Uwe Barschels Tod

Der Tod des Ex-Ministerpräsidenten Barschel inmitten eines landespolitischen Skandals (Barschel-Affäre/”Waterkantgate”) ist ein hochbrisanter politischer Stoff der jüngeren deutschen Geschichte mit wahrscheinlich internationaler Dimension und wirft noch immer Fragen auf.

Der Jurist aus Mölln wurde 1982 für die CDU Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Angeblich war er süchtig nach Tabletten und scharf auf schnellen Sex. Am Tag vor der Landtagswahl am 13. September 1987 wurde bekannt, „Der Spiegel“ werde am Tag nach der Wahl berichten, Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer (zuvor im “Springer”-Konzern) habe auf Veranlassung Barschels das Privatleben des SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm ausspionieren lassen, ihn anonym der Steuerhinterziehung beschuldigt und ihm telefonisch mitteilen lassen, er sei HIV-infiziert. Für einige der Anrufe dürfte der Hochstapler Postel, ein Freund Pfeiffers, verantwortlich gewesen sein. Die Wahl brachte eine Niederlage der CDU. Dann das berühmte Ehrenwort Barschels auf einer Pressekonferenz, dass die Vorwürfe haltlos seien. Doch schnell wurde klar, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte. Am 2. Oktober 1987 trat er vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Die Landesregierung wurde daraufhin kommissarisch von seinem bisherigen Stellvertreter Henning Schwarz geleitet. Die weiteren Auswirkungen auf die Landespolitik waren die Neuwahl 1988 (aufgrund eines Patts im Landtag) mit dem neuerlichen Sieg der SPD unter Engholm. Dieser musste 1993, auch als SPD-Bundeschef, der er inzwischen war, zurücktreten, da er in einem ersten Untersuchungs-Ausschuss des Landtags wahrheitswidrig erklärt hatte, vor der Wahl 1987 nichts von den Barschel-Pfeiffer-Aktionen gewusst zu haben. Die SPD hatte Pfeiffer geholfen, die Informationen an den Spiegel weiterzugeben.

Am 11. Oktober 1987, einen Tag bevor Barschel vor dem U-Ausschuss des Landtags aussagen sollte, wurde er von „Stern“-Reportern tot und bekleidet in der Badewanne seines Zimmers im Hotel “Beau-Rivage” in Genf aufgefunden. Er war zuvor mit seiner Gattin Freya, die eine entfernte Verwandte Bismarcks ist, auf den Kanarischen Inseln gewesen. Der tote Barschel wurde von den Reportern erst ausgiebig fotografiert bevor sie die Polizei riefen. Den offiziellen Ermittlungen und Bekanntmachungen in der Schweiz und in Deutschland nach ist Barschel durch Suizid zu Tode gekommen. Aber auch Selbstmord mit Hilfe eines Zweiten und Mord stehen im Raum. Sicher ist, er starb nach einer Vergiftung durch Medikamente (v.a. Sedativa), in der Nacht vor seinem Auffinden. Man fand am Tatort keine Verpackungen der eingenommenen Medikamente. Ebenfalls verschwunden war eine Rotweinflasche, die Barschel geordert hatte. Möglicherweise wurden diese Gegenstände von der Schweizer Polizei unachtsam entsorgt. Interessant ist ein medizinisches Gutachten des Schweizer Toxikologen Hans Brandenberger, das u.a. besagt dass Barschel nicht in der Lage gewesen sein konnte, die in seinem Körper gefundenen Medikamente alleine einzunehmen. Fast 25 Jahre nach dem Tod des CDU-Politikers hat das Landeskriminalamt von Schleswig-Holstein auf Barschels Kleidung den genetischen Fingerabdruck eines Unbekannten entdeckt; das belegt dass er in seiner Todesnacht Kontakt zu einer unbekannten Person hatte.

Da es keine umfangreiche offizielle Untersuchung zum Tod Barschels gab, schwirren viele Gerüchte dazu herum, deren Bewandtnis ungeklärt ist. Barschels Familie hat die Selbstmord-These immer bezweifelt. Der ehemals ermittelnde Lübecker Staatsanwalt Heinrich Wille geht inzwischen von der Ermordung Barschels aus. Das Ermittlungsverfahren wurde aber 1998 eingestellt, und Wille wurde von Schleswig-Holsteins Generalstaatsanwalt Erhard Rex die Veröffentlichung eines Buches zum Thema (Arbeitstitel: “Der Mord an Uwe Barschel – das Verfahren”) untersagt. Erschienen ist vom Luxemburger Armand Mergen “Tod in Genf: Ermittlungsfehler im Fall Barschel: Mordthese vernachlässigt”. Einigen Angaben zufolge wurde Barschel von anonymen Informanten nach Genf bestellt und hatte seinen letzten Termin mit dem saudi-arabischen Waffenhändler und Geheimdienst-Vertrauten Adnan Kashoggi. Der Privat-Detektiv Werner Mauss hielt sich zum Zeitpunkt des Todes Barschels in Genf in unmittelbarer Nähe zum Geschehen auf, verneint eine Verwicklung in die Affäre.

Der Ex-Mossad-Agent Ostrovsky behauptete in seinem Buch „Geheimakte Mossad“, Barschel sei vom Mossad getötet worden, weil er sich 1987 der Abwicklung geheimer (und später aufgeflogener) Waffengeschäfte zwischen Israel und dem Iran (!), die über Schleswig-Holstein abgewickelt worden sind, widersetzt habe und sein Wissen über die Angelegenheit preiszugeben drohte. Diese Waffenlieferungen standen im Rahmen der Iran-Contra- (bzw. Irangate-) Affäre: Die Reagan-Regierung verkaufte geheim Waffen an den Iran, der im Krieg gegen Irak stand, der Erlös ging an die “Contras” in Nicaragua. Die USA lieferten Waffen daneben auch an Saddam Hussein; erlaubten Israel, Waffen an Iran zu liefern, auch diese dürften aber beide Seiten beliefert haben. Israel und USA erhofften sich eine Verlängerung des Krieges. Ein Faktor war auch die Freilassung von US-Geiseln im Libanon, die in den Händen schiitischer Gruppen waren. Laut Brandenberger stimmen die chemischen Analysedaten bis in Details mit dem Mordablauf überein, den Ostrovsky in dem Buch schildert. Das staatliche Israel soll nach dem Gutachten Stellung gegen diese Spekulationen bezogen haben. Der ehemalige iranische Präsident (1980/81) Banisadr sagte, Barschel sei an den Waffengeschäften beteiligt gewesen, sprach aber auch von einer Erpressung durch diesen. Später soll auch die Weitergabe von Nukleartechnologie an den Iran über Schleswig-Holstein gelaufen sein.

Eine Rolle in diesen Spekulationen spielt der südafrikanische Waffenhändler Dirk Stoffberg, der mit Israel und islamischen Ländern gehandelt haben soll, auch mit der dubiosen Substanz “Red Mercury”. Er war vor dieser Tätigkeit beim Geheimdienst NIS und wird mit den Morden an den Apartheid-Gegnern Ruth First und Dulcie September in Verbindung gebracht. Er gab 1994 im Entwurf einer eidesstattlichen Versicherung an, Barschel sei von Robert Gates, später CIA-Direktor und amerikanischer Verteidigungsminister, nach Genf bestellt worden. Barschel habe mit Enthüllungen über militärische Lieferungen gedroht. Seine eidesstattliche Erklärung konnte er nicht mehr abgeben, er starb im Juni 1994, zusammen mit seiner Frau, anscheinend durch Mord und Selbstmord.

Ein anderes Mordmotiv könnte sich aus dem U-Boot-Geschäft einer Kieler Werft mit dem Apartheidsregime in Südafrika ergeben haben. Südafrika wollte in den 1980ern U-Boote in Deutschland kaufen, bei “Howaldtswerke Deutsche Werft” (HDW) in Kiel, damals zu 25,1 % im Besitz des Landes Schleswig-Holstein. HDW (die auch die U-Boote für Israel produziert) wollte diesen Auftrag bekommen und Barschel als Ministerpräsident die vom Konkurs bedrohte Werft mit dem Geschäft angeblich retten. Der Bundessicherheitsrat (mit dem damaligen Finanzminister Gerhard Stoltenberg, Barschels Vorgänger als Ministerpräsident von SH, der das Geschäft eingefädelt haben soll) wollte zunächst den Export von Bauplänen/Blaupausen und Komponenten genehmigen, beschloss dann aber, das wegen der Apartheidpolitik unter verhängte UN-Waffenembargo von 1977 zu befolgen und keine Genehmigung zu erteilen. 1984/85 soll aber eine südafrikanische Waffenfirma (“Sandock Austral”, die auch israelische Schnellboote und ein deutsches Minenabwehrfahrzeug unter trickreicher Umgehung des Waffenembargos nachbaute; oder aber “Armscor”) Baupläne und einen HDW-Mitarbeiter zur Verfügung gestellt bekommen haben (sowie einen Teil der Anzahlung zurückerstattet bekommen haben). Ein Steenkamp von der südafrikanischen Botschaft in der BRD soll dies eingefädelt haben. Die U-Boot-Bauplan-Weitergabe an Apartheid-Südafrika – ein Bruch des Embargos – wurde 1986 von der Regionalzeitung “Kieler Nachrichten” thematisiert und hatte zwei Bundestags-Untersuchungsausschüsse (Norbert Gansel, SPD, Obmann in einem Ausschuss und Freund Engholms, hält mittlerweile einen Mord an Barschel für möglich) und ein Ermittlungsverfahren zur Folge, die keine Strafen und wenig Aufklärung brachten. So gibt es keine Klarheit über eine stillschweigende Duldung oder sogar Unterstützung von Bonn (F.J. Strauss wurde hier genannt) und Kiel (Barschel). HDW-Manager behaupteten, nicht alle Blaupausen geliefert zu haben. Barschel wurde den diesbezüglichen Spekulationen zufolge von Organen Apartheid-Südafrikas ermordet, weil er gegen den Deal war, weil er sein Wissen in Geld verwandeln bzw. preisgeben wollte oder aber weil das Geschäft nicht zustandekam, die Südafrikaner bezahlt hatten und Barschel das Geld nicht zurückzahlen konnte. Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die die Aufarbeitung von Verbrechen in der Apartheid-Ära zum Ziel hatte, hat die Sache mit den U-Booten und Barschel nicht behandelt.

Eine wichtige Rolle in den Theorien um den Tod Barschels spielt sein Geschäftspartner Ballhaus, dem er geholfen haben soll, Geschäfte in der DDR abzuwickeln (bei denen wiederum Südafrika eine Rolle gespielt haben soll). In dem Zusammenhang wird immer wieder das Hotel “Neptun” in Warnemünde genannt. Ballhaus stand in Kontakt mit dem südafrikanischen Wildjäger Jacobus Prinsloo, der bei der Übergabe der Blaupausen an den südafrikanischen National Intelligence Service (NIS) eine Rolle gespielt und Ballhaus gegenüber von der Ermordung Barschels gesprochen haben soll.

Genannt wird im Zusammenhang mit den Spekulationen zum Tod Barschels auch das von HDW hergestellte Kreuzfahrtsschiff “Astor”, das über Südafrika und Bahamas an die DDR verkauft wurde, und dort unter dem Namen “Arkona” in Dienst gestellt wurde. Es gibt Meinungen, dass der Verkauf des Schiffes an die DDR Teil eines geheimen Dreiecksgeschäfts zwischen Südafrika, der DDR und den HDW war, das maßgeblich durch die schleswig-holsteinische Landesregierung beeinflusst bzw. eingefädelt war, und bei dem bis 150 Millionen DM Schmiergeld geflossen sein sollen. Die DDR sei dadurch günstig zu einem Kreuzfahrtschiff gekommen, Apartheid-Südafrika an die U-Boot-Pläne und die wirtschaftlich angeschlagene HDW an dringend benötigte Aufträge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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