Die spanische Transición

Spanien musste nach dem Tod Francisco Francos 1975 40 Jahre Diktatur („Estado Español“) und Krieg (der ihr vorausging) überwinden. Wichtigster Akteur war dabei der vom Diktator eingesetzte König Juan Carlos, der von den drei Optionen „Kontinutät“, „Bruch“ und „Reform“ letztere wählte. Hier geht es um diese Demokratisierung, auch im Vergleich mit anderen, etwa jener im benachbarten Portugal (die andere Diktatur in Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg), aber auch mit der in Südafrika nach der Apartheid, ca. 20 Jahre später.

Unter Vicente Tarancon, der 1971 Erzbischof von Madrid wurde, rückte die katholische Kirche Spaniens etwas vom Franco-Regime ab. Durch den schlechten Gesundheitszustand des „Caudillos“ geriet sein Regime in seinen letzten Jahren, ab Ende der 1960er, in eine Krise. Ein Machtvakuum entstand, lange bestehende interne Streitigkeiten und Richtungskämpfe wurden grösser. Etwa zwischen Wirtschaftsdirigismus und Kapitalismus, zwischen Konservativen und Moderaten. Mit der Bindung an die USA nach dem 2. Weltkrieg hatte sich eigentlich die Marktwirtschaft durchgesetzt. Der Schwenk von Hitler zu Eisenhower brachte für das Regime auch ein Ende der Isolation und schloss die Möglichkeit eines militärischen Konfliktes mit einem anderen Staat  praktisch aus.

Die „kommunistische Bedrohung“ war für Franco ein „Platzhalter“, wie für das Apartheid-Regime in Südafrika. Wie sehr Franco-Spanien die meiste Zeit der USA verbunden waren, kommt auch darin zum Ausdruck, dass Blas Piñar, damals Chef des Spanischen Kulturinstitutes, nach Kritik an amerikanischer Aussenpolitik nach einer Reise in frühere spanische Kolonien in Lateinamerika und die Philippinen entlassen wurde. Er blieb dem Regime aber treu, über dessen Ende hinaus. Dass Spanien unter Franco Rückzugsgebiet für Diktatoren und Faschisten (Peron, Pavelic, Degrelle, Remer, Skorzeny,…) war, spielte bei seiner Unterstützung durch die USA natürlich auch keine Rolle.

Die Frage der Nachfolge Francos als Staatsoberhaupt (nicht aber das künftige politische System) war seit 1969 entschieden, als sich das Regime auf Juan Carlos de Borbón y Borbón(-Dos Sicilias) festlegte. Sein Grossvater, König Alfonso XIII., musste 1931, mit Beginn der Zweiten Republik, abtreten und in das Exil. Von dort unterstützte er den Aufstand gegen die Republik bzw die nationalistische Seite im Bürgerkrieg, wie die meisten Monarchisten. 1941 wurde, kurz vor Alfonsos Tod, sein Sohn Juan de Borbon sein Nachfolger als Chef des Familienhauses und Anwärter auf den spanischen Thron. Franco hatte noch während des Krieges erklärt, dass er keine Restauration der Monarchie unter Alfonso anstrebe. Das lag zum Teil daran, dass die Karlisten, die die Ansprüche eines anderen Zweigs der spanischen Bourbonen unterstützten, fester Bestandteil der von ihm geführten rechten Koalition waren.

Der Karlismus geht auf einen Thronfolgestreit im 19. Jahrhundert zurück, als König Ferdinand (Fernando) VII. die Regelung (bezüglich weiblicher Thronfolge) so abänderte, dass ihm seine Tochter Isabella (Isabel) und nicht sein Bruder Karl (Carlos) auf den Thron folgen würde. Bei den Karlisten-Kriegen stand die Thronfolge im Vordergrund, eigentlich ging es aber um das System; Carlos und seine Anhänger waren für absolute Königs-Herrschaft. Sie unterlagen. Der Karlismus wurde dann eine friedliche konservative politische Bewegung, Carlos de Borbon begründete die Linie der karlistischen Thronanwärter, die in „Opposition“ zur regierenden spanischen Bourbonen-Hauptlinie standen/stehen. Zur Zeit der 2. Republik söhnte sich der karlistische Prätendent Alfonso Carlos de Borbon mit dem gestürzten König Alfonso (XIII.) aus. Deshalb und weil Alfonso Carlos ohne Nachkommen starb, erlosch für einen Teil der Karlisten der Anspruch und die Bewegung, der andere Teil (der grössere) erhob den Chef des Hauses Bourbon-Parma, Xavier/Javier, auf ihr Schild. Javier, Sohn des letzten Herrschers von Parma vor dem italienischen Risorgimento, war über seine Mutter, eine Borbone-Due Sicilie, nahe mit Alfonso Carlos verwandt, über den Vater weitschichtig.

Im Bürgerkrieg 1936-39 stellten die Karlisten eine „Requetes“ genannte Miliz auf, danach wurde ihre Organisation mit der Falange vereinigt; jener Partei die bei der Wahl 1936 0,7% der Stimmen und keinen Sitz im Parlament erhielt und sich dann dem Staatsstreich der Truppen aus Spanisch Marokko anschloss. Sie waren im Franco-Regime und im „Movimiento Nacional“ eine Fraktion, der Karlist Bilbao war etwa lange Parlamentspräsident. Für Franco waren sie als Druckmittel gegenüber der spanische Bourbonen-Hauptlinie wichtig. Nachdem dieser nach Kriegsende die Hoffnungen auf eine Restauration der Monarchie enttäuschte, erklärte „Don“ Juan de Borbon, der Vater von Juan Carlos, gegenüber dem General, dieser solle nicht einen totalitären Staat konzipieren sondern zur konstitutionellen Monarchie zurückkehren.

Nach einem Referendum 1947 wurde Spanien zur Monarchie erklärt, für die Zeit nach Franco, mit wem, wurde offen gelassen. Der Caudillo würde den einsetzen, der seine Prinzipien am ehesten fortführen würde. Trotz ihrer gravierenden Meinungsverschiedenheiten brachen die exilierten Borbons und Franco nicht miteinander; im Jahr dieser Nachfolge-Weichenstellung kamen sie überein, Juan Carlos in Spanien ausbilden zu lassen. Als die Nachfolge-Frage für Franco allmählich ernst wurde, hatte er zur Auswahl: Juan, Juan Carlos, den Karlisten Xavier/Javier de Bourbon-Parma, den Chef des Hauses Habsburg (die ja vor den Bourbonen in Spanien geherrscht hatten), Otto, sowie eine (de facto republikanische) Fortführung seines Regimes mit einer Person daraus, wie dem etwas jüngeren Luis Carrero Blanco.

Gemäßigte Monarchisten und Konservative entfernten sich zusehends vom Regime (offen/verdeckt), Juan de Borbon unterhielt zu diesem Teil der Opposition Kontakte, galt als Demokrat, wurde deshalb übergangen. Juan Carlos, der ein unbeschriebenes Blatt war bzw als noch formbar galt, musste nach seiner Ernennung 1969 auch einen Eid auf die franquistischen Prinzipien leisten. Von da an bis Francos Tod trat er öffentlich an dessen Seite auf (Foto), vertrat ihn 1974 und 1975 bei einigen Gelegenheiten interimsmäßig als Staatsoberhaupt während Verschlechterungen von dessen Gesundheit.

Der möglicherweise wichtigste Unterschied zwischen den Diktaturen in Portugal („Estado Novo“) und Spanien war die Bedeutung der Kolonien. Für Portugal spielten sie eine integrale Rolle, nicht nur für das Regime, das Land bezog seine Bedeutung aus ihnen, ohne sie war es ein unbedeutender Randstaat Europas. Für Spanien spielten die Kolonien nach der Niederlage gegen die USA Ende des 19. Jh. und dem damit verbundenen zweiten Entkolonialisierungsschub eine nebensächliche Rolle; es waren noch einige in Afrika geblieben. Die Entkolonialisierung Portugals in den 1960ern und 1970ern lief blutiger als jene Spaniens ab, die Kriege schwächten das Regime, brachten es mit zu Fall; sie kam infolge des Umsturzes zum Abschluss. Spaniens Ent-Kolonialisierung begann 1956, als mit der Unabhängigkeit des französischen Marokko auch das spanische unabhängig wurde (nicht aber die Enklaven im Norden und Süden). Sie war kurz vor dem Tod des Diktators (der zum Ende der Diktatur führte) vollbracht.

Der schon erwähnte Carrero Blanco war die Nr. 2 im Regime, redete auch bei der Nachfolgefrage, der Entscheidung zugunsten Juan Carlos, mit. Mitte 1973 trennte Franco die Ämter des Staatsoberhaupt und des Regierungschefs, die er bislang beide ausgefüllt hatte, und machte Carrero zum Premierminister; eine Vorkehrung für die Zeit nach ihm. Wenige Monate danach wurde Carrero von der ETA getötet. Die Organisation war 1959 gegründet worden, ein Aufbegehren gegen die Unterbindung jeder Auslebung von baskischer Kultur. 1968 begann sie mit Anschlägen auf Repräsentanten der franquistischen Dikatur. Für internationales Aufsehen sorgte der Prozess von Burgos 1970 gegen ETA-Mitglieder, der mit Todesurteilen endeten (die später umgewandelt wurden).

Bei dem Attentat an Carrereo in Madrid gruben ETA-Aktivisten einen Tunnel aus einer Wohnung, die sie als „Bildhauer“ gemietet hatten. So erregten die Bohrarbeiten keinen Argwohn oder Aufsehen. Unter einem Kanaldeckel brachten sie eine Sprengladung an, die unter Carreros Auto gezündet wurde, als dieser von seinem täglichen Kirchenbesuch kam. Das Auto wurde 20 m in die Luft geschleudert, dann über ein Haus in den Innenhof eines Klosters. Ein Flüsterwitz unter Oppositionellen damals war, Carrero sei Spaniens erster Astronaut. Eine ernste (wenngleich hypothetische) Frage ist, ob Carrero als Premier, den Juan Carlos übernehmen musste, den Übergang zur Demokratie, die Transición, verhindern hätte können.

Der Beginn dieses Übergangs wird manchmal schon mit Carreros Tod angesetzt. Sein Nachfolger Arias Navarro war wie er schon im Bürgerkrieg beteiligt gewesen, als Ankläger in politischen Prozessen nach der Einnahme Malagas, die zu sehr vielen Todesurteilen (17 000) führten. Später war er lange Bürgermeister von Madrid gewesen. Mit Carreros Tod wuchsen die Spannungen im Regime weiter, u.a. zwischen „Bunker“ (Arias,…) und Reformern (Fraga,…). Manche hielten einen evolutionären Übergang Spaniens zu einer Demokratie noch unter Franco für möglich. Manuel Fraga hatte als Informations- und Tourismusminister in den 1960ern die Filmzensur gelockert, wurde dann Botschafter. Unter Arias fanden die letzten Exekutionen statt, im September 1975, an 5 Mitgliedern der ETA und der linksextremen FRAP, durch Erschiessen; im Jahr davor gab es die letzten Garottierungen, an dem Anarchisten Puig und einem zivilen Mörder.

Dass das System in Portugal weniger totalitär war, zeigt sich auch darin, dass es die dort früh abgeschaffte Todesstrafe nicht wieder einführte. Die dortige Diktatur, in den letzten Jahren v.a. von Premier Caetano getragen, wurde dort gestürzt (Nelkenrevolution), eineinhalb Jahre vor Francos Tod. Drei Monate später (Juli 1974) übergab die griechische Junta die Macht an Karamanlis, der Premier wurde. Einige Protagonisten des Estado Novo setzten sich während/nach dem Umsturz nach Spanien ab. Arias, beunruhigt über die Ereignisse im Nachbarland, erwog damals eine Invasion in Portugal.

F. Franco & J. C. d. Borbon 1973
F. Franco & J. C. d. Borbon 1973

Franco soll am Lebensende keine Gewissensbisse gehabt haben und auch gewusst haben, dass der Franquismus mit ihm zu Ende geht, trotz aller Vorkehrungen. Im Krankenhaus De la Paz in Madrid wurden am 20. November 1975 die lebenserhaltenden Geräte abgeschalten, ca. 1 Monat nach seinem letztem Auftritt. Danach gab Premier Arias seinen Tod im Rundfunk bekannt. Bezüglich dieses Tages hatte es, verstärkt in den Wochen davor, Befürchtungen wie Hoffnungen gegeben. 2 Tage später wurde Juan Carlos de Borbón y Borbón in den Cortes als König Juan Carlos I. vereidigt, wurde die Monarchie nach 44 Jahren wieder hergestellt – der Beginn der Transicion. Juan Carlos war in einer Art Zwickmühle. Die Linken waren traditionell gegen die Monarchie, die Franquisten misstrauten ihm, manche Monarchisten wollten seinen Vater oder einen Karlisten, viele Demokraten sahen in ihm eine Marionette Francos.

De Borbon musste schon in letzten Jahren Francos eine Gratwanderung vollziehen, die sich nach dem Tod des Caudillos fortsetzte: die Franquisten nicht gegen sich aufbringen, gleichzeitig die Demokraten nicht vor den Kopf zu stossen. Dem Chef der kommunistischen Partei (PCE), Santiago Carrillo, soll er später gesagt haben, er habe sich bei Treffen mit Franco dumm gestellt. Seine Rede vor den Cortes nach seiner Vereidigung markiert den Beginn seines Balanceaktes, sie war voll mit vorsichtigen Andeutungen und Zweideutigem. Am 27. 11., nach dem Begräbnis des Diktators im „Valle de los Caídos“, fand die Krönungsmesse statt, zelebriert von Kardinal Tarancona, mit internationalen Staatsgästen wie USA-Vizepräsident Nelson Rockefeller, dem britischen Königingemahl Philip of Mountbatten-Windsor, BRD-Präsident Scheel, dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing. Danach Militärparade und Bankett. Der König trat wie bei seiner Vereidigung in seiner militärischen Uniform auf, und mit Gattin und den drei Kindern.

1 Woche nach seinem Amtsantritt gewährte er Amnestie für einen kleinen Teil der politischen Gefangenen, wie dem linken Gewerkschafter Marcelino Camacho, der 14 Jahre im Gefängnis war. Dies umfasste auch die Umwandlungen der Strafe von zu Tode Verurteilten. Hier bekannte er erstmals Farbe. Seine erste wichtige Personalentscheidung war die Ernennung von Torcuato Fernandez-Miranda zum Parlamentspräsidenten (Sprecher der Cortes) und Präsidenten des Thronrates (Consejo del Reino), der im franquistischen Regelwerk, das ja noch immer galt, eine ziemlich wichtige Institution war. Ein Veteran des Bürgerkriegs, war der Jurist ein Erzieher des Königs gewesen, dann Generalsekretär der Staatspartei im Ministerrang, 1973 ein Kandidat für die Nachfolge Carreros (was er interimsmäßg wurde, bis zur Ernennung Arias‘).

Borbon schlug den Weg ein, den er fortsetzen sollte, einen behutsamen Umbau, anstatt einen Bruch zu riskieren, die Einbeziehung jener Franquisten, die für einen gewissen Wandel aufgeschlossen waren, und die Beschwichtigung jener, die das nicht waren. In einer vergleichbaren Zwickmühle war Nelson Mandela, als er 1994 Präsident Südafrikas wurde; eigentlich auch schon in den Jahren davor, nach seiner Freilassung. Anthony Sampson in seiner Biografie: „Von Anfang an stand Mandela vor dem Balanceakt, die weisse Elite zu beruhigen, ohne die schwarzen Massen vor den Kopf zu stossen.“ Beide leiteten die Demokratisierung vorsichtig, auf Konsens und Versöhnung ausgerichtet.

In den Wochen nach Francos Tod gab es Demonstrationen und Streiks für Lohnerhöhungen, obwohl diese noch immer verboten waren, politische Forderungen kamen hinzu, teilweise wurden sie mit Gewalt niedergeschlagen. Im Dezember beauftragte Borbon Arias damit, als Premier (vorläufig) weiterzumachen. Arias war der konservativste der vom Thronrat vorgeschlagenen Kandidaten, die anderen beiden, Fraga und Areilza, waren reformorientierte Franquisten. Arias durfte/musste seine Regierung neu bilden, hier sprach der König nun ein Wort mit; sie enthielt Hardliner wie Vizepremier De Santiago (ein Militär) und Reformer wie Innenminister Fraga (der auch Vize-Premier wurde) und Areilza, der Aussenminister wurde. Adolfo Suárez González, ein langjähriger Funktionär der franquistischen Staatspartei F.E.T. y de las JONS („Movimiento Nacional“), gehörte der Regierung als deren neuer Generalsekretär ebenfalls an.

Ende 1975, Anfang 1976 kamen die meiste Parteien aus dem Untergrund bzw Exil, hielten Kongresse und Veranstaltungen ab, vor ihrer Legalisierung. Im März 1976 schlossen sich die beiden Dachorganisationen der Demokraten, Junta Democrática und Plataforma de Convergència Democràtica zur Platajunta zusammen. Die sozialistische PSOE hatte 1974 auf ihrem Kongress in einem Pariser Vorort Felipe González zum Generalsekretär gewählt (eine wichtigere Funktion als Parteipräsident), was einen Sieg des jungen Reformflügels bedeutete. Im Dezember 1976 hielt die PSOE in Madrid einen Parteikongress ab (den 27., Motto „Socialismo es libertad“), den ersten in Spanien seit dem 13. (1932), als Francisco Largo Caballero noch Parteiführer war.

Der südafrikanische ANC musste nach seinem Verbot durch das Apartheid-Regime 1960 ähnlich lange warten, bis er wieder eine Konferenz im Lande abhalten konnte, von 1959 bis 1991. Blas Pinar, von Franco in die Cortes und den Nationalrat des Movimiento berufen, gründete 1976 die rechtsextreme Fuerza Nueva (FN). Teil des Zerfalls des Movimiento war auch die Gründung der Alianza Popular (AP) durch Manuel Fraga Iribarne (der damals als Innenminister kleine Reformschritte unternahm) und andere gemäßigtere Franquisten, solche, die grundsätzlich für eine Demokratisierung waren.

Das Militär war eine Stütze des Systems gewesen, mit wenig Schlagkraft nach aussen, darauf ausgerichtet, das Regime gegenüber inneren Feinden zu verteidigen. Offiziell war Franco-Spanien im 2. Weltkrieg neutral geblieben, deswegen und weil der Kalte Krieg schon begann, wurde er von den West-Alliierten an der Macht belassen. Das Regime hatte nach der Niederlage des Faschismus in Europa eine Invasion befürchtet; es wurde aber bald von diesen Mächten, v.a. der USA, aufgepeppelt. Die Bindung an die USA brachte eine gewisse Modernisierung für das spanische Militär. Wichtiger, mit diesem Rückhalt gab es praktisch keine äussere Bedrohung mehr. Das Militär wurde ein reines Unterdrückungsinstrument gegenüber der eigenen Bevölkerung, Spanien „ein Militärstaat, der mit Teilen seines Volkes im Kriegszustand lebte“, wie es der Historiker Salvador de Madariaga ausdrückte.

Der Anteil der Minister im Regime, die Militärs waren, erreichte 1945 mit 50% einen Höchststand. Anfang der 1970er waren es 11%. Opposition gegen die Ausrichtung der Institution gab es in deren oberen Rängen kaum, auch wenn der „Bunker“ 1974 die Entlassung des Generalstabschefs erzwang, den er verdächtigte, ein spanischer Spínola werden zu können, Manuel Diez Alégria. Juan Carlos, der militärisch ausgebildet worden war, wurde als Francos Nachfolger auch Oberbefehlshaber der Fuerzas Armadas Españolas. Der Übergang der Loyalität zu ihm funktionierte. Das Heer musste sich auf eine ganz neue Rolle einstellen: keine Mitbestimmung der Politik mehr, sondern eine Bestimmung der Politik über sie, noch dazu einer, die viele seiner Angehörigen ablehnten; ähnlich wie beim türkischen Militär unter Erdogan.

Mit der Wahl von 1977 verschwanden die Offiziere aus dem Parlament. Der Unterschied zu Südafrika ergab sich hier zum einen daraus, dass De Klerk als Präsident 1989 bis 1994 bereits einen Teil der Demokratisierung leitete, auch in den Streitkräften Umstrukturierungen vornahm (u.a. personelle). Zum anderen wurden diese nach der freien Wahl 1994 mit den bisherigen Feinden aus dem Land vereinigt; in Spanien wäre das undenkbar gewesen, allerdings auch deshalb weil es kaum eine Anti-Regime-Guerilla gegeben hatte. Die nunmehrige SANDF behielt die bisherige Führung, bekam eine neue politische Aufsicht, mit Nelson Mandela an der Spitze, spielte entgegen manchen Befürchtungen keine destruktive Rolle, trug den Wandel des Landes mit bzw wurde Teil davon.

Mitte 1976 wurde Arias vom König und Demonstranten zum Rücktritt gedrängt. Nach dem Vorschlag des Thronrats unter Fernandez ernannte Borbon Adolfo Suarez zum Nachfolger als Premierminister. Suárez war zum Movimiento gegangen, als das für politisch ambitionierte junge Männer der einzige Weg gewesen war (ausser vielleicht eine linksradikale Splittergruppe im Untergrund), kam ins Parlament, führte die Rundfunkanstalt, war 75/76 nach Francos Tod Generalsekretär des Movimento (im Ministerrang; der vorletzte). Arias ging zu Fragas Alianza Popular. Suarez wurde der wichtigste Verbündete des Königs bei der Demokratisierung, als ein Mann, dem die Stützen des bisherigen Systems vertrauten, konnte er den entscheidenden Schritt wagen. Dieser war das „Gesetz für politische Reform“, ein Fahrplan bzw die Vorbereitung für/auf eine freie Wahl und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung.

Es beinhaltete neben der Zulassung von Parteien und Gewerkschaften (noch nicht die kommunistische PCE) auch Amnestie für politische Gefangene und ein Ende der Zensur. Die franquistisch ernannten Cortes und der Nationalrat (Consejo Nacional) des „Movimento Nacional“, der quasi als Oberhaus fungierte, mussten damals alle Schritte genehmigen, auch diesen, der auf ihre Entmachtung hinauslief. Durch das geschickte Zusammenspiel von Borbon, Suarez und Fernandez gelang das. Nachdem das Reformgesetz auch vom Volk in einem Referendum angenommen wurde, trat es Anfang 1977 in Kraft. Dann konnte Suarez auch das „Movimento“ auflösen und eine Mitte-Rechts-Partei gründen bzw zusammenschliessen, die UCD, aus diversen neu entstandenen kleineren Parteien. Teile des Movimiento gingen zur UCD, andere zu AP oder FN. Die karlistische CT entstand neu, auch andere am rechten Rand.

Der Transitions-Prozess wurde begleitet (und gefährdet) von Gewalt von rechts und links. Neben der ETA war da die kommunistische GRAPO, die es auf Protagonisten des alten Regimes abgesehen hatte, etwa 1980 General Armengol umbrachte. Der Rechtsterror wollte wahrscheinlich auch eine Störung des demokratischen Prozesses erreichen, eine Intervention der Armee provozieren. 1976 gab es einen Anschlag auf eine Veranstaltung des linken „Flügels“ der Karlisten. Carlos Hugo, Sohn von Prätendent Javier, war in den 1960ern von seinem Vater sowie Franco abgerückt, wurde 1975 Nachfolger seines Vaters; sein linker Kurs mündete in die Gründung der Karlistischen Partei (Partido Carlista, PC), die v.a. in Navarra stark war, wo sich der Anschlag auch ereignete. Beim rechten Anschlag auf den Atocha-Bahnhof 1977 war auch die „Gladio“-Organisation beteiligt. Die Befürchtungen gingen bis zu einem Wiederaufleben des Bürgerkriegs, dessen Fronten noch immer bzw wieder aktuell waren.

Um „Der letzte Tango von Paris“ zu sehen (1973), fuhren zehntausende Spanier noch nach Perpignan in Frankreich, mit dem Reformgesetz wurde auch das anders. Filme von Luis Bunuel kamen endlich auch in Spanien ins Kino. Und, das „Playboy“-Magazin wurde in Spanien erhältlich. Franquisten zogen solche Folgen der Demokratisierung auch heran, um auf die „Verdorbenheit“ des Westens hinzuweisen und ihre Ideologie anzupreisen. Jesús Fueyo, Mitglied des Movimiento-Nationalrats, schrieb in einem Rechtsblatt, dass Spanien („unter dessen Sonne sich Millionen dieser Porno-Europäer bräunen“) wieder einmal allein auf sich gestellt sei, alle „wahren Werte der zivilisierten Welt“ zu verteidigen, das „korrupte und sodomistische Europa“ vor der „imperialistischen euro-asiatischen Revolution Moskaus“ zu verteidigen. Pinar sprach von einer „schurkischen Freiheit“. Die Anwürfe der Franquisten ähneln Tiraden von heutigen Islamisten und rechten Islamophoben. Der Umgang mit diesen Anwürfen erinnert wiederum an islamophobe Muster; wenn etwa „Der Spiegel“ (41/1975) vom „spanischen Machismo“ oder „Rückständigkeit“ schreibt. Kardinal Tarancon dürfte zur Demokratisierung gestanden sein, die Kirche als Ganzes war gespalten.

Die Frage der Wieder-Zulassung der PCE war eine sehr bristante (wie in Südafrika 1990 jene der SACP!). Ihr Vorsitzender Carrillo war seit November 1976 wieder im Land, traf sich mit Suarez. Knapp vor der Wahl 1977 wurde sie schliesslich zugelassen. Der Schritt wurde zu Ostern vorgenommen, in der Semana Santa (Karwoche), weil da die Kasernen leer waren! Der Marineminister, Admiral Veiga, trat darauf hin zurück, auch Parlamentspräsident Fernandez. Im Juni 1977 wurde in Spanien das Mal seit 1936 frei gewählt, verfassungsgebende Cortes Generales. Die UCD unter Suarez bekam am meisten Stimmen (ca. 35%), vor der PSOE (Gonzalez, Guerra) mit 29%, der PCE unter Carrillo mit 9, der AP (Fraga) mit 8 (Arias nicht ins Parlament gewählt), dem katalanischen Parteienbündnis PDPC (u.a. aus der CDC von Pujol bestehend) und anderen Regionalisten, sowie der Sozialistischen Volkspartei PSP (Tierno). Die FN (Pinar) trat gemeinsam mit der karlistischen CT und anderen rechtsextremen Parteien an, errang keine Sitze.

Es war ein Sieg für die Parteien der Mitte, eine Niederlage für Links- und Rechtsaussen. Ein Zeichen, das mit dieser Wahl eine wichtige Hürde am Weg zur Überwindung des Franquismus gemeistert war, war die Anerkennung des Ergebnisses durch die seit 1939 existierende Exil-Regierung und die Selbstauflösung dieser. Die baskische Politikerin Isidora Dolores Ibárruri, 1921 Gründungsmitglied der PCE, während des Bürgerkriegs eine der Führer der Republikaner, berühmt für die Parole „¡No Pasarán!“ („Kein Durchkommen“) während der Schlacht von Madrid, im Exil lange Generalsekretärin der PCE, wurde für Asturien in die Cortes gewählt – wie schon 1936, zur Zeit der Zweiten Republik.

Eine UCD-Minderheitsregierung wurde gebildet, wieder unter Suarez. Ein Verteidigungsministerium ersetzte nun die drei bisherige Ministerien für die Waffengattungen. Minister wurde General Manuel Gutiérrez Mellado, welcher während des Bürgerkriegs auf der franquistischen Seite den Geheimdienst geleitet hatte, nun aber als liberaler Miliär galt. In der ersten Suarez-Regierung (1976/77) hatte er nach einigen Monaten De Santiago als Minister ohne Ressort (aber für Verteidigung zuständig) und Vizepremier (eine Art Proto-Verteidigungsminister) ersetzt. Er blieb weiter Vizepremier. Die PSOE rückte weiter in die Mitte (Parteitag 1979), die PCE in Richtung Eurokommunismus.

Die Suarez-Regierung schloss im Oktober 1977, nach der Wahl, mit der Opposition den „Pakt von Moncloa“ (nach dem Sitz des Premiers benannt), v.a. wirtschaftliche Umstrukturierungen betreffend. Bezüglich der zu Ende gehenden Diktatur wurde ein ungeschriebener „Pakt des Vergessens“ (Pacto de Olvido) unter der politischen Elite aus den verschiedenen Lagern Teil des Übergangs. Möglicherweise war das ein Preis den die Demokraten zahlen mussten, für Stabilität und Konsens. Im Oktober 1977 wurde der Pakt in ein Amnestiegesetz „gegossen“, dem zufolge keine Politiker oder Militärs des Regimes vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden können. Auch spätere Versuche, v.a. von Richter Garzon, scheiterten daran.

Eine positive Interpretation des Paktes ist, dass das Regime, das über den Tod seines Führers hinaus bestehen wollte, dem Vergessen anheim gestellt wird. In Südafrika gab es nach dem Ende der Apartheid die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) zur Aufarbeitung, die, wie auch im Namen zum Ausdruck kommt, hauptsächlich Klarheit schaffen sollte (etwa über das Schicksal „Verschwundener“) sowie Taten, Opfer und Täter benennen und (u.a.) damit die Grundlage für eine Versöhnung herstellen. Die Gesellschaft nicht zu spalten und Wunden nicht aufzureissen, war auch hier oberste Prämisse – und auch hier umstritten.

Die neue Verfassung wurde hauptsächlich von einem Ausschuss der Cortes augearbeitet. Der fertige Entwurf wurde 1978 von der Cortes angenommen, von einem Teil der Alianza Popular und radikalen Basken abgelehnt. In Südafrika waren es auch entgegengesetzte Pole des politischen Spektrums, wie die weisse rechte Konservative Partei und der schwarze linke PAC, die den Wandel ablehnten. Nachdem die neue Verfassung auch in einem Referendum bestätigt wurde, trat sie in Kraft. Damit war der formale Teil der Transition erledigt, endete die älteste Diktatur Europas. Die Todesstrafe wurde abgeschafft (vor Frankreich!). Regionen (Autonome Gemeinschaften, Comunidades Autónomas) wurden aufgewertet.

Anfang des 18. Jahrhunderts waren unter den ersten Bourbonen am spanischen Thron die nach der Entstehung Spaniens 1469 fortbestandenen Eigenständigkeiten der Einzelreiche abgeschafft und das Land unter Zugrundelegung des kastilischen Rechtssystems als Zentralstaat organisiert worden. 1822 und 1833 wurden durch Verwaltungsreformen Provinzen geschaffen sowie „historische Regionen“, die aber keine Selbstverwaltung bekamen. Während der Zweiten Republik (1931–1939) traten Autonomiestatute für Katalonien (1932) und das Baskenland (1936) in Kraft, diese Regionen bekamen zu wählende Parlamente und darauf zu bildende Regierungen. Das Autonomiestatut für Galizien trat wegen des Ausbruchs des Bürgerkriegs nicht mehr in Kraft. Unter Franco wurden neben den Provinzen (und historischen Regionen in der Ebene darüber) 11 Militärregionen unter Generalkapitänen geschaffen, um regionalen Aufständen vorzubeugen; die beiden Militärregionen der Archipeln Balearen und Kanaren hatten eine Sonderstellung gegenüber den 9 anderen. In Katalonien und Baskenland war die Diktatur besonders schlimm.

Durch die Verfassung von 1978 bekamen die Regionen nun, teilweise erstmals, föderale Institutionen und Rechte. Manche früher (Katalonien, Baskenland, wo bei den nationalen Wahlen 1977 und 1979 Regionalparteien ca. 1/3 Stimmen bekamen), die anderen später. In Katalonien und dem Baskenland wurden vor den ersten Regionalwahlen 1980 Regierungen eingesetzt. In Katalonien wurde sie von ERC-Mitbegründer Tarradellas geleitet, der während des Bürgerkriegs bzw den letzten Jahren der Republik schon in der katalanischen Regierung gewirkt hatte, und dann an der Spitze der katalanischen Exilregierung gewesen war. Die Regionalsprachen wurden wiederbelebt. Der Themenkomplex Föderalismus-Nationalitäten-Regionalismus-Separatismus war eine Herausforderung für die junge Demokratie, zumal die ETA weiter Attentate verübte (die Polizei-Aktionen hervorriefen) und für die Unabhängigkeit des Baskenlands kämpfte. Die kanarische Unabhängigkeits-Bewegung der Guanchen flaute dagegen mit dem Ende der zentralistischen Diktatur und Gewährung der Autonomie ab; jene der Katalanen war erst im Entstehen. Spanier in den verschiedenen Regionen haben eben verschiedene historische Erfahrungen gemacht. Die Basken blieben ein Stachel im Fleisch Spaniens, oder umgekehrt. Der rechte Flügel der UCD war gegen (zuviel) Föderalismus, die Bildung der Regionen war ein Streitpunkt in der Transicion.

1979 wurde das Parlament auf Grundlage der neuen Verfassung neu gewählt, es gab ein ähnliches Ergebnis wie 2 Jahre zuvor. Die sozialistische PSP hatte sich der PSOE angeschlossen, die etwas zulegte. Blas Piñars Fuerza Nueva trat wieder mit den Karlisten der Comunión Tradicionalista und anderen Rechten (als Union Nacional) an, gewann diesmal einen Sitz, den Pinar selbst einnahm. Die UCD regierte bis 1982 weiter. Suarez liess nach seiner Wiederwahl im Parlament keine Diskussion seiner Regierungserklärung zu, entgegen seinen demokratischen Verdiensten. Rodríguez Sahagún wurde der erste Zivilist als Verteidigungsminister, führte einige Reformen durch, zB wurde die Militär-Gerichtsbarkeit strikt für Fälle aus dem Umfeld des Militärs eingeschränkt (was bald zur Anwendung kommen sollte). In dem Jahr fanden auch die ersten Kommunalwahlen nach Franco statt, die UCD bekam auch in den Gemeinderäten die meisten Sitze, in Madrid siegte Tierno Galvan von der PSOE.

Die Franquisten, die dabei waren, ihre Macht zu verlieren, bäumten sich noch ein letztes Mal auf, am 23. Februar 1981 („23-F“). Premier Suarez war zurückgetreten, hauptsächlich aufgrund von Streit in seiner Partei. Leopoldo Calvo Sotelo, der schon Suarez‘ Nachfolger als UCD-Chef geworden war, erhielt im ersten Anlauf zur Wahl des neuen Premiers im Unterhaus am 20. Februar nicht die Mehrheit. Am 23. Februar war der zweite Wahlgang im Gange, als 200 mit Bussen angereiste Mitglieder der paramilitärischen Polizeitruppe Guardia Civil (lackbehütete Männer, denen der Dichter Federico Garcia Lorca schon vor der Diktatur auch „Seelen aus Lack“ zuschrieb) unter Antonio Tejero den Abgeordnetenkongress im Palacio de las Cortes stürmten. Für etwa 18 Stunden waren sie in der Gewalt der Bewaffneten: die 350 Abgeordneten (darunter der spätere Premierminister Felipe Gonzalez, der spätere NATO-Generalsekretär Javier Solana und der spätere EU-Kommissar Joaquin Almunia in den Reihen der Sozialisten, Kommunisten-Chef Carrillo, Fraga von der AP, der Chef der Baskenpartei PNV Arzalluz sowie der Rechtsextremist Pinar – möglicherweise der Einzige im Saal der mit den Putschisten sympathisierte), die Minister (u.a. der zurückgetretene Premier Suarez, der künftige Calvo), Parlamentspräsident Lavilla und das Personal.

Als der Ex-General und -Verteidigungsminister Gutierrez (1979-81 wieder Vize-Premier ohne Ressort) Widerstand leisten wollte (Suarez kam ihm dabei zu Hilfe), schoss Tejero mit seiner Maschinenpistole in die Luft. Die Ereignisse wurden live im Radio übertragen sowie für das TV aufgezeichnet (nachher gesendet). Ein Teil der Polizisten hielt draussen Wache. Einige Abgeordnete wurden weggebracht und getrennt gefangen gehalten. Tejero hatte schon 1978 einen Putschplan ausgeheckt, nach dem Lokal in dem sich die Verschwörer getroffen hatten, „Galaxia“ genannt, dafür wurde er 1980 verurteilt, zu ein paar Monaten Gefängnis. Der Putschversuch 81 kam zu Zeitpunkt eines drohenden Zerfalls der UCD, Regierungsumbildungen, Kampf der und gegen die ETA, Arbeitskämpfen. Der Chef der Militärregion um Valencia, Del Bosch, unterstützte die Sache, liess Panzer auffahren, demonstrierte Macht, auch der Generalstabs-Offizier Armada. Sieben der restlichen 10 Regionalkommandanten stellten sich weder hinter noch gegen die Putschisten, warteten ab oder sympathisierten insgeheim.

Das imperiale Selbstverständnis von Teilen von Militär und Polizei, die während des Übergangs bis dahin so gut wie nie interveniert hatten, kam nun doch zum Vorschein. Die Sache war nicht gegen den König gerichtet, sondern gegen die Demokratie, bezüglich Juan Carlos hatten manche noch immer die Erwartung, dass er den autoritären Staat Francos fortführen würde. Viele der nicht im Parlament anwesende Politiker und Funktionsträger tauchten unter; der König stand in engem Kontakt mit den Staatssekretären der Ministerien (v. a. Innen-Staatssekretär Laina war wichtig) und dem Generalstab des Militärs. Der Guardia Civil-Chef kam zum Parlament und versuchte erfolglos, den Abzug zu erreichen. Tausende Spanier fuhren, das Schlimmste (einen Militärputsch oder einen Bürgerkrieg) fürchtend, Richtung Frankreich oder Portugal. Entscheidend war die nächtliche Rede des Königs über das Fernsehen, in seiner Generalkapitäns-Uniform, in der er klar gegen den Putsch Stellung nahm. Am 24. Februar gab zunächst Del Bosch auf, die Tejero-Gruppe liess dann nach Verhandlungen zuerst die weiblichen, dann die männliche Politiker frei, zog zu Mittag ab, wurde kurz danach verhaftet.

Drei Tage später wurde die Wahl Calvo Sotelos nachgeholt. 1982 wurden 30 von 300 Beteiligten von einem Militärgericht verurteilt, die oberen Ränge von Militär und Polizei; Dienstgrade vom Leutnant abwärts wurden nicht zur Verantwortung gezogen, da man davon ausging dass sie nur Befehle ausgeführt hatten, keine Eigeninitiative entwickelt. Der einzige verurteilte/beteiligte Zivilist war der franquistische Gewerkschafter Carres. Die Abwendung dieses Militärputsches oder der Machtwechsel 1982 nach dem PSOE-Wahlsieg markieren am ehesten den Abschluss der Transicion. Wie symbolhaft: Suarez ist dabei abzutreten, die (Post-) Franquisten versuchen die Herausforderung der Demokratie, scheitern. König Juan Carlos spielte am kritischsten Punkt der Transicion wieder eine Schlüsselrolle, konnte sich bei Vielen erst hier ganz von von seinem Image bzw Ursprung als Franco-Zögling emanzipieren.

Es gibt einige Alternativtheorien und einige unklare Punkte zu 23-F. Und, die Sache hätte unter Umständen auch anders ausgehen können. Der Grossteil von Militär, Polizei und Geheimdienst agierte tatsächlich als „Sicherheitskräfte“, aber es gab wohl einen Anteil an heimlichen Sympathisanten des Staatsstreichs sowie an Unentschiedenen bzw Indifferenten. Wenn Parteien und Gewerkschaften am Vormittag des 24. Februar Massendemonstrationen veranstaltet hätten, hätten diese einen Vorwand für ein Eingreifen haben können. Am brisantesten wäre ein Eingreifen der División Brunete vor den Toren Madrids gewesen, dieses hätte alles ändern können. Der ehemalige Kommandant dieser Division, General Torres, inzwischen anderswo tätig, versuchte damals, sie zum Einmarsch nach Madrid zu bewegen, wo sie strategische Punkte wie die Rundfunkanstalt unter Kontrolle bringen sollte. Dies wurde von ihrem aktuellen Chef Juste sowie dem Regionalkommandant von Madrid verhindert. Torres hatte aber Sympathisanten in der Division, in verschiedenen Rängen. So fuhr „nur“ ein Teil der Militärpolizei der Division zum Kongresspalast und schloss sich den Geiselnehmern an. Soldaten einer anderen Einheit haben daneben die Sendezentrale des Staatsrundfunks RTVE am Abend des 23. kurz unter ihre Kontrolle gebracht. Nachdem diese abgezogen waren, begaben sich zwei Aufnahmeteams des Fernsehens zum Zarzuela-Palast, um dort die Erklärung des Königs aufzuzeichnen – der Wendepunkt bei dem Putschversuch.

Und, im Juli 1936, war die Armee (das Offizierskorps und die Soldaten der Einheiten, die sie befehligten) und dann die Bevölkerung in zwei Lager zerfallen, nachdem sich einige Generäle erhoben hatten. Aus einem geplanten Militärputsch wurde damals ein Bürgerkrieg. Einer der Auslöser für den „Aufstand“ war damals übrigens der Mord an dem Monarchisten-Führer José Calvo Sotelo, Onkel von Leopoldo, der aber 1981 auf der Seite der Demokraten war. Ein absurdes (?) Szenario: Eine Fussball-WM 1982 in einem Spanien unter der Herrschaft des Militärs, was mit Havelange, Samaranch, Reagan, Neuberger durchaus vorstellbar wäre, siehe Argentinien vier Jahre zuvor; mit diesem König allerdings schwer. In Südafrika war der Mord an Chris Hani 1993 jenes Ereignis, das die Demokratisierung am stärksten gefährdete.

Die vorgezogenen Neuwahlen mit der absoluten Mehrheit der PSOE 1982 brachten den Regierungswechsel zu Felipe Gonzalez, welcher auch oft als Abschluss der Transición gesehen wird. Wenn jene, die während der Diktatur von jeder Mitgestaltung ausgeschlossen waren, die Möglichkeit dazu bekommen, hat sich wirklich etwas verändert. Und, König Juan Carlos musste danach nicht mehr in die Politik eingreifen, konnte sein Amt wie das eines repräsentativen Staatsoberhaupts führen. Das spanische Heer bekam mit dem NATO-Beitritt in diesem Jahr einen anderen „Rahmen“. Der neue Verteidigungsminister Serra, ein katalanischer Zivilist, begann ausserdem mit Reformen der Institution: Die militärische „Vormundschaft“ über zivile Aktivitäten wie die Zivilluftfahrt und -schifffahrt wurde beendet. Die Zahl der Militärregionen wurde verkleinert. Zivilisten kamen verstärkt in hohe Positionen des Verteidigungsministeriums. Der EG-Beitritt 1986 (zehn Jahre davor von Suarez beantragt) ist wohl der späteste Zeitpunkt, an dem man den Abschluss des Übergangs zur Demokratie in Spanien nach Franco ansetzen kann – der früheste mögliche ist die neue Verfassung 1978. Der Terrorismus der ETA (die auch mehrmals versuchte, den König zu ermorden) blieb eine Bedrohung für die Demokratie, zumal im Zuge seiner Bekämpfung undemokratische Praktiken gefördert bzw möglich wurden.

Im Schatten von drei weiteren PSOE-Wahlsiegen ging ein grosser Teil der UCD in der AP auf, die dann zur Partido Popular wurde. Diese deckte auch den Bedarf im rechten Spektrum so weit ab, dass die Fuerza Nueva oder eine andere pro-franquistische, rechtsextreme Partei keine Chance hat(te). José Maria Aznar, der 1996 Nachfolger von Gonzalez als Premier wurde, war in einer falangistischen Studentenorganisation aktiv gewesen, dann in der AP. Der ehemalige Steuerinspektor verlieh als Premier dem hochrangigen Funktionär der franquistischen politischen Polizei Brigada Político-Social, Gestapo-Zuarbeiter und Folterer von „Terrorverdächtigen“ (v.a. Basken), Manzanas, posthum einen Orden.

Es gibt, unabhängig von der Tatsache, dass sein Vater und Grossvater franquistische Journalisten und Staatsfunktionäre waren, weitere „Revisionismen“ dieser Art von Aznar. Viele Inhalte seiner Politik zeigen, was „rechts“ heute eigentlich bedeutet, nicht nur im spanischen Zusammenhang. 2005 wurden unter der PSOE-Regierung unter Zapatero zwei verbliebene Franco-Statuen in Madrid und Guadalajara entfernt. Manche Strassen und Plätze tragen noch immer den Namen des Diktators. Das Amnestiegesetz von 1977 verhindert eine juristische Aufarbeitung der Franco-Diktatur, es gab keine Verurteilungen von franquistischen Führern oder Aus-Führern (Angehörigen von Unterdrückungskräften). Aber auch eine politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung hat auch 40 Jahre nach ihrem Ende wenig stattgefunden.

Viele Franquisten wurden Demokraten, halfen bei Übergang mit, angefangen mit Adolfo Suarez. In der Spät-Zeit des Franquismus hatte sich eine Tácitos genannte Gruppe von Intellektuellen gebildet, die innerhalb des Rahmens des Systems agierten und für einen Übergang zur Demokratie eintraten, dazu gehörten Calvo, Cabanillas oder Lavilla, die auch während der Transicion aktiv waren. Leopoldo Calvo hatte mit anderen Reformern eine „Firma“ gegründet, da politische Vereinigungen neben der Staatspartei verboten waren. Jener Politiker aus der Zeit des Spät-Franquismus, der am längsten in der Demokratie politisch aktiv war, war Fraga, der lange Regierungschef in Galizien war. Jene Franquisten, die keine Demokratie wollten, sammelten sich hauptsächlich rechts von Fragas AP (die dann in der Partido Popular aufging), von wo aber seit Anfang der 1980er keiner Gruppierung mehr der Sprung ins Parlament gelang.

Die Auflösung der UCD 1983 korrespondiert mit der Umwandlung der Nationalen Partei Südafrikas nach der „Pretoriastroika“ 1996 zur NNP. Während diese in der Bedeutungslosigkeit verschwand, wanderte der grösste Teil der Funktionäre und Wähler zur Democratic Party. Einige Wenige, die schon in der Spätzeit der Apartheid von Bedeutung waren, waren auch dort noch aktiv, etwa „Kraai“ van Niekerk. Borbon und Mandela hatten beide eine wichtige, „symbolische“ Rolle bei der Demokratisierung, agierten mehr über Worte und Gesten als Taten bzw mit realer Macht. Der Übergang an sich fand in Südafrika eigentlich unter De Klerk als Präsident statt (1989-94), wenn er auch in dieser Phase die Kontrolle über den Transformationsprozess an Mandela verlor. De Klerk ist in gewisser Hinsicht die Entsprechung zu Suarez, als beide aus dem alten Regime kamen und die „technische“ Arbeit des Übergangs vollbrachten. In Spanien gab es kein Äquivalent zur Rugby-WM 95, die der Präsident Südafrikas zur Versöhnung nutzte; fand diese in Spanien eher im Verborgenen als im Öffentlichen statt?

Die Entstehung, der Charakter und das Ende der Diktatur in Portugal war ähnlich und doch anders: Sie entstand früher, die Monarchie war schon länger zuvor abgeschafft, sie war weniger repressiv. Der Estado Novo war, nicht zuletzt aufgrund seiner traditionellen Allianz mit GB, noch näher an den Alliierten (und weiter von den Achsenmächten entfernt, nicht nur geografisch). Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Salazar-Regime ein wichtiger Verbündeter des Franco-Regimes. Teile des Militärs brachten das Regime zu Fall. Die Kolonien waren wie erwähnt wichtiger als für Spanien, wurden brutaler zu halten versucht. Aber das portugiesische Regime war weniger rassistisch (das ist ein generelles portugiesisches Charakteristikum), die Leute in bzw aus den Kolonien integrierter. Dass ein Schlüsselspieler des Fussball-Nationalteams ein „Farbiger“ aus den Kolonien in Afrika war, wie Eusebio (Ferreira) aus Mocambique in den 1960ern in Portugal, war in Spanien undenkbar.

Mit Eduardo Nascimento vertrat 1967 in Wien auch ein Einwanderer aus Angola Portugal beim Song Contest, einer der ersten „Schwarzen“ bei diesem Bewerb überhaupt. Infolge des Umsturzes kam es 1975 zur Entkolonialisierung, der Grossteil der Siedler kehrte ins Mutterland zurück. Auch hier wurde das Ausser-Europäische aufgegeben und das Land wurde wieder europäischer. Im selben Jahr gab es eine freie Wahl und den Beginn der Ausarbeitung der neuen Verfassung. Als Spanien 1976 mit der Demokratisierung begann (Ablöse Arias‘), war sie in Portugal schon praktisch abgeschlossen. Der Linke Soares nahm hier am ehesten die Rolle von Suarez ein, dessen UCD entsprach aber die PDS.

Material:

Walther L. Bernecker, Carlos Collado Seidel (Hg.): Spanien nach Franco. Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie 1975-1982 (1993)

Paul Preston: The Triumph of Democracy in Spain (1986, englisch)

Javier Tusell: Spain: From Dictatorship to Democracy. 1939 to the present (2011, engl.; spanisch Dictadura franquista y democracia, 1939–2004; 2005)

Santos Juliá, José Carlos Mainer: El aprendizaje de la libertad, la cultura de la transición (2000, spanisch)

Alvaro Soto, Javier Tusell (Hg.): Historia de la transición 1975-1986 (2007, spanisch)

Laura Desfor Edles: Symbol and Ritual in the New Spain. The Transition to Democracy After Franco (1998, englisch)

Paul Preston: Juan Carlos. A People’s King (2004, engl.)

Javier Tusell: La transición española (1995, span.)

Cristina Palomares: The Quest for Survival After Franco. Moderate Francoism and the Slow Journey to the Polls, 1964-1977 (engl.)

Joan Ramon Resina: Disremembering The Dictatorship: The Politics of Memory in the Spanish Transition to Democracy (2000, engl.)

Gregorio Morán: El precio de la transición (1991, 2015, span.)

Miquel López Crespí: No era això. Memòria política de la transició (2001, katalanisch)

Javier Tusell: Juan Carlos I. La restauración de la monarquía (1995, span.)

Walther L. Bernecker, Sören Brinkmann: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006 (3. Auflage 2006)

Vicenç Navarro: Bienestar insuficiente, democracia incompleta. Sobre lo que no se habla en nuestro paí (2002, span.)

Walther L. Bernecker: Spaniens Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Deutungen, Revisionen, Vergangenheitsaufarbeitung. In VfZ 52 (2004; online: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2004_4.pdf, S 693)

Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks. Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde (2011; Im 2009 erschienenen spanischen Original Anatomia de un instante). Ein nichtfiktionales, historisches Essay über den Staatsstreich-Versuch vom 23. Februar 1981 anhand einer Beschreibung der Protagonisten der Ereignisse

Paul Preston: The Last Stalinist. The Life of Santiago Carrillo (2014, engl.)

Rafael Chirbes: Der Fall von Madrid (2000). Historischer Roman, über den Todestag Francos. Ist Teil einer Trilogie, „Der lange Marsch“ spielt vor dem Hintergrund der Franco-Herrschaft, „Alte Freunde“ behandelt die Zeit der Transiscion anhand von fiktiven Spaniern

Javier Tusell: Radiografía de un golpe de Estado (1987, span.)

Josep Fontana: España bajo el franquismo (2000, spanisch)

Stanley G. Payne: The Franco Regime, 1936–1975 (2011, engl.)

Paul Preston: Franco. A Biography (1993, engl.)

Paul Preston: The Spanish Civil War. Reaction, Revolution, Revenge (2006, engl.)

Javier Paredes (Hg.): Historia contemporánea de España (siglo XX) (2000; spanisch)

Peer Schmidt (Hg.): Kleine Geschichte Spaniens (2002)

Ulrike Capdepon: Der öffentliche Umgang mit der Franco-Diktatur (BPB)

http://www.rtve.es/noticias/23f/ (Über den Putschversuch, auf Spanisch)

José García Caneiro, Eduardo Arranz Bueso: The Military Transition to Democracy in Spain: Looking for a New Democratic Soldier (englisch)

http://lareplica.es/juicio-y-mito-de-la-transicion/ (Artikel, auf Spanisch)

www.youtube.com/watch?v=1RRwRSGI79M Proklamation von Juan Carlos zum König und seine Rede in den Cortes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutschland und Griechenland

Der deutsche bzw westeuropäische Blick auf Griechenland änderte sich durch dessen Staatsschuldenkrise (wieder). Die Stimmung zwischen den beiden „Seiten“ ist gereizt, auf so gut wie allen Ebenen, nicht nur zwischen den Politikern. Nikolaus Blome in „Bild“: „Tretet endlich aus, ihr Griechen“. Sarrazin schrieb in seinem Folge-Buch zu jenem über das „Abschaffen“ Deutschlands, in dem es über den Euro geht, dagegen arrogant-verächtlich über die Griechen, kritisierte die deutsche „Euro-Hilfe“ als vom schlechten Gewissen wegen des Holocausts motiviert. Günter Grass aber schrieb in einem seiner letzten Gedichte, Europa stelle Griechenland, wo die europäische Idee einst geboren wurde, „als Schuldner nackt an den Pranger“, beraube es seiner Rechte und verurteile es zu Armut. Zugleich zeige Grass Verständnis für die Wut der Griechen.

Die westliche Griechenland-Wahrnehmung schwankt zwischen „Retter“ bzw „Beschützer“ des „Abendlands“ und der Enttäuschung dieser Erwartung, aus der heraus Griechenland dessen „Gefährder“ bzw „Zerstörer“ wird. In den ca 10 Jahren zwischen September 2001 dem Beginn ihrer Finanzkrise überwog klar ersteres Bild. Das positive Gegenstück zu den Türken oder aber deren „Geschwister“. „Tapferes christliches Grenzvolk“ oder aber „südländische Kaffeehausmentalität“ (Broder).

Die Sichtweise auf Ukrainer lässt grüssen. Auch die Serben haben es in den letzten Jahren bei manchen Seiten (von Breivik bis Bozic) zu Abendland-Rettern gebracht. Wie die Griechen und die Ukrainer kann man auch die Serben nicht ohne ihr Verhältnis zu Russland sehen/verstehen. Die Selbst-Defintion Deutschlands wird in letzten Jahren gerne über „christlich-jüdische“ Kultur gemacht, bei afrikanischen Flüchtlingen, christlichen Palästinensern oder auch Griechen zeigen sich öfters deren Grenzen, zeigt sich eine Ablehnung in den Mustern der Islamophobie. Kurden werden jetzt von rechten und linken Kulturkämpfern umschmeichelt, wobei an ihnen alles, was sie schon an den Griechen nicht aushalten, noch stärker da ist…

Es war kein Zufall dass sich unter den Opfern der NSU-Morde neben acht Türken (bzw türkischstämmigen Deutschen) ein Grieche befand. Nach dem Mord an Theodoros Boulgarides 2005 in München schrieb die „tz“: „Türken-Mafia schlug wieder zu“. Seine Hinterbliebenen wurden monatelang durch die ermittelnden Behörden krimineller Machenschaften verdächtigt.

Dass die „Antisemitismus“-Keule ein Utensil deutschen Chauvinismuses geworden ist, zeigt sich etwa, wenn der CDU-Politiker Laschet damit grundlos im Schulden-/Sparstreit die griechische Regierung attackiert; mit den Vorwürfen der „Homophobie“ und mit Frauenrechten wird ähnlich hantiert. Dann lieber ehrliche Altrechte, die zu Intoleranz stehen, als neudeutscher Toleranzchauvinismus. Für Missfelder ist „Antisemitismus“-Inquisition bei Kritik an israelischer Politik eine Möglichkeit zur Profilierung v.a. gegen Linke, ist eingebettet in Verteidigung von NSA, Rüstungsexporten oder Saudi-Arabien.

Der Philo-Zionismus ist eine Art Ersatz für Deutsch-Nationalismus bzw eine Form davon geworden. Von rechts bis links, wobei die „Anti“deutschen ohnehin früher oder später bei „Springer“ landen. Er besorgt die politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit (die „Unnützen“ bei Sarrazin sind in der Regel Moslems, Juden beurteilt er positiv), die NS-Bewältigung, das Nationalkonzept für die Berliner Republik. Bei der “Bild“-„Aktion“ gegen Antisemitismus“ während des Gaza-Massakers 2014, wo von Gauck bis Giordano Worte gesammelt wurden, versuchten nur wenige eine universelle, generelle Verdammung von Rassismus, es überwog ein „Ausspielen“ von „Antisemitismus“ gegen Rassismus. Aber es gibt natürlich auch hier Stolpersteine; die Philhellenen und ihre Enttäuschungen (s. u.) erinnern an deutsche Philozionisten, die auf Mizrahis oder orthodox-religiöse Juden treffen.

„Du bist ein typischer Grieche, der wie alle Griechen die Geschichte nicht kennt ! Ja ,ein hoffnungsloser Fall…Dann wird es aber eng für die griechischen Geldverteiler. Wer hat eben noch die gerade Entlassenen wieder eingestellt? Oh Mann, dann müssen sie wirklich und ehrlich arbeiten. Das gibt Probleme. Das Osmanische Reich hat den Geist dieses Landes gewaltig vergiftet…wir brauchen keine Parasiten , also mach `dich hier vom Acker…“

(Kommentare unter Yahoo-Artikeln zum Thema Griechenland)

Was natürlich nicht unter den Tisch fallen darf: Griechenland hat gewissermaßen über seine Verhältnisse gelebt. Die Eisenbahn-Gesellschaft, liest man, hatte mehr Angestellte als Fahrgäste. Oder, laut griechischem Gesundheitsministerium haben sich zehntausende Griechen jahrelang als behindert ausgegeben und sich so staatliche Zuschüsse erschlichen. Auf Zakynthos etwa waren angeblich 700 Menschen blind, 10% davon waren es tatsächlich, wie eine Kontrolle im Rahmen der Sparprogramme ergab. Da sind dann aber auch jene Reichen, die auf verschiedenen Wegen (etwa Verlegung ihres Hauptwohn- oder Firmensitzes ins Ausland) das Zahlen von Steuern umgehen, weil sie der Meinung sind, dass der Staat damit ohnehin schlecht wirtschaftet. Während Leute am unteren Ende der sozialen „Hierarchie“ jetzt verelenden. Dann gibt es auch Probleme ganz anderer Art: die Brandstiftung von Wäldern in der Umgebung Athens durch (bzw im Auftrag von) Bodenspekulanten zerstört die natürliche Kühlung der Stadt, was weitere aus Stadt hinaustreibt, Bedarf nach weiterem Bauland entsteht…

Der Mythos Griechenlands von der „Verteidigung des Abendlands“ bezieht sich auf die antiken Kriege mit Persien (das natürlich noch kein islamisiertes Reich war) sowie die Auseinandersetzungen mit den türkischen Osmanen, besonders am Beginn von deren Herrschaft über Griechen (Fall von Byzanz) und an deren Ende (die griechischen Unabhängigkeitskriege 1821 bis 1922). Der amerikanische Militärhistoriker Victor Hanson trug zur Legenden-Bildung um die Schlachten von den Thermopylen und Salamis bei. Den Film „300“ und seine simplifizierende Botschaft bezüglich „Westen“ und „Orient“ verteidigend schrieb er:

„In universal terms, a small, free people had willingly outfought huge numbers of imperial subjects who advanced under the lash. More specifically, the Western idea that soldiers themselves decide where, how, and against whom they will fight was contrasted against the Eastern notion of despotism and monarchy—freedom proving the stronger idea as the more courageous fighting of the Greeks at Thermopylae, and their later victories at Salamis and Plataea attested.“

Nun, Hanson ist ein Bewunderer von Churchill und Bush, Befürworter einer militärischen Konfrontation mit Iran, Verteidiger von Israel. Eine Linie von den antiken Griechen zu amerikanischem Imperialismus zieht er gerne, bzw er rechtfertigt zweiteren damit. Rassisch argumentieren (wie Sarrazin) tut er nicht. 2001 kam von ihm „Carnage and Culture“ (Why the West Has Won) heraus, in dem er eine mit den antiken Griechen beginnende westliche Zivilisation behauptet, deren militärische Überlegenheit aus einer zivilisatorischen käme. Die Kalte-Krieg-Argumentation zeitlich ausgedehnt, nach hinten und vorne, wie so oft in diesen Zeiten. Übrigens, in „300“ wurde der spartanische König Leonidas vom Schotten Gerard Butler dargestellt, kein Grieche war unter den Hauptdarstellern und wichtigeren Nebendarstellern des Films, der Perser Xerxes (Hsyarsa) wurde von einem Brasilianer verkörpert

„Europa“ ist ein griechisches Wort, der Westen hat viel Kultur und Gedankengut von den antiken Griechen übernommen, zT über die Römer. Die griechische Hochkultur war die erste in Europa. Die Griechen haben ihrerseits einiges aus Asien oder Afrika übernommen. Mesopotamische und ägyptische Astrologie kam etwa durch die Griechen nach Europa, war die Grundlage für die heutige westliche. Oder das Wort „Magie“, das aus dem Alt-Persischen über das Alt-Griechische in europäische Sprachen einging. a² + b² = c² – das wusste man in Babylon schon Jahrhunderte vor der Geburt von Pythagoras von Samos. Dem griechischen Philosophen gelang allerdings als erster nachweislich der Beweis für diesen fundamentalen Satz der Geometrie.

In der späten Antike, dem frühen Mittelalter gab es wie zu Zeiten der griechischen Stadtstaaten und des achämenidischen Persiens wieder diese Konfrontation Griechenland-Persien, West gegen Ost, nun zwischen Byzanz und Sasaniden, wenn auch unter anderen religiösen Vorzeichen. Dazwischen lag die Eroberung Persiens unter den makedonischen Griechen. Und die römische Herrschaft über Griechenland, so etwas wie der erste Kontakt zwischen Westeuropa und den Griechen.

Eine wichtige Station in den griechisch-westeuropäischen Beziehungen ist der vierte Kreuzzug, der sich gegen Byzanz richtete, das so etwas wie ein griechisches Reich war. Wieder zeigte sich, das Griechenland aus westlicher Sicht Bastion gegen den Orient sein konnte, aber auch Teil von diesem. Papst Innozenz III. rief Ende des 12. Jahrhunderts zu dem Kreuzzug auf, zur Demonstration seiner weltlichen Macht. Er fand unter venezianischer Führung statt, sollte nach Ägypten gehen, das ein Machtzentrum der kurdischen Ayubiden war, die auch über Palästina herrschten. Zunächst wurde der Kriegszug nach Zara/Zadar umdirigiert, das die Venezianer von den Ungarn zurückerobern wollten.

Nachdem das gelungen war, überwinterten die Krieger dort, brachen dann nach Konstantinopel auf, der Hauptstadt des Byzantinischen Reichs: Die Venezianer hatten in Ägypten bzw den Ayubiden einen wichtigen Handelspartner, ein byzantinischer Prinz hatte sich an die Republik Venedig gewandt wegen eines Thronfolgestreits, schliesslich gabs auch die Aussicht auf eine „Union mit“ (Unterwerfung von) der orthodoxen Kirche und den Reichtum der Stadt. 1203/04 wurde sie eingenommen und geplündert. Ein „lateinisches Kaiserreich“ wurde gegründet, das im Laufe der nächsten Jahrzehnte von byzantinischen Nachfolgereichen wie jenem um Nicäa schrittweise zurückerobert wurde. Byzanz wurde dauerhaft geschwächt, gegenüber den Seldschuken, die damals schon tief in Kleinasien/Anatolien standen, die katholische und die orthodoxe Welt entfremdeten sich nachhaltig voneinander.

Es gibt unter Griechen wie unter „Westlern“ die Denkweise, alles Schlechte im modernen Griechenland den Jahrhunderten osmanischer Herrschaft anzulasten, vor allem das, was die Griechen mit „Rousfeti“ (ρουσφέτι) bezeichnen (ein Wort türkischer Herkunft…), also Misswirtschaft, Korruption, Vettern- bzw Klientelwirtschaft. Die Wahrheit ist wahrscheinlich etwas komplexer. War nicht das Byzantinische Reich schon ein „Nährboden“ dafür? Und, zumindest die griechische Oberschicht war an osmanischer Machtausübung beteiligt, etwa in den Donau-Fürstentümern (Walachei und Moldau).

Die Geschichte der Akropolis von Athen in osmanischer Zeit spiegelt auch griechisch-westeuropäische Beziehungen wieder. Im 17. Jahrhundert die Belagerung durch die Venezianer unter Morosini, der wider besseren Wissens um die Bedeutung der Bauten den Parthenon beschiessen liess. Die Explosion des dortigen türkischen Pulvermagazins beschädigte den Tempel schwer, ebenso umliegende Bauten. Bereits einige Jahre vorher war ein Pulvermagazin in den Propyläen vermutlich durch Blitzschlag explodiert. Die Zerstörung der Akropolis vollendete der britische Botschafter in Konstantinopel, Lord Elgin, der ab 1801 einen Grossteil des Skulpturenschmucks des Parthenon sowie eine Kore vom Erechtheion, Reliefs vom Niketempel, und andere Teile nach London brachte.

Für Westeuropa sind die antiken (vorchristlichen) Wurzeln Griechenlands seine eigenen, für die Griechen selbst (ausser für die Tourismus-Industrie) ist das byzantinische (orthodoxe) Erbe wichtiger. Das byzantinische Phokas-Kreuz wurde auch als Nationalflagge für das moderne, dritte Griechenland bestimmt. Griechen sahen in osmanischer Zeit Konstantinopel als ihr Zentrum an, Westeuropäer Athen als griechisches Zentrum. Das war auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts so, als sich die Griechen daran machten, sich ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich (das damals sehr schwach war) zu erkämpfen und westeuropäische Philhellenen diesen Kampf unterstützten. Die Griechen und nicht etwa Slawen wurden Bezugspunkt der Westeuropäer im nationalen Aufbegehren gegen die Osmanen im 19. Jh., u.a. wegen des antiken Erbes.

Die Unabhängigkeits-Bewegung wurde z. T. von Auslandsgriechen getragen, war z.T. russophil. Die Westmächte waren gegen eine Schwächung des Osmanischen Sultanats, weil sie davon eine Stärkung Russlands erwarteten – und stützten es deshalb auch. Rigas Velestinlis (Pheraios) wurde von den Österreichern wegen seiner Unabhängigkeits-Pläne aus seinem Exil an die Osmanen ausgeliefert, in Belgrad von diesen hingerichtet. Alexander Ypsilanti stammte aus einer Phanarioten-Familie, also Griechen in Istanbul/Konstantinopel, die unter den Osmanen einflussreich waren (sein Vater war etwa ein Wojwode in Moldau). Er leitete mit anderen Exil-Griechen den Hetairen-Bund, der den Aufstand 1821 (zunächst am Peloponnes) organisierte, starb in österreichischer Haft.

Viele Philhellenen, u.a. aus Deutschland, die damals als Freiwillige zu den Kämpfen mit Osmanen kamen, die auf den Aufstand folgten, waren enttäuscht von den modernen Griechen und ihrer Kultur, die sie als „zu orientalisch“ und den Türken zu ähnlich empfanden. Viele haben auch ihre eigenen nationalen und anti-absolutistischen Anliegen in das griechische Projekt hineinprojeziert. Der britische Autor George Byron starb während des griechischen Unabhängigkeitskriegs an einer Krankheit.

Nachdem der Aufstand der Griechen und der Philhellenen zusammengebrochen war, rettete westeuropäisches Eingreifen die griechische Unabhängigkeit (in einem Gebiet das hauptsächlich den Peloponnes umfasste), was wiederum ein Schachzug gegen die Russen war. Wellington und Metternich „verurteilten“ den Sieg von Navarino; Metternich verfasste unter Pseudonymen auch zwei griechenfeindliche Bücher. An der Spitze der Republik stand u. a. der prorussische Ioannis Kapodistrias. Grossbritannien, Frankreich, Russland einigten sich auf den bayerischen Prinzen Otto von Wittelsbach als König Griechenlands. Dessen Vater, der philhellenische bayerische König Ludwig I., änderte die Schreibweise des Namen „seines“ Landes auf die heutige, mit dem griechischen Ypsilon.

Mit Otto kamen 1832 einige Bayern nach Griechenland, an der Spitze Graf Armansperg, der bis zu Ottos Volljährigkeit dessen Regent war, dann sein Kanzler. Ludwig von Wittelsbach setzte von München aus eine absolute Monarchie durch. Die Briten verhinderten den Aufbau einer Flotte, wollten Griechenland klein halten. Otto blieb katholisch, heiratete eine protestantische Oldenburgerin, die Ehe blieb kinderlos. Die Verwestlichungs-Bemühungen ähnelten jenen unter deutsch-stämmigen Fürsten in Rumänien und Bulgarien Ende des 19. Jh. Von den Griechen wurde die Herrschaft zT als andere Fremdherrschaft empfunden. Die Griechen im „verbliebenen“ Osmanischen Reich sahen dieses Griechenland als ein Gebilde der „Franken“ (Westeuropäer) an. Athen blühte aber unter „bayerischer Herrschaft“ auf (Restauration Akropolis,…), wuchs nach Jahrhunderten von einem Dorf wieder zu einer Grossstadt. 1862 wurde Otto gestürzt, was gelang, da die Briten einverstanden waren.

Neuer König wurde der dänische Prinz Georg von Schleswig-Holstein-Sönderburg-Glücksburg. Eng mit dem britischen Königshaus verwandt, heiratete er eine Romanov(a), die Kinder wurden orthodox erzogen. In einer neuer Verfassung wurde vom königlichen Absolutismus abgerückt. Die Briten traten die Ionischen Inseln an Griechenland ab; behielten sich Zypern. In den folgenden Jahrzehnten wurde sukzessive der Anschluss der meisten osmanisch beherrschten, griechisch besiedelten Gebiete (Kreta, Thessalien, Makedonien,…) erkämpft (Enosis/Megali Idea). Auch wenn der Einfluss von Aussen auf die Könige geringer wurde, ihre ausländische Herkunft blieb an ihnen bis zum Ende der Monarchie als Makel haften.

Der österreichisch-bayerische Orientalist Jakob Fallmerayer spielt(e) eine wichtige Rolle in deutsch-griechischen Beziehungen, v.a. durch seine Thesen zur Ethnogenese der Griechen. Die antiken Griechen seien im Mittelalter, also in byzantinischer Zeit, „ausgestorben“ und durch hellenisierte Slawen und Albaner verdrängt worden, so Fallmerayer. Nach ihm hatte es im antiken Griechenland eine einheitliche hellenische Ethnie gegeben. Die Landnahme der Slawen am Balkan im Früh-Mittelalter hätte sich auch auf den Peloponnes erstreckt. Diese Thesen stellte er zu einer Zeit auf, als gerade in Deutschland die philhellenische Bewegung blühte – von dieser wurde er angefeindet. Später sprach er den kleinasiatischen Griechen des Schwarzen Meeres, eine Gegend die er bereist hat, eine griechische Kontinuität zu.

Aber auch sie entsprachen nicht seinem Idealbild eines gebildeten griechischen Byzantiners, waren ihm zu orientalisch. Seine Ansichten zum Russischen Reich änderten sich, er sah dieses u.a. als Rettung Europas vor Napoleon, später als Bedrohung für Westeuropa, und begrüsste das westeuropäische Eingreifen zugunsten der Osmanen gegen Russland im Krim-Krieg. Seine Neugriechen-These gilt insbesondere in ihrer Verallgemeinerung und Verabsolutierung als falsch. Fallmerayer gilt als einer der Begründer der Byzantinistik. Während der nazi-deutschen Besatzung Griechenlands wurde seine These herangezogen (instrumentalisiert), um den Widerspruch zwischen dem vorgeblich geschichtsbewussten Vorgehen (Bewunderung des Altgriechischen) und der Okkupationspolitik zu begründen.

Der Enosis-Kampf, der griechische Irredentismus, kam nach dem 1. Weltkrieg anstatt zu seiner Vollendung an seine Grenzen. Im Inneren schwelte damals ein Streit zwischen König Konstantin I. und Premierminister Eleftherios Venizelos, es ging um einen grundsätzlichen Machtkampf zwischen Königtum und gewählter Regierung, daneben um Meinungsverschiedenheiten über ein Engagement im grossen europäischen Krieg. Venizelos war pro-Entente, Glücksburg für Neutralität bzw die Mittelmächte; es gab einige Jahre eine monarchistische pro-deutsche Regierung in Athen und eine „venizelistische“ pro-britische in Thessaloniki. Nachdem Konstantin 1917 zugunsten seines Sohnes abgetreten war, kam es zu einer Einigung und dem Kriegs-Eintritt an Seite der Entente, zu Kämpfen mit bulgarischen Truppen. Nach der Niederlage des Osmanischen Reichs waren Griechen an der Einnahme von Ost-Thrakien, Konstantinopel/Istanbul und dem Gebiet um Smyrna/Izmir beteiligt.

Im Friedensvertrag von Sevres wurde Griechenland ein Teil Ost-Thrakiens und das Smyrna-Gebiet zugesprochen; das Gebiet um Konstantinopel sollte ent-militarisiert werden und ein Teil des Osmanischen Reichs bleiben. Zu diesem Zeitpunkt waren in Kleinasien/Anatolien bereits Kämpfe zwischen Griechen und Türken in Gange, der Griechisch-Türkische Krieg 1919-22, welcher zu Flucht und Vertreibung der griechischen Bevölkerung und dem Verlust der zugesprochenen Gebiete führte. Die opportunistische Politik der Westmächte setzte sich fort. Im Lausanne-Vertrag zwischen Griechenland und dem osmanischen Nachfolgestaat, Republik Türkei, wurde ein Bevölkerungsaustausch der Volksgruppe im jeweils anderen Staat (mit Ausnahmen) sowie die Grenzen festgelegt – für Griechenland standen damit die heutigen Grenzen fest, abgesehen vom Dodekanes der bis nach dem 2. Weltkrieg italienisch war.

In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg gab es, 1922, eine Zwangsanleihe in Griechenland, um die Inflation zu bekämpfen. Finanzminister Petros Protopapadakis ordnete an, dass die Banknoten in der Mitte zerschnitten werden. Die rechte Hälfte blieb Zahlungsmittel (zum halben Wert, womit die Geldmenge halbiert wurde) und die linke Hälfte musste zwangsweise gegen Staatsanleihen eingetauscht werden.

Bei der nazideutschen Besetzung Griechenlands im 2. Weltkrieg gab es 1941 auch eine Schlacht bei den Thermopylen (Thermopylai), gegen abziehende Briten, welche Griechenland zur Hilfe gekommen waren. Göring stellte in einer Rede dort Parallelen zur Antike her. Das Besatzungsregime in Griechenland durch die Achsenmächte Bulgarien, Italien und Deutschland wurde begleitet von wirtschaftlicher Ausbeutung. Griechenland musste nicht nur die Kosten der Besatzung tragen; die Besatzungsmächte zogen auch in großem Umfang Rohstoffe und Produkte aus Griechenland ab, was 1941/42 eine grosse Hungersnot zur Folge hatte.

Bei der sogenannten Zwangsanleihe geht es darum, dass Griechenland 1942 auferlegt wurde, diesem Abtransport, der formal verrechnet wurde, zuzustimmen. Während der König und Exilregierungen (u.a. unter Georgios Papandreou) nach Ägypten ausgewichen waren, amtierten in Athen Kollaborationsregierungen (die aus Abneigung gegenüber der kommunistischen Dominanz im Widerstand auch von manchen zentristischen Politikern unterstützt  wurden).

Die beiden bekanntesten Massaker an griechischen Zivilisten begingen deutsche Truppen in Distomo und Kalavryta. In beiden Fällen war die Tötung deutscher Besatzungssoldaten durch Widerstandskämpfer der äussere Anlass. Das rechtfertigte nach nazideutschem Kriegsrecht Sühnemaßnahmen. In Distomo, einem Dorf am Rande des Parnass-Gebirges in Mittelgriechenland, töteten Einheiten der Waffen-SS am 10. Juni 1944 mindestens 218 Zivilisten – ungefähr jeden neunten der rund 1800 Einwohner. In Kalavryta im Norden des Peloponnes erschossen Soldaten der 117. Jägerdivision am 13. Dezember 1943 mindestens 511 Zivilisten; weitere etwa 200 wurden in umliegenden Orten massakriert. Die größte Opferzahl bei einem deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland betraf keine einheimischen Zivilisten, sondern italienische Soldaten: Auf der ionischen Insel Kefalonia töteten abermals Soldaten der deutschen 1. Gebirgsdivision Mitte September 1943 bis zu 5200 Mitglieder der Division „Acqui“. Nach dem Seitenwechsel Italiens waren die vormaligen Verbündeten plötzlich zu Gegnern geworden. Es kam zu Gefechten, an deren Ende der Massenmord an entwaffneten Soldaten stand.

Nach Kriegs-Ende fand im Herbst 1945 in Paris auf Einladung der alliierten Siegermächte eine Reparationskonferenz statt, bei der Griechenland an Reparationen einen Gegenwert von etwa 25 Millionen Dollar erhielt, meist über Demontage von in Deutschland abgebauten Industrieanlagen. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde die Prüfung von Forderungen auf Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines förmlichen Friedensvertrages verschoben. Mit diesem Abkommen wurde nicht nur die Regelung der Besatzungskosten im engeren Sinn vertagt, sondern auch die Regelung von Krediten bzw. Clearingguthaben, die eine deutsche Schuld begründeten.

1960 schlossen die BR Deutschland und das Königreich Griechenland einen Vertrag über Entschädigungen von Griechen, die von nazideutschen Verfolgungsmaßnahmen betroffen waren (persönlich oder als Hinterbliebene), Griechenland erhielt Zahlungen in Höhe von 115 Millionen D-Mark. Die BRD schloss solche Wiedergutmachungs-„Global“abkommen damals mit elf westlichen Staaten ab. Die Parlamente der beiden Staaten stimmten dem Abkommen 1961 zu, das damit zu Gesetzen wurde.

Das Londoner Moratorium von 1953 wurde 1990 durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag zur Wiedervereinigung beendet. Nach Auffassung der deutschen Bundesregierung ergab sich daraus, dass die Reparationsfrage nach dem Willen der Vertragspartner nicht mehr geregelt werden sollte. Die Staaten der damaligen Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) – darunter Griechenland – hätten dem in der Charta von Paris zugestimmt. Dagegen wird von griechischer Seite eingewandt, Griechenland habe den Vertrag nur „zur Kenntnis“ genommen und die Entschädigungsfrage sei noch nicht geklärt.

Griechische Politiker und Hinterbliebenenverbände forderten aktuell Reparationszahlungen von Deutschland auch wegen der Zwangsanleihe von 1942. Nach griechischer Sicht ist juristisch noch nicht abschliessend geklärt, ob eine Rückzahlung der Zwangsanleihe unter die Reparationszahlungen zu rechnen ist (so sieht es Deutschland) oder nicht vielmehr zivilrechtlich als Kredit betrachtet werden muss. Die Tsipras-Regierung hat an Entschädigungszahlungen, den Zwangskredit miteingerechnet, von Deutschland 278,7 Milliarden Euro gefordert. Hinterbliebene von Opfern des Distomo-Massakers haben ab den späten 1990ern ausserdem eine eigene Entschädigung verlangt, was 2012 vom Internationalen Gerichtshof abgelehnt wurde. Teile der deutschen Linken anerkennen griechische Reparationsforderungen. Vizekanzler Gabriel nannte es „dumm“, Reparationsforderungen mit den Verhandlungen über Kredithilfen zu vermischen.

Max Merten war „Kriegsverwaltungsrat“ der nazideutschen Besatzungskräfte in Thessaloniki, wirkte als solcher an den Deportationen und Ermordungen von Juden aus der Stadt mit. In der BRD hatte sich Merten als Anwalt gut etabliert, engagierte sich in der Gesamtdeutschen Volkspartei. Bei einem Besuch in Griechenland 1957 wurde er festgenommen und 1959 wegen seiner Taten während der Besatzungszeit zu 25 Jahren Haft verurteilt. Die BRD engagierte sich für seine Freilassung, wie auch die deutsch-stämmige Ehefrau von König Paul, Friederike (aus dem Haus Hannover). So kam er nach nur einem halben Jahr Haft wieder frei; ein Ermittlungsverfahren gegen ihn in West-Deutschland wurde eingestellt.

Ein anderer Verantwortlichen für Besatzungsgräuel in Griechenland, Wilhelm Speidel, wurde in einem Nürnberger Nachfolgeprozess zunächst zu 20 Jahren verurteilt, dann durch den amerikanischen Hochkommissar vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Kriegs nach 3 Jahren begnadigt; sein Bruder Hans war maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt. Auch damit beschäftigt sich ein Küntzel halt nicht so gerne

Die deutschen Besatzer waren damals in Griechenland mit einer starken Widerstandsbewegung konfrontiert. Zum einen die kommunistische ELAS-Miliz, zum anderen die rechte bzw zentristische EDES (nicht kohärent in ihrer Ideologie, teils republikanisch, teils monarchistisch). Daneben kämpfte auch eine Exilarmee mit den Alliierten u.a. in Nord-Afrika. ELAS und EDES hatten auch untereinander Konflikte, die, wenn man so will, nach Kriegsende bzw Abzug der Deutschen in einen Bürgerkrieg übergingen (bis 1949), in den die aus dem Exil zurückgekehrten König und Regierung auf der rechten Seite eingriffen.

Nachdem die Abgeordnete der deutschen Linken, Ulla Jelpke, 2008 eine Anfrage zur Unterstützung eines Kameradentreffens der Gebirgstruppen mit Beteiligung von Wehrmachts-Soldaten durch die Bundeswehr und der damit verbundenen Pflege des Mythos der „sauberen Wehrmacht“ stellte, arbeitete das „Militärgeschichtliche Forschungsamt“ (MGFA) einen Text aus, in dem behauptet wurde: „Die schlimmsten Verbrechen begingen Griechen an Griechen“. In der „Welt“ wurde das frohlockend und mit einer gewundenen Apologetik wiedergegeben (xxx.welt.de/welt_print/article1971878/Die-schlimmsten-Verbrechen-begingen-Griechen-an-Griechen.html; Kellerhoff).

Griechenland war nach dem Bürgerkrieg für die USA und den Westblock ein wichtiger geostrategischer Verbündeter gegen die Kommunisten; die slawischen Staaten Osteuropas waren allesamt kommunistisch geworden. Das Land wurde 1952 NATO-Mitglied, im selben Jahr wie die Türkei. Ungefähr zur selben Zeit als der Massentourismus nach Griechenland kam, kamen (auch) griechische Gastarbeiter nach Deutschland. 1967 war es wieder ein Konflikt zwischen dem König (Konstantin II.) und einem venizelistischen Politiker (Ex-Premier Georgios Papandreou) der für instabile politische Verhältnisse sorgte. In dieser Situation übernahm, kurz vor der geplanten Parlamentswahl, eine Gruppe rechtsgerichteter mittlerer Offiziere unter Georgios Papadopoulos, mit Unterstützung der US-amerikanischen Regierung, die Macht und errichtete eine faschistoide Militärdiktatur.

Papadopoulos hatte während des Hitler-Stalin-Kriegs mit den deutschen Besatzern kollaboriert, im Rahmen der „Sicherheitsbattaillone“, welche von der Kollaborationsregierung von Ioannis Rallis aufgestellt wurden. In ihnen dienten neben zwangsverpflichteten Soldaten opportunistische Offiziere die an einen Kriegssieg der Achsenmächte glaubten, und  Rechtsextremisten. Papadopoulos hatte nach dem Krieg im griechischen Geheimdienst gearbeitet und dabei die Kontakte zum CIA geknüpft. Das Ende für die Diktatur kam ja anlässlich des Versuchs, die Enosis (Vereinigung) mit Zypern zu vollziehen.

Konstantin Karamanlis aus Makedonien wurde nach dem Ende der Diktatur 1974 zum vierten Mal Premier, gründete die konservative Nea Dimokratia (ND) und leitete den Übergang Griechenlands zur Demokratie, die Metapolitefsi. Der damals im Exil befindliche König Konstantin II. war bereits 1973 von der Militärjunta abgesetzt worden, kehrte unter demokratischen Verhältnissen nicht mehr an die Staatsspitze zurück, nachdem ein von Karamanlis angesetztes Referendum zugunsten der Republik ausging. Karamanlis nahm Kurs auf EG-Mitgliedschaft, die bereits 1959 beantragt worden war. Als Griechenland zu Jahresbeginn 1981 als 10. Mitglied in die EG aufgenommen wurde, war er bereits Staatspräsident.

Die Stabilität der wieder-errungenen Demokratie war damals der wichtigste Grund für einen Beitritt, Griechenlands geostrategischer Lage im Kalten Krieg ein weiterer (die USA engagierten sich deshalb dafür), die antike und mittelalterliche Vergangenheit spielte auch eine Rolle. Dem gegenüber stand (und steht) Griechenlands Charakter als osteuropäisch-orthodoxes Land, seine wirtschaftliche Struktur, oder auch sein ausgeprägter Zentralismus. Zum Zeitpunkt des Beitritts waren auch nur 40% der Griechen für die EG. Frankreichs Präsident 1974-1981 Valéry Giscard d’Estaing sagt heute, dass der Beitritt Griechenlands, den er mit-entschieden hat, ein Fehler war.

Zwischen Otto Rehhagels EM-Triumph mit der griechischen Fussball-Nationalmannschaft und dem Ausbruch der griechischen Staatsschuldenkrise (2009/10) vergingen nur wenige Jahre. Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček sagt, die griechische Wirtschaftskrise ist Vorgeschmack einer europäischen. Wie zu erwarten, hat die Krise Parteien von den Rändern des politischen Spektrums gestärkt oder dort gar ins Leben gerufen. Die neolinke SYRIZA (eigentlich ein Parteienbündnis) hat nach ihrem Wahlsieg dieses Jahr eine Koalition mit der rechten ANEL („Unabhängige Griechen“, eine ND-Abspaltung) gebildet. „Europa in Angst“, schlagzeilte die „Bild“ angesichts der griechischen Wahlen 15.1

ANEL-Gründer Panagiotis „Panos“ Kammenos, Verteidigungsminister in dieser Regierung, hat gesagt, Europa werde von deutschen Neo-Nazis regiert. Den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble erklärte er wegen dessen Haltung zu Kriegs-Reparationen zur persona non grata; falls Europa in der griechischen Schuldenkrise keine Lösung finde, werde Griechenland Europa mit Flüchtlingen überflüten, darunter auch Jihadisten aus Syrien. Für Aufregung sorgt auch Finanzminister Varoufakis. Premier Alexis Tsipras war bei Russlands Präsident Wladimir Putin zu Besuch; die russische Karte für Griechenland eine Alternative zur EU, in der Schuldenkrise?

Plakat der Schweizerischen Volkspartei 2013
Plakat der Schweizerischen Volkspartei 2013

Ausgenommen vom griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch 1923 waren hauptsächlich Griechen im Raum Istanbul sowie Türken in West-Thrakien. Dimitris Mardas, Vize-Finanzminister in der Tsipras-Regierung, als der er Entschädigungsforderungen gegenüber Deutschland erhebt, wurde etwa in Istanbul geboren, ist einer von jenen aus der griechischen Minderheit in der Türkei, die nach Griechenland ausgewandert sind. Unter Erdogan hat der türkische Staat vor wenigen Jahren Besitz (Immobilien) an Stiftungen religiöser Minderheiten zurückgegeben (gegen den Willen von CHP und MHP), darunter auch Land auf Chalki, einer der Prinzeninseln im Marmarameer, um das geschlossene Priesterseminar herum, an die griechisch-orthodoxe Kirche. Die Wiedereröffnung des Seminars ist nähergerückt; Erdogan scheint als „Gegenleistung“ die Restauration von zwei Moscheen in Athen zu verlangen. Hier setzt aber die Hetze westlicher Islamophober ein, ein Douglas Murray von der „Henry Jackson Society“ (britische Neokonservative) engagiert sich etwa gegen eine Moschee in Athen. Ansonsten auf der Agenda dieser Gruppe: Homophobie, Kampf gegen „Multikulturalismus“ und „white guilt“.

Die rechtsextreme griechische Chrysi Avgí (Goldene Morgenröte) vertritt eher einen „Bauch“- als einen „Kopf“-Rechtsextremismus. Sie war mit anderen Rechtsparteien, v.a. LAOS (etwas weniger rowdy-haft) zeitweise in der „Patriotischen Allianz“ aufgegangen. Bei den Wahlen 2012 im Rahmen der Krise wurde sie gross. Sie strebt ein Gross-Griechenland an (Megali Idea), dabei sind Türken der Hauptfeind, daneben aber auch aber auch diverse christliche Balkanvölker (Makedonien!). Sie will ein Bündnis mit Serbien; griechische Freiwillige aus dem Umfeld der Partei im Bosnien-Krieg sollen auch bei der Einnahme Srebrenicas dabei gewesen sein. Der Islam spielt auch eine Rolle bei der Gegnerschaft zu Einwanderung; das und jene zu Schwulenrechten ist klassisches rechtsextremes Repertoir. Sie bezieht sich auf die Diktatoren Metaxas und Papadopoulos sowie den Juristen Plevris (der auch mit der CIA zusammenarbeitete).

Es ist wenig Bezug auf die griechische Antike oder Mittelalter da, eher Orientierung an westlichen „Idealen“, obwohl die USA und West-Europa nicht Vorbild sind. Bezüglich Russland nimmt die Partei nur für Shirinovsky Partei, das Land an sich stellt keinen wichtigen Bezug dar. Auch der Zionismus nicht, im Gegensatz zu westeuropäischen aktuellen Rechtsextremen. Es gab Verhaftungen in der Partei wegen des Todes eines antifaschistischen Musikers, gibt viel Gewalt von ihren Funktionären und Anhängern, auch Fussball-Hooliganismus – sie ist aber gegen Anarchismus. Das orthodoxe Christentum wird hochgehalten, aber auch mit dem Heidentum geflirtet. Ob die deutsche NPD und südafrikanische weisse Rechtsextreme, für die sie Stellung nehmen, diese griechischen Rechtsextremisten als ebenbürtig betrachten?

Die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“, eine Anekdote bzw Kurzgeschichte von Heinrich Böll, passt eigentlich ganz gut zum griechisch-deutschen Verhältnis, auch wenn von einem Touristen und einem Fischer an einer Küste Westeuropas die Rede ist. Das Thema tauchte vorher in „Pyrrhus und Cineas“ auf2, einem philosophischen Essay von Simone de Beauvoir, der einen Dialog zwischen Pyrrhus, einem Herrscher im Epirus-Gebiet und Konkurrenten des frühen Roms, und seinem Diplomaten Cineas enthält. Auch Michel de Montaigne soll das Motiv schon bearbeitet haben, es stammt entweder von Plutarch oder Diogenes. Man kann die Anekdote natürlich auch so deuten, dass es eben zwei (oder mehrere) Wege zu einem Ziel gibt.

Hinweise/Empfehlungen:

Nikos Dimou veröffentlichte nach dem Sturz der Diktatur der Obristen sein in Griechenland sehr kritisch aufgenommenes Buch I Dystychia tou na ise Ellinas, das erst 2012 in deutscher Sprache mit dem Titel „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ publiziert wurde. Es geht darin um die Identität der Griechen, ihren Platz in der Welt.

Michael W. Weithmann: Griechenland. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart (1994)

Dionyssis G. Dimitrakopoulos und Argyris G. Passas: Greece in the European Union (2004)

1915 fuhr der spanische Journalist Agustí Calvet Pascual im Auftrag der in Barcelona erscheinenden Tageszeitung „La Vanguardia“ durch Serbien und Griechenland, um vom dortigen Kriegsgeschehen zu berichten. Er schrieb unter dem Pseudonym Gaziel, über Griechenland durch die Jahrhunderte: „Nach Saloniki und Serbien. Eine Reise in den ersten Weltkrieg“

Arnold Toynbee: Some Problems of Greek History (1969)

Mark Mazower: Inside Hitler’s Greece: The Experience of Occupation, 1941-44 (1993)

Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt: Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike (2010)

Hagen Fleischer: Wenn ihr euch erinnert, können wir vergessen

Bölls Anekdote

ZDF heute verbreitet erneut „Terrorismus“-Lüge zur antigriechischen Agitation

„le bohemien“ über in Zhg. mit der Griechenland-Krise Stehendes

Nachtrag: Katerina Kralova: Das Vermächtnis der Besatzung. Deutsch-griechische Beziehungen seit 1940 (2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Mein Freund B. hat gemeint, wenn die Österreicher unter Voraussetzungen leben müssten wie die Griechen (zB 400 € Pension, bei Lebensmittel-Preisen wie hier) würde es keine Mitte-Links-Regierung geben wie dort, sondern eine FPÖ-Alleinregierung plus eine Rechts-Abspaltung von der FPÖ mit ca. weiteren 10%…
  2. Cineas fragte Pyrrhus, warum sich dieser nicht jetzt ausruhte, anstatt sich die Eroberungen anderer Reiche anzutun, wo doch sein Ziel sei, sich nach dem ultimativen Sieg auszuruhen

Baltimore & Gezi

Ankaras Bürgermeister Melih Gökcek, AKP, hat über Twitter von der US-Aussenministeriumssprecherin Marie Harf (früher CIA, aus Ohio, Obama-Unterstützerin) kritisierte Polizei-Einsätze in der Türkei der Polizei-Gewalt in USA wie in Baltimore gegenübergestellt.

Auf orf.at dazu, wie eigentlich zu erwarten, eine verzerrte, wenn nicht verhetzende, Darstellung (vermutlich nicht nur dort). Es wird versucht, den eigentlichen Inhalt der Äusserungen des Türken, die Gegenüberstellung der Polizeieinsätze bzw die doppelte Moral im Umgang damit, zu überdecken indem das Untergriffige darin, die Erwähnung der Blondheit der Amerikanerin, exzessiv herausgestrichen wird. Und das mit fragwürdigen Übersetzungen, die von „Memri“ sein könnten. Die Berichterstattung bei orf.at über die Unruhen beim Gezi-Taksim-Platz in Istanbul und jene über Gewalt in amerikanischen Städten bestätigt die Wichtigkeit dieser Gegenüberstellung. Dann wird die „humorvolle Antwort“ des USA-Botschafters in Türkei angepriesen, die ebenfalls auf den Inhalt, die Substanz des Gesagten nicht eingeht und von ihm abzulenken versucht.

Was die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selber betrifft, so ist an Muhammed Ali zu erinnern, der bezüglich seiner Einberufung zum Vietnam-Krieg gesagt hat: „Der Vietcong hat mich nicht „Nigger“ genannt… Ihr seid meine Feinde,… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein.“

Was orf.at betrifft, passt auch die Berichterstattung zu den Todesurteilen gegen wegen Drogenschmuggels Verurteilten in Indonesien hierzu. …“Bei ihnen habe es sich um den 34-jährigen australischen Staatsbürger Myuran Sukumaran, dessen 31-jährigen Landsmann Andrew Chan, drei Nigerianer, einen brasilianischen Staatsbürger und einen Ghanaer gehandelt,…“ Ja, die beiden Australier werden beim Namen genannt…; aber man kann ja auch das Positive sehen, sie werden „trotz“ ihrer asiatischen Namen als Australier wahrgenommen. Die australische Regierung hat auch in ihrem Einsatz für die beiden Hingerichteten so getan, als würde es sich um politische Gefangene handeln und mit diplomatischen Konsequenzen gedroht, aber auch damit dass es sich die Australier künftig gut überlegen würden, ob sie noch auf Bali Urlaub machen wollten. Wenn die australische Regierung einen Kampf gegen die Todesstrafe führen wollte (was lobenswert wäre), müsste sie sich ja nicht zuletzt mit der USA anlegen