Heroin

Das Morphin wurde fast ein Jahrhundert vor der Entwicklung des Heroins aus dem Opium isoliert, Anfang des 19. Jh, durch Friedrich Sertürner, wurde dann als „Morphium“ vermarktet, das als Medizin verstanden wurde; um das Morphium wird es hier ein ander Mal gehen. Die Isolierung von pflanzlichen Wirkstoffen war ein grosser Schritt (nicht ein ausschliesslich guter), Sertürners Morphiumentwicklung steht auch am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie und ist ein wesentlicher Teil davon. Das durch die Firma „Merck“ vertriebene Morphin/Morphium war die Voraussetzung für das spätere Diacetylmorphin/Heroin, bezüglich Forschungsgrundlage wie Forschungs- und Produktionsmöglichkeiten. Die Injektionsspritze und Kriege hatten dem Morphin zur Ausbreitung verholfen. Im Westen wurden ab Beginn des 19. Jh Drogen wie Medikamente in chemischer Form synthetisch hergestellt. Aus schwachen Pflanzenprodukten wurden bösartige chemische Konzentrate hergestellt, aus gemäßigtem, lokalen Drogenkonsum wurde ein weltumspannendes Geschäft. Dies stand im Einklang mit der damaligen allgemeinen Technisierung und „Synthetisierung“; man denke etwa an die Entwicklung und Verbreitung chemischer Fasern (zB „Nylon“, durch „Du Pont“, 1930er). Diese Entwicklungsschritte gingen nicht zuletzt von Deutschland aus, und die Voraussetzungen unter den Sertürner Morphium isolierte und jene, unter denen es Felix Hoffmann fast 100 Jahre später zu Heroin verfeinerte, bringen auch zum Ausdruck, wie sich Deutschland in dieser Zeit verändert hat.

Der Engländer Wright untersuchte bereits Mitte des 19. Jh die Verbindung bzw die Reaktion von Morphin (Morphium) und Essigsäure. Der Pharmazeut/Apotheker/Chemiker Felix Hoffmann kam Ende des 19. Jh zur Friedrich-Bayer-Fabrik in Elberfeld (heute Wuppertal), die u.a. Farben, chemische Grundstoffe und Arzneimittel herstellte und 1863 gegründet worden war. Im dortigen Haupt-/Forschungslaboratorium unter Professor Dreser stellte Hoffmann 1896 Diacethylmorphin her, aus Morphin(base) und Essigsäure. Wenige Jahre später kam er auch auf die Acetylsalicylsäure. Diacethylmorphin (bzw Diamorphin) wurde an Katzen wie auch an Werksangehörigen und ihren Kindern erprobt. Es wurde ab 1898 fabrikmäßig hergestellt und als „Heroin“ (von griechisch „Heros“, Held) auf den Markt gebracht (als Pulver, Tabletten, Tinktur, Tropfen, später auch als Injektionslösung), kurz darauf Acetylsalicylsäure-Präparate unter dem Namen „Aspirin“. Die beiden Mittel, auf die „Bayer“ Patente hatte, zwei der ersten chemischen Arzneimittel der Geschichte, haben die Firma gross gemacht, nicht zuletzt durch ihren Erfolg in der USA.

Fläschchen "Heroin" von Bayer
Fläschchen „Heroin“ von Bayer

Indikationen für das „phantastische“ Arzneimittel Heroin waren in den Augen des Bayer-Konzerns hauptsächlich Husten und Schmerzen (es sollte nicht süchtig machen und die Blutschranke schneller überwinden – zweiteres erwies sich als richtig), aber auch zahlreiche weitere körperliche und seelische Beschwerden, von Bronchitis bis Schizophrenie, auch zur Ruhigstellung von psychisch Kranken (bzw dafür gehaltenen) wurde Heroin verwendet. Anfangs glaubte man auch, dass es bei der Entwöhnung von Morphium als Rauschmittel, eine Verwendung die oft mit einer medizinischen Verabreichung begonnen hatte, eine Rolle spielen könnte – das sprichwörtliche „Den Teufel durch den Beelzebub austreiben“. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland, wie Pethidin („Dolantin“, das erste vollsynthetische Opiat) oder Codein-Derivate, auf der Suche nach Alternativen zu Morphium und Heroin. Das semi-synthetische Heroin verdrängte Morphium als Rauschmittel, ab Beginn des 20. Jh, v.a. nach dem 1. WK, endgültig nach dem 2. WK.

Bayer begleitete Herstellung und Verkauf von einer aufwändigen internationalen Werbekampagne, versuchte auch Kritik an dem Mittel zum verstummen zu bringen; hinter der aggressiven Vermarktung und Imagepflege bezüglich des H. stand anscheinend der damalige Werks-Prokurist Carl Duisberg der später an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe und dem Zusammenschluss deutscher Chemiekonzerne zur IG Farben beteiligt war.

Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierte Opium 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus Deutschland den globalen Handel mit synthetisch hergestellten Opiaten (Heroin, Morphium, Codein), die meist auch dort entwickelt worden waren.

Als „Medizin“ gab es neben der oralen Verabreichung die Tinktur, die über verletzte Haut aufgenommen wurde sowie die Injektion (was eine um ein Vielfaches stärkere Wirkung gab); als „Droge“ wurde es zudem geschnupft. Nicht medizinisch begründeter Konsum ist nicht so eindeutig zu definieren, der erwünschte Effekt vom Nebeneffekt zu unterscheiden, zumal bei den vom Hersteller vorgegeben Indikationen. Gerade Ärzte, Apotheker, Pfleger sollen früher und auch heute immer wieder für Missbrauch von solchen Arzneimitteln anfällig sein. Man wurde bald auf das Suchtpotential von Heroin aufmerksam, doch vorerst breitete es sich weiter aus. „Konkurrenten“ für Heroin im Westen waren bis zum Ende des 2. Weltkriegs (neben Alkohol) v.a. Kokain und andere Opiat-Verarbeitungen; Kodein hinkte als Schmerz- wie Rauschmittel schon Morphium hinterher, tat dies auch gegenüber dem Heroin.

Bayer verlor mit dem Versailles-Vertrag nach dem 1. WK die alleinigen Rechte für Heroin! Es wurde fortan v.a. von US-amerikanischen Firmen erzeugt; Heroin wurde auch, wie auch andere „potente“ Mittel (zB Kokain) im frühen 20. Jh, in diversen Mischpräparaten verwendet. Die USA wurde das erste Land, in dem Heroin ein gesellschaftliches Problem wurde. Infolge des USA-Bürgerkriegs war Morphium als Schmerz- & Rauschmittel dort hegemonial geworden (zT durch Umsteiger vom Opium), in der Zwischenkriegszeit erfolgte der Vormarsch des Heroins. Es entstand eine Diskussion über staatliche Maßnahmen, die bald kamen. Der Begriff „Junkie“ entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in der USA. Opiatabhängige/-konsumenten in USA waren zu einem sehr grossen Teil aus der Mittelklasse, weisse Hausfrauen zB, in der „öffentlichen Psyche“ waren sie Ausländer, Arme, Aussenseiter. Künstler bilden oft die Avantgarde, beim Heroin in Nordamerika war das die New Yorker Jazzszene rund um Charlie Parker, die in der Zwischenkriegszeit zu Heroin griff. In Deutschland dürfte zu dieser Zeit noch Morphium die Drogenszene beherrscht haben, die grosse Heroin-Rausch-Welle kam um einiges später. Frühe Wellen des Rauschgebrauchs von Heroin gab es in den 1920ern im Mittelmeerraum (v.a. in Ägypten, Türkei) und in Ost-Asien, v.a. China. In Ägypten dominierten Pillen mit grossem Anteil an Streckmitteln, mit Namen wie „Zauberpferd“. In China kam der Stoff teilweise aus Japan (wie auch Morphium), wurde teilweise selbst (von Triaden) hergestellt, meist in Pillenform.

Nach einer internationalen Drogenkonferenz 1912 wurde Heroin im Deutschen Reich zunächst apothekenpflichtig, 1917 kam die Verschreibungspflicht. Auch nach der „Opium-Konferenz“ 1925 haben viele Staaten Drogen eingeschränkt, in Deutschland war das das „Opiumgesetz“ 1929/30, mit dem in Deutschland Drogenmissbrauch ins Strafgesetz kam bzw Drogengebrauch gesetzlich reguliert wurde. Das Gesetz beinhaltete, gemäß den internationalen Vorgaben, ein Totalverbot von Cannabis und Opium, aber nicht von Heroin, das zu „medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken“ weiter verwendet werden durfte… Bayer war inzwischen mit „Hoechst“ und anderen Konzernen zur IG Farben „verbunden“, dieser Konzern (der grösste nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa!) versuchte, das Gesetz ganz zu verhindern. Nach und nach musste nun die Heroinmenge in Medikamenten eingeschränkt werden, medizinische Verordnungen dafür gab es nur noch in Ausnahmefällen; 1931 stellte Bayer die Produktion ganz ein. Waren die Verbote Folge der unverbünftigen Vertriebspraxis der Hersteller, hätte es einen anderen Weg des „Umgangs“ mit Heroin gegeben? An seine Vergangenheit als Heroin-Hersteller lässt sich Bayer jedenfalls heute nicht mehr gern erinnern.

In der USA kam mit dem Harrison-Gesetz 1914 die weitgehende Illegalisierung von Opiaten u.a. Drogen, auch medizinischen, dieses (fiskalisch formulierte) Bundesgesetz beendete die föderale Regelung des Medikamenten-/Drogen-Bereichs, und auch den exzessiven, legalen Gebrauch von Mitteln wie Morphium, u.a. wegen ihrer Rauschnutzung und ihrem Suchtpotential. 1924 erfolgte in USA das Verbot der Herstellung von Heroin.

Die medizinisch-legale Verwendung des Heroin endete also weitgehend in der Zwischenkriegszeit. Es hatte als Medikament eine kürzere Einsatzzeit als Morphium, etwas länger als LSD. In Japan wurde bis Ende des 2. WK Heroin weiter für verletzte Soldaten produziert. Andere Pharma-Firmen als Bayer in verschiedenen Staaten Europas stellten ihre Heroin-Produktion, die eingeschränkt und überwacht wurde, nach und nach ein. Die BRD hat 1958 Pharmafirmen die Produktion von Heroin verboten, das bis dahin also noch gelegentlich verordnet wurde. Diverse Firmen exportierten auch über Verbote hinaus und nicht nur zu medizinischen Zwecken. Der Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche etwa soll lange die entstehende illegale Drogenszene mit Heroin aber auch Kokain beliefert haben. Erst um 1940 entstand eine illegale Drogenindustrie, die Herstellung und Handel übernahm. Nach Ende des chinesischen Bürgerkrieges, der mit dem Sieg der Kommunisten endete, wurde das sogenannte „Goldenen Dreieck“ in Südostasien ein Zentrum der Heroin-Produktion. Dorthin ausgewichene Kuomingtang-Truppen bauten sie auf und die Triaden exportierten den Stoff über Bangkok  in alle Welt. In Europa wurde Amsterdam der wichtigste Importhafen.

Nach dem 2. WK begann sich, in allen Teilen des Westens, die illegale Drogenszene um das Heroin zu entwickeln, das Morphium endgültig „ablöste“, als illegales Rauschmittel Nr. 1. Das Schwarzmarkt-Heroin dürfte zunächst im Westen hergestellt worden sein, aus importierter Morphinbase oder dessen Ausgangsstoff Rohopium sowie Acetanhydrid (Essigsäure), das Firmen wie Merck und Hoechst verkauften. Später wurde es in den Mohn-Anbauländern (Afghanistan, Birma, Türkei, Kolumbien,…) hergestellt und in den Westen geschmuggelt. Heroin wurde/wird hier auf diversen Drogen-Schmarzmärkten gehandelt, es kam zu vielen Opfern des illegalen Konsums.

Daneben gibt es auch krudes Heroin, ein Gemisch aus Morphium oder Rohopium oder Mohntee sowie Essigsäure und Streckmitteln, „Berliner Tinke“, „Armes Heroin“ oder „Gassenheroin“ genannt. Der Gehalt an reinem Heroin darin ist stark schwankend, was für die Konsumenten das Dosieren zu einem beträchtlichen Risiko macht. Streckmittel, von Mehl bis Strychnin, sind aber auch meist dem „richtigen“ Heroin beigesetzt, was die Konzentration auch hier zu einer Unbekannten macht. Im Ostblock (1945 bis 1990) gab es wenig an Heroin (Kokain noch weniger), aus dem Westen oder dem Orient geschmuggeltes, auch wenig selbst produziertes, überhaupt weniger Drogen als im Westblock. Am ehesten noch eine Art krudes Heroin, dort „Kompot“ oder „Polnische Suppe“ genannt,  oder andere Opiatprodukte aus den zentralasiatischen Sowjet-Republiken.

In der Beat(nik)-Subkultur der 1950er in der USA spielte Heroin eine Rolle. Was in den 1960ern mit einem gemeinschaftlichen Aufbruch mit psychedelischen Drogen begann, endete in den 1970ern oft mit einem Rückzug mit Heroin. Seit Ende der 60er gab es in West-Deutschland einen nennenswerten Schwarzmarkt für Heroin; Berlin war in der Zwischenkriegszeit ein „Zentrum“ von Drogen-Gebrauch (zunächst mit Morphium) geworden, blieb es mit Veränderungen bis heute. In der BRD wurde Heroin erst 1971 mit dem Betäubungsmittelgesetz dezidiert verboten. Die „Heroin-Kultur“ ist jene der Bahnhofsklos, der schmutzigen Spritzen, der Beschaffungskriminalität; viel seltener ist es der Konsum im bürgerlichen oder wohlhabenden Milieu, vielleicht auch durch schnupfen oder rauchen, mit Mischungen wie jener des „Speed ball“, statt als Strassendroge.

Illegaler Anbau von Mohn, also nicht unter Aufsicht von UNODC für Schmerzmittel und andere Pharmaka, findet heute hauptsächlich in Afghanistan, in einigen von dessen Nachbarländern, wie Pakistan, in Südost-Asien (Goldenes Dreieck, also Birma, Thailand, Laos) und Lateinamerika (Kolumbien, Mexiko) statt. Der grösste Teil dieser Ernten wird zu Heroin verarbeitet, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium. Die Verarbeitung zum Heroin ist heute meist nahe am Anbau (sein Konsum weniger, im Gegensatz zu Opium). Das nordamerikanische Heroin stammt vorwiegend aus Lateinamerika, in der USA ist aber Kokain wichtiger. Im Goldenen Dreieck ist v.a. Birma wichtig, wo der Schan-Kriegsherr Khun Sa einst „Pate“ des Heroin-Exports war. In der Region soll auch die CIA lange als Heroin-Händler tätig gewesen sein; zu einer Zeit als Nixon den „Krieg gegen die Drogen“ ausrief. Im Vietnam-Krieg „probierten“ zudem viele der dortigen US-amerikanischen Soldaten dort hergestelltes Heroin.

In Afghanistan findet der Anbau von Mohn und seine Verarbeitung v.a. im paschtunisch-belutschischen Südwesten statt, v.a. in der Provinz (Wilayet) Helmand, im Grenzgebiet zu Iran und Pakistan. Essigsäure-Anhydrid muss zur Heroin-Produktion ins Land geschmuggelt werden. Der grösste Teil des afghanischen Heroins wird exportiert (ein wachsender Teil im Land konsumiert), beim dort hergestellten Opium ist es umgekehrt. Der Export läuft hauptsächlich über den Iran, Türkei, Balkan nach Mitteleuropa. Tausende iranische Grenzschützer sind in den letzten Jahrzehnten bei „Kämpfen“ mit Schmuggler-Organisationen getötet worden, die mit belutschischen islamistischen Separatisten zusammenarbeiten; ein nicht kleiner Teil des Heroins wird mittlerweile im Iran konsumiert. Die anderen Routen führen über Zentralasien nach Russland, von dort auch nach Sinkiang und andere Teile Chinas, sowie über Pakistan nach Indien.

Bauern in der Gegend um Afyun im westlichen Anatolien durften Mohn für die Verwendung von pharmazeutischen Firmen anbauen. Viele verwendeten den Überschuss zum lokalen Konsum als Rauch-Opium sowie zum Verkauf für das Heroin der „French Connection“ (die v.a. aus Korsen bestand). Der grösste Teil der Felder wurde Ende der 1960er unter westlichem Druck zerstört, ein kleiner blieb für den international erlaubten Mohn-Anbau für Schmerzmittel. Bei dieser Verwendung wird nicht das Roh-Opium aus den Kapseln geerntet, sondern aus den gemähten ganzen Pflanzen (Mohnstroh) auf chemischem Weg Morphin und andere Opiate extrahiert. Bei der illegalen Produktion sind 10 kg geerntetes Rohopium (in Asien, Südamerika) ca. 50 €  wert. Die gleiche Menge an daraus hergestelltem Heroin kostet nach Verarbeitung und Transport im Endhandel im westlichen Abnehmerland etwa 700 000 €. Das grosse Geschäft ist auf Viele verteilt, manche schneiden mehr mit, andere weniger, wie im Kapitalismus so üblich. Manche Drogenkartelle kümmern sich nur um den Handel, andere auch um die Herstellung.

Heroin holt sich alles zurück, was es gibt. Die Schmerzen die es nimmt, kommen bei Entzug als ein Vielfaches zurück, das Wohlbefinden das es gibt, ist bei Sucht kein Genuss mehr sondern ein Muss, die Problemlösung ist eine trügerische. Illegaler Heroinkonsum hat gegenüber dem früheren, medizinisch „überwachten“ mehrere Nachteile, von der Reinheit des „Stoffes“ bis zu den Preisen. Heroin-Konsum ist eine Art halb-bewusster /-absichtlicher Selbstmord. Politiker setzen gerne Zeichen zur Eindämmung von Drogenproblemen, und kochen oft andere Süppchen dabei, früher wie heute. Ähnlich ist es bei Religionsgemeinschaften und Sekten wie Scientology (>Narconon).

In NS-Deutschland gelang Forschern in dem zu IG Farben gehörenden Hoechst-Konzern 1940 die Herstellung des vollständig synthetischen Methadons, das u.a. als „Polamidon“ vermarktet wurde, etwa an die Wehrmacht, als Schmerzmittel für verwundete Soldaten, die zur Besetzung und Unterwerfung zahlreicher Länder ausgeschickt wurden. Man war damit unabhängig von ausländischen Pflanzenrohstoffen, also Schlaf-Mohn, geworden. Seit den 1960ern wird es als Entwöhnungs-Substitut für Heroin-Süchtige verwendet, nach wie vor durch Hoechst hergestellt. Die Verabreichung erfolgt im Rahmen medizinischer und psychosozialer Maßnahmen. Methadon, das vom Heroin entwöhnen soll, ohne eine neue Sucht zu schaffen bzw die bestehende zu verlängern, wird als „Primär“-Rauschmittel sehr wenig verwendet, aber recht oft missbraucht – am Drogen-Schwarzmarkt wird es in „geschweisster“ Form (also original verpackt) oder in „gespuckter“ (bei Einnahme in flüssiger Form unter Aufsicht) gehandelt… Methadon gehört nicht zu den Drogen, die es zur Verarbeitung in einem Roman geschafft haben, in J. M. Simmels „Wir heissen euch hoffen“ (1983) sucht der Held immerhin an einer nicht süchtig-machenden bzw sucht-erhaltenden Alternative dazu.

Auch Morphin/“Morphium“ wird in der Substitutionsbehandlung für  Heroin verwendet, mit einem oral wirksamen Präparat (Handelsname „Substitol“), das den Wirkstoff verzögert abgibt, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Daneben wird Buprenorphin, ein starkes Schmerzmittel, halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, Handelsname u.a. „Subutex“, als Substitutionsmittel verwendet. Auch das natürliche Ibogain wird zur Heroin-Substitution eingesetzt. Die chemisch-pharmazeutische Industrie produziert nach den Mitteln selbst und den Rohstoffen dafür auch die Entzugs-/Substitionsmittel, bleibt im Geschäft.

In wenigen Ländern wird Heroin an Süchtige kontrolliert abgegeben (im Rahmen eines Entzugs), in der Schweiz als „Diaphin“ (chemisch Diamorphin-Hydrochlorid). Angesichts des Drogenelends v.a. auf dem Zürcher Platzspitz hatte sich die Schweiz 1993 für eine „pragmatische“ Drogenpolitik mit ärztlich kontrollierter Heroinabgabe an „therapieresistente“ Süchtige entschieden, u.a. um Beschaffungskriminalität und Gefahren durch verunreinigten oder gestreckten „Stoff“ zu begegnen. 1999 hat das Schweizer Volk das „Experiment“ abgesegnet. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellte das Heroin aus importierten Grundstoffen zunächst selbst her, wollte die Sache (Produktion und Verteilung) 2001 abgeben, was sich schwierig gestaltete. Die Schweizer Pharmafirmen lehnten aus wirtschaftlichen und Image-Gründen ab, auch solche, die wie „Novartis“ grossflächig aus importierten Rohstoffe bzw Zwischenprodukten opiathaltige Medikamente herstellen, für den globalen Export. Die anscheinend dafür gegründete Thuner Firma „DiaMo“ begann, im Auftrag des BAG aus dem aus GB (Schottland; von UNODC überwachte Anbaufelder dort) importierten „Zwischenprodukt“ (anscheinend fertiges Diamorphin) das Heroin bzw „Diaphin“ (in Form von Injektionslösungen und Tabletten) herzustellen. Der Transport zu den Abgabestellen wird schwer überwacht. Das Modell fand einige Nachahmer, Niederlande, Dänemark, Grossbritannien, auch in Deutschland wird die kontrollierte Abgabe von reinem, medizinischen Heroin an ausgewählte Süchtige vorsichtig wieder zugelassen. Entspricht das so abgegebene Heroin den Medikamenten, die man einem schwerstabhängigen lungenkranken Raucher auch nicht vorenthält, oder den Zigaretten für diesen Raucher?

De Ridder bedauert in seinem Buch (s.u.), dass Heroin in den allermeisten Ländern vollständig verboten ist, und nicht als potentes Schmerzmittel für Extremfälle verfügbar ist. In Grossbritannien wurde Heroin als Arzneimittel nie verboten, „medizinisches Heroin“ (dort auch hergestellt) wird dort als Schmerzmittel verwendet. Ansonsten ist das global evtl. noch in Kanada der Fall. Beim Gebrauch von reinem Heroin sind einige der Gefahren des Schwarzmarkkonsums nicht gegeben. Aber am Suchtpotential ändert sich nichts.

Ausweichmittel für Heroinsüchtige sind v.a. opiathaltige bzw -ähnliche Medikamente, von codein-haltigen Hustensäften über Schmerzmittel wie „Valoron“ (Tilidin) oder Fentanyl (ein vollsynthetisches opioides Analgetikum/Anästhetikum), auch DXM. Gelegentlich taucht Morphium (s.o.), das aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen stammt, in der H-Szene auf.

Heroin ist nach wie vor eine der stärksten und gefährlichsten Drogen, neben Crack und Crystal Meth wahrscheinlich. Wie auch die anderen wirklich gefährlichen Drogen ist es aus der chemischen Isolierung von pflanzlichen Inhaltsstoffen und ihrer Verarbeitung zu Medikamenten im 19. und 20. Jh hervorgegangen. Möglicherweise ist nicht die Vermarktung von Diamorphin/Heroin als Arzneimittel an sich ein Kandidat für die Irrtümer-Liste, sondern die Bayer einst vorgenommene. Schwächere, bekömmlichere und ursprünglich in Kulturen integrierte Mittel wie Opium und Koka sind die Verlierer einer Entwicklung, die jene der grossen Weltpolitik wiederspiegelt, und deren Widersprüchlichkeit schon ziemlich am Beginn, im Opiumkrieg gegen China, erkennbar ist.

Wahrscheinlich nicht ernst gemeint
Wahrscheinlich nicht ernst gemeint

An Heroin starben direkt, durch eine versehentliche (?) Überdosis u.a. „Jim“ Morrison, Philip S. Hoffman, Janis Joplin, Timothy Buckley, J.-M. Basquiat, „Sid Vicious“, Brad Renfro, Hillel Slovak, D. D. Ramone, Peaches Geldof, „Lenny Bruce“ (möglicherweise auch durch Morphium), Chris Farley (Speedball?), Hans Dujmic. Der Jazztrompeter „Chet“ Baker fiel unter dem Einfluss von Heroin und Kokain vom Balkon eines Hotels; John Belushi starb an so einer „Speedball“-Mischung, er aber von der Mischung an sich, wie auch River Phoenix; Kurt Cobain nahm eine Heroin-Überdosis, erschoss sich bevor sie richtig zu wirken begann, in seiner Villa in Seattle, 1994

Überlebt haben ihren Heroin-Konsum u.a. „Coco“ Chanel (nahm H neben anderen Opiaten, hat bis ins hohe Alter sauberen Stoff konsumiert, konnte sich das leisten), David Bowie (teilte sich eine Zeit lang eine Wohnung in Berlin-Schöneberg mit Iggy Pop), Ray Charles, William Burroughs (nahm von allen Opiaten), Keith Richards (bislang), Angelina Jolie, „Charlie“ Parker, Billie Holiday (diese beiden starben an alkoholbedingten Krankheiten), Jimi Hendrix (starb auch an anderen Drogen), Eric Clapton, Samuel L. Jackson, Jörg Fauser, Robert Downey,… Genommen haben soll es auch Robert Kennedy; wenn, dann ist das bei ihm nie richtig „auf Touren gekommen“. Sein Sohn wurde einmal damit geschnappt.

Literarische Behandlungen der Heroin-Sucht gibt es neben der Christiane-Felscherinow-Erzählung aus dem West-Berlin der 1970er (sie lebt noch immer von den Tantiemen ihrer Drogen-Erzählungen und nimmt noch immer Methadon zur Substitution) von W. S. Burroughs in „Junkie“ oder Irvine Welsh in „Trainspotting“. Von einem Rudolf Brunngraber erschien 1951/52 „Heroin. Roman der Rauschgifte“, faktisches und fiktives dazu, u.a. über die frühe Welle in Ägypten.

In Filmen wie „Candy“, „Requiem for a dream“ oder „Trainspotting“ werden Sucht sowie Enzug, Beschaffungskriminalität, Verfall, familiäre Konflikte von Süchtigen dargestellt. Filme in denen Heroin-Handel/-Kriminalität eine Rolle spielen und nicht der Gebrauch bzw die Sucht an sich, gibts viele mehr, zB „The French Connection“ (basierend auf einem Sachbuch), den DDR-Film aus 1968 namens „Heroin“ oder „The Big Easy“.

Davon handelnde oder davon inspirierte Songs, die auch die Verbindung der Kultur dieser Droge mit jener des Pops und Rocks unterstreichen und in denen meist persönliche Erfahrungen der Stars verarbeitet wurden: der nach ihr benannte von Lou Reed/Velvet Underground (1967), John Lennon 1969 über „Cold turkey“, den kalten Entzug, „Dead Flowers“ & „Brown sugar“ von den Rolling Stones, „Running to stand Still“ (U2), „The Needle and the Damage done“ (Neil Young), „The needle and the spoon“ (Lynyrd Skynyrd), „Smack Jack“ von Nina Hagen, „Lust for life“ (Iggy Pop), „King Heroin“ v. James Brown, „Beetlebum“ (Blur), „H“ (Böhse Onkelz),…; …und solche, die „verdächtigt“ werden, davon zu handeln: „Coming Down Again“ von den „Stones“, „Hotel California“ (Eagles), „Bridge over troubled water“ (!; Simon & Garfunkel), „Comfartably numb“ (Pink Floyd), „Perfect day“ (L. Reed), „Down in a hole“ (Alice in the chains), „Dancing in glass“ (Mötley Crüe), „Under the Bridge“ (RHCP), „Golden Brown“ (Stranglers), „Space Oddity“ (David Bowie), „Gold Dust Woman“ (Fleetwood Mac)

Material:

Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge (2000). De Ridder, der beruflich mit Heroinsüchtigen zu tun hat, ist es gelungen, in die Bayer-Firmenarchive vorzudringen.

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin (2003)

Präsentation zur Geschichte des Heroins

https://www.unodc.org/documents/wdr/WDR_2010/1.2_The_global_heroin_market.pdf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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