Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 waren die weiteren grossen Schritte; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen

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