Der grosse Prinz – Zum Leben Otto Habsburg-Lothringens

Otto, der älteste Sohn von Karl I., dem letzten Kaiser von Österreich-Ungarn, starb 2011 im Alter von fast 99 Jahren. Er wurde 1912 als erstes von 7 Geschwistern geboren. Sein Vater rückte durch den Mord, der den 1. Weltkrieg auslöste, zum Thronfolger auf, durch den Tod Franz Josephs 1916 zum Kaiser; Otto war 1916-18 Kronprinz. Anfang Oktober 1918 hat er seine Erstkommunion in der Hauskapelle der Villa Wartholz in Reichenau erhalten, was laut der christlichsozialen „Reichspost“ bei allen Kindern des Landes spontane Freude auslöste. Das seit 1867 von Deutschland getrennte Österreich-Ungarn war ein Vielvölker-Reich, was es im Vorfeld des 1. Weltkriegs sowohl zum Kriegsziel als auch zum Aggressor machte, und schiesslich seinen Zerfall bedingte. Kaiser Franz Joseph I., Ottos Urgrossonkel, betrieb in seinen späteren Jahren vor allem am Balkan eine Grossmachtpolitik, wo dann auch der Krieg ausbrach.

Österreich-Ungarn implodierte im Oktober und November 1918, am Ende des Kriegs, auf den Schlachtfeldern Venetiens wie in den Hauptstädten von Kronländern, die unabhängige Staaten ausriefen. Otto Bauer, der Chefideologe des „Austromarxismus“, kam 1923 in seinem Buch „Die österreichische Revolution“ zur Erkenntnis, diese sei in Wahrheit nicht vom österreichischen Proletariat, sondern von der nationalbewussten Bourgeoisie in den abfallenden Kronländern getragen worden. Auch im übriggebliebenen Deutschösterreich wollte man die Monarchie nicht. Dass Kaiser Karl in den Entscheidungstagen Ende Oktober/Anfang November zuerst im ungarischen Schloss Gödöllö ausspannte und dann im Wienerwald auf die Jagd ging, trug dazu bei. Nach Wien kam der Krieg u.a. in Form einer Hungersnot, die Hauptstadt wurde Epizentrum des Zusammenbruchs des Grossreichs, die Verwandlung Österreichs trat dort am deutlichsten zu Tage.

Nach dem Sturz der Monarchie in Rest-Österreich, der Exilierung der vormals kaiserlichen Familie und dem Tod seines Vaters in Portugal wuchs Otto in Spanien auf, wo mit Alfonso XIII. der Sohn einer Habsburgerin König war. Privilegiert, mit Hilfe des europäischen Hochadels und der katholischen Kirche, und von seiner Mutter, „Kaiserin“ Zita (aus dem Haus Bourbon-Parma) im Sinne „legitimistischer“ Machtansprüche erzogen. Ging 1929 zum Studium der Staats- und Sozialwissenschaften nach Belgien, wo er 1930 volljährig wurde, womit die Vormundschaft seiner Mutter über ihn, auch als Oberhaupt der Familie, endete. Er studierte unter dem Namen „Otto von Bar“.

Die in der 1. Republik Österreichs (zunächst demokratisch) herrschende Christlich-Soziale Partei, wie auch der maßgeblich von ihr getragene Austrofaschismus (1933-1938), waren in der Haltung zur österreichischen Vergangenheit, einer Restauration der Monarchie im Lande, und der Familie Habsburg gespalten und inkohärent. Verbunden mit der Frage der Staatsform war in Österreich jene der Eigenständigkeit, die Christlich-Sozialen waren (wie auch die Sozialdemokraten) in den Anfangsjahren der 1. Republik für einen Anschluss an das demokratische Deutsche Reich (der im Friedensvertrag von St. Germain verboten wurde), opponierten aber heftig einen an das nationalsozialistische; auch vor diesem Hintergrund wurde Habsburg für sie attraktiv, gewissermaßen zur Verstärkung der österreichischen Nationalidee.

Waren in den früheren Jahren der 1. Republik Befürworter einer Monarchie in der CS in einer Aussenseiterposition, so gab es unter den Bundeskanzlern Dollfuss und Schuschnigg (also nach Ausschaltung der Demokratie) Überlegungen der Einführung einer konstitutionellen Monarchie und die teilweise Rücknahme des Habsburger-Gesetzes von 1919, das den Landesverweis für die Familie und die Enteignung ihres Vermögens beinhaltete. Dollfuss liess das Habsburgergesetz vom Verfassungsrang in den einfachen Gesetzesrang herunterstufen. Die Schuschnigg-Regierung nahm 1935 Kontakt zu Otto Habsburg-Lothringen auf, ändert das Gesetz ab, hob die Landesverweisung auf, zahlte ihm eine Apanage, bat ihn aber, von einer Rückkehr nach Österreich Abstand zu nehmen, um nicht die Entente-Mächte des 1. Weltkriegs herauszufordern.

Kurz vor dem Anschluss 1938 forderte Habsburg von Bundeskanzler Schuschnigg, ihm die Kanzlerschaft zu übertragen, um (angeblich militärischen) Widerstand dagegen zu organisieren. Manche lesen hier eine indirekte Anerkennung der Republik durch ihn heraus. Überbracht hat die Aufforderung der Schriftsteller Joseph Roth, der sich dem Monarchismus zugewandt hatte und ein Bekannter Ottos geworden war. Zum Monarchismus bzw. Legitimismus im Österreich der Zwischenkriegszeit (für dessen Anhänger Otto der Anwärter zum Kaiser Österreichs war) sind die Kapitel V und IX in der Arbeit von Kevin Mason zu empfehlen, der sich dabei v.a. auf drei österreichische Uni-Abschlussarbeiten stützt. In seiner Zeit in Belgien stiess Habsburg auch auf die „Paneuropa-Bewegung“, die er später entscheidend prägen sollte.

Die nationalsozialistische Diktatur bzw. der Anschluss brachte auch für österreichische Monarchisten Repressionen sowie (1938) die Rückgängigmachung des Gesetzes von 1935, somit die neuerliche Enteignung des „Hochverräters“ Otto Habsburg. Die Nationalsozialisten versuchten, Karl als „Verräter“ und Mitverursacher der österreichischen Niederlage im Ersten Weltkrieg hinzustellen. Otto gelang 1940 mit seiner Mutter und anderen Verwandten die Flucht aus Belgien, knapp bevor der Blitzkrieg auch dorthin kam, über Portugal in die USA. Er liess sich in New York nieder. In dieser Phase half er vom NS verfolgten Österreichern. Angeblich unterhielt er während des 2. Weltkriegs enge Kontakte zu Roosevelt und Churchill, setzte sich für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs, für seine Verschonung von den Bomben der Alliierten, für das Wohl Ungarns, gegen die Sowjetunion, ein. Weiters brachte er das Konzept einer Donauföderation auf, einen Bund aus Österreich, süddeutschen Ländern und mittelosteuropäischen Staaten, mit ihm als Monarchen, das Churchills Unterstützung gewonnen haben (und an Stalin gescheitert sein) soll. Rund um den von den Nationalsozialisten losgetretenen 2. Weltkrieg gab es die Punkte, an denen Habsburg wahrscheinlich wirklich an die Möglichkeit einer Wiedereinführung einer Monarchie unter ihm glaubte. Im Unterschied zu anderen Kronprinzen, die lange warten mussten oder müssen wie der Hohenzollern Friedrich III. oder der Windsor Charles, gab es den Staat und das System, in dem seine Vorfahren herrschten, nicht mehr, und keine echte Chance auf eine Restauration.

Nach Kriegsende reiste Habsburg in den Westen Österreichs, wo er gegen die Renner-Regierung agitierte. Die Rückkehr Österreichs zur Verfassung vor der Ausschaltung der Demokratie 1933 bedeutete für ihn nach einigen Monaten die Ausweisung. Sein Lebensmittelpunkt wurde Frankreich, wo er eine Sachsen-Meiningen heiratete (7 Kinder), dann das Spanien unter Franco. Dieser, so wird behauptet, soll erwogen haben, Habsburg, dessen Vorfahren das Land von 1504 bis 1700 regiert hatten, nach seinem Tod als König Spaniens einzusetzen (anstatt einem Bourbonen). Über Francos „Europäisches Dokumentations- und Informationszentrum“ (CEDI) in Madrid lernte er auch den BRD-Spitzenpolitiker Franz Josef Strauß kennen, über den er 1954 nach Bayern kam (Villa am Starnberger See), und 1978 auch zur deutschen Staatsbürgerschaft. 1955 wurde das Habsburgergesetz auf ausdrückliches Verlangen der Sowjetunion Bestandteil des österreichischen Staatsvertrages, was Monarchisten und Otto erzürnte. 1979 zog er für die CSU ins Europaparlament ein. Der Ex-Linke Cohn-Bendit (der ebenfalls einen „über-nationalen“ Hintergrund hatte, den er in der EG/EU gut aufgehoben sieht) nannte ihn dort einmal „meinen Lieblingsreaktionär“, worauf dieser das Kompliment „Lieblingschaot“ zurückgab.

Habsburg-Lothringen war immer österreichischer Staatsbürger, hatte aber nicht immer einen österreichischen Pass, reiste daher zeitweise mit einem spanischen Diplomatenpass. Der Sohn des 1914 in Sarajevo ermordeten österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, Max Hohenberg, verhandelte für ihn in der Nachkriegszeit mit der österreichischen Regierung, über seine Restitutionsforderungen sowie das Recht auf Einreise und Staatsbürgerschaft. Als diese Forderungen an einen entscheidenden Punkt kamen, entwickelte sich die 1961 bis 1966 schwelende Habsburg-Krise, ein Streit in der grossen Koalition und eine öffentliche Debatte. Otto Habsburg gab 1961 eine Verzichtserklärung im Sinne des Gesetzes von 1919 ab, die 1963 vom Verwaltungsgerichtshof anerkannt wurde, womit die politische und öffentliche Debatte aber erst begann. Eine Lösung bzw. Pass und Einreiseerlaubnis gab es mit der ÖVP-Alleinregierung Klaus 1966, die umgehend zum zweiten Besuch Habsburgs in Österreich nach seiner Exilierung als Kind führte. Nach persönlichen Kontakten und einem öffentlichen Handschlag zwischen ihm und Bundeskanzler Bruno Kreisky 1972 anlässlich eines Paneuropa-Kongresses entspannte sich das Verhältnis zwischen der SPÖ und der Familie Habsburg, danach waren Einreisen Ottos nichts aussergewöhnliches mehr. Die SPÖ habe später versucht, Habsburg gegenüber die 1918 nicht stattgefunde Revolution nachzuholen, hat einmal jemand analysiert. In Österreich waren seine Anhänger vorwiegend im ÖVP-nahen Kreisen (CV, Traditionsverbände, Rechtskatholiken) zu finden. Von dort kam auch gerne der Vorwurf des „Habsburger-Kannibalismus“ an die Republik.

Habsburgs Mutter Zita war 1953 nach Europa zurück gekehrt. Sie unterzeichnete die Verzichtserklärung nicht, durfte aber 1982 einreisen (nach 63 Jahren Exil), auf Vermittlung des spanischen Königs Juan Carlos und da sie nicht erbberechtigt war. Sie wurde nach ihrem Tod in der Schweiz 1989 in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt (ausser ihrem Herz); dort wartet auch ein Grab auf ihren Ehemann, den sie um 67 Jahre überlebte. Otto stimmte einer Überführung nach Wien aber nicht zu, da er dies als Affront gegenüber der Bevölkerung von Madeira sah.

Im August 1989 war er Mitinitiator des „Paneuropäischen Picknicks“ an der Monate zuvor geöffneten ungarisch-österreichischen Grenze, das über 600 DDR-Bürger unter Duldung der ungarischen Zöllner zur Flucht in den Westen nutzten. Habsburg war danach als post-kommunistischer ungarischer Staatspräsident im Gespräch. In den 1990ern verwendete die evangelikale Hilfsorganisation „World Vision“ Spendengelder für den EP-Wahlkampf von Habsburgs Sohn Karl, die folgende Kritik verglich Otto mit der Judenverfolgung. Otto reiste während der Jugoslawien-Kriege nach Slowenien, Kroatien, Bosnien, sah die Gegner der Unabhängigkeit und Integrität dieser Länder als „Kommunisten“ (was nur im Fall Sloweniens halbwegs zutraf). 2007 wurde Karl Habsburg Familienoberhaupt; seine Heirat mit einer Tochter des Industriellen Thyssen soll die Familie wirtschaftlich nötig gehabt haben.

2003 haben die Habsburger beim Österreichischen Entschädigungsfonds für NS-Opfer einen umfassenden Antrag gestellt; forderten die Rückgabe von Wäldern, Schlössern und Gutsbesitz. Die Familie sieht sich als Opfer des Nationalsozialismus (wegen der Gesetzesrücknahme ’38). Otto Habsburg war unter jenen Familienmitgliedern, die Ansprüche hatten, er hielt sich diesbezüglich aber im Hintergrund, wollte keine neuen Auseinandersetzung mit der Republik. Der langjährige SPÖ-Fraktionschef im Nationalrat, Josef Cap, sagte zu den Ansprüchen: „Das Einzige, was ich mir als Rückerstattung vorstellen könnte, ist bestenfalls ein Zimmer im Schloss Schönbrunn, wo immer ein Habsburger anwesend sein muss, um den Touristen zuzuwinken.“ Die Habsburger müssten, statt Entschädigungen zu kassieren, eher noch für die Folgen des Ersten Weltkriegs aufkommen.

Seine Dynastie, die fast 500 Jahre die deutschen Kaiser gestellt hatte, hatte die Gegenreformation mitzuverantworten, war bei der Französischen Revolution auf der Gegenseite gestanden, trat gegen die griechische Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich auf, wurde teilweise als Völker-Kerkermeister wahrgenommen. Ein Schicksal wie das der Bourbonen nach 1789 und der Romanovs nach 1917 blieb den Habsburgern nach ihrer Entmachtung erspart. Otto wandelte nach dem frühen Tod seines Vaters durch die Jahrzehnte österreichischer und europäischer Geschichte, vergleichbar mit dem gestürzten letzten chinesischen Kaiser Pu Yi in Nordostasien. Das langjährige Mitglied des Malteser-Ordens umgab sich mehr mit konservativen Politikern und Geistlichen als mit Adeligen, war jahrzehntelang unterwegs als „antikommunistischer Wanderprediger“ (Riedl in der „Zeit“). Monarchistische Ansprüche hat er eher dezent unterstrichen. Otto Habsburg wurde und wird gern als Mann dargestellt, der Hitler die Stirn bot und den Kommunismus mit zu Fall brachte, somit gegen jeden Totalitarismus eintrat sowie für demokratische und christliche Werte und Europa – und der in bzw. von Österreich übel diskriminiert wurde. Auch für FPÖ-Chef Strache ist der Kaisersohn „immer – auch in den dunkelsten Zeiten – kompromisslos für Österreich eingetreten“ auch wenn die Republik – „namentlich die SPÖ“ – nicht immer anständig mit seiner Familie umgegangen sei.

Sein Verhältnis mit dem spanischen Diktator Franco wird lieber ausgelassen; Habsburgs Ex-Sprecherin „beschönigte“ diesen damit dass er Juden gerettet habe… Der Politologe Pelinka wies anlässlich Habsburgs Tod auf Stellungnahmen von diesem gegen Entkolonialisierung und für die Apartheid hin. Habsburg selbst hat seinen „Mut gegen Hitler“ mit (seinem) Einsatz gegen Homosexuellen-Interessen in Zusammenhang gebracht. An Dollfuss fand er auch in seinen späten Jahren nichts negatives, auch nicht dessen enge Beziehungen zu Mussolini, für die Ausschaltung des Parlaments unter ihm äusserte er Verständnis. Österreich sei ein Opfer Hitlers gewesen, der Empfang am Wiener Heldenplatz für diesen nichts besonderes. Vor dem Irak-Krieg 03 sorgte er sich (in der „Jungen Freiheit“) darum, dass „weisse Amerikaner“ unter Bush in USA zu kurz kämen, dass das Aussenministerium dort von Schwarzen, das Verteidigungsministerium von Juden dominiert sei. Zur USA hatte er eine zwiespältige Haltung, gegenüber dem christlich-orthodoxen Kulturkreis blieb er reserviert, zur Postmoderne bzw. auch zur Moderne nahm er eine negative Haltung ein, auf den Anti-Islam-Zug sprang er nicht mehr auf (auch wenn er gegen die Türkei in der EU war).

Begräbnis von Kaiser Franz Joseph I. am 30. 11. 1916. Karl I., Kaiserin Zita, Kronprinz Otto beim Trauerzug.
Begräbnis von Kaiser Franz Joseph I. am 30. 11. 1916. Kronprinz Otto beim Trauerzug mit seinen Eltern, dem neuen Kaiser Karl I., und Zita.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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