, mit oder ohne Mitwirkung des BND. Nach seinem Ausbruch aus einem deutschen Gefängnis in der Nachkriegszeit war Skorzeny ins franquistische Spanien geflüchtet. Dort konnte er ungestört Kontakte zu ehemaligen Größen der NS-Zeit wie Léon Degrelle aufrechterhalten und als Waffenhändler und Vermittler von Söldnern (unter anderem nach Südafrika) sein Geld verdienen. Ab 1953 fungierte er unter anderem als Berater des argentinischen Präsidenten Juan Perón und des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser, für den er militärische Aktionen gegen die Briten in der Suezkanal-Zone und Israel vorbereitete. Skorzeny wechselte dann die Seite und arbeitete mit dem Mossad gegen seinen vormaligen Arbeitgeber zusammen, lieferte Informationen über die deutschen Raketenwissenschafter in Ägypten sowie über ehemalige Nazis – um zu erreichen dass Wiesenthal ihn von der Liste der gesuchten Nazi-Verbrecher strich, was nach der Entführung Adolf Eichmanns (den CIA und BND lange deckten) 1960 auch eine Art von pragmatischem Deal war (darüber schrieb Tom Segev in seiner Simon Wiesenthal-Biografie).

Reste von SS-Divisionen und Wehrmachts-Einheiten mit Moslems aus der Sowjetunion waren Grundlage für eine Moschee in München und gewissermaßen den Islam in Nachkriegs-Deutschland; der eigentliche Beginn ist aber eher mit der Verpflichtung türkischer Gastarbeiter anzusetzen. Diese Moschee und der damit verbundene Said Ramadan, eine Führungsfigur der ägyptischen Moslembrüder, von Nasser aus Ägypten ausgewiesen, wurden im Kalten Krieg von den USA (CIA, Radio Liberty/Free Europe,…) unterstützt. Als das USA-Interesse nachliess, nahmen sich Islamisten von anderswo und Ghadaffi der Moschee an. Gerhard von Mende, in der NS-Besatzung der Sowjetunion u.a. für den Kontakt zu dortigen Moslems zuständig, war auch in der BRD als Forscher und für staatliche Stellen tätig, nun im Zusammenhang Kalter Krieg/Antikommunismus, u.a. war er mit dieser Gemeinschaft von Moslems aus der Sowjetunion im Umfeld der Münchner Moschee befasst. Zu dieser Moschee erschienen Bücher von Ian Johnson (“Die vierte Moschee”), er scheint die Sache halbwegs unvoreingenommen/untendenziös zu behandeln und Stefan Meining (der auch eine TV-Doku dazu gestaltete), „Zwischen Halbmond und Hakenkreuz“, seine Sachlichkeit scheint eher in Frage zu stehen.

Die USA versuchten im Safehaven-Abkommen Anderen, hier v.a. Lateinamerikanern, die Beschäftigung von im NS tätigen deutschen Wissenschaftern zu untersagen – sie spannten aber die meisten Ex-Nazis ein. Manche amerikanische Konzerne haben sogar schon am Aufstieg Hitlers mitgewirkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand schnell eine Konkurrenz zwischen den Alliierten im Hinblick auf Hinterlassenschaften des “3. Reichs”. Die V2-Rakete (in Nazi-Deutschland unter Einspannung von Zwangsarbeitern entwickelt und auch eingesetzt), war das interessanteste Rüstungsgut der Deutschen. Interessant als Reparationsleistung, als vorbeugende Abrüstung, vor allem aber zur Verkürzung eigener Entwicklungsarbeit; die USA hatten ja die Atombombe, aber kein Raketensystem, um sie zu schicken. Die V2-Leute um von Braun, Dornberger, Rudolph, Debus verliessen Nordhausen am Kriegsende und stellten sich in Bayern den USA (zur Verfügung) – der (west)deutsche “Frontwechsel” nach dem Krieg bzw. die amerikanische Wiederverwendung im Kleinen. Im Rahmen von “Overcast”, “Paperclip” und Nachfolge-Programmen wurden sie und andere Wissenschafter und Techniker des 3. Reichs in die USA gebracht (insgesamt etwa 4000 inkl. Familien bis in die 50er, die meisten blieben). Die USA transportierten auch, im Wettlauf mit der SU, die diese Zone zugesprochen bekam, Raketenteile und Dokumente aus Nordhausen ab. Das V2-Team arbeitete in den USA erfolgreich an militärischen Raketen mit, am Weltraumprogramm und dann oft noch in der Privatwirtschaft. Arthur Rudolph war der seltene Fall einer Verstossung nach erfolgter Beschäftigung, die Betreffenden hatten ja nun intime Kenntnisse von amerikanischer Rüstungsproduktion und/oder dem Weltraumprogramm. Oder Hubertus Strughold. Auch er konnte in den USA unbehelligt Karriere machen (Weltraummediziner für die NASA) obwohl er im nationalsozialistischen Deutschland als führender Luftfahrtmediziner in Menschenversuche verwickelt war, er entkam so einer Anklage im Nürnberger Ärzteprozess. Unter den deutschen Raketenwissenschafter in Ägypten waren auch im NS aktive, die dazwischen am französischen Raketenprogramm gearbeitet hatten, in die USA gingen aber die namhafteren.

Oder Otto von Bolschwing, ein Adjutant Adolf Eichmanns, der sofort nach Kriegende die Seite wechselte und in Österreich für die CIA arbeitete. 1954 durfte er in die USA einreisen, wurde fünf Jahre später US-Staatsbürger und begann eine Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann. Mit der Festnahme Eichmanns 1960 fürchtete er, seine wahre Vergangenheit könnte auffliegen. Das dauerte aber: Während man in der CIA laut dem Bericht debattierte, ob man bei Bekanntwerden alles leugnen oder sich auf die Umstände ausreden sollte, kam das US-Justizministerium Bolschwing erst 1979 auf die Schliche. 1981 sollte er ausgewiesen werden, starb aber noch im selben Jahr. Die USA interessierten sich für die Frage der Verantwortung für die Gräuel in Peenemünde, Nordhausen und anderswo von für sie strategisch Wichtigen bestenfalls am Rande (Widerstand gegen die Verpflichtungen gab es zeitweise im Aussen- und Justizministerium). Während etwa Speer im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess v.a. wegen seiner Verantwortung für den Zwangsarbeiter-Einsatz verurteilt wurde, bekamen dafür direkt Verantwortliche wie Dornberger Arbeitsverträge in den USA. Auch manche Kollaborateure gingen in die USA, siehe John Demjanjuk.

Die USA arbeiteten bald nach dem Krieg mit dem Franco-Regime in Spanien zusammen, das wenige Jahre zuvor 18 000 Spanier als „Blaue Division“ an die Seite Nazi-Deutschlands in den Krieg geschickt und Hitler Wolfram geliefert hatte, von diesem bei seiner Machtergreifung (im Bürgerkrieg) unterstützt worden war. Die Nr. 2 des Regimes, Carrero, hat sich einen Tag vor seiner Ermordung mit Kissinger zu einem Gespräch (über die Ölkrise) getroffen. Hingewiesen sei hier auf den Dokumentationsfilm „Dienstbereit“ über Nazis und Faschisten im Dienst der CIA im Kalten Krieg, von D. Pohlmann.

Analyse

Mit der vorgeblich geschichtsbewussten These, die “Feinde” Israels seien die Nachfolger der Nationalsozialisten, werden lästige Hindernisse einer bedingungslosen und militanten Parteinahme für Israel beseitigt und wird dessen Politik legitimiert. Beunruhigend erscheint, dass gerade diejenigen, die sich die Aufarbeitung der eigenen Geschichte zum Ziel gesetzt hatten, nicht bemerken (oder kein Problem damit haben), dass sie den Nahen Osten als Entsorgungsfeld für eben diese Geschichte missbrauchen. Die Wahrheit ist, Asiaten und Afrikaner (moslemische und andere) haben für den weissen Mann Kriege bestritten (ja, auch die “Weltkriege” waren Kriege der Weissen), nicht nur im 20. Jahrhundert, und davon gilt es, abzulenken.

In Nord-Aserbeidschan etwa, nach der Abtrennung von Persien Anfang des 19. Jahrhunderts unter russischer Herrschaft, wurden nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im 2. Weltkrieg Soldaten für die Rote Armee rekrutiert und eingesetzt. Nazi-Deutschland hat aus einem Teil jener, die in seine Kriegsgefangenschaft gerieten, wie auch im Fall anderer nicht-russischer Nationalitäten in der SU, Einheiten gebildet, die nun für sie kämpfen sollten; Freiwillige dürfte es hier nicht gegeben haben, zumal es NS-Deutschland nicht gelang, in diese SU-Republik vorzudringen. Es gab keine rein aserbeidschanischen Einheiten, sie wurden mit anderen Kaukasiern/Türken/Moslems zusammengespannt, unter deutschen Offizieren, in der “Ostmuselmanischen”/ “Osttürkischen” SS, in den “Turkestan”-, “Bergmann”- und “Kaukasus”-Wehrmachts-Einheiten. Fast 700 000 Aserbeidschaner (über 100 000 davon Frauen) kämpften für die Rote Armee, 250 000 wurden dabei getötet; 40 000 kämpften für das nationalsozialistische Deutsche Reich, wobei es, wie erwähnt, fraglich ist, ob hier eine Freiwilligkeit vorlag, und es hier Exekutionen wegen Befehlsverweigerungen sowie das Überlaufen zu Widerstandsbewegungen gab.

Es gab Araber/Moslems, die an der Seite der Alliierten gegen die Achse kämpften (v.a. mit Russen und Franzosen), Moslems die Juden im Holocaust halfen (etwa der marokkanische Sultan gegenüber dem Vichy-Regime, die damaligen Verantwortlichen der Moschee in Paris, die Zuflucht bot, der iranische Diplomat Abdol Hossein Sardari,…), Araber, die Opfer des Nationalsozialismus wurden; diese alle bekommen aber nie jene Aufmerksamkeit (zumal im deutschsprachigen Raum) wie jene, anhand derer man Schuld abzuwälzen versucht und heutige Politik rechtfertigen möchte. Wenn Satloff vom neokonservativ-rechtszionistischen WINEP einen aufwändigen Film über eine Suche nach einem arabischen “Gerechten unter den Völkern” macht, ist das noch eine relativ ausgewogene Behandlung des Themas, wenngleich natürlich auch hier der Ansatz, den Nahostkonflikt in den Holocaust mit seinen Opfer-/Täter-Rollen “einzubetten”, erkennbar ist.

Es gab Staaten/Völker/politische Organisationen, die Nazis während ihrer Macht oder danach halfen (auch die USA, die einige aufnahm), entweder weil man ideologische Gemeinsamkeiten sah oder aus pragmatischen Überlegungen – ohne dass entsprechende Rückschlüsse gezogen werden. Die „moslemischen“ SS-Divisionen waren auf deutsche Initiative hin entstanden, hatten deutsche Kommandanten, Deutsche waren unter den Mitgliedern, sie sollen aber nicht auf heutige Deutsche sondern heutige Moslems abfärben. Die Kollaboration von (20 000) “Kosaken” soll nichts über Russen und Ukrainer aussagen (oder über das orthodoxe Christentum, dem sie mehrheitlich angehörten), die von (ca. 10 000) “Ost-Türken” schon über sie bzw. ihre Religion; 40 000 Ungarn oder 60 000 Letten in SS-Einheiten sind, bekommt man den Eindruck, nichts gegen 20 000 Bosniaken (und andere Nationalitäten die in dieser Einheit dienten, siehe oben) oder 6 500 Albaner.

Natürlich hat das NS-Lebensborn-Projekt auch nur (helle) Nord- oder Osteuropäer(innen) eingeschlossen, nie Asiaten oder Afrikaner.

Johann von Leers, ein antijüdischer und antichristlicher Publizist im Nationalsozialismus, flüchtete nach dem Krieg zuerst in Perons Argentinien, dann nach Nassers Ägypten, wo er zum Islam konvertierte. Für jene, die mit der Konstruktion der Verbindung NS-Islam beschäftigt sind, wie Herf, ist er eine wichtige Ikone. Dabei würde (beispielsweise) die Karriere eines von Braun in USA mindestens genauso viel über beide Seiten aussagen, oder dass die USA allgemein deutschen Nazis willentlich Unterschlupf gewährt hat.

Die Sowjetunion war vom Nationalsozialismus und seinen Kriegen am stärksten getroffen und trug die Hauptlast am Sieg über ihn. Im Kalten Krieg wurden auf westlicher Seite Ex-Nazis wie auch faschistische Diktatoren wie Pinochet gegen die Nazi-Bezwinger eingesetzt. Gleichwohl setzten Rechtskonservative wie F.J. Strauss im Kalten Krieg den “Kommunismus” bzw. das, was sie darunter verstanden, auf eine Stufe mit dem Faschismus, und sich in Äquidistanz zu beiden.

Was dankbar angeprangert und verzerrt wird, sobald es in das betreffende Schema passt, darüber wird andernfalls (bzw. anderswo) gnädig (oder verschreckt) hinweggesehen. Hitler/NS-Begeisterung in Indien z.B., etwa beim kürzlich verstorbenen Hindu-Fundamentalisten Bal Thackeray, dem Gründer der “Shiv Sena”. Von den Küntzels werden auch die faschistischen Wurzeln der (maronitischen) Falange ausgeblendet oder dass die erste volle arabische Übersetzung der “Protokolle der Weisen von Zion” (Mu’amarat al al-Yahudiyya ‘ala-‘l-shu’ub) das Werk eines maronitischen Priesters aus dem Libanon, Anton Yamin, war (1925).

Hingewiesen sei hier auch auf den führenden SS-Ideologen Leopold von Mildenstein, Vorgänger Eichmanns als “Judenreferent” im RSHA, der die “Judenfrage” mit deren Auswanderung nach Palästina lösen wollte, und sich hier mit deutschen Zionisten (damals eine Minderheit unter deutschen Juden) traf. Er unternahm im Herbst 1933 eine mehrmonatige Palästinareise, zusammen mit dem führenden deutschen Zionisten Kurt Tuchler (ein Teilnehmer des 1. Weltkriegs und jüdischer Burschenschafter). Die Nazis liessen danach sogar eine Medaillie prägen, die Hakenkreuz und Davidstern auf den zwei Seiten zeigte. 1934 fand die Reise in einer enthusiastischen Artikelserie (“Ein Nazi in Palästina”) in Goebbels’ Zeitung “Der Angriff” ihren Niederschlag, deutsche Zionisten und Nazis waren voller Bewunderung für die zionistischen Siedler, fanden dass das Land den Juden gehörte und Juden dorthin gehörten, und sahen einen Wilden Orient in dem man mit grossem Besen durchkehren müsste. Der Zionismus war eben immer schon enger mit der westlichen Rechten verbunden als mit irgendwelchen anderen Kräften. Israel hat auch, wie erwähnt, mit dem von ehemaligen Nazis durchsetzten BND oder rechten Diktaturen wie jener in Chile eng zusammengearbeitet. Im Fall der Partnerschaft Israels mit Apartheid-Südafrika störte es auch nicht, dass dessen Premierminister aus der Nationalen Partei wie Verwoerd oder Vorster während des 2. Weltkriegs gegen die südafrikanische Unterstützung der Alliierten und die Aufnahme von Juden aus Europa agitiert hatten.

Dem de.wikipedia-Artikel über v. Mende kann man entnehmen wie die Sache insgesamt hingebogen wird von entsprechender Seite: Ein Benutzer „T.M.L.-KuTV“ schreibt dort von „Nazi-Moslems“ (mit Link zu „Islamfaschismus“-Artikel, wo dieser eigentlich nicht als Kollaboration sondern als Einschätzung von Islamismus definiert ist) und den „moslemischen Alliierten der Nazis“, löscht die Information über die ursprüngliche Kriegsgefangenschaft dieser SU-Moslems mit fadenscheinigen „Begründungen“, beschreibt den „Sonderverband Bergmann“ als Truppe “moslemischer Soldaten der Wehrmacht” (solchen ist übrigens zuzutrauen, dass sie aus Unwissen bzw. Ignoranz auch christliche Kaukasier wie Georgier zu „Moslems“ zählen und nicht gegen besseres Wissen), verschweigt Mendes Engagement für Ukrainer und andere SU-Völker, usw. Nach dem von diesen Kreisen verbreiteten Paradigma „Moslems und Nazis haben sich gefunden weil sie einander ähnlich sind“ müsste die Tatsache dass die USA (die Guten also) nach dem Krieg ebenfalls diese Moslems aus der SU einspannte, ja entweder etwas gutes über diese Tataren und andere oder etwas schlechtes über die Amerikaner aussagen, was aber beides nicht sein darf. Aus diesem Dilemma versuchen er und seine “Zuarbeiter” herauskommen indem sie schreiben, dass nicht alle von ihnen Kollabos waren, dass die USA nur Einfluss über sie wollten (aha) und die BRD bzw. alte Nazi-Seilschaften ebenfalls, und -nicht zuletzt- dass sich die Moslems geschickt gegenüber den Amerikanern tarnten. Man könnte noch lange fortfahren, die ganzen tendenziösen Bearbeitungen in diesem und anderen Artikeln aufzuzeigen. Jemand hat im Zusammenhang mit der Politisierung der Wikipedia darauf hingewiesen, dass der Artikel über den al Dura-Vorfall in der englischen Wiki fast doppelt so lang ist wie der über den Krieg 1948 um Palästina dort. Der Artikel „Relations between Nazi Germany and the Arab World“ ist an sich ein Produkt der Bemühungen, Wikipedia für Propaganda zu benützen.

Rassismus und Diffamierung/Dämonisierung über angebliche NS-Verwicklung (nicht zuletzt, um die eigene zu verstecken) ist gar nicht so ungewöhnlich. Im Roman „Die Insel der Abenteuer“ von Enid Blyton (Original „The Island of Adventure“) gibt es einen schwarzen Diener namens Jo-Jo, der als Feind der Briten dargestellt wird. Er ist ein Spion für die Nazis und grausam zu Kindern… Mehr zu Blyton aus Wikipedia: Blytons Erzählungen enthalten teilweise zeitbedingten versteckten bis offensichtlichen Rassismus, besonders in der Noddy-Serie, in der die dunkelhäutigen „Golliwogs“ („Golliwogs“ sind traditionelle „Negerpuppen“, die Minstrel-Musiker darstellen, zudem ist „Golliwog“ in Großbritannien ein Schimpfwort für Schwarze) oft Unsinn anstellen und den anderen Spielzeugpuppen geistig unterlegen sind. Die heutigen Noddy-Ausgaben erscheinen daher in einer bearbeiteten Fassung, in der die Golliwogs sympathischer dargestellt werden.

In “Icon of Evil. Hitler’s Mufti and the Rise of Radical Islam” von David G. Dalin (einem amerikanischen Rabbiner und Historiker), John Rothmann und Alan Dershowitz (2008) geht es einmal mehr um den Mufti Husseini, und der Titel sagt schon, wofür ihn die Autoren brauchen. Die Aussage in einem Satz: Der Geist des Nationalsozialismus ist über Husseini, der in Hitlers innerem Kreis gewesen sei, in die islamische Welt hineingetragen worden, wo er durch Arafat oder Ahmadinejad weiterleb(t)e. Lob von B. Morris bestätigt den Charakter des Buchs mit seinen verfälschten Geschichtsbildern. Tom Segev schrieb in der “New York Times” eine Kritik.

Annette Herskovits tritt in diesem Artikel den von proisraelischen Ideologen verbreiteten Mythen entgegen, stellt diese in den Zusammenhang von “moralischen” Rechtfertigungen, die Eroberer anderer Länder in die Welt setzen. Vertreibungen und Enteignungen von Palästinensern, die bis heute andauern, so Herskovits, verlangen nach Dekonstruktion der Beziehung von Land und Einwohnern, sowie der Neu-Produktion moralisch erscheinender Rechtfertigungen. Vor diesem Hintergrund würden Leute wie Alan Dershowitz die spärliche Zusammenarbeit von Arabern und Moslems mit Nazis ausschlachten um sie im “Nahostkonflikt” als Erben des Nazismus zeichnen, darauf erpicht, Juden auszurotten, und diese darin als unschuldige Opfer.

Ein aktuelles Buch von Gilbert Achcar, “Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen”, entlarvt zahlreiche pseudo-wissenschaftliche Arbeiten zum Thema und stellt arabische Haltungen zum Holocaust und den Juden in ihren angemessenen historischen und intellektuellen Kontext, wie der israelische Historiker Avi Shlaim urteilte. Das Buch zeigt, wie die “Nazifizierung” der Araber/Moslems mit dem Mufti von Jerusalem im Mittelpunkt (der gerne als repräsentativ für Palästina in jener Zeit dargestellt wird, obwohl seine Rolle hauptsächlich darin bestand, Moslems vom Balkan oder der damaligen Sowjetunion von einer Kollaboration zu überzeugen) funktioniert. Pipes’ “Campus Watch” hat umgehend eine Hetzkampagne gegen Achcar gestartet.

“Confronting fascism in Egypt: dictatorship versus democracy in the 1930s” von Jankowski/Gershoni ist ebenfalls eine sachliche Behandlung des Themas europäischer Faschismus im islamischen Raum.

Der deutsche Historiker René Wildangel hat in einer Studie, “Zwischen Achse und Mandatsmacht”, Palästina zur Zeit des Nationalsozialismus’ in Deutschland und in Bezug dazu, untersucht, u.a. anhand damaliger palästinensischer Zeitungen (anstatt nur anhand deutscher Geheimdienstberichte oder Nazi-Radioprogramme). Die Person Hitler, so Wildangel, seine Wirkung auf die Massen, die nationale Begeisterung, faszinierte durchaus (wie auch andernorts). Auch manche NS-Parolen seien in Palästina positiv aufgenommen worden, meistens allerdings weniger aus einer grundsätzlichen antijüdischen Haltung heraus, wie oft unterstellt, sondern getreu dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” (Peres und seine “Begründung” zur engen, auch nuklearen, Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika lässt grüssen). Die Palästinenser kollektiv als Anhänger des Nazi-Regimes darzustellen, sei vor allem der politischen Entwicklung nach 1945 geschuldet.

Richard Wolin argumentiert in einem Artikel in “The Chronicle” aus 2009, Autoren wie Herf würden ein Amalgam aus einander widersprechenden Phänomenen konstruieren. Etwa aus den ägyptischen Muslimbrüdern unter Sayyid Qutb und der Regierung von Nasser, die sich eng an die SU anlehnte, anti-religiös war, Qutb hinrichten und die Moslembrüder verfolgen liess. Auch die USA hätten ehemalige Nazis weiter beschäftigt (eigentlich viel mehr und viel “wichtigere” als Nasser oder jeder andere arabische Herrscher), ohne dass sie allein dadurch faschistisch geworden sei. Der Islamismus, so Wolin, ist von realen Ereignissen in diesem Raum (als es gegen die kommunistische Regierung in Afghanistan ging, wurden Islamisten wie Bin Laden auch noch von den USA unterstützt…) und vom wahabitischen Saudi-Arabien geprägt worden, nicht von Ideen und der Propaganda durch Nazis und einzelnen Muftis und Imamen oder einer “Mufti-Gailani-Leers-Linie”, wie Herf behauptet. Nur in Qutb’s Spätschriften, insbesondere “Our struggle with the jews”, finde sich eine deutlich “islam-faschistische“ Verbindung, die dann von al-Qaida und anderen Salafiten aufgenommen wurde. Das Fortleben “nazistischer” Ideen in “Arabien” nach 1945 sei eng begrenzt gewesen.

Von Peter Wien, Gerhard Höpp und René Wildangel erschien 2004 “Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus”, ein Sammelband des Zentrums Moderner Orient (ZMO). Darin wird das oft vereinfacht dargestellte Verhältnis arabischer Menschen, Regierungen oder Medien zum europäischen, besonders deutschen, Faschismus untersucht, auch auf die aktuelle Instrumentalisierung historischer Erfahrungen in der palästinensisch-israelischen Auseinandersetzung eingegangen. Der israelische Historiker Israel Gershoni untersucht in seinem Beitrag die Situation in Ägypten zu Beginn der 1930er, weist darauf hin, dass insbesondere die auflagenstarke Zeitschrift “Al-Hilal”, ein Organ der Intellektuellen und städtischen gebildeten Mittelschicht, schon früh und äusserst besorgt von den totalitären Strukturen und der rassistischen Hetze in Deutschland unter dem NS berichtete und diese ablehnte. Auch in Palästina gab es nazikritische Haltungen. Gerhard Höpp belegt in seiner Untersuchung detailgenau, dass in den Lagern der Nazis auch Araber gefangen und getötet wurden. Von der rassistischen Behandlung in deutschen Kriegsgefangenenlagern konnten auch die maghrebinischen Soldaten berichten, die in der französischen Armee gekämpft hatten und in Gefangenschaft geraten waren. Die Arbeit von Götz Nordbruch behandelt aktuellen Debatten zum Nationalsozialismus in Ägypten.

Die heutige “Judenfeindschaft” im “Orient”, inklusive jene unter Palästinensern, wird auch gerne mit der behaupteten “Verbindung” zu erklären versucht, als ob die Kinder in den palästinensischen Gebieten nicht von einer brutalen Besatzung, von der israelischen Armee, einem Staat, der darauf besteht, als “jüdisch” anerkannt zu werden, und seinen Siedlern, die die Bevölkerung in Hebron und anderen Orten terrorisieren, erzogen werden würden. Es ist einfacher, Palästinenser als Nachfolger/Agenten der Nazis zu denunzieren, als auf die wirklichen Gründe ihres Widerstands einzugehen. Rassismus in Israel, in der Presse, vor allem in “Yedioth Ahronoth”, aber auch von Politikern und Rabbinern, wird in der Regel ausgeblendet, zum Tabu gemacht – von “Memri”, das den Anspruch erhebt, die Medienlandschaft der Region repräsentativ wiederzugeben, aber nur “moslemische” Medien, Geistliche, Politiker, oft genug verzerrt, “wiedergibt”, sowieso. Der ägyptische Historiker Salah Issa schrieb zu den Vorwürfen des “Antisemitismus” in arabischen Medien, dass diese in einigen Fällen berechtigt seien, in Ägypten hätten sich einige Journalisten das ursprünglich europäische antijüdische Vokabular angewöhnt, ohne sich seiner historischen Dimension bewusst zu sein. Der Sache, der sie dienen wollten, nütze das nicht. Es sei dumm, Autoren wie Roger Garaudy und David Irving zu verteidigen, wenn man sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen wolle. Erst dadurch gebe man die Gelegenheit, die ägyptische Presse als “antijüdisch” an den Pranger zu stellen.