Morphium

Entwicklung

Es geht hier um eine Droge, die nicht mehr aktuell ist, das zu Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals hergestellte Morphium bzw Morphin. Das Alkaloid wurde wurde von seinem “Entdecker” “Morphium” genannt und bald wurden Präparate damit unter diesem Namen industriell hergestellt und vertrieben; als wissenschaftliche Bezeichnung hat sich aber “Morphin” durchgesetzt. Für den Gebrauch als Droge wird weiter vorwiegend “Morphium” verwendet. Die englische (und französische) Bezeichnung ist “Morphine”. Morphium war Grundlage für das fast 100 Jahre später ebenfalls in Deutschland entwickelte “Heroin” (Diacetylmorphin). Die Injektionsspritze und Kriege verhalfen dem Morphium zur Ausbreitung. Es hatte eine kurze Hoch-Zeit, Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jh, vorwiegend in der westlichen Welt. Am höchsten war die Welle des Morphium-Gebrauchs in der Zeit des Fin de siècle, danach wurde es hauptsächlich vom Heroin verdrängt. Viele literarische oder Film-Figuren aus dieser Zeit waren Morphinisten, und auch reale Personen. Dies ist also die Kulturgeschichte des Morphiums.

Die Suche nach den Wirkstoffen im Opium war seit dem 17. Jahrhundert im Gang. Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert versuchten Apotheker und Chemiker in Europa durch Extraktion, Ausfällen, Dekantieren und Filtrieren die Inhaltsstoffe von Arzneipflanzen und deren chemische Zusammenhänge zu ergründen, und überhaupt pflanzliche Inhaltsstoffe zu isolieren.

1803 wurde in Frankreich Morphin, wichtigstes Alkaloid des Morphiums, erstmals isoliert, von Armand-Jean-François Séguin und seinem Assistenten Bernard Courtois. Seguin hielt darüber 1804 einen Vortrag (vor der Academie des Sciences), der allerdings erst 1814 veröffentlicht wurde. Zu weiteren Untersuchungen kam Seguin aufgrund einer von durch Napoleon veranlassten Anklage gegen ihn nicht mehr. Auch Louis-Charles Derosne befasste sich (unabhängig von Seguin) mit der Analyse der Bestandteile des Opiums, isolierte ebenfalls 1803 ein “Opiumsalz”, das nach heutiger Ansicht ein Gemisch aus Morphin und Narkotin (Narcotin) war. Antoine Baumé hatte Narkotin bereits 1762 aus Opium isoliert.

Der Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner, der eben erst seine Lehrzeit beendet hatte, wandte sich 1803 in der Cramer’sche Hofapotheke in Paderborn dem Problem der unterschiedlichen Wirksamkeit von Opium (das bei der Schmerzbekämpfung eingesetzt wurde) zu. Er begann bei seiner Analyse von Roh-Opium mit einem wässrigen Auszug durch Auskochen. Diesen neutralisierte er mit Ammoniak. Er gab den Niederschlag einem Hund zu testen, liess es Mäuse probieren. Da sich dieser sich nicht in Wasser, wohl aber in Essigsäure löste, vermutete er richtig, dass es sich um einen alkalischen (basischen) Stoff handle. Damals wurde angenommen, dass pflanzliche Wirkstoffe nur als Säuren vorliegen würden.

Sertürners Isolierung von Morphin aus Opium und die Erkenntnis darüber fiel ins Jahr 1804. Er nannte dieses erste isolierte Alkaloid1 “Morphium”, nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.2 Sertürner publizierte seine Erkenntnisse 1806, im “Journal der Pharmacie” von Trommsdorff, im Artikel “Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer chemischen Untersuchung des Opiums”. Zum ersten Mal lag die chemisch reine Form eines pflanzlichen Arzneistoffs vor, was die exakte Dosierung des Stoffes ermöglichte.

Sertürner in seinem Bericht 1806:

„Wird es ferner erwiesen, daß der schlafmachende Stoff an und für sich dieselben (wo nicht bessere) Wirkungen als das Opium in der thierischen Oekonomie hervorbringt, so sind alle diese Schwierigkeiten gehoben; der Arzt hat nicht mehr mit der Ungewißheit und dem Ungefähre, worüber oft geklagt wird, zu kämpfen, er wird sich immer mit gleichem Erfolg dieses Mittels …, statt der nicht immer gleichen jetzt gebräuchlichen Opiumpräparate bedienen können.“

Sertürner begann 1805 als Mitarbeiter einer Rats-Apotheke in Einbeck nördlich von Paderborn. Nachdem unter Napoleon die Gewerbefreiheit im Königreich Westphalen eingeführt worden war und er 1809 in Kassel sein Apothekerexamen bestanden, erwarb Sertürner ein Patent zur Errichtung einer zweiten Apotheke in Einbeck. Mit der Niederlage von Napoleon und seiner Armee bei Leipzig 1813 wurden in Deutschland die “meisten Uhren zurück gedreht”, fiel auch die gesetzliche Berechtigung für seine Apotheke weg (bzw, überhaupt das Königreich Westphalen). Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (auch Kurfürstentum Hannover genannt), zu dem Einbeck gehörte, wurde zunächst restauriert, dann, durch den Wiener Kongress, 1814 zum Königreich Hannover. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit musste Sertürner 1817 die Apotheke aufgeben. In dieser Zeit überprüfte er die Untersuchungen zum Opium, kam zum gleichen Ergebnis wie ein Jahrzehnt zuvor.

Sertürner publizierte 1817 erneut über die Isolierung des Morphins, dies führte zur Wiederentdeckung seiner vergessenen (untergegangenen) Entdeckung.3 Auf diese Publikation wurde der französische Chemiker Louis-Joseph Gay-Lussac aufmerksam, der auch Herausgeber der Zeitschrift “Annales de chimie et de physique” war. Er veranlasste eine Übersetzung, die nun eine Fülle von Aktivitäten auf diesem Gebiet auslöste. Dazu gehört auch ein Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphin. Über Frankreich fand Sertürner nun auch in Deutschland Anerkennung, wurde (ebenfalls 1817) in die „Societät für die gesammte Mineralogie zu Jena” aufgenommen, deren Präsident zu jener Zeit Goethe war. An der philosophischen Fakultät der Universität Jena reichte er seine Arbeit über das Morphin ein, promovierte damit.

Verbreitung

1821 erwarb Sertürner die Rats-Apotheke in Hameln (ebf. Königreich Hannover), als Nachfolger des ebenfalls bedeutenden J. F. Westrumb. Hier arbeitete er bis zu seinem Tod 1841, blieb daneben wissenschaftlich aktiv, publizierte zu Lehre und Forschung. Die französische Académie des sciences entschied im Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphins um 1830 für Sertürner und gegen Seguin. Der “Erfinder” des Morphins/Morphiums war möglicherweise sein erster Abhängiger. Selbstversuche führte er schon bei der Isolierung durch. Später empfahl er das Mittel anscheinend Kunden seiner Apotheke und Leuten seines Bekanntenkreises, als Linderung für alle möglichen Beschwerden. Morphium wurde zunächst in Sertürners Apotheke vertrieben, als Schmerzmittel sowie für die Behandlung von Opium- und Alkoholsucht.

Der Schritt von lokal, individuell in Apotheken hergestellten und vertriebenen Arzneien zur industriellen Herstellung und zum grossflächigen Vertrieb hängt eng mit dem Morphium zusammen. Auch wegen der kaum zu befriedigenden Nachfrage begann die Loslösung der Arzneiherstellung vom Apothekenlabor. Zur selben Zeit veränderte sich die die Pharmazie von einem reinen Lehr- zum akademischen Beruf. Und, gemäßigte, lokale Herstellung (und Konsum) pflanzlicher Drogen ging über in die industrielle chemische Herstellung konzentrierter Mittel und den Vertrieb dieser Mittel, der Länder und Kontinente umfasste. Diese Entwicklungsschritte, in der späten Neuzeit, gingen nicht zuletzt von Deutschland aus. Diese wissenschaftlich-wirtschaftlichen Umwälzungen (mit gesellschaftlichen Auswirkungen) fanden vor dem Hintergrund politischer Umbrüche statt, dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, den Napoleonischen Kriegen und Staatsgründungen und der Restauration der deutschen Staaten (die nur mit einer schwachen Klammer verbunden waren).

Der französische Mediziner François Magendie publizierte 1818 über die medizinische Wirkung des Morphiums, insbesondere die schmerzlindernde (analgetische). Man hatte ein Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Morphium/Morphin stand lange im Zentrum der Schmerztherapie. Und, vom Schmerzstillenden zum Euphorisierenden ist es eben nur ein kleiner Schritt, das wusste man schon vom Opium. Was mit “hypnotischen” Eigenschaften beschrieben wurde, war nicht nur das Einschläfernde, sondern auch das Rauscherzeugende.4 Verschiedene Apotheker und Chemiker versuchten damals nicht nur erfolgreich, aus Opium weitere Alkaloide zu isolieren, wie Kodein; es gelang auch die Isolierung von Nikotin, Koffein oder Chinin. Dass im menschlichen Körper ein selbst produziertes Opioid existiert, Endorphin (das eigentlich „endogenes Morphin“ bedeutet), wurde erst in den 1970ern erforscht/entdeckt.

Um 1820 begann die (Herstellung und) Verwendung des Morphiums in Deutschland und Frankreich, als Arznei und insbesondere als Schmerzmittel. Wegen des bitteren Geschmacks und ausgelösten Brechreizes war die orale Gabe nicht optimal, suchte man eine Methode, den Verdauungsweg zu umgehen. Als eine Möglichkeit fand man die künstliche Zerstörung der Hautoberfläche (Aufritzen der Haut) und eine Aufnahme über die verletzte Stelle (Morphinanreibung). Daneben wurde vor dem Injizieren auch die Aufnahme über Schleimhäute (Mund, Nase) und durch das Rauchen5 praktiziert.

Die Apothekenlabors waren nicht dafür geeignet und ausgestattet, Arzneistoffe in grossem Ausmaß herzustellen. Manche Apotheker sahen darin ihre Chance, erweiterten ihre Labors oder schufen neue Produktionsstätten. Etwa Emanuel Merck, Besitzer der der in Familienbesitz befindlichen “Engel-Apotheke” in Darmstadt, der sich auch zum Ziel setzte, Arzneistoffe in immer gleich bleibender Qualität zu liefern6. Merck begann 1827 mit der industriellen Produktion von Morphium, als Erster. Er befasste sich mit möglichen Verbesserungen in der Herstellungstechnologie (Extraktion) von Morphium, kam darauf, dass die damals gängigen Verfahren nicht reines Morphin, sondern eine Mischung mit Narcotin darstellten. Innerhalb weniger Jahre wuchs sein Betrieb in einem kaum geahnten Ausmaß, die Morphium-Verkäufe hatten daran einen entscheidenden Anteil. Wie er verlegten sich einige Apotheker darauf, Arzneistoffe und Präparate herzustellen und an andere Apotheken zu liefern. Auch Beiersdorf oder Trommsdorff waren ursprünglich Apotheker, die dann die Herstellung pharmazeutischer Produkte aus der Mutterapotheke lösten bzw Herstellung und Verkauf an den Verbraucher trennten, zweiteres aufgaben.

So entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts die pharmazeutische Industrie, im Zuge einer allgemeinen Industrialisierung, auch ausserhalb Deutschlands. Das Morphium steht am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie; auch einige andere ihrer frühen Mittel kamen aus der Isolierung und dann Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, die auch als Rauschmittel benutzt und später als solche verboten wurden (v.a. Kokain und Heroin). Der Pharma-Konzern Merck erwähnt auf seiner Homepage Morphium und Kokain nicht (etwa im Rahmen seiner Firmengeschichte), trotz (oder wegen) des entscheidenden Beitrags dieser Mittel dazu, die Firma gross zu machen; er beantwortet auch Anfragen dazu abschlägig. (Hier ein bisschen was dazu.)

Morphium wurde als Medizin verstanden. 1822 vergiftete der französische Arzt Edme Castaing damit einen Patienten, um in den Besitz seines Vermögens zu kommen. Er wurde überführt und 1823 in Paris enthauptet. Wahrscheinlich der erste Einsatz des Mittels als Gift. Viel öfters wurde es aber als Rausch-Droge zweck-entfremdet. Morphium bringt die typischen Opiateffekte und -probleme. Von Verstopfung über die Gefahr einer Atemdepression bis zur Sucht, dem Schritt vom “sich gut fühlen damit” zum “erträglich fühlen nur noch damit”. Auch nach einer Schmerzbehandlung war/ist Morphium nicht so leicht abzusetzen. Im Westen löste Morphium Laudanum ab, in Teilen des Orients Rauchopium.

Ende der 1820er stellte Merck aus Pflanzenextrakten Produkte wie Morphium/Morphin, Narcotin, Chinin, Emetin oder Salicin (Vorläufer der Salicyl- und Acetylsalicylsäure) zum Weiterverkauf und Versand her. Nach wiederholten innerstädtischen Verlegungen seiner Produktionsstätten erwarb Merck 1840 ein am Stadtrand von Darmstadt (seit 1806 beim Grossherzogtum Hessen) gelegenes Grundstück zur Gründung einer chemisch-pharmazeutischen Fabrik. Georg Merck, Spross des Familienunternehmens, entdeckte 1848 (im Laboratorium des angesehenen Giessener Chemie-Professors Justus von Liebig) Papaverin, ein weiteres Alkaloid des Opiums. Es wirkt erschlaffend auf die glatte Muskulatur, wodurch ein Einsatz bei Krankheitsbildern wie Asthma oder Darmkoliken sinnvoll wurde. Daneben wurde es bei “erregten Kranken” eingesetzt.

Die Entwicklung der Injektionsspritze wurde durch den Wunsch vorangetrieben, Lösungen damals neu entdeckter, stark wirkender Arzneistoffe, nicht zuletzt des Morphiums, zu verabreichen. Erst die Entwicklung der Spritze durch Charles Gabriel Pravaz (auch hier gab es „Vorarbeiten“ durch andere, die zT Jahrhunderte zurückgehen, und Weiterentwicklungen) in den 1850ern ermöglichte eine einfachere und schmerzlose Applikation; ein grösserer Erfolg des Morphiums als Schmerzmittel erfolgte erst dadurch. Der schottische Arzt A. Wood verabreichte 1853 als einer der Ersten Morphium (genauer: Morphin-Sulfat) mit einer solchen Spritze, führte das ein, was mit den Kriegen in Nord-Amerika und West-Europa bald zu grosser Verbreitung kommen sollte. Woods Frau soll von solchen Injektionen süchtig geworden sein davon. Überdosierungen wirken sich als Injektion „unmittelbarer“ aus.

Kriege haben dem Morphium zu grösserer Verbreitung geholfen, vor allem der US-amerikanische Bürgerkrieg. Möglicherweise war Morphium schon im Krim-Krieg (1853-1856) und im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) im Einsatz. Aber erst im USA-Bürgerkrieg (1861-1865) gab es auch die Möglichkeit der Injektion. Morphinsulfat wurde Kriegsverletzten als Schmerzmittel gespritzt und als Anästhesiemittel bei Operationen eingesetzt7. Daneben wurde es auch bei Durchfall, Malaria und Ruhr verabreicht. Das in beiden beteiligten Armeen. Auch Atropin wurde so verabreicht.

Mehrwegspritzen (aus Glas) gab es viel zu wenige in dem Krieg, auch in der besser ausgerüsteten Nordstaaten- (bzw Bundes-) Armee. Daneben wurden auch Opium-Pillen verabreicht, vor allem dann, wenn Spritzen nicht verfügbar waren. In die Armee der Südstaaten/Konföderierten kamen Morphium und Opium trotz der Seeblockade seiner Häfen, durch Schmuggel und Erbeutung von Vorräten im Norden. Die hygienischen Zustände in den Lazaretten waren erbärmlich, so dass ein potentes Schmerzmittel erst recht vonnöten war. Die Behandlung von Verletzungs-Schmerz mit Opiaten und Injektionen bedeutete einen Durchbruch für die Militärmedizin – und den endgültigen für das Morphium als Schmerzmittel.

Jeder Krieg hat seine Droge und jene des Amerikanischen Bürgerkriegs (in dem schon einiges stark in die Moderne zeigte) war das gespritzte Morphium. Es soll auch für die eine oder andere Aktion von Kriegsteilnehmern “verantwortlich” gewesen sein, etwa den Angriff von CSA-General Richard S. Ewell (der nur mehr ein Bein hatte) auf Gettysburg 1863. Drogengebrauch war in der Militärkultur nichts neues, auch wenn diesbezügliche Überlieferungen über die Assassinen nicht zutreffend sein sollten. Die Frauen in der Familie von Jefferson Davis, dem Präsidenten der Konföderierten Staaten (CSA), sollen stark süchtig gewesen sein, von Morphium oder Laudanum, unabhängig vom Krieg.8 Die Anwendung in Kriegen und danach brachte den Doppelcharakter des Morphiums (eigentlich aller Opiate) gut zum Vorschein, den des Schmerzlinderers und des Freudenbringers. Das Mittel, das einen Schmerzen (bzw Verletzungen, Krankheiten) nicht spüren lässt, darüber hinweg tröstet, wird eben auch zur Abschirmung von negativen Gefühlen verschiedener (anderer) Art geschätzt. Von der Anwendung für die Schmerzlinderung zur Anwendung aus hedonistischen Motiven heraus ist es eigentlich kein so grosser Schritt.

Soldaten bekamen in diesem Krieg grosse Mengen an Opiaten verabreicht. Die eine Wirkung haben, an die man sich schnell gewöhnt. Und, viele trugen vom Krieg bleibende Schäden davon, chronische Schmerzen, Behinderungen, seelische Traumata. Und Morphium war auch nach dem Krieg frei verfügbar. Im Zusammenhang mit der der daraus resultierenden Suchtwelle wird auch von einer “Soldatenkrankheit” (Soldier’s disease) gesprochen. Es ist aber umstritten, wie gross diese Suchtwelle wirklich war und wie viel sie mit dem Krieg zu tun hatte. Siehe dazu einen Link unten zu einem Artikel. Der behinderte/traumatisierte Kriegsveteran, der sich selbst Morphium injizierte und dessen Sucht für Andere offensichtlich war, gab es ihn gegen Ende des 19. Jh tatsächlich in allen US-amerikanischen Städten? Manche Historiker meinen, dass hier übertrieben wurde, um repressive Drogengesetze zu rechtfertigen. Die Zahl der Morphium-Süchtigen in der USA nach dem Krieg muss irgendwas zwischen 40 000 und 400 000 betragen haben.

Das Suchtpotential von Morphium wurde nach diesem Krieg jedenfalls klar. Und, infolge des USA-Bürgerkriegs wurde Morphium als Schmerz- und Rauschmittel dort hegemonial, zT durch Umsteiger vom Laudanum (Opium und Alkohol) und (Rauch-)Opium. Es wurde aber aus Morphium und Alkohol eine Art neues Laudanum gemischt. „Morphinismus“ meinte ursprünglich nur die Abhängigkeit von Morphium, wird auch für andere Opiat-Süchte und sogar andere Drogen verwendet.9 Sie waren eine bemerkenswerte gesellschaftliche Mischung, die Morphinisten der USA des späten 19. Jh.: Bürgerkriegs-Veteranen, chinesische Einwanderer und weisse Mittelstands-Frauen. Manchen Angaben zufolge machten Letztere die Mehrheit davon aus, Damen der sogenannten besseren Gesellschaft, die Morphium gegen Schmerzen und Unwohlsein aller Art nahmen, zu “Injektionskränzchen” zusammen kamen. Alexandre Dumas d. J. nannte Morphium den Absinth der Frauen. Auch Mary Chesnut, durch ihr Tagebuch eine wichtige Zeitzeugin des Bürgerkriegs, nahm es.

In Europa war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 die “Entsprechung” zum amerikanischen Bürgerkrieg, bedeutete die Einführung des (gespritzten) Morphiums in der Militärmedizin (v.a. für Schmerzbehandlung, aber nicht nur), markiert den Beginn der breiten “zivilen” medizinischen Verwendung und seine Durchsetzung in der Gesellschaft zur Selbst-Medikation, nicht zuletzt durch im Krieg süchtig gewordene Soldaten.10 Auch in den anderen Reicheinigungskriegen kam es zur Anwendung. Auch hier wurde man bald auf das im Morphin schlummernde Suchtpotential aufmerksam.

Wieder so eine Koinzidenz, dass der Durchbruch für Morphium in Deutschland und Europa mit der Gründung des Deutschen Reichs zusammenfiel. Es war mir nicht möglich, zweifelsfrei heraus zu finden, ob Merck ein Patent auf Morphium hatte. Jedenfalls hatte es am Weltmarkt eine Hegemonie inne bis zum Ersten Weltkrieg. Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken kamen in den meisten Teilen der westlichen Welt nicht mehr ohne Morphium aus. Seit 1880 wurde es auch massiv nach China importiert, wo man (der Westen) um des Geschäfts willen zuerst das Opium-Rauchen aufrecht erhalten wollte, dann durch seine eigenen Mitteln ersetzen wollte.

Allmähliche Verdrängung

Der Deutsch-Französische Krieg, mit Morphium-Einsatz, führte ja zur deutschen Eroberung von Elsass und Lothringen. Dort, am Pharmakologischen Institut der Universität Strassburg11 arbeitete in den 1880ern der Mediziner Heinrich Dreser (aus Darmstadt). Einige Jahre später war Dreser bei Bayer in Elberfeld tätig, Leiter des dortigen Pharmakologischen Laboratoriums, in dem Ende des 19. Jh Diacetylmorphin (Heroin) und Acetylsalicylsäure (“Aspirin”) entwickelt wurden. Es heisst, dass Heroin aus patentrechlichen Gründen entwickelt wurde, man etwas ähnliches wie Morphium suchte, da Merck das Patent dafür hatte. Ja, und Heroin sollte eine weniger süchtig machende Alternative zu Morphium als Schmerzmittel sein und ein Mittel zur Entwöhnung vom Morphinismus. Auch Kokain wurde als Entzugsmittel für Morphinisten gesehen und verwendet (etwa bei Freuds Freund Fleischl und CocaCola-Gründer Pemberton).

Es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit dieser Ruhe habe – und es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit sie Ruhe haben.

Carl Ludwig Schleich (1859 - 1922), deutscher Arzt (Erfinder der Infiltrations-Anästhesie) und Schriftsteller

Bayers Aspirin war das gesuchte leichte Schmerzmittel, für Fälle in denen Morphium viel zu stark war und wo man sonst nur alkoholische Getränke oder Naturheilmittel hatte.12 Morphium bekam als Schmerz- wie als Rauschmittel Konkurrenz vom noch potenteren Heroin. Codein (Kodein), bereits in den 1830ern in Frankreich isoliert, aber erst ab den 1880ern grossflächig hergestellt (u.a. von Merck!) und angewendet, wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jh ebenfalls eine Alternative bzw ein Konkurrent.13

Bayer mit Aspirin und Heroin und Hoechst mit nichtopioiden Schmerzmittel aus der Klasse der Pyrazolone überholten Merck (u.a. Morphium, Kokain, Codein) in dieser Zeit. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus dem Deutschen Reich jedenfalls den globalen Handel mit synthetischen Drogen, die meist auch dort entwickelt worden waren. In diesem Krieg bekam Merck viele Aufträge vom Deutschem Heer, für die Schmerzmittel Morphium und Codein, für Kokain (Aufputschmittel), Narkoseäther, Desinfektionsmittel, Impfstoffe, Veterinärarzneimittel (Pferde spielten in dem Krieg noch eine wichtige Rolle). Zu diesen Mitteln, die die Firma auch sonst herstellte, kam gegen Ende des Kriegs die Produktion von Phosphorgeschossen. Für den Konzern war der Krieg dennoch desaströs, ein grosser Teil der Belegschaft wurde ins Heer eingezogen, Tochtergesellschaften im Ausland gingen ebenso verloren wie wichtige Exportmärkte; durch den Versailles-Friedensvertrag gingen Patente verloren.

Morphium war auch im 1. Weltkrieg das Schmerzmittel in eigentlich allen Armeen. Das Gedicht “In Flanders Fields” (Auf Flanderns Feldern) entstand in diesem europäischen Krieg, 1915, durch den kanadischen Offizier John McCrae14, dessen Freund gerade bei einem Granatenangriff in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. McCrae schrieb über die Felder in Flandern, wo der rot blühende Klatschmohn an das vergossene Blut der Gefallenen erinnert und an die narkotisierenden Wirkungen des Schlafmohns, aus dem Morphium gewonnen wird, das als starkes Schmerzmittel für die schwer verwundeten, auch sterbenden, Soldaten eingesetzt wurde. Der Schmerz, die Linderung, der Rausch, der Schlaf, der Tod.

Morphium wurde in dem Krieg grösstenteils von Militärärzten gespritzt. Im US-amerikanischen Militär war daneben eine frühe Form der Morphium-Fertigspritze (Syrette; Ampullen mit integrierter Nadel) im Einsatz, die im Notfall auch von ungeschultem Personal oder verwundeten Soldaten selbst zu verwenden war, am Schlachtfeld subkutan zu injizieren war. Und, Hoffmann-La Roche stellte ab 1909 unter dem Namen “Pantopon” einen gereinigten und injizierbaren Opium-Extrakt (als Hydrochlorid) her, der die Alkaloide des Opiums in natürlicher Zusammensetzung enthielt. Es wurde meist von Leuten, die gegenüber Morphium allergisch waren, toleriert, und war ähnlich potent wie dieses. Ab 1915 wurde auch Pantopon für den Krieg in sterilen Ampullen mit fest verbundener Injektionsnadel (“Tubunic”) hergestellt. Boehringer machte das Präparat der Schweizer Firma ab 1912 als “Laudanon” nach. Hoffmann-La Roche stellte die Opium-Spritzampullen während des Kriegs für diverse Armeen her und Boehringer ebenfalls.

Da sich in Österreich-Ungarn keine nennenswerte eigene chemisch-pharmazeutische Industrie etabliert hatte, waren seine Streitkräfte bis auf wenige Ausnahmen wie Chloroform und Quecksilber vom Deutschen Reich abhängig, dürften zumindest diese auch mit Boehringers “Laudanon”-Fertigspritzen beliefert worden sein. Die in Basel konzentrierte Fabrikation von Hoffmann-La Roche konnte die Nachfrage während des Kriegs auch durch kontinuierlichen Schichtbetrieb nicht decken. Der Krieg als Riesen-Geschäft. Ironie: Die Einmalspritzen mit Schmerzmittel erinner(t)en in ihrer Form an Patronen. In den Armeen der Mittelmächte dürfte aber auch von Ärzten gespritztes Morphium gegenüber dieser Selbst-Anwendung überwogen haben. Gut möglich, dass das Opium für diese und andere Opiat-Zuberereitungen aus dem Osmanischen Reich kam.

Morphium wirkt stärker als Opium, schwächer als Heroin15, steht auch entwicklungsgeschichtlich zwischen diesen Beiden. Medizinischer Gebrauch und “hedonistischer” war beim Morphium, ist bei anderen Opiaten, nicht so klar und deutlich abzugrenzen, wie Manche meinen möchten. In den 1920ern gab es, u. a. in Deutschland, eine neue Morphium-Welle, die nun nicht mehr nur gehobene Kreise betraf. Legale Einschränkungen kamen, aufgrund der Verwendung als Rauschmittel, dies und die Konkurrenz durch (das semi-synthetische) Heroin drängten Morphium als Rauschmittel in der Zwischenkriegszeit zurück. Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierten Opium noch 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Das verschob sich bald.

Auch als Schmerzmittel wurde Morphium nach dem 1. Weltkrieg allmählich verdrängt. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium im Westen bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland. Auf der Suche nach Nachfolgern /Alternativen von/zu Heroin und Morphium als Schmerzmittel wurden neue Opiate entwickelt, die spätestens nach dem 2. Weltkrieg vorherrschend wurden, Morphium ablösten. Das waren Oxycodon (in 1910ern in Deutschland entwickelt, 1920er zunächst von Merck als „Eukodal“ auf den Markt, dann auch teilweise als Kombinationspräparat), Hydromorphon (bzw Dihydromorphinon, ein Morphin-Derivat, von Knoll ab 1926 als „Dilaudid“ vermarktet, dann auch als “Palladone” u.a.), Tramadol (1920er, ebenfalls ein opioides Analgetikum, mittelstark, Markenname u.a. “Tramal”), Codein-Derivate wie Hydrocodon oder Dihydrocodeine oder Ethylmorphin (Dionine). 1937 brachte Hoechst (damals ein Teil von IG Farben) das erste vollsynthetische Opiat heraus, Pethidin, als „Dolantin“. Die meisten der Genannten gibt es bis heute

Was die Verbote betrifft, das internationale Drogenregime kam ab der Opiumkonferenz 1911/12 in Den Haag langsam in Gang. Infolge dieser Konferenz kam das Haager Abkommen 1912 (International Opium Convention) zu Stande, darüber auch im Kokain-Artikel Einiges. Das Abkommen verpflichtete Unterzeichner-Staaten, eigene Gesetze zu erlassen, was das u.a. das Deutsche Reich nicht tat, wegen seiner Pharma-Industrie. Aber wie gesagt, das Regime kam allmählich zustande, Opium wurde schnell illegal, Heroin (vorerst) nicht… In der USA legte der Harrison Narcotics Act von 1914 den Grundstein für Drogenverbote. Ähnlich wie das 2. deutsche Opiumgesetz schränkte er u.a. Morphium auf den anerkannten therapeutischen Bereich ein. 1920 kam das erste deutsche „Opiumgesetz“. Erst das zweite 1929/30 regelte den Gebrauch der auch medizinisch noch angewendeten Stoffe, von Morphium bis Kokain, dann strenger, schränkte ihn auf diese medizinischen Zwecke ein – für Cannabis und Opium gab es ein Totalverbot. 1931 gab es nach einer internationalen Konferenz die Genf-Übereinkunft (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs), die Morphium ebenso wie Heroin und Kokain auf den medizinischen Gebrauch beschränkte und diesen strenger definierte.

Morphin-Tartrat zum Selbst-Spritzen (Syrette, Ampulle mit integrierter Nadel)
Fertigspritzen mit Morphin-Tatrat für verletzte Soldaten, offensichtlich zwei verwendete Exemplare

In der USA wurde in der Zwischenkriegszeit die Morphium-Fertigspritze weiter entwickelt, vom Pharmazie-Unternehmen Squibb in New York. Squibb reichte seine Monoject/ Syrette/ Hypodermic Unit/ Tubunic (nebenan abgebildet) 1939 zum Patent ein, was 1940 genehmigt wurde. Bald darauf nahm das US-Militär das Modell an, liess damit seine Sanitäter ausstatten, rechtzeitig zu seinem Eintritt in den 2. Weltkrieg.

Die Syrette wurde in Kartons ausgegeben; im Falle einer schweren Verletzung konnten Sanitäter/Ärzte, Kameraden oder der Betroffene selbst eine Morphium-Injektion verabreichen. Das Plastik über der Nadel wurde abgezogen, dann wurde die Nadel eingeführt und die Tube zusammengedrückt. Die behandelte Person musste gekennzeichnet werden, mit der leeren Spritze am Kragen, um eine Überdosis zu vermeiden! Im Film “Soldat James Ryan”, der in diesem Krieg spielt, gibt es eine Szene, in der einem schwer Angeschossenen, mehr zur Sterbeerleichterung als zur Schmerzlinderung, zwei solcher Injektionen verabreicht werden. Es ist allerdings fraglich, ob einem Sterbenden mehr als ein Schuss gestattet worden wäre, angesichts der Tatsache dass Sanitäter einen begrenzten Vorrat davon hatten. Ausserdem wurde die Spritze tatsächlich in einem flachen Winkel in die Haut eingeführt, nicht so eingestochen wie darin dargestellt.

Auch Atropin konnte so verabreicht werden. In den Lazaretten wurde Morphium dann üblicherweise mit richtigen Spritzen und von Ärzten verabreicht. Auch andere Heere hatten in dem Krieg die Morphium-Fertigspritzen zur Anwendung ohne grosse Fachkenntnisse, jene für das britische wurden von Burroughs Welcome hergestellt; diese waren mit kleinen Karton-Schildern ausgestattet, die nach der Injektionen an dem (oft bewusstlosen) Verletzten angebracht wurden, um eine (zu frühe) neuerliche Verabreichung zu verhindern (Bild). Neben Morphium waren im 2. WK auch die neuen Schmerzmittel wie Pethidin oder Oxycodon (v.a. als Injektionslösungen) im Einsatz.

1925 gelang es Robert Robinson, die Strukturformel der Morphins zu ermitteln, was eine wichtige Grundlage für weitere Synthesen bildete. 1952 gelang Marshall Gates und Gilg Tschudi in USA die Totalsynthese von Morphin, aus Ausgangsmaterialien wie Kohlenteer und Erdöl-Destillaten. Ähnliche Methoden wurden in den Jahren danach entwickelt und auch patentiert. Dennoch wird Morphin/Morphium seither selten synthetisch produziert, im Gegensatz zu Codein oder Thebain, anderen Opiumalkaloiden. Morphium wird meist nach wie vor aus Rohopium oder Mohnstroh gewonnen. Der ungarische Chemiker János Kabay hat die wichtigste Methode für Mohnstroh in der Zwischenkriegszeit entwickelt. Es gibt weiters die in der Regel bei der illegalen Herstellung angewandte Möglichkeit, Morphin aus opioiden Medikamenten zu gewinnen, etwa durch Demethylierung. Auch wird Morphium mitunter missbraucht, (krudes) Heroin daraus zu gewinnen, durch Azetylierung, das Produkt wird “home-bake” oder “blaues Heroin” genannt.

Die in der Zwischenkriegszeit erlassenen internationalen und nationalen Verbote und Gebote wurden nach dem 2. WK in verschiedener Hinsicht verschärft, bezüglich Morphium änderte sich nichts entscheidendes mehr, es bleibt so gut wie überall auf den medizinischen Bereich (Schmerztherapie) eingeschränkt. Und, nach dem Krieg wurde Morphium vom Heroin endgültig als wichtigtes illegales Opiat verdrängt.

US-Soldaten bekamen auch für die Kriege in Korea und Vietnam “Monojects” mit Morphium bei Verwundungen. Im Film “Dead Presidents”, der teilweise im Vietnam-Krieg spielt, gibt es eine Quasi-Euthanasie mit einer Überdosis durch diese Fertigspritzen, durch einen Kollegen, nach schweren Kampfverletzungen, auf Bitte des Betroffenen. Möglicherweise wurden die Fertigspritzen in diesem Krieg den Soldaten selbst ausgehändigt, zum Selbst-Spritzen, nicht (nur) den Sanitätern. In vielen Armeen dürften solche Präparate bzw Weiterentwicklungen heute noch in Verwendung sein. Das britische Militär hat Syretten mit Papaveretum/”Omnopon” (“Opium-Konzentrat”, enthält die meisten Alkaloide des Opiums, auch Morphin, als Hydrochlorid). Zu den Fentanyl-Lutschern für amerikanische “Marines”, siehe den “Telegraph”-Link unten.

Berühmte Konsumenten

William S. Burroughs wurde nach Pearl Harbor, nach einigem Hin und Her, nicht ins amerikanische Militär aufgenommen. Stattdessen fand und stahl er im Hafen von New York Morphium-Fertigspritzen für das Militär. So entdeckte er Opiate, von denen er Zeit seines Lebens nicht mehr loskam. Auch er stieg nach dem Krieg von Morphium auf Heroin um. Literarisch thematisierte er seine Drogenerfahrungen etwa in seinem ersten Roman “Junkie”.

Hans Fallada (Rudolf Ditzen) entging dem Ersten Weltkrieg. Auch er stieg “quer” ein zum Schreiben, hatte davor diverse Jobs. Er war Morphinist und Alkoholiker (wie auch seine Partnerinnen), schrieb darüber u.a. in “Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein”. Mit Morphium begann er angeblich, wie nicht wenige Andere, nachdem er es infolge eines Unfalls als Schmerzmittel kennen gelernt hatte. Sein Morphinismus fiel hauptsächlich in die Zwischenkriegszeit. Er starb an seinem Drogenkonsum

Auch ein anderer prominenter Morphinist, der Country-Musiker “Hank” Williams (1923-1953), war süchtig von Alkohol und begann, nach einer Verletzung, in seinen letzten Jahren (frühe 1950er) mit Morphium. Im Süden der USA ansäßig, kaufte er es in Spelunken für Afroamerikaner, holte sich dort auch musikalische Einflüsse (Blues). Er starb an einer Mischung von beiden Drogen, die sich gegenseitig verstärken (was bei den körperlichen Wirkungen des Opiats leicht gefährlich werden kann).

Bela “Lugosi” stammte aus dem damals österreichisch-ungarischen Banat, nahm am 1. WK teil, bekam nach einer Verwundung Morphium… Ein Schauspieler schon vor seiner Auswanderung in die USA, wurde er dort ein Stumm-Film-Star. Er wechselte irgendwann zu Methadon, da dieses damals rezeptfrei zu bekommen war. Er starb an den Folgen seines Konsums.

Frida Kahlo begann wahrscheinlich auch nach ihrem Unfall mit Morphium. Wenige Tage vor ihrem Tod im Sommer 1954 nahm sie an einer Demonstration gegen den CIA-inszenierten Sturz von Präsident Jacobo Arbenz Guzman in Guatemala statt. Ironie: Arbenz’ Vater war Apotheker gewesen, der morphium-süchtig wurde – weshalb Jacobo Arbenz die Offizierslaufbahn wählte, ein Studium war durch die Sucht des Vaters materiell unmöglich geworden.

Johannes Becher wurde nach einem Doppelselbstmordversuch mit seiner Partnerin (etwas Ähnliches hatte es bei Fallada gegeben) untauglich für das Militär erklärt, entging dadurch der Teilnahme am 1. WK. Sein Morphinismus, der eine Dekade anhielt, hatte möglicherweise damit zu tun.

Der amerikanische Chirurg William S. Halsted (1852-1922), Vorreiter in der Anästhesie, nahm Morphium und Kokain, zwei Mittel, die er auch zur Anästhesie benutzte (Kokain zur lokalen). Klaus Mann nahm Morphium neben Anderem, in der Zwischenkriegszeit, Rudolf von Habsburg-Lothringen nahm es (siehe auch hier), Friedrich Nietzsche nahm es, Gram Parsons (The Byrds) und Frank X. Leyendecker starben daran. George VI. Windsor (britischer König 1936-1952) und Sigmund Freud dürften es als Sterbebegleitung genommen haben.

Die heutige Situation

Die Substanz wird heute meist Morphin genannt. Es wird noch immer hergestellt, meist in Form seines Pentahydrats oder als Hydrochlorid, und arzneilich verwendet, hauptsächlich als Schmerzmittel und Heroin-Entzugsmittel. Als Darreichungsformen gibt es schnell- und langsam freisetzende Medikamente in Form von Kapseln, Tabletten, Brausetabletten, Tropfen, Granulaten, als Zäpfchen sowie Injektionslösungen (in Ampullen). Noch heute gehört Merck zu den Hauptproduzenten von Morphinpräparaten. Es stellt “Morphin Merck” mit 10 mg, 20 mg, 100 mg Morphinhydrochlorid her, als Injektions-/Infusionslösung, sowie “Morphin Merck Tropfen”, eine Lösung zum Einnehmen, ebenfalls Morphinhydrochlorid, als Schmerzmittel.

Weitere Fertigarzneimittel gegen Schmerzen mit Morphin gibt es u.a. unter Markennamen wie “Kapanol” (GlaxoSmithKline, Morphin-Sulfat-Pentahydrat), “Morphine Sulphate ER” (Mallinckrodt), “Oramorph” (diverse Firmen), “MS Contin” (Mundipharma), “Contalgin” (Pfizer), “Painbreak” (Riemser), “Morphanton”, “Capros”, “M-beta” (Betapharm), “Sevre-Long” (Mundipharma), “Vendal” (G.L. Pharma), “MST Continus”, “Sevredol”, “Morphin-ratiopharm” (Ratiopharm), “Skenan” (Bristol-Myers Squibb), “Morphine Sulfate Hospira” (Hospira), “Morphin-HCl Krewel” (Krewel), “Morphine and Atropine” (Takeda, Morphin und Atropin), “M-long” (Grünenthal), “Morfina cloridrato Molteni” (Molteni & Alitti), “Morfinklorid” (Alkaloid), “Morphine Sulphate-Fresenius” (Fresenius Kabi).

Mit der umgangssprachlichen Bezeichnung „Morphinpflaster“ sind transdermale Pflaster mit anderen Opioiden (Fentanyl, Buprenorphin) gemeint. Morphium/Morphin wird bei sehr starken Schmerzen eingesetzt. Etwa in Fällen, wo der Patient Krebs hat, und zwar in einem Stadium wo es nicht mehr wichtig ist, dass das gegebene Medikament abhängig macht. Der medizinische Einsatz von Morphium ist, wie früher, auf die reicheren Länder beschränkt. Nach einer Schätzung des International Narcotics Control Board von 2005 konsumieren 6 Staaten (Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, USA) 79% des Welt-Morphiums. Die ärmeren Länder, die 80% der Welt-Bevölkerung ausmachen, konsumieren nur 6% davon. Jedenfalls sind sie dabei auf Importe angewiesen. Darunter auch einige Länder, die den Rohstoff für die Morphin-Herstellung (Rohopium oder Mohnstroh) liefern. Andere starke (hochpotente) Analgetika sind dem Morphin strukturverwandt (Hydromorphon) oder enthalten es. “Pantopon” (“Opium-Tinktur”) enthält es, neben allen anderen Opium-Alkaloiden, wird bei schweren Schmerzzuständen, Koliken und Spasmen angewandt, anscheinend auch bei Durchfall.

Ausser in der Schmerztherapie wird Morphium in der Substitutionsbehandlung für Heroin verwendet. In Form von einem oral wirksamen Präparaten, die den Wirkstoff verzögert abgeben, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Ironie, dass Heroin früher als Ersatz-/Entwöhnungsmittel für Morphium gedacht war. Diese Präparate sind v.a.  “Substitol” (Morphin-Sulfat-Pentahydrat, Mundipharma) und “Compensan” (Morphin-Hydrochlorid-Trihydrat, G.L. Pharma).

Neben retardiertem Morphin sind als Heroin-Substitutionsmittel am Markt: Methadon, Dihydrocodein und Buprenorphin. Buprenorphin wird halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, ist ein stark wirksames Schmerzmittel, das hochdosiert seit circa Mitte der 1990er dafür verwendet wird. Die Marke heisst “Subutex”, Buprenorphin mit Naloxon wird als “Suboxone” angeboten. Diese Beiden werden vom britischen Konzern Reckitt Benckiser (produziert u.a. auch “Vanish”, “Strepsils”, “Scholl”, “Sagrotan”, “Kukident”, “Durex”, “Clearasil”, “Cilit”, “Calgon”) vertrieben. Benckiser hatte ein Quasi-Monopol auf die Buprenorphin-Präparate, inzwischen gibt es auch vier konkurrierenden Anbieter, darunter Sanofi.

In Deutschland wie in Österreich gibt es die Diskussion, ob retardierte Morphine als Heroinersatzstoffe nicht durch Buprenorphin-Präparate ersetzt werden sollen. Es heisst, dass die Morphin-Medikamente oft am Schwarzmarkt landen und dass Buprenorphine missbrauchssicherer seien. Nur, hinter diesen Bemängelungen stecken oft Lobbying-Agenturen, die für Reckitt-Benckiser arbeiten und die Entscheidungsträger zu beeinflussen versuchen. Auch Heroin-Süchtige, die loskommen wollen, sind eben für Pharma-Hersteller eine Eintrags-Quelle.

Off-Label-Use von Morphin, also die Verwendung ausserhalb des mit der Zulassung genehmigten Gebrauchs, gibt es in der symptomatischen Therapie von Atemnot, Husten und Angst. In der Akutmedizin wird es auch zur Symptomlinderung bei akutem Herzinfarkt eingesetzt, um den Circulus vitiosus aus Schmerzen, Luftnot, Angst, psychischem und körperlichem Stress mit Zunahme des Sauerstoffverbrauchs des Herzens zu unterbinden. Und dann gibt es den Grat zwischen Schmerztherapie in der Sterbephase (Sterbebegleitung, -erleichterung) und Sterbehilfe; für beides wird Morphin eingesetzt, wobei Zweiteres ungesetzlich ist, auch wenn es als Hilfe und Erleichterung gedacht ist. (http://m.aerzteblatt.de/print/81691.htm) Die Krebsärztin Mechthild B. soll  in der Region Hannover mindestens 13 Patienten mit zu hohen Schmerzmittel-Dosen umgebracht haben, wurde wegen Totschlags in diesen Fällen angeklagt. Sie nahm sich dann selbst mit einer Überdosis Morphium (per Infusion) das Leben.

Die Schauspielerin Jamie Lee Curtis begann nach eigenen Angaben nach einer kosmetischen Operation mit morphin-haltigen Schmerzmitteln und wurde davon süchtig. Das Mittel wurde zu “einer warmen Badewanne, in der man der schmerzhaften Realität entfliehen konnte”. Rausch-Gebrauch von Morphium spielt sich heute meist so ab, durch den Missbrauch morphinhaltiger Medikamente, eine illegale Herstellung (siehe oben) findet kaum statt – wenn, dann lieber gleich Heroin. Morphium-Mittel können aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen auch in der H-Szene auftauchen.

Für Heroin-Junkies ist medizinisches Morphium ein beliebtes Ausweichmittel, auch für solche, die sich nicht einer Substitutionstherapie unterziehen wollen. Die anderen bevorzugten Mittel für den Fall, dass es keinen H-Vorrat gibt, sind die anderen Substitutionsmittel Codein (bzw Dihydrocodein) und Methadon. Dahinter kommen Buphrenorphin und andere Schmerzmittel, wie Hydromorphone oder Oxycodon, leichtere wie Tramal und dann Zubereitungen wie Mohntee. “MS Contin”- Tabletten werden im Englisch-sprachigen Raum in der “Szene” “Misties” genannt, Morphin allgemein u.a. als “Sister morphine”. Nicht-medizinischer Gebrauch von Morphin/Morphium findet i. d. R. mit höheren Dosen statt, als Mischkonsum, etwa mit Alkohol, oft auch in anderer Darreichung als vorgesehen, etwa durch das Sniefen von zerstossenen Tabletten.

Morphium in der Populärkultur

Von Arthur Schnitzler soll der Spruch stammen: „Das Morphium, dieser souveräne Schmerzstiller, ist allzu oft nur ein falscher Freund des Leidenden; es lässt sich seine Gefälligkeit allzu teuer bezahlen, es fordert mit der Zeit die Freiheit, zuweilen auch das Leben.“ …der Einiges für sich hat. In diversen Stücken und Geschichten von ihm (auch in der “Traumnovelle”) spielt Morphium zwar eine Rolle, es gibt aber keine Hinweise, dass er es selbst nahm.

Der deutsche Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) geriet im Ersten Weltkrieg an seine seelischen Grenzen, und bald in Abhängigkeit von Medikamenten (anfangs “Veronal”, später Morphin). Er malte ein “Selbstporträt unter dem Einfluss von Morphium”.

Im 1917 erschienenen Roman “Un Istituto per Suicidi” von Gilbert Clavel (Ein Institut für Selbstmorde) beschreibt der Ich-Erzähler eine Anstalt, in der drei Mittel angeboten werden, sich selber im Zustand des Halluzinierens zu töten: Saufen, Wollust und Pantopon.

Der russische Arzt und Autor Michail Bulgakow (1891-1940) schrieb “Morphium”, das Tagebuch eines Suchtkranken, das auf eigener Erfahrung beruht. Bulgakow war zeitweilig morphiumsüchtig.

In Agatha Christies “Tod am Nil” (1937 Roman, 1978 Film) hat Miss Bowers, Miss van Schuylers Krankenschwester, Morphium mit auf der Reise und setzt es auch recht locker ein, an der aufgeregten Jacquie, die noch dazu getrunken hatte. “Morphium” ist der deutsche Titel von Christies Kriminal-Roman “Sad Cypress” (1940). Auch in diesem Gerichtsdrama ermittelt Hercule Poirot; Morphium spielte bei der Vergiftung eine Rolle. In “The Glass Cell” (Die gläserne Zelle) von Patricia Highsmith spielt das Mittel ebenfalls eine Rolle.

In Orwells „1984“ werden keine Drogen gegen die Untertanen eingesetzt, Winston Smith u. A. nehmen aber Morphium oder etwas Ähnliches, zur Erleichterung.

“Morphium” (Lebensroman des Entdeckers des Morphiums) ist der ca 1950 erschienene Biografieroman Friedrich Wilhelm Sertürners, von Otto Schumann-Ingolstadt.

Marianne Faithfull sang einst “Sister Morphine” (Here I lie in my hospital bed. Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again? Oh, I don’t think I can wait that long. Oh, you see that I’m not that strong…); Mick Jagger und Keith Richard schrieben den Song, der 1969 auf der B-Seite von Faithfulls Single “Something Better” erschien. Zu dieser Zeit müssten eigentlich andere Opiate/Opioide im medizinischen Gebrauch gewesen sein.

Auf Pantopon beziehen sich das Gedicht “Pantopon Rose” von William Burroughs und ein Song mit dem selben Titel der nord-irischen Alternative Metal-Band “Therapy?” (1994).

“Die Sehnsucht der Veronika Voss” ist ein deutscher Spielfilm von Rainer W. Fassbinder aus 1982. Er erzählt die letzten Lebensjahre der UFA-Schauspielerin Sybille Schmitz, die sich nach Ende ihres Erfolgs mit Morphium tröstete. Sie trank auch und brachte sich mit Schlaftabletten um.

Der Schweizer Autor Friedrich Glauser thematisierte seinen Morphium-Konsum in seinen autobiografischen Texten.

In “Englischer Patient” (eine Art Tatsachen-Roman von Ondaatje, Film-Umsetzung von Minghella) nehmen (spritzen sich) der Patient Almasy und der Dieb Caravaggio Morphium, der eine (ursprünglich) wegen seinen Verletzungen, der andere aus Lust bzw evtl wegen innere Verletzungen.

Im Comic “Kleines Arschloch” ist der Opa ein Morphinist. Im Comic “The Crow” ist es Funboy.

Szczepan Twardoch schrieb “Morphin”, eine Art historischen Roman. Der Protagonist (teils Deutscher, so wie der Autor wahrscheinlich aus Schlesien) hilft sich im besetzten Warschau des 2. WK mit Alkohol und Morphium, spritzt er sich zusammen mit seiner Lieblingshure.

“Lips Like Morphine” ist ein Song aus 2006 von “Kill Hannah”. „Morphine” war eine US-amerikanische Band, die von 1989 bis zum Tod ihres Frontmannes Mark Sandman 1999 (Zigaretten, Stress, Hitze) existierte.

Das Videospiel “L.A. Noire” spielt im Los Angeles des Jahres 1947. Der Spieler übernimmt die Rolle des Polizei-Detektivs Cole Phelps. Morphium spielt in den Verbrechen, die er aufzuklären hat, meist eine wichtige Rolle. Eigentlich war M. damals schon vom Heroin “überholt”.

Hier stellt sich die uchronische Frage, nach einer Welt, in der kein Heroin erfunden wurde und Morphium bis zum heutigen Tag eine dominierende Droge ist, bietet sich die kontrafaktische Spekulation darüber an. Allzu viel wäre nicht anders, da es auch sehr stark ist und die Darreichung die selbe. Eine Kontinuität wäre gegeben

Literatur und Links

Allgemeine Informationen

Bisschen Entwicklungsgeschichte

Und noch mehr

Sertürner-Gesellschaft

Chemische Infos, aber interessant dargebracht (auf Englisch, wie die meisten Links)

Über die “Soldatenkrankheit” nach dem USA-Bürgerkrieg

Kriege, die durch Drogen “definiert” sind

Vor allem Infos über Einsatz des Morphiums in Kriegen

Morphium-Erfahrungsbericht

Eine cannabistische Beurteilung

Vergleich Dilaudid-Morphium

Auch Erfahrungsberichte

Medizinische und juristische Infos

Über Fentanyl-Lollies für Marines

Wilhelm Deutsch: Der Morphinismus. Eine Studie (2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Begriff „Alkaloide“ wurde erst 1819, von Carl Friedrich Wilhelm Meißner, eingeführt
  2. Erst später bekam das Mittel den Namen “Morphin”, der fachsprachlich heute überwiegt
  3. Die korrekte Summenformel wurde 1848 von Auguste Laurent ermittelt
  4. Hypnos: altgriechischer Gott des Schlafes, Bezeichnung für den Schlaf
  5. Ähnlich wie beim Opium geschah/geschieht das durch das Erhitzen der Substanz und das Einatmen der Dämpfe
  6. Emanuel Merck wurde in der angesehenen Apotheke von Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt ausgebildet
  7. Davor gab es bei Amputationen von Gliedmaßen eine Flasche Whisky und eine Säge
  8. Abraham Lincoln wiederum, auf der Gegenseite (USA), galt als Abstinenzler – was Alkohol betraf. Einer seiner Biographen schrieb dass er gelegentlich Kokain nahm. Sein General Ulysses Grant, später selbst Präsident, dürfte ein Alkoholproblem gehabt haben
  9. Ein Lawrence veröffentlicht 1884 ein Buch mit dem Titel „Der Morphinismus der Kinder“
  10. Es begann sehr oft mit einer medizinischen Verabreichung!
  11. Durch die französische Niederlage wurde die Uni eine deutsche
  12. Auch von Aspirin gibts eine “Form”, die natürlich vorkommt: Weidenrinde wurde in den frühen Hochkulturen als Mittel gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Durch Kochen von Weidenbaumrinden wurden Extrakte gewonnent, die der synthetischen Acetylsalicylsäure verwandte Substanzen enthielten!
  13. Um Codein wird es in einem der nächsten Artikel in dieser Reihe gehen
  14. Die Kanadier in allen Kriegen Laufburschen/Handlanger der Briten
  15. Diacetylmorphin kann die Blut-Gehirn-Schranke schneller überschreiten als Morphin

Südtirol zwischen Mussolini und Hitler

Es ist dies Fortsetzung eines früheren Artikels, mit dem zeitlichen Rahmen von 1922 (wo dieser Artikel aufhörte) bis 1948, als in Südtirol und Italien überhaupt die Weichen für die Zukunft gestellt waren. Diese knapp 25 Jahre waren (nicht nur für dieses Land und seine Leute) eben von den Regimen Hitlers und Mussolini geprägt. Will man diese Zeit gliedern, so kommt man auf:

  • 1922-43 (Faschismus, Italianisierung, Modernisierung, Industrialisierung; Ausverkauf durch Mussolinis Verbündeten Hitler)
  • 43 bis 45 (nazideutsche Herrschaft; der Weltkrieg kam dann an seinem Ende auch nach Südtirol)
  • 45 bis 48 (Wiederherstellung italienischer Herrschaft, Demokratie kommt erstmals nach Südtirol)

Der Faschismus

1922 wurde Benito Mussolini ja Premier, nach Gewalt-Ausübung durch seine Partei. Bis 1926 war die faschistische Machtübernahme (das Abwürgen der Demokratie) in Italien vollzogen: Auflösung oppositioneller Parteien (die PNF wurde Staatspartei), Ausschaltung des Parlaments, Gleichschaltung der Presse, Polizeiterror gegen Andersdenkende,… Das unter Duldung von König Vittorio Emanuele III.

Die Wahl 1924 war die letzte halbwegs faire in der Zwischenkriegszeit. 1923 kam das Acerbo-Gesetz zustande, eine Wahlrechtsänderung, die der stimmenstärksten Partei zwei Drittel der Parlamentssitze zumaß. Das war 1924 erwartungsgemäß die Lista Nazionale (PNF,…), vor der PPI. Slawen und Deutsche traten wie 1921 wieder zusammen an (Liste di slavi e di tedeschi), konnten in Venezia Giulia (Josip Vilfan,…) und Tridentina einige Sitze erringen. Auch trat eine eigene Liste der Sarden an (die grösste Minderheit Italiens, bis heute, falls sie als nicht-italienische Gruppe klassifiziert werden). Der Jurist Karl Tinzl, im 1. Weltkrieg in der österreichisch-ungarischen Armee, 1919 einer der Mitbegründer des Deutschen Verbands, 1923 Nachfolger von Reut-Nicolussi als dessen Vorsitzender geworden, 1921 bereits in die Kammer gewählt, behauptete 1924 seinen Sitz. Zusammen mit ihm zog Paul von Sternbach ein. Tinzl suchte in dieser Legislatur-Periode, 1924 bis 1929, anfangs eine Verständigung mit den faschistischen Machthabern.

Die PSU, die antimarxistische Abspaltung von der PSI, war dritt-stärkste Partei geworden. Giacomo Matteotti, ihr Sekretär1, verlangte kurz nach der Wahl 24 ihre Annullierung aufgrund von Unregelmäßigkeiten. Einige Tage später war er tot. Die anti-faschistischen Kräfte (die “Aventinianer”) verliessen darauf hin das Parlament. Im Rahmen der Parteien-Auflösung 1926 wurde auch der Deutsche Verband verboten und wurden die Mandate der Aventinianer (darunter war auch Alcide De Gasperi von der PPI) aberkannt. Bei der “Wahl” 29 und den folgenden traten nur die Faschisten an.

1923 wurde im Compartimento Venezia Tridentina die Einheitsprovinz Trentino (Trient) gebildet, die also Südtirol und Trentino umfasste. Mit einem Präfekten, in Trient, und einem Unterpräfekten in Bozen. Im selben Jahr wurden die ladinischen Täler Ampezzo und Buchenstein der Provinz Belluno angeschlossen (Compartimento Venezia Euganea). 1927 wurde im Rahmen einer Verwaltungsreform die Provinz Bozen (Provincia di Bolzano) geschaffen, herausgelöst aus der Einheitsprovinz. Dass Südtirol eigene Provinz wurde, hatte den Hintergrund, das Land der Kontrolle der Trentiner zu entziehen; die Faschisten begannen, den nach Südtirol berufenen Trentiner Beamten zu misstrauen, sie der “Verbrüderung” zu verdächtigen…2 Bei der Provinz Trient blieben das Südtiroler Unterland (Südgrenze Südtirols verlief nun bei Leifers, nicht bei Salurn) sowie der Deutschnonsberg; dies bestand bezüglich Wahlkreisen schon seit 1921 so.

Unter dem Faschismus wurden die Mitglieder der Deputazione provinciale, der Provinzregierung, ab 1923 vom Regime ernannt. Was die Provinzen Bozen und Trient betraf, wurden diese vor dem Faschismus nicht gewählt, weil sie noch nicht bestanden haben. Ende 1928 schaffte man die noch bestehenden Selbstverwaltungsorgane der Provinzen ganz ab und ersetzte sie durch einen ernannten Vorsteher (Preside) und durch ein Rektorat (Rettorato). Die Präfekten, die die Provinzen von Anfang an hatten, blieben. 1925 begann man auch damit, die Gemeindeautonomie abzuschaffen. 1926 wurden – überall in Italien – die gewählten Bürgermeister abgesetzt und staatliche “Amtsbürgermeister”, die Podestà, eingesetzt. In Südtirol waren die (nicht nur frei gewählten, sondern auch “andersstämmigen”) Bürgermeister zT schon vorher abgesetzt worden; in Bozen wurde Julius Perathoner ja 1922 durch einen “Sonderkommissar” ersetzt.

Die nach dem 1. Weltkrieg neu hinzu gekommenen Minderheiten im Norden, Deutsch(sprachig)e, Slowenen und Kroaten wurden eine Zielscheibe im Inneren, neben Regimegegnern. Über den Beginn der Italianisierung in der Venezia Tridentina (Südtirol und Trentino) und Venezia Giulia (Istrien, Görz, Fiume/Rijeka,…) steht schon im erwähnten ersten Südtirol-Artikel einiges. Nicht abzusehen war damals, dass die nationalistische Politik auf eine totale Italianisierung hinaus laufen sollte. Die drastische Einschränkung von Minderheitenrechten betraf auch “alte” Minderheiten, wie die Franco-Provenzalen im Piemont.3 Für die romanischen und/oder in Italien verwurzelten Volksgruppen, dazu sind auch die Sarden oder die Griechen in Kalabrien zu zählen, war der Faschismus in dieser Hinsicht aber wahrscheinlich weniger schlimm.

Als für die Süd-Slawen im Nordosten und die Deutschen, wozu neben den Süd-Tirolern auch die Sprach-bzw Minderheiteninseln der Zimbrer und Mocheni/Fersentaler, Kärntner Kanaltaler sowie weitere im Nordosten zu zählen sind. Nur die Walserdeutschen im Nordwesten (Piemont) waren schon lange in Italien heimisch. Der  Trentiner Irrendentist Ettore Tolomei war Antreiber der Italianisierung in Südtirol, er wollte ursprünglich die Ladiner als Instrument dafür. Ab der Zeit des Faschismus übte Tolomei in Italien Einfluss aus.

Unter der faschistischen Regierung Mussolini kam es zu einem gross angelegten Transfer von Italienern, meist aus dem Süden, Arbeiter- und Beamtenfamilien. Und zum Bau vom Wohnhäusern für die Neuen. In manchen Fällen war die Versetzung in die weit entfernte Provinz Bozen Strafe für mehr oder weniger schwere Vergehen. Die Einwohnerzahl Bozens wuchs von 1921 bis 1939 von etwa 26 400 auf 58 000.

Tolomei verlangte in den 1930ern die Umsiedlung Südtiroler Bauern nach Abessinien/Äthiopien, das Italien gerade in Besitz genommen hatte. Die Ansiedlung von Italienern in Kolonien war ein Projekt des Faschismus; in diesem Fall wäre sie mit einer Ausdünnung der “fremdstämmigen” Minderheit in ihrer Provinz einher gegangen. Österreichisch-stämmige Einwohner Südtirols, die keine italienische Staatsbürgerschaft hatten, wurden ausgewiesen. So der Kärntner Sebastian Weberitsch, der von 1900 bis 1925 als Facharzt in Bozen tätig war (einst von einem Bundesland ins andere gegangen war). Die Staatsbürgerschaft wurde ihm auf sein Ansuchen hin verweigert. Er verfasste Memoiren.

Italienische Einwanderung, industrielle Erschliessung und Modernisierung (von Kraftwerken bis Spül-Toiletten) kamen Hand in Hand nach Südtirol, unter dem Faschismus4. Die Industriezone Bozen wurde ab Herbst 1935 am Südrand der Stadt errichtet, unmittelbar vor der Ernte wurden Zehntausende Obstbäume und Weinstöcke abgeholzt. Es entstand dort das Lancia-Auto-Werk.5 Oder das Aluminiumwerk Montecatini. Diese Betriebe beschäftigten fast ausschliesslich aus dem Süden eingewanderte Italiener. Die städtischen Grosswohnbauten wurden in derselben Gegend errichtet.

Ab 1923 wurden Ortsnamen durch italienische ersetzt (Schilder übermalt,…), die fälschlich als „Rückübersetzungen“ deklariert wurden. Es handelte sich dabei um die Erfindungen Tolomeis. Auch andere Arten von topographischen Bezeichnungen wurden geändert, traten also nicht an die Seite der bisherigen, sondern an ihre Stelle. Die Bezeichnung Alto Adige (manchmal als “Oberetsch” übersetzt) für das Land wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Irredentismus geprägt, in Anlehnung an den Namen des Départements Haut-Adige im napoleonischen Königreich Italien, das auch den Südteil des späteren Südtirols umfasste.

Auch viele Familiennamen wurden zwangsweise geändert. Und, deutscher Schulunterricht wurde verboten, mit der Lex Gentile 19236. Die Antwort waren Geheimschulen, sogenannnte “Katakombenschulen” (in Erinnerung an die verfolgten Christen im alten Rom). In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden zudem in Bozen (v.a. im Stadtteil Gries) mehrere Gebäude im faschistischen Stil errichtet, wie das „Siegesdenkmal“, der Parteisitz (heutiges Finanzamt) und ein neue Gerichtsgebäude. Hinzu kamen Einberufungen ins italienische Militär. In der Phase der schwersten Unterdrückung der Südtiroler söhnte sich das Königreich Italien mit dem Papsttum bzw der katholischen Kirche aus, was seit der Eingliederung des Kirchenstaats in Italien im Zuge des Risorgimento 1870 ausständig war. Die Lateranverträge 1929 brachten die Unabhängigkeit des Vatikans.

Das Julische Venetien im Nordosten, das ehemalige österreichische Küstenland, wies viele Gemeinsamkeiten mit Südtirol auf: das österreichische Erbe, die grosse nicht-italienische Volksgruppe, umstrittene Grenzen. Und die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg bezüglich Italianisierung, vom Austausch von Beamten über die Schliessung anders-sprachiger Schulen und Änderungen von Namen bis zu Ansiedlungen von Italienern. Das Italienische war in der Venezia Giulia aber viel stärker als in Südtirol und die Volksgruppen hier nicht so klar voneinander abgegrenzt (die Kultur war entscheidend).

Und, dort gab es Widerstand der Slowenen und Kroaten. Von der 1924 gegründeten Organisation TIGR, die für Trst (Triest), Istra (Istrien), Gorica (Görz) und Reka (Rijeka) stand; der volle Name war Revolucionarna organizacija Julijske krajine T.I.G.R. Die Organisation bestand hauptsächlich aus Slowenen, die den Nordwesten dieser Region bevölkerten und weniger aus Kroaten Istriens; auch antifaschistische Italiener machten mit. Sie pendelte von rechts nach links. Der Triester Slowene Josip Vilfan, ein Führer der Slawen in Istrien und den umliegenden Ländern, war nicht Teil des radikalen Widerstands von TIGR, musste dennoch Übergriffe und Schikanierungen durch den Faschismus erdulden. 1928 ging er nach Österreich, dann nach Jugoslawien, wie viele Slawen aus dem faschistischen Italien.

Das SHS-Reich (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ab 1929 Jugoslawien) war einer jener Staaten, in dem es nach dem 1. WK eine italienische Volksgruppe gab. Circa 500 000 Slowenen und Kroaten lebten in der Venezia Giulia, einige Tausend Italiener im SHS-Königreich (v.a. Dalmatien). Es gab Auswanderungsaktionen, von Italienern v.a. nach Zara/Zadar, von Süd-Slawen in den SHS-Staat (ca. 70 000)7 Eine Art Bevölkerungsaustausch, wobei sich die Grenzen bald wieder ändern sollten. Der italienischen Minderheit verblieben gewisse Rechte (auf Grundlage des Rapallo-Vertrags), die die Südslawen im faschistischen Italien verloren, etwa Elementarunterricht in der Muttersprache. Das SHS-Reich wurde Hauptfeind Italiens. Italien bot etwa Exil/Unterstützung für die kroatische nationalistische Ustascha unter Pavelic.8 SHS/YU war jedenfalls Schutzmacht der Slawen in Italien, im Gegensatz zu Österreich für die Südtiroler.

Österreich und Deutschland

Die Grenzen und die Eigenständigkeit der ersten österreichischen Republik waren in in St. Germain festgelegt worden. Die Staatsform war ja auch neu. Wenige wollten diesen Staat. Ja, der Katholizismus taugte als Identitätsmerkmal Österreichs. Dass Österreich von Südtirol, der Untersteiermark und den Sudetenländern abgetrennt war, war v.a. in den angrenzenden Bundesländern ein Thema. Es gab nach dem Krieg einen kleinen Exodus von Alt-Österreichern (aus der Tschechoslowakei oder dem SHS-Staat) nach Rest-Österreich. Es kamen auch Nicht-Deutsche, v.a. solche, die Österreich-Ungarn gedient hatten. Feldmarschall Boroevic etwa, einer der Feldherren der Donaumonarchie an der Italienfront, diente sich nach dem Krieg der SHS-Armee an, wurde nicht genommen, liess sich in Österreich nieder. Der christlich-soziale Josef Schraffl war letzter Tiroler Landeshauptmann in der Monarchie, erster in der Republik; ein Anhänger der Monarchie, arbeitete er dann mit der Republik zusammen bzw in ihr.

Italien wurde einer der wichtigsten Partner Österreichs, sein faschistisches System ab 1922 und die Unterdrückung der Südtiroler änderte nichts daran. Österreich (die Politik) hat Südtirol sehr bald nach dem Krieg, sogar schon vor der Machterringung des Faschismus, fallen gelassen. Aus der Weimarer Republik kam dagegen etwas Protest. Grund war die aussenpolitische Isolierung der jungen Republik Österreich (jedes Zusammengehen von Österreich mit dem Deutschem Reich wurde von den Grossmächten argwöhnisch beobachtet). Das faschistische Italien war auch strikt gegen eine Restauration der Habsburger-Monarchie in Österreich, wohl im Hinblick auf die nach dem Krieg von Österreich gewonnenen Gebiete. Im Februar 1928 wurde das Südtirol-Thema und auch speziell die Verbannung Josef Noldins (russische Kriegsgefangenschaft, Dt. Verband, Engagement für Geheimschulen) auf Lipari im Parlament in Wien behandelt. Die österreichische Sozialdemokratischen Partei brachte 1931 eine Broschüre mit dem anklagenden Titel “Südtirol verrecke!” heraus, wo sie den österreichischen Umgang mit Südtirol anprangerte.

Eduard Reut-Nicolussi, der nach dem 1. Weltkrieg Abgeordneter im österreichischen Parlament (1919) und dann im italienischen (1921 bis 1924) war, betätigte sich nach Beendigung seiner Mandate auf einer anderen Ebene politisch. Er war in Bozen als Rechtsanwalt tätig, und verteidigte vornehmlich Leute, die aus politischen Gründen oder ethnischen vom faschistischen Regime verfolgt wurden, etwa Gewerkschafter oder (Hilfs-)Lehrer des verbotenen Deutsch-Unterrichts. 1927 wurde er schliesslich von der Anwaltsliste gestrichen,  daraufhin ging er nach Innsbruck. Dort verfasste er das Buch „Tirol unterm Beil“. Dann war er aktiv als Leiter des österreichischen „Deutschen Schulvereins (Südmark)“ sowie beim “Andreas-Hofer-Bund Tirol” (AHBT), die bei der Unterstützung des deutschen Geheimunterrichts in Südtirol zusammen arbeiteten.

Südtiroler, die in faschistischer Zeit schon vor der Option nach Österreich oder Deutschland umsiedelten, wie Reut-Nicolussi, gab es einige. Etwa der Historiker Leo Santifaller, der Maler Paul Flora oder der Raketentechniker Max Valier. Oder auch Karl Ebner, der Südtirol verliess, als er 1923 ins italienische Militär eingezogen werden sollte. Er wurde Jurist und nach dem Anschluss stellvertretender Leiter der Gestapo Wien.

Natürlich gab es in Südtirol in der schweren Lage Hoffnung auf Österreich oder auf Deutschland. Mit dem Anschluss Österreichs waren es Deutschland und der Nationalsozialismus, die als Alternative zur Lage unter dem italienischen Faschismus blieben. Aber grossdeutsche Hoffnungen und der deutsche Faschismus etablierten sich bereits davor in Südtirol, auch vor der Machterringung Hitlers im Deutschen Reich. 1932 wurde der “Völkische Kampfring Südtirol” (VKS; aus der „Südtiroler Heimatfront“) gegründet. Auch bei Kanonikus (Domherr) Michael Gamper trat das Christlich-Soziale zeitweilig in den Hintergrund.

1933, als im Deutschen Reich Hitler an die Macht kam, wurde auch in Österreich die Demokratie ausgeschaltet, wurde der austrofaschistische Ständestaat errichtet, unter Bundeskanzler Dollfuss. Dieser war sehr von Mussolini beeinflusst. Die Machtübernahme der Nazis in Deutschland führten zu einer noch engeren Anlehnung der Republik Österreich, der Christlich-Sozialen, an das faschistische Italien. So hoffte man, die Eigenständigkeit Österreichs erhalten zu können. Während des Nazi-Putschversuchs in Österreich 1934 zog Mussolini am Brenner Truppen zusammen, um Hitler davon abzuhalten, diesen zu unterstützen. Die Kanzler des Ständestaats, Dollfuss und Schuschnigg, setzten auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern bzw deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien (34 römische Protokolle).

So gab es unter dem Austrofaschismus schon gar keine Forderungen an Italien nach Grenzrevisionen oder Minderheitenschutz bezüglich Südtirol. Widerstand gegen diese Linie gab es hauptsächlich aus/in (Nord-) Tirol. Und so richteten sich Südtiroler Hoffnungen noch mehr auf Hitler und Nazi-Deutschland. Eduard Reut-Nicolussi musste 1935 auf Druck der austrofaschistischen Regierung bzw auf Wunsch Italiens als Obmann des Andreas-Hofer-Bundes zurücktreten… Auch die Ablöse von Ernst Rüdiger Starhemberg, 1934 bis 1936 Vizekanzler unter Dollfuss und Schuschnigg, stand in diesem Zusammenhang.

Starhemberg, im Ersten Weltkrieg wie Dollfuss an der Italienfront im Einsatz, war vom monarchistischen Flügel der Christlichsozialen. 1936 näherte sich zum einen Schuschnigg etwas an Hitler an, auf Kosten der Beziehung zu Mussolini; zum anderen gelang Italien im zweiten Anlauf die Annexion Abessiniens (durch den Angriffs-Krieg 1935/36). Starhemberg wollte weiter eine enge Anlehung an das faschistische Italien, um nicht von Nazi-Deutschland “geschluckt” zu werden. Er schickte ein überschwengliches Glückwunschtelegramm an Mussolini, dessen Regime nach dem Krieg nun etwas isoliert war.

Italien hatte 1895/96 erstmals versucht, Abessinien/Äthiopien einzunehmen (Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua, konnte seine Unabhängigkeit wahren. Italien behielt nur das, was Eritrea wurde. 1935 marschierten das italienische Militär unter General Emilio De Bono von Eritrea aus in Äthiopien ein und begann den zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg; führte ihn unter Einsatz von Giftgas. Im Mai 1936 wurde Äthiopien schliesslich Teil des italienischen Kolonialgebietes Ostafrika (Kaiser Haile Selassie ging ins Exil) und blieb das bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Invasion wurde vom Völkerbund verurteilt, und das faschistische Italien unter Mussolini wurde als Aggressor bezeichnet, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt.

Etwa 1300 Südtiroler mussten bei dem Kolonial-Abenteuer im italienischen Heer mitmachen, wo insgesamt um die 500 000 Italiener aufmarschierten. Viele davon blieben bis 1941 bei der Besetzung beteiligt und machten Niederlage, Kriegsgefangenschaft, Abzug mit. Hunderte Südtiroler die 1935 eingezogen wurden, desertierten/flüchteten nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz. 17 Südtiroler sollen in Ostafrika gefallen sein. In der Literatur-/Linkliste unten finden sich zwei Darstellungen zum Thema Südtiroler in Abessinien-Krieg (ein Buch und ein Film), die beide auf den selben Historiker zurückgehen.

1936 die Bildung der Achse Berlin-Rom; 1937 liess Mussolini Hitler freie Hand für Österreich; im März 1938 der Anschluss. Rolf Steininger hat es in einem Satz zusammen gefasst: Hitler opferte nicht das Bündnis mit (dem faschistischen) Italien für Südtirol, sondern Südtirol für das Bündnis mit Italien. Bereits 1922 erklarte Hitler in einer Rede in München: “Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine grosse Zukunft hat, muss Deutschland zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht auf die Deutschen in Südtirol.” Das Bündnis mit Mussolini galt ihm als wichtigste Voraussetzung eines erfolgreichen Kriegs in Mitteleuropa, im Mittelmeerraum, am Balkan und in Nordafrika. 1926 liess er in seiner Schrift “Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem” erneut erkennen, dass er Südtirol dahingehend als ein Hindernis sah. Bei einer Wahlrede 1928 soll er gesagt haben: „Wenn ein Andreas Hofer aufsteht, soll er sich hüten, dass er auf der Flucht nicht nach Deutschland kommt, sonst wird er verhaftet und ausgeliefert.“

Doch für die meisten Südtiroler kam die Ernüchterung erst am 7. Mai 1938, mit Hitlers Besuch in Rom. Hier machte er erneut klar, dass es sein “unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk” sei, “die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen”. Ausserdem wurde mit Mussolini prinzipielle Übereinstimmung in der Frage der „Auswanderung“ der Südtiroler gefunden. Für so etwas wie “Minderheitenschutz” hatte der grössenwahnsinnige Hysteriker höchstens Verachtung über und hätte Mussolini das aufgezogen, hätte er wohl die Achtung vor ihm verloren. Hitler fuhr zum Treffen mit dem faschistischen Diktator mit dem Zug, auch durch Südtirol. Dort versammelten sich in den Bahnhöfen tausende Menschen, um ihm zuzujubeln. Der “Führer” liess die Vorhänge seines Abteils zu.

1935 wurde der Schneidergeselle Peter Hofer, zuvor Obmann der katholischen Gesellenjugend, Führer des VKS. Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte die Rede Hitlers 38 in Rom mit. Er war bestürzt, schrieb aber schliesslich in sein Tagebuch: “Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können.” Ja, Hitler und Tirol. Osttirol wurde im Juli 1938 mit Kärnten zum „Gau Kärnten” vereinigt.

Im Mai 1939 der Stahlpakt zwischen Hitler und Mussolini. Im Oktober ’39 schlossen die beiden das Abkommen über die Option der Südtiroler auf Auswanderung. Aufgabe der Heimat oder die Aufgabe aller Rechte in Italien waren die Alternativen. Bevölkerungsaustausche gab es in der Zwischenkriegszeit einige, etwa den 1923 vereinbarten zwischen Griechenland und der Türkei. Der deutsche Botschafter in der Türkei, Rudolf Nadolny, hatte seinem italienischen Amtskollegen Montagna bereits 1925 eine Umsiedlung der Südtiroler vorgeschlagen. Der deutsche Publizist Siegfried Lichtenstaedter machte in den 1920ern den Vorschlag, die italienische Bevölkerung des Schweizer Kantons Tessin mit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol “auszutauschen”.

Der nun klandestine Deutsche Verband (katholisch-konservativ) und der nazistische VKS beschlossen bei einem Treffen bei Michael Gamper in Bozen, die Heimat keinesfalls zu verlassen. Doch der VKS schwenkte nach einem Treffen seiner Führung mit Heinrich Himmler (dem Organisator der Umsiedlung) um und propagierte die Auswanderung als bessere Option. Der VKS leistete Propagandaarbeit fürs Wegziehen. Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) entstand 1940 als Vereinigung von Südtiroler Aussiedlern oder Ja-Optanten (was ja nicht dasselbe war). Karl Tinzl war gegen die Option über die Auswanderung, optierte aber dann dafür, war in der AdO tätig.

Das Abkommen zur Umsiedlung betraf neben den Südtirolern auch die Ladiner und andere deutsche Minderheiten (Angehörige deutscher Sprachinseln) in Norditalien. Das waren die Bewohner des Kanaltals und der Gemeinden Sauris und Timau in der Venezia Euganea. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, ob auch die Zimbrer und Fersentaler im Trentino sowie die Ladiner ausserhalb Südtirols, im Trentino und der Provinz Belluno mit einbezogen waren.9

Südtirol war erfüllt mit Spekulationen, was mit “Optanten”, was mit “Dableibern” konkret geschehen würde. Ansiedlungen waren v.a. in vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektierten Gebieten geplant, zur Veränderung von deren Bevölkerungsstruktur. Die Nazis behaupteten, dass diejenigen Südtiroler, die nicht für Deutschland optieren würden, nach Sizilien transferiert werden würden. Mussolinis Präfekt in Südtirol (Provinz Bozen) 1933-40, Giuseppe Mastromattei, versprach, dass alle jene, “die immer Treue zu Italien und zu den Einrichtungen des Regimes bewiesen haben”, im angestammten Lande bleiben dürften. Mit der Option sah Ettore Tolomei sein Lebenswerk vollendet. Die faschistische Regierung Italiens hatte auch Befürchtungen bezüglich eines Weggangs der Südtiroler, vor entvölkerten Tälern und Dörfern.

Bis Jahresende 39 musste entschieden werden; Familienväter stimmten für die Familien. 86% waren schliesslich fürs Gehen (die NS-Option), optierten für Auswanderung. Ab 1940 wurde die Auswanderung umgesetzt, sie geriet bald ins Stocken, wegen Fehlens geeigneter Umsiedlungsgebiete. Etwa 75 000 verliessen bis 1943 das Land, vor allem nach Nordtirol, Vorarlberg und Bayern. Wenige Ja-Optanten wurden in Tschechien und Luxemburg angesiedelt.

Der niedere Klerus war für das Dableiben, der höhere fürs Wegziehen. Vorwiegend Städter und Gebildete sind ausgewandert. Viele Südtiroler Beamte verloren erst mit der Option ihre Stellen. Die vierzehnprozentige Minderheit – 34 000 Menschen – , die bleiben wollte, bestand hauptsächlich aus Bauern. Ihr Führer war Michael Gamper; auch der Abgeordnete zum italienischen Parlament 1924-29, von Sternbach, nahm eine führende Rolle ein. Aus Widerstand gegen das nazistisch-faschistische Aussiedlungsprojekt formierte sich der Andreas-Hofer-Bund (AHB), nicht zu verwechseln mit dem Andreas-Hofer-Bund Tirol (AHBT). Es ging diesem Bund um den Verbleib der Südtiroler in ihrem Land und um darüber hinaus gehenden Widerstand. Hans Egarter, Journalist beim katholischen Athesia-Verlag, war sein Leiter. „Dableiber“ wie Egarter, Sternbach, Volgger waren oft Antifaschisten und im AHB.

Viele deutsch(sprachig)e Volksgruppen in Europa wurden unter Hitler umgesiedelt, noch mehr verloren ihre Heimat infolge der Nazi-Politik. Wie auch anderswo (und am Ende durch den Rückstoss überall) mussten “Volksdeutsche” draufzahlen für Nazis, widersinniges “Grossdeutschtum”. Von den Nazis kam nicht die “Erlösung” für die schlimme Unterdrückung unter dem Faschismus sondern eine Steigerung: Auswandern oder jede nationalen Rechte aufgeben. Im Budweiser Becken wurden einigen Zimbrern aus dem Trentino Höfe “in Verwaltung” übergeben. Wer von den Umsiedlern geglaubt hatte, eine neue Heimat gefunden zu haben, wurde gegen Kriegsende eines Besseren belehrt. Eine erneute Flucht stand an; in ähnlicher Weise wurde etwa in der Untersteiermark die slowenische Bevölkerung aus und Volksdeutsche aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gotschee angesiedelt. Bis 1945.

Im Krieg

Das faschistische Italien trat 1940 in den 2. Weltkrieg ein, um italienische Interessenssphären sowie jenen der Deutschen, gewann für einige Jahre neue Gebiete hinzu, am Balkan, im Mittelmeerraum, Nordafrika. Optanten kamen ab 1939 in die Wehrmacht, Dableiber ab 1943; im 2. WK gab es damit kaum eine Südtiroler Mitwirkung in der italienischen Armee. Infolge des alliierten Sieges  von El Alamein 1942 verlor die Achse in Nord-Afrika (in Nordost-Afrika bereits zuvor). 1943 setzten die Alliierten nach Sizilien über, rollten Italien von unten auf. Auch am am Balkan gab es in dieser Zeit Niederlagen und Verluste.

In dieser Situation wurde Mussolini vom König entlassen, neuer Premierminister wurde Generalstabschef  Pietro Badoglio. Unter diesem wechselte Italien von den Achsenmächten auf die Seite der Alliierten. König Vittorio Emanuele di Savoia und die Badoglio-Regierung begaben sich unter den Schutz der Alliierten in Süd-Italien (USA, GB und “Hilfstruppen”)10. Politische Parteien entstanden in dieser Machtsphäre wieder, schlossen sich zum Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) zusammen, das in die Badoglio-Regierung eintrat.

Nach dem Ende des Bündnisses Hitler-Deutschlands mit Italien wurde Hitler-Deutschland in Norditalien Machhaber (anfangs auch in Mittelitalien). Es entstand unter dem aus seiner Gefangenschaft befreiten Mussolini die “Repubblica Sociale Italiana” (RSI), die von der Wehrmacht abhing. Diese gründete im September 1943 die „Operationszone Alpenvorland“ (Provinzen Bozen, Trient, Belluno) und die „Operationszone Adriatisches Küstenland” (bestand aus Friaul, Teilen des Julischen Venetiens und der bislang auch italienisch verwalteten slowenischen Krain). Deutsche Truppen rückten u.a. nach Südtirol vor (wurden dort mit Jubel empfangen), entwaffneten Teile der italienischen Armee, stellte eine neue auf, für die RSI, die “Esercito Nazionale Repubblicano” (E.N.R.) unter Rodolfo Graziani. Kommunistische Partisanen, mehr oder weniger mit dem CLN bzw der “Süd-Regierung” verbunden, leisteten im Norden Widerstand gegen deutschen und italienischen Faschismus.

Offiziell blieb Südtirol bzw das Gebiet der “Operationszonen” also, wieder aus Rücksicht auf den von den Nazis befreiten Duce, ein Teil Italiens (bzw der “Repubblica di Salò”, wie die RSI auch genannt wurde). Die Umsiedlung wurde gestoppt, die Option kam zum Erliegen. Die AdO wurde aufgelöst und in “Deutsche Volksgruppe” umbenannt; Peter Hofer wurde zum „Volksgruppenführer“ und Präfekt der Provinz Bozen befördert. Nach dessen Tod durch eine Fliegerbombe im Dezember 194311 wurde Karl Tinzl Nachfolger als Präfekt. Unterstellt war er dem Salzburger Franz Hofer, der als Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland und ausserdem als NS-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg fungierte (dieser Gau umfasste das nördliche, österreichische Tirol). Adolfo de Bertolini war unter Hofer für das Trentino zuständig.

Im deutschsprachigem Teil des “Alpenvorlands” stand erst recht Nationalsozialismus über Faschismus. Hitler nahm aber auch nach dem italienischen Regime- und Frontwechsel Rücksicht auf Mussolini und dessen Reststaat. Südtirol wurde nicht dem Deutschen Reich angeschlossen (Hofer war dafür). Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Diverse faschistische Maßnahmen wurden ausser Kraft gesetzt.

Die deutschsprachige Tageszeitung “Dolomiten” konnte ab 1925 wieder erscheinen, Michael Gamper hatte dies mit Unterstützung des Vatikans erreicht. Unter Mussolini konnte dieses eine deutsche Printmedium in Südtirol also meist erscheinen, unter der deutschen Herrschaft wurde sie nun verboten, zu christlich-sozial, zu südtirolerisch-partikularistisch war es. Die Mehrheit der Südtiroler war davon überzeugt, dass ihr Land nun nie mehr zu Italien kommen würde: Gewann Hitler den Krieg, würde er es behalten12; verlor er ihn, so würden es die Alliierten an Österreich zurückgeben.

Einige Mitglieder der AdO schlossen sich zum “Südtiroler Ordnungsdienst” (SOD) zusammen und waren ab September 1943 maßgeblich beteiligt (neben SS u.ä.) an der Verfolgung von Kommunisten und anderen Dissidenten, Partisanen, Juden13, Südtiroler Kriegsdienstverweigerern, Behinderten, in der „Operationszone Alpenvorland“. Auch gab es Repressalien an Dableibern/Nein-Optanten. Familienangehörige wurden in Sippenhaft genommen.

Die ethnisch oder politisch Verfolgten wurden in der Regel in das Lager Gries bei/in Bozen eingeliefert, das auch “KZ Sigmundskron” oder “Durchgangslager Bozen” genannt wurde. Von dort wurden sie zT in “echte” “Konzentrationslager” abtransportiert. Das Lager Bozen war vom Juli 1944 bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb, aber bereits seit dem Winter 1943 wurden darin einige Südtiroler gefangen gehalten. 11 000 bis 15 000 Gefangene wurden dorthin gebracht. Im Unterschied zu anderen Lagern in Italien wurde es von deutschen Dienststellen geleitet und verwaltet, verantwortlich war Franz Hofer. In Aussenlagern des Bozner Lagers in Südtirol mussten Gefangene Arbeitseinsätze leisten. Ettore Tolomei kam 1943 auch in deutsche Lager.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norditalien 1943 verschärfte sich auch die Verfolgung der Mitglieder des Andreas-Hofer-Bundes. Der Geistliche Michael Gamper konnte sich in einem Kloster bei Florenz in Sicherheit bringen. Friedrich „Friedl“ Volgger, seine rechte Hand in der Redaktion der “Dolomiten”, wurde in ein Konzentrationslager verschleppt. Hans Egarter, der in den letzten Kriegsjahren die Leitung des AHB übernahm, unterhielt ab 1944 Kontakte zum französischen und britischen Militärgeheimdienst in die Schweiz.

Kriegsende

Vom Süden rückte, wenn man so will, mit den amerikanisch-britischen Truppen  das künftige Italien vor. Im April und Mai 1945 fand die finale Offensive der Alliierten unter dem amerikanischen General Mark Clark in Nord-Italien statt. In ihren Reihen waren neben dem amerikanischen und britischen Militär auch Teile des italienischen, die üblichen Truppen aus Ländern des britischen Commonwealth (hier aus Neuseeland, Südafrika, Indien, Palästina), die polnische Exil-Armee sowie brasilianische Einheiten. Auf der Gegenseite die Wehrmacht in Italien unter Von Vietinghoff (Kesselring wurde am Kriegsende an die Westfront beordert) sowie das Militär von Mussolinis Salo-Republik. Vietinghoffs Quartier wurde Ende April in Bozen von Partisanen belagert, die ja die königlich-alliierte Seite unterstützen. Er nahm Kapitulations-Verhandlungen mit den Alliierten in Italien auf; auch andere nazi-deutsche Führer in Nord-Italien wie Hofer (mit einem Fuss nördlich des Brenners, mit dem anderen südlich davon) suchten Verhandlungen. Am 29. April wurde eine Kapitulation der deutsch-faschistischen Kräfte in Norditalien unter v. Vietinghoff für den 2. Mai ausgehandelt.

Mussolini versuchte, in die Schweiz zu entkommen, von dort wollte er in das franquistische Spanien weiter. Am 27. April wurden er und seine Vertrauten am Comer See (Lombardei) von kommunistischen Partisanen gestoppt und am nächsten Tag erschossen. Starace, jener Faschist der 1922 die Besetzung Bozens anführte, war einer jener, die zusammen mit Mussolini hingerichtet wurden. 2 Tage später der Selbstmord Hitlers. Es war das Ende des Krieges überhaupt, das Nazi-Reich implodierte, Vietinghoff wurde abberufen, es gab Verwirrung.

In Südtirol fanden zwischen der Kapitulation und dem Eintreffen der Alliierten diverse Bemühungen für die Zeit nach dem Krieg statt. Das CLN etablierte sich in Bozen, unter dem Mailänder Geschäftsmann Bruno De Angelis. Noch hatten die verbliebenen nazideutschen Behörden und Truppen die Macht.14 Partisanen wurden gegen sie aktiv. Es ging nun auch darum, ob die Machtübergabe der Nazis an die amerikanischen Truppen oder die demokratischen italienischen Parteien, das CLN, erfolgen würde. Auch um die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien oder Österreich.

Am 3. Mai kam es in der Bozner Industriezone, wo die Arbeiter der Lancia-Werke bewaffnet worden waren, zu einem Angriff auf die nach Norden zurückflutenden deutschen Truppen. Die “Schlacht von Bozen” forderte etwa 50 Tote, hauptsächlich bei den Partisanen und italienischen Zivilisten. Am selben Tag übergab der führende SS-General in Italien, Wolff, anscheinend die Verwaltung Südtirols (dessen Grenzen wie auch staatliche Zugehörigkeit noch nicht ganz fest standen) an das CLN unter De Angelis, nicht an Tinzl. Am 4. Mai erreichten die amerikanischen Truppen das grün-weiss-rot beflaggte Bozen. Sie bestätigten die italienische Verwaltung Südtirols durch das CLN unter De Angelis, die sich auf die Carabineri stützen konnte. Wehrmachts-Soldaten (auch Südtiroler) kamen in Gefangenschaft.

In Südtirol wie auf nationaler Ebene wurde also das CLN unter Kontrolle der anglokeltischen Alliierten bestimmende Kraft; die nicht unbedeutende Rolle der kommunitischen PCI darin war auch in den Augen der Amerikaner oder italienischen Christdemokraten noch kein grosses Problem. In Südtirol war das Machtgerangel der Partisanen mit den Amerikanern nicht so gross. Clark wurde Militär-Gouverneur in Italien, später Chef des USA-Militärs in Österreich. Italiener übernahmen unter amerikanischer Kontrolle also 1945 wieder die Kontrolle über Südtirol. Unter De Angelis als Präfekt der Provinz Bozen wurden alle Verordnungen aus der Zeit der nazi-deutschen Verwaltung ausser Kraft gesetzt, nicht jedoch alle faschistischen Gesetze. Es gab in mancher Hinsicht eine Rückkehr zu Rahmenbedingungen bis 1943, wie die fast alleinige Stellung der italienischen Sprache und die fast alleinige Besetzung öffentlicher Stellen durch Italienisch-Sprachige.

Zum 2. Vizepräfekten ernannten die Amerikaner, am 5. 5., Karl Tinzl, den Vorgänger von De Angelis als Präfekt. Die deutschsprachigen Südtiroler mussten sich nun wieder mit Italien und den Italienern arrangieren, bei der Vorbereitung der Nachkriegsordnung. Kontaktpersonen der US-amerikanischen Militärverwaltung waren auch Hans Egarter und andere AHB-Mitglieder wie Erich Amonn. Dableiber, oft solche die im Andreas-Hofer-Bund mitarbeiteten, waren nun “obenauf” bei den Südtirolern; daneben noch Optanten, die nicht mehr ausgesiedelt wurden und keine Nationalsozialisten waren. Tinzl nahm dabei eine seltsame Stellung, zwischen NS-Kollaborateuren und NS-Gegnern, ein.

Die führenden Südtiroler strebten nach dem Krieg eine Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich an. Die Übernahme der Zivilverwaltung im Land durch Italien(er) war diesbezüglich eine erste Niederlage. Reut-Nicolussi in Österreich, der während des Krieges im Widerstand zum NS-Regime gestanden war, arbeitete auch dafür, hielt auch Kontakte zum semi-clandestinen Movimento Separatista Trentino (MST), das auch das Trentin(o) aus Italien herauslösen wollte.

Am Ende des Kriegs führten die Fluchtwege von zwei entgegen gesetzten Gruppen aus dem (von Alliierten besetzten) deutschen Raum heraus über Südtirol, nach Italien und weiter aus Europa heraus. Zuerst von Juden, dann von Nazis. Eine Route führte über den Brenner, eine andere über die Birnlücke. Tirol war bis in die 1950er Drehkreuz bzw Transitland des jüdischen Exodus. Wichtigste Zwischenstation in Südtirol war das jüdische Sanatorium in Meran, von wo aus die Transporte meist zu den Schiffen von Genua weiter gingen. Von dort nach Palästina.15 Nazi-Funktionäre gingen die „Klosterroute“, später „Rattenlinie“ genannt, mit Hilfe der katholischen Kirche (Papst Pius XII., der österreichische Bischof Alois Hudal). Auch sie über Genua, meist nach Argentinien. Dort traf man sich manchmal wieder; die Wege der Beiden kreuzten sich auch in Südtirol: Es kam vor, dass sich Juden und Nazis zur selben Zeit im gleichen Flüchtlingsversteck (zB Klöstern) aufhielten. Die Bevölkerung Südtirols hatte trotz des “Verrats” durch den Nationalsozialismus anscheinend noch immer Sympathien für seine Vertreter und half oft den Flüchtigen. Die katholische Kirche half auch den Flüchtlingen.

Zuvor, am Ende des Kriegs, im April 45, gabs den Transport von „Sonder- und Sippenhäftlingen“ über das KZ Dachau nach Südtirol. Das waren deutsche Widerstandskämpfer und Regimegegner wie Fabian von Schlabrendorf, Martin Niemöller, Friedrich L. v. Preussen oder Fritz Thyssen, Verwandte von Angehörigen des Widerstands-Kreises in der Wehrmacht wie Stauffenberg, hohe Kriegsgefangene wie der SU-General Bessonow, in Ungnade gefallenen Nazis wie Schacht oder Halder, Überlebende des Great Escape, Schuschnigg mit Familie, der ehemalige französische Premier Blum, Xavier de Bourbon-Parma, der griechische Generalstabschef Papagos, der britische Geheimagent Sigismund Payne-Best, die Angehörigen von ehemalige NS-Verbündeten wie Badoglio oder Horthy. Georg Elser wurde vor dem Transport in Dachau ermordet. Anscheinend waren sie als Geiseln/Verhandlungsmasse für sie SS mit den Westalliierten in der „Alpenfestung“ gedacht. Kurz vor Inkrafttreten der Kapitulation Wehrmacht in Italien befreiten Soldaten der Wehrmacht unter von Alvensleben die Gefangenen aus der Gewalt der SS und brachte sie in ein Hotel in Niederdorf im Pustertal. Dort wurden sie bald von amerikanischen Soldaten übernommen.

Am 8. Mai 1945 wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet, aus Resten des Deutschen Verbands (von dem auch das Edelweiss-Symbol übernommen wurde) und dem Andreas-Hofer-Bund. Dableiber bzw Nein-Optanten dominierten die Partei anfangs, wie der erste Obmann Erich Amonn, Egarter, Volgger, Raffeiner, v. Guggenberg. Dass Tinzl und andere Optanten im Hintergrund waren, hatte auch den (pragmatischen) Grund, dass diese als NS-nahe gesehen wurden und man die Zulassung der Partei durch italienische und alliierte Stellen nicht gefährden wollte. Daneben waren viele von ihnen damals staatenlos (nicht mehr Italiener, noch nicht Deutsche geworden) und konnten keine politischen Mandate/Funktionen übernehmen. Am 17. Mai 1945 wurde Tinzl auf Betreiben des CLN als Vizepräfekt abgesetzt. Tinzl, der aufgrund seiner Staatenlosigkeit auch seinen Anwaltsberuf nicht ausüben konnte, widmete sich nun der Aufbauarbeit für die SVP und verfasste das erste Parteiprogramm.

Die SVP verhandelte mit den CLN-Stellen über die Rückkehr der Optanten und Minderheitenrechte, obwohl man damals nicht Teil des neuen Italiens werden wollte. Präfekt De Angelis wollte anscheinend die Ausweisung jener Südtiroler, die für die Auswanderung optiert hatten, aber das noch nicht getan hatten, der nichtumgesiedelten Optanten (das waren etwa 137 000 Personen), wie Tinzl einer war. Auch wurde die Frage der Kollaboration mit Nazis als Kriterium für die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft vorgeschlagen, was angesichts der Achse Hitler-Mussolini und der Nicht-Ahndung der meisten faschistischen Tätigkeiten irgendwie absurd gewesen wäre.16 Viele ausgesiedelte Südtiroler kehrten vor einer Regelung der Frage heimlich in das Land zurück. Im Oktober 1945 wurden wieder deutsch-sprachige Schulen in Südtirol zugelassen. In Rom wurde der Trentiner De Gasperi von der Democrazia Cristiana (DC) im Dezember 1945 erstmals Premier. Präfekt der Provinz wurde 46 Innocenti.

Die Entwicklungen in Nordost-Italien (Julisches Venetien, Friaul) wiesen am Ende des Krieges wieder Ähnlichkeiten und Affinität zu Südtirol auf, auch Unterschiede. Auch dort gab es also 1943 die Änderungen der Fronten. 1945 kämpften dort Wehrmacht, Faschisten, Kollaborateure gegen Partisanen (südslawische und italienische), Anglo-Alliierte; ein CLN bildete sich. Hier waren die Alliierten am Ende nicht überall die Ordnungsmacht bis zum Finden einer Nachkriegsordnung; die jugoslawischen Partisanen drangen (zum Abschluss der Eroberung Istriens) bis Triest vor (2. 5.; das nach 40 Tagen an die Alliierten übergeben wurde), schufen Fakten bezüglich künftiger Grenzen (das Äquivalent in Südtirol wären vorgedrungene österreichische Milizen gewesen, die aber auch die Wehrmacht bekämpft hätten). Es hatte hier mehrere deutsche Gefangenen-Lager gegeben, für Slawen, Juden und italienische Antifaschisten; die Behandlung der Slowenen und Kroaten dort war unter den Faschisten allgemein harscher als jene der Deutschen Südtirols – und entsprechend waren auch die Reaktionen/Repressalien (durch die jugoslawischen Partisanen) am/nach Kriegsende. Es gab Massaker und Vertreibungen an/von Italienern, wobei die Frage der Kollaboration mit Faschismus/Nationalsozialismus oft gar keine Rolle spielte. Und, die Grenze Italiens im Nordosten zu Jugoslawien war umstritten – und das sollte auch Rückwirkungen auf Südtirol haben.17

Nachkriegsordnung

Auf der Pariser Konferenz 1946 wurde u. a. das “Schicksal” Italiens entschieden. In Südtirol wurden dafür Unterschriften für eine Petition gesammelt, die die Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich (wieder selbstständig geworden) forderte. Fast alle grossjährigen, deutschsprachigen Südtiroler unterschrieben. Die Unterschriften wurden April 1946 auf einer Südtirol-Grosskundgebung in Innsbruck (Nord-Tirol; französische Besatzungszone) an Österreichs Bundeskanzler Figl überreicht. Österreich erhob auch diese Forderung; der Tiroler Landeshauptmann und spätere (ab 45) Aussenminister Karl Gruber übergab die Petition an die Pariser Konferenz. Österreich hatte selbst eine Territorialforderung abzuwehren: Tito-Jugoslawien erhob Ansprüche auf Südost-Kärnten, das Siedlungsgebiet einer slowenischen Volksgruppe. Bis zum Staatsvertrag 1955 (mit der definitiven Festlegung der Grenzen) erhob Österreich seinerseits Ansprüche auf einige Gebiete, neben Südtirol waren das das Kanaltal (ebenfalls von Italien), das Berchtesgadener Land (kleines deutsches Eck) und der Rupertiwinkel von Deutschland, Ödenburg/Sopron von Ungarn und ein Gebiet an der Thaya von der Tschechoslowakei.

Die nächste Protestaktion der Südtiroler war die Kundgebung von Castelfeder vom 30. Mai 1946, wo gefordert wurde, die Südgrenze der Provinz Bozen wieder unterhalb Salurn zu ziehen, das Unterland wieder vom Trentino an Südtirol zurück zu gliedern. Während dessen gab es im Julischen Venetien/Venezia Giulia/Julijska krajina die Vertreibungen von Italienern und die Kontrolle Dalmatiens, der Kvarner Bucht und Istriens durch Jugoslawien. Da sich dort ein Ausgang zuungunsten Italiens abzeichnete, verteidigte Italien umso zäher die Brennergrenze, zumal es das betreffende Gebiet unter seiner Kontrolle hatte. Und, von alliierter Seite war man bereit, Südtirol wie schon nach dem ersten WK Italien als Kompensation für jene Teile des Julischen Venetiens zu überlassen, die es nicht bekam. Inzwischen gab es ja auch die Konkurrenz zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion; und Italien (mit einer starken kommunistischen Partei) hätte sich zur SU neigen können, wenn sich die West-Alliierten für die Rückgabe Südtirols an Österreich eingesetzt hätten. Südtirol geriet zwischen die Mühlsteine des frühen Kalten Krieges, wenn man so will, während Triest Frontstadt des Kalten Kriegs wurde.

Ja, die Atlantik-Charta vom August 1941 von Franklin Roosevelt und Winston Churchill, genau wie Wilsons 14 Punkte 1918, gerechte Grenzen, Selbstbestimmungsrecht der Völker, usw. Nationale Ansprüche spiessen sich oft gegenseitig und ausserdem ging es gar nicht um eine gerechte Lösung sondern Belohung, Bestrafung, Vorbeugung und eigene Machtausübung.

Im Rahmen der Pariser Konferenz wurde 1946 ein Vertrag zwischen Österreich und Italien geschlossen, von den Aussenministern Gruber und De Gasperi, nach der alliierten Entscheidung über den Verbleib Südtirol bei Italien. Er sah Autonomie innerhalb Italiens vor, den Schutz der Kultur der deutsch(sprachig)en Südtiroler, Gleichberechtigung, die Revision verschiedener faschistischer Verordnungen, darunter die Rückkehr der ausgesiedelten Optanten18. Auch die Sprachinseln in der Provinz Trient wurden darin erwähnt. Der “Rahmen” der Autonomie sollte “auch” in Beratung mit lokalen deutschsprachigen Vertretern festgelegt werden. Das Abkommen wurde an den Pariser Vertrag der Alliierten mit Italien angehängt, der 1947 unterzeichnet wurde. Österreich, nach dem 2. WK erstmals nun für Südtirol engagiert, wurde durch den Vertrag indirekt Schutzmacht.

Es gab Aufruhr in Nord- und Südtirol nach der Entscheidung des Verbleibs Südtirols bei Italien, Protestkundgebungen in mehreren Städten. Im Pustertal, der österreichischsten Gegend (Bezirk wurde es erst später) Südtirols, gab es Zusammenstösse zwischen Bevölkerung und Carabineri. Österreich versuchte dann (erfolglos), wenigstens dieses Pustertal (der östliche Teil Südtirols) zu bekommen, die in der Ablehnung erwähnten möglichen “kleinen Grenzkorrekturen” einzulösen.

König Viktor Emanuel war nach der Befreiung Roms durch die Alliierten im  Juni 1944 in die Hauptstadt zurück gekehrt; er übertrug in der Folge die meisten seiner Rechte an seinen Sohn Umberto, behielt jedoch den Königstitel. Anfang Mai 1946 dankte er zugunsten seines Sohnes ab. Zu diesem Zeitpunkt gab es von verschiedenen Seiten Rufe nach einem solchen Schritt wie auch nach einer Abschaffung der Monarchie. Anfang Juni fand eine Abstimmung über die Staatsform sowie die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung statt. Italien wurde Republik.

Das Resultat der Pariser Friedenskonferenz vom Juli bis Oktober 1946 waren die im Februar 1947 unterzeichneten Verträge, darunter der Italien betreffend. Italien war gewissermaßen gleichzeitig Gewinner und Verlierer des Kriegs gewesen, war an der Seite der Achse und der Alliierten gestanden, war an Hitlers Kriegen beteiligt gewesen und auch am Sieg über ihn. Dann war auch das damals mit Stalins SU verbündete Tito-Jugoslawien ein Faktor. Am Ende musste Italien erhebliche Gebietsverluste hinnehmen, verlor in etwa das, was seit Kriegsende nicht mehr unter seiner Kontrolle war. Das war alles unter dem Faschismus eroberte (wie Albanien), alle Kolonien, und im Nordosten ganz Istrien (über Triest sollte erst entschieden werden), Teile von Friaul, Fiume, Dalmatien, an Jugoslawien. Wie Deutschland in dessen Ostgebieten (bzw über diese hinaus) hatte Italien im Ost-Adria-Raum zuviel gewollt und verlor alles. Im Nord-Westen wurden kleinere Grenzgebiete Frankreich zugesprochen. Hinzu kamen militärische Beschränkungen. Italien gewann aber seine Souveränität wieder, die Alliierten zogen ab.

Infolge der Gruber-De Gasperi-Vereinbarungen wurden diverse faschistische Maßnahmen zurück genommen, von der Italianisierung von Namen bis zur Auswanderung der Optanten. Anfang 1948 trat das Optantendekret in Kraft, welches die Rückkehr der Optanten und die italienische Staatsbürgerschaft für sie ermöglichte. Es betraf auch die Kinder der Optanten. Davor waren zwischen 2 000 und 12 000 ausgewanderte Optanten “illegal” nach Südtirol zurückgekehrt. Viele blieben aber weg, aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich in Österreich und West-Deutschland. Etwa Claus Gatterer, der im Österreich der Nachkriegszeit als Journalist, Historiker, Autor und Dokumentarfilmer von sich reden machte.

Die Südtiroler wurden durch die Option noch stärker ein “Bauernvolk”, da die Gebildeteren meist wegblieben; auch weil Italien mit verschiedenen Maßnahmen das Entstehen bzw Florieren einer Südtiroler Mittelschicht verhinderte. Michael Gamper leitete das Versöhnungswerk zwischen Dableibern und Optanten ein. Reut-Nicolussi, einer jener Südtiroler, die vor der Option gegangen waren, wegen der Zustände unter dem Faschismus, war nach dem Krieg kurzzeitig in der (Nord-) Tiroler Landesregierung, resignierte aber, nachdem 1946 klar wurde, dass Südtirol bei Italien bleiben würde, und zog sich weitgehend aus der Politik zurück. Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden des „Verbandes der Südtiroler“ gewählt. 1945 erhielt er an der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Völkerrecht und Rechtsphilosophie, 1951 wurde er Rektor der Universität Innsbruck.

Die gewählte Konstituante arbeitete eine Verfassung Italiens aus, die 1948 in Kraft trat. Italien wurde in Regionen eingeteilt, die die Compartimenti ersetzten. Südtirol wurde Teil der Region Trentino-Alto Adige (Trentino-Tiroler Etschland), als Provinz Bozen, blieb also mit dem Trentino (Provinz Trient) zusammen. Das Unterland kam von der Provinz Trient zu Südtirol zurück; das Gebiet um Ampezzo (nach dem 1. Weltkrieg abgetrennt) nicht. Trentino-Alto Adige wurde eine von fünf autonomen Regionen, die alle geographische, historische oder ethnische “Besonderheiten” aufweisen.

Nach der Ausarbeitung der Verfassung wurde 1948 gewählt, das nationale Parlament. Es gab, zu Zeiten des frühen Kalten Kriegs, mancherorts Angst vor einem kommunistischem Wahlsieg (PCI, Togliatti). Es siegte aber die DC, unter De Gasperi, und es wurde eine Koalition ohne die PCI gebildet. In Südtirol siegte die SVP, die fünf Abgeordnete ins Parlament in Rom senden durfte (u.a. Tinzl, v. Guggenberg, Volgger, Raffeiner). Auch in den autonomen Regionen und ihren Provinzen wurde erstmals gewählt.

In Trentino-Alto Adige (TAA) wurde der Regionalrat in zwei Wahlkreisen (Bozen, Trient) gewählt, Regionalrats-Abgeordnete wurden gleichzeitig Landtags-Abgeordnete. Die Wahl im Kreis Bozen war gleichzeitig Wahl zum Provinzrat (Landtag) Bozen (Südtirol). Bei dieser ersten Landtags-Wahl siegte die SVP klar, vor DC, MSI, PCI und anderen gesamtitalienischen Parteien verschiedener Richtungen. Die etwa 68% für die SVP dürften ziemlich dem Bevölkerungsanteil der deutschen/österreichischen Südtiroler (zu denen sich auch die meisten Ladiner zählen) entsprochen haben, wie er sich nun darstellte. Da Trentiner etwas zahlreicher sind, gab es 48 im (damals wichtigeren) Regionalrat eine (relative) Mehrheit für die DC, vor SVP, PATT (die Trentiner Autonomisten-Partei), PSI.

Landeshauptmann (Presidente della Provincia) der Provinz Bozen/Südtirol wurde Karl Erckert, ein nicht ausgesiedelter Optant. Der italienische Faschismus, der sich 1943 durch die de facto-Annexion durch Nazi-Deutschland weitgehend aus Südtirol verzogen hatte, kam nach dem Krieg wieder, in Form der neofaschistischen Partei MSI und ihrer Anhänger. Erckert bemühte sich um eine Überwindung der Gegensätze zwischen zurückgekehrten oder nicht ausgesiedelten Optanten und Dableibern, um Aufgaben des infrastrukturellen Wiederaufbaus, sowie eine Umsetzung der Autonomie innerhalb Italiens

Resümee

Die 4 Jahre vom Ende des Krieges zur Errichtung des Faschismus waren zu kurz und die italienische Herrschaft zu ungefestigt als dass diese Zeit wirklich zählen würde; die erste italienische Zeit für Südtirol war somit die faschistische und die ist in mancher Hinsicht für das Land noch immer prägend. Die Südtiroler waren ab Ende der 1930er nicht nur dem italienischem Faschismus sondern auch dem deutschem Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie waren aber nicht nur Opfer, wie sie sich gerne für diese Zeit darstellen, sondern auch Täter, wie viele andere „volksdeutsche“ Gruppen. Die Umsiedlungen von deutschen Volksgruppen in europäischen Ländern unter den Nazis zeigt den Wahnsinn des Nationalsozialismus’; mit der Angliederung Südtirols (und Österreichs) und Westpreussens wären sie durchgekommen, diese Gebiete würden heute noch zu Deutschland gehören. Das Schicksal von Südtirol und den Südtirolern pendelte vom Abschluss der Option über die deutsche, dann alliierte Besatzung bis zum Pariser Vertrag zwischen Italien und “Gross-Deutschland” bzw Österreich.

Luis Trenker wird ein Lavieren bzw Taktieren zwischen Mussolini und Hitler vorgeworfen. Dies kommt auch im 2014 gedrehten Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” von Wolfgang Murnberger heraus. 1945 hat er die ladinische Kulturorganisation “Union di Ladins de Gherdëina” mitbegründet. In gewisser Hinsicht steht er stellvertretend für die Südtiroler Bevölkerung. Es gab aber einen Südtiroler Widerstand gegen den NS. Kanonikus Gamper, Organisator der Katakombenschulen, war etwa Verfechter der Rechte der Südtiroler UND Nazi-Gegner.

Aber es gab wenig Aufarbeitung mit der Verstrickung in den NS. Der Dableiber Egarter, der sich dafür engagierte, geriet dadurch an den Rand der Gesellschaft. Aber, bevor man schnell urteilt: der Vietinghoff, der Nachfolger Kesselrings als Wehrmachts-Oberbefehlshaber in Italien war, spielte etwa eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr in der BRD (nach zweieinhalb Jahre in britischer Kriegsgefangenschaft), gehörte der Expertengruppe an, die 1950 im Auftrag der Regierung Adenauer die Himmeroder Denkschrift über einen westdeutschen Beitrag zur westeuropäischen “Verteidigung” verfasste. Und, das 1946 gegründete MSI ging vorwiegend aus Kämpfern und Funktionären der RSI hervor.

Das Schicksal der Südtiroler in der Zwischenkriegszeit, im 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit ist ein Lehrstück über die Unvereinbarkeit von rechten Ideologien verschiedener Länder, ein Kapitel aus dem Zeitalter des Nationalismus, mit Dramen und Paradoxa nationalistischer Flurbereinigungen. Deutsch-Sprachige Rechte sind bezüglich Südtirol unter den Nazis in einer Zwickmühle. Hitler wie Dollfuss haben das Land nicht nur Italien überlassen, sondern auch dem Faschismus, der die Minderheiten-Rechte der Bevölkerung (Sprache,…) mit den Füssen trat. 1943 wurde das von Hitler nur beendet, um etwas zu verhindern, was für Südtirol eine gemäßigte italienische Verwaltung bedeutet hätte… Ja, und die Alliierten waren dort der endgültige Befreier vom Faschismus. Entsprechende Nationalitäten-Rechte einzufordern für jene Gebiete, die von Nazis besetzt wurden, etwa Polen, wie für die Südtiroler in Italien, das fällt natürlich auch schwer. Ja, und ethnische Grenzen oder Selbstbestimmung oder zumindest Minderheitenrechte in Südost-Kärnten, im Gebiet der slowenischen Volkssgruppe?

Aber, die Parteinahme geht hier oft so weit, dass der Angriffskrieg Italiens gegen Äthiopien/Abessinien in den 1930ern (mit Giftgas-Einsatz) skandalisiert wird, die Rechte der Äthiopier als schützenswert firmiert werden, gibt man sich richtig antiimperialistisch… Ja, auch im äthiopischen Heer gab es 1935/36 Soldaten, deren Gebiete durch Angriffskriege einst äthiopisch geworden waren, etwa die kuschitischen Afar oder die omotischen Kaffa, und die nolens volens im Heer dieses “Vaterlandes” mitmachten, wie die Südtiroler im italienischen. Menelik II. (der Italien beim ersten Versuch der Einnahme weitgehend abwehrte) hat Abessinien Ende des 19. Jh gehörig erweitert. Und, die Eingliederung Eritreas nach dem 2. WK durch Äthiopien führte zu einem Sezessionskrieg; Eritreas Andersartigkeit gegenüber Äthiopien kam eigentlich nur durch die längere italienische Kolonialherrschaft zu Stande, diesseits und jenseits der Grenze leben Tigre.

Der Haupt-Organisator der deutschen Geheim-Schulen, Michael Gamper, floh vor der nazideutschen Verwaltung Südtirols 43-45, in ein Kloster in der Toskana. Reut-Nicolussi durfte nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wegen seiner erklärten Opposition gegen die nationalsozialistische Südtirol-Politik (in Österreich) nur mehr Zivilrecht lehren. Bezeichnenderweise befand sich der beschämendste Ort nationalsozialistisch-deutschen Wirkens in Südtirol, das Anhaltelager, im selben Stadtteil Bozens wie die faschistischen Protzbauten, die gegen die ursprüngliche Bevölkerung Südtirols gerichtet waren, in Gries. 1938 erfolgte die Zwangsauflösung des Andreas-Hofer-Bunds Tirol durch die Nationalsozialisten, nicht die Faschisten.19 Der Deutsche Verband Südtirols ging vor der Ausschaltung der Demokratie in Italien durch den Faschismus Wahlbündnisse mit der italienischen Südslawen-Partei ein. Dableiber wurden ausser von Faschisten auch von Nazis (und Weggehern zT) angefeindet; führende Dableiber/Nein-Optanten wie Sternbach wurden 43 oft interniert.

Multiethnische Regionen wie Istrien oder Banat wurden im 20. Jh zerstückelt, auch Tirol auseinander gerissen. Besetzungen, wechselnde Herrscher, ändernde Grenzen (mal aus versuchter Gerechtigkeit, mal aus arrogantem Machtanspruch), Aussiedlung oder Flucht von Bevölkerungsteilen, Verfolgung anderer. Das war das 20. Jahrhundert, waren die europäischen (“Welt”-) Kriege.

Das Buch “Von Reval bis Bukarest” (1991, 2 Teile) von Mads Ole Balling gibt einen Überblick über die Parlamentarier deutscher Minderheiten in Ost-Europa in der Zwischenkriegszeit. In Westeuropa gab es in dieser Zeit die Elsässer und Lothringer in Frankreich, die Nord-Schleswiger in Dänemark und die Eupener in Belgien, deren Gebiete im Versailles-Vertrag vom Deutschen Reich im Westen und Norden abgetrennt worden waren. Wie die Südtiroler in Italien, die durch St. Germain von Österreich(-Ungarn) abgetrennt wurden, kamen auch sie im Laufe des Hitler-Kriegs unter deutsche Herrschaft, für eine Zeit. Im Unterschied zu jenen in Osteuropa gab es hier am Ende des Kriegs nicht solche Fluchtströme und Vertreibungen – was auch damit zu tun hat, dass die Nazis und ihre Kollaborateure in Westeuropa nicht ganz so wüteten.

Den Kampf um die Erhaltung ihrer Eigenart haben die Südtiroler eigentlich gewonnen; es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis sie innerhalb Italiens zu ihrem Recht auf Minderheitenschutz und einem gehörigen Maß an Selbstverwaltung kamen. Darum wird es in Teil III gehen.

Literatur-/Linkliste

Manfred Alexander, Umberto Corsini, Davide Zaffi: Die Minderheiten zwischen den beiden Weltkriegen (1997)

Sabina Donati: A Political History of National Citizenship and Identity in Italy, 1861–1950 (2013; Englisch)

Günther Pallaver und Leopold Steurer (Hg.): „Deutsche! Hitler verkauft euch!“ Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol (2011)

Rolf Steininger: Autonomie oder Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gasperi-Abkommen (2008)

Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus (2002)

Manfred Kittel: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich (2006)

Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939 (1980)

Karin Golle: Kanonikus Michael Gamper und seine Bedeutung für die deutsche Sprachgruppe Südtirols zur Zeit der Italianisierung“. Diplomarbeit Wien 2011

Klaus Eisterer, Rolf Steininger: Die Option: Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (1989)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen allen Fronten: Ludwig K. Ratschiller, Autobiografie eines Südtiroler Partisanen (2003)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen Duce, Führer und Negus. Südtirol und der Abessinienkrieg 1935–1941 (2006)

Annuska Trompedeller: Karl Tinzl (1888–1964). Eine politische Biografie (2007)

Patrick Lobis: Südtirol und die Optionsfrage (2013)

Edmund Theil: Kampf um Italien: Von Sizilien bis Tirol, 1943-1945 (1983)

Lilli Gruber: Der Sturm. Die Kriegsjahre meiner Südtiroler Familie (2015). Über ihre Familie im Südtirol in dieser Zeit, ihre Grosstante Hella Rizzoli, die „Katakombenschulen“ organisierte aber anscheinend auch dem NS treu blieb

Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921-1926 (2005)

Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen (2010)

Luciano Happacher: Il Lager di Bolzano, con appendice documentaria (1979; Italienisch)

Ein Film von Gerald Steinacher und Franz Josef Haller über Südtiroler in Abessinien; ziemlich tendenziös

Anita Rauch: Polizeiliches Durchgangslager Bozen. Diplomarbeit Innsbruck 2003

Rolf Wörsdörfer: Krisenherd Adria 1915-1955: Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum (2004)

Die Sonder- und Sippenhäftlinge und ihre Befreiung

Teja Krašovec: Primorski priseljenci v Ljubljani v luči popisa prebivalstva iz leta 1928. Geschichte-Diplomarbeit Koper 2010 (Slowenisch). Über die Auswanderung von Slowenen und Kroaten aus der Venezia Giulia in der Zwischenkriegszeit aus dem faschistischen Italien in das SHS-Reich bzw Jugoslawien, besonders Laibach/Ljubljana 

Über das Movimento Separatista Trentino (Italienisch; fragliche Seriosität)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sein Vater stammte aus dem Trentino
  2. Was die Trentiner über/in Südtirol nach dem 1. WK betrifft: das gabs/gibts öfters in der Geschichte, dass die “Unterdrückten” dann mal oben sind, etwa die Rumänen in Transylvanien in der selben Zeit, über den Ungarn
  3. Und auch regionale Identitäten der Sizilianer, Lombarden oder Trentiner
  4. Weshalb das Urbane, Intellektuelle, Moderne bis weit in die 1960er hinein unter Südtirolern verpönt war
  5. 1950 vor dem Konkurs mit Marshallplan-Dollars gerettet
  6. Als die österreichisch-italienische Grenzziehungskommission in den 1920ern noch dabei war, die Bestimmungen von St. Germain umzusetzen
  7. Oft nach Laibach
  8. In SHS/YU gab es wiederum grosse Konflikte zwischen den Nationalitäten bzw zwischen Zentralismus und Föderalismus
  9. Es tauchen auch Zahlen von Italienern auf, die für eine Auswanderung in das “Grossdeutsche Reich” gestimmt hätten. Möglicherweise sind damit Ladiner gemeint
  10. Die Deutschen konnten Vittorio Emanueles Tochter Mafalda in Rom gefangen nehmen. Sie kam 1944 im KZ Buchenwald ums Leben
  11. Bozen wurde zwischen dem 2. September 1943 und dem 28. Februar 1945 bombardiert
  12. Der Eiertanz, den die Nazis nun um Südtirol vollführten, sollte dieses Gefühl auch wach halten – ohne die Faschisten zu vergraulen
  13. Mussolini erliess 38 auf deutschen Einfluss hin “Rassengesetze”, mit Augenmerk auch auf die Kolonien. Deportationen und Morde gab es erst nach der deutschen Besatzung
  14. Franz Hofer übergab Innsbruck am 3. 5. den Amerikanern. 3 Tage später wurde er von diesen anderswo in Tirol verhaftet und inhaftiert. 1948 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. In Mülheim an der Ruhr setzte er seine gelernte Arbeit als Kaufmann ab 1949 fort, ab 1954 auch unter seinem richtigen Namen, bis zu seinem natürlichen Tod 1975
  15. Tom Segev schrieb in “Die siebte Million” auch darüber, wie sie dort von den Zionisten gesehen und behandelt wurden
  16. Tolomei etwa war nach dem Krieg wieder politisch tätig
  17. Ein anderes Thema ist das Schicksal der nicht-kommunistischen slawischen Widerständler gegen Faschismus im kommunistischen Nachkriegs-Jugoslawien. Ehemalige TIGR-Kämpfer durften kaum an der Macht teilhaben, wurden vielmehr bis in die 1970er vom Geheimdienst UDBA überwacht. Vilfan lehnte die Kommunisten ab bzw sie ihn. Er wurde von der jugoslawischen Regierung zwar zeitweise als Experte für die Triest-Verhandlungen konsultiert, man kann aber sagen, dass er von Österreich-Ungarn, dem faschistischen Italien und dem kommunistischen Jugoslawien verfolgt wurde
  18. „…in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren.”
  19. 1994 wurde der Bund wiedergegründet

Möglicherweise geschobene Fussball-Spiele

Es geht hier nicht um Schiedsrichter-Fehlentscheidungen, etwa jene des Ecuadorianers bei Südkorea gegen Italien bei der WM 2002 (wobei gerade bei diesem Spiel möglicherweise nicht [nur] Inkompetenz im Spiel war…). Ein anderes Thema sind auch sicher geschobene Spiele. Manipulation geschieht in der Regel aus zwei verschiedenen Gründen, des sportlichen Erfolges halber oder wegen Wettgewinnen. Nicht immer sind die Akteure des betreffenden Spiels auch Profiteure der Schiebung.

Prominente Fälle aus der zweiten Kategorie ist etwa der Totonero-Skandal, in der italienischen Liga 1979/80, während dieser Saison von der von Guardia di Finanza aufgedeckt. Nationalspieler Rossi von Perugia oder Giordano waren involviert. Oder in der deutschen Bundesliga 1971 und 2005 (Hoyzer), ’06 wieder in Italien (rund um Juventus Turin), 09 in diversen europäischen Ligen, 1964 in England, in Österreich vor einigen Jahren um Kuljic und Taboga,…

Standard Lüttich half bei seinem belgischen Titelgewinn 1981/82 nach. Im letzten Meisterschaftsspiel gewann Standard gegen Thor Waterschei, und setzte sich damit gegen Anderlecht durch. Geld floss zuvor von Lüttich nach Waterschei. 2 Jahre später kam das heraus. Viele Standard-Spieler wie Gerets oder Preud’homme waren involviert und wurden bestraft. Olympique de Marseille wollte 1992/93 (als der Klub auch den Meistercup gewann) in der französischen Meisterschaft auch auf Nummer Sicher gehen, gegenüber dem Konkurrenten Paris SG. Dem Tapie-Klub wurde der Titel aberkannt.

Es geht hier auch nicht um Spiel-Absprachen im Irak unter Saddam Hussein, die geschahen, um nicht bestraft bzw gefoltert zu werden.1 Oder um die Schiebungen im kommunistischen Rumänien damit Rodion Camataru den Goldenen Schuh bekam (? 1987). Oder um Korruption bei der Vergabe von Turnieren.

Das Spiel zwischen den Mannschaften Argentiniens und Perus bei der Fussball-Weltmeisterschaft 1978 war entscheidend für dieses Turnier. Damals wurde die Zwischenrunde in Form von Gruppenspielen ausgetragen, die auch das Semifinale ersetzten. Argentinien, Veranstalterland der WM, und Brasilien hatten im direkten Aufeinandertreffen torlos gespielt und am letzten Spieltag der Gruppe besiegte Brasilien zunächst Polen, womit klar war, dass Argentinien gegen Peru zum Gruppensieg und Einzug ins Finale einen Sieg mit vier Toren Unterschied brauchte – Spiele wie dieses waren der Grund, dass letzte Gruppenspiele längst zeitgleich stattfinden. Argentinien gewann 6:0.

Für die Argentinien beherrschende Militärdiktatur unter Videla war die Ausrichtung der Weltmeisterschaft und das Abschneiden “ihres” Nationalteams eine Prestigesache, international und zur Stabilisierung der Herrschaft im Land. Bei der Schiebung des Spiels sollen eine Lieferung Getreide an Peru (organisiert von Argentiniens Landwirtschaftsminister Zorreguieta), der in Argentinien geborene peruanische Tormann Quiroga, die Präsidenten der beiden Länder, die Auslieferung von Gefangenen und Druck auf die peruanischen Spieler eine Rolle gespielt haben. Videla war unter den Zusehern im Stadion in Rosario, wie auch Ex-USA-Aussenminister Kissinger, der dabei ebenfalls eine Rolle gespielt haben könnte.

Peru, mit Teofilo Cubillas, war regierender Copa America-Sieger und hatte eine grandiose Vorrunde gespielt. Die ersten 15 Minuten war dieses Team auch überlegen. Zur Pause stand es 2:0. Tormann Quiroga hat möglicherweise Schlimmeres verhindert. Unter https://www.youtube.com/watch?v=xH9HZWO7Ez4 ist das ganze Spiel zu sehen. Unter https://www.youtube.com/watch?v=x74qjazOp-I eine Zusammenfassung. Man achte hier etwa ab 3:25 bis zum Abstoss und auf die folgende Aktion, auf das Gegenwehr-Verhalten der Peruaner, deren Körpersprache überhaupt… Eine Möglichkeit ist natürlich, dass sie demotiviert waren für diese Partie. Sie hatten auch bei einem Sieg gegen Argentinien keine Chancen mehr auf das Spiel um Platz 3, waren fix ausgeschieden.

Eines kann man ziemlich sicher sagen, der französische Schiedsrichter Wurtz hatte bei einer möglichen Manipulation keine Rolle. Auch, weil es da ein Foul eines Peruaners gab, auf den es einen Elfer geben hätte können. Bei einer Absprache müssen auch nicht alle Peruaner eingeweiht gewesen sein. 4 Tage später fand das Finale statt. 2012 hat der peruanische Abgeordnete Genaro Ledesma gesagt, es habe einen Handel zwischen den Präsidenten der Staaten, Bermudez und Videla, gegeben: das peruanische Team verliert mit vier Toren Unterschied, Argentinien übernimmt 13 peruanische Dissidenten in Gefangenschaft.

Argentiniens erster WM-Sieg steht also unter einem schlimmen Verdacht. David Yallop behandelte die Sache seriös in “How They Stole the Game”. Eine Darstellung darüber (auf Englisch) auch hier.

Unter Verdacht steht auch Spanien gegen Malta, 1983. Es ging um die Qualifikation für die EM 1984. Die Spanier bekamen im letzten Match den hohen Sieg, den sie brauchten, um die Niederlande noch zu überholen.

Bei den WM-Turnieren 1974 und 1966 gab es möglicherweise absichtliche Schiedsrichter-Hilfe für die jeweiligen Gastgeber-Teams. 1974 eine rote Karte des Bundesdeutschen Tschenscher in der Zwischenrunden-Partie Niederlande gegen Brasilien. Es ging darum, gegen wen die BRD im Finale spielen würde. 1966 der Ausschluss für den Argentinier Antonio Rattin, im Viertelfinal-Match gegen England. Vom Deutschen Kreitlein, wegen seiner verbalen Provokationen. Kreitlein konnte gar nicht Spanisch, wird eingewandt. Berühmt wurde die Sache wegen dem folgenden Sitzstreik Rattins bzw seiner Weigerung, den Platz zu verlassen. Dieser Rattin wurde übrigens Abgeordneter für die rechte Partido Unidad Federalista, geführt von Luis Patti, der unter der erwähnten Jorge Videla folterte. Beide Fälle sind aber wahrscheinlich weit von Schiebung entfernt.

Dann gibts ein Match aus der chinesischen Liga, um das es Diskussionen gab, aber diese Liga ist (noch) zu unbedeutend, um sich darüber auszulassen.

Doping ist auch eine Form der Manipulation; zumal wenn es sich um negatives handelt. So etwas soll es im Achtelfinale der WM 1990 gegeben haben, zwischen Brasilien und Argentinien. Der Brasilianer “Branco” sagte nach der Niederlage, dass ihm ein argentinischer Betreuer während einer Spielunterbrechung eine Flasche Wasser gereicht habe, nach dessen Konsum ihm übel geworden sei. Diego Maradona bestätigte das später, ein Beruhigungsmittel sei für einen Brasilianer in das Wasser gemischt worden. Trainer Carlos Bilardo sei dahinter gesteckt. Ob das spielentscheidend war, darf bezweifelt werden.

Was das EM-Finale 04 betrifft, Griechenland-Portugal, der Final-Schiedsrichter Markus Merk war Zahnarzt vom griechischen Trainer Otto Rehhagel. Er hat sich aber nichts zu Schulde kommen lassen. Das Match zwischen den Teams Österreichs und Deutschlands 1982 war nicht verabredet; es gab nach 10 Minuten den Spielstand, der Beiden zum Aufstieg genügte, und darauf hin so etwas wie einen unausgesprochenen “Waffenstillstand”.

Beschuldigungen gibt es diesbezüglich bald. Etwa in der Qualifikation für die WM 1994, als Bulgariens Star Christo Stoichkov behauptete, der schwedische UEFA-Präsident Johannsson hätte die Schiedsrichter unter Druck gesetzt, dem schwedischen Team zu helfen. In Jugoslawien gab es die Planinić-Affäre, nach dem Tormann benannt, der 1965 behauptete, dass 1963/64 in der Liga einige Spiele geschoben geworden sein. Man glaubte ihm und es gab einige Sperren, u.a. für Ivan Osim. Als dieser etwa 20 Jahre später jugoslawischer Nationaltrainer wurde, hat der Verband ihm gegenüber den Fehler eingestanden, heisst es.

Gegenüber Andres Escobar wurde der Vorwurf der absichtlichen Manipulation durch sein Eigentor bei der WM 94, im Spiel gegen USA, auch erhoben.

Gerade die Erwähnung der argentinischen Militärdiktatur zeigt, dass es Schlimmeres gibt als manipulierte Fussball-Spiele; etwa das Schicksal der unter Videla Gefolterten oder Ermordeten, oder der westliche Umgang mit dieser Junta oder jener in Chile unter Pinochet.

Falls jemand weitere “Kandidaten” weiss, bitte um Mitteilung als Kommentar.

http://sportnet.at/home/fussball/bundesliga/4671350/Experte-erklaert_So-werden-FussballSpiele-manipuliert

 

Nachtrag: Das zweite genannte Video, die Zusammenfassung, ist auf Youtube nicht mehr abrufbar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Folterungen an irakischen Sportlern begann, als Saddams ältester Sohn Uday 1987 das nationale olympische Komitee übernahm

Russisch-Amerika

Als Russisch-Amerika (Русская Америка, Russkaja Amerika) wurden das heutige Alaska sowie die russischen Besitzungen in Kalifornien bezeichnet, teilweise auch die kurzlebigen in Hawaii. Ein relativ unbekanntes Kapitel, die Sache. Die russische Kolonialisierung in Amerika steht im Kontext der Inbesitznahme Sibiriens, der Ausdehnung Russlands in den Osten. Alaska unmittelbar gegenüber liegt das Gebiet der Tschuktschen, die wie andere Völker NO-Sibiriens ethnisch und kulturell grosse Ähnlichkeiten mit den Nachkommen der nach Amerika Eingewanderten aufweisen (sie werden teilweise zu den Eskimo/Inuit-Gruppen gezählt). Als es eine Landverbindung zwischen Nordost-Sibirien und Alaska gab, kamen einst jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” (oder “Eskimos”) genannt wurden. Ein anderer Ausgang des russischen Kolonialprojekts in Amerika hätte wohl auf die Weltpolitik bzw den Lauf der grossen Geschichte entscheidende Auswirkungen gehabt.

Die Expansion Russlands begann im 16. Jahrhundert, nach der Entstehung des Zarenreichs, hauptsächlich durch Kosaken1, nach Sibirien, Zentralasien und den Kaukasus. Sie unterwarfen die dort Einheimischen (zB die Jakuten) und gründeten Ostrogs (Forts, Befestigungsanlagen), woraus im Laufe der Zeit Städte entstanden (zB Jakutsk ab etwa 1630). Widerstand leisteten etwa die Burjaten im 17. Jh. oder die Tschuktschen lange (17. bis 20. Jh). Den Kosaken folgten aus Russland Fallensteller, Händler, Soldaten, Beamte, Siedler,… Das Erlegen von Pelz-Tieren (v.a. Zobel) und der Handel mit den Pelzen wurde für das Russische Reich in Sibirien die Haupt-Betätigung. Es wurden dafür Handelsgesellschaften gegründet.

1639 erreichten die ersten Kosaken das Ochotskische Meer (ein Randmeer des Pazifiks), im Südosten kamen die Russen in den 1640ern in das Amur-Baikal-Gebiet (die Grenze mit China wurde im Vertrag von Nertschinsk 1689 festgelegt). Tschukotka war eines der letzten von ihnen erschlossenen Gebiete in Sibirien (sein Nordost-Zipfel), ab Mitte des 17. Jh. Beim Tod Peters I. (d. Gr.) befand sich der grösste Teil Sibiriens in russischem Besitz (er expandierte auch im Westen). Danach wurde noch die Kamtschatka-Halbinsel von den Russen unterworfen (Ende des 17./Anfang des 18. Jh).2

1648 umsegelten der Kosake Semjon Deschnjow und Andere die Tschuktschen-Halbinsel, fuhren in der später so genannten Beringstrasse. Die Frage, ob es eine Landverbindung zwischen Sibirien und Amerika gibt, war noch ungeklärt gewesen, nun wurde festgestellt, dass dem nicht so ist. Deschnjow sichtete evtl. Alaska. Sein Bericht über die Entdeckung wurde vom dortigen Gouverneur nicht weitergereicht, wurde daher nicht bekannt. Von der Eroberung Sibiriens ging es nahtlos über zum “Sprung” nach Amerika, die Kurilen und Sachalin lagen am Weg dorthin. Zar Peter d. Gr. beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer Vitus Bering, Marineoffizier in russischen Diensten, damit, den Weg nach Amerika abzuklären. Bering durchquerte 1725 Sibirien auf dem Landweg und erreichte Kamtschatka. 1728 segelte er von dort nach Norden und erreichte das Nordpolarmeer, ohne auf Land gestossen zu sein. Er gab dann wegen schlechten Wetters die Entdeckungsfahrt auf und kehrte um. Er hatte die später nach ihm benannte Meeresenge zwar schon durchquert, Amerika aber noch nicht erreicht.

So brach er fünf Jahre später zur Zweiten Kamtschatka-Expedition (nach dem Ausgangsort) auf, die auch als Grosse Nordische Expedition bekannt ist (1733–1743). Bering und Kapitän Alexei Tschirikow entdeckten 1741 Alaskas Südküste und Teile der Aleuten, umfuhren auch die Tschuktschen-Halbinsel. Bering überlebte ja diese Expedition nicht, strandete auf dem stürmischen Rückweg an einer unbewohnten Insel, wo er beim Versuch, über den Winter zu kommen, mit Teilen seiner Mannschaft an Skorbut starb.3 Im Rahmen dieser Expedition entdeckte der deutsche Historiker Gerhard F. Müller, Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften, dass Bering 1728 keineswegs der erste Seefahrer war, der die Beringstrasse durchfahren hatte. Im Archiv der Jakutsker Kanzlei fand er Belege dafür, dass Deschnjow mit seinen Leuten schon 80 Jahre vorher die Meerenge durchfahren hatte.

Russland, ab 1721 (Peter d. Gr. “Imperator”) eigentlich Kaiserreich und nicht mehr Zarenreich, erhob nach Berings zweiter Expedition Ansprüche auf Gebiete östlich von Sibirien. Der Name “Alaska” wurde damals noch nicht verwendet, die ursprünglich russische Bezeichnung war “Dalni Wostok” (Fernost). Und das Gebiet war im Osten (Briten waren noch weit weg, die Franzosen in diesen Jahren von ihnen verdrängt) und Süden (Spanier weit weg) nicht begrenzt! Nach Bering gab es weitere russische Expeditionen nach Amerika, unter Krenicyn oder Starychev. Auch die Erforschung der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg; über die Bering-Strasse, Tschuktschensee und Nordpolarmeer/Arktischer Ozean) geschah zT im Rahmen dieser Erforschungen. Die Russen beteiligten sich ab den 1740ern an der europäischen Aufteilung Amerikas, nachdem sie ganz Nordasien (Sibirien) unterworfen hatten.

Auch im Nordwest-Zipfel Amerikas, dem späteren Alaska, waren Pelzjagden (Pelzotter, Robben) und Pelzhandel für die Russen das Wichtigste. Die Promyschlenniki kamen, russische Pelzjäger (Äquivalent zu den US-amerikanischen Trappern), von denen viele nach der drastischen Dezimierung der Pelztierbestände Sibiriens arbeitslos waren. Es waren auch Indigene aus Sibirien mit dabei. Viele Promyschlenniki arbeiteten später als Seeleute, Holzarbeiter, Handwerker oder Fischer. Der grösste Teil der russischen Aktivitäten in Alaska spielte sich an seiner südlichen Küste sowie auf den vorgelagerten Inseln ab. Daneben versuchten sie die Einheimischen zur russisch-orthodoxen Kirche zu missionieren; in der Anfangszeit fanden auch kartographische, ethnologische, geologische Erkundungen statt. Russen hatten durch Sibirien Erfahrungen mit dem extremen Klima. Es war kein Ackerbau möglich, Versorgung von aussen notwendig. Unter Zarin (bzw Kaiserin) Katharina II. (1762-1796) fand ein Teil der Kolonisierung Alaskas statt.

1799 wurde durch einen Ukas (Erlass) des Zaren die Russisch-Amerikanische Kompa(g)nie gegründet, damit vollzog sich formal erst die Inbesitznahme Nordwest-Amerikas durch Russland. Ein Gebiet, das mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert wurde (dem angenommenen Landungspunkt Tschirikows auf der 2. Bering-Expedition 1741), bestehend aus dem nordamerikanischen Festland bis dorthin, den Kurilen und den Aleuten, wurde zum Monopolgebiet der Kompanie erklärt. Im Erlass wurde dazu aufgerufen, in dem Gebiet Territorium zu erwerben, das noch nicht von Anderen besetzt war. Was die Süd-Ausdehnung betrifft, entspricht das Gebiet ungefähr der endgültigen “Ausdehnung” Alaskas, also an der Küste mehr als die Halbinsel Alaska (Neu-Spanien war etwas entfernt). Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt; das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bekam durch den Erlass Privilegien in Russisch Amerika; 1795 war die erste Kirche in dieser russischen Kolonie entstanden, auf der Kodiak-Insel. Die Kompanie bedeutete einen Zusammenschluss von Handelsgesellschaften und die staatliche Aufsicht darüber. Sie war eine Aktiengesellschaft, Anteilseigner waren Mitglieder der Zarenfamilie, daneben vor allem Adelige und Beamte (was viel über die Oligarchie des Zarenreichs aussagt). Der Pelzhändler Alexander Baranow wurde zum ersten Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompagnie ernannt.

Wie in Sibirien entstanden Ostrogs und Handelsstationen, aus denen teilweise Städte wurden. Es entstanden im russischen Alaska nur zwei grössere Ansiedlungen. St. Paul auf Kodiak mit etwa 100 Holzhütten und etwa 300 Siedlern. Hier befand sich das Zentrum des Robbenfangs. Die andere befand sich ebenfalls nicht im “eigentlichen” Alaska, sondern im Alaska-Pfannenstiel (Panhandle), der russischen Ausbreitung über der Südküste der Halbinsel hinaus, zum proklamierten 55. Breitengrad hinunter. Dieses Südost-Alaska besteht aus Festland, Halbinseln, Inseln, Inselgruppen, Fjorden. Die Einheimischen sind hauptsächlich Tlingit. Auf einer der Inseln (sie wurde dann nach ihm benannt) gründete Kompanie-Chef Baranow 1804 Nowo-Archangelsk („Neu-Archangelsk“; das “Vorbild” befindet sich im europäischen Russland). In der Konstruktion der Hütten folgten die russischen Handwerker dem Vorbild der traditionellen Holzgebäude Sibiriens. In Novo Archangelsk entstanden auch Werft, Schmiede, Badehäuser,… Die Kleinstadt (etwa 1000 Einwohner) wurde Hauptstadt und Bischofssitz. Baranow und sein Assistent Iwan Kuskow koordinierte von dort den lukrativen Handel mit Fellen.

Die Völker der Ureinwohner in Nordwestamerika waren/sind neben den Tlingit v. a. Inuit (u.a. Yupik), Aleut (Unangan), Athabaskan (Denaina u.a.). Im Rahmen ihrer Unterwerfung gab es auch Massaker, wie das 1784 auf der winzigen Fels-Insel Awa’uq (Refuge Rock) im Kodiak-Archipel. Grigori Schelichow, einer der Pioniere bei der russischen Erkundung Alaskas und beim Pelz-Handel, und seine Männer (Promyschlenniki) töteten dort an die 2000 Sugpiat-Alutiiq (Alutiiq gehören zu den Yupik, sind Eskimos/Inuits). Es gab auch Widerstand der Ureinwohner, etwa in Form von Aufständen. Novo Archangelsk wurde 1802 von den Tlingit zerstört, 1804 wurde es zurückerobert, wieder aufgebaut und fortifiziert.

In Kämpfen gab es die waffentechnische Überlegenheit der Russen, wie überall wo der weisse Mann unterwarf. Daneben spielte auch die Einschleppung von Pocken eine Rolle bei der Dezimierung der Indigenen. Da an Russen hauptsächlich Männer kamen, “paarten” sich einige von ihnen mit Angehörigen der Völker der Region. Ein Teil der “alten” Bevölkerung wurde sprachlich und religiös russifiziert, wie in Sibirien (und wie Andere in Amerika hispanisiert oder anglifiziert). Die Russisch-Orthodoxe Kirche liess Kirchen und Schulen bauen. Teilweise wurden für die Jagd Schiffe der Ureinwohner benutzt. Die Riesenseekuh wurde in den Jahren nach der russischen Inbesitznahme Alaskas ausgerottet im Beringmeer; auch die Ureinwohner der Region sollen dabei einen Anteil haben.

Ab 1818 leiteten Offiziere der russischen Marine die Russisch-Amerikanische Kompanie, zunächst Ludwig Hagemeister, ein Deutschbalte bzw Russland-Deutscher, wie viele im russischen Adel bzw der Oberschicht, wie auch einer seiner Nachfolger, Ferdinand von Wrangel. Dies bedeutete auch eine stärkere Kontrolle über Russisch-Amerika durch die russische Führung in St. Petersburg. Der Weg vom europäischen Russland in die amerikanische Kolonie führte (mit Pferden) quer durch Sibirien4 und dann per Schiff über Bering-Strasse oder -Meer, er dauerte mehr als ein halbes Jahr. Die Transsibirische Eisenbahn wurde erst Ende des 19., Anfang des 20. Jh gebaut. Die Fahrt durch die Nordostpassage (das Eismeer) war zu gefährlich. Der Weg rund um das Kap der Guten Hoffnung oder um Kap Hoorn dauerte auch mehr als ein halbes Jahr.

Zu den Alaska vorgelagerten Inseln gehören die Aleuten. Der Name der Inselkette wurde von Johann von Krusenstern in Anlehnung an die Ureinwohner vorgeschlagen, die sich selbst aber anders nennen. In den ersten Jahren nach der Inbesitznahme ermordeten die Russen einen grossen Teil der Urbevölkerung. Erst als sie feststellten, dass die Aleuten weitaus geschicktere Seeotterjäger als sie waren, hörte das Morden auf und wandelte sich zur Sklaverei. Nach der drastischen Dezimierung der Aleut/Unangan durch die Russen kam es im Laufe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu einer Vermischung der Überlebenden mit den russischen Eroberern. Die Seeotter wurden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Promyschlenniki auf den gesamten Aleuten nahezu ausgerottet.

Cungagnaq dürfte ein Alutiiq von Kodiak gewesen sein, er wurde Ende des 18. Jh orthodox getauft, auf den Namen Pyotr (Peter). Es heisst, dass er 1815 mit einer russischen Pelzjagd-Gruppe weit in den Süden, in spanischen Bereich, kam. Die Gruppe geriet in spanische Gefangenschaft und er soll für seine Weigerung, zum Katholizismus überzutreten, getötet worden sein. Er wird in der Russisch-Orthodoxen Kirche teilweise als Märtyrer und Heiliger verehrt, als Peter der Aleute (die Ureinwohner Alaskas wurden von den Russen oft vereinfachend als „Aleuten“ bezeichnet).

Nikolai Resanow, einer der Gründungsinitiatoren der Russisch-Amerikanischen Kompagnie sowie Schwiegersohn Schelichows, plante, die gesamte Pazifikküste Nordamerikas für Russland in Besitz zu nehmen. 1805 besuchte er den spanischen Bereich, die Bucht von San Francisco; doch sein Tod im darauffolgenden Jahr und die Vorsicht des russischen Zaren vereitelten diese Pläne. Eine Minimal-Variante der Expansion Russlands in nordwest-amerikanischen Territorien kam aber zu Stande. Spanien hatte seinerseits aufgrund des Tordesillas-Vertrags Ansprüche auf die ganze Pazifikküste Amerikas erhoben. Im späten 18. Jh fanden vom Vizekönigreich Neu-Spanien aus Expeditionen bis hinauf nach Alaska statt, was zur Nootka-Krise führte, einem diplomatischen Streit, allerdings zwischen Spanien und Grossbritannien, das sich damals auch an die Westküste Nordamerikas herantastete (Küstenfahrten Cooks). Die Spanier errichteten gegen die Russen gerichtete Stützpunkte an der Pazifikküste. Einige Ortsnamen in Alaska erinnern heute daran, etwa Valdez. Zu Beginn des 19. Jh verfolgte Spanien diese Ansprüche nicht mehr, als eine Folge der Nootka-Konventionen.

Baranow befürwortete und leitete als Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie die Errichtung eines Stützpunktes an der südlicheren Pazifikküste. Dabei ging es hauptsächlich um Vorräte für Alaska und einen Umschlagplatz für Pelze von dort (bzw Handelsposten) – und weniger um einen Machtanspruch. Sein Assistent bzw Stellvertreter Kuskow erkundete Plätze in der Provinz Alta California, der grössten und nordwestlichsten von Neu-Spanien. Er führte auch Verhandlungen mit Vertretern des spanischen Vizekönigreichs. Schliesslich begann man ohne Erlaubnis der Spanier 1812 mit der Errichtung eines Forts in der Bodega-Bucht nördlich von San Francisco. Bewohnt war die Gegend von Pomo-“Indianern”. Kuskow segelte mit etwa 100 Männer aus Russisch-Amerika (etwa 20 Russen und 80 Ureinwohner) in diesen Teil Neu-Spaniens, der Bau begann.

Genannt wurde der Stützpunkt “Krepost Ros”, also “Festung” und eine Abkürzung von “Rossiya” (Russland); im Englischen wurde daraus später “Fort Ross“. Fort Ross wurde gegründet, als die Franzosen unter Napoleon im letzten Koalitionskrieg Moskau einnahmen5, die Kunde davon kam ohnehin erst Monate später in Amerika an. Der spanische Vizekönig ordnete eigentlich die Räumung des Forts an, diese wurde aber nicht ausgeführt. Die spanische Staatsgewalt war nördlich von San Francisco schwach. Und, infolge der französischen Besetzung Spaniens war auch das spanische Amerika in Aufruhr, wie in den anderen Vizekönigreichen erhoben sich auch in Neuspanien die Siedler gegen das Mutterland. Ab 1810 war dort ein Unabhängigkeitskrieg im Gange; Mexiko entstand 1821 als unabhängiges Reich.

Der südlichste Aussenposten Russisch-Amerikas sollte also hauptsächlich der Versorgung der Nieder­lassungen in Alaska mit Lebensmitteln dienen. Fort Ross wurde aber auch Stützpunkt für die Pelztier­-Jagd (Otter), Hanf für Taue und Seile als Handelsware wurden angebaut, Fischerei, Schiffbau, Lederherstellung, und Getreide-Verarbeitung spielten ebenso eine Rolle, ein Hafen wurde gebaut. Mit den Spaniern in Umland wurde Handel getrieben. Die Siedlung dehnte sich etwas aus, so wurden etwa die Farallones-Inseln “in Beschlag genommen”. Gewünscht wurde von russischer Seite eine Verbindung von Alaska zum Fort Ross entlang der Pazifikküste. 1818 wurde auch Krepost Ross’ vom kalifornischen Piraten Hipólito Bouchard (Pirata Buchar) überfallen, einem Franzosen der unter argentinischer Flagge segelte.

Die Einwohnerschaft der russischen Kolonie teilte sich in vier Gruppen auf. Innerhalb des eingezäunten Forts lebten die privilegierteren russischen Angestellten der Handelskompagnie. Vor allem Jäger und Fallensteller zogen hin. Zum Pazifik hin erstreckte sich eine Ansammlung einfacher Holzhütten, in denen die von den Russen für die Jagd mitgebrachten Ureinwohner Alaskas lebten. Sie bestanden in der Mehrzahl aus Alutiiq. Auch Hawaiianer waren dabei. In weiteren Dörfern in der Nähe des Forts lebten die Kashaya-Pomo-Indianer. Die Behandlung der Indianer durch die Russen soll vergleichsweise gut gewesen sein, die Pomo wurden mit Mehl, Fleisch und Kleidung entlohnt und erhielten Unterkünfte. Viele von ihnen lernten die russische Sprache und eine Reihe von russischen Ausdrücken fand ihren Weg in ihre Sprache. Die Russen hatten nahezu ausschliesslich Männer aus Alaska nach Fort Ross gebracht. Der dadurch bedingte Frauenmangel führte dazu, dass sich zahlreiche Lebensgemeinschaften zwischen den Russen und “Aleuten” einerseits und den einheimischen Kashaya andererseits bildeten. Abkömmlinge russischer Männer und indigener Frauen lebten, genauso wie niedrigergestellte Russen (das waren hauptsächlich Sibirier) in einem Dorf westlich des Forts. Die Gesamt-Einwohnerzahl dürfte 400 nie überstiegen haben, erster Administrator der Niederlassung war Kuskov.

Die ausgedehnte Lage war für die Russen schon in Sibirien schwierig (Versorgung, Kontakte, Abtransport Güter,…), bei den russisch-amerikanischen Besitzungen kamen weite Seewege hinzu. Wichtig hierbei wurde die Flotte, die militärische und zivile. Die Russen suchten nach einem “Bindeglied” zwischen Ost-Sibirien (Hafen Petropavlovsk auf Kamtschatka), Alaska (Insel Kodiak; Novo Archangelsk) und Fort Ross, am besten eine Insel im Nord-Pazifik. Auch intensive Handelsbeziehungen mit China und Japan wurden erwogen, als Alternative für die Pazifikinsel. Hawaii wäre sehr gut geeignet gewesen: Von Sibirien, Alaska und Ross annähernd gleich weit entfernt, noch nicht kolonialisiert, subtropisches Klima, fruchtbare Vulkan-Böden, mit Bewässerungsvorkehrungen der Hawaiianer,… Es könnte der Kompanie dienen, ähnlich wie das Kap der niederländischen VOC.

Von den 1800ern bis in die 1820er fanden russische Schiffsexpeditionen auf den Hawaii-Archipel sowie weitere Ziele im Pazifik (Tahiti, Osterinsel, Samoa, Marquesas,…) statt, unter dem Esten Krusenstern, dem Baltendeutschen Otto von Kotzebue,… Probleme für Russen auf Hawaii waren die “kriegerischen” (selbstbewussten) Hawaiianer sowie andere westliche Mächte, die ein Auge auf den Archipel geworfen hatten. Baranov trat mit König Kamehameha I. in Kontakt, dem wichtigsten Herrscher im Archipel, Verhandlungen liefen, während weitere russische Expeditions-Schiffe kamen. Scheffer (ein Deutscher in russischen Diensten) taktierte zwischen Kamehameha und seinem Konkurrenten auf Kauai, Kaumualiʻi.

So entstanden (ab) 1815 auf Kauai Fort Elizabeth und zwei weitere Forts sowie ein Hafen. Mit dem Stützpunkt auf Hawaii 1815-17 war das Russische Reich für einige Jahre auf vier von fünf Kontinenten präsent, in Europa, Asien, Amerika und Ozeanien. Russland hatte Unterworfene von Polen bis Hawaii, erreichte seine grösste Ausdehnung. Die Expansion auf die Hawaii-Inseln scheiterte bereits 1817. Scheffer und seine Leute wurden 1817 von Kauai vertrieben, auf Drängen Kamehamehas sowie der Briten und Amerikaner, den Konkurrenten im Hintergrund. Das Misslingen des Pazifik-Stützpunkts hatte wichtige (negative) Auswirkungen auf das weitere Amerika-Projekt der Russen.

Die landwirtschaftliche Nutzung in Fort Ross (für Alaska) brachte nicht den erwünschten Erfolg. Hinzu kam der Rückgang der Seeotterbestände in den 1830ern. Der Versuch, Schiffbau zu betreiben, war schon früher gescheitert, und die Erzeugung von Gewerbeprodukten konnte die Defizite nicht ausgleichen. Vom Ural bis Kalifornien war man 8-9 Monate unterwegs, mit Pferd(eschlitten) und Schiffen (heute braucht man dafür etwas mehr als diese Zahl in Stunden). Umgeben war die russische Exklave seit 1821 also von Mexiko, und mit diesem Staat gab es auch keine Einigung.

Der damalige Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie, Ferdinand von Wrangel, unternahm 1836 einen Versuch dazu, bei einem Besuch in Mexiko-Stadt setzte er sich für die Anerkennung des russischen Gebiets in Alta California ein. Im Gegenzug kam die Forderung, dass Russland die Republik Mexiko diplomatisch anerkennen müsse. Für Zar Nikolai I. kam das aber nicht in Frage, war Mexiko doch aus einem revolutionären Umsturz gegen Kolonialherrschaft und absolute Monarchie hervorgegangen… Fort Ross blieb also die ganze Zeit seines Bestehens (in den Augen der Herrscher des umgebenden Staates) illegitim.

1839 stimmte Nikolaus I. dem Vorschlag der Kompanie zu, Fort Ross aufzugeben und sich aus Kalifornien zurückzuziehen. Mit der Auflösung wurde Alexander Rotschew, der letzte Kommandant des kalifornischen Stützpunkts, beauftragt. Rotschew nahm zunächst Verhandlungen mit der britischen Hudson’s Bay Company auf, diese lehnte das Angebot 1840 aber ab. Auch Frankreich lehnte ab, der russische Stützpunkt war zu klein, zu unwirtschaftlich und zu “ungesichert”. Rotschew erhielt dann den Auftrag, Mexiko das Angebot zu unterbreiten. Doch die Mexikaner sahen Fort Ross ohnehin als auf ihrem Gebiet liegend an. Ende 1841 nahm Rotschew schließlich Kontakt mit Johann August Sutter auf, der 1839 in das mexikanische Alta California gekommen war und dort Land erworben hatte (mit einem Fort als Kern), das er “Neu-Helvetien” nannte und das er ausdehnte. Der gebürtige Schweizer willigte dem Kauf für 30 000 Dollar ein. Am 1. Januar 1842 stach das letzte russische Schiff von Bodega Bay in Richtung Nowo Archangelsk in See.

Fort Ross gehörte nicht zu Sutters Neu-Helvetien, es lag etwas südwestlich davon. Sutter liess alles mögliche aus dem russischem Fort in sein Privatreich bringen. Das ehemals russische Fort und die dazugehörigen Ländereien wurden von verschiedenen Verwaltern im seinem Auftrag bewirtschaftet, für Landwirtschaft und Viehzucht. Johann Sutter vertrieb Indianer von seinem Grossgrundbesitz, aus anderen bildete er eine Privatarmee – diese trugen in Fort Ross vorgefundene russische Uniformen; auch Leute aus Hawaii, wo er sich zuvor aufgehalten hatte, waren darin vertreten. Der Krieg zwischen USA und Mexiko 1846-48 brachte u.a. die Eroberung Ober-Kaliforniens durch die USA (mit Ross und anderen Ländern Sutters); 1850 wurde der Bundesstaat Kalifornien gegründet.

US-amerikanische Siedler kamen vor, während und v.a. nach dem Krieg über die Sierra Nevada nach Nord-Kalifornien. 1848 dann der Goldrausch in (Ober-)Kalifornien, in der Sierra Nevada (NO, Sutter) und N-Kalifornien, nicht so weit weg von Ft. Ross. Es begann in der Sierra, mit Funden bei Sutters Mühle, die nicht zu Neu-Helvetien gehörte. Sutters Länder wurden von Goldsuchern “überschwemmt”, er selbst verlor alles, ähnlich, wie die Indianer, die früher dort gelebt hatten. Die USA schielte noch nicht nach Alaska, aber war die grosse Macht in Nordamerika geworden. Mit dem Kauf weiterer Teile Nord-Mexikos 1853 schloss die USA ihre kontinentale Expansion ab (was das geschlossene Gebiet betraf).

Alaska (mit den Aleuten) war am längsten russisch. Die Russen liessen sich in Alaska hauptsächlich an der vergleichsweise milden Süd-Küste und dem daran anschliessenden Pfannenstiel nieder (in ca. 25 Handelsposten, die gleichzeitig Siedlungen waren), je weiter man ins Landesinnere bzw den Norden kam, desto weniger Kontrolle hatte die Kompanie über Land und Leute – viele Ureinwohner lebten so in der russischen Kolonialzeit ausserhalb staatlicher Kontrolle. Schätzungen zufolge lebten in Alaska bis zu 2500 Russen und Mischlinge sowie 8000 Ureinwohner, also insgesamt gut 10 000 Einwohner, im russischen Aufsichtsbereich, und ungefähr 50 000 Eskimos und Indianer ausserhalb. Diese letzte Zahl war möglicherweise auch viel höher. Die Ansiedlung von Russen war kein Anliegen der Kompanie, aufgrund der Versorgungslage, es kamen praktisch nur im Pelzhandel Tätige. In den frühen 1820ern wurde das Anteilssystem der Kompanie umgewandelt, die Promyshleniki bekamen nun ein fixes Gehalt.

Nachbar Russisch-Amerikas (Alaskas) im Osten und Süden wurde das britische North-Western Territory (der Hudson-Bay-Company). Spanien war kein Konkurrent mehr, Mexiko schaute nicht so in den Norden; die USA war nicht mehr so weit, die Briten kamen mit ihren Nordamerika-Kolonien dem russischen Amerika am nächsten. 1821 gab Zar Alexander I. einen Erlass (Ukas) heraus, die erste Verlängerung des Handelsmonopol der Kompanie; darin wurde sie auch der Marine “übergeben” sowie der russische Einflussbereich in Amerika vom 55. Breitengrad auf 45°50′ hinunter ausgedehnt. Damals war ausserdem gerade Krepost Ross’ als Exklave erworben worden.6 1822 korrigierte Alexander dies, proklamierte als Südgrenze von Russisch Alaska den 51. Breitengrad, das war fast so weit südlich wie die 1846 dort festgelegte Grenze zwischen USA und dem britischen Nordamerika, durch das “Oregon Country”. Die russische Erweiterung von 1821/22 schreckte USA und Grossbritannien auf, war ein Hauptgrund für die Monroe-Doktrin der USA…

Russland und die USA einigten sich 1824 auf einen Vertrag, es folgte 1825 einer zwischen dem Zarenreich und GB. Beide legten 54°40′ als südliche Grenze russischen Einflusses in Nordamerika fest; russische Rechte auf Handel südlich der Linie blieben. Das Abkommen von 1825 legte auch im Nordosten den 141. Längengrad als Grenze Russisch-Amerikas zum britischen North-Western Territory fest (die heutige Grenze Alaskas zu Kanada!), der Pfannenstiel im Südosten (der durch den Breitengrad definiert ist) war/ist östlich dieses Längengrads. Es blieben Unklarheiten bzw divergierende Wünsche, v.a. wie weit Alaska im Südosten ins Landesinnere hineingehen sollte. Umgekehrt kamen britische Felljäger und -händler nach Alaska, die Hudson’s Bay Company unterhielt Handelsposten, die durch Pachtverträge mit den Russen zustande kamen. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der Pfannenstiel grenzte dann an BC, die Pfannenschüssel an das NWT.

Das Klima, die Entfernungen und die europäischen Konkurrenten erschwerten die russische Herrschaft in Nordamerika. Die Kosten waren im Verhältnis zu den Nutzen zu hoch und ohnehin hatte Russland in Europa und Asien alle Hände voll zu tun. Brücken- und Tunnelprojekte zur Verbindung zwischen Sibirien und Alaska wurden angedacht. Mit der Fertigstellung einer Telegrafie-Verbindung wurde vieles leichter.7 Ab den 1820ern schwanden insbesondere durch die weitgehende Ausrottung des Seeotters zusehends die Profite aus dem Pelzhandel. Das Territorium war für Russland immer schwieriger zu halten: Die älteren Einwohner, vornehmlich die Tlingit, wollten sich den Russen nicht unterordnen. Zu rechnen war auch mit dem kompensationslosen Verlust Alaskas in einem militärischen Konflikt, insbesondere mit dem Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Irland, dessen Marine dieses sehr schwer zu verteidigende Territorium hätte erobern können; auch über das Land, vom Osten, war ein Angriff möglich.

Um die Staatskasse nach dem verlorenen Krim-Krieg wieder aufzufüllen, handelte der russische Botschafter in der USA, Eduard von (de) Stoeckl, 1867 im Namen des Kaisers/Zaren Alexander II. Romanov8 einen Vertrag aus, der den Verkauf Russisch-Amerikas an die USA fixierte (Alaska Purchase). Stoeckl und USA-Aussenminister William H. Seward unterzeichneten den Vertrag am 30. März 1867 in Washington. Das Zarenreich Russland verkaufte Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika, samt den Aleuten (von denen die Kommandeursinseln russisch blieben) und anderen vorgelagerten Inseln sowie dem Pfannenstiel. Der Nutzen war damals auch für die USA umstritten, Spötter sollen das erworbene Land „Seward’s ice box“ genannt haben. Neben Seward, der eine Expansion der USA befürwortete, war Charles Sumner, der Vorsitzende des Senatsausschusses für Aussenbeziehungen, ein Befürworter des Kaufes. Präsident war damals Andrew Johnson, nach dem Mord an Lincoln nach dem Bürgerkrieg. Die USA hatten noch unmittelbarer als das Zarenreich einen Krieg hinter sich.

In erster Linie war der Erwerb Alaskas gegen Grossbritannien gerichtet, bzw seine Nordamerika-Kolonien, von denen einige (Canada, Nova Scotia und New Brunswick) Monate nach dem Alaska-Kauf, im Juli 1867, durch die Canadian Confederation zum Dominion of Canada vereinigt wurden. Ausserhalb Canadas blieben vorerst u.a. die riesigen Gebiete im Westen Nordamerikas, Arctic Islands, North-Western Territory (1870 zu Canada), British Columbia (1871), Ruperts Land,… Die Übergabe des Territoriums fand am 18. Oktober 1867 in Nowo Archangelsk statt, mit der Abnahme der russischen Fahne und dem Hissen der amerikanischen vor dem Gouverneurs-Haus.

Mit dem Verkauf Alaska an die USA kam auch das Ende für die halbstaatliche Russisch-Amerikanische Kompagnie, wenngleich sie formal noch bis zum 1. Januar 1882 weiterexistierte; ihre Aktiva wurden an die in San Francisco ansässige Firma Hutchinson, Kohl & Company verkauft, die in Alaska Commercial Company umfirmiert wurde. Die östlichen Aleuten, die Kommandeurinseln, blieben wiegesagt russisch. „Alaska“, ein Begriff aus der Sprache des Volkes der Aleuten, wurde von den Amerikanern als Name für das Territorium gewählt.

Mit der amerikanischen Machtübernahme kamen neue Einwanderer, auch hauptsächlich Pelzjäger zunächst. Es heisst nach dem Transfer blieben einige Russen, v.a. in Nowo Archangelsk, aber die meisten seien auch bald nach Russland zurückgekehrt, was noch immer auf Kosten der Kompanie bzw ihrer “Nachfolger” möglich war. Auch viele der Mischlinge (aus Russen und Ureinwohnern) gingen.9 1867 brachte die “Tsaritsa” einen Teil der Russen weg, 1868 die “Winged Arrow” (nach St. Petersburg). Die Tlingit, Inuit oder “Aleut” kamen nun unter US-amerikanische Herrschaft.

Alaska war 1867 bis 1884 ein Department (mit Verwaltung hintereinander durch Armee, Finanzministerium, Marine), 1884 bis 1912 ein District (mit Selbstverwaltung), 1912 bis 1959 ein Territorium (Sitze im Kongress kamen hinzu), 1959 wurde es, wie Hawaii, ein Bundesstaat.10 Nowo-Archangelsk wurde in Sitka umbenannt, die Bezeichnung der Tlingit für die Stadt lautet so ähnlich. Bis 1906 ist Sitka Hauptstadt geblieben, dann das neu gegründete Juneau, das ebenfalls am Pfannenstiel liegt (1880 fand ein Quebecer dort Gold, die Gräber-Siedlung wuchs dann zur Stadt). Die grösste Stadt Anchorage wurde im 20. Jh gegründet, ebenso Fairbanks und die meisten anderen. Die wenigen Städte/Orte in Alaska, die auf die russische Zeit zurück gehen, wurden meist umbenannt.

Die USA haben Alaska ja in seinen von den Russen (in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten) gezogenen Grenzen bekommen. Ende des 19. Jh. wurde ein Grenz-Konflikt mit (dem nun unabhängigen) Kanada wieder aktuell, durch den Klondike-Goldrausch, der hunderttausende Goldsucher in dieses Gebiet im NO angrenzenden Kanada brachte, auch viele Amerikaner. Kanada wollten einen eigenen Hafen zur Ausfuhr in der Nähe. Der Goldrausch führte zur Errichtung des Yukon-Territoriums (aus dem NWT) und zur genauen Festlegung der Grenze zwischen Alaska und Kanada 1903, entlang des 141. Längengrads.

In Russland war das Zentrum im Westen des Landes, Alaska (der Name hat sich auch retrospektiv durchgesetzt) lag an der Peripherie (wie auch Sibirien). Auch in der USA ist Alaska Peripherie. Der Kauf Alaskas bedeutete für sie den Abschluss der kontinentalen Expansion. Danach wurde die Unterwerfung der älteren Einwohner des Landes vollendet (Wounded Knee). Der Imperialismus begann wohl schon mit der Aneignung mexikanischen Territoriums, wird aber meist erst mit der Inbesitznahme überseeischer Gebiete angesetzt (Hawaii, Puerto Rico, Kuba für einige Zeit, Dänisch-Westindien, ein Teil Kolumbiens, Karolinen,…). Im 2. Weltkrieg griff das japanische Militär die Aleuten an; einer der wenigen Fälle wo der Krieg nach Amerika kam.

Viele Einwanderungs-Wellen aus den 48 “zusammenhängenden” Bundesstaaten der USA kamen ab 1867 nach Alaska, auch aus Europa; in Alaska gibt es überproportional viele Deutsch-Stämmige. Der Anteil an Indigenen an der Bevölkerung Alaskas ist der höchste in einem Bundesstaat der USA (geblieben), bei weitem! Ureinwohner machen heute 15 bis 20 % aus. Hat damit zu tun, dass es sich um den unwirtlichsten Staat handelt und dieser spät zur USA gekommen ist. Die Bevölkerung der Aleuten, die Unangan, standen lange unter der Vormundschaft des US Fish and Wildlife Service, der in Alaska die Rolle einnahm, die in grössten Teilen der restlichen USA das Bureau of Indian Affairs für die Indianer wahrnahm. Erst 1966 bekamen sie volle Bürgerrechte!

Die Lebensart der alten Einwohner Alaskas hat sich geändert. Bis auf wenige Ausnahmen haben Iglus u. a. traditionelle Häuser der Eskimos/Inuits seit den 1950ern als Wohnungen ausgedient, auch in Kanada, Grönland, Sibirien. Iglus werden von Eskimos noch als Schutzhütten gebaut, wenn sie, etwa bei Jagdausflügen, von Wetterumstürzen überrascht werden. Die ethnischen Religionen des amerikanischen Nordens waren animistisch, Naturerscheinungen galten als beseelt. Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung.

Erst im 20. Jahrhundert wurde der enorme strategische und wirtschaftliche Wert Alaskas für die USA deutlich: Die Nähe zur Sowjetunion im Kalten Krieg, die als Puffer oder “Sprungbrett” gesehen werden kann.11 Die Entdeckung von Bodenschätzen, vor allem Erdöl, ab 1968. 1984 wurde die Alaska Independence Party gegründet, sie ist für die Abspaltung Alaskas von der USA und sie stellte schon den Gouverneur. Der “Mount McKinley”, Nordamerikas höchster Berg, in Alaska, wird wieder Denali genannt. 1917 bis 2015 war er nach einem erschossenem US-Präsidenten benannt, ehe er, durch Entscheidung auf der Bundesebene unter Präsident Obama, wieder seinen Namen aus der Athapaskee-Sprache bekam.

Das exterritoriale Alaska ist grösster Bundesstaat der USA und einer der bevölkerungsärmsten, was auf eine sehr geringe Bevölkerungs-Dichte hinweist. Alaska ist auch eine der grössten Verwaltungseinheiten der Welt. Die grössten sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Kanada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…

Russische Spuren in Alaska, Kalifornien, Hawaii heute? In Alaska wie erwähnt einige Orte und Bauten. Die teilweise Russifizierung der Ureinwohner (sprachlich, religiös) dort ist auch eine der gebliebenen Spuren. Das betrifft besonders die Aleuten (der westlichste Teil Alaskas), wo sich die Unangan heftig mit den Russen vermischt haben. Dies ist auch an den russischen Familiennamen zu erkennen. Die meisten Einwohner der Aleuten gehören auch der russisch-orthodoxen Kirche an. Auch in der Sprache sind russische Einflüsse erkennbar. Bei anderen “Ureinwohnern” sind die russischen Einflüsse etwas dezenter präsent.

Russisch-Orthodoxe machen in Alaska immerhin um die 5% aus. Das orthodoxe Christentum kam mit der russischen Kolonialisierung erstmals auf den amerikanischen Kontinent. Zur Zeit der Übernahme Alaskas gab es in der USA vermutlich schon Orthodoxe, russische und andere. Die meisten russischen US-Amerikaner kamen nach dem Umsturz in Russland im 1. WK, der Revolution, die zur Gründung der Sowjetunion führte. Von etwa 1945 bis 1990 prägte der Antagonismus dieser beiden Staaten, der alten und der neuen Heimat der russsischen Amerikaner, die Weltpolitik. In Ciminos Film “Deer Hunter”/”Die durch die Hölle gehen” wird diese Volksgruppe nicht porträtiert, aber Angehörige von ihr sind Hauptcharaktere, dabei werden einiger ihrer Spezifika geschildert, etwa die Bedeutung der russisch-orthodoxen Kirche.

Das Fort Ross-Gebiet wurde mehr als 60 Jahre unter verschiedenen Besitzern landwirtschaftlich genutzt, ehe Kalifornien es 1906 als historischen Park widmete. Im selben Jahr wurde die Holzkapelle durch das San Francisco-Erdbeben zerstört; sie wurde neu aufgebaut. Ft. Ross steht inzwischen unter Denkmalschutz, ist eine Touristenattraktion der Region. Es heisst, es ist besonders für russische Amerikaner ein Bezugspunkt. 1962 wurde es zu einer nationalen historischen Sehenswürdigkeit erklärt. Hawaii kam in den 1870ern massiv unter USA-Einfluss, wurde von ihr in den 1890ern in Besitz genommen. Das russische Fort Elizabeth (Елизаветинская крепость, hawaiianisch Paʻulaʻula o Hipo) ist eine Ruine historischer Bedeutung nahe dem Ort Waimea auf der Insel Kauaʻi.

Im Krieg gegen Japan 1904/05, v.a. um Sachalin, engagierte sich Russland wieder in der Ostasien/Pazifik-Region, kam mit kleinen territorialen Zugeständnisse davon; für das Zarenreich war aber eine Revolution die Konsequenz der Niederlage. Die Kommandeurinseln, die westlichsten Aleuten, sind auf russischer Seite gewissermaßen eine Erinnerung an das Kolonialabenteuer in Alaska. Sie liegen vor Kamtschatka und sind von Russen und “Aleuten” bewohnt. Alaska direkt gegenüber in Sibirien liegt (noch immer) Tschukotka.

Resümee

Asien war zuerst Russlands Nachbar im Osten, kam dann in Form der Mongolen über Russland und dann kam Russland über grosse Teile Asiens, im Anschluss auch über Amerika und Ozeanien. Europa gehörte die Welt, und Russland nahm sich seinen Teil. Die russische Ost-Expansion kam in Amerika und Ozeanien an ihre Grenzen. Die Gebiete in Asien blieben ihm grossteils, die früheren sogar über den Auseinanderfall der Sowjetunion hinaus; das nicht-sibirische Asien war später zu Russland gekommen, wurde in der SU-Zeit nicht Teil Russlands, sondern zu eigenen Republiken, die nach der SU-Auflösung Auflösung unabhängige Staaten wurden. In Europa ringt Russland noch immer um seine Ausdehnung, sein Einflussgebiet, wie auch die Ereignisse auf der Krim zeigen.

Alaska sowie die anderen genannten, kurzfristigeren Stützpunkte, waren für Russland die einzigen Überseekolonien. Mehr als ein Jahrhundert war Russisch-Amerika für die meisten Russen nur ein sehr weit entferntes Land, wohin nur Fallensteller, Pelzhändler und Missionare gingen. Ein Land in Eis und Schnee, wovon sie schon in Sibirien mehr als genug hatten. Ein Land, in das man monatelang reiste und in dem es vielleicht eine richtige Stadt gab. Die russische Expansion fand hauptsächlich am Festland statt, v.a. im Osten. Die amerikanischen Besitzungen waren ziemlich eindeutig Kolonien, die asiatischen aber möglicherweise auch. Russlands fehlender Zugang zu warmen Meeren bestimmte seine Ausdehnung; aber auch Faktoren wie die dünne Bevölkerungsdichte Sibiriens, die Widerstand erschwerte.

Im 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika (das dänische Grönland und der französische Rest St. Pierre & Miquelon jetzt ausgeklammert). GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles. Die USA erbten neben Alaska auch die russischen Stützpunkte in Kalifornien und Hawaii. Dabei begann die USA als Staat erst, als Russland schon voll in Sibirien ausgebreitet war. Russland verpasste den Goldrausch in Kalifornien, die Ölfunde in Alaska, strategische Vorteile im Kalten Krieg. Der Verkauf von Alaska und Fort Ross – ein Fehler, vergleichbar mit der Ablehnung der Beatles 1962 von “Decca” in London oder des Telefons durch “Western Union” 187612? Das Gelingen der Unternehmung auf Hawaii hätte wahrscheinlich dem russischen Kolonialprojekt eine andere Wendung gegeben.

Um dieses “Wie hätte es dort anders weitergehen können?” geht es hier

Zum Weiterlesen:

Stefan Bauer, Stefan Donecke, Aline Ehrenfried, Markus Hirnsperger (Hg.): Bruchlinien im Eis. Ethnologie des zirkumpolaren Nordens (2005)

Basil Dmytryshyn, E.A.P. Crownhart-Vaughan und Thomas Vaughan (Hg.): The Russian American Colonies. A Documentary Record 1798-1867 (1989)

Ilya Vinkovetsky: Russian America. An Overseas Colony of a Continental Empire, 1804-1867 (2011)

Richard A. Pierce (Hg.): Russia’s Hawaiian Adventure, 1815-1817 (1965)

Hector Chevigny: Russian America (1965)

Peter Littke: Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Die Geschichte Russisch-Alaskas (2003)

Glynn Barratt: Russia in Pacific Waters, 1715-1825: A Survey of the Origins of Russia’s Naval Presence in in the North and South Pacific (1981)

Lydia Black: Russians in Alaska, 1732-1867 (2002)

Dmitri Poletaev: Fort Ross (2014). Roman mit Elementen von Fantasy und Alternativgeschichte

Günther Eisenhuber (Hg.): Konrad Bayer: Der Kopf des Vitus Bering (2014). “Vitus Bering dient dabei nur als Vehikel, ist Standort für eine literarisch abenteuerliche Erkundung in den entlegenen Bereichen extremer Wahrnehmung von Welt und Ich, weit jenseits der Grenzen von Verständigung, wo das Ganze, um es mit Konrad Bayer zu sagen, gegen Ende auch sprachlich vereist.”

Lyn Kalani, Lynn Rudy, John Sperry (Hg.): Fort Ross (2001)

H. J. Holmberg: Holmberg’s Ethnographic Sketches

Frederick Starr (Hg.): Russia’s American Colony (1987)

Ryan Tucker Jones: Empire of Extinction: Russians and the North Pacific’s Strange Beasts of the Sea, 1741-1867 (2014)

Alexey Postnikov, Marvin Falk, Lydia Black: Exploring and Mapping Alaska: The Russian America Era, 1741-1867 (2015)

James R. Gibson: California Through Russian Eyes, 1806–1848 (2013)

Norman Penlington: Canada and Imperialism (1965)

Karl Schlögel, Elisabeth Müller-Luckner: Mastering Russian Spaces. Raum und Raumbewältigung als Probleme der russischen Geschichte (= Schriften des Historischen Kollegs. 74; 2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Kosaken hatten zum russischem Staat ein ambivalentes Verhältnis, einerseits dienten sie ihm, andererseits waren sie seine Gegner
  2. Manche Gebiete wurden erst später vollständig unterworfen. Im 19. Jh kam noch das östliche Amur-Gebiet dazu von China, im frühen 20. Jh das Tuwa-Gebiet (späte Zaren-Zeit, frühe sowjetische)
  3. Von Bedeutung waren bei dieser Expedition auch die Beobachtungen des Biologen Georg W. Steller, der u. a. die nach ihm benannte Seekuh erstmals beschrieb
  4. Teilweise über den Sibirische Postweg, der in den 1760ern gebaut wurde
  5. Die Russen überliessen die Stadt den Eroberern, die sich dann zurückzogen
  6. Der einzige russische Versuch der Durchsetzung des Erlasses war die Aufbringung eines US-amerikanischen Schiffes 1822
  7. In Jule Vernes “Der Kurier des Zaren”/”Mich(a)el Strogoff” (1876), einer Art historischem Roman, spielte diese auch eine Rolle
  8. Der 1861 auch die Leibeigenschaft aufhob
  9. Das Verhalten der ersten US-amerikanischen Siedler schon rund um die Übergabe soll für diese Entscheidungen ausschlaggebend gewesen sein
  10. 1960 durften die Einwohner Alaska erstmals bei einer US-Präsidentschaftswahl teilnehmen. Mit Ausnahme der Wahl des Jahres 1964, in der der Demokrat Johnson die Wahlmännerstimmen aus Alaska erhielt, gewannen dort stets Kandidaten der Republikaner die Wahl
  11. Sarah Palin wurde zur Lachnummer, als sie im USA-Präsidenten-Wahlkampf 08, damals Gouverneurin Alaskas und VP-Kandidatin der Republikaner, auf ihre aussenpolitische Erfahrung angesprochen, sagte, sie habe diese, da man von Alaska nach Russland hinüber sehen könne. Im Hintergrund war damals der Krieg zwischen Russland und Georgien um die Gebiete Süd-Ossetien und Abchasien. Nun, die Bering-Strasse ist an jener Stelle, wo sich die Festländer (Asien und Amerika) am nähesten sind, etwa 89 km breit. Es gibt aber in ihrer Mitte zwei kleine, kaum besiedelte Inseln, Little Diomede und Big Diomede bzw Ratmanow. Von diesen kann man an klaren Tagen zur anderen sehen
  12. Internes Memo damals: „This ‘telephone’ has too many shortcomings to be seriously considered as a means of communication. The device is inherently of no value to us“