Politiker, die Geschichte schrieben

Es geht hier um Historiker, die als Politiker wirkten. Historiker, die Geschichte machten bzw Politiker, die Geschichte schrieben. Auch antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichtsschreiber werden dabei als Historiker behandelt, obgleich sie nicht Geschichtswissenschafter im heutigen Sinne waren. Erst mit der Aufklärung ist eine einigermaßen vernünftige Geschichtsschreibung anzusetzen. Abzugrenzen ist die Thematik von Geschichtspolitik, der aus politischen Gründen formulierten Interpretation von Geschichte.

Die Verbindung von politischer Tätigkeit und historischen Kenntnissen macht einerseits Sinn, ist andererseits widersinnig. In der Politik zählen in der Regel Kurzzeit-Effekte, ist die Zufriedenstellung der Wählerschaft bzw eines Teils davon gefragt (siehe den „Guardian“-Artikel unten), historische Dimensionen sind aus dieser Sicht eher eine Bürde. Und manchmal sind Politiker besser, die keinen historischen Anspruch erheben bzw nicht in historischen Kategorien denken… Bei Wahlen sind historische Themen in der Regel nicht von Bedeutung, es sind in erster Linie die Persönlichkeit des Kandidaten und sein Auftreten von Bedeutung, nicht seine Kenntnisse und Fähigkeiten.

Andererseits, der Historiker lernt normalerweise einiges, was auch auch ausserhalb historischer Arbeitsfelder zu gebrauchen ist, auch in der Politik eigentlich: Zusammenhänge herzustellen, einzelne Phänomene richtig einzuordnen, komplex zu denken, Dingen auf den Grund zu gehen, die menschliche Gesellschaft zu erforschen, Informations-Quellen kritisch zu betrachten,… Ein Grundverständnis für historische Zusammenhänge wird Politikern immer wieder von Nutzen sein. Ehrlichkeit bei der Ursachenforschung ist in der Politik aber möglicherweise eher ein Nachteil.

Die jüdische US-amerikanische Historikerin Barbara Tuchman beschrieb in „Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam“ (englisches Original 1984) anhand einiger Beispiele Fehler von Herrschenden, die Entwicklungen zu ihren eigenen Ungunsten auslösten, zB wie Torheit der Päpste die Kirchenspaltung zur Folge hatte. Sie befasste sich überhaupt bevorzugt mit Schwächen und Tugenden von Entscheidungsträgern. Aus Geschichte kann man nach Tuchmans Überzeugung trotz aller Einmaligkeit des jeweils Geschehenen lernen; Politikberatung durch Historiker sei erlaubt und geboten.

John F. Kennedy hatte ihr Buch „August 1914“ über den Ausbruch des 1. Weltkriegs ebenfalls gelesen und erinnerte sich während der Kuba-Krise 1962 hieran. Er war sich anscheinend sicher, dass die Sowjetunion wegen Kuba keinen Krieg beginnen würde und fürchtete gleichzeitig, dass Missverständnisse und falscher Stolz die beiden damaligen Supermächte in einen Krieg verwickeln könnten. Daher gab er für die Seeblockade gegen Kuba die Richtlinie aus, im Falle des Bruchs nur auf Steuerruder und Schiffsschrauben der sowjetischen Schiffe zu zielen, und die Priorität auf die Suche nach sowjetischen U-Booten zu legen und nicht auf das Durchsuchen der anzuhaltenden Schiffe.

Durch Beratung haben sich viele Politiker eine historische Perspektive „geholt“, man denke etwa an Helmut Kohl und Michael Stürmer. Die Unfähigkeit geht aber auch oft von Historikern aus, diese sind nicht immer „die Vernunft“ neben den unfähigen/korrupten Politikern. Der gerade eben genannte ist eigentlich dafür ein ganz gutes Beispiel. Manche Politiker glauben auch, mit ihren Memoiren o.ä. Geschichte geschrieben zu haben. Dumme Geschichtsauffassungen von Politikern liegen entweder ihrer Ideologie zugrunde oder aber sie versuchen, ihre Politik durch solche Geschichtsinterpretationen zu erklären.

Die lateinische Phrase historia magistra vitae (est) von Cicero (De oratore, II 9) bedeutet „Geschichte (ist) Lehrmeisterin des Lebens“. Das Prinzip bedeutet, dass aus der Geschichte Lehren zu ziehen sind, um Fehler zu vermeiden. Eine wichtige geschichtsphilosophische Aussage (Geschichtsphilosophie reflektiert zum anderen auch die Arbeit der Historiker). Das Kennen von Geschichte ist demnach die Voraussetzung.

Im Gegensatz zum Politiker gibt es für den Historiker eine genormte Ausbildung. In historischen Kernberufen geht es um das Vermitteln von und Forschen an Geschichte, als Lehrer, an Hochschulen, in der Erwachsenenbildung, in Museen und Archiven, als Autor von Büchern, in Agenturen (für Provenienzforschung u.ä.). Nahe daran sind Medien/ Journalismus („Lernen’S a bissl Geschichte, … Herr Reporter!“ 1), Wirtschaft (zB Tourismus), Behörden (Öffentlicher Dienst, auch diplomatischer). Interessanterweise ist der Anteil von Exilanten/Emigranten an bedeutenden Historikern ziemlich hoch.

Der kornische Historiker G.M. Trevelyan (19./20. Jh.) bekannte sich zur offen parteiischen, von persönlichen Urteilen gefärbten Geschichtsschreibung und wandte sich gegen den Versuch, sich der Geschichte auf dem Weg der leidenschaftslosen, objektiven Analyse anzunähern. Den politischen bzw ideologischen Blick in die Geschichte gibt es ohnehin, und Geschichtsschulen (zb die marxistische). Historiker, die politisch engagiert sind, gibt es sehr oft, solche die selbst Politik gestalten wollen, sind sehr selten. In der Regel wurden diese zuerst Historiker, dann Politiker. Das eigene Wirken wird daher selten behandelt.

Philippe Maurice war zuerst „Gangster“, dann Historiker. Er wurde 1980 wegen Mordes zum Tode verurteilt. Er profitierte von der Abschaffung der Todesstrafe  durch den neugewählten Präsidenten Mitterrand 1981; seine Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Maurice holte im Gefängnis den Gymnasiums-Abschluss nach und studierte Geschichte. Nach 23 Jahren wurde er auf Bewährung freigelassen. Er ist Dozent mit Mittelalter-Schwerpunkt an der EHESS in Paris.

Jeder Mensch ist ein Repräsentant der Geschichte, jeder Historiker ist Teil seiner Zeit und seiner Kultur. Howard Zinn stellte 1970 fest “We can separate ourselves in theory as historians and citizens. But that is a one-way separation which has no return: when the world blows up, we cannot claim exemption as historians.” Auch Historiker sind der Politik bzw der Geschichte (ihrer Zeit und ihres Ortes) „ausgeliefert“. Henri Pirenne schrieb in „Mohammed und Karl der Grosse“ (1937), erst die Ausbreitung des Islam habe eine Umorientierung in Europa bewirkt, einen Bruch mit der Antike, und die Karolinger-Zeit sei der eigentlich Beginn des Mittelalters. Dan Diner thematisiert in einem („posthumen“) Nachwort zu dem Buch Pirennes wallonische Identität und dessen Erfahrung im 1. Weltkrieg, als er von den deutschen Besatzungsbehörden verhaftet und deportiert wurde. Er schliesst nicht aus, dass die Reduzierung der Rolle der Germanen beim geschichtlichen Umbruch zum Mittelalter (nicht schon mit Merowingern) in Pirennes These vor diesem Hintergrund zu sehen ist. Diner: „… ist … anzuerkennen, dass der Historiker nicht in einem geschichtslosen Raum als geschichtsloses Subjekt wirkt.“

Ein Studium der Politikwissenschaften wäre die „eigentliche“ Ausbildung für den Beruf Politiker, da geht’s um Analyse von Politik. Politikwissenschafter dürfte es aber noch weniger in der Politik geben als Historiker. Politiker sind meist Juristen, Beamte, Interessensvertreter/Lobbyisten, früher oft Geistliche (bzw gleichzeitig Machthaber, kraft ihres Amtes). Karrierechancen in der Politik gibt es für Absolventen jeder Ausbildung und Angehörige jedes Berufes in der Regel nur mit vorhandenen persönlichen Netzwerken bzw. dem Rückhalt einer Partei. In Diktaturen gibt es weitere Einschränkungen beim Weg in die Politik.

Hitler hatte keinen Beruf (und wenig Bildung), Stalin ebenfalls nicht. Der eine wollte Priester werden, der andere Maler. Mussolini oder Stenzel waren Journalisten, bevor sie in die Politik gingen. Franco, Peron, „Atatürk“, De Gaulle, Nasser und Bonaparte waren Offiziere/Militärs. Nehru, Lincoln, Adenauer, Obama (auch wenn er zeitweise als Sozialarbeiter arbeitete) oder Mandela waren/sind gelernte Juristen; Guttenberg wurde diese Qualifikation aufgrund von Plagiaten in seiner Dissertation aberkannt. Mao war Bauer und Hilfsbibliothekar, J.F. Kennedy Ökonom, „Lula“ Da Silva ebenso wie Walesa Arbeiter und Gewerkschafter, Senghor Philologe, Offizier und Dichter. Mediziner gibts ab und zu in der Politik. Als der Premier von Apartheid-Südafrika, Verwoerd (ein Psychologe und Journalist), 1966 im Parlament erstochen wurde, waren gleich einige Abgeordnete, die Ärzte waren, mit Hilfe zur Stelle. Vaclav Havel war einer der eher wenigen Künstler, die sich die Politik antaten. Merkel und Lafontaine sind Physiker. Auch „Joschka“ Fischer hat eigentlich keinen Beruf gelernt. Khomeini oder Richelieu waren Geistliche. Bin Laden war Ingenieur und Bauunternehmer bevor er sich politisch „engagierte“. Haile Selassie (Tafari Makonnen Woldemikael) war Sohn eines (adeligen) Gouverneurs, hatte diese Funktion dann selbst inne. „Romario“ oder Peter Stastny waren Sportler.

Es gibt einen Film von Tim Robbins aus 1992, „Bob Roberts“. Roberts ist ein konservativer Folk-Sänger und Selfmademillionär, der zu den Senatswahlen 1990 im Bundesstaat Pennsylvania als Kandidat antritt. Der Film beschreibt den Wahlkampf des „rechten“ Bob Dylan, ist eine politsatirische, sozialkritische Mockumentary. Die Roberts-Figur will eben eine Alternative zu dem gängigen Juristen-Politiker sein.

Franjo Tudjman musste den mysteriösen Tod der Eltern überwinden, ging zu den Partisanen, dann zur „Jugoslawischen Volksarmee“ (JNA). Wo er seine Ausbildung als Historiker machte, ist nicht ganz klar: an der Militärakademie, am Institut für Arbeitergeschichte, im Rahmen seiner Ausbildung als Politikwissenschafter? Er hat aber anscheinend darin einen Abschluss gemacht und auch geforscht, gelehrt und publiziert. Eine Abschlussarbeit schrieb er über das Scheitern des Ersten Jugoslawiens, jenem der Zwischenkriegszeit, dem monarchistischen. Seine Geschichtsauffassung und sein politisches Engagement bedingten einander ! An einem Punkt sah er Kroatien in einem sozialistischen Jugoslawien nicht mehr gut aufgehoben und kam in Dissidenz zu diesem Jugoslawien. Seine politische Haltung zeigte sich in seinen historischen Publikationen. Eine Verharmlosung des Ustascha-Regimes wurde ihm vorgeworfen. Nach der Teilnahme am Kroatischen Frühling kam er das erste Mal ins Gefängnis. Danach unternahm er Auslandsreisen, nahm mit Hilfe der katholischen Kirche Kontakte zur kroatischen Diaspora (Westeuropa, Nordamerika, Ozeanien, Südamerika) auf. In den 1980ern wiederholte sich das, zuerst neuerlich Gefängnis, dann Auslands-Reisen.

1989/90 die Gründung der oppositionellen HDZ, in einem liberaleren Klima in der SFR Jugoslawien. Im Frühling 1990 Wahlen zum Parlament, dieses wählte Tudjman zum Präsidenten Kroatiens. Er berief den Hardliner Susak aus der Diaspora (eigentlich kroatischer Bosnier) zum Verteidigungsminister. Mit der serbischen Minderheit Kroatiens sowie mit Serbien (unter Milosevic) schaukelten sich Spannungen auf. Das Sahovnica-Symbol und die kroatische Nation sind älter als die Ustascha, dennoch wurde das Ansteuern von Souveränität durch die neue kroatische Regierung gerne mit dieser faschistischen Bewegung in Zusammenhang gebracht. Tudjmans Geschichtsbild war vielfach undifferenziert, auf der Gegenseite die noch plumperen gross-serbischen Geschichtsklitterungen. Tudjman war einer der Republiks-Präsidenten des späten Jugoslawiens, die statt einer Reform Jugoslawiens dessen Ende wollten.

Im Sommer 1991 die Erklärung der Unabhängigkeit von Jugoslawien, zusammen mit Slowenien. Dann der Krieg 91/92 (ein schleichender Beginn), es ging darin um die Loslösung der grossteils serbisch besiedelten „Krajina“ von Kroatien, einer möglichst grossen. Daneben das Mitmischen Kroatiens unter Tudjman im Krieg in Bosnien-Herzegowina, meist gegen Milosevic, zeitweise mit ihm. Tudjmans Autokratie zeigte sich etwa beim Eingreifen in die Kommunalpolitik von Zagreb. Nach seinem Tod infolge einer Krankheit ging für Kroatien eines Zeitalter los. Im deutschen Wiki-Artikel (& Diskussion) wird er aber für „Antisemitismus“ gescholten, na ja, mit Verweis auf „Hagalil“ und die Radonic von der inzüchtigen Wiener Politikwissenschaft…scharfrichterlich-verdreht-politisch „korrekt“.

Über Nicolae Iorga habe ich das Einiges schon hier geschrieben. Er begründete nach der Ausbildung die PND mit, wurde in den 1930ern Premierminister, Innenminister, Parlamentspräsident. Sein Geschichtsbild hat bei ihm die politische Ideologie nicht nur beeinflusst, sondern geformt. Er wurde 1940 von der faschistischen „Garde“ ermordet. 1936 setzte er sich für den armenisch-ungarischen Archäologen Márton Roska ein, der für seine Thesen zu Transsylvanien angeklagt war; Transsylvanien könne nicht mit Gefängnisstrafen verteidigt werden. Iorga war skeptisch gegenüber einer ukrainischen Nation/Identität/Unabhängigkeit. Er nahm positiv Bezug zum Balkan, womit er aus dem rumänischen Geistesleben herausragte, als „Regatler“ war ihm das näher als das Mitteleuropäische, sah den Balkan aber durch die Donau begrenzt, womit ein Teil Serbiens und der grösste Teil Rumäniens nicht dazugehören würden (nur die Dobrudscha). Er nannte den Balkan aber auch „orientalisch“ und „unterentwickelt“ (etwas, das aus rumänischer wie mitteleuropäischer Sicht zT auch auf Russland bzw das Ostslawentum zutraf). Hier noch etwas zu Iorga.

Zu Niccolò Machiavellis Zeiten (Übergang Mittelalter-Neuzeit) schloss Universalbildung Geschichtsschreibung mit ein. 1494 wurden die Medicis in der Republik Florenz durch den Geistlichen Savonarola vertrieben, dieser wurde de facto Herrscher dort, bis zu seiner Hinrichtung 1498. Danach, unter Soderini, wurde Machiavelli Amtsträger in der Republik, eine Art Minister (Aussen-, Verteidigung-), führte Militärreformen durch. Mit der Rückkehr der Medici 1512 wurde er abgesetzt. Im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici verfasste Machiavelli von 1521 bis 1525 seine Abhandlung über die Geschichte von Florenz, die den Zeitraum von der Gründung der Stadt bis knapp vor seiner eigenen politischen Tätigkeit in ihr abdeckt. Er schildert die Florentiner Politik aber durch die Brille seiner politischen und historischen Überzeugungen. An Geschichtswerken stammt von ihm eigentlich nur das, seine Hauptwerke sind eher politikwissenschaftlich-philosophisch, darunter sind aber auch geschichtsphilosophische Betrachtungen: „Der Fürst“ („Il Principe“; auch die Einigung Italiens ist darin ein Thema), „Discorsi“ (sopra la prima deca di Tito Livio; Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius). Daneben schrieb er Gedichte. Dass sein Name mit einem raffinierten aber unethischen Vorgehen verbunden ist, kommt hauptsächlich von seinen Ausführungen im „Principe“.

Thukydides war eigentlich Militär und nicht Politiker, aber jedenfalls Machthaber.  Etwas jünger als Herodot, war der Athener Stratege im Archidamischen Krieg, einem Abschnitt des Peloponnesischen Kriegs, dem Krieg zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter Sparta, von 431 v. C. bis 404 v. C., unterbrochen von einigen Waffenstillständen. Nach dem Nikiasfrieden lasteten die Athener den Verlust von Amphipolis ihrem Strategen Thukydides an und fassten den Beschluss zu seiner Verbannung – dort wurde er Geschichtsschreiber, zum Historiker des Peloponnesischen Krieges. Er war also zuerst „Politiker“, dann „Historiker“. Darüber, wo und wie Thukydides die 20 Jahre in Verbannung verbracht hat, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse; er selbst hat über seine Verbannung und ihre Vorgeschichte nichts geschrieben. Sie endete jedenfalls mit dem Ende des Peloponnesischen Krieges, der Niederlage Athens. Sein Werk prägt das Wissen über diesen Krieg bis heute maßgeblich, trotz seiner durch seine Involvierung bedingten Parteilichkeit. Die letzten Jahre des Kriegs hat Thukydides nicht mehr behandelt.

Johann Droysen aus Pommern studierte Philosophie und antike Philologie in Berlin, u.a. bei Hegel. Dass eine systematische Geschichtswissenschaft entstand, ein eigenes Geschichtsstudium, dazu trug er später bei. Er war Lehrer an einem Berliner Gymnasium, Hauslehrer von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Professor an diversen deutschen Universitäten. Einer der bedeutendsten Studenten, die Vorlesungen bei Droysen besuchten, zählt Friedrich Meinecke. Droysen beschäftigte sich mit griechischer Antike und preussischer Geschichte. Er lehnte Objektivität in der Geschichtsschreibung auch ab, „Geschichte ist das Wissen der Menschheit von sich, ihre Selbstgewissheit.“ Er machte sich für die Geschichtstheorie/Historik verdient, indem er die Hermeneutik als geschichtswissenschaftliche Methode mitbegründete, ebenso die ersten grundlegenden methodischen Anleitungen für ein Geschichtsstudium. Auch im Institutionalisierungsprozess der Geschichte als eigenes akademisches Fach spielte er eine Rolle, die zur Zeit seiner eigenen Ausbildung noch Teildisziplin anderer Wissenschaften war. Politisch engagierte er sich u.a. als Abgeordneter zur Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, wo er der nationalliberalen „Casino“-Fraktion angehörte; auch für die Abtrennung Schleswigs und Holsteins von Dänemark und die Vereinigung mit Deutschland. Sein Sohn Gustav Droysen wurde ebenfalls Geschichtsprofessor und legte wichtige Forschungen zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges vor.

Winston Churchill war Offizier, Journalist, Politiker und Amateur-Historiker, als solcher wird er ausnahmsweise hier behandelt. Schwerpunkte seiner politischen Karriere waren die britischen Kolonien, der Kampf gegen NS-Deutschland im 2. Weltkrieg und dann der Kalte Krieg. Als Lord der Admiralität (Marineminister) verheizte er im 1. Weltkrieg 1915 Zehntausende Soldaten aus Grossbritannien und seinen Kolonien in einem später als sinnlos bewerteten Feldzug gegen das Osmanische Reich. Für die Hungersnot in Bengalen, Britisch Indien, 1943, mit Millionen Toten wird der britischen Regierung unter Churchill eine Mitschuld gegeben, neben natürlichen Gründen (Schädlingsbefall) und kriegsbedingten (benachbartes Birma von Japanern besetzt). Die Vorwürfe gehen dahin, dass die Briten Reis für die Versorgung der britisch-indischen Armee und des britischen Mutterlandes horteten. Churchill hat seine Verachtung für die Inder immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Er wollte bei den britischen Wahlen 1955 (vor denen er als Premier abtrat) „Keep Britain White“ als Anti-Einwanderungs-Slogan der Konservativen Partei, setzte sich nicht durch. Der Imperialismus „draussen“ und der Rassismus „daheim“ korrelierten miteinander. Churchill wollte ein Imperium erhalten, das (u.a.) wirtschaftlich von denen abhängig war, die er und seinesgleichen als „minderwertig“ betrachteten. Nicht-Weisse im Empire sollten für britische Ziele arbeiten oder kämpfen, aber gleichberechtigt sein?! Zu seinem Wirken als Historiker hier ein Überblick (Englisch). Sein Glaube an die Auserwähltheit der Angelsachsen kommt auch darin zum Ausdruck. 1953 erhielt er ja den Nobelpreis für Literatur für sein Werk über den Zweiten Weltkrieg, in jenem Jahr, als er am Sturz der iranischen Demokratie beteiligt war.

Auch Władysław Bartoszewski wurde von der Muse Clio geküsst. Kurz nachdem der Katholik in Warschau sein Studium abschloss, kam der Krieg dorthin. Er war sowohl unter der deutschen Besatzung als auch unter der sowjetischen bzw der beginnenden kommunistischen Diktatur im Widerstand tätig und inhaftiert, auch im Lager Auschwitz /Oswiecim (unter den Nazis). Danach war er als Publizist tätig. Nach der Wende 1989 wurde er Diplomat und parteiloser Aussenminister für das demokratische Polen. Er hat sich immer wieder für gute Beziehungen Polens zu Deutschen und Juden eingesetzt.

Jean Jaures, der Sozialist in Frankreichs 3. Republik, war nach der Ausbildung Lehrer und Dozent, und für das republikanisches Lager in der Nationalversammlung. Der Linksrepublikaner war auch als Journalist und in der Lokalpolitik aktiv, auch mit akademischen Studien beschäftigt, darunter einer 1901 veröffentlichten, bemerkenswert neutralen Analyse der Gründe des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871. Im linken politischen Spektrum Frankreichs, das sich damals formierte, wurde er eine Führungsfigur, als SFIO-Chef. Vor Ausbruch des 1. WK, für dessen Verhinderung er sich eingesetzt hatte, wurde von einem Nationalisten ermordet.

Michael Ignatieff, der Kanadier teilweise russischer Herkunft, war als Historiker wissenschaftlich, literarisch und journalistisch tätig. Als er schwer auf die 60 zuging, liess er sich davon überzeugen, für die der Mitte-Links stehende Liberale Partei in die Politik zu gehen, 08 wurde er zum Chef dieser Partei gewählt, die damals in der Opposition (zur konservativen Regierung unter Harper) war, blieb es bis 11, ehe er seine historische Schulung wieder anders einsetzte. Besonders aussenpolitisch wankte er als Politiker zwischen liberal und konservativ hin und her; den israelischen Angriff 06 auf Kana im Libanon zB verharmloste er zunächst, bezeichnete ihn dann als Kriegsverbrechen.

Der vor drei Monaten verstorbene Juri Afanasiev war in der Sowjetunion mit einem Fuss im System, mit dem anderen Dissident, wurde in der Perestroika wichtig. In dieser Endphase der SU wurde er ins Parlament gewählt, hielt sich dort auch in der Frühphase des unabhängigen Russlands. Als Aktivist für ein demokratisches Russland war er stark gegen Putin eingestellt.

Yusuf Halacoglu war Chef der staatlichen türkischen „Geschichtspolitik-Agentur“ TTK, die hauptsächlich mit „alternativen Versionen“ zum Genozid an den Armeniern beschäftigt ist. Darin war auch er aktiv, linientreu, aber (wie es scheint) ohne Hass. 2015 wurde er konsequenterweise MHP-Abgeordneter.

Yigal Yadin (Sukenik) war wie sein Vater, der aus dem damals russischen Ost-Polen ins damals osmanische Palästina eingewandert war, als zionistischer Milizionär und Geschichtsverdreher aktiv

Newt Gingrich: seine strunzndumme Politik ist wohl nicht von seinem Geschichtsbild zu trennen

Der italienische Historiker und Philosoph Benedetto Croce war 1944 bis 47 Führer der liberalen PLI

Fritz Neugebauer: Naja, Lehrer u.a. für Geschichte an Haupt- und Volksschulen, also i-wie Historiker, als Gewerkschafter (ÖAAB, FCG) in die Politik (ÖVP, Nationalrat)

Sallust (Gaius Sallustius Crispus): Parteigänger von Julius Caesar, nach seinem Rückzug aus der Politik widmete er sich der Geschichtsschreibung und führte sie im Lateinischen zu ihrem ersten Höhepunkt. Vorbild für ihn war Thukydides

Weiters: Adolphe Thiers (direkt an die Macht zu Beginn der 3. Republik), Ernst M. Arndt, Cicero, François Guizot (starker Mann unter Louis-Philippe d’Orleans), Bronislav Geremek, Gottfried W. Leibniz (auch Historiker bevor die Ausbildung dazu genormt wurde, als Teil seiner Universalbildung, und politischer Berater), Arthur Schlesinger (Politiker-Berater), Heinrich von Treitschke, C. Alexis de Tocqueville, Theodore Roosevelt, Evangelos Averoff-Tositsas (aromunischer Grieche), Snorri Sturluson (Island), Ludwig Quidde, Mihail Kogalniceanu, Franz Schausberger, John Dalberg-Acton, Christoph Stölzl, William Hague, Spyridon Trikoupis, James Bryce (GB), Peter Kaiser (Liechtenstein), Walter Goetz, Hertha Firnberg, Richard Hart (Jamaika), Genc Pollo (Albanien, in post-kommunistischer Politik dabei), Alfred von Arneth, Hans Delbrück, Heinz Schaden (seit 1999 Bürgermeister der Stadt Salzburg, der erste direkt gewählte), Markus Kutter (Schweiz), G. G. Gervinus, Conor Cruise O’Brien (Irland), Hermann Bengtson, Lajos Thalloczy, Burikukiye Prosper alias Bahaga (Burundi), Michael Drayton (England, 16./17. Jh, auch eine Definitionsfrage), Geza Jeszenszky (Ungarn), Emil Strauss (1889–1942),…

Ausser-europäische Politiker-Historiker habe ich kaum welche gefunden (ja, Nordamerikaner,..), solche die in dem einen oder dem anderen Bereich namhaft waren, in weit vergangenen oder aktuelleren zeiten; warum eigentlich? Ein Kandidat wäre Mohammad-Javad Larijani, ein Funktionär im islamistischen Regime des Iran, Bruder des Parlamentspräsidenten Ali, ist einigen Angaben zufolge auch Historiker, anderen zufolge aber hat er Mathematik studiert.

Ivo Goldstein ist Historiker, sein Vater Slavko Politiker (Gründer der HSLS). Joachim Petzold war ein bedeutender DDR-Historiker, SED-Mitglied, aber kein Politiker. Peter Brandt war nur Politiker-Sohn (und gesellschaftlich engagierter Historiker).

http://www.theguardian.com/education/2014/oct/07/why-politicians-need-historians

 

 

 

 

 

Ali Saad Dawabsha gewidmet

 

 

 

  1. Der damalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky 1981 zum (SPÖ-nahen) ORF-Reporter Ulrich Brunner. Hintergrund war der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Bauskandal beim Wiener Allgemeinen Krankenhaus. SPÖ und ÖVP stritten über Zeugenladungen. Kreisky sah in dem Vorgehen der ÖVP über den Bundespräsidenten die Gefahr einer innenpolitischen Krise wie in der 1. Republik. Das verkündete er auch im Pressefoyer nach dem Ministerrat. Auf Brunners Einwand, dass man das doch niemandem im heutigen Österreich unterstellen könne, verwies Kreisky auf den gerade in Spanien scheiternden Putschversuch. Auf das hin bzw der Frage der Vergleichbarkeit des aktuelen Österreichs mit Krisensituationen kam der Dialog Regierungschef-Journalist zu dem besagten Ausspruch des Politikers. Kreisky war damals nicht mehr ganz gesund und beim Pressefoyer immer gereizter.

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