Abhandlung über Geschichte und Gegenwart der Ukraine

Die heutige Ukraine war Zentrum der Kiewer Rus, aus der auch Russland hervorging, dann peripherer Teil verschiedener Reiche. Eine Konstante in der Geschichte der Ukraine war die Zerteilung auf verschiedene Reiche 1 und das weitgehende Fehlen von Eigenständigkeit. Die Entscheidungen für die Ukrainer wurden meist woanders getroffen. Ungünstig für die Nationsbildung wirkte sich auch aus, dass die Oberschicht über die Jahrhunderte hinweg anderen Völker angehörten bzw. sich ukrainische Eliten an diese assimilieren mussten (dadurch polonisiert oder russifiziert wurden), und Ukrainer benachteiligt wurden. Dies wirkt sich bis heute auf die sozio-ethnischen Strukturen des Landes aus. Die heutige Ukraine ist hauptsächlich Nachfolgestaat der Ukrainischen Sowjet-Republik (territorial, von der politischen Kultur, den Netzwerken,…) – auch wenn in der Nationskonstruktion Waräger, das Teil-Fürstentüm (des Kiewer Reichs) Galizien-Wolhynien, die Kosaken-Herrschaft oder der Antagonismus zu Russland maßgeblich sind. Das sowjetische Erbe drückt sich nicht zuletzt im Fehlen zivilgesellschaftlicher, demokratischer, marktwirtschaftlicher Traditionen aus.

1991 begann für die Ukraine eine Phase der Unabhängigkeit und Einheit sowie des Friedens, die für ihre Verhältnisse eine lange war. Eine positive politische und wirtschaftliche Entwicklung kam trotz dieser Vorzeichen nicht zustande. Mit den Entwicklungen in Krim und anderen Teilen der Ost-Ukraine infolge der “Euromaidan”-Proteste 2013/14 und des Sturzes von Präsident Janukovich (worauf hier nicht mehr eingegangen wird) ist diese Phase wohl zu Ende gegangen. Die ukrainische Nationsdefinition funktioniert nur über die Abgrenzung zu Russen. Das Verhältnis zu den anderen Nachbarn ist nicht so problematisch und geladen; Polen ist der zweitwichtigste, auch hier gibt es viel historischen Bezug, u.a. als das Tor zum Westen.

Die Sonderentwicklung der Ukraine wie auch Weissrusslands gegenüber Russland begann im 14. Jahrhundert, als Polen und Litauen Gebiete der ehemaligen Kiewer Rus, die nun Teil des mongolischen Khanats der Goldenen Horde war, eroberten und von ihm abtrennten. Der grösste Teil der späteren Ukraine (wie auch das spätere Weissrussland) kam zum Grossfürstentum Litauen, nur Galizien-Wolhynien zum Königreich Polen. Diese beiden Reiche gingen 1386, nach der Heirat ihrer Herrscher, eine Personalunion unter den Jagiellonen ein, 1569 eine Realunion, die ein Aufgehen der litauischen Gebiete in Polen bedeutete. An der Nordküste des Schwarzen Meeres hatte sich ein Herrschaftsgebiet der Krimtataren etabliert, das sich von den Resten der Goldenen Horde abgetrennt hatte.

Auch wenn die Landes-Bezeichnung “Ukraine” (Grenzland) im Mittelalter entstand, über Jahrhunderte hinweg wurde das Land eher “Malorussija” (Kleinrussland) oder “Ruthenien” genannt. Der Beginn der ukrainischen Nationalentwicklung unter polnisch-litauischer Herrschaft wird auch durch die Entstehung des Ruthenischen als “Amtssprache” (Kanzleisprache) im litauischen Bereich verdeutlicht, einer Art Proto-Ukrainisch, einer Mischung aus ostslawischen Dialekten, Kirchenslawisch und Polnisch. Der Rest des Kiewer Reichs, darunter auch Gebiete der heutigen östlichen und südlichen Ukraine, blieb unter mongolischer Herrschaft, bis diese Ende des 15. Jahrhunderts unter den Rurikiden abgeschüttelt wurde. Danach entstand das Russische Zarenreich mit Moskau als Zentrum.

In dieser Zeit, Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, entstand auch das Kosakentum, um die diesbezüglichen Details gehen die Darstellungen auseinander, wie bei jenen über die Entstehung der Mafia. Im 17. Jahrhundert erhoben sich die ukrainischen Kosaken unter ihrem Hetman Bogdan Chmelnizki gegen die Polen, erklärten 1654 im Vertrag von Perejaslav ihre Unterwerfung gegenüber dem russischen Zaren. Ob die Intention bzw. der Charakter dieser Unterwerfung ein Beistand oder ein Wiederanschluss(wunsch) war, darüber scheiden sich die historiographischen Meinungen entlang der ideologisch-nationalen Linien. Die quasiherrschaftliche Rolle der Kosaken über die Ukrainer unter polnischer Herrschaft wurde durch den Vertrag gestärkt. Allerdings entstanden nach Chmelnizkis Tod zwei Lager unter den Kosaken, ein pro-polnisches und ein pro-russisches, die sich bekämpften. Das Grundmuster des heutigen Konflikts existierte also schon vor 350 Jahren! Polen und Russland unterstützen die ihnen zugeneigten Teile der ukrainischen Kosaken. Im Waffenstillstand von Andrusuovo 1667 wurde diese Teilung der Ukraine festgeschrieben, entlang des Dnjepr, der linksufrige (östliche) Teil sowie Kiew wurde an das Russische Reich abgetreten, der rechtsufrige (westliche) Teil blieb beim Königreich Polen.

Die im 17. Jahrhundert vom orthodoxen Metropoliten Petro Mohyla (der aus einer moldauischen Familie stammte) gegründete Kiewer Hochschule war die erste Universität im ostslawischen Raum. Ebenfalls im 17. Jahrhundert, im polnischen Bereich und ursprünglich als geistliche Hochschule entstand die Universität von Lviv/Lemberg.

Der Kosaken-Hetman der Ukrainer im östlichen, russischen Bereich, Iwan Mazepa, ging im Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts ein Bündnis mit den Schweden gegen die Russen ein; die Unzufriedenheit mit dem Zaren hatte mehr soziale als nationale Ursachen. Der Grossteil seiner Untergebenen folgte Mazepa aber nicht bei seinem Seitenwechsel und nach der Entscheidungs-Schlacht von Poltava (in der Ukraine) 1709 war von den Schweden keine Hilfe mehr zu erwarten. In Folge wurde die Macht der Kosaken im Russischen Reich und damit die Autonomie der dortigen Ukrainer eingeschränkt. 1764 wurde das Hetmanat abgeschafft, die Kosaken als soziale Sondergruppe verschwanden um 1800. Nach der russischen Eroberung der Schwarzmeerküste unter (der deutsch-stämmigen) Zarin Katharina „der Grossen“ (II., eine eingeheiratete Romanova), begann die Neu-Besiedelung der Gegend, u.a. der Krim, darunter auch mit Deutschen.

Der westliche Teil der Ukraine wurde durch die Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts zwischen Österreich (das Galizien erhielt bzw dieses Gebiet erst so “taufte”) und Russland (das zum östlichen Teil nun auch den grössten Teil der westlichen bekam, etwa Wolhynien) aufgeteilt. Österreich wurde zudem der nördliche Teil des osmanischen Protektorats Moldau, die Bukowina, zugesprochen, die an die West-Ukraine grenzte und in der ein ukrainisches Bevölkerungselement existierte.

Bis zum Ersten Weltkrieg war nun diese Teilung aufrecht: Der grösste Teil der Ukraine, Ost und West, gehörte zum Zarenreich. Die teilweise ukrainisch besiedelten Gebiete im Westen, Galizien (in dessen westlichem Teil eine polnische Mehrheit) und Bukowina (im südlichen Teil eine rumänische Mehrheit) waren bei Österreich (bis 1806 Teil des Römisch-Deutschen Reichs, dann des Deutschen Bundes, dann Österreich-Ungarns); die Karpato-Ukraine (im westlichen Teil ungarische und andere Minderheiten) gehörte zu Ungarn und war damit ebenfalls mit Österreich verbunden. In beiden Teilen, dem russischen wie dem österreichischen, entstand im 19. Jahrhundert eine ukrainische Nationalbewegung. Die Eigen-Bezeichnungen “Ukraine”, “Ukrainer”, “ukrainisch” setzten sich erst infolge dessen durch, wurden erst nach dem 1. Weltkrieg in Ost- und Westeuropa richtig etabliert; im Russischen Reich war die längste Zeit die Bezeichnung “Kleinrussen” üblich, in Österreich-Ungarn “Ruthenen” oder “Rusinen”. Die ukrainische Sprache wurde Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts, v.a. durch den Schriftsteller Ivan Kotljarevskyj (im russischen Bereich), modernisiert, bzw. von einer Volkssprache zu einer Hochsprache umgewandelt.

Im russischen Teil wurde die Verwendung der ukrainischen Sprache eingeschränkt, Ende des 19. Jahrhunderts verboten. Ukrainer fanden Gleichberechtigung und Aufstiegsmöglichkeiten vor, wenn sie sich an die Russen assimilierten, siehe den Schriftsteller Gogol oder den Diplomaten Kocubej. Die griechisch-katholische Kirche wurde unterdrückt. Der Schriftsteller Taras Shevchenco (Schewtschenko, Ševčenko, Шевченко; 1814-1861) beklagte die Abschaffung der Selbstverwaltung der Ukrainer in Russland unter den Zaren Peter (nach dem Nordischen Krieg) und Katharina (nach den polnischen Teilungen) und war Protagonist der ukrainischen Nationalbewegung, wofür er Repressalien hinnehmen musste. 1804/05 wurde in Charkow (Kharkiv) die erste Universität unter russischer Herrschaft in der (heutigen) Ukraine errichtet; die Lehre fand lange auf Russisch statt, der Zweck der Einrichtung war die Russifizierung der Ukrainer. Ukrainer lebten im russischen Bereich auch mit Juden (durch die Übernahme der ukrainischen Gebiete infolge der Teilungen Polens kamen erst Juden in grosser Zahl ins Russische Reich), Deutschen (unter Katharina auch hier angesiedelt), Tataren (Krim) oder Griechen zusammen. Die ukrainischen Gebiete waren landwirtschaftlich geprägt, die Grundbesitzer gehörten meist anderen Völkern an, Ukrainer waren oft deren Leibeigene. Bei den ukrainischen Nationalisten im russischen Teil dürfte die Tendenz zu einem Verbleib bei Russland vorgeherrscht haben.

Die ukrainische Nationalbewegung in den österreichisch-ungarischen Gebieten war in Galizien am stärksten, richtete sich hier gegen die Polen, die hier die Grossgrundbesitzer stellten und kulturell vorherrschend waren. Auch die Ermordung des galizischen Statthalters Potocki ist in dem Zusammenhang zu sehen. Wichtigstes identitätsstiftendes Element für die Ukrainer war hier die Griechisch-Katholische Kirche, die auch Teil der Nationalbewegung wurde. Was Shevchenco für die russische Ukraine war, war Iwan Franko für die westliche Ukraine. So wie aus der russischen Ukraine gabs auch aus der österreichisch-ungarischen eine Binnenwanderung im betreffenden Reich, hier v.a. nach Wien; darüber hinaus aber auch, um die Jahrhundertwende, nach Übersee, v.a. Nordamerika. Auch diese Diaspora nahm sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der ukrainischen Sache an. Beim verzweifelten Versuch der Habsburger in der Endphase ihres Reichs, die osteuropäischen Völker an sich zu binden, hatten sie in Galizien leichtes Spiel, da sie hier beim Konflikt zwischen Polen und Ukrainern gewissermaßen der lachende Dritte waren. Die Konstellation hatte aber auch für die West-Ukrainer/Ruthenen Vorteile, als benachteiligtes Randvolk in diesem Reich war ihnen so eine gewisse nationale Entfaltung auf kulturellem Gebiet möglich. Das Zarenreich war in der Vorgeschichte zum 1. Weltkrieg ein Gegner Österreich-Ungarns, “Ruthenen” gerieten zwischen die Fronten, wurden oft unter dem Vorwurf der Spionage verfolgt. Dabei gab es in Ost-Galizien eine bedeutende pro-österreichische Strömung, die auf eine Emanzipation gegenüber den Polen bei einem Verbleib baute.

Russland ging mit expansionistischen, panslawischen Zielen in den 1. Weltkrieg, darunter war auch Galizien. Österreich-Ungarn wollte die restliche Ukraine, als eine Art Puffer zu Russland, dabei wollte man sich ihrer nationaler Ambitionen bedienen, wie dann auch im 2. Weltkrieg und später… Für beide Seiten war die Ukraine wegen ihrer Rohstoffproduktion, ihrem Charakter als Kornkammer und ihrer strategischen Lage am Schwarzen Meer wichtig. Beide Seiten hatten daher Pläne für sie über die Köpfe ihrer Bevölkerung hinweg, auch wenn sie diese Pläne als in deren Sinne darstellten. Diese beiden Mächte, auf die die Ukraine aufgeteilt waren, kämpften nun gegeneinander, nachdem die Russen 1914 unter General Brussilow nach Galizien vorstiessen und bis 1915 grosse Teile davon besetzten. Ukrainer waren in beiden Heeren, mussten gegeneinander kämpfen. Österreich-Ungarn eroberte Galizien mit Hilfe des Deutschen und des Osmanischen Reichs relativ bald wieder zurück. Während Russen in Österreichern und Deutschen die “Auftraggeber” der ukrainischen Nationalbewegung sahen, sahen die Österreicher, nun wieder Herrscher über Galizien, in den Russen die Drahtzieher des Panslawismus und der Russophilie unter den Ukrainern. Russen verfolgten in den Kriegsjahren in ihrem ukrainischen Herrschaftsgebiet der Nationalbewegung Verdächtige, etwa den griechisch-katholischen Metropoliten Andrej Szeptyckyi. Österreicher erliessen harte Repressalien gegenüber Ukrainern, die sie der Unterstützung Russlands verdächtigten.

Im März 1917 (nach dem damals dort gültigen Julianischen Kalender Februar) beendete eine bürgerliche Revolution im Russischen Reich die Zarenherrschaft. In der russischen Ukraine wurde im Zuge dieser Februarrevolution ein Zentralrat gegründet, in dem verschiedene gesellschaftliche Gruppen vertreten waren und der den Historiker Michailo Hrushevsky zu seinem Vorsitzenden wählte. Dieser (sozialistisch dominierte) Zentralrat wurde eine Art Regionalregierung für die Ukraine in dieser Russischen Republik, erklärte im Juni 1917 die Autonomie der Ukrainischen Volksrepublik (“Ukrainska Narodna Respublike”, UNR) innerhalb Russlands und nahm diese durch ein “Generalsekretariat”, eine von ihm eingesetzte Regierung, wahr. Hrushevsky war der erste unabhängige ukrainische Herrscher seit Mazepa, der letzte vor Kravchuk, der nicht von den Deutschen eingesetzt/gestützt war (wie Petljura, Bandera).

Nach dem neuerlichen Umsturz in Russland im November (bzw. Oktober) dieses Jahres kamen ja die Bolschewiken unter Lenin an die Macht. Der Kommunismus fand in der Ukraine v.a. im industrialisierten Donez-Becken (Donbass) Anklang. Unter den Führern der Bolschewiki in der Ukraine waren auch einige “echte” Ukrainer wie Zatonsky. Diese proklamierten eine Ukrainische Sowjet-Republik und waren alsbald im Machtkampf mit dem Zentralrat, der im Jänner 1918 die Unabhängigkeit der Ukraine ausrief. Diese schloss mit den Mittelmächten den Separatfrieden (“Brotfrieden”) von Brest-Litovsk, der auf eine Unterstützung dieser von Russland unabhängigen Ukraine durch Österreich und Deutschland hinauslief (Galizien blieb vorerst österreichisch). Diese beiden Mächte marschierten auf Einladung des Zentralrats auch in die Ukraine ein, und setzten ein neues (rechtes) Regime ein, unter dem General Skoropadsky als “Hetman”, welcher nur einige Brocken Ukrainisch konnte. Auch der Habsburger Wilhelm machte sich einige Zeit Hoffnungen auf eine Herrschaft in der Ukraine.

Die Herausforderung für diese von den Mittelmächten gestützte unabhängige Ukraine kam durch die in Russland herrschenden Bolschewiken bzw. ihre Anhänger in der Ukraine, die für eine Ukrainische Sowjetrepublik innerhalb oder an der Seite Russlands kämpften. Von 1917 (also bereits vor der Unabhängigkeitserklärung) bis 1921 bekämpften sich, mit Unterbrechungen, diese Lager, in einem Bürger- oder Unabhängigkeitskrieg. Auch dies ein Konflikt, der bis in die aktuelle Auseinandersetzung hineinweist. Ukrainische Kommunisten unterstützten zumindest in der Anfangsphase eine Unabhängigkeit ihres Landes. Daneben griff auch der Russische Bürgerkrieg (manchmal wird der Krieg in der Ukraine auch als Teil von ihm dargestellt), in dem die “Weisse Bewegung” die Herrschaft der Kommunisten bekämpfte, auf die Ukraine über. Die Weisse Armee unter Wrangel kooperierte zeitweise mit der Ukraine unter Skoropadsky, verfolgte aber eigentlich andere Ziele.

Im Brest-Litovsk-Friedensvertrag der kommunistischen Regierung Russlands mit den Mittelmächten im März 1918 anerkannte Russland die Unabhängigkeit der Ukraine, worauf dieser Krieg zu einem vorläufigen Ende kam. Wenige Monate später allerdings ging der Weltkrieg zuungunsten der Mittelmächte zu Ende, Österreich-Ungarn zerfiel. Österreich und Deutschland zogen Ende des Jahres aus der Ukraine ab, deren “Hetman” Skoropadsky ging mit ihnen. Daraufhin wurde wieder die Ukrainische Volksrepublik ausgerufen, nun geleitet von einem Direktorium unter Symon Petljura. Die ukrainischen und russischen Kommunisten nahmen einen neuen Anlauf, in der Ukraine die Macht zu erringen. Galizien wurde nach dem Ende der Donaumonarchie geteilt, den Westen nahm sich das wiederentstandene Polen, im Osten wurde eine “Westukrainische Volksrepublik” ausgerufen. Polen wollte auch den vorwiegend ukrainisch besiedelten Osten Galiziens, dies brach den Polnisch-Ukrainischen Krieg 1918-1919 vom Zaun.

1919 verbündete sich die Ukraine, ungeachtet des Konflikts um Galizien, mit Polen unter Pilsudski, um gemeinsam das kommunistische Russland zu bekämpfen. Dies ist der Inhalt des Polnisch-Sowjetischen Krieges (1919-1921), der grossteils in ukrainischen Gebieten ausgetragen wurde. Ukrainer waren wieder zwischen zwei sich bekämpfenden Lagern geteilt. 1920 beendete die Rote Armee die Unabhängigkeit der Ukraine mit der Einnahme Kiews. Petljura ging ins Exil, wo er später ermordet wurde. So erging es auch Nestor Machno, der sich mit seiner anarchistischen Bewegung zeitweise mit den Bolschewiken verbündet hatte; nach dem Sieg brach die Partnerschaft auseinander und mörderische Ausschreitungen waren die Folge. Der Friede von Riga 1921 beendete diesen letzten der Kriege, die in diesen Jahren in der oder um die Ukraine geführt wurden, und stellte die Grenzen für die Zwischenkriegszeit fest: Der grösste Teil der Ukraine bildete eine Sowjetrepublik. Der Westen (Ost-Galizien, West-Wolhynien, West-Polesien) kam zu Polen. Teilweise ukrainisch besiedelte Gebiete waren schon zuvor anderen Staaten zugesprochen worden; Bukowina und Bessarabien an Rumänien, die Karpato-Ukraine an die Tschechoslowakei, die Krim der Russischen Sowjetrepublik. Nach 7 Jahren Kriegen und Umwälzungen (1914-1921) mit 1,5 Millionen Todesopfern auf ukrainischer Seite war das der Ausgang. Die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (Hauptstadt war bis 1934 nicht Kiew sondern Charkiv) wurde 1922 Gründungsmitglied der Sowjetunion.

Im Russischen Zaren-Reich hatte es eine Form der Autonomie der Nationalitäten wie in der SU nie gegeben. In den frühen Jahren der Sowjetunion wurde in den Republiken ausserhalb Russlands die “Korenisazija”, also Einwurzelung, betrieben. Russische Bevölkerungsteile in diesen Republiken wurden angehalten, sich an die dortige Kultur anzupassen. Diese Politik brachte die ukrainische Sprache in ihrem Kern-Verbreitungsgebiet zum ersten Mal in eine privilegierte Position. Den Ukrainern wie auch Kasachen oder Georgiern wurden auch heimische Kommunisten vorgesetzt – um diese Völker besser einzubinden. In den 1930ern ging man dann unter (dem Georgier) Stalin zu einer Russifizierung über. Die Ukraine wurde Schwerpunkt der sowjetischen Schwerindustrie. Auch Alphabetisierung, Urbanisierung und andere Modernisierungs-Schritte fanden in dieser Zeit statt. Im Osten der Ukraine lebten in den Städten vor allem Juden und Russen. In den 1920ern wurde innerhalb der Ukrainischen SSR eine Moldauische Autonome SSR eingerichtet, in Transnistrien und anderen Teilen Podoliens. Dies zielte auf Bessarabien ab, das nun wieder Teil Rumäniens war, schon zu Russland gehört hatte und wo es russische und ukrainische Bevölkerungsteile gab. Diese ASSR sollte eine moldauische Identität sowie das kommunistische System gegenüber Bessarabien promoten.

"Sohn, verpflichte dich zur Roten Armee um die Verteidigung der Sowjet-Ukraine" zu gewährleisten. Sowjetisches Plakat aus 1921, zur Zeit der Korenisazija. www.davno.ru
“Sohn, verpflichte dich zur Roten Armee, um die Verteidigung der Sowjet-Ukraine zu gewährleisten.” Sowjetisches Plakat aus 1921, zur Zeit der Korenisazija. www.davno.ru

Zu Beginn der sowjetischen Phase in der Ukraine besaßen 2% Grossgrundbesitzer (Kulaken) etwa 60% des Bodens und diese Kulaken waren grossteils keine Ukrainer. Die folgenden Kollektivierungsmaßnahmen waren aber wieder nicht zum Wohl der Ukrainer. Kulaken wurden, in der ganzen Sowjetunion, ermordet oder deportiert; kollektive oder staatliche Landwirtschaftsbetriebe (Kolchosen, Sowchosen) wurden eingerichtet. Durch Misswirtschaft in der Umstellungsperiode und brutale Getreideakquisitionen entstanden schwere Hungersnöte, dazu kamen Seuchen, die Ukraine war davon am schlimmsten betroffen. Dort gab es Millionen Todes-Opfer (die Schätzungen variieren stark), dieser Holodomor 1932/33 wurde nach einer umstrittenen These von der sowjetischen Führung unter Stalin absichtlich ausgelöst, um die Ukrainer zu schwächen/zu vernichten, war also demnach ein Völkermord. Jedenfalls waren auch nicht-ukrainische Volksgruppen davon betroffen und waren Ukrainer an den Schalthebeln der Macht auch dafür verantwortlich. Der stalinistische Terror der politischen “Säuberungen” lief parallel dazu ab.

Das wichtigste ukrainische Gebiet ausserhalb der SU war in der Zwischenkriegszeit die zu Polen gehörende West-Ukraine. Mit 16% der Gesamtbevölkerung waren Ukrainer in diesem Polen die grösste Minderheit, vom Staat gab es sowohl Assimilationsbemühungen als auch Toleranz. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (Orhanizatsiya Ukrayins’kykh Natsionalistiv, OUN) wurde 1929 von Exil-Ukrainern in Österreich gegründet. Lange vom Ost-Galizier Stepan Bandera geführt, operierte die OUN in der Zwischenkriegszeit in bzw. gegen Polen, wollten ausserdem die Ukraine aus der Sowjetunion “herausführen” und ukrainische Gebiete vereinigen.

Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen im August 1939, mit dem der Zweite Weltkrieg begann, war der Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts. Auch Molotow-Ribbentrop-Pakt oder Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffspakt genannt, garantierte er dem Deutschen Reich die sowjetische Neutralität bei einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten, und gestattete andererseits der Sowjetunion, im Ersten Weltkrieg verlorene Territorien des russischen Zarenreichs wiederzugewinnen. Während sich gemäßigte Politiker der ukrainischen Volksgruppe in Polen mit Polen solidarisierten, suchte die OUN, zumindest die Fraktion unter Stepan Bandera, die Nähe des Nazi-Regimes. Aufgrund des Geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt wurde das ukrainisch besiedelte Ost-Polen sowjetisch besetzt; Stalin “legitimierte” diesen Angriff, indem er ihn als Befreiung der dortigen Ukrainer von polnischer Herrschaft deklarierte. Die sowjetischen Behörden erliessen in den neu gewonnenen Gebieten schwere Repressalien gegenüber Menschen, die aufgrund ihrer (tatsächlichen oder vermuteten) politischen Präferenz oder nur ihrer Ethnizität als “Risiko” eingestuft wurden, darunter auch viele Ukrainer. Andere Ukrainer versuchten, sich ihnen anzudienen.

Nationalsozialisten und OUN “trafen” sich darin, dass Ukrainer von den Russen abzugrenzen seien, rassisch andersartig bzw. höherwertig waren, v.a. aufgrund des Einflusses der nordgermanischen Waräger und der Ost-Goten. Einheiten der OUN nahmen 1941 im Verband der Wehrmacht beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion teil, etwa bei der Kesselschlacht von Kiew. Zur Kollaboration der OUN mit dem nazideutschen Regime hier mehr. Nach dem Einmarsch proklamierte die OUN eine unabhängige Ukraine. Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg, ein Baltendeutscher, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, war Befürworter einer solchen. Die ukrainischen Gebiete wurden von den Deutschen aber hauptsächlich auf das “Reichskommissariat Ukraine” und (Galizien) das “Generalgouvernement” aufgeteilt, Gebiete im Osten nahe der sowjetischen Front kamen unter Militärverwaltung.2 Im NS-Regime setzte sich die Ansicht durch, dass die Ukrainer den Russen zu ähnlich und nicht vertrauenswürdig seien, die Ukraine strategisch und wirtschaftlich zu wichtig als sie seiner Bevölkerung zu überlassen…

Abgesehen davon stand Nazi-Deutschland anderen, wichtigeren Verbündeten in der Schuld. Rumänien bekam nach dem Angriff auf die Sowjetunion jene Teile zurück, die es 1940 aufgrund des deutsch-sowjetischen Paktes an die SU abtreten musste, Nord-Bukowina und Bessarabien. Die Karpato-Ukraine teilte Hitler (im “Wiener Schiedsspruch”) Ungarn zu. Ukrainer wurden als Zwangsarbeiter ins “Reich” verschleppt, ihre Ernte und Produktion ebenfalls. Der grösste Teil von pro-deutschen Kampfeinheiten der OUN ging infolge dessen in der “Ukrainischen Aufständischen Armee” (UPA) auf, die 1942-1944 hauptsächlich Deutsche bekämpfte. Während der Rückeroberung der Ukraine durch die Rote Armee 1943/44 gingen OUN/UPA und Nazi-Deutschland wieder zusammen. Die Sowjetunion eroberte auch die nach dem 1. Weltkrieg Polen zugesprochenen Gebiete der West-Ukraine sowie die Karpato-Ukraine, die Nord-Bukowina und Bessarabien, wie auch das Baltikum.

Die Nachkriegsordnung für Europa wurde ja auch in der Ukraine beschlossen, bei der Konferenz in Jalta auf der Krim3 im Februar 1945. Der 2. Weltkrieg hatte die Ukraine noch stärker getroffen als der 1., das Land noch mehr auseinandergerissen. Etwa 25% der Bevölkerung war getötet worden, hauptsächlich durch Nazi-Deutschland. Etwas derartiges war auch in dessen “Generalplan Ost” vorgesehen. Das Augenmerk auf die Rolle der OUN hier soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass viel mehr Ukrainer in der Roten Armee oder bei Partisanen auf der Gegenseite kämpften. Die OUN und ihre Kampfgruppen hatten Massaker hauptsächlich an Polen und Juden (auch ohne die Deutschen) verübt. Eine unabhängige Ukraine bekamen sie nicht, ihre Führung war zeitweise in deutschen KZs interniert. Die wiedererrichtete Ukrainische SSR nach dem Krieg war um die Karpato-Ukraine (von der Tschechoslowakei), Ost-Galizien, West-Wolhynien, West-Polesien (von Polen), die Nord-Bukowina, das südliche Bessarabien (das Bugeac/Budjak-Gebiet) und das Hertza-Gebiet (von Rumänien) vergrössert worden. Damit waren eigentlich alle ukrainisch besiedelten Gebiete (und etwas mehr) in dieser Ukrainischen Sowjet-Republik vereinigt. Der Rest Bessarabiens wurde mit Transnistrien zur Moldauischen SSR vereinigt.

Der Krieg hatte auch die Bevölkerungszusammensetzung der Ukraine verändert. Viele Juden (einst um die 10% der Bevölkerung) waren getötet worden, Deutsche (wie jene vom Schwarzen Meer) waren ausgesiedelt oder deportiert worden. Durch die Gebietsvergrösserungen kamen Rumänen, Polen und Ungarn hinzu. Russen blieben aber die grösste Minderheit (20%). Tatsächliche oder vermeintliche Kollaborateure und Regimegegner wurden in den Nachkriegsjahren schwer verfolgt. Die wichtigsten Bodenschätze (Eisen, Kohle,…), damit auch die Minen und die verarbeitende Industrie, befanden sich im Osten des Landes; dorthin gab es eine Masseneinwanderung russischer Arbeiter, die eine Russifizierung dortiger Ukrainer zur Folge hatte.

Nikita Chrustschow war von 1938 bis 1949 mit einer Unterbrechung Parteichef in der Ukraine, 1953 wurde er nach Stalins Tod dessen Nachfolger als KPdSU-Chef. Unter ihm wurde die hauptsächlich russisch besiedelte Krim-Halbinsel von der Russischen an die Ukrainische SSR transferiert. Bereits 1948 war die Schlangeninsel im Schwarzen Meer von Rumänien an den grossen Bruder Sowjetunion übergeben worden, ebenfalls eine Grenzänderung, die die unabhängige Ukraine dann erbte. Petro Schelest war von 1963 bis 1972 KP-Sekretär in der Ukraine, als Nachfolger von Nikolai Podgorny (Pidhornyj), der die Entstalinisierung in der Ukraine geleitet hatte und in die nationale Politik wechselte. Schelest war für sowjetische Verhältnisse ein Reformer, betrieb eine gewisse Ukrainisierung, v.a. in Bildung und Kultur. Damit schuf er sich Feinde; Michail Suslov, unter Brejschnew Nr. 2 in der KPdSU, möglicherweise ukrainischer Herkunft, einer der an die Verschmelzung der Völker der Sowjetunion glaubte, betrieb Schelests Absetzung. 1972 gelang dies, Schelest wurde durch den konservativen Volodymyr Szerbycki ersetzt, der bis 1989 die KPdSU in der Ukraine (und damit diese Sowjet-Republik) leitete.

In den 1970ern gab es unter diesem neue Verfolgungswellen. Eine organisierte Opposition gab es in der Sowjet-Ukraine nicht. Es waren kleine Kreise oder einzelne Personen wie Vjačeslav Cornovil, Juri Scerbak, Lev Lukjanenko, Valentyn Moroz, Mykhailo Horyn oder Ivan Dzjuba, die das System herausforderten und dafür oft teuer bezahlten. Schwerpunkt der Opposition war das westliche Exil, vor allem Kanada. Antisowjetische Partisanen, die bis in die 1950er in der Ukraine aktiv waren, dürften mit der OUN verbunden gewesen sein, die in der Nachkriegszeit von der BRD aus operierte, wo wiederum der KGB gegen sie vorging.

Die Ukraine war in der Sowjetunion die drittgrösste Republik, die Ukrainer das zweitgrösste Volk (wobei es auch in Russland und anderen Republiken eine stattliche Anzahl von Ukrainern/ukrainisch-stämmigen gab), was sie schon im Zarenreich gewesen waren, und neben den Weissrussen jenes Volk, das am engsten mit den Russen verwandt war. Die Ukrainische SSR behauptete sogar eine Pseudo-Souveränität, war Mitglied der UN. Ukrainer kamen in der Sowjetunion gleich nach den Russen, waren nach ihnen am häufigsten in den Eliten (Führungsebenen von Partei, Armee,…) zu finden. Die Ukraine war in der SU Zentrale und diese Zentrale agierte gegenüber der Peripherie (Kaukasus, Zentralasien, Baltikum) kolonial. Zumindest phasenweise gab es in der Sowjet-Ukraine eine russische Vorherrschaft (von dort Lebenden und aus Moskau), wie unter den Zaren.

Die wichtigste Position in einer Sowjetrepublik war die des “Parteichefs” (Erster Sekretär der Kommunistischen Partei); von jenen in der Ukrainischen SSR der Zwischenkriegszeit waren drei Ukrainer, einer Russland-Deutscher, zwei Polen, zwei Juden (ein russischer und ein ukrainischer) und drei Russen. Von diesen letzteren 3 amtierte einer nur zwei Tage und ein anderer, Chrustschow, stammte aus dem russischen Grenzgebiet zur Ukraine und hatte anscheinend auch ukrainische Vorfahren (nach anderen Angaben war sein Vater ein in die Ukraine eingewanderter Russe). In der Nachkriegszeit waren alle sechs Parteichefs in der Ukrainischen SSR Einheimische. Ihre Sowjetrepublik bot den Ukrainern kulturelle Autonomie und Schutz; auch wenn Russisch die wichtigere Sprache blieb, war Ukrainisch in der SU deutlich besser gestellt als im Zarenreich.

Ziemlich akkurate historische Karte der Ukraine, von https://www.reddit.com/r/MapPorn/comments/2fhqvq/territories_annexed_to_ukraine_927780/
Ziemlich akkurate historische Karte der Ukraine, von https://www.reddit.com/r/MapPorn/comments/2fhqvq/territories_annexed_to_ukraine_927780/

Die Sowjetunion brachte den Ukrainern neben Russifizierungs- und Verfolgungswellen auch sichere Grenzen, eine gewisse Selbstverwaltung, die Herausbildung einer ukrainischen Elite. Nach dem 2. WK gab es eine “Renaissance” ukrainischer Literatur. In den 1970ern und 1980ern war die Ukraine ein Schwerpunkt des sowjetischen Fussballs, was vor allem auf Valerij Lobanovsky zurückging, der Dynamo Kiew und dann das SU-Nationalteam betreute.

Der Brejschnew-Verbündete Szerbycki war auch noch Parteichef in der Ukraine, als Michail Gorbatschow in Moskau mit seiner Reform der Sowjetunion begann und sich in Tschernobyl in der Nord-Ukraine 1986 der AKW-Unfall ereignete. Ihm wird im Umgang mit dem Unglück Fehlverhalten vorgeworfen. In der zweiten Hälfte der 1980er wurden auch in der Ukrainischen SSR politische Gefangene freigelassen. Am Ende dieses Jahrzehnts durften auch oppositionelle Organisationen und Parteien entstehen, am wichtigsten war die “Volksbewegung der Ukraine” (Ruch). 1989 durfte die Griechisch-Katholische Kirche, die im Untergrund fortbestanden hatte (und Kern der antisowjetischen Opposition in Galizien war), neu gegründet werden. Der Perestroika-Unterstützer Wolodymir Ivashko wurde 1989 der letzte KP-Chef in der Ukraine, der sich auf das Machtmonopol der Partei stützen konnte.

Nachdem 1989 unter Gorbatschow die Grundlagen dafür gelegt wurden, wurden 1990 in den Teilrepubliken der Sowjetunion halb-frei die Parlamente gewählt. In der Ukraine war dies die erste Wahl mit demokratischen Charakter seit jener zu einer verfassungsgebenden Versammlung 1917/18, die aufgrund von Revolution und Kriegen abgebrochen wurde; es siegte die KP unter Ivashko vor dem Demokratischen Block, in dem sich Ruch, das Helsinki-Komitee für die Ukraine und andere Oppositionsgruppen zusammen geschlossen hatten. Dissidenten zogen ins ukrainische Parlament ein, KP-Chef Ivashko wurde Parlamentspräsident (er wechselte dann als KPdSU-Vizechef nach Moskau). Das Parlament erklärte das Machtmonopol der KP für aufgehoben. Zum Ministerpräsidenten wurde aufgrund der Mehrheitsverhältnisse ebenfalls ein KP-Politiker gewählt, Vitold Fokin. Die Macht verschob sich zunächst vom KP-Chef zum Ministerpräsidenten und später zum neugeschaffenen Amt des (Staats-)Präsidenten. Fokin hatte mit enormen Wirtschafts-Problemen aufgrund der Umstellungen zu kämpfen. Letzter KP-Chef der Ukraine wurde 1990 Gurenko, nach dem Putsch 1991 wurde die Partei aufgelöst; 1993 wurde eine neue Kommunistische Partei gegründet.

Im Sommer 1991 putschen alt-kommunistische Kräfte gegen SU-Präsident Gorbatschow, nach wenigen Tagen brach die Sache zusammen. Während Gorbatschow auf der Krim festgehalten wurde, übernahm der Ukrainer Ivashko als sein Stellvertreter die Geschäfte als KPdSU-Chef. Die Putschisten erreichten im Endeffekt das Gegenteil von dem was sie wollten, das Ende der Sowjetunion und kommunistischer Machtausübung. Die Macht kippte zu den Teilrepubliken, zumal in der russischen Jelzin der starke Mann war. In der Ukraine erklärte das Parlament auf Druck der Opposition die Unabhängigkeit, was im Dezember des Jahres von der Bevölkerung in einem Referendum (mit 92%) bestätigt wurde. Im selben Monat wurde auch ein ukrainischer Präsident gewählt, der ehemalige KP-Funktionär Leonid Kravchuk (zuvor Parlamentspräsident) gewann gegen den ehemaligen Dissidenten Vjačeslav Cornovil.

Kravchuk ist mit Iliescu in Rumänien oder Kucan in Slowenien zu vergleichen, er distanzierte sich rechtzeitig vom Kommunismus (und Russland), war wie Jelzin gegen den Erhalt der Sowjetunion. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit waren die Massen der Ukraine nicht für diese oder einen Systemwechsel, wie es im Baltikum der Fall war. Im Dezember 1991 löste sich die Sowjetunion auf (die Selbst-Auflösung des Obersten Sowjets wird dabei als der letzte Schritt gesehen), und die Ukraine wurde unabhängig. Die GUS ist nur mehr ein Staatenbund. Mitte 1992 erklärte der letzte Präsident der ukrainischen Exil-Regierung, die nach dem Ende der ukrainischen Unabhängigkeit 1920 meist in Kanada residierte, Plaviuk, in einer Veranstaltung im Parlament die unabhängige Ukraine zum Nachfolgestaat der UNR, anerkannte Kravchuk als Präsidenten und erklärte die Exilregierung als aufgelöst.

25. Dezember 1991, Kreml Moskau, Ende der SU. Die sowjetische Flagge wurde eingeholt und durch die russische ersetzt
25. Dezember 1991, Kreml Moskau, Ende der SU. Die sowjetische Flagge wurde eingeholt und durch die russische ersetzt

Unter russischer Herrschaft, Zaren wie Kommunisten, gab es in der Ukraine Absolutismus. Demokratie hielt erst mit der Unabhängigkeit Einzug, wie in meisten Ex-Sowjet-Republiken, allmählich. Unter Kravchuk wurde mit der EU (EG) 1994 ein Partnerschaftsabkommen geschlossen. Im post-sowjetischen Raum herrscht ein geopolitischer Pluralismus, manche Staaten richteten sich an EU aus, andere an der USA, andere an Russland oder der Türkei. Für die Ukraine gab und gibt es die zwei Optionen Russland und West-Europa, dazwischen liegt es. Ein andere Sache wurde einvernehmlich gelöst: Nach der Unabhängigkeit und Teil- Demokratisierung legte sich das Parlament auf die Abgabe der Atomwaffen fest. Ungefähr 15% des sowjetischen Nukleararsenals war in der Ukraine stationiert. Am 21. 12. 91 das GUS-Abkommen, das den Abzug der Atom-Waffen aus der Ukraine, Weissrussland und Kasachstan nach Russland vorsah – in der Ukraine geschah das bis Mai ’92.4

1994 wurden der Staatspräsident und das Parlament neu gewählt, mit Leonid Kuchma siegte ein unabhängiger Ex-Kommunist über Amtsinhaber Kravchuk, einen anderen. Stärkste Partei wurde die neue KP mit 13,6% der Stimmen vor Ruch und der Sozialistischen Partei. Die Position des vom Parlament bestimmten Ministerpräsidenten war in den Jahren bis zur Orangenen Revolution aber eine ziemlich machtlose. Stärker noch als unter Kravchuk wurden unter Kuchma, wie in Russland unter Jelzin, Staatsbetriebe privatisiert, wodurch eine neue Schicht auch politisch einflussreicher Unternehmer entstand. Unter Kuchma lehnte sich die Ukraine wieder enger an Russland an. In seiner ersten Amtszeit wurde (1996) eine neue Verfassung verabschiedet, die jene aus der SU-Zeit ersetzte. Mit ihr kam auch eine neue Währung, die Hryvnja. In der Verfassung wurde wenig Föderalismus festgeschrieben, die Oblasts bekamen wenig Rechte.

Das Konzept einer Ukraine als Opfer vor allem der Russen und als einer durch das Ende der Sowjetunion befreiten Nation wird nur von einem Teil des Landes getragen. Für diesen stiftet die Erinnerung an den Holodomor eine nationale Identität. Für andere, nicht nur die russische Minderheit, war der Untergang der Sowjetunion ein tragischer Verlust und die Nähe zu Russland nichts aufgezwungenes. 2004 wurde der Richtungskampf um die Ausrichtung, den Charakter des Landes vollends ein Machtkampf zwischen den politischen Lagern und eskalierte dieser erstmals. Kuchma, der für die Staatspräsidenten-Wahl in diesem Jahr nicht mehr kandidieren durfte, brachte seinen “Kronprinzen” Viktor Janukovich (unter ihm Ministerpräsident, seine Russland-freundliche “Partei der Regionen” unterstützte Kuchma) in Stellung. Auf den Gegenkandidaten Viktor Yuschchenko von “Unsere Ukraine” wurde im Wahlkampf ein Giftanschlag verübt. Nachdem die Wahlkommission Janukovich zum Sieger der Stichwahl erklärte, hagelte es Vorwürfe der Wahlfälschung und eine Volksbewegung in Teilen des Landes trug die “Orangene Revolution”. Yuschchenko wurde Sieger der wiederholten Stichwahl. Provinzen im Osten drohten mit Abspaltung, Galizien im Westen für den Fall, dass sich die Janukovich-Seite durchsetzt. Schon damals wurden russische Pässe für russische Ukrainer im Osten des Landes (Donbass, Krim) ausgegeben.

Präsident Yuschchenko sowie Julia Timoschenko von der “Vaterlands”-Partei, die unter ihm Ministerpräsidentin wurde, konnten die Hoffnungen ihrer Anhänger nach der Orangenen Revolution in 6 Jahren nicht erfüllen, sie lieferten sich endlose Machtkämpfe, die die ukrainische Öffentlichkeit zermürbte und die 2010 Janukovich bei der Präsidentschaftswahl den Sieg über Timoschenko bescherten. In seiner Regentschaft fand eine kulturelle und politische Re-Russifizierung statt, die Rückkehr zur Präsidialrepublik mit weitgehender Machtlosigkeit des Parlaments und des Ministerpräsidenten, auch die Verurteilung Timoschenkos. Janukovich schürte im östlichen Landesteil bewusst Ängste, um sich als Beschützer in Stellung zu bringen.

Die 1960 in der östlichen Industriestadt Dnipropetrowsk geborene Timoschenko hatte sich in den 1990ern relativ jung bis zum Chefinnensessel des Erdgasunternehmens EESU vorgearbeitet. Sie wurde eine Oligarchin, bekam ein Vermögen. Ihre Muttersprache ist Russisch, Ukrainisch lernte Timoschenko erst im Alter von 36 Jahren. Wahrscheinlich ein Beispiel dafür, dass russifizierte ukrainische Eliten zu ihren “Wurzeln” zurückkehren können. Zum Verhängnis wurde der prowestlichen Politikerin unter dem prorussischen Janukovich dann ausgerechnet ein Gasabkommen als Ministerpräsidentin mit Russland, bei dem sie das Budget um 137 Millionen Euro geschädigt haben soll. Vor allem wegen dieses Abkommens wurde sie 2011 wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Die EU u.a. kritisierten die Verurteilung Timoschenkos als politisch motiviert und die Haftbedingungen als menschenunwürdig.

Die innere Spaltung der Ukraine bzw. die Frage nach einer Anlehnung an Russland oder an Westeuropa wurde nach der Unabhängigkeit wieder aktuell, ist es bis heute. Verbunden sind damit eine Reihe von grundsätzlichen Fragen für das Land, über den Umgang mit der grossen russischen Minderheit, die Stellung der ukrainischen Sprache und Kultur, evtl. auch jene nach einem autoritären oder einem demokratischen System. Die Idee einer von Russland komplett unabhängigen ukrainischen Nation bzw. einer russlandfeindlichen Ukraine ist in der Ukraine eine hoch umstrittene Sache, wobei sich, den historischen, geographischen und kulturellen Gegebenheiten entsprechend, ein West-Ost-Gefälle beobachten lässt. Im äussersten Westen der Ukraine, in Ost-Galizien, ist die Distanz zu Russland nicht nur geographisch am grössten, im Donbass im äussersten Osten verhält es sich umgekehrt. Der äusserste Westen der Ukraine war über Jahrhunderte hinweg, bis Mitte des 20. Jahrhunderts, Teil mittel-west-europäischer Reiche; Galizien kam erst nach dem 2. Weltkrieg unter “russische Herrschaft” bzw. zur Sowjetunion.

“Solange die Wahlsieger die Wahlverlierer ins Gefängnis schicken, solange der nationale Mythos ausgrenzt, aber nicht versöhnt, und solange Vielfalt und Einheit einander ausschließen, wird die Ukraine keine Nation sein können, in der sich alle Bürger aufgehoben fühlen”, schrieb Jörg Baberowski in einem Gastkommentar in der “Zeit” zur aktuellen Krise bzw. ihren Wurzeln. Teil des Trennungsproblems von Russland ist, dass Gas zu Weltmarktpreisen für die Ukraine unbezahlbar ist. Darum drehten sich die russisch-ukrainischen Gasstreits in den 00er-Jahren. In der Phase der von Russland abgewandten Yuschchenko-Timochenko-Herrschaft diktierte Russland neue Handelsbedingungen für Erdgas. Die Ukraine konnte nicht bezahlen, Russland lieferte nicht mehr, die Ukraine behielt sich das für Mittel- und Westeuropa bestimmte russische Gas, das über ihr Territorium fliesst. Nach diesem grossen Konflikt 06 gab es kurzwährende Einigungen, der Streit brach wieder aus. Unter Janukovich wurde ein Handel mit Russland abgeschlossen: die Erlaubnis für die russische Schwarzmeerflotte, weiter auf der Krim zu bleiben, dafür Gasimport zu Sonderpreisen. Bei der Abstimmung im Parlament darüber gab es schwere Tumulte. In der aktuellen Krise der Ukraine wurde der Gasrabatt von Russland gestrichen; dieser sei von der Stationierung der russischen Schwarzmeer-Flotte auf der Krim abhängig gewesen – und die Krim sei ja nun russisch.

Die Gefahr einer Spaltung der Ukraine, von ethnisch-politischer Gewalt sowie einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Russland ist in Bezug auf die Krim am grössten, wurde treffend schon Anfang der 1990er analysiert, als der Streit dort erstmals ausbrach. Russen stellen den grössten Teil der dortigen Bevölkerung, die Zugehörigkeit zur Ukraine wird auch wegen dem inner-sowjetischen Transfer unter Chrustschow und der Präsenz der russischen Schwarzmeerflotte in Frage gestellt. Tataren machen heute etwas über 10% der Bevölkerung der Krim aus, sind grösstenteils pro-ukrainisch. Die Krim-Tataren, die mit den Mongolen als Eroberer auf diese Halbinsel gekommen sind, gründeten nach dem Auseinanderfall des Khanats der Goldenen Horde im 15. Jahrhundert dort ihr Khanat, das auch das Hinterland der Krim, praktisch die gesamte heutige ukrainische Schwarzmeer-Küste, umfasste. Von dort aus verübten sie Einfälle in Gebiete unter polnischer und russischer Herrschaft. Ukrainische Kosaken unternahmen Gegenstösse und gingen zeitweise auch Bündnisse mit ihnen ein. Das Krim-Khanat kam unter osmanische Schutzherrschaft und wurde im 18. Jahrhundert von Russland erobert. Danach wurden Russen, Ukrainer, Deutsche angesiedelt, die Stadt Odessa gegründet. Russlands Sieg über die mit den Osmanen verbündeten Krimtataren war also die Voraussetzung für den ukrainischen Schwarzmeer-Zugang. Der Krim-Krieg von 1853 bis 1856, hauptsächlich zwischen dem Russischen und dem Osmanischen Reich, war der Konflikt mit den meisten Opfern vor dem Ersten Weltkrieg. In der Zwischenkriegszeit bestand eine autonome Krim-Republik in der Russischen SSR. Hitler beanspruchte die Krim weil sich dort ein Teil der Ost-Goten niedergelassen hatte (die sich mit den Nachbarvölkern vermischten, bis in die frühe Neuzeit Reste von Eigenständigkeit behielten); aus Südtirol, das er Mussolini überlassen hatte, sollten sich dort “Volksdeutsche” ansiedeln. Stalin liess dann die Tataren von dort nach Zentralasien deportieren, wofür er die “Kollaboration” eines kleinen Teils ihrer Bevölkerung mit den Nazis zum Anlass nahm. Zu dem Zeitpunkt waren sie auf der Krim schon in der Minderheit. Sie sind teilweise zurückgekehrt, schon zu Sowjet-Zeiten. Pan-Turkisten erheben Ansprüche auf die Krim wegen der Siedlungsgeschichte der Tataren dort.

Mustafa Dschemilev Qirimoglu, langjähriger Chef der Krimtataren-Vereinigung und Abgeordneter zum ukrainischen Parlament, war während des Weltkrieges selbst mit seiner Familie nach Usbekistan deportiert worden. Vor allem seine Rückkehr-Forderungen machten ihn in Sowjet-Zeiten zu einem Dissidenten; er selbst kehrte Ende der 1980er zurück. Im Parlament vertrat er nacheinander Ruch, Unsere Ukraine und Vaterland. Er sagte einmal, ein russischer Einmarsch würde in Teilen der Ukraine mit Jubel von einer Strassenseite und Gewehrfeuer von der anderen beantwortet werden. In der aktuellen Krim-Krise infolge der Euromaidan-Unruhen 13/14 rief er die Tataren zu einem Boykott des Referendums auf und die NATO zu einem Eingreifen. Die Krim war als Armenhaus des Landes stark vom Rest der Ukraine abhängig, vor allem in der Wasser- und Stromversorgung.

Die Grund-Auseinandersetzung der Ukraine umfasst neben den Sprachen auch die Kirchen. Es gibt in der Ukraine einen Zweig der orthodoxen Kirche, der sich dem (im 16. Jahrhundert entstandenen) Moskauer Patriarchat unterstellt bzw. sich als Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche versteht, dann gibt es gleich zwei Kiewer Patriarchate bzw. Ukrainisch-Orthodoxe Kirchen. Eine Ukrainisch-Orthodoxe Kirche spaltete sich nach der Unabhängigkeits-Erklärung der Ukraine 1918 von der Russisch-Orthodoxen ab, wurde in der Zwischenkriegszeit zwangsweise wieder eingegliedert. In der deutschen Besatzungszeit lebte diese Eigenständigkeit für kurze Zeit wieder auf. Nach der Unabhängigkeit 1991 kam es zur neuerlichen Autokephalie-Erklärung – und dann zur Spaltung. Die ukrainischen (die Bezeichnung gabs damals freilich noch nicht) Orthodoxen unter polnischer Herrschaft gingen Ende des 16. Jahrhunderts eine Union mit der Katholischen Kirche ein, wodurch die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche entstand. Die griechisch-katholische Kirche existierte in der Sowjetzeit auch nur im Untergrund. Sie sieht sich als Symbol nationaler Eigenständigkeit. Eine Abspaltung von ihr, die Ruthenisch-Katholische Kirche, hat sich ganz mit dem Vatikan verbunden. Etwa 5% der Bevölkerung gehören anderen Glaubensgemeinschaften an, der Römisch-Katholischen Kirche (v.a. Polen), dem Islam (Tataren),…

Wie die alte Bezeichnung der Russen für die Ukrainer (die aber auch deren Selbstbezeichnung war), “Kleinrussen”, schon sagt, wurden (bzw. werden) diese als eine Art kleiner Bruder gesehen. Die Ukraine wird von Russland oft nicht als gleichberechtigt anerkannt. Die ukrainische Nationalbewegung im russischen wie im österreichischen Teil im 19./20. Jahrhundert hatte zu Russland ein ambivalentes Verhältnis, der Grat zwischen Ähnlichkeit und Verschiedenartigkeit, zwischen Befreier und Unterdrücker, war ein schmaler. Es gibt die eine Denkrichtung, wonach Russen und Ukrainer durch die Verträge von Perejaslav und Andrusuovo im 17. Jahrhundert und die polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert wieder vereint wurden, nachdem sie gewaltsam getrennt worden waren, sowie jene, wonach diese Trennung eben zwei separate Nations-Entwicklungen bedingt habe, die Ukraine vor allem durch die lange polnische Herrschaft anders geprägt worden sei. Die Konsequenz aus der ersten Richtung ist, eine unabhängige Ukraine nicht wirklich zu akzeptieren, jene aus der zweiten, die Ukraine als ewiges Opfer Russlands darzustellen.

In westlichen, nicht zuletzt deutschen, Kreisen wurde bereits vor dem 1. Weltkrieg eine Herauslösung der Ukraine aus Russland zur Schwächung von diesem angedacht. Von daher ist es nicht ganz unverständlich, wenn die Idee einer ukrainischen Nation von Russen oder Russophilen auch als “Erfindung” der Westeuropäer/Amerikaner gesehen wird, etwa von Solshenyzin. Die Ukraine kann als ethnische oder politische Nation verstanden werden, für manche ist sie eine illegitime. Es bestehen russische Irredenta-Wünsche in Bezug auf sie, nicht nur für Krim und Donbass, etwa vom rechten Ideologen Aleksandr Dugin formuliert.

War die Ukraine ursprünglich das Grenzland Russlands bzw. der Rus zur Steppe, so war sie später sein Grenzland zu Europa, oder umgekehrt. Sie nimmt einen entscheidenden Raum zwischen Europa und Eurasien/Russland ein, die ihr geopolitische Bedeutung gibt. Was für die einen eine Brücke ist, ist für die anderen ein Trojanisches Pferd und für andere ein Verteidigungswall. Der ukrainische Historiker und Politiker Hrushevsky, erster Präsident der ukrainischen Staates, der im 1. Weltkrieg ausgerufen wurde, erklärte, die Ukraine hatte und habe die Aufgabe des Verteidigers der europäischen Zivilisation gegen “die asiatischen Horden”. Bei ihm und anderen gehören dazu auch die Russen, ebenso wie die Skythen, Mongolen oder Osmanen. Aus österreichischer Sicht waren aber Galizien und die Bukowina schon “Halb-Asien”, wie der Schriftsteller Karl E. Franzos formuliert hat (ein Jude aus Galizien, der nach Wien gegangen war). Auch der ukrainische Sektenführer Lev Sylenko, der einen slawischen Neo-Paganismus kultiviert, beschwört einen manichäischen Kampf zwischen der “europäischen Ukraine” und dem “asiatischen Russland”. Wenn sich J. McCain und B. H. Levy im aktuellen Konflikt nach Kiew begeben um ihre Solidarität kundzutun, haben sie vermutlich ähnliches im Sinn. Wie in Russland gibts auch im Westen jene, die die Ukraine als Erweiterung ihrer Einflusssphäre betrachten.

Der russophile Faktor unter den Ukrainern bzw. ihre Gemeinsamkeiten mit den Russen werden im Westen gerne übersehen bzw. unterschätzt. Kiew ist überwiegend russisch-sprachig. Ukrainisch und Russisch exisieren in der Ukraine nebeneinander, bei TV-Übertragungen, ob Talkshows oder Fussballspielen wird etwa oft zwischen den beiden Sprachen gewechselt (ähnlich wie etwa in Katalonien zwischen Spanisch/Kastillisch und Katalanisch). Emmanuel Todd schrieb, die Ukraine empfing alle Impulse aus Russland, inklusive Bolschewismus und Sturz desselben, auch Modernisierungswellen, war noch nie Akteur, eher Anhängsel, war nach 91 tiefer als Russland im Kommunismus verhaftet und hat sich später davon gelöst. Es gäbe Wunschdenken von manchen Ukrainern und westlichen Kreisen über das Land.

Als 1996 bei den russischen Präsidentschaftswahlen ein Sieg des Kommunisten Sjuganov im Bereich des Möglichen war, sagte Ukraines Ex-Präsident Kravchuk, sein Land könnte Verteidiger des demokratischen Westens gegenüber dem Kommunismus werden. Ein Vergleich zeigt aber dass die kommunistischen Parteien in Russland und der Ukraine in postsowjetischer Zeit bei Wahlen ähnlich abschneiden, sich auf einem ähnlichen Level bewegen. In Moldawien steht evtl auch eine Zerreissprobe bevor, Russland will zumindest Transnistrien nicht nach/zum Westen lassen – und hier hat die Ukraine zumindest lange mit ihm an einem Strang gezogen, gegen das Rumänische…

Es gibt zum russisch-ukrainischen Verhältnis einen Witz. Es ist ein russischer Witz und er ist bald nach dem Zerfall der SU bzw. Unabhängigkeit der Ukraine entstanden. An der russisch-ukrainischen Grenze singt auf der russischen Seite der Kuckuck (auf russisch heißt das Tier “Kukuschka”) “Ku-Ku”, und der Kuckuck auf der ukrainischen Seite (heisst dort “Sjasjulja”) schweigt. Der russische fragt ihn, “Sag mal, Kukuschka, warum schweigst du denn?”, und der ukrainische antwortet stolz, dass er jetzt nicht mehr Kukuschka, sondern Sjasjulja heißt, aber noch nicht weiss, was er singen soll.5

Literatur: Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine; Frank Golczewski (Hg.), Geschichte der Ukraine; Paul R. Magocsi, A History of Ukraine; Andrew Wilson, The Ukrainians. Unexpected Nation; John-Paul Himka: Religion and Nationality in Western Ukraine: The Greek Catholic Church and the Ruthenian National Movement in Galicia, 1867-1900

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Diverse Randgebiete der heutigen Ukraine wie die Krim, Galizien, die Karpato-Ukraine oder die Nord-Bukowina haben darüber hinaus die längste Zeit eine getrennte Entwicklung genommen
  2. Im Hitler-Stalin-Pakt wurde kein Teil der Ukraine den Deutschen zugesprochen, alles der SU; Nazi-Deutschland nahm sich dann aber auch die Ukraine
  3. Gut, Manche sagen, dass die Krim eigentlich nie richtig ukrainisch war
  4. Es soll Stimmen in der Ukraine gegeben haben, die atomare Option zu behalten (Kravchuk?, Kuchma?). In Hollywood-Filmen (“Peacemaker” etwa) und dergleichen tauch(t)en immer wieder kontrafaktische Szenarien auf, wonach Ukraine einen Teil ihrer Atomwaffen auf dem “Schwarzmarkt” verscherbelt hat
  5. Es ist wie erwähnt ein russischer Witz und die Aussage ist auch “Ihr braucht euch nicht verstellen, ihr seid doch Russen”. Dennoch, es steckt etwas zum Nachdenken drin

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