Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, „neue Grenze“, bedeutet das chinesische Wort „Xinjiang“ auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-„Sinkiang“, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch „Kafiren“/Ungläubige genannt wurden und das Land „Kafiristan“), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt „wie Milch und Honig“ (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische „Kaste“, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder „Königreich Kabul“), der Name „Afghanistan“ kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname „Durrani“ setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir „mit“), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das „grosse Spiel“ der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander „Sprungbrett“ aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das „Great Game“, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: „Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.“ Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen „Spiel“ zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der „Fortsatz“ von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den „kirgisischen Banditen“ nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem „Grenzvolk“ geworden waren. Die Begriff „Nuristan“ (Land des Lichts) für das Land und „Nuristani“ für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle „Kafiren“ oder „Kafiristanis“ bzw „Kafiristan“. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB „gebunden“. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman „Risiko“ heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem „Staat Afghanistan“ wurde das „Königreich Afghanistan“, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan „die Drehscheibe des asiatischen Schicksals“. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als „Durchgangsland“ auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen „Hierarchie“ ganz oben; früher waren mit „Afghanen“ nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. „Afghane“ ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also „Land der Paschtunen“. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens „mitgenommen“ zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als „Farsiwan“ zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische „Falschheit“ definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist „Nuristani“ evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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