Rund um 1968

Die Bewegung, falls man davon sprechen kann, war eine westliche, keine globale. Sie nahm Anfang der 1960er in USA im studentischen Milieu ihren Ausgang, breitete sich nach Westeuropa aus (FU Berlin,…). Zu politischen Forderungen kamen das Ausprobieren neuer Lebensformen. 1968 war so etwas wie der Höhepunkt der Phase. Inwiefern gabs Zusammenhänge mit Vorgängen ausserhalb des Westens, wie den Reformen in der Tschechoslowakei oder den Anti-Diktatur-Protesten in Brasilien? Ein „Che“ Guevara war nicht Teil, sondern Idol dieser Bewegung, Arbeiter standen auch meist abseits.

In USA legten Students for a Democratic Society (SDS), v.a. an der Universität Berkeley in Kalifornien, mit den Grundstein für die Bewegung. Neben Hochschul-Spezifika ging es ihnen v.a. um die Unterstützung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und Gegnerschaft zum Vietnamkrieg bzw. dem amerikanischen Mitmischen dabei. In Zusammenhang mit diesen Protesten prägte der Schriftsteller Allen Ginsberg den Ausdruck „Flower Power“. San Francisco wurde Zentrum der Hippie-Kultur. Der Sommer 1967 war als „Summer of Love“ (Monterey-Festival,…) für Viele ein Höhepunkt, wenn nicht Endpunkt, wo aus der Gegenkultur eine Massenbewegung wurde. Im Herbst dieses Jahres wurde Che Guevara in Bolivien mit amerikanischer Unterstützung gefangen genommen und erschossen.

Im Sommer 68 fand, zwei Monate nach der Ermordung von Robert Kennedy, der Nominierungs-Parteitag der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahl statt, den Linke wie „Abbie“ Hoffman (Yippies) und Tom Hayden vom SDS zu Protesten gegen den Vietnamkrieg nutzten. Der abtretende Präsident Johnson stand hinter dem amerikanischen „Engagement“ dort, die Partei war gespalten. Der Republikaner Nixon gewann dann die Wahl und wurde ein noch stärkerer Antagonist der „Blumenkinder“ als Johnson. Dabei hatte er Elvis Presley auf seiner Seite, wie ihm dieser u.a. bei einem Treffen 1970 versicherte. Presley hat während seiner Militärzeit in der BR Deutschland mit Amphetaminen begonnen, später kamen andere Arzneimittel dazu, die ihm sein Arzt verschrieb, und die ihn wahrscheinlich in den Tod trieben. Gegenüber Nixon hat er sich gegen die Hippie-Kultur und (illegale) Drogen geäussert. Währenddessen wurde der Psychologie-Professor Timothy Leary, der den Gebrauch von LSD propagierte, für den Besitz von Marihuana eingesperrt; mit Hilfe der linksextrem-militanten „Weathermen“, die sich 1969 vom SDS abgespalten haben, gelang ihm vorübergehend die Flucht. 1970 erschossen von Gouverneur Rhodes angeforderte Nationalgardisten an der Kent State University in Ohio bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg vier Menschen. Wenige Tage später kam es in Washington zu einem nächtlichen Treffen Nixons mit Demonstrierenden beim Lincoln-Denkmal.

„Vielleicht war Woodstock nichts anderes als eine glorifizierte Party, bei der weiße Kids aus den Vorstädten Campen im Regen und Haschrauchen entdeckten“, hat vor einigen Jahren die New York Times provokant am Rande eines Interviews mit dem Woodstock-Veteranen Arlo Guthrie gefragt. Alle fünf Jahre wird wieder an das Konzert im Bundesstaat New York (das etwa eine Woche nach den Morden an der Schauspielerin Sharon Tate und vier weiteren Personen in ihrem Haus in Kalifornien stattfand) erinnert, gelegentlich werden dort Revival-Konzerte veranstaltet. Die Bands und Interpreten kamen damals aus verschiedenen Bereichen: Folk (etwa Crosby, Stills, Nash & Young), Rock (Jimi Hendrix,…), „Ethno“ (Santana), Country (Country Joe), … Einige wie Joni Mitchell schafften es nicht rechtzeitig hin, einige wie Bob Dylan (der in der Nähe wohnte) waren nicht eingeladen, die Doors, Byrds und Moody Blues lehnten die Einladung ab bzw. zogen zurück. Die Gruppen verdienten eine Menge für den Auftritt und bestanden auf pünktlicher Bezahlung. Grateful Dead sind auf den LP’s vom Konzert nicht zu hören (wie auch Incredible String Band, Ravi Shankar, CCR, Janis Joplin,..), da ihr Auftritt von schlechter Qualität war, da vom Regen nasse Instrumente den Musikern Stromschläge gaben. Es gab in den 4 Tagen Todesfälle und Geburten, es wurde ein Tripzelt eingerichtet, um jene abzuschirmen, die in einem schlechten LSD-Rausch waren, Abbie Hoffman versuchte eine politische Rede zu halten. Auch bei diesem Konzert liefen Hedonismus und politischer Anspruch „nebeneinander“. Das Rock-Konzert im kalifornischen Altamont einige Monate später war von Gewalt überschattet.

 

Hippie-Mädchen auf Bus, http://www.cafleurebon.com/heeley-hippie-rose-the-scent-of-freedom-woodstock-draw/
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In der BRD war Anfang der 1960er die Überwindung der materiellen Kriegsfolgen „abgeschlossen“, erst dann konnte die Auseinandersetzung mit dem „Nationalsozialismus“ ein Thema werden. Die Aufarbeitung blieb der BRD übrig, da die DDR diese Phase als kapitalistische Angelegenheit und Österreich sie als Anschlussschicksal auslagerten. Vor allem die Auschwitz- und anderen KZ-Prozesse in den 1960ern stiessen eine Aufarbeitung an, die von der Studentengeneration Ende des Jahrzehnts vorangetrieben wurde. Der Aufbruch begann an der FU in West-Berlin (von der USA nach dem 2. Weltkrieg gegründet), mit dem SDS (ursprünglich aus der SPD), der von der US-Studentenbewegung inspiriert war. W-Berlin war Anziehungspunkt für Jugendliche aus allen Teilen der BRD, Brennpunkt im Kalten Krieg, Ort von Staatsbesuchen (64 schon Proteste anlässlich des Besuches des kongolesischen Premiers Tschombé, einer undemokratischen Marionette v.a. der Belgier). Es begann mit dem Engagement für fällige Hochschulreformen, setzte sich fort mit Unmut über die Politik der „verbündeten“ USA v.a. in Vietnam („Berlins Freiheit wird in Vietnam verteidigt“ hiess es damals auch; 66 grosse Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstration), und mit Dissenz gegenüber dem Grundkonsens der BRD (nur eine Seite der Freiheit; F.J. Strauss der grosse Spieler der alten BRD, der wichtigste neue Reaktionär) und ihrer aktuellen Politik (Grosse Koalition 66-69 unter Kiesinger/Brandt, Ende der CDU-Dominanz). Die SPD gab 68 die Zustimmung zu den Notstandsgesetzen; die BRD wollte eine gegenüber Extremisten wehrhafte Demokratie sein, was das Deutsche Reich in der Phase der Weimarer Republik nicht gewesen war. Der SDS (Rudi Dutschke, Kunzelmann, Rabehl,…), durch das Verbot der KPD sowas wie der linksextreme Parteiersatz in der BRD, sah in den beschlossenen Regelungen für Krisensituationen eine Vorbereitung auf den Faschismus, jedenfalls eine Gefährdung der Demokratie.

Die „Ausserparlamentarische Opposition“ weitete sich auf andere Gesellschaftsschichten und Orte aus: die Kunstszene (z.B. Heinrich Böll), Teile der Kirchen, Anwälte wie Otto Schily,… Das Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt mit seiner die Kritische Theorie vertretenden Frankfurter Schule lieferte eher den geistigen Überbau, die Referenzfiguren, auch weil es dort sympathisierende Professoren gab. Jürgen Habermas sagte damals aber, die BRD sei eine leidlich funktionierende Demokratie, und die studentische Opposition „linksfaschistisch“ (dies nahm er zurück). Hinzu kam die Herausforderung des Patriarchats durch die Frauenbewegung und die Ent-Tabuisierung sexueller Themen. In Berlin existierte von 67-69 die „Kommune 1“ mit  Fritz Teufel, Rainer Langhans, „Bommi“ Baumann, Dieter Kunzelmann, Uschi Obermaier,… Sie befand sich zuerst in der leerstehenden Wohnung des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger.

Die Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs in West-Berlin 1967 brachte eine Eskalation bzw. erst den Beginn einer Entwicklung. Bahman Nirumand und andere von der „Konföderation Iranischer Studenten“ hatten die Problematik des damaligen iranischen Regimes vermittelt, auf der anderen Seite standen die sprichwörtlichen Jubelperser. Die Erschiessung Ohnesorgs durch die Polizei bei der Demo bewirkte mehr als jede andere staatliche Gegen-Maßnahme eine Radikalisierung der deutschen Studentenbewegung bzw. der APO. 09 stellt sich heraus, dass (der noch immer zur Tat stehende) Kurras, ein Held der Rechten, MfS (Stasi)-IM und SED-Mitglied war, ausserdem schiesswütig und Alkoholiker. Bezüglich „Nahost“ war die Neue Linke in West-Deutschland bis zum Krieg 67 proisraelisch. Über die Hintergründe und Brüche dazu gibts einige Untersuchungen, jene von Annette Vowinckel, „Der kurze Weg nach Entebbe oder die Verlängerung der deutschen Geschichte in den Nahen Osten“, ist einigermaßen empfehlenswert.

In der DDR übte zu dieser Zeit v.a. Robert Havemann Sytemkritik. Die 1968 in der BRD gegründete DKP wurde (wie die Zeitschrift Konkret) vom DDR-Regime unterstützt. Dieses förderte in der BRD eine Aufmüpfigkeit, die es bei sich nie zugelassen hätte. Manche in der westdeutschen Bewegung bezogen sich positiv auf die DDR; Schily sagte, DDR hatte unter 68ern keinen guten Ruf. Dutschke, der aus der DDR stammte, war für die deutsche Wiedervereinigung.

Begleitet wurde diese Phase von der Hetze der Springer-Presse, auch die Diskussionen anlässlich der Joschka-Fischer-„Enthüllungen“ 01 wieder; der Bild-Chefredakteur 61-71, Boenisch, war nun aber gegenüber Fischer „milde“. 1969 kam in Bonn nach der Bundestagswahl eine SPD-FDP-Koalition unter Brandt zustande. Im Jahr darauf löste sich der SDS auf. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums stand die NPD, die damals auf einem demokratischen Weg war (wobei fraglich ist inwiefern sie diesen Staat wollte/akzeptierte), in manche Landtage einzog und bei der BT-Wahl 69 nur knapp den Einzug verfehlte. Mit Horst Mahler und Bernd Rabehl landeten später immerhin zwei prominente Ex-68er bei der NPD. Rabehl deutete das deutsche 68 im Nachhinein als deutsch-national -gegen die alliierten Besatzer gerichtet- um.

Martin Walser 1968: „Was sich in Auschwitz austobte, stammt schlesslich auch aus alter Schule, ist von schlechten Eltern. Juden und Slawen, darauf waren wir gedrillt seit langem. Zur Zeit schulen wir um auf Kommunisten.“

Bommi Baumann: „Die Empörung über das Attentat an Rudi war inzwischen in ganz Deutschland so gross, und in allen Städten ist am selben Abend etwas passiert, da war so eine Stimmung voll Sympathie für Rudi, dass die Bullen gar nicht einschritten. Sie haben sich anders verhalten als sonst. Da waren Polizeioffiziere, die haben gesagt, Kinder, wir können euch doch verstehen, aber macht’s nicht zu doll, die haben ja in dem Getümmel noch richtig mit uns gesprochen.“ Baumann, Mitbegründer der militanten Gruppe „2. Juni“, wurde 1973 in Ost-Berlin verhaftet, als er in Westdeutschland polizeilich gesucht wurde und von einer langen Haftstrafe bedroht war. Er wurde gezwungen, der „Stasi“ Informationen über die linksmilitante Szene in Westdeutschland zu geben, den RAF-Mitgründer Andreas Baader bezeichnete er u.a. als „Spinner mit völlig infantilem Verhalten“.

Manfred Gerspach: „Erstens warne ich davor, die Jahre um 1968 zur Fama zu verklären. (Ich ertappe mich selbst manches Mal bei solch regresiven Phantasien.) Es war eine interessante, eine spannende Zeit voll siegtrunkener Ideen und mitreissendem Tatendrang. Aber das lag auch daran, dass vieles in Fluss gekommen war und wir voll auf die neuen, noch zu findenden Formen setzten. Es war auch eine Zeit voll eigener Unsicherheit, Unfertigkeit und Grössenvorstellungen. Die Ernüchterung, nachdem sich das Establishment gefangen hatte, war tief und bis zum heutigen Tag anhaltend.“

In Frankreich waren es ähnliche Voraussetzungen wie in Deutschland und anderswo, die zu Protest-Aktionen führte: Konservative Gesellschafts-Strukturen, die Erfordernis von Uni-Reformen, ein Konjunktur-Einbruch erstmals seit dem Krieg. Die Gaullisten (Präsident De Gaulle, Premier Pompidou) und ihre Verbündeten waren nicht zu Reformen bereit, die Linke auf zwei sozialistische und eine kommunistische Partei aufgespalten und in Opposition. Proteste von Studenten (UNEF), Künstlern und Arbeitern steigerten sich im Mai 68 zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Die PCF spielte eine systemkonforme Rolle, wollte v.a. keine Solidarisierung der streikenden Arbeiter mit den Studenten. Wie Revolutionen und Revolten meistens in Frankreich, spielten sich auch diese Ereignisse vorwiegend in Paris ab. Bei Uni-Besetzungen wie jener an der Sorbonne kam es zu Auseinandersetzungen der linken Aktivisten mit der Polizei und rechten Gruppen. De Gaulle suchte den Befehlshaber der französischen Truppen in Deutschland, General Massu, auf. Die Revolte löste sich aber auf, die Gewerkschaften und Kommunisten lenkten nach einem Abkommen zur Lohnerhöhung ein. Die Neuwahlen im Juni 1968 bestätigten die Gaullisten (UDR). Reformen wurden eingeleitet. Viele der damals Beteiligten sind heute reaktionär, Daniel Cohn-Bendit noch am wenigsten.

In Italien machten vor allem Arbeitskämpfe den „Heissen Herbst“ von 1969 aus. Im selben Jahr begannen mit einem Terroranschlag in Mailand die Gladio-Aktionen, von Geheimdiensten und Faschisten ausgeübte Gewalt, die Linken in die Schuhe geschoben wurde. Anlässlich des Anschlags wurden zahlreiche Aktivisten aus dem linksradikalen Spektrum verhaftet, während eines Verhörs starb der Anarchist Giuseppe Pinelli unter ungeklärten Umständen. Infolge entstanden viele linksradikale Gruppierungen. Die Roten Brigaden gründeten sich im im Jahr darauf. Als Folge der 68er-Bewegung wurden in den 1970ern in Italien (wie auch in anderen westeuropäischen Ländern) die patriarchalischen Familiengesetze geändert.

Als Höhepunkt des österreichischen „1968“, das v.a. ein künstlerisch-kulturelles Phänomen war, wird immer wieder die von Boulevard-Zeitungen „Uni-Ferkelei“ genannte Aktion im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien am 7. Juni 1968 gesehen. Der Sozialistische Österreichische Studentenbund hatte zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Kunst und Revolution“ geladen. Die Künstler Günter Brus, Otto Mühl, Peter Weibel und Oswald Wiener versuchten dabei durch das Brechen so vieler Tabus wie möglich zu schockieren. Brus sang die Bundeshymne, zog sich aus, entleerte seinen Darm und onanierte, Mühl peitschte einen vermummten Masochisten (von Malte Olschewski dargestellt) aus, und Wiener hielt einen unverständlichen Vortrag über Input-Output-Theorie. Mit „Valie Export“ hätte eigentlich auch eine Frau dabei sein sollen. Als der Gestank für jene in den vorderen Reihen unerträglich wurde, setzte man sich nach hinten. Manche Studenten, die die damals üblichen Vorlesungen unerträglich fanden, haben die Aktion aufrichtig bewundert und waren darüber erleichtert. Mit einem Tag Verspätung stellten sich die Reaktionen ein – die dann ebenso heftig waren wie die Aktion selbst. Zur medialen Entrüstung kamen Maßnahmen von Polizei und Justiz, wobei Heinrich Gross wie unter dem NS auch hier als Gerichtspsychiater im Einsatz war. Mühl verbrachte einige Wochen in Untersuchungshaft. Der nach eigenen Angaben damals „meistgehasste Mensch Österreichs“, Brus, wurde wegen „Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach zwei Monaten Haft und danach erwirkter Freilassung flüchtete er 1969 nach Berlin, gründete dort mit Wiener und Gerhard Rühm die „Österreichische Exilregierung“ und deren „Regierungs-Zeitschrift“ „Die Schastrommel“. Erst 1976 konnte Brus‘ Frau beim Bundespräsidenten bewirken, dass seine Haftstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt wurde und ermöglichte damit seine Rückkehr nach Österreich. Inzwischen hat er den Staatspreis bekommen.

Bereits 1965 war es zu Demonstrationen von Studenten gegen den ukrainisch-stämmigen Historiker Taras Borodajkewycz gekommen, der in seinen Vorlesungen offen antijüdisch auftrat, und die ein Todesopfer forderten. Der Journalist Kuno Knöbl, der die amerikanische Beteiligung am Vietnam-Krieg sehr kritisch kommentierte, berichtete auch direkt aus dem Land. „In Wien rannte ich durch die Strassen und rief ‚Sieg für den Vietcong‘ und dann saß ich auf einmal im vietnamesischen Dschungel und der Vietcong kam wirklich und ich war mir nicht sicher ob er weiss, wie wohlgesonnen ich ihm bin“, schilderte er später. Auch der spätere Musikvideofilmer Rudi Dolezal erlebte dramatisches, beim ersten Auftritt der Rolling Stones in Österreich durften Schreiber der Kronen-Zeitung, die gegen die Bewegung anschrieb, in der er die Stones verortete, ins VIP-Zelt, er aber nicht. Auch in Österreich wurde in dieser Zeit eine Mentalitätswende und ein Strukturwandel bewirkt, die in den 1970ern erst richtig eintraten. In einer Doku von Dolezals heutigem Kompagnon Rossacher zum Film „Easy Rider“ und zu der Zeit sagte ein Interviewpartner, Kommunenbosse waren damals die ärgsten Machos (auch Charles Manson, der ausserdem Mörder und schlimmer Rassist).

Aussteiger und Abenteurer aus dem Westen fuhren über etwa 10 Jahre den Hippie Trail entlang, von der Türkei bis nach Südostasien, ehe Ende der 70er die Landroute über den Iran (wegen der islamistischen Machtübernahme bzw. dem Krieg mit Irak), und Afghanistan (wegen der kommunistischen Machtübernahme bzw. der sowjetischen Intervention) undurchfahrbar wurde; inzwischen konnten sich die meisten Interessenten auch Flugreisen nach Indien (Goa), Nepal, oder Thailand leisten. Eine der Attraktionen auf den Reisen waren natürlich Drogen, die es unterwegs meist in besserer Qualität, billiger und leichter gab als in Westeuropa, Nordamerika oder Australien. In Afghanistan entstand ein eigener Friedhof für westliche Drogentote, die meist Heroin zum Opfer gefallen waren.

Wolfgang Kos: „Es scheint zwei konträre Hitparaden zu geben: die der Kopf-68er (mit Texten von Marx, Adorno und Dutschke) und die Body-&-Mind-68er (mit Stones, Dylan und Doors als Stichwortbringern). Deshalb wurde Leonard Cohen so wichtig, als Vermittler zwischen den Milieus.“

In den 70ern spaltete sich „die Bewegung“ auf, neue alternative Strömungen und Bewegungen entsponnen sich, die Frauenbewegung, Schwulenrechtsbewegung, Öko-Bewegung (zT auch hier Gewalt, von beiden Seiten), Friedensbewegung, Bürgerinitiativen, 3. Welt-Projekte; manche bildeten Sponti-Cliquen (Hausbesetzungen, Strassenschlachten mit der Polizei,…), andere gingen, nach der Auflösung des SDS, zu den Jusos oder zu kommunistischen Gruppen, etwa zu den maoistisch und totalitär ausgerichteten K-Gruppen wie dem KB (Trittin in Göttingen dort aktiv, Küntzel), dem KBW (z.B. „Joscha“ Schmierer) oder der KPD-ML. Viele 68er machten Laufbahnen in Unis, Redaktionen, Schulen,…, trotz dem Radikalenerlass der SPD-FDP-Regierung 72. Andere zogen sich in den „privaten“ Bereich zurück, mit Drogen, Sekten oder Esoterik. Die Sommerfestivals begannen so richtig In den 70ern (Roskilde, Isle of Wight, Newport,…).

Peter Mosler: „Noch 1975, als die Aktion der Frauen die einzige Bewegung in Westdeutschland und West-Berlin ist, die diesen Namen verdient, schreiben die Maoisten vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW): ‚Der Feminismus als eine Version des bürgerlichen Individualismus will den proletarischen Frauen einreden, statt am Kampf der Klasse teilzunehmen, ihn zu spalten und zunächst mal ihre Männer ≪Chauvinisten≫ usw. zu bekämpfen, bevor der Kapitalismus bekämpft wird…‘ “

Die Hausbesetzer-Szene wurde auch Rekrutierungsfeld für linke Terrorgruppen, Autonome gingen später daraus hervor. Ende der 60er, Anfang der 70er entstanden im Umfeld der radikalisierten Teile der 68er-Bewegung in West-Berlin militante Gruppen wie die „Bewegung 2. Juni“, die „Revolutionären Zellen“, und, am bedeutendsten, die Baader-Meinhof-Gruppe/RAF. Gewalt in der linksextremen Szene wurde, wie man heute weiss, vom Staat mit-initiiert, v.a. über den BfV-Agent provocateur Peter Urbach, evtl. im Zusammenhang mit Gladio, jedenfalls um die Bewegung zu diskreditieren. Die Bombe für den „Tupamaro“-Anschlag (Kunzelmann,…) in Berlin 69 auf ein jüdisches Zentrum kam etwa von Urbach.  Die Kaufhaus-Brandlegung in Frankfurt 68 war noch Teil der Vorgeschichte der RAF, die Befreiung des dafür verurteilten Andreas Baader durch Ulrike Meinhof und andere 1970 so etwas wie ihre Geburtsstunde (mit dem Meinhof-Anschluss tauchte die Gruppe unter). War dieser Terror in der Bewegung, ihrer „Ideologie“, angelegt oder war er ihre Verdrehung? Gewalt ist jedenfalls auch oft genug gegen neue Linke angewendet worden, ob in USA, Deutschland oder Italien. Stefan Aust, damals Konkret-Redakteur, später Spiegel-Chef, war mit Vielen aus der Gruppe bekannt, über die er 1985 das Standardwerk herausbrachte.

„Joschka“ Fischer war kein klassischer deutscher 68er: zu jung, kein Akademiker, nicht in Berlin. Aus einem konservativ-katholischen Elternhaus donauschwäbischer Herkunft, ist er so alt wie die BRD. Er hat keine berufliche oder wissenschaftliche Ausbildung absolviert (eine Lehre als Fotograf angefangen). Ging nach Frankfurt, wo er politisch sozialisiert wurde. Arbeitete als alternativer Bibliothekar, Fabriksarbeiter (politische Agitation unter Arbeitern, etwa bei Opel), Taxifahrer. Die Aufarbeitung des NS war auch bei ihm ein Antrieb. Er hatte seine rebellische Zeit in den 70ern, als Sponti (kein konstruktives Arbeiten an einer Reform des Rechtsstaates), im Frankfurter Häuserkampf gegen Abrisspläne und Bauspekulation, die von der lokalen SPD und Immobilienmaklern wie Ignaz Bubis getragen wurden. Lernte Daniel Cohn-Bendit dort kennen, der aus Frankreich infolge des Mai 68 ausgewiesen worden war. Nach der Entsagung der Gewalt in der zweiten Hälfte der 70er (er hatte mit Linksterrorismus nie was zu tun, aber Entebbe 76 war für ihn ein Punkt des Innehaltens) machte sich Leere bei ihm breit. Er bildete sich autodidaktisch weiter, arbeitete beim alternativen Magazin Pflasterstrand mit. 1982 schloss er sich zusammen mit anderen Ex-Linksextremen (die wie er vorwiegend Spontis gewesen waren) den Grünen an; bildete dort ein „Realo“-Netzwerk und wurde eine Führungspersönlichkeit. „Fundis“ wie Jutta Ditfurth, Umweltaktivisten und Pazifisten, waren die andere, die „autochthonere“ Strömung, diese wollten lieber eine alternative Gegengesellschaft aufbauen anstatt über das bisherige Macht-System Einfluss zu nehmen und hatten auch andere inhaltliche Schwerpunkte. Fischer war 83 unter den ersten grünen Bundestags-Abgeordneten; damals kam ein gegenseitiges Dämonisieren mit CDU/CSU-Politikern über NS-Vergleiche häufig vor. Durch die grüne Rotation musste er wieder raus (im Film von Danquart über ihn verglich er diese mit dem Wechsel einer 1. Linie im Eishockey), ging in den hessischen Landtag und wurde dort 85 Umweltminister (Umwelt, ein Thema dass ihm nicht wirklich am Herzen liegt, das er eher als Weg zur Macht sah) in einer rot-grünen Koalition (Kulturbruch grüne Regierungsbeteiligung) und lernte Politik (Zuständigkeiten in Koalitionen aushandeln, Verwaltungsapparat leiten, mit Medien umgehen, innerparteiliche Angriffe überstehen, Wahlkampf führen), die aufgrund gegensätzlicher Standpunkte zur Atomenergie endete.

Er stieg also relativ schnell vom Staatshasser zum Staatsrepräsentanten auf. Die Trennung von seiner damaligen Ehefrau (u.a.) führte zu einer Lebenskrise, in dieser Phase entdeckte er das Laufen, das seither über seine Gewichtszu- und abnahme mitentscheidet. “Mauerfall“ und Wiedervereinigung brachten das rot-grüne Bundes-Projekt unter Lafontaine für 91 zu Fall sowie die Vereinigung mit den ostdeutschen Grünen. Fischer blieb im hessischen Landtag und wurde dort 91 wieder Umweltminister, unter Hans Eichel. Nach dem Wieder-Einzug der Grünen in den Bundestag 94 ging er wieder nach Bonn, wurde dort Co-Fraktions-Sprecher und bundespolitisches Schwergewicht, was die realpolitische Hinwendung der Partei „vollendete“. 98 nach dem Wahlsieg von Rot-Grün Bundesminister. 99 (erfolgreicher) Einsatz für die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg (erster „echter“ Auslandseinsatz der Bundeswehr; Milosevic entgegenzutreten befürwortete er schon als Oppositionspolitiker), v.a. am grünen Sonder-Parteitag  (auch Ex-Grüne wie Ditfurth kamen hin, um die Polarisierung zu verstärken), mit der Farbbeutelattacke („hätte mir den gerne gegriffen“) und der entscheidenden Rede danach mit Schmerzen im Ohr, Farbe auf der Kleidung, einem Leibwächter sichtbarer bei ihm. Er „musste“, wie auch andere (zB Mandela), z.T. eine Politik machen, die dem entgegenstand, wofür er gewählt worden war. Die Last, die er seiner Aussage nach bei der Angelobung empfand, kam möglicherweise von dem Wissen darum.

2001 brach eine Debatte um seine linksradikal-militante Vergangenheit los, durch die Veröffentlichung von Fotos durch die Meinhof-Tochter Bettina Röhl (im Stern sowie auf ihrer Homepage), fortgeführt vom Spiegel, von Springer dankbar aufgegriffen. Zu Vorwürfen bezüglich Strassenkämpfen mit Gewaltanwendung in Frankfurt kamen jene der Beherbergung einer Terroristin, damit auch Falschaussage, sowie Teilnahme an einem PLO-Kongress. Als er im Prozess gegen seinen Bekannten, den OPEC-Attentäter Hans-Joachim Klein, aussagte, verteilte die JU vor dem Gericht ein Flugblatt mit Fotos von Fischer und Klein wie sie 1973 auf den Polizisten Marx einprügelten (das Foto mit der die Fischer/68er-Debatte begann) und von deutschen Fussball-Hooligans, die 98 den französischen Polizisten Nivel bei der WM halb tot schlugen. Die Sache wurde von vielen als Generalabrechnung mit 68 & co benutzt. Als die damalige Oppositions-Chefin Merkel behauptete, in der Bundesrepublik hätte es immer eine freiheitlich-demokratische Ordnung gegeben, die quasi jeden Protest illegitim gemacht hat, hat sie wahrscheinlich nicht gewusst, dass etwa der Beisitzer des Volksgerichtshof-Vorsitzenden Freisler, H.-J. Rehse (Mitwirkung an über 200 Todesurteilen), bis in die 60er hinein weiter an deutschen Gerichten wirkte – oder es vergessen. Aber auch andere Ex-68ern oder Ex-Grüne ergriffen damals die Gelegenheit zur Abrechnung mit Leuten wie Fischer. Die Krise überstand er. Fischer prägte die Anfangszeit der Berliner Republik mit. Am 11. 9. 01 hat er „gerade im Adlon Mittag gegessen“ als er von den Ereignissen erfuhr. Er gab in Folge den Bushs kontra und liess sich von den Bin Ladens nicht vereinnahmen.

Manch einer kritisiert, dass Fischer nicht Unterlassungen des Auswärtigen Amtes etwa bezüglich der Militärdiktatur in Argentinien aufgearbeitet hat, sondern das weiter zurückliegende, eigentlich weniger brisante (NS). 05 das Koalitionsende und Fischers Abtritt als Vizekanzler und Aussenminister. Seine aktuelle Ehefrau ist kurdische Exil-Iranerin. Zur Antiglobalisierungsbewegung haben er und politisch ähnlich sozialisierte ein distanziertes Verhältnis. Nach seiner politischen Karriere hält er u.a. Vorträge für Goldmann & Sachs, ist Lobbyist für RWE, Siemens, BMW, Berater des World Jewish Congress. Fischer steht für den Wandel der deutschen Gesellschaft; und für den Erfolg (Ankommen, Durchsetzen, Reifen,..) wie das Scheitern (teilweiser Ausverkauf und Missbrauch der Ideale) der Ex-68er.

Während viele der anarchistischen Spontis in Deutschland in den 80ern zu den Grünen in die Politik gingen, schlugen viele aus den straff organisierten und dogmatischen K-Gruppen eine Beamten-Laufbahn ein, eine Minderheit begründete die „antideutsche“ Strömung und man versuchte sich etwa als Wissenschafter. Auch hier stellt sich die Frage, ein Bruch mit (früheren) Ideologien oder konsequente Weiterentwicklung? Hans-Gerhart Schmierer war 1968 Mitglied im Bundesvorstand des SDS und 1973 Mitbegründer der bedeutendsten deutschen K-Gruppe, des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) und bis zu dessen Selbstauflösung 1985 seine unangefochtene Führungsfigur; in dieser Zeit gab er eine Solidaritätsadresse für die Roten Khmer in Kambodscha ab. War dann am Verkauf des KBW-HQ in Frankfurt an die Commerzbank und anderen lukrativen Veräusserungen beteiligt, brachte die Zeitschrift „Kommune“ zu den Grünen ein. Unter Fischer kam er ins Aussenministerium. Schmierer versucht(e), seine früheren Positionen aus heutiger Perspektive umzudeuten, für George W. Bushs Aussenpolitik, die eine „konsequente Weltinnenpolitik“ sei, brachte er Verständnis auf. Gerade Bush und die Neocons waren für etliche Ex-68er und andere Ex-Linke Endstation, auch Hitchens ist ein Beispiel dafür. Das Pärchen vom Cover der Woodstock-LP, die Ercolines, Bauernkinder aus der Umgebung des Konzertortes, war schon zur Zeit des 20-Jahre-Jubiläum des Konzerts 1989 für Bush sen. und Pershing II -Raketen.

Mit dem Mauerfall kamen in Deutschland nicht nur einige ehemalige RAF-Mitglieder „zum Vorschein“, die in der DDR Unterschlupf gefunden hatten, sondern auch mehrere Narrative über diese Zeit zusammen. Werner Schulz, Bürgerrechtler in der späten DDR, Mitbegründer des Neuen Forums, für Bündnis 90 in der letzten Volkskammer, für die Grünen im Bundestag, heute im Europaparlament, sagte 01 in einem Spiegel-Interview (z. Zt. des Aufkochens der Debatte wegen Fischer), Westlinke träumten damals von einer Revolution und haben eine gesellschaftliche Reform bewirkt. In der BRD brannten in dieser Zeit Kaufhäuser (durch Baader), in der CSSR der Student Jan Pallach (aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings), für einige Monate war Prag, so Schulz, ein freier Ort in Osteuropa gewesen; bei dieser Niederschlagung „blieb die Solidarität der Westlinken aus, die es sonst mit allen Unterdrückten von Persien über Kuba bis Vietnam gab“. Manche 68er/neue Linke gestanden dem Ostblock eben das zu, was sie im Westen anprangerten, z.B. AKWs, Atomwaffen, auswärtige Interventionen bzw. Bevormundung. Hannah Arendt hat einst die Frage aufgeworfen, ob 1968 vergleichbar mit 1848 sei. Joni Mitchell, die in Woodstock auftreten hätte sollen, sagte, „Flower Power“ war vordergründig und frauenfeindlich.

Bald nach dem Ankommen der Ex-68er begann in den 00er-Jahren eine grosse gesellschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen. Zum 40-Jahr-Jubiläum 2008 gabs auch wieder die Debatten, die Abrechnungen und Bücher dazu. In Deutschland ist es nach der Nazi- und DDR-Aufarbeitung die dritte grosse zeitgeschichtliche. Selbstgerechtigkeit gibts auf beiden Seiten. Während Kritiker zwischen „alles ruiniert“ und „nichts bewirkt“ oszillieren, möchten ehemalige Mitwirkende oder spätere Anhänger die Bewegung gerne mit den Federn einer Art neuer Aufklärung schmücken. Neben der (je nach Standpunkt positiven oder negativen) Reformkraft ist eine kulturell-gesellschaftlich Hegemonie seit den 80ern zu bilanzieren.

Bücher: „Illuminatus“-Trilogie von Robert Anton Wilson (1975); „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ ist eine Monographie des Historikers Götz Aly aus dem Jahr 2008, einem damaligen Befürworter und heutigem Kritiker der Bewegung; Carsten Seibold: „Die 68er. Das Fest der Rebellion“; Alan Watts: „Zeit zu Leben. Erinnerungen eines ‚heiligen Barbaren'“ (1984)

Im Film: Milou en mai/Eine Komödie im Mai (Louis Malle), Bobby (Emilio Estevez), Hair (Musical-Verfilmung),

"Joschka" Fischers Ernennung zum Aussenminister der rot-grünen Koalition, mit Kanzler Schröder und Präsident Herzog
„Joschka“ Fischers Ernennung zum Aussenminister der rot-grünen Koalition, mit Kanzler Schröder und Präsident Herzog

 

Über 68 in der Schweiz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Rund um 1968“

  1. Ja das ist vieles drinnen, was ich längst wieder vergessen habe. Ich empfinde die Darstellung tatsächlich als fair, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, da hängt etwas Trauriges zwischen den Zeilen. Aber das bin wahrscheinlich ich selbst, der etwas verklärt auf diese Zeit blickt, von der man (auch wenn das als Nachgeborener sonderbar klingt) so viel erwartet hat.
    Zurück zum Artikel. Ich denke, dass es lohnen würde, Einzelaspekte herauszunehmen, den Moment oder Detail einzufangen und eine kleine Serie zu gestalten. Viele Facetten sprichst du an: den Hippie-Trail, die Begeisterung für das Fernöstliche, der anarchistische Widerstand eines Fritz Teufel, die Aktivitäten der Italiener (Eine sehr interessante Sache, die man wieder von verschiedenen Seiten betrachten könnte). Andere Aspekte des Themas sind für mich völlig im Dunkeln, etwa wie die 60er in Japan ausgesehen haben. Dass es rote Brigaden gab, war mir klar, inwieweit es popkulturelle Entwicklungen gab, die es noch zu entdecken gibt weiß ich nicht. Inwieweit war die Studententrevolte in Südamerika, etwa in Argentinien rezipiert oder verfolgte man die eigene Tradition des Widerstands (Was irgendwie logisch wäre)? Welche Musik hören Jugendliche in Argentinien in den frühen 70ern, wie werden sie dadurch beeinflusst?
    All das wäre es wert dargestellt zu werden, ich würde mich freuen.
    Was mich an der Zeit auch interessiert, ist das Denken und Empfinden derer, die nicht als politische Akteure im Mittelpunkt standen, die Personen der breiten Masse. Ansatzweise erschließbar erscheint dies für mich allerdings über den Umweg des Romans. Thomas Pynchons Vineland halte ich etwa für einen Weltroman, inhaltlich wie formal großartig, ein Abgleiten und sich Verlieren, ein Vernetzen und neu Knüpfen, eine Abrechnung mit dem war on drugs, ein Roman über Freundschaft und Loyalität, Über Ideale und das Scheitern über die Studentenkultur in den USA, Reagan und die Faschistischen Polizeimethoden, und … . OK, ich hör ja schon auf.

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