Uwe Barschels Tod

Der Tod des Ex-Ministerpräsidenten Barschel inmitten eines landespolitischen Skandals (Barschel-Affäre/”Waterkantgate”) ist ein hochbrisanter politischer Stoff der jüngeren deutschen Geschichte mit wahrscheinlich internationaler Dimension und wirft noch immer Fragen auf.

Der Jurist aus Mölln wurde 1982 für die CDU Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Angeblich war er süchtig nach Tabletten und scharf auf schnellen Sex. Am Tag vor der Landtagswahl am 13. September 1987 wurde bekannt, „Der Spiegel“ werde am Tag nach der Wahl berichten, Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer (zuvor im “Springer”-Konzern) habe auf Veranlassung Barschels das Privatleben des SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm ausspionieren lassen, ihn anonym der Steuerhinterziehung beschuldigt und ihm telefonisch mitteilen lassen, er sei HIV-infiziert. Für einige der Anrufe dürfte der Hochstapler Postel, ein Freund Pfeiffers, verantwortlich gewesen sein. Die Wahl brachte eine Niederlage der CDU. Dann das berühmte Ehrenwort Barschels auf einer Pressekonferenz, dass die Vorwürfe haltlos seien. Doch schnell wurde klar, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte. Am 2. Oktober 1987 trat er vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Die Landesregierung wurde daraufhin kommissarisch von seinem bisherigen Stellvertreter Henning Schwarz geleitet. Die weiteren Auswirkungen auf die Landespolitik waren die Neuwahl 1988 (aufgrund eines Patts im Landtag) mit dem neuerlichen Sieg der SPD unter Engholm. Dieser musste 1993, auch als SPD-Bundeschef, der er inzwischen war, zurücktreten, da er in einem ersten Untersuchungs-Ausschuss des Landtags wahrheitswidrig erklärt hatte, vor der Wahl 1987 nichts von den Barschel-Pfeiffer-Aktionen gewusst zu haben. Die SPD hatte Pfeiffer geholfen, die Informationen an den Spiegel weiterzugeben.

Am 11. Oktober 1987, einen Tag bevor Barschel vor dem U-Ausschuss des Landtags aussagen sollte, wurde er von „Stern“-Reportern tot und bekleidet in der Badewanne seines Zimmers im Hotel “Beau-Rivage” in Genf aufgefunden. Er war zuvor mit seiner Gattin Freya, die eine entfernte Verwandte Bismarcks ist, auf den Kanarischen Inseln gewesen. Der tote Barschel wurde von den Reportern erst ausgiebig fotografiert bevor sie die Polizei riefen. Den offiziellen Ermittlungen und Bekanntmachungen in der Schweiz und in Deutschland nach ist Barschel durch Suizid zu Tode gekommen. Aber auch Selbstmord mit Hilfe eines Zweiten und Mord stehen im Raum. Sicher ist, er starb nach einer Vergiftung durch Medikamente (v.a. Sedativa), in der Nacht vor seinem Auffinden. Man fand am Tatort keine Verpackungen der eingenommenen Medikamente. Ebenfalls verschwunden war eine Rotweinflasche, die Barschel geordert hatte. Möglicherweise wurden diese Gegenstände von der Schweizer Polizei unachtsam entsorgt. Interessant ist ein medizinisches Gutachten des Schweizer Toxikologen Hans Brandenberger, das u.a. besagt dass Barschel nicht in der Lage gewesen sein konnte, die in seinem Körper gefundenen Medikamente alleine einzunehmen. Fast 25 Jahre nach dem Tod des CDU-Politikers hat das Landeskriminalamt von Schleswig-Holstein auf Barschels Kleidung den genetischen Fingerabdruck eines Unbekannten entdeckt; das belegt dass er in seiner Todesnacht Kontakt zu einer unbekannten Person hatte.

Da es keine umfangreiche offizielle Untersuchung zum Tod Barschels gab, schwirren viele Gerüchte dazu herum, deren Bewandtnis ungeklärt ist. Barschels Familie hat die Selbstmord-These immer bezweifelt. Der ehemals ermittelnde Lübecker Staatsanwalt Heinrich Wille geht inzwischen von der Ermordung Barschels aus. Das Ermittlungsverfahren wurde aber 1998 eingestellt, und Wille wurde von Schleswig-Holsteins Generalstaatsanwalt Erhard Rex die Veröffentlichung eines Buches zum Thema (Arbeitstitel: “Der Mord an Uwe Barschel – das Verfahren”) untersagt. Erschienen ist vom Luxemburger Armand Mergen “Tod in Genf: Ermittlungsfehler im Fall Barschel: Mordthese vernachlässigt”. Einigen Angaben zufolge wurde Barschel von anonymen Informanten nach Genf bestellt und hatte seinen letzten Termin mit dem saudi-arabischen Waffenhändler und Geheimdienst-Vertrauten Adnan Kashoggi. Der Privat-Detektiv Werner Mauss hielt sich zum Zeitpunkt des Todes Barschels in Genf in unmittelbarer Nähe zum Geschehen auf, verneint eine Verwicklung in die Affäre.

Der Ex-Mossad-Agent Ostrovsky behauptete in seinem Buch „Geheimakte Mossad“, Barschel sei vom Mossad getötet worden, weil er sich 1987 der Abwicklung geheimer (und später aufgeflogener) Waffengeschäfte zwischen Israel und dem Iran (!), die über Schleswig-Holstein abgewickelt worden sind, widersetzt habe und sein Wissen über die Angelegenheit preiszugeben drohte. Diese Waffenlieferungen standen im Rahmen der Iran-Contra- (bzw. Irangate-) Affäre: Die Reagan-Regierung verkaufte geheim Waffen an den Iran, der im Krieg gegen Irak stand, der Erlös ging an die “Contras” in Nicaragua. Die USA lieferten Waffen daneben auch an Saddam Hussein; erlaubten Israel, Waffen an Iran zu liefern, auch diese dürften aber beide Seiten beliefert haben. Israel und USA erhofften sich eine Verlängerung des Krieges. Ein Faktor war auch die Freilassung von US-Geiseln im Libanon, die in den Händen schiitischer Gruppen waren. Laut Brandenberger stimmen die chemischen Analysedaten bis in Details mit dem Mordablauf überein, den Ostrovsky in dem Buch schildert. Das staatliche Israel soll nach dem Gutachten Stellung gegen diese Spekulationen bezogen haben. Der ehemalige iranische Präsident (1980/81) Banisadr sagte, Barschel sei an den Waffengeschäften beteiligt gewesen, sprach aber auch von einer Erpressung durch diesen. Später soll auch die Weitergabe von Nukleartechnologie an den Iran über Schleswig-Holstein gelaufen sein.

Eine Rolle in diesen Spekulationen spielt der südafrikanische Waffenhändler Dirk Stoffberg, der mit Israel und islamischen Ländern gehandelt haben soll, auch mit der dubiosen Substanz “Red Mercury”. Er war vor dieser Tätigkeit beim Geheimdienst NIS und wird mit den Morden an den Apartheid-Gegnern Ruth First und Dulcie September in Verbindung gebracht. Er gab 1994 im Entwurf einer eidesstattlichen Versicherung an, Barschel sei von Robert Gates, später CIA-Direktor und amerikanischer Verteidigungsminister, nach Genf bestellt worden. Barschel habe mit Enthüllungen über militärische Lieferungen gedroht. Seine eidesstattliche Erklärung konnte er nicht mehr abgeben, er starb im Juni 1994, zusammen mit seiner Frau, anscheinend durch Mord und Selbstmord.

Ein anderes Mordmotiv könnte sich aus dem U-Boot-Geschäft einer Kieler Werft mit dem Apartheidsregime in Südafrika ergeben haben. Südafrika wollte in den 1980ern U-Boote in Deutschland kaufen, bei “Howaldtswerke Deutsche Werft” (HDW) in Kiel, damals zu 25,1 % im Besitz des Landes Schleswig-Holstein. HDW (die auch die U-Boote für Israel produziert) wollte diesen Auftrag bekommen und Barschel als Ministerpräsident die vom Konkurs bedrohte Werft mit dem Geschäft angeblich retten. Der Bundessicherheitsrat (mit dem damaligen Finanzminister Gerhard Stoltenberg, Barschels Vorgänger als Ministerpräsident von SH, der das Geschäft eingefädelt haben soll) wollte zunächst den Export von Bauplänen/Blaupausen und Komponenten genehmigen, beschloss dann aber, das wegen der Apartheidpolitik unter verhängte UN-Waffenembargo von 1977 zu befolgen und keine Genehmigung zu erteilen. 1984/85 soll aber eine südafrikanische Waffenfirma (“Sandock Austral”, die auch israelische Schnellboote und ein deutsches Minenabwehrfahrzeug unter trickreicher Umgehung des Waffenembargos nachbaute; oder aber “Armscor”) Baupläne und einen HDW-Mitarbeiter zur Verfügung gestellt bekommen haben (sowie einen Teil der Anzahlung zurückerstattet bekommen haben). Ein Steenkamp von der südafrikanischen Botschaft in der BRD soll dies eingefädelt haben. Die U-Boot-Bauplan-Weitergabe an Apartheid-Südafrika – ein Bruch des Embargos – wurde 1986 von der Regionalzeitung “Kieler Nachrichten” thematisiert und hatte zwei Bundestags-Untersuchungsausschüsse (Norbert Gansel, SPD, Obmann in einem Ausschuss und Freund Engholms, hält mittlerweile einen Mord an Barschel für möglich) und ein Ermittlungsverfahren zur Folge, die keine Strafen und wenig Aufklärung brachten. So gibt es keine Klarheit über eine stillschweigende Duldung oder sogar Unterstützung von Bonn (F.J. Strauss wurde hier genannt) und Kiel (Barschel). HDW-Manager behaupteten, nicht alle Blaupausen geliefert zu haben. Barschel wurde den diesbezüglichen Spekulationen zufolge von Organen Apartheid-Südafrikas ermordet, weil er gegen den Deal war, weil er sein Wissen in Geld verwandeln bzw. preisgeben wollte oder aber weil das Geschäft nicht zustandekam, die Südafrikaner bezahlt hatten und Barschel das Geld nicht zurückzahlen konnte. Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die die Aufarbeitung von Verbrechen in der Apartheid-Ära zum Ziel hatte, hat die Sache mit den U-Booten und Barschel nicht behandelt.

Eine wichtige Rolle in den Theorien um den Tod Barschels spielt sein Geschäftspartner Ballhaus, dem er geholfen haben soll, Geschäfte in der DDR abzuwickeln (bei denen wiederum Südafrika eine Rolle gespielt haben soll). In dem Zusammenhang wird immer wieder das Hotel “Neptun” in Warnemünde genannt. Ballhaus stand in Kontakt mit dem südafrikanischen Wildjäger Jacobus Prinsloo, der bei der Übergabe der Blaupausen an den südafrikanischen National Intelligence Service (NIS) eine Rolle gespielt und Ballhaus gegenüber von der Ermordung Barschels gesprochen haben soll.

Genannt wird im Zusammenhang mit den Spekulationen zum Tod Barschels auch das von HDW hergestellte Kreuzfahrtsschiff “Astor”, das über Südafrika und Bahamas an die DDR verkauft wurde, und dort unter dem Namen “Arkona” in Dienst gestellt wurde. Es gibt Meinungen, dass der Verkauf des Schiffes an die DDR Teil eines geheimen Dreiecksgeschäfts zwischen Südafrika, der DDR und den HDW war, das maßgeblich durch die schleswig-holsteinische Landesregierung beeinflusst bzw. eingefädelt war, und bei dem bis 150 Millionen DM Schmiergeld geflossen sein sollen. Die DDR sei dadurch günstig zu einem Kreuzfahrtschiff gekommen, Apartheid-Südafrika an die U-Boot-Pläne und die wirtschaftlich angeschlagene HDW an dringend benötigte Aufträge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mossadegh-Sturz 1953

Der Sturz des iranischen Premierministers Mohammed Mossadegh 1953 durch eine amerikanisch-britische Aktion hat einen langen Nachhall, ist heute nicht nur historisch, sondern auch politisch relevant, wie nicht nur Obamas Erklärung dazu vor wenigen Jahren zeigt. Man kann sagen, die politischen Grosslager des Iran entstanden damals. Ohne 1953 hätte es auch kein 1979 gegeben, keine Revolution in dieser Form. In der jetzigen Islamischen Republik wird eine Geschichtspolitik betrieben, die nicht nur gegen den Schah und sein Regime, sondern auch gegen Mossadegh und seine Nationale Front gerichtet ist.

Grossbritannien hatte im 2. Weltkrieg seine Einflussnahme im Iran verstärkt und danach auch Sowjetrussland von dort verdrängt. Durch den Kalten Krieg gewann Iran für den Westen zur Bedeutung des Erdöls wegen eine dazu. Unter dem jungen Schah gab es eine dünne Oberschicht, die alle Macht innehatte. Opposition gegen die Schah-Autokratie, die ausländische Bevormundung, und die ungerechte Verteilung des Reichtums gab es von der kommunistischen Partei “Tudeh” (was soviel wie “Massen” bedeutet) und einer im Sommer 1949 entstandenen Koalition diverser Gruppen und Initiativen von Links bis Rechts, die einen anti-imperialistischen und progressiven Anspruch hatten, der “Jebhe Melli” (Nationale Front). Entscheidend mitorganisiert hatte diesen Zusammenschluss der in Europa ausgebildete Jurist Mohammed Mossadegh (auch: Mosaddeq). Er stammte mütterlicherseits von der Kadscharen-Familie ab, die vor den Pahlevis (bis 1925) die Schah-Dynastie gestellt hat, väterlicherseits von der einflussreichen Ashtiani-Familie, die der Bachtiaren-Volksgruppe angehört. Er hat an der Konstitutionellen Revolution ab 1905 teilgenommen, in deren Folge erstmals der Absolutismus der Monarchen durch ein Parlament eingeschränkt wurde. Unter den letzten Kadschar-Schahs war Mossadegh Minister und Provinzgouverneur gewesen. Man kann ihn als nicht-kommunistischen, säkularen Nationalisten (oder Anti-Imperialisten) bezeichnen.

Bei der Parlamentswahl 1950 traten erstmals Kandidaten der Jebhe Melli an und bekamen grossen Zuspruch. Premierminister wurde wieder ein parteiunabhängiger Schah-Günstling, der Militär Ali Razmara. Ein politisches Hauptthema waren zu der Zeit die Besitzverhältnisse der iranischen Ölindustrie bzw. die wirtschaftliche Abhängigkeit des Iran. Die “Anglo-Iranian Oil Company” (AIOC) war zu 51% im Besitz des britischen Staates. Razmara war gegen eine ihre Verstaatlichung, weil er die Fähigkeit des Iran zum alleinigen Betrieb seiner Ölindustrie bezweifelte und zu den “internationalen Verpflichtungen” des Landes stand. Er wurde 1951 von einem schiitischen Fanatiker der “Fedayin-e Islam” ermordet, einer Gruppe, die jene Strömung im Iran begründete, die den Islam politischer und die Politik islamischer machen wollte und auch einen anti-imperialistischen Anspruch hatte. Danach stimmte das Parlament, unter Premier Hossein Ala, für die Verstaatlichung der AIOC. Mossadegh, der Chef der Nationalen Front, war im betreffenden Parlamentsausschuss maßgeblich an der Ausarbeitung der Umsetzung der Verstaatlichung beteiligt, und steigerte dadurch seine Beliebtheit. Premier Ala sah sich an den Rand gedrängt und trat zurück. Mossadegh wurde daraufhin vom Parlament als neuer Premier nominiert, dem Schah blieb nichts anderes übrig als ihn dazu zu ernennen, was vom Parlament bestätigt wurde. Die Regierung bildete Mossadegh aus Leuten seiner Nationalen Front wie Gholamhossein Sadeghi, Karim Sanjabi, Hossein Fatemi. Ala wurde Hofminister in dem Kabinett, obwohl er aus einem anderen politischen Lager kam.

Die neue Regierung machte sich an die Umsetzung der Verstaatlichung der AIOC (zu der die Ölfelder und Raffinerien gehörten), sie sollte in die “National Iranian Oil Company” (NIOC) übergeführt werden. Mossadegh war bereit, mit den Briten über eine Kompensierung für ihre “Investitionen” zu verhandeln, aber Grossbritannien zog sein Personal ab und boykottierte den Kauf iranischen Öls. Die Churchill-Regierung brachte die Verstaatlichung auch vor den UN-Sicherheitsrat. Dieser gab die Sache an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag weiter, der zugunsten Irans urteilte. Mossadegh brach die Beziehungen mit GB ab. Allerdings, die iranische Ölindustrie kam zu einem Stillstand, der Westen hatte andere Lieferanten, war nicht angewiesen auf iranisches Öl; es war der Iran der wirtschaftlich angeschlagen, und die Mossadegh-Regierung, die destabilisiert wurde (“Abadan-Krise”). Dass sie nebenbei auch Reformen in Richtung soziale Gleichheit im Lande unternahm, war für manche Kreise im Westen ein weiterer Grund, sie zu dämonisieren. Mossadegh wurde dort aber auch Achtung entgegengebracht, das amerikanische “Time”-Magazin kürte ihn ja 1951 zum “Mann des Jahres”, zwei Jahre nach Churchill übrigens. Mossadegh setzte zu dieser Zeit auf die USA, gegen die Briten und die Sowjetunion, eine Reise 1951 führte ihn in die USA. Die Truman-Regierung sah Mossadegh als Garant, die Kommunisten im Iran von der Macht fernzuhalten. Die Tudeh unter ihrem Generalsekretär Reza Radmanesh unterstützte Mossadegh zwar, und dieser war gegen ihr Verbot, aber er war im Grunde antikommunistisch, daher kam es auch immer wieder zu Konflikten. Die Öl-Verstaatlichung, die sozialen Reformen und die Zusammenarbeit mit der Tudeh dabei, waren in Wirklichkeit kein Ausweis kommunistischer Politik, sondern der einer vom Ausland teil-entmündigten Oligarchie, die der Iran war, was Mossadegh reformieren wollte.

Die innenpolitische Konfrontation wurde durch die Parlamentswahl 1952 verschärft. Mossadegh liess die Wahl (nachdem genug Abgeordnete für ein beschlussfähiges Parlament gewählt waren) abbrechen, entweder um eine Mehrheit von Kandidaten, die für ein absolutes Schah-Regime standen, zu verhindern, oder aber, weil die Wahlen bereits unter dem Zeichen britischer Manipulationsversuche standen. Wie die Tudeh unterstützten auch manche schiitische Geistliche Mossadeghs Politik, aus Opposition zum Schah-Absolutismus und zur britischen Einflussnahme, einer davon, der Ajatollah Abol-Ghasem Kashani, wurde nach der Wahl 1952 Parlamentspräsident. Mit Kashani verbunden war der Geistliche Navab Safavi, ein Führer der gewalttätigen Fedayin-e Islam; er soll Khomeini beeinflusst haben. Das geistliche Oberhaupt der schiitischen Bevölkerungsmehrheit Irans, Grossajatollah Burujerdi, verfolgte den traditionellen politischen Quietismus des Klerus, war jedenfalls gegen eine direkte Herrschaft der Geistlichkeit, stand anscheinend eine zeitlang den Reformen Mossadeghs wohlwollend gegenüber, dürfte dann aber eine säkulare Republik oder ein kommunistisches System als mögliche Folgeentwicklung befürchtet haben und daher eine Schah-Herrschaft wie gehabt als eher im Sinne der Religion gesehen und unterstützt haben.

1952 trat Mossadegh kurzzeitig zurück, weil der Schah ihm die Ernennung eines neuen Verteidigungsministers (den Posten füllte er eine zeitlang selber aus) und eines Generalstabschefs verweigerte. Die folgenden Demonstrationen für ihn versuchte das Militär, dem Schah mehr verbunden, niederzuwerfen (es gab viele Verletzte und Tote), der Druck führte aber zu einer Rückkehr Mossadeghs ins Amt. Dieser bekam nun die (nominelle) Kontrolle über das Militär, die er verlangt hatte. Er liess sich vom Parlament Sondermachten geben, die er dazu einsetzte, die Schah-Macht einzuschränken, etwa indem er diesem sein Budget kürzte oder dessen Möglichkeit, Aussenpolitik zu gestalten, einen Riegel vorschob. Mit einer Landreform erhöhte Mossadegh die Zahl seiner Freunde und Feinde.

Christopher de Bellaigue schrieb in “Rosengarten der Märtyrer” über die Beweggründe der Mitwirkenden am Coup gegen Mossadegh: Der Schah befürchtete grundlos seinen Sturz und ein republikanisches System (wenngleich er mit einer Machteinschränkung rechnen musste; meine Anmerkung); die Regierungen Grossbritanniens und dann auch der USA befürchteten grundlos ein kommunistisches System bzw. Einfluss der Sowjetunion; die schiitische Geistlichkeit befürchtete, vielleicht zu Recht, die Entwicklung zu einem säkulareren und progressiveren System. Entscheidend war, dass sich 1953 Verbündete von Mossadegh und seiner Regierung abwandten. Kashani sah wohl ähnlich wie Burujerdi eine Gefährdung des “althergebrachten Systems”, in dem die religiösen Funktionäre allemal eine beträchtliche Macht ausübten. Navab Safavi, den ebenfalls v.a. Unmut über die britische Einflussnahme in das Mossadegh-Lager getrieben hatte, wandte sich schon vor Kashani von Mossadegh ab, weil die Erwartungen seiner Gruppe an diesen bezüglich der Freilassung des Razmara-Mörders und der Rolle der Religion nicht erfüllt wurden. Die Fedayin-e Islam führte einen Anschlag auf Aussenminister Fatemi durch, Safavi war eineinhalb Jahre inhaftiert, unterstützte dann den Sturz Mossadeghs. Neben religiösen Funktionären und Aktivisten wandten sich auch Mitstreiter aus seiner eigenen Partei und seinem politischen Umfeld gegen Mossadegh; z.T. hatten britische Intrigen hier Erfolg, z.T. führten die Auswirkungen der Wirtschaftskrise durch den Ölboykott zu einem Nachdenken über “Auswege”. Im Fall von Mozzafar Baghai, dessen Arbeiterpartei z.T. in der Nationalen Front aufgegangen war, sollen es Befürchtungen vor einem kommunistischen System gewesen sein, die ihn ein absolutistisches und z.T. fremdbestimmtes Schah-Regime unterstützen liessen anstatt einen gestärkten Parlamentarismus. Hussein Makki, ein Mitbegründer der Nationalen Front, er hatte die Übernahme der Raffinerie in Abadan mitgeleitet und wurde als Mossadegh-Nachfolger gesehen, auch er arbeitete 1953 an dessen Sturz mit.

Mosaddeg, Kashani, Makki
Makki, Kashani, Mossadegh

Mit dem Amtsantritt Eisenhowers 1953 bekam Churchill einen Verbündeten in der Sache Iran-Einflussnahme. Die Dulles-Brüder wurden unter diesem Chefs von Aussenministerium und CIA, und planten mit dem britischen MI6 (die Briten hatten nach dem Abbruch der Beziehungen keine Botschaft mehr in Tehran, operierten über ihren Auslandsgeheimdienst) den Sturz Mossadeghs. Für den CIA  reiste Kermit Roosevelt, der Enkel von Ex-Präsident Theodore, 1953 unter falscher Identität in den Iran. Die gemeinsame Kampagne beinhaltete die Ausnutzung von Unzufriedenheiten einflussreicher Iraner mit der Mossadegh-Regierung und die Anstiftung zu Unruhen. Dazu gehörte auch, dass von CIA oder MI6 rekrutierte Iraner gegenüber religiösen Funktionären aggressiv und als Mossadegh-Anhänger auftraten! Auch wurden Stammesführer in den Provinzen für ihre Unterstützung bezahlt, Politiker bestochen. Der Schah selbst, der der Öl-Verstaatlichung wohlwollend gegenüber gestanden sein soll, wurde anscheinend über seine Schwester Ashraf davon überzeugt, seine Einwilligung für den britisch-amerikanischen Plan zu geben. Die unter ihm allmächtige Oberschicht musste nicht erst überzeugt werden, Mitglieder der Rashidian-Familie etwa spielten bei der “Operation Ajax” eine entscheidende Rolle.

Mossadegh bekam in Laufe des Jahres 1953 Wind von der Verschwörung gegen ihn, die auch Leute aus seinem eigenen Kreis miteinschloss. Im April wurde der von ihm eingesetzte Polizeichef Mahmud Afshartous ermordet, möglicherweise von jenen Kreisen, die dann den Putsch ausführten, darunter Zahedi und Baghai. Die Ermordung Ashartous’ liess Spannungen zwischen Mossadegh und seinem politischen Umfeld deutlich werden. Der Premier setzte, Anfang August, ein Referendum über eine Ausweitung seiner Sondervollmachten an, die nun die Auflösung des Parlaments und die Übergabe der gesetzgeberischen Gewalt an seine Regierung beinhalten sollten. Er bekam zwar eine überwältigende Zustimmung, allerdings lief die Abstimmung mit getrennten Wahllokalen für “Ja”- und “Nein”-Stimmen ab. Damit gab er der CIA/MI6-Propaganda neue Nahrung. Mitte August wurde das Parlament auf Grundlage des Referendums aufgelöst.

In diesen Tagen begann auch die entscheidende Phase von “Operation Ajax”, der eigentliche Putsch nach der Destabilisierung der Regierung über geheimdienstliche Arbeit. Der Schah entliess Mossadegh per Dekret am 15. August und ernannte General Fazlollah Zahedi zum neuen Premier. Zahedi gehörte zu einer monarchistischen Offiziersclique, die wahrscheinlich mit USA/GB im Kontakt stand. Da sich an den Machtverhältnissen zunächst nichts änderte, Mossadegh sich weigerte, abzutreten (seine Verhaftung, über die er von Tudeh-Informanten im Militär gewarnt worden war, scheiterte), und seine Anhänger auf die Strassen gingen, flog der Schah sicherheitshalber ins Ausland, zuerst in den Irak, dann nach Italien. Zahedi musste im Land untertauchen. Der Militär und ehemalige Polizeichef, angeblich ein NS-Sympathisant, war unter Premierminister Ala Innenminister gewesen und behielt diesen Posten zunächst unter Mossadegh. Er soll von den ehemaligen Königshäusern Zand und Safawi abstammen, hatte eine Kadscharin geheiratet, sein Sohn Ardeshir heiratete später die Pahlevi-Prinzessin Shahnaz. Er hatte die Öl-Verstaatlichung unterstützt, dann aber mit dem Premier gebrochen weil ihm die “Nähe” zur Tudeh suspekt war. Während Mosaddegh weiter eine konstitutionelle Monarchie wollte, versuchte sein Aussenminister Fatemi, nachdem man den Sturz abgewehrt zu haben glaubte, ihn zu veranlassen, eine Republik auszurufen. Zahedi traf sich währendessen im Geheimen mit anderen Unterstützern der Aktion wie dem Ajatollah Bebhahani und bereitete einen neuen Anlauf vor. Massenmobilisierungen für Mossadegh (ein Teil davon unter falscher Flagge, von MI6/CIA organisiert, zerstörte Moscheen u.ä.) und für Pahlevi (darunter auch bezahlter Mob unter dem Zurchaneh-Athleten Shaban “Bimuch” Jafari) fanden statt.

Am 19. August (28. Mordad im persischen Kalender, der Sturz ist dort auch unter diesem Namen bekannt) waren es u.a. Infiltratoren, die sich als Tudeh-Aktivisten ausgaben (die KP stand tatsächlich bis zum Schluss zu Mossadegh) und, eine kommunistische Revolution vortäuschend, vandalierten (Operation Ajax hatte Züge einer Aktion unter falscher Flagge). Gegendemonstrationen, organisiert und spontan, formierten sich. Die Armee unter Zahedi griff auf deren Seite ein, übernahm alle Macht. Teile von ihr schlugen sich aber auf die Seite der Mossadegh-Regierung. Mindestens 300 Menschen kamen in diesen Tagen ums Leben. Mossadegh wurde in seinem Haus verhaftet, der Schah kehrte nach sechs Tagen im Exil zurück, Zahedi behauptete sich als sein Premier.

Mossadeghs Aussenminister 1951 bis 1953, Hossein Fatemi, davor ein Journalist, auch aus der Nationalen Front, eine treibende Kraft hinter der Öl-Verstaatlichung, ging nach dem Sturz der Regierung in den Untergrund, wurde schliesslich gefasst, des Verrats am Schah angeklagt und 1954 im Alter von 37 Jahren hingerichtet. Auch viele Andere ereilte dieses Schicksal, etwa Justizminister Lotfi, viele Offiziere. Der Vizechef der Nationalen Front, Ahmad Zirakzadeh, unter Mossadegh ebenfalls im staatlichen Dienst, war 2 Jahre auf der Flucht, dann etwa ein halbes Jahr im Gefängnis. Mossadegh kam vor ein Militärgericht und bekam lebenslangen Hausarrest. Die Autokratie des Schah wurde ausgebaut, der Einfluss der USA begann, sie wurde auf Kosten der Briten “Schutzmacht” bzw. Marionettenspieler des Regimes. Mit Hilfe der Amerikaner wurde das Regime militarisiert (gegen die eigene Bevölkerung in erster Linie!), US-Militärberater im Land bekamen Sonderrechte. CIA, MI6 und Mossad halfen, den Geheimdienst “SAVAK” aufzubauen, der ab 1957 zunächst von Teimur Bachtiar geleitet wurde, einem Stammesführer, der im Militär Karriere gemacht hatte, ein Verwandter der zweiten Schah-Frau Soraya.

Der Ölexport wurde nach dem Sturz der Mossadegh-Regierung wieder aufgenommen; die AIOC wurde 1954 in die BP und die staatliche iranische Ölgesellschaft übergeführt. Die Briten verloren gegen eine Entschädigung den Besitz der Anlagen und bekamen, wie andere Staaten, billiges Öl. Diese Staaten unterstützten den Schah dafür massiv; mit dem Geld aus den Ölexporten führte dieser in den folgenden Jahrzehnten eine Modernisierung von oben durch. Mit dem Coup hatte er die Basis für seine Unbeliebtheit gelegt, die er infolge der Arbeit der SAVAK, der amerikanischen Präsenz oder Parteiverboten ausbaute (die Jebhe Melli wurde etwa 1953 verboten). 1955 durfte der Iran dem gegen sowjetischen Einfluss gerichteten Bagdad-Pakt beitreten.

Safavi erwartete sich vom Schah nach seiner Unterstützung des Putsches 1953 u.a. die Einführung der Scharia, bekam das nicht, versuchte dann mit Gewalt gegen das Regime vorzugehen und wurde dafür exekutiert. Ähnlich ging es einem anderen, der sich als Stütze der absoluten Schah-Diktatur versuchte, sich dann aber von ihr abwandte bzw. in Ungnade fiel, Shaban “Bimuch”. Khomeini und Teile des Klerus waren spätestens mit Safavis Hinrichtung politisiert und gegen den Schah eingestellt. Linke und Liberale mussten in den Untergrund. Navab Safavi wird vom jetzigen Regime als der Held dieser Phase gefeiert.

In einem Buch rechtfertigte Kermit Roosevelt die Intervention mit der Flucht des Schahs (“rechtmäßiger Herrscher”) und der “kommunistischen Gefahr” (die manchmal ein Code für Bemühungen zur wirtschaftlichen Selbstbestimmung und ein Ende der Ausbeutung zu sein scheint). Erdöl als zentraler Machtfaktor der modernen Weltwirtschaft war ein zentraler Grund für diese westliche Intervention, die keinen Fortschritt brachte, im Gegenteil. Demokratie und Selbstbestimmung sind bis heute nicht in diesem Maß in den Iran zurückgekehrt, seit diese Koalition aus westlichen Imperialisten, reaktionären Monarchisten und Islamisten zum Sturz Mossadeghs zusammenwirkte. Als Schapur Bachtiar 1979 vom Schah zum Premier eingesetzt wurde, soll ihm dieser sein Bedauern über die damalige Behandlung von Mossadegh-Anhängern geäussert haben.

Die USA haben in dieser Region und anderswo entgegen vieler Behauptungen in den seltensten Fällen emanzipative und egalitäre Systeme unterstützt, viel öfters Demokratie und Menschenrechte abgewürgt. Während die Lumumbas, Qasims, Allendes, Mossadeghs gestürzt wurden (auch ein Karmal war kein so schlechter), dies bei Ortega oder Castro versucht wurde, und dabei diese Länder destabilisiert wurden, wurden Ferdinand Marcos, Saddam Hussein (!), Papadopoulos oder Pinochet unterstützt. Die USA liessen den Franco-Faschismus ebenso intakt, wie sie hochrangige Nazis schützten, soweit sie ihnen im Kalten Krieg nützlich waren. Während man sich Dissidenten wie Sacharow gegenüber gerne unterstützend darstellte und um die Menschenrechte in Ländern wie der Sowjetunion besorgt, leistete man der Verfolgung von Dissidenten in anderen Ländern Unterstützung. Bei den Demonstrationen in Berlin 1967 anlässlich des Schah-Besuchs wurde etwa auf einem Flugblatt auch an den Journalisten Karimpour Shirazi erinnert, einen Mossadegh-Freund, der nach dem Putsch verhaftet und 1954 verbrannt wurde.

2000 hat USA-Aussenministerin Albright eingestanden, dass die USA hinter dem Sturz Mossadeghs standen und dass dieser völkerrechtswidrig war. Barack Obama hat in seiner Rede in Kairo im Juni 2009 die amerikanische Rolle beim Staatsstreich 1953 im Iran ebenfalls bedauert: “In the middle of the cold war, the United States played a role in the overthrow of a democratically elected Iranian government.” Auch der ehemalige Kongress-Abgeordnete Ron Paul verurteilte die Aktion, aus der zeitlichen Entfernung von ca. 50 Jahren.

Wenn manche Winston Churchill dafür in Erinnerung behalten wollen, dass er den Nazi-Stier bei Hörner gepackt habe (André Heller) und dabei davon ausgehen, dass die Briten 1939 in den Krieg zogen, um Deutschland vor Hitler oder den Kontinent vor dem Faschismus zu retten, sagen sie damit dass ihnen seine Aktionen und Kommentare bezüglich den Schwarzen und Afrikaanern in Südafrika, republikanischen Iren, Inder aller Religionen, dem Iran oder der britischen Arbeiterklasse egal sind oder sie sie nicht kennen (was aufs selbe hinauslaufen dürfte). Broder und andere sehnen bezeichnenderweise einen Churchill herbei, wieder gegen den Iran. “The only reason that Churchill himself was not named as one of the worst imperialistic fascist tyrants of the 20th century is by virtue of the fact that the Nazis and Soviets so enthusiasticly killed the title from him” hat jemand bemerkt. Wenn Romney Obama im US-Wahlkampf 12 für seine Kairoer Rede attackiert (“apology tour”) oder andere Rechte Erklärungen zum Mossadegh-Sturz und ähnliche Bemühungen als ein westliches “mea culpa” diffamieren, welches Islamismus stärke, geht es ihnen ja genau darum, den Unterschied zwischen Mossadegh und jenem iranischen Lager, das bei seinem Sturz mithalf, zu verwischen und darum, westliche Einflussnahme zuungunsten demokratischer Entwicklungen wieder mal als Antwort auf etwas Totalitäres hinzudrehen. Westliche Politiker, die Menschenrechte auch im Süden, der 2. und 3. Welt ernstnehmen, keinen Kulturrelativismus vertreten, wie Carter, werden von Kulturkriegern als „schwach“ oder „naiv“ diffamiert.

“All the Shah’s Men” von Stephen Kinzer ist eine empfehlenswerte Darstellung des Mossadegh-Sturzes; auf Deutsch kam es unter dem Titel “Im Dienste des Schah: CIA, MI6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Osten” heraus. Von ihm stammen auch “Overthrow: America’s Century of Regime Change from Hawaii to Iraq” (dt. “Putsch! Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus”; nach Kinzer war die Einverleibung des Königreichs Hawaii 1893 der erste amerikanische “Regimewechsel”) und “Bitter Fruit: The Story of the American Coup in Guatemala” (dt. “Bananen-Krieg”), über den in vieler Hinsicht mit der Sache im Iran vergleichbaren Sturz von Arbenz-Guzman im folgenden Jahr; auch dieser wurde von den Dulles-Brüdern geleitet, auch hier kehrte Demokratie nicht so schnell zurück, auch dort wurde eine „kommunistische Gefahr“ herbeiphantasiert. Von dem erwähnten Christopher de Bellaigue erschien 2012 auch “Patriot of Persia: Muhammad Mossadegh and a Tragic Anglo-American Coup”, kommt vielleicht noch auf Deutsch heraus. Die Artikel auf der deutschsprachigen Wikipedia zu der Sache sind nicht brauchbar, sie tragen die “Handschrift” des Benutzers “wvk”, der, gerade weil er sachkundig ist, weiss, wo er mit seinen perfiden Verdrehungen ansetzen muss um den Schah reinzuwaschen. Denn darum geht es ihm, daher ist ihm jede Diffamierung von Jebeh und Tudeh recht.

Relevant dazu ist auch “Frauen ohne Männer”, ein historischer Roman von Scharnusch Parsipur, in dem es um eine erfundene Handlung vor dem Hintergrund des Mossadegh-Sturzes 1953 geht; im Mittelpunkt steht die Figur der M(o)unis. Der Roman wurde von Shirin Neshat verfilmt. Neshat nannte die zugrundeliegende Sache damals richtigerweise ein Schlüsselereignis der iranischen Geschichte, sie weist darauf hin dass die Figur der im Film und Roman von Sicherheitskräften erschossenen Demonstrantin Munis mit der Neda Agha-Soltan von 2009 absolut zu vergleichen ist. „Die Parallelen zwischen 1953 und dem Sommer 2009 sind absolut frappierend. Die Menschen fordern Freiheit und Demokratie. Munis, im Film, ist eine mutige und schöne Kämpferin, wie die getötete Neda und all die anderen jungen Frauen, die in diesem Jahr mit Steinen in den Händen an vorderster Front der grünen Bewegung gekämpft haben. Männer und Frauen haben Seite an Seite protestiert, dann, leider, die Gewalt des Staates gegen diese Widerständigen. Die Geschichte wiederholte sich.“ Neda Agha-Soltan wird auch mit Isis Obed Murillo verglichen, einem Honduraner der fast zur selben Zeit wie sie bei einer Demonstration gegen den Sturz von Präsident Zelaya durch das Militär erschossen wurde und kaum Publizität bekam.

Die Bekanntheit Nedas geht auch z.T. auf die Versuche der Vereinnahmung der Proteste gegen die Wahlfälschung von 2009 und der iranischen Opposition seither zurück. Dass es im Iran schon lange demokratische Bestrebungen gab, diese mit westlicher Hilfe abgewürgt wurden, dass die Khomeini-Machtergreifung eine Vorgeschichte hatte, haben die neuen Iran-“Freunde” noch immer nicht gelernt. Die plötzliche “Solidarität“ mit der iranischen Protestbewegung, die selektive Vereinnahmung der grünen Bewegung, geschieht natürlich auch um der Kriegstrommeln gegen Iran willen. “freeirannow.wordpress” ist ein typisches Beispiel für die deutsche Variante dieser Vereinnahmung nach 09, mit altbekannten Figuren der “israelsolidarischen” und “antiislamischen” Szene wie Osten-Sacken, Hartmann, Feuerherdt/lizaswelt, Dahlenburg, Eiteneier und Alibi-Iranern wie Amirseghdi. Ein besonders dreistes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Propagandafilm „Iranium“ von neokonservativen Kreisen in USA wie Michael Leeden, dem “Endowment for Middle East Truth” (Joe Lieberman, Pipes, Glick, Gaffney, Woolsey,…), dem “Center for Security Policy”, “Horowitz Freedom Center”, Kenneth Timmerman (“Foundation for Democracy in Iran“, die schon 06 zur Bombardierung Irans aufrief) u.s.w, die auch schon hinter Filmen wie “Obsession” standen. Die Macher des Films und ihre Anhänger arbeiten natürlich daran, dass es noch härtere Sanktionen gegenüber Iran gibt, die u.a. genau darauf abzielen, dass Kommunikationstechnologie, die die Anti-Regime-Bewegung dringend braucht, dort nicht erhältlich ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Team der bei der Fussball-WM 2014 Abwesenden

Umfasst vorläufig nur Spieler von Teams, die sich nicht qualifiziert haben (die ja jetzt feststehen; nicht mehr als einer pro Nationalteam) und nicht jene, die aus anderen Gründen (verletzt, mit dem Trainer zerstritten,…) fehlen werden. Dieses “Team” wird sicher noch Verstärkung bekommen. Wichtigster Abwesender dürfte aber Zlatan Ibrahimovic bleiben (2010 war das der verletzte Ballack). Der Schwede mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien sagt zu seiner Nicht-Teilnahme in Brasilien: „Ich leide. Es wird vorübergehen – langsam, langsam“. Ein paar Spiele der WM werde er sich anschauen. „Es ist aber nicht so, dass ich nach Hause laufe, um vor dem Fernseher zu sitzen“.

* Cech (Tschechien)

* Vidic (Serbien)

* Fletcher (Schottland)

* Alaba (Österreich)

* Timoschuk (Ukraine)

* Abutrika (Ägypten)

* Cardozo (Paraguay)

* Bale (Wales)

* Pizarro (Peru)

* Lewandowski (Polen)

* Ibrahimovic (Schweden)

Weiterer Kader: Hamsik (Slowakei), Keane (Irland), Gudjohnsen (Island), Kanouté (Mali), Kiraly (Ungarn), Altintop (Türkei), Bendtner (Dänemark), Rat (Rumänien), Arango (Venezuela), Mkhitaryan (Armenien), Penedo (Panama), Handanovic (Slowenien), Dikgacoi (Südafrika), Chamakh (Marokko), Hangeland (Norwegen), Darraghi (Tunesien), Vicelich (Neuseeland), Mahmoud (Irak), Ricketts (Jamaika), Benayoun (Israel), Vucinic (Montenegro), Raldes (Bolivien), Pitroipa (Burkina Faso), Shatskich (Usbekistan), De Rosario (Kanada)

Als Trainer dieser virtuellen Mannschaft bieten sich der Italiener Trappatoni (bis vor kurzem bei Irland) oder der Schotte Ferguson an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die besten Fussballspiele bis jetzt

* Brasilien-Italien 4:1, Finale WM 1970, Pelés dritter WM-Sieg

* Frankreich-Deutschland 3:3 n.V., Sieg für Deu. n.E., Semifinale WM 1982; Rummenigge: “Die Franzosen wollten uns, als es 3:1 stand, eine Lehre erteilen” – wahrscheinlich haben sie dadurch die Führung verspielt; neben damatischem Spielverlauf und Elferdrama blieb Schumachers gefährliches Spiel gegen Battiston in Erinnerung.

* Frankreich-Brasilien 3:0, Finale WM 1998

* Argentinien-Deutschland 1:1 n.V., 2:4 Elfer, Viertelfinale WM 2006

* England-Deutschland 4:2 n.V., Finale WM 1966, umstrittenes Tor von Hurst

* Brasilien-Deutschland 2:0, Fin. WM 02

* Brasilien-Niederlande 3:2, Viertelfinale WM 1994

* Argentinien-Niederlande 3:1 n.V., Finale WM 1978

* Brasilien-Italien 2:3, Zwischenrunde WM 1982, die “Wiederaufstehung” von Paolo Rossi

* Manchester United – Bayern München 2:1, Finale EC I 1999

* Niederlande-Italien 0:0 n.V., 1:3 Elfer, Semifinale EM 2000

* Italien-Argentinien 1:1 n.V., 3:4 Elfer, Semifinale WM 1990

* Frankreich-Brasilien 1:1 n.V., 3:4 Elfer, Viertelfinale WM 1986

* Brasilien-England 2:1, Viertelfinale WM 2002

* Brasilien-Niederlande 1:1 n.V., 4:2 Elfer, SF WM ’98

* Argentinien-Deutschland 3:2, Finale WM 1986

* Niederlande-Deutschland 1:2, Finale WM 1974

* England-Deutschland 1:1 n.V., 5:6 Elfer, Semifinale EM 1996

* Italien-Deutschland 4:3 n.V., Semifinale WM 1970

* Belgien-Sowjetunion 4:3, Achtelfinale WM 1986

* Italien-Deutschland 3:1, Finale WM 1982

* Niederlande-Sowjetunion 2:0, Finale EM 1988

* Italien-Deutschland 2:1, Semifinale EM 2012

* Deutschland-Italien 0:2, SF WM 06

* Argentinien-England 2:2 n.V., 4:3 Elfer, Achtelfinale WM 1998

* Spanien-Russland 3:0, Semifinale EM 2008

* Brasilien-Schottland 4:1, Vorrunde WM 1982

* AC Milan-FC Barcelona 4:0, Fin. EC I 1994

* Spanien-Deutschland 1:0, SF WM 10

* Deutschland-Ungarn 3:2, Finale WM 1954 (“Wunder von Bern”; deutsche Mannschaft gedopt?; ein blutjunger Joseph Blatter war unter den Zusehern)

* Niederlande-Deutschland 1:2, WM 90 AF

* Liverpool-AC Milan 3:3 nV, Sieg nE, CL-Fin. 05

* Ghana-Uruguay 1:1 n.V., 2:4 Elfer, Viertelfinale WM 2010

* Brasilien-Argentinien 0:1, AF WM 90

* Real-Benfica 3:5, Fin. EC I 62

* Schweden-Rumänien 2:2 n.V., 5:4 Elfer, Viertelfinale WM 1994

* Brasilien-Italien 3:3, Tournoi de France 1997

* Kamerun-England 2:3 n.V., VF WM 1990

* Brasilien-Argentinien 2:2 n.V., 4:2 Elfer, Fin. Copa America 04

* Brasilien-Schweden 5:2, Finale WM 1958

* Spanien-Südkorea 0:0 n.V., Elfer 3:5, Viertelfinale WM 2002

* Deutschland-England 5:1, WM-Qu. 01

* Brasilien-Niederlande 0:2, ZR WM 74

* Tschechoslowakei-BRD 2:2 nV, Sieg nE, Fin. EM 76

* Uruguay-Brasilien 2:1, Finalrunde WM 1950

* Brasilien-Mexiko 1:2, Fin. Olympia 12

* Australien-Kroatien, VR WM 06

* Sowjetunion-Brasilien, Fin. Ol. 88

* Dortmund-Juve 3:1 ECI-Fin 97

* Ita.-Fra., Fin. WM 06

* Liverpool-M’gladbach 3:1, Fin. ECI 77

* Bra-Deu 4:1, Mini-WM 80/81 VR

* Mex-Bra CC-Fin 99

* Bra-Col VF WM 14

* Ita-Esp EM 12

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der grosse Prinz – Zum Leben Otto Habsburg-Lothringens

Otto, der älteste Sohn von Karl I., dem letzten Kaiser von Österreich-Ungarn, starb 2011 im Alter von fast 99 Jahren. Er wurde 1912 als erstes von 7 Geschwistern geboren. Sein Vater rückte durch den Mord, der den 1. Weltkrieg auslöste, zum Thronfolger auf, durch den Tod Franz Josephs 1916 zum Kaiser; Otto war 1916-18 Kronprinz. Anfang Oktober 1918 hat er seine Erstkommunion in der Hauskapelle der Villa Wartholz in Reichenau erhalten, was laut der christlichsozialen “Reichspost” bei allen Kindern des Landes spontane Freude auslöste. Das seit 1867 von Deutschland getrennte Österreich-Ungarn war ein Vielvölker-Reich, was es im Vorfeld des 1. Weltkriegs sowohl zum Kriegsziel als auch zum Aggressor machte, und schiesslich seinen Zerfall bedingte. Kaiser Franz Joseph I., Ottos Urgrossonkel, betrieb in seinen späteren Jahren vor allem am Balkan eine Grossmachtpolitik, wo dann auch der Krieg ausbrach.

Österreich-Ungarn implodierte im Oktober und November 1918, am Ende des Kriegs, auf den Schlachtfeldern Venetiens wie in den Hauptstädten von Kronländern, die unabhängige Staaten ausriefen. Otto Bauer, der Chefideologe des “Austromarxismus”, kam 1923 in seinem Buch „Die österreichische Revolution“ zur Erkenntnis, diese sei in Wahrheit nicht vom österreichischen Proletariat, sondern von der nationalbewussten Bourgeoisie in den abfallenden Kronländern getragen worden. Auch im übriggebliebenen Deutschösterreich wollte man die Monarchie nicht. Dass Kaiser Karl in den Entscheidungstagen Ende Oktober/Anfang November zuerst im ungarischen Schloss Gödöllö ausspannte und dann im Wienerwald auf die Jagd ging, trug dazu bei. Nach Wien kam der Krieg u.a. in Form einer Hungersnot, die Hauptstadt wurde Epizentrum des Zusammenbruchs des Grossreichs, die Verwandlung Österreichs trat dort am deutlichsten zu Tage.

Nach dem Sturz der Monarchie in Rest-Österreich, der Exilierung der vormals kaiserlichen Familie und dem Tod seines Vaters in Portugal wuchs Otto in Spanien auf, wo mit Alfonso XIII. der Sohn einer Habsburgerin König war. Privilegiert, mit Hilfe des europäischen Hochadels und der katholischen Kirche, und von seiner Mutter, “Kaiserin” Zita (aus dem Haus Bourbon-Parma) im Sinne “legitimistischer” Machtansprüche erzogen. Ging 1929 zum Studium der Staats- und Sozialwissenschaften nach Belgien, wo er 1930 volljährig wurde, womit die Vormundschaft seiner Mutter über ihn, auch als Oberhaupt der Familie, endete. Er studierte unter dem Namen “Otto von Bar”.

Die in der 1. Republik Österreichs (zunächst demokratisch) herrschende Christlich-Soziale Partei, wie auch der maßgeblich von ihr getragene Austrofaschismus (1933-1938), waren in der Haltung zur österreichischen Vergangenheit, einer Restauration der Monarchie im Lande, und der Familie Habsburg gespalten und inkohärent. Verbunden mit der Frage der Staatsform war in Österreich jene der Eigenständigkeit, die Christlich-Sozialen waren (wie auch die Sozialdemokraten) in den Anfangsjahren der 1. Republik für einen Anschluss an das demokratische Deutsche Reich (der im Friedensvertrag von St. Germain verboten wurde), opponierten aber heftig einen an das nationalsozialistische; auch vor diesem Hintergrund wurde Habsburg für sie attraktiv, gewissermaßen zur Verstärkung der österreichischen Nationalidee.

Waren in den früheren Jahren der 1. Republik Befürworter einer Monarchie in der CS in einer Aussenseiterposition, so gab es unter den Bundeskanzlern Dollfuss und Schuschnigg (also nach Ausschaltung der Demokratie) Überlegungen der Einführung einer konstitutionellen Monarchie und die teilweise Rücknahme des Habsburger-Gesetzes von 1919, das den Landesverweis für die Familie und die Enteignung ihres Vermögens beinhaltete. Dollfuss liess das Habsburgergesetz vom Verfassungsrang in den einfachen Gesetzesrang herunterstufen. Die Schuschnigg-Regierung nahm 1935 Kontakt zu Otto Habsburg-Lothringen auf, ändert das Gesetz ab, hob die Landesverweisung auf, zahlte ihm eine Apanage, bat ihn aber, von einer Rückkehr nach Österreich Abstand zu nehmen, um nicht die Entente-Mächte des 1. Weltkriegs herauszufordern.

Kurz vor dem Anschluss 1938 forderte Habsburg von Bundeskanzler Schuschnigg, ihm die Kanzlerschaft zu übertragen, um (angeblich militärischen) Widerstand dagegen zu organisieren. Manche lesen hier eine indirekte Anerkennung der Republik durch ihn heraus. Überbracht hat die Aufforderung der Schriftsteller Joseph Roth, der sich dem Monarchismus zugewandt hatte und ein Bekannter Ottos geworden war. Zum Monarchismus bzw. Legitimismus im Österreich der Zwischenkriegszeit (für dessen Anhänger Otto der Anwärter zum Kaiser Österreichs war) sind die Kapitel V und IX in der Arbeit von Kevin Mason zu empfehlen, der sich dabei v.a. auf drei österreichische Uni-Abschlussarbeiten stützt. In seiner Zeit in Belgien stiess Habsburg auch auf die “Paneuropa-Bewegung”, die er später entscheidend prägen sollte.

Die nationalsozialistische Diktatur bzw. der Anschluss brachte auch für österreichische Monarchisten Repressionen sowie (1938) die Rückgängigmachung des Gesetzes von 1935, somit die neuerliche Enteignung des “Hochverräters” Otto Habsburg. Die Nationalsozialisten versuchten, Karl als “Verräter” und Mitverursacher der österreichischen Niederlage im Ersten Weltkrieg hinzustellen. Otto gelang 1940 mit seiner Mutter und anderen Verwandten die Flucht aus Belgien, knapp bevor der Blitzkrieg auch dorthin kam, über Portugal in die USA. Er liess sich in New York nieder. In dieser Phase half er vom NS verfolgten Österreichern. Angeblich unterhielt er während des 2. Weltkriegs enge Kontakte zu Roosevelt und Churchill, setzte sich für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs, für seine Verschonung von den Bomben der Alliierten, für das Wohl Ungarns, gegen die Sowjetunion, ein. Weiters brachte er das Konzept einer Donauföderation auf, einen Bund aus Österreich, süddeutschen Ländern und mittelosteuropäischen Staaten, mit ihm als Monarchen, das Churchills Unterstützung gewonnen haben (und an Stalin gescheitert sein) soll. Rund um den von den Nationalsozialisten losgetretenen 2. Weltkrieg gab es die Punkte, an denen Habsburg wahrscheinlich wirklich an die Möglichkeit einer Wiedereinführung einer Monarchie unter ihm glaubte. Im Unterschied zu anderen Kronprinzen, die lange warten mussten oder müssen wie der Hohenzollern Friedrich III. oder der Windsor Charles, gab es den Staat und das System, in dem seine Vorfahren herrschten, nicht mehr, und keine echte Chance auf eine Restauration.

Nach Kriegsende reiste Habsburg in den Westen Österreichs, wo er gegen die Renner-Regierung agitierte. Die Rückkehr Österreichs zur Verfassung vor der Ausschaltung der Demokratie 1933 bedeutete für ihn nach einigen Monaten die Ausweisung. Sein Lebensmittelpunkt wurde Frankreich, wo er eine Sachsen-Meiningen heiratete (7 Kinder), dann das Spanien unter Franco. Dieser, so wird behauptet, soll erwogen haben, Habsburg, dessen Vorfahren das Land von 1504 bis 1700 regiert hatten, nach seinem Tod als König Spaniens einzusetzen (anstatt einem Bourbonen). Über Francos “Europäisches Dokumentations- und Informationszentrum” (CEDI) in Madrid lernte er auch den BRD-Spitzenpolitiker Franz Josef Strauß kennen, über den er 1954 nach Bayern kam (Villa am Starnberger See), und 1978 auch zur deutschen Staatsbürgerschaft. 1955 wurde das Habsburgergesetz auf ausdrückliches Verlangen der Sowjetunion Bestandteil des österreichischen Staatsvertrages, was Monarchisten und Otto erzürnte. 1979 zog er für die CSU ins Europaparlament ein. Der Ex-Linke Cohn-Bendit (der ebenfalls einen “über-nationalen” Hintergrund hatte, den er in der EG/EU gut aufgehoben sieht) nannte ihn dort einmal “meinen Lieblingsreaktionär”, worauf dieser das Kompliment “Lieblingschaot” zurückgab.

Habsburg-Lothringen war immer österreichischer Staatsbürger, hatte aber nicht immer einen österreichischen Pass, reiste daher zeitweise mit einem spanischen Diplomatenpass. Der Sohn des 1914 in Sarajevo ermordeten österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, Max Hohenberg, verhandelte für ihn in der Nachkriegszeit mit der österreichischen Regierung, über seine Restitutionsforderungen sowie das Recht auf Einreise und Staatsbürgerschaft. Als diese Forderungen an einen entscheidenden Punkt kamen, entwickelte sich die 1961 bis 1966 schwelende Habsburg-Krise, ein Streit in der grossen Koalition und eine öffentliche Debatte. Otto Habsburg gab 1961 eine Verzichtserklärung im Sinne des Gesetzes von 1919 ab, die 1963 vom Verwaltungsgerichtshof anerkannt wurde, womit die politische und öffentliche Debatte aber erst begann. Eine Lösung bzw. Pass und Einreiseerlaubnis gab es mit der ÖVP-Alleinregierung Klaus 1966, die umgehend zum zweiten Besuch Habsburgs in Österreich nach seiner Exilierung als Kind führte. Nach persönlichen Kontakten und einem öffentlichen Handschlag zwischen ihm und Bundeskanzler Bruno Kreisky 1972 anlässlich eines Paneuropa-Kongresses entspannte sich das Verhältnis zwischen der SPÖ und der Familie Habsburg, danach waren Einreisen Ottos nichts aussergewöhnliches mehr. Die SPÖ habe später versucht, Habsburg gegenüber die 1918 nicht stattgefunde Revolution nachzuholen, hat einmal jemand analysiert. In Österreich waren seine Anhänger vorwiegend im ÖVP-nahen Kreisen (CV, Traditionsverbände, Rechtskatholiken) zu finden. Von dort kam auch gerne der Vorwurf des „Habsburger-Kannibalismus“ an die Republik.

Habsburgs Mutter Zita war 1953 nach Europa zurück gekehrt. Sie unterzeichnete die Verzichtserklärung nicht, durfte aber 1982 einreisen (nach 63 Jahren Exil), auf Vermittlung des spanischen Königs Juan Carlos und da sie nicht erbberechtigt war. Sie wurde nach ihrem Tod in der Schweiz 1989 in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt (ausser ihrem Herz); dort wartet auch ein Grab auf ihren Ehemann, den sie um 67 Jahre überlebte. Otto stimmte einer Überführung nach Wien aber nicht zu, da er dies als Affront gegenüber der Bevölkerung von Madeira sah.

Im August 1989 war er Mitinitiator des „Paneuropäischen Picknicks“ an der Monate zuvor geöffneten ungarisch-österreichischen Grenze, das über 600 DDR-Bürger unter Duldung der ungarischen Zöllner zur Flucht in den Westen nutzten. Habsburg war danach als post-kommunistischer ungarischer Staatspräsident im Gespräch. In den 1990ern verwendete die evangelikale Hilfsorganisation “World Vision” Spendengelder für den EP-Wahlkampf von Habsburgs Sohn Karl, die folgende Kritik verglich Otto mit der Judenverfolgung. Otto reiste während der Jugoslawien-Kriege nach Slowenien, Kroatien, Bosnien, sah die Gegner der Unabhängigkeit und Integrität dieser Länder als „Kommunisten“ (was nur im Fall Sloweniens halbwegs zutraf). 2007 wurde Karl Habsburg Familienoberhaupt; seine Heirat mit einer Tochter des Industriellen Thyssen soll die Familie wirtschaftlich nötig gehabt haben.

2003 haben die Habsburger beim Österreichischen Entschädigungsfonds für NS-Opfer einen umfassenden Antrag gestellt; forderten die Rückgabe von Wäldern, Schlössern und Gutsbesitz. Die Familie sieht sich als Opfer des Nationalsozialismus (wegen der Gesetzesrücknahme ’38). Otto Habsburg war unter jenen Familienmitgliedern, die Ansprüche hatten, er hielt sich diesbezüglich aber im Hintergrund, wollte keine neuen Auseinandersetzung mit der Republik. Der langjährige SPÖ-Fraktionschef im Nationalrat, Josef Cap, sagte zu den Ansprüchen: “Das Einzige, was ich mir als Rückerstattung vorstellen könnte, ist bestenfalls ein Zimmer im Schloss Schönbrunn, wo immer ein Habsburger anwesend sein muss, um den Touristen zuzuwinken.” Die Habsburger müssten, statt Entschädigungen zu kassieren, eher noch für die Folgen des Ersten Weltkriegs aufkommen.

Seine Dynastie, die fast 500 Jahre die deutschen Kaiser gestellt hatte, hatte die Gegenreformation mitzuverantworten, war bei der Französischen Revolution auf der Gegenseite gestanden, trat gegen die griechische Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich auf, wurde teilweise als Völker-Kerkermeister wahrgenommen. Ein Schicksal wie das der Bourbonen nach 1789 und der Romanovs nach 1917 blieb den Habsburgern nach ihrer Entmachtung erspart. Otto wandelte nach dem frühen Tod seines Vaters durch die Jahrzehnte österreichischer und europäischer Geschichte, vergleichbar mit dem gestürzten letzten chinesischen Kaiser Pu Yi in Nordostasien. Das langjährige Mitglied des Malteser-Ordens umgab sich mehr mit konservativen Politikern und Geistlichen als mit Adeligen, war jahrzehntelang unterwegs als “antikommunistischer Wanderprediger” (Riedl in der “Zeit”). Monarchistische Ansprüche hat er eher dezent unterstrichen. Otto Habsburg wurde und wird gern als Mann dargestellt, der Hitler die Stirn bot und den Kommunismus mit zu Fall brachte, somit gegen jeden Totalitarismus eintrat sowie für demokratische und christliche Werte und Europa – und der in bzw. von Österreich übel diskriminiert wurde. Auch für FPÖ-Chef Strache ist der Kaisersohn „immer – auch in den dunkelsten Zeiten – kompromisslos für Österreich eingetreten“ auch wenn die Republik – „namentlich die SPÖ“ – nicht immer anständig mit seiner Familie umgegangen sei.

Sein Verhältnis mit dem spanischen Diktator Franco wird lieber ausgelassen; Habsburgs Ex-Sprecherin “beschönigte” diesen damit dass er Juden gerettet habe… Der Politologe Pelinka wies anlässlich Habsburgs Tod auf Stellungnahmen von diesem gegen Entkolonialisierung und für die Apartheid hin. Habsburg selbst hat seinen “Mut gegen Hitler” mit (seinem) Einsatz gegen Homosexuellen-Interessen in Zusammenhang gebracht. An Dollfuss fand er auch in seinen späten Jahren nichts negatives, auch nicht dessen enge Beziehungen zu Mussolini, für die Ausschaltung des Parlaments unter ihm äusserte er Verständnis. Österreich sei ein Opfer Hitlers gewesen, der Empfang am Wiener Heldenplatz für diesen nichts besonderes. Vor dem Irak-Krieg 03 sorgte er sich (in der “Jungen Freiheit”) darum, dass “weisse Amerikaner” unter Bush in USA zu kurz kämen, dass das Aussenministerium dort von Schwarzen, das Verteidigungsministerium von Juden dominiert sei. Zur USA hatte er eine zwiespältige Haltung, gegenüber dem christlich-orthodoxen Kulturkreis blieb er reserviert, zur Postmoderne bzw. auch zur Moderne nahm er eine negative Haltung ein, auf den Anti-Islam-Zug sprang er nicht mehr auf (auch wenn er gegen die Türkei in der EU war).

Begräbnis von Kaiser Franz Joseph I. am 30. 11. 1916. Karl I., Kaiserin Zita, Kronprinz Otto beim Trauerzug.
Begräbnis von Kaiser Franz Joseph I. am 30. 11. 1916. Kronprinz Otto beim Trauerzug mit seinen Eltern, dem neuen Kaiser Karl I., und Zita.