Russland, seine Revolutionen und alternative Entwicklungen

Eine Übersicht über die Weggabelungen bei den russischen Revolutionen 1917 inklusive der Vorlauf- und Folgeentwicklungen. 5 Tage vor der Wahl(farce) in Russland. Kontrafaktische Szenarien um diesen Wendepunkt der Weltgeschichte werden angerissen

* Ein Reformer am Zarenthron, statt Nikolai II., der 1894 letzter Zar wurde, einer der den politischen, sozialen und nationalen Herausforderungen anders begegnet wäre, vielleicht schon bevor sich Unmut in einer ersten Revolution 1905 äusserte (die zur Einrichtung einer Duma im Jahr darauf führte). Wenn Nikolaus/Nikolai etwas Macht abgegeben hätte, hätte ihm eine Revolution mit seinem Sturz erspart bleiben können (etwas, das man auch über den letzten Schah des Iran sagen kann). Noch im Winter 1916/17 hat der Zar eine Konferenz des Semstwo-Bundes unter Fürst Georgi Lwow in Moskau verboten.

* Ein anderer Verlauf der Kämpfe, in denen das russische Militär im 1. WK als Teil der Entente involviert war, also hauptsächlich an der Ostfront, wo es um die Grenzen Russlands gegenüber Deutschland, Österreich, dem wiederentstehenden Polen,… ging. Russische Kriegs-Ziele waren neben Einfluss und Gebietsgewinnen in Osteuropa auch Konstantinopel und Teile Anatoliens vom Osmanischen Reich sowie Teile Persiens. Erfolge des russischen Militärs hätten die Zarenherrschaft stabilisiert. Oder anders herum, die “Februarrevolution” war nicht zuletzt durch die Kriegssituation mit Deutschland und die Kriegsfolgen für die Bevölkerung bedingt. Die provisorischen Regierungen unter Lwow und Kerensky haben den Krieg an der Seite der Entente fortgesetzt, die imperialen Ziele des Zaren übernommen1, auch sie hatten aber wenig Erfolg. Andernfalls hätte die Oktoberrevolution ausbleiben können.

* Die Abdankung des Zaren/Kaisers durch die Revolution im März 1917 (“Februarrevolution”) verläuft anders bzw bewirkt eine andere Folge-Entwicklung. Und zwar die Erhaltung der Monarchie, unter Nikolais Bruder Michail, der vielleicht etwas Reform zulässt. Nach dem Februaraufstand (Julianischer Kalender), dem die Autokratie zum Opfer fiel, wollten auch manche Parteien eine konstitutionelle Monarchie. Und, Nikolai setzte damals auch seinen Sohn Alexei, den Bluter, ein, änderte noch am selben Tag diese Entscheidung zugunsten seines Bruders. Michael trat am Tag danach ab, nach einem Treffen mit Vertretern der provisorischen Regierung unter Georgi Lwow (der von den Rurikiden abstammte), die er gleichzeitig anerkannte.

Das Ende von 300 Jahren Romanov-Herrschaft, eine Dynastie, die sehr deutsch geworden war durch Heiraten. Wenn sich Michail (II.) Romanov also am 16. März (Gregorianischer Kalender) anders entschieden hätte, hätte er in der provisorischen Regierung und in der Duma auch einige Unterstützer gehabt. Es heisst, Michail (derwie seine Verwandten 1918 umgebracht wurde) wollte durch seine Abdankung die Monarchie erhalten, bzw sie durch eine Volksabstimmung über die Verfassung/Staatsform wieder-herstellen.

Die Provisorische Regierung unter Lwow und dann Kerensky bezog ihre Legitimation zum Einen vom Zaren-Bruder, dessen Zarentum umstritten ist, zum Anderen von der alten “zaristischen”, zuletzt 1912 gewählten Duma. Der unter sehr eingeschränktem Wahlrecht gewählten Duma. Die Republik wurde erst im September vom damaligen Premierminister Alexander Kerensky proklamiert. Die von Kommunisten dominierten Sowjets hatten ab Februar schon gewisse Macht im Land bzw bildeten Parallelstrukturen.

* Eine andere Entwicklung der “Juli-Krise” ’17 und der Kornilow-Affäre, welche den Zustand nach der Februar-Revolution erhalten hätte, mit der Provisorischen Regierung (mit oder ohne Bolschewiken), und zu einer Demokratisierung hätte führen können

Im Sommer 17 kam einiges zusammen: Streit in der Koalitionsregierung unter Lwow, u.a. über die Frage der Autonomie der Ukraine (s. u.), der Auseinanderfall der Regierung, eine neue Regierung unter dem Sozial-Revolutionären Kerensky, Kriegsniederlagen (Scheitern der Kerensky-Offensive) und wirtschaftliche Engpässe, die den Bolschewiken und dem von ihnen dominierten Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldaten-Vertreter2 Auftrieb gaben, sowie das von Armeechef Lew Kornilow im August angeordnete Vorgehen gegen den Petrograder Sowjet. Dieser war eine Konkurrenz zu den provisorischen Regierungen3 und versuchte im Revolutionsjahr, seinen Wirkungsbereich über St. Petersburg/Petrograd hinaus auszudehnen, baute eine Miliz, die Roten Garden, auf.

General Kornilow, der aus einer Kosaken-Familie stammte, war in diesen Jahren im Weltkrieg, im revolutionären Russland und im Bürgerkrieg (in der Weissen Armee) engagiert. Im August 17 ordnete er Truppen an, den Petrograder Sowjet gewaltsam aufzulösen, den er als eine Störkraft ansah. Premier Kerensky hatte er dabei nicht auf seiner Seite. Die Sache scheiterte, da der Sowjet in der Hauptstadt bewaffnete Einheiten mobilisieren konnte. Und Macht verschob sich von der Regierung zur “Gegenregierung”. Die Armee waren in den oberen Rängen ziemlich zaristisch/monarchistisch, drängte zu mehr Macht, einem anderem Kurs. Die Bolschewiken wurden zunehmend als Bollwerk gegen eine Rückkehr der Zarenherrschaft gesehen. Hätte die russische Armee aber den Sowjet aufgelöst, wären die Bolschewiken und andere linke Kräfte nachhaltig geschwächt gewesen, so dass die “Oktoberrevolution” hätte ausbleiben können.

Sich ein Pluralismus hätte erhalten bzw etablieren können. Aus marxistischer Sicht gab es aber unter den pluralistischen Regierungen der Monate März bis November keine (echten) Reformbemühungen und waren diese dominiert von den Anliegen der bisher herrschenden Klasse(n).4 Auch die Konstitutionell-Demokratische Partei (KD, “Kadetten”), deren Chef Pavel Miliukov Aussenminister war, war demnach eine Oberschichtpartei, die auf Erhaltung von Privilegien aus war, wenn auch nicht auf eine Fortsetzung der Zarenherrschaft (Monarchie).5 Die provisorischen Regierungen haben aber das universale Wahlrecht für Lokalwahlen eingeführt, weiters Gleichheit aller Bürger und bürgerliche Rechte. Jedoch: Die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung (Konstituante), die die Weichen für die Zukunft Russlands stellen sollte und die Reformarbeit legitimieren, wurde ab Februar 17 immer wieder verschoben. Und: Infolge der Juli-Krise gewannen die linken Parteien (Petersburger Sowjet, v.a. Bolschewiken) wie gesagt auf Kosten der bürgerlichen (provisor. Regierung aus KD und anderen) an Rückhalt in der Bevölkerung.

* Auch die Stellung nicht-russischer Volksgruppen waren in der Übergangsphase vom Zarenreich zur Sowjetunion ein Thema, die SU (und ihre Nachfolgestaaten) hätte(n) damals andere Grenzen bekommen können. Die provisorische Regierung akzeptierte die Unabhängigkeit Polens von Russland, was aber weniger grosszügig war als es vielleicht aussieht; denn Polen war zu diesem Zeitpunkt vom Deutschen Reich und Österreich-Ungarn besetzt, hätte auch Gebiete dieser zwei Kriegsgegner Russlands reklamieren können… Mit der Unabhängigkeit Finnlands taten sich die russischen Übergangsregierungen schon schwerer. Das “Grossfürstentum” Finnland war mit dem Russischen Reich mehr oder weniger durch eine Personalunion verbunden (und genoss innere Autonomie), hätte nach der Abdankung von Nikolai/Nikolaus eigentlich unabhängig sein müssen… Die russische Regierung argumentierte aber, dass pro-deutsche Elemente in Helsinki das Sagen hätten, akzeptierte die finnische “Autonomie”-Erklärung vom Juli 17 nicht. Die Ukraine war (und ist) natürlich für Russland als Nation noch viel wichtiger.

Im Juni 17 erklärte die ukrainische Rada die Autonomie dieses Teils des Russischen Reichs, und im Jänner 1918 die Unabhängigkeit, unterstützt von Deutschland und Österreich. Dies brachte die erste provisorische Regierung zum Auseinanderfall, die KD (“Kadetten”) unter Miliukov wollten die Rada im Gegensatz zu anderen Parteien nicht anerkennen, sah einen deutsch inspirierten Separatismus, verliessen die Regierung. Kerensky sagte beim ersten Kongress der Sowjets Russlands im Juni/Juli, er anerkenne die Rechte der Ukraine und Finnlands, aber eine gewählte russische Konstituante müsse eine Abspaltung billigen. Die in den Sowjets dominierenden Bolschewiken riefen 17 eine Ukrainische Sowjet-Republik aus. Bei der Wahl zu der Konstituante im November 17 stimmten etwa 70% der Ukrainer für ukrainisch-nationalistische Parteien.  1917 bis 1921 wurde um die Ukraine gekämpft, eigentlich handelte es sich um Anteile verschiedener Kriege, die sich zT überschnitten, das Land wurde schliesslich Teil der Sowjetunion.

Natürlich ging es russischen Politikern bei der Behandlung separatistischer Tendenzen auch darum, dass das Reich an allen Rändern und auch mittendrin bröckeln und auseinanderfallen könne. Im Kaukasus entstanden in den Jahren innerer russischer Wirren auch (drei) unabhängige Staaten, in Zentralasien versuchte man das auch, die baltischen Staaten wurden mit Weltkriegsende unabhängig, Polen und Finnland ja auch… Was Teil des russischen Kerngebiets war, war und ist nicht so eindeutig zu beantworten, und gerade im Fall der Ukraine nicht.

Lenin nicht aus der Schweiz nach Russland durchgelassen

Wladimir Uljanov (“Lenin”) wurde im Zarenreich wegen seines politischen Aktivismus in die sibirische Verbannung geschickt, war dann 17 Jahre im Exil, zuletzt in der Schweiz.6 Als 1914 der Krieg in Europa “ausbrach”, beschlossen die dortigen sozialistischen Parteien, die Regierungen ihrer Länder zu unterstützen, die russische tat das nicht. Lenin unterstützte, wie auch schon 1905 (als es auch eine Revolution während des Kriegs gab), die äusseren Feinde des zaristischen Russlands; im Inneren sah er die Menschewiki als Hauptgegner.7 Lenin wollte den “imperialistischen Krieg” in einen “Bürgerkrieg” zugunsten der Proletarier verwandeln.

Das Deutsche Reich (Kriegsgegner Russlands), nämlich Erich Ludendorff, erteilte “Lenin” und seinen Anhängern im April 17 die Genehmigung, mit dem Zug über Deutschland nach Russland zurückzukehren. Um Russland zu destabilisieren.  Kaiser Wilhelm II., Verwandter des inzwischen inhaftierten Ex-Zars Nikolaus II., soll dies gebilligt haben. Die Gruppe aus 31 russischen sozialistischen Revolutionären unter unter Lenin/Uljanov konnte in einem versiegelten Zug aus der Schweiz über Deutschland fahren, über Schweden, kamen in Finnland in russisches Gebiet, schliesslich nach Petrograd/Petersburg (vor dessen Toren der ehemalige Zar und seine Familie inzwischen interniert waren).8 Nach seiner Ankunft forderte Lenin den sofortigen Rückzug Russlands vom Krieg und die Machtübergabe an Arbeiter- und Soldaten-Räte, begann gegen die Regierungen9 zu arbeiten, die für 9 Monate Herrscher Russlands waren. Im Juli entging er knapp einer von Regierung angeordneten Verhaftung, tauchte unter in Finnland. Sechs Monate nach seiner Rückkehr brach Lenin eine neue Revolution in Russland “vom Zaun”, die zu einer Alleinherrschaft der Bolschewiki führte, und die das Land (und andere) für Jahrzehnte prägen sollte

Wenn der Erste Generalquartiermeister Ludendorff (mit Hindenburg, seinem Kollegen der Obersten Heeresleitung, Quasi-Diktator Deutschlands) also 1917 anders entschieden hätte, etwa die mittelfristigen Auswirkungen eines sozialistischen Russlands auf Deutschland in seine Entscheidung mit einbezogen hätte… Die neue Revolution im November war sehr stark mit der Person Lenin verbunden, der dann, zunächst als Revolutionsführer, Machthaber wurde. Im Idealfall wäre Russland ohne Oktoberrevolution einen Weg der Demokratisierung gegangen. Die Linke “einzubauen” wäre aber eine grosse Herausforderung gewesen.

Im Fall eines erzwungenen Verbleibs in der Schweiz wäre auch ein weiteres Alternativszenario möglich gewesen, das etwa (der Schweizer) Christian Kracht in „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ausgemalt hat. Bevor die Februarrevolution in Russland im März 17 Lenins ganze Aufmerksamkeit bekam, hat er sich auch in Schweizer Angelegenheiten engagiert. Vor allem während seines Aufenthalts in Zürich, wo er versuchte, die Sozialdemokratische Partei (SP) zu spalten, um eine Bewegung zu gründen, die auch in der Schweiz eine proletarische Revolution herbeiführen könne. Der Generalstreik vom November 1918 in der Schweiz (“Landesstreik”) hätte sich mit einem Lenin im Lande zu einem Kampf der bewaffneten Arbeiterschaft um die Macht entwickeln können

* Den Menschewiki gelingt es, sich nach Oktoberrevolution (mit) an der Macht zu halten.

Am 7. November (25. Oktober des damals in Russland gültigen Julianischen Kalenders) stürmten die Roten Garden den Winterpalast in Petersburg und nahmen die Regierung gefangen, die Bolschewiken (mit Unterstützung eines Teils der Sozial-Revolutionäre und anderer Linker) übernahmen mit dieser Oktoberrevolution die Macht. Bolschewiken-Führer Lenin wurde Staats- und zeitweise Regierungschef, bis zu seinem Tod 1924, herrschte als autoritärer Absolutist, wie die Zaren. Während die Kerensky-Regierung (mit Aussenminister Miliukov) das russische Kriegsengagement bis zuletzt aufrecht gehalten hatte, zog sich Sowjet-Russland bald vom “Weltkrieg” (europäischen Krieg) zurück, mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom März 1918 mit den Mittelmächten, nach 2-monatigen Verhandlungen.10

Ebenfalls im November 17 der zweite Sowjet-Kongress Russlands, mit Bolschewiken, Sozialrevolutionären, Menschewiki, den damals noch mit regierenden. Es gab eine deutliche Mehrheit für eine Übertragung aller Macht an die Sowjets, die anderen Optionen (Demokratie,…) bekamen viel weniger Zuspruch. Im selben Monat auch die Wahl zur Konstituante; Sieg der Sozial-Revolutionären Partei unter Chernov, vor den Bolschewiken unter Lenin, den Kadetten unter Miljukow, den Menschewiken unter Martow, den Parteien der verschiedenen Nationalitäten (Ukrainer, Georgier,…). Diese Duma trat im Jänner 18 zusammen, arbeitete aber nie, manche boykottierten die regierenden Bolschewiken, andere wurden von ihnen behindert, Lenin liess die Versammlung bald auflösen. Die RSDRP-Bolschewiki war bals die einzige herrschende und zugelassene Partei11, nannte sich 1918 in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), RKP(B), um.12

Wahlplakate November 17 Petersburg

 

* Ein anderer Verlauf bzw Ausgang des russischen Bürgerkriegs (1917-22), ein Sieg der Weissen

Die Gegner der “Roten Bewegung” waren oft auch Reaktionäre, Zaristen, aber auch Bürgerliche, gemäßigte Sozialdemokraten, Vertreter nicht-russischer Nationalitäten, und wurden von diversen Westmächten unterstützt. Bei einem solchen Ausgang wäre sowohl die Etablierung einer parlamentarischen Demokratie wie auch eine Rückkehr zur Zaren-Diktatur13 möglich gewesen. Statt der Gründung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik (Juli 18), als Vorstufe zur Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken 1922. Der Bürgerkrieg war im Westen mit einem Krieg mit Polen um die Grenzen sowie anderen inneren Konflikten verbunden14, auch der endgültige Rückzug aus dem Weltkrieg mit dem Brest-Friedensvertrag 1918 war in diese Entwicklung eingebettet.15

* Joseph “Stalin” (Dschugaschwili) setzt sich nicht als Nachfolger Lenins durch, entweder weil dieser nicht so früh stirbt, oder weil sich “Trotzki” als dessen Nachfolger etabliert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenhang mit dem Abschnitt über Grenzen und Minderheiten ist offensichtlich
  2. Петроградский Совет рабочих и солдатских депутатов
  3. Dvoyevlastiye, “Doppelherrschaft”
  4. https://www.marxists.org/history/etol/writers/haynes/1997/xx/parlalt.htm
  5. Die Partei ist in mehrerer Hinsicht der iranischen Jebhe-ye Melli (Nationale Front) ähnlich, mit ihren Flügeln/Strömungen und ihrer Rolle (bzw ihrem Widerstand) beim Übergang von einem Totalitarismus zum anderen
  6. Insgesamt verbrachte er sechseinhalb Jahre in der Schweiz: 1903-1905 und 1908 in Genf, 1914-1915 in Bern und 1916-1917 in Zürich
  7. 1903 bei einem Parteitag im Exil in GB die Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (RSDRP), hauptsächlich über Lenins Ansichten bezüglich strategischer und organisatorischer Fragen (dem Weg zum Ziel, welches für beide Lager ähnlich aussah), in “Bolschewiki” (Lenin, Kamenev, Bucharin, Stalin,…) und “Menschewiki” (Martow, Axelrod, später Plechanow; eigtl. in der Mehrheit!); Trotzki „pendelte“ zwischen den Fraktionen. Diese Spaltung soll vom zaristischem Regime („U-Boot“ Malinowski) gefördert worden sein. 1912 die endgültige Aufspaltung, in eine bolschewikische und eine menschewikische RSDRP
  8. Catherine Merridale hat in “Lenins Zug” diese Fahrt dramatisiert
  9. Deren Oberhaupt nicht nur Regierungs- sondern auch Staatschef war
  10. Der französische Premier G. Clemenceau sagte 1918 zu den Ansprüchen der inzwischen (in Westeuropa) exilierten bürgerlichen Herrscher Russlands bezüglich Nachkriegsregelungen: “Russland ist ein neutrales Land, das mit unseren Feinden einen Separatfrieden geschlossen hat”
  11. Der linke Flügel der Sozialrevolutionäre schloss sich den Bolschewiki an
  12. 1925 in Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki), WKP(B), 1952 in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU)/ Kommunistícheskaya pártiya Sovétskogo Soyúza/ KPSS
  13. Mit einem Nikolaus II. der befreit hätte werden können ider einem anderen Romanov, seinem Bruder Michail oder seinem Cousin Kyrill
  14. Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine, Georgien, Kasachstan,…
  15. Siehe Punkt über Entstehung anderer Grenzen

Deutschlands Platz an der Sonne

Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überliess, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber.” Aussenminister Bernhard von Bülow aus Anlass der Inbesitznahme Kiautschous im Reichstag.

Bismarck-Archipel, Neupommern, Deutsch-Neuguinea – ja, Deutschland war mal Kolonialmacht, aber wer weiß heute noch etwas davon? Diese Vergangenheit gilt nach zwei Weltkriegen als vergiftete Frucht.“ Aus einer Kundenbewertung von Christian Krachts „Imperium“ auf amazon.de.

Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.” Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (Zentrumspartei) 1927.

Gemeinsam mit dem nur wenig älteren Königreich Italien trat das (zweite) Kaiserreich der Deutschen als Nachzügler auf die Weltbühne.” Chefredakteur Franz Metzger im Magazin “Geschichte”, November 06, in der Einleitung auf das Titelthema “Kaiser Wilhems Kolonien”.

Der Kilimandscharo, ein Teil der “Südsee” oder (ein ganz kleiner) Chinas gehörten mal (zu) Deutschland, das seine eigenen Bananen ernten konnte (wenn es das auch nicht mit eigener Arbeitskraft tat). Das Deutsche Reich eignete sich Gebiete in Afrika, Ozeanien, Asien an; die afrikanischen Gebiete waren am wichtigsten. Die Daten und einiges mehr zu dem Thema kann man zB dem Wikipedia-Artikel entnehmen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte eine Führungsrolle in Europa inne, war aber nicht dabei, als europäische Reiche in der frühen Neuzeit durch Entdeckungen und Eroberungen Weltmächte wurden. Die Siedlung in Osteuropa war für das Reich wichtiger. Deutsche waren ab dem 16. Jahrhundert im Dienst anderer europäischer Mächte bei der Erschliessung und Ausbeutung neu entdeckter/angeeigneter Gebiete dabei, als Seefahrer oder Siedler. Und, Deutschland nahm am Welthandel Teil, etwa durch die hugenottische Kaufmannsfamilie Godeffroy in Hamburg. Durch die Personalunion des Römisch-Deutschen Reichs mit Spanien unter dem Habsburger Karl V. herrschte der Kaiser auch, für einige Jahrzehnte, über ausser-europäische Kolonien.

Zur Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus gehört auch, dass die süddeutsche Kaufmannsfamilie Welser unter Karl V. die Möglichkeit bekam, in Spanisch-Neugranada die Handels-Kolonie Klein-Venedig zu betreiben, im heutigen Venezuela. Dabei wurden auf den Zuckerrohr-Plantagen auch afrikanische Sklaven eingesetzt, wie damals üblich unter europäischen Kolonialmächten. Dies war einer der Ansätze zu deutschen Kolonien vor jenen des zweiten Reichs. Das Herzogtum Kurland war irgendwie auch ein deutscher Staat (wenn auch ausserhalb des Reichs), unterhielt im 17. Jh eine Kolonie auf der Karibik-Insel Tobago, genannt “Neukurland”, sowie eine Insel im Gambia-Fluss. Brandenburg-Preussen erwarb Ende des 17. Jahrhunderts überseeischen Kolonialbesitz in der Karibik und in Afrika und hatte Anteil am kolonialen Sklavenhandel. Ab 1806, eigentlich ab 1815, war die “deutsche Frage” aktuell, also welche Grenzen und welche Staatsform Deutschland haben sollte.

Österreich, von seinen Wurzeln auch ein deutscher Staat, hat auch in Osteuropa expandiert. Daneben hat das Stammland der Habsburger im 18. und 19. Jh. auch Versuche unternommen, Übersee-Kolonien zu erwerben. Das Schiff “Novara” hat auf einer Weltumsegelung Mitte des 19. Jh erfolglos versucht, die indischen Nikobaren (auf die schon Dänemark Anspruch erhoben hatte) in Besitz zu nehmen. Etwas später war auch Preussen an den Inseln interessiert. Die Novara brachte auch Kaiser-Bruder Maximilian von Habsburg nach Mexiko, wo er Kaiser wurde. Dies war aber kein Zug, Mexiko unter österreichischen Einfluss zu bringen; es war einer des französischen Kaisers Napoleon III., in Mexiko eine an Frankreich angelehnte Herrschaft zu begründen. Die Novara hat dann auch Maximilians Leichnam abgeholt.

Deutsche waren in Südafrika mit der niederländischen VOC vom ersten Schiff im 17. Jh an mit dabei, sind (wie calvinistische Franzosen bzw Hugenotten) in den Afrikaanern/Buren aufgegangen. Haben das Afrikaans mitgeprägt. Nachfahren sind bis hin zu Staatspräsidenten Südafrikas aufgestiegen. Namen wie Botha oder Van Rensburg (nach der Stadt Rendsburg in Schlewsig-Holstein) erinnern an deutsche Wurzeln. Nur spätere Einwanderer des 20. Jh haben diesen Assimilationsprozess nicht gemacht. Albert Schweitzer ist einer jener Elsässer, die in französischen Kolonien wirkten (Lambarene gehörte zu Französisch-Äquatorialafrika), allerdings in jenen Jahren in denen das Elsass Teil Deutschlands war. Deutsche Missionare gingen ab dem 18. Jh mit Dänen nach Grönland, vermischten sich dort sowohl mit Eskimos wie auch mit Dänen – was man auch heute an Namen von Grönländern sehen kann. Viele Südtiroler mussten nach der Abtrennung von Österreich im italienischen Militär in Nordafrika dienen, v.a. in Abessinien/Äthiopien; vielleicht sind sie eher als Altösterreicher denn als Deutsche zu sehen. Unter den Bewohnern im Raum Eupen, die nach dem 1. WK Belgier wurden, wird es auch welche gegeben haben, die als Soldaten oder Siedler in den Kongo kamen (vor der Unabhängigkeit 1960 oder danach). Anfang des 19. Jahrhunderts kartographierte der Deutsch-Balte Otto von Kotzebue als Offizier der russischen Marine erstmals die Marshall-Inseln – welche fast 100 Jahre später deutsche Kolonie (Schutzgebiet) werden sollten! Dann wären auch jene Herrscherhäuser in Kolonialmächten zu nennen, die deutsche Wurzeln haben, wie das britische seit 1714, oder die schon erwähnten spanischen Habsburger.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 gab es eine Bewegung für einen Kolonialerwerb, organisiert in Vereinen, wie dem 1882 gegründeten Deutschen Kolonialverein. Auch der Alldeutsche Verband erhob diese Forderungen. Auch Denker wie Max Weber forderten den Staat zur aktiven Kolonialpolitik in der Welt auf. Carl Peters: “Das deutsche Volk muss endlich ein Herrenvolk werden, um endgültig zur Weltmacht gelangen zu können”. Mit dem “Recht auf Kolonien” verband man in Deutschland Ende des 19. Jh Prestige, Rohstoffe, Märkte, “Lebensraum”.

Deutsche Kaufleute, Missionare und Seefahrer waren zu diesem Zeitpunkt schon an verschiedenen Küsten der Welt unterwegs, um ihren Glauben zu verbreiten oder Waren zu holen. Otto von Bismarck, Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm I., stellte 1884 mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute in Afrika unter den Schutz des Deutschen Reichs – der Anfang der Schutzgebiete Südwestafrika, Togoland, Kamerun. Es folgten weitere. Bismarck war dem „kolonialen Experiment“ lange skeptisch gegenüberstanden und tat dies weiter. Das Reich sollte nach Bismarck (der mehr Preusse als Deutscher war, überhaupt eine zurückhaltende Politik betrieb) eigentlich Kontinentalmacht bleiben, die Welt eher Absatzmarkt; er gab aber zögerlich staatlichen Schutz für Handelsposten, was etwa die Entsendung von Schutztruppen beinhaltete. Vorausgegangen war der Erhebung zum Schutzgebiet (Protektorat) in der Regel Verträge der Händler mit “Eingeborenen”, die ihnen die Oberherrschaft über ein Gebiet und wirtschaftliche Ausbeutung garantierten (Bismarck: “Papiere mit Neger-Kreuzen darunter”); so war es bei den Erwerbungen von Lüderitz in Südwestafrika. 1884/85 fand in Berlin die “Kongo-Konferenz” statt, auf der im Wesentlichen die Grenzen der europäischen Kolonien in Afrika gezogen wurden und die deutschen Ansprüche in Afrika an sich anerkannt wurden.

Die Deutschen nahmen sich Ende des 19. Jh, was es noch gab, ähnlich wie Italien. Beide versuchten hier alles nachzuholen. Die meisten deutschen Kolonien wurden gegen Ende der Bismarck-Zeit angeeignet, danach kamen noch einige hinzu. Wilhelm II. war Kaiser ab 1888, aber erst mit Bismarcks Entlassung 1890 begann das wilhelminische Zeitalter, in dem ein deutscher Imperialismus eine wichtige Rolle spielte. Die Kolonien wurden wichtiger, wurden auf/ausgebaut. Der Aufbau der Flotte (militärisch, Handel) hatte auch diesbezüglich eine Funktion, war v.a. gegen die britische Konkurrenz gerichtet. Auch der Bau der Bagdad-Bahn stand in dem Zusammenhang. Das Kolonialunternehmen stand von Anfang an im Zeichen der europäischen Mächtekonkurrenz; die dort heimischen Völker und teilweise dort bestehende Reiche spielten keine Rolle in Kolonialplanungen. In einer Reichstagsdebatte 1897 hat Aussenminister von Bülow, der zukünftige Kanzler, im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik berühmte Worte formuliert: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Die deutschen Schutzgebiete bildeten zu Beginn des 1. Weltkriegs das an Fläche viertgrösste Kolonialreich. Wenn man das Russische Reich, mit seiner Herrschaft in Asien, die keine überseeische mehr war (nach dem Verlust von Russisch-Amerika), nicht als Kolonialmacht zählt, sogar das drittgrösste nach dem britischen und französischen. Die weisse Weltherrschaft war rund um diesen Krieg am Höhepunkt. Ein Dutzend Staaten herrschte über den Rest der Welt, zumal lateinamerikanische Staaten unter USA-Kuratel standen (und sie grösstenteils weisse Oligarchien waren) und auch nicht regelrecht kolonialisierte Länder wie Persien/Iran abhängig waren. Auch europäische Nicht-Kolonialmächte profitierten wirtschaftlich. August Bebel, SPD, prangerte Gräueltaten der Schutztruppe in Südwestafrika an, hielt Kolonialpolitik im Kern aber für eine “Kulturtat”, sofern Europäer als “Befreier”, “Helfer”, “Bildner” kämen.

Parallel zu weisser Weltherrschaft kamen Rassentheorien auf, oft verbunden mit Sozialdarwinismus. Mission-Kolonisation-Ausbeutung-Rassismus waren eng miteinander verbunden. Der Kolonialismus war eine Vorform des Faschismus und verschiedener Formen der Apartheid. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen aus Kolonien war in Europa vom späteren 19. Jh bis in die 1940er gang und gäbe. Wenn Andreas Koller von den “Salzburger Nachrichten” vom “Wesenskern der westlichen Welt” schwadroniert, meint er wahrscheinlich etwas anderes. Der deutsche Mediziner Eugen Fischer nahm Untersuchungen an lebenden und toten Afrikanern vor, erforschte u.a. die die “Rehoboth Basters” in Südwestafrika (SWA), die im Kap-Gebiet aus Verbindungen von Buren-Siedlern (anderen Kolonialisten) und Nama-Frauen hervorgegangen waren, warnte vor “Rassenmischung”; die Nürnberger Rassengesetze beriefen sich auf ihn.

Der “Sansibar-Helgoland-Vertrag” 1890 zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien war die letzte Amtshandlung Bismarcks. Deutschland verzichtete darin auf Ansprüche auf das vor der Küste “seines” Ostafrikas liegende Sansibar (und anderes), die Küste bekam es dafür fix. Grenzfragen in West-Afrika zwischen diesen Mächten wurden geklärt, Helgoland kam von GB (während den Napoleonischen Kriegen angeeignet) ans DR, die Schutzherrschaft über die Witu in Kenia (s.u.) ging an GB, SWA bekam vom britischen Gebiet einen Zugang zum Sambesi (der dann Caprivi-Streifen genannt wurde). Das Kionga-Dreieck an der Grenze zwischen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) blieb umstritten, Deutschland betrachtete es aber nun als zu seinem Ostafrika gehörig.

Die Schutzgebiete/Kolonien waren gemäß der Verfassung des Deutschen Reichs nicht Bestandteil des Reichsgebiets, sondern überseeischer Besitz. Die Rechtslage in den Kolonien wurde erstmals 1886 mit dem Gesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete genauer geregelt, das nach mehreren Änderungen ab 1900 als Schutzgebietsgesetz bezeichnet wurde. Es führte über den Umweg der Konsulargerichtsbarkeit deutsches Recht für Europäer in den Kolonien ein. Auch die beschränkte Selbstverwaltung, die eingeführt wurde, galt nur für die deutschen Siedler. Die Ovambo in Südwestafrika oder die Papua in Neuguinea waren nicht auf einer Stufe mit den Franzosen in Lothringen oder den Polen in Schlesien, weit darunter. Anders als andere Kolonialherren gönnten die Deutschen nicht einmal einer kleinen Elite der Einheimischen eine akademische Ausbildung.

Es gab zur Aufsicht der Verwaltung der Kolonien zunächst die Kolonialabteilung im Aussenamt (dem Kanzler unterstehend). Nach den Aufständen und den Massakern in Südwest- und Ostafrika (s.u.) wurde das Reichskolonialamt (ein eigenes Ministerium) geschaffen. Der Gouverneur der jeweiligen Kolonie war oberster Kommandeur ihrer Schutztruppe. Nur die grösseren Kolonien hatten Schutztruppen, in den anderen (Neuguinea, Samoa, Togo, Kiautschou) gab es Polizeitruppen. Die Schutztruppen hatten, wie auch die anderen europäischen Kolonialtruppen, einheimische Hilfssoldaten, so genannte Askari. Es gab in den Schutzgebieten keine Sklaverei, aber Zwangsarbeit. Auch wenn Lohn für die Arbeit bezahlt wurde, war sie in der Regel nah an der Zwangsarbeit. Die übliche Plantagen-Monokultur stellte eine Ausbeutung von Land und Leuten dar. Auch beim in den meisten Kolonien vollzogenen Aufbau des Eisenbahnnetzes hat die einheimische Bevölkerung die härteste Arbeit geleistet. Die Reichswährung Mark war auch in den Kolonien das Zahlungsmittel, in Neuguinea, Kiautschou, Ostafrika gabs zeitweise Ausnahmen davon.

Die einzelnen Kolonien:

Deutsch-Südwestafrika: die erste, die wichtigste, die meisten Siedler, die tiefste Prägung. Es begann mit den Missionaren der lutheranisch-calvinistischen Rheinischen Missionsgesellschaft, die in Südwestafrika ab 1842 aktiv waren; daneben gab es ab 1870 die finnische Mission in dem Land. Händler wie der Bremer Adolf Lüderitz schlossen Verträge mit Häuptlingen ab. 1884 wurde Südwestafrika das erste deutsche Schutzgebiet; Kapitän Herbig liess dazu im Namen des Kaisers die Reichs-Flagge hissen, in der Bucht die dann Lüderitz genannt wurden. Deutschland kam damit den Briten zuvor, die im Süden und Osten waren. Lüderitz war die erste deutsche Siedlung, die entstand. Neben jenen Deutschen, die in “Südwest” Landwirtschaft betrieben, kamen Soldaten und Beamte in das riesige Land.

Lüderitz verkaufte seinen Besitz 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG), ertrank im jahr darauf im Oranje/Gariep, der die Grenze zur britischen Kapkolonie (später zu Südafrika) bildete. Die Grenzen im Norden zum portugiesischen Kolonialbereich entlang des Kunene-Flusses und im Osten zum britischen Bechuanaland wurden auch bis 1886 festgelegt. Die Walfisch-Bucht, den tauglichsten Hochseehafen in Südwest, hatten sich die Briten als Exklave ihrer Kapklonie gesichert. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 änderte die Grenzen des Gebietes im Nordosten. Ein Gesetz 1905 nahm mit Afrikanern Ehen eingegangenen Deutschen die Bürgerrechte. 1908 der “Diamantenrausch”. Etwa 10 000 Siedler gab es bei Kriegsausbruch, auch andere Europäer waren dabei (wie auch in den anderen Gebieten). Zum grossen Aufstand und der Niederschlagung s. u.

Deutsch-Ostafrika umfasste Tanganyika (Tanganjika), wo deutsche Kaufleute wie der Afrikaforscher Carl Peters an der Küste aktiv waren. Peters und seine Kolonial-Gesellschaft (DOAG) drängten auf eine staatliche Übernahme des Landes, die 1885 vollzogen wurde. Auf Betreiben von Peters wurde die evangelische Bethel-Mission gegründet, die versuchte Afrikaner über Schulen oder Krankenhäuser zu missionieren. Es wurde das grösste Schutzgebiet, war etwas grösser als SWA. Das Reich hatte vor Versailles ohne Kolonien 541 000 km², Ostafrika fast die doppelte Grösse. SWA (835 000 km²) hatte etwa die rund anderthalbfache Größe des Deutschen Reichs. Bei der Zahl der Siedler (ca. 5000) war Ostafrika Zweiter hinter SWA. Über die Küste und den davor liegenden Sansibar-Archipel herrschten die Sultane der omanischen Said-Dynastie. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich führte 1888 zu einem Aufstand der Bevölkerung an der Küste (bis 1890), die hauptsächlich aus Suahili (arabisch-afrikanisches Mischvolk) bestand, in Deutschland als “arabischer Aufstand” bezeichnet. Der Anführer Buschiri bin Salim wurde hingerichtet. Bismarck stellte die Niederschlagung als “humanitären Kampf gegen arabischen Sklavenhandel” dar.

Deutsche waren v.a. an der Küste und im Norden präsent. Kaffee, Zuckerrohr, Kautschuk, Sisal-Hanf, Baumwolle wurden in Plantagen angebaut; in Zwangsarbeit. Die Plantagen nahmen den Einheimischen Land, brachten Hungersnöte, ähnlich wie in Irland durch den erzwungenen Getreideexport nach Grossbritannien. Das Wituland an der kenianischen Küste war 1885-90 deutsches Schutzgebiet, wurde zu Ostafrika gerechnet; war vorher Sultanat, dann (nach Helgoland-Vertrag) britisch. Peters hielt sich als Reichskommissar eine afrikanische Geliebte, als er entdeckte dass sie auch mit einem Diener ein Verhältnis hatte, liess er beide aufhängen; daher wurde er entlassen. Im NS bekam er eine Rehabilitierung. 1905-08 der Maji Maji-Aufstand, gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA. Es war diesmal ein schwarzafrikanischer Aufstand im Landesinneren, er begann auf einer Baumwollplantage. Die Niederschlagung erfolgte durch die Schutztruppe mit Askaris (teilweise aus anderen Gebieten Afrikas, auch nicht-deutschen), forderte bis zu 900 000 Opfer.

Deutsch-Neuguinea: Es begann mit jenem Archipel im Pazifik, der dann nach dem deutschen Reichskanzler benannt wurde. Niederländische, spanische und englische Schiffe gaben diesen Inseln ihre frühe Namen, wurden zur Verproviantierung genutzt, Missionen und Handelsniederlassungen (etwa der DHPG) entstanden. Deutsche und Briten deportierten Zwangsarbeiter von dort nach Samoa oder Queensland. Deutsche kamen von hier nach Neuguinea, dessen Westteil den Niederländern gehörte (Nl. Indien, späteres Indonesien). Im Ostteil der Insel entstanden in den 1880ern  (im Süden) britisch-australische und (an der Nordküste) deutsche Handelsposten. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) verlief einfach schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad (West-Neuguinea war von Holländern aber nicht erschlossen). Zusammen mit dem vorgelagerten “Bismarck-Archipel” wurde Nordost-Neuguinea (“Kaiser-Wilhelms-Land”) deutsches Handels-, dann (1899) Schutzgebiet. Nach dem Bankrott der Handelsgesellschaft, die für die Europäer gesorgt hatte, kaufte das Deutsche Reich 1899 die Hoheitsrechte und erhob damit den Nordosten von Neuguinea und Bismarck-Archipel in den Rang einer Kolonie bzw eines Schutzgebietes.

1885 hatte das Deutsche Reich auch den Nordteil der Salomonen-Inseln als Schutzgebiet angeeignet, gab sie dann auch zu Deutsch-Neuguinea. Auch dort hatte es (Anfang des 19. Jahrhunderts) mit europäischen Händler und Missionaren begonnen. Die restlichen Salomonen fielen 1893 an Großbritannien. 1899/1900 wurden die Salomonen-Inseln Choiseul, Santa Isabel, Shortlands und Ontong Java Inseln vom Deutschen Reich an Grossbritannien transferiert, im Gegenzug für die Anerkennung deutscher Ansprüche auf West-Samoa; Deutschland bzw Deutsch-Neuguinea behielt Bougainville und umliegende Inseln. Die Marshall-Inseln mit Nauru wurden 1886 deutsch, kamen 1906 zu Dt.-Neuguinea. 1899 gab es weitere Zuwächse für dieses Schutzgebiet, von Spanien: die Karolinen, Marianen ohne Guam, Palau. Die tiefste Meeres-Stelle liegt östlich der Marianen-Inseln; benannt wurde der Graben wie die Inselgruppe nach der spanischen Königsgattin Maria Anna von Habsburg, in spanischer Kolonialzeit. Maria Annas Ehe war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, dieser Grund für ihren Untergang.

Die Landfläche Deutsch-Neuguineas betrug 249 500 km², mit dem Wasser wäre es die grösste der deutschen Kolonien gewesen. Auch hier Zwangsarbeit Einheimischer auf Plantagen: Kokos, Kautschuk, Phosphate, Tabak. Und Mission. Angeblicher Kannibalismus der Papua auf Neuguinea an Weissen. Bei einer Volkszählung 1905 wurde die Gesamtbevölkerung von Deutsch Neuguinea mit 200 000 angegeben, wahrscheinlich eine Schätzung. Davon waren an die 2000 Menschen Europäer, davon nur etwa 700 Deutsche. Die Weissen waren hauptsächlich Pflanzer und Händler, und der Aussteiger August Engelhardt – der aber eigentlich auch ein Pflanzer war, und Inhaber einer Kokosplantage – sowie ein paar Anhänger. Der Ort Herbertshöhe auf der Insel Neupommern im Bismarck-Archipel war von 1899 bis 1910 Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea. Gouverneur war 1897 und 1901 bis 1914 Albert Hahl, der auch im Roman von Kracht vorkommt. Hahl war aus Bayern, Jurist, Beamter, für das Reichskolonialamt tätig, kam nach Deutsch-Neuguinea, war am Bismarck-Archipel Richter, dann in den von Spanien hinzugekommenen Gebieten bevor er Gouverneur wurde. Wie Peters in Ostafrika und wohl viele Andere hatte er eine Beziehung mit einer einheimischen Frau, auch ein Kind mit ihr. Hahl ernannte lokale Ortsvorsteher („Luluai“), die eine Brücke zwischen deutscher Verwaltung und Einheimischen darstellen sollten.

Deutsch-Kamerun: Dort war es v.a. der Geschäftsmann Adolph Woermann der den Weg zur Kolonialisierung ebnete, durch Handel und Verträge mit afrikanischen Herrschern. Gustav Nachtigal (aus der Altmark, Militärarzt, Afrika-Forscher) wurde als Reichskommissar für Westafrika in die Kolonialpolitik eingespannt; er starb auf der Rückfahrt nach Deutschland an Tuberkulose. Palmöl und Kakao gehörten zu den wirtschaftlichen Attraktionen des Gebiets, das starken territorialen Veränderungen unterworfen war. Deutsch-Kamerun war am Ende annähernd so gross wie das “Mutterland” (das Deutsche Reich). Es erhob Anspruch auf das britische Nigeria. Zu Deutsch-Westafrika wurden Kamerun und Togo zusammengefasst. Etwa 2000 Deutsche (und andere Europäer) liessen sich nieder. Julius Scharlach tat sich als besonders brutaler Plantagenbesitzer hervor.

Deutsch-Togoland: Vietor; Mais, Baumwolle; 500 Siedler

Deutsch-Samoa: die letzte erworbene Kolonie (1900), von Deutschland am weitesten entfernte. Der Osten des Archipels ging an die USA, die Briten bekamen einen Teil der Salomonen u.a. für den Verzicht auf Ansprüche auf den Westteil, der deutsch wurde… Das Schutzgebiet umfasste die Inseln Upolu, Savaiʻi, Apolima und Manono. Etwa 500 Siedler waren hauptsächlich wegen Kopra und Ananas dort, meist Männer die mit Samoanerinnen zusammenlebten. Deutsch-Neuguinea (Teile Melanesiens und Mikronesiens) und Deutsch-Samoa (in Polynesien) machten zusammen die “deutsche Südsee” aus. Kawa spielte dort für die einheimische Bevölkerung eine Rolle.

Kiautschou: Als 1897 zwei deutsche Missionare in China ermordet wurden, war dies für Kaiser Wilhelm II. der willkommene Vorwand, die Bucht zu besetzen. Der Stützpunkt wurde 1898 von China gepachtet, auch ein ungleicher Vertrag. Hauptstadt war  Tsingtao. Aufgrund seiner Hauptfunktion als Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine wurde das Gebiet nicht vom Reichskolonialamt, sondern vom Reichsmarineamt verwaltet. An der Spitze der Kolonie stand der Gouverneur (stets ein Marineoffizier), der direkt dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes, damals Grossadmiral Alfred von Tirpitz, verantwortlich war. Opium wurde in Kiautschou teilweise toleriert bzw daran verdient durch die Einhebung von Abgaben. Während der deutschen Kolonialzeit fand die Opiumkonferenz in Schanghai (1909) und die Chinesische Revolution (1911/12) statt. In Tientsin/Tianjin weiter nördlich hatte Deutschland, wie andere westliche Mächte, einen Handels-Stützpunkt. 1900 wurde der Diplomat Clemens von Ketteler in Peking während des Boxeraufstand (1899-1901) getötet, als er sich in einer Sänfte durch die Strassen tragen liess. Der Mord war Vorwand für die folgende westliche Intervention in China, auch mit deutscher Beteiligung. Bei der Verabschiedung der Truppen unter v. Waldersee hielt der Kaiser seine “Hunnenrede”.

Das Verhältnis der Siedler, in allen Kolonien zusammen etwa 25 000, zu den Einheimischen bewegte sich zwischen grosser Nähe und grosser Distanz. Deutsche wurden getrennt von der lokalen Bevölkerung angesiedelt und diese wurde zur Arbeit verpflichtet, Mischehen wurden verboten. Zu dem Status der lokalen Bevölkerung im deutschen Kolonialsystem kam die kulturelle und oft rassische Verachtung der Siedler. Dann aber die vielen eingegangen sexuellen Verbindungen der meist männlichen Siedler mit einheimischen Frauen, von Gouverneuren abwärts; wobei diese ja auch als eine Art von Machtausübung gesehen werden können. Die Kinder aus solchen Verbindungen blieben in der Regel in den Kolonien, bei den dortigen Familien. Ein Teil der Deutschen blieb nach dem 1. Weltkrieg in den jeweiligen ehemaligen Schutzgebieten, manche kehrten nach einer Ausweisung zurück. Die deutsche Schiffahrt erfuhr durch die Kolonien einen Aufschwung, durch Warenverkehr, Tourismus, Besuche.

Expansion und Ausbeutung führte zu Aufständen. Dunkelstes Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte war die heute als Völkermord anerkannte Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jh. 1904 erhoben sich die damals halbnomadischen Herero unter Samuel Maharero im Norden Südwestafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft, v.a. wegen des Landverlusts an deutsche Siedler. Auf die Schlacht am Waterberg 1904 folgte bis 1908 ein genozidäres Vorgehen der Deutschen, flüchtende Herero wurden in der Omaheke-Wüste eingeschlossen. Die Nama (eine Khoikhoi-Untergruppe) unter Hendrik Witbooi schlossen sich den Herero an. Es gab Vernichtungsbefehle aus Berlin (Kaiser Wilhelm II., Kanzler v. Bülow, Generalstabschef von Schlieffen) und Vernichtungsintentionen der Schutztruppe unter Lothar von Trotha (ihr Kommandeur, dann Gouverneur des Schutzgebietes). Gouverneur Leutwein wollte ein anderes Vorgehen, wurde daher abgelöst. Neben dem Verdursten-Lassen gab es Exekutionen, Deportationen, Konzentrationslager für gefangene Herero und Khoikhoi (das Konzept für solche Lager stammt aus Südafrika, wo es die Briten im “Anglo-Buren-Krieg” an Afrikaanern anwandten), Landkonfiszierungen. Manche retteten sich durch Flucht in den britischen Bereich in Walvis Bay. Es werden zwischen 70 000 und 100 000 Opfer geschätzt. Es handelte sich um eine Art finale Auseinandersetzung zwischen naturverwurzeltem Jäger- und Nomadentum mit der westlichen Zivilisation, wie andernorts in dieser Zeit, die klar und brutal entschieden wurde.

Dann gabs August Engelhardt aus Nürnberg, dessen Leben vom Schweizer Schriftsteller Christan Kracht literarisiert wurde, in „Imperium“. Engelhardt wanderte auf die Insel Kabakon aus, eine der Neulauenburg-Inseln (heute Duke-of-York-Inseln) im Bismarck-Archipel in Deutsch-Neuguinea. Kracht erzählt Engelhardts Geschichte nicht genau nach, es handelt sich dennoch um einen Tatsachenroman; vielleicht auch um einen historischen Roman. Engelhardt sagt viel über das wilhelminische Kaiserreich aus, gerade weil er die “Antithese” zu ihm war (obwohl er die deutsche Kolonial-“Infrastruktur” nutzte). Engelhardt erwarb eine Kokosnussplantage auf Kabakon, was nicht weiter aussergewöhnlich wäre, da die Kokos-Nuss und ihre diversen Verarbeitungen die hauptsächliche wirtschaftliche Nutzung von Deutsch-Neuguinea war. Engelhardt stellte aber im Gegensatz zu den andern Siedlern und den Kolonialbeamten die Überlegenheit der Weissen und der westlichen Zivilisation entschieden in Frage. Er war, mit seiner alternativen Lebensform, seinem Sonnenorden, dem Kokovorismus, gewissermaßen ein Proto-Hippie. Auf Kabakon hielten sich nie mehr als fünf seiner Anhänger auf, einige von ihnen starben dort aus ungeklärten Gründen, so etwa der Berliner Musiker Max Lützow. 1914 kamen australischen Soldaten in das deutsche Inselreich. Dem bereits entrückten Engelhardt wurde die Plantage entzogen. Er blieb aber, starb 1919 auf Kabakon.

Die Verlegung des Haupt-Ortes Herbertshöhe (heute Kokopo) auf der benachbarten Insel Neu-Pommern (New Britain) 1910 aus klimatischen und verkehrstechnischen Gründen (Versandung des Hafens) an den wenige Kilometer entfernten Ort Rabaul, die im Roman Engelhardt in Verwirrung bringt, hat es tatsächlich gegeben. Zumindest im Roman war das Verhältnis Engelhardts mit den einheimischen Melanesiern “am Schluss”, vor dem seiner Plantage und seines “Ordens”, zerrüttet. Nur Makeli (eine authentische Figur) “blieb” ihm, und der war fast Deutscher geworden; Engelhardt aß Teile von ihm. Anlässlich der “Besitzerwechsels” in Neuguinea im 1. Weltkrieg und dem deutschen Engagement in diesem Krieg wirft Kracht die Frage auf, was wenn Hitler in diesem Krieg umgekommen wäre. Er hat v.a. das Ende Engelhardts gegenüber der Realität abgeändert. Apirana Ngata, ein neuseeländischer Maori, ist authentisch, aber nicht die Geschehnisse um ihn im Roman. Die Figur des Kapitän Slütter, den Gouverneur Hahl im Roman engagiert, um den als nicht mehr tragbar eingestuften Engelhardt ermorden zu lassen, ist fiktiv. Slütter, der auf seinen Schifffahrten in Sydneys Chinatown 2x jährlich Einkehr in einer Opiumhöhle hielt, und das ozeanische Mädchen Pandora, mit der ihn eine Art hebephile Beziehung verbindet, sind Hugo Pratts Comic “Südseeballade” (1967) “entnommen”, mit dem die Geschichte des Corto Maltese begann. Es finden sich auch Anspielungen auf Manns “Zauberberg”. Der Autor Marc Buhl hat Kracht vorgeworfen, er habe Elemente aus dessen Roman “Das Paradies des August Engelhardt” übernommen, der ein Jahr vor “Imperium” erschienen ist und sich ebenfalls in leicht fiktionalisierender Form Engelhardt widmet.

Kolonialwaren kamen aus den Schutzgebieten nach Deutschland, von Kokosnüssen bis Kaffee; exotische Tiere von dort in Tiergärten. Südseeklischees wurden in Romanen verarbeitet. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde die Ausbildung zum Koloniallandwirt in Deutschland angeboten. Die Kolonien blieben ein Verlustgeschäft. Nahrung aus Deutschland mussten für Siedler importiert werden. Hatte Bismarck mit seiner Skepsis Recht?

Es gab dann jene Gebiete, die Deutschland zu kolonialisieren versuchte, in erster Linie Teile Marokkos. Erste Marokkokrise 1904–1906, Deutschland will Frankreich nicht als beherrschende Macht in Marokko akzeptieren, Konferenz in Algeciras. Die zweite Marokkokrise 1911, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten; Wilhelm II. entsendet das Kanonenboot “Panther” nach Agadir (“Panthersprung”), dann weitere Kriegsschiffe, will die Abtretung von Kolonialgebieten Frankreichs an das Deutsche Reich als Gegenleistung für die Anerkennung der französischen Herrschaft über Marokko. Dann der Marokko-Kongo-Vertrag, Deutschland gibt die Anerkennung, gibt den wesentlichen Teil des “Entenschnabels” (Deutsch-Kamerun) an Französisch-Äquatorialafrika, bekommt Neukamerun dazu. Es gab auch Gebiete die keinen Reichsschutz oder keine internationale Anerkennung bekamen, wie Santa Lucia Bay im damaligen Königreich Zululand, das von Adolf Lüderitz 1884 erworben wurde, aber in die britische Machtsphäre fiel; und solche die von Deutschland rein wirtschaftlich genutzt wurden wie eine Kohlestation auf den (heute saudi-arabischen) Farasan-Inseln, ein Depot der deutschen Marine 1900–1902

Die Grenzen bzw die Ausdehnung des Reichs waren am Kontinent schon sehr umstritten. Mehr als bei den anderen europäischen Kolonialmächten. Die Schnäbele-Affäre in Lothringen und der Zabern-Zwischenfall im Elsass zeigten, dass auch die deutsch(sprachig)e Bevölkerung dort nicht überall wie ein Mann hinter dem Deutschen Reich stand. Das betraf die Minderheiten des Reichs erst recht.

Das Ringen um Marokko, wie auch das um Sansibar oder Samoa, war Ausdruck der grossen Konkurrenz der europäischen Mächte (sowie der USA), das zum 1. Weltkrieg führte. Dieser europäische Krieg kam auch in Kolonien und anderswo hin. Deutschland glaubte an eine Verschonung seiner Kolonien, hatte eigentlich eine Erweiterung seines Kolonialbesitzes geplant, mit Blick aufs Osmanische Reich (sein Verbündeter). Es verlor aber auch in den Kolonien, durch Kämpfe, nicht Verträge, erwies sich nicht als Weltmacht. In Südwestafrika bekam es die mit Reservisten und Askaris verstärkte deutsche Schutztruppe mit der Armee Südafrikas zu tun, das damals noch eng an Grossbritannien gebunden war. Von dort kam auch die Anweisung, Deutsch-Südwestafrika anzugreifen. Die von der South African Party gebildete Regierung akzeptierte dies, viele Afrikaaner (die sich dann in der Nationalen Partei sammelten) standen den Deutschen aber näher als den Briten. So erhob sich ein grosser Teil des Militärs Südafrikas, darunter ihr Kommandant Christiaan Beyers. Eine Afrikaaner-Miliz unter Generälen wie Beyers, De la Rey oder Maritz kämpfte sodann mit der deutschen Schutztruppe (die Verstärkung aus Deutschland bekommen hatte) in Südwestafrika gegen das südafrikanische Heer – und verlor.

Jene deutsche Kolonie, in der es im 1. WK die schwersten Kämpfe gab, war Ostafrika. Die Schutztruppe kämpfte dort mit Askaris gegen Briten, Belgier und Portugiesen (ebenfalls mit afrikanischen Soldaten). Auf deutscher Seite kämpften 2000 Deutsche und andere Europäer mit 11 000 einheimischen Askaris, unter von Lettow-Vorbeck. Ab 1916 gab es Verluste, bis 1918 Kämpfe, die mit der Besetzung Deutsch-Ostafrikas endeten. Nach Kamerun drangen nach Ausbruch des Krieges französische, britische, belgische Truppen ein, besiegten die Schutztruppe bis 1916. Diese zog sich ins neutrale Spanisch-Guinea zurück. Togoland wurde von britischen und französischen Truppen eingenommen. Deutsche Siedler wurden für ca. 1 Jahr in ein Lager im französischen Dahomey gebracht. Kaum Kämpfe gab es in der deutschen Südsee, Neuguinea wurde von Australiern und Japanern, Samoa von den Neuseeländern besetzt. Kiatschou wurde japanisch besetzt.

Hauptmann Hermann Detzner war 1914 gerade auf Neuguinea, bei einer Kontrolle der Grenze zum autralisch-britischen Südteil, als in Europa der Krieg ausbrach. Deutsch-Neuguinea wurde nach der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich bald von australischen Soldaten besetzt; Detzner versteckte sich über die Kapitulation der Schutztruppe hinaus im Dschungel von Neuguinea. Er versuchte nach West-Neuguinea zu gelangen, wo das damals neutrale Holland herrschte, wurde dabei von deutschen Missionaren unterstützt, scheiterte wie auch mit anderen Versuchen, den Australiern zu entkommen, ergab sich erst mit Kriegsende. Zurück in Deutschland schrieb er “Vier Jahre unter Kannibalen. Von 1914 bis zum Waffenstillstand unter deutscher Flagge im unerforschten Innern von Neuguinea”. Nach dem Krieg war er im Reichskolonialamt in leitender Stellung mit Entschädigungsfragen befasst, musste er später eingestehen, dass er sowohl Forschungsergebnisse als auch im Buch angegebene Abenteuer nicht vollbracht hatte. Detzners tatsächliche Erlebnisse sind nichts gegen jene japanischer “Aushalter” nach dem 2. WK, die sich aufgrund der Ehre nicht ergeben wollten. Manche haben es in Verstecken im südostasiatisch-pazifischen Raum bis in die 1970er ausgehalten!

Der Versailles-Vertrag machte aus den deutschen Schutzgebieten Völkerbund-Mandate, die an alliierte Staaten vergeben wurden. Einige Teile von Schutzgebieten, Neukamerun, Kiautschou, Marianen und Karolinen, wurden in Versailles direkt vergeben. Nicht zu vergessen die vor dem allgemeinen Ende der deutschen Kolonien verlorenen Gebiete wie ein Teil der Salomonen oder Entenschnabel. Nutzniesser waren Grossbritannien und seine Dominions, Frankreich, Japan, Belgien und Portugal. Das Mandat für Südwestafrika ging an Britisch Südafrika. Ostafrika ging hauptsächlich (Tanganyika) an Grossbritannien (das nun von Kap bis Kairo herrschte); Belgien bekam Ruanda-Urundi (im NW von Dt.-Ostafrika), Portugal (Portugiesisch-Ostafrika) bekam das Kionga-Dreieck, als Entschädigung für das deutsche Eindringen während des Kriegs.

Neuguinea: Kaiser-Wilhelms-Land, Bismarck-Archipel, Nord-Salomonen gingen an Britisch Australien; Marshall-Inseln, Karolinen, Marianen, Palau an Japan; Nauru an Grossbritannien und seine Dominions Australien und Neuseeland. Kamerun wurde zwischen Frankreich (das einen Teil zu Französisch-Äquatorialafrika gab, aus dem anderen Französisch-Kamerun machte) und Grossbritannien geteilt. Britisch-Kamerun war der viel kleinere, aber reichere Teil, erhielt (rund um den Kamerunberg bzw Fako) alle deutschen Plantagen. Auch Togoland wurde zwischen diesen Mächten geteilt. Samoa wurde Britisch Neuseeland übertragen. Und Kiautschou ging direkt an Japan.

Die kurze und späte Kolonialgeschichte Deutschlands ging im 1.WK unter. Fritz Fischer sagte, wohl mit einiger Berechtigung, dass das Deutsche Reich im 1. WK am Sprung zur Weltmacht war – der Absturz begann damit. Früher als Grossbritannien oder Frankreich wurde Deutschland zu einer postkolonialen Gesellschaft, auch Italien durfte seine Kolonien nach dem 1. WK behalten. Es gab auch selbstgerechte Vorhaltungen anderer Kolonialmächte gegenüber Deutschland in Versailles. Und, das Deutsche Reich verlor in Versailles infolge des Kriegs ja auch Gebiete seines Festlandes, ob sofort (zB Elsass-Lothringen), nach Volksabstimmungen (zB Nordschleswig), an den Völkerbund (wie das Saargebiet) oder durch Besatzung (das Rheinland). Es gab Ausweisungen deutscher Beamte (auch der Schutztruppe) und Siedler aus den verlorenen Kolonien; in den abgetrennten Gebieten in Europa ging es neben bestimmten Staatsdienern nur jenen Deutschen so, die nicht die Bürgerschaft des neuen Staates nicht annehmen wollten. Es blieben Reste von Deutschen in den Ex-Kolonien, wobei dieser nur im Fall Südwestafrikas beträchtlich war.

Nach dem Krieg kamen einige Dutzend Afrikaner und afro-deutsche Familien aus den verlorenen Kolonien nach Deutschland. Theophilus Wonja Michael etwa, der Sohn eines afrikanischen Würdenträgers in Kamerun, der zusammen mit anderen Häuptlingen Verträge unterzeichnet hatte, die die Kolonialisierung vorbereiteten. Er kam bereits zu deutschen Kolonialzeiten ins “Mutterland”. Heiratete eine Deutsche, fühlte sich als Deutscher. Kam aber nicht über Engagements in Zirkus und Kabarett hinaus. Die Kinder verloren unter dem NS die deutsche Staatsbürgerschaft.

Es gab in der Weimarer Republik Bestrebungen zur Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft. Dieser Kolonialrevisionismus wurde von kolonialen Verbänden vertreten, etwa der bereits 1887 gegründeten Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), der in der Zwischenkriegszeit die ehemaligen Gouverneure Theodor Seitz und Heinrich Schnee als Präsidenten vorstanden. 1925 wurden die kolonialen Verbände und Vereine in der „Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft“ (KORAG) gebündelt. Es gab diese Bemühungen um eine Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft in fast alle Parteien, am wenigsten in der KPD. Ökonomische Beweggründe (Kolonien als Rohstoff- und Absatzgebiete) und imperialistische (nationalistische, kulturalistische) flossen ineinander. Am Überseehandel beteiligte Firmen und Banken und zurückkehrende Siedler waren ebenso dabei wie General Lettow-Vorbeck oder der Ex-Gouverneur von Neuguinea, Hahl (Direktor der “Neuguinea-Kompagnie”, schrieb Bücher über diesen Archipel).

Unter Stresemann wurde eine Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt eingerichtet. Deutsche Regierungen haben aber keine offensiven Forderungen diesbezüglich vertreten. Die Aufhebung von Reparationen und Einschränkungen und auch die Wiedererlangung kontinentaler verlorener Gebiete war wichtiger. Gegen die Rolle, die Kolonien bei einer Konsolidierung der Nachkriegswirtschaft spielen sollten, sprach die Erfahrung die Deutschland gemacht hatte. Viele in Deutschland erhofften sich vom Völkerbundbeitritt 1926 Mandate über Territorien. Das Reich unterstützte in den 1920er Jahren Kolonialunternehmen mit staatlichen Darlehen und 1924 gelang mit staatlicher finanzieller Hilfe der Rückerwerb vieler Pflanzungen in nun britischen West-Kamerun.

Die Kolonialbewegung war keine Massenbewegung, aber ihre Vertreter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hielten den Diskurs jahrzehntelang aufrecht, mit Veranstaltungen und Publikationen. Ein Unrechtsbewusstsein bezüglich der deutschen Politik in den verlorenen Kolonien gab es im Weimarer Deutschland so gut wie nicht. Die heuchlerischen Vorhaltungen der anderen Kolonialmächte in Versailles (denen Südafrikas Premier Louis Botha widersprach) hatten daran auch ihren Anteil. So war die Übernahme von Elsass-Lothringen wie jene von Südwestafrika für viele Deutsche ein gemeiner Diebstahl. Die Forderung nach einer Teilhabe am europäischen Imperialismus war insofern verständlich, als sich Briten, Franzosen oder Niederländer, ebenso wie US-Amerikaner, als die Herren über den Rest der Welt betrachteten.

Hans Grimm hatte um die Jahrhundertwende im südlichen Afrika gelebt, empfand nach der Rückkehr in Deutschland Enge, schrieb in der Zwischenkriegszeit den Roman “Volk ohne Raum” (sowie über Südwestafrika). Er selbst dachte dabei hauptsächlich an (wiedergewonnene/neue) Kolonien. Der NS machte daraus einen kontinentalen “Lebensraum”-Anspruch, in Osteuropa. Ex-Gouverneur Heinrich Schnee war vielleicht der wichtigste Kolonialrevisionist der Weimarer Republik, gehörte der rechtsliberalen Deutsche Volkspartei (DVP) an, die auch energisch diesbezügliche Forderungen vertrat. In seinem Buch “Die koloniale Schuldlüge” (1924) relativierte er die Opfer deutscher Kolonialpolitik; er brachte (1920) auch das “Deutsche Kolonial-Lexikon” heraus. Auch Konrad Adenauer vom Zentrum war diesbezüglich engagiert, er war 1931/32 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, siehe das Zitat von ihm oben. Neben seiner Funktion als Bürgermeister von Köln hatte er als Präsident des Staatsrates eine in Preussen inne, obwohl er an der Zugehörigkeit des Rheinlandes zu diesem Freistaat etwas ändern wollte.

Südwestafrika war als C-Mandat des Völkerbunds an Britisch Südafrika gegangen, das bedeutete quasi die Übergabe des Gebiets an diesen Staat. SWA wurde damit zunächst Teil des grossen britischen Kolonial-Blocks im südlichen Afrika, wo es eine teilweise weisse Besiedlung gab. Auf die Besetzung durch Südafrika folgte die zivile Übernahme der Verwaltung. Südafrikanische Konzerne wie “De Beers” übernahmen die südwestafrikanischen Bodenschätze. Die meisten deutschen Siedler blieben. So gab es in Südwestafrika eben auch eine deutsche Volksgruppe, wie in Frankreich oder Polen. In den 1920ern gab es die Möglichkeit der Annahme der britischen Staatsbürgerschaft für SWA-Deutsche; eine eigene südafrikanische kam erst 1949. Und, es gab eine weisse Einwanderung aus Südafrika. Schwarze und Mischlinge (Coloureds, Kleurlinge) waren weiterhin Menschen zweiter Klasse. Es gab weiterhin begrenzte Selbstverwaltung für die weissen Siedler.

1926 wurde erstmals unter südafrikanischer Herrschaft eine weisse Versammlung gewählt; die probritische UNSWP siegte vor der NPSWP (die für Afrikaaner-Eigenständigkeit bzw -Dominanz war). Die selben politischen Lager gab es in Südafrika (SAP, später UP; NP). Das letzte Wort in Südwestafrika hatte der südafrikanische Administrator. Deutsche hatten dort nie eine eigene Partei, immer “nur” Vereinigungen; der Deutsche Bund scheint aber bei der Wahl 1929 angetreten zu sein. Das deutsche Lager war im Grossen und Ganzen für die Eigenständigkeit von SWA (gegen die Vereinigung mit Südafrika), für eine wichtige Stellung der deutschen Sprache und Kultur, eher für den Einfluss Südafrikas, zumal eines burisch dominierten, als Grossbritanniens; zur Aufrechterhaltung der eigenen Privilegierung bzw der Entrechtung der Schwarzen brauchte man ein “Hinterland”. Die SWA-Deutschen wählten eher NPSWA. Eine Rückkehr des Landes unter deutsche Herrschaft war in der Zwischenkriegszeit auch noch eine reale Option. Die DKG im “Mutterland” dachte ein deutsch-burisches Gross-Südafrika an. Die Deutschen in SWA und ihre Anliegen kamen mehr zu Geltung, wenn Afrikaaner in Südafrikas das Sagen hatten, also nach dem 2. WK, nicht aber jenes von mehr weisser Selbstbestimmung in SWA statt Filiale Pretorias zu sein. Der Nationalsozialismus kam auch nach SWA, ein NSDAP-Ableger bekam unter dortigen Deutschen Zulauf, es gab auch entschiedene Gegner, der Deutsche Bund zerfiel aufgrund dieser Polarisierung; eine Entwicklung ganz wie bei den Deutschen zB in Rumänien.

Windhoek/Windhuk spiegelt fast die ganze Geschichte Namibias/Südwestafrikas wieder: Die Orlam-Mischlinge aus der Kapkolonie gründeten Mitte des 19. Jh eine Siedlung namens Windhoek, in einer Gegend, in der auch Herero oder Damara lebten. Dann kamen Rheinische Missionare in die Region, um bald von britischen Methodisten verdrängt zu werden. Die Gründung der Stadt am Boden der bisherigen Siedlung ereignete sich in deutscher Kolonialzeit. Zu Beginn der deutschen Kolonialzeit waren die Schreibweisen Windhuk wie auch Windhoek gleichermaßen gebräuchlich. Durch einen Erlass von Gouverneur Theodor Leutwein von 1903 wurde als einziger amtlicher Name der Stadt Windhuk bestimmt. 1918 wurde der amtliche Stadtname in Windhoek geändert. Windhoek war in südafrikanischer Zeit überwiegend weiss, als einzige Stadt Afrikas, zumindest bis Mitte der 1970er.

Die reichsdeutschen Kolonial-Organisationen passten sich in der NS-Zeit die herrschende Ideologie an, die im Grunde nicht “kolonial-freundlich” war. Dazu unten mehr. Über diverse Zwischenschritte kam es bereits 1933 zur Gründung des “Reichskolonialbundes” (RKB) als Dachorganisation diverser, noch selbständiger Kolonialgesellschaften und Verbände, anstelle der KORAG. Geleitet wurde der RKB von Franz von Epp, der als Offizier an der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China und am Völkermord in Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen war, ehe er Nazi-Bonze wurde. Daneben richteten die Nazis 1934 ein Kolonialpolitisches Amt der NSDAP, KPA, ein. An seine Spitze stand zunächst Heinrich Schnee, dann auch Epp. Beide Institutionen hatten keine Macht, dienten hauptsächlich der Gleichschaltung, und wurden (angesichts des Kriegsverlaufs) 1943 abgeschafft, das Personal auf andere Behörden verteilt.

In “Mein Kampf” hatte Hitler in den 1920ern dem Ziel einer Rückgewinnung der deutschen Kolonien bereits eine klare Absage erteilt. „Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.“, hiess es da. Osteuropa war das vorrangige Ziel einer deutschen Expansion für die NSDAP, irgendwann der Westen, dann die Welt. Irgendein Stück Afrika oder Südsee war für die Nazis ohnehin zu wenig; gegenüber dessen Bewohnern sahen sie die Deutschen sowieso als “Herrenvolk”. Der “Lebensraum”-Anspruch galt primär kontinental. Andererseits, eine Revision von Versailles in allen Punkten war auch wichtig und deutscher Imperialismus immer unterstützenswert. Es gab einen NS-Film über Carl Peters, mit Hans Albers, und weitere Propagandafilme zu den Kolonien. Der NS-Wahnsinn hat allgemein “naheliegendes”, wie eine Restauration der Herrschaft über SWA, eine Eingliederung der Schweiz oder Südtirol, liegen gelassen, dafür die Herrschaft über die Krim oder die ganze Welt angestrebt. Südwestafrika gehörte zu Südafrika und dieses war noch recht eng an Grossbritannien gebunden, aber unter den herrschende Weissen in Südafrika (hauptsächlich unter den Afrikaanern) gab es deutschfreundliche Haltungen, dazu später mehr.

Wirtschaftsminister Hugenberg von der DNVP wollte während der Londoner Weltwirtschaftskonferenz im Juni 1933 (kurz vor seinem Rücktritt) eine Rede halten, in der Forderungen nach Rückgabe der deutschen Kolonien in Afrika und nach Erschließung von Siedlungsraum im Osteuropa enthalten waren. Hitler kamen jedoch Töne dieser Art in der Phase seiner scheinbaren Détente und der geheimen Aufrüstung nicht gelegen. 1935/36 erhob Hitler dann, parallel zu seinem antibritischen Kurs, kolonialrevisionistische Forderungen. GB ging darauf ein, wollte als Gegenleistung den Verzicht auf Aufrüstung. Hitler dagegen wollte die Rückgabe von Kolonien ohne einen Ausgleich welcher Art auch immer, weil diese Deutschland enteignet worden wären. Es gab Pläne für ein “Deutsch-Mittelafrika”, die älter waren als die Nazis. Kamerun hätte über ein Stück Kongo, das Belgien hätte abtreten müssen, mit Südwest- und Ostafrika verbunden werden sollen. Nach einem Sieg über westeuropäische Mächte hätte man ihnen diktieren können, welchen Kolonial-Besitz in Übersee sie abzutreten hätten. Die Planungen dafür umfassten etwa den Entwurf für ein “Kolonialblutschutzgesetz”…

Durch die Eroberungen von Frankreich, Niederlande, Belgien, Dänemark und die Bündnisse mit Italien und Japan hatte das nationalsozialistische Deutsche Reich teilweise “Zugriff” über deren Kolonien bzw Eroberungen. In diesem Zusammenhang steht auch der “Madagaskar-Plan”, dem zufolge Millionen Juden aus Europa auf diese französische Kolonie geschafft werden sollten. Auch das Vichy-Regime war zu einer Abtretung dieser Art aber nicht bereit, ein Grund warum der Plan nicht umgesetzt wurde. Die französischen Kolonien bzw ihre Verwaltungen standen teilweise nicht unter Vichy-Herrschaft sondern in Opposition dazu. Uran aus dem Kongo in Belgien wurde für Deutschlands Atomwaffenprogramm geplündert. Die Wehrmacht kämpfte im britischen Ägypten an Seite der Italiener. Interessant waren die Ölquellen des Nahen Ostens. Mit der Niederlage in Ägypten und der Landung der Alliierten in Nord-Afrika waren dann viele Wege abgeschnitten. In der Sowjetunion kam die Wehrmacht nicht nach Nord-Asien, aber in den Kaukasus.

Ex-Neuguinea-Gouverneur Hahl unterhielt in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakt zum Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Samoa, Wilhelm Solf, gebildet hatte und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zuzuordnen ist.

Neben den Kämpfen in Nordafrika und im Kaukasus hat Nazi-Deutschland noch eine aussenpolitische Expansion betrieben: Bei einer Antarktis-Expedition 1938/39 wurden Ansprüche auf eine Region (600 000 km²) erhoben, die “Neuschwabenland” heissen sollte (nach dem Expeditionsschiff “Schwabenland”). Es handelt sich um den westlichen Teil des von Norwegen als “Königin-Maud-Land” beanspruchten Teils der Antarktis. Bereits 1901-03 hat es eine deutsche Antarktis-Expedition gegeben, unter Erich von Drygalski, damals wurde das Kaiser-Wilhelm-II.-Land “getauft”. 1911/12 gabs noch eine deutsche Antarktis-Expedition.

Wie der 1. Weltkrieg war auch der Zweite ein europäischer Krieg (Faschismus und Kommunismus auch europäische Ideologien), und in beiden mussten viele Nicht-Europäer kämpfen. Nationalsozialismus, Holokaust und Krieg aus der deutschen/europäischen/westlichen Geschichte “auszugliedern” und anderswo “einzugliedern” ist von daher wohl eine Versuchung. Rohstoffe und Arbeitskraft zB Afrikas zu plündern, das haben vor und nach den Nazis viele westliche Mächte getan, auch über die Unabhängigkeit der betreffenden Staaten hinaus. Die kongolesische “Force Publique” etwa musste für ihre Kolonialmacht kämpfen, nach dem Krieg mussten sich die Kongolesen ihre Unabhängigkeit erkämpfen.

In Südafrika vollzog sich während des 2. Weltkriegs eine innere Auseinandersetzung, die Parallelen zu jener im Ersten aufwies, diesmal aber ohne grosse Gewalt ablief. Unter Premier Smuts (United Party) stand die Armee wieder den Alliierten bei, in Europa und Nord-Afrika. Die UNSWP unterstützte diese Entscheidung. Die neu-entstandene Herenigde Nasionale Party (HNP) und ihr SWA-Pendant NPSWA waren neutral zwischen Grossbritannien und Deutschland. Anhänger der verbotenen SWA-NSDAP und Gruppen in Südafrika wie die Ossewabrandwag nahmen für Nazi-Deutschland Partei. Deutsche in SWA wurden während des Kriegs interniert. In Südafrika war die weisse Gesellschaft nach dem Krieg durch die “Seitenwahl” so polarisiert, dass die zahlenmäßig stärkeren Afrikaaner bei der Unterhaus-Wahl 1948 mit ihren Parteien (HNP und AP, die sich dann zur neuen Nationalen Partei vereinigten) die Mehrheit errangen und es erstmals eine nationalistische Afrikaaner-Regierung gab. Südafrika löste sich infolge von Grossbritannien und die Politik gegenüber den Nicht-Weissen wurde noch restriktiver. Südwestafrika war von den Umwälzungen in Südafrika immer unmittelbar betroffen: 1931 Westminster-Statut, Unabhängigkeit für Südafrika; 1948 Beginn der Apartheid, die auch eine Vorherrschaft der Afrikaaner bedeutete; 1961 Umwandlung Südafrikas in eine Republik, Beginn der Kämpfe im und um das Land zwischen den Apartheid-Kräften und ihren Gegnern; 1989 Beendigung der Apartheid durch Präsident De Klerk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der UN-Treuhandrat die Verwaltung der verbliebenen Mandatsgebiete. Südafrika durfte weiter über Südafrika herrschen, aber die UN stellte, anders als der Völkerbund, den Kolonialismus generell in Frage. Es begann ein langer internationaler Streit um die Ausübung des Mandats Südafrikas, verbunden mit seinen Bemühungen um die Eingliederung von SWA. Die von London unabhängige Politik Pretorias kam den SWA-Deutschen zu Gute. Eine geplante Ausweisung von Deutschen aus SWA wurde nach dem Afrikaaner-Sieg 1948 zurückgenommen; im Gegenteil, Einwanderung aus Deutschland wurde ermutigt. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete de facto die Eingliederung. Heinrich Vedder aus Westfalen etwa, für Rheinische Mission nach SWA gekommen, wurde in die gesetzgebende Versammlung von SWA gewählt, dann in den Senat von Südafrika; er unterstützte die Apartheid, was in den Wikipedia-Artikeln über ihn verschwiegen wird.

Apartheidregelungen kamen auch in SWA (getrennte Wohngegenden, Homelands,…). Voraussetzung für den Kampf gegen die Apartheid war der Übergang bei den schwarzen Völkern vom Tribalismus zu einer modernen, vereinten Bewegung. Das wiederum erforderte Veränderung der Sozialstruktur; und das wurde zu verhindern versucht, Nicht-Weisse (Bantu, Khoisan, Mischlinge) bekamen auch nach dem Ende der deutschen Herrschaft im 1. WK wenig Bildung zugestanden. 1960 die Gründung der SWAPO, dann die Erhebung gegen das Apartheid-Regime. Die Kriege im südlichen Afrika von Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er, verbunden mit dem Kalten Krieg, liess die Weissen zusammenrücken. 1966 erklärte die UN das Mandat Südafrikas über SWA für beendet und unterstellte es (theoretisch) ihrer direkten Verwaltung.

Afrikaaner und ihre NPSWA waren im Apartheid-SWA führend. Für die Deutsch-Sprachigen/Stämmigen gab es die überparteiliche Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG). Die BRD war der eine Bezugspunkt für die “Südwester” (etwa bei der Wahl einer anspruchsvollen Universität), die Republik Südafrika der andere. Deutsch wurde im südafrikanischen SWA erst 1984 offiziell eine Amtssprache, war es vorher de facto (neben Englisch und Afrikaans). Manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus, wie auch manche Afrikaaner in Südafrika, riskierten viel dabei. Klaus Dierks etwa, der auch in der IG aktiv war, unterstützte die SWAPO. Ein Nachfahre von einem der 2 ersten rheinischen Missionare in Südwestafrika, Franz Heinrich Kleinschmidt, war Horst Kleinschmidt, dessen Familie mit ihm zu Apartheid-Zeiten von SWA nach ZA übersiedelte. Er engagierte sich gegen die Apartheid, wurde inhaftiert, floh Mitte der 1970er aus dem Land, setzte sein Engagement aus dem Exil fort. Im Post-Apartheid-Südafrika war u.a. für das Tourismus- und Umwelt-Ministerium tätig. Anton Lubowski, ein SWAPO-Aktivist, wurde noch 1989 von Apartheidkräften getötet.

Der Krieg in Angola (nach der Unabhängigkeit 1975) und der Kampf der SWAPO und des ANC gegen Apartheid-Südafrika verbanden sich besonders intensiv. 1988, schon im Zeichen von Perestroika, aber noch nicht von Pretoriastroika (De Klerk), verhandelten Südafrikaner, Angolaner, Südwestafrikaner. In New York einigte man sich bezüglich SWA auf die Umsetzung der UN-SR-Resolution 435 von 1978: Waffenstillstand, Wahlen, Unabhängigkeit. Es kamen Blauhelme, es kehrte die SWAPO aus Angola zurück. Die Wahl 1989 brachte einen Sieg der SWAPO (mit deutschen Weissen wie Dierks, Schlettwein, Herrigl), vor der Democratic Turnhalle Alliance (DTA; benannt nach dem Tagungsort der Konferenz auf der sie zusammenfand!). Die South African Defence Force zog ab, Samuel Nujoma wurde Staatspräsident, Namibia wurde im März 1990 unabhängig.

Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika wurden nach dem 1. WK die meisten deutschen Ortsnamen umbenannt (es gab nicht so viele wie in SWA). Manche Siedler blieben. Hans-Jürgen Fischbeck, Bürgerrechtler in der späten DDR, zur Zeit der Wende, dann bei den Grünen, wurde 1938 in Britisch-Tanganjika geboren. Fischbecks Eltern waren für die evangelische Bethel-Mission tätig. Der 1. Weltkrieg unterbrach und veränderte deren Missionsarbeit, die Stationen wurden im Laufe des Krieges von ausländischen Truppen besetzt, die meisten Missionare und Missionsmitarbeiter mit ihren Familien ausgewiesen. Die Missionsgesellschaft arbeitete zwischenzeitlich auf der Insel Jawa (NL Indien). Mitte der 1920er Jahre kehrte sie zurück. Es gab Konflikte mit der britischen Kolonialverwaltung wie dann auch mit dem NS-Regime im Mutterland. Im 2. WK wurden diese und andere Deutsche in Tanganyika interniert. Die deutschen Missionare arbeiteten später unter dem Dach anderer, nichtdeutscher Missionsgesellschaften. Tanganyika wurde 1961 von GB unabhängig, 1964 mit Sansibar zu Tansania vereinigt. Ruanda-Urundi wurde nach dem 1. WK unter belgischer Herrschaft zusammen mit dem Kongo verwaltet. Ruanda und Burundi wurden 1962 unabhängig. Kleine Teile von Dt.-Ostafrika (nach bzw vor dem 1. WK abgetrennt) sind in Mosambik und Kenia aufgegangen.

Der grösste Teil des französischen Kamerun wurde 1960 unabhängig; kleine Teile (Kapitaï und Koba) kamen zu Guinea. Auch die meisten entsprechenden Teile von Französisch-Äquatorialafrika kamen zu diesem Staat (auch des vor dem 1. WK abgegebenen Entenschnabels), manche aber zur Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Tschad und Gabun. Das Meiste vom britischen Kamerun wurde 1961 mit dem bestehenden Kamerun vereinigt; die moslemischen Teile im Norden stimmten bei einem Referendum für den Anschluss an Nigeria.

In Französisch- und Britisch-Togoland bildete sich unter den Ewe, der grössten Bevölkerungsgruppe dort, nach dem 1. Weltkrieg der Deutsche Togobund. Es handelte sich zumeist um von Deutschland geprägte ehemalige Kolonialbeamte, die nach dem Ersten Weltkrieg unter den neuen Kolonialmächten ihre Stellung verloren. Ein Motiv für den Bezug auf Deutschland war auch die unter deutscher Herrschaft vorhanden gewesene Einheit der Ewe-Gebiete. 1952 schlug eine andere Ewe-Organisation dem UN-Treuhandrat vor, Deutschland die durch Grossbritannien und Frankreich verwalteten Landeshälften zu übertragen, sie von diesem wieder vereinen zu lassen und in die Unabhängigkeit zu führen. Manche in Togo sahen auch eine Gemeinsamkeit mit der einstigen Kolonialmacht, die Teilung des Landes durch fremde Mächte. Französisch Togoland wurde Togo. Britisch Togoland ging an Ghana. Sylvanus Olympio, der erste Präsident des unabhängigen Togo, lud den letzten deutschen Gouverneur Togos, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, als Ehrengast zur Unabhängigkeitsfeier ein. Olympio hatte seine frühe Erziehung an der deutschen katholischen Schule in Lomé bekommen.

Kompliziert waren die Verhältnisse beim ehemaligen Deutsch-Neuguinea. Die meisten deutsche Beamte und Siedler wurden nach dem 1. WK ausgewiesen, manche kehrten in den 1920ern zurück. Aus dem bisherigen Kaiser-Wilhelms-Land, dem Bismarck-Archipel und den Nord-Salomonen-Inseln Bougainville und Buka wurde das Territory of New Guinea (australisches Völkerbund-, dann UN-Mandat) geformt. Wie auch der südliche Teil von Ost-Neuguinea, das Papua-Territorium (australisch-britische Kolonie, nie deutsch gewesen) wurde New Guinea im 2. WK japanisch besetzt. 1949 wurden das Papua- und das Neuguinea-Territorium zum Territory of Papua and New Guinea vereint, weiter unter australischer Mandatsherrschaft. 1972 kam Selbstregierung und der neue Name Papua New Guinea (Papua-Neuguinea), unter dem es 1975 unabhängig wurde.

Die japanischen Völkerbundmandate im Pazifik kamen nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanische Herrschaft (1947, Trust Territory of the Pacific Islands). Das betraf also Marshall, Palau, Marianen, Karolinen. Die Amerikaner führten auf den Marshallinseln Bikini und Eniwetok Atombombentests durch. Mit der Zeit wurden die Inseln in die Unabhängigkeit entlassen (Karolinen als Teil Mikronesiens). Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Atchipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States’ possessions). Bezüglich Nauru wurde das Völkerbund-Mandat nach dem 2. WK (und japanischer Besatzung) ebenfalls in eines der UN umgewandelt, weiter für GB, Australien und Neuseeland. 1966 bekam es Selbstverwaltung zugestanden, 1968 die Unabhängigkeit. Aus dem British Solomon Islands Protectorate, mit einigen ehemals deutsch verwalteten Inseln wie Choiseul, wurde 1978 der heutige Inselstaat Salomonen.

Auch in Neuguinea wurden die meisten deutschen Ortsbezeichnungen nach dem 1. WK durch englische ersetzt, welche teilweise auch schon vor der deutschen Zeit gebräuchlich gewesen waren; von aussen, nicht bei der einheimischen Bevölkerung. Die englischen Namen wiederum haben auch nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 Bestand. Neumecklenburg heisst auch heute New Ireland und Neupommern New Britain. Die Provinz East New Britain, ein Teil des Bismarck-Archipels, umfasst den östlichen Teil der Insel New Britain (mit Kokopo) und die Duke-of-York-Inseln (mit Kabakon).

Bougainville und Buka, die nördlichen Salomonen-Inseln, wurden ja einst, in einem kolonialen Tauschhandel zwischen GB und dem DR, von den anderen Salomonen abgetrennt. Nach dem 1. WK haben Häuptlinge der einheimischen Bevölkerung erstmals den Wunsch nach Wiedervereinigung geäussert, dem nicht nachgekommen wurde. Das und ökologische Schäden durch eine Kupfermine auf Bougainville führten zur Entstehung einer militanten Sezessionsbewegung auf dieser Insel, die nach einem ihrer europäischen Entdecker benannt ist. Die Bewegung hat teilweise irredentistischen Charakter (Anschluss an die Salomonen als Alternative zur Unabhängigkeit). Hier sind Gemeinsamkeiten zu Togo und Samoa zu erkennen, zwei anderen ehemaligen deutschen Kolonien, die ebenfalls durch koloniale Grenzziehungen von einem Teil “ihres” Gebiets abgeschnitten sind.

Auch bei (West-) Samoa wurde das Völkerbund-Mandat (für Neuseeland) nach dem 2. WK durch die UN erneuert. 1962 wurde es unabhängig. Kiautschou wanderte bereits 1922 von japanischer Verwaltung zurück zu China (Republik, dann VR), gehört zur Provinz Shandong.

Deutschland erlebte unter bzw durch Hitler statt der grössten Machtentfaltung die grösste Niederlage. Am Ende des Kriegs  waren nicht nur alle Eroberungen verloren, sondern auch die Ostgebiete; war das Ansehen ruiniert. Deutschland war bis zum 1., vielleicht bis zum 2. Weltkrieg im Rennen um eine Rolle als Weltmacht, kämpfte in diesen Kriegen darum (zumindest im Zweiten mit “unzulässigen” Mitteln und Zielen) und verlor. Eine Grossmacht war das geteilte Deutschland auch nach 1945 bald wieder, zumindest auf einigen Gebieten. Der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (1945-1949/1955) war zunächst (der zukünftige Präsident) Dwight Eisenhower, der von Deutschen abstammt, die im 17. Jh nach Pennsylvania auswanderten. Sein französischer Kollege Marie-Pierre Koenig stammt teilweise aus dem Elsass. Schwarze Soldaten kamen mit US-amerikanischen und französischen Truppen (da auch schon nach dem 1. WK), Asiaten mit der SU. Mit dem Wirtschaftswunder kamen Einwanderer aus Südeuropa, Nordafrika und Türkei in die BRD.

In der Politik der BRD und der DDR spielten die ehemaligen deutschen Kolonien kaum noch eine Rolle. Es gab und gibt kaum besondere Beziehungen, die ehemaligen Kolonien wurden nicht aussenpolitische Interessenssphäre Deutschlands und es gab auch keine grosse Einwanderung von dort nach Deutschland, wie es bei anderen Kolonien und den ehemaligen Herrschern der Fall ist (zB Frankreich-Mali). Deutsch ist nirgendwo Amtssprache, spielt nur in Namibia eine gewisse Rolle. Es gibt auch keinen postkolonialen Staatenbund wie das British Commonwealth of Nations oder die Organisation internationale de la Francophonie. Besondere Beziehungen gibt es auch am ehesten noch zu Namibia. Alle ehemals deutschen Gebiete hatten danach andere Kolonialmächte, die in der Regel länger herrschten (Ausnahme Kiautschou, das bald an China zurückging). In Tansania gabs ca 30 Jahre deutschen Einfluss, dann ca 40 Jahre britischen. Die Entkolonialisierung fand nicht von Deutschland statt. Englisch oder Französisch eigneten sich auch besser als Landessprache wegen ihrer Stellung in der jeweiligen Region und global.

Süd- und Südwestafrika wurden aufgrund der damals privilegierten Stellung von Weissen und der Nähe der Afrikaaner zu den Deutschen, ein Bezugspunkt für Deutschland. Bemühungen um eine Wiedergewinnung von SWA gab es von der BRD keine. Aber es gab zB weiterhin eine Auswanderung in diese beiden Länder, auch eine zeitweise, etwa zum Studium. Darunter waren auch Rechtsextreme, die mit dem Apartheid-System froh waren. Nicht wenige Deutsche, auch Ex-SS-ler, kämpften in westlichen Kolonialunternehmungen, mit der französischen Fremdenlegion in Algerien, oder als Söldner im Kongo. Einzelne westdeutsche Politiker forderten die Übernahme spät- bzw. postkolonialer Aufgaben, etwa bei der Unabhängigkeit von Togo. Die Wiedervereinigung mit Ostdeutschland war für die BRD drängender, auch die weniger realistische Wiedergewinnung der früheren Ostgebiete. Die deutschen Interessen verlagerten sich auf die Wirtschaft. Die BRD ging wirtschaftliche Beziehungen mit vielen afrikanischen Staaten ein (die meisten wurden Anfang der 1960er unabhängig), oft unter dem Vorzeichen von Entwicklungshilfe.

Die DDR hat NVA-Militärberater nach Afrika (und Westasien) geschickt, unter diesen Staaten waren aber keine ehemaligen deutschen Kolonien. Kuba hat übrigens anlässlich eines Besuchs von DDR-Staatschef Honecker 1972 eine Insel vor der Schweinebucht “Cayo Ernest Thaelmann” (Ernst-Thälmann-Insel) genannt, nach dem von den Nazis im KZ Buchenwald getöteten KPD-Chef.

Wie sieht es mit den deutschen Spuren, dem Bezug zu Deutschland, in den ehemaligen Kolonien aus? Nur in Südwestafrika/Namibia und, in einem geringeren Maß, in Tansania haben sich bis heute Deutsche gehalten, über vereinzelte oder temporär dort lebende hinausgehend. Ausser in diesen beiden Ländern waren auch unter deutscher Herrschaft wenige Siedler gekommen. In Namibia war die relativ zahlreiche Ansiedlung zu Kolonialzeiten und das “weisse Hinterland” Südafrika, wo dann Afrikaaner dominierten, ausschlaggebend. Mit der neuen Kolonialmacht kamen neben neuen Einflüssen auch neue weisse Siedler, auch in Südwestafrika und Tanganjika. Ausser in Namibia sind wenige deutsche topographische Bezeichnungen geblieben, wenige Sprach-Spuren, wenig Verbindungen zum heutigen Deutschland. Die von Deutschen in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten festgelegten Kolonialgrenzen blieben teilweise: bei Namibia gabs geringfügige Änderungen, Ost-Neuguinea blieb vom Westteil der Insel abgetrennt und mit den umliegenden Inseln verbunden, Tanganjika wurde v.a. mit Sansibar vereinigt, Samoa blieb vom Ostteil des Archipels getrennt,…

Ein wichtiges Erbe: In Namibia hat sich der Lutheranismus voll durchgesetzt, und er geht dort hauptsächlich auf die Deutschen zurück. Es gibt in Namibia drei evangelische Kirchen: die aus der finnischen Mission hervorgegangene ELCIN (Schwarze), die aus der deutschen Mission hervorgegangene ELCRN (ebenfalls Schwarze), die weisse, deutsche ELKIN-DELK. 2007 haben sich die drei evangelischen Kirchen unter ein gemeinsames Dach begeben, eine echte Vereinigung ist anvisiert. In Tansania machen Lutheraner immerhin über 10% der Bevölkerung aus, ein hoher Anteil, der Erbe deutscher Kolonialzeit ist.

Papua-Neuguinea: Außer dem Namen Bismarck-Archipel und einigen weiteren haben die deutschen geographischen Bezeichnungen dort den Ersten Weltkrieg nicht überlebt. In deutscher Zeit entstand die Kreolsprache “Unserdeutsch”, sie hat sich bis ins heutige Papua-Neuguinea erhalten. Es handelt sich um ein grammatisch vereinfachtes Deutsch, in dem die einheimischen Arbeiter und Hilfskräfte damals systematisch unterrichtet wurden. Tok Pisin, ein auf Englisch basiertes Kreol, das nach und teilweise neben Unserdeutsch entstand, ist heute die in Papua-Neuguinea vorherrschende Sprache. Das Schimpfwort “Rintfi” im Tok Pisin ist zB aus dem Deutschen über Unserdeutsch gekommen… Deutschland kam hier in Form von “Stihl”-Motorsägen zur Abholzung des Regenwalds zurück.

In Kamerun zeigt sich an der englischsprachigen südwestkamerunischen Separatistenbewegung SCNC die Prägung eines Landes durch Kolonialherrschaft (wie auch bei der Abtrennung Eritreas von Äthiopien), wie auch die Überdeckung der deutschen Kolonialphase durch die spätere. Ob das Engagement von Winfried Schäfer als Fussballnationalteam-Trainer von Kamerun (2001-2004) etwas mit Kontakten zwischen den Ländern zu tun hat, die auf die Kolonialherrschaft zurückgehen, ist schwer zu sagen.

In Samoa gibt es, wie überall in früheren deutschen Schutzgebieten, Leute mit deutschen Vorfahren, solche, die aus Verbindungen der Kolonialisten mit Einheimischen hervorgegangen sind. Dort haben viele auch deutsche Namen. Der Schriftsteller Albert Wendt etwa hat deutsche wie polynesische Vorfahren. In Kiautschou erinnern Kanaldeckel mit der Aufschrift “Krupp” oder eine Brauerei an die deutsche Zeit.

Im Togo half der Offizier Gnassingbe Eyadema 1963, Präsident Olympio zu stürzen. Präsident wurde Nicolas Grunitzky, dessen Vater ein Deutscher (polnischer Herkunft) gewesen war. 1967 stürzte Eyadema Grunitzky, wurde selbst Präsident – für fast 40 Jahre, um dann von einem Sohn abgelöst zu werden. Der antikommunistische Eyadema war – hier die nächste Deutschland-Verbindung – ein Freund von F. J. Strauss. Strauss auch ein Freund des Apartheid-Regimes und Eyadema einer Israels, womit sich ein Kreis schliesst. Eyadema war nicht mehr in die deutsche, sondern in die französische Kolonialphase “gefallen”, hatte für das französische Militär u.a. in Algerien und Indochina gekämpft.

Seit 1906 hat die Bethel-Mission innerhalb Deutsch-Ostafrikas auch im Königreich Ruanda missioniert. Es heisst, man hat dadurch den ethnischen Konflikt zwischen Hutus und Tutsis ungewollt verschärft. Der Hutu-Tutsi-Unterschied ist möglicherweise kein ethnischer, sondern ein sozialer, der von der deutscher und dann der belgischen Kolonialmacht geschaffen wurde, beim Versuch, eine Herrscherschicht (die Tutsis) zu schaffen. Es gibt aber auch den Ansatz, den Tutsi einen hamitischen und den Hutu einen Bantu- Ursprung zuzuordnen. Differenzen in der wissenschaftlichen Diskussion darüber haben durchaus etwas mit Politik zu tun. Rund um die Unabhängigkeit Ruandas gabs die erste grosse Spannungen zwischen den Gruppen. Belgien und Frankreich mischten auch nach der Unabhängigkeit mit. 1994 der Völkermord von radikalen Hutus an hunderttausenden Tutsis.

Deutsch wurde nach Ende von Apartheid und Abhängigkeit nicht Nationalsprache Nr 1 in Namibia, blieb auch nicht Amtssprache, ist aber als eine der Nationalsprachen anerkannt. Die Entscheidung  für Englisch beim Aufbau der Nation Namibias hatte schon etwas für sich, auch wenn das Land nie unter direkter britischer Herrschaft gestanden ist. Auf den – je nach Standpunkt – Befreiungs- oder Abwehrkampf war Versöhnung angesagt, wie in der Republik Südafrika vier Jahre später, sie wurde von grossen Teilen der Bevölkerung getragen. Kurz vor dem endgültigen Übergang von der Apartheid zur Demokratie in Südafrika wurde die Walfisch-Bucht im März 1994 an Namibia übergeben. Dies ist die eine territoriale Veränderung gegenüber Deutsch-Südwestafrika; der andere ist, dass der Südrand des Caprivi-Zipfels an Botswana abgetreten wurde.

Die Städtenamen aus deutscher Kolonialzeit sind in Namibia grossteils bis heute geblieben. Nur der Norden Namibias, wo die Ovambo leben, hat eine grosse Zahl schwarzafrikanischer topographischer Bezeichnungen, in Mitte und Süden dominieren deutsche und afrikaanse. Hier gab es nach den Weltkriegen keine Umbenennungswellen. Besonders in den grösseren Städten wie Windhoek, Swakopmund, Keetmanshoop, Grootfontein oder Lüderitz ist auch der grösste Teil der Strassennamen deutsch, obwohl es hier in den letzten 25 Jahren relativ viele Umbenennungen gab. Die älteren Bauten der Städte haben grossteils nicht nur einen deutschen Stil, sondern auch Namen, zB der Tintenpalast in Windhoek, wo früher die deutsche Kolonialverwaltung war, heute das namibische Parlament. Karneval wird vielerorts in Namibia wie in Deutschland gefeiert, auch das Oktoberfest. Deutsche Namen wie Traugott sind auch bei Bantu und Khoisan verbreitet. Die Farben Schwarz, Weiss, Rot (der Fahne des Deutschen Reichs) finden sich in Fahnen von Stämmen.

Neben einer starken Prägung Namibias durch Deutschland, vielen Spuren der deutschen Kolonialherrschaft gibts auch eine relativ starke deutsche Präsenz. Deutsch-Namibier gibt es ca. 20 000, das ist 1 % der Gesamtbevölkerung. Viele sind schon die 5. Generation im Land, viele sind nach der deutschen Kolonialzeit eingewandert. Afrikaaner gibt es etwas mehr. Die Namibia-Deutschen sind in Landwirtschaft und Tourismus stark vertreten. In südafrikanischer Zeit waren sie weiter in einer privilegierten Position gegenüber den “Farbigen”. Eine Minderheit beteiligte sich, wie erwähnt, am Befreiungskampf der Schwarzen. Mit dem Ende der Apartheid kam eine kleine Abwanderung (aber auch eine neue Einwanderung aus dem deutschsprachigen Raum!). Die IG hat sich nach der Unabhängigkeit zunächst umbenannt, dann aufgelöst, die NaDS scheint eine Art Nachfolgeorganisation zu sein. Der Politiker “Calle” Schlettwein oder der Schriftsteller Giselher Hoffmann sind aktuell bedeutende Namibia-Deutsche.

So reiht sich die deutsche Volksgruppe in Namibia ein zu jenen in Staaten in Europa und Übersee, die auf Abtrennung von Deutschland oder Österreich oder Auswanderung zu verschiedenen Zeiten zurückgehen, von Rumänien (wo der Staatspräsident gerade ein Rumänien-Deutscher ist) über Spanien (Mallorca) bis USA (wo es so unterschiedliche Gruppen von Deutschstämmigen gibt, wie die Pennsylvania Dutch und die Nachfahren von Kolonial-Siedlern auf den Nord-Marianen).

Deutsche Volks- und Sprachgruppe ist in Namibia nicht dasselbe. Neben den Namibia-Deutschen gibt es mehrere zehntausend Menschen in Namibia, zumeist englisch- oder afrikaanssprechende Weisse, aber auch gebildete Schwarze, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Einen Sonderfall bilden die schwarzen SWAPO-Flüchtlingskinder, die in der DDR aufwuchsen und heute auch im namibischen Alltag wenn möglich die deutsche Sprache nutzen. Als Sprache der höheren Bildung und Verwaltung wurde Deutsch zurückgedrängt. Deutsch ist in Bereichen wo Deutsche wichtig sind (Tourismus> Betreiber wie Gäste!) wichtig, hat aber an Boden verloren gegenüber Englisch und den afrikanischen Sprachen wie Oshivambo.

Das Namibia-Deutsch oder Südwesterdeutsch weist einige Spezifika auf. Die Abtrennung vom restlichen deutschen Sprachraum durch die Abtrennung von Deutschland, die Nähe von anderen Sprachen und andere Faktoren bedingten die Sonderentwicklung. Es ist ein in mancher Hinsicht altes Deutsch, teilweise vereinfacht, mit Einsprengsel von Afrikaans und (britischem) Englisch, auch aus schwarzafrikanischen Sprachen und Portugiesisch. Es ist eher norddeutsch, aufgrund der Dominanz Preussens im Deutschen Reich. Es ist unverkrampfter als die Sprache im Mutterland, wie die Leute. “Küchendeutsch” (Namibian Black German) ist eine Pidgin-Sprache auf Grundlage des Deutschen, in der Kolonialzeit entstanden, hat sich auch schwach erhalten; möglicherweise durch die relativ hohe Zahl von Deutsch-Stämmigen, und ihre Arbeitsverhältnisse mit Schwarzen, etwa auf Farmen. Der Unterschied zwischen Kreol und Pidgin ist, dass ersteres eine funktionierende, reguläre Misch-Sprache ist, während zweiteres eine reduzierte Sprachform zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen ist, immer Fremdsprache. Auch das in Namibia gesprochene Englisch unterscheidet sich vom Standard-Englisch, nicht zuletzt aufgrund des geringen Anteils an Muttersprachlern.

Bundespräsident Roman Herzog hat 1998 bei einem Staatsbesuch keine Anerkennung für den Völkermord ausgesprochen, wollte stattdessen die Anliegen der Namibia-Deutschen vertreten. 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im 1. Weltkrieg (Niederlage der Schutztruppe) hat die deutsche Regierung 2015 den Völkermord anerkannt. Die Initiative ging von Aussenminister Steinmeier (SPD) aus. Die Gefühle gegenüber Deutschen (BRD, Namibia-Deutsche) sind auch bei den Herero meist nicht negativ. Die letzten Überlebende/Zeugen aus der deutscher Kolonialzeit in Südwestafrika (wie anderswo) auf beiden Seiten sind Ende des 20. Jh gestorben.

Spuren von früheren Kolonien im heutigen Deutschland? Das Schmähwort “Kanake” für Ausländer bzw. Angehörige einer fremden Ethnie entlehnt sich vom polynesischen Wort “Kanaka” (Mensch), war Selbstbezeichnung u.a. von Samoanern. Die heutige Schreibweise geht vielleicht auf eine Analogiebildung zur abfälligen Bezeichnung “Polacke” (für Pole) zurück. Deutsche Schimpfworte sind andererseits in Namibia (bei Khoisan in Namibia kann man zB “Saukerl” hören) oder Papua-Neuguinea (<) geläufig. Einwanderung aus früheren Kolonien gab es ja kaum. Für einige Rückwanderer bzw ihre Nachfahren ist Namibia oder Tansania “kalte Heimat”, wie Schlesien für Andere.

Im Umgang mit der Kolonialpolitik in gegenwärtigen Deutschland ist zum einen einiges an Verklärung, Apologetik, Verdrehung festzustellen, Geschichts-Revisionismen, neuer Deutsch-Nationalismus (der in der Regel politisch korrekt daherkommt). Der Genozid in Südwestafrika wurde lange und wird noch immer oft als “Herero-Krieg” bezeichnet. Auf der Website www.golf-dornseif.de ist zu lesen: “Während in Deutsch-Ostafrika die noch jungen Kolonialbehörden sich bemühten, so schnell wie möglich die Sklaverei unter arabischer Dominanz abzuschaffen, was nahezu unmöglich schien, musste man sich im Pachtgebiet Kiautschou-Tsingtau mit der Problematik des Opium-Konsums innerhalb der chinesischen Bevölkerung auseinandersetzen…” Die Unterdrückung in Ostafrika als Schlag gegen den arabischen Sklavenhandel darzustellen, das hat schon Bismarck versucht. Oder das Lamento in deutschen Medien über die Behandlung von Namibia-Deutschen, etwa wenn stillliegende Farmen oder solche von im Ausland lebenden Deutschen konfisziert werden, etwas an den Landbesitzverhältnissen geändert wird, die noch auf die deutsche Kolonialzeit (und damalige Enteignungen) zurückgehen. Oder wenn Sorge über Umbenennungen oder Neugestaltungen in Namibia zum Ausdruck gebracht wird; das Reiterdenkmal in Windhuk, das an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes bzw den Völkermord erinnert (ihn glorifiziert!) wurde etwa vor einigen Jahren entfernt, überfällig, stattdessen ein Denkmal an den Befreiungskampf errichtet. Die SWAPO-Regierungen liessen den Deutschen in Namibia nach der Unabhängigkeit vieles unangetastet.

Auf der anderen Seite das scheinheilige verurteilen des deutschen Kolonialismus, etwa von anglosächsischer Seite. 1918 kam, vor der Versailles-Konferenz, das britische “Blaubuch” heraus, das Gräueltaten der deutschen Kolonialverwaltung anprangert, um die Eroberung Südwestafrikas zu rechtfertigen. Als ob es nicht den eigenen Imperialismus gäbe, das genozidäre Vorgehen der Briten in Irland oder als Kolonialmacht. Und eine deutsche Selbstgeisselung, die zu Imperialismus und Kolonialverbrechen anderer europäischer Mächte gar nichts negatives zu sagen hat und ausser-europäischen Standpunkten erst wieder jedes Recht abspricht, bringt niemandem etwas.

Alles in allem war Deutschland als Kolonialmacht nicht schlimmer als Grossbritannien oder Frankreich. Südwestafrika wäre ohne Deutsche eine weitere britische Kolonie geworden, vielleicht eine portugiesische. In Neuguinea entschieden nach den Deutschen eben Australier für und über die Papua. Die Japaner herrschten in China (hatten auch einen viel grösseren Teil davon und länger) viel grausamer als die Deutschen, die Belgier stellten im Kongo alles in den Schatten was Deutsche in Afrika verbrachen. Die Bewohner der Kolonien wurden von den Deutschen in der Regel als Menschen 2. Klasse gesehen und behandelt (bestenfalls), wie auch von anderen Kolonialmächten, und wie in der USA oder Südafrika die schwarze Bevölkerungsgruppen von der herrschenden Bevölkerungsschicht bis in die Zeit nach dem 2. WK hinein. Bei allem was hier über die deutsche Kolonialpolitik steht, gilt: die anderen Kolonialmächte haben ebenso geherrscht, teilweise schlimmer.

Eine Liste von Staaten, zu denen Gebiete gehören, die einmal unter deutscher Herrschaft standen, somit als Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonien zu betrachten sind: Namibia, Tansania, Kamerun, Papua-Neuguinea, Togo, Samoa, China, Nauru, Marshall-Inseln, Palau (wurde 1994 als bislange letzte ehemalige deutsche Kolonie unabhängig), Mikronesien, Ruanda, Burundi,  Kenia, Mosambik, Salomonen, Nigeria, Rep. Kongo, Ghana, Guinea, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Botswana, USA (die Nord-Marianen sind als einziges ehemals dt. Gebiet noch immer nicht unabhängig)

“Lützow nun trieb es an den Rand der Verzweiflung; hier war er Tausende von Meilen gereist, um sich in exakt derselben Situation wiederzufinden, vor der er geflohen war. Die Rabauler Provinzialität indes war um ein Vielfaches ausgeprägter noch als in Berlin…”

(Kracht, “Imperium”)

Material:

Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien (2012)

Hermann Joseph Hiery (Hg.): Die Deutsche Südsee 1884–1914. Ein Handbuch (2001)

Horst Gründer (Hg.): “… da und dort ein junges Deutschland gründen”. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis 20. Jahrhundert (1999)

Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (2014)

Christian Kracht: Imperium (2012). Roman

Kurt Schwabe, Paul Leutwein: Die Deutschen Kolonien (2009)

Birthe Kundrus: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus (2003)

Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte (2013)

Uwe Timm: Deutsche Kolonien (2001)

Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller: Macht und Anteil an der Weltherrschaft: Berlin und der deutsche Kolonialismus (2005)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen (2003)

Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid – Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915 – 1965 (= Periplus Studien Band 10, 2007)

Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid (2004)

Dominik Nagl: Grenzfälle. Staatsangehörigkeit, Rassismus und nationale Identität unter deutscher Kolonialherrschaft (2007)

Horst Gründer, Gisela Graichen, Holger Diedrich: Deutsche Kolonien: Traum und Trauma (2005)

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer: General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit (2006)

Helmuth Stoecker (Hg.): Drang nach Afrika. Die koloniale Expansionspolitik und Herrschaft des deutschen Imperialismus in Afrika von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges (1977)

Manuel Möglich: Deutschland überall. Eine Suche auf fünf Kontinenten (2015)

Guido Knopp: Das Weltreich der Deutschen (2011)

Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller: Kolonialismus hierzulande: Eine Spurensuche in Deutschland (2008)

Martin Baer, Olaf Schröter: Eine Kopfjagd: Deutsche in Ostafrika : Spuren kolonialer Herrschaft (2001)

Brigitte Schmidt-Lauber: Die abhängigen Herren: Deutsche Identität in Namibia (= Interethnische Beziehungen und Kulturwandel, 9; 1993)

Martin Schröder: Prügelstrafe und Züchtigungsrecht in den deutschen Schutzgebieten Schwarzafrikas (1997)

Alexandre Kum‘a Ndumbe III: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas (1993). Original “Hitler voulait l’Afrique, les plans secrets pour un Afrique fasciste 1933-1945” (1980). Eine Intentionsgeschichte der nicht verwirklichten deutschen Planungen

Volker Langbehn, Mohammad Salama: German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany (2011)

Carsten Burhop: Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871-1918 (2011)

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet (2009)

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957). Roman über Fernweh und Sansibar als Sehnsuchtsort im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er

Werner Haupt: Deutschlands Schutzgebiete in Übersee 1884 – 1918. Berichte, Dokumente, Fotos und Karten (1987)

Klaus A. Hess, Klaus Becker (Hg.): Vom Schutzgebiet bis Namibia 2000 (2002)

Joachim Nöhre: Das Selbstverständnis der Weimarer Kolonialbewegung im Spiegel ihrer Zeitschriftenliteratur (1998)

Hans Zache: Die Deutschen Kolonien in Wort und Bild (2004)

Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2014)

Wolfgang Apelt, Gilbert Clement Kamana Gwassa, Wilhelm J.G. Möhlig: The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907 (InterCultura, Missions- und kulturgeschichtliche Forschungen Bd. 5; 2005)

Giselher W. Hoffmann: Die verlorenen Jahre (2003). Roman

Hans-Henning Gerlach, Andreas Birken: Die Südsee und die deutsche Seepost, deutsche Kolonien und deutsche Kolonialpolitik (2001)

John A. Moses und Paul M. Kennedy (Hg.): Germany in the Pacific and Far East, 1870-1914 (1977)

Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. 1905 – 1907 (2005)

Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika (2008)

Hermann Joseph Hiery: The Neglected War. The German South Pacific and the Influence of Word War I (1995)

Kurt Hassert: Die neuen deutschen Erwerbungen in der Südsee: Die Karolinen, Marianen und Samoa-Inseln (2012)

Stewart Firth: New Guinea under Germans (1983)

Edition Le Monde diplomatique No.18. Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

Gabriele Dürbeck: Ozeanismus im postkolonialen Roman: Christian Krachts Imperium. In: Periplus. Zeitschrift für Europäische Universalgeschichte 64.1 (2014)

Lucia Engombe, Peter Hilliges: Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee (2004)

Alexander Emmerich: Die Geschichte der Deutschen in Afrika – Von 1600 bis in die Gegenwart (2013)

Uwe Timm: Morenga (2000). Historischer Roman vor dem Hintergrund des Völkermordes in SWA

Albert Wendt: Die Blätter des Banyanbaums (1998). Roman

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel (1981; engl. Original “Gravity’s Rainbow”, 1973). In dem Roman geht es auch um den Herero-Völkermord, aber in einer Art Alternativgeschichte

Mari Serebrov: Mama Namibia (2013). Ein historischer Roman über den Völkermord an den Herero und Nama, der aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird.

Guy Saville: The Afrika Reich (2011). Ein alternativgeschichtlicher Roman über ein Afrika, das im 2. WK von Nazi-Deutschland erobert worden ist

Karl Hammer: Aus deutscher Kolonialzeit im fernen Osten (1929)

 

Karte deutsche Kolonien

Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland in Afrika – Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

deutsche-kolonien.htm nur bedingt empfehlenswert

http://www.klausdierks.com/ Viel zur Geschichte Namibias

Rückblick auf die Ausstellung „From Samoa with love“ im Münchner Völkerkundemuseum (Museum Fünf Kontinente) 2014

Caroline Authaler, Historikerin mit Kamerun-Schwerpunkt an der Universität Heidelberg

Das “Informationszentrum 3. Welt” in Freiburg (iz3w) ist nicht in Ordnung; Marianne “Mary” Kreutzer (die sich auch gern als Freundin des kurdischen Volkes produziert) schreibt dort zB über „Antiamerikanismus“ in Lateinamerika und gegen die dortige Linke, anstatt über die Interventionen jenes Amerikas, das hier in der Opferrolle verortet wird (USA), in Lateinamerika (zB Chile 1973…) oder über den zugrunde liegenden Kulturalismus dort gegenüber Lateinamerika oder über den Rassismus gegenüber “Latinos” in der USA; dieser Artikel über Kolonialrevisionismus in der Weimarer Republik ist aber recht informativ und frei von der Ideologie dieser Kreise. Auch etwas über das damalige Engagement gegen Kolonial-Revisionismus dort zu finden

Kerstin Wilke: Die deutsche Banane. Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Banane im Deutschen Reich 1900 – 1939 (Dissertation, Universität Hannover. 2004)

Deutschsprachige Allgemeine Zeitung in Namibia. Die Allgemeine Zeitung wurde am 22. Juli 1916 unter dem Namen “Der Kriegsbote” gegründet und informierte über die Ereignisse im Ersten Weltkrieg. Als nach der Niederlage Deutschlands dessen Kolonie Deutsch-Südwestafrika unter die Verwaltung Südafrikas kam, wurde sie am 1. Juli 1919 auf den heutigen Namen umbenannt. Sie ist die älteste Tageszeitung Namibias und die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas.

Thomas Keil: Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000) (Dissertation, Universität Stuttgart. 2003)

DHM zu SWA

“Spiegel” über Gustav Nachtigal

Die schriftliche Hinterlassenschaft des Khoisan-Führers Hendrik Witbooi, u.a. der Brief an SWA-Gouverneur Leutwein 1894

Über den Roman “Imperium”

Auch über den ehemaligen Diamantenort Kolmannskuppe

http://www.jaduland.de/kolonien/

http://www.afrika-hamburg.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Südtirol 1915-1922. Vom italienischen Kriegseintritt bis zum Beginn der Italianisierung

Hier geht es, 100 Jahre nach dem Beginn der Entwicklung, um einen Überblick über die “Verschiebung” der Grenze zwischen Österreich und Italien infolge des Ersten Weltkriegs (“Europäischer Krieg” wäre eigentlich passender), die zur Entstehung Südtirols im heutigen Sinn führte.

Österreich wurde ab dem Spanischen Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert, nach dem es das Herzogtum Mailand (die Lombardei) bekam, die dominante Macht in Nord-Italien. Am Wiener Kongress kam die Republik Venedig dazu. Die Toskana wurde von Mitte des 18. Jh. an von einer Habsburger-Linie regiert. Österreich war so beim Risorgimento im 19. Jh ein “Hauptziel”, verlor 1859/1866 Lombardo-Venetien an das neu entstehende Italien. Auch im Irredentismus spielte Österreich(-Ungarn) eine Hauptrolle, umfasste es doch weiter mehr oder weniger italienisch besiedelte Gebiete, hauptsächlich das Trentino (im Süden des Kronlands Tirol, die Bezirke Trient und Rovereit) und das was als “Küstenland” zusammengefasst war (Kronländer Görz, Triest, Istrien; das Julische Venetien). Daneben zielte der italienische Irredentismus u. a. auf Gebiete Frankreichs (Korsika, Nizzardo,…) und der Schweiz (Tessin, z.T. auch Graubünden) ab.

Die “Brennergrenze”, also der Alpenhauptkamm (über den, zwischen Stubaier und Zillertaler Alpen, der Brenner-Pass führt) als Nordgrenze Italiens (und damit die italienische Herrschaft über einen Teil des deutschsprachigen Tirols), war eine Extremforderung des Irredentismus, wurde v.a. von Ettore Tolomei propagiert, der im österreichischen Trentino in eine aus der Toskana zugewanderten Familie geboren wurde, er wollte die historische Legitimation dafür schaffen. Zum Teil wurde diese Grenze, die eine eine geographisch-hydrographisch-naturräumliche ist, zur Absicherung einer Übernahme des Trentinos angestrebt. Das südliche deutschsprachige Tirol war im Gegensatz zum Trentin(o) oder Istrien ein “echt österreichisches” Gebiet, die Sprachgrenze verlief an seiner Südgrenze, wie auch im 1841 gedichteten Deutschlandlied herauskommt. Österreich behauptete damals aber historische, multiethnische Grenzen (wollte sich im Krieg sogar weiter über das Siedlungsgebiet der Staatsvölker ausdehnen) – während Italien als Nationalstaat entstanden war.

Das Bündnis Italiens mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich zum sogenannten Dreibund Ende des 19. Jh. war auch eines gegen Frankreich im Wettlauf um Kolonien in Nordafrika. Soldaten Österreich-Ungarns kämpften nach dem Mord an dem Thronfolger in Sarajevo 1914 mit den anderen Mittelmächten an der Ostfront gegen Russland, am Balkan gegen Serbien, dann auch gegen Rumänien (wie Italien vor dem Krieg ein Verbündeter Österreich-Ungarns, der aber territoriale Ansprüche gegenüber ihm hatte), im Osmanischen Reich gegen Briten. Sie waren eigentlich überall siegreich, nur nicht bei den Osmanen, wo es für das Reich um nichts ging. Italien erklärte sich bei Ausbruch des Krieges zunächst für neutral, der Vertrag sah eine Beistandspflicht nur vor, wenn einer der Partner angegriffen wurde. Auch hätte Österreich vor seiner Kriegserklärung mit Italien Konsultationen pflegen müssen.

Im Hintergrund spielten natürlich auch die italienisch besiedelten Gebiete des habsburgischen Vielvölkerstaates eine Rolle. Die Kriegs-Befürworter (Interventionisten) waren in Italien eine Minderheit; auch Benito Mussolini war anfangs keiner, wurde Ende 1914 aber aus der PSI und ihrer Zeitung “Avanti” ausgeschlossen nachdem er dort indirekt für eine Aufgabe der Neutralität argumentiert hatte. Er fand eine neue Heimat in den von ihm mitbegründeten faschistischen Gruppen und der Zeitung “Il Popolo d’Italia”, aus denen er dann für einen Kriegseintritt trommelte – wobei die Verwirklichung irredentistischer Pläne dabei nur ein Aspekt war. Während der ersten Jahreshälfte 1915 verhandelten die Regierungen Italiens und Österreich-Ungarns noch über die Neutralität Italiens im Krieg gegen Gebietsabtretungen der Österreicher. Österreich war allenfalls dazu bereit, südliche Teile des Trentinos abzutreten, und das auch nur auf Druck des deutschen Bündnispartners.

Italien wollte aber anscheinend das Trentino in den Grenzen von 1810, das bis nördlich von Bozen reichte, daneben einen Grossteils des Küstenlandes (war bereit, Triest zu einem Freihafen/–stadt zu machen und auf Istrien und Teil der Kvarner Inseln zu “verzichten”) und das Kanaltal. Das Habsburger-Reich war natürlich als Vielvölkerstaat verletzbar, wie das Osmanische und das Russische Reich, und beim Nachgeben territorialer Forderungen hätten andere Nationalitäten und ihre “Schutzmächte” leicht ebensolche stellen können. Italien verhandelte ziemlich parallel mit den Entente-Mächten GB, Frankreich und Russland, und diese versprachen Italien bei einem Kriegseintritt gegen Österreich-Ungarn im Fall eines Sieges über die Mittelmächte jene Gebietszuwächse auf Kosten der Donaumonarchie, die es wünschte, und das war am Ende um einiges mehr als das gegenüber Österreich geforderte (und allgemein als Irredenta beanspruchte): das ganze Küstenland, das nördliche Dalmatien, westliche Teile der Krain, den Alpenhauptkamm als Nordgrenze sowie Überseegebiete.

Anscheinend war die Brennergrenze eine der Forderungen, die Italien (über seinen Aussenminister Sonnino) im Laufe der Verhandlungen einbrachte und die akzeptiert wurden. Die Salandra-Regierung unterzeichnete so Ende April 15 in London den Geheimvertrag, nutzte die Gelegenheit, um Gebietsansprüche gegenüber der Donaumonarchie durchzusetzen, und schloss sich der Entente an. Nichts von dem wissend, glaubte man in Wien auch nach der am 3. Mai ausgesprochenen Kündigung des Dreibundvertrages, Italien von einer Kriegserklärung abhalten zu können und bot nun mehr an als bisher. Ende des Monats trat Italien in den Krieg ein, ein Jahr nach dem Kriegsbeginn, den es v.a. gegen Österreich-Ungarn führte; gegen Albanien und an der Westfront war es wenig engagiert.

Im österreichischen Trentino gab es die volle Gleichberechtigung der italienischen Sprache, ob bei Behörden oder in Schulen. Das rurale Trentino soll am Vorabend des Kriegs vorwiegend filoasburgico (pro-österreichisch) gewesen sein, das Pro-Italienische dort auf die Städte und die Intellektuellen beschränkt gewesen sein. So eine Art “welschtirolerische” Identität mag schon entstanden sein. Auch wenn Markus von Spiegelfeld, 1907-1913 Statthalter von Tirol und Vorarlberg, die Trentiner als durch und durch pro-italienisch einschätzte. Es gab dort mehr Bemühen um Selbstverwaltung innerhalb Tirols oder Österreichs (darüber wurden auch Verhandlungen geführt) als um Loslösung von Österreich-Ungarn. Alcide De Gasperi, nach dem 2. Welt-Krieg italienischer Premierminister, vor dem 1. Welt-Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und einer der “Führer” der Trentiner, vertrat auch das Autonomie-Anliegen. Cesare Battisti, ebenfalls Reichsrat-Abgeordneter, jenes des Anschlusses an Italien, er wollte aber im Gegensatz zu Tolomei und D’Annunzio die Sprachgrenze, nicht die Brennergrenze.

Battisti hatte in der Vorkriegszeit Kontakte zu Mussolini, der damals wie er noch Sozialist war und sich im österreichischen Trentino aufhielt. In der ersten Jahreshälfte 1915, als sich der Krieg mit Italien zusammenbraute, wurden die Stadträte der beiden Städte des Trentinos, Trient (Trento) und Rovereit (Rovereto), aufgelöst, und die Städte unter die Verwaltung von österreichischen “Vertrauenspersonen” gestellt, sowie der Bischof von Trient, Celestino Endrici, zum Rücktritt gezwungen. Zusammenleben zwischen deutsch – und italienischsprachiger Bevölkerung gab es im Kronland Tirol damals wenig, da im Trentino die Italiener mehr oder weniger unter sich waren und im restlichen Tirol die “Deutschen”. Mit dem Kriegseintritt Italiens lebten in manchen Gebieten Österreich-Ungarns anti-italienische Gefühle auf. Davon zeugt auch das Kriegsbilderbuch “Der Räuber Maledetto Katzelmacker” des Deutschböhmen Arpad Schidhammer, ein Stück Kriegspropaganda. “Katzelmacher” war eine abschätzige Bezeichnung für Italiener im österreichischen und süddeutschen Raum, über deren Ursprung es verschiedene Angaben gibt.

Sowohl im Westen, also rund um das Kronland Tirol, an der Dolomitenfront, als auch im Osten, in Friaul/Görz, an der Isonzo-Front, nahm der österreichische Generalstab zur Verkürzung der Front die Verteidigungslinie leicht zurück und überliess schwer zu verteidigende Täler und Gebiete freiwillig dem Angreifer. Ampezzo befand sich etwa im aufgegebenem Gebiet. Die Kämpfe fanden so an beiden Fronten hauptsächlich auf österreichischem (Vorkriegs)gebiet statt. Es war ein Gebirgskrieg, der die Verteidiger begünstigte, und das waren meistens die Truppen Österreich-Ungarns. Die Dolomitenfront befand sich v.a. an den Süd- und Ostgrenzen des Trentinos; im Grenzgebiet zwischen dem deutschsprachigen Tirol (Pustertal, Osttirol) und Venetien/Veneto sowie an der Westgrenze des südlichen Tirol wurde wenig gekämpft.

Die österreichische Dolomiten-Offensive 1916 brachte nur kleine Gewinne. Auch an dieser Front soll es gelegentliche Fraternisierungen zwischen Soldaten beider Seiten gegeben haben, wie an der Westfront, und auch hier strikt unterbunden worden sein. Von dem dort jahrelang tobenden Krieg zeugen etwa die düsteren Kriegsbilder von Albin Egger-Lienz; der Osttiroler diente an der Dolomitenfront bei den Standschützen, dann als Kriegsmaler. Oder das Lied “Andrea” von Fabrizio de André, Jahrzehnte später geschrieben.

Zu einem noch blutigeren Kriegsschauplatz entwickelte sich das Isonzo/Soča-Tal (in dem der gleichnamige Fluss liegt), in der historischen Region Görz/Gorizia/Goriska, heute zwischen Italien (Friaul-Julisch-Venetien) und Slowenien (Primorska) aufgeteilt, damals an der Grenze des österreichischen Küstenlandes zu Italien. In insgesamt zwölf Schlachten kämpften italienische und österreichisch-ungarische Truppen erbittert meist ohne nennenswerten Raumgewinn. Bei den drei Jahre währenden Schlachten fielen 800 000 junge Männer der italienischen und der k. u. k. Armee. Auch Italiens späterer Diktator Benito Mussolini kämpfte dort, 15-17; daneben schrieb er weiter Artikel für seine Zeitung. Zwischen den grossen Schlachten/Offensiven gab es kleinere. Auch in der oberen Adria wurde etwas gekämpft. Und es gab Luftangriffe beider Seiten tief im gegnerischen Gebiet (Wien, Venedig,…).

Die meisten Tiroler dienten bei den Kaiserjägern in der Gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns sowie bei den Landesschützen der k.k. Landwehr, zu Kriegsbeginn an der Ostfront in Galizien, gegen das Russische Reich. An der “Heimatfront” zurück blieben in Tirol einige Einheiten des Landsturms und ein Teil des K.u.k. Salzburgisch-Oberösterreichischen Infanterie-Regiments „Erzherzog Rainer“ Nr. 59 (nach Erzherzog Rainer von Habsburg benannt). Daneben jene Standschützen, die nicht zum Heer eingezogen worden waren, also sehr junge oder alte (unter 16-jährige und über 50-jährige) oder invalide.

Erwähnenswert ist hier das Misstrauen, das die Tiroler Schützen jenen in “Welschtirol”, also dem Trentin, entgegenbrachten; sie wurden meist nur zu Wach- und Trägerdiensten eingeteilt. Als Italien Tirol (neben Küstenland) angriff, kam aufgrund der Entblössung der Front für einige Monate ein Teil des deutschen Alpenkorps (das hauptsächlich aus Bayern bestand), da ein Durchmarsch der Italiener bis zum Brenner oder gar bis Bayern für möglich gehalten wurde. An manchen Orten übernahmen Standschützen die Verteidigung. Tiroler Soldaten wurden nach dem italienischen Angriff von Galizien in die Heimat zurückbeordert, trugen bald die Hauptlast bei der Verteidigung an der Dolomitenfront.

Ohnehin fanden die entscheidenden Ereignisse an der Isonzo- bzw. Piave-Front statt. Das Leben in Gebieten in denen nicht gekämpft wurde war in Tirol wie anderswo von Kriegswirtschaft und Militärdiktatur gekennzeichnet. Der Ausfall von landwirtschaftlichem Personal und Transportgeräten brachte schlechte Ernten und Versorgungsengpässe. In manchen Gegenden Österreichs grassierte Hungersnot und die Spanische Grippe. An der Ostfront kriegsgefangene Tiroler wurden in verschiedene Teile Russlands gebracht (darunter auch der spätere Südtiroler Politiker Josef Noldin), russische Kriegsgefangene nach Tirol.

Am Volkstag des Tiroler Volksbundes in Sterzing im Mai 1918, als es im Krieg gegen Italien für Österreich gut aussah, die Front quer durch das Veneto verlief, wurde in einem 14-Punkte-Programm u.a. die Verlegung der Grenze Tirols an die Südspitze des Gardasees (wo das Trentino, Venetien und Lombardei zusammentreffen) und Grenzkorrekturen unter Einbeziehung der Siedlungsinseln der deutschsprachigen Zimbrer in Venetien verlangt.

Als Italien in den Krieg gegen Österreich-Ungarn eingriff, das Trentino Frontland wurde, steigerte sich das Misstrauen und die Diskriminierung gegenüber den Trentinern. Während des Krieges wurden in Österreich Lager errichtet, in das Zivilpersonen aus Staaten, die mit Österreich-Ungarn Krieg führten, gebracht wurden, sowie „unverlässliche“ Bürger der Donaumonarchie, hauptsächlich Angehörige von Nationalitäten, die der Kollaboration mit Kriegsgegnern bzw Abspaltungsbemühungen verdächtigt wurden. In Katzenau bei Linz entstand ein solches Internierungslager, in das hauptsächlich Italiener gebracht wurden, Bürger des Königreichs Italien die sich in Österreich-Ungarn aufhielten, sowie „verdächtige” Inländer italienischer Nationalität (aus dem trentinischem Tirol, dem Küstenland, Kärnten, Krain, Fiume/Rijeka, Dalmatien). In das Lager in Drosendorf kamen hauptsächlich italienische Staatsbürger. Verdächtigte österreichisch-ungarische Ukrainer kamen vorwiegend nach Thalerhof.

Viele starben in den Lagern an Hunger oder Krankheiten. Daneben gab es Konfinierungsstationen, Privatquartiere, in denen Personen untergebracht wurden, bei denen die Fluchtgefahr als nicht so hoch eingestuft wurde und die in der finanziellen Lage waren, ihr Quartier selbst zu bezahlen. Zudem wurde aus militärisch-strategischen Gründen auch die Zivilbevölkerung aus den Grenzgebieten zu Italien zwangsevakuiert und über die beiden so genannten “Perlustrierungsstationen” Salzburg und Leibnitz auf die innerösterreichischen Kronländer verteilt. De Gasperi thematisierte in einer Rede im Reichsrat nach der Karfreit-Schlacht diese Maßnahmen.

Das italienische Militär, das in von Österreichern aufgegebene Trentiner Gebiete vorrückte, stand der Bevölkerung ebenfalls misstrauisch gegenüber, evakuierte ebenfalls viele; nach dem Krieg galt das italienische Misstrauen v.a. den in der österreichisch-ungarischen Armee gedienten Trentinern. Manche Italiener in Österreich-Ungarn “flüchteten” vor/bei/nach der Generalmobilmachung in italienisches Gebiet, bis Kriegsende waren das einige Hundert. Im italienischen Heer wurde bei den Alpini eine Legion mit diesen Deserteuren aus Trentin und Küstenland geschaffen. Einer von ihnen war Cesare Battisti, er fiel bei der österreichischen Dolomiten-Offensive 1916 der österreichisch-ungarischen Armee in die Hände und wurde hingerichtet. Ähnlich ging es dem Istrier Nazario Sauro und anderen. Der Grossteil kämpfte für die Armeen Österreich-Ungarns, etwa 10 000 Trentiner fielen dabei, v.a. in Galizien.

Natürlich gab es Wechselwirkungen zwischen den Misshandlungen und einem pro-italienischen Gesinnungswandel; ein solcher Loyalitätswechsel von anderen Nationalitäten war mit-entscheidend für die österreichische Niederlage. Die Frage der “Einbeziehung” Unterworfener stellt für Herrscher oftmals ein grosses Dilemma dar… Sowohl die Internierungen als auch den Seitenwechsel von Soldaten gab es natürlich auch anderswo, in diesem Krieg wie in anderen; man denke etwa an den Versuch, eine Irische Brigade gegen Grossbritannien zu formen.

Dann im Oktober 1917 die letzte Isonzoschlacht bei Karfreit/Caporetto/Kobarid, Flitsch, Tolmein; sie entsprang einem österreichisch-ungarischen Angriff, unter dem serbischen Kroaten Boroevic, mithilfe deutscher Truppen (wieder das Alpenkorps) und dem massiven Einsatz von Giftgas. Der Sieg der Mittelmächte führte zu einem Vormarsch, bis an die Piave. Auch an der Dolomitenfront verschob sich die Front etwas, die italienischen Soldaten zogen sich bis zum Monte Grappa zurück. Dolomiten- wie Isonzofront, wie sie bis dahin bestanden hatten, lösten sich auf, die Front verlief nun vom vom südlichen Trentino über Asiago und dem Monte Grappa zur Piave bis zur Adria. Dazu kamen das erbeutete Material, Lebensmittelvorräte, viele Gefangene. Ein weiterer Vormarsch wäre möglich gewesen, zur Entscheidung; Karfreit hätte dann zu einem anderen Ausgang des Krieges führen können.

Lichem klagt “Am Ostufer des Piave wurde den österreichisch-ungarischen Truppen der Befehl zum Abbruch der Offensive, gegen den Willen von nahezu 100% des Offizierskorps und der Mannschaften gegeben. Dieser Befehl wurde der Anlass zum Untergang Altösterreichs und führte in weiterer Folge dazu, dass der deutsche Verbündete, zu Recht verärgert, seine Truppen am Piave sofort nach Erteilung jenes Befehles abzog. Hier verspielte Österreich-Ungarn den Sieg, das Armee-Oberkommando Österreich-Ungarns hat in diesen Tagen am Piave vollkommen versagt. Man ließ den Italienern die Zeit, dass sie mit Hilfe englischer und französischer Truppen das Piave-Westufer uneinnehmbar machen konnten.” Diese Einschätzung ist umstritten; die Hochwasser führende Piave war auch ein Faktor. Italiens Generalstabschef Cadorna wurde abgelöst durch den Neapolitaner Diaz. Das Ende der letzten Isonzoschlacht wird als erste Piaveschlacht eingestuft, die Italiener in der Verteidigerrolle, die Front stabilisierte sich an Piave und Grappa, wo nun noch einige Schlachten stattfanden.

Alliierte Truppen kamen an die italienische Seite der Front, die nun mitten durchs Veneto verlief. Als sich infolge der Karfreit-Niederlage im Herbst 1917, in der das italienischen Heer dem Zusammenbruch entgangen war, in Italien zunehmend Kriegsmüdigkeit breitmachte, unterstützte die römische Repräsentanz des britischen Geheimdienstes MI5 Mussolinis Blatt für mindestens ein Jahr mit einer wöchentlichen Zahlung von umgerechnet etwa 6 400 Euro für gezielte Kriegspropaganda im Land; London hatte Angst, einen Verbündeten zu verlieren. Die Verbindung der beiden Fronten sollte der Schlüssel zur Entscheidung an der österreichisch-italienischen Front sein.

Robert Musil nahm als Reserveoffizier an diesem Krieg teil, an beiden Schauplätzen der Italienfront, zuerst in den Dolomiten, dann am Isonzo (auch bei der Karfreit-Schlacht), ehe er aufgrund einer Erkrankung in die Etappe nach Bozen versetzt wurde, wo er Herausgeber einer Soldaten-Zeitung war. Im September 1915 wurde er nahe Trient knapp von einem Fliegerpfeil verfehlt, der aus einem italienischen Flugzeug abgeworfen worden war, eine Erfahrung, die er in seiner Erzählung “Die Amsel” verwendete. In Bozen traf er etwa auf Graf Franz Harrach, der dem österreichischen Thronfolger im Sommer 1914 seinen Wagen und den Chauffeur für die Reise nach Bosnien zur Verfügung stellte und ihn auch begleitete; Harrach schrieb in Süd-Tirol schmalzige Artikel zu Ehren des greisen Kaisers Franz Joseph für Musils Soldatenzeitung. Seine Militärzeit in diesem grossen europäischen Krieg wurde von Musil in vielen weiteren Schriften verarbeitet, etwa in seinem unvollendeten Drama “Panama oder Der kleine Napoleon” oder der Erzählung “Grigia” in “Drei Frauen”, die im trentinischen Fersental spielt. Er reflektierte auch über die unterschiedlichen militärischen Mentalitäten der Deutschen und Österreicher, die er durch das Eingreifen des “Alpenkorps” an den italienischen Fronten studiert hatte.

Im Juni 1918 fand die 2. Schlacht an der Piave statt, ein österreichischer Angriff, daneben auch am Monte Grappa; Matchball Ö-U um die Entscheidung an der Front. Die Italiener kämpften nun nicht um Gebietseroberungen/Irredenta sondern um die Verteidigung ihres Kernlands; an ihrer Seite die USA, mit dem freiwilligen Ernest Hemingway als Fahrer. Das wirkte sich vorteilhaft für Italien aus, ausserdem die Meutereien und das Überlaufen von Angehörigen diverser Ethnien in der österreichisch-ungarischen Amee. Der Angriff scheiterte, Matchball abgewehrt. Österreich-Ungarn kämpfte ab Ende 17/Anfang 18 nur mehr in Italien, nachdem es in Galizien/an der Ostfront, in Serbien/am Balkan, in Rumänien, siegreich gewesen war und grosse Gebiete dort besetzt hielt mit seinen Verbündeten. Stand in Italien im Vorkriegs-Territorium des Feindes.

Allerdings kämpfte es auch stark mit sich selbst, tschechische und slowakische Soldaten wechselten die Seiten, österreichische Italiener ohnhenin, andere desertierten. Und, der Auseinanderfall der Armee war ausgerechnet während der entscheidenden Schlacht am stärksten. Ein Halten bzw Widerstand in Rumänien, Polen, Serbien, Italien über den Herbst/Winter 1918 hinaus wäre für Österreich wohl auch bei einem anderen Ausgang der entscheidenden Piave-Schlacht nicht möglich gewesen, aufgrund des inneren Auseinanderfalls sowie des Eingreifens der USA im europäischen Krieg (die das wohl notfalls auch an anderen Fronten getan hätte). Und, nur an der italienischen Front, wo es sich entschied, war das österreichische Kernland betroffen und nur hier stand Österreich ohne verbündete Truppen. Eine Konzentration auf die Verteidigung des Kernlandes (etwa jene Gebiete, die die Republik Deutsch-Österreich dann beanspruchte) mit “inner-österreichischen” Truppen stand aber nicht zur Diskussion.

Ende Oktober, Anfang November die dritte Piave-Schlacht, ein italienischer Angriff, mit Hilfe von Truppen aus Grossbritannien, Frankreich, USA (darunter ein z. T. aus Italo-Amerikanern bestehendes Regiment) und einem tschecho-slowakischen Freiwilligenheer aus Soldaten die in Kriegsgefangenschaft die Seiten gewechselt hatten. Mitte Oktober das Angebot des Kaisers zur Selbstverwaltung der Nationalitäten, während dieser Schlacht kamen Ende des Monats aber die Unabhängigkeits-Erklärungen der Ungarn, Tschechen und Slowaken, Südslawen, deren Soldaten in grosser Zahl überliefen/aufgaben/abzogen. Von Deutschland, das an der Westfront in der Defensive war, war keine Hilfe zu erwarten, als dem italienischen Heer an manchen Stellen die Überquerung der Piave gelang.

Während die Österreicher am Monte Grappa die Offensive abwehren konnten, stiessen die Italiener an der Piave auf Vittorio vor, das sie am 30. Oktober einnahmen. Die Stadt war als Verkehrsknoten wichtig, für den Nachschub der Österreicher, sowie um die österreichische Frontlinie zu durchbrechen, bzw um die in den Dolomiten und die im venetianischen Tiefland stehenden Heeresteile zu trennen. Nachdem an der unteren Piave der österreichische Widerstand zusammenbrach, waren die österreichisch-ungarischen Truppen im Grappa-Abschnitt von Umfassung durch vorrückende Italiener bedroht und zogen sich in der Nacht auf den 31. Oktober zurück. Die Italiener konnten so von zwei Seiten ins Trentino vorstossen; im Osten nach Udine, Triest wurde vom Meer eingenommen. Österreichisch-ungarische Soldaten gerieten in Gefangenschaft, manche kämpften noch, andere Einheiten strömten teils geordnet, teils in Auflösung begriffen, über die Alpen in als sicher gehaltene Teile Österreichs. Die österreichische Militärführung ersuchte bereits am 28. Oktober um einen Waffenstillstand, jetzt liessen sich die Italiener aber Zeit und gestatten erst am Abend des 30. Oktober einer Delegation das Überschreiten der Front.

Die dritte Piaveschlacht entschied nicht nur den Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn, sie führte auch zum Ende der Donaumonarchie (vielleicht auch umgekehrt), machte deren zwei wichtigste Nachfolgestaaten zu Kriegsverlierern und trug zum Kriegsende rund 2 Wochen später bei, zum Sieg der Alliierten über die Mittelmächte. Vom 1. bis 3. November wurde bei Padua in der Villa Giusti der Waffenstillstand zwischen Rest-Österreich (Ungarn war nicht mehr beteiligt) und Italien verhandelt. In der österreichischen Kommission befand sich auch der Trentiner Kamillo Ruggera, ein Generalstabsoffizier der auch nach der Niederlage auf der österreichischen Seite blieb, und schon allein aufgrund seiner italienischen Sprachkenntnisse gebraucht wurde. Die Delegation bekam vom Kaiser, Ministern, dem Generalstab keine vernünftigen Vorgaben, begann mit einem unrealistischen Angebot, der Räumung nur der italienischen Vorkriegsgebiete, also des infolge Karfreit besetzten Territoriums. Die italienischen Verhandler pochten auf die Räumung der ihnen im Londoner Vertrag zugesagten Gebiete, die sie besetzen würden. Sie setzten sich damit aufgrund der militärischen Lage durch.

Es wurde eine Demarkationslinie vom Reschenpass bis zur Adria festgelegt, hinter die sich die österreichischen Truppen zurückzuziehen hatten (wenn nicht schon geschehen oder gefangen genommen). Die Italiener würden demnach ins Tirol südlich des Brenners vorrücken, in das kärntnerische Kanaltal, das bisherige Küstenland (Görz, Istrien mit Triest und Inseln der Kvarner Bucht), die westliche Krain und in Teile Dalmatiens. Bezüglich der Einstellung der Kämpfe einigte sich man bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages am 3. November auf 15 Uhr des Folgetages. Die Österreicher stellten ihre Rückzugsgefechte aber bereits am 3. ein, anscheinend aufgrund eines Befehls von Generalstabschef Arz von Straussenburg, dem möglicherweise aus Padua falsche Informationen übermittelt wurden. Dadurch gerieten noch mehr Soldaten und Offiziere der sich auflösenden österreichisch-ungarischen Armeen in Kriegsgefangenschaft. In diesen Tagen wurde in Bayern wieder ein Teil des Alpenkorps in Marsch gesetzt, um den Österreichern in Italien zu Hilfe zu kommen. Diese Einheiten waren anscheinend schon in Nord-Tirol, wo sie auf die abziehenden österreichisch-ungarischen Truppen aus Italien trafen. Diese waren nicht in der Lage/willens, die Kämpfe dort wieder aufzunehmen.

Jene Truppenteile, die dem Los der Kriegsgefangenschaft entgangen waren, strömten demoralisiert und hungernd nach Norden, teils geordnet, teils in Auflösung begriffen. Manche Einheiten aus nichtdeutschen Teilen des Reichs sollen sich auf ihrem Weg in ihre Heimat durch “Rest-Österreich” wie in Feindesland benommen haben. Auf dem Wiener Westbahnhof kam es zu einer Schiesserei zwischen “tschechischen” und “deutschösterreichischen” Soldaten. Wegen der chaotischen Zustände wandten sich die österreichische Heeresleitung sowie der Bozener Bürgermeister Julius Perathoner sogar an die Italiener, schneller vorzurücken. Das italienische Heer rückte in die von Österreichern gemäß Waffenstillstand aufgegebene Gebiete vor, kam im Osten bis Fiume/Rijeka, wo es, wie im Görz und in der Krain auf Widerstand des entstehenden Südslawen-Staats traf. Die Italiener drangen auch ins Kanaltal und von dort für einige Monate ins Kärnten nördlich der Karawanken vor. Vom Trentino, aus dem Veneto und der Lombardei rückten sie kampflos ins deutschsprachige Tirol ein; die ersten der italienischen Einheiten standen am 4. November bei Salurn, am Mendelpass und im Vinschgau.

In Bozen hielten sich noch viele österreichisch-ungarische Soldaten auf, die sich am Rückweg befanden, Trümmer der aufgelösten Armee. Als letzter geordneter Verband marschierte die Salzburger “Edelweiss-Division” (aus dem “Rainer”-Regiment und Teilen von anderen Regimentern gebildet) ab. Der italienische General Enrico Caviglia erklärte nach der Besetzung Bozens am 7. November, dass die italienischen Truppen ausschließlich den Sicherheitsdienst übernehmen und sich „nur als Gäste in fremdem Hause ansehen“ würden. Von Bozen drangen die Italiener dann durch das Eisacktal Richtung Brenner vor, zogen weiter nach Nord- und Osttirol, besetzten dort strategische Stellen, was in der Villa Giusti so ausgemacht worden war (sie zogen von dort 1920 ab). Zweck dessen war, einem möglichen Aufmarsch Deutschlands zu begegnen bzw wollte man von dort nach Deutschland einmarschieren, ehe dann der Waffenstillstand an der Westfront kam.

Der Bezirk Lienz, seit etwa 1850 auch „Osttirol” genannt, wurde bis zur Abtrennung des Tirols südlich des Alpenhauptkamms (der Wasserscheide) als ein Teil dieses “Südtirols” gesehen. Osttirol ist von diesem italienischen Südtirol durch eine kleinere Gebirgs-Wasserscheide getrennt, die Grenze wurde in der Villa Giusti im Gebiet der Hohen Tauern nicht weiter entlang des Hauptkamms gezogen (dann wäre auch Osttirol italienisch geworden), sondern hinunter zu den Karnischen Alpen. Beim Vorrücken des italienischen Militärs wurde die Grenze nun aber nicht über das Toblacher Feld, sondern etwas weiter im Osten des Pustertals gezogen. Zunächst spielte das aber gar keine Rolle, da (das österreichisch bleibende) Osttirol ja auch (teilweise) besetzt wurde. Der Lienzer Bezirkshauptmann Josef Rossi, ein Trentiner, wurde nach der Besetzung grosser Teile Tirols durch das italienische Militär zum Rücktritt gedrängt.

Das südliche Tirol kam unter eine Militärregierung unter General Gugliemo Pecori-Giraldi. Der Toskaner hatte bereits in Abessinien und Libyen gekämpft, kommandierte in diesem Krieg zuerst am Isonzo, dann an den Dolomiten, wurde nun Militärgouverneur. Er verfolgte auf Anweisung der Regierung eine relativ “milde” Besatzungspolitik (auch, um sich gute Bedingungen für die Friedensverhandlungen zu verschaffen), die nicht auf “Entnationalisierung” hinauslief. Für die Südtiroler Bevölkerung begann mit der Besetzung ihres Landes durch die italienische Armee in den ersten November-Tagen 1918, infolge von Vittorio und Padua, mit der Abtrennung vom restlichen Tirol und Österreich, eine schwierige eigene Geschichte. Die Schlachten hatten nicht dort stattgefunden und Italien hatte nur jene ganz am Schluss, an der Piave, gewonnen.

Das italienische Militär unterband zunächst den Personen-, Brief- und Warenverkehr mit Österreich, verbot auch die Einfuhr österreichischer “Devisen”. Verwandtschaftliche Beziehungen wurden zerrissen. Beamte, in der Bezirksverwaltung, in Gemeinden, bei der Gendarmerie, Eisenbahn, Post, mussten entweder beim italienischen Staat um ihre alte Arbeitsstelle ansuchen oder die Stelle aufgeben. Die “abgewanderten” Beamten wurden durch Italiener ersetzt; der italienische Zuzug nach Südtirol (das zu dieser Zeit eben keine eigene Verwaltungseinheit war) war zunächst einer von Beamten (und ihrer Familien). Die Bezirkshauptmänner wurden durch (zivile) italienische Kommissare ersetzt. Die Presse Südtirols wurde einer strengen Zensur unterworfen, aus (deutschsprachigen) Zeitungen wurden Artikel entfernt, die über das Selbstbestimmungsrecht, die wirtschaftliche Notlage, die Friedenskonferenz oder die Tätigkeit von Politikern berichteten. In den Schulen wurde Italienisch zur zweiten Unterrichtssprache und für das Fach Vaterlandskunde der Lehrplan geändert. Dies alles war aber noch im Rahmen, geschah ohne Gewalt und wurde von vielen als vorübergehend angesehen.

Es soll in Tirol Gefühle des Verrats und des Verlassen-seins durch das “jüdische, rote Wien” gegeben haben. Anti-italienische Ressentiments (die von der eigenen Überlegenheit, zivilisatorisch-historisch, ausgingen) wurden durch Krieg und Besatzung verstärkt. Am 4. 11. 1918 (dem Tag nach dem österreichisch-italienischen Waffenstillstand) gründeten Süd-Tiroler Vertreter der Tiroler Volkspartei und der Freiheitlichen Partei in Bozen den “Provisorischen Nationalrat für Deutsch-Südtirol” unter dem Vorsitz des Bozner Bürgermeisters Perathoner (der auch Reichsrat-Abgeordneter gewesen war). Der Nationalrat gab ein eigenes Amtsblatt heraus und proklamierte am 16. November die “Unteilbare Republik Südtirol”; am 19. Jänner 1919 wurde der Nationalrat vom Comando Supremo (der Militärverwaltung) aufgelöst.

Im Dezember 1918 wurde der Trentiner Enrico Conci, vor dem Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und Tiroler Landtag, während des Kriegs in Katzenau interniert, von der italienischen Militärführung damit beauftragt, Pläne für die künftige Verwaltung dieses neuen Gebietes auszuarbeiten. Verhandlungen auf der Friedenskonferenz in Saint-Germain-en-Laye bei Paris begannen Mitte April 1919. USA-Präsident Woodrow Wilson war in St. Germain bestimmend, wollte einerseits ethnisch “bereinigte” Grenzen, andererseits mussten Kriegsverbündete belohnt werden. In seinen 14 Punkten hatte er ausdrücklich festgehalten dass Italiens Grenzen nach nationalen Siedlungsgebieten neu gezogen werden sollten. Italien pochte auf das in London und in Padua zugesprochene. Tolomei war Berater der italienischen Delegation, wollte den italienischen Charakter Südtirols nachweisen. Ende April sickerte bereits durch, dass Südtirol zu Italien kommen würde.

Am 21. Oktober 1918 waren die deutsch-österreichischen Abgeordneten des Reichsrats (der 1911 das letzte Mal gewählt worden war) zum ersten Mal als Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen getreten. Am 30. Oktober wurde eine Regierung unter Renner bestellt, womit der Staat Deutschösterreich und die Republik Konturen annahm – was Teil des Auseinanderfalls von Reich und Armee zum Zeitpunkt der entscheidenden Piave-Schlacht (italienischer Durchbruch nach Vittorio) war. In ihrer Heimat wurden Soldaten diverser Nationalitäten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee zur Aufstellung eigener nationaler Verbände verwendet und teilweise gleich gegen Restösterreich eingesetzt, um Gebietsansprüche zu sichern. Am 12. November 1918 wurde in Wien die Republik Deutschösterreich ausgerufen, einen Tag nach der Verzichtserklärung des Kaisers, der nun mit seiner Familie Schloss Schönbrunn verliess.

Deutschösterreich beanspruchte für sich fast alle Siedlungsgebiete der Deutschsprachigen in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie (bezüglich Tirol eben nicht das italienisch besiedelte Trentino); das “Burgenland”, das zur ungarischen Reichshälfte gehört hatte, Ende 1918 noch nicht. Umstritten waren neben dem italienisch besetzten südlichen Tirol (und Kanaltal) die überwiegend deutsch besiedelten Gebiete an den Rändern Böhmens und Mährens (der Begriff „Sudetenland“ entwickelte sich erst allmählich), die auch die Tschechoslowakei beanspruchte, und die von südslawischen Truppen im November besetzten Gebiete der Steiermark und Kärntens. Die deutsch(sprachig)en Abgeordneten aus diesen Gebieten waren auch in die Provisorische Nationalversammlung gekommen, so weit dies möglich war (die tschechoslowakischen Behörden verhinderte dies aus “ihren” Gebieten).

Im Februar 1919 wurde die Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung von Deutschösterreich abgehalten, erstmals durften Frauen wählen. Im Wahlkreis “Deutsch-Südtirol” konnte nur im Bezirk Lienz gewählt werden, im grossen Rest, dem Gebiet das die italienischen Besatzer für sich beanspruchten, liessen diese keine Wahl zu. Was wirklich dauerhaft zu welchem Staat gehören würde, war damals eben noch in Schwebe. Deshalb beschloss die Nationalversammlung am 4. April, für die nicht repräsentierten Gebiete proportional nach den in Nord- und Osttirol vorliegenden Wahlresultaten acht weitere auf den Wahllisten der Parteien geführte Kandidaten einzuberufen. Es handelte sich um fünf Mandatare der Tiroler Volkspartei (darunter Eduard Reut-Nicolussi, ein Zimbrer aus dem Trentino, im Krieg in der öst.-ung. Armee), zwei Sozialdemokraten und einen Deutschfreiheitlichen. So wurde auch bei der Wahl zum Tiroler Landtag im Juni 1919 verfahren. Neben Italienern liessen auch Tschechoslowaken und Südslawen (das SHS-Reich) keine österreichischen Wahlen in den von ihnen beanspruchten Gebieten zu. Für die Untersteiermark wurde ebenso wie für Südtirol verfahren. Für “Sudetendeutsche” standen keine Anhaltspunkte für einen möglichen Ausgang zur Verfügung; nachdem sich die zwei grossen österreichischen Parteien nicht einigen konnten, gab es von dort keine Einberufungen.

Der “Südtirol”-Begriff entstand allmählich nach diesem Krieg, zunächst wurde bezüglich der italienische besetzten Gebiete südlich des Brenners vom „deutschen Tirol“ gesprochen, in Abgrenzung zum italienischen Trentino, “Südtirol” umfasste auch Osttirol/den Bezirk Lienz. Ähnlich verhielt es sich mit den “Sudentenländern” in Tschechien, für die es diverse Teilbezeichnungen gab (der südmährische Kreis Znaim wurde etwa als Teil Niederösterreichs proklamiert), “Sudetenland” bezeichnete auch das Teilgebiet des österreichischen Schlesiens, “Deutschböhmen” war eine der Sammelbegriffe. Österreich hätte mit diesen böhmisch-mährischen Gebieten eine kuriose Form gehabt, aber das spielte keine Rolle, da es an das Deutsche Reich angeschlossen werden sollte, womit sich das erübrigt hätte. Beriefen sich die tschechoslowakischen Politiker bezüglich Böhmens und Mährens (und den dortigen “sudetendeutschen” Gebieten) auf die historischen Grenzen, so waren bezüglich der slowakischen Gebiete (die aus Ungarn herausgelöst wurden) für sie  Selbstbestimmungsrechte bzw ethnische Kriterien ausschlaggebend. Diese Flexibilität bezüglich geographischen/ historischen/ ethnischen Grenzen gab (gibt) es natürlich von allen Seiten.1

Österreich und Tiroler wollten zunächst (weiter) historische Grenzen, nachdem das südliche Tirol von Italien besetzt war, dann ethnische und damit die Trennung vom Trentino. In Südost-Kärnten gab es Ende 1918/Anfang 1919 Widerstand gegen das Vorrücken südslawischer Truppen, das Teil des Ringens um neue Grenzen in der Nachkriegszeit war, den “Abwehrkampf”. Militärisch war dieser kein Erfolg, die Kämpfe gingen mit einem amerikanisch vermittelten Waffenstillstand zu Ende, der die Besetzung Kärntens bis Klagenfurt “einfror”. Aber Verhandler der Pariser Friedenskonferenzen registrierten den bewaffneten Widerstand und setzten für die umstrittenen Gebiete ein Plebiszit an. In der Untersteiermark gab es geringen Widerstand gegen die südslawische Inbesitznahme, Kämpfe gab es an der Grenze von der Mittel- zur Untersteiermark, Radkersburg wurde etwa in deren Folge geteilt.

Vorarlberg suchte im Mai 1919 um den Anschluss an die Schweiz an, der u. a. deshalb nicht zustande kam, weil diese in der Folge italienische Forderungen auf das Tessin befürchteten. Bei einer Neuziehung von Grenzen aufgrund ethnischer Kriterien gibt es eben nicht nur etwas zu gewinnen, sondern auch zu verlieren. Auch im österreichischen Tirol wurde eine Abspaltung von Österreich erwogen und ein Anschluss an Deutschland. Im Frühling 1919 rief die Tiroler Landesversammlung einen “Freistaat Tirol” aus.

Im September 1919 der Nachkriegsvertrag von St. Germain für Österreich; Italien bekam Tirol bis zum Brenner, das ganze Küstenland, das Kanaltal, Teile der Krain und Dalmatiens zugesprochen. Diese Grenzziehung richtete sich z. T. nach den Siedlungsgebieten der Italiener in Österreich-Ungarn, z.T. nicht. Im Ost-Adria-Raum war eine vernünftige Abgrenzung italienischer und slawischer Siedlungsgebiete schwierig, im südlichen Tirol wäre sie einfach gewesen, hier wurde Italien mehr zugesprochen als im Sinne ethnisch “bereinigter” Grenzen notwendig. Ohne Minderheitenschutz und ohne Autonomieverpflichtungen wurde Südtirol Italien zugesprochen. Österreich verlor auch fast alle anderen umstrittenen Grenzgebiete (Sudetenland, nördliche Untersteiermark, die südlich der Karawanken gelegenen Kärntner Gebiete), bekam das deutschsprachige Westungarn zugesprochen (dessen Grenzen noch abgesteckt werden mussten). Daneben die Verpflichtung zur Eigenständigkeit.

Südtirol hat(te) von den verlorenen Gebieten für Österreich die grösste Bedeutung; die böhmisch-mährischen Randgebiete waren nicht so eng mit ihm verbunden gewesen, die Untersteiermark nur teilweise deutsch(sprachig) besiedelt (Österreich hatte auch nur auf den nördlichen Teil mit Marburg Ansprüche erhoben). Dass es zur Teilung Tirols kam, erstaunte viele. Südtirol war zwar seit fast einem Jahr besetzt, aber das war für die meisten Tiroler lediglich eine Bedingung des Waffenstillstandes; dass die Italiener kleinere Einheiten auch an strategisch wichtigen Punkten in Nord- und Osttirol stationieren durften, bestärkte den Eindruck einer vorübergehenden Maßnahme. Etwa 100 Jahre zuvor waren Teile des südlichen Tirol auch für einige Jahre besetzt gewesen, und dem “Königreich Italien” zugeschlagen worden, das aber ein “Marionettenstaat” des napoleonischen Frankreichs war, während das restliche Tirol unter bayrischer Herrschaft war.

Die österreichische Nationalversammlung musste den Friedensvertrag annehmen, die Tiroler Abgeordneten beteiligten sich zum Zeichen des Protestes nicht an der Abstimmung; die Südtiroler Abgeordneten und die anderen von abgetrennten Gebieten mussten sich verabschieden. Reut-Nicolussi hielt zu diesem Anlass eine bewegende Rede. Jetzt, wo sich herauskristallisierte, was Österreich war und was nicht, wo die Grenzen nicht mehr historisch sondern ethnisch definiert waren, verlor es diesen Teil seines Kerngebiets.

Die Gegner bzw Nachbarn Österreichs waren untereinander auch in Konflikte verwickelt, v.a. das SHS-Reich und Italien, die um einige Gebiete stritten; der Südslawen-Staat wollte zB das Kanaltal und Teile von Friaul, Italien grössere Teile der slowenischen Krain und Dalmatiens. So hat sich Italien dafür eingesetzt, dass das teilweise deutschsprachige Westungarn (dann Burgenland) zu Österreich kommt, um einen “slawischen Korridor” von tschechischem in slowenisches Gebiet (von der Tschechoslowakei gefordert/angedacht) zu verhindern. Die Volksabstimmung im Gebiet um Ödenburg/Sopron über die Zugehörigkeit zum österreichischen Burgenland oder zu Ungarn Ende 1921, deren Korrektheit von österreichischer Seite angezweifelt wird, fand unter italienischer Überwachung statt (weil Bundeskanzler Schober diese einer tschechoslowakischen vorzog).

Ungarn unter Horthy arbeitete 1920 mit rechten Kreisen in Österreich (Christlich-Soziale, Heimwehr) zusammen, um die dortige sozialdemokratisch geführte Regierung Renner zu stürzen, trotz der damals aktuellen Burgenlandfrage. Wobei sich die Heimwehr-Miliz dann, wie an anderen Grenzen, auch dort Scharmützel mit der Gegenseite lieferte… Die ideologischen Gemeinsamkeiten waren hier wichtiger als der Gebietskonflikt. Ein Teil der deutschsprachigen Ödenburger stimmte vermutlich für Ungarn, die dortigen Kroaten waren gespalten, gingen nach wirtschaftlichen Kriterien: Die ortsgebundenen Bauern waren gegen einen Anschluss an Österreich, die Händler und Nebenerwerbslandwirte hingegen waren längst mit dem österreichischen Absatzmarkt verflochten. Die meisten Slowenen in Kärnten stimmten bei der dortigen Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit ihres Siedlungsgebiets für Österreich, wobei ebenfalls Absatzmärkte eine Rolle spielten.

Neue Grenze am Brenner
Neue Grenze am Brenner

Die Periode der provisorischen Militärverwaltung des südlichen Tirols dauerte von November 1918 bis Juli 1919. Noch vor St. Germain ging also die italienische Besatzung in eine Zivilverwaltung über, weil Premierminister Nitti sich für die militärische Demobilisierung nach dem Krieg stark machte. Luigi Credaro, ein Liberaler, wurde Commissario generale civile (General-/Zivilkommissar), das Gebiet bekam den Namen Venezia Tridentina, zunächst mehr als “Arbeitstitel”, Sitz des Generalkommissariats wurde Trient. Zum Missfallen vieler Südtiroler blieb ihr Gebiet also mit dem Trentino verbunden. Unter Credaro wurde die hermetische Abriegelung der Grenzen zu Österreich aufgehoben, die Pressezensur gelockert. Im Juli 1919 errichtete Nitti auch das „Zentralamt für die neuen Provinzen“ unter der Leitung Francesco Salatas. Salata war ein Irredentist aus dem zuvor österreichischen Istrien, relativ minderheitenfreundlich.

In St. Germain bekam Italien vom ehemaligen Österreich-Ungarn ziemlich jene Gebiete zugesprochen, die es seit Kriegsende besetzt hielt, behielt Dodekanes und andere Überseegebiete. Bezüglich westliche Krain und nördliches Dalmatien hätte Italien gerne noch mehr bekommen, hier hatte aber eben auch der neue SHS-Staat Ansprüche, die die Alliierten zufrieden zu stellen hatten. Auch deshalb rückten sie von der Brennergrenze für Italien nicht ab, quasi als Kompensation. Auch bekam Italien kein Protektorat über Albanien und keine Teile der bisherigen deutschen Kolonien. Viele Italiener fühlten sich betrogen, gegenüber den Kriegs-Anstrengungen und dem Sieg. Im Vertrag von Rapallo 1920 wurden die Grenzstreitigkeiten und Detailfragen zwischen Italien und dem SHS-Königreich für eine Zeit beigelegt, zuungunsten Italiens, das in Dalmatien “nur” Zara/Zadar und zwei Inseln behielt. Fiume/Rijeka, das 1919 “privat” von italienischen Nationalisten besetzt worden war, sollte ein unabhängiger Freistaat werden. In den Nachkriegsjahren kamen dafür das Antalya-Gebiet des Osmanischen Reichs (für einige Jahre) unter italienische Herrschaft, vorübergehend auch Vlora in Albanien, schliesslich auch (1924) das meiste von Fiume.

Durch die von Alt-Österreich neu gewonnenen Gebiete gab es in Italien erstmals echte Minderheiten, neben den Deutschen die Süd-Slawen im Nordosten – die auch im habsburgischen Reich nicht zum “Staatsvolk” gezählt hatten bzw zu einem der beiden. Italiens König Viktor Emanuel III. (besuchte Südtirol 1921) versicherte in seiner Thronrede am 1. Dezember 1919, den neuen Provinzen eine „sorgfältige Wahrung der lokalen Institutionen und der Selbstverwaltung” zuzugestehen. Die zugesprochenen Gebiete wurden im September/Oktober 1920 formell annektiert (per königlichem Dekret zum Bestandteil Italiens erklärt). Aus militärischen Stellungen wurden Grenzanlagen. Credaro blieb “Zivilverwalter”. Die Südtiroler Delegation im Tiroler Landtag nahm erst nach dieser Eingliederung, im November 1920, von dort Abschied.

Venezia Tridentina, die italienisch gewordenen Teile Tirols, wurde 1920 ein Compartimento. Die Compartimenti waren Regionen ohne jede Selbstverwaltung, diese gab es in bescheidenem Maß für Provinzen (bis zum Faschismus). Eine Provinzverwaltung für die Venezia Tridentina wurde erst 1923 geschaffen, wobei diese eine Provinz aus der es zunächst bestand (Trient/Trento), dann deckungsgleich mit dem Compartimento war. Die von Österreich-Ungarn im Nordosten gewonnenen Gebiete wurden grösstenteils zur Venezia Giulia (Julisch Venetien) zusammengefasst, also Istrien mit der Hauptstadt Triest, die Kvarner Bucht (mit Fiume nach dem Anschluss), Zara in Dalmatien sowie Görz und Teile der Krain; hier wurden 5 Provinzen gebildet. Zwischen Venezia Tridentina und Venezia Giulia lag die Venezia Euganea (Venetien und Friaul, das Kanaltal wurde hier zugeschlagen).

In den beiden neuen Gebieten lebten Minderheiten und eingesessene Italiener, wobei im “tridentinischen Venetien” deutschsprachige Tiroler und italienischsprachige Trentiner getrennte Siedlungsgebiete hatten, während im julischen Venetien Slawen und Italiener über das ganze Gebiet verstreut waren. Beide Compartimenti machten eine ähnliche Entwicklung durch hinsichtlich des Übergangs von Militär- zu Zivilverwaltung, der Schaffung von Provinzen und dann der Italianisierungspolitik unter dem Faschismus. Einige Aspekte der habsburgisch-österreichischen Verwaltung, wie das Katastersystem (“sistema tavolare”), wurde in den neuen Gebieten beibehalten.

Die Bevölkerung Südtirols bekam gemäß St. Germain-Vertrag 1920 die italienische Staatsbürgerschaft, alle jene, die vor dem 24. Mai 1915 (Kriegsbeginn) in den Gemeinden gemeldet waren; jene, die später zugezogen waren, konnten darum ansuchen, wobei zahlreiche Gesuche abgelehnt wurden. Jene Beamten, die die italienische Staatsbürgerschaft zurückwiesen oder sie nicht bekamen (und nur jene), wurden entlassen, anscheinend betraf das v.a. Eisenbahner. Grosszügig bzw korrekt war, dass die im österreichisch-ungarischen Militär gedienten neuen italienischen Bürger diesen Wehrdienst auf die italienische Pension angerechnet bekamen und die Familien für den Kaiser Gefallener die gleiche Unterstützung wie jene italienischen Witwen und Waisen, deren Angehörige auf der Gegenseite gekämpft hatten.

Am 26. Juni 1921 löste ein königliches Dekret die Gendarmerie auf und liess Carabinieri-Stationen errichten. Im August 1921 wurde die „Lex Corbino“, benannt nach dem damaligen Unterrichtsminister Mario Corbino, erlassen, bei der der Schutz der italienischen Minderheit in Südtirol bzw ihre Aufwertung im Vordergrund stand. Die bis zum Faschismus kleine italienische Minderheit im deutschsprachigen, eigentlichen, Tirol, lebte v.a. im Unterland (es gab mehr Ladiner als Italiener in Südtirol bis nach dem 1. WK!). Sie bekamen nicht das Recht, sondern wurden dazu verpflichtet, eine italienische Grundschule zu besuchen. Auch die Ladiner2 wurden allerdings dazu verpflichtet und Kinder mit italienisch “klingenden” Familien-Namen. Im September erfolgte die Ausdehnung der Wehrpflicht auf Südtiroler; sie wurden vorwiegend in den “alt-italienischen” Provinzen eingesetzt. An der Ostfront in Kriegsgefangenschaft geratene Südtiroler Soldaten kehrten in die annektierte Heimat zurück. Zweisprachige Ortstafeln kamen. Italienisch wurde zweite Behördensprache.

Im Oktober 1919 schlossen sich Tiroler Volkspartei und Freiheitliche Partei in Südtirol zum Deutschen Verband zusammen, Reut-Nicolussi wurde erster Obmann; die Sozialdemokraten Südtirols arbeiteten mit den italienischen Sozialisten (der PSI) zusammen. Der DV führte im Frühjahr 1920 Verhandlungen in Rom mit der italienischen Regierung um Autonomie, die kein Ergebnis brachten; er stellte hohe Forderungen, verlangte ungefähr das, was Jahrzehnte später im Zuge des Pakets erreicht worden ist! Steininger sieht hier eine vertanene Chance. Nach dem Scheitern der Verhandlungen kam es anlässlich des Herz-Jesu-Festes im Juni 1920 zu Protestkundgebung (Bergfeuer, Forderungen nach Selbstverwaltung, Böller schiessen, Hissen der Tiroler Fahne,…), die zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen mit italienischen Sicherheitskräften und zu Verhaftungen führten.

Bei der italienischen Parlaments-Wahl im Mai 1921 trat der DV (wie dann auch 1924) zusammen mit den Slowenen und Kroaten des Julischen Venetiens, der anderen grossen nicht-romanischen Minderheit, als Liste di slavi e di tedeschi (Liste der Slawen und Deutschen) an. Bei der Wahl 1919 hatten diese neuen Gebiete noch nicht teilgenommen. Die Venezia Tridentina wurde in zwei Wahlkreise geteilt, die ziemlich mit Südtirol und Trentino ident waren (das Unterland wurde allerdings zu Trient geschlagen); die Venezia Giulia in 4, zuungunsten der slawischen Minderheiten. Im Wahlkreis Bozen (Südtirol) trat neben dem Deutschen Verband nur die PSI an. Die Partei der Slowenen und Kroaten im Julischen Venetien war die Jugoslovanska narodna stranka (Südslawische Nationalpartei), die sich auf Italienisch Concentrazione slava (Slawische Einheit) nannte. Sie wurde von Josip Vilfan, einem slowenischen Anwalt aus Triest, geführt. Im Julischen Venetien kandidierten alle italienischen Parteien, und – ein weiterer Unterschied zu Südtirol – Angehörige der dortigen Minderheit kandidierten auch für diese Parteien. Das erklärt sich dadurch dass Slawen und Italiener hier auch vor dem Krieg zusammenlebten (nicht nebeneinander, wie Tiroler und Trentiner).

Andererseits gab es in Istrien bereits von den italienischen Faschisten geschürte nationale Spannungen, Gewalt und Tote am Wahltag. Hier gewannen Kandidaten der Slawischen Einheit 5 von 15 dort vergebenen Mandaten (4 in Görz, wo sie in der Mehrheit waren, 1 in Istrien), was der Bevölkerungsverteilung entsprach.3 Rund 90% der Südtiroler stimmten für den Deutschen Verband, der alle 4 Mandate des Wahlkreises gewann. Die kleineren deutsch-sprachigen Gruppen ausserhalb Südtirols konnten den DV nicht wählen. Auch die Italiener in den neuen Gebieten durften das erste Mal wählen; der Trentiner De Gasperi war schon zu einer Führungsfigur in der christdemokratischen PPI aufgestiegen. Und, die Faschisten, als “Nationale Blöcke” erstmals angetreten, kamen ins Parlament. Unter den ins italienische Parlament gewählten Südtiroler Abgeordneten waren Reut-Nicolussi (2 Jahre, nachdem er aus dem österreichischen Parlament ausgeschieden war) und Karl Tinzl, dessen Nachfolger als Obmann des DV. Der Deutsche Verband erklärte sich bereit, in den politischen Institutionen Italiens mitzuarbeiten, strebte aber, wie die Nord-Tiroler Politik, auf lange Sicht einen Anschluss an das Deutsche Reich an, und nicht an Österreich.

Ab Ende 1920 war in vielen Teilen Italiens der Druck der Faschisten auf die Politik zu spüren, so wie in Deutschland jener der Nazis ca 10 Jahre später, da wie dort auch durch deren Schlägertrupps. Ein erster Vorgeschmack auf das, was auf die Südtiroler zukam, waren die Ereignisse vom 24. April 1921 in Bozen. An diesem Tag wurde im österreichischen (Nord-)Tirol über den Anschluss des Landes an das Deutsche Reich abgestimmt, es gab nebenbei eine Mehrheit von 98,8 % dafür. In Bozen fand an diesem Tag die Frühjahrsmesse statt und zu ihrem Anlass ein Trachtenumzug. Faschistische Gruppen marschierten damals in verschiedenen Teilen Italiens auf und suchten gewalttätige Konfrontationen; Linke waren eine bevorzugte Zielgruppe, die ethnischen Minderheiten in den neu hinzugekommenen Gebieten eine andere. Die Faschisten vermuteten anscheinend, dass auch in Südtirol in der Messehalle über den Anschluss an Deutschland abgestimmt werden sollte. Den traditionellen Umzug betrachteten sie als zusätzliche Provokation.

Generalkommissar Credaro wies in Rom darauf hin, dass ein Angriff seitens der Faschisten geplant sei und forderte Sicherheitsmaßnahmen, die jedoch nicht getroffen wurden. Mit Totschlägern, Pistolen und Handgranaten bewaffnete “Schwarzhemden” aus den Altprovinzen kamen an diesem Tag, der als “Blutsonntag” in die Geschichte Südtirols eingegangen ist, nach Bozen und überfielen den Umzug. Ein Südtiroler wurde getötet, 48 verletzt, die Zerstörungen richteten sich u.a. gegen verbliebene Symbole Österreich-Ungarns.

Was Österreicher und Italiener gemeinsam haben, ist der Katholizismus. Das Bistum Brixen war bis 1918 dem Erzbistum Salzburg zugehörig, reichte von Lienz bis Feldkirch. Grosse deutschsprachige Landesteile Südtirols gehörten zur Diözese bzw zum Bistum Trient. Als Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien kam, erschwerte sich die Verwaltung der bei Österreich geblieben Diözesanteile Brixens. Der Vatikan wollte jedoch durch eine Änderung der Diözesangrenzen nicht den Eindruck erwecken, die Teilung Tirols anzuerkennen. Daher wurde 1921 der Generalvikar von Vorarlberg, Sigismund Waitz, zum Apostolischen Administrator des österreichischen Teils der Diözese Brixen ernannt. 1925 wurde daraus die Administratur Innsbruck-Feldkirch, ohne jedoch eine neue Diözese zu errichten. Da Brixen von seinem Metropolitansitz Salzburg abgeschnitten war, der Heilige Stuhl es aber nicht einem italienischen Metropolitanbezirk eingliedern wollte, wurde die Diözese am 1921 direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt. Der andere Teil Südtirols blieb bei der Diözese Trient

1922 war es mit der maßvollen Politik, die unter demokratischen italienischen Regierungen gegenüber den neuen (eroberten/zugesprochenen) Regionen ausgeübt wurde (aber nicht nur damit), zu Ende. Triest (Julisches Venetien), wo die antisozialistische Agitation der Faschisten besonders intensiv war und fliessend in Auseinandersetzungen mit der slowenischen Minderheit überging, entwickelte sich zur ersten echten Hochburg des Faschismus. Hier war der Toskaner Francesco Giunta, später u. a. Gouverneur von Dalmatien, führend. Und auch Bozen spielte bei der faschistischen Machtergreifung eine wichtige Rolle. In der Venezia Tridentina war Achille Starace die faschistische Führungsfigur; er hatte schon die Gewaltaktionen des Bozner Blutsonntags mitorganisiert. Am 1. Oktober 1922 marschierten Faschisten unter Starace auf die grösste Stadt Südtirols, nachdem ihre Forderung bezüglich der Umwidmung einer Schule nicht nachgegeben worden war. Im Zuge der Aktion wurde das Bozener Rathaus gewaltsam eingenommen und die Absetzung von Bürgermeister Perathoner erzwungen. Die Untätigkeit der Sicherheitskräfte dabei ermutigte die Faschisten.

Quasi am Rückweg von Bozen zwang der faschistische Mob wenige Tage später, am 5. Oktober, Credaro, den Verwalter der Venezia Tridentina, in Trient zum Rücktritt  – und zwar genau wegen seiner “gemäßigten” Politik gegenüber der deutschsprachigen Minderheit. Auch Enrico Conci, der “Vorbereiter” der Provinzverwaltung, wurde bei der Gelegenheit aus dem Palazzo Chimatti-Parolini gejagt, blieb aber dann vorerst im Amt. Die Regierung ernannte Giuseppe Guadagnini zum Präfekten der Venezia Tridentina, eine Funktion, die Credaro mit ausgefüllt hatte. Das Kommissariat wurde aufgelöst. Das traf auch viele Trentiner, die sich Selbstverwaltung bzw eine dezentralere Verwaltung erhofft hatten. Guadagnini trat am 4. November sein Amt an, mit dem Willen und dem Auftrag zur Italianisierung des Compartimento. Zu diesem Zeitpunkt war Mussolini bereits Premierminister, nach dem Marsch auf Rom am 22. Oktober. Conci wurde 1923 von Guadagnini aus dem Amt gedrängt. Salata zog sich nach der faschistischen Machtergreifung von seinem Posten zurück.

Italien werde nicht mehr der freundliche Mandolin-Spieler sein, sondern “Krallen zeigen”, drohte Mussolini nach seiner Machtübernahme. Die Minderheiten im Norden des Landes waren nicht die Einzigen, die das spüren sollten. Der Sieg von Vittorio (Veneto) bzw der im 1. Weltkrieg wurde ein wichtiges einheitsstiftendes Symbol für Italien, als Vollendung des Risorgimento bzw des Irredentismus; wobei Manche mit dem Resultat nicht zufrieden waren. Wenn man so will, befleckte Italien aber mit der Annexion des deutschsprachigen Südtirols seinen Irredentismus (weil hier Unterdrückung statt Befreiung folgte). Cesare Battisti gab sein Leben für die Vereinigung italienisch besiedelter Gebiete mit Italien, war aber gegen die Annexion des anderen Südtirols, wo sich heute, am Bozener Siegesdenkmal, eine Büste von ihm befindet; seine Familie war nach dem Krieg gegen diese Vereinnahmung durch den Faschismus aufgetreten und für Anliegen der Südtiroler.

Andererseits, Österreich herrschte jahrhundertelang über italienische Gebiete, pochte auf ethnische Grenzen, sobald eines seiner Kerngebiete unter italienische Herrschaft kam. Mussolini hatte wie Hitler im 1. Weltkrieg (Grossen Europäischen Krieg) gekämpft, stellte sich wie dieser nicht besonders geschickt an, wurde bei einer Übung verwundet. Er versuchte später, die im 1. WK nicht erreichten Ziele des Landes zu erreichen, indem er im Juni 1940 in den Zweiten Weltkrieg eingriff. Der zweite Weltkrieg ist wohl nicht nur ein Kind des ersten, sondern eher seine Fortsetzung, nicht nur von der Brutalität. Der (verspätete) Eintritt aus der k. u. k.-Ära ins Zeitalter des Nationalismus bedeutete für die Süd-Tiroler ein böses Erwachen. Für sie kamen Krieg, Besatzung, Abtrennung von Österreich, Ausschaltung der Demokratie, Italianisierung und Faschismus, Modernisierung, NS (Betrug durch ihn wie Kollaboration mit ihm), neuer Krieg, knapp hintereinander. Sie haben das hässliche Gesicht Italiens erlebt. Ohne Faschismus, mit einer Provinzverwaltung auch ohne Autonomie, wäre es für Südtiroler in der Zwischenkriegszeit ganz anders gewesen. Natürlich war die Grenzziehung dort nicht die einzige problematische in Folge des 1. WK, gab es “Nationalisierungs”-Maßnahmen in eroberten/zugesprochenen Gebieten wie Nachfolgekonflikte auch anderswo, v.a. in Mittel-/Osteuropa. Nach universalen Grundsätzen gerechte Grenzen zu ziehen, wäre auch so gut wie unmöglich. Die jetzigen minderheitenfreundlichen Rahmenbedingungen hat sich Südtirol nach dem 2. Weltkrieg erkämpft; evtl wird das in weiteren Teilen hier noch ausgeführt werden.

http://www.uibk.ac.at/zeitgeschichte/zis/stirol.html (Rolf Steininger)

Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg (1994)

Heinz von Lichem: Krieg in den Alpen 1915-1918 (1993)

Über die Internierungslager im 1. Weltkrieg: http://ersterweltkrieg-internierungen.blogspot.com

https://www.journal21.ch/italiens-sieg-ueber-den-ewigen-barbaren-oesterreich-teil-2

Michael Forcher: Tirol und der Erste Weltkrieg: Ereignisse, Hintergründe, Schicksale (2014)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wenn es um unsere eigenen Interessen geht, sind wir sehr praktisch veranlagt; doch wir zeigen uns als Idealisten, sobald es um dir Interessen der anderen geht (Khalil Gibran)
  2. Ladiner wurden einst von den Bajuwaren in die Seitentäler des südlichen Tirols verdrängt
  3. Vilfan wollte Mussolini dann angeblich selbst von einer minderheitenfreundlicheren Politik überzeugen

Überblick zur Geschichte und Gegenwart Armeniens

Armenien, auf Armenisch Հայաստան (Hayastan), das Land zwischen Europa und Asien, liegt in einem seismischen wie politischen Bebengebiet. Auch der Völkermord mit ihnen steht damit in Zusammenhang, dieser jährt sich heuer zum 100. Mal (1915-2015). Nach dieser Katastrophe wurde das russisch beherrschte Ost-Armenien unabhängig, der erste armenische Staat nach Jahrhunderten. Am Ende dieser Phase war aber fast alles verloren. Das Ende der Sowjetunion war die nächste grosse Zäsur. Zur Zeit gibt es quasi zwei armenische Staaten, da Karabach diesen Status der Unabhängigkeit beansprucht, sich nicht an die Republik Armenien angeschlossen hat. Und die Diaspora (armenisch “Spjurk”).

Historischer Überblick bis zum Ersten Weltkrieg

In das 6. Jh. vC fällt der Übergang vom Urartu-Reich (von dem sich der Name Ararat ableitet, der auf armenisch Masis heisst) zu Hayassa (aus dem Hayastan wurde) bzw. Harminuya (> Arminya), das meist persisch beherrscht war. Armenien/Hayastan gewann seine Unabhängigkeit in der Spät-Antike, unter König Tigran entstand ein Grossreich, das schon damals in einer schwierigen geopolitischen Lage war, zwischen Rom und Persien. Nach Tigran kam Armenien auch unter römische Oberherrschaft. Im 4. Jh erfolgte seine Christianisierung. Ende des 4. Jh wurde es zwischen Byzanz und Persien geteilt, womit die Spaltung in Ost- und West-Armenien eingeleitet wurde. Auch die Begriffe Gross- und Kleinarmenien werden dafür benutzt, da Persien mit dem Osten etwa vier Fünftel Armeniens bekam; allerdings werden Gross- und Kleinarmenien auch zur Bezeichnung des “eigentlichen” Armenien bzw Kilikiens (wo im Hoch-Mittelalter ein armenischer “Filialstaat” entstand) verwendet. In dieser Zeit der ersten Teilung wirkte Mesrop Mashtoz, der Entwickler des armenischen Alphabets, der zwischen den Sphären pendelte. Auch die Behauptung der Eigenständigkeit der armenischen Kirche und ihr Festhalten am (gemäßigten) Monophysitismus ist in Spät-Antike/Früh-Mittelalter anzusetzen.

Wenn man so will, waren die moslemischen Araber der lachende Dritte im “Duell” zwischen Persien und Byzanz, auch Armenien geriet Anfang des 7. Jh unter ihre Herrschaft, war aber autonom. Im 9. Jh wurde es wieder unabhängig, unter der Bagratiden-Dynastie. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Byzanz, das sich damit selber schwächte, da Armenien einen Pufferstaat zu den Seldschuken darstellte. Im 11. Jh nahmen diese zuerst Armenien ein und eroberten dann den Grossteil der kleinasiatischen Gebiete des Byzantinischen Reichs. Armenien verlor damit für sehr lange Zeit seine Unabhängigkeit, wurde Spielball anderer Mächte. Auch die Entstehung der armenischen Diaspora wird auf die Seldschuken-Invasion zurückgeführt; diese bewirkte eine Massenflucht nach Kilikien und über den Kaukasus und Russland nach Europa. Byzantinische Herrscher haben aber schon Jahrhunderte zuvor Armenier auf den Balkan umsiedeln lassen. In Kilikien entstand im 11./12. Jh “Kleinarmenien”, das mit den südlich angrenzenden Kreuzfahrer-Staaten zusammenarbeitete. “Grossarmenien” wurde von Seldschuken beherrscht, erlebte im 13. und 14. Mongolen-Invasionen.

Kleinarmenien/Kilikien wurde 1375 von den Mameluken unterworfen, im eigentlichen Armenien herrschten nach den Mongolen u.a. Turkmenen. Es wurde im 16. Jh zwischen dem safawidischen Perserreich und dem osmanischen Türkenreich geteilt, eine Weichenstellung für die Neuzeit, die einige Jahrhunderte Bestand hatte, auch wenn die Grenzziehung jahrhundertelang umstritten war. Die Teilung Armeniens in einen Ost- und Westteil durch verschiedene Staaten war eine Konstante in seiner Geschichte, hat sich auch in der Sprache und der Kirche ausgewirkt. Das nun osmanische West-Armenien war auf diverse Eyalets, später Vilayets, aufgeteilt, bis in das späte 19. Jh hinein als “Ermenistan” anerkannt. Daneben gab es natürlich eine armenische “Binnen-Diaspora” im Osmanischen Reich, ob in Kilikien, Syrien, Palästina (an der Spitze ihrer Präsenz in Jerusalem stand der dortige Patriarch) oder Konstantinopel/Istanbul. Der armenische Patriarch in Istanbul, der theologisch dem Katholikos von Etschmiadsin in Ost-Armenien untergeordnet war, wurde vom osmanischen Staat als Oberhaupt der armenischen Nation (Millet) in diesem Staat gesehen. In Sis gab es, quasi als Relikt des armenischen Reichs in Kilikien, ein Katholikat, das in Konkurrenz zu jenem in Etschmiadsin bestand und sich erst im 17. Jh unterordnete. Auf der Achtamar-Insel im Van-See bestand seit dem 12. Jh ebenfalls ein Gegenkatholikat, das aus Protest gegen die Ausrufung eines Minderjährigen zum Katholikos von Etschmiadsin entstand und später ein regionales Katholikat wurde (statt einem konkurrierenden). Unmittelbare Nachbarn und Mitbewohner der Armenier im westlichen Teil ihres Stammlandes waren Kurden, mit denen sie eine lange, konfliktreiche Geschichte verbindet.

Im persischen Ost-Armenien befand sich das Etschmiadsin-Katholikat (die Führung der armenisch-gregorianischen/apostolischen Kirche, bis heute), das “albanische” Katholikat, wie auch der für Armenier heilige Berg Ararat (Masis). Unter Schah Abbas wurden Armenier weiter in den Süden Persiens umgesiedelt, v.a. nach Isfahan. In ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet im Nordwesten des Persischen Reichs waren hauptsächlich Aserbeidschaner (Aseris) ihre Nachbarn. Auch in Karabach/Arzach, das unter diversen Herrschern Autonomie behauptete (auch unter den Persern). Der Rest Ost-Armeniens wurde unter den Persern auf die Khanate Jerewan und Nachitschewan aufgeteilt. 1827/28 eroberte das Russische Reich Ost-Armenien und weitere Gebiete im Süd-Kaukasus von den Persern; Russen waren die Hauptfeinde der nun angrenzenden Osmanen. Die Verwaltungsgliederung wie auch die Behandlung allgemein wechselte unter Russen, verschlechterte sich, anfangs gab es ein “Armenisches Gebiet” (Oblast) mit Autonomie. Das Gebiet (und spätere Einheiten) umfasste die vormaligen persischen Khanate Jerewan und Nachitschewan, nicht aber Karabach. Ostarmenien war unter den Russen als Teil des Kaukasus neben Sibirien Verbannungsort für Gegner des Zaren-Regimes (Narodniki, Raskolniki,…).

Ende des 19. Jh verschlechterte sich das Verhältnis der Armenier zu den Türken wie zu den Aseris. Was das osmanische West-Armenien betraf, so kam mit dem Niedergang des Reichs das Ende relativer osmanisch-moslemischer Toleranz. Der Versuch der Modernisierung und Umorganisierung des Reichs, die Tanzimat-Periode, endete mit Sultan Abdulhamid (Abdülhamit) 1876. Armenier, die eine wichtige Rolle im Handel einnahmen, lebten v.a. in den sechs Vilayets, die W-Armenien ausmachten, aber auch in vielen anderen Gebieten des Sultanats. Das Osmanische Reich war im 19. Jh unter starken Einfluss europäischer Staaten geraten, die hier unterschiedliche Ziele verfolgten. Es gärte unter Türken wie unter Arabern oder Armeniern. Die Griechen gewannen Stück für Stück ihre Unabhängigkeit, der Balkan ging sukzessive verloren. Nordkaukasische moslemische Völker aus dem russischem Bereich (oft pauschal als “Tscherkessen” bezeichnet) wurden auch in W-Armenien angesiedelt, wodurch Armenier dort zusehends in die “Defensive” gerieten. Im osmanisch-russischen Krieg 1877/78 kämpften Armenier auf beiden Seiten; im Friedensvertrag von Berlin musste ein Teil W-Armeniens, das Gebiet um Kars, an Russland abgetreten werden, daneben wurde Autonomie für Armenier unter osmanischer Herrschaft beschlossen. Da diese nicht gewährt wurde, gab es armenische Proteste, daraufhin kam es zu Massaker an Armeniern, Mitte der 1890er, die erstes grossen unter osmanischer Herrschaft, unter Abdülhamit, durch die von ihm geschaffenen Hamdiyeh-Einheiten (die hauptsächlich aus Kurden bestanden), mit zehntausenden Todes-Opfern.

Ende des 19. Jh entstand auch unter Armeniern eine Nationalbewegung, nicht zuletzt in Konkurrenz zu religiösen Führern. Russland wurde darin manchmal als Verbündeter gesehen, manchmal als einer von zwei Mächten die über Armenien herrschten. Autonomie in diesen Reichen war ein Ziel von Teilen dieser Bewegung, Unabhängigkeit das von anderen. Wichtigste Organisation wurde die 1890 im russischen Bereich gegründete “Föderation Armenischer Revolutionäre” (Hay Heghapokhakanneri Dashnaktsutyun), meist “Dashnaktsutiun” oder “Daschnak” genannt, die sich mit Arabern gegen Osmanen verbündete, mit Sozialisten gegen den Zaren. Daneben entstand die ebenfalls linksnationalistische “Hntschak” (in der westlichen Diaspora) und die “Armenak”/”Ramgavar”. Die Daschnak führte 1896 einen Banküberfall in Istanbul durch und 1905 ein Attentat auf den Sultan. Zur westlichen Diaspora gehörte auch die Führung der mit “Rom” unierten armenisch-katholischen Kirche.

Der Völkermord

Die Jungtürken-Bewegung hatte ursprünglich neben nationalistischen auch liberale Ziele, wie die Wiedereinsetzung von Verfassung und Parlament im Osmanischen Reich, Beschneidung der Macht des Sultans, Abänderung einer rein islamischen Rechtsdefinition. Sie arbeitete vor ihrer Machtübernahme dabei auch mit armenischen Organisationen zusammen. Nach ihrer Machtübernahme 1908/09 wurden vorrangig jene Tanzimat-Maßnahmen wieder eingeführt, die unter Abdulhamit rückgängig gemacht worden waren, darunter auch die formale Gleichstellung aller Bürger und Wehrpflicht für alle (was im Balkankrieg zum Tragen kam). Im Sinne von Minderheiten (damit sind in erster Linie Nicht-Moslems gemeint) war (auch) die Amnestie für Angehörige von Bürgerwehren wie den armenischen. Islam war auch angesichts der Unabhängigkeits-Bestrebungen der arabischen Völker keine “Reichsklammer” mehr. 1909 wurde von Anhängern der alten Ordnung an Armeniern in Kilikien (v.a. Adana) ein neues Massaker verübt; Armenier waren zu einem gutem Teil anfänglich für die Jungtürken. Der liberale Teil der jungtürkischen Bewegung spaltete sich von ihrer Organisation “Komitee für Einheit und Fortschritt” ab; Streitpunkt war zB die Frage Zentralismus-Föderalismus. 1913 stürzte das Komitee diese nun gerade herrschenden “Freiheits- und Einigkeitspartei”. Die “drei Paschas” Talat, Enver und Djemal wurde dominierende Kräfte in der Regierung (Talat am Ende als Grosswesir), führten das Reich an der Seite der Mittelmächte in den grossen Krieg. Die Jungtürken (das Komitee) regierten bis zur Niederlage im 1. WK, dem Sultan eher übergeordnet, wie Mussolini dem König in Italien später.

Dort wo Kleinasien und Kaukasus aufeinandertreffen, grenzten Russisches und Osmanisches Reich aneinander, lebten auf beiden Seiten Armenier. Dort kam es 1914 zum Krieg. Vorrangiges türkisches Ziel war die Rückeroberung der 1878 verlorenen Gebiete, im Hintergrund lockte die Aussicht auf eine “Vereinigung” mit Turkvölkern im Kaukasus und Zentralasien. Für die Russen waren die Armenier Vehikel für ihre gleichfalls expansionistische Politik. Istanbuler Patriarchat und Daschnak riefen die osmanischen Armenier zu osmanischem Kriegsdienst auf. 1914/15 erfolgte ein russischer Vorstoss nach Kleinasien, die Eroberung Westarmeniens und Nord-Kurdistans. Manche West-Armenier halfen der vorrückenden russischen Armee – so wie etwa Araber damals den Briten im Irak gegen die Osmanen halfen oder Nordkaukasier im russischen Bereich den Osmanen gegen die Russen. Daneben kämpften natürlich Ost-Armenier in der russischen Armee. 1915 gelang es der osmanischen Armee, die Russen zurückzuschlagen. In der Phase darauf ereignete sich der Völkermord (armenisch Aghet, Katastrophe).

Armenier wurden von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Sultanats nach der ersten Niederlage gegen die Russen 1914 als deren fünfte Kolonne gesehen; hier fiel der Beschluss zu den folgenden Maßnahmen. Es begann 1915 mit Entlassungen von Armeniern aus osmanischem Staats- und Kriegsdienst, dann folgten Verhaftungen ihrer Notabeln, im April in Istanbul. Diran Kelekian, Gründer und erster Chefredakteur der Tageszeitung “Sabah”, als Professor an der Universität Istanbul/Konstantinopel akademischer Lehrer zahlreicher Führer der jungtürkischen Bewegung, war unter jenen führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinde Istanbuls, die Opfer der Verhaftungswelle vom 24. und 25. April 1915 wurden. Diese Armenier aus dem Westen sowie jene aus allen Teilen Anatoliens (v.a. aus W-Armenien) wurden zunächst nach Zentralanatolien deportiert; von dort weiter in die syrische Wüste weiter getrieben; ein Endpunkt war Dar es Zur. Die Deportationen waren begleitet von Übergriffen aller Art, Massakern, Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Verschleppungen. Eine maßgebliche Rolle spielten wieder die Kurden, auch beim Eindringen osmanischer Truppen nach Persien, wo die Zentralgewalt damals sehr schwach war, und der dortigen Verfolgung von Armeniern und Assyrern.

Widerstand leisteten Armenier u.a. in Van, das von ihnen mit Unterbrechungen bis 1918 gehalten werden konnte und am Musa Dag (Musa Ler) im Antiochia-Gebiet 1915 (von Franz Werfel verarbeitet), wo dann ausländische Hilfe kam, in Form eines französischen Schiffes. Hunderttausende Armenier wurden in diesen Monaten getötet, manche überlebten, versteckt in Anatolien (auch mit Hilfe von Türken oder Kurden) oder in Syrien (wo vielen von Arabern geholfen wurde) oder ins russische O-Armenien geflüchtet. Betroffen waren auch Assyrer, Pontus-Griechen und Georgier in Ost-Anatolien, denen ebenfalls Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellt wurden. Armenische Kinder, die als Waisen den Völkermord in Syrien oder anderswo überlebten, wurden in der Regel türkisiert, eine besonders unrühmliche Rolle spielte dabei Halide Edip, osmanische Schulinspektorin in diesem Gebiet, in Zusammenarbeit mit Djemal Pascha.

Hauptverantwortlicher für den Völkermord war Talat Pascha, z. T. bulgarisch-pomakischer Herkunft, Innenminister und dann Grosswesir. Er fand nach dem Krieg in Deutschland Zuflucht und wurde dort 1921 von einem Armenier ermordet. Enver Pascha hatte Wurzeln am Balkan, ein Elternteil war Albaner, nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er in die SU und versuchte sich dort in pan-turkistischen Aktivitäten. Er wurde 1922 in Tadschikistan (einem nicht-türkischen Gebiet Zentralasiens) von russischen Truppen (anscheinend unter einem Armenier) getötet. Djemal Pascha hatte evtl. griechische Wurzeln, war Marine-Minister, wurde 1922 in Georgien (damals SU) für seine Verantwortung am Genozid (die eine geringe gewesen sein soll) von Armeniern ermordet.

Armenische Geschichte nach dem Völkermord

1916 gelang der russischen Armee die Wiedereroberung Ost-Anatoliens, womit die Deportationen und Massaker von Christen in diesem Gebiet zu einem Ende kamen. Mit den Russen kämpften armenische Milizen wie jene unter “Dro” Kanayan (ein ost-armenischer Daschnake). Die Russen drangen diesmal weiter vor, die Frontlinie umfasste dann in etwa die Grenzen West-Armeniens (ausgehend von Gerasunt/Giresun am Schwarzen Meer, dann südlich von Erzingan und Van verlaufend, bis zur persischen Grenze), das nun von Armeniern weitgehend leer war. 1916/17 war dieses Gebiet also unter russischer Verwaltung; es gab keine Autonomie für verbliebene oder aus O-Armenien zurückkehrende Armenier, dagegen eine Ansiedlung von Russen. Wegen der russischen Revolutionen 1917 zog sich die russische Armee von der “Kaukasus-Front” zurück; jene der Osmanen war auch an der Dardanellen-Front um Istanbul und diversen arabischen Fronten beschäftigt.

Die Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern und anderen christlichen Völkern. Da im Zuge der Umwälzungen im Russischen Reich O-Armenien (wie auch andere Gebiete) de facto unabhängig war, war damals ganz Armenien mehr oder weniger unter armenischer Kontrolle – aber ein grosser Teil der Bevölkerung war getötet oder verschleppt worden und die Zukunft war unsicher. In dieser Phase, der armenischen Kontrolle über W-Armenien/NO-Anatolien, soll es Gräuel gegen Türken und Kurden in dieser Region gegeben haben, ob zur Sicherung der Herrschaft oder als Vergeltung, was in einer polyperspektivischen Betrachtung auch nicht unterschlagen werden sollte. Ein Denkmal für durch armenische Unabhängigkeitskämpfer ermordete Türken gibt es dort auch längst, eines für Armenier nicht.

1918 stieg die kommunistische Regierung Russlands ganz aus dem Krieg aus, vereinbarte im März im Brest-Litowsk-Vertrag die Rückgabe des Kars- und Batumi-Gebiets an das Osmanische Reich; keiner der Beiden kontrollierte zu dem Zeitpunkt aber das betreffende Gebiet. Am Ende des Kriegs eroberte die osmanische Armee unter Enver Pascha aber W-Armenien zurück, es gab neue Massaker und Vertreibungen, die Enver-Armee drang auch nach O-Armenien ein, wurde in der Sardarapat-Schlacht abgewehrt. In dieser Zeit (Mai ’18) rief O-Armenien (wie auch die anderen beiden südkaukasischen Staaten) offiziell seine Unabhängigkeit aus. Während W-Armenien wieder osmanisch war, wurde O-Armenien unabhängig. Im Oktober des Jahres kapitulierte das Osmanische Reich (Mudros-Waffenstillstand). Türkische und kurdische Kämpfer mussten sich aus den westlichen Gebieten des unabhängigen Armeniens, wie Kars, zurückziehen. Die drei Jungtürken-Führer flüchteten mit deutscher Hilfe ins Ausland, wo sie von Armeniern getötet wurden (s.o). Der liberale Flügel der Jungtürken kam unter westeuropäischer Besatzung im Osmanischen Reich wieder ans Ruder; etwa Damad Farid Pascha, der 1919 und 1920 Grosswesir war, ein Türke montenegrinischer Herkunft – bei den Jungtürken-Führern gab es auffallend viele Eingetürkte. Die Besetzung durch die Entente betraf das türkische Kernland, nicht aber Ost-Anatolien. Unter der Besatzung fanden 1919-21 auch Prozesse gegen Jungtürken-Führer der zweiten Reihe und andere Verantwortliche des Genozids statt.

Die Demokratische Republik Armenien bestand 1918-20, im davor und danach russischen Ost-Armenien, war überfüllt mit Flüchtlingen aus West-Armenien. Das Kars-Gebiet, Nachitschewan und der Ararat waren Teil dieses Staats; Karabach war mit Aserbeidschan, Javakheti mit Georgien, umstritten. Bei der Parlaments-Wahl 1919 wurde die Daschnak die stärkste Partei. Aseris waren die grösste Minderheit, im Kars-Gebiet gabs auch viele Kurden. Die im 1. WK siegreiche Entente unterstütze im Russischen Bürgerkrieg die Weisse Armee, die die Wiederherstellung alter Grenzen wollte, somit kein unabhängiges Armenien.

Die Nachkriegsverhandlungen in den Pariser Vororten führten bezüglich des Osmanischen Reichs 1920 zum Vertrag von Sevres; zwischen den „verbliebenen“ Alliierten des Kriegs (Russland war nicht mehr dabei) und dem Osmanischen Reich. Der Vertrag bestätigte die Abtrennung der arabischen Gebiete (an Grossbritannien und Frankreich). Griechenland und Armenien bekamen ihren Anteil am Osmanischen Reich zugesprochen; im Fall der Griechen waren das die teilweise griechisch besiedelten Gebiete Ost-Thrakien und das Gebiet um Smyrna/Izmir. Das damals unabhängige O-Armenien sollte W-Armenien bekommen; unter USA-Präsident Wilson wurde den Armeniern ein Gebiet zugestanden, das 2 Jahre zuvor in Reichweite gewesen war, das sich im Wesentlichen mit der Frontlinie 1916-18 deckte, das noch heute in der Regel die Maximalforderung von, je nach Standpunkt, nationalistischen oder geschichtsbewussten Armeniern darstellt, ein Gebiet über das die Armenier zuletzt vor 900 Jahren geherrscht hatten. Darüber hinaus wurde fast das ganze Kleinasien/Anatolien europäischen Mächten als “Einflusszone” zugesprochen.

Türkischer Widerstand gegen Sevres formierte sich unter einer neuen Nationalbewegung, geführt von mittleren Offizieren wie Mustafa Kemal Pascha (später “Atatürk”) aus Saloniki, und führte zum “Türkischen Unabhängigkeitskrieg” an drei Fronten (1919-23). Armenier waren auch von der türkischen Einnahme Smyrnas (von Griechenland) und Kilikiens (von Frankreich) betroffen, vor allem aber natürlich vom Vorstoss unter Karabekir auf Ost-Armenien (“Türkisch-Armenischer Krieg”). Keiner der Alliierten/Entente-Mächte hatte den Schutz für das in Sevres geschaffene Gross-Armenien übernommen. Armenien verlor so nicht nur den Westteil, der Hauptschauplatz des Völkermords gewesen war, bevor es ihn in Besitz genommen hatte, sondern auch das Kars-Gebiet; das Friedensdiktat von Alexandropol bestätigte die Brest-Litowsk-Grenze. Der Rest Armeniens unterstellte sich der Sowjetunion, um Schlimmeres zu verhindern, die Unabhängigkeit endete somit nach zwei Jahren.

1921 schlossen die kemalistische Regierung des sterbenden Osmanischen Reichs und die der jungen Sowjetunion den Vertrag von Kars über ihre Grenze, die hauptsächlich die Armenier betraf. Der neue Vertrag folgte dem von Alexandropol weitgehend, zusätzlich zur Kars-Ardahan-Region wurde nun auch noch die Surmalu/Igdir-Region mit dem Ararat/Masis den Türken zugesprochen; nachdem in West-Armenien fast keine Armenier mehr lebten, waren die Armenier nun erstmals von “ihrem” Berg getrennt! Nach dem 2. WK stellte die SU den Kars-Vertrag und die darin festgelegte Grenzziehung in Frage. Inner-Sowjetische Grenzziehungen wirkten sich auch ungünstig für die Armenier aus: 1922 wurden Karabach, Nachitschewan und Javakheti abgetrennt bzw. den Nachbarn Aserbeidschan und Georgien zugeschlagen. Die heutigen Grenzen Armeniens sind auf die Ereignisse der Jahre 1920-22 zurückzuführen. Durch den Völkermord und Kriege 1914 bis 1922 haben Armenier etwa neun Zehntel ihres Landes (neben W-Armenien auch den Ararat und andere ostarmenische Gebiete) und zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren.

Die Gründung der Republik Türkei 1923 war “Schlusspunkt” dieser Phase, die Weichen für die nächsten Jahrzehnte waren gestellt. Die Prozesse gegen die Völkermord-Verantwortlichen waren bereits 1921 eingestellt worden. Der türkische Nationalstaat sollte eine türkische Nationalkultur haben, weshalb unter dem unumschränkten Herrscher Atatürk neben diversen Verwestlichungsschritten (wie der Einführung der lateinischen statt der arabischen Schrift) auch kulturelle Nationalisierungs-Maßnahmen durchgeführt wurden, wie die “Reinigung” der Sprache von Wörtern ausländischer Herkunft. So “gemischt” die Türken von ihrer Ethnogenese sind, so widersprüchlich ist dieses Unterfangen auch. Ziya Gökalp, der mit das theoretische Fundament für den türkischen Nationalismus legte, war eigentlich Kurde. Kurden, nicht durch die Religion von der türkischen Mehrheitsgesellschaft getrennt, haben lange bei allem mitgemacht, sind in grosser Zahl in ihnen aufgegangen (grosse Teile der türkischen Gesellschaft bis hin zu Staatspräsidenten wie Turgut Özal haben/hatten kurdische Wurzeln, früher osmanische Sultane). Widerstand nicht-assimilierter Kurden begann nach der Gründung der Türkei. Die Niederschlagung des immer wieder aufflackernden Aufbegehrens in Südost-Anatolien war in Dersim 1937/38 abgeschlossen; wenn man so will, begann es in den 1980ern wieder mit der PKK.

Der armenische Rest in der Türkei lebt(e) v.a. in Istanbul, wo sich auch ihr Patriarchat befindet; daneben existieren diverse “Krypto-Armenier” über das Land verstreut, s. u. 1939 gaben die Franzosen das Antiochia-Gebiet an die Türkei ab (statt an Syrien), Armenier hatten wieder die Wahl zwischen Exodus und Massaker. 1955 gab es in Istanbul ein Pogrom gegen christliche Gruppen, v.a. Griechen, die damals noch zahlreicher waren, nachdem bekannt wurde dass in Saloniki ein Anschlag auf das Geburtshaus Atatürks stattgefunden hatte, wahrscheinlich eine Aktion unter falscher Flagge. Unter den wenigen Nicht-Moslems, die seit der Gründung der Türkei ins Parlament gewählt wurden, waren auch einige Istanbul-Armenier, zuletzt der Bauunternehmer Migirdic Sellefyan Ende der 1950er, für die DP.

In Sowjet-Armenien gabs in der Anfangszeit von der Daschnak (die dann verboten wurde) etwas Widerstand, der bald unter Kontrolle gebracht war. Alexander Mjasnikjan (“Mjasnikov”) war in der Anfangszeit Chef der KP in Armenien und Ministerpräsident der Teilrepublik. 1922-36 wurden die drei südkaukasischen Republiken Armenien, Georgien, Aserbeidschan zur “Transkaukasischen Republik” zusammengeschlossen, dann wieder getrennt. Nachitschewan und ein Teil Karabachs wurden autonome Gebiete Aserbeidschans, in dessem Gebiet Armenier auch sonst verstreut lebten, vielfach in der Ölindustrie arbeiteten. Die Tötungen, Zwangskollektivierungen und Deportationen unter Stalin betrafen natürlich auch Armenier. Katholikos Choren I. wurde damals ermordet, aber auch (führende) Kommunisten wie Khanijan, der (aus Van stammende) Parteichef der Republik. Mit Anastas Mikoyan war sogar ein Armenier Staatsoberhaupt der Sowjetunion, 1964/65, in der Ära Breschnew, als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets.

Das Agrarland (Ost-) Armenien wurde industrialisiert. Kulturelle Autonomie, vor allem die Pflege der eigenen Sprache war weitgehend gewährleistet. Es gab sogar eine Einwanderung von Diaspora-Armeniern nach Sowjet-Armenien, die Familie des späteren Präsidenten Lewon Ter-Petrossian kam etwa 1946 aus Syrien. Im 2. WK kam die deutsche Wehrmacht nicht bis Armenien; Sowjet-Armenier kämpften aber für die Rote Armee an diversen Fronten, Marschall Ivan Bagramyan führte sie im Baltikum. Ein anderer berühmter Sowjet-Armenier war der Komponist Aram Khatchatourian. Durch den Kalten Krieg war Armenien wieder im Spannungsfeld der Weltpolitik, an der sowjetisch-türkischen Grenze stiessen die beiden Blöcke aneinander, die SU-Republik Armenien war auf der einen Seite, das von Armeniern entvölkerte türkische West-Armenien auf der anderen. Die “religiöse Entsprechung” zur Tatsache, dass ein Teil der Armenier zum Ostblock gehörte und ein anderer zum Westblock, war die doppelköpfige Führung ihrer Kirche durch die Katholikate von Etschmiadsin und Beirut, wobei ersteres den Vorrang hatte.

Eine armenische Diaspora in Westasien gibts hautsächlich im Iran, Syrien und Libanon. In diesen Staaten haben Armenier nach ihrem Völkermord auch Zuflucht gefunden. Die multiethnische/-religiöse Gesellschaft des Libanon, der in den 1940ern von Frankreich unabhängig wurde, kam Armeniern entgegen. Neben dem unierten Patriarchat übersiedelte in den 1920ern auch das kilikische Katholikat aus der Türkei in dieses Land. Die ungünstige Entwicklung im “Nahen Osten” (Bürgerkrieg Libanon ab 1975, Revolution Iran 1979,…) traf auch die dort lebenden Armenier. Die Diaspora im Westen wird seit dem 1. WK immer grösser, hier sind v.a. Frankreich und USA zu nennen. Herausragende Vertreter sind hier der Künstler Charles Azanavour oder der Politiker George Deukmejian (war Gouverneur von Kalifornien). In der Diaspora müssen Armenier oft eine Dreifach-Identität bewältigen; ein in Deutschland lebender armenischer Iraner etwa wird (was rein die Sprache betrifft) versuchen, Deutsch, Armenisch und Persisch zu beherrschen. 1973 erschoss der Diaspora-Armenier Yanikian, der den Völkermord erlebt hatte, in der USA türkische Diplomaten; danach bildeten sich Gruppen wie ASALA (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia), die bis Ende der 1980er Gewalt gegen türkische Staatsrepräsentanten und Zivilisten ausübte (vom Libanon aus), den Kreislauf des Hasses kräftig ankurbelte.

1988 brachte für Sowjet-Armenien zum einen ein verheerendes Erdbeben (~25 000 Todesopfer, grosse Zerstörungen), zum anderen den Beginn des Konfliktes mit der benachbarten Sowjet-Republik Aserbeidschan um Berg-Karabach/Arzach. Wie auch in Jugoslawien brachte die Lockerung des kommunistischen Systems in der Sowjetunion eingefrorene nationale Konflikte zum Auftauen. Die grossteils armenische Bevölkerung Karabachs, das autonomes Gebiet innerhalb Aserbeidschans war, wollte den Anschluss an Armenien. Die Unruhen, die sich zunächst etwa in Vertreibungen niederschlugen, brachten auch neue armenisch-türkische Spannungen. Die Türkei betrachtet sich als eine Art Schutzmacht für sie sprach- und religionsverwandten Aserbeidschaner/Aseris. Aseris wurden aus Karabach und Armenien vertrieben, Armenier aus Aserbeidschan und dessem exterritoralen Gebiet Nachitschewan. Dieser “Bevölkerungsaustausch” war mit Massakern verbunden, wie jenes in Baku 1988 an dort lebenden Armeniern.

Die anti-kommunistische Unabhängigkeitsbewegung sammelte sich in der “Pan-Nationalen Armenischen Bewegung” (Hayots Hamazgain Sharzhum/Հայոց Համազգային Շարժում/HHSch), deren Kandidaten bei der ersten halbwegs freien Wahl zum Parlament SU-Armeniens (“Oberster Rat”) als Unabhängige antraten und viele Sitze errangen; die KP gewann die Wahl. Der HHSch-Spitzenmann Lewon Ter-Petrossian wurde zunächst Parlamentspräsident. Die SU-Republik Armenien erklärte im August 1990 ihre “Souveränität”. Nach dem gescheiterten Putsch von Altkommunisten gegen SU-Präsident Gorbatschow im August 1991 erklärte sie sich für unabhängig, was von der Bevölkerung in einem Referendum bestätigt wurde. Dies fiel zeitlich ziemlich mit der Wahl Ter-Petrossians zum Präsidenten Armeniens zusammen, der im November 1991 sein Amt antrat.

Mit der Unabhängigkeit begann der (Berg-)Karabach-Krieg mit Aserbeidschan. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte autonome Gebiet erklärte sich unabhängig, Aserbeidschan hob seine Autonomie auf. Armenier leisteten gegen den Versuch der Eingliederung Widerstand, eroberten 1992 das Latschin-Gebiet, einen Verbindungskorridor zwischen Karabach/Arzach und der Republik Armenien; dieses Gebiet war 1922 wie andere Teile Karabachs nicht zu dem autonomen Gebiet dazugenommen worden. Armenien behauptete in dem bis 1994 laufenden Krieg diese Gebiete. Nach etwa 30 000 Toten auf beiden Seiten wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Karabach wurde nicht als Teil Armeniens proklamiert, es ist je nach Sichtweise unabhängig oder ein abtrünniger/besetzter Teil Aserbeidschans, de facto ist es aber ein Teil Armeniens. Der Krieg hat das vom Erdbeben schon schwer getroffene Land weiter wirtschaftlich geschwächt, nicht zuletzt, da Aserbeidschan, schon zu Sowjet-Zeiten, eine Blockade der Luft- und Schienenwege nach Armenien verfügte. Die Grenze zur Türkei war nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion kurz geöffnet, wurde dann aufgrund des Krieges von der Türkei geschlossen. 1993 drohte Türkeis Präsident Özal Armenien. Aserbeidschan profitiert von Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, Armenien bleibt arm.

Vor diesem Hintergrund vollzogen sich die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen von der SU-Republik zum unabhängigen Staat. Wie auch in den anderen ehemaligen SU-Republiken kamen irgendwann die Privatisierungen der Staatsbetriebe, wodurch eine Klasse der Oligarchen entstand, die eng mit der Politik verbunden ist. Von den drei Kaukasus-Republiken hat sich Georgien inzwischen am stärksten von Russland ab- und dem Westen zugewandt, Aserbeidschan (das auch noch die Türkei hat) hat noch relativ starke Bande, Armenien ist von diesen Staaten am stärksten an Russland “orientiert”. Ob das den Handel betrifft (wo es aber auch neue Partner gab) oder die Militärbasis in Gyumri, die Russland in Armenien unterhalten darf, oder die russische Minderheit im Land (oder auch die in Russland lebenden Armenier). Zu den Nachbarn Georgien und Iran hat Armenien vielfältige Beziehungen. 1993 wurde eine eigene Währung eingeführt, davor gab es eine Währungsunion innerhalb der GUS. Auf religiösem Gebiet gab es 1995 eine Art Versöhnung, Neshan Sarkissian, als Garegin II. Katholikos von Kilikien im Libanon, wurde als Karekin I. (ost-armenische Schreibweise) Katholikos von Etschmiadsin, somit Oberhaupt der armenisch-gregorianischen Kirche, der die meisten Armenier, in der Republik und in der Diaspora, angehören.

Die innenpolitischen Probleme begannen mit dem Auseinanderfall der HHSch, dessen Rest 1995 noch die Wahl gewann. Armenien hat ein semi-präsidentielles System, ist de facto aber eine Präsidialrepublik, was schon unter Ter-Petrossian zu Spannungen mit Regierung und Parlament führte – anders herum kann man auch sagen, dass er autoritäre Züge an den Tag legte. Er liess etwa die Daschnak-Partei (HHD), damals neben der KP die stärkste Oppositionspartei, vorübergehend verbieten. Seine Wiederwahl 1996 war die erste Wahl mit Schiebungsvorwürfen in Armenien. 1998 trat er wegen Unstimmigkeiten mit der Regierung unter Robert Khotscharian, der zu seinem Nachfolger gewählt wurde, zurück. Die Republikanische Partei (HHK), 1990 gegründet, wurde bei der Parlamentswahl 1999 Grosspartei, siegte vor der KP-Nachfolgepartei HKK, stellte mit Wasgen Sargsyan den Ministerpräsidenten. Seither hat sie bei allen Wahlen gewonnen, wahrscheinlich aber nicht ganz “sauber”, und übt ein Machtmonopol aus. Im Oktober 1999 ereignete sich ein Terrorangriff auf das Parlament, eine Gruppe unter einem Ex-Daschnak-Aktivisten tötete den Ministerpräsidenten, Parlamentspräsident K. Demirtschian (KP-Chef der Republik 74-88, nun bei der HZK) sowie mehrere Minister und Abgeordnete. Der damalige Sicherheitsminister Sersch Sargsian wurde von Ex-Präsident Ter-Petrossian der Komplizenschaft mit den Terroristen beschuldigt, auch Präsident Khotscharian (parteilos) wurde dessen beschuldigt. Sersch Sargsian von der HHK wurde 2007 Ministerpräsident, 2008 Staatspräsident.

Der Ararat von Jerewan aus gesehen
Der Ararat von Jerewan aus gesehen

Der Umgang mit dem Völkermord, seine Aufarbeitung

Eng verbunden mit der Beurteilung des Völkermordes ist die Frage, inwiefern Unabhängigkeits- bzw. Irredentismusbestrebungen der Armenier berechtigt waren; abgesehen davon, dass nur ein Teil der West-Armenier diesen Bestrebungen nachgingen. Es gab gerade im 1. Weltkrieg einige vergleichbare Situationen. Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter. In der Ukraine standen sie sich auch gegenüber, und beide verdächtigten die Ukrainer der Kollaboration mit dem Anderen und erliessen auch harte Repressalien in Fällen, wo sie diesen Verdacht bestätigt sahen; diese waren aber weit weg von kollektiven Zwangsumsiedlungen aus dem Kriegsgebiet. Ähnlich verhielt es sich an der österreichisch-italienischen Front, wo viele Italiener unter österreichisch-ungarischer Herrschaft (Trient, Triest) vor “Loyalitätskonflikten” standen, wo es Exekutionen gab wie jene Cesare Battistis.

Natürlich gab/gibt es vielerorts Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, harten Maßnahmen währenddessen und dem Bestreben nach Grenzveränderungen. Während des 1. Weltkriegs gab es einige Volksgruppen im Osmanischen Reich, die ein ähnliches Schicksal wie die Armenier erleiden hätten können, nicht zuletzt diverse arabische Völker, aufgrund ihrer Sezessionsbestrebungen. Die osmanischen Kriegsherren wie Djemal Pascha sollen potentiell illoyalen Gemeinschaften explizit gedroht haben, sie wie die Armenier zu behandeln. Die Sezessionsbestrebungen der Araber versuchten die Jungtürken auch niederzuwerfen (Djemal Pascha hier auch verantwortlich), waren aber nicht so grausam und auch nicht erfolgreich wie bei den Armeniern. Weil die Araber viel zahlreicher waren und das fragliche Gebiet grösser, weil die Türken Anatolien im Gegensatz zu Irak oder Palästina als ihr Kernland betrachteten oder weil sich Westmächte um die arabischen Länder kümmerten?

Durch den Prozess gegen Soghomon Tehlirjan, den Talat-Attentäter, im Deutschen Reich wurde vieles über den Völkermord erstmals bekannt, zumal der Theologe Johannes Lepsius, der Helfer und Zeuge dabei gewesen war, dort aussagte. Deutsche waren im Krieg Verbündete der Osmanen gewesen, bei den Aktionen gegen Armenier in mehrerer Hinsicht Mittäter bzw. Kollaborateure; auch einer dieser Beteiligten sagte damals in Berlin aus, General Liman von Sanders. Lepsius hat nach dem Ersten Weltkrieg auch Akten des deutschen Aussenministeriums zu den Deportationen veröffentlicht, diese so genannten Lepsius-Dokumente galten bis in die 1960er als die wichtigste Quelle für den Völkermord an den Armeniern.

Franz Werfels 1933 erschienener Tatsachenroman “Die vierzig Tage des Musa Dag” war eine der frühen Thematisierungen des Völkermordes, und ist bis heute eine der eindrucksvollsten. 1929 war er mit Alma Mahler über Kairo nach Jerusalem und weiter nach Damaskus gereist, alles Länder die in der Zwischenkriegszeit unter europäischer, nicht mehr osmanischer, Herrschaft standen. In Damaskus im französisch beherrschten Syrien wurden sie auch in die grösste Teppichweberei der Stadt geführt. Bei der Führung bemerkten sie ausgehungerte Kinder, die Hilfsarbeiten verrichteten. Der Fabrikbesitzer erklärte dazu, es seien die Kinder der von den Türken erschlagenen Armenier, denen er Brot und Unterkunft für die Arbeit gäbe. Dies war Werfels erste Begegnung mit dem Unglück der Armenier, das ihn so bewegte, dass er noch auf der Reise die Idee eines Romans skizzierte. Um die historischen Details zu erfahren, suchte er u.a. das armenische Kloster der Mechitaristen in Wien auf (eine armenisch-katholische Kongregation übrigens), wo er in der Bibliothek recherchieren durfte. Werfel, im 1. WK selbst Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee, fand die Augenzeugenberichte eines protestantischen Priesters namens Dikran Andreasian über die Ereignisse von 1915 in der Antiochia-Region, wo auf diesem Berg Widerstand geleistet wurde. 36 Tage, nicht 40, einer der Punkte, in denen der Roman von der Realität abweicht. Viele der von Franzosen geretteten Musa-Dag-Überlebenden wurden einige Jahre später von diesen bei der Besetzung der Region eingesetzt. Als die Franzosen das Gebiet 1939 an die Türkei abtraten (die es dann “Hatay” nannte), zogen auch die meisten Armenier ab, viele liessen sich in der Bekaa-Ebene im Libanon nieder.

Die sogenannten Andonian-Papiere sind in der Forschung über den Völkermord deshalb so wichtig, weil sie (im Fall ihrer Echtheit) die Vernichtungsabsicht bei den Umsiedlungsaktionen beweisen, oder aber (im Fall ihrer Falschheit) diese Absicht widerlegen sollen, ein Hinweis auf die ungerechtfertigte Unterstellung dieser wären. Die Diskussionen bei den Wikipedia-Artikeln über sie sind ein ganz guter Indikator für ihre Umstrittenheit. “The Memoirs of Naim Bey: Turkish Official Documents Relating to the Deportation and the Massacres of Armenians” wurden 1920 von Aram Andonian, einem der Überlebenden der am 24. April 1915 aus Istanbul nach Anatolien deportierten Armenier, als Buchpublikation herausgebracht. Im selben Jahr erschien eine französische Ausgabe, im Jahr darauf in USA eine armenische. Sie zeigen, teils als Faksimile, teils als Übersetzung, Telegramme der jungtürkischen Führung an Regierungsstellen in der damaligen osmanischen Provinz, welche als Anordnung zur Vernichtung der deportierten Armenier verstanden werden müssen. Ein osmanischer Beamter in Aleppo, eben dieser Naim Bey, soll sie gesammelt und dann verkauft haben. Die Zweifel beziehen sich vor allem auf Unstimmigkeiten bei Datumsangaben in den Telegrammen. Zur Bewertung dieser und anderer Dokumente zum Genozid sind Kenntnisse des osmanischen Rumi-Kalenders, der osmanischen Sprache (die in vielen Punkten vom heutigen Türkisch abweicht) und des Chiffriersystems der osmanischen Behörden notwendig, Kenntnisse, die rar geworden sind, wie der deutsche Wikipedia-Artikel anmerkt!

Daher ist der Authentizitäts-Streit auch ziemlich auf die Experten-Ebene beschränkt. Natürlich ist auch der Kontext der Entstehung zu betrachten; zum Zeitpunkt der Entstehung und Veröffentlichung des Buches war das Schicksal Armeniens noch in der Schwebe, in Sevres wurde verhandelt, die englische Ausgabe enthält einen offenen Brief des deutschen Völkermord-Augenzeugen Armin Wegner an den dort maßgeblichen USA-Präsidenten Wilson. Falls die Dokumente gefälscht wurden, muss dies nicht unbedingt auf Andonian zurückgehen, es könnte auch jemand versucht haben, damit ein Geschäft zu machen. Die Tatsache, dass auch nicht-revisionistische Forscher zu diesem Genozid wie Yves Ternon und Christopher Walker nicht (ganz) von der Echtheit der verwendeten Telegramme überzeugt sind, ist Grund genug, die Zweifel zu akzeptieren. Dazu sei gesagt, dass die Vernichtungabsicht und damit der Genozid-Charakter der Aktionen nicht von dem Buch abhängen. Die Originale der Naim-Bey-Telegramme sind verschollen.

Die Aufarbeitung dieses Völkermordes war in der Geschichtsforschung wie in der Politik lange ein Aussenseiter-Thema (ausser für Armenier). Sowohl die Anzweiflung als auch die Anerkennung des Völkermord-Charakters der osmanischen Aktionen gegen die Armenier im 1. Weltkrieg folgt in der Regel weniger sachlichen Begutachtungen und Kriterien als politischen Erwägungen! Die zentralen Streitfragen der Diskussion darüber, insofern sie einigermaßen seriös geführt wird, sind die Frage der Vernichtungsabsicht, die Opferzahlen, die “Rechtmäßigkeit” bzw. der Anlass der Deportationen. Inzwischen hat sich in Historiographie und Politik grossteils durchgesetzt, dass es sich um einen der grossen Völkermorde des 20. Jh. handelt, neben dem an Juden und dem Stalins an verschiedenen Gruppen; der “Völkermord”-Begriff ist nach dem 2. Weltkrieg entstanden.

Es gibt gewisse Parallelen zum Völkermord an den Juden, dem/der Holocaust/Schoah, etwa dass beide im Schatten des Krieges stattfanden. Gerade diese Gemeinsamkeiten werden aber oft in Frage gestellt. Guenter Lewy (aus Deutschland nach USA) etwa lässt den Völkermord an den Zigeunern/Sinti wie auch den an den Armeniern nicht als solchen gelten, zum Entzücken v. a. von türkischen Nationalisten. Er trifft sich mit Eberhard Jäckel, einem deutschen Historiker, der das Lied von der Einzigartigkeit des jüdischen Holokausts singt, von “Legenden­bildungen bezüglich der Zigeuner die sich sehr geschickt den verfolgten Juden gleichstellen möchten” schreibt; Sündenstolz? Bernard Lewis, ein anderer Leugner, verteidigt wie Vertreter des türkischen Staates die These des “Bürgerkriegs” zwischen Türken und Armeniern. Auch Daniel Goldhagen oder Steven T. Katz verfechten eine “abgehobene, metahistorisierende Einzigartigkeit der Shoa” (Kieser). Justin McCarthy, in diesem Zusammenhang (Leugnung/Relativierung des Armenier-Genozids) berüchtigt, dürfte “eingekauft” worden sein. Ein kleiner Indikator, welcher Unterschied international in der Akzeptanz des jüdischen und des armenischen Völkermordes besteht: Bei der Eishockey-WM 2006 musste das armenische Team (in der Division III) am armenischen Völkermord-Gedenktag (24. April) gegen das türkische spielen; am 25. April hätte das israelische Team in der Division II am jüdischen Völkermord-Gedenktag gegen das deutsche antreten sollen – aufgrund der Bedeutung des Tages wurde das Spiel verschoben. Der türkische Historiker Fikret Adanir schrieb, bei manchen armenischen Historikern gäbe es vor diesem Hintergrund eine Art “Obsession”, die zum metahistorischen Mass alles Bösen erhobenen Nationalsozialisten und die Jungtürken gleichzusetzen, um so mehr Anteil an internationaler Beachtung und Anerkennung zu erlangen.

Die Entstehung eines neuen armenischen Nationalbewusstseins in den 1960ern, verstreut auf westliches Exil, “Orient” (Westasien) und “Ostblock” (v.a. SU), vollzog sich v.a. im Gedenken an den Völkermord; die armenischen Bezeichnungen dafür sind neben “Aghet” (Katastrophe) “Medz Yeghern” (grosses Verbrechen) oder “Hayots Tseghaspanutyun” (armenischer Völkermord). Dazu gehörte die Einführung eines Gedenktages und die Errichtung des Gedenkmals Jerern bei Jerewan 1967. Auch die Aktionen militanter Gruppen wie ASALA kamen aus Frustration von Armeniern, deren Tragödie in der Endphase des Osmanischen Reichs meist verdrängt blieb. Für die Armenier war, wie erwähnt, die Vernichtung von einem grossen Teil des Volkes mit dem Verlust von einem grossen Teil des Territoriums verbunden.

Auf dem Territorium der Republik Türkei ging ein Auslöschungsprozess gegenüber allem armenischen (bzw. generell nicht-türkischen) auch lange nach dem 1. Weltkrieg (und dem Völkermord), dem “Unabhängigkeitskrieg” und der Gründung der Republik weiter – einer der Unterschiede zum deutschen Völkermord an den Juden im 2. Weltkrieg. Dazu gehörte die staatliche Beschlagnahmung aller sogenannten “verlassenen Güter”, Kirchen-Zerstörungen, Umbenennungen von Ortschaften und die lancierte Geschichtspolitik zum Ende des Osmanischen Reichs. Der Westen kam der Türkei dabei weit entgegen, vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung im Kalten Krieg, die sie aus westlicher Sicht schon in der Zwischenkriegszeit gegenüber der Sowjetunion bekam, und in den 1990ern als Verbündeter in der Region behielt. Für Armenier war/ist es schmerzlich, dass eine Frage wie jene nach der materiellen Restitution ihrer geraubten oder zerstörten Güter nur als utopisch anzusehen ist. Jene Türken, die den Völkermord oder zumindest grosses Leid der Armenier anerkennen, sind Aussenseiter ihres Milieus, ob in der Politik, der Geschichtswissenschaft, der Publizistik oder anderen Bereichen. Entgegen landläufiger Vorstellungen ist die seit 2002 regierende AKP hier die positive Ausnahme, kein anderer türkischer Staats- oder Ministerpräsident ist hier so grosse Schritte gegangen wie Recep Tayyip Erdogan (s. u.).

Es gibt auch eine recht unmittelbare Verbindung zwischen den Völkermorden in den beiden Weltkriegen: Max Erwin von Scheubner-Richter, deutscher Offizier und Diplomat, war während des 1. Weltkriegs (Vize-?) Konsul des Deutschen Reichs in Erzurum, also im “Zentrum der Ereignisse”, und somit Augenzeuge der Deportationen und Übergriffe. Dass er osmanischen Behörden dabei entgegen getreten sein soll, erscheint zweifelhaft, Deutschland war ja Verbündeter und unterstützte es in mehrerer Hinsicht bei den Gräueln an Armeniern, z. B. bei der Belagerung des Musa Dag, in Form von Militärberatern. Es waren auch die deutschen Bündnispartner, die die Türken zur Instrumentalisierung des Islam zum heiligen Krieg/Jihad in diesem Krieg drängten… Scheubners Biograph Paul Leverkuehn (im 1. WK in dessen Delegation, im 2. WK für die deutsche Abwehr in der Türkei, in der BRD u. a. CDU-Politiker) schrieb 1938 über die “wölfische Wildheit der losgelassenen Kurden” (dass Kurden maßgeblich an dem Genozid beteiligt waren, ist zutreffend) und von einer “Auseinandersetzung eines Volkes Asiens mit einem anderen fernab europäischer Zivilisation”. Scheubner wurde bald nach dem 1. WK einer der engsten Mitarbeiter Hitlers bei dessen frühen politischen Aktivitäten, er soll Hitler vom Völkermord an den Armeniern (den er damals auch als “asiatisch” und “grauenvoll” einstufte) unterrichtet und ihn “inspiriert” haben. Hier kommt Ernst Nolte ins Spiel, der den deutschen Historikerstreit in den 1980ern u.a. damit auslöste indem er schrieb, die Sowjetunion (unter Stalin) habe “asiatische Methoden” der Nationalsozialisten vorweg genommen (beschreibt eine Folter mit Rattenkäfig vor dem Gesicht) und damit den Holokaust (den er nicht leugnet) u.ä. quasi provoziert. Scheubner-Richter wurde beim Putschversuch Hitlers 1923 in München erschossen.

Die Armenier erfuhren für die erlittenen Gräuel nicht nur keinerlei Wiedergutmachung der Türkei, im Gegenteil, die Türkei hat nie Verantwortung dafür übernommen. Der türkische Umgang mit dem Leid der Armenier schwankt zwischen Leugnung von Grausamkeiten, Rechtfertigungen dieser, Opfer-Notwehr-Behauptungen als Begründung für das Vorgehen, Totschweigen, Aufarbeitung. Türken sehen sich, was die Zeit um den 1. Weltkrieg betrifft, in der Regel in einer Position der Schwäche bzw. als Opfer. Die Armenier werden dabei meist als einer jenen “inneren und äusseren Feinde” gesehen, gegen die man sich letztlich erfolgreich gewehrt hat. Das Vorgehen der Jungtürken, v.a. aber der Kemalisten, wird gerne auch antiimperialistisch interpretiert. Manchmal wird von einem “Bürgerkrieg” in Kleinasien gesprochen, der für Türken ein Überlebenskampf gewesen sei, in dessen Zuge die todbringenden Umsiedlungen geschahen. “Geschah ihnen Recht” kommt von türkischer Seite eben so wie “Gabs nie”. Die seriöseren Argumente sind: Umsiedlungen geschahen wegen dem Krieg bzw. der Illoyalität, es gab keine geplanten Vernichtungen, Massaker waren die Ausnahme. Dann werden meist Opfer-Zahlen bestritten, höchstens 300 000 seien ums Leben gekommen, nicht 1,5 Millionen. Der gemäßigtere türkische Standpunkt ist, dass es Gewalt von beiden Seiten gab, Türken auch Opfer gewesen seien. Die Geschehnisse rund um den 1. WK sind Hauptgegenstand staatlicher türkischer Propaganda und Lobbyings, die Türk Tarih Kurumu (TTK; Türkische Historische Gesellschaft) hat etliche pseudohistorische Arbeiten dazu angefertigt. Laut “Washington Post” gaben türkische Regierungen mehr als 300 000 $ monatlich für Lobbying gegen Resolutionen zum Völkermord im US-Kongress aus. Akademische Diskussionen über den Völkermord zwischen türkischen und armenischen Wissenschaftlern sind selten; 2000 fand etwa in Frankreich eine statt. Man muss dazu bedenken, dass türkische Historiker, die diesbezüglich von ihrer “nationalen Norm” abweichen, viel zu verlieren haben. Kieser weist darauf hin, dass sich auch die internationale Turkologie seit den 1930ern stark im Schlepptau türkischer Nationalgeschichtsschreibung bewegt.

Jungtürken wie Kemalisten waren bzw. sind stark für Säkularismus bzw. Laizismus in der Türkei, konkret bedeutet das die Verbannung des Islam aus dem öffentlichen Leben, die Entmachtung religiöser Funktionäre – und einen aggressiven Nationalismus als Ersatz-Religion, der im Zuge einer oberflächlichen Verwestlichung entstand. Türkentum wird darin aber (unausgesprochen) über den Islam definiert und die Einschmelzung bzw. Konversion zum Türken geschieht über diesen. Hier sind türkische Kemalisten oder Nationalisten intoleranter als Religiöse bzw. Traditionelle, früher wie heute (Dissenz kommt auch von Linken). Die christlichen Völker im Osmanischen Reich bzw. der Türkei sind die Leidtragenden dieser Entwicklung; durch ihre Ermordung, Ausweisung, Marginalisierung wurde die Türkei ethnisch homogen. Inwiefern die europäische “Interventionspolitik” im späten Osmanischen Reich dabei eine Rolle spielte, wäre eine interessante Frage. Es gibt Mutige in der türkischen Gesellschaft und Diaspora mit dem Willen zur Auseinandersetzung mit den Gründungsmythen der türkischen Nation (wozu auch der Völkermord gehört), wie Ragib Zaraoglu, Elif Shafak, Taner Akcam, Orhan Pamuk oder Cem Özdemir. Anlass zur Hoffnung gibt etwa, dass ein Enkel von einem der Jungtürken-Führer, Djemal Pascha, Hasan Cemal, für Aussöhnung eintritt, vor einigen Jahren auch am Völkermord-Denkmal in Armenien Blumen niederlegte.

Die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern begann in den 1980ern, geschieht hauptsächlich im Westen. In den letzten 10-15 Jahren ist dabei aber eine Instrumentalisierung durch anti-islamische Kulturkämpfer oder aus politischem Kalkül zu beobachten. Der Völkermord als Verhandlungschip und Druckmittel, genau wie bei seiner Leugnung, je nachdem, wen man als Verbündeten braucht. Jede Solidarität hat ihre Falle, jede Geschichte hat ihre andere Seite; und manchmal sind Feigheit und Berechnung der Antrieb. Als etwa FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aus dem Wiener Gemeinderat/Landtag ausschied um in den Nationalrat zu wechseln (vor etwa 10 Jahren), war sein letzter Antrag im Rathaus, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord zu verurteilen. Zu dem Zeitpunkt war bei dem westeuropäischen Rechtspopulisten bereits die Verschiebung zum “Islam” als Feindbild vollzogen. Nicht über den Inhalt, aber über die Art und Weise, wie und womit Politik gemacht wird, gab es zu Recht eine heftige Debatte. SPÖ, ÖVP und Grüne warfen der FPÖ vor, lediglich anti-türkische Ressentiments schüren zu wollen und auch einen unsauberen Umgang mit der eigenen Vergangenheit und dem Nationalsozialismus. Somit blieb Strache mit seiner Fraktion allein, den Völkermord 1915 zu verurteilen bzw. zu benutzen. Die aus Griechenland stammende damalige Klubchefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, fand dazu klare Worte an Strache. Dieser hat ja bei einem anderen Anlass gesagt, dass er “westlich orientierte” Türken akzeptiert; nun, diese (Wähler der CHP, die jahrzehntelang regierte und hauptverantwortlich für die türkische Geschichtspolitik ist) werden ihm bei seiner Behandlung türkischer Geschichte entschieden widersprechen, um es vorsichtig zu sagen. Dabei übertreffen werden sie nur Funktionäre und Klientel der rechtsnationalistischen MHP, die so etwas wie das Äquivalent der FPÖ in der Türkei ist… Internationalismus war immer problematisch für Rechte, aber das ist eine andere Geschichte. Ein ähnliches Beispiel ist der Versuch der bulgarischen Rechtsextremisten (Ataka) vor einigen Jahren, im Parlament eine Armenier-Völkermord-Verurteilung durchzubringen; genau so undurchdacht und nationalistisch waren auch die Abwehrreflexe der Partei der türkischen Minderheit in Bulgarien, DPS, gegen die sich die Aktion richtete.

Als Sarkozy in Frankreich ein Völkermord-Gesetz, das den von Türken an Armeniern miteinschliesst, durchbringen wollte, kam aus der Türkei die “Drohung”, die französische Kolonialgeschichte, besonders jene in Algerien, zu thematisieren und die Unterstellung des Schielens nach Stimmen von armenischen Franzosen; auch Befürworter einer Annäherung an Armenien in der Türkei sollen sich gegen dieses Gesetz ausgesprochen haben. Als das schwedische Parlament eine Erklärung verabschiedete, in der die Tötung von Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs als Völkermord bezeichnet wurde, regierte die Türkei mit der Abberufung ihres Botschafters. Aussenminister Carl Bildt distanzierte sich von der Erklärung und schrieb in seinem Blog: “Die Geschichte durch Abstimmungen im Reichstag zu politisieren ist alles andere als konstruktiv.” Es beunruhige ihn vor allem, dass das von Reformgegnern in der Türkei ausgenutzt und der Versöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern gestoppt werden könne.

Die Frage, ob Parlamente Geschichte schreiben sollen, rückwirkend, ist tatsächlich berechtigt. Meist kommen die Einwände aber aus politischem Kalkül. Die Türkei ist/war als NATO-Mitglied und als Transitland für Energiequellen Asiens ein wichtiger Verbündeter der USA und des restlichen Westens in seiner Region. Aus diesem Grund stossen Initiativen zur Anerkennung des Armenier-Völkermordes im USA-Kongress immer auf harte Widerstände und ist diese noch immer nicht durch. Spätestens unter Präsident “Bill” Clinton (93-01) begann das Spiel mit dem Versuch und der Verhinderung. Unter Bush jun. forderten Verteidigungsminister Gates und Aussenministerin Rice den Aussen-Ausschuss des Repräsentantenhauses 07 auf, gegen die Verurteilung bzw. Anerkennung des Völkermordes zu stimmen. “Als Akademikerin sind mir Tatsachen bekannt, aber als Aussenministerin…”, hauchte Condoleeza Rice. Der Ausschuss hat dann unter Obama, der sich weniger entschieden dagegen wehrte, die Verfolgung von Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet. Eine Annahme durch die ganze Kammer steht noch aus. Die türkische Regierung hat daraufhin ihren Botschafter aus USA abberufen, der sagte, die Beschuldigung eines Völkermordes sei die schwerste vorstellbare. Aussenministerin Hillary Clinton kündigte an, “sehr hart dafür zu arbeiten”, dass die Resolution nicht im Plenum des Repräsentantenhauses in Washington zur Abstimmung gestellt wird. Türkeis Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Gül haben damals in ihren Reaktionen die Auswirkungen auf die Beziehungen zur USA in den Mittelpunkt gestellt.

Jungtürken und Zionisten haben in der osmanischen Spätzeit verschiedentlich zusammengearbeitet; manche sagen dass hier die Grundlage für die spätere Zusammenarbeit zwischen Israel und den Kemalisten (die in den 1950ern begann) gelegt wurde. Der israelische Wissenschaftler Yair Auron hat in seinem Buch “The Banality of Indifference” das auf die eigenen Interessen und das eigene Überleben ausgerichtete Verhalten der zionistischen Führer und der jüdischen Siedlerschaft in Palästina angesichts der spätosmanischen Armenierverfolgungen behandelt. Er geht etwa auf die “Realpolitik” ab Theodor Herzl ein, der um die Jahrhundertwende den osmanischen Sultan Abdulhamid hofierte, ungeachtet der Pogrome an Armeniern unter diesem. Diese Hofierung hat der französische Jude Bernard Lazare, ein früher Weggefährte Herzls, heftig kritisiert. Der Yishuv in Palästina, so Auron, war im 1. WK geschützt durch seine ostentative Loyalität mit dem Osmanischen Reich sowie das Eintreten der Deutschen (eines seiner Verbündeten) und die Protektion der Briten (die Palästina dann eroberten) für sie. Franz Werfel hat wohl Verknüpfungspunkte zwischen der armenischen Tragödie und den Juden gesehen, vor deren grösster Tragödie. Die “40 Tage” sollen in den jüdischen Ghettos während des Zweiten Weltkrieges “Leiblektüre” gewesen sein. Jüdische Nationalisten machten ihm den Vorwurf, sich mit dem Leiden eines fremden Volkes zu beschäftigen anstatt des eigenen.

Die Zusammenarbeit zwischen Israel und der Türkei bedeutete für die Armenier grosse Sorge, zumal auch Aserbeidschan auf dieser Achse lag/liegt. Vor dem Hintergrund der türkisch-israelischen Partnerschaft (sowie der Türkei als Partner des Westens und den Juden in der Türkei) sind auch die (entscheidenden) Bemühungen israelischer Stellen und jüdischer Organisationen zu sehen, den Völkermord an den Armeniern nicht als solchen anerkennen zu lassen. Auch ein Singularitäts-Anspruch für die “Schoah” spielt(e) dabei eine Rolle. 1982 wurden Armenier bei einer Völkermord-Konferenz in Israel auf türkischen Druck ausgeladen. Shimon Peres sagte im April 2001 bei einem Besuch in der Türkei: “Die Armenier haben eine Tragödie erlitten, aber keinen Genozid.” Die “Anti-Defamation League” hat noch 07 den Chef ihrer New England-Regional-Organisation, Andrew Tarsy, wegen seiner Anerkennung des Genozids abgesetzt. Pro-israelische Lobbies haben in Washington mit türkischen gegen armenische Interessen agitiert. Auch Cefi Kamhi, Istanbuler Jude, in den 1990ern Abgeordneter der DYP, hat sich daran beteiligt. Die Vereinigung türkischer Juden in Israel hat erklärt, es habe einen Bürgerkrieg gegeben, keinen Genozid. Vertreter der israelischen Diplomatie und jüdischer Organisationen in den USA haben zur Genugtuung türkischer Stellen den ursprünglich vorgesehenen Einbezug des armenischen Genozids im Holocaust Memorial Museum in Washington (eingeweiht 1993) vereitelt.

Staat und Diaspora in der Gegenwart, neue und neueste Entwicklungen

Die unabhängige Republik Armenien ist trotz ihrer Armut, ihrer Kleinheit und des autoritären Systems für Armenier weltweit ein noch wichtigerer Bezugsrahmen als es die Sowjetrepublik war, auch wenn es nur einen relativ kleinen Teil des historischen Armeniens umfasst und grosse Probleme hat (politische, wirtschaftliche, ökologische). Es gibt aber zwischen Ost-Armeniern (die grossteils die Bevölkerung der Republik stellen) und West-Armeniern (die grossteils die Diaspora ausmachen) Unterschiede, nicht nur in der Aus-Sprache. Für West-Armenier spielen der Völkermord und “ihre” an die Türkei verlorenen Gebiete in der Regel eine grössere Rolle als für Ost-Armenier. Dies hat sich etwa gezeigt, als der nach der Unabhängigkeit aus der USA nach Armenien eingewanderte Raffi Hovanissian als Aussenminister beim Staatsbesuch in der Türkei 1992 diese Themen zur Sprache brachte – und daraufhin entlassen wurde. Auch die Ausrichtung an Russland ist eher nach dem Geschmack der O-Armenier; erste Alternative wäre wohl der Westen (EU, USA; wo auch ein grosser Teil der Diaspora lebt).

Seit 2008 wird das Land von Sersch Sargsian (Sarkissian) und der HHK geführt. Seine Wahl damals gegen Ter-Petrossian war umstritten, bei anschliessenden Protesten wurden zehn Menschen getötet. Die Wiederwahl Sargsians als Staatspräsident 2013 wurde von der Opposition (“Blühendes Armenien” unter Oligarch Tsarukian, “Armenischer Nationalkongress” unter Ex-Präsident Ter-Petrossian, Daschnak unter Markarian, “Erbe” unter Hovanissian) grossteils boykottiert, da sie die Fairness der Wahlen schon im vorhinein anzweifelte. Nur das “Land des Rechts” unter Baghdasarian ist mit der herrschenden Partei verbündet. Auch die letzte Parlaments-Wahl ’12 soll zu ihren Gunsten geschoben worden sein.

Nachdem die meisten Aseri in Armenien im Krieg vertrieben wurden oder geflüchtet sind (analog zu den Armeniern aus Aserbeidschan), sind Kurden die grösste Minderheit. Bei ihnen überwiegen Yaziden gegenüber Moslems. An der Akademie der Wissenschaften in Jerewan gibt es eines der wenigen Kurdologie-Institute auf der Welt. Dann sind Russen, Assyrer, Griechen, Juden, Ukrainer und weitere kleine Gruppen zu nennen. Deutsche und Polen dort sind etwa stark russifiziert, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken.

Heute leben etwa 3,5 Millionen Armenier in der Republik und Karabach und 3,5 Millionen in der Diaspora (darunter auch in Gebieten wie Javakh). Der Waffenstillstand von 1994 um Karabach/Arzach ist brüchig, es gibt keinen Friedensvertrag, immer wieder kommt es zu Scharmützeln. Im Schatten der Karabach-Frage steht die Auffassung von Pan-Turkisten, dass nur Armenien zwischen der Türkei und Aserbeidschan sowie den zentralasiatischen Turkstaaten steht. Armeniens Schutzmacht ist Russland, jene von Aserbeidschan die Türkei, die unter der AKP eine konstruktivere Rolle einnimmt. Ansonsten haben Armenier in ihren historischen Territorien (traditionellen Siedlungsbieten) nur in Javak(eti) in Georgien “einen Fuss in der Tür”. Der südliche, armenisch besiedelte Teil der georgischen Provinz Samtskhe-Javakheti ist das armenische Javakhk (Akhalkalaki und Akhaltsikhe), das im Sevres-Vertrag Armenien zugesprochen worden war und von der Ersten Republik Armeniens umkämpft war, in Sowjetzeiten Georgien zugesprochen wurde. Da das Verhältnis Armeniens zu Georgien im Gegensatz zu den anderen beiden Staaten, mit denen Territorium/Grenzen “umstritten” sind, in Ordnung ist und die Minderheit/Bevölkerung (daneben gibts auch in Tiflis welche) dort im Grossen und Ganzen korrekt “behandelt” wird, sind Armenier hier sehr zurückhaltend mit Ansprüchen. Im exterritorialen aserbeidschanischen Gebiet Nachitschewan (zwischen Armenien und der Türkei gelegen) sowie in (dem früheren) West-Armenien (Nordost-Anatolien) leben heute fast keine Armenier mehr (zu den Hemshenli unten mehr). Die eine “Säuberung” fand im Zuge des Karabach-Krieges statt (am Ende der Sowjetunion), die andere am Ende des Osmanischen Reichs.

In der Republik Armenien erhebt nur die Daschnak-Partei (HHD), die an zwei HHK-geführten Kabinetten als Juniorpartner beteiligt war, im post-sowjetischen Armenien insgesamt aber wenig Macht ausübt(e), Ansprüche auf historische armenische Gebiete. Regierungen erheben keine Territorialforderungen, auch auf Karabach nicht offen (das von Armenien kontrolliert wird), tun sich mit der Anerkennung der einen oder anderen Grenze aber schwer. Irredenta ist eher für West-Armenier bzw. die Diaspora ein Thema, aus der Diaspora wird gegenüber armenischen Regierungen, von HHSch wie von HHK, der Vorwurf erhoben, armenische Grundinteressen nicht zu vertreten, Appeasement ggü der Türkei zu üben. Die Daschnak ist auch die einzige Partei, die in der Republik (bzw. Ost-) Armenien und in der Diaspora verankert ist, und deren Wurzeln über die spät- oder postsowjetische Zeit hinunterreichen.

Neben den genannten Nachbarn grenzt Armenien an den Iran, mit dem es eine lange gemeinsame Geschichte und viele Verbindungen hat: Zunächst gibt es im Iran ein kleines Gebiet, im Nordzipfel der Provinz West-Aserbeidschan, wo es seit undenklichen Zeiten Armenier gab; durch Massaker von Türken und Kurden 1915 und 1918 wurden die diese dort zumindest stark dezimiert. Dann gab es schon in der vorchristlichen Religion der Armenier starke persische Einflüsse. Persien herrschte dann von der frühen Neuzeit bis in die späte über Ost-Armenien; in dieser Phase wurden Armenier in das “zentralere” Persien gebracht, v.a. nach Isfahan, der Grossteil der Vorfahren jener, die heute die armenische Bevölkerung Irans ausmachen. Es gibt Gemeinsamkeiten in der Küche oder im Sport, Ringen ist z.B. bei beiden Völkern sehr beliebt. Die armenisches Namesendung “-ian” ist wahrscheinlich persischer Herkunft, ebenso das “-stan” wie im armenischen Eigennamen für Armenien, “Hayastan”. Im 19. und 20. Jh. kamen armenische Flüchtlinge nach Persien, v.a. aus dem osmanischen Bereich; manche gingen aber auch von Persien in den russischen Bereich. Heute ist der Iran zum einen ein wichtiges Diaspora-Land der Armenier (die Parskahaj, die persischen Armenier, fallen in verschiedene Gruppen, nach Herkunft bzw. Verwurzelung im Land, Konfession, Wohngebiet, soziale Klasse,…). Auch während der gewaltsamsten Phase der “Islamischen Revolution” (dem Diebstahl der Revolution durch Khomeini) blieben ihre Rechte zumindest auf einem Grundniveau geschützt. Zum anderen ist der Iran für die Republik Armenien Handelspartner, Reisen finden in beide Richtungen statt, etc.

In der Diaspora gibt es einige armenische Enklaven, von ihnen überwiegend besiedelte Gebiete. Dazu gehört z. B. Anjar in der Bekaa-Ebene im Libanon, wo sich Musa Dag-Überlebende und andere aus dem Antiochia-Gebiet niederliessen. Oder das armenischen Viertel der Altstadt von Jerusalem/Quds (Israel/Palästina). Im Westen ist das etwa Little Armenia in Los Angeles (USA).

Armenien und seine historischen Gebiete
Armenien und seine historischen Gebiete

Istanbul, die einzige Stadt der Türkei, wo es heute eine grosse armenische Gemeinde gibt (um die 50 000), war aus armenischer Sicht immer Diaspora. Armenier sind die grösste christliche wie nicht-moslemische Gruppe in der Türkei. In den letzten Jahren soll es sogar eine Einwanderung aus Armenien in die Türkei gegeben haben, anscheinend aus wirtschaftlichen Gründen. Hrant Dink war neben dem Patriarchen wohl der prominenteste (und wichtigste) Armenier Istanbuls. Als Chefredakteur der Wochenzeitung “Agos” hat er auch heisse Eisen behandelt, wie die Massaker und Deportationen im 1. Weltkrieg. Daher musste er sich auch Prozessen stellen, wegen “Beleidigung des Türkentums”. Dink war aber nicht für Aufrechnung oder Vergeltung, sondern für Aussöhnung, und für die Demokratisierung der Türkei. Versöhnung nicht ohne Aufarbeitung, Aufarbeitung nicht mit Hass und im Hinblick auf eine friedliche Lösung zwischen Türken und Armeniern. Er kämpfte darum, Armenier als Teil der Türkei zu verankern. Er wollte nicht, dass die Vergangenheit den Weg in die Zukunft versperrt. Er hat auch eine Konferenz zum Genozid in der Türkei mit-organisiert. Einmal standen die Bewohner eines ganzen Dorfes in seiner Redaktion, Nachfahren türkischer Armenier, die 1915, zur Zeit der schlimmsten Verfolgung, bei ihren alewitischen Nachbarn in der Region Dersim Schutz gefunden hatten. Jenen, die die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern als Vorbedingung für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei fordern, hielt er vor, dass sie das Spiel der reaktionären Kräfte in der Türkei mitspielten. Er stritt für die Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien. Und liess sich nicht auf Zahlen- und Begriffsdiskussionen bezüglich des belastendsten Kapitels in der Beziehung der beiden Völker ein. Er musste lange darum kämpfen, einen türkischen Reisepass zu bekomment; er galt als nicht “verlässlich” und sollte nicht ausser Landes reisen. Gerade weil er sich so um die konstruktive Debatte und um Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken bemühte, wurde ihm von anderen Armeniern, v.a. aus der westlichen Diaspora, mitunter vorgeworfen, Verrat an der armenischen Sache zu begehen.

Hrant Dink wurde 2007 im Alter von 52 Jahren vor seiner Redaktion ermordet, aus den selben Gründen aus denen er verurteilt worden war. Der Mörder wurde nach seiner Verhaftung auf der Polizeiwache wie ein Held gefeiert (wie ein Video zeigte); diese Polizisten wurden aber bestraft, auch jene, die Hinweise auf Hintermänner nicht ernst nahmen. Zwischen 100 000 und 200 000 Menschen nahmen an seinem Begräbnis in Istanbul teil, riefen “Wir sind alle Armenier” oder “Schulter an Schulter gegen Faschismus”. Der türkische Staat lud Politiker (Vize-Aussenminister Arman Kirakosian war der hochrangigste) und Geistliche aus Armenien, zu dem es keine Beziehungen hat, ein. Auch einige Diaspora-Armenier kamen, wie Bischof Khazkah Parsamian aus USA. Dink brachte Türken und Armenier also auch über seinen Tod zusammen. Die Messe wurde von Patriarch Mesrob II. zelebriert.

Dass sich unter der AKP (2002 nach Wahlsieg zuerst Gül, dann Erdogan Ministerpräsident, beide dann Staatspräsidenten) in der Türkei für Armenier und andere Minderheiten etwas zum positiven verbessert hat, wird im Westen in der Regel nicht wahrgenommen. Für sie als gemäßigte Islamisten ist nicht ein intoleranter Nationalismus als Ersatz-Religion bzw. Identitätsstiftung vonnöten, wie für die kemalistischen Parteien. Eine Konferenz zur historischen Aufarbeitung der Armenier-Frage etwa konnte nur dank der ungewöhnlichen Allianz von liberalen Bürgerrechtlern und der islamisch-konservativen Regierung von Erdogan stattfinden. Westliche Beobachter ereifern sich über “Säuberungsaktionen” von AKP-Regierungen in der Justiz oder im Militär, die sich gegen türkische Ultra-Nationalisten richtet, wie die “Ergenekon”-Gruppe, die eine Rolle auch bei dem Mord an Dink und anderen Christen spielte. Auch dass unter Erdogan bezüglich der Kurden etwas weitergegangen ist (Unterricht von und Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), fällt bei seiner Beurteilung gern unter den Tisch.

Zur türkischen Parlaments-Wahl 07 wurde der armenische Patriarch in Istanbul, Mesrob II. Mutafyan, von der “Hürriyet” interviewt, er gab eine Art Unterstützungserklärung für die AKP ab, die er als toleranter gegenüber Minderheiten einschätzte. Ein wichtiges Zeichen war auch die Restaurierung der Kirche auf der Achtamar-Insel im Van-See unter Erdogan, die bis zum Genozid so etwas wie ein kulturelles Zentrum der West-Armenier gewesen war. Die Insel war Sitz der Könige von Vaspurakan, einem armenischen Staat, der sich im Hoch-Mittelalter vom Armenischen Reich der Bagratiden loslöste und die Kirche “Zum heiligen Kreuz” vom 12. Jh an Sitz eines Katholikats. Dieses war ab 1895 (Abdulhamit-Massaker) verwaist und wurde 1916 von den osmanischen Behörden aufgelöst, nachdem im Zuge des Völkermordes das Kloster zerstört wurde und Mönche ermordet wurden. Die Kirche war geplündert worden und verfiel.

Die AKP-Politik bedeutete einen Kurswechsel auch gegenüber “Nahost”, ein stärkeres Engagement für die Palästinenser statt einem Ausbau des Bündnisses mit Israel. Durch das Massaker israelischer Soldaten 2010 auf einem Schiff der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, die hauptsächlich türkisch besetzte “Mavi Marmara”, kam es zu einer entscheidenden Entfremdung. Der Quasi-Abbruch der Beziehungen der Staaten kam dann erst mit dem UN-Bericht zum Massaker. Israels Aussenminister Lieberman posaunte danach, er könnte sich mit Vertretern der PKK in Europa treffen und über eine mögliche Waffenhilfe beraten, möglich seien auch Kontakte mit der armenischen Lobby in den USA, mit dem Ziel, eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im US-Kongress zu erreichen; er wurde übrigens schnell zurückgepfiffen. Als Erdogan beim Gipfeltreffen in Davos Peres wütend auf dessen Begründung für ein neues Massaker in Gaza antwortete, schrieb ein Kolumnist in der israelischen Zeitung “Haaretz” am nächsten Tag: “Perhaps the next time the Armenian genocide bill comes up in the U.S. congress, the Palestinians will help them block it.” Der Völkermord und seine Anerkennung als reiner Verhandlungsgegenstand bzw. Druckmittel, aus politischem Kalkül, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Kritik an der Hilfsflotte und der Haltung der Erdogan-Regierung dazu kam von der „Hürriyet“ und dem islamischen Prediger Fethullah Gülen. Der Chef der kemalistischen CHP, Kilicdaroglu (der teilweise kurdischer Herkunft ist, aber nicht kurdische Interessen vertritt), äusserte verhaltene Kritik an Erdogan. Dass Israel sich (nun) um Kurden bemühen will, wird gerade jene Kemalisten die pro-zionistisch sind, vergraulen…

Vor wenigen Jahren gab es eine Erklärung einer Gruppe von rund 200 türkischen Intellektuellen, die sich für die Aktionen im 1. WK entschuldigten. In der Erklärung heißt es: “Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, denen die Armenier im Osmanischen Reich 1915 ausgesetzt waren, immer noch so unsensibel behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück und teile die Schmerzen meiner armenischen Brüder. Ich entschuldige mich bei ihnen.” Die Initiatoren vermieden in ihrer Erklärung den Begriff “Völkermord”, sie sprachen stattdessen von einer “grossen Katastrophe”. Erdogan sagte damals, “Wenn es ein Verbrechen gab, dann können die, die es begangen haben, eine Entschuldigung anbieten”. Am 24. April 2010 gab es in der Türkei erstmals eine öffentliche Gedenkfeier für den Armenier-Völkermord, von der Menschenrechtsorganisation IHD organisiert; eine Gegendemonstration wurde von der Polizei auf Distanz gehalten. 2011 lud Erdogan Vertreter von Stiftungen von Alewiten, Christen und Juden zu einem Abendessen anlässlich des traditionellen Fastenbrechens im islamischen Fastenmonat Ramadan. An dem Treffen nahmen unter anderen der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios I., der amtierende armenische Patriarch Aram Atesyan und der türkische Oberrabbiner Isak Haleva teil. Auch der Chef des Religionsamtes, Mehmet Görmez, sowie einige Minister aus Erdogans Kabinett waren Gäste des Treffens. In seiner Rede ging Erdogan auf den kurz zuvor veröffentlichten Erlass seiner Regierung ein, der die Rückgabe von eingezogenem Besitz nicht-muslimischer Stiftungen oder die Entschädigung für die Enteignungen vorsieht; in der Türkei gebe es unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur „Bürger erster Klasse“. Patriarch Bartholomaios sagte damals, die Türkei sei auf dem richtigen Weg. Oberrabbiner Haleva sprach von einer „Revolution“. 2011 hat sich Erdogan im Namen des Staates auch für das Dersim-Massaker 1937/38 an Alewiten und Zaza-Kurden entschuldigt.

Die eigentliche Entspannung der Türkei mit Armeniern und Armenien begann mit einem Fussballspiel. In der Qualifikation für die WM 2010 wurden Armenien und die Türkei in die selbe (Europa-)Gruppe gelost; 08 begleitete der damalige türkische Staatspräsident Gül die türkische Mannschaft zum Match in Jerewan, traf dabei mit seinem armenischen Amtskollegen Sargsian zusammen. Dies leitete das Tauwetter in den Beziehungen der beiden Staaten ein, die sehr viel mehr ausmachen als binationale Beziehungen. Mit den Beziehungen zur Türkei (die noch keine diplomatischen sind) sind für Armenier die Anerkennung des Völkermordes, die Öffnung der gemeinsamen Grenze, die Anerkennung dieser Grenze, der Konflikt mit Aserbeidschan um Karabach und auch die armenische Minderheit in der Türkei verbunden. Die Verwundbarkeit Armeniens kommt hauptsächlich von der noch bestehenden Feindschaft mit der Türkei, die einer der mächtigsten Staaten der Region ist, v.a. militärisch, aufgrund ihrer Unterstützung durch den Westen. Dies scheint sich jetzt zu drehen.

09 wurde in der Schweiz zwischen Repräsentanten der Türkei und Armeniens das Zürich-Protokoll unterzeichnet, ein Grundsatzabkommen bzw. ein Fahrplan, welche Punkte in Verhandlungen gelöst werden müssen. Der Annäherungsprozess ist dann ins Stocken gekommen, da es auf beiden Seiten “Bremser” gibt, die jeweils meist gar nicht zum betreffenden Staat gehören und warnen, sich “zu billig” zu verkaufen. Im Fall der Türkei sind dies das verbündete Aserbeidschan und die Rechtspartei MHP, die u.a. das Resultat des Krieges als Besetzung aserbeidschanischen Territoriums ansehen. Bei Armenien sind dies ebenfalls die Rechte (Daschnak?) und Teile der Diaspora, die eine Grenzanerkennung als Gebietsverzicht verstehen und eine Anerkennung des Völkermordes zur Vorbedingung für Verhandlungen machen möchten. Armeniens Präsident Sargsian sprach irgendwann in den Jahren danach von “West-Armenien”, was Erdogan erzürnte und die Annäherung wieder zurückwarf; umgekehrt haben Aussagen armenischer Politiker zur Anerkennung der Grenzen zum Rückzug der Daschnak aus der Regierung geführt.

2014, einen Tag vor dem armenischen Völkermord-Gedenktag, also am 23. April, sprach Erdogan zum Völkermord, 99 Jahre danach: Er ordnete die Taten nicht als Völkermord ein, sprach aber den Nachfahren der Opfer im Namen der Türkei Beileid aus, äusserte sein Bedauern darüber, verurteilte die Ereignisse als unmenschlich. “Die pluralistische Sichtweise, die demokratische Kultur und die Moderne erfordern, dass in der Türkei unterschiedliche Meinungen und Gedanken zu den Ereignissen von 1915 frei geäußert werden”, hiess es in der Erklärung weiter, die auch auf Armenisch veröffentlicht wurde. „Es lässt sich nicht abstreiten, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, gleich welcher Religion oder ethnischer Herkunft sie angehörten, für Türken, Kurden, Araber, Armenier und Millionen weiterer osmanischer Bürger eine schwierige Zeit voller Schmerz waren“. So weit war noch nie ein türkischer Spitzenpolitiker diesbezüglich gegangen, noch nie hatte ein Ministerpräsident in der Frage so versöhnliche Töne angeschlagen. Kritik kam von MHP und CHP. Am Tag danach fand ein relativ grosse Gedenkfeier in Istanbul statt, durch nationalistische Sprechchöre gestört. Deutschlands Präsident Gauck war bald darauf auf Staatsbesuch in der Türkei, kritisierte Erdogans “Twitter-Verbot” statt das Bedauern über den Völkermord zu loben – exemplarisch für die westliche Wahrnehmung.

In diesem Jahr, zum 100. Jahrestag des Völkermordes, hat Erdogan, nun Staatspräsident, im Staatsfernsehen TRT seinen Vorschlag erneuert, eine unabhängige Historikerkommission einzusetzen, die die Massaker an den Armeniern untersuchen soll. Sollte sich ergeben, dass die Türkei Schuld auf sich geladen und „einen Preis zu zahlen“ habe, dann werde er entsprechend handeln. In dem Interview beklagte er auch, Armenien sei nicht bereit, sich dieser Diskussion zu stellen. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, Erdogans Nachfolger in dieser Position, hat Armenien kürzlich, anlässlich des Gedenkens an die Ermordung Hrant Dinks, einen „Neuanfang“ in den beiderseitigen Beziehungen vorgeschlagen. „Für zwei Alte ist es möglich, die nötige Reife zu haben, um sich zu verstehen und gemeinsam in die Zukunft zu schauen“, Türken und Armenier teilten sich „dieselbe Geografie und dieselbe lange Geschichte“. Sie müssten daher miteinander „über ihre Probleme sprechen können und gemeinsam Möglichkeiten finden, um sie zu lösen“, hieß es in der Erklärung Davutoglus. Die Türkei teile das „Leid der Armenier“ und bemühe sich „mit Geduld und Entschiedenheit, die Sympathie zwischen unseren beiden Völkern wiederherzustellen“.

Ein erstaunliches Kapitel armenischer Existenz in der Türkei sind Krypto-Armenier, welche ihre (teilweise) armenischen Wurzeln entweder geheim halten oder verloren haben oder nichts davon wissen. Die kompakteste und bekannteste Gruppe unter ihnen sind die Hemshenli, eine “Nationalität” in Nordost-Anatolien, im ehemaligen West-Armenien, benannt nach dem Ort Hemşin. Ob es sich bei ihnen um Moslems handelt, die die armenische Sprache übernommen haben (sie sprechen Homschezi, einen Dialekt des West-Armenischen), oder um Armenier, die den Islam angenommen haben, ist umstritten. Wegen ihrer islamischen Religion waren sie nicht vom osmanischen Völkermord betroffen.

Dann gibt es Leute wie Fethiye Cetin, eine (Menschenrechts-) Anwältin in Istanbul. Sie brachte 04 auf Türkisch ihre Familiengeschichte in Buchform heraus („Meine Grossmutter“); ihre Grossmutter hatte ihr anvertraut dass sie Armenierin war die dem Todesmarsch entkam indem sie in eine türkische Familie verschleppt wurde und dort moslemisch erzogen wurde. Sie hält sich mit Anklagen zurück, will Tabus brechen. Es soll Hunderttausende wie sie geben, manche wissen auch nichts davon, manche wollen nichts davon wissen, manche halten es geheim. Cetin sagt, in der türkischen Gesellschaft stecke viel armenisches. Manche kehren auch zu ihren Wurzeln zurück, wie Aras Özbiliz. Legendär waren die Telefonanrufe nach Hrant Dinks TV-Auftritten, in denen Türken ihre bislang verheimlichten armenischen Wurzeln offenbarten. Andere berichteten von Spuren armenischen Lebens in ihren Orten und bitteten um seine Hilfe für die Bewahrung dieses kulturellen Erbes. Auch in Syrien gibt es solche “Armenier”, deren Vorfahren von Arabern gerettet wurden.

Material

Richard G. Hovannisian: The Armenian People from Ancient to Modern Times (2004)

Hrant Dink, Günter Seufert: Von der Saat der Worte (2010)

Jasmine Dum-Tragut und Uwe Blasing (Herausgeber): Cultural, Linguistic and Ethnological Interrelations in and Around Armenia (2011)

Tessa Hofmann: Annäherung an Armenien (1997)

Taner Akcam: Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung (2004)

Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei (2010)

Artem Ohandjanian: Armenien – der verschwiegene Völkermord (1989)

Mihran Dabag and Kristin Platt: Verlust und Vermächtnis. Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich (2015). Dabag leitet das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Uni Bochum

Vahakn Dadrian: Autopsie du Génocide Arménien (1995)

Marwan R. Buheiry: Theodor Herzl and the Armenian Question. In: Palestine Studies, Bd. 7, Nr. 1, 1977, S. 81-92. Buheiry übt eine ähnliche Kritik wie Lazare

Hans-Lukas Kieser: Die Armenierverfolgungen in der spätosmanischen Türkei. Neue Quellen und Literatur zu einem unbewältigten Thema

www.armenianhistory.info

Online-Ausgabe der Zeitschrift der Istanbuler Armenier, “Agos”, auf Türkisch, Armenisch, Englisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Irak durch die Jahrhunderte

Mit dem Vormarsch der islamistischen Terrormiliz IS ist der Irak wieder einmal Welt-Krisen-Brennpunkt. Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg, Diktatur, Terror, wirtschaftliche Engpässe durch Sanktionen,… Mehrere Generationen sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass allein das Recht des Stärkeren gilt und dieses mit Waffen durchzusetzen ist. Wie auch Andere in der Region stehen die Iraker zwischen dem Hammer des westlichen Imperialismus und dem Amboss des Islamismus. Mit dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins begann eine besonders dunkle Phase für den Irak. Der Name “Irak” leitet sich vom arabischen Wort für Ufer (von Euphrat/Tigris) oder aber von der sumerischen Stadt Uruk ab und soll seit dem 6. Jh. in Verwendung sein.

Mesopotamien, so die griechische Bezeichnung für “Zwischenstromland”, Land zwischen Euphrat und Tigris, aramäisch Beth Nahrin, war durch die Jahrhunderte meist eine geo-politische Einheit, ist kein durch die britische Kolonialherrschaft entstandenes Kunstgebilde; die Bevölkerung war schon immer sehr diversifiziert. Die jetzigen Probleme werde ich nicht mit einer grossen Vergangenheit überdecken, eher sie daraus erklären. Ich habe mir Mühe gemacht, die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Gliederung ergibt sich durch die Einschnitte und Umbrüche.

* Von den Sumerern bis zur persischen Eroberung, also etwa von 3000 vC bis 500 vC

Diese Phase umfasst die Zeit der antiken Hochkulturen der Sumerer, Akkader, Babylonier und Assyrer. Diese bildeten Stadtstaaten, die nacheinander die Herrschaft über ganz Mesopotamien und oft auch über ganz Vorderasien errangen, die Assyrer dehnten ihre Herrschaft sogar bis nach Ägypten aus. Die Bevölkerung dieser Reiche war grösstenteils semitisch, nur die Sumerer nicht (ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt). Der Beitrag Mesopotamiens zur Weltkultur aus dieser Zeit war ein grosser und ist noch immer lebendig. Von den Sumerern ist neben der Erfindung des Rads und der alkoholischen Gärung vor allem die Keilschrift zu nennen, eines der ersten Schriftsysteme der Welt, das später auch von Akkadern (deren Sprache auch von der sumerischen beeinflusst wurde) und Hethitern verwendet wurde und andere Kulturen beeinflusst hat; der ältere Teil des Gilgamesch-Epos wurde in dieser Schrift verfasst. Mehr zu erwirtschaften als man zum Leben brauchte, war Voraussetzung für die Entstehung der Hochkultur.

Der Untergang Sumerus durch den Angriff der Akkader (sowie die Einwanderung der Amoriter ins südliche Mesopotamien) um 2000 vC fiel mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zusammen bzw. bewirkte diesen. Die sumerische Weiblichkeits- bzw. Fruchtbarkeitsgöttin Inana wurde bei Akkadern, Assyrern und Babyloniern zu Ishtar. Während Inana männliche Gottheiten noch zur Seite gestellt bekam (auch als Gemahl), wurden Ishtar diese später übergeordnet. Bei den Assyrern etwa der Kriegsgott Ashur (Assur), bei den Babyloniern nicht zuletzt Marduk oder die Mondgottheit Sin. Die Akkadische Sprache (in Keilschrift) wurde dann auch lange von Assyrern und Babyloniern verwendet.

Die babylonischen Reiche (im Süden Mesopotamiens, in langen Kämpfen mit den Assyrern im Norden des Landes), haben der Welt Grosses in der Baukunst (die Stadt Babylon/Babel, mit dem Tor, das der Gottheit Ishtar gewidmet war, der Turm in der Nähe der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, die aber auch den Assyrern zugeschrieben werden, Kanäle), der Verwaltung (Hammurabis Gesetzeswerk), Astronomie (Kalender), Mathematik, Medizin hinterlassen. Mit dem Fall des Neu-Babylonischen Reichs gegen die Perser 539 vC verlor Mesopotamien seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, gewann sie erst im 20. Jahrhundert wieder! Zwischen Nabonid und Qasim wurde Irak/Mesopotamien 2500 Jahre von Ausländern regiert.1

Interessant in dem Zusammenhang ist die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten Königs dieses Reichs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll; in veränderter Form fand sie (wie vieles aus Mesopotamien, etwa der Garten Eden) Eingang in Tanach und Altes Testament der Bibel. Die Botschaft “Mene Mene Tekel Upharsin” war eine Warnung bzw. Ankündigung (Gottes). Was die Historizität dessen betrifft, so gehen anscheinend alle Quellen auf Xenophon zurück, der aber möglicherweise auch Daniel wiedergegeben hat. Ausgrabungen antiker mesopotamischer Hinterlassenschaften dauern an, werden aber immer wieder unterbrochen, durch die Gewalt, der der Irak nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.

* 6. Jh. vC bis 7. Jh. nC, Fremdherrschaften der Perser und Griechen:

Die Herrschaft Persiens, das von den Achämeniden regiert war, wurde nach etwa 200 Jahren durch die Eroberungszüge der Griechen unter Alexander beendet (Schlacht von Gaugamela). Von diesem soll der Ausdruck “Mesopotamien” stammen. In Asien setzte sich nach Alexanders Tod ja sein Feldherr Seleukos durch, der dort eine Herrscher-Dynastie begründete. Nach weiteren 200 Jahren erkämpfte im Nachbarland wieder ein iranisches Volk die Herrschaft, die Parther, unter der Arsakiden-Dynastie. Im 3. Jh. nC wurden diese von den persischen Sasaniden gestürzt, im Herkunftsland wie in Mesopotamien. Wie sehr die Iraner in der Spät-Antike das Zwischenstromland als Teil ihres Landes betrachteten, davon zeugt die Tatsache, dass arsakidische und sasanidische Herrscher ihre Hauptresidenz im dortigen Seleukia-Ktesiphon bezogen, das eigentlich aus zwei Städten bestand, die zur seleukidischen Zeit gegründet wurden. 64 vC wurde das Römische Reich Nachbar, wobei die Grenze meist entlang des Euphrats verlief. Rom und dann das Oströmische/Byzantinische Reich versuchten öfters, in Mesopotamien in den persischen Machtbereich einzudringen.

Ausserordentlich bunt war die religiöse Landschaft Mesopotamiens in der Spät-Antike: Unter persischer Herrschaft war auch dort der Zoroastrismus Staatsreligion. Ein grosser Teil der Bevölkerung Mesopotamiens verehrte aber weiter lokale semitische Gottheiten wie Sin und Aschur, v.a. im Norden des Landes. In Süd-Mesopotamien entstand im 1. Jh. nC die gnostische Mandäer-Religion (Mandaje; es gibt heute diverse Fremdbezeichnungen für sie, wie “Subba”). Auch die persische Manichäer-Religion entstand in Mesopotamien, im 3. Jh. nC, ihr Stifter Mani stammte aus der Arsakiden-Familie. Das Land wurde das erste Exil-Zentrum der Juden, der babylonische Talmud entstand hier, ebenso die Karäer-Sekte (Bene Mikra). Darüber hinaus trat die Herrscherschicht von Adiabene (Nodshirakan) im Norden, das eine gewisse Selbstständigkeit behauptete, und wo der Aschur-Kult vorherrschend war, zum Judentum über.

Im 1. Jh. nC kam das Christentum aus dem römischen Bereich (Syrien angrenzend) ins persische Mesopotamien, wo sein nestorianischer Zweig entstand, dieser Glaube dürfte der stärkste im damaligen Mesopotamien gewesen sein. In Seleukia-Ktesiphon entstand ein Katholikat, das dann zum Patriarchat aufgewertet wurde; “Persische Kirche”, auch “Seleukia-Kirche”, wurde diese Christengemeinde genannt. Bischof Nestorius vertrat im Oströmischen Reich die Meinung, dass in Jesus Christus Mensch und Gott getrennt seien (Diophysitismus). 484 nahm die Kirche in Mesopotamien Partei zugunsten des in der “Mutterkirche” ausgeschlossenen Nestorius, ging spätestens ab da nicht nur einen organisatorischen sondern auch einen dogmatischen Sonderweg. Nestorius’ Anhänger gingen aus Byzanz nach Persien. Die nestorianische Kirche breitete sich im persischen Bereich (Lachmiden) und darüber hinaus (Indien, Ostasien) aus.

Die sasanidischen Herrscher Persiens hatten an verschiedenen Grenzen Mühe, ihr Reich zu verteidigen, so etwa im Nordosten gegen die Weissen Hunnen. Im Westen, in Mesopotamien, war Byzanz der grosse Gegner geworden. Im südlichen Teil dieser Grenze hatten die Sasaniden einen vorislamischen arabischen Stamm, die Lachmiden (Banu Lakhm) als Vasallen engagiert. Diese waren zum nestorianischen Christentum übergetreten. Anfang des 7. Jahrhunderts gliederte Chosrou II. die Lachmiden seinem Reich ein – und verlor damit einen wirkungsvollen Grenzschutz.

Die Sprache der Aramäer in Syrien, die zu Beginn des 1. Jahrtausends vC entstand, hatte auch auf Mesopotamien grosse Auswirkungen. Sie entwickelten eine Konsonantenschrift, benutzten nicht mehr Tontafeln, sondern Papyrus und Pergament. So setzte sich Aramäisch auch im Neuassyrischen und Spätbabylonischen Reich durch. Auch die persischen und griechischen Herrscher Mesopotamiens verwendeten Aramäisch als Verwaltungssprache, es wurde dort erst im Mittelalter allmählich vom Arabischen verdrängt, wird aber noch immer von manchen Religionsgemeinschaften zumindest in der Liturgie verwendet. In diesem Land der historischen Brüche eine seltene Kontinuität. Phebe Marr findet noch eine Kontinuität von antiken Zeiten bis zu jetzigen bzw Gemeinsamkeiten in den Umbrüchen: “Rapider Expansion der Zentralmacht folgte unvollständige Assimilation der diversen Völker; interne Rebellionen und Palastrevolutionen brachen aus; Kriege an den Grenzen sowie Invasionen zerstörten schliesslich das Regime.” Die Zentralmacht waren früher eben die Babylonier, später die sunnitischen Araber.

* Von der arabischen Eroberung bis zum Auseinanderfall des Abbasiden-Kalifats, 7. bis 9. Jh.

636 nC siegte die arabisch-islamische Armee in Kedisia in Mesopotamien über die persische und eroberte in den folgenden Jahren den gesamten persischen Machtbereich. Damit ging auch die persische Herrschaft über Mesopotamien zu Ende, die mit Unterbrechungen fast ein Jahrtausend angehalten hatte, es sollte nicht die letzte sein.

Nach der Ermordung des dritten Kalifen Osman 656 wurde Ali, der davor übergangen worden war, sein Nachfolger als weltlich-geistlicher Führer (Kalif) des von Medina aus regierten Arabischen Reichs. Ali verlegte die “Hauptstadt” von Medina nach Kufa, einer arabischen Garnisonsstadt im mittleren Irak/Mesopotamien. Er sah sich der Konkurrenz v.a. der Omayaden-Familie unter Muawiya sowie den Kharidschiten ausgesetzt, von denen ihn dann auch einer ermordete. Muawiya folgte ihm als Herrscher nach und verlegte das Zentrum des Reichs nach Damaskus. Sein Sohn und Nachfolger Yazid wurde von Alis Sohn Hussain und seinem Gefolge (Schi’at Ali, die Partei Alis, die Schiiten) herausgefordert. 680 kam es in Kerbala im südlichen Irak zur Entscheidungsschlacht, die die Armee der Omayaden-Herrscher gewann. Die Schiiten gingen endgültig in Opposition zum Kalifat, religiös und politisch, und der südliche Irak wurde ihre Hochburg (die wichtigsten Heiligtümer dieser Konfession, die Gräber von Ali und seiner Familie, befinden sich dort).

Mitte des 8. Jh. brach innerhalb der herrschenden Omayaden-Dynastie ein Streit aus, in den sich die Abbasiden einschalteten und sich, durch Kämpfe im Irak, durchsetzten, 750 endgültig. Die neuen Kalifen gründeten eine neue Hauptstadt, Bagdad am Tigris, nördlich der untergegangenen Metropolen Seleukia-Ktesiphon und Babylon. Für etwa ein Jahrhundert blühte das Reich unter den Abbasiden politisch und kulturell auf, Perser (obwohl grossteils Schiiten) kamen unter ihnen zu bedeutendem Einfluss; ein genuin irakischer Beitrag zu der hohen Kultur war der Wissenschafter al Kindi. Die Zentralgewalt begann aber schon mit ihrer Machterringung zu bröckeln, als sich die entmachteten Omayaden auf der Iberischen Halbinsel selbstständig machten.

Harun al Rashid war Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts der letzte bedeutende abbasidische Kalif, Mitte des 9. Jh. versank das Kalifat in Bedeutungslosigkeit, als von den Rändern des Reiches (zunächst Nordafrika) ausgehend, regionale Herrscher die Macht übernahmen (Almoraviden, Fatimiden,…), schliesslich auch im Kernraum. In Mesopotamien hielten sich die abbasidischen Kalifen bis ins frühe 10. Jahrhundert, hatten aber auch dort den grössten Teil ihrer Macht an ihre Emire verloren. Ungefähr zur selben Zeit wie die sunnitischen Herrscher gingen auch ihre schiitischen Kontrahenten “unter”, der zwölfte Imam, der Mahdi, verschwand 869 in Samarra, er sollte der letzte sein.

Mit der arabisch-islamischen Eroberung des Irak begann auch hier der Prozess der Islamisierung und Arabisierung, durch den Druck von Sondersteuern, Einwanderung aus der arabischen Halbinsel (nach den Soldaten kamen Beduinen), Vermischung mit den einheimischen Semiten, allmähliche Durchsetzung/Annahme der arabischen Sprache, am Ende auch im privaten Bereich,… Auch die Ethnogenese der Kurden ist wahrscheinlich in früh-islamischer Zeit anzusetzen; sie dürften durch die Vermischung von eingewanderten Iranern (Medern?) mit semitischen Assyrern u.a. im Norden Meopotamiens entstanden sein. Armenier (im Irak nie so zahlreich) dürften im Mittelalter aus dem Norden eingewandert sein.

Im äussersten Norden und äussersten Süden Mesopotamiens gab es zwei Religionsgemeinschaften, die sich später Sabäer nannten. Der Hintergrund war dieser: bei der Ausbreitung des Islam wurden im Koran genannte Buch-Religionen anerkannt, das sind Christentum, Judentum und Sabäer (nicht aber Zoroastrier oder Hindus, die es dennoch zu dieser Anerkennung brachten). Sabäer (oder Sabier) waren zur Zeit Mohammeds Anhänger eines Gestirnkults in Jemen gewesen, der bald unterging. Die Mandäer in Süd-Mesopotamien, deren heilige Schrift die Ginza ist, bemühten sich zur Zeit der Islamisierung um Anerkennung und nannten sich daher nach dem im Koran erwähnten Sabäern. Dasselbe taten die Anhänger alt-mesopotamischer Kulte im Norden des Landes, um Harran! Während sich die Mandäer bis heute behaupten konnten (als ethnoreligiöse Gruppe, wie etwa die Drusen), sind die “Nord-Sabäer” im 12./13. Jahrhundert untergegangen – bzw. in den Alawiten aufgegangen.

* Hoch- und Spätmittelalter

Die Macht der Abbasiden wurde Mitte des 10. Jh. durch die persischen Buyiden (die Schiiten waren) endgültig gebrochen. Irak/Mesopotamien war in den folgenden Jahrhunderten meist wieder mit Iran/Persien zu einem Herrschaftsbereich zusammengefasst. Nach den Buyiden herrschten die türkischen Seldschuken (11./12. Jh.). Daneben und danach gabs die Hamdaniden, die Zengiden u. a., die über Teile des Irak regierten.

Bagdad war über den Untergang der Abbasiden-Herrschaft hinaus eine Metropole der islamischen Welt geblieben, durch die erste Mongolen-Invasion im 13. Jh. unter Hülagü wurde es schwer zerstört; auch der letzte abbasidische Kalif von Bagdad, der allenfalls noch eine religiöse Bedeutung hatte, wurde damals umgebracht. Im 15. Jh. fielen abermals die Mongolen ein, unter Tamerlan, verübten diesmal auch in Nord-Mesopotamien Massaker, an Nestorianern, die dort noch in der Mehrheit waren. Die nestorianische Kirche mit dem Patriarchat in Bagdad war nach der Arabisierung und Islamisierung Mesopotamiens weiter geblüht, hatte Anhänger in verschiedenen Teilen Asiens, wurde erst durch den zweiten Mongolen-Sturm stark getroffen, nicht nur in Mesopotamien. Zwischen den beiden Mongolen-Einfällen verbreitete sich im Land ausserdem die Pest.

Die Kämpfe mit den Mongolen führten zu hohen Sachschäden an dem komplexen Bewässerungssystem des Zweistromlandes. Dadurch konnte die mesopotamische Landwirtschaft ihr volles Potential nicht mehr entfalten. Das war einer der Faktoren dafür, dass das Land nach den Mongolen-Invasionen zur Peripherie wurde und für lange Zeit blieb (eigentlich war es erst das Erdöl, durch dass sich das änderte, in der modernen Zeit). Wie auch in Teilen Persiens etablierten sich dann turkmenische Stämme im Irak. Im Spät-Mittelalter begründeten die türkischen Osmanen in Anatolien ihre Herrschaft, in Persien die schiitische, multiethnische, Safawiden-Dynastie. In Mesopotamien trafen Perser und Osmanen im 16. Jh. aufeinander, die Osmanen setzten sich durch, gründeten das Wilayet von Bagdad, das den östlichen Rand ihres Reichs bildete.

Eine weitere im Zwischenstromland entstandene Religion ist die yazidische, die im 13. Jh. bei Mossul unter Kurden entstand, aus dem Islam, mit Beimischungen aus Zoroastrismus, Schamanismus,…  Diese Religion ist auch heute mehr oder weniger auf irakischen Kurden beschränkt; die Yaziden/Jesiden werden auch als ethnoreligiöse Gruppe gesehen.

Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im
Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im “Jami al-Tawarich”, einem mongolischen Geschichtsbuch der damaligen Zeit

* Neuzeit, osmanische Herrschaft

Das Land war bis ins 17. Jh. hart umkämpft zwischen Persischem und dem Osmanischen Reich; Teile des Landes bzw. die Grenzen sogar noch bis ins 19. Jh. Der Irak war für Persien schon wegen der schiitischen Bevölkerung (bzw. ihren heiligen Stätten) und den sprachverwandten Kurden wichtig. Erst nach der zweiten Einnahme Bagdads unter Sultan Murad IV. 1638 war die osmanische Herrschaft im Irak gesichert.

Ein Blick auf die Bevölkerungsgruppen, zumal sich in der Neuzeit die grossen Wanderungsbewegungen, Vermischungen und Assimilationsprozesse legten und sich die heutige “Landschaft” herausbildete. Es überwogen arabisierte und arabische Moslems, wobei Schiiten in der Mehrheit waren; deren Siedlungs-Schwerpunkt war der Süden geblieben, mit der Metropole Basra, am Schatt el-Arab/Arvandrud, der beim Zusammenfluss von Euphrat und Tigris entsteht und z.T. die Grenze zwischen Irak und Iran bildet. Schiiten wurden seit ihrer “Entstehung” im Irak bis auf die etwa 100 Jahre Herrschaft der Buyiden immer von Sunniten regiert  – bis zum Bush-Krieg 2003. Sie wurden unter Osmanen diskriminiert, weil sie als “Handlanger” der persischen Nachbarn und Konkurrenten verdächtigt wurden.

Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil des schiitischen Klerus im Süd-Irak aus Persien stammt(e) (davon zeugen auch heute Namen wie Sistani, der Gross-Ajatollah in Najaf), setzte diese Diskriminierung die Dynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang, wie oft in der Geschichte: Persien, seit den Safawiden ein “Paradies” für Schiiten, wurde so für die irakischen zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend verhielt es sich mit den Moslems in Bosnien-Herezegowina (den Bosniaken). Man unterstellte ihnen das Streben nach einer Vorherrschaft, nach einem politischen Islam, diffamierte sie als un-europäisch, rechtfertigte die ethnischen “Säuberungen”, die bald nach der Unabhängigkeit begannen, damit. Ein Resultat des Krieges ist, dass der Islam für die Bosniaken eine grössere Rolle spielt als vorher – nicht unbedingt als Lebensanleitung oder politisches Programm, aber zumindest als Teil der Identität. Erst 1908 wurde Schiiten von den osmanischen Behörden freie Religionsausübung erlaubt. Schiiten waren in unteren sozialen Schichten zu finden, waren oft Bazaris.

Sunnitische Araber mach(t)en etwa ein Drittel der Bevölkerung aus (Zentrum war/ist der Mittel-Irak um Bagdad), waren unter der türkischen Herrschaft, wie auch davor und danach, die privilegierte Bevölkerungsgruppe. Kurden waren und sind die vorherrschende Ethnie im Norden, wobei die grösste Stadt dort, Mossul, eine relative arabische Mehrheit hat. Kurden sind grossteils sunnitische Moslems, mit Minderheiten von Schiiten, Yaziden,… Die ebenfalls im Norden des Irak ansäßigen Türken werden “Turkmenen” genannt, was eigentlich irreführend ist. Sie stammen von verschiedenen türkischen Wanderungsbewegungen nach/durch Mesopotamien ab, jener unter den Seldschuken im Mittelalter und der unter den Osmanen in der Neuzeit – die meisten irakischen Turkmenen stammen von osmanischen Soldaten, Beamten und Händlern ab. Es gab im Früh-Mittelalter daneben eine Einwanderung echter Turkmenen aus Zentralasien, die vom Omayaden-Feldherr Ubayd-Allah ibn Ziyad dort als Soldaten rekrutiert worden waren. Diese gingen aber in der Mehrheitsbevölkerung auf, die (seit den Tagen der Omayaden) als “arabisch” gilt.

Ein Prozess, den es natürlich bei allen “Völkern” gibt, auch bei jenen, die als “Türken” gelten. Unter den Deutschen sind viele litauische und prussische Familiennamen verbreitet (bei Jenen, bei denen eine patrilineare Weitergabe des Namens gewährleistet war…), was u.a. auf die Assimilierung von Teilen dieser Völker an die Deutschen in Ostpreussen zurückzuführen sind. Zurück zu den irakischen Turkmenen. Früher wurden alle westlichen/oghusischen Türken “Türkmen” oder “Turkoman” genannt, dies erklärt diese Bezeichnung für sie. Ihre Sprache ist dem Aseri sehr ähnlich. Auch von den aus osmanischer Zeit stammenden Türken ist ein Teil in der “arabischen” Mehrheitsbevölkerung des Irak aufgegangen, etwa die Hashimi-Brüder, die im 20. Jh beide Premiers waren. Für die Türken/Turkmenen in Syrien gilt fast alles was über jene im Irak hier steht.

Der wichtigste nicht-moslemische Bevölkerungsteil waren (und sind) die christlichen Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert oft als “Assyrer” zusammengefasst werden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Nestorianer, die nach dem Mongolensturm mehr oder weniger auf einen Rest in Nord-Mesopotamien, wo sie v.a. mit Kurden zusammenlebten, reduziert waren. Die Kirche führte die Erblichkeit des Patriarchen-Amts ein, wechselte öfters den Sitz, es gab Nachfolgekämpfe, es entstanden Gegenpatriarchen (zeitweise gab es vier Patriarchen). Einer vollzog zu Beginn der Neuzeit die Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche. Im 19. Jh. hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass es eine autokephale und eine unierte Kirche gab.

Der Siedlungsschwerpunkt der Chaldäer, der unierten Nestorianer, verlagerte sich in den mittleren Irak, um das Patriarchat in Bagdad; die Nestorianer hatten ihr Patriarchat in Hakkari im Norden. Daneben waren auch die syrischen Christen der Jakobiten und ihrem katholisch-unierten Zweig im Irak vertreten; diese werden auch als “Aramäer” statt als “Assyrer” bezeichnet. Im 19. Jh. begann auch das westliche Interesse an den mesopotamischen Christen, das Missionsversuche, den Import von Nationalismus-Ideen, machtpolitische Überlegungen, historisch-religiöse Studien von ihnen, umfasste. Das nördliche Mesopotamien lag am Schnittpunkt türkischer, russischer, britischer Interessen. Hinzu kommen die Mandäer/Sabäer, Juden und Armenier.

Irak/Mesopotamien war im Osmanischen Reich eine Randregion, oft regiert von Statthaltern, die an persönlicher Bereicherung interessiert waren. Verwaltungstechnisch war das Land (in den Grenzen, die es nach der britischen Eroberung 1918 annahm und heute hat) auf vier (am Ende drei) Eyalets aufgeteilt (aus denen im 19. Jh. Vilayets wurden): Bagdad, Basra, Mossul, Sharazor (Kirkuk, ging 1830 in dem von Mossul auf). In den 1740ern übernahm in drei dieser Elayets (Bagdad, Basra, Kirkuk), also im grössten Teil des Irak, eine “Kaste” von mamelukischen Offizieren im osmanischen Dienst, die georgischer Herkunft waren, die Macht, für etwa 100 Jahre.

Während sich in der Provinz/Eyalet Mossul die Jalilis als quasi-erbliche Herrscher durchsetzten (“Araber”; sie waren christlicher, wahrscheinlich nestorianischer Herkunft und hatten wahrscheinlich auch kurdischen Einschlag), wurde Hasan Pascha 1702 Beylerbey (Gouverneur) von Bagdad, ernannt vom Sultanspalast in Konstantinopel/Istanbul, wo er auch aufgewachsen war. Er stammte von islamisierten georgischen Militärsklaven (Mameluken) ab. Er brachte neue Militärsklaven aus dem Kaukasus und etablierte in der Provinz, ja im Land, ein Machtsystem aus mamelukischen Offizieren, die sich auf militärischen Rückhalt stützen konnten, aber in Verwaltungspositionen ernannt wurden. Sein Sohn Ahmed (Pascha), zunächst Beylerbey im Eyalet Basra, wurde 1723 sein Nachfolger in Bagdad. Nach seinem Tod versuchte die “Hohe Pforte” dieses “Machtkartell” zu brechen, aber die von ihr ernannten Gouverneure von Bagdad konnten sich nicht durchsetzen. Suleyman Pascha, ebenfalls georgischer Mameluke, bislang Gouverneur von Basra, Schwiegersohn von Ahmed, erzwang seine Einsetzung in Bagdad. Manche setzen den Beginn der Mamelukenherrschaft mit ihm an. Unter ihm wurden die Gouverneurs-Positionen von Bagdad, Basra und Kirkuk quasi zu einer vereint.

Die Mameluken-Herrscher mussen oft in Streitigkeiten zwischen den Stämmen und ihren Scheichs intervenieren. Der grösste Teil des Zwischenstromlandes war von den 1740ern bis 1831 de facto autonom vom Osmanischen Sultanat; es hätte hier wie in Ägypten kommen können, wo die albanisch-stämmigen Lokalherrscher es schafften, sich tatsächlich unabhängig zu machen, wenn auch unter britischer Herrschaft dann. Mit Dawud Pascha fand diese Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und dann ihr Ende. Er leitete im Land einige Modernisierungsschritte ein (so geht die erste Zeitung des Irak auf ihn zurück), beendete die Unabhängigkeit des Janitscharen-Korps. Anfang der 1830 forderte der Wali von Ägypten Mohammed Ali indirekt die Herrschaft in Syrien, was ein Grund für die osmanische Regierung war, wenigstens im Irak die Macht der Mameluken zu brechen. 1830 wurde Dawud vom Sultan abgesetzt, der Emissär, der diese Nachricht überbrachte, wurde aber kurzerhand umgebracht.

So schickte Istanbul eine Militärexpedition unter Ali Rida Pascha, die 1831 Erfolg hatte. Ali Rida wurde selber Gouverneur in Bagdad. Er heiratete die Tochter eines Mameluken-Notabeln, blieb der Hohen Pforte aber treu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte der osmanische Politiker Midhat Pascha, anscheinend ein Alewit, als Gouverneur in Bagdad, betrieb eine Modernisierung, im Bildungsbereich und für das Heer. Zu den aus der Kaukasus-Region stammenden Irakern gehörten neben den im 18. Jh. als Militärsklaven rekrutierten Georgiern Moslems aus Daghestan, Tschetschenien oder Abchasien, die Mitte des 19. Jh. vor der russischen Eroberung ins Osmanische Reich “auswiechen”. Naji Shawkat, in der Phase nach der Unabhängigkeit im 20. Jh Premier, war etwa mamelukisch-georgischer Herkunft.

Für die Führer der Babi-Sekte war der Irak nach der Vertreibung aus Persien Exil-Station, für 10 Jahre. In einem Park in Bagdad erklärte sich einer von ihnen, Mirza Hussain Ali Nuri, 1863 (gegen Ende dieses Aufenthalts im osmanischen Mesopotamien) erstmals als die vom Gründer angekündigte messianische Gestalt, als “Baha’ullah” (Glanz Gottes), was als Stiftung der Baha’i-Religion verstanden wird. Kuwait, zwischen Mesopotamien und der arabischen Halbinsel (Hasa-Region) liegend, wurde 1756 ein Scheichtum unter der as-Sabah-Dynastie, unterstand aber der Oberhoheit der Osmanen. Nachdem diese im 19. Jh versuchten, ihre Oberhoheit auch durchzusetzen, löste sich Kuwait 1899 unter britischem Schutz von den Osmanen (endgültig im 1. Weltkrieg).

Anfang des 20. Jh begann auf osmanische Initiative der Bau der Bagdad-Bahn von Kleinasien nach Bagdad, ausgeführt durch das Deutsches Reich (das sich dadurch Zugriff aufs Öl erhoffte), als Konkurrenz zum britisch kontrollierten Suezkanal. In der späten osmanischen Herrschaft über Irak begannen auch die Ausgrabungen antiker Reste, v.a. durch Briten (Austen Layard, Norden, Ninive, Assyrer) und Deutsche (im Süden).

Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung, 1932?
Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung. Das Tor war eines der Stadttore Babylons, wurde unter Nebukadnezar II. (7./6. Jh. vC) errichtet. Es ist mit Reliefen der anderen babylonischen Gottheiten Marduk und Adad geschmückt. Es wurde im 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit der osmanischen und dann der britischen Herrschaft über Mesopotamien/Irak hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben, in Berlin aus den Teilen dann rekonstruiert

Mit dem westlichen Imperialismus, der Irak begann für den Westen v.a. wegen seines Erdöls interessant zu werden, kam auch der Nationalismus in die Region, erfasste auch im osmanischen Irak alle Bevölkerungsgruppen, Araber, Kurden, Türken, Assyrer, Juden,… Der zu Beginn des 20. Jh gegründete Irakische Bund (al-Ahd al-Iraqi) wurde die wichtigste Organisation arabischer Iraker, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wollten.

* Der 1. Weltkrieg, die britische Eroberung und Machtausübung bis zur Unabhängigkeit

“Bis zum Waffenstillstand von Mudros [in Westasien, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten, im Oktober 1918] war London an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert.” (Fürtig) Marineminister Churchill hatte im Vorfeld des Kriegs als ein Ziel ausgegeben, Eigentümer oder zumindest Kontrolleur der Menge Erdöl zu werden, die Grossbritannien benötigte. Und Aussenminister Sykes hatte 1916 mit seinem französischen Kollegen den Nahen und Mittleren Osten aufgeteilt, den grössten Teil Mesopotamiens sollte GB bekommen. Die Briten, mit ihren Hilfstruppen aus Indien (mehr als die Hälfte!) und anderen Ländern, eroberten, mit Hilfe vieler Iraker, gegen Osmanen und Deutsche, dieses Gebiet dann, von Süden nach Norden, zunächst bis Kirkuk, dann auch das Gebiet um Mossul.

Den äussersten Norden des Zwischenstromlands nicht, das waren die osmanischen Vilayets Harput, Erzurum, Bitlis, Diyarbakir (Amid), den äussersten Westen auch nicht, in den Vilayets Aleppo und Dar es Zur (das zu Aleppo gehört hatte, dann ein unabhängiger Sandjak geworden war). Die Gebiete der Oberläufe und Quellflüsse von Euphrat und Tigris kamen dann zum damals französischen Syrien und zur Türkei (der äusserste Norden Mesopotamiens, der dann türkisch wurde, war im 1920 vereinbarten Vertrag von Sevres zunächst dem Kurdengebiet und Armenien zugeteilt worden). Die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu “Mesopotamien” ist fraglich, möglicherweise gehören sie “geopolitisch” eher zu Syrien bzw. Kleinasien.

In der Antike standen sie teilweise unter der Herrschaft der Hethiter, waren dann (auch das anders als das restliche Zwischenstromland) teilweise bei Byzanz, unter islamischer Herrschaft waren die mesopotamischen Gebiete meist vereinigt, so auch bis zum Ende des Osmanischen Reichs, dann wurden die nördlichen und westlichen abgetrennt. Die heute zu Syrien und der Türkei gehörenden Gebiete um Euphrat und Tigris teilen einige Gemeinsamkeiten mit den irakischen, besonders dem angrenzenden des Nord-Irak, so etwa den (angestammten) kurdischen und assyrischen Bevölkerungsanteil. Euphrat und Tigris werden heute von Türkei und Syrien aufgestaut. Wenn man das Einzugsgebiet der zwei Flüsse dazuzählt, wäre Mesopotamien noch grösser, würde es Teile auch des Iran, Kuwaits und Saudi-Arabiens einschliessen. Hier geht es in der Folge aber um den Irak. Die Türkei beanspruchte dann auch den Nord-Irak um Mossul, auch wegen der dort lebenden türkischen Minderheit.

Das nördliche Mesopotamien lag nahe der osmanisch-russischen Front, 1915 mussten sich die Russen dort erstmals zurückziehen. In dieser Phase fand der grösste Teil jenes Terrors statt, der heute allgemein als Völkermord anerkannt ist. Osmanisches Militär und kurdische Milizen deportierten und ermordeten Armenier (deren Siedlungsgebiet zwischen osmanischem und russischem Gebiet lag) sowie Nestorianer, denen sie die Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellten. Ein furchtbares Ende der osmanischen Herrschaft über Mesopotamien. Nestorianer flüchteten, v.a. in den persischen Bereich (wo die Zentralgewalt wenig Macht hatte) um Urmie, ein Teil blieb in der Gegend um Hakkari.

1916/17 hatten wieder die Russen an der Kaukasus-Front die Oberhand, damit auch über Armenien und Nord-Mesopotamien. Für etwa ein Jahr konnten die christlichen Armenier und Assyrer (Nestorianer) anschliessend daran die Front gegen die Osmanen halten, hatten in dieser Zeit die Kurden als Hauptfeind. Als die Osmanen 1918 wieder vorrückten, flüchtete ein Teil der Nestorianer in den Süden Mesopotamiens, den Briten entgegen, auch ihren chaldäischen Brüdern, liessen sich bei Bagdad nieder. Im Urmie-Gebiet töteten Kurden unter ihrem Stammesfüher Simko Ismail Shikak 1918 den nestorianischen Patriarchen Mar Shimun XXI. Benyamin (der auch seinen Sitz in Hakkari aufgeben musste) und 150 seiner Gefolgsleute. Die Verfolgungen im 1. Weltkrieg waren für die Christen Mesopotamiens das einschneidendste Erlebnis seit Tamerlan.

1920 wurde der Irak vom Völkerbund offiziell britischer Kontrolle unterstellt. Die Briten zogen in den frühen 1920ern die Grenzen in der Region, in der sie durch den Krieg die vorherrschende Macht geworden waren, mit etwas französischer Mitsprache. Nach dem 1. Weltkrieg war die ganze islamische Welt unter direkter oder indirekter europäischer Kontrolle; der Einfluss der USA dort kam später. Aufstände von Irakern gegen die britische Herrschaft wurden blutig niedergeschlagen; 1919 sanktionierte Churchill als Kriegsminister den Einsatz von Giftgas gegen Kurden (“unzivilisierte Stämme“, wie er sie nannte), konventionelles Bombardement wurde dann aber als effektiver betrachtet. 1921 wurde der Sohn des Scherifen von Mekka, Hussein, aus der Haschemiten-Familie (am Hejaz von den Sauds “verdrängt”), Bruder des in Jordanien eingesetzten Abdullah (der eigentlich als irakischer König vorgesehen war), als König Syriens von den Franzosen abgesetzt, ein sunnitischer probritischer Araber, von den Briten als König des Irak eingesetzt.

Die Briten herrschten über einen Hochkommissar, dort stationierte Truppen, eigene Beamte, und schufen eine dünne pro-britische Oberschicht (v.a. sunnitische Stammesführer und ehemalige osmanische Offiziere). Iraker bzw arabische Iraker waren wieder nicht Herren im eigenen Haus. Es kam in den 1920ern daher zu weiteren Aufständen, angefacht etwa von der Haras as-Istiqlal (Hüter der Unabhängigkeit, eine schiitisch dominierte Partei), die niedergeschlagen wurden. Das Mossul-Gebiet kam entgegen türkischen Wünschen 1925 endgültig zum Irak, hauptsächlich weil sonst die schiitische Mehrheit im Land noch deutlicher gewesen wäre… Möglicherweise war das auch die Motivation bei der Grenzziehung im Westen, die die arabisch-sunnitische Dulaim/Ramadi/Anbar-Region mit einschloss.

Briten brachten die Erdöl-Förderung und -Verarbeitung auf Touren. Aufgrund des steigenden Interesses an Erdöl und die Vermutung dessen im Irak war in dessen osmanischer Endzeit die Turkish Petroleum Company gegründet worden. Diese TPC hatte britische (die Anglo-Persian Oil Company) und deutsche Teilhaber, und wurde vom armenischen Geschäftsmann Calouste Gulbenkian geführt. Nach dem 1. Weltkrieg (die Nachfrage nach Öl war inzwischen noch grösser) wurden die deutschen Teilhaber, wie Deutsche Bank, hinausgeworfen, Franzosen kamen hinzu, Briten dominierten die TPC nun ganz. Die Gesellschaft führte Mitte der 1920er Bohrungen durch, fand erstmals in Kirkuk etwas. Amerikanische Firmen kamen hinzu. Das Öl machte nun die grösste Bedeutung des Irak aus und blieb es auch über 100 Jahre später. Die TPC wurde 1929 in Iraqi Petroleum Company umbenannt, hatte das Monopol auf irakisches Öl, baute Raffinerien und Pipelines, war von der britischen AIOC dominiert und bohrte auch in benachbarten Ländern. Die Haupt-Pipeline aus dem Irak teilte sich in Haditha, die eine führte Öl von Kirkuk über Jordanien bis 1948 nach Haifa (dann Israel), die andere nach Tripolis im Libanon.

Der sunnitisch dominierte Irakische Bund unter Nuri as-Said stand zur Monarchie und den Briten. as-Said war dieses Bündnis im 1. Weltkrieg eingegangen, als er als Offizier in der osmanischen Armee in britische Gefangenschaft geriet, danach am Hejaz für Haschemiten und Briten gegen Osmanen kämpfte. Viele arabische Soldaten und Offiziere im osmanischen Heer wurden wie er in diesem Krieg zur Unterstützung der Sache des britischen Gegners “konvertiert”, die ihnen als der arabischen dienlich verkauft wurde, nicht zuletzt in Gefangenenlagern in Indien. Die Briten liessen nicht viel politische Betätigung und Mitbestimmung der Iraker zu. 1920 setzten sie erstmals eine Regierung ein, die ihre Vertrauensleute unter Irakern umfasste und nicht viel zu bestimmen hatte.

Nuri as Saids Schwager Jafar Askari war in den 1920ern mehrmals Premier und auf (nominell) wichtigen Ministerposten, Said vorerst nur Minister, als Verteidigungsminister leitete er den Aufbau des irakischen Militärs. 1924 durfte erstmals ein Parlament gewählt werden, die meisten Parteien waren aber verboten, das Wahlrecht eingeschränkt. In der zweiten Hälfte der 1920er drängten auch die Gewährsleute der Briten unter Irakern, auch König Feisal, immer vehementer auf die Unabhängigkeit. As Said wurde 1930 erstmals Premierminister (schloss mit den Briten einen “Bündnisvertrag”), bis 1958 war er das weitere 13 Male. Die Unabhängigkeit wurde 1932 gewährt, bei Beibehaltung britischer Vorrechte (Ölförderung und Militärbasen)

* Der unabhängige Irak bis zum Sturz der Monarchie

Auch nach der Unabhängigkeit unter den vom Hejaz stammenden Monarchen war starker britischer Einfluss gegeben, sunnitische Dominanz, wenig Selbstbestimmung der Iraker. König Feisal starb im Jahr nach der Unabhängigkeit, sein Sohn Ghazi wurde Nachfolger. Unter ihm bzw. in der Phase des unabhängigen, königlichen Irak bis 1958 spielte Nuri as Said weiter eine Hauptrolle. Seit 1924 fanden im Irak Parlaments-Wahlen statt (Männer-Wahlrecht); durch die Konstruktion (in der Verfassung von 1925) mit einem ernannten Oberhaus, eingeschränkten Rechten des Parlaments sowie Parteienverboten konnten die Herrschenden (Königshaus, die Schicht um as Said, Briten) die Opposition von Linken (die an der verbreiteten Armut etwas ändern wollten), Nationalisten (unter denen sich auch Anhänger einer repräsentativen Demokratie befanden!) und zu kurz gekommenen Volksgruppen (Schiiten, Kurden) klein halten.

Das Militär hatte die Rolle der Stütze dieses Systems,  sobald es sich aber gegen das System wandte, hatte dieses keine Chance mehr, wie sich noch zeigen sollte. Der britische Botschafter hatte nicht die Macht des Hochkommissars (die mit der des US-amerikanischen Zivilverwalters nach der Invasion 2003 vergleichbar war), aber dennoch eine beträchtliche; die wirtschaftliche über die Iraqi Petroleum Company wurde durch die militärische, etwa über die Luftwaffenbasis in Habbaniyah, abgesichert.

Ein Teil der Nestorianer im Irak war von den britischen Machthabern für militärische Sondereinheiten, die Levies, rekrutiert worden. Die Levies wurden von den Briten vor allem im Nord-Irak eingesetzt, v.a. um Revolten der Kurden unter Mahmud Bar(a)zani niederzuschlagen. Die Beziehung der Nestorianer zu ihren kurdischen Nachbarn war seit Jahrhunderten “schwierig”; die Verschlechterung der Beziehungen mit Arabern ist nach dem 1. Weltkrieg anzusetzen. Die militärische Instrumentalisierung von Nestorianern durch die Briten trug wesentlich zu ihrer Isolierung im Irak bei. Viele arabische Iraker sahen die Aktivitäten der Nestorianer als Versuch der Briten, den Irak mit Hilfe seiner Minderheiten zu spalten. Die Levies existierten auch noch im unabhängigen Königreich Irak, auf britischen Stützpunkten, wurden 1941 gegen die irakische Regierung eingesetzt.

Ein Teil der Nestorianer quittierte nach der Unabhängigkeit die Levies, 1933, mit dem Ziel, sich im Nord-Irak als Miliz zu organisieren, und verlangte dort Autonomie. Anders als die Chaldäer (deren Patriarch Emanuel Yosef Mitglied des irakischen Parlaments wurde) entwickelten die Nestorianer wenig Zugehörigkeit zum Irak. Der nestorianische Patriarch Mar Schimun XXI. selbst agitierte gegen die Integration in die irakische Gesellschaft. Er wurde im Sommer 1933 zu einem Gespräch mit der Regierung nach Bagdad geladen und danach ausgewiesen, nachdem er seinen Anspruch auf weltliche “Herrschaft” nicht aufgeben wollte.

Im Norden etablierte sich eine Miliz aus etwa 200 Kämpfern unter Malik Yaqo. Die irakische Regierung sandte Truppen unter dem kurdischen General Bakr Sidqi. Viele Kurden begrüssten ein Vorgehen gegen die Miliz. Die Yaqo-Truppe, dazu viele Zivilisten, insgesamt 600 Leute, versuchten, in das französische Syrien zu gelangen, wurde an der Grenze aber zurückgeschickt. In der Folge kam es zu Gefechten mit der irakischen Armee, deren Auslöser umstritten ist. Die Sidqi-Truppen verübten dann in der Dohuk-Region Massaker an Nestorianern, unterstützt von kurdischen (auch yazidischen) und arabischen Einwohnern der Gegend. Die Stadt, die auf aramäisch und türkisch Simele heisst, auf sorani Semel, arabisch Sumail, wurde Fluchtziel vieler Nestorianer der Gegend, wie Srebrenica in Ost-Bosnien für Bosniaken, als dort 1992 die ethnischen “Säuberungen” losgingen. Dort fand nun das schlimmste dieser Massaker statt, in dem Hunderte Menschen getötet wurden.

Wiederkehrende Aufstände der Schiiten wurden in dieser Phase nach der Unabhängigkeit ebenfalls mit Masskern des noch jungen irakischen Militärs beantwortet. 1936 putschte das Militär unter Bakr Sidqi, der inzwischen Generalstabschef war, erstmals. König Ghazi musste Premier Yasin Haschimi gegen Hikmet Suleiman (von der Partei der nationalen Bruderschaft, die hauptsächlich gegen die britische Vorherrschaft eingestellt war) austauschen. Nachdem dieser die Hoffnungen auf Reformen, auf eine breitere Verteilung von Macht und Ressourcen, enttäuscht hatte, sich mit Sidqi zerkracht hatte und dieser dann ermordet wurde (evtl. von der probritischen “Partei”), musste er 1937 zurücktreten.

Die probritische, oligarchische Garde unter Nuri as Said (der ins Exil nach Ägypten gegangen war), kehrte zurück an die Macht. Das Militär war aber zu einem politischen Spieler geworden, der von keinem mehr übergangen werden konnte – und sollte es für die nächsten Jahrzehnte, bis zum Ende der Saddam-Ära, auch bleiben. König Ghazi kam 1939 bei einem Autounfall ums Leben; da er begonnen hatte das bestehende System in Frage zu stellen, gibt es Vermutungen um “Nachhilfe” der Briten und ihrer irakischen Gefolgsleute um as Said dabei. Ghazis dreijähriger Sohn Feisal II. wurde sein Nachfolger, unter Regentschaft seines Verwandten Abdal’ilah, einem Cousin seines Vaters.

Raschid al Gailani von der Partei der nationalen Bruderschaft wurde der grosse Herausforderer as Saids und der bestehenden Verhältnisse; in den 1930ern wirkten die beiden zeitweise zusammen in Regierungen. Unter den Mitstreitern Gailanis war der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini, der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war. Über Husseini wurde eine Verbindung zum deutschen, nationalsozialistischen Regime hergestellt; die Achsenmächte wurde aufgrund des gemeinsamen Feindes GB gebraucht. Gailani wurde 1940 zum zweiten Mal Premierminister, musste 1941 auf Druck der Briten (Botschafter Cornwallis) zurücktreten. Daraufhin kam es zu einem Staatsstreich seines Lagers, das von Teilen des Militärs unterstützt wurde.

Regent Abdal’ilah, Said u.a. mussten fliehen. Die Putschisten verlangten den Abzug der Briten aus dem Irak. Britische Truppen im Land, verstärkt durch weitere aus der Region (wie 1917 viele Inder dabei), der transjordanischen Arabischen Legion und der zionistischen Terrorgruppe IZL (die allein im Jahr 1938 119 Palästinenser bei Anschlägen tötete), stürzten nun, mit Billigung der langjährigen irakischen Herrscher, die aktuellen Machthaber um Gailani. Die deutsche und italienische Luftwaffe beteiligte sich an den Kämpfen auf deren Seite. Nach der Niederlage der Gailani-Regierung (die sich etwa 1 Monat gehalten hatte) und vor dem Einzug britischer Truppen und ihrer Verbündeten kam es in Bagdad zu einem Massaker an Juden, das bis zu 200 Todesopfer forderte und als “Farhud” bekannt wurde.

Gailani und Husseini gelang die Flucht. Saids Stellung im Irak wurde nach der Niederschlagung des Putsches so stark, dass er es sich in Folge leisten konnte, das Amt des Regierungschefs an Politiker seiner Wahl zu vergeben, etwa an Midfai. Dies mit der Unterstützung der Briten, die ihre Militärpräsenz im Lande nach dem Putsch verstärkten, in der Region vorerst der unumschränkte Herrscher wurden (die irakischen Ölfelder waren darin neben dem ägyptischen Suezkanal ihr wichtigster „Schatz“). Die Kluft zwischen dem Regime und der Mehrheit der Bevölkerung vergrösserte sich weiter.

An dieser Stelle etwas über die irakischen Juden, ihren Transfer nach Israel in den frühen 1950ern, die Dynamiken zwischen ihnen, dem Zionismus und dem Irak (dem Staat und der Mehrheitsgesellschaft). Die jüdische Gemeinschaft im Irak war in nach-osmanischer Zeit die grösste in der Region, zählte über 100 000 Menschen, die meisten davon in Bagdad. Um 1920 waren 44% der Mitglieder der irakischen Handelskammer Juden. Der Einfluss aschkenasischer, meist zionistischer, Juden auf sie begann Ende des 19. Jh. Manche wanderten vor dem organisierten zionistischen Transfer nach Palästina aus (meist über den Iran übrigens) und schlossen sich dem zionistischen Projekt an; manche favorisierten einen Irak unter britischer Kuratel, viele sahen sich als Teil der irakischen Gesellschaft. Die Kommunistische Partei des Irak (CPI) hatte viel mehr Anhänger unter Juden als zionistische Organisationen wie Hehalutz.

Irakische Juden, neben jenen in Marokko wahrscheinlich die am besten Integrierten in arabischen Ländern, wurden Spielball im bzw. durch das zionistische Projekt; dass sich ihr Schicksal, wie auch das anderer jüdischer Gemeinschaften in der Region, mit dem Konflikt um Palästina verband, dafür sorgten nicht zuletzt im Untergrund tätige zionistische Aktivisten. Dass sich der Palästina-Konflikt und der Weltkrieg in Europa, speziell die Konfrontation zwischen Deutschland und Grossbritannien, auch auf den Irak als Ganzes auszuwirken begann, hatte nicht nur mit der Anwesenheit des palästinensischen Muftis zu tun.

Manche Iraker zogen Parallelen zwischen ihrer Situation als Bürger mit fast keiner Mitsprache in einem halb-kolonialen Staat und der Situation der Palästinenser. Der “Farhud” wird gerne als Rechtfertigung für zionistische Politik gegenüber irakischen Juden verwendet und überhaupt stark instrumentalisiert, auch gegen palästinensische Anliegen. Die Geschichte des Irak ist voll mit Massakern, in von den 1930ern bis in die 1950er an Gegnern des Regimes, an den Assyrern 1933, 1963 an 5000 Kommunisten, jene von Hussein und früheren Herrschern an Schiiten, das von Halabja 1988 an Kurden (mit durch westliche Hilfe hergestelltem Giftgas),…

Das frisch gegründete Israel schloss 1950 ein Abkommen mit dem irakischen Premier Said, dass die Auswanderung der Juden aus dem Irak nach Israel ermöglichen sollte. 12 000 meldeten sich daraufhin, das waren 10%. Dann fanden, 1950/51, einige Bomben-Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Bagdad statt. Bei dem Anschlag auf die Shemtov-Synagoge im Jänner 1951 gab es auch Todesopfer; ein anderer Anschlag betraf das amerikanische Kulturzentrum, das von Juden frequentiert wurde. Danach war der grösste Teil der Juden bereit zur Auswanderung und jene, die es nicht waren, wurden unter Zwang dazu gebracht.

Etwa 130 000 Juden, fast alle im Irak, wurden 1951 nach Israel gebracht, wie es etwa auch mit den Juden im Jemen geschah. Es spricht viel dafür, dass Zionisten unter den irakischen Juden und israelische Agenten für die Anschläge verantwortlich waren, diese unter falscher Flagge durchführten, ähnlich wie in Ägypten einige Jahre später. Während diese “Lavon-Affäre” (dort ging es nicht um die Auswanderung der Juden, die Aktion hatte aber Einfluss darauf) von Israel längst nicht mehr geleugnet wird, ist das mit den Bomben im Irak noch immer der Fall. Nach dem Verhör eines Verdächtigen wurden in einer der betroffenen Synagogen und anderswo Handgranaten u. ä. gefunden. Für die Anschläge wurden mehrere irakische Zionisten verurteilt.

Manche der nach Israel gebrachten gaben den ihnen dort oft entgegengebrachten Rassismus nicht einfach an die Palästinenser weiter und setz(t)en sich mit der Vergangenheit im Irak und ihrer Rolle in der Region auseinander, am kompromisslosesten wahrscheinlich der Schriftsteller Samir Naqqash, der auf Arabisch schrieb, hauptsächlich autobiografisch angehauchte Romane (teilweise in einem jüdischen Bagdader Dialekt, der damit am Leben gehalten wurde – im Spannungsfeld Sprache-Identität-Politik ein wichtiges Statement) und sich als Araber mit jüdischem Glauben definierte, als Exil-Iraker, auch seinen arabischen Namen behielt. In der zionistischen Gesellschaft sind sie damit zwangsläufig Aussenseiter; manche sind aber wieder ausgewandert. Das zionistische Narrativ über die orientalische Juden ist, dass sie bedroht waren, gerettet wurden und heimgekehrt sind, dass es kein Judentum ausserhalb des Zionismus gibt. Früher wurden Mizrahis auch offen als demografisches Matrial deklariert. Dass sie eine orientalische Identität haben oder wenigstens Israel durch sie orientalischer werden könnte, geht gegen den Strich des Zionismus.

Der Irak wurde also spätestens in den 1940ern in den Palästina-Konflikt mit hineingezogen. 1948 beteiligten sich Einheiten der irakischen Armee an der Seite (Trans)jordaniens (das ebenfalls eine Monarchie unter den Haschemiten war) am (vergeblichen) Versuch, die Nakba in Palästina zu stoppen, im Osten Palästinas. Jordanien unter seinem König Abdullah hatte mit Israel ein Abkommen geschlossen, da es auch einen Teil Palästinas wollte. Irakische Einheiten hielten sich nicht an die auferlegte Zurückhaltung, retteten ein paar palästinensische Dörfer im Norden, die aber durch den von Jordanien eingewilligten Waffenstillstand 1949 an Israel abgetreten wurden. Die CPI war damals so an der Sowjetunion orientiert, dass sie die damalige Position des Kreml, die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina zu unterstützen, übernahm. Irak nahm auch einen kleinen Teil der hunderttausenden während der Nakba vertriebenen Palästinenser auf. Zu nennen sind in dem Zusammenhang auch die späteren Spaltungs-/Infiltrierungsbemühungen von israelischen Geheimdienstbossen wie Meir Amit (Slutsky) gegenüber Kurden oder Assyrern im Irak.

1948 fand ein grosser Aufstand gegen einen neuen Vertrag mit GB statt, die Kommunistische Partei des Irak (CPI; الحزب الشيوعي العراقي‎) unter Salman Yusuf (einem Assyrer) war der Hauptorganisator. Die KP war von schiitischen Intellektuellen dominiert, hatte viele Juden, Assyrer und Kurden, bekam durch die Entstehung einer Arbeiterklasse infolge des Aufbaus der Ölindustrie Bedeutung. Eine “Säuberungswelle” des Regimes 1949 richtete sich gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, so endete auch KP-Chef Yusuf am Galgen. Ende der 1940er waren mit Salih Jabr und Mohammed Sadr erstmals Schiiten Premiers, sie waren aber nur Erfüllungsgehilfen der damaligen Repression. Schiiten erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierung, womit eine Auflösung der traditionellen arabischen Stammesverbindungen und eine Säkularisierung verbunden war.

1952 gab es wieder Unruhen, “inspiriert” vom Sturz König Faruks in Ägypten und der Öl-Verstaatlichung unter Mossadegh im Iran, sie wurden niedergeschossen, wie alle grossen Kundgebungen dieser Jahre. Die irakische Regierung verhandelte in diesem Jahr mit der britisch dominierten IPC (unter dem ehemaligen Marine-Offizier John Cunningham), mit eben jener Ergebenheit, in der sie den Briten gegenüberstand. 1954 wurden die meisten Parteien verboten. 1955 wurde der Irak unter den damals Herrschenden von ihrer “Schutzmacht” Grossbritannien mit den anderen antikommunistisch regierten Staaten der Region wie Türkei zum Bagdad-/CENTO-Pakt verbündet. 1957 schlossen sich die wichtigsten Oppositionsbewegungen, die (1950 als Ableger der älteren syrischen gegründete, panarabische und sozialistische) Baath-Partei (unter dem Schiiten Rikabi), die Kommunistische Partei CPI, die sozialdemokratische National-Demokratische Partei (NDP) und die Unabhängigkeits-Partei zur Front der nationalen Einheit zusammen, die auch mit der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP/PDK) zusammenarbeitete und heimliche Unterstützung von Teilen des Militärs bekam.

Durch die Volljährigkeit Faisals II. 1953 änderte sich wenig, Abdal-Ilah blieb sein “Berater”, Said zog die Fäden, die Briten hatten in Vielem das letzte Wort. Said war erfreut über die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten nach Nassers Verstaatlichung des Suez-Kanals, die Politik Nassers war quasi die Gegenthese zu seiner. Das Volk ging wieder auf die Strassen und wurde niedergeschossen. Auf die Vereinigung der linksnationalistisch regierten Staaten Ägypten und Syrien 1958 reagierten die konservativen und probritischen Monarchien Irak und Jordanien ihrerseits mit einer Vereinigung. Im Mai 1958 wurde gewählt, unter Umständen, die den Wahlen, die unter Saddam Hussein stattfanden, sehr ähnelten. Nachdem fast alle Parteien verboten worden waren, musste das Ergebnis auch nicht gross verändert werden. Nuri Said blieb Premier. Demokratie und Selbstbestimmung wurde den Irakern in der Phase der direkten und indirekten britischen Machtausübung verwehrt.

Im Juli 1958, während der inneren Krise im Libanon, wollte der jordanische König Hussein irakische Truppen zur Grenzsicherung. Ausserhalb der Hauptstadt stationierte Brigaden unter Brigadier Abdelkarim Qasim und Abdulsalam Aref machten sich am 14. 7. auf den Weg, allerdings nach Bagdad, und ergriffen die Gelegenheit zum Putsch. Was die Herrschenden nicht gewusst hatten, war, dass sie führende Leute des Oppositionskreises innerhalb des Heeres waren. Die Truppen nahmen neben dem Rundfunk den Königspalast ein und massakrierten die königliche Familie, nachdem sie diese dort im Hof versammelt hatten, auch König Faisal II. und Prinz Abdal-Ilah, sowie einige Diener.

* Von Qasim bis Bakr

Premier Nuri as Said gelang es zunächst, unterzutauchen, wurde aber am nächsten Tag erkannt, als er in Frauenkleidern (aber angeblich in Männerschuhen) flüchten wollte und von einem Mob gelyncht. Mit anderen Irakern, die dem Regime nahe gestanden waren, wurde auch abgerechnet, manchen gelang die Flucht ins Ausland – die erste politische Emigrationswelle aus diesem Land. Darunter waren auch die Tante der Königs, Badia, und ihre Familie, die sich zunächst in die saudi-arabische Botschaft in Bagdad flüchteten, von wo ihnen nach einem Monat die Ausreise erlaubt wurde, sie liessen sich in Grossbritannien nieder, ihrer anderen Schutzmacht. Ein Grossneffe des Königs, Seid bin Hussein, war Botschafter in GB gewesen und blieb dort. Die Rolle als Chef des Hauses des irakischen Zweigs der Haschemiten wird seither von Seid und seinen Nachkommen wie auch von Badias Sohn Ali, einem Cousin des Königs, beansprucht.

Ali bin al Hussein wurde in England Banker, leitet die Partei Iraqi Constitutional Monarchy (ICM), war mit ihr in der irakischen Exil-Opposition gegen das Baath-Regime unter S. Hussein aktiv (so im Iraqi National Congress), und kehrte nach dessen Sturz 03 in das Land zurück. In einem Interview hat er über den Staatsstreich 1958 gesagt, seit damals könne jeder mit einem Panzer die Macht im Land übernehmen. In der Tat, von 58 an bis zum Sturz Saddams gab es nur Militär-Regierungen und der Abschluss dieser Phase erfolgte auch durch Militär, ausländisches. Das System im Irak bis 1958 war aber eine derart eingeschränkte Demokratie, ein derart repressives System, bedeutete eine derartige Bevormundung, dass eine Fortsetzung kaum als bessere Alternative zur Macht der Panzer erscheint, die damals begründet wurde. Zum Zeitpunkt des Umsturzes waren alle politischen Parteien verboten, war die Presse zensuriert, gab es 10 000 politische Gefangene, war Folter an der Tagesordnung.

Die Putschisten um Qasim und Aref proklamierten die Republik. Es wurde eine Art Präsidentschaftsrat gebildet, mit einem Sunniten, einem Schiiten und einem Kurden, ähnlich wie nach dem Sturz Saddams. Vorsitzender und somit Staatsoberhaupt wurde General Rubai. Qasim wurde Premierminister und Verteidigungsminister, Aref Vizepremier und Innenminister. Wenn man die drei Könige aus der Haschemiten-Familie, die vom Hejaz stammt, nicht als einheimische Herrscher einstuft, und auch die britische Mitbestimmung “unter” ihnen berücksichtigt, war erst nach dem Sturz 1958 der Punkt erreicht, an dem der Irak wieder sich selbst regierte. Natürlich war er darüber hinaus diversen äusseren Kräften ausgesetzt. Die restliche Regierung wurde vorwiegend aus Zivilisten gebildet, aus den (bislang verbotenen) Parteien der Front der nationalen Einheit, wie der NDP und der Baath. Nicht vertreten davon waren die kommunistische CPI und die kurdische KDP. Die CPI unter ihrem Generalsekretär Radhi brachte der neuen Regierung kritische Unterstützung entgegen und Kurden erlebten unter Qasim eine Aufwertung.

Qasim war irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist wie Aref, ein Gegensatz, der diese Regierung mit zum Scheitern bringen sollte. Abdelkarim Qasims Vater war arabischer und kurdischer Herkunft und Sunnit, seine Mutter aus einer Familie schiitischer Kurden gewesen – er hatte also Wurzeln in allen grossen Volks- und Religionsgruppen des Landes, wuchs als Schiit im Süden auf. Er gehörte zu jenen, die Araber (eigentlich: Arabisierte) und Kurden als gleich ansahen, wertete die kurdische Sprache auf, KDP-Chef Mustafa Barzani konnte aus dem Exil heimkehren.

Flagge Irak 1959-63 unter Präsident Qasim; die Grundfarben der Streifen sind die pan-arabischen Farben, die gelbe Sonne steht für die Kurden, der rote Stern von Ischtar darum herum für die christlichen Assyrer und das antike Erbe des Landes. Sie wird heute z.T. in der kurdischen Autonomieregion Nord-Iraks verwendet (neben der kurdischen Fahne)

Auch andere Aspekte seiner Politik hatten sehr fortschrittlichen Charakter: eine Bildungsoffensive, Verbesserungen für Frauen, dringend benötigte Land- und Sozialreformen (dadurch verlor die bisherige Oberschicht endgültig ihre Macht), Amnestie politischer Gefangener, Legalisierung von Parteien – und Neugründungen: ein Teil des schiitischen Klerus unter Mohammed Baqir al Sadr gab den Quietismus auf und gründete die Dawa-Partei. Es kam eine neue Verfassung, eine neue Flagge (siehe Bild), britische Truppen mussten 1959 das Land verlassen, der Irak trat aus dem CENTO-Pakt aus, es wurde die Föderation mit Jordanien gelöst. Aref war für eine Anlehnung an Nassers Ägypten (evtl. sogar einen Anschluss an die Ägyptisch-Syrische Vereinigung), wurde von der Baath unterstützt. Qasim war für einen irakischen Einzelweg, hatte seine Unterstützer in der NDP. Noch 1958 entliess Premier Qasim seinen Innenminister Aref.

Unter Qasim hat eine irakische Regierung erstmals ausländische Vorrechte auf das irakische Öl in Frage gestellt – wie im Iran Mossadegh ein paar Jahre früher. Er verstaatlichte jedoch die IPC nicht – man hatte die Folgen eines solchen Schritts im Iran vor Augen, wo der Westen das Öl aus diesem Land nach diesem Schritt boykottiert und dann die Regierung gestürzt hat. Hinzu kam, dass die Briten Iraker in der Erdöl-Verarbeitung kaum ausgebildet hatten, es kaum Leute mit dem nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gab. Und Qasim brauchte die Öl-Einnahmen, schon allein um nicht einen Machtkampf mit Unzufriedenen, v.a. im Militär, hervorzurufen. So begnügte er sich mit Maßnahmen wie der Verstaatlichung des meisten Grundbesitzes der IPC, Verhandlungen über Vertragsänderungen, der Erhöhung der Transit-Gebühren – was die IPC umging, indem sie das Öl auf anderen Wegen ausser Land brachte.

1959 gab es bereits massive Unruhe im Irak. Die Baath, durch die Ausschaltung Arefs an den Rand gedrängt, versuchte ein Attentat auf den Premier; beteiligt war ein junger Aktivist namens Saddam Hussein. Demonstrationen erzwangen die Aufnahme der CPI in die Regierung (M. Ali wurde Justizminister). Teile der Armee waren gegen Qasim. Die Kurden-Politiker waren unzufrieden, weil Autonomie-Zusagen für ihre Region (im Norden bzw. Nordosten) nicht umgesetzt wurden. Die Schiiten, politisch traditionell von ihrem Klerus “geführt” (wie damals von S.M. al Hakim), erwarteten sich nun von der Regierung eine Umgestaltung des Landes in ihrem Sinn. Für die USA war die neue Regierung spätestens mit dem Austritt aus dem CENTO-Pakt und dem selbstbewussteren Auftreten hinsichtlich ihres Erdöls eine “Gefahr” geworden. Und dann noch ein Justizminister von der kommunistischen Partei…

So kam es, wie auch im Kongo unter Lumumba oder in Guatemala unter Arbenz: Eine selbstbewusste Politik führte zu einer Isolierung, was das Land fast zwangsläufig in die Nähe zur Sowjetunion führte (auch wenn diese Nähe nur in Form des Imports von ein paar Lastwägen oder alten Gewehren bestand), und damit war das Schicksal des Versuchs einer anderen Politik besiegelt. Ein Schritt ist dann jener, sich Verbündete (bzw. Handlanger für seine Intrigen) zu suchen unter den mit der Politik im Land Unzufriedenen, ob sie Tschombe heissen oder Armas oder Rikabi, wie der damalige Chef der Baath. Dass ausgerechnet unter dem kurden-freundlichsten Herrscher im Irak, der selbst kurdischer Herkunft war, Kurden-Aufstände ausbrachen (1961), ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass das Militär nun zur Bekämpfung der eigenen Bevölkerung eingesetzt wurde, nutzte den Gegnern von Qasim in mehrere Hinsicht: Das Land war gespalten, das Militär dort gebunden aber auch ständig mobilisiert, was sich beim von Qasim geführten Putsch 1958 ja ausnutzen hatte lassen. Und, zwischen Qasim und der CPI, die gegen ein militärisches Vorgehen gegen den Aufstand war, brach ein Streit aus.

Qasim als irakischer Nationalist meldete Ansprüche auf einen Gross-Irak an, womit er sich im Ausland auch Feinde machte (als ob er im Inneren nicht schon genug gehabt hätte). Zum einen beanspruchte er das eben unabhängig gewordene Kuwait; gegenüber dem Iran stellte er den Grenzverlauf im Süden in Frage und erhob Ansprüche auf die teilweise arabisch besiedelte Provinz Khusestan; schliesslich sah er auch irakische Ansprüche auf Teile der saudischen Provinz al Hasa, die zeitweise unter osmanischer Herrschaft gestanden war und zum Vilayet Basra gehört hatte. Der iranische Schah unterstützte wegen Qasims Ansprüchen den kurdischen Aufstand im Nord-Irak (das religiös ausgerichtete Regime nach dem Schah hat immer die Schiiten im Süd-Irak als “Ansprechpartner” des Iran im Irak gesehen, aus iranisch-nationalistischer Perspektive sind das dagegen die Kurden, deren Sprachen Sorani und Kurmanji zu den iranischen Sprachen gehören).

1963 war die Regierung unter Qasim von mehreren Seiten bedrängt und ein grosser Teil des Heeres im Norden im Kampf gegen Kurden engagiert. Im Februar dieses Jahres nutzen das Armee-Einheiten, die der Baath-Partei nahe standen, unter der Führung von Ahmed H. al Bakr und Abdulsalam Aref. Es kam in Bagdad zu Kämpfen zwischen Einheiten, die loyal zur Regierung waren und jenen, die zu den Aufständischen gehörten. Abdelkarim Qasim wurde im Verteidigungsministerium erschossen. Unterstützt wurde der Militärputsch von den Regierungen der USA (J. F. Kennedy) und GB. CIA und MI6 stellten den Putschisten etwa Listen von Kommunisten zur Verfügung. In den Tagen nach dem Putsch wurden tausende tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten getötet, darunter der Generalsekretär der Partei, Radhi.

Die Opfer der Kämpfe mit eingerechnet, dürfte es bis in diesen Tagen bis zu 5000 Todesopfer gegeben haben. Vielleicht ist der Beginn der irakischen Tragödie hier anzusetzen, im Scheitern Qasims. Regime wie das von Qasim wurden vom Westen gestürzt, solche wie das saudische seit Jahrzehnten gestützt. Militärs hatten im Irak nach dem Putsch weiter das Sagen, Aref, der parteiungebundene Panarabist und Nasserist, wurde Staatspräsident, der Baath-Mann Bakr Ministerpräsident und Vizepräsident. Das neue Regime kam mit den kurdischen Führern Mustafa Barzani und Jalal Talabani zu einem Waffenstillstand.

Baath-Aktivisten wie Rikabi und Hussein waren nach dem Attentatsversuch gegen Qasim 1959 ins benachbarte Syrien geflohen, wo ihre Schwesterpartei viel älter und stärker war. Deren Gründer und Chef Michel Aflak, ein griechisch-orthodoxer Christ, unterstützte die Absetzung Rikabis, eines (schiitischen) Nasseristen, und hievte seine Anhänger, darunter Hussein, in Führungspositionen der irakischen Baath. Saddam Hussein selbst kehrte nach dem Putsch 1963 in den Irak zurück, soll dort an Morden an politischen Gegnern der neuen Regierung teilgenommen haben.

In Syrien übernahm die Baath einen Monat später gewaltsam die Macht, auch mit Teilen des Militärs. Im Irak entzweiten sich Aref und die Baath nur wenige Monate nach dem Umsturz, der Präsident schaltete die Partei, die weiter in schwere Fraktionskämpfe verstrickt war, weitgehend aus. Unter Aref kam der Irak Ägypten unter Nasser so nahe, dass gemeinsame staatliche Institutionen geschaffen wurden und eine Vereinigung erwogen wurde. Aref gründete eine irakische Schwesterpartei der ägyptischen Staatspartei Arabisch-Sozialistische Union, die er auch im Irak mit einem Machtmonopol ausstatten wollte. Führende Leute der ASU waren der Ex-Baath-Führer Rikabi und Arefs Premiers wie Yahya.

Nachdem Premier Razzaq Präsident Aref stürzen wollte, wurde Bazzaz Premier, der erste Zivilist seit 1958. Im Jahr darauf kam Aref bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben. Als Ursache wird Sabotage von baathistischen Elementen im Militär vermutet. Arefs Bruder Abdul-Rahman, ebenfalls ein Militär, der an den Umstürzen 1958 und 1963 teilgenommen hatte, und auch ein Nasserist, wurde sein Nachfolger. Razzaq versuchte auch diesen Aref zu stürzen. Dies gelang 1968 der Baath, unblutig, mit Hilfe von ihr kontrollierten oder mit ihr sympathisierenden MIlitär-Einheiten. Aref durfte ins Exil und kehrte unter Hussein sogar wieder zurück. Ahmed al Bakr wurde neuer Machthaber, Präsident und Premier, nun war die Baath endlich alleiniger Herrscher, kontrollierte den Staat, “säuberte” ihn. Dabei spielte auch Bakrs Cousin Saddam Hussein (wie dieser aus Tikrit) wieder eine Rolle. Hussein wurde die Nummer 2 im Staat, u.a. als Vizechef im Revolutionären Kommandorat (auch hinter Bakr), ab 1969 auch als Vizepräsident.

Die Wirtschaft des Irak war seit langem vom Erdöl dominiert, das Land hat die weltweit drittgrössten Reserven nach Saudi-Arabien und Iran (das Land hat daneben grosse Phosphat-, Schwefel-, Wasservorkommen). Nach Qasims Versuch einer gerechteren Betiligung der Iraker an ihren Ressourcen war die IPC die 1960er hindurch Gegenstand von Agitation der beiden Folgeregime. Durch ein Abkommen mit der Sowjetunion 1969 hatte der Irak eine Art Druckmittel gegenüber den Eigentümern der IPC und verlangte zunächst 20% der Anteile und mehr Kontrolle.

Die IPC versuchte eine Befriedung durch kleinere Zugeständnisse. 1970 erneuerte die Regierung ihre Forderungen, stellte ihr 1972 ein Ultimatum. Da die IPC wieder nur eine Kompromisslösung anbot, wurde sie im Juni 1972 verstaatlicht und in die Iraq National Oil Company übergeführt; 1973 auch die Tochterfirmen. Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Öl-Verstaatlichung kam wieder nur der dünnen Herrscher-Schicht zu Gute. Der Irak hatte sich vom Westen so weit entfernt wie noch nie seit seiner Unabhängigkeit. Er versuchte nach Nassers Tod auch, eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu erringen, v.a. gegen die konservativen Monarchien wie Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko.

1970 kam eine Verfassung, die mit Modifikationen bis 2003 in Kraft blieb, der “Revolutionäre Kommandorat” war das wichtigste Organ im Staat. Der Bürgerkrieg mit den Kurden wurde wieder aufgenommen, die kurdische Seite wurde zeitweise von Israel unterstützt, im Rahmen von deren Strategie, sich Verbündete in der Region zu suchen, und weil der Konflikt einen grossen Teil der irakischen Armee ständig “band”. Die beiden wichtigsten politischen Lager der irakischen Kurden waren und sind die von den Barzanis geführte Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK; bzw. Kurdistan Democratic Party, KDP) und die Yekêtiy Niştîmaniy Kurdistan (یەکێتیی نیشتمانیی کوردستان;, Patriotic Union of Kurdistan, PUK) unter Jalal Talabani (Staatspräsident 2005-2014).

Das Verhältnis zum Iran verschlechterte sich unter dem Baath-Regime weiter. Schah Mohammed R. Pahlevi unterstützte die irakischen Kurden im Bürgerkrieg, der 1974 trotz eines Autonomieabkommens wieder aufflammte, wurde von der USA gegen Irak unterstützt, dazu kamen die alten Grenzkonflikte am Schatt el Arab. 1975 schlossen der iranische Schah und der irakische Vize-Staatschef Hussein in Algerien aber ein Abkommen ab, dass das Ende der iranischen Unterstützung für die Kurden festschrieb, gegen Zugeständnisse des Iraks an der Südgrenze. Der Aufstand der Kurden bzw. der Bürgerkrieg kam damit zu einem Ende. Das Verhältnis der Nachbarstaaten normalisierte sich infolge soweit, dass der in seinem Land in Bedrängnis geratene Schah 1978 von der irakischen Regierung die Ausweisung des Schiiten-Führers Khomeini, der sich in Najaf niedergelassen hatte, verlangen konnte. Die Iraker kamen dem gerne nach, hatte es doch 1977 in Najaf einen Schiiten-Aufstand gegeben, organisiert hauptsächlich von der Dawa-Partei, die auch zu Khomeini Verbindungen hatte

Die kommunistische CPI wurde 1973 in die Regierung aufgenommen, 1978 eliminiert. Dies bedeutete, dass die Staats- und die (Baath-)Parteiführung nun eins waren, und eine Abkehr von der Sowjetunion, mit der das Baath-Regime einige Jahre eng (wirtschaftlich, technologisch, militärisch) zusammengearbeitet hatte. Frankreich wurde dadurch ein noch wichtigerer Verbündeter, v.a. unter Premier Chirac. Reste der KP taten sich im Norden mit den Kurden zusammen.

* Die Ära Saddam Husseins

Saddam Hussein löste 1979 seinen Ziehvater al Bakr an der Staats- und Parteispitze ab, vermutlich mit Zwang, er war die Jahre davor schon der stärkere gewesen. Die erste “Säuberungs”welle fand innerhalb der Baath statt, bei einer Konferenz bald nach seinem Machtantritt. Funktionäre, die mit Syriens Baath-Machthaber Hafez al Assad gegen Hussein konspiriert haben sollen, wurden angeprangert und abgeführt, ein Teil exekutiert, der andere eingesperrt. Hussein, der nie in der irakischen Armee und anscheinend nicht einmal in der Baath-Parteimiliz “Volksarmee” aktiv gewesen war, trat meist in Uniform auf, nahm militärische Ränge an, stützte sich auf die Macht des Militärs. 1980 wurde erstmals seit 1968 ein Parlament gewählt, die erste von mehreren Scheinwahlen unter dem Regime (das waren sie nicht nur, weil die Entscheidungen woanders gefällt wurden).

Unter der Baath wurden sunnitische Araber im Irak privilegiert wie seit den Haschemiten nicht mehr. Schiiten und Kurden hatten nicht einmal dann eine Chance, wenn sie sich der Baath anschliessen wollten. Ausnahmen wie der Kurde T. Y. Ramadan, der Vizepräsident wurde, bestätigen die Regel. Die Revolution im Iran 1979, die zu einem schiitisch-fundamentalistischen Regime führte, machte die Situation der irakischen Schiiten noch schwieriger, besonders nach Beginn des Krieges zwischen den Ländern, da sie nun permanent der Kollaboration jeglicher Art mit den Iranern verdächtigt wurden.

Khomeini verschärfte das, indem er die Schiiten im Irak zum Sturz des Baath-Regimes aufrief. Die Dawa wurde 1980 verboten, ihr Führer, der Geistliche Mohammed Baqir Sadr, vom Regime hingerichtet, iranisch-stämmige Schiiten wurden aus dem Irak in den Iran ausgewiesen. Schiiten hatten durch den Ausschluss von Mitbestimmung und das Verbot ihrer säkularen wie religiösen Parteien wieder einmal nur die Religion als Rückzugsgebiet, ihre Kleriker als Bezugs- und Führungsfiguren, wie die al Hakims. Während der Exekution Husseins 2006 sah man einige der schiitischen Wachen “Es lebe Mohammed Baqir Sadr” rufen. Verurteilt wurde Hussein u. a. für die Repressalien gegen die Bevölkerung Dujails, wo Schiiten (auch sie scheinen von der Dawa-Partei gewesen zu sein) 1982 einen Anschlag auf ihn verübten.

Einen Personenkult und einen Nepotismus wie unter Hussein hat es wahrscheinlich nicht einmal in der antiken Geschichte des Irak gegeben. Zur starken Stellung des Militärs kam eine von Geheimdiensten und Polizei hinzu. Bis zu 3 Millionen Iraker hat er töten lassen. Viele gingen nicht aus Überzeugung zur Baath sondern wegen Aufstiegschancen. Wenn man über die Baath-Herrschaft im Irak etwas positives sagen kann, dann dass sich ihre säkulare Ausrichtung auf die Gesellschaftsordnung auswirkte, etwa die Rolle der Frau. Der Islamismus hatte keine Chance, kam erst danach. Hussein vertraute ausser auf Sunniten (am liebsten aus seiner Region um Tikrit) nur auf einige Christen (zumal er ein Anhänger des syrischen Baath-Gründers Aflak war), natürlich nicht auf solche, die einen assyrischen Nationalismus vertraten oder demokratisch gesinnt waren. Tarek Aziz, als Mikhail Yuhanna geboren, ein Chaldäer, war der prominenteste Christ im Baath-Regime. 1977 stieg er in den Revolutionären Kommandorat auf, das Zentrum der Macht. Er spielte bis zum Ende des Regimes eine Rolle.

Im September 1980 versuchte das irakische Regime die Turbulenzen im Iran nach dessen Revolution zu nützen, zu einem Feldzug, um die Provinz Khusestan, die ölreich und teilweise arabisch besiedelt war, zu erobern und den Grenzverlauf am Schatt el Arab zu seinen Gunsten zu korrigieren. Den ersten Versuch zur Regelung der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und Persien an dem Fluss gab es im 17. Jh.; im 19. Jh. mischten europäische Mächte in dem Grenzstreit mit. Zwei Abkommen im frühen 20. Jh. sprachen dem Irak den Fluss in seiner ganzen Breite zu, womit Schiffe aus Abadan durch irakisches Gewässer in den Golf mussten. In Algier 1975 war der Fluss geteilt worden. Vor dem Angriff forderte Hussein u.a. die Revision dieses Vertrags. Nachdem sich der Iran gefangen hatte, startete er einen Gegenangriff, eroberte bis 1982 das verlorene Territorium zurück, der Krieg hätte zu Ende sein können.

Das Khomeini-Regime nutze aber auch die Gelegenheit, sich zu profilieren, propagierte unrealistische Kriegsziele; stand dann knapp vor Basra. Der Krieg war für beide Regime eine gute Gelegenheit zum Ausschalten von Opposition, die in Kriegszeiten leicht als “Landesverräter” angeprangert werden konnten. Hussein liess in der Zeit auch die Losung “Allah-u Akbar” in die Nationalflagge aufnehmen. Die USA und weitere westliche Staaten, die Sowjetunion und der Grossteil der arabischen Welt unterstützten in dem Krieg den Irak; der Iran bekam Unterstützung von Syrien sowie westliche, im Rahmen der Iran-Contra-Affäre, also von USA und Israel (die an einer Verlängerung des Krieges interessiert waren). Was Syrien betrifft, so sind die Beziehungen der Baath-Regime der beiden Länder mit Husseins Übernahme drastisch verschlechtert worden. Unter Bakr war eine Art Vereinigung der beiden Staaten geplant und Husseins Opposition dagegen soll einer der Gründe für die Erzwingung des Rücktritts Bakrs gewesen sein; danach hat das Assad-Regime anscheinend versucht, über Verbündete in der irakischen Baath Hussein auszubooten.

Die iranische Armee agierte mit Selbstmordangriffen, die irakische Armee griff mit Chemiewaffen/Giftgas an – das Know How und das Material für die Herstellung kam u.a. aus der BRD – , am Ende des Kriegs auch die Kurden im Nord-Irak, als Vergeltung für ihr “Fraternisieren” mit den Iranern beim Einmarsch Jahre zuvor. Das Giftgas-Massaker von Halabja 1988 (organisiert vom “Chemie Ali” al Majid, einem Hussein-Cousin) war Teil der “Anfal”-Kampagne, mit der kurdische Aufstände gegen das Regime während des Krieges unterdrückt wurden. Beiden Seiten gelang es, auf der jeweils anderen Verbündete zu bekommen: Der Iran einen Teil der unterdrückten schiitischen (die religiösen) und kurdischen Iraker, der Irak einen Teil der Araber Khusestans und die iranischen Mujahedin; Assyrer oder auch Kurden beider Länder mussten aufeinander schiessen. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten während des Kriegs den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad. Der Krieg ging 1988 mit mindestens 700 000 Toten zu Ende, die Grenzen hatten sich nicht verändert gegenübder dem Vorkriegszustand.

Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein
Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein; 1984 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten wieder aufgenommen

Noch 1989 empfing der irakische Machthaber Hussein US-amerikanische Delegationen. Im August 1990 liess er Kuwait besetzen, brach wieder mit dem Westen. Der Emir und seine Familie konnten fliehen. Die irakischen Ansprüche waren nicht neu, 1973 bereits hatte es unter Bakr einen Einmarsch in Kuwait gegeben, nach Vermittlung der Arabischen Liga zog man sich zurück. Die UN verhängte 1990 Wirtschaftssanktionen. Um die öffentliche Meinung in USA zu überzeugen heuerte die kuwaitische Regierung eine PR-Firma in USA an, die u.a. eine angebliche Krankenschwester aus Kuwait City heulend vor dem Kongress in Washington von irakischen Soldaten erzählen ließ die Babys aus Brutkästen zogen. Die USA und ihre Alliierten zogen in der Region (Saudi-Arabien, Türkei,…) Truppen zusammen.

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg dieser Allianz gegen die irakische Besetzung statt, die damit endete. Der Irak feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien (3 und 1 Toter), während USA und Verbündete seine Besatzung Kuwaits beendete. Kurden im Norden des Irak und Schiiten im Süden erhoben sich am Ende der Kämpfe, im Glauben, das Regime sei angeschlagen und westliche Truppen in der Region könnten sie beschützen. Dem war aber nicht so, die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Es wurden aber in der Folge Flugverbotszonen im Süden und Norden von der “internationalen Gemeinschaft” deklariert, die gegebenfalls von in der Region stationierten Truppen gegenüber dem irakischen Militär durchgesetzt worden wären. Das 1974 geschaffene kurdische Autonomiegebiet im Nordosten lag nun in dieser Zone, wurde nun wirklich autonom, wenn nicht semi-souverän. Seit 1992 finden dort regelmäßig Wahlen statt; 1994 brach aber Gewalt zwischen den politischen Lagern von KDP und PUK aus.

Der Irak war noch nie in seiner modernen Geschichte dermaßen zerissen, zerstört und angeschlagen wie Anfang der 1990er, nach den zwei Kriegen, den vielen Massakern an der eigenen Bevölkerung, mit der Diktatur und den Wirtschaftssanktionen (die UN startete Mitte der 1990er das Programm “Öl für Lebensmittel”, um die Folgen der Sanktionen für die Bevölkerung zu lindern). Hinzu kam 1991 eine UN-Resolution über die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen, die Inspektionen und neue Sanktionen bedeutete. Die irakische Exil-Opposition, die inzwischen ein sehr breites Spektrum von Gruppen umfasste, von der Kommunistischen Partei über Monarchisten bis zu schiitisch-religiösen Gruppen, konnte dennoch, trotz Unterstützung westlicher oder arabischer Staaten, keinen Nutzen daraus ziehen.

Manche der Gruppen vertraten Partikular-Interessen, manche, wie der Iraqi National Congress, hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Auch Mitglieder von Husseins Familie waren vor seinem Regime ins Ausland geflohen. Der Gruppe Iraqi National Accord (INA) gelang es, die irakische Armee mit Vertrauensleuten zu infiltrieren und diese einen Attentatsversuch auf den Diktator ausführen zu lassen. Die Gruppe war aber ihrerseits von irakischen Agenten infiltriert worden, so flog die Sache auf und wieder wurden Dutzende hingerichtet und Hunderte eingesperrt. Das Hussein-Regime wiederum hat anscheinend 1993 versucht, George Bush sen., mit dem es früher kollaboriert hatte, zu töten.

Ein ziviles Atomprogramm des Irak begann in den 1960ern, mit sowjetischer Hilfe; in den 1970ern ging der Staat mit Frankreich eine nukleare Zusammenarbeit ein, erwarb von ihm einen Forschungsreaktor. Der Reaktor “Osirak” (bzw. “Tammuz”) wurde im Al Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum bei Bagdad gebaut. Er sollte (das für Atomwaffen zu verwendende) Plutonium produzieren können, hätte dazu aber angereichertes Uran gebraucht. Dies scheint der Irak unter Saddam Hussein versucht haben zu bekommen. Israel, das in der Region ein nukleares Monopol beansprucht, versuchte früh, das Programm mit Sabotage (evtl. durch französische Techniker) und Morden abzuwürgen und flog 1981 dann den Bombenangriff auf den Reaktor, kurz vor dessen Fertigstellung, als der Irak im Krieg mit dem Iran steckte – der für das Regime ein ebenso grosser Feind war. Iran hatte auch Tuwaitha angegriffen, der Irak griff das in Bau befindliche AKW in Bushehr an. Der Krieg war der eine Grund, nicht auf den israelischen Angriff zu antworten, der andere war das Fehlen von entsprechenden Raketen. Nach Ende des Kriegs gegen Iran scheint das Baath-Regime unter Hussein das Atomprogramm wieder aufgenommen zu haben, wieder in Tuwaitha, in Form von Urananreicherungsanlagen.

Nach dem Kuwait-Krieg 1991 begannen die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM)-Inspektionen im Irak auf Massenvernichtungswaffen, die bis 1998 gingen und in deren Rahmen Anlagen zerstört wurden. Es ist umstritten, ob die Inspektoren abgezogen oder ausgewiesen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Irak wahrscheinlich schon seine Programme für MVW beendet. Clinton ordnete Ende 98 die Bombardierung von Zielen im Irak an, die mit der Herstellung von MVW zu tun gehabt haben sollten. Ende 2002 lud Saddam Hussein, damals schon unter beträchtlichen Druck, die UN-Waffeninspektoren in einen Brief an IAEO-Chef Hans Blix zur Rückkehr in das Land ein. Das United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission (UNMOVIC) begann mit neuen Inspektionen. Die Regierungen der USA, Grossbritanniens und einiger Verbündeter waren damals schon auf der Suche nach Kriegsrechtfertigungen, bemängelten die Zusammenarbeit der Iraker, behaupteten die Existenz von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Regimes.

Nachdem 1991 aufgeflogen war, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck bzw. das schlechtes Gewissen der Deutschen die Zusage der Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten zustande – dazu wurde eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen (die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ auf Israel abschoss) „konstruiert“, obwohl sie sich eigentlich auf Husseins C-Waffen bezogen, mit denen er iranische und irakische Zivilisten und Soldaten töten liess. Diese Waffen, die Teil der Unterstützung des Westens bei seinem Angriff auf Iran waren, waren dann mit die Rechtfertigung für den Angriff auf Irak 03…

Im Jänner 2002 erklärte USA-Präsident Bush jun. in seiner “Rede zur Lage der Nation” den Irak neben Iran und Nordkorea zur “Achse des Bösen”. Im Juli des Jahres erklärte er, mit allen Mitteln einen Machtwechsel im Irak erzwingen zu wollen. Das Ballyhoo und die Kriegsvorbereitungen liefen in den folgenden Monaten voll an. Die vorgegebenen Gründe und die tatsächlichen für den Krieg zum Sturz des Baath-Regimes unter Hussein haben wenig miteinander zu tun. Neben den Massenvernichtungswaffen des Regimes wurde etwa auch genannt, dass das Regime zwei Kriege begonnen habe – dass es in einem davon von der USA unterstützt wurde und Bushs Kriegsminister Rumsfeld dies damals persönlich einfädelte, zeigt die ganze Heuchelei. Auch das “alte Europa” hat Hussein gegen den Iran unterstützt. Bei Kuwait ging es den Amerikanern hauptsächlich ums Erdöl, was auch 2003 ein wichtiger Grund für die neokonservativen Machthaber in Washington war.

Die irakische Exil-Opposition traf sich Anfang 2003 im kurdischen Autonomiegebiet im Nord-Irak. Die Grossmächte und auch die Öffentlichkeit im Westen waren bezüglich des Kriegs tief gespalten. Man schrieb die frühen Jahre von Islamkrise und Islamophobie, Ex-Linke wie Enzensberger in Deutschland gewannen einem Weltpolizisten USA plötzlich etwas ab, (Ex-?) Rechte wie Gauweiler überraschten als Kriegsskeptiker. Ob die Iraker durch den Krieg befreit (Bush sprach davon, den Irakern “Gottes Geschenk der Freiheit” zu bringen) oder unterworfen werden würden, dazwischen oszillierten die Bekundungen der Kriegsbefürworter… Viele regimegegnerische Iraker im In- und Ausland waren zerrissen zwischen dem Wunsch, dass endlich Diktatur und Gewalt vorbei sein würden, und Zweifeln an den westlichen Motiven und Absichten.

Im März 03 waren die UN- Inspektoren unter Blix noch mitten in ihrer Arbeit, hatten keine Massenvernichtungswaffen entdeckt, hatte Boden-Boden-Raketen zerstört. Bush und Blair behaupteten bezüglich MVW anderes und dass Diplomatie versagt hätte; die beiden Regierungen hatten versucht, ein UN-Mandat für den Krieg zu bekommen. Die „Koalition der Willigen“ aus etwa 50 Staaten (auch die Mongolen, deren Vorfahren bei ihren Invasionen im Spät-Mittelalter einst zwei Drittel der Bevölkerung des Zwischenstromlandes massakrierten, waren dabei) begann den Krieg mit Bombardements, dann kam der Bodeneinmarsch über Kuwait.

Hussein und seine Getreuen tauchten unter anstatt das Land zu verlassen, wie es Bushs Ultimatum verlangt hätte. Am 9. April wurde Bagdad eingenommen, das Baath-Regime kollabierte, in den Tagen danach nahmen kurdische Iraker mit Amerikanern Kirkuk und Mossul ein, dann Tikrit, der Krieg war beendet. 6000 Menschen waren ums Leben gekommen, die Hälfte davon irakische Zivilisten. Während des Einmarsches in Bagdad wurde das Irak (National) Museum teilweise geplündert; als ob sich ein Kreis schliessen würde, war auch eine Alabaster-Vase aus Uruk dabei, mit einer Darstellung der Göttin Inanna, 5000 Jahre alt, aus sumerischer Zeit, vom Beginn der Zivilisation in diesem Land. Die Vase wurde einige Monate später, während einer Amnestie-Phase für Plünderer des Museums, zurückgegeben.

* Der jetzige Irak

Unter dem Kommandeur des Kriegs, Franks, vom Central Command der USA-Streitkräfte, entstand eine Militärverwaltung über den Irak; daneben eine Zivilverwaltung unter Garner. Diese beiden wurden bald durch Abizaid (libanesischer Herkunft) und Paul Bremer abgelöst. MVW wurden übrigens keine gefunden. Ein Teil der Führungsriege des gestürzten Regimes, wie Ramadan, al Majid (der “Chemie Ali”), Aziz wurde gefunden, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Saddam Hussein wurde Ende 03 in einem Erdloch im sunnitischen Dreieck gefunden.

Politische Gefangene wurden freigelassen, bislang verbotene Parteien konnten sich wieder betätigen (der Chef der CPI, Moussa, war gegen den Krieg gewesen, arbeitete dann in den neuen Institutionen mit), manche Exil-Iraker kehrten zurück. Öl-Konzession gingen an die Ex-Firma von USA-Vizepräsident Cheney, Halliburton. US-Zivilgouverneur Bremer liess staatliche Institutionen wie das Heer auflösen, auch die Baath-Partei, diplomatische Vertretungen im Ausland wurden nicht mehr anerkannt. Alle Mitglieder der Baath-Partei mussten ihre Posten in Staat und Verwaltung räumen, die meisten von ihnen Sunniten, angeblich hat Bremer diese „Entbaathifizierung“ ohne Rücksprache mit Bush durchgeführt.

Nachhutgefechte der Streitkräfte des untergegangenen Regimes (bei einem solchen wurden Husseins Söhne bald nach Kriegsende getötet) gingen über in Widerstand gegen die sich etablierende Nachkriegsordnung, die Besatzung unter der Führung der USA, und war meist eine Form von Terror. Anschläge wurden nicht nur auf auf militärische Einrichtungen der Besatzer verübt (nach dem Krieg wurden mehr USA-Soldaten getötet als währenddessen), sondern auch auf Iraker, die mit ihnen zusammenarbeiteten oder sich an der Neugestaltung des Irak beteiligen wollten, auch einfach nur auf Schiiten, Kurden oder Assyrer. Der Terror wird zum einen von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee, ehemaligen Baath-Funktionären oder Staatsbeamten, Anhängern von Hussein, verübt oder unterstützt. Aus dieser Masse der Angehörigen oder Anhänger des alten Regimes wurde die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde) geformt. Vor allem über das gemeinsame Gefühl, dass Sunniten die Verlierer des Krieges seien, haben sich diese Seite und sunnitische, salafistische Islamisten gefunden.

Hier ist v. a. die vom jordanischen al Qaida-Mann Sarkawi gegründete Gruppe mit verschiedenen Namen zu nennen, aus der die IS hervorging (und weiter zusammen mit den Ex-Baathisten kämpft). Auch die kurdische islamistische Ansar al-Islam (“Die Unterstützer des Islam”) kämpft auf dieser Seite um den Irak (oder gegen ihn?). Besatzungskräfte (private Militär-Unternehmen wie “Blackwater” waren fast von Beginn an dabei) sowie (meist aus Schiiten gebildete) Sicherheitskräfte des neuen Staates verübten aber auch zahlreiche Gewaltakte an Angehörigen aller Volksgruppen. Schiitischer Widerstand gegen die Besatzung kam v.a. von der “Mahdi-Armee” des Sohnes des unter Hussein getöteten Geistlichen al Sadr, Muqtada – da er weniger als etwa die Dawa auf schiitische Dominanz aus ist, sucht er auch keine ausländische Hilfe zu ihrer Absicherung. Bei Anschlägen in der frühen Zeit der Besatzung wurden der UN-Hochkommissar für Menschenrechte De Mello, der liberale schiitische Theologe Khoi, 03 und 04 zwei Regierungsratsmitglieder, Ajatollah M. B. al Hakim von der SCIRI beim Anschlag auf die Moschee in Najaf oder Vize-Aussenminister Kubba getötet.

Bald nach dem Krieg setzten die Besatzer eine Regierung (ohne Chef, ohne Verteidigungsminister, mit einem Ölminister mit eingeschränkten Kompetenzen,…) und einen Regierungsrat (mit rotierendem Vorsitz, vertreten waren alle wichtigen Parteien wie die KDP mit Massud Barzani, der Iraqi National Congress unter Ahmed Chalabi, die CPI mit H. Moussa oder das SCIRI unter A. al Hakim, Arefs Aussenminister Pachachi, Vertreter der Zivilgesellschaft wie der sunnitische Stammesfüher al Yawar, …) ein. Die Gremien bekamen Anerkennung durch die Arabische Liga – und von der iranischen Regierung. Gegenüber den Besatzungsmächten rangen sie um eine Verfassung und die Machtübergabe. 2004 wurden Regierung und Regierungsrat aufgelöst, eine neue Übergangsregierung mit dem Sunniten al Yawar als Präsident (und zwei Stellvertretern aus den andern zwei grossen Volksgruppen; in den Präsidien von Ministerrat und Parlament entsprechend) und dem Schiiten Allawi als Premier (der Kurde Zabari von der KDP blieb Aussenminister) ernannt.

Am 30. Juni dieses Jahres wurde offiziell die Souveränität übertragen, amerikanische Zivil- und Militärverwalter traten ab, es blieben 160 000 ausländische Soldaten im Land, v.a. US-Amerikaner (unter George Casey); die spanische Soldaten etwa waren nach dem Regierungswechsel von Aznar zu Zapatero abgezogen worden, Briten blieben bis 09 im Süden, Island hatte genau einen Mann gestellt und dann abgezogen. Daneben gabs die USA-Botschaft unter Negroponte mit 4000 Mitarbeitern in der hoch gesicherten “grünen Zone” Bagdads. Eingesetzt wurde auch ein Nationalrat, ein Übergangs-Parlament, dem auch der haschemitische Thron-Prätendent Ali bin al Hussein angehörte. Es trat eine Übergangsverfassung in Kraft, für Jänner 05 wurden Wahlen angesetzt. Unter amerikanischer Anleitung wurde eine neue Armee aufgebaut.

Die Gewalt war nahe beim Bürgerkrieg, überschritt diese Schwelle dann irgendwann. Der Irak kam wieder nicht zu Ruhe. Sunnitische Araber, jahrhundertelang die herrschende Bevölkerungsgruppe, fühlen sich nun von den Schiiten an den Rand gedrängt, sind zu einem gewissen Grad führungslos. Nach der Wahl 05 wurde aus Widerstand/Terror gegen die Besatzer einer gegen die schiitischen Herrscher bzw. ein innerer Konflikt – der aber in einem hohen Maß von aussen beeinflusst wurde. Vor dem IS-Vormarsch war der Höhepunkt des bürgerkriegsartigen Konfliktes 2006/2007 mit Tausenden Toten durch Anschläge erreicht. 2005 starben beinahe 1000 Menschen bei einer Massenpanik bei einer schiitischen Prozession in Bagdad, als sich das Gerücht eines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordanschlags herumsprach. Angehörige von Militär und Polizei, die neu aufgebaut wurden, leben gefährdet und werden unregelmäßig bezahlt. In manchen Provinzen sorgen von Stammesführern befehligte Bürgerwehren für die Sicherheit ihrer Leute.

Neben Schiiten sind, in einem geringeren Maß, auch Christen von Anschlägen betroffen (s.u.); Kurden durch ihr geschlossenes Siedlungsgebiet weniger. 07 verübten Extremisten auch einen Angriff auf das Parlament in Bagdads grüner Zone, ein Abgeordneter wurde getötet. Auch Entführungen von “Westlern” (z.T. Söldner) gibt es. USA-Truppen und einige Verbündete starteten Ende 04 in Fallujah (im äussersten Osten der Provinz Anbar) eine Militäroffensive gegen die Aufständischen, ihr Führer Sarkawi entwischte aber; er wurde 06 bei einem US-Luftangriff getötet. Er hat anscheinend in Abstimmung mit “al Qaida”-Chef Bin Laden agiert. Bin Laden, der Salafist, war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Der von Amerikanern und Schiiten “beherrschte” Irak wurde für seinesgleichen ein Terrorziel von höchster Bedeutung. Nach Sarkawi wirkte ein gebürtiger Ägypter mit verschiedenen Namen wie “al Muhajir” oder “al Masri” als sein Nachfolger, dieser wurde 2010 getötet.

Manche sagen, dass es unter Hussein besser war. Damals konnte es einem zwar passieren, von dessen Agenten irgendwann irgendwo abgeholt zu werden, mit sehr ungewissem Ziel, aber wenigstens nicht, durch Bomben zerfetzt zu werden, ausser in den meist vom Regime losgetretenen Kriegen. Bagdad ist heute weitgehend ethnisch gesäubert: Sunniten leben westlich des Tigris, Schiiten östlich davon, dazwischen wird eine Art Mauer gebaut (was es auch in Belfast gibt). Viele denken an Auswanderung, manche schicken ihre Angehörigen ins Ausland, bleiben selber (noch). Der linke Historiker und Autor Kanan Makiya, Schiit, in der Exil-Opposition aktiv (INC), ein starker Befürworter des Kriegs, kehrte in dessen Folge zurück, wurde sogar Berater der Nachkriegsregierung; er ging 06, vor dem Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände, wieder in die USA. Die irakische Diaspora zählt mittlerweile umd die 4 Millionen Personen, Schwerpunkt ist Grossbritannien. Die weltbekannte Architektin Zaha Hadid zählt dazu, der nestorianische Patriarch in der USA, oder Samir Jamal-Aldin in der Schweiz (Macher des Films “Forget Bagdad”).

Gefangene Iraker wurden im Gefängnis in Abu Grayib vom amerikanischen Wachpersonal (Militär und CIA) gefoltert und misshandelt, wie bekannt wurde; im selben Gefängnis, in dem auch Hussein foltern liess. Der Anwalt eines der dafür Angeklagten im Prozess in USA dann: sein Mandant habe nur Befehle ausgeführt und es sei nichts dabei, Gefangene auszuziehen, Pyramiden bilden zu lassen und wie Hunde an der Leine zu halten, “überall in den USA bilden die Cheerleader Pyramiden”. “Wikileaks” veröffentlichte ein Video, das den Angriff von einem amerikanischen Hubschrauber (von diesem aus selbst gefilmt) auf Reporter und Zivilisten 07 zeigt, auch auf Fliehende und Helfer wurde geschossen, zu den Toten und Verletzten (auch Kindern) gab es zynische Kommentare der Soldaten. Oder die Massaker in Haditha 05, in Mahmudiya 06,…  Anscheinend gab/gibt es Tote auch durch missverstandene Handzeichen bei Strassen-Kontrollpunkten: Eine offene Handfläche wird häufig, kulturbedingt, als “Komm” statt “Stop” verstanden, Soldaten reagieren mit Beschuss.

Im Jänner 05 wurde also das Parlament gewählt (auch Provinzen und Gemeinden), die freieste Wahl in der Geschichte des Landes, wenn die Macht vom Parlament und der zu bildenden Regierung freilich noch eingeschränkt sein würde. Sunniten boykottierten die Wahl teilweise, am Wahltag gab es ca. 40 Tote bei Anschlägen. Die Vereinigte Irakische Allianz (UIA; aus den schiitischen Parteien SCIRI, Dawa, INC,…; Sistani-nahe) unter al Hakim, Jafari, Chalabi gewann, vor der Kurdischen Allianz aus KDP und PUK, dann kam die säkulare Irakische Liste unter Allawis INA, dann die sunnitische “Iraker” von Präsident Yawar, die Turkmenische Front, eine kommunistische Allianz, eine Sadr-nahes Bündnis,… Die monarchistische ICM schaffte es etwa nicht ins Parlament. Der Sunnit Hassani wurde Parlamentspräsident (er war von seiner Irakischen Islamischen Partei ausgeschlossen worden, weil er nach der Fallujah-Offensive in der Übergangsregierung geblieben war), der Kurde Jalabani Staatspräsident (Yawar einer seiner zwei Stellvertreter). Jafari von der Dawa wurde Ministerpräsident, zugleich Verteidigungsminister, löste Allawi ab, Zabari blieb Aussenminister, Ölminister wurde Chalabi.

Unter Jafari wurden die Beziehungen zum Iran verbessert. Eine neue Verfassung wurde in dem Jahr in einem Referendum angenommen, deshalb gab es Ende 05 eine Neuwahl: Sie brachte wieder einen Sieg der UIA vor der Kurdischen Allianz, dritter wurde die sunnitische Irakische Eintrachtsfront (IAF) mit der Irakischen Islamischen Partei u.a., dann die INL von Allawi. Nuri al Maliki, vom CIA damals als unabhängig vom Iran eingestuft, löste infolge der Wahl seinen Dawa-Parteikollegen Jafari als Premier ab, eine breite Koalition kam zustande, aus allen grösseren Parteien; Sharistani (UIA) wurde neuer Ölminister. Die sadristischen (Risalyun-Partei) und sunnitischen (Eintrachtsfront) Gruppen und der Block um Allawi (INL) zogen sich aber schon nach wenigen Monaten aus der Regierung zurück, die aber immer noch die wichtigsten schiitischen und kurdischen Parteien umfasste.

Maliki baute die unter seinem Vorgänger begonnenen Beziehungen zum Iran weiter aus und parallel dazu eine Vorherrschaft der Schiiten über die anderen Volksgruppen, als könne er die Benachteiligungen von Jahrhunderten nachholen. Ein Konzept, dass die innere Polarisierung und die Gewalt weiter verstärkt hat. Der von den Neocons forcierte Regierungswechsel kam also paradoxerweise den Mullahs entgegen. Und dann suchte auch der engste USA-Verbündete unter den Exilpolitikern vor dem Krieg, Chalabi, die Nähe Teherans, nachdem er sich mit den USA zerkracht hatte.

In den Vorstellungen von Neokonservativen (auch deutschen) sollte durch den Krieg der Irak ein Instrument westlicher Machtausübung in der Region werden, vollzogen durch eine gefügige politische Klasse. Da es den Amerikanern darum ging, die Karten im Irak neu zu mischen, entstand unter ihrer Besatzung ein pluralistisches politisches System, wie es ansatzweise zuletzt unter Premier Qasim existiert hatte, den sie mitgeholfen hatten, zu stürzen. Dadurch führte kein Weg zur Macht an den Schiiten vorbei, die ungefähr 60% der Bevölkerung ausmachen. Ein Teil der schiitischen bzw. schiitisch dominierten Parteien steht für ein gesamtirakisches Konzept, andere für eine Vorherrschaft über andere, für manche ist schiitische Machtausübung mit einer starken Rolle der Religion und damit Zuständen wie im Iran seit Anfang der 1980er verbunden.

Die meisten irakischen Schiiten wollen keinen “Gottesstaat” (mit Verschleierungsvorschriften für Frauen), wie auch die Iraner nicht. Zum ersten Mal seit der Buyiden-Zeit waren Schiiten in ihrem Ursprungsland Irak wieder “am Ruder”. Die Schiiten waren politische Verbündete der amerikanischen Besatzer (im Gegensatz zu den meisten Sunniten sahen sie diese als Befreier), auch Maliki lange Zeit, und gleichzeitig Verbündete des Nachbarn Islamische Republik Iran (die manche Neocons gerne als nächstes angreifen würden). Als der Schatt el Arab-Grenzstreit zwischen Irak und Iran wieder auflebte, wurde er durch die Nähe der beiden Regierungen dieser Zeit schnell beigelegt. Der Iran wurde durch den politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak zur Regionalmacht. Nun konnte er eine Achse bilden, mit Syrien (wo das Baath-Regime von einer „schiitischen Sekte“ getragen war, den Alawiten), der Hisbollah und der pro-syrischen “8. März”-Allianz im Libanon und schiitischen Minderheiten in Golfstaaten oder Afghanistan. Auf der Gegenseite steht die von Saudi-Arabien geführte mehr oder weniger prowestliche sunnitische Achse; die Hamas in Palästina dürfte inzwischen eher zu ihr gehören.

Die iranischen Volks-Mujahedin kämpften einst gegen den Schah, dann gegen Khomeini, auch an der Seite Saddam Husseins, dann gingen sie mit den Neocons ein Bündnis ein. Ausser im Westen haben sie noch immer im Irak einen Stützpunkt, wo ihnen Hussein 1986 in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad das Militärlager Aschraf zur Verfügung gestellt hat. Nach seinem Sturz bekamen sie vom USA-Militär gewissen Schutz, irakische Regierungen ab Jafari würden das Lager (in dem 3 500 Angehörige der Volksmujahedin und ihre Familie leben) am liebsten schliessen. Es gab mehrere Überfälle von schiitischen Extremisten bzw. der irakischen Armee.

2010 gab es die nächste Wahl, es gab neue Allianzen, die ethnisch und konfessionell etwas gemischter waren, es gab Manipulationsvorwürfe und Gewalt, Sieger wurde die Al Iraqiya bzw. Irakische Nationalbewegung, mit Allawis INA, sunnitischen Listen wie Hashimis Erneuerunsgliste, Mutlaqs Dialogfront, Pachachis Liste und Yawars “Iraker”, vor der Rechtsstaat-Koalition aus Dawa (Maliki) und kleineren v.a. schiitischen wie Shahristanis Unabhängigkeits-Block, dann die Irakische Nationalallianz (UIA, ohne Dawa; mit ISCI, die früher SCIRI hiess, wozu irakische Hisbollah oder Badr gehören, Chalabis INC, Fadhilah, Jafaris Abspaltung von Dawa, die Sadr-Bewegung), der kurdischen Allianz aus KDP, PUK und kleineren, dann die kurdische Gorran, 2 sunnitische (darunter Tawafuq) und 2 kurdische islamische Allianzen. Zwei Blöcke lagen gleich auf, beide waren gemischt, jener unter Maliki war pro-iranischer, jener unter Allawi orientierte sich mehr an arabischen Staaten und USA. Nach langen Parteienverhandlungen wurde eine Koalitionsregierung aus Iraqiya, Rechtsstaat, Nationalallianz, Kurdischer Allianz und kleineren gebildet, Maliki blieb Premier.

Christen sind ein Verlierer des Regimewechsels, nicht wegen den schiitisch dominierten Regierungen, sondern der Gewalt von sunnitischen Gruppen dagegen, die alle Nicht-Sunniten (und zum Teil auch sunnitische Kurden!) als Feind betrachten. Der chaldäische Bischof Paulus Faraj Raho wurde etwa 2008 in Mossul entführt und ermordet, es gab einige Angriffe auf Kirchen. Das Nineveh-Gebiet bei Mossul im Nordwesten ist der Siedlungs-Schwerpunkt der Nestorianer, die Chaldäer sind stärker in die irakische Gesellschaft integriert, was sich schon an ihrem Siedlungsgebiet zeigt, das über das ganze Land verteilt ist, wobei Bagdad ein Schwerpunkt ist. Neben den beiden assyrischen/ostsyrischen/diophysitischen Gruppen gibt es im Irak kleinere Gruppen der westsyrischen Jakobiten und Syrisch-Katholischen sowie Armenier. Ein chaldäischer Bischof hat sich dagegen ausgesprochen, eine christliche autonome Zone im Irak zu schaffen. Eine solche würde ein Ghetto darstellen und ein leichtes Ziel für Angriffe sein.

Die Radikalisierung bzw. Islamisierung käme von aussen ins Land. Die Assyrer werden seit dem Regimewechsel 03 im Parlament (bzw. seinem Vorläufer) vom Assyrian Democratic Movement, aramäisch Zowaa Demoqrataya Atoraya (abgekürzt zu ADM oder Zowaa) unter Yonadam Kanna vertreten, bei Wahlen tritt die ADM meist als Rafidain-Liste2 an (bei der Parlamentswahl 14 gab es erstmals Festmandate für Minderheiten). Der Chaldäer Tarek Aziz, ein hochrangiger Funktionär im Baath-Regime, war nach dem Krieg 03 zu Tode verurteilt worden, das Urteil wurde bislang nicht vollstreckt. Es ist scheinheilig, wenn seine Verurteilung mit seinem Christentum in Zusammenhang gebracht wird, etwa in einer Aufforderung des Europaparlaments, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, in der gleichzeitig Besorgnis über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak geäussert wurde. In dem Urteil ging es u.a. um die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands im Anschluss an den Kuwait-Krieg 1991. Viele christliche Iraker wandern aus, gehen meist den Weg eines langen Transits in der Türkei (Istanbul), dann nach Übersee. Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat sich gegen eine Auswanderung ausgesprochen. Jene die gehen, schwächen natürlich die Zurückbleibenden. Der nestorianische Patriarch Mar Dinkha Khanania residiert seit langem in USA.

Das Konzept einer assyrischen Nation oder Nationalität geht eigentlich auf das 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auf westliche Einflüsse zurück. Der 1. Weltkrieg brachte für dieses unter den Betreffenden selbst grösseren Zuspruch, durch die Verfolgungen (und die Distanz zu den moslemischen Landsleuten), das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in anderen Teilen N-Mesopotamiens und Syriens verfolgten Jakobiten (die meist in das Nationalkonzept der Assyrer eingeschlossen sind, auch als “Aramäer” bezeichnet werden), das Neumischen der Karten unter westlicher Aufsicht im sterbenden Osmanischen Reich. Die Abstammung der Nestorianer und der aus ihnen hervorgegangenen Chaldäer von den antiken Völkern Mesopotamiens ist umstritten, aber jedenfalls ist ein starker Bezug auf die vorislamische Geschichte des Landes, die Früh-Antike mit den Hochkulturen und die Spät-Antike mit der Christianisierung zur Zeit der persischen Herrschaft, äusserst wichtig.

Die zwei Gruppen der mesopotamischen Christen sehen sich u.a. wegen ihrer Verwendung des Aramäischen, als Bewahrer alt-mesopotamischer, vor-islamischer Kultur. Es gibt Richtungen im “Assyrianismus”, die darauf abzielen, ihn unabhängiger von der christlichen Identität zu machen, und etwa die Mandäer im Süd-Irak, die ebenfalls die aramäische Sprache bewahren, mit einzubeziehen. Andere sehen eher die christlichen Maroniten des Libanon als “Partner”, und dieses Nationskonzept daher nicht territorial definiert. Jene, die sich auf den Irak als geopolitisch-kulturell-historische Einheit beziehen, stehen dem Konzept eines irakischen Nationalismus (wie ihn Qasim vertrat) nahe, beide stehen in Widerspruch zum Konzept des Irak als Teil einer arabischen Nation oder als islamische (was im Irak für Schiiten und Sunniten kaum ein gemeinsamer Nenner ist).

Assyrianismus kann also eine Form von irakischem Nationalismus sein aber auch eine anti-irakische Sezessionsbewegung, Beth Nahrin kann für beides stehen. Manche Nestorianer oder Chaldäer schlossen sich dem Aufstand der Kurden in den 1960ern und 1970ern gegen die Zentralregierung an, andere sehen die Kurden als ihren grössten Feind. Die Frage der Führung durch geistliche oder weltliche Führer ist ein weiterer trennender Faktor, wie auch die Aufteilung auf verschiedene Staaten, wozu auch eine wachsender Teil in der westlichen Diaspora gehört. Die Shuubiyah war im Mittelalter der Kampf nicht-arabischer Moslems gegen ihre Diskriminierung im Kalifat bzw. Umma. Als “Neo-Shuubiyah” werden die nicht-arabischen Nationalbewegungen in der arabischen Welt bezeichnet, neben dem Assyrianismus etwa der ägyptische Nationalismus, das Phöniziertum im Libanon usw., oft getragen von nicht-moslemischen Minderheiten.

Ein irakischer Nationalismus entstand gegen die osmanische und dann die britische Herrschaft, kann verschiedene Ausprägungen haben, die mesopotamische Antike spielt eine mehr oder weniger grosse Rolle. Im Gegensatz dazu steht eben ein (Pan-)Arabismus oder ein Islamismus, der aber entweder sunnitisch oder schiitisch ist. Ein Ausgleich Sunniten-Schiiten hat im irakischen Kontext in der Regel was von einem Irak-Nationalismus (der dann aber nicht säkular ist). Für Minderheiten wie Kurden, Assyrer, Turkmenen sind ihre “Teil”-Identitäten oft wichtiger als eine gesamtirakische, auch wegen ihrer nicht-arabischen identität (diese ist aber “aus-dehnbar” auf sie), sie haben auch eigene Flaggen. Ein irakischer Nationalismus schliesst oft ein Gross-Irak-Konzept mit Gebietsansprüchen (von Herrschern auch erhoben) auf Kuwait, das iranische Khusestan (über die umstrittene Schatt el Arab-Grenze hinaus), al Hasa von Saudi-Arabien, türkisches und syrisches Mesopotamien mit ein. Hussein war diesbezüglich flexibel, hat sich auf Wandmalereien auch als babylonischer Herrscher darstellen lassen, auf Kuwait und Khusestan Ansprüche erhoben (diese Länder auch angegriffen), pseudo-islamische Gesten gesetzt (wie die Aufnahme des “Allahu Akbar” in die Staatsfahne), vor allem eine Vorherrschaft der sunnitischen Araber umgesetzt.

09 zogen sich die US-Truppen (die letzte ausländische Macht) in militärische Basen zurück, Einsätze sollte es nur noch mit Erlaubnis der irakischen Regierung geben. Auch die Kontrolle der Grünen Zone am Tigris-Ufer in Bagdad haben sie an den Irak übergeben, das einstige Machtzentrum von Saddam Hussein blieb bis zuletzt auch Symbol der US-geführten Okkupation des Landes. Umstellt von bis zu fünf Meter hohen Betonmauern gleicht das Regierungsviertel nach wie vor einem Hochsicherheitstrakt. Das USA-Militär zog sich 2011, unter Obama, ganz aus Irak zurück, bleibt aber natürlich in der Region um den Persischen/Arabischen Golf und baut seine Militärpräsenz dort aus. Zum Abschluss des Abzugs überquerte ein letzter Konvoi mit 500 Soldaten die Grenze zum Nachbarland Kuwait. Der Einsatz kostete die USA insgesamt 800 Milliarden Dollar, etwa 4500 US-Soldaten und 300 andere ausländische Soldaten waren getötet worden. Zur Ruhe kam das Land auch nach dem Ende der Besatzung nicht. Seit dem Krieg vor mehr als 10 Jahren sind zehntausende Iraker durch Kämpfe und Terror getötet worden.

Vor dem IS-Terror hatte sich die Sicherheitslage etwas beruhigt, was Voraussetzung auch dafür wäre, dass der Tourismus wieder in Schwung kommt. Als Herzstück der zahlreichen antiken Stätten des Landes gelten die Überreste der Stadt Babylon (Babil). Die Restaurierung von zwei Grundstrukturen wurde vom US-Aussenministerium gefördert. Auch Städte des antiken Sumer (Shumeru/Kiengir) wie Uruk (Warka), sollen vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Stätten sind auch für viele Iraker selbst von grosser Bedeutung. Auf besondere Schwierigkeiten stossen die Archäologen bei den „Rekonstruktionen“ aus den 1980ern, unter Hussein. Diese sind haarsträubend schlecht, dienten vor allem Hussein dazu sich ein Denkmal zu setzen (er liess, in Imitation Nebukadnezars, in viele Ziegeln seinen Namen einlassen) und müssen nun wieder abgetragen bzw. zurückgebaut werden.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit dem Krieg und dem Machtwechsel 03 (die v.a. durch den Terror durch sunnitische Gruppen ausgehen) werden durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, der als weiterer Aufstand gegen eine Diktatur in einem arabischen Staat begann, verschlimmert. 2011 gab es im Irak sunnitisch dominierte Demonstrationen, die zT im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling stehen, zT ein Protest gegen die schiitisch dominierte Regierung waren. In der Regel äussert sich Protest im Irak aber anders. Die Terrormiliz ISIS/ ISIL/ IS/ DAISH, eine Nachfolgeorganisation der vom jordanischen Salafisten Sarkawi geführten Gruppe, erstarkte durch das auf Teile Syriens (in der syrischen Wüste angrenzend zu ihrer Hochburg, der grossen, sunnitischen Anbar-Provinz im West-Irak, wo die irakische Zentralregierung wenig Macht hat) erweiterte Aktionsgebiet und die Unterstützung durch einen Teil der sunnitischen Bevölkerung des Irak infolge der Eskalation des Streits zwischen der von Schiiten dominierten Regierung unter Maliki und den sunnitischen Parteien 13/14.

Dieser innere Grundkonflikt des Irak nach Saddam verschärfte sich durch die Parlamentswahl 14 mit dem Sieg von Malikis Partei bzw. Allianz. Diese Wahl gewann die schiitische Rechtsstaat-Koalition unter Maliki vor den Sadristen, ISCI (Hakim), Muttahidun (Sunniten, Nujaif), KDP, Wataniya, PUK, al Arabe,… Die offen auf schiitische Vorherrschaft angelegte Politik Malikis (mit einer auch für viele Schiiten zu engen Anlehnung an Iran) war die beste Hilfe für den Vormarsch der IS 2014. Sogar hochrangige schiitische Partikularisten wie Sistani und Sadr sind nicht einverstanden mit seiner die Sunniten ausgrenzenden Politik, die dem Extremismus den Boden bereitet. Dass der Einfluss der Schiiten nach 03 gemäß ihrem Anteil an Bevölkerung erhöht wurde, und Sunniten ihre jahrhundertealte Privilegierung verloren, ist auch für einen Teil der sunnitischen Gegner der Maliki-Politik nicht das Problem. Der frühere irakische Vizepräsident Tarek al-Haschemi, sunnitischer Nach-Baath-Politiker, von der wichtigsten sunnitischen Parteienallianz IAF (Eintrachtsfront/Tawafuq, umfasst u. a. die IIP), einer der schärfsten Kritiker von Maliki, wurde 2012 wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit zum Tod verurteilt (was die Vorwürfe ggü Maliki, wonach er immer mehr diktatorische Züge annehme, möglicherweise bestätigt), lebt im türkischen Exil, ist davon überzeugt, dass der Irak mit dem IS-Vormarsch eine sunnitische Volkserhebung erlebt, gegen das Dominanz-Streben der Schiiten unter Maliki.

Es gehe bei weitem nicht nur um IS(IS), sagte Haschemi gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch politische Parteien, Armeeoffiziere und Stammesführer spielten eine Rolle. Maliki gab erst auf, als zum erbitterten Widerstand nach der Wahl vom grössten Teil des politischen Spektrums auch der Verlust der Unterstützung seiner Dawa-Partei hinzukam. Die IS kontrolliert inzwischen einen grossen Teil des Mittel-Irak, einen Teil des Nordens; gegen den Widerstand von irakischer Armee (von Schiiten dominiert) und kurdischer Peschmergas. Assyrische Kirchen, schiitische Moscheen, sufistische Schreine, antike Kulturgüter werden von den Salafisten zerstört. Auch manche junge Moslems aus Europa schliessen sich der hauptsächlich gegen Moslems aktiven Terrormiliz an.

Aus Mossul flüchteten Christen nach Erbil im Kurdengebiet. In Bagdad versammelten sich dazu Hunderte, um Solidarität mit ihnen zu demonstrieren. In Erbil demonstrierten assyrische Priester mit kurdischen Imamen. Der arabische Buchstabe „N“ (für Nasrani, „Nazarener“, also Christen), mit dem christliche Häuser im Irak von der IS gebrandmarkt worden sind, hat sich im Internet zu einem Zeichen der Solidarität entwickelt. Der US-Amerikaner Jeremy Courtney, von dem die Welle der Solidarität unter dem Hashtag „WeAreN“ ausging, sieht diese inzwischen aber kritisch. Durch die Solidaritätsbekundungen für die irakischen Christen würden nämlich andere Gruppen, die ebenso litten, ausgeblendet. Denn eigentlich sei die Welle der Solidarität von Muslimen ausgegangen, die selbst unter IS leiden und erkannt hätten, dass sie die nächsten sein könnten. Der chaldäische Patriarch, Louis R. Sako, hat geflohene Geistliche in den Irak zurückbeordert. Priester und Ordensleute könnten sich nicht aussuchen, „wo sie dienen. Wir müssen an dem Ort leben und sterben, an den Gott uns ruft.” Wer aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen aus dem Irak ausgereist sei, müsse zurückkommen, forderte Sako.

Angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe ist auch die Auf-Spaltung des Irak wieder ein Thema, wobei die Grenze zwischen der sunnitischen Mitte und dem schiitischen Süden quer durch Bagdad gehen würde. Der Regierungschef der Kurdenregion, Massud Barzani, hat angedeutet, dass eine Abspaltung für seine Region ein Thema wäre. Auch hier wäre die Grenzziehung umstritten und schwierig, zur Mittelregion. Das Kurdengebiet dehnt sich über die ursprüngliche Autonomiezone aus. Das ethnisch sehr gemischte Kirkuk ist stark umkämpft, es gibt dort Streit um Vorherrschaft, Zugehörigkeit, Rückkehr, Wahlrecht. General Ali al-Saidi fordert eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. Auch in diesem Konflikt spielt die Kontrolle ums Öl wieder eine entscheidende Rolle; IS verkauft Rohöl aus eingenommenen Gebieten im Nord-Irak und finanziert damit weiteren Terror; Kurden bekamen mit der Einnahme Kirkuks durch Peschmergas ebenfalls Kontrolle über Ölreserven und –industrie, die mit grosser Macht verbunden ist.

Kurden, auch in Syrien und aus der Türkei, kämpfen gegen IS, die auch Yaziden unter ihnen gewaltsam zum Islam bekehren will, in Nord-Irak und Nordost-Syrien, in Grenzgebieten zwischen kurdischen und arabischen Siedlungsgebieten. Als eines der ersten Länder hatte der Iran mit Waffenlieferungen an die Kurden begonnen. Deutschland liefert ihnen Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre für den Kampf gegen die Terrormiliz, Peschmergas sollen auch in Deutschland militärisch ausgebildet werden. Geredet wird dabei viel über Kobane im syrischen Kurdengebiet und seine gefährdete Zivilbevölkerung, aber das gehört zum imperialistischen deutschen Projekt.

Die irakische Kurdenregion arbeitet eng mit der Türkei unter Erdogan zusammen. Als im nordirakischen Sindschar-Gebirge die yazidische Bevölkerung einem Massaker durch den IS entgegenblickte, wurde sie von den Peschmergas des irakischen Kurdistan schutzlos zurückgelassen. Geholfen haben ihnen Kräfte aus den syrischen und türkischen Kurdengebieten (u.a. die PKK, die ihr Hauptquartier im Nordirak unterhält). Da die beiden grossen Parteien des Irakischen Kurdistan im vom Salafisten bedrängten syrischen Kurdistan (Rojava) schwach verankert sind und dieses unabhängig agieren will, zeigt die Autonomieregierung der irakischen Kurdenregion für Rojava wenig Engagement.

Die USA-Regierung unter Obama überlegte lange eine Militärintervention gegen IS („Es liegt am Irak, seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen“ hiess es zunächst), die sogar der iranische Präsident Rohani gefordert hat. Das grüne Licht für Luftangriffe gab Obama schliesslich mit der Begründung, “um in der Region eingesetzte US-Militärberater zu schützen” und ein Massaker an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Operation “Inherent Resolve“ erweist sich als Goldgrube für die Rüstungsindustrie, sie beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und die Möglichkeit auf Milliardeneinnahmen. Im Irak kämpfen jetzt die irakische Armee, schiitische Milizen (denen Amnesty International schwere Verbrechen vorwirft), kurdische Peschmergas, sunnitische Stammeskämpfer und USA-Militär gegen IS.

Im Irak begann die westliche Einflussnahme primär aus wirtschaftlichen Gründen (Öl), im Kalten Krieg mit dem Sowjet-Block erhöhte sich der strategische Wert des Landes (die angebliche “kommunistische Gefahr” spielte einen Hauptrolle beim Sturz von Qasim), bei der Unterstützung von Hussein spielte bereits der Islamismus (des Nachbarn Iran) die Hauptrolle, nach Ende dieser Unterstützung wurde er der “typische orientalische Despot”, nach seinem Sturz wurde die CPI wieder zugelassen, die Kontrolle über das Öl ist Teil des inneren Machtkampfes im Irak geworden.

* Literatur

Selim Matar: العراق.. سبعة آلاف عام من الحياة (Al-Irâq, saba’tu alâf ’âm min al-hayât; Irak, 7000 Jahre Geschichte) (2013)

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak (2004)

Kai Hafez (Hg.): Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden (2003)

Phebe Marr: The Modern History of Iraq (2012)

Dieter Lohmann: Irak: Von der Wiege der Kulturen zum internationalen Krisengebiet (2016)

Hanna Batatu: The old social classes and the revolutionary movements of Iraq. A study of Iraq’s old landed and commercial classes and of its communists, Ba’thists, and free officers (1978/2000)

Peter Heine, Hans J. Nissen: Von Mesopotamien zum Irak (2003 1. Auflage)

Kanan Makiya: Republic of Fear (1989/1998)

Fouad Ajami: The Foreigner’s Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq (2006)

Charles Tripp: A History of Iraq (2000)

Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (2000)

Georges Roux: Ancient Iraq (1992)

Ebubekir Ceylan: Ottoman Origins of Modern Iraq: Political Reform, Modernization and Development in the Nineteenth Century Middle East (2011)

Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte (2015)

Wolfgang Gockel: Irak. Sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland (2001)

Marion und Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 – von der Revolution zur Diktatur (1990)

John Curtis: Mesopotamia and Iran in the Parthian and Sasanian Periods (2000)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Hannes Galter: Mesopotamien, in: A. Grabner-Haider, K. Prenner (Hg.), Religionen und Kulturen der Erde. Ein Handbuch (2004)

Helga Anschütz: Die Gegenwartslage der „Assyrischen Kirche des Ostens“ und ihre Beziehungen zur „assyrischen“ Nationalbewegung, in: Ostkirchliche Studien 18 (1969)

Faleh A. Jabar: The Shi’ite Movement in Iraq (2003)

Abbas Kadhim: Reclaiming Iraq. The 1920 Revolution and the Founding of the Modern State (2012)

Barthel Hrouda: Mesopotamien. Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris (1997)

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Und andere Geschichten über den Irak (2015)

Johannes Renger (Hg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne (1999)

Henry William Frederick Saggs: Civilisation before Greece and Rome (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ein Mann namens Nidintu-Bel behauptete, Nabonids Sohn zu sein (war aber eher ein Usurpator/Hochstapler) und liess sich als Nebukadnesar III., König von Babylon(ien), ausrufen, zettelte einen Aufstand gegen die Perser an. Deren König Dareios schlug diesen nieder (522 vC, Schlacht) und liess den Anführer töten. Danach gab es noch einen Arakha, der sich als Nebukadnezar IV. proklamierte und einen Aufstand begann
  2. (Bilad al) Rafidain heisst auf Arabisch Mesopotamien

Literarische und spekulative Griffe in die Geschichte

Möchte etwas über die Genres Alternativgeschichte und Kontrafaktische Geschichte schreiben, die eng miteinander verwandt sind. In der kontrafaktischen Geschichte (lat.: contra facta = entgegen den Tatsachen) wie auch in der Alternativ(welt)geschichte wird spekuliert, was geschehen wäre, wenn bestimmte historische Tatsachen nicht oder anders eingetroffen wären. In beiden Genres kann sichs um den alternativen Verlauf eines Ereignisses drehen (“Wie hätte es auch verlaufen können”) oder dessen Folgen (also „Was hätte sein können, wenn …?“). Oder auch um beides. Der Ansatzpunkt kann also z.B. die Gettysburg-Schlacht im USA-Bürgerkrieg sein (bzw. die Schilderung, wie der Krieg von den Konföderierten Staaten gewonnen hätte werden können) oder der (andere) Ausgang dieses Kriegs, aufgrund dessen eine alternative Entwicklung etwa in Nordamerika ausgemalt wird.

Während Alternativgeschichten eher eine literarische Gattung sind (der Unterhaltung dienen), ist kontrafaktische Geschichte eigentlich eine geschichtswissenschaftliche Methode (dient dem Erkenntnisgewinn). Dennoch kann auch erstere seriös und zweitere unterhaltsam sein. Die Grenzen werden auch schon mal verwischt, für beide wird auch die Bezeichnung Uchronie verwendet. Um beim amerikanischen Bürgerkrieg zu bleiben, die kontrafaktische Fragestellung hiesse “Wie wäre die Geschichte verlaufen (hätte sie verlaufen müssen), wenn die Südstaaten den Sezessionskrieg gewonnen hätten?” (oder: “Wie wäre der Krieg weiter verlaufen, hätten sie die Gettysburg-Schlacht gewonnen?”). In alternativgeschichtlichen Szenarien heisst die Frage eher, wie hätte die Geschichte weiter verlaufen können?

Die Herangehensweise und der Anspruch sind andere, in der Ausführung gibts Überschneidungen. Die Geschichte wird in diesen Genres meist an ihren Wendepunkten umgeschrieben, wo neue Weichenstellungen (auch kulturell, wirtschaftlich,…) vorgenommen werden können. In beiden Gattungen ist der Wunsch der Autoren oft der Vater ihrer Gedanken. Die wichtigsten Revisionsmöglichkeiten setzen bei Protagonisten ein (meist früherer/späterer Tod), bei einem anderen Ausgang entscheidender Schlachten/Kriege sowie beim Zufall. Aufgrund der Änderung (meist) einer Variable wird eine Kettenreaktion ausgemalt.

Ziel der kontrafaktischen Geschichte (auch “Konjekturalhistorie” u.a. Bezeichnungen werden verwendet) ist, wie Wikipedia sagt, ein Erkenntnisgewinn über Kontinuitäten und Brüche, über Zwangslagen und Handlungsspielräume in historischen Situationen oder über die Bewertung von deren Akteuren. Von vielen Historikern als unwissenschaftlich abgelehnt, werden sie doch häufig angewendet und spielen kontrafaktische Aussagen und Betrachtungen in der Geschichtswissenschaft gleichwohl eine erhebliche Rolle, liefern Kausalitäts-Befunde, Aussagen über Bedeutung von Ereignissen und Personen, dienen dem Erkennen von Fehlern von Handelnden, versetzen in deren Lage. Eine Reihe von geschichtswissenschaftlichen Kontroversen kreisen um kontrafaktische Aussagen. Manche meinen, Schicksal ist unabänderbar, es war, wie es war, und die Folgen, wäre es anders gewesen, sind nicht Aufgaben des Historikers.

Eine mutige eigene klare Schlussanalyse einer historischen Untersuchung hat aber meist etwas spekulatives, fiktives, am kontrafaktischen Denken orientiertes. Kontrafaktisches Denken kann beim Verstehen von Geschichte helfen. Nachdenken über unverwirklichte Möglichkeiten in der Geschichte ist so alt wie diese selbst, schrieb Alexander Demandt (s.u.). Wenn Krösus den Halys nicht überschritten hätte, dann hätte er sein Reich nicht zerstört, hiess es schon bei Herodot. Und, das (ernste) Nachdenken über alternative Geschichtsszenarien kann Spass machen, wie Alternativgeschichten auch Erkenntniswert haben können.

Alternativ(welt)geschichten werden auch Allohistoria, Parahistorie, Virtuelle Geschichte, Imaginäre Geschichte, Ungeschehene Geschichte, Potentielle Geschichte oder Eventualgeschichte genannt, auf Englisch meist Historical Fiction oder Alternative History. Im Vergleich zur kontrafaktischen Geschichte ist hier grösserer Spielraum für Unterhaltungs-Elemente gegeben, auf Kosten von wahrscheinlichen/fundierten Szenarien bzw. experimenteller Geschichtsforschung. Das Szenario wird etwa gern mit fiktiven Personen ausgeschmückt, ein lockererer Geschichtston wird angeschlagen. Auch in Alternativgeschichten zeigt sich aber durch das bis ins Äusserste Fantasierte plötzlich wieder das Wahre. Es kann sich um ein spekulatives Sachbuch oder leichtere Unterhaltung handeln. AG funktionieren der engeren Definition nach ohne naturwissenschaftliche Abweichungen, aber manchmal spielt etwa das Science-Fiction-Element Zeitreisen eine Rolle; die Nähe zu SF ist durch die Schilderung einer Parallelwelt, einer alternativen Realität, ohnehin gegeben. Die Übergänge zur Polit(ical) fiction sind fliessend, wie Zeitgeschichte eben an die Politikwissenschaft grenzt.

Politische Fiktion (wozu auch Polit-Thriller zählen) grenzt sich von Geschichtsfiktionen in der Regel dadurch ab, dass ein politischer Zustand oder eine politische Entwicklung geschildert (erfunden) wird, keine geschichtliche, der zeitliche Raum also kleiner ist. Beispiele sind “Der Manchurian Kandidat”, der Roman zum (bzw. vor dem) Film, 1959 in USA erschienen, als ein Kampfbuch im Kalten Krieg. Der israelische Autor Schabtai Schoval, ein ehemaliger Mossad-Mitarbeiter der über Mossad-Operationen im Iran „nachdenkt“, hat den Roman “Ich, der Auserwählte” geschrieben. Darin greift Israel Iran mit nuklear bestückten “Jericho”-Raketen von “Dolphin”-Unterseebooten aus an, weil es sich bedroht fühlt und nachdem es nicht gelungen ist, die USA dafür einzuspannen. Schoval könnte sich mit dem deutschen Journalisten Casdorff zusammensetzen und das Szenario weiter ausmalen, Deutschland nicht nur ein Lazarettschiff sondern auch einen neuen Rommel schicken lassen.

Das Science Fiction-Genre, das von Jules Verne mit-begründet wurde, ist von den hier besprochenen geschichtsfiktiven dadurch abzugrenzen, dass in ihm die Grundanlage unserer Welt abgewandelt ist, Naturgesetze abgeändert sind. Während kontrafaktische und alternative Geschichte mit dem Irrealis operiert (stellt also die Frage: „Was hätte sein können, wenn …?“), operiert Science-Fiction mit dem Potentialis (“Was wäre wenn…”). “Warlords of Utopia” von L. Parkin ist eher SF, obwohl es Elemente von Alternativgeschichte enthält – diese Abgrenzung ist manchmal schwierig, als weiteres Unterscheidungsmerkmal könnte ausgemacht werden dass bei SF nicht die Abänderung von Geschichte zentral ist, sondern die von Verhältnissen. Ray Palmer behandelte bzw. kommerzialisierte Rätsel und Verschwörungstheorien und machte daraus (zB aus UFO-Sichtungs-Berichten) z.T. SF. “Steampunk”-Geschichten können als Subgenre von SF aufgefasst werden, haben aber auch etwas von AG und KG (also eine Art Genrehybrid). Sie spielen in Dampfkraft-Zeiten, meistens in USA oder GB des 19. Jahrhunderts, enthalten Fantasy-Elemente, manchmal werden darin auch Ideen über den vermeintlichen Bauplan des Universums aus der Zeit vor Isaac Newton wahr.

Die heute sehr beliebten Historischen Romane sind Geschichten zu bzw. vor tatsächlich geschehener grosser Geschichte, Erzählungen vor historischer Kulisse. Im Unterschied zu den Geschichtsfiktion-Genres wird Geschichte hier nicht umgeschrieben und bleibt schön im Hintergrund, während fiktive Personen im Vordergrund stehen. Die Vermittlung (eines) historischen Stoffs kann aber Hauptzweck sein, die Geschichtsauffassung des Autors kann gut rüberkommen. Beispiele hierfür sind “Der Glöckner von Notre-Dame”, “Der Name der Rose” oder “Hundert Jahre Einsamkeit”. Der 2. Weltkrieg und der USA-Bürgerkrieg sind, wie in KG und AG, auch hier oft verwendete Topoi.

Filmische Entsprechungen bzw. Umsetzungen zu/von diesen Gattungen sind etwa “Saving Private Ryan” (erfundene Handlung vor historischem Hintergrund, also Art filmischer historischer Roman), “Inglourious Basterds” (erzählt eine Alternativgeschichte), “Von Winde verweht” (Verfilmung eines historischen Romans). Die “Meuterei auf der Bounty”-Filme sind dagegen Verfilmungen eines historischen Stoffes mit mehr oder weniger grossen künstlerischen Freiheiten (bzw. Abweichungen). Im Zeichentrickfilm über Pocahontas hat diese eine Romanze mit einem Engländer, in Wirklichkeit war sie mit einem zwangsverheiratet und zwangskonvertiert. “Krieg der Welten” ist eine SF-Geschichte von H.G. Wells, die Orson Welles als Hörspiel umsetzte.

Einige bedeutende kontrafaktische/alternativgeschichtliche Werke und Autoren:

Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius (1. Jh. v.C.) schrieb in “Ab Urbe condita” darüber, wie es ausgesehen haben könnte, wenn Alexander d. Gr. sein Reich nicht in den Osten sondern in den Westen expandiert hätte und in Konflikt mit Rom gekommen wäre.

Im von J. C. Squire herausgegebenen Sammelwerk „If it had happened otherwise“ (1931) scheint sich zu zeigen, dass Autoren kontrafaktischer Geschichte gerne ihren (alternativen) Wunschverlauf geschichtlicher Entwicklungen ausformulieren; z.B. Emil Ludwig, wie es mit Deutschland weitergegangen wäre, wenn Friedrich III. nicht Krebs bekommen (oder ihn überlebt) hätte, nicht nach 99 Tagen als deutscher Kaiser gestorben wäre, und statt seinem Sohn länger regiert hätte – es hätte demnach ein liberal-humanistisches Regime gegeben und keinen 1. Weltkrieg. Winston Churchill schrieb darin über eine gelungene Abspaltung der USA-Südstaaten, die bei ihm dann eng mit GB und der verbliebenen USA zusammenrücken. Mit Squires Sammelband begann das kontrafaktische Genre eigentlich erst.

Der Ansatz mit dem Hohenzollern Friedrich III. führt zum Ausmessen der Rolle von einzelnen Personen, wie auch von „Zufällen“ (auch Wetter > Napoleonischer Feldzug gegen Russland) in der Geschichte. Auch Perikles starb an einer Krankheit und hätte noch etwas bewegen können. Ein längeres Leben oder ein früherer Tod bedeutender Personen ist Potential für kontrafaktisches/alternativgeschichtliches Denken, siehe auch den Abschnitt über Attentate unten.

Hitler nicht geboren, anderen Weg genommen, ermordet, wurde oft durchgedacht bzw. ausgemalt. Von Norman Spinrad stammt “Der stählerne Traum”, eine Alternativgeschichte in der Science Fiction verpackt ist. Darin wandert Hitler nach dem 1. Weltkrieg in die USA aus und wird SF-Autor (Rahmenhandlung), die Binnenhandlung bildet eine SF-Geschichte, die vorgeblich von Hitler geschrieben wurde. Jerry Yulsman hat in “Elleander Morning” ein Szenario entworfen, in dem Adolf Hitler 1913 in Wien ermordet wird, wodurch der Zweite Weltkrieg nicht statt findet. Der Tod im 1. WK hätte Hitler auch stoppen können, dass der Kunsthändler Hanisch ihn als Maler grossgemacht hätte, seine Abschiebung nach Österreich, die nach dem Putschversuch in München eigentlich vorgesehen war, Widerstand Hindenburgs gegen seine Ernennung, ein Vorgehen der Wehrmacht 1938 gegen ihn oder natürlich ein Attentat (s.u.); die Folge könnte auch sein dass er in Deutschland noch heute ein Held ist.

Der vom US-Militärhistoriker Robert Cowley herausgegebene Sammelband „What if“ (dt. “Was wäre geschehen, wenn?”) enthält Essays mit klassischen (oft verwendeten) Revisionsszenarien dieses Genres, wie: ein anderer Ausgang der Perserkriege; eine Niederlage Alexanders beim Versuch der Eroberung Persiens; Sieg der Römer gegen die Germanen in der Schlacht im Teutoburger Wald; Scheitern der Spanier bei der Eroberung des Azteken-Reichs; Erfolge der Araber (8. Jahrhundert, Tours/Poitiers), der Mongolen (13. Jahrhundert, Wien, kein Tod Ogadai Khans), der Osmanen (Herbst 1529, vor Wien, nach dem Marsch durch vom Regen aufgeweichten Boden in Ungarn – was, wenn der Sommer nicht so nass gewesen wäre) beim Vorstoss nach Mitteleuropa; Sieg der spanischen Armada 1588 im Ärmelkanal gegen die englische Flotte, der den britischen Aufstieg zur Weltmacht behindert; anderer Ausgang des USA-Unabhängigkeitskrieges, der Napoleonischen Kriege, des USA-Bürgerkrieges; andere Bedingungen für den Verlauf des 1. Weltkriegs; ein nazi-deutscher Sieg im 2. Weltkrieg; Republik bzw. Kuomintang und nicht Kommunisten gewinnen chinesischen Bürgerkrieg; ein Erfolg der Assyrer auch beim Versuch der Einnahme Judäas (anstatt von einer Seuche gestoppt zu werden). In „What if American and not Soviet forces had taken Berlin in 1945?“ wird eine andere Ausgangsbasis für den Kalten Krieg gelegt. In den Geschichten wird jeweils ein Divergenzpunkt gewählt, der verändert wird, und meist alternativer Verlauf und Ausgang (Folgen) ausgemalt.

Von „What If…“ gibt es einen Teil 2 (2001 herausgekommen; dt. „Was wäre geschehen wenn“). Darin formuliert Andrew Roberts ein Appeasement-Szenario für den 2. Weltkrieg (eine Churchill-Apologetik), Carlos Eire lässt Pilatus Jesus begnadigen, in Japan findet zu Kriegsende die geplante Invasion anstelle von Atombomben-Abwürfen statt, die „Enigma“ bleibt „uncracked“1, Japan dringt im 2. WK nach Australien vor, Lenins Rückkehr nach Russland 1917 wird vereitelt, Luther wird zum Tode verurteilt, Zheng Hes Entdeckungen (s. u.) werden als Kontrafaktik ausformuliert, Hitler verantwortet sich nach dem Krieg vor Gericht, Napoleon verändert die Geschichte Nord-Amerikas. A. Horne ändert viele Variablen über den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 (gegenseitige Provokationen um Treffen/Depesche führen nicht zum Krieg oder dieser wird nicht so schlimm), packt viele Nebenentwicklungen rein (zB heilt der französische Okkultist “Allan Kardec” das Blasenleiden von Napoleon III.), malt Folgen bis weit ins 20. Jh aus.

In Eric G. Swedins “When Angels Wept: A What-If History of the Cuban Missile Crisis” eskaliert die Kuba-Krise von 1962 bis hin zum Atomkrieg. Die Variable, die er ändert, ist die Reaktion Chrustschows auf die Entdeckung der Raketen durch die USA und Kennedys Ultimatum. Er bringt eine detailreiche und seriöse Schilderung der Eskalation, des Krieges und dessen Folgen. Preis für den besten Alternativwelt-Roman (Sidewise Award) 2012. Wird auch als AG oder SF eingeordnet.

Im Band “Columbia & Britannia” werden neun Geschichten aus einer Welt erzählt, in der keine “Amerikanische Revolution” und kein Unabhängigkeitskrieg der britischen Kolonien in Amerika stattfand. Der Divergenzpunkt ist jeweils, dass der britische Premierminister William Pitt (d. Ä.) der “No taxation without representation”-Forderung der amerikanischen Kolonisten nachgibt und ihnen eine Vertretung im britischen Parlament ermöglicht.

Der rechte britische (schottische) Historiker Niall Ferguson bedient sich der kontrafaktischen Methode und soll einer ihrer Hauptbefürworter sein, stellt etwa ein Heraushalten GBs aus dem 1. WK und einen deutschen Sieg in diesem (bzw. die  Folgen davon) als gut für Deutschland und Europa dar. Zur europäischen Kolonialisierung Afrikas behauptet er: “the counterfactual idea that somehow the indigenous rulers would have been more successful in economic development doesn’t have any credibility at all”. “Virtual History: Alternatives and Counterfactuals” ist ein Buch von ihm mit Überlegungen zur Kontrafaktik sowie mit Szenerien aus bzw. für das 20. Jahrhundert.

Ein anderer bedeutender britische Historiker, Ian Kershaw, schrieb ein Buch (“Wendepunkte”) über zehn Entscheidungen 1940/41 von entscheidender Bedeutung für den 2. Weltkrieg. Etwa, was geworden wäre, wenn es den Alliierten im Mai 1940 nicht gelungen wäre, ihre Streitkräfte aus Dünkirchen zu retten.

Carl Amery schildert in „An den Feuern der Leyermark“ (1981) eine europäische Großmacht Bayern, die 1866 über Preussen gesiegt hat.

Der Amerikaner Harry Turtledove ist einer der Grossen dieses Genres, hat etwa über die Unabhängigkeit der US-Südstaaten durch einen Sieg im Bürgerkrieg eine ganze Reihe von Büchern, eine Anthologie, geschrieben. In „Bring the Jubilee“ von Ward Moore (1953; dt. „Der grosse Süden“, 01) hat die Schlacht von Gettysburg 1863 einen anderen Ausgang, die CSA behauptet sich dadurch im Krieg. In der Gegenwart (daher der Gegenwart beim Verfassen des Romans, also um das Jahr 1955) gibt es zwei amerikanische Staaten, die Konföderation und die Union. Enthält Elemente von Phantastik & Spass.

Philip K. Dick schrieb meist SF, “Das Orakel vom Berge” (“The Man in the High Castle”) handelt von einer Ermordung Roosevelts und einem Kriegssieg der Achse. Es spielt im Erscheinungsjahr 1962 und in der von Deutschland und Japan beherrschten USA. Auch Atlantropa kommt vor. In dem Kontrafaktik-Roman kommt ein Kontrafaktik-Roman vor, aber nicht in Form einer Rahmenhandlung. Eigentlich ein Beispiel für ein historisch-politisch ziemlich belangloses Alternativszenario. Die Dystopie enthält natürlich verschiedene Aussagen, darunter angeblich auch anti-deutsche und anti-japanische.

Eine Welt nach einem Sieg Hitlers beschreibt auch Robert Harris im Bestseller „Vaterland“ (Fatherland). Anhand eines Kriminalfalls im bzw vor der Kulisse eines von Nazi-Deutschland dominierten Europas.

“Crimson Skies”, erfunden von Jordan Weisman und Dave McCoy, spielt in einer alternativen Version der USA, die sich aufgrund der Weltwirtschaftskrise, des Ersten Weltkrieges und der Prohibition in viele einzelne Staaten zersplittert hat; ausser in Romanen wurde diese Welt u. a. in (Brett-, Computer- Rollen-) Spielen ausgearbeitet.

Der Schweizer Christian Kracht, früher Popliterat, hat sich auf geschichtsfiktive Literatur verlegt. In der Alternativgeschichte „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ verpasst Lenin im  April 1917 den Zug und macht aus der Schweiz eine Sowjetrepublik anstatt in die russische Revolution einzugreifen. Was mit Russland bezüglich Revolution(en) geschehen hätte können, wenn das Deutsche Reich Lenin und Entourage nicht die Durchreise erlaubt hätte, wurde öfters gefragt. “Imperium” von Kracht ist ein historischer Roman, der sich an August Engelhardt orientiert, welcher Anfang des 20. Jh. mit anderen Aussteigern aus Deutschland eine “Kommune” im Bismarck-Archipel (damals ein Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea, heute bei Papua-Neuguinea) gründete.

Wadim Davydov schrieb „Das Jahr des Drachens“ und andere AG-artige Romane, in denen es mehrere Abweichungspunkte gibt; sie sind nur in seiner Heimat Russland verbreitet.

Vom australischen Science-Fiction-Autor A. Bertram Chandler erschien 1983 der Alternativweltroman „Kelly Country“ (dt. Titel „Die australische Revolution“), in dem beschrieben wird, wie der Rebell „Ned“ Kelly einen Aufstand der Australier gegen die Briten bzw. der dortigen Iren gegen die dortigen Briten anführt und dabei erfolgreich ist.

“Les Miserables” gilt als historischer Roman, ist aber eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde (ausserdem erlebte der Autor die Zeit mit, was bei historischen Romanen eigentlich nicht vorkommen darf); es spielt von der Zeit Napoleons I. bis zu der des Bürgerkönigs Louis Philippe I. Einzelpersonen die etwas politisches personifizieren, wie der ehemalige Sträfling Jean Valjean, “bestreiten” die Handlung, die politischen Aussagen und historischen Betrachtungen sind der “eigentliche” Inhalt.

“Roma eterna” von Silverberg ist nahe beim historischen Roman, darin überlebt das Römische Reich bis in die Gegenwart.

In „South Africa 1994-2004. A popular History“ von Tom Barnard alias Deon Geldenhuys, einem Politikwissenschafter, werden die Folgen des Wandels in Südafrika von der Apartheid zur Demokratie, der zum Zeitpunkt des Schreibens und der Veröffentlichung (1991) hochaktuell war, ausgemalt – und zwar so, wie sich dieser Geldenhuys ein Scheitern des Post-Apartheid-Südafrikas gewünscht hätte.

Fred Allhoffs alternativgeschichtliches “Lightning night”, um 1940 als Fortsetzungsroman in einem USA-Magazin erschienen (später Neuauflage als Buch), propagierte vor Pearl Harbor den Kriegseintritt der USA, u.a. indem es die Folgen eines Hitler-Sieges ausmalte. Eine spezielle Form von AG (spielt in der Zukunft, hat politische Absicht), nahe bei polit fiction.

Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme: Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario (2012)

Weitere kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien:

* Napoleons Kriege und da besonders die Waterloo-Schlacht gehören zu den meist-behandeltsten Themen der Kontrafaktik. Trevelyan hat zB dazu etwas geschrieben. Die Waterloo-Schlacht 1815 zwischen dem napoleonischen Frankreich und Truppen der 7. Koalition (Grossbritannien, Preussen,…) unter Wellington setzte der revolutionären Ordnung in Frankreich und Europa ein (vorläufiges) Ende. Ein anderer Ausgang hätte diese Folgen aber höchtswahrscheinlich nur hinausgezögert, Frankreich war schwer in der Defensive und hatte einen Grossteil seiner wehrfähigen Bevölkerung “verheizt”. Napoleon hätte nach einem Sieg bei Waterloo noch weitere Schlachten siegreich ausfechten müssen, da die Gegner nicht gleich aufgegeben hätten. Revisionspunkt müsste eigentlich eine alternative Weichenstellung (etwa eine andere Entscheidung Napoleons) an einem früheren Punkt sein. Ähnlich verhält es sich bei der Ardennen-Offensive 1944/45, die nur mehr ein Verzweiflungsangriff Hitler-Deutschlands war. Ein Eingreifen des Marschalls De Grouchy in Waterloo hätte Napoleon, entgegen Stefan Zweigs Einschätzung, nicht retten können. Auch Victor Hugo hat in „Les Misérables” eine kontrafaktische Behauptung bezüglich der Schlacht aufgestellt: „Hätte es in der Nacht des 17. Juni 1815 nicht geregnet, wäre Europas Zukunft anders verlaufen”. Andere wollen wissen, dass die Niederlage am Scheitern des Unbrauchbar-machens der von Franzosen vorübergehend erbeuteten britischen Kanonen lag. Napoleon hatte 1815 aber ausgespielt, wie Hitler 1945.

Napoleon betrachtete sein Wirken übrigens selbst in kontrafaktischen Überlegungen, zumindest gegenüber seinem Mitarbeiter De las Cases. Für ein Weiterwirken Napoleons über Waterloo hinaus hätte es also etwas anderes gebraucht als einen Sieg in dieser Schlacht; was hätte es gebracht? Einen Griff nach der “Weltherrschaft” (Nordamerika, nochmal Russland, Indien,…)? Schon im 19. Jahrhundert erdachte der französische Schriftsteller Louis Geoffroy in “Napoleon und die Eroberung der Welt” einen Endsieg Napoleons, dieser unterwirft auch China und macht das Reich zu einer asiatischen Provinz. Und für die liberalen und nationalen Ideen der damaligen Zeit, für die Machtstruktur in Europa (nicht zuletzt für Deutschland)?

* Gavin Menzies, ein pensionierter britischer U-Boot-Kommandant, behauptet in seinem Buch „1421″, dass die Chinesen Amerika vor Columbus entdeckt hätten, auch Australien vor den Europäern. Menzies nennt den chinesischen Admiral Zhèng Hé (Cheng Ho), der mit grossen Flotten zwischen 1405 und 1433 sieben Expeditionen in den Pazifik und den Indischen Ozean unternahm und laut ihm 1421 bis 1423 eine Weltumsegelung durchführte. Die frühen Ming-Kaiser, v.a. Ch’eng-tsu, förderten diese Erkundungsfahrten, danach wandte sich China nach innen. Hinweise auf seine Behauptungen sieht Menzies in Spuren chinesischer Zivilisation, wie Porzellan, Wracks und Werkzeuge, an den Küsten Australiens und Amerikas. Menzies meint es ernst (geschichtsrevisionistisch), die Hypothese wird aber als Geschichtsfiktion, als Alternativ- oder Pseudogeschichte eingeordnet. Jedenfalls führt die Frage “Haben Chinesen Amerika und Australien entdeckt?” (die notwendige Technologie hatten sie) zu der “Wenn ja, warum haben sie nicht versucht, diese Kontinente zu kolonialisieren?” (sie kannten auch Schiesspulver, verwendeten es jedoch vornehmlich für Feuerwerke und andere rituelle Zwecke…) sowie zur kontrafaktischen Fragestellung “Was, wenn China dies getan hätte?” – sehr wahrscheinlich wäre eine Konkurrenz zu europäischen Mächten entstanden, die den Lauf der Welt in der Neuzeit entscheidend geändert hätte. Bei Garnet V. Portus entdecken die Chinesen Australien, die Briten später, es kommt zu einer Rassenmischung.

* Nicht weit davon ist die Frage, was wenn Columbus 1492 nicht Amerika entdeckt hätte, etwa aufgrund eines Sturms. Hätte sich die Entdeckung mit allen Folgen einfach um ein paar Jahre verschoben? 1495 traf der Seefahrer bei seiner zweiten Reise vor der Karibik auf einen der gefährlichen Hurrikans, drei Schiffe gingen in den reißenden Fluten unter.

* Was, wenn Russland Alaska nicht 1867 an die USA verkauft hätte, was hätte das für Alaska, Russland, USA, die Welt gebracht?

* Die Ausmalung eines Hitler-Stalin-Bündnisses durch den Krieg hindurch, eine Achse mit der Sowjetunion, wäre aufgrund der Unwahrscheinlichkeit eher ein alternativgeschichtliches als kontrafaktisches Szenario.

* Entscheidende Schlachten des 2. Weltkriegs, nach dem Gelingen des Blitzkrieges, waren jene von Stalingrad, El Alamein, bei Caen (Landung der West-Alliierten in der Normandie; bzw. dann der Durchbruch bei Falaise) oder die Luftschlacht um England. Über Rumänien drang die Rote Armee in den Balkan vor, was bedeutsam war, aber Schlachten wie jene von Iasi 1944 muss man eigentlich als Folge von Stalingrad sehen. Bei den Schlachten wie jenen von Monte Cassino oder Kursk kann man davon ausgehen, das ein anderer Ausgang, wie auch bei der Ardennenoffensive, die Niederlage Deutschlands nur verschoben hätte, ganz zu schweigen bei jener um Berlin.

In Bezug auf Japan haben die amerikanischen Atombombenabwürfe die Niederlage besiegelt, aber die Entscheidung fiel eigentlich schon mit der Eroberung von Okinawa und vorher Iwojima. Hier gäbs einige Ansatzpunkte für kontrafaktische und alternativgeschichtliche Überlegungen: Hätte die (eigentlich geplante) Invasion auf Japan statt den Atombombenabwürfen eine anderen Ausgang bringen können? Basis für den Iwojima-Sieg war der in Leyte auf den Philippinen einige Monate zuvor. War also diese Schlacht oder eine noch frühere (Midway 42 wird als das “Stalingrad” im Pazifik-Krieg angesehen) die eigentlich entscheidende? Eine wichtige allgemeine Frage bei kontrafaktischen Szenarien: Wo in Kausalketten bzw. Schicksalslawinen müsste eingegriffen werden? Die Märzrevolution in Deutschland 1848 wäre ohne die Februar-Revolution in Frankreich evtl. nicht möglich gewesen (Marx sagte, schon). Wäre daher in Paris einzugreifen, um ein deutsches 1848 zu verhindern?

* Der japanische Angriff auf Pearl Harbor, Anlass für das Eintreten der USA in den 2. Weltkrieg, lädt zu alternativgeschichtlichen Denkspielen ein, aufgrund der weltgeschichtlichen Folgewirkungen. Bei Harry Turtledove erobern die Japaner ganz Hawaii und der Krieg nimmt eine andere Wendung. Daneben halten sich (Verschwörungs-)theorien, dass man in der amerikanischen Regierung im Voraus vom Angriff wusste und ihn geschehen liess um eine “Berechtigung” für einen Kriegseintritt an der Seite Grossbritanniens zu haben (Hinweise auf Übungen bzgl. eines solchen Angriffs, Verlegung der Flotte weg von dort, knacken der japanischen Kommunikation,…; Bücher von Bröckers u.a.). Konkret hätte eine 3. Angriffswelle (die eigentlich eingeplant war) mit einer Zerstörung der Treibstofftanks und Docks den Unterschied machen können, das Ausschalten von Pearl Harbor als Flottenstützpunkt also. Admiral Nagumos Entscheidung zum Abbruch kam, nach dem was man weiss, wegen der Gefahr, dabei Flugzeugträger, Flugzeuge und Piloten zu verlieren.

* Wenn Mohammeds Hedschra oder Luthers Reformation nicht stattgefunden hätte, gestört worden wäre, die Stiftung diverser Religionen und Konfessionen nicht zustande gekommen wäre. Eine Beschäftigung mit solchen Möglichkeiten zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Wesen von Religion, aber auch mit ihrer Historizität. Bezüglich Luthers Reformation gibt’s „The Alteration“ von Kingsley Amis, wo eine Welt des Jahres 1976 geschildert wird, in der keine Reformation stattgefunden hatte. Martin Luther wurde Papst, und die katholische Kirche herrscht immer noch unangefochten über die westliche Christenheit.

* Die Perserkriege, die im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. von den persischen Achämenidenkönigen Dareios I. und Xerxes I. unternommenen Versuche, von Kleinasien aus in das europäische Griechenland einzudringen (490 v. Chr. die Schlacht bei Marathon), endeten infolge der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. bzw. 479 v. Chr. nach der Niederlage von Platäa. Ungefähr einen Monat vor Salamis siegten persische Truppen bei den Thermopylen in Mittel-Griechenland über Truppen des Hellenenbundes unter dem spartanischen Herrscher Leonidas, bestehend aus 300 “Elitesoldaten” aus Sparta und Tausenden “Mitkämpfern”; eine Schlacht, die den persischen Vormarsch nicht einmal verzögerte (Xerxes nahm dann Athen ein), aus der aber aufgrund des (angedichteten?) Heldenmuts der Griechen Kultur- und Morallehren gezogen werden. Die Salamis-Schlacht hatte weitreichende Auswirkungen auf die weitere persische und griechische Geschichte. Athen setzte sich in Griechenland durch, wurde Geburtsstätte der Demokratie.

Der Mythos des griechischen Sieges über eine persische Übermacht geht grossteils auf den antiken griechischen Geschichtsschreiber Herodot zurück und hat teilweise bis ins 20. Jahrhundert überlebt, wird gerne als historische Verteidigung der “Freiheit des Abendlandes” gegen „orientalische Despotie und Gewaltherrschaft“ gedeutet. Ein anderer Ausgang des Krieges hätte demnach einen Untergang des Abendlandes bedeutet, noch bevor es entstand. Gedankenspiele über einen persischen Sieg in diesen Kriegen begannen mit Friedrich Schlegel. Ende Januar 1943 hielt Göring anläßlich der Niederlage von Stalingrad eine leidenschaftliche Rede um Parallelen zur historischen Schlacht an den Thermopylen zu ziehen. Max Weber war in seiner Beurteilung der Perserkriege gar nicht so weit von diesem entfernt… Auch Plutarch, Hegel, J.S. Mill urteilten so. Ob der Film “300” aus 2007 kulturkämpferisch beabsichtigt war, ist fraglich; ausgelegt wurde er jedenfalls so. In “What if” (s.o.) dreht sich ein Essay von Victor D. Hanson um die Frage, was wenn die Perser die Salamis-Schlacht gewonnen hätten, auch bei ihm ging es um die “westliche Zivilisation”. Widerspruch zu dieser Einschätzung kam von Platon, Nietzsche, J. Beloch: Der Sieg hätte Griechenland und Europa auf lange Sicht fett und überheblich gemacht; es hätte auch eine grosszügige Perserherrschaft geben können, wie gegenüber den Juden von Babylon; Hellenismus und persische Kultur hätten sich gegenseitig befruchten können; der griechische Bürgerkrieg hätte bei einem Sieg der Perser ausbleiben können. Nietzsche war fasziniert von der Möglichkeit, der Zoroastrismus hätte Griechenland beherrscht. Eine Form von Kulturtransfer von Persern zu Griechen gab es wohl, wahrscheinlich inklusive zoroastrischer Elemente

* Der Untergang von Byzanz gegen die Osmanen war zweifellos von weltgeschichtlicher Bedeutung, die Niederlage 1453 war aber nur mehr der Endpunkt, eine Wende hätte früher kommen müssen. Eine Niederlage der Seldschuken 1071 in Mantzikert gegen Byzanz wäre ein Ansatzpunkt. Demandt spekuliert dazu, dass die Wanderung/Expansion der Türken in diesem Fall vielleicht nach Russland ausgewichen wäre. In “Tirant lo Blanch” des Spaniers Joanot Martorell (1490) rettet ein Ritter aus der Bretagne Konstantinopel vor der Eroberung. Anders herum hätte Byzanz’ Untergang auch früher kommen können, wenn die Araber nach Kleinasien vorgestossen wären.

Die Hagia Sofia zu byzantinischer Zeit.
Die Hagia Sofia zu byzantinischer Zeit

* Das britische Schiff “RMS Lusitania” wird 1915 nicht von einem deutschen U-Boot-Torpedo im Atlantik versenkt. Oder auch: Das Zimmermann-Telegramm 1917 wird nicht vom britischen Geheimdienst abgefangen. Jedenfalls treten die USA nicht in den Ersten Weltkrieg ein. Hätten dann die Mittelmächte den Krieg gewonnen?

* Auch ohne den Mordanschlag auf den österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand von Habsburg-Este 1914 in Sarajevo wäre es höchstwahrscheinlich früher oder später zum grossen Krieg der europäischen Mächte gekommen – daher sind Spekulationen über eine Verhinderung der Schüsse etwa durch eine frühere Routenänderung nach dem ersten Anschlag auf den Konvoi müßig. Es gab die Konkurrenz zwischen den Mächten, etwa um das osmanische Erbe, und auch starke „zentrifugale“ Kräfte (die z.T. von aussen unterstützt wurden) in den multinationalen Reichen Russland und Österreich-Ungarn. Der Krieg wäre wohl durch ein anderes Ereignis ausgelöst worden, hätte anders begonnen, wäre vielleicht anders verlaufen. Was aber wäre gewesen, wenn Franz Ferdinand Kaiser geworden wäre, was wären die Folgen für Österreich-Ungarn und Europa gewesen, wenn er die Gelegenheit zum regieren bekommen hätte? Während sich für die meisten Historiker die geschichtliche Rolle Franz Ferdinands mit dem Attentat schon erledigt hat, hat der französische Historiker Jean–Paul Bled eine Biografie über den Thronfolger geschrieben, in der dieser kontrafaktische Ansatz eine Rolle spielt. Der Thronfolger lehnte Demokratie ab und befürwortete einen stark zentralisierten Staatsaufbau mit Dominanz der Deutsch-Österreicher (über andere Volksgruppen) und des Katholizismus. Schlechte Voraussetzungen für sinnvolle Lösungen der Probleme von Österreich-Ungarn bzw. ein Fortbestehen dieses Reichs.

Ö1 kürzlich über das Jahr vor Beginn des Kriegs: Hitler, Stalin, Lenin, Trotzki und Tito waren alle im Jahr 1913 in Wien. “Da könnte man die Phantasie entwickeln, ob einander vielleicht einmal Hitler und Stalin im Schönbrunner Schlosspark begegnet sind, während zur gleichen Zeit bei der Einfahrt zum Park ein Mercedes-Testfahrer namens Josip Broz am Automobil des später in Sarajevo ermordeten Erzherzog Franz Ferdinand vorbeigefahren ist.”

* 1944 bei Rastenburg wurde der durch seine Kriegs-Verletzung stark bewegungsbehinderte von Stauffenberg hektisch, als ihn der Feldwebel vom Dienst beim Scharfmachen der ersten Bombe überraschte und versäumte so das Scharfmachen der zweiten, das die Geschichte verändern hätte können. Dass man einen Bunker, wo die Druckwelle nicht entweichen konnte, statt der Baracke erwartet hatte, dürfte dagegen nicht stimmen. Wenn er die zweite Bombe einfach neben die scharf gemachte mit in die Aktentasche gelegt hätte, wäre die Detonation wohl auch so stark gewesen, dass Hitler keine Chance gehabt hätte (auch nicht die übrigen anwesenden 23 Mann). Vielleicht hätte zu einem Gelingen schon genügt, dass Adolf Heusinger im Moment der Detonation Hitler nicht gerade die Lage im Norden der Sowjetunion erläuterte und daher beide fast über der Landkarte am Tisch lagen und durch dessen dicke Platte geschützt waren.

Wäre bei einem Gelingen des Attentats dem (abgeänderten) “Unternehmen Walküre”, das einen Macht- bzw. Systemwechsel in Deutschland bringen sollte, ein Erfolg beschieden gewesen? Was wären die Auswirkungen auf Deutschland und den Krieg gewesen? West-Alliierte waren schon in der Normandie, in Mittel-Italien stand ein Durchbruch bevor, dies galt auch für die Rote Armee in Ost-Polen (darüber redete Hitler beim Attentat gerade mit seinen Generälen; die Attentats-Verschwörer waren nicht zuletzt durch die prekäre militärische Lage und Hitlers Anteil daran motiviert). Die West-Alliierten wären zu diesem Zeitpunkt kaum bereit gewesen, wegen einer neuen Staats- und Militärführung in Deutschland den Krieg gegen dieses fallen zu lassen oder gar, sich mit ihm gegen die Sowjetunion zu verbünden; darauf deuten z.B. Churchills Kommentare über das Attentat hin. Ausserdem, wenn die Todesumstände Hitlers bekannt geworden wären, hätten die neuen Machthaber leicht ihre Legitimität, ihren Rückhalt verlieren können, wie Demandt schrieb. Auch ein Bürgerkrieg wäre möglich gewesen. Und eine Verlängerung des Krieges hätte evtl. zum Atombombenabwurf auf Deutschland geführt.

Auch ein Gelingen des Attentats Elsers 1939 (kurz nachdem Hitler den Weltkrieg vom Zaun brach) ist eine reizvolle Grundlage für Spekulationen; auch hier scheiterte das Vorhaben knapp und unglücklich (man kann es aufs Wetter herunterbrechen, aufgrund dessen Hitler nicht mit dem Flugzeug von München nach Berlin zurückreiste, stattdessen mit der Bahn, deshalb die Veranstaltung früher als geplant verliess). Dieter Kühn schrieb in “Ich war Hitlers Schutzengel” über vier Fiktionen über Hitlers Ende. Christian von Ditfurth, arrivierter Autor von alternativgeschichtlichen Romanen, spielt in „21. Juli“  drei oft aufgegriffene Szenarien aus der NS-Zeit durch: ein geglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler, ein erfolgreiches deutsches Atomprojekt und ein anderer Kriegsausgang. Das Glücken des deutschen Uranprojektes wäre ein Szenario für sich. Was hätte es dazu gebraucht?, Gab es einen Wettlauf mit dem amerikanischen?, Was wären die Auswirkungen auf den Krieg gewesen?

* Hier schliesst sich die Frage nach den Folgen anderer gescheiterter Attentate für den Fall ihres Gelingens an: Napoleon Bonaparte 1800 oder 1809, Victoria von Hannover 1840, Lenin 1918, Churchill 1931 (Unfall, in NY von Taxi angefahren), Adenauer 1952, De Gaulle 1962, Dutschke 1968, Wojtyla 1981, Reagan 1981, Elizabeth of Windsor-Mountbatten 1981 (wenn Marcus Sarjeant nicht mit Platzpatronen geschossen hätte), Thatcher 1984, Schäuble 1990. 1974 erschien Eberhard Jäckels „Wenn der Anschlag gelungen ware…“.

Oder, wenn geglückte Attentate, politische Morde, fehlgeschlagen wären: Julius Caesar, Ali Ibn Abi Talib, Shaka, A. Lincoln, die Romanovs, Rosa Luxemburg, Dollfuss, Trotzki, Mahatma Gandhi, Folke Bernadotte, Lumumba, Hammarskjöld, John und Robert Kennedy (> Vietnam, Nahost, Kalter Krieg,…), Carrero Blanco (> wurde die Transicion durch die Tat erleichtert?), Faisal al Saud, Verwoerd, Moro, Sadat, B. Aquino, B. Gemayel, Palme, Indira oder Rajiv Gandhi, Hani, Habyariamana, Rabin, Dzindzic, R. Hariri, L. Kabila, Fortuyn, A. Massud, B. Bhutto.

Was, wenn Mahatma Gandhi, hier mit Pakistans Staatsgründer M. A. Jinnah, nicht ermordet worden wäre?
Was, wenn Mahatma Gandhi, hier mit Pakistans Staatsgründer M. A. Jinnah, nicht ermordet worden wäre?

* Ein anderes Ende des Kalten Kriegs, weil die Öffnung der DDR-Grenze nicht zustande kam oder der Putschversuch in der Sowjetunion 1991 gelang.

* Wenn Österreich und Deutschland nach dem 1. WK zusammengegangen wären (mit Erlaubnis der Alliierten oder gegen sie) wie wäre es mit ihnen, mit Mitteleuropa, usw. weitergegangen.

* Wenn die Spanische Grippe (1918-20) ein paar Jahre früher ausgebrochen wäre, wäre es zum 1. WK gekommen, wie wäre er anders gelaufen?

* Wenn der Sevres-Vertrag nach dem 1. WK umgesetzt worden wäre, entweder weil die Alliierten/die Entente dahinter waren oder weil der Türkische Unabhängigkeitskrieg anders oder nicht gekommen wäre.

* Wenn sich in Afghanistan die kommunistische Regierung über 1992 hinaus durchgesetzt hätte.

Hätten die USA den “Mujahedin” nicht auch “Stinger”-Flugabwehrraketen geliefert, hätten sich diese gegen die Kommunisten möglicherweise nicht durchgesetzt.

* Wenn die die arabische Eroberung Persiens missglückt wäre, indem die Kedisia/Qadisiyah-Schlacht oder die in Nehawend anders ausgegangen wäre, die Folgen wären weltgeschichtlich bedeutend gewesen, vorausgesetzt die Eroberung wäre auch in den folgenden Jahrhunderten nicht gelungen (der Islam wäre nicht so massiv nach Persien, Zentralasien und Indien eingedrungen,…). Eine frühere Allianz zwischen Persien und Byzanz hätte im Jahr 636 den Unterschied machen können, als beide Mächte, in Qadisiyah (Mesopotamien) bzw. Yarmuk (Syrien), gegen die Araber entscheidende Niederlagen hinnehmen mussten. Oder eine andere Taktik vom persischen Feldherr Rostam in Qadisiyah, die mit dem Wissen über den Verlauf der Schlacht natürlich leicht zu entwerfen ist. Ein alternativer Ausgang der arabischen Angriffe auf Persien wurde von Persern oft und lange danach ausgemalt und herbeigesehnt; davon zeugt auch die “Verarbeitung” Rostams im Nationalepos “Schahnameh” oder die zoroastrische Zeitrechnung, deren Beginn durch den Regierungsantritt König Yazdgerds III. (gestürzt durch die Niederlage in dem Krieg) markiert wird; umgekehrt wurde Kedisia von Saddam in den 1980ern im Krieg gegen Iran rhetorisch “verwertet”.

* Wenn es Karl den Grossen nicht gegeben hätte – Heribert Illig behauptet in seiner geschichtsrevisionistischen Chronologiekritik ja, dass dem so ist. Oder, wenn die byzantinische Kaiserin Irene 802 seinen Heiratsantrag angenommen hätte…

* Alternative Wahlausgänge, z.B. bei einer der Reichstagswahlen 1932 (zuungunsten der NSDAP; ein weiteres Gedankenspiel in dem es darum geht, Hitler aufzuhalten) oder der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl 1988 (Bush sen. gegen Dukakis). Was hätte es dazu gebraucht, was hätte sich dadurch geändert? Im Fall von 1988 wäre die aggressive Medienoffensive von Bush-Berater Harvey Leroy „Lee“ Atwater ein Ansatzpunkt. Darin war etwa der Fall Willie Horton ausgiebigst ausgeschlachtet worden; Horton, ein zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilter Mörder in Massachusetts, hatte während eines Freigangs eine Frau vergewaltigt. Michael Dukakis war während des Freigangs Gouverneur von Massachusetts gewesen, die Freigang-Regelung war vor seiner Zeit beschlossen worden. Die Kampagne half George Bush, den anfänglichen Vorsprung seines Konkurrenten von 17 Prozentpunkten in Umfragen zu überwinden. Atwater verstand sich auf das gezielte Verbreiten rufschädigender Anschuldigungen, Andeutungen und Gerüchte. Er war auch ein politischer Mentor und naher Freund von Bush jun. (dessen politische Karriere von einer Wahlniederlage seines Vaters sicherlich auch betroffen gewesen wäre) und Karl Rove, wurde Vorsitzender des Republican National Committee und versuchte sich in R&B-Musik. Kurz vor seinem Tod 1991 aufgrund eines Tumors konvertierte er zum Katholizismus und entschuldigte sich öffentlich und schriftlich unter anderem bei Dukakis für die Angriffe während seiner Beratertätigkeit.

Oder auch: Die Manipulationen zugunsten Bushs bei der USA-Wahl 2000 greifen nicht, Gore wird Präsident

* Wenn Frankreich durch einen anderen Ausgang des Kolonialkriegs mit den Briten Mitte des 18. Jahrhunderts seinen Kolonialbesitz in Nordamerika behalten hätte

* Wenn Spanien unter Franco für die Achse in den 2. Weltkrieg gezogen wäre

* Ein Schwedisch-Polnischer Sieg über Russland im Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts.

* Wenn Rainer Barzel beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen den westdeutschen Kanzler Brandt zwei Stimmen mehr bekommen hätte… Heute geht man ja davon aus dass zwei Abgeordnete der CDU/CSU von der ostdeutschen Stasi gekauft waren.

* Was, wenn der letzte Habsburger am spanischen Thron, Carlos (Karl) II., nicht kinderlos geblieben wäre? Infolge der Thronbesteigung der Bourbonen in Spanien (aufgrund dieser Kinderlosigkeit) hätte es im absolutistischen, vor-nationalen Zeitalter auch zu einer Vereinigung des Landes mit Frankreich kommen können (im Spanischen Erbfolgekrieg sollte u.a. das verhindert werden)

* Der Bourbone Henri gibt 1873 sein insistieren auf der Wiedereinführung der Königsflagge auf, anerkennt die Trikolore und wird König von Frankreich

* Die Gruppe um Von Braun wird im April 1945 am Weg von Nordhausen nach Süddeutschland aufgehalten und fällt in die Hände der Roten Armee…

* Stefan Zweig brachte in “Sternstunden der Menschheit” Miniaturen von Ereignissen/Entwicklungen, die seiner Meinung nach historische Wendepunkte waren, wie der Waterloo-Schlacht, auch aus der Kunstgeschichte, Scotts Niederlage am Südpol, dem Ende von Byzanz (kritisiert Resteuropa, nicht eingegriffen zu haben) oder dem Fund von Gold auf der Farm des Schweizer Auswanderers Sutter in Kalifornien – ein kontrafaktisches Szenario in Zusammenhang mit dem letzteren Ereignis ist meines Wissens nach noch nicht für die breitere Öffentlichkeit durchgespielt worden, würde aber dazu einladen. Sehr spannend wäre dieses, wenn man den russischen Aussenposten Fort Ross bei San Francisco 7 Jahre länger als tatsächlich bestehen lässt, womit ein russisches Mitmischen im Goldrausch ermöglicht wird…

* Der iranische Schah M. R. Pahlevi lenkt früher ein, Schapur Bachtiar wird ein Jahr früher als tatsächlich geschehen, also im Jänner 1978, Ministerpräsident > keine Revolution, dafür eine Demokratisierung des Landes unter dem Schah, kein Auftrieb für den modernen Islamismus wie unter Khomeini?

* Die Möglichkeit einer Atomwaffen-Konfrontation zwischen USA und Sowjetunion bzw ihren Blöcken bestand infolge der Kuba-Krise 1962 und bei anderen Eskalationen im Kontext des Kalten Kriegs, etwa den Berlin-Krisen und den Konflikten zwischen den Chinas. Sowie 1973, als Israel einen Einsatz seines Arsenals erwogen zu haben scheint, und mehrmals zwischen Indien und Pakistan (1984, 1987, 1990).

* Ohne den Unfall bei der Chappaquiddick-Insel 1969 (oder bei einem anderen Ausgang) hätte Edward Kennedy gute Chancen gehabt, irgendwann Präsident der USA zu werden, wahrscheinlich schon 1972

* Wenn Jinnahs Grossvater nicht zum Islam übergetreten wären; am wahrscheinlichsten hätte jemand Anderer die Muslim League geführt und Pakistans Schaffung vorangetrieben

* Die Annahme der Stalin-Noten aus 1952 durch den Westen, unter der Voraussetzung dass sie ernst gemeint waren

* Ein Scheitern der Reconquista in Iberien (> Islam in Europa, kein Spanien und Portugal?, andere Kolonialgeschichte Amerikas). Über den Zusammenhangg Reconquista (Iberien) und Conquista (Amerika) schrieb der spanische Historiker und Politiker (2. Republik) C. Sanchez Albornoz.

* Oder: Schottland gelingt ein Kolonialprojekt in Mittelamerika, es kommt zu keine Vereinigung mit England…; Ungarn wird in Trianon in seinen bisherigen Grenzen anerkannt;

Kontrafaktisches oder alternativgeschichtliches Denken macht auch bei seiner eigenen Geschichte Sinn, findet da Anwendung. Oder im Sport; was, wenn dieser Treffer (nicht) gegeben worden bzw. gefallen wäre, wird bei fast jedem Fussball-Match diskutiert (z.B. der von Lampard im Achtelfinale der WM 2010 gegen Deutschland, beim Stand von 1:2). Ich fand einmal ein Fussball-Diskussionsforum, in dem belgische Fans diskutierten, wie ihr Team 1986 Weltmeister hätten werden können – wenn der damalige Anderlecht-Spieler Lozano für Belgien gespielt hätte und sich Vandenbergh nicht verletzt hätte, wurde da gemeint. Bei Kriegsspielen, v. a. auf dem Computer, spielen kontrafaktische Kampfverläufe auch eine Rolle. Das Grossvaterparadox bei Zeitreisen-Gedankenspielen, das sich um paradoxe Folgen von Eingriffen dreht, zeigt nicht nur in die Anwendung von Kontrafaktik in Naturwissenschaften, sondern enthält auch grundlegende Überlegungen zu ihr.

Alexander Demandt hat mit “Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn” ein wichtiges Stück Sekundärliteratur über kontrafaktische Geschichte geschrieben und darin auch einige interessante Szenarien angerissen: z.B. einen Erfolg der Aufständischen im deutschen Bauernkrieg 1525; wenn Louis XIV. sich hinter die Reformpläne Turgots gestellt hätte; wenn der preussische König Friedrich Wilhelm IV. 1849 die von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone angenommen hätte; wenn Zar Nikolaj II. Romanov 1916 Rasputin fallengelassen und sich mit der Opposition in der Duma verständigt hätte. Er scheint selbst ein Befürworter der kontrafaktischen Methode zu sein, geht aber auch auf Einwände ein (etwa, wonach die Folgen des Abänderns einer Variablen oft nicht genug durchdacht seien). Das 1984 heraus gekommene Buch markiert den „Beginn“ der Uchronie in Deutschland.

Weitere Literatur über Kontrafaktik/Alternativgeschichten: Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk (2015); Emmanuel Carrière: Kleopatras Nase. Kleine Geschichte der Uchronie; Uwe Durst: Drei grundlegende Verfremdungstypen der historischen Sequenz, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte DVjs, 2/2009, S. 337-358; Kai Brodersen (Hg.): Virtuelle Antike; Michael Salewski (Hg.): Was wäre wenn?; Benedetto Croce: Die Geschichte als Gedanke und Tat; Alexander Batzke: Was wäre gewesen, wenn…?; Hans-Peter Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte (2014); Hugh Trevor-Roper: Die verschollenen Krisenmomente der Geschichte; Jörg Helbig: Der parahistorische Roman. Ein literaturhistorischer und gattungstypologischer Beitrag zur Allotopieforschung; Magisterarbeit zum Thema von Hermann Ritter

Diskussionsforen und andere IT-Auftritte betreffend alternative/kontrafaktische Geschichte, auf Englisch: www.changingthetimes.net (todayinah.co.uk), alternatehistory.netuchronia.net

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Verschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine wurde von den Alliierten (v.a. den Briten) im 2. Weltkrieg, 1940, geknackt, durch Fehler der Deutschen und kluge Köpfe (v.a Alan Turing) auf ihrer Seite – was NS-Deutschland nie bemerkte. Nach Einschätzung u.a. Eisenhowers war die Entschlüsselung des Codes entscheidend für den alliierten Sieg in dem Krieg, auch Churchill soll sich so geäussert haben. Andere sehen darin “nur” eine Verkürzung des Krieges. Im Luftkrieg um England und im U-Boot-Krieg im Atlantik wirkte sich die Entschlüsselung entscheidend aus. Nach dem Krieg wurde die Maschine von den Alliierten in die “3. Welt” verscherbelt um dort “mitlesen” zu können. Ein geschichtsfiktives Szenario für den 2. WK ohne Entschlüsselung bietet sich also an

Abhandlung über Geschichte und Gegenwart der Ukraine

Die heutige Ukraine war Zentrum der Kiewer Rus, aus der auch Russland hervorging, dann peripherer Teil verschiedener Reiche. Eine Konstante in der Geschichte der Ukraine war die Zerteilung auf verschiedene Reiche 1 und das weitgehende Fehlen von Eigenständigkeit. Die Entscheidungen für die Ukrainer wurden meist woanders getroffen. Ungünstig für die Nationsbildung wirkte sich auch aus, dass die Oberschicht über die Jahrhunderte hinweg anderen Völker angehörten bzw. sich ukrainische Eliten an diese assimilieren mussten (dadurch polonisiert oder russifiziert wurden), und Ukrainer benachteiligt wurden. Dies wirkt sich bis heute auf die sozio-ethnischen Strukturen des Landes aus. Die heutige Ukraine ist hauptsächlich Nachfolgestaat der Ukrainischen Sowjet-Republik (territorial, von der politischen Kultur, den Netzwerken,…) – auch wenn in der Nationskonstruktion Waräger, das Teil-Fürstentüm (des Kiewer Reichs) Galizien-Wolhynien, die Kosaken-Herrschaft oder der Antagonismus zu Russland maßgeblich sind. Das sowjetische Erbe drückt sich nicht zuletzt im Fehlen zivilgesellschaftlicher, demokratischer, marktwirtschaftlicher Traditionen aus.

1991 begann für die Ukraine eine Phase der Unabhängigkeit und Einheit sowie des Friedens, die für ihre Verhältnisse eine lange war. Eine positive politische und wirtschaftliche Entwicklung kam trotz dieser Vorzeichen nicht zustande. Mit den Entwicklungen in Krim und anderen Teilen der Ost-Ukraine infolge der “Euromaidan”-Proteste 2013/14 und des Sturzes von Präsident Janukovich (worauf hier nicht mehr eingegangen wird) ist diese Phase wohl zu Ende gegangen. Die ukrainische Nationsdefinition funktioniert nur über die Abgrenzung zu Russen. Das Verhältnis zu den anderen Nachbarn ist nicht so problematisch und geladen; Polen ist der zweitwichtigste, auch hier gibt es viel historischen Bezug, u.a. als das Tor zum Westen.

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  1. Diverse Randgebiete der heutigen Ukraine wie die Krim, Galizien, die Karpato-Ukraine oder die Nord-Bukowina haben darüber hinaus die längste Zeit eine getrennte Entwicklung genommen

Der Umgang mit dem WK II-Papst

Eugenio Pacelli, als Pius XII. 1939 bis 1958 Papst, hat 1933 als Kardinalstaatssekretär das Konkordat des Vatikans mit Hitler-Deutschland mit abgeschlossen. Damals war die NS-Diktatur allerdings noch lange nicht voll ausgeprägt und haben viele ihre Gefährlichkeit unterschätzt. Ludwig Kaas etwa, der deutsche katholische Theologe und Politiker, 1928 bis 1933 Vorsitzender der Zentrumspartei. Er setzte in seiner Partei die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz durch und ging danach nach Rom,  war dort an der Ausarbeitung des Konkordats beteiligt. Pacelli war auch an der Enzyklika „Mit brennender Sorge” seines Papst-Vorgängers Pius XI. 1937 beteiligt, die die bedrängte Lage der römisch-katholischen Kirche im Deutschen Reich behandelte und zur Politik und Ideologie des Nationalsozialismus kritisch Stellung nahm. Nach seiner Wahl zum Papst 1939 zog Pacelli eine von seinem Vorgänger vorbereitete Erklärung gegen Rassismus und Antisemitismus zurück. Zu den Verbrechen, die unter dem Nationalsozialismus geschahen, schwieg er. In der Yad Vaschem-“Hall of Shame” wird ihm das bezüglich des Juden-Genozids auf einer Tafel als “Neutralität” ausgelegt. Pacelli veranlasste aber auch die Gewährung von Kirchenasyl in Italien zur Rettung von Juden. Im Fall des Kollaborationsregimes in der Slowakei scheint er seinen Einfluss auf den katholischen Priester an seiner Spitze, Jozef Tiso, genutzt zu haben, um den Judendeportationen entgegenzuwirken; insgesamt ist seine Abgrenzung zu diesem Regime (und jene der katholischen Kirche unter ihm insgesamt) oder dem ebenfalls stark katholisch geprägten von Pavelic in Kroatien aber fraglich.

Dieser Eindruck wird auch durch die  Fluchthilfe für Nazis und Kollaborateure verstärkt, die der Vatikan unter ihm nach Kriegsende leistete. Hier war Antikommunismus der ausschlaggebende Grund. Pius XII. antizipierte gewissermaßen den Kalten Krieg. Die Vorstellung, dass die Kommunisten in Italien, „im Kernland des Katholizismus“, an die Macht kommen könnten, war für die katholische Kirchenführung unerträglich. Auch wollte sie die Deutschen möglichst schnell wieder in die “christliche Familie Europas” einbinden und gegen den Kommunismus in Stellung bringen – weshalb der Vatikan gegen die alliierte Politik der Entnazifizierung war und „braune Schafe“ mit offenen Armen wieder aufnahm.

Manchen Autoren zufolge gab es während der nazideutschen Besatzung Roms am Ende des Kriegs einen Plan, Pius XII. gefangen zu nehmen, was SS-General Wolff ausführen sollte; ein Plan, der demnach immer weiter hinaus geschoben wurde und schliesslich nicht mehr durchgeführt werden konnte.

Der jüdische Historiker Léon Poliakov thematisierte schon zu Lebzeiten des Papstes dessen Politik während des europäischen Faschismus, die Debatte darüber begann aber erst mit Hochhuths “Der Stellvertreter” 1963. Einer verbreiteten Apologetik (z.B. von Papst Benedikt vorgebracht) zufolge hat Pius XII. im Geheimen sehr wohl gehandelt, was in der Situation gebotener und wirksamer gewesen sei. 1999 wurde eine Historiker-Kommission aus drei Katholiken und drei Juden zur Untersuchung der Frage gebildet, die sich über Meinungsverschiedenheiten über die Freigabe von Dokumenten durch den Vatikan auflöste.

Der deutsche Historiker Michael Hesemann schrieb früher über ausserirdische „Besucher“, nun zu christlichen/katholischen Themen, 2008 ein Buch über den Papst „der Hitler trotzte – die Wahrheit über…“. Er versucht die Reinwaschung Pacellis zum einen mit der Wiederholung der Ansicht, der Papst habe stille und verdeckte Diplomatie zugunsten der verfolgten Juden eingesetzt, zum anderen mit der Masche, ihm Nähe zum Zionismus (der an sich natürlich über jeden Verdacht erhaben ist) umzuhängen, sowie den schwarzen Peter an Türken und Araber weiterzugeben. Diesen werden keine legitimen Interessen zugestanden und taugen nur als Täter, vor denen der spätere Papst die Juden beschützen musste. Dazu führt er eine Intervention Pacellis für die jüdischen Siedler in Palästina in der Zeit um den 1. Weltkrieg herum an. Er habe, so die Enthüllung, nach einer Initiative deutscher und schweizerischer Juden, mutig beim Deutschen Reich ein Wort eingelegt, dessen Aussenministerium sei danach erfolgreich für die Juden aktiv geworden. Auf de.wikipedia scheint Hesemann als “hschnyder” seine Thesen in entsprechenen Artikeln gleich selbst „enzyklopädisiert“ zu haben.

Paul Badde von „Die Welt“ propagiert einen konservativen Katholizismus, will diesen mit dem Judentum “harmonisieren”, und verteidigte kürzlich in einem Kirchenblatt Bischof Tebartz-van Elst. Er bietet Hesemann in dem Blatt reichlich Bühne bzw. Verstärker für seine Geschichte („Hesemann bemüht sich um differenziertes Bild“, “Papst rettete Juden vor Türken”). Hesemann/Badde sind gezwungen, darzulegen, dass das Osmanische Reich ein Verbündeter Deutschlands war, und die Briten auf der Gegenseite den „arabischen Aufstand gegen die Türken angezettelt“ haben bzw. mit den arabischen Führern verbündet waren. Juden hätten Türken/Osmanen gegenüber im Verdacht der Kollaboration mit den Briten gestanden, der osmanische Minister und Jungtürken-Führer Djemal Pascha, hätte daraufhin Umsiedlungen befohlen und es hätte „antijüdische Exzesse“ gegeben – in Wirklichkeit hatte dieser Djemal sehr gute Beziehungen zum „Yishuv“ und war verantwortlich für Repressalien gegen die arabische Sezessionsbewegung vom Osmanischen Reich (mehr als für den Völkermord an den Armeniern). Die Papst-Intervention sei kein Dienst nach Vorschrift gewesen, versichert Hesemann auf Baddes “Nachfrage”, seine Sympathie für das zionistische Projekt (und damit, in bundesdeutscher Tradition, die Rehabilitation, die Wiedergutmachung) sei durch weitere Indizien belegt.