Pechvögel, verkannte Genies und einsame Talente

Die Qualifikation zur Fussball-Europameisterschaft 2016 ist fast abgeschlossen, der grösste Abwesende wird das niederländische Team sein, mit Stars wie Robben. Schottland hat es leider auch nicht geschafft. So wie es ManU-Verteidiger Darren Fletcher anscheinend zu keinem Turnier (WM, EM) mit dem Nationalteam schafft, ging es auch schon anderen Klassespielern, auch von noch grösserem Kaliber. Hier gehts also um diese Fussballer ohne Turnier-Teilnahmen, ohne WM-Teilnahmen, sowie solche die gar nicht für ein Nationalteam spielten oder sich dort nicht durchsetzten.

Fussballer internationaler Klasse, die nie bei einem grossen Turnier spielten, sind v.a. solche, deren Nationhal-Team sich nie qualifizierte, weil es auf längere Sicht zu schwach war (ist), wie Jari Litmanen, oder nur zur Zeit der Karriere der Betreffenden, wie bei George Best oder Franz Hasil (für Manche der beste Fussballer, den Österreich hervorbrachte). Sonny Silooy (NL) musste die Endrunden 1988, 1990, 1992 verletzungsbedingt auslassen. Zlatko Kranjcar (Jugoslawien/Kroatien) wäre zumindest für die EM 1984 in Frage gekommen, seine Nationalteam-Karriere hat unter seinem Auslands-Engagement in Österreich gelitten. Steve Heighway hörte lange vor Irlands erster Qualifikation für ein Grossereignis, EM 1988, auf. Ian Rush hat mit Wales die Qualifikation für ein Turnier in vielen Anläufen nie geschafft. Ähnlich ging es Hassan Salihamidzic mit Bosnien-Herzegowina, Robert Prytz mit Schweden. Peter Lipcsei war beim einzigen Turnier, für das sich das ungarische Team seit 1986 qualifizierte, Olympia 1996, nicht dabei.

Im Eishockey sind die Dinge hierbei anders, es gibt eine illustre Liste von Spielern, die nie mit ihrem Nationalteam ein Turnier spielten, hauptsächlich Kanadier, die keine Gelegenheit dazu hatten, weil Profis von WM- und Olympia-Turnieren ausgeschlossen waren, aber auch weil die NHL Priorität hatte.

Ryan Giggs nahm wenigstens an einem Olympia-Fussballturnier teil, Eric Cantona oder Bernd Schuster an einer EM, George Weah und Abedi Pelé Ayew an Afrika-Cups, Claudio Pizarro oder Juan Arango an Copa Americas. Diese Fussballer haben aber nie an einer WM teilgenommen. Zu den Spielern, die an kleineren Turnieren dabei waren, aber nicht an einer WM, gehören auch Flemming Povlsen, Mehmet Scholl, Fatih Terim (weder als Spieler noch als Trainer, bislang), Roberto Pruzzo, Kalusha Bwalya (Sambia wohl beste Fussball-Nation, die nie bei WM war), Essam El Hadary (Ägypten), Julio Dely-Valdes (Panama), Antony Vidmar (Australien), „Nick“ Barmby, Gustavo Poyet (Uruguay), Jozef Moder (CSSR/Slowakei), Gilbert van Binst (Belgien), Theodoros Zagorakis, Segun Odegbami (Nigeria), Volodymyr Onyshchenko (Sowjetunion/Ukraine), Cristian Chivu, David Alaba (hat aber noch alle Chancen dafür), Kubilay Türkyilmaz, „Dixie“ Dörner (DDR/Deutschland), Frederic Kanouté (Mali). In einigen Fällen hat die fragliche Nationalmannschaft auch mehrmals die Qualifikation verpasst, in anderen verlief die Laufbahn des Betreffenden im Nationalteam irgendwie problematisch.

Bei Arthur Friedenreich war die Sache anders. Der Sohn eines deutschen Einwanderers und einer Afro-Brasilianerin (seine Mutter war eine befreite Sklavin) begann mit dem Fussball bei einem deutschen Klub in Sao Paulo; als „Mulatte“ hatte er noch viele Hürden in Brasilien und International zu überwinden (Schwarze waren im brasilianischen Fussball vor Pelé, also bis Ende 1950er, Anfang 1960er selten). Friedenreich war vielleicht der erste Könner des Weltfussballs. Er hat 2x die Copa America gewonnen, war bei der WM 1930 nicht dabei, da da nur Spieler aus Rio de Janeiro das brasilianische Team bildeten.

Alfredo Di Stefano war 1962 im spanischen Kader, kam aber nicht zum Einsatz. Kevin Keegans WM-Spielzeit beschränkte sich auf 26 Minuten 1982, in denen er im Match gegen Spanien eine grosse Torchance vergab.

Es gibt einige markante Fälle, wo Fussballer einzelne Turniere verpassten. Michael Laudrup war etwa 1992 nicht dabei, als Dänemark für das ausgeschlossene Jugoslawien nachrückte, weil er mit Nationaltrainer Richard Möller-Nielsen zerstritten war; jemand hat das (angesichts des Abschneidens des dänischen Teams bei diesem Turnier) mit einem Lottoschein verglichen, auf dem die richtigen Zahlen angekreuzt wurden, der aber nicht abgegeben wurde… In Jugoslawien kam der Auseinanderfall des Staats, als er das stärkste Fussballteam seit langem hatte. Der Ausschluss des Teams Rest-Jugoslawiens 1992 war gerechtfertigt angesichts der von diesem Staat unterstützten Blutbäder in Kroatien und Bosnien. Dragan Stojkovic war unter jenen Spielern, die 92 um die Teilnahme und vielleicht einen grossen Erfolg kamen (hat aber vorher und nachher Turniere gespielt). Kroatiens Unabhängigkeit wurde Anfang 1992 international anerkannt, für die Qualifikation für die WM 1994 war das zu spät, daher fiel etwa Davor Suker damals um eine Teilnahme um; sein grosser Auftritt kam vier Jahre später.

Ciro Ferrara hat die Turniere 1996 und 1998 verletzungsbedingt verpasst, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. „Ruud“ van Nistelrooy hat sich kurz vor Beginn der Euro 2000 verletzt, so war es 2002 bei Canizares und Deisler. Javier Zanetti und einige andere argentinische Stars wurden 2006 nicht berücksichtigt. Zlatan Ibrahimovic hat mit Schweden die Qualifikation für die WM 2014 verpasst, evtl auch für 2016. „Dida“ (Nelson de Jesus Silva) ist ein Fussballer, der fast alles gewonnen hat: Copa America (99), Confederations Cup (97, 05), 2 Mal die Champions League mit AC Milan, einmal die Klub-WM, die Copa Libertadores, bei Olympia 96 hat er mit dem brasilianischen Team immerhin die Bronzemedaillie gewonnen; und, er war auch beim WM-Sieg 02 dabei, allerdings war der Tormann ausgerechnet bei diesem wichtigsten Erfolg nur Reservist.

Es gibt dann jene Spieler, die sich in ihrem National-Team nicht durchsetzten und deshalb nie bei Turnieren dabei waren oder diesbezüglich unter ihren Möglichkeiten blieben. Etwa Bernd Schuster (nie bei einer WM), Andy Cole (bei keinem Turnier dabei), Giovane Elber, Peter Pacult (hätte eigentlich 1990 dabei sein müssen), Thomas Allofs, Victor Antelo (Bolivien), Michael Zorc, Pierre van Hooydonk, Manfred Burgsmüller, Marco Simone, Lars Ricken.

Und dann gibt’s jene, die überhaupt nie für ein Nationalteam spielten, zumindest nicht auf A-Level (und deshalb auch bei keinen Turnieren dabei waren), aus welchen Gründen auch immer. Bei „Soccernostalgia“ (Englisch) gibts eine 9-teilige Serie über „The uncapped“, die namhaftesten Fussballer, auf die das zutrifft, hier Teil 1. Er hat u.a. Delio Onnis (den Argentinier, der in der ewigen Torschützenliste der französischen Liga noch immer sehr weit vorne ist), Jimmy Case, Bernd Dürnberger, Thomas von Heesen, Maurizio Ganz, John McGovern (Schottland), Norbert Nachtweih, Sergio Brio, H.-P. Lehnhoff, Pietro Virdis, Horst Blankenburg, „Nayim“ (Spanien), Roland Grahammer, A. Di Bartolomei, Fritz Walter II. Manche von ihnen haben in Nachwuchs- oder Olympia-Nationalteams gespielt, Grahammer zB in mehreren. Gunnar Sauer war sogar bei einem Turnier im Kader (EM 88) ohne Nationalspieler zu werden.

Sean Dundee verdient hier besondere Aufmerksamkeit. Als Südafrikaner irischer Herkunft in Durban geboren, ist er den Weg über eine deutsche Regionalliga (Ditzingen) gegangen, um in der 1. Bundesliga, bei Karlsruhe, zu landen. Dort schoss er auch seine Tore, weshalb der damalige südafrikanische Teamchef Barker auf ihn aufmerksam wurde. Ungefähr zur selben Zeit hat auch Bundestrainer Vogts Interesse an ihm bekundet. Barker berief Dundee Ende 1995 zu einem Länderspiel in Johannesburg – gegen Deutschland. Er meldete sich dort dann verletzt, nahm auf der Bank Platz – ob er auch am Spielbericht stand, also Ersatzspieler war, ist mir nicht bekannt. Danach entschied er sich für Deutschland, saß bei der DFB-Elf dann aber auch (nur) einmal auf der Bank; und spielte einmal im B- bzw A2-Team.

Jocelyn Blanchard ist einer, den Soccernostalgia nicht hat. Oder Juan Lozano (setzte sich zwischen die „Stühle“ Belgien und Spanien), Klaus Bachlechner (der wohl beste Fussballer, den Südtirol hervorbrachte; Enzo Bearzot ist zwar auf ihn aufmerksam geworden, hat ihn aber nicht einberufen), Heinz Stuy (mehrere Meistercup-Siege mit Ajax), Walter Knaller (Hickersberger Ende der 1980er über ihm: „Die Rufe nach Knaller habe ich gehört.“).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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