Beobachtungen und Gedanken zur Fussball-WM

Die Weltmeisterschaft an sich, aber etwas stärker die politischen Aspekte und Politisierungen rundherum. Am Ende etwas ausführlicher über Kroatien, insbesondere sein Verhältnis zu Österreich. Publikumssport (und insbesondere Fussball) eignet sich ja als Projektionsfläche nationaler und politischer (Selbst)zuschreibungen, wie man beim Fanmeilenpatriotismus sieht, beim Rassismus aus dem Publikum gegenüber gewissen Spielern, oder den “Diskussionen” über die Repräsentativität von Spielern in Nationalteams.

Zunächst ein Team der Abwesenden: Buffon (nicht qualifiziert, keine 6. WM), Alaba, Neustädter (Rus.), D. Alves, Koscielny, Nani, Nainggolan, Robben, Bale (CL-Sieger), A. Sanchez, Götze; Trainer Lopetegui (kurz vor Turnierbeginn im spanischen Team rausgeworfen).1

Putins Russland vergleichbar mit dem Argentinien der Militärdiktatur, wo 1978 die WM statt fand? Ich sehe doch grössere Unterschiede. Nicht nur, weil das grösste Geheimgefängnis der argentinischen Militärdiktatur (das in der Militärakademie ESMA) einige Hundert Meter vom “River Plate”-Stadion in Buenos Aires entfernt war, wo auch das Finale stattfand.2 Auch, weil das Regime damals Angst vor Anschlägen hatte, die (wenn sie sich gezielt gegen dieses gerichtet hätten) anders “einzuordnen” gewesen wären, als jene die diesmal befürchtet wurden. Islamistischer Terror blieb in Russland glücklicherweise aus, und auch solcher von Hooligans.

Der Id al Fitr (Ende Ramadan) fiel auf den 2. Spieltag; das Team von Saudi-Arabien verlor am Vortag zur Eröffnung gegen Russland (klar), jenes des regionalen Konkurrenten Iran siegte an diesem Tag (in einer anderen Gruppe) gegen Marokko. Das “Team Melli” kam bei seiner 5. WM-Teilnahme3 einem Aufstieg in die 2. Runde so nahe wie noch nie, scheiterte (mit seinem portugiesischen Trainer) nach dem Match gegen Euroapmeister Portugal knapp. Der iranische Schiedsrichter Faghani durfte aber weiter machen, kam bis ins kleine Finale.

A propos Schiedsrichter: Diese konnten ja dieses Mal auf Fernseh-Aufzeichnungen zurückgreifen (lassen). Was zB im letzten Gruppenspiel des deutschen Teams gegen Südkorea geschah, beim 1:0 der Koreaner in der Nachspielzeit. Einige Minuten später dann noch der Fehler von Neuer…der schon im ersten Vorrundenmatch (gg. Mexico) am Ende in die gegnerische Hälfte gekommen war, und gegen Schweden auch, wenn mich nicht alles täuscht. Das was Deutschland bei den letzten Turnieren aufgegangen war, ging diesmal eben schief. Das Team von Mexiko (wo Marquez zu seiner 5. WM kam) schied dann aber wieder im Achtelfinale aus, was sich schon irgendwie abgezeichnet hat, als Hector Herrera in der ersten Hälfte frei an der Strafraumgrenze zu Schuss kam, sich den Ball aber erst umständlich vom rechten auf den linken Fuss legen musste.

Das Spiel zwischen den Auswahlen von Serbien und Schweiz war bzw wurde stark politisiert. Die Kosovo-albanischen Spieler der Schweiz, Pfiffe des serbischen Publikums gegen sie, deren Torjubel, die Krstajic-Kommentare, jene der SVP-Politikerin Rickli, wonach die Tore für den Kosovo gefallen seien. Und in Wien Ausschreitungen von Serben. Die FIFA war bei Verletzung ihrer Marketingvorschriften strenger als bei nationalistischen/politischen Aussagen/Gesten, womit sie ihrem Image gerecht geworden ist. Zu den politischen Dimensionen komme ich ja noch; Kroatiens Präsidentin Grabar-Kitarovac war jedenfalls bei vielen Spielen ihrer Mannschaft im Stadium, unter den Ehrengästen fiel auch Diego Maradona auf.

Auch die Mannschaft von Polen musste nach der Vorrunde nach Hause fahren; einen Weltklasse-Spieler zu haben und sonst Spieler die doch ziemlich stark von diesem abfallen, das ging auch bei Schweden in den letzten 15 Jahren nicht gut. Portugal mit Ronaldo, Argentinien mit Messi4, und Spanien mit einigen Weltmeistern von 2010, die alle nur knapp ins Achtelfinale gekommen waren, mussten sich nach diesem verabschieden. Die Seleção Brasileira de Futebol war unter jenen Teams, die im Viertelfinale ausschieden. Neymar ist seinem Ruf als “Schauspieler” gerecht geworden.

Im Achtelfinale standen neben 10 Teams von der UEFA 4 von der CONMEBOL (Südamerika), 1 der CONCACAF und 1 der AFC (Asien). Im Viertelfinale waren es 6 aus Europa und 2 aus Südamerika. Im Semifinale waren die Europäer unter sich. Aus Ozeanien (OFC) hatte sich niemand qualifiziert (nachdem Australien ja zur asiatischen Konföderation gewechselt ist), und alle 5 qualifizierten Teams aus Afrika (CAF) schieden in der ersten Runde aus… Dafür wurde Frankreich Weltmeister, in dessen 23-Mann-Kader 16 Afrika-Stämmige standen (darunter einige Nordafrikaner sowie einer aus der Karibik) sowie ein ein Asien stammender Spieler (Areola, der 3. Tormann, dessen Eltern von den Philippinen nach Frankreich kamen). Darunter waren einige (für den Turniersieg) sehr wichtige Spieler, wie Pogba, Umtiti und Mbappé (der vielleicht die Entdeckung des Turniers). Beim Finalgegner Kroatien gab es so etwas nicht, und nicht Wenige (v.a. in Europa) sahen dieses Team daher als eine Art positiven Gegenentwurf zum multiethnischen französischen, bzw auch gleich die (darunter liegenden?) gesellschaftlich-politischen Strukturen als solchen…

Womit wir beim Kern des Artikels sind. Frankreich und die anderen 3 Semifinalisten sowie Deutschland und Österreich, und die Verbindung zwischen Fussball, Politik und Nationalismus in diesen Ländern. Aus der AfD und der FPÖ wurde gegen den Weltmeister gehetzt. „Europa gegen Afrika“ hiess es da zum Finale.5 Causa Nr. 1 in Deutschland nach dem frühen Aus wurde aber Mesut Özil und sein Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan im Mai. Nun, da der Erfolg ausblieb, wurde er zum Sündenbock, scheint es.

Im Themen-Komplex Fussball-Politik-Nationalismus ist die Frage der Nations-Zugehörigkeit, der Loyalität, der Integration gewisser Spieler zentral geworden, nicht nur in Deutschland.6 Und das Mitsingen der National-Hymne vor dem Länderspiel ist dabei ein wichtiger Indikator. Was bei der Integrations-Forderung gerne unter den Tisch fällt, bzw, wovon abgelenkt werden soll, ist dass Manche solche wie Özil eigentlich gar nicht wollen. Der feine Grat (bzw Übergang) zwischen (von) gefährlicher Überfremdung bzw Untergang des Abendlandes wegen Moslems/Moscheen/rückschrittlicher Kultur/… und (zu) Untergang des Abendlandes bzw gefährliche Überfremdung weil zu viele Türken und Afrikaner in Deutschland und in seinem Fussball-Nationalteam. Bei Boateng oder Dejagah oder Owomoyela oder Cacau gab es vergleichbare Anfeindungen.

Es ist lächerlich, jetzt Alles darauf herunter zu brechen, dass die Zuwanderer (bzw ihre Nachfahren) sich nur zu Deutschland bekennen müssten. Integration war eben lange nicht gefragt, von deutscher Seite. „Alles, was der Gewöhnung an die hiesigen Verhältnisse und der Integration diente, sollte unterbleiben. Die Kinder sollten die Sprache ihrer Eltern beherrschen, der Familiennachzug sollte eingeschränkt werden.“7 Wenn es heisst, mehr Emigranten müssten zur Polizei, und man beobachtet dann die Diskussion darüber in gewissen Foren (zB “Der Spiegel” online, nicht pi-news.de), stellt man fest, dass sehr Viele ein Problem damit haben (dass zB Türkisch-Stämmige zur deutschen Polizei gehen), egal wie sich die Betreffenden zu Deutschland bekennen. Ähnlich verhält es sich mit der Mitwirkung von Özil, Khedira & Co im Nationalteam.

Deutsch-Türken, die Deutsche und nicht Türken sein wollen, werden zuverlässig daran erinnert, dass man sie für Türken hält. Das Foto Özils mit Erdogan ist ein Aufhänger, ein p. c. Vorwand. Auch ohne das und wenn er die Hymne mitsingen würde, hätten viele Deutsche ein Problem mit ihm! Im deutschen Team. Wobei, wenn er sich vor 10 Jahren für die Türkei entschieden hätte… Nun ist Özil ja aus dem deutschen Team zurückgetreten, mit Vorwürfen an DFB und Medien. Was zu neuen chauvinistischen Anfeindungen führte. “Bild”: „Özils wirre Jammer-Abrechnung mit Deutschland“. Und auch Herr Hoeness hat sich zu Wort gemeldet. Reflektiertes kam von Jürgen Klopp:„Wir sollten aber nicht vergessen, dass Özil und Gündogan nun mal türkische Wurzeln haben, auch wenn sie in Deutschland aufgewachsen sind. Aber es ist wie immer: Wer am lautesten krakeelt, wird am meisten gehört“.8

Eine stolze Serie von Deutschlands Team ist in Russland gerissen, seit 2006 ist es bei allen WM- und EM-Turnieren immer mindestens bis ins Semifinale gekommen. Ausserdem bei den 2 Confederations-Cup-Turnieren, bei denen es teilnahm (05 und 17). Und beim Olympia-Turnier 16. 05 war auch Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden, 06 rückte Joachim Löw vom Co- zum Chef-Trainer des DFB-A-Teams auf. Zwei Langzeit-Herrscher, die alle 4 Jahre (von WM zu WM bzw Wahl zu Wahl) Erfolge einfuhren, für eine längere Zeit. Wobei diese vielen zweiten, dritten, vierten Plätze im Fussball in Deutschland eigentlich nicht als Erfolge galten. Worüber die Engländer glücklich gewesen wären. Die WM 14, ja.

Grossbritannien darf ja als Mutterland des Fussballs je eine Nationalmannschaft für seine 3 historischen Bestandteile aufstellen.9 Diesmal hat sich nur das Team von England, mit den 3 Löwen auf den Leibchen10, qualifiziert. In GB waren die Brexit-Verhandlungen die politische Begleitmusik zur WM. Wobei dieser EU-Austritt ja einen neuerlichen Versuch des Austritts Schottlands aus GB/UK begünstigt. Die britischen Hooligans sind diesmal glücklicherweise nicht in Erscheinung getreten.

Und, nun da im englischen Team die grossen Namen der letzten 20 Jahre weg waren, von Beckham über Lampard bis Rooney, funktioniert es auf einmal.11 1996 bis 2016, da gab es circa 2 goldene Generationen, die erfolglos blieben. Wenn man eine Annäherung an die Gründe dafür versucht, es waren wohl hauptsächlich die Klub-Cliquen und -Interessen, die einem Erfolg entgegen standen. Vielleicht auch, dass es zu wenig Tiefe gab, auf manchen Positionen zuwenig Qualität. Als zB Rooney bei der EM 04 ausfiel, rückte Darius Vassell in die Anfangsformation. Andererseits, Portugal wurde ’16 Europameister, mit nur einem absoluten Klassespieler (der noch dazu im Finale ausfiel). Auf Youtube spottete Einer über den jetzigen Erfolg, den 4. Platz: “saying that it’s coming home after getting into the weaker bracket after intentionally losing12 and not having beaten one competent team”

Die Welmeister-Generation von 1966 reüssierte auch bei der EM ’68, die ersten internationalen Erfolge einer englischen Auswahl. Dann gab es die Semifinal-Einzüge 1990 und 199613, mit 5 oder 6 Spielern, die beide mitmachten. So wie Paul Gascoigne. Ich glaube, bei der WM 1998 wären die Voraussetzungen für einen Erfolg einer der goldenen Generationen Englands, die dann kamen, am besten gewesen. Es war das letzte Turnier, für das Gascoigne in Frage kam, das letzte bei dem Shearer noch in Form war, und das erste für das Owen und Beckham in Frage kamen. Dazu gab’s noch Seaman (der freilich in wichtigen Spielen immer wieder Fehler machte), Neville, McManaman, “Sol” Campbell, Adams, Scholes,… und Glenn Hoddle als Trainer. Und Hoddle nominierte “Gazza” nicht für seinen Kader, weil es dieser -vereinfacht gesagt- mit der Disziplin nicht so genau nahm.14

Gascoigne & Hoddle 1998

Die Diskussionen über die “unechten” Engländer im Nationalteam gab es dort auch immer wieder. In England/ GB geht es dabei hauptsächlich um aus der Karibik stammende “Schwarze”. Der erste war 1978 “Viv” Anderson, dann kamen John Barnes, Paul Ince, Ashley Cole,…15 Es gibt aber auch immer wieder Irisch-Stämmige im englischen Team, von Kevin Keegan bis Harry Kane.

Im belgischen Team, den “Roten Teufeln”, waren in den 1980ern (als es bei den Turnieren 80 und 86 die Erfolge gab) der aus Sizilien stammende Scifo und Alexandre Czerniatynski, Sohn polnischer Einwanderer, noch die Exoten. Das Team wurde in den 90ern etwas multikulturell (zB mit Kroaten wie Strupar), die Mpenza-Brüder waren die ersten Spieler aus der Ex-Kolonie Kongo (Congo). Zwischen den Turnieren 02 und 14, als sich Belgien nie qualifizierte, geschah der “Dammbruch”, formierte sich das jetzige Team.16 Wobei bei der Schweiz die Kosovaren für Überfremdungshysteriker die “Quelle des Übels” sind, im belgischen Team ist der aus Kosovo/Kosova stammende Januzaj einer der aus Europa stammenden Zuwanderer(-Kinder) – dort (und bei Frankreich!) sind “die Afrikaner” das Problem, kommt die “Überfremdung” von diesen…

In 2 der unten verlinkten Artikeln geht es darum, ob bzw wie dieses Fussball-Nationalteam mit den vielen Belgiern der 1. oder 2. Generation das Land mit seinen zwei Volksgruppen neu vereinen kann. Die wallonische Dominanz zerbröckelte nach dem 2. Weltkrieg, die Emanzipation Flanderns führte zu einer Föderalisierung bzw Parzellierung des Staates (1960er bis 90er). Der Bundesstaat wird von oben (EU) und unten (Regionen, Gemeinschaften) entmachtet. Nicht viel mehr als das (deutsch-stämmige) Königshaus17, die Armee und das Fussball-Nationalteam hält die Landesteile zusammen, heisst es immer wieder. Nächst wichtigster Sport ist Radrennfahren, und das ist ja ein Einzelsport. A propos belgische Armee: Ein Chef der grössten “zentrifugalen” Kraft Belgiens, des Vlaams Belang, Filip Dewinter, gab in einem TV-Interview unumwunden an, dass er der Angelobung zu seinem Militärdienst (in Arlon in Wallonien) in seiner linken Hand hinter dem Körper 2 Finger kreuzte, weshalb das abgegebene Treuegelöbnis zu Belgien nicht gelte…

Etwas gemäßigter als der VB ist die NVA, die die Wahlen 2010 gewann. Es folgte damals eine sehr lange Suche nach einer neuen Regierung, 2011 kam eine unter Elio Di Rupo zu Stande18 mit den Parteien der flämischen und wallonischen Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberalen. Die 3 Jahre hielt. In dieser Zeit kam der neue König, Philippe/Filip. Der flämische Nationalismus bzw Separatismus bleibt aber ein wichtiger Faktor. VB und NVA leben natürlich auch von Zuständen wie im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, wo mehrere (v.a. aus Nordafrika stammende) Islamisten “heranreiften”, die in den letzten Jahren in Frankreich und Belgien verheerende Mordanschläge verübten. Es geht aber auch um das Geld; das man nicht mehr an eine Zentralregierung abliefern will, die es an ärmere Landesteile weiterleitet. Das selbe wie in Katalonien, Nord-Italien, in gewisser Hinsicht auch bei Schottland und früher bei Slowenien.

Einen belgischen Nationalismus, ob einen gemäßigten (mehr im Sinne von Nationalgefühl) oder radikalen (einen ausschliessenden), gibt es so etwas überhaupt noch? Die Front national war eine frankophone Partei, die 1985 nach dem Vorbild der französischen Partei dieses Namens gemodelt wurde, sie propagierte einen solchen belgischen Nationalismus, versuchte Brücken zu den Flamen zu schlagen (nicht zuletzt indem man sich gegen die Einwanderung nach Belgien stellte), war (aber) gegen die Parzellierung Belgiens. Sie blieb eine Kleinpartei, wurde 2012 aufgelöst. Die “Überbrückung” der Sprach-/Volksgruppen ist in Belgien schwierig. Es gibt zwei etwa gleich grosse Volksgruppen mit Sprachen, die nicht miteinander verwandt sind (wie es in Spanien Kastilisch, Katalanisch, Galizisch,… sind), keine Verständigungssprache (wie Französisch früher in Belgien oder Englisch in Südafrika heute). „Alle nederlandstalige Belgen kunnen ook Frans, maar niet andersom“ schrieb jemand auf Youtube zu einem Video, in dem es auch um die Thematik ging. Mehr oder weniger dürfte das stimmen. Und Entsprechendes wird auch von der Schweiz und Südtirol gesagt, dass also die “Romanen” weniger die andere Sprache lernen als die “Germanen”.

Marc Wilmots, der Vorgänger von Roberto Martinez als Trainer der Roden DuivelsDiables Rouges, stammt aus dem Umland von Brüssel, wo man Zweisprachigkeit noch am ehesten erlernen bzw erleben kann, und ist (obwohl ein Wallone bzw primär frankophon) nahezu perfekt zweisprachig.19 Wilmots ging zwischen seiner Spieler- und seiner Trainerkarriere auch in die belgische Politik, war Senator für die wallonischen Liberalen (MR). Martinez, der Spanier, der in England spielte, spricht Englisch mit den Spielern… Die Spieler verständigen sich untereinander auch teilweise so.

Vincent Kompany ist nach seiner Verletzungspause nicht mehr Kapitän, aber am längsten im Nationalteam. Vater aus Congo, Mutter Belgierin, aufgewachsen in Brüssel, zweisprachig. Er ist eines der Einwanderer-Kinder, die diesem Team (und dem Land an sich?) Kohäsions-Kräfte verleihen. Brüssel/ Brussel/ Bruxelles/ Brussels ist gewissermaßen die EU-Hauptstadt, aber darum herum tobt ein kleinkarierter Sprachenkampf; die Stadt ist umgeben von der Provinz Flämisch-Brabant, eine wallonische Ansiedlung dort wird zu unterbinden versucht. Falls es wirklich einmal zu einer Teilung Belgiens kommen würde, wäre die Frage (der Teilung) von Brüssel hoch-aktuell. Keiner wird darauf verzichten wollen. Das ist einer der Unterschiede zur Tschechoslowakei, dort waren die Teilgebiete sauber voneinander abgegrenzt; daneben haben Flamen und Wallonen eigentlich viel länger in einem Staat gelebt als (die ethnisch-sprachlich eng verwandten) Tschechen und Slowaken.20

Wenn es Belgien nicht gäbe, müsste man es erfinden, im Zeitalter der ethnisch begradigten Nationalstaaten, hat Clemens Ruthner im “Standard” einmal geschrieben. Im Mittelalter waren Flandern und Wallonien Teil des burgundischen Länderkomplexes, dessen nördlicher Teil vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation mit seinen habsburgischen Kaisern zu Spanien mit seinen habsburgischen Königen kam. Der grossteils protestantisch (calvinistisch) gewordene Norden dieser Spanischen Niederlande spaltete sich im Laufe des 17. Jh ab, der Rest (also das spätere Belgien21) kam nach dem Spanischen Erbfolgekrieg unter österreichische Herrschaft, blieb das bis zu den Napoleonischen Kriegen. Nach dieser französischen Besetzung kamen die Vereinigten Niederlande zu Stande, mit einem Übergewicht des protestantischen Nordens. Seit der erzwungenen Abspaltung davon 1830 gibt es ein Belgien.

Kasavubu, Lumumba, Badouin von Belgien anlässlich der Unabhängigkeit Congos 1960

Einerseits ein harmloser, multiethnischer Kleinstaat, das andere Gesicht, das zeigt sich durch die monströsen Verbrechen im Kongo, auch nach dessen nomineller Unabhängigkeit 1960. Der Gegensatz zwischen dem katholischen, “konservativen” Belgien und der protestantischen, “progressiven” Niederlande, der zeigt sich auch im Fussball immer wieder. Zur Zeit ist wieder Belgien oben auf. In Spanien haben Fussball-Erfolge (u.a. Weltmeister 2010 in Südafrika) den Zusammenhalt nicht unbedingt gefördert, wie sich durch die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens in den letzten Monaten zeigt. Die belgische goldene Generation ist jedenfalls noch nicht am Ende, wird auch in 2 Jahren auflaufen können, die meisten davon wahrscheinlich auch in 4 Jahren.

Im kroatischen Team gibt es hin und wieder Angehörige autochthoner Minderheiten wie Đovani Roso (Giovanni Rosso), der aus einer dalmtinischen Familie mit teilweise italienischen Wurzeln kommt. Öfters gibts kroatische Bosnier, wie Mario Stanic, die lieber für Kroatien spielen. Selten Eingebürgerte wie Eduardo da Silva aus Brasilien22 – was auch daran liegt, dass Kroatien als Land sowie seine Liga nicht so attraktiv sind. Als Kroatien nun im Finale der WM gegen Frankreich spielte, ein Team mit vielen Spielern afrikanischer Herkunft, gab es gerade aus Österreich viel Unterstützung für die Reprezentacija, oft argumentiert mit der “Multikulturalität” des Gegners.

Die “Krone” titelte ähnlich wie die rechtspopulistische Gratiszeitschrift “Österreich” (Fellner)

Beim Viertelfinal-Spiel zwischen den Auswahlen Kroatiens und der Türkei bei der EM 08 (Öst./CH) gab es auch so eine Art Polarisierung. Wobei die wenigsten dieser französischen Spieler mit “Afrika-Bezug” Moslems sind. Hier also: offene, direkte Ablehnung dieser Equipe aufgrund von Rasse, Definition von Zugehörigkeit zu bzw Ausschluss von einer (anderen) Nation dadurch. Entgegen dem Eigenbild, das sich in den Jahren der Islamkrise etabliert hat. Auf Youtube ein Video über die Rückkehr des kroatischen Teams in Zagreb nach der WM. Die Kommentare darunter haben eine klare Tendenz. Und deuten darauf hin, dass es sich nicht um ein österreichisches Spezifikum handelt.

“Bravo croatia keep those borders closed”…”I think that we showed that we are real Europien and civilaside country”…”Beautiful Slavic people”…”Peaceful happy people returning to their own clean homeland. Croatia won.”…”Healthy Aryan nation means no ethnic conflicts, no riots, and national pride. France is a decaying, doomed nation.”…”For me, Croatia won the world cup AS A NATION……france: an assembled AFRICAN TEAM….”…”It’s refreshing to see somewhere in Europe that actually has real European people in it.”…”Croatia put up a good fight against the Africans and referees.”

Jaja, der Kampf gegen den Untergang des Abendlands bzw für das jüdisch-christliche Erbe bzw für die Erhaltung der “arischen Nation” bzw gegen die “Kongoaffen”23… Und das fast ganz ohne Islam. Und wenn er “dabei ist”, ist er wie bei Özil oft nicht “der böse”, sollen aber Moslems mit ihm (dem fanatischen Islam) in Verbindung gebracht werden. Afrikaner wurden früher gegen den Kommunismus in Stellung zu bringen versucht, nun gegen Moslems. Aber wenn es um substantielle Zugeständnisse geht…zB fair mit ihren Staaten zu handeln, oder Migranten einen gleichberechtigten Platz in Europa einzuräumen…

Ein wenig zur Verbindung Kroatiens mit Österreich. Das Land war nach Verlust der Unabhängigkeit im Mittelalter24 lange unter ungarischer Herrschaft, nach den österreichisch-osmanischen Kriegen im 16. Jh wurde Zentralkroatien österreichisch, Slawonien osmanisch, die Küste venezianisch. Hier begannen ca. 400 Jahre Anbindung Kroatiens an Österreich, nach den “Türkenkriegen” des 17. Jh kam auch Slawonien zu Österreich, als Teil Ungarns. Der Katholizismus verbindet hier, aber auch diverse Migrationen. Jene der Burgenland-Kroaten, und die deutsch-österreichische Ansiedlung (“Donauschwaben”) in Ost-Slawonien (das Teile von Syrmien und Baranya umfasst). Das venezianische Erbe, also die Küste mit Istrien, Kvarner, Velebit und Dalmatien (inklusive Dubrovnik) kam 1814/15 auch an Österreich. Im späteren 19. Jh dann auch Bosnien-Herzegowina mit seinem beträchtlichen kroatischen Bevölkerungsanteil; somit standen alle kroatischen Länder unter habsburgischer Herrschaft.

Im 19. Jh kam auch unter den Kroaten eine Nationalbewegung auf, und diese hatte infolge des österreichisch-ungarischen Ausgleichs ihre Konflikte eher mit der ungarischen Reichshälfte. Aber das war ja das Kalkül der Österreicher bei diesem Ausgleich, dass sich der Unmut bzw die Bestrebungen der Kroaten, Rumänen, Slowaken,… gegen die Ungarn richtete, das eigentliche Österreich hier “gut weg” kam. Zentralkroatien und Slawonien waren bei Ungarn, Dalmatien und Istrien bei der österreichischen Reichshälfte.25 In der kroatischen Nationalbewegung gab es jene, die ihr Land als Teil einer panslawischen oder südslawischen Nation sahen (Narodna stranka, Nationalpartei, Josip Strossmayer), und jene die für ein grosses (auf Kosten der Nachbarn…), unabhängiges Kroatien waren (Stranka prava, Eugen Kvaternik, diese Richtung war pro-österreichischer). Protagonisten der Nationalbewegung waren (auch) hier oft Angehörige von Minderheiten…

Mit dem 1. WK änderten sich die Rahmenbedingungen. Im ersten, königlichen Jugoslawien (bis 1929 SHS-Königreich bzw Kraljevina Srba, Hrvata i Slovenaca). war die Kroatische Bauernpartei (HSS) die bei weitem wichtigste kroatische Partei bzw die einzig bedeutende. Die HSS war für kroatische Autonomie innerhalb Jugoslawiens, stand diesem Jugoslawien aber grundsätzlich positiv gegenüber. Nachdem ihr Führer Stjepan Radic ’28 im Parlament von einem Montenegriner ermordet wurde, errichtete König Aleksandar als Folge Anfang 29 die Königsdiktatur, nun konnte von kroatischer Selbstbestimmung noch weniger die Rede sein. Alternative zum Jugoslawismus war aus kroatischer Sicht weiterhin der Kroatismus. Vertreten wurde er von der HSP (Rechtspartei) die von Wenigen gewählt wurde. Die faschistische Ustaša (Ustascha) ging aus ihr hervor. Als Hitler-Deutschland 1941 auch Jugoslawien überfiel, kam deren Stunde. Im Zuge der Aufteilung Jugoslawiens bekam Mussolini-Italien zwar die dalmatinische Küste zugesprochen, der Rest Kroatiens wurde aber nominell unabhängig, bekam Bosnien-Herzegowina dazu.

Der “Unabhängige Staat Kroatien” (NDH; 41-45) war natürlich ein  Marionettenstaat von Nazi-Deutschland, bis 43 auch vom faschistischen Italien, ein Einparteienstaat unter der Ustaša.26 Viele Kroaten waren bei den kommunistischen Partisanen, darunter Franjo Tudjman, wenige kämpften für eine Wiedererrichtung des königlichen Jugoslawiens. Ivan Subasic (HSS) war einer dieser; er war ’39 Ban der neu gegründeten Banovina Hrvatska (umfasste die meisten kroatischen Gebiete) geworden, wirkte dann in der Exilregierung (Premier 44/45), arbeitete mit den Alliierten zusammen. Obwohl antikommunistisch, versuchte er einen Kompromiss mit den Partisanen (unter “Tito”) zu Stande zu bringen.

Als 45 die Partisanen mit Unterstützung der Alliierten vorrückten, flüchteten Nazi-Kollaborateure aus dem gesamten jugoslawischen Raum (hauptsächlich Ustascha-Kroaten) Richtung Österreich, aber auch einige demokratische Anti-Kommunisten, nach Kärnten (kampierten bei Bleiburg und Viktring), wohin das britische Militär vorgerückt war. Die Briten nahmen sie ja nicht auf, überliessen sie den nachfolgenden Partisanen. Und von jugoslawischer Seite (das zweite, kommunistische entstand nun) wurden nun wie auch nach dem 1. WK Ansprüche auf Teile Kärntens erhoben. Den Ustascha-Führern um “Poglavnik” Ante Pavelic war mit der Vatikan-Rattenlinie die Flucht gelungen. Auch die Donauschwaben aus den serbischen und kroatischen Teilen von Banat, Batschka, Syrmien27 hatten grossteils mit den Besatzungstruppen kollaboriert und verliessen am Kriegsende das Land; jene die das nicht taten, waren schweren Repressalien ausgesetzt.

Es gab im 2. YU mehr Selbstverwaltung für die südslawischen Völker28, eigene Republiken, aber keinen politischen Pluralismus. Der jugoslawische Geheimdienst UDBA ging auch gegen Exil-Kroaten in Österreich vor, nicht nur gegen Faschisten, auch gegen Antikommunisten und Demokraten. Ein Teil der kroatischen Diaspora stand aber  in der Tradition der Ustascha und verübte Anschläge auf jugoslawische Einrichtungen, Personen,… René Marcic arbeitete im Generalkonsulat des Ustascha-Staats in Wien, nach dem Hitler-Stalin-Krieg blieb er in Österreich, schrieb für die “Salzburger Nachrichten”, wurde ihr Chefredakteur. Der ebenfalls kroatisch-stämmige Lujo Toncic-Sorinj wurde sogar Aussenminister (für die ÖVP). Ein anderer prominenter Kroate in Österreich war “Alfons Dalma” vulgo Stjepan Tomičić, der einen ähnlichen Weg wie Marcic ging. Er war Redakteur der Ustascha-Zeitung “Hrvatski Narod” gewesen, wurde dann auch von Gustav Canaval bei der “SN” eingestellt, ging dann zum ORF nach Italien.29 Viele Österreicher fuhren dann natürlich auf Urlaub nach Jugoslawien, und der spielte sich hauptsächlichst an der kroatischen Küste (Istrien, Dalmatien, und das was dazwischen liegt) ab. Im Fussball gibt es auch seit Langem eine österreichisch-kroatische Verbindung (Otto Baric,…), die mit dem Ende Jugoslawiens noch stärker wurde.

90/91 die Demokratisierung und Unabhängigkeit Kroatiens, und dann der Krieg. Es begann damit, dass sich die kroatische KP (die SKH) unter Ivica Racan reformierte, zur SDP wurde, Demokratie zuliess (ähnlich lief es in den anderen Teilrepubliken Jugoslawiens). Die neu gegründete HDZ gewann die Wahl zum kroatischen Parlament im Frühling 199030 Das Bundesparlament wurde nicht gewählt, alle Republiken kochten ihr eigenes Süppchen. Was im Fall Kroatiens (und dann auch Bosniens) aufgrund der grossen serbischen Minderheit problematisch wurde. Franjo Tudjman, der vom Parlament zum Präsidenten Kroatiens (noch als Teil von YU) gewählt wurde, knüpfte auch zu österreichischen Politikern (von der ÖVP) Kontakte. War es die Politik der HDZ (Tudjman und die Regierung mit Ministerpräsidenten unter ihm), die Ängste der serbischen Minderheit wach rief, oder hat die kroatische Serbenpartei SDS diese Ängste geschürt?

Jedenfalls kam es 90/91 in deren Gebieten, der “Krajina”31, zu Auflehnungen gegen die kroatische Republiksregierung32, die von der Regierung Serbiens unter Slobodan Milosevic unterstützt wurden. Milosevic wurde der wichtigste Mann in Rest/Ex-Jugoslawien, während sich die gesamt-jugoslawischen Insitutionen und Bindungen ab dem Slowenien-Krieg langsam aber sicher auflösten.33 Bis Herbst 91 reifte in der kroatischen Krajina ein voller Krieg heran, mit Beteiligung Rest-Jugoslawiens. Zum Zeitpunkt der EM 92 bestand “Jugoslawien” eben nur noch aus diesem Rest, aus Serbien (mit Kosovo) und Montenegro. Deren Auswahl wurde wegen des Krieges in Bosnien (der ausbrach nachdem der in Kroatien Anfang 92 in eine “Pause” gegangen war) vom Turnier ausgeschlossen.

Die 91/92 serbisch besetzten Gebiete in Kroatien eroberte das kroatische Militär 95 zurück (> Ante Gotovina), zu der Zeit als auch der Krieg in BiH beendet wurde, mit USA-Hilfe.34 BiH, dessen Parzellierung mit jener Belgiens vergleichbar ist. Als “Stipe” Mesic 2000 Präsident Kroatiens wurde, kam das autoritäre Regime Tudjmans zu einem Ende.35 Kroatien wurde eine normale westliche Demokratie, in der Politiker eher in die eigene Tasche wirtschaften als mit Nationalismus zu punkten versuchen. Ex-Premier Sanader wurde 2011 in Österreich verhaftet36, dann in Kroatien verurteilt, kam aber um eine lange Strafe herum.

An der Grenze zu Slowenien, Sommer 2013

Sport-Erfolge (v.a. in Mannschafts-Ballsport-Arten) werden auch in der kroatischen Diaspora zelebriert. Und da ist Österreich ein wichtiges Land; wo für die “Alteingesessenen” Skisport wichtiger ist als Fussball. Der kroatische Nationalismus, der da zelebriert wird (auch von Sportlern und Politikern), wie jetzt bei der WM, bekommt öfter mal einen faschistoiden “Touch”. Aber wo ist die Grenze von dem, was in den letzten ~15 Jahren immer propagiert wird: Europa bzw der Westen muss zu sich selbst stehen, nicht einknicken, nicht kapitulieren, sich nicht selbst hassen, sich gegen Überfremdung und linken Destruktivismus zur Wehr setzen, sich nicht in “white guilt” ergehen.37 Und wie gezeigt, gibt es in Westeuropa bzw im “eigentlichen Westen” jene, die einen solchen Nationsentwurf als positive Alternative zum “degenerierten Westen” sehen. Wobei der Tennis-Star Ivanisevic bei seinen frühen Auftritten in Österreich Anfang der 90er aus dem Publikum noch als “Tschusch” beschimpft wurde.

Dennoch, Kroatien wurde ein Bezugspunkt für diverse Rechte. Wo sich auch Fussballverbands-Chef “Vlatko” Markovic (Ex-Trainer von Rapid Wien) noch im 21. Jh gegen Homosexualität im Fussball aussprach. Was “westliche Werte” sind, da gehen eben die Meinungen auseinander. Für die Einen ist es Toleranz für Homosexuelle, Überwindung von Nationalismus,…, für die Anderen ist dies der Untergang des Westens. Heuchelei gibt es auf beiden Seiten. Oder die Äusserungen des kroatischen Ski-Stars Kostelic über den NS. Manche Österreicher rümpf(t)en die Nasen deshalb über ihn, andere deshalb, weil Kostelic in der “Völkerhierarchie” als einer aus Ex-YU für sie einfach unten steht.

Dario Brentin gilt zumindest für orf.at als Experte für Ex-YU, Sport, Politik, Nationalismus38, darf in seinen Stellungnahmen den kroatischen Nationalismus missbilligen und kritisieren. Brentin hat aber zumindest noch in Artikeln für Wiener Studentenzeitungen Milosevic und dessen Anhänger Handke verteidigt… Ljiljana Radonic ist auch eine Forscherin (?) mit deterministisch weltanschaulichem Korsett, schliesslich wirkt sie am Wiener Politikwissenschaft-Institut; das zeigt sich auch durch ihren kroatischen Selbsthass Sündenstolz. Es gibt aber die Punkte, wo sich diese Fraktion mit jener, die feiern dass Kroatien noch nicht angekränkelt ist von westlichen Schuldkomplexen, trifft. Kroatien weist (auch) in dieser Hinsicht (dem Blick des Westens darauf) einige Gemeinsamkeiten mit der Ukraine auf.39

Tja, und die FPÖ? Im Wiener Bezirk Ottakring sind die Feiern nach dem Sieg des kroatischen Fussball-Nationalteams im WM-Viertelfinale gegen Gastgeber Russland eskaliert. Wenn es sich um Türken gehandelt hätte, wäre die Verurteilung eindeutig gewesen (auch von den gewissen Kreisen, die sich als “links” deklarieren), so war es für die FPÖ aber doch irgendwie ein “gesunder Nationalismus”. In einer Gegend (um den Brunnenmarkt), auf die man sonst gerne zeigt, um “Multikulti” (bzw was man darunter versteht) zu desavouieren. Die schwarzafrikanischen Drogendealer bei der nahen U6-Station Josefstädter Strasse,… Und es gibt weitere Stolpersteine. Bei der Abstimmung im österreichischen Nationalrat über den EU-Beitritt Kroatiens stimmten 7 FPÖ-Abgeordnete dagegen (fadenscheiniges Argument: „keine Restitution für Alt-Österreicher“), die anderen mit der Mehrheit dafür. Und Strache ging während der Abstimmung aus dem Saal… Da war er in einer Gewissens- und Image-Klemme. Wenn es wirtschaftlich schlechter geht, wird ein “Verteidiger des Abendlands” (als der Kroatien oft gesehen wird) auch mal zur Gefährdung des Abendlands. Das hat man auch bei Griechenland gesehen.

Der auch von der FPÖ geschätzte Thilo Sarrazin hat ja in seinem ersten Buch über Überfremdung, Kulturkampf, und so geschrieben, im zweiten Buch über Geld und den gefährdeten Wohlstand des Westens, und in diesem Zusammenhang auch über die „faulen Südeuropäer“. Auch im ersten Buch bekommen aber “die vom Balkan” von ihm ihr Fett ab; und da hat Kroatien, entgegen seiner Selbstauffassung, gute Chancen, dazuzugehören. In Deutschland gibts nicht diese Nähe zu Kroatien, wird das eher als fernes Balkan-Land gesehen.40

 

Jasenovac & Bleiburg

nytimes.com/2012/11/21/sports/soccer/in-divided-belgium-sons-of-immigrants-unite-on-soccer-field.html

https://sites.duke.edu/wcwp/2015/01/22/soccer-and-national-identity-in-belgium/

Ivo Goldstein: Croatia. A History (1999)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. 2014: http://tiara013.at/2013/11/20/team-der-bei-der-fussball-wm-2014-abwesenden/
  2. Heute ist dort eine Gedenkstätte
  3. 1998 das Match gegen die USA mit der “Verbrüderung” vor dem Match
  4. Frankreich gegen Argentinien vielleicht das beste Match des Turniers
  5. Ein Unterschied: Die FPÖ ist in Österreich in der Regierung, die AfD ist in Deutschland eine isolierte Oppositionspartei. Die neuen Regierungen, die in den beiden Ländern 2018 kamen, arbeiten aber gut zusammen, in der Flüchtlingskrise, nicht zuletzt die beiden Innenminister Seehofer und Kickl
  6. Und, auch die Integration der “Ossis” im wiedervereinten Deutschland spiegelte sich einst im Fussball wieder
  7. Ulrich Herbert
  8. An dieser Stelle sei aber auch an jene Deutschen erinnert, die in Afrika sehr wertvolle Arbeit leisteten, wie Winfried Schäfer und Gernot Rohr
  9. 3 Fussballverbände, 3 Ligen; dazu Nordirland, das Teil des UK aber nicht von GB selbst ist
  10. Das Wappen von England, die Löwen symbolisieren England, Normandie und Aquitanien – letztere 2 haben schon sehr lange keine Verbindung mehr zu England/GB
  11. Bei Spanien war es auch so, dass es nach der WM 06 einen Schnitt gab, Raul und Andere aussortiert wurden, und dann ein Erfolgslauf losging
  12. > Belgien
  13. Da mit Gareth Southgate als unglücklichem Elfer-Schützen im Semifinale
  14. England schied ja 98 dann im Achtelfinale im Elferschiessen gegen das argentinische Team aus, nach einer Roten Karte für Beckham nachdem sich dieser bei Simeone für ein Foul mit einem Tritt revanchiert hatte. Kontrafaktische Szenarien sind im Fussball genau so relevant wie in der grossen Geschichte bzw Politik. Also zB die Frage, ob England 98 mit Gascoigne und ohne Rot für Beckham Grosses hätte erreichen können
  15. Nachdem beim 7:1 gegen San Marino in der WM-Quali für 94 3 schwarze Spieler, darunter Ince, alle englischen Tore schossen, schrieb eine rechtsextreme britische Gruppe (die National Front?), die Tore zählten nicht, San Marino hätte 1:0 gewonnen. So war SM übrigens auch in Führung gegangen
  16. Ein Unterschied zur Generation der 80er: Damals hatten belgische Klubs auch viele Erfolge in den Europacups; davon ist man nun weit entfernt, die belgischen Spitzenspieler spielen alle im Ausland, beim aktuellen WM-Dritten war nur einer im 23-Mann-Kader in der heimischen Liga engagiert
  17. Nach der deutschen Invasion im 1. Weltkrieg wurde der Name der Familie von “von Sachsen-Coburg-Gotha” auf “von Belgien” geändert, bzw die französischen und niederländischen Versionen davon
  18. Di Rupo stammt von Italienern ab, das wurde auch bemängelt, er ist homosexuell und kann kaum Niederländisch
  19. Bei seinem Engagement als Spieler bei Schalke 04 lernte er auch Deutsch, was nebenbei die dritte Landessprache Belgiens ist, seit ein kleiner Teil des Rheinlands (samt seiner Bevölkerung) nach dem 1. WK vom Deutschen Reich zu Belgien kam
  20. Auch wenn Ungarn, wozu das Gebiet der Slowaken gehörte, dann lange mit Österreich vereint war, wozu Böhmen und Mähren gehörte
  21. Der Landesname kommt von den keltischen Belgae, die vor den Römern und Germanen die Region bewohnten
  22. Ein Land, in dem “Multikulti” übrigens normal ist
  23. Wie ein FPÖ-Politiker die französischen Fussballer titulierte
  24. Zur kroatischen Frühgeschichte bzw Ethnogenese: https://en.wikipedia.org/wiki/Origin_hypotheses_of_the_Croats
  25. Es gab 1868 noch einen ungarisch-kroatischen Ausgleich, in dem die Rechte der Kroaten innerhalb Ungarn festgelegt wurden
  26. Die HSS war gespalten bzgl Partizipation in dem “Staat”, sprang 43 endgültig ab, Radic-Nachfolger Macek wurde im Lager Jasenovac interniert (ging dann ins Exil)
  27. Es gab daneben noch andere, kleinere deutsche Gruppen in YU
  28. Jene Volksgruppen, die keine Slawen waren, wie die Albaner oder die verbliebenen Italiener, wurden klar benachteiligt
  29. Die Erinnerung eines TV-Konsumenten an seine Berichte von damals: “An allem war die PCI Schuld, sogar am Erdbeben”
  30. In Jugoslawien war das letzte Mal 1938 frei gewählt worden; ein kroatisches Parlament war zuletzt 1913 gewählt worden, als das Land noch zu Österreich-Ungarn gehörte
  31. “Grenzgebiet”, es war das Grenzgebiet von Österreich zum Osmanischen Reich gewesen
  32. Sommer 90 “Baumstamm-Revolution” bei Knin, Frühling 91 Gewalt bei Plitvice weiter nördich
  33. Kroatien erklärte am selben Tag wie Slowenien, dem 25. 6. 1991, seine Unabhängigkeit, es übernahm mit damit im Gegensatz zu Slowenien aber nicht die Kontrolle über seine Grenzen und über sein ganzes Territorium, hauptsächlich wegen der serbischen Minderheit in der Republik
  34. 91 und 95 gab es serbische Raketen-Angriffe auf Zagreb, ansonsten wurde “nur” in den Randgebieten gekämpft
  35. Mesic war erster Premier Kroatiens nach der Einführung der Demokratie 90 gewesen; er wurde dann ins jugoslawische Staatspräidium gewählt; er wollte zunächst die Umwandlung von YU in eine lose Föderation, trug dann aber die Unabhängigkeit mit; er wurde Staatsoberhaupt Jugoslawiens (Vorsitzender des Staatspräsidiums), als sich Kroatien gerade abgespalten hatte
  36. Wo er zur kommunistischen Zeit studiert hatte
  37. Douglas Murray zum Beispiel, aber natürlich auch Broder, und all das Alte, das in den letzten 18 Jahren im Zeitalter der Islamkrise einen Relaunch bekommen hat
  38. Und Georg Spitaler für ähnliche Gebiete
  39. Aus beiden Ländern gab es auch Emigranten in Österreich, die sich rund um die NS-Zeit dem Deutsch-Nationalismus verschrieben, wie Mirko Jelusich und Taras Borodajkewycz
  40. Übrigens, am Tag der Kroatien-Abstimmung im österreichischen Parlament nahmen FPÖ und BZÖ heftig gegen den Euro-Schutzschirm ESM Stellung. Und auf Einladung der BZÖ war Sarrazin bei der Sitzung anwesend