Der grosse Prinz – Zum Leben Otto Habsburg-Lothringens

Begräbnis von Kaiser Franz Joseph I. am 30. 11. 1916. Karl I., Kaiserin Zita, Kronprinz Otto beim Trauerzug.

Otto, der älteste Sohn von Karl I., dem letzten Kaiser von Österreich-Ungarn, wurde 1912 als erstes von 7 Geschwistern geboren. Sein Vater rückte durch den Mord, der den 1. Weltkrieg auslöste, zum Thronfolger auf, durch den Tod Franz Josephs 1916 zum Kaiser; Otto war 1916-18 Kronprinz. Anfang Oktober 1918 hat er seine Erstkommunion in der Hauskapelle der Villa Wartholz in Reichenau erhalten, was laut der christlichsozialen “Reichspost” bei allen Kindern des Landes spontane Freude auslöste. Das seit 1867 von Deutschland getrennte Österreich-Ungarn war ein Vielvölker-Reich, was es im Vorfeld des 1. Weltkriegs sowohl zum Kriegsziel als auch zum Aggressor machte, und schiesslich seinen Zerfall bedingte. Kaiser Franz Joseph I., Ottos Urgrossonkel, betrieb in seinen späteren Jahren vor allem am Balkan eine Grossmachtpolitik, wo dann auch der Krieg ausbrach.

Gemälde von der Krönung Karls in Budapest 1916; das Kind ist Otto

Österreich-Ungarn implodierte im Oktober und November 1918, am Ende des Kriegs, auf den Schlachtfeldern Venetiens wie in den Hauptstädten von Kronländern, die unabhängige Staaten ausriefen. Otto Bauer, der Chefideologe des “Austromarxismus”, kam 1923 in seinem Buch „Die österreichische Revolution“ zur Erkenntnis, diese sei in Wahrheit nicht vom österreichischen Proletariat, sondern von der nationalbewussten Bourgeoisie in den abfallenden Kronländern getragen worden. Auch im übriggebliebenen Deutschösterreich wollte man die Monarchie nicht. Dass Kaiser Karl in den Entscheidungstagen Ende Oktober/Anfang November zuerst im ungarischen Schloss Gödöllö ausspannte und dann im Wienerwald auf die Jagd ging, trug dazu bei. Nach Wien kam der Krieg u.a. in Form einer Hungersnot, die Hauptstadt wurde Epizentrum des Zusammenbruchs des Grossreichs, die Verwandlung Österreichs trat dort am deutlichsten zu Tage.

Ein Schicksal wie das der Bourbonen nach 1789 und der Romanovs nach 1917 blieb den Habsburgern nach ihrer Entmachtung erspart. Nach dem Sturz der Monarchie in Rest-Österreich, der Exilierung der vormals kaiserlichen Familie und dem Tod seines Vaters in Portugal wuchs Otto in Spanien auf, wo mit Alfonso XIII. der Sohn einer Habsburgerin König war. Privilegiert, mit Hilfe des europäischen Hochadels und der katholischen Kirche, und von seiner Mutter, “Kaiserin” Zita (aus dem Haus Bourbon-Parma) im Sinne “legitimistischer” Machtansprüche erzogen. Ging 1929 zum Studium der Staats- und Sozialwissenschaften nach Belgien, wo er 1930 volljährig wurde, womit die Vormundschaft seiner Mutter über ihn, auch als Oberhaupt der Familie, endete. Er studierte unter dem Namen “Otto von Bar”, nannte sich „Erzherzog“. In seiner Zeit in Belgien stiess Habsburg auch auf die “Paneuropa-Bewegung”, die er später entscheidend prägen sollte.

Der österreichische (und ungarische) Thronanwärter reiste 1932 von Belgien auf Einladung des Zentrums-Abgeordneten Graf Galen nach Berlin, wo er sich mit August Wilhelm von Preussen traf, einem der deutschen Kaisersöhne, jenem der sich von Hitler vor dessen Karren spannen liess. Adolf Hitler wollte Habsburg bei dieser Gelegenheit treffen, der verweigerte. Bei dieser Reise in Berlin dürfte sein Besuch auf einer kommunistischen Kundgebung stattgefunden haben, von der er später immer wieder erzählte. Nach Hitlers Machtergreifung im Deutschen Reich im Jänner 1933 reiste Otto wieder dort hin, zu einem Treffen mit österreichischen Monarchisten, wie es heisst. Da sollen die NS-Behörden bereits versucht haben, ihn festzunehmen. Die Nationalsozialisten versuchten auch, Ottos Vater Karl als “Verräter” und Mitverursacher der österreichischen Niederlage im Ersten Weltkrieg darzustellen.

Die in der 1. Republik Österreichs (zunächst demokratisch) herrschende Christlich-Soziale Partei, wie auch der maßgeblich von ihr getragene Austrofaschismus (1933-1938), waren in der Haltung zur österreichischen Vergangenheit, einer Restauration der Monarchie im Lande, und der Familie Habsburg gespalten und inkohärent. Verbunden mit der Frage der Staatsform war in Österreich jene der Eigenständigkeit, die Christlich-Sozialen waren (wie auch die Sozialdemokraten) in den Anfangsjahren der 1. Republik für einen Anschluss an das demokratische Deutsche Reich (der im Friedensvertrag von St. Germain verboten wurde), opponierten aber heftig einen an das nationalsozialistische. Auch vor diesem Hintergrund wurde Habsburg für sie attraktiv, gewissermaßen zur Verstärkung der österreichischen Nationalidee.

Ende der 1920er begann sich die CS mit Ansprüchen der Habsburger „anzufreunden”, wurde das monarchistische Lager in dieser Partei stärker. So gab es unter den Bundeskanzlern Dollfuss und besonders Schuschnigg (also nach Ausschaltung der Demokratie) Überlegungen zur Einführung einer konstitutionellen Monarchie und die teilweise Rücknahme der beiden Habsburger-Gesetze von 1919, die den Landesverweis für die Familie und die teilweise Enteignung ihres Vermögens beinhalteten (zB von Schloss Eckartsau). Dollfuss liess die Habsburgergesetze vom Verfassungsrang in den einfachen Gesetzesrang herunterstufen. Die Schuschnigg-Regierung hob 1935 die betreffenden Gesetze auf, damit auch die Landesverweisung, nahm Kontakt zu Otto Habsburg-Lothringen auf, zahlte ihm eine Apanage, bat ihn aber, von einer Rückkehr nach Österreich Abstand zu nehmen, um nicht die Entente-Mächte des 1. Weltkriegs herauszufordern. Zum Monarchismus bzw. Legitimismus im Österreich der Zwischenkriegszeit (für dessen Anhänger Otto der Anwärter zum Kaiser Österreichs war) sind die Kapitel V und IX in der Arbeit von Kevin Mason zu empfehlen, der sich dabei v.a. auf drei österreichische Uni-Abschlussarbeiten stützt.

Kurz vor dem Anschluss 1938 forderte Habsburg von Bundeskanzler Schuschnigg, ihm die Kanzlerschaft zu übertragen, um (angeblich militärischen) Widerstand dagegen zu organisieren. Manche lesen hier eine indirekte Anerkennung der Republik durch ihn heraus. Überbracht hat die Aufforderung der Schriftsteller Joseph Roth, der sich dem Monarchismus zugewandt hatte und ein Bekannter Ottos geworden war. Die nationalsozialistische Diktatur über Österreich brachte auch für österreichische Monarchisten Repressionen sowie (1938) die Rückgängigmachung der Gesetzesänderungen von 1935. Der Anschluss Österreichs an das diktatorische, faschistische Deutsche Reich trug den Namen „Unternehmen Otto“. Insbesondere österreichische Monarchisten vertreten noch heute die Auffassung, dass damit Otto (von) Habsburg gemeint war.

Der gab damals der Pariser Zeitung „Le Jour“ ein Interview: „Im Augenblick, da die Österreicher sich vorbereiteten, der Welt ihren Willen nach Unabhängigkeit durch eine freie Volksabstimmung zu beweisen, ist das Deutsche Reich einmarschiert und hat Österreich durch militärische Gewalt annektiert. In meiner Eigenschaft als Nachkomme einer Dynastie, die Österreichs Größe und Wohlstand durch 650 Jahre geleitet hat, als Sprecher der Gefühle von Millionen Österreichern, die für ihr Vaterland die reinste und glühendste Liebe empfinden, erhebe ich den empörtesten Protest gegen die unerhörte Aggression von deutscher Seite, der Österreich zum Opfer gefallen ist.“ Auch später blieb er dabei, dass dieser Anschluss gegen den Willen der Österreicher vollzogen worde sei. Für das NS-Regime war nun jedenfalls das Maß bezüglich dem Habsburger voll; er wurde zur Fahndung ausgeschrieben, sein Steckbrief im „Völkischen Beobachter” veröffentlicht.

Der trinkfreudige Rheinpfälzer Josef Bürckel wurde 38 Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit Deutschland, dann Gauleiter von Wien. Er sprach Jänner 1940 bei einer NSDAP-Massenveranstaltung in Wien zur Bevölkerung, die Rede enthielt Abrechnungen mit Österreichs Vergangenheit und Habsburgern, Schmähungen. „Man kann es vielleicht bedauern, dass ein Haus, dass einige grosse Fürsten, wie Rudolf von Habsburg, Maria Theresia und Josef II. hervorgebracht hat, das in der deutschen Geschichte in diesen wenigen Gestalten eine ruhmreiche Rolle spielt, so in der Schande enden musste. Dass der Sohn der französischen Bourbonin und des Verräters Karl, der Ezherzog Otto, um kein Haar besser als sein Vater sein konnte, ist begreiflich. Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären. Dieser Otto, der zu keinem Volk mehr gehört, der völkisch heimatlos ist, und der mit dem schändlichen Versagen seines Vaters belastet ist, konnte nur ein internationaler Hochstapler werden…“ 1940 wurde Von Schirach (ebf. Rheinpfälzer) als Nachfolger von Bürckel Reichsstatthalter und Gauleiter von Wien, zog mit seiner Familie in die Hofburg. Deutsche Nazis in Spitzenpositionen in der “Ostmark”, ihr Umgang mit österreichischen Traditionen, diese Reichsidee…

Otto gelang 1940 mit seiner Mutter und anderen Verwandten die Flucht aus Belgien, knapp bevor der Blitzkrieg auch dorthin kam, über Portugal in die USA. Er liess sich in New York nieder. In dieser Phase half er vom NS verfolgten Österreichern. Angeblich unterhielt er während des 2. Weltkriegs enge Kontakte zu Roosevelt und Churchill, setzte sich für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs, für seine Verschonung von den Bomben der Alliierten, für das Wohl Ungarns, gegen die Sowjetunion, ein. Weiters brachte er das Konzept einer Donauföderation auf, einen Bund aus Österreich, süddeutschen Ländern und mittelosteuropäischen Staaten, mit ihm als Monarchen, das Churchills Unterstützung gewonnen haben (und an Stalin gescheitert sein) soll. Böse oder realistische Zungen meinen, Habsburgs Eintreten für Österreich bei den Staatsmännern der West-Alliierten hatte nur ein Motiv, sein Streben nach Macht. Rund um den von den Nationalsozialisten losgetretenen 2. Weltkrieg gab es die Punkte, an denen Habsburg wahrscheinlich wirklich an die Möglichkeit einer Wiedereinführung einer Monarchie unter ihm glaubte. Im Unterschied zu anderen Kronprinzen, die lange warten mussten oder müssen wie der Hohenzollern Friedrich III. oder der Windsor Charles, gab es den Staat und das System, in dem seine Vorfahren herrschten, nicht mehr, und keine echte Chance auf eine Restauration.

Nach Kriegsende reiste Habsburg in den Westen Österreichs, agitierte bei den West-Alliierten gegen die Renner-Regierung, diffamierte den Kanzler als “Handlanger Stalins”, bevor noch der Kalte Krieg begonnen hatte. Die Rückkehr Österreichs 1945 zur Verfassung vor der Ausschaltung der Demokratie 1933, zur unabhängigen und demokratischen Republik, brachte die Wiedereinsetzung der Habsburger-Gesetze, bedeutete für das Oberhaupt der ehemaligen Herrscherfamilie nach einigen Monaten Aufenthalt die Ausweisung. Sein Lebensmittelpunkt wurde Frankreich, wo er eine Sachsen-Meiningen heiratete (7 Kinder), dann das Spanien unter Franco. Dieser, so wird behauptet, soll erwogen haben, Habsburg, dessen Vorfahren das Land von 1504 bis 1700 regiert hatten, nach seinem Tod als König Spaniens einzusetzen (anstatt einem Bourbonen). Über Francos “Europäisches Dokumentations- und Informationszentrum” (CEDI) in Madrid lernte er auch den BRD-Spitzenpolitiker Franz Josef Strauß kennen, über den er 1954 nach Bayern kam (Villa am Starnberger See), und 1978 auch zur deutschen Staatsbürgerschaft. 1955 wurde das Habsburgergesetz auf ausdrückliches Verlangen der Sowjetunion Bestandteil des österreichischen Staatsvertrages, was Monarchisten und Otto erzürnte.

Otto Habsburg war immer österreichischer Staatsbürger, hatte aber nicht immer einen österreichischen Pass, reiste daher zeitweise mit einem spanischen Diplomatenpass. Der Sohn des 1914 in Sarajevo ermordeten österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, Max Hohenberg, verhandelte für ihn in der Nachkriegszeit mit der österreichischen Regierung, über seine Restitutionsforderungen sowie das Recht auf Einreise und Staatsbürgerschaft. Das österreichische Innenministerium hat ihm 1957 die Führung des Namens „Otto von Österreich“ untersagt, „Otto Habsburg-Lothringen“ als diesen fest gelegt. Als diese Forderungen an einen entscheidenden Punkt kamen, entwickelte sich die 1961 bis 1966 schwelende Habsburg-Krise, ein Streit in der grossen Koalition und eine öffentliche Debatte.

Otto Habsburg gab 1961 eine Verzichtserklärung im Sinne des Gesetzes von 1919 ab (gegen den Willen seiner Mutter), die 1963 vom Verwaltungsgerichtshof anerkannt wurde, womit die politische und öffentliche Debatte aber erst begann. Eine Lösung bzw. Pass (lautend auf den Namen Dr. Otto Habsburg-Lothringen) und Einreiseerlaubnis gab es mit der ÖVP-Alleinregierung Klaus 1966, die umgehend zum zweiten Besuch Habsburgs in Österreich nach seiner Exilierung als Kind führte, wieder nach Tirol… Nach persönlichen Kontakten und einem öffentlichen Handschlag zwischen ihm und Bundeskanzler Bruno Kreisky 1972 anlässlich eines Paneuropa-Kongresses entspannte sich das Verhältnis zwischen der SPÖ und der Familie Habsburg, wurden Einreisen Ottos nichts Aussergewöhnliches mehr. Die SPÖ habe später versucht, Habsburg gegenüber die 1918 nicht stattgefunde Revolution nachzuholen, hat einmal jemand analysiert. Das langjährige Mitglied des Malteser-Ordens hat monarchistische Ansprüche in späteren Jahren dann eher dezent unterstrichen. Damals aber versuchten Habsburg und seine Anhänger in Österreich, Unterstützung für seine Erhebung zu einem “Justizkanzler” zu sammeln.

In Österreich waren und sind Habsburg-Anhänger vorwiegend im ÖVP-nahen Kreisen (CV, Traditionsverbände, Rechtskatholiken) zu finden. Von dort kam auch gerne der Vorwurf des „Habsburger-Kannibalismus“ an die Republik. Eine eindrucksvolle Schilderung von diesem Milieu (anlässlich einer “Pilgerfahrt” zu “Kaiserin” Zita in die Schweiz) ist das Kapitel „Auszug aus dem Hause Österreich“ ins Christoph Ransmayrs Buch “Der Weg nach Surabaya” (1997). Habsburgs Mutter Zita war 1953 nach Europa zurück gekehrt, liess sich in Luxemburg bei ihrem Bruder Felix nieder. 1962 übersiedelte sie ins St.-Johannes-Stift in Zizers in der Schweiz, um in der Nähe ihrer Kinder und zahlreichen Enkel zu sein. Zita unterzeichnete die Verzichtserklärung nicht, durfte aber 1982 einreisen (nach 63 Jahren Exil), auf Vermittlung des spanischen Königs Juan Carlos und da sie nicht (thron-) erbberechtigt war. Sie wurde nach ihrem Tod in der Schweiz 1989 in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt (ausser ihrem Herz); dort wartet auch ein Grab auf ihren Ehemann, den sie um 67 Jahre überlebte. Otto stimmte einer Überführung nach Wien aber nicht zu, da er dies als Affront gegenüber der Bevölkerung von Madeira sah.

1979 zog Otto Habsburg für die CSU ins Europaparlament ein, blieb dort bis 1999. Der Ex-Linke Cohn-Bendit (der ebenfalls einen “über-nationalen” Hintergrund hatte, den er in der EG/EU gut aufgehoben sieht) nannte ihn dort einmal “meinen Lieblingsreaktionär”, worauf dieser das Kompliment “Lieblingschaot” zurückgab. Habsburg war jahrzehntelang unterwegs als “antikommunistischer Wanderprediger” (Riedl in der “Zeit”). Jozsef Mindszenty, 1945-1973 Erzbischof von Esztergom, wurde 1948 nach seiner Verhaftung durch das ungarische kommunistische Regime u.a. zum Vorwurf gemacht, versucht zu haben, die Stephanskrone zu stehlen um damit Otto Habsburg zum König von Ungarn zu machen. Im August 1989 war er Mitinitiator des „Paneuropäischen Picknicks“ an der Monate zuvor geöffneten ungarisch-österreichischen Grenze, das über 600 DDR-Bürger unter Duldung der ungarischen Zöllner zur Flucht in den Westen nutzten. Habsburg war danach als post-kommunistischer ungarischer Staatspräsident im Gespräch. Otto reiste während der Jugoslawien-Kriege nach Slowenien, Kroatien, Bosnien, sah die Gegner der Unabhängigkeit und Integrität dieser Länder als „Kommunisten“ (was nur im Fall Sloweniens halbwegs zutraf).

1996 betraf der Landesverweis nur noch zwei Personen, Carl Ludwig und Felix Habsburg-Lothringen, Brüder Ottos. Beide gaben damals Verzichtserklärungen nach dem Habsburgergesetz ab; Ministerrat und Nationalrat erteilten darauf hin beiden die Einreiseerlaubnis. Da keine weiteren betroffenen Personen mehr lebten, war das Einreiseverbot nunmehr totes Recht. Es betrifft keinen der circa 600 lebenden Habsburger. 2011, kurz vor dem Tod Otto Habsburgs, hat das österreichische Parlament zudem die Aufhebung des Kandidatur-Verbots für Habsburger bei Bundespräsidentenwahlen beschlossen. 2010 war Ulrich Habsburg-Lothringen eine solche Kandidatur noch verwehrt geblieben.

Unabhängig vom Verzicht auf Herrschaftsansprüche haben Habsburger gegenüber der Republik Österreich gewisse Besitzansprüche nicht aufgegeben. 2003 hat die Familie beim Österreichischen Entschädigungsfonds für NS-Opfer einen umfassenden Antrag gestellt; forderten die Rückgabe von Wäldern, Schlössern und Gutsbesitz. Die Familie sieht sich als Opfer des Nationalsozialismus (wegen der Rückgängigmachung ’38). Otto Habsburg war unter jenen Familienmitgliedern, die Ansprüche hatten, er hielt sich diesbezüglich aber im Hintergrund, wollte keine neuen Auseinandersetzung mit der Republik. Der langjährige SPÖ-Fraktionschef im Nationalrat, Josef Cap, sagte zu den Ansprüchen: “Das Einzige, was ich mir als Rückerstattung vorstellen könnte, ist bestenfalls ein Zimmer im Schloss Schönbrunn, wo immer ein Habsburger anwesend sein muss, um den Touristen zuzuwinken.” Die Habsburger müssten, statt Entschädigungen zu kassieren, eher noch für die Folgen des Ersten Weltkriegs aufkommen.

In den 1990ern verwendete die evangelikale Hilfsorganisation “World Vision” Spendengelder für den EP-Wahlkampf von Habsburgs Sohn Karl, die folgende Kritik verglich Otto mit der Judenverfolgung. 2007 wurde Karl Habsburg Familienoberhaupt; seine Heirat mit einer Tochter des Industriellen Thyssen soll die Familie wirtschaftlich nötig gehabt haben. Otto Habsburg ist 2011 im Alter von fast 99 Jahren in seiner Villa in Pöcking am Starnbergersee gestorben und als letzter Habsburger, in der Wiener Kapuzinergruft beigesetzt. Beim Begräbnis waren Vertreter des offiziellen Österreichs, von Bundespräsident Fischer abwärts, anwesend.

Otto Habsburg wurde und wird gern als Mann dargestellt, der Hitler die Stirn bot und den Kommunismus mit zu Fall brachte, somit gegen jeden Totalitarismus eintrat sowie für demokratische und christliche Werte und Europa – und der in bzw. von Österreich übel diskriminiert wurde. Auch für FPÖ-Chef Strache ist der Kaisersohn „immer – auch in den dunkelsten Zeiten – kompromisslos für Österreich eingetreten“ auch wenn die Republik – „namentlich die SPÖ“ – nicht immer anständig mit seiner Familie umgegangen sei. Sein Verhältnis mit dem spanischen Diktator Franco wird lieber ausgelassen; Habsburgs Ex-Sprecherin “beschönigte” diesen damit dass er Juden gerettet habe… Der Politologe Pelinka wies anlässlich Habsburgs Tod auf Stellungnahmen von diesem gegen Entkolonialisierung und für die Apartheid hin. Habsburg selbst hat seinen “Mut gegen Hitler” mit (seinem) Einsatz gegen Homosexuellen-Interessen in Zusammenhang gebracht.

An Dollfuss fand er auch in seinen späten Jahren nichts Negatives, auch nicht dessen enge Beziehungen zu Mussolini, für die Ausschaltung des Parlaments unter ihm äusserte er Verständnis. Österreich sei ein Opfer Hitlers gewesen, der Empfang am Wiener Heldenplatz für diesen nichts besonderes. Vor dem Irak-Krieg 03 sorgte er sich (in der “Jungen Freiheit”) darum, dass “weisse Amerikaner” unter Bush in USA zu kurz kämen, dass das Aussenministerium dort von Schwarzen, das Verteidigungsministerium von Juden dominiert sei. Zur USA hatte er eine zwiespältige Haltung, gegenüber dem christlich-orthodoxen Kulturkreis blieb er reserviert, zur Postmoderne bzw. auch zur Moderne nahm er eine negative Haltung ein, auf den Anti-Islam-Zug sprang er nicht mehr auf (auch wenn er gegen die Türkei in der EU war).

Seine Dynastie, die fast 500 Jahre die deutschen Kaiser gestellt hatte, hatte die Gegenreformation mitzuverantworten, war bei der Französischen Revolution auf der Gegenseite gestanden, trat gegen die griechische Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich auf, wurde teilweise als Völker-Kerkermeister wahrgenommen. Österreich ist aber tief durch das Wirken der Habsburger-Herrscher geprägt, vermarktet sein „monarchisches“ Erbe, v.a. touristisch > Schönbrunn, “Sissi”, Kapuzinergruft,… Ist etwas (Aktuelles) dran an der Zeile in der Österreichischen Kaiserhymne von 1854 bis 1918, „Gott erhalte, Gott beschütze“ (Haydn/Seidl): „Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint“?

Otto Habsburg hat selbst mehrere Bücher geschrieben; halbwegs kritische Biografien über ihn habe ich nicht gefunden. Hannes Leidinger, Verena Moritz, Berndt Schippler brachten “Schwarzbuch der Habsburger. Die unrühmliche Geschichte eines Herrscherhauses” heraus (2003, Vorwort von Gerhard Jagschitz, Karl Vocelka).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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