Eric Cantona

Cantona hat sardische (italienische) Vorfahren väterlicherseits, katalanische (spanische) mütterlicherseits, die es in die süd-französische Metropole Marseille getrieben hatte, wo er aufwuchs. Sein Bruer Joel wurde auch Fussballer, kein so grosser wie er. Eric Cantona wurde bei Auxerre, unter Guy Roux, Mitte der 80er gross. Nach seinem Militärdienst (wo er sich einmal geweigert haben soll, sich zu rasieren), wurde er zu Martigues in die 2. Liga ausgeliehen. Zurück bei Auxerre, war ein schweres Foul an Nantes-Spieler Der-Zakarian einer seiner ersten Eklats. Er wurde 1987 erstmals ins französische Nationalteam berufen, das nach der WM 1986 komplett umgebaut wurde, aufgrund der Rücktritte von Platini u.v.a.

1988 wurde er U-21-Europameister, in einem französischen Team mit Sauzée oder Angloma. Im Sommer 88 schaffte er es zu Olympique Marseille. Nachdem ihn Teamchef Henri Michel 88/89 nicht für ein Testspiel nominiert hatte, nannte er zu Beginn der kommenden Saison in einem TV-Interview einen „sac à merde“ (http://www.youtube.com/watch?v=iTQf1Iz4NMM); dies kam einem Rücktritt im Nationalteam gleich, den er auch verkündete. Bald darauf wurde Henri Michel aber als französischer Teamchef durch Michel Platini ersetzt, mit dem er noch zusammen gespielt hatte, wie auch als Trainer betreut. Nachdem das französische Team unter Michel die Qualifikation zur Europameisterschaft 1988 nicht geschafft hatte, begann auch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1990 schlecht, Michel trat nach nur zwei Spielen zurück, nach einem 1:1 gegen Zypern. Platini holte Cantona zurück und förderte ihn dort auch. Doch Frankreich schaffte die Quali für die WM 1990 auch mit Platini nicht, knapp, als Gruppen-Dritter hinter Jugoslawien und Schottland.

Dann kam sein Rauswurf bei Marseille, nachdem er Anfang 1989 in einem Freundschaftsspiel gegen Torpedo Moskau nach einer Auswechslung „ausflippte“. Er spielte ein halbes Jahr bei Bordeaux, ging Mitte 89 zu Montpellier wo er u.a. mit Laurent Blanc spielte. Im Sturm des Nationalteams harmonierte er gut mit Jean-Pierre Papin und – 1990 bekam er dort auch eine zweite Chance, durfte mit ihm auch im Klub zusammen spielen. Nach einer Verletzung war aber nicht mehr Franz Beckenbauer Trainer, sondern Raymond Goethals, der wenig von ihm hielt. So kam er auch im Europacup-Finale 1991 gegen Belgrad nicht zum Einsatz (saß nicht einmal auf der Ersatzbank).

In der folgenden Saison zu Nimes abgeschoben, drosch er dort in einem Meisterschaftsspiel (Dez. 91) aus Protest gegen eine Entscheidung den Ball auf den Schiedsrichter, beschimpfte dann die Mitglieder der Disziplinarkommission des französischen Fussballverbands bei einer Vorladung. Sperre. Rücktritt. Nationaltrainer Platini und sein Psychoanalytiker überredeten ihn, weiterzumachen. Er bekam ein Engegement bei Leeds United, nach einem halben Jahr und einem Meistertitel eines bei Manchester United.

Als England-Legionär kam er 1992 zu seinem einzigen grossen Turnier, der EM in Schweden, für die sich das französische Team unter Platini endlich wieder qualifiziert hatte. Cantona stürmte wieder zusammen mit Papin, ihm gelang aber kein Tor und nach einer Niederlage gegen Dänemark im letzten Vorrundenspiel (der Beginn von dessen Sensationslauf) war es schon wieder vorbei. Bei Manchester United, unter Alex Ferguson, konnte er sich entfalten, war ein Star der englischen Liga, spielte bei ManU noch mit Bryan Robson und schon mit Beckham.

Die Qualifikation für die WM 1994, inzwischen war Gerard Houillier Teamchef, verpasste die französische Mannschaft unglaublicherweise noch in den letzten beiden (Heim-)Spielen, aus denen sie einen Punkt brauchte. Nach einer Niederlage gegen Israel das Match gegen Bulgarien, im Pariser Prinzenpark-Stadion. Cantona hatte Frankreich in Führung gebracht. 90 Minuten beinahe vorbei, es stand inzwischen 1:1, Frankreich im Angriff, David Ginola (damals PSG, eingewechselt für Papin) flankt von rechts, der Ball fliegt aber nicht in den bulgarischen Strafraum sondern weiter, auf die gegenüberliegende Seite, zu einem Bulgaren, die bauen noch einen Angriff auf, der Ball kommt über 3 Stationen zu Kostadinov… Ginola bekam von den meisten Seiten die Schuld zugeschoben (und nicht die etwas lahme Verteidigung), ging dann auch nach England. Wenn Manchester gegen Bayern 1999 die Mutter aller Last-Minute-Entscheidungen war, war das gewissermaßen die Grossmutter. Für den französischen Fussball war das Match ein Trauma wie das WM-Semifinale in Sevilla 1982. Papin, schon grosser Abwesender bei der WM 1990, war wieder nicht dabei. Cantona war dann bei der WM 1994 in USA Co-Kommentator für das staatliche französische Fernsehen. Bekanntlich sind ja beide Qualifikations-Gruppengegner Frankreichs ins Semifinale gekommen.

Frankreich 1994 nicht dabei steht in einer Reihe mit der Nicht-Qualifikation von Spanien 1954 oder 1958, Deutschland 1968, England 1978, 1994 oder 2008, Uruguay 1982, Italien 1984 und 1992, Portugal 1998, Niederlande 2002, Ghana 94, 98, 02, Kamerun 06; Jugoslawien 1992 oder Mexiko 1990 wurden ausgeschlossen

Dramatische/wichtige Last-Minute-Tore:

  • ManU – BayernM, CL-Finale 1999, 2 Tore am Spielende, die das Match drehten, Schmeichel mit vorne beim Ausgleich
  • Grosso (Ita) gegen Deutschland, WM 06 Semifinale, dann noch ein zweites
  • Dt. Bundesliga 00/01, Titelduell zwischen Bayern & Schalke, Tor von P. Andersson
  • Kostadinov gg Fra. in WM-Quali f. 94
  • Arsenal- Liverpool, englische Liga, 88/89, letzter Spieltag, direktes Duell um Titel, spätes 2:0, Grundlage für „Fever Pitch“ von Hornby
  • BRD-Esp. EM 84, Vorrunde, Tor Maceda (Spanien weiter, Deutschland raus)
  • EM-Finale 00, Ita.-Fra., Ausgleich Wiltord
  • WM-Finale 2010, Tor Iniesta, 116. Minute (kein echtes Last-Minute-Tor)
  • Niederlande – Mexiko, WM 14, Achtelfinale, Tore Snejder, Huntelaar (durch umstrittenen Elfer)
  • NL-Arg. WM ’98, VF, Tor Bergkamp
  • EC II-Fin. 95, Tor von Zaragoza gg Arsenal
  • Esp gg YU, EM 00, Tor Alfonso
  • Beckhams Tor gg. Griechenland in WM-Quali-Match 2001
  • Swe-Deu 2013, von 0:4 auf 4:4
  • CL-SF 09, Chelsea-Barca, Tor Iniesta
  • Ramos CL-Fin. 14 zw. den Madrider Klubs, Ausgleich

Aimé Jacquet wurde nun Teamchef, baute auch auf Cantona, beliess ihm die Kapitänswürde, die er von Houllier bekommen hatte. Dann der Jänner 1995, Auswärtsspiel von ManU bei Crystal Palace in London. Cantona bekam nach einer Tätlichkeit die Rote Karte, wurde beim Abgang vom Feld von einem Londoner Fan beschimpft, attackierte diesen mit einem fliegenden Kick; der Höhepunkt und gleichzeitig Schlusspunkt seiner Eklats. Der rätselhafte Seagulls-Sager bei einer Pressekonferenz danach: „When the seagulls follow the trawler, it’s because they think sardines will be thrown into the sea.“ Mit den Möwen meinte er wahrscheinlich die Medien, mit dem Fischkutter sich und mit Sardinen die erwarteten Worte. Strafen auf diversen Ebenen, darunter paar Stunden Gefängnis, halbes Jahr Sperre. Ferguson überzeugte ihn zu bleiben, nach seiner Sperre bei ManU weiterzumachen.

Crystal Palace v Manchester United 25/1/95 F.A Premier League Mandatory Credit : Action Images Man Utd's Eric Cantona jumps into the crowd with his infamous Kung-Fu kick on a Palace supporter after being sent-off
Action Images

Die Aggression geht sonst meist in die andere Richtung (Flaschen, Golfbälle,…). Cantona hat aber kein verletzendes Foul begangen, keine Diktatoren unterstützt (> DFB Argentinien), kein Match geschoben, auch keine private Gewalt begangen.

Jacquet hat ihn danach nie mehr ins französische Team eingeladen, hat ungefähr zur selben Zeit auch die anderen Offensivstars Papin und Ginola aussortiert – was aber Platz frei machte für Zidane oder Djorkaeff, mit denen das französische Team bei der EM 1996 schon Dritter wurde, dann die Turniere 1998 und 2000 gewann, es war ein multikulturelleres Team. Papin war noch viel mehr als Cantona an der Weltklasse dran war, mit der Ausbootung vor 96 hat seine Karriere hat endgültig einen unglücklichen Charakter angenommen. Für die erfolgreiche Platini-Generation zu jung, für die noch erfolgreichere Zidane-Generation zu alt. Daneben hat er sich mit seinen Wechseln auf Klubebene (92 Milan, 94 Bayern, 96 Bordeaux) eine noch grössere Karriere vermasselt.

Cantona blieben 5 Meistertitel in England, im Europacup kam er in seiner letzten Saison 1996/97 am weitesten (Aus im Semifinale gegen Dortmund); den Sieg 99 mit seinen langjährigen Klubkollegen wie Schmeichel oder Giggs verpasste er.

Nach seiner Fussballer-Karriere spielte und trainierte Cantona Beachfussball, begann mit der Schauspielerei (am nennenswertesten wahrscheinlich der Film „Looking for Eric“ von Ken Loach, 09 gedreht, als er selbst). Er wirkt(e) in Werbungen ebenso mit wie beim Aufruf zum Bank-Run. Von einem Philippe Auclair kam eine Biografie heraus. Bei Cosmos New York war „Director of Soccer“. Aus seiner ersten Ehe hat er 2 Kinder.

2012 hat er eine Petition zur Freilassung des palästinensischen Fussballers Mahmoud Sarsak unterzeichnet, der seit 2009 von Israel ohne Verurteilung eingesperrt wird.

Cantona ist, wie Maradona, „Socrates“, Gullit, Romario (selber in Politik), eine Ausnahme unter meist rechten Fussballern; man denke an Buffon oder  Beckenbauer, der Willy Brandt einst als «nationales Unglück» bezeichnet hat, Spezi von Stoiber war; deren künstlerische Interessen beschränken sich auch oft auf Helene Fischer.

Cantona hat keine Homepage und anscheinend nicht auf sozialen Medien, auf Twitter gibts einige falsche Cantona-Konten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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