Eishockey, Politik und Literatur

Josef Haslinger nannte seinen Text “Roman”, doch “Jáchymov” (2011) ist eher eine romanhafte Biografie oder ein Tatsachen-Roman (erzählende Non-Fiction) oder (Zeit-)Geschichtsschreibung in Romanform. Es geht darin um den tschechischen Eishockeytorwart Bohumil Modrý, der Tormann jenes tschechoslowakischen Eishockey-Nationalteams war, das zu Beginn der kommunistischen Ära der Tschechoslowakei nach einer politischen “Intervention” beseitigt wurde. Seine Tochter Blanka Modra, Schauspielerin in Wien hat Haslinger biografisches Material über ihren Vater und sein Schicksal unter dem Stalinismus zur Verfügung gestellt, die sie auch durch Gespräche mit dessen früheren Teamkollegen und Zellenkollegen bekommen hat. In der Rahmenhandlung des Buches kommt ein Herausgeber zur Radiumkur nach Jachymov in Tschechien und trifft dort eine Tänzerin, die die Tragödie ihres Vaters untersucht. Haslinger und Modra trafen sich im wahren Leben vor etwa 20 Jahren das erstemal und redeten oft über ihren Vater, ehe er sich des Themas annahm.

Der Prager Bohumil Modry stieg in den 1930ern zu einem der besten Eishockey-Tormänner Europas auf, holte bei der vorletzten Weltmeisterschaft vor dem Krieg 1938 mit seinem Team die Bronzemedaillie, zu einer Zeit als er auch Ingenieurwissenschaften studierte. Während der nazi-deutschen Besatzung der Tschechoslowakei ab 1938 (Sudetenland) bzw. 1939 (der Rest) konnte Modry wie viele andere weder studieren noch Eishockey spielen. Nach der Befreiung 1945 wurde die Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten bald durch ein von sowjetischen Truppen im Lande gestütztes kommunistisches Machtmonopol ersetzt. Die Machtübernahme der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei wurde 1948 abgeschlossen als Staatspräsident Beneš (der zur Zeit der deutschen Besatzung aus dem Exil mit Dekreten regierte) auf Druck des kommunistischen Ministerpräsidenten der Allparteienregierung, Gottwald, eine neue, kommunistisch noch stärker dominierte Regierung vereidigen musste. Der neuen Regierung Gottwald gehörten außer Kommunisten nur solche Mitglieder anderer Parteien an, welche mit der KP sympathisierten, mit einer Ausnahme: der parteilose Aussenminister Jan Masaryk, Sohn des Mitbegründers dieses Staates, der seinen Posten behielt. Masaryk starb am 10. März beim sogenannten dritten Prager Fenstersturz (der erste, 1419, markiert den Beginn der Hussitenkriege, der zweite, 1618, den Beginn des Dreißigjährigen Krieges), höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen Mordanschlag. Danach setzten die Kommunisten eine neue Verfassung durch und nötigten Benes zum Rücktritt.

Modrý begann nach dem Krieg wieder auf nationaler und internationaler Ebene Eishockey zu spielen und arbeitete als Ingenieur. 1947, bei der ersten WM nach dem Krieg, und 1949 wurde er mit der Nationalmannschaft Weltmeister, 1948 bei den Olympischen Winterspielen in St. Moritz gewann das Team die Silbermedaille. Bei diesen drei Turnieren war die Tschechoslowakei zudem die beste europäische Mannschaft und gewann damit den Europameistertitel. Das Team um Modry, Vladimír Zábrodský, Jaroslav Drobny, Vladimir Bouzek, Ladislav Trojak musste aber 1948 eine USA-Tour absagen und stattdessen in die SU fliegen, wo es damals praktisch noch kein Eishockey gab. Bei diesem Besuch wurde das Fundament für das später dominierende sowjetrussische Eishockey gelegt. Russische Bandy-Spieler (ein Vorläufer des Eishockeys bzw. eines der mit ihm verwandten Spiele, mit einem Ball auf dem Eisfeld, das grösser ist,…) wurden in ein Trainingslager einberufen. Dort sollten ihnen die eingeflogenen Tschechen und Slowaken gemeinsam mit Eishockey-Spielern aus den baltischen Staaten die Grundlagen des Sportes näherbringen, auch die Ausrüstung. In den baltischen Staaten, besonders in Lettland, hat dieser Sport aufgrund skandinavischer Einflüsse bereits vor der zwangsweisen Angliederung an die Sowjetunion existiert. Es war der Beginn des sowjetischen Eishockey-Programms. Modry und die anderen aus der CSSR lernten dabei auch Anatoli Tarasov kennen, der das Programm leitete und dann erster Teamchef der sowjetischen Eishockey-Auswahl wurde. 1954 nahm diese erstmals an einer Weltmeisterschaft teil und gewann gleich das Turnier. Der Beginn der modernen Ära im Hockey ist hier anzusetzen, bis in die 1980er dominierte die SU das internationale Eishockey dann, wenn auch nur unter Abwesenheit Kanadas bzw. dessen Spitzenspieler (s.u.). Kern des sowjetischen Nationalteams wurde der Moskauer Armee-Klub CSKA.

1948 reiste das tschechoslowakische Nationalteam dann zu Freundschaftsspielen nach Grossbritannien, ein Flugzeug mit einem Teil der Mannschaft stürzte über dem Ärmelkanal ab. Im selben Jahr nahm Modry mit seinem Klub LTC Prag, der den Grossteil der Nationalmannschaft stellte, am Spengler-Cup in Davos in der Schweiz teil. Die Spieler wurden von dort lebenden Exil-Tschechen kontaktiert, die sie zur Flucht und Fortsetzung ihrer Karriere im Westen überreden wollten. Das Team um Modry, dessen Frau Schweizerin war, entschied sich, nicht zuletzt aus Sorge um ihre Familien in der Heimat, dagegen. Modry hatte auch noch die Hoffnung, auf anderem Weg als Profi in den Westen zu kommen; das tschechoslowakische Regime soll ihm dies in Aussicht gestellt haben, für den Fall eines Sieges bei der WM 1949. Als dies dann geschah, wurde ihm aber die Auslandsfreigabe verweigert und er beendete daraufhin seine Karriere. Das Regime argwöhnte bezüglich des Flugzeugabsturzes eine verdeckte Flucht in den Westen und begann Nachforschungen anzustellen, in deren Verlauf auch die Kontakte und Diskussionen in Davos ans Licht kamen.

Im März 1950 sollte die Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach London reisen, jedoch fürchtete das Regime das Überlaufen der Spieler in den Westen. Kurz vor dem geplanten Abflug wurde ein Teil der Spieler am Flughafen in Prag verhaftet. Der bereits zurückgetretene Modry wurde einige Tage nach zehn aktuellen Nationalspielern ebenfalls verhaftet und beschuldigt, Anführer der “Aufmüpfigen” zu sein. Insgesamt 12 Personen wurden in einem Geheimprozess und wahrscheinlich mit unter Folter erpressten Geständnissen der Spionage und des Hochverrats angeklagt; sie hätten geplant, nach der Weltmeisterschaft in Grossbritannien zu bleiben und dies schon 2 Jahre zuvor in Davos diskutiert. Alle Angeklagten wurden zu Haftstrafen und Arbeitslager verurteilt, von acht Monaten bis zu 15 Jahren, bis auf Zábrodský, der nur eine kurze Spielsperre erhielt – was später zum Verdacht führte, Zábrodský habe seine Kollegen verraten. Eine Strafe, gedacht als Warnung an die Gesellschaft der Tschechoslowakei. Modry erhielt mit 15 Jahren die höchste Strafe.

Nicht nur für Bohumil Modry selbst, im Gefängnis und dann im Arbeitslager, auch für seine Familie draussen, begannen mit der Verurteilung schwere Zeiten. Am Eingang zum Lager bei Jachymov stand auf einem Schild “Praci ke svobode”, in etwa die Übersetzung von “Arbeit macht frei”, was auf den Eingängen zu den nazideutschen Konzentrationslagern gestanden ist… Die Sowjets hatten das Arbeitslager nach dem Zweiten Weltkrieg in Jachymov errichtet, um den dortigen Uranabbau durch Zwangsverpflichtete (zunächst waren dies deutsche Kriegsgefangene und nicht-vertriebene Sudetendeutsche)  vornehmen zu lassen. Uran, das dem sowjetischen Atombombenprojekt zugute kommen sollte. Bereits die Curies hatten Uran aus St. Joachimsthal/Jachymov, damals noch ein Teil Österreich-Ungarns (Kronland Böhmen), für ihre Untersuchungen über die Radioaktivität benutzt, dann, nach der Einverleibung des “Sudetenlandes”, auch die Wissenschafter des deutschen “Uranprojekts” unter den Nationalsozialisten (neben anderen Quellen). Die Tschechoslowakei war nach dem Krieg als Gelbkuchenproduzent bzw. Uranlieferant Gründungsmitglied der IAEO, verlor aber durch die oben geschilderte Machtübernahme der Kommunisten ihre aussenpolitische Handlungsfreiheit (auch die schon fest geplante Teilnahme am Marshall-Plan kam so nicht zustande). Ab 1948 mussten politische Häftlinge des kommunistischen Regimes der Tschechoslowakei im Uranbergwerk arbeiten und dabei das Uran mit bloßen Händen abbauen; unter den Gefangenen waren genug Wissenschafter, die die tödlichen Konsequenzen vorhersagen konnten. Modry wurde nach fünf Jahren aus der Haft entlassen, litt aber schon an den gesundheitlichen Folgen der Zwangsarbeit.

1964 wurde der Uranabbau in Jachymov eingestellt. Über 150 000 Häftlinge und Zwangsverpflichtete, die Hälfte der dort Beschäftigten, dürften an den Folgen der Verstrahlung bei der Arbeit gestorben sein. Modry schrieb trotz schwerer Krankheit Bücher und Aufsätze über das Training von Eishockey-Torwarten, die grossen Einfluss auf den Sport in seinem Heimatland hatten. Als die Eishockey-WM 1959 nach Prag kam, wurde er vom sowjetischen Team unter Trainer Tarasov eingeladen. 1963 starb er im Alter von 47 Jahren an Leukämie. Modry wurde 2011 posthum in die Hall of Fame des Eishockey-Weltverbandes IIHF aufgenommen, anlässlich der WM in Bratislava, Blanka Modra vertrat dabei ihren Vater. Damals schrieb Haslinger, auch Literatur-Professor in Leipzig, noch an der Geschichte. Die Ehrung durch den Weltverband und die Veröffentlichung des Buches fielen ziemlich zusammen. Haslinger hat erst die Beschäftigung mit Modrys Geschichte näher an das Eishockey gebracht.

Als Modry in der Zwischenkriegszeit seine Karriere begann, wurde noch unter freiem Himmel auf Natureis gespielt, und entwickelte sich die Eishockey-Parallelwelt Nordamerika (NHL) – Europa (die IIHF-Turniere EM, WM, Olympia) – wobei die Regel- und Stilunterschiede zwischen hier und dort eher ein Nebenaspekt sind. Die Kluft wurde durch das Betreten der (europäischen) Bühne durch die Sowjetunion und den Kalten Krieg verstärkt. Nicht nur die Olympia-Turniere (bis 1988), auch die Weltmeisterschaften galten, bis in die 1970er, als Amateur-Bewerbe. Kanada durfte keine Profi-Teams schicken, trat bei WM und Olympia von 1920 bis 1963 mit Amateur-Klubteams an – und gewann dennoch die eine oder andere Medaille. Der Sieger des Allan Cups, der wichtigsten Trophäe im kanadischen Senioren-Amateureishockey, wurde bis 1963 als Vertreter Kanadas zu internationalen Turnieren geschickt. Zur WM 1961 fuhren die Trail Smoke Eaters, wo sie den letzten Weltmeistertitel für Kanada für die nächsten 33 Jahre gewinnen konnten (und als letztes Klub-Team). 1964 wurde erst ein richtiges kanadisches (Amateur-)Nationalteam geschaffen. Seth Martin war Mitglied des Teams der Trail Smoke Eaters von 1961, nahm auch an anderen Weltmeisterschaften teil, spielte 1967–1968 für St. Louis Blues in der NHL, kam ins Stanley Cup-Finale. Nach der Saison musste er sich zwischen der Fortsetzung seiner NHL-Karriere und Beibehaltung seiner Feuerwehrmann-Pension entscheiden, wählte letzteres.

1951 war die WM erstmals mehrklassig; ab 1969 wurden A,B,… -Turniere nicht mehr an einem Ort ausgetragen. In der NHL gab es ab Ende der 1960er, Anfang der 70er, nach ihrer Erweiterung, Legionäre aus Europa, Schweden und Finnen; andere Westeuropäer waren nicht gut genug, Osteuropäer durften nicht. Ungefähr in dieser Zeit wurden bei IIHF-Turnieren und in der NHL Helme für Spieler eingeführt (Tormannmasken gabs natürlich schon früher); in der NHL infolge des Masterton-Unglücks 1968, bei der IIHF etwas früher. Kanada boykottierte die IIHF-Turniere WM und Olympia 1970 bis 1976 wegen der Amateur-Regelung, die NHL-Spieler ausschloss (und die Ostblock-Nationen begünstigte). In dieser Phase, ab 1972, wurden die Summit Series geschaffen, in denen erstmals ein kanadisches Team, das die besten Spieler aus der NHL umfasste, auf dem Eis stand und sich mit der bei Weltmeisterschaften und Olympia-Eishockey-Turnieren dominierenden sowjetischen Auswahl maß. Daraus entstand der Canada Cup, der dann in World Cup of Hockey umbenannt wurde. Der kanadische Sieg 1972, über 8 Spiele (4 in Kanada, 4 in der Sowjetunion), hat für das Eishockey-Mutterland noch immer eine Bedeutung. Legendär war auch das Finalduell im Canada Cup 1987, zwischen der “Sbornaja”, mit ihrem erstem Block mit Krutow, Makarow oder Larionow, und Kanada, mit Spielern wie Gretzky, Lemieux, Messier, eine Art Gipfeltreffen im Kalten Krieg.

Von 1972 bis 1979 gabs zur NHL die Konkurrenzserie WHA. 1975 liess die IIHF Profis bei der WM zu, 1976 trat die USA bereits mit Spielern aus der WHA an, 1977 kehrte Team Canada zurück, mit NHL- &  WHA-Profis wie den Esposito-Brüdern (auch Schweden und Finnland, wo in dieser Zeit Profi-Ligen eingeführt werden konnten, boten Profi-Spieler aus den nordamerikanischen Ligen auf). Seither nehmen Spieler, deren Klubs nicht den Sprung in die NHL-Play Offs geschafft haben, bei Weltmeisterschaften teil. Seit 1988 sind Profis bei Olympia-Turnieren zugelassen, ab 1998 macht die NHL während Olympia Pause, sodass es dort zu Best on Best-Duellen kommt. Die gibt es in der NHL aber schon seit Anfang der 1990er, infolge der Umbrüche in Osteuropa gingen auch die besten Spieler von dort in die NHL. Auch die erste Linie aus der grossen Sbornaja, 1989, im Zuge von Perestroika: Kasatonov und Fetisov gingen nach New Jersey, Krutov und Larionov nach Vancouver, Makarov nach Calgary. Kurz davor war Mogilny noch übergelaufen, er wollte nicht auf die Erlaubnis zu einem Wechsel in die NHL warten, die davor Pryakhin als erster SU-Spieler bekommen hatte. Beim Canada-Cup 1991 trat die sowjetische Sbornaja erst- und letztmals mit NHL-Spielern an.

Neue Nationen wie die Slowakei entstanden in den 1990ern und traten im internationalen Eishockey den Weg von unten in die A-WM an, diese wurde aufgestockt um diverse “westliche” Nationen oben zu halten. 1994 wurde der “Triple Gold Club” (Gold bei Olympia und WM, Sieg im NHL-Stanley Cup) mit den ersten “Mitgliedern” eröffnet und die Parallelwelten einander noch ein Stück näher gebracht. NHL-Verantwortliche machten 2009 den Vorschlag, die WM nur noch alle 2 Jahre auszutragen, die NHL würde dann unterbrechen um den Spielern die Gelegenheit zur Teilnahme zu geben. Eine sinnvolle Reform, denn in welcher Sportart gibt es schon jedes Jahr eine WM (ausser in jenen, wo ausserhalb der WM kein Betrieb stattfindet, wie der “Formel 1”) und in welcher sind die besten Athleten anderwärtig beschäftigt wenn eine WM stattfindet. Es war aber der IIHF-Präsident Fasel, von dem das “Njet” kam, mit Hinweis auf TV-Verträge und der (erfolgten) Vergabe von Turnieren!

Die Hierarchie unter den Eishockey-Nationen ist sehr festgefügt, kommt nicht so schnell durcheinander. Seit die Slowakei 2000 ihre erste Medaille als unabhängige Nation machte und diesen Erfolg in den folgenden Jahren bestätigte, spricht man von den grossen sieben Nationen. Wobei die USA im Eishockey nur bei Olympia und beim Canada Cup/World Cup gross ist, wenn sie bezüglich ihrer NHL-Spieler aus dem Vollen schöpfen kann (auch wenn sie heuer bei der WM eine Medaille gewann). Der Sieg des USA-Amateur-Teams über das sowjetische Team bei Olympia 1980 in Lake Placid und der folgende Turniersieg der Amerikaner gilt als grösste Sensation in der Geschichte des Eishockeys, wurde auch verfilmt. Die Schweiz kommt dem Kreis der Grossen am nächsten. 1953 gab es das letztemal für 60 Jahre WM-Medaillen an Teams ausserhalb der heute Grossen bzw. ihrer Nachfolgenationen, an Schweiz und BRD; heuer gewannen die Schweizer wieder Silber, dazwischen, in den 1990ern, errangen sie auch zwei vierte Plätze. Bei Olympia hat letztmals 1976 mit der BRD eine “kleine” Eishockey-Nation einen Top-3-Platz belegt. Vom Sensations-Charakter her kann der Sieg des weissrussischen Teams über Schweden im Viertelfinale von Olympia 02 (der Grundlage für den vierten Turnier-Rang der Weissrussen war) auf eine Stufe mit dem “Wunder auf Eis” von 1980 gestellt werden; Ruslan Salei war damals dabei, einer von 26 Spielern des KHL-Klubs Lok Yaroslavl, die bei einem Flugzeugabsturz am Weg zu einem Match zu Beginn der Saison 11/12 getötet wurden.

In Kanada, wo Eishockey entstand, ist dieser Sport nach wie vor identitär, nach aussen (als Abgrenzung zur USA und Grossbritannien) und im Inneren, aufgrund der ethnischen Heterogenität, es gibt dort nicht diese anglokeltische Dominanz wie anderswo. Eishockey ist nordisch, weiss, wohlhabend, ist kanadisch. Die Micmac-“Indianer” (auch: Mi’kmaq) im äussersten Osten Kanadas haben ein Spiel mit Holz-Stöcken und einem Ball auf Eis gespielt, ob vor oder nach Kontakten mit Briten und Franzosen, ist nicht ganz klar – der Ursprung des Spiels dürfte dort liegen. Das Eishockey-Nationalteam hat in Kanada eine besondere Bedeutung, dort werden die sonst verstreuten Kräfte gebündelt, kann man mit den Besten die Kräfte messen. Roch Carriers Kurzgeschichte “Une abominable feuille d’érable sur la glace” (englisch “The Sweater”, erschien im Sammelband “Who speaks for Canada”), der in Quebec vor dem Hintergrund der Stillen Revolution spielt, ist der auch in Kanada eher seltene Fall von Eishockey als literarischem Stoff. Wie bei Haslinger wurde auch hier Hockey mit Politik in Verbindung gebracht. Ansonsten ist hier “Amazons” zu nennen, vom US-Amerikaner Don de Lillo, unter einem Pseudonym und mit Hilfe eines Ko-Autors geschrieben, über eine fiktive Frau in der NHL. Bei andere Sportarten gibt es stärkere Verarbeitungen in der Literatur (sowie anderen Kunstgattungen), sowohl als Stoff zur Dramatisierung, als auch als sachliche Behandlung durch Schriftsteller, wie jene über das Boxen von Joyce C. Oates oder Norman Mailer. Häufiger sind beim Eishockey (vermarktungsorientierte) sportgeschichtliche Aufbereitungen und (Auto)Biografien. Von Jason Blake erschien eine Übersicht über “Canadian Hockey Literature”, auch in diesem Text von ihm (ebenfalls auf Englisch) gehts über die Bedeutung des Eishockeys für Kanada sowie seine literarischen Verwendungen. Zu nennen ist etwa Morley Callaghans “The Game That Makes a Nation”.

Erich Kästner schrieb 1936, nach den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen (einen Ort den er liebte), zur Zeit seiner Drangsalierung durch die Nazis, als Fortsetzung des “Fliegenden Klassenzimmers” eine Kurzgeschichte unter dem Titel “Zwei Schüler sind verschwunden”. Darin reissen die Gymnasiasten Matthias Selbmann (genannt “Matz”, der Stärkste seiner Klasse) und “Uli” (Ulrich von Simmern, der Klügste) aus dem Internat in dem fiktiven Kirchberg nach Garmisch-Partenkirchen aus, um beim Olympia-Eishockey zuzusehen. Grossbritannien gewann dieses Turnier (deren grösster Eishockey-Erfolg), die Mannschaft rund um Carl Erhardt, der Eishockey als Schüler in Deutschland und Schweiz lernte. In der Kurzgeschichte erleben die Schüler ein packendes Spiel zwischen GB (“England”) und Kanada. Das Match ging, in Real wie in der Geschichte, 2:1 für den Aussenseiter aus Europa aus, war kein Finale, da die Medaillien nicht im K.O.-System ausgespielt wurden, sondern einer Finalrunde. Die Schüler freunden sich auch mit einem englischen Eishockeyspieler an.

In der Sowjetunion gabs, wie im Zusammenhang mit Bohumil Modry erwähnt, im Baltikum ein Eishockey, bevor es eins in Russland gab. Letten, wie Helmuts Balderis oder Arturs Irbe, mischten dann neben Russen auch am ehesten im sowjetischen Eishockey mit. Irbe weigerte sich 1991, nach der versuchten Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung der damaligen Sowjet-Republik Lettland sowie im benachbarten Litauen im Jänner dieses Jahres, bei der WM für das sowjetische Nationalteam zu spielen. 1990/91 war die letzte Saison für ihn bei Dinamo Riga und in der sowjetischen Liga bevor er in die NHL wechselte, die vorletzte Saison dieser Liga überhaupt und die WM 91 die letzte, an der eine sowjetische Mannschaft teilnahm – dieser Staat löste sich nach dem Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991 auf. 1992 nahmen 12 der 15 ehemaligen Sowjet-Republiken als “Gemeinschaft unabhängiger Staaten” (ein Staatenbund) an den Olympischen Spielen teil, ehe Russland (im Eishockey und anderwärtig) endgültig sein Erbe als Nachfolgestaat der Sowjetunion antrat und die anderen Ex-SU-Staaten ihren eigenen Weg gingen. Im Hockey hiess das, dass sie sich aus der damaligen C-Gruppe nach oben kämpfen mussten, wobei sich nur Lettland dann ununterbrochen in der Top-Gruppe halten konnte. Aus verschiedenen Gründen haben manche Spieler anderer Republiken nach dem Ende der Sowjetunion für Russland gespielt, etwa der Litauer Kasparaitis, der Ukrainer Petrenko oder der aus Kasachstan stammende Nabokov.

In Kasachstan ist das Eishockey von der russischen Minderheit, die noch immer ungefähr ein Drittel der Bevölkerung ausmacht (angegebene Zahlen variieren stark), dominiert. Der russisch-stämmige Bevölkerungsteil ist im Norden des Landes, nahe der Grenze zu Russland (die über Jahrzehnte  hinweg eine innerstaatliche war), konzentriert. Dort liegt auch Ust-Kamenogorsk (Oskemen), die Hockey-Hochburg Kasachstans. Auch Jewgeni Nabokov stammt von dort. Ethnische (asiatische) Kasachen bevorzug(t)en Sportarten wie Boxen, Ringen, Gewichtheben, sind in den Eishockey-Teams ihres Landes noch immer eine Minderheit, nennenswerte Ausnahmen im Nationalteam waren Sagymbayev in den 1990ern und jetzt Zhailauov. Auch bei Barys Astana, das als einziges kasachisches Team in der multinationalen, russisch dominierten, Kontinentalen Hockey-Liga (KHL) spielt. Es spricht einiges dafür, dass es eine politische Entscheidung war, den Klub aus der neuen Hauptstadt auf Kosten von Torpedo Ust-Kamenogorsk (heute Kazzinc-Torpedo) zu forcieren, was nicht zuletzt durch den Transfer von Spitzenspielern (russischen Kasachen) dorthin geschah.

Nationalistisch oder politisch aufgeladene Duelle gibts natürlich immer wieder im Eishockey. So etwa bei der WM 1969 das Spiel zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, ein Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Bei der WM 1972 in der damaligen Tschechoslowakei siegte die Heim-Mannschaft über die als unschlagbar geltende sowjetische Auswahl im entscheidenden direkten Aufeinandertreffen 3:2, was ihr den Turniersieg einbrachte, ein Spiel im sowjetisch kontrollierten Prag, das vielfach als eine Art Revanche für 1968 gesehen (und gefeiert) wurde. Bei der U-20-WM 1987 in der CSSR kam es im Spiel zwischen Kanada und der Sowjetunion zu einer Massenschlägerei, die zu einem Abbruch führte. Seltener sind die Fälle, wo ehemalige Eishockey-Spieler sich in der Politik versuchen. Ken Dryden war Tormann der Montreal Canadiens in deren glorreichen 1970ern (nach dem Verkauf der Quebec Nordiques nach Colorado sind sie jetzt der einzige “frankophone” Klub in der NHL, daneben der erfolgreichste mit 24 Stanley-Cup-Siegen und auch der letzte kanadische Sieger, 1992/93, sowie der älteste professionelle EH-Klub) und 1972 für das Team Canada bei den World Summit Series, und wurde Anfang des 3. Jahrtausends Parlaments-Abgeordenter für die Liberale Partei und sogar Arbeitsminister. Er schrieb auch über den Sport, u.a. in “The Game”. Auch Red Kelly war im kanadischen Parlament. Dann gibts noch den steirischen Landeshauptmann Franz Voves, oder Robert Oberrauch, der in Bozen für das Bürgermeisteramt kandidierte, für die italienischen Rechtsparteien; er ist italienisch-sprachig sozialisiert, was in Südtirol so nur in Bozen möglich ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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