Buchrezension: Silke Vry, Martin Haake: Verborgene Schätze, Versunkene Welten. Grosse Archäologen und ihre Entdeckungen (2017)

 

Das Buch von Silke Vry (Texte) und Martin Haake (Zeichnungen) bietet eine gute Einführung in die Archäologie, nicht nur für Kinder, an die es sich richtet. Dem im Vorwort ansatzweise formulierten “alternativen” Zugang bzw Anspruch wird es aber nur bedingt gerecht. Im Vorwort versucht die Archäologin Vry auch, die Absenz von Frauen unter den grossen Archäologen zu kritisieren/ zu erklären/ wett zu machen. Dies aber auf Kosten von “Nicht-Westlern”: „Nur unter Androhung von Lohnentzug konnte Flinders Petrie seine ägyptischen Arbeiter dazu bringen, auf die Anweisungen Margret Murrays zu hören.“, behauptet Vry. Hauptsache ist aber, dass die Anweisungen von Briten kamen, unter dem Schutz der quasi-kolonialen Herrschaft Grossbritanniens in Ägypten, an ägyptische Arbeiter/ Befehlsempfänger? Das Buch, das ist mein Kritikpunkt, ist zu unkritisch/ apologetisch ggü dem westlichen Wirken in der globalen Archäologie, zu eurozentrisch.

Im Vorwort heisst es dann auch: „Sicher ist unter den Entdeckern der eine oder andere, dem vielleicht zu Recht der Vorwurf gemacht werden darf, er habe aus Habgier gehandelt, aus purer Lust und Laune nach etwas gesucht, das vor allem für ihn selbst von Vorteil wäre.“ Dieser “Aspekt” wird mehr oder weniger in diesem einen Satz abgehandelt…; dass oft unter der “Schirmherrschaft” einer westlichen Kolonialherrschaft gegraben (und fortgeschleppt) wurde, wird gar nicht angeschnitten. Der Stein von Rosette/Rosetta/Rashit zB kam durch die französische Invasion in Ägypten in europäischen Besitz (und blieb es). Oft wurden Funde dem archäologischen Kontext entrissen. Die Haager Landkriegsordnung von 1899 sieht einen Schutz vor Plünderung historischer Kulturgüter vor; und die Verletzung dessen, geschah die jemals von “Orientalen” oder “Indianern” oder “Afrikanern” im Westen, oder immer in die umgekehrte Richtung?1 Es werden durch die Texte in dem Buch schon teilweise stereotype Vorstellungen von “zurückgebliebenen” Kulturen bestätigt, bezüglich des Umgangs dieser mit ihrem eigenen Erbe.

Dort, wo Islamisten Kulturdenkmäler zerstören wollten, oder dies taten, stiessen sie auf Widerstand der einheimischen Bevölkerung, ob in Ägypten (Pyramiden), Iran (Persepolis2) oder Syrien (Palmyra). Wo “Westler” kulturelles Erbe zerstört haben, materiell/immateriell, ist ja auch nicht irrelevant. Zum Beispiel der aztekische Huēyi TeōcalliTemplo Mayor in Tenochtitlan, 1521 von den Spaniern, um Platz zu machen für eine katholische Kathedrale, und um Ciudad de México zu errichten. Viele Museen im Westen sind durch koloniale Stücke gross geworden, profitierten von der kolonialen Expansion Europas. Es gibt wenige Museen, die sich mit ihrer Raubkunst ehrlich auseinandersetzen. Andere schmücken sich mit diesen fremden Federn, im Rahmen einer bestimmten Geschichtspolitik.

Vry auf S. 44 im Zusammenhang mit dem Schatzsucher bzw Grabräuber Belzoni: „Die Ägypter verkauften nun die überall herumliegenden Steine und Mumien, die in ihren Augen nur wertloser Plunder waren und allenfalls deshalb Wert besaßen, weil man sie zu Kalk verbrennen oder verheizen konnte.“ Wiederum eine Apologetik des Kunstraubs. Auf S 92 und 95 Ähnliches. Nichts darüber, wie westliche Vorherrschaft über Ägypten kam, wie sie sich auswirkte, legitimiert wurde, und dass im Zhg mit kolonialer Macht viele museale Gegenstände  enteignet wurden; andere wurden von Einheimischen aktiv eingebracht, aber aus einer Zwangslage. Der rote Faden in dem Buch findet sich auch in dem Kapitel über den Fund der Qumran-Rollen, und der Schilderung der damaligen politischen Hintergründe. Vry kann auch anders, S 54: „Das konnte allerdings nur annehmen, wer in den ‚Indianern’ keine unzivilisierten Wilden sah, wie es fast alle weißen Amerikaner taten.“

Fazit: didaktisch gut, inhaltlich oft nicht den eigenen Ansprüchen gerecht, eingeschränkt empfohlen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. A propos: Auch Griechenland bekam und bekommt schon oft genug diesen Status als “nicht-westliche Kultur” und das was damit verbunden ist…
  2. Im Zuge der Revolution

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*