Im Schatten der Mauer

Bei der Gedenkveranstaltung zum Jubiläum von 25 Jahre Mauerfall in Berlin gedachte die Kanzlerin der Opfer des „Unrechtsstaats DDR” und zog, wie auch schon bei einer Vertriebenen-Veranstaltung kurz davor Parallelen zu aktuellen Konflikten in Syrien, dem Irak und der Ukraine. Zu Palästina, dem kürzlichen Massaker, und der Apartheid-Mauer nicht. Deswegen sind die Broders ja ihre Fans, wenn nicht Verbündeten. Die teilenden Mauern in Korea und Zypern hätten sich auch eher als Parallele angeboten. Auch auf den Grund der Vertreibungen der Deutschen, der deutschen Teilung, der sowjetischen Besatzung eines Teils Deutschlands, ging sie nicht ein. Hatte auch etwas mit der Ukraine zu tun. Nun ja, vor Deutschland als Grossmacht muss man irgendwie mehr Angst haben als vor Russland.

Max Blumenthal und David Sheen, die von linken Linken in den Bundestag geladen wurden (wo Biermann kurz davor angesichts des Jubiläums die Linke attackierte), um u. a. über das Gaza-Massaker zu reden, wurden Opfer einer im Vorhinein angelaufenen Verhinderungs-Kampagne von Weinthal in der “Jerusalem Post”, die erfolgreich war, weil Gysi (der während der Wende zunächst SED-Chef geworden war) und Pau von der Parteiführung einknickten. Sie sprachen daher anders(wo) als geplant. Wollten Gysi mit dessen Vorwürfen konfrontieren, daraus wurde endgültig ein Pseudo-Skandal mit bundesdeutschem Entrüstungssturm, wie bei Grass’ Gedicht.. Der wahre war die Verhinderung, die Hetze, die Diffamierung, in Medien, von Politikern.

Zu den 41 Jahren DDR, das letzte mit Wende und Maueröffnung, ist zu sagen, dass mehrere Wahrheiten nebeneinander bestehen können. Der jetzige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte einst, erst mit dem Mauerbau entstand so etwas wie eine DDR-Identität, bis dann war „gehen“ möglich. Genscher ging zB ’52 von der DDR in die BRD. Die Flucht aus der DDR in die BRD fand v.a. in Berlin statt, war dort am leichtesten. Vor allem während der Berlin-Krisen gingen Viele aus der SBZ bzw DDR nach West-Berlin. An der eigentlichen innerdeutschen Grenze gab es schon in den 1950ern Trennvorrichtungen, auf DDR-Seite aufwändigere. Diese wurden in den 1960ern auch ausgebaut. 1961 wurde von der DDR-Regierung quer durch Berlin, entlang der Grenze zu den westlichen Sektoren, eine Mauer sowie weitere Sperranlagen errichtet. An die 900 Menschen kamen bei Versuchen der Überwindung der Grenzanlagen, vor und nach dem Mauerbau, ums Leben.

Der Fall des berühmtesten Mauer-Toten, Peter Fechter (1962), sagt einiges über diesen Konflikt aus, nicht nur weil er zeitlich und räumlich in seinem Brennpunkt stattfand. Der von DDR-Grenzschützern angeschossene Fechter verblutete bekanntlich, weil er gut 1 Stunde im “Todesstreifen” liegen blieb. Der Zugführer der DDR-Grenzsoldaten gab an, nicht eingeschritten zu sein, da er befürchtete, die auf der Westseite versammelten Polizisten würden auf die Soldaten schießen. In der Tat war nur drei Tage zuvor der DDR-Grenzsoldat Rudi Arnstadt an der innerdeutschen Grenze von einem westdeutschen Grenzbeamten erschossen worden. Der Tod des durch einen Westberliner Fluchthelfer erschossenen DDR-Grenzers Reinhold Huhn lag erst zwei Monate zurück und auch der Tod des von Westberliner Polizisten am 23. Mai 1962 beim Verhindern eines Grenzdurchbruchs erschossenen Gefreiten Peter Göring war noch gegenwärtig.

(Als es 40 Jahre später in diesem Fall zu einem Prozeß kam, saßen jedoch einmal mehr nicht diese Todesschützen auf der Anklagebank, sondern wiederum DDR-Grenzsoldaten). Ein toter Peter Fechter war den BRD-Beamten und BRD-Medien aus propagandistischen Gründen wahrscheinlich willkommener als ein lebender. Dass Fechter so wie viele andere aus der DDR, aus dem Ostblock raus wollte und mit Gewalt daran gehindert werden musste, spricht aber auch eine klare Sprache… Die DDR existierte im Grossen und Ganzen gegen das Volk, ein Unterschied zur BRD.

Das 1945 von den Alliierten aufgelöste Preussen wurde unter Erich Honecker rehabilitiert, als es darum ging, die DDR als Nation zu etablieren. Der preussische Geist hat auch in militärischen Traditionen der DDR weitergelebt. „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ war ein DDR-Fernseh-Mehrteiler in den 1980ern über Sachsen und Preussen in den Jahren 1697–1763, Teil der DDR-Geschichtspolitik. Preussen erlebte auch nach der Wiedervereinigung eine Art Rehabilitierung. Aus der Sicht der Rechten war die DDR natürlich „schlecht“, aber man schätzt dass es keine Einwanderung gab und preussische Traditionen hoch gehalten wurden.

Die Ereignisse am 9. November 1989, der “Fall” der Berliner Mauer, laden ein zum kontrafaktischen Spekulieren darüber, wie es anders hätte kommen können. Hier scheinen durch minimale Änderungen der tatsächlichen Geschehnisse sehr abweichende Szenarien möglich. Wenn der frisch ernannte Quasi-Regierungssprecher der DDR, Günter Schabowski, nicht zu spät zur ZK-Sitzung gekommen wäre, über die geplante Gesetzesänderung Westreisen betreffend voll im Bild gewesen wäre, auf der Pressekonferenz später an diesem Tag keine Angaben dazu (oder richtige) gemacht hätte, DDR-Bürger deshalb nicht im Anschluss daran die Grenzübergänge in Berlin gestürmt hätten, die Mauer also nicht an dem Tag “gefallen” wäre – wie wäre die Geschichte der DDR, Gesamt-Deutschlands, des Ostblocks, und darüber hinaus anders gelaufen?

Gorbatschows Perestroika-Politik in der Sowjetunion hatte dazu geführt, dass alle osteuropäische “Brüderstaaten” ihre eigene Politik verfolgen konnten, sogar die Abkehr vom Kommunismus, wie das Ungarn im Frühling 1989 vollzogen hat! Die dadurch möglich gewordene Flucht von DDR-Bürgern über Ungarn in den Westen im Sommer des Jahres hat das System weiter destabilisiert. Im April 1989 hatte die DDR, nach dem letzten Mauertoten, die Aufhebung des Schiessbefehls an der Grenze verfügt. Im Herbst stellten sich massive Demonstrationen gegen das System ein, nicht zuletzt anlässlich der 40-Jahr-Feiern dieses Staates im Oktober (an denen auch Gorbatschow teilnahm). Egon Krenz wurde dann Honeckers Nachfolger als Staats- und Parteichef. Es war also Wendezeit, vieles war möglich.

Schabowskis unabsichtlich falsche Angaben zur Grenzöffnung haben diese ermöglicht bzw. beschleunigt. Wenn die Regelung in dieser Form (also das Recht auf Westreisen und Rückkehr) auch durch den Ministerrat gekommen wäre und wie vorgesehen erst am Folgetag veröffentlicht worden und in Kraft getreten wäre, wäre der Ansturm und damit die Quasi-Grenzöffnung wahrscheinlich ähnlich gewesen – die Genehmigungen wären ja an den Grenzübergängen unmittelbar zu erteilen gewesen. Die Grenzposten wären aber vorbereitet gewesen, die Erteilung von Reisegenehmigungen hätten diese Ausreisen ein wenig kanalisiert. Abgesehen davon wurden die Westgrenzen der übrigen Staaten des damaligen Ostblocks damals schrittweise geöffnet; bei Abkapselung von/zu diesen Staaten wäre die DDR erst recht verloren gewesen. Die Erlaubnis zum Kommen und Gehen hätte im Fall ihrer geplanten Umsetzung eher den gewünschten Effekt haben können, nämlich das Gehen zu drosseln. Die Kontrolle über die Situation wäre beim Regime geblieben.

Hans Modrow wäre wohl auch so bald nach dem “Mauerfall” neuer Ministerpräsident geworden. Er hätte, aus einer Position der relativen Stärke heraus, eine Reformpolitik durchführen können, eine DDR-Perestroika, die auch die Oppositionsgruppen wie das Neue Forum einigermaßen zufrieden hätte stellen können, etwa mit einer Generalamnestie für politische Gefangene (die so im Dezember kam). Vergleichbar mit jener von Miklos Nemeth in Ungarn oder Ion Iliescu in Rumänien in dieser Zeit. Eine Reformpolitik, die aber nur schwerlich dazu hätte führen können, die DDR als Einparteienstaat zu erhalten.

Auch wenn sich die DDR und die SED in Ruhe reformiert hätten, wäre der Staat wahrscheinlich nicht zu retten gewesen. Freie Wahlen im Frühling 1990 wären auch mit einem anders verlaufenen 9. November 1989 realistisch gewesen, mit einem ähnlichen Ergebnis wie bei den tatsächlichen. Und somit wäre die Entwicklung der DDR wohl auch so auf die Vereinigung mit der BRD hinausgelaufen; zumal das Einverständnis der Sowjetunion unter Gorbatschow dazu unabhängig von der Grenzöffnung gegeben gewesen wäre. Die DDR war wahrscheinlich nicht reformierbar. Sie wäre wohl etwas anders in die Vereinigung reingegangen.

Nach dem Mauerbau wurde West-Berlin noch stärker eine „Insel” (im Kommunismus). Die grosse Einwanderung aus der BRD kam erst danach. Es entstand eine linke Szene, die für die Bundesrepublik maßgeblich war. Die Frage, ob W-Berlin hinter den westdeutschen Städten zurück oder ihnen voraus war, ist nicht so leicht zu beantworten. Zerfallene Häuser einerseits, künstlerische Freiheit andererseits. So wie „Herrn Lehmann“ aus Sven Regeners gleichnamigem Roman erkannten Viele nach dem Mauerfall, dass es mit der “Alternativwelt” nun vorbei sein würde. Und Berlin-Mitte fortan auch ein homogenisiertes Stück Düsseldorf sein werde. In der Wende-Zeit träumte man in der DDR vom Paradies und wachte dann in Nordrhein-Westfalen auf. Die Wiedervereinigung veränderte dann aber auch alte BRD, aus der ungefähr 1999 die “Berliner Republik” wurde.

Ingo Schulze hat auf etwas Interessantes hingewiesen: Die Ost-CDU (bis Dezember 1989 CDUD) spielte bei der Wende keinerlei Rolle, war diskreditiert als Teil des Regimes, hängte sich dann an die Wende dran; während das Neue Forum alles initiierte. Bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 kam Bündnis 90 (in dem der grösste Teil des Neuen Forums aufgegangen war) aber dann auf 2,9% und den 6. Platz, die CDU (leicht erneuert und mit Kohl-Hilfe) auf über 40% und den 1. Platz. Die CDUD-„Blockflöten“ stimmten in kommunistischen Zeiten nur in Bereichen wie Abtreibung anders (konservativer) als die SED; das Recht auf Abtreibung – in der DDR eine Selbstverständlichkeit – wurde in der BRD erst durch die Wiedervereinigung möglich.

Erinnert an die jetzige Situation, in der der Linken-Politiker Ramelow in Thüringen am Sprung zum ersten Ministerpräsidenten aus der Partei steht, wobei er eigentlich ein Gewerkschafter aus dem Westen ist und seine Vorgängerin und kommende Oppositionsführerin Lieberknecht (CDU) eine ehemalige Blockflöte. Dennoch sind von Gauck (der ja für Bündnis 90 in die letzte Volkskammer eingezogen war) abwärts viele über Ramelow „aufgeregt“, nicht über sie. Volker Pispers hat in Richtung Gauck gesagt, der Lebensstandard in der DDR wäre für einen sehr grossen Teil der Bürger der (heutigen) USA ein grosser Fortschritt.

Durch die Währungsunion mit 1:1-Kurs im Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR 1990 wurde die Produktion im Osten unerschwinglich. Die Treuhandanstalt hat dann auch intakte ostdeutsche Firmen stillgelegt oder privatisiert (an den Westen verscherbelt). Die Anti-Regime-Bewegung der DDR von links bis rechts wollte eigentlich, dass die Bürger etwas von dem von ihnen Erarbeiteten in ihren Besitz bekamen, durch das THA-Wirken ging das aber zu westdeutschen Firmen über. Es fand eine in der Phase um die Vereinigung eine De-Industrialisierung in Ost-Deutschland statt, die Massenentlassungen und Abwanderung mit sich brachte; kleine Unternehmer wurden bald von “Multis” verdrängt. Die wirtschaftliche Entmündigung war Teil einer generellen, so wurden ja auch nur vier Diplomaten der DDR übernommen; ähnlich war es etwa auch im Fussball (Liga, Nationalteam). Im Osten wirkende Politiker, Professoren, Beamte, usw. kamen aus dem Westen. Seither lebt der Osten von Zuwendungen aus dem Westen; das Muster ähnelt der Politik des Westens gegenüber der 3. Welt (ruinieren/ausbeuten, dann Entwicklungshilfe).

Die DDR hätte ’89 die Bürgerbewegung niederschlagen können, wie China in diesem Jahr, evtl mithilfe der Roten Armee im Land (mit Honecker ist das vorstellbar, mit Gorbi nicht), ein Massaker in Leipzig… Gregor Gysi schrieb 1993 einen Essay, in dem die DDR mit Perestroika ab ’85 überlebt. Zu „Die Mauer steht am Rhein“ steht hier etwas. Bei Jörg Mehrwald überlebt die DDR (“Bloß gut dass es uns noch gibt”, Satire). In der Mockumentary “Öl – die Wahrheit über den Untergang der DDR” (2015) wird Öl in der Ostsee gefunden. Der Kalte Krieg als Ganzer hätte in seiner Endphase am ehesten im Sommer 91 eine andere Wendung bekommen können, wenn der Putschversuch gegen Gorbatschow in der Sowjetunion anders ausgegangen wäre, wenn die Putschisten um Janajew Erfolg gehabt hätten; sie scheiterten hauptsächlich, weil der Grossteil des Heeres und der Bevölkerung gegen diesen Umsturz war.

Die Reden der beiden USA-Präsidenten an der Berliner Mauer sagen ja viel über den “Westen” und die Diskrepanz zwischen seinem Anspruch und der Realität. Kennedy war 1963 ein “Berliner”, als die Stadt schon etwa 15 Jahre lang Vorposten westlicher Freiheit war; ein Status, den das westliche Deutschland und Berlin bekommen hatten, indem NS-Funktionäre wie Gehlen (der auch über JFKs Tod hinaus noch einige Jahre BND-Chef war) die Seite wechselten. Kennedy hatte sich beim Bau der Mauer „zurück gehalten“, der Auftritt in ihrer Nähe dann hatte grosse Propagandawirkung; er war ein “Berliner” aber etwa kein Bagdader. Reagan forderte 87, die Mauer niederzureissen, als er in Zentralamerika Tod und Unterdrückung vorantrieb, Saddam Hussein gegen den Iran von ihm unterstützt wurde, und im von seiner Regierung (und Saudi-Arabien) gesponserten islamistischen Widerstand gegen den Kommunismus in Afghanistan u.a. Osama Bin Laden kämpfte.

Die “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte” (IGFM; International Society for Human Rights) sieht sich als “Menschenrechtsorganisation”, mit internationalem Anspruch, wechselte den Fokus von Marx zu Mohammed. Früher war ihr Fokus ausschließlich auf Menschenrechtsverletzungen in kommunistischen Regimen, während beispielsweise das südafrikanische Apartheid-Regime nicht kritisiert wurde. Die IGFM war in der DDR auch Thema einiger Diplomarbeiten der Rechtswissenschaften. “Imperialistische Menschenrechtsaktivitäten im Rahmen der ideologischen Diversion insbesondere gegen die DDR – dargestellt vor allem am Beispiel der Feindorganisation “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte e.V.”, Frankfurt/Main” war das Thema einer Arbeit aus dem Jahr 1984. Sie dürfte auch heute eine gewisse Aktualität haben.

 

Mauerbau Berlin 1961
Mauerbau Berlin 1961

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Irak durch die Jahrhunderte

Mit dem Vormarsch der islamistischen Terrormiliz IS ist der Irak wieder einmal Welt-Krisen-Brennpunkt. Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg, Diktatur, Terror, wirtschaftliche Engpässe durch Sanktionen,… Mehrere Generationen sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass allein das Recht des Stärkeren gilt und dieses mit Waffen durchzusetzen ist. Wie auch Andere in der Region stehen die Iraker zwischen dem Hammer des westlichen Imperialismus und dem Amboss des Islamismus. Mit dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins begann eine besonders dunkle Phase für den Irak. Der Name “Irak” leitet sich vom arabischen Wort für Ufer (von Euphrat/Tigris) oder aber von der sumerischen Stadt Uruk ab und soll seit dem 6. Jh. in Verwendung sein.

Mesopotamien, so die griechische Bezeichnung für “Zwischenstromland”, Land zwischen Euphrat und Tigris, aramäisch Beth Nahrin, war durch die Jahrhunderte meist eine geo-politische Einheit, ist kein durch die britische Kolonialherrschaft entstandenes Kunstgebilde; die Bevölkerung war schon immer sehr diversifiziert. Die jetzigen Probleme werde ich nicht mit einer grossen Vergangenheit überdecken, eher sie daraus erklären. Ich habe mir Mühe gemacht, die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Gliederung ergibt sich durch die Einschnitte und Umbrüche.

* Von den Sumerern bis zur persischen Eroberung, also etwa von 3000 vC bis 500 vC

Diese Phase umfasst die Zeit der antiken Hochkulturen der Sumerer, Akkader, Babylonier und Assyrer. Diese bildeten Stadtstaaten, die nacheinander die Herrschaft über ganz Mesopotamien und oft auch über ganz Vorderasien errangen, die Assyrer dehnten ihre Herrschaft sogar bis nach Ägypten aus. Die Bevölkerung dieser Reiche war grösstenteils semitisch, nur die Sumerer nicht (ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt). Der Beitrag Mesopotamiens zur Weltkultur aus dieser Zeit war ein grosser und ist noch immer lebendig. Von den Sumerern ist neben der Erfindung des Rads und der alkoholischen Gärung vor allem die Keilschrift zu nennen, eines der ersten Schriftsysteme der Welt, das später auch von Akkadern (deren Sprache auch von der sumerischen beeinflusst wurde) und Hethitern verwendet wurde und andere Kulturen beeinflusst hat; der ältere Teil des Gilgamesch-Epos wurde in dieser Schrift verfasst. Mehr zu erwirtschaften als man zum Leben brauchte, war Voraussetzung für die Entstehung der Hochkultur.

Der Untergang Sumerus durch den Angriff der Akkader (sowie die Einwanderung der Amoriter ins südliche Mesopotamien) um 2000 vC fiel mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zusammen bzw. bewirkte diesen. Die sumerische Weiblichkeits- bzw. Fruchtbarkeitsgöttin Inana wurde bei Akkadern, Assyrern und Babyloniern zu Ishtar. Während Inana männliche Gottheiten noch zur Seite gestellt bekam (auch als Gemahl), wurden Ishtar diese später übergeordnet. Bei den Assyrern etwa der Kriegsgott Ashur (Assur), bei den Babyloniern nicht zuletzt Marduk oder die Mondgottheit Sin. Die Akkadische Sprache (in Keilschrift) wurde dann auch lange von Assyrern und Babyloniern verwendet.

Die babylonischen Reiche (im Süden Mesopotamiens, in langen Kämpfen mit den Assyrern im Norden des Landes), haben der Welt Grosses in der Baukunst (die Stadt Babylon/Babel, mit dem Tor, das der Gottheit Ishtar gewidmet war, der Turm in der Nähe der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, die aber auch den Assyrern zugeschrieben werden, Kanäle), der Verwaltung (Hammurabis Gesetzeswerk), Astronomie (Kalender), Mathematik, Medizin hinterlassen. Mit dem Fall des Neu-Babylonischen Reichs gegen die Perser 539 vC verlor Mesopotamien seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, gewann sie erst im 20. Jahrhundert wieder! Zwischen Nabonid und Qasim wurde Irak/Mesopotamien 2500 Jahre von Ausländern regiert.1

Interessant in dem Zusammenhang ist die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten Königs dieses Reichs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll; in veränderter Form fand sie (wie vieles aus Mesopotamien, etwa der Garten Eden) Eingang in Tanach und Altes Testament der Bibel. Die Botschaft “Mene Mene Tekel Upharsin” war eine Warnung bzw. Ankündigung (Gottes). Was die Historizität dessen betrifft, so gehen anscheinend alle Quellen auf Xenophon zurück, der aber möglicherweise auch Daniel wiedergegeben hat. Ausgrabungen antiker mesopotamischer Hinterlassenschaften dauern an, werden aber immer wieder unterbrochen, durch die Gewalt, der der Irak nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.

* 6. Jh. vC bis 7. Jh. nC, Fremdherrschaften der Perser und Griechen:

Die Herrschaft Persiens, das von den Achämeniden regiert war, wurde nach etwa 200 Jahren durch die Eroberungszüge der Griechen unter Alexander beendet (Schlacht von Gaugamela). Von diesem soll der Ausdruck “Mesopotamien” stammen. In Asien setzte sich nach Alexanders Tod ja sein Feldherr Seleukos durch, der dort eine Herrscher-Dynastie begründete. Nach weiteren 200 Jahren erkämpfte im Nachbarland wieder ein iranisches Volk die Herrschaft, die Parther, unter der Arsakiden-Dynastie. Im 3. Jh. nC wurden diese von den persischen Sasaniden gestürzt, im Herkunftsland wie in Mesopotamien. Wie sehr die Iraner in der Spät-Antike das Zwischenstromland als Teil ihres Landes betrachteten, davon zeugt die Tatsache, dass arsakidische und sasanidische Herrscher ihre Hauptresidenz im dortigen Seleukia-Ktesiphon bezogen, das eigentlich aus zwei Städten bestand, die zur seleukidischen Zeit gegründet wurden. 64 vC wurde das Römische Reich Nachbar, wobei die Grenze meist entlang des Euphrats verlief. Rom und dann das Oströmische/Byzantinische Reich versuchten öfters, in Mesopotamien in den persischen Machtbereich einzudringen.

Ausserordentlich bunt war die religiöse Landschaft Mesopotamiens in der Spät-Antike: Unter persischer Herrschaft war auch dort der Zoroastrismus Staatsreligion. Ein grosser Teil der Bevölkerung Mesopotamiens verehrte aber weiter lokale semitische Gottheiten wie Sin und Aschur, v.a. im Norden des Landes. In Süd-Mesopotamien entstand im 1. Jh. nC die gnostische Mandäer-Religion (Mandaje; es gibt heute diverse Fremdbezeichnungen für sie, wie “Subba”). Auch die persische Manichäer-Religion entstand in Mesopotamien, im 3. Jh. nC, ihr Stifter Mani stammte aus der Arsakiden-Familie. Das Land wurde das erste Exil-Zentrum der Juden, der babylonische Talmud entstand hier, ebenso die Karäer-Sekte (Bene Mikra). Darüber hinaus trat die Herrscherschicht von Adiabene (Nodshirakan) im Norden, das eine gewisse Selbstständigkeit behauptete, und wo der Aschur-Kult vorherrschend war, zum Judentum über.

Im 1. Jh. nC kam das Christentum aus dem römischen Bereich (Syrien angrenzend) ins persische Mesopotamien, wo sein nestorianischer Zweig entstand, dieser Glaube dürfte der stärkste im damaligen Mesopotamien gewesen sein. In Seleukia-Ktesiphon entstand ein Katholikat, das dann zum Patriarchat aufgewertet wurde; “Persische Kirche”, auch “Seleukia-Kirche”, wurde diese Christengemeinde genannt. Bischof Nestorius vertrat im Oströmischen Reich die Meinung, dass in Jesus Christus Mensch und Gott getrennt seien (Diophysitismus). 484 nahm die Kirche in Mesopotamien Partei zugunsten des in der “Mutterkirche” ausgeschlossenen Nestorius, ging spätestens ab da nicht nur einen organisatorischen sondern auch einen dogmatischen Sonderweg. Nestorius’ Anhänger gingen aus Byzanz nach Persien. Die nestorianische Kirche breitete sich im persischen Bereich (Lachmiden) und darüber hinaus (Indien, Ostasien) aus.

Die sasanidischen Herrscher Persiens hatten an verschiedenen Grenzen Mühe, ihr Reich zu verteidigen, so etwa im Nordosten gegen die Weissen Hunnen. Im Westen, in Mesopotamien, war Byzanz der grosse Gegner geworden. Im südlichen Teil dieser Grenze hatten die Sasaniden einen vorislamischen arabischen Stamm, die Lachmiden (Banu Lakhm) als Vasallen engagiert. Diese waren zum nestorianischen Christentum übergetreten. Anfang des 7. Jahrhunderts gliederte Chosrou II. die Lachmiden seinem Reich ein – und verlor damit einen wirkungsvollen Grenzschutz.

Die Sprache der Aramäer in Syrien, die zu Beginn des 1. Jahrtausends vC entstand, hatte auch auf Mesopotamien grosse Auswirkungen. Sie entwickelten eine Konsonantenschrift, benutzten nicht mehr Tontafeln, sondern Papyrus und Pergament. So setzte sich Aramäisch auch im Neuassyrischen und Spätbabylonischen Reich durch. Auch die persischen und griechischen Herrscher Mesopotamiens verwendeten Aramäisch als Verwaltungssprache, es wurde dort erst im Mittelalter allmählich vom Arabischen verdrängt, wird aber noch immer von manchen Religionsgemeinschaften zumindest in der Liturgie verwendet. In diesem Land der historischen Brüche eine seltene Kontinuität. Phebe Marr findet noch eine Kontinuität von antiken Zeiten bis zu jetzigen bzw Gemeinsamkeiten in den Umbrüchen: “Rapider Expansion der Zentralmacht folgte unvollständige Assimilation der diversen Völker; interne Rebellionen und Palastrevolutionen brachen aus; Kriege an den Grenzen sowie Invasionen zerstörten schliesslich das Regime.” Die Zentralmacht waren früher eben die Babylonier, später die sunnitischen Araber.

* Von der arabischen Eroberung bis zum Auseinanderfall des Abbasiden-Kalifats, 7. bis 9. Jh.

636 nC siegte die arabisch-islamische Armee in Kedisia in Mesopotamien über die persische und eroberte in den folgenden Jahren den gesamten persischen Machtbereich. Damit ging auch die persische Herrschaft über Mesopotamien zu Ende, die mit Unterbrechungen fast ein Jahrtausend angehalten hatte, es sollte nicht die letzte sein.

Nach der Ermordung des dritten Kalifen Osman 656 wurde Ali, der davor übergangen worden war, sein Nachfolger als weltlich-geistlicher Führer (Kalif) des von Medina aus regierten Arabischen Reichs. Ali verlegte die “Hauptstadt” von Medina nach Kufa, einer arabischen Garnisonsstadt im mittleren Irak/Mesopotamien. Er sah sich der Konkurrenz v.a. der Omayaden-Familie unter Muawiya sowie den Kharidschiten ausgesetzt, von denen ihn dann auch einer ermordete. Muawiya folgte ihm als Herrscher nach und verlegte das Zentrum des Reichs nach Damaskus. Sein Sohn und Nachfolger Yazid wurde von Alis Sohn Hussain und seinem Gefolge (Schi’at Ali, die Partei Alis, die Schiiten) herausgefordert. 680 kam es in Kerbala im südlichen Irak zur Entscheidungsschlacht, die die Armee der Omayaden-Herrscher gewann. Die Schiiten gingen endgültig in Opposition zum Kalifat, religiös und politisch, und der südliche Irak wurde ihre Hochburg (die wichtigsten Heiligtümer dieser Konfession, die Gräber von Ali und seiner Familie, befinden sich dort).

Mitte des 8. Jh. brach innerhalb der herrschenden Omayaden-Dynastie ein Streit aus, in den sich die Abbasiden einschalteten und sich, durch Kämpfe im Irak, durchsetzten, 750 endgültig. Die neuen Kalifen gründeten eine neue Hauptstadt, Bagdad am Tigris, nördlich der untergegangenen Metropolen Seleukia-Ktesiphon und Babylon. Für etwa ein Jahrhundert blühte das Reich unter den Abbasiden politisch und kulturell auf, Perser (obwohl grossteils Schiiten) kamen unter ihnen zu bedeutendem Einfluss; ein genuin irakischer Beitrag zu der hohen Kultur war der Wissenschafter al Kindi. Die Zentralgewalt begann aber schon mit ihrer Machterringung zu bröckeln, als sich die entmachteten Omayaden auf der Iberischen Halbinsel selbstständig machten.

Harun al Rashid war Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts der letzte bedeutende abbasidische Kalif, Mitte des 9. Jh. versank das Kalifat in Bedeutungslosigkeit, als von den Rändern des Reiches (zunächst Nordafrika) ausgehend, regionale Herrscher die Macht übernahmen (Almoraviden, Fatimiden,…), schliesslich auch im Kernraum. In Mesopotamien hielten sich die abbasidischen Kalifen bis ins frühe 10. Jahrhundert, hatten aber auch dort den grössten Teil ihrer Macht an ihre Emire verloren. Ungefähr zur selben Zeit wie die sunnitischen Herrscher gingen auch ihre schiitischen Kontrahenten “unter”, der zwölfte Imam, der Mahdi, verschwand 869 in Samarra, er sollte der letzte sein.

Mit der arabisch-islamischen Eroberung des Irak begann auch hier der Prozess der Islamisierung und Arabisierung, durch den Druck von Sondersteuern, Einwanderung aus der arabischen Halbinsel (nach den Soldaten kamen Beduinen), Vermischung mit den einheimischen Semiten, allmähliche Durchsetzung/Annahme der arabischen Sprache, am Ende auch im privaten Bereich,… Auch die Ethnogenese der Kurden ist wahrscheinlich in früh-islamischer Zeit anzusetzen; sie dürften durch die Vermischung von eingewanderten Iranern (Medern?) mit semitischen Assyrern u.a. im Norden Meopotamiens entstanden sein. Armenier (im Irak nie so zahlreich) dürften im Mittelalter aus dem Norden eingewandert sein.

Im äussersten Norden und äussersten Süden Mesopotamiens gab es zwei Religionsgemeinschaften, die sich später Sabäer nannten. Der Hintergrund war dieser: bei der Ausbreitung des Islam wurden im Koran genannte Buch-Religionen anerkannt, das sind Christentum, Judentum und Sabäer (nicht aber Zoroastrier oder Hindus, die es dennoch zu dieser Anerkennung brachten). Sabäer (oder Sabier) waren zur Zeit Mohammeds Anhänger eines Gestirnkults in Jemen gewesen, der bald unterging. Die Mandäer in Süd-Mesopotamien, deren heilige Schrift die Ginza ist, bemühten sich zur Zeit der Islamisierung um Anerkennung und nannten sich daher nach dem im Koran erwähnten Sabäern. Dasselbe taten die Anhänger alt-mesopotamischer Kulte im Norden des Landes, um Harran! Während sich die Mandäer bis heute behaupten konnten (als ethnoreligiöse Gruppe, wie etwa die Drusen), sind die “Nord-Sabäer” im 12./13. Jahrhundert untergegangen – bzw. in den Alawiten aufgegangen.

* Hoch- und Spätmittelalter

Die Macht der Abbasiden wurde Mitte des 10. Jh. durch die persischen Buyiden (die Schiiten waren) endgültig gebrochen. Irak/Mesopotamien war in den folgenden Jahrhunderten meist wieder mit Iran/Persien zu einem Herrschaftsbereich zusammengefasst. Nach den Buyiden herrschten die türkischen Seldschuken (11./12. Jh.). Daneben und danach gabs die Hamdaniden, die Zengiden u. a., die über Teile des Irak regierten.

Bagdad war über den Untergang der Abbasiden-Herrschaft hinaus eine Metropole der islamischen Welt geblieben, durch die erste Mongolen-Invasion im 13. Jh. unter Hülagü wurde es schwer zerstört; auch der letzte abbasidische Kalif von Bagdad, der allenfalls noch eine religiöse Bedeutung hatte, wurde damals umgebracht. Im 15. Jh. fielen abermals die Mongolen ein, unter Tamerlan, verübten diesmal auch in Nord-Mesopotamien Massaker, an Nestorianern, die dort noch in der Mehrheit waren. Die nestorianische Kirche mit dem Patriarchat in Bagdad war nach der Arabisierung und Islamisierung Mesopotamiens weiter geblüht, hatte Anhänger in verschiedenen Teilen Asiens, wurde erst durch den zweiten Mongolen-Sturm stark getroffen, nicht nur in Mesopotamien. Zwischen den beiden Mongolen-Einfällen verbreitete sich im Land ausserdem die Pest.

Die Kämpfe mit den Mongolen führten zu hohen Sachschäden an dem komplexen Bewässerungssystem des Zweistromlandes. Dadurch konnte die mesopotamische Landwirtschaft ihr volles Potential nicht mehr entfalten. Das war einer der Faktoren dafür, dass das Land nach den Mongolen-Invasionen zur Peripherie wurde und für lange Zeit blieb (eigentlich war es erst das Erdöl, durch dass sich das änderte, in der modernen Zeit). Wie auch in Teilen Persiens etablierten sich dann turkmenische Stämme im Irak. Im Spät-Mittelalter begründeten die türkischen Osmanen in Anatolien ihre Herrschaft, in Persien die schiitische, multiethnische, Safawiden-Dynastie. In Mesopotamien trafen Perser und Osmanen im 16. Jh. aufeinander, die Osmanen setzten sich durch, gründeten das Wilayet von Bagdad, das den östlichen Rand ihres Reichs bildete.

Eine weitere im Zwischenstromland entstandene Religion ist die yazidische, die im 13. Jh. bei Mossul unter Kurden entstand, aus dem Islam, mit Beimischungen aus Zoroastrismus, Schamanismus,…  Diese Religion ist auch heute mehr oder weniger auf irakischen Kurden beschränkt; die Yaziden/Jesiden werden auch als ethnoreligiöse Gruppe gesehen.

Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im
Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im “Jami al-Tawarich”, einem mongolischen Geschichtsbuch der damaligen Zeit

* Neuzeit, osmanische Herrschaft

Das Land war bis ins 17. Jh. hart umkämpft zwischen Persischem und dem Osmanischen Reich; Teile des Landes bzw. die Grenzen sogar noch bis ins 19. Jh. Der Irak war für Persien schon wegen der schiitischen Bevölkerung (bzw. ihren heiligen Stätten) und den sprachverwandten Kurden wichtig. Erst nach der zweiten Einnahme Bagdads unter Sultan Murad IV. 1638 war die osmanische Herrschaft im Irak gesichert.

Ein Blick auf die Bevölkerungsgruppen, zumal sich in der Neuzeit die grossen Wanderungsbewegungen, Vermischungen und Assimilationsprozesse legten und sich die heutige “Landschaft” herausbildete. Es überwogen arabisierte und arabische Moslems, wobei Schiiten in der Mehrheit waren; deren Siedlungs-Schwerpunkt war der Süden geblieben, mit der Metropole Basra, am Schatt el-Arab/Arvandrud, der beim Zusammenfluss von Euphrat und Tigris entsteht und z.T. die Grenze zwischen Irak und Iran bildet. Schiiten wurden seit ihrer “Entstehung” im Irak bis auf die etwa 100 Jahre Herrschaft der Buyiden immer von Sunniten regiert  – bis zum Bush-Krieg 2003. Sie wurden unter Osmanen diskriminiert, weil sie als “Handlanger” der persischen Nachbarn und Konkurrenten verdächtigt wurden.

Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil des schiitischen Klerus im Süd-Irak aus Persien stammt(e) (davon zeugen auch heute Namen wie Sistani, der Gross-Ajatollah in Najaf), setzte diese Diskriminierung die Dynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang, wie oft in der Geschichte: Persien, seit den Safawiden ein “Paradies” für Schiiten, wurde so für die irakischen zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend verhielt es sich mit den Moslems in Bosnien-Herezegowina (den Bosniaken). Man unterstellte ihnen das Streben nach einer Vorherrschaft, nach einem politischen Islam, diffamierte sie als un-europäisch, rechtfertigte die ethnischen “Säuberungen”, die bald nach der Unabhängigkeit begannen, damit. Ein Resultat des Krieges ist, dass der Islam für die Bosniaken eine grössere Rolle spielt als vorher – nicht unbedingt als Lebensanleitung oder politisches Programm, aber zumindest als Teil der Identität. Erst 1908 wurde Schiiten von den osmanischen Behörden freie Religionsausübung erlaubt. Schiiten waren in unteren sozialen Schichten zu finden, waren oft Bazaris.

Sunnitische Araber mach(t)en etwa ein Drittel der Bevölkerung aus (Zentrum war/ist der Mittel-Irak um Bagdad), waren unter der türkischen Herrschaft, wie auch davor und danach, die privilegierte Bevölkerungsgruppe. Kurden waren und sind die vorherrschende Ethnie im Norden, wobei die grösste Stadt dort, Mossul, eine relative arabische Mehrheit hat. Kurden sind grossteils sunnitische Moslems, mit Minderheiten von Schiiten, Yaziden,… Die ebenfalls im Norden des Irak ansäßigen Türken werden “Turkmenen” genannt, was eigentlich irreführend ist. Sie stammen von verschiedenen türkischen Wanderungsbewegungen nach/durch Mesopotamien ab, jener unter den Seldschuken im Mittelalter und der unter den Osmanen in der Neuzeit – die meisten irakischen Turkmenen stammen von osmanischen Soldaten, Beamten und Händlern ab. Es gab im Früh-Mittelalter daneben eine Einwanderung echter Turkmenen aus Zentralasien, die vom Omayaden-Feldherr Ubayd-Allah ibn Ziyad dort als Soldaten rekrutiert worden waren. Diese gingen aber in der Mehrheitsbevölkerung auf, die (seit den Tagen der Omayaden) als “arabisch” gilt.

Ein Prozess, den es natürlich bei allen “Völkern” gibt, auch bei jenen, die als “Türken” gelten. Unter den Deutschen sind viele litauische und prussische Familiennamen verbreitet (bei Jenen, bei denen eine patrilineare Weitergabe des Namens gewährleistet war…), was u.a. auf die Assimilierung von Teilen dieser Völker an die Deutschen in Ostpreussen zurückzuführen sind. Zurück zu den irakischen Turkmenen. Früher wurden alle westlichen/oghusischen Türken “Türkmen” oder “Turkoman” genannt, dies erklärt diese Bezeichnung für sie. Ihre Sprache ist dem Aseri sehr ähnlich. Auch von den aus osmanischer Zeit stammenden Türken ist ein Teil in der “arabischen” Mehrheitsbevölkerung des Irak aufgegangen, etwa die Hashimi-Brüder, die im 20. Jh beide Premiers waren. Für die Türken/Turkmenen in Syrien gilt fast alles was über jene im Irak hier steht.

Der wichtigste nicht-moslemische Bevölkerungsteil waren (und sind) die christlichen Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert oft als “Assyrer” zusammengefasst werden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Nestorianer, die nach dem Mongolensturm mehr oder weniger auf einen Rest in Nord-Mesopotamien, wo sie v.a. mit Kurden zusammenlebten, reduziert waren. Die Kirche führte die Erblichkeit des Patriarchen-Amts ein, wechselte öfters den Sitz, es gab Nachfolgekämpfe, es entstanden Gegenpatriarchen (zeitweise gab es vier Patriarchen). Einer vollzog zu Beginn der Neuzeit die Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche. Im 19. Jh. hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass es eine autokephale und eine unierte Kirche gab.

Der Siedlungsschwerpunkt der Chaldäer, der unierten Nestorianer, verlagerte sich in den mittleren Irak, um das Patriarchat in Bagdad; die Nestorianer hatten ihr Patriarchat in Hakkari im Norden. Daneben waren auch die syrischen Christen der Jakobiten und ihrem katholisch-unierten Zweig im Irak vertreten; diese werden auch als “Aramäer” statt als “Assyrer” bezeichnet. Im 19. Jh. begann auch das westliche Interesse an den mesopotamischen Christen, das Missionsversuche, den Import von Nationalismus-Ideen, machtpolitische Überlegungen, historisch-religiöse Studien von ihnen, umfasste. Das nördliche Mesopotamien lag am Schnittpunkt türkischer, russischer, britischer Interessen. Hinzu kommen die Mandäer/Sabäer, Juden und Armenier.

Irak/Mesopotamien war im Osmanischen Reich eine Randregion, oft regiert von Statthaltern, die an persönlicher Bereicherung interessiert waren. Verwaltungstechnisch war das Land (in den Grenzen, die es nach der britischen Eroberung 1918 annahm und heute hat) auf vier (am Ende drei) Eyalets aufgeteilt (aus denen im 19. Jh. Vilayets wurden): Bagdad, Basra, Mossul, Sharazor (Kirkuk, ging 1830 in dem von Mossul auf). In den 1740ern übernahm in drei dieser Elayets (Bagdad, Basra, Kirkuk), also im grössten Teil des Irak, eine “Kaste” von mamelukischen Offizieren im osmanischen Dienst, die georgischer Herkunft waren, die Macht, für etwa 100 Jahre.

Während sich in der Provinz/Eyalet Mossul die Jalilis als quasi-erbliche Herrscher durchsetzten (“Araber”; sie waren christlicher, wahrscheinlich nestorianischer Herkunft und hatten wahrscheinlich auch kurdischen Einschlag), wurde Hasan Pascha 1702 Beylerbey (Gouverneur) von Bagdad, ernannt vom Sultanspalast in Konstantinopel/Istanbul, wo er auch aufgewachsen war. Er stammte von islamisierten georgischen Militärsklaven (Mameluken) ab. Er brachte neue Militärsklaven aus dem Kaukasus und etablierte in der Provinz, ja im Land, ein Machtsystem aus mamelukischen Offizieren, die sich auf militärischen Rückhalt stützen konnten, aber in Verwaltungspositionen ernannt wurden. Sein Sohn Ahmed (Pascha), zunächst Beylerbey im Eyalet Basra, wurde 1723 sein Nachfolger in Bagdad. Nach seinem Tod versuchte die “Hohe Pforte” dieses “Machtkartell” zu brechen, aber die von ihr ernannten Gouverneure von Bagdad konnten sich nicht durchsetzen. Suleyman Pascha, ebenfalls georgischer Mameluke, bislang Gouverneur von Basra, Schwiegersohn von Ahmed, erzwang seine Einsetzung in Bagdad. Manche setzen den Beginn der Mamelukenherrschaft mit ihm an. Unter ihm wurden die Gouverneurs-Positionen von Bagdad, Basra und Kirkuk quasi zu einer vereint.

Die Mameluken-Herrscher mussen oft in Streitigkeiten zwischen den Stämmen und ihren Scheichs intervenieren. Der grösste Teil des Zwischenstromlandes war von den 1740ern bis 1831 de facto autonom vom Osmanischen Sultanat; es hätte hier wie in Ägypten kommen können, wo die albanisch-stämmigen Lokalherrscher es schafften, sich tatsächlich unabhängig zu machen, wenn auch unter britischer Herrschaft dann. Mit Dawud Pascha fand diese Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und dann ihr Ende. Er leitete im Land einige Modernisierungsschritte ein (so geht die erste Zeitung des Irak auf ihn zurück), beendete die Unabhängigkeit des Janitscharen-Korps. Anfang der 1830 forderte der Wali von Ägypten Mohammed Ali indirekt die Herrschaft in Syrien, was ein Grund für die osmanische Regierung war, wenigstens im Irak die Macht der Mameluken zu brechen. 1830 wurde Dawud vom Sultan abgesetzt, der Emissär, der diese Nachricht überbrachte, wurde aber kurzerhand umgebracht.

So schickte Istanbul eine Militärexpedition unter Ali Rida Pascha, die 1831 Erfolg hatte. Ali Rida wurde selber Gouverneur in Bagdad. Er heiratete die Tochter eines Mameluken-Notabeln, blieb der Hohen Pforte aber treu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte der osmanische Politiker Midhat Pascha, anscheinend ein Alewit, als Gouverneur in Bagdad, betrieb eine Modernisierung, im Bildungsbereich und für das Heer. Zu den aus der Kaukasus-Region stammenden Irakern gehörten neben den im 18. Jh. als Militärsklaven rekrutierten Georgiern Moslems aus Daghestan, Tschetschenien oder Abchasien, die Mitte des 19. Jh. vor der russischen Eroberung ins Osmanische Reich “auswiechen”. Naji Shawkat, in der Phase nach der Unabhängigkeit im 20. Jh Premier, war etwa mamelukisch-georgischer Herkunft.

Für die Führer der Babi-Sekte war der Irak nach der Vertreibung aus Persien Exil-Station. In einem Park in Bagdad erklärte sich einer von ihnen, Mirza Hussain Ali Nuri, 1863 als die vom Gründer angekündigte messianische Gestalt, als “Baha’ullah” (Glanz Gottes), was als Stiftung der Baha’i-Religion verstanden wird. Kuwait, zwischen Mesopotamien und der arabischen Halbinsel (Hasa-Region) liegend, wurde 1756 ein Scheichtum unter der as-Sabah-Dynastie, unterstand aber der Oberhoheit der Osmanen. Nachdem diese im 19. Jh versuchten, ihre Oberhoheit auch durchzusetzen, löste sich Kuwait 1899 unter britischem Schutz von den Osmanen (endgültig im 1. Weltkrieg).

Anfang des 20. Jh begann auf osmanische Initiative der Bau der Bagdad-Bahn von Kleinasien nach Bagdad, ausgeführt durch das Deutsches Reich (das sich dadurch Zugriff aufs Öl erhoffte), als Konkurrenz zum britisch kontrollierten Suezkanal. In der späten osmanischen Herrschaft über Irak begannen auch die Ausgrabungen antiker Reste, v.a. durch Briten (Austen Layard, Norden, Ninive, Assyrer) und Deutsche (im Süden).

Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung, 1932?
Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung. Das Tor war eines der Stadttore Babylons, wurde unter Nebukadnezar II. (7./6. Jh. vC) errichtet. Es ist mit Reliefen der anderen babylonischen Gottheiten Marduk und Adad geschmückt. Es wurde im 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit der osmanischen und dann der britischen Herrschaft über Mesopotamien/Irak hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben, in Berlin aus den Teilen dann rekonstruiert

Mit dem westlichen Imperialismus, der Irak begann für den Westen v.a. wegen seines Erdöls interessant zu werden, kam auch der Nationalismus in die Region, erfasste auch im osmanischen Irak alle Bevölkerungsgruppen, Araber, Kurden, Türken, Assyrer, Juden,… Der zu Beginn des 20. Jh gegründete Irakische Bund (al-Ahd al-Iraqi) wurde die wichtigste Organisation arabischer Iraker, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wollten.

* Der 1. Weltkrieg, die britische Eroberung und Machtausübung bis zur Unabhängigkeit

“Bis zum Waffenstillstand von Mudros [in Westasien, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten, im Oktober 1918] war London an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert.” (Fürtig) Marineminister Churchill hatte im Vorfeld des Kriegs als ein Ziel ausgegeben, Eigentümer oder zumindest Kontrolleur der Menge Erdöl zu werden, die Grossbritannien benötigte. Und Aussenminister Sykes hatte 1916 mit seinem französischen Kollegen den Nahen und Mittleren Osten aufgeteilt, den grössten Teil Mesopotamiens sollte GB bekommen. Die Briten, mit ihren Hilfstruppen aus Indien (mehr als die Hälfte!) und anderen Ländern, eroberten, mit Hilfe vieler Iraker, gegen Osmanen und Deutsche, dieses Gebiet dann, von Süden nach Norden, zunächst bis Kirkuk, dann auch das Gebiet um Mossul.

Den äussersten Norden des Zwischenstromlands nicht, das waren die osmanischen Vilayets Harput, Erzurum, Bitlis, Diyarbakir (Amid), den äussersten Westen auch nicht, in den Vilayets Aleppo und Dar es Zur (das zu Aleppo gehört hatte, dann ein unabhängiger Sandjak geworden war). Die Gebiete der Oberläufe und Quellflüsse von Euphrat und Tigris kamen dann zum damals französischen Syrien und zur Türkei (der äusserste Norden Mesopotamiens, der dann türkisch wurde, war im 1920 vereinbarten Vertrag von Sevres zunächst dem Kurdengebiet und Armenien zugeteilt worden). Die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu “Mesopotamien” ist fraglich, möglicherweise gehören sie “geopolitisch” eher zu Syrien bzw. Kleinasien.

In der Antike standen sie teilweise unter der Herrschaft der Hethiter, waren dann (auch das anders als das restliche Zwischenstromland) teilweise bei Byzanz, unter islamischer Herrschaft waren die mesopotamischen Gebiete meist vereinigt, so auch bis zum Ende des Osmanischen Reichs, dann wurden die nördlichen und westlichen abgetrennt. Die heute zu Syrien und der Türkei gehörenden Gebiete um Euphrat und Tigris teilen einige Gemeinsamkeiten mit den irakischen, besonders dem angrenzenden des Nord-Irak, so etwa den (angestammten) kurdischen und assyrischen Bevölkerungsanteil. Euphrat und Tigris werden heute von Türkei und Syrien aufgestaut. Wenn man das Einzugsgebiet der zwei Flüsse dazuzählt, wäre Mesopotamien noch grösser, würde es Teile auch des Iran, Kuwaits und Saudi-Arabiens einschliessen. Hier geht es in der Folge aber um den Irak. Die Türkei beanspruchte dann auch den Nord-Irak um Mossul, auch wegen der dort lebenden türkischen Minderheit.

Das nördliche Mesopotamien lag nahe der osmanisch-russischen Front, 1915 mussten sich die Russen dort erstmals zurückziehen. In dieser Phase fand der grösste Teil jenes Terrors statt, der heute allgemein als Völkermord anerkannt ist. Osmanisches Militär und kurdische Milizen deportierten und ermordeten Armenier (deren Siedlungsgebiet zwischen osmanischem und russischem Gebiet lag) sowie Nestorianer, denen sie die Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellten. Ein furchtbares Ende der osmanischen Herrschaft über Mesopotamien. Nestorianer flüchteten, v.a. in den persischen Bereich (wo die Zentralgewalt wenig Macht hatte) um Urmie, ein Teil blieb in der Gegend um Hakkari.

1916/17 hatten wieder die Russen an der Kaukasus-Front die Oberhand, damit auch über Armenien und Nord-Mesopotamien. Für etwa ein Jahr konnten die christlichen Armenier und Assyrer (Nestorianer) anschliessend daran die Front gegen die Osmanen halten, hatten in dieser Zeit die Kurden als Hauptfeind. Als die Osmanen 1918 wieder vorrückten, flüchtete ein Teil der Nestorianer in den Süden Mesopotamiens, den Briten entgegen, auch ihren chaldäischen Brüdern, liessen sich bei Bagdad nieder. Im Urmie-Gebiet töteten Kurden unter ihrem Stammesfüher Simko Ismail Shikak 1918 den nestorianischen Patriarchen Mar Shimun XXI. Benyamin (der auch seinen Sitz in Hakkari aufgeben musste) und 150 seiner Gefolgsleute. Die Verfolgungen im 1. Weltkrieg waren für die Christen Mesopotamiens das einschneidendste Erlebnis seit Tamerlan.

1920 wurde der Irak vom Völkerbund offiziell britischer Kontrolle unterstellt. Die Briten zogen in den frühen 1920ern die Grenzen in der Region, in der sie durch den Krieg die vorherrschende Macht geworden waren, mit etwas französischer Mitsprache. Nach dem 1. Weltkrieg war die ganze islamische Welt unter direkter oder indirekter europäischer Kontrolle; der Einfluss der USA dort kam später. Aufstände von Irakern gegen die britische Herrschaft wurden blutig niedergeschlagen; 1919 sanktionierte Churchill als Kriegsminister den Einsatz von Giftgas gegen Kurden (“unzivilisierte Stämme“, wie er sie nannte), konventionelles Bombardement wurde dann aber als effektiver betrachtet. 1921 wurde der Sohn des Scherifen von Mekka, Hussein, aus der Haschemiten-Familie (am Hejaz von den Sauds “verdrängt”), Bruder des in Jordanien eingesetzten Abdullah (der eigentlich als irakischer König vorgesehen war), als König Syriens von den Franzosen abgesetzt, ein sunnitischer probritischer Araber, von den Briten als König des Irak eingesetzt.

Die Briten herrschten über einen Hochkommissar, dort stationierte Truppen, eigene Beamte, und schufen eine dünne pro-britische Oberschicht (v.a. sunnitische Stammesführer und ehemalige osmanische Offiziere). Iraker bzw arabische Iraker waren wieder nicht Herren im eigenen Haus. Es kam in den 1920ern daher zu weiteren Aufständen, angefacht etwa von der Haras as-Istiqlal (Hüter der Unabhängigkeit, eine schiitisch dominierte Partei), die niedergeschlagen wurden. Das Mossul-Gebiet kam entgegen türkischen Wünschen 1925 endgültig zum Irak, hauptsächlich weil sonst die schiitische Mehrheit im Land noch deutlicher gewesen wäre… Möglicherweise war das auch die Motivation bei der Grenzziehung im Westen, die die arabisch-sunnitische Dulaim/Ramadi/Anbar-Region mit einschloss.

Briten brachten die Erdöl-Förderung und -Verarbeitung auf Touren. Aufgrund des steigenden Interesses an Erdöl und die Vermutung dessen im Irak war in dessen osmanischer Endzeit die Turkish Petroleum Company gegründet worden. Diese TPC hatte britische (die Anglo-Persian Oil Company) und deutsche Teilhaber, und wurde vom armenischen Geschäftsmann Calouste Gulbenkian geführt. Nach dem 1. Weltkrieg (die Nachfrage nach Öl war inzwischen noch grösser) wurden die deutschen Teilhaber, wie Deutsche Bank, hinausgeworfen, Franzosen kamen hinzu, Briten dominierten die TPC nun ganz. Die Gesellschaft führte Mitte der 1920er Bohrungen durch, fand erstmals in Kirkuk etwas. Amerikanische Firmen kamen hinzu. Das Öl machte nun die grösste Bedeutung des Irak aus und blieb es auch über 100 Jahre später. Die TPC wurde 1929 in Iraqi Petroleum Company umbenannt, hatte das Monopol auf irakisches Öl, baute Raffinerien und Pipelines, war von der britischen AIOC dominiert und bohrte auch in benachbarten Ländern. Die Haupt-Pipeline aus dem Irak teilte sich in Haditha, die eine führte Öl von Kirkuk über Jordanien bis 1948 nach Haifa (dann Israel), die andere nach Tripolis im Libanon.

Der sunnitisch dominierte Irakische Bund unter Nuri as-Said stand zur Monarchie und den Briten. as-Said war dieses Bündnis im 1. Weltkrieg eingegangen, als er als Offizier in der osmanischen Armee in britische Gefangenschaft geriet, danach am Hejaz für Haschemiten und Briten gegen Osmanen kämpfte. Viele arabische Soldaten und Offiziere im osmanischen Heer wurden wie er in diesem Krieg zur Unterstützung der Sache des britischen Gegners “konvertiert”, die ihnen als der arabischen dienlich verkauft wurde, nicht zuletzt in Gefangenenlagern in Indien. Die Briten liessen nicht viel politische Betätigung und Mitbestimmung der Iraker zu. 1920 setzten sie erstmals eine Regierung ein, die ihre Vertrauensleute unter Irakern umfasste und nicht viel zu bestimmen hatte.

Nuri as Saids Schwager Jafar Askari war in den 1920ern mehrmals Premier und auf (nominell) wichtigen Ministerposten, Said vorerst nur Minister, als Verteidigungsminister leitete er den Aufbau des irakischen Militärs. 1924 durfte erstmals ein Parlament gewählt werden, die meisten Parteien waren aber verboten, das Wahlrecht eingeschränkt. In der zweiten Hälfte der 1920er drängten auch die Gewährsleute der Briten unter Irakern, auch König Feisal, immer vehementer auf die Unabhängigkeit. As Said wurde 1930 erstmals Premierminister (schloss mit den Briten einen “Bündnisvertrag”), bis 1958 war er das weitere 13 Male. Die Unabhängigkeit wurde 1932 gewährt, bei Beibehaltung britischer Vorrechte (Ölförderung und Militärbasen)

* Der unabhängige Irak bis zum Sturz der Monarchie

Auch nach der Unabhängigkeit unter den vom Hejaz stammenden Monarchen war starker britischer Einfluss gegeben, sunnitische Dominanz, wenig Selbstbestimmung der Iraker. König Feisal starb im Jahr nach der Unabhängigkeit, sein Sohn Ghazi wurde Nachfolger. Unter ihm bzw. in der Phase des unabhängigen, königlichen Irak bis 1958 spielte Nuri as Said weiter eine Hauptrolle. Seit 1924 fanden im Irak Parlaments-Wahlen statt (Männer-Wahlrecht); durch die Konstruktion (in der Verfassung von 1925) mit einem ernannten Oberhaus, eingeschränkten Rechten des Parlaments sowie Parteienverboten konnten die Herrschenden (Königshaus, die Schicht um as Said, Briten) die Opposition von Linken (die an der verbreiteten Armut etwas ändern wollten), Nationalisten (unter denen sich auch Anhänger einer repräsentativen Demokratie befanden!) und zu kurz gekommenen Volksgruppen (Schiiten, Kurden) klein halten.

Das Militär hatte die Rolle der Stütze dieses Systems,  sobald es sich aber gegen das System wandte, hatte dieses keine Chance mehr, wie sich noch zeigen sollte. Der britische Botschafter hatte nicht die Macht des Hochkommissars (die mit der des US-amerikanischen Zivilverwalters nach der Invasion 2003 vergleichbar war), aber dennoch eine beträchtliche; die wirtschaftliche über die Iraqi Petroleum Company wurde durch die militärische, etwa über die Luftwaffenbasis in Habbaniyah, abgesichert.

Ein Teil der Nestorianer im Irak war von den britischen Machthabern für militärische Sondereinheiten, die Levies, rekrutiert worden. Die Levies wurden von den Briten vor allem im Nord-Irak eingesetzt, v.a. um Revolten der Kurden unter Mahmud Bar(a)zani niederzuschlagen. Die Beziehung der Nestorianer zu ihren kurdischen Nachbarn war seit Jahrhunderten “schwierig”; die Verschlechterung der Beziehungen mit Arabern ist nach dem 1. Weltkrieg anzusetzen. Die militärische Instrumentalisierung von Nestorianern durch die Briten trug wesentlich zu ihrer Isolierung im Irak bei. Viele arabische Iraker sahen die Aktivitäten der Nestorianer als Versuch der Briten, den Irak mit Hilfe seiner Minderheiten zu spalten. Die Levies existierten auch noch im unabhängigen Königreich Irak, auf britischen Stützpunkten, wurden 1941 gegen die irakische Regierung eingesetzt.

Ein Teil der Nestorianer quittierte nach der Unabhängigkeit die Levies, 1933, mit dem Ziel, sich im Nord-Irak als Miliz zu organisieren, und verlangte dort Autonomie. Anders als die Chaldäer (deren Patriarch Emanuel Yosef Mitglied des irakischen Parlaments wurde) entwickelten die Nestorianer wenig Zugehörigkeit zum Irak. Der nestorianische Patriarch Mar Schimun XXI. selbst agitierte gegen die Integration in die irakische Gesellschaft. Er wurde im Sommer 1933 zu einem Gespräch mit der Regierung nach Bagdad geladen und danach ausgewiesen, nachdem er seinen Anspruch auf weltliche “Herrschaft” nicht aufgeben wollte.

Im Norden etablierte sich eine Miliz aus etwa 200 Kämpfern unter Malik Yaqo. Die irakische Regierung sandte Truppen unter dem kurdischen General Bakr Sidqi. Viele Kurden begrüssten ein Vorgehen gegen die Miliz. Die Yaqo-Truppe, dazu viele Zivilisten, insgesamt 600 Leute, versuchten, in das französische Syrien zu gelangen, wurde an der Grenze aber zurückgeschickt. In der Folge kam es zu Gefechten mit der irakischen Armee, deren Auslöser umstritten ist. Die Sidqi-Truppen verübten dann in der Dohuk-Region Massaker an Nestorianern, unterstützt von kurdischen (auch yazidischen) und arabischen Einwohnern der Gegend. Die Stadt, die auf aramäisch und türkisch Simele heisst, auf sorani Semel, arabisch Sumail, wurde Fluchtziel vieler Nestorianer der Gegend, wie Srebrenica in Ost-Bosnien für Bosniaken, als dort 1992 die ethnischen “Säuberungen” losgingen. Dort fand nun das schlimmste dieser Massaker statt, in dem Hunderte Menschen getötet wurden.

Wiederkehrende Aufstände der Schiiten wurden in dieser Phase nach der Unabhängigkeit ebenfalls mit Masskern des noch jungen irakischen Militärs beantwortet. 1936 putschte das Militär unter Bakr Sidqi, der inzwischen Generalstabschef war, erstmals. König Ghazi musste Premier Yasin Haschimi gegen Hikmet Suleiman (von der Partei der nationalen Bruderschaft, die hauptsächlich gegen die britische Vorherrschaft eingestellt war) austauschen. Nachdem dieser die Hoffnungen auf Reformen, auf eine breitere Verteilung von Macht und Ressourcen, enttäuscht hatte, sich mit Sidqi zerkracht hatte und dieser dann ermordet wurde (evtl. von der probritischen “Partei”), musste er 1937 zurücktreten.

Die probritische, oligarchische Garde unter Nuri as Said (der ins Exil nach Ägypten gegangen war), kehrte zurück an die Macht. Das Militär war aber zu einem politischen Spieler geworden, der von keinem mehr übergangen werden konnte – und sollte es für die nächsten Jahrzehnte, bis zum Ende der Saddam-Ära, auch bleiben. König Ghazi kam 1939 bei einem Autounfall ums Leben; da er begonnen hatte das bestehende System in Frage zu stellen, gibt es Vermutungen um “Nachhilfe” der Briten und ihrer irakischen Gefolgsleute um as Said dabei. Ghazis dreijähriger Sohn Feisal II. wurde sein Nachfolger, unter Regentschaft seines Verwandten Abdal’ilah, einem Cousin seines Vaters.

Raschid al Gailani von der Partei der nationalen Bruderschaft wurde der grosse Herausforderer as Saids und der bestehenden Verhältnisse; in den 1930ern wirkten die beiden zeitweise zusammen in Regierungen. Unter den Mitstreitern Gailanis war der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini, der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war. Über Husseini wurde eine Verbindung zum deutschen, nationalsozialistischen Regime hergestellt; die Achsenmächte wurde aufgrund des gemeinsamen Feindes GB gebraucht. Gailani wurde 1940 zum zweiten Mal Premierminister, musste 1941 auf Druck der Briten (Botschafter Cornwallis) zurücktreten. Daraufhin kam es zu einem Staatsstreich seines Lagers, das von Teilen des Militärs unterstützt wurde.

Regent Abdal’ilah, Said u.a. mussten fliehen. Die Putschisten verlangten den Abzug der Briten aus dem Irak. Britische Truppen im Land, verstärkt durch weitere aus der Region (wie 1917 viele Inder dabei), der transjordanischen Arabischen Legion und der zionistischen Terrorgruppe IZL (die allein im Jahr 1938 119 Palästinenser bei Anschlägen tötete), stürzten nun, mit Billigung der langjährigen irakischen Herrscher, die aktuellen Machthaber um Gailani. Die deutsche und italienische Luftwaffe beteiligte sich an den Kämpfen auf deren Seite. Nach der Niederlage der Gailani-Regierung (die sich etwa 1 Monat gehalten hatte) und vor dem Einzug britischer Truppen und ihrer Verbündeten kam es in Bagdad zu einem Massaker an Juden, das bis zu 200 Todesopfer forderte und als “Farhud” bekannt wurde.

Gailani und Husseini gelang die Flucht. Saids Stellung im Irak wurde nach der Niederschlagung des Putsches so stark, dass er es sich in Folge leisten konnte, das Amt des Regierungschefs an Politiker seiner Wahl zu vergeben, etwa an Midfai. Dies mit der Unterstützung der Briten, die ihre Militärpräsenz im Lande nach dem Putsch verstärkten, in der Region vorerst der unumschränkte Herrscher wurden (die irakischen Ölfelder waren darin neben dem ägyptischen Suezkanal ihr wichtigster „Schatz“). Die Kluft zwischen dem Regime und der Mehrheit der Bevölkerung vergrösserte sich weiter.

An dieser Stelle etwas über die irakischen Juden, ihren Transfer nach Israel in den frühen 1950ern, die Dynamiken zwischen ihnen, dem Zionismus und dem Irak (dem Staat und der Mehrheitsgesellschaft). Die jüdische Gemeinschaft im Irak war in nach-osmanischer Zeit die grösste in der Region, zählte über 100 000 Menschen, die meisten davon in Bagdad. Um 1920 waren 44% der Mitglieder der irakischen Handelskammer Juden. Der Einfluss aschkenasischer, meist zionistischer, Juden auf sie begann Ende des 19. Jh. Manche wanderten vor dem organisierten zionistischen Transfer nach Palästina aus (meist über den Iran übrigens) und schlossen sich dem zionistischen Projekt an; manche favorisierten einen Irak unter britischer Kuratel, viele sahen sich als Teil der irakischen Gesellschaft. Die Kommunistische Partei des Irak (CPI) hatte viel mehr Anhänger unter Juden als zionistische Organisationen wie Hehalutz.

Irakische Juden, neben jenen in Marokko wahrscheinlich die am besten Integrierten in arabischen Ländern, wurden Spielball im bzw. durch das zionistische Projekt; dass sich ihr Schicksal, wie auch das anderer jüdischer Gemeinschaften in der Region, mit dem Konflikt um Palästina verband, dafür sorgten nicht zuletzt im Untergrund tätige zionistische Aktivisten. Dass sich der Palästina-Konflikt und der Weltkrieg in Europa, speziell die Konfrontation zwischen Deutschland und Grossbritannien, auch auf den Irak als Ganzes auszuwirken begann, hatte nicht nur mit der Anwesenheit des palästinensischen Muftis zu tun.

Manche Iraker zogen Parallelen zwischen ihrer Situation als Bürger mit fast keiner Mitsprache in einem halb-kolonialen Staat und der Situation der Palästinenser. Der “Farhud” wird gerne als Rechtfertigung für zionistische Politik gegenüber irakischen Juden verwendet und überhaupt stark instrumentalisiert, auch gegen palästinensische Anliegen. Die Geschichte des Irak ist voll mit Massakern, in von den 1930ern bis in die 1950er an Gegnern des Regimes, an den Assyrern 1933, 1963 an 5000 Kommunisten, jene von Hussein und früheren Herrschern an Schiiten, das von Halabja 1988 an Kurden (mit durch westliche Hilfe hergestelltem Giftgas),…

Das frisch gegründete Israel schloss 1950 ein Abkommen mit dem irakischen Premier Said, dass die Auswanderung der Juden aus dem Irak nach Israel ermöglichen sollte. 12 000 meldeten sich daraufhin, das waren 10%. Dann fanden, 1950/51, einige Bomben-Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Bagdad statt. Bei dem Anschlag auf die Shemtov-Synagoge im Jänner 1951 gab es auch Todesopfer; ein anderer Anschlag betraf das amerikanische Kulturzentrum, das von Juden frequentiert wurde. Danach war der grösste Teil der Juden bereit zur Auswanderung und jene, die es nicht waren, wurden unter Zwang dazu gebracht.

Etwa 130 000 Juden, fast alle im Irak, wurden 1951 nach Israel gebracht, wie es etwa auch mit den Juden im Jemen geschah. Es spricht viel dafür, dass Zionisten unter den irakischen Juden und israelische Agenten für die Anschläge verantwortlich waren, diese unter falscher Flagge durchführten, ähnlich wie in Ägypten einige Jahre später. Während diese “Lavon-Affäre” (dort ging es nicht um die Auswanderung der Juden, die Aktion hatte aber Einfluss darauf) von Israel längst nicht mehr geleugnet wird, ist das mit den Bomben im Irak noch immer der Fall. Nach dem Verhör eines Verdächtigen wurden in einer der betroffenen Synagogen und anderswo Handgranaten u. ä. gefunden. Für die Anschläge wurden mehrere irakische Zionisten verurteilt.

Manche der nach Israel gebrachten gaben den ihnen dort oft entgegengebrachten Rassismus nicht einfach an die Palästinenser weiter und setz(t)en sich mit der Vergangenheit im Irak und ihrer Rolle in der Region auseinander, am kompromisslosesten wahrscheinlich der Schriftsteller Samir Naqqash, der auf Arabisch schrieb, hauptsächlich autobiografisch angehauchte Romane (teilweise in einem jüdischen Bagdader Dialekt, der damit am Leben gehalten wurde – im Spannungsfeld Sprache-Identität-Politik ein wichtiges Statement) und sich als Araber mit jüdischem Glauben definierte, als Exil-Iraker, auch seinen arabischen Namen behielt. In der zionistischen Gesellschaft sind sie damit zwangsläufig Aussenseiter; manche sind aber wieder ausgewandert. Das zionistische Narrativ über die orientalische Juden ist, dass sie bedroht waren, gerettet wurden und heimgekehrt sind, dass es kein Judentum ausserhalb des Zionismus gibt. Früher wurden Mizrahis auch offen als demografisches Matrial deklariert. Dass sie eine orientalische Identität haben oder wenigstens Israel durch sie orientalischer werden könnte, geht gegen den Strich des Zionismus.

Der Irak wurde also spätestens in den 1940ern in den Palästina-Konflikt mit hineingezogen. 1948 beteiligten sich Einheiten der irakischen Armee an der Seite (Trans)jordaniens (das ebenfalls eine Monarchie unter den Haschemiten war) am (vergeblichen) Versuch, die Nakba in Palästina zu stoppen, im Osten Palästinas. Jordanien unter seinem König Abdullah hatte mit Israel ein Abkommen geschlossen, da es auch einen Teil Palästinas wollte. Irakische Einheiten hielten sich nicht an die auferlegte Zurückhaltung, retteten ein paar palästinensische Dörfer im Norden, die aber durch den von Jordanien eingewilligten Waffenstillstand 1949 an Israel abgetreten wurden. Die CPI war damals so an der Sowjetunion orientiert, dass sie die damalige Position des Kreml, die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina zu unterstützen, übernahm. Irak nahm auch einen kleinen Teil der hunderttausenden während der Nakba vertriebenen Palästinenser auf. Zu nennen sind in dem Zusammenhang auch die späteren Spaltungs-/Infiltrierungsbemühungen von israelischen Geheimdienstbossen wie Meir Amit (Slutsky) gegenüber Kurden oder Assyrern im Irak.

1948 fand ein grosser Aufstand gegen einen neuen Vertrag mit GB statt, die Kommunistische Partei des Irak (CPI; الحزب الشيوعي العراقي‎) unter Salman Yusuf (einem Assyrer) war der Hauptorganisator. Die KP war von schiitischen Intellektuellen dominiert, hatte viele Juden, Assyrer und Kurden, bekam durch die Entstehung einer Arbeiterklasse infolge des Aufbaus der Ölindustrie Bedeutung. Eine “Säuberungswelle” des Regimes 1949 richtete sich gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, so endete auch KP-Chef Yusuf am Galgen. Ende der 1940er waren mit Salih Jabr und Mohammed Sadr erstmals Schiiten Premiers, sie waren aber nur Erfüllungsgehilfen der damaligen Repression. Schiiten erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierung, womit eine Auflösung der traditionellen arabischen Stammesverbindungen und eine Säkularisierung verbunden war.

1952 gab es wieder Unruhen, “inspiriert” vom Sturz König Faruks in Ägypten und der Öl-Verstaatlichung unter Mossadegh im Iran, sie wurden niedergeschossen, wie alle grossen Kundgebungen dieser Jahre. Die irakische Regierung verhandelte in diesem Jahr mit der britisch dominierten IPC (unter dem ehemaligen Marine-Offizier John Cunningham), mit eben jener Ergebenheit, in der sie den Briten gegenüberstand. 1954 wurden die meisten Parteien verboten. 1955 wurde der Irak unter den damals Herrschenden von ihrer “Schutzmacht” Grossbritannien mit den anderen antikommunistisch regierten Staaten der Region wie Türkei zum Bagdad-/CENTO-Pakt verbündet. 1957 schlossen sich die wichtigsten Oppositionsbewegungen, die (1950 als Ableger der älteren syrischen gegründete, panarabische und sozialistische) Baath-Partei (unter dem Schiiten Rikabi), die Kommunistische Partei CPI, die sozialdemokratische National-Demokratische Partei (NDP) und die Unabhängigkeits-Partei zur Front der nationalen Einheit zusammen, die auch mit der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP/PDK) zusammenarbeitete und heimliche Unterstützung von Teilen des Militärs bekam.

Durch die Volljährigkeit Faisals II. 1953 änderte sich wenig, Abdal-Ilah blieb sein “Berater”, Said zog die Fäden, die Briten hatten in Vielem das letzte Wort. Said war erfreut über die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten nach Nassers Verstaatlichung des Suez-Kanals, die Politik Nassers war quasi die Gegenthese zu seiner. Das Volk ging wieder auf die Strassen und wurde niedergeschossen. Auf die Vereinigung der linksnationalistisch regierten Staaten Ägypten und Syrien 1958 reagierten die konservativen und probritischen Monarchien Irak und Jordanien ihrerseits mit einer Vereinigung. Im Mai 1958 wurde gewählt, unter Umständen, die den Wahlen, die unter Saddam Hussein stattfanden, sehr ähnelten. Nachdem fast alle Parteien verboten worden waren, musste das Ergebnis auch nicht gross verändert werden. Nuri Said blieb Premier. Demokratie und Selbstbestimmung wurde den Irakern in der Phase der direkten und indirekten britischen Machtausübung verwehrt.

Im Juli 1958, während der inneren Krise im Libanon, wollte der jordanische König Hussein irakische Truppen zur Grenzsicherung. Ausserhalb der Hauptstadt stationierte Brigaden unter Brigadier Abdelkarim Qasim und Abdulsalam Aref machten sich am 14. 7. auf den Weg, allerdings nach Bagdad, und ergriffen die Gelegenheit zum Putsch. Was die Herrschenden nicht gewusst hatten, war, dass sie führende Leute des Oppositionskreises innerhalb des Heeres waren. Die Truppen nahmen neben dem Rundfunk den Königspalast ein und massakrierten die königliche Familie, nachdem sie diese dort im Hof versammelt hatten, auch König Faisal II. und Prinz Abdal-Ilah, sowie einige Diener.

* Von Qasim bis Bakr

Premier Nuri as Said gelang es zunächst, unterzutauchen, wurde aber am nächsten Tag erkannt, als er in Frauenkleidern (aber angeblich in Männerschuhen) flüchten wollte und von einem Mob gelyncht. Mit anderen Irakern, die dem Regime nahe gestanden waren, wurde auch abgerechnet, manchen gelang die Flucht ins Ausland – die erste politische Emigrationswelle aus diesem Land. Darunter waren auch die Tante der Königs, Badia, und ihre Familie, die sich zunächst in die saudi-arabische Botschaft in Bagdad flüchteten, von wo ihnen nach einem Monat die Ausreise erlaubt wurde, sie liessen sich in Grossbritannien nieder, ihrer anderen Schutzmacht. Ein Grossneffe des Königs, Seid bin Hussein, war Botschafter in GB gewesen und blieb dort. Die Rolle als Chef des Hauses des irakischen Zweigs der Haschemiten wird seither von Seid und seinen Nachkommen wie auch von Badias Sohn Ali, einem Cousin des Königs, beansprucht.

Ali bin al Hussein wurde in England Banker, leitet die Partei Iraqi Constitutional Monarchy (ICM), war mit ihr in der irakischen Exil-Opposition gegen das Baath-Regime unter S. Hussein aktiv (so im Iraqi National Congress), und kehrte nach dessen Sturz 03 in das Land zurück. In einem Interview hat er über den Staatsstreich 1958 gesagt, seit damals könne jeder mit einem Panzer die Macht im Land übernehmen. In der Tat, von 58 an bis zum Sturz Saddams gab es nur Militär-Regierungen und der Abschluss dieser Phase erfolgte auch durch Militär, ausländisches. Das System im Irak bis 1958 war aber eine derart eingeschränkte Demokratie, ein derart repressives System, bedeutete eine derartige Bevormundung, dass eine Fortsetzung kaum als bessere Alternative zur Macht der Panzer erscheint, die damals begründet wurde. Zum Zeitpunkt des Umsturzes waren alle politischen Parteien verboten, war die Presse zensuriert, gab es 10 000 politische Gefangene, war Folter an der Tagesordnung.

Die Putschisten um Qasim und Aref proklamierten die Republik. Es wurde eine Art Präsidentschaftsrat gebildet, mit einem Sunniten, einem Schiiten und einem Kurden, ähnlich wie nach dem Sturz Saddams. Vorsitzender und somit Staatsoberhaupt wurde General Rubai. Qasim wurde Premierminister und Verteidigungsminister, Aref Vizepremier und Innenminister. Wenn man die drei Könige aus der Haschemiten-Familie, die vom Hejaz stammt, nicht als einheimische Herrscher einstuft, und auch die britische Mitbestimmung “unter” ihnen berücksichtigt, war erst nach dem Sturz 1958 der Punkt erreicht, an dem der Irak wieder sich selbst regierte. Natürlich war er darüber hinaus diversen äusseren Kräften ausgesetzt. Die restliche Regierung wurde vorwiegend aus Zivilisten gebildet, aus den (bislang verbotenen) Parteien der Front der nationalen Einheit, wie der NDP und der Baath. Nicht vertreten davon waren die kommunistische CPI und die kurdische KDP. Die CPI unter ihrem Generalsekretär Radhi brachte der neuen Regierung kritische Unterstützung entgegen und Kurden erlebten unter Qasim eine Aufwertung.

Qasim war irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist wie Aref, ein Gegensatz, der diese Regierung mit zum Scheitern bringen sollte. Abdelkarim Qasims Vater war arabischer und kurdischer Herkunft und Sunnit, seine Mutter aus einer Familie schiitischer Kurden gewesen – er hatte also Wurzeln in allen grossen Volks- und Religionsgruppen des Landes, wuchs als Schiit im Süden auf. Er gehörte zu jenen, die Araber (eigentlich: Arabisierte) und Kurden als gleich ansahen, wertete die kurdische Sprache auf, KDP-Chef Mustafa Barzani konnte aus dem Exil heimkehren.

Flagge Irak 1959-63 unter Präsident Qasim; die Grundfarben der Streifen sind die pan-arabischen Farben, die gelbe Sonne steht für die Kurden, der rote Stern von Ischtar darum herum für die christlichen Assyrer und das antike Erbe des Landes. Sie wird heute z.T. in der kurdischen Autonomieregion Nord-Iraks verwendet (neben der kurdischen Fahne)

Auch andere Aspekte seiner Politik hatten sehr fortschrittlichen Charakter: eine Bildungsoffensive, Verbesserungen für Frauen, dringend benötigte Land- und Sozialreformen (dadurch verlor die bisherige Oberschicht endgültig ihre Macht), Amnestie politischer Gefangener, Legalisierung von Parteien – und Neugründungen: ein Teil des schiitischen Klerus unter Mohammed Baqir al Sadr gab den Quietismus auf und gründete die Dawa-Partei. Es kam eine neue Verfassung, eine neue Flagge (siehe Bild), britische Truppen mussten 1959 das Land verlassen, der Irak trat aus dem CENTO-Pakt aus, es wurde die Föderation mit Jordanien gelöst. Aref war für eine Anlehnung an Nassers Ägypten (evtl. sogar einen Anschluss an die Ägyptisch-Syrische Vereinigung), wurde von der Baath unterstützt. Qasim war für einen irakischen Einzelweg, hatte seine Unterstützer in der NDP. Noch 1958 entliess Premier Qasim seinen Innenminister Aref.

Unter Qasim hat eine irakische Regierung erstmals ausländische Vorrechte auf das irakische Öl in Frage gestellt – wie im Iran Mossadegh ein paar Jahre früher. Er verstaatlichte jedoch die IPC nicht – man hatte die Folgen eines solchen Schritts im Iran vor Augen, wo der Westen das Öl aus diesem Land nach diesem Schritt boykottiert und dann die Regierung gestürzt hat. Hinzu kam, dass die Briten Iraker in der Erdöl-Verarbeitung kaum ausgebildet hatten, es kaum Leute mit dem nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gab. Und Qasim brauchte die Öl-Einnahmen, schon allein um nicht einen Machtkampf mit Unzufriedenen, v.a. im Militär, hervorzurufen. So begnügte er sich mit Maßnahmen wie der Verstaatlichung des meisten Grundbesitzes der IPC, Verhandlungen über Vertragsänderungen, der Erhöhung der Transit-Gebühren – was die IPC umging, indem sie das Öl auf anderen Wegen ausser Land brachte.

1959 gab es bereits massive Unruhe im Irak. Die Baath, durch die Ausschaltung Arefs an den Rand gedrängt, versuchte ein Attentat auf den Premier; beteiligt war ein junger Aktivist namens Saddam Hussein. Demonstrationen erzwangen die Aufnahme der CPI in die Regierung (M. Ali wurde Justizminister). Teile der Armee waren gegen Qasim. Die Kurden-Politiker waren unzufrieden, weil Autonomie-Zusagen für ihre Region (im Norden bzw. Nordosten) nicht umgesetzt wurden. Die Schiiten, politisch traditionell von ihrem Klerus “geführt” (wie damals von S.M. al Hakim), erwarteten sich nun von der Regierung eine Umgestaltung des Landes in ihrem Sinn. Für die USA war die neue Regierung spätestens mit dem Austritt aus dem CENTO-Pakt und dem selbstbewussteren Auftreten hinsichtlich ihres Erdöls eine “Gefahr” geworden. Und dann noch ein Justizminister von der kommunistischen Partei…

So kam es, wie auch im Kongo unter Lumumba oder in Guatemala unter Arbenz: Eine selbstbewusste Politik führte zu einer Isolierung, was das Land fast zwangsläufig in die Nähe zur Sowjetunion führte (auch wenn diese Nähe nur in Form des Imports von ein paar Lastwägen oder alten Gewehren bestand), und damit war das Schicksal des Versuchs einer anderen Politik besiegelt. Ein Schritt ist dann jener, sich Verbündete (bzw. Handlanger für seine Intrigen) zu suchen unter den mit der Politik im Land Unzufriedenen, ob sie Tschombe heissen oder Armas oder Rikabi, wie der damalige Chef der Baath. Dass ausgerechnet unter dem kurden-freundlichsten Herrscher im Irak, der selbst kurdischer Herkunft war, Kurden-Aufstände ausbrachen (1961), ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass das Militär nun zur Bekämpfung der eigenen Bevölkerung eingesetzt wurde, nutzte den Gegnern von Qasim in mehrere Hinsicht: Das Land war gespalten, das Militär dort gebunden aber auch ständig mobilisiert, was sich beim von Qasim geführten Putsch 1958 ja ausnutzen hatte lassen. Und, zwischen Qasim und der CPI, die gegen ein militärisches Vorgehen gegen den Aufstand war, brach ein Streit aus.

Qasim als irakischer Nationalist meldete Ansprüche auf einen Gross-Irak an, womit er sich im Ausland auch Feinde machte (als ob er im Inneren nicht schon genug gehabt hätte). Zum einen beanspruchte er das eben unabhängig gewordene Kuwait; gegenüber dem Iran stellte er den Grenzverlauf im Süden in Frage und erhob Ansprüche auf die teilweise arabisch besiedelte Provinz Khusestan; schliesslich sah er auch irakische Ansprüche auf Teile der saudischen Provinz al Hasa, die zeitweise unter osmanischer Herrschaft gestanden war und zum Vilayet Basra gehört hatte. Der iranische Schah unterstützte wegen Qasims Ansprüchen den kurdischen Aufstand im Nord-Irak (das religiös ausgerichtete Regime nach dem Schah hat immer die Schiiten im Süd-Irak als “Ansprechpartner” des Iran im Irak gesehen, aus iranisch-nationalistischer Perspektive sind das dagegen die Kurden, deren Sprachen Sorani und Kurmanji zu den iranischen Sprachen gehören).

1963 war die Regierung unter Qasim von mehreren Seiten bedrängt und ein grosser Teil des Heeres im Norden im Kampf gegen Kurden engagiert. Im Februar dieses Jahres nutzen das Armee-Einheiten, die der Baath-Partei nahe standen, unter der Führung von Ahmed H. al Bakr und Abdulsalam Aref. Es kam in Bagdad zu Kämpfen zwischen Einheiten, die loyal zur Regierung waren und jenen, die zu den Aufständischen gehörten. Abdelkarim Qasim wurde im Verteidigungsministerium erschossen. Unterstützt wurde der Militärputsch von den Regierungen der USA (J. F. Kennedy) und GB. CIA und MI6 stellten den Putschisten etwa Listen von Kommunisten zur Verfügung. In den Tagen nach dem Putsch wurden tausende tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten getötet, darunter der Generalsekretär der Partei, Radhi.

Die Opfer der Kämpfe mit eingerechnet, dürfte es bis in diesen Tagen bis zu 5000 Todesopfer gegeben haben. Vielleicht ist der Beginn der irakischen Tragödie hier anzusetzen, im Scheitern Qasims. Regime wie das von Qasim wurden vom Westen gestürzt, solche wie das saudische seit Jahrzehnten gestützt. Militärs hatten im Irak nach dem Putsch weiter das Sagen, Aref, der parteiungebundene Panarabist und Nasserist, wurde Staatspräsident, der Baath-Mann Bakr Ministerpräsident und Vizepräsident. Das neue Regime kam mit den kurdischen Führern Mustafa Barzani und Jalal Talabani zu einem Waffenstillstand.

Baath-Aktivisten wie Rikabi und Hussein waren nach dem Attentatsversuch gegen Qasim 1959 ins benachbarte Syrien geflohen, wo ihre Schwesterpartei viel älter und stärker war. Deren Gründer und Chef Michel Aflak, ein griechisch-orthodoxer Christ, unterstützte die Absetzung Rikabis, eines (schiitischen) Nasseristen, und hievte seine Anhänger, darunter Hussein, in Führungspositionen der irakischen Baath. Saddam Hussein selbst kehrte nach dem Putsch 1963 in den Irak zurück, soll dort an Morden an politischen Gegnern der neuen Regierung teilgenommen haben.

In Syrien übernahm die Baath einen Monat später gewaltsam die Macht, auch mit Teilen des Militärs. Im Irak entzweiten sich Aref und die Baath nur wenige Monate nach dem Umsturz, der Präsident schaltete die Partei, die weiter in schwere Fraktionskämpfe verstrickt war, weitgehend aus. Unter Aref kam der Irak Ägypten unter Nasser so nahe, dass gemeinsame staatliche Institutionen geschaffen wurden und eine Vereinigung erwogen wurde. Aref gründete eine irakische Schwesterpartei der ägyptischen Staatspartei Arabisch-Sozialistische Union, die er auch im Irak mit einem Machtmonopol ausstatten wollte. Führende Leute der ASU waren der Ex-Baath-Führer Rikabi und Arefs Premiers wie Yahya.

Nachdem Premier Razzaq Präsident Aref stürzen wollte, wurde Bazzaz Premier, der erste Zivilist seit 1958. Im Jahr darauf kam Aref bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben. Als Ursache wird Sabotage von baathistischen Elementen im Militär vermutet. Arefs Bruder Abdul-Rahman, ebenfalls ein Militär, der an den Umstürzen 1958 und 1963 teilgenommen hatte, und auch ein Nasserist, wurde sein Nachfolger. Razzaq versuchte auch diesen Aref zu stürzen. Dies gelang 1968 der Baath, unblutig, mit Hilfe von ihr kontrollierten oder mit ihr sympathisierenden MIlitär-Einheiten. Aref durfte ins Exil und kehrte unter Hussein sogar wieder zurück. Ahmed al Bakr wurde neuer Machthaber, Präsident und Premier, nun war die Baath endlich alleiniger Herrscher, kontrollierte den Staat, “säuberte” ihn. Dabei spielte auch Bakrs Cousin Saddam Hussein (wie dieser aus Tikrit) wieder eine Rolle. Hussein wurde die Nummer 2 im Staat, u.a. als Vizechef im Revolutionären Kommandorat (auch hinter Bakr), ab 1969 auch als Vizepräsident.

Die Wirtschaft des Irak war seit langem vom Erdöl dominiert, das Land hat die weltweit drittgrössten Reserven nach Saudi-Arabien und Iran (das Land hat daneben grosse Phosphat-, Schwefel-, Wasservorkommen). Nach Qasims Versuch einer gerechteren Betiligung der Iraker an ihren Ressourcen war die IPC die 1960er hindurch Gegenstand von Agitation der beiden Folgeregime. Durch ein Abkommen mit der Sowjetunion 1969 hatte der Irak eine Art Druckmittel gegenüber den Eigentümern der IPC und verlangte zunächst 20% der Anteile und mehr Kontrolle.

Die IPC versuchte eine Befriedung durch kleinere Zugeständnisse. 1970 erneuerte die Regierung ihre Forderungen, stellte ihr 1972 ein Ultimatum. Da die IPC wieder nur eine Kompromisslösung anbot, wurde sie im Juni 1972 verstaatlicht und in die Iraq National Oil Company übergeführt; 1973 auch die Tochterfirmen. Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Öl-Verstaatlichung kam wieder nur der dünnen Herrscher-Schicht zu Gute. Der Irak hatte sich vom Westen so weit entfernt wie noch nie seit seiner Unabhängigkeit. Er versuchte nach Nassers Tod auch, eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu erringen, v.a. gegen die konservativen Monarchien wie Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko.

1970 kam eine Verfassung, die mit Modifikationen bis 2003 in Kraft blieb, der “Revolutionäre Kommandorat” war das wichtigste Organ im Staat. Der Bürgerkrieg mit den Kurden wurde wieder aufgenommen, die kurdische Seite wurde zeitweise von Israel unterstützt, im Rahmen von deren Strategie, sich Verbündete in der Region zu suchen, und weil der Konflikt einen grossen Teil der irakischen Armee ständig “band”. Die beiden wichtigsten politischen Lager der irakischen Kurden waren und sind die von den Barzanis geführte Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK; bzw. Kurdistan Democratic Party, KDP) und die Yekêtiy Niştîmaniy Kurdistan (یەکێتیی نیشتمانیی کوردستان;, Patriotic Union of Kurdistan, PUK) unter Jalal Talabani (Staatspräsident 2005-2014).

Das Verhältnis zum Iran verschlechterte sich unter dem Baath-Regime weiter. Schah Mohammed R. Pahlevi unterstützte die irakischen Kurden im Bürgerkrieg, der 1974 trotz eines Autonomieabkommens wieder aufflammte, wurde von der USA gegen Irak unterstützt, dazu kamen die alten Grenzkonflikte am Schatt el Arab. 1975 schlossen der iranische Schah und der irakische Vize-Staatschef Hussein in Algerien aber ein Abkommen ab, dass das Ende der iranischen Unterstützung für die Kurden festschrieb, gegen Zugeständnisse des Iraks an der Südgrenze. Der Aufstand der Kurden bzw. der Bürgerkrieg kam damit zu einem Ende. Das Verhältnis der Nachbarstaaten normalisierte sich infolge soweit, dass der in seinem Land in Bedrängnis geratene Schah 1978 von der irakischen Regierung die Ausweisung des Schiiten-Führers Khomeini, der sich in Najaf niedergelassen hatte, verlangen konnte. Die Iraker kamen dem gerne nach, hatte es doch 1977 in Najaf einen Schiiten-Aufstand gegeben, organisiert hauptsächlich von der Dawa-Partei, die auch zu Khomeini Verbindungen hatte

Die kommunistische CPI wurde 1973 in die Regierung aufgenommen, 1978 eliminiert. Dies bedeutete, dass die Staats- und die (Baath-)Parteiführung nun eins waren, und eine Abkehr von der Sowjetunion, mit der das Baath-Regime einige Jahre eng (wirtschaftlich, technologisch, militärisch) zusammengearbeitet hatte. Frankreich wurde dadurch ein noch wichtigerer Verbündeter, v.a. unter Premier Chirac. Reste der KP taten sich im Norden mit den Kurden zusammen.

* Die Ära Saddam Husseins

Saddam Hussein löste 1979 seinen Ziehvater al Bakr an der Staats- und Parteispitze ab, vermutlich mit Zwang, er war die Jahre davor schon der stärkere gewesen. Die erste “Säuberungs”welle fand innerhalb der Baath statt, bei einer Konferenz bald nach seinem Machtantritt. Funktionäre, die mit Syriens Baath-Machthaber Hafez al Assad gegen Hussein konspiriert haben sollen, wurden angeprangert und abgeführt, ein Teil exekutiert, der andere eingesperrt. Hussein, der nie in der irakischen Armee und anscheinend nicht einmal in der Baath-Parteimiliz “Volksarmee” aktiv gewesen war, trat meist in Uniform auf, nahm militärische Ränge an, stützte sich auf die Macht des Militärs. 1980 wurde erstmals seit 1968 ein Parlament gewählt, die erste von mehreren Scheinwahlen unter dem Regime (das waren sie nicht nur, weil die Entscheidungen woanders gefällt wurden).

Unter der Baath wurden sunnitische Araber im Irak privilegiert wie seit den Haschemiten nicht mehr. Schiiten und Kurden hatten nicht einmal dann eine Chance, wenn sie sich der Baath anschliessen wollten. Ausnahmen wie der Kurde T. Y. Ramadan, der Vizepräsident wurde, bestätigen die Regel. Die Revolution im Iran 1979, die zu einem schiitisch-fundamentalistischen Regime führte, machte die Situation der irakischen Schiiten noch schwieriger, besonders nach Beginn des Krieges zwischen den Ländern, da sie nun permanent der Kollaboration jeglicher Art mit den Iranern verdächtigt wurden.

Khomeini verschärfte das, indem er die Schiiten im Irak zum Sturz des Baath-Regimes aufrief. Die Dawa wurde 1980 verboten, ihr Führer, der Geistliche Mohammed Baqir Sadr, vom Regime hingerichtet, iranisch-stämmige Schiiten wurden aus dem Irak in den Iran ausgewiesen. Schiiten hatten durch den Ausschluss von Mitbestimmung und das Verbot ihrer säkularen wie religiösen Parteien wieder einmal nur die Religion als Rückzugsgebiet, ihre Kleriker als Bezugs- und Führungsfiguren, wie die al Hakims. Während der Exekution Husseins 2006 sah man einige der schiitischen Wachen “Es lebe Mohammed Baqir Sadr” rufen. Verurteilt wurde Hussein u. a. für die Repressalien gegen die Bevölkerung Dujails, wo Schiiten (auch sie scheinen von der Dawa-Partei gewesen zu sein) 1982 einen Anschlag auf ihn verübten.

Einen Personenkult und einen Nepotismus wie unter Hussein hat es wahrscheinlich nicht einmal in der antiken Geschichte des Irak gegeben. Zur starken Stellung des Militärs kam eine von Geheimdiensten und Polizei hinzu. Bis zu 3 Millionen Iraker hat er töten lassen. Viele gingen nicht aus Überzeugung zur Baath sondern wegen Aufstiegschancen. Wenn man über die Baath-Herrschaft im Irak etwas positives sagen kann, dann dass sich ihre säkulare Ausrichtung auf die Gesellschaftsordnung auswirkte, etwa die Rolle der Frau. Der Islamismus hatte keine Chance, kam erst danach. Hussein vertraute ausser auf Sunniten (am liebsten aus seiner Region um Tikrit) nur auf einige Christen (zumal er ein Anhänger des syrischen Baath-Gründers Aflak war), natürlich nicht auf solche, die einen assyrischen Nationalismus vertraten oder demokratisch gesinnt waren. Tarek Aziz, als Mikhail Yuhanna geboren, ein Chaldäer, war der prominenteste Christ im Baath-Regime. 1977 stieg er in den Revolutionären Kommandorat auf, das Zentrum der Macht. Er spielte bis zum Ende des Regimes eine Rolle.

Im September 1980 versuchte das irakische Regime die Turbulenzen im Iran nach dessen Revolution zu nützen, zu einem Feldzug, um die Provinz Khusestan, die ölreich und teilweise arabisch besiedelt war, zu erobern und den Grenzverlauf am Schatt el Arab zu seinen Gunsten zu korrigieren. Den ersten Versuch zur Regelung der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und Persien an dem Fluss gab es im 17. Jh.; im 19. Jh. mischten europäische Mächte in dem Grenzstreit mit. Zwei Abkommen im frühen 20. Jh. sprachen dem Irak den Fluss in seiner ganzen Breite zu, womit Schiffe aus Abadan durch irakisches Gewässer in den Golf mussten. In Algier 1975 war der Fluss geteilt worden. Vor dem Angriff forderte Hussein u.a. die Revision dieses Vertrags. Nachdem sich der Iran gefangen hatte, startete er einen Gegenangriff, eroberte bis 1982 das verlorene Territorium zurück, der Krieg hätte zu Ende sein können.

Das Khomeini-Regime nutze aber auch die Gelegenheit, sich zu profilieren, propagierte unrealistische Kriegsziele; stand dann knapp vor Basra. Der Krieg war für beide Regime eine gute Gelegenheit zum Ausschalten von Opposition, die in Kriegszeiten leicht als “Landesverräter” angeprangert werden konnten. Hussein liess in der Zeit auch die Losung “Allah-u Akbar” in die Nationalflagge aufnehmen. Die USA und weitere westliche Staaten, die Sowjetunion und der Grossteil der arabischen Welt unterstützten in dem Krieg den Irak; der Iran bekam Unterstützung von Syrien sowie westliche, im Rahmen der Iran-Contra-Affäre, also von USA und Israel (die an einer Verlängerung des Krieges interessiert waren). Was Syrien betrifft, so sind die Beziehungen der Baath-Regime der beiden Länder mit Husseins Übernahme drastisch verschlechtert worden. Unter Bakr war eine Art Vereinigung der beiden Staaten geplant und Husseins Opposition dagegen soll einer der Gründe für die Erzwingung des Rücktritts Bakrs gewesen sein; danach hat das Assad-Regime anscheinend versucht, über Verbündete in der irakischen Baath Hussein auszubooten.

Die iranische Armee agierte mit Selbstmordangriffen, die irakische Armee griff mit Chemiewaffen/Giftgas an – das Know How und das Material für die Herstellung kam u.a. aus der BRD – , am Ende des Kriegs auch die Kurden im Nord-Irak, als Vergeltung für ihr “Fraternisieren” mit den Iranern beim Einmarsch Jahre zuvor. Das Giftgas-Massaker von Halabja 1988 (organisiert vom “Chemie Ali” al Majid, einem Hussein-Cousin) war Teil der “Anfal”-Kampagne, mit der kurdische Aufstände gegen das Regime während des Krieges unterdrückt wurden. Beiden Seiten gelang es, auf der jeweils anderen Verbündete zu bekommen: Der Iran einen Teil der unterdrückten schiitischen (die religiösen) und kurdischen Iraker, der Irak einen Teil der Araber Khusestans und die iranischen Mujahedin; Assyrer oder auch Kurden beider Länder mussten aufeinander schiessen. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten während des Kriegs den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad. Der Krieg ging 1988 mit mindestens 700 000 Toten zu Ende, die Grenzen hatten sich nicht verändert gegenübder dem Vorkriegszustand.

Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein
Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein; 1984 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten wieder aufgenommen

Noch 1989 empfing der irakische Machthaber Hussein US-amerikanische Delegationen. Im August 1990 liess er Kuwait besetzen, brach wieder mit dem Westen. Der Emir und seine Familie konnten fliehen. Die irakischen Ansprüche waren nicht neu, 1973 bereits hatte es unter Bakr einen Einmarsch in Kuwait gegeben, nach Vermittlung der Arabischen Liga zog man sich zurück. Die UN verhängte 1990 Wirtschaftssanktionen. Um die öffentliche Meinung in USA zu überzeugen heuerte die kuwaitische Regierung eine PR-Firma in USA an, die u.a. eine angebliche Krankenschwester aus Kuwait City heulend vor dem Kongress in Washington von irakischen Soldaten erzählen ließ die Babys aus Brutkästen zogen. Die USA und ihre Alliierten zogen in der Region (Saudi-Arabien, Türkei,…) Truppen zusammen.

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg dieser Allianz gegen die irakische Besetzung statt, die damit endete. Der Irak feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien (3 und 1 Toter), während USA und Verbündete seine Besatzung Kuwaits beendete. Kurden im Norden des Irak und Schiiten im Süden erhoben sich am Ende der Kämpfe, im Glauben, das Regime sei angeschlagen und westliche Truppen in der Region könnten sie beschützen. Dem war aber nicht so, die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Es wurden aber in der Folge Flugverbotszonen im Süden und Norden von der “internationalen Gemeinschaft” deklariert, die gegebenfalls von in der Region stationierten Truppen gegenüber dem irakischen Militär durchgesetzt worden wären. Das 1974 geschaffene kurdische Autonomiegebiet im Nordosten lag nun in dieser Zone, wurde nun wirklich autonom, wenn nicht semi-souverän. Seit 1992 finden dort regelmäßig Wahlen statt; 1994 brach aber Gewalt zwischen den politischen Lagern von KDP und PUK aus.

Der Irak war noch nie in seiner modernen Geschichte dermaßen zerissen, zerstört und angeschlagen wie Anfang der 1990er, nach den zwei Kriegen, den vielen Massakern an der eigenen Bevölkerung, mit der Diktatur und den Wirtschaftssanktionen (die UN startete Mitte der 1990er das Programm “Öl für Lebensmittel”, um die Folgen der Sanktionen für die Bevölkerung zu lindern). Hinzu kam 1991 eine UN-Resolution über die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen, die Inspektionen und neue Sanktionen bedeutete. Die irakische Exil-Opposition, die inzwischen ein sehr breites Spektrum von Gruppen umfasste, von der Kommunistischen Partei über Monarchisten bis zu schiitisch-religiösen Gruppen, konnte dennoch, trotz Unterstützung westlicher oder arabischer Staaten, keinen Nutzen daraus ziehen.

Manche der Gruppen vertraten Partikular-Interessen, manche, wie der Iraqi National Congress, hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Auch Mitglieder von Husseins Familie waren vor seinem Regime ins Ausland geflohen. Der Gruppe Iraqi National Accord (INA) gelang es, die irakische Armee mit Vertrauensleuten zu infiltrieren und diese einen Attentatsversuch auf den Diktator ausführen zu lassen. Die Gruppe war aber ihrerseits von irakischen Agenten infiltriert worden, so flog die Sache auf und wieder wurden Dutzende hingerichtet und Hunderte eingesperrt. Das Hussein-Regime wiederum hat anscheinend 1993 versucht, George Bush sen., mit dem es früher kollaboriert hatte, zu töten.

Ein ziviles Atomprogramm des Irak begann in den 1960ern, mit sowjetischer Hilfe; in den 1970ern ging der Staat mit Frankreich eine nukleare Zusammenarbeit ein, erwarb von ihm einen Forschungsreaktor. Der Reaktor “Osirak” (bzw. “Tammuz”) wurde im Al Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum bei Bagdad gebaut. Er sollte (das für Atomwaffen zu verwendende) Plutonium produzieren können, hätte dazu aber angereichertes Uran gebraucht. Dies scheint der Irak unter Saddam Hussein versucht haben zu bekommen. Israel, das in der Region ein nukleares Monopol beansprucht, versuchte früh, das Programm mit Sabotage (evtl. durch französische Techniker) und Morden abzuwürgen und flog 1981 dann den Bombenangriff auf den Reaktor, kurz vor dessen Fertigstellung, als der Irak im Krieg mit dem Iran steckte – der für das Regime ein ebenso grosser Feind war. Iran hatte auch Tuwaitha angegriffen, der Irak griff das in Bau befindliche AKW in Bushehr an. Der Krieg war der eine Grund, nicht auf den israelischen Angriff zu antworten, der andere war das Fehlen von entsprechenden Raketen. Nach Ende des Kriegs gegen Iran scheint das Baath-Regime unter Hussein das Atomprogramm wieder aufgenommen zu haben, wieder in Tuwaitha, in Form von Urananreicherungsanlagen.

Nach dem Kuwait-Krieg 1991 begannen die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM)-Inspektionen im Irak auf Massenvernichtungswaffen, die bis 1998 gingen und in deren Rahmen Anlagen zerstört wurden. Es ist umstritten, ob die Inspektoren abgezogen oder ausgewiesen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Irak wahrscheinlich schon seine Programme für MVW beendet. Clinton ordnete Ende 98 die Bombardierung von Zielen im Irak an, die mit der Herstellung von MVW zu tun gehabt haben sollten. Ende 2002 lud Saddam Hussein, damals schon unter beträchtlichen Druck, die UN-Waffeninspektoren in einen Brief an IAEO-Chef Hans Blix zur Rückkehr in das Land ein. Das United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission (UNMOVIC) begann mit neuen Inspektionen. Die Regierungen der USA, Grossbritanniens und einiger Verbündeter waren damals schon auf der Suche nach Kriegsrechtfertigungen, bemängelten die Zusammenarbeit der Iraker, behaupteten die Existenz von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Regimes.

Nachdem 1991 aufgeflogen war, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck bzw. das schlechtes Gewissen der Deutschen die Zusage der Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten zustande – dazu wurde eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen (die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ auf Israel abschoss) „konstruiert“, obwohl sie sich eigentlich auf Husseins C-Waffen bezogen, mit denen er iranische und irakische Zivilisten und Soldaten töten liess. Diese Waffen, die Teil der Unterstützung des Westens bei seinem Angriff auf Iran waren, waren dann mit die Rechtfertigung für den Angriff auf Irak 03…

Im Jänner 2002 erklärte USA-Präsident Bush jun. in seiner “Rede zur Lage der Nation” den Irak neben Iran und Nordkorea zur “Achse des Bösen”. Im Juli des Jahres erklärte er, mit allen Mitteln einen Machtwechsel im Irak erzwingen zu wollen. Das Ballyhoo und die Kriegsvorbereitungen liefen in den folgenden Monaten voll an. Die vorgegebenen Gründe und die tatsächlichen für den Krieg zum Sturz des Baath-Regimes unter Hussein haben wenig miteinander zu tun. Neben den Massenvernichtungswaffen des Regimes wurde etwa auch genannt, dass das Regime zwei Kriege begonnen habe – dass es in einem davon von der USA unterstützt wurde und Bushs Kriegsminister Rumsfeld dies damals persönlich einfädelte, zeigt die ganze Heuchelei. Auch das “alte Europa” hat Hussein gegen den Iran unterstützt. Bei Kuwait ging es den Amerikanern hauptsächlich ums Erdöl, was auch 2003 ein wichtiger Grund für die neokonservativen Machthaber in Washington war.

Die irakische Exil-Opposition traf sich Anfang 2003 im kurdischen Autonomiegebiet im Nord-Irak. Die Grossmächte und auch die Öffentlichkeit im Westen waren bezüglich des Kriegs tief gespalten. Man schrieb die frühen Jahre von Islamkrise und Islamophobie, Ex-Linke wie Enzensberger in Deutschland gewannen einem Weltpolizisten USA plötzlich etwas ab, (Ex-?) Rechte wie Gauweiler überraschten als Kriegsskeptiker. Ob die Iraker durch den Krieg befreit (Bush sprach davon, den Irakern “Gottes Geschenk der Freiheit” zu bringen) oder unterworfen werden würden, dazwischen oszillierten die Bekundungen der Kriegsbefürworter… Viele regimegegnerische Iraker im In- und Ausland waren zerrissen zwischen dem Wunsch, dass endlich Diktatur und Gewalt vorbei sein würden, und Zweifeln an den westlichen Motiven und Absichten.

Im März 03 waren die UN- Inspektoren unter Blix noch mitten in ihrer Arbeit, hatten keine Massenvernichtungswaffen entdeckt, hatte Boden-Boden-Raketen zerstört. Bush und Blair behaupteten bezüglich MVW anderes und dass Diplomatie versagt hätte; die beiden Regierungen hatten versucht, ein UN-Mandat für den Krieg zu bekommen. Die „Koalition der Willigen“ aus etwa 50 Staaten (auch die Mongolen, deren Vorfahren bei ihren Invasionen im Spät-Mittelalter einst zwei Drittel der Bevölkerung des Zwischenstromlandes massakrierten, waren dabei) begann den Krieg mit Bombardements, dann kam der Bodeneinmarsch über Kuwait.

Hussein und seine Getreuen tauchten unter anstatt das Land zu verlassen, wie es Bushs Ultimatum verlangt hätte. Am 9. April wurde Bagdad eingenommen, das Baath-Regime kollabierte, in den Tagen danach nahmen kurdische Iraker mit Amerikanern Kirkuk und Mossul ein, dann Tikrit, der Krieg war beendet. 6000 Menschen waren ums Leben gekommen, die Hälfte davon irakische Zivilisten. Während des Einmarsches in Bagdad wurde das Irak (National) Museum teilweise geplündert; als ob sich ein Kreis schliessen würde, war auch eine Alabaster-Vase aus Uruk dabei, mit einer Darstellung der Göttin Inanna, 5000 Jahre alt, aus sumerischer Zeit, vom Beginn der Zivilisation in diesem Land. Die Vase wurde einige Monate später, während einer Amnestie-Phase für Plünderer des Museums, zurückgegeben.

* Der jetzige Irak

Unter dem Kommandeur des Kriegs, Franks, vom Central Command der USA-Streitkräfte, entstand eine Militärverwaltung über den Irak; daneben eine Zivilverwaltung unter Garner. Diese beiden wurden bald durch Abizaid (libanesischer Herkunft) und Paul Bremer abgelöst. MVW wurden übrigens keine gefunden. Ein Teil der Führungsriege des gestürzten Regimes, wie Ramadan, al Majid (der “Chemie Ali”), Aziz wurde gefunden, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Saddam Hussein wurde Ende 03 in einem Erdloch im sunnitischen Dreieck gefunden.

Politische Gefangene wurden freigelassen, bislang verbotene Parteien konnten sich wieder betätigen (der Chef der CPI, Moussa, war gegen den Krieg gewesen, arbeitete dann in den neuen Institutionen mit), manche Exil-Iraker kehrten zurück. Öl-Konzession gingen an die Ex-Firma von USA-Vizepräsident Cheney, Halliburton. US-Zivilgouverneur Bremer liess staatliche Institutionen wie das Heer auflösen, auch die Baath-Partei, diplomatische Vertretungen im Ausland wurden nicht mehr anerkannt. Alle Mitglieder der Baath-Partei mussten ihre Posten in Staat und Verwaltung räumen, die meisten von ihnen Sunniten, angeblich hat Bremer diese „Entbaathifizierung“ ohne Rücksprache mit Bush durchgeführt.

Nachhutgefechte der Streitkräfte des untergegangenen Regimes (bei einem solchen wurden Husseins Söhne bald nach Kriegsende getötet) gingen über in Widerstand gegen die sich etablierende Nachkriegsordnung, die Besatzung unter der Führung der USA, und war meist eine Form von Terror. Anschläge wurden nicht nur auf auf militärische Einrichtungen der Besatzer verübt (nach dem Krieg wurden mehr USA-Soldaten getötet als währenddessen), sondern auch auf Iraker, die mit ihnen zusammenarbeiteten oder sich an der Neugestaltung des Irak beteiligen wollten, auch einfach nur auf Schiiten, Kurden oder Assyrer. Der Terror wird zum einen von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee, ehemaligen Baath-Funktionären oder Staatsbeamten, Anhängern von Hussein, verübt oder unterstützt. Aus dieser Masse der Angehörigen oder Anhänger des alten Regimes wurde die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde) geformt. Vor allem über das gemeinsame Gefühl, dass Sunniten die Verlierer des Krieges seien, haben sich diese Seite und sunnitische, salafistische Islamisten gefunden.

Hier ist v. a. die vom jordanischen al Qaida-Mann Sarkawi gegründete Gruppe mit verschiedenen Namen zu nennen, aus der die IS hervorging (und weiter zusammen mit den Ex-Baathisten kämpft). Auch die kurdische islamistische Ansar al-Islam (“Die Unterstützer des Islam”) kämpft auf dieser Seite um den Irak (oder gegen ihn?). Besatzungskräfte (private Militär-Unternehmen wie “Blackwater” waren fast von Beginn an dabei) sowie (meist aus Schiiten gebildete) Sicherheitskräfte des neuen Staates verübten aber auch zahlreiche Gewaltakte an Angehörigen aller Volksgruppen. Schiitischer Widerstand gegen die Besatzung kam v.a. von der “Mahdi-Armee” des Sohnes des unter Hussein getöteten Geistlichen al Sadr, Muqtada – da er weniger als etwa die Dawa auf schiitische Dominanz aus ist, sucht er auch keine ausländische Hilfe zu ihrer Absicherung. Bei Anschlägen in der frühen Zeit der Besatzung wurden der UN-Hochkommissar für Menschenrechte De Mello, der liberale schiitische Theologe Khoi, 03 und 04 zwei Regierungsratsmitglieder, Ajatollah M. B. al Hakim von der SCIRI beim Anschlag auf die Moschee in Najaf oder Vize-Aussenminister Kubba getötet.

Bald nach dem Krieg setzten die Besatzer eine Regierung (ohne Chef, ohne Verteidigungsminister, mit einem Ölminister mit eingeschränkten Kompetenzen,…) und einen Regierungsrat (mit rotierendem Vorsitz, vertreten waren alle wichtigen Parteien wie die KDP mit Massud Barzani, der Iraqi National Congress unter Ahmed Chalabi, die CPI mit H. Moussa oder das SCIRI unter A. al Hakim, Arefs Aussenminister Pachachi, Vertreter der Zivilgesellschaft wie der sunnitische Stammesfüher al Yawar, …) ein. Die Gremien bekamen Anerkennung durch die Arabische Liga – und von der iranischen Regierung. Gegenüber den Besatzungsmächten rangen sie um eine Verfassung und die Machtübergabe. 2004 wurden Regierung und Regierungsrat aufgelöst, eine neue Übergangsregierung mit dem Sunniten al Yawar als Präsident (und zwei Stellvertretern aus den andern zwei grossen Volksgruppen; in den Präsidien von Ministerrat und Parlament entsprechend) und dem Schiiten Allawi als Premier (der Kurde Zabari von der KDP blieb Aussenminister) ernannt.

Am 30. Juni dieses Jahres wurde offiziell die Souveränität übertragen, amerikanische Zivil- und Militärverwalter traten ab, es blieben 160 000 ausländische Soldaten im Land, v.a. US-Amerikaner (unter George Casey); die spanische Soldaten etwa waren nach dem Regierungswechsel von Aznar zu Zapatero abgezogen worden, Briten blieben bis 09 im Süden, Island hatte genau einen Mann gestellt und dann abgezogen. Daneben gabs die USA-Botschaft unter Negroponte mit 4000 Mitarbeitern in der hoch gesicherten “grünen Zone” Bagdads. Eingesetzt wurde auch ein Nationalrat, ein Übergangs-Parlament, dem auch der haschemitische Thron-Prätendent Ali bin al Hussein angehörte. Es trat eine Übergangsverfassung in Kraft, für Jänner 05 wurden Wahlen angesetzt. Unter amerikanischer Anleitung wurde eine neue Armee aufgebaut.

Die Gewalt war nahe beim Bürgerkrieg, überschritt diese Schwelle dann irgendwann. Der Irak kam wieder nicht zu Ruhe. Sunnitische Araber, jahrhundertelang die herrschende Bevölkerungsgruppe, fühlen sich nun von den Schiiten an den Rand gedrängt, sind zu einem gewissen Grad führungslos. Nach der Wahl 05 wurde aus Widerstand/Terror gegen die Besatzer einer gegen die schiitischen Herrscher bzw. ein innerer Konflikt – der aber in einem hohen Maß von aussen beeinflusst wurde. Vor dem IS-Vormarsch war der Höhepunkt des bürgerkriegsartigen Konfliktes 2006/2007 mit Tausenden Toten durch Anschläge erreicht. 2005 starben beinahe 1000 Menschen bei einer Massenpanik bei einer schiitischen Prozession in Bagdad, als sich das Gerücht eines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordanschlags herumsprach. Angehörige von Militär und Polizei, die neu aufgebaut wurden, leben gefährdet und werden unregelmäßig bezahlt. In manchen Provinzen sorgen von Stammesführern befehligte Bürgerwehren für die Sicherheit ihrer Leute.

Neben Schiiten sind, in einem geringeren Maß, auch Christen von Anschlägen betroffen (s.u.); Kurden durch ihr geschlossenes Siedlungsgebiet weniger. 07 verübten Extremisten auch einen Angriff auf das Parlament in Bagdads grüner Zone, ein Abgeordneter wurde getötet. Auch Entführungen von “Westlern” (z.T. Söldner) gibt es. USA-Truppen und einige Verbündete starteten Ende 04 in Fallujah (im äussersten Osten der Provinz Anbar) eine Militäroffensive gegen die Aufständischen, ihr Führer Sarkawi entwischte aber; er wurde 06 bei einem US-Luftangriff getötet. Er hat anscheinend in Abstimmung mit “al Qaida”-Chef Bin Laden agiert. Bin Laden, der Salafist, war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Der von Amerikanern und Schiiten “beherrschte” Irak wurde für seinesgleichen ein Terrorziel von höchster Bedeutung. Nach Sarkawi wirkte ein gebürtiger Ägypter mit verschiedenen Namen wie “al Muhajir” oder “al Masri” als sein Nachfolger, dieser wurde 2010 getötet.

Manche sagen, dass es unter Hussein besser war. Damals konnte es einem zwar passieren, von dessen Agenten irgendwann irgendwo abgeholt zu werden, mit sehr ungewissem Ziel, aber wenigstens nicht, durch Bomben zerfetzt zu werden, ausser in den meist vom Regime losgetretenen Kriegen. Bagdad ist heute weitgehend ethnisch gesäubert: Sunniten leben westlich des Tigris, Schiiten östlich davon, dazwischen wird eine Art Mauer gebaut (was es auch in Belfast gibt). Viele denken an Auswanderung, manche schicken ihre Angehörigen ins Ausland, bleiben selber (noch). Der linke Historiker und Autor Kanan Makiya, Schiit, in der Exil-Opposition aktiv (INC), ein starker Befürworter des Kriegs, kehrte in dessen Folge zurück, wurde sogar Berater der Nachkriegsregierung; er ging 06, vor dem Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände, wieder in die USA. Die irakische Diaspora zählt mittlerweile umd die 4 Millionen Personen, Schwerpunkt ist Grossbritannien. Die weltbekannte Architektin Zaha Hadid zählt dazu, der nestorianische Patriarch in der USA, oder Samir Jamal-Aldin in der Schweiz (Macher des Films “Forget Bagdad”).

Gefangene Iraker wurden im Gefängnis in Abu Grayib vom amerikanischen Wachpersonal (Militär und CIA) gefoltert und misshandelt, wie bekannt wurde; im selben Gefängnis, in dem auch Hussein foltern liess. Der Anwalt eines der dafür Angeklagten im Prozess in USA dann: sein Mandant habe nur Befehle ausgeführt und es sei nichts dabei, Gefangene auszuziehen, Pyramiden bilden zu lassen und wie Hunde an der Leine zu halten, “überall in den USA bilden die Cheerleader Pyramiden”. “Wikileaks” veröffentlichte ein Video, das den Angriff von einem amerikanischen Hubschrauber (von diesem aus selbst gefilmt) auf Reporter und Zivilisten 07 zeigt, auch auf Fliehende und Helfer wurde geschossen, zu den Toten und Verletzten (auch Kindern) gab es zynische Kommentare der Soldaten. Oder die Massaker in Haditha 05, in Mahmudiya 06,…  Anscheinend gab/gibt es Tote auch durch missverstandene Handzeichen bei Strassen-Kontrollpunkten: Eine offene Handfläche wird häufig, kulturbedingt, als “Komm” statt “Stop” verstanden, Soldaten reagieren mit Beschuss.

Im Jänner 05 wurde also das Parlament gewählt (auch Provinzen und Gemeinden), die freieste Wahl in der Geschichte des Landes, wenn die Macht vom Parlament und der zu bildenden Regierung freilich noch eingeschränkt sein würde. Sunniten boykottierten die Wahl teilweise, am Wahltag gab es ca. 40 Tote bei Anschlägen. Die Vereinigte Irakische Allianz (UIA; aus den schiitischen Parteien SCIRI, Dawa, INC,…; Sistani-nahe) unter al Hakim, Jafari, Chalabi gewann, vor der Kurdischen Allianz aus KDP und PUK, dann kam die säkulare Irakische Liste unter Allawis INA, dann die sunnitische “Iraker” von Präsident Yawar, die Turkmenische Front, eine kommunistische Allianz, eine Sadr-nahes Bündnis,… Die monarchistische ICM schaffte es etwa nicht ins Parlament. Der Sunnit Hassani wurde Parlamentspräsident (er war von seiner Irakischen Islamischen Partei ausgeschlossen worden, weil er nach der Fallujah-Offensive in der Übergangsregierung geblieben war), der Kurde Jalabani Staatspräsident (Yawar einer seiner zwei Stellvertreter). Jafari von der Dawa wurde Ministerpräsident, zugleich Verteidigungsminister, löste Allawi ab, Zabari blieb Aussenminister, Ölminister wurde Chalabi.

Unter Jafari wurden die Beziehungen zum Iran verbessert. Eine neue Verfassung wurde in dem Jahr in einem Referendum angenommen, deshalb gab es Ende 05 eine Neuwahl: Sie brachte wieder einen Sieg der UIA vor der Kurdischen Allianz, dritter wurde die sunnitische Irakische Eintrachtsfront (IAF) mit der Irakischen Islamischen Partei u.a., dann die INL von Allawi. Nuri al Maliki, vom CIA damals als unabhängig vom Iran eingestuft, löste infolge der Wahl seinen Dawa-Parteikollegen Jafari als Premier ab, eine breite Koalition kam zustande, aus allen grösseren Parteien; Sharistani (UIA) wurde neuer Ölminister. Die sadristischen (Risalyun-Partei) und sunnitischen (Eintrachtsfront) Gruppen und der Block um Allawi (INL) zogen sich aber schon nach wenigen Monaten aus der Regierung zurück, die aber immer noch die wichtigsten schiitischen und kurdischen Parteien umfasste.

Maliki baute die unter seinem Vorgänger begonnenen Beziehungen zum Iran weiter aus und parallel dazu eine Vorherrschaft der Schiiten über die anderen Volksgruppen, als könne er die Benachteiligungen von Jahrhunderten nachholen. Ein Konzept, dass die innere Polarisierung und die Gewalt weiter verstärkt hat. Der von den Neocons forcierte Regierungswechsel kam also paradoxerweise den Mullahs entgegen. Und dann suchte auch der engste USA-Verbündete unter den Exilpolitikern vor dem Krieg, Chalabi, die Nähe Teherans, nachdem er sich mit den USA zerkracht hatte.

In den Vorstellungen von Neokonservativen (auch deutschen) sollte durch den Krieg der Irak ein Instrument westlicher Machtausübung in der Region werden, vollzogen durch eine gefügige politische Klasse. Da es den Amerikanern darum ging, die Karten im Irak neu zu mischen, entstand unter ihrer Besatzung ein pluralistisches politisches System, wie es ansatzweise zuletzt unter Premier Qasim existiert hatte, den sie mitgeholfen hatten, zu stürzen. Dadurch führte kein Weg zur Macht an den Schiiten vorbei, die ungefähr 60% der Bevölkerung ausmachen. Ein Teil der schiitischen bzw. schiitisch dominierten Parteien steht für ein gesamtirakisches Konzept, andere für eine Vorherrschaft über andere, für manche ist schiitische Machtausübung mit einer starken Rolle der Religion und damit Zuständen wie im Iran seit Anfang der 1980er verbunden.

Die meisten irakischen Schiiten wollen keinen “Gottesstaat” (mit Verschleierungsvorschriften für Frauen), wie auch die Iraner nicht. Zum ersten Mal seit der Buyiden-Zeit waren Schiiten in ihrem Ursprungsland Irak wieder “am Ruder”. Die Schiiten waren politische Verbündete der amerikanischen Besatzer (im Gegensatz zu den meisten Sunniten sahen sie diese als Befreier), auch Maliki lange Zeit, und gleichzeitig Verbündete des Nachbarn Islamische Republik Iran (die manche Neocons gerne als nächstes angreifen würden). Als der Schatt el Arab-Grenzstreit zwischen Irak und Iran wieder auflebte, wurde er durch die Nähe der beiden Regierungen dieser Zeit schnell beigelegt. Der Iran wurde durch den politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak zur Regionalmacht. Nun konnte er eine Achse bilden, mit Syrien (wo das Baath-Regime von einer „schiitischen Sekte“ getragen war, den Alawiten), der Hisbollah und der pro-syrischen “8. März”-Allianz im Libanon und schiitischen Minderheiten in Golfstaaten oder Afghanistan. Auf der Gegenseite steht die von Saudi-Arabien geführte mehr oder weniger prowestliche sunnitische Achse; die Hamas in Palästina dürfte inzwischen eher zu ihr gehören.

Die iranischen Volks-Mujahedin kämpften einst gegen den Schah, dann gegen Khomeini, auch an der Seite Saddam Husseins, dann gingen sie mit den Neocons ein Bündnis ein. Ausser im Westen haben sie noch immer im Irak einen Stützpunkt, wo ihnen Hussein 1986 in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad das Militärlager Aschraf zur Verfügung gestellt hat. Nach seinem Sturz bekamen sie vom USA-Militär gewissen Schutz, irakische Regierungen ab Jafari würden das Lager (in dem 3 500 Angehörige der Volksmujahedin und ihre Familie leben) am liebsten schliessen. Es gab mehrere Überfälle von schiitischen Extremisten bzw. der irakischen Armee.

2010 gab es die nächste Wahl, es gab neue Allianzen, die ethnisch und konfessionell etwas gemischter waren, es gab Manipulationsvorwürfe und Gewalt, Sieger wurde die Al Iraqiya bzw. Irakische Nationalbewegung, mit Allawis INA, sunnitischen Listen wie Hashimis Erneuerunsgliste, Mutlaqs Dialogfront, Pachachis Liste und Yawars “Iraker”, vor der Rechtsstaat-Koalition aus Dawa (Maliki) und kleineren v.a. schiitischen wie Shahristanis Unabhängigkeits-Block, dann die Irakische Nationalallianz (UIA, ohne Dawa; mit ISCI, die früher SCIRI hiess, wozu irakische Hisbollah oder Badr gehören, Chalabis INC, Fadhilah, Jafaris Abspaltung von Dawa, die Sadr-Bewegung), der kurdischen Allianz aus KDP, PUK und kleineren, dann die kurdische Gorran, 2 sunnitische (darunter Tawafuq) und 2 kurdische islamische Allianzen. Zwei Blöcke lagen gleich auf, beide waren gemischt, jener unter Maliki war pro-iranischer, jener unter Allawi orientierte sich mehr an arabischen Staaten und USA. Nach langen Parteienverhandlungen wurde eine Koalitionsregierung aus Iraqiya, Rechtsstaat, Nationalallianz, Kurdischer Allianz und kleineren gebildet, Maliki blieb Premier.

Christen sind ein Verlierer des Regimewechsels, nicht wegen den schiitisch dominierten Regierungen, sondern der Gewalt von sunnitischen Gruppen dagegen, die alle Nicht-Sunniten (und zum Teil auch sunnitische Kurden!) als Feind betrachten. Der chaldäische Bischof Paulus Faraj Raho wurde etwa 2008 in Mossul entführt und ermordet, es gab einige Angriffe auf Kirchen. Das Nineveh-Gebiet bei Mossul im Nordwesten ist der Siedlungs-Schwerpunkt der Nestorianer, die Chaldäer sind stärker in die irakische Gesellschaft integriert, was sich schon an ihrem Siedlungsgebiet zeigt, das über das ganze Land verteilt ist, wobei Bagdad ein Schwerpunkt ist. Neben den beiden assyrischen/ostsyrischen/diophysitischen Gruppen gibt es im Irak kleinere Gruppen der westsyrischen Jakobiten und Syrisch-Katholischen sowie Armenier. Ein chaldäischer Bischof hat sich dagegen ausgesprochen, eine christliche autonome Zone im Irak zu schaffen. Eine solche würde ein Ghetto darstellen und ein leichtes Ziel für Angriffe sein.

Die Radikalisierung bzw. Islamisierung käme von aussen ins Land. Die Assyrer werden seit dem Regimewechsel 03 im Parlament (bzw. seinem Vorläufer) vom Assyrian Democratic Movement, aramäisch Zowaa Demoqrataya Atoraya (abgekürzt zu ADM oder Zowaa) unter Yonadam Kanna vertreten, bei Wahlen tritt die ADM meist als Rafidain-Liste2 an (bei der Parlamentswahl 14 gab es erstmals Festmandate für Minderheiten). Der Chaldäer Tarek Aziz, ein hochrangiger Funktionär im Baath-Regime, war nach dem Krieg 03 zu Tode verurteilt worden, das Urteil wurde bislang nicht vollstreckt. Es ist scheinheilig, wenn seine Verurteilung mit seinem Christentum in Zusammenhang gebracht wird, etwa in einer Aufforderung des Europaparlaments, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, in der gleichzeitig Besorgnis über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak geäussert wurde. In dem Urteil ging es u.a. um die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands im Anschluss an den Kuwait-Krieg 1991. Viele christliche Iraker wandern aus, gehen meist den Weg eines langen Transits in der Türkei (Istanbul), dann nach Übersee. Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat sich gegen eine Auswanderung ausgesprochen. Jene die gehen, schwächen natürlich die Zurückbleibenden. Der nestorianische Patriarch Mar Dinkha Khanania residiert seit langem in USA.

Das Konzept einer assyrischen Nation oder Nationalität geht eigentlich auf das 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auf westliche Einflüsse zurück. Der 1. Weltkrieg brachte für dieses unter den Betreffenden selbst grösseren Zuspruch, durch die Verfolgungen (und die Distanz zu den moslemischen Landsleuten), das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in anderen Teilen N-Mesopotamiens und Syriens verfolgten Jakobiten (die meist in das Nationalkonzept der Assyrer eingeschlossen sind, auch als “Aramäer” bezeichnet werden), das Neumischen der Karten unter westlicher Aufsicht im sterbenden Osmanischen Reich. Die Abstammung der Nestorianer und der aus ihnen hervorgegangenen Chaldäer von den antiken Völkern Mesopotamiens ist umstritten, aber jedenfalls ist ein starker Bezug auf die vorislamische Geschichte des Landes, die Früh-Antike mit den Hochkulturen und die Spät-Antike mit der Christianisierung zur Zeit der persischen Herrschaft, äusserst wichtig.

Die zwei Gruppen der mesopotamischen Christen sehen sich u.a. wegen ihrer Verwendung des Aramäischen, als Bewahrer alt-mesopotamischer, vor-islamischer Kultur. Es gibt Richtungen im “Assyrianismus”, die darauf abzielen, ihn unabhängiger von der christlichen Identität zu machen, und etwa die Mandäer im Süd-Irak, die ebenfalls die aramäische Sprache bewahren, mit einzubeziehen. Andere sehen eher die christlichen Maroniten des Libanon als “Partner”, und dieses Nationskonzept daher nicht territorial definiert. Jene, die sich auf den Irak als geopolitisch-kulturell-historische Einheit beziehen, stehen dem Konzept eines irakischen Nationalismus (wie ihn Qasim vertrat) nahe, beide stehen in Widerspruch zum Konzept des Irak als Teil einer arabischen Nation oder als islamische (was im Irak für Schiiten und Sunniten kaum ein gemeinsamer Nenner ist).

Assyrianismus kann also eine Form von irakischem Nationalismus sein aber auch eine anti-irakische Sezessionsbewegung, Beth Nahrin kann für beides stehen. Manche Nestorianer oder Chaldäer schlossen sich dem Aufstand der Kurden in den 1960ern und 1970ern gegen die Zentralregierung an, andere sehen die Kurden als ihren grössten Feind. Die Frage der Führung durch geistliche oder weltliche Führer ist ein weiterer trennender Faktor, wie auch die Aufteilung auf verschiedene Staaten, wozu auch eine wachsender Teil in der westlichen Diaspora gehört. Die Shuubiyah war im Mittelalter der Kampf nicht-arabischer Moslems gegen ihre Diskriminierung im Kalifat bzw. Umma. Als “Neo-Shuubiyah” werden die nicht-arabischen Nationalbewegungen in der arabischen Welt bezeichnet, neben dem Assyrianismus etwa der ägyptische Nationalismus, das Phöniziertum im Libanon usw., oft getragen von nicht-moslemischen Minderheiten.

Ein irakischer Nationalismus entstand gegen die osmanische und dann die britische Herrschaft, kann verschiedene Ausprägungen haben, die mesopotamische Antike spielt eine mehr oder weniger grosse Rolle. Im Gegensatz dazu steht eben ein (Pan-)Arabismus oder ein Islamismus, der aber entweder sunnitisch oder schiitisch ist. Ein Ausgleich Sunniten-Schiiten hat im irakischen Kontext in der Regel was von einem Irak-Nationalismus (der dann aber nicht säkular ist). Für Minderheiten wie Kurden, Assyrer, Turkmenen sind ihre “Teil”-Identitäten oft wichtiger als eine gesamtirakische, auch wegen ihrer nicht-arabischen identität (diese ist aber “aus-dehnbar” auf sie), sie haben auch eigene Flaggen. Ein irakischer Nationalismus schliesst oft ein Gross-Irak-Konzept mit Gebietsansprüchen (von Herrschern auch erhoben) auf Kuwait, das iranische Khusestan (über die umstrittene Schatt el Arab-Grenze hinaus), al Hasa von Saudi-Arabien, türkisches und syrisches Mesopotamien mit ein. Hussein war diesbezüglich flexibel, hat sich auf Wandmalereien auch als babylonischer Herrscher darstellen lassen, auf Kuwait und Khusestan Ansprüche erhoben (diese Länder auch angegriffen), pseudo-islamische Gesten gesetzt (wie die Aufnahme des “Allahu Akbar” in die Staatsfahne), vor allem eine Vorherrschaft der sunnitischen Araber umgesetzt.

09 zogen sich die US-Truppen (die letzte ausländische Macht) in militärische Basen zurück, Einsätze sollte es nur noch mit Erlaubnis der irakischen Regierung geben. Auch die Kontrolle der Grünen Zone am Tigris-Ufer in Bagdad haben sie an den Irak übergeben, das einstige Machtzentrum von Saddam Hussein blieb bis zuletzt auch Symbol der US-geführten Okkupation des Landes. Umstellt von bis zu fünf Meter hohen Betonmauern gleicht das Regierungsviertel nach wie vor einem Hochsicherheitstrakt. Das USA-Militär zog sich 2011, unter Obama, ganz aus Irak zurück, bleibt aber natürlich in der Region um den Persischen/Arabischen Golf und baut seine Militärpräsenz dort aus. Zum Abschluss des Abzugs überquerte ein letzter Konvoi mit 500 Soldaten die Grenze zum Nachbarland Kuwait. Der Einsatz kostete die USA insgesamt 800 Milliarden Dollar, etwa 4500 US-Soldaten und 300 andere ausländische Soldaten waren getötet worden. Zur Ruhe kam das Land auch nach dem Ende der Besatzung nicht. Seit dem Krieg vor mehr als 10 Jahren sind zehntausende Iraker durch Kämpfe und Terror getötet worden.

Vor dem IS-Terror hatte sich die Sicherheitslage etwas beruhigt, was Voraussetzung auch dafür wäre, dass der Tourismus wieder in Schwung kommt. Als Herzstück der zahlreichen antiken Stätten des Landes gelten die Überreste der Stadt Babylon (Babil). Die Restaurierung von zwei Grundstrukturen wurde vom US-Aussenministerium gefördert. Auch Städte des antiken Sumer (Shumeru/Kiengir) wie Uruk (Warka), sollen vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Stätten sind auch für viele Iraker selbst von grosser Bedeutung. Auf besondere Schwierigkeiten stossen die Archäologen bei den „Rekonstruktionen“ aus den 1980ern, unter Hussein. Diese sind haarsträubend schlecht, dienten vor allem Hussein dazu sich ein Denkmal zu setzen (er liess, in Imitation Nebukadnezars, in viele Ziegeln seinen Namen einlassen) und müssen nun wieder abgetragen bzw. zurückgebaut werden.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit dem Krieg und dem Machtwechsel 03 (die v.a. durch den Terror durch sunnitische Gruppen ausgehen) werden durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, der als weiterer Aufstand gegen eine Diktatur in einem arabischen Staat begann, verschlimmert. 2011 gab es im Irak sunnitisch dominierte Demonstrationen, die zT im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling stehen, zT ein Protest gegen die schiitisch dominierte Regierung waren. In der Regel äussert sich Protest im Irak aber anders. Die Terrormiliz ISIS/ ISIL/ IS/ DAISH, eine Nachfolgeorganisation der vom jordanischen Salafisten Sarkawi geführten Gruppe, erstarkte durch das auf Teile Syriens (in der syrischen Wüste angrenzend zu ihrer Hochburg, der grossen, sunnitischen Anbar-Provinz im West-Irak, wo die irakische Zentralregierung wenig Macht hat) erweiterte Aktionsgebiet und die Unterstützung durch einen Teil der sunnitischen Bevölkerung des Irak infolge der Eskalation des Streits zwischen der von Schiiten dominierten Regierung unter Maliki und den sunnitischen Parteien 13/14.

Dieser innere Grundkonflikt des Irak nach Saddam verschärfte sich durch die Parlamentswahl 14 mit dem Sieg von Malikis Partei bzw. Allianz. Diese Wahl gewann die schiitische Rechtsstaat-Koalition unter Maliki vor den Sadristen, ISCI (Hakim), Muttahidun (Sunniten, Nujaif), KDP, Wataniya, PUK, al Arabe,… Die offen auf schiitische Vorherrschaft angelegte Politik Malikis (mit einer auch für viele Schiiten zu engen Anlehnung an Iran) war die beste Hilfe für den Vormarsch der IS 2014. Sogar hochrangige schiitische Partikularisten wie Sistani und Sadr sind nicht einverstanden mit seiner die Sunniten ausgrenzenden Politik, die dem Extremismus den Boden bereitet. Dass der Einfluss der Schiiten nach 03 gemäß ihrem Anteil an Bevölkerung erhöht wurde, und Sunniten ihre jahrhundertealte Privilegierung verloren, ist auch für einen Teil der sunnitischen Gegner der Maliki-Politik nicht das Problem. Der frühere irakische Vizepräsident Tarek al-Haschemi, sunnitischer Nach-Baath-Politiker, von der wichtigsten sunnitischen Parteienallianz IAF (Eintrachtsfront/Tawafuq, umfasst u. a. die IIP), einer der schärfsten Kritiker von Maliki, wurde 2012 wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit zum Tod verurteilt (was die Vorwürfe ggü Maliki, wonach er immer mehr diktatorische Züge annehme, möglicherweise bestätigt), lebt im türkischen Exil, ist davon überzeugt, dass der Irak mit dem IS-Vormarsch eine sunnitische Volkserhebung erlebt, gegen das Dominanz-Streben der Schiiten unter Maliki.

Es gehe bei weitem nicht nur um IS(IS), sagte Haschemi gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch politische Parteien, Armeeoffiziere und Stammesführer spielten eine Rolle. Maliki gab erst auf, als zum erbitterten Widerstand nach der Wahl vom grössten Teil des politischen Spektrums auch der Verlust der Unterstützung seiner Dawa-Partei hinzukam. Die IS kontrolliert inzwischen einen grossen Teil des Mittel-Irak, einen Teil des Nordens; gegen den Widerstand von irakischer Armee (von Schiiten dominiert) und kurdischer Peschmergas. Assyrische Kirchen, schiitische Moscheen, sufistische Schreine, antike Kulturgüter werden von den Salafisten zerstört. Auch manche junge Moslems aus Europa schliessen sich der hauptsächlich gegen Moslems aktiven Terrormiliz an.

Aus Mossul flüchteten Christen nach Erbil im Kurdengebiet. In Bagdad versammelten sich dazu Hunderte, um Solidarität mit ihnen zu demonstrieren. In Erbil demonstrierten assyrische Priester mit kurdischen Imamen. Der arabische Buchstabe „N“ (für Nasrani, „Nazarener“, also Christen), mit dem christliche Häuser im Irak von der IS gebrandmarkt worden sind, hat sich im Internet zu einem Zeichen der Solidarität entwickelt. Der US-Amerikaner Jeremy Courtney, von dem die Welle der Solidarität unter dem Hashtag „WeAreN“ ausging, sieht diese inzwischen aber kritisch. Durch die Solidaritätsbekundungen für die irakischen Christen würden nämlich andere Gruppen, die ebenso litten, ausgeblendet. Denn eigentlich sei die Welle der Solidarität von Muslimen ausgegangen, die selbst unter IS leiden und erkannt hätten, dass sie die nächsten sein könnten. Der chaldäische Patriarch, Louis R. Sako, hat geflohene Geistliche in den Irak zurückbeordert. Priester und Ordensleute könnten sich nicht aussuchen, „wo sie dienen. Wir müssen an dem Ort leben und sterben, an den Gott uns ruft.” Wer aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen aus dem Irak ausgereist sei, müsse zurückkommen, forderte Sako.

Angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe ist auch die Auf-Spaltung des Irak wieder ein Thema, wobei die Grenze zwischen der sunnitischen Mitte und dem schiitischen Süden quer durch Bagdad gehen würde. Der Regierungschef der Kurdenregion, Massud Barzani, hat angedeutet, dass eine Abspaltung für seine Region ein Thema wäre. Auch hier wäre die Grenzziehung umstritten und schwierig, zur Mittelregion. Das Kurdengebiet dehnt sich über die ursprüngliche Autonomiezone aus. Das ethnisch sehr gemischte Kirkuk ist stark umkämpft, es gibt dort Streit um Vorherrschaft, Zugehörigkeit, Rückkehr, Wahlrecht. General Ali al-Saidi fordert eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. Auch in diesem Konflikt spielt die Kontrolle ums Öl wieder eine entscheidende Rolle; IS verkauft Rohöl aus eingenommenen Gebieten im Nord-Irak und finanziert damit weiteren Terror; Kurden bekamen mit der Einnahme Kirkuks durch Peschmergas ebenfalls Kontrolle über Ölreserven und –industrie, die mit grosser Macht verbunden ist.

Kurden, auch in Syrien und aus der Türkei, kämpfen gegen IS, die auch Yaziden unter ihnen gewaltsam zum Islam bekehren will, in Nord-Irak und Nordost-Syrien, in Grenzgebieten zwischen kurdischen und arabischen Siedlungsgebieten. Als eines der ersten Länder hatte der Iran mit Waffenlieferungen an die Kurden begonnen. Deutschland liefert ihnen Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre für den Kampf gegen die Terrormiliz, Peschmergas sollen auch in Deutschland militärisch ausgebildet werden. Geredet wird dabei viel über Kobane im syrischen Kurdengebiet und seine gefährdete Zivilbevölkerung, aber das gehört zum imperialistischen deutschen Projekt.

Die irakische Kurdenregion arbeitet eng mit der Türkei unter Erdogan zusammen. Als im nordirakischen Sindschar-Gebirge die yazidische Bevölkerung einem Massaker durch den IS entgegenblickte, wurde sie von den Peschmergas des irakischen Kurdistan schutzlos zurückgelassen. Geholfen haben ihnen Kräfte aus den syrischen und türkischen Kurdengebieten (u.a. die PKK, die ihr Hauptquartier im Nordirak unterhält). Da die beiden grossen Parteien des Irakischen Kurdistan im vom Salafisten bedrängten syrischen Kurdistan (Rojava) schwach verankert sind und dieses unabhängig agieren will, zeigt die Autonomieregierung der irakischen Kurdenregion für Rojava wenig Engagement.

Die USA-Regierung unter Obama überlegte lange eine Militärintervention gegen IS („Es liegt am Irak, seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen“ hiess es zunächst), die sogar der iranische Präsident Rohani gefordert hat. Das grüne Licht für Luftangriffe gab Obama schliesslich mit der Begründung, “um in der Region eingesetzte US-Militärberater zu schützen” und ein Massaker an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Operation “Inherent Resolve“ erweist sich als Goldgrube für die Rüstungsindustrie, sie beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und die Möglichkeit auf Milliardeneinnahmen. Im Irak kämpfen jetzt die irakische Armee, schiitische Milizen (denen Amnesty International schwere Verbrechen vorwirft), kurdische Peschmergas, sunnitische Stammeskämpfer und USA-Militär gegen IS.

Im Irak begann die westliche Einflussnahme primär aus wirtschaftlichen Gründen (Öl), im Kalten Krieg mit dem Sowjet-Block erhöhte sich der strategische Wert des Landes (die angebliche “kommunistische Gefahr” spielte einen Hauptrolle beim Sturz von Qasim), bei der Unterstützung von Hussein spielte bereits der Islamismus (des Nachbarn Iran) die Hauptrolle, nach Ende dieser Unterstützung wurde er der “typische orientalische Despot”, nach seinem Sturz wurde die CPI wieder zugelassen, die Kontrolle über das Öl ist Teil des inneren Machtkampfes im Irak geworden.

* Literatur

Selim Matar: العراق.. سبعة آلاف عام من الحياة (Al-Irâq, saba’tu alâf ’âm min al-hayât; Irak, 7000 Jahre Geschichte) (2013)

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak (2004)

Kai Hafez (Hg.): Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden (2003)

Phebe Marr: The Modern History of Iraq (2012)

Dieter Lohmann: Irak: Von der Wiege der Kulturen zum internationalen Krisengebiet (2016)

Hanna Batatu: The old social classes and the revolutionary movements of Iraq. A study of Iraq’s old landed and commercial classes and of its communists, Ba’thists, and free officers (1978/2000)

Peter Heine, Hans J. Nissen: Von Mesopotamien zum Irak (2003 1. Auflage)

Kanan Makiya: Republic of Fear (1989/1998)

Fouad Ajami: The Foreigner’s Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq (2006)

Charles Tripp: A History of Iraq (2000)

Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (2000)

Georges Roux: Ancient Iraq (1992)

Ebubekir Ceylan: Ottoman Origins of Modern Iraq: Political Reform, Modernization and Development in the Nineteenth Century Middle East (2011)

Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte (2015)

Wolfgang Gockel: Irak. Sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland (2001)

Marion und Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 – von der Revolution zur Diktatur (1990)

John Curtis: Mesopotamia and Iran in the Parthian and Sasanian Periods (2000)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Hannes Galter: Mesopotamien, in: A. Grabner-Haider, K. Prenner (Hg.), Religionen und Kulturen der Erde. Ein Handbuch (2004)

Helga Anschütz: Die Gegenwartslage der „Assyrischen Kirche des Ostens“ und ihre Beziehungen zur „assyrischen“ Nationalbewegung, in: Ostkirchliche Studien 18 (1969)

Faleh A. Jabar: The Shi’ite Movement in Iraq (2003)

Abbas Kadhim: Reclaiming Iraq. The 1920 Revolution and the Founding of the Modern State (2012)

Barthel Hrouda: Mesopotamien. Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris (1997)

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Und andere Geschichten über den Irak (2015)

Johannes Renger (Hg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne (1999)

Henry William Frederick Saggs: Civilisation before Greece and Rome (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ein Mann namens Nidintu-Bel behauptete, Nabonids Sohn zu sein (war aber eher ein Usurpator/Hochstapler) und liess sich als Nebukadnesar III., König von Babylon(ien), ausrufen, zettelte einen Aufstand gegen die Perser an. Deren König Dareios schlug diesen nieder (522 vC, Schlacht) und liess den Anführer töten. Danach gab es noch einen Arakha, der sich als Nebukadnezar IV. proklamierte und einen Aufstand begann
  2. (Bilad al) Rafidain heisst auf Arabisch Mesopotamien

Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

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