Die deutsche Atombombe

Deutschland hat keine Atomwaffen, unter der Nazi-Herrschaft wurde daran gearbeitet (wozu noch einige Fragen offen sind), Adenauer und Strauss wollten welche, US und SU stationierten welche, erstere noch immer. Daneben gabs und gibts in der BRD diverse Abspanne, vom Atomenergieprogramm bis zur Hilfe bei Atomwaffenprogrammen anderer Staaten. Deutschland hat neben den stationierten amerikanischen Waffen, seit den 1950ern (wie auch Japan) quasi eine zerlegte A-Bombe in der Schublade: ein ziviles Atomprogramm, das Know How, die Trägersysteme.

Es begann mit dem Gelingen der Kernspaltung in Deutschland, 1938 durch Hahn (dem dafür 1944 der Nobelpreis für Chemie verliehen wurde) und Strassmann, die Analyse kam von der exilierten Lise Meitner. In vielen Fach-Zeitschriften, v.a. in Frankreich und den anglokeltischen Ländern, erschienen darüber Artikel. Jean Frédéric Joliot-Curie (Assistent und Schwiegersohn von Marie und Pierre, die die Radioaktivität untersucht hatten) schrieb 1939 in einem über die Möglichkeit einer Kettenreaktion bei der Spaltung von Atomkernen und die Nutzung der dabei frei werdenden Energie, zur Stromgewinnung oder zur Zerstörung, als Waffe.

Wissenschaftler, die in den Jahren nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland emigriert waren, reagierten beunruhigt auf die Möglichkeit dieser Superbombe in den Händen der Nazis. Die aus Ungarn stammenden Edward Teller (ein Schüler von Werner Heisenberg), Leo Szilard und Eugene Wigner überzeugten 1939 Albert Einstein, einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu verfassen, in dem die Physiker vor dieser Bombe warnten und die Entwicklung einer amerikanischen vorschlugen – was dieser dann auch beschloss. Aus Europa emigrierte wie Teller oder Enrico Fermi arbeiteten in dem Projekt mit amerikanischen Wissenschaftlern wie Robert Oppenheimer zusammen, unter Aufsicht des Office of Scientific Research and Development (OSRD). Das amerikanische Projekt hatte vor der Zusammenfassung zum “Manhattan Project” neben anderen die Bezeichnung “S-1 Uranium Committee”.

Auch das NS-Regime reagierte auf den wissenschaftlichen Durchbruch und den Staub, den er aufwirbelte. Wissenschaftsminister Rust trommelte im April 1939 eine Konferenz in seinem Ministerium zusammen, mit Abraham Esau vom Reichsforschungsrat und Wissenschaftern wie Robert Döpel. Es wurde die Zusammenführung deutscher Atomphysiker zu einer Forschungsgruppe beschlossen (fortan informell als “Uranverein” bekannt), die an einem Kernrektor arbeiten sollte.  Bei seiner ersten Sitzung im September 1939 (das NS-Regime hatte bereits den Weltkrieg begonnen) wurde beschlossen, Werner Heisenberg, Physik-Nobelpreisgewinner 1932 für seine Forschungen in der Quantenmechanik und in Leipzig engagiert, zur Teilnahme an dem Projekt zu überzeugen. Dieser war nach der Emigration zahlreicher bedeutender Physiker wie Albert Einstein oder Max Born im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten einer der wichtigsten der weiterhin in Deutschland arbeitenden Vertreter der modernen Physik – die von Lenard und Stark als „jüdisch“ gebrandmarkt wurde.

Im Sommer 1939 besuchte Heisenberg noch die USA, traf u. a. Fermi, sprach mit ihm über die Gefahren des heraufziehenden Krieges. Auf der zweiten Sitzung wurde der nun anwesende Heisenberg beauftragt, eine Reaktortheorie zu entwickeln. Das Heereswaffenamt (HWA) unter dem Astrophysiker Kurt Diebner brachte in der Anfangsphase das “Uranprojekt” unter seine Aufsicht (ein Machtkampf, typisch für das NS-Regime), auch durch Diebners Funktion als Geschäftsführer des Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) für Physik in Berlin-Dahlem.

Die Reichswehr erhoffte sich von der militärischen Nutzung der Kernspaltung eine Art “Wunderwaffe” für den Krieg. Diverse Forschungs-/Entwicklungs-Institute und ihre Wissenschafter und Techniker waren am geheimen Uranprojekt involviert, der Uranverein war über das Deutsche Reich verstreut: Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Wirtz am KWI für Physik in Berlin, Döpel an der Universität Leipzig, Diebner am Heereswaffenamt, der Österreicher Harteck an der Uni Hamburg, Von Ardenne an seinem Forschungslaboratorium in Berlin, Bothe an der Uni Heidelberg, Hanle an der Uni Göttingen, das KWI für Chemie unter Otto Hahn, weiters Industrieunternehmen.

1939/40 hat Heisenberg seine Reaktortheorien ausgearbeitet, dabei anscheinend sowohl Anreicherung als auch einen Moderator erwogen. Bei der Anreicherung bzw. Trennung wird der Anteil des spaltbaren Uran-Isotops U 235, das in natürlichem Uran nur zu 0,7 % vorhanden ist, erhöht – auf die kritische Masse. Für die Kettenreaktion mit natürlichem Uran (in dem das Isotop U 238 dominiert) braucht man einen Moderator (Bremssubstanz für die freiwerdenden Neutronen) mit möglichst kleinem Atomgewicht, schweres Wasser (D2O, Wasser mit dem Wasserstoffisotop Deuterium) oder Graphit (reiner Kohlenstoff). Das Schwergewicht wurde auf die Moderator-Methode gelegt. Bei der diesbezüglichen Forschung unterlief Bothe ein Fehler, der ihn zur negativen Einschätzung von Graphit führte (das im Manhattan Project von Anfang an erfolgreich verwendet wurde), daher fiel die Entscheidung für das aufwändigere Schwerwasser. Alternativ bzw. parallel dazu wurde auch an der Entwicklung einer Uran-Anreicherungsmethode gearbeitet, an einem Isotopentrennungsverfahren durch einen Zyklotron/ Teilchenbeschleuniger, der auch zu arbeiten anfing, aber nie gross angewendet wurde.

Für Atom-Bomben ist jedenfalls angereichertes Uran oder Plutonium notwendig. Die Möglichkeit von Plutonium (aus Uran zu erbrüten) als Spaltstoff für Bomben war im Uranverein bekannt, Carl F. Weizsäcker entwickelte eine Theorie dazu, aber so weit kam man im Brennstoffkreislauf nicht. Das KWI für Physik unter Heisenberg war so etwas wie das Leitinstitut des Projekts, 1940 wurde dort ein Labor eingerichtet für die Arbeit am Reaktor (auch “Uranmeiler”, “Uranmaschine” oder “Uranbrenner” genannt), der als Teil des Weges zur Bombe gesehen wurde. Um unerwünschte Besucher fernzuhalten, bekam der Bau den abschreckenden Decknamen „Virus-Haus“. Zwischen den Instituten, an denen gearbeitet wurde, gab es Konkurrenz um Mittel; das Projekt litt ausserdem unter dem Krieg, hatte keine Priorität. Das deutsche und das amerikanische Projekt waren von den Erkenntnissen auf Augenhöhe, die USA hatten organisatorisch, logistisch, von den Ressourcen, aber grosse Vorteile. 1940 nahm die Wehrmacht Frankreich ein, Joliot-Curie war nicht geflohen, setzte unter der deutschen Besatzung die Arbeit am Teilchenbeschleuniger fort.

Uran-Erz für das Projekt wurde in Jachymov/Joachimsthal im annektierten Sudetenland abgebaut (von der Auergesellschaft), nach der Besetzung Belgiens plünderte Deutschland die Vorräte der staatlichen Bergbaugesellschaft UMHK aus dem Kongo. Uran war auch in Rössing in Südwestafrika vorhanden, eine Kolonie, die das Deutsche Reich im 1. Weltkrieg, wie alle anderen, verloren hatte. In Südafrika, das Südwestafrika bis zur Unabhängigkeit als Namibia verwaltete, gab es im 2. Weltkrieg aber, wie auch schon 1. WK, starke politische Kräfte, die eher ein Zusammengehen mit Deutschland als mit Grossbritannien wollten, aber wieder unterlagen. Das Uran in Rössing wurde ab den 1970ern von Südafrika ausgebeutet.

Die norwegische Firma “Norsk Hydro” produzierte v.a. Kunstdünger, Schwerwasser war ein Nebenprodukt. Deutschland versuchte dieses dort zunächst zu kaufen, der französische Geheimdienst war aber schneller und kaufte alle Vorräte auf (was eine Warnung war, dass Kriegsgegner ebenfalls daran arbeiteten bzw. davon wussten). Nach der deutschen Besetzung Norwegens wurde dort eine Schwerwasseranlage für das deutsche Atomprogramm geschaffen. 1943 wurde diese durch Sabotage, wahrscheinlich von Geheimdiensten der Alliierten, beschädigt; dann von Bomben der Alliierten (USA/GB) zerstört. Auch der Abtransport des schon hergestellten Schwerwassers wurde angegriffen (von Alliierten und Partisanen). Danach wurden die Leunawerke in Merseburg mit der Schwerwasserproduktion beauftragt.

Heisenbergs führende Beteiligung am Uranprojekt wurde ihm später insbesondere von vielen amerikanischen und exilierten deutschen Physikern verübelt. Er selbst erlebte mittendrin eine Gewissenskrise: „So kam es dann – etwa im Herbst 1941 – zu der Schreckreaktion aller Physiker, wahrscheinlich auch auf der amerikanischen Seite: Es geht ja wirklich, man kann Atombomben machen…aber nur mit ungeheurem technischen Aufwand, und das können wir uns, Gott sei Dank, in Deutschland gar nicht leisten. Wir haben, im Hinblick auf den enormen Aufwand, gehofft: Auch die Amerikaner werden es vielleicht lassen, denn sie gewinnen den Krieg wahrscheinlich schneller ohne Atombombe.“

Auf dem Höhepunkt der militärischen Erfolge des nationalsozialistischen Deutschlands reiste Heisenberg im September 1941 mit C. F. von Weizsäcker ins ebenfalls bereits besetzte Kopenhagen, um an einer wissenschaftlichen Konferenz (über Astrophysik) teilzunehmen, am Deutschen Wissenschaftlichen Institut. Der Franke nutzte die Gelegenheit auch, um mit seinem väterlichen Freund Niels Bohr (er hatte mit ihm in den 1920ern in Dänemark an der Universität Kopenhagen zusammengearbeitet) über die Möglichkeit (und Legitimität) militärischer Anwendungen der Kernspaltung und den deutschen Anlauf dazu zu sprechen. Ausserdem wollte er, laut seinen späteren Aussagen, den Physikern in Amerika so die Botschaft zukommen lassen, dass die deutschen Physiker die Arbeit an der Bombe zurückgestellt hätten.

Bohr, dessen Mutter jüdischer Herkunft war, und der im dänischen Widerstand gegen die Deutschen aktiv war, war über Meitner über die Hahn-Strassmannschen Versuchsergebnisse unterrichtet worden, hatte sich 1939 in USA u.a. mit Albert Einstein besprochen. Die Erinnerungen der Beiden an das Treffen und die Beurteilungen darüber gehen auseinander. Heisenbergs Treffen mit Bohr in Kopenhagen ist unter mehreren Aspekten relevant. Zum einen für die Frage, inwiefern die Wissenschafter von Heisenberg abwärts tatsächlich im Dienst des Nazi-Regimes standen (sich stellten). Dann ist es bemerkenswert, dass kurz vor der ultimativen Eskalation des Weltkriegs ein wissenschaftlicher Schlüsselspieler der einen Seite mit einem (im Grunde) der Gegenseite verbundenen Wissenschaftler freundschaftliche Kontakte pflegte – die Beziehung scheint aber damals in Kopenhagen einen Knacks bekommen zu haben. Nebenbei war Heisenberg auch der Doktorvater von einem wichtigen Mitarbeiter der Gegenseite, Edward Teller.

Es ist umstritten, ob Heisenberg Bohr vor der Möglichkeit einer deutschen Atombombe warnen wollte oder dessen Wissen dafür abschöpfen und ihn aushorchen wollte. Umstritten ist auch, ob Bohr erst durch Heisenberg von der Machbarkeit von Atombomben erfahren hat. Robert Jungk brachte in „Heller als Tausend Sonne“ die Darstellung, Heisenberg habe versucht, über Bohr eine Übereinkunft mit den Atomphysikern in den alliierten Ländern herzustellen, allen Regierungen Atomwaffen zu versagen; Heisenberg deutete an, dass dies seine Absicht war. 1943 floh Bohr über Schweden und Grossbritannien in die USA, wo er das Gespräch mit Heisenberg gegenüber den Manhattan Project-Physikern wiedergab. Inwiefern er in Los Alamos an der amerikanischen Bombe mitarbeitete, ist nicht ganz geklärt. Vielfach wird ihm aber zugesprochen, mit seinen Informationen über Heisenberg bzw. die Arbeit an der deutschen Atombombe einen intensivierenden Einfluss auf das US-amerikanische Nuklearprojekt ausgeübt zu haben – was dem Kopenhagener Treffen endgültig welthistorische Bedeutung geben würde…

Im Sommer 1942 stellten die Alliierten eine merkliche Steigerung der Schwerwasserproduktion im von Deutschland besetzten Norwegen fest. Erst daraufhin fiel die Entscheidung (das letzte Wort hatte Präsident Roosevelt), das wissenschaftliche Projekt eines Atomenergie-Entwicklungsprogramms in ein militärisches Projekt zur Entwicklung von Nuklear-Waffen umzuwandeln und alle diesbezüglichen Tätigkeiten zum Manhattan Project (eigentlich Manhattan Engineer District) zusammenzufassen. General Leslie R. Groves wurde mit der militärischen Leitung des Projekts beauftragt. Wichtigster Arbeitsplatz wurde dabei das gigantische Laboratorium in Los Alamos, New Mexico. Hier ist wohl der Start zu einer Art von nuklearem Wettlauf mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich anzusetzen. Wenige Monate zuvor war die USA auf der Seite der Gegner Deutschlands in den Weltkrieg eingetreten, was wohl zu Washingtons Rüstungsanstrengungen beitrug.

Das Interesse des Nazi-Regimes an der, die Unterstützung für die Atomforschung, war schwankend, insgesamt eher schwach (im Gegensatz zu Raketenprogramm in Peenemünde). Dazu soll auch beigetragen haben, dass Juden mit das Fundament zur Atomforschung gelegt hatten und es, im Gegensatz zu dem Raketenprojekt, Misstrauen zwischen Wissenschaftern und Politikern/Militärs gab. Während die Deutschen in der Raketentechnik tatsächlich weltweit führend waren, fehlte dem auf schnellen Erfolg fixierten Nazi-Regime der Atem für die langwierige Entwicklung einer Atomwaffe. Roosevelt investierte, mit Erfolg, rund 4000 Mal mehr Geld als Hitler in diese Entwicklung.

1941 soll Heisenberg gegenüber Regime-Vertretern erklärt haben, eine deutsche Atombombe sei in drei bis vier Jahren möglich. Der „Regime-Physiker“ Carl Ramsauer intervenierte für das Uranprojekt. Anfang 1942 gab das HWA die Verantwortung für das Uranprojekt an den Reichsforschungsrat ab (wo wieder Esau zuständig wurde). Es versprach nicht, in absehbarer Zeit zu einer Anwendung zu kommen, der Blitzkrieg war vorbei, die Kriegswirtschaft wurde für den Krieg gegen die Sowjetunion restrukturiert. Bald darauf gab Diebner auch die Leitung des KWI für Physik ab, an Heisenberg, der es bis zur Kriegsniederlage leitete. Das Heereswaffenamt betrieb weiter seine eigene Atomforschung, arbeitete etwa auch an einem Reaktor.

Im Juni 1942 lud Rüstungsminister Albert Speer, damals die Nr. 2 im Regime hinter Hitler (seine Entscheidung würde also zählen), zu einer Besprechung über das Uranprojekt in das Berliner Harnack-Haus (KWI). Neben den beteiligten Wissenschaftlern waren Führungskräfte der Wehrmacht und anderer Behörden geladen. Kurz vor der Besprechung war der von Heisenberg entworfene Reaktor in Leipzig von Döpel experimentell umgesetzt worden, ein halbes Jahr bevor Enrico Fermi im Rahmen des Manhattan-Projekts den ersten Atomreaktor in Betrieb nahm. Auf die Frage von Generalfeldmarschall Erhard Milch (der das Treffen angeregt haben soll), wie gross eine Atombombe wäre, die London in Schutt und Asche legen könne, antwortet Heisenberg: “So gross wie eine Ananas.” Eine Antwort, die allerdings nur den Sprengkopf berücksichtigte. Auch die Möglichkeiten und der Zeitrahmen der Amerikaner in dem Wettlauf wurde erörtert.

Heisenberg und seine Kollegen informierten darüber, dass die aufwändige Uran-Anreicherung mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen während der voraussichtlichen Restdauer des Krieges nicht zu machen war. Den Quellen zufolge verschwiegen sie die Möglichkeit (oder sprachen davon nur in Andeutungen), eine Plutoniumbombe zu bauen. Dass die Schwierigkeiten eher als die Chancen betont wurden, könnte Ausdruck des stillen Boykotts gewesen sein. Speer entschied wegen den scheinbar mangelnden Aussichten gegen eine forcierte Fortsetzung des Projekts, es wurde nicht eingestellt, aber gedrosselt. Heisenberg und sein Team schafften es, weiter am Projekt arbeiten zu können und Freunde und Schüler vor dem Fronteinsatz zu bewahren. Laut Irving und Speer wurde Hitler erst nach dieser Besprechung über das Atomprojekt unterrichtet, es lief ansonsten an ihm vorbei – was den Unterschied in der Priorität des Projekts gegenüber der USA ausdrückt! Als Heisenbergs Team Ende 1942 auf eine Anfrage des Heereswaffenamts antwortete, mit einer Atombombe sei frühestens in zwei Jahren zu rechnen, geriet das deutsche Atomprojekt endgültig aufs Abstellgleis.

Das Projekt lief bis Kriegsende auf Laborniveau weiter, war danach ein “auf-der-Stelle-treten“. Immerhin genehmigte Speer den Bau eines Bunkers auf dem Gelände des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, in dem der erste grosse deutsche Reaktor aufgebaut werden sollte. Wenige Wochen nach Speers Weichenstellung ereignete sich in Leipzig ein Unfall durch die Explosion einer mit Uranmetall und Schwerwasser gefüllten Kugel, die einen Brand auslöste. Im Reichsforschungsrat wurde 1943 Walther Gerlach statt Esau der Zuständige. 1943 begannen die britischen Luftangriffe auf Berlin, Teile des KWI zogen nach Hohenzollern in Südwest-Deutschland um, andere Arbeitsgruppen des Uranprojekts folgten. Einige Physiker, unter ihnen Heisenberg, Bothe und Wirtz, blieben jedoch zunächst in Berlin und bereiteten die Errichtung des großen Uranreaktors im nahezu fertig gestellten Bunker vor.

Ab 1944 fanden auch gezielt Bombenangriffe auf Schwerwasserfabriken und Ähnliches in Deutschland statt. Als im Februar 1945 der Vorstoss der Roten Armee nach Berlin bevorstand, gab Gerlach die Anweisung, Berlin zu verlassen. Die restlichen Physiker, ihr Uran und Schwerwasser, kamen auch in den Süden. In Haigerloch bei Hechingen war ein Felsenkeller entdeckt worden (zuletzt von einem Wirt genützt), der vor Luftangriffen schützte, er wurde ab 1944 für die Nuklear-Forschung umgebaut, etwa eine Grube für den Reaktor ausgehoben. Ein neuer Reaktor wurde nun dort aufgebaut, wieder ein mit Natur-Uran betriebener, zur Forschung, und in Betrieb genommen. Auch dieser wurde aber nicht kritisch, kam nie bis zur Kettenreaktion. Stadtlim in Thüringen wurde in der Endphase des Kriegs bzw der Nazi-Diktatur ebenfalls ein Ort, wohin Arbeitsgruppen zogen.

Der deutsche Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch behauptet in seinem Buch “Hitlers Bombe” (s. u.), dass die Nazis die Bombe nicht nur gebaut haben, sondern dass 1945 in Thüringen, am Truppenübungsplatz Ohrdruf, auch ein Test stattgefunden hat. Und zwar soll die Gruppe vom Heereswaffenamt um Diebner, die in Konkurrenz zu Heisenberg Atomforschung betrieb, eine Kombination aus Kernspaltungs- und Fusionsbombe gezündet haben. Karlsch scheint dafür nur Augenzeugen aufbieten zu können, und in Bodenproben wurde keine Radioaktivität gefunden.

Als die deutschen Forscher um Werner Heisenberg am Kriegsende in Haigerloch unterirdisch, versteckt, beengt, abgeschnitten, werkten, hätte wahrscheinlich nicht einmal eine Wunderwaffe bzw. ein Gelingen ihrer Arbeit noch einen Umschwung im Krieg bringen können. Heisenbergs “Gegenspieler” Robert Oppenheimer und sein Team näherten sich zur selben Zeit der Fertigstellung der ersten Atombombe mit grossen Schritten. Dem Manhattan-Project standen 125 000 Arbeitskräfte, darunter 6 damalige oder später geehrte Nobelpreisträger, und ein Etat von rund 20 Milliarden Dollar zur Verfügung. Das US-amerikanische Militär stand Anfang 1945 am Westrand Deutschlands (im Osten die Rote Armee), mitten in Italien, und war auch im Pazifik gegen Japan im Vormarsch.

Ende 1944 wussten die Amerikaner, aus erbeuteten Dokumenten, dass die Deutschen weit von der Entwicklung einer Atombombe entfernt waren. Bis dahin glaubten sie, in einem knappen Rennen zu sein. Als die Amerikaner am 16. Juli 1945 die erste Atombombe der Welt in der Wüste von New Mexico zünden, hatte das Deutsche Reich bereits definitiv den Krieg verloren, war geschlagen und besetzt. Das japanische Nuklearprogramm unter der Leitung von Yoshio Nishina kam seinem Ziel während des Krieges deutlich näher als das deutsche. Im August wurde der Krieg durch die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki beendet. Zum japanischen Programm zählte auch der Bau eines lauffähigen Atomkraftwerks in Tokio. Dieses wurde 1945 kurz vor seiner Inbetriebnahme bei einem Luftangriff auch zerstört.

Der wichtigste Grund für das Scheitern war die Wissenschaftspolitik des NS-Regimes: Wechselnde Oberaufsicht und Konkurrenz zwischen Teilen des Regimes, die Aufteilung des Programms auf verstreute Arbeitsgruppen, die mangelnde Unterstützung des Programms. Als kriegführender Staat ein solches Projekt zu betreiben, war sicherlich auch ein Nachteil. Daneben wird immer wieder die Vermutung geäussert, wonach die deutsche A-Bombe wegen einem stillen Boykott bzw. dem Passivismus der daran arbeitenden Wissenschafter nicht zustande kam. Robert Jungk unterstützte diese These, auch Edward Teller meinte dass Heisenberg das Atomwaffenprojekt niemals ernsthaft verfolgt hätte. Heisenberg selbst stellte moralische Gründe für das Scheitern des deutschen Atombomben-Programms in den Vordergrund, nachdem aus der USA nach dem Krieg der Befund kam, dass er und die anderen Teams die Physik der Kernreaktoren/ Atombomben wohl nicht gemeistert hätten.

Die USA wussten von der Arbeit der Deutschen an einer Uranbombe und hatten 1943 die geheimdienstlich-militärische “Alsos”-Mission aufgestellt, deren Ziel es war, im Zuge der Eroberung Europas am Kriegsende den Stand des deutschen Atomprojekts zu erkunden, die Forschungen zu unterbinden, mögliche Atombomben zu suchen und der Physiker habhaft zu werden. Am 23. April 1945 erreichte die Alsos-Mission schliesslich Haigerloch und die Reste des deutschen Atomprogramms. Der Reaktor wurde zerstört und alle Materialien sowie die Forschungsberichte beschlagnahmt und zur Analyse in die USA geschafft. Bagge, von Weizsäcker und Wirtz wurden dort gefasst, Heisenberg in seiner Heimat Urfeld, Gerlach und Diebner in München, Harteck in Hamburg, Hahn, Korsching und Von Laue in Tailfingen.

Die zehn wichtigsten deutschen Atomwissenschaftler (Heisenberg, v. Weizsäcker, Wirtz, Diebner, Hahn, Korsching,…) wurden nach Grossbritannien gebracht, wo sie ab Sommer 1945 ein halbes Jahr im Anwesen Farm Hall in Godmanchester bei Cambridge interniert wurden. „Operation Epsilon“ war der Codename dieses Programms, in dem die Gespräche der Internierten abgehört wurden. Hauptzweck dessen war, zu bestimmen, wie nahe NS-Deutschland an die Atombombe herangekommen war, auch, wie die Kooperationsbereitschaft den Alliierten gegenüber einzuschätzen war. Dies war insbesondere für Grossbritannien interessant, das zu diesem Zeitpunkt noch keine Atommacht war. Auch mit der Nachricht vom Hiroshima-Abwurf wurden die Wissenschafter konfrontiert (Heisenberg: „Ich habe gelernt, dass Wissenschaft schreckliche Folgen haben kann“). Die Farm Hall-Abhörprotokolle bestätigen, dass die Deutschen einem nuklearen Sprengsatz nie nahe gekommen sind. Allerdings wird gegen diese Interpretation eingewandt, dass die inhaftierten Physiker geahnt hätten, dass sie abgehört wurden.

Die Verpflichtung deutscher Atomwissenschaftler nach dem Krieg für die Weiterarbeit an der Nuklearforschung der Alliierten war eher selten. Ursprünglich hatten die USA das mit Heisenberg vor. Harteck ging von sich aus Anfang der 1950er in die USA, zu einer privaten Forschungseinrichtung, nachdem er kurz Rektor der Universität Hamburg gewesen war. Die Sowjetunion verbrachte ca. 300 Atom-Spezialisten mit ihren Familien in ihre Besatzungszone in Deutschland, auch am Uranprojekt beteiligte wie v. Ardenne (ein Mitentwickler des Fernsehens, arbeitete danach in der DDR). Auch die anderen Alliierten naschten an Resten des deutschen Atomprogramms mit.

Es erfolgte auch die Demontage von technischen Anlagen des deutschen Uranprojektes, unter anderem beim Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin. Realisierte Geheimwaffen des Nazi-Regimes, die V2-Rakete und das Me262-Kampfflugzeug (beides potentielle Träger für deutsche Atombomben) hatten ebenso grosses Interesse der Alliierten geweckt. Die Beteiligten dieser Projekte und die Produkte dieser Forschung wurden in grossem Maß abgeschöpft, v.a. von der USA, im Rahmen von Programmen wie “Paperclip”; die Raketen-Wissenschafter um von Braun arbeiteten dann entscheidend am amerikanischen Weltraumprogramm mit.

Schon 1946 wurde im Max-Planck-Institut in Göttingen unter der Leitung von Werner Heisenberg die Atomforschung fortgesetzt; auf Grund alliierter Beschlüsse war Kernenergieforschung auf Grundlagenforschung beschränkt. Das Gesetz Nr. 22 der Alliierten Hohen Kommission vom 2. 3.1950 verbot den “Besitz, den Gebrauch, die Lagerung, Einfuhr und Ausfuhr von Materialien und Anlagen der Kerntechnologie”. In den Pariser Verträgen (unterzeichnet am 23. Oktober 1954) verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland im Zuge ihrer Westintegration, auf die Produktion von Atomwaffen bzw. auf eine eigene Atombewaffnung zu verzichten. Infolge dessen wurde diese zum Beitritt zur NATO eingeladen, der kurz nach Inkrafttreten der Verträge 1955 feierlich vollzogen wurde. Die BRD wurde dadurch beschränkt souverän.

Die Atomforschung und friedliche -nutzung wurde wieder zugelassen. Franz Josef Strauss, auch ein Seitenwechsler, wurde 1955 erster Bundesminister für Atomfragen und Vorsitzender der “Atomkommission” (später Strahlenschutzkommission), trieb Atomenergie-Nutzung voran. 1956 gründete das BRD-Atomministerium in Karlsruhe die „Gesellschaft für Kernforschung“ (GfK), aus der das „Kernforschungszentrum Karlsruhe“ wurde (heute “Karlsruher Institut für Technologie”, KIT). Anfang der 1950er Jahre besetzten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Strauss Kommandostellen in der Atomkommission und in den Kernforschungszentren, wie in Karlsruhe und Jülich, mit ehemaligen Uranverein-Mitarbeitern.

Als Pionier und Gründervater für die Nutzung der Kernenergie in Deutschland gilt Karl Wirtz, der maßgeblich an der Gründung des Kernforschungszentrums Karlsruhe beteiligt war und ab 1957 in diesem Zentrum Leiter des Instituts für Neutronenphysik und Reaktortechnik war. Dort leitete er die Planungen zum “Forschungsreaktor 2”, dem ersten Kernreaktor in Deutschland, der nach eigenem Konzept und in eigener Verantwortung gebaut wurde. Im Kernforschungszentrum Karlsruhe wurde ab 1959 unter der Leitung von Erwin Willi Becker (der nicht im Uranverein mitgearbeitet hatte) auch das Trenndüsenverfahren (auch: Becker Nozzle Process oder Jet Nozzle Process) zur Urananreicherung entwickelt. Auch die DDR konnte dann, mit Unterstützung ihrer Schutzmacht, über Forschungsreaktoren den Weg zu Atomkraftwerken nehmen.

1955/56 wurde die Bundeswehr gegründet, 1956 wurde F. J. Strauss als Nachfolger von Theodor Blank zweiter Verteidigungsminister. Er wollte die ultimative Abschreckungs- und Macht-Waffe für die BRD, legte 1957 Pläne für eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr vor. Im Bundestags-Wahlkampf 1957 bemühte sich die Opposition vergeblich, die weitverbreitete Ablehnung der Atombewaffnung zu nutzen, mit der Kampagne “Kampf dem Atomtod” (Anfänge der Anti-Atomspaltungsnutzung-Bewegung, die in den 1970ern erst gross wurde). Die CDU/CSU erzielte erneut einen grossen Wahlerfolg, Strauss blieb Verteidigungsminister. Nachdem Widerstand der West-Alliierten (entscheidend die USA) eigene Atomwaffen für die Bundeswehr verhinderte, blieb für Adenauer und Strauss nur die ihnen 1958 zugestandene Teilhabe an in der BRD stationierten US-amerikanischen Atomwaffen; die Bundeswehr sollte im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO im Kriegsfall diese Nuklearwaffen einsetzen können. Die USA hatte bereits 1953 mit der Stationierung von Atomwaffen in Deutschland begonnen (die fast bis zur Wiedervereinigung auf ostdeutschen Boden zielten), über die BRD einen nuklearen Schirm gespannt. Die Bundeswehr war früh mit (potentiellen) atomaren Trägersystemen ausgerüstet, wie auch die NVA.

Werner Heisenberg lehrte und forschte in der Nachkriegszeit zunächst in Göttingen, zog 1958 mit seinem Max-Planck-Institut für Physik (dem vormaligen KWI mit Sitz in Berlin) nach München um und setzte sich vehement (aber vergeblich) für eine grosse Reaktorstation dort und damit gegen den Standort Karlsruhe ein, weil er an den Arbeiten beteiligt sein wollte. Er versuchte, “verständnisvolle Beziehungen” zwischen Wissenschaft und Staat herzustellen, um eine von ihm als Unglück beurteilte Situation wie unter der NSDAP zu vermeiden. Diesem Zweck sollte die Einrichtung des Deutschen Forschungsrates unter seinem Vorsitz dienen, konkret der Beratung der Bundesregierung. Er stand Konrad Adenauer und der CDU nahe, setzte sich für eine verstärkte Kernforschung und den Bau von Reaktoren ein, lehnte jedoch gleichzeitig eine militärische Nutzung der Kernenergie ab. Gemeinsam mit siebzehn weiteren Physikern (die “Göttinger Achtzehn”, darunter die anderen Nobelpreisträger Otto Hahn und Max Born, weiters Walther Gerlach oder Carl Friedrich von Weizsäcker) wandte er sich im Göttinger Manifest im April 1957 gegen eine atomare Bewaffnung (West-) Deutschlands, nachdem sich Bundeskanzler Adenauer und sein Verteidigungsminister Strauss für eine solche ausgesprochen hatten.

C.F. v. Weizsäcker wurde in der BRD Friedensforscher, sein Bruder Bundespräsident. Diebner arbeitete in der deutschen Atom(energie)industrie. Walther Gerlach war ab 1948 Direktor des Physikalischen Instituts der Uni München, später Rektor dieser Universität. Der Physikochemiker Wilhelm Groth, im NS-Uranprojekt am Universitätsinstitut für physikalische Chemie in seiner Heimatstadt Hamburg zusammen mit Paul Harteck an der Uranreicherung mittels Gaszentrifuge tätig, hatte am Kriegsende mit dem Projekt auch in den Süden umziehen müssen. In der Nachkriegszeit war er zunächst weiter an der Uni Hamburg, 1956 gründete er den wissenschaftlichen Beirat des Kernforschungszentrums Jülich.

Die BRD hat einigen Diktaturen bei ihren Atomprogrammen geholfen. Infolge der amerikanischen Atoms for Peace – Initiative fand 1955 in Genf die „Internationale Konferenz über die friedliche Nutzung von Atomenergie“ statt. Dort kam es zu Kontakten zwischen der südafrikanischen und der deutschen Delegation, die von Otto Hahn angeführt wurde, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft (der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft). Damit begann die nukleare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Südafrika. 1962 wurde ein Kultur-Abkommen geschlossen, das auch den Austausch von Wissenschaftlern beinhaltete. Franz Josef Strauss organisierte als Atomminister die Ausbildung von südafrikanischen Wissenschaftern, darunter Waldo Stumpf, in Karlsruhe und Jülich. Die deutsche Hilfe für das südafrikanische Atom(waffen)programm inkludierte wahrscheinlich die Weitergabe des Karlsruher Uran-Anreicherungsprozesses, Deutschland bekam als Gegenleistung südafrikanisches Uran. Das Trenndüsen-Verfahren des Professor Becker wurde vermutlich auch an Brasilien unter der Militär-Diktatur weitergegeben.

Walther Schnurr und Ronald Richter hatten beide nicht im Uranverein mitgearbeitet, waren aber in dessen “Umfeld” gewesen, gelangten nach 1945 über die “Rattenlinie“ nach Argentinien. Dort leiteten sie das “Huemul”-Atomprojekt unter Präsident Juan Peron, Arbeiten an Atombomben und Raketen. Von Atomminister Strauss zurückgeholt, war Schnurr ab 1960 wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Kernforschung Karlsruhe. In dieser Position war er für die Kooperation mit dem neuen Atomprogramm der argentinischen Diktatur (das sich im Wettlauf mit dem brasilianischen befand) bestimmend. Die BRD hilft zur Zeit Israel bei seinem Atomwaffenprogramm mit den teilweise geschenkten „Dolphin“-U-Booten, die ein Trägersystem sind. Interessanterweise haben diese Regime auch mehr oder weniger intensiv untereinander nuklear zusammengearbeitet. Die nukleare Kooperation Israels mit (Apartheid-)Südafrika konnte nicht enger sein. Argentinien hat etwa Anfang der 1960er 90 Tonnen “Yellowcake” (Uran-Oxid) an Israel geliefert.

In dem Artikel im „Spiegel“ 1962 über die Bundeswehr, der zu Inhaftierungen und Durchsuchungen führte („Spiegel-Affäre“), ging es auch darum, dass diese bei der Verteidigung gegen den Warschauer Pakt auf die Teilhabe an nuklearen Waffen anderer NATO-Staaten angewiesen sei. In den 1960ern kämpfte Verteidigungsminister Strauss gegen den Atomwaffensperrvertrag. Bundeskanzler Adenauer soll den Atomwaffensperrvertrag ein “zweites Jalta” und ein “Morgenthauplan im Quadrat” genannt haben, Strauss “ein Versailles kosmischen Ausmaßes”. Er wurde von der BRD erst 1969 unter der SPD-FDP-Koalition mit Willy Brandt als Bundeskanzler unterschrieben, natürlich als Nicht-Kernwaffenstaat. Es ist umstritten, ob die nukleare Teilhabe, wie jene der BRD an USA-/NATO-Atomwaffen, einen Verstoss gegen den Vertrag darstellt. Gerade Verbreitung bzw. Weitergabe soll der Vertrag ja unterbinden und das tut die USA möglicherweise damit; ausserdem würde die BRD als Nicht-Atomwaffenstaat im Fall des Falles Atomwaffen benutzen. 1974 hat die BRD den Atomwaffensperrvertrag ratifiziert, nach Abschwächung der scharfen Kontrollbestimmungen und dem Einfügen einer dreimonatigen Kündigungsfrist.

1979 der NATO-Doppelbeschluss, wonach auf den USA-Militär-Stützpunkten in westeuropäischen Staaten Marschflugkörper/ Cruise Missiles und “Pershing II”- Raketen stationiert werden sollten. Bei der Umsetzung versagten einem US-amerikanischen Raketentransporter mit einer Pershing-Rakete 1982 auf einer Gefällstrecke bei Karlsruhe die Bremsen. Er raste ungebremst weiter, zerquetschte mehrere Autos und tötete einen Menschen. Aus der Befürchtung, dass die Rakete explodieren könnte, wurde der ganze Ort Waldprechtsweier evakuiert.

Auch die NVA verfügte über keine eigenen Nuklearwaffen, aber über die Trägermittel, mit denen sowjetische Atomsprengköpfe hätten eingesetzt werden können, darunter das ab 1985 eingeführte Kurzstrecken-Raketensystem “SS-23”. Kohl führte Gespräche mit der französischen Regierung über Teilhabe am nuklearen Schirm dieses Nachbarlandes. Zu den Bestimmungen des Zwei-plus-Vier-Vertrags vom September 1990 zur Wiedervereinigung gehört der Verzicht auf atomare, biologische und chemische Waffen, sowie die Reduzierung und Beschränkung der Truppenstärke der deutschen Streitkräfte, weiters der Abzug der sowjetischen Truppen bis 1994 und das Verbot der Stationierung von Kernwaffen und ausländischen Truppen auf ostdeutschem Gebiet. Russland hat seine Atomwaffen und seine Soldaten vertragsgemäß aus dem Osten Deutschlands abgezogen.

US-amerikanische Atomwaffen sind noch immer in Deutschland stationiert, am Stützpunkt Büchel in Rheinland-Pfalz (etwa 20 taktische Atomwaffen vom Typ “B-61”), die der NATO im Rahmen der nuklearen Teilhabe zur Verfügung stehen. Jene vom Luftwaffenstutzpunkt Ramstein sind abgezogen worden. Es gab aus allen politischen Lagern, am wenigsten aus der CDU/CSU, Forderungen, die US-Atomwaffen sollten endlich von deutschem Boden verschwinden. Der Kalte Krieg sei endgültig vorbei, so der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle vor einigen Jahren. Die USA wollen auch unter Obama rund 200 taktische Atomwaffen in Europa behalten. Manche CDU-Politiker sprechen von “iranischen Atomwaffen” als Grund für ihren Wunsch des Behaltens der US-Atomwaffen in Deutschland.

Die Änderungen am Kriegswaffenkontrollgesetz 1990 können so ausgelegt werden, dass Deutschland Atomwaffen entwickeln darf. Im Paragraphen 17 werden Verbote in Bezug auf Atomwaffen formuliert. § 16 sagt aus, dass diese Verbote nur für Atomwaffen gelten die nicht der Verfügungsgewalt von Mitgliedsstaaten der NATO unterstehen. Das wird auch so ausgelegt, dass Deutschland für sich selbst und jeden anderen NATO-Staat Atomwaffen entwickeln und bauen darf oder andere NATO-Staaten für Deutschland Atomwaffen entwickeln dürfen.

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 hat die BRD ja den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Fast 17 Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt forderte Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz 2006 (gegenüber der „Bild“-Zeitung) die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, um „auf eine nukleare Bedrohung durch einen Terrorstaat angemessen, also mit eigenen Atomwaffen, reagieren (zu) können“. Scholz verwies damals auf Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, der „Terrorstaaten“ damals mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht hatte. Deutschland ist als freier Spieler auf die internationale Bühne zurück gekehrt, und es gibt Bestrebungen, dort anzuknüpfen, wo man vor der Niederlage von 1945 war.

Material:

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche (2005)

Mark Walker: Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe (1990)

David Irving: The German Atomic Bomb. The History of Nuclear Research in Nazi Germany (1983). Irving ist wie Küntzel ideologisiert und umstritten (wegen seiner Holocaust-Leugnung), aber hier scheint seine Arbeit Wert zu haben. Kein Historiker, der sich mit der Geschichte der deutschen Atomforschung während des Zweiten Weltkrieges beschäftigt, kann seine Arbeiten dazu ignorieren. Heisenberg schätzte Irvings Forschung zu dem Thema in dem Spiegel-Interview 67 so ein, dass dieser aufgrund seines Quellenstudiums zwar Tatsachen richtig wiedergebe, aber “die zugrundeliegende Situation in einem totalitären, kriegsführenden Staat nicht nachvollziehen könne.“

Thomas Powers: Heisenbergs Krieg. Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe (1993)

Werner Heisenberg: „Gott sei Dank, wir konnten sie nicht bauen.“ Interview in: “Der Spiegel” 3. 7. 1967

Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher (1956)

Andreas Schauer: Das Treffen zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg in Kopenhagen 1941. Diplomarbeit, Universität Wien (2008)

Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe (2014)

Jeremy Bernstein: Hitler’s Uranium Club. The Secret Recordings at Farm Hall (2001)

David Irving: Der Traum von der deutschen Atombombe (1969). Englisches Original “The Virus House” (1967). Wurde 1967 vom „Spiegel“ vorab unter dem Titel „So groß wie eine Ananas…“ gebracht.

Kristie Macrakis: Surviving the Swastika. Scientific Research in Nazi Germany (1994)

Michael Schaaf: Heisenberg, Hitler und die Bombe. Gespräche mit Zeitzeugen (2001)

Manfred Popp: Hitlers Atombombe – warum es sie nicht gab. In: “Spektrum” 38/2016

Christian von Ditfurth: Der 21. Juli (2003; alternativhistorischer Roman, in dem die Nazi-Atombombe realisiert wird, was in dieser Fiktion allerdings nicht im Vordergrund steht; eine A-Bombe auf Deutschland hätte es natürlich auch geben können)

Rainer Karlsch, Heiko Petermann: Für und Wider “Hitlers Bombe” (Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt) (2007)

Zdenek Červenka, Barbara Rogers: The Nuclear Axis. Secret Collaboration between West Germany and South Africa (1978)

Hubert Mania: Kettenreaktion: Die Geschichte der Atombombe (2010)

Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik (1969)

Armin Hermann: Wie die Wissenschaft ihre Unschuld verlor. Macht und Mißbrauch der Forscher (1982)

Robert Jungk: Der Atomstaat (1975)

Stefan Rozental (Hg.): Niels Bohr. His life and work as seen by his friends and colleagues (1967)

Michael Frayn: Kopenhagen (1998, Theaterstück zum Treffen)

Helmut Rechenberg (Hg.): Werner Heisenberg. Deutsche und Jüdische Physik (1992). Der Titel bezieht sich auf einen Artikel im “Völkischen Beobachter”, auf den Heisenberg antwortete.

Joseph P. Farrell: Nazi International. The Nazis’ Postwar Plan to Control the Worlds of Science, Finance, Space, and Conflict (2009)

Mitchell G. Ash: Verordnete Umbrüche – konstruierte Kontinuitäten. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43/10 (1995)

Matthias Küntzel: Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt (1992). Wissenschaftlicher Wert?!

Frank Beyer: Ende der Unschuld (1990/91; zweiteiliger Fernsehfilm, der die Arbeiten des deutschen Uranvereins im Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt stellt)

Andreas Sulzer arbeitet an einem Dokumentarfilm über (von ihm) vermutete NS-Atomwaffenproduktion oder Atomversuche in einem Berg-Stollen im oberösterreichischen St. Georgen/Gusen, den Häftlinge der Mauthausen-KZ-Nebenlager Gusen unter dem Decknamen “Bergkristall” zur Produktion von Messerschmitt-Me-262-Jagdflugzeugen graben mussten (etwa 30 000 kamen dabei ums Leben). Mit “Bergkristall” wird heute auch der Stollen bezeichnet, er soll einen geheimen, viel grösseren Teil haben, dort sollen Atomversuche oder die Konstruktion von Bomben stattgefunden haben. Auch Rainer Karlsch ist wieder mit dabei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*