RFK 68 nicht erschossen

 

32441_medWas, wenn Robert Kennedy nicht ermordet worden wäre? Hätte er in diesem Jahr (1968) die Nominierung seiner Demokratischen Partei gegen Hubert Humphrey gewonnen? Und wäre er dann gegen Richard Nixon zum Präsidenten der USA gewählt worden? Wenn ja, was wäre in USA und darüber hinaus anders gelaufen? Dass Kennedy mit seinem Sieg bei der Vorwahl in Kalifornien kurz vor seiner Ermordung die Nominierung sicher hatte, ist ein Irrtum. Und auch ein Sieg über Nixon wäre sehr fraglich gewesen. Der damalige Nominierungsprozess und die durch den Ablauf des Kandidatenrennens bedingte Spaltung der Partei benachteiligten Kennedy. Es wurden schon einige alternativgeschichtliche Szenarien ausformuliert, in denen RFK locker Vor- und Präsidentenwahlen gewinnt und dann ein “goldenes Zeitalter” schafft; hier eine Analyse dazu.

Robert Francis Kennedy hat CIA-Chef McCone 1963 gefragt, „Hat die CIA meinen Bruder umgebracht?“, wird berichtet. Unter seinem Bruder war er Justizminister geworden, hat als solcher das Gefängnis auf Alcatraz schliessen lassen. 1964 liess er sich (für New York) in den Senat wählen; unter Johnson weiter Minister zu sein oder Vizepräsident zu werden, kam für beide nicht in Frage.

Das direkte amerikanische Eingreifen im Krieg zwischen Nord- und Südvietnam begann unter Johnson nach dem Zwischenfall im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams 1964. Ein USA-Kriegsschiff war angeblich in ein Gefecht mit nordvietnamesischen Schnellbooten verwickelt worden; keine falsche Flagge, eher ein willkommener bzw. falsch deklarierter Anlass. Andere aussenpolitische Engagements unter Johnson war die Unterstützung des Sturzes des linken, demokratischen Präsidenten von Brasilien, João Goulart, sowie der Militärputsch und die nachfolgende Diktatur in Griechenland unter Papadopulos.

Lyndon Johnson durfte 1968 erneut für die Präsidentschaft kandidieren; mit dem Nachrücken für Kennedy 1963 hatte er nicht eine ganze Amtsperiode “verbraucht”. Ein amtierender Präsident wird in seiner Partei bei Neu-Wahlen normalerweise nicht ernsthaft herausgefordert; Ausnahmen waren Ford 1976 (von Reagan) – oder Johnson 1968. Eugene McCarthy, Senator von Minnesota, nicht zu verwechseln mit dem antikommunistischen Hexenjäger Joseph, war gegen Johnsons Kriegspolitik in Vietnam und wollte für und mit den Kriegsgegnern inner- und ausserhalb der Demokratischen Partei einen Kurswechsel herbeiführen. Als Johnson bei der ersten Vorwahl im März in New Hampshire gegen McCarthy überraschend schlecht abschnitt (aber gewann), ein starker Hinweis auf die Kriegsgegnerschaft in der Partei, begannen die Turbulenzen im Vorwahlkampf der Demokraten.

Robert Kennedy, der als Senator auf Distanz zur Vietnam-Politik von Johnson gegangen war, aber – zur Enttäuschung mancher Anhänger – gezögert hatte, diesen bei dieser Präsidentschaftswahl herauszufordern, meldete wenige Tage nach dieser Vorwahl nun auch seine Kandidatur an – was die Partei weiter spaltete wie auch das Anti-Kriegs-Lager. Der Vietnam-Krieg spaltete die USA wie zuletzt wahrscheinlich der Bürgerkrieg; im März 1968 ereignete sich auch das Massaker US-amerikanischer Soldaten in My Lai in Süd-Vietnam mit Hunderten Toten.

Am Ende dieses Monats kündigte dann Präsident Johnson an, seine Kandidatur zurückzuziehen; die Herausforderung aus der eigenen Partei war ein Grund dafür, seine Gesundheit ein anderer. Johnson hatte bis zu einem Herzanfall 1955 3 Packungen Zigaretten pro Tag geraucht, hörte dann abrupt auf; fing nach seinem Auszug aus dem Weissen Haus im Jänner 1969 wieder damit an. Er starb 2 Tage nach dem Ende von Nixon’s erster Amtszeit. Nach Johnsons Ausstieg stieg Vizepräsident Hubert Humphrey in die demokratischen Vorwahlen ein.

RFKinfrontofJFKpicture19661Humphreys offizieller Eintritt in den Wahlkampf erfolgte jedoch erst Ende April und damit zu spät, um noch an den restlichen Vorwahlen teilnehmen zu können. In Vorwahlen einzutreten war bis 1968 nicht der alleinige Weg zur Nominierung, galt sogar leicht als ein Zeichen von Schwäche. Humphrey, der Nachfolger von LBJ als Kandidat des Partei-Establishments wurde, konzentrierte sich darauf, die Delegierten-Stimmen jener Bundesstaaten zu gewinnen, in denen keine Vorwahlen stattfanden (die meisten). In diesen Bundesstaaten wurden die Delegierten für den Parteikonvent durch den Parteiapparat dieses Staates bestimmt (durch Ernennung, Konferenzen oder auch kleinere Abstimmungen). Der Vizepräsident wurde vom Parteiapparat unterstützt, er hatte auch den Präsidenten, den Grossteil der Gewerkschaften und des Südens sowie viel Anti-Kennedy-Geld (das Geld von Leuten, die ihn unterstützten, um RFK zu verhindern) für seine Kandidatur. In die Vorwahlen schickte er einige Günstlinge als “Zähl-Kandidaten”.

Nur in 14 Bundesstaaten (sowie in DC) fanden bei der DP in diesem Jahr Vorwahlen statt, manchmal wird auch 13 genannt, das dürfte an West Virginia liegen bzw an der Frage der Unterscheidung zwischen Vorwahl und anderer Delegiertenauswahl. Nach 1968 konnte bei den beiden Grossparteien kein Präsidentschaftsanwärter mehr nominiert werden, ohne sich in den Vorwahlen durchgesetzt zu haben. In den demokratischen Vorwahlen 68 duellierten sich hauptsächlich die beiden Liberalen McCarthy und Kennedy, beide katholisch und irischer Herkunft, beide sprachen ein ähnliches Wählersegment an. Der besonders konservative Teil der DP im Süden (genauer Südosten) brach mit dem ehemaligen Gouverneur Alabamas, George Wallace, weg, der für eine American Independent Party kandidierte. Kennedy bemühte sich, im Gegensatz zu McCarthy (der wahrscheinlich wusste, dass für ihn dort nichts zu holen war), aber recht erfolglos, um die Partei-Funktionäre in den Staaten ohne Vorwahlen. Johnson nutzte seinen ganzen Einfluss, Kennedy zu verhindern und Humphrey durchzubringen, der tatsächlich den Grossteil der Delegierten für den Konvent aus den Staaten ohne Vorwahlen gewann.

RFK wahlkampfRobert Kennedy war in der Democratic Party kein Liebling, für das Partei-Establishment war er zu “liberal”, auch für Johnson, für Südstaatler ohnehin, was die Gewerkschaften betraf, so war es sein Eintreten für “Schwarze” und “Latinos”, das grosse Teile der weissen Arbeiterschaft “vor den Kopf stiess”. Der Historiker Arthur Schlesinger, ein Unterstützer von ihm, schrieb in seiner Biografie von Kennedy: “Manche sahen ihn als erbarmungsvollen Heiland, andere als skrupellosen Opportunisten oder als unverantwortlichen Demagogen, der in die wunden Punkten der amerikanischen Gesellschaft griff – Rasse, Armut, Krieg. Wenige waren ihm gegenüber neutral oder gleichgültig.” Kennedy hat tatsächlich Themen behandelt, die die meisten Politiker mieden und mit 42 Jahren machte er sich nun auf den Sprung zur Macht bzw zur Umsetzung seines Programms. Er war, genau so wenig wie sein älterer Bruder, nicht die heilige und mutige Gestalt, als die er gerne dargestellt wird.

Dass unter John F. Kennedy das US-amerikanische “Engagement” in Vietnam begonnen hatte, ist aus der Logik des Kalten Krieges heraus irgendwie nachvollziehbar. Die ebenfalls unter ihm vorgenommenen Eingriffe in die Politik bzw. in die Geschichte des Irak (der Sturz von Premier Qasim) und des Kongo (der Sturz von Premier Lumumba) haben bis heute destruktive Folgen für diese Länder und ihre Regionen, und in beiden Fällen war eine Nähe der Regierung zum Kommunismus und zur Sowjetunion nicht wirklich gegeben. Heutige westliche Politik gegenüber diesen beiden Staaten versucht eigentlich, das zu erreichen, was auch von diesen damals gestürzten Regierungen angestrebt wurde… Da es hier ja um einen kontrafaktischen Ansatz geht: Wenn John Kennedy nicht ermordet worden wäre (wird öfter durchgedacht als eine Präsidentschaft Roberts), hätte das seinem Bruder für dessen eigene Karriere genützt oder geschadet?

Robert Kennedy hat, wiegesagt, “Tabus” der amerikanischen Politik wie Rassismus, Armut und Imperialismus kritisch behandelt. Hat etwa (weissen) Medizin-Studenten, die ihn bei einer Vorwahl-Veranstaltung fragten, woher er das Geld für Gesundheitsversorgungs-Programme für Arme nehmen wolle, geantwortet “Von euch.” Er ist nicht nur in die Wohngebiete der Schwarzen gegangen, er hat das Thema der rassischen Ungleichheit auch vor weissem Publikum angesprochen. Zur Bürgerrechtsbewegung bzw ihren Entstehungsgründen, neben dem Vietnam-Krieg das zweite wichtige Thema der Wahl, hatte er eine klare Haltung. 1966 hatte er Südafrika bereist, und dabei die Apartheid verurteilt, wie damals nur sehr wenige westliche Politiker. Als im April 1968 Martin Luther King ermordet wurde, war er gerade in Indianapolis im Wahlkampf, gab dann eine ziemlich improvisierte Rede dazu ab, in der er zur Versöhnung zwischen den Rassen aufrief. In Indianapolis sollen die Unruhen, die es damals in vielen anderen Städten gab, deshalb auch ausgeblieben sein. Dennoch, anders als Nelson Mandela 1993 nach der Ermordung Chris Hanis, konnte Kennedy durch seinen Umgang mit dem Attentat nicht entscheidend, über “sein” Wählersegment hinaus, Macht dazu gewinnen.

Vietnam war damals der Brennpunkt des Kalten Kriegs, und der Stellvertreter-Krieg zwischen Nord- und Südvietnam eskalierte 1968 im Zuge der Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong. Für Amerikaner war der Krieg schon aufgrund der damals aktuellen Wehrpflicht ein unmittelbares. Kennedy war nicht dezidiert für einen amerikanischen Abzug aus Vietnam oder einen sofortigen Frieden, aber für eine Delegierung der Kriegsführung an das südvietnamesische Militär, durch ihre Unterstützung sowie Friedensverhandlungen. McCarthy war entschiedener gegen den Vietnam-Krieg bzw. die Teilnahme der USA daran (bzw die Anfachung durch sie); so wie er auch dezidiert J. Edgar Hoover als FBI-Chef ablösen wollte. Robert Kennedy wollte CIA, FBI wie auch der (teilweise mit der Gewerkschaft verbundenen) Mafia stärker Einhalt gebieten, was er schon als Justizminister versucht hatte. Bezüglich der Todesstrafe bezog er eindeutig Stellung zugunsten einer Abschaffung, die damals diskutiert wurde. Zu Fragen wie Abtreibung nahm er dagegen eine konservative Haltung ein.

Das Versprechen Kennedys am Rande des Vorwahlkampfes, im Falle eines Wahlsiegs 50 Kampfjets an Israel zu liefern, spielte für diesen auch deshalb keine grosse Rolle, da auch die anderen Kandidaten hier ähnliche Positionen vertraten. Er hatte Palästina 1948, einen Monat vor der Ausrufung “Israels” (nach dem britischen Abzug dann), besucht, für die “Boston Post” aus dem Land berichtet. Damals begann seine prozionistische Haltung; die Zionisten hätten überhaupt erst etwas aus dem Land gemacht, schrieb er damals, würden ums Überleben kämpfen, die Araber einen ideologisch verblendeten Kampf gegen sie führen, usw., Klischees die sich bis heute im Westen halten. Dass die Nakba damals schon einige Monate lief, nahm er nur insofern wahr, als im Land “enorme Spannungen” herrschten. Sein Bruder hatte Israel Anfang der 1960er nicht zuletzt bezüglich ihrer Atomwaffen kontra gegeben; unter Johnson setzte sich während des Kriegs 1967 (in dem Israel das von ihm kontrollierte Territorium weiter erweiterte, auch über Palästina hinaus) eine Allianz der USA mit Israel durch – trotz der israelischen Bombardierung der USS Liberty.

RFK bestritt nicht alle der Vorwahlen, gewann nicht alle die er bestritt. Nachdem in Oregon McCarthy gewonnen hatte, fanden am 4. Juni drei Vorwahlen statt. Entscheidend war das bevölkerungsreiche Kalifornien, wo Kennedy mit 46 zu 42% gegen McCarthy gewann, der an diesem Tag noch einen weiteren Bundesstaat verlor. Der Sieg in Kalifornien bedeutete eigtentlich die Entscheidung für Kennedy in den Vorwahlen. McCarthy gab aber noch nicht auf, bereitete sich auf New York vor, wo keine offiziellen Vorwahlen stattfanden, dort wurden Delegierte für den Parteikonvent direkt gewählt, ohne dass sich die Wähler direkt für einen Kandidaten entschieden.

RFK flyerKennedy und sein Tross feierte die Siege in Kalifornien und South Dakota im “Ambassador Hotel” in Los Angeles. Damals stellte das Secret Service nur für amtierende Präsidenten Personenschutz zur Verfügung, nicht für Kandidaten, auch etwas das sich durch die Wahl 1968 änderte. Kennedy’s eigene Leibwächter waren der ehemalige FBI-Agent William Barry und zwei ehemalige Athleten (Grier, Johnson). Das Hotel hat anscheinend über eine Sicherheitsfirma (“Ace Guard Service”) einen Wachmann für das Ereignis engagiert, Thane Eugene Cesar, und das weniger als Schutz für den Kandidaten als für die Kontrolle der Menschen-Mengen, die ins Hotel kamen. Kennedy und seine Begleiter verliessen, kurz nach Mitternacht, nach einer Siegesrede einen Festsaal durch die Küchenräume des Hotels, um in einen anderen Saal zu wartenden Journalisten zu gelangen. In der Küche wurde Kennedy von drei Schüssen getroffen; auch fünf andere Personen wurden getroffen, die sich aber dann erholten. Juan Romero, aus Mexiko eingewanderter Küchengehilfe, war der letzte der RFK die Hände schüttelte, und einer der ersten die sich nach dem Attentat um ihn kümmerten. Kennedy erlag 26 Stunden nach dem Attentat im Krankenhaus seinen Verletzungen.

rfk at ambassadorDer Schütze, der gleich überwältigt wurde, war Sirhan Sirhan, ein christlicher (griechisch-orthodoxer) Palästinenser aus Jerusalem. Sirhan, zur Zeit der Nakba 4 Jahre alt, hatte wegen der jordanischen Verwaltung von Ost-Jerusalem und der Westbank 1948 bis 1967 die jordanische Staatsbürgerschaft. In dieser Zeit wanderte die Familie in die USA aus, ein Teil kehrte wieder zurück. Sirhan arbeitete u.a. als Pferdepfleger in Kalifornien, schloss sich diversen Sekten wie den Rosenkreuzern an. Er erlebte den erfolgreichen israelischen Angriffskrieg ’67 aus der Distanz, als der Rest von Jerusalem und Palästina (sowie Teile Ägyptens und Syriens) unter zionistische Kontrolle kamen, auch seine Familie. Auch diese Palästinenser erlebten nun israelische Militärverwaltung und Vertreibungen, wie in der Altstadt im eroberten Osten Jerusalems. Er erlebte in Amerika die “Heirat” amerikanischer und zionistischer Interessen unter Johnson, Feiern nach dem Krieg. Er lebte nie unter israelischer Herrschaft, erlebt die weitere Besetzung und Zerstückelung seiner Heimat aus etwas Distanz. Für Palästinenser bedeutete 67 etwas anderes als für die amerikanische Mehrheitsbevölkerung, und westliche Solidarität mit Christen in Palästina und der Region gibt es in der Regel nur dann, wenn man sie gegen Moslems in Stellung bringen kann… Sirhan soll auch psychische bzw. neurologische Probleme gehabt haben, vom Fall von einem Pferd.

Im Jänner 1968 war der israelische Premier Eschkol (Shkolnik) bei Johnson gewesen, was damals schon ein Besuch unter Alliierten war. Er wollte 50 Kampfflugzeuge kaufen, die Sache zog sich dahin, das amerikanische Aussenministerium war dagegen, weil es eine derart eindeutige Positionsbeziehung in dem Konflikt nicht wollte, eine Eskalation dieses Konfliktes durch eine “Einbettung” in den Kalten Krieg sowie ein Wettrüsten in der Region befürchtete. Das Ringen bzw. der Entscheidungsweg über den Verkauf kam in einer Wahlkampf-Debatte zwischen Kennedy und McCarthy in der Woche vor der kalifornischen Vorwahl zu Sprache, dort sprach sich Kennedy dafür aus (ob es hier Widerspruch von McCarthy gab, ist mir nicht bekannt). Sirhan soll Kennedy bis dahin sehr geschätzt haben und nun sehr enttäuscht gewesen sein. In seinem Notizbuch, das die wichtigste Informationsquelle über seine Mord-Motive war/ist, fand sich ein Eintrag dazu (nicht direkt auf die Debatte bezogen).

Der war allerdings vor der Debatte bzw. Kennedy-Aussage datiert (18. Mai). Im Mai hatte es eine TV-Doku gegeben (“The Story of Robert Kennedy”), in der RFK selbes über den Verkauf der Waffensysteme für Israel sagte (dort dürfte auch sein Besuch im Land 1948 vorgekommen sein). Diese wurde in Kalifornien aber ebenfalls nach der Notiz (sofern diese richtig datiert war) ausgestrahlt. Sonst hatte es nur im Jänner des Jahres, anlässlich des Eschkol-Besuches, möglicherweise eine Aussage Kennedys dazu gegeben. Die Entscheidung für den Verkauf fiel übrigens im Oktober, nach Druck der zionistischen Lobby, unter Johnson, kurz vor der Wahl; und die Sowjetunion lieferte darauf hin MIG-Kampfflugzeuge an Ägypten, von dessem Territorium Israel damals auch einen grossen Teil besetzte. Dass sich der Mord am ersten Jahrestag des Beginns des Sechs-Tage-Kriegs ereignete, kann in jedem Fall eigentlich nur ein bizarrer Zufall sein.

In Alternativtheorien zum Mord wird darauf hingewiesen, dass Kennedy Schusswunden nur auf der Rückseite seines Körpers gehabt habe, Sirhan jedoch direkt vor ihm gestanden sei. Der kurzfristig angeheuerte Wachmann Thane E. Cesar, ein Gegner der Kennedys, seine Waffe wurde nach dem Attentat nicht sichergestellt und untersucht, wird als zweiter, von hinten feuernder Schütze verdächtigt. Manchmal wird auch über eine Manipulation Sirhans durch Andere spekuliert. Hinter jeder Verschwörungstheorie steckt irgend eine Wahrheit; und die Herausforderung des konservativen, etablierten Amerikas durch “Bobby” Kennedy, durch sein Entreten für die Armen oder gegen den Krieg, ist ein Fakt. Sirhan wurde 1969 zunächst zu Tode verurteilt, die Strafe wurde durch die Abschaffung der Todesstrafe in Kalifornien 1972 in lebenslängliche Haft umgewandelt, die er heute noch absitzt.

Circa 1 Woche ruhte der Wahlkampf nach dem Mord. In New York wurde eine Mehrheit von Delegierten gewählt, die am Konvent McCarthy wählen sollten, auch einige für den toten Kennedy. Der Parteivorstand der DP im Bundesstaat New York (das New York State Democratic Committee) durfte dann den Rest der Delegierten (etwa ein Drittel der gesamten) auswählen bzw. zuteilen, und wie auch in anderen Staaten wurde hier Humphrey bevorzugt, und seine Gegner, nun v.a. McCarthy, benachteiligt. Nachhher war nur noch die Vorwahl in llinois, wo McCarthy gewann. Es war klar, Humphrey würde beim Konvent zumindest im ersten Wahlgang eine Mehrheit haben. Kurz vor dem Beginn des Konvents überfielen Truppen der Warschauer Pakt-Staaten die Tschechoslowakei und beendeten den “Prager Frühling” genannten Reformversuch des dortigen kommunistischen Systems.

Zum Zeitpunkt von Kennedys Tod, also kurz vor Ende des Nominierungsprozesses, sah die Delegierten-Verteilung so aus: Humphrey, der nicht an Vorwahlen teilnahm, hatte über 1000 zugeteilt bekommen; Robert Kennedy hatte etwas unter 700 sicher; McCarthy etwas über 300. Für die Nominierung waren 1312 Delegierte nötig. In der Hochrechnung, die den Rückzug der Humphrey-Günstlinge und anderer schwächerer Kandidaten mit-berücksichtigte, war Humphrey schon deutlich über dieser Marke. Es hätte schon einiges eintreffen müssen, dass Kennedy (ohne Attentat natürlich) die Nominierung noch bekommen hätte, anstelle von Humphrey:

  • Kennedy hätte die Vorwahl in Illinois gewinnen müssen (was wahrscheinlich gewesen wäre, aufgrund der Gegenkandidaten) und in New York einen guten Teil der Delegierten zugeteilt bekommen müssen (schwierig). Dann hätte es beim Konvent in Chicago wahrscheinlich einen zweiten Wahlgang gegeben (und nicht schon eine absolute Mehrheit für Humphrey im ersten). In den letzten Jahrzehnten gab es nur zwei Konvents der beiden grossen Parteien, wo der Nominierte nicht vor Beginn feststand bzw. wo die Abstimmung eine Art “Kampfabstimmung” wurde, so genannte open conventions: 1976 bei den Republikanern zwischen Ford und Reagan, 1980 bei den Demokraten zwischen Carter und Edward Kennedy; in beiden Fällen gabs aber keinen zweiten Wahlgang. Den gab es letztmals 1952 beim DP-Konvent, der wie 1968 im International Amphitheatre in Chicago abgehalten wurde. Damals gabs vier Kandidaten und drei Wahlgänge, schliesslich setzte sich Adlai E. Stevenson gegen Estes Kefauver durch, mit Unterstützung von Noch-Präsident Truman, der einen Kandidaten aus Südstaaten mit Rassendiskriminierungsgesetzen verhindern wollte.

Im Fall eines 2. Wahlgangs im Sommer 1968, der eine Art Stichwahl zwischen Kennedy und Humphrey gewesen wäre, hätten andere Kandidaten wahrscheinlich aufgegeben. Kennedy hätte gute Chancen auf die Stimmen der McCarthy-Delegierten gehabt (auch ohne Aufgabe), was aber keineswegs sicher gewesen wäre, angesichts der Animosität, die in diesem Vorwahlkampf zwischen den beiden Lagern entstanden war, gerade wegen ihrer ähnlichen politischen Ausrichtung. Aber auch wenn RFK die McCarthy-Stimmen und jene für McGovern gedachten bekommen hätte, wäre das nicht genug gewesen.

  • Kennedy hätte Humphrey-Delegierte gewinnen müssen.

Dazu ist zu sagen, dass die aufgrund der Vorwahl-Ergebnisse oder von lokalen Parteiorganisationen ausgewählten Delegierten verpflichtet werden, bei der Convention für einen bestimmten Kandidaten abzustimmen. Hinzu kommen die ungebundenen Delegierten (“Super Delegates” und ähnliche), Parteiprominenz der Bundesstaaten. Die “normalen” haben aber theoretisch auch eine Freiheit, schliesslich soll die Versammlung bzw. die Wahl irgendwie auch lebendig sein (sie sind “pledged”, verpflichtet, aber es gibt keine Sanktionen wenn sie anders abstimmen). Sie werden auch nicht zuletzt nach Zuverlässigkeit ausgewählt. Von dieser Freiheit machen Delegierte manchmal Gebrauch, wenn “ihr” Kandidat abgeschlagen ist (und seit Jahrzehnten steht der Nominierte vor der Convention fest) und sie den kommenden Kandidaten stärken wollen. Oder ein Kandidat gibt am Konvent auf, dann sind “seine” Delegierten “frei”. 08 hat Obamas scharfe Kontrahentin in diesem Jahr, Hillary Clinton, selbst während der Convention beantragt, das Nominierungsprozedere abzuändern und Obama per Akklamation zu nominieren. Bei einem zweiten Wahlgang sind Delegierte jedenfalls ungebunden und frei in ihrer Wahlentscheidung.

Aus dem Humphrey-Lager wäre ein Hinüberwechseln von Delegierten zu Kennedy grundsätzlich eher vorgekommen als umgekehrt. Arthur Schlesinger und andere glauben, dass Kennedy’s Charisma und der Mythos seines Namens ein Gewinnen von anderen Delegierten möglich gemacht hätte. Es wird auch für möglich gehalten, dass der Chicagoer Bürgermeisters Richard Daley, eine Parteigrösse und Humphrey-Unterstützer, zu Kennedy hinübergewechselt wäre und einen grossen Teil der Delegierten mitgenommen hätte (ein paar Telefonate hätten genügt, sagen manche), während des Konvents oder in den Wochen davor. Das damalige System der “Widmung” der Delegierten ohne Vor-Wahl hätte sich auch als nachteilig für Humphrey erweisen können. Richard Nixon vertrat in seinen Memoiren die Ansicht, dass Kennedy nach dem Vorwahlsieg in Kalifornien einen Teil der Delegierten McCarthys hinzugewonnen und seine Kampagne in den verbleibenden zweieinhalb Monaten eine unwiderstehliche Eigendynamik entwickelt hätte, die auf dem Parteitag nicht mehr zu stoppen gewesen wäre. Andere Historiker/Politologen/Journalisten gehen davon aus, dass Humphreys Unterstützung durch diverse einflussreiche „Parteibosse“ und der Vorsprung bei den Parteitagsdelegierten nicht so schnell ins Wanken gekommen wären.

Ein anderes Szenario, eine Einigung hinter den Kulissen vor/während des Konvents zugunsten Kennedys wäre viel unwahrscheinlicher gewesen. Im Falle eines Nicht-Gelingens des Attentats wären Kennedys Chancen wahrscheinlich drastisch gestiegen. Jedenfalls hätte es bei einem Antreten von ihm am Konvent eine scharfe Auseinandersetzung zwischen seinem und Humphreys Lager gegeben, was die Unruhen “draussen” wahrscheinlich verstärkt hätte.

Mit dem Tod Kennedys stand Vizepräsident Humphrey als demokratischer Kandidat de facto fest, zumal Kennedys Delegierte nicht bereit waren, sich “einheitlich” hinter McCarthy zu stellen. Die meisten von ihnen stimmten für den spät gestarteten Senator George McGovern, der im Frühling noch Kennedy in den Vorwahlen unterstützt hatte. Die anderen sind möglicherweise eher zu Humphrey als zu McCarthy gegangen! Noch-Staatspräsident Johnson behielt als Druckmittel gegen Humphrey die Präferenz der Delegierten von Texas und Illinois lange offen, ihre Unterstützung sollte er nur bekommen, wenn er nicht von Johnson’s Vietnam-Kriegskurs abwich; was er auch nicht tat.

Auf dem Nominierungsparteitag/Konvent vom 26. bis 29. August bekam Humphrey im 1. Wahlgang weitaus genug Delegierten-Stimmen für die Nominierung (1761 und drei Viertel); McCarthy (601) und McGovern waren weit abgeschlagen. Unter den anderen Kandidaten, die noch Stimmen bekamen, war der baptistische Geistliche Channing E. Phillips aus Washington, D.C., der erste “Schwarze” der auf einem Konvent der beiden Grossparteien in USA Stimmen bei der Präsidentschaftskandidaten-Nominierung bekam; diese DC-Delegierten waren ursprünglich zur Wahl Kennedys vorgesehen. Edward “Ted” Kennedy war 68 nach der Ermordung seines Bruders ernsthaft als Vizepräsidenten-Kandidat im Gespräch, auch bei Humphrey. Der Konvent wählte aber Edmund Muskie, Senator aus Maine, als Humphreys “running mate”.

Die Nominierung auf dem Parteitag in Chicago wurde von schweren Auseinandersetzungen zwischen linken Vietnamkriegsgegnern und der (auf Anweisung des Bürgermeisters Richard J. Daley extrem hart agierenden) Polizei überschattet. Anders als meist angenommen, ereigneten sich diese Unruhen nicht gleich ausserhalb des International Amphitheatre (dem Veranstaltungsort) sondern weit entfernt in der Stadt. Das Zustandekommen der Nominierung (des Vietnam-Kriegs-Befürworters) Humphreys ohne Teilnahme an Vorwahlen trug zu den Unruhen um den Parteitag bei. Die Auseinandersetzung über Vietnam fand aber auch im Amphitheater statt, auf dem Konvent ging es neben den Kandidaten für die Präsidentenwahl schliesslich auch um so etwas wie ein Parteiprogramm. Und die Polarisierung “drinnen” entsprach gewissermaßen jener “draussen”. Chicago war so etwas wie der Höhepunkt des amerikanischen 68. Der DP-Vorwahlkampf 1968 war, so wie er abgelaufen war, der Grund, dass der parteiinterne Auswahlprozess dann reformiert und geregelt wurde, durch eine Kommission unter McGovern – der 1972 dann auch selbst als Kandidat ausgewählt wurde. Humphrey war der letzte Präsidentschafts-Kandidat, der die Nominierung ohne Vorwahlen gewann

democratic-national-convention-1968So chaotisch und turbulent das Rennen der DP um die Nominierung zum Kandidaten war (mit dem Konvent als Kulmination), so glatt lief jenes der RP ab. Dazu de.wikipedia: “Die Republikanische Partei nominierte Richard Nixon, der zwar von Anfang an als Favorit gegolten hatte, aber auch von der Schwäche und Unentschlossenheit seiner Gegner profitierte, die ihren Vorwahlkampf entweder frühzeitig abbrachen (wie George W. Romney, Gouverneur aus Michigan, der wegen seiner Behauptung, er sei vom US-Militär in Vietnam einer ‘Gehirnwäsche’ unterzogen worden, heftig kritisiert und verspottet wurde), zu lange mit ihrer Kandidatur zögerten (wie der New Yorker Gouverneur Nelson Rockefeller) oder diese nur halbherzig betrieben (wie der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan). Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten wurde der Gouverneur von Maryland Spiro Agnew.” 1962 schien Nixons politische Laufbahn schon ihr Ende gefunden zu haben, als er nach einer erneuten Niederlage bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien auf einer von ihm selbst so bezeichneten „letzten“ Pressekonferenz die Journalisten beschimpfte und seinen Abschied von der Politik bekanntgab. Die Republikaner hätten auch gegen RFK wohl keinen Anderen ins Rennen geschickt, da zum Zeitpunkt dessen Ausscheidens ihre Auswahl auch schon im Endstadium war. Nixon und andere in der RP sahen eine Chance bei jenen Arbeitern, denen RFK zu “minderheitenfreundlich” war.

Der eigentliche Wahlkampf beginnt ja nach den Konvents im Sommer, geht etwa drei Monate. Der “turbulente” Vor-Wahlkampf in seiner Partei wirkte sich nachteilig für Humphreys Kampagne aus. Nixon begann seine Kampagne mit einem grossen Vorsprung in den Meinungsumfragen, der jedoch zusehends schrumpfte, als sich Humphrey mehr und mehr von Johnson emanzipierte und dieser zudem am 31. Oktober, sechs Tage vor der Wahl, einen endgültigen Stopp der Bombardierungen Nordvietnams anordnete. Die American Independent Party nominierte als “Running Mate” für George Wallace den Luftwaffen-General Curtis LeMay, der vorschlug, in Vietnam Nuklearwaffen einzusetzen. Bei einem starken Abschneiden von Wallace und einem knappen Rennen zwischen Nixon und Humphrey (im Bereich des Möglichen) hätte es dazu kommen können, dass kein Kandidat die absolute Mehrheit der Wahlmänner erringen würde. Dann hätte (wie schon 1824) das Repräsentantenhaus den Präsidenten wählen müssen, worauf Wallace auch hoffte. Zu jenem Zeitpunkt verfügte die Demokratische Partei über eine deutliche Mehrheit in dieser Kongresskammer.

Kennedy als Kandidat (nicht getötet, Nominierung auf Convention gewonnen) hätte auch das Problem mit Wallace gehabt, der damals für Rassentrennung war und deshalb im “tiefen Süden” (Südosten) gewann, damit den Republikanern nutzte, und auch im Norden Humphrey Stimmen weg nahm. Eines von vielen Problemen. 1968 war das Wahlalter 21, somit hätte sich Kennedys Beliebtheit bei Jungen nicht so stark in Stimmen umgesetzt. Dass die meisten aus dem Showbiz und Kunstbetrieb für ihn waren, auch nicht. Da ihm die “liberalen” Stimmen angesichts der beiden Gegenkandidaten ziemlich sicher waren, hätte er wahrscheinlich einen ziemlich “konservativen” Wahlkampf geführt, um jene zu gewinnen, die nicht seine logische Klientel waren. Über “sein” Segment hinaus Wähler zu gewinnen, wäre jedenfalls für einen Sieg notwendig gewesen. Der Ex-Gouverneur von North Carolina, Terry Sanford, hätte Running Mate von RFK sein können, einen relativ konservativen Südstaatler auszuwählen, hätte hier Sinn gemacht (“balancing out the ticket”). Gut, die Antikriegs-McCarthy-Wähler hätten Kennedy mehr unterstützt (gewählt) als sie das mit Humphrey getan haben. Vermutlich wäre es ein sehr schmutziger Wahlkampf geworden, zwischen RFK und Nixon.

Wenn man sich Humphreys tatsächliches Abschneiden ansieht, und das auf Kennedy “umlegt”, ergibt sich folgendes Bild: RFK hätte Texas (das Humphrey gewann) kaum gewinnen können. Wenn er dafür in jenen Bundesstaaten gewonnen hätte, in denen Nixon 3% oder weniger vor Humphrey war, also Alaska, Kalifornien, Illinois, Missouri, New Jersey und Ohio, sowie jene (abgesehen von Texas) auch gewonnen hätte, in denen Humphrey ebenso knapp vor Nixon lag (Washington, Maryland), wäre sich ein Sieg für Kennedy gut ausgegangen (290 zu 215 Wahlmänner; statt 191 zu 301 für Humphrey/Nixon); er hätte nicht mal alle gewinnen müssen. Während Humphrey bei konservativen Wählern eine Chance hatte (wie in Texas), hätte Kennedy andere Wählerschichten gewonnen (z. B. in Kalifornien).

Bei Wählerstimmen schlug Nixon Humphrey zweieinhalb Monate nach Chicago mit 43,4% zu 42,7; bei der Zahl der gewonnen Staaten endete es 32 zu 13. Wallace schnitt erwartungsgemäß stark im Südosten ab, errang landesweit 13,5% der Stimmen, gewann 5 Bundesstaaten, bekam 45 Wahlmännerstimmen (und dann eine “untreue” von einem Nixon-Wahlmann dazu). Im gleichzeitig gewählten Kongress behielten die Demokraten Mehrheiten in beiden Kammern (Senat-Mehrheitsführer Mansfield war ein Vietnam-Kriegsgegner). Im Dezember 1968 kam übrigens R. Kennedys 11. und letztes Kind, Tochter Rory, zur Welt.

Am Ende des Jahres 1968 war also Richard Nixon der Sieger. Er konnte sich revanchieren, für seine Wahlniederlage gegen JFK 1960; oder an Lateinamerika, wo er 1958 als Vizepräsident Eisenhowers bei einer Südamerika-Reise vom Volk ablehnend empfangen wurde, als Repräsentant der USA, in Venezuela die Limousine mit seiner Frau und ihm von Demonstrierenden geschaukelt wurde (anscheinend hat ihn die venezolanische Polizei gerettet). 15 Jahre später durfte er als US-Präsident den Pinochet-Putsch in Chile einfädeln, wobei hier natürlich die Geschäftsinteressen von ITT und Kommunismus-Paranoia die Motive waren, auch ein Hegemonie-Anspruch über Lateinamerika. Die nächste Wahl, 1972, gewann er gegen McGovern, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen hat lassen (seine Auffassung von “Law and order”). Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Und, im Vorwahlkampf 68 hatte man Eugene McCarthys Präferenz, die Volksrepublik China anzuerkennen, noch als “unrealistisch”, “ultraliberal” und “Kapitulation vor dem Kommunismus” attackiert; dies geschah dann auch unter Nixon.

Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons
Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons

Kennedy hätte als USA-Präsident sicher Einfluss auf den Vietnam-Krieg genommen, was auf die Dynamik des Kalten Kriegs grosse Wirkung gehabt hätte, mehr als auf Vietnam selbst. Ob es ihm wirklich gelungen wäre, die Politik der USA im Inneren und Äusseren gerechter zu machen? Mit der Mehrheit seiner Partei im Kongress wären einige Vorhaben umzusetzen gewesen. Vielleicht wäre er 1972 wiedergewählt worden, oder aber erst 72 drangekommen, nach einer Nixon-Amtszeit, gegen diesen. Bei einer Nominierung Humphreys 68 und einer Niederlage dieses gegen Nixon hätte Kennedy leicht die Wiederwahl in den Senat schaffen können und in der zerstrittenen DP dann eine der dominanten Figuren werden können. Im demokratischen Vorwahlkampf 72 gab es ja wieder ein Attentat auf einen Kandidaten, den diesmal wieder für diese Partei kandidierenden George Wallace (ein unpolitisches, wie es aussieht). McGovern, der tatsächlich 72 die Kandidatur gewann, hätte für RFK wahrscheinlich verzichtet. Auch ohne Präsidentschaft wäre dieser wohl auf Jahrzehnte hinaus ein wichtiger Politiker in Washington gewesen, z.B. als Senator, wie es dann Ted war.

Der Spielfilm “Bobby” von Emilio Estevez aus 2006 zeigt fiktive Ereignisse im Ambassador Hotel in Los Angeles in der Nacht zum 5. Juni 1968, vor dem Hintergrund realer. Von Robert Dornhelm erschien 2002 die TV-Dokumentation “RFK”.

„Shampoo“ (1975) mit W. Beatty u. a. spielt am Tag von Nixons Wahlsieg 68, wurde zur Watergate-Zeit gedreht/veröffentlicht, es geht vordergründig um Sex. Die Hauptperson, ein Friseur, soll an Jay Sebring angelehnt sein, der von der Manson-Familie umgebracht wurde

Mitchell J. Freedman: A Disturbance of Fate. The Presidency of Robert F. Kennedy (2010). Eine kontrafaktische/alternative Geschichte über ein Überleben und einem Wahlsieg dieses Kennedys. Scheint darauf abzuzielen, die Erwartungen ggü einer Präsidentschaft Kennedys als übertrieben darzustellen

Michael Bishop: Dieser Mann ist leider tot (1993): kein Watergate (aufgeflogen), Nixon bekommt freie Bahn, etabliert  ein autoritäres Regime.

Im Comic „Watchmen“ wird Nixon Führer der USA

Über den Mord

Über die DP-Vorwahl 68

Über den Konvent

Amerikanische TV-Berichte nach der Vorwahl in Kalifornien, im 2. Teil eine kontrafaktische Einschätzung

Alternativgeschichtliche/kontrafaktische Szenarien und Diskussionen:

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(alles auf Englisch in diesen links)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rund um 1968

Die Bewegung, falls man davon sprechen kann, war eine westliche, keine globale. Sie nahm Anfang der 1960er in USA im studentischen Milieu ihren Ausgang, breitete sich nach Westeuropa aus (FU Berlin,…). Zu politischen Forderungen kamen das Ausprobieren neuer Lebensformen. 1968 war so etwas wie der Höhepunkt der Phase. Inwiefern gabs Zusammenhänge mit Vorgängen ausserhalb des Westens, wie den Reformen in der Tschechoslowakei oder den Anti-Diktatur-Protesten in Brasilien? Ein “Che” Guevara war nicht Teil, sondern Idol dieser Bewegung, Arbeiter standen auch meist abseits.

In USA legten Students for a Democratic Society (SDS), v.a. an der Universität Berkeley in Kalifornien, mit den Grundstein für die Bewegung. Neben Hochschul-Spezifika ging es ihnen v.a. um die Unterstützung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und Gegnerschaft zum Vietnamkrieg bzw. dem amerikanischen Mitmischen dabei. In Zusammenhang mit diesen Protesten prägte der Schriftsteller Allen Ginsberg den Ausdruck “Flower Power”. San Francisco wurde Zentrum der Hippie-Kultur. Der Sommer 1967 war als “Summer of Love” (Monterey-Festival,…) für Viele ein Höhepunkt, wenn nicht Endpunkt, wo aus der Gegenkultur eine Massenbewegung wurde. Im Herbst dieses Jahres wurde Che Guevara in Bolivien mit amerikanischer Unterstützung gefangen genommen und erschossen.

Im Sommer 68 fand, zwei Monate nach der Ermordung von Robert Kennedy, der Nominierungs-Parteitag der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahl statt, den Linke wie “Abbie” Hoffman (Yippies) und Tom Hayden vom SDS zu Protesten gegen den Vietnamkrieg nutzten. Der abtretende Präsident Johnson stand hinter dem amerikanischen “Engagement” dort, die Partei war gespalten. Der Republikaner Nixon gewann dann die Wahl und wurde ein noch stärkerer Antagonist der “Blumenkinder” als Johnson. Dabei hatte er Elvis Presley auf seiner Seite, wie ihm dieser u.a. bei einem Treffen 1970 versicherte. Presley hat während seiner Militärzeit in der BR Deutschland mit Amphetaminen begonnen, später kamen andere Arzneimittel dazu, die ihm sein Arzt verschrieb, und die ihn wahrscheinlich in den Tod trieben. Gegenüber Nixon hat er sich gegen die Hippie-Kultur und (illegale) Drogen geäussert. Währenddessen wurde der Psychologie-Professor Timothy Leary, der den Gebrauch von LSD propagierte, für den Besitz von Marihuana eingesperrt; mit Hilfe der linksextrem-militanten “Weathermen”, die sich 1969 vom SDS abgespalten haben, gelang ihm vorübergehend die Flucht. 1970 erschossen von Gouverneur Rhodes angeforderte Nationalgardisten an der Kent State University in Ohio bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg vier Menschen. Wenige Tage später kam es in Washington zu einem nächtlichen Treffen Nixons mit Demonstrierenden beim Lincoln-Denkmal.

“Vielleicht war Woodstock nichts anderes als eine glorifizierte Party, bei der weiße Kids aus den Vorstädten Campen im Regen und Haschrauchen entdeckten”, hat vor einigen Jahren die New York Times provokant am Rande eines Interviews mit dem Woodstock-Veteranen Arlo Guthrie gefragt. Alle fünf Jahre wird wieder an das Konzert im Bundesstaat New York (das etwa eine Woche nach den Morden an der Schauspielerin Sharon Tate und vier weiteren Personen in ihrem Haus in Kalifornien stattfand) erinnert, gelegentlich werden dort Revival-Konzerte veranstaltet. Die Bands und Interpreten kamen damals aus verschiedenen Bereichen: Folk (etwa Crosby, Stills, Nash & Young), Rock (Jimi Hendrix,…), “Ethno” (Santana), Country (Country Joe), … Einige wie Joni Mitchell schafften es nicht rechtzeitig hin, einige wie Bob Dylan (der in der Nähe wohnte) waren nicht eingeladen, die Doors, Byrds und Moody Blues lehnten die Einladung ab bzw. zogen zurück. Die Gruppen verdienten eine Menge für den Auftritt und bestanden auf pünktlicher Bezahlung. Grateful Dead sind auf den LP’s vom Konzert nicht zu hören (wie auch Incredible String Band, Ravi Shankar, CCR, Janis Joplin,..), da ihr Auftritt von schlechter Qualität war, da vom Regen nasse Instrumente den Musikern Stromschläge gaben. Es gab in den 4 Tagen Todesfälle und Geburten, es wurde ein Tripzelt eingerichtet, um jene abzuschirmen, die in einem schlechten LSD-Rausch waren, Abbie Hoffman versuchte eine politische Rede zu halten. Auch bei diesem Konzert liefen Hedonismus und politischer Anspruch „nebeneinander“. Das Rock-Konzert im kalifornischen Altamont einige Monate später war von Gewalt überschattet.

 

Hippie-Mädchen auf Bus, http://www.cafleurebon.com/heeley-hippie-rose-the-scent-of-freedom-woodstock-draw/
Hippie-Mädchen auf Bus, http://www.cafleurebon.com/heeley-hippie-rose-the-scent-of-freedom-woodstock-draw/

In der BRD war Anfang der 1960er die Überwindung der materiellen Kriegsfolgen „abgeschlossen“, erst dann konnte die Auseinandersetzung mit dem “Nationalsozialismus” ein Thema werden. Die Aufarbeitung blieb der BRD übrig, da die DDR diese Phase als kapitalistische Angelegenheit und Österreich sie als Anschlussschicksal auslagerten. Vor allem die Auschwitz- und anderen KZ-Prozesse in den 1960ern stiessen eine Aufarbeitung an, die von der Studentengeneration Ende des Jahrzehnts vorangetrieben wurde. Der Aufbruch begann an der FU in West-Berlin (von der USA nach dem 2. Weltkrieg gegründet), mit dem SDS (ursprünglich aus der SPD), der von der US-Studentenbewegung inspiriert war. W-Berlin war Anziehungspunkt für Jugendliche aus allen Teilen der BRD, Brennpunkt im Kalten Krieg, Ort von Staatsbesuchen (64 schon Proteste anlässlich des Besuches des kongolesischen Premiers Tschombé, einer undemokratischen Marionette v.a. der Belgier). Es begann mit dem Engagement für fällige Hochschulreformen, setzte sich fort mit Unmut über die Politik der „verbündeten“ USA v.a. in Vietnam („Berlins Freiheit wird in Vietnam verteidigt“ hiess es damals auch; 66 grosse Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstration), und mit Dissenz gegenüber dem Grundkonsens der BRD (nur eine Seite der Freiheit; F.J. Strauss der grosse Spieler der alten BRD, der wichtigste neue Reaktionär) und ihrer aktuellen Politik (Grosse Koalition 66-69 unter Kiesinger/Brandt, Ende der CDU-Dominanz). Die SPD gab 68 die Zustimmung zu den Notstandsgesetzen; die BRD wollte eine gegenüber Extremisten wehrhafte Demokratie sein, was das Deutsche Reich in der Phase der Weimarer Republik nicht gewesen war. Der SDS (Rudi Dutschke, Kunzelmann, Rabehl,…), durch das Verbot der KPD sowas wie der linksextreme Parteiersatz in der BRD, sah in den beschlossenen Regelungen für Krisensituationen eine Vorbereitung auf den Faschismus, jedenfalls eine Gefährdung der Demokratie.

Die “Ausserparlamentarische Opposition” weitete sich auf andere Gesellschaftsschichten und Orte aus: die Kunstszene (z.B. Heinrich Böll), Teile der Kirchen, Anwälte wie Otto Schily,… Das Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt mit seiner die Kritische Theorie vertretenden Frankfurter Schule lieferte eher den geistigen Überbau, die Referenzfiguren, auch weil es dort sympathisierende Professoren gab. Jürgen Habermas sagte damals aber, die BRD sei eine leidlich funktionierende Demokratie, und die studentische Opposition “linksfaschistisch” (dies nahm er zurück). Hinzu kam die Herausforderung des Patriarchats durch die Frauenbewegung und die Ent-Tabuisierung sexueller Themen. In Berlin existierte von 67-69 die “Kommune 1” mit  Fritz Teufel, Rainer Langhans, “Bommi” Baumann, Dieter Kunzelmann, Uschi Obermaier,… Sie befand sich zuerst in der leerstehenden Wohnung des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger.

Die Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs in West-Berlin 1967 brachte eine Eskalation bzw. erst den Beginn einer Entwicklung. Bahman Nirumand und andere von der “Konföderation Iranischer Studenten” hatten die Problematik des damaligen iranischen Regimes vermittelt, auf der anderen Seite standen die sprichwörtlichen Jubelperser. Die Erschiessung Ohnesorgs durch die Polizei bei der Demo bewirkte mehr als jede andere staatliche Gegen-Maßnahme eine Radikalisierung der deutschen Studentenbewegung bzw. der APO. 09 stellt sich heraus, dass (der noch immer zur Tat stehende) Kurras, ein Held der Rechten, MfS (Stasi)-IM und SED-Mitglied war, ausserdem schiesswütig und Alkoholiker. Bezüglich “Nahost” war die Neue Linke in West-Deutschland bis zum Krieg 67 proisraelisch. Über die Hintergründe und Brüche dazu gibts einige Untersuchungen, jene von Annette Vowinckel, “Der kurze Weg nach Entebbe oder die Verlängerung der deutschen Geschichte in den Nahen Osten”, ist einigermaßen empfehlenswert.

In der DDR übte zu dieser Zeit v.a. Robert Havemann Sytemkritik. Die 1968 in der BRD gegründete DKP wurde (wie die Zeitschrift Konkret) vom DDR-Regime unterstützt. Dieses förderte in der BRD eine Aufmüpfigkeit, die es bei sich nie zugelassen hätte. Manche in der westdeutschen Bewegung bezogen sich positiv auf die DDR; Schily sagte, DDR hatte unter 68ern keinen guten Ruf. Dutschke, der aus der DDR stammte, war für die deutsche Wiedervereinigung.

Begleitet wurde diese Phase von der Hetze der Springer-Presse, auch die Diskussionen anlässlich der Joschka-Fischer-“Enthüllungen” 01 wieder; der Bild-Chefredakteur 61-71, Boenisch, war nun aber gegenüber Fischer „milde“. 1969 kam in Bonn nach der Bundestagswahl eine SPD-FDP-Koalition unter Brandt zustande. Im Jahr darauf löste sich der SDS auf. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums stand die NPD, die damals auf einem demokratischen Weg war (wobei fraglich ist inwiefern sie diesen Staat wollte/akzeptierte), in manche Landtage einzog und bei der BT-Wahl 69 nur knapp den Einzug verfehlte. Mit Horst Mahler und Bernd Rabehl landeten später immerhin zwei prominente Ex-68er bei der NPD. Rabehl deutete das deutsche 68 im Nachhinein als deutsch-national -gegen die alliierten Besatzer gerichtet- um.

Martin Walser 1968: “Was sich in Auschwitz austobte, stammt schlesslich auch aus alter Schule, ist von schlechten Eltern. Juden und Slawen, darauf waren wir gedrillt seit langem. Zur Zeit schulen wir um auf Kommunisten.”

Bommi Baumann: “Die Empörung über das Attentat an Rudi war inzwischen in ganz Deutschland so gross, und in allen Städten ist am selben Abend etwas passiert, da war so eine Stimmung voll Sympathie für Rudi, dass die Bullen gar nicht einschritten. Sie haben sich anders verhalten als sonst. Da waren Polizeioffiziere, die haben gesagt, Kinder, wir können euch doch verstehen, aber macht’s nicht zu doll, die haben ja in dem Getümmel noch richtig mit uns gesprochen.” Baumann, Mitbegründer der militanten Gruppe “2. Juni”, wurde 1973 in Ost-Berlin verhaftet, als er in Westdeutschland polizeilich gesucht wurde und von einer langen Haftstrafe bedroht war. Er wurde gezwungen, der “Stasi” Informationen über die linksmilitante Szene in Westdeutschland zu geben, den RAF-Mitgründer Andreas Baader bezeichnete er u.a. als „Spinner mit völlig infantilem Verhalten“.

Manfred Gerspach: “Erstens warne ich davor, die Jahre um 1968 zur Fama zu verklären. (Ich ertappe mich selbst manches Mal bei solch regresiven Phantasien.) Es war eine interessante, eine spannende Zeit voll siegtrunkener Ideen und mitreissendem Tatendrang. Aber das lag auch daran, dass vieles in Fluss gekommen war und wir voll auf die neuen, noch zu findenden Formen setzten. Es war auch eine Zeit voll eigener Unsicherheit, Unfertigkeit und Grössenvorstellungen. Die Ernüchterung, nachdem sich das Establishment gefangen hatte, war tief und bis zum heutigen Tag anhaltend.”

In Frankreich waren es ähnliche Voraussetzungen wie in Deutschland und anderswo, die zu Protest-Aktionen führte: Konservative Gesellschafts-Strukturen, die Erfordernis von Uni-Reformen, ein Konjunktur-Einbruch erstmals seit dem Krieg. Die Gaullisten (Präsident De Gaulle, Premier Pompidou) und ihre Verbündeten waren nicht zu Reformen bereit, die Linke auf zwei sozialistische und eine kommunistische Partei aufgespalten und in Opposition. Proteste von Studenten (UNEF), Künstlern und Arbeitern steigerten sich im Mai 68 zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Die PCF spielte eine systemkonforme Rolle, wollte v.a. keine Solidarisierung der streikenden Arbeiter mit den Studenten. Wie Revolutionen und Revolten meistens in Frankreich, spielten sich auch diese Ereignisse vorwiegend in Paris ab. Bei Uni-Besetzungen wie jener an der Sorbonne kam es zu Auseinandersetzungen der linken Aktivisten mit der Polizei und rechten Gruppen. De Gaulle suchte den Befehlshaber der französischen Truppen in Deutschland, General Massu, auf. Die Revolte löste sich aber auf, die Gewerkschaften und Kommunisten lenkten nach einem Abkommen zur Lohnerhöhung ein. Die Neuwahlen im Juni 1968 bestätigten die Gaullisten (UDR). Reformen wurden eingeleitet. Viele der damals Beteiligten sind heute reaktionär, Daniel Cohn-Bendit noch am wenigsten.

In Italien machten vor allem Arbeitskämpfe den “Heissen Herbst” von 1969 aus. Im selben Jahr begannen mit einem Terroranschlag in Mailand die Gladio-Aktionen, von Geheimdiensten und Faschisten ausgeübte Gewalt, die Linken in die Schuhe geschoben wurde. Anlässlich des Anschlags wurden zahlreiche Aktivisten aus dem linksradikalen Spektrum verhaftet, während eines Verhörs starb der Anarchist Giuseppe Pinelli unter ungeklärten Umständen. Infolge entstanden viele linksradikale Gruppierungen. Die Roten Brigaden gründeten sich im im Jahr darauf. Als Folge der 68er-Bewegung wurden in den 1970ern in Italien (wie auch in anderen westeuropäischen Ländern) die patriarchalischen Familiengesetze geändert.

Als Höhepunkt des österreichischen “1968”, das v.a. ein künstlerisch-kulturelles Phänomen war, wird immer wieder die von Boulevard-Zeitungen “Uni-Ferkelei” genannte Aktion im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien am 7. Juni 1968 gesehen. Der Sozialistische Österreichische Studentenbund hatte zu einer Veranstaltung mit dem Titel “Kunst und Revolution” geladen. Die Künstler Günter Brus, Otto Mühl, Peter Weibel und Oswald Wiener versuchten dabei durch das Brechen so vieler Tabus wie möglich zu schockieren. Brus sang die Bundeshymne, zog sich aus, entleerte seinen Darm und onanierte, Mühl peitschte einen vermummten Masochisten (von Malte Olschewski dargestellt) aus, und Wiener hielt einen unverständlichen Vortrag über Input-Output-Theorie. Mit “Valie Export” hätte eigentlich auch eine Frau dabei sein sollen. Als der Gestank für jene in den vorderen Reihen unerträglich wurde, setzte man sich nach hinten. Manche Studenten, die die damals üblichen Vorlesungen unerträglich fanden, haben die Aktion aufrichtig bewundert und waren darüber erleichtert. Mit einem Tag Verspätung stellten sich die Reaktionen ein – die dann ebenso heftig waren wie die Aktion selbst. Zur medialen Entrüstung kamen Maßnahmen von Polizei und Justiz, wobei Heinrich Gross wie unter dem NS auch hier als Gerichtspsychiater im Einsatz war. Mühl verbrachte einige Wochen in Untersuchungshaft. Der nach eigenen Angaben damals “meistgehasste Mensch Österreichs”, Brus, wurde wegen “Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit” zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach zwei Monaten Haft und danach erwirkter Freilassung flüchtete er 1969 nach Berlin, gründete dort mit Wiener und Gerhard Rühm die “Österreichische Exilregierung” und deren “Regierungs-Zeitschrift” “Die Schastrommel”. Erst 1976 konnte Brus’ Frau beim Bundespräsidenten bewirken, dass seine Haftstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt wurde und ermöglichte damit seine Rückkehr nach Österreich. Inzwischen hat er den Staatspreis bekommen.

Bereits 1965 war es zu Demonstrationen von Studenten gegen den ukrainisch-stämmigen Historiker Taras Borodajkewycz gekommen, der in seinen Vorlesungen offen antijüdisch auftrat, und die ein Todesopfer forderten. Der Journalist Kuno Knöbl, der die amerikanische Beteiligung am Vietnam-Krieg sehr kritisch kommentierte, berichtete auch direkt aus dem Land. “In Wien rannte ich durch die Strassen und rief ‘Sieg für den Vietcong’ und dann saß ich auf einmal im vietnamesischen Dschungel und der Vietcong kam wirklich und ich war mir nicht sicher ob er weiss, wie wohlgesonnen ich ihm bin”, schilderte er später. Auch der spätere Musikvideofilmer Rudi Dolezal erlebte dramatisches, beim ersten Auftritt der Rolling Stones in Österreich durften Schreiber der Kronen-Zeitung, die gegen die Bewegung anschrieb, in der er die Stones verortete, ins VIP-Zelt, er aber nicht. Auch in Österreich wurde in dieser Zeit eine Mentalitätswende und ein Strukturwandel bewirkt, die in den 1970ern erst richtig eintraten. In einer Doku von Dolezals heutigem Kompagnon Rossacher zum Film “Easy Rider” und zu der Zeit sagte ein Interviewpartner, Kommunenbosse waren damals die ärgsten Machos (auch Charles Manson, der ausserdem Mörder und schlimmer Rassist).

Aussteiger und Abenteurer aus dem Westen fuhren über etwa 10 Jahre den Hippie Trail entlang, von der Türkei bis nach Südostasien, ehe Ende der 70er die Landroute über den Iran (wegen der islamistischen Machtübernahme bzw. dem Krieg mit Irak), und Afghanistan (wegen der kommunistischen Machtübernahme bzw. der sowjetischen Intervention) undurchfahrbar wurde; inzwischen konnten sich die meisten Interessenten auch Flugreisen nach Indien (Goa), Nepal, oder Thailand leisten. Eine der Attraktionen auf den Reisen waren natürlich Drogen, die es unterwegs meist in besserer Qualität, billiger und leichter gab als in Westeuropa, Nordamerika oder Australien. In Afghanistan entstand ein eigener Friedhof für westliche Drogentote, die meist Heroin zum Opfer gefallen waren.

Wolfgang Kos: “Es scheint zwei konträre Hitparaden zu geben: die der Kopf-68er (mit Texten von Marx, Adorno und Dutschke) und die Body-&-Mind-68er (mit Stones, Dylan und Doors als Stichwortbringern). Deshalb wurde Leonard Cohen so wichtig, als Vermittler zwischen den Milieus.”

In den 70ern spaltete sich “die Bewegung” auf, neue alternative Strömungen und Bewegungen entsponnen sich, die Frauenbewegung, Schwulenrechtsbewegung, Öko-Bewegung (zT auch hier Gewalt, von beiden Seiten), Friedensbewegung, Bürgerinitiativen, 3. Welt-Projekte; manche bildeten Sponti-Cliquen (Hausbesetzungen, Strassenschlachten mit der Polizei,…), andere gingen, nach der Auflösung des SDS, zu den Jusos oder zu kommunistischen Gruppen, etwa zu den maoistisch und totalitär ausgerichteten K-Gruppen wie dem KB (Trittin in Göttingen dort aktiv, Küntzel), dem KBW (z.B. “Joscha” Schmierer) oder der KPD-ML. Viele 68er machten Laufbahnen in Unis, Redaktionen, Schulen,…, trotz dem Radikalenerlass der SPD-FDP-Regierung 72. Andere zogen sich in den „privaten“ Bereich zurück, mit Drogen, Sekten oder Esoterik. Die Sommerfestivals begannen so richtig In den 70ern (Roskilde, Isle of Wight, Newport,…).

Peter Mosler: “Noch 1975, als die Aktion der Frauen die einzige Bewegung in Westdeutschland und West-Berlin ist, die diesen Namen verdient, schreiben die Maoisten vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW): ‘Der Feminismus als eine Version des bürgerlichen Individualismus will den proletarischen Frauen einreden, statt am Kampf der Klasse teilzunehmen, ihn zu spalten und zunächst mal ihre Männer ≪Chauvinisten≫ usw. zu bekämpfen, bevor der Kapitalismus bekämpft wird…’ ”

Die Hausbesetzer-Szene wurde auch Rekrutierungsfeld für linke Terrorgruppen, Autonome gingen später daraus hervor. Ende der 60er, Anfang der 70er entstanden im Umfeld der radikalisierten Teile der 68er-Bewegung in West-Berlin militante Gruppen wie die „Bewegung 2. Juni“, die “Revolutionären Zellen”, und, am bedeutendsten, die Baader-Meinhof-Gruppe/RAF. Gewalt in der linksextremen Szene wurde, wie man heute weiss, vom Staat mit-initiiert, v.a. über den BfV-Agent provocateur Peter Urbach, evtl. im Zusammenhang mit Gladio, jedenfalls um die Bewegung zu diskreditieren. Die Bombe für den “Tupamaro”-Anschlag (Kunzelmann,…) in Berlin 69 auf ein jüdisches Zentrum kam etwa von Urbach.  Die Kaufhaus-Brandlegung in Frankfurt 68 war noch Teil der Vorgeschichte der RAF, die Befreiung des dafür verurteilten Andreas Baader durch Ulrike Meinhof und andere 1970 so etwas wie ihre Geburtsstunde (mit dem Meinhof-Anschluss tauchte die Gruppe unter). War dieser Terror in der Bewegung, ihrer “Ideologie”, angelegt oder war er ihre Verdrehung? Gewalt ist jedenfalls auch oft genug gegen neue Linke angewendet worden, ob in USA, Deutschland oder Italien. Stefan Aust, damals Konkret-Redakteur, später Spiegel-Chef, war mit Vielen aus der Gruppe bekannt, über die er 1985 das Standardwerk herausbrachte.

„Joschka“ Fischer war kein klassischer deutscher 68er: zu jung, kein Akademiker, nicht in Berlin. Aus einem konservativ-katholischen Elternhaus donauschwäbischer Herkunft, ist er so alt wie die BRD. Er hat keine berufliche oder wissenschaftliche Ausbildung absolviert (eine Lehre als Fotograf angefangen). Ging nach Frankfurt, wo er politisch sozialisiert wurde. Arbeitete als alternativer Bibliothekar, Fabriksarbeiter (politische Agitation unter Arbeitern, etwa bei Opel), Taxifahrer. Die Aufarbeitung des NS war auch bei ihm ein Antrieb. Er hatte seine rebellische Zeit in den 70ern, als Sponti (kein konstruktives Arbeiten an einer Reform des Rechtsstaates), im Frankfurter Häuserkampf gegen Abrisspläne und Bauspekulation, die von der lokalen SPD und Immobilienmaklern wie Ignaz Bubis getragen wurden. Lernte Daniel Cohn-Bendit dort kennen, der aus Frankreich infolge des Mai 68 ausgewiesen worden war. Nach der Entsagung der Gewalt in der zweiten Hälfte der 70er (er hatte mit Linksterrorismus nie was zu tun, aber Entebbe 76 war für ihn ein Punkt des Innehaltens) machte sich Leere bei ihm breit. Er bildete sich autodidaktisch weiter, arbeitete beim alternativen Magazin Pflasterstrand mit. 1982 schloss er sich zusammen mit anderen Ex-Linksextremen (die wie er vorwiegend Spontis gewesen waren) den Grünen an; bildete dort ein “Realo”-Netzwerk und wurde eine Führungspersönlichkeit. “Fundis” wie Jutta Ditfurth, Umweltaktivisten und Pazifisten, waren die andere, die „autochthonere“ Strömung, diese wollten lieber eine alternative Gegengesellschaft aufbauen anstatt über das bisherige Macht-System Einfluss zu nehmen und hatten auch andere inhaltliche Schwerpunkte. Fischer war 83 unter den ersten grünen Bundestags-Abgeordneten; damals kam ein gegenseitiges Dämonisieren mit CDU/CSU-Politikern über NS-Vergleiche häufig vor. Durch die grüne Rotation musste er wieder raus (im Film von Danquart über ihn verglich er diese mit dem Wechsel einer 1. Linie im Eishockey), ging in den hessischen Landtag und wurde dort 85 Umweltminister (Umwelt, ein Thema dass ihm nicht wirklich am Herzen liegt, das er eher als Weg zur Macht sah) in einer rot-grünen Koalition (Kulturbruch grüne Regierungsbeteiligung) und lernte Politik (Zuständigkeiten in Koalitionen aushandeln, Verwaltungsapparat leiten, mit Medien umgehen, innerparteiliche Angriffe überstehen, Wahlkampf führen), die aufgrund gegensätzlicher Standpunkte zur Atomenergie endete.

Er stieg also relativ schnell vom Staatshasser zum Staatsrepräsentanten auf. Die Trennung von seiner damaligen Ehefrau (u.a.) führte zu einer Lebenskrise, in dieser Phase entdeckte er das Laufen, das seither über seine Gewichtszu- und abnahme mitentscheidet. “Mauerfall“ und Wiedervereinigung brachten das rot-grüne Bundes-Projekt unter Lafontaine für 91 zu Fall sowie die Vereinigung mit den ostdeutschen Grünen. Fischer blieb im hessischen Landtag und wurde dort 91 wieder Umweltminister, unter Hans Eichel. Nach dem Wieder-Einzug der Grünen in den Bundestag 94 ging er wieder nach Bonn, wurde dort Co-Fraktions-Sprecher und bundespolitisches Schwergewicht, was die realpolitische Hinwendung der Partei „vollendete“. 98 nach dem Wahlsieg von Rot-Grün Bundesminister. 99 (erfolgreicher) Einsatz für die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg (erster „echter“ Auslandseinsatz der Bundeswehr; Milosevic entgegenzutreten befürwortete er schon als Oppositionspolitiker), v.a. am grünen Sonder-Parteitag  (auch Ex-Grüne wie Ditfurth kamen hin, um die Polarisierung zu verstärken), mit der Farbbeutelattacke („hätte mir den gerne gegriffen“) und der entscheidenden Rede danach mit Schmerzen im Ohr, Farbe auf der Kleidung, einem Leibwächter sichtbarer bei ihm. Er “musste”, wie auch andere (zB Mandela), z.T. eine Politik machen, die dem entgegenstand, wofür er gewählt worden war. Die Last, die er seiner Aussage nach bei der Angelobung empfand, kam möglicherweise von dem Wissen darum.

2001 brach eine Debatte um seine linksradikal-militante Vergangenheit los, durch die Veröffentlichung von Fotos durch die Meinhof-Tochter Bettina Röhl (im Stern sowie auf ihrer Homepage), fortgeführt vom Spiegel, von Springer dankbar aufgegriffen. Zu Vorwürfen bezüglich Strassenkämpfen mit Gewaltanwendung in Frankfurt kamen jene der Beherbergung einer Terroristin, damit auch Falschaussage, sowie Teilnahme an einem PLO-Kongress. Als er im Prozess gegen seinen Bekannten, den OPEC-Attentäter Hans-Joachim Klein, aussagte, verteilte die JU vor dem Gericht ein Flugblatt mit Fotos von Fischer und Klein wie sie 1973 auf den Polizisten Marx einprügelten (das Foto mit der die Fischer/68er-Debatte begann) und von deutschen Fussball-Hooligans, die 98 den französischen Polizisten Nivel bei der WM halb tot schlugen. Die Sache wurde von vielen als Generalabrechnung mit 68 & co benutzt. Als die damalige Oppositions-Chefin Merkel behauptete, in der Bundesrepublik hätte es immer eine freiheitlich-demokratische Ordnung gegeben, die quasi jeden Protest illegitim gemacht hat, hat sie wahrscheinlich nicht gewusst, dass etwa der Beisitzer des Volksgerichtshof-Vorsitzenden Freisler, H.-J. Rehse (Mitwirkung an über 200 Todesurteilen), bis in die 60er hinein weiter an deutschen Gerichten wirkte – oder es vergessen. Aber auch andere Ex-68ern oder Ex-Grüne ergriffen damals die Gelegenheit zur Abrechnung mit Leuten wie Fischer. Die Krise überstand er. Fischer prägte die Anfangszeit der Berliner Republik mit. Am 11. 9. 01 hat er „gerade im Adlon Mittag gegessen“ als er von den Ereignissen erfuhr. Er gab in Folge den Bushs kontra und liess sich von den Bin Ladens nicht vereinnahmen.

Manch einer kritisiert, dass Fischer nicht Unterlassungen des Auswärtigen Amtes etwa bezüglich der Militärdiktatur in Argentinien aufgearbeitet hat, sondern das weiter zurückliegende, eigentlich weniger brisante (NS). 05 das Koalitionsende und Fischers Abtritt als Vizekanzler und Aussenminister. Seine aktuelle Ehefrau ist kurdische Exil-Iranerin. Zur Antiglobalisierungsbewegung haben er und politisch ähnlich sozialisierte ein distanziertes Verhältnis. Nach seiner politischen Karriere hält er u.a. Vorträge für Goldmann & Sachs, ist Lobbyist für RWE, Siemens, BMW, Berater des World Jewish Congress. Fischer steht für den Wandel der deutschen Gesellschaft; und für den Erfolg (Ankommen, Durchsetzen, Reifen,..) wie das Scheitern (teilweiser Ausverkauf und Missbrauch der Ideale) der Ex-68er.

Während viele der anarchistischen Spontis in Deutschland in den 80ern zu den Grünen in die Politik gingen, schlugen viele aus den straff organisierten und dogmatischen K-Gruppen eine Beamten-Laufbahn ein, eine Minderheit begründete die “antideutsche” Strömung und man versuchte sich etwa als Wissenschafter. Auch hier stellt sich die Frage, ein Bruch mit (früheren) Ideologien oder konsequente Weiterentwicklung? Hans-Gerhart Schmierer war 1968 Mitglied im Bundesvorstand des SDS und 1973 Mitbegründer der bedeutendsten deutschen K-Gruppe, des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) und bis zu dessen Selbstauflösung 1985 seine unangefochtene Führungsfigur; in dieser Zeit gab er eine Solidaritätsadresse für die Roten Khmer in Kambodscha ab. War dann am Verkauf des KBW-HQ in Frankfurt an die Commerzbank und anderen lukrativen Veräusserungen beteiligt, brachte die Zeitschrift „Kommune“ zu den Grünen ein. Unter Fischer kam er ins Aussenministerium. Schmierer versucht(e), seine früheren Positionen aus heutiger Perspektive umzudeuten, für George W. Bushs Aussenpolitik, die eine “konsequente Weltinnenpolitik” sei, brachte er Verständnis auf. Gerade Bush und die Neocons waren für etliche Ex-68er und andere Ex-Linke Endstation, auch Hitchens ist ein Beispiel dafür. Das Pärchen vom Cover der Woodstock-LP, die Ercolines, Bauernkinder aus der Umgebung des Konzertortes, war schon zur Zeit des 20-Jahre-Jubiläum des Konzerts 1989 für Bush sen. und Pershing II -Raketen.

Mit dem Mauerfall kamen in Deutschland nicht nur einige ehemalige RAF-Mitglieder “zum Vorschein”, die in der DDR Unterschlupf gefunden hatten, sondern auch mehrere Narrative über diese Zeit zusammen. Werner Schulz, Bürgerrechtler in der späten DDR, Mitbegründer des Neuen Forums, für Bündnis 90 in der letzten Volkskammer, für die Grünen im Bundestag, heute im Europaparlament, sagte 01 in einem Spiegel-Interview (z. Zt. des Aufkochens der Debatte wegen Fischer), Westlinke träumten damals von einer Revolution und haben eine gesellschaftliche Reform bewirkt. In der BRD brannten in dieser Zeit Kaufhäuser (durch Baader), in der CSSR der Student Jan Pallach (aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings), für einige Monate war Prag, so Schulz, ein freier Ort in Osteuropa gewesen; bei dieser Niederschlagung “blieb die Solidarität der Westlinken aus, die es sonst mit allen Unterdrückten von Persien über Kuba bis Vietnam gab”. Manche 68er/neue Linke gestanden dem Ostblock eben das zu, was sie im Westen anprangerten, z.B. AKWs, Atomwaffen, auswärtige Interventionen bzw. Bevormundung. Hannah Arendt hat einst die Frage aufgeworfen, ob 1968 vergleichbar mit 1848 sei. Joni Mitchell, die in Woodstock auftreten hätte sollen, sagte, “Flower Power” war vordergründig und frauenfeindlich.

Bald nach dem Ankommen der Ex-68er begann in den 00er-Jahren eine grosse gesellschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen. Zum 40-Jahr-Jubiläum 2008 gabs auch wieder die Debatten, die Abrechnungen und Bücher dazu. In Deutschland ist es nach der Nazi- und DDR-Aufarbeitung die dritte grosse zeitgeschichtliche. Selbstgerechtigkeit gibts auf beiden Seiten. Während Kritiker zwischen “alles ruiniert” und “nichts bewirkt” oszillieren, möchten ehemalige Mitwirkende oder spätere Anhänger die Bewegung gerne mit den Federn einer Art neuer Aufklärung schmücken. Neben der (je nach Standpunkt positiven oder negativen) Reformkraft ist eine kulturell-gesellschaftlich Hegemonie seit den 80ern zu bilanzieren.

Bücher: “Illuminatus”-Trilogie von Robert Anton Wilson (1975); “Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück” ist eine Monographie des Historikers Götz Aly aus dem Jahr 2008, einem damaligen Befürworter und heutigem Kritiker der Bewegung; Carsten Seibold: “Die 68er. Das Fest der Rebellion”; Alan Watts: “Zeit zu Leben. Erinnerungen eines ‘heiligen Barbaren'” (1984)

Im Film: Milou en mai/Eine Komödie im Mai (Louis Malle), Bobby (Emilio Estevez), Hair (Musical-Verfilmung),

“Joschka” Fischers Ernennung zum Aussenminister der rot-grünen Koalition, mit Kanzler Schröder und Präsident Herzog

 

 

Über 68 in der Schweiz