Taiwan-China

Im Verhältnis China-Taiwan bzw Volksrepublik-Republik stehen der vorangegangene Bürger-Krieg, die De Facto-Teilung, die Krisen bzw Spannungen, die jeweiligen Ansprüche auf ganz China, im Vordergrund. Die inneren Gräben in der ROC bzw auf Taiwan verschwinden dabei aus dem Blickfeld; sie bieten einige Paradoxa sowie interessante Parallelen.

In China ist der Name Taiwan, bei dem es sich wahrscheinlich um ein Lehnwort aus einer Ureinwohnersprache handelt, seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlich. Der Name bezeichnete ursprünglich sowohl die gesamte Insel als auch die damalige Hauptstadt (das heutige Tainan) im Süden der Insel. Bewohnt war die Insel vor Chinas Küste bis in die frühe Neuzeit von malaio-polynesischen, austronesischen Gruppen. Taiwan liegt zwar vor dem Ostteil Chinas, der das “innere China”, das Kernland, bildet, es liegt im Süden aber nach Südost-Asien hin offen (Strasse von Luzon zu den Philippinen) und im Osten zum Pazifik/Ozeanien. Der Admiral Zheng He soll im 15. Jahrhundert eine erste chinesische Expedition nach Taiwan unternommen haben, dies ist aber nicht gesichert.

1583 erreichten portugiesische Seefahrer als erste Europäer die Insel und nannten sie Ilha Formosa („Schöne Insel”), ein Name, der lange verwendet wurde. 1624 besetzte die niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) den Süden der Insel und 1626 gründeten Spanier Niederlassungen im Norden; sie wurden bald von den Niederländern vertrieben. Auf die niederländischen Kolonisatoren geht die erste grössere Einwanderungswelle von Chinesen zurück, die bis dahin nur vereinzelt gekommen waren. Die Holländer warben sie als Arbeiter u a. für den Zuckerrohr-Anbau an. Durch die weniger als 40 Jahre währende niederländische Kolonial-Herrschaft, die nur das südliche Drittel der Insel umfasste, gab es tiefgreifende Änderungen: (Han-)Chinesen kamen, wurden allmählich zahlreicher als die “indigenen Völker”. Diese wiederum wurden von den Niederländern kontrolliert, in dem sie Dorfvorsteher bzw. Häuptlinge ernannten, was die Gesellschaftsstrukturen veränderte; ebenso wie die christliche Missionierung. Die aus Südostasien und Ozeanien stammenden “Aborigines” verloren ihre Unabhängigkeit und die Kontrolle über ihre Insel, wurden ab da zunehmend zurückgedrängt. Es kam zu Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den eingewanderten Chinesen, wie auch zwischen den Chinesen und Niederländern.

1644 besiegten in China die Mandschuren unter der Qing-Dynastie die Ming-Herrscher; viele Ming-Loyalisten flüchteten nach Taiwan (erinnert an die Einwanderung der Führung der Republik um 1949 dann). Einer dieser Ming-Anhänger, Koxinga (Zheng Chenggong), ein Kriegsherr und Kaufmann chinesisch-japanischer Abstammung, vertrieb 1662 die niederländischen Kolonialherren. Er gründete ein Lokalreich auf Taiwan, das Tungning-Königreich, den ersten chinesischen Staat auf der Insel; dieser setzte den Widerstand gegen die auf dem Festland herrschenden Qing fort. 1683 eroberten dann die Mandschu-Herrscher vom Festland die Insel. Taiwan war nun erstmals mit China vereinigt, blieb dies für etwa 200 Jahre, eine Folge waren weitere Einwanderungswellen aus dem Festland. Es kamen Soldaten, Beamte, Siedler, v.a. aus der Taiwan/Formosa am Festland ggü-liegenden Fujian-Region. Diese gehörten überwiegend den Hoklo/Hokken/Holo an, einer südchinesischen Han-Untergruppe. Sie waren es, die Landwirtschaft auf der Insel etablierten und sie bildeten den Kern der heutigen chinesischen Bevölkerungsmehrheit Taiwans. Die Ureinwohner wurden entweder von den Küsten in das gebirgige Landesinnere verdrängt oder gingen in der eingewanderten Han-Bevölkerung auf, durch kulturelle Assimilation oder biologische Vermischung.

Als Taiwan von China nach einem Krieg mit Japan Ende des 19. Jahrhunderts an dieses abgetreten werden musste, waren Chinesen längst die Mehrheit der Bevölkerung gegenüber den Ureinwohnern. Chinesen und “Aborigines” erhoben sich in den frühen Jahren der Herrschaft der Japaner gemeinsam gegen diese. Ansätze zu eigener (taiwanesischer) Identität in der Bevölkerung wurden durch diese Herrschaft gestärkt. Da ein taiwanesisches Bewusstsein (das zumindest eine starke chinesische “Komponente” hatte) von den japanischen Besatzern unterdrückt wurde, wurde es von der (festland-) chinesischen KP damals unterstützt, eines der Paradoxa bei diesem Thema. In unzugänglichen Bergregionen konnten einige indigene Völker ihre Eigenständigkeit und Kultur bis ins frühe 20. Jahrhundert bewahren, sie wurden von den Japanern “unter Kontrolle” gebracht. Die Japaner behielten ihnen gegenüber die Klassifizierung der chinesischen Qing-Ära in “roh” (wild) oder “gekocht” (assimiliert) bei.

Die japanische Herrschaft über Taiwan (1895-1945) wird heute auf der Insel gerne als Modernisierung geschätzt bzw eingestuft. Die Erziehung in japanischer Sprache trug dazu bei, dass sich viele Taiwaner als Japaner fühlten. Es gab einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Japaner brachten auch den heute sehr beliebten Sport Baseball nach Taiwan. Die Zeit fiel z. T. mit der japanischen Meiji-Ära zusammen, in der Verwestlichung ein zentrales Thema war. Dies schlug sich auch in einer Haltung gegen Drogen nieder, wirkte sich auf das Opium-Rauchen auf Taiwan aus, das in der frühen Qing-Zeit begonnen hatte. Dieses lud zwar auch zur Besteuerung ein, wurde aber schliesslich ausgemerzt.

Auch während der chinesischen Revolution 1911/12 (die ein Ende der Monarchie und eine Republik und, wenn man so will, die Moderne, brachte) war Taiwan bei Japan. Dieser Umsturz brachte den Abfall der Mongolei und Tibets, eine stärkere westliche Beeinflussung, Instabilität, konkurrierende Machtzentren bzw Zerfall. Die Kommunistische Partei und die Kuomintang (KMT) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen, 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Der Krieg wurde einer zwischen der Regierung der Republik bzw ihrer Armee und der KP-Miliz Rote Armee; er wurde während der japanischen Invasion 1937-1945 unterbrochen. Tschiang Kai-Schek wurde 1943-1949 zum 2. Mal Präsident der Republik, ihr letzter am Festland.

Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 transferierte die amerikanische Militärregierung unter MacArthur Taiwan unter die Verwaltung der Republik China. Es kam bald zu Spannungen und Konflikten zwischen Taiwanern und der von der (gesamtchinesischen) Kuomintang-Regierung eingesetzten Verwaltung aus Festlandschinesen, die zunächst begeistert empfangen worden waren. Soldaten und Beamte konfiszierten nicht nur Eigentum der japanischen Kolonialverwaltung, sondern auch von taiwanesischen Firmen oder Personen, etwa Waren wie Reis, Salz und Zucker, die auf das kriegsgebeutelte Festland geschafft wurden. Chinesische Soldaten sollen die Bevölkerung terrorisiert haben und der Machtwechsel einen wirtschaftlichen Niedergang eingeleitet haben. Die Spannungen entluden sich am 28. Februar 1947 in einem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand. Ein Streit zwischen einer Zigarettenverkäuferin und einem Anti-Schmuggel-Beamten am Tag davor löste einen Aufstand aus, der durch das Militär gewaltsam niedergeschlagen wurde. Zwischen 10 000 und 30 000 Taiwaner wurden dabei getötet, Anführer ebenso wie Unbeteiligte. Danach wurde das Kriegsrecht über die Insel verhängt, was 40 Jahre aufrecht bleiben sollte, die längste solche Phase in der Geschichte. Das Massaker war auch der Auftakt zum “weissen Terror”, der ebenfalls bis 1987 anhalten sollte, sich gegen des Kommunismus oder anderer Dissidenz Verdächtigte richtete.

Zum Erbe des Aufstands und des Massakers gehört die Abwendung grosser Teile der Bevölkerung von der Republik und von China überhaupt. Militärgouverneur Chen Yi, der Verantwortliche, wurde entlassen, aber nur um am Festland andere wichtige Posten einzunehmen. Als Gouverneur der Provinz Zhejiang wurde er entlassen und verhaftet, unter der Anschuldigung, sich in der Endphase des Krieges der Roten Armee bzw der KP ergeben zu wollen. Nach dem Todesurteil gegen ihn wurde er auf Taiwan gebracht und 1950 dort exekutiert. Im Regime der KMT war der “228-Vorfall” von 1947 ein Tabu. In der Phase der Demokratisierung entschuldigte sich Präsident Lee Teng-hui (KMT), der damals als kommunistischer Sympathisant am Aufstand teilgenommen hatte und verhaftet worden war, 1995 im Namen der Regierung und erklärte den 28. Februar in Gedenken an das Massaker zum staatlichen Feiertag.

Der Bürgerkrieg war 1948 entschieden, im April 1949 wurde die damalige Hauptstadt Nanjing durch die Rote Armee erobert. Die Führung von Republik, Partei und Armee mussten sich immer weiter in den Süden zurückziehen. Im Dezember 1949 wurde ihre letzte Bastion Chengdu in Szechuan belagert. Chiang Kai-Shek und sein Sohn Chiang Ching-Kuo waren unter jenen, die die Militärakademie der Stadt schliesslich per Flugzeug nach Taiwan verliessen (das praktisch kein Schauplatz des Kriegs gewesen war). Mao Tse-Tung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Volksrepublik China proklamiert, Anfang Oktober, in Peking. In Szechuan waren noch eine Zeit lang Truppen der Republik aktiv, ebenso im Süden. Ansonsten hielt die KMT-Republik nur Taiwan mit seinen vorgelagerten Inseln sowie Hainan und zwei weitere Insel(gruppe)n vor der Ost- und Südküste. Ein Angriff der Volksrepublik auf Quemoy, eine dieser vorgelagerten Inseln, der auf Taiwan gerichtet war, wurde im Oktober 1949 abgewehrt. Im Süd-Westen isolierte Reste des Militärs der Republik sowie verbündete Milizen und zivile Anhänger zogen sich nach Nord-Birma und Nord-Thailand zurück. Von dort wurden sie teilweise nach Taiwan evakuiert, teilweise wandten sie sich hier im „Goldenen Dreieck“ der Opiumproduktion zu, teilweise begannen sie von dort Guerilla-Attacken auf das nun kommunistische China. Auch die Annexion Tibets gehört zu den Kriegshandlungen nach Ausrufung der Volksrepublik. Im Frühling 1950 wurde die Insel Hainan von der Roten Armee erobert, danach auch die Wanshan-Inseln und Zhoushan. Damit endeten die letzten grösseren Kampfhandlungen des Chinesischen Bürgerkrieges. Die letzte Phase des Bürgerkriegs wird teilweise nicht mehr als solcher gesehen, sondern als zwischenstaatlicher.

Es wurde erwartet, dass auch Taiwan früher oder später fallen würde, zumal die USA-Regierung, die die Republik im Bürgerkrieg unterstützt hatte, zunächst kein Interesse an einer Unterstützung von Chiang’s letztem Stand hatte. Dies änderte sich mit dem Beginn des Korea-Kriegs im Juni 1950, danach sandte Truman eine Flotte in das Südchinesische Meer. In Nordwest-China erhoben sich ab 1950 Reste der Armee der Republik, die dort grossteils aus Angehörigen moslemischer Völker bestand, gegen die Volksrepublik, bis 1958. Der Widerstand bzw Guerilla-Krieg von Birma aus gegen Süd-China unter Li Mi wurde von der USA unterstützt. Nachdem sich Birma darüber bei den UN beschwert hatte, lösten sich die Truppen 1953/54 grossteils auf und gingen auch nach Taiwan. Einige Tausend kämpften, unterstützt von der Republik, noch bis 1961 weiter.

Chiang proklamierte nach seiner Ankunft in Taiwan im Dezember 1949 Taipeh zur “vorübergehenden” Hauptstadt der Republik, die sich nach den Ansprüchen seiner Regierung auf ganz China erstreckte. Die Republik China wurde auf Taiwan fortgeführt, das bedeutete eine Fortsetzung der auf das Militär gestützten Einparteien-Diktatur des Festlandes. Taiwan war 1945 bis 1949 Teil der KMT-geführten Republik, bildete danach (de facto) diese. Die chinesische Flagge ab 1928 wurde die taiwanesische. Der Militär Chiang blieb mit einer Unterbrechung bis zu seinem Tod 1975 Herrscher Taiwans. War seine Regierung eine Exilregierung, eine Gegenregierung oder die legitime? Die Rück- bzw die Rest-Eroberung wurden Ziele der Regierungen der Volksrepubik am Festland und der Republik auf Taiwan. Die im 19. Jh. de facto verlorene Souveränität Chinas wurde nach dem 2. WK trotz (de facto-) Teilung wiederhergestellt; de jure gab bzw gibt es zwei Parallelregierungen für ganz China, de facto wurde Taiwan unabhängig. Die Republik stellte den Vertreter Chinas in der UN, wurde von den Staaten der westlichen Welt als für ganz China zuständig anerkannt.

Die Regierung der Republik China erhebt also den Anspruch auf die Alleinvertretung für ganz China (wie einst die BRD für Deutschland), wie auch die Volksrepublik (Ein-China-Politik). De Facto ist das von ihr kontrollierte Territorium auf Taiwan und die vorgelagerten Inseln beschränkt. Offiziell beansprucht die Republik ein China in den Grenzen von 1911, also vor der Revolution, ein Gebiet mit der Mongolei und Tibet, dem indisch kontrollierten Süd-Tibet oder dem Tuwa-Gebiet, das nach der Revolution zu Russland gekommen ist; es beansprucht Hongkong, Macao und Sinkiang sowie die Diaoyu/Diaoyutai/Senkaku-Inseln, die bereits im 19. Jh zu Japan kamen (siehe Karte unten). Das ist um einiges mehr, als die Volksrepublik kontrolliert bzw beansprucht…

China stand wie auch Deutschland voll im Kalten Krieg, die Sowjetunion unterstützte die VR (wie auch schon die KP im Bürgerkrieg), die USA die Republik. Die VR mischte ausserdem in Korea und Indochina mit. Die Quemoy/Kinmen/Chinmen-Inseln, ein Archipel in der Taiwan-Strasse, zwischen Festland und Insel, blieb nach 1949 unter Kontrolle der Republik; urprünglich hatte er zur Provinz Fujian gehört. Nachdem die VR China in der Endphase des Bürgerkriegs bereits nach diesen Inseln vor seiner Küste gegriffen hatte, kam es 1954/55 wieder zu Kämpfen; bei einem Eingreifen der Schutzmächte der beiden Chinas wäre die Welt- und Atomkriegsgefahr gross gewesen. Die Kämpfe gingen auf kleinerer Flamme bis 1958 weiter. Danach pendelte sich eine Koexistenz zwischen den beiden Staaten ein.

Infolge der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg flüchteten um 1949 beinahe 2 Millonen Chinesen aus allen Teilen des Festlandes (zu Han-Chinesen “eingeschmolzen”, falls sie das nicht waren) nach Taiwan (Soldaten, KMT-Kader, Beamten, Sympathisanten aus Wirtschaft oder Kunst und andere Zivilisten). Sie bildeten die Oberschicht, sie standen der Regierungspartei zumindest nahe, bekamen die Stellen im öffentlichen Dienst, wurden überall gefördert. Die in der taiwanesischen Gesellschaft als Waishengren bezeichneten (im Deutschen meist als „Festlandchinesen” übersetzt) schraubten die ohnehin schon hohe Bevölkerungsdichte weiter in die Höhe, sind bis heute an der Nordküste Taiwans konzentriert, besonders im Raum um Taipeh. Credo der KMT war/ist ein chinesischer Nationalismus und die Rückgewinnung des verlorenen Landes; Taiwan wollte sie nach ihrer Wunschvorstellung Chinas umgestalten, die Insel ist für sie einfach ein Teil Chinas.

Der andere Teil der Bevölkerung sind die Benshengren (chinesisch 本省人, „Menschen aus der hiesigen Provinz”), die Nachfahren der früheren Festland-Einwanderer, teilweise werden auch die Ureinwohner dazugezählt (die in der Hierarchie der Volksgruppen ganz unten stehen). Die eigentlichen Benshengren (die Han sind) sind Nachfahren der seit dem 17. Jahrhundert in mehreren Wellen vom südlichen Festland her Eingewanderten, unter den Niederländern, dem Ming-Loyalisten Koxinga und den Qing. Sie zerfallen wiederum ihrer Herkunft nach in zwei Gruppen: die Hoklo, die früher kamen, v.a. aus Fujian, und einen Teil der Ureinwohner unter sich “aufnahmen”; und die Hakka, die hauptsächlich im 18. und 19. Jh und aus Guangdong kamen. Die Benshengren sind verwurzelter auf Taiwan als die Waishengren und in der Regel offen für einen taiwanesischen Nationalismus, der aus Sicht der “Sinozentristen” einen separatistischen Charakter hat.

Durch den Gegensatz zu den Benshengren hat sich unter den Waishengren, die ursprünglich aus den verschiedensten Gegenden Chinas stammten und keineswegs eine Einheit bildeten, im Laufe der Zeit eine neue ethnische Gruppe entwickelt. Die ethnisch-politischen Grenzen in der taiwanesischen Bevölkerung wurden gestärkt, indem in Personal-Dokumenten früher die Ethnizität (bzw der Stammsitz der Grossfamilie) eingetragen wurde, bis Anfang der 1990er. Für Waishengren sind auch Benshengren und die Ureinwohner auf die eine oder andere Art Chinesen; streng (bzw ethnisch) genommen sind die Hokla und Hakka (Untergruppen der Benshengren) tatsächlich Han-Chinesen, wobei ein Teil der austronesischen Ureinwohner in ersteren aufgegangen ist. Ein Teil der Waishengren ist nicht sinitischer Herkunft.

Die Diversität der Bevölkerung und die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen zeigt sich auch in der Sprachsituation. Es gibt auf Taiwan vier Sprachgruppen: Hoch-Chinesisch, “taiwanesische” Sprachen, austronesische Sprachen, “auswärtige” Sprachen. Waishengren, die späten Immigranten (und ihre Nachkommen), pflegen Han-Chinesisch bzw Mandarin, daneben diverse chinesische Dialekte. Die Sprache der Benshengren, der Nachkommen der früher Eingewanderten, ist hauptsächlich die Sprache der Hoklo, das südchinesische Hokkien (bzw die taiwanesische Variante davon), das auch als “Taiwanisch” oder “Taiwanesisch” (臺灣話) bezeichnet wird. Die Verbreitung des taiwanesischen Hokkien ist nicht ganz mit der Hoklo-Gruppe der Benshengren kongruent, auch sehr viele Hakka sprechen es zumindest als Zweit- oder Drittsprache. Die Hakka haben ansonsten ihre eigene Sprache. Was diese Hakka-Sprache und das taiwanesische Hokkien betrifft, so werden beide auch als Dialekte des Chinesischen gesehen. Die Unterscheidung, ob sie Dialekte oder eigene Sprachen sind, wird nicht zuletzt auf Grundlage politischer Ansichten getroffen. Im Zuge der Demokratisierung in den 1990ern wurde Taiwanesisch mehr zugelassen.

Die Ureinwohner, wie die Ami, haben ihre eigenen Sprachen, die mit Chinesisch gar nicht verwandt sind, aber mit ozeanischen Sprachen wie Hawaianisch. Wie diese Ethnien wurden auch ihre Sprachen stark zurückgedrängt, sind im öffentlichen Raum (Bildung, Medien,…) so gut wie nicht präsent. Japanisch ist noch immer die “Hilfssprache” vieler Taiwanesen, nicht zuletzt der Ureinwohner! Englisch wurde aufgrund der Amerikanisierung der letzten Jahrzehnte, die genau so tief ging wie einst die Japanisierung, eine Konkurrenz für das Japanische als “Lingua Franca”. Interessantwerweise gingen Re-Sinisierung und Amerikanisierung ab 1949 Hand in Hand auf Taiwan, aufgrund der politischen Umwälzungen. Hoch-Chinesisch war für Jahrzehnte die einzige zugelassene Sprache in Bildung, Staatsdienst, Medien, usw., und auch ein Instrument zum Ausschluss der Nicht-Waishengren. Die Einstellung oder Beförderung von Benshengren wurde etwa gerne mit der Begründung angelehnt, dass diese nicht gut genug Chinesisch sprächen. Dies änderte sich parallel zur Aufweichung der Diktatur. Taiwanesisches Hokkien hat sich wieder Bedeutung zurück erkämpft, nicht zuletzt in der Wirtschaft, auch durch das Entstehen einer Benshengren-Mittelklasse.

Die erfolgreiche Industrialisierung (besonders Elektronik- und Kommunikations-Industrie) nach dem Bürgerkrieg bzw der Teilung bzw der Waishengren-Machtübernahme haben das landwirtschaftlich geprägte Land stark verändert. Das Zwei-Kammern-Parlament trat jahrzehntelang auf Grundlage der Wahlen von 1947 und 1948 zusammen, den letzten der Republik am Festland; ab 1969 gab es immerhin Nachwahlen für verstorbene oder zurückgetretene Abgeordnete. Die chinesische Verfassung von 1947 ist noch immer die Grundlage jener Taiwans. Widerstand gegen Sinisierung/Sinifizierung und Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans waren in den Jahrzehnten der Dikatur eine ebenso schwere Abweichung wie Kommunismus, wurden mit Gefängnis- und Todesstrafen geahndet. Pro-Demokratie-Bewegung, Benshengren-Emanzipations-Bestrebungen und Unabhängigkeits-Aktivismus waren eigentlich nicht voneinander zu trennen. Die Festland-KMT-Elite wurde in der Bevölkerungsmehrheit vielfach als ausländische Besatzungsmacht aufgefasst und der Ein-China-Anspruch als falscher Kurs. Es war üblich, dass Benshengren als Bedienstete für Waishengren arbeiteten, umgekehrt kam das nicht in Frage. Ehen zwischen Angehörigen der beiden Gruppen hatten den Charkter einer Hypergamie, eines „Hinaufheiratens“; Benshengren-Frauen heirateten gelegentlich Waishengren-Männer, nicht umgekehrt. Die Kinder solcher Beziehungen gingen in den Waishengren auf. So hatte es sich aber auch mit den Ureinwohnern und den Benshengren Jahrhunderte davor verhalten… Es gab auch so etwas wie eine Trennung der Wohngebiete der beiden Gruppen.

Die 1970er brachten einige Krisen für das Regime: 1971 der Ausschluss aus der UN zugunsten der VR. Dann die Annäherung der USA an die Volksrepublik, die 1978 zu deren Anerkennung führte, zuungunsten der Republik; USA blieb aber ihre Schutzmacht, während sich die Sowjetunion und die VR in den 1960ern entzweiten. 1975 der Tod Chiang Kai-Sheks, dem sein Sohn nachfolgte. Daneben begann sich unter Benshengren aus der Erfahrung der Unterdrückung Widerstand zu formieren, die Tangwai-Bewegung. Die Front zwischen Befürwortern von Ein-China und Taiwan-Eigenständigkeit war grossteils kongruent mit jenen zwischen Regime und Opposition sowie Festland-Einwanderern (Elite) und autochthonen Insulanern (Unterworfene). Ein Protestmarsch in Kaohsiung 1979 wurde gewaltsam aufgelöst, die Anführer, wie Annette Lu (2000 Vize-Präsidentin), vor Gericht gestellt. Genau das, bzw die Berichte in den Medien über die Prozesse, fachte den Demokratie- und Unabhängigkeits-Diskurs weiter an. Den “Taiwanisten” ging es damals hauptsächlich um Gleichheit bzw Emanzipation, nicht Umsturz oder Kurs-/Machtwechsel.

Die Tangwai-Bewegung wurde in den 1980ern stärker, als die Ehefrauen inhaftierter Aktivisten bei Lokalwahlen als unabhängige Kandidaten Mandate gewannen. Die Widerstandsbewegung gegen das Regime begann sich zu organisieren: 1986 wurde die Democratic Progressive Party (DPP) gegründet, als erste Oppositionspartei im Kuomintang-Staat, obwohl dies noch illegal war. 1987 hob Präsident Chiang Ching-Kuo das Kriegsrecht auf. 1988 starb der jüngere Chiang, Lee Teng-hui wurde sein Nachfolger. Lee (Li) ist ein Benshengren, der erste an der Spitze der KMT und des Regimes, als Präsident 1988 bis 2000 demokratisierte er es. Aufweichung der Diktatur bedeutete auch eine Aufweichung der Waishengren-Vorherrschaft und ein Abweichen vom strikten Ein-China-Kurs. 1991 wurde das Verbot des Eintretens für die Unabhängigkeit Taiwans aufgehoben; im selben Jahr wurde das vor Jahrzehnten am Festland gewählte Parlament aufgelöst. 1992 wurde es erstmals frei gewählt, Lees KMT gewann vor der DPP. Unter Lee fand in den 1990ern parallel zur Demokratisierung eine Taiwanisierung statt: in verschiedenen Bereichen wurde taiwanesische Kultur aufgewertet, in Schul-Lehrplänen etwa von einem pan-chinesischen Geschichtsbild auf ein stärker Taiwan-zentriertes umgestellt, die “taiwanesische” Sprache gewann an Bedeutung. Im Vorfeld der Präsidenten-Wahl 1996 (der ersten direkten), die eine Wiederwahl Lees brachte, gab es starke Spannungen mit der Volksrepublik, deren Führung die Ein-China-Formel durch ihn gefährdet sah, und Raketentests in der Taiwan-Strasse durchführen liess. Man muss sich das vor Augen führen: Dass dieser Staat nicht mehr das Territorium der Volksrepublik beanspruchen könnte, veranlasst diese zu solch indirekten Drohungen

Rund um die Präsidentenwahl 2000, die erstmals ein DPP-Kandidat (Chen Shui-bian, ein Benshengren) gewann, nachdem der KMT-Präsident Lee das Land reformiert hatte, war die Auseinandersetzung zwischen den politischen Lagern besonders intensiv. Waishengren und Benshengren standen (nicht nur da) ziemlich geschlossen im Lager von KMT bzw DPP. Die Haltung zur Volksrepublik (Anspruch auf sie oder Kurs auf Abtrennung) korreliert mit der Vorstellung vom Charakter Taiwans. Von jenen, die ihre jahrzehntelangen Privilegien verloren hatten, blickten nur wenige kritisch auf die vier Jahrzehnte autoritäre KMT-Alleinherrschaft zurück. 2001 gewann die DPP auch die Parlaments-Wahl. In der Folge bildeten sich zwei Blöcke unter DPP bzw KMT, mit kleineren verbündeten Parteien, der grüne und der blaue. Seither wechseln sie sich an der Macht ab.

Die China-Frage, das Verhältnis zur Volksrepublik bzw zum Festland, ist auf Taiwan das zentrale politische Thema, es berührt dort alle wichtigen Themen; auf dem Festland ist das umgekehrt nicht so. Die Haltung zur VR spiegelt das Nationskonzept der politischen Lager Taiwans wieder. Und, diese Lager sind grossteils ethnisch definiert; Scott (s. u.) stellte Parallelen zu Südafrika fest. Wahlen sind nicht nur Richtungskämpfe, sondern gewissermaßen auch ethnische Auseinandersetzungen. “Gemischte” Ehen, neue Generationen und Demokratisierung haben Unterschiede kleiner gemacht, Grenzen aufgeweicht, aber es gibt sie noch. Die ethnischen Spannungen erreichten rund um die Präsidentenwahl 2004 einen Höhepunkt, als Amtsinhaber Chen und seine Vizepräsidentin Lu beim Wahlkampf in Tainan angeschossen wurden. Die Wahl brachte einen hauchdünnen Sieg der “grünen” Kandidaten, den die “blauen” nicht anerkannten.

Die Republik China könnte der UN beitreten wenn sie nicht darauf bestünde, als Vertreterin ganz Chinas anerkannt zu werden, selbiges gilt für bilaterale Beziehungen. Der WTO oder UNICEF ist sie unter solchen pragmatischen Umständen (und unter Namen wie “Taiwan”) beigetreten. Offizielle Beziehungen hat die Republik zu wenigen Staaten, inoffiziell zu den meisten. Diese laufen über Quasi-Botschaften mit dem Namen “Taipei Economic and Cultural Representative Offices” (TECRO). 2004 wurde der Staatsname “Republik China” z.B. auf Pässen mit dem Zusatz “(Taiwan)” ergänzt. Im selben Jahr fand ein Referendum statt, in dem über die Beziehungen zur Volksrepublik abgestimmt wurde; diese Initiative von Präsident Chen wurde sowohl von der blauen Opposition als auch von der Volksrepublik heftig kritisiert, als Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Die Volksrepublik will also kein Ende des Alleinvertretungsanspruches der Republik, ist gegenüber Abspaltungstendenzen intolerant, trifft sich darin mit dem blauen Lager Taiwans, ihrem vermeintlichen Gegenpol! Zu den Unabhängigkeits-Unterstützern gehören auch Politiker aus dem blauen Lager, wie Ex-Präsident Lee; er gehörte zu jenen, die eine Unabhängigkeits-Erklärung vor Olympia ’08 in Peking befürworteten, unter der Annahme dass internationale Aufmerksamkeit die Volksrepublik dann davon abhalten würde, Taiwan anzugreifen. Manche “Taiwanisten” die für die totale Trennung von (Festland-) China sind, sind aus taktischen Gründen gegen eine Unabhängigkeits-Erklärung, wegen der Reaktion der VR und von vielen Waishengren (“Festländlern”) auf Taiwan. Auch die Schutzmacht USA ist gegen die Unabhängigkeit Taiwans.

Was das blaue Lager und seine Ambitionen betrifft, so meinen die meisten darin, dass die angestrebte “Vereinigung” mit dem Festland nur über dessen Demokratisierung laufen kann, einer Aufgabe der Staatsideologie der Volksrepublik (ähnlich wie bei der DDR). So wie jene “Sezessionisten”, die eine Abspaltung zurückhalten wollen, solange ein Militärschlag dafür droht, sind sie für die Aufrechterhaltung des Status Quo. Nicht wenige Waishengren bzw Blaue haben sogar das Anti-Abspaltungsgesetz der VR 05 begrüsst, das im Artikel 8 die Drohung, dass militärische Mittel zum Einsatz kommen können, sollte Taiwan weitere formelle Unabhängigkeitsbestrebungen unternehmen, enthält… Sie sehen es als ein Mittel gegen Benshengren/ Grüne/ Taiwanisten. Die KMT und ihre Verbündeten sehen ihr Ziel nicht als Wiedervereinigung, auch nicht als Irredentismus, die Regierung in Taipeh war in ihren Augen ohnehin immer für ganz China zuständig, wird nur in einem (sehr grossen) Teil seit Jahrzehnten von “Aufständischen” davon abgehalten, wie es auch vor und während des Bürgerkriegs Regierungen der Republik ergangen war. Diese hätten sich unerlaubterweise unabhängig gemacht. Und, wie erwähnt, ist das China von 1911 ihre “Verhandlungsgrundlage”. Allerdings, die Republik erhebt “aktiv” nur den Anspruch auf drei Gebiete: die Senkaku-, die Paracel- und die Spratly-Inseln, die alle recht nahe bei dem von ihr kontrolliertem Territorium liegen. Die Perspektive der Taiwan-Zentristen ist die Mikroperspektive, jene der Sino-Zentristen die Makroperspektive. Für die einen hat Taiwan eine eigene Identität und gehört in den südostasiatisch-ozeanischen Raum, die anderen sehen es als kleinen Teil Chinas bzw Zufluchtsort für seine vertriebenen rechtmäßigen Herrscher.

Die Taiwanisten sehen sich im selben Boot mit den Tibetern oder Uiguren oder Hongkongern; KMT-Anhänger sehen diese ähnlich wie die Volksrepublik. Der tibetische Dalai Lama Tenzin Gyatso wird von den meisten Waishengren bzw KMT-Anhängern ebenso abgelehnt wie von den Kommunisten. Der Dalai Lama traf bei seinen ersten beiden Besuchen auf Taiwan 1997 und 2001 die damaligen Präsidenten Lee und Chen, Befürworter der Unabhängigkeit Taiwans, und aus dem Lager der DPP. 09 kam er auf Einladung der DPP, Präsident Ma von der KMT ging ihm aus dem Weg; er sagte anlässlich des Besuchs, er strebe nicht die Sezession Tibets von China an, sondern eine echte Autonomie. KP und KMT treffen sich in ihrem chinesischen Nationalismus. Benshengren sehen dagegen die Ein-China-Politik auch als Kapitulation vor der Volksrepublik. Die KMT war einst gegen die Monarchie und gegen die Mandschu-Herrscher gegründet worden, ist ziemlich minderheiten-feindlich, gegen Traditionen des alten Chinas. Unter Dissidenten der Volksrepublik gibt es verschiedene Haltungen zur Republik bzw Taiwan. Der jetzige Präsident Ma Y. J. von der KMT, ein Waishengren, hat die Republik ein Stück näher an die Volksrepublik herangeführt. Etwa eine Million Taiwaner sollen in der Volksrepublik leben. Taiwan bzw die Republik ist der grösste Investor in der VR bzw dem Festland. In den 00er-Jahren wurden direkte Reiseverbindungen geschaffen, die auch zuvor schon über Hongkong bestanden.

Waishengren, also die um 1949 vom Festland Eingewanderten und ihre Nachkommen, stellen heute ungefähr 14 % der Bevölkerung Taiwans. Sie waren ähnlich wie die Afrikaaner in Südafrika die ethnisch-poltische Elite, viele von ihnen glauben noch immer, dass ihnen die Führungsrolle auf Taiwan zusteht –  ähnlich wie Aschkenasen in Israel, WASPs in USA, sunnitische Araber im Irak, Paschtunen in Afghanistan, Amhara in Äthiopien, Engländer in Grossbritannien, (moslemische) Panjabis in Pakistan, Weisse in Südafrika, oder Americo-Liberianer in Liberia. Der vielleicht bekannteste Taiwaner, der in USA lebende Regisseur Ang Lee, ist ein Waishengren, beide Eltern kamen am Ende des Bürgerkriegs vom chinesischen Festland, sein Vater legte in der Erziehung auch grossen Wert auf chinesische Kultur. Obwohl Waishengren die Regierung nicht mehr dominieren, machen sie noch immer einen überproportional grossen Teil der Beamtenschaft und des Militärs aus. Das, was von ihren Privilegien geblieben ist, hoffen sie durch die KMT zu behalten.

Simon Scott arbeitete heraus, dass Benshengren mit den Afrikaanern Südafrikas einiges gemeinsam haben: Beide stammen sie von Leuten ab (Chinesen bzw Europäern), die ab dem 17. Jahrhundert, ursprünglich auf Initiative der niederländischen VOC, in ein neues Gebiet auswanderten. Beide haben ihren Nationalismus dort “eingewurzelt”, was sich schon daran zeigt, dass sie ihre Sprache nach diesem Gebiet genannt haben (Afrikaans bzw Taiwanesisch). Lee Teng-Hui hat, um bei dem Vergleich zu bleiben, etwas von F. W. De Klerk. Die Benshengren haben auch etwas von den israelischen Mizrahis: auch für diese begann, im zionistischen Zusammenhang, Ende der 1940er die Konfrontation mit einer mächtigeren Gruppe, die eigentlich Landsleute sind. Beide haben in den 1970ern eine gewisse Emanzipation erreicht. Auch die Begründungen für die Diskriminierung, man formt und definiert den Staat nach seinen Vorstellungen und sagt, die anderen sind nicht reif dafür. Die ethnischen Spannungen der Taiwan-Wahl 04 entsprechen aber jener Israels von 1981. Die Benshengren setzen sich wie erwähnt zusammen aus den noch verwurzelteren Hoklos (ca. 70% der Gesamtbevölkerung heute), in denen viele sinifizierte bzw assimilierte Ureinwohner aufgegangen sind, und den ca 15% Hakka. Eine Mehrheit von ihnen will Taiwan als eigenen Staat, sieht es auch als Nation.

Die austronesischen Ureinwohner Taiwans, auf chinesisch Táiwānyuánzhùmín (臺灣原住民) oder Yuánzhùmín (原住民) genannt, hatten mit der Ankunft der Benshengren die Kontrolle über die Insel verloren. Für sie waren die ersten chinesischen Siedler, die Niederländer, Japaner, die Waishengren, alles irgendwie Kolonialherren. Im Vergleich mit Südafrika entsprechen sie entweder den Bantu-Völkern oder den Khoisan, im zionistischen Zusammenhang den Palästinensern (jenen in den Restgebieten oder den “israelischen Arabern”). Gerade mit den Hoklo soll die Yuánzhùmín eine tiefe Feindseligkeit verbinden, die sie tendenziell die KMT wählen lässt, obwohl sie so gut wie keine chinesische Identität haben.

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg
https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg

 

Simon Scott: Taiwan’s Mainlanders: A Diasporic Identity in Construction. In: Révue Européenne des Migrations Internationales, Band 22, Nr. 1, 2006, S 87–106

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtlicher_Status_Taiwans

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bounty und andere Meutereien in der Geschichte

William Bligh aus Plymouth erhielt mit 21 Jahren die Chance, als Navigator an James Cooks dritter Südsee-Expedition von 1776 bis 1779 teilzunehmen, wurde dabei Augenzeuge von Cooks Ermordung auf Hawaii. Danach nahm er am Krieg gegen die nach Unabhängigkeit von Grossbritannien strebenden 13 amerikanischen Kolonien teil. Nach Kriegsende nahm er seinen Abschied von der Marine und befehligte ein Handelsschiff, das im Rum- und Zuckergeschäft zwischen England und der Karibik verkehrte. Dabei lernte er den Adeligen Fletcher Christian kennen, den späteren 2. Offizier der Bounty und Anführer der Meuterer, mit dem ihn anfangs eine Freundschaft verband. Auf Betreiben seines Förderers, des Naturforschers Joseph Banks, kehrte Bligh 1787 in den Dienst der Admiralität zurück und erhielt das Kommando über das britische Schiff “HMAV (His Majesty’s Armed Vessel) Bounty”. Das Schiff sollte Ableger des Brotfruchtbaums von Tahiti zu den Westindischen Inseln (Karibik) bringen, über Kap Hoorn und das Kap der guten Hoffnung, um die Zuckerrohr-Pflanzer aus den europäischen Kolonialmächten in der Karibik mit einem billigen Nahrungsmittel für ihre Sklaven zu versorgen. Aus Kostengründen wurde Bligh nicht zum Kapitän befördert, hatte an Bord aber die Stellung eines solchen. Am Weg nach Tahiti entdeckte die Besatzung des Schiffs für Europa einen Archipel, der fortan „Bounty“-Inseln genannt wurde (wurde britisch, dann Teil Neuseelands).

Tahiti war damals noch eine unabhängige Insel, deren Bevölkerung in Stammesfürstentümer gegliedert war. Blighs erste Handlung nach der Ankunft dort war es, zu den Fürsten gute Beziehungen herzustellen; einer von ihnen erinnerte sich an ihn, von seiner Reise mit Cook 15 Jahre davor. Warum die Mannschaft fünf Monate auf Tahiti blieb, darüber gibt es verschiedene Versionen. Weil sich der Brotfruchtbaum zur Ankunftszeit in einer Ruhephase befand und nicht sofort Stecklinge zu ziehen waren; weil die Weiterfahrt durch die Torres- (damals Endeavour-)Strasse wegen ungünstiger Winde im Winter nicht durchführbar war; weil das Verladen der Brotfruchtbäume so schnell erledigt war und sich dadurch ein Zeitfenster öffnete. In dem knappen halben Jahr auf Tahiti konnten die Besatzungsmitglieder das Leben weitgehend ohne Pflichten geniessen, viele gingen in dieser Zeit Beziehungen mit tahitianischen Frauen ein, lernten deren Kultur kennen. Drei Besatzungsmitglieder versuchten sich im Jänner 1789 mit einem Boot und Waffen auf der Insel abzusetzen; nach ihrer Auffindung wurden sie mit Peitschenhieben bestraft, was anscheinend eine relativ milde Strafe war.

Im April die Weiterfahrt über die Torres-Strasse (nördlich von Australien), Richtung Kap und dann Karibik. Auf einer der Inseln Tongas sollte Fletcher Christian im Beiboot an Land gehen und die Trinkwasservorräte auffrischen. Nachdem er und seine Leute von Tonganern mit Speeren und Keulen attackiert wurden, traten sie den Rückzug an. Bligh soll Christian dann vor versammelter Mannschaft heruntergemacht haben. Wenige Tage später bezichtigte Bligh Christian des Diebstahls von einigen der auf Tahiti geladenen Kokosnüsse, die er als Proviant für die Weiterfahrt eingeplant hatte, es kam zu einem Streit. Nach dem langen und genussvollen Aufenthalt auf Tahiti konnte sich Christian, wie ein grosser Teil der restlichen Mannschaft, nicht mehr so leicht an die Disziplin am Schiff gewöhnen. Auch die Weigerung der Admiralität, Bligh Marinesoldaten mit an Bord zu geben, wirkte sich nun aus. Am Morgen des 28. April 1789 kam es, vor den Tonga-Inseln, zur bekanntesten Meuterei der Geschichte. Jene, denen das “Südsee-Paradies” verlockender erschien als eine Fahrt fast um die ganze Welt, im Dienste des britischen Imperiums, sollen Christian in der Nacht davon überzeugt haben. Als Christian nun Morgenwache hatte, überwältigte er zusammen mit 11 weiteren Crewmitgliedern den schlafenden “Kapitän” Bligh in seiner Kajüte, bemächtigte sich der Waffen an Bord und übernahm das Kommando auf der “Bounty”. Bligh und jene, die loyal zu ihm bleiben wollten (18 Mann), wurden in ein grösseres Beiboot gezwungen und ausgesetzt; einige Anhänger hatten dort keinen Platz mehr und mussten auf der Bounty bleiben. Die Ausgesetzten bekamen reichlich Wasser und Proviant (darunter alkoholische Getränke) sowie Navigationsinstrumente und Segelausrüstung mit, und viele Tonga-Inseln waren in der Nähe. Die Meuterer warfen fast alle Brotfrucht-Setzlinge über Bord der Bounty und segelten Richtung Tahiti zurück.

Am Weg dorthin “entdeckten” sie die Insel Tubuai (Polynesien), das ein Stützpunkt von ihnen wurde. Es gab dort ständige Streits mit der Bevölkerung, die in einem Kampf gipfelten, welcher aufgrund der waffentechnischen Überlegenheit viele Tote unter den Polynesiern forderte. Daneben bröckelte Christians Autorität unter den Bounty-Meuterern. Die Mehrheit wollte auf Tahiti bleiben, was ihnen gestattet wurde. Im September 1789 wurde das “Pendeln” zwischen Tahiti und Tubuai beendet. 15 Meuterer durften auf Tahiti bleiben. Christian rechnete (richtig) damit, dass Bligh die Heimfahrt schaffen würde und sie ein englisches Schiff früher oder später dort aufsuchen werde, und wollte weiter. Er lockte einige Tahitianer, hauptsächlich Frauen, zu einer Party aufs Schiff zu seinen Getreuen, und liess dann den Anker lichten. Einem, den Christian aus seefahrerischen Gründen dabeihaben wollte, gelang es im letzten Moment, sich abzusetzen und auf Tahiti zu bleiben. Sechs ältere Frauen, für die er keine Verwendung hatte, wurden dann auf Mo’orea ausgesetzt. Neben 9 britischen Bounty-Meuterern waren nun 20 Polynesier am Schiff, darunter 14 Frauen und 2 Leute aus Tubuai.

Jene Briten, die auf Tahiti blieben, zerfielen in zwei Gruppen: Jene um Morrison, der kein aktiver Meuterer gewesen war, und den Bau eines Schiffs initiierte, mit dem Niederländisch-Indien (Indonesien) erreicht werden sollte, wo man sich in europäische Hände begeben wollte. Die anderen, um Churchill, mischten sich in das Leben der Tahitianer, mit verschiedenen “Schwerpunkten”, ob Feiern oder Tätowierungen; zwei kamen dabei ums Leben.

Bligh und seine Leute segelten mit der Barkasse 6 Wochen nach Kupang auf Timor (Niederländisch-Indien). Dass im Südosten des näher gelegenen Australien in diesen Jahren die britische Sträflingskolonie Sydney gegründet worden war, wusste er damals nicht. Die lange Fahrt in dem kleinen offenen Boot war beachtlich. Auf dem Weg nach Timor entdeckte die Besatzung als erste Europäer mehrere Inseln der Fidschi-Gruppe und der nördlichen “Neuen Hebriden” (Vanuatu-Archipel). Von den 19 Insassen der Barkasse überlebten 12, sie kehrten, nachdem sie sich erholt hatten, auf verschiedenen Schiffen nach England zurück. Die britische Admiralität sandte im November 1790 in Portsmouth die Fregatte “HMS Pandora” unter Kapitän Edwards aus, um die Meuterer aufzuspüren und festzunehmen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Fletcher-Christian-Gruppe schon auf den Pitcairn-Inseln im Ost-Pazifik niedergelassen. Die Bounty durchsegelte auf der Suche nach einer neuen Bleibe den polynesisch-melanesischen Grenzbereich, bevor sie sich nach Osten wandten. Einige der Polynesier wurden bei Zwischenstopps “abgesetzt”, so dass neben den neun Briten nur noch vier Männer und zwölf Frauen aus Tahiti und zwei Männer aus Tubuai an Bord waren. Die pazifisch-ozeanische Region war damals zwar weitgehend erforscht (u.a. durch Cook), aber noch nicht von Europäern kolonialisiert und in Besitz genommen. Pitcairn war abgelegen und unbewohnt, die polynesische Bevölkerung war vor der europäischen Entdeckung ausgestorben; nach diesen portugiesischen und britischen Sichtungen in der frühen Neuzeit waren die vier vulkanischen Inseln als “Pitcairn” in Seekarten eingetragen worden, nach dem Namen eines Seemanns auf einem der britischen Schiffe. Die Bounty-Gruppe kam im Jänner 1790 dort an. Man beschloss, die Bounty auf Grund zu setzen, um das Anlanden der mitgebrachten Habseligkeiten, Yamswurzeln und Süsskartoffeln sowie einiger Schweine, Ziegen und Hühner zu erleichtern. Einer der Meuterer steckte das Wrack am 23. Januar 1790 eigenmächtig in Brand, um jede von See aus sichtbare Spur zu vernichten. Bei einem Auffinden durch britische Schiffe drohte den Meuterern das Erhängen. In der Schifffahrt wurde Meuterei über Jahrhunderte hinweg fast immer mit dem Tode bestraft. Damit war aber auch eine Weiterfahrt ausgeschlossen, von der östlichsten Insel des Pazifiks (abgesehen von jenen vor der Küste Amerikas, wie Galapagos oder Rapanui).

Auf der Fahrt von England über Kap Hoorn nach Tahiti kam die “Pandora” zwar Pitcairn nahe, sichtete es jedoch nicht. Auf Tahiti wurden die vierzehn noch dort lebenden Mannschaftsmitglieder der Bounty gefangen genommen. Auf der Rückreise durchkreuzte das Schiff die weiter westlich gelegenen polynesischen Inseln auf der erfolglosen Suche nach weiteren Meuterern. Am Great Barrier Reef, vor der Nordostküste von Australien, lief die Pandora auf ein Korallenriff und sank. Dabei ertranken vier der Gefangenen, die zehn Überlebenden der Bounty erreichten im September 1791 England, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Drei wurden gehängt, die anderen freigesprochen bzw. begnadigt.

Jeder der britischen Bounty-Meuterer auf Pitcairn hatte eine polynesische Gefährtin; die sechs Polynesier mussten sich die übrigen drei Frauen teilen und wurden eher wie Sklaven behandelt. Ein Thema dieser Meuterei ist ja irgendwie, dass ein Teil dieser im britischen kolonialen Dienst stehenden Personen zeitweise mit den “Braunen” auf Augenhöhe lebte, aber auch in diesem Teil gab es im Endeffekt diese rassische Hierarchie; geriet sie ins Wanken, wurde sie mit überlegenen Waffen durchgesetzt. Aus den britisch-polynesischen Partnerschaften entstanden einige “Mischlinge”; die polynesischen Männer hinterliessen keine Nachkommen. Als die Frau von John Williams 1793 starb und er sich eine der drei den Polynesiern „gehörenden“ Frauen aneignete, eskalierte der Konflikt. Die Polynesier töteten Williams, Fletcher Christian und zwei weitere Briten. Dies zog Racheakte nach sich. Bald darauf waren alle polynesischen Männer und eine Frau getötet. 1794 lebten nur noch Young, der inzwischen die Führung übernommen hatte, Adams, Quintal, McCoy, zehn Frauen und die Kinder.

Der Schotte McCoy begann, aus der zuckerhaltigen Wurzel der Keulenlilie Schnaps zu brennen, verfiel dem Alkohol und starb bei einem Sturz von den Klippen. Nachdem der ebenfalls dem Alkohol verfallene, gewalttätige Quintal gedroht hatte, alle Kinder umzubringen, beseitigten ihn 1799 Young und Adams gemeinsam. Als Edward Young am 1800 an Asthma starb, blieb John Adams als einziger erwachsener Mann übrig, zusammen mit zehn Polynesierinnen und inzwischen 23 “gemischten” Kindern. Adams, dem Young kurz vor seinem Tod anhand der Bounty-Bord-Bibel das Lesen beigebracht hatte, las täglich darin, begann ein “gottesfürchtiges” Leben, verbot den Alkohol und hielt regelmäßige Gottesdienste ab. Am 5. März 1829 starb er als Oberhaupt der kleinen Gemeinde eines natürlichen Todes. Die Geschichte der Meuterer endete mit seinem Tod. Das nach ihm benannte Adamstown ist bis heute die einzige Gemeinde auf den Pitcairn-Inseln. Pitcairn Island, das “eigentliche” Pitcairn, ist die einzige bewohnte Insel des Archipels, die benachbarten drei Inseln bzw Atolle wurden Oeno, Henderson und Ducie genannt.

Pitcairn wurde Anfang des 19. Jh durch amerikanischen Robbenjäger wiederentdeckt. 1814 kamen die beiden britischen Kriegsschiffe “HMS Briton” und “HMS Tagus” vor Pitcairn an, unterstellten es de facto GB. Die Kapitäne Staines und Pipon fanden eine friedliche und “gottesfürchtige” Gemeinschaft vor. Adams, damals einer der letzten Überlebenden, wollte freiwillig mit nach England zurücksegeln und sich dem Seegericht stellen, aber die Bewohner flehten die Kapitäne an, ihn auf der Insel zu lassen; diese kamen dem nach, berichteten aber der Admiralität. Freundliche Beziehungen mit den britischen Behörden kamen nun zu Stande. In den Folgejahren gab es weitere Besuche, etwa von Walfängern, zur Auffrischung ihrer Vorräte. In Zeitungen vor allem englischsprachiger Länder erschienen damals immer wieder Berichte über die isolierte Gemeinschaft, die romantisch verklärt wurde und in der Folge Gebrauchsgegenständen und religiösen Büchern gespendet bekam. 1823 blieb als erster Siedler nach den Meuterern der englische Schiffszimmermann John Buffet auf der Insel.

1830 lud die Königin Tahitis, Pomare IV., die Pitcairner zur Rückkehr nach Tahiti, das damals noch nicht französisch kolonialisiert war, ein. Die Einladung wurde wohl durch britische Schiffe überbracht und “ausgeführt”. Anscheinend meldeten sich alle Bewohner Pitcairns dazu, 1831 wurden sie nach Tahiti gebracht. Nachdem dort etliche Pitcairner, darunter Fletcher Christians Sohn Thursday October Christian, so etwas wie ihr Führer, an Infektionskrankheiten gestorben waren, kehrten die 65 Überlebenden bereits im selben Jahr auf ihre isolierte Insel zurück. Die Tahitianer sammelten Geld für ihre Rückkehr, die ein Walfänger übernahm. Nach Übergriffen anderer vorbeifahrender Walfänger strebten die Bewohner den Schutz durch die britische Krone an. Dieser, bzw die Unterstellung, kam 1838 zu Stande. Mit Unterstützung des Kapitäns Elliot vom britischen Walfänger “Fly” formulierten die Insulaner in der selben Zeit eine Verfassung für ihre Gemeinschaft.

1856 wurde ein Teil der Pitcairner aus wirtschaftlichen Gründen (man befürchtete, dass sich die inzwischen beträchtlich angewachsene Inselgemeinde sich nicht mehr selbst ernähren könne) auf die Norfolk-Insel (bei Australien) umgesiedelt. 1858 kehrten 16 Emigranten unter der Führung von Moses und Mayhew Young zurück, 1864 folgten vier weitere Familien. Die Übrigen blieben auf Norfolk. Mit dem British Settlements Act von 1887 wurde die Zugehörigkeit Pitcairns zu Grossbritannien bestätigt. Ende des 19. Jh landete ein amerikanischer Missionar der 7-Tages-Adventisten auf dem Archipel, letztlich konvertierten alle Einwohner zu dieser Konfession/Sekte. 1957 wurde das Wrack der Bounty bzw Teile davon von einem “National Geographic”-Fotografen in wenigen Metern Tiefe bei der “Bounty Bay” (dem Landungsplatz) gefunden; es wurde nicht geborgen.

Bounty-Bucht Pitcairn,
Bounty-Bucht Pitcairn, “National Geographic” 1957

Heute besteht ein Drittel der weniger als 60 Leute starken Inselbevölkerung aus den Nachkommen der britischen Meuterer des späten 18. Jh. und “ihren” mehr oder weniger freiwillig mitgekommenen Polynesierinnen; vor allem “Funktionäre” wie Lehrer und Priester wurden von auswärts geholt. Einige Dutzend Pitcairner sind im 20. Jh nach Neuseeland ausgewandert. Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 endete die Isolation Pitcairns, das nun auf der Schiffsroute nach Neuseeland lag. Nach dem Zweiten Weltkrieg liessen die Interessen Grossbritanniens nach, so dass – in Ermangelung eines Hafens und eines Flugplatzes – eine erneute relative Isolierung einsetzte. Der einzige Weg auf die und von der Insel ist der mit dem Schiff, aber Stürme und der nichtvorhandene “Hafen” haben schon oftmals eine Landung verhindert. Drei Mal pro Jahr kommt ein Versorgungs- und Postschiff, aus dem australischen Norfolk, wo ja ein anderer Teil der Nachkommen lebt. Bei medizinischen Notfällen ist ein Schiffstransport nach Neuseeland notwendig, was Wochen dauert.

Die Pitcairn-Inseln sind das letzte britische Gebiet im Pazifik/Ozeanien. Obwohl das Vereinigte Königreich aus Kostengründen diesen Status gerne ändern würde, wehren sich die Bewohner seit Jahren erfolgreich dagegen, da sie ihren Verbleib auf der Insel nur mit britischer Unterstützung gesichert sehen. Alljährlich am 23. Januar, dem Bounty Day, schleppen die Einwohner ein Schiffsmodell aufs Wasser hinaus und zünden es an. Die einstige Vermischung als Grundlage der heutigen Bevölkerung zeigt sich auch in ihrer Sprache, Pitkern oder Pitcairnese, eine Kreol-/Mischsprache aus englischen Dialekten des 18. Jh und tahitischem Polynesisch. Auch die Bounty-Nachfahren auf Norfolk sprechen so etwas, dort “Norfuk” genannt. Die Pitcairn-Inseln (Pitkern Ailen auf Pitkern) sind ein britisches Übersee-Territorium, gehört damit auch zur EU… 2004 gab es einen Skandal um sexuelle Kontakte (bzw Missbrauch) Erwachsener mit Kindern, in den auch der damalige Bürgermeister von Adamstown und damit der Inseln, Steve Christian, ein Nachfahre Fletchers, verwickelt war.

William Bligh diente später als Seeoffizier in den Napoleonischen Kriegen/Revolutionskriegen und nahm 1801 unter Admiral Horatio Nelson an der Seeschlacht von Kopenhagen teil. 1805 wurde er zum Gouverneur der britischen Kolonie New South Wales im heutigen Australien ernannt. Dort machte er 1808 von sich reden, als sein Vorgehen gegen korrupte Offiziere der Kolonie die sogenannte Rum-Rebellion auslöste. Dass Bligh ein grausamer und inkompetenter Kapitän war, wie in Romanen und Filmen meist dargestellt, wird heute von der Historiographie bezweifelt. Nach den historischen Quellen, die nicht aus dem Umfeld der Meuterer und ihrer Familien stammen, war er ein erfahrener und umsichtiger und, für seine Zeit, sogar fürsorglicher Seeoffizier – was das Verhältnis zu den ihn untergebenen “Weissen” betrifft. Das durch die Dramatisierungen des Stoffes gezeichnete Bild ist aber hegemonial.

Im selben Jahr, in dem sich die Meuterei ereignete und in England bekannt wurde, ereignete sich die Französische Revolution, deren Ideen auch in England viele Anhänger fanden. Diese interpretierten die Meuterei wie die Revolution als Aufstand von Unterdrückten gegen die Willkür der Obrigkeit. Der Jurist Edward Christian, der ältere Bruder des Anführers der Meuterer, tat sich dabei hervor, Blighs Ruf in Zweifel zu ziehen. Er stellte ein inoffizielles Komitee zusammen, das die Meuterei und ihre Ursachen untersuchen sollte. Der 1794 herausgekommene Bericht zeichnete zum ersten Mal das spätestens durch die Filme bekannt gewordene Zerrbild von Bligh. Auch Blighs Darstellung der Ereignisse, die Aufzeichnungen seines Tagebuchs, wurde veröffentlicht, 1792. Blighs Apologet war Sir Joseph Banks, Präsident der Royal Society, welche die Brotfruchtmission für Sklaven mitorganisierte. 1831 kam das Buch eines John Barrow, der Freund der Familie des Meuterers Heywood war. Neben Entlastungen der Meuterer und Belastungen Blighs finden sich darin die Behauptung, dass Christian nicht auf Pitcairn starb, sondern inkognito nach England zurück kehrte.

Die erste Dramatisierung der Geschehnisse war die Kurzgeschichte “Les Révoltés de la Bounty” von Jules Verne (1879). Diverse, v.a. englische Dichter, haben die Meuterei verarbeitet, in der Regel die Meuterer romantisch dargestellt; Samuel Taylor Coleridge etwa soll seine Ballade vom “Ancient Mariner” mit Blick auf die Geschehnisse um die Bounty geschrieben haben. Den Drehbüchern der fünf Verfilmungen des 20. Jh lag, mit einer Ausnahme, die Bounty-Trilogie von Charles Bernard Nordhoff und James Norman Hall (1932-34 veröffentlicht) zugrunde, wo Bligh als brutaler Kapitän dargestellt wird. Die Mission der Bounty, letztlich für die europäische Sklavenwirtschaft der Karibik, wird weder in früheren noch gegenwärtigen westlichen Darstellungen der Meuterei hinterfragt bzw thematisiert, ebenso wenig wie der Rassismus auch der Meuterer, und ihre Rolle in der westlichen Unterwerfung Ozeaniens; rassische Hierarchie gegen Ansätze von Gleichheit ist in den westlichen, meist angelsächsischen, Dramatisierungen kein Thema. Bligh gegen Christian steht für Autoritarismus gegen Rebellion, eingeschränktes gegen freies Leben, das trifft den Geschmack des Publikums. An neueren Darstellungen ist das Buch von Caroline Alexander, “Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty” (2004, englisches Original 2003) zu nennen, es gehört zu jenen, in denen Bligh relativ positiv wegkommt. Im Rahmen einer BBC-Dokumentation 1998 kamen Nachkommen sowohl von Bligh (in England) als auch von Christian (auf Pitcairn) zu Wort.

Als Meuterei wird eine über die reine kollektive Gehorsamsverweigerung hinausgehende Revolte/Rebellion gegen Vorgesetzte bezeichnet, v.a. im militärischen Kontext und in der Schifffahrt. Bedeutende Meutereien (aus verschiedenen Gründen) gab es bei Magellans Weltumsegelung im 16. Jh, auf dem niederländischen Handelsschiff “Batavia” 1628 (nach einem Unglück), von Seeleuten der britischen Marine in Spithead und Nore 1797 (eigentlich Streiks für bessere Arbeitsbedingungen), von chinesischen Kontraktarbeitern auf dem auf USA-Schiff „Norway“ 1860 (Feuer gelegt; niedergeschossen), 1905 am russischen Panzerkreuzer “Potemkin” (Knjas Potjomkin Tawritscheski) im Rahmen der damaligen Revolution, 1917 auf den deutschen “SMS Prinzregent Luitpold” und “SMS Friedrich der Große” durch Matrosen im Krieg, 1931 in der chilenische Marine wegen Verteidigungsbudgetkürzungen (Armee dagegen eingesetzt), in Salerno 1943 in der britischen Marine, Anfang Mai 1945 am “M 612”, einem Minensuchboot der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (die Besatzung meuterte, als das Minensuchboot entgegen den Bestimmungen der Teilkapitulation Order erhielt, von Dänemark nach Kurland zu laufen; die Meuterei wurde von einem deutschen Schnellboot bemerkt und niedergeschlagen), 1946 in der indischen Marine gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC), 1975 auf der Fregatte “Storoschewoi” der sowjetischen Marine, wo der Politoffizier Waleri Sablin nach einer Vorführung des Films “Panzerkreuzer Potemkin” das Abweichen des sowjetischen Regimes von den Idealen Lenins anprangerte, den Kapitän einschloss und sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte (von den eigenen Streitkräften verfolgt, gab Sablin dann auf und wurde im Jahr darauf hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für den Film “Jagd auf Roter Oktober”).

1839 gab es auf dem Schiff  “La Amistad” keine Meuterei der Schiffsbesatzung, sondern einen Aufstand der transportierten afrikanischen Sklaven. Mehr als eine Meuterei war der Kieler Matrosenaufstand 1918, der den Ausgangspunkt der Novemberrevolution bildete. 1970 ereignete sich auf der “SS Columbia Eagle”, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Meuterei im Strafvollzug ist auch meist an der Grenze zum Aufstand.

An militärischen Meutereien sind u.a. zu nennen: Jene von indischen Hilfssoldaten der Briten 1857; von Teilen der südafrikanischen Armee unter Salomon Maritz 1914/15 gegen die eigene politische und militärische Führung, die die Eroberung Deutsch-Südwestafrikas im Dienst der Briten anordnete; in Kronstadt (St. Petersburg) 1921 gegen die kommunistische Russische SFSR (aus der die Sowjetunion wurde); auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Fernando („Asien den Asiaten“), stellten sich auf die Seite der Japaner; Farahbad 1979; als die indische Regierung 1984 die Operation “Blue Star” gegen Sikh-Extremisten in Amritsar durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres. Verwandt mit militärischer Meuterei sind Fahnenflucht/Desertion (z.B. Walter Gröger im 2. WK, der auf Initiative von Marinerichter Filbinger zu Tode verurteilt wurde), Kriegsdienstverweigerung, (Hoch)verrat und Befehlsverweigerung (engl. Insubordination; z.B. Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman).

https://en.wikipedia.org/wiki/Descendants_of_the_Bounty_mutineers

Nennenswert zur “Bounty”-Geschichte ist auch das Buch “Mr. Bligh’s Bad Language. Passion, Power and Theatre on the Bounty” (1992) von Greg Dening.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das American Indian Movement und die heutige Situation der “Indianer” in der USA

Im europäischen Bild der Indianer stehen meist die nordamerikanischen im Mittelpunkt, obwohl diese im Gegensatz zu jenen in Mittel- und Südamerika keine Hochkulturen hervor brachten. Ein weiterer Unterschied: Die “Vermischung” mit “Weissen” und “Schwarzen” war in Lateinamerika viel grösser. Die Kolonisation der Briten, die Ausbreitung der Siedler bzw Erschliessung des Landes, bedeutete für die Originalbevölkerung der heutigen USA einen Völkermord; ähnlich wie das palästinensische Narrativ bzw Erfahrung das Negativ des zionistischen ist.

Die Ausbreitung und die “Indianerkriege” (ca. 1622-1890) liefen parallel, das eine bedingte das andere. Die Briten bzw später die USA “übernahmen” Gebiete von Franzosen, Spaniern, Niederländern, Mexikanern, Russen und Schweden, wo es auch Indianer und diese Gewalt gegeben hat. Diese Auseinandersetzungen werden teilweise mit zu den Indianerkriegen der USA (Indian Wars) gerechnet. “Dee” Brown hat in seinem bekanntesten Werk “Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses” (Originaltitel: „Bury My Heart at Wounded Knee“, 1970 herausgekommen) das Leiden und den Untergang der Indianer Nordamerikas unter der europäischen Expansion beschrieben, aus dem Blickwinkel der Ureinwohner. Es gibt Gemeinsamkeiten zur Ausbreitung Russlands in Bezug auf dessen Ureinwohner in Sibirien (“Indigene kleine Völker des russischen Nordens”, wie Nenzen, Ewenken oder Inuit), auch in der Kultur und Ethnizität dieser.

Nach der Unabhängigkeit der USA ging die Expansion los. In den britisch-französischen Kolonialkriegen in Nord-Amerika gingen beide Seiten Bündnisse mit Indianer-Völkern/Stämmen ein, mit denen sie auch Handels-Beziehungen pflegten (Pelze,…). Eine Symbiose zwischen Europäern und den aus Asien stammenden war aber sehr selten. Die Shawnee unter Tecumseh gingen ein Bündnis mit den Briten gegen die USA im Krieg Anfang des 19. Jh an, wurden betrogen. Seminolen und Creek verbündeten sich mit entlaufenen Sklaven im Südosten. 1824 wurde das Bureau of Indian Affairs (BIA) gegründet, das bis heute besteht und dem US-Innenministerium untersteht. 1830 der Indian Removal Act, der systematische Zwangsumsiedlung in Gebiete westlich des Mississippi bedeutete, den Trail of Tears, und wieder Widerstand. Mitte des 19. Jh waren die Indianer-Völker in der Osthälfte der späteren USA unterworfen und die USA bis in den Westen ausgebreitet; dieser war eben ein “Wilder Westen”, in dem die Indianer noch unterworfen werden mussten. Die grössten Konflikte gab es dann im Norden der Great Plains, auch weil hier viele Flüchtlinge/Vertriebene aus dem Osten lebten.

Wann endete die Expansion der USA und begann ihr Imperialismus? Mit den Aneignungen mexikanischen Territoriums, die die kontinentale Ausbreitung abschlossen, vermutlich. Die Quasi-Ausrottung der Bisons, der Bau der transkontinentalen Eisenbahnverbindung und die Unterwerfung der Indianer kamen ungefähr zur selben Zeit zum Abschluss und hatten auch inhaltlich miteinander zu tun: Der Bau der Eisenbahn zur USA-Westexpansion half bei der vollständigen Unterwerfung der Indianer; siehe dazu das berühmte Foto von 1868, von einem A. A. Hart, von der Sierra Nevada in Kalifornien. Während des Eisenbahn-Baus wurden Bisons, für einige Völker Lebensgrundlage, für die Ernährung der Bahnarbeiter in großer Zahl abgeschossen; nach der Eröffnung der Central Pacific Railroad 1869 oft zum Vergnügen, vom Zug aus mit dem Gewehr. Dank der Gründung des Yellowstone-Nationalparkes 1872 erhielten die Bisons noch rechtzeitig ein Rückzugsgebiet. USA-Präsidenten wie Andrew Jackson waren persönlich an Indianer-Unterwerfung bzw dem Genozid beteiligt. Auch die Einschleppung von Krankheiten spielte dabei eine Rolle, dazu hier etwas. Der Little Big Hoorn-Sieg 1876 brachte nur eine Atempause. Das Massaker in Wounded Knee (im heutigen Bundesstaat South Dakota) 1890 an Kriegsgefangenen und Zivilisten bedeutet so etwas wie den Abschluss der Unterwerfung.

Massengrab in Wounded Knee
Massengrab in Wounded Knee

Bis in die 1920er liefen noch letzte Scharmützel, v.a. im Südwesten (in ehemals mexikanischen Gebieten), Widerstand und Guerilla-Aktionen, bzw Vergeltung, etwa von den Bedonkohe-Apachen und Verbündeten unter Geronimo. Dann der Übergang zu Polizei- und Justizaktionen sowie zu Assimilation. Die Reservate (ursprünglich Gefangenenlager) spielten dabei eine wichtige Rolle; manche gingen in die “Diaspora” der Städte. Der Kampf um Emanzipation war der nächste Entwicklungsschritt. Angesichts der Tatsache, dass auch Spanier oder Franzosen in übernommenen Gebieten oder irische oder deutsche Einwanderer zeitweise angefeindet wurden und von der WASP-Herrenschicht als “unechte” Amerikaner, hyphenated Americans, gesehen wurden, war/ist dies entsprechend schwer. 1924 kam ein Gesetz, dass den Indianern Staatsbürgerschaft und Wahlrecht ermöglichte. Genau so ungeheuerlich wie dieser späte Zeitpunkt war, dass darüber hinaus in vielen Bundesstaaten noch Gesetze gegen Rassenmischung (Anti-miscegenation laws) in Kraft waren. Die letzten wurden erst 1967 als verfassungswidrig aufgehoben… Integration unter dem Recht der Eroberer. Manche Indianer gingen zum US-amerikanischen Militär, folgten den früheren Scouts und Buffalo Soldiers – Integration oder Kollaboration?

Tipis in Nevada
Tipis in Nevada

In den Lederstrumpf-Geschichten von Cooper, die zwischen den 1820ern und 1840ern erschienen, wurden die “Indianer” vergleichsweise augewogen dargestellt; die “Guten” waren bei ihm allerdings jene, die sich mit den Engländern (gegen die Franzosen) verbündeten. In Deutschland war es v.a. Karl May mit seinen “Winnetou”-Romanen, mit Apachen im Mittelpunkt, der ab Ende des 19. Jh das Indianer-Bild prägte. Auch einige Sprachbegriffe aus diesem Kulturkreis und jenem des “Orient”, die May (teilweise nicht ganz korrekt) verwendete, fanden Eingang in die deutsche Umgangssprache. Es folgten andere Autoren im deutschsprachigen Raum, wie Käthe Recheis, die Ausstellung von Indianern im Rahmen von “Völkerschauen”, die teils in Zoos stattfanden, und (auch in Deutschland) die Wildwest-Shows von “Buffalo Bill”, der seinen Beitrag zur Ausrottung der Bisons geleistet hatte. Sie alle thematisierten die nordamerikanischen, meist nomadisch lebenden Indigenen, nicht die heutigen Azteken (Nahua) oder Inkas (Quechua). Es folgte ihr Einzug in den Film und die globale Populärkultur.

Der „Buffalo Bill“ genannte William Cody hatte an er Verlängerung der Eisenbahn in den Westen der USA mit gearbeitet, nicht zuletzt, indem er massenhaft Bisons erschoss. Durch die Eisenbahnlinie war das Vorkommen der Büffel in eine Nord- und eine Südherde geteilt worden. Zuerst wurde die Südherde ausgerottet, dann auch der grösste Teil der Nordherde. Nur im Nordwesten mit den noch nicht unterworfenen Lakota und Cheyenne konnten sich vorerst noch grössere Bisonherden halten. Um den Stämmen dieser Plains-Indianer die Lebensgrundlage zu nehmen und sie durch Hunger in ihre Reservate zu zwingen, dezimierten die Amerikaner auch diese Bisonherden stark. Sie wurden zB gtötet, indem man an Wasserlöchern Scharfschützen aufstellte. Cody war Teilnehmer am Bürgerkrieg der USA, nahm dann auch an den „Indianerkriegen“ Teil, in deren Endphase. Er verübte Morde bzw Kriegsverbrechen, hatte seine Beteiligung an dem Genozid. Dann begann er, Geschichten davon zu erzählen, fand Interesse, veranstaltete ab 1883 seine Wild West-Shows, unrealistische Völkerschauen, die auch nach Europa kamen. Der Maler Schreyvogel malte für diese Shows monumentale Leinwände, tat dies dann auch für die ersten Western-Filme; diese stellen auch eine inhaltliche Anknüpfung dar, sind eine Verlängerung der Unterwerfung der ersten Amerikaner.

indianerDer Wikipedia-Artikel “Indianerbild im deutschen Sprachraum” ist sehr deutsch, die Begriffe “Antisemitismus” oder “Antiamerikanismus” tauchen einige Male darin auf. Das geht v.a. auf die Benutzer P. und R. zurück, die etwa auch jenen über das AIM oder Aquash dort mitgeprägt haben. Die Obsession der beiden mit Relativierung und Diffamierung in Bezug auf Indianer in der heutigen USA passt zu ihren (neo)konservativen und rassistischen sonstigen Tendenzen, z.B. Sarrazin. Das “Antiamerikanismus”-Geklage bedeutet in dem Zusammenhang auch, die Indianer aus der US-Gesellschaft herauszudividieren (in die sie ja auch nie als gleichwertig integriert wurden); es zeigt einen Sündenstolz, bezüglich des deutschen Genozids. Indem sie über die deutschen Haltungen “zugunsten” der Indianer lamentieren, zeigen sie ihre (deutschen) Sehnsüchte, an der Seite eines siegreichen weissen Imperiums zu stehen. Wie im Nationalsozialismus und anderen Faschismen wird die Gleichheit Nicht-Weisser oder die “Rassenmischung” abgelehnt. Und dabei stehen sie in schlechter Tradition, denn, wie andere Einwanderer beteiligten sich auch Deutschamerikaner an der Verfolgung der Indianer.

Unter den Einwanderern aus Lateinamerika, die ab den 1960ern in grosser Zahl kamen, sind viele “Indios” oder Personen mit indianischem “Einschlag”, v.a. unter den Mexikanern, die in den Südwesten der USA (der früher zu Mexiko gehörte) gingen, zB Cesar Chavez. Einer der ersten “Latinos” im Kongress der USA, “Dennis” Chavez, hatte einen indianischen Einschlag, er stammte aus New Mexico, war in USA-Zeit geboren. Zuvor schon, zu Beginn des  20. Jh, wirkte im Kongress Charles Carter aus Oklahoma (ein Chicksaw/Cherokee).

Der Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an Ureinwohnern ist Alaska, das spät zur USA kam. Der Siedlungs-Schwerpunkt der Nachkommen der Ureinwohner bzw Völkermord-Überlebenden ist aber eher der Südwesten, die Mitte des 19. Jh von Mexiko eroberten Gebiete, v. a. New Mexico (darunter viele Einwanderer aus Mexiko) und Arizona. Die grössten Völker bzw Nationalitäten leben auch in dieser Region: Navajo, Hopi, Cherokee (teilweise in den Great Plains), Apachen, Komanche,… Dann sind die nördlichen “Great Plains” zu nennen, wo Sioux-Gruppen wie die Lakota und Dakota, Cheyenne, oder Schwarzfuss leben. Im Osten leben u.a. Irokesen/Iroquois/Haudensaunee (u.a. Mohawk) und Creek. Es sind rund 2 Millionen Angehöriger dieser Völker in der USA heute, das ist weniger als 1% der Gesamtbevölkerung.

Es kommt darauf an, wie man zählt. Teilweise werden nur die traditionell, in Reservaten, lebenden dazugerechnet. Viele zeigen bzw leben ihre Zugehörigkeit zu den Indianern bzw einem bestimmten Volk aber nicht mehr über Kleidung, Sprache, Wohnen, etc, und leben mehr oder weniger assimiliert an die Mehrheitsgesellschaft. Dann die Frage der Aussengebiete: Alaska mit seinen Inuit (Eskimos) und Aleut ist zu berücksichtigen, bei Puerto Rico (Taino, Caraib) ist das schon fraglicher. “Eingeborene” in Hawaii (polynesische Hawaiianer) oder Guam (spanisch geprägte Malaio-Polynesier) sind ethnisch mit den aus Nordost-Asien nach Amerika eingewanderten “Indianern” nur entfernt verwandt. Einwanderer aus Lateinamerika zählen meist als “Latinos”, auch wenn sie “reinblütige” Indianer sind. Auch die mit anderen Amerikanern “Vermischten” (wie Don Johnson, Jessica Biel oder Jimi Hendrix) werden nicht zu den “Native Americans” (oder “American Indians”) gezählt.

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“Indianische” Völker in Nord- und Mittelamerika

Die traditionelle Kultur der nordamerikanischen Indianer (Schamanismus,…) war auch für viele 1968er ein Gegenentwurf zur modernen westlichen Zivilisation; sie wird aber auch, teils an den Indianern vorbei, für Tourismus und Folklore vermarktet. 1968 wurde das American Indian Movement (AIM) von neuen Aktivisten wie Clyde Bellecourt und Dennis Banks gegründet, die sich ausserhalb der Grenzen der Reservate, Stämme und Völker engagieren wollten, gegen die Indianerpolitik der USA. Das COINTELPRO-Programm des FBI richtete sich neben Black Panthers u.a auch gegen das AIM.; nicht aber gegen Nazi-Organisationen, die in USA legal sind. Ward Churchill, aktiv für indianische Anliegen u.a. im AIM, brachte 1988 zusammen mit Jim Van der Wall “Agents of Repression” heraus, in dem er Methoden des Programms beschrieb, u.a. Unterwanderung. Ein neues Gesetz 1975, der Indian Self-Determination Act, brachte einige Verbesserungen. Marlon Brando war ein Unterstützer des AIM. Der Grosse Gang 1978 war eine weitere AIM-Aktion.

Tribalisierung ist auch hier ein Mittel zur Kontrolle; Tradition wird gegen Selbsbestimmung und Fortschritt ausgespielt, wie in Südafrika zu Apartheid-Zeiten und in anderen Zusammenhängen; auch irgendwie in Afghanistan, wo in den 1980ern traditionelle, religiöse, rurale Kämpfer vom Westen gegen die Kommunisten unterstützt wurden. Widerstand ist nur durch Zusammenhalt über Volks-/Stammesgrenzen möglich, und diese Grenzen werden von den Herrschenden möglichst aufrecht gehalten. Zersplitterung in Völker und Stämme macht(e) Widerstand schwierig. In Südafrika war die “Grosse Apartheid” die Errichtung von Homelands für die Völker, deren Auslagerung aus Südafrika in diesen Begrenzungen, und Priviligien für traditionelle Führer, die Verbündete des Apartheid-Regimes wurden und gegen die schwarze Widerstandsbewegung ausgespielt wurden. In der Spätzeit der Apartheid wurde die Homeland-Partei Inkatha als Zulu-Nationalpartei und Konkurrent zum ANC aufgebaut. Bei den amerikanischen Indianern werden Zusammenschlüsse über Stämme und Reservate hinweg zu verhindern versucht, werden Gräben hergestellt, und gibt es ein Frohlocken darüber.

Logo des AIM
Logo des AIM

Russell Means (Oyate Wacinyapin in der Lakota-Sprache) wurde 1939 in der Pine Ridge Reservation der Oglala Sioux in South Dakota geboren. Die Oglala sind ein Stamm der Lakota welche ein Zweig der Sioux sind. Heimat der Lakota sind v.a. die Dakota-Staaten bzw der Norden der Grossen Plains, besonders die „Black Hills“, wo auch Little Big Hoorn liegt. Means ging mit den Eltern nach San Francisco, lebte dann in diversen Reservaten. Er “verfiel” Alkohol und Drogen ehe er mit Aktivismus für die Indianer, besonders die Lakota, im Rahmen der US-Bürgerrechtsbewegung, begann. Anfang der 1970er wurde er zum wichtigen Anführer im AIM, das auch militante Aktionen durchführte. Means nahm an den AIM-Besetzungen der Alcatraz-Insel 1969 bis 71 (mit seinem Vater), von Mount Rushmore, einer Mayflower-Nachbildung, der BIA-Zentrale (zum Abschluss des Trail of Broken Treaties 72/73), und Wounded Knee 1973 teil.

Wounded Knee liegt im Pine Ridge Reservat, die Protest-Aktion 73 an der Stelle des 1890er-Massakers richtete sich gegen häufige Gewalt gegen Indianer ausserhalb des Reservats, den Häuptling Wilson und die Indianerpolitik der USA. Eine Belagerung durch bewaffnete staatliche Kräfte der USA führte zu einer Schiesserei. 1975 gab es in Pine Ridge wieder Gewalt, dabei wurde Leonard Peltier verhaftet, dann des Mordes an zwei FBI-Beamten verurteilt. Es wurden in dieser Zeit Kollaborateure/Spitzel für das FBI im Reservat aufgedeckt bzw verdächtigt (auch in Bezug auf Peltiers Verhaftung); der Mord an der kanadischen AIM-Aktivistin Anna Mae Aquash soll damit in Zusammenhang stehen. Means engagierte sich dann wieder in seinem Reservat, in dem er in Führungskämpfe verstrickt wurde. Er unternahm auch Versuche, die Sache der USA-Indianer/Ureinwohner im Rahmen der UN zu einer internationalen Angelegenheit zu machen. Der UN-Spezialberichterstatter zu Indigenen, James Anaya, US-Indianer (Apache u.a.), hat auch Kritik an den diesbezüglichen Verhältnissen in der USA geübt.

In den 1980ern kam es zu einer inhaltlichen Spaltung im AIM, v.a. aufgrund der Frage, inwiefern Widerstand der Meskito-Indios (im Rahmen der Contras) in Nicaragua gegen die sandinistische Regierung berechtigt war bzw. inwiefern eine Unterdrückung eines verwandten Volkes vorlag. Der Hintergrund war dieser: Nicaraguas Meskito-Küste im Osten (Karibik/Atlantik) war lange unter britischer Herrschaft gewesen. Die dortige Bevölkerung, die Mosquito/Miskito-Indianer, sind etwas mit Schwarzen vermischt (aber so gering dass sie zu den Indianer-Gruppen Nicaraguas gezählt werden und nicht zu den Mischlingen, wie die Garifuna) und vorwiegend englischsprachig und protestantisch. Die Miskitos im Landesinneren sind hingegen nicht britisch geprägt, sind katholisch. Jene an der Küste wurden schon von den Briten gegen Neu-Spanien instrumentalisiert; waren im frühen Nicaragua eine zeitlang autonom. Anfang des 20. Jh ersetzte für die Miskitos die Bindung an die USA jene an GB.

Bald nach dem Sturz der Diktatur Somozas 1979 schieden die Bürgerlichen aus der neuen Regierung aus. Reagan baute die “Contras” gegen die FSLN-dominierte Regierung unter Ortega auf. Und, die Miskitos schlugen sich auf die Seite der Contras. Es ging u.a. um einen Zwist mit der sandinistischen Regierung wegen Autonomieansprüchen der Miskitos, die die Somozas oder andere frühere Herrscher nie zuliessen. Means reiste nach Nicaragua und unterstützte die Miskito-Organisation “Misurasata”, andere Teile im AIM (die Bellecourt-Brüder) dagegen die Sandinisten. Der inhaltliche Zwist führte Anfang der 1990er zu einer heute noch bestehenden organisatorischen Spaltung: Zum einen ist da das Grand Governing Council (GGC) um die Bellecourt-Brüder Clyde und Vernon sowie Dennis Banks in Minneapolis; zum anderen das ICAC mit lokalen Führern wie Means oder Robert Robideau als Führung.

Verbunden mit der Nicaragua-Sache ist der Konflikt um den Aquash-Mord; Means beschuldigte die Bellecourts, ihre Ermordung in Auftrag gegeben zu haben. Er engagierte sich auch in/für Drittparteien, u.a. Libertarians und Grüne, sowie für Ron Paul. Er bevorzugt die Bezeichnung „American Indian“, u.a. wegen den Verträgen der Indianer mit US-Regierungen. 07 verkündete er den Rückzug der Lakota von diesen Verträgen, proklamierte eine von der USA unabhängige Lakota-Republik, in den Grenzen des Fort Laramie-Vertrags von 1851, einem Territorium das sich auf 5 Bundesstaaten erstreckt. Ein Garrison vom BIA zur Lakota-Republik: ”It’s not like we haven’t had individual groups that have declared independence from the federal government all the way from Montana to Texas; and as long as they want to go out and sit on a hill and play paramilitary and be independent, that’s fine. That’s every American’s right. But the bottom line is when they begin the process of violating other people’s rights, breaking the law, they’re going to end up like all the other groups that have declared themselves independent – usually getting arrested and being put in jail”. Die Regierung der Republik befindet sich in Pine Ridge. Means bezeichnete Indianer die nicht mitmachen, als „Vichy-Indianer“. Der Vorwurf der Komplizenschaft mit der USA-Regierung gegen Indianer-Interessen wird aber auch vom AIM-GGC gegen die Means-Gruppe erhoben, wenn auch nicht in Fragen wie dieser. Er war auch als Schauspieler tätig. In 4. Ehe war er mit einer Navajo verheiratet. Er starb im Oktober ’12.

Unabhängigkeits-Bewegungen von der USA gab und gibt es tatsächlich einige. Vorwiegend in den Bundesstaaten ausserhalb des geschlossenen Staatsgebietes (Hawaii, Alaska), sowie in Aussenbesitzungen ohne Bundesstaat-Status, v.a. Puerto Rico. Im Staatsgebiet ausserdem von diversen anderen Indianer-Völkern und anderen Minderheiten. Und auch innere Gewalt hat es nach dem Ende der Expansion und dem Bürgerkrieg immer wieder gegeben. Der Puerto Rico-Unabhängigkeits-Kampf, heute von einer Partei geführt (der PIP), wurde früher von Guerilla-Organisationen geführt. Militante Indianer-Aktionen wurden meist von AIM unternommen. Dann der Kampf der Schwarzen um Gleichberechtigung in den 1950ern & -60ern, zT  in den Südstaaten. In der damals amerikanischen Panamakanal-Zone gabs ’64 Unruhen; dieses Gebiet ist eines jener, das die USA nach langer Herrschaft abgegeben haben, wie Philippinen oder Mikronesien (in solchen Gebieten sind heute meist US-Militär-Basen). Und, auf Guam gab es 1944 (2. WK) rassische Unruhen zwischen weissen und schwarzen USA-Soldaten…

Wenn es um staatliche Unterstützung geht, wird die Selbstständigkeit der Indianer gerne betont, wenn es um die Ausbeutung von Bodenschätzen geht, wird diese gern relativiert/unterminiert. Die 1946 gegründete Indian Claims Commission hat juristische Ansprüche von Stämmen an den Staat behandelt. Viele Fälle zogen sich bis in die 1970er, manche bis ins 21. Jh. Etwa jener, in dem Indianerstämme um Entschädigung für entgangene Einnahmen aus der Förderung von Öl und Erdgas auf ihrem Land gekämpft hatten, das seit 1887 vom Innenministerium verwaltet wurde. Hauptklägerin im Verfahren gegen Innenminister Ken Salazar war die Schwarzfussindianerin Elouise Cobell, die Urenkelin eines legendären Häuptlings aus Montana. Die Regierung hat sich dabei zur Zahlung der Summe von 3,4 Mrd. Dollar bereiterklärt. Obamas Innenminister Salazar sprach von einer “historischen Entwicklung”.

Barack Obama hat sich mehr als jeder andere Präsident für die Belange der Indianer eingesetzt – sagte David Archambault, Stammeschef der Standing Rock Sioux Tribal Nation in Cannon Ball (North Dakota), als dieser erstmals während seiner Amtszeit ein Indianerreservat besuchte. Bei einem traditionellen Powwow, einem Indianertreffen, machte sich Obama damals für bessere Wirtschaftsförderung sowie Bildungs- und Jobchancen für die Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner stark. Archambault  erinnerte damals an Sitting Bull, der einst die Regierung in Washington gebeten habe, ihm einen „ehrlichen Mann“ zu schicken. Bei einer Konferenz mit den mehr als 560 von Washington anerkannten Stämmen in der Hauptstadt sagte Obama vorsichtig, Washington habe den indianischen Gemeinden nicht immer „den Respekt von Nation zu Nation gezollt, den sie verdienen“.

http://www.aimovement.org/ (GGC)

http://www.republicoflakotah.com/

Nicht-anerkannte Stämme

Das war der wilde Westen

Thomas Jeier: Die ersten Amerikaner. Eine Geschichte der Indianer (2011)

Renate Kiefer, Lenelotte Möller: Die grossen Reden der Indianer (2012)

Ulrich van der Heyden: Indianer-Lexikon. Zur Geschichte und Gegenwart der Ureinwohner Nordamerikas (1992)

Hans Läng: Kulturgeschichte der Indianer Nordamerikas (1981)

David Fermer (Hg.): Nordamerika. Mythen, Märchen und andere Geschichten (2013)

Siegfried Augustin: Die Geschichte der Indianer. Von Pocahontas bis Geronimo 1600-1900 (1995)

Roxanne Dunbar-Ortiz, Dina Gilio-Whitaker: “All the Real Indians Died Off”: And 20 Other Myths About Native Americans (2016)

Martin Cruz-Smith: Der andere Sieger (1991). Kontrafaktischer Roman mit einem Sieg der Indianer nach Little Big Hoorn, der Gründung eines Staats mitten in der USA, mit Unterstützung von GB

Die indianisch-US-amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich, deren Vater deutscher Abstammung ist, thematisiert in ihren Werken immer wieder das Zusammenleben von „Weiss“ und „Rot“, insbesondere auch das Schicksal deutscher Einwanderer. Nennenswert u.a. ihr Roman “Love Medicine” (1984), Deutsch “Liebeszauber”

Der kanadische Cree Neil Diamond hat eine aufschlussreiche Dokumentation über die Darstellungen der Indianer in Western und anderen Hollywood-Filmen gestaltet (“Reel Injun”, 2009)

Robert Altman hat 1976 (zum 200-Jahr-Jubiläum der United States of America) den Film “Buffalo Bill und die Indianer” (“Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull’s History Lesson”) gedreht, einen revisionistischen Western, in dem er den amerikanischen Mythos des Heldentums, wonach edle weisse Männer blutrünstige Wilde niederrangen, aufspiesst. Der Film basiert auf einem Theaterstück von Arthur Kopit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entwurzelung der orientalischen Juden

Allgemeines

Die afro-asiatischen Juden bzw Mizrahim haben eher die vom Zionismus behaupteten Wurzeln der Juden in Palästina, waren jedenfalls lange Teil der Region, sind – vereinfacht gesagt – durch den aschkenasisch dominierten Zionismus entwurzelt worden. Mizrahis wurden teilweise im damals persisch regierten Babylon bzw Mesopotamien, in der Spät-Antike das wichtigste Zentrum der Juden, geprägt. Sie sind abzugrenzen von den Sepharden, welche von der moslemisch dominierten iberischen Halbinsel stammen, von wo sie mit der Reconquista vertrieben wurden, eine viel kleinere “Gruppe” sind. Wobei es Überschneidungen gibt, siehe Maimonides. Und, die Bezeichnung “Sepharden” wird auch gelegentlich für die Mizrahis verwendet. Nach der Ausbreitung des Islams in der Region durch die Araber waren Juden eine der anerkannten Religionsgemeinschaften (etwas, das für die Hindus Indiens etwa nur bedingt galt); eigentlich aber eine ethno-religiöse Gemeinschaft. Die arabisch-sprachigen (und entsprechend kulturalisierten) Juden, in der Neuzeit hauptsächlich im Osmanischen Reich, wurden auch “Musta’arabim” genannt. Grosse Gemeinschaften gab es in Mesopotamien und Ägypten. Jene in Jemen und Algerien kamen im 19. Jahrhundert unter die Herrschaft europäischer Kolonialmächte, andere später. Die Juden in Marokko waren nie unter osmanischer Herrschaft. Dasselbe galt für die meisten im iranischen Kulturkreis, zu dem auch die kurdischen und afghanischen sowie Teile der zentralasiatischen und kaukasischen Juden gehör(t)en. Die Juden Abessiniens (Äthiopiens) standen in keinerlei Kontakt mit “Glaubensbrüdern” anderswo; dass der Talmud keine Rolle in ihrer Religionsauffassung spielt, dürfte damit zu tun haben. Wie jene in Indien lebten sie nicht in einem mehrheitlich moslemischen Land.

Das 19. Jh. brachte für die Mizrahis, wie für andere Gemeinschaften im “Orient”, tiefgreifende Umwälzungen: Die westliche Einflussnahme in der Region, das Eindringen des europäischen Antijudaismus, die Einflussnahme der aschkenasischen (euro-amerikanischen, “weissen”) Juden auf sie. Die aschkenasische Bevormundung (hauptsächlich durch die AIU, s.u.) begann etwas früher als deren Griff nach Palästina. Die Einflussnahme von europäischer Kolonialmacht und aschkenasischen Organisationen verband sich am stärksten bzw deutlichsten in Algerien; auch anderswo gab es die Unterstützung der dortigen Juden für die Kolonialherren bzw die Nötigung dazu. So begann die Entfremdung von ihrer Umgebung und der„Entorientalisierungsprozess“ der Mizrahis, eine Umerziehung. Es gab auch vor ihren organisierten Transfers nach Palästina Mitte des 20. Jahrhunderts Einwanderungen dorthin (“Alija”) und die Teilnahme am dortigen zionistischen Projekt, auch von westlichen jüdischen Funktionären gelenkt. Der “Dynamik”, die der Zionismus mit der Nakba endgültig in der Region entfesselte, konnten sich nur wenige Mizrahis entziehen, auch jene nicht, die nicht direkt zur Teilnahme am zionistischen Projekt genötigt wurden. Manche von ihnen waren schon an der Nakba, der Umsetzung des Zionismus, beteiligt. Die Nakba bedeutete schliesslich auch die Verschmelzung diverser bewaffneter zionistischer Gruppen sowie die Einschmelzung der schon ins Lande geholten Mizrahis.

Der Grossteil der Mizrahis verliess ihre Länder durch von Israel (direkt oder indirekt) organisierte Transfers bzw Aussiedlungsaktionen in den 1950ern und 1960ern, oder, ebenfalls in dieser Zeit, in Auswanderungswellen, die viel mit Israel zu tun hatten und von ihm unterstützt wurden. Der Krieg 1967 markiert hier einen gewissen Abschluss. Danach gab es im Orient noch in Iran, Marokko, Türkei, Tunesien grössere jüdische Populationen. Jene in Äthiopien wurden damals übrigens noch nicht als Juden angesehen, zumindest nicht vom offiziellen Israel. Etwa eine Million Palästinenser wurden bei der Nakba aus dem dann israelischen Staatsgebiet vertrieben oder ermordet, eine ungefähr gleich grosse Zahl von Mizrahim kam in den Jahren danach aus islamischen Ländern nach Israel. Die unter israelischer Herrschaft gebliebenen bzw unterworfenen Palästinenser, “israelische Araber” (ein andermal wird sich hier ein Artikel um sie drehen), mussten im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahi, die sich meist besonders von ihnen abzugrenzen müssen glaub(t)en; die restlichen palästinensischen Gebiete kamen 67 “hinzu”.

Die Integrationsleistung der Mizrahis beim Eintritt in die israelische Gesellschaft war die Teilnahme an der Unterdrückung und eine Extra-Portion Rassismus gegenüber den Palästinensern. Sie nahmen oft den Platz von Palästinensern ein, deren Häuser oder deren Arbeit, geben die Diskriminierung und Verachtung der Aschkenasen an sie weiter. Und, die Brücken hinter ihnen aus der alten Heimat sind abgebrochen, nicht nur weil sich einige ihrer Herkunftsländer im Krieg mit Israel befanden. Die Mizrahis waren nach ihrem Transfer angewiesen auf “Zion”. Auch wenn es solche gab, die aus dem Orient in den Westen gingen oder über Israel in westliche Länder oder dort Verwandte hatten – Frankreich wurde so etwa für die algerischen Juden ein wichtiger “Bezug”, Grossbritannien für die irakischen.

Ungefähr die Hälfte der israelischen Bevölkerung hat Wurzeln in nordafrikanischen oder westasiatischen Staaten; zum grösseren Teil sind die Mizrahis bei Eheschliessungen/Partnerschaften unter sich geblieben (z.T. auch in der angestammten jemenitischen oder marokkanischen “Edah”). Daneben sind ein kleinerer Teil der Juden in der westlichen “Diaspora” Mizrahis. Hinzu kommt der immer kleiner werdende Satz der in orientalischen Ländern verbliebenen Juden. Die allermeisten Mizrahis sind also heute zumindest räumlich entfremdet von ihren Herkunftsländern. Beziehungen Israels zu Regimen der Region gab und gibt es, diese stellen aber keine Brücke in den Orient dar, waren nie zum Vorteil von deren Bevölkerung. Es gibt natürlich eine rote Linie von der rhetorischen Abgrenzung Herzls zum Orient zu der Entwurzelung und Instrumentalisierung der Mizrahis und der Unterdrückung der Palästinenser. Manche Mizrahis stellen sich der aschkenasisch-zionistischen Hoheit über sie auf die eine oder andere Weise entgegen, scheren aus; andere aus dem Orient stammende Juden kämpfen mit dem Gewehr im Westjordanland, oder, wie die aus Ägypten stammende Giselle Littman (“Bat Yeor”), in der Hass-Propaganda an vorderster zionistischer Front.

Ausgewählte Länder

In Ägypten waren die Karäer (die den Talmud auch nicht anerkennen) die am stärksten verwurzelte und in die Mehrheitsgesellschaft integrierteste jüdische Gruppe. Zu den Mizrahis kamen im 19. Jh, als die Briten bei formalem Fortbestehen osmanischer Oberhoheit Ägypten unter ihre Kontrolle brachten, sephardische und aschkenasische Einwanderer dazu. Es gab, was die Juden Ägyptens betraf, im 19. und 20. Jh ein Nebeneinander verschiedener Staatsbürgerschaften, Klassen, Ausrichtungen, Sprachen, Kulturen. Die Intensivierung des Konfliktes zwischen Palästinensern und Juden im benachbarten Palästina in den 1930ern wirkte sich auf die Juden Ägyptens aus. Der Zionismus bekam erstmals in der Zeit des 2. Weltkriegs unter ihnen grössere Unterstützung, er blieb aber die Angelegenheit einer Minderheit. Sowohl die Zionisten als auch diverse ägyptische Nationalisten und Islamisten waren, aus unterschiedlichen Gründen, der Meinung dass Juden kein Bestandteil der ägyptischen Gesellschaft sein konnten! Nach der Nakba 1948, an der das Eingreifen der ägyptischen Armee wenig ändern konne, wurde es für Juden in Ägypten zunehmend schwieriger – ihr Schicksal verband sich in mehrerer Hinsicht mit dem Konflikt um Palästina. In der kommunistischen Bewegung Ägyptens nahmen Juden eine führende Rolle ein, manche davon waren gleichzeitig Zionisten. Nicht so Henri Curiel, der eine der kommunistischen Gruppen anführte. Er wurde 1950 unter König Faruk aufgrund seiner kommunistischen Tätigkeit ausgewiesen und liess sich in Frankreich nieder. Von dort aus unterstützte er etwa den Unabhängigkeitskampf Algeriens.

1954 unternahm ein Netz ägyptischer Juden im Auftrag des israelischen Militär-Geheimdienstes Bombenanschläge auf westliche Einrichtungen in Ägypten; die Anschläge sollten so aussehen als ob sie von nationalistischen Ägyptern verübt wurden und den britischen Rückzug aus dem Land zumindest verzögern. Durch ein Missgeschick flog die Sache bzw das Netzwerk auf. Es gibt verschiedene Bezeichnungen für die Operation, etwa jene nach dem Verteidigungsminister Lavon (eigentlich Lubianiker); Drahtzieher war aber Ben Gurion (Grün). Juden waren in Ägypten fortan als Saboteure bzw als fünfte Kolonne Israels im Land verdächtig, und als Israel zusammen mit GB und Frankreich nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nasers 1956 (der entscheidende Schritt zur endgültigen Unabhängigkeit des Landes) angriff, reagierte die ägyptische Regierung mit Maßnahmen gegen Juden. Viele von jenen, die nicht ausgewiesen wurden, gingen damals von selbst. Beim Krieg 1967 wiederholte sich das. Die allermeisten Juden hatten danach Ägypten verlassen, bis auf einen kleinen Rest, der in den folgenden Jahren weiter schmolz. Ungefähr ein Drittel ging nach Israel, der Rest hauptsächlich nach Westeuropa und Nordamerika. Die Überlebenden der 1954 Verhafteten (zwei waren zum Tode verurteilt worden, einer beging im Gefängnis Selbstmord) wurden übrigens im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach dem Krieg 67 freigelassen. 1975 erzählten die vier Freigelassenen im israelischen Fernsehen ihre Geschichte, womit bestätigt wurde, dass sie im Auftrag des israelischen Staates handelten; dies war lange abgestritten worden. Einer von ihnen, Roberto Dassa, kehrte im Rahmen der Aussöhnung zwischen Ägypten und Israel unter Sadat als israelischer Journalist nach Ägypten zurück, als er den Besuch von Begin (Biegun) begleitete. Ihm und den anderen Bombenlegern wurden dann Heldenehrungen zuteil. Ende der 1980er wurden sie vom zionistischen Staat unter Premier Shamir (Jaziernicki) öffentlich geehrt, 05 von Präsident Kazav (Qasab).

Eine eingehende Untersuchung über die moderne Geschichte der Juden Ägyptens, das Ringen um eine säkular-liberale ägyptischen Nation unter gleichberechtigtem Einschluss von Minderheiten, und den Exodus in den 1950ern und 1960ern stammt von Joel Beinin (“Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia”). Der Text ist wertvoll aufgrund der grossen Sachkenntnis des Autors, in vielen Punkten als Herausforderung zum hegemonialen Narrativ, und weil er auch die Wurzeln heutiger Konfliktlinien aufzeigt. Beinin weist etwa darauf hin, dass der Autor der autorisierten israelischen Darstellung der Bombenleger bei den ägyptischen Juden ein Fehlen von Affinität zu Ägypten behauptete. Der ägyptische Innenminister Muhyi al-Din dagegen beeilte sich damals, die in die Sache involvierte Juden sowie andere zionistische der grossen Mehrheit der zu Ägypten loyalen und in ihm verwurzelten gegenüber zu stellen. Erinnert wird man hier u. a. daran, das der israelische Spitzenpolitiker Lieberman vor einigen Jahren gefordert hat, “israelischen Arabern” die Staatsbürgerschaft zu entziehen wenn sie dem Staat gegenüber “illoyal” seien. John Bunzl hat in “Juden im Orient” die irakischen Juden besonders ausführlich behandelt, da ihre Entwicklung von “exemplarischer Tragik” sei; ich finde aber, dass die Entwicklung in Ägypten viel exemplarischer ist, für das Schicksal der Mizrahim.

Über die Juden des Irak habe ich hier schon einiges geschrieben. In den zionistischen Darstellungen wird die Zusammenarbeit von manchen politischen und militärischen Kreisen des Irak mit der faschistischen Achse herausgestrichen und der “Farhud” als Vorbedingung zur Aussiedlung instrumentalisiert, bei Ausblendung der zionistischen Bombenanschläge (auch unter falscher Flagge) und dem Abkommen zwischen Irak und Israel zur Aussiedlung. Das widersprüchliche Geklage ist “Sie waren kein Teil des Irak” – “Es wurde ihnen nicht erlaubt, Teil des Irak zu sein”. “Forget Baghdad”, ein Dokumentarfilm von Samir (Jamal-Aldin) aus 2002 behandelt das Schicksal ex(il)-irakischer Juden, auch die Bomben der Zionisten die zur Auswanderung führten und der dahintersteckende aschkenasische Hegemonie-Anspruch. Im Orient-Institut der Österreichischen Orient-Gesellschaft kam es zu einem jüdisch-moslemischen Irakertreffen anlässlich des Films; Karl Pfeifer (IKG; seine Fangemeinde hat auch einen Film über ihn gemacht…) hat irgendwo verbal dagegen gehetzt, die übliche Haltung des zionistisch-aschkenasischen Mainstream zu Mizrahis an den Tag gelegt, Instrumentalisierung, nicht Aufarbeitung, Narrativ-Hoheit, Vereinnahmung.

In dem Film wird u.a. Samir Naqqash interviewt. 1938 in Bagdad in eine reiche jüdische Familie geboren, ist er vor einigen Jahren gestorben. Zu dem Transfer 1951, mit den allermeisten anderen Juden aus dem Irak nach israel, sagte er, er wurde von der Jewish Agency entführt. Er hat einige Integrationsleistungen in die israelische Gesellschaft nicht vollzogen, diese Gesellschaft auch verlassen, um im Iran und anderen orientalischen Staaten zu leben, wie auch in Grossbritannien, kehrte nochmal zurück, hatte dort Familie. Er hatte diverse Jobs, studierte arabische Literatur in Jerusalem, lebte seine arabistische, anti-zionistische Haltung als Schriftsteller aus. Er hat den Zionismus eher boykottiert anstatt zu versuchen, ihn zu ändern. Der ägyptische Autor Naguib Mahfouz nannte ihn einen der grössten gegenwärtigen Schriftsteller auf Arabisch. Bezeichnenderweise wurde nur ein Buch von Naqqash auf Hebräisch übersetzt. In seinem letzten Roman, “Die Genitalien des Engels” (1996; anscheinend auf Englisch übersetzt, nicht aber auf Deutsch), beschreibt er etwa die Probleme eines arabischen Juden (mit einem “terrroristischen Gesicht”) am Ben Gurion-Flughafen. Andere jüdische Iraker in der israelischen Gesellschaft haben sich ähnlich weit vorgewagt wie Naqqash, etwa Sasson Somekh oder Sami Mikhael, die mit Palästinensern einen gemeinsamen Grund such(t)en und dabei auch die arabische Sprache als Brücke verwend(et)en. Von Elle Shohat und Rachel Shabi wird hier noch die Rede sein. Solche sind aber in einer Aussenseiter-Rolle. Stärker im Mainstream verhaftet ist etwa Eli Amir, der auch für die Jewish Agency arbeitete; er schrieb etwa “Aus dem Irak ins Land der Väter”.

Der Transfer der Juden aus dem Jemen 1949/50 (“Fliegender Teppich”) lief so ab, dass Manchen die Kinder wegenommen wurden und an aschkenasische Familien inner- und ausserhalb Israels verteilt wurden. Es spricht einiges dafür, dass der amerikanische Schauspieler Grant Heslov einen solchen Hintergrund hat. Die Entführungen wurden in einem Ochajon-Roman von Batya Gur behandelt, sind aber nach wie vor ein Tabu, rufen ansonsten Verschleierung bzw aggressives Bestreiten hervor. Auf der englischen Wikipedia etwa wird versucht, die Sache als Verschwörungstheorie abzutun.

In der Geschichte der Juden Algeriens waren die Cremieux-Dekrete zentral und bezeichnend: Adolphe Cremieux (Moise), Gründer der schon erwähnten Alliance Israelite Universelle (AIU), ein Lobbyist, wurde 1870 mit dem Sturz Napoleons III. Justizminister. In dieser Funktion verlieh der Aschkenase den Juden in Algerien (v.a. Sepharden, Mizrahi) die französische Staatsbürgerschaft, stellte sie mit den Franzosen bzw den dortigen französischen Siedlern gleich; die moslemischen Araber und Berber blieben zweitklassig. Ein extremes Beispiel einer Einflussnahme, die orientalische Juden an eine westliche Kolonialmacht band und sie von ihren Landsleuten entfremdete. Diese Entfremdung bzw Verschlechterung der Beziehungen wirkte sich dann im Unabhängigkeits-Krieg massiv aus. Damals (1950er, 1960er) war Israel eng mit Frankreich verbündet, die (an Frankreich gebundenen) Juden Algeriens wurden gewissermaßen in diese Zusammenarbeit einbezogen. Manche die 1962 Algerien verliessen, wie der Musiker Enrico Macias (Gaston Ghrenassia), versuchen sich als Zionisten und Brückenbauer zu Algeriern bzw der Region. Cremieux war übrigens laut en.wiki ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg für dieses Einstufung wird die “Jerusalem Post” angegeben.

In Marokko, das 1956 seine Unabhängigkeit gewann, gab es Anfang der 1960er die “Operation Mural” zur Aussiedlung der Juden (die stark in die marokkanische Gesellschaft integriert waren), von David Littman und dem Mossad. Die Aktion fand z.T. mit Zustimmung des marokkanischen Königs Hassan statt, z.T. an ihm vorbei. Die Aktion, die auch die Entführung von Kindern mit einschloss, wird auch als “humanitär” deklariert; Littman, der Ehemann von “Bat Yeor”, ist laut Wiki auch ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg genügte eine entsprechende Charakterisierung von Broder-Schützling Medick im “Spiegel”. Die nach Israel gebrachten wurden neben der normalen Diskriminierung Maßnahmen unterzogen die an Eugenik grenzten. In Israel sind marokkanisch-stämmige Juden die grösste Mizrahi-Gruppe, machen um die 500 000 Menschen aus. Ein Teil ist in Marokko geblieben, bis heute, zwischen 5 000 und 10 000.

Im Iran gab es in den frühen 1950ern den Versuch eines organisierten zionistischen Transfers, der schon deshalb nicht umfassend war, weil der iranische Schah mit Israel gute Beziehungen pflegte. Die Revolution 1979 führte zu bis heute anhaltenden Auswanderungswellen von Juden, primär in westliche Länder. Dennoch machen die im Iran Gebliebenen noch immer eine der grössten jüdischen Gemeinden des Orients aus, neben jenen in Marokko und der Türkei. Die ab 1991 aus der Sowjetunion in grosser Zahl ausgewanderten Juden sind teilweise den Mizrahis zuzurechnen (v.a. Bucharis aus Usbekistan und Tadschikistan).

In Israel

Bei Ilan Pappe kann man einiges über Eliahu Sassoon lesen, einen der wenigen Mizrahis, die zur Zeit der Staatsgründung schon eine Rolle spielten. Dieser stammte aus Syrien, das in der Zwischenkriegszeit französisches Mandatsgebiet war, er wirkte zunächst in der syrischen National- bzw Unabhängigkeits-Bewegung mit. Dann, nach seiner Auswanderung, im zionistischen Projekt in Palästina, stieg dort in diversen Führungsgremien auf. Rund um die Nakba spielte er das „Teile und herrsche“-Spiel gegen die Palästinenser (v.a. gegen Husseini, ausserdem die Instrumentalisierung der Drusen), wollte das aber anscheinend anstatt ethnischen “Säuberungen” weiter betreiben (womit er sich ja nicht durchgesetzt hat), war also ein vergleichsweise gemäßigter Zionist. Dieser Sassoon begründete die zionistische „Arabistik“, bei der es sich um dieses gegeneinander ausspielen, Aktionen unter deren “Flagge” unternehmen, sie vorführen, handelt. Fortgeführt hat diese “Arabistik” der Aschkenase Menahem Milson, führender Politikberater und einer der “Memri”-Führungsleute.

Der Zionismus brauchte die Mizrahis zur jüdischen Besiedlung Palästinas, wollte aber nicht ihre Kultur. Im Zionismus wurde alles Orientalische immer abgewertet und verdrängt. Dass Mizrahis (in mehrerer Hinsicht) oft die Plätze der vertriebenen Palästinenser einnahmen, kann man gut anhand des Viertels Wadi Salib in Haifa sehen. In den Häusern der während der Nakba Vertriebenen oder Ermordeten wurden bald danach die aus dem Orient transferierten Juden angesiedelt; v.a. Nord-Afrikaner, v.a. Marokkaner. Diese machten 1959 einen kleinen Aufstand gegen das Ashkenasi-Establishment, unter Führung der Schwarzen Panther. Später wurde das Viertel geräumt. Es gibt ein Buch von Professor Yifat Weiss darüber, s.u.

Der Krieg 1967 brachte Israel dem Orient näher, v.a. wegen den vielen Palästinensern, die nun unter seiner Herrschaft lebten. Mizrahis profitierten von der Besetzung, da Palästinenser nun ihre Arbeit übernahmen; die Okkupation war und ist mit der “Einbeziehung” der Palästinenser als Arbeiter verbunden. Mizrahis sind in der Regel nicht zuletzt aus diesem Grund gegen eine Aufgabe der “Gebiete”! In den 1970ern gab es Verbesserungen für die Mizrahis.

Bei Bunzl findet sich eine eingehende Behandlung der Frage, warum Mizrahis in der Regel rechts wähl(t)en, was meist Likud bedeutet. Und auch ein wenig über den “doppelten Boden” bei “linken” und “friedensbewegten” Israelis Marke Amos Oz (Klausner). Der Regierungswechsel 1977 zum Likud soll auch den Niedergang der aschkenasischen Hegemonie eingeleitet haben, obwohl auch dessen Spitzenleute alle aschkenasisch waren; Begin, der Premier wurde, Shamir, zunächst Parlamentspräsident, und Verteidigungsminister Scharon (Scheinerman) stammten alle aus Polen (jenem der Zwischenkriegszeit, aus Gebieten die dann zur Sowjetunion kamen). Auch der Frieden mit Ägypten hat dabei eine Rolle gespielt. Bis dahin waren die Mizrahis in der israelischen Spitzenpolitik sehr überschaubar, etwa der aus Jemen stammende Yeshayahu, der den “Fliegenden Teppich” mitorganisierte und für die Arbeiter-Partei Parlamentspräsident war. In Likud-Regierungen wurden sie allmählich häufiger, etwa mit dem aus Marokko stammenden Aussenminister David Levy. Was Levy betrifft, so gab es (israelische) Witze über ihn, die das Bild des ungebildeten Orientalen gut herausbrachten, zB: Levy ist auf Staatsbesuch in USA, seine Mitarbeiter sagen ihm dass am Abend ein Besuch im “Schwanensee” am Programm steht, und er fragt: “Haben wir Badekleidung dabei?” Eigentlich wurden Mizrahis erst in den 00er-Jahren des 21. Jh eine Selbstverständlichkeit in den Eliten des israelischen Staats, wobei Kazavs Wahl zum Staatspräsidenten da etwas bewirkte; danach kamen etwa Shalom oder Mofaz (Mofazzazkār). Bei der letzten Wahl hat der libysch-stämmige Kahlon mit einer eigenen Partei einen gewissen Erfolg erzielt, diese ist aber keine Mizrahi-Partei. Das ist noch immer am ehesten die Schas, die Partei der religiösen orientalischen Juden.

Da Fussball ja auch immer irgendwie ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft ist, lohnt es sich, auch dorthin zu sehen. Der grösste Erfolg des israelischen Fussballs war die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1970. Das damalige Team war noch ein überwiegendes aschkenasisches. Der Verband war aber damals, und zwar von 1954 bis 1974, beim asiatischen Kontinentalverband AFC, hat sich dort für einige Asien Cups, die WM 70 und ein Olympia-Turnier qualifiziert. Nach einer Reise durch verschiedene Kontinentalverbände (die WM-Quali bestritten sie meist über Ozeanien) ist der isrealische Fussball 1992 bei der europäischen UEFA gelandet. Mittlerweile dominieren aber Mizrahis den dortigen Fussball (wenn auch nicht den Verband). In “Fussball und Rassismus” (1993/94, Hg. Dietrich Schulze-Marmeling) steht über die israelische Liga, „Rassistische Schmähungen gegen arabische Spieler sind … erstaunlicherweise nahezu unbekannt.“ Das stimmte leider auch schon damals nicht, heute noch weniger. Besonders die Anhänger der dem Likud nahestehenden Betar-Klubs (wie jener aus Jerusalem) sind für ihren Rassismus gegen Nicht-Juden berüchtigt. Je tiefer die Liga, desto mehr Palästinenser und Mizrahis spielen darin.

Gegenüber den Zeiten, als Ben Gurion sagte, Israels Mizrahi-Immigranten hätten keine “jüdische Erziehung” und diese gegenüber ihren neuen Landsleuten ihre Kultur verleugnen mussten, es im Land kaum irgendeine kulturelle Entsprechung zur Tatsache gab, dass gut die Hälfte der Bevölkerung aus orientalischen Ländern stammte, hat sich vieles verändert. Wie man auch im Fussball sieht. Die einen haben sich ein Stück angepasst, die anderen wurden ein Stück toleranter. Künstler wie die aus Jemen stammende Ofra Haza, die die Kultur aus ihren Herkunftsländern aufbereiteten, wurden akzeptierter. Auch im israelischen Atomprogramm spielte die Thematik Aschkenasis-Mizrahis eine Rolle. Der inner-israelische Diskurs begann, vorsichtiger, codierter, zu laufen. Bei Oz gibt es z.B. in “Black Box” (Ende der 1980er erschienen) die Figur des aus Nordafrika (Algerien) stammenden Michel Somo, fanatisch, engstirnig, irgendwie unfähig. Wenn der Rechtsextremist Aryeh Eldad (Scheib) sagt, dass er den halben Tag gegen einen palästinensischen Staat kämpft und die andere Hälfte gegen “Korruption”, meint er mit zweiterem wahrscheinlich die Mizrahim bzw ihren Anteil an der Macht. Mizrahis sind heute unter den Siedlern in den “verbliebenen” palästinensischen Gebieten, ebenso wie im organisierten Verbrechen Israels; der Alperon-Clan kommt etwa aus Ägypten, andere wichtige Familien aus Marokko, daneben v.a. aus der Ex-Sowjetunion. Unter jenen, die vor der Strafverfolgung ins Ausland ausweichen, sind auch welche, die nach Marokko gehen (daneben u.a. nach Südafrika), meist solche, deren Grosseltern von dort stammen. “Rückkehr” in diese Herkunftsländer oder auch nur Besuche dort ist in mehrerer Hinsicht ein heikles Thema und kommt auch nicht allzu oft vor.

Der im Iran geborene Mosche Kazav wurde von seinen Eltern als Kind nach Israel gebracht. Er wurde für den Likud im Alter von 24 Bürgermeister von Kiryat Mal’achi, ursprünglich ein Auffanglager für orientalische Einwanderer. Nach dem Wahlsieg seiner Partei 1977 zog er in die Knesset ein. Begin, der damals Premier wurde, schickte ihn in dieser Zeit mehrmals in den Iran um die dortigen Juden zur Einwanderung zu bewegen – was angesichts der Revolution auch in gewissem Maß geschah. Der Gegner des Oslo-Friedensabkommens wurde unter Netanyahu (Mileikowsky) Tourismusminister, hier dürften die sexuellen Übergriffe an Mitarbeiterinnen bzw Untergebenen begonnen haben. 2000 Staatspräsident, wobei ein Teil der Abgeordneten der Regierungskoalition (jene der religiösen Parteien, v.a. Schas) für ihn, den Oppositionskandidaten, gestimmt haben, und nicht für Peres (Perski). Amos Asa El schrieb damals in der “Jerusalem Post” eine Lobpreisung für Peres (wegen seiner Nuklearisierung Israels, seinen Verdiensten für Wissenschaft, Militär, Diplomatie,…), eine Selbstbeweihräucherung der säkularen, alteingesessenen, herrschenden, aschkenasischen, “produktiven” Israelern, die Teil des Westens seien, und eine Schmähung der (zT orientalischen) Religiösen in dem Land, welche die zionistische Idee der “Befreiung von Juden aus der Ghetto-Abhängigkeit” gefährdeten. Kazav hat den Artikel bei der Pressekonferenz anlässlich seines (emotionellen) Abtritts als Präsident als Teil einer Kampagne gegen ihn angeführt. 2003 sprach er in der persisch-sprachigen Radiosendung des Senders “Kol Israel” (lange von Menashe Amir geführt) mit Hörern aus dem Iran. Sexuelle Gewalt, derer Kazav beschuldigt und dann auch (zu einer Gefängnisstrafe) verurteilt wurde, ist im Judenstaat verbreitet. Kazav selbst (und mancher Anhänger von ihm) hat seine Verurteilung als abgekartetes Spiel der aschkenasischen Elite und als durch seine orientalische Herkunft motiviert dargestellt. Jüdische und nicht-jüdische Zionisten überschlugen sich angesichts des Urteils in Lobeshymnen für Israel, seine Demokratie, seine Justiz, usw. In manchen Kommentaren wurde auch die iranische Herkunft Kazavs mit seiner Sexualität in Zusammenhang gebracht bzw diese dadurch erklärt.

Ihre Rolle und der Diskurs

Die Sache mit Juden aus islamischen Ländern spielt eine wichtige Rolle im Themenkomplex Zionismus, Nahostkonflikt, Antisemitismus, Islamophobie. Ein Paradebeispiel für eine zionistisch-tendenziöse Darstellung ist “In Ishmael’s House. A History of the Jews in Muslim Lands” von Martin Gilbert. Pappe wies in seinem Buch über die Nakba auf die zionistische Propagandalinie hin, die transferierten Mizrahis den getöteten/vertriebenen Palästinensern der Nakba gegenüberzustellen, die einen mit den anderen aufzuwiegen. Auch als Argument gegen das Rückkehrrecht der überlebenden Palästinenser. Über die “vergessene Million” klagen, auch um die Vertreibung der Palästinenser zu parallelisieren. Obwohl Israel für beide Zwangsumsiedlungen verantwortlich war! Wenn Mizrahi als Vertriebene dargestellt werden, kann man aber ihr Eigentum und ihren Status mit denen der palästinensischen Bevölkerung verrechnen und deren Ansprüche damit als abgeschlossen darstellen.

Auf der einen Seite will man die ethnische Säuberung Palästinas parallelisieren, auf der anderen sie in Abrede stellen. Joseph Massad weist darauf hin dass Israel einerseits beansprucht, Heimat aller Juden zu sein, andererseits die Behauptung aufstellt, dass die orientalischen Juden als “Flüchtlinge” und “Vertriebene” kamen (und nicht als “Rückkehrer”, “nach Hause”).

Die Auswanderung der Mizrahis wurde in den meisten Fällen von Israel organisiert oder/und diese bewusst von ihren Landsleuten entfremdet bzw. das gerne hingenommen. Probleme wurden geschaffen als deren Löser sich der Zionismus, in seinen heroischen Ansprüchen, darstellt. Beim Rechtfertigen der aufgeflogenen israelischen Aktion von 1954, bei der ägyptische Juden angeleitet wurden, Spionage sowie Sabotage gegen westliche Einrichtungen auszuführen, und sie nach einer ägyptisch-nationalistischen Aktion aussehen zu lassen, kommt das zionistische Narrativ (und seine Widersprüche) heraus: Juden in diesen Ländern hätten ohnehin keine Verbindung zum Land und ihren Landsleuten gehabt, der Orient sei zurückgeblieben, der westliche Zionismus zivilisatorisch überlegen und die wahre Bestimmung für diese Juden. Auf der anderen Seite das Lamento, von/in der Region nicht akzeptiert zu werden, was der Grund für den Konflikt sei… Aus zionistischer Perspektive gibt es auch die Tendenz, alles „Negative“ an Mizrahis zu einem „Erbe“ ihrer „Sozialisation“ im „Orient“ zu erklären, alles Positive zur Folge ihres Jüdisch-Seins. Die Geschichten über „Moslems und Nationalsozialismus“ werden gerne mit denen über Juden im/aus dem Orient zusammengepackt. Der Orientale als fanatischer Feind der Juden, Gegner der Aufklärung, Helfer der Nazis…

Man muss aufpassen, nicht in eine Falle zu tappen. Es ist nicht so, dass aschkenasische Zionisten überall die Harmonie zwischen Juden und Moslems im Orient zerstörten, und sie heute daran hindern, eine Brücke zum Orient zu bauen bzw einen Ausgleich mit ihm zu finden. Es gab auch ohne zionistischen oder europäischen Einfluss Diskriminierungen von Nicht-Moslems, antijudaistische Strömungen in diesen Ländern; diese werden heute maßlos übertrieben dargestellt, und als Henne die das Ei hervorbrachte, dankbar angeprangert als ein authentischer “moslemischer Antisemitismus”. Manche Aschkenasen waren/sind im zionistischen Zusammenhang für eine “Orientalisierung” (und sei es in Form von einer Vereinnahmung, wie bei der Gruppe der “Kanaaniter”), viele Mizrahis für “Anschluss” an den Westen. Aschkenasen dominieren fast alle jüdischen “Nahost”-Friedensgruppen und antizionistischen Initiativen – weil Mizrahis auf Israel angewiesen sind… Und weil sie, wie auch die später nach Israel gebrachten äthiopischen Juden, bei den gegebenen Verhältnissen ihre einzige Chance meist in einer Abgrenzung ggü Palästinensern und anderen Völkern der Region sehen.

Was immer wieder die Rolle der Mizrahis im zionistischen Rahmen ist, in dem sie sich befinden, ist das Spielen von Orientalen, ob in der Spionage oder in Spielfilmen. Bekanntestes Beispiel im ersteren Tätigkeitsfeld ist der syrisch-ägyptische Jude Eli Cohen, der im Vorfeld des 6-Tages-Kriegs in Syrien in die Nähe der Staatsspitze kam. In der anderen Branche ist etwa Sasson Gabay aktiv, ein israelischer Schauspieler wohl irakischer Herkunft. Im Hollywood-Film „Nicht ohne meine Tochter“ (z.T. in Israel gedreht) spielte er einen Iraner, in „Das Schwein von Gaza“ (auf eine andere Art ebenso tendenziös) etwa einen Palästinenser. Ist ja irgendwie dasselbe

In der Hierarchie des Rassismus suchen sich Opfer wie Mizrahis neue Opfer (wie Palästinenser). Dennoch haben Mizrahis immer wieder zumindest ansatzweise ihr Potential als Brückenbauer ausgeschöpft. Etwa der aus dem Iran stammende Friedensaktivist Avraham “Abie” Nathan oder die Mizrahi Democratic Rainbow Coalition (Hakeshet Hademocratit Hamizrahit), die wie die israelischen Schwarzen Panther früher neben dem Engagement für Mizrahi-Rechte auch den Palästinenser die Hand reicht, und die Verbindung zwischen Mizrahi-Juden und Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft auch einen “Missing Link” nennt. Oder der Autor und Aktivist Mati Shemoelof, dessen Vater aus Syrien, die Mutter aus Irak stammen. Er ist Zionismus-Kritiker, auch, aber nicht nur, wegen dessen Bedeutung für die Palästinenser. „Mein Judentum steht nicht im Widerspruch dazu, dass ich queer bin oder Araber.“ Die Abgrenzung von Aschkenasen ist für ihn auch eine von der Holocaust-Thematik.

Zugespitzt gesagt: Wenn man Palästina/Israel nimmt und Palästinenser und Mizrahis zusammenzählt, kommt man auf 90% der Bevölkerung, die von einer aschkenasischen Elite regiert werden – wovon aber noch deren Ultra-Religiöse abzuziehen wären sowie auf der anderen Seite jene Mizrahis die mittlerweile in den Eliten mitmischen. Ein Bündnis zwischen Mizrahis und Palästinensern gibt es natürlich nicht. Aber, bei den israelischen Sozialprotesten vor einigen Jahren gab es gemeinsame Demonstrationen in Tel Aviv, mit Schildern wie “Arabs and Jews refuse to be enemies” – daneben übrigens auch Solidarisierungen der sozialkritischen “Bewegung 14. Juli” mit den zionistischen Siedlern im Westjordanland. Vom Gefühl von Gemeinsamkeiten bei Rassismus und Benachteiligung zum Gefühl von Gemeinsamkeiten bei der Herkunft und Kultur ist es noch ein Weg. Elle Shohat hat ihr Standardwerk “Zionismus vom Standpunkt seiner jüdischen Opfer” genannt. Die aus dem Irak stammende Jüdin (sie hat auch in “Forget Bagdad” mitgewirkt) lehrt zur Zeit in USA, wird “Edward Said der Mizrahim” genannt, aufgrund ihrer radikalen Beschäftigung mit Eurozentrismus, Postkolonialismus und Orientalismus. Rachel Shabi (auch in den Hinweisen unten) stammt auch aus dem Irak, ist aus Israel nach Grossbritannien ausgewichen, schreibt von dunklen Juden (Mizrahis), die, um von der israelischen Polizei nicht für Palästinenser gehalten zu werden, Kipas oder Sterne tragen. Sie wird übrigens, wie auch andere in diesem Text genannte Personen, vom zionistischen Mainstream angefeindet, aufgrund ihrer Analysen.

Als die Böll-Stiftung vor einigen Jahren ein Filmfestival verantaltete, in dem Mizrahim im Mittelpunkt standen, gab es einen offenen Protestbrief von Juden, darunter auch Mizrahis wie der in Berlin lebenden Filmregisseurin Meital Abekasis, gegen die fehlende Behandlung von Rassismus gegen diese Gruppe in der zionistischen Gesellschaft (der richtigerweise als mit jenem gegen Araber als verwandt eingeschätzt wird). Es werde etwa ein Film von Ephraim Kishon (Hoffmann) mit rassistischer Darstellung von Mizrahis ohne Diskussion bzw Kritik gezeigt. Auch wurde Kritik an der Rede von “Vertreibung” dieser Gruppe aus ihren Ländern geübt und auf diverse unbequeme Wahrheiten im Zusammenhang mit Zionismus und Mizrahim hingewiesen,

Auf der anderen Seite: Die Ausschreitungen gegen afrikanische Flüchtlinge 2012 in Tel Aviv, auch hauptsächlich von Mizrahis. An vorderster Front der (aus Tunesien stammende) Innenminister Yishai, der dann auch für die Ausweisungen mit-verantwortlich war. Der Führer einer Partei (Schas), die den Juden, welche lange als “schwarz” angesehen wurden, eine Stimme geben soll, erklärte, Israel müsse die Afrikaner ausweisen da das Land “uns, dem weissen Mann” gehöre. Beinart auf openzionism: ”Yishai’s comments illustrate the awful paradox of contemporary Sephardi (or more accurately, Mizrahi) identity.” Was bewirkt dieses Paradox: Dass die Mizrahis, Yishais Klientel, in den ärmeren, schlechteren Gegenden Tel Avivs leben, in denen sich auch Afrikaner angesiedelt hatten? Dass jene, die das Gefühl haben, zwischen den Stühlen zu sitzen, sich auf einen der Stühle fixieren? Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” abgewehrt, vor allem von jenen linken Zionisten (auch nicht-jüdischen, im Westen), die gerne die israelische Fahne zusammen mit der des Regenbogens zeigen. Ihre (die afrikanischen) Probleme sind nicht unsere (die israelischen), sagen jene, die ihre Anliegen gerne zu jenen der ganzen Welt oder zumindest des Westens erklären. Während der Kriege im Sudan oder beim Terrorangriff in Kenia 2013 wurden Opfer gerne als Propagandamittel, gegen die Moslems, gebraucht. Oder auch der ghanaische Fussballer Paintsil. Den eigenen Umgang mit Afrikanern blendet man da lieber aus, und da gehört auch das sehr enge Bündnis mit dem Apartheid-Regime Südafrikas dazu.

Noch einmal zurück zu Joel Beinin und seinen Text über ägyptische jüdische Identitäten und Loyalitäten. Er schreibt dort über Rachel Maccabi’s autobiografisches Buch Mitzrayim sheli (Mein Ägypten), einem der ersten Bücher für ein israelisches Publikum, das jüdisches Leben in einem orientalischen Land porträtiert. Die ersten Kapitel erschienen 1965 in “Keshet”, der Zeitschrift der “Kanaaniter-Bewegung”. In der triumphalistischen Atmosphäre nach dem Sieg im “Präventivkrieg” 1967, so Beinin, gab es in der israelischen Gesellschaft einen Markt für diesen Blick auf Ägypten als Buch, nicht zuletzt da der Sieg über den wichtigsten Gegner und die Besetzung eines grossen Teils seines Territoriums als Folge einer zivilisatorischen Überlegenheit über diesen gesehen wurde. Maccabi wuchs in den 1920ern und 1930ern in einer Mittelschichtsfamilie in Alexandria auf, der Vater war aus einer einige Generationen im Land ansässigen aschkenasischen Familie, jene der Mutter stammte aus dem Irak. 1935 wanderte sie, nach einigen Besuchen dort, in einen Kibbuz im damals britischen verwalteten Palästina aus, wurde Offizierin in der “Haganah” (die Integration in die zionistische Gesellschaft Palästinas bzw das Ablegen des Ägyptischen ermöglichte ihr erst, mit ihren ägyptischen Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen). Ihr Milieu beschreibt sie als fast gänzlich von allem Arabischen oder Ägyptischen isoliert, ihre Sprachkenntnisse des Arabischen blieben minimal. Während sich die (aschkenasische) Familie väterlicherseits zumindest bis zu einem gewissen Grad in Ägypten assimilierte, war es die (Mizrahi-)Mutter die das ägyptische als “schmutzig” und “barbarisch” sah, und die Tochter damit prägte (Maccabi hat auch den Titel “Mein Ägypten” nicht gewollt und gewählt). Maccabi schrieb von einem “schmutzigen arabischen Viertel” in der Nähe ihrer Villa, den Arabern Alexandrias als “dunkelhäutigen und trübäugigen Männern”, der Welt der Ägypter als “angsteinflössend”, “minderwertig” und “das Andere”; dies erstreckte sich auch auf jene Juden, die sich nicht von der ägyptischen Mehrheitsbevölkerung unterschieden. Maccabis Buch bestätigt das zionistische Narrativ: Juden in diesen Ländern waren unberührt von der Landeskultur, irgendwie überlegen, ihre jüdische Identität wurde durch das Einschlagen des zionistischen Wegs (Auswanderung) bewahrt. Amos Elon (Sternbach) hat in “Nachrichten aus Jerusalem” (1995/1998) ebenfalls über Maccabis Ägypten-Darstellung geschrieben, sie im Gegensatz zu Beinin unkritisch wiedergegeben, auch den kaum verhüllten Rassismus und Kulturalismus, der Familie mit der Ermordung des Vaters noch die Opferrolle zugebilligt.

Nicht alle Juden gingen während ihres Lebens dort und in der nachträglichen Darstellung so auf Distanz zu Ägypten und gaben die Deutungshoheit über sich an den Zionismus ab. Nach Sadats Besuch in Jerusalem 1977 und dem Frieden mit Ägypten kamen auch andere von dort stammende Juden mit ihren Erinnerungen hervor. Yitzak Gormezano-Goren schrieb ebenfalls über seine Jugend in Alexandria, die er ganz anders darstellt als Maccabi; die damalige (aschkenasische) zionistische Aktivität porträtierte er dagegen wenig schmeichelhaft. Beinin bringt ein bezeichnendes Detail aus der Rezeption: Eine Kritikerin tat seinen Roman “Blanche” nicht nur als Kitsch ab, sie schalt Gormezano auch dafür, “Superman” und “Flash Gordon” “anachronistisch” in das Kino des Alexandria der 1940er eingebaut zu haben. Beinin: “She believed that they, like so much that is valued and recognized by Israeli yuppie culture, could only be a product of the 1980s.” Auch Jacqueline Kahanoff feierte in ihren Erinnerungen einen Levantinismus bzw Mediterranismus (der auch der aktuellen ägyptischen Nationskonstruktion entgegensteht), hinterfragte damit den zionistischen Kanon, forderte das eurozentrische Kultur-Establishment Israels heraus. Die Selbstkonzeption als Teil der Region, nicht in Gegnerschaft zu ihr (bzw nicht als weisse, westliche Festung), ist eine Unterminierung des Paradigmas der nativen Feindschaft von Juden und Arabern und damit eine Perspektive eines substantiellen Ausgleichs.

Bei westlichen Kulturkämpfern oszilliert die Rolle der Mizrahis zwischen Instrumentalisierung als Opfer der Orientalen (Moslems), rassistisch formulierter Verachtung und Ratlosigkeit. Philozionisten sehen sie teilweise ähnlich wie sie Moslems sehen; ein Kommentar zur Schas: “Orientalisch und zurückgeblieben, das passt zusammen.” Keine Anerkennung der Selbsteinstufung des ehemaligen Führers dieser Partei als “weisser Mann” (s.o.) also. Aus solchen “Zurückweisungen” heraus glauben viele, sich durch Rassimus gegen andere anbiedern zu müssen. Der israelische Soziologe Kimmerling sagte, Palästinenser und Mizrahim seien im aktuellen Diskurs beide nicht präsent; es gibt noch eine dritte Gruppe der Einwohner von Israel/Palästina, die dazu zu zählen wäre, die extrem religiösen Juden sind ebenfalls Aussenseiter, was etwa die Referenz westlicher Israel-Fans auf sie betrifft. In der deutsch-österreichischen Israel-Solidarität von links (oder eher: der Schönfärber; Feiern von Homosexuellen-Rechten, Holocaust-Aufarbeitung) und rechts (Faszination für Nationalismus, militärische Durchschlagskraft) kann man mit diesen Gruppen jenseits von Bevormundung meist nicht so viel anfangen.

Material

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry. Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (1998; Englisch)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Naeim Giladi: Ben-Gurion’s Scandals. How the Haganah and the Mossad Eliminated Jews (2006; Englisch). Der irakische Jude Khalaschi bekam von Israel den neuen Namen “Giladi”. Er ging weiter in die USA, wo er u.a. dieses Buch schrieb

Baruch Kimmerling: קץ שלטון האחוסלים (Kets shilton ha-Ahusalim; Das Ende der aschkenasischen Hegemonie) (2001; Hebräisch)

Gudrun Krämer: The Jews in Modern Egypt, 1914–1952 (1989; Englisch)

Abdelwahab Meddeb, Benjamin Stora (Hg.): A History of Jewish-Muslim Relations. From the Origins to the Present Day (2013; Englisch)

Alexandra Nocke: The Place of the Mediterranean in Modern Israeli Identity (2009; Englisch)

Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas (2007; englische Originalausgabe 2006)

Rachel Shabi: We Look Like the Enemy. The Hidden Story of Israel’s Jews from Arab Lands (2009; Englisch)

Abbas Shiblak: Iraqi Jews. A History (2005; Englisch). Der Palästinenser Shiblak, nun in GB, forscht über Vertreibung und Flucht, zu den Folgen der Nakba (bzw. der palästinensischen Diaspora), wie auch zu den nach Israel gebrachten orientalischen Juden, v.a. jenen aus dem Irak; publizierte über die zionistischen Aktionen zum Transfer sowie ihrer Geschichte. Hat das “Shaml”-Zentrum in Ramallah begründet.

Yfaat Weiss: A Confiscated Memory: Wadi Salib and Haifa’s Lost Heritage (2011; kam 2012 auf Deutsch heraus)

Joel Beinin: Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia

https://libcom.org/library/khamsin-5-oriental-jewry

Ehud Ein-Gil und Moshe Machover: Zionism and Oriental Jews. A dialectic of exploitation and co-optation. In: Race & Class 50/3 (2009) 62-76. Die beiden Autoren kommen aus der linken (anti-kapitalistischen und anti-zionistischen) Organisation “Matzpen” (eigentlich nur der Name der Publikation der Organisation), die 1962 in Israel gegründet wurde, als Abspaltung der kommunistischen Maki, aufgrund deren unkritischen Haltung zur Sowjetunion und aus einer grösseren Gegnerschaft zum Zionismus. In Matzpen waren Juden und Palästinenser aktiv. Dieser Artikel wurde im britischen Magazin “Race & Class” veröffentlicht; es geht darum um die ethnischen Grenzen in der israelischen Gesellschaft. Online

David Green: Arab Jews and Myths of Expulsion and Exchange

Joseph Massad: Palestinians, Egyptian Jews and propaganda

Ella Shohat: Sephardim in Israel. Zionism from the Standpoint of Its Jewish Victims. In: Social Text No. 19/20 (Autumn, 1988)

http://rehmat1.com/2013/11/28/what-about-jewish-refugees-rights-of-return/

Yifat Bitton: Discrimination Based on Sameness, Not Difference: Re- Defining the Limits of Equality through an Israeli Case for Discrimination. In: Journal of Hate Studies, Vol. 12, No. 1 (2014)

Ran Greenstein: Zionism and its Discontents: A Century of Radical Dissent in Israel/Palestine (2014; Englisch)

Nissim Rejwan: The Jews of Iraq (1985; Englisch)

Yitzhak Gormezano-Goren: Alexandrian summer (1978/2015). Roman

Nachtrag: Artikel über die entführten jemenitischen Babies

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

About Kratom

Although the leaves of the Kratom (also called “Ketum”) tree have been used since a long time, they hardly have a history in terms of romanticization, politicisation, research, unlike other drugs such as Cannabis or Alcohol. The psychoactive leaves were (and are) traditionally chewed (more rarely smoked or a tea brewed from it) as a mood enhancer, by workers to stave off exhaustion, as a form of traditional medicine (see below), as a substitution for Opium. By people in Thailand and especially it’s southern part (on the Malay peninsula), and neighboring countries in Southeast Asia, where it grows naturally. Kratom was first identified by Dutch botanist Pieter Willem Korthals, in the 19th century, in the then Dutch East Indies (today’s Indonesia). He created it’s botanical name, Mitragyna speciosa. He was inspired by the form of the leaf, which reminded him on a bishop’s mitre.

After Korthals, an L. Wray was one of those who investigated this plant scientifically. Beside his own accounts about the use of Kratom in it’s area of origin, he sent samples of it to the University of Edinburgh, where David Hooper isolated the main alkaloid, mitragynine, from the leaves. In 1897 English botanist Henry Ridley recommended Katom/Mitragyna speciosa as a substitute for opium and opiates in the West. Ellen J. Field discovered and named mitraversine, from the leaves of Mitragyna parvifolia, a relative of Mitragyna speciosa. I. H. Burkill examined especially Kratom’s medical use. Botanist Raymond-Hamet also carried out work on Mitragyna species. By 1940 three other Kratom alkaloids in addition to mitragynine had been identified, others followed.

Chewing karatom leaves (called biak, gra-tom, Biak-Biak or Mabog there) was embedded in the culture of South Thailand (where buddhist Thai’s and muslim Malay’s live). In 1943, the government of Thailand prohibited Kratom, made it illegal to possess, cultivate or consume it. The background was this: Field Marshal Plaek Phibunsongkhram, contemporarily known as Phibun, Luang Pibulsonggram or Pibul Songgram, Prime Minister and virtual military dictator of Thailand under King Ananda Mahidol from 1938 to 1944, lead the country into wars with France and Great Britain (in the context of the 2nd world war, in which Phibun lead Thailand at the side of Japan). The government needed money for it’s war efforts. At the time, users and shops involved in the opium trade were taxed, kratom wasn’t. Therefore (and because of the comparable effects), kratom was a cheap alternative for many users. Declining revenues from the opium trade was the last thing the government needed now, in the face of the war. So they banned kratom, the competitor of opium.

This first ban of kratom (for economic reasons, not for health) was of importance, cause Thailand is something like the home country of the plant. Other states in Southeast Asia followed, in particular Malaysia. In Thailand, kratom is used illegally since. After the War, the Kratom Act was not enforced rigorously for many years, although eradication campaigns destroy(ed) kratom trees by burning forests. Kratom users are predominantly male; women in Thailand and the region rather chew betel nut, which has also psychoactive properties. If women chew kratom, then usually as a medicine, not for recreational purposes. In 1979, the punishment for kratom was reduced in Thailand, by categorizing it under Schedule 5 (the least restrictive and punitive level) of the Narcotics Act (along with cannabis and mushrooms). In recent years, even the decriminalization of kratom was proposed in Thailand, but due to the political crises in the country since 2005, the issue faded into background.

While kratom use has been an integral part of life in some Southeast Asian regions for centuries, in the West the plant has only recently begun to gain awareness. Kratom leaves became part of the ethnobotanical trade in Europe and North America in the 2000s. A large proportion of these leaves are exported from Indonesia to western countries and processed there. Globally, kratom still isn’t very widespread. USA, GB and Germany are among those states in which it is legal. In the west, it is sold via ethnobotanical shops and (e)mail order selling. Because of the intermediate trade, kratom is quite expensive.

There’s a controversy going on whether kratom should be considered as stimulant, drug or medicine; the delimitation here is not as clear as some believe to know. Other natural substances have been outlawed for no valid reason at all, and kratom could also become a victim to propaganda, despite it’s health benefits. In western countries, there’s a trend to prohibitions of kratom, a plant that was unknown there until a few years ago. The Transnational Institute has argued that while continued research is needed, the criminalization of kratom is unfounded and is based on economic control and disinformation. The criminalization of kratom has created numerous barriers for research, it’s effects are not well-studied. Kratom use is not detected by typical drug screening tests, but it’s metabolites can be detected by more specialized testing.

Kratom-Bäume
Kratom trees

While the kratom tree has also blooms, the (green) leaves are the interesting thing on it. Fresh leaves are chewed, dried leaves are smoked, drunken as a herbal brew – or grinded (which creates a powder that can also be drunken down, brewed with hot water or eaten with yoghurt). In the west, usually the powder is the available product. Among the alkaloids of the kratom, Mitragynine is the most important, it is probably primarily responsible for the leaves’ opioid effects. It behaves as a μ-opioid receptor agonist, similar to opiates like morphine. Kratom can help against fever, diarrhea, pain, premature ejaculation, opiate and alcohol dependence. To put it poetical, it has an “empathy”

The effects depend on type, potency, dosage, setting, blend, tolerance. There is the classification as per origin and the one as per the colour of the leaf vein. So, there are for example Borneo leaves with red veins and such with green veins. There are kratom leaves with red, green and white veins. The colour of the veins tells about the composition of alkaloids in this type; but the origin and the cultivation also affect the content of alkaloids. While the leaves with green and white veins are said to have a stimulating effect, those with red veins should be sedating. Thai, Maeng Da, Green Malaysian und some white types are said to help against depression. Basically, low doses take an activating effect, high doses function sedating.

Side effects associated with kratom use include loss of appetite and weight loss, delayed ejaculation, constipation and other gut related troubles, the darkening of the skin color of the face, and nausea (so called “woobles”; powder made from leaves from Bali is said to have this effect most likely). Escalation of frequency and dose as well as not addressing underlying problems lead to tolerance and a mild physical and mental addiction. Withdrawal is generally short-lived and mild, and it may be effectively treated with Loperamide.

Mixtures with kratom like “Krypton” or “4×100”, used in South East Asia, are dangerous, because of the other ingredients. Other combinations, like with alcohol, are harmless in moderation. Kratom and opiates have the same potentiators, like tonic water with quinin.

Sources (partly used here):

S. Asnangkornchai & A. Siriwong (eds.): Kratom Plant in Thai Society: Culture, Behavior, Health, Science, Laws (2005)

Robert B. Raffa (Ed.): Kratom and Other Mitragynines: The Chemistry and Pharmacology of Opioids from a Non-Opium Source (2014)

Robert Weisman: Kratom: The Ultimate Guide to Unleash Power of Your Brain with Mytragina Speciosa (2015)

Jessica E. Adkins, Edward W. Boyer and Christopher R. Mccurdy: Mitragyna Speciosa, A Psychoactive Tree from Southeast Asia with Opioid Activity. In: Current Topics in Medicinal Chemistry 11.9 (2011)

http://www.kratom.net

http://kratomfiles.blogspot.com

Critical view on allaboutheaven

http://kratomonline.org/

http://www.ilovekratom.com/

http://kratomystic.com/

http://ensobotanicals.com/kratom/

http://www.erowid.org/plants/kratom/kratom.shtml

https://kratomsources.com/

http://kratomlegend.com/

http://www.goodlookingloser.com/more/archive/entry/all-about-kratom-1

 

If you know other sources (online or printed), especially concerning cultural-historical aspects of this plant, please let me know.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rumäniens Ex-König

Der ehemalige rumänische König Mihai (Michael) aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen ist das letzte lebende Staatsoberhaupt der Zwischenkriegszeit und eines von drei lebenden Staatsoberhäuptern aus der Zeit des 2. Weltkriegs; die anderen sind Bulgariens damaliger König Simeon Sakskoburggotski und Tibets Dalai Lama Tenzin Gyatso (ein Staat, der 1951 seine Unabhängigkeit verlor). Der letzte der rumänischen Hohenzollern-Könige war nach dem Krieg der letzte Monarch hinter dem „eisernem Vorhang“. Von Bedeutung ist der heute 93-jährige wegen seiner Rolle unter faschistischer und dann kommunistischer Diktatur, beim Übergang von der einen zur anderen, dem mißglückten Absprung von der Achse. Eine Phase, die Rumäniens Schicksal für mehrere Jahrzehnte entschied. Eine Beurteilung von ihm, die hier versucht wird, muss auf die Schwierigkeiten rumänischer Geopolitik eingehen, besonders, wie sie sich um den 2. Weltkrieg darstellten.

Wurzeln und Hintergrund

1866 suchten rumänische Adelige und Politiker (u.a. Premierminister Ion Bratianu von der PNL, aus einer mehrere Generationen umspannenden Politiker-Familie) einen westlichen Prinzen als neuen Fürsten, statt des von ihnen abgesetzten Cuza, unter dem sich die unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentümer Walachei und Moldau vereinigt hatten, der aber zunehmend autoritär geworden war. Frankreichs Kaiser Napoléon III. wollte einen stärkeren „Pufferstaat“ gegenüber Russland, empfahl Prinz Karl Eitel Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen, aus der katholisch und süddeutsch gebliebenen Nebenlinie jener Hohenzollern, die Preussen errichteten, eine Adelsfamilie mit der er über seinen Onkel verwandt war. Dieser Karl war der zweite Sohn des Fürsten Karl Anton, des letzten in Hohenzollern-Sigmaringen regierenden (das Fürstentum ging 1849 in Preussen auf). Der Tag von Karls Ankunft in Bukarest nach abenteuerliche Anreise, der 10. Mai, war lange Nationalfeiertag in Rumänien. Er wurde als Carol I. zum Fürsten gekrönt, sprach den Eid auf Französisch. Eine bald nach seiner Krönung beschlossene neue Verfassung brachte erst den Namen “Rumänien”, anstatt “Vereinigte Fürstentümer” (der Walachei und Moldau). Hohenzollern-Sigmaringen sollte Rumänien im europäischen Machtsystem verankern, innere Stabilität und Fortschritt bringen.

Nach dem Russisch-Türkischen Krieg gab das Osmanische Reich die Ansprüche auf Rumänien auf, das 1878 seine Unabhängigkeit gewann. 1881 durfte es zum Königreich aufgewertet werden. Carol hat in der Tat das Fundament für den modernen rumänischen Staat gelegt, dabei osteuropäisch-orthodoxe und orientalische Einflüsse im Land zurückgedrängt. Die soziale Frage (Landbesitz etc) blieb ungelöst. Carol blieb bis 1914 Herrscher, 48 Jahre, mehr als die anderen rumänischen Könige. Er hatte mit seiner Frau eine Tochter, die früh starb. So wurde sein Neffe Ferdinand Nachfolger; der damalige Chef des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen, Wilhelm, und sein erster Sohn Leopold hatten zwar kein Fürstentum mehr, überliessen Rumänien aber dennoch dem Zweitgeborenen. Ab Ferdinand kamen die Ehefrauen der rumänischen Könige aus dem europäischem Hochadel. Er kam also zu Beginn des 1. Weltkriegs auf den Thron, Carol wollte da noch den Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte, Ferdinand setzte ein Bündnis mit der am Ende siegreichen Entente durch. Dadurch gelang die Verdoppelung von Territorium und Einwohnerzahl, u.a. durch den Friedensvertrag von Trianon, die Realisierung des rumänischen “Irredentismus”. Die Diskrepanz zwischen dem Rumänien diesseits und jenseits der Karpaten (bzw zwischen Regat und Transsylvanien) spielt aber bis heute eine Rolle; und Minderheiten (Ungarn, Deutsche, Ukrainer, Juden, Bulgaren, Sinti, Serben,…) machten nun etwa ein Drittel der Bevölkerung aus.

Unter den Hohenzollern-Königen machte Rumänien entscheidende Modernisierungs-Schritte durch, etwa die Industrialisierung, die in der Zwischenkriegszeit “auf Touren” kam, v.a. rund um das Erdöl, wodurch auch eine Arbeiterklasse entstand. Abwehr der Revisionsansprüche der Nachbarn war Rumäniens aussenpolitisches Hauptaugenmerk in der Zwischenkriegszeit; dabei wurden wechselnde Allianzen eingegangen. Ferdinands Sohn Carol war der erste der rumänischen Hohenzollern, der in Rumänien geboren wurde, und der orthodox aufwuchs. Ebenso wichtig, er setzte einen männlichen Nachfolger in die Welt. Mihai wurde 1921 in Schloss Peles (unter seinem Grossonkel Carol I. gebaut) in Sinaia in den Karpaten geboren. Doch nur die zweite von Carols drei Ehen, mit einer griechischen Prinzessin, Helena Slesvig, Mihais Mutter, war standesgemäß. Die erste Ehe, mit der Rumänin Lambrino, brachte einen Sohn hervor, wurde annulliert. Die zweite Ehe zerbrach wegen Carols Affäre mit Elena “Magda” Lupescu, die seine dritte Frau wurde. 1925 verzichtete Carol wegen Lupescu auf den Thron, sein Sohn Mihai wurde damit Thronanwärter.

(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)
(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)

Als König

1927 wurde Mihai daher nach dem Tod seines Grossvaters Ferdinand mit 6 Jahren das erste Mal König (Tutenchamun war immerhin 9 oder 10 gewesen), unter Regentschaft von Carols Bruder Nicolae (der keine Kinder hatte), des orthodoxen Patriarchen Miron Christea und des Oberrichters des Landes, Gheorghe Buzdugan. Mihai I. war der erste orthodoxe König Rumäniens, wahrscheinlich auch der erste von ihnen, der „zu Hause“ (in den Palästen) Rumänisch sprach. Dass die relativ starke Stellung des Königs nun von Anderen eingenommen wurde, trug zur Instabilität bei, die von wegen Parteienegoismus kurzlebigen Regierungen, korrupter Verwaltung, wirtschaftlichen Problemen ausging. Sie nahm zu, als Ion Bratianu (PNL-Chef, vielfacher Premier) starb. 1930 wurde Mihais Vater Carol von Politikern (v.a. Premier Maniu von der PNT) und Offizieren zurückgeholt, amtierte bis 1940 als König Carol II.

In die Zeit von Carols Herrschaft, die 1930er, fällt der Aufstieg der faschistischen Bewegung Rumäniens, die (übersetzt) als “Legion des Erzengels Michael” gegründet wurde (ihre Mitglieder daher auch “Legionäre” genannt), eine Miliz namens “Eiserne Garde” hatte (die Organisation an sich wurde daher auch so bzw einfach “Garde” genannt) und sich 1935 in “Totul pentru Ţară” (Alles für das Land) umbenannte. Legion-Führer Codreanu kam aus der National-Christlichen Verteidigungsliga, einer anderen rechtsextremen Partei. Die zeitweise verbotene faschistische Organisation wurde eine ernste Herausforderung für die rumänische Demokratie, war bis zum Ende des 2. Weltkriegs viel grösser als die kommunistische Partei und, je schwieriger die Zeiten wurde, desto mehr Zulauf bekam sie. Carol machte u.a. Nicolae Iorga zum Premier, den Historiker, der viel über Rumäniens Stellung in der Geopolitik (etwa zwischen dem orthodoxen Osteuropa und dem “lateinischen” Westeuropa) nachdachte und später von den Faschisten ermordet wurde.

Mihai wurde wieder Kronprinz, ging wieder zur Schule, wurde Oberhaupt der rumänischen Pfadfinder-Organisation. Im Alter von 16 soll er mit seinem Auto einen Radfahrer niedergestossen haben, wodurch dieser tödliche Verletzungen erlitt, ein Vorfall, der damals zensuriert wurde. 1939/40 war er Senator. Von 1930 bis 1940 durfte er den Titel “Grossherzog von Karlsburg” (Mare Duce de Alba Iulia) tragen, eine Referenz an Michael den Tapferen (Mihai Viteazul), der Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts die Walachei, Moldau und Transylvanien für einige wenige Jahre unter seiner Herrschaft vereinigte. Seine exilierte Mutter durfte er auf Anweisung seines Vaters nur einmal im Jahr sehen.

1937 fand die letzte faire bzw reguläre Wahl bis 1990 (!) statt, sie brachte einen Sieg der liberalen PNL unter Constantin “Dinu” Brătianu vor der Bauernpartei PNT von Maniu (von der kommunistischen PCR unterstützt, die nicht selber antrat), der faschistischen TPT (knapp unter 16%), der PNC und anderen. Vor dem Hintergrund der von der TPT ausgehenden Gewalt und ihrem nicht unbeträchtlichen Rückhalt löste König Carol II. das Parlament auf, verbot Parteien, und errichtete eine autoritär-korporatistische Königs-Diktatur (Bildung der Monopolpartei FNR), zunächst mit Patriarch Christea als Premier. So glaubte er, entschieden gegen die Faschisten vorgehen zu können. Die TPT wurde verboten und ihre Führer verhaftet (Codreanu bald darauf bei einem angeblichen Fluchtversuch getötet), aber das Problem war damit nicht gelöst.

Als der 2. Weltkrieg (bzw “Europäische Krieg”) vom Zaun gebrochen wurde, versuchte Rumänien zunächst, neutral zu bleiben; das war aber nicht lange aufrecht zu halten. Frankreich, der wichtigste Partner, wurde 1940 vom “nationalsozialistischen” Deutschen Reich besetzt, britische Unterstützung war äusserst fraglich; vor der Sowjetunion hatte man in Rumänien mindestens so viel Angst wie vor Nazi-Deutschland. Die innere Politik und jene nach aussen verband sich, die Pole des Totalitarismus hatten ihre Vertreter bzw Anhänger im Land: die kommunistische PCR war der SU verbunden (wohin einige ihrer Führer ins Exil gegangen waren), die Faschisten waren natürlich pro-Achse. So glücklich im 1. Weltkrieg Rumäniens Wahl seiner Verbündeten ausging, so schwierig war sie nun.

1940 besetzte die Sowjetunion Bessarabien und die Nord-Bukowina, aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts. General Ion Antonescu, im 1. WK schon hoher Offizier, in der ZKZ Generalstabschef, dann Verteidigungsminister, schrieb König Carol eine Protestnote, gegen die Hinnahme dieser territoralen Amputationen. (Wenn sich das sowjetische “Engagement” rund um den Krieg in Rumänien auf diese beiden beschränkt hätte, wäre das tatsächlich vergleichsweise gnädig gewesen). Daraufhin wurde Antonescu im Kloster von Bistriţa/Bistritz interniert. Auf deutschen Druck musste Rumänien dann auch Nord-Transylvanien an Ungarn und die Süd-Dobrudscha an Bulgarien abtreten. Vielleicht hat das Antonescu in den Augen des Königs rehabilitiert, er war jedenfalls eine wichtige Figur im innenpolitischen Poker geworden, auch aufgrund seiner Popularität. Im September 1940 wurde Antonescu von Carol zum Premier ernannt und der König transferierte einen Grossteil seiner diktatorischen Vollmachten an ihn. Als nächstes zwang Premierminister Antonescu aber den König zum Rücktritt. Mihai, inzwischen 19, wurde in dieser Situation zum zweiten Mal König (von Patriarch Nikodim gekrönt), aber wieder ein machtloser – genau das wollte Antonescu. Sein Vater ging ins Exil, landete schliesslich in Portugal. Was auch immer damals vorging, Mihai weigerte sich danach, seinen Vater jemals wieder zu sehen.

Am Titelblatt des “Life”, mit seinem Vater, 1940

Antonescus Machtbefugnisse wurden noch erweitert, und er bildete mit der faschistischen TPT (“Garde”, “Legion”), die eben noch verboten war, eine neue Regierung, eine faschistische Militärdiktatur, den Statul Național Legionar, mit ihm als Conducator (“Führer”, den Titel benutzte später Ceausescu) und Codreanu-Nachfolger Sima als Vize-Premier. Unter dieser Regierung band sich Rumänien an die Achse. 1941 wurden die Faschisten nach dem Versuch alleiniger Machtübernahme mit dem Segen Hitlers zerschlagen, das Antonescu-Alleinregime war nun eine rechte Militärdiktatur. Es wurde die rumänische Teilnahme an deutschen Feldzug gegen die SU beschlossen. „Wenn es gegen die Slawen geht, kann man immer auf die Rumänen zählen“, sagte Antonescu. Das benachbarte Bulgarien gehörte zwar auch Hitlers Achse an, befanden sich aber nur nur in theoretischem Kriegszustand mit den Alliierten. Und, eine Teilnahme am “Russlandfeldzug” lehnten die Bulgaren trotz Hitlers Drängen ab. Zar Boris III.: “Das bulgarische Volk wird niemals gegen Russland kämpfen, dem es seine Befreiung vom türkischen Joch verdankt.” Die primäre Motivation für Rumänien waren die an die SU verlorenen Gebiete, dabei ausblendend dass die Deutschen für andere Gebietsabtrennungen verantwortlich waren. Die Wehrmacht kam ins Land, griff die Sowjetunion auch von dort an, mit rumänischen Truppen. Die Rumänien-Deutschen, damals eine grosse und mächtige Gruppe (bzw verschiedene Gruppen), wurden auch eingespannt, bei Wehrmacht und SS. Ab dem Ende des Jahres 1941 nahmen die Spannungen zwischen König Hohenzollern und Militärdiktator Antonescu zu.

Hohenzollern (König) & Antonescu (Premierminister) 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion
Der König und Antonescu 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion

Bessarabien und die Nord-Bukowina wurden bald zurück gewonnen, rumänische Truppen besetzten dabei gleich noch ein Stück ukrainischer Schwarzmeerküste. Rumänische Einheiten zogen mit den Deutschen weiter, waren bei der Schlacht um Stalingrad 1942/43 beteiligt, danach am Rückzug über die Ukraine. Die schweren Verluste, die vielen in sowjetische Gefangenschaft geratenen Soldaten, die Bedrohung des Kernlandes durch die vorrückende Rote Armee, die alliierten Bomben und dass Rumänien von Deutschen in vielerlei Hinsicht ausgebeutet wurden, machten Kriegsteilnahme, Diktatur und Bündnis unter Rumänen zunehmend unpopulär. Deutsche Nazis verschiedener Ebenen sahen auch ihre engsten ausländischen Verbündeten (wie Mussolini) zumindest verdeckt als rassisch und kulturell minderwertig.

Im Sommer 44, als die Rote Armee an Dnister/Nistru stand (Nord- bzw Ostgrenze Bessarabiens) fanden Geheimverhandlungen politischer und militärischer Kreise Rumäniens (u.a. König Mihai), mit Alliierten statt (u.a. in Ägypten), wohl mit Wissen/der Billigung Antonescus. Die Karpatengrenze spielte wieder eine Rolle, für Deutsche sowie Teil der Rumänen als Grenze, die die Rote Armee aufhalten würde. Der 20. August 1944 war der Beginn des Angriffs der Roten Armee auf Rumänien, das für sie auch Tor zum Balkan und Teilen Mitteleuropas war und die Erdölfelder und -raffinerien um Ploiești in der Walachei hatte. In wenigen Tagen kam die Rote Armee von Dnister an Prut(h).

Am 23. 8. 1944, als die Russen den Pruth überschritten, der Krieg verloren schien und elf sowjetische Armeen die Vorkriegs- bzw Vorfeldzugsgrenzen Rumäniens erreicht hatten, führte Mihai de Hohenzollern-Sigmaringen (mit dem Wissen von einigen Offizieren sowie den Spitzen der Parteien) seinen “Staatsstreich” durch: Um das Ruder herumzureissen musste er zuerst den “Kapitän” Antonescu loswerden, lud ihn zu Unterredung in den Bukarester Königs-Palast (bzw in die “Casa Noua”, eine weisse Stuckvilla auf dessen Gelände), zu einer Erörterung der bedrohlichen Kriegslage. Während der König im Empfangszimmer mit Antonescu und dessen Namensvetter und Vertrauten, Aussenminister Michael Antonescu, redete, warteten draussen Offiziere und Palastwache. Der “Conducator” lehnte Waffenstillstand und Rücktritt ab (“Denken Sie, ich würde das Land in Ihre Hände legen – die eines Kindes?”), wurde auf ein Zeichen Mihais von den Bewaffneten verhaftet, und zunächst in einen Raum im Oberstock eingesperrt. Danach kam der deutsche Botschafter in Bukarest, Manfred von Killinger (ehemaliger SA-Führer, Säufer,…), in den Palast, Mihai teilte ihm die neue Lage mit und bot den freien Abzug der Wehrmacht an bzw verlangte diesen. Am Abend verkündete Mihai in einer etwa 20-minütigen Radiorede die Absetzung Antonescus und den Seitenwechsel (begründete diesen unter anderem mit dem Ziel, das 1940 verloren gegangene Nordtransylvanien wiederzugewinnen) sowie die Rückkehr zur Demokratie.

Parteien wurden wieder legalisiert, einige Politiker kamen aus dem Exil, dem Untergrund oder Gefängnissen zurück (v.a. Kommunisten), das Parlament wurde wieder eingesetzt. Eine Konzentrationsregierung unter General Constatin Sanatescu (ein königstreuer Kavallerieoffizier) wurde gebildet; der frisch aus politischer Haft befreite General Nicolae Radescu wurde Generalstabschef. Der König selbst hatte (wieder) eine mächtige Rolle. Der 23. August wurde in kommunistischer Zeit Nationalfeiertag Rumäniens. Die PCR versuchte dann, ihre sehr marginale Rolle beim Umsturz (allein das Werk des Königs mit bürgerlichen Politikern und Generälen) aufzuwerten. Der Seiten- und Regimewechsel ähnelt jenem in Italien im Jahr davor, mit der selben Rolle des Königs, die Rolle von Radescu und Sanatescu nahm dort Badoglio ein.

Nachdem die rumänischen Soldaten von der Front abzogen bzw das Kämpfen einstellten, brach diese zusammen, die deutsche Heeresgruppe “Südukraine” wurde von der Roten Armee zerschlagen. Wehrmachts-Einheiten versuchten, Bukarest unter ihre Kontrolle zu bringen, was von der rumänischen Armee und Freiwilligen-Milizen verhindert wurde. So wurde die Stadt von deutschen Kampfflugzeugen bombardiert, anscheinend auch der Königspalast. Damit wurde der Seitenwechsel des Königs aber nur in den Augen vieler weiterer Rumänen gerechtfertigt. Für diesen war es der Anlass, Deutschland den Krieg zu erklären. Die Wehrmacht in Rumänien hatte von Hitler auch den Befehl bekommen, König Mihai gefangen zu nehmen. Sie musste aber vor der Roten Armee flüchten, auch den restlichen Balkan (Jugoslawien, Griechenland,…) räumen, lieferte sich in Transylvanien Rückzugsgefechte mit rumänischen und sowjetischen Truppen. Teile der Rumänien-Deutschen gingen mit der Wehrmacht; manche Gruppen, wie die Bessarabien- oder Bukowina-Deutschen, waren aber schon von den Nazis ausgesiedelt worden. Der seit 1941 in Deutschland gefangene Faschisten-Führer Sima wurde in dieser Situation wieder hervorgekramt, durfte eine “Exilregierung” bilden.

Mihai und die demokratischen Politiker und Offiziere hofften, die sowjetische Armee bald loszuwerden, wie eben die nazideutsche. Doch die Rechnung ging nicht auf. Zunächst verschonte die Rote Armee Rumänien beim Einmarsch nicht wegen des Seitenwechsels, nahm Kriegsgefangene, beging Plünderungen, nutzte Rumänien zwar wie Deutschland als Durchgangsstation, betrachtete es aber auch als zu seiner Einflussphäre gehörig. Zu den harten Waffenstillstandsbedingungen vom 12. 9. gehörte (neben der freien Hand, die die SU in Rumänien bekam), dass das rumänische MiIitär mit der Roten Armee in Mittel- und Westeuropa weiterkämpfen musste. Diese bekam so eine halbe Million Soldaten dazu, beim Einmarsch in Ungarn, der Tschechoslowakei und Österreich. Beim Sturm auf Hitlers Reich war die rumänische Armee, die vorher mit der Wehrmacht bis Stalingrad marschiert war, nach Sowjets, US-Amerikanern und Briten die viertgrösste Streitmacht. Obzwar von den Russen (wie zuvor von den Deutschen) als feige und unzuverlässig verspottet, verlor sie dabei 169 000 Mann an Toten und Verwundeten.

Ende Oktober war ganz Rumänien unter SU-Kontrolle, der deutsche Botschafter von Killinger erschoss seine Sekretärin und Geliebte und sich selbst nach dem Einzug der Russen in Bukarest. Die Westalliierten überliessen Rumänien der SU-Sphäre. Dies begann mit der Teheraner Vereinbarung der Westalliierten, keine eigene Balkanfront zu eröffnen; dann Churchills Vereinbarung mit Stalin, Rumänien den Sowjets zu überlassen, im Gegenzug dass Griechenland britische “Operationszone” wurde. Für die Anglomächte war Rumänien, wie für Nazideutschland, hauptsächlich aus Ölinteressen von Bedeutung, daneben aus strategisch-ideologischen Gründen. Eine Alliierte Kontrollkommission für Rumänien, die nichts zu sagen hatte, wurde eingerichtet; neben den Sowjetrussen, die nun das Sagen über Rumänien bekamen, waren darin britische und amerikanische Vertreter.

Die Rückkehr zur Demokratie war nur von kurzer Dauer. Der sowjetische Aussenminister Molotow beteuerte zwar, dass die Sowjet-Union “nicht das Ziel verfolgt, sich irgendeinen Teil rumänischen Territoriums anzueignen oder die bestehende Gesellschaftsordnung Rumäniens zu ändern”. Und für einige Wochen begnügten sie sich bezüglich der neuen rumänischen Regierung mit einem einzigen kommunistischen Kabinettsmitglied, Lucretiu Patrascanu (später in Ungnade gefallen und exekutiert). Die SU verhalf dann aber wie in anderen osteuropäischen Staaten der kommunistischen Partei zur alleinigen Macht. Andrej Wyschinski (auch Vâşinski und andere Schreibweisen), ehemaliger Hauptankläger in Stalins Schauprozessen, nun Vizevolkskommissar für Auswärtiges, also stellvertretender Aussenminister, hatte sich schon 1940 beim Anschluss Lettlands an die UdSSR bewährt, wirkte nun in Rumänien. Die Sowjets im Lande hatten etwa die Möglichkeit, die Medien zu zensurieren. Wyschinski trat in die Fussstapfen des deutschen Botschafters von Killinger, bezüglich seiner dauernden Interventionen in die rumänische Politik. Bei dieser “Gleichstellung” muss aber festgehalten werden, dass die Rote Armee den Holocaust in Rumänien beendete und so manches andere.

Die Bestrafung von tatsächlichen Kriegsverbrechern und Faschisten verband sich mit jener von vermeintlichen sowie politischen Säuberungen. Die PCR organisierte nach dem Einmarsch der SU und dem Kriegsende im Land Milizen, die angebliche Faschisten verfolgten, Besitz beschlagnahmten und Unruhen provozierten. Die Haltung zur Sowjetunion war in der PCR umstritten, auch dort spielten die antirussischen Traditionen in Rumänien eine Rolle, aber in dieser Zeit kaum. Überproportional viele Angehörige von ethnischen Minderheiten waren in der PCR vertreten, auch in Führungspositionen; bis Gheorghiu-Dej (ab 1944) waren bis auf einen alle PCR-Führer Angehörige diverser Minderheiten. Der Gewerkschafter Gheorghiu-Dej, der im August 1944 aus dem Gefängnis entlassen wurde, war in der Nachkriegszeit auch der einzige “echte” Rumäne in der KP-Führung. Die Partei, vor dem Krieg nicht besonders stark, verlor im Volk weiter Kredit, da sie den Helfershelfer der marodierenden Besatzungsmacht machte.

Moskau und die rumänischen Kommunisten forderten bereits im Oktober 1944 den Rücktritt der Regierung Sanatescu. Der Premier hatte am Feldzug gegen die Sowjetunion teilgenommen, er halte das Waffenstillstandsabkommen nicht ein, die Regierung sabotiere Reparationslieferungen an die Russen. Zunächst nahm Sanatescu unter dem Druck noch zwei Kommunisten in seine Regierung auf: Gheorghiu-Dej wurde Verkehrsminister und bekam damit die wichtigen Eisenbahnen in die Hand; Petru Groza wurde Vizepremier. Dieser gehörte der mit den Kommunisten verbündeten “Pflüger-Front” (Frontul Plugarilor) an, war ein Grossgrundbesitzer und Unternehmer aus Transylvanien. Da die Faschisten kein Faktor mehr waren (und manche von ihnen zur PCR gingen), erklärten Kommunisten die traditionellen, bürgerlichen Parteien PNT und PNL zu “Faschisten”. Im Dezember tauschten Radescu und Sanatescu ihre Posten, zweiterer wurde Premier, ersterer Generalstabschef. Sanatescu gab nach Druck der SU und gewalttätigen Strassendemonstrationen der Kommunisten auf. Radescu war unter der Herrschaft von Antonescu und den Deutschen im Lager für politische Gefangene in Târgu Jiu (Walachei) eingesperrt gewesen, mit vielen Kommunisten, wie Nicolae Ceausescu. Die Kommunisten wollten aber auch ihn nicht als Premier. Die PCR schloss sich mit kleinen linken Parteien zur FND zusammen, unter Pflügler-Frontmann Groza. Die Kommunisten wurden in der Allparteienregierung immer dominanter.

Als nächstes forderte Wyschinski von Hohenzollern die Ablöse Radescus und die Ernennung Grozas. Die Westalliierten bzw die “Anglos” wollten/konnten nicht helfen, so trat Radescu unter dem Druck Anfang März 1945 zurück und flüchtete in die britische Mission; er gelang später ausser Landes. An dem Punkt dachte Mihai über einen Rücktritt nach, aber “das wäre zwar eine eindrucksvolle Geste gewesen wäre, hätte das Volk aber allein gelassen”. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Groza und seine Regierung zu akzeptieren. 14 von 18 Ministern gehörten der FND an, zu den wenigen Nicht-Kommunisten gehörte Aussenminister Tatarescu, der die PNL mit einer Abspaltung verlasen hatte. Die Würfel waren damit gefallen, die kurze demokratische Phase war zu Ende. Den König wähnten die Kommunisten mit der Einsetzung der Groza-Regierung neutralisiert. Stalin belohnte die Rumänen mit der Rückgabe Nord-Transylvaniens noch am Tag der Ernennung der Regierung. Die Festlegung der Grenzen Rumäniens hauptsächlich durch die Sowjets war relativ maßvoll, die Bukowina wurde geteilt, Bessarabien behielt sich die SU ein. Ein Verstaatlichungsgesetz war eine der ersten Maßnahmen der Regierung.

Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945
Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945

Mihai, der von Truman schon den “Legion of Merit”-Orden bekommen hatte, erhielt im Juli 45 auch von der SU einen Orden, den Sowjetischen Siegesorden, die höchste sowjetische Auszeichnung, von Staatschef Kalinin, für den Seitenwechsel 44. Als Zugabe soll der Hobbypilot zwei Sportflugzeuge bekommen haben. Eine Zeit lang lieferte Mihai der kommunistischen Regierung noch einen Machtkampf, verweigerte jeden Kontakt mit der Regierung sowie die Unterzeichnung der Gesetze – worauf Groza entschied, die Gesetze auch ohne königliche Unterschrift in Kraft zu setzen. In diesem Zusammenhang kam es am 8. November 1945, Mihai’s Namenstag, zu einer antikommunistischen Demonstration vor dem Königspalast in Bukarest, das Volk zeigte ihm seine Sympathie. Bei der gewaltsamen Auflösung der Demonstration gab es viele Verhaftungen, Verletzte und Tote.

Nach einer Intervention der Westalliierten wurden zwei Minister der “traditionellen Parteien” in die Groza-Regierung aufgenommen (zwei unbekannte Politiker, als Minister ohne Ressort) und wurde ausgemacht, bald “freie” Wahlen abzuhalten. Im Gegenzug anerkannten die West-Alliierten die Groza-Regierung (Februar 1946). PNT-Chef Maniu nannte den Handel einen “schlechten Witz”, aber ein resignierter König Michael beendete seinen “Streik” bzw Boykott der Regierung. Die Parlaments-Wahl im November 1946 wurde geschoben, brachte einen “Sieg” der FND (PCR, PSD, Pflügler,…) mit angeblich 89%; der wahre Sieger dürfte die PNT gewesen sein, vor den Liberalen, die beiden dominierenden Parteien der Zwischenkriegszeit. Die meisten Arbeiter dürften für die PNT und nicht für die Kommunisten gestimmt haben. Die folgenden Wahlen waren dann nur noch solche mit einer Partei.

Mihai schwankte zwischen Widerstand gegen die Kommunisten und Resignation, hatte keine Macht mehr, wurde vom Regime im Bukarester Königspalast isoliert. Ende 1947 durfte er zur Heirat der künftigen britischen Königin Elizabeth Windsor mit Philipp Mountbatten (zwei Verwandte von ihm) nach London reisen. Er lernte dort seine künftige Frau Anne von (Ana de) Bourbon-Parma kennen, eine Cousine zweiten Grades. Sie ist die Enkelin des letzten Herzogs von Parma, ihr Vater René war Bruder von Javier, Siuxtus und Zita. Er kam als Verlobter zurück; sowohl das Regime als auch der Hochadel hatte ihm geraten, nicht nach Rumänien zurückzukehren. Ein Referendum über die Monarchie um ihn loszuwerden, wollten die Kommunisten nicht riskieren, trotz Schiebung hätte es gefährlich für sie werden können, Mihai war zu populär. Zum Jahreswechsel bzw den Weihnachtsfeiertagen 1947/48 zog er sich von Bukarest nach Schloss Peles in Sinaia zurück.

Für den 30. 12. wurde Mihai von Premier Groza nach Bukarest bestellt, fand dort seinen Palast (nach einigen Angaben war das Treffen im Königspalast, nach anderen im Elisabeta-Palast) von Truppen loyal zur kommunistischen Regierung umstellt (der Division “Tudor Vladimirescu”). Mihai kam mit seiner Mutter Helena, Groza hatte Minister und PCR-Chef Gheorghiu-Dej an seiner Seite. Er wurde von ihnen aufgefordert, eine Abdankungserklärung zu unterschreiben, und das Land zu verlassen. Dies geschah möglicherweise mit vorgehaltener Waffe; eine Handfeuerwaffe dürfte Groza jedenfalls gezogen haben, möglicherweise aber auch mit den Worten “Ich wollte kein Risiko eingehen. Sie sollten keine Gelegenheit haben, das gleiche mit mir zu tun, was Sie mit dem Marschall Antonescu getan haben.” Den Druck könnten die beiden Kommunisten auch anders aufgebaut haben, etwa mit Drohungen gegenüber der rumänischen Bevölkerung. Eine andere Darstellung der Ereignisse ist, dass Abdankung und Exil mit den Kommunisten ausgehandelt wurde. Jedenfalls, am selben Tag noch trat das Parlament zusammen um die Volksrepublik auszurufen; dies und die Abdankung wurde von der Regierung am Abend über Rundfunk bekanntgegeben. Der Kommunist Parhon wurde Staatspräsident und Mihais Nachfolger als Staatsoberhaupt.

Die kommunistische Machtergreifung war damit weitgehendst abgeschlossen, nun konnte die Umgestaltung des Landes beginnen. Feudale Zustände gab es damals in Rumänien und diese waren entsprechend „umstritten“, aber wenige wollten eine kommunistische Diktatur. Umverteilungen und Verstaatlichungen, Vorgehen gegen Minderheiten, Abrechnungen mit Faschisten und politische Säuberungen “verbanden” sich im Rumänien der Nachkriegszeit, trafen Rumänien-Deutsche besonders. Mihai war der letzte König hinter dem Eisernen Vorhang (nach dem jugoslawischen und dem bulgarischen), der abdankte. Wenige Tage danach wurde Hohenzollern, nun Privatmann, gezwungen, das Land zu verlassen. Mihai reiste (es war Jänner 1948) von Sinaia mit dem Zug nach Westeuropa, nahm einige seiner Autos mit. Mit ihm ging u.a. Jacques M. Vergotti, ein Offizier (evtl westeuropäischer Herkunft), Vertrauter von Mihai in seinen Jahren als König. Einige Wochen später folgten seine Tanten Elisabeth und Ileana, die mit den Besatzern und Kommunisten zusammengearbeitet haben sollen. Die neue Verfassung Rumäniens, nun eine Volksrepublik, trat am 23. April 1948 in Kraft; im Frühling 1948 wurde die demokratische Opposition vollends zerschlagen, mit Massenverhaftungen und dem Verbot der beiden grossen traditionellen Parteien PNL und PNT. Ihre Führer Bratianu und Maniu starben im Gefängnis

Für Mihai hätte es auch anders kommen können, wie die Ereignisse in Bulgarien zeigten. Simeon Sakskoburggotski (die bulgarisierte Version von Sachsen-Coburg-Gotha, ebenfalls ein deutsches Haus) war als Minderjähriger 1943 bis 1946, als Simeon II., nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Boris König/Zar, unter Regentschaft von Onkel Kyrill. Auch hier der Frontwechsel, als die Russen vor der Türe standen, 1944, auch hier der Einmarsch der Roten Armee. Die politischen Kräfte des Landes bemühten sich hier ebenso wie die Rumänen, mit den Alliierten zu einer Abmachung zu gelangen, die es ihnen erlaubte, sich vom Kriegsverlierer Deutschland abzusetzen, ohne SU-Satellit zu werden. Simeons Onkel Kyrill und die anderen Regenten wurden verhaftet und 1945 nach einem Schauprozess vom neuen Regime getötet, zusammen mit anderen ehemaligen Herrschenden. 1946 fand hier eine Volksabstimmung gegen die Monarchie statt, Simeon konnte ins Exil nach Spanien gehen.

Beurteilung

Mihais Zeit als König zerfällt in zwei Abschnitte, 40-44 und 44-47/48, der 23. August 1944 (Mihai damals 23 Jahre alt) als “Wasserscheide” (seine ersten Königs-Jahre, als Kind, jetzt nicht berücksichtigt). In der ersten Phase war er unter faschistischer Herrschaft machtlos, in der zweiten stemmte er sich gegen die kommunistische. Wie im 1. Weltkrieg stellte sich Rumänien unter seinem König während des Krieges auf die Seite der Sieger, dieses Mal ging es aber nicht gut aus. Die beiden Schutzmächte von Faschismus und Kommunismus waren nacheinander mit Rumänien verbündet, hatten im Land ihre „Parteigänger“ und diese waren dort (hintereinander) an der Macht. Die Frage ist, ob Grossdeutsches Reich und dann Sowjetunion nicht soundso nach (bzw über) Rumänien gekommen wären, egal bei welcher Politik; die Westmächte waren nicht “greifbar”, die rumänische Armee alleine zu schwach, die Nachbarn keine Verbündeten. Für/Mit Deutschland in den Krieg einzutreten, als dieses Teile des Landes der SU, Bulgarien und Ungarn zugesprochen hatte, war keine gute Entscheidung, geht aber nicht auf Mihai zurück. Zu den Alliierten zu wechseln, als diese Rumänien schon dem SU-Machtbereich zugesprochen hatten, war Mihais Entscheidung, die Absprache unter den Alliierten war aber damals nicht bekannt. So bekam man, kaum dass man Killinger losgeworden war, Wyschinski.

Hohenzollern, Brătianu, Maniu oder Radescu bekamen nach dem Seitenwechsel nicht die West-Alliierten, sondern die Sowjetunion – welche Rumänien keine eigene Entwicklung zubilligte (nicht nur, weil zwischen den beiden Staaten territoriale Fragen offen waren). Für das Land, das nun auf Seite der Kriegs-Alliierten stand, kam die Bedrohung nun paradoxerweise (weiter) durch einen von ihnen, die Sowjetunion. Der Seitenwechsel beschleunigte den Vormarsch der Roten Armee ins Land, die an seiner Schwelle stand, und dieser brachte neben Kriegsgefangenschaft vieler rumänischer Soldaten und Übergriffen an der Bevölkerung die Verpflichtung zum Weiterkämpfen mit den Russen in Mittel- und Osteuropa und letztlich die Aufzwingung einer kommunistischen Diktatur. Rumänien wurde wie andere osteuropäische Staaten um den 2. WK zwischen Hitler & Stalin “zerquetscht”. Das ganze Dilemma seiner Geopolitik, mit der sich Nicolae Iorga intensiv auseinandergesetzt hatte, zeigte sich damals für Rumänien. Serbien und das Schwarze Meer seien die einzigen Nachbarn Rumäniens ohne Probleme in der Beziehung, so Iorga; was Serbien betrifft, gilt das auch nur bedingt, angesichts der territorialen Ansprüche von Ultranationalisten beider Seiten auf Grenzgebiete (v.a. auf den jeweils anderen Teil des Banats).

Rumänien und seine deutsche Volksgruppe gingen um den 2. WK gemeinsam unter. Deutsche waren in der Zwischenkriegszeit die zweitgrösste Minderheit in „Gross-Rumänien“ nach den Ungarn, machten ca 5% aus, waren in allen Landesteilen vertreten, hatten wie andere Volksgruppen eine eigene Partei. Sie gerieten in den 1930ern unter den Einfluss des deutschen NS, was sie sie spaltete und von anderen Rumänen entfremdete. Es war das Bündnis der rumänischen Rechtsdiktatur mit (NS-)Deutschland, das Rumäniendeutsche endgültig auf Gedeih und Verderb an das nationalsozialistische Deutschland kettete. Teile wurden von den Nazis ausgesiedelt, Teile waren verstrickt in NS-Verbrechen, viele gingen am Kriegsende mit der Wehrmacht, manche blieben im kommunistischen Rumänien. Die Nazis haben auch in Rumänien bezüglich der deutschen Minderheit vieles zerstört. Im Gefangenenlager Târgu Jiu, wo unter Antonescu hauptsächlich Kommunisten saßen, wurden unter den Kommunisten Rumäniendeutsche interniert (darunter viele, die keine Schuld auf sich geladen hatten), nicht wenige wurden zur Zwangsarbeit in die SU deportiert, viele enteignet. Die Beziehung zwischen dem (deutschstämmigen) rumänischen Königshaus und den (grossteils ausgesiedelten) Rumäniendeutschen war und ist nicht die beste. Das hat weniger damit zu tun, dass Mihai (wahrscheinlich) gar nicht Deutsch spricht, der Seitenwechsel hat für die meisten von ihnen eine negative Bedeutung.

Die meisten Juden und Sinti in Rumänien überlebten den 2. Weltkrieg, viele Opfer gab es in Bessarabien und der Nord-Bukowina, die damals zwischen der Sowjetunion und Rumänien umkämpft waren. Mihai war unter Antonescu von Mitbestimmung ausgeschlossen. Hohenzollerns Mutter Helena soll in gutem Einvernehmen mit Rumäniens Oberrabbiner Shafran gestanden sein, und bei Antonescu für die Juden interveniert haben.

In Rumänen ist der Ex-König heute bei Links- wie Rechtsextremen unbeliebt, für seine Absetzung Antonescus bzw seine Ablehnung des Kommunismus. Ihn als jemanden darzustellen, der Faschismus und Stalinismus trotzte, ist etwas übertrieben; ihm Mitschuld daran zu geben, dass diese Systeme über Rumänien kamen, trifft die Wahrheit auch nicht. Dass er in vieler Hinsicht privilegiert war, ist klar, aber es scheint dass er mehr als einfach ein König war, der seinen Status und ein etwas feudales System erhalten wollte. Ein auf Youtube gefundener Kommentar unter einem Video in dem es um ihn ging: “Clearly he is not a true leader to inspire. is totally passive. Where was when Ratiu protesta against Ceausescu when visiting London? A true king would fight abroad against Ceausescu as did Ratiu. [Ion Ratiu: PNL-Politiker, Botschafter, Exil-Oppositioneller] so-called king was walking at 18 with a Formula 1 car in Bucharest while others went with carts at work, feeded an alligator with 500 kg meat from slaughterhouses while other Romanians were starving and sold country for two cars and a few paintings. after the revolution had the nerve to come and claim the palaces of Vlad Tepes and Hunyadi…”

Im Exil

Mihai de Hohenţollern-Sigmaringen verliess also mit Familie und “Schätzen” Rumänien, etwa mit wertvollen Gemälden von El Greco, einiges hat er möglicherweise schon 1947 (Hochzeit London) ausser Land gebracht. Er feilschte anscheinend mit der kommunistischen Regierung um zurückgelassenen Besitz, evtl. wurde ihm auch etwas nachgeschickt. Sein Vermögen in Form von Grundbesitz und Schlössern in Rumänien (teilweise samt Kunstsammlungen) blieb natürlich zurück, sie wurden 1948 vom Regime beschlagnahmt und verstaatlicht. Auch wurde Mihais Staatsbürgerschaft aberkannt. Er liess sich in der Schweiz nieder (1956 endgültig, zwischendurch lebte er auch in Grossbritannien), in der Nähe von Genf. In Griechenland heiratete er die Bourbon-Parma, in einer orthodoxen Zeremonie im königlichen Palast in Athen, auch mit den Schleswigs ist er über seine Mutter eng verwandt; die Eltern der Braut fehlten, wollten das Festhalten ihrer Tochter am Katholizismus. Mihai bekam Unterstützung vom europäischen Hochadel; er ist mit den meisten europäischen Herrscherhäusern verwandt, als Urenkel der britischen Königin Victoria (über beide Eltern) ist er ein Cousin dritten Grades der britischen Königin Elizabeth, des spanischen Königs Juan Carlos, des schwedischen Königs Carl Gustav, von der dänischen Königin Margrethe, des norwegischen Königs Harald. Dafür hat er keine ethnischen Rumänen als Vorfahren.

Dennoch, und obwohl er einen Teil seiner Gemälde verkaufte, er verdiente selbst, als Pilot von Transportmaschinen. Er wurde Vater von 5 Töchtern. Mihai nahm die Abdankung im Exil zurück. Er diskutierte im Exil mit seinem Onkel Nicolae (Nikolaus) und dem Chef der Hohenzollern-Sigmaringen-Hauptlinie in Deutschland, Friedrich, die Nachfolge der rumänischen Linie. Mihais Vater Carol, der in Portugal lebte, und den er ja mied, hat in einem Interview mit dem französischen “Figaro” Friedrich als Prätendent für Rumänien favorisiert. Mihai kam nicht einmal zum Begräbnis seines Vaters 1953. Während ihrer Studienzeit in Schottland hatte seine älteste Tochter Margarita (1949 in der Schweiz geboren) eine Beziehung mit dem späteren britischen Premierminister Gordon Brown, heiratete schliesslich einen Rumänen. Mihai hat neben der Schweizer Staatsbürgerschaft auch die britische (sein Pass ist auf den Namen “Michael de Roumanié” ausgestellt) sowie einen dänischen Diplomatenpass, seine Frau einen französischen.

In den früheren Jahren der kommunistischen Diktatur gab es (wie auch in anderen osteuropäischen Staaten) bewaffneten Widerstand, der vom CIA und anderen Organen westlicher Mächte unterstützt wurde, von der rumänischen Exil-Opposition wahrscheinlich organisiert wurde. Kein Volksaufstand, eher Guerillaaktionen, von aussen gelenkt, auch ethnische Minderheiten und ehemalige Faschisten/Gardisten/Legionäre waren unter den Kämpfern. Mihai stand mit der Exil-Opposition in engem Kontakt, v.a. mit Radescu, der in USA eine Art Exil-Regierung bildete, das Comitetul Național Român (Rumänisches Nationalkomitee, CNR), dann die Liga Românilor Liberi. Über Radio Free Europe/Liberty sprach Hohenzollern gelegentlich zu den Rumänen.

Nach Stalins Tod begann das rumänische Regime, sich von der sowjetischen Vorherrschaft zu lösen. Gheorghiu-Dej kam mit der Ent-Stalinisierung an die Macht, wurde Premier, dann Präsident. 1958 zogen die sowjetischen Truppen aus Rumänien ab. Schlimmstes Unterdrückungsinstrument des Regimes war die Geheimpolizei “Securitate”. Es wurde unter dem Kommunismus eindeutig eine minderheitenfeindlichere Politik als unter der Monarchie betrieben, ein neuer Nationalismus propagiert. Nicolae Ceausescu wurde 65 KP-Chef, 67 Staatschef, war ursprünglich ein Liberalisierer, verschärfte den antisowjetischen Kurs (zB keine Teilnahme CSSR-Intervention 1968, kein Olympia-Boykott in USA 1984). Trotz der “Moskau-Ferne” war das rumänische Regime wahrscheinlich die repressivste der kommunistischen Diktaturen Osteuropas.!

Rückkehr Ostern 1992
Rückkehr Ostern 1992

Seit der Wende

Ende 1989 die blutige und späte Wende in Rumänien, der Sturz Ceausescus im Dezember, die neue Führung unter den Reformkommunisten unter Iliescu, die Neugründung von Parteien. Im Mai 1990 Wahlen, Sieg der reformkommunistischen PSD, die Errichtung einer semi-präsidentiellen Republik (nach französischem Vorbild). Im Dezember 1990 kehrte Mihai nach 43 Jahren nach Rumänien zurück, mit einigen Familienmitgliedern. Am Weg vom Bukarester Flughafen nach Curtea de Arges wurde die Reisegruppe aufgehalten und wieder zurückgeschickt; Iliescu scheint es sich anders überlegt zu haben. Dass man, wie in Spanien, nach der Diktatur eine konstituonelle Monarchie aufrichtet, war für “einige” Rumänen damals die beste Option.

Ostern 1992 war die erste richtige Rückkehr (Foto), in Bukarest kamen eine Million Menschen um ihn zu sehen. Unter Präsident Emil Constantinescu durfte Mihai 1997 wieder kommen und bekam auch seine rumänische Staatsbürgerschaft zurück. 2001, inzwischen war wieder Iliescu an der Macht, wurde er von diesem eingeladen, es kam eine gewisse Normalisierung der Beziehungen zwischen den Postkommunisten und der ehemaligen Königsfamilie zu Stande. 2011 wurde Hohenzollern, als ehemaliges Staatsoberhaupt, vom rumänischen Staat anlässlich seines 90. Geburtstages eingeladen, um im Parlament zu reden und geehrt zu werden. Präsident Basescu, Premier Boc (aus dem Lager der PD-L) und einige Minister und Abgeordnete fehlten dabei. Mihai seinerseits ignorierte Ex-Präsident Iliescu (http://www.youtube.com/watch?v=slnxyQ-Sbpw).

2003 beantragte der Ex-König die Restitution von Immobilien (Schloss Peles, Elisabeth-Palast,…) und Mobilien (v.a. Kunstsammlungen). Es wurde eigentlich sehr grosszügig zu seinen Gunsten entschieden, er bekam das meiste was er wollte. 2008 zog er wieder in Peles ein. Der Elisabeta-Palast wird heute staatlich verwaltet, dem Königshaus aber zur gelegentlichen Nutzung überlassen. Seit der Rückgabe der Immobilien pendeln Hohenzollern und seine Ehefrau zwischen Rumänien und der Schweiz.

Michael hat keine Söhne und es gibt auch keine “unumstrittenen” männliche Nachkommen früherer rumänischer Könige. Sein 06 verstorbener Halbbruder Carol Lambrino entstammt der ersten Ehe seines Vaters, welche in Rumänien damals annulliert wurde; daher kommen dessen Söhne und Enkel nicht in Frage als Nachfolger Mihais als Chef des Hauses und Thronanwärter. Aber wodurch ist diese Nachfolge-Frage (bei der es natürlich auch um das materielle Erbe geht) eigentlich geregelt? Zu Zeiten der Monarchie in der Verfassung Rumäniens, in jenen von 1866, 1884 und 1923 (die letzte demokratische des Königreichs). Darin wurde die Thronfolge “salisch” geregelt, also über den kompletten Ausschluss von Frauen. Durch die Abschaffung der Monarchie hat diese Regelung keine offizielle Bedeutung, aber eine der Tradition. In diesen früheren staatlichen rumänischen Regelungen ging die Nachfolge (die damals eine Thronfolge war) bei “Nicht-Verfügbarkeit” von männlichen Nachkommen auf die deutsche Hohenzollern-Sigamaringen-Hauptlinie zurück – wie nach dem Tod von Carol I. geschehen. Als sich für Mihai die Nachfolge-Frage stellte, wurde auch der Sohn seiner zweiten Tochter, Nicolae, in Betracht gezogen, was natürlich ein Bruch mit der Tradition bzw den damals akuellen Hausregeln gewesen wäre, da die Folge über eine weibliche Person auf diesen überging. Es soll auf den Einfluss seiner Frau zurückgehen, dass Mihai 1997 seine älteste Tochter Margarita als Nachfolgerin designierte.

2007 änderte er die Hausgesetze so ab, dass diese “Nachfolge” möglich wurde; weibliche Nachfolge wurde darin ermöglicht und Ausländer (also das deutsche Stammhaus) ausgeschlossen. Die “Fundamentalen Regeln des Rumänischen Königlichen Hauses” von 2007 beschränken die Nachfolge auf die rumänischen Hohenzollern, bei Bevorzugung des männlichen Geschlechts. Unzufriedenheit mit dieser Regelung gibt es von verschiedenen Seiten, u.a. von rumänischen Monarchisten. Bemerkenswererweise ist Margaritas rumänischer Ehemann bei ihnen unbeliebt. In den früheren Verfassungen war die Heirat eines Thronfolge-Kandidaten mit “Rumänen oder nicht-standesgemäßen Personen” ein Ausschlussgrund… Die Regeländerung führte zum Bruch mit dem deutschen Stammhaus (http://www.adz.ro/artikel/artikel/entscheidung-zum-neunzigsten/ ). Infolgedessen änderte der Ex-König 2011 den Namen seiner Dynastie von „Hohenzollern-Sigmaringen“ auf „Rumänien“. Fraglich ist, ob sein “bürgerlicher” Name (und jener von Angehörigen) in seinen diversen Pässen auch aufgrund dessen geändert wurde.

Zu monarchistischen Kreisen hat Mihai ein „loses“ Verhältnis. Das zum rumänischen Staat (der demokratisch aber korrupt ist) ist heute ein relativ gutes. Er hat auf den Thron nicht verzichtet, erhebt aber auch keine Ansprüche. Bei der Präsidenten-Wahl letztes Jahr hat Premier Ponta (Kandidat der ex-kommunistischen PSD) neben einer Vereinigung mit Moldawien die Wiedereinführung der Monarchie ins Spiel gebracht; Gegenkandidat Johannis (PNL) ist Mihai “sehr verbunden” und ebenfalls “offen” bezüglich Moldawien. 2014 wurden Mihai und Anna auch auf einer rumänischen Briefmarke abgebildet. Johannis residiert heute als Staatspräsident im Cotroceni-Palast, in dem früher auch die rumänischen Hohenzollern lebten. Im benachbarten Bulgarien hat Simeon nach seiner Rückkehr eine Partei gegründet und mit ihr die Wahl 2001 gewonnen, wurde Premier; er ist einer von nur zwei ehemaligen Monarchen, die durch demokratische Wahlen an die Staats- oder Regierungsspitze kamen (Norodom Sihanouk in Kambodscha der andere). So etwas kam für Hohenzollern nie in Frage; wenn schon, dann wieder König.

Es ist unklar, wieviele es sind, aber es gibt sie, die Rumänen, die der Meinung sind, dass dies keine schlechte Möglichkeit wäre. Zu Moldawien, dem ehemaligen Bessarabien, 1991 mit dem Auseinanderfall der Sowjetunion unabhängig, erklärte Mihai 2001: „Wir haben keine Gebietsansprüche unseren Nachbarn gegenüber. Aber wir können Versuche, unsere Geschichte umzuschreiben, indem man erklärt, dass Rumänen, die außerhalb unseres Landes leben, einer anderen Nation angehören oder eine andere Sprache sprechen würden, nicht tolerieren.“ 2011 hat ihn der damalige Präsident Traian Basescu in einer TV-Sendung scharf attackiert, ihn als Verräter an die Russen (anscheinend meinte er damit die Abdankung 1947) und mitschuldig am Holocaust in Rumänien bezeichnet. Der Ex-König sagte dazu der BBC, es sei nicht wert, darauf zu reagieren.

Mihais Halbbruder (er hat sonst keine Geschwister) hatte einen Sohn, Paul-Philippe Hohenzollern (auch Paul Lambrino genannt). Dieser behauptet, das eigentlich legitime Oberhaupt der ehemaligen königlichen rumänischen Familie zu sein; die Ehe Carols mit “Zizi” Lambrino sei von der orthodoxen Kirche nicht annulliert worden, daher seien Carols folgende Ehen ungültig gewesen. Dies versuchte er, in Rumänien auch gerichtlich einzuklagen. 2000 kandidierte er bei der rumänischen Präsidentschaftswahl (jene, bei der Iliescu an die Macht zurückkehrte) als unabhängiger Kandidat. Er hat seinen Onkel auch attackiert, dass dieser für die unter Antonescu begangenen Verbrechen mit-verantwortlich sei und rief zu seiner Hinrichtung auf. Die sterblichen Überreste Carols wurden 2003 aus Portugal nach Rumänien (Curtea de Argeș) überführt. Ein Deutscher namens Dieter Stanzeleit behauptet, Mihais Sohn zu sein. Margaritas Ehemann Radu Duda wiederum soll ein ehemaliger Securitate-Agent sein.

Mihai, der Hitler, Mussolini, Stalin and Churchill kennengelernt hat, ist ein häufiger Gast bei hochadeligen Hochzeiten in Westeuropa, etwa bei jener des britischen Prinzen William.

Mit Klaus Johannis, zwischen desser Wahl und Angelobung
Mit Klaus Johannis, zwischen dessen Wahl und Angelobung 2014

 

Ivor Porter: Michael of Romania. The King and the Country (2005)

Michael Kroner: Die Hohenzollern als Könige von Rumänien. Lebensbilder von vier Monarchen 1866-2004 (2004)

Arthur G. Lee: Crown Against Sickle. The Story of King Michael of Rumania (1949)

Edda Binder-Iijima, Heinz-Dietrich Löwe, Gerald Volkmer (Hg.): Die Hohenzollern in Rumänien 1866-1947. Eine monarchische Herrschaftsordnung im europäischen Kontext (=Studia Transylvanica Bd. 41; 2010)

Ioan Scurtu: Monarhia în România: 1866-1947 (1991)

Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944 (1954)

Nicolette Franck: O înfrângere în victorie (1944 – 1947) (1992)

Diana Mandache: Regele Mihai. Album istoric (2013)

Peter Gosztony: Endkampf an der Donau 1944/45 (1978)

Homepage der Familie des Ex-Königs