Hoder

Hossein Derakhshan alias Hoder, 1975 geboren, ist ein inhaftierter iranischer Blogger, der sowohl von Neocons als auch vom iranischen Regime in die Mangel genommen wurde. Schlussendlich wurde ihm zum Verhängnis, dass er sich innerhalb einiger Jahre von einem Extrem (VOA-Auftritte, Pro-Israel-Aktivitäten) zum anderen (Bekenntnis zum iranischen Regime als kleineres Übel, das ihm aber diesem gegenüber nichts nutzte) bewegte.

Derakhshan begann Ende der 1990er im Iran als Journalist, in der Zeit von Chatamis Präsidentschaft. Er schrieb unter anderem für die reformorientierte Zeitung “Asr-e Azadegan”, hauptsächlich über das Internet und Digitalkultur. In dieser Zeit tobte ein Machtkampf zwischen Chatamis Regierung und dem Parlament, in dem diesem zugeneigte Kandidaten damals eine Mehrheit hatten, einerseits, und dem religiösen Führer Khamenei sowie Institutionen wie dem Wächterrat andererseits. Dieser Machtkampf wurde u.a. darin ausgetragen, dass Zeitungen, die Chatamis Reformen unterstützten, von der konservativen Justiz verboten wurden. So auch “Asr-e Azadegan” 2000. Auch die Studentenunruhen 1999 entzündeten sich an der Schliessung einer populären reformorientierten Zeitung. Der bekannte Oppositionelle Akbar Ganji schrieb bei der selben Zeitung wie Derakhshan. Er wurde später auch inhaftiert (nachdem er über die Ermordungen von Oppositionellen durch das Regime schrieb), ging dann ins Exil, wo er für Demokratie im Iran und gegen einen Militärschlag gegen sein Land agitiert.

Bald nach der Schliessung der Zeitung ging Derakhshan, Ende 2000, nach Toronto in Kanada und begann zu bloggen. Sein zweisprachiger Blog (Englisch/Persisch) hiess “Editor: Myself” bzw. “Sardabir: khodam”. Dieser wurde aufgrund seiner Ausrichtung im Iran geblockt. Hoder, wie er sich nun nannte, schrieb hauptsächlich über die Opposition zum iranischen Regime, gab auch Anleitungen, wie ein Blog zu starten ist und wie Sperren umgangen werden können. Deshalb wurde er von Journalisten auch der “Vater der persischen Blogger” genannt. Das Internet ist im Iran so etwas wie das Fenster zur restlichen Welt. Hoder/Derakhshan schrieb auch für diverse internationale Medien, wie den britischen “Guardian”. Reiste zu Blogger-Konferenzen, trat in Radio-Sendungen auf, auch in TV-Sendungen von “Voice of America”. Irgendwann in diesen Jahren muss aber seine Ehe in die Brüche gegangen sein, aber darüber weiss ich nichts genaueres.

Mitte der 00er-Jahre wurde Hoder bei der Ausreise nach einem Besuch im Iran lange festgehalten. 2006 und 2007 besuchte er, inzwischen auch kanadischer Staatsbürger und ein renommierter Blogger, Israel, zu einer Zeit, als er es für den einzigen demokratischen Staat der Region hielt und demonstrieren wollte, dass zwischen Iran und Israel im Grunde gutes Einvernehmen sein könnte/sollte. Er traf dort u.a. mit Menashe Amir zusammen, einem iranisch-stämmigen Israeli, der lange die persischsprachigen Sendungen im israelischen Rundfunk gemacht hat und später auch bei “Stop Drop the Bomb” mitmachte. War auch bei “Memri” in Jerusalem, mit Carmon, traf “David Yerushalmi”, einen Israel-Lobbyisten in USA, der in einigen neokonservativen und islamophoben Organisationen aktiv ist und dessen Rassismus und Hetze sogar von der ADL kritisiert wurde (richtet sich auch gegen “Schwarze” und Einwanderer). Hoder wurde aber auch in seiner proisraelischen Phase als “Doppelagent” diffamiert, der “Taqiya” verdächtigt, oder auch verbal attackiert, als er in seinem Blog erfreut davon berichtete, in einem Sammeltaxi in Tel Aviv auf (andere) “Iraner” getroffen zu sein; gemeint hat er nach Israel eingewanderte iranische Juden – diese seien keine Iraner sondern Israelis, wurde er von Kommentatoren belehrt. Auf der anderen Seite jene konservativen Iraner, die ihm aus seiner Opposition zum Regime einen Strick drehen wollten

Ungefähr zu dieser Zeit wurde Chatami, dessen Reformprojekt gescheitert war, im Iran von Ahmadinejad abgelöst und begann der Atomstreit, eskalierte also die Konfrontation zwischen dem iranischen Regime und westlichen Mächten sowie den Oppositionellen. Hoder nahm gegen einen amerikanischen Angriff auf Iran Stellung und, trotz seiner Probleme mit dem Regime, für das Recht des Iran auf ein Atomprogramm. “…even if Iran becomes the most peaceful, secular and progressive, yet still independent state on the planet, the U.S. would be unable to tolerate it…”, schrieb er damals. Ein nächster Entwicklungsschritt war die Abwendung von Israel, dem gegenüber von ihm dann harte Kritik kam. Hatte er zu der Zeit, als er von einer Partnerschaft zwischen Iran und dem Judenstaat träumte, noch ausweichend geschrieben, die Sache mit der Besatzung sei ihm “zu kompliziert”, so schaute er irgendwann genauer hin.

Nicht notwendigerweise wandte er sich später auch dem Regime zu; er liess dabei eine Nähe zur Iranischen Freiheitsbewegung (Nehzat-e Azadi-e Iran) erkennen, der Partei, die 1961 von Mehdi Bazargan und anderen gegründet worden war. Der schiitische Islam wurde von dieser eher als Befreiungstheologie denn als religiöses System aufgefasst, sie wollte aber nicht diese Verknüpfung zwischen Religion und Politik, mit dem Klerus als herrschende Kaste, wie sie nach der Revolution 1979 entstand. Bazargan hatte zu Beginn der Revolution Khomeini unterstützt, war dadurch kurzfristig an der Macht, als Ministerpräsident einer Koalitionsregierung, ehe die Mullahs sich jener Kräfte entledigten, die eigentlich andere Vorstellungen hatten. Hoder hätte das eigentlich wissen müssen, auch dass Bazargans Partei dann verboten wurde, dieser der Islamischen Republik gegenüber immer kritischer wurde und bis zu seinem Tod von ihr schikaniert wurde.

Er begann in seinem Blog scharfe Kritik an Exil-Iranern zu üben, die er als Handlanger der Bush-Polizei sah, an solchen bei denen dies auszuschliessen ist wie Akbar Ganji, solchen wo dies nicht ganz erwiesen ist, wie Azar Nafisi, und solchen, wo kein Zweifel darüber besteht – wie Mehdi Khalaji. Khalaji wurde in (seiner Heimatstadt) Ghom zum schiitischen Theologen ausgebildet und bildete dann selber Geistliche aus. Er ging 00 nach Frankreich, zunächst um seine religiösen Studien fortzusetzen, landete dann aber bei “Radio Farda”, dem Propaganda-Programm von “Radio Free Europe”/”Radio Liberty” auf Persisch. 05 wurde er beim “Washington Institute for Near East Policy” (WINEP), dem Think-Tank von AIPAC, aufgenommen. Einige Leute, die dort führende Positionen inne haben/hatten, hatten diese auch in der Bush-Regierung, dem israelischen Militär oder der “Jerusalem Post” (die einst auch über Hoders Solidaritätsreise nach Israel berichtet hatte…) inne; Richard Perle, Marty Peretz, James Woolsey, Martin Kramer, Zeev Schiff, Kissinger, Indyk, Wolfowitz gehören zum Personal des Instituts, das sich einen wissenschaftlichen Anstrich gibt. Geld bekommt es u.a. von Aubrey Chernick, der auch die ADL, jüdische Siedlungen in den palästinensischen Gebieten (damit das Besatzungsregime) oder CAMERA finanziert.

Khalaji arbeitet(e) auch beim Persisch-Nachrichtendienst der US-Regierung oder beim “American Foreign Policy Council” (AFPC) mit. Hoder kritisierte ihn dafür, den Onkel Tom für die Woolseys, Bermans, Clawsons zu machen. Er schrieb über ihn u.a.: “Mehdi Khalaji is the only person on the planet who has indirectly worked for or given advice to both Khamanei’s office and Cheney’s in less than five years.” Khalaji reagierte mit Einschüchterungsmaßnahmen gegenüber dem blog-Anbieter, verklagte Hoder dann – sein Anbieter (“hosting matters”) beugte sich schliesslich und stellte seinen blog (im August 07) ein. Was das iranische Regime nicht geschafft hatte, haben Khalaji und seine Herren geschafft.

Es kam aber noch viel schlimmer für ihn. Derakhshan reiste etwa ein Jahr danach in sein Heimatland. Im November 2008 wurde er dort im Haus seiner Eltern verhaftet. Es gab verschiedene Anschuldigungen, aber er wurde sehr lange ohne Anklage inhaftiert. Er ist bei Verhören misshandelt worden. Einmal wurde seinen Eltern erlaubt, mit ihm im Evin-Gefängnis zu Abend zu essen. 2010 erst wurde er vor Gericht gestellt, ihm wurden seine früheren Kommentare im Blog über Religion und das Regime sowie seine Israel-Reise zum Vorwurf gemacht. Er wurde zu 19 ½ Jahren Haft verurteilt – die härteste Strafe, die je gegen einen iranischen Blogger oder Journalisten verhängt wurde. 2013 wurde die Strafe auf 17 Jahre herabgesetzt. 17 Jahre, eigentlich nur für Worte…

Möglicherweise hat Rivalität innerhalb des Regimes zu dieser sehr harten Strafe geführt. Einige kurze Freigänge aus Evin wurden ihm bisher gewährt. In einem anderen Blog hat jemand Derakhshans Reise in den Iran nach seiner Blog-Aktivität so kommentiert, er habe sich verhalten wie jemand, der mit Fleischstücken um seinen Hals in ein Löwengehege steigt. Die Attacken auf ihn und die Beschuldigungen, Regime-nahe zu sein rissen trotz seiner Verhaftung und Verurteilung nicht ab. “Agent of the IRI” für die einen, “Spion für den Westen” für die anderen.

Irans 2013 gewählter Präsident Rohani hat zwar letzten Herbst einige politische Gefangene freigelassen (wie die Menschenrechts-Anwältin Nasrin Sotoudeh) und andere Liberalisierungen und Verbesserungen durchgesetzt – so liefert “Boeing” als Folge des Atom-Übereinkommens erstmals seit der Revolution Flugzeug-Ersatzteile, welche hoffentlich jene Abstürze verhindern werden, zu denen es im Iran immer wieder gekommen ist – “Hoder”, Kian Tajbaksh (ein in USA wirkender Wissenschafter, half nach dem Bam-Erdbeben 03, wurde ebenfalls bei einem Besuch in der alten Heimat wegen Opposition zum Regime verhaftet), Mir-Hossein Mousavi (unter Hausarrest), Jafar Panahi, Hossein K. Boroujerdi (ein Ajatollah, der aber für die Trennung von Politik und Religion ist), Behrouz Tavakkoli (aktiv in der Baha’i-Religionsgemeinschaft), Reza Shahabi (ein Gewerkschafter), Abdolfattah Soltani (Anwalt und Menschenrechtsaktivist), Abbas Amir-Entezam (bereits unter dem Schah verfolgt, seit 33 Jahren immer wieder inhaftiert), Hossein Ronaghi-Maleki (bloggte als “Babak Khorramdin”, aktiv bei dem Aufstand 2009) und Hunderte andere sind aber nach wie vor in Gefangenschaft.

http://iranian.com/main/2007/hoders-recent-problems-0.html (auf Englisch; über die Einstellung seines blogs)

hosseinderakhshan.wordpress.com (auf Persisch; eher über ihn als von ihm)

 

 

 

 

 

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