Der Umgang mit dem WK II-Papst

Eugenio Pacelli, als Pius XII. 1939 bis 1958 Papst, hat 1933 als Kardinalstaatssekretär das Konkordat des Vatikans mit Hitler-Deutschland mit abgeschlossen. Damals war die NS-Diktatur allerdings noch lange nicht voll ausgeprägt und haben viele ihre Gefährlichkeit unterschätzt. Ludwig Kaas etwa, der deutsche katholische Theologe und Politiker, 1928 bis 1933 Vorsitzender der Zentrumspartei. Er setzte in seiner Partei die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz durch und ging danach nach Rom,  war dort an der Ausarbeitung des Konkordats beteiligt. Pacelli war auch an der Enzyklika „Mit brennender Sorge” seines Papst-Vorgängers Pius XI. 1937 beteiligt, die die bedrängte Lage der römisch-katholischen Kirche im Deutschen Reich behandelte und zur Politik und Ideologie des Nationalsozialismus kritisch Stellung nahm. Nach seiner Wahl zum Papst 1939 zog Pacelli eine von seinem Vorgänger vorbereitete Erklärung gegen Rassismus und Antisemitismus zurück. Zu den Verbrechen, die unter dem Nationalsozialismus geschahen, schwieg er. In der Yad Vaschem-„Hall of Shame“ wird ihm das bezüglich des Juden-Genozids auf einer Tafel als „Neutralität“ ausgelegt. Pacelli veranlasste aber auch die Gewährung von Kirchenasyl in Italien zur Rettung von Juden. Im Fall des Kollaborationsregimes in der Slowakei scheint er seinen Einfluss auf den katholischen Priester an seiner Spitze, Jozef Tiso, genutzt zu haben, um den Judendeportationen entgegenzuwirken; insgesamt ist seine Abgrenzung zu diesem Regime (und jene der katholischen Kirche unter ihm insgesamt) oder dem ebenfalls stark katholisch geprägten von Pavelic in Kroatien aber fraglich.

Dieser Eindruck wird auch durch die  Fluchthilfe für Nazis und Kollaborateure verstärkt, die der Vatikan unter ihm nach Kriegsende leistete. Hier war Antikommunismus der ausschlaggebende Grund. Pius XII. antizipierte gewissermaßen den Kalten Krieg. Die Vorstellung, dass die Kommunisten in Italien, „im Kernland des Katholizismus“, an die Macht kommen könnten, war für die katholische Kirchenführung unerträglich. Auch wollte sie die Deutschen möglichst schnell wieder in die „christliche Familie Europas“ einbinden und gegen den Kommunismus in Stellung bringen – weshalb der Vatikan gegen die alliierte Politik der Entnazifizierung war und „braune Schafe“ mit offenen Armen wieder aufnahm.

Manchen Autoren zufolge gab es während der nazideutschen Besatzung Roms am Ende des Kriegs einen Plan, Pius XII. gefangen zu nehmen, was SS-General Wolff ausführen sollte; ein Plan, der demnach immer weiter hinaus geschoben wurde und schliesslich nicht mehr durchgeführt werden konnte.

Der jüdische Historiker Léon Poliakov thematisierte schon zu Lebzeiten des Papstes dessen Politik während des europäischen Faschismus, die Debatte darüber begann aber erst mit Hochhuths „Der Stellvertreter“ 1963. Einer verbreiteten Apologetik (z.B. von Papst Benedikt vorgebracht) zufolge hat Pius XII. im Geheimen sehr wohl gehandelt, was in der Situation gebotener und wirksamer gewesen sei. 1999 wurde eine Historiker-Kommission aus drei Katholiken und drei Juden zur Untersuchung der Frage gebildet, die sich über Meinungsverschiedenheiten über die Freigabe von Dokumenten durch den Vatikan auflöste.

Der deutsche Historiker Michael Hesemann schrieb früher über ausserirdische „Besucher“, nun zu christlichen/katholischen Themen, 2008 ein Buch über den Papst „der Hitler trotzte – die Wahrheit über…“. Er versucht die Reinwaschung Pacellis zum einen mit der Wiederholung der Ansicht, der Papst habe stille und verdeckte Diplomatie zugunsten der verfolgten Juden eingesetzt, zum anderen mit der Masche, ihm Nähe zum Zionismus (der an sich natürlich über jeden Verdacht erhaben ist) umzuhängen, sowie den schwarzen Peter an Türken und Araber weiterzugeben. Diesen werden keine legitimen Interessen zugestanden und taugen nur als Täter, vor denen der spätere Papst die Juden beschützen musste. Dazu führt er eine Intervention Pacellis für die jüdischen Siedler in Palästina in der Zeit um den 1. Weltkrieg herum an. Er habe, so die Enthüllung, nach einer Initiative deutscher und schweizerischer Juden, mutig beim Deutschen Reich ein Wort eingelegt, dessen Aussenministerium sei danach erfolgreich für die Juden aktiv geworden. Auf de.wikipedia scheint Hesemann als „hschnyder“ seine Thesen in entsprechenen Artikeln gleich selbst „enzyklopädisiert“ zu haben.

Paul Badde von „Die Welt“ propagiert einen konservativen Katholizismus, will diesen mit dem Judentum „harmonisieren“, und verteidigte kürzlich in einem Kirchenblatt Bischof Tebartz-van Elst. Er bietet Hesemann in dem Blatt reichlich Bühne bzw. Verstärker für seine Geschichte („Hesemann bemüht sich um differenziertes Bild“, „Papst rettete Juden vor Türken“). Hesemann/Badde sind gezwungen, darzulegen, dass das Osmanische Reich ein Verbündeter Deutschlands war, und die Briten auf der Gegenseite den „arabischen Aufstand gegen die Türken angezettelt“ haben bzw. mit den arabischen Führern verbündet waren. Juden hätten Türken/Osmanen gegenüber im Verdacht der Kollaboration mit den Briten gestanden, der osmanische Minister und Jungtürken-Führer Djemal Pascha, hätte daraufhin Umsiedlungen befohlen und es hätte „antijüdische Exzesse“ gegeben – in Wirklichkeit hatte dieser Djemal sehr gute Beziehungen zum „Yishuv“ und war verantwortlich für Repressalien gegen die arabische Sezessionsbewegung vom Osmanischen Reich (mehr als für den Völkermord an den Armeniern). Die Papst-Intervention sei kein Dienst nach Vorschrift gewesen, versichert Hesemann auf Baddes „Nachfrage“, seine Sympathie für das zionistische Projekt (und damit, in bundesdeutscher Tradition, die Rehabilitation, die Wiedergutmachung) sei durch weitere Indizien belegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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