Hitler stoppen

Hitler und den NS zu stoppen wurde, im Nachhinein, wurde oft durchdacht bzw ausgemalt. Vieles, was in der BRD gab oder gibt, von Teilen der Verfassung über den Linksterror ab den späten 1960ern bis zur Israel-Begeisterung, war/ist so ein Vorbeugen bzw Wiedergutmachen.1 Hier geht es aber um jene Punkte in Hitlers Leben und Laufbahn, an denen er hätte gestoppt werden können. Bevor er einen sehr grossen Teil Europas zerstören liess, bzw um dieses Zerstörungs-Werk wenigstens abzubrechen. Katastrophen zu vermeiden, bzw rückgängig zu machen, ist eines der Hauptmotive bei alternativer bzw kontrafaktischer Geschichtsschreibung.

Und NS/ 2. WK ist eines der am häufigsten bearbeiteten Felder darin. Nationale Sehnsüchte, wie die erwähnten deutschen, haben oft etwas alternativgeschichtliches. Vereinfacht gesagt ist Kontrafaktik eher auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet und Alternativgeschichte stärker auf Unterhaltung. Aber in beiden Sub-Genres findet auch das (sich) Trost Spenden und das Ausmalen von Sehnsüchten statt.2 Im Folgenden werden die entsprechenden Ausgangspunkte für kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien (die Diversionspunkte) formuliert. Hitlers tatsächliches Ende war ja bekanntlich sein Selbstmord im Bunker der neuen Reichskanzlei im April 45, die Rote Armee einige Hundert Meter entfernt.3

Manche AG/KF-Arbeiten, dies sei vorab auch erwähnt, malen auch Szenarien aus, in denen Hitler/ Nazideutschland siegreich aus dem von ihm losgetretenem Krieg  heraus geht. Otto Basil tat dies in Verbindung mit einem erfolgreichen deutschen Atomprogramm, in seinem 1966 erschienenen Roman „Wenn das der Führer wüsste“, worin ein siegreiches Nazi-Deutschland sehr satirisch gezeichnet (bzw überzeichnet) wird. In Lothar Meinerzhagens alternativgeschichtlichem Spionagethriller “Götterdämmerung” gibt es auch einen deutschen Sieg durch Technologie, er transportiert darin aber ganz andere Botschaften als Basil. Die Britin Katharine Burdekin brachte bereits 1937 “Swastika Night” (dt. “Nacht der braunen Schatten”) heraus, ein dystopischer Roman, der Europa nach einer 700-tjährigen nationalsozialistischen Herrschaft beschreibt.

Eine seriöse Annäherung an das Szenario eines siegreichen Hitler-Deutschlands hat Ian Kershaw versucht, in seinem Buch “Wendepunkte”. Er nimmt sich darin etwa die Situation von Dünkirchen/ Dunkerque im Mai 1940 vor, als ein Haltebefehl an die deutschen Panzertruppen die Evakuierung eingeschlossener alliierter Truppen von dort ermöglichte. 300 000 Briten und Franzosen samt ihren Panzern hätten in Hände der Wehrmacht fallen können. Eine Gefangennahme hätte auch den Kriegswillen in diesen Ländern geschwächt, und damals waren die internationalen Voraussetzungen für einen Nazi-Sieg relativ gut: Frankreich war geschlagen, die USA und die Sowjetunion standen noch abseits des Kriegs, GB stand allein, und in Churchills Kabinett gab es weiterhin Anhänger der Appeasement-Politik Chamberlains, die für Verhandlungen mit dem Deutschen Reich eintraten (wie Edward Wood, der Lord von Halifax).4

In “Vaterland” (Originaltitel: “Fatherland”) von Robert Harris (1992) wird ein Kriminalfall vor der Kulisse eines vom siegreichen Nazideutschland dominierten Europas geschildert. In Len Deightons “SS-GB” (1978) ist GB von den Deutschen besetzt, Ralph Giordano schrieb “Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte”, Gregory Benford und Martin Greenberg schrieben zusammen ebenfalls über einen siegreichen Hitler. Andere Alternativ(welt)geschichten behandeln das Szenario eines Hitler, der zwar nicht siegreich aus “seinem” Krieg hervor ging, aber irgendwie überlebte. In “Er ist wieder da” von Timur Vermes (2012) erwacht er im Jahr 2011 in Berlin auf einer grünen Wiese wieder zum Leben (eine Satire). Es halten sich auch Verschwörungstheorien, wonach Hitler an den Südpol geflohen sei, in das vom Deutschen Reich als “Neuschwabenland“ beanspruchte Antarktis-Gebiet, über Argentinien.5

Bevor wir zu den möglichen Punkten eines früheren Scheitern Hitlers kommen: Die Frage, ob Hitler die Deutschen verführt hat oder ob diesen eine (deutsche) “Welle nach oben gespült” hat, bleibt hier aussen vor.6 Wenn zweiteres der Fall ist, wäre aber eher beim Versailles-Vertrag bzw beim 1. WK anzusetzen, um Hitler zu stoppen. Oder noch früher, beim „deutschen Sonderweg“? Befürworter dieser These wie Heinrich A. Winkler sehen einen „Westen“, der eine ideale Modernisierung/Demokratisierung durchlief, und ein Deutschland das verspätet dort ankam; der Sonderweg sei erst durch die Kriegs-Niederlage des Deutschen Reichs unter der Nazi-Diktatur bewusst geworden. Demnach brauchte Deutschland diese Niederlage um „westlich“ zu werden. Was hätte das zuvor konkret bedeutet, eine (stärkere) Teilnahme an Kolonialismus und Sklavenhandel? Winkler hat bezeichnenderweise gerade etwas über den “Untergang” des Westens veröffentlicht. Ohne Hitler (und die Annahme, das Deutsche Reich sei nach dem 1. WK “klein”, müsse wieder “gross” gemacht werden) wäre Deutschland heute möglicherweise Weltmacht.

Dass Hitler nicht geboren wurde, nie existierte, wurde zB von Stephen Fry durchgedacht bzw. ausgemalt, in “Making History” (1996; dt. “Geschichte machen”). In der Alternativ(welt)geschichte ist Hitlers Vater unfruchtbar (gemacht). Es gewann den Sidewise Award for Alternate History. Jerry Yulsman hat in “Elleander Morning” ein Szenario entworfen, in dem Hitler 1913 in Wien ermordet wird, wodurch der “Zweite Weltkrieg” nicht statt findet. Norman Spinrad schrieb “Der stählerne Traum”, darin wandert Hitler nach dem 1. Weltkrieg in die USA aus und wird Science-Fiction-Autor (Rahmenhandlung), die Binnenhandlung bildet eine SF-Geschichte, die vorgeblich von Hitler geschrieben wurde. Von einem Gavriel Rosenfeld gibt’s eine Untersuchung über alternativgeschichtliche Literatur zum Komplex Hitler/Nationalsozialismus/2. WK (“The worlds Hitler never made”).

* Ein “seriöser” Divergenzpunkt in Hitlers Leben7 ist eine Aufnahme an die Kunstakademie in Wien (1907/08) oder ein Durchbruch als Postkarten-Maler in den Jahren danach, etwa mit Unterstützung “seines” Kunsthändlers Reinhold Hanisch. Eric E. Schmitt hat so etwas in der Art in seinem alternativgeschichtlichen Roman “Adolf H. Zwei Leben” (2008) ausformuliert. Hitler wird darin Kunstmaler, im Deutschen Reich setzt sich ein konservativ-militärisches Regime durch, es wird irgendwann Weltmacht. Auch hier geht es um die Möglichkeiten Deutschlands und die Defizite Hitlers. In Hitlers Wiener Jahren fand wahrscheinlich seine rassistisch-antijüdische Prägung statt; um dies zu ändern, müsste wahrscheinlich schon mehr geändert werden.

* Hitler drückte sich ja bei Kriegsausbruch 1914 vor der österreichisch-ungarischen Armee und diente sich der bayerischen Armee (Teil des Deutschen Heers) an. Hier ergibt sich natürlich die Möglichkeit, in in diesem Krieg, an der Westfront, sterben zu lassen. Es gab einen britischen Soldaten an dieser Front, Henry Tandey, der Hitler dort 1916 erschiessen hätte können. Tandey, dann ein Kriegsheld, wurde in einem Gemälde dargestellt, auf welches Hitler aufmerksam wurde. Der damalige Gefreite hat als Führer eine Kopie bzw ein Foto des Bildes bestellt. Als der britische Premier Neville Chamberlain im Zuge seiner Appeasement-Politik 1938 vor dem Münchner Abkommen den Berghof in Berchtesgaden besuchte, sah er dieses, bekam die Erklärung dazu. Chamberlain bestellte Tandey Hitlers Grüsse.

Tandey bereute inzwischen, damals nicht auf den verwirrten “Deutschen” geschossen zu haben, wahrscheinlich erst recht, als 2 Jahre später deutsche Jagdbomber seine Heimatstadt Coventry verwüsteten. Wenn Hitler nach dem Krieg infolge des Giftgas-Angriffs 1918 (oder einer Kriegshysterie) blind geblieben wäre, hätte ihn das auch stoppen können. Dudley Wade (britischer Marine-Historiker) schrieb, in Peter Tsouras’ “The Third Reich victorious” (02) über das Szenario eines Hitler, der in diesem Krieg in die Marine aufgenommen wird, dann einen anderen politischen Aufstieg macht; Deutschland geht dann mit dem Westen und den Juden gegen die SU vor. Winziger Zufall (Hitler auf Bahnfahrt zu Rekrutierungsstelle in Abteil mit einem Marineoffizier), grosse Wirkung.

* Ein anderer Ausgang des NSDAP-Putschversuchs in München 1923 für Hitler: Er hätte dabei natürlich erschossen werden können. Und, danach tauchte Hitler in Landhaus von Ernst Hanfstaengl (der am Putsch beteiligt war, nach Salzburg floh, sich später von Hitler abwandte) in Uffing am Staffelsee unter, wurde dort nach wenigen Tagen verhaftet. Nach Hanfstaengls Bericht soll seine Ehefrau Helene Hitler davon abgehalten haben, sich dort in dieser Situation zu erschiessen. Weiters war nach der Verhaftung eigentlich Hitlers Abschiebung nach Österreich vorgesehen – auch dies hätte den Gang der Geschichte ver-ändern können. Auch, wenn er durch den Putschversuch desavouiert worden wäre.

* Keine so schlimme Krise der Weimarer Republik um 1930 herum…Wenn der Berliner DVP-Politiker Gustav Stresemann nicht 1929 im Alter von 51 an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben wäre, wäre die Instabilität des Staates wahrscheinlich nicht so gross geworden. Natürlich kann man auch spekulieren, wie es gelaufen wäre, wenn diese Republik so gar nicht entstanden wäre, wenn das Deutsche Reich nach dem 1. WK monarchistisch geblieben wäre oder mit Österreich zusammen gegangen wäre, oder sich die KPD durchgesetzt hätte oder unter (bzw durch) Hindenburg die Monarchie restauriert worden wäre. Die Weltwirtschaftskrise ist bei der Krise und dem Ende der Weimarer Republik natürlich auch eine wichtige Variable; wenn sie in dieser Form also nicht gekommen wäre oder Reichskanzler Brüning sie in Deutschland in den Griff bekommen hätte (mit einer anderen Politik statt der Deflation), hätte Hitler wahrscheinlich nicht so einen Zulauf bekommen.

* Ein Strassenverkehrs-Unfall im März 1930 in Nürnberg hätte die Weltgeschichte auch verändern können. Ein schwerer Lastwagen krachte damals mit voller Wucht in den Mercedes, in dem Hitler zu einem Treffen mit Julius Streicher chauffiert wurde, schob diesen etwa 20 Meter vor sich her, aber… Henry Turner hat in “Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinterlassenschaften” (1989) die Folgen eines Abgangs Hitlers zu diesem Zeitpunkt ausgemalt. Er glaubt, dass die auf die Person des „Führers“ zugeschnittene NSDAP auseinander gefallen wäre, sich im Reich eine offene oder verdeckte Militärdiktatur etabliert hätte, diese auch einen Krieg vom Zaun gebrochen hätte, sich aber mit der Rückeroberung der 1918/19 verlorenen Gebiete8 begnügt hätte. (Zeitzeuge) Egon Fein spekulierte in “Hitlers Weg nach Nürnberg. Verführer, Täuscher Massenmörder. Eine Spurensuche in Franken (2002)” auch über andere Folgen dieses Unfalls. Natürlich ergeben sich daraus Erkenntnisse über die Bedeutung der Person Hitlers für den Nationalsozialismus, die deutsche, die Weltgeschichte.

* Ein weiteres Gedankenspiel in dem es darum geht, Hitler aufzuhalten:   Alternative Wahlausgänge, z.B. bei einer der Reichstagswahlen 1932, zuungunsten der NSDAP, die bei diesen Wahlen jeweils siegte. Hindenburgs Ernennung von Hitler zum Reichskanzler Anfang ’33 geschah auf Grundlage der Reichstags-Wahl im November 32.9 Dann gabs im Frühling 32 auch eine Reichspräsidenten-Wahl, bei der sich Paul von Hindenburg gegen Hitler (30 bzw 37% in den beiden Wahlgängen) und Ernst Thälmann (KPD) durchsetzte. Um bei der RP-Wahl 32 antreten zu können, war es notwendig, dass der seit 1925 staatenlose Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt.

Erst Ende Februar 1932, aber gerade noch rechtzeitig, erhielt er diese, indem der von einer NSDAP-DNVP-Koalition regierte Freistaat Braunschweig ihn zum Schein zum Gesandten Braunschweigs bei der Landesvertretung in Berlin ernannte und damit zum Staatsbeamten. Damit war automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft verbunden.10 Das mit der Erringung der deutschen Staatsbürgerschaft hätte schiefgehen können, dann hätte Hitler auch nicht Reichskanzler werden können. Oder, er hätte die Wahl 32 gegen Von Hindenburg gewinnen können – hätte er auch als Reichspräsident die Demokratie ausschalten können?

* Gregor Strasser gewinnt 1932 den Konflikt in der NSDAP mit Hitler oder setzt sich mit einem Teil der Partei ab

* Kurt v. Schleicher errichtet 1932/33 eine Militärdiktatur

* Christian v. Ditfurth schrieb in “Consul” (2003) über einen Mord an Hitler im November 1932 und etwas über die folgende Alternativentwicklung; wie immer bei Ditfurth eher Unterhaltung (Alternativgeschichte) als kontrafaktische Geschichtsbetrachtung.

Hindenburg hätte Hitlers Machtergreifung als einer von Wenigen abwehren können, bzw hinausschieben. Er hielt Hitler für vulgär und einen hysterischen Trommler, sah dessen Nicht-Zugehörigkeit zum preussischen Grossbürgertum als grosses Manko. Hätte am liebsten die Monarchie unter Ex-Kaiser Wilhelm oder dessen Sohn restauriert. Hindenburgs alter Heereskollege Erich Ludendorff war ein Teilnehmer des Hitler-Putsches, wandte sich dann von diesem ab, durchschaute ihn, sah das Unheil voraus.11 Hindenburg liess sich 32 zur neuerlichen Kandidatur als Präsident überreden, bei einem Nichtantreten wäre ein Sieg Hitlers sehr wahrscheinlich gewesen (siehe oben). Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jänner 33 soll auch weitgehend auf die “Kamarilla” um den greisen Hindenburg zurückgegangen sein. Hindenburg starb bekanntlich 1934, (spätestens) dann hätten Hitler und die mit ihm verbündeten Kräfte (auch in der Reichswehr) wieder laut an die Türe zur Macht geklopft.

Hitler am Beginn seiner Machtübernahme, am “Tag von Potsdam” im März ’33, mit Reichspräsident v. Hindenburg

 

* Widerstand gegen das Ermächtigungsgesetz 1933, den ersten Schritt zur Diktatur-Errichtung, von Reichswehr, Parteien, Kirchen, ausländischen Mächten (Heeren)

* Die Möglichkeit eines Eingreifens der Reichswehr nach dem “Röhm-Putsch” 34 hat Wilhelm Raddatz in “Ich schieße, Herr Hitler: Roman eines Staatsstreichs” (2003) ausformuliert. Die NSDAP-Führung wird darin in einer Reichstags-Sitzung verhaftet und vor Gericht gestellt.

* Ein Eingreifen der Westmächte nach dem deutschen Einmarsch in das (aufgrund des Friedensvertrags von Versailles entmilitarisierte) Rheinland 1936

* 1938 hatten bereits Viele in Deutschland gelernt, welcher Geist da aus der Flasche gelassen wurde. Auch in der Wehrmacht. Die Septemberverschwörung 1938, während der “Sudetenkrise”, einer der ersten ernsthaften Putsch-/Attentatspläne gegen Hitler, hauptsächlich von seiten der Wehrmacht. Mit Hitlers diplomatischem Erfolg auf der Münchner Konferenz wurde der Plan hinfällig. Hier ist natürlich auch ein Alternativszenario denkbar. Vor dem Anschluss Österreichs und dem Kriegsausbruch. Zum Beispiel mit dem Divergenzpunkt, wonach die Briten und Franzosen ggü Hitler kein Appeasement üb(t)en.

Joachim Fest meinte in seiner Hitler-Biografie12, Hitler würde im Fall seiner Beseitigung zu diesem Zeitpunkt (also einer Umsetzung dieses Vorhabens) noch heute noch als grosser Deutscher verehrt werden. Johannes Dillinger widersprach ihm, mit Hinweis auf KZs, Parteienverbote, Errichtung der Diktatur,…, auch Eberhard Jäckel. Wahrscheinlich aber würden sich in diesem Fall Deutsche auch in Schlesien oder Pommern Gedanken über Schicklgruber machen, solche oder solche. Jedenfalls, hier, vor Krieg und Holocaust, hätte das Schlimmste (vom NS) noch verhindert werden können. Danach konnte Hitler wohl nur noch durch Attentate oder eine ausländische Macht (wie geschehen) gestoppt werden.

* Die Zahl der Attentate auf Hitler beläuft sich auf irgend etwas zwischen 17 und über 40. Ein Gelingen des Attentats Georg Elsers 1939 (kurz nachdem Hitler den Weltkrieg vom Zaun brach) wäre auch eine reizvolle Grundlage für Spekulationen; man kann das unglückliche Scheitern aufs Wetter herunterbrechen, aufgrund dessen Hitler nicht mit dem Flugzeug von München nach Berlin zurückreiste, stattdessen mit der Bahn, deshalb die Veranstaltung früher als geplant verliess. Thomas E. Fischer in Michael Salewskis (Hg.) “Was wäre wenn. Alternativ- und Parallelgeschichte: Brücken zwischen Phantasie und Wirklichkeit” (1999), glaubt dass die NS-Maschine im Fall eines Gelingens auf allen Ebenen weitergerollt wäre. Wolfgang Brenner in “Führerlos” (08) glaubt an einen NS-internen Machtkampf in diesem Fall. Dieter Kühn schrieb in “Ich war Hitlers Schutzengel” über vier Fiktionen über Hitlers Ende, darunter auch über ein Gelingen von Elser.

* Als Hitler 1942 nach Finnland reiste, war er der mächtigste Mann der Welt. Bei der Landung des Flugzeugs in Helsinki begann ein Reifen unter dem Tank zu brennen…  Von Bedeutung wurde der Besuch durch die geheime Ton-Aufzeichnung des Gesprächs des “Führers” mit Carl G. Mannerheim.

* Henning von Tresckow war eine zentrale Person im Widerstand in der Wehrmacht, war auch am Anschlag bei Rastenburg/Ketrzyn beteiligt. Im März 1943 übergab er Hitlers Begleiter Heinz Brandt eine Holz-Schachtel mit zwei Flaschen “Cointreau”, in der sich eine Bombe befand, für Oberst Stieff, zum Transport in Hitlers Flugzeug von der Front in Smolensk zurück zur Wolfsschanze. Der Säurezünder versagte jedoch, wegen der Kälte im Frachtraum, wo die Box deponiert wurde. Wenn sie im Passagierbereich der Focke “Condor” gelagert worden wäre… Tresckow tötete sich nach dem Scheitern des Anschlags vom Juli 1944. Bezüglich Tresckows eigentlicher Tätigkeit als Wehrmachts-Generalmajor an der Ostfront sind in jüngerer Zeit Diskussionen aufgetreten, was er unter „Partisanenbekämpfung“ so alles mit zu verantworten hat.

Die zerstörte Lagerbaracke der Wolfsschanze nach dem 20. Juli 1944

* Das wichtigste Attentat war natürlich das vom 20. Juli 1944, von Wehrmachts-Kreisen. Dass die Verschwörer einen Bunker (wo die Druckwelle nicht entweichen konnte) statt der Baracke erwartet hatten, dürfte nicht stimmen. Aber der durch seine Kriegsverletzung stark bewegungsbehinderte Von Stauffenberg versäumte ja das Scharfmachen der zweiten Bombe, nachdem er überrascht worden war. Vielleicht hätte zu einem Gelingen schon genügt, dass Adolf Heusinger im Moment der Detonation Hitler nicht gerade die Lage im Norden der Sowjetunion erläuterte, und daher beide fast über der Landkarte am Tisch lagen und durch dessen dicke Platte geschützt waren. Heinz Brandt tauchte hier wieder auf, er schob die Tasche mit der Bombe hinter einen Tisch-Sockel, starb durch die Explosion, “rettete” aber unbewusst Andere. Es gab also eine Reihe unglücklicher Zufälle; dazu gehörten auch jene Umstände, die zur mehrmaligen Verschiebung des Attentats geführt hatten.

Mit dem Attentat verbunden war ja der Plan, (durch Ingangsetzung der “Operation Walküre”) die Wehrmacht unter Kontrolle zu bringen, Göbbels zu verhaften, Himmler und die SS auszuschalten; und dann möglichst noch eine Kriegswende. Dass die Sache mit Walküre nicht gelang, war wahrscheinlich weniger als das Attentat von Zufällen bzw Kleinigkeiten abhängig. Die wankelmütige Haltung vieler Beteiligter wurde durch das Nicht-Gelingen des Attentats bzw die Unsicherheit darüber natürlich verstärkt, auch durch das späte  Auftauchen von Claus von Stauffenberg in Berlin. Es gelang nicht, die vollständige Kontrolle über das Ersatzheer zu bekommen, nicht über Rundfunk und Fernmeldewesen, nicht über NSDAP, SS, Gestapo.

Welche Alternativabläufe wären beim Gelingen des Staatsstreichs möglich gewesen? Bis zur Stalingrad-Schlacht 42/43 (evtl. sogar bis zur Normandie-Landung) hätte ein Umsturz für das Deutsche Reich zwar nicht die Kriegswende, aber eine günstigere Niederlage bringen können: ein früheres Ende des Kriegs, keine mit der Besatzung verbundene Entmündigung, ein eigener Neustart13, nicht so grosse Gebietsverluste und Reparationen. Im Juli 44 standen aber die West-Alliierten schon in der Normandie, in Mittel-Italien standen sie vor dem Durchbruch, dies galt auch für die Rote Armee in Ost-Polen.14

Wenn die Todesumstände Hitlers bekannt geworden wären, hätten die neuen Machthaber zudem leicht ihre Legitimität in Deutschland verlieren können, eine neue Dolchstosslegende (zumal man dabei war, den Krieg zu verlieren), auch ein Bürgerkrieg wäre möglich gewesen. Die möglichen Folgen des Gelingens des Stauffenberg-Attentats und des damit verbundenen Umsturzes wurden oft behandelt. Ein Stauffenberg-Sohn (Berthold?) sagte, bei einem Gelingen wären für Deutschland die Zahl der Kriegstoten halbiert worden (ggü der tatsächlichen) und die Zerstörung der Städte erspart geblieben.

Alexander Demandt sah15 in diesem Fall ebenfalls einen schnelleren Zusammenbruch und ein schmerzloseres Kriegsende, aber auch die Möglichkeit einer inneren Konfrontation. Jäckel, in einer Darstellung eines Sammelbandes zu einem erfolgreichen 20. 7. 4416 ist diesbezüglich pessimistisch. Christian von Ditfurth malt in „21. Juli“ einen gelungenen Staatsstreich (durch ein geglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler und ein Bündnis der Verschwörer mit der SS), ein erfolgreiches deutsches Atomprojekt, und einen (dadurch) anderen Kriegsausgang aus. Deutschland gelingt bei ihm die Demokratisierung.

* Ein Ende Hitlers zwischen Juli 44 und Mai 45, etwa durch eine Überdosis „Eukodal“ (das er 43-45 nahm), hätte gegenüber dem tatsächlichen Ende wenig gerettet (für Manche aber gewiss den Unterschied ums Ganze gemacht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die RAF und ihr Umfeld werden/wurden sowohl als Reaktion auf Hitler als auch als dessen Erben gesehen, so nahe kann das bei einander liegen
  2. Beziehungsweise, es liegt ihnen gelegentlich zu Grunde
  3. Dazu: Wolfdieter Bihl: Der Tod Adolf Hitlers. Fakten und Überlebenslegenden (2000)
  4. Ich weiss nicht, ob Kershaw dies in diesem Buch behandelt hat, aber andere mögliche Wendepunkte wären ein Scheitern der britischen Entschlüsselung der “Enigma”, ein anderer Ausgang des Treffens Hitlers mit Franco in Hendaye 1940, ein nazideutscher Sieg in Stalingrad oder en Zusammengehen der Anglo-Alliierten mit Deutschland gegen die Sowjetunion, nach den Vorstellungen von George Patton
  5. Nazi-Mythen wie dieser werden in “Wo keine Sonne scheint” von Hahn und Pukallus (2010) beleuchtet
  6. Nach Nolte war er ja eine Reaktion auf die SU
  7. Wie gesagt, die Frage wo man anzusetzen hat, um eine Entwicklung zu ändern, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Auch kindliche Weichenstellungen sind hier ausser Acht gelassen
  8. An Polen, Frankreich, Tschechoslowakei, Litauen, Dänemark, Belgien
  9. Die Wahl im März 33 (43,9% für die NSDAP) fand schon nach der Machtergreifung (bzw während) statt
  10. Dass Hitler im 1. WK für das Deutsche Reich kämpfen konnte, dürfte nur durch einen Verwaltungs-Irrtum ermöglicht worden sein!
  11. Er starb aber 1937
  12. Hitler: Eine Biographie (1998)
  13. Darüber gehen die Meinungen aber auseinander, der Kreis um Stauffenberg war ja sehr konservativ, und durch die totale Niederlage kam es gewissermaßen zu einer Reinigung
  14. Darüber redete Hitler beim Attentat gerade mit seinen Generälen
  15. In “Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte” oder “Das Attentat in der Geschichte”
  16. H.-J. Schultz (Hg.): Der zwanzigste Juli. Alternative zu Hitler? (1974)