Das iranische Atomprogramm. Teil 1: Die Anfänge des Programms

Der internationale Streit um das Atomprogramm des Irans wurde bestimmendes Thema der Weltpolitik, vor nunmehr 15 Jahren, ein Ende ist trotz der Verhandlungslösung nicht gegeben. Der Atomstreit des Westens mit Nordkorea war lange im Schatten des „iranischen“, das könnte sich nun umdrehen. Wie aktuell (oder akut?) die Thematik ist, zeigt sich auch dadurch, dass die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) den dies-jährigen Friedensnobelpreis erhält. Einen geplanten Artikel teile ich aufgrund der Länge in sechs Teile. Hier im ersten geht es um die Anfänge des Atomprogramms im Iran unter dem letzten Schah. Und um die Fortführung unter den Mullahs, in dieser Phase hat es wahrscheinlich eine Arbeit an Atomwaffen gegeben. Der zweite Teil behandelt die diesbezüglichen Vorwürfe, Drohungen und Aktionen, also den “Streit” darüber. Das dritte Kapitel widmet sich der Nutzung der Atomspaltung aus einer grundsätzlichen Perspektive (wissenschaftliche, politische und historische Aspekte); auch der Frage, wer eigentlich das Recht auf Atomwaffen und auf Atomnutzung hat.

In Teil 4 geht es um Welt- und Regionalpolitisches im Zusammenhang mit dem Thema. Dort wird es weniger um die Schilderung von Einzelentwicklungen gehen als um die sowie Einordnung von Entwicklungen in eine weiter gefasste historiographische Argumentation. Teil 5 behandelt die Beziehungen zwischen Juden und Iran durch die Jahrhunderte, wo sich angesichts der gegenwärtigen Spannungen auch Überraschendes auftut. Schliesslich wird die deutsch-österreichische Bombenkampagne (gegen Iran) und ihre Seriosität beleuchtet, sowie weitere nicht-staatliche Kampagnen dazu. Dort gibt es auch wieder eine lange Liste weiterführender Texte. Stellenweise geht es ziemlich polemisch zu, das soll nicht verhohlen werden. Und: ein endgültiges, „richtiges“ Narrativ “der“ Geschichte gibt es ohnehin nicht.

Infolge des Mossadegh-Sturzes war die USA für den Iran bestimmend. Und mit ihrer Hilfe begann unter Schah Mohammed Reza Pahlevi auch das iranische Atomprogramm, in den 1950ern. USA-Präsident Dwight Eisenhower präsentierte 1953, als sowohl der Kalte Krieg als auch die Atomanwendung noch ziemlich jung waren, vor der UN-Vollversammlung sein “Atoms for Peace” – Programm. Es beinhaltete die Weitergabe von nuklearem Know-How und Forschungsreaktoren samt Brennstoff an “befreundete” Staaten. Damit sollte die atomare Forschung diese Länder unter Kontrolle gehalten werden. Als befreundeter Staat wurde auch der Iran gesehen. 1957 wurde ein Abkommen zwischen den Staaten unterzeichnet, das zivile nukleare “Zusammenarbeit” im Rahmen von “Atome für den Frieden” vorsah.

Im Zuge von Atoms for Peace entstand 1957 die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO; englisch IAEA). Der Iran trat ihr 1958 bei. 1957 übersiedelte auch das Institute of Nuclear Science der CENTO von Bagdad nach Teheran, nachdem der Irak aus diesem Bündnis austrat.1 1959 lieferte die USA (bzw GA Technologies) den versprochenen (kleinen) Forschungsreaktor (5 MW) in den Iran. Dazu etwas (hoch) angereichertes Uran, Heisse Zellen und das wissenschaftliche Training für Jene, die den Reaktor bedienen sollten. Auf Initiative des Schahs, dem viel an dieser Art von Fortschritt lag, wurde 1960 an der Universität Teheran (vermutlich an ihrem Physik-Institut) um den Reaktor ein Nuklear-Forschungszentrum eingerichtet.2 Der Reaktor, der von der IAEO überwacht wurde, erzeugte Isotope für medizinische Zwecke, und lieferte, quasi als Nebenprodukt, Plutonium.

So begann die Nuklearforschung im Iran, ernsthaft in den 1960ern, mit Hilfe der USA und mit westlichem Vorbild und Technik-Import. Westliche Länder bzw Firmen drängten darauf, im Iran Geschäfte zu machen, auch im Bereich der nuklearen Kooperation. Auch Israel mischte mit. Ein guter Teil der in der iranischen Nuklearforschung Beschäftigten waren Frauen. 1961 schlug der Generalstab des US-amerikanischen Militärs vor, im Iran Nuklearwaffen zu stationieren, hauptsächlich gegen die Sowjetunion gerichtet, im Rahmen der damaligen engen Beziehungen.3 1963 unterzeichnete und ratifizierte der Iran den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser (Partial nuclear test ban treaty, PTBT). Während seines Besuchs in der USA 1964 kam der Schah bezüglich der Einführung der Kernkraft zur Energiegewinnung in seinem Land “auf den Geschmack”.

Der Iran hat 1968 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, als einer der ersten Staaten. 1970 wurde er vom Parlament ratifiziert und wurde so für das Land gültig. Er bedeutet(e) für das Land hauptsächlich einen freiwilligen Verzicht auf militärische Nutzung der Atomspaltung und die Zugänglichkeit seiner Nuklearanlagen für Inspektionen der IAEO. Und das Recht auf die friedliche Nutzung der Kernkraft. Diese wurde in den 1970ern konkretisiert. Ein richtiges Atomprogramm wurde für den Schah eine Prestige-Sache, aber das war nicht der einzige Ansporn. Durch die erhöhten Einnahmen aus dem Öl-Export infolge der Ölkrise 1973 hatte sein Regime auch die Mittel dazu. Und, die USA hatte nicht nicht nur nichts dagegen, sie motivierte ihn auch zu einem zivilen Nuklearprogramm. Der Bau der Reaktoren und die Lieferung der Technologie dazu sollte, zusammen mit den Waffenverkäufen, das amerikanische Handelsdefizit gegenüber Iran (wegen des Erdöls) ausgleichen. Bis in die 1990er sollten über 20 Atomkraftwerke entstehen, die den Energie-Bedarf des Iran decken sollten (auch hinsichtlich der Bevölkerungszunahme), das Land hierbei unabhängiger vom Öl machen sollten (auch hinsichtlich darauf, dass die Vorräte davon in absehbarer Zeit zu Ende sein würden).

Akbar Etemad, der in Lausanne studiert hatte, zum Nuklearphysiker ausgebildet worden war, und für das iranische Wissenschaftsministerium arbeitete, wurde 1973 zum Schah bestellt. Er sollte ein Generalkonzept für die Nutzung der Nuklearenergie im Iran ausarbeiten. Dieses4 wurde vom Schah bestätigt. Und das allein zählte; das Parlament war nach der Abwürgung der Demokratie mit dem Mossadegh-Sturz 1953 ähnlich machtlos bzw unkritisch wie heute unter den Mullahs. Pahlevi beauftragte daher seinen Premierminister (1965-1977), Amir Abbas Howeida, mit der Umsetzung des Plans. Etemad schlug weiters vor, eine Atombehörde zu schaffen. Und so wurde 1974 die Atomenergieorganisation des Iran, persisch سازمان انرژی اتمی (Sazeman-e Energy Atomi), gegründet, die noch immer für das Atomprogramm des Landes verantwortlich ist. Die englische Umschrift für die Behörde ist meist Atomic Energy Organization of Iran (AEOI).

Etemad wurde vom Schah zum Präsidenten der AEOI sowie zum Vize-Premierminister ernannt, leitete bis 1978 das Atomprogramm. Andere wichtige Wissenschaftler darin waren Houchang Rouhaninejad und Fereidun Fesharaki. Iranische Atomspezialisten wurden damals im Westen (darunter am Massachusetts Institute of Technology in der USA), aber auch in Indien, ausgebildet. 1974 gab der Schah bekannt, das Atomkraftwerke im Iran bald 23 000 MWe generieren sollten; Erdöl sei ein edler Stoff, zu edel um es zu verbrennen. Die ersten beiden AKWs sollten in Bus(c)hehr im Südwesten und in Darkhovin5 im Mittelwesten entstehen. Für beide wurden 1974 die entsprechenden Abkommen abgeschlossen.

In Bushehr (bzw etwas ausserhalb der Stadt) sollte das AKW unter Anleitung von Kraftwerk Union (KWU), einer AG die ein gemeinsames Tochterunternehmen von Siemens und AEG war, gebaut werden. KWU6 bekam den Auftrag im Wert von ungefähr 5 Millionen Dollar. Er sah zwei 1 200 MW –  Druckwasserreaktoren vor. In Darkhovin in der Provinz Khusistan, südlich von Ahvaz, sollte ein AKW mit ebenfalls zwei Druckwasser-Reaktoren (950 MW) entstehen. 1974 schlossen der Schah und Etemad in Paris dazu ein Abkommen mit dem französischen Unternehmen Framatome ab, das unter Lizenz von Westinghouse baut(e). Das Abkommen sah auch weitere Reaktoren (die später gebaut werden sollten), Uran-Lieferungen und Know How-Transfer vor. Es sollte mit französischer Hilfe in Isfahan (Esfahan) ein weiteres Nuklearforschungszentrum entstehen.

Bushehr (das in der gleichnamigen Provinz liegt) ist eine Hafenstadt und wurde erst zu Beginn der 1970er durch eine Autobahn mit der im Landesinneren gelegenen Grossstadt Schiras (Shiraz) verbunden. Dort begann 1974 auch der Bau.7 Jener in Darkhovin erst Anfang 1979. Die beiden Kraftwerke sollten Anfang/ Mitte der 1980er in Betrieb gehen. Die Versorgung mit niedrig angereichertem Uran sollte in Westeuropa geschehen, bei Eurodif. 1975 hat die iranische Regierung mit jener der USA ein Abkommen geschlossen, das den Bau weiterer Reaktoren sowie die Versorgung mit Nuklear-Brennstoff vorsah. Mit Apartheid-Südafrika schloss das Kaiserreich Iran auch Nuklear-Geschäfte ab. Der Iran investierte in eine Anreicherungsanlage namens „Valindaba“ in der Nähe von Pretoria, bekam als Gegenleistung “Yellowcake” (Uranoxid-Konzentrat) für seine künftigen AKWs.8

Baubeginn Bushehr 1970er

Auch mit Argentinien (damals ebenfalls eine Diktatur) arbeitete der Iran nuklear zusammen. Unter Präsident Gerald Ford verhandelte die USA mit dem Iran 1976 sogar über eine Anlage, mit der Plutonium aus abgebrannten Brennelementen extrahiert werden konnte. Damit hätte der Iran die Kontrolle über einen kompletten Brennstoffkreislauf bekommen. Und, der US-amerikanische Nuklearwissenschafter Jeffrey Eerkens “redete” um 1977 mit AEOI-Verantwortlichen über die Weitergabe von Technologie bzw Ausrüstung eines Laser-Anreicherungs-Prozesses für Uran.

Der Schah erwog damals (zumindest) den Bau von Atombomben. Der langjährige Hofminister Asadollah Alam schrieb dies etwa in seinen Memoiren. Laut Akbar Etemad wurden im Tehraner Forschungszentrum Versuche hinsichtlich der Plutonium-Extraktion sowie Anreicherungstechnologien vorgenommen, ohne Erlaubnis der USA. Deren Mächtige scheinen das auch geargwöhnt zu haben. Aus iranischer Sicht war damals die Erringung einer technologischen Autarkie bzw Unabhängigkeit von der USA (und anderen westlichen Staaten) ein wichtiges Motiv, daneben Führerschaft in der “Golf”-Region sowie Abschreckung gegenüber der SU. Im Roman eines Paul Erdman aus 1976 mit dem Titel “Crash of ’79” ist das AKW in Darkhovin schon fertig und das dort “abgeworfene” Plutonium dient dem Schah und seinen Leuten zur Herstellung einer bestimmten Art von Atombomben – und der Iran bekommt dabei Hilfe von der Schweiz und Israel…

Nachdem die Carter-Regierung Irans Begehren nach nuklearfähigen Raketen ablehnte, wandte man sich an die Israelis. Es kam 1977 zwischen Iran und Israel zum Beschluss von „Project Flower“, durch Vize-Verteidigungsminister Hassan Toufanian und den Ministern Mosche Dayan und Ezer Weizman. 1978 lieferte Iran Erdöl im Wert von 280 Millionen Dollar, als Anzahlung für die Raketen. Es begann der Bau von zwei Raketenbasen, in Sirjan und Rafsanjan. Der Umsturz im Iran kam einer Realisierung zuvor. Mit iranischem Geld, so Ronen Bergman, habe Israel neue Waffensysteme entwickelt, welche natürlich zur heroischen Verteidigung Israels gegen das/die Böse(n) eingesetzt werden, also hauptsächlich gegen den Iran.

Im Juli 1978, als der Iran bereits von Unruhen beherrscht wurde (Auflehnungen gegen das Schah-Regime und ihre Niederschlagungen), wurde ein neues Atomabkommen mit der USA (Präsident Carter) abgeschlossen. Im Oktober des selben Jahres wurde Etemad als AEOI-Chef abgelöst, aufgrund von Vorwürfen von Missmanagement und Veruntreuung. Er wurde durch seinen bisherigen Vizepräsidenten Ahmad Sofudehnia ersetzt. Zu diesem Zeitpunkt war eine friedliche Lösung der Krise im Land bereits sehr unwahrscheinlich.

Der Schah hatte von der USA, vom Westen, freie Hand bekommen, mit “seinen Untertanen” zu verfahren wie er wünschte, sein Regime hatte alles zu unterdrücken, was “kommunistisch” sein könnte und das Öl relativ billig abzuliefern. Am Ende seiner Herrschaft lehnte er sich plötzlich etwas dagegen auf, und das, als in der USA mit James Carter jemand Präsident war, der ggü dem Iran und der nicht-europäischen Welt allgemein einen faireren Umgang pflegte. Doch er ging zu spät auf “sein” Volk zu. Es war die Entmündigung des Irans im Inneren und nach Aussen, die Khomeini möglich gemacht hat. Ein Blick weit zurück

Eine Entwicklung weg vom Absolutismus der Schahs war in Persien/Iran ein langer Weg, begann mit der Verfassungsrevolution (ab 1905). Daneben entstand ab Ende des 19. Jahrhunderts ein iranischer Nationalismus, in Abgrenzung zum identitätsstiftenden schiitischen Islam sowie zu Arabern und Türken. Unter den Pahlevis (ab 1925) schienen beide Entwicklungen voran zu kommen, gefördert zu werden: Sie waren die erste echt persische Dynastie des neuen Persiens, jenem das in der frühen Neuzeit entstanden war. Sie leiteten eine Modernisierung auf verschiedenen Gebieten ein. Dazu gehört auch die Lockerung von Diskriminierungen ggü Zoroastriern und anderen religiösen Minderheiten. Doch die entscheidenden weiteren Schritte wurden unter dem zweiten Pahlevi nach dem 2. Weltkrieg auf Bevormundung der USA und Grossbritanniens verhindert.

Mitte des 20. Jh waren in Opposition zum Schah-Regime neue politische Strömungen/Bewegungen entstanden, die der Zivilgesellschaft eine grössere Rolle einräumen wollten und andere Schwerpunkte der Entwicklung anstrebten. In der Hauptsache gingen diese in der Jebhe-ye Melli (Nationale Front) auf, einer Dachorganisation bzw einem Zusammenschluss verschiedener Parteien, darunter der Nezhat-e Azad und der Hezb-e Mellat-e Iran. Daneben gab es auch die (zersplitterte) Linke. Mit der Beseitigung der Regierung von Mohammed Mossadegh (1953) wurden auch der Konstitutionalismus bzw die Demokratie beseitigt, wurde das Regime des letzten Schahs vollends eine absolute, repressive und vom Westen abhängige Monarchie. Die Modernisierung unter Mohammed Reza Pahlevi bzw ihr Nutzen kam durch die Entmündigung des Volkes und des Landes (nach Aussen) nicht bei der breiten Masse an. Die Freiheiten unter diesem Schah waren nur die eine Seite der Medaillie.

Auftritt der Sängerin “Googoosh” in den 1960ern in Abadan

Das Evin-Gefängnis in Teheran, in dem (auch) heute politische Gefangene einsitzen, wurde in den 70ern gebaut. Der Geheimdienst SAVAK, der (auch dort) folterte, wurde mit westlicher Hilfe aufgebaut. Die Schia wurde durch die Art des Regimes eine Opposition bzw Alternative zum Regime. Die Anti-Regime-Kräfte, die eine Reform der Monarchie wollten, schwenkten Ende der 70er allmählich um in Richtung ihrer Abschaffung. Die Nationale Front verlor die Geduld mit dem Schah, als der endlich einlenkte (Anfang 1979)… Der Übergang zu einer konstitutionellen Monarchie (statt einer absoluten, die der Iran mehr oder weniger war!) hätte das Land vor dem Schlimmsten bewahrt. Ruhollah Khomeini war eine Symbolfigur des Aufstands geworden, die meisten politischen Kräfte einigte sich auf ihn als Symbolfigur; und wurden dann von ihm ausgebootet.

Schirin Ebadi, unter dem Schah Richterin, hat damals an der Revolution teil genommen. “Nach einem Monat war mir klar, dass ich an meinem eigenen Ende mitgewirkt hatte”. Eine Einigung auf eine Regierung, aus den beiden im Februar 1979 bestehenden, der vom Schah eingesetzten von Schapur Bachtiar und der vom Ajatollah eingesetzten von Mehdi Bazargan, wäre eine Rettung gewesen; es gab einige Mittler wie Schariatmadari – aber die Kompromisslosigkeit von Khomeini. Auch wenn es zu Beginn der Islamischen Republik bzw der Khomeini-Ära noch etwas Pluralismus gab, mit dem Abgang Bachtiars war ein demokratischer Neu-Beginn im Iran eigentlich „vom Tisch“, so viel kann man aus heutiger Sicht sagen. Das Militär ging über vom Niederschiessen des Aufstands (als eine Demokratisierung noch möglich war) zum Kapitulieren vor ihm (als eine Demokratisierung nicht mehr drinnen war).

Carter erlebte als USA-Präsident die Revolution im Iran, den Machtwechsel, die Botschafts-Geiselnahme. Sowohl im Iran als auch in der USA gingen damals “gute Ansätze” (Bachtiar; Carter) unter, irgendwie verbunden miteinander, auch ging eine Verständigung zwischen diesen Ländern (Kulturen) unter. Ronald Reagan, der schon beim Woodstock-Konzert (damals Gouverneur von Kalifornien) verhöhnt worden war, durfte nun die USA führen, und (höchstwahrscheinlich) nach einem Handel mit Khomeini und den anderen Mullahs (gegen Carter) die Freilassung der gefangenen USA-Botschafts-Angehörigen verkünden. Mit der Stürmung der US-Botschaft hatten sich in der frühen Islamischen Republik (Iran) Fanatismus und Frontstellung zum Westen durchgesetzt. Die Ausschaltung der verbliebenen säkularen, demokratisch gesinnten Kräfte im Iran war wahrscheinlich eine zentrale Motivation der Organisatoren der Geiselnahme. Die Durchsetzung der Islamisten, der Übergang von einer Diktatur zu einer anderen, wurde erst deutlich, als (1981) nach Bazargan auch Abolhossein Banisadr aufgeben musste.

Es folgte eine rigorose (Neu-) Islamisierung aller Bereiche der Gesellschaft unter Khomeini. Die Mittelschicht war der grösste Verlierer der Revolution (egal ob links oder bürgerlich-demokratisch oder nationalistisch orientiert), wandte sich als erste von der Revolution ab, hatte keine Chance gegen die Islamisten. Ihre Anliegen gegen den letzten Schah sind nach wie vor aktuell. Bachtiar oder Bazargan und ihre Parteien taugen weder Islamofaschisten noch Westisten als positive Referenz. Islamismus kam mit Khomeini global auf; in Afghanistan wurde er damals noch vom Westen unterstützt.9

Akbar Etemad sagte zu dem Erbe des von der USA initiierten Nuklearprogramms durch die Islamisten, zunächst sahen diese dieses als ein Mittel der USA, den Iran zu beherrschen, später realisierten sie, dass sie es für sich nutzen konnten. Zunächst wurde das Atomprogramm unterbrochen, wegen der tiefgreifenden Umwälzungen im Land, der Ideologie der nun Herrschenden, wegen der Isolation des Landes (vom Westen), der Auswanderung vieler Techniker und Wissenschafter; der Krieg den der Irak unter Saddam Hussein 1980 vom Zaun brach, verschob die Prioritäten weiter. Was das AKW in Bushehr betraf, stoppte KWU anscheinend schon im Jänner 1979 den Bau; der eine Reaktor war damals fast fertig, der andere zur Hälfte. Das Unternehmen sagte dazu, der Iran sei mit den Zahlungen im Rückstand (von 450 Millionen $); es ist aber gut möglich, dass die USA über die Regierung der BRD diesbezüglich Druck machte, oder die Bundesregierung von sich aus auf die Firma, oder KWU einen Weiterbau angesichts der Revolution als zu gefährlich ansah.

Im Februar 1979, nachdem die deutsche Firma den Iran verlassen hatte, entschied die Regierung von Bazargan (eine Koalitionsregierung, die nicht von Islamisten dominiert war) für einen Abbruch des Baus. KWU zug sich im Juli 1979 ganz von dem Projekt zurück. 1981 hätte das AKW fertig sein sollen/können. Der Bau in Darkhovin hatte gerade erst begonnen, als die Revolution in die “heisse” Phase kam; auch hier kam der Rückzug der Firma (Framatome in diesem Fall) und die Auflösung des Vertrags durch Bazargan etwa zur selben Zeit. Daneben verfügte die Regierung der USA einen Halt der Versorgung des Teheraner Forschungszentrums mit (hoch) angereichertem Uran. Der dortige Forschungsreaktor musste für einige Jahre still gelegt werden. Auch Eurodif zog sich von seinen vertraglichen Verpflichtungen (der Lieferung von angereichertem Uran) zurück.10

Akbar Etemad ging im Zuge der Revolution ins Exil nach Frankreich.11 Auch viele andere in das Atomprogramm Involvierte gingen, wie erwähnt, ins Exil. Sofudehnia wurde als Präsident der Atombehörde Anfang 1979 durch Fereydoun Sahabi abgelöst, einem Geologen, Sohn eines Mitbegründers der Nezhat-e Azad, er war unter Bazargan auch Vizeminister für Energie. Sahabi präsidierte in der Phase in der das Atomprogramm brach lag. Dies änderte sich schon in der Anfangsphase des Kriegs gegen den Irak. Die Isolation des Landes im Krieg war wohl ein Faktor für die Intention, das Atomprogramm wieder auf zu nehmen.

Aber, 1981, als diese Entscheidung getroffen wurde, hatten sich auch die Islamisten endgültig durchgesetzt. Mit dem (erzwungenen) Abgang von Präsident Banisadr im Juni dieses Jahres waren auch die letzten Kräfte von der Macht verdrängt, die den Mullahs im Weg standen. Dazu passend wurde auch der Chef der AEOI ausgetauscht, Sahabi wurde 81 durch den regimetreuen Physiker Reza Amrollahi ersetzt, der die Behörde dann bis 1997 leitete. Fereidoun Fesharaki, früher Energie-Berater des Schahs, soll in der frühen Khomeini-Zeit von Mohammed Beheshti12 bezüglich Atomwaffen-Herstellung konsultiert worden sein – wie schon in der späten Schah-Zeit von Jamshid Amuzegar.

Der „1. Golfkrieg“ stabilisierte die Regime, auf beiden Seiten, etwas das ja zB auch Benjamin Netanyahu mit seinen Kriegen gegen Gaza erreichen will.13 Zum Zeitpunkt der Pahlevi-Machtübernahme 1925 hatte es praktisch kein iranisches Militär gegeben; Reza Schah begann, eines aufzubauen, mit ausländischer Hilfe. Dieses wurde ein Instrument gegen die eigene Bevölkerung.14 Mit der Revolution war auch diesbezüglich ein Neubeginn verbunden. Eigentlich wurde im Iran während des Kriegs ein neues Heer aufgebaut. Manchen Einheiten haben (schiitisch inspirierte) Selbtsmordangriffe gegen die Iraker durchgeführt. Diese dürften “Grundlage” der islamistischen Selbstmord-Attentate sein.

Krieg Irak-Iran

Für viele Iraner hätte mit der Rückeroberung des südwestlichen Khusistan (Khuzestan), der Gegend um Khorramshahr, 1982 der Krieg zu Ende sein können/sollen. Auch für den ehemaligen Premier Bazargan und seinen Aussenminister Ebrahim Yazdi. Nicht aber für den “Revolutionsführer” Khomeini. Zwischen den Gegnern des neuen Regimes gab es wenig bis keine Zusammenarbeit. Die iranischen Mujahedin-e Kalq (Volksmujahedin), von denen noch die Rede sein wird, nahmen den Kampf gegen das Regime auf, schlugen sich dabei dann auf die Seite des Irak bzw von dessen Baath-Regime. Anhänger einer konstutionellen Monarchie oder einer gemäßigt religiösen (islamischen) Republik, Linke (wie die Hezb-e Tudeh-ye Iran) wie Liberale (wie die Nationale Front), wurden vom Khomeini-Regime wie Unterstützer der absoluten, oligarchischen Monarchie behandelt, wie sie unter dem Schah die längste Zeit bestanden hatte, hatten nichts zu sagen.

Das irakische Militär setzte chemische Waffen (Giftgas) gegen iranische Soldaten und Zivilisten sowie gegen (damals mit dem Iran verbündete) irakische (kurdische) Zivilisten und Kämpfer ein. Es gab keine Sanktionen dafür, weil man „Angst“ hatte, dass diese dem Iran helfen würden. Der Irak bekam in dem Krieg die Unterstützung der meisten arabischen Staaten (mit Ausnahme Syriens) sowie gewichtige aus dem Westen. 1984 wurden dafür die Beziehungen des Iraks mit der USA wieder hergestellt.

Der Irak stand bei Kriegsbeginn auch am Beginn eines zivilen nuklearen Programms, mit französischer Hilfe entstand bei Bagdad das Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum. Darunter zwei Reaktoren, “Osirak” (Osiraq) bzw “Tammuz 1” sowie “Tammuz 2” genannt. Der grössere Reaktor, Osirak, wurde, noch im Bau befindlich, 1980 von iranischen Kampfflugzeugen angegriffen. 1981 die israelische Zerstörung dieses Reaktors (als er noch immer nicht arbeitete), unterstützt durch eine Explosion der Anlage, die durch als französische Techniker auftretende israelische Agenten arrangiert worden war. Eine weitere Station in der ewigen zionistischen Heldengeschichte, im Kampf gegen die Wilden in dieser Region, zur Bewunderung vieler Deutscher. Es soll im Vorfeld des Angriffs eine gewisse Absprache zwischen iranischen und israelischen Stellen gegeben haben. Einige irakische Soldaten und mindestens ein französischer Techniker wurden dabei getötet.15 Tuwaitha wurde auch von der USA 1991 bombardiert. Nach dem Krieg 03 und dem Zusammenbruch nicht nur des Baath-Regimes sondern auch jeder staatlichen Ordnung wurde das Gelände von Irakern geplündert.

Die beiden (damals aufgelassenen) AKW-Baustellen in Bushehr und Darkhovin waren beide in Nähe des Haupt-Kriegsschauplatzes, der die Provinz Khusistan bzw ihr Südwesten war. Darkhovin befindet sich ganz in der Nähe der damaligen irakischen Besatzungs-Zone (1980-82), da der Bau aber gar nicht weit gediehen war, war er militärisch uninteressant. Anders Bushehr: Die irakische Luftwaffe bombardierte die halbfertige Anlage dort von 1984 bis 1988 sieben Mal. Das letzte Mal anscheinend am Tag nach dem Waffenstillstand im Juli 88, der den Krieg beendete. Für das irakische Regime war Bushehr ein Ziel, um wirtschaftlichen und moralischen Schaden zuzufügen; und es erkannte dass Anschläge auf Nuklearanlagen im Nachbarland nach dem Krieg grössere politische Kosten bringen würden… Die irakischen Bombardierungen verursachten (die gewünschten) grossen Zerstörungen, und töteten 13 Menschen. 11 davon bei einem Angriff im November 1987. Darunter war ein west-deutscher Techniker vom Technischen Überwachungsverein (TÜV).

Der Irak hatte in den Jahren zuvor (v.a. in der IAEO) gegen Angriffe auf nukleare Anlagen gewettert, nach der Zerstörung seiner. Der Iran versuchte, Schutz der IAEO für Bushehr zu bekommen, “drohte” auch damit, eine kleine Menge nukleares Material in die Anlage zu bringen. Noch 1984 versuchte der Iran, den Bau in Bushehr fort zu setzen. Aber aus der BRD kam keine Hilfe mehr, und auch die Brennstoff-Vereinbarungen waren ja hinfällig geworden. Die IAEO wäre bereit gewesen, im Iran zu helfen, einem Mitglied der IAEO und Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrags, trotz Drucks der Reagan-USA. Ein zweites Nuklearforschungszentrum, in Isfahan, noch unter dem Schah geplant16, wurde 1984 unter Khomeini realisiert – auch ein deutliches Zeichen des Wunsches nach Wiederaufnahme des Nuklearprogramms. Sein Hauptzweck sollte Ausbildung von Personal für das künftige AKW in Bushehr sein.

Ab 1985 begann das iranische Regime, seine Investition in das französische Uran-Anreicherungs-Unternehmen Eurodif aus den 70ern zurück zu bekommen oder die entsprechenden Anteile am Unternehmen oder/und angereichertes Uran. Die Geiselnahme von Franzosen im Libanon 1985 durch eine schiitische Gruppe und die Ermordung von Eurodif-Manager Georges Besse 1986 soll damit in Zusammenhang stehen. Mit dem damaligen französischen Premier Chirac kam es 1988 zu einer Einigung, den finanziellen Forderungen des Iran wurde nachgekommen; ob auch das Uran geliefert wurde, ist nicht klar. Auch von der südafrikanischen Nufcor wurde Mitte der 80er bezahltes Yellowcake eingefordert, auch hier ist nicht ganz geklärt, ob es dazu kam. In beiden Fällen gab es jedenfalls Druck der USA dagegen.17

Die argentinische Nuklearfirma INVAP hat den Teheraner Forschungsreaktor 1987 konvertiert, so dass er künftig nicht mehr mit hoch, sondern mit niedrig angereichertem Uran arbeiten konnte. Der Iran hat dann auch niedrig angereichertes Uran aus Argentinien18 bezogen, für seine Forschungsreaktoren und die künftigen Energiereaktoren. Mitte der 1980er wurden zudem in der Nähe der Stadt Yazd Vorkommen von Roh-Uran gefunden. Daneben auch Molybdän, ein Mineral das in einer Legierung mit Stahl in Nuklearanlagen zur Anwendung kommt. Im Uran-Fundgebiet wurde eine Mine zur Ausbeutung gebaut. Das vom amerikansichen ehemaligen IAEO-Inspektor David Albright gegründete Institute for Science and International Security (ISIS) befand 2009, die Uran-Vorräte im Iran seien zu klein, um damit Atomkraftwerke betreiben zu können.

Der Iran-Irak-Krieg ging 1988 mit einem Unentschieden zu Ende, bzw mit der Wiederherstellung des Status quo ante bellum.19 Das USA-“Verteidigungsministerium” (Pentagon) hat während des Kriegs geheim (konventionelle) Waffen an den Iran verkauft, mit Beteiligung Israels, und mit dem Profit Waffen für die rechtsradikale Terrorgruppe in Nicaragua, die Contras, geliefert. Dies wurde 1986 als Iran-Contra-Affäre bekannt20. Die USA und Israel unterstützten beide Seiten, wollten eine Verlängerung des Kriegs. Nicht zuletzt weil sich der Iran während des Krieges gegen Irak im Stich gelassen fühlte, dessen Einsatz chemischer Waffen hingenommen wurde, wurde das Thema Atomwaffen wieder aktuell.

Es gab diesbezügliche Äusserungen von Khomeini und Ali Rafsanjani (Parlamentspräsident 80-89, dann Staatspräsident bis 97, natürlich auch Kleriker). Aber es fehlte an Vielem, hauptsächlich an Kontakten. Mit Khomeinis Tod 1989 nahmen interne Machtkämpfe im Regime enorm zu, auch wenn sich Ali Khamenei als “Oberster Führer” und Rafsanjani als (ihm untergeordneter) Präsident durchsetzten. Und, die nuklearen Bemühungen nahmen nun zu. Man kann sagen, dass das Atomprogramm des Iran vor und nach Khomeini betrieben wurde. Mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg, aber auch durch das Bevölkerungswachstum, entstand Bedarf für mehr Energie. Aber die Erfahrung des Kriegs führte auch zu einem verstärkten “Nachdenken” über ein militärisches Atomprogramm. Der Physiker Mohsen Fakhrizadeh-Mahabadi gilt als einer der führenden Wissenschafter beim Neustart des Atomprogramms.

Die Wiederaufnahme des Nuklear-Programms war gegen den Willen der USA – die die Nukleartechnik einst im Iran eingeführt hatten. Und die Regierungen von Reagan und Bush senior leisteten auch erheblichen Widerstand dagegen. Rafsanjanis Regierung wandte sich, bezüglich der Fertigstellung des Bushehr-AKWs, zunächst an KWU in der BRD. Zunächst kam, anscheinend noch 1989, eine Einigung zu Stande, mit einem Konsortium aus KWU, der spanischen Firma Empresarios Agrupados und der argentinischen Enace. Doch Druck der USA liess den Deal platzen. Der Iran wollte dann von KWU (wenigstens) die Herausgabe von bezahlten Reaktor-Komponenten und der technischen Dokumentation des bisher Gebauten. Auch dazu war man nicht bereit. Es ist diesbezüglich ein internationaler Rechtsstreit im Gang. Auch andere Nuklear-Deals mit westlichen Unternehmen wurden von der USA verhindert. Etwa mit der italienischen Ansaldo und der tschechoslowakischen Skoda.

Aus dieser Isolation vom Westen (die vom iranischen Regime natürlich auch massiv betrieben wurde) heraus wandte sich der Iran an diverse nicht-westliche Industriemächte. Bereits 1989 wurde ein Atomabkommen mit der Sowjetunion abgeschlossen. Das war, als sich diese aus Afghanistan zurückzog – und das war damals sowohl für Islamisten als auch für Westisten eine wichtige Sache. Auch mit China und Pakistan begann der Iran eine nukleare Zusammenarbeit, in einem geringerem Maß auch mit Algerien und Argentinien. Später mit Venezuela. Möglicherweise mit Nordkorea und mit Post-Apartheid-Südafrika, dies wahrscheinlich “inoffiziell”.21

Und dann gab es den Iraker Hussain (al) Sharistani. Wie der Name nahe legt, ist er iranischer Herkunft, wie nicht wenige schiitischer Süd-Iraker. Der im Ausland ausgebildete Atomphysiker war ab 1979 12 Jahre im Abu Ghraib-Gefängnis inhaftiert, da er sich weigerte, an dem irakischen Atom(waffen)programm mitzuwirken. Ihm gelang 1991 während des “2. Golfkriegs” die Flucht, aus dem Gefängnis und aus dem Land. Sharistani ging ins iranische Exil, engagierte sich dort gegen Saddam Hussein und sein Regime. Er soll auch an den iranischen Nuklearbemühungen mit gearbeitet haben. Nach dem Krieg 2003 ging er in den Irak zurück, wurde ein einflussreicher Politiker. Mit dem Wieder-Entstehen einer Nuklearindustrie wurde der Iran auch wieder für die IAEO interessant. 1989 besuchte deren Generaldirektor Hans Blix das Land, sagte ihm Unterstützung zu. 1992 erlaubte das Regime der IAEA, seine Nuklearanlagen zu inspizieren. Bezüglich des geplanten AKWs in Darkhovin einigten sich die Regierungen von Iran und China 199222 auf den Bau von zwei Reaktoren, auf die Fortsetzung des von Franzosen begonnenen Projekts. Doch auch China gab US-Druck nach, sagte das Projekt ab. Seither versucht der Iran das AKW selbst zu bauen.

1990 gab es eine erste Einigung zwischen dem Iran und der Sowjetunion bezüglich des Weiterbaus in Bushehr. Die Auflösung der Sowjetunion im zweiten Halbjahr 1991 war nur eines der Hindernisse, die es dann zu überwinden galt. Russland (bzw seine Atombehörde Minatom) war auch hier Nachfolger der SU. 1993 scheiterte (wie schon 1991) eine Konkretisierung an finanziellen Problemen des Irans. 1995 schliesslich kam es zu einer Einigung: Mit russischer Hilfe sollten die beiden Reaktoren fertig gebaut werden, weiters wurde die Versorgung mit Roh-Uran und Training für iranische Nuklear-Wissenschafter vereinbart. Ausserdem würde man über den Bau einer Gaszentrifugen-Anreicherungsanlage im Iran reden. Die Clinton-Regierung versuchte wieder, Russland zu einer Annullierung des Vertrags zu bewegen, diesmal erfolglos. Geleitet war die USA damals von “Dual Containment” gegenüber Iran und Irak. Vorgestellt hat diese Politik Ex-Botschafter Martin Indyk (damals im Nationalen Sicherheitsrat), 1993 auf einer Tagung des Washington Institute for Near East Policy (WINEP), das AIPAC’s Think-Tank ist.23

Während der Weiter-Bau des AKWs (das unter IAEO-Kontrolle sein würde) begann, versuchte es die USA-Regierung mit der Thematisierung des beim Betrieb des AKWs “anfallenden” Plutoniums. Dies könnte für Nuklearwaffen verwendet werden. Hier haben die Partner aber die “Abgabe” des Materials an Russland beschlossen, das in Sibirien eine grosse Anlage zur Endlagerung von Nuklearmüll hat. Ein schwieriges Hindernis für den Weiter-Bau war, das KWU keine technische Dokumentation zu dem von ihr begonnen Bau herausgegeben hat, weder an Iran noch an Russland. Das “Anknüpfen” wurde so sehr schwierig, manches musste rückgebaut werden. Der Plan eines AKWs in Gorgan mit russischer Hilfe wurde aufgegeben.

Im Laufe der 1990er wuchs die Feindschaft zwischen Iran und Israel. 1992 gab es einen Selbstmordanschlag mit einem Lieferwagen auf die israelische Botschaft in Argentinien (29 Tote), 1994 explodierte in Buenos Aires eine Autobombe vor dem jüdischen Kulturzentrum AMIA, 85 Menschen kamen ums Leben. Das iranische Regime wurde beschuldigt, hinter den Anschlägen zu stehen (möglicherweise über mit ihr verbündete libanesische schiitische Gruppen). Es gibt auch die Theorie, dass der Iran damit von Argentinien die Einhaltung bestehender nuklearer Verpflichtungen erreichen wollte. Mit den Anschlägen ging die Verständigung, die es zwischen Israel und Iran über die Revolution (und ihren Diebstahl durch die Islamisten) hinaus gegeben hatte, endgültig zu Ende. Der Iran tauchte als so etwa wie Israels neuer Hauptfeind auf, zumal Koalitionen arabischer Staaten für einen Angriff auf Israel inzwischen praktisch ausgeschlossen waren. Nun begannen die Drohungen und Angriffsüberlegungen Israels gegenüber Iran.24

Gegen Ende dieses Kapitels noch eine Übersicht über die nukleare Infrastruktur des Iran, die hauptsächlich nach der islamistischen Machtergreifung entstanden ist, und die über das Land verteilt ist. Das AKW Bushehr wurde 2011 fertig gestellt, siehe Teil 2. Jenes in Darkhovin (“Esteghlal Atomkraftwerk” genannt) befindet sich nach wie vor im Bau. An der Universität Tehran befindet sich ein Nuklearforschungszentrum (das Tehran Nuclear Research Center). Dort wurden/werden viele Atomprojekte geplant. Der dortige Forschungsreaktor könnte Plutonium liefern. Das Forschungszentrum in Isfahan arbeitet mit vier kleinen Forschungsreaktoren, die von China geliefert wurden.

An der Azad-Universität Tehran gibt es seit 1993 auch einen Forschungsreaktor, der aus China geliefert wurde. In Arak steht ein Schwerwassereaktor, der der Forschung dienen dürfte, und der wahrscheinlich Plutonium produzieren kann. Forschungsreaktoren soll es, öffentlich zugänglichen Quellen zufolge, auch in Ramsar, Lashkar-Abad und Anarak, geben. In Moallem Kaleyah bei Ghazvin/Qazvin sollte Anfang der 1990er ein weiterer Forschungsreaktor mit indischer Hilfe entstehen.

In Karaj gibt es ein Forschungszentrum für Nuklearmedizin und Landwirtschaft, 1991 eröffnet. In Bonab im Nordwesten gibt es ein Institut für die Erforschung der Anwendung von Nukleartechnologie in der Landwirtschaft. In Tehran steht es ein Institut das Grundlagenforschung für die AEOI betreibt. Die Sharif-Technologie-Universität in der Hauptstadt bzw ihr Physik-Institut wird von manchen Seiten verdächtigt, eine Beschaffungs-Fassade für andere Teile des Atomprogramms ist. Selbiges gilt für die Technische Universität “Amir Kabir”, ebenfalls in Tehran.

Die Einrichtung, die für die meiste Aufregung sorgt(e), ist die Gaszentrifugen-Urananreicherungs/-konversions-Anlage in Natanz (Provinz Isfahan), die unterirdisch liegt. Die dort vorgenommene Urananreicherung sollte für die AKWs dienen, laut Verdächtigungen mancher westlicher Stellen für militärische Anwendungen (Atomwaffen). Darüber mehr im nächsten Teil. Auch in (bzw bei) Fardow/ Fordo nahe Ghom gibt es eine (ebenfalls unterirdische) Urananreicherungsanlage. Bei Yazd gibt es wie erwähnt eine Uran-Mine. Auch hier soll es chinesische Hilfe geben.

Manche Quellen listen auch diverse Forschungseinrichtungen zur Metallverarbeitung als Teil der nuklearen Infrastruktur des Landes. In Tabas in Zentral-Iran soll ein geheimer Reaktor stehen bzw gebaut werden, mit chinesischer und nordkoreanischer Hilfe. Und in der Militäranlage Parchin soll es angeblich Tests mit Bezug zum Nuklearprogramm gegeben haben. Die Nuklearanlagen werden durchwegs von der AEOI betrieben und stehen unter IAEO-Kontrolle. 1997 löste Gholam R. Aghazadeh, zuvor Ölminister, Amrollahi als Chef der Atombehörde ab. 2009 folgte Ali Salehi, der am MIT zum Nukleartechniker ausgebildet wurde, dann Aussenminister war, seit ’13 zum 2. Mal Chef ist (dazwischen waren zwei Andere).

Wie der Iranist Bert Fragner befand, hat die Islamische Republik (islamistische Diktatur) neben vielem Negativem auch Modernisierungsschübe für den Iran gebracht, die das vorherige Regime nicht wollte/konnte.25 Die Islamisierung des Landes seit Khomeini bewirkte als Gegenbewegung auch eine Abkehr vom Islam, gerade unter Intellektuellen. Dass das Land eine Art “Pariah” wurde, dafür ist zu einem grossen Teil das Regime verantwortlich. Die Wahlen, die es gibt, sind mit jenen in Ostblock-Staaten vergleichbar; eine echte Opposition kann nicht antreten. Liberale, bürgerliche Demokraten, Linke können sich nicht artikulieren, diese politischen Kräfte wurden/werden unter Schah wie unter Ajatollah verfolgt. 99 und 09 gab es grössere Auflehnungen gegen das Regime.26 Manche, die die Revolution unterstützt haben, sagen heute „Marg bar ma key goftim marg bar Shah“.27

Gab es Arbeit an Atomwaffen? Wenn, dann wahrscheinlich von den 1990ern bis in die frühen 2000er. Arbeit im Sinne von Versuchen bezüglich Hoch-Anreicherung von Nuklear-Brennstoffen vermutlich. Möglicherweise hat die Islamische Republik auch nie ein ein militärisches Atomprogramm verfolgt. Sondern Arbeit an eigenem nuklearen Brennstoffkreislauf, an diesbezüglicher Autarkie. Der Sprung von einem zivilen zu einem militärischen Atomprogramm ist ein nicht allzu grosser und die Herausforderung könnte schon ein solches Motiv sein. Dann: Der Irak arbeitete in den 1990ern an Nuklearwaffen und die Feindschaft bestand auch nach dem Krieg weiter.28 Das militärische Atomprogramm wie das dahinterstehende Regime war gegen die „historischen Feinde“ (sunnitische Araber, westliche Mächte) gerichtet; sollte Abschreckung, regionale Führerschaft, Prestige bringen. Dadurch wurden diese Feinde aber neu herausgefordert.

Der Iran war im Krieg gegen Irak ziemlich alleine gewesen, daraus könnte der Wunsch nach einer Wunderwaffe für künftige Konfrontationen erwachsen sein. Atomwaffen haben ja in der Regel eine Abschreckungswirkung, es geht weniger um einen Einsatz… Manche sagen, die Iraner hätten aus den Fehlern von Saddam Hussein bzw Tuwaitha gelernt (das angegriffen wurden, lange bevor ein militärisches Atomprogramm gestartet wurde), und deshalb seien ihre nicht nur über’s ganze Land verteilt, sondern teils auch in unterirdischen Anlagen abgesichert. Der Iran wurde auch im 1. und 2. Weltkrieg angegriffen, ohne sich verteidigen zu können, und bereits im 19. Jh haben konnten das Russische Reich und das Britische die Souveränität Persiens missachten. Der Iran hat auch keine echten Verbündeten. Im Kalten Krieg, vor der Revolution, war die USA der “Boss” über das Land (wobei nur ihr letzter Präsident zu Zeiten der Monarchie, Carter, der Demokratisierung im Land eine Rolle eingeräumt hat!), und die SU der grösste Feind. Russland wurde dann ein kleiner nuklearer Helfer, die USA, damals grösster nuklearer Helfer, wurde der grösste Feind.

Der islamistische Iran ist hauptsächlich Bündnisse mit Schiiten eingegangen, von Libanon bis Pakistan, und weniger mit iranischen Völkern. Der Westen unterstützt Saudi-Arabien und andere Golf-Staaten gegen Iran. Die A-Waffen Israels, die einzigen der Region, könnten auch ein Ansporn gewesen sein. Auch um Prestige geht es hier. Wenn man als “Kameltreiber” und “Ziegenficker” gesehen wird… Die Zeitschrift “GegenStandpunkt” zog einen Vergleich des Iran unter den Mullahs zur frühen BR Deutschland, die sich unter Franz Josef Strauss ihre Atomkraftwerke nicht rein aus energiepolitischen Gründen zugelegt habe, sondern auch, um in den Kreis der Atommächte aufzusteigen, die zumindest die Möglichkeit zur Atombombe haben.

Teile der iranischen Exil-Opposition haben bereits in den 1980ern gegen das Nuklearprogramm des Regimes agitiert, namentlich die kommunistische Tudeh in Schweden, was damals von der “New York Times aufgegriffen wurde. Kenneth Timmerman schrieb 1992 etwas für das Simon-Wiesenthal-Center über das iranische Atomprogramm. Und Netanyahu bellte in diesem Jahr bereits, damals aber mehr gegen den Irak. US-amerikanische Geopolitik und israelische Sicherheitsbedenken (?) wurden dann die treibenden Kräfte in der Gegnerschaft zum iranischen Atomprogram.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das unterstrich aber auch, dass der Iran von der USA als führende Regionalmacht gesehen wurde
  2. Das Tehran Nuclear Research Center; nach einigen Angaben entstand es erst 1967. Der Reaktor könnte auch erst ’67 in Betrieb gegangen sein
  3. So wie zB auch in der Türkei von 1959 bis 1962 nuklear bestückte Mittelstreckenrakten der USA stationiert waren
  4. 23 AKW’s bis zum Ende des Jahrhundert
  5. Es gibt für den Namen der Stadt auch die Schreibweisen Darkhouine, Darochoien oder Darkhoein
  6. Die mit der US-amerikanischen Firma Bechtel Power zusammenarbeitete
  7. Deutsche Techniker und ihre Angeörigen, über 5000, lebten in dem zur Baustelle gehörenden Lager, das u.a. eine Schule und ein Krankenhaus enthielt
  8. Das noch in Uranhexafluorid umgewandelt werden musste und dieses angereichert. Das Uran stammte wahrscheinlich aus Südwestafrika, das vom 1. Weltkrieg bis 1990 von Südafrika “verwaltet” wurde
  9. Jener Saudi-Arabiens bis heute
  10. Iranische Offizielle haben im Zuge des Atomstreits dann gesagt, diese Erfahrungen der Abhängigkeit auf nuklearem Gebiet hätten dazu geführt, dass man versuche, hier autark zu werden
  11. Saddam Hussein wollte ihn dann für den Krieg gegen Iran einspannen, wie die Volksmujahedin
  12. 1981 von den Volksmujahedin getötet
  13. Sein Vater Benzion Mileikowsky wurde im damals russischen Polen geboren, heiratete eine Tzila Segal. 1920 wanderte man nach Palästina aus, um das zionistische Projekt zu verstärken. Dort wurde der Name auf “Netanyahu” geändert, eine Hebräisierung, die Viele vornehmen liessen. Benzion Mileikowsky, ein Freund von Geisinovich/Ahimeir und Jabotinsky, unterstellte “den Arabern” Ausrottungs-Absichten – um für eine komplette Vertreibung (“Transfer”) der Palästinenser (“Araber”) aus Palästina zu argumentieren. Noch 2009 wusste er über den Araber u.a. zu sagen (zu “Maariv”), dass die Tendenz zum Konflikt dessen “Essenz” sei, und Ähnliches. Er nahm seine Familie für längere Perioden in die USA mit. Benjamin Netanyahu (Mileikowsky) nannte sich dort meist Ben Nitai
  14. Iranische Einheiten haben unter dem zweiten Pahlevi aber auch in Oman interveniert und waren im Rahmen von UN-Missionen aktiv
  15. Die israelischen Kampfflugzeuge zerstörten dabei auch das wichtigste Kraftwerk Bagdads. 1979 gab es bereits die Explosion einer Nuklear-Komponente in Frankreich vor der Lieferung in den Irak. 1980 den Mord am ägyptischen Nuklearwissenschafter Yahya al Mashad (im Dienste Iraks) in Paris, ausserdem Drohungen und Gewalt gegen westliche Techniker im Irak, wie früher gegen solche in Ägypten, die an dessem Raketenprogramm arbeiteten. 2007 haben israelische Kampfflugzeuge eine angeblich in Bau befindliche Nuklearanlage Deir as-Sor in Syrien bombardiert
  16. Möglicherweise begann damals auch schon der Bau
  17. Zu Apartheid-Südafrika hat der post-revolutionäre Iran auch die Beziehungen abgebrochen, einer der wenigen begrüssenswerten Aktionen dieses Regimes
  18. Von dessen Nuklearbehörde CNEA
  19. Was aber zB nicht für jene Familien gilt, die Mitglieder verloren haben
  20. Auch als “Irangate”,…
  21. Al Venter bauschte 1997 in “Jane’s International Defence Review” auf, dass Vertreter des iranischen Regimes 1995 und 1996 den damaligen Bergbau- und Energieminister “Pik” Botha sowie ehemalige Offizielle im (inzwischen aufgegebenen) südafrikanischen Atomwaffenprogramm wie Waldo Stumpf wegen nuklearer Kooperation kontaktiert hätten
  22. Nach anderen Angaben 1993
  23. Indyk ist auch dem Saban Center for Middle East Policy verbunden, das vom ägyptisch-stämmigen Israeli Chaim Saban gegründet wurde. Im dazugehörigen Saban Forum tritt zB Hillary auf, um dort anti-palästinensische Reden zu halten
  24. 1996 liess Premierminister Peres als Vergeltung für den Beschuss vom v Süd-Libanon aus Angriffe auf den Libanon fliegen (“Früchte des Zorns”), was viele zivile Opfer brachte. Regierungssprecher Uriel Dromi sagte damals, westliche Mächte sollten einen vorbeugenden Angriff auf Iran machen um seiner nukleare Entwicklung vorzubeugen
  25. Und paradoxerweise auch eine weitere Verwestlichung. Mit allen Vor- und Nachteilen. Was die negative Seite der Modernisierung betrifft, die Umwelt im Iran ist durch Industrialisierung fast so wie im Westen angegriffen. Übrigens: Klimawandel und Ähnliches wirkt langsamer als eine Atomkatastrophe (ob militärischer Angriff oder ziviler Unfall), führt aber zum selben Ergebnis, der Selbstauslöschung der Menschheit, Zerstörung der Lebensgrundlagen
  26. Daneben viele kleinere. Bei den Feiern zum Revolutionstag im Februar 2010 kam es etwa zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Staatskräften
  27. “Nieder mit uns, die wir gesagt haben, ‘Nieder mit dem Schah'”. Die meisten, die eine Revolution gegen das Schah-Regime unterstützt haben, taten dies, weil sie eine Verbesserung wollten, keine Verschlechterung, wie sie dann kam
  28. Übrigens, einer der Gründe, den die Apologeten des israelischen Atomwaffenprogramms für dieses anführen, ist die tatsächliche/vermeintliche Arbeit an Atomwaffen in Staaten dieser Region…wie im Irak. Aber: Quod licet iovi, non licet bovi