Der Fall OJ Simpson

Kürzlich hat “Arte” die Dokumentation „O.J.: Made in America“ (bzw: “eine amerikanische Saga”) ausgestrahlt, die siebeneinhalb Stunden in 5 Teile zerlegt. Ezra Edelman hat sie im Auftrag des US-amerikanischen Sportsenders ESPN gestaltet, dafür 2017 einen Oscar erhalten. Eine ausgewogene Darstellung des Lebens von Simpson und des Mordfalls Brown/Goldman, finde ich. Kommentieren will ich einige Aspekte des Lebens von Simpson und Reaktionen Anderer auf ihn.

Orenthal James Simpson hat Ende der 1960er den Sprung vom College-Football in die NFL geschafft, spielte dort die meiste Zeit in Buffalo (Staat New York). Ende der 1970er wurde er Film-Schauspieler (> „Die nackte Kanone“,…). O. J. Simpson war ab Ende der 60er in der Welt der Weissen, das Gegenteil eines „Schwarzenrechtlers“. Es gibt Fotos aus seiner Zeit als American-Football-Spieler mit Präsident Ford und mit FBI-Chef Hoover. Er stammt aus einer der vielen afro-amerikanischen Familien, deren Vorfahren aus dem Südosten der USA nach Kalifornien geströmt waren.

In Los Angeles, wohin OJ nach seiner Football-Karriere zog, gibt es eine lange Konflikt-Geschichte zwischen Polizei und Schwarzen, die vor dem Rodney King-Fall 1992 begann. Bei den Unruhen in der Stadt nach dem Freispruch für diese Prügel-Polizisten wurde auch ein (weisser) LKW-Fahrer von Schwarzen aus seinem Fahrzeug gezerrt und geschlagen – Manche waren hier empört und fanden nichts an der vergleichbaren Behandlung von King, die dem voraus ging.

Die zweite Frau von Simpson war eine Weisse; Konflikte in der Ehe gab es zB als Nicole den Sohn bei einer Veranstaltung neben einen Schwulen setzte – der Vater vom „Juice“ war schwul. O. J. sorgte für die ganze Familie von Nicole Brown, heisst es. 1992 die Scheidung. Der Doppelmord an ihr und ihrem Liebhaber Ronald Goldman im Sommer 1994 trug sich zu, als gerade die Fussball-WM in der USA begann. Simpson hatte gerade den Pilotfilm zu der geplanten Serie “Frogmen” abgedreht, der (bisher) unveröffentlicht bleibt. Die teilweise von Hubschraubern aus gefilmte und live in TV-Sendern übertragene Flucht Simpsons, die Festnahme, die Anklage.

Und der Prozess, 1994/95. In Simpsons Verteidigerteam war auch ein Francis L. Bailey, der beim Wiederaufnahme-Prozess von Samuel Sheppard dessen Verteidiger gewesen war. Und Robert Kardashian, dessen Tochter Kim(berley) Simpsons Patentochter ist. Bei den Ermittlungen war die DNA-Spurensicherung in ihren Anfängen gewesen. Aber, die “Rassenfrage” rückte in den Mittelpunkt, spätestens mit dem Vorspielen der Aufzeichnungen rassistischer Flüche des Polizei-Offiziers Fuhrman, der in dem Mord den man Simpson zur Last legt(e), ermittelt hatte. Ausgerechnet bei Simpson der sich davor immer „gedrückt“ hatte, wurde das “Rassenthema” hoch aktuell.

Aber es war nicht nur die gefinkelte Strategie des Verteidigerteams unter Johnnie Cochran, die dafür verantwortlich war. Es war gewissermaßen Karma, die Antwort bzw Reaktion, für Vieles. Simpson war entweder verdammt schuldig oder er wurde verdammt reingelegt (LA-Polizei). Und relevant in diesem Zusammenhang auch: die doppelten Standards Vieler die Freisprüche für Leute, die Schwarze töteten, verteidigten oder hinnahmen1; die Angehörigen Goldmans die die Rassenfrage herunterspielten/verdrehten und Cochran beschimpften; jene die die Rassenthematik in LA/USA auf einmal ausblenden wollten; für die Simpson ein Teufel war weil er Schwarzer war und Brown ein Engel weil weiss. Die Rassenthematik spielte ZUMINDEST bei “schwarzer” Parteinahme für den Angeklagten eine berechtigte Rolle und beim Kurs von Cochran, der als Bürgerrechts-Anwalt viel erlebt hatte.

Jene, die den Freispruch für Powell und die anderen Prügel-Polizisten 3 Jahre zuvor bejubelt hatten, waren nach jenem für Simpson bestürzt, und umgekehrt. Eine Kluft zwischen Weiss und Schwarz tat sich auf wie schon lange nicht mehr seit den “Bürgerrechtsgesetze” der 1960er die die formale Gleichstellung von Afro-Amerikaner brachten, wurde spürbar. Bei Schwarzen war es auch das Wissen um ihre “Macht”, dass sie nicht mehr so einfach übergangen werden konnten, die für Erleichterung sorgte. Dass sie auch ihre gefinkelten Anwälte hatten, sie als Geschworene wirken konnten. Die zT schwarzen Geschworenen bekamen noch Jahre danach schriftliche Beschimpfungen und Bedrohungen aus der Bevölkerung. Robert Shapiro, der in Cochrans Team vorwiegend im Hintergrund gewirkt hatte2, wandte sich nach dem Prozess von diesem ab wegen des Spielens der Rassenkarte.

Simpson bekam die volle Vormundschaft über die Kinder, die die Browns übernommen hatten. Erfuhr aber in seiner Wohngegend Brentwood in L.A. Hass der Anrainer, zB beim Golf-Spielen. 1997 der Zivil-Prozess auf Entschädigung, den die Goldmans anstrengten, deren Jubel nach dem Schuldspruch. Aufgrund von “double jeopardy” war keine Neuauflage des Mordprozesses gegen Simpson möglich. Simpson zog nach Florida um, fand neue Freunde. 06/07 kam das Buch heraus, das einem Geständnis schon ziemlich nahe kommt. Das Motiv war wahrscheinlich, dass er Geld brauchte, um die über 33 Millionen $ zu zahlen, zu denen er verurteilt worden war.

Sein ehemaliger Agent Mike Gilbert hält Simpson für schuldig, wandte sich ab von ihm, sagt er hätte ihm den Mord gestanden. Gilbert könnte auch Jener gewesen sein, von dem der Sport-Fanartikel-Händler Bruce Fromong diverse Erinnerungsstücke von Simpson bezogen hat. Simpson wurde auf diese Artikel aufmerksam gemacht, 07 wurde in einem Hotel in Las Vegas ein Kauftermin zwischen Fromong und Simpson vereinbart. Simspon und seine Helfer nahmen die Gegenstände dann aber mit Gewalt an sich – sie seien gestohlen worden. Und hielten Fromong und seine Leute mit Gewalt fest.

Simpson wurde dafür ’08 zu 9 bis 33 Jahren verurteilt, die er in Nevada absitzt. Für etwas, wofür er vielleicht 2 Jahre hätte bekommen müssen. Es war die Rache für 94/95, auch wenn Richterin Glass das in ihrer Urteilsverkündung ausschloss. Fred(ric) Goldman triumphierte nach dem Urteil, „Im Gefängnis ist der Hurensohn unter Seinesgleichen“. Auch Marcia Clark, die (erfolglose) Staatsanwältin vom Mordprozess, war nach Las Vegas zum Prozess gekommen.

Wie aktuell die Thematik ist, zeigt sich durch die ausgerechnet in der Präsidentschaft Obamas in vielen Gegenden der USA wieder aufgeflammte Gewalt zwischen Polizei und Afro-Amerikanern. Quentin Tarantino (damals): “Es gibt in der USA einen schwarzen Präsidenten UND einen Rassenkrieg”. Dazu zwei Links. Und Fox-Kommentator “Bill” O’Reilly kam zur Zeit der Amtsübergabe Obamas an Trump mit Apologetiken zur Sklaverei daher. Simpson kommt in diesem Jahr erstmals für eine vorzeitige Entlassung in Frage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Auch der Umgang mit dem Pistorius-Steenkamp-Mord(?)fall in Südafrika ab 2013 zeigt bei Manchen diesbezügliche doppelte Standards
  2. Noch weiter im Hintergrund wirkte sogar Alan Dershowitz

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