Die Aborigines Australiens

Die Vorfahren der Aborigines in Australien wie auch anderer Australoide haben Genanalysen zufolge Afrika früher verlassen als die aller anderen heute lebenden Menschen. Die „Aboriginals“ oder „Aborigines“, wie sie von den Briten getauft wurden, haben als Selbstbezeichnungen die Namen ihrer Untergruppen, etwa der Anangu, Koori, Noongar, Yorta Yorta. Sie werden zu den Melanesiern gerechnet, was aber eigentlich ebenfalls ein europäisches Konzept ist. Auf der australischen Inselgruppe gibt es neben ihnen an „Urvölkern“ noch die Torres Strait Islanders, auf der Inselgruppe von der sich ihr Name ableitet, im Nordosten (zu Queensland), sie sind Polynesier, wie die Maoris Neuseelands. Auf die europäischen Entdeckungen in der Region im 17. und 18. Jahrhundert (Niederländer, Briten) folgte die Landnahme im 18. und 19. Jahrhundert.

Das Muster der britischen Landnahme dort entspricht jenem des europäischen Siedlerkolonialismus‘ anderswo: Ausbreitung der Siedler, Besitzergreifung des Landes (im Fall Australiens entstanden anfangs hauptsächlich Straflager)1, Unterwerfung und Zurückdrängung der „Farbigen“/“Eingeborenen“, „Kampf“ um Nahrungsquellen und Wasser mit ihnen (auch das Foltern von Aborigines, damit sie Wasserquellen verraten), Unterwerfung dieser. Auch das, was Australien genannt wurde, wurde als terra nullius (Land, das niemandem gehört) bestimmt und ohne irgend eine Anerkennung der Rechte des Existenz der Einwohner kolonisiert. An der Küste gründeten die Briten Gross-Städte, dahinter (landeinwärts) findet die landwirtschaftliche Nutzung statt (Farmen), dahinter ist das Outback, das heisse und trockene Landesinnere. Dorthin wurden die Aborigines verdrängt; der Schwerpunkt des weissen Australien ist der Südosten (gemäßigtes Klima). Westliche Pracht und Reichtum hat sich immer auf Kosten Anderer entfaltet. Aborigines galten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht als Menschen, schon gar nicht als ebenbürtige.

1789 sollen die Briten mit ihrer ersten Flotte, die eine Niederlassung auf Australien (nahe dem späteren Sydney) errichtete, absichtlich Pocken gegen die Aborigines verbreitet haben, die Widerstand gegen ihre Verdrängung leisteten. Eine Pocken-Epidemie (evtl. auch Windpocken) hat in dem Jahr Tausende Aborigines getötet. Die britischen Soldaten von der Flotte hatten die nach Australien deportierten Sträflinge zu bewachen sowie die Siedlung gegen Aborigines, gegen die sie sich schwer taten. Waren die durch Krankheiten Getöteten also (teilweise) Opfer biologischer Kriegsführung? Ende des 18. Jahrhunderts, zur selben Zeit als die Briten den Südosten besiedelten, haben Seefahrer aus Makassa auf Sulawesi (unter niederländischer Kontrolle) an Australiens Nordküste vorübergehende Niederlassungen errichtet, sie werden auch der Einschleppung der Pocken verdächtigt; dann hätten sie sich aber quer über die Insel verbreiten müssen, wogegen einiges spricht.2

Pocken waren auch in Amerika jene Krankheit, die Indianer (die ebenfalls keine Resistenz dagegen hatten) am meisten dezimierten, Millionen von Toten brachte. Auch hier ist die Frage der Absicht (also des Einsatzes als biologische Waffe) gegeben. Briten könnten diese Kampfmethode auch schon in Nordamerika angewandt haben, etwa bei Fort Pitt im Grossen Seen-Gebiet. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde bereits festgehalten dass die Geschichte der Verbreitung der Krankheit in Liedern der Aborigines erzählt wurde. Henry Reynolds hat sich in „An Indelible Stain?“ mit der Pocken-Epidemie um Sydney befasst.

In der australischen Geschichtsschreibung hat sich für die Gewalt bei der Ausbreitung der Briten in Australien der Begriff „Grenzkriege“ (frontier wars) durchgesetzt. Auseinandersetzungen gab es z.B. im frühen 19. Jahrhundert mit dem Noongar-Stamm im Westen unter ihrem „Häuptling“ Yagan (er wurde dabei getötet, sein Kopf dann in London ausgestellt), 1824 in Bathurst in New South Wales (Südosten) mit den Wiradjuri, oder in Gippsland in Victoria (ebenfalls SO) 1840-1850. Die Grenzen zwischen Kämpfen und reinen Massakern (wie jenem vom Jänner 1838 an den Kamilaroi im SO) sind fliessend. Mindestens 20 000 Aborigines wurden allein bei dadurch getötet. Auch die aus Aborigines rekrutierte Native Police war daran beteiligt. Viele verloren auch durch eingeschleppte Krankheiten (v.a. Pocken) ihr Leben.

Oder durch Zerstörung von Lebensgrundlagen; Nutztiere wie Hasen wurden eingeschleppt (die sich aufgrund mangelnder natürlicher Feinde rasant vermehrten), während der Beutelwolf auf Tasmanien ausgerottet wurde. Auf Tasmanien sind auch die Aborigines ausgerottet, zumindest das ursprünglich dort lebende Volk, die Palawa. Wie auch die amerikanischen Indianer war die Unterwerfung der Aborigines Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts abgeschlossen, zu einer Zeit, als der westliche/weisse Imperialismus global am Höhepunkt stand; dazu gehörte auch die Errichtung von Reservaten (Protektoraten) und die Missionierung zum Christentum. Diese Unterwerfung bedeutete den Tod für ihre traditionelle Lebensweise (nomadisches Jägertum), die nur in Resten weiterlebt(e) und leitete eine Assimilation ein.

Gewalt und Widerstand liefen auf kleiner Flamme bis in die 1930er weiter. 1928 noch verübte die australische Polizei in Coniston im Northern Territory ungestraft ein Massaker an Anmatyerr Aborigines, das zwischen 30 und 100 Tote forderte, nachdem 2 Weisse in der Gegend angegriffen worden waren. Ein Überlebender des Massakers, Billy Stockman Tjapaltjarri, wurde später Teil der ersten Generation der Maler in Papunya.3 Die Massaker des späten 19. und des 20. Jahrhunderts fanden alle im Norden statt, wohin Weisse spät kamen, und der das letzte „Hoheitsgebiet“ der Aborigines war.4 Eine Parallele zu Nord-Amerika, wo sich nach dem Wounded Knee-Massaker von 1890 fast alle Gewalt im Südwesten zutrug, in Gebieten die zu Mexiko gehört hatten. Die Caledon Bay-Krise von 1932 bis 1934 im Arnhem Land (der Nord-Zipfel des Northern Territory) stellt einen Wendepunkt dar; nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Aborigines auf der einen Seite und japanischen Fischern und weissen Siedlern auf der anderen wurde eine geplante Strafexpedition abgeblasen und die Sache auf eine gerichtliche Ebene verlegt (die natürlich auch eine schiefe war).

Aborigines wurden auch im Outback und in Reservaten bedrängt, durch Erschliessung von Bodenschätzen, britische und australische Atomwaffentests, Deportationen/ Umsiedlungen, Formen von Zwangsarbeit, und Entführungen. Diese liefen bis Ende der 1960er, die Opfer, die gestohlenen Generationen, wurden in weissen Familien erzogen. Auch die „Protector of Aborigines„, die im 19./20. Jh. in den Teilstaaten existierten, offiziell zu ihrem Schutz spielten dabei eine unrühmliche Rolle (wie in Brasilien der „Indianerschutzdienst“ SPI). Das grossteils wüstenhafte Northern Territory wurde eine Art Rückzugsgebiet für die Aborigines, ist es bis heute. Mit der Assimilierung einer „Elite“ begann eine neue Phase des Widerstands gegen Diskriminierung und Entrechtung, mit den Worten und Mitteln der weissen Kultur. Anfang des 20. Jahrhundert wurden erste überregionale Aborigines-Organisationen gegründet.

Ein Aktivist war etwa der Schrifststeller David Unaipon vom Ngarrindjeri-Stamm, dessen Vater schon verwestlicht gewesen war (der Name anglisiert, der Presbyterianischen Kirche beigetreten). Die Infos über die gesetzlichen Grundlagen der Diskriminierung sind so versteckt wie diese selbst. Nicht auf Bundesebene (die mit der Vereinigung der britischen Kolonien in Australien 1901 geschaffen wurde), aber in den Teilstaaten existierten bis in die 1970er Apartheid-ähnliche Gesetze (Beschränkungen, Sondergesetze), die die Bürgerrechte der Aborigines einschränkten, wie den Erhalt der Staatsbürgerschaft (theoretisch waren sie mit der Einführung einer eigenen australischen 1949 dazu berechtigt), das Wahlrecht (das föderal geregelt war, die Diskriminierungen waren daher dort festgeschrieben), die Wahl des Wohnortes, die Wahl des Partners (in drei Teilstaaten bestanden zu verschiedenen Zeiten Beschränkungen von „Vermischungen“ mit Weissen). Vor allem in jenen Staaten/Territorien, in denen Aborigines noch relativ zahlreich waren, blieben diskriminierende Gesetze gegen sie aufrecht, etwa in Queensland bis 1965 das Wahlverbot.

Ein Wendepunkt war das australische Referendum von 1967, das mit grosser Zustimmung angenommen wurde; in dessen Folge bekamen die Aborigines erst die vollen Bürgerrechte bzw. die formale Gleichstellung. Formal handelte es sich um zwei Verfassungsänderungen in Bezug auf die Aborigines: das Verbot der Spezialgesetzgebung in Teilstaaten bei Ermöglichung dieser auf Bundesebene sowie die Inklusion von Aborigines bei Volkszählungen (von denen sie bis dahin ausgeschlossen waren). Während der zweite Punkt v.a. gesonderte Werte über die Aborigines in Gesundheits- oder Bildungsstatistiken brachte, bewirkte der erste eine Verschiebung der Aborigines-Materie auf die Bundesebene. Bundesgesetze auf Grundlage dieser Verfassungsänderung, welche die Lage der Ureinwohner verbesserten, wurden aber erst Mitte/Anfang der 1970er, unter der Labor-Regierung von Premier Gough Whitlam erlassen.

Whitlam setzte sich auch für die Abschaffung der Todesstrafe, die Schliessung der USA-Militärbasen im Land, ein loseres Verhältnis zu Grossbritannien, ein und beendete die „White Australia Policy“, die aus einer Reihe von Gesetzen bestand, die sich gegen nicht-weisse Einwanderung, v.a. gegen Ost-Asiaten, richtete. 1975, nach einer Kampagne der Murdoch-Presse und des CIA („Der Falke und der Schneemann“…), wurde er aus Anlass eines Streits um Geld mit dem Senat durch den Generalgouverneur abgesetzt. Er engagiert sich heute für die Umwandlung Australiens in eine Republik. Die unter Whitlams Regierung erlassenen Gesetze betrafen etwa die Abschaffung der in einigen Staaten für Aborigines bestehenden Verpflichtung, bei Bedarf ohne Bezahlung zu arbeiten, die Verschleppungen, Landrechte.

Jetzt erst konnten die Aborigines aus ihrer Untermenschen-Rolle heraus treten, wenngleich die Anwendung diskriminierender Praktiken (Bevormundung, Kontrolle, Benachteiligung) natürlich weit darüber hinaus läuft. Das Referendum kam in einer Zeit zunehmenden Selbstbewusstseins der Aborigines und der Solidarität eines Teils der australischen Gesellschaft. 1971 wurde mit Neville Bonner ein erster Aborigine Parlaments-Abgeordneter; 1971 wurde auch die Aborigines-Flagge von Harold Thomas geschaffen. Der Whitlam-Nachfolger Fraser änderte das wichtigste der neuen Gesetze zur Verbesserung der Lage der Aborigines, die Landrechte betreffende Aboriginal Land (Northern Territory) Bill, zu ihrem Nachteil ab. Unter Premier Howard (der auch gerne vom „jüdisch-christlichen Erbe“ sprach) wurde 1996 die 1967 errungene Bundes-Vollmacht für Aborigines-Angelegenheiten gegen sie ausgelegt, bei einem Bauvorhaben.

In der weissen Mehrheitsgesellschaft Australiens begann Ende der 1960er mit der Kritik des Anthropologen Stanner an der Ausblendung der Urbevölkerung in der Geschichtsschreibung eine Aufarbeitung. Es entstand ein Historikerstreit (History wars) um die Frage, inwiefern in der europäische Besiedlung Australiens Massaker und andere Scheußlichkeiten gegen die Aboriginals die Ausnahme waren oder die Regel. Dass ein Völkermord vorliegt, wird von den meisten in Abrede gestellt. „Neue Historiker“, u.a. Harry Reynolds, korrigierten aber in der Folge Auslassungen und Umschreibungen. Konservative Historiker, v.a. Keith Windschuttle (ein Ex-Linker, es gibt keine grösseren Reaktionäre als diese) in „The Fabrication of Aboriginal History“ und im Magazin „Quadrant“, attackierten diese Aufarbeitung. Windschuttle zweifelt Opferzahlen unter Aboriginals an, fordert „Beweise“ für Gewalttaten gegen sie ein, führt Massaker auf „Attacken von Aboriginals“ zurück (z.B. in Tasmanien) oder auch auf interne Streitigkeiten, Todesfälle auf Krankheiten, stellt Rassismus unter Weissen in Abrede, unterstellt ihnen (Für-)Sorge um Aborigines.

Andrew Bolt schreibt von „obszönen Behauptungen“ der neuen Historiker, behauptet, Entführte z.B. waren vernachlässigt worden. Geoff. Blainey kanzelte die Arbeit der neuen Historiker als Geschichtsschreibung mit „schwarzem Armband“ ab. Ken. Minogue konzentriert sich auf Deutung des Historikerstreits als Auseinandersetzung innerhalb der weissen australischen Gesellschaft. Der rechte australische Journalist Andrew Bolt hat oft mit dem Historiker Robert Manne über die gestohlenen Generationen gestritten, die er relativiert, aus „rein rassistischen Gründen“ habe es keine Entführungen bzw. Umsiedlungen in grösserem Maß gegeben. Aborigines nahmen an der Debatte nicht Teil weil ihre Wortführer ihre gegenwärtigen Probleme/Anliegen vom historischen Hintergrund trennen wollen. Windschuttle beschuldigt die Revisionisten der australischen Historiographie, eben diese Anliegen mit der Revision zu verfolgen. Die akademische löste eine politische Debatte aus.

Der Aktivist Michael Mansell, ein Mischling, aus Tasmanien, westlich ausgebildet, initiierte in den 1980ern eine Unabhängigkeits-Bewegung von Aborigines vom australischen Staat; mit-begründete 1990 die Aborigines Provisional Government, eine Art Gegenregierung für Australien), mit Sitz in Tasmanien. Die APG stellt eigene Pässe aus, die von Libyen unter Ghadaffi anerkannt wurden.5 Früher stellte der australische Staat eigene Pässe für Aborigines aus, in Western Australia bis 1963; früher liess man sie nicht Australier sein, nun werden jene, die das nimmer sein wollen, dafür verfolgt… Die Lenkung dessen, was die australische Regierung als „Aborigines-Angelegenheiten“ sieht, geschah lange über ein eigenes Ministerium (Department of Aboriginal Affairs), dann von 1990 bis 2005 über die Aboriginal and Torres Strait Islander Commission (ATSIC), nun durch das Office of Indigenous Policy Coordination, im Ministerium für Familien, Soziales und Indigene.

Heute machen die Ureinwohner 2,5 bis 3% der australischen Bevölkerung aus, Siedlungsschwerpunkt ist der Norden, im Northern Territory (NT) stellen Aborigines etwa ein Drittel der Bevölkerung. Das NT ist nicht zufällig nur ein Territorium, das weniger Selbstverwaltung als ein Staat hat. Chefminister des Northern Territory ist seit 2013 Adam Giles, der teilweise von Aborigines abstammt, im rechten politischen Lager steht. Im NT ist auch die heilige Stätte der dortigen Anangu, der Uluru. Die traditionelle Lebensweise konnte dort im Outback noch teilweise aufrecht erhalten werden, dazu gehören auch die Sprachen der Aborigines. In absoluten Zahlen gibt es in New South Wales mehr Aborigines; in weissen, urbanen Regionen leben sie assimiliert, an den Rändern der Städte und in Kleinstädten existieren auch Mischformen.6 Australiens Premier Kevin Rudd hat 2007 eine Entschuldigung des Staates für die Behandlung der Aborigines und Torres Strait Islanders durchgesetzt (was neben der Unterzeichnung des Kyoto-Klimaschutz-Protokolls eine seiner ersten Amtshandlungen war).

Die Rechte übt sich diesbezüglich im Herunterspielen und Verdrehen, wobei die Behandlung der Ureinwohner entweder als für diese „gewinnbringend“ konstruiert wird oder aber ein Gewinn für sie offen abgelehnt wird. Eine gewisse Integration hat zweifellos stattgefunden, siehe etwa die Leichtathletin Cathy Freeman (mit einem Aborigines- aber auch einem Baha’i-Hintergrund) oder der Rugby-Spieler Wendell Sailor (ein Torres-Strait-Islander) oder die Musik-Gruppe Yothu Yindi (bei Olympia 2000 Auftritt bei der Abschluss-Feier). Es stellt sich jedoch die Frage, wem diese mehr nützt, der kleinen Minderheit der Ureinwohner oder der weissen australischen Mehrheitsgesellschaft, die sich mit ihnen schmücken kann und ihre Folklore touristisch vermarkten – ohne deren Probleme wie Diskriminierung, Armut, mangelnde Achtung vor bzw Zurückdrängung ihrer Kultur, Arbeitslosigkeit, anzugehen. Das in Ozeanien stärker verwurzelte und harmlosere Kava (das aus Fidschi eingeführt wurde und sich v.a. im NT verbreitete) ist etwa stark reglementiert, im Gegensatz zum Alkohol. Wenn in der politischen Auseinandersetzung heutzutage gegen Aborigines (oder Asiaten) „polemisiert“ wird, dann nur noch von der rechts aussen stehenden One Nation-Partei.

1972 wurde nahe dem Parlamentsgebäude in Canberra die Aboriginal Tent Embassy errichtet, die bis heute besteht und seit über 40 Jahren ein Symbol für den Aktivismus gegen die Ungleichbehandlung der Aborigines ist. Am Nationalfeiertag 2012 (Australien feiert da die Ankunft der ersten weissen Siedler im Jahr 1788) haben etwa 200 Aborigines-Aktivisten die damalige Ministerpräsidentin Julia Gillard sowie Oppositionsführer Tony Abbott (heute Premier) bedrängt, sodass sie aus einem Restaurant flüchten mussten. Auslöser für die Proteste war Abbots Forderung am Nationalfeiertag, das Protestzelt der Ureinwohner abreißen zu lassen. Gilliard ist übrigens, wie die Labor-Partei an sich, eine Republik-Befürworterin – diese Umwandlung Australiens wird früher oder später kommen, spätestens wohl mit dem Abgang der jetzigen britischen Königin.

Australien ist seit seiner Entstehung 1901 Laufbursche britischer Politik, ab der Teilnahme im Südafrikanischen Krieg, bis in die Gegenwart (03 Irak). Aborigines waren von Anfang an dabei, wurden für die anglo-australische Politik eingespannt; im 1. Weltkrieg wurden solche in die Armee aufgenommen, die hell „genug“ waren. Ein Teil der Linken Australiens strebt eine andere Selbstedfinition bzw Orientierung an als integraler Bestandteil einer weissen Anglo-Weltpolizei zu sein. Bei der seit 13 wieder regierenden Liberale Partei (die mit einigen kleineren Parteien verbunden ist) unter Abbott und Turnbull korrelieren die Behandlung der Aborigines mit ihrem militärischen Aufrüstungsprogramm (16 Auftrag an Frankreich zum Bau und der Betreuung einer neuen U-Boot-Flotte), der Aussenpolitik, der Umgang mit bzw die Beschränkung von Einwanderung 7 und der Umwelt- bzw Klimapolitik.

J. Olaf Kleist: Die australischen History Wars und was dazu gehört: Grenzen historischer Anerkennung und Versöhnung. In: Peripherie Nr. 109/110 (Vom Erinnern und Vergessen) 2008

www.koorimail.com

Sabine & Burkhard Koch: Aborigines gestern und heute. Gesellschaft und Kultur im Wandel der Zeiten (2013)

Long Walk Home (2002): Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall

Der Film "Walkabout" von Nicolas Roeg (1971) mit Jenny Agutter und David Gulpilil behandelte das Verhältnis zwischen Aborigines und weissen Australiern eher subtil
Der Film „Walkabout“ von Nicolas Roeg (1971) mit Jenny Agutter und David Gulpilil behandelte das Verhältnis zwischen Aborigines und weissen Australiern eher subtil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Zwischen 1788 und 1850 brachten die Engländer über 162 000 weisse Kriminelle bzw Verurteilte aus dem Britisch-Irischen Archipel nach Australien
  2. Händler und Fischer von den indonesischen Inseln, “Makkassan“, traten im frühen 16. Jh in Kontakt mit den „Aborigines“. Die Begegnungen, die auch biologische „Vermischung“ mit einschloss, spielte sich im heutigen Arnhem Land ab
  3. Sein Onkel war Gwoya Jungarai, ein Überlebender des Coniston-Massakers. Für einen Magazin-Artikel über das Massaker viele Jahre später wurde von ihm ein Foto mit Speer gemacht, das Vorlage für sein Porträt auf einer Briefmarke sowie einer Münze wurde
  4. Und jene Weissen, die kamen, waren lange Eigenbrötler und Schatzsucher gewesen
  5. Dieser anerkannte auch Pässe, die nordamerikanische Indianer ausstell(t)en
  6. Bei Sydney gibt es einen Aborigine-Vorort
  7. Die zwangsweise Festhaltung von „illegalen Einwanderern“ dürfte unter Keating begonnen haben. 2001 schwenkte die Regierung unter Howard auf neue, hermetische Linie in der Asylpolitik ein: Das Lager bei Woomera in Süd-Australien wurde geschlossen, es wurden Flüchtlingslagern auf den Inseln Papua-Neuguineas und Naurus errichtet („Pacific Solution“). Flüchtlinge, die mit ihren Booten Australien erreichen oder auf See aufgegriffen werden, dürfen das Festland nicht betreten, sondern werden in Lagern weit draußen im Indischen Ozean interniert, während ihre Asylanträge geprüft werden. Selbst Jene, die als Flüchtlinge anerkannt werden, werden nicht ins Land gelassen, müssen sich in PNG/Nauru niederlassen

Historische Romane

Nachdem es hier unlängst um alternative und kontrafaktische Geschichte ging, nun etwas zu einem benachbarten Gebiet. Die heute sehr beliebten Historischen Romane erzählen Geschichten zu/vor der Geschichte, bringen Erzählungen vor historischer Kulisse. Die meisten Romane spielen vor irgendeinem historischen Hintergrund, die Beschreibung dieses Hintergrunds bzw. die Ausrichtung der Handlung daran ist ein Merkmal des Historienromans. Im Unterschied zu den Geschichtsfiktion-Genres wird die Geschichte hier nicht umgeschrieben und bleibt eher im Hintergrund (die Zeit kann aber genauso ausführlich geschildert werden wie die Handlung), während fiktive Personen im Vordergrund stehen.

Die betreffende Epoche kann eine mehr oder weniger detailliert dargestellte Kulisse zu der Handlung sein oder aber sich mit ihr „verbinden“, dabei werden historische Fakten auch schon mal aufgeweicht. Das Romanelement mit erfundenen Personen und Ereignissen ist unabdingbar; in der Regel wird eine Epoche behandelt, die der Autor nicht selbst erlebt hat. Die Anfänge des Genres liegen im 19. Jahrhundert, etwa bei der Deutschen Benedikte Naubert, auch wenns Vorläufer gibt, wie die antiken und mittelalterlichen Alexander-Romane (romanhafte Biografien Alexanders d. Gr.) oder manche von Xenophons Schriften. Naubert beeinflusste den Schotten Walter Scott, der das Genre prägte; in dessen Romanen werden Nebenpersonen der Geschichte zu Hauptpersonen.

Sich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort hineinzuphantasieren ist ein Ansatz bei historischen Romanen (h. R). Es kann aber auch darum gehen, die Geschichtsschreibung in Frage zu stellen oder historischen Stoff zu vermitteln. Manchmal geht es bei h. R. um die Gegenwart, die zeitliche/räumliche Versetzung hat dann den Zweck, der Zensur auszuweichen oder rigiden politischen oder rechtlichen Hindernissen. Gegenwärtige Verhältnisse, die den Autor beschäftigen, spiegeln sich aber  immer irgendwie in seinen Geschichten wieder.

H. R. können viel Aufschluss über die Geschichtsauffassung (das Verständnis vom Ablauf der Geschichte) des Autors und seiner erweiterten Umwelt geben; auch über diesbezügliche nationale Befindlichkeiten. Der ungarische Marxist Georg Lukacs, Philosoph und Literaturwissenschafter, schrieb über den historischen Roman, das im Zuge der Französischen Revolution entstandene Geschichtsbewusstsein habe die Grundlage für diesen gelegt. So habe sich Walter Scott vorwiegend mit neuzeitlichen Veränderungen in Schottland beschäftigt und die menschliche Gesellschaft als offen für einschneidenden Wandel dargestellt. Roman-Charaktere und ihre Auseinandersetzungen stehen oft für Konflikte der betreffenden Zeit.

„Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi (hatte in seiner Verwandtschaft zwei Alexejs, die ebenfalls in diesem Genre schrieben) ist noch immer einer der bedeutendsten historischen Romane. Er schildert russische Geschichte und Gesellschaft von 1805 bis 1812, vor dem Hintergrund der russischen Involvierung in die Koalitionskriege gegen das revolutionäre/napoleonische Frankreich, eine Zeit, die Tolstoi nicht erlebt hat. Es gibt zahlreiche Handlungsstränge und Hauptpersonen, im Mittelpunkt steht die russische Oberschicht. Diese war unter der absolutistischen Zaren-Herrschaft mit viel Macht ausgestattet und Nutzniesser, hatte aber andererseits viele Kontakte nach Westeuropa und oft auch Sympathie für den Wandel, der sich dort infolge der Französischen Revolution entwickelte. Der französische Russland-Feldzug unter Napoleon Bonaparte 1812 bildet so etwas wie den Höhepunkt; der Roman hat erst den Grundstein für eine historiografische Aufarbeitung dieser Ereignisse gelegt!

Nach dem Durchbruch bei Borodino drangen die Franzosen (mit vielen Freiwilligen aber auch Rekrutierten aus diversen Teilen Europas) nach Moskau vor. Tolstoi schildert ausführlich wie Generalfeldmarschall Kutusow (eine der realen Personen, die in dem Roman eine Rolle spielen) die Stadt den Eindringlingen überliess, die sich daraufhin verlustreich zurückzogen. Der Krieg gegen die Franzosen verstärkte bei den Hauptpersonen aus dem Adel, die vielfach als Offiziere daran teilnahmen, Ungereimtheiten in ihrem Weltbild, etwa durch die Begegnung mit Angehörigen aus der Unterschicht. Das Werk enthält viele historische, militärtheoretische, philosophische Überlegungen. Es schliesst mit der Wiederherstellung der alten Ordnung nach dem Krieg. Es gibt verschiedene Übersetzungen und Verarbeitungen von dem Roman.

Auch Victor Hugos „Glöckner von Notre-Dame“ beinhaltet mehrere Handlungsstränge (die nach und nach ineinanderfliessen), es zeichnet ein vielseitiges Bild des französischen Spätmittelalters mit all seinen Bevölkerungsschichten. Die Geschichte vom missgestalteten Glöckner Quasimodo ist nur einer dieser Stränge, steht aber im Mittelpunkt mehrerer Verfilmungen; auch der deutsche oder der englische Titel des Romans reduziert ihn darauf – der französische Originaltitel lautet umfassender „Notre-Dame de Paris“. Das Buch hatte u.a. auf die Neugotik-Architektur fördernden Einfluss.

Felix Dahn schrieb in seinem 1876 veröffentlichten „Kampf um Rom“ über den Kampf zwischen Ost-Goten und Ost-Römern um die Herrschaft in Italien im frühen Mittelalter, brachte tatsächliche Geschichte, mit einigen Abweichungen, in Romanform; die damals frische Gründung des Deutschen Reichs und die völkischen Perspektiven des 19. Jahrhunderts bestimmten die Geschichtsinterpretation Dahns.

Alfred de Vigny stammte aus einer durch Französischen Revolution „geschädigten“ Adelsfamilie, war mit Ludwig XVIII. während Napoleons 100 Tage im Exil, griff auch danach mehr oder weniger in die französische Geschichte ein bzw. war nahe an ihr. Er äusserte durch seine h. R. sehr klar sein Geschichtsverständnis bzw. seine politische Meinung: die absolute Königsherrschaft lehnte er ab, weil sie  zur Revolution geführt hat; dem Adel stand stand ihm zufolge aber eine privilegierte bzw. führende Rolle zu. De Vigny lehnte Scott als „leicht“ bzw. unhistorisch ab, bei ihm stehen historische Figuren im Mittelpunkt, etwa der Höfling (z. Zt. Ludwigs XIII.) Cinq-Mars in dem nach ihm benannten Roman, der gegen Kardinal Richelieu intrigierte. Zu De Vignys festen Auffassungen von h. R. gehörte, dass darin historische Fakten gedeutet werden.

Aus dem 19. Jahrhundert sind weiters nennenswert: J.F. Cooper mit den „Lederstrumpf“-Geschichten, die die Ausbreitung der USA behandeln; der Roman des Amerikaners Lew Wallace über den Juden „Ben Hur“, der seinen Widerstand gegen die römische Herrschaft über Judäa zugunsten des Christentums aufgibt, mit historischen Ungenauigkeiten; Alexandre Dumas‘ Geschichten über die 3 Musketiere oder den Mann mit der eiserner Maske; „Die Chouans, oder die Bretagne im Jahre 1799“ von Honore de Balzac, über die  Chouannerie, den monarchistischen Aufstand gegen die Republik in West-Frankreich; einzelne Romane von Flaubert oder Dickens.

Der Spanier Rafael Chirbes schreibt meist über die Franco-Zeit und Transición zur Demokratie, eine Zeit also, die er grossteils selbst erlebt hatte. Im „Fall von Madrid“ (2000) gehts um den Todestag des „Caudillo“, in „Langer Marsch“ um die fast 4 Jahrzehnten die er Spanien prägte, „Alte Freunde“ zieht Bilanz über den Übergang.

Henryk Sienkiewicz hat in seinen historischen Romanen polnische Geschichte verarbeitet, Sigrid Undset norwegische. In Sadeq Hedayats „Parvin, Tochter von Sasan“ geht es um fiktive Figuren vor dem Hintergrund der Niederlage des sasanidischen Perserreichs und um lokalen Widerstand gegen die arabischen Eroberer. Bei Lion Feuchtwanger gehts meist um jüdische Themen, etwa in „Jud Süss“. Sofi Oksanen, finnische Autorin mit teilweise estnischer Herkunft, schreibt Romane die sich um historische Themen drehen, nahe am h. R. sind, um den Kampf der Finnen und Esten um Selbstständigkeit, Russen sind immer die Gegner, bei ihr auch im aktuellen Kontext, wie ihre Stellungnahme gegen Putin zeigen.

Umberto Eco hat mit dem verfilmten „Name der Rose“ (wie auch mit dem „Focaultschen Pendel“) einen Mix aus verschiedenen Genres abgeliefert: äusserlich ein historischer Kriminalroman (mit einem Epochenporträt des späten Mittelalters mit seinen politischen, sozialen und religiösen Konflikten, z.B. dem zwischen Kaiser und Papst), hat er auch etwas von einem Schlüsselroman (enthält viele Anspielungen auf das Italien der 1970er-Jahre, mit Aldo Moro im Zentrum) und enthält in seinen tieferen Schichten einen philosophischen Essay, eine Einführung in die Semiotik und einen literarischen Anspielungskosmos. Der Roman (im Rahmen wird die Geschichte als Nacherzählung einer verlorenen alten Handschrift ausgegeben) spielt 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei, in der sich Morde ereignen.

William von Baskerville, der etwas von Sherlock Holmes hat, und sein Novize Adson, werden zur Aufklärung dieser Verbrechen gerufen, soweit der erzählerische Hauptstrang des Romans. In den Nebenlinien gibt es u.a. eine Liebesgeschichte zwischen Adson und einem namenlosen Bauernmädchen, ein Eingreifen der Inquisition und eben zahlreiche Betrachtungen und Anspielungen. „Der Name der Rose“ ist nach strenger Auslegung kein historischer Roman: Der Inquisitor Bernard(o) Gui und andere Personen, die echt existierten, greifen in die Geschichte ein; einige historische Fakten wurden verändert, v.a. existiert im Roman ein vermisster Teil in Aristoteles‘ „Poetik“, der die Komödie behandelt, in einem versteckten Teil der Kloster-Bibliothek; die Mordserie ist eng damit verbunden, der Text verbrennt am Schluss.

James Clavell war im 2. WK als britischer Soldat in japanischer Kriegsgefangenschaft, wurde Autor, schrieb 1975 den historischen Roman „Shogun“ (Japan um 1600, Engländer mit niederländischem Schiff, Portugiesen dort Konkurrenten, Vorbild William Adams, der unter dem Shogun von Tokugawa Einfluss errang); die Geschichte wurde bekanntlich verfilmt, 1980, als Mini-Serie, von NBC und Paramount in Zusammenarbeit mit japanischen Studios. Die Darstellung japanischer Kultur darin hatten grosse Wirkung.

„Hundert Jahre Einsamkeit“ des gerade verstorbenen Gabriel Garcia-Marquez begleitet sechs Generationen der Familie Buendía und hundert Jahre wirklichen Lebens in der fiktiven Welt von Macondo, wobei der chronologische Ablauf erst allmählich erkennbar wird. Die Handlung des Buches gilt Vielen als eine Allegorie auf die Geschichte Lateinamerikas. Die Geschichte eines Milieus, eines Landes bzw. einer Region anhand mehrerer Generationen einer Familie zu erzählen kommt öfter vor in dem Genre, auch bei J.A. Michener etwa.

Noah Gordon schrieb z.B. „Medicus“, das von einem jungen Engländer handelt, der sich im Mittelalter in den Orient aufmacht, um bei Avicenna Medizin zu studieren. Während er zum Arzt ausgebildet wird, bricht nicht nur die Pest aus, es entzündet sich auch ein Glaubenskrieg zwischen Fundamentalisten und den aufgeklärten Intellektuellen Persiens, der die Mediziner in Gefahr bringt. Die Handlung ist umrahmt mit detaillierten Darstellungen der mittelalterlichen Gesellschaften von England bis Persien. Gordon stellt u.a. die Medizin im damaligen Orient der im Okzident gegenüber; in Europa gab es damals hauptsächlich Kräutermedizin, ein Gespräch zwischen Arzt und Patient war die Ausnahme, Operieren war ausgelagert. Ein Bestseller in 1980ern, löste der Roman einen Mittelalter-Historien-Boom aus, wurde kürzlich verfilmt.

Bernard Cornwell schreibt eine Roman-Serie über einen britischen Soldaten in den Napoleonischen Kriegen und andere leicht bekömmliche h. R. Der Kunsthistoriker „Philipp Vandenberg“ schrieb historische Sachbücher, dann historische Romane und Romane mit historischen Inhalten/Elementen, mit genau recherchierten und wiedergegebenen Details. John Jakes schrieb einige historische Romane, die sich um US-amerikanische Geschichte drehen, „North and South“ (dt. „Fackeln im Sturm“) vor dem Sezessionskrieg wurde als TV-Serie verfilmt. Erfolgreiche gegenwärtige deutsche Autorinnen h. R. sind Sabine Ebert, Rebecca Gablé (schreibt mehr Historie als Roman; im MA) oder Sarah Lark (die unter anderen Pseudonymen auch anderes schreibt). George Leonardos hat u.a. über Byzanz zur Zeit der Palaiologen-Dynastie geschrieben. Auch von Orhan Pamuk gibts den einen oder anderen h. R.

Subgenres sind hier historische Kriminalgeschichten (Sherlock Holmes!, eine der bedeutendsten literarischen Figuren, A. C. Doyle soll als Vorbild einen Arzt gehabt haben; oder jene von Volker Kutscher, der die Handlung im Berlin der Weimarer Republik platziert), Liebesromane („Vom Winde verweht“, Margaret Mitchell), Abenteuer-/Kriegsromane (z.B. die „Sandokan“-Reihe von E. Salgari); pseudo-historische Geschichten wie das Wildwest-Genre werden nicht dazu gezählt. Es gibt Romanbiografien die h.R. sein können. Sylvie Ouellette brachte z.B. 2012 „Le Secret du Docteur Barry“ raus, über James Barry/ Miranda Stuart (1795-1865), aus Irland, Arzt in der britischen Armee, mit ihr in Indien und Südafrika, angeblich eine Art Florence Nightingale/Agnes Bojaxhiu, erwachsenes Leben als Mann, wahres Geschlecht unbekannt.

Es wird weitgehend vermutet, dass Barry eine Frau war, die sich für ein Leben als Mann entschied, um an der Universität aufgenommen zu werden und seine/ihre gewählte Karriere als Arzt und Chirurg verfolgen zu können; „Der Traum des Kelten“ von Vargas-Llosa ist auch so etwas wie eine Biografie im Kleid eines Romans; er schrieb auch einen h. R. über den Canudos-Krieg in Brasilien. Die Biografien wie der von S. Zweig über Marie Antoinette oder Laurent Binet über Heinrich Himmler („HHhH“) sind keine, da Romanelemente fehlen. Bei autobiografischen Romanen und Erfahrungsberichten wie „Jenseits von Afrika“ von Blixen fehlen diese ebenso (wie auch die zeitliche Distanz). Robert Graves schrieb eine Pseudo-Autobiografie des römischen Kaisers Claudius, schrieb dabei Fakten um, aus Unkenntnis oder aus künstlerischer Freiheit.

Zeitgeschichtliche Romane, in denen die Handlung also in einem zeitgeschichtlichen Rahmen spielt, sind eher Sub- als verwandetes Genre. Hier ist oft eine Nähe zum Politischen Roman da („Onkel Toms Hütte“ gehört eher dorthin) oder zum Tatsachenroman (die „40 Tage des Musa Dag“ von Werfel sind eher das). Beispiele dafür sind „Die Blechtrommel“ von Grass, „Exodus“ von Uris, mehrere Romane des Afghanen Khaled Hosseini (z.T. mit autobiografischem Charakter), „Stadt des Goldes“ von Norman Ohler, „Der Schakal“ und andere von Forsyth (die aber auch zu einem der beiden benachbarten Genres gezählt werden könnten), die „Atemschaukel“ von Herta Müller, „Der Colonel“ von Dowlatabadi, Eduardo Mendozas Romane, „Auf fremder Erde“ von Eduardo Quiroga über den Falklands-/Malvinaskrieg oder „Der Omega-Punkt“ von Don DeLillo (der Irak-Krieg bzw. seine Neocon-Initiatoren sind darin aber evtl. Kulisse/Metapher für Grösseres).

Oder die Geschichten von Tom Clancy; der war Historiker und strammer USA-Republikaner, so sehen seine Romane aus, die vor zeithistorischem Hintergrund spielen und als Form von H.R. aufgefasst werden können, aber auch als Politische Fiktion, Alternativgeschichte, Thriller. Der grösste Teil seiner Schaffensperiode fiel in den Kalten Krieg, da entstand auch das dann verfilmte „Jagd auf Roter Oktober“ aus der Jack Ryan-Serie. Der U-Boot-Kapitän Ryan, Clancys Idealbild eines „amerikanischen Helden“, wird im Laufe der Serie auch US-Präsident. 1991, am Ende des Kalten Kriegs, brachte er „Sum of all Fears“ heraus, wiederum der globalen Konstellation entsprechend, Araber tauchen darin als neuer Bösewicht bzw. Bedrohung auf. „Clear and present danger“ spielt im bösen Lateinamerika (Drogen,…).

Thomas Brussig schrieb „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ über Ost-Berlin in den 70ern und 80ern (am Drehbuch zum Film „Sonnenallee“ schrieb er auch) und „Helden wie wir“ über die Wende in der DDR. Die blinde Britin Sue Townsend war eine Kritikerin der Monarchie und Klassengesellschaft in Großbritannien. Eine Millionenauflage erreichte mit ihren Büchern um die Hauptfigur Adrian Mole, den sie von seinen Jugendjahren in den 1980ern bis in die Gegenwart begleitete und dabei politisches Geschehen und Gesellschaft in der Thatcher-Ära und unter New Labour beleuchtete. Für Furore sorgte auch der 1992 veröffentlichte Roman „The Queen and I“, in dem nach einem Wahlsieg von Monarchie-Gegnern die britische Königsfamilie entthront wird und in einen Gemeindebau ziehen muss (eher eine Alternativgeschichte).

IT-Seiten wie histo-couch.de beschäftigen sich mit historischen Romanen. Diese haben ihre Entsprechungen auch in anderen Kunstformen: Shakespeare Dramen haben meistens einen historischen Hintergrund. Historienfilme sind filmische Entsprechungen dazu oder zu Alternativgeschichte, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB „Ben Hur“), manchmal auch die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente (z.B. Stauffenberg-Attentat-Filme). Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen.

Historische Themen werden auch in der Musik verarbeitet, etwa in der Verdi-Oper „Don Carlos“, die auf Schillers Dramatisierung von wichtigen Aspekten der Herrschaft der frühen spanischen Habsburger basiert, oder in der CD „Rivonia“ von „Dear Reader“. Aus der bildenden Kunst ist v.a. die Historienmalerei zu nennen. An historischen Comics gibts „Asterix“ (hat geschichtliche Fakten in die Jugend-/Populärkultur gebracht), die „Corto Maltese“-Reihe oder Manches von Joe Sacco oder Marjan Satrapi. Dann seien noch PC-Spiele wie „Grepolis“ oder „Prince of Persia“ erwähnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hoder

Hossein Derakhshan alias Hoder, 1975 geboren, ist ein inhaftierter iranischer Blogger, der sowohl von Neocons als auch vom iranischen Regime in die Mangel genommen wurde. Schlussendlich wurde ihm zum Verhängnis, dass er sich innerhalb einiger Jahre von einem Extrem (VOA-Auftritte, Pro-Israel-Aktivitäten) zum anderen (Bekenntnis zum iranischen Regime als kleineres Übel, das ihm aber diesem gegenüber nichts nutzte) bewegte.

Derakhshan begann Ende der 1990er im Iran als Journalist, in der Zeit von Chatamis Präsidentschaft. Er schrieb unter anderem für die reformorientierte Zeitung „Asr-e Azadegan“, hauptsächlich über das Internet und Digitalkultur. In dieser Zeit tobte ein Machtkampf zwischen Chatamis Regierung und dem Parlament, in dem diesem zugeneigte Kandidaten damals eine Mehrheit hatten, einerseits, und dem religiösen Führer Khamenei sowie Institutionen wie dem Wächterrat andererseits. Dieser Machtkampf wurde u.a. darin ausgetragen, dass Zeitungen, die Chatamis Reformen unterstützten, von der konservativen Justiz verboten wurden. So auch „Asr-e Azadegan“ 2000. Auch die Studentenunruhen 1999 entzündeten sich an der Schliessung einer populären reformorientierten Zeitung. Der bekannte Oppositionelle Akbar Ganji schrieb bei der selben Zeitung wie Derakhshan. Er wurde später auch inhaftiert (nachdem er über die Ermordungen von Oppositionellen durch das Regime schrieb), ging dann ins Exil, wo er für Demokratie im Iran und gegen einen Militärschlag gegen sein Land agitiert.

Bald nach der Schliessung der Zeitung ging Derakhshan, Ende 2000, nach Toronto in Kanada und begann zu bloggen. Sein zweisprachiger Blog (Englisch/Persisch) hiess „Editor: Myself“ bzw. „Sardabir: khodam“. Dieser wurde aufgrund seiner Ausrichtung im Iran geblockt. Hoder, wie er sich nun nannte, schrieb hauptsächlich über die Opposition zum iranischen Regime, gab auch Anleitungen, wie ein Blog zu starten ist und wie Sperren umgangen werden können. Deshalb wurde er von Journalisten auch der „Vater der persischen Blogger“ genannt. Das Internet ist im Iran so etwas wie das Fenster zur restlichen Welt. Hoder/Derakhshan schrieb auch für diverse internationale Medien, wie den britischen „Guardian“. Reiste zu Blogger-Konferenzen, trat in Radio-Sendungen auf, auch in TV-Sendungen von „Voice of America“. Irgendwann in diesen Jahren muss aber seine Ehe in die Brüche gegangen sein, aber darüber weiss ich nichts genaueres.

Mitte der 00er-Jahre wurde Hoder bei der Ausreise nach einem Besuch im Iran lange festgehalten. 2006 und 2007 besuchte er, inzwischen auch kanadischer Staatsbürger und ein renommierter Blogger, Israel, zu einer Zeit, als er es für den einzigen demokratischen Staat der Region hielt und demonstrieren wollte, dass zwischen Iran und Israel im Grunde gutes Einvernehmen sein könnte/sollte. Er traf dort u.a. mit Menashe Amir zusammen, einem iranisch-stämmigen Israeli, der lange die persischsprachigen Sendungen im israelischen Rundfunk gemacht hat und später auch bei „Stop Drop the Bomb“ mitmachte. War auch bei „Memri“ in Jerusalem, mit Carmon, traf „David Yerushalmi“, einen Israel-Lobbyisten in USA, der in einigen neokonservativen und islamophoben Organisationen aktiv ist und dessen Rassismus und Hetze sogar von der ADL kritisiert wurde (richtet sich auch gegen „Schwarze“ und Einwanderer). Hoder wurde aber auch in seiner proisraelischen Phase als „Doppelagent“ diffamiert, der „Taqiya“ verdächtigt, oder auch verbal attackiert, als er in seinem Blog erfreut davon berichtete, in einem Sammeltaxi in Tel Aviv auf (andere) „Iraner“ getroffen zu sein; gemeint hat er nach Israel eingewanderte iranische Juden – diese seien keine Iraner sondern Israelis, wurde er von Kommentatoren belehrt. Auf der anderen Seite jene konservativen Iraner, die ihm aus seiner Opposition zum Regime einen Strick drehen wollten

Ungefähr zu dieser Zeit wurde Chatami, dessen Reformprojekt gescheitert war, im Iran von Ahmadinejad abgelöst und begann der Atomstreit, eskalierte also die Konfrontation zwischen dem iranischen Regime und westlichen Mächten sowie den Oppositionellen. Hoder nahm gegen einen amerikanischen Angriff auf Iran Stellung und, trotz seiner Probleme mit dem Regime, für das Recht des Iran auf ein Atomprogramm. „…even if Iran becomes the most peaceful, secular and progressive, yet still independent state on the planet, the U.S. would be unable to tolerate it…“, schrieb er damals. Ein nächster Entwicklungsschritt war die Abwendung von Israel, dem gegenüber von ihm dann harte Kritik kam. Hatte er zu der Zeit, als er von einer Partnerschaft zwischen Iran und dem Judenstaat träumte, noch ausweichend geschrieben, die Sache mit der Besatzung sei ihm „zu kompliziert“, so schaute er irgendwann genauer hin.

Nicht notwendigerweise wandte er sich später auch dem Regime zu; er liess dabei eine Nähe zur Iranischen Freiheitsbewegung (Nehzat-e Azadi-e Iran) erkennen, der Partei, die 1961 von Mehdi Bazargan und anderen gegründet worden war. Der schiitische Islam wurde von dieser eher als Befreiungstheologie denn als religiöses System aufgefasst, sie wollte aber nicht diese Verknüpfung zwischen Religion und Politik, mit dem Klerus als herrschende Kaste, wie sie nach der Revolution 1979 entstand. Bazargan hatte zu Beginn der Revolution Khomeini unterstützt, war dadurch kurzfristig an der Macht, als Ministerpräsident einer Koalitionsregierung, ehe die Mullahs sich jener Kräfte entledigten, die eigentlich andere Vorstellungen hatten. Hoder hätte das eigentlich wissen müssen, auch dass Bazargans Partei dann verboten wurde, dieser der Islamischen Republik gegenüber immer kritischer wurde und bis zu seinem Tod von ihr schikaniert wurde.

Er begann in seinem Blog scharfe Kritik an Exil-Iranern zu üben, die er als Handlanger der Bush-Polizei sah, an solchen bei denen dies auszuschliessen ist wie Akbar Ganji, solchen wo dies nicht ganz erwiesen ist, wie Azar Nafisi, und solchen, wo kein Zweifel darüber besteht – wie Mehdi Khalaji. Khalaji wurde in (seiner Heimatstadt) Ghom zum schiitischen Theologen ausgebildet und bildete dann selber Geistliche aus. Er ging 00 nach Frankreich, zunächst um seine religiösen Studien fortzusetzen, landete dann aber bei „Radio Farda“, dem Propaganda-Programm von „Radio Free Europe“/“Radio Liberty“ auf Persisch. 05 wurde er beim „Washington Institute for Near East Policy“ (WINEP), dem Think-Tank von AIPAC, aufgenommen. Einige Leute, die dort führende Positionen inne haben/hatten, hatten diese auch in der Bush-Regierung, dem israelischen Militär oder der „Jerusalem Post“ (die einst auch über Hoders Solidaritätsreise nach Israel berichtet hatte…) inne; Richard Perle, Marty Peretz, James Woolsey, Martin Kramer, Zeev Schiff, Kissinger, Indyk, Wolfowitz gehören zum Personal des Instituts, das sich einen wissenschaftlichen Anstrich gibt. Geld bekommt es u.a. von Aubrey Chernick, der auch die ADL, jüdische Siedlungen in den palästinensischen Gebieten (damit das Besatzungsregime) oder CAMERA finanziert.

Khalaji arbeitet(e) auch beim Persisch-Nachrichtendienst der US-Regierung oder beim „American Foreign Policy Council“ (AFPC) mit. Hoder kritisierte ihn dafür, den Onkel Tom für die Woolseys, Bermans, Clawsons zu machen. Er schrieb über ihn u.a.: „Mehdi Khalaji is the only person on the planet who has indirectly worked for or given advice to both Khamanei’s office and Cheney’s in less than five years.“ Khalaji reagierte mit Einschüchterungsmaßnahmen gegenüber dem blog-Anbieter, verklagte Hoder dann – sein Anbieter („hosting matters“) beugte sich schliesslich und stellte seinen blog (im August 07) ein. Was das iranische Regime nicht geschafft hatte, haben Khalaji und seine Herren geschafft.

Es kam aber noch viel schlimmer für ihn. Derakhshan reiste etwa ein Jahr danach in sein Heimatland. Im November 2008 wurde er dort im Haus seiner Eltern verhaftet. Es gab verschiedene Anschuldigungen, aber er wurde sehr lange ohne Anklage inhaftiert. Er ist bei Verhören misshandelt worden. Einmal wurde seinen Eltern erlaubt, mit ihm im Evin-Gefängnis zu Abend zu essen. 2010 erst wurde er vor Gericht gestellt, ihm wurden seine früheren Kommentare im Blog über Religion und das Regime sowie seine Israel-Reise zum Vorwurf gemacht. Er wurde zu 19 ½ Jahren Haft verurteilt – die härteste Strafe, die je gegen einen iranischen Blogger oder Journalisten verhängt wurde. 2013 wurde die Strafe auf 17 Jahre herabgesetzt. 17 Jahre, eigentlich nur für Worte…

Möglicherweise hat Rivalität innerhalb des Regimes zu dieser sehr harten Strafe geführt. Einige kurze Freigänge aus Evin wurden ihm bisher gewährt. In einem anderen Blog hat jemand Derakhshans Reise in den Iran nach seiner Blog-Aktivität so kommentiert, er habe sich verhalten wie jemand, der mit Fleischstücken um seinen Hals in ein Löwengehege steigt. Die Attacken auf ihn und die Beschuldigungen, Regime-nahe zu sein rissen trotz seiner Verhaftung und Verurteilung nicht ab. „Agent of the IRI“ für die einen, „Spion für den Westen“ für die anderen.

Irans 2013 gewählter Präsident Rohani hat zwar letzten Herbst einige politische Gefangene freigelassen (wie die Menschenrechts-Anwältin Nasrin Sotoudeh) und andere Liberalisierungen und Verbesserungen durchgesetzt – so liefert „Boeing“ als Folge des Atom-Übereinkommens erstmals seit der Revolution Flugzeug-Ersatzteile, welche hoffentlich jene Abstürze verhindern werden, zu denen es im Iran immer wieder gekommen ist – „Hoder“, Kian Tajbaksh (ein in USA wirkender Wissenschafter, half nach dem Bam-Erdbeben 03, wurde ebenfalls bei einem Besuch in der alten Heimat wegen Opposition zum Regime verhaftet), Mir-Hossein Mousavi (unter Hausarrest), Jafar Panahi, Hossein K. Boroujerdi (ein Ajatollah, der aber für die Trennung von Politik und Religion ist), Behrouz Tavakkoli (aktiv in der Baha’i-Religionsgemeinschaft), Reza Shahabi (ein Gewerkschafter), Abdolfattah Soltani (Anwalt und Menschenrechtsaktivist), Abbas Amir-Entezam (bereits unter dem Schah verfolgt, seit 33 Jahren immer wieder inhaftiert), Hossein Ronaghi-Maleki (bloggte als „Babak Khorramdin“, aktiv bei dem Aufstand 2009) und Hunderte andere sind aber nach wie vor in Gefangenschaft.

http://iranian.com/main/2007/hoders-recent-problems-0.html (auf Englisch; über die Einstellung seines blogs)

hosseinderakhshan.wordpress.com (auf Persisch; eher über ihn als von ihm)

 

 

 

 

 

Zum schottischen Unabhängigkeitsreferendum

Am 18. September dieses Jahres stimmt Schottland (stimmberechtigt sind britische Staatsbürger ab 16 Jahren, die in Schottland wohnhaft sind) über die Unabhängigkeit von Grossbritannien ab. Geht es nach der Regionalregierung in Edinburgh, soll die Vereinigung mit England bald enden. Ob die Unabhängigkeit Schottlands für das restliche Grossbritannien von Nachteil ist oder für Schottland, darüber gehen die Meinungen auseinander. Im Folgenden ein historischer Abriss über die Entwicklung des schottischen Staates, den Verlust der Unabhängigkeit und das Bestreben nach ihrer Wiedererringung.

843 wurde ein Königreich Schottland (Eigenbezeichnung Alba) gegründet, was eine Vereinigung der (keltischen) Skoten und Pikten gegen die sie bedrängenden Normannen war. England, seit den Zeiten römischer Herrschaft durch den Hadrianswall (nahe der heutigen Grenze) klar abgegrenzt, wurde erst danach ein vereintes Reich. Mit ihm trug Schottland im 13. und 14. Jahrhundert eine Reihe von Kriegen um seine Unabhängigkeit aus. Schottland war eine Art Wahlmonarchie (im 11. Jahrhundert regierte etwa der von Shakespeare „verarbeitete“ MacBeth) und nachdem der letzte König aus dem Haus Dunkeld 1286 ohne männlichen Nachkommen starb, fiel es erstmals an England. 1297 errangen die Schotten unter William Wallace („Braveheart“) einen geschichtsträchtigen Sieg über die Engländer in der Schlacht von Stirling Bridge. Ihre Unabhängigkeit gewannen sie erst 1314 durch die Schlacht von Bannockburn wieder. 1371 kam die Stuart-Familie auf den schottischen Thron. Unter ihr wurde die Unabhängigkeit gegen England über Jahrhunderte hinweg behauptet, setzte sich die calvinistische Reformation teilweise durch, wurden die bis dahin dänischen Shetland- und Orkney-Inseln erobert. 1603 nahm der schottische König Jakob (James) VI., der Sohn von Maria Stuart, auch die Königswürde in England an. Diese Personalunion überstand auch den Bürgerkrieg Mitte des 17. Jahrhunderts, gegen Ende des Jahrhunderts war sie aber immer mehr zu einem Anachronismus geworden.

Im Zuge der „Glorreichen Revolution“ 1688/89 wurde der Stuart-König James II. (in Schottland der VII.) durch seinen Schwiegersohn, den calvinistischen Niederländer Wilhelm III. von Oranien gestürzt. Die Stuarts waren eine katholische Dynastie und standen für Absolutismus. James Stuart flüchtete nach Irland (das längst unter englischer Herrschaft stand) und wurde dort 1690 von den Truppen des Herrschers über England (mit Wales), Schottland, Irland und einiger niederländischer Provinzen geschlagen. James ging nach Frankreich wo er die Unterstützung von Ludwig XIV. gewann. In Schottland standen die meisten Highland-Clans auf seiner, der jakobitischen, Seite. Der siegreiche Wilhelm bot den Hochland-Clans Amnestie gegen einen Treueeid an; am MacDonald-Clan, der diesen verspätet angab, wurde 1692 in Glencoe ein Massaker verübt. Nachdem der letzte Stuart-Herrscher James in Frankreich 1701 starb, gingen seine Ansprüche auf seinen gleichnamigen Sohn (VIII. in Schottland) über. Königin von England und Schottland wurde 1702 dessen (anglikanische) Halbschwester Anne, Schwägerin des verstorbenen Oraniers Wilhelm. Das englische Parlament legte sich auf das (mit den Stuarts verschwägerte) Haus Braunschweig-Lüneburg (Hannover) als künftige Könige fest. Die Unterstützung Frankreichs für die Jakobiten war für England Grund, in den Spanischen Erbfolgekrieg als Teil der anti-bourbonischen Haager Allianz einzutreten.

Die englischen Befürchtungen, dass Schottland mit Hilfe Frankreichs und seinem „Sonnenkönig“ unabhängig werden könnte, waren der Anlass für die Initiative, aus der englisch-schottischen Personalunion eine Realunion zu machen. 1707 verabschiedete das schottische Parlament mit 110 zu 69 Stimmen das Unionsgesetz (das englische hatte dies bereits ein Jahr früher getan), das seine Selbstauflösung und die Vereinigung zu Grossbritannien bedeutete – eigentlich auf Grundlage der Gleichberechtigung. Schottland konnte ab nun Abgeordnete ins britische Parlament wählen, anders gesagt wurden die Parlamente von Schottland und England vereinigt. Schottische Regierung im eigentlichen Sinn hatte es nicht gegeben, nur ein Privy Council, das den König beriet. Die Stuart-Königin Anne wurde so erste Königin Grossbritanniens. Mit der Vereinigung wurde auch die heute aktuelle britische Flagge geschaffen, aus der schottischen Flagge das blaue Feld mit dem weissen Andreaskreuz übernommen (1801 wurde die britische Personalunion mit Irland in eine Realunion umgewandelt, und auch der Union Jack mit dem irischen Patricks-Kreuz ergänzt).

Im Spanischen Erbfolgekrieg setzte sich zwar der bourbonische Thronanwärter Philipp durch, das nun mit Schottland vereinigte Grossbritannien stieg aber endgültig zur Weltmacht auf. Genau das, das Partizipieren an der Weltmachtrolle, verbunden mit wirtschaftlichen Vorteilen, war eines der Hauptmotive für die ernannten Mitglieder des schottischen Stände-Parlaments für ihre Zustimmung gewesen. Streitigkeiten unter den vereinigungs-kritischen Gruppen sowie Bestechung über den Gesandten der Königin im Parlament spielten dabei zwar eine gewisse Rolle. Aber aus schottischer Sicht ergab die Vereinigung damals schon einen Sinn, zumal ein eigener Kolonisierungs-Versuch des Königreichs Schottland in Mittelamerika gerade gescheitert war. Das Projekt in den 1690er-Jahren im zum spanischen Vizekönigreich Neugranada gehörenden Isthmus von Panama, nach dem angrenzenden Golf auch „Darien-Projekt“ genannt (die Kolonie sollte „Caledonia“ heissen, der lateinische Name für Schottland), scheiterte u.a. am spanischen Widerstand und führte zu einer Verschuldung Schottlands. Der Dichter Robert Burns (18. Jh.), der teilw. in Gälisch schrieb, einige Jahrzehnte später über das schottische Parlament, das für die Vereinigung mit England stimmte: „We’re bought and sold for English gold, such a parcel of rogues in a nation“.

Nach Annes Tod 1714 kamen wie geplant die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg auf den britischen Thron, wo ihre Nachfahren heute noch (gelegentlich) Platz nehmen. James VIII. Stuart und seine Anhänger versuchten im 18. Jahrhundert mehrmals, die Macht in den nun vereinigten Ländern zurückzugewinnen. In den schottischen Lowlands gab es kaum Unterstützung für die Erhebungen, wohl aber in den wirtschaftlich und sozial „zurückgebliebenen“ Highlands, wo auch Rivalitäten unter den Clans herrschten. Nach dem Scheitern des Jakobiten-Aufstands 1745/46 erlosch der Widerstand gegen die Union, schottische Highland-Regimenter nahmen bald einen geachteten Platz im britischen Militär ein. Obwohl dort infolge der Vereinigung Kleinbauern vertrieben wurden, um für die Schafzucht Platz zu schaffen. James‘ VIII. Sohn Henry wurde Bischof in Italien, die Stuart-Hauptlinie erlosch damit; manche Jakobiten sahen ihre Ansprüche auf die in Sardinien-Piemont herrschende Savoia-Familie übergehen, König Karl Emanuel war ein Grosscousin von Henry.

Schottland behielt bzw. bekam ein eigenes Rechts-, Schul- und Gesundheitssystem. Erst 1885 wurde in London ein Scottish Office eingerichtet, das bis 1999 im Range eines Ministeriums existierte und der einzige Ansatz von „Sonderregierung“ für Schottland war, seither gibts einen Staatssekretär. Das intellektuelle Leben Schottlands blühte im 18. und 19. Jahrhundert auf, stellvertretend für viele seien der Dichter Walter Scott und der Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith genannt. Abertausende Schotten wanderten in die britischen Übersee-Kolonien in Nordamerika, Ozeanien und Südafrika aus, auch nach deren Unabhängigkeit – und wurden Teil des anglokeltischen Imperiums. Viele auch nach England und Irland. Heute gibt es 20 Millionen Menschen schottischer Abstammung ausserhalb Schottlands. Nicht nur hat der britische Kolonialismus Schottland mitgeprägt (so stammen die Dudelsäcke aus Indien), Schottland hat auch in ehemaligen Kolonien Spuren hinterlassen (so gibt es im Militär Indiens heute Einheiten, die Tartan-Elemente in ihren Uniformen tragen). Im 19. Jahrhundert wurde Schottland industrialisiert (v.a. Schiffsbau, Kohlebergbau, Eisenhütten), im 20. wurde Öl in der Nordsee gefunden. In Ermangelung eines Parlaments lag die Macht in Schottland lange bei Lokalregierungen und diversen Institutionen.

Eine Gegenüberstellung der Vorherrschaft Englands in Grossbritannien mit jener Preussens im Deutschen Reich und der Russlands in der Sowjetunion wäre interessant. In der Zeit der Weimarer Republik gab es aufgrund dieser drückenden Übermacht auch einen rheinländischen Separatismus.

Für manche Schotten fiel mit der britischen Entkolonialisierung nach dem 2. Weltkrieg die Existenzgrundlage für das Vereinigte Königreich/Grossbritannien weg. Die Devolution (Übertragungs) – oder Home Rule-Bewegung kam aber, im Gegensatz zu Irland, nur langsam auf Touren. Die Scottish National Party (SNP) wurde zwar schon 1934 gegründet und zog 1945 erstmals ins britische Parlament ein (ein Absentismus wie jener der Sinn Fein kam für sie nicht in Frage); dieser Sitz ging aber schnell wieder verloren und erst ab 1967 setzte sie sich durch. John MacCormick war ein Mitbegründer der Schottischen Nationalpartei, verliess sie dann, da er Autonomie (ein eigenes Parlament) der Unabhängigkeit von GB vorzog. Er gründete die „Scottish Convention„, eine inoffizielle Körperschaft, die 1949 die „Scottish Covenant“ startete, eine Petition für ein schottisches Parlament, die von 2 Millionen (von damals 5 Millionen) unterschrieben. Damals befürworten aber nur die Liberalen Länderparlamente für Schottland und Wales und nur einer der damals 71 schottischen Abgeordneten im britischen Parlament, ein Liberaler. Mit dem Aufschwung der SNP ab 1967 schwenkten die andere Parteien allmählich auf eine Linie zugunsten eines schottischen Parlaments ein. Aus englischer Sicht war die Aufrechterhaltung protestantischer Vorherrschaft als Motiv für die Aufrechterhaltung der Union weg gefallen.

Die Labour-Regierung von Callaghan initiierte angesichts des wachsenden Verlangens unter Schotten nach Selbstregierung ein Referendum in Schottland über die (Wieder-)Einsetzung eines eigenen Parlaments, somit Autonomie innerhalb Grossbritanniens, das 1979 stattfand. Das Resultat war ein knappes „Ja“, wurde aber nicht umgesetzt, da zu Wenige teilgenommen hatten. Ebenfalls 1979 beteiligten sich die SNP-Abgeordneten im britischen Parlament am Misstrauensvotum gegen die Callaghan-Regierung; die folgende Neuwahl brachte eine Dezimierung der SNP-Stimmen und die konservative Thatcher-Regierung. „Truthähne, die für Weihnachten stimmen“, spottete Callaghan über das Abstimmungsverhalten der SNP. In der Partei entbrannte nun ein Richtungsstreit zwischen jenen, deren Hauptziel die Unabhängigkeit Schottlands war, unabhängig von traditionellen ideologischen Rechts/Links-Schemata und jenen, die sie links positionieren und sich an die Labour Party binden wollten. Vor vergleichbaren Fragen steht bzw. stand auch die Südtiroler Volkspartei immer wieder: Ideologisch etwa wie die CSU ausgerichtet, ist sie eine Sammelpartei der deutsch- (und ladinisch-) sprachigen Südtiroler, vom Hotelier zum Bergbauern. In der Ersten Republik Italiens paktierte sie (auf nationaler wie regionaler Ebene) mit der christdemokratischen DC, Anfang der 1990er lehnte sie sich an die Linke (wo die Post-Kommunisten führend sind) an. Diese sind weniger minderheiten- und autonomiefeindlich als die Gegenseite wo (u.a.) die Post-Faschisten stehen.

Nach dem Referendum von 1979 entstand eine militante Unabhängigkeits-Gruppe, die Scottish National Liberation Army (SNLA), die von den 1980er-jahren bis in die 2000er aktiv war, hauptsächlich Briefbomben verschickte, dabei wenig Schaden anrichtete.

Tony Blair liess als Premierminister ab 1997 eine Dezentralisierung des Vereinigten Königreichs zu, nach Referenden und der Schaffung gesetzlicher Grundlagen wurden 1999 in Schottland und Wales Parlamente eingerichtet; jenes in Nord-Irland wurde nach dem Karfreitags-Abkommen 1998 wieder eingesetzt – dies bedeutete auch jeweils die Bildung von Regierungen (mit beschränkten Kompetenzen) auf Grundlage der Wahlen zu diesen Parlamenten. In der SNP setzte sich das Bekenntnis zu Unabhängigkeit (statt nur zu Autonomie) und eine linksliberale Richtung durch; 2004 wurde Alexander Salmond Parteichef. Nachdem einige Jahre Labour in Schottland regiert hatte, gewann die SNP 2007 (zum 300-Jahr-Jubiläum der Vereinigung) die dortige Regionalwahl und bildete eine Minderheitsregierung unter Salmond. Bei Labour und den Liberalen sind kleine Teile der Parteiorganisationen in Schottland für eine Unabhängigkeit, in der Konservativen Partei ist der Unionismus natürlich am stärksten. Auch Blairs Nachfolger als britischer Premier, der Schotte Gordon Brown von Labour, war entschieden gegen eine Auflösung der Union. Er warnte 07 vor einer „Balkanisierung“ Grossbritanniens.

2011 gelang der SNP der Durchbruch, sie gewann bei der Regionalwahl die absolute Mehrheit an Sitzen und begann, das anvisierte Unabhängigkeitsreferendum vorzubereiten. 2012 unterzeichneten der britische Premier David Cameron (CUP) und Schottlands Regierungschef Salmond ein Abkommen, das der Regionalregierung die Befugnis erteilte, die Volksabstimmung abzuhalten. Die Frage der Anerkennung des Ergebnisses des Referendums durch London bzw. Rest-GB als bindend war einige Zeit umstritten gewesen; auch, ob nicht ein gesamtbritisches Referendum entscheiden müsse. Sich auf eine unilaterale Unabhängigkeits-Erklärung Schottlands einzulassen bzw. sich ihr entgegenzustellen, war der konservativ-liberalen Regierung dann aber doch zu brisant.

Die SNP hat sich in den Jahren ihrer Regierung in Schottland mehrmals gedreht, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, als auch in Bezug auf den angestrebten Charakter der Souveränität. In der Aussen- und Verteidigungspolitik wurde zwischendurch ein Verbleiben unter dem britischen „Schirm“ erwogen. Militärstützpunkte Grossbritanniens und der NATO in Schottland sowie die Teilnahme an deren MiIitäraktionen sind aber im 2013 rausgekommenen „Weissbuch“ der schottischen Regierung zum Referendum, „Scotland’s Future“, nicht mehr zu finden. Die britischen Atom-U-Boote (britische A-Waffen sind bislang allesamt auf solchen stationiert) müssten demnach aus ihren Stützpunkten in Schottland weichen; eigene nationale Streitkräfte sowie ein Geheimdienst sollen aufgebaut werden. Weltweit sollen 90 Botschaften eröffnet werden. Eine Republik wird nicht mehr angestrebt, der britische Monarch soll in Personalunion Staatsoberhaupt bleiben. In der Frage der zukünftigen Währung ist man vom Plan der Einführung des Euros abgekommen, Schottland soll in einer Währungsunion das britische Pfund behalten sowie einen Teil der britischen Gesamtschulden übernehmen. Weiters sehen die Pläne für die Unabhängigkeit den Entwurf einer geschriebenen Verfassung, die Wieder-Verstaatlichung der Post und die Schaffung einer eigenen Rundfunk-Anstalt anstelle von BBC Scotland vor. Salmond kündigte zuletzt an, man werde die Loslösung von London in zweijährigen Verhandlungen geordnet vollziehen (er will die Unabhängigkeit wohl vor der nächsten Regionalwahl zu Jahresanfang 2016 unter Dach und Fach haben).

Die Unabhängigkeits-Kampagne wird zu einem erheblichen Teil von einem Ehepaar finanziert, das 2011 den größten Lotteriegewinn in der europäischen Geschichte einstrich, 161 Millionen Pfund; Colin und Christine Weir aus der Nähe von Glasgow spendeten etwa 3,5 Millionen Pfund (4,28 Mio. Euro) davon. Geleitet wird die Kampagne von Angus Robertson (schottisch Aonghas MacRaibeirt), Sohn eines Schotten und einer Deutschen, ein ehemaliger Journalist, Fraktionschef der SNP im britischen Parlament im Westminster-Palast.

Im Fussball, wie auch im Rugby, bekam Schottland von Beginn des internationalen Spielbetriebs an das Recht, eigene Nationalmannschaften zu stellen, eigene Ligen sowieso. Auf die in Schottland wichtigsten Sportarten hätte eine Abspaltung damit keine grossen Auswirkungen. Im Falle einer Unabhängigkeit würde diese wahrscheinlich wenige Monate vor Beginn der Sommerspiele 2016 in Kraft treten, ein eigenes Team dort könnte sich ausgehen. Der Tennisspieler „Andy“ Murray gab kürzlich an, dass es ihm unangenehm war, als ein schottischer Politiker bei seinem Wimbledon-Sieg 2013 eine schottische Fahne auspackte. Bei ihm wäre ein Nationswechsel (den er im Falle der Unabhängigkeit mitmachen würde) nur bei Olympischen Spielen oder im Davis-Cup von Bedeutung. Da der gebürtige Glasgower seinen Hauptwohnsitz in London hat, ist er beim Referendum nicht stimmberechtigt.

Auf der Gegenseite steht die Better Together-Kampagne, die von den schottischen Labour- (deren Politiker Alistair Darling sie führt), Konservativen- und Liberaldemokraten-Parteien getragen wird. Der Fussball-Trainer „Alex“ Ferguson, lange in England tätig, unterstützt diese. Auch Rod Stewart und Ewan McGregor sprachen sich gegen eine Loslösung von GB aus – Irvine Welsh, auf dessen Roman „Trainspotting“ basiert, einer der wichtigsten Filme McGregors, ist wiederum dafür. Umfragen sehen einen Vorsprung des Nein-Lagers bei einem grossen Anteil noch Unentschlossener. Der wohl berühmteste Schotte, der Schauspieler Sean Connery, als „James Bond“ Vertreter britischer Interessen, tritt für die Unabhängigkeit Schottlands von Grossbritannien ein, unterstützt die SNP. Auch einige prominente Engländer, wie der Regisseur Ken Loach, sprachen, aus unterschiedlichen Gründen, ihre Unterstützung für das Projekt aus. Andere, wie „David Bowie“ appellierten zum Verbleib bei GB.

Die bei einer Unabhängigkeit wegfallenden finanziellen Zuwendungen der britischen Regierung sollen durch die alleinige Verwendung der Einnahmen aus den Ölvorkommen vor seinen Küsten ausgeglichen werden. Dennoch zweifeln manche, ob es Schottland wirtschaftlich alleine schaffen kann. Cameron will einem unabhängigen Schottland verbieten, das Pfund als Währung zu behalten. Er lehnte auch ab, dass beim Referendum eine dritte Option, die sogenannte „devo max“ (maximum devolution) zur Abstimmung gestellt wird, die Schottland erlauben würde, fast totale Unabhängigkeit zu genießen und dennoch Teil des Vereinigten Königreichs zu bleiben. Timothy Garton Ash schrieb dazu: „Yet devo max is precisely what he seeks for Britain in relation to the EU. He insists on a clear ‚in or out‘ choice for Scotland in relation to the British union. He ducks and weaves, rubbing all our European partners up the wrong way, to avoid a clear ‚in or out‘ choice for Britain in relation to the European Union.“ Mehr Druckmittel als Angstmache mit wirtschaftlicher Not will oder kann Cameron nicht aufbieten. „Gemeinsam haben wir eine größere Bedeutung in der Welt“, appellierte er am Rande der Olympischen Spiele in London 2012. Der damalige EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Durrao Barroso zweifelte in einem BBC-Interview im Februar dieses Jahres an den Chancen eines unabhängigen Schottlands auf eine EU-Mitgliedschaft. Die Europäische Union wäre bei einem positiven Ausgang des Referendums das erste Mal mit einer Sezession innerhalb der eigenen Grenzen konfrontiert.

Die Bewohner der Shetland-Inseln wollen mehrheitlich nicht Teil eines unabhängigen schottischen Staates sein und fordern gegebenenfalls ein eigenes Referendum über den Verbleib bei Grossbritannien. Auf den Inseln gibt es daneben auch Stimmen für einen unabhängigen Staat sowie Befürworter eines Anschlusses an Norwegen. Während die Shetlands historisch-ethnisch-geografisch eine grosse Nähe zu den Nordgermanen aufweisen, gilt das für den Orkney-Archipel schon weniger. Die Hebriden (schottisch Innse Gall) auf der anderen Seite sind, wie erwähnt, sehr keltisch.

Die Schottisch-Gälische Sprache wird noch von ungefähr 1% der Schotten gesprochen, anscheinend gibt es keine Pläne, sie wieder auferstehen zu lassen. Die Zurückdrängung begann schon in der Phase der Unabhängigkeit im Mittelalter. Anfangs war Englisch nur Sprache der Gelehrten gewesen, Gälisch jene des Volkes. Es ist v.a. noch auf den Hebriden verbreitet und anderen Teilen des Nordwestens (den Highlands). Der Südosten, die Lowlands, ist urbaner (damit auch multikultureller), protestantischer (die Presbyterianische Kirche, auf calvinistischer Grundlage, ist wichtiger als die Anglikanische), „britischer“. Diese Spaltung des Landes spiegelt sich in den beiden Glasgower Fussballklubs und ihren Anhängern wider: die Rangers gelten als protestantischer Klub, bei ihren Spielen ist oft der Union Jack im Publikum zu sehen; Celtic steht für ein anderes nationales Identitätsgefühl, eine andere Konfession, andere soziale Klassen.

Wie beim Unabhängigkeits-Referendum in Quebec 1995 könnten auch hier die Stimmen von ethnischen Minderheiten (v.a. Anglo-Scots, also in Schottland angesiedelte Engländer) und Einwanderern (v.a. aus dem indischen Raum) den Ausschlag geben. Möglicherweise muss bei einem schottischen Ausscheiden die britische Flagge geändert werden. Für den Union Jack gibt es keine gesetzliche Grundlage, daher sind diesbezügliche Konsequenzen vage. Möglicherweise entscheidet hier das Kostenargument gegen eine Änderung. Mittlerweile gibt es einige Vorschläge für eine neue britische Flagge. Neben den verbliebenen britischen Überseegebiete führen auch sieben eigenständige Staaten, allen voran Australien und Neuseeland (wo es aber schon lange Vorschläge für Änderungen gibt), den Union Jack in ihrer Flagge.

Vorschlag für eine Flagge Grossbritanniens ohne Schottland, in der erstmals auch Wales vertreten ist
Vorschlag für eine Flagge Grossbritanniens ohne Schottland, in der erstmals auch Wales vertreten ist; das ist es bis jetzt nicht, da es die „Union“ als Teil Englands betrat (unterworfen von ihm wurde, nicht vereint mit ihm)

Der Unterschied zum Krim-Referendum etwa ein halbes Jahr vor dem schottischen ist zum einen, dass auf der Krim (die auch nicht als Nation gesehen wird) die Unabhängigkeit nicht zur Wahl stand, sondern der Verbleib bei der Ukraine und die Angliederung an Russland (letzteres war das Ziel des Referendums); zum anderen, dass die Abstimmung in Schottland nicht unter Druck stattfindet, die britische Zentralregierung ihre Einwilligung gab, dass kein anderer Staat die Fäden zieht – auch wenn man hier Rest-GB/England als Ausland ansieht, das Referendum wurde von Schottland initiiert und organisiert. Im Fall der Krim wurde ein Gebiet von einem Staat zu einem anderen „transferiert“, ohne Konsens. 2014 gibt es wahrscheinlich auch ein Unabhängigkeits-Referendum in Katalonien (auch als „Wohlstands-Separatismus“ bezeichnet); in Spanien wird das Referendum gegen den Willen der Zentralregierung stattfinden, es wird von dieser nicht anerkannt. Flandern ist ein andere Kandidat in Europa. Eine Unabhängigkeit Schottlands würde Nordirland von Grossbritannien „abschneiden“ und der dortigen Irredenta-Bewegung (dem irischen Republikanismus) möglicherweise Auftrieb geben. In Wales könnte die Plaid Cymru einen ähnlichen Weg wie die SNP gehen. Süd-Sudan ist momentan der jüngste Staat der Welt, das Gebiet wurde einst durch den britischen Kolonialismus Teil des Sudan.

Eingehend mit der Geschichte seines Landes beschäftigt hat sich der schottische Historiker Thomas „Tom“ Devine. Von seinen vielen Veröffentlichungen dazu sind aber anscheinend keine ins Deutsche übersetzt worden
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Des Weissen Mannes Bürde

Die Europäisierung der Welt begann in der frühen Neuzeit, mit den Entdeckungen und den darauf folgenden Eroberungen. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war so um 1900 erreicht. Die Entkolonialisierung setzte nach dem 2. Weltkrieg ein, oft nur, um vom Neokolonialismus (wirtschaftliche u.a. Abhängigkeit/Einflussnahme danach) ersetzt zu werden, bestes Beispiel ist die DR Kongo. Die Etablierung der weissen Weltherrschaft (z.T. verbunden mit einer Verbreitung des Christentums, wie auch des Kapitalismus‘), dann auch die Aufrechterhaltung, war sehr gewaltsam, verbunden mit „ethnischen Säuberungen“, Völkermorden, Sklaverei,…

Die Opiumkriege gegen China waren ein Höhepunkt des britischen Imperialismus. Mit der Unabhängigkeit der angelsächsischen/anglokeltischen Kolonien in Nordamerika und Ozeanien von Grossbritannien entstand sowas wie ein „Westen“, dessen Zentren nicht nur auf Europa beschränkt sind und der die Welt führte. Der 1. Weltkrieg brachte ein mehr oder weniger gemeinsames Auftreten dieser Führungsmächte und bewirkte eine Machtverschiebung von Grossbritannien zur USA. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg war Osteuropa von diesem Westen abgetrennt. Beide Weltkriege waren Kriege der europäischen Mächte sowie ihrer Ableger untereinander, nur Japan und das Osmanische Reich waren mit Eigeninteressen erheblich involvierte „Nicht-Weisse“. Auch der Kalte Krieg war ein „weisser“ Konflikt. Die Vorherrschaft basiert(e) auf Ausbeutung, zumindest dem Ausschluss, Nicht-Weisser.

Europa und die von ihm errichteten „Aussenposten“ (der „Westen“) sehen sich global als Vorbilder für Demokratie und behaupten gerne, dass westliche Werte universelle bzw. universalisierbar sind. Verachtung für und Ausbeutung von Anderen („Farbige“, „Naturvölker“,…) werden vom „fortschrittlichen“ Westen seit jeher mit deren „Rückschrittlichkeit“ gerechtfertigt, als deren „Rettung“ verstanden, so auch Gräuel des Kolonialismus. Westliche Imperialisten begründen ihr Wirken meist „humanistisch“ – das war auch bei der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 schon so, die Aufteilung Afrikas diene der Zivilisation, dem freien Handel, den Afrikanern,… Im gegenwärtigen Diskurs müssen Moslems (bzw., was darunter verstanden wird) dorthin kommen, wo der Westen jetzt ist, dies sei die einzige Möglichkeit, ihren „Rückstand“ aufzuholen.

Der USA wird trotz Völkermord an den „Indianern“ oder Sklaverei von Afro-Amerikanern ein ununterbrochen demokratischer Charakter zugebilligt, als Paradebeispiel westlicher Demokratie. Ein grosser Teil der Gründerväter der USA – Führer der Unabhängigkeitsbewegung der britischen Siedler gegen das Mutterland und erste Führer der USA – waren Sklavenhalter, und jene, die keine waren, waren das deshalb nicht, weil sie keine Plantagen hatten, in anderen Berufen waren; Thomas Jefferson hielt zB Sklaven auf seiner Tabak-Plantage in Virginia. Der Westen wird gerne als jene Staaten definiert, die Demokratie entwickelten, aufrecht erhielten; bei den europäischen Ablegern geschah das aber lange über Ausschluss des nicht-weissen Teils der Regierten.

Das Konzept des „Westens“ beinhaltete entgegen seiner protzenden Eigendefinitionen immer Vorherrschaft über andere und manchmal wird es auch explizit so definiert (auch rassisch). Indem ein Selbstverständnis als Hort von Fortschritt und Vernunft kultiviert wird, werden Irrationalität, Stagnation und dergleichen an das nicht-weisse „Andere“ veräussert. Der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen haben nicht universalistische Werte der Aufklärung anderswo gefördert, selten irgendwo Demokratie gestärkt, im Gegenteil. In Wirklichkeit hat die Welt für die westliche(n) Entwicklung bzw. Werte bezahlt. Die „weisse“ Fortschritts- und Wachstumsideologie hat auch auf die Natur nicht mehr zu ignorierende Folgen. Der aus Indien stammende und in den USA lehrende Dipesh Chakrabarty fordert eine komplexe Geschichte der Moderne, die ihre eigenen repressiven Fundamente und Ausschliessungsmechanismen mitdenkt, nicht nur ihr emanzipatorisches Potential.

Die europäische Kolonialisierung bedeutete so etwas wie einen ersten Globalisierungsschub (Beginn einer Weltwirtschaft). Die Globalisierung im eigentlichen Sinn wurde nach dem 2. Weltkrieg v.a. durch die WTO vorangetrieben, setzte sich nach dem Ende der kommunistischen Systeme in Osteuropa voll durch und bedeutet in letzter Instanz die wirtschaftliche Vorherrschaft der USA. Ein System für Viele das wenige kontrollieren, eine global unsoziale Wirtschaftspolitik. Der Dritte Welt – Begriff (und – Diskurs) entstand auch nach dem 2. Weltkrieg, mit der Entkolonialisierung. Entwicklungshilfe ist gewissermaßen die Krankheit, deren Therapie sie zu sein vorgibt, in Afrika und anderswo: Europa, der Westen, hilft und fördert gleichzeitig Unterentwicklung und Armut, etwa indem EU-Agrarprodukte auf afrikanische Märkte geworfen werden (wo sie billiger als lokale Produkte sind), umgekehrt gibts keine Öffnung eigener Märkte für afrikanische Produkte. Vom Westen investiertes Geld wird oft für Projekte, die „eigene“ Firmen abwickeln oder die eigener Wirtschaft helfen, verwendet. Westliche Hilfe stabilisiert, willentlich oder nicht, korrupte Regime und bringt sie in Abhängigkeit. Die Herstellung von Abhängigkeit und die Destabilisierung demokratischer Herrscher in postkolonialer Zeit ist nicht immer so deutlich wie im Fall Kongo. Entwicklungshilfe-Kritikerin Dambisa Moyo aus Zambia schrieb dazu das Buch „Dead Aid: Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann“.

Natürlich gibt es eine Eigenverantwortung, Nelson Mandela hat diese 1997 bei einem Staatsbesuch in Zimbabwe so formuliert: „Für Afrika ist es an der Zeit, die volle Verantwortung für all seine Schwierigkeiten zu übernehmen.“ Ob China in Afrika ohne Bevormundung investiert, ist noch nicht abschliessend zu beantworten, aber, wie Südafrikas heutiger Präsident Jacob Zuma 2006 zum „Spiegel“ sagte, China hat sich kaum jemals in Afrika eingemischt und sobald es dort Geschäfte macht, kommt Europa, das den Kontinent einst unter sich aufteilte, mit „Menschenrechts-Bedenken“. Das Thema 3. Welt/Entwicklungs“hilfe“ ist auch eng verbunden mit der Bewertung kolonialer Vergangenheit und der westlichen/weissen Vorherrschaft (bzw. dem Anspruch darauf) in der Gegenwart. Europa kann tatsächlich nicht alle Flüchtlinge aufnehmen, die kommen wollen, es könnte das Problem an der Wurzel bearbeiten. Den Süden/die 3. Welt ausbeuten/entmündigen, dann Entwicklungshilfe leisten ist genau das Verkehrte. Unter den Flüchtlingen aus dem Senegal sind etwa viele Fischer, deren Lebensgrundlage durch internationale Fangflotten vor den Küsten des Landes entzogen wurde (auch durch den gestiegenen Meeresspiegel infolge der Klimaerwärmung). So gesehen „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Von der Betrachtung der antiken Perserkriege mit den Griechen hinauf zu Montesquieu und seinem „orientalischen Despotismus“, Hegels Geschreibe vom „asiatischen Prinzip“, über Marx, Herzl, gibts eine uralte Tradition eurozentrischer Feind- und Angstbilder bzw. Überlegenheitsauffassungen. Edward Said formulierte in seinem 1978 erschienenen Werk „Orientalismus“ Kritik am eurozentrischen, westlichen Blick auf den Orient, wozu nicht nur die islamisch geprägten Gesellschaften in West-Asien und Nord-Afrika zählten, sondern etwa auch Indien, als einen Stil des Herrschaftsanspruchs über diese Regionen. Dieses Denken drücke sich in einem Überlegenheitsgefühl gegenüber dem „Orient“ aus, der dem „aufgeklärten Westen“ als ewig rückständig (und unveränderlich) gegenüberstehe. Said wies darauf hin, dass die moderne Konfrontation zwischen „Westen“ und „Orient“ mit der französischen Invasion unter Napoleon in Ägypten begann. Dass Europäer das „Licht der Zivilisation“ überall hin gebracht hätten, ist Ausdruck vom kolonialistischen Rassismus, dessen Geist in den Faschismus Eingang fand.

Die Auffassung von dem europäischen Weg als Ideal/Modell wird von nicht Wenigen in der 2./3. Welt geteilt, ein Teil der Eliten in aussereuropäischen Staaten stützt das noch immer ziemlich weisse globale System. Peinlich ist’s, wenn die vollzogene Annahme von „westlichen Werten“ etwas Unangenehmes über den Westen aussagt. Der Westen, die USA, spielen eine Liberalität vor, die sie nicht haben. Japan begann im 19. Jahrhundert eine totale Verwestlichung, nachdem es im Begriff war, vom Westen unterworfen zu werden. Dies führte zum Versuch der Unterwerfung seiner Region (Ostasien, Teile Ozeaniens), zum Bündnis mit NS-Deutschland und Pearl Harbor.

In Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum hat die Zugehörigkeit zum und das Bekenntnis zum Westen nochmal eine andere Bedeutung. Nach 1938 kam hier der Sprachgebrauch des „demokratischen Westens“ auf bzw. die Vorstellungen von den Westmächten als Gegensatz zu den nicht-demokratischen Staaten Mittel- und Osteuropas. Der Westen quasi als Alternative zum NS und Totalitarismus überhaupt. Eine bequeme Verschiebung, zumal auch Amerikaner auf NS-Errungenschaften wie Gehlens Unterlagen zur Sowjetunion bauten und es vorkam, dass deutsche Kriegsgefangene im bzw. nach dem 2. Weltkrieg mit weissen amerikanischen Soldaten aßen, während die schwarzen draussen sitzen mussten.

NS-Deutsche Kriegsgefangene wurden, etwa in Fort Hunt, auch anders behandelt als gefangene Terrorverdächtige heutzutage; manche, wie von Braun, durften ihre Arbeit dann auch dort fortsetzen. Für Deutschland spielt(e) es auch keine Rolle, dass Schwarze in den US-Südstaaten auch nach der Befreiung Europas von Hitler in den Bussen hinten sitzen und sich ihr Wahlrecht erkämpfen mussten. Dass Churchill und Eisenhower mithalfen, Europa von seinem Faschismus zu befreien, ändert nichts an ihren Verbrechen gegenüber Nicht-Weissen, wie im Fall Iran 1953. Wie auch Stalins Beitrag dazu nicht an seinen. Berlin wurde für die USA „über Nacht“ von Zentrum des Bösen zur Frontstadt der „freien Welt“ (für manche in Deutschland wandelte sich das USA-Bild ebenso schnell), islamistischen Akteuren in Afghanistan ging es, wie auch dem irakischen Baath-Regime, umgekehrt.

George Wallace, der langjährige Gouverneur des USA-Bundesstaats Alabama, der noch in den 1970ern Wahlen mit Rassentrennungspolitik gewann, hat im Zweiten Weltkrieg Kampfeinsätze über Japan geflogen. Hippies, die ihm während seiner Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 1968 (wo er fünf Bundesstaaten gewann, 10 Millionen Stimmen bekam) vorwarfen, ein Nazi zu sein, antwortete er: „Ich habe schon Faschisten getötet, als ihr Punks noch in den Windeln lagt.“ Das ist aber keine Entlastung für Wallace sondern bestätigt den Charakter des amerikanischen Engagements im 2. WK, Faschisten wurden nicht wegen ihrer Rassenpolitik bekämpft sondern aus Machtinteressen. Wallace bekam im Wahlkampf 68 auch nicht nur Unterstützung von offen rassistischen Gruppen (wie der „White Citizens‘ Councils“) sondern auch von Neo-Nazi-Gruppen wie der „Liberty Lobby“.

Der Bau und die Kontrolle der intermarinen Kanäle, der Welthandel sowieso, auch die Erschliessung des antiken Erbes diverser Kulturen und Regionen, geschah hauptsächlich durch „Weisse“, v.a. im 19. Jahrhundert. Die Umstände des Baus und Betriebs der Kanäle zwischen Atlantik und Pazifik (durch Panama) und zwischen Mittelmeer und Rotem Meer (durch Ägypten) zeigen mehr als 100 Jahre skrupelloser westlicher Bevormundung auf. Im Fall Ägyptens gipfelten sie im Krieg und der Besetzung durch eine Allianz aus Grossbritannien, Frankreich und Israel 1956. Vor jenem in Panama wurde in Nicaragua ein Kanal geplant, in den 1820ern zunächst von der Zentralamerikanischen Konföderation, zu der Nicaragua damals gehörte. Das Land ersuchte in USA und Europa um Hilfe, bekam sie aber nicht. Stattdessen einigten sich die Amerikaner 1850 mit Grossbritannien im Clayton-Bulwer-Vertrag, in dem sie sich gemeinsam das Recht auf den Bau eines interozeanischen Kanals durch Nicaragua einräumten – ohne Nicaragua irgendwie miteinzubeziehen… Acht Jahre später beauftragten die Nicaraguaner den Franzosen Félix Belly mit dem Kanalbau. Die US-Regierung schickte daraufhin Kanonenboote an die beiden Küsten Nicaraguas und erzwang einen Vertrag zu ihren Gunsten.

Doch die favorisierte Investorengruppe bevorzugte den Kanalbau durch Panama. Die USA erzwangen 1903 die Abtrennung Panamas von Kolumbien (wo ein erster französischer Bauversuch gescheitert war), um gleich alle „Widerstände“ aus dem Weg zu räumen. Nachdem der nicaraguanische Präsident José Santos Zelaya Verhandlungen mit der deutschen und japanischen Regierung über den Bau des interozeanischen Kanals unter nicaraguanischer Souveränität aufgenommen hatte (der eine Konkurrenz zu dem amerikanischen durch Panama gewesen wäre), zwangen die USA 1909 Zelaya durch einen Militäraufstand, hinter dem US-Marines standen, zum Rücktritt. Den Panama-Kanal kontrollierten die USA fast ein Jahrhundert (ein Verdienst von Carter, die Rückgabe eingefädelt zu haben). Solche Bevormundungen werden heute gerne mit der Gefahr des Islamismus begründet, zu Zeiten des Kalten Kriegs mit der des Kommunismus (die rooi gevaar, von der das südafrikanische Apartheid-Regime sprach, war auch eine Art Code für die swart gevaar, die man damit meist meinte). Siehe dazu auch jene Kommentare, wonach mit Obamas Wahl das Abendland untergegangen ist.

Obamas Sieg bei der US-amerikanischen Präsidentenwahl 08 wird manchmal als Anzeichen einer welthistorischen Veränderung gesehen. Eine rassistische Komponente ist in vielen Kritiken an ihm zumindest unterschwellig dabei. Nicht nur bei den Behauptungen, er sei verkappter Moslem oder in Indonesien geboren. Obama selbst übte Appeasement gegenüber den Vertretern des Anspruchs der Führungsrolle des Westens in der Weltpolitik; während seines Staatsbesuchs in Grossbritannien untermauerte er (in einer Rede vor beiden Parlaments-Kammern) vordergründig diesen Anspruch während er das Aufstreben von China oder Indien damit zu versöhnen versuchte. Im Präsidentschafts-Wahlkampf 12 hatte sein Konkurrent Romney bei einem Besuch in London geklagt, dass die jetzigen Bewohner des Weissen Hauses das „angelsächsische Erbe“, welches USA und GB verbände, nicht genug würdigen würden.

Im eurozentrischen Selbstbild beginnt spätestens mit der Aufklärung eine Erfolgsgeschichte – die dort meist auch eine der Entwicklung hin zu einer Überlegenheit gegenüber anderen ist. Dabei begann in diesem Zeitalter erst die Unterwerfung Afrikas so richtig, die Vollendung der Europäisierung der Welt, die Rassentheorien, der Nationalismus,… Der trinidad-tobagische Marxist C. L. R. James wies in seinem Buch „The Black Jacobins“ (1938) darauf hin, dass der Sklavenaufstand unter Toussaint L‘Ouverture auf Santo Domingo/Haiti nicht als Resultat der Aufklärung eingeordnet werde (von der Louverture beeinflusst war), obwohl (oder: weil) hier Auswirkungen der Französischen Revolution die Abschaffung der Sklaverei von Nicht-Europäern berührten. Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärung, war auch einer jener, für die mit der Unterscheidung von Rassen eine Über- bzw. Unterordnung verbunden war, an der Spitze der Vernunftbegabten standen die weißen Europäer. „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen… Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“

Samuel Huntington hat Südamerika und Osteuropa klar von seiner Definition des „westlichen Kulturkreises“ ausgeschlossen, auch bei den katholischen Ländern Europas tat er sich schon schwer. Bei ihm gabs auch isolationistische Ansätze; Israel, Japan, Russland sollten „fallengelassen“ werden da „fremde Kulturen“. Das „westliche Modell“, sagte er klar, sei nicht für alle geeignet. Er sah auch eine kommende sino-islamische Weltverschwörung. Während andere versuch(t)en, etwa den Zorn der kubanischen Auswanderer in Florida gegen die Castro-Regierung zu instrumentalisieren, aus ihrer Präsenz einen Charakter der USA als toleranter Hafen für Verfolgte abzuleiten, oder sie den in der Regel ärmeren und farbigeren mexikanischen Einwanderern im Südwesten der USA positiv gegenüberzustellen, sah er in ihnen schlicht eine schlecht integrierte Minderheit, eine Gefährdung für die angelsächsische USA. Lateinamerika war mit der europäischen Moderne durch die Entdeckungen und Eroberungen von Anfang an engstens verknüpft.

Fehl-Entwicklungen und der „Abstand“ zum Westen dort sind aus eurozentrischer Perspektive meist auf eine den südlichen Gefilden bzw. den Nicht-Weissen (manchmal auch den Romanen…) innewohnende Rückständigkeit zurückzuführen und nicht auf eigene „Interventionen“. Jean Ziegler brachte „Der Hass auf den Westen“ heraus, u.a. über das Indio-Revival in Lateinamerika. Er gehört zu den „selbstkritischen“ (bzw. wahrhaftig universalistischen) Stimmen im Westen, die aussereuropäische Stimmen als gleichberechtigt im Diskurs ansehen und nicht zu unpolitisch-abstrakt sind.

Der Brite Rudyard Kipling, Literaturnobelpreisträger 1907, schrieb um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt des westlichen Imperialismus‘, das Gedicht „The White Man’s Burden“ (Des weissen Mannes Bürde). Anlass war der Spanisch-Amerikanische Krieg, der dazu führte, dass die USA die Herrschaft (u.a.) über Kuba, die Philippinen und Puerto Rico übernahmen, nachdem sie die Unterdrückung der dortigen Einheimischen unter den Spaniern angeprangert und zum Vorwand genommen hatten sowie sich die Unabhängigkeitsbewegungen zunutze gemacht hatten. Kipling feierte in dem Gedicht den amerikanischen Sieg, beschrieb die Philippinos als halb Wilde, halb Kinder. Ob er wenigstens die Spanier als ebenbürtige „Weisse“ akzeptierte, ist fraglich (andere haben da schon mit Russen ihre Probleme).

Auch deutet er Kolonialisierung als humanitären Akt um, forderte eine weitere Expansion der USA (wiederum als „Befreiung“), „Licht“ in den „dunklen Orient“, schrieb von „Undankbarkeit der Befreiten“, einer Mission der „Weissen“. Aktuelle Imperialismus-Rechtfertigungen sind nicht so weit von Kipling entfernt… Pankaj Mishra tritt der bis heute währenden Apologetik des Gedichts entgegen, bezeichnete es als „weinerische Rechtfertigung von von Überheblichkeit geprägter Ungerechtigkeit“. Henry Labouchère, ein (weisser) Brite hugenottischer Herkunft ist unter jenen, die Kiplings „Gedicht“ aufs Korn nahmen („The Brown Man’s Burden“).

Der britische Historiker Andrew Roberts verteidigt alle Grausamkeiten britischer Herrschaft irgendwo: das Massaker von Amritsar in Indien, die Konzentrationslager für Buren im Südafrikanischen Krieg, Masseninternierungen in Irland. Er steht der Konservativen Partei, anscheinend aber auch der National Front, nahe. Er machte von Anfang an bei Aznars „Freunde Israels“-Initiative mit und ist gerngesehener Gast im „Springbok Club“, einer Apartheid-nostalgischen Vereinigung von weissen Auswanderern aus dem südlichen Afrika. Die Apartheid in der Republik Südafrika verteidigt er dann doch nicht, dabei ging es auch nicht nur um weisse Vorherrschaft, sondern auch um jene der Buren/Afrikaaner gegenüber den englischsprachigen Weissen. Er sagte, dass der Irak-Krieg 2003 von den Englisch-sprachigen als ein „existenzieller Krieg um das Überleben ihrer Lebensart“ gekämpft werde (schob dabei auch Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen vor) und dass „dieser Kampf gegen den Islamofaschismus“ der 4. Weltkrieg sei (der Kalte Krieg als der 3.), in dem sich die „Englischsprachigen an vorderster Front zur Verteidigung der Zivilisation“ befänden.

Bush, hofft Roberts, werde eines Tages „gerechter“ beurteilt werden. Einen solchen „4. Weltkrieg“ (dessen Beginn in der Zeit der Welt-„Alleinherrschaft“ der USA nach Ende des Kalten Kriegs anzusetzen wäre) sieht auch N. Podhoretz, einer der radikalsten Neokonservativen, bzw., er sehnt ihn herbei. US-Politologe Benjamin Barber sah Anfang der 1990er auch einen Konflikt USA-Islam kommen, der bei ihm Teil eines grösseren zwischen Westen und 2./3. Welt ist; bei ihm ist aber eine gewisse Seriosität zu erkennen und nicht nur politische Polemik, durchdrungen von der Befangenheit des Autors. „Islam“ ist oftmals Platzhalter/Sündenbock für eigentlich gemeinte andere „Ärgernisse“, ob andere Zuwanderer oder aufstrebende Mittelmächte des Südens; „Islamkritik“ dient gerne der Stigmatisierung des „gefährlichen Orientalen“. Rückständigkeit, oft in Form von „Judenhass“, wird Leuten aus moslemischen Kulturkreisen als „systemimmanent“ unterstellt.

Was USA vorgibt zu wollen, die globale Verbreitung von liberaler Demokratie und industrieller Marktwirtschaft (Fukuyama nannte das Gelingen dessen das „Ende der Geschichte“) würde ihr (und dem Westen allgemein) die Führungsrolle sowie die Möglichkeit zur Ausbeutung rauben, welche sich durch Unordnung und Unruhe anderswo, Ungleichheit, ergibt. Und, die Politik der USA hat oft genug klar gemacht, dass sie an einer wirklichen Ausbreitung von Demokratie und Wohlstand nicht interessiert ist, dabei zu verlieren hätte. Die USA liessen Initiativen scheitern, die dem Geist des Freihandels entsprachen, aber ihrer Ausbeutungspraxis zuwiderliefen, wie jene von Honduras unter Zelaya, als es Rechte für Ölbohrungen ausschrieb um das Oligipol internationaler Ölriesen wie „Chevron“ und „Shell“ zu brechen.

Mobutu, Hussein, Pinochet, Franco, die al Sauds (die noch immer) sind nur einige jener Herrscher die von den USA im Kalten Krieg gegen „ihre“ Völker gestützt und z.T. an die Macht gebracht wurden. Oder Ferdinand Marcos. „We stand with the Philippines,“ sagte der ältere Bush, damals Vizepräsident, bei einem Staatsbesuch dort 1981. „We love your adherence to democratic principles and democratic processes. We will not leave you in isolation.“ 1986 schickte die Reagan-Regierung dem gestürzten Diktator einen Hubschrauber um ihn vom belagerten Präsidentenpalast nach Hawaii auszufliegen, wo er 1989 starb. Oder: Obwohl die USA die damals herrschende Militärdiktatur Argentiniens unterstützte, im Malvinas-/Falklands-Krieg 1982 schlug sie sich auf die Seite Grossbritanniens, sobald es ernst wurde – was viel über den eigentlichen Geist der Monroe-Doktrin aussagt, gegen die die britische Intervention ja verstiess…

Nach dem Ende des Kalten Kriegs kam die Welt-Vorherrschaft der USA erst zu einem Höhepunkt; unter Bush jun. verstärkte sie nach dem 11. 9. 01 im Kampf gegen islamistischen Terrorismus Unilateralismus, Interventionismus, Allmachtstreben, Neo-Imperialismus. Nun mehren sich Anzeichen für eine Überdehnung (overstretch), die einen Abstieg einleitet, einen Verlust der (alleinigen) Weltmachtstellung, die Entstehung eines neuen Machtsystems, ein endgültiges Ende der Nachkriegsordnung. Die „Zeit“ brachte nach dem 2. Obama-Wahlsieg eine Titelgeschichte über das „Ende der Vorherrschaft des weissen Mannes“, in den USA und global. Etwa Mitte der 00er-Jahre wurde spürbar dass sich die USA als noch einzige Weltmacht künftig auf eine neue Rolle einstellen müssen. Emmanuel Todd brachte 2002 „Weltmacht USA. Ein Nachruf“ heraus. Die USA, so Todd, schöpft den Reichtum anderer Länder ohne Gegenleistungen ab. Andere als gleich anzusehen würde deren Ausbeutung ausschliessen; die USA kennen verschiedene Formen der Machtausübung über andere. Die nicht-weissen Regionen Lateinamerika, Asien, Afrika werden von ihnen am schlechtesten behandelt. Länder wie Deutschland und Japan müssen für Unterkunft und Verpflegung der amerikanischen Truppen in ihren Ländern aufkommen. Auch in den USA sind nicht alle Bürger gleich. Wenn die USA einen Universalismus vertritt, so Todt, dann einen angelsächsischen Universalismus, in den z. Zt. Juden eingeschlossen sind. Der vorgebliche Universalismus war nur eine Propaganda gegen die Sowjetunion z. Zt. des Kalten Kriegs.

Ein Merkmal der Weltreiche, schrieb Todd, ist es dass Eroberer und Eroberte im selben Reich leben. Rom gewährte immer mehr Unterworfenen die Bürgerrechte, irgendwann gingen unter ihnen auch Kaiser hervor. Entgegen Todds Ausführungen begann die Expansion der USA aber spätestens mit dem Krieg gegen Mexiko Mitte des 19. Jahrhunderts. Huntington habe wie der „Gegenpol“ Khomeini an den Kampf der Kulturen geglaubt. Das Thema Umwelt streift er nur kurz, dafür bringt er ausführliche anthropologische und soziologische Erklärungen, z.B. über den Einfluss von Familienstrukturen oder Alphabetisierung auf politische Prozesse. Der gegenwärtige Islamismus sei Teil eines Prozesses, vor einer Stabilisierung, eine Übergangskrise. Im Buch das er mit Youssef Courbage verfasste, „Die unaufhaltsame Revolution“, gehts um den (kommenden) demografischen Niedergang in der islamischen Welt und die Alphabetisierung von Frauen dort, als Symptom wie Ursache eines breiten Wandels (er zeigt einen Zusammenhang zwischen Bildung, Rückgang von Geburtenzahlen und politischer Modernisierung auf). Die Aufstände im Iran und arabischen Ländern ab 2009 waren möglicherweise ein Anzeichen bzw. ein Beginn einer solchen Entwicklung.

Niall Ferguson ist nicht gerade ein linksliberaler Historiker, und auch kein unpolitischer. Der Hirsi-Ali-Partner, eigentlich ein Wirtschaftshistoriker (ausgebildet in Oxford, z. Zt. in Harvard), unterstützte Bush und den Irak-Krieg (der den Menschen dort Gutes brächte), verteidigt den britischen Imperialismus bzw. versucht ihn zu rehabilitieren, ist gegen europäische Selbstkritik in Bezug auf Kolonialismus, glaubt an eine „Islamisierung Europas“, ist gleichzeitig gegen Säkularismus, behauptet dass der Westen mehr „importiert“ als „exportiert“, schwingt gerade die Werbekeule für einen („Präventiv“-)krieg gegen Iran (u.a. in „Die Welt“), hat das „Eurabia“-Konzept begeistert angenommen. Betet also die Mantras des Neo-Konservativismus nach (oder vor?), mit all ihren Widersprüchen – dazu gehört zum Beispiel die frühere westliche Unterstützung für das Baath-Regime im Irak oder die Mujahedin in Afghanistan; auch, dass die Bush-Kriege dort mit zum Niedergang der USA geführt haben.

Der Schotte (er dürfte eher kein Unabhängigkeits-Befürworter sein) befürwortet ein neues amerikanisches Imperium, in „Colossus. The Rise and Fall of the American Empire“ (dt. 2004: Das verleugnete Imperium. Chancen und Risiken amerikanischer Macht) tritt er für die Notwendigkeit eines „globalen Hegemons“ ein. Dennoch (oder anders herum: aufgrund dieses Befunds kommt er vielleicht zu seinem Bekenntnis), für Foreign Affairs 2/2010 schrieb er einen Artikel über den Niedergang der USA: „…From ancient Rome to the Soviet Union, history suggests that great powers fall swiftly and without warning…fiscal deficits and military overstretch are evidence that the United States could be the next empire to fall.“

Steht also ein Niedergang der weissen, westlichen Welt-Hegemonie bevor, bzw. ein spürbarer Machtverlust? Von 7 Milliarden Menschen sind nur 1 Milliarde „Weisse“. Was ist die Alternative zu amerikanischer/weisser Weltherrschaft? Rassisch gemischte Schwellen-Staaten wie Brasilien und Südafrika, die endlich eine gewisse Stabilität gefunden haben, könnten Gewicht bekommen. Der Aufstieg Chinas und Indiens ist auch nicht mehr zu übersehen. Auch Russlands Einfluss dürfte wieder deutlich zunehmen, wobei das Land auch vom Klimawandel profitieren könnte. Eine Studie von zwei einflussreichen US-Thinktanks riet kürzlich den USA und seinen Alliierten, gezielt um vier Staaten zu werben, um die eigene weltweite Vormachtachtstellung in Politik, Militär und Wirtschaft zu halten: Diese „globalen Swing-States“ sind Brasilien, Indien, Indonesien und die Türkei. Der Neocon R. Kagan (McCain-Anhänger,…) hat in einem Buch über über seine Sicht der Weltlage Russland, China, Indien als (kommende) Feinde/Konkurrenten des Westens ausgemacht und erst an 4. Stelle den Islam(ismus) mit dem Iran an der Spitze.

Das 1944 von den Alliierten des 2. Weltkriegs beschlossene Währungsordnungs-System von Bretton Woods und die darauf basierenden Institutionen IWF und Weltbank sind Werkzeuge der westlichen Vorherrschaft über Lateinamerika, Afrika, Asien. Die Weltwirtschaftskrise ab 2007, die die globale Finanzkrise und die Schuldenkrise der USA und von Teilen Europas (Eurokrise) umfasst, bedroht ebenfalls die bestehende, westlich dominierte Weltordnung, bringt auch ein Ideal ins Wanken. Die „linke“ Erklärung der Krisen sieht die Banken mit ihrem Streben nach Gewinnmaximierung als Schuldige, die noch dazu ungestraft davonkämen. In der „rechten“ Erklärung sind die Regierungen verantwortlich, die zu sehr in die Märkte eingriffen, Rettungspakete und Sozialprogramme schnürten, die das Haushaltsdefizit weiter ausufern liessen.

Die Krise brachte schon eine wirtschaftliche Machtverschiebung zugunsten von Schwellenländern wie China. Von der chinesischen Regierung kam 2011 ein Hilfsangebot an die USA und Europa bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise… Bis 2020, schätzt das Centre for Economics and Business Research in London, werden Indien und Russland gemeinsam mit China und Brasilien in den Rang der sieben grössten Wirtschaftsnationen, den G-7, aufrücken. Niall Ferguson: „Für den größten Teil der 500 Jahre waren es die westlichen Staaten auf beiden Seiten des Atlantiks, die sagen konnten, dass sie das beste Wirtschaftssystem hatten, dass sie das beste politische System entwickelt hätten und so weiter.“ Diese Ansprüche klängen jedoch zunehmend hohler.

Peter Scholl-Latour schrieb „Die Angst des weissen Mannes“, gestaltete auch eine TV-Doku zum Thema. “Die Vorrangstellung des Westens ist zu Ende”, befindet er. In dem Buch stellt er auch die nicht unwesentliche Frage „Wer ist überhaupt ein Weisser?“. Der deutsch-französische Journalist und Autor mit jüdischem Einschlag kämpfte einst mit dem französischen Heer in Indochina. Er ist in mehrerer Hinsicht reaktionär, ist auch für die Aufrüstung Deutschlands mit Atomwaffen. Zum Arabischen Frühling sagt er einmal, es habe nie einen gegeben, Islamisten würden sich durchsetzen, die alten Regime wären besser gewesen. Er hat Recht wenn er sagt, „Es ist absurd dass der Westen Saudi-Arabien als Verbündeten betrachtet, mit Waffen unterstützt und zur Vormacht des Orients aufbaut, wo es das reaktionärste und intoleranteste Land der ganzen Region ist, dessen Regime nur mit dem der Taliban verglichen werden kann.“

Die indische Ethnologin Shalini Randeria versucht, die Welt konsequent aus einer nicht-europäischen Warte zu sehen. „Europa ist kein Hort des weltweit zu lernenden Guten. Wenn westliche Wissenschaft Begriffe wie Zivilgesellschaft, Gerechtigkeit oder Staat als universell gültig ansieht, verfehlt sie das Spezifische anderer Gesellschaften. Das Aufoktroyieren europäischer Werte, Normen und Ideen basiert auf einer langen imperialen und kolonialen Geschichte. Heute wird mancherorts sehr selektiv im großen Stil interveniert – aus humanitären oder militärischen Gründen und je nach geostrategischen Interessen.

Die Weltbank oder der IWF gestalten zum Beispiel Rechtssysteme und finanzielle Institutionen in Entwicklungsländern um. Kreditnehmerstaaten sind zwar freiwillige Mitglieder dieser Institutionen, haben aber kaum Einfluss auf die Politik des IWF, der WTO oder der Weltbank. Verkürzt könnte man die eurozentristische Sicht so formulieren: Wie im Westen so auf Erden. Paradox daran ist, dass man einerseits glaubt, dass der Westen universalisierbar sei, andererseits wird aber darauf beharrt, dass er auch einzigartig in seiner historischen Entwicklung ist. Meine Eltern haben beide nie einen Tempel betreten und sind überzeugte Atheisten.“ Zusammen mit Andreas Eckert brachte sie „Vom Imperialismus zum Empire: Nicht-westliche Perspektiven auf Globalisierung“ heraus.

Der Inder Pankaj Mishra fordert westliches Narrativ und Hegemonie verbal heraus. Früher schrieb er Prosa, heute Reiseliteratur und historische Werke, allerdings oft verwoben mit philosophischen Fragen. Das erzählende Schreiben, ob literarisch oder historisch, lehrte er auch als Gastprofessor in den USA und Grossbritannien. Für „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ erhielt er auf der Leipziger Buchmesse kürzlich den Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2014. Weil er den Hindu-Nationalismus in Indien kritisiert, wird ihm von dieser Seite auch vorgeworfen, für ein weisses Publikum im Westen zu schreiben und „Islam-Verharmlosung“ zu betreiben. Dabei übt der Hindu auch oft Islamkritik, grenzt die islamische Welt aber nicht aus. Der eigentliche Star der Leipziger Buchmesse, Yahya Hassan, ein palästinensisches Einwandererkind in Dänemark, attackiert sein Milieu, dies ist für manche leichter zu verdauen (so hat auch ein Palästinenser die Chance, ein „talentierter, junger Mann“ zu sein, in den Augen des „Jyllands Posten“ und seiner Leser), ist bekömmlicher als Mishra, der den westlichen Imperialismus kritisiert und manche Dinge beim Namen nennt.

In seinem aktuellen Buch beginnt er mit der britischen Machtübernahme in China und Indien im 19. Jahrhundert. Er schildert auch, wie Asien die „Geheimnisse der westlichen Macht“ wie neue Technologien, überlegene Informationsbeschaffung, Handelsvorzüge, moderne Ideen, aufnahm und gegen die westliche Welt wendet. Der Westen stecke mittlerweile tief in der Krise, und er tue gut daran, auf den Osten zu schauen, wo sich neue Perspektiven eröffnen könnten, meint er. Mishra kritisiert aber auch den auch in Asien längst vorherrschenden Nationalismus. „Menschen wie Rabindranath Tagore etwa pflegten Freundschaften mit Menschen in Kairo und Tokio und Shanghai, doch diese Zeit des Weltbürgertums wird heute durch die nationalistischen Historien unterdrückt“. Nachdem er eine Kritik von Niall Ferguson’s Buch „Civilisation: The West and the Rest“ geschrieben hatte, drohte dieser, ihn zu verklagen.

Weitere Literaturhinweise zur Thematik: Johann Schelkshorn und Jameleddine Ben Abdeljelil brachten 2012 „Die Moderne im interkulturellen Diskurs. Perspektiven aus dem arabischen, lateinamerikanischen und europäischen Denken“ heraus. Von Domenico Losurdo kam „Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismusund seine Mythen“ heraus. Der westliche Sieg im Kalten Krieg, so der Wissenschaftler der Universität Urbino, brachte eine Revision in der Geschichtsbetrachtung (verstärkt durch 11/9/01), so etwa bei Hillgruber, die Erfindung eines „liberalen Westens“ (Vereinnahmung von 1789) und eine Verdrängung der Verantwortung für Kolonialismus, Weltkriege, Faschismus. Und: Noam Chomsky und David Barsamian: Imperial Ambitions. Conversations on the Post-9/11 World (2005)