Der Sieg des Faschismus in Brasilien

Bolsonaros Präsidentschaft      

Kurz nach dem Wahlsieg von Jair M. Bolsonaro bei der brasilianischen Präsidentschaftswahl im Oktober letzten Jahres gratulierte ihm USA-Präsident Donald Trump telefonisch, es war danach von einem „sehr freundschaftlichen Gespräch“ die Rede. Manche Medien kommentierten, bei Trump heisst es „Amerika zuerst“, Bolsonaro setze auf „Brasilien zuerst“. Eben nicht! Bolsonaro ordnet sich bzw Brasilien ja der USA unter! Wenn es bei ihm bzw seinesgleichen doch nur um „Brasilien zuerst“ gehen würde! Es geht aber um gewisse Brasilianer über andere und die USA über Brasilien. Natürlich geht es auch um eine bestimmte USA. Ja, Trump und Bolsonaro sind natürlich(e) Verbündete. Und Bolsonaro wird sich in Vielem am Kurs seines erklärten Vorbilds Trump orientieren. Wie Brian Mier geschrieben hat: “International capital and the US government now have exactly what they want in Brazil. All natural resources will be opened to exploitation from foreign capital. The US military will be able to use the Alcantara rocket launching base as a take off point for forays into Venezuela. Brazil’s participation in the BRICS is dead in the water and US Petroleum companies will be swimming in Brazilian oil.” Was auch immer Brasilien davon haben wird, es wird nur einer kleinen Elite zu Gute kommen. Auf Kosten der Umwelt, der Arbeiter, von Nicht-Weissen, Armen,… Demokraten schauen mit Angst in die Zukunft, aber auch grosse Teile der Mittelschicht, die Indianer im Regenwald. Rückblicke (wie Brasilien aus der Bahn geriet), Aussichten.

Bolsonaro trat am 1. Jänner 2019 die Nachfolge von Michel Temer als Präsident Brasiliens an, der selbst tief in Korruptionsskandale verwickelt ist und die Absetzung von Rousseff und die Verurteilung von “Lula” mitbetrieb. Der 63-Jährige legte im Kongress in Brasilia seinen Amtseid ab. Zuvor war er gemeinsam mit seiner Ehefrau Michelle in einem offenen Rolls Royce durch die Hauptstadt gefahren. Seine Anhänger skandierten Bolsonaros Wahlkampfslogan: „Brasilien über alles, Gott über allen.“ Der neue Präsident winkte seinen Fans zu und formte u. a. mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole und imitierte damit Schüsse in die Luft. Sprach von „radikalem Neubeginn, Säuberung, Entbürokratisierung, Ende von Korruption, Kriminalität, wirtschaftlicher Verantwortungslosigkeit, ideologischer Unterwerfung”. Zur Amtseinführung von Bolsonaro und dessen Stellvertreter Hamilton Mourao waren als ausländische Gäste unter Anderen Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Chiles Präsident Sebastian Pinera angereist. Trump ließ sich von seinem Aussenminister Michael Pompeo vertreten, war dann einer der ersten, der Bolsonaro zum Amtsantritt gratulierte, lobte via Twitter die „grossartige“ Antrittsrede seines neuen brasilianischen Amtskollegen. Die linke Arbeiterpartei (PT) boykottierte die (pompöse) Vereidigungszeremonie.

Ja, wir sind beide Demokraten

Vizepräsident wurde also der Reservegeneral Antonio Hamilton Mourão, im Gespann mit Bolsonaro gewählt. Einer, der die Demokratie noch mehr verachtet als Bolsonaro selbst. Mourao ist ein “reinblütiger” Indianer, aus Porto Alegre (nicht aus dem Amazonas), sein Vater war schon General. Er soll 2017 in einer Freimaurer-Loge gesagt haben, dass die Streitkräfte Brasiliens u.U. in die Politik eingreifen müssten. Wurde dann mit diversen rechten Kräften in Verbindung gebracht, schloss sich schliesslich der PRTB an, wurde VP-Kandidat von Bolsonaro. Bolsonaros Regierung wurde aus dessen PSL, Mouraos PRTB, sowie den Parteien DEM, PATRI, MDB, NOVO gebildet. Parteilos sind u.a. Aussenminister Araujo (ein Diplomat), Verteidigungsminister Azevedo (ein Offizier), Justizminister Moro (ein Richter). Dass Bolsonaro jenen Richter (Sergio Moro), der Ex-Präsident „Lula“ verurteilt hat, zum Justizminister machte, macht Bolsonaro und/oder Moro nicht zum „Korruptionsjäger“, sondern bestätigt, dass die Verurteilung von Lula (und die Handhabung der Korruptionsaffäre generell) politisch war bzw im Sinne Bolsonaros. Es dominieren im Kabinett klar weisse Männer1, einige weitere Minister sind Militärs – wenn auch nicht so viele wie von Bolsonaro angekündigt.2

Die Aussenpolitik der neuen brasilianischen Regierung entspricht ihrer inneren Ausrichtung, ist auf ihre internationalen Verbündeten ausgerichtet. Im Wahlkampf 2018 hat Bolsonaro das auch angekündigt, das Aussenministerium “müsse jenen Werten dienen die immer mit dem brasilianischen Volk assoziiert waren”, man müsse “aufhören, Diktaturen zu preisen” und “Demokratien zu attackieren”, nannte hier USA, Israel, Italien. Die Achse mit Trump, Netanyahu, Salvini hat sich bereits eingespielt. Und Saudi-Arabien liegt auch irgendwo auf dieser “westlichen” Achse. Die Trump-USA erklärte Bolsonaro zu Brasiliens „Freund“: In Brasilien sei es Tradition gewesen, „Präsidenten zu wählen, die aus irgendeinem Grund Feinde (der USA) waren. Das ist nun vorbei.“ Pompeo erwiderte das Eier-Schaukeln, er sehe gute Chancen für “eine Neugestaltung der bilateralen Beziehungen” und Trump sei sehr zufrieden über “die Richtung, in die sich das Verhältnis zwischen den beiden Ländern” entwickle. Und, mit Viktor Orbán in Ungarn wird man auch schon Kontakte geknüpft haben.

Die Aussenpolitik Brasiliens wird an jene der Trump-USA “angelehnt” sein, Brasilien sich zu einem geopolitischen Niemand bzw Vasall verwandeln, die Entwicklung die Michel Temer eingeschlagen hat (auch hier) fortsetzend. BRICS, die Vereinigung von fünf “2.Welt”-Staaten, Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, wird links liegen gelassen werden. Der offene Rassismus Bolsonaros und seiner Wegbegleiter wird auch jede andere Zusammenarbeit Brasiliens ausserhalb des “Westens” minimieren. Und in Südamerika? Für Bolsonaro ist regionale Zusammenarbeit und Soldidarität kein Faktor, nur eine mit gleichgesinnten Regierungen. Dass er ein begeisterter Anhänger von Trump ist (der Lateinamerika nicht für voll nimmt), sagt ja Einiges über seine Haltung zu Süd-/Lateinamerika aus. State Department, SOUTHCOM, DEA, CIA, das sind Bolsonaros wichtigste Partner für die Region.

“Trump ist dabei, eine Mauer zu Lateinamerika zu errichten – was weniger schlimm ist als eine US-amerikanische Regierung, die in lateinamerikanischen Staaten eine Politik an deren gewählten Regierungen vorbei verfolgt”, habe ich geschrieben. Aber möglicherweise gibt es ja Beides, bzw findet Trump seine Partner in Lateinamerika… Partner für eine reaktionäre Politik in Lateinamerika hat Bolsonaro-Brasilien in Kolumbiens Präsident Duque, Pinera in Chile, Macri in Argentinien, Juan Varela in Panama nicht mehr lange. Auf Initiative von Sebastian Pinera wurde vor einigen Wochen der “Staatenbund” PROSUR gegründet, als rechte Alternative zum linken UNASUR, 2008 auf Initiative des damaligen brasilianischen Präsidenten Luiz da Silva “Lula” und seines venezolanischen Kollegen Hugo Chávez gegründet worden. Zu Venezuela im letzten Abschnitt mehr. Der Konflikt dort hat zuletzt in Südamerika am meisten polarisiert; und die Top-Leute der neuen brasilianischen Regierung haben sich (wie Donald Trump in Washington) öfters angemaßt, eine militärische Intervention in dem Nachbarland anzudrohen (!). Mourao hat in der Übergangszeit zwischen Wahl und Amtsübergabe erklärt, dass Brasilien sich vorbereiten sollte, Truppen als “Friedenskräfte” nach Venezuela zu schicken – wenn Präsident Maduro erst einmal gestürzt sein würde.

Pompeo äusserte ja die “Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit” mit Brasilien. In einem Fernsehinterview bald nach der Angelobung sagte Bolsonaro, er könne sich eine Militärbasis der USA in Brasilien durchaus vorstellen, es gebe Verhandlungen mit dem Pentagon daüber… Seine Annäherung an die USA beruhe auf der Wirtschaft, sie könne sich aber auch aus militärischen Gründen ergeben. Brasiliens Regierungen „in den vergangenen 20 oder 25 Jahren“ hätten die Streitkräfte aus politischen Gründen vernachlässigt, denn sie seien das „letzte Hindernis auf dem Weg zum Sozialismus“ gewesen.3 Es heisst, Bolsonaro will den Amerikanern die Raketenabschussbasis in Alcanatara (Bundesstaat Maranhão) übergeben oder nutzen lassen. Alles im Land privatisieren sowieso. Von Brasilien aus sind militärische Interventionen der USA in Venezuela keine so “grosse Sache” mehr. Und “einen Fuss in die Türe zu Lateinamerika” zu bekommen, wäre für die USA angesichts ihrer Ambitionen ohnehin wichtig, in einer Region über die man seit jeher eine Hegemonie beansprucht. Mehr auch dazu im Schlussabschnitt.

Man hat in den wenigen Monaten der Bolsonaro-Präsidentschaft schon gesehen, was in den kommenden Jahren in der Aussenpolitik dieser Regierung kommen wird. Eine Unterstützung der Kräfte des Neokolonialismus und West-Imperialismus statt ein Mitwirken in BRICS. Dass Bolsonaro den italienischen ehemaligen Linksterroristen Cesare Battisti an dessen Heimatland ausliefern liess, ist da nicht so das Problem. Eher die Art und Weise wie es geschah, Bolsonaros Tweet „Brasilien ist nicht mehr das Land von Banditen. Matteo Salvini, das ‚kleine Geschenk‘ ist unterwegs“. Währenddessen hat sich ein Verbündeter Bolsonaros für ein Gefangenenlager in Brasilien nach dem Vorbild des US-amerikanischen Lagers Guantanamo auf Cuba ausgesprochen, der Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro, Wilson Witzel (PSC, deutscher Herkunft). Witzel sagte in einer Rede vor Polizisten: „Wir brauchen unser eigenes Guantanamo, ‘Terroristen’ müssten an Orte gebracht werden, wo die Gesellschaft völlig frei von ihnen ist“. Es geht um die Definition von “Terrorist”, das Lob für Leute, die Verbrechen unter der Militärdiktatur begingen, das Drohen mit einer neuen, das Paktieren mit Trump und Netanyahu,…

Bezüglich Israel war Bolsonaro auch schon im Wahlkampf mit einschlägigen Bekundungen und Kontakten aktiv. Er kündigte die Verlegung der brasilianischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem an, wie sein Vorbild Trump und die Schliessung der Gesandtschaft in den palästinensischen Rest-Gebieten. Seine Parteinahme für Israel4 ist Teil der scharfen Rechtswendung, die er mit dem Land machen will, Teil seiner internationalen Ausrichtung; im Inneren auf die Evangelikalen ausgerichtet, die zahlreicher sind als die Juden des Landes.5 Bei seiner Amtseinführung im Jänner begrüsste Bolsonaro wie erwähnt Netanyahu – es soll der erste derartige Staatsbesuch gewesen sein – , kündigte diesem gegenüber abermals die baldige Übersiedlung der brasilianischen Botschaft an, die Beiden schmeichelten einander an diesem Tag (der vielleicht in die Geschichte eingehen wird als Beginn einer neuen Diktatur, jedenfalls als schwere Gefährdung für Demokratie und Menschenrechte) als “Brüder”.

Eduardo und Carlos Bolsonaro

Ende Jänner 19 dann der Dammbruch bei einer Eisenerzmine in Brumadinho (Mina Gerais), das Überströmen einer (noch dazu giftigen) Schlammlawine, viele Menschen wurden verschüttet, um die 200 getötet… Bolsonaro fragte bei seinem Bruder um Hilfe an, der schickte ein Kontingent seines Militärs, das (sonst) hauptsächlich mit der Unterdrückung der Palästinenser, der Besetzung ihrer Gebiete, beschäftigt ist. Der brasilianische politische Zeichner Carlos Latuff (christlich-libanesischer Herkunft) wies darauf hin, dass Brasilien selbst genug dafür geschultes Personal (zB in seinen Streitkräften) hat, Bolsonaro auch in näher gelegenen Ländern wie Chile oder Mexico um Hilfe anfragen hätte können. Für Bolsonaro und Netanyahu eine exzellente PR-Gelegenheit, für den rechtsextremen Präsidenten und Ministerpräsidenten: zweiterer kann seine Armee als humanitären Helfer präsentieren (und von ihren Menschenrechtsverletzungen ablenken), ersterer hat einstweilen so getan, als würde er den betroffenen Arbeitern und Bewohnern gegen den Bergbau-Konzern (Vale) beistehen.

Tja, und dann ist Bolsonaro bei Jerusalem zurück gerudert… Vor seinem Besuch bei seinem Bruder Netanyahu gab er bekannt, dass die brasilianische Botschaft doch nicht dort hin verlegt wird. Es heisst, ausschlaggebend dafür waren die Aussichten, dass islamische Staaten Halal-Fleisch nicht mehr in Brasilien kaufen würden. Nun ja: Bolsonaros Opportunismus kann sich eben auch so äussern, und für die Agrar-Industrie des Landes macht er ja Politik, dies setzte sich hier durch… Die Ideologie von Brasiliens neuem Staatschef wird als „Bala, Boi e Biblia“ (Kugel, Vieh und Bibel) beschrieben.6 Rechte Militärs (die keine äusseren Feinde zu bekämpfen haben), Grossbauern und Betreiber industrieller Landwirtschaft7 sowie evangelikale Christen unterstützten seinen Wahlkampf, er ihre Anliegen. Man kann es eben nicht Allen Recht machen, muss Prioritäten setzen. Manchmal sind Geschäfte wichtiger als Ideologie. An Bolsonaros pro-israelischer Ausrichtung hat sich ja nichts geändert, an seiner Parteinahme gegen die Interessen der westasiatisch-nordafrikanischen Region. Eine Woche vor dessen Parlamentswahl besuchte Brasiliens Präsident Netanyahu dann demonstrativ, trat mit ihm an der Klagemauer auf. Zu den Themen, bei denen sich die beiden einig sind, gehört auch die Ablehnung des UN-Migrationspaktes.

Was Bolsonaro wirtschaftspolitisch vorhat? Brasilien wird ausverkauft werden, das Erdöl vor seiner Küste, andere Natur-Resourcen, an ausländische Konzerne. Bolsonaros Wirtschafts- und Finanzminister ist Paulo Guedes, er soll den wirtschaftlichen Rechtsruck managen. Gegen Guedes, der Bolsonaro von der US-amerkanischen “Denkfabrik”8 Council of the Americas / Americas Society nahe gelegt wurde, wird wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder ermittelt. Er würde am liebsten alle Staatsbetriebe sofort privatisieren, darunter auch den Ölkonzern Petrobras. Guedes ist einer der lateinamerikanischen Absolventen, die in den 1970ern oder 1980ern am Wirtschafts-Institut der Universität Chicago studierten, bei Milton Friedman, ein Chicago Boy. Die meisten davon, wie Hernan Büchi, waren Chilenen, stellten sich danach in Dienst der rechtsextremen Militärdiktaur von Augusto Pinochet in ihrem Land; auch Friedman selbst beriet dieses Regime. Paulo Guedes selbst wirkte in den 1980ern in Chile, wirkte im Umfeld von Pinochets Regime und F. M. Selume. Der indische Wirtschaftswissenschafter Amartya Sen kritisierte, dass die Chicago Boys in Lateinamerika ein Wirtschaften im Sinne US-amerikanischer Konzerne und auf Kosten der dortigen Bevölkerung(en) einführten. Aber so will Guedes wirtschaften. Es wird diesbezüglich aber zu Konflikten innerhalb des Regimes kommen, hauptsächlich mit Vertretern des Militärs.

Landwirtschaftsministerin wurde Tereza C. Dias, eine Agrar-Unternehmerin, und man gab ihr noch die Agenden für den Naturschutz und die Indianer/ Indigenen –  zuvor war die “Indianerschutz-Behörde” FUNAI zuständig gewesen. Man machte eine Unternehmerin in der landwirtschaftlichen Industrie zur Landwirtschaftsministerin (wie auch einen Offizier zum Verteidigungsminister oder einen gegen die Opposition eingestellten Richter zum Justizminister). Die geplante “Lockerung” des Schutzes des (“schrumpfenden”) Amazonas-Regenwalds und der (inzwischen weniger als 1 Million) dortigen Indianer hängen eng miteinander zusammen. Bolsonaro hat angekündigt, die Ureinwohner in Brasilien „integrieren“ zu wollen, dazu solle das Gebiet am Amazonas durch neue Strassen und Schienen erschlossen und Flächen für die Landwirtschaft gerodet werden. Seine Landwirtschaftsministerin, selbst aus der Agrarindustrie, darf nun über die Schutzgebiete der Indigenen entscheiden, ihre Rechte beschneiden, ihre Gebiete roden lassen um sie von Agrarkonzernen (für den Export) bewirtschaften zu lassen.9 Auch auf diesem Gebiet werden hart erkämpfte Fortschritte und Rechte mit einem “Federstrich” zu Nichte gemacht. Bolsonaro hat ausserden angekündigt, dass er wie sein Vorbild Trump das Pariser Klimaabkommen aufkündigen will.

Proteste der Indianer Brasiliens

In ihren ersten 100 Tagen konnte diese Regierung jedenfalls zwei Dinge auf den Weg bringen: die Liberalisierung des Waffenrechts und die Lockerung des Schutzes des Amazonas-Regenwalds.10 Seinen Sieg verdankt Bolsonaro ja zum Teil dem Überdruss in der Bevölkerung über Kriminalität, v.a. jene in Zusammenhang mit Drogenhandel, Banden, Gewalt,… Das brasilianische Militär ist ohnehin bereits Einsatz in Städten gegen Drogenbanden aktiv, war das auch unter PT-Regierungen. Bolsonaro will es aber stärker in Polizeiarbeit einbinden. Und, eines seiner Wahlkampfversprechen war, das (in Brasilien ohnehin liberale) Waffenrecht zu liberalisieren, “um es guten Bürgern zu ermöglichen, sich gegen Kriminelle zur Wehr zu setzen”. Ob mehr Waffen ein geeignetes Mittel zur Eindämmung der Gewalt sind… Ausserdem will Bolsonaro die Todesstrafe in Brasilien wieder einführen.11

Kurz nach seiner Wahl hat Jair Bolsonaro eine harte Linie gegen die kritische Presse angekündigt, drohte ihm gegenüber kritischen Medien wie der Zeitung „Folha de S.Paulo“. Er will auch die „Gender-Ideologie bekämpfen“ und die Lehrpläne von Schulen und Universitäten von „marxistischem Müll“ befreien. Er ist gegen Homosexuellenehe und Abtreibung; hat bereits den Schutz für Homo- und Transsexuelle aus der Zuständigkeit des Ministeriums für Frauen, Familie und Menschenrechte gestrichen. Zu seinem Sexismus im nächsten Abschnitt. Bolsonaro, der bei seinem Amtsantritt martialisch erklärte, “wieder für Ordnung im Land“ sorgen zu werden, hat eine lange Geschichte als Hassprediger, darunter Verteidigung von Vergewaltigung und Folter, und viele Rowdys unter seinen Anhängern. Bereits nach wenigen Monaten als Präsident ist aber auch für einen Teil dieser sein Heiligenschein etwas verrutscht. Zu einem sind dubiose Geldflüsse an einen seiner Söhne und seine Frau bekannt geworden; in einem Video gab Bolsonaro auf Facebook zu, dass die staatliche Behörde zur Bekämpfung von Finanzkriminalität (COAF) diese Zahlungen prüfe.

Die Söhne, hauptsächlich Flavio Bolsonaro, sind aber auch für sich in dubiose Aktionen und Transaktionen verwickelt. Wobei für Manche Korruption dann kein Problem ist, wenn die Rechte daran beteiligt ist. Und, ein Jahr nach dem Mord an der PSOL-Stadträtin von Rio de Janeiro und Aktivistin Marielle Franco (eigentlich Marielle Francisco)12, tauchen in den Ermittlungen immer mehr Verbindungen zwischen vier Verdächtigen sowie Jair und Flavio Bolsonaro auf. Zwei davon sind ehemalige Militärpolizisten, die sich einer kriminellen paramilitärischen Gruppe (Miliz) angeschlossen haben. „Bekämpfung von Kriminalität“. Einer davon, “Ronnie” Lessa, überlebte vor einigen Monaten selbst ein Attentat auf ihn, das möglicherweise dazu bestimmt war, ihn in diesem Fall zum Schweigen zu bringen. Den Wettbewerb der Sambaschulen beim diesjährigen Karneval in Rio gewann die Schule Mangueira, die bei ihrer Parade Marielle Franco würdigte und an ihren unaufgeklärten Tod erinnerte. Wohl aus diesem Grund feuerte Bolsonaro etliche Breitseiten gegen den Karneval ab, u.a. ein obszönes Video davon auf seinem Twitter-Konto.

Bolsonaros Umfragewerte sind, nach weniger als einem halben Jahr im Amt, beruhigend. Es stellt sich die Frage, wie gefährlich er ist, wie ernst er Dinge meint, die er sagt. Zumindest “erzieht” er seine Anhänger damit in eine bestimmte Richtung und untergräbt die Demokratie in Brasilien. Bolsonaros Sozial-Liberale Partei (PSL) ist zwar von einer Kleinstpartei zur zweitstärksten Kräft im Kongress in Brasilia aufgestiegen, aber sie bekam gerade etwas über 11% der Stimmen (und Sitze)… In beiden Kammern musste die PSL (wie die Arbeiterpartei/PT in ihren Regierungsjahren) Bündnisse mit ungefähr 10 Parteien eingehen (PP13, PSD, PR, MDB, PSDB, PRB, PSDB, DEM, PSC,…), die alle zufrieden gestellt werden wollen. Was wird Bolsonaro machen, wenn er keine Mehrheit zusammen bekommt für ein Gesetzes-Vorhaben? Wenn sich ihm doch der Oberste Gerichtshof in den Weg stellen sollte? Wird er dann bei den demokratischen Spielregeln bleiben? Oder kommen dann Drohungen, ein autoritärer Staat, Einsatz von Polizei und Militär gegen Demonstranten,…? Es droht jedenfalls eine enorme Polarisierung in Brasilien, die Auswanderung von Brasilianern. Als ob der Ausverkauf der Resourcen des Landes, die Zerstörung von Lebensgrundlagen, nicht schon schlimm genug wäre. Die Gefahr einer (auf das Militär gestützten) Diktatur und Faschismus, sowie einem Krieg (gegen Venezuela) besteht aber auch.

Es werden innerhalb Bolsonaros Regierung sicher Konflikte ausbrechen, nicht nur zwischen den Parteien. Gerade im Wirtschaftssektor: Wirtschaftsminister Paulo Guedes würde am liebsten alle Staatsbetriebe privatisieren, die Militärs hingegen setzen auf eine staatlich gelenkte Wirtschaft. Ja, es gibt innerhalb der rechten Allianz verschiedene Ansprüche…wie im Franquismus oder im Nationalsozialismus. Das Militär wird jedenfalls wirtschaftlich mitmischen, unter dem früheren Offizier Bolsonaro, mehr dazu im nächsten Abschnitt. Und wird Bolsonaro eine Wahlniederlage 2022 akzeptieren, werden diese Kräfte freiwillig die Macht abgeben? 2022, zum Jubiläum von 200 Jahre Brasilien, wird wahrscheinlich Bolsonaro an der Macht und “Lula” politischer Gefangener sein… Die PT, stärkste Partei im Parlament geblieben, bildet mit anderen Linksparteien (PSB, PDT, PSOL, PCdoB, PPS,…) den Oppositionsblock.14 Das sind nicht ganz die frühere Regierungs-/Oppositionsfronten umgedreht, da ja Kräfte wie das MDB (Temer) das Lager gewechselt haben. Man muss sich fragen, wo ist die gemäßigte Rechte, wo sind die bürgerlichen Demokraten? Alle im Bolsonaro-Lager.

Jair Bolsonaro

gelang es, sich in der politischen Krise in Brasilien als Saubermann zu positionieren, als radikale Alternative zur PT. Die Krise wurde hauptsächlich durch Korruptions-Aufdeckungen/-Beschuldigungen ausgelöst; dazu kam eine Wirtschaftsflaute. Er wurde einer der Favoriten für die Präsidentenwahl 2018. In Umfragen lag er zunächst auf Platz drei, hinter Ex-Präsident Lula und der Grünen-Politikerin Marina Silva. Amtsinhaber Temer durfte wegen Unregelmäßigkeiten bei früheren Kampagnen nicht antreten, die gestürzte Rousseff auch nicht. Bolsonaro mischt zwar schon lange im Politikbetrieb mit, präsentierte sich aber als Anti-System-Kandidat.

Jair Bolsonaro, ein weisser Brasilianer, hat italienische und deutsche Vorfahren. Er ging mit 18 Jahren zum Militär (1973), war zu jung um in der Militär-Diktatur führend/gestaltend mit zu wirken, allenfalls stützend. Er war Fallschirmjäger, erreichte den Rang eines Kapitäns, rüstete 1988 ab. War in der Stadtpolitik von Rio de Janeiro aktiv, dann im Kongress. In seinen 27 Jahren dort als Abgeordneter war er eine marginale Figur, die gelegentlich mit extremen Ansichten zur Militärdiktatur, Frauen, Nicht-Weissen auffiel. Die Liste der Parteien, denen er (nacheinander) angehörte, ist lang: PDC, PP, PPR, PPB, PTB, PFL, PP, PSC (2016), PSL. Im Jänner 2018 wechselte er von der Christlich-Sozialen Partei (PSC) zur Sozial-Liberalen (PSL). Die prompt einen Rechtsruck machte, und auch eine Namensänderung diskutierte. Bolsonaro kündigte 2016, noch als PSC-Abgeordneter, an, bei der Präsidentenwahl 2018 anzutreten. Der zum 3. Mal Verheiratete hat neben 4 zT politisch ebenfalls aktiven Söhnen auch eine Tochter. Er ist katholisch geblieben, unterhält aber enge Beziehungen zu Evangelikalen.

Der Rechtsextremist verteidigt bzw lobt die Militär-Diktatur 1964-1985, nahm auch Stellung für eine neue. 2016, bei der Debatte bzw Abstimmung über die Amtsenthebung von Präsidentin Rousseff, verband er sein Ja mit einem Lob für Carlos A. Brilhante Ustra, einem Offizier, der für die Folterung von Rousseff, damals Widerstandskämpferin, verantwortlich war. Nach der Absetzung Rousseffs sagte er: „Sie haben 1964 verloren, sie haben 2016 wieder verloren.“… In einem Radiointerview 2016 sagte er, Fehler der Diktatur sei es gewesen, „zu foltern, aber nicht zu töten“. Als Präsident wollte er dann heuer am 31. März eine Feier zum 55 Jahrestag des Militärputsches veranstalten! Als eine Richterin die Feiern innerhalb der Streitkräfte verbieten lassen wollte, wurde dies von einem Bundesgericht aufgehoben.

Am Tag des Putsches gegen den damaligen Präsidenten Joao Goulart 1964, der eine 21 Jahre dauernde Diktatur einleitete, gab es dann diese “Gedenkveranstaltungen”, und einen Tagesbefehl des Verteidigungsministeriums: „Die Streitkräfte beteiligen sich an der Geschichte unseres Volkes, immer im Einklang mit dessen legitimen Wünschen“, heißt es in dem Text. „Der 31. März 1964 fand während des Kalten Krieges statt. Die Streitkräfte erhörten den Ruf der großen Mehrheit des Volkes und nahmen sich der Stabilisierung der Lage an.“ Die Verbrechen der Militärdiktatur wurden nicht erwähnt, die Hunderten unter dieser Herrschaft getöteten und verschleppten Menschen. In den Grossstädten gab es Demonstrationen gegen die staatliche Apologetik der Militärdiktatur. Unter Bolsonaro wird der Einfluss des Militärs nicht auf einige Ex-Offiziere in der Regierung beschränkt sein. Es wird in der inneren Sicherheit stärker mitmischen, es wird in militärisch relevanten Bereichen mitreden, aber auch wirtschaftspolitisch, es wird, als Institution, einfach in die Politik zurück kehren. Und dann wird die Frage sein, wie die Machthaber “innere Sicherheit” definieren, über den Kampf gegen Drogenbanden hinaus…

„Pinochet hätte mehr Menschen töten müssen”, hat Bolsonaro gesagt. Diese totale Unverfrorenheit ist es, was ihn auszeichnet. Nicht einmal Pinochet selbst, seine damaligen Funktionäre, oder jetzigen Apologeten stellen das Wirken des chilenischen Diktators so dar. Pinochet versuchte immer, zivilisiert zu wirken, “Das war nie eine Diktatur, es ist eine Dictablanda!” Auch mit den “Veteranen” und Nostalgikern der brasilianischen Diktatur verhält es sich so. Sie verteidig(t)en nie so offen Diktatur, Folter, Mord, wie Bolsonaro und seine Anhänger. Leute wurden damals nicht entführt, sie “verschwanden”, sie wurden nicht gefoltert, sie wurden “Verhören unterzogen”, sie wurden nicht getötet, sondern “verübten Selbstmord”, wie der Journalist Vlademir Herzog. Und das unterscheident Bolsonaro eben von Pinera, Macri, Duque,… Sebastian Piñera hat zur Pinochet-Diktatur zwar keinen sauberen Schlussstrich gezogen15, aber jedenfalls nicht diese Diktatur an sich zu rehabilitieren versucht und die Demokratie zu desavouieren. Bolsonaro und seine Anhänger über diese Diktaturen, das ist wie Trump, der sagt “Wir sollen in ihre Länder einfallen und uns ihr Öl holen” (nicht wie die Bushs, die von “Befreiung” oder “Demokratisierung” dieser Länder sprachen). Ganz ohne Scham und Heuchelei.

Wenig überraschend ist Bolsonaro auch Rassist, trat indirekt für eine Erneuerung der weissen Vorherrschaft in Brasilien ein. Machte immer wieder abfällige Bemerkungen über Mischlinge, Schwarze und Indianer, zB eine Tirade über Quilombolas, wie man entlaufene Sklaven früher nannte. Natürlich kommt der gute Draht zu Trump auch dadurch zu Stande. In den Südstaaten der USA (1865) und Brasilien (1888) wurde die Sklaverei auch spät abgeschafft. Am “weissesten” ist Brasilien übrigens in seinem Süden, hauptsächlich im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Dort gibt es eine Initiative, die für den Süden-Brasiliens, nämlich die Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Paraná und Santa Catarina, die Unabhängkeit anstrebt. O Sul é o Meu País (“Der Süden ist mein Land”), so der Name der Initiative, will ja etwas Anderes als Bolsonaro, der will die Vorherrschaft der Weissen in ganz Brasilien. Interessant wäre es ja einerseits schon, zu sehen wie ein nationalistischer, autoritärer Präsident in einer Konfrontation mit einer mehr oder weniger rassistischen Sezessionsbewegung agiert.16

03 sagte Bolsonaro zur Abgeordneten Maria do Rosario (PT), sie habe es nicht verdient, vergewaltigt zu werden, „weil sie sehr hässlich ist“. Ein anderes Mal: Er ziehe es vor, seinen Sohn bei einem Verkehrsunfall zu verlieren, als einen homosexuellen Sohn zu haben. Der „Donald Trump Brasiliens“ also auch in dieser Hinsicht, aber auch Gemeinsamkeiten mit Silvio Berlusconi17, Rodrigo Duterte (Präsident der Philippinen), Horst Seehofer,… und Richard Lugner, von seiner Vulgarität18 Mit einigen der Genannten auch die Verachtung für Gegner und die Demokratie, den Rassismus bzw die Xenophobie, das Sündenbock-machen, den Machtmissbrauch,… Duterte hat zB in seinem Wahlkampf 2016 offen gesagt, dass er auch gerne “eine schöne australische Missionarin” (Jacqueline Hamill) vergewaltigt hätte, die 1989 bei einem Aufstand in einem Gefängnis in Davao sexuell missbraucht und ermordet worden war. Tja, Duterte hat sich zur Zeit der Präsidentschaft Obamas gegen die USA gestellt, für einen philippinischen Präsidenten ungeheuerlich, und das Land stärker an China angelehnt.

Natürlich ist Bolsonaro auch gegen Säkularismus. Er ist wie sein Vizepräsident Mourao katholisch, dennoch hatten Evangelikale noch nie so einen Einfluss in einer brasilianischen Regierung. Anlässlich der Präsidentschaftswahl 2018 fuhr Jair Bolsonaro nach Israel/Palästina, um sich in den Gewässern des Jordan/Urdun neu taufen zu lassen. Was ihm weiter Sympathien der Evangelikalen – die mittlerweile um die 20% der Bevölkerung Brasiliens ausmachen. Familienministerin (und für Menschenrechte,…) wurde die parteilose evangelikale Pastorin Damares Alves. Evangelikale sind sozial bzw sexuell konservativer als Katholiken, wirtschaftlich ebenso, obwohl das Fussvolk aus unteren Klassen kommt, vertreten einen christlichen Zionismus… Bolsonaros PSL ist eine Partei mit grossem evangelikalen Einfluss; wie die FCN in Guatemala, deren Frontmann James Morales als Präsident (wie es auch Bolsonaro wollte) die Botschaft seines Landes zur Genugtuung Netanyahus nach Jerusalem/Quds verlegen liess – und damit den israelischen Anspruch auf die ganze Stadt, das ganze Land unterstützt. Viele brasilianische Fussballer sind Mitglieder evangelikaler Pfingstkirchen; Katholiken sind in der Seleçao wahrscheinlich in der Minderheit!

Oft zeigten National-Spieler Stirnbänder oder Unterhemden mit religiösen Botschaften, nach dem letzten WM-Final-Sieg 2002 veranstalteten einige Spieler ein Gebet am Rasen des Stadions von Yokohama. Ronaldinho, Rivaldo, Cafu, Kaka, Neymar (alles Künstlernamen) sind die bekanntesten Fussballer, die Bolsonaro ’18 unterstützten – wenn man heraussucht welche davon Evangelikale (geworden) sind, wird man, wette ich, eine grosse Übereinstimmung finden. Juninho Pernambucano (Antonio Reis) war darüber entsetzt.19 Auch der ehemalige Autorennfahrer Emerson Fittipaldi und seine Familie traten für den Rechtsextremisten ein. Hier war das nicht so unerwartet. Autorennsport ist eine Sache der Wohlhabenderen, der meist weissen Oberschicht20; die möglichst Privilegien behalten will. Aber Fussball, Nationalsport Nr. 1 (und wie alle “Nationalsporte” mit einem religionsähnlichen Status), eine Sache der Unterschicht, der Farbigen, was die meisten Aktiven betrifft. Aber die Genannten haben es durch ihre Fussballer-Karriere eben zu viel Geld und Ansehen gebracht.

Das ehemalige Kaiserhaus Brasiliens (Orléans-Bragança) ist seit 1940 gespalten, in die Vassouras-Linie und die Petropolis-Linie (nach den Wohnorten der Familienzweige). Zumindest der Vassouras-Zweig (der anerkanntere) ist politisch aktiv, und auch für Bolsonaro. Vom aktuellen Prätendenten Luiz war diesbezüglich zwar nichts zu vernehmen, aber von seinem Bruder und Erben Bertrand sowie seinem Neffen Luiz Philippe. Bertrand M. de Orleans e Braganca e Wittelsbach ist in Frankreich geboren, die Familie ging bald wieder nach Brasilien. Er lebt in Sao Paulo, ist mit ländlichen Konservativen in Kontakt, alt, sehr rechts. Er hofft darauf, aus der Krise Nutzen zu ziehen, auf eine Rückkehr zur Monarchie. Luiz P. de Orléans e Bragança, ebenfalls Monarchist, wirkt dagegen in der Republik mit, wurde 2018 für die PSL in Sao Paulo ins brasilianische Parlament gewählt. Eigentlich wollte er aber Bolsonaros Vizepräsidentschafts-Kandidat werden. Dem hochwohlgeborenen Geschäftsmann mit USA-Verbindungen wurde aber ja der “farbige” Militär (aus “bescheidenen” Verhältnissen) vorgezogen – ein kleines Bild der “Kluften” die es in diesem Lager gibt.

Zur Absetzung von Dilma Rousseff im nächsten Abschnitt mehr. Ihr Vorgänger als Präsident (03-10), „Lula“ (Luiz I. da Silva), gab 2017 sein Interesse an einer neuen Präsidentschaft bekannt. 2018 meldete er seine Kandidatur beim Obersten Wahlgericht (TSE) offiziell an – worauf hin jene Kräfte (in Politik, Justiz, Medien,…), die die Absetzung von Rousseff (s.u.) betrieben hatten, wieder aktiv wurden. Generalstaatsanwältin Raquel Dodge reichte weniger als 24 Stunden nach der Registrierung ihre Anfechtung ein, unterstützt von Jair Bolsonaro oder der Gruppe “Movimento Brasil Livre”. Das 2014 gegründete rechte MBL (Kataguiri, Hasselmann,…) ist stark an der USA orientiert, unterhält dorthin gute Beziehungen. Es wurde bei den Demonstrationen gegen Rousseff aktiv, hängte sich an diese ran. Es ist gesellschaftlich konservativ, liberal nur ggü Wirtschaftsbossen und deren Nutzniessern. Der Artikel darüber auf der deutschen Wikipedia21, begonnen von „einer IP“ aus Brasilien, enthält noch immer, unangefochten, von diesem Benutzer verfasste Beschreibungen wie „Die Bewegung sieht Wettbewerb und freie Marktwirtschaft als Lösungen für die Probleme der Wirtschaft. Ihre fünf Ziele sind die Verwirklichung der Pressefreiheit, der Wirtschaftsfreiheit, Gewaltenteilung, freie und gerechte Wahlen und ein Ende der direkten und indirekten Finanzierung von Diktaturen.“ Diktaturen wie jene von 1964 bis 1985 in Brasilien? Freie und gerechte Wahlen wie sie von 1962 bis 1986 in diesem Land nicht zugelassen wurden? Gewaltenteilung, solange man damit eine Justiz hat, mit der man die Demokratie teilweise ausschalten kann, die aber nicht die Diktatur aufarbeitet? Pressefreiheit als Aufrechterhaltung des bestehenden Oligopols?

MBL-Führer im brasilianischen Parlament

Gegen Ex-Präsident “Lula” Da Silva wurde seit 2014 wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt. 2016 ernannte ihn Nachfolgerin Rousseff zu ihrem Kabinettschef, wohl um vor Strafverfolgung zu schützen; dies wurde vom Obersten Gerichtshof annulliert. 2017 wurde er von Richter Moro (inzwischen Bolsonaros Justizminister, wir erinnern uns) zu einer Gefängnisstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt, für die Annahme von Korruptionszahlungen von Konzernen gegen Staats-Aufträge – was Da Silva immer abstritt. Ein Berufungsgericht erhöhte Anfang 2018 die Strafe auf 12 Jahre. Zwei Monate später wurde das Berufungsverfahren vom Obersten Gericht endgültig abgelehnt, etwas später wurde ein Gesuch auf Haftauschub abgelehnt, womit Da Silva die Gefängnisstrafe antreten musste (April 18). Für sein Antreten bei der Präsidentenwahl hatte das zunächst keine Konsequenzen. Die Umfrageergebnisse sprachen für ihn, er lag klar vorne; Bolsonaro dahinter auf Platz 2. Im August entschied das Oberste Wahlgericht, dass „Lula“ bei der anstehenden Präsidentschaftswahl nicht kandidieren darf. Im September änderte die Partido dos Trabalhadores (PT) den von ihr eingebrachten Wahlvorschlag, stellte den als Vizepräsidenten-Kandidat vorgesehenen Fernando Haddad22 als “Frontmann” auf, der Bildungsminister unter Da Silva und Rouseff gewesen war. Zu Haddads “Vize” wurde die Abgeordnete Manuela D´Ávila von der Kommunistischen Partei (PCdoB) benannt.

Viele Brasilianer glauben, dass Lula verurteilt, eingesperrt und von der Wahl ausgeschlossen wurde, dies eine abgekartete politische Sache war.23 Die Arbeiterpartei liess seine Kandidatur spät fallen, positionierte Haddad spät, konzentrierte sich lange auf eine Politisierung von Verurteilung, Inhaftierung und Wahlausschluss Lulas. Mehr zur Absetzung von Rousseff und Ausschluss von Da Silva im nächsten Abschnitt. Die Lula/PT-Sympathisanten gingen nicht alle zu Haddad, wählten zT andere Links-Parteien (so etwas wie Mitte-Parteien scheint es in Brasilien gegenwärtig nicht zu geben) bzw deren Kandidaten, wie die Lula-Minister Ciro Gomes (PDT) und Marina Silva (nun REDE, in einem Kandidatenpaar mit einem Politiker der Grünen/PV). Der faschistischer Ex-Militär Jair Bolsonaro setzte sich nach dem Ausschluss Lulas an die Spitze der Umfragen. Und kündigte an, nur einen Sieg bei der Wahl zu akzeptieren.

Bolsonaro-Anhänger in London 18

Etwa einen Monat vor der Wahl (September 18) verwüstete ein Grossbrand das Nationalmuseum in Rio de Janeiro (1818 eröffnet). Die “Süddeutsche Zeitung” dazu: “Das Nationalmuseum gehörte in besseren Zeiten zu den wenigen demokratischen Orten von Rio. Es war ein begehbares Schulbuch. Hier erfuhren Kinder aller Schichten, arm und reich, schwarz, weiß und indigen, wie vielfältig die brasilianische Kultur ist, wie alt die Neue Welt, wie einzigartig die Natur. Der Rechtsextremist Bolsonaro steht für die Negierung all dessen: für die Vorherrschaft des weißen Mannes, für Ausgrenzung und Rassismus, für die Verherrlichung der Diktatur, für die wirtschaftliche Ausbeutung des größten Regenwaldes der Erde.” Einige Tage später wurde Bolsonaro bei einer Wahlkampfveranstaltung in Minas Gerais im Süden des Landes bei einem Messerangriff verletzt, anscheinend durch einen unpolitischen geistig Verwirrten24. Er konnte leider weitermachen; machte aber keine Auftritte mehr, nur noch Interviews für “befreundete” Medien.

Im Oktober die Wahl, auch Teile des Kongresses sowie Bundesstaaten wurden neu gewählt, mit elektronischen Wahlurnen. Bolsonaro bekam im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen (46,2 Prozent) als Fernando Haddad (28,9); dahinter der linke Ciro Gomes (12,5), der rechte Geraldo Alckmin (PSDB, “Ticket” mit PP; 4,78 %). Die Stimmenanteile der rechten Kandidatenpaare zusammengerechnet kam man auf beinahe 56,7 %, was für die Stichwahl schon ein recht klarer Fingerzeig war. Bolsonaro sagte, dass er den Sieg (absolute Mehrheit) schon in der ersten Runde davongetragen hätte, wenn es “keine Probleme” mit den elektronischen Wahlmaschinen gegeben hätte; auch im Vorfeld hatte es viel Gezeter seines Lagers bezüglich der Wahlmethode und möglicher Manipulationen gegeben. Haddad warnte, dass die Demokratie in Brasilien in Gefahr sei, und rief zur Einigkeit vor der Stichwahl auf; er wolle den Faschismus in Brasilien verhindern. Bolsonaros Pläne würden „wirklich Angst” machen.

Im Wahlkampf-Finale der Mord an dem populären Musiker und Capoeira-Meister Moa do Katendê. Er wurde in einer Bar in Salvador von einem Bolsonaro-Anhänger mit zwölf Messerstichen getötet, weil er sich für die Wahl des Gegenkandidaten Haddad ausgesprochen hatte. Bolsonaro sagte dazu: “Ein Typ, der ein T-Shirt von mir trägt, begeht einen Exzess, was habe ich damit zu tun?”. Mit 55:45 gewann Bolsonaro die Stichwahl Ende Oktober. Wahlanalysen zeigten: Die Küste (mit den Grossstädten) wählte Haddad, das Landesinnere (ländliche Regionen, agrarisch geprägt) Bolsonaro. Haddad kündigte an, er wolle die Freiheiten von Bolsonaros Gegnerinnen und Gegnern verteidigen. Bolsonaro kündigte einen radikalen Politikwechsel an: „Ich werde das Schicksal des Landes verändern. Jetzt wird nicht weiter mit dem Sozialismus, dem Kommunismus, dem Populismus und dem Linksextremismus geflirtet.“ Sprach auch von einem „Brasilien der unterschiedlichen Meinungen, Farben und Orientierungen“; „Unsere Regierung wird verfassungstreu und demokratisch sein“. Die PT bliebt im Kongress/Parlament wie erwähnt stärkste Partei, vor der PSL und weiteren Rechtsparteien.

Warum hat Brasilien also einen Neo-Faschisten gewählt? Als Erklärungen werden meist Gewalt und Korruption im Land genannt. Jedenfalls müssen grosse Teile jener (sich zum Teil überschneidenden) Bevölkerungsgruppen, die Bolsonaro “benachteiligt” (Frauen, Farbige, Arme, Linke), ihn gewählt haben. Es scheint ihm tatsächlich gelungen zu sein, sich als (hart durchgreifender) Saubermann zu profilieren… Die argentinisch-deutsche Politikwissenschaftlerin Mariana Llanos in der „Süddeutschen Zeitung“ vor der Stichwahl auf die Frage warum viele jener, die Bolsonaro beschimpft und bedroht, ihn trotzdem wählen: „Zuschreibungen wie ‚Afrobrasilianer‘ helfen hier nicht weiter. Bei der Wahlentscheidung geht es darum, welche Konflikte die Menschen am meisten interessieren. Stellen Sie sich vor, Sie sind schwarz und leben in einer Favela in Rio. Ihre Nachbarn sind Drogendealer und Sie halten es für möglich, dass die jederzeit ihren 14-jährigen Sohn zum Dealen zwingen oder ihn sogar erschießen. Dann wollen Sie unbedingt das Leben Ihres Sohnes retten. Dann scheint vielleicht Bolsonaros Lösung, auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren, die überzeugendste zu sein und Sie wählen ihn. Bei Frauen ist es das gleiche: Angehörige der oberen Mittelschicht etwa fühlen sich von linken Ideen bedroht. Sie verachten Ex-Präsident Lula da Silva und dessen Arbeiterpartei, weil er ihnen seinerzeit viele Privilegien genommen hat. Sie stimmen für seinen Gegner, komme, was wolle.“

Im oben verlinkten Brasilwire-Artikel wird anders argumentiert: Zwar sei die Gewalt angestiegen, seit dem Beginn der Sparpolitik unter Rousseff und dann besonders unter Temer. Doch die “Gewalt-Landkarte” korrespondiere nicht mit der Wahl-Landkarte: Die Bundesstaaten mit der meisten Gewaltkriminalität, so Mier, seien im Nordosten25, wo Haddad gewonnen hat. Bolsonaro habe seine besten Ergebnisse dagegen in Regionen mit “normalen westlichen” Verbrechensraten eingefahren. Der Autor schliesst daraus, dass das Elektorat entweder diesbezüglich “manipuliert” sei (Propaganda-Opfer geworden), oder andere Themen entscheidend gewesen sei. “Like all countries that have to deal with the legacy of slavery and the fact that one segment of the population considers another segment to be sub-human, Brazil has always been a violent place. The image of Brazil as a land of violence has been burned into the minds of the Anglo public through films like ‘Pixote’, ‘City of God’ and ‘Elite Squad’. Only 6% of Brazilians live in favelas, and many favelas have more middle class residents than poor, but in the minds of many casual northern observers, most Brazilians live in desolate slums full of child soldiers. Could fears of violence have been the deciding factor in electing a military man to the presidency? Brazil certainly sounds scary to many Americans.”

Der andere normalerweise angeführte Grund für Bolsonaros Erfolg ist Korruption

Die Krise

PT-geführte Regierungen wirkten von 2003 bis 2016, darüber auch Einiges im ersten Brasilien-Artikel. …erstmals in der Geschichte dieses Landes wirkte eine Regierung…, die nicht auf … Ausbeutung ausgerichtet war. Nach aussen begann Brasilien seit “Lula”, als Mittel-/Regionalmacht aufzutreten. Wenn man so will, entspricht der sozialen Ungleichheit im Inneren die Kluft zwischen Erster Welt (Westen) und Lateinamerika/ 3. Welt global. Dilma Rousseff, die 2000 von der PDT zur PT übertrat, war 2003-05 Da Silvas Energie- und Bergbauministerin, dann bis 2010 seine Kabinettschefin, wurde 2011 seine Nachfolgerin als Präsidentin. Die Arbeiterpartei/PT war immer auf breite Koalitionen im Parlament angewiesen, solche die auch Rechtsparteien mit ein schlossen. Michel Temer (PMDB) war ja Vizepräsident in Rousseffs Regierungen.26 Die PT musste daher viele Kompromisse eingehen, wie auch der ANC in Südafrika in seinen frühen Regierungsjahren.27 Wichtigste Oppositionspartei in diesen Jahren war die Partido da Social Democracia Brasileira (PSDB), wie die portugiesische Sozialdemokratische Partei PSD (die früher entstand) eine Mitte-Rechts-Partei.28

Maracana-Stadion Rio de Janeiro

Rousseff hatte mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen, beim Fussball-Confederations-Cup 2013, ein Jahr vor der WM, gab es Proteste gegen die Regierung, von Rechts wie Links. Die Wiederwahl der Präsidentin im Oktober 2014 war ziemlich knapp. Die Linke, die PT und ihre Koalitionspartner, hat dem “National-Spektakel” der Fussball-WM Priorität gegenüber weiterhin brennenden sozialen Problemen des Landes eingeräumt, musste viele Kompromisse mit Rechten und Neoliberalen machen. Damit verlor sie Rückhalt bei den Armen (es gab grosse Proteste von links), ohne bei den Bürgerlichen und Rechten wirklich “Terrain” zu gewinnen. Was von 2015-18 vor sich ging, war für die Einen die Aufdeckung von Korruptionsskandalen (und das Aufräumen damit), für die Anderen eine Art Putsch, teilweise Ausschaltung der Demokratie. Sicher ist, dass Brasilien im Inneren instabil wurde, mit der Absetzung von Rousseff 2016 ein tiefgreifender Machtwechsel stattfand. Die alte Elite kam wieder zurück ans Ruder. Grossgrundbesitzer, Industrielle, Oligarchen, rechte Militärs, die Agrarlobby; mit Unterstützung von Kreisen in der Justiz und von Medien (der Globo-Konzern29). Unter Obama war die USA wohl kaum daran beteiligt, unter Trump (also ab 2017) schon.

Der Rechts“putsch“ das ’15 eröffnete Amtsenthebungs-Verfahren gegen Präsidentin Rousseff kam ’16 zu einem Abschluss, nicht zuletzt durch den Seitenwechsel der PMDB. Sie soll vor den Wahlen ’14 mit Tricks den Steuerhaushalt geschönt haben. War jedenfalls nicht in persönliche Bereicherung involviert. Es spricht Einiges dafür, dass die Sache mit der “Budget-Beschönigung” ein Vorwand war, eine Falle – zumal sich die maßgeblichen Politiker des Polit-Justiz-Putsches gegen die PT sich längst als selbst korrupt entpuppt haben… So wie der Brand des Nationalmuseums zur Machtübernahme Bolsonaros “passte”, passte die Zika-Virus Epidemie in Amerika 2015/16 (die Brasilien besonders traf) irgendwie zum Übergang von Rousseff zu Temer in dieser Zeit. Von Temer zu Bolsonaro war es kein so grosser Schritt mehr!

Carlos Latuff: “Golpes”

Der libanesisch-stämmige Temer (ein Maronit) ist einer der brasilianischen Politiker/Oligarchen mit engen USA-Verbindungen, machte Fortschritte in Brasilien bezüglich der Emanzipation von Farbigen, Frauen, Armen sowie einer eigenständigen Wirtschafts- und Aussenpolitik rückgängig. Michel Temers tiefe Verstrickung in die Korruption wurde immer offensichtlicher, er stand im Frühling 17 schon an der Kippe, wurde als erstes amtierendes Staatsoberhaupt Brasilien wegen Korruption angeklagt, zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels (Frühling 19) wurde er verhaftet. Einer der Drahtzieher des „Putsches“ gegen Dilma Rousseff, der damalige Präsident des Abgeordnetenhauses, Eduardo Cunha (PMDB), ein unternehmerfreundlicher Evangelikaler, wurde bald nach Rousseff abgesetzt, verhaftet und wegen Korruption verurteilt30. Landwirtschaftsminister war unter Temer Blairo Maggi, Chef der Amaggi-Gruppe, einer der grössten Soja-Anbauer der Welt. Maggi ist ein Verfechter von Glyphosat-Anbau, das heisst also, der Besprühung von Feldern mit diesem Herbizid (der US-amerikanischen Firma Monsanto), das alles abtötet, nur das genetisch veränderte Soja (oder den Mais) von Monsanto gedeihen lässt.

Bei der Aufklärung der Korruptionsskandale wurde mit zweierlei Maß gemessen und hauptsächlich Politiker der PT verfolgt. Auch in den Medien (in Brasilien und international) wurden die Dinge gerne so dargestellt, dass nur die Arbeiterpartei da drin hängen würde. Bolsonaro war der Nutzniesser dieser Korruptionskrise, er der 25 Jahre bei/mit der Partido Progressista (PP) verbrachte, die als korrupteste Partei Brasiliens gesehen wird, auch in die Sache mit Petrobras/ Operação Lava Jato massiv involviert war, deren Führungsfigur Paulo Maluf (früher bei ARENA, PPS, PPR, PPB) auf der Interpol-Fahndungsliste steht. Der Politiker wie Paulo Guedes und Onyx Lorenzoni in seine Regierung einlud…sowie Sergio Moro, der als Einer präsentiert wird, der mit der Korruption in der brasilianischen Politik aufräumt, aber einer zu sein scheint, der mit der Korruption in Brasilien Politik macht. Mit Bolsonaros antidemokratischen Ankündigungen hat(te) er kein Problem, anscheinend auch kein Anderer in der Judikative des Landes. Denjenigen, der Bolsonaros Anschlag auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit31 aufhalten hätte können, “Lula”, hat Moro ausgeschalten.

Dass Da Silva 12 Jahre Haft bekommen hat32, “sein” Richter Bolsonaros Justizminister wurde, er fragwürdigerweise durch das Wahlgericht vom Antreten 2018 ausgeschlossen wurde, Bolsonaro während des Wahlkampfes erklärt hat, er hoffe, Lula werde „im Gefängnis verrotten“, auch Rousseffs Absetzung höchst zweifelhaft war33, wirft die Frage auf, wo in Brasilien (schlimmere) Korruption am Werk war. General Eduardo Villas Boas, Armee-Stabschef 15-19, ist in der Spätphase der Militärdiktatur noch in deren “Apparat” gekommen, genauer in die Escola de Aperfeiçoamento de Oficiais. Kurz vor der Entscheidung des Obersten Gerichts bezüglich der Inhaftierung von Luiz da Silva (s.o.), als sich vielerorts in Brasilien Menschen für und gegen “Lula” versammelten, schrieb er etwas auf Twitter, was das oben Geschriebene abrundet. Es war eine indirekte Botschaft, wenn nicht kryptisch; die Armee respektiere die Verfassung, wie alle guten Bürger, lehne “Straflosigkeit” ab, und “man” solle sich fragen wer in der jetzigen Situation nur an seine persönlichen Interessen denke und wer an das Wohl des Landes.34

Beinahe die gesamte politische Klasse Brasiliens ist mittlerweile in Korruptionsskandale verwickelt. Das Land ist in einer tiefen Krise, was die Wirtschaftslage, die politische Kultur, die Stabilität betrifft. Und der einen Seite ist es gelungen, mit der anderen über “Korruption” abzurechnen. Eine Reform des politischen System des Landes (etwa die Einführung der Wahl der Regierung durch das Parlament, Sperrklausel für Parteien bei Parlamentswahlen) wird anscheinend nicht diskutiert. Im “lateinamerikanischen” politischen System (es ist fast überall dort in Kraft, wurde von der USA “abgeschaut”) muss die Regierung in der Regel breite Allianzen eingehen, zT darüber hinaus Mehrheiten im Parlament suchen, mit inhaltlichem Entgegenkommen, oft unklar abgegrenzt von finanziellen “Zugeständnisse”. In Grossbritannien hat die jetzige CUP-Minderheitsregierung unter May die nordirische DUP als Mehrheitsbeschaffer, auch dort gibt es diesen Graubereich aus finanziellen und inhaltlichen Zuwendungen. Für Westmächte (und Lateinamerika hat es nicht wirklich geschafft, Teil dieses “Westens” zu werden), voran die USA, war/ist Korruption in Ländern wie Brasilien ein Umstand den sie gewöhnlich für sich zu nützen wissen. Änderungen sind in einem so grossen Land wie Brasilien schwierig; die Auflösung in die so unterschiedlichen Landesteile, ist sie ein Thema, eine Option?

Rückblick: Putsch, Diktatur, Übergang

Joao Goulart (PTB) hatte als Präsident (1961-64) auch mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen. Die er nicht auf Kosten der armen Masse der Bevölkerung lösen wollte. Goularts Politik wird gelegentlich als “nationalistisch” beschrieben; jedenfalls bedeutet „Nationalismus“ im „3. Welt“-Kontext etwas Anderes als im “Westen”. Nehru, Mossadegh, Lumumba,… vertraten die Antithese zu einem Nationalismus, der auf die Vorherrschaft einer Elite ausgerichtet ist, faschistoid ist, auf Ausbeutung und Entmündigung des Landes durch die USA und den Westen, zum Nationalismus von Bolsonaro und anderen Rechten in Lateinamerika. In Brasilien war in den 1960ern die UDN jene Partei, die das vertrat, und nicht nur in Opposition zur Regierung von Goulart und seiner Premierminister stand35, sondern auch, wie die Globo-Medien, einen von der USA unterstützten Militärputsch favorisierten. 1964 wurden auch Korruptionswürfe erhoben, gegenüber Goularts Regierung…

Brasilia 1964

Das brasilianische Militär unter Humberto Branco, das im April 1964 putschte und die Demokratie ausschaltete (mit Unterstützung Johnsons), musste das Land “vor einer kommunistischen Machtübernahme schützen”. Auf den Sturz des letzten linken Präsidenten Brasiliens vor „Lula“ folgten über 20 Jahre rechte Militär-Diktatur, mit einer Regimepartei (ARENA, in der die UDN aufging), einer „Oppositionspartei“ und Scheinwahlen. Die Generäle wechselten sich an der Spitze des Regimes ab, brüsteten sich mit Stabilität, konnten sich der Unterstützung durch die USA gewiss sein (ausser unter Carter). Eine Medienzensur war Teil der Diktatur. Folterungen von Regimegegnern wrden hauptsächlich durch die Geheimdienste vorgenommen. Der Serviço Nacional de Informações (SNI) wurde 1964 unter General Branco gegründet. Er bestand aus den drei Einzel-Diensten für die drei militärischen Teilformationen Centro de Informações do Exército (CIE), Centro de Informações da Aeronáutica (CISA), Centro de Informações de Marinha (CENIMAR). Dann gab es das Departamento de Operações Internas-Centro de Operações de Defesa Interna (DOI-CODI), war ebenfalls ein Militär-Geheimdienst, bestand 1969-71, ging aus dem OBAN hervor. Das DOI-CODI hatte in São Paulo ein Folterzentrum, ein grosses Gebäude in der Tutóia-Strasse, daher auch “Tutóia Hilton” genannt. Weiters bestand, seit 1924, das Departamento de Ordem Política e Social (DOPS).

Die Geheimdienste taten sich beim Foltern auch zusammen. Auf der Ilha das Flores im Staat Sergipe36 etwa, Leute von CENIMAR und DOPS. Kommandant der Insel war Clemente J. Monteiro Filho, ein Absolvent der School of the Americas, damals noch in der Panama-Kanal-Zone, ein Folterer/Befrager war Alfredo Poeck, Marine-Offizier und Absolvent eines Kurses in der John F. Kennedy Special Warfare Center and School im Fort Bragg (North Carolina) 1961. Gefolterte Gefangene erzählten später, wie man sie mit Geräten wie “Drachenstuhl” oder “Papageienschaukel” quälte, während junge Soldaten gewissermaßen zu Ausbildungszwecken zuschauten. Es gab elektrische Schocks an den Genitalien, Schläge mit der Palmatoria über Stunden hinweg, der Aufenthalt in einer Art Eis-Kabine (“Geladeira“), das Beschallen mit ohrenbetäubendem Lärm,… Das war ungefähr das, was auch die Gestapo machte, und das ist das was Bolsonaro lobt und wieder haben möchte.

Die Wirtschaft wurde wie in Chile unter Pinochet im Sinne des Weltmarktes bzw seiner Nutzniesser reformiert. Als der (deutschstämmige) Junta-Chef Ernesto Geisel 1978 zum Staatsbesuch in die BR Deutschland kam, titelte die „Welt“ begeistert: “Geisel kam mit Super-Aufträgen”. Die west-deutsche Wirtschaft machte glänzende Geschäfte. Der Volkswagen-Konzern war immerhin (im Nachhinein) so selbstkritisch genug, 2016 einen Historiker (Christopher Kopper von der Universität Bielefeld) mit einer unabhängigen Studie zum Gebahren von VW in Brasilien in der Zeit der Militärdiktatur zu beauftragen. Kopper präsentierte seine Untersuchung 2017 in Brasilien37, wo ja seit 2016 wieder reaktionäre Kräfte an der Macht sind. Die Studie wirft dem VW-Konzern Repressalien gegen Oppositionelle in seinen brasilianischen Fabriken vor, demnach kooperierten Mitarbeiter des VW-Werkschutzes mit der Militärdiktatur, duldeten Verhaftungen, Überwachung und Misshandlungen durch die Militärpolizei, nicht nur auf Werksgelände, und beteiligte sich aktiv daran. „Die Korrespondenz mit dem Vorstand in Wolfsburg zeigt bis 1979 eine uneingeschränkte Billigung der Militärregierung“, so Kopper. “Die staatliche Kontrolle der Lohnentwicklung und der Gewerkschaften hielten die Löhne auf einem niedrigeren Niveau als in einer pluralistischen Demokratie.“ Überschattet wurde die Vorstellung im VW-Standort Sao Bernardo do Campo (Sao Paulo) von einem Boykott durch die damaligen Opfer um den Arbeiter Lucio Bellentani, der dem Konzern ein unzureichendes Zugehen auf die Diktaturopfer vorwirft.38

Die Transição, der Übergang bzw die Rückkehr zur Demokratie, wird in der Regel für die Phase 1979 bis 1985 angesetzt. Eine Transition, in der mit der Diktatur und ihren Verantwortlichen keineswegs “aufgeräumt” wurde, man liess sie vielmehr auslaufen. Und Präsident Sarney, in dessen Amtszeit der grösste Teil der Demokratisierung stattfand, hat selbst wenig dazu beigetragen. Die Apologetik bzw Rhetorik der Militärs (und ihrer Unterstützer) bewegt(e) sich zwischen „Nichts Schlimmes getan“ und „Mussten Schlimmes tun, um Freiheit zu retten“ und Ähnlichem. Die Phase 85-03 war auch eine Art Übergang, also vom Ende der Diktatur bis zu dem Punkt als die PT, die wichtige Linkspartei, erstmals (auf Bundesebene) gestalten konnte. Dass die Militär-Diktatur nicht aufgearbeitet wurde, rächt sich jetzt. Wo die Kräfte von damals zurück an die Macht drängen. Die unter Rousseff eingesetzte Wahrheitskommission (Comissão Nacional da Verdade), 2011-14 aktiv, war ein zaghafter Versuch dazu. Der zu untersuchende Zeitraum wurde von 1964-85 auf 1946-1988 ausgedehnt.

Nach 13 Jahren Regierung unter Führung der Arbeiterpartei kam es 2016 zu einem “Kurswechsel”, den Manche schon als eine Art Putsch sehen, der jedenfalls nicht demokratisch legitimiert war. Und der “Schritt” von Temer zu Bolsonaro 2018/19 zeigte doch, dass in der brasilianischen Rechten keine klare Abgrenzung zur Diktatur gegeben ist. Dass dieses Aufbäumen tatsächlich antidemokratisch ist, eines des Rückschritts. Und wie die Entwicklung weitergeht…die Ausgangslage vor dem Putsch 1964 war der heutigen ähnlich. Das Land war in den Jahren davor wie jetzt extrem polarisiert zwischen links und rechts, die gesellschaftlichen Spannungen gross. Teile der brasilianischen Ober- und Mittelschicht reden nun wie damals davon, dass eine “Subversion der Demokratie” nötig sei, um “die Demokratie zu retten”. Der Präsident und sein Vizepräsident schliessen ein Eingreifen des Militärs nicht aus, haben exzellente Verbindungen zur Führung des Militärs. In Politik, Militär und Bevölkerung reden Manche davon, das Militär müsse “die Ordnung wiederherstellen”, verweisen dann auf die Kriminalität, meinen aber (auch) die Ausschaltung gewisser politischer Kräfte. Der Globo-Medien-Konzern agiert wie damals. Und in der USA hätten Bolsonaro & Co einen Partner für ein derartiges Vorhaben.

Einiges Grundsätzliche über Demokratie, Ausgleich und Selbstbestimmung    

Ein “Kippen” (was für ein passiver Begriff…) Brasiliens zurück in eine Diktatur hätte Folgen für Lateinamerika, die Welt,… Befürworter einer Rückkehr der Militärdiktatur sind aber zurück an der Macht. Ob die Krise auch eine Chance für eine Weiterentwicklung Brasiliens birgt? Ob Widerstand gegen eine neue Militärdiktatur als gerechtfertigt gesehen würde!? Also zB von Kurz und Merkel in Europa und ihren publizistischen Unterstützern.39 Mit der Diktatur in Brasilien 1964-1985 hat die BRD ja wunderbar zusammen gearbeitet, wie auch mit Chile unter Pinochet, Argentinien unter Videla, Paraguay unter Stroessner,… Auf de.wikipedia wehren sich Einige dagegen, dass Bolsonaro als rechtsextrem eingestuft wird, Leute die sich sonst zB um den Gauland-Artikel kümmern. Wie werden Westeuropa und die Anglo-Staaten mit Bolsonaro umgehen, welche Allianzen werden sich da auftun, über jene mit Salvini oder Trump hinaus? Wird man wegschauen vom Zustand der Demokratie in Brasilien, jene angreifen die ihn thematisieren? Man kann davon ausgehen, dass es zumindest eine grössere Schnittmenge zwischen Bolsonaro-Verteidigern/Verharmlosern im deutsch-sprachigen Raum mit den Trump-Verstehern dort geben wird: Sarrazin, Seehofer, Strache, Roger Köppel, Jan Fleischhauer40, Andreas Mölzer,…

Wie schon erwähnt, es gibt eine Kluft zwischen Reich und Arm in Brasilien, die jener zwischen Erster und Dritter Welt entspricht (wie zB auch in Südafrika)41. Und eigentlich haben nur die PT-geführten Regierungen 03-16 daran gearbeitet, diese Kluft im Inneren zu schliessen (zu verkleinern); und dabei hat sich Brasilien auch international als Brückenbauer zwischen dem globalen Süden und dem Norden bzw Westen engagiert. Ansonsten war/ist Brasilien in gewisser Hinsicht eine Oligarchie, die am Westen orientiert ist (ohne ihm anzugehören) und die die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes durch den Westen ermöglicht. Eine solche “innere” und “äussere” Emanzipation wie in Brasilien war in Südamerika generell im Gange – nun sieht es nach einem Scheitern der Linken dort ab, für’s Erste. Wobei, in Argentinien oder Chile dürfte es sich um einen “normalen” demokratischen Machtwechsel von links nach rechts handeln, der nicht mit einer Form der Rehabilitierung der einstigen Rechtsdiktatur oder der Möglichkeit einer neuen verbunden ist. In Brasilien und Venezuela ist die Sache anders.42

Diese Emanzipation wurde/wird auch als rosa Welle bezeichnet. Von jenen, die ein Problem damit haben, kommen die Charakterisierungen dieser “Welle” als “populistisch”, “anti-amerikanisch”, “autoritär ausgerichtet”. Im en.wikipedia-Artikel wird dies an prominenter Stelle vermerkt, mit vielen Belegen. Sieht man sich diese an, stösst man auf südamerikanische Politologen wie José de Arimatéia da Cruz. Da Cruz lehrt in der USA, u.a. am U.S. Army War College in Carlisle (Pennsylvania) und am Council on Hemispheric Affairs in Washington… Der brasilianische Politologe schrieb u.a. “Strategic Insights: The Strategic Relevance of Latin America in the U.S. National Security Strategy”. Er sieht ganz danach aus, dass Wissenschafter wie er Teil der konservativen, “blauen” Welle in (bzw für) Südamerika sind, die Mitte der 2010er aufkam, in Reaktion auf die rosa, linke. Wie im Diskurs über israelische Politik und Reaktionen darauf, wo es Zuschreibungen wie “antisemitisch” gibt, gibt es auch hier solche, die mit dem Gegenstand eigentlich nichts zu tun haben, ja ablenken sollen von ihm. Zum Beispiel vom Charakter von Bolsonaros Politik.

Natürlich sind “rosa” und “blaue” Welle in Süd-/Lateinamerika verbunden mit globalen Entwicklungen – für die gegenwärtigen gibt es anscheinend noch keinen zusammenfassenden Begriff. Ende Ostblock und Kalter Krieg, Islamismus und die Reaktionen, die erste Welle und die zweite (dazwischen Obama und der Arabische Frühling), Kriege, Flüchtlingskrise, eine Weltwirtschaftskrise, die rechte Welle in Europa43, Populismus vielerorts, Umwälzungen (wie in der Türkei unter Erdogan und Russland unter Putin), Trump, Länder die drohen vom demokratischen Kurs abzukommen wie Philippinen unter Duterte (oder eben Brasilien unter Bolsonaro), Klimawandel, globale Umbrüche, auch eine Krise des Westens, der USA.44

Brasilien hat ja unter der Diktatur auch ein militärisches Atomprogramm verfolgt, das im Zuge der Demokratisierung aufgegeben wurde. Aber, und ich habe das schon im ersten Brasilien-Artikel geschrieben, mangels Expansionsgelüsten und Feinden in der Region, gegen wen hätte das Land Atomwaffen gebraucht; wer ausser der USA hat sich offensiv in innere Angelegenheiten eingemischt? Natürlich hat das die damals herrschende Militär-Junta anders gesehen, sie war ja dank der USA an der Macht… Die USA beansprucht eine Vorherrschaft über Lateinamerika, lässt dort ungern Selbstbestimmung zu, interveniert(e) immer wieder, aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen heraus. Die Einflussnahme 1964 passte genau in ein Muster von Interventionen – die mit der Aneignung von etwa der Hälfte des Territoriums Mexicos von 1835 bis 1853 begannen.45 Mit dem Krieg gegen die spanischen Kolonien in der Karibik und im Pazifik 1898 begannen die später so genannten “Bananen-Kriege”, Militär-Interventionen (meistens von “Marines” durchgeführt) im mittelamerikanisch-karibischen Raum, bis in die 1930er, den die USA immer wieder als ihren „Hinterhof“ betrachteten und behandelten. Eher indirekt war das Eingreifen in Kolumbien Anfang des 20. Jh zum Zweck der Abtrennung Panamas, wo man den Kanal bauen lassen wollte. Obwohl die USA auch davor und danach immer wieder dort intervenierten, wurde Kolumbien wichtigster USA-Partner in Süd-/Lateinamerika.

Im Kalten Krieg gab es kaum ein direktes militärisches Eingreifen der USA in Lateinamerika/Karibik, zu den wenigen zählten Grenada 1983 und Panama 1989. Aber den Sturz demokratischer Regierungen, wie in Guatemala 1953, Brasilien 1964 und Chile 1973, durch Wirtschaftsdruck, CIA-Aktionen, Verbündete im Land; Unterstützung für die dort folgenden Diktaturen dort oder in Argentinien 1976-198346, das Training und die Aufrüstung von Milizen gegen revolutionäre Regierungen, wie in Cuba (Schweinebucht) und Nicaragua (Contras), den “Krieg gegen Drogen”, die Tätigkeit der School of Americas die lateinamerikanische Offiziere ausbildete von denen sehr viele dann in ihren Ländern in Diktaturen mitwirkten47; und Wissenschafter wie David Stoll, Journalisten wie Charles Krauthammer, Stiftungen wie die National Endowment for Democracy.

Die Demokratisierungen in Brasilien, Argentinien, Chile,… in den 1980ern und frühen 1990ern wurden wahrscheinlich vor dem Hintergrund der Entschärfung und Beendigung des Kalten Kriegs zugelassen. Lateinamerika wurde stabiler und selbstbewusster. USA-Interventionen wurden seltener, indirekter. Lateinamerika (und Karibik) war/ist das USA-Imperialismus Opfer Nr. 1. Welches Land, welcher Staat südlich der USA ist Invasionen, Wahlmanipulationen, wirtschaftlichem Druck,… entgangen? Mexico war und ist am nähesten dran, seinem dreimaligen Präsidenten Porfirio Díaz wird der Ausspruch „Armes Mexico, so weit von Gott entfernt, so nahe an der USA“ zugeschrieben.48 Und die Rhetorik, die immer damit verbunden ist… „Cuba von barbarischer Herrschaft befreien“ hiess es 1898 vor dem Krieg gegen Spanien zB.49 Danach wurde Cuba nur zögerlich in die Unabhängigkeit entlassen, bzw in keine echte. Die Revolution dort 1958/59 war ein wichtiger Akt des Widerstands gegen US-amerikanische Hegemonie über Lateinamerika/Karibik – und gegen eine mit der USA kollaborierende Oligarchie.

Mit den Demokratisierungen der 80er und 90er setzten sich in Südamerika vorwiegend Linke durch, demokratisierten sich die Rechten zT. Die Rechte in Lateinamerika ist in der Regel pro USA, und entgegen des Mantras Bolsonaros gegen echte nationale Selbstbestimmung und erst recht gegen Gleichheit in ihrem Land. Was in linken Regimen in lateinamerikanischen Ländern nicht funktioniert(e), wie unter Castro oder Chavez, wird von Unterstützern und Apologeten rechter Militärdiktaturen herangezogen, als “Alternative” dargestellt. Rechte versuchen, mit der gegenwärtigen Situation in Venezuela die früheren rechten Diktaturen in Lateinamerika „aufzuwiegen“, und linke oder Mitte-Links- Demokraten wie Bachelet, Kirchner, Rousseff damit anzugreifen. Barack Obama hat auch bezüglich des Verhältnisses der USA zu Lateinamerika versucht, etwas zum Guten verändern. Nach einer Obama-Rede in Chile sagte der (chilenische) Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Jose Insulza: „Er hat Absichten angekündigt, mal sehen, was nun kommt“. All zu viele Gelegenheiten hatte er nicht. Und dann kam Trump… Bolsonaro ist im März in die USA gereist (nach Washington), eine weitere Reise im Mai, nach New York, sagte er ab, nachdem u.a. vom New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio (DP) Widerstand gekommen war.

Sucht man nach Informationen über militärische Stützpunkte der USA in Lateinamerika und der Karibik, so ergibt sich kein klares Bild. In Brasilien hatte das Militär der USA mal einen Stützpunkt, im Hafen von São Paulo. Er soll 2017 geschlossen worden sein, also zur Zeit der Präsidentschaft von Michel Temer. Auf Puerto Rico gibt es sicher eine US-Basis, auch auf Cuba (Bucht von Guantánamo; wie Puerto Rico eine Hinterlassenschaft des Krieges gegen Spanien am Ende des 19. Jh). Über Militärbasen darüber hinaus gibt es widersprüchliche Angaben. Es gab hier sicher einen Rückgang, exemplarisch dafür: Das United States Southern Command (SOUTHCOM) hatte sein Hauptquartier in der Panamakanal-Zone; 1999 wurde es nach Miami (Florida) verlegt, so wie es 1977 in den “Torrijos-Carter-Verträgen” vereinbart worden war. Aber es gibt im südlicheren Amerika Militäreinrichtungen, die die US-Streitkräfte nutzen können, Quasi-Basen, zT unter dem Deckmantel der Drogenbekämpfung, Spionage- und Horchposten,… Es ist zwar eine Erosion von USA-Hegemonie in der Region zu konstatieren, aber man ist weit von einem Ende der militärischen Präsenz der USA dort entfernt, auch wenn sie heute stärker getarnt wird.

In Honduras gibt es seit den 1980ern eine USA-Präsenz auf der Soto Cano/Palmerola – Luftwaffenbasis, früher u.a. für die Unterstützung der “Contras” in Nicaragua genutzt. Dort zeigte sich dass Regimewechsel-Versuche in der Region inzwischen nicht mehr so leicht sind, sie aber vorkommen, und es dabei “Zusammenhänge” mit der amerikanischen Militärpräsenz im Land gibt. Honduras’ Präsident (2006-09) Manuel Zelaya rückte von rechts nach links, rief 08 die USA dazu auf, Drogen zu legalisieren, um damit die Gewalt in seinem Land zu reduzieren, die grossteils darauf zurückgeht, dass Honduras auch auf der Transit-Route der Kokain-Schmuggler (durch Mittelamerika) liegt. Er plante, Soto Cano in einen zivilen Flughafen umzuwandeln. Arbeitete mit Venezuelas Präsident Chavez zusammen. 09 entstand im Land eine Verfassungskrise aufgrund Zelayas Plan, ein Referendum über eine neue Verfassung abzuhalten, grosse Teile der Judikative und der Legislative waren dagegen. In dieser Situation wurde Zelaya gestürzt, stürmten Soldaten seine Präsidenten-Residenz in Tegucigalpa und liessen ihn ausser Landes bringen. Es wird viel spekuliert, inwiefern die USA hinter der Entmachtung stand, und ob eine mögliche Involvierung über die Soto Cano – Basis lief.

Neben der physischen Entfernung Zelayas von der Macht lief ein politisch-juristischer Prozess zu seiner Entmachtung, der durchaus mit jener von Rousseff 16 zu vergleichen ist. In Kolumbien, wie erwähnt der “stabilste” Verbündete der USA in der Region, hat sich Einflussnahme der USA mit (vorgeblicher) Bekämpfung von Drogen-Produktion und -Handel verquickt. Eine Drehscheibe für das Zusammenspiel von SOUTHCOM, DEA, CIA, lokalen Verbündeten,… Beim Versuch, 2002 in Venezuela Hugo Chavez zu stürzen, dürfte die Bush-Regierung involviert gewesen sein. Chávez hatte u.a. durch Verstaatlichung nationaler Ressourcen den Zorn der USA auf sich gezogen. Der von venezolanischen Soldaten internierte Chavez wurde vom Geschäftsmann Pedro Carmona ersetzt bzw dieser als neuer Präsident proklamiert. Was Bush und die spanische Regierung unter Aznar sofort anerkannten. Carmona hielt sich nicht einmal 2 Tage, flüchtete dann nach Kolumbien. Bei der Präsidenten-Wahl in Nicaragua einige Jahre später drohte Bush mit Wirtschaftssanktionen bei einem Sieg von Daniel Ortega. Boliviens Präsident Evo Morales wurde für seine selbstbewusste Politik bestraft, indem man ihm “Versäumnisse im Kampf gegen den Drogenhandel” vorwarf, damit diesbezügliche Zuschüsse kürzte.

Chavez’ Nachfolger Nicolas Maduro liess das Parlament Venezuelas, das seit der Wahl ’15 vom Oppositionsbündnis MUD dominiert ist, ’17 entmachten, wegen “Missachtung der Verfassung”, liess eine “Verfassungsgebende Versammlung” wählen. Maduro regiert am gewählten Parlament vorbei, richtete ein zweites “Parlament” ein, hat den Pfad der Demokratie verlassen, man muss das so klar sehen. Mit Recht gäbe es Aufregung, wenn Bolsonaro in Brasilien so etwas täte. Salvador Allende oder Jacobo Arbenz wurden gestürzt ohne dass sie demokratische Spielregeln verletzt hätten, im Gegenteil, ihr Sturz war das Undemokratische. Ein Skandal ist aber auch, dass Juan Guaido (von der VP von Leopoldo Lopez) der Anfang ’19 zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde, und sich dann zum “Interims-Präsidenten” ausrufen liess, die Anerkennung so vieler Staaten geniesst. Wohlgemerkt, nicht als Oppositioneller oder Parlamentspräsident, sondern als Staatspräsident. Neben Trump, Bolsonaro, Merkel,… war/ist hier natürlich auch Sebastian Kurz mit von der Partie.50 Maduro darf sich in seinem Verdacht bestätigt fühlen, die USA und Andere im Westen hätten es auf den Ölreichtum Venezuelas abgesehen. Was nicht so abwegig ist, man sollte schon die Interessen der Staaten analysieren, die Guaidos Griff zur Macht unterstützen.

Guaidó gehört einer Partei an, die Teil eines Bündnisses von 16 Oppositionsparteien ist. Er ist nicht der Vorsitzende der Voluntad Popular und diese ist nicht grösste Partei des Bündnisses MUD. Manche dieser Parteien stellen Gouverneure von Bundesstaaten. Ob das Vorgehen Guaidós in der MUD voll unterstützt wird? Zu den gegenwärtigen Lebensumständen in Venezuela: “Freilich wissen wir nicht genau, ob gerade die Zuspitzungen der jüngsten Zeit, wie die Totalstromausfälle, nicht zu einer von außen lancierten Strategie gehören, die passend einhergeht mit dem Aufkommen einer ‘Lichtgestalt’.”51 “Unsere Unterstützung für Juan Guaidó hat sich in keiner Weise geändert,” sagt Deutschlands Außenminister Maas nach einem Treffen mit seinem brasilianischen Amtskollegen Araujo, nachdem Guaido im Machtkampf die Entscheidung in einer Art Putsch suchte.

Guaido bei einem Interview für “Voice of America”

Guaido ist für eine Militär-Intervention der USA, die Trumps Aussenminister Pompeo und Trump selbst nicht ausschlossen. Bolsonaro und Duque wäre da mit von der Partie. Als ob die USA in Lateinamerika nicht genug Schlimmes angerichtet hätte, rechte Militärs zur Macht verholfen hätte… Man glaubte schon, diese Zeit sei endlich vorbei. Trump verkündete, die USA sei nur noch für sich selbst da. Eben. Also sich die Reichtümer anderer Länder unter die Nägel reissen. So ähnlich hat er das ja auch argumentiert. Bisher war es meist so, wenn davon gesprochen wurde, dass man ein Volk von einem barbarischen Schurken befreien will, um der Humanität willen, dann stand eine Militärintervention bevor. Russland und China würden protestieren, aber wohl nicht wagen, im “Hinterhof der USA” den Platzhirsch militärisch heraus zu fordern. Schön zu sehen, dass die USA kaum gegen alle jene Länder militärisch “vorgehen” kann, die dafür in Frage kommen (Iran, Venezuela, Syrien, Nord-Korea,…).

Die Armee die Trump befehligt, besteht zu gut 40% aus Nicht-Weissen, in der Regel Leute die mangels Job-Alternativen diesen Weg gegangen sind. Der Kontinent Amerika ist geprägt durch das Erbe von Kolonialunternehmungen aus Europa, Bevölkerungstransfers, Sklaverei, der Expansion des Lebensraums der Einen auf Kosten von jenem Anderer. Beim Diskurs über Hugo Chavez, der (wie viele Lateinamerikaner) afrikanische und indianische Wurzeln hatte, zeigt(e) sich auch diese Verbindung von Rasse, Rassismus und Politik. Brasilien war einmal eine weisse Oligarchie, portugiesische „Konquistadoren“ haben die Fackel (oder den Staffelstab oder die Macht) weiter gegeben, an brasilianische Kautschukbarone oder Grossgrundbesitzer. Den Zusammenhang zwischen Rasse und Klasse zeigt sich zB in Besitzverhältnissen, im Kampf von Kleinbauern und Indigenen um ihre Landtitel gegen Grossgrundbesitzer, und in der Einordnung solcher Auseinandersetzungen in das politische Rechts- /Links-Schema. In Brasilien machen Nicht-Weisse/ Farbige ca. 50% der Bevölkerung aus, sie sind dort (und in Lateinamerika generell) stärker in die Gesellschaft und in das Nationskonzept integriert als in Nordamerika, was aber auch nicht immer so war. In Brasilien, wie auch in Argentinien, gab es keine indianische Hochkultur (wie in Peru oder Mexico) vor der europäischen Kolonialisierung, die unvermischten und meist traditionell lebenden “Indianer” leben im immer weiter schrumpfenden Amazonas-Regenwald. Also in der Peripherie und weit weg vom Zentrum (das in Brasilien die Küste ist). Dafür ist in dem Land der Anteil von Menschen mit afrikanischen Wurzeln hoch, Nachfahren der Versklavten.

Angehörige der meist weissen Oberschichten in lateinamerikanischen Ländern “korrespondieren” in der Regel mit der USA, dominieren das rechtskonservative Lager im Land. Es erinnert an “Krieg und Frieden” von Lew Tolstoi (1805), wo die russische Oberschicht im Zarenreich des frühen 19. Jh porträtiert wird – die westlich ausgerichtet war (nach Westeuropa), aber Privilegien hatte, die dem eigentlich widersprachen, was inzwischen den “westlichen Geist“ ausmachte… Das wirklich Liberale am Westen, an der USA, ist auch für brasilianische Rechte kein Bezugspunkt, im Gegenteil. Nur wenige westlich Ausgerichtete in solchen Ländern nehmen das als westlich Propagierte konsequent an. Was jetzt den Westen ausmacht, ist das eher Imelda Marcos oder doch Corazon Aquino? Zur Zeit des USA-Bürgerkriegs (oder Krieges USA gegen CSA) waren Liberale in Europa mehrheitlich gegen die Sklaverei, aber oft auch für das nationale Anliegen der Confederate States of America. Es war ja so, dass zu Zeiten von Bush und Trump Leute in Europa, die “das Amerikanische” (im Sinn von Multikulturalität, die zB den Jazz ausmacht) eigentlich verachten, Kritiker der Politik dieser Regierungen für „Antiamerikanismus“ geisel(te)n, weil sie sich auf eine bestimmte USA beziehen und diese nun “repräsentiert” sahen. Marine Le Pen tweetete zu Trumps Wahl (bzw zum Abgang Obamas), dass die Amerikaner “nun frei” seien.

Lateinamerika hat es nicht geschafft, Teil des “Westens” zu werden, trotz seines überwiegendst christlichen Charakters, genau so wenig wie das christliche Schwarzafrika.52 Im Westen wird heute viel vom “jüdisch-christlichen Erbe” gesprochen. Und dann wieder über Rasse definiert und ausgegrenzt. Es wird (gelegentlich) vorgemacht, dass es dem Westen daran läge/gelegen sei, seine Privilegien zu teilen, sein System auszubreiten. Und dann sind die Emanzipationsversuch der 2. und 3. Welt zu beobachten und wie damit umgegangen wird. Die Linke in Lateinamerika ist kritischer ggü weissem Herrschaftsanspruch, gegen Einflussnhame von Aussen,… Die Mitwirkung Brasiliens in der BRICS-Vereinigung (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) wurde von den PT-Regierungen vorangetrieben. Russland und China sind keine Demokratien53; in Indien gibt es neben dem “sozialen Gefälle” den Antagonismus zwischen Hindus und Moslems und deren Extremisten; in Brasilien gibt es jetzt Bolsonaro; in Südafrika gibt es sowohl Julius Malema, den linkspopulistischen Führer einer Partei die man als Abspaltung des ANC sehen kann – und Politiker wie Diane Kohler-Barnard von der DA, die ’15 auf Facebook einen Beitrag teilte, in dem nahegelegt wurde, dass das Leben unter der Apartheid besser war als danach.54 Präsident Jacob Zuma bekam zur selben Zeit Probleme mit Korruptions-Vorwürfe, wie Dilma Rousseff, trat schliesslich 2 Jahre nach ihrer Absetzung zurück. Brasilien und Südafrika haben so Manches mit einander gemeinsam, hauptsächlich dass sie rassisch diversifizierte Schwellenstaaten sind, die eine Diktatur zu überwinden hatten/haben.

A propos Südafrika: Dort war die Ausgrenzung von Bevölkerungsteilen vom demokratischen Prozess besonders explizit mit rassischen Kriterien begründet bzw definiert. Und die Haltung des Westens zu einer Diktatur ausserhalb des Ostblocks besonders heuchlerisch. „Kante zeigen statt Diplomatie“ heisst es öfters, wenn demokratische, „westliche“ Werte als in Gefahr gesehen werden. Aber doch nicht bei Bolsonaro. Eine korrupte, politische Justiz sehen die meisten deutschen Medien in Venezuela, aber nicht in Brasilien. Die Herrschaft nach innen ist egal, nur ein Thema wenn die Politik nach aussen „problematisch“ ist (> Saudi-Arabien, Aserbeidschan,…). Bei Mubarak gab es keinen Alarmismus, im Gegensatz zu Mursi, obwohl es Ersterer war, der jegliche Opposition brutal unterdrückte. Saudi-Arabien ist bis jetzt ein enger Verbündeter des Westens, egal wie rückständig das Regime das Land hält, egal welchen Islamismus es weltweit fördert. In den 1980ern haben westliche Mächte zusammen mit Saudi-Arabien und Pakistan die Islamisten in Afghanistan gegen die kommunistische Regierung und die SU-Intervention ohne Ende unterstützt. Dieser Übergang… 91 Ende der SU (und des Kalten Kriegs endgültig), 92 Sieg der Islamisten in Afghanistan, 93 der WTC-Anschlag, 96 Machtübernahme der Taliban (von Saudi-Arabien und  Pakistan wurde ihr Regime anerkannt), 01 die Anschläge in der USA unter Bush, Beginn eines neuen Zeitalters.

Manche Länder/Völker haben die Erfahrung gemacht, dass sie vom Westen ohnehin nicht als gleichberechtigte Partner behandelt werden. John Locke (17./18. Jh, ein Vordenker der Aufklärung) war für die Sklaverei, der sozialkritische (ebenfalls englische) Autor Charles Dickens unterstützte die Niederschlagung der Revolte auf Jamaica 1865. Der Graf von Saint-Simon 1803, über den Aufstand unter Toussaint L’Ouverture in Haiti: „Die Revolutionäre wandten das Prinzip der Gleichheit auch auf Neger an. Hätten sie die Physiologien konsultiert, dann hätten sie erfahren, dass der Neger in einer Situation in der ihm dieselbe Bildung wird, organisch nicht in der Lage ist auf das gleiche Maß an Intelligenz erzogen zu werden wie der Europäer“. Ho Chi Minh hat 1919 in Versailles gemäß Wilsons Prinzipien ein unabhängiges geeintes demokratisches Vietnam vorgeschlagen…

Die so genannten “Fünf Zivilisierten Stämme”, die Cherokee, Chickasaw, Choctaw, Muskogee und Seminolen, richteten im frühen 19. Jh ein Regierungs- und Gesellschaftssystem nach dem Vorbild der USA ein, in der “Indian Reserve”. Sogar der Besitz schwarzer Sklaven kam vor (dem Westen folgen, bzw Verwestlichung, bedeutet was?)55. Das bewahrte sie nicht vor dem Indian Removal Act von 1830 und seiner Umsetzung, der Vertreibung über den Mississippi, und später weiteren. Oder, der “freie Markt” in Nicaragua unter den von der USA gestützten Somozas (1936-79): Die Somoza-Familie kontrollierte ungefähr 10% des kultivierbaren Lands, die Luftlinie, den Fernsehsender, eine Zeitung, grosse Teile der Industrie.

Das mit Hilfe (auf Initiative?) der USA vorgenommene Ende von Demokratie und Reform in Guatemala unter dem Diktator Carlos Castillo Armas: Verbot politischer Parteien, Reduzierung des Elektorats, Einführung der Todesstrafe für Streikende. Despotie ist für den „Westen“ meist nur dann ein Problem wenn diese seine Interessen bedroht. Trump faselt wenigstens nicht von universalen Werten, als ob die “Braunen” im Süden grundsätzlich als ebenbürtig gesehen würden, er sieht nicht einmal die anderen westlichen Länder als ebenbürtig, bekennt sich zu Vorherrschaft und Egoismus. Bryan Pitts: “And of course there is the rank hypocrisy of a country that propped up corrupt dictators like Fulgencio Batista and Papa Doc Duvalier lecturing anyone about corruption. Not to mention the utter absurdity of a country that allows unlimited corporate campaign contributions and incarcerates more of its citizens than any other country claiming to have anything useful to teach about democracy.”

1976

Der 08-Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner, John McCain, hat damals seinen Gegenkandidaten Barack Obama als “Hamas-Favoriten” bezeichnet. Und, “ähnliche Präferenzen” hätten vermutlich “linksgerichtete lateinamerikanische Führer” wie Daniel Ortega in Nicaragua, so McCain. Da zeigt sich, was sich mit einander verbunden hat… Der für “Anti”deutsche relevante Hans Mayer (“Jean Amery”) pries ’67 USA-Präsident Johnson wegen dessen Unterstützung Israels; dass dieser Johnson auch die Militärdiktatur in Brasilien ermöglicht hat, war/ist Seinesgleichen egal. Israel war auch seit den 1950ern in Lateinamerika meist an Seite der USA dabei, wenn es galt, reaktionäre Kräfte zu unterstützen, ob Pinochet, Videla oder Somoza. Und Rechte in Lateinamerika sind in der Regel nicht nur pro USA, auch pro IL, auch schon vor dem Aufkommen der Evangelikalen dort, wie in Guatemala oder Brasilien. Israel exportiert seine Waffen in diese Länder, seine Vorgehensweisen (politisch, militärisch,…), die Grundhaltungen, was „Sicherheit“ betrifft. Auch in westliche Länder natürlich. 2016 ernannte der Finanzminister der Temer-Regierung, Henrique Meirelles (damals PSD), den Israel-Brasilianer Ilan Goldfajn zum Direktor der Zentralbank. Als Meirelles dann den Vorsitz des Vorbereitungsausschusses für die Olympischen Spiele innehatte, rief er auch das israelische Militär zur Zusammenarbeit für das brasilianische “zu Hilfe”.

John McCain mit Barry Goldwater, ~1986

Es heisst, als Donald Trump davon erfuhr, dass Gwen Stefani für ihren Juroren-Posten bei der Castingshow „The Voice“ mehr Gehalt einstrich als er für seine Sendung „The Apprentice“, die ebenfalls auf NBC lief, inszenierte er seine Ansprache im Trump Tower 2015. Darin brachte er sich jedenfalls als Präsidentschaftskandidat in Stellung, unter Anderem indem er Mexico beschuldigte, Vergewaltiger über die Grenze in die USA zu schicken, bzw Mexikaner indirekt pauschal “Vergewaltiger” nannte. Er verlor zwar seine Show, wurde aber im Jahr darauf zum Präsidenten der USA gewählt. Michael Moore: „Er hat schon seit 1988 darüber gesprochen, für die Präsidentschaft zu kandidieren, wollte aber nie wirklich Präsident werden. Es gibt kein Penthouse im Weißen Haus. Und er will nicht in einer Stadt voller Schwarzer leben…“. (Auch) als Präsident hat er einige Verfahren gegen sich laufen, einen bezüglich Betrugsvorwürfen ermittelnden Richter griff er wegen dessen mexikanischer Herkunft an; Gonzalo Curiel könne seinen Job nicht machen wegen seiner Rasse, hätte einen inherenten Interessenskonflikt, “He’s a Mexican. We’re building a wall between here and Mexico.” Die Grenze zwischen der USA und Mexico, die so seit 1853 besteht, ist nicht nur für Trump eine zwischen Gut und Böse, Sauber und Schmutzig, zwischen Westen und Lateinamerika. Gegen die Flüchtlingskarawane aus Mittelamerika schickte er Soldaten, drohte mit Gewalt, beschimpfte die Beteiligten als „Kriminelle“ und “Invasoren”.

Den schwarzen Gouverneurskandidaten der DP in Florida 2018, Andrew Gillum, bezeichnete Trump als „Sozialisten“, der aus Florida “das nächste Venezuela machen“ werde. Auch da verband sich Rassismus, Ignoranz und Verachtung gegenüber Lateinamerika. Latinos, Schwarze, Orientale, Indianer,… das “unveränderlich Andere” für Menschen wie Trump und Bolton. Sicher, Trump reitet auf einer rechten Welle, die sich über grössere Teile der Welt verbreitet, aber die Ansprüche/Haltungen der Rechten/Nationalisten aus verschiedenen Ländern sind normalerweise nicht zu vereinen, unter einen Hut zu bringen, beissen sich gegenseitig…. Auch wenn sich die derzeitigen Führer Brasiliens, Argentiniens, Guatemalas oder der Möchtegern-Präsident von Venezuela Trump (und seinen Spiessgesellen in anderen Teilen des Westens) andienen – sie werden ohnehin nicht als gleichrangig akzeptiert werden. Die Grenze die Trump, mit Unterstützung vieler Amerikaner, zu Mexico bauen lassen will, ist die Mauer zu Lateinamerika, zu den “Vergewaltigern”, den “Banditos”, wie Mexikaner in Hollywood-Filmen zumindest früher dargestellt wurden – aber eigentlich “Latinos” generell, auch in “unverdächtigen” Filmen wie “Falling Down”. Sein Äusseres ist vernachlässigt, er greift schnell zu Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten, spricht Englisch mit einem dicken spanischen Akzent, der gleich seine kulturelle Inkompatibilität signalisiert.

Alfonso Bedoya

Für einen mexikanischen Nationalismus werden Klassen- und Rassenfragen zu beantworten sein, jedenfalls werden die an die USA verlorenen mexikanischen Gebiete für ihn eine Rolle spielen und die uralte Verachtung der USA für Mexico. Make America Mexico again. Aber auch jene Lateinamerikaner, die sich der USA andienen, Appeasement üben, entkommen nicht ihrem “Urteil”. Samuel Huntington etwa hat Lateinamerika in toto abgegrenzt vom westlichen Kulturkreis. Und bezüglich der “Latino”-Einwanderer in der USA bekamen nicht nur die armen mexikanischen Einwanderer im Südosten, mit starkem indianischen Einschlag, ihr Fett ab, sondern auch das weisse Bürgertum von Havanna das sich in Miami nieder gelassen hat und rechts wählt.56 WASP-Hegemonie ist laut Huntington das was die USA ausmacht, und zumindest die kulturelle WASP-Hegemonie sei unter Beschuss gekommen durch Multikulturalität, hauptsächlich durch Latino-Einwanderer. Der kubanische Amerikaner Alberto Fernandez, ein ehemaliger Diplomat (für die USA), jetzt stark im neokonservativ-zionistischen MEMRI engagiert, oder Rafael “Ted” Cruz, einer der Latinos in der RP, werden von manchen “Trumpisten” nicht anders gesehen als jene armen Mittelamerikaner, die auf der Suche nach dem “amerikanischen Traum” zur Südgrenze der USA gezogen sind. Und Bolsonaro, wird er für Brasilien irgend eine Form der Anerkennung, eine Aufnahme in den West-Klub, erreichen, indem er es ausverkauft?57

Argentiniens Präsident Mauricio Macri (PRO) ist, wie gesagt, kein Bolsonaro, aber ein rechter lateinamerikanischer Politiker. 2016 hat er, am Jahrestag des Beginns des Argentinisch-Britischen Kriegs von 1982 um die Falkland Islands / Islas Malvinas, den Anspruch Argentiniens auf die umstrittene Inselgruppe im Südatlantik unterstrichen. orf.at: “Nach der Wahl des liberalen Macri hoffte man in London eigentlich auf eine moderatere Falkland-Politik in Argentinien.”58 Nach der Wahl eines Rechten in Argentinien hat man auf eine Form von Appeasement ggü dem britischen Anspruch auf die Inseln bzw ggü Westismus erwartet… Argentinien wurde im Krieg 82 vom Westen nicht als gleichberechtigt/gleichrangig gesehen, auch nicht von jenen, die die damalige Militärdiktatur über Argentinien unterstützten. Der Anglo-Imperialismus wird normalerweise nicht hinterfragt, oder warum jene britischen Politiker, die ggü Falklands/Malvinas eine liberalere Haltung einnehmen, Aussenseiter sind, wie George Galloway. Es fragt sich, ob durch diese Konstellation mehr die Rechte Argentiniens im Dilemma ist, oder jene Paternalisten, die auf die “blaue Welle” in Lateinamerika setzen, um gewisse Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Die (relativ) neue spanische Rechtsartei Vox ist für ein zentralistisches Spanien, will eine Mauer in den spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla, nach Vorbild der von Trump gewünschten Mauer von der USA zu Mexico, ist schön pro-israelisch ausgerichtet, anti-islamisch, ihre Protagonisten reden von „Reconquista“ (im Zusammenhang mit der Abschiebung von „illegalen Schwarzen“ einstweilen), sieht kulturell-historische Verbindungen Spaniens mit Lateinamerika,… und ist für die Wiedergewinnung Gibraltars von GB; anderswo, wirtschaftlich, ist Thatcher für sie ein Vorbild. Eine derartige “Konstellation” gab es schon zwischen der Franco-Diktatur und ihrer Schutzmacht, der USA. Blas Piñar war Anfang der 1960er Verantwortlicher des Instituts für Hispanische Kultur, unternahm 1962 eine Reise durch ehemalige spanische Kolonien, in Südamerika und auf die Philippinen. Schrieb danach einen Artikel in der Zeitung “ABC”, mit dem Titel “Hipócritas” (Heuchler), eine Kritik an der USA, ihrer Aussenpolitik,…59 In Versform und eigentlich wirr. Der spanische Aussenminister Castiella sah sich veranlasst, ggü dem USA-Botschafter viele Erklärungen dazu abzugeben und Pinar dann zu entlassen. Der blieb dem Franquismus dennoch treu, über das Regimeende hinaus (Fuerza Nueva u.a. Versuche). An dieser Sache ist ja auch bemerkenswert, dass die USA (damals von John Kennedy geführt) ihren Einfluss bzw die aktuelle Bußfertigkeit des Franco-Regimes nicht nutzte, um zB die Freilassung politischer Gefangener zu erreichen. Ein Regime, das vom Bündnis mit Hitler-Deutschland zu einem mit der USA übergegangen war.60

“Neue Kronen Zeitung”-Journalist Michael Jeannee “weiss“, wer in Südamerika gut (rechts) und böse (Anti-USA) ist; während der Fussball-WM ’14 in Brasilien, nach dem Sieg des deutschen Teams über das des Gastgebers, schrieb er ein Hohelied an den deutschen Fussball, mit Nazi-“Anspielungen”. Jeannee hat einige Zeit in Argentinien gelebt, dort bei einer deutschsprachigen Zeitung als Journalist begonnen. Er liess dann irgendwann verlautbaren, eigentlich identifiziere er sich eher mit dem „feurigen argentinischen Gaucho“ als mit dem „biederen deutschen Michel“. Vor dem Finale der WM 14 schrieb er dann etwas über die Männlichkeit der Gauchos, deren Stolz, streute sogar ein paar spanische Wörter ein. Das sind jene Rechten, denen “der Westen” schon zu degeneriert ist, mit seiner Toleranz (für Homosexuelle,…). Jene die im Finale der WM 18 Kroatien gegen Frankreich unterstützten, das Team bzw das Land wo es “noch echte Europäer” gäbe. Und denen Brasilien zu farbig ist, genau so wie zB Cuba. Nahe bei Broder, der auch “Degenerationserscheinungen” im Westen bemängelt, aber die “südländische Kaffeehausmentalität” an sich ablehnt. Und mit dem neokonservativen Snobismus nahe bei Christian Ortner. Da gibt es nicht das Geprotze anderer Weltverbesserer, à la Andreas Koller oder Marco Schreuder61 mit der “Toleranz” und “liberalen Werten”, die den Westen auszeichne, diesen anderen West-Chauvinismus. Jeannee schätzt auch heute noch die südamerikanischen Militärdiktatoren Alfredo Stroessner, Jorge Videla, Augusto Pinochet. “Ich bete die[se] südamerikanischen Generäle nicht an, aber ich kann ihre Leistungen besser einschätzen als andere, weil ich die Länder kenne. Dass in diesen Regimes furchtbare Dinge passiert sind, ist keine Frage.“”

Weiter mit Österreich und Lateinamerika (und USA). 04 ein Promotion-“Interview” von Michael Sivich mit Judith Götz für “Der Standard”.62 Man frau war sich einig beim Lob für die Bushpolizei und der Verurteilung von “plumpem Antiamerikanismus“. Die jetzige Universitäts-Assistentin zu ihrer Freundin, der “Journalistin”: „Ich muss gestehen, dass mich organisatorische Arbeit wie Spenden-Sammeln nie interessiert hat. Und die Organisationen hierzulande haben mich nicht überzeugt: auf Grund des meistens sehr exotistisch geprägten Zugangs ihrer MitarbeiterInnen und des ewigen Schwarz-Weiß-Malens zwischen bösem Nord- und gutem Süd-Amerika. Mich interessiert eine kritische Auseinandersetzung, mit den Linken vor Ort, den indigenen Gruppen und auch mit den Solidaritäts-Bewegungen.“ Kürzlich eine Nachrichtenmeldung auf Yahoo63, in der USA werde die beschlossene Änderung des 20-Dollar-Scheins noch dauern. Durch die unter Barack Obama veranlasste Umgestaltung soll die die Sklavin und Widerstandskämpferin gegen die Sklaverei, Harriet Tubman, auf der Note zu sehen sein, und nicht mehr Andrew Jackson, Präsident und Sklavenhalter. Trumps Finanzminister Steven Mnuchin begründete die Verschiebung der Herausgabe der neuen Scheine mit der Arbeit an fälschungssicheren Sicherheitsmerkmalen.

Viele Republikaner hatten die Entscheidung für die Änderung damals, 2016, kritisiert, Trump sah eine Handlung aus “politischer Korrektheit”, pries Jackson. Unter dem Artikel in den Benutzerkommentaren: “Typische dummdreiste linksmedien propaganda.. die Tutze sollte jemand ersetzten der das Territorium der USA um 40% vergroessert hat.. Die kann man mit einem Giganten wie Jackson gar nicht vergleichen…..Natuerlich hoffen BRD medien auf die Ignoranz der Leser um weiter ideologische Volksverdummung zu betreiben.”64 Der nächste dann, dass „Neger“ von Affen abstammten, nur die „Neger“. Jackson kaufte eine Plantage in Tennessee, auf der hauptsächlich Baumwolle angebaut wurde – von Afrikanern, die nach Amerika deportiert und versklavt wurden. Jackson, dessen Eltern aus Nord-Irland nach Pennsylvania auswanderten, wenn man so will von einer britischen Kolonie in eine andere, war als Offizier wie auch als Präsident (1829 bis 1837) der USA gegen die “Indianer” Nordamerikas aktiv, in seine Amtszeit fällt die gewaltsame Vertreibung der so genannten „fünf zivilisierten Indianernationen“. Unter diesem ersten USA-Präsidenten, der nicht aus der Elite des Unabhängigkeitskrieges stammte, fand übrigens keine Territorialexpansion statt.65

Literatur & Links

Bürgerrechte in Gefahr in Russland, Türkei und Brasilien

Die Allianz aus Putschisten und Putschwilligen

The financial press can’t hide it’s glee over a fascist Brazil

Oliver Della Costa Stuenkel: Post-Western World. How Emerging Powers Are Remaking Global Order (2016)66

Mauro Porto: Media Power and Democratization in Brazil: TV Globo and the Dilemmas of Political Accountability (2012)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. “Farbig” ist “Kontrollminister” Wagner Rosario, weiblich ist zB Landwirtschaftsministerin Tereza C. Dias
  2. Technologieminister Pontes ist zB ein ehemaliger Luftwaffen-Offizier (und Astronaut); ihn könnte man auch noch als “farbig” bezeichnen
  3. Mit der Militärdiktatur Brasiliens hatte die USA eine vorzügliche Zusammenarbeit, ganz dem Muster ihrer Interventionen in Lateinamerika/Karibik entsprechend
  4. Der Osten von Jerusalem/Quds wurde von Israel 1967 besetzt und der Status der Stadt soll Teil einer Friedenslösung sein. Israel beansprucht die ganze Stadt als seine Hauptstadt, verdrängt die Palästinenser in den ihnen gebliebenen Stadtteilen, baut einen (natürlich ethnisch exklusiven) Siedlungsring zur Abgrenzung vom (noch einigermaßen palästinensischen) Westjordanland,…
  5. Dieses auf Israel ausgerichtete Dreieck gibt es auch in der USA, ein rechter Präsident, der überwiegende Teil der jüdischen Gemeinschaft sowie die Evangelikalen
  6. Es gibt eine parteiübergreifende Parlamentariergruppe der Evangelikalen, die sich nach den Wahlen ’14 (die einen kleinen Rechtsruck im Parlament brachten) mit anderen solchen Gruppen zusammentat, um Mehrheiten für konservative Gesetzesvorlagen zu erreichen: Der „Null-Toleranz-Fraktion“ (vor allem aus ehemaligen Polizisten und Soldaten bestehend) und der Agrar-Unternehmer-Lobby. Boi, Bíblia e Bala ist eigentlich ein inoffizieller Beiname dieser Abgeordneten-Allianz
  7. Neben Anderen aus der neoliberalen Wirtschaftselite
  8. Lobby-Agentur
  9. Für Sojaanbau zB, oder zur Kuhhaltung, die auch der Produktion von “Halal-Fleisch” dient
  10. Und, Angestellte in Ministerien, die mit der neuen Regierung ideologisch nicht auf einer Linie liegen, werden entlassen
  11. Abgeschafft wurde die Todesstrafe (für nicht-militärische Vergehen) 1988. Aber, zuletzt wurde sie 1876 angewandt; an einem Sklaven, also einem Schwarzen, namens Francisco. 1861 wurde letztmals ein Freier gehängt. Die letzte Frau die an der die Todesstrafe exekutiert wurde, war eine Sklavin, 1858
  12. Der Ehemann des US-amerikanischen Journalisten Glen Greenwald, David Miranda, war ein Kollege und Freund von “Franco”
  13. Eigentlich die Nachfolgepartei der Pro-Diktatur-Partei UDN
  14. Es gibt daneben noch einige unabhängige/blockfreie Parteien/Abgeordnete
  15. Das zeigt sich schon durch einige Minister-Ernennungen, wie die von Andrés Chadwick oder Cristian Larroulet
  16. Bei Trump und der gleichfalls (noch) kleinen Initiative zur Abspaltung von Kalifornien ist die Sache etwas anders, Yes California ist ihm ideologisch entgegen gesetzt
  17. “Lieber Frauenheld als schwul”
  18. Oder Roland Schill, der ja nach Brasilien gezogen ist. Der muss doch eine Freude mit Bolsonaro haben, der koksende Gesetzes- und Ordnungswächter, der in Hamburg “aufgeräumt” hat
  19. “Wie könnt ihr nur, Brüder?”
  20. Aber, er ist, vom passiven Interesse (nicht von der aktiven Ausübung…) möglicherweise Sport Nr. 2 in Brasilien
  21. xxxx://de.wikipedia.org/wiki/Movimento_Brasil_Livre
  22. Griechisch-orthodoxer libanesischer Herkunft
  23. Noch im April 18 wurde ein Besuch von brasilianischen Abgeordneten, dem ehemaligen Präsidenten Uruguays, José Mujica, sowie des argentinischen Friedens-Nobelpreisträgers Adolfo Perez Esquivel bei Lula im Gefängnis, zur Abschätzung seiner menschenrechtlichen Situation, nicht gestattet
  24. Wobei, das ist relativ
  25. Wo Crack zirkuliert
  26. Der Seitenwechsel den Temer 2016 vollzog, erinnert an jenen von Genscher 1982
  27. Dort war die eigentliche Opposition, die NP, von 1994-96 in der selben Regierung
  28. Da Silvas Vorgänger Cardoso ist von der PSDB, die (wichtigsten) Verlierer in den Präsidentenwahlen von 2002 bis 2014 waren jeweils von dieser Partei, und bei den Parlamentswahlen dieser Jahre lag meist auch die PT vor der PSDB
  29. Zur Zeit der Militärdiktatur gross geworden
  30. Von Richter Moro, im Zusammenhang mit Petrobras, was auch “Lula” vorgeworfen wird
  31. Und Eigenständigkeit, in wirtschaftlicher und aussenpolitischer Hinsicht
  32. Es gibt noch weitere Anklagen gegen ihn
  33. Nicht nur inhaltlich, auch formal: Es gibt Meldungen, wonach Abgeordnete im Absetzungsverfahren bestochen wurden
  34. Reuters-Meldung: www.reuters.com/article/us-brazil-politics-lula/brazil-army-commander-repudiates-impunity-on-eve-of-lula-ruling-idUSKCN1HB09J
  35. Es scheint sogar ein UDN-Politiker, Virgilio Tavora, einem dieser Kabinette angehört haben, die ansonsten aus PTB, PSD, und PDC gebildet wurden
  36. www.youtube.com/watch?v=8NSFunW2YHo
  37. VW do Brasil in der brasilianischen Militärdiktatur 1964–1985. Eine historische Studie. 2017
  38. Der Werkzeugmacher Bellentani wurde 1972 als Mitglied der kommunistischen Partei PCB verhaftet, auf dem Werksgelände in Sao Bernardo do Campo, fast 1 Jahr ohne Prozess gefangen gehalten, von DOI-CODI und DOPS gefoltert, und nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von VW entlassen. Er hat auch vor der Nationalen Wahrheitskommission ausgesagt, die von Präsidentin Rousseff 2011 zur Aufarbeitung der Diktatur eingerichtet wurde
  39. Auf den Sklavenaufstand auf der spanischen “Amistad” 1839 folgte ein Prozess in der USA, auch ein Sklavenhalterstaat, ein Rechtsstreit durch alle Instanzen, in dem es darum ging, ob die Afrikaner tatsächlich unrechtmäßig versklavte Menschen waren, die sich legal mit allen Mitteln gegen ihre Versklavung wehren durften
  40. “Umgang mit China: Wo Trump Recht hat”. Fleischhauer 2019: “Warum afrikanische Kunst in Europa am besten aufgehoben ist.” Der originale, vom “Spiegel” entfernte Titel des Textes hieß: “Die gute Seite des Kolonialismus”. “Wenn es um das koloniale Erbe geht, plagt gerade Menschen in der Kulturszene, die mehrheitlich eher links stehen, ein furchtbar schlechtes Gewissen. Der Kolonialismus gilt als ein besonders abscheuliches Kapitel der Geschichte des Westens. Die Rückgabe afrikanischer oder asiatischer Kulturgüter erscheint als eine Wiedergutmachung für das Unrecht, wie überhaupt auffällt, wie stark die Diskussion von Begriffen wie Schuld und Sühne geprägt ist…Schreiben Sie es meiner Borniertheit zu, aber ich persönlich habe gewisse Zweifel, ob noch viel übrig wäre, was man bestaunen könnte, wenn es nicht in europäischen Museen verwahrt würde.” Yasmin M’Barek: „Im Klartext: Wären die überhaupt nicht zivilisierten Afrikaner überhaupt in der Lage gewesen, ihre Kultur aufzubewahren?“
  41. In Israel/Palästina gibt es diese Kluft zwischen Besatzern und Besetzten
  42. Dass Ecuador Julian Assange, den australischen Gründer von Wikileaks fallen gelassen hat (nach 6 Jahren), unter einer linken Regierung, ist wieder eine andere Sache
  43. Dass die Front National in Frankreich bei einer Wahl 34% bekommt, wie Marine Le Pen, bei der Präsidentenwahl 2017, wäre ein paar jahre zuvor noch undenkbar gewesen, oder dass die “Nachfolgepartei” Rassemblement national bei der EP-Wahl 19 Stärkster wird. Man muss solche Phänomene aber wohl im Zusammenhang mit anderen, wie dem islamistischen Terroranschlag in Paris 2015 (mit 130 Toten), sehen
  44. Brasilien hat in Süd- wie Lateinamerika eine Sonderstellung, aufgrund seiner Grösse und seines portugiesischen Charakters. Die Sprache trennt, wobei eine “grundlegende” Verständnis der jeweils anderen Sprache ohne sie wirklich gelernt zu haben möglich ist. Und zur Verständigung zwischen Spanisch- und Portugiesisch-Sprachigen gibt es Portunhol/ Portuñol, ein nicht “geregelter”, simplifizierter Mix aus Português und Español, eine Art Pidgin, das im Grenzgebiet gesprochen wird, das mehr oder weniger immer wieder aufs Neue spontan entsteht
  45. Die Abtretung Floridas erfolgte noch durch Spanien
  46. Die rechten Militärdiktaturen Südamerikas der 1960er bis 1980er arbeiteten zB in der Operation “Condor” zusammen, bei der man geflüchtete Oppositionelle einander auslieferte
  47. Zu den Absolventen gehört Manuel Noriega, der dann, je nach Sichtweise, in Ungnade fiel oder sich abwandte
  48. “¡Pobre México! ¡Tan lejos de Dios y tan cerca de los Estados Unidos!”; er dürfte das zu einem spanischen Journalisten gesagt haben
  49. So wie jene, die für eine Krieg gegen Syrien oder Iran trommeln, diese Länder/Völker in der Regel zutiefst verachten
  50. Vor seinem Besuch im Weissen Haus ’19 hat Kurz Donald Trump für “eine teils sehr aktive und auch sehr erfolgreiche Aussenpolitik“ gelobt: „Trumps Engagement für eine friedliche Lösung auf der koreanischen Halbinsel oder auch seine klare Unterstützung für Israel sehe ich sehr positiv“
  51. www.freitag.de/autoren/lutz-herden/erneut-verkalkuliert . Ein anderer link dazu: www.hintergrund.de/hintergrund/manipulation-mit-staatsvertrag/
  52. Das “mexikanische 1968”, Proteste gegen die Regierung während Olympia, wird zB normalerweise nicht zur 68er-Bewegung gerechnet, eher etwas, womit die westlichen 68er Solidarität übten oder auch nicht. Es ist ähnlich wie mit den Vorgängen in der CSSR in diesem Jahr
  53. Aber als Gegenpol/Korrektiv zum Westen schon wichtig
  54. Wenn man zur “richtigen Rasse” gehörte, wie sie, wahrscheinlich schon
  55. Besteht das Wesen des Westens (heute) aus den Ideen/Idealen des freiheitlichen Beginns der Französischen Revolution? Auch wenn: die vielen damals (von Frankreich oder anderen europäischen Mächten) unterworfenen Nicht-Weissen waren für diese Revolutionäre nicht ebenbürtig, nicht Menschen für die diese Ideale (der Gleichheit usw.) galten. Und es ist fraglich, ob sich diese Haltung/Sicht (des Westens auf das Andere) bis heute grundlegend geändert hat…
  56. Z. B. in “Foreign Policy” ’04, “The Hispanic Challenge”
  57. Eine Anerkennung wie Kroatien oder Rumänien von Nazi-Deutschland, indem sie sich diesem andienten?
  58. Hervorhebungen von mir
  59. hemeroteca.abc.es/nav/Navigate.exe/hemeroteca/madrid/abc/1962/01/19/003.htm
  60. Das Erbe des Franquismus ist teilweise über die Alianza Popular in die Partido Popular eingegangen, nicht zuletzt durch José M. Aznar (heute aktiv u.a. in MEMRI, News Corporation, FAES, Friends of Israel Initiative)
  61. Sorry, dass ich am Ende lauter Leute bringe, die nur in Österreich irgendwie relevant sind, aber es geht ja darum, etwas aufzuzeigen
  62. xxxx://derstandard.at/1649007/Lieber-40-und-Marxistin-als-20-und-Konformistin . Beide gehören zur “anti”deutschen Szene in Wien, versuchen sich als unabhängig und sachkundig zu präsentieren. Sivich lieferte in dem “Interview” die plumpen Vorlagen, wie “Also weg von der reflexhaften Verteufelung der USA und ihrer Politik?”, den Bush-Krieg im Irak versuchte sie heraus zu putzen mit dem Hinweis auf die “Vertreibung” der irakischen Juden, Giftgasangriffe auf kurdische Iraker und Morden an Kommunisten im Irak… Wann die Not der Kommunisten oder der Kurden im Irak losging, dazu reichen die Kenntnisse nicht, besonders für Erstere hat sich die USA ja immer hilfreich eingemischt. Götz wird inzwischen als “Rechtsextremismus–Expertin” deklariert, war kürzlich dazu im ORF, als Gegenpol zu Andreas Mölzer präsentiert/aufgetreten…Mit ihm hätte sie doch darüber reden können, was er an Trump toll findet, über Trump und Rechtsextremismus, über Straches Kontakte zur Tea Party, und über “Anti-Amerikanismus”
  63. Mit einem Yahoo-Email-Konto stolpert man hin und wieder zwangsläufig auch über Tobias-Huch-Aufsätze. Der Deutsche hat sich das Krisengebiet “Orient” (Westasien und Nordafrika) als Betätigungsfeld und Projektionsfläche seines Chauvinismus ausgesucht, nicht zB Lateinamerika, das, bevor es losging mit jenen Entwicklungen, um die es in diesem Artikel geht, inzwischen schon zu selbstbewusst und gefestigt war
  64. Dieser jammerte in anderen Kommentaren über Frauen, die Verwendung der englischen Sprache, die “linken volksfeinde”
  65. Die “Indian Reserve”, aus der die “zivilisierten Indianer” vertrieben wurden, bekam Grossbritannien 1763 nach dem Kolonialkrieg gegen Frankreich zugesprochen
  66. Stünkel unterhält die Website www.postwesternworld.com

Grönland und der dänische Kolonialismus

Hier geht es um um Grönland (Grønland, Kalaallit Nunaat), daneben auch um die anderen, ehemaligen dänischen Kolonien, ein eher unbekanntes Thema. Grönland…Arktis, Eskimos, Wikinger, Kolonialismus, Klimawandel, Atomwaffen, Handball,… Die nordamerikanische Arktis (> Alaska, Nord-Canada, Grönland) wurde ja einst von Asien aus (seeehr lange bevor dieser Teil Asiens russisch wurde) bevölkert, in mehreren Wellen. Auf Grönland hauptsächlich die Küsten, da der grösste Teil der Insel mit Eis bedeckt ist. Die nordgermanischen Wikinger entdeckten Grönland von Skandinavien aus, nannten die Insel so, aber erst Jahrhunderte später wurde sie von dort aus in Besitz genommen, wurde schliesslich dänisch. Die Gebiete, die vom dänischen Überseereich noch übrig sind, Grönland und die Färöer-Inseln, haben längst Autonomie innerhalb Dänemarks. Das eigentliche Dänemark und die beiden Aussengebiete zusammen werden als Rigsenheden (Reichseinheit) oder Rigsfællesskabet bezeichnet. Bei Grönland ist mittlerweile auch die Unabhängigkeit ein grosses Thema!

Grönland ist mit über 2 Millionen km² viel grösser als das eigentliche Dänemark (Kern-Dänemark), 51 mal so gross1, Grönland macht fast 98% der Fläche von Gesamt-Dänemark (der Rigsenheden) aus (die Färöer 0,06%); bei der Bevölkerung ist es umgekehrt, da leben 98% in Kern-Dänemark. Grönland ist die grösste Insel der Welt, die nicht als Kontinent gilt, vor Neuguinea. Australien gilt als Kontinent, wie Eurasien, Amerika, Afrika, Antarktis – sind schliesslich auch nur grosse Inseln2. Grönland macht etwa ein Drittel der Fläche Australiens aus. Grösste Insel, die ein unabhängiger Staat ist, ist übrigens Madagaskar. Gesamt-Dänemark, also Dänemark mit Grönland und Färöer, ist das 12tgrösste Land der Welt, ein Rang den Grönland auch alleine einnehmen würde.

Nach dem Ende der letzten Eiszeit, vor circa 15 000 Jahren, gab es eine Landverbindung zwischen dem Nordosten von Asien/Sibirien und dem Nordwesten von Amerika (dem späteren Alaska). Über diese kamen, in mehreren Wellen, jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” oder auch “Eskimos” genannt wurden. Auch Tiere kamen. Sie wanderten weiter innerhalb des amerikanischen Raums, hauptsächlich an der südlichen Küste Alaskas entlang, Manche blieben im hohen Norden Amerikas bzw breiteten sich dort aus, im späteren Alaska, ins spätere Nunavut, und bis nach Grönland.3 Einwanderungs-Wellen von Paläo-Eskimos vom kontinentalen Nordamerika führten also auf (das heutige) Grönland, v.a. über Umingmak Nuna/Ellesmere Island in den Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat, von wo sie weiter wanderten.

Im Süden der Insel, um die im 18. Jh gegründete Siedlung Saqqaq, wo Einiges ausgegraben wurde, entstand eine Paläo-Eskimo-Kultur, ungefähr ab 2500 vC. Ein Überleben mit Treibholz, Steinen, Walrosselfenbein, Pelzen, Leder, Schamanismus. Neue aus Nord-Asien stammende Einwanderer brachten ab etwa 500 vC eine neue Kultur hervor, heute “Dorset-Kultur” genannt, nach dem Fundort in Nunavut, Canada. Die Menschen dieser Kultur brachten fortgeschrittenere Werkzeuge zu Stande, für die Jagd,… Die im Norden Amerikas (Grönland gehört auch zu Amerika…) gebliebenen oder dort gewanderten nord-asiatischen/sibirischen Völker bilde(te)n also ineinander übergehende bzw zusammen hängende Kulturen, im Arktis-Raum. Dieser schliesst auch das nordöstliche Sibirien, den Ursprungsraum der frühen Völker des amerikanischen Nordens, mit ein, hauptsächlich das heutige Tschukotka, mit ethnisch und kulturell verwandten Völkern.4

Schnitt, nach Skandinavien. Im Süden der Skandinavischen Halbinsel breiteten sich im der späten Antike und frühen Mittelalter die Nordgermanen aus, wanderten von dort nach Jütland und die östlich davon liegenden Inseln (das spätere Dänemark) sowie nach Mitteleuropa. Im dem später Skandinavien genannten Nordeuropa bildeten sie im Früh-/Hoch-Mittelalter regionale Reiche5, brachen zu Eroberungszügen (und Handelsmissionen) auf, nach Gross-Britannien, Russland, Island, Irland, Frankreich, Baltikum, Grönland, Amerika,… Zumindest die ersten drei genannten Gebiete (mit ihren späteren und deutschen Namen) haben durch die Wikinger eine entscheidende Prägung erhalten.6 Die “Wikinger-Zeit” ging etwa vom 8. zum 11. Jh, und Wikinger waren nur ein Teil der nordgermanischen Bevölkerung, Jene die Seefahrer und Krieger geworden waren. Es gab kein vereintes Wikinger-Grossreich, sondern Kleinkönigreiche und Raub-/Eroberungszüge. Im 10. Jh vereinte ein Gorm Kleinreiche auf Jütland und den “anschliessenden” Ostsee-Inseln zu einem dänischen Reich, im westlichen Teil der skandinavischen Halbinsel begründete Harald Harfagr in dieser Zeit Norwegen, im östlichen Teil vereinte Erik Segersäll die schwedischen Teilreiche.

Das Ende der “Wikingerzeit” wird allgemein mit 1066 angesetzt: England, das Land der Angeln (die die davor dominierenden Kelten, die auch irgendwann eingewandert waren, “überlagerten” oder “an den Rand schoben”), wurde in dieser Wikinger-Zeit von den Genannten (Dänen und Norweger) immer wieder “heimgesucht”. Mit dem Sieg von Stamford Bridge bei York 1066 über die Norweger wehrten die Engländer die Skandinavier endgültig ab. Wobei: Wenige Wochen später fielen ja die Normannen in England ein und die stammten ja auch aus Skandinavien. “Normannen” bezeichnet sowohl allgemein die Nordgermanen als auch die in Nord-Frankreich “sesshaft gewordenen” und von dort aus aktiven Wikinger/Nordgermanen. In Bezug auf England sind immer die französisierten Normannen gemeint. Nachdem vermutlich aus Norwegen (bezeichnet für die damalige Zeit eine Region, keinen Staat) stammende Wikinger unter Rollo im frühen 10. Jh im Westfrankenreich einfielen, bekamen sie von dessen Herrscher, Karl dem Einfältigen, die Normandie als Lehen zugesprochen, wurden so in das Westfrankenreich eingebunden. Nach der Schlacht bei Hastings dominierten diese französisierten Normannen gut 500 Jahre England.

Um das Jahr 1000 herum segelten nordgermanischen Wikinger, von Norwegen aus, in den Nord-Atlantik, nach Island und Amerika. Unter Erik “dem Roten” (Eirik Raude), Sohn des Thorvald, erreichten sie, von Island kommend, um 980 die Insel, die sie “Grønland” nannten (grünes Land/Grünland).7 Eirik soll auch in die Levante gesegelt sein. Sein Sohn Leif Eirikson soll dann weiter an (zu) den Küsten und vorgelagerten Inseln Nordamerikas gefahren sein, am späteren Newfoundland (auch eine Insel) gelandet sein, die Region “Vinland” genannt haben. Die Wikinger stiessen über Grönland nach (bzw in) Amerika vor, die Eskimos gingen den umgekehrten Weg. Island, Grönland, Vinland: nur der letztere Name hat sich nicht gehalten für das betreffende Gebiet. Weil die Verbindung (sofern sie überhaupt bestand) dorthin abgerissen ist, in Vergessenheit geriet.8 Island wurde nach der Entdeckung durch die Nordgermanen aus Norwegen von diesen besiedelt, die Verbindung nach Grönland (das von den anderen Siedlern “Kalaallit Nunaat” genannt wurde/wird) riss dann zwar für einige Jahrhunderte ab, wurde aber später erneuert.

E(i)rik und seine Männer gründeten wahrscheinlich ab 986 Siedlungen auf Grönland, an der Südwestspitze (in geschützten Fjorden), bis heute so etwas wie der Siedlungsschwerpunkt. Die meisten Siedler kamen aus Norwegen, manche davon hatten sich zwischenzeitlich auf Island nieder gelassen (das am Weg lag), wenige aus Schweden oder Dänemark. Man brachte verschiedene Nutz-Tiere auf die Insel, hauptsächlich Schafe, jagte dort verbreitete, wie Robben verschiedener Arten. Diese aus Norwegen Stammenden waren, wenn man so will, die ersten Europäer, die Amerika erforschten und besiedelten. Diese “Grænlendingar” (Grönländer) hielten die Verbindung zu Norwegen aufrecht bzw Norwegen zu ihnen, schliesslich war in der Mitte (zwischen diesen Ländern) liegende Island auch eine norwegische “Kolonie”.9 1261 akzeptierten die Siedler auf Grönland die Oberherrschaft des norwegischen Königs über die Insel. Und die norwegischen Grænlendingar trafen auf die Proto-Eskimos (auch Tuniit genannt) der späten “Dorset-Kultur”, die im nördlichen und auch im westlichen Teil der Insel lebten. Die Wikinger nannten die Tuniit in Grönland “Skraelingar”, Schwächlinge”. In dieser ersten Phase des Kontaktes (etwa 10.-15. Jh) soll es viel mehr feindliche Begegnungen dieser Völker gegeben haben als dann in der zweiten, ab dem 18. Jh.

Im 14. Jh kamen neue Einwanderer, die Proto-Inuit der Thule-Kultur, zunächst in den Norden Grönlands, der dem restlichen Amerika am nächsten liegt, wanderten dann in den Süden.10 Die so genannte Thule-Kultur entwickelte sich rund um die (später so genannte) Bering-Strasse, ab etwa 200 vC, nach bzw durch Wanderungen in diesem Raum. Und verbreitete sich durch neue Wanderungen, im Arktis-Raum, wobei es zu “Überlagerungen” älterer (Proto-)Eskimo-Kulturen kam. Es bildeten sich, bis in die frühe Neuzeit, die Inuit, Aleut, Yupik,… aus. Diese Proto-Inuit/Thule waren gezwungenermaßen gute Jäger. Der retrospektiv gegebene Name “Thule” stammt aus der griechischen Mythologie, wurde von Vielen später aufgegriffen. Er steht für eine im äussersten Norden der Welt gelegene Insel, auch Island wurde damit in Verbindung gebracht. Nordische Rassentheorien etablierten sich darauf. Der Däne Knud Rasmussen griff den Namen “Thule” am Anfang des 20. Jahrhunderts auf, als er im bis dahin unkolonialisierten Nord-Grönland eine Missions- und Handelsstation gründete. Dort entstand später ein US-amerikanischer Militärstützpunkt.

1380 ging das Königreich Norwegen eine Personalunion mit Dänemark ein, 1397 entstand die Kalmarer Union, ein skandinavisches Grossreich aus Schweden, Dänemark, Norwegen. Dänemark hatte im 13. Jh neu expandiert, im Ostseeraum, etwa einen Teil des späteren Estlands erobert; im 14. Jh verlor Dänemark diese Gebiete wieder, an den Deutschen Orden oder die Hanse. Obwohl streng genommen der norwegische König 1380 den dänischen Thron erbte (ihn zu seinem dazu bekam), dominierte die dänische Reichshälfte bald die Union mit Norwegen, spielte in der Kalmarer Union eine führende Rolle. Norwegens Aussenbesitzungen waren Island, Färöer, Shetland und Grönland, Schweden brachte Finnland als “Beute” in die Union ein. Die norwegischen Siedlungen im Südwesten von Grönland/Kalaallit Nunaat bestanden kontinuierlich vom 10. bis zum 15. Jh, wurden dann aufgegeben. Man weiss nicht genau warum, wahrscheinlich wegen Konflikten mit den Inuits und kälterem Klima. Mitte des 15. Jh kam das Haus Oldenburg in Dänemark auf den Thron, das über einen Zweig bis heute in Dänemark herrscht, seit Langem aber nur mehr repräsentativ.11

1523 fiel die Kalmarer Union durch das Ausscheiden Schwedens (unter den Wasa wieder unabhängig) auseinander, damit war Norwegen vollends ein Mündel von Dänemark. Von den Gebieten, die Norwegen/Norge/Noreg mit eingebracht hatte, war Grönland aufgegeben worden, die Shetland-Inseln kamen in der frühen Neuzeit unter schottische Herrschaft, blieben Island und die Färöer-Inseln. Die lutherische/evangelische Reformation wurde 1536 von König Christian III. in Dänemark-Norwegen eingeführt. In der frühen Neuzeit wurden für Dänemark/Danmark dann Auseinandersetzungen mit Schweden bestimmend. Bis ins 17. Jh erstreckte sich Dänemark ins spätere Süd-Schweden hinein, die der Insel Seeland ggü liegenden betreffenden Gebiete wurden später als Skåneland zusammen gefasst.12 Der Øresund wurde die Grenze zwischen Schweden und Dänemark. Ausserdem kämpften beide Königreiche um die Oberherrschaft in Skandinavien sowie im baltischen Raum. Der dänische König Fredrik III. begründete um 1660 den Absolutismus in Dänemark-Norwegen, was die dänische Dominanz über Norwegen weiter stärkte. Und in dieser Zeit wurde Grönland, die ehemalige norwegische “Kolonie”, für Dänemark ein Thema13. Die Insel, die nach dem Abzug der Norweger die Inuit für sich hatten. Aber nicht nur für Dänemark – neben dänisch-norwegischen Schiffen segelten auch niederländische, deutsche, englische, französische zur Insel, Walfänger-Schiffe die an die Ost-Küsten kamen um Trinkwasser-Vorräte aufzufüllen, auch um mit den Inuit/Eskimos Handel zu treiben.14

Dänemark erhob, als “Herrscher über Norwegen”, Ansprüche auf Grönland/ Kalaallit Nunaat. Nahm in den 1660ern den Eisbären, als Symbol Grönlands, in sein Wappen auf, das ihn bis heute beinhaltet. Die alten norwegischen Aufzeichnungen über die Grönland-Expeditionen und -Siedlungen wurden in dieser Zeit von Trondheim nach København/ Kopenhagen gebracht; sie verbrannten wahrscheinlich beim dortigen Stadtbrand 1728. Der evangelische Pfarrer Hans Poulsen Egede, eigentlich ein Norweger, aber dieses Land war damals eben abhängig von Dänemark15, wird als derjenige angesehen, der die skandinavischen “Kontakte” zu Grönland wiederherstellte. Von 1711 an bemühte er sich um Unterstützung von König Fredrik IV. für eine Forschungsreise dorthin; Egede glaubte, wie viele Andere, daran, dass sich möglicherweise Nachfahren der frühen norwegischen Siedler auf der Insel gehalten hatten. Ihm ging es darum, diesen die Reformation zu vermitteln, schliesslich hätten sie diese durch ihre Abwesenheit aus Europa verpasst, wären noch katholisch. Fredrik gewährte die Unterstützung, schliesslich hatte er auch ein Interesse an einer dänischen Herrschaft über Kalaallit Nunaat/ Grönland. 1721 stach ein dänisch-norwegisches Schiff mit Hans Egede zu der nordamerikanischen Insel, mit missionarischen und merkantilen Aufträgen, landete am 3. Juli des Jahres an der Westküste. Man fand keine Wikinger mehr vor, dafür Inuit.

Seit damals besteht eine dänische Präsenz auf der Insel. Zunächst eher in Form von Handelsstationen als permanenten Siedlungen, im Südwesten Grönlands wieder. Egede missionierte unter den Inuit, leitete ihre Abkehr vom Schamanismus ein. Egede lernte ihre Sprache, Kalaallisut, übersetzte Teile der Bibel in sie. Es heisst, er übersetzte sehr frei, “gezwungenermaßen”, um den Texten den Inuits gegenüber einen Sinn zu gebe.16 Auch deutsche (evangelische) Missionare kamen ab dem 18. Jh mit den Dänen auf Grönland17, gingen zT auch Partnerschaften mit Inuits ein. Zusammen mit Major Claus Paarss18 gründete Egede 1728 im Fjord Ameralik im Südwesten die Missionsstation “Godt-Haab” (“Gute Hoffnung”), aus der die Stadt Godthåb wurde, die Hauptstadt der Insel wurde, heute Nuuk heisst. Der Pfarrer Egede verliess Grönland nach 15 Jahren, liess seinen Sohn Paul in der Mission zurück, und kümmerte sich in Dänemark weiter um die “grönländische Sache”. Zwei Inuit-Kinder wurden 1730 nach Kopenhagen zur Krönung von Christian VI. geschickt, kehrten 1733 zurück, mit Pocken infiziert. Die folgende Epidemie tötete einen grossen Teil der Inuit im Südwesten, auch einige Dänen, darunter Egedes Frau.

Dänische Walfänger begannen, dauerhafte Stützpunkte anzulegen. Dänemark, bzw das Königreich Dänemark-Norwegen, erliess 1776 ein Handelsmonopol für Rohstoffe und Produkte von der grönländischen Süd- und Westküste für seine Handelsgesellschaft Den Kongelige Grønlandske Handel (KGH), verbot “ausländischen” Fischern und Jägern den Zugang – was sich vor allem gegen die im 18. Jh dort aktiven Niederländer richtete bzw diese traf. Der KGH übernahm auch die Verwaltung und weitere Missionstätigkeit. Von der dänischen “Wiederentdeckung” Grönlands war es kein grosser Schritt zur wirtschaftlichen Nutzung der Insel, ihrer Quasi-Inbesitznahme. Die Norwegen “zuliegende” Ostküste wurde von Schiffen aus dem norwegischen Teil des Königreichs angefahren, beim Robben- und Walfang. Weiter nördlich auf der Westküste, auf der Insel Qeqertarsuaq/Disko (in der Baffin Bay) entstand die Station/Siedlung Godhavn (inzwischen wie die Insel Qeqertarsuaq genannt).

Island und die Färöer-Inseln, die Dänemark durch die Vereinigung mit Norwegen übernommen hatte, sowie das eigentliche Norwegen wurden von Dänemark nicht als Kolonien gesehen, wurden von keiner der beiden für aussereuropäische Gebiete zuständigen Kolonial-Kompanien verwaltet, auch Grönland nicht, das eigentlich ausserhalb Europas liegt (Island möglicherweise auch) und im 18. Jh dänisch neu kolonialisiert wurde, nach einem früheren norwegischen Ansatz. In der Neuzeit, als es mit dem dänischen Kolonialismus los ging, waren längst nicht mehr dänisch: England, Teile des späteren Estlands (das nördliche Livland), Kurland (später Teil von Lettland), Skaneland. Die genannten im 18. Jh dänischen Gebiete wurden als Teile Dänemarks gesehen (unter direkter Königsherrschaft stehend), nicht als Kolonien; es gab dafür die Bezeichnung Helstaten (Gesamtstaat). Die Bewohner dieser dänisch kontrollierten Gebiete in Europa oder der Nähe Europas wurden im Gegensatz zu jenen der Kolonien als dänische Untertanen (so etwas wie Bürger gab es damals noch nicht) gesehen. Es gab damals also Dänen, Norweger, Sami (Lappen), Isländer, Färinger, Deutsche, Nordfriesen und Inuit (Grönländer) in Dänemark. In allen diesen Gebieten war Fischfang wirtschaftlich wichtig.

Weniger bekannt ist, dass Dänemark (bzw seine Schiffe) auch in ausser-europäischen (bzw nicht-nördlichen) Gewässern unterwegs war, sich dort Gebiete aneignete, eine der europäischen Kolonialmächte war. Dänemark hatte Kolonien in Europa, Amerika, Afrika, Asien. Dies begann im 17. Jh, nach den Verlusten der Gebiete auf der skandinavischen Halbinsel…19 Die Aneignung südlicher ausser-europäischer Gebiete begann vor jener Grönlands, wird aber hier danach behandelt. Im 17. Jh entstanden die Ostindien-Kompanie (zuständig für Asien) und die Westindien-Kompanie (zuständig für Amerika und Afrika). Wobei es sich bei diesen Besitzungen eigentlich nur bei Dänisch-Westindien (1666-1917) wirklich um eine Kolonie im eigentlichen Verständnis handelte (auch mit Niederlassung von Dänen dort), die anderen waren eher Handels-Stützpunkte.

Die dänische Ostindien-Kompanie (Ostindisk Kompagni) war eine Handelsgesellschaft, die das dänische Ex- und Importmonopol für Indien und China besaß. Die erste Ostindien-Kompanie bestand von 1616 bis 1650; nach einer 20-jährigen Unterbrechung existierte die zweite Ostindien-Kompanie von 1670 bis 1729; 1732–1843 bestand eine Nachfolgegesellschaft, die Dänische Asien-Kompanie (Det Kongelige Octroyerede Danske Asiatiske Kompagni bzw Asiatisk Kompagni). Die Ostindien-Kompanie bzw Asien-Kompanie errichtete in Indien einige Stützpunkte: Tharangambadi, unter dem Namen Trankebar (Tranquebar), auch “Dänisch Indien”, an der Südost-Küste Indiens, im Tamilen-Gebiet, bestand 1620 bis 1845, dient hauptsächlich dem Gewürzhandel20. 1620 erwarb die Dänische Ostindien-Kompanie den Ort vom Raja von Thanjavur und gründete das Fort Dansborg. Die andere 2 Stützpunkte in Indien wurden grossteils von dort administriert. Diese waren zum Einen einer in Serampore im westlichen Bengalen (1755-1845); in der Nähe davon gab es das französische Chadarnagar, das niederländische Chinsurah, das portugiesische Bandel, und dort in Bengalen stiegen die Briten im 18. Jh auch in Indien ein. Zum Anderen die Nicobaren-Inseln (Nikobaren), vor der Bucht von Bengalen, auch “Neu-Dänemark” genannt, wie die in der Nähe liegende Andamanen von Austronesiern besiedelt, 1756-1848/68. Im 19. Jh kassierte Grossbritannien alle diese Gebiete, zT durch Kauf.

Fort Dansborg in Tranquebar

Die dänische Westindien-Kompanie (Vestindisk kompagni) wurde 1671 gegründet, später in “Westindien-Guinea-Kompanie” (Vestindisk-Guineisk kompagni) umbenannt, 1754 in Rentekammeret Vestindisk-guineisk renteskriverkontor, 1760 in Vestindisk-guineiske rente- og generaltoldkammer. Sie war die Kompanie für den Handel mit den dänischen Kolonien an der sogenannten Goldküste (heute Ghana) und in der Karibik (Dänisch-Westindien, heute die Amerikanischen Jungferninseln). Zu den Jungfern/Virgin-Inseln, dem ehemaligen Dänisch Westindien, etwas mehr, da sie nach Grönland die zweitwichtigste Kolonie waren.21 In die de jure spanische Karibik drangen im 17. Jh andere europäische Mächte ein. Die betreffenden drei Inseln (Tortola,…) waren von den Spaniern Las Virgenes benannt worden, liegen am Übergang von den Grossen zu den Kleinen Antillen, am Rand der Karibik, dem Atlantik zu. Sie wurden auch zunächst nicht berührt, im Gegensatz zum benachbarten Puerto Rico (dessen Nebeninseln auch als Teil der Virgenes gesehen werden). Dänen kamen im 17. Jh zunächst an Board niederländischer oder englischer Schiffe in die Karibik, dann auf eigenen. Was dort noch von keiner anderen europäischen Macht beansprucht worden war, nahm man sich. Das war zunächst die Virginen/Jungfern-Insel Sankt Thomas (wahrscheinlich von den Niederländern so genannt), 1666; dann, nach einer vorüber gehenden Aufgabe, 1672 wirklich.

Zu diesem Zeitpunkt lebten wahrscheinlich noch “Indianer” (Caraib) in dem Archipel. 1683 nahm Dänemark-Norwegen auch die Nachbarinsel Sankt Jan in Beschlag. In dieser frühen dänischen Kolonialzeit in der Karibik (und in Afrika) mischte auch Brandenburg-Preussen etwas mit. Die kurbrandenburgische Marine bzw die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie22 pachteten einen Teil von Sankt Thomas, nahmen die zwischen St. Thomas und Puerto Rico liegende Krabbeninsel in Besitz. Dänisch-Westindien/ Dansk Vestindien umfasste also zunächst St. Thomas und St. Jan. Die anderen, östlichen Virgins/Jungferninseln schnappte sich (im 17. Jh) Grossbritannien. Die Dänen errichteten Zuckerrohr-Plantagen auf ihren Inseln, deportierten Sklaven aus Afrika dorthin (oder kauften als Sklaven entführte/deportierte Afrikaner), zur Arbeit auf diesen Plantagen. Dies wurde im gesamten Karibik-Raum von Europäern aufgezogen. Die Verarbeitung des Rohzuckers des Dänischen “Westindiens” erfolgte zT auf den Inseln selbst, zT in Dänemark. Ende des 17., Anfang des 18. Jh drängten die Dänen die Brandenburger aus der Karibik und auch Afrika (Goldküste, s.u.) heraus, wo man in einer Art Symbiose gewirkt hatte.

Die Krabben-Insel wurde vorübergehend (Ende 17. Jh) auch dänisch, dann wieder spanisch (gehört heute zu Puerto Rico). Dafür wurde 1733 die relativ weit südlich liegende Insel Saint Croix / Sankt Croix von Frankreich gekauft, komplettierte Dänisch-Westindien (zusammen mit vielen kleinen Nebeninseln der 3 Hauptinseln). 1754 wurde dieses eine staatliche/königliche Kolonie, ging die Kolonie von der dänischen Handelskompanie an die dänische Krone über (s. o.). St. Thomas war so etwas wie die Hauptinsel, sein Hafen Charlotte Amalie / Amalienborg23 war Umschlagplatz, dort kamen die versklavten Menschen aus Afrika an, dort wurde Rohzucker, raffinierter Zucker und Rum gehandelt. Dänemark konnte Sklaven aus seinen eigenen Goldüsten-Stützpunkten (s.u.) importieren, war diesbezüglich also gewissermaßen autark… 1974 wurde an der norwegischen Küste das Wrack der “Fredensborg” entdeckt, eines dänischen Sklavenschiffs aus dem 18. Jh. Aufschlussreich war die Auswertung der dort gefundenen Aufzeichnungen: Das Schiff machte nur eine Reise, eine lange, die transatlantische Dreiecksroute zwischen Europa, Afrika und Amerika. An der Dänischen Goldküste wurden 265 versklavte Afrikaner sowie andere Waren aufgeladen. 24 davon starben auf der Fahrt in die Karibik, die Überlebenden wurden auf einer Auktion auf St Croix verkauft.24 Das Leben eines versklavten Zuckerrohr-Arbeiters bedeutete harte, endlose Arbeit ohne Lohn, drakonische Strafen, körperliche Ausbeutung die auch sexuell sein konnte, und eine Lebenserwartung von etwa 25 Jahren.

Wie auch anderswo im Karibik-Raum gelang es Versklavten immer wieder, zu entkommen, sich irgendwo ins Landesinnere durchzuschlagen, in unzugänglichere Gebiete, wo diese “Maroons” dann Gemeinschaften bildeten. Es gab auf den dänisch-westindischen Inseln immer ein deutliches demografisches Übergewicht der versklavten “Schwarzen” gegenüber den “weissen” Herren; auf St Thomas im Jahr 1725 zB 324 Weisse und 4 490 Schwarze. Und, viele Soldaten schickte Dänemark nie auf die Inseln; zusätzlich zu ihnen gab es noch eine “weisse” Bürgermiliz. Ein grosser Teil der Plantagen-Besitzer und Händler, der Weissen also, war nicht dänisch, waren Niederländer, Franzosen oder Briten, meist von anderen Karibik-Inseln immigriert. 1733 ein Sklavenaufstand auf St. Jan; die kleine dänische Garnison wurde gestürmt, Soldaten und Sklavenhalter getötet, Gebäude und auch Felder in Brand gesetzt. Anderen Weissen gelang es, von der Insel zu flüchten. Dänische Offizielle baten die Franzosen in der Karibik (Martinique,…) um Hilfe, deren Truppen (mit schweizerischen Freiwilligen/Söldnern) schlugen den Aufstand nieder. Von November 1733 an war die Insel ungefähr ein dreiviertel Jahr in der Hand der Versklavten, die die Dänen aus ihren Stützpunkten in der Goldküste geholt hatten.

Während der napoleonischen Kriege in Europa waren die 3 Inseln Anfang des 19. Jh für einige Jahre unter Herrschaft der Briten, damals Weltmacht Nr. 1. 1803 das Ende der Einfuhr von Sklaven in der dänischen Karibikkolonie (und der Ausfuhr aus den dänischen Afrika-Kolonien). 1848 eine Aufruhr unter bzw eher Aufstand der Sklaven auf St. Croix, genauer gesagt in Frederiksted, wo 8000 versklavte Afrikaner das Fort Frederik umzingelten und ihre Freiheit verlangten.25 Der Gouverneur von Dänisch-Westindien, Peter von Scholten, mit der Möglichkeit eines grossen Sklavenaufstands konfrontiert, den er zumindest mit seinen Truppen nicht niederschlagen konnte, verfügte die Abschaffung der Sklaverei. Die Plantagenarbeiter bekamen de jure die Freiheit, wurden bezahlte Arbeitskräfte, allzu viel änderte sich aber nicht für sie. Niemand kümmerte sich um ihre Repatriation nach Afrika (an der “Goldküste” bekamen die Briten das Sagen), im Karibikraum hätten sie nur auf andere von Europäern beherrschte Inseln “gehen” können. Mit dem Ende der Sklavenarbeit war die Zucker-Pflanzerei nicht mehr profitabel und Dänemark verlor das Interesse an seiner Karibik-Kolonie.

Briefmarke Dansk Vestindien 1905

1867 sowie 1902 wurde der Verkauf der Inseln an die USA bereits ziemlich konkret ausgehandelt, kam aus verschiedenen Gründen aber nicht zu Stande. Dann brach der “Erste Weltkrieg” in Europa aus, und die USA wollten den Archipel als weiteren Marine-Stützpunkt, oder ihn zumindest als solchen Anderen vorenthalten, durch eine Inbesitznahme. 1916 wurde der Kaufvertrag unterschrieben, im Dezember dieses Jahres durch ein Referendum in Dänemark “abgesegnet”, dann auch vom dänischen Parlament. Der Preis war 25 Millionen Dollar.26 Im Jänner 1917 trat der Kaufvertrag in Kraft. Am 31. März 1917 nahm die USA Besitz vom bisherigen Dänisch-Westindien, nannten es in US Virgin Islands um. Henri Konow, Marine-Offizier, war 1916/17 letzter dänischer Gouverneur der Inseln, wurde später Minister (in Dänemark). Fast alle Dänen verliessen die Inseln. Vom “dänischen Kolonialreich” war damit nur noch Grönland verblieben.

Die westlichen Virgin Islands werden von der USA als Aussengebiet gehalten, wie Guam oder das benachbarte Puerto Rico. Waren zunächst unter Verwaltung der Marine, dann ziviler, wurden 1954 ein unincorporated territory (nicht-inkorporiertes Territorium der USA) unter “Aufsicht” des USA-Innenministeriums, mit etwas Selbstverwaltung. Die meisten Zuckerrohrfarmen machten in den 1960ern zu, Melasse für Rum muss aus Puerto Rico importiert werden. Wie sehr Vieles. Eine Erdölraffinerie wurde errichtet. Auf den U.S. Virgin Islands leben heute etwa 100 000 Menschen, hauptsächlich Schwarze, Nachfahren der Sklaven, Englisch wurde ihre Sprache, bzw eine Kreolsprache mit Englisch als Basis. Sie haben keine Entkolonialisierung erlebt, die dänische Virginen wurden an die USA verkauft, samt Bevölkerung. Diese wurde auch von der USA nicht ansatzweise als gleichwertige/gleichrangige Bürger angenommen. Terence “Positive” Nelson, Abgeordneter im Inselparlament in Charlotte Amalie: „Es ist eine Kolonie, eine moderne Kolonie, so werden wir behandelt. Sie machen Gesetze und Verordnungen dort im Kongress in Washington, die uns zum Beispiel das Fischen in unseren eigenen Gewässern unmöglich machen. Sie nehmen wenig Rücksicht auf unsere Erwerbsmöglichkeiten.“

Von den ehemaligen dänischen Kolonien sind die nunmehrigen US Virgin Islands das einzige Gebiet, das nach wie vor unter einer (Art) Kolonialherrschaft steht. Eines der USA-Aussengebiete eben, und eines der Gebiete im Kontinent Amerika, die nicht unabhängig sind.27 Das dänische Erbe auf den Virgin Islands? Viele Gebäude stammen noch aus dieser etwa 250-jährigen Kolonialzeit, Burgen, Kirchen, Zuckermühlen,… auch Friedhöfe. Strassennamen. Viele Virgin Islanders tragen die Nach-Namen Jener, die ihre Vorfahren einst als Sklaven hielten, wie anderswo. Einige dänische Wörter finden sich jenem Englisch, das auf den Inseln gesprochen wird, zum Beispiel “Velkommen”. Der Danebrog, die dänische Nationalflagge, findet sich im Wappen der Amerikanischen Jungferninseln. Einst kamen Sklavenschiffe auf die Inseln, heute Kreuzfahrtschiffe. In Frederiksted auf St. Croix wird die Vergangenheit der dänischen Kolonialphase geschichtlich aufbereitet für Besucher (die oft Dänen sind), die Sklaverei und der Widerstand dagegen. Auch dänische Touristen kommen, auch per Direktflug, verstärkt in den letzten 20 Jahren. US-Amerikaner kommen besonders seit dem Umsturz auf Cuba.

Fort Frederik St. Croix

Ebenfalls von der Westindien-Kompanie und ihren Nachfolge-Gesellschaften unterhalten wurden verschiedene Stützpunkte an der Goldküste Westafrikas, die sich weitgehend mit der Küste des heutigen Ghanas deckt. Diese Festungen und Handelsstationen wurden/werden zusammenfassend als “Dänische Goldküste” (Danske Guldkyst), auch als “Dänisch-Guinea” (Dansk Guinea) bezeichnet. Es begann dort mit der Übernahme schwedischer Stützpunkte, Mitte des 17. Jh. Diese Svenska Guldkusten bestand nicht einmal 15 Jahre. Auch Portugiesen, Niederländer, Deutsche (Brandenburg-Preussen), und natürlich Engländer/Briten sicherten sich an dieser Küste Stützpunkte, nicht zuletzt für den Sklavenhandel. Im 18. Jh wurden auch hier die dänischen Besitzungen verstaatlicht, wie bei den Jungferninseln. Fort Christiansborg (heute Osu Castle) in Accra war das wichtigste der Forts – die Drehscheibe für den dänischen Sklavenhandel. Die meisten Virgin Islander dürften Wurzeln an der Goldküste oder dem “dahinter” liegenden Landesinneren haben, in Ghana. Bei Fort Frederiksborg in Kpompo wurde auch etwas Plantagenwirtschaft versucht, bald aufgegeben. 1850 verkaufte Dänemark seine Stationen an der Goldküste an GB, nachdem Konflikte mit der Landesbevölkerung, den Akan, ausgebrochen waren. GB war nun der alleinige Herr an der Küste, die British Gold Coast wurde dann ins Hinterland ausgedehnt.

Einer der dänischen Seefahrer/Kapitäne, die die Kolonien in der Karibik und Indien anfuhren, war Vitus Bering. 1703 wurde er vom russischen Zar/Kaiser Peter I. als Seekapitän der neugebildeten russischen Marine in Kronstadt eingestellt. Aber der Reihe nach. Vom 16. bis ins 18. Jh breitete sich Russland von seinem Kerngebiet im östlichen Europa bis zum Pazifik aus, in Sibirien/ Nordasien, auf die Inseln im Nordpolarmeer/Arktischen Ozean; ausserdem auch in den Kaukasus, in Zentralasien, und auch in Europa. Tschukotka, der Nordost-Zipfel Sibiriens, wurde ab Mitte des 17. Jh von Kosaken erschlossen bzw unterworfen, die Kamtschatka-Halbinsel etwa kam später dran (18. Jh). Die russische Ausbreitung im nördlichen Asien ging über in jene auf dem amerikanischen Kontinent, und hier spielte ja Bering die entscheidende Rolle. Zar Peter “der Grosse” beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer in russischen Diensten, den Weg nach Amerika abzuklären.

Bering unternahm von Kamtschatka aus zwei Schiffs-Expeditionen (1728, 1733), die zweite28 war erfolgreich, 1741 entdeckten er und die restliche Besatzung Alaskas Küste und vorgelagerte Inseln, legten auch an. Ab den 1740ern begann das Russische Reich mit der Inbesitznahme des Gebietes, das später “Alaska” genannt wurde, im Rahmen der europäischen Aufteilung Amerikas, wobei die Ansprüche erst 1799 mit der Gründung der Russisch-Amerikanische Kompanie “offiziell” wurden. Das Gebiet wurde mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert, die nächste europäische Macht, Spanien, war viel weiter südlich. Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt, das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die einheimischen Völker in Nordwestamerika/Ost-Beringia/Alaska waren/sind v.a. die Tlingit, Yupik, Aleut/Unangan, Athabaskan (u.a. Denaina), ethnisch-sprachlich-kulturell mit jenen im westlichen Beringia (nun russisches Nordost-Sibirien) und im mittleren und westlichen Norden Amerikas (darunter Kalaallit Nunaat) eng verwandt.

In der späten Neuzeit tat sich in Dänemark Wichtiges. Während der napoleonischen Zeit blieb das Königreich bis zur zweiten Seeschlacht von Kopenhagen (1807) neutral, kooperierte danach mit Frankreich, und musste nach dessen Niederlagen im 6. Koalitionskrieg 1814 in den Kieler Friedensvertrag einwilligen. Darin wurde Helgoland Grossbritannien zugesprochen und Norwegen an Schweden. Die Kolonien und Aussengebiete (Färöer, Island, Grönland, Dänisch-Westindien, Dänische Goldküste, “Dänisch-Ostindien”) behielt bzw bekam Dänemark. Für Norwegen stellte das einen Verlust dar. Seit 1380 mit Dänemark verbunden, hatte man die Färöer und Island in die “Union” (mit dänischer Dominanz) eingebracht, und in Grönland war man auch lange vor den Dänen gewesen, diese Insel wurde auch in dänisch-norwegischer Zeit eigentlich von Norwegen aus “bewirtschaftet”. 1814 wurde Norwegen nicht nur in eine neue Union, mit Schweden, hineingezwungen, es verlor auch diese 3 Nord-Atlantik-Inseln, an Dänemark. Im nun dänischen Island entstand im 19. Jh eine Unabhängigkeits-Bewegung; die Färöer-Inseln waren dafür zu klein und isoliert, in Grönland/ Kalaallit Nunaat/ Grønland/ Greenland/ Groenland gab es die dänisch-norwegischen Siedler und die Inuit, und für keine der beiden Gruppen war Unabhängigkeit damals ein Thema (aus unterschiedlichen Gründen nicht).

Grönland 19. Jh

1848/49 bekam Dänemark, der Zeit gemäß, seine erste Verfassung, begann der Übergang von der absoluten zu einer konstitutionellen Monarchie, die Machtverschiebung vom Königspalast zum Parlament. Mitte 19. Jh verlor Dänemark ja seine Kolonien in Afrika (Goldküste) und Asien (Indien), jeweils an GB, jene in der Karibik/Westindien blieben noch (auch dort war GB der Nachbar, wenn auch nicht der Erbe dann) – dort wurde in jenen Jahren die Sklaverei abgeschafft, was der Erhaltung/Behaltung dieser Kolonie auch die Grundlage entzog. 1863 starb mit König Fredrik VII. die in Dänemark regierende Linie des Hauses Oldenburg aus, und es kam ein Vertreter seiner im 19. Jh entstandenen Seitenlinie Schleswig-Holstein-Söderburg-Glücksburg (meistens zu “Glücksburg” abgekürzt29) auf diesen Thron. Und zwar Christian, der sowohl Fredriks Onkel als auch sein Cousin war. Juniorlinien des dänischen Königshauses bekamen 1863 die Krone Griechenlands und 1905 jene Norwegens. In Dänemark gab es in der Regel patronymische Nachnamen, die sich von Generation zu Generation veränderten, der Vorname des Vaters und ein -sen (früher -søn, zeitweise auch -datter). Nachdem 1828 ein Versuch, feste Nachnamen einzuführen, gescheitert war, wurden 1856 die Patronyme eingefroren (vererbbar gemacht).30 Auch das war eine wichtige dänische Entwicklung dieser Zeit; und die Inuit in Grönland bekamen in der Regel dänische Namen.

Dänemark besteht aus der Halbinsel Jütland/Jylland und 474 Inseln31 in der Ostsee. Von der skandinavischen Halbinsel wurde Dänemark ja im 17. Jh von Schweden herausgedrängt, endgültig aber mit dem “Verlust” Norwegens im 19. Jh. Die Abgrenzung Jütlands nach Süden zu Deutschland war lange umstritten, im Kontext der deutschen Reichs-Neugründung im 19. Jh wurde diese letzte dänische Grenzfrage im 19. Jh virulent. 1864 kämpften Heere des Deutschen Bundes gegen Dänemark um Nord-Schleswig (Südjütland), waren siegreich. Preussen bekam ganz Schleswig, bildete 1866 die Provinz Schleswig-Holstein, die so bis 1920 bestand, ab 1871 im Rahmen des Deutschen Reichs. Die dänisch-deutsche Grenze verlief in dieser Zeit knapp südlich von Kolding. 1905 wurde Norwegen wieder unabhängig, wurde die Union mit Schweden aufgelöst. Norwegischer König wurde ein dänischer Prinz, Christian C. af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg, als Haakon VII. Sein Vater wurde 1906 König von Dänemark, 1905 war noch Haakons Grossvater dänischer König. Im wieder unabhängigen Norwegen wurde diskutiert, ob Grönland, Island, die Färöer nicht eigentlich zu Norwegen gehörten.

Und wie ging es im Norden Nordamerikas weiter, dem Gebiet südlich von Grönland? Grossbritannien expandierte über sein Ruperts Land in den Norden und Westen, 1783 entstand das North-Western Territory (nordwestlich von Ruperts Land), das stetig wuchs, zum russischen Alaska und zum dänischen Grönland hin. Wobei die Briten den Archipel nördlich der Hudson Bay/ Kangiqsualuk ilua bzw des nordamerikanischen Festlands (die Inseln die zwischen Grönland/ Kalaallit Nunaat und dem Festland liegen, wie Baffin- und Ellesmere Island) zu den British Arctic territories zusammenfassten; diese Aneignung begann schon im 16. Jh, mit den Entdeckungsreisen des Engländers Martin Frobisher, der Inuit-Leute von dort nach England verschleppte. Die Abgrenzung des britischen North-Western Territory im Nordwesten zu Russisch-Amerika (Alaska) wurde 1825 fest gelegt, in einem Abkommen der Regierungen von König George IV. und Aleksandr I.32 1867 wurde Russisch-Amerika an die USA verkauft, in den bestehenden Grenzen. Einige Monate später schlossen die Briten einige ihrer Nordamerika-Kolonien zum Dominion of Canada zusammen.

1870 wurden weitere britische Gebiete an dieses Canada angeschlossen, Rupert’s Land und North-Western Territory, die zusammen zu den North-West Territories wurden. British Columbia folgte 1871, 1880 die Arctic Islands (territories; an die North-West Territories angeschlossen).33 Ende des 19. Jh wurde das Yukon Territory herausgelöst aus den North-West Territories, in Zusammenhang mit Goldfunden dort, angrenzend an Alaska. Im stark besiedelten Südosten der North-West Territories, zum Gebiet zwischen den Seen und der Bucht hin, wurden verschiedene weitere Gebiete herausgelöst, heutige Provinzen; der hier relevante äusserste Norden Canadas, das Gebiet westlich (Festland) und nördlich (Inseln) der Bucht, Gebiet der Inuit, blieb die North-West Territories. Teilweise wurden die Ureinwohner von den Europäern (beginnend mit den Franzosen) in den subarktischen Norden verdrängt, später auch von Briten und Canada, “ihre” Inuit, um Ansprüche auf das Land zu unterstreichen.34 Im früheren 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika, hinzu kamen das dänische Grönland und Saint Pierre et Miquelon vor Newfoundland (Canada), der letzte Rest des einst riesigen Nouvelle-France. GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles, ein “Prozess”, der sich essentiell von den 1840ern bis zu den 1860ern abspielte.

In Grönland gab es nach dem zweiten Kolonialisierungsversuch aus Skandinavien anfangs keine autarken Siedlungen wie zuvor die der norwegischen Wikinger, sie blieben von Dänemark-Norwegen abhängig; seit 1814 ist die Insel nur mehr an Dänemark gebunden. Das koloniale Element unter den Insel-Dänen wurde dann aber doch stärker, auf Kosten des händlerischen. Siedlungen/Städte entstanden an den eisfreien Küsten Grönlands, also hauptsächlich an der Südwest-Küste. Allmählich zogen auch Inuits in die Städte. Im 19. Jh gab es noch eine Eiwanderung von Inuit ins nördliche Grönland, von den kanadischen Inseln. Der Norden Grönlands war und ist (auch von Inuits) sehr dünn besiedelt; Nordost-Grönland wurde im späten 18., frühen 19. Jh entvölkert, aufgrund der Auswirkungen der Vulkanausbrüche der Laki-Krater in Island 1783-85. Dänisches Recht galt in Grönland nur für Dänen. Der deutsche Forscher, Jurist und Künstler “Carl L. Giesecke” (Johann G. Metzler), in Wien in der selben Freimaurer-Loge wie Wolfgang A. Mozart, reiste 1806 als Mineraloge nach Grönland, verfasste später das geologisch-mineralogische Standardwerk „Mineralogiske Rejse i Grenland“. Die Dänen benannten Berge auf der Insel nach ihm.

Die Inuit erfuhren spätestens ab Beginn des 19. Jh einen grundlegenden Umbruch der Lebensbedingungen, der einen Umbruch ihrer Lebensweise zur Folge hatte. In Grönland/Kalaallit Nunaat eben so wie in Alaska (USA) und Canada (dort gab es sie v.a. in den North-West Territories), aber auch (ihre “Verwandten”) im östlichen Russland. Überall waren sie unter Formen europäischer Kolonialherrschaft gekommen, wurden in der einen oder anderen Hinsicht entwurzelt. Selbständigkeit und Unabhängigkeit wandelte sich zu weitgehender Abhängigkeit von den Kolonialherren und “ihren” Gütern, von Kleidung über Nahrungsmittel bis Waffen; und die damit verbundene Kultur musste angenommen werden. Die Inuit und die anderen Eskimo-Völker mussten sich in einem monetären Wirtschafts-System behaupten, für das sie als Jäger und Fallensteller mit geringer “Produktivität” schlechte Voraussetzungen mitbrachten. Aus der (profitablen) Fischerei-Industrie in diesen Gebieten werden die Eskimo-Völker heraus gehalten. In Grönland haben die Dänen, anders als in der Karibik, keine Sklaverei aufgezogen, da es keine bewirtschaftbare Flächen gab.

Es kam zu einem Wandel von nomadischer zu sesshafter Lebensweise. Das Inuktitut-Wort „ᐃᒡᓗ“ (Iglu) bedeutet eigentlich allgemein „Behausung“, bezeichnet nicht nur Schneehäuser, sondern auch Erdhütten, Holzhäuser, Zelte (im Sommer in manchen Gegenden des Eskimo-Siedlungsraums), die ebenfalls traditionelle Behausungen waren/sind. Schnee-Iglus waren Winterbehausungen, also für einige Monate, oder provisorische Unterkünfte, v.a. bei Jagden. Seit Mitte des 20. Jh leben kaum noch Angehörige von Eskimo-Völkern in solchen Iglus, sondern in Häusern aus Ziegeln, Beton,… oder in Holzhütten. Iglus werden noch hauptsächlich bei Jagdausflügen gebaut, oder für Touristen. Eben so tragen Inuits und andere Eskimo heutzutage oft industriell gefertigte Anoraks – auch wenn das Wort aus der Inuit-Sprache Kalaallisut kommt und ursprünglich die traditionelle Inuit-Bekleidung aus Robbenfell bezeichnete (die eben auch grossteils abgelöst wurde). Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung für Inuits, oft aber wird dieses gekühlt in Geschäften gekauft (von internationalen Fangflotten gefischt) anstatt selbst gefangen mit dem Fisch-Speer. Die traditionellen Natur-Religionen des Arktisraums sind längst weitgehend verdrängt, die Eskimo-Völker wurden christianisiert. 1922 kam der (als solcher deklarierte) Dokumentationsfilm “Nanook of the North” (dt. “Nanuk, der Eskimo”) des US-Amerikaners Robert J. Flaherty heraus, über die Inuit in Kanada (im nördlichen Quebec gedreht), als die traditionelle Lebensweise schon im Umbruch begriffen war; Vieles in dem Film war gestellt.

Inuit Alaska, 1924

Vom 18. Jh an (1728) war Grönland von den Dänen in Nord Grønland (mit Godhavn) und Syd-Grønland (mit Godthaab) geteilt. 1911 wurde die Verwaltung von der königlichen Handelsgesellschaft KGH an das Innenministerium transferiert, und je ein Landsråd für die beiden Teilgebiete eingeführt35 Diese wurden indirekt, von den lokalen Räten gewählt, die ab 1862 entstanden. Die lokalen Räte hatten eben so nur beratende Funktion wie die beiden “Landesräte”. Es hatten auch (zunächst) nur Inuit das Wahlrecht, nicht die Insel-Dänen.36 Und die Entscheidungen wurden in Kopenhagen getroffen. Die beiden Teilgebiete Süd- und Nord-Grönland wurden von Inspektoren geführt, die 1925 zu Gouverneuren “aufgewertet” wurden. Ab 1925 durften auch alle männlichen Bewohner Grönlands, also auch ansässige Dänen, für eines der Inselparlamente kandidieren. Diese wurden aber als eine Angelegenheit der Inuit/Grönländer gesehen. Und, in diesem Jahr wurde auch eine eigene Grönland-Verwaltungsbehörde in der dänischen Regierung geschaffen (hauptsächlich dem Innenministerium unterstellt).

Ein wenig etwas zur Erforschung des Arktis-Raums: Diese begann Mitte des 19. Jh, ging ins frühe 20. Jh. Baffin Island, Grönland und Spitsbergen wurden bis dahin noch häufig mit einander verwechselt (von Seefahrern), und dass die Frobisher-“Meeresstrasse” eine Bucht ist (von Baffin Island) musste auch erst verifiziert werden.37 Der Engländer William Baffin (16./17. Jh) war einer der frühen Seefahrer, die sich an die Nordwestpassage heran wagten, sie beschrieben. Baffin starb im Dienste der BEIC in Persien, wo die Portugiesen die Gegner waren. Die Briten benannten die grösste Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels nach ihm, als sie dort Herren waren. Auch Grönland wurde in der späten Neuzeit Ziel von Forschungsreisen, zumal in der Kleinen Eiszeit (in etwa frühe Neuzeit) Eisberge seine Ostküste unerreichbar gemacht hatten. Der britische Seefahrer und Offizier John Franklin scheiterte 1845-48 bei seiner letzten Forschungsreise, auf der er die Nordwestpassage auffinden/durchqueren wollte, also den Seeweg vom Atlantik bzw dem amerikanischen Kontinent zum Pazifik bzw Asien, über den arktischen Archipel und die Beringstrasse. Franklins 2 Schiffe fuhren von Europa über Grönland in die nord-amerikanische Arktis, im damals britischen Rupert’s Land starben alle Beteiligten.38

Upernavik (Westküste Grönland), um 1900

Die erste Gesamtdurchfahrt der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg, entlang der Küste Sibiriens, bis zur Beringstrasse/Tschuktschensee), gelang, mit einer Überwinterung, dem schwedischen Finnen Adolf E. Nordenskiöld 1878/79. Der Norweger Fridtjof Nansen, der sich später für die Unabhängigkeit Norwegens von Schweden einsetzte, und 5 Weitere durchquerten 1888 Grönland auf Skiern. 1906 gelang schliesslich die Durchfahrt der Nordwestpassage, einem anderen Norweger, Roald Amundsen39. Der Amerikaner Robert Peary will, als erster Mensch, den Nordpol betreten haben. Peary erforschte um die Jahrhundertwende den nördlichen Teil Grönlands; bis dahin wurde spekuliert, dass sich die Insel im Norden über den Nordpol zieht. Wenigstens das hat Peary widerlegt, und damit den Grundstein für amerikanische Ansprüche auf Grönland gelegt – die mit dem Kauf der westlichen Jungferninseln aufgegeben wurden. Peary tastete sich in mehreren Expeditionen an den Nordpol heran40, wobei es auch ungewiss ist, wie weit er vor jener 1908/09 kam. Nansen kam zB 1895 schon ziemlich weit heran.41

1908 startete Peary eine weitere Polarexpedition, nach deren Abschluss er das Erreichen des Nordpols am 6. April 1909 vermeldete. Er reiste mit seinem Team über Ellesmere Island/ Umingmak Nuna auf die nördliche Polkappe, machte den Schlussabschnitt der Reise mit dem Afro-Amerikaner Matthew Henson und den Inuit Egingwah, Seeglo, Ootah und Ooqueah42 als Helfern, die er nicht als gleichrangig sah (das geht aus überlieferten Äusserungen von ihm klar hervor).43 Kurze Zeit bevor Peary und seine Helfer aufbrachen, kehrte Frederick Cook aus der Arktis zurück. Cook, der mit Peary einst zusammen in Grönland gewesen war, behauptete, am 21. April 1908 am Nordpol gewesen zu sein (Peary brach im Juli ’08 auf). Mangels entsprechender Beweise und aufgrund seines Schwindels bezüglich seiner “Erstbesteigung” des Mount McKinley/ Denali wurde Cook jedoch nur von wenigen Fachleuten, darunter seinem Freund Roald Amundsen, anerkannt. Dann kam Peary mit seiner Behauptung des Erreichens des Nordpols, die ihm im Laufe der Zeit immer weniger Menschen glaubten.44 Aber er hatte die mächtige National Geographic Society auf seiner Seite.

Für Roald Amundsen war Pearys Arktis-Expedition ein Ansporn, er setzte sich den Südpol als Ziel; 1910-12 reiste er zur Antarktis, durchquerte sie, erreichte 1911 den Südpol (mit Hundeschlitten), im Wettlauf mit dem Briten Scott  (mit Ponys), der erst ’12 ankam, am Rückweg starb. 1926 gelang Amundsen mit dem Italiener Umberto Nobile und Anderen die Überfliegung des Nordpols. Amundsen verschwand 1928 auf der Suche nach Nobile in der Arktis, der dort abgestürzt war. 1937 flog eine Gruppe sowjetrussischer Wissenschaftler unter Leitung von Iwan Papanin zum Nordpol, betrat sein Umfeld, 1948 kam eine andere (ebenfalls hin geflogen) unter Aleksandr Kuznetsov zum Pol. Der erste Mensch, der den Pol nachweislich auf dem Weg über das Eis erreichte, war der US-Amerikaner Ralph Plaisted, 1968, mit drei Anderen, auf Schneemobilen. Ein Jahr später kam der Brite Walter Herbert mit Hundeschlitten zum Nordpol. Der Deutsche Alfred Wegener, der das Modell der Kontinentalverschiebung aufstellte, machte vier Grönland-Expeditionen mit, 1912–1913 eine Durchquerung. Man nahm Ponys bzw Island-Pferde als Lastenträger, ausserdem einen Hund, alle in Island gekauft und getestet. Vor Erreichen der Westküste (bzw dem Ort Upernavik) hatte man alle Pferde sowie den Hund geschlachtet, am Lagerfeuer gegrillt und gegessen. Der grönländisch-dänische Polarforscher Knud Rasmussen (teilweise Inuit-Herkunft) nahm sich von den 1900ern bis zu den 1930ern den unbekannten Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat vor, gründete dort eine Missions- und Handelsstation namens “Thule”.45

Tja, und auch der Untergang der „Titanic“ 1912 in nordamerikanischen Gewässern hatte einen Bezug zu Grönland. Das Schiff krachte dort gegen einen Eisberg, den die Strömung aus Grönland südwärts getrieben hatte – wodurch einige Nietstellen zwischen Stahlplatten im Schiffsrumpf aufgedrückt wurden, Lecks bildeten. Das war also kurz vor dem “1. Weltkrieg” (wie der “2.” ein Krieg der westlichen Mächte gegen einander, mit Einbeziehung “nicht-weisser” Völker und Territorien). Und während diesem verkaufte Dänemark, wir erinnern uns, seine Jungferninseln an die USA. Island wurde 1918 unabhängig in Personalunion mit DK, erklärte sich 1944 zur Republik. Blieben Färöer und Grönland an Aussengebieten. In dem Krieg 1914-18 bzw danach wurde die Grenze Dänemarks zu Deutschland neu festgelegt, seine einzige Landgrenze, damit seine heutigen Grenzen (auch wenn das Königreich als Ganzes dann im 2. WK, von 1940 bis 1945, unter deutscher Besatzung war). Auch wenn im 1. WK im dänisch-deutschen Grenzgebiet nicht gekämpft wurde, die deutschen Behörden misstrauten den dänischen Nordschleswigern, etwa 300 wurden vorsorglich interniert,… – Entsprechendes kam auch anderswo in diesem Krieg vor. Nordschleswig (dän. Nordslesvig, auch Sønderjylland/ Südjütland) kam nach diesem Krieg infolge der deutschen Niederlage ohne Kampf zurück an Dänemark, nachdem eine Volksabstimmung 1920 das demographische Übergewicht der Dänen dort bestätigt hatte; 1921 trat die Grenzänderung in Kraft.

In der Zwischenkriegszeit kam es zu einem Streit zwischen Dänemark und Norwegen um einen Teil Grönlands: Norweger hatten im späten 19. Jh, noch als schwedische “Kolonie”, begonnen, an der Ost-Küste von Grönland zu jagen (Moschusochsen, Schneehasen, Wale,…). Nachdem es 1905 seine Unabhängigkeit wieder gewann, zweifelte Norwegen (Regierungsmitglieder,…) den “Besitztitel” Dänemarks über Grönland/ Kalaallit Nunaat an, sich darauf berufend dass dieser eigentlich erst durch durch Abtrennung Norwegens von Dänemark 1814 zu Stande gekommen ist. Norwegen weigerte sich, die dänische Oberhoheit über die unbesiedelten Gebiete Grönlands anzuerkennen, sah dieses Land als Niemandsland. 1919 kam es in Oslo zu einer Unterredung zwischen dem damaligen norwegischen Außenminister Ihlen und dem dänischen Botschafter in Norwegen; darin protestierte der Däne gegen die norwegischen Fischerei- und Jagdaktivitäten in Ost-Grönland. Ihlen sagte die norwegische Anerkennung der dänischen Souveränität über ganz Grönland zu. Diese war also noch nicht gefestigt/unumstritten. 1921 erklärte Dänemark ganz Grönland und die Hoheitsgewässer darum herum zu seinem Hoheitsgebiet. Norwegen blieb bei seinen Ansprüchen auf den Osten Grönlands, der einst von ihm aus kolonialisiert worden war, der von ihm aktuell genutzt wurde; nur die von Dänemark besiedelte und genutzte Südwest-Küste anerkannte es als dänisch. Und errichtete 1922 eine Station namens “Myggbukta” (Mückenbucht).

1924 einigten sich Vertreter der beiden Staaten, unterzeichneten einen Vertrag, Norwegen wurde das Recht auf die Nutzung der unbewohnten Teile Ost-Grönlands eingeräumt, aber nicht exklusiv. Die Frage der Souveränität wurde offen gelassen. Als Dänemark aber 1930 eine Expedition in die „norwegischen“ Gebiete ankündigte, eskalierte der Streit erneut. Aus Norwegen kamen “postwendend” mehrere Forschungsexpeditionen und Fangflotten nach Ostgrönland. Man begann 1931 dort mit dem Bau von Hütten, um dort Besiedelung zur Tatsache zu machen. Es kam ein Walfänger, der das Gebiet beanspruchte, dann gleich von der norwegischen Regierung unterstützt wurde.46 Norwegen beanspruchte nun das mittlere Ost-Grönland, das eine terra nullius gewesen sei, nannte es “Eirik Raudes Land”, nach jenem Wikinger, der gut 1000 Jahre zuvor dort gelandet war, die europäische Präsenz dort begründet hatte. In das beanspruchte Gebiet wurde anscheinend kein Militär geschickt, obwohl der private Anspruch gleich “verstaatlicht” wurde. Das Territorium hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von rund 460 Kilometern, war im (vereisten) Landesinneren nicht klar definiert/abgegrenzt. 1932 kam noch ein Gebiet südlich davon dazu, dieses wurde “Fridtjof Nansen Land” genannt.

In Norwegen regierte damals die Bondepartiet (Bauernpartei), mit Vidkun Quisling als Verteidigungsminister.47 König Norwegens war Haakon VII., jener Dänemarks Christian X., sein Bruder.48 Während der “Besetzung” 1931-33 war ein Helge Ingstad als Sysselmann (Gouverneur bzw Vertreter der norwegischen Regierung) verantwortlich für Eirik Raudes Land und Fridtjof Nansen Land. 1933 einigten sich Dänemark und Norwegen, die Sache vor den Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Und dieser entschied gegen Norwegen – das das Urteil anerkannte und aus Ost-Grönland abzog.49 Norwegen gab seine Ansprüche auf (Teile von) Grönland/ Kalaallit Nunaat 1933 auf. Dänemark nannte die umstritten gewesene Region “König-Christian X-Land”.

Norwegen war in der Zwischenkriegszeit überhaupt “imperialistisch” ausgerichtet, bestrebt, sich diverse “in Frage kommende” Aussengebiete einzugliedern. Hat damals diverse unbewohnte Inseln und Gebiete im Arktis- und Antarktis-Raum angeeignet, die bis heute zu ihm gehören, wie den Svalbard-Archipel. Norwegen beanspruchte auch die Sverdrup-Inseln, zwischen Ellesmere Island und Grönland; der Norweger Otto Sverdrup hatte diese Ende des 19. Jh von Grönland aus erforscht – und auch für sein Land reklamiert. Das unabhängige Norwegen zeigte daran aber kein Interesse, bis 1928. Wobei es die Sverdrup-Inseln (bzw den Anspruch darauf) eigentlich als Faustpfand gegenüber Grossbritannien einsetzte, für die Anerkennung der Ansprüche auf die Inseln Jan Mayen (Arktis) und Bouvet (Antarktis). Die Sverdrups lagen “bei” Canada, aber erst mit dem Westminster-Statut von 1931 bekam dieses von GB weitgehende Unabhängigkeit (zusammen mit Australien, Neuseeland, Südafrika). 1930 gab Norwegen die Ansprüche auf die Sverdrup-Inseln auf, im Gegenzug anerkannte GB die norwegische Souveränität über die Mayen und Bouvet.

Dänemark und Norwegen waren im 2. WK von Nazi-Deutschland besetzt, von 1940 bis 1945, aber beide nur vergleichsweise „oberflächlich“. Grönland wurde nicht von der Wehrmacht besetzt, die Kontrolle Dänemarks über diese Insel riss somit 1940 ab. Dagegen besetzten Truppen der USA 1941 Grønland/Kalaallit Nunaat. Es ging dabei darum, einem möglichen deutschen “Heranrücken” an Nordamerika entgegen zu wirken. Der dänische Botschafter in der USA, Henrik Kauffmann, sagte sich 1940 von der bis 1943 (unter deutscher Besetzung) amtierenden dänischen Regierung los und “gestattete” der USA 1941 die Besetzung Grönlands. Kauffmann tat sich mit den Gouverneuren für Nordgrönland, Eske Brun, und für Südgrönland, Aksel Svane, zusammen. 1941 reiste Svane in die USA aus und Brun zog von Godhavn/Qeqertarsuaq nach Godthaab/Nuuk um, wurde quasi Verwalter für ganz Grönland, wobei die USA nun die entscheidende Macht war; die beiden Landesräte hatte ohnehin auch in Friedenszeiten wenig zu sagen. Noch 1941 zwangen die USA Brun und Svane ein “Verteidigungsabkommen” auf, durch das in Grönland zahlreiche amerikanische Militärstützpunkte errichtet wurden. In der Hauptsache waren das die Luftwaffenbasen “Bluie West-1” in Narsarsuaq im Süden und “Bluie West-8” in Søndre Strømfjord (Kangerlussuaq; Südwesten). Aus ihnen wurden zivile Flughäfen, die bis heute in Gebrauch sind, die wichtigsten Grönlands neben jenem von Nuuk. Auch entstand, im Nordwesten, in Thule, eine Wetterstation (“Bluie West-6”).

Norwegen stand 40-45 unter Herrschaft von “Reichskommissar” Josef Terboven, 42-45 gab es eine Regierung unter Quisling dazu (bzw darunter).50 Gustav Smedal und Adolf Hoel, zwei Aktivisten in Quislings Nasjonal Samling, waren engagiert in der Grønlandssaken, der Sache bzw dem Streit um Grönland zwischen Dänemark und Norwegen, den sie als nicht beigelegt sahen bzw wieder aufnehmen wollten. Die beiden norwegischen Nationalisten waren diesbezüglich auch im Norges Ishavskomité aktiv, Smedal der Jurist und Hoel der Geologe (Erforscher des Svalbard-Archipels), und richteten ihr Anliegen an die Nazi-Besatzer sowie das norwegische Kollaborationsregime unter Quisling, der ja im diesbezüglichen Streit 1931-33 engagiert gewesen war. Vidkun Quisling war auch für eine “Rückgabe” Grönlands an Norwegen für den Fall eines deutschen Sieges im Krieg, vor und nach der US-amerikanischen Besetzung Grönlands im April 41. Die Deutschen hatten allerdings kein Interesse daran, auf Grönland eine weitere Front zu eröffnen.

Die Führung des “nationalsozialistischen” Deutschen Reichs “begnügte” sich im Arktis–Subarktis-Raum mit Versuchen, Wetterstationen auf Grönland sowie diversen zu Norwegen gehörenden Gebieten/Inseln zu errichten, 1941-44, Aktionen die unter verschiedenen Tarnnamen liefen. „Unternehmen Haudegen“ auf Spitzbergen (Svalbard-Archipel) wurde bekannt, da die Männer in der 1944 errichteten Station das Kriegsende gewissermaßen verpassten, im September 45 von einem norwegischen Fischereischiff “evakuiert” wurden. Alle Versuche bezüglich Grönland konzentrierten sich auf die Ostküste, misslangen schliesslich, wurden von US-Streitkräften aufgebracht, zum Teil in Kämpfen, zT gelang ein(e) Rückzug/Evakuierung, auch dänische Soldaten waren an der Seite der Amerikaner dabei. Kauffmann, Brun und Svane, die dänischen “Statthalter” für Grönland unter USA-Herrschaft, erlaubten den Besatzern die Ausbeutung von Kryolith-Vorkommen aus der Mine in Ivigtut im Südwesten, ein Mineral das zum Giessen und Schleiffen verwendet wird. Viel mehr an “Reichtümern” hatte die Insel nicht zu bieten. Im Gegenzug wurde Grönland/ Kalaallit Nunaat von USA und Canada mit diversen Gütern versorgt.

Gefangennahme von Teilnehmern des “Unternehmens Edelweiß II” am 4. Oktober 1944

Grönland war zur Zeit des Krieges in Europa und im Pazifik-Raum die Kolonie eines besetzten Landes, wurde von einem anderen Land besetzt, hinzu kamen die erneuerten norwegischen Ansprüche, seine militärische Nutzung als Luft- und See- Hafen durch Briten und Kanadier. Wobei der Grossteil seiner Bevölkerung, die Inuit, mit dem Ganzen gar nichts zu tun hatten, von allen Seiten einfach ignoriert wurden, in diesem Krieg der Europäer bzw Westmächte gegen einander. Die Insel wurde während dieses Krieges strategisch wichtig, aber davon hatte die Bevölkerung eigentlich nichts (Positives). Der Krieg leitete jedenfalls das Ende der Isolation Grönlands ein, die Dänemark aus wirtschaftlich-strategischen Gründen “verhängt” hatte. Von Albert Speer heisst es, dass er am Kriegsende erwog, per Flugzeug nach Grönland zu flüchten. Er liess sich aber dann in Schleswig-Holstein von britischen Soldaten festnehmen, beim endgültigen Untergang des “Dritten Reichs” dort. Die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland wurde wieder zurückgesetzt, Nordschleswig ging zurück, die Grenze verlief wieder südlich von Apenrade/Aabenraa, nicht mehr südlich von Kolding. Dänemark versuchte nach dem Krieg sogar, Süd-Schleswig von Deutschland zu bekommen. Was ein Dreh- und Angelpunkt für Flüchtlinge/Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten geworden war.

Grönland hatte im 2. WK strategische Bedeutung gehabt (bekommen), behielt sie danach im Kalten Krieg (der ja losging kaum dass der Krieg vorbei war), da es auf der kürzesten Linie zwischen den Supermächten USA und UdSSR (SU) lag, mitten im Nordatlantik51, sich auch als “Beobachtungsposten” eignete in den Augen von Strategen. Die USA zogen 1945 wieder aus Grönland ab, die dänische Herrschaft wurde wieder hergestellt. Truppen der SU (Rote Armee) waren am Ende des 2. WK auf Bornholm. 1946 bot die USA aber Dänemark an, Grönland/Kalaallit Nunaat zu kaufen, wie einst die Virgin Islands, für 100 Millionen Dollar, was die dänische Regierung ablehnte. Damals, 1917, im Rahmen des Kaufes von Dänisch-Westindien, hatte die USA ihre “Ansprüche” auf Grönland aufgegeben. Dänemark war 1949 Mitbegründer bzw Gründungsmitglied der NATO. Und die USA behielten ihr gepolitisches Interesse an der dänischen Kolonie. Der Gouverneur von Nordgrönland, Brun, hatte im Krieg zusammen mit den US-Behörden Grönland verwaltet, behielt eine pro-amerikanische Ausrichtung. 1947 wurde er Vizepräsident der Grönland-Verwaltung, 1949 ihr (letzter) Präsident, als Nachfolger von Oldenow.

Die USA drängte in den späteren 1940ern auf Einflussnahme und einer neuen Nutzung von Militärbasen und Wetterstationen in Grönland, verpackte militärische Absichten in Forschungsaktivitäten, auf Gebieten wie Meteorologie, Geologie, Glaziologie – sowohl inhaltlich als auch vom Aufbau einer Präsenz dort. 1951 willigte die dänische Regierung ein, den USA-Militärstützpunkt in Thule/Umanaq im Norden Grönlands wieder beleben zu lassen. Nun wurde dort nicht nur die Wetterstation wiederbelebt, sondern ein Luftwaffen-Sützpunkt errichtet, 1951 bis 1953. Weichen (bzw aufgegeben werden) mussten dafür die Siedlungen Thule/Umanaq/Dundas und Pituffik. Die (Inuit-) Bewohner wurden in die Qaanaaq-Region in der Nähe umgesiedelt, wo nun eine Stadt dieses Namens errichtet wurde, inoffiziell auch “neues Thule” genannt. Den Namen “Thule” trägt seither nur mehr die Thule Air Base, Qaanaaq ist die nächst gelegene Ortschaft, Umanaq und Pituffik gibt es nicht mehr. Die Zwangsumsiedlung führte zu einem jahrzehntelangen Rechtsstreit der betroffenen Inuit mit dem dänischen Staat, bei dem der Politiker Ûssarĸak K’ujaukitsoĸ (Siumut), der aus Umanaq stammte, eine wichtige Rolle spielte. Es heisst, schwerverwundete US-Soldaten wurden aus dem Korea-Krieg zum Streben auf Thule gebracht.

Manche sagen, die eigentliche Kolonisierung Grönlands begann erst in dieser Zeit, was auch mit dem geostrategischen Interesse zu tun hatte, aber auch mit einer stärkeren Anbindung an die “Aussenwelt”, durch Flugzeuge und Eisbrecher. Jedenfalls war es mit der Isolation Grönlands spätestens nach dem Krieg, wenn nicht schon während dessen, zu Ende. Es entwickelte sich auch eine Anbindung an das eigentlich näher (als Skandinavien) liegende Nordamerika. Nach dem 2. WK begann allgemein die Entkolonialisierung nicht-europäischer Gebiete von europäischen Mächten, bis 1965 lief sie grösstenteils. Grönland war (ist) ein Sonderfall, da in Nordamerika, und unwirtlich und in US-amerikanischem militärischen Interesse,… Die UNO nahm das dänisch beherrschte Grönland bald auf ihre Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, wie zB auch Guam. 1946 sprachen sich die beiden “Landesräte” (Teilparlamente) Grönlands für graduelle Reform, keinen “radikalen Wechsel” aus. Die dänische Regierung setzte 1948 eine Kommission ein, die über die Zukunft der Insel “nachdenken” sollte. Diese gab 1950 den Abschlussbericht ab, aufgrund dessen es bald zu gravierenden Änderungen kam.

Eine dänische Verwaltungsreform für Grönland 1950/51 schuf die beiden Teil-Kolonien Süd- und Nord-Grönland ab, nun gab es nur noch einen Gouverneur und einen Landsråd, die Verwaltung wurde in Godthaab/Nuuk zentralisiert, das Hauptstadt wurde. Der Landsråd wurde nun direkt gewählt; 1948 war das Frauenwahlrecht für die beiden Räte eingeführt worden, dennoch wurden bis 1979 nur ganz wenige Frauen gewählt, wie auch ganz wenige Dänen. Grönländische Parteien entstanden erst in den 1970ern, bis dahin wurden Personen gewählt. Entschieden wurde einstweilen weiter in Kopenhagen, nun im Grønlandsdepartement, das dem Premierminister unterstand. Das Monopol der KGH für den Handel mit Grönland wurde abgeschafft. Es blieben aber die Fremdbestimmung und die ungleichen Gesetze für (bzw die ungleiche Stellung von) Dänen und Inuit. Bis zur Verfassungsreform von 1953. Mit dieser wurde auch die Thronfolge geändert, womit die älteste der drei Töchter von König Frederik IX., Margrethe, Kronprinzessin werden konnte. Die sozialdemokratische Mehrheit (Regierung Hedtoft-Hansen) im dänischen Parlament, dem Folketing52, leitete damals aber auch grundlegende Änderungen Grönland betreffend ein.

Grönland/ Grønland/ Kalaallit Nunaat wurde 1953 von einer dänischen Kolonie zu einer Übersee-Provinz “umgewandelt”, war jetzt Teil Dänemarks. Und ein Amt davon. Amter waren die Verwaltunsgeinheiten Dänemarks, seit 1662, ihre Zahl bzw ihre Zuschnitte änderten sich immer wieder. 2007 wurden sie abgeschafft bzw umgewandelt. Mit dieser “Erhebung” Grönlands wurden seine Einwohner auch dänische Staatsbürger, also jene die das noch nicht waren, und das waren die Inuit. Der Landsråd, das Parlament, blieb, wurde nicht aufgewertet mit Selbstverwaltunsgaufgaben bzw einer Regierung, war aber jetzt ein Provinzparlament. Als ein(e) Amt/Provinz durfte Grönland ab ’53 auch (zwei) Abgeordnete in das dänische Parlament entsenden. Die Färöer(-Inseln)53, das andere Aussengebiet, bekam 1948 Selbstverwaltung/Autonomie, die 2005 aufgewertet wurde.

Dänemark liess die grönländischen Inuit bis 1953 vereinfacht gesagt links liegen. Das Ende dieser Politik, die Einbindung in dänische Angelegenheiten, brachte für diese aber auch Nachteile. Bis dahin wurden sie von der dänischen Kolonialisierung ihrer Insel sehr wohl berührt, ihr traditioneller Lebensstil war schon Anfang des 20. Jh mehr Folklore bzw anthropologisches Anschauungsmaterial als Realität (wie auch in Alaska und Canada), aber sie wurden in vieler Hinsicht in Ruhe gelassen, auch von Amerikanern oder Nazis, wenn diese Wetterstationen auf der Insel errichteten. Mit dem Ende des Kolonialstatus setzte nun eine Politik der “Dänifizierung”, der aufgezwungenen kulturellen Assimilation, ein. Die dänische Sprache wurde in allen Bereichen verlangt bzw promotet; Grönland-Inuit die studieren wollten, mussten nach “Kern-Dänemark” gehen; viele Kinder wurden dort in Internate gebracht. Es war ähnlich wie in Australien mit den “Aborigines”. Diese Politik erreichte aber auch das Gegenteil ihres Zwecks, nämlich eine Rückbesinnung der Inuit/Grönländer auf ihre kulturellen Wurzeln sowie das Aufkommen des Verlangens nach Autonomie und Unabhängigkeit. Die „Unterentwicklung“ Grönlands versuchte Dänemark mit einer Industrialisierung wett zu machen, die Insel war ja jetzt ein Teil Dänemarks, wenn auch vom Rest “etwas” abgeschnitten. In diese Zeit fällt auch der Bau des Wohnhauses “Blok P” in Godthåb/Nuuk, 1965/66, im Zuge der “Modernisierungs”-Bemühungen für Grönland/Kalaallit Nunaat. Etwa 1% der Bevölkerung der Insel wohnte in seinen 320 Wohnungen. Der Blok sollte Leute von ihren “Siedlungen” an der Küste weg bringen, urbanisieren.54

Über Niels Bohr und seine „Verbindungen“ zu den Atomwaffenprojekten Nazi-Deutschlands wie der USA Einiges im Artikel über die deutsche Atombombe. Dänemark verfügt über keine Atomwaffen, ist Unterzeichner bzw Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NPT; 1968/70). Es ist unter dem “nuklearen Schirm” der NATO bzw der USA; und die USA hat im dänischen Grönland immer wieder Atomwaffen stationiert. Und, 1955/56 wurde in einem Fjord im Süden, beim Dorf Narsaq, Uran gefunden. Hier kommt wieder Bohr “ins Spiel”. Der Physik-Nobelpreisgewinner von 1922 war nach dem Krieg ein Verfechter der friedlichen Nutzung der Kernenergie, kam einige Wochen nach den ersten Funden bei Narsaq auf die Insel, hoffte dass damit die Versorgung für dänische Atomkraftwerke gegeben sei. Dänemark hat dann keine AKWs gebaut, aber das Uran in Grönland ausgebeutet – bis 1988, als das grönländische Parlament ein Moratorium bezüglich der Förderung von uran-haltigen Mineralien beschloss.

Dänemark erlaubte der USA 1951 nicht nur die Benutzung und den Ausbau von Thule, sondern auch die Errichtung weiterer Militärstützpunkte in Grönland. Nicht weit von der Thule Air Base, im Nordwesten Grönlands, entstand Camp Century, 1958/59. Dänemarks Ministerpräsident Hans C. Hedtoft-Hansen (47-50, 53-55) gestattete der USA zudem 1957, Atomwaffen auf der Thule Air Base zu stationieren. Aber davon wussten sogar in der dänischen Regierung nur Wenige. Camp Century war von 1959 bis 1967 in Betrieb, es bestand aus langen Tunneln im Eis (8 Meter unter der Oberfläche), besaß einen Kernreaktor zur Energieversorgung, ein Krankenhaus, Geschäfte, ein Kino, eine Kapelle, konnte bis zu 200 Soldaten beherbergen. Und sollte zu einem gigantischen Projekt erweitert werden, Project Iceworm, unterirdische Abschussvorrichtungen für Atomraketen in Grönland. Doch die Amerikaner realisierten, Iceworm würde nicht funktionieren. Das Eis bewegt sich ständig und macht es unmöglich, dauerhafte unterirdische Anlagen zu errichten. Ab 1964 wurde Camp Century nur noch gelegentlich genutzt, 1967 kapitulierte das Militär der USA vor Mutter Natur und zog von dort ab, man nahm immerhin die Reaktionskammer des Reaktors mit, der grösste Teil des Restes wurde zurück gelassen, darunter auch nukleare Abfälle.

Bau Camp Century

In dänischen Behörden war man neugierig, was in der “Stadt unter dem Eis” vor sich ging, erfuhr aber nichts. Man setzte daher einen Dänen, der als Soldat auf die nahe Thule-Luftwaffenbasis arbeiten durfte, darauf an. Erik Jørgen-Jensen, 1960 bis 63 dort tätig, teilte seine Beobachtungen regelmäßig an seine Kontakte im dänischen Militärgeheimdienst DDIS in Kopenhagen mit. Erst 1997 wurde dies öffentlich bekannt, v.a. in Dänemark. Ebenfalls mit Atomwaffen der USA in Grönland hatte der Absturz eines B52-Kampfflugzeugs am 21. Januar 1968 zu tun. Der Bomber hatte vier Wasserstoffbomben an Bord, flog eine “Chrome Dome”-Mission (mehr dazu unten) über der Baffin Bay (die Grönland von Canada trennt), nahe der Thule-Basis. Es gab ein Bordfeuer, der Notausstieg von 6 der 7 Crewmitgliedern gelang, mit Fallschirmen55.

US-Truppen Grönland

Der Flieger mit den Bomben stürzte in das Eismeer vor der Küste Grönlands, die 4 Bomben detonierten, wobei es zu keiner vollen Nuklearexplosion kam. Dennoch wurde ein grosses Gebiet an Eis und Meer radioaktiv verstrahlt – und auch Angehörige der amerikanischen und dänischen Bergungstrupps. Die Wasserstoffbomben wurden im Eismeer geborgen, heisst es. Doch es halten sich Meldungen, Berichte, Gerüchte, wonach eine Bombe (teilweise) nicht aufzufinden war. Dass es später noch grosse Suchaktionen nach der vermissten vierten Bombe gab, teilweise, dass diese später (1979 wird genannt) gefunden wurde. Der Unfall liess sich jedenfalls nicht vertuschen und er führte zeitweise zu Spannungen zwischen USA und Dänemark. Wobei die Haupt-Betroffenen die in der Gegend lebenden Inuit waren/sind. Teilweise bekamen sie Entschädigung. Die amerikanische Luftwaffenbasis Thule, mit seinem “aufgemotzten” Ballistic Missile Early Warning System, macht Grönland natürlich weiter verwundbar, zu einer Art Zielscheibe gegebenenfalls.

Der “Broken Arrow” – Unfall bei Thule 1968 führte zur Einstellung der “Operation Chrome Dome“, einer Nuklearkrieg-Strategie der USA (ab 1960 implementiert), die eine ständige Präsenz von nuklearwaffen-bestückten amerikanischen Kampffliegern vorsah. Die vor Grönland möglicherweise “verschwundene” H-Bombe wird als eine von elf verschollenen Nuklear-Bomben der USA gesehen. Relativ bekannt ist auch noch der Fall des U-Boots “USS Scorpion” ein paar Monate später (Mai 68), das im Atlantik sank, was 99 Seeleute/Soldaten tötete; 2 nukleare Torpedos gingen dabei verloren.56 Es war einer von 4 rätselhaften bzw nicht ganz geklärten U-Boot-Unfällen oder -Verschwinden in diesem Jahr, die anderen waren das israelische “INS Dakar”, das französische “Minerve” und das sowjetische “K-129”. Beim Absturz einer B-52 (ebenfalls auf “Chrome Dome”-Flug) ins Mittelmeer vor Palomares (Spanien) 1966 kam es wie in der Baffin Bay 68 zu einer Detonation, dort wurden die 4 Wasserstoff-Bomben (bzw ihre Überreste) aber gefunden.

1972 wurde Margrethe af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg nach dem Tod ihres Vaters neue dänische Königin (Margrethe II.), ist es seither.57 Ihre britische Kollegin Elizabeth II. ist noch 20 Jahre länger Königin, Margrethe ist dahinter der/die am zweitlängst dienende Monarch(in) Europas, und Dänemark wird als älteste Monarchie Europas gesehen. Aber seit mittlerweile 170 Jahren liegt ja die Macht bei den Regierungen, die sich auf eine parlamentarische Mehrheit stützen müssen. 1973 trat Dänemark, mit Grönland, der EWG/EG/EU bei, einem Referendum im Jahr davor folgend. Bei dieser Abstimmung gab es dänemark-weit über 63% Zustimmung für den Beitritt, in Grönland aber eine klare Mehrheit (70%) dagegen. Und gut 90% der Grönländer sind Inuit. Das Votum kam wohl aus Sorge um die Fischerei vor den Küsten der “Insel”, die den Inuit ohnehin schon grossteils “weggenommen” wurde. Und aus Unbehagen, darüber, dass im Fall eines Beitritts zur EWG/EEC nicht nur in Kopenhagen über Grönland entschieden würde, der Einfluss von Aussen noch wachsen würde.

Aber, da Grönland damals einfach eine (überseeische) Provinz Dänemarks war und keine substantielle Selbstverwaltung hatte58, wurde es als Teil Dänemarks Teil der EWG. Die Färöer hatten Selbstverwaltung und brauchten so nicht zusammen mit (dem Rest von) Dänemark in die EWG gehen. Grönland war nicht das einzige nicht-europäische Gebiet in der EWG/ EG/ EU. Diese Entwicklung brachte dem politischen Aktivismus unter den Inuit Grönlands, die für Rückbesinnung auf eigene Werte und Selbstverwaltung war, in den 1970ern Zulauf. Dieser Aktivismus wurde hauptsächlich in der sozialdemokratischen Siumut (kalaallisut “Vorwärts”) organisiert, die 1971 als Bewegung, 1977 als Partei gegründet wurde. Die Befürchtungen vor Überfischung durch Fangflotten verschiedener europäischer Länder bewahrheiteten sich auch. Die dänische Regierung unter Anker Jørgensen (Sozialdemokraten) bzw ihre parlamentarische Mehrheit willigte in ein Referendum in Grönland über Autonomie (bzw Devolution) ein, das im Jänner 1979 statt fand. Etwas über 70% der Stimmberechtigten waren dafür.59

So bekam Grönland 1979 Autonomie innerhalb Dänemarks. Eine eigene Regierung, eine Aufwertung des Parlaments (umbenannt in Grønlands Landsting bzw Kalaallit Nunaanni Inatsisartut), die Selbstverwaltung in vielen Belangen, darunter Bildung, Fischerei und die Kontrolle über die eigenen Bodenschätze. Die dänische Regierung behielt natürlich auch die Souveränitätsrechte, die Aussen- und Verteidigungspolitik. Das dem dänischen Premierminister unterstehende Grønlands-Department wurde aufgelöst. Und statt dänischen Gouverneuren gab es nun Hochkommissare (Rigsombudsmand) in Grönland. Im Zuge der Autonomie kam es auch zu einer Aufwertung der Inuit-Sprachen und einer Abwertung des Dänischen, auch dies ein Ausdruck des anti-kolonialistischen Geistes. Die Sprache der Inuit Grönlands gibt es in mehreren regionalen Varianten, sie gehört zu den Eskimo–Aleut-Sprachen, ist mit den anderen in Canada, USA und Russland verwandt, am engsten natürlichen mit den anderen Inuit-Sprachen, wie Inuktitut. Die wichtigste Inuit-Sprache (oder Dialekt…) ist das im Westen verbreitete Kalaallisut, Sprache der Kalaallit, der Inuit in West-Grönland. Daneben gibt es noch die im Osten verbreiteten Tunumiit und ihre Sprachvariante sowie die Inughuit im Norden mit ihrem Inuktun oder Avanersuarmiutut. Es kam (ab) 1979 zu einer Grönlandisierung/Inuitisierung von Ortsnamen, die Hauptstadt Godthåb wird seither nur noch mit ihrem Inuit-Namen Nuuk genannt.

1979 gewann die antikolonialistische und euroskeptische Siumut die erste Wahl zum Landsting. Ihr Spitzenmann Jonathan Motzfeldt, ein lutheranischer Priester, einer der treibenden Kräfte für die Gewinnung der Autonomie, wurde Premierminister, blieb dies nach weiteren Wahlsiegen bis 1991. Das unter dänischer Herrschaft seit dem 18. Jh in Grönland verbreitete lutheranische (evangelische) Christentum hat sich unter den Inuit klar durchgesetzt, der traditionelle Schamanismus ist nur noch rudimentär vorhanden. Grönland war lange der Diözese Kopenhagen zugehörig, wurde 1993 eine eigene Diözese, mit einem Inuit als Bischof. Eine der vordringlichen Ziele der ersten grönländischen Regierung unter Motzfeldt war der Austritt aus der E(W)G. Dazu wurde ein(e) Volksabstimmung/Referendum angesetzt, 1982, bei der 53% für einen Austritt stimmten. 1982 bis 1984 wurde zwischen Nuuk, Kopenhagen und Brüssel über die Bedingungen verhandelt, 1985 wurde der Austritt vollzogen, trat der “Grönland-Vertrag” in Kraft. Grönland trat in eine “spezielle Beziehung” mit der EG (der Dänemark natürlich “treu” blieb), wird zB weiter als Übersee-Territorium der EU gesehen. Grönländer mit ihrer dänischen Staatsbürgerschaft blieben Bürger der EG/EU.60

Die heutige grönländische Flagge wurde 1985 angenommen; andere damals in Erwägung gezogene Entwürfe/Vorschläge beinhalteten alle das skandinavische Kreuz. Was die Wirtschaft Grönlands betrifft: Die Meerestiere vor seinen Küsten waren und sind Grönlands grösster Schatz. Es kommen sogar noch Wale vor die Küsten, trotz der jahrzehntelangen Jagden. Fischerei dominiert die Wirtschaft klar, ist nun zu einem grossen Teil in den Händen der Grönländer. Die Skandinavier haben übrigens verschiedene (Land-) Tiere nach Grönland gebracht (Schafe, Rentiere, Hunde,…), die dort heimisch wurden. Auch in der Fischerei mussten sich die Inuit auf industrielle Lebens- und Arbeitsbedingungen umstellen. Ob die Selbstmorde und der Alkoholismus unter ihnen damit zu tun haben? Die dänische Handelsgesellschaft für Grönland, KGH, kam 1979 unter Kontrolle der grönländischen Regierung, 1986 wurde aus ihr die Kalaallit Niuerfiat (KNI; “grönländischer Handel”), als Firmen- und Markennamen wählte man 1990 “Royal Greenland”. KNI ist zu 100 % in “staatlichem” Besitz Grönlands, hat eine eigene Fangflotte sowie Verarbeitungs-/ Produktionsstätten in Grönland, Europa und Canada.61

Die Besiedlung von Grönland/Kalaallit Nunaat ist wie erwähnt klar auf die Südwest-Küste konzentriert, wo sich auch die Hauptstadt Nuuk (früher Godthab) befindet; der Südosten und der Nordwesten sind spärlicher besiedelt; der extrem “unwirtliche” Nordosten und das Landesinnere nicht. Schon seit frühesten Kolonialzeiten konzentrierte sich die Besiedlung auf den Südwesten (wo die Küsten grossteils eisfrei sind), also auf die Amerika zugeneigte und Europa abgeneigte Seite. Von den etwa 56 000 Einwohnern Grönlands sind etwa 90% Inuit und 10% ethnische Dänen.62 Die grönländischen Inuit sind in der Regel evangelisch, zweisprachig, haben dänische Namen63 und leben nur noch in Ausnahmefällen traditionell. Es gab und gibt eine Auswanderung von Grönland-Inuit ins eigentliche Dänemark, und eine von Dänen nach Grönland. Etwa 15 000 Inuit leben in Dänemark ausserhalb Grönlands, in der Diaspora gewissermaßen, manche temporär, manche schon seit Generationen. Auch in Canada gibt es eine solche Binnenmigration von Inuit (und anderen “Indigenen”) – und solange Grönland nicht unabhängig ist (von DK), ist es eine Binnenmigration. Die Grönland-Dänen leben hauptsächlich in Nuuk, sind schon lange nimmer die Oberschicht.

Noch ist Grönland wirtschaftlich von Dänemark abhängig, es heisst fast die Hälfte des grönländischen Budgets, rund 500 Millionen Euro, kommt jährlich aus Kopenhagen. Ausser dem Verkauf eines Teils seines Fischfangs hat Grönland einstweilen nur den Tourismus als zuverlässige Einnahmequelle. Viele Kreuzfahrtsschiffe legen an. Aber: der Klimawandel soll die Ausbeutung von Bodenschätze unter dem Eis, das 80% Grönlands bedeckt, zulassen, jenen die sich darunter befinden oder vermutet werden: Öl, Uran, Erze sowie seltene Erden, die zur Produktion von Elektronikprodukten, Elektro- und Hybridautos verwendet werden. Dabei soll China eine wichtige Rolle spielen, zum Unmut vieler westlicher Mächte. Für Grönland sollte sich dadurch der Verzicht auf dänische Zuschüsse und damit die Unabhängigkeit ausgehen. Aber in diesem Szenario würde sich Grönland/Kalaallit Nunaat stark verändern. Die Erderwärmung ist für das Land nicht nur eine Chance, auch eine Gefahr, in mehrer Hinsicht. Die Existenz der verlassenen USA-Militärbasis “Camp Century” wurde ja erst 1997 bekannt. Noch immer ist nicht ganz klar, was genau dort unter dem Eis liegt, aber neben tausenden Tonnen “gewöhnlicher” Müll und Schrott sollen es auch grosse Mengen Dieselöl, gefrorenes Abwasser, krebserregende Chlorverbindungen und gefrorenes, schwach radioaktives Kühlwasser aus dem Reaktor sein.64 Berechnungen zufolge65 dürfte die Anlage in etwa 70 Jahren an die Oberfläche kommen.

A propos Klimawandel: Es ist ein Däne, der eine Art Prophet der Klimawandel-Skeptiker wurde, der Statistiker Björn Lomberg. 2010 vollzog er dann eine halbe Kehrtwende, anerkannte die Existenz des Klimawandels und das Anliegen des Engagements dagegen, gefällt sich aber weiter in der Rolle des Gegenschwimmers. Die Klimakrise ist in Australien ein entscheidendes/bestimmendes politisches Thema geworden, nach dem die Rechte (Liberal Party und Partner) sie lange weg leugnete, eine Auseinandersetzung mit dem Klimawandel als ideologisch unzumutbar/unvereinbar/unmöglich/… sah. Die LP ist dabei, sich umzustellen, wobei sie in manchen Wahlkreisen nach wie vor den Kopf in den Sand steckt. In der Republican Party (USA) oder bei der AfD (wo die Klimawandel-Skeptiker von Broder Feuerschutz bekommen) wird das noch etwas dauern. Die globale Erwärmung betrifft ja nicht nur Kalaallit Nunaat sondern die gesamte Arktis-Region, auch die Nordpol-Eiskappe. Wenn das Eis dort taut, wird der Zugang zu den am Meeresgrund vermuteten Bodenschätzen frei bzw einfacher. Die Arktis-Anrainerstaaten bringen sich bereits in Stellung dafür, Canada, Russland,…oder Dänemark, das über sein Aussengebiet Grönland Gebietsansprüche in der Arktis erhebt. Ende ’14 legte Dänemark im Streit um den Nordpol nach: Neue Messdaten Grönland betreffend sollten den Gebietsanspruch des skandinavischen Staates beweisen.

Jonathan Motzfeldt 07

Jonathan Motzfeldt (1938 – 2010) war grönländischer Premier von 1979 bis 1991, eher er aufgrund eines Alkohol-Problems zurücktreten musste. Sein Parteikollege Lars E. Johansen folgte ihm, und 1997 bis 2002 war wieder Motzfeld Regierungschef. Dann kam es wieder zu einem Personenwechsel, aber erst 09 zu einem Machtwechsel, nachdem die Inuit Ataqatigiit (IA) mit Kuupik Kleist die Wahlen gewann. Nach einer Periode “Unterbrechung” ist die Siumut wieder an die Macht zurück gekehrt. Die Atassut war viele Jahrzehnte die wichtigste Partei hinter Siumut und die Opposition zu die von ihr gebildete Regierung, sie verlor seit 2002 sukzessive. Die Atassut ist gegen eine Unabhängigkeit Grönlands, sie war sogar gegen Autonomie Grönlands innerhalb Dänemarks, gegen den Austritt aus der EG, für Anbindung an die NATO, ausserdem für Privatisierungen. Einer ihrer ersten Führer, Lars Chemnitz, ein Grönland-Däne (in Nuuk geboren), verliess Grönland in den 1990ern und ging nach Dänemark. Zwischen Siumut und Atassut haben sich in den letzten 17 Jahren (seit der Wahl 2002) Inuit Ataqatigiit und die DemokraterneDemokraatit geschoben. Die IA ist wie die Siumut zumindest für grössere Unabhängigkeit des Landes von Dänemark, die Demokraten wie Atassut dagegen. Gegen Unabhängigkeit bzw Separatismus ist auch Samarbejdspartiet/ Suleqatigiissitsisut, gewissermaßen eine Abspaltung von den Demokraten.

2008 ein Referendum über eine Erweiterung der Autonomie, mehr Kompetenzen für das eigene Parlament, es gab eine Zustimmung. Somit darf Grönland seit 2009 über fast alle seine Belange selbst bestimmen, bekommt dafür weniger Geld aus Kopenhagen, wo fast nur noch Aussen- und “Verteidigungs”politik verbleiben.66 Auch in diesen Bereichen wird von Dänemark aber nun erwartet, sie nicht über die Grönländer bzw ihre gewählten Vertreter hinweg zu regeln. Und Grönland bekam das Recht auf die volle Unabhängigkeit! Dänisch wurde ’09 als offizielle Sprache des Landes gestrichen. Es bleibt aber wichtig in Grönland bzw für Grönländer. Kalaallisut (“West-Grönländisch”) wurde 09 offizielle Sprache. Auch Englisch wurde in Grönland wichtig, zur internationalen Verständigung und mit den Nachbarn in Nordamerika. Auch die Verwaltungsstruktur wurde 2009 geändert. Von 1950/51 bis 2008 war Grönland in 3 Bezirke/Amter unterteilt, West-, Ost-, Nordgrönland. Mit der Einführung der Autonomie 1979 wurden die Namen grönlandisiert, auf Kitaa, Tunu, und Avannaa. Die Amter waren in Gemeinden/Kommuner unterteilt, ab 1979 18. Mit den Reformen 2008/09 wurden statt der 3 Amter 4, dann 5 Kommuner als oberste Verwaltungseinheit eingeführt. Hinzu kommt der Nationalpark im Nordosten, 1974 geschaffen, das grösste Territorium, gleichzeitig das am wenigsten besiedelte. Die Thule Air Base liegt exterritorial in der Kommune Avannaata (Norwesten). Unter den Kommuner gibt es jetzt 18 Distriket (die früheren Gemeinden), darunter die eigentlichen Gemeinden.

Grönland ist weiterhin eine europäische Kolonie, in Amerika; oder ein Gebiet das unter der Souveränität eines europäischen Staates steht, aber nicht in Europa liegt. Island gehört geographisch eigentlich auch nicht zu Europa, die Färöer liegen am Rande Europas – wie Türkei, Russland, Teile Spaniens, Zypern,… Auch Norwegen hat einige Aussengebiete, die ausserhalb Europas und Skandinaviens liegen. Dänemark selbst wird auch als Übergang von Mitteleuropa nach Skandinavien gesehen anstatt als Teil Skandinaviens. Die beiden autonomen dänischen Aussenbesitzungen werden manchmal in die Reihe der 5 souveränen skandinavischen Länder gestellt. Wie auch das finnische Autonomiegebiet Aaland/Åland. Die Region Lappland/ Sapmi, die sich auf 3 Länder verteilt (oder 4, mit Russland), hat eine eigene Flagge, die Lappen/Samen-Aktivisten entwarfen. Von den 3 baltischen Staaten hat Estland die stärksten Beziehungen zu Skandinavien (genauer zu Finnland), Lettland hat relativ enge zu Schweden.

Dann gibt es im nordwestlichen Russland, Gebieten die unter Zar Peter “dem Grossen” russisch wurden, Gebiete bzw Völker mit Bezügen zu Skandinavien, Völker die zT schon assimiliert wurden; Ingermanland, Karelien oder die Wepsen haben inoffizielle Flaggen als Symbole die das skandinavische/nordische Kreuz beinhalten. Auch die Shetland-Inseln haben eine solche Flagge, offiziell. Auch nicht-autonome Verwaltungseinheiten skandinavischer Länder, wie Skåne in Schweden, haben Symbole/Flaggen mit dem nordischen Kreuz. Für die Normandie gibt es eine inoffizielle Flagge mit dem nordischen Kreuz, die 1937 designed wurde eingedenk der normannischen Vergangenheit und die von der Autonomiebewegung Mouvement normand verwendet wird. Und die Wirmer-Flagge in Deutschland, von Josef Wirmer, im Widerstand gegen den NS engagiert, nach skandinavischem Vorbild als deutsche Nationalflagge entworfen und 1948/49 als solche für Westdeutschland erwogen, dann in modifizierter Form Parteifahne der CDU, seit etwa 2010 von rechtsextremen Gruppierungen verwendet.

Zur Verbindung von Grönland mit Island gehören Eisschollen, die von der Ostküste Grönlands nach Island treiben. Manchmal treiben Eisbären darauf. In Island werden diese in der Regel abgeschossen. In Amerika sind auch nach der Entkolonialisierung einige Gebiete abhängig geblieben, von europäischen Staaten oder der USA, vom äussersten Norden (Grönland/Kalaallit Nunaat) bis zum äussersten Süden (Falkland/Malvinas), und Einiges dazwischen, hauptsächlich in der Karibik. Grönland ist im Wartestand zur Unabhängigkeit, sie wird wahrscheinlich kommen, und das in gar nicht so ferner Zukunft. Bei Tibet oder Schottland ist das, aus verschiedenen Gründen, sehr ungewiss. Anders als Hongkong oder Guam ist Grönland kein nicht-souveränes Gebiet das bei Olympischen Spielen unabhängig auftritt, ein NOK hat. Aber im Handball ist es unabhängig geworden, seit Ende der 1990er. Die Vorliebe für diesen Sport ist etwas von Dänemark Übernommenes. Sowohl Inuit als auch Grönland-Dänen spielen es. Grönland gehört im Handball zum panamerikanischen Kontinentalverband (PATHF), nicht zum europäischen. Der Neffe von Ex-Premier Motzfeldt, Hans Peter, war einer der wichtigsten grönländischen Handballer bislang.67

Dänemark unterdrückt die Unabhängigkeits-Bewegung (Parteien,..) nicht, auch nicht die Grönland-Inuit an sich (nicht mehr). Es sieht nicht danach aus, dass Dänemark die Unabhängigkeit Grönlands verhindern will…oder doch? Reichtum an Bodenschätzen durch den Klimawandel, die strategische Lage zur Arktis hin (wo ebenfalls durch Eisschmelze Reichtümer erhofft werden), und die neorechten Strömungen in Europa, auch in Dänemark stark… Andererseits, die rund 500 Millionen Euro, die jährlich aus Kopenhagen kommen, im Falle der Unabhängigkeit Grönlands anderwärtig verwendet würden. Grönland ist, von der Besiedlung her, nicht “weiss” geworden (weil zu unwirtlich), ist nicht näher an Dänemark heran gerückt, ist bei Nord-Amerika geblieben, und wurde von Dänemark auch nicht weiter eng an sich gebunden (weil als nicht wichtig genug gesehen).

Die Dänen dort dürften mehrheitlich den Verbleib Grönlands bei Dänemark bevorzugen, somit die Parteien Atassut und Demokraten. Im Falle der Unabhängigkeit (der wohl eintreten wird) wird es eben Dänen in Grönland/ Kalaallit Nunaat geben, einer ehemalige Kolonie, wie auch in Deutschland (Süd-Schleswig, auch ein ehemals dänisches Gebiet) oder Auswanderer in USA oder Canada (bzw ihre Nachfahren; wie Viggo Mortensen oder Leslie Nielsen), die dann Teil der dänischen Diaspora sind. Gewisse Bindungen Grönlands an Dänemark würden ohnehin bleiben, aber dann kann die grönländische Mehrheitsbevölkerung diese festlegen. Grönland-Dänen wären auch nicht in einer Situation wie die in Algerien gebliebenen Franzosen, da es keinen Unabhängigkeits-Kampf (bzw Unterdrückung der Unabhängigkeit) gab/gibt. Eher wären sie mit den Franko-Kandiern zu vergleichen, oder den in Schottland lebenden Engländern nach einer Unabhängigkeit Schottlands. Oder doch eher mit den Russen im Baltikum nach dem Ende der SU?

Die dänische “Fortschritts-Partei” (FrP) wurde 1972 von Mogens Glistrup gegründet, konzentrierte sich anfangs auf wirtschaftsliberalen Populismus (Forderung nach radikalen Steuersenkungen,…) und Kalte-Krieg-Rhetorik, in den 1980ern kam die Einwanderung bzw die Ausländer als Thema hinzu. Der Libertarismus wurde immer weniger und der Nationalismus immer mehr68. 1995 spaltetet sich eine Gruppe unter Pia Kjaersgaard von der FrP ab und konstituierte sich als “Dänische Volkspartei” (DF), nicht aus inhaltlichen Gründen, wurde die grössere Partei der beiden. Im November 2001 wurde die DF Dritte bei der dänischen Parlamentswahl; sie sicherte die parlamentarische Unterstützung der Minderheitsregierungen von Anders Fogh Rasmussen und Lars Løkke Rasmussen (beide Venstre/V), von 2001 bis 2011 und seit 2015. Nach dem Wahlerfolg 2015 (zweitstärkste Kraft) wurde Kjaersgaard Parlamentspräsidentin.69 Auch für die dänischen Rechtsparteien DF und FRP scheint Grönland (und seine Dänen) kein Anliegen zu sein. Die DF bezeichnet sich inzwischen als „nativistisch“, als Vertreterin der eingeborenen Einwohner gegen Immigranten. So hätten die Akan an der Goldküste oder die Inuit in Grönland vielleicht auch auftreten sollen, gegen die Kolonisatoren.

Die “verlorenen” Kolonien sind im dänischen politischen Diskurs noch weniger ein Thema. Die US Virgin Islands, vor etwas mehr als 100 Jahren abgegeben, an eine andere Kolonialmacht, mit einer Bevölkerung, die aus Afrika (grossteils Goldküste) entwurzelt worden ist, sind wahrscheinlich die einzige der ehemaligen Kolonien, die ein nennenswertes dänisches Erbe haben (siehe oben). 2017 dort die 100-Jahr-Feier der Übergabe an die USA, der dänische Ministerpräsident Lars L. Rasmussen kam, zeigte etwas Reue für die diesbezügliche dänische Vergangenheit. Eine offizielle Entschuldigung sprach er nicht aus, um sich nicht auf Entschädigungsforderungen einzulassen. Er bot immerhin ein Stipendien-Programm für Studenten von den amerikanischen Virgin Islands in Dänemark an. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialistischen Vergangenheit, die gar nicht so unbedeutend war, ist aber kein wirkliches Thema in Dänemark. Chauvinismus funktioniert auch in Dänemark längst so, “Wir sind ihnen überlegen weil wir so tolerant sind” et cetera.70 Die dänische Marine, die einst Menschen aus Afrika in die Karibik brachte, um sie auf Plantagen Sklavenarbeit verrichten zu lassen, unternimmt heute im Roten Meer vor Afrika Einsätze gegen Piraten.

Grönland wählte 2018 ein neues Parlament. Sieben Parteien traten an, fünf von ihnen wollen die Unabhängigkeit von Dänemark. Siumut siegte vor Inuit Ataqatigiit; die beiden Grossparteien bekamen zusammen nur mehr etwas über 50% der Stimmen. Dahinter die Demokraatit. Sie und Atassut, die anderen Unabhängigkeits-Skeptiker, bekamen zusammen etwa ein Viertel der Stimmen – wahrscheinlich ein guter Gradmesser für die Stimmung in der Bevölkerung. Es gibt die Grönländer, die nicht sicher sind, ob es das Land ohne “Hilfe” aus Dänemark schaffen kann. Siumut-Chef Kim Nielsen bildete wieder eine Regierung, mit Atassut und der Kleinpartei Nunatta Qitornai. Die Färöer/ Færøerne/ Føroyar, 18 Inseln (Streymoy, Eysturoy,…), bekamen 1948 Autonomie, damit dürfte es sich haben. Und die fussballerische Unabhängigkeit.71 Die Färöer hat Dänemark ja wie Grönland durch die Vereinigung mit Norwegen “kassiert”, beide liegen eigentlich näher bei Norwegen. Die Bevölkerung dort stammt aus Skandinavien, die Inseln sind kleiner, haben “keine Geschichte” vor der “Kolonialisierung”, hätten es in jeder Hinsicht schwieriger, sich zu behaupten,.. eine Unabhängigkeit würde nicht viel Sinn machen. Sie wählen ebenfalls 2 Abgeordnete in das (die?) Folketing, wie Kalaallit Nunaat.

Was am Weg zu einer Unabhängigkeit Grönlands eine Rolle spielen wird, ist die US-amerikanische Militärpräsenz. Manche grönländische Politiker setzen sich für eine Neuverhandlung des Abkommens von 1951 ein, das dieser Militärpräsenz zu Grunde liegt, und das von Dänemark für Grönland abgeschlossen wurde. Eine von der Naalakkersuisut (Regierung von Grönland) eingesetzte Kommission für Selbstverwaltung (1999–2003) sprach sich dafür aus, die Thule Air Base unter die Aufsicht der United Nations zu stellen. Die USA sind daran interessiert, den Stützpunkt zu behalten, aufgrund der strategischen Lage Grönlands, und, WikiLeaks zufolge, auch wegen der Natur-Resourcen/Bodenschätze des Landes, hauptsächlich Erdöl… Die Inuit sind Nordländer, aber vermutlich nicht weiss genug, als gleichberechtigte “Westler” behandelt zu werden, zumindest nicht von einer Trump-Regierung. Der Stützpunkt liegt nahe Qaanaaq, der nördlichsten Stadt Grönlands und der Welt, in der “Kommune” Avannaata (Nordwesten), die nicht viel kleiner als Frankreich ist (und etwas über 10 000 Einwohner hat).72

1993 bis 2019 gab es viele Regierungen in Dänemark unter 3 Rasmussens (einem Sozialdemokraten, 2 von Venstre), dazwischen (2011-15) regierte Helle Thorning-Schmidt (Sozialdemokratin), als erste und bislang einzige weibliche Premierministerin des Landes. Der Hauptcharakter in der dänischen TV-Serie “Borgen” (2010-13), Birgitte Nyborg, hat etwas von Thorning, obwohl die Serie geschaffen wurde bevor diese Regierungschefin wurde. Der Serienname bezieht sich übrigens auf “die Burg”, Christiansborg Palast in Kopenhagen, Amtssitz des dänischen Premierministers, ausserdem des Parlaments und des Obersten Gerichtshofs. In der vierten Folge von “Borgen”, “100 Tage”, geht es auch um Grönland und die USA-Präsenz dort. Darin bekommt die TV-Journalistin Katrine, die mit dem Spin-Doctor der Premierministerin befreundet ist, Wind davon dass das USA-Militär die Thule-Basis für Transporte illegaler (afghanischer) Gefangener verwenden. Nyborg (Sidse Babett Knudsen) geht der Sache nach, besucht Grönland, lernt das Land etwas kennen, während Katrine unter Druck gesetzt wird. Im Roman “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” von Peter Hoeg (1992; 1997 verfilmt) steht das Verhältnis von Grönland und Dänemark (in Person der Smilla Q. Jaspersen) im Mittelpunkt, während er vordergründig Kriminalroman ist. Smilla hat(te) einen dänischen Vater und eine grönländische Inuit als Mutter…und hat ein Gefühl für Schnee.

Innaarsuit (NW-Grönland)

Nächster Nachbar Grönlands ist Ellesmere Island/ Umingmak Nuna, das zum kanadischen Territorium Nunavut gehört, wie auch Baffin-Island/Qikiqtaaluk, das etwas weiter südlich und getrennt durch die Baffin Bay von Grönland liegt. Der Ort Alert auf Umingmak Nuna liegt “gegenüber” von Qaanaaq. Im Osten sind die nächsten Inseln schon etwas entfernt, Island, Spitsbergen,… Ellesmere/Umingmak ist von der Nordwestspitze Grönlands durch die Nares-Strasse getrennt, dort liegt Hans Island/ Tartupaluk (und noch zwei weitere kleine Inseln). Dänemark beansprucht sie, über seine Souveränität über Grönland, eben so wie Canada, Inuit von beiden Seiten jagen und fischen dort, vor allem hat die Insel Hans aber eine Bedeutung für Schiffsverkehr und Rohstoffsuche, liegt nahe der Thule-Militärbasis. Dänemark und Canada teilen sich zur Zeit gewissermaßen die Souveränität über das Inselchen. Die Baffin-Bucht ist normalerweise nicht schiffbar, wegen des Eises. Baffin Island/Qikiqtaaluk ist die 5tgrösste Insel der Welt, die grösste kanadische; sie wurde von Eskimos besiedelt, von Wikingern angefahren, von den Briten in Besitz genommen, sie gehörte zur Hälfte zum North-Western Territory, zur anderen zum British Arctic Territory.

Und nun auch zu Nunavut, dem kanadischen Territorium, das Grönlands Nachbar ist. Nunavut (ᓄᓇᕗᑦ) wurde 1999 aus den NW Territories heraus gelöst73, es umfasst den Grossteil des kanadischen arktischen Archipels (wie Baffin Island, wo die Hauptstadt Iqaluit liegt), Inseln in der Hudson Bay, etwas Festland. Canada besteht sonst überwiegendst aus Festland, mit ein paar Inseln im Osten. Nunavut ist die fünft-grösste Verwaltungseinheit global, mit über 2 Mio qkm (20% der Fläche von Canada), ist circa so gross wie Mexico, und noch einmal halb so dünn besiedelt wie Grönland.74 Es ist die grösste kanadische Verwaltungseinheit (es ist ein Territorium, keine Provinz) und jene mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Die etwa 35 000 Einwohner sind v.a. Inuit. Möglicherwiese sind auch dort sie Wikinger hin gekommen, in Kontakt mit den (Proto-) Inuit getreten. 1953-55 wurden Inuit aus Quebec (Nunavik) dorthin deportiert, diese sind zT verhungert.

Die Ureinwohner/Indigene Canadas machen ca 3% der Gesamtbevölkerung aus; je weiter man in den (unwirtlichen) Norden kommt, desto grösser ist ihr Anteil, in Nunavut (spärlich besiedelt) sind es 85% (hauptsächlich Inuit). Die Inuit sind nicht die grösste Indigenen-Gruppe in Canada, das sind die Cree im Süden. Neben Nunavut gibt es Inuit-Selbstverwaltungsgebiete in Quebec, British Columbia, Newfoundland & Labrador, (den restlichen) Northwest Territories. Ab den 1960ern wurden die Ureinwohner Canadas gleich berechtigt, bekamen etwa 1962 auf Bundesebene das Wahlrecht. Die Entstehung Nunavuts (Herauslösung aus den Nordwest-Territorien) war ein Zugeständnis an die “First Nations” Canadas, kam nach langen Verhandlungen zu Stande. Canadas Premier Paul Martin (Liberale Partei) trat ’04 für den Provinzstatus für alle 3 Territorien Canadas ein, also Nunavut, Northwest Territories, Yukon. USA, Canada, Australien, Neuseeland haben alle Regionen inner- und ausserhalb ihres geschlossenen Gebiets, denen sie den Status einer “minderwertigen” Verwaltunsgeinheit gegeben haben, grossteils aus Gründen der rassisch-historisch-kulturellen “Abweichung”. Der jetzige Premier, Justin Trudeau, geht auf die Indigenen des Landes anders zu (zB bei einem Treffen mit traditionellen Führern 2015), hat dann aber bei der Trans Mountain Pipeline von Alberta nach British Columbia gegen die Wünsche und Bitten von deren Organisationen gehandelt.

Rund um den Nordpol, in den Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans/ Nordpolarmeers, leben zu einem guten Teil (nicht in den europäischen Teilen) Völker, die Vieles mit einander gemeinsam haben. Dieses Gebiet erstreckt sich vom Osten des asiatischen Teils Russlands nach Nordamerika, bis Grönland. “Eskimo” wird als Sammelbezeichnung für die indigenen Völker im nördlichen Polargebiet verwendet. Ursprünglich wurden damit von Cree- und Algonkin-Indianern die (mit ihnen nicht verwandten) Völker im nördlichen Polargebiet bezeichnet, u.a. die Inuit, soll „Schneeschuhflechter“ bedeuten. Die beiden Hauptgruppen sind die Inuit vom östlichen Beringia-Gebiet bis Grönland (also in Nordamerika) und die Yupik in Nordost-Sibirien bzw -Asien sowie Alaska. Verwandt sind die Aleuten in Alaska. Yupik gibt’s in Alaska und Tshukotka, Aleut/Unangan in Alaska und Kamtschatka (die Aleuten-Inseln sind zwischen diesen beiden Regionen geteilt), diese beiden Völker überbrücken gewissermaßen die Beringstrasse. Verwandt, ethnisch und kulturell, sind auch die Tschuktschen östlich der Beringstrasse, gegenüber Alaska, in Tschukotka. Das Gebiet kam im 17./18. Jh unter Herrschaft der Russen, wurde 1930 (SU) ein Autonomer Kreis (SU), blieb das bis heute. In dem Gebiet, das ungefähr so gross wie Alaska ist, machen Tschuktschen nur mehr etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Der russisch-israelische Oligarch Roman Abramowitsch war von 2000 bis 2008 Gouverneur von Tschukotka, ungewollt.

Das prinzipielle Siedlungsgebiet der Inuit ist also auf den kanadischen Norden (Nunavut, Northwest Territories, Yukon), Alaska (USA) sowie Grönland (noch zu Dänemark) aufgeteilt. In Grönland und Nunavut bilden sie die Mehrheit. Nur Grönland hat von diesen Gebieten die Aussicht, unabhängig zu werden. Die Inuit sind auf mehrere Staaten aufgeteilt, wie Chinesen, Deutsche oder Somalis; es schaut danach aus, dass sie einen eigenen, unabhängigen bekommen werden. Nur noch ein Teil der Inuits und anderer Eskimo-Völker lebt traditionell.75 Mit 90% „Indigenen“-Anteil an der Bevölkerung stünde Kalaallit Nunaat klar an der Spitze in Amerika, vor Bolivien (dort gibt es v.a. Quechua/Inka), Guatemala (Maya), Peru (Inka), Ecuador (Inka). Siedlungs-(bzw Siedlungsrest-) Schwerpunkte sind der hoher Norden (Arktis und Subarktis, darunter Grönland, Eskimo-Völker), das mittlere Mittelamerika (Süd-Mexico, Guatemala, Belize,…v.a. Maya) und der Nord-Anden-Raum im Nordosten Südamerikas (Peru, Bolivien,… v.a. Inka). In den meisten Ländern Süd- und Mittelamerikas dominieren Mischlinge mit meist indianischem Einschlag, in manchen machen “reine” Indigene einen stattlichen Bevölkerungsanteil aus, etwa in Mexico, Chile, Paraguay, Honduras, Belize. Bei der Bestimmung des Bevölkerungsanteils kommt es darauf an, welchen Parameter man heran zieht, Rasse, Kultur, Sprache,…76 Mancherorts gibt es, verschieden starke, „indianische“ Sezessionsbewgungen, der Mapuche in Chile, der Lakota in der USA, der Zapoteken in Mexico,… In Bolivien gibt es die meisten „Indios“, und die stärkste Wiederbelebung ihrer Kultur und Macht, seit Evo Morales. In Guatemala ist bezüglich einer echten Gleichberechtigung ein Ringen im Gange.

Literatur & Links

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Sverker Sörlin (Hg.): Science, Geopolitics and Culture in the Polar Region: Norden Beyond Borders (2013)

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Niklas Thode Jensen und Gunvor Simonsen: Introduction: The historiography of slavery in the Danish-Norwegian West Indies, c. 1950-2016. In: Scandinavian Journal of History, 41:4-5 (2016), S 475-494

Martin Breum: The Greenland Dilemma: The quest for independence, the underground riches and the troubled relations with Denmark (2015)

Daniel P. Hopkins: Peter Thonning, the Guinea Commission, and Denmark’s Postabolition African Colonial Policy, 1803-50. In: The William and Mary Quarterly, Third Series, Vol. 66, No. 4, Abolishing the Slave Trades: Ironies and Reverberations (Oct., 2009), S 781-808

Jens Dahl: Greenland: Political Structure of Self-Government. In: Arctic Anthropology Vol. 23, No. 1/2 (1986), S 315-324

Jonathan Søborg Agger und Lasse Wolsgaard: All Steps Necessary: Danish Nuclear Policy, 1949-1960. In: Contemporary European History Vol. 15, No. 1 (Feb., 2006), S 67-84

Johannes Dörflinger: Die Nordwestpassage-Theorien von 1731–1823 (1969). Geschichte-Dissertation Universität Wien bei Günther Hamann

Isidor Paiewonsky: Eyewitness Accounts of Slavery in the Danish West Indies. St. Thomas, US Virgin Islands (1987)

Kirsti Laura W. Langsholdt: Å gjenerobre gammelt norsk land. Norsk ekspansiv nasjonalisme i Grønlandssaken og Nasjonal Samlings Austrveg-prosjekt (2016). Geschichte-Diplomarbeit Universität Oslo (Norwegisch/Bokmal)

José Mailhot: Au pays des Innus: Gens de Sheshatshit (1999)

Cindy Vestergaard: Going non-nuclear in the nuclear alliance: the Danish experience in NATO. In: European Security, 23:1 (2014), S 106-117

Hurst Hannum: Autonomy, Sovereignty, and Self-Determination: The Accommodation of Conflicting Rights (Procedural Aspects of International Law) (1996)

Finn H. Eriksen: Grønlandssaken: Dansk grønlandspolitikk og norske reaksjoner 1909- 1933 (2010). Geschichte-Diplomarbeit Universität Oslo (Norwegisch/Bokmal)

Jean Malaurie: Les Derniers rois de Thulé: avec les Esquimaux polaires, face à leur destin (1955)

Einar-Arne Drivenes, Harald Dag Jølle, Ketil Zachariassen (Hg.): Norsk polarhistorie (2004)

Robert Bohn (Hg.): Deutschland, Europa und der Norden: ausgewählte Probleme der nord-europäischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert (1993)

‘You can’t live in a museum’: the battle for Greenland’s uranium

Hanne Petersen: Privileges, Rights and Advantages: Inuit, Danish and European Subjects in the Making. In: Scandinavian Studies in Law, Volume 53 (2008), S 205-218

Hans Rüesch: Top of the World (1950)78

Rudolf Trebitsch: Bei den Eskimos in Westgrönland. Ergebnisse einer Sommerreise im Jahre 1906 (1910)

Australier der aus Grönland bloggt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die DR Congo (Kongo) ist sogar 77 mal so gross wie Belgien, das dort Kolonialmacht war
  2. Afrika hängt über Sinai-Gaza eigentlich an Eurasien dran, da der Suezkanal nicht natürlich ist, eben so wenig wie der Panamakanal
  3. Dass die Erstbesiedlung Amerikas über die Beringia-Landbrücke erfolgte, davon wird eigentlich erst nach den Ausgrabungen in Clovis (New Mexico, USA) in den 1930ern ausgegangen. Die “Clovis-Kultur” war die erste prähistorische Kultur auf dem amerikanischen Kontinent
  4. “Beringia” bezeichnet heute Tschukotka/ Nordost-Sibirien, das Beringmeer bzw die Beringstrasse (früher eine Landverbindung dort) sowie Alaska/Nordwest-Amerika, umfasst Land und Meer
  5. Im Norden Skandinaviens die Lappen, im Osten die mit ihnen verwandten Finnen
  6. Die im späteren Russland aktiven Wikinger werden Waräger genannt
  7. Gesichtet wurde sie zuvor schon von einem Seefahrer namens Gunnbjörn
  8. Die nächsten Europäer, die an die Küste (des betreffenden Teil) Nordamerikas kamen, waren die Franzosen, gut 500 Jahre nach den “Proto-Norwegern”
  9. Dorthin kamen auch Kelten aus Irland/Eire
  10. Wikipedia teilt die Inuit-Geschichte in Prä-Dorset-Kultur (Saqqaq,…), Dorset-Kultur, Thule-Kultur, und in „Historische Periode der Inuit“ (> Kontakte mit Europäern). Auch anderswo wird von einer “Pre-contact history” gesprochen
  11. Ausserdem herrschte die Oldenburger Hauptlinie in Deutschland regional; 1751 kam die Neben-Linie Schleswig-Holstein-Gottorp (oder: Gottorf) auf den schwedischen Thron, bis 1818; 1762 wurde der dann “Peter III.” Genannte russischer Zar, auch er gehörte zur Gottorper Linie, seine Nachkommen regierten unter dem Namen Romanow-Holstein-Gottorp bis 1917 in Russland
  12. Schonen (Skåne), Blekinge und Halland (das eigentliche Herkunftsgebiet der Dänen), fielen 1658 an Schweden, auch Bornholm zunächst, gelangte aber schon zwei Jahre später wieder an Dänemark. Die Bezeichnung “Skandinavien” leitet sich von “Skane” ab
  13. Zur Zeit des Beginns des dänischen Kolonialismus’, siehe unten
  14. Es ist nicht ganz klar, wann die “Wiederentdeckung” Grönlands durch Europa “begann”. Zeitweise, im Rahmen der Kleinen Eiszeit, dürfte die Ostküste durch südwärts driftende Eisberge unerreichbar gewesen sein. Unter König Christian IV. gab es Anfang des 17. Jahrhunderts drei dänische Grönland-Expeditionen
  15. Oder ein Norweger dänischer Herkunft?
  16. Zum Beispiel im Vaterunser, wo es heisst „Unser tägliches Brot gib uns heute“: die Inuit kannten damals kein Brot. Egede übersetzte „Unseren täglichen Seehund gib uns heute“
  17. Ab 1733 kamen zB Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde, einer Glaubensgemeinschaft die aus Mähren stammte und sich in Sachsen niedergelassen hatte
  18. Wurde erster dänischer Gouverneur Grönlands, bzw der dänischen Einrichtungen dort, schlug eine Meuterei seiner Soldaten nieder
  19. Vergleiche Frankreichs Dritte Republik, entstanden nach der Niederlage gegen Deutschland, mit dem Verlust von Elsass und Lothringen, und die forcierte Kolonialpolitik ihrer frühen Jahre
  20. Es wurde auch etwas lutheranische Mission betrieben
  21. Wenn man alle nicht-europäischen Aussen-Gebiete als Kolonien betrachtet
  22. BAC; ab 1692 „Brandenburgisch-Afrikanische-Amerikanische Compagnie“ (BAAC)
  23. Nach einer Königsgemahlin benannt
  24. Bei der Rückreise nach Europa kam die “Fredensborg” vor der norwegischen Küste in einen Sturm und sank
  25. Das sind nicht jene Freiheiten, von denen Abendlandretter wie Andreas Koller (“Salzburger Nachrichten”) schreiben, dass unsere Vorfahren jahrhunderte-lang darum gekämpft haben, sie “Wesenskern der westlichen Welt” seien. Das waren auch nicht seine Vorfahren. Dass es ein 1848 auf St. Croix gab, weiss er nicht
  26. Als die USA von Frankreich 1803 den westlichen Rest von Louisiane kauften, zahlten sie 15 Millionen $; für die Teile der mexikanischen Bundesstaaten Sonora und Chihuahua die sie 1854 kauften (Gadsen Purchase/Venta de la Mesilla), 10 Mio.; für Alaska von Russland 1867 7,2 Mio. Diese Zahlen sagen nicht allzu viel aus, vielleicht etwas über Inflation und dergleichen
  27. Wie auch Grönland/Kalaallit Nunaant im hohen Norden, nach wie vor dänische Kolonie. Grönland und die Virgins…die beiden dänischen Kolonien in Amerika, grösser könnte der Unterschied nicht sein
  28. Die also in jenem Jahr begann, als auf St Jan/St John der Sklavenaufstand ausbrach
  29. Dänisch Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg (oder Lyksborg); bei Oldenborg wird im Dänischen aus “burg” auch “borg”
  30. In Schweden, Norwegen, Island war es ähnlich
  31. Die grössten: Seeland/Sjaelland mit Kopenhagen/København, Fünen/Fyn, Lolland, Bornholm, Vendsyssel-Thy/Nordjütische Insel (durch Limfjord vom restlichen Jütland abgeschnitten)
  32. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der “Pfannenstiel” Alaskas grenzte dann an BC, die “Pfannenschüssel” an das NWT
  33. 1873 die Prince Edward Islands im Osten
  34. Um Canada wird es in einem der nächsten Artikel gehen, auch hier ein “Zusammenspiel” von Inuits und anderen “Ureinwohnern” sowie Wikingern und anderen Europäern
  35. Diese Änderungen wurden anscheinend 1908 beschlossen und 1911 eingeführt; 1908 wurden auch die Gemeinden neu organisiert bzw aufgeteilt
  36. Ja, es gab unterschiedliche Gesetze für Inuit und Dänen
  37. Baffin Island/Qikiqtaaluk, eine der arktischen Inseln Canadas, liegt Grönland/Kalaallit Nunaat auf seiner Westseite gegenüber, durch die Baffin Bay/ Baffin-Bucht getrennt
  38. Ihr Schicksal wurde durch durch spätere Expeditionen aufgeklärt, Überreste bei der Insel Qikiqtaq gefunden
  39. Für den Seemann und Naturforscher war Nansen ein Vorbild. Er fand in Canada Überreste von Franklin und seiner Expedition, studierte Überlebenstechniken der Inuit in der Kälte für den Süd-Pol, lernte dort Hundeschlitten, Iglu und Fellbekleidung kennen
  40. Verlor dabei acht Zehen durch Erfrierung
  41. Peary gelang 1905/1906 nach eigenen Angaben ein Vorstoss bis 280 km vorm Pol, will bei dieser Expedition am Horizont vor der Ellesmere-Insel eine noch unbekannte Landmasse gesehen haben, die er “Crocker Land” nannte; die “Crocker Land Expedition” 1913 brachte keinen Fund, bestätigte dass Peary diese Insel erfunden hat
  42. Die 4 Inuit sollen einigen Angaben nach Grönländer gewesen sein; Nachnamen?
  43. Es gab/gibt bei all diesen Forschungsreisen eine gehörige Portion Eurozentrismus, man denke auch an die Rolle der Sherpa bei der Besteigung des Mount Everest/ Sagarmatha in Nepal, die topographischen Benennungen durch Europäer/Westler, die Proklamation von “Entdeckungen” von Gebieten, die den dort Lebenden ja bekannt waren,…
  44. Er hat den Navigator und Andere nicht mitgenommen im letzten Teil, im Routenbuch waren keine entsprechenden Einträge, die Kleingruppe müsste riesige Tagesetappen zurück gelegt haben, er wartete bei der Rückkehr Cooks Nordpolbeschreibung ab bevor er sich äusserte, die angeblich am Pol gemachten Fotos lassen den Aufnahmeort nicht bestimmen (obwohl Peary das Wissen hatte, wie anhand von Fotos und des Aufnahmedatums der Ort der Aufnahme bestimmt werden kann)
  45. Diese Gegend im Nordwesten von Grönland war/ist von Inughuit-Inuit bewohnt. Sie nannten den Ort Umanaq. Es gab verschiedene euro-amerikanische Expeditionen dorthin im 19. Jh, u.a. von Peary
  46. Nicht viel anders war es auf den Falklands/Malvinas 51 Jahre später
  47. Ziemlich nach Ende dieses Territorialstreits 1933 gründete er die Nasjonal Samling mit
  48. Speziell im 1. WK waren die Monarchen der verfeindeten Länder grösstenteils mit einander verwandt… so dass die Könige Grossbritanniens und Belgiens sich veranlasst sahen, den Namen ihrer deutschstämmigen Dynastie (Sachsen-Coburg-Gotha in beiden Fällen) zu ändern. Auch die “Sixtus-Affäre” steht mit dieser Tatsache in Zusammenhang
  49. Dänemark brachte auch die Unterredung von 1919 vor, aber mir ist nicht bekannt, inwiefern diese zu belegen und ausschlaggebend war
  50. König Haakon beugte sich nicht den Forderungen der Besetzer, wich dann mit Familie, Hofstaat, Regierung und Teilen der Parlaments-Abgeordneten von Oslo immer weiter in den Norden aus, bis die britische “HMS Devonshire” im Juni ’40 461 Norweger von Tromsö nach GB brachte, darunter den König und Ministerpräsident Nygaardsvold. Die norwegische Exilregierung liess in Ontario, Canada (Flyvåpnenes Treningsleir/ “Lille Norge”), eine norwegische Exilarmee für den Kriegseinsatz ausbilden, eigentlich für den Kampf in Nord-Norwegen
  51. Gut, nicht ganz so mittig wie Island
  52. Dessen zweite Kammer mit dieser Reform abgeschafft wurde
  53. Dänisch Færøerne, färöisch Føroyar
  54. Das Gebäude wurde 2012 abgerissen
  55. Einer trieb danach 21 Stunden auf einer Eisscholle, bevor er gefunden wurde, eingewickelt in seinen Fallschirm
  56. Möglicherweise ist einer der Torpedos explodiert, was der Grund für den Unfall sein könnte
  57. In Norwegen “herrscht” auch nach wie vor die “Geschwisterlinie” des dänischen Königshauses. In Griechenland stellte eine Seitenlinie des dänischen Hauses von 1863 bis 1973 mit einer Unterbrechung die Könige, in Island die dänischen Könige in Personalunion 1918 bis 1944. In Deutschland herrschte das Stammhaus Oldenburg regional bis 1918 (dem Ende der Monarchie dort), in Russland wurden die Romanovs (in die eine Oldenburger Seitenlinie eingeheiratet hatte) ja 1917 entthront, in Schweden eine solche Seitenlinie 1818. In Grossbritannien ist der Ehepartner der Monarchin aus dem griechischen Königshaus, in Spanien die Mutter des Königs. Die (lange entthronte) deutsche „Hauptlinie“ (Oldenburg) ist eigentlich unbedeutend, im Vergleich zu ihren entfernten Verwandten, ähnlich ist es zB auch mit der Familie Sachsen-Coburg-Gotha
  58. Und nur 2 Abgeordnete im Folketing, was aber der Bevölkerungsstärke entspricht
  59. 1978 hat es in Grönland ein Referendum über ein Verbot oder eine “Rationierung” von Alkohol (wie es sie in skandinavischen Ländern gab und gibt) gegeben, ersteres wurde knapp abgelehnt, die erschwerte Abgabe wurde angenommen – eine solche war von 1979 bis 1982 in Kraft
  60. Der grönländische Austritt war der erste aus EWG/EG/EU vor jenem von GB, der seit 2016 ausgehandelt wird
  61. Wie das Fischfang-Unternehmen KNI sind auch Air Greenland und die Reederei Arctic Umiaq grossteils in der Hand der grönländischen Regionalregierung
  62. Es gibt wenige Menschen in Grönland die zu keiner der beiden Gruppen gehören, Einwanderer aus Island in 3-stelliger Zahl sind darunter. Mischlinge aus Inuit und Dänen gehen entweder in den Einen oder den Anderen auf, bilden keine eigene Gemeinschaft, wie die Cape Coloureds in Südafrika oder die Metis in Canada
  63. Auch deutsche sind darunter, aufgrund der deutschen Beteiligung an der Kolonialisierung/Missionierung des Landes. Der langjährige grönländische Premier Jonathan Motzfeldt stammt väterlicherseits von einem Einwanderer aus der Lüneburger Heide ab
  64. Siehe dazu: www.cbc.ca/news/canada/north/climate-change-cold-war-era-military-base-greenland-1.3707844
  65. William Colgan, Horst Machguth
  66. Bezüglich der Uran-Förderung lief 2013 ein informelles Moratotorium aus. Grönland kontrolliert die Gewinnung, Dänemark die Weitergabe/Proliferation
  67. Der Fussball-Verband Grönlands ist nicht FIFA-Mitglied, die Nationalmannschaft ist daher anders als jene im Handball bislang nur inoffiziell unterwegs, anders als zB jene der Färöer. Und im Eishockey, gibt es da vielleicht grosses Entwicklungspotential?
  68. Auch die norwegische FrP entwickelte sich so
  69. Irgendein Politiker hat mal gesagt, sie werde nie stubenrein für die dänische Politik sein; nun, inzwischen ist sie es anscheinend
  70. Dieser Diskurs beherrscht(e) auch die „Karikaturen-Krise“ 05/06, die ja vom „Jyllands Posten“ ausging, deren Kulturchef Mohammed-Karikaturen in Auftrag gab, um “Selbstzensur bei islamischen Themen auf die Probe zu stellen” – beziehungsweise, um gewisse Reaktionen zu bekommen. Natürlich war die “Aufregung”, die folgte, unnötig und unberechtigt
  71. Eine färöische Nationalmannschaft trug 1930 erste inoffizielle Länderspiele aus, 1988 folgten nach dem FIFA-Beitritt die ersten offiziellen Spiele, 1990 der Sieg im ersten Bewerbsspiel, gegen Österreich in Landskrona (Schweden), ein Qualifikations-Match für die EM 92, in der Gruppe in der auch die Teams von Jugoslawien und Dänemark waren. Ende 08 hat ein österreichisches Team unter Karel Brückner in der WM-Quali auf den Färöern nur Unentschieden gespielt, 2010 RB Salzburg in der CL-Quali gg HB Thorshavn verloren
  72. Es gibt einen isländischen Professor, Gudmundur Alfredsson, der sagt, Grönland wäre als Teil der USA besser dran
  73. Die erste Änderung kanadischer Verwaltungsgrenzen seit 1949, der Aufnahme von Newfoundland/ Terre Neuve/ Ktaqamk/ Vinland
  74. Die grössten Verwaltungseinheiten der Welt sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Canada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…
  75. In Europa sind die Samen im Norden Skandinaviens eines der letzten Natur-Völker, zumindest sind sie das noch teilweise
  76. Zum Teil werden jene “Indianer”, die sich vom Lebensstil an die Weissen assimiliert haben, nicht als solche gewählt
  77. Dänisch
  78. Der Roman des Schweizers Rüesch kam 1953 auf Deutsch als “Die Nacht der langen Schatten” heraus. Der gleichnamige Film (1960, englischer Originaltitel “The Savage Innocents”) mit Anthony Quinn als Eskimo diente wiederum “Bob Dylan” als Inspiration für seinen Song “Quinn the Eskimo (The Mighty Quinn)” (1967), der 1968 erstmals veröffentlicht wurde, von Manfred Mann, von Dylan erstmals 1970