Die Bounty und andere Meutereien in der Geschichte

William Bligh aus Plymouth erhielt mit 21 Jahren die Chance, als Navigator an James Cooks dritter Südsee-Expedition von 1776 bis 1779 teilzunehmen, wurde dabei Augenzeuge von Cooks Ermordung auf Hawaii. Danach nahm er am Krieg gegen die nach Unabhängigkeit von Grossbritannien strebenden 13 amerikanischen Kolonien teil. Nach Kriegsende nahm er seinen Abschied von der Marine und befehligte ein Handelsschiff, das im Rum- und Zuckergeschäft zwischen England und der Karibik verkehrte. Dabei lernte er den Adeligen Fletcher Christian kennen, den späteren 2. Offizier der Bounty und Anführer der Meuterer, mit dem ihn anfangs eine Freundschaft verband. Auf Betreiben seines Förderers, des Naturforschers Joseph Banks, kehrte Bligh 1787 in den Dienst der Admiralität zurück und erhielt das Kommando über das britische Schiff „HMAV (His Majesty’s Armed Vessel) Bounty“. Das Schiff sollte Ableger des Brotfruchtbaums von Tahiti zu den Westindischen Inseln (Karibik) bringen, über Kap Hoorn und das Kap der guten Hoffnung, um die Zuckerrohr-Pflanzer aus den europäischen Kolonialmächten in der Karibik mit einem billigen Nahrungsmittel für ihre Sklaven zu versorgen. Aus Kostengründen wurde Bligh nicht zum Kapitän befördert, hatte an Bord aber die Stellung eines solchen. Am Weg nach Tahiti entdeckte die Besatzung des Schiffs für Europa einen Archipel, der fortan „Bounty“-Inseln genannt wurde (wurde britisch, dann Teil Neuseelands).

Tahiti war damals noch eine unabhängige Insel, deren Bevölkerung in Stammesfürstentümer gegliedert war. Blighs erste Handlung nach der Ankunft dort war es, zu den Fürsten gute Beziehungen herzustellen; einer von ihnen erinnerte sich an ihn, von seiner Reise mit Cook 15 Jahre davor. Warum die Mannschaft fünf Monate auf Tahiti blieb, darüber gibt es verschiedene Versionen. Weil sich der Brotfruchtbaum zur Ankunftszeit in einer Ruhephase befand und nicht sofort Stecklinge zu ziehen waren; weil die Weiterfahrt durch die Torres- (damals Endeavour-)Strasse wegen ungünstiger Winde im Winter nicht durchführbar war; weil das Verladen der Brotfruchtbäume so schnell erledigt war und sich dadurch ein Zeitfenster öffnete. In dem knappen halben Jahr auf Tahiti konnten die Besatzungsmitglieder das Leben weitgehend ohne Pflichten geniessen, viele gingen in dieser Zeit Beziehungen mit tahitianischen Frauen ein, lernten deren Kultur kennen. Drei Besatzungsmitglieder versuchten sich im Jänner 1789 mit einem Boot und Waffen auf der Insel abzusetzen; nach ihrer Auffindung wurden sie mit Peitschenhieben bestraft, was anscheinend eine relativ milde Strafe war.

Im April die Weiterfahrt über die Torres-Strasse (nördlich von Australien), Richtung Kap und dann Karibik. Auf einer der Inseln Tongas sollte Fletcher Christian im Beiboot an Land gehen und die Trinkwasservorräte auffrischen. Nachdem er und seine Leute von Tonganern mit Speeren und Keulen attackiert wurden, traten sie den Rückzug an. Bligh soll Christian dann vor versammelter Mannschaft heruntergemacht haben. Wenige Tage später bezichtigte Bligh Christian des Diebstahls von einigen der auf Tahiti geladenen Kokosnüsse, die er als Proviant für die Weiterfahrt eingeplant hatte, es kam zu einem Streit. Nach dem langen und genussvollen Aufenthalt auf Tahiti konnte sich Christian, wie ein grosser Teil der restlichen Mannschaft, nicht mehr so leicht an die Disziplin am Schiff gewöhnen. Auch die Weigerung der Admiralität, Bligh Marinesoldaten mit an Bord zu geben, wirkte sich nun aus. Am Morgen des 28. April 1789 kam es, vor den Tonga-Inseln, zur bekanntesten Meuterei der Geschichte. Jene, denen das „Südsee-Paradies“ verlockender erschien als eine Fahrt fast um die ganze Welt, im Dienste des britischen Imperiums, sollen Christian in der Nacht davon überzeugt haben. Als Christian nun Morgenwache hatte, überwältigte er zusammen mit 11 weiteren Crewmitgliedern den schlafenden „Kapitän“ Bligh in seiner Kajüte, bemächtigte sich der Waffen an Bord und übernahm das Kommando auf der „Bounty“. Bligh und jene, die loyal zu ihm bleiben wollten (18 Mann), wurden in ein grösseres Beiboot gezwungen und ausgesetzt; einige Anhänger hatten dort keinen Platz mehr und mussten auf der Bounty bleiben. Die Ausgesetzten bekamen reichlich Wasser und Proviant (darunter alkoholische Getränke) sowie Navigationsinstrumente und Segelausrüstung mit, und viele Tonga-Inseln waren in der Nähe. Die Meuterer warfen fast alle Brotfrucht-Setzlinge über Bord der Bounty und segelten Richtung Tahiti zurück.

Am Weg dorthin „entdeckten“ sie die Insel Tubuai (Polynesien), das ein Stützpunkt von ihnen wurde. Es gab dort ständige Streits mit der Bevölkerung, die in einem Kampf gipfelten, welcher aufgrund der waffentechnischen Überlegenheit viele Tote unter den Polynesiern forderte. Daneben bröckelte Christians Autorität unter den Bounty-Meuterern. Die Mehrheit wollte auf Tahiti bleiben, was ihnen gestattet wurde. Im September 1789 wurde das „Pendeln“ zwischen Tahiti und Tubuai beendet. 15 Meuterer durften auf Tahiti bleiben. Christian rechnete (richtig) damit, dass Bligh die Heimfahrt schaffen würde und sie ein englisches Schiff früher oder später dort aufsuchen werde, und wollte weiter. Er lockte einige Tahitianer, hauptsächlich Frauen, zu einer Party aufs Schiff zu seinen Getreuen, und liess dann den Anker lichten. Einem, den Christian aus seefahrerischen Gründen dabeihaben wollte, gelang es im letzten Moment, sich abzusetzen und auf Tahiti zu bleiben. Sechs ältere Frauen, für die er keine Verwendung hatte, wurden dann auf Mo’orea ausgesetzt. Neben 9 britischen Bounty-Meuterern waren nun 20 Polynesier am Schiff, darunter 14 Frauen und 2 Leute aus Tubuai.

Jene Briten, die auf Tahiti blieben, zerfielen in zwei Gruppen: Jene um Morrison, der kein aktiver Meuterer gewesen war, und den Bau eines Schiffs initiierte, mit dem Niederländisch-Indien (Indonesien) erreicht werden sollte, wo man sich in europäische Hände begeben wollte. Die anderen, um Churchill, mischten sich in das Leben der Tahitianer, mit verschiedenen „Schwerpunkten“, ob Feiern oder Tätowierungen; zwei kamen dabei ums Leben.

Bligh und seine Leute segelten mit der Barkasse 6 Wochen nach Kupang auf Timor (Niederländisch-Indien). Dass im Südosten des näher gelegenen Australien in diesen Jahren die britische Sträflingskolonie Sydney gegründet worden war, wusste er damals nicht. Die lange Fahrt in dem kleinen offenen Boot war beachtlich. Auf dem Weg nach Timor entdeckte die Besatzung als erste Europäer mehrere Inseln der Fidschi-Gruppe und der nördlichen „Neuen Hebriden“ (Vanuatu-Archipel). Von den 19 Insassen der Barkasse überlebten 12, sie kehrten, nachdem sie sich erholt hatten, auf verschiedenen Schiffen nach England zurück. Die britische Admiralität sandte im November 1790 in Portsmouth die Fregatte „HMS Pandora“ unter Kapitän Edwards aus, um die Meuterer aufzuspüren und festzunehmen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Fletcher-Christian-Gruppe schon auf den Pitcairn-Inseln im Ost-Pazifik niedergelassen. Die Bounty durchsegelte auf der Suche nach einer neuen Bleibe den polynesisch-melanesischen Grenzbereich, bevor sie sich nach Osten wandten. Einige der Polynesier wurden bei Zwischenstopps „abgesetzt“, so dass neben den neun Briten nur noch vier Männer und zwölf Frauen aus Tahiti und zwei Männer aus Tubuai an Bord waren. Die pazifisch-ozeanische Region war damals zwar weitgehend erforscht (u.a. durch Cook), aber noch nicht von Europäern kolonialisiert und in Besitz genommen. Pitcairn war abgelegen und unbewohnt, die polynesische Bevölkerung war vor der europäischen Entdeckung ausgestorben; nach diesen portugiesischen und britischen Sichtungen in der frühen Neuzeit waren die vier vulkanischen Inseln als „Pitcairn“ in Seekarten eingetragen worden, nach dem Namen eines Seemanns auf einem der britischen Schiffe. Die Bounty-Gruppe kam im Jänner 1790 dort an. Man beschloss, die Bounty auf Grund zu setzen, um das Anlanden der mitgebrachten Habseligkeiten, Yamswurzeln und Süsskartoffeln sowie einiger Schweine, Ziegen und Hühner zu erleichtern. Einer der Meuterer steckte das Wrack am 23. Januar 1790 eigenmächtig in Brand, um jede von See aus sichtbare Spur zu vernichten. Bei einem Auffinden durch britische Schiffe drohte den Meuterern das Erhängen. In der Schifffahrt wurde Meuterei über Jahrhunderte hinweg fast immer mit dem Tode bestraft. Damit war aber auch eine Weiterfahrt ausgeschlossen, von der östlichsten Insel des Pazifiks (abgesehen von jenen vor der Küste Amerikas, wie Galapagos oder Rapanui).

Auf der Fahrt von England über Kap Hoorn nach Tahiti kam die „Pandora“ zwar Pitcairn nahe, sichtete es jedoch nicht. Auf Tahiti wurden die vierzehn noch dort lebenden Mannschaftsmitglieder der Bounty gefangen genommen. Auf der Rückreise durchkreuzte das Schiff die weiter westlich gelegenen polynesischen Inseln auf der erfolglosen Suche nach weiteren Meuterern. Am Great Barrier Reef, vor der Nordostküste von Australien, lief die Pandora auf ein Korallenriff und sank. Dabei ertranken vier der Gefangenen, die zehn Überlebenden der Bounty erreichten im September 1791 England, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Drei wurden gehängt, die anderen freigesprochen bzw. begnadigt.

Jeder der britischen Bounty-Meuterer auf Pitcairn hatte eine polynesische Gefährtin; die sechs Polynesier mussten sich die übrigen drei Frauen teilen und wurden eher wie Sklaven behandelt. Ein Thema dieser Meuterei ist ja irgendwie, dass ein Teil dieser im britischen kolonialen Dienst stehenden Personen zeitweise mit den „Braunen“ auf Augenhöhe lebte, aber auch in diesem Teil gab es im Endeffekt diese rassische Hierarchie; geriet sie ins Wanken, wurde sie mit überlegenen Waffen durchgesetzt. Aus den britisch-polynesischen Partnerschaften entstanden einige „Mischlinge“; die polynesischen Männer hinterliessen keine Nachkommen. Als die Frau von John Williams 1793 starb und er sich eine der drei den Polynesiern „gehörenden“ Frauen aneignete, eskalierte der Konflikt. Die Polynesier töteten Williams, Fletcher Christian und zwei weitere Briten. Dies zog Racheakte nach sich. Bald darauf waren alle polynesischen Männer und eine Frau getötet. 1794 lebten nur noch Young, der inzwischen die Führung übernommen hatte, Adams, Quintal, McCoy, zehn Frauen und die Kinder.

Der Schotte McCoy begann, aus der zuckerhaltigen Wurzel der Keulenlilie Schnaps zu brennen, verfiel dem Alkohol und starb bei einem Sturz von den Klippen. Nachdem der ebenfalls dem Alkohol verfallene, gewalttätige Quintal gedroht hatte, alle Kinder umzubringen, beseitigten ihn 1799 Young und Adams gemeinsam. Als Edward Young am 1800 an Asthma starb, blieb John Adams als einziger erwachsener Mann übrig, zusammen mit zehn Polynesierinnen und inzwischen 23 „gemischten“ Kindern. Adams, dem Young kurz vor seinem Tod anhand der Bounty-Bord-Bibel das Lesen beigebracht hatte, las täglich darin, begann ein „gottesfürchtiges“ Leben, verbot den Alkohol und hielt regelmäßige Gottesdienste ab. Am 5. März 1829 starb er als Oberhaupt der kleinen Gemeinde eines natürlichen Todes. Die Geschichte der Meuterer endete mit seinem Tod. Das nach ihm benannte Adamstown ist bis heute die einzige Gemeinde auf den Pitcairn-Inseln. Pitcairn Island, das „eigentliche“ Pitcairn, ist die einzige bewohnte Insel des Archipels, die benachbarten drei Inseln bzw Atolle wurden Oeno, Henderson und Ducie genannt.

Pitcairn wurde Anfang des 19. Jh durch amerikanischen Robbenjäger wiederentdeckt. 1814 kamen die beiden britischen Kriegsschiffe „HMS Briton“ und „HMS Tagus“ vor Pitcairn an, unterstellten es de facto GB. Die Kapitäne Staines und Pipon fanden eine friedliche und „gottesfürchtige“ Gemeinschaft vor. Adams, damals einer der letzten Überlebenden, wollte freiwillig mit nach England zurücksegeln und sich dem Seegericht stellen, aber die Bewohner flehten die Kapitäne an, ihn auf der Insel zu lassen; diese kamen dem nach, berichteten aber der Admiralität. Freundliche Beziehungen mit den britischen Behörden kamen nun zu Stande. In den Folgejahren gab es weitere Besuche, etwa von Walfängern, zur Auffrischung ihrer Vorräte. In Zeitungen vor allem englischsprachiger Länder erschienen damals immer wieder Berichte über die isolierte Gemeinschaft, die romantisch verklärt wurde und in der Folge Gebrauchsgegenständen und religiösen Büchern gespendet bekam. 1823 blieb als erster Siedler nach den Meuterern der englische Schiffszimmermann John Buffet auf der Insel.

1830 lud die Königin Tahitis, Pomare IV., die Pitcairner zur Rückkehr nach Tahiti, das damals noch nicht französisch kolonialisiert war, ein. Die Einladung wurde wohl durch britische Schiffe überbracht und „ausgeführt“. Anscheinend meldeten sich alle Bewohner Pitcairns dazu, 1831 wurden sie nach Tahiti gebracht. Nachdem dort etliche Pitcairner, darunter Fletcher Christians Sohn Thursday October Christian, so etwas wie ihr Führer, an Infektionskrankheiten gestorben waren, kehrten die 65 Überlebenden bereits im selben Jahr auf ihre isolierte Insel zurück. Die Tahitianer sammelten Geld für ihre Rückkehr, die ein Walfänger übernahm. Nach Übergriffen anderer vorbeifahrender Walfänger strebten die Bewohner den Schutz durch die britische Krone an. Dieser, bzw die Unterstellung, kam 1838 zu Stande. Mit Unterstützung des Kapitäns Elliot vom britischen Walfänger „Fly“ formulierten die Insulaner in der selben Zeit eine Verfassung für ihre Gemeinschaft.

1856 wurde ein Teil der Pitcairner aus wirtschaftlichen Gründen (man befürchtete, dass sich die inzwischen beträchtlich angewachsene Inselgemeinde sich nicht mehr selbst ernähren könne) auf die Norfolk-Insel (bei Australien) umgesiedelt. 1858 kehrten 16 Emigranten unter der Führung von Moses und Mayhew Young zurück, 1864 folgten vier weitere Familien. Die Übrigen blieben auf Norfolk. Mit dem British Settlements Act von 1887 wurde die Zugehörigkeit Pitcairns zu Grossbritannien bestätigt. Ende des 19. Jh landete ein amerikanischer Missionar der 7-Tages-Adventisten auf dem Archipel, letztlich konvertierten alle Einwohner zu dieser Konfession/Sekte. 1957 wurde das Wrack der Bounty bzw Teile davon von einem „National Geographic“-Fotografen in wenigen Metern Tiefe bei der „Bounty Bay“ (dem Landungsplatz) gefunden; es wurde nicht geborgen.

Bounty-Bucht Pitcairn,
Bounty-Bucht Pitcairn, „National Geographic“ 1957

Heute besteht ein Drittel der weniger als 60 Leute starken Inselbevölkerung aus den Nachkommen der britischen Meuterer des späten 18. Jh. und „ihren“ mehr oder weniger freiwillig mitgekommenen Polynesierinnen; vor allem „Funktionäre“ wie Lehrer und Priester wurden von auswärts geholt. Einige Dutzend Pitcairner sind im 20. Jh nach Neuseeland ausgewandert. Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 endete die Isolation Pitcairns, das nun auf der Schiffsroute nach Neuseeland lag. Nach dem Zweiten Weltkrieg liessen die Interessen Grossbritanniens nach, so dass – in Ermangelung eines Hafens und eines Flugplatzes – eine erneute relative Isolierung einsetzte. Der einzige Weg auf die und von der Insel ist der mit dem Schiff, aber Stürme und der nichtvorhandene „Hafen“ haben schon oftmals eine Landung verhindert. Drei Mal pro Jahr kommt ein Versorgungs- und Postschiff, aus dem australischen Norfolk, wo ja ein anderer Teil der Nachkommen lebt. Bei medizinischen Notfällen ist ein Schiffstransport nach Neuseeland notwendig, was Wochen dauert.

Die Pitcairn-Inseln sind das letzte britische Gebiet im Pazifik/Ozeanien. Obwohl das Vereinigte Königreich aus Kostengründen diesen Status gerne ändern würde, wehren sich die Bewohner seit Jahren erfolgreich dagegen, da sie ihren Verbleib auf der Insel nur mit britischer Unterstützung gesichert sehen. Alljährlich am 23. Januar, dem Bounty Day, schleppen die Einwohner ein Schiffsmodell aufs Wasser hinaus und zünden es an. Die einstige Vermischung als Grundlage der heutigen Bevölkerung zeigt sich auch in ihrer Sprache, Pitkern oder Pitcairnese, eine Kreol-/Mischsprache aus englischen Dialekten des 18. Jh und tahitischem Polynesisch. Auch die Bounty-Nachfahren auf Norfolk sprechen so etwas, dort „Norfuk“ genannt. Die Pitcairn-Inseln (Pitkern Ailen auf Pitkern) sind ein britisches Übersee-Territorium, gehört damit auch zur EU… 2004 gab es einen Skandal um sexuelle Kontakte (bzw Missbrauch) Erwachsener mit Kindern, in den auch der damalige Bürgermeister von Adamstown und damit der Inseln, Steve Christian, ein Nachfahre Fletchers, verwickelt war.

William Bligh diente später als Seeoffizier in den Napoleonischen Kriegen/Revolutionskriegen und nahm 1801 unter Admiral Horatio Nelson an der Seeschlacht von Kopenhagen teil. 1805 wurde er zum Gouverneur der britischen Kolonie New South Wales im heutigen Australien ernannt. Dort machte er 1808 von sich reden, als sein Vorgehen gegen korrupte Offiziere der Kolonie die sogenannte Rum-Rebellion auslöste. Dass Bligh ein grausamer und inkompetenter Kapitän war, wie in Romanen und Filmen meist dargestellt, wird heute von der Historiographie bezweifelt. Nach den historischen Quellen, die nicht aus dem Umfeld der Meuterer und ihrer Familien stammen, war er ein erfahrener und umsichtiger und, für seine Zeit, sogar fürsorglicher Seeoffizier – was das Verhältnis zu den ihn untergebenen „Weissen“ betrifft. Das durch die Dramatisierungen des Stoffes gezeichnete Bild ist aber hegemonial.

Im selben Jahr, in dem sich die Meuterei ereignete und in England bekannt wurde, ereignete sich die Französische Revolution, deren Ideen auch in England viele Anhänger fanden. Diese interpretierten die Meuterei wie die Revolution als Aufstand von Unterdrückten gegen die Willkür der Obrigkeit. Der Jurist Edward Christian, der ältere Bruder des Anführers der Meuterer, tat sich dabei hervor, Blighs Ruf in Zweifel zu ziehen. Er stellte ein inoffizielles Komitee zusammen, das die Meuterei und ihre Ursachen untersuchen sollte. Der 1794 herausgekommene Bericht zeichnete zum ersten Mal das spätestens durch die Filme bekannt gewordene Zerrbild von Bligh. Auch Blighs Darstellung der Ereignisse, die Aufzeichnungen seines Tagebuchs, wurde veröffentlicht, 1792. Blighs Apologet war Sir Joseph Banks, Präsident der Royal Society, welche die Brotfruchtmission für Sklaven mitorganisierte. 1831 kam das Buch eines John Barrow, der Freund der Familie des Meuterers Heywood war. Neben Entlastungen der Meuterer und Belastungen Blighs finden sich darin die Behauptung, dass Christian nicht auf Pitcairn starb, sondern inkognito nach England zurück kehrte.

Die erste Dramatisierung der Geschehnisse war die Kurzgeschichte „Les Révoltés de la Bounty“ von Jules Verne (1879). Diverse, v.a. englische Dichter, haben die Meuterei verarbeitet, in der Regel die Meuterer romantisch dargestellt; Samuel Taylor Coleridge etwa soll seine Ballade vom „Ancient Mariner“ mit Blick auf die Geschehnisse um die Bounty geschrieben haben. Den Drehbüchern der fünf Verfilmungen des 20. Jh lag, mit einer Ausnahme, die Bounty-Trilogie von Charles Bernard Nordhoff und James Norman Hall (1932-34 veröffentlicht) zugrunde, wo Bligh als brutaler Kapitän dargestellt wird. Die Mission der Bounty, letztlich für die europäische Sklavenwirtschaft der Karibik, wird weder in früheren noch gegenwärtigen westlichen Darstellungen der Meuterei hinterfragt bzw thematisiert, ebenso wenig wie der Rassismus auch der Meuterer, und ihre Rolle in der westlichen Unterwerfung Ozeaniens; rassische Hierarchie gegen Ansätze von Gleichheit ist in den westlichen, meist angelsächsischen, Dramatisierungen kein Thema. Bligh gegen Christian steht für Autoritarismus gegen Rebellion, eingeschränktes gegen freies Leben, das trifft den Geschmack des Publikums. An neueren Darstellungen ist das Buch von Caroline Alexander, „Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty“ (2004, englisches Original 2003) zu nennen, es gehört zu jenen, in denen Bligh relativ positiv wegkommt. Im Rahmen einer BBC-Dokumentation 1998 kamen Nachkommen sowohl von Bligh (in England) als auch von Christian (auf Pitcairn) zu Wort.

Als Meuterei wird eine über die reine kollektive Gehorsamsverweigerung hinausgehende Revolte/Rebellion gegen Vorgesetzte bezeichnet, v.a. im militärischen Kontext und in der Schifffahrt. Bedeutende Meutereien (aus verschiedenen Gründen) gab es bei Magellans Weltumsegelung im 16. Jh, auf dem niederländischen Handelsschiff „Batavia“ 1628 (nach einem Unglück), von Seeleuten der britischen Marine in Spithead und Nore 1797 (eigentlich Streiks für bessere Arbeitsbedingungen), von chinesischen Kontraktarbeitern auf dem auf USA-Schiff „Norway“ 1860 (Feuer gelegt; niedergeschossen), 1905 am russischen Panzerkreuzer „Potemkin“ (Knjas Potjomkin Tawritscheski) im Rahmen der damaligen Revolution, 1917 auf den deutschen „SMS Prinzregent Luitpold“ und „SMS Friedrich der Große“ durch Matrosen im Krieg, 1931 in der chilenische Marine wegen Verteidigungsbudgetkürzungen (Armee dagegen eingesetzt), in Salerno 1943 in der britischen Marine, Anfang Mai 1945 am „M 612“, einem Minensuchboot der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (die Besatzung meuterte, als das Minensuchboot entgegen den Bestimmungen der Teilkapitulation Order erhielt, von Dänemark nach Kurland zu laufen; die Meuterei wurde von einem deutschen Schnellboot bemerkt und niedergeschlagen), 1946 in der indischen Marine gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC), 1975 auf der Fregatte „Storoschewoi“ der sowjetischen Marine, wo der Politoffizier Waleri Sablin nach einer Vorführung des Films „Panzerkreuzer Potemkin“ das Abweichen des sowjetischen Regimes von den Idealen Lenins anprangerte, den Kapitän einschloss und sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte (von den eigenen Streitkräften verfolgt, gab Sablin dann auf und wurde im Jahr darauf hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für den Film „Jagd auf Roter Oktober“).

1839 gab es auf dem Schiff  „La Amistad“ keine Meuterei der Schiffsbesatzung, sondern einen Aufstand der transportierten afrikanischen Sklaven. Mehr als eine Meuterei war der Kieler Matrosenaufstand 1918, der den Ausgangspunkt der Novemberrevolution bildete. 1970 ereignete sich auf der „SS Columbia Eagle“, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Meuterei im Strafvollzug ist auch meist an der Grenze zum Aufstand.

An militärischen Meutereien sind u.a. zu nennen: Jene von indischen Hilfssoldaten der Briten 1857; von Teilen der südafrikanischen Armee unter Salomon Maritz 1914/15 gegen die eigene politische und militärische Führung, die die Eroberung Deutsch-Südwestafrikas im Dienst der Briten anordnete; in Kronstadt (St. Petersburg) 1921 gegen die kommunistische Russische SFSR (aus der die Sowjetunion wurde); auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Fernando („Asien den Asiaten“), stellten sich auf die Seite der Japaner; Farahbad 1979; als die indische Regierung 1984 die Operation „Blue Star“ gegen Sikh-Extremisten in Amritsar durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres. Verwandt mit militärischer Meuterei sind Fahnenflucht/Desertion (z.B. Walter Gröger im 2. WK, der auf Initiative von Marinerichter Filbinger zu Tode verurteilt wurde), Kriegsdienstverweigerung, (Hoch)verrat und Befehlsverweigerung (engl. Insubordination; z.B. Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman).

https://en.wikipedia.org/wiki/Descendants_of_the_Bounty_mutineers

Nennenswert zur „Bounty“-Geschichte ist auch das Buch „Mr. Bligh’s Bad Language. Passion, Power and Theatre on the Bounty“ (1992) von Greg Dening.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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