Indien unter der Mogul-Herrschaft

Während Indien am Weg dazu ist, eine neue Grossmacht zu werden, dabei von inneren Konflikten (zwischen Religionsgemeinschaften, Geschlechtern, sozialen Klassen,… auch zwischen den Menschen und der Natur) geschüttelt wird, lohnt es sich, in die indische Geschichte zurückzuschauen, etwa in die frühere Neuzeit, als grosse Teile Indiens unter der moslemischen Herrschaft der „Moguln“ war.

Indien ist für „Westisten“/Islamophobe/Kulturkämpfer oft ein anderes Gesicht „asiatischer Barbarei“ oder aber es wird als ein positives Gegenstück zu ihr aufgebaut, wobei dann, wie bei Heinsohn, i.d.R. alles Gute der britischen Herrschaft zugeschrieben wird und Unbehagen über seinen Aufstieg spürbar bleibt. Im „Dschungelbuch“ des englischen Imperialisten Kipling (der selbst in Indien zur Welt kam), einer Art Entwicklungsroman, mit seiner bekanntesten Erzählung von Mo(w)gli, einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst und schliesslich „Herrscher“ dieser Welt wird, kommt Rassismus und Imperialismus dezent bzw. indirekt zum Ausdruck. Die Tiere scheinen für die „wilden Menschen“ zu stehen und Mogli die Herrschaft der zivilisierten Kolonialmacht zu repräsentieren; manche Tiere, wie der widerspenstige Tiger „Shere Khan“, stehen für die anti-koloniale Auflehnung (das heutige Äquivalent dazu wäre jene die westliche Weltordnung), die als „gegen die Natur“ dargestellt wird. Als Kipling das Buch schrieb, war das Unabhängigkeitsbestreben der Inder noch in seinen Anfängen, es wurde erst nach dem 1. Weltkrieg, in dem die Inder ihren Kolonialherrschern zu dienen hatten, eine dominante Kraft.

Es ist eine Konstante der indischen Geschichte, dass Eroberer dort hellhäutiger als Unterworfene waren, vom Norden kamen. Von daher soll es ein hellhäutiges Schönheitsideal unter Indern geben, eine Art Versuch, Kolonialherren zu imitieren (koloniales Mimikry), das auch zur Verwendung aufhellender Kosmetika führt. Auch im Kastensystem soll helle Haut eine Rolle spielen. Die Adivasi sind so etwas wie die Urbevölkerung des indischen Raums, sie sind wahrscheinlich Australoide; heute leben sie unvermischt nur an den Rändern Indiens, wie auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln. Nach ihnen kamen die Drawiden, die ihrerseits um 2000 vC von den Ariern in den Süden verdrängt wurden, nachdem sich diese von jenem Teil getrennt hatten, der den Iran „machte“. Auf diese gemeinsamen Wurzeln hat der damalige indische Premier Manmohan Singh (INC) vor einigen Jahren angespielt, als er zur Haltung Indiens zum Atomstreit mit dem Iran gefragt wurde.1 Dann Griechen, Hunnen und die diversen moslemische Eroberer: die türkischen Ghaznawiden, die iranischen Ghoriden, die türkischen und paschtunischen „Delhi-Sultane“. Und natürlich die Briten und die anderen Europäer.

Die Wurzeln der Mogule liegen in den von Dschingis (Cengiz) Khan Anfang des 13. Jh. und Timur Lenk (Tamerlan) Ende des 14. Jh errichteten mongolischen Reichen. Unter Dschingis‘ Sohn Tschagatai entstand das nach diesem benannte Khanat in Zentralasien, zuerst als autonomer Bestandteil des Reichs, ab Mitte des 13. Jh als eines seiner Nachfolgereiche, von Tschagatais Nachfahren (einer Dschingisiden-Linie) regiert. Timur stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, gehörte zum Barlas-Stamm/Volk (turkisierten Mongolen); er unterwarf Zentralasien, von seinem Heimat-Khanat aber nur den westlichen Teil (wo auch das Fergana-Teil lag), während der verbliebene Osten als „Moghulistan“ (auch: Ost-Tschagatai-Khanat) weiter bestand. Unter Timur wurde die mongolische Elite kulturell persianisiert, was auch mit ihrer Islamisierung zusammenhing; „Moghul“ bzw. „Mughal“ bedeutet in der persischen Sprache „Mongole“, „Moghulistan“ bedeutet „Mongolei“ bzw. „Mongolen-Land“ (war aber eben nur ein Teil-Staat des Mongolen-Lands).

Aus der Familie der Lokalherrscher von Fergana, Timuriden, stammte Babur, der die Moghul-Herrschaft in Indien begründete; mütterlicherseits stammte er von den dschingisidischen Tschagatai-Herrschern ab. Babur sprach Tschagatai-Türkisch und Persisch, aber wahrscheinlich nicht Mongolisch. Er unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich. Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo die Delhi-Sultane herrschten, damals jene der Lodi-Dynastie – bis 1526. Mittel- und Süd-Indien war zwischen Reichen hinduistischer oder moslemischer Prägung geteilt.

„Mog(h)ul“ bezeichnet im indischen Zusammenhang das Reich, die herrschende Ethnie bzw. Schicht, die herrschende Dynastie (eine Timuriden-Linie; auch „Gurkani“ genannt) wie auch den Herrscher-Titel – als den es auch die Bezeichnungen „Padschah“ (-e Hind), „Grossmogul“, „Mogulkaiser“ gibt. „Gurkani“ soll die persische Version des türkischen „gur akan“ sein, was jemanden bezeichnet der Gräber gräbt und ein Beiname Timurs gewesen sein soll (der gerade im persischen Zusammenhang bis heute einen sehr schlechten Ruf hat). „Gurkani“ bzw. „Gūrkāniyān“ (گورکانیان‎) wurde neben der Herrscher-Dynastie dieses Reichs in Indien auch das Reich an sich genannt, für das es auch Bezeichnungen wie „Hind-Reich“ oder „Mog(h)ul-Reich“ (persisch Shahan-e Mogul, hindustani Mughliyah Saltanat) gibt.

Ethnisch waren die „Moguln“ Moslems überwiegend nicht-indischer Herkunft (Mongolen, Perser, Türken, Araber, Kizilbash, die ihrerseits iranisch-türkische Mischlinge sind), Nachkommen der Eroberer und spätere Immigranten, über die Jahrhunderte ihrer Herrschaft zunehmend mit Indern vermischt, von den Padschahs abwärts.2 Das Militär war im Mogul-Staat die entscheidende Institution, durch die Rolle bei der Eroberung und Ausbreitung (Vergabe von Militärlehen, „Jagir“, an Beteiligte) und dem Machterhalt. Es übernahm Aufgaben ziviler Verwaltung, bildete eine Art Herrscherkaste (es gab keinen Erb-Adel).

Die Herrschaft der Moguln dauerte von der frühen Neuzeit bis in die späte, umfasste nie ganz Indien – je weiter es in den Süden ging, desto „löchriger“ wurde diese Herrschaft. Der Norden war immer der Schwerpunkt, wurde auch viel stärker islamisiert als der Süden Indien. Regionalreiche und europäische Kolonialmächte (Beginn mit den Portugiesen unter Da Gama Ende 15. Jh) waren immer präsent, am Ende der fast 500 Jahre Mogul-Herrschaft bereits dominierend in Indien. Das Reich wuchs bis Aurangzeb (s.u.), schrumpfte dann, bis sein Rest Mitte des 19. Jh von den Briten „aufgelöst“ wurde. Die Mogule knüpften an die anderen moslemischen Herrscher an, die Indien seit dem Hoch-Mittelalter dominierten, wobei die Ghaznawiden auch schon kulturell persianisiert waren, persische Kultur nach Indien gebracht hatten.

Unter dem Mogul bzw. Padschah gab es eine Regierung (Diwan) unter einem Wakil, kein Parlament, somit Absolutismus und Zentralismus; die Mogule waren aber diversen Einflüssen bzw. Lobbies ausgesetzt. Es gab direkt verwaltete Provinzen (Subahs) unter einem Nizam, Nawab oder Subahdar, vom Diwan kontrolliert, sowie halb autonome Staaten. Daneben existierten immer Staaten in Indien, die nicht unter Mogul-Herrschaft standen, somit komplett unabhängig waren. Über die Jahrhunderte gab es bezüglich des Status (wie auch bei der Ausdehnung) der Staaten zahlreiche Änderungen. Von Hindus und Sikh dominierte Staaten wurden von einem (Maha)raja/(Gross)könig regiert. Hauptstadt des Mogul-Reichs war bis 1648 u.a. Agra, dann Delhi, mit dem Roten Fort als Herrscher-Residenz. Delhi war auch unter den Vorgänger-Sultanen und den britischen „Nachfolgern“ Zentrum; es bestand ursprünglich aus mehreren Städten nebeneinander. Wirtschaftlich handelte es sich um einen Agrar- und Handelsstaat, Manufakturen spielten keine grosse Rolle.

Flagge Indiens unter den Moguln
Flagge Indiens unter den Moguln

Als die Mogule im frühen 16. Jh Nord-Indien unter ihre Herrschaft brachten, war im Dekkan (Zentral- und Südindien) das hinduistische Vijayanaga-Reich (das vom 14. bis zum 17. Jh existierte) der wichtigste Staat. Die Portugiesen errichteten in dieser Zeit als erste europäische Macht Stützpunkte an der Küste Indiens. Persien und Indien grenzten meist südlich vom Hindukusch-Gebirge und westlich vom Indus-Fluss aneinander, also etwa im heutigen Afghanistan. Sowohl der Name für das Gebirge („Indisches Gebirge“) als auch für den Fluss, die sich durchgesetzt haben, sind persisch. Die anderen Nachbarn waren ceylonische, nepalesische und bhutanische Fürstentümer, der Malediven-Archipel als Sultanat (während sich in Bhutan der Buddhismus gegen den Hinduismus durchsetzte, unterlag er auf den Malediven dem Islam), Tibet, getrennt durch das Arakan-Gebirge Birma (wo die Taungoo-Dynastie herrschte), über Kaschmir auch Sinkiang (war zeitweise ein Teil von Moghulistan, vor der chinesischen Eroberung).

Vom persischen Namen für den heute in Pakistan liegenden Fluss Indus (Eigenbezeichnung „Sindh“) leiteten sich auch der persische Name für (Nord-) Indien, (H)industan, ab, und davon wiederum die meisten Fremdbezeichnungen für Indien (kamen über Griechen nach Europa), wie auch Bezeichnungen für die Sprache Hindi und die Religion Hinduismus. Das Mogul-Indien hat mit dem Persien der Safawiden aber trotz der engen kulturellen Beziehungen viele Kriege geführt, nach der Abspaltung Afghanistans von Persien im 18. Jh. mit diesem. Der Eigenname Indiens, Bharat, leitet sich vom legendären König Bharata ab, der im Mahabharata auftaucht. Ein Arier aus der ebenso mythischen Chandravamsha- (Mond-) Dynastie, eroberte Bharata ganz Gross-Indien, das unter ihm als „Bharatavarsa“ vereinigt wurde.

Unter dem dritten Mogul-Herrscher Akbar (Ende 16./Anfang 17. Jh), gelang durch die Unterwerfung der meisten Rajputen-Staaten die Ausdehnung des Reichs nach Zentralindien. Mit diesen Eroberungen kamen viele Hindus und Sikh unter seine Herrschaft, er heiratete auch eine Hindu. Akbar liess viel Nicht-Islamisches zur Geltung kommen, kreierte sogar eine neue Religion, Din-e Ilahi (persisch „Religion Gottes“), eine Synthese hauptsächlich aus Islam und Hinduismus3, mit Elementen aus dem Christentum, Zoroastrismus und Jainismus. Möglicherweise intendierte er auch eine Neuauslegung des Islam oder einen „Brückenbau“ zwischen den Religionsgemeinschaften, keine neue Religion. Die einzigen Anhänger bzw. Praktikanten des „Kults“ waren Angehörige des Herrscherhofs der Moguln, der damals in Fatehpur Sikri bei Agra residierte. Akbar liess dort im Palast als eine Art Gotteshaus 1575 das Ibādat Khāna (Haus der Verehrung) bauen. Vom Din-e Ilahi blieb nach Akbars Tod nichts übrig, auch von seiner religiösen Toleranz nicht.

Im 17. Jh. entstand das Buch „Dabestan-e Mazaheb“ („Schule der Religionen“), über die Religionen Indiens/Südasiens, auf Persisch, wahrscheinlich von einem Perser verfasst, eventuell einem zoroastrischen. Darin findet sich auch ein Kapitel über den Din-i Ilahi. Das Kapitel über das Judentum besteht aus Übersetzungen von Sarmad Kashani, einem Juden aus Persien, der zuerst zum Islam übertrat (ein Sufi wurde) und dann zum Hinduismus. Das Werk wurde möglicherweise vom Mogul-Prinzen Dara Shikoh in Auftrag gegeben, der sich mit Religionen beschäftigte und wie Akbar dabei einen synkretistischen Ansatz hatte.

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten
Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

In der „Kontaktzone“ von Ariern und Drawiden in Mittelindien waren einst die Grundlagen für jene Kultur, die Grundlagen für den Hinduismus sind, entstanden. An Schriften waren das die Veden (ca. 1500 vC), dann die Upanischaden, und 100 nC das wichtigste Werk, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita (ein anonymes Helden-/Nationalepos). Buddha und Mahavir (der Stifter der Jaina-Religion) wirkten 500 vC in Indien; Hinduismus ist die Mutterreligion des Jainismus, hat zumindest den Vajrayana-Buddhismus beeinflusst, und auch der Sikhismus ging aus ihm hervor. Der Sikh-Guru Nanak lebte im 15./16. Jh, er hat möglicherweise den Beginn der Mogul-Herrschaft über Punjab und Indien am Ende seines Lebens noch erlebt (und das Ende der Herrschaft der ebenfalls moslemischen Delhi-Sultane dort).4 Der Hinduismus setzte sich in Indien gegen Buddhismus durch, der in Ost-Asien grossen Anklang fand. Christentum, Islam, Zoroastrismus, Judentum und Baha’ismus kamen von aussen nach Indien.

Die Islamisierung Indiens begann mit den Ghaznawiden und Ghoriden, die Nord-Indien und Ost-Iran im Hoch-Mittelalter hintereinander beherrschten, wurde im Spät-MA von den Delhi-Sultanen fortgeführt. Es waren die moslemischen Ghoriden, die den Ausdruck „Hindu“ für die vielen verschiedenen „Kulte“ auf Grundlage der Bhagavad Gita und älterer Schriften (Veden, Upanishaden) in der Region aufbrachten!5 Die dann am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren die letzen buddhistische Zentren im Land bzw. Subkontinent gewesen.6 Das Pala-Reich im NO war das letzte Reich in Indien, das den Buddhismus unterstützte. Es wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der NW war das zuerst islamisierte Gebiet, dort fielen sogar schon die Omayaden ein, dort waren auch die Heerlager (Urdu) der Moguln, dort, im heutigen Pakistan, gab es am stärksten Vermischung mit moslemischen Invasoren.

Über den Charakter der Islamisierung gibt es verschiedene Meinungen. Teilweise  geschah sie durch Zwangskonversionen. Im Sindh geschah sie aber zB hauptsächlich durch missionierende Sufis, in der Zeit des späten Delhi-Sultanats und des frühen Mogul-Reichs. Auch Sindh (zumindest sein westlicher Teil) gehört zum „Randbereichs“ Indiens im Nordwesten. Südost-Asien (wo die indischen Religionen Hinduismus und Buddhismus vorherrschten) wurde teilweise von Indien aus islamisiert. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Indiens blieb hinduistisch, auch im Zentrum der islamischen Herrscher, in Delhi. Die Toleranz für sie unter moslemischer Herrschaft, wie auch für Sikh und andere Religionen, schwankte, die Sondersteuer wurde mehrmals eingeführt und wieder abgeschafft. Unter den Moguln wurde der Islam in Indien jedenfalls friedlicher. Und, der Islam in Indien wurde in dieser Zeit „indischer“: von Hinduismus beeinflusst (wie auch umgekehrt), von einheimischen Geistlichen ausgelegt,…

Unter den Moguln gab es eine gewisse Synthese von Hinduismus und Islam  in Indien, auf religiöser wie auf privater Ebene. Der Gegensatz zwischen Hindus und Moslems wurde gewissermaßen überbrückt. Von den Briten wurden diese Religions-Gemeinschaften dann gegeninander ausgespielt. Der schiitische Islam war und ist im indischen Raum in einer Aussenseiter-Rolle und noch dazu gespalten in die Zwölfer-Schiiten und die Siebener-Schiiten/Ismailiten, die wiederum auf Nizariten („Khojas“; unter dem Aga Khan, der im 19. Jh aus Persien nach Indien kam) und Mustaliten („Bohras“) aufgeteilt sind. Ab dem 18. Jh, als die Mogul-Herrschaft und moslemische generell in Indien zu bröckeln begann, wurde für religiöse Moslems dort eine Auseinandersetzung mit der Religion unabhängig von der Herrschaft notwendig und diverse Erneuerungsbewegungen entstanden.

Persisch war in der Mogul-Zeit die Staatssprache in Indien, wurde (wie auch schon unter manchen Vorgängern der Moguln als Herrscher Indiens) in Verwaltung, Literatur oder Wissenschaft verwendet; der Sohn des Mogulherrschers Jahan (auf Betreiben seiner jüngeren Brüder dann hingerichtet) verfasste etliche beachtliche Werke auf Persisch, hauptsächlich religiöser Natur, auch Übersetzungen, etwa der Upanischaden, aus dem Sanskrit. Währenddessen bildete sich in der Neuzeit die Hindustani-Sprache, auch Dehlavi, Hindawi oder Rekhta genannt, heraus, aus nordindischen Dialekten wie Khariboli, angereichert mit persischen, mongolischen, türkischen, arabischen Wörtern, die Eroberer mitgebracht haben. Hindustani, das mit anderen indo-iranischen Sprachen mehr oder weniger eng verwandt ist, wurde in der späten Mogul-Zeit die zweitwichtigste Sprache.

In arabischer Schrift geschrieben wurde daraus (Zaban-i-)Urdu, die Variante in Devanagari-Schrift wurde Hindi (nicht nur die Schrift des Sanskrit wurde hier übernommen, auch Wörter daraus, mit denen persische ersetzt wurden). Während Hindi von Hindus geformt wurde und sich zumindest unter jenen des Norden Indiens durchsetzte, wurde Urdu die wichtigste Sprache der Moslems Indiens, war am stärksten im Nordwesten, dem heutigen Pakistan, verankert. Das Wort „Urdu“ geht auf das türkische Wort für „Heerlager“ zurück, die damit bezeichnete Sprache aber nur insofern auf jene der frühen Moguln, als mit diesen Eroberungen die Einflüsse auf indische Sprachen begannen. An der Stelle sei angemerkt, dass Persisch (und andere iranische Sprachen wie Belutschisch oder Kurdisch) abgesehen von späteren Einflüssen mit Hindi/Urdu (und anderen nord-indischen Sprachen wie Bengali oder Marathi) von der Wurzeln her verwandt ist, was man leicht erkennen kann, wenn man etwa die Zahlen in diesen Sprachen vergleicht.

Im 17. Jh liess Herrscher Jahan in Agra das Taj Mahal (ungefähr mit „Kronen-Palast“ zu übersetzen) als Grabmal für seine Haupt-Frau bauen, das wichtigste Stück Baukunst unter den Moguln. Unter Aurangzeb wurde Ende des 17./Anfang des 18. Jh. die grösste Ausdehnung des Mogul-Reichs erreicht, nur der tamilische Südzipfel Indiens blieb ausserhalb seinem Herrschaftsbereich – ähnlich wie beim Gupta-Reich in der Spät-Antike (mit dessen Untergang die lange Zeit der Zerstückelungen und Fremdherrschaften begann) und jenes der Maurya-Dynastie. Unter Aurangzeb wurden die Dekkan-Sultanate erobert, eine moslemische Staaten-Föderation in Zentral-Indien. Er propagierte einen strengen Islam, damit Schikanen gegen die hinduistische Mehrheit (u.a. die Sondersteuer Jizya). Der Beginn des Niedergangs ist nach seiner Herrschaftszeit anzusetzen, nach ihm ging es mit dem Mogul-Reich abwärts, es wurde zunehmend kleiner und machtloser.

Im Laufe des 17. Jh gesellten sich zu den portugiesischen Handels-Stützpunkten an der Küste Indiens solche anderer europäischer Mächte dazu, der Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten. Die English East India Company bzw. ab 1707 British East India Company (BEIC), liess sich zunächst in der Bucht von Bengalen nieder, führte Opium nach China ein; Tee, Baumwolle, Salpeter und Gewürze nach England aus. Die Verluste des Mogul-Reichs im 18. Jh, durch die es zu einem von vielen Lokalfürstentümern herab sank, gingen nicht zu Gunsten der Briten sondern waren hauptsächlich Gewinne des hinduistischen Marathi-Reichs, das seinen Kern an der Westküste (um Poona) hatte, sowie der Rajputen (mehr eine Kaste als eine Ethnie), die im NW ein grosses Fürstentum errichteten. 7 Der Vizekönig des Moguls im Süden, der Nizam, machte sich im 18. Jh. mit seinem Reich um Hyderabad selbstständig. Weitere bedeutende Staaten waren der von den Sikh regierte Punjab, das moslemische Kaschmir, das hinduistische Mysore im Süden.

Bengalen im Osten unterstand einem Nawab, der es im Namen des „Moguls“ regierte, es war damit ein semi-unabhängiger Staat. Briten und Franzosen hatten an dessen Küste ihre Stützpunkte; daneben versuchten die Marathen im 18. Jh, dort einzudringen. Die Briten begannen damit, sich in innere Angelegenheiten Bengalens einzumischen, sich nicht nur auf Handel zu beschränken. Mitte des 18. Jh entzündete sich an der Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen in Nordamerika ein Kolonialkrieg, der sich mit dem 7-jährigen Krieg in Europa verband. Auch Indien war Kriegsschauplatz, nachdem Franzosen und Briten Konkurrenten um Bengalen waren.

Der Sieg der Briten in „Plassey“ (Palashi) 1757 öffnete diesen die Tür zur Herrschaft über Indien. Die Franzosen, die die Ostküste kontrolliert hatten, verloren fast alles. Die Mogule verloren nun auch Bengalen, das Mogul-/Gurkani-/Hind-Reich wurde auf das Gebiet um Delhi beschränkt, einige Staaten blieben ihm als Vasallen verbunden, und es blieb eine offizielle Oberherrschaft über einige Gebiete bestehen, in denen es nichts mehr zu sagen hatten. Nun war klar, dass sich auch in Indien Europa durchsetzen würde und unter den europäischen Mächten die Briten.

Ab 1774 gab es einen General-Gouverneur der BEIC, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon mehr Macht hatte als die Mogule/Padschahs in Delhi. Als sich 13 der britischen Nordamerika-Kolonien als USA unabhängig machten (1776-1783), wurde Indien für Grossbritannien noch wichtiger. Die britische Herrschaft in Indien wurde schrittweise ausgedehnt, intensiviert und verstaatlicht; Ende des 18. Jh kam die BEIC unter stärkere staatliche Kontrolle. Persisch wurde als Verwaltungs- und Bildungssprache schrittweise durch Englisch ersetzt, eine Verwaltungsreform in den eroberten Gebieten durchgesetzt. Die Ansiedlung von Briten in Indien war vergleichsweise gering. Die britischen Herrscher machten sich die Diversifizierung der indischen Bevölkerung zu Nutze, die Vielfalt von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, Klassen, spielten v.a. Moslems gegen Hindus aus.

1818 besiegten die Briten nach langen Kämpfen ihre inzwischen schärfsten Rivalen, die Marathen (und mit ihnen verbündete kleinere Staaten). Nachdem auch südliche Lokalreiche in den Mysore-Kriegen eingegliedert wurden, blieben noch einige Fürstenstaaten wie das der Mogule, jene der Rajputen (in Rajasthan), Sikkim oder Kaschmir bestehen. 1825 gingen die Küsten-Stützpunkte der Niederländer durch Vertrag an GB, 1845 wurden die Dänen von den Briten abgefunden. Die Portugiesen (an der W-Küste) und die Franzosen (an der O-Küste) behielten ihre paar Exklaven, über die britische Kolonialherrschaft hinaus.

Die Briten benutzten Indien im 19. Jh auch als Sprungbrett zur Inbesitznahme oder Kontrolle diverser Gebiete Asiens: Birma, Ceylon (beide auch zeitweise Teil Britisch-Indiens), Afghanistan, Malediven; Nepal und China; Tibet und Bhutan. Sie zogen auch die Grenzen Indiens zu den Nachbarstaaten: im Westen zu Afghanistan (Durand-Line zu Ungunsten der Paschtunen, deren Gebiet bewusst z.T. Britisch-Indien zugeteilt wurde, auch Belutschistan wurde aufgeteilt), im langen und gebirgigen Norden zu China (Sinkiang), Nepal, Bhutan und Tibet, im Osten wurde Birma 1937 wieder abgetrennt.

„Sepoys“ waren indische Hilfssoldaten der Briten, 1857 meuterten sie, wegen mit Tierfett präparierten Papier-Patronen, deren Ende vor dem Laden (Enfield-Gewehr) abgebissen werden musste, was Hindus (möglicherweise war es von Kühen) und Moslems (möglicherweise von Schweinen) gleichermaßen suspekt war. Der Aufstand wurde von einem Marathen-Adeligen angeführt und von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur Schah Zafar wurde in Folge des Aufstands 1858 abgesetzt, weil er von manchen der Teilnehmer als „Bezugsfigur“ gesehen wurde und die Briten jetzt auch der symbolisch gewordenen Macht der Mogule (seine reale Macht reichte kaum über das Rote Fort in Delhi hinaus) ein Ende setzen wollten.

Bahadurs Mutter war eine hinduistische Inderin, er war 1838 Nachfolger seines verstorbenen Vaters geworden, war der einzige Mogul-Herrscher, von dem Fotos existieren. Bahadur schrieb Gedichte, hauptsächlich auf Urdu, hatte mehrere Frauen, rauchte Opium. Er wurde im ebenfalls britischen Birma exiliert, starb dort 1862. 1858 wurde auch die BEIC verstaatlicht, ihr letzter Generalgouverneur Canning wurde erster britischer Vizekönig Indiens. Die restlichen Staaten in Indien waren mehr oder weniger britische Vasallen. Ab 1876 nahmen britische Monarchen, beginnend mit Victoria, den Titel „Kaiser von Indien“ an, wurden quasi Nachfolger der Mogul-Herrscher.

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma
Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Im Hinduismus traten in der späteren Neuzeit Reformer und Erneuerer auf, die eine besondere Rolle einnahmen, da diese Religion keinen Stifter und keine Priesterschaft hat. Etwa Vinayak Damodar „Veer“ Savarkar (1883-1966), der für die Abschaffung des Kastensystems im Hinduismus argumentierte und für die Rück-Konversion von Moslems (u.a.), deren Vorfahren zum Islam übergetreten waren. Etwas, das anscheinend auch unter Hindus nicht unumstritten war und das im Falle einer Umsetzung die Geschichte Indiens im 20. Jahrhundert wohl drastisch verändert hätte. Mit seinem Konzept von „Hindutva“, das Indien in erster Linie über den Hinduismus definiert, legte er mit den Grundstein für den Hindu-Nationalismus, der inzwischen in zahlreichen Parteien und Organisationen organisiert ist.8 Daneben engagierte sich Savarkar für die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und war Literat in Hindi und Marathi.

Der reformistische Gelehrte Dayananda Saraswati (19. Jh) bewirkte eine Aufwertung des Schutzes der Kühe, zur Abgrenzung vom Islam und dem Christentum und als Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Stellenwert der Kuh im Hinduismus kam auch aus pragmatischeren Gründen. Die Tiere liefern mit Milch die Grundnahrung, waren das wichtigste Zugtier und ihr Dung Heizmaterial und Dünger. Der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha wies in seinem 2001 erschienenem Werk „Der Mythos der heiligen Kuh“ darauf hin, dass dieser im Wesentlichen im 19. Jh in diesem Zusammenhang entstanden sei; der Rigveda, der älteste Teil der Veden, enthalte etliche Verweise auf die Zubereitung und auch Opferung von Rindfleisch. Auch „Mahatma“ Gandhi und andere Aktivisten aus höheren Kasten haben sich gegen das Töten von Kühen engagiert; Gandhi auch gegen Auswüchse des Kastenwesens. Ein Kritiker der Rinder-Verehrung war Bhimrao Ramji Ambedkar, ein Dalit („Pariah“)-Politiker, der wegen des Kastensystems aus dem Hinduismus zum Buddhismus übertrat, er sah in der „heiligen Kuh“ ein Mittel des Brahmanismus, der Vorherrschaft der obersten Kaste.9

„Gross-Indien“ (Greater India), wie es nie als geeintes Reich bestanden hat, weder unter eigener noch unter fremder Herrschaft, bekam eine Bedeutung, bzw. mehrere. Indien und seine Nachbarstaaten sind darin als Geschichtsraum oder als Länder mit kulturellen Gemeinsamkeiten zusammengefasst, aber auch manchmal unter den Vorzeichen von Irredentismus oder Pan-Nationalismus. Es gibt verschiedene Ausdrücke für diesen Raum bzw. das Konzept: neben Gross-Indien auch Indosphäre, Vorderindien, East Indies, Südasien, Desi, Akhand(a) Bharat(a) (अखण्ड भारत). Neben Pakistan und Bangla Desch sind darin Sri Lanka, Nepal, Bhutan, Malediven, manchmal auch (Süd-)Afghanistan und Tibet mit Indien zusammengefasst. Und die Diaspora: die erste Welle war jene nach Südost-Asien, noch in der Mogul-Zeit; im 19. Jh. wurden Inder als Kontraktarbeiter in britische Kolonien geschickt, nachdem diese die Sklaverei abgeschafft hatten; nach der Unabhängigkeit gingen Inder sowie Bürger der Nachbarstaaten aus allen sozialen Schichten in den Westen. Die Diaspora existiert v.a. in Südost-Afrika, im Karibikraum, in SO-Asien, sowie in den anglokeltischen Staaten.

Zu Beginn des 20. Jh wuchsen Spannungen zwischen Hindus und Moslems, wurde die All-India Muslim League (Moslem-Liga) gegründet. Das indische „Risorgimento“ im 20. Jh., der Unabhängigkeitskampf, war dann mit der Abspaltung der moslemisch gewordenen Teile als Pakistan verbunden. Auch wenn das Konzept eines moslemischen indischen Staates ungefähr ab Ende des 19. Jh angedacht wurde, hat sich die Moslem-Liga spät darauf festgelegt, dass Selbstbestimmung einen völlig vom restlichen Indien getrennten, unabhängigen Staat bedeuten muss, endgültig erst nach dem 2. Weltkrieg. Mohammed A. Jinnah, der langjährige Chef der Moslem-Liga und „Gründer“ Pakistans, war der Enkel eines Hindus aus Gujarat, der aufgrund seines Berufs, dem Handel mit Fischen, mit Prinzipien seiner Religion (bzw. der Auslegung dieser Prinzipien in seiner Kaste) in Konflikt gekommen war; Jinnah selbst war schiitischer Moslem.

Eine Frage ist bis heute, ob die Moguln auswärtige Herrscher in Indien waren, die Mogul-Herrschaft ein über oder in Indien war, das Mogul-Reich ein einheimisches. Wenn man die Moguln als Fremdherrschaft sieht10, dann wurde Indien erst 1947, nach vielen Jahrhunderten, wieder unabhängig. Das was 1947 als Pakistan unabhängig wurde, ist demnach durch die Mogul-Herrschaft und andere moslemische Herrscher gewissermaßen in seinen „Erbanlagen“ verändert worden.

Womit man auch schon beim Erbe der Moguln ist. Die (in verschiedenen Parteien organisierten) Hindu-Nationalisten bzw -Zentristen lehnen dieses ab, als „un-indisch“, und versuchen es stellenweise auszulöschen. 1992 wurde die Babri-Moschee in Ayodhya im nord-indischen Bundesstaat Uttar Pradesh von fanatischen Hindus zerstört, um an deren Stelle einen Hindu-Tempel zu bauen. Die Moschee soll 1528 (unter den ersten Moguln) an einem Ort errichtet worden sein, wo zuvor ein solcher Tempel gestanden war. Jedenfalls wurden auf Ruinen von Hindu-Tempeln Moscheen erbaut. Daneben gilt Ayodhya Hindus als Geburtsort von Gott Rama und heiligen Stadt. Nach der Zerstörung brachen landesweite Unruhen aus, rund 2 000 Menschen wurden getötet. Die Hindu-Nationalisten Indiens, die mit der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) und ihren Verbündeten gerade wieder die Regierung stellen, sind gegen die Idee eines pluralistischen Indiens, auch gegen „westliche Freiheiten“. Das Anti-Imperialistische ist auch für den INC („Kongress-Partei“) nicht mehr die „Richtlinie“ für die Politik.

 

Verweise:

S. R. Sharma: Mughal Empire in India (1999; 3 Bände)

How the Mughals viewed the British

Über Akbar und seine Religions-Synthese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Manmohan Singh ist ein Sikh, dessen Familie sich nach der Teilung Indiens in Pakistan „wiederfand“ (in jenem Teil des Panjab) und nach Indien auswanderte
  2. Nachkommen der Moguln als Ethnie bzw. Klasse leben heute in Pakistan, Indien, Bangla Desch, Afghanistan
  3. Was auch der Sikhismus irgendwie war
  4. Nanak kam aus einer Hindu-Familie, wie „Baha’ullah“ aus einer schiitischen, Jesus einer jüdischen,…
  5. Die Eigenbezeichnung der Hindus für ihre Religion wurde „Sanathana Dharma“ (Ewiges Gesetz); die Briten übernahmen aber die (eigentlich moslemische Fremd-) Bezeichnung „Hindus“, prägten damit die heutigen Bezeichnungen für diese Religion
  6. Nordwesten und Nordosten waren Randgebiete, Puffergebiete, wurden daher angeblich von Hindus „abgelehnt“, was den Boden für Buddhismus und Islam dort aufbereitet haben könnte
  7. Shivaji Bhonsle war im 17. Jh ein Marathen-Herrscher, dessen Kampf gegen das Sultanat der schiitischen Adilshahi-Dynastie in Bijapur (Süd-Indien) am Beginn der Enstehung des Marathen-Reichs stand. Das Marathen-Reich wird haupt-verantwortlich für den Untergang des Mogul-Reichs gemacht. Die heutige rechtsextreme, hindu-nationalistische Partei Shiv Sena („Shivajis Armee“), 1966 vom politischen Cartoonisten Bal Thackeray gegründet, bezieht sich auf diesen Shivaji. Die Partei ist v.a. in Maharashtra aktiv, dem Marathen-Stammland
  8. Hindutva bzw Hindu-Zentrismus strebt weniger die Umsetzung der Religion im Alltag an als die Vorherrschaft von Hindus (die in sich sehr diversifiziert sind) über religiöse Minderheiten
  9. Brahmanen wurden im 19./20. Jh auch hauptsächliche Träger der Nationalbewegung (Indian National Congress)
  10. Wofür neben der Eroberung von Teilen Indiens durch sie spricht, dass moslemische Herrscher (auswärtiger Herkunft) über eine mehrheitlich hinduistische Bevölkerung herrschten

Die deutsche Atombombe

Deutschland hat keine Atomwaffen, unter der Nazi-Herrschaft wurde daran gearbeitet (wozu noch einige Fragen offen sind), Adenauer und Strauss wollten welche, US und SU stationierten welche, erstere noch immer. Daneben gabs und gibts in der BRD diverse Abspanne, vom Atomenergieprogramm bis zur Hilfe bei Atomwaffenprogrammen anderer Staaten. Deutschland hat neben den stationierten amerikanischen Waffen, seit den 1950ern (wie auch Japan) quasi eine zerlegte A-Bombe in der Schublade: ein ziviles Atomprogramm, das Know How, die Trägersysteme.

Es begann mit dem Gelingen der Kernspaltung in Deutschland, 1938 durch Hahn (dem dafür 1944 der Nobelpreis für Chemie verliehen wurde) und Strassmann, die Analyse kam von der exilierten Lise Meitner. In vielen Fach-Zeitschriften, v.a. in Frankreich und den anglokeltischen Ländern, erschienen darüber Artikel. Jean Frédéric Joliot-Curie (Assistent und Schwiegersohn von Marie und Pierre, die die Radioaktivität untersucht hatten) schrieb 1939 in einem über die Möglichkeit einer Kettenreaktion bei der Spaltung von Atomkernen und die Nutzung der dabei frei werdenden Energie, zur Stromgewinnung oder zur Zerstörung, als Waffe.

Wissenschaftler, die in den Jahren nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland emigriert waren, reagierten beunruhigt auf die Möglichkeit dieser Superbombe in den Händen der Nazis. Die aus Ungarn stammenden Edward Teller (ein Schüler von Werner Heisenberg), Leo Szilard und Eugene Wigner überzeugten 1939 Albert Einstein, einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu verfassen, in dem die Physiker vor dieser Bombe warnten und die Entwicklung einer amerikanischen vorschlugen – was dieser dann auch beschloss. Aus Europa emigrierte wie Teller oder Enrico Fermi arbeiteten in dem Projekt mit amerikanischen Wissenschaftlern wie Robert Oppenheimer zusammen, unter Aufsicht des Office of Scientific Research and Development (OSRD). Das amerikanische Projekt hatte vor der Zusammenfassung zum „Manhattan Project“ neben anderen die Bezeichnung „S-1 Uranium Committee“.

Auch das NS-Regime reagierte auf den wissenschaftlichen Durchbruch und den Staub, den er aufwirbelte. Wissenschaftsminister Rust trommelte im April 1939 eine Konferenz in seinem Ministerium zusammen, mit Abraham Esau vom Reichsforschungsrat und Wissenschaftern wie Robert Döpel. Es wurde die Zusammenführung deutscher Atomphysiker zu einer Forschungsgruppe beschlossen (fortan informell als „Uranverein“ bekannt), die an einem Kernrektor arbeiten sollte.  Bei seiner ersten Sitzung im September 1939 (das NS-Regime hatte bereits den Weltkrieg begonnen) wurde beschlossen, Werner Heisenberg, Physik-Nobelpreisgewinner 1932 für seine Forschungen in der Quantenmechanik und in Leipzig engagiert, zur Teilnahme an dem Projekt zu überzeugen. Dieser war nach der Emigration zahlreicher bedeutender Physiker wie Albert Einstein oder Max Born im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten einer der wichtigsten der weiterhin in Deutschland arbeitenden Vertreter der modernen Physik – die von Lenard und Stark als „jüdisch“ gebrandmarkt wurde.

Im Sommer 1939 besuchte Heisenberg noch die USA, traf u. a. Fermi, sprach mit ihm über die Gefahren des heraufziehenden Krieges. Auf der zweiten Sitzung wurde der nun anwesende Heisenberg beauftragt, eine Reaktortheorie zu entwickeln. Das Heereswaffenamt (HWA) unter dem Astrophysiker Kurt Diebner brachte in der Anfangsphase das „Uranprojekt“ unter seine Aufsicht (ein Machtkampf, typisch für das NS-Regime), auch durch Diebners Funktion als Geschäftsführer des Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) für Physik in Berlin-Dahlem.

Die Reichswehr erhoffte sich von der militärischen Nutzung der Kernspaltung eine Art „Wunderwaffe“ für den Krieg. Diverse Forschungs-/Entwicklungs-Institute und ihre Wissenschafter und Techniker waren am geheimen Uranprojekt involviert, der Uranverein war über das Deutsche Reich verstreut: Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Wirtz am KWI für Physik in Berlin, Döpel an der Universität Leipzig, Diebner am Heereswaffenamt, der Österreicher Harteck an der Uni Hamburg, Von Ardenne an seinem Forschungslaboratorium in Berlin, Bothe an der Uni Heidelberg, Hanle an der Uni Göttingen, das KWI für Chemie unter Otto Hahn, weiters Industrieunternehmen.

1939/40 hat Heisenberg seine Reaktortheorien ausgearbeitet, dabei anscheinend sowohl Anreicherung als auch einen Moderator erwogen. Bei der Anreicherung bzw. Trennung wird der Anteil des spaltbaren Uran-Isotops U 235, das in natürlichem Uran nur zu 0,7 % vorhanden ist, erhöht – auf die kritische Masse. Für die Kettenreaktion mit natürlichem Uran (in dem das Isotop U 238 dominiert) braucht man einen Moderator (Bremssubstanz für die freiwerdenden Neutronen) mit möglichst kleinem Atomgewicht, schweres Wasser (D2O, Wasser mit dem Wasserstoffisotop Deuterium) oder Graphit (reiner Kohlenstoff). Das Schwergewicht wurde auf die Moderator-Methode gelegt. Bei der diesbezüglichen Forschung unterlief Bothe ein Fehler, der ihn zur negativen Einschätzung von Graphit führte (das im Manhattan Project von Anfang an erfolgreich verwendet wurde), daher fiel die Entscheidung für das aufwändigere Schwerwasser. Alternativ bzw. parallel dazu wurde auch an der Entwicklung einer Uran-Anreicherungsmethode gearbeitet, an einem Isotopentrennungsverfahren durch einen Zyklotron/ Teilchenbeschleuniger, der auch zu arbeiten anfing, aber nie gross angewendet wurde.

Für Atom-Bomben ist jedenfalls angereichertes Uran oder Plutonium notwendig. Die Möglichkeit von Plutonium (aus Uran zu erbrüten) als Spaltstoff für Bomben war im Uranverein bekannt, Carl F. Weizsäcker entwickelte eine Theorie dazu, aber so weit kam man im Brennstoffkreislauf nicht. Das KWI für Physik unter Heisenberg war so etwas wie das Leitinstitut des Projekts, 1940 wurde dort ein Labor eingerichtet für die Arbeit am Reaktor (auch „Uranmeiler“, „Uranmaschine“ oder „Uranbrenner“ genannt), der als Teil des Weges zur Bombe gesehen wurde. Um unerwünschte Besucher fernzuhalten, bekam der Bau den abschreckenden Decknamen „Virus-Haus“. Zwischen den Instituten, an denen gearbeitet wurde, gab es Konkurrenz um Mittel; das Projekt litt ausserdem unter dem Krieg, hatte keine Priorität. Das deutsche und das amerikanische Projekt waren von den Erkenntnissen auf Augenhöhe, die USA hatten organisatorisch, logistisch, von den Ressourcen, aber grosse Vorteile. 1940 nahm die Wehrmacht Frankreich ein, Joliot-Curie war nicht geflohen, setzte unter der deutschen Besatzung die Arbeit am Teilchenbeschleuniger fort.

Uran-Erz für das Projekt wurde in Jachymov/Joachimsthal im annektierten Sudetenland abgebaut (von der Auergesellschaft), nach der Besetzung Belgiens plünderte Deutschland die Vorräte der staatlichen Bergbaugesellschaft UMHK aus dem Kongo. Uran war auch in Rössing in Südwestafrika vorhanden, eine Kolonie, die das Deutsche Reich im 1. Weltkrieg, wie alle anderen, verloren hatte. In Südafrika, das Südwestafrika bis zur Unabhängigkeit als Namibia verwaltete, gab es im 2. Weltkrieg aber, wie auch schon 1. WK, starke politische Kräfte, die eher ein Zusammengehen mit Deutschland als mit Grossbritannien wollten, aber wieder unterlagen. Das Uran in Rössing wurde ab den 1970ern von Südafrika ausgebeutet.

Die norwegische Firma „Norsk Hydro“ produzierte v.a. Kunstdünger, Schwerwasser war ein Nebenprodukt. Deutschland versuchte dieses dort zunächst zu kaufen, der französische Geheimdienst war aber schneller und kaufte alle Vorräte auf (was eine Warnung war, dass Kriegsgegner ebenfalls daran arbeiteten bzw. davon wussten). Nach der deutschen Besetzung Norwegens wurde dort eine Schwerwasseranlage für das deutsche Atomprogramm geschaffen. 1943 wurde diese durch Sabotage, wahrscheinlich von Geheimdiensten der Alliierten, beschädigt; dann von Bomben der Alliierten (USA/GB) zerstört. Auch der Abtransport des schon hergestellten Schwerwassers wurde angegriffen (von Alliierten und Partisanen). Danach wurden die Leunawerke in Merseburg mit der Schwerwasserproduktion beauftragt.

Heisenbergs führende Beteiligung am Uranprojekt wurde ihm später insbesondere von vielen amerikanischen und exilierten deutschen Physikern verübelt. Er selbst erlebte mittendrin eine Gewissenskrise: „So kam es dann – etwa im Herbst 1941 – zu der Schreckreaktion aller Physiker, wahrscheinlich auch auf der amerikanischen Seite: Es geht ja wirklich, man kann Atombomben machen…aber nur mit ungeheurem technischen Aufwand, und das können wir uns, Gott sei Dank, in Deutschland gar nicht leisten. Wir haben, im Hinblick auf den enormen Aufwand, gehofft: Auch die Amerikaner werden es vielleicht lassen, denn sie gewinnen den Krieg wahrscheinlich schneller ohne Atombombe.“

Auf dem Höhepunkt der militärischen Erfolge des nationalsozialistischen Deutschlands reiste Heisenberg im September 1941 mit C. F. von Weizsäcker ins ebenfalls bereits besetzte Kopenhagen, um an einer wissenschaftlichen Konferenz (über Astrophysik) teilzunehmen, am Deutschen Wissenschaftlichen Institut. Der Franke nutzte die Gelegenheit auch, um mit seinem väterlichen Freund Niels Bohr (er hatte mit ihm in den 1920ern in Dänemark an der Universität Kopenhagen zusammengearbeitet) über die Möglichkeit (und Legitimität) militärischer Anwendungen der Kernspaltung und den deutschen Anlauf dazu zu sprechen. Ausserdem wollte er, laut seinen späteren Aussagen, den Physikern in Amerika so die Botschaft zukommen lassen, dass die deutschen Physiker die Arbeit an der Bombe zurückgestellt hätten.

Bohr, dessen Mutter jüdischer Herkunft war, und der im dänischen Widerstand gegen die Deutschen aktiv war, war über Meitner über die Hahn-Strassmannschen Versuchsergebnisse unterrichtet worden, hatte sich 1939 in USA u.a. mit Albert Einstein besprochen. Die Erinnerungen der Beiden an das Treffen und die Beurteilungen darüber gehen auseinander. Heisenbergs Treffen mit Bohr in Kopenhagen ist unter mehreren Aspekten relevant. Zum einen für die Frage, inwiefern die Wissenschafter von Heisenberg abwärts tatsächlich im Dienst des Nazi-Regimes standen (sich stellten). Dann ist es bemerkenswert, dass kurz vor der ultimativen Eskalation des Weltkriegs ein wissenschaftlicher Schlüsselspieler der einen Seite mit einem (im Grunde) der Gegenseite verbundenen Wissenschaftler freundschaftliche Kontakte pflegte – die Beziehung scheint aber damals in Kopenhagen einen Knacks bekommen zu haben. Nebenbei war Heisenberg auch der Doktorvater von einem wichtigen Mitarbeiter der Gegenseite, Edward Teller.

Es ist umstritten, ob Heisenberg Bohr vor der Möglichkeit einer deutschen Atombombe warnen wollte oder dessen Wissen dafür abschöpfen und ihn aushorchen wollte. Umstritten ist auch, ob Bohr erst durch Heisenberg von der Machbarkeit von Atombomben erfahren hat. Robert Jungk brachte in „Heller als Tausend Sonne“ die Darstellung, Heisenberg habe versucht, über Bohr eine Übereinkunft mit den Atomphysikern in den alliierten Ländern herzustellen, allen Regierungen Atomwaffen zu versagen; Heisenberg deutete an, dass dies seine Absicht war. 1943 floh Bohr über Schweden und Grossbritannien in die USA, wo er das Gespräch mit Heisenberg gegenüber den Manhattan Project-Physikern wiedergab. Inwiefern er in Los Alamos an der amerikanischen Bombe mitarbeitete, ist nicht ganz geklärt. Vielfach wird ihm aber zugesprochen, mit seinen Informationen über Heisenberg bzw. die Arbeit an der deutschen Atombombe einen intensivierenden Einfluss auf das US-amerikanische Nuklearprojekt ausgeübt zu haben – was dem Kopenhagener Treffen endgültig welthistorische Bedeutung geben würde…

Im Sommer 1942 stellten die Alliierten eine merkliche Steigerung der Schwerwasserproduktion im von Deutschland besetzten Norwegen fest. Erst daraufhin fiel die Entscheidung (das letzte Wort hatte Präsident Roosevelt), das wissenschaftliche Projekt eines Atomenergie-Entwicklungsprogramms in ein militärisches Projekt zur Entwicklung von Nuklear-Waffen umzuwandeln und alle diesbezüglichen Tätigkeiten zum Manhattan Project (eigentlich Manhattan Engineer District) zusammenzufassen. General Leslie R. Groves wurde mit der militärischen Leitung des Projekts beauftragt. Wichtigster Arbeitsplatz wurde dabei das gigantische Laboratorium in Los Alamos, New Mexico. Hier ist wohl der Start zu einer Art von nuklearem Wettlauf mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich anzusetzen. Wenige Monate zuvor war die USA auf der Seite der Gegner Deutschlands in den Weltkrieg eingetreten, was wohl zu Washingtons Rüstungsanstrengungen beitrug.

Das Interesse des Nazi-Regimes an der, die Unterstützung für die Atomforschung, war schwankend, insgesamt eher schwach (im Gegensatz zu Raketenprogramm in Peenemünde). Dazu soll auch beigetragen haben, dass Juden mit das Fundament zur Atomforschung gelegt hatten und es, im Gegensatz zu dem Raketenprojekt, Misstrauen zwischen Wissenschaftern und Politikern/Militärs gab. Während die Deutschen in der Raketentechnik tatsächlich weltweit führend waren, fehlte dem auf schnellen Erfolg fixierten Nazi-Regime der Atem für die langwierige Entwicklung einer Atomwaffe. Roosevelt investierte, mit Erfolg, rund 4000 Mal mehr Geld als Hitler in diese Entwicklung.

1941 soll Heisenberg gegenüber Regime-Vertretern erklärt haben, eine deutsche Atombombe sei in drei bis vier Jahren möglich. Der „Regime-Physiker“ Carl Ramsauer intervenierte für das Uranprojekt. Anfang 1942 gab das HWA die Verantwortung für das Uranprojekt an den Reichsforschungsrat ab (wo wieder Esau zuständig wurde). Es versprach nicht, in absehbarer Zeit zu einer Anwendung zu kommen, der Blitzkrieg war vorbei, die Kriegswirtschaft wurde für den Krieg gegen die Sowjetunion restrukturiert. Bald darauf gab Diebner auch die Leitung des KWI für Physik ab, an Heisenberg, der es bis zur Kriegsniederlage leitete. Das Heereswaffenamt betrieb weiter seine eigene Atomforschung, arbeitete etwa auch an einem Reaktor.

Im Juni 1942 lud Rüstungsminister Albert Speer, damals die Nr. 2 im Regime hinter Hitler (seine Entscheidung würde also zählen), zu einer Besprechung über das Uranprojekt in das Berliner Harnack-Haus (KWI). Neben den beteiligten Wissenschaftlern waren Führungskräfte der Wehrmacht und anderer Behörden geladen. Kurz vor der Besprechung war der von Heisenberg entworfene Reaktor in Leipzig von Döpel experimentell umgesetzt worden, ein halbes Jahr bevor Enrico Fermi im Rahmen des Manhattan-Projekts den ersten Atomreaktor in Betrieb nahm. Auf die Frage von Generalfeldmarschall Erhard Milch (der das Treffen angeregt haben soll), wie gross eine Atombombe wäre, die London in Schutt und Asche legen könne, antwortet Heisenberg: „So gross wie eine Ananas.“ Eine Antwort, die allerdings nur den Sprengkopf berücksichtigte. Auch die Möglichkeiten und der Zeitrahmen der Amerikaner in dem Wettlauf wurde erörtert.

Heisenberg und seine Kollegen informierten darüber, dass die aufwändige Uran-Anreicherung mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen während der voraussichtlichen Restdauer des Krieges nicht zu machen war. Den Quellen zufolge verschwiegen sie die Möglichkeit (oder sprachen davon nur in Andeutungen), eine Plutoniumbombe zu bauen. Dass die Schwierigkeiten eher als die Chancen betont wurden, könnte Ausdruck des stillen Boykotts gewesen sein. Speer entschied wegen den scheinbar mangelnden Aussichten gegen eine forcierte Fortsetzung des Projekts, es wurde nicht eingestellt, aber gedrosselt. Heisenberg und sein Team schafften es, weiter am Projekt arbeiten zu können und Freunde und Schüler vor dem Fronteinsatz zu bewahren. Laut Irving und Speer wurde Hitler erst nach dieser Besprechung über das Atomprojekt unterrichtet, es lief ansonsten an ihm vorbei – was den Unterschied in der Priorität des Projekts gegenüber der USA ausdrückt! Als Heisenbergs Team Ende 1942 auf eine Anfrage des Heereswaffenamts antwortete, mit einer Atombombe sei frühestens in zwei Jahren zu rechnen, geriet das deutsche Atomprojekt endgültig aufs Abstellgleis.

Das Projekt lief bis Kriegsende auf Laborniveau weiter, war danach ein „auf-der-Stelle-treten“. Immerhin genehmigte Speer den Bau eines Bunkers auf dem Gelände des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, in dem der erste grosse deutsche Reaktor aufgebaut werden sollte. Wenige Wochen nach Speers Weichenstellung ereignete sich in Leipzig ein Unfall durch die Explosion einer mit Uranmetall und Schwerwasser gefüllten Kugel, die einen Brand auslöste. Im Reichsforschungsrat wurde 1943 Walther Gerlach statt Esau der Zuständige. 1943 begannen die britischen Luftangriffe auf Berlin, Teile des KWI zogen nach Hohenzollern in Südwest-Deutschland um, andere Arbeitsgruppen des Uranprojekts folgten. Einige Physiker, unter ihnen Heisenberg, Bothe und Wirtz, blieben jedoch zunächst in Berlin und bereiteten die Errichtung des großen Uranreaktors im nahezu fertig gestellten Bunker vor.

Ab 1944 fanden auch gezielt Bombenangriffe auf Schwerwasserfabriken und Ähnliches in Deutschland statt. Als im Februar 1945 der Vorstoss der Roten Armee nach Berlin bevorstand, gab Gerlach die Anweisung, Berlin zu verlassen. Die restlichen Physiker, ihr Uran und Schwerwasser, kamen auch in den Süden. In Haigerloch bei Hechingen war ein Felsenkeller entdeckt worden (zuletzt von einem Wirt genützt), der vor Luftangriffen schützte, er wurde ab 1944 für die Nuklear-Forschung umgebaut, etwa eine Grube für den Reaktor ausgehoben. Ein neuer Reaktor wurde nun dort aufgebaut, wieder ein mit Natur-Uran betriebener, zur Forschung, und in Betrieb genommen. Auch dieser wurde aber nicht kritisch, kam nie bis zur Kettenreaktion. Stadtlim in Thüringen wurde in der Endphase des Kriegs bzw der Nazi-Diktatur ebenfalls ein Ort, wohin Arbeitsgruppen zogen.

Der deutsche Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch behauptet in seinem Buch „Hitlers Bombe“ (s. u.), dass die Nazis die Bombe nicht nur gebaut haben, sondern dass 1945 in Thüringen, am Truppenübungsplatz Ohrdruf, auch ein Test stattgefunden hat. Und zwar soll die Gruppe vom Heereswaffenamt um Diebner, die in Konkurrenz zu Heisenberg Atomforschung betrieb, eine Kombination aus Kernspaltungs- und Fusionsbombe gezündet haben. Karlsch scheint dafür nur Augenzeugen aufbieten zu können, und in Bodenproben wurde keine Radioaktivität gefunden.

Als die deutschen Forscher um Werner Heisenberg am Kriegsende in Haigerloch unterirdisch, versteckt, beengt, abgeschnitten, werkten, hätte wahrscheinlich nicht einmal eine Wunderwaffe bzw. ein Gelingen ihrer Arbeit noch einen Umschwung im Krieg bringen können. Heisenbergs „Gegenspieler“ Robert Oppenheimer und sein Team näherten sich zur selben Zeit der Fertigstellung der ersten Atombombe mit grossen Schritten. Dem Manhattan-Project standen 125 000 Arbeitskräfte, darunter 6 damalige oder später geehrte Nobelpreisträger, und ein Etat von rund 20 Milliarden Dollar zur Verfügung. Das US-amerikanische Militär stand Anfang 1945 am Westrand Deutschlands (im Osten die Rote Armee), mitten in Italien, und war auch im Pazifik gegen Japan im Vormarsch.

Ende 1944 wussten die Amerikaner, aus erbeuteten Dokumenten, dass die Deutschen weit von der Entwicklung einer Atombombe entfernt waren. Bis dahin glaubten sie, in einem knappen Rennen zu sein. Als die Amerikaner am 16. Juli 1945 die erste Atombombe der Welt in der Wüste von New Mexico zünden, hatte das Deutsche Reich bereits definitiv den Krieg verloren, war geschlagen und besetzt. Das japanische Nuklearprogramm unter der Leitung von Yoshio Nishina kam seinem Ziel während des Krieges deutlich näher als das deutsche. Im August wurde der Krieg durch die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki beendet. Zum japanischen Programm zählte auch der Bau eines lauffähigen Atomkraftwerks in Tokio. Dieses wurde 1945 kurz vor seiner Inbetriebnahme bei einem Luftangriff auch zerstört.

Der wichtigste Grund für das Scheitern war die Wissenschaftspolitik des NS-Regimes: Wechselnde Oberaufsicht und Konkurrenz zwischen Teilen des Regimes, die Aufteilung des Programms auf verstreute Arbeitsgruppen, die mangelnde Unterstützung des Programms. Als kriegführender Staat ein solches Projekt zu betreiben, war sicherlich auch ein Nachteil. Daneben wird immer wieder die Vermutung geäussert, wonach die deutsche A-Bombe wegen einem stillen Boykott bzw. dem Passivismus der daran arbeitenden Wissenschafter nicht zustande kam. Robert Jungk unterstützte diese These, auch Edward Teller meinte dass Heisenberg das Atomwaffenprojekt niemals ernsthaft verfolgt hätte. Heisenberg selbst stellte moralische Gründe für das Scheitern des deutschen Atombomben-Programms in den Vordergrund, nachdem aus der USA nach dem Krieg der Befund kam, dass er und die anderen Teams die Physik der Kernreaktoren/ Atombomben wohl nicht gemeistert hätten.

Die USA wussten von der Arbeit der Deutschen an einer Uranbombe und hatten 1943 die geheimdienstlich-militärische „Alsos“-Mission aufgestellt, deren Ziel es war, im Zuge der Eroberung Europas am Kriegsende den Stand des deutschen Atomprojekts zu erkunden, die Forschungen zu unterbinden, mögliche Atombomben zu suchen und der Physiker habhaft zu werden. Am 23. April 1945 erreichte die Alsos-Mission schliesslich Haigerloch und die Reste des deutschen Atomprogramms. Der Reaktor wurde zerstört und alle Materialien sowie die Forschungsberichte beschlagnahmt und zur Analyse in die USA geschafft. Bagge, von Weizsäcker und Wirtz wurden dort gefasst, Heisenberg in seiner Heimat Urfeld, Gerlach und Diebner in München, Harteck in Hamburg, Hahn, Korsching und Von Laue in Tailfingen.

Die zehn wichtigsten deutschen Atomwissenschaftler (Heisenberg, v. Weizsäcker, Wirtz, Diebner, Hahn, Korsching,…) wurden nach Grossbritannien gebracht, wo sie ab Sommer 1945 ein halbes Jahr im Anwesen Farm Hall in Godmanchester bei Cambridge interniert wurden. „Operation Epsilon“ war der Codename dieses Programms, in dem die Gespräche der Internierten abgehört wurden. Hauptzweck dessen war, zu bestimmen, wie nahe NS-Deutschland an die Atombombe herangekommen war, auch, wie die Kooperationsbereitschaft den Alliierten gegenüber einzuschätzen war. Dies war insbesondere für Grossbritannien interessant, das zu diesem Zeitpunkt noch keine Atommacht war. Auch mit der Nachricht vom Hiroshima-Abwurf wurden die Wissenschafter konfrontiert (Heisenberg: „Ich habe gelernt, dass Wissenschaft schreckliche Folgen haben kann“). Die Farm Hall-Abhörprotokolle bestätigen, dass die Deutschen einem nuklearen Sprengsatz nie nahe gekommen sind. Allerdings wird gegen diese Interpretation eingewandt, dass die inhaftierten Physiker geahnt hätten, dass sie abgehört wurden.

Die Verpflichtung deutscher Atomwissenschaftler nach dem Krieg für die Weiterarbeit an der Nuklearforschung der Alliierten war eher selten. Ursprünglich hatten die USA das mit Heisenberg vor. Harteck ging von sich aus Anfang der 1950er in die USA, zu einer privaten Forschungseinrichtung, nachdem er kurz Rektor der Universität Hamburg gewesen war. Die Sowjetunion verbrachte ca. 300 Atom-Spezialisten mit ihren Familien in ihre Besatzungszone in Deutschland, auch am Uranprojekt beteiligte wie v. Ardenne (ein Mitentwickler des Fernsehens, arbeitete danach in der DDR). Auch die anderen Alliierten naschten an Resten des deutschen Atomprogramms mit.

Es erfolgte auch die Demontage von technischen Anlagen des deutschen Uranprojektes, unter anderem beim Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin. Realisierte Geheimwaffen des Nazi-Regimes, die V2-Rakete und das Me262-Kampfflugzeug (beides potentielle Träger für deutsche Atombomben) hatten ebenso grosses Interesse der Alliierten geweckt. Die Beteiligten dieser Projekte und die Produkte dieser Forschung wurden in grossem Maß abgeschöpft, v.a. von der USA, im Rahmen von Programmen wie „Paperclip“; die Raketen-Wissenschafter um von Braun arbeiteten dann entscheidend am amerikanischen Weltraumprogramm mit.

Schon 1946 wurde im Max-Planck-Institut in Göttingen unter der Leitung von Werner Heisenberg die Atomforschung fortgesetzt; auf Grund alliierter Beschlüsse war Kernenergieforschung auf Grundlagenforschung beschränkt. Das Gesetz Nr. 22 der Alliierten Hohen Kommission vom 2. 3.1950 verbot den „Besitz, den Gebrauch, die Lagerung, Einfuhr und Ausfuhr von Materialien und Anlagen der Kerntechnologie“. In den Pariser Verträgen (unterzeichnet am 23. Oktober 1954) verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland im Zuge ihrer Westintegration, auf die Produktion von Atomwaffen bzw. auf eine eigene Atombewaffnung zu verzichten. Infolge dessen wurde diese zum Beitritt zur NATO eingeladen, der kurz nach Inkrafttreten der Verträge 1955 feierlich vollzogen wurde. Die BRD wurde dadurch beschränkt souverän.

Die Atomforschung und friedliche -nutzung wurde wieder zugelassen. Franz Josef Strauss, auch ein Seitenwechsler, wurde 1955 erster Bundesminister für Atomfragen und Vorsitzender der „Atomkommission“ (später Strahlenschutzkommission), trieb Atomenergie-Nutzung voran. 1956 gründete das BRD-Atomministerium in Karlsruhe die „Gesellschaft für Kernforschung“ (GfK), aus der das „Kernforschungszentrum Karlsruhe“ wurde (heute „Karlsruher Institut für Technologie“, KIT). Anfang der 1950er Jahre besetzten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Strauss Kommandostellen in der Atomkommission und in den Kernforschungszentren, wie in Karlsruhe und Jülich, mit ehemaligen Uranverein-Mitarbeitern.

Als Pionier und Gründervater für die Nutzung der Kernenergie in Deutschland gilt Karl Wirtz, der maßgeblich an der Gründung des Kernforschungszentrums Karlsruhe beteiligt war und ab 1957 in diesem Zentrum Leiter des Instituts für Neutronenphysik und Reaktortechnik war. Dort leitete er die Planungen zum „Forschungsreaktor 2“, dem ersten Kernreaktor in Deutschland, der nach eigenem Konzept und in eigener Verantwortung gebaut wurde. Im Kernforschungszentrum Karlsruhe wurde ab 1959 unter der Leitung von Erwin Willi Becker (der nicht im Uranverein mitgearbeitet hatte) auch das Trenndüsenverfahren (auch: Becker Nozzle Process oder Jet Nozzle Process) zur Urananreicherung entwickelt. Auch die DDR konnte dann, mit Unterstützung ihrer Schutzmacht, über Forschungsreaktoren den Weg zu Atomkraftwerken nehmen.

1955/56 wurde die Bundeswehr gegründet, 1956 wurde F. J. Strauss als Nachfolger von Theodor Blank zweiter Verteidigungsminister. Er wollte die ultimative Abschreckungs- und Macht-Waffe für die BRD, legte 1957 Pläne für eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr vor. Im Bundestags-Wahlkampf 1957 bemühte sich die Opposition vergeblich, die weitverbreitete Ablehnung der Atombewaffnung zu nutzen, mit der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ (Anfänge der Anti-Atomspaltungsnutzung-Bewegung, die in den 1970ern erst gross wurde). Die CDU/CSU erzielte erneut einen grossen Wahlerfolg, Strauss blieb Verteidigungsminister. Nachdem Widerstand der West-Alliierten (entscheidend die USA) eigene Atomwaffen für die Bundeswehr verhinderte, blieb für Adenauer und Strauss nur die ihnen 1958 zugestandene Teilhabe an in der BRD stationierten US-amerikanischen Atomwaffen; die Bundeswehr sollte im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO im Kriegsfall diese Nuklearwaffen einsetzen können. Die USA hatte bereits 1953 mit der Stationierung von Atomwaffen in Deutschland begonnen (die fast bis zur Wiedervereinigung auf ostdeutschen Boden zielten), über die BRD einen nuklearen Schirm gespannt. Die Bundeswehr war früh mit (potentiellen) atomaren Trägersystemen ausgerüstet, wie auch die NVA.

Werner Heisenberg lehrte und forschte in der Nachkriegszeit zunächst in Göttingen, zog 1958 mit seinem Max-Planck-Institut für Physik (dem vormaligen KWI mit Sitz in Berlin) nach München um und setzte sich vehement (aber vergeblich) für eine grosse Reaktorstation dort und damit gegen den Standort Karlsruhe ein, weil er an den Arbeiten beteiligt sein wollte. Er versuchte, „verständnisvolle Beziehungen“ zwischen Wissenschaft und Staat herzustellen, um eine von ihm als Unglück beurteilte Situation wie unter der NSDAP zu vermeiden. Diesem Zweck sollte die Einrichtung des Deutschen Forschungsrates unter seinem Vorsitz dienen, konkret der Beratung der Bundesregierung. Er stand Konrad Adenauer und der CDU nahe, setzte sich für eine verstärkte Kernforschung und den Bau von Reaktoren ein, lehnte jedoch gleichzeitig eine militärische Nutzung der Kernenergie ab. Gemeinsam mit siebzehn weiteren Physikern (die „Göttinger Achtzehn“, darunter die anderen Nobelpreisträger Otto Hahn und Max Born, weiters Walther Gerlach oder Carl Friedrich von Weizsäcker) wandte er sich im Göttinger Manifest im April 1957 gegen eine atomare Bewaffnung (West-) Deutschlands, nachdem sich Bundeskanzler Adenauer und sein Verteidigungsminister Strauss für eine solche ausgesprochen hatten.

C.F. v. Weizsäcker wurde in der BRD Friedensforscher, sein Bruder Bundespräsident. Diebner arbeitete in der deutschen Atom(energie)industrie. Walther Gerlach war ab 1948 Direktor des Physikalischen Instituts der Uni München, später Rektor dieser Universität. Der Physikochemiker Wilhelm Groth, im NS-Uranprojekt am Universitätsinstitut für physikalische Chemie in seiner Heimatstadt Hamburg zusammen mit Paul Harteck an der Uranreicherung mittels Gaszentrifuge tätig, hatte am Kriegsende mit dem Projekt auch in den Süden umziehen müssen. In der Nachkriegszeit war er zunächst weiter an der Uni Hamburg, 1956 gründete er den wissenschaftlichen Beirat des Kernforschungszentrums Jülich.

Die BRD hat einigen Diktaturen bei ihren Atomprogrammen geholfen. Infolge der amerikanischen Atoms for Peace – Initiative fand 1955 in Genf die „Internationale Konferenz über die friedliche Nutzung von Atomenergie“ statt. Dort kam es zu Kontakten zwischen der südafrikanischen und der deutschen Delegation, die von Otto Hahn angeführt wurde, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft (der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft). Damit begann die nukleare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Südafrika. 1962 wurde ein Kultur-Abkommen geschlossen, das auch den Austausch von Wissenschaftlern beinhaltete. Franz Josef Strauss organisierte als Atomminister die Ausbildung von südafrikanischen Wissenschaftern, darunter Waldo Stumpf, in Karlsruhe und Jülich. Die deutsche Hilfe für das südafrikanische Atom(waffen)programm inkludierte wahrscheinlich die Weitergabe des Karlsruher Uran-Anreicherungsprozesses, Deutschland bekam als Gegenleistung südafrikanisches Uran. Das Trenndüsen-Verfahren des Professor Becker wurde vermutlich auch an Brasilien unter der Militär-Diktatur weitergegeben.

Walther Schnurr und Ronald Richter hatten beide nicht im Uranverein mitgearbeitet, waren aber in dessen „Umfeld“ gewesen, gelangten nach 1945 über die „Rattenlinie“ nach Argentinien. Dort leiteten sie das „Huemul“-Atomprojekt unter Präsident Juan Peron, Arbeiten an Atombomben und Raketen. Von Atomminister Strauss zurückgeholt, war Schnurr ab 1960 wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Kernforschung Karlsruhe. In dieser Position war er für die Kooperation mit dem neuen Atomprogramm der argentinischen Diktatur (das sich im Wettlauf mit dem brasilianischen befand) bestimmend. Die BRD hilft zur Zeit Israel bei seinem Atomwaffenprogramm mit den teilweise geschenkten „Dolphin“-U-Booten, die ein Trägersystem sind. Interessanterweise haben diese Regime auch mehr oder weniger intensiv untereinander nuklear zusammengearbeitet. Die nukleare Kooperation Israels mit (Apartheid-)Südafrika konnte nicht enger sein. Argentinien hat etwa Anfang der 1960er 90 Tonnen „Yellowcake“ (Uran-Oxid) an Israel geliefert.

In dem Artikel im „Spiegel“ 1962 über die Bundeswehr, der zu Inhaftierungen und Durchsuchungen führte („Spiegel-Affäre“), ging es auch darum, dass diese bei der Verteidigung gegen den Warschauer Pakt auf die Teilhabe an nuklearen Waffen anderer NATO-Staaten angewiesen sei. In den 1960ern kämpfte Verteidigungsminister Strauss gegen den Atomwaffensperrvertrag. Bundeskanzler Adenauer soll den Atomwaffensperrvertrag ein „zweites Jalta“ und ein „Morgenthauplan im Quadrat“ genannt haben, Strauss „ein Versailles kosmischen Ausmaßes“. Er wurde von der BRD erst 1969 unter der SPD-FDP-Koalition mit Willy Brandt als Bundeskanzler unterschrieben, natürlich als Nicht-Kernwaffenstaat. Es ist umstritten, ob die nukleare Teilhabe, wie jene der BRD an USA-/NATO-Atomwaffen, einen Verstoss gegen den Vertrag darstellt. Gerade Verbreitung bzw. Weitergabe soll der Vertrag ja unterbinden und das tut die USA möglicherweise damit; ausserdem würde die BRD als Nicht-Atomwaffenstaat im Fall des Falles Atomwaffen benutzen. 1974 hat die BRD den Atomwaffensperrvertrag ratifiziert, nach Abschwächung der scharfen Kontrollbestimmungen und dem Einfügen einer dreimonatigen Kündigungsfrist.

1979 der NATO-Doppelbeschluss, wonach auf den USA-Militär-Stützpunkten in westeuropäischen Staaten Marschflugkörper/ Cruise Missiles und „Pershing II“- Raketen stationiert werden sollten. Bei der Umsetzung versagten einem US-amerikanischen Raketentransporter mit einer Pershing-Rakete 1982 auf einer Gefällstrecke bei Karlsruhe die Bremsen. Er raste ungebremst weiter, zerquetschte mehrere Autos und tötete einen Menschen. Aus der Befürchtung, dass die Rakete explodieren könnte, wurde der ganze Ort Waldprechtsweier evakuiert.

Auch die NVA verfügte über keine eigenen Nuklearwaffen, aber über die Trägermittel, mit denen sowjetische Atomsprengköpfe hätten eingesetzt werden können, darunter das ab 1985 eingeführte Kurzstrecken-Raketensystem „SS-23“. Kohl führte Gespräche mit der französischen Regierung über Teilhabe am nuklearen Schirm dieses Nachbarlandes. Zu den Bestimmungen des Zwei-plus-Vier-Vertrags vom September 1990 zur Wiedervereinigung gehört der Verzicht auf atomare, biologische und chemische Waffen, sowie die Reduzierung und Beschränkung der Truppenstärke der deutschen Streitkräfte, weiters der Abzug der sowjetischen Truppen bis 1994 und das Verbot der Stationierung von Kernwaffen und ausländischen Truppen auf ostdeutschem Gebiet. Russland hat seine Atomwaffen und seine Soldaten vertragsgemäß aus dem Osten Deutschlands abgezogen.

US-amerikanische Atomwaffen sind noch immer in Deutschland stationiert, am Stützpunkt Büchel in Rheinland-Pfalz (etwa 20 taktische Atomwaffen vom Typ „B-61“), die der NATO im Rahmen der nuklearen Teilhabe zur Verfügung stehen. Jene vom Luftwaffenstutzpunkt Ramstein sind abgezogen worden. Es gab aus allen politischen Lagern, am wenigsten aus der CDU/CSU, Forderungen, die US-Atomwaffen sollten endlich von deutschem Boden verschwinden. Der Kalte Krieg sei endgültig vorbei, so der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle vor einigen Jahren. Die USA wollen auch unter Obama rund 200 taktische Atomwaffen in Europa behalten. Manche CDU-Politiker sprechen von „iranischen Atomwaffen“ als Grund für ihren Wunsch des Behaltens der US-Atomwaffen in Deutschland.

Die Änderungen am Kriegswaffenkontrollgesetz 1990 können so ausgelegt werden, dass Deutschland Atomwaffen entwickeln darf. Im Paragraphen 17 werden Verbote in Bezug auf Atomwaffen formuliert. § 16 sagt aus, dass diese Verbote nur für Atomwaffen gelten die nicht der Verfügungsgewalt von Mitgliedsstaaten der NATO unterstehen. Das wird auch so ausgelegt, dass Deutschland für sich selbst und jeden anderen NATO-Staat Atomwaffen entwickeln und bauen darf oder andere NATO-Staaten für Deutschland Atomwaffen entwickeln dürfen.

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 hat die BRD ja den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Fast 17 Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt forderte Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz 2006 (gegenüber der „Bild“-Zeitung) die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, um „auf eine nukleare Bedrohung durch einen Terrorstaat angemessen, also mit eigenen Atomwaffen, reagieren (zu) können“. Scholz verwies damals auf Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, der „Terrorstaaten“ damals mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht hatte. Deutschland ist als freier Spieler auf die internationale Bühne zurück gekehrt, und es gibt Bestrebungen, dort anzuknüpfen, wo man vor der Niederlage von 1945 war.

Material:

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche (2005)

Mark Walker: Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe (1990)

David Irving: The German Atomic Bomb. The History of Nuclear Research in Nazi Germany (1983). Irving ist wie Küntzel ideologisiert und umstritten (wegen seiner Holocaust-Leugnung), aber hier scheint seine Arbeit Wert zu haben. Kein Historiker, der sich mit der Geschichte der deutschen Atomforschung während des Zweiten Weltkrieges beschäftigt, kann seine Arbeiten dazu ignorieren. Heisenberg schätzte Irvings Forschung zu dem Thema in dem Spiegel-Interview 67 so ein, dass dieser aufgrund seines Quellenstudiums zwar Tatsachen richtig wiedergebe, aber „die zugrundeliegende Situation in einem totalitären, kriegsführenden Staat nicht nachvollziehen könne.“

Thomas Powers: Heisenbergs Krieg. Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe (1993)

Werner Heisenberg: „Gott sei Dank, wir konnten sie nicht bauen.“ Interview in: „Der Spiegel“ 3. 7. 1967

Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher (1956)

Andreas Schauer: Das Treffen zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg in Kopenhagen 1941. Diplomarbeit, Universität Wien (2008)

Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe (2014)

Jeremy Bernstein: Hitler’s Uranium Club. The Secret Recordings at Farm Hall (2001)

David Irving: Der Traum von der deutschen Atombombe (1969). Englisches Original „The Virus House“ (1967). Wurde 1967 vom „Spiegel“ vorab unter dem Titel „So groß wie eine Ananas…“ gebracht.

Kristie Macrakis: Surviving the Swastika. Scientific Research in Nazi Germany (1994)

Michael Schaaf: Heisenberg, Hitler und die Bombe. Gespräche mit Zeitzeugen (2001)

Manfred Popp: Hitlers Atombombe – warum es sie nicht gab. In: „Spektrum“ 38/2016

Christian von Ditfurth: Der 21. Juli (2003; alternativhistorischer Roman, in dem die Nazi-Atombombe realisiert wird, was in dieser Fiktion allerdings nicht im Vordergrund steht; eine A-Bombe auf Deutschland hätte es natürlich auch geben können)

Rainer Karlsch, Heiko Petermann: Für und Wider „Hitlers Bombe“ (Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt) (2007)

Zdenek Červenka, Barbara Rogers: The Nuclear Axis. Secret Collaboration between West Germany and South Africa (1978)

Hubert Mania: Kettenreaktion: Die Geschichte der Atombombe (2010)

Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik (1969)

Armin Hermann: Wie die Wissenschaft ihre Unschuld verlor. Macht und Mißbrauch der Forscher (1982)

Robert Jungk: Der Atomstaat (1975)

Stefan Rozental (Hg.): Niels Bohr. His life and work as seen by his friends and colleagues (1967)

Michael Frayn: Kopenhagen (1998, Theaterstück zum Treffen)

Helmut Rechenberg (Hg.): Werner Heisenberg. Deutsche und Jüdische Physik (1992). Der Titel bezieht sich auf einen Artikel im „Völkischen Beobachter“, auf den Heisenberg antwortete.

Joseph P. Farrell: Nazi International. The Nazis‘ Postwar Plan to Control the Worlds of Science, Finance, Space, and Conflict (2009)

Mitchell G. Ash: Verordnete Umbrüche – konstruierte Kontinuitäten. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43/10 (1995)

Matthias Küntzel: Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt (1992). Wissenschaftlicher Wert?!

Frank Beyer: Ende der Unschuld (1990/91; zweiteiliger Fernsehfilm, der die Arbeiten des deutschen Uranvereins im Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt stellt)

Andreas Sulzer arbeitet an einem Dokumentarfilm über (von ihm) vermutete NS-Atomwaffenproduktion oder Atomversuche in einem Berg-Stollen im oberösterreichischen St. Georgen/Gusen, den Häftlinge der Mauthausen-KZ-Nebenlager Gusen unter dem Decknamen „Bergkristall“ zur Produktion von Messerschmitt-Me-262-Jagdflugzeugen graben mussten (etwa 30 000 kamen dabei ums Leben). Mit „Bergkristall“ wird heute auch der Stollen bezeichnet, er soll einen geheimen, viel grösseren Teil haben, dort sollen Atomversuche oder die Konstruktion von Bomben stattgefunden haben. Auch Rainer Karlsch ist wieder mit dabei.