Gaza II

Im heurigen Sommer die Entführung und Ermordung von drei Talmud-Schülern im Westjordanland. Bei der Suche des israelischen Militärs nach den Abgängigen („Bruders Hüter“) werden etwa 10 Palästinenser im Westjordanland getötet; in Nablus etwa wird einer erschossen, als er zum Morgengebet in die Moschee gehen will, er habe sich den Truppen „auf bedrohliche Weise“ genähert und nicht auf Warnschüsse reagiert. Für Palästinenser gilt eben “live on your knees or die standing”. Dutzende werden verletzt, Hunderte einfach so verhaftet1, die Durchsuchungen sind auch mit Zerstörungen verbunden. Nach Verhören (wahrscheinlich wieder mit “moderate physical pressure”) sagt der Geheimdienst Shin Bet, er habe die Entführer identifiziert, sie gehörten zur Hamas.

Scheint die Aktion einer vereinzelten Hamas-Zelle gewesen zu sein. Israelische Behörden könnten vor dem Bekanntwerden des Auffindens der getöteten Jugendlichen (die  zu Märtyrern gemacht wurden) von ihrem Tod gewusst haben und die “Suchaktion” unternommen haben, um gegen die Hamas im Westjordanland vorzugehen. Ging es hier um (bzw. gegen) die einige Monate zuvor zustande gekommene Einigung zwischen der Gaza-Regierung der Hamas und der Westbank-Regierung der Fatah?

Nach dem Auffinden der Leichen der Entführten, ihrem Begräbnis, Ruf nach Rache, nicht zuletzt bei einer grossen Demonstration in Jerusalem, an der auch Politiker wie Michael Ben Ari teilnehmen. Tags darauf wird ein palästinensischer Jugendlicher in Jerusalem entführt und getötet, bei lebendigem Leib verbrannt, er musste Benzin trinken damit die Flammen auch ins Innere gehen. Sechs Verdächtige, “jüdische Extremisten”, festgenommen, Geständnisse. Die Reaktionen von israelischer und pro-israelischer Seite bewegen sich zwischen Infragestellen der Verantwortung (“Palästinenser bringen sich oft gegenseitig um”, “selbst schuld”, u.a.) und einem anderen Chauvinismus (auch von Netanyahu), der die Behandlung des Mordes in Israel der “Gegenseite” positiv gegenüberstellt.

Der Vater des Verbrannten fragt, warum die Häuser der Mörder nicht zerstört werden, wie es mit jenen der drei palästinensischen Tatverdächtigen im Westjordanland geschah, wenn die Verurteilungen der Tat ernst gemeint sind. Bleibt abzuwarten, welche Strafe hier tatsächlich am Ende steht; die Terroristen des “Jüdischen Untergrunds” (eng vernetzt in der Siedlerszene), die Anfang der 1980er Bombenattentate gegen palästinensische Bürgermeister und Autobusse verübten, wurden nach ihrer Verurteilung von Präsident Herzog mehrmals begnadigt, bis von einer Strafe fast nichts mehr blieb, der Haupttäter Mosche Zar, ein Freund und Militärkollege von Scharon, verbrachte überhaupt nur einige Monate im Gefängnis. Abzuwarten auch, ob den Tätern eine ähnliche Verehrung zuteil wird wie Baruch Goldstein.

Bald darauf beginnt im Gaza-Streifen der “Krieg”; wer begonnen hat, provoziert hat, was eine Reaktion auf was war (das Abfeuern von Geschossen aus Gaza, israelische Angriffe darauf), darüber gehen die Angaben bzw. die Meinungen wieder auseinander. Mit der Militäraktion im Westjordanland gibt es in jedem Fall einen Zusammenhang. Netanyahu kündigt an “jetzt die Samthandschuhe auszuziehen”, als schon Dutzende Palästinenser getöten waren. Drei Geschosse aus Gaza wurden laut israelischem Militär über dem Tel Aviver Flughafen abgefangen, der Flugverkehr wird vorübergehend eingestellt. Israelischer Luftangriff auf den syrisch gebliebenen Teil der Golanhöhen, nachdem nach israelischer Darstellung eine Rakete aus Syrien in einem von Israel besetzten Gebiet der Golanhöhen eingeschlagen war, ohne Schäden anzurichten; dort vier Menschen getötet. Auch vom Libanon aus kurzfristig Beschuss, Gegenbeschuss. Nach der Entdeckung von auf israelisches Gebiet führender Tunnel befiehlt Netanyahu eine Bodenoffensive; neben dem Tunnelsystem soll es um Raketenwerfer und Waffenfabriken gehen.

Einen Häuserkampf wollten Israelis wegen der befürchteten Opferzahl in den eigenen Reihen eigentlich vermeiden, seit Libanon 2006 zerstört man lieber ganze Wohngegenden samt Einwohnern; mit überlegener militärischer Kraft aus der Distanz anzugreifen ist leichter.2 Finkelstein auf “Democracy Now”: “Israel hätte die Tunnel auch auf seiner Seite verschliessen können anstatt Hunderte dafür zu töten.” In der Nähe eines Tunnels soll ein israelischer Soldat entführt worden sein, israelische Armee bombardiert daraufhin mit aller Härte die nahe gelegene Stadt Rafah, tötet Dutzende Zivilisten; anscheinend wurde aber doch kein Soldat entführt. Israel sagt, die Hamas installiere Militäreinrichtungen in Wohngebieten. Nach anderen Angaben werden die “Raketen” aber aus den Öffnungen von Tunnels abgefeuert, und Israel übt an umliegenden Gebäuden Vergeltung.

Bewohner des Gazastreifens werden per SMS, automatisierten Anrufen, abgeworfenen Flugblättern, aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Was als grosszügige Geste dargestellt wird, ist eigentlich Teil psychologischer Kriegsführung, eine Form der Machtausübung und bringt keine Verschonung von Zivilisten. Sie sollen ihre Häuser verlassen, damit diese in Ruhe zerstört werden können, und das soll auch noch grosszügig sein. Jene, die bleiben (oder wieder zurückgekehrt sind), werden als “menschliche Schutzschilder der Hamas” und damit “legitime Kollateralschäden” angesehen.3 Als in Gaza Stadt wieder zahlreiche Zivilisten durch massiven Beschuss getötet werden, darunter auch ein Sanitäter und ein Journalist, rechtfertigt sich Israel damit, dass die Leute aufgefordert wurden, die Gegend zu verlassen. Und wenn sie weggehen, werden sie woanders getötet, auch in UNRWA-Einrichtungen, Schulen, Krankenhäusern. Es genügt, dass dort Waffen vermutet werden, manchmal heisst es dann auch, der Grund für den betreffenden Beschuss werde “untersucht”. Das IKRK kritisiert (z.T. tödliche) Angriffe auf Rettungskräfte des Palästinensischen Roten Halbmondes und medizinisches Personal im “Gaza-Konflikt”.

Es gibt im Gaza-Streifen keine Zufluchtsstätten für die Zivilbevölkerung wie Bunker. Diese hätte die Verwaltung des Streifens, die seit 06 von der Hamas gestellt wird, bauen lassen können. Voraussetzung dafür wäre, dass Israel die dafür nötigen Materialien durchlässt und die Bauarbeiten zulässt. Bilder zeigen, dass Israel bei Bodenoperationen palästinensiche Kinder/Jugendliche als Schutzschilder benützt; bei Bodenoperationen wurden auch absichtlich Zivilisten getötet, wie auch durch die Initiative “Breaking the Silence” bekannt wurde.

Ilan Pappes Kritik, Israelis betrachteten den palästinensischen Raum militärisch und beanspruchten für sich, als Zivilisten wahrgenommen und behandelt zu werden, bestätigt sich hier. Israel führt auch in “Friedenszeiten” immer wieder Kollektivbestrafungen gegenüber den Palästinensern durch, nicht zuletzt durch die Einbehaltung der palästinensischen Steuergelder. In Kriegszeiten wird (in Gaza) ihre Infrastruktur zerbombt, Verwaltungseinrichtungen werden automatisch der Hamas zugeordnet und zerstört, auch Universitäten werden anscheinend als politische Ziele gesehen, auch Brücken oder  Feuerwachen zerbombt. Das einzige Kraftwerk in Gaza, es erzeugte Strom für Haushalte, Betriebe, Krankenhäuser und Abwasserpumpen, wird zerstört.

Während einer Feuerpause (die für die Gaza-Bevölkerung Gelegenheit bietet zu Atem- und Proviant-holen, Bergen von Überlebende und Leichen aus Trümmern) wird ein belebter Markt nahe Gaza-Stadt aus der Luft angegriffen, nach palästinensischen Angaben werden mindestens 15 Menschen getötet. 9 junge Fussballfans werden in einem Strandcafé beim WM-Semifinale Argentinien-Niederlande von israelischen Raketen getötet – nicht nur in Nigeria, wo es der islamistische Terror ist, gibt es Tote beim öffentlichen Schauen von WM-Spielen. Am Strand werden Kinder von einem israelischen Kriegsschiff aus erschossen, ein Offizier/Soldat am Schiff soll sie für “flüchtende Kämpfer” gehalten haben.

Merkel kommentiert ganz überraschend mit Abnicken in Bauchlage. Obama übt sich in Appeasement. UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Navanethem Pillay kritisiert die israelische Operation wegen der Bombardierung von Wohnhäusern und weil bei den israelischen Angriffen nicht zwischen Hamas-Kämpfern und Zivilisten unterschieden werde, auch Kinder getötet werden; sie verurteilte auch den Abschuss von Raketen und Granaten durch palästinensische Extremisten auf Israel. Die türkische Regierung unter Erdogan hat sich am entschiedensten gegen das Massaker ausgesprochen, wird entsprechend dämonisiert.

Je schlimmer die Tat, desto verlogener die Rechtfertigung. Gegen Kritik daran, Gaza in Schutt und Knochen zu legen, wird eine perfekte Immunisierung geliefert, der Antisemitismus-Vorwurf. Eine Asymmetrie gibts nicht nur in dem Konflikt, sondern auch in seiner Darstellung/Wahrnehmung. Zivile palästinensische Opfer sind mal “selbst schuld”, mal “tragische Kollateralschäden”, mal die Schuld der Hamas (Regierungssprecher Regev), mal die Antwort auf Islamismus, mal wird ihnen das Zivilisten- oder das Opfer-sein abgesprochen, mal werden sie auch bejubelt. Jede Kritik an der Militäraktion, jeder Protest, wird im Endeffekt mit “Antisemitismus”-Vorwürfen versehen, besonders im deutschsprachigen Raum. Die Menschenverachtung, die Hetze, der Rassismus in der Apologetik der Militäraktion bzw. allgemein in proisraelischen Stellungnahmen, Argumentationen, Diskursen ist in diesen Metadiskursen nicht präsent, wird ausgeblendet – was insofern Sinn ergibt, als die “Richter” hier oft gleichzeitig Partei sind. “Die Qualität der Untaten der israelischen Streitkräfte unter der Führung von Ministerpräsident Netanyahu lässt sich mitunter auch daran bemessen, wie hoch die Gefahr eines neuen Antisemitismus eingeschätzt wird. Wie hat es Norman Finkelstein einmal ausgedrückt: ‘Kill Arabs, cry anti-Semitism’ ” hat Mondoprinte geschrieben.

1000 Palästinenser waren schon getötet, derweil schärft Broder den Deutschen und Österreichern über “Die Welt” und “News” ein, dass Kritik daran “antisemitisch” ist. Von Springer auch eine “Nie wieder Judenhass”-Aktion der “Bild”, in der es hauptsächlich um Kritik an dem, Proteste gegen das israelische Massaker geht. “Antisemitismus”-Zuweisungen an Moslems verbinden sich mit Apologetik der israelischen Militäraktion. In dem Zusammenhang auch die Attacke von Nicolaus Fest gegen den “Islam”; so kommt Rassismus heutzutage gern daher, politisch korrekt formuliert, mit einem philosemitischen, pseudo-progressiven Aufhänger, um gegen andere hetzen zu können. “… antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben.” > Ein “Pogrom” in dem Raum stellen, um vom Massaker in Gaza abzulenken, den Grad der Zivilisiertheit über seinen eigenen “Philosemitismus” definieren,… In Deutschland gibt es seit jeher Begeisterung für israelische militärische Durchschlagskraft, die gern mit einem Wiedergutmachungs-Anspruch Hand in Hand geht und gern auch mit einer Verachtung für das “orientalische”.

Von Apologeten kommen gerne die Verweise auf den Syrien-Krieg, um Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza als “heuchlerisch” (bzw. “antisemitisch”) abzutun oder um zu relativieren (“viel schlimmer als was in Gaza passiert”) oder um von dort abzuleiten, wie “Araber” doch seien, “miteinander umgingen” (dies in Bezug auf Afrikaner war auch eine der beliebtesten Rechtfertigungen des Apartheid-Regimes Südafrikas). In Wirklichkeit ist es umgekehrt, in Syrien gibts Sanktionen, Ächtung, Druck. Die wochenlange Bombardierung von Wohnvierteln wird in Syrien als ungeheures Kriegsverbrechen angesehen… Und, die Apologetik des israelischen Vorgehens durch genau jene, die im Fall der Chemie-Waffen des syrischen Regimes eine westliche Militär-Intervention forderten, sagt eine Menge über deren Motivation bei ihrer damaligen Kriegspropaganda (“Kinder in Syrien retten statt ungerührte Neutralität”) sowie ihre Heuchelei aus.

Israelis kommen in Nähe von Gaza um israelische Bombardements (bzw. “Verteidigung”) dort zu bejubeln, machen La Ola dazu auf den Hügeln. Diana Magnay von CNN ist auch dort (ausländische Journalisten werden von Israel nicht nach Gaza gelassen), nach dem Tweet “Israeli auf dem Hügel über Sderot jubeln während Bomben auf Gaza fallen; drohen unser Auto zu zerstören wenn ich ein falsches Wort sage. Abschaum.” wird sie versetzt. Israeler können sich die Hamas-“Raketen”-Angriffe in der Regel ruhig auf ihren Balkonen anschauen, oder bei einem Picknick. Und jene, die vermeintliche/tatsächliche palästinensische Freudenkundgebungen bei Anschlägen anprangern, stecken bei diesen ihre Köpfe tief in den Sand. Auf Youtube gibt es, bei Videos über die Zerstörung ganzer palästinensischer Wohnviertel im Gaza-Streifen, einerseits das zynische Bejubeln (“Wartet, ich hole mir Popcorn” uä), andererseits das “Es ist antisemitisch das zu thematisieren”.

Es gibt in Israel auch Proteste gegen das Töten. Aber auch Übergriffe gegen diese und gegen Nicht-Juden. Die faschistische Rhetorik von Politikern wie Ajelet Schaked, Militärs, oder Wissenschaftern wie Mordechai Kedar bleibt hierzulande weitgehend unbeachtet. Der Hitler-Bewunderer Feiglin, inzwischen Knesset-Vizesprecher, nimmt offen Stellung für die Wiederbesetzung Gazas (“Gaza ist Teil von Israel”) und die Vertreibung der Palästinenser von dort; ginge es um ein anderes Land, würden nach einer solchen Äusserung eines Spitzenpolitikers die Botschafter dieses Landes in mehrere westliche Aussenministerien zitiert werden; dies zu den “doppelten Standards”. Ein palästinensischer Abgeordneter, der das Massaker thematisierte, wird von Feiglin des Saals verwiesen. “Wenn wir den [angeblich entführten] Soldaten nicht binnen weniger Stunden zurückbekommen, werden wir Gaza fertigmachen“, sagt Danny Danon von der regierenden Likud-Partei. Er hat unmittelbar vor der Bodenoffensive wegen radikaler Äusserungen das Amt des Vizeverteidigungsministers verloren, heisst es. Was für eine Äusserung muss das gewesen sein, wenn sie für ihn in diesem Israel sogar negative Konsequenzen hat?

Jemand auf Youtube unter einem Video vom Krieg: “Nuke Gaza and wash it down with Napalm, then clean up with Sarin, bulldoze the rubble into the sea and start over with human beings this time.” (viele likes). Oder: “I love watching CNN because I get to see more of those Palestinian cockroaches dead. Fuck them up the ass. I love when I see the T.V. and see the tears of the Palestinian people from there dead. I just wish Israel did not give them warning before they bomb. The Palestinian People don’t deserve warning They deserve the most painful excruciating death. The Israelis have bombed the cities. They have bombed the power plants. They have shut there water off so they can suffer slowly that is what they deserve. If i had it my way I would execute every child with a gun shot to the back of there head so they cant grow up and become a terrorist…”.

Eine Untersuchung über die Menschenverachtung und den Rassismus in Israel-Solidarität/-Begeisterung würde sich auszahlen, gerade im deutschsprachigen Raum (von wo die zwei Beispiele nicht stammen dürften). Ein Forschungsprojekt an der TU Berlin beschäftigt sich gerade wieder einmal mit “Antisemitismus im Internet”, und nach dem was darüber bekannt ist, läuft es wieder auf die Delegitimierung von Israel-Kritik hinaus; dass es “am anderen Auge” blind ist, versteht sich fast von selbst. Jene, die (wieder mal) vom töten aller Gaza-Palästinenser träumen, sagen auch, was von ihrer sonstigen Instrumentalisierung von Frauen, Christen, Homosexuellen oder Hamas-Gegnern unter Palästinensern zu halten ist…

In Bischofshofen (Österreich), bei einem Testspiel zwischen Maccabi Haifa und OSC Lille, laufen gegen Spielende türkisch-stämmige Zuschauer mit einer palästinensischen Fahne aufs Feld um gegen das Massaker (damals 700 unschuldige Menschen getötet) zu protestieren. “Fuck Israel” und ähnliches sollen sie zudem während des Spiels gerufen haben. Es kommt zu einem “Gerangel” mit Haifa-Spielern. Ein Video zeigt, dass ein Spieler zuerst zugetreten hat (als die Leute über das Spielfeld rannten) und so die Schlägerei begann. Platzsturm und feindselige Sprechchöre gibt’s öfters. Dass zuerst ein Spieler zutritt, sieht man selten. Nicht nur die israelischen Fussballer konnten gar nicht mehr beruhigt werden. Die Platzsturm-Aktion wird von manchen Journalisten (etwa zwei von österreichischen Gratiszeitungen), Organisationen und Politikern verwendet, zur Diffamierung von jeder Kritik an dem Massaker; Gaza wird mitunter auch in den Schatten von Bischofshofen gestellt.

Die Platzstürmer seien keine “echten Österreicher” gewesen, wird wiederholt betont. “Antisemitisch” sei die Aktion sowieso, auch “terroristisch” und “rassistisch” (bei dieser Etikettierung werden aber gleich einmal ein paar Leser auf Distanz zum Schreiber und seinem Anliegen gegangen sein…). In sozialen Netzwerken wird einerseits Maccabi Haifa als “coexistence club” angepriesen (sie hätten moslemische Spieler), andererseits “DEATH TO ALL ARABS AND MUSLIMS !! FUCK TURKEY !!! TO BURN GAZA !!” dazu gepostet. Einerseits will man sich das Opfermäntelchen umhängen, andererseits kommt dann so was wie “Go Israel! Those footballers should smash the head of those idiot Palestine supporters”. Es gibt auch längst einen Aufkleber dazu, “Kick Antisemitism & Antizionism” sagt er, dazu das Bild eines Maccabi-Spielers wie er einen Protestierenden mit palästinensischer Flagge tritt. Genau das war von den selben Kreisen wütend in Abrede gestellt worden – aber das sich-in-der-Opferrolle-verorten oder aber protzen mit seiner Schlagkraft und “Überlegenheit” (bzw. zu offener Verachtung stehen) sind beim zionistischen Chauvinismus immer zwei Seiten der Medaillie.

Rassismus im israelischen Fussball wäre in dem Zusammenhang auch ein ergiebiges Thema. Abbas Suan aus Sachnin in Galiläa/Jalil ist ein “israelischer Araber”, ehemaliger Profi-Fussballer, war Nationalspieler für das israelische Team, und er spielte auch bei Maccabi Haifa. Auch er war Zielscheibe von rassistischen und chauvinistischen israelischen Fussballfans, so haben die bekannt rechten Fans von Beitar Jerusalem bei einem Spiel ihres Klubs gegen Bnei Sachnin, wo Suan damals spielte, ein Riesen-Transparent mit der Aufschrift “Suan, du repräsentierst uns nicht” (auf seinen Status als Nationalspieler abzielend) entrollt, dazu skandierend “Wir hassen alle Araber”. Auch Spieler von Beitar beteiligen sich an der Hetze. Amit Ben Shushan etwa, der nach dem israelischen Pokalfinale 2009 zusammen mit Tausenden Fans (und vor laufenden Fernseh-Kameras) über das “Hassen der Araber” sang und dies Salim Toama widmete, einem anderen “israelischen Araber”. Suan, der auch dafür angefeindet wurde, weil er die israelische Nationalhymne bei Länderspielen nicht mitsang (“da sie nur Juden erwähnt”), unterstützt die Gründung eines palästinensischen Staats und eine Wiedergutmachung für die während der Nakba enteigneten Häuser und Grundstücke.

Vielleicht hier mit “Koexistenz” ansetzen und den “israelischen Arabern” eine Stimme geben? Oder Chaim Revivo. Der Israeli spielte einige Jahre in der Türkei, bei Galatasaray und Fenerbahce in Istanbul, war dort sehr beliebt. Nun ist er Manager bei Beitar Jerusalem. Als solcher hat er angekündigt, keine arabischen Spieler zu verpflichten; man wolle die Fans nicht provozieren. Siehe dazu http://www.haaretz.com/opinion/1.534207 (manchmal kommt die nackte Wahrheit eher aus israelischen denn aus irgendwelchen anderen Quellen). Die Koexistenz in Haifa ist eigentlich durch den Terror der Jahre 1947-49 (Nakba) zerstört worden, danach waren von den 70 000 palästinensischen Einwohnern der Stadt nur noch ca. 4000 übrig; und die wurden zwangsweise umgesiedelt, ghettoisiert, diskriminiert, waren Übergriffen ausgesetzt (hauptsächlich von ehemaligen IZL- & LEHI-Leuten).

Apropos “israelische Araber”: Am Rande des Begräbnisses des verbrannten Mohammed Abu Chedair kommt es in Ost-Jerusalem zu Krawallen; ein 15 Jahre alter Cousin des Ermordeten (die Familie war aus den USA zum Begräbnis gekommen) wird festgenommen und misshandelt. Von Jerusalem breiten sich die Proteste der “israelischen Araber” (Palästinenser die während der Nakba 1947-49 nicht ermordet oder vertrieben wurden bzw. ihre Nachkommen) während des “Krieges” in Gaza ins Zentrum und in den Norden Israels (u.a. Nazareth) aus; Zusammenstöße. Auch Beduinen beteiligen sich an den Protesten. “Israelische Araber” halten ihre Köpfe normalerweise tief. Die Szenen erinnern an Proteste zu Beginn des Palästinenseraufstands im Herbst 2000 (2. Intifada).

Damals waren 13 israelische Araber von der Polizei getötet worden. Bei Unruhen im Westjordanland im Zuge von Solidaritätsprotesten für die Bewohner von Gaza werden mindestens sieben Palästinenser getötet. Eine “Rakete” aus Gaza trifft ein Beduinendorf bei Dimona (sie wurde nicht abgefangen), tötete einen dort (verletzte andere), einen von 3 Zivilisten auf israelischer Seite in dem “Krieg” (wenns um Opfertum geht, sind die volle Israelis), neben 64 Soldaten (einige davon wieder durch Beschuss eigener Kollegen). Und wenn nach dem Krieg die Meldung kommt, die Hamas-Miliz habe Gaza-Bewohner wegen des Vorwurfs der Zusammenarbeit mit Israel hinrichten lassen, dann zählen auch palästinensische Opfer.

Im österreichischen “Kurier” gibts einen grossen Sonntags-Artikel über Türken in Österreich, Schwerpunkt “Antisemitismus” (> Bischofshofen, Demos), Integrationsdefizite,… mit der Schlagseite, die dazu zu erwarten war, aber noch einigermaßen im Rahmen. Das lag auch an der wiedergegebenen Stellungnahme des Politologen Schmidinger zum Thema “Antisemitismus unter moslemischen Jugendlichen”: “…Jetzt bin ich aber skeptisch, wie man mit dem Thema umgeht: Es wird sehr stark gegen Muslime an sich benutzt. Der Antisemitismus wird momentan als Argument für antimuslimische Ressentiments verwendet. Zum Beispiel von der FPÖ, die so tut, als gäbe es keinen Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft…Der Antisemitismus wird auch gegen Muslime eingesetzt.” Eine Auseinandersetzung mit dem Geschehen in Gaza, das dem Ganzen zu Grunde liegt, findet in dem Artikel gar nicht statt. Die Kommentare unter dem Artikel in der Online-Ausgabe bestätigen, welche Funktion die Antisemitismus-Keule gegen “Orientale” hat, es kommen fast nur ausländerfeindliche, antitürkische Kommentare, die knapp neben offenem Rassismus stehen.

“Denen [Linke, Herrschende] sind türkische Antisemiten noch immer lieber als Österreicher, die im Dirndl beim Trachtenumzug mit machen.” < In diesem wurde “Antisemitismus” ausnahmsweise noch verwendet. In vielen anderen ging es um Abrechnungen mit “Multikulti”, mit Linken, irgendwann kam auch Lampedusa (und dass man gegenüber Flüchtlingen härter zu sein hat) und der “clash of civilizations”. Der Kommentar war irgendwie repräsentativ für das Niveau und den Tenor: “schuld sind wir, weil es uns (manchen!) nicht passt, wenn sie radikal sind, mit Messern spielen, …….Das ist doch nur deren Mentalität, die von den Neantertalern übriggeblieben ist!”

Der “Krieg” ging nach 4 Wochen mit etwa 2000 getöteten Palästinensern (überwiegendst Zivilisten) zu Ende, 9000 Verletzten; und 67 Israelis (überwiegendst Soldaten; auch Nicht-Juden darunter). Die Fernangriffe werden auch fortgesetzt, als über Ägypten Waffenstillstandsverhandlungen laufen. Neben dem einzigen Kraftwerk wurden auch die Trink- und Abwassersysteme beschädigt, Krankenhäuser,… Die Infrastruktur des Gaza-Streifens wurde wieder schwerst zerstört, schlimmer als bei früheren Angriffen. Auch der Zoo in der Stadt wurde beschädigt, Tiere getötet. Tausende haben ihr Obdach verloren. Versorgungsknappheit sowieso, halben Tag für Brot anstellen.

Der Palästinensische Wirtschaftsrat für Entwicklung und Wiederaufbau (PECDAR) in Ramallah schätzt die Kosten für den Wiederaufbau des Gazastreifens auf rund 4,6 Milliarden Euro. Die PECDAR-Experten schätzen, dass der Wiederaufbau des Gazastreifens selbst bei einer vollständigen Aufhebung der israelischen Blockade fünf Jahre dauern würde. Seit Beginn der Waffenruhe haben aber noch keine Baumaterialien die Grenzen in den Gazastreifen passieren dürfen. Und, in Israel wird schon vom nächsten “Rasenmähen” in Gaza gesprochen. Die palästinensische Seite fordert in den Verhandlungen u.a. die Aufhebung der Blockade, etwas dass nun auch die US-amerikanische Regierung unterstützt (Präsident Obama, Aussenminister Kerry). Mit Beginn des jüngsten “Kriegs” verboten Israelis den Gaza-Palästinensern das Fischen anscheinend ganz, in den Verhandlungen in Kairo heben sie das endlich (teilweise!) auf, stellen das als grosses Zugeständnis dar… In Wirklichkeit gehts in dem Konflikt u.a. um das permanente Verbot über die 3-Meilen-Zone hinaus. Netanyahu ordnet an, dass in Gaza über die Sommerferien hinaus die Schulen geschlossen bleiben, weil die Hamas diese “für Angriffe nutze”; bei Zuwiderhandeln droht die Todesstrafe.

Links:

Vijay Prashad: What You Bomb, a poem for Gaza

http://between-the-lines-ludwig-watzal.blogspot.co.at/2014/07/israels-attack-of-gaza-strip.html

Gaza: Wer in dieser Zeit nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen denkt, hat es schwer.

http://oraclesyndicate.twoday.net/stories/premier-benjamin-netanyahu-zu-israels-aktion-endgueltige-loesung-des/

www.youtube.com/watch?v=cbHSiQyCPTw&index=94&list=LLHdRFHbkQPfAQTfm3VYdW6w “Israel is only Defending itself”

Sieben Mythen über die Hamas |Fabian Köhler

what-blumenthal-gaza

http://www.hintergrund.de/201407273176/politik/welt/mein-herz-ist-tot.html

IDF Sniper Admits On Instagram To Murdering 13 Gaza Children

https://le-bohemien.net/2014/08/11/zum-medienkrieg-um-gaza/

Names of the Victims in Gaza – Continuously Updated

 

Gaza 2014
Gaza 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sie kamen in “israelische Verwaltungshaft”, die unbegrenzt alle sechs Monate durch Richterbeschluss verlängert werden kann, ohne Anklage
  2. Im Jahr 2006 hat der damalige Zahal-Nord-Chef „Gadi“ Eisenkot (Eltern aus Marokko) im Libanon die Zerstörung ganzer Wohngegenden eingeführt, statt um sie zu kämpfen, im Beiruter Vorort Dahiya, eine auch hier angewandte Methode
  3. Die palästinensischen Opfer/Zivilisten in Gaza werden mit der Hamas identifiziert. Selbiges geschah mit der Hilfe die die zT türkische Flotille nach Gaza bringen wollte; auch um davon abzulenken, dass Israel Gaza (dem es angeblich grosszügigerweise die Unabhängigkeit geschenkt hat) nicht einmal Schiffsverkehr (empfangen, aussenden) zugesteht

Gaza I

 

“Che” Guevara 1959 im damals ägyptisch verwalteten Gaza

Aus aktuellem Anlass geht es hier um das Freiluftgefängnis Gaza, eines der gequältesten Länder auf der Welt, seine Spezifika und seinen Anteil an der palästinensischen Geschichte (Tragödie). Im 2. Teil, der demnächst kommt, wird es um das jüngste “Rasenmähen” in Gaza gehen, auch um (weitere) Asymmetrien in dem Konflikt und in seiner Darstellung. Die Wurzeln des “Gaza-Konfliktes” liegen in der Nakba 1948, damals wurde dieses Ghetto geschaffen, danach (1967, 1994,…) haben sich nur die Bedingungen mal verschlechtert, mal leicht verbessert; insofern steht Gaza für ganz Palästina. Die Schnittstellen-Position Palästinas zwischen Asien, Afrika, und Europa wäre in Gaza besonders ausgeprägt, doch ist es heute übervölkert, total abgeschnitten und “am Rande” gelegen.

Palästina/Kanaan war in der frühen Antike lange in ägyptischer Hand, bis die Philister die Macht über nahmen (ca 12. Jh vC). Südwest-Palästina (bis Asdod hinauf) war auch immer ägyptischem Einfluss “ausgesetzt”; der Name der Stadt und der Gegend (Gaza) geht auf die Ägypter zurück. Das zeitweise „Kana“ genannt Gaza war eine wichtige Handelsstadt, an der Weihrauchstrasse, Zwischenstation nach/von Alexandria, mit einem Hafen, mit Landwirtschaft in ihrer Umgebung. Dann gab es im Land lange Kämpfe zwischen Kanaanitern, Philistern, Israeliten; Gaza war ein Zentrum der Philister, der Feinde der Israeliten. Die Legende von Samson (aus der Zeit der Richter), der die Philister bekämpfte (und sich in die Philisterin Delila verliebte), hat Bezüge zu Gaza. Die religiösen jüdisch-christlichen Überlieferungen decken sich nur teilweise mit den geschichtlichen Fakten. Ein Drama von John Milton dreht sich um diesen Samson; der Roman “Eyeless in Gaza” (“Geblendet in Gaza”) von Aldous Huxley aus 1936 bezieht seinen Titel davon, nicht aber den Inhalt.

An der Verbindung zwischen Afrika und Asien gelegen, bekam die Gegend um die Stadt Gaza viele kulturelle Einflüsse mit, aber auch viele Schlachten. Etwa 332 vC jene zwischen den makedonischen Griechen, von Phönizien kommend, am Weg nach Ägypten, das noch von Persern gehalten wurde. In spät-römischer Zeit gab es (auch) in der Gegend Christenverfolgungen; nach der Durchsetzung des Christentums im Römischen Reich wurden im Kernland und in der “Peripherie” (unterworfene Gebiete, auch Palästina) dann ältere Kulte (römische und andere) ausgelöscht. In Gaza/Kana gab es einen Kampf um die Schliessung des Tempels des phönizischen Gottes Marnas; in Askalon wurde damals der griechische Gott Asklepios/Äskulap verehrt, in anderen Teilen Palästinas waren noch kanaanitische Kulte präsent. Prokopios von Gaza (5./6. Jh), eher Kanaaniter/Semit als Grieche, wirkte in dieser Stadt zur Zeit der byzantinischen Herrschaft (als sich das orthodoxe Christentum in Palästina durchsetzte1); der Gelehrte beschrieb auch die monumentale Uhr in Gaza.

In byzantinischer Zeit wurde an der Stelle eines Tempels der Philister in Gaza eine (orthodoxe) Kirche gebaut. Nach der arabischen Eroberung Palästinas wurde an ihrer Stelle  die grosse (Omar-) Moschee errichtet. Die Kreuzfahrer (> Kgr. Jerusalem) machten wieder eine Kirche daraus, diese wurde von den Ayubiden zerstört. Unter den Mameluken kam wieder eine Moschee, diese wurde von den Mongolen zerstört, dann wieder aufgebaut, dann durch ein Erdbeben zerstört. Unter den Osmanen entstand an der Stelle wieder eine Moschee; bei der britischen Eroberung Palästinas wurde diese durch ein Bombardement zerstört, dann wieder aufgebaut. Die Gaza-Gegend war auch unter den Fatimiden und anderen Dynastien, die Ägypten und Gross-Syrien regierten, wichtiges Verbindungsstück gewesen.

Die Gaza-Gegend war in osmanischer Zeit wie der grösste Teil Palästinas beim Mutasarrifat bzw Sanjak Jerusalem. Unterbrochen bzw herausgefordert wurde diese Herrschaft ja von den Franzosen unter Napoleon Bonaparte, der in Gaza nächtigte, am Weg von Ägypten nach Palästina. Der ägyptische Sinai ist das eine Hinterland Gazas, El Arish an der östlichen Sinai-Küste die nächste grössere Stadt dort; das andere Hinterland wäre die Negev/Nagab-Wüste, die seit 1948 von Gaza aus meist unzugänglich ist. Nördlich schliesst sich der Mittelmeer-Küstenstreifen Palästinas an.

Die heute gültige Grenze zwischen Palästina/Israel und Ägypten (Sinai) geht auf ein Abkommen von 1906 zurück, das die ägyptische Regierung mit dem Osmanischen Reich schloss, das über Palästina herrschte. Ägypten war damals de jure noch unter osmanischer Hoheit, de facto ein britisches Protektorat (was es infolge des Suez-Kanal-Baus geworden war). Durch die britische Quasi-Abtrennung Ägyptens vom Osmanischen Reich wurde eine Grenzziehung zum osmanischen Palästina notwendig. Bis zur Festlegung von 1906 wurde meist von einer Grenzlinie ausgegangen, die vom Golf von Akaba bis östlich von el Arish verlief. Nun wurde die Linie von Akaba nach Rafah gezogen (bzw. durch Rafah, ein Teil der Stadt liegt seither auf palästinensischer, der andere auf der ägyptischen Seite). Diese Süd- (bzw. Südwest-) grenze Palästinas, die den Sinai, Ägypten und Afrika begrenzt, wurde von den Briten nach ihrer Eroberung Palästinas übernommen, im Abkommen zwischen Ägypten und Israel 1979 bestätigt.

Die osmanische Armee versuchte während des 1. Weltkriegs 1915 und 1916 (da mit deutscher Hilfe) Vorstösse bis zum Suez-Kanal, die von den Briten abgewehrt wurden. Danach begann die britische Gegenoffensive (mit französischen und italienischen Hilfstruppen, mit australischen, neuseeländischen und indischen sowieso), die nach der Rückeroberung des Sinai zur Einnahme Rafahs im Februar 1917 führte. Zwei britische Vorstösse auf Gaza im März und April 1917 wurden von den Osmanen, die von deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen unterstützt wurden, abgewehrt. Im Oktober gelang den Briten der Durchbruch nach Palästina, nach der Einnahme Bir as Sabs wurde im dritten Anlauf auch Gaza eingenommen. Im Dezember folgte die Schlacht um Jerusalem, 1918 wurden die Osmanen in Palästina endgültig besiegt (Schlacht bei Megiddo). Von Palästina aus eroberten die Briten und ihre Verbündeten auf der anderen Jordan-Seite Amman und stiessen bis Damaskus vor. Die arabischen Völker, wie Ägypter und Palästinenser, beteiligten sich z. T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T in der osmanischen Armee.

Die Briten teilten Palästina nach ihrer Eroberung und der Festlegung der Grenzen zu den Nachbarn (die ebenfalls westliche “Protektorate” waren) in Bezirke; der Bezirk Gaza war viel grösser als der 1948/49 entstandene “Streifen”. Die ersten jüdischen Siedler waren wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts in die Region um die Stadt Gaza gekommen (war auch kein “Land ohne Volk”), also in osmanischer Zeit. Es gab relativ wenig zionistische Ansiedlung/ Tätigkeit/ Aneignung in der engeren Region. Im Zuge des Aufstands gegen die zionistische Landnahme wurden diese Siedler 1929 vertrieben.2

Die Gegend um die Stadt Gaza wurde im UN-Teilungsplan 1947 dem “arabischen Staat” zugeteilt (dass dessen Ablehnung durch die arabische Seite nicht so absurd war, dazu hier einiges). Im Krieg 1947 bis 1949 dehnten zionistische Truppen das von ihnen beherrschte Gebiet im Westen Palästinas bis auf den heutigen Streifen um Gaza aus, wohin ägyptische Truppen vorrückten. Diese hielten während des Waffenstillstands im Juni 1948, den die Zionisten zum Aufrüsten und für “ethnische Säuberungen” nutzten, Teile des Negev, die Stadt Isdud (Asdod, Ashdod) und Enklaven in Zentral-Palästina. Es gelang ihnen aber am Ende nur, die ethnischen Säuberungen in jenem Gebiet zu verhindern, das durch die Waffenstillstandslinien von 1949 zum Gaza-Streifen wurde; ein Gebiet, viel kleiner als das im Teilungsplan dem palästinensischen Staat in dieser Gegend zugesprochene. Vor allem im Norden wurden Gebiete abgeschnitten, auch Asqalon/Ashkelon (die Stadt bekam zunächst „Migdal Gaza“ u.a. Namen) und Asdod hatten dazu gehört. Zionistische Kampfflugzeuge bombardierten auch Gaza, Rafah, Arisch. Rund um den Streifen wurden während der Nakba viele palästinensische Dörfer zerstört und entvölkert, z.B. Najd (wo “Sderot” entstand) und Dimra (> “Erez”), hauptsächlich im Juni 1948 (manche wähnten sich im Schutz benachbarter Kibbuzim).

Der Gaza-Streifen wurde ein Fluchtziel vieler Vertriebener aus verschiedenen Teilen Palästinas, besonders aus der Region Jaffa. Aus der Stadt allein flüchteten etwa 65 000 Menschen, viele Christen, viele von ihnen schlugen sich auch nach Jerusalem oder in den Libanon durch. Nach Gaza kamen die Flüchtenden aus Jaffa in Rahmen der Nakba mit Schiffen über das Meer (siehe Foto unten). Sie bzw. ihre Nachkommen machen noch immer einen sehr grossen Teil der Bevölkerung des Gaza-Streifens aus. Auch aus angrenzenden Bezirken strömten damals Flüchtlinge in den Gaza-Streifen, aus Ramla, Hebron, Birassab (auch Beduinen aus der Nagab). Der Psychiater Eyad al-Sarraj kam 1948 als 4-jähriger mit einer aus Birassab/Beersheva vertriebenen Familie in den Gazastreifen, wo er bis zu seinem Tod 2013 lebte. Durch die Nakba entstand der Gaza-Streifen, als ein Art riesiges Flüchtlingslager, das elendste Gebiet in ganz Palästina, übervölkert, mit traumatisierten Menschen, zu klein (oder zu voll) um sich allein zu versorgen, abgeschnitten vom Rest Palästinas. Vor der Nakba gab es im Gebiet des späteren Streifens um die 70 000 Einwohner, danach waren es circa 400 000. 360 Quadratkilometer umfasst das Gebiet (etwas kleiner als Wien, etwas grösser als Malta ist das), bei heute 1,8 Millionen Einwohnern.

Der Gaza-Streifen war 1948 bis 1967 ägyptisch verwaltet (siehe Foto aus dieser Zeit oben), es gab keine Annexion wie von der “Westbank” durch Jordanien, sondern eine Militärverwaltung (daher auch keine ägyptische Staatsbürgerschaft für die dortigen Palästinenser). Unter dieser wurde bis 1959 eine Regierung für Palästina unter dem ehemaligen Jerusalemer Mufti Mohammed Amin al Husseini (der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war) proklamiert. Palästinenser konnten sich im Gaza-Streifen so teilweise selbst verwalten. 1949 wurde die UNRWA für die palästinensischen Vertriebenen/Flüchtlingen in Gaza und anderswo zuständig. Es entstanden zu den bestehenden Städten und Ortschaften acht Flüchtlingslager, u.a. Jabaliya. Die landwirtschaftliche Produktion um Gaza reichte früher für den Export (Zitrusfrüchte, Getreide, vom Hafen Gaza aus), nun nicht mal mehr zur Versorgung der abgeschnittenen Region.

Besonders nach der Machtübernahme von Gamal A. Nasser in Ägypten 1953/54 wurden vom Gaza-Streifen aus Guerilla-Aktionen gegen Israel unternommen. Ein  „Fedayin“ genanntes palästinensisches Bataillion in der ägyptischen Armee wurde gebildet. Daneben waren neugegründete palästinensische Organisationen wie Fatah oder PFLP sowie die panarabische Baath aktiv. Auf diese Aktionen folgte grausame Vergeltung, etwa 1955 unter Ariel Scharon (Scheinermann). Dieser kaufte später auf dem Areal eines der in der Nakba um Gaza herum „gesäuberten“ Dörfer, ‘Iraq al-Manshiyya, Grund und bezog dort sein Anwesen.

Der israelische Angriff auf Ägypten zusammen mit Grossbritannien und Frankreich nach dessen Griff zu seiner eigentlichen Unabhängigkeit 1956 bedeutete auch die Eroberung und Besetzung Gazas für einige Monate. Gaza und Sinai wurden 1956/57 4 Monate durch die Zionisten besetzt. Joe Sacco, maltesisch-amerikanischer Zeichner, der in seinen Comics auch geschichtliche Ereignisse aufbereitet, die er auf Reisen erkundete (etwa über den Krieg in Bosnien-Herzegowina), hat 2009 “Footnotes in Gaza” herausgebracht, in dem er zwei Massaker der Israelis an Palästinensern im Gaza-Streifen auf diesem Suez-Kriegszug 1956 mit zusammen 386 Toten (UN-Angaben), bei der Eroberung von Rafah und Khan Younis, thematisiert. Er hat dazu in UN-Archiven wie auch direkt in Gaza, z. Zt. der 2. Intifada unter Überlebenden, recherchiert. Es scheint in dieser ersten Phase israelischer Machtausübung über Gaza 1956/57 weitere Massaker gegeben zu  haben, siehe “Le Monde Diplomatique” (deutsche Ausgabe), August 2014.

Ägypten wurde auch 1967 von Israel angegriffen und besetzt; vorausgegangen war dem in Gaza, dass die seit 1956 stationierten UNEF-Soldaten (UN-Friedensmission im Nahen Osten) vom ägyptischen Militär weggeschickt wurden und im Grenzgebiet Kämpfe (PLO-Kämpfer, ägyptische Soldaten auf der einen Seite) ausbrachen. Die Einnahme Rafahs war für das israelische Militär ein Zwischenschritt bei seinem Vorrücken zum Suez-Kanal. Diese Besetzung Gazas währte nun aber länger… Mit den Soldaten kamen die Militärverwaltung (eine andere Art als die ägyptische; Ausschluss von praktisch jeder Selbstbestimmung) und die Siedler. Palästinenser leisteten ca. 4 Jahre harten Widerstand gegen die Besatzung (bis 70), die von Israel mit Massenverhaftungen und Hauszerstörungen nieder geschlagen wurde. In dieser Phase gab es anscheinend auch Ausweisungen von Einwohnern nach Ägypten, wie aus dem Westjordanland nach Jordanien.

1970 bis 2001 wurden israelische Siedlungen errichtet. Darunter auch Wiederansiedlungen dort wo in britischer Zeit zionistische Wehrdörfer bestanden. 8 000 jüdische Siedler durften sich 1/3 bis 40% des Gaza-Streifens einverleiben, natürlich das fruchtbarste Gebiet. Der grösste Siedlungsblock, “Gusch Katif”, lag im Süden, zum Sinai-Hinterland hin3, schnitt Palästinenser von Verkehrswegen und Grundstücken ab. Die jüdischen Siedler in Gaza standen wie jene in Ost-Palästina (Westjordanland) heutzutage unter Zivilrecht, die palästinensische Bevölkerung unter Militärrecht. Auf einem km lebten zwei Dutzend Israeler, aber 3100 Palästinenser… Die grösste Siedlung „New Deqalim“ lag im Süden bei Khan Younis, dort wurde Tourismus betrieben von den “Gush Emunim”-Leuten. Auch dieses zionistische „Unternehmen“ ging auf Kosten der Palästinenser: in der Nähe der protzigen Ferienanlage4 befand sich bis 67 eine Bungalow-Anlage, wo Gaza-Palästinenser Urlaub machen konnten, nun wurde ihnen das Betreten dieses Strandes verboten.

Die Gaza-Siedler waren die fanatischsten, neben jenen von Hebron. Gemeinsam hatten diese Beiden, dass sie „unter“ Palästinensern leben woll(t)en (in ihrer Nähe), sie täglich schikanieren (lassen) woll(t)en; jene die keine Palästinenser weit und breit wollen sind „gemäßigter“ (relativ), die gönnen den Palästinensern wenigstens ein kleines Stück Freiraum. Die Siedler kamen, mit umgehängten Maschinengewehr, bis zur Intifada gerne auf Einkaufstour nach Gaza Stadt. Neben Enteignungen gab es für die Palästinenser viele Restriktionen, hohe Steuern, die die verbliebene Wirtschaft zerstörten. In allen Bereichen war man von der Willkür des isrealischen Militärs abhängig – daran hat sich für die Bewohner Gazas im Grunde bis heute nichts geändert. Ausgangssperren, wann es den Generälen bzw Politikern in den Sinn kam, keine Zeitungen oder Kulturveranstaltungen wurden lange genehmigt, keine öffentlichen Verkehrsmittel den Palästinensern zur Verfügung gestellt.5 Gaza wurde endgültig ein überbelegtes Gefängnis, ein Elendsquartier.

Karawanserei in Khan Yunis in den 1930ern
Karawanserei in Khan Yunis in den 1930ern

Nachdem in Israel 1977 erstmals der Likud-Block unter Begin an die Macht kam, wurden entgegen den Erwartungen von den seit 1967 besetzten Gebieten “nur” Ost-Jerusalem und Golan/Jawlan annektiert – aus demselben Grund, aus dem Scharon Gaza “aufgab”: die palästinensische Bevölkerung dort, die jüdische Vorherrschaft erschwerte.

Im israelisch-ägyptischen Friedensabkommen von 1979 wurde die Errichtung einer “Pufferzone” und einer Grenzbefestigungsanlage an der Grenze, auf der Seite des Gaza-Streifens, festgeschrieben. Dieser “Philadelphi-Korridor” (-Passage, -Route) sollte Gaza vom Sinai abtrennen, den nun wieder Ägypten übernahm. Hunderte palästinensische Häuser wurden dafür zerstört. Der Sperrzaun mit dem Übergang in Rafah wurde mit dem israelischen “Abzug” 05 an Ägypten übergeben. 1970 war der Notabel Rashad Shawa von der Militäradministraion zum Bürgermeister von Gaza eingesetzt worden, später wurde er „aufmüpfig“, u.a. gegen das Camp David-Abkommen, das er als auch als Ausverkauf palästinsischer Rechte sah – und abgesetzt. Tatsächlich waren 79 keinerlei Verbesserungen für Gaza ausgehandelt worden. Die Sinai-Siedler („Yamit“ u.a.) wurden 82 hauptsächlich im Gaza-Streifen angesiedelt.

Benjamin Beit-Hallahmi schrieb 1988 in “Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels”:

“Ein Israeli braucht nicht nach Lateinamerika zu reisen, um die Probleme der Dritten Welt zu studieren…Er erlebt die Dritte Welt – und bekämpft sie – Tag für Tag vor der eigenen Haustür.”

Nach dem Krieg 1967 gab es bis zum Ausbruch der 1. Intifada 1987 für Gaza-Palästinenser (wie für jene aus der Westbank) immerhin so etwas wie Bewegungsfreiheit in das seit 1948 als “Israel” deklarierte Gebiet. Die Gewährung dieser geschah aber weniger, um Verwandten-Besuche, Ausbildung, Einkäufe zu ermöglichen, sondern um die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte zu gewährleisten (für bis zu 40% unter israelischem Verdienst arbeiten, Sozialversicherung zahlen, aber keinen Anspruch auf Leistungen haben, dazu diverseste arbeitsrechtliche Benachtteiligungen ggü Juden). Mit dem Aufstand gegen die Besatzung kam eine drastische Einschränkung des Pendler- und Güterverkehrs mit Gaza und Westbank. Die Intifada begann in Gaza, nachdem vier Palästinenser in Lager Jabaliya von einem israelischen Jeep getötet wurden und danach gleich ein weiterer, als israelische Soldaten in eine aufgebrachte Menge feuerten. Dieser Vorfall war aber nur der Auslöser, es hatte sich in 20 Jahren Besatzung einiges aufgestaut. Und: es gab wenig zu verlieren.

In ägyptischer Zeit hatte auch die Moslembruderschaft unter Palästinensern in Gaza etwas Fuss gefasst; Ahmed Yassin war für dieses Engagement bis zum Krieg 1967 unter dem säkularen Naser mehrfach in ägyptischen Gefängnissen. Daraus entstanden in den 1980ern der “Islamische Jihad” und während der Intifada die “Hamas”. Sie wurde damals von Israel als “Gegengewicht” zur PLO und ihrem säkularen Nationalismus unterstützt, nicht zuletzt über den Militärgouverneur von Gaza, Yizak Segev. So hat die Militärverwaltung nicht nur Spenden aus den arabischen Golf-Staaten für die religiösen und sozialen Aktivitäten der Hamas in Gaza durchgelassen, sondern wahrscheinlich auch selbst etwas beigesteuert.

Auch die Durchreise von Hamas-Aktivisten in die Westbank zur Unterstützung ihrer dortigen Kollegen in der Auseinandersetzung mit der Fatah wurde genehmigt, vor der 1. Intifada. „Sie werden sich ja nur gegenseitig die Köpfe einschlagen.“ Gaza ist ein Beispiel dafür, dass Islamismus auch durch die Bedingungen, unter denen Leute leben müssen, gross werden kann, und nicht, weil die Religion so schlecht ist oder die Leute (der Region Westasien-Nordafrika) so schlecht sind.6 Die Hamas begann mit Aktionen gegen Israel an der Wende von der 1. Intifada zur Verhandlungszeit, und Gaza wurde ihr Schwerpunkt. Sie verübte in den 1990ern Selbstmordanschläge, begann Anfang der 00er-Jahre mit dem Abfeuern von Geschossen aus Gaza.

Nach dem Oslo-Washington-Grundsatz-Abkommen 1993 kam im Mai 1994 das Gaza-Jericho-Abkommen, wonach die Palästinenser auch in einem Teil des Gazastreifens Verwaltungsautonomie erhielten. Während sich die Palästinensische Autonomiebehörde etablierte, zog sich das israelische Militär zu den Siedlungsblocks “zurück”. Yassir Arafat, damals PLO-Chef, der z.T. aus Gaza stammte, und auch dort gelebt hatte, kehrte 1994 nach Gaza zurück, wo die Autonomiebehörde zunächst ihr Hauptquartier aufschlug, ehe sie 1996 nach Ramallah umzog. Unter Rabin wurden nicht nur Sperranlagen um den Gazastreifen errichtet, um den “Ausgang” zu kontrollieren (ein beschränktes Pendeln wurde wieder erlaubt), sondern auch eine “Beobachtungs”-/”Sicherheits”/”Puffer”-zone, auf palästinensischem Gebiet, die nicht betreten werden darf; dazu unten mehr.

Die Bevölkerung des Gaza-Streifens durfte nun ihre Vertreter wählen, die über einen Teil des 1948 nicht besetzen Landes eine gewisse Selbstverwaltung ausüben durften. Der im Flüchtlingslager von Khan Younes geborene Mohammed Dahlan, vor der Intifada wegen seinem Aktivismus für die Fatah oft in israelischen Gefängnissen, wurde nach dem Oslo-Abkommen Chef der Sicherheitskräfte der dortigen Autonomiebehörde, arbeitete mit Israel zusammen, hauptsächlich gegen die Hamas unter Ahmed Yassin; auch während der 2. Intifada. Und, im Zuge von Oslo wurde auch der Bau eines Flughafens vereinbart, bei Rafah im Süden, er wurde Ende 1998 eröffnet (mit Clinton), war der einzige palästinensische Flughafen. Eine Eisenbahn-Strecke war unter den Briten von Kairo nach Gaza und weiter gebaut worden, ab 1948 wurde die Strecke bis Gaza von Ägypten betrieben, 1967 ein Teil von Israel übernommen (auch der Sinai-Teil bis 1982), infolge des Oslo-Abkommen wurde sie in palästinensische Hände gelegt, inzwischen wurde der Betrieb eingestellt.

Als Netanyahu erstmals Ministerpräsident wurde, verlangsamte er die Umsetzung der vertraglich vereinbarten israelischen Verpflichtungen, liess sie neu verhandeln und neue palästinensische Gegenleistungen festschreiben (Wye-Abkommen 1998), während er den Siedlungsbau, v.a. in Jerusalem, voran trieb. Die Position in der sich Israel seit 1967 befindet, aus der es die Kontrolle über ganz Palästina ausübt, erlaubt das. Diese Vorherrschaft will Israel auch nicht aufgeben oder lockern, und das Angebot bei den Camp-David-Verhandlungen 2000 sah so aus, sah Pseudo-Souveränität für die Palästinenser vor, war ein Pseudo-Ausgleich, verlangte die palästinensische Kapitulation vor der zionistischen Herrschaft über das Land.

2000 das Scheitern des Oslo-Friedensprozesses, der Ausbruch der 2. Intifada7. Im Zuge der Niederschlagung wurden drei Mal so viele Palästinenser getötet wie Israelis, was angesichts der militärisch-strategischen Ungleichheit auch “logisch” ist. Zu den vielen Einrichtungen, die in dieser Zeit zerstört wurden, gehört auch der Flughafen von Gaza, 2001/02, als Vergeltung für den Angriff auf Soldaten und “Prävention”. Die paar Flugzeuge der “Palestinian Airlines” stehen seither in Arish am Sinai. Der Flughafen hatte nichts mit den getöteten Soldaten zu tun, die Zerstörung war eine Kollektivbestrafung. Genau so wie 2006 in Gaza das (einzige) Kraftwerk bombardiert wurde.

Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza
Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza

2002 hat Israel das Schiff “Karine A” aufgebracht, das nach israelischer
Darstellung Waffen nach Gaza bringen sollte. 2003 wurde die US-Amerikanerin Rachel Corrie im Gazastreifen getötet, als sie mit anderen Aktivisten vom “International Solidarity Movement” die israelische Zerstörung von Häusern in Rafah mit Bulldozern (angeblich um Tunnel zu zerstören, durch die Waffen aus Ägypten geschmuggelt würden) behinderte, der Bulldozer-Fahrer will sie nicht gesehen haben. Auch Hamas-Führer Yassin wurde während der 2. Intifada von Israel getötet; der exilierte Khaled Meshal rückte zur neuen Nr. 1 auf.

2005 der israelische Abzug aus Gaza (Siedler, Soldaten), nach 38 Jahren, am Ende der Intifada. Im Vorfeld der Räumung hatten Siedler aus Wut einen unbewaffneten Palästinenser noch fast zu Tode gesteinigt. Und, vor dem Abzug gab es noch Massenverhaftungen von Palästinensern, die angeblich der Hamas und dem Islamischen Jihad angehörten. Scharon eignete im Westjordanland für Israel mehr Land an als er in Gaza “aufgab”. Ein Berater von ihm, Dov Weisglas, hat damals in einem Interview mit “Ha’aretz” recht offen gesagt, dass der Abzug aus Gaza nichts mit einem Friedensprozess und schon gar nichts mit den Rechten der Palästinenser zu tun habe; durch die einseitig durchgesetzte Maßnahme sollte das demografische Gewicht der Palästinenser im israelischen Herrschaftsbereich reduziert und ihnen keine Mitsprache bei der Gestaltung ihrer Zukunft gewährt werden.

Die Abriegelung des Streifens wurde mit dem “Abzug” verschärft. Israel verhängte von zwei Land-Seiten und der Wasser-Seite eine Blockade, kontrolliert natürlich auch den Luftraum; die Grenze zu Ägypten wurde deren Kontrolle übergeben (dazu unten). Die von Israel im Gaza-Streifen gehaltene “Puffer”-Zone wurde nicht nur behalten, sie wurde mehrmals verbreitert, vor allem vor dem Abzug (anscheinend auch nach dem Krieg 2009), wiederum auf palästinensischer Seite, wofür Häuser und Felder geräumt und zerstört wurden. Die Zone ist heute bis zu 1500 m breit, umfasst inzwischen mehr als 60 km2, die als landwirtschaftliche Fläche verloren gehen (17% der Fläche des Gaza-Streifens!); ein weiterer Indikator dafür, dass man nicht wirklich davon sprechen kann, dass Israel den Gaza-Streifen 05 den Palästinensern zurückgegeben hat. Dass das von Israel ausgesprochene Betretungsverbot ernst gemeint ist, davon zeugen etliche dort erschossene Palästinenser. An der israelischen Militärherrschaft über Gaza hat sich ab 05 nicht allzu viel geändert; der Militärgouverneur, der früher am Midan Jund in Gaza-Stadt, nahe dem Gefängnis, seinen Sitz hatte, ist jetzt ausserhalb des Gebiets.

Gemäß Abkommen sollte Gaza ein Hochseehafen erlaubt werden. Doch: Das Recht auf einen Luft- und Seeweg wird den Palästinensern nicht eingeräumt. Sie könnten in Gaza versuchen, den Flughafen wiederaufzubauen, einen Hochseehafen zu bauen – Israel würde es nicht zulassen. 2000 wurde (von BP) vor Gaza ein Gasfeld ermittelt, die israelische Regierung hat die Rechte der PNA darauf theoretisch anerkannt, verhindert aber seine Ausnutzung. Es gibt einige solcher Rechte, die die Gaza-Palästinenser theoretisch haben. Mit den Palästinensern in der Westbank ist kaum Kontakt möglich; Israel gestattet zur Zeit nicht einmal den temporären Aufenthalt z.B. für Studenten aus Gaza, die in Bir Zait studieren wollen. Ausnahmen gibt es, theoretisch, für 16 Personengruppen, z.B. Sportler der palästinensischen Nationalmannschaften für gemeinsames Training und Wettbewerbe. Auch hier bricht Israel eingegangene vertragliche Vereinbarungen.

Und wie es ausgeht, wenn ihnen jemand Hilfe bringen will, hat sich beim gewaltsamen Aufbringen der internationalen Hilfsflotte 2010 auch gezeigt. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, auf der Hilfsflotte dabei, sagte damals, er habe keine Erklärung dafür, warum die Gaza-Flotte, die einen strikt humanitären Auftrag erfüllen sollte, in internationalen Gewässern und ohne Vorwarnung angegriffen worden sei. “Wenn die Israelis uns hätten stoppen wollen, dann hätten sie an der Seegrenze ihres Hoheitsgebiets auf die Schiffsschrauben zielen können, ganz einfach.” Ganz abgesehen vom Massaker auf der “Mavi Marmara”: Die Hilfe für die Palästinenser in Gaza wurde damals mit Hilfe und Engagement für die Hamas durcheinander zu bringen versucht… Das Leiden in Gaza wurde durch die Diffamierung der Hilfsflotte zu relativieren versucht, die israelische Verantwortung so hemmungslos reinzuwaschen versucht. Aber nicht nur damals. Palästinensische Aspirationen auf Gerechtigkeit werden mit Islamismus und Terror verschmolzen. Und Palästina-Solidarität immer mit “Islamismus”, “Antisemitismus”,… zu diffamieren versucht.

Israels Militär hat zudem rund um den Gazastreifen ein lückenloses Überwachungssystem errichtet, mit Big-Brother-Maschinen wie Drohnen, Zeppelinen, Wärmebildkameras. Während der Übergang “Erez” von/nach Israel (im Norden des Gaza-Streifens, für Personen) geschlossen ist (ausser für humanitäres Personal), werden über “Keren Shalom” und andere im Süden und Osten gelegentlich Güter durchgelassen, von denen Gaza abhängig ist (nicht zuletzt Treibstofflieferungen). Die Zionisten sitzen auch am Wasserhahn Gazas sowie an seiner Stromleitung… Israels Aussenminister Lieberman: Ungeachtet “aller Verbrechen des Hamas-Regimes” im Gazastreifen reagiere Israel “auf humanste Art und Weise” und lasse Tausende Tonnen Nahrung und Ausrüstung die Grenze passieren. Im Hinblick auf direkte Hilfslieferungen über den Seeweg drohte er, sein Land werde die “Verletzung seiner Souveränität” nirgendwo, weder zu See noch in der Luft oder auf dem Land, gestatten. Zur Seeblockade gehört auch, dass den palästinensischen Fischern entgegen internationalem Recht verboten wird, ausserhalb einer 3-Seemeilenzone zu fischen. Dadurch gehen den Fischern von Gaza 85 Prozent der Fischgründe verloren. Wer diese Grenze überschreitet, wird von der israelischen Kriegsmarine beschossen. Durch die Blockade bewirkte Versorgungsengpässe wirkten sich auch so aus, dass Kläranlagen nicht richtig funktionierten, Abwässer ungeklärt ins Mittelmeer abgelassen wurden.

Der Sieg der Hamas bei der palästinensischen Wahl 2006 (Ismail Hanijeh wurde Premier) und die gewaltsame Ausschaltung der Fatah bzw. Übernahme der PNA in Gaza8 2007 führte zu einer Verschärfung der Belagerung sowie zu Sanktionen des Westens (von dem die palästinensischen Gebiete abhängig sind). Israel erlaubt auch die Einreise von westlichen Politikern in den Gaza-Streifen nicht, weil die dort herrschende Hamas diese “zu Propagandazwecken ausnützt”. Dies musste etwa der damalige deutschen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel erfahren, als er ein Klärwerk besuchen wollte, das mit deutscher Entwicklungshilfe finanziert wird. Der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, kam vor einigen Jahren über die ägyptische Seite, über Rafah, war einer von ganz wenigen Staatsgästen seit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen.

Im Rahmen seiner Militäraktion 2012 hat Israel den Sitz von Ismail Hanijeh in Schutt und Asche gelegt, wenige Stunden nachdem dieser dort den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten Kandil empfangen hatte. 2012 ist der exilierte Chef der Hamas, Khaled Meschaal, dessen Familie vor der israelischen Eroberung des Westjordanlands 1967 geflüchtet war, für einen Kurzbesuch in den palästinensischen Gazastreifen gekommen, ebenfalls über Ägypten, um an den Feiern zum 25. Jahrestag der Hamas-Gründung teilzunehmen. Auch ausländische Reporter können normalerweise nur über Ägypten in den Gaza-Streifen. Tunnel aus dem Streifen werden vor allem im Süden nach Ägypten (Sinai) gegraben, v.a. um Lebensnotwendiges zur Versorgung, das vorenthalten wird, von dort zu schmuggeln. Tunnel werden auch nach Israel gegraben, bis unter die Grenzorte, gelegentlich entdeckt und zerstört.

Die Rechtfertigungen Israels für die Blockade sind vielfältig (wie auch für die Besatzung des Westjordanlands), einmal geht es um ihre “Sicherheit” bzw. die “mögliche Aufrüstung der Palästinenser”, dann wird sie offen als das deklariert, als was sie von den UN kritisiert wird, als kollektive Bestrafung der Bevölkerung. 2012 hat Israel eigentlich vertraglich zugesagt, sie aufzuheben bzw. zu lockern. Das Erdgas vor der Küste Gazas dürfte auch eine Rolle spielen. Zur Blockade gehört auch die Verweigerung von Gesprächen. Mit dem Abzug bzw. dem Beginn der Blockade begannen die “Raketen”-Angriffe des militärischen Arms der Hamas (die Geschosse werden so wie dieser “al Kassam” genannt) und anderer Gruppen aus dem Gazastreifen, und die “Gegenschläge” des israelischen Militärs.

Diese Geschosse (die in geringerem Maß auch schon während der 2. Intifada abgefeuert wurden), eine Form von Art Mörsergranaten, haben keine Steuerung und (wenn, dann) kleine Sprengköpfe, richten fast nie Schaden an Menschen oder Gebäuden an (teilweise auch, weil sie abgefangen werden) – im Gegensatz zu den israelischen Geschoßen. Sie ängstigen auch in Wirklichkeit nicht, werden aber von israelischer Seite als das Um und Auf des Konflikts dargestellt. Die Behauptung, die sich weitgehend durchgesetzt hat, lautet: “Wir haben Ihnen grosszügigerweise den Gazastreifen gegeben, und sie haben sich mit Raketen bedankt”. Abgesehen davon, dass man am Ende einer jahrzehntelangen Besatzung kaum von Grosszügigkeit sprechen kann, ist sie auch nicht wirklich zu Ende gegangen.

Dann heisst es, kein Staat könne es sich gefallen lassen, wenn aus benachbarten Gebieten auf seine Zivilisten geschossen werde. Der Terror gegenüber der Bevölkerung von Gaza, die Vorenthaltung von Selbstbestimmung, während der direkten Besatzung von Gaza und seither, bleibt dabei ausgespart. Israel wäre auch kein bisschen toleranter, würde die Hamas rein militärische Ziele angreifen (wozu sie aufgrund ihrer Waffen nicht in der Lage sind), wie sich bei der Entführung des Soldaten 2006 gezeigt hat (seinen Namen kennt man, von den Hunderten für ihn getöteten Gaza-Palästinensern keinen). Seine Raketen, die viele Leben zerstören (vor allem das von Zivilisten) und den Menschen in Gaza das wenige kaputt machen, werden als “Antwort” dargestellt.

Die Blockade, die Vorgeschichte, Angriffe und Gegenschläge, Ursache und Wirkung… Der Fehler im verbreiteten Narrativ liegt darin, dass die Kausalkette in die falsche Richtung konstruiert wird. Israels Aktionen bzw seine Politik ggü Gaza, auch die Abriegelung an sich, werden mit den palästinensischen „Raketen“, auch mit der Haltung der Hamas, begründet. Es ist eine absurde Verdrehung/Umdrehung, diese Geschosse als Wurzel oder Wesen des Konflikts darzustellen! Die Henne des Konflikts ist die im Artikel beschriebene Ghettoisierung der Palästinenser im Gaza-Streifen in verschiedenen Formen seit 1948, Israels Politik gegenüber den Palästinensern, die solche Haltungen und Aktionen hervor bringt. Und Frieden bedeutet nicht, dass der Unterdrücker seine Ruhe von den Unterdrückten hat, sondern dass eine einigermaßen gerechte Lösung gefunden wird.

Wer also über die „Kassam“-Geschosse redet, aber nicht zB über die Beschränkungen und Schikanen für palästinensische Fischer um Gaza, der weiss nichts oder verdreht absichtlich. Abgesehen davon ist die Gewalt alles andere als proportional, bezüglich diesen “Kassam”-Geschossen und den israelischen Raketen die nach Gaza geschossen werden, in Zeiten von „Kriegen“ oder in „Friedenszeiten“. Auch bei den Geschossen der Palästinenser aus Gaza oszilliert der zionistische Chauvinismus zwischen Verächtlichmachung des Gegners, seiner “Impotenz” und “Unfähigkeit”, und hysterischer Dämonsierung mit Opfergehabe. Gerne wird auch die apologetisierende Frage gestellt, “Wie würde Deutschland/… auf solchen Terror reagieren?”; die Frage, wie würden Deutsche auf ein Leben, wie es Palästinenser in Gaza führen müssen, reagieren, ist aber mindestens so berechtigt. Und daneben der Hinweis auf den Unterschied zwischen israelischen Raketen (die Gaza treffen) und jenen Geschossen aus Gaza.

Hamas-Chef Meshal sagte in einem Yahoo-Interview, Widerstand gegen die Besatzung sei legitim, kündigte an, Hamas werde Israelis vor bevorstehenden Raketenangriffen warnen, um den Tod “unschuldiger Zivilsten” zu verhindern,„Wir versuchen meistens militärische Ziele und israelische Basen anzugreifen, aber wir geben zu, dass wir ein Problem haben. Wir haben keine hoch entwickelten Waffen. Wir haben nicht jene Waffen, wie sie unser Feind hat…das Avisieren von Zielen ist also schwierig. Würden wir präzisere Waffen erhalten, würden wir nur militärische Ziele angreifen.“ Es gibt einiges an Pragmatismus bei der Hamas, und eine Verhandlungslösung ohne sie nicht mehr möglich. Der israelische Wissenschafter Ilan Pappe (in seinem Land in Ungnade gefallen) meinte, die Dämonisierung der Hamas sei für die Aufrechterhaltung der israelischen Blockade Gazas und Besetzung des Westjordanlands wichtig.

Statt “auf Augenhöhe” mit den Palästinensern zu verhandeln (was angesichts der Machtverhältnisse ohnehin weit weg ist), will Israel lieber Macht demonstrieren (auch ggü den eigenen Leuten sowie dem Westen) und durchsetzen. Unter der Führung Yassins war die Hamas zu einer vorläufigen Anerkennung Israels in den Grenzen von 1967/1949 bereit, bis zum Ausbruch der Zweiten Intifada 2000. Das Hamas-Angebot eines Waffenstillstands 1997 bekräftigte Netanyahus Vorhaben, ihren Exil-Führer Meshal in Jordanien umbringen zu lassen. Da die Mossad-Operation schief ging, musste der inhaftierte Yassin gegen die Agenten ausgetauscht werden. So wie 2012 mitten in die Waffenstillstandsverhandlungen  der Chef der Kassam-Brigaden, Jabari, getötet wurde. Das Gefangenenpapier 06 war auch eine der Bekundungen von Seiten der Hamas zur Bereitschaft einer Anerkennung Israels. Israel lehnt auch Waffenstillstands-Angebote der Hamas ab. Israel ist gegen die Hamas aus den gleichen Gründen, aus denen es gegen die PLO war: weil diese Organisationen den zionistischen Anspruch auf Palästina infrage stell(t)en.

Die meisten israelischen Parteien lehnen einen anerkannten, lebensfähigen palästinensischen Staat ab. Die Avodah (Arbeiter)-Partei auch, wie das Angebot von Barak 2000 zeigte. Jene, die eine einigermaßen gerechte Lösung (bzw Teilung) befürworten, sind am Rande des zionistischen politischen Spektrums zu finden. Dagegen ist es erklärtes Ziel einer Reihe von israelischen Parteien, einen palästinensischen Staat zu verhindern, und ganz “Judäa” und “Samaria” zu judaisieren; auch “Transfer” (Vertreibungs)-Pläne für Palästinenser werden immer wieder diskutiert. Die Likud-Charta ist eine Sache, und Netanyahus “Hinhaltetaktik” eine andere. Die palästinensische Seite soll aber den jüdischen Staat anerkennen – in welchen Grenzen, bleibt dabei offen, obwohl das für die Palästinenser existenziell ist (Israel kontrolliert faktisch 100% des historischen Palästinas), aber dass der Staat als “jüdisch” anerkannt werden muss, steht fest. Die PLO hat das längst getan und bekam einen sich endlos hinziehenden “Friedensprozess”, und nicht eine analoge Anerkennung eines souveränen Palästinas als Gegenleistung. Die palästinensische Autonomie-Behörde (PNA) hat aufgrund der Hinhalte-Taktik den Weg zur unilateralen Staatsausrufung gewählt. Die meisten Staaten der Welt anerkennen Palästina, das 2012/13 seine Unabhängigkeit erklärte, an, nur im Westen viele nicht.

Ägypten hält, aus mehreren Gründen, die Grenze zu Gaza (den Übergang bei Rafah) auch meist geschlossen. Dies ist abhängig von Entwicklungen in Gaza und Ägypten selbst; unter Mursi war der Übergang öfters offen, unter Sisi ist es auch in dieser Hinsicht schlimmer als unter Mubarak geworden. Die wichtigsten Faktoren hier sind der Druck Israels und die instabile Lage am Sinai (mit salafistischen Terrorgruppen). Mit der Übergabe der Grenzbefestigung und des Durchgangs in Rafah 05 wurde Ägypten im angrenzenden Sinai-Gebiet die Präsenz einer begrenzten Zahl von Soldaten erlaubt. Auch diese Südgrenze Gazas wird indirekt von Israel kontrolliert, u.a. über Video. Kürzlich wurde ein venezolanischer Hilfskonvoi am Grenzübergang Ägypten/Gaza angegriffen.

Nach der Gefangennahme des an der Blockade Gazas beteiligten Soldaten (über Tunnel) 06 kam der erste grosse israelische Angriff auf Gaza nach dem “Abzug” (und Wiedereinmarsch), die weiteren 08/099, 12, 14. Es gibt Gemeinsamkeiten bei diesen Aktionen in der israelischen Motivation (Widerstand gegen die Blockade militärisch abwürgen, aber auch innenpolitische Ziele), im Vorgehen, in der Darstellung gegenüber dem Westen. Zum Massaker 2012 schrieb Amira Hass in “Ha­’aretz”, die Legitimation des Gaza-Kriegs durch westliche Staatsführer wie Obama und Merkel mit Israels “Recht auf Selbstverteidigung” war ein gewaltiger israelischer Propagandasieg, eine Vollmacht, das zu tun, “worin sie am besten sind: im Gefühl des eigenen Opferseins zu schwelgen und das palästinensische Leiden zu ignorieren”.

Was den israelischen Angriff 08/09 betrifft, so hat etwa der ehemalige US-Vize-Aussenminister Richard Murphy (in einem CNN-Interview) festgehalten, dass der Angriff im November 08 und das Nicht-Lockern der Blockade Gazas israelische Verstösse gegen den Waffenstillstand (von 06) waren, und dann erst der palästinensische Beschuss mit “Raketen” losging. Ein Untersuchungsbericht des südafrikanischen Richters Richard Goldstone im Auftrag der UNHRC stellte israelische Kriegsverbrechen fest. Der Bericht rief heftigste Reaktionen von zionistischer Seite hervor, Goldstone knickte teilweise davor ein. Peres: “Wir werden nicht akzeptieren, dass eine uns feindlich gesinnte Mehrheit im UNO-Menschenrechtsrat über uns urteilt.” Sein Land untersuche seine Kriege und benötige dafür keine “Richter von aussen”. Einige der beteiligten israelischen Soldaten kritisierten das wahllose und unvermittelte Töten von Zivilisten durch ihre Armee in dem “Krieg”, forderten Aufklärung über Kriegsverbrechen, mit der Initiative “Breaking the Silence”. “Die Vorgesetzten sagten uns, das sei in Ordnung, weil jeder, der dageblieben ist, ein Terrorist sei”, sagte einer der Soldaten, “Ich habe das nicht verstanden – wohin hätten sie denn fliehen sollen?”

Im April 2011 wurde der pro-palästinensische italienische Aktivist Vittorio Arrigoni von Salafisten (?!) entführt. Er lebte seit 2008 in Gaza-Stadt und war in der Gruppe “Internationale Solidaritätsbewegung” aktiv, bloggte von dort. Man wollten damit angeblich von der Hamas-Regierung inhaftierte Gesinnungsgenossen freipressen. Am Tag nach der Entführung wurde Arrigoni ermordet, als Sicherheitskräfte der Hamas das Versteck stürmten. Kurz zuvor war Juliano Mer-Khamis vor seinem „Freedom Theatre“ im Flüchtlingslager Jenin von maskierten „Palästinensern“ erschossen worden. Mer-Khamis war halb Palästinenser, halb Jude, seine Eltern waren Beide linke Aktivisten. Die beiden damaligen palästinensischen Premiers Haniyeh und Fayad verurteilten die beiden Morde. Der “Charakter” der Palästinenser und die Palästina-Solidarität stand durch sie “am Prüfstand”. Als ob jemand genau das erreichen wollte. Ludwig Watzal schrieb, beide Morde stinken zum Himmel.

Es gab mehrere Anläufe zur Versöhnung von PLO/Westbank und Hamas/Gaza, zu einer Einigung und gemeinsamen Regierung sowie Abhaltung von Wahlen nach der blutiger Entzweiung 07. Aber noch alle zerschlugen sich. Und Israel schäumte jedes Mal. Netanyahu: Fatah müsse sich entscheiden zwischen einem Frieden mit der Hamas und einem Frieden mit Israel. Israel stoppte einmal die Überweisung von Steuereinnahmen an die Palästinenser-Regierung. Ein
ander Mal hat es mit der Bewilligung für 1000 Wohneinheiten in der Westbank und Ostjerusalem die “angemessene zionistische Antwort” gegeben.

Internet:

Grenzen zwischen Kontinenten

Über die Belagerung und die Vorgeschichte

Gazas touristisches Potential

Karte mit Details der Belagerung

Über den Menschenrechtsaktivisten aus Gaza, Raji Surani, bekam den “alternativen Nobelpreis” (RLA)

Über das Massaker 08/09

In Gaza

Flucht aus Jaffa nach Gaza Mai 1948 (von www.palestineremembered.com)
Flucht aus Jaffa nach Gaza, Mai 1948 (von www.palestineremembered.com)

 

Buchhinweise:

Jean-Pierre Filiu: Gaza. A History (2017 Englisch; 2014 Französisch)

Ilan Pappe und Noam Chomsky: Gaza in Crisis. Reflections on Israel’s War Against the Palestinians (2010)

Gerald Butt: Life at the Crossroads: A History of Gaza (2010)

Amira Hass: Gaza. Tage und Nächte in einem besetzten Land (2003)

Joe Sacco: Footnotes in Gaza: A Graphic Novel (2009). Dt.: Gaza (2011)

Gideon Levy: The Punishment of Gaza (2010)

Johannes Zang: Gaza – Ganz nah, ganz fern (2013)

Bettina Marx: Gaza. Berichte aus einem Land ohne Hoffnung (2009)

Alternative Tourism Group: Palästina-Reisehandbuch. Geschichte, Politik, Kultur, Menschen, Städte, Landschaften (2013)

Moustafa Bayoumi und Willi Baer: Mitternacht auf der Mavi Marmara: Der Angriff auf die Gaza-Solidaritäts-Flottille (2011)

Vittorio Arrigoni: Gaza – Mensch bleiben (2011). Ital. Restiamo umani

Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (2002)

Ramzy Baroud: My Father Was a Freedom Fighter: Gaza’s Untold Story (2010)

Abraham Melzer und Vereinte Nationen (UN): Bericht der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über den Gaza-Konflikt (Goldstone Bericht): Menschenrechte in Palästina und anderen besetzten arabischen Gebieten (2010)

Herbert Fritz: Kampf um Palästina. Für Freiheit und Selbstbestimmung (2013)

Refaat Alareer: Gaza Writes Back. Short Stories from Young Writers in Gaza, Palestine (2014)

Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina (2009)

Michael W. Champion: Explaining the Cosmos. Creation and Cultural Interaction in Late-Antique Gaza (Oxford Studies in Late Antiquity; 2014)

Gaza – Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte. Begleitschrift zur Sonderausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das griechisch-orthodoxe Christentum gibt es bis heute in Gaza
  2. Dies brachte nur für den Westzipfel Palästinas Erleichterung. Auf de.wikipedia wurde eine Opfergeschichte daraus gemacht, für die Zionisten, von „Beschwichtigung“ der Briten ggü den „Arabern“ geschrieben. Es wird von einer „jüdischen Gemeinde“ dort erzählt; als ob es um Feindseligkeit bzw Toleranz gegenüber einer religiösen bzw ethnischen Minderheit gehen würde und nicht um Verdrängung und Gegenwehr – dies wird in dem “Konflikt” bis heute bewusst verwischt. Seit wann es die “Gemeinde” gab und in welchem Zusammenhang sie sich ansiedelte, wird verschwiegen. Ein Netz von zionistischen Wehrdörfern in der weiterer Umgebung war vorhanden („Netivot“,…), kam in die Nähe Gazas, begründete Ansprüche, verminderte palästinensisches Land, war Grundlage für die Vertreibungen während der Nakba
  3. Der Sinai, bis 1982 ebenfalls israelisch besetzt, wurde ebenfalls mancherorts “besiedelt”
  4. Zwei zionistische Ansprüche prallten hier aufeinander, zum Einen “Das Land gehört uns”, zum Anderen “Der Westen soll nicht sehen wie wir die Palästinenser hier ‘halten’
  5. Bis heute gibt es nur viele Autos, die meist auch als Taxis dienen
  6. Das gilt freilich nicht immer, man denke an den saudi-arabischen Millionär Bin Laden, aus einer Bauunternehmer-Familie. Bin Laden war übrigens auch 1990 für die Intervention in Kuwait nach dem irakischem Einmarsch dort gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 90, der ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte
  7. Der “Besuch” Scharons am Haram as-Sharif/Tempelberg war nur der Auslöser, so wie die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache für Schwarze in Südafrika für den Aufstand in Soweto 1976, oder mit Tierfett eingefettete Patronen Mitte des 19. Jh in Indien auch nur Anlass für den Aufstand gg die britische Herrschaft war
  8. Hanijeh sieht sich als Premier der gesamten palästinensischen Autonomie-Behörde
  9. Zur Zeit der letzten Tage von Bush als USA-Präsident