Zum Massaker in Paris

Ich habe keine Ausgabe von „Charlie Hebdo“ gelesen aber nach dem was ich mitbekommen habe, ist es in der Sache insofern daneben gelegen, als es das Problem des Islamismus falsch dargestellt hat. Zum Wahlerfolg der Ennahda-Partei in Tunesien nach dem Ben Ali-Sturz hat es eine Sonderausgabe mit dem Titel „Charia Hebdo“ gebracht. Die Ennahda hat sich aber in mehreren Fällen von islamistischer Gewalt distanziert (die von Salafisten ausging, zu denen auch die Täter von Paris gehören dürften), hat ihre Niederlage bei der jüngsten Parlaments-Wahl in Tunesien akzeptiert. Und nur so kann Demokratisierung in die Gänge kommen: die Wahlverlierer zetteln nicht einen Aufstand an, und die Wahlsieger stecken die Verlierer nicht ins Gefängnis. Aber gerade solche Differenzierungen werden ja irgendwie belanglos angesichts eines solchen Massakers.

Das Massaker in der Redaktion war der schlimmste Terroranschlag in Frankreich seit einem OAS-Bomben-Anschlag 1961 in Vitry-Le-François mit 28 Toten. Damals entgleiste ein Expresszug durch die Bombenexplosion. Da die beiden Islamisten des aktuellen Anschlags algerischer Herkunft waren, wie auch die 2 moslemischen Opfer dabei, und die OAS gegen die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich kämpfte, schliesst sich gewissermaßen ein Kreis.

Gudrun Harrer hat im „Standard“ (eine Zeitung, bei der sie positiv herausragt) treffend geschrieben, radikaler Islam und Islamophobie seien zwei kommunizierende Gefäße. Wenn das eine einen Aufschwung erlebt, erlebt auch das andere einen. Es ist absehbar, welche „Islam- & Terrorexperten“ jetzt wieder in TV-Diskussionen eingeladen werden, wer Gastkommentare schreiben darf, Wahlkampfmunition bekommen hat, sich bestätigt fühlen wird, Auftrieb bekommt, sich die Hände reiben darf. Grundsätzlich ist es ja verständlich und legitim, dass Leute nach so einer Tat nach Erklärungen und Antworten suchen. Sie, die „Getriebenen“ fallen dann leicht auf die Antreiber rein, ihre Analysen und Rezepte.1 Kommunizierende Gefäße sind Islamismus und Islamophobie aber auch inhaltlich, sie wollen beide diese Konfrontation, wollen einen „Westen“ und einen „Islam“ die sauber voneinander getrennt sind, kämpferisch aufgeladen sind, sich feindselig gegenüberstehen, und keinen Dissens in „ihrem“ Lager. „Frankfurter Rundschau“: „Die Gefahr liegt in dem, was die Täter von Paris zu Mördern und moralisch verkrümmte Figuren wie Gauland [AfD] zu Leichenschändern werden lässt.“

Marine Le Pen hat schon die Forderung nach der Wiedereinführung der Todesstrafe in Frankreich erhoben (ihre Partei wird sicher profitieren von dem Gemetzel in der Redaktion), es ist auch abzusehen, wie Netanyahu, Broder, Grigat, Isabelle Daniel, Andreas Scheuer, PEGIDA (nicht nur nach Einschätzung von Jürgen Todenhöfer profitiert IS von ihren Aufmärschen), Fox News damit umgehen (werden). Neben vielen erwartbaren Reaktionen im Windschatten des Terroranschlags kam auch diese: Der USA-Evangelikale Bryan Fischer hat in seiner Radio-Show gesagt, Gott habe den Terrorangriff in Paris zugelassen, wegen der „Blasphemie“ von C.H. gegenüber dem Christentum.

Rechten Dumpfbacken, denen „Charlie Hebdo“ viel zu „anarchistisch“ oder „links“ war, wird die Steilvorlage geliefert, sich als Hüter von Toleranz und Meinungsfreiheit zu profilieren, ihren Rassismus als couragierte Dissidenz zu deklarieren, eine „political correctness“ zu beschwören welche solche wie die beiden Mörder und ihre Hintermänner beschütze. Wenn die Analysen dann (die gegenwärtigen Verbrechen des Islamismus aufzählend) bei den Gemetzel und Vergewaltigungen in Syrien und Irak angelangt sind, wird wenigstens auch erwähnt, wer Hauptleidtragender des salafistischen Terrorismus ist.

Auch wenn manche „Charlie Hebdo“ als „islamkritisches Satireblatt“ bezeichnen, es ist auch ein „Verdienst“ der Mörder, dass man nicht wirklich etwas entgegnen kann, wenn jetzt darauf hingewiesen wird, dass das Blatt auch vor den Empfindlichkeiten von Christen und Juden nicht halt machte, aber nur Muslime mit Drohungen und Terrorakten reagierten – auch wenn der zuerst getötete Wachpolizist und einer der in der Redaktion Getöteten ebenfalls aus diesem Kulturkreis kamen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wenn man glaubt, dümmer und heuchlerischer gehts nicht mehr, dann gibts noch P. M. Lingens (im „Profil“). So einer braucht „den Islam“ (bzw. diesen), um sich vor der Welt als der Tolerante und Aufgeklärte aufzuplustern und dabei auch seine reaktionären Rezepte unterzuschieben. Wie passend, dass dabei Küntzel zustimmend zitiert wird. Der „Weltbürger“, dessen Horizont in Wirklichkeit in Perchtoldsdorf endet