Deutschland und Griechenland

Der deutsche bzw westeuropäische Blick auf Griechenland änderte sich durch dessen Staatsschuldenkrise (wieder). Die Stimmung zwischen den beiden “Seiten” ist gereizt, auf so gut wie allen Ebenen, nicht nur zwischen den Politikern. Nikolaus Blome in “Bild”: “Tretet endlich aus, ihr Griechen”. Sarrazin schrieb in seinem Folge-Buch zu jenem über das “Abschaffen” Deutschlands, in dem es über den Euro geht, dagegen arrogant-verächtlich über die Griechen, kritisierte die deutsche “Euro-Hilfe” als vom schlechten Gewissen wegen des Holocausts motiviert. Günter Grass aber schrieb in einem seiner letzten Gedichte, Europa stelle Griechenland, wo die europäische Idee einst geboren wurde, „als Schuldner nackt an den Pranger“, beraube es seiner Rechte und verurteile es zu Armut. Zugleich zeige Grass Verständnis für die Wut der Griechen.

Die westliche Griechenland-Wahrnehmung schwankt zwischen “Retter” bzw “Beschützer” des “Abendlands” und der Enttäuschung dieser Erwartung, aus der heraus Griechenland dessen “Gefährder” bzw “Zerstörer” wird. In den ca 10 Jahren zwischen September 2001 dem Beginn ihrer Finanzkrise überwog klar ersteres Bild. Das positive Gegenstück zu den Türken oder aber deren “Geschwister”. “Tapferes christliches Grenzvolk” oder aber “südländische Kaffeehausmentalität” (Broder).

Die Sichtweise auf Ukrainer lässt grüssen. Auch die Serben haben es in den letzten Jahren bei manchen Seiten (von Breivik bis Bozic) zu Abendland-Rettern gebracht. Wie die Griechen und die Ukrainer kann man auch die Serben nicht ohne ihr Verhältnis zu Russland sehen/verstehen. Die Selbst-Defintion Deutschlands wird in letzten Jahren gerne über „christlich-jüdische“ Kultur gemacht, bei afrikanischen Flüchtlingen, christlichen Palästinensern oder auch Griechen zeigen sich öfters deren Grenzen, zeigt sich eine Ablehnung in den Mustern der Islamophobie. Kurden werden jetzt von rechten und linken Kulturkämpfern umschmeichelt, wobei an ihnen alles, was sie schon an den Griechen nicht aushalten, noch stärker da ist…

Es war kein Zufall dass sich unter den Opfern der NSU-Morde neben acht Türken (bzw türkischstämmigen Deutschen) ein Grieche befand. Nach dem Mord an Theodoros Boulgarides 2005 in München schrieb die “tz”: „Türken-Mafia schlug wieder zu“. Seine Hinterbliebenen wurden monatelang durch die ermittelnden Behörden krimineller Machenschaften verdächtigt.

Dass die “Antisemitismus”-Keule ein Utensil deutschen Chauvinismuses geworden ist, zeigt sich etwa, wenn der CDU-Politiker Laschet damit grundlos im Schulden-/Sparstreit die griechische Regierung attackiert; mit den Vorwürfen der “Homophobie” und mit Frauenrechten wird ähnlich hantiert. Dann lieber ehrliche Altrechte, die zu Intoleranz stehen, als neudeutscher Toleranzchauvinismus. Für Missfelder ist “Antisemitismus”-Inquisition bei Kritik an israelischer Politik eine Möglichkeit zur Profilierung v.a. gegen Linke, ist eingebettet in Verteidigung von NSA, Rüstungsexporten oder Saudi-Arabien.

Der Philo-Zionismus ist eine Art Ersatz für Deutsch-Nationalismus bzw eine Form davon geworden. Von rechts bis links, wobei die “Anti”deutschen ohnehin früher oder später bei “Springer” landen. Er besorgt die politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit (die “Unnützen” bei Sarrazin sind in der Regel Moslems, Juden beurteilt er positiv), die NS-Bewältigung, das Nationalkonzept für die Berliner Republik. Bei der “Bild“-„Aktion“ gegen Antisemitismus“ während des Gaza-Massakers 2014, wo von Gauck bis Giordano Worte gesammelt wurden, versuchten nur wenige eine universelle, generelle Verdammung von Rassismus, es überwog ein „Ausspielen“ von “Antisemitismus“ gegen Rassismus. Aber es gibt natürlich auch hier Stolpersteine; die Philhellenen und ihre Enttäuschungen (s. u.) erinnern an deutsche Philozionisten, die auf Mizrahis oder orthodox-religiöse Juden treffen.

“Du bist ein typischer Grieche, der wie alle Griechen die Geschichte nicht kennt ! Ja ,ein hoffnungsloser Fall…Dann wird es aber eng für die griechischen Geldverteiler. Wer hat eben noch die gerade Entlassenen wieder eingestellt? Oh Mann, dann müssen sie wirklich und ehrlich arbeiten. Das gibt Probleme. Das Osmanische Reich hat den Geist dieses Landes gewaltig vergiftet…wir brauchen keine Parasiten , also mach `dich hier vom Acker…”

(Kommentare unter Yahoo-Artikeln zum Thema Griechenland)

Was natürlich nicht unter den Tisch fallen darf: Griechenland hat gewissermaßen über seine Verhältnisse gelebt. Die Eisenbahn-Gesellschaft, liest man, hatte mehr Angestellte als Fahrgäste. Oder, laut griechischem Gesundheitsministerium haben sich zehntausende Griechen jahrelang als behindert ausgegeben und sich so staatliche Zuschüsse erschlichen. Auf Zakynthos etwa waren angeblich 700 Menschen blind, 10% davon waren es tatsächlich, wie eine Kontrolle im Rahmen der Sparprogramme ergab. Da sind dann aber auch jene Reichen, die auf verschiedenen Wegen (etwa Verlegung ihres Hauptwohn- oder Firmensitzes ins Ausland) das Zahlen von Steuern umgehen, weil sie der Meinung sind, dass der Staat damit ohnehin schlecht wirtschaftet. Während Leute am unteren Ende der sozialen “Hierarchie” jetzt verelenden. Dann gibt es auch Probleme ganz anderer Art: die Brandstiftung von Wäldern in der Umgebung Athens durch (bzw im Auftrag von) Bodenspekulanten zerstört die natürliche Kühlung der Stadt, was weitere aus Stadt hinaustreibt, Bedarf nach weiterem Bauland entsteht…

Der Mythos Griechenlands von der “Verteidigung des Abendlands” bezieht sich auf die antiken Kriege mit Persien (das natürlich noch kein islamisiertes Reich war) sowie die Auseinandersetzungen mit den türkischen Osmanen, besonders am Beginn von deren Herrschaft über Griechen (Fall von Byzanz) und an deren Ende (die griechischen Unabhängigkeitskriege 1821 bis 1922). Der amerikanische Militärhistoriker Victor Hanson trug zur Legenden-Bildung um die Schlachten von den Thermopylen und Salamis bei. Den Film “300” und seine simplifizierende Botschaft bezüglich “Westen” und “Orient” verteidigend schrieb er:

“In universal terms, a small, free people had willingly outfought huge numbers of imperial subjects who advanced under the lash. More specifically, the Western idea that soldiers themselves decide where, how, and against whom they will fight was contrasted against the Eastern notion of despotism and monarchy—freedom proving the stronger idea as the more courageous fighting of the Greeks at Thermopylae, and their later victories at Salamis and Plataea attested.”

Nun, Hanson ist ein Bewunderer von Churchill und Bush, Befürworter einer militärischen Konfrontation mit Iran, Verteidiger von Israel. Eine Linie von den antiken Griechen zu amerikanischem Imperialismus zieht er gerne, bzw er rechtfertigt zweiteren damit. Rassisch argumentieren (wie Sarrazin) tut er nicht. 2001 kam von ihm “Carnage and Culture” (Why the West Has Won) heraus, in dem er eine mit den antiken Griechen beginnende westliche Zivilisation behauptet, deren militärische Überlegenheit aus einer zivilisatorischen käme. Die Kalte-Krieg-Argumentation zeitlich ausgedehnt, nach hinten und vorne, wie so oft in diesen Zeiten. Übrigens, in “300” wurde der spartanische König Leonidas vom Schotten Gerard Butler dargestellt, kein Grieche war unter den Hauptdarstellern und wichtigeren Nebendarstellern des Films, der Perser Xerxes (Hsyarsa) wurde von einem Brasilianer verkörpert

“Europa” ist ein griechisches Wort, der Westen hat viel Kultur und Gedankengut von den antiken Griechen übernommen, zT über die Römer. Die griechische Hochkultur war die erste in Europa. Die Griechen haben ihrerseits einiges aus Asien oder Afrika übernommen. Mesopotamische und ägyptische Astrologie kam etwa durch die Griechen nach Europa, war die Grundlage für die heutige westliche. Oder das Wort “Magie”, das aus dem Alt-Persischen über das Alt-Griechische in europäische Sprachen einging. a² + b² = c² – das wusste man in Babylon schon Jahrhunderte vor der Geburt von Pythagoras von Samos. Dem griechischen Philosophen gelang allerdings als erster nachweislich der Beweis für diesen fundamentalen Satz der Geometrie.

In der späten Antike, dem frühen Mittelalter gab es wie zu Zeiten der griechischen Stadtstaaten und des achämenidischen Persiens wieder diese Konfrontation Griechenland-Persien, West gegen Ost, nun zwischen Byzanz und Sasaniden, wenn auch unter anderen religiösen Vorzeichen. Dazwischen lag die Eroberung Persiens unter den makedonischen Griechen. Und die römische Herrschaft über Griechenland, so etwas wie der erste Kontakt zwischen Westeuropa und den Griechen.

Eine wichtige Station in den griechisch-westeuropäischen Beziehungen ist der vierte Kreuzzug, der sich gegen Byzanz richtete, das so etwas wie ein griechisches Reich war. Wieder zeigte sich, das Griechenland aus westlicher Sicht Bastion gegen den Orient sein konnte, aber auch Teil von diesem. Papst Innozenz III. rief Ende des 12. Jahrhunderts zu dem Kreuzzug auf, zur Demonstration seiner weltlichen Macht. Er fand unter venezianischer Führung statt, sollte nach Ägypten gehen, das ein Machtzentrum der kurdischen Ayubiden war, die auch über Palästina herrschten. Zunächst wurde der Kriegszug nach Zara/Zadar umdirigiert, das die Venezianer von den Ungarn zurückerobern wollten.

Nachdem das gelungen war, überwinterten die Krieger dort, brachen dann nach Konstantinopel auf, der Hauptstadt des Byzantinischen Reichs: Die Venezianer hatten in Ägypten bzw den Ayubiden einen wichtigen Handelspartner, ein byzantinischer Prinz hatte sich an die Republik Venedig gewandt wegen eines Thronfolgestreits, schliesslich gabs auch die Aussicht auf eine “Union mit” (Unterwerfung von) der orthodoxen Kirche und den Reichtum der Stadt. 1203/04 wurde sie eingenommen und geplündert. Ein “lateinisches Kaiserreich” wurde gegründet, das im Laufe der nächsten Jahrzehnte von byzantinischen Nachfolgereichen wie jenem um Nicäa schrittweise zurückerobert wurde. Byzanz wurde dauerhaft geschwächt, gegenüber den Seldschuken, die damals schon tief in Kleinasien/Anatolien standen, die katholische und die orthodoxe Welt entfremdeten sich nachhaltig voneinander.

Es gibt unter Griechen wie unter “Westlern” die Denkweise, alles Schlechte im modernen Griechenland den Jahrhunderten osmanischer Herrschaft anzulasten, vor allem das, was die Griechen mit “Rousfeti” (ρουσφέτι) bezeichnen (ein Wort türkischer Herkunft…), also Misswirtschaft, Korruption, Vettern- bzw Klientelwirtschaft. Die Wahrheit ist wahrscheinlich etwas komplexer. War nicht das Byzantinische Reich schon ein “Nährboden” dafür? Und, zumindest die griechische Oberschicht war an osmanischer Machtausübung beteiligt, etwa in den Donau-Fürstentümern (Walachei und Moldau).

Die Geschichte der Akropolis von Athen in osmanischer Zeit spiegelt auch griechisch-westeuropäische Beziehungen wieder. Im 17. Jahrhundert die Belagerung durch die Venezianer unter Morosini, der wider besseren Wissens um die Bedeutung der Bauten den Parthenon beschiessen liess. Die Explosion des dortigen türkischen Pulvermagazins beschädigte den Tempel schwer, ebenso umliegende Bauten. Bereits einige Jahre vorher war ein Pulvermagazin in den Propyläen vermutlich durch Blitzschlag explodiert. Die Zerstörung der Akropolis vollendete der britische Botschafter in Konstantinopel, Lord Elgin, der ab 1801 einen Grossteil des Skulpturenschmucks des Parthenon sowie eine Kore vom Erechtheion, Reliefs vom Niketempel, und andere Teile nach London brachte.

Für Westeuropa sind die antiken (vorchristlichen) Wurzeln Griechenlands seine eigenen, für die Griechen selbst (ausser für die Tourismus-Industrie) ist das byzantinische (orthodoxe) Erbe wichtiger. Das byzantinische Phokas-Kreuz wurde auch als Nationalflagge für das moderne, dritte Griechenland bestimmt. Griechen sahen in osmanischer Zeit Konstantinopel als ihr Zentrum an, Westeuropäer Athen als griechisches Zentrum. Das war auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts so, als sich die Griechen daran machten, sich ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich (das damals sehr schwach war) zu erkämpfen und westeuropäische Philhellenen diesen Kampf unterstützten. Die Griechen und nicht etwa Slawen wurden Bezugspunkt der Westeuropäer im nationalen Aufbegehren gegen die Osmanen im 19. Jh., u.a. wegen des antiken Erbes.

Die Unabhängigkeits-Bewegung wurde z. T. von Auslandsgriechen getragen, war z.T. russophil. Die Westmächte waren gegen eine Schwächung des Osmanischen Sultanats, weil sie davon eine Stärkung Russlands erwarteten – und stützten es deshalb auch. Rigas Velestinlis (Pheraios) wurde von den Österreichern wegen seiner Unabhängigkeits-Pläne aus seinem Exil an die Osmanen ausgeliefert, in Belgrad von diesen hingerichtet. Alexander Ypsilanti stammte aus einer Phanarioten-Familie, also Griechen in Istanbul/Konstantinopel, die unter den Osmanen einflussreich waren (sein Vater war etwa ein Wojwode in Moldau). Er leitete mit anderen Exil-Griechen den Hetairen-Bund, der den Aufstand 1821 (zunächst am Peloponnes) organisierte, starb in österreichischer Haft.

Viele Philhellenen, u.a. aus Deutschland, die damals als Freiwillige zu den Kämpfen mit Osmanen kamen, die auf den Aufstand folgten, waren enttäuscht von den modernen Griechen und ihrer Kultur, die sie als “zu orientalisch” und den Türken zu ähnlich empfanden. Viele haben auch ihre eigenen nationalen und anti-absolutistischen Anliegen in das griechische Projekt hineinprojeziert. Der britische Autor George Byron starb während des griechischen Unabhängigkeitskriegs an einer Krankheit.

Nachdem der Aufstand der Griechen und der Philhellenen zusammengebrochen war, rettete westeuropäisches Eingreifen die griechische Unabhängigkeit (in einem Gebiet das hauptsächlich den Peloponnes umfasste), was wiederum ein Schachzug gegen die Russen war. Wellington und Metternich “verurteilten” den Sieg von Navarino; Metternich verfasste unter Pseudonymen auch zwei griechenfeindliche Bücher. An der Spitze der Republik stand u. a. der prorussische Ioannis Kapodistrias. Grossbritannien, Frankreich, Russland einigten sich auf den bayerischen Prinzen Otto von Wittelsbach als König Griechenlands. Dessen Vater, der philhellenische bayerische König Ludwig I., änderte die Schreibweise des Namen “seines” Landes auf die heutige, mit dem griechischen Ypsilon.

Mit Otto kamen 1832 einige Bayern nach Griechenland, an der Spitze Graf Armansperg, der bis zu Ottos Volljährigkeit dessen Regent war, dann sein Kanzler. Ludwig von Wittelsbach setzte von München aus eine absolute Monarchie durch. Die Briten verhinderten den Aufbau einer Flotte, wollten Griechenland klein halten. Otto blieb katholisch, heiratete eine protestantische Oldenburgerin, die Ehe blieb kinderlos. Die Verwestlichungs-Bemühungen ähnelten jenen unter deutsch-stämmigen Fürsten in Rumänien und Bulgarien Ende des 19. Jh. Von den Griechen wurde die Herrschaft zT als andere Fremdherrschaft empfunden. Die Griechen im “verbliebenen” Osmanischen Reich sahen dieses Griechenland als ein Gebilde der “Franken” (Westeuropäer) an. Athen blühte aber unter “bayerischer Herrschaft” auf (Restauration Akropolis,…), wuchs nach Jahrhunderten von einem Dorf wieder zu einer Grossstadt. 1862 wurde Otto gestürzt, was gelang, da die Briten einverstanden waren.

Neuer König wurde der dänische Prinz Georg von Schleswig-Holstein-Sönderburg-Glücksburg. Eng mit dem britischen Königshaus verwandt, heiratete er eine Romanov(a), die Kinder wurden orthodox erzogen. In einer neuer Verfassung wurde vom königlichen Absolutismus abgerückt. Die Briten traten die Ionischen Inseln an Griechenland ab; behielten sich Zypern. In den folgenden Jahrzehnten wurde sukzessive der Anschluss der meisten osmanisch beherrschten, griechisch besiedelten Gebiete (Kreta, Thessalien, Makedonien,…) erkämpft (Enosis/Megali Idea). Auch wenn der Einfluss von Aussen auf die Könige geringer wurde, ihre ausländische Herkunft blieb an ihnen bis zum Ende der Monarchie als Makel haften.

Der österreichisch-bayerische Orientalist Jakob Fallmerayer spielt(e) eine wichtige Rolle in deutsch-griechischen Beziehungen, v.a. durch seine Thesen zur Ethnogenese der Griechen. Die antiken Griechen seien im Mittelalter, also in byzantinischer Zeit, “ausgestorben” und durch hellenisierte Slawen und Albaner verdrängt worden, so Fallmerayer. Nach ihm hatte es im antiken Griechenland eine einheitliche hellenische Ethnie gegeben. Die Landnahme der Slawen am Balkan im Früh-Mittelalter hätte sich auch auf den Peloponnes erstreckt. Diese Thesen stellte er zu einer Zeit auf, als gerade in Deutschland die philhellenische Bewegung blühte – von dieser wurde er angefeindet. Später sprach er den kleinasiatischen Griechen des Schwarzen Meeres, eine Gegend die er bereist hat, eine griechische Kontinuität zu.

Aber auch sie entsprachen nicht seinem Idealbild eines gebildeten griechischen Byzantiners, waren ihm zu orientalisch. Seine Ansichten zum Russischen Reich änderten sich, er sah dieses u.a. als Rettung Europas vor Napoleon, später als Bedrohung für Westeuropa, und begrüsste das westeuropäische Eingreifen zugunsten der Osmanen gegen Russland im Krim-Krieg. Seine Neugriechen-These gilt insbesondere in ihrer Verallgemeinerung und Verabsolutierung als falsch. Fallmerayer gilt als einer der Begründer der Byzantinistik. Während der nazi-deutschen Besatzung Griechenlands wurde seine These herangezogen (instrumentalisiert), um den Widerspruch zwischen dem vorgeblich geschichtsbewussten Vorgehen (Bewunderung des Altgriechischen) und der Okkupationspolitik zu begründen.

Der Enosis-Kampf, der griechische Irredentismus, kam nach dem 1. Weltkrieg anstatt zu seiner Vollendung an seine Grenzen. Im Inneren schwelte damals ein Streit zwischen König Konstantin I. und Premierminister Eleftherios Venizelos, es ging um einen grundsätzlichen Machtkampf zwischen Königtum und gewählter Regierung, daneben um Meinungsverschiedenheiten über ein Engagement im grossen europäischen Krieg. Venizelos war pro-Entente, Glücksburg für Neutralität bzw die Mittelmächte; es gab einige Jahre eine monarchistische pro-deutsche Regierung in Athen und eine “venizelistische” pro-britische in Thessaloniki. Nachdem Konstantin 1917 zugunsten seines Sohnes abgetreten war, kam es zu einer Einigung und dem Kriegs-Eintritt an Seite der Entente, zu Kämpfen mit bulgarischen Truppen. Nach der Niederlage des Osmanischen Reichs waren Griechen an der Einnahme von Ost-Thrakien, Konstantinopel/Istanbul und dem Gebiet um Smyrna/Izmir beteiligt.

Im Friedensvertrag von Sevres wurde Griechenland ein Teil Ost-Thrakiens und das Smyrna-Gebiet zugesprochen; das Gebiet um Konstantinopel sollte ent-militarisiert werden und ein Teil des Osmanischen Reichs bleiben. Zu diesem Zeitpunkt waren in Kleinasien/Anatolien bereits Kämpfe zwischen Griechen und Türken in Gange, der Griechisch-Türkische Krieg 1919-22, welcher zu Flucht und Vertreibung der griechischen Bevölkerung und dem Verlust der zugesprochenen Gebiete führte. Die opportunistische Politik der Westmächte setzte sich fort. Im Lausanne-Vertrag zwischen Griechenland und dem osmanischen Nachfolgestaat, Republik Türkei, wurde ein Bevölkerungsaustausch der Volksgruppe im jeweils anderen Staat (mit Ausnahmen) sowie die Grenzen festgelegt – für Griechenland standen damit die heutigen Grenzen fest, abgesehen vom Dodekanes der bis nach dem 2. Weltkrieg italienisch war.

In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg gab es, 1922, eine Zwangsanleihe in Griechenland, um die Inflation zu bekämpfen. Finanzminister Petros Protopapadakis ordnete an, dass die Banknoten in der Mitte zerschnitten werden. Die rechte Hälfte blieb Zahlungsmittel (zum halben Wert, womit die Geldmenge halbiert wurde) und die linke Hälfte musste zwangsweise gegen Staatsanleihen eingetauscht werden.

Bei der nazideutschen Besetzung Griechenlands im 2. Weltkrieg gab es 1941 auch eine Schlacht bei den Thermopylen (Thermopylai), gegen abziehende Briten, welche Griechenland zur Hilfe gekommen waren. Göring stellte in einer Rede dort Parallelen zur Antike her. Das Besatzungsregime in Griechenland durch die Achsenmächte Bulgarien, Italien und Deutschland wurde begleitet von wirtschaftlicher Ausbeutung. Griechenland musste nicht nur die Kosten der Besatzung tragen; die Besatzungsmächte zogen auch in großem Umfang Rohstoffe und Produkte aus Griechenland ab, was 1941/42 eine grosse Hungersnot zur Folge hatte.

Bei der sogenannten Zwangsanleihe geht es darum, dass Griechenland 1942 auferlegt wurde, diesem Abtransport, der formal verrechnet wurde, zuzustimmen. Während der König und Exilregierungen (u.a. unter Georgios Papandreou) nach Ägypten ausgewichen waren, amtierten in Athen Kollaborationsregierungen (die aus Abneigung gegenüber der kommunistischen Dominanz im Widerstand auch von manchen zentristischen Politikern unterstützt  wurden).

Die beiden bekanntesten Massaker an griechischen Zivilisten begingen deutsche Truppen in Distomo und Kalavryta. In beiden Fällen war die Tötung deutscher Besatzungssoldaten durch Widerstandskämpfer der äussere Anlass. Das rechtfertigte nach nazideutschem Kriegsrecht Sühnemaßnahmen. In Distomo, einem Dorf am Rande des Parnass-Gebirges in Mittelgriechenland, töteten Einheiten der Waffen-SS am 10. Juni 1944 mindestens 218 Zivilisten – ungefähr jeden neunten der rund 1800 Einwohner. In Kalavryta im Norden des Peloponnes erschossen Soldaten der 117. Jägerdivision am 13. Dezember 1943 mindestens 511 Zivilisten; weitere etwa 200 wurden in umliegenden Orten massakriert. Die größte Opferzahl bei einem deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland betraf keine einheimischen Zivilisten, sondern italienische Soldaten: Auf der ionischen Insel Kefalonia töteten abermals Soldaten der deutschen 1. Gebirgsdivision Mitte September 1943 bis zu 5200 Mitglieder der Division “Acqui”. Nach dem Seitenwechsel Italiens waren die vormaligen Verbündeten plötzlich zu Gegnern geworden. Es kam zu Gefechten, an deren Ende der Massenmord an entwaffneten Soldaten stand.

Nach Kriegs-Ende fand im Herbst 1945 in Paris auf Einladung der alliierten Siegermächte eine Reparationskonferenz statt, bei der Griechenland an Reparationen einen Gegenwert von etwa 25 Millionen Dollar erhielt, meist über Demontage von in Deutschland abgebauten Industrieanlagen. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde die Prüfung von Forderungen auf Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines förmlichen Friedensvertrages verschoben. Mit diesem Abkommen wurde nicht nur die Regelung der Besatzungskosten im engeren Sinn vertagt, sondern auch die Regelung von Krediten bzw. Clearingguthaben, die eine deutsche Schuld begründeten.

1960 schlossen die BR Deutschland und das Königreich Griechenland einen Vertrag über Entschädigungen von Griechen, die von nazideutschen Verfolgungsmaßnahmen betroffen waren (persönlich oder als Hinterbliebene), Griechenland erhielt Zahlungen in Höhe von 115 Millionen D-Mark. Die BRD schloss solche Wiedergutmachungs-“Global”abkommen damals mit elf westlichen Staaten ab. Die Parlamente der beiden Staaten stimmten dem Abkommen 1961 zu, das damit zu Gesetzen wurde.

Das Londoner Moratorium von 1953 wurde 1990 durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag zur Wiedervereinigung beendet. Nach Auffassung der deutschen Bundesregierung ergab sich daraus, dass die Reparationsfrage nach dem Willen der Vertragspartner nicht mehr geregelt werden sollte. Die Staaten der damaligen Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) – darunter Griechenland – hätten dem in der Charta von Paris zugestimmt. Dagegen wird von griechischer Seite eingewandt, Griechenland habe den Vertrag nur „zur Kenntnis“ genommen und die Entschädigungsfrage sei noch nicht geklärt.

Griechische Politiker und Hinterbliebenenverbände forderten aktuell Reparationszahlungen von Deutschland auch wegen der Zwangsanleihe von 1942. Nach griechischer Sicht ist juristisch noch nicht abschliessend geklärt, ob eine Rückzahlung der Zwangsanleihe unter die Reparationszahlungen zu rechnen ist (so sieht es Deutschland) oder nicht vielmehr zivilrechtlich als Kredit betrachtet werden muss. Die Tsipras-Regierung hat an Entschädigungszahlungen, den Zwangskredit miteingerechnet, von Deutschland 278,7 Milliarden Euro gefordert. Hinterbliebene von Opfern des Distomo-Massakers haben ab den späten 1990ern ausserdem eine eigene Entschädigung verlangt, was 2012 vom Internationalen Gerichtshof abgelehnt wurde. Teile der deutschen Linken anerkennen griechische Reparationsforderungen. Vizekanzler Gabriel nannte es „dumm“, Reparationsforderungen mit den Verhandlungen über Kredithilfen zu vermischen.

Max Merten war “Kriegsverwaltungsrat” der nazideutschen Besatzungskräfte in Thessaloniki, wirkte als solcher an den Deportationen und Ermordungen von Juden aus der Stadt mit. In der BRD hatte sich Merten als Anwalt gut etabliert, engagierte sich in der Gesamtdeutschen Volkspartei. Bei einem Besuch in Griechenland 1957 wurde er festgenommen und 1959 wegen seiner Taten während der Besatzungszeit zu 25 Jahren Haft verurteilt. Die BRD engagierte sich für seine Freilassung, wie auch die deutsch-stämmige Ehefrau von König Paul, Friederike (aus dem Haus Hannover). So kam er nach nur einem halben Jahr Haft wieder frei; ein Ermittlungsverfahren gegen ihn in West-Deutschland wurde eingestellt.

Ein anderer Verantwortlichen für Besatzungsgräuel in Griechenland, Wilhelm Speidel, wurde in einem Nürnberger Nachfolgeprozess zunächst zu 20 Jahren verurteilt, dann durch den amerikanischen Hochkommissar vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Kriegs nach 3 Jahren begnadigt; sein Bruder Hans war maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt. Auch damit beschäftigt sich ein Küntzel halt nicht so gerne

Die deutschen Besatzer waren damals in Griechenland mit einer starken Widerstandsbewegung konfrontiert. Zum einen die kommunistische ELAS-Miliz, zum anderen die rechte bzw zentristische EDES (nicht kohärent in ihrer Ideologie, teils republikanisch, teils monarchistisch). Daneben kämpfte auch eine Exilarmee mit den Alliierten u.a. in Nord-Afrika. ELAS und EDES hatten auch untereinander Konflikte, die, wenn man so will, nach Kriegsende bzw Abzug der Deutschen in einen Bürgerkrieg übergingen (bis 1949), in den die aus dem Exil zurückgekehrten König und Regierung auf der rechten Seite eingriffen.

Nachdem die Abgeordnete der deutschen Linken, Ulla Jelpke, 2008 eine Anfrage zur Unterstützung eines Kameradentreffens der Gebirgstruppen mit Beteiligung von Wehrmachts-Soldaten durch die Bundeswehr und der damit verbundenen Pflege des Mythos der “sauberen Wehrmacht” stellte, arbeitete das “Militärgeschichtliche Forschungsamt” (MGFA) einen Text aus, in dem behauptet wurde: “Die schlimmsten Verbrechen begingen Griechen an Griechen”. In der “Welt” wurde das frohlockend und mit einer gewundenen Apologetik wiedergegeben (xxx.welt.de/welt_print/article1971878/Die-schlimmsten-Verbrechen-begingen-Griechen-an-Griechen.html; Kellerhoff).

Griechenland war nach dem Bürgerkrieg für die USA und den Westblock ein wichtiger geostrategischer Verbündeter gegen die Kommunisten; die slawischen Staaten Osteuropas waren allesamt kommunistisch geworden. Das Land wurde 1952 NATO-Mitglied, im selben Jahr wie die Türkei. Ungefähr zur selben Zeit als der Massentourismus nach Griechenland kam, kamen (auch) griechische Gastarbeiter nach Deutschland. 1967 war es wieder ein Konflikt zwischen dem König (Konstantin II.) und einem venizelistischen Politiker (Ex-Premier Georgios Papandreou) der für instabile politische Verhältnisse sorgte. In dieser Situation übernahm, kurz vor der geplanten Parlamentswahl, eine Gruppe rechtsgerichteter mittlerer Offiziere unter Georgios Papadopoulos, mit Unterstützung der US-amerikanischen Regierung, die Macht und errichtete eine faschistoide Militärdiktatur.

Papadopoulos hatte während des Hitler-Stalin-Kriegs mit den deutschen Besatzern kollaboriert, im Rahmen der “Sicherheitsbattaillone”, welche von der Kollaborationsregierung von Ioannis Rallis aufgestellt wurden. In ihnen dienten neben zwangsverpflichteten Soldaten opportunistische Offiziere die an einen Kriegssieg der Achsenmächte glaubten, und  Rechtsextremisten. Papadopoulos hatte nach dem Krieg im griechischen Geheimdienst gearbeitet und dabei die Kontakte zum CIA geknüpft. Das Ende für die Diktatur kam ja anlässlich des Versuchs, die Enosis (Vereinigung) mit Zypern zu vollziehen.

Konstantin Karamanlis aus Makedonien wurde nach dem Ende der Diktatur 1974 zum vierten Mal Premier, gründete die konservative Nea Dimokratia (ND) und leitete den Übergang Griechenlands zur Demokratie, die Metapolitefsi. Der damals im Exil befindliche König Konstantin II. war bereits 1973 von der Militärjunta abgesetzt worden, kehrte unter demokratischen Verhältnissen nicht mehr an die Staatsspitze zurück, nachdem ein von Karamanlis angesetztes Referendum zugunsten der Republik ausging. Karamanlis nahm Kurs auf EG-Mitgliedschaft, die bereits 1959 beantragt worden war. Als Griechenland zu Jahresbeginn 1981 als 10. Mitglied in die EG aufgenommen wurde, war er bereits Staatspräsident.

Die Stabilität der wieder-errungenen Demokratie war damals der wichtigste Grund für einen Beitritt, Griechenlands geostrategischer Lage im Kalten Krieg ein weiterer (die USA engagierten sich deshalb dafür), die antike und mittelalterliche Vergangenheit spielte auch eine Rolle. Dem gegenüber stand (und steht) Griechenlands Charakter als osteuropäisch-orthodoxes Land, seine wirtschaftliche Struktur, oder auch sein ausgeprägter Zentralismus. Zum Zeitpunkt des Beitritts waren auch nur 40% der Griechen für die EG. Frankreichs Präsident 1974-1981 Valéry Giscard d’Estaing sagt heute, dass der Beitritt Griechenlands, den er mit-entschieden hat, ein Fehler war.

Zwischen Otto Rehhagels EM-Triumph mit der griechischen Fussball-Nationalmannschaft und dem Ausbruch der griechischen Staatsschuldenkrise (2009/10) vergingen nur wenige Jahre. Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček sagt, die griechische Wirtschaftskrise ist Vorgeschmack einer europäischen. Wie zu erwarten, hat die Krise Parteien von den Rändern des politischen Spektrums gestärkt oder dort gar ins Leben gerufen. Die neolinke SYRIZA (eigentlich ein Parteienbündnis) hat nach ihrem Wahlsieg dieses Jahr eine Koalition mit der rechten ANEL (“Unabhängige Griechen”, eine ND-Abspaltung) gebildet. “Europa in Angst”, schlagzeilte die “Bild” angesichts der griechischen Wahlen 15.1

ANEL-Gründer Panagiotis “Panos” Kammenos, Verteidigungsminister in dieser Regierung, hat gesagt, Europa werde von deutschen Neo-Nazis regiert. Den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble erklärte er wegen dessen Haltung zu Kriegs-Reparationen zur persona non grata; falls Europa in der griechischen Schuldenkrise keine Lösung finde, werde Griechenland Europa mit Flüchtlingen überflüten, darunter auch Jihadisten aus Syrien. Für Aufregung sorgt auch Finanzminister Varoufakis. Premier Alexis Tsipras war bei Russlands Präsident Wladimir Putin zu Besuch; die russische Karte für Griechenland eine Alternative zur EU, in der Schuldenkrise?

Plakat der Schweizerischen Volkspartei 2013
Plakat der Schweizerischen Volkspartei 2013

Ausgenommen vom griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch 1923 waren hauptsächlich Griechen im Raum Istanbul sowie Türken in West-Thrakien. Dimitris Mardas, Vize-Finanzminister in der Tsipras-Regierung, als der er Entschädigungsforderungen gegenüber Deutschland erhebt, wurde etwa in Istanbul geboren, ist einer von jenen aus der griechischen Minderheit in der Türkei, die nach Griechenland ausgewandert sind. Unter Erdogan hat der türkische Staat vor wenigen Jahren Besitz (Immobilien) an Stiftungen religiöser Minderheiten zurückgegeben (gegen den Willen von CHP und MHP), darunter auch Land auf Chalki, einer der Prinzeninseln im Marmarameer, um das geschlossene Priesterseminar herum, an die griechisch-orthodoxe Kirche. Die Wiedereröffnung des Seminars ist nähergerückt; Erdogan scheint als “Gegenleistung” die Restauration von zwei Moscheen in Athen zu verlangen. Hier setzt aber die Hetze westlicher Islamophober ein, ein Douglas Murray von der “Henry Jackson Society” (britische Neokonservative) engagiert sich etwa gegen eine Moschee in Athen. Ansonsten auf der Agenda dieser Gruppe: Homophobie, Kampf gegen “Multikulturalismus” und „white guilt“.

Die rechtsextreme griechische Chrysi Avgí (Goldene Morgenröte) vertritt eher einen “Bauch”- als einen “Kopf”-Rechtsextremismus. Sie war mit anderen Rechtsparteien, v.a. LAOS (etwas weniger rowdy-haft) zeitweise in der “Patriotischen Allianz” aufgegangen. Bei den Wahlen 2012 im Rahmen der Krise wurde sie gross. Sie strebt ein Gross-Griechenland an (Megali Idea), dabei sind Türken der Hauptfeind, daneben aber auch aber auch diverse christliche Balkanvölker (Makedonien!). Sie will ein Bündnis mit Serbien; griechische Freiwillige aus dem Umfeld der Partei im Bosnien-Krieg sollen auch bei der Einnahme Srebrenicas dabei gewesen sein. Der Islam spielt auch eine Rolle bei der Gegnerschaft zu Einwanderung; das und jene zu Schwulenrechten ist klassisches rechtsextremes Repertoir. Sie bezieht sich auf die Diktatoren Metaxas und Papadopoulos sowie den Juristen Plevris (der auch mit der CIA zusammenarbeitete).

Es ist wenig Bezug auf die griechische Antike oder Mittelalter da, eher Orientierung an westlichen “Idealen”, obwohl die USA und West-Europa nicht Vorbild sind. Bezüglich Russland nimmt die Partei nur für Shirinovsky Partei, das Land an sich stellt keinen wichtigen Bezug dar. Auch der Zionismus nicht, im Gegensatz zu westeuropäischen aktuellen Rechtsextremen. Es gab Verhaftungen in der Partei wegen des Todes eines antifaschistischen Musikers, gibt viel Gewalt von ihren Funktionären und Anhängern, auch Fussball-Hooliganismus – sie ist aber gegen Anarchismus. Das orthodoxe Christentum wird hochgehalten, aber auch mit dem Heidentum geflirtet. Ob die deutsche NPD und südafrikanische weisse Rechtsextreme, für die sie Stellung nehmen, diese griechischen Rechtsextremisten als ebenbürtig betrachten?

Die “Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral”, eine Anekdote bzw Kurzgeschichte von Heinrich Böll, passt eigentlich ganz gut zum griechisch-deutschen Verhältnis, auch wenn von einem Touristen und einem Fischer an einer Küste Westeuropas die Rede ist. Das Thema tauchte vorher in “Pyrrhus und Cineas” auf2, einem philosophischen Essay von Simone de Beauvoir, der einen Dialog zwischen Pyrrhus, einem Herrscher im Epirus-Gebiet und Konkurrenten des frühen Roms, und seinem Diplomaten Cineas enthält. Auch Michel de Montaigne soll das Motiv schon bearbeitet haben, es stammt entweder von Plutarch oder Diogenes. Man kann die Anekdote natürlich auch so deuten, dass es eben zwei (oder mehrere) Wege zu einem Ziel gibt.

Hinweise/Empfehlungen:

Nikos Dimou veröffentlichte nach dem Sturz der Diktatur der Obristen sein in Griechenland sehr kritisch aufgenommenes Buch I Dystychia tou na ise Ellinas, das erst 2012 in deutscher Sprache mit dem Titel “Über das Unglück, ein Grieche zu sein” publiziert wurde. Es geht darin um die Identität der Griechen, ihren Platz in der Welt.

Michael W. Weithmann: Griechenland. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart (1994)

Dionyssis G. Dimitrakopoulos und Argyris G. Passas: Greece in the European Union (2004)

1915 fuhr der spanische Journalist Agustí Calvet Pascual im Auftrag der in Barcelona erscheinenden Tageszeitung “La Vanguardia” durch Serbien und Griechenland, um vom dortigen Kriegsgeschehen zu berichten. Er schrieb unter dem Pseudonym Gaziel, über Griechenland durch die Jahrhunderte: “Nach Saloniki und Serbien. Eine Reise in den ersten Weltkrieg”

Arnold Toynbee: Some Problems of Greek History (1969)

Mark Mazower: Inside Hitler’s Greece: The Experience of Occupation, 1941-44 (1993)

Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt: Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike (2010)

Hagen Fleischer: Wenn ihr euch erinnert, können wir vergessen

Bölls Anekdote

ZDF heute verbreitet erneut „Terrorismus“-Lüge zur antigriechischen Agitation

“le bohemien” über in Zhg. mit der Griechenland-Krise Stehendes

Nachtrag: Katerina Kralova: Das Vermächtnis der Besatzung. Deutsch-griechische Beziehungen seit 1940 (2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Mein Freund B. hat gemeint, wenn die Österreicher unter Voraussetzungen leben müssten wie die Griechen (zB 400 € Pension, bei Lebensmittel-Preisen wie hier) würde es keine Mitte-Links-Regierung geben wie dort, sondern eine FPÖ-Alleinregierung plus eine Rechts-Abspaltung von der FPÖ mit ca. weiteren 10%…
  2. Cineas fragte Pyrrhus, warum sich dieser nicht jetzt ausruhte, anstatt sich die Eroberungen anderer Reiche anzutun, wo doch sein Ziel sei, sich nach dem ultimativen Sieg auszuruhen

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