Hitler stoppen

Hitler und den NS zu stoppen wurde, im Nachhinein, wurde oft durchdacht bzw ausgemalt. Vieles, was in der BRD gab oder gibt, von Teilen der Verfassung über den Linksterror ab den späten 1960ern bis zur Israel-Begeisterung, war/ist so ein Vorbeugen bzw Wiedergutmachen.1 Hier geht es aber um jene Punkte in Hitlers Leben und Laufbahn, an denen er hätte gestoppt werden können. Bevor er einen sehr grossen Teil Europas zerstören liess, bzw um dieses Zerstörungs-Werk wenigstens abzubrechen. Katastrophen zu vermeiden, bzw rückgängig zu machen, ist eines der Hauptmotive bei alternativer bzw kontrafaktischer Geschichtsschreibung.

Und NS/ 2. WK ist eines der am häufigsten bearbeiteten Felder darin. Nationale Sehnsüchte, wie die erwähnten deutschen, haben oft etwas alternativgeschichtliches. Vereinfacht gesagt ist Kontrafaktik eher auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet und Alternativgeschichte stärker auf Unterhaltung. Aber in beiden Sub-Genres findet auch das (sich) Trost Spenden und das Ausmalen von Sehnsüchten statt.2 Im Folgenden werden die entsprechenden Ausgangspunkte für kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien (die Diversionspunkte) formuliert. Hitlers tatsächliches Ende war ja bekanntlich sein Selbstmord im Bunker der neuen Reichskanzlei im April 45, die Rote Armee einige Hundert Meter entfernt.3

Manche AG/KF-Arbeiten, dies sei vorab auch erwähnt, malen auch Szenarien aus, in denen Hitler/ Nazideutschland siegreich aus dem von ihm losgetretenem Krieg  heraus geht. Otto Basil tat dies in Verbindung mit einem erfolgreichen deutschen Atomprogramm, in seinem 1966 erschienenen Roman „Wenn das der Führer wüsste“, worin ein siegreiches Nazi-Deutschland sehr satirisch gezeichnet (bzw überzeichnet) wird. In Lothar Meinerzhagens alternativgeschichtlichem Spionagethriller “Götterdämmerung” gibt es auch einen deutschen Sieg durch Technologie, er transportiert darin aber ganz andere Botschaften als Basil. Die Britin Katharine Burdekin brachte bereits 1937 “Swastika Night” (dt. “Nacht der braunen Schatten”) heraus, ein dystopischer Roman, der Europa nach einer 700-tjährigen nationalsozialistischen Herrschaft beschreibt.

Eine seriöse Annäherung an das Szenario eines siegreichen Hitler-Deutschlands hat Ian Kershaw versucht, in seinem Buch “Wendepunkte”. Er nimmt sich darin etwa die Situation von Dünkirchen/ Dunkerque im Mai 1940 vor, als ein Haltebefehl an die deutschen Panzertruppen die Evakuierung eingeschlossener alliierter Truppen von dort ermöglichte. 300 000 Briten und Franzosen samt ihren Panzern hätten in Hände der Wehrmacht fallen können. Eine Gefangennahme hätte auch den Kriegswillen in diesen Ländern geschwächt, und damals waren die internationalen Voraussetzungen für einen Nazi-Sieg relativ gut: Frankreich war geschlagen, die USA und die Sowjetunion standen noch abseits des Kriegs, GB stand allein, und in Churchills Kabinett gab es weiterhin Anhänger der Appeasement-Politik Chamberlains, die für Verhandlungen mit dem Deutschen Reich eintraten (wie Edward Wood, der Lord von Halifax).4

In “Vaterland” (Originaltitel: “Fatherland”) von Robert Harris (1992) wird ein Kriminalfall vor der Kulisse eines vom siegreichen Nazideutschland dominierten Europas geschildert. In Len Deightons “SS-GB” (1978) ist GB von den Deutschen besetzt, Ralph Giordano schrieb “Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte”, Gregory Benford und Martin Greenberg schrieben zusammen ebenfalls über einen siegreichen Hitler. Andere Alternativ(welt)geschichten behandeln das Szenario eines Hitler, der zwar nicht siegreich aus “seinem” Krieg hervor ging, aber irgendwie überlebte. In “Er ist wieder da” von Timur Vermes (2012) erwacht er im Jahr 2011 in Berlin auf einer grünen Wiese wieder zum Leben (eine Satire). Es halten sich auch Verschwörungstheorien, wonach Hitler an den Südpol geflohen sei, in das vom Deutschen Reich als “Neuschwabenland“ beanspruchte Antarktis-Gebiet, über Argentinien.5

Bevor wir zu den möglichen Punkten eines früheren Scheitern Hitlers kommen: Die Frage, ob Hitler die Deutschen verführt hat oder ob diesen eine (deutsche) “Welle nach oben gespült” hat, bleibt hier aussen vor.6 Wenn zweiteres der Fall ist, wäre aber eher beim Versailles-Vertrag bzw beim 1. WK anzusetzen, um Hitler zu stoppen. Oder noch früher, beim „deutschen Sonderweg“? Befürworter dieser These wie Heinrich A. Winkler sehen einen „Westen“, der eine ideale Modernisierung/Demokratisierung durchlief, und ein Deutschland das verspätet dort ankam; der Sonderweg sei erst durch die Kriegs-Niederlage des Deutschen Reichs unter der Nazi-Diktatur bewusst geworden. Demnach brauchte Deutschland diese Niederlage um „westlich“ zu werden. Was hätte das zuvor konkret bedeutet, eine (stärkere) Teilnahme an Kolonialismus und Sklavenhandel? Winkler hat bezeichnenderweise gerade etwas über den “Untergang” des Westens veröffentlicht. Ohne Hitler (und die Annahme, das Deutsche Reich sei nach dem 1. WK “klein”, müsse wieder “gross” gemacht werden) wäre Deutschland heute möglicherweise Weltmacht.

Dass Hitler nicht geboren wurde, nie existierte, wurde zB von Stephen Fry durchgedacht bzw. ausgemalt, in “Making History” (1996; dt. “Geschichte machen”). In der Alternativ(welt)geschichte ist Hitlers Vater unfruchtbar (gemacht). Es gewann den Sidewise Award for Alternate History. Jerry Yulsman hat in “Elleander Morning” ein Szenario entworfen, in dem Hitler 1913 in Wien ermordet wird, wodurch der “Zweite Weltkrieg” nicht statt findet. Norman Spinrad schrieb “Der stählerne Traum”, darin wandert Hitler nach dem 1. Weltkrieg in die USA aus und wird Science-Fiction-Autor (Rahmenhandlung), die Binnenhandlung bildet eine SF-Geschichte, die vorgeblich von Hitler geschrieben wurde. Von einem Gavriel Rosenfeld gibt’s eine Untersuchung über alternativgeschichtliche Literatur zum Komplex Hitler/Nationalsozialismus/2. WK (“The worlds Hitler never made”).

* Ein “seriöser” Divergenzpunkt in Hitlers Leben7 ist eine Aufnahme an die Kunstakademie in Wien (1907/08) oder ein Durchbruch als Postkarten-Maler in den Jahren danach, etwa mit Unterstützung “seines” Kunsthändlers Reinhold Hanisch. Eric E. Schmitt hat so etwas in der Art in seinem alternativgeschichtlichen Roman “Adolf H. Zwei Leben” (2008) ausformuliert. Hitler wird darin Kunstmaler, im Deutschen Reich setzt sich ein konservativ-militärisches Regime durch, es wird irgendwann Weltmacht. Auch hier geht es um die Möglichkeiten Deutschlands und die Defizite Hitlers. In Hitlers Wiener Jahren fand wahrscheinlich seine rassistisch-antijüdische Prägung statt; um dies zu ändern, müsste wahrscheinlich schon mehr geändert werden.

* Hitler drückte sich ja bei Kriegsausbruch 1914 vor der österreichisch-ungarischen Armee und diente sich der bayerischen Armee (Teil des Deutschen Heers) an. Hier ergibt sich natürlich die Möglichkeit, in in diesem Krieg, an der Westfront, sterben zu lassen. Es gab einen britischen Soldaten an dieser Front, Henry Tandey, der Hitler dort 1916 erschiessen hätte können. Tandey, dann ein Kriegsheld, wurde in einem Gemälde dargestellt, auf welches Hitler aufmerksam wurde. Der damalige Gefreite hat als Führer eine Kopie bzw ein Foto des Bildes bestellt. Als der britische Premier Neville Chamberlain im Zuge seiner Appeasement-Politik 1938 vor dem Münchner Abkommen den Berghof in Berchtesgaden besuchte, sah er dieses, bekam die Erklärung dazu. Chamberlain bestellte Tandey Hitlers Grüsse.

Tandey bereute inzwischen, damals nicht auf den verwirrten “Deutschen” geschossen zu haben, wahrscheinlich erst recht, als 2 Jahre später deutsche Jagdbomber seine Heimatstadt Coventry verwüsteten. Wenn Hitler nach dem Krieg infolge des Giftgas-Angriffs 1918 (oder einer Kriegshysterie) blind geblieben wäre, hätte ihn das auch stoppen können. Dudley Wade (britischer Marine-Historiker) schrieb, in Peter Tsouras’ “The Third Reich victorious” (02) über das Szenario eines Hitler, der in diesem Krieg in die Marine aufgenommen wird, dann einen anderen politischen Aufstieg macht; Deutschland geht dann mit dem Westen und den Juden gegen die SU vor. Winziger Zufall (Hitler auf Bahnfahrt zu Rekrutierungsstelle in Abteil mit einem Marineoffizier), grosse Wirkung.

* Ein anderer Ausgang des NSDAP-Putschversuchs in München 1923 für Hitler: Er hätte dabei natürlich erschossen werden können. Und, danach tauchte Hitler in Landhaus von Ernst Hanfstaengl (der am Putsch beteiligt war, nach Salzburg floh, sich später von Hitler abwandte) in Uffing am Staffelsee unter, wurde dort nach wenigen Tagen verhaftet. Nach Hanfstaengls Bericht soll seine Ehefrau Helene Hitler davon abgehalten haben, sich dort in dieser Situation zu erschiessen. Weiters war nach der Verhaftung eigentlich Hitlers Abschiebung nach Österreich vorgesehen – auch dies hätte den Gang der Geschichte ver-ändern können. Auch, wenn er durch den Putschversuch desavouiert worden wäre.

* Keine so schlimme Krise der Weimarer Republik um 1930 herum…Wenn der Berliner DVP-Politiker Gustav Stresemann nicht 1929 im Alter von 51 an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben wäre, wäre die Instabilität des Staates wahrscheinlich nicht so gross geworden. Natürlich kann man auch spekulieren, wie es gelaufen wäre, wenn diese Republik so gar nicht entstanden wäre, wenn das Deutsche Reich nach dem 1. WK monarchistisch geblieben wäre oder mit Österreich zusammen gegangen wäre, oder sich die KPD durchgesetzt hätte oder unter (bzw durch) Hindenburg die Monarchie restauriert worden wäre. Die Weltwirtschaftskrise ist bei der Krise und dem Ende der Weimarer Republik natürlich auch eine wichtige Variable; wenn sie in dieser Form also nicht gekommen wäre oder Reichskanzler Brüning sie in Deutschland in den Griff bekommen hätte (mit einer anderen Politik statt der Deflation), hätte Hitler wahrscheinlich nicht so einen Zulauf bekommen.

* Ein Strassenverkehrs-Unfall im März 1930 in Nürnberg hätte die Weltgeschichte auch verändern können. Ein schwerer Lastwagen krachte damals mit voller Wucht in den Mercedes, in dem Hitler zu einem Treffen mit Julius Streicher chauffiert wurde, schob diesen etwa 20 Meter vor sich her, aber… Henry Turner hat in “Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinterlassenschaften” (1989) die Folgen eines Abgangs Hitlers zu diesem Zeitpunkt ausgemalt. Er glaubt, dass die auf die Person des „Führers“ zugeschnittene NSDAP auseinander gefallen wäre, sich im Reich eine offene oder verdeckte Militärdiktatur etabliert hätte, diese auch einen Krieg vom Zaun gebrochen hätte, sich aber mit der Rückeroberung der 1918/19 verlorenen Gebiete8 begnügt hätte. (Zeitzeuge) Egon Fein spekulierte in “Hitlers Weg nach Nürnberg. Verführer, Täuscher Massenmörder. Eine Spurensuche in Franken (2002)” auch über andere Folgen dieses Unfalls. Natürlich ergeben sich daraus Erkenntnisse über die Bedeutung der Person Hitlers für den Nationalsozialismus, die deutsche, die Weltgeschichte.

* Ein weiteres Gedankenspiel in dem es darum geht, Hitler aufzuhalten:   Alternative Wahlausgänge, z.B. bei einer der Reichstagswahlen 1932, zuungunsten der NSDAP, die bei diesen Wahlen jeweils siegte. Hindenburgs Ernennung von Hitler zum Reichskanzler Anfang ’33 geschah auf Grundlage der Reichstags-Wahl im November 32.9 Dann gabs im Frühling 32 auch eine Reichspräsidenten-Wahl, bei der sich Paul von Hindenburg gegen Hitler (30 bzw 37% in den beiden Wahlgängen) und Ernst Thälmann (KPD) durchsetzte. Um bei der RP-Wahl 32 antreten zu können, war es notwendig, dass der seit 1925 staatenlose Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt.

Erst Ende Februar 1932, aber gerade noch rechtzeitig, erhielt er diese, indem der von einer NSDAP-DNVP-Koalition regierte Freistaat Braunschweig ihn zum Schein zum Gesandten Braunschweigs bei der Landesvertretung in Berlin ernannte und damit zum Staatsbeamten. Damit war automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft verbunden.10 Das mit der Erringung der deutschen Staatsbürgerschaft hätte schiefgehen können, dann hätte Hitler auch nicht Reichskanzler werden können. Oder, er hätte die Wahl 32 gegen Von Hindenburg gewinnen können – hätte er auch als Reichspräsident die Demokratie ausschalten können?

* Gregor Strasser gewinnt 1932 den Konflikt in der NSDAP mit Hitler oder setzt sich mit einem Teil der Partei ab

* Kurt v. Schleicher errichtet 1932/33 eine Militärdiktatur

* Christian v. Ditfurth schrieb in “Consul” (2003) über einen Mord an Hitler im November 1932 und etwas über die folgende Alternativentwicklung; wie immer bei Ditfurth eher Unterhaltung (Alternativgeschichte) als kontrafaktische Geschichtsbetrachtung.

Hindenburg hätte Hitlers Machtergreifung als einer von Wenigen abwehren können, bzw hinausschieben. Er hielt Hitler für vulgär und einen hysterischen Trommler, sah dessen Nicht-Zugehörigkeit zum preussischen Grossbürgertum als grosses Manko. Hätte am liebsten die Monarchie unter Ex-Kaiser Wilhelm oder dessen Sohn restauriert. Hindenburgs alter Heereskollege Erich Ludendorff war ein Teilnehmer des Hitler-Putsches, wandte sich dann von diesem ab, durchschaute ihn, sah das Unheil voraus.11 Hindenburg liess sich 32 zur neuerlichen Kandidatur als Präsident überreden, bei einem Nichtantreten wäre ein Sieg Hitlers sehr wahrscheinlich gewesen (siehe oben). Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jänner 33 soll auch weitgehend auf die “Kamarilla” um den greisen Hindenburg zurückgegangen sein. Hindenburg starb bekanntlich 1934, (spätestens) dann hätten Hitler und die mit ihm verbündeten Kräfte (auch in der Reichswehr) wieder laut an die Türe zur Macht geklopft.

Hitler am Beginn seiner Machtübernahme, am “Tag von Potsdam” im März ’33, mit Reichspräsident v. Hindenburg

 

* Widerstand gegen das Ermächtigungsgesetz 1933, den ersten Schritt zur Diktatur-Errichtung, von Reichswehr, Parteien, Kirchen, ausländischen Mächten (Heeren)

* Die Möglichkeit eines Eingreifens der Reichswehr nach dem “Röhm-Putsch” 34 hat Wilhelm Raddatz in “Ich schieße, Herr Hitler: Roman eines Staatsstreichs” (2003) ausformuliert. Die NSDAP-Führung wird darin in einer Reichstags-Sitzung verhaftet und vor Gericht gestellt.

* Ein Eingreifen der Westmächte nach dem deutschen Einmarsch in das (aufgrund des Friedensvertrags von Versailles entmilitarisierte) Rheinland 1936

* 1938 hatten bereits Viele in Deutschland gelernt, welcher Geist da aus der Flasche gelassen wurde. Auch in der Wehrmacht. Die Septemberverschwörung 1938, während der “Sudetenkrise”, einer der ersten ernsthaften Putsch-/Attentatspläne gegen Hitler, hauptsächlich von seiten der Wehrmacht. Mit Hitlers diplomatischem Erfolg auf der Münchner Konferenz wurde der Plan hinfällig. Hier ist natürlich auch ein Alternativszenario denkbar. Vor dem Anschluss Österreichs und dem Kriegsausbruch. Zum Beispiel mit dem Divergenzpunkt, wonach die Briten und Franzosen ggü Hitler kein Appeasement üb(t)en.

Joachim Fest meinte in seiner Hitler-Biografie12, Hitler würde im Fall seiner Beseitigung zu diesem Zeitpunkt (also einer Umsetzung dieses Vorhabens) noch heute noch als grosser Deutscher verehrt werden. Johannes Dillinger widersprach ihm, mit Hinweis auf KZs, Parteienverbote, Errichtung der Diktatur,…, auch Eberhard Jäckel. Wahrscheinlich aber würden sich in diesem Fall Deutsche auch in Schlesien oder Pommern Gedanken über Schicklgruber machen, solche oder solche. Jedenfalls, hier, vor Krieg und Holocaust, hätte das Schlimmste (vom NS) noch verhindert werden können. Danach konnte Hitler wohl nur noch durch Attentate oder eine ausländische Macht (wie geschehen) gestoppt werden.

* Die Zahl der Attentate auf Hitler beläuft sich auf irgend etwas zwischen 17 und über 40. Ein Gelingen des Attentats Georg Elsers 1939 (kurz nachdem Hitler den Weltkrieg vom Zaun brach) wäre auch eine reizvolle Grundlage für Spekulationen; man kann das unglückliche Scheitern aufs Wetter herunterbrechen, aufgrund dessen Hitler nicht mit dem Flugzeug von München nach Berlin zurückreiste, stattdessen mit der Bahn, deshalb die Veranstaltung früher als geplant verliess. Thomas E. Fischer in Michael Salewskis (Hg.) “Was wäre wenn. Alternativ- und Parallelgeschichte: Brücken zwischen Phantasie und Wirklichkeit” (1999), glaubt dass die NS-Maschine im Fall eines Gelingens auf allen Ebenen weitergerollt wäre. Wolfgang Brenner in “Führerlos” (08) glaubt an einen NS-internen Machtkampf in diesem Fall. Dieter Kühn schrieb in “Ich war Hitlers Schutzengel” über vier Fiktionen über Hitlers Ende, darunter auch über ein Gelingen von Elser.

* Als Hitler 1942 nach Finnland reiste, war er der mächtigste Mann der Welt. Bei der Landung des Flugzeugs in Helsinki begann ein Reifen unter dem Tank zu brennen…  Von Bedeutung wurde der Besuch durch die geheime Ton-Aufzeichnung des Gesprächs des “Führers” mit Carl G. Mannerheim.

* Henning von Tresckow war eine zentrale Person im Widerstand in der Wehrmacht, war auch am Anschlag bei Rastenburg/Ketrzyn beteiligt. Im März 1943 übergab er Hitlers Begleiter Heinz Brandt eine Holz-Schachtel mit zwei Flaschen “Cointreau”, in der sich eine Bombe befand, für Oberst Stieff, zum Transport in Hitlers Flugzeug von der Front in Smolensk zurück zur Wolfsschanze. Der Säurezünder versagte jedoch, wegen der Kälte im Frachtraum, wo die Box deponiert wurde. Wenn sie im Passagierbereich der Focke “Condor” gelagert worden wäre… Tresckow tötete sich nach dem Scheitern des Anschlags vom Juli 1944. Bezüglich Tresckows eigentlicher Tätigkeit als Wehrmachts-Generalmajor an der Ostfront sind in jüngerer Zeit Diskussionen aufgetreten, was er unter „Partisanenbekämpfung“ so alles mit zu verantworten hat.

Die zerstörte Lagerbaracke der Wolfsschanze nach dem 20. Juli 1944

* Das wichtigste Attentat war natürlich das vom 20. Juli 1944, von Wehrmachts-Kreisen. Dass die Verschwörer einen Bunker (wo die Druckwelle nicht entweichen konnte) statt der Baracke erwartet hatten, dürfte nicht stimmen. Aber der durch seine Kriegsverletzung stark bewegungsbehinderte Von Stauffenberg versäumte ja das Scharfmachen der zweiten Bombe, nachdem er überrascht worden war. Vielleicht hätte zu einem Gelingen schon genügt, dass Adolf Heusinger im Moment der Detonation Hitler nicht gerade die Lage im Norden der Sowjetunion erläuterte, und daher beide fast über der Landkarte am Tisch lagen und durch dessen dicke Platte geschützt waren. Heinz Brandt tauchte hier wieder auf, er schob die Tasche mit der Bombe hinter einen Tisch-Sockel, starb durch die Explosion, “rettete” aber unbewusst Andere. Es gab also eine Reihe unglücklicher Zufälle; dazu gehörten auch jene Umstände, die zur mehrmaligen Verschiebung des Attentats geführt hatten.

Mit dem Attentat verbunden war ja der Plan, (durch Ingangsetzung der “Operation Walküre”) die Wehrmacht unter Kontrolle zu bringen, Göbbels zu verhaften, Himmler und die SS auszuschalten; und dann möglichst noch eine Kriegswende. Dass die Sache mit Walküre nicht gelang, war wahrscheinlich weniger als das Attentat von Zufällen bzw Kleinigkeiten abhängig. Die wankelmütige Haltung vieler Beteiligter wurde durch das Nicht-Gelingen des Attentats bzw die Unsicherheit darüber natürlich verstärkt, auch durch das späte  Auftauchen von Claus von Stauffenberg in Berlin. Es gelang nicht, die vollständige Kontrolle über das Ersatzheer zu bekommen, nicht über Rundfunk und Fernmeldewesen, nicht über NSDAP, SS, Gestapo.

Welche Alternativabläufe wären beim Gelingen des Staatsstreichs möglich gewesen? Bis zur Stalingrad-Schlacht 42/43 (evtl. sogar bis zur Normandie-Landung) hätte ein Umsturz für das Deutsche Reich zwar nicht die Kriegswende, aber eine günstigere Niederlage bringen können: ein früheres Ende des Kriegs, keine mit der Besatzung verbundene Entmündigung, ein eigener Neustart13, nicht so grosse Gebietsverluste und Reparationen. Im Juli 44 standen aber die West-Alliierten schon in der Normandie, in Mittel-Italien standen sie vor dem Durchbruch, dies galt auch für die Rote Armee in Ost-Polen.14

Wenn die Todesumstände Hitlers bekannt geworden wären, hätten die neuen Machthaber zudem leicht ihre Legitimität in Deutschland verlieren können, eine neue Dolchstosslegende (zumal man dabei war, den Krieg zu verlieren), auch ein Bürgerkrieg wäre möglich gewesen. Die möglichen Folgen des Gelingens des Stauffenberg-Attentats und des damit verbundenen Umsturzes wurden oft behandelt. Ein Stauffenberg-Sohn (Berthold?) sagte, bei einem Gelingen wären für Deutschland die Zahl der Kriegstoten halbiert worden (ggü der tatsächlichen) und die Zerstörung der Städte erspart geblieben.

Alexander Demandt sah15 in diesem Fall ebenfalls einen schnelleren Zusammenbruch und ein schmerzloseres Kriegsende, aber auch die Möglichkeit einer inneren Konfrontation. Jäckel, in einer Darstellung eines Sammelbandes zu einem erfolgreichen 20. 7. 4416 ist diesbezüglich pessimistisch. Christian von Ditfurth malt in „21. Juli“ einen gelungenen Staatsstreich (durch ein geglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler und ein Bündnis der Verschwörer mit der SS), ein erfolgreiches deutsches Atomprojekt, und einen (dadurch) anderen Kriegsausgang aus. Deutschland gelingt bei ihm die Demokratisierung.

* Ein Ende Hitlers zwischen Juli 44 und Mai 45, etwa durch eine Überdosis „Eukodal“ (das er 43-45 nahm), hätte gegenüber dem tatsächlichen Ende wenig gerettet (für Manche aber gewiss den Unterschied ums Ganze gemacht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die RAF und ihr Umfeld werden/wurden sowohl als Reaktion auf Hitler als auch als dessen Erben gesehen, so nahe kann das bei einander liegen
  2. Beziehungsweise, es liegt ihnen gelegentlich zu Grunde
  3. Dazu: Wolfdieter Bihl: Der Tod Adolf Hitlers. Fakten und Überlebenslegenden (2000)
  4. Ich weiss nicht, ob Kershaw dies in diesem Buch behandelt hat, aber andere mögliche Wendepunkte wären ein Scheitern der britischen Entschlüsselung der “Enigma”, ein anderer Ausgang des Treffens Hitlers mit Franco in Hendaye 1940, ein nazideutscher Sieg in Stalingrad oder en Zusammengehen der Anglo-Alliierten mit Deutschland gegen die Sowjetunion, nach den Vorstellungen von George Patton
  5. Nazi-Mythen wie dieser werden in “Wo keine Sonne scheint” von Hahn und Pukallus (2010) beleuchtet
  6. Nach Nolte war er ja eine Reaktion auf die SU
  7. Wie gesagt, die Frage wo man anzusetzen hat, um eine Entwicklung zu ändern, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Auch kindliche Weichenstellungen sind hier ausser Acht gelassen
  8. An Polen, Frankreich, Tschechoslowakei, Litauen, Dänemark, Belgien
  9. Die Wahl im März 33 (43,9% für die NSDAP) fand schon nach der Machtergreifung (bzw während) statt
  10. Dass Hitler im 1. WK für das Deutsche Reich kämpfen konnte, dürfte nur durch einen Verwaltungs-Irrtum ermöglicht worden sein!
  11. Er starb aber 1937
  12. Hitler: Eine Biographie (1998)
  13. Darüber gehen die Meinungen aber auseinander, der Kreis um Stauffenberg war ja sehr konservativ, und durch die totale Niederlage kam es gewissermaßen zu einer Reinigung
  14. Darüber redete Hitler beim Attentat gerade mit seinen Generälen
  15. In “Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte” oder “Das Attentat in der Geschichte”
  16. H.-J. Schultz (Hg.): Der zwanzigste Juli. Alternative zu Hitler? (1974)

Querfronten

Als „Querfront“ wird in der Regel eine Zusammenarbeit von Rechts und Links  zur Erreichung eines Ziels bezeichnet, auch (tatsächliche/vermeintliche) ideologische Gemeinsamkeiten von linken und rechten Kräften, Berührungspunkte zwischen vermeintlichen Gegenpolen, Linkes im Rechten und umgekehrt. Aber auch der Seitenwechsel von Rechts nach Links und umgekehrt oder die Zusammenarbeit mit dem Feind des Feindes gehört dazu. Und hier geht es nicht zuletzt auch um Versuche, Querfronten (bzw den Vorwurf, die Behauptung, einer solchen) zur Diffamierung bzw eigenen Entlastungen zu konstruieren bzw auszumachen. Und auch um Widersprüche/Dilemmata zwischen eigentlichen Verbündeten sowie Heucheleien und Widersprüche in Ideologien.

Die “klassische” Querfront

Historisch war “Querfront” zB die Zusammenarbeit des „linken“ Flügels der NSDAP hauptsächlich mit Teilen der SPD bzw die Ambitionen dieses Parteiflügels. Den sozialrevolutionären Teil der Nazi-Partei führten die Strasser-Brüder Gregor und Otto sowie SA-Gründer Ernst Röhm, er wurde anfangs auch von Joseph Goebbels unterstützt. Die Strassers, aus dem bayerischen Franken, beherrschten die Berliner Parteiorganisation und entwickelten ein gegenüber dem süddeutschen Schwerpunkt der Partei um Adolf Hitler eigenständiges, antikapitalistisches Profil. Goebbels war enger Mitarbeiter Gregor Strassers im Rheinland und in Westfalen. Diesem Flügel ging es mehr um Klassenkampf als um Rassenkampf (das Negative wurde aber auch hier auf die Juden übertragen), man unterstützte teilweise die Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften und sah auch mit dem Kommunismus Gemeinsamkeiten. Von linker Seite wurde dies hauptsächlich von den Nationalbolschewisten erwidert; Teile des Nationalbolschewismus waren auch in der NSDAP beheimatet.

Der innerparteiliche Macht- bzw Richtungskampf war eigentlich vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten entschieden. Otto Strasser trat 1930 gemeinsam mit einigen Anhängern aus der NSDAP aus. Mit dem Aufruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ hoffte er vergeblich, die NSDAP spalten zu können. Hitler setzte sich damit durch, die sozialen bzw Produktionsverhältnisse beizubehalten und Antikapitalismus gewissermaßen durch Antisemitismus zu ersetzten. Mit der Machtübernahme der Nazis im Jänner 1933 verloren die verbliebenen nationalen Sozialisten in der NSDAP bald jeden Einfluss. Innerparteilicher Pluralismus war unter Hitler ohnehin ausgeschlossen, und die Linksparteien SPD und KPD wie auch der ADGB und seine Teil-Gewerkschaften wurden gewaltsam aufgelöst. Während Otto Strasser ins Exil gegangen war, wurden Gregor Strasser, Röhm und Andere in der „Nacht der langen Messer“ 1934 im Rahmen der Machtergreifung auf Befehl Hitlers ermordet. Otto Strasser organisierte von Kanada aus etwas Widerstand gegen das Hitler-Regime.1

Hitler (bzw der NS) oszillierte zwischen den oberen und unteren Schichten, von Anfang an. Er pendelte zwischen Grossbürgern und dem Pöbel, bzw bediente beide, zunächst in München. Hitler trat vor einfachen Menschen bzw Massen als einer aus dem Volk auf, vor Wirtschaftstreibenden oder Landbesitzern als einer, der weiss wie man Massen führt. Die ideologisch-rhetorische Schulung, die er kurz nach dem 1. Weltkrieg bei der Reichswehr erhalten hatte (noch als Österreicher), kam ihm dabei wohl zu Gute. Im Februar 1933 lud Hitler Vertreter der deutschen Wirtschaft wie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Friedrich Flick, Fritz Springorum oder Ernst Tengelmann zu einem geheimen Treffen. Ihnen gegenüber war er darum bemüht, das Image des Bierzelt-Agitators abzulegen und Bedenken gegen ihn aus dem Weg zu räumen. Die Eigentumsverhältnisse in der Wirtschaft würden unangetastet bleiben, versicherte er, die Arbeiterbewegung in Grenzen gewiesen, und die Rüstungsindustrie angekurbelt.2

Der Antikapitalismus wurde hauptsächlich über den Antijudaismus erledigt. Viele aus dem Adel, dem Militär oder der Wirtschaft fanden sich aber später in Gegnerschaft zum NS-Regime bzw von diesem verfolgt. Und: Viele aus den unteren Schichten wählten NSDAP, bei Reichstagswahlen ab 1928, als sie erstmals antrat. In der Weimarer Republik war das Drei-Klassen-Wahlrecht des Kaiserreichs abgeschafft worden, alle Stimmen zählten nun gleich. Die Einschätzung darüber, wer den NS an die Macht brachte und stützte (und damit über seinen Charakter), schwankt: das Grosskapital oder der kleine Mann. Ja, auch zwischen Deutschland und Österreich wird die Verantwortung bis heute gelegentlich hin und her geschoben.

Rechtskonservative wie Erika Steinbach oder Arnulf Baring sagen, „Der NS war eine linke Bewegung“. Natürlich geht’s da um Diffamierung, Abwälzung, Reinwaschung. Solche “Nebensächlichkeiten” wie die Arbeit des späteren BDA-Präsidenten Schleyer an “Arisierungen” tschechischer Betriebe im besetzten Prag  werden da ausgeblendet. In diesem Zusammenhang ist aber natürlich auch das Abkommen zwischen Hitler (Schicklgruber) und Stalin (Dschugaschwili) von 1939 relevant, die Verständigungspolitik der beiden Diktaturen zu Beginn des Kriegs, die Aufteilung Osteuropas in Interessenssphären. Über manche Länder Europas, wie Rumänien oder Polen, kamen beide.3 Und in der These, mit der Ernst Nolte den deutschen Historikerstreit von 1986/87 auslöste, waren ja Verbrechen der Nazis gewissermaßen die Reaktion auf jene der Bolschewiken in der SU. Auch bei ihm steht ja Verharmlosung bzw Rechtfertigung des NS im Raum.

In jüngerer Zeit hat der US-Historiker Timothy Snyder in dem Buch „Bloodlands“ Gemeinsamkeiten von hitleristischer und stalinistischer Herrschaft herausgearbeitet. Das Massenmörderische und das Imperialistische hat das nationalsozialistische Deutsche Reich und die Sowjetunion zumindest unter Stalin wahrscheinlich tatsächlich mehr verbunden als es der Nationalsozialismus mit dem italienischen Faschismus war oder der Sowjet-Kommunismus mit dem Euro-Kommunismus im Westeuropa der Nachkriegszeit.

Den Zwiespalt/Widerspruch bei der Rechten zwischen Wirtschaftliberalismus und Kleiner-Mann-Politik gibt’s bis heute. Innerhalb des Franco-Regimes gab es Richtungskämpfe, Konflikte zwischen Anhängern von Staatsinterventionismus und „freier Marktwirtschaft“. Ein grosser Teil der Wähler von Parteien wie der FPÖ fühlt sich als zu kurz gekommen, benachteiligt. Sozialrevolutionäre Wünsche einerseits und die Ablehnung des Linken andererseits.

Der Benutzer “Reservebuddha” hat in einer Diskussion auf orf.at mal geschrieben: “Das Geniale an der FPÖ ist seit Haider, dass sie einerseits für genau die Probleme steht, die sie anprangert, und andererseits von denen gewählt wird, denen sie letztlich schadet. Z.B. haben FPÖ-nahe Fabrikanten jahrzehntelang von billigen (und auch zugewanderten) Arbeitskräften profitiert, und hinter den Kulissen stets alles getan, um eine vernünftige, selektive Zuwanderungspolitik zu verhindern. Denn so konnten die einen weiterhin verdienen, die anderen aber über genau diese Zuwanderung laut schimpfen.
Die Globalisierungsverlierer ditto. Die FPÖ ist nie für eine solidarische Gesellschaft gestanden, sondern hat stets programmatisch an der Entsolidarisierung mitgewirkt. Nun hat sie einerseits was zum laut schimpfen, andererseits die Wähler, die ihr den Unsinn abkaufen. Aber jetzt ist der FPÖ ein Konkurrent mit derselben Taktik erwachsen: Stronach, der als allerletztes Rezepte für soziale Gerechtigkeit bereit hält, wird ausgerechnet von denen gewählt, die meinen, zu kurz gekommen zu sein………….”

Dass die FPÖ Zustände anprangert, die sie selbst mit verantwortet, gilt natürlich auch für die Korruption. Noch immer sind Gerichte in Österreich mit dem Erbe der  FPÖ-Regierungsbeteiligung (2000 bis 20074) beschäftigt.

Teile der Basis von FPÖ und SPÖ haben durchwegs Gemeinsames. In Zeiten, in denen die Armen ärmer und die Reichen reicher werden, wird in der FPÖ aber nicht der Einfluss der Prinzhorns geringer, sondern eher die Rhetorik verlogener. In Deutschland muss man das heute wahrscheinlich auf Linke und AfD umlegen.

Im Internet zirkuliert folgendes Gleichnis (?): Ein Bankier, ein FPÖ-Wähler und ein Migrant sitzen an einem Tisch. In der Mitte: ein Teller mit 12 Keksen. Der Bankier nimmt sich 11 Kekse und sagt zum FPÖ-Wähler: “Pass auf !! Der Ausländer schnappt si dein Keks!”. Die Geschichte gibt’s auch in anderen Versionen, zB so: Ein Bankier, ein BILD-Leser und ein Asylbewerber sitzen an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen 12 Kekse. Der Bankster nimmt sich 11 Kekse und sagt zum BILD-Leser: “Pass auf, der Asylant will Deinen Keks!”

 

Von Ola Betiku

Apropos Minderheiten: Gerade “Schwarze” werden in der USA nur dann „involviert“, wenn es um das Kriegführen geht.

 

Die heute meist “konstruierte” Querfront

In Griechenland bilden seit 2015 die linke SYRIZA und die rechte ANEL unter Alexis Tsipras die Regierung. In der Slowakei gab es so etwas Ähnliches in der ersten Regierung von Robert Fico (2006-2010), die aus der sozialdemokratischen Smer-SD, der populistischen ĽS-HZDS und der rechten SNS gebildet wurde. In diesen Fällen wurde/wird die Existenz einer Querfront, gegen ein behauptetes überzeitliches Wesen wie den Westen, den goldenen Kapitalismus, usw behauptet. Meistens geht der Querfront-Vorwurf aber heutzutage in eine andere Richtung.

Der Artikel über “krude Allianzen”5 umfasst die Einzel-Themen “Moslems im NS” (Behauptung und Realität), die behaupteten Kollaborationen von Moslems nach dem Krieg mit Ex-Nazis, die Haltung von Moslems bzw der Bevölkerung der betreffenden Region ggü orientalischen Juden sowie dem Zionismus, Instrumentalisierung bzw Verwendung des Querfront-Vorwurfs und die ausgeblendeten Beziehungen von Zionisten mit Faschisten (historisch und aktuell), daneben andere Kollaborateure des NS, Unterstützung des Westens von Islamisten, Einsatz von Nazis im Kalten Krieg durch den Westen. Die seit etwa 2001 gerne aufgestellte Behauptung ist die einer Querfront aus Moslems/Islamisten (so genau wird da meist nicht unterschieden), Rechtsextremen und (teilweise auch) Linken. Gegen “den Westen”, “die Juden”,… Und gerne wird noch eine Linie gezogen zu Mohammed Husseini, eine Kontinuität behauptet.6

Alexandre del Valle ist ein rechter französischer Wissenschaftler und Publizist, ein antislamisch und proamerikanisch gewordener Vertreter der Nouvelle Droite, er hat nach dem 11. 9. 2001 in Frankreich den Aufstieg zum TV-Experten und zum Politiker in der UMP geschafft. Er stellt Kommunisten, Rechtsextreme und Islamisten (bzw was er darunter versteht) in eine Reihe (“une alliance idéologique rouge-brun-vert”). Es handle sich beim Islamismus um den dritten grossen Totalitarismus, eine grundlegende, weltumspannende, anhaltende Bewegung, deren Ziel darin bestehe, nach der Entfachung eines Kultur- und Religionskrieges die ganze Welt dem Islamismus zu unterwerfen. Er kritisierte 08 in einer Arte-Diskussionsrunde auch Indien (Kasten), China u.a., brachte einiges Brauchbare und einige Plattheiten (pro USA, pro “Westen”, für “humanitäre Interventionen”). Einige jüdische Organisationen haben Del Valle zu ihrem Liebling erkoren, obwohl er lange für rechtsextreme Gruppen und fundamentalistische Katholiken geschrieben und gesprochen hat.

Nahe bei Del Valle ist Guillaume Faye. Dieser predigt nicht nur einen Krieg „des Abendlands“ gegen „den Islam“, sondern auch eine klare Rassentrennung auf der Welt und „warnt“ vor dem Zusammenbruch der europäischen Gesellschaften; Zionisten sind für ihn auf der richtigen Seite. Faye gehörte eine Zeit lang dem von Alain de Benoist gegründeten neurechten Denkzirkel Groupement de Recherche et d’Études pour la Civilisation Européenne (GRECE) an. Während der Spaltung der Organisation 1986 schlug er sich der neuheidnischen und antichristlichen Rechten zu. De Benoist warf ihm Extremismus vor.

Pierre-André Taguieff, als Sohn russisch-polnischer Eltern in Frankreich aufgewachsen, Forscher am CNRS, ist ein Freund von Alain de Benoist (Begründer Neue Rechte), war eine Zeit lang pro Jean-Pierre Chevenement. Er stellt Querfront-Thesen über den „neuen Antisemitismus“ auf, v.a. in seinem ’02 erschienenen Buch “La nouvelle judéophobie”; bei ihm werden in der Dreifaltigkeit der “Antisemiten” Linke besonders heraus gestrichen und werden Juden, die “sich selbst hassen” inkludiert. 02 sagte er gegegnüber “Ha’aretz” über Jean-Marie Le Pen: “Niemand hat ihn je eindeutig als Antisemit identifizieren können.” Inzwischen sieht man das ja weitgehend anders.

Alain de Benoist wurde übrigens vom Schweizer Armin Mohler beeinflusst, der einst zur Waffen-SS wollte und später die “Weltwoche” gründete. Während De Benoist nicht besonders pro-zionistisch geworden zu sein scheint, nahm Mohler später positiv Bezug auf den Zionismus – was keineswegs im Widerspruch zu seinen mehr rechtsextremen als rechten Überzeugungen stand. Aber: Darüber, wo die behaupteten Querfronten tatsächlich eher zu finden sind, darüber geht es im nächsten Abschnitt.

Der Philosoph Pascal Bruckner, auch ein Franzose, bläst in das selbe Horn wie Taguieff und Del Valle, spricht von islamo-gauchisme, einer Allianz zwischen der areligiösen (westlichen) Linken und dem Islamismus. Er ist einer der Ex-68er die sich nach Rechts drehten, wurde ein „neo-reac“ (Neocons in Frankreich) – was ihn ja gewissermaßen zu einer wandelnden Querfront macht. Heute vertritt er eine Mischung aus rechtem und linken Chauvinismus. Westliche Aufklärung, „Liberalismus“, Moderne bilden bei ihm einen Gegensatz zu „Multikulturalismus“ (und dessen vermeintliche Vertreter wie Timothy Ash) und Anti-Rassismus und sind von diesen bedroht. Da stehen bei ihm Tradition, Gruppe, Familie, Unterordnung auf der einen Seite, und Individuen, Individualität, Loslösung auf der anderen.

Auch Frauenrechte will er westlich-imperialistisch verorten, ein Engagement für die “3. Welt” in den Gegensatz dazu bringen, Kapitalismus als postiven Gegensatz zu Islamismus darstellen, Gegnerschaft zu Rassismus versucht er so zu diffamieren. Er beklagt einen “Schuldkomplex”, “Selbstanklagen”, “Masochismus” des Westens, welche die Moderne bedrohten; zu den Grossverbrechen des Westens, welche nicht zu sehr an dessem Selbstvertrauen rütteln sollten, zählt er auch die „Schoa“ und andere Völkermorde…7 Die westliche Moderne verkörpert bei ihm eben nur positive Errungenschaften, der Orient bzw der globale Süden das Negative, das Andere8, und die westliche Linke wirke destruktiv und sei naiv.

Folgerichtig hat er Bushs Krieg gegen Hussein unterstützt, 07 in der französischen Präsidenten-Wahl Sarkozy, hat sich der Hysterie gegen „Durban II“ angeschlossen. Er hatte sich -vor 11/9- auch für militärische Interventionen gegen die serbischen Aggressionen im ehemaligen Jugoslawien ausgesprochen, und dann auch gegen das Gefangenen-Lager Guantanamo und andere Aspekte des Bushismus Stellung genommen. Islam, Moslems sind bei ihm nicht dezidiert das Feindbild, aber spielen eine wichtige Negativ-Rolle in seinem Weltbild. Für Teile der Pseudo-Linken (“Anti”deutsche,…) dient er eben so als positive Bezugsfigur wie für Front National oder die Mitte-rechts Stehenden.

Der de.wikipedia-Artikel über “Querfronten”: “Iran und Venezuela,…2006 bildeten Mahmud Ahmadinedschad, damals Staatspräsident des Iran, und Hugo Chávez, damals Staatspräsident Venezuelas, eine bilaterale ‘Allianz gegen das Imperium der USA’.” Bequellt ist das mit Ivo Bozic (:Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!), Autor bei “Jungle World”, “Achse des Guten”,… Auch hier: Die Diffamierung von Anti-Imperialismus bzw von internationaler Politik, die sich nicht westlichen Wünschen unterwirft und das Ablenken von den eigentlichen heutigen Querfronten. Die Realitäten der Globalpolitik und ihre Auswirkungen in Lateinamerika und Zentralasien aus der deutschen Sicht. Und die ideologische Verbohrtheit der “Anti”-Deutschen.

Der Kampfbegriff “Third World-ism” bzw. “Tiers-Mondisme” ist von pseudo-wissenschaftlichen Anhängern einer Bush-Weltordnung wie Herf oder Wistrich eingeführt worden, wird gern von “Anti”deutschen verwendet (Benl: “Querfront gegen das vermeintliche USraelische Empire”), zur Diffamierung aller unliebsamen Strömungen im Westen, Unterstützung einer bestimmten Hegemonie und Rechtfertigung des eigenen Konformismus. Dort wo man “Islamismus” nicht so leicht unterstellen oder auf ihn projezieren kann, werden Belange des globalen “Südens” oder “Ostens” diffamiert, meist über Fürsprecher dieser Belange im Westen (damit es nicht ganz so weiss wirkt). Gerade bei Kommentaren über Mehrheitsverhältnisse in den UN kommt Rassismus bzw Rassenhierarchie schon ziemlich unverblümt daher.9

Die „Jungle World“ ist mit ihrem Mix aus Ex-Linken und Neo-Rechten ja selbst ein Beispiel einer Querfront. Auch wenn man sich die Fluktuation ansieht: Yücel von dort zu “Die Welt”, Zellhofer vom Österreichischen Cartell-Verband zur “Jungle World”, Elsässer von dort zu AfD/PEGIDA. Oder, Bozic 2006 dort für eine deutsche militärische Intervention für Israel, wie damals auch Casdorff vom “Tagesspiegel”.10 Birgit Schmidt lobte in dem Blatt die islamophobe/reaktionäre verstorbene Richterin Heisig, die auch von Sarrazin, Frauscher oder Unterberger gelobt wird; die offen rechtsextreme Seite deutschelobby.com “wusste” zB auch dass Heisig ermordet wurde, wie auch Jörg Haider. Da sind die Querfronten.

Und, da schon von diesem Bozic die Rede war, der serbische Nationalismus und die Solidarität damit birgt so manche Fallstricke bzw bringt so manches zu Tage. Dieser Nationalismus hat eine deutlich anti-westliche Note, nicht erst seit den US-amerikanischen Militärinterventionen gegen das serbische “Vorgehen” in Bosnien und Kosovo. Serben sind gleichwohl “Anti”deutschen und anderen Pseudo-Linken, manchen Rechtskonservativen und -extremen und Zionisten Abendland-Retter, Islam-Opfer, etc. Serbien ist laut Wertmullah eine “antifaschistische Nation”. Strache schätzt die Serben wiederum, vereinfacht gesagt, weil er bei ihnen eine Nähe zu seinem Gedankengut sieht.11 Serbianna.com ist so eine serbo-faschistische Seite, die auch damit beschäftigt ist, Islam, Islamismus und Faschismus zu vermixen – und sich auf der Gegenseite zu platzieren. Tschetniks kollaborierten teilweise mit der Wehrmacht, das wird gerne unter den Tisch gekehrt, darüber und im Zusammenhang damit Stehendes hier.

Der de.wiki-Artikel über Querfronten weiter: „Seit 1975 verschaffte Henning Eichberg nationalrevolutionären Ideen eine Renaissance. Er griff Theorien der Konservativen Revolution nach 1918 auf und versuchte sie als Neue Rechte im Sinne einer Diskurshoheit zu etablieren. Er kam aus dem Umfeld von Otto Strasser (NSDAP) und orientierte sich an den Schriften der Weimarer Nationalbolschewisten Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel, des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle und des Zionisten Martin Buber.“ Das trifft schon eher zu. Was ein Heni wiederum aus dem “Thema” macht: Er schrieb eine Dissertation über „Antisemitismus und Antiamerikanismus in der BRD“ anhand Eichberg, bei Anton Pelinka, 07.12

Ein Wiki-Autor hat weiters das in den Artikel geschrieben: „Ob der historische Begriff sich auf beliebige Bündnisse von linken und rechten politischen Kräften übertragen lässt, ist umstritten. Vorgeschlagen wird daher, nur lagerübergreifende Bündnisse mit anti-emanzipatorischen ‚inhaltlichen Schnittmengen‘ wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Islamismus und Antifeminismus als Querfront zu bezeichnen“ – Na klar wird das vorgeschlagen, man konstruiert eine Achse, man definiert Opfer und Täter, und versucht dann die Realität dort hinein zu pressen. Alles andere bzw unbequeme Tatsachen werden ausgeblendet. Was die NPD über Moslems oder Einwanderer sagt/schreibt, steht zwar im Schatten von dem was “Jungle World” oder Andere in dieser Ecke tun, aber es korreliert ja. Und so Pro-israel wie mancher pseudolinke deutsche Jüngling ist, ist sonst ein Teil von Vlaams Belang oder Front National (siehe unten) oder Evangelikale am rechten Rand der amerikanischen Republikaner. Wiki weiss dazu aber: „Die NPD betreibt besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ihrerseits eine gezielte Querfront-Propaganda, um auch Linksextremisten und Islamisten für ihre Aktionen zu mobilisieren.“

Westlichen Rechtsextremismus auf den „Islam“ abzuwälzen dient zum einen zur Reinwaschung des Westens, zum anderen zur Diffamierung bestimmter Anliegen von Ländern in der “islamischen Welt”. Etwa Anliegen der Palästinenser. In den 1980ern pilgerten tatsächlich deutsche und österreichische Grüne nach Libyen zu Muammar al-Gaddafi. Das Magazin „MOZ“ wurde von diesem finanziert. Dann sind auch die FPÖ und andere Rechtsextreme zu ihm gekommen. Die Journalistin Zöchling13 deutet eine Querfront an, wenn sie darüber schreibt. Was FPÖ und Grüne heute so eint, darüber schweigt man sich aus. Oder über die Verbindungen “des Westens” zu den Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern (bzw ihre Unterstützung), als diese die kommunistische Regierung bekämpften.

Oder die Stützung Saudi-Arabiens durch den Westen bis heute. Stattdessen hier, ebenfalls Libyen: derstandard.at/1297819228746/Gruenes-Buch-auf-Deutsch-Rechtsextremer-Verlag-gibt-Gaddafi-Bibel-heraus. Der Autor ist inkompetent aber hoch ideologisiert und das zeigt sich nicht nur durch seine Promotion für den „Experten“ in diesem Artikel, sondern auch dadurch dass er (zusammen gefasst) verschiedene Arten der Entmündigung und Vorherrschaft als “progressiv” und „antifaschistisch“ zu firmieren trachtet. Dafür wirft er sein ganzes Gewicht rein. Und, dass Alfred Mechtersheimer am Weg von Rechts nach Links und wieder zurück auch bei Ghadaffi Stopp machte, über wen sagt das etwas aus. In den Augen der Querfront-Theoretiker nicht über Pro Köln, wo er heute wirkt – aber über die Friedensbewegung, in der er sich engagierte, et cetera.

FPÖ-Strache hat übrigens für die österreichische Parlaments-Wahl 08 Wahlwerbung mit Imitationen von “Che” Guevara versucht, sich dann abgegrenzt von diesem. Der konnte wirklich nichts dafür, wurde tatsächlich vereinnahmt, wurde garantiert missgedeutet.

Hinweis: Realistischeres zu “Querfronten” in arabischen Ländern

Seltsame Allianzen

“Es wächst zusammen, was zusammen gehört”,

hat Willy Brandt den “Mauerfall” vom 9. November 1989 kommentiert.

Hinter dem Narrativ einer Querfront aus Moslems bzw Islamisten und Linken oder aber Rechten oder aus allen Drei, gegen den “Westen”, usw., verstecken sich so manche Realitäten. Nachdem so ein Pseudo-Linker mit seinen zionistischen Anliegen in einer rechtsextremen Organisation in Wien auftrat, versuchte er sich u.a. damit zu rechtfertigen, dass er nichts über diese Organisation gewusst habe. Selbst wenn daran und seiner ganzen Apologetik etwas dran gewesen wäre (und der Brückenschlag von seiner Seite damit zu erklären wäre) – es bliebe dann immer noch der Brückenschlag von seiten dieses Bundes. Und gerade bei “Israel” und “Islam(ismus)” treffen sich Rechte und (Pseudo-) Linke häufig. Leute, die sich hier gegen den Einfluss der Kirchen auf Politik oder Gesellschaft engagieren, haben natürlich auch das Recht, das gegen den Islam zu tun. Oder Leute, die vor der Vermischung des Islams mit der Politik aus ihren Ländern nach Europa gekommen sind. Nur, unter der Marke „Islamkritik“ werden auch andere Süppchen gekocht… Diese Auslassungen bzw Ausblendungen verdienen Aufmerksamkeit.

Wernher von Braun in Peenemünde mit Emil Leeb und Fritz Todt…

Anfangen muss man hier mit dem Einsatz von (ehemaligen) Nazis sowie Verbündeten der Nazis durch den Westen im Kalten Krieg oder gegen Dekolonisation. Während mit “keelhauling” und anderen Zugeständnissen an Stalin der kommunistische Ostblock, der kommende Feind, gestärkt wurde, wurden auch Nazis sehr rasch in das Konzept eines „Westens“ integriert, ob Gehlen und seine Organisation in der BRD oder ehemalige SS-Angehörige in der französischen Fremdenlegion gegen die Unabhängigkeit Algeriens. Auch Franco und seine Diktatur über Spanien wurden in diesen Westen integriert, hauptsache “antikommunistisch”. Freys “Nationalzeitung ging aus der “Deutschen Soldaten-Zeitung” hervor, welche nach dem Hitler-Stalin-Krieg von früheren Wehrmachts-Offizieren mit US-amerikanischer Unterstützung gegründet worden war, zur Förderung des “antikommunistischen Verteidigungsbeitrages” der Bundesrepublik.14

…und mit Walt Disney in der USA

Dann gibt es ein gewisses Maß an Übereinstimmung zwischen westlichen Rechten (von US-amerikanischen Neocons über Rechtskonservative bis zu den neuen europäischen Rechtspopulisten), Pseudo-Linken wie den „Anti“deutschen, und (Rechts)zionisten.15 Diese Allianzen bzw Konstellationen kamen infolge von 11/9/01 zu Stande. Es gibt Topoi und Aussagen, die atheistische (Ex-) Linke oder Religionskritiker (wie Hitchens, Fallaci) und religiös inspirierte Rechte (nicht nur die Evangelikalen der USA), aber auch säkulare Rechtspopulisten wie die Front National, verbinden.  Zum Beispiel, dass eine Verschwörung zur Islamisierung am Werk sei, die auch Einwanderung in den Westen (seine Unterwanderung) mit einschliesst, die Vermehrung dort, die dem “Jahrhunderte alten Ziel des Islam” diene, Europa zu erobern und durch einen “Geburten-Dschihad” (Thomas Maul) zu unterwerfen. Dass es eine kontinuierlich steigende Einflussnahme der Moslems im Westen gebe und dort ein naives Entgegenkommen.

Dieser Maul hat das etwa in seinem „Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus“ (Ca Ira-Verlag…) formuliert, das im Rahmen der „linken Buchtage“ im Mehringhof in Berlin vorgestellt wurde.16 Auf PI eine begeisterte Rezension der Ex-Linken Gudrun Eussner, in “Jungle World” eine “Vorveröffentlichung”. Das Buch ist grossteils vom stramm rechten Hans-Peter Raddatz (“Junge Freiheit”,…) und der Evangelikalen Christine Schirrmacher “entlehnt”. Maul scheint sich zur (katholischen) Kirche hin bewegt zu haben; dort kann er auf Matussek treffen, der von der anderen Seite kommt. Völkisch-Rechte wie auch pseudo-radikal Linke in Deutschland17 brauchen Islamhass und Philojudaismus zur Entlastung ihres Deutschtums.

Islamkritik ist nicht nur legitim, sie ist auch notwendig; es kommt aber meist nur eine bestimmte Sorte “Islamkritik” (an). Wenn es nur um den Islamismus ginge, in seinen diversen Spielarten, und die daran angelegten Maßstäbe allgemein gültig wären, wäre daran gar nichts auszusetzen… Oder die Förderung von Reform in der islamischen Welt. Reform die nicht auf Entmündigung hinaus läuft. Aber, vor Saudi-Arabien bzw tatsächlichem Islamismus kapituliert man, während man in anderen Fällen “Islamismus” als Vorwand bzw zur Diffamierung verwendet. Kräfte, die einen Krieg gegen Iran wollen, heucheln dass es ihnen um die Menschenrechte (oder in Syrien!) dort gehe, während sie diese Rechte in anderen Fällen herunterhandeln, relativieren, unterordnen. Islamophobie kommt meistens im Namen des Kampfes gegen den Islamismus daher, der mit dem Islam gleichgesetzt wird.

Die Henry Jackson Society (britische Neokonservative, mit dem Gatestone Institute verbunden) unter ihrem Douglas Murray ist ein gutes Beispiel, was unter Islam(ismus)-Kritik und Pro-Israel so alles befördert wird. Etwa der Kampf gegen „white guilt“ und “Multikulturalismus”, also für eine Erneuerung der weissen globalen Vorherrschaft.18 Dass man sich zur “Homophobie” bekennt, stört Schwulenrechts-Imperialisten aus dem teutschen Raum wiederum nicht. Die Schweizer “Weltwoche” ist auch ein Organ, das sich im Zeitalter von Islamismus und Islamophobie eine Frischzellenkur verpasste. Und wenn ihr Ex-Frontmann Roger Köppel (heute folgerichtig bei der Schweizerischen Volkspartei) zum Entzücken bestimmter Kreise (zB PI) darüber (Klartext) redet, dass Afrika an allem selbst schuld ist und man sich nicht für westlichen Sklavenhandel und Kolonialismus zu schämen braucht, kann man eigentlich froh sein, denn im Milieu gewisser “Links-Alternativer” verschliesst man sonst gerne die Augen vor dem Rassismus aus dieser Ecke.

Für die (offen) Rechten bot der Islamismus eine Chance, auf Neuausrichtung, auf eine Um-Deklarierung von Inhalten. Das Rückständige, darunter der Antisemitismus und die NS-Nostalgie, wurde Anderen umgehängt. Viele Rechte (Individuen, Gruppierungen) haben in den letzten 10, 15 Jahren einen Schwenk vollzogen und nehmen z.B. Homosexuelle gegen “den Islam” rhetorisch “in Schutz”, brüsten sich mit einer Toleranz, die “die Anderen” nicht hätten. Eine Toleranz, die sie früher als Schwäche bzw. Dekadenz ausgelegt haben. Der Schwenk von Antisemitismus und Antikommunismus zu Islamophobie ist auch mit einem sehr heuchlerischen „Bekenntnis“ zu Demokratie, Menschenrechten, Aufklärung, Universalismus, dem Westen verbunden. Der “Islam”, als statisches Wesen jenseits von Raum und Zeit, ist eine Spiel- und Projektionswiese geworden, auf der man einen emanzipativen Ansatz vorheucheln kann, seine Ressentiments als „aufklärerisch“ bzw. “progressiv” affirmieren. Mit „Islamkritik“ können sich auch Rechtskonservative, -populisten, -extremisten als “liberal” und “aufgeklärt” darstellen.

Rechte können sich rehabilitieren wenn sie proisraelisch werden. Man kann mit Israel-Solidarität den völkischen Gedanken fortführen, relativ ungestört rassistisch agitieren. Dass der israelische Innenminister sagte, das Land (Israel) gehöre dem “weissen Mann”, ist da nur ein kleiner Bezugspunkt. Die Nazis meinten von Ost-Europa ja, diese Länder seien durch die “falschen Einwohner” verschandelt worden. Das meinen auch Viele im Hinblick auf die Palästinenser; auch viele sich “links” deklarierende. Der ORF-Forenzwerg zeigt auch, wie Israel ein diffuser, politisch korrekter Bezugsrahmen für Rassismus und Artverwandtes geworden ist. Es ist nicht selten, dass aus dem “Nahost-Konflikt” heraus Urteile über die ganze dortige Region und Menschen von dort argumentiert werden, und “Rezepte” für den Umgang mit ihnen.

FPÖ-Strache kürzlich ein “zynisches” Posting auf Facebook, in dem er die in Österreich lebenden „Erdogan-Wähler“ zum Verlassen des Landes aufforderte, weil er nicht wolle, dass sie „unter westlichen Werten wie Demokratie, Pressefreiheit und Gleichberechtigung litten“.19 Er verfolge „mit Sorge und Mitgefühl, wie unverstanden Sie sich bei uns fühlen“. Abgeschrieben hat er das von der deutschen Autorin Gabriele Brinkmann – die sich auf Nachfrage distanzierte, sich „missbraucht“ fühlte. Das konnte wiederum Strache nicht nachvollziehen. „Ich verstehe nicht, warum man sich von der eigenen richtigen Anregung distanziert“, Ohnehin sei der Originaltext etwas „holprig“ gewesen. „Ich habe es geglättet und ergänzt.“

Brinkmann schreibt über „Lebenserfahrungen von Frauen mit Islam“ à la Betty Mahmoody bzw die westlichen Rettung für solche. Ein guter Weg, zu schnellem Geld und Ruhm zu kommen. Hat einen Roman über einen Ehrenmord im Rheinland geschrieben, ein Verlag hätte die Veröffentlichung abgelehnt, worauf von ihr Vorwürfe eines Kniefalls vor dem Islam kamen, und das Buch gute Werbung bekam. Sie ist also in dieser Industrie tätig und scheint sich als progressiv-liberal oder so zu verstehen, sonst hätte sie nicht so gegen diese Querfront mit Strache “gesträubt”. Lieber wäre ihr es wohl gewesen, wenn irgend ein Islamist eine Fatwa oder so gegen sie ausgesprochen hätte, das hätte ihrem Selbstbild entsprochen. So hat sie aber den österreichischen Rechtsaussen-Führer und seine Fans begeistert.. Auch zwischen Eussner und der AFD gab es so was ähnliches. Aber so ein ungewollter (?) Zuspruch sagt schon etwas über eine unbewusste Nähe aus.

2000 hat die israelische Regierung wegen der FPÖ-Regierungsbeteiligung die diplomatischen Beziehungen zu Österreich noch abgebrochen. Wobei, die langjährigen Verbündeten und Partner Israels, von Verwoerd bis Pinochet, von Ecevit bis Mobutu, eigentlich schlimmer waren als die Haiders und Riess-Passers. Und auch die Israel-Freunde in verschiedenen Staaten, wie Jacques Soustelle oder Franz J. Strauss, waren nicht ohne. Übrigens war Vizekanzlerin Riess 2001 beim WM-Qualifikationsspiel der Teams Israels und Österreichs in Tel Aviv. Für sie gab es kein Einreiseverbot oder eine Verweigerung der Einreise, wie für Günter Grass oder Norman Finkelstein. Genau 10 Jahre später dann die Soli-Reise von Strache und anderen westeuropäischen Rechtspopulisten (oder -extremisten?) nach Israel. Man hat sich gefunden.

Strache dann irgendwann in diesen Jahren seither: “Ich halte…den Herrn Al-Rawi20, der anti-israelische Demos anführt, für skandalös…“. Auch in Mölzers Blatt „Zur Zeit“ kam die neue Linie an. Beim Durchsehen einer Ausgabe (~05) fand sich zB zwischen einem Zitat von Ernst Nolte, Artikeln über das Ulrichsberg-Treffen, Deutsche in Tschechien oder russische Oligarchen die Schlagzeile „FPÖ und Muzicant21 fordern drastische Änderungen“ (in islamischen Organisationen in Österreich). Gar nicht so falsch war ein Leserbrief in dieser Ausgabe, in der von einer „schizophrenen Haltung Jörg Haiders zum Islam“ geschrieben wurde. Mölzer war übrigens nicht nur mehrmals in Israel, er hat zB auch den Yasukuni-Schrein in Tokio besucht.

Die FPÖ hat inzwischen auch Verbündete in Osteuropa und hat Kontakte zur Tea Party-Bewegung und zum Trump-Kreis in der Republikanischen Partei der USA geknüpft. Die FPÖ-Aktivistin Elisabeth Sabaditsch-Wolff war einst im Mitarbeiter-Stab von Bundeskanzler Schüssel, dessen schwarz-blaue Regierung damals Israel empörte (?). Sie ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, der aus der ÖVP ausgeschlossen wurde nach der Forderung nach der Aufhebung der NS-Verbotsgesetzes. Sie ist Teilnehmerin (oder Mitveranstalterin?) der jährlichen „Counterjihad Conference“, ist mit dem dem FPÖ-nahem “Blog” sosheimat.wordpress verbunden, und ähnlichen, wie gatesofvienna, steht auch hinter redegefahr.com, stopislam.info, gegendenstrom.wordpress, savefreespeech.org,… Breivik hat in seinem “Manifest” mehrmals auf sie positiv Bezug genommen. Auf xxx.gatesofvienna.blogspot.co.at/2010/12/passage-to-israel.html kann man den Bericht über eine ihrer Israel-Reisen lesen. „Profil“, das 2015 (Zöchling oder Enigl) gross herausstrich (bzw behauptete), dass „Muslimbrüder und Vertreter der Terrorgruppe Gamaa Islamija auf Einladung von FPÖ-Hübner im Nationalrat gewesen sind”, aber nicht nur dieses Magazin, übt sich bei der Darstellung von solchen Verbindungen eher in “Zurückhaltung”.

Auch der Vlaams Belang (VB) machte Anfang der 00er die Umwandlung von altrechter zu neurechter Partei, wie auch die Front National (Jean-Marie > Marine Le Pen) und andere. Klassischer bzw offener Rechtsextremismus und Nazi-Nostalgie gibt es dort nur noch versteckt, etwa in Vorfeld-Organisationen wie Voorpost (fordert zB „Vlaanderen Solidair met Blank Zuid-Afrika“), VMO, VNJ. Auch hier hat man sich auf „jüdisch-christliche Wurzeln“ besonnen, will „gemeinsam mit Juden gegen den Islam“ vorgehen, ist jetzt pro USA. Der flämische Nationalismus wird mit Fortschrittschauvinismus (Rückständig sind die Anderen) in Einklang gebracht.

Der teilweise offene Rassismus richtet sich nicht nur gegen Moslems, auch zB gegen (christliche) Schwarzafrikaner. Apologeten des VB schreiben in der Regel das “Altrechte” in ihm klein. Seit sich die Partei einen gemäßigteren Anstrich gibt, wackelt der Cordon sanitaire um ihn in Belgien. Björn Roose, VB-Aktivist und Blogger, ist wenigstens offen. Er nimmt gegen die Verbannung (christlicher) Religion aus der Öffentlichkeit oder gegen die Homo-Ehe Stellung (und das dürfte mittlerweile gegen die Parteilinie sein). Er nennt sich paläokonservativ, sieht den Liberalismus (der für ihn sehr weit gefasst ist) als ebenso grosse Bedrohung wie den Islam(ismus).

Filip De Winter bei der Angelobung im belgischen Parlament 1991

De Winter sagt heute, der von ihm 1991 im belgischen Parlament gezeigte Hitler-Gruss sei nur der alte römische Gruss gewesen (> Strache, 3 Bier…). Damals wurde er danach stolz auf dem Umschlag der Parteizeitung abgebildet und von anderen Funktionären / Mandataren der Partei nachgemacht. Auch die vom VB lange glorifizierte Kollaboration von flämischen Nationalisten mit Nazi-Deutschland versucht er heute umzudeuten. Gegenüber der israelischen “Haaretz” sagte er dazu: “Many Flemish nationalists collaborated during the war because they thought—and now it is clear that they were wrong—that this would help them achieve independence for Flanders. This is the whole story. The overwhelming majority were not Nazis. They collaborated in order to attain independence and because the Church called upon them to go out and fight the Communists—something that Western Europe continued to do for 50 years. Now, in 2005, it is easy to say: ‘The collaboration was a mistake.’ The collaboration did not help our country at all; we just became a vassal state of Germany. At the time, it was logical, because of the Church, because of communism. But this has no connection with Nazism.”22

DeWinter nahm an der „Counterjihad-Konferenz” in Brüssel 2007 teil, und Vlaams Belang wurde ein Mitglied des “CounterJihad Europa network”, das aus der “Konferenz” hervor ging. Es war Robert Spencer persönlich, der die Teilnahme des VB verteidigte, sich dafür stark machte. Es gibt ein Foto, das Pamela Geller dort gemacht hat, von Dewinter, dem britisch-israelischen “Aktivisten” David Littmann und dem rechtsextremen israelischen Politiker Aryeh Eldad. Zu dem Siedler und Abgeordneten von Moledet/ Nationale Union/ Hatikvah, Sohn eines LEHI-Terroristen, hier etwas. Das Foto der 3 wurde aus Littmans Artikel auf en.wikipedia  mit fadenscheinigen Begründungen gelöscht, im Zusammenspiel ideologisch einschlägig Orientierter; der Geller-Blog wurde als Quelle abgelehnt (obwohl eh deren Richtung), die Info als belanglos heruntergespielt. Damals, als sie sich zusammenstellten und das Foto veröffentlicht wurde, war man noch voller Stolz über die Allianz.

Israel-Unterstützung dient zur Bezeugung historischer oder ideologischer Unschuld bzw Güte. Das hat nicht nur De Winter verstanden, sondern auch Schleyer einst oder N. Fest von „Bild“ (Wenn sich diese Zeitung gerade nicht um ihre Kernanliegen kümmert, wie diese: xxx.bild.de/news/ausland/penislaenge/mexikaner-roberto-esquivel-cabrera-zeigt-seinen-riesenpenis-42465610.bild.html). Und wie man sieht, werden diese Avancen von Israel und seinen älteren Unterstützern in Europa oder Amerika ja erwidert, gibt es Gemeinsamkeiten und Gleichklänge. Während westliche (und ganz besonders jüdische) Solidarität mit Palästinensern immer in Zweifel gezogen und diffamiert wird, als bestenfalls naiv und schlimmstenfalls querfrontig, wird sehr gerne ausgeblendet, was sich hinter “Israel-Solidarität” so alles versteckt. Und, die proislami(sti)sche, antijüdische Strömung der Rechten (Alain Soral,..) ist winzig im Vergleich zur projüdischen/prozionistischen.

“Hitler war ein unvergleichliches Genie auf militärischem Gebiet. Die NS-Ideologie verhalf Deutschland von einem tiefen zu einem fantastischen Zustand, sowohl rein physisch als auch ideologisch. Die verlumpte, dreckige Jugend wurde verwandelt in ein gut erzogenes und funtionierendes Organ der Gesellschaft, und Deutschland erhielt eine vorbildliche Regierung, eine ordentliche Gerichtsbarkeit und eine öffentliche Ordnung. Hitler schätzte gute Musik. Er malte. Das waren keine Banditen. Sie [die Nazis] bedienten sich eher der Banditen und der Homosexuellen.” So sprach Moshe Feiglin, Teil des politischen Establishments Israels (noch mehr als Eldad). Auf Wiki (und anderswo) wurde das zu Herunterspielen versucht. Und es gibt die Kompatibilität zwischen heutigen Rechtsextremen im Westen und Zionisten.

Nicht nur weil die JDL eine “Solidarity Rally” mit Geert Wilders veranstaltete. Oder weil die EDL (nach dem Vorbild der JDL geschaffen) ausgesprochen pro-israelisch ist und der surfende Rabbi Shifren oder Roberta Moore für sie auftreten. Seltsame Allianzen. Sind sie wirklich so seltsam? Man trifft sich nicht nur gegen Islamismus, das wird in den Vordergrund gestellt. Da geht es immer auch um (bzw gegen!) nicht-moslemische “Farbige” in bzw aus diversen Teilen der Welt. Wenn man in die Blogosphäre schaut, etwa bei achtderschwerter.myblog/eisvogel oder bei opinionnotes.info, um zwei aus einem Meer heraus zu greifen. Israel-Verehrung trifft auf Russophobie trifft auf Franz-Fuchs-Verschwörungstheorien, trifft auf Hetze gegen Emigranten und Flüchtlinge. Oder, auf Youtube: .youtube.com/user/FriedrichHecker1848/about , Blitzkrieg & Israel,Teutschtum und Zionismus. Dort auch Solche wie “zaxx19”, im gleichen Maß philosemitisch wie gegen “Farbige”; oder “nordlicht”, ein weiterer Beleg, dass man in Deutschland rechtsextrem und proisraelisch sein kann.

Islamophobie (die sich aber nicht gegen den Islam oder Islamismus sondern gegen Moslems richtet bzw was man dafür hält) ist da nur der politisch korrekte “Aufhänger”. Man trifft sich entsprechend einer Weltanschauung bzw Agenda. Im Fall der rechtsextremen rumänischen Partei PRM unter Vadim Tudor und seines  israelischen Beraters kann man den Umgang mit solchen Allianzen und den Unterschied zu vermeintlichen auf der Gegenseite studieren. Nach dem Abgang von Eyal Arad hiess es, die Gross-Rumänien-Partei PRM habe sich nicht wirklich vom Antisemitismus gelöst. Hätte Tudor einen arabischen Berater gehabt, hätte man daraus allein eine Querfront konstruiert, den Umgang mit diesem sicher nicht zum Gradmesser für den Rassismus in der PRM gemacht…

Freilich gibt es, bei allen Gemeinsamkeiten, Gegensätze zwischen der rechten und der linken Spielart von Islamophobie und Philozionismus. Aber auch Widersprüche innerhalb der Allianzen. Also zwischen “Junge Freiheit” und “Jungle World”, aber auch zwischen “Jungle World” und seinen Partnern. Breivik ist eindeutig in der rechten Islamophobie zu Hause, heuchelt da nichts vor. Küntzel, auf der Gegenseite, versuchte ihn nach dem Massaker in Norwegen aus Islamophobie und Philozionismus heraus zu schreiben. Weiss von einer “weitreichenden Übereinstimmung Breiviks Feindbild mit dem Feindbild der Islamisten”. In der pseudo-progressiven (“linken”) Islamophobie stecken Moslems bzw Islamisten und Rechte unter einer Decke. Rechte Islamophobe (wie Breivik) attackieren wiederum Linke als „Islamversteher“, machen eine weitreichende Übereinstimmung von Islamisten und Linken aus (gegen den Westen, gegen Juden, gegen Nationen; Konservative die Retter).

Rechte können Diaspora-Juden schwerer akzeptieren, verehren Israel. Breivik schrieb (laut Küntzel) vorwurfsvoll, “75 Prozent der europäisch/amerikanischen Juden unterstützen den Multikulturalismus, ebenso 50 Prozent der israelischen Juden”. Die Verachtung für tatsächlich oder vermeintlich liberale bzw “selbsthassende” Juden ist etwas, das viele „Anti“Deutsche, Zionisten, Neokonservative teilen. Dass Breivik schrieb, “Die ‘Holocaust-Religion’ ist eine extrem destruktive Kraft in Europa”, weist auf die Widersprüche innerhalb der rechten Spielart der Islamophobie. Auch das gehört zur Querfront-Thematik, Gegensätze zwischen Verbündeten. Auch jene zwischen evangelikalen Christen und rechts-zionistischen Juden. Da gibt es Gemeinsamkeiten, von der Verurteilung der Abtreibung bis zur Dämonisierung bestimmter Gruppen, aber auch Differenzen…

Das Kreuzritter-Ideal von Breivik oder den Machern von gatesofvienna gefällt den Links-Zionisten und -Islamophoben nicht… Eine TV-Diskussion zwischen Softcore-Zionist Cohn-Bendit (Jcall,…) und Neofaschist Freysinger (SVP), mehr noch die Youtube-Kommentare von den Anhängern der Beiden, zeigen Bruchstellen und Gegensätze, zwischen Altlinks und Neurechts, auch zwischen Juden und philosemitischen Nicht-Juden. Wenn etwa Cohn-B. der Schweiz vorwirft, damals die Grenzen für jüdische Flüchtlinge dicht gemacht zu haben, und die Gegenseite das als Kränkung der Nation auffasst.

FPÖ-Strache redet zwar auch davon, dass der Islamismus der Faschismus des 21. Jh sei, eine Kriegserklärung gegen die europäische Aufklärung, frauenfeindlich, man kein Appeasement ggü dem Islam üben dürfe, Moscheen ein Herrschafts-Symbol seien, es einen Kampf der Kulturen gäbe, Europa von Islamisierung bedroht sei,… Das alles könnte auch von den Küntzels kommen. Und im Westchauvinismus (linkem wie rechten) werden die Unterschiede zwischen “Westen” und “Orient” gerne darauf reduziert, dass man hier Frauen “besser behandle”. Und Homosexuelle. Das zweitere teilen aber die meisten rechten Westchauvinisten/Islamophoben schon nicht mehr. Aber auch der erste Punkt…

Kürzlich gab es über die FPÖ in Amstetten (Niederösterreich) Empörung, da sie eine Subvention für das Frauenhaus ablehnte. Frauenhäuser seien nämlich an der Zerstörung von Ehen beteiligt. Da ist auch so eine Bruchstelle. Und Breivik hielt auch wenig von der Gleichberechtigung der Frauen. Küntzel führte auch (zur Abgrenzung von diesem) Breiviks Ressentiments gegen die “offene Gesellschaft” an. Gegen “Multikulti” hetzen Broder, den Küntzel in diesem Text leidenschaftlich verteidigte, und Konsorten aber auch dauernd, ebenso wie gegen “politische Korrektheit”. Jedenfalls, das was angeblich den Westen ausmacht, entpuppt sich dann gelegentlich als Anliegen einer politisch-gesellschaftlichen Richtung.

Und, es gibt auch Korrelationen zwischen den vermeintlichen Gegenpolen Islamisten und (v.a. rechten) Islamophoben, nicht nur Wechselwirkungen, sondern auch Gemeinsamkeiten. Auf beiden Seiten wird ein Gegensatzpaar Islam-Westen gesehen, eine westliche Unterwerfung des “Islam” oder die Notwendigkeit danach oder aber umgekehrt, beide sind auf Hegemonie in “ihrem Lager” aus, sind froh über Störungen von Verständigung. Und definieren Menschen und Vorgänge in der “islamischen Welt” über die Religion. Mit christlichen Palästinensern, kommunistischen Iranern oder atheistischen Ägyptern haben Islamisten wie Islamophobe in der Regel keine Freude. Eben so wenig wie mit antiimperialistischen Linken im Westen oder antizionistischen Juden.

Beide attackieren “Multikulti” bzw was sie darunter verstehen. Ein USA-Südstaatler, der für „Grenzkontrolle (zu Mexiko) statt Waffenkontrolle“ eintritt, stolz auf seine Waffensammlung ist und mit 8 J. sein erstes Gewehr bekommen hat, weist viele Ähnlichkeiten zum vermeintlichen Antidot auf, bzw. dem Bild, das es davon gibt. Barenboim wollte mit seinem Orchester im Iran auftreten, das iranische Regime wie auch das israelische waren dagegen… Obama sagte, es sei „ironisch zu sehen, dass einige Kongressmitglieder gemeinsame Sache mit den Hardlinern im Iran machen wollen“, als es darum ging, das Atomabkommen zu verhindern (was noch immer versucht wird).

Unvereinbarkeiten zwischen Rechts und Rechts

Dass Rechte verschiedener “Völker” bzw “Volksgruppen” schwer eine gemeinsame Grundlage finden, ergibt sich schon daraus, dass die Definition der Völker und des ihnen “zustehenden” Raumes unterschiedlich ist, es sich daran spiesst. Für einen spanischen Nationalisten sind Abspaltungsbestrebungen der Katalanen und Basken das grösste Übel, für katalanische und baskische Nationalisten ist die Zugehörigkeit der betreffenden Gebiete zu Spanien illegitim, unstimmig.23 Den Fall, dass es in einem Staat unterschiedliche, einander widerprechende Nationalismen gibt, gibt es häufig. Im UK ist Unionismus so etwas wie ein britischer Nationalismus; und dieser steht im Gegensatz zum schottischen, zum walisischen und zum irischen Nationalismus (der letztere in Nord-Irland). Im Fall der Türkei ist der hauptsächlich durch die MHP vertretene Nationalismus natürlich die Antithese zum kurdischen Partikularismus.24

In Südafrika war es so, dass es einen Afrikaaner-Nationalismus gab, der zur Apartheid bzw zur Vorherrschaft über andere Volksgruppen im Land führte. Es gab einen schwarzen Nationalismus, der gegen die Benachteiligung der “schwarzen” Völker aufbegehrte. Es ist ansatzweise ein südafrikanischer Nationalismus im Entstehen, der sich positiv auf die Vielfalt des Landes bezieht und sich auch nicht gegen Andere/”Äussere” richtet. In Ägypten gibt es die Auffassung des Landes als Führungsmacht unter den arabischen Staaten und mit einem deutlich islamischen Charakter; und jene von Ägypten als Nation mit einer eigenständigen Kultur, die weit vor die Zeit der Islamisierung zurück reicht und die ägyptische Hochkultur nicht nur mit einschliesst, sondern sie auch zur Grundlage der Nation macht. Komplex ist der chinesische Nationalismus, besonders im Hinblick auf die Teilung 1949.

Und dann beissen sich natürlich Nationalismen die aus unterschiedlichen Staaten kommen. Zumal Nationalisten zum Teil irredentistisch sind, zu Maximalansprüchen tendieren, was die territoriale Ausdehnung ihres Staates, ihrer Nation betrifft. Um hier ein Beispiel aus unzähligen möglichen heraus zu greifen: Die slowenische SNS bezieht sich auf das gesamte Siedlungsgebiet der Slowenen, und das erstreckt sich ja auch auf Teile der vier Nachbarstaaten Österreich, Ungarn, Kroatien, Italien. Zur Zeit werden “nur” Ansprüche auf 4 Dörfer im kroatischen Teil von Istrien erhoben und ansonsten Minderheiten-Rechte für die Slowenen jenseits der Grenzen gefordert.25 Aber eigentlich ist für sie auch (zB) Triest eine slowenische Stadt. Während für die italienischen Rechtsextremen (AN,…) nicht nur Koper und das ganze (auch kroatische) Istrien italienisch sind, sondern die gesamte Ost-Adria-Küste, bis hinunter nach Korfu.

Einige ideologische Grundannahmen verbinden Rechte diverser Nationalitäten, wie die Ablehnung gesellschaftlicher Liberalität sowie der Individualität zugunsten einer “völkischen Einheit”. Aber das ist ja ins Wanken gekommen. Auch Juden und Schwule sind nicht mehr “unumstritten” als Feindbilder. Man findet sich vielleicht noch über gemeinsame Feindbilder wie Linke, Moslems oder Sinti. In der Slowakei bekam die rechtsextreme LS-NS bei der Wahl 2016 etwa ein gutes Resultat, nach einem Wahlkampf gegen Sinti und Flüchtlinge. Das ist ziemlich konsensfähig unter europäischen Rechtsextremisten. Die Haltung der  LS-NS gegenüber der grössten Minderheit in der Slowakei, den Ungarn, dagegen… Die einzelnen Nationalismen beissen sich bald.

Der Chef der slowenischen SNS, Jelincic-Plemeniti, kommentierte den Unfall-Tod Jörg Haiders in Süd-Kärnten damit, dass ihn dieser “auf slowenischem Boden” ereilt habe. Da, wo Nationalismen direkt aufeinander treffen, ist der Gegensatz besonders gross, unüberbietbar gross. In der Kärntner FPÖ26 wird die SNS natürlich auch nicht als Verwandter/Verbündeter wahrgenommen, sondern als “Vertretung” einer “Spezie”, die auf einem niedrigeren “Level” ist. Sie war auch hauptsächlich für die Verzögerung bei der Aufstellung Ortstafeln mit (auch) slowenischer Aufschrift in Kärnten verantwortlich (eines der wichtigsten der genannten Minderheiten-Rechte). Mit Distanz sieht die Sache anders aus. Die British National Party (BNP) wird mit der SNS leichter eine gemeinsame Grundlage finden können. Und wenn die SNS gegen Flüchtlinge agitiert, ist auch Gemeinsames mit den Rechtsextremen der Nachbarländer (slowenische Minderheiten in diesen, Volksgruppen dieser Länder in Slowenien), FPÖ, AN, Jobbik, HSP, möglich.

Widersprüche dominieren im Verhältnis der Rechten diverser Länder/Nationalitäten. Das faschistische Italien konnte eigentlich unmöglich Freund des kroatischen Nationalismus sein; dennoch verbündete sich die Ustaša/UHRO mit diesem Regime. Und nach dem Angriff der Achsenmächte auf Jugoslawien im 2. WK wurde zwar ein von der Ustascha geführtes Kroatien unabhängig, dieses musste aber gleichzeitig an Italien sehr viel Territorium abtreten, die gesamte Küste bzw den gesamten Westen (was nicht schon nach dem 1. WK italienisch geworden war). Nach dem italienischen Seitenwechsel zu den Alliierten 1943 wurde aus dem kroatischen “Zähneknirschen” über die Behandlung durch die Faschisten eine Frontstellung gegen Italien – obwohl dieses nun eine Regierung hatte, die nicht solche Gebietsansprüche gegenüber den Nachbarn hatte und auch in Gebieten wie Istrien gegenüber den Slawen nicht eine solch diskriminierende Politik ausgeübt hätte!

Zu einer Herrschaft der Badoglio-Regierung bzw des CLN über die Gebiete des Julischen Venetiens kam es nicht, da diese mit dem Seitenwechsel unter nazideutsche Herrschaft kamen und dann von jugoslawischen Partisanen eingenommen wurden. Der Nationalsozialismus hatte bzgl diverser verbündeter Nationalisten das Problem der „Minderwertigkeit“ dieser Völker (bzw vice versa), konnte eigentlich keinen Nationalismus einer kollaborierenden Gruppe als ebenbürtig ansehen. Auch das Massaker von Kefalonia 1943 von Wehrmachts-Soldaten an italienischen Soldaten nach dem italienischen Frontwechsel (dramatisiert zu Roman und Film als “Corellis Mandoline”) gehört in diesen Zusammenhang. Heutige Deutschnationale respektieren italienische Faschisten entweder oder aber sehen sie auch als “minderwertige Südländer”; abgesehen von dem Konfliktstoff, den es um Südtirol gibt. Hitler hatte einst für die französische Ausgabe von “Mein Kampf” die anti-französischen Passagen streichen lassen…

Konsequent in eine Richtung zu gehen, ist anscheinend auch nicht so leicht. Deutsch-Stämmige, besonders gern Deutsch-Nationale, bilden gerne ethnische Zellen; weshalb Chile das einzige Land neben Deutschland, Österreich, Schweiz ist, in dem es Burschenschaften gibt. In „ihren Ländern“ sehen Deutsch-Nationale das mit der Integration ganz anders. Oder die FPÖ und die Tschetschenen: Jene in Österreich werden dämonisiert, mit ihren Autokraten “zu Hause” wird gepackelt. Bei der AfD gibt es einen dauernden Kampf zwischen den um Respektabilität Bemühten und den um Direktheit Bemühten. Den Reaktionär als Aufklärer affirmieren oder dem Reaktionären Legitimität verleihen?

1934 wurde in Polen eine rechtsextreme/faschistische Partei gegründet, die Obóz Narodowo Radykalny (ONR), von ehemaligen Mitgliedern einer anderen Rechtspartei der Zwischenkriegszeit, der Obóz Wielkiej Polski, wie Jan Mosdorf, Tadeusz Gluziński, Henryk Rossman, Tadeusz Todtleben und Marian Reutt. Sie war primär antijüdisch und nicht antirussisch oder antideutsch; als Pole hat man eine Palette an “historischen Feinden”. Aufgrund von Angriffen von ONR-Mitgliedern auf linke Demonstrationen und der Beteiligung an einem Boykott jüdischer Geschäfte wurde die Partei nach wenigen Monaten Existenz im Juli
1934 wieder verboten. Einige ihrer Führer kamen in das Gefangenenlager in Bereza Kartuska. Dort spaltete sich die ONR, 1935, in zwei Fraktionen: die ONR-Falanga27 unter Bolesław Piasecki, und die ONR-ABC unter Henryk Rossman. Beide Nachfolgegruppen waren offiziell illegal.

Nach der Besetzung Polens durch Hitler-Deutschland schufen beide Gruppen Widerstandsgruppen bzw wurden zu solchen. Aus ONR-ABC wurde die Grupa Szańca28, mit der Miliz Związek Jaszczurczy (Eidechsen-Vereinigung). Die Szańca-Gruppe unterstützte die Exilregierung und die Westalliierten. Die ONR-Falanga schloss sich der Konfederacja Narodu an, ein Widerstands-Allianz aus rechten Gruppen. Ein kleinerer Teil der früheren ONR-Aktivisten kollaborierte aber mit Nazi-Deutschland, etwa eine Splittergruppe der ONR-Falanga, die Narodowa Organizacja Radykalna (NOR), sah dessen Truppen weniger als Besetzer des Vaterlands, sondern als Verbündete gegen Juden, die sie als eigentliche Feinde Polens sahen. Die Szaniec-Gruppe, die im Widerstand war, sah das Vorrücken der Roten Armee der Sowjetunion am Kriegsende als drohende Gefahr für Polen, arbeitete dann bei einigen Gelegenheiten auch mit den (abziehenden) Nazis zusammen.

Vor dem Hintergrund der Besetzung Polens spaltete sich also der polnische Ultra-Nationalismus bzw Rechtsextremismus. Insgesamt gab es wenig Kollaboration unter Polen, einfach weil das was die Nazis dem Land zudachten (Teile sich selbst einverleibt, andere den Ukrainern versprochen, andere für den Angriff auf die SU als “Ausgangsbasis” genutzt,…) wenig Raum liess für gemeinsame Interessen. Und auch jene die kollaborierten, bekamen kaum die Anerkennung der Nazis, auch sie wurden verachtet. Mit “Kollabos” wurde nach Kriegsende abgerechnet; Bolesław Piasecki durfte unter kommunistischer Herrschaft die Stowarzyszenie PAX führen, die erlaubt wurde, um die Katholiken Polens in das Regime einzubinden, als Block-Partei. Piaseckis Sohn wurde unter nach wie vor ungeklärten Umständen entführt.

Die Anläufe der Rechten zur Zusammenarbeit im Europaparlament sind immer wieder Sisyphus-Bemühungen, bringen das Dilemma auch rüber. Front National-Gründer Jean-Marie Le Pen konnte nach seinem ersten Einzug ins Europaparlament 1984 eine Fraktion gründen. Ihr gehörten damals 17 Abgeordnete von vier Parteien an. Ausser den FN-Abgeordneten waren Vertreter der italienischen neofaschistischen MSI, der “Nationalen politischen Union Griechenlands” (Epen) und der Partei der britischen Siedler in Nordirland, der Ulster Unionist Party, in der Fraktion vertreten. 1989 wurde der Epen-Abgeordnete nicht wiedergewählt, und der damalige MSI-Chef Gianfranco Fini wollte kein Bündnis mehr mit der Front National, machte sich auf den Weg zu mehr Akzeptanz. Le Pen suchte daraufhin neue Mitstreiter und gründete die sogenannte “Technische Fraktion der Europäischen Rechten” mit ebenfalls 17 Mitgliedern, darunter Abgeordneten des belgischen Vlaams Blok (VB; der Vorgängerorganisation des heutigen Vlaams Belang) und der deutschen “Republikaner”. In der neuen Fraktion gab es bald Reibereien, unter anderem zwischen Reps und Neofaschisten wegen Südtirol…

Die Fraktion brach auseinander, nachdem fünf der Republikaner nach internen Querelen und einem Streit mit dem VB die Gruppe verliessen. 1994 wurde kein Republikaner mehr in das Europaparlament gewählt. Le Pen und seine Mitstreiter vom Vlaams Blok suchten nach neuen Verbündeten, unter anderem bei der FPÖ. Die FPÖ lehnte aber damals – im Gegensatz zu heute – eine Zusammenarbeit mit der FN ab. Daraufhin blieben die Abgeordneten von FN, Vlaams Blok, der italienischen MSI und der FPÖ fraktionslos. Erst im Jänner 2007, nach der EU-Osterweiterung, gelang es 23 Rechtsextremen wieder, eine Fraktion zu bilden, mit dem Namen „Identität, Tradition und Souveränität“. In der Gruppe unter Leitung des FN-Abgeordneten Bruno Gollnisch gab es bald wieder Streitereien, auch wieder wegen eines Konflikts zwischen Italienern und Österreichern um Südtirol. Zehn Monate nach ihrer Gründung brach auch diese Fraktion schliesslich auseinander.

Der Anlass: Nachdem eine Italienerin durch rumänische Einwanderer ermordet worden war, forderte die Duce-Enkelin Alessandra Mussolini (damals AS) den rumänischen Botschafter zum Verlassen Italiens auf und äusserte sich abfällig über Rumänen. Die sechs Mitglieder der rumänischen PRM verliessen daraufhin empört die Gruppe. Damit war die damals geforderte Mindestzahl von 20 Abgeordneten nicht mehr gegeben und die Fraktion wurde aufgelöst. Mölzer sagte damals, die Auflösung bedeute aber “keineswegs das Ende der Zusammenarbeit der rechtsdemokratischen und patriotischen Parteien Europas”. Die Unvereinbarkeit der Programme von Rechtsparteien aus verschiedenen Ländern und die diesbezüglichen Gegensätze im EP spiegelte sich 07 auch in einem Streit unter österreichischen Rechtsextremen wider.

Der Neonazi Gerd Honsik, der eben noch eine Wahlempfehlung für Strache abgegeben hatte, soll dem damaligen FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler die berühmten Fotos von Strache bei Wehrsport-Übungen zugespielt haben, die dann in Medien veröffentlicht wurden. So eine Art Vergeltung im Konflikt zwischen der FPÖ und noch rechteren Gruppen soll das gewesen sein. Hintergrund des Konflikts waren Verhandlungen der FPÖ im EP (unter Andreas Mölzer) über die Gründung eines Bündnisses im EP, mit der nationalkatholischen Liga polnischer Familien (LPR) – Honsik und andere Deutschnationale sahen dadurch eine Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze zwischen Deutschland und Polen – sowie mit den italienischen Rechtsextremisten – Honsik sah darin die Anerkennung der Brenner-Grenze zwischen Österreich und Italien.

Der Wunsch der europäischen Rechten nach einer eigenen Fraktion im EU-Parlament ist schon allein mit den damit verbundenen Geldern für Sekretariate, Dolmetscher und anderem erklärbar. Eine Führungsrolle nimmt immer die französische Front National (FN) ein. Ausser den nationalen Gegensätzen steht einer Zusammenarbeit entgegen, dass sich manche Rechtsparteien gemäßigt geben und um Respektabilität bemüht sind. Daneben gibts auch innerhalb eines Landes Widerspruch zwischen Rechtsparteien, ganz gewaltige bzw grundsätzliche sogar, zB zwischen Lega Nord (LN) und Alleanza Nazionale (AN) in Italien… Im Herbst 2010 wurde die “Europäische Allianz für Freiheit” (EAF) gegründet, als Zusammenschluss europäischer Rechtsparteien, nicht als EP-Fraktion. Inzwischen war auch Wilders (PVV) mit von der Partie.

Nach der EP-Wahl ’14 gab es ein langes Ringen um die Bildung einer neuen Rechts-Fraktion, das von der EAF “geleitet” wurde. 2015 wurde die Fraktion “Europa der Nationen und der Freiheit gegründet. Die Schwierigkeit bestand auch darin, Parteien aus den notwendigen sieben EU-Ländern zu finden. Das Bündnis aus FN, LN, FPÖ, PVV, VB und des polnischen Kongresses der Neuen Rechten (KNP) brauchte den Vertreter eines weiteren Landes – und fand ihn in der Person der ehemaligen UKIP-Abgeordneten Janice Atkinson. Diese war nach einem Bericht der „Sun“ über eine manipulierte Spesenabrechnung aus der Partei geworfen worden. Und, Wilders hat(te) Probleme mit der KNP (ist gegen gleichgeschlechtliche Ehe und für die Todesstrafe). Der EFD-Fraktion (UKIP, M5*) schlossen sich die Schwedendemokraten (SD), die Partei der freien Bürger aus Tschechien (SSO) und die litauische Ordnung und Justiz (PTT) an, die bei den Rechten erwartet worden waren. Jobbik (Ungarn) oder Morgenröte (Griechenland) sind fraktionslos.

Alessandra Mussolini, inzwischen bei Forza Italia (FI) bzw PdL, trat 16 aus der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) aus. Mit diesem Schritt protestierte sie gegen den deutschen Finanzminister Schäuble, der Italiens damaligen Regierungschef Renzi in seiner Kampagne für das “Ja” beim italienischen Referendum über die Verfassungsreform unterstützte. Sie wurde eine Fraktionslose; wollte gegen die „deutsche Übermacht“ protestieren, gegen die Einmischung in Italiens Angelegenheiten. FI warb für ein Nein beim Referendum. In Wien trafen sich im Juni 16 die Rechtsextremen der EU, darunter auch die AfD, diskutierten wieder mal über Zusammenarbeit und Gemeinsamkeiten.

Eigenartiges

1905 und 1917 (Revolutionen während Kriege) unterstützte “Lenin” aussenpolitisch Feinde des zaristischen Russlands, während er im Inneren Menschewiki, die andere Fraktion seiner Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, als Hauptgegner sah. 1917 zunächst die Februar-Revolution (nach westlichem Kalender im März), der Sturz des Zaren, ein (vielversprechendes!) demokratisches Experiment, eine provisorische Regierung, zunächst unter Lvov. Im April die Rückkehr Lenins nach Russland, ermöglicht durch die Genehmigung  zur Durchfahrt aus der Schweiz durch das Deutsche Reich, erteilt von Erich Ludendorff, damals Quasi-Co-Militärdiktator neben Hindenburg. Das deutsche Kaiserreich war Kriegsgegner des Zarenreichs, und der Feind meines Feindes…

Kaiser Wilhelm, Verwandter des damals inhaftierten Zars Nikolaus, soll die Durchfahrt von Lenins Gruppe russischer Revolutionäre in einem versiegelten Zug über Deutschland gebilligt haben. Ludendorff erhoffte sich eine Destabilisierung Russlands. Lenin verstärkte dann die Parallelherrschaft der Räte (Sowjets) neben der provisorischen Regierung (ab Juli unter Kerensky von der Partei der Sozialrevolutionäre). Und im November 17 die Oktoberrevolution, die Beseitigung des Pluralismus, die Verhinderung der geplanten Wahlen, die alleinige Herrschaft der Sowjets der bolschewistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei RSDRP(B). Im Grunde war aber ein bolschewistisches Russland (aus dem die Sowjetunion wurde) für das Deutsche Reich ein grösserer Feind als das zaristische oder ein demokratisches.

Oder Marcus Garvey. Er wurde in der Karibik (auf Jamaika) geboren, die jahrhundertelang Umschlagplatz für als Sklaven deportierte Afrikaner war, engagierte sich für die Nachfahren der nach Amerika verschleppten Afrikaner. Garvey strebte nicht eine Assimilation der “Schwarzen” in Amerika an die “Weissen” an, oder ihre Emanzipation. Er war für eine Trennung von ihnen, in jeder Hinsicht. Das “Zurück nach Afrika” mit seiner “Black Star Line” war dabei ein Projekt. Garvey und seine Universal Negro Improvement Association (UNIA) waren gegen räumliche und biologische Vermischung mit Weissen und er misstraute aus solchen “Vermischungen” hervorgegangenen “Farbigen”, die die rivalisierende NAACP unter W.E.B. du Bois dominiert haben sollen, die einen integrationistischen Kurs fuhr. Und, Garvey traf sich in seinem Radikalismus mit dem Gegenpol, den weissen offenen Rassisten in der USA. Auch diese strebten nach Rassentrennung, und sein “Zurück nach Afrika” für Schwarze war auch für diese ein guter Lösungsansatz. Offene Feinde der Schwarzen, so Garvey, seien ihm lieber seien als vermeintliche Freunde.29

Und so unterhielt Garvey auch Kontakte zum Ku Klux Klan! Sein Treffen mit Führern des KKK (wie Edward Y. Clarke) in Atlanta 1922 war seine wahrscheinlich kontroversiellste Aktion. Zumal sich dies zu einer Zeit zutrug, als Lynchmorde des KKK an Schwarzen im Süden der USA noch häufig vorkamen. Garvey machte keineswegs den Versuch, das Treffen geheim zu halten, im Gegenteil, in den Monaten davor machte er seinen Standpunkt in mehreren Reden unmißverständlich klar. Er hatte damals, nach dem Scheitern seiner Schiffslinie mit seiner UNIA, vor, im Süden der USA aktiv zu werden.

1956 gab es in der Georgischen Sowjet-Republik Demonstrationen gegen Chrustschows Entstalinisierungs-Politik, die stalinistisch sozialisierte Georgier schockierte sowie ihre nationalen Gefühle verletzte. Das obwohl der Georgier Stalin Georgien in Russland bzw der Sowjetunion aufgehen sah. Im Laufe der (teilweise gewaltsam verlaufenen oder niedergeschlagenen) Demos wurde dann auch die Forderung nach einer Unabhängigkeit Georgiens erhoben. Von einem Extrem ins andere, von der Forderung des Erhalts des Stalinismus zu jener nach dem Austritt aus der SU…

In Südafrika koalierten nach der ersten freien Wahl 1994 die bisherige “Apartheid-Partei”, die Nasionale Party (NP), und die “Anti-Apartheid-Partei”, der African National Congress (ANC), miteinander, zusammen mit der Inkatha Freedom Party (IFP), die so etwas wie eine “Apartheid-Kollaborations-Partei” gewesen war. Die drei Parteien bildeten (bis 1996) die Regierung der nationalen Einheit, die auf die Apartheid folgte. Es handelte sich aber weniger um eine Querfront als einen historischen Kompromiss, ein Projekt der Versöhnung, des Neubeginns. Eine Querfront war vielleicht die Zusammenarbeit von Homeland-Parteien wie der Inkatha mit den Apartheid-Regierungen oder auch, nach der Einigung zwischen NP und ANC und bis zur Wahl, jene zwischen der IFP und den Parteien der weissen Rechtsextremen.

Tja, und Westblock/Ostblock-Überläufer oder -Spione im Kalten Krieg? Liegen hier Querfronten vor? Und wenn Linke-Wähler zur AfD gehen? Jene paschtunische Kommunisten, die in Afghanistan zu den Taliban hinüber wechselten? In Niederösterreich ist vor einigen Jahren ein Gemeinderat der FPÖ in Weikendorf (Bezirk Gänserndorf) der KPÖ beigetreten, Markus Fendrych.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. 1955 kam er in die BRD, war dort in einer kurzlebigen DSU aktiv
  2. Siehe dazu auch: Thorsten Keiser: Eigentumsrecht in Nationalsozialismus und Fascismo. Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts (2005)
  3. Und beide Ideologien/Mächte hatten “Helfer” dort
  4. Beziehungsweise bis 2005, als die Regierungsmannschaft der FPÖ zum abgespaltenen BZÖ wechselte
  5. Die Bezeichnung ist das “Recycling” des Titels eines Werbetextes eines Propagandisten dieser Querfront-Behauptung in Österreich
  6. Über die damaligen tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse habe ich in dem genannten Artikel geschrieben. Ein Satz hier jetzt dazu: Es waren Deutsche, die damals die Verbindungen herzustellen trachteten (im Sinne ihres „Nationalsozialismus“), das wird ausgeblendet – die “Kontinuitäten” auf der „anderen Seite“ werden dagegen dauernd konstruiert (von den heutigen Deutschen)
  7. Andere versuchen ja den Holocaust an den Juden so aus dem Westen heraus zu definieren, in dem sie die Querfront von Nazis zu Moslems/Islamisten so konstruieren, dass zweitere quasi die Verantwortung dafür trugen/tragen und die Initiative von ihnen ausgegangen sei
  8. Das Nicht-Westliche definiert er anscheinend nicht präzise; bei Huntington waren zB Osteuropa und Südamerika keinesfalls Teile des Westens und auch beim katholischen Europa tat er sich schon schwer…
  9. Hartmut Finkeldey (kritikundkunst.wordpress): “Die schmutzigen Kriege ‘an der Peripherie’ (wie demaskierend Sprache sein kann! – ist ja bloß die Peripherie, nicht das Zentrum, also unwichtig!) übertreffen schon in der schieren Zahl ihrer Opfer jedes Maß. Der Krieg ist derzeit Dauerzustand. Dass er für den postmodernen Spießer, der in den Machtzentren der Welt vor sich hin lebt mit seinen Privilegien, nur im TV oder im Web statt findet, ist unerheblich. (Die sog. Postmoderne ist der versteckte Herrenmenschenrassismus der sog. ersten Welt: Nur für uns happy few lösen sich diese Kriege ‘an der Peripherie’ in Virtualität auf; für die Betroffenen ist er tödlicher Alltag”
  10. Dass huckepack auf der Begeisterung für den Zionismus nicht nur ein West-Imperialismus daher geritten kommt, sondern auch ein Deutsch-Imperialismus, wird auch gerne unter den Tisch gekehrt
  11. Strache warf dem Wiener Bürgermeister Häupl in einer Runde vor, dass die SPÖ Werbung auf Türkisch und Arabisch machte, worauf dieser auf serbische Inserate der FPÖ hinwies
  12. Heni hat übrigens ein Anti-Gauck-Buch mit Yücel und “Publikative”-Autoren geschrieben
  13. Inzwischen schaut sie auch so aus wie Kriemhild Trattnig
  14. Dass Gerard Menuhin, in der CH lebender Sohn von Yehudi, in der “Nationalzeitung” schreibt, wird nicht als krude Querfront unter Einschluss von Juden gedeutet, sondern als Ausdruck von Antisemitismus und Querfront gegen sie
  15. Broder liegt am Schnittpunkt der 4 Strömungen
  16. A propos: Wenn man Broder liest, was er über Homosexuelle, Feministinnen und “verweichlichte Männer” schreibt, oder die “Bahamas”, weiss man auch, wie “relativ” an den Tag gelegte Betrachtungsweisen solcher “Linker” zu diesen Themen sind
  17. Und, alles was sich in Deutschland durchsetzt, kommt auch nach Österreich,…
  18. Dass unter der Fahne von Anti-Islam und Pro-Israel mit Anti-Imperialismus “aufgeräumt” wird, ist gang und gäbe; dass die Vorherrschaft die man zu erhalten trachtet, offen rassisch deklariert/definiert wird, ist aber selten
  19. Diese Werte sind es ja, die seine Anhänger verkörpern, besonders jene auf facebook… Als der Ex-Nazi dort über „Integrations- und Arbeitsverweigerer“ schreibt, erreicht die Stimmung in den Kommentaren darunter den Siedepunkt, als Einer „eine an zug und ab nach mauthausen“ schreibt
  20. Irak-Stämmiger SPÖ-Politiker
  21. Langjähriger Chef der Jüdischen Gemeinde Wiens
  22. Die Verbindung zwischen pro-zionistisch und nazi-verehrend ist nicht auf Europa beschränkt. Man findet sie etwa bei den Hindu-Nationalisten Indiens, die seit Savarkar für Zion sind und verstärkt im aktuellen Kontext, seit in den 00ern eine gewisse Zusammenarbeit zustande kam. Shiv Sena etwa, unter Uddhav Thackeray, ist nicht nur anti-moslemisch, sondern auch gegen christliche Missionierung, und hat die NS-Verdrehung des “Arier”-Begriffs übernommen
  23. Dass es bei diesen beiden spanischen Volksgruppen eine lange Tradition des Links-Nationalismus gibt, soll jetzt nicht weiter “stören”
  24. Das ist jetzt vereinfacht ausgedrückt. Die MHP und grosse Teile der CHP sind natürlich nicht nur gegen kurdische Autonomie oder gar Abspaltung, sondern auch gegen Minderheiten-Rechte. Um auf die Frage der Irredenta-Ansprüche jetzt vorzugreifen, der kurdische Nationalismus und jener der Assyrer wiederum “beissen” sich, beanspruchen in etwa das selbe Gebiet. Einen assyrischen Nationalismus gib es in der Türkei kaum mehr, er kommt als Irredentismus von Aussen daher
  25. Rechte, bei deren Gewährung gegenüber den Minderheiten im eigenen Land man nicht so grosszügig ist, auch das ein Merkmal der Rechten
  26. Na ja, zumindest in Teilen davon
  27. Sie war von der spanischen Falange inspiriert
  28. Szańca bedeutet so etwas wie “Wall”
  29. “I regard the Klan, the Anglo-Saxon clubs and White American societies, as far as the Negro is concerned, as better friends of the race than all other groups of hypocritical whites put together. I like honesty and fair play. You may call me a Klansman if you will, but, potentially, every white man is a Klansman as far as the Negro in competition with whites socially, economically and politically is concerned, and there is no use lying”

Die Reichskrone und die Herrschaft über Deutschland

 

Der amerikanische Soldat Babcock am Ende des 2. Weltkriegs im Rheinland mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Geschichte zu einem Foto. Eine Krone, die wirklich die deutsche Geschichte widerspiegelt (bzw beinhaltet), in der einen oder anderen Form.

Es gibt ein Bild von Dürer aus dem Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, von Karl dem Grossen mit der Kaiser-/Reichskrone und anderen Insignien.1 Der fränkische König Karl gilt als derjenige, der das römische Kaisertum neu begründete, um 800; jedoch existierte das Römische Reich und sein Kaisertum durch Byzanz weiter. Die Reichskrone ist tatsächlich erst später, wohl ab 965, entstanden, nach der Teilung des Frankenreichs unter den späteren Karolingern.2 Der Sachse Otto I. liess im Ost-Frankenreich die karolingische Tradition wieder aufleben und sich im Jahr 936 in Aachen zum deutschen König krönen. Seine Krönung zum Kaiser in Rom 962 durch Papst Johannes XII. gilt als Anfang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Diese Krönung geschah möglicherweise mit der gegenständlichen Reichskrone; andernfalls kam diese für die Kaiserkrönungen von Ottos ottonischen Nachfolgern in Gebrauch, spätestens für jene des ersten salischen Herrschers Konrad II.3

Das Reich beanspruchte nicht zuletzt durch sein Kaisertum eine Anknüpfung an römische Traditionen. Diese und das Christliche standen in den ersten Jahrhunderten klar im Vordergrund; der Zusatz “Deutscher Nation” kam überhaupt erst in der frühen Neuzeit hinzu. Es war eine Wahlmonarchie, der römisch-deutsche König wurde von und unter den Mächtigen des Reichs (Fürsten, Kleriker) gewählt, dann in der Regel vom Papst zum Kaiser gekrönt. Der römisch-deutsche Kaiser, Oberhaupt des Reichs, hatte mehr symbolische als reale Macht, besonders in späteren Jahrhunderten, befand sich in einem Machtgerangel mit dem Papsttum (Kirchenstaat) und anderen deutschen und europäischen Königen.

Die Wahl zum römisch-deutschen König war gewissermaßen die Vorstufe zur Kaiser-Krönung; die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches waren zwischen ihrer Wahl zum König und ihrer Kaiserkrönung “römisch-deutsche Könige”.4 Nicht in allen Fällen konnte der Anspruch des römisch-deutschen Königs auf die Erhebung zum Kaiser durchgesetzt werden. Nur mit dem Kaisertitel war der Machtanspruch für das ganze Reich, auch in den “ausserdeutschen” Reichsteilen, ja sogar ein universaler Machtanspruch, verbunden.

Seit 1147 fanden die meisten Wahlen zum römisch-deutschen König in Frankfurt am Main statt. Die Krönung zum König fanden die längste Zeit in Aachen statt, in der damaligen Pfalzkapelle; die eigentliche Krönung am Altar, die Thronsetzung auf dem Thron von Karl dem Grossen (Charlemagne). Die Kaiserkrönungen fanden in der Regel in Rom statt, meist in der Peterskirche. Die Reichs-/Kaiserkrone und die anderen Reichskleinodien waren so etwas wie ein Ausweis des Kaisers, ein Machtsymbol. Der Machtkampf zwischen den Kaisern und den Päpsten zeigte sich nicht zuletzt bei der Krönung, also beim physischen Aufeinandertreffen, wo meist beide (samt ihrem Gefolge) versuchten, die überragende Stellung ein zu nehmen.

Das am Übergang vom Früh- zum Hoch-Mittelalter entstandene Römisch-Deutsche Reich war mehr Staatenbund als Bundesstaat. Es hatte, anders als die meisten anderen europäischen Reiche, auch kein Zentrum, keine Hauptstadt, keine feste Herrscherresidenz.5 Durch das Wahlkönigtum gab es auch keine kontinuierliche Herrscher-Dynastie, die sonst auch Repräsentant des Reichs war. Ein Symbol des Reichs, ein “Aushängeschild”, war die Reichskrone. Und die anderen Reichskleinodien (auch Reichsschatz oder Kronschatz genannt); die oft noch in (weltliche) Reichsinsignien und (geistliche) Reichsreliquien unterteilt werden. Zu den Insignien gehör(t)en neben der Krone auch Reichsapfel, Ornat/Krönungsmantel, Zepter oder Reichsschwert, zu den Reichsreliquien u.A. die heilige Lanze und das Reichskreuz.

Die Reichskrone, das wichtigste der Reichskleinodien, die aus der Zeit der Anfänge Deutschlands und des Christentums dort stammen, ist ein achteckige Bügelkrone aus Gold, mit Edelsteinen, mit biblischen und anderen Symbolen, nach byzantinischem Vorbild gestaltet. Der Bügel ist wahrscheinlich später hinzu gefügt worden; Teile der Urfassung sind dagegen im Laufe der Zeit verloren gegangen, v.a. der “Waise” genannte Edelstein. Durch das Wahlkönigtum bedingt, wurden die Krone und die anderen Kleinodien des Reichs zunächst einige Jahrhunderte lang von den jeweiligen Kaisern aufbewahrt bzw mit sich geführt, und dann an den jeweiligen Nachfolger weiter gegeben. Zweimal erfolgte die Weitergabe nur mit Gewalt. Als die Kleinodien in Böhmen lagerten, zur Zeit der Herrschaft von Sigismund von Luxemburg (bzw an deren Ende), versuchten sich die Hussiten ihrer zu bemächtigen. Im 15. Jh wurden die Reichskleinodien nach Nürnberg gebracht, in die Mitte des Reiches, wo sie meist im Heilig-Geist-Spital aufbewahrt wurden.6 Nur zu den Krönungen der deutschen Könige und Kaiser, verließ der Reichsschatz dann die Stadt, von Nürnberger Gesandten begleitet.

1273 wurde mit Rudolf der erste Habsburger römisch-deutscher Kaiser, ab dem Spät-Mittelalter bekamen mit einigen wenigen Ausnahmen nur noch Habsburger die Reichskrone aufgesetzt. Österreich war der wichtigste Staat im Reich (v.a. durch Gebiete, die ausserhalb des “eigentlichen Österreich” lagen), die Habsburger die dominante Dynastie. Als ein Höhepunkt des HRR kann die “Vereinigung” mit Spanien (und seinen Kolonien) in Personalunion an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit gesehen werden, unter Karl V. Bald darauf wurde die Zersplitterung des Reichs durch die Reformation noch verstärkt.7

In der Goldenen Bulle wurden 1356 ja die Königswahlen geregelt. Zum Einen wurde dadurch das aktive Wahlrecht auf sieben festgelegte Kurfürsten eingeschränkt.8 Zum Anderen wurde die Wahl durch die Kurfürsten die einzig maßgebliche Legitimation. Die Approbation der Wahl des römisch-deutschen Königs durch den Papst, als Grundlage zur Krönung zum Kaiser, wurde eine Formsache. An der Kaiserkrönung durch den Papst in Rom wurde vorerst festgehalten. Der Habsburger Karl V. war der letzte Kaiser, der vom Papst gekrönt wurde, 1530 in Bologna.9 Karl V. nahm anscheinend wie sein Vorgänger Maximilian I. zunächst den Titel “Erwählter Römischer Kaiser” an, bei seiner Königskrönung, liess sich dann aber doch durch den Papst krönen.

Karls Bruder und Nachfolger Ferdinand I. “verzichtete” auf eine Kaiserkrönung durch den Papst. Ab dem 16. Jahrhundert wurde auch die Krönung durch den Papst nicht mehr als zwingend für einen Kaiser angesehen. Daher wurde allmählich zwischen dem „erwählten“ und dem „gekrönten“ Kaiser nicht mehr unterschieden. Zu den Umwälzungen bezüglich der Kaiser des Reichs im Spät-MA/Früh-NZ gehört auch, dass der Krönungsort deutscher Könige ab 1562 (Maximilian II.) bis zur Auflösung des Reichs von Aachen nach Frankfurt, dem Ort der Königswahl, verlegt wurde. Bis 1531 fanden die Krönungen 600 Jahre lang meist Aachen statt.

In manchen Fällen, etwa bei Joseph II., wurde der künftige Kaiser bereits zu Lebzeiten seines Vorgängers designiert, in dem er zum (“römischen”) König gewählt und auch gekrönt wurde.10 Ansonsten trat nach dem Tode eines Kaisers ein Interregnum ein11 und das Wahlkollegium der Kurfürsten wurde zusammengerufen. Weiters wurden die Reichskleinodien aus Nürnberg und Aachen an den Ort der (Wahl und) Krönung, Frankfurt, gebracht.

Ein bis drei Wochen nach der Wahl durch die Kurfürsten fand die Krönung zum Kaiser statt, zur formalen Bestätigung des Wahlakts. Die Krönung im Kaiserdom, in der Neuzeit ohne Papst, hatte die Form einer feierlichen Messe. Mit Gebet, Eid, Salbung, Überreichung der Kleinodien, zuletzt die eigentliche Krönung: dem knienden König wurde von den drei geistlichen Kurfürsten gemeinsam die Reichskrone auf das Haupt gesetzt. Dann bestieg der neue Kaiser den Thron. Die Kleinodien wurden kurz nach der Krönung wieder zurück gebracht.

“Voltaire” sagte über das Heilige Römische Reich, es sei weder heilig, noch römisch, noch ein Reich. Und tatsächlich: die Säkularisierung verlangte nach einer Trennung des Weltlichem vom Religiösen; der ebenfalls aufkommende Nationalismus verlangte danach, das Deutsche in den Mittelpunkt zu stellen; und die Konkurrenz mit benachbarten Reichen danach, die Zersplitterung in Gliedstaaten zu “kitten”.

Im Juli 1792 die letzte Königs-Wahl und Kaiser-Krönung im Reich, Franz II. Zum König in Ungarn wurde er vorher, zu jenem in Böhmen danach gekrönt. Das war zur Zeit der der Französischen Revolution; der inzwischen nur mehr konstitutionelle König Louis XVI. wurde einen Monat nach Franz’ Krönung verhaftet und einen weiteren Monat später abgesetzt. Franz’ Vater Leopold II. war der Bruder von Louis’ Frau Marie Antoinette, der Habsburgerin, die wie ihr Mann dann 1793 geköpft wurde. In den Revolutions-Jahren gab es in Frankreich auch Zerstörungen von Königsgräbern (auch von Karolingern), Königs-Reliquien,… Franz verfolgte, als Erzherzog von Österreich, usw., wegen der Revolution in Frankreich die Fortsetzung der Reformen seiner Vorgänger nicht mehr so energisch, liess den Absolutismus sein.

Gemälde Kaiser Franz II.

Frankreich war eigentlich grosser Konkurrent vom Reich bzw Österreich, trotz der Verschwägerung der Herrscherhäuser. Die erste Koalition von Staaten gegen das revolutionäre Frankreich bildete sich 1792, um gegen die Revolution vorzugehen und den dort ihrer Macht und Freiheit beraubten Bourbonen zu helfen; Österreich und Preussen waren dabei führend. Und schon begannen die “Koalitionskriege”, mit Österreich und anderen deutschen Staaten auf der einen Seite, Frankreich mit einigen deutschen Staaten auf der anderen. Die Kriege, die zum Erlöschen des Römisch-Deutschen Reichs und alter Ordnungen führten. Ab dem zweiten Koalitionskrieg (1799-1802) war Napoleon Bonaparte (Vorbilder Hannibal und Charlemagne) der Herrscher (und Feldherr) Frankreichs.

1794 wurde bereits Aachen von französischen Truppen besetzt, die dort lagernden Reichskleinodien, etwa der Säbel von Karl/Charles/Carolus, waren zuvor weg gebracht worden, zunächst nach Paderborn. Die Franzosen rückten weiter vor. 1796 wurden die Reichskrone und die anderen Kleinodien in Nürnberg nach Regensburg gebracht. Angeblich garantierten sowohl Kaiser Franz II. als auch sein Prinzipalkommissar Johann von Hügel, dass die Reichskleinodien nach Nürnberg zurück gebrachten werden würden. 1800 wurden die Krone und die anderen Nürnberger Schätze nach Wien weiter gebracht, wo sie der kaiserlichen Schatzkammer der Wiener Hofburg übergeben wurden (die noch kein Museum war). Im Jahr darauf trafen auch die Aachener Schätze aus Paderborn dort ein. Napoleon krönte sich zwar (1804) zum Kaiser Frankreichs, die Reichskrone bekam er aber nicht. Die Schätze wurden 1805 vor den Franzosen nach Buda evakuiert, 1809 nach Temesvar.

Die Zukunft des HRR war ungewiss, nicht zuletzt, da sich Teilstaaten des Reichs im Krieg auf verschiedenen Seiten befanden. Franz II. krönte sich 1804 vorsorglich zum Kaiser Österreichs.12 Die Habsburger konnten über die Kaiserkrone nicht frei verfügen, für das österreichisches Kaisertum wurde eine andere Krone verwendet, die “Rudolfskrone”. Nach dem Sieg über Österreich vom Dezember 1805 und dem darauf folgenden Frieden von Pressburg war Napoleon gegenüber dem Reich in einer absoluten Machtposition. Er verfügte 1806 die Gründung des Rheinbundes aus 16 deutschen Staaten, bislang Teilstaaten des Römisch-Deutschen Reichs.13 Nun (August 1806) verlangte er vom Kaiser die Abdankung, unter Androhung einer Wiederaufnahme militärischer Handlungen. Und am 6. 8. legte Franz die Krone nieder (trat als römisch-deutscher Kaiser zurück; war nur mehr österreichischer Kaiser), nicht nur für seine Person, er erklärte auch das Reich für aufgelöst.14 Der österreichische Aussenminister, Graf Johann Philipp von Stadion, hatte dem Habsburger dazu geraten.

Auch das Wirken Dalbergs hat dazu beigetragen. Karl Theodor von Dalberg war als Erzbischof von Mainz Kurfürst und einer der Reichserzkanzler (eines der Erzämter). Sein Schritt 1806, Napoleons Onkel, Kardinal Joseph Fesch zu seinem Koadjutor zu ernennen, geschah wahrscheinlich im Bemühen, das Reich zu erhalten; dieses war damals ohnehin von Napoleon abhängig. Er erreichte damit aber das Gegenteil, die Ernennung Feschs soll für Franz der letzte Anstoss für die Niederlegung der Krone gewesen sein; da Franz eine Umgestaltung des Reiches unter französischer Herrschaft fürchtete. Dalberg wurde schliesslich Fürstprimas des Rheinbundes.

Die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien kehrten mit Ende der Kriege  nach Wien zurück, in die „Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses“. Sie bekamen nun eine andere Bedeutung; nach Meinung Stadions waren sie Antiquitäten. Der nunmehrige österreichische Kaiser Franz I. musste Napoleon auch seine Tochter Marie-Louise (Maria Ludovica) “überlassen”.15 Auch hier ist die Frage, inwiefern Zwang Napoleons und inwiefern der Versuch Franz’, sich dadurch gegenüber diesem zu behaupten, ausschlaggebend war. Durch die 1810 zunächst als Ferntrauung vollzogene Heirat wurde Napoleon Schwiegersohn von Franz.

Preussen war im 18. Jh zum grössten Konkurrenten Österreichs aufgestiegen. 1701 wurde Preussen vom Herzogtum zum Königreich, durch die Königskrönung des Hohenzollern Friedrich in Königsberg. Mit der Bewilligung von Kaiser Leopold I. Es wurde dabei die kaiserlichen Krönungsriten nachgeahmt. Erst 1815 aber kam es zur Realunion des eigentlichen Preussens (das ausserhalb des Römisch-Deutschen Reichs gelegen war und auf den der Königstitel bezogen war) mit dem bisherigen Kurfürstentum Brandenburg. Nun gab es keinen Kaiser mehr, den man um Erlaubnis fragen musste.16 Das war nach dem Wiener Kongress, der nach der ersten Bezwingung Napoleons begonnen wurde und nach seiner endgültigen fertig gestellt.

Die alten Ordnungen wurden in Europa auf diesem Kongress nochmal her gestellt. Die deutsche Frage war mit dem Deutschen Bund natürlich nicht beantwortet.17 Preussen war auf dem Weg, Österreich als deutsche Führungsmacht zu verdrängen. Dazu trugen auch die ihm am Wiener Kongress zugesprochenen Gebietserweiterungen im Rheinland bei. Preussen wurde dadurch nicht nur “Schutzmacht” im Rheinland gegenüber Frankreich, es wuchs stärker in Deutschland hinein, wurde so zum Motor der neuen Einigung. Und ein deutscher Nationalismus entstand, wie überall ging der Trend zur Loyalität zu Nationen anstatt zu Herrschern. Flaggen wurden Symbole anstelle von Kronen.

Das aus der Revolution 1848 hervorgegangene Frankfurter Paulskirchen-Parlament bot 1849 dem preussischen König die Kaiserkrone an. Abgesehen von seiner Ablehnung, die Reichskrone war damals in Wien in der Hand der Habsburger (bzw in ihrer Schatzkammer), als die Demokraten sie dem Hohenzollern anboten. Ein interessantes kontrafaktisches Szenario: eine neue deutsche Reichsgründung damals durch die Paulskirche statt durch Kriege unter Führung des absolutistischen Preussen später, zB eben durch die Annahme der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm, die Gründung eines kleindeutschen konstitutionellen Staats.

Zuerst kam die Trennung Österreichs von Deutschland (dem Deutschen Bund), zusammen mit seinem Ausgleich mit Ungarn. Dann die Entstehung des (“zweiten”) Deutschen Reichs unter preussischer Führung. Es gab nun zwei deutsche Kaiser, wobei der österreichisch-ungarische nur bedingt als ein solcher anzusehen ist. Und: Wilhelm von Hohenzollern wurde in Versailles nicht wirklich gekrönt, sondern nur zum Kaiser ausgerufen. Es gab für ihn und seine zwei Nachfolger gar keine Kaiserkrone; nur jene als preussische Könige. In seiner Rede (die von Bismarck verlesen wurde) nahm Wilhelm I. in Versailles Bezug auf die alte Kaiserwürde des HRRDN.18 Für die Kaiser Österreich-Ungarns blieb die Rudolfskrone die Kaiserkrone. Allerdings wurde sie nie bei Krönungen verwendet und war nur Symbol der Kaiser für die österreichische Reichshälfte. Allgemein wurden Uniformen für Herrscher wichtiger als Insignien.

Von 1871 an wurden die Reichskleinodien mit der ehemaligen Reichskrone in Wien ausgestellt, nicht zuletzt um die Bedeutung der Habsburger-Dynastie zu betonen. Aus Nürnberg, das ja nun zu Bayern gehörte, kamen Forderungen nach Rückkehr der Reichskleinodien aus Wien. Auch aus Aachen im Rheinland, wo man längst unter Preussen stöhnte. Dort war 1915 eine Krönungsausstellung geplant, 100 Jahre nachdem das Rheinland preussisch geworden war (der Anlass). Dafür wurden Kopien der Reichskleinodien angefertigt. Aufgrund des Kriegs fand die Ausstellung dann nicht statt. Und dieser Krieg brachte ja das Ende der Monarchie in Deutschland und Österreich, gemäß dem Trend der Zeit.

Der eine entmachtete Kaiser, der Habsburger Karl, versuchte in den wenigen Jahren die ihm noch blieben, zwei Mal die Restauration in Ungarn und besuchte im Schweizer Exil den Stammsitz seiner Ahnen, die Habichtsburg. Was die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien betrifft, nach dem Ende der Monarchie 1918 wurden die weltliche und die geistliche Schatzkammer vereint (im Schweizertrakt der Hofburg), auch zweitere zugänglich gemacht, auch an das Kunsthistorische Museum angeschlossen. Einige Gegenstände daraus, Schmuckstücke, wurden vom ehemaligen Kaiser und seiner Familie als persönlicher Besitz gesehen und waren ins Ausland gebracht worden.19

Der andere Ex-Kaiser, Wilhelm II., hielt nach der Abdankung die Ansprüche im Exil aufrecht. In der Weimarer Republik gab es mit DNVP und DVP immerhin zwei monarchistisch ausgerichtete Parteien. Und dann auch Reichspräsident Hindenburg. Sie wirkten aber eben in der Republik mit. Im republikanischen Deutschen Reich gab es 1925 eine Veranstaltung anlässlich bzw zu “1000 Jahre Rheinland bei Deutschland”, jener Region die nach dem Krieg besetzt war. Diese “Rheinische Jahrtausendfeier” bestand aus Ausstellungen, Festumzügen, Demonstrationen und Gottesdiensten. Kern war die „Krönungsausstellung“ in Aachen, in den Räumen des Rathauses, worin im Spätmittelalter das Krönungsmahl stattzufinden gepflegt hatte. Hierbei konnte an die für 1915 geplante und dann ausgefallene Krönungsausstellung angeknüpft werden.

Von Hindenburg war es ja dann zur NS-Diktatur nicht so weit. Darin wurde ein ideologischer Zickzackkurs (auch) gegenüber der monarchischen Vergangenheit Deutschlands (und Österreichs) gefahren20. Göring besuchte 1933 Aachen, begutachtete Kopien der Reichskleinodien im Rathaus und setzte sich auf den Stuhl Karls in der Marienkirche. Die für 1915 angefertigte Kopien u.a. der Reichskrone wurden zum NSDAP-Parteitag 1934 nach Nürnberg gebracht. Nach dem Anschluss Österreichs wurde Hitler ja auf dem Wiener Heldenplatz begeistert empfangen. Der Schatzmeister der Schatzkammer, der Kunsthistoriker Arpad Weixlgärtner, wurde als nicht zuverlässig gesehen und gleich beurlaubt. Er erinnerte sich später an den Tag der Hitler-Rede, dass keine Besucher in die Schatzkammer kamen, bevor er die Schlüssel abgeben musste, da der Zugang über den Heldenplatz verstopft war.

Und, 1938 wurden die Originale der Kleinodien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von Wien nach Nürnberg gebracht.21 Österreich war nach dem (Wieder-) Anschluss an Deutschland, in der NS-Zeit, Peripherie bzw Anhängsel des „Grossdeutschen Reichs“, nicht Nabel, nicht mehr Zentrum und Akteur wie zu Zeiten des “Altreichs”. Ein Jahr lang wurden die Reichskleinodien im Nürnberger Katharinenkloster ausgestellt.22 Mit Kriegsbeginn wurden sie in den Tresor eines Bankhauses gebracht und 1940 in einen speziell für Kunstwerke eingerichteten Luftschutzbunker in den Felsen unter der Nürnberger Kaiserburg. Ende 1944, Anfang 1945 wurde auch Nürnberg von alliierten Bomben schwer angegriffen und zerstört.

Und bald drang vom Westen die US-amerikanische Armee vor. Im März 1945 liess der Nürnberger Oberbürgermeister “Willy” Liebel die Kleinodien in Glaswolle verpacken, in Kupferbehälter einlegen und diese verlöten. Diese Behälter wurden von Liebel und seinem engsten Kreis dann aus dem “Kunstbunker” unter dem Nürnberger Burgberg geholt in ein nahes Felsenlabyrinth gebracht, dort eigenhändig eingemauert. Im April rückten die Amerikaner in die Ruinen der Stadt ein. So wie anderswo nach der Eroberung nach deutschen “Wunderwaffen” bzw Unterlagen dazu gesucht wurde, wurde hier dann nach den Reichskleinodien gesucht. Geleitet wurde die Suche von Walter Horn, einem wegen der Nazi-Herrschaft in die USA ausgewanderten Deutschen.

Horn gehörte der Monuments, Fine Arts, and Archives Section in der amerikanischen Armee an, welche sich um Kunst- und Kulturschätze kümmerte. Er war Kunsthistoriker und hatte natürlich auch die Kenntnis der Sprache für Befragungen.23 Das Fehlen der Reichskrone und der anderen Insignien im Kunstbunker wurde von den “Monuments Officers” festgestellt und sie vernahmen das bewusst gestreute Gerücht, die Schätze seien durch die SS abtransportiert und im Zeller See versenkt worden. Es wussten auch nur Wenige von dem Versteck und Oberbürgermeister Liebel war tot. Er, der sich für die Rückführung der Kleinodien eingesetzt hatte und auch um ihre Erhaltung gekümmert, beging wahrscheinlich am Kriegsende Selbstmord. Und die anderen relevanten Nazi-Bonzen Nürnbergs waren zunächst unauffindbar oder redeten nicht. Es soll nicht Horn sondern sein Kollege John Brown gewesen sein, dem es gelang, durch gezielte Verhaftungen und Verhöre die Wahrheit herauszufinden.

Zunächst wurden aber, im Juni ’45, in einem Bergwerks-Stollen bei Siegen (Rheinland) von amerikanischen Soldaten Reichskleinodien gefunden, die man für die echten hielt. Bei ihrer Bergung entstand das Bild des Soldaten Ivan Babcock, der sich, mit einer Zigarette in der Hand, die Reichskrone aufs Haupt setzte und von einem Kollegen fotografiert wurde.24 Eine heitere Geste gestresster Soldaten, unbekümmert von der Bedeutung und der Tradition des Stückes, aber irgendwie mit tiefer historischer Bedeutung. Die Kriegsniederlage, das Ende der Nazi-Diktatur, die Besetzung durch Armeen anderer Länder, das steckt einmal in diesem Bild, in dieser Geste. Aber auch an den vorangegangenen Umgang Deutschland unter den Nazis mit seinem kulturellen und historischen Erbe erinnert das Bild. An die Versuche der Vereinnahmung des “ersten” Reichs durch das “dritte”.25

Deutschland an einem Tiefpunkt. Und seine Bezwinger/Befreier im Besitz seiner Schätze, sie können sich auch einen “respektlosen” Umgang damit leisten. Auch wenn die Besatzung selbst nur relativ kurz war, Deutschland wurde von den Besatzern geprägt, wurden an sie gebunden. Eigentlich waren die Amerikaner aber nur eine von vier Mächten, die Deutschland damals besetzten und übergangsweise über das Land herrschten. Ein Teil Deutschlands kam unter eine ganz anders geartete Herrschaft, jene der Sowjetunion. Und eigentlich waren die gefundenen Reichsinsignien nicht die echten. In Siegen waren die Aachener Kopien von 1915 versteckt worden, die Krönungsparodie fand mit der nachgebildeten Reichskrone statt.

Spätestens als man die Originale in Nürnberg entdeckte, im Spätherbst 45, wiederum Truppen der USA, erkannte man das. Nürnberger Notabeln versuchten in den folgenden Monaten alles, um die Kronschätze in der Stadt zu behalten, sie im Germanischen Nationalmuseum auszustellen. Doch die Amerikaner beschlossen die Rückführung nach Österreich. Im Jänner 1946, nachdem auch ein entsprechender Antrag der neuen österreichischen Regierung eingegangen war, wurde der Reichsschatz vom USA-Militär per Flugzeug zunächst zum Militärflugplatz Tulln gebracht. Ein paar Tage danach übergab ihn General Mark Clark Bundeskanzler Leopold Figl.

372 Jahre lang war die Krone (meist) in Nürnberg gewesen, dann etwa 130 Jahre in Wien, einige Jahre wieder in Nürnberg, nun war sie wieder in Wien. Die Habsburger mit dem Stammland Österreich waren fast 400 Jahre Kaiser des HRRDN gewesen. Auch in den Jahren nach diesem Krieg wurden in Deutschland, genauer in der Bundesrepublik, wieder Bestrebungen wach, die Kronschätze nach Nürnberg bzw. Aachen zurück zu bringen. In den Rathäusern dieser beiden Städte werden bis heute nur Nachbildungen der jeweiligen Kleinodien ausgestellt. Die DDR hielt Distanz zu allem Monarchischen (> Sprengung Stadtschloss Berlin,…), wenngleich das preussische Erbe in gewisser Hinsicht für sie schon sehr bestimmend war (etwa für Traditionen der NVA).

In Wien wurden die Krone und die anderen Schätze zunächst in den Tresorräumen der Österreichischen Nationalbank verwahrt. 1954 wurden die Reichskleinodien in der Wiener Schatzkammer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie einst bis 1938.

Hofburg Wien
Neue Burg der Hofburg Wien

 

http://www.reichskrone.de/

http://www.kaiserliche-schatzkammer.at/

Ernst Kubin: Die Reichskleinodien. Ihr tausendjähriger Weg (1991)

Julius Wilhelm Hamberger: Merkwurdigkeiten bey der romischen konigswahl und kaiserkronung (1791)

Alexander von Roes: Memoriale de prerogativa imperii Romani (Denkschrift über den Vorrang des römischen Reichs, 1281). Über die Ehrenstellung von Kaiser/Reich im Abendland

rudolfskrone
Die Rudolfskrone als Wiener “Magnetsouvenir”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das Bild des Nürnbergers Albrecht Dürer wurde, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, von den Nürnberger Stadtvätern in Auftrag gegeben
  2. Die Krone, mit welcher Karl in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, verblieb im Besitze der Päpste
  3. Die Entstehung der Krone ist ein historisches Rätsel, es spricht aber einiges dafür, dass Otto I. sie in Auftrag gegeben hat
  4. Eigentlich aber nur im Nachhinein, in der Historiographie. Ihr damaliger Titel war während der Ottonenzeit “König der Franken” (lat. Rex Francorum), ab der späten Salierzeit Römischer König oder König der Römer (Rex Romanorum), am Ende des Reiches König in Germanien (Germaniae Rex)
  5. Es gab einen Reichstag, ursprünglich die Versammlung der Reichsstände, die sich seit dem 12. Jahrhundert aus Hoftagen entwickelte, und 1495 zu einer festen Institution der Reichsverfassung wurde. Ab 1663 tagte der Immerwährende Reichstag als ständiger Gesandtenkongress in Regensburg
  6. Einige wenige der Stücke wurden, ebenfalls im Spätmittelalter, nach Aachen gebracht
  7. Auch Nürnberg und das Frankenland fielen mehrheitlich von der katholischen Kirche ab
  8. Die sieben Kurfürsten bekamen auch Erzämter für das Reich zugeteilt
  9. Dies hatte mit den politischen Verhältnissen in Italien zu tun. Der Letzte, der in Rom gekrönt wurde, war Friedrich III. 1452
  10. Goethe war 1764 bei der Krönung Josephs zum römisch-deutschen König in Frankfurt anwesend, schrieb darüber in “Dichtung und Wahrheit”. Im Jahr darauf erst, nach dem Tod seines Vaters Franz I., wurde Joseph Kaiser
  11. Die Regierung des Reiches übernahmen dann, in ihrer Eigenschaft als Reichsvikare, gemeinsam die Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz
  12. Um nicht nur Herrscher eines Staates zu sein, den es nicht mehr gibt; so ähnlich ging es Gorbatschow 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion
  13. Nürnberg  und das Frankenland wurden mit der Rheinbundakte Teil Bayerns, das im Preßburg-Frieden zum Königreich erhöht worden war
  14. “Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an uns als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren. Unsere sämtlichen deutschen Provinzen und Reichsländer zählen wir dagegen wechselseitig von allen Verpflichtungen, die sie bis jetzt, unter was immer für einem Titel, gegen das deutsche Reich getragen haben, los…”
  15. Aus der Ehe ging Napoleon Franz Bonaparte (1811-1832) hervor, der u.a. den Titel des “Herzogs von Reichstadt” bekam. Seine Wiege und andere Gegenstände aus dem Besitz der Familie kamen später auch in die Wiener Schatzkammer
  16. Das eigentliche Preussen, in Ost- und West- geteilt, lag aber auch ausserhalb des Deutschen Bunds
  17. Ist sie 1990 definitiv beantwortet worden?
  18. Und im Niederwalddenkmal in Hessen hält die Germania die Reichskrone in der erhobenen Hand. Das 1883 fertig gestellte Denkmal wurde nach der Entstehung des Deutschen Reichs 1871 in Auftrag gegeben und sollte eben daran erinnern
  19. Am wertvollsten war darunter der “Florentiner”-Diamant, der noch vor der Abdankung Karl von Habsburgs von seinem Oberkämmerer Bechtold in die Schweiz geschickt wurde. Dieser Schmuck war das einzige Vermögen, das der ehemals kaiserlichen Familie im Exil zur Verfügung stand. Ein Teil wurde in der Schweiz zu Geld gemacht, der Florentiner gehörte zu den Stücken, die behalten werden sollten. Schliesslich verloren sie diese aber, weil sie dem Falschen vertrauten und weil sie für einen Restaurationsversuch in Ungarn Geld brauchten
  20. Siehe dazu etwa: Bruno Reudenbach, Maike Steinkamp: Mittelalterbilder im Nationalsozialismus (2013); Edgar Bierende, Sven Bretfeld und Klaus Oschema, Riten, Gesten, Zeremonien: Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit (2008)
  21. Seyss-Inquart sprach bei der Übergabe von einer “Rückführung heim ins Reich”
  22. Hitler nahm in einer Rede am NSDAP-Parteitag 38 Bezug auf die “Rückführung” der Stücke, eine Rede in der die diesbezügliche Geschichtspolitik dargelegt wurde; natürlich ging es um ein Anknüpfen an eine Kontinuität, die Ableitung eines Herrschaftsanspruchs, das Sonnen in einem Glanz, das sich schmücken, um das sich-die-Krone-aufsetzen
  23. Horn hatte bald nach dem Krieg Schwierigkeiten an seiner Universität in Kalifornien aufgrund der McCarthy-Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten
  24. Dies war ein Dennis R. Whitehead. Auch von einem anderen Soldaten, Richard Swenson, entstand ein Foto mit der Krone auf dem Kopf
  25. Der Interessierte kann sich dazu auch die Karikatur von einem Paul Iribe aus 1933 oder 34 suchen, mit Germania mit der Reichskrone und Marianne, Bildunterschrift “Grand’mère Germaine, comme vous avez de longues dents…”

Südtirol zwischen Mussolini und Hitler

Es ist dies Fortsetzung eines früheren Artikels, mit dem zeitlichen Rahmen von 1922 (wo dieser Artikel aufhörte) bis 1948, als in Südtirol und Italien überhaupt die Weichen für die Zukunft gestellt waren. Diese knapp 25 Jahre waren (nicht nur für dieses Land und seine Leute) eben von den Regimen Hitlers und Mussolini geprägt. Will man diese Zeit gliedern, so kommt man auf:

  • 1922-43 (Faschismus, Italianisierung, Modernisierung, Industrialisierung; Ausverkauf durch Mussolinis Verbündeten Hitler)
  • 43 bis 45 (nazideutsche Herrschaft; der Weltkrieg kam dann an seinem Ende auch nach Südtirol)
  • 45 bis 48 (Wiederherstellung italienischer Herrschaft, Demokratie kommt erstmals nach Südtirol)

Der Faschismus

1922 wurde Benito Mussolini ja Premier, nach Gewalt-Ausübung durch seine Partei. Bis 1926 war die faschistische Machtübernahme (das Abwürgen der Demokratie) in Italien vollzogen: Auflösung oppositioneller Parteien (die PNF wurde Staatspartei), Ausschaltung des Parlaments, Gleichschaltung der Presse, Polizeiterror gegen Andersdenkende,… Das unter Duldung von König Vittorio Emanuele III.

Die Wahl 1924 war die letzte halbwegs faire in der Zwischenkriegszeit. 1923 kam das Acerbo-Gesetz zustande, eine Wahlrechtsänderung, die der stimmenstärksten Partei zwei Drittel der Parlamentssitze zumaß. Das war 1924 erwartungsgemäß die Lista Nazionale (PNF,…), vor der PPI. Slawen und Deutsche traten wie 1921 wieder zusammen an (Liste di slavi e di tedeschi), konnten in Venezia Giulia (Josip Vilfan,…) und Tridentina einige Sitze erringen. Auch trat eine eigene Liste der Sarden an (die grösste Minderheit Italiens, bis heute, falls sie als nicht-italienische Gruppe klassifiziert werden). Der Jurist Karl Tinzl, im 1. Weltkrieg in der österreichisch-ungarischen Armee, 1919 einer der Mitbegründer des Deutschen Verbands, 1923 Nachfolger von Reut-Nicolussi als dessen Vorsitzender geworden, 1921 bereits in die Kammer gewählt, behauptete 1924 seinen Sitz. Zusammen mit ihm zog Paul von Sternbach ein. Tinzl suchte in dieser Legislatur-Periode, 1924 bis 1929, anfangs eine Verständigung mit den faschistischen Machthabern.

Die PSU, die antimarxistische Abspaltung von der PSI, war dritt-stärkste Partei geworden. Giacomo Matteotti, ihr Sekretär1, verlangte kurz nach der Wahl 24 ihre Annullierung aufgrund von Unregelmäßigkeiten. Einige Tage später war er tot. Die anti-faschistischen Kräfte (die “Aventinianer”) verliessen darauf hin das Parlament. Im Rahmen der Parteien-Auflösung 1926 wurde auch der Deutsche Verband verboten und wurden die Mandate der Aventinianer (darunter war auch Alcide De Gasperi von der PPI) aberkannt. Bei der “Wahl” 29 und den folgenden traten nur die Faschisten an.

1923 wurde im Compartimento Venezia Tridentina die Einheitsprovinz Trentino (Trient) gebildet, die also Südtirol und Trentino umfasste. Mit einem Präfekten, in Trient, und einem Unterpräfekten in Bozen. Im selben Jahr wurden die ladinischen Täler Ampezzo und Buchenstein der Provinz Belluno angeschlossen (Compartimento Venezia Euganea). 1927 wurde im Rahmen einer Verwaltungsreform die Provinz Bozen (Provincia di Bolzano) geschaffen, herausgelöst aus der Einheitsprovinz. Dass Südtirol eigene Provinz wurde, hatte den Hintergrund, das Land der Kontrolle der Trentiner zu entziehen; die Faschisten begannen, den nach Südtirol berufenen Trentiner Beamten zu misstrauen, sie der “Verbrüderung” zu verdächtigen…2 Bei der Provinz Trient blieben das Südtiroler Unterland (Südgrenze Südtirols verlief nun bei Leifers, nicht bei Salurn) sowie der Deutschnonsberg; dies bestand bezüglich Wahlkreisen schon seit 1921 so.

Unter dem Faschismus wurden die Mitglieder der Deputazione provinciale, der Provinzregierung, ab 1923 vom Regime ernannt. Was die Provinzen Bozen und Trient betraf, wurden diese vor dem Faschismus nicht gewählt, weil sie noch nicht bestanden haben. Ende 1928 schaffte man die noch bestehenden Selbstverwaltungsorgane der Provinzen ganz ab und ersetzte sie durch einen ernannten Vorsteher (Preside) und durch ein Rektorat (Rettorato). Die Präfekten, die die Provinzen von Anfang an hatten, blieben. 1925 begann man auch damit, die Gemeindeautonomie abzuschaffen. 1926 wurden – überall in Italien – die gewählten Bürgermeister abgesetzt und staatliche “Amtsbürgermeister”, die Podestà, eingesetzt. In Südtirol waren die (nicht nur frei gewählten, sondern auch “andersstämmigen”) Bürgermeister zT schon vorher abgesetzt worden; in Bozen wurde Julius Perathoner ja 1922 durch einen “Sonderkommissar” ersetzt.

Die nach dem 1. Weltkrieg neu hinzu gekommenen Minderheiten im Norden, Deutsch(sprachig)e, Slowenen und Kroaten wurden eine Zielscheibe im Inneren, neben Regimegegnern. Über den Beginn der Italianisierung in der Venezia Tridentina (Südtirol und Trentino) und Venezia Giulia (Istrien, Görz, Fiume/Rijeka,…) steht schon im erwähnten ersten Südtirol-Artikel einiges. Nicht abzusehen war damals, dass die nationalistische Politik auf eine totale Italianisierung hinaus laufen sollte. Die drastische Einschränkung von Minderheitenrechten betraf auch “alte” Minderheiten, wie die Franco-Provenzalen im Piemont.3 Für die romanischen und/oder in Italien verwurzelten Volksgruppen, dazu sind auch die Sarden oder die Griechen in Kalabrien zu zählen, war der Faschismus in dieser Hinsicht aber wahrscheinlich weniger schlimm.

Als für die Süd-Slawen im Nordosten und die Deutschen, wozu neben den Süd-Tirolern auch die Sprach-bzw Minderheiteninseln der Zimbrer und Mocheni/Fersentaler, Kärntner Kanaltaler sowie weitere im Nordosten zu zählen sind. Nur die Walserdeutschen im Nordwesten (Piemont) waren schon lange in Italien heimisch. Der  Trentiner Irrendentist Ettore Tolomei war Antreiber der Italianisierung in Südtirol, er wollte ursprünglich die Ladiner als Instrument dafür. Ab der Zeit des Faschismus übte Tolomei in Italien Einfluss aus.

Unter der faschistischen Regierung Mussolini kam es zu einem gross angelegten Transfer von Italienern, meist aus dem Süden, Arbeiter- und Beamtenfamilien. Und zum Bau vom Wohnhäusern für die Neuen. In manchen Fällen war die Versetzung in die weit entfernte Provinz Bozen Strafe für mehr oder weniger schwere Vergehen. Die Einwohnerzahl Bozens wuchs von 1921 bis 1939 von etwa 26 400 auf 58 000.

Tolomei verlangte in den 1930ern die Umsiedlung Südtiroler Bauern nach Abessinien/Äthiopien, das Italien gerade in Besitz genommen hatte. Die Ansiedlung von Italienern in Kolonien war ein Projekt des Faschismus; in diesem Fall wäre sie mit einer Ausdünnung der “fremdstämmigen” Minderheit in ihrer Provinz einher gegangen. Österreichisch-stämmige Einwohner Südtirols, die keine italienische Staatsbürgerschaft hatten, wurden ausgewiesen. So der Kärntner Sebastian Weberitsch, der von 1900 bis 1925 als Facharzt in Bozen tätig war (einst von einem Bundesland ins andere gegangen war). Die Staatsbürgerschaft wurde ihm auf sein Ansuchen hin verweigert. Er verfasste Memoiren.

Italienische Einwanderung, industrielle Erschliessung und Modernisierung (von Kraftwerken bis Spül-Toiletten) kamen Hand in Hand nach Südtirol, unter dem Faschismus4. Die Industriezone Bozen wurde ab Herbst 1935 am Südrand der Stadt errichtet, unmittelbar vor der Ernte wurden Zehntausende Obstbäume und Weinstöcke abgeholzt. Es entstand dort das Lancia-Auto-Werk.5 Oder das Aluminiumwerk Montecatini. Diese Betriebe beschäftigten fast ausschliesslich aus dem Süden eingewanderte Italiener. Die städtischen Grosswohnbauten wurden in derselben Gegend errichtet.

Ab 1923 wurden Ortsnamen durch italienische ersetzt (Schilder übermalt,…), die fälschlich als „Rückübersetzungen“ deklariert wurden. Es handelte sich dabei um die Erfindungen Tolomeis. Auch andere Arten von topographischen Bezeichnungen wurden geändert, traten also nicht an die Seite der bisherigen, sondern an ihre Stelle. Die Bezeichnung Alto Adige (manchmal als “Oberetsch” übersetzt) für das Land wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Irredentismus geprägt, in Anlehnung an den Namen des Départements Haut-Adige im napoleonischen Königreich Italien, das auch den Südteil des späteren Südtirols umfasste.

Auch viele Familiennamen wurden zwangsweise geändert. Und, deutscher Schulunterricht wurde verboten, mit der Lex Gentile 19236. Die Antwort waren Geheimschulen, sogenannnte “Katakombenschulen” (in Erinnerung an die verfolgten Christen im alten Rom). In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden zudem in Bozen (v.a. im Stadtteil Gries) mehrere Gebäude im faschistischen Stil errichtet, wie das „Siegesdenkmal“, der Parteisitz (heutiges Finanzamt) und ein neue Gerichtsgebäude. Hinzu kamen Einberufungen ins italienische Militär. In der Phase der schwersten Unterdrückung der Südtiroler söhnte sich das Königreich Italien mit dem Papsttum bzw der katholischen Kirche aus, was seit der Eingliederung des Kirchenstaats in Italien im Zuge des Risorgimento 1870 ausständig war. Die Lateranverträge 1929 brachten die Unabhängigkeit des Vatikans.

Das Julische Venetien im Nordosten, das ehemalige österreichische Küstenland, wies viele Gemeinsamkeiten mit Südtirol auf: das österreichische Erbe, die grosse nicht-italienische Volksgruppe, umstrittene Grenzen. Und die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg bezüglich Italianisierung, vom Austausch von Beamten über die Schliessung anders-sprachiger Schulen und Änderungen von Namen bis zu Ansiedlungen von Italienern. Das Italienische war in der Venezia Giulia aber viel stärker als in Südtirol und die Volksgruppen hier nicht so klar voneinander abgegrenzt (die Kultur war entscheidend).

Und, dort gab es Widerstand der Slowenen und Kroaten. Von der 1924 gegründeten Organisation TIGR, die für Trst (Triest), Istra (Istrien), Gorica (Görz) und Reka (Rijeka) stand; der volle Name war Revolucionarna organizacija Julijske krajine T.I.G.R. Die Organisation bestand hauptsächlich aus Slowenen, die den Nordwesten dieser Region bevölkerten und weniger aus Kroaten Istriens; auch antifaschistische Italiener machten mit. Sie pendelte von rechts nach links. Der Triester Slowene Josip Vilfan, ein Führer der Slawen in Istrien und den umliegenden Ländern, war nicht Teil des radikalen Widerstands von TIGR, musste dennoch Übergriffe und Schikanierungen durch den Faschismus erdulden. 1928 ging er nach Österreich, dann nach Jugoslawien, wie viele Slawen aus dem faschistischen Italien.

Das SHS-Reich (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ab 1929 Jugoslawien) war einer jener Staaten, in dem es nach dem 1. WK eine italienische Volksgruppe gab. Circa 500 000 Slowenen und Kroaten lebten in der Venezia Giulia, einige Tausend Italiener im SHS-Königreich (v.a. Dalmatien). Es gab Auswanderungsaktionen, von Italienern v.a. nach Zara/Zadar, von Süd-Slawen in den SHS-Staat (ca. 70 000)7 Eine Art Bevölkerungsaustausch, wobei sich die Grenzen bald wieder ändern sollten. Der italienischen Minderheit verblieben gewisse Rechte (auf Grundlage des Rapallo-Vertrags), die die Südslawen im faschistischen Italien verloren, etwa Elementarunterricht in der Muttersprache. Das SHS-Reich wurde Hauptfeind Italiens. Italien bot etwa Exil/Unterstützung für die kroatische nationalistische Ustascha unter Pavelic.8 SHS/YU war jedenfalls Schutzmacht der Slawen in Italien, im Gegensatz zu Österreich für die Südtiroler.

Österreich und Deutschland

Die Grenzen und die Eigenständigkeit der ersten österreichischen Republik waren in in St. Germain festgelegt worden. Die Staatsform war ja auch neu. Wenige wollten diesen Staat. Ja, der Katholizismus taugte als Identitätsmerkmal Österreichs. Dass Österreich von Südtirol, der Untersteiermark und den Sudetenländern abgetrennt war, war v.a. in den angrenzenden Bundesländern ein Thema. Es gab nach dem Krieg einen kleinen Exodus von Alt-Österreichern (aus der Tschechoslowakei oder dem SHS-Staat) nach Rest-Österreich. Es kamen auch Nicht-Deutsche, v.a. solche, die Österreich-Ungarn gedient hatten. Feldmarschall Boroevic etwa, einer der Feldherren der Donaumonarchie an der Italienfront, diente sich nach dem Krieg der SHS-Armee an, wurde nicht genommen, liess sich in Österreich nieder. Der christlich-soziale Josef Schraffl war letzter Tiroler Landeshauptmann in der Monarchie, erster in der Republik; ein Anhänger der Monarchie, arbeitete er dann mit der Republik zusammen bzw in ihr.

Italien wurde einer der wichtigsten Partner Österreichs, sein faschistisches System ab 1922 und die Unterdrückung der Südtiroler änderte nichts daran. Österreich (die Politik) hat Südtirol sehr bald nach dem Krieg, sogar schon vor der Machterringung des Faschismus, fallen gelassen. Aus der Weimarer Republik kam dagegen etwas Protest. Grund war die aussenpolitische Isolierung der jungen Republik Österreich (jedes Zusammengehen von Österreich mit dem Deutschem Reich wurde von den Grossmächten argwöhnisch beobachtet). Das faschistische Italien war auch strikt gegen eine Restauration der Habsburger-Monarchie in Österreich, wohl im Hinblick auf die nach dem Krieg von Österreich gewonnenen Gebiete. Im Februar 1928 wurde das Südtirol-Thema und auch speziell die Verbannung Josef Noldins (russische Kriegsgefangenschaft, Dt. Verband, Engagement für Geheimschulen) auf Lipari im Parlament in Wien behandelt. Die österreichische Sozialdemokratischen Partei brachte 1931 eine Broschüre mit dem anklagenden Titel “Südtirol verrecke!” heraus, wo sie den österreichischen Umgang mit Südtirol anprangerte.

Eduard Reut-Nicolussi, der nach dem 1. Weltkrieg Abgeordneter im österreichischen Parlament (1919) und dann im italienischen (1921 bis 1924) war, betätigte sich nach Beendigung seiner Mandate auf einer anderen Ebene politisch. Er war in Bozen als Rechtsanwalt tätig, und verteidigte vornehmlich Leute, die aus politischen Gründen oder ethnischen vom faschistischen Regime verfolgt wurden, etwa Gewerkschafter oder (Hilfs-)Lehrer des verbotenen Deutsch-Unterrichts. 1927 wurde er schliesslich von der Anwaltsliste gestrichen,  daraufhin ging er nach Innsbruck. Dort verfasste er das Buch „Tirol unterm Beil“. Dann war er aktiv als Leiter des österreichischen „Deutschen Schulvereins (Südmark)“ sowie beim “Andreas-Hofer-Bund Tirol” (AHBT), die bei der Unterstützung des deutschen Geheimunterrichts in Südtirol zusammen arbeiteten.

Südtiroler, die in faschistischer Zeit schon vor der Option nach Österreich oder Deutschland umsiedelten, wie Reut-Nicolussi, gab es einige. Etwa der Historiker Leo Santifaller, der Maler Paul Flora oder der Raketentechniker Max Valier. Oder auch Karl Ebner, der Südtirol verliess, als er 1923 ins italienische Militär eingezogen werden sollte. Er wurde Jurist und nach dem Anschluss stellvertretender Leiter der Gestapo Wien.

Natürlich gab es in Südtirol in der schweren Lage Hoffnung auf Österreich oder auf Deutschland. Mit dem Anschluss Österreichs waren es Deutschland und der Nationalsozialismus, die als Alternative zur Lage unter dem italienischen Faschismus blieben. Aber grossdeutsche Hoffnungen und der deutsche Faschismus etablierten sich bereits davor in Südtirol, auch vor der Machterringung Hitlers im Deutschen Reich. 1932 wurde der “Völkische Kampfring Südtirol” (VKS; aus der „Südtiroler Heimatfront“) gegründet. Auch bei Kanonikus (Domherr) Michael Gamper trat das Christlich-Soziale zeitweilig in den Hintergrund.

1933, als im Deutschen Reich Hitler an die Macht kam, wurde auch in Österreich die Demokratie ausgeschaltet, wurde der austrofaschistische Ständestaat errichtet, unter Bundeskanzler Dollfuss. Dieser war sehr von Mussolini beeinflusst. Die Machtübernahme der Nazis in Deutschland führten zu einer noch engeren Anlehnung der Republik Österreich, der Christlich-Sozialen, an das faschistische Italien. So hoffte man, die Eigenständigkeit Österreichs erhalten zu können. Während des Nazi-Putschversuchs in Österreich 1934 zog Mussolini am Brenner Truppen zusammen, um Hitler davon abzuhalten, diesen zu unterstützen. Die Kanzler des Ständestaats, Dollfuss und Schuschnigg, setzten auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern bzw deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien (34 römische Protokolle).

So gab es unter dem Austrofaschismus schon gar keine Forderungen an Italien nach Grenzrevisionen oder Minderheitenschutz bezüglich Südtirol. Widerstand gegen diese Linie gab es hauptsächlich aus/in (Nord-) Tirol. Und so richteten sich Südtiroler Hoffnungen noch mehr auf Hitler und Nazi-Deutschland. Eduard Reut-Nicolussi musste 1935 auf Druck der austrofaschistischen Regierung bzw auf Wunsch Italiens als Obmann des Andreas-Hofer-Bundes zurücktreten… Auch die Ablöse von Ernst Rüdiger Starhemberg, 1934 bis 1936 Vizekanzler unter Dollfuss und Schuschnigg, stand in diesem Zusammenhang.

Starhemberg, im Ersten Weltkrieg wie Dollfuss an der Italienfront im Einsatz, war vom monarchistischen Flügel der Christlichsozialen. 1936 näherte sich zum einen Schuschnigg etwas an Hitler an, auf Kosten der Beziehung zu Mussolini; zum anderen gelang Italien im zweiten Anlauf die Annexion Abessiniens (durch den Angriffs-Krieg 1935/36). Starhemberg wollte weiter eine enge Anlehung an das faschistische Italien, um nicht von Nazi-Deutschland “geschluckt” zu werden. Er schickte ein überschwengliches Glückwunschtelegramm an Mussolini, dessen Regime nach dem Krieg nun etwas isoliert war.

Italien hatte 1895/96 erstmals versucht, Abessinien/Äthiopien einzunehmen (Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua, konnte seine Unabhängigkeit wahren. Italien behielt nur das, was Eritrea wurde. 1935 marschierten das italienische Militär unter General Emilio De Bono von Eritrea aus in Äthiopien ein und begann den zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg; führte ihn unter Einsatz von Giftgas. Im Mai 1936 wurde Äthiopien schliesslich Teil des italienischen Kolonialgebietes Ostafrika (Kaiser Haile Selassie ging ins Exil) und blieb das bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Invasion wurde vom Völkerbund verurteilt, und das faschistische Italien unter Mussolini wurde als Aggressor bezeichnet, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt.

Etwa 1300 Südtiroler mussten bei dem Kolonial-Abenteuer im italienischen Heer mitmachen, wo insgesamt um die 500 000 Italiener aufmarschierten. Viele davon blieben bis 1941 bei der Besetzung beteiligt und machten Niederlage, Kriegsgefangenschaft, Abzug mit. Hunderte Südtiroler die 1935 eingezogen wurden, desertierten/flüchteten nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz. 17 Südtiroler sollen in Ostafrika gefallen sein. In der Literatur-/Linkliste unten finden sich zwei Darstellungen zum Thema Südtiroler in Abessinien-Krieg (ein Buch und ein Film), die beide auf den selben Historiker zurückgehen.

1936 die Bildung der Achse Berlin-Rom; 1937 liess Mussolini Hitler freie Hand für Österreich; im März 1938 der Anschluss. Rolf Steininger hat es in einem Satz zusammen gefasst: Hitler opferte nicht das Bündnis mit (dem faschistischen) Italien für Südtirol, sondern Südtirol für das Bündnis mit Italien. Bereits 1922 erklarte Hitler in einer Rede in München: “Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine grosse Zukunft hat, muss Deutschland zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht auf die Deutschen in Südtirol.” Das Bündnis mit Mussolini galt ihm als wichtigste Voraussetzung eines erfolgreichen Kriegs in Mitteleuropa, im Mittelmeerraum, am Balkan und in Nordafrika. 1926 liess er in seiner Schrift “Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem” erneut erkennen, dass er Südtirol dahingehend als ein Hindernis sah. Bei einer Wahlrede 1928 soll er gesagt haben: „Wenn ein Andreas Hofer aufsteht, soll er sich hüten, dass er auf der Flucht nicht nach Deutschland kommt, sonst wird er verhaftet und ausgeliefert.“

Doch für die meisten Südtiroler kam die Ernüchterung erst am 7. Mai 1938, mit Hitlers Besuch in Rom. Hier machte er erneut klar, dass es sein “unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk” sei, “die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen”. Ausserdem wurde mit Mussolini prinzipielle Übereinstimmung in der Frage der „Auswanderung“ der Südtiroler gefunden. Für so etwas wie “Minderheitenschutz” hatte der grössenwahnsinnige Hysteriker höchstens Verachtung über und hätte Mussolini das aufgezogen, hätte er wohl die Achtung vor ihm verloren. Hitler fuhr zum Treffen mit dem faschistischen Diktator mit dem Zug, auch durch Südtirol. Dort versammelten sich in den Bahnhöfen tausende Menschen, um ihm zuzujubeln. Der “Führer” liess die Vorhänge seines Abteils zu.

1935 wurde der Schneidergeselle Peter Hofer, zuvor Obmann der katholischen Gesellenjugend, Führer des VKS. Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte die Rede Hitlers 38 in Rom mit. Er war bestürzt, schrieb aber schliesslich in sein Tagebuch: “Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können.” Ja, Hitler und Tirol. Osttirol wurde im Juli 1938 mit Kärnten zum „Gau Kärnten” vereinigt.

Im Mai 1939 der Stahlpakt zwischen Hitler und Mussolini. Im Oktober ’39 schlossen die beiden das Abkommen über die Option der Südtiroler auf Auswanderung. Aufgabe der Heimat oder die Aufgabe aller Rechte in Italien waren die Alternativen. Bevölkerungsaustausche gab es in der Zwischenkriegszeit einige, etwa den 1923 vereinbarten zwischen Griechenland und der Türkei. Der deutsche Botschafter in der Türkei, Rudolf Nadolny, hatte seinem italienischen Amtskollegen Montagna bereits 1925 eine Umsiedlung der Südtiroler vorgeschlagen. Der deutsche Publizist Siegfried Lichtenstaedter machte in den 1920ern den Vorschlag, die italienische Bevölkerung des Schweizer Kantons Tessin mit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol “auszutauschen”.

Der nun klandestine Deutsche Verband (katholisch-konservativ) und der nazistische VKS beschlossen bei einem Treffen bei Michael Gamper in Bozen, die Heimat keinesfalls zu verlassen. Doch der VKS schwenkte nach einem Treffen seiner Führung mit Heinrich Himmler (dem Organisator der Umsiedlung) um und propagierte die Auswanderung als bessere Option. Der VKS leistete Propagandaarbeit fürs Wegziehen. Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) entstand 1940 als Vereinigung von Südtiroler Aussiedlern oder Ja-Optanten (was ja nicht dasselbe war). Karl Tinzl war gegen die Option über die Auswanderung, optierte aber dann dafür, war in der AdO tätig.

Das Abkommen zur Umsiedlung betraf neben den Südtirolern auch die Ladiner und andere deutsche Minderheiten (Angehörige deutscher Sprachinseln) in Norditalien. Das waren die Bewohner des Kanaltals und der Gemeinden Sauris und Timau in der Venezia Euganea. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, ob auch die Zimbrer und Fersentaler im Trentino sowie die Ladiner ausserhalb Südtirols, im Trentino und der Provinz Belluno mit einbezogen waren.9

Südtirol war erfüllt mit Spekulationen, was mit “Optanten”, was mit “Dableibern” konkret geschehen würde. Ansiedlungen waren v.a. in vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektierten Gebieten geplant, zur Veränderung von deren Bevölkerungsstruktur. Die Nazis behaupteten, dass diejenigen Südtiroler, die nicht für Deutschland optieren würden, nach Sizilien transferiert werden würden. Mussolinis Präfekt in Südtirol (Provinz Bozen) 1933-40, Giuseppe Mastromattei, versprach, dass alle jene, “die immer Treue zu Italien und zu den Einrichtungen des Regimes bewiesen haben”, im angestammten Lande bleiben dürften. Mit der Option sah Ettore Tolomei sein Lebenswerk vollendet. Die faschistische Regierung Italiens hatte auch Befürchtungen bezüglich eines Weggangs der Südtiroler, vor entvölkerten Tälern und Dörfern.

Bis Jahresende 39 musste entschieden werden; Familienväter stimmten für die Familien. 86% waren schliesslich fürs Gehen (die NS-Option), optierten für Auswanderung. Ab 1940 wurde die Auswanderung umgesetzt, sie geriet bald ins Stocken, wegen Fehlens geeigneter Umsiedlungsgebiete. Etwa 75 000 verliessen bis 1943 das Land, vor allem nach Nordtirol, Vorarlberg und Bayern. Wenige Ja-Optanten wurden in Tschechien und Luxemburg angesiedelt.

Der niedere Klerus war für das Dableiben, der höhere fürs Wegziehen. Vorwiegend Städter und Gebildete sind ausgewandert. Viele Südtiroler Beamte verloren erst mit der Option ihre Stellen. Die vierzehnprozentige Minderheit – 34 000 Menschen – , die bleiben wollte, bestand hauptsächlich aus Bauern. Ihr Führer war Michael Gamper; auch der Abgeordnete zum italienischen Parlament 1924-29, von Sternbach, nahm eine führende Rolle ein. Aus Widerstand gegen das nazistisch-faschistische Aussiedlungsprojekt formierte sich der Andreas-Hofer-Bund (AHB), nicht zu verwechseln mit dem Andreas-Hofer-Bund Tirol (AHBT). Es ging diesem Bund um den Verbleib der Südtiroler in ihrem Land und um darüber hinaus gehenden Widerstand. Hans Egarter, Journalist beim katholischen Athesia-Verlag, war sein Leiter. „Dableiber“ wie Egarter, Sternbach, Volgger waren oft Antifaschisten und im AHB.

Viele deutsch(sprachig)e Volksgruppen in Europa wurden unter Hitler umgesiedelt, noch mehr verloren ihre Heimat infolge der Nazi-Politik. Wie auch anderswo (und am Ende durch den Rückstoss überall) mussten “Volksdeutsche” draufzahlen für Nazis, widersinniges “Grossdeutschtum”. Von den Nazis kam nicht die “Erlösung” für die schlimme Unterdrückung unter dem Faschismus sondern eine Steigerung: Auswandern oder jede nationalen Rechte aufgeben. Im Budweiser Becken wurden einigen Zimbrern aus dem Trentino Höfe “in Verwaltung” übergeben. Wer von den Umsiedlern geglaubt hatte, eine neue Heimat gefunden zu haben, wurde gegen Kriegsende eines Besseren belehrt. Eine erneute Flucht stand an; in ähnlicher Weise wurde etwa in der Untersteiermark die slowenische Bevölkerung aus und Volksdeutsche aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gotschee angesiedelt. Bis 1945.

Im Krieg

Das faschistische Italien trat 1940 in den 2. Weltkrieg ein, um italienische Interessenssphären sowie jenen der Deutschen, gewann für einige Jahre neue Gebiete hinzu, am Balkan, im Mittelmeerraum, Nordafrika. Optanten kamen ab 1939 in die Wehrmacht, Dableiber ab 1943; im 2. WK gab es damit kaum eine Südtiroler Mitwirkung in der italienischen Armee. Infolge des alliierten Sieges  von El Alamein 1942 verlor die Achse in Nord-Afrika (in Nordost-Afrika bereits zuvor). 1943 setzten die Alliierten nach Sizilien über, rollten Italien von unten auf. Auch am am Balkan gab es in dieser Zeit Niederlagen und Verluste.

In dieser Situation wurde Mussolini vom König entlassen, neuer Premierminister wurde Generalstabschef  Pietro Badoglio. Unter diesem wechselte Italien von den Achsenmächten auf die Seite der Alliierten. König Vittorio Emanuele di Savoia und die Badoglio-Regierung begaben sich unter den Schutz der Alliierten in Süd-Italien (USA, GB und “Hilfstruppen”)10. Politische Parteien entstanden in dieser Machtsphäre wieder, schlossen sich zum Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) zusammen, das in die Badoglio-Regierung eintrat.

Nach dem Ende des Bündnisses Hitler-Deutschlands mit Italien wurde Hitler-Deutschland in Norditalien Machhaber (anfangs auch in Mittelitalien). Es entstand unter dem aus seiner Gefangenschaft befreiten Mussolini die “Repubblica Sociale Italiana” (RSI), die von der Wehrmacht abhing. Diese gründete im September 1943 die „Operationszone Alpenvorland“ (Provinzen Bozen, Trient, Belluno) und die „Operationszone Adriatisches Küstenland” (bestand aus Friaul, Teilen des Julischen Venetiens und der bislang auch italienisch verwalteten slowenischen Krain). Deutsche Truppen rückten u.a. nach Südtirol vor (wurden dort mit Jubel empfangen), entwaffneten Teile der italienischen Armee, stellte eine neue auf, für die RSI, die “Esercito Nazionale Repubblicano” (E.N.R.) unter Rodolfo Graziani. Kommunistische Partisanen, mehr oder weniger mit dem CLN bzw der “Süd-Regierung” verbunden, leisteten im Norden Widerstand gegen deutschen und italienischen Faschismus.

Offiziell blieb Südtirol bzw das Gebiet der “Operationszonen” also, wieder aus Rücksicht auf den von den Nazis befreiten Duce, ein Teil Italiens (bzw der “Repubblica di Salò”, wie die RSI auch genannt wurde). Die Umsiedlung wurde gestoppt, die Option kam zum Erliegen. Die AdO wurde aufgelöst und in “Deutsche Volksgruppe” umbenannt; Peter Hofer wurde zum „Volksgruppenführer“ und Präfekt der Provinz Bozen befördert. Nach dessen Tod durch eine Fliegerbombe im Dezember 194311 wurde Karl Tinzl Nachfolger als Präfekt. Unterstellt war er dem Salzburger Franz Hofer, der als Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland und ausserdem als NS-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg fungierte (dieser Gau umfasste das nördliche, österreichische Tirol). Adolfo de Bertolini war unter Hofer für das Trentino zuständig.

Im deutschsprachigem Teil des “Alpenvorlands” stand erst recht Nationalsozialismus über Faschismus. Hitler nahm aber auch nach dem italienischen Regime- und Frontwechsel Rücksicht auf Mussolini und dessen Reststaat. Südtirol wurde nicht dem Deutschen Reich angeschlossen (Hofer war dafür). Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Diverse faschistische Maßnahmen wurden ausser Kraft gesetzt.

Die deutschsprachige Tageszeitung “Dolomiten” konnte ab 1925 wieder erscheinen, Michael Gamper hatte dies mit Unterstützung des Vatikans erreicht. Unter Mussolini konnte dieses eine deutsche Printmedium in Südtirol also meist erscheinen, unter der deutschen Herrschaft wurde sie nun verboten, zu christlich-sozial, zu südtirolerisch-partikularistisch war es. Die Mehrheit der Südtiroler war davon überzeugt, dass ihr Land nun nie mehr zu Italien kommen würde: Gewann Hitler den Krieg, würde er es behalten12; verlor er ihn, so würden es die Alliierten an Österreich zurückgeben.

Einige Mitglieder der AdO schlossen sich zum “Südtiroler Ordnungsdienst” (SOD) zusammen und waren ab September 1943 maßgeblich beteiligt (neben SS u.ä.) an der Verfolgung von Kommunisten und anderen Dissidenten, Partisanen, Juden13, Südtiroler Kriegsdienstverweigerern, Behinderten, in der „Operationszone Alpenvorland“. Auch gab es Repressalien an Dableibern/Nein-Optanten. Familienangehörige wurden in Sippenhaft genommen.

Die ethnisch oder politisch Verfolgten wurden in der Regel in das Lager Gries bei/in Bozen eingeliefert, das auch “KZ Sigmundskron” oder “Durchgangslager Bozen” genannt wurde. Von dort wurden sie zT in “echte” “Konzentrationslager” abtransportiert. Das Lager Bozen war vom Juli 1944 bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb, aber bereits seit dem Winter 1943 wurden darin einige Südtiroler gefangen gehalten. 11 000 bis 15 000 Gefangene wurden dorthin gebracht. Im Unterschied zu anderen Lagern in Italien wurde es von deutschen Dienststellen geleitet und verwaltet, verantwortlich war Franz Hofer. In Aussenlagern des Bozner Lagers in Südtirol mussten Gefangene Arbeitseinsätze leisten. Ettore Tolomei kam 1943 auch in deutsche Lager.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norditalien 1943 verschärfte sich auch die Verfolgung der Mitglieder des Andreas-Hofer-Bundes. Der Geistliche Michael Gamper konnte sich in einem Kloster bei Florenz in Sicherheit bringen. Friedrich „Friedl“ Volgger, seine rechte Hand in der Redaktion der “Dolomiten”, wurde in ein Konzentrationslager verschleppt. Hans Egarter, der in den letzten Kriegsjahren die Leitung des AHB übernahm, unterhielt ab 1944 Kontakte zum französischen und britischen Militärgeheimdienst in die Schweiz.

Kriegsende

Vom Süden rückte, wenn man so will, mit den amerikanisch-britischen Truppen  das künftige Italien vor. Im April und Mai 1945 fand die finale Offensive der Alliierten unter dem amerikanischen General Mark Clark in Nord-Italien statt. In ihren Reihen waren neben dem amerikanischen und britischen Militär auch Teile des italienischen, die üblichen Truppen aus Ländern des britischen Commonwealth (hier aus Neuseeland, Südafrika, Indien, Palästina), die polnische Exil-Armee sowie brasilianische Einheiten. Auf der Gegenseite die Wehrmacht in Italien unter Von Vietinghoff (Kesselring wurde am Kriegsende an die Westfront beordert) sowie das Militär von Mussolinis Salo-Republik. Vietinghoffs Quartier wurde Ende April in Bozen von Partisanen belagert, die ja die königlich-alliierte Seite unterstützen. Er nahm Kapitulations-Verhandlungen mit den Alliierten in Italien auf; auch andere nazi-deutsche Führer in Nord-Italien wie Hofer (mit einem Fuss nördlich des Brenners, mit dem anderen südlich davon) suchten Verhandlungen. Am 29. April wurde eine Kapitulation der deutsch-faschistischen Kräfte in Norditalien unter v. Vietinghoff für den 2. Mai ausgehandelt.

Mussolini versuchte, in die Schweiz zu entkommen, von dort wollte er in das franquistische Spanien weiter. Am 27. April wurden er und seine Vertrauten am Comer See (Lombardei) von kommunistischen Partisanen gestoppt und am nächsten Tag erschossen. Starace, jener Faschist der 1922 die Besetzung Bozens anführte, war einer jener, die zusammen mit Mussolini hingerichtet wurden. 2 Tage später der Selbstmord Hitlers. Es war das Ende des Krieges überhaupt, das Nazi-Reich implodierte, Vietinghoff wurde abberufen, es gab Verwirrung.

In Südtirol fanden zwischen der Kapitulation und dem Eintreffen der Alliierten diverse Bemühungen für die Zeit nach dem Krieg statt. Das CLN etablierte sich in Bozen, unter dem Mailänder Geschäftsmann Bruno De Angelis. Noch hatten die verbliebenen nazideutschen Behörden und Truppen die Macht.14 Partisanen wurden gegen sie aktiv. Es ging nun auch darum, ob die Machtübergabe der Nazis an die amerikanischen Truppen oder die demokratischen italienischen Parteien, das CLN, erfolgen würde. Auch um die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien oder Österreich.

Am 3. Mai kam es in der Bozner Industriezone, wo die Arbeiter der Lancia-Werke bewaffnet worden waren, zu einem Angriff auf die nach Norden zurückflutenden deutschen Truppen. Die “Schlacht von Bozen” forderte etwa 50 Tote, hauptsächlich bei den Partisanen und italienischen Zivilisten. Am selben Tag übergab der führende SS-General in Italien, Wolff, anscheinend die Verwaltung Südtirols (dessen Grenzen wie auch staatliche Zugehörigkeit noch nicht ganz fest standen) an das CLN unter De Angelis, nicht an Tinzl. Am 4. Mai erreichten die amerikanischen Truppen das grün-weiss-rot beflaggte Bozen. Sie bestätigten die italienische Verwaltung Südtirols durch das CLN unter De Angelis, die sich auf die Carabineri stützen konnte. Wehrmachts-Soldaten (auch Südtiroler) kamen in Gefangenschaft.

In Südtirol wie auf nationaler Ebene wurde also das CLN unter Kontrolle der anglokeltischen Alliierten bestimmende Kraft; die nicht unbedeutende Rolle der kommunitischen PCI darin war auch in den Augen der Amerikaner oder italienischen Christdemokraten noch kein grosses Problem. In Südtirol war das Machtgerangel der Partisanen mit den Amerikanern nicht so gross. Clark wurde Militär-Gouverneur in Italien, später Chef des USA-Militärs in Österreich. Italiener übernahmen unter amerikanischer Kontrolle also 1945 wieder die Kontrolle über Südtirol. Unter De Angelis als Präfekt der Provinz Bozen wurden alle Verordnungen aus der Zeit der nazi-deutschen Verwaltung ausser Kraft gesetzt, nicht jedoch alle faschistischen Gesetze. Es gab in mancher Hinsicht eine Rückkehr zu Rahmenbedingungen bis 1943, wie die fast alleinige Stellung der italienischen Sprache und die fast alleinige Besetzung öffentlicher Stellen durch Italienisch-Sprachige.

Zum 2. Vizepräfekten ernannten die Amerikaner, am 5. 5., Karl Tinzl, den Vorgänger von De Angelis als Präfekt. Die deutschsprachigen Südtiroler mussten sich nun wieder mit Italien und den Italienern arrangieren, bei der Vorbereitung der Nachkriegsordnung. Kontaktpersonen der US-amerikanischen Militärverwaltung waren auch Hans Egarter und andere AHB-Mitglieder wie Erich Amonn. Dableiber, oft solche die im Andreas-Hofer-Bund mitarbeiteten, waren nun “obenauf” bei den Südtirolern; daneben noch Optanten, die nicht mehr ausgesiedelt wurden und keine Nationalsozialisten waren. Tinzl nahm dabei eine seltsame Stellung, zwischen NS-Kollaborateuren und NS-Gegnern, ein.

Die führenden Südtiroler strebten nach dem Krieg eine Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich an. Die Übernahme der Zivilverwaltung im Land durch Italien(er) war diesbezüglich eine erste Niederlage. Reut-Nicolussi in Österreich, der während des Krieges im Widerstand zum NS-Regime gestanden war, arbeitete auch dafür, hielt auch Kontakte zum semi-clandestinen Movimento Separatista Trentino (MST), das auch das Trentin(o) aus Italien herauslösen wollte.

Am Ende des Kriegs führten die Fluchtwege von zwei entgegen gesetzten Gruppen aus dem (von Alliierten besetzten) deutschen Raum heraus über Südtirol, nach Italien und weiter aus Europa heraus. Zuerst von Juden, dann von Nazis. Eine Route führte über den Brenner, eine andere über die Birnlücke. Tirol war bis in die 1950er Drehkreuz bzw Transitland des jüdischen Exodus. Wichtigste Zwischenstation in Südtirol war das jüdische Sanatorium in Meran, von wo aus die Transporte meist zu den Schiffen von Genua weiter gingen. Von dort nach Palästina.15 Nazi-Funktionäre gingen die „Klosterroute“, später „Rattenlinie“ genannt, mit Hilfe der katholischen Kirche (Papst Pius XII., der österreichische Bischof Alois Hudal). Auch sie über Genua, meist nach Argentinien. Dort traf man sich manchmal wieder; die Wege der Beiden kreuzten sich auch in Südtirol: Es kam vor, dass sich Juden und Nazis zur selben Zeit im gleichen Flüchtlingsversteck (zB Klöstern) aufhielten. Die Bevölkerung Südtirols hatte trotz des “Verrats” durch den Nationalsozialismus anscheinend noch immer Sympathien für seine Vertreter und half oft den Flüchtigen. Die katholische Kirche half auch den Flüchtlingen.

Zuvor, am Ende des Kriegs, im April 45, gabs den Transport von „Sonder- und Sippenhäftlingen“ über das KZ Dachau nach Südtirol. Das waren deutsche Widerstandskämpfer und Regimegegner wie Fabian von Schlabrendorf, Martin Niemöller, Friedrich L. v. Preussen oder Fritz Thyssen, Verwandte von Angehörigen des Widerstands-Kreises in der Wehrmacht wie Stauffenberg, hohe Kriegsgefangene wie der SU-General Bessonow, in Ungnade gefallenen Nazis wie Schacht oder Halder, Überlebende des Great Escape, Schuschnigg mit Familie, der ehemalige französische Premier Blum, Xavier de Bourbon-Parma, der griechische Generalstabschef Papagos, der britische Geheimagent Sigismund Payne-Best, die Angehörigen von ehemalige NS-Verbündeten wie Badoglio oder Horthy. Georg Elser wurde vor dem Transport in Dachau ermordet. Anscheinend waren sie als Geiseln/Verhandlungsmasse für sie SS mit den Westalliierten in der „Alpenfestung“ gedacht. Kurz vor Inkrafttreten der Kapitulation Wehrmacht in Italien befreiten Soldaten der Wehrmacht unter von Alvensleben die Gefangenen aus der Gewalt der SS und brachte sie in ein Hotel in Niederdorf im Pustertal. Dort wurden sie bald von amerikanischen Soldaten übernommen.

Am 8. Mai 1945 wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet, aus Resten des Deutschen Verbands (von dem auch das Edelweiss-Symbol übernommen wurde) und dem Andreas-Hofer-Bund. Dableiber bzw Nein-Optanten dominierten die Partei anfangs, wie der erste Obmann Erich Amonn, Egarter, Volgger, Raffeiner, v. Guggenberg. Dass Tinzl und andere Optanten im Hintergrund waren, hatte auch den (pragmatischen) Grund, dass diese als NS-nahe gesehen wurden und man die Zulassung der Partei durch italienische und alliierte Stellen nicht gefährden wollte. Daneben waren viele von ihnen damals staatenlos (nicht mehr Italiener, noch nicht Deutsche geworden) und konnten keine politischen Mandate/Funktionen übernehmen. Am 17. Mai 1945 wurde Tinzl auf Betreiben des CLN als Vizepräfekt abgesetzt. Tinzl, der aufgrund seiner Staatenlosigkeit auch seinen Anwaltsberuf nicht ausüben konnte, widmete sich nun der Aufbauarbeit für die SVP und verfasste das erste Parteiprogramm.

Die SVP verhandelte mit den CLN-Stellen über die Rückkehr der Optanten und Minderheitenrechte, obwohl man damals nicht Teil des neuen Italiens werden wollte. Präfekt De Angelis wollte anscheinend die Ausweisung jener Südtiroler, die für die Auswanderung optiert hatten, aber das noch nicht getan hatten, der nichtumgesiedelten Optanten (das waren etwa 137 000 Personen), wie Tinzl einer war. Auch wurde die Frage der Kollaboration mit Nazis als Kriterium für die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft vorgeschlagen, was angesichts der Achse Hitler-Mussolini und der Nicht-Ahndung der meisten faschistischen Tätigkeiten irgendwie absurd gewesen wäre.16 Viele ausgesiedelte Südtiroler kehrten vor einer Regelung der Frage heimlich in das Land zurück. Im Oktober 1945 wurden wieder deutsch-sprachige Schulen in Südtirol zugelassen. In Rom wurde der Trentiner De Gasperi von der Democrazia Cristiana (DC) im Dezember 1945 erstmals Premier. Präfekt der Provinz wurde 46 Innocenti.

Die Entwicklungen in Nordost-Italien (Julisches Venetien, Friaul) wiesen am Ende des Krieges wieder Ähnlichkeiten und Affinität zu Südtirol auf, auch Unterschiede. Auch dort gab es also 1943 die Änderungen der Fronten. 1945 kämpften dort Wehrmacht, Faschisten, Kollaborateure gegen Partisanen (südslawische und italienische), Anglo-Alliierte; ein CLN bildete sich. Hier waren die Alliierten am Ende nicht überall die Ordnungsmacht bis zum Finden einer Nachkriegsordnung; die jugoslawischen Partisanen drangen (zum Abschluss der Eroberung Istriens) bis Triest vor (2. 5.; das nach 40 Tagen an die Alliierten übergeben wurde), schufen Fakten bezüglich künftiger Grenzen (das Äquivalent in Südtirol wären vorgedrungene österreichische Milizen gewesen, die aber auch die Wehrmacht bekämpft hätten). Es hatte hier mehrere deutsche Gefangenen-Lager gegeben, für Slawen, Juden und italienische Antifaschisten; die Behandlung der Slowenen und Kroaten dort war unter den Faschisten allgemein harscher als jene der Deutschen Südtirols – und entsprechend waren auch die Reaktionen/Repressalien (durch die jugoslawischen Partisanen) am/nach Kriegsende. Es gab Massaker und Vertreibungen an/von Italienern, wobei die Frage der Kollaboration mit Faschismus/Nationalsozialismus oft gar keine Rolle spielte. Und, die Grenze Italiens im Nordosten zu Jugoslawien war umstritten – und das sollte auch Rückwirkungen auf Südtirol haben.17

Nachkriegsordnung

Auf der Pariser Konferenz 1946 wurde u. a. das “Schicksal” Italiens entschieden. In Südtirol wurden dafür Unterschriften für eine Petition gesammelt, die die Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich (wieder selbstständig geworden) forderte. Fast alle grossjährigen, deutschsprachigen Südtiroler unterschrieben. Die Unterschriften wurden April 1946 auf einer Südtirol-Grosskundgebung in Innsbruck (Nord-Tirol; französische Besatzungszone) an Österreichs Bundeskanzler Figl überreicht. Österreich erhob auch diese Forderung; der Tiroler Landeshauptmann und spätere (ab 45) Aussenminister Karl Gruber übergab die Petition an die Pariser Konferenz. Österreich hatte selbst eine Territorialforderung abzuwehren: Tito-Jugoslawien erhob Ansprüche auf Südost-Kärnten, das Siedlungsgebiet einer slowenischen Volksgruppe. Bis zum Staatsvertrag 1955 (mit der definitiven Festlegung der Grenzen) erhob Österreich seinerseits Ansprüche auf einige Gebiete, neben Südtirol waren das das Kanaltal (ebenfalls von Italien), das Berchtesgadener Land (kleines deutsches Eck) und der Rupertiwinkel von Deutschland, Ödenburg/Sopron von Ungarn und ein Gebiet an der Thaya von der Tschechoslowakei.

Die nächste Protestaktion der Südtiroler war die Kundgebung von Castelfeder vom 30. Mai 1946, wo gefordert wurde, die Südgrenze der Provinz Bozen wieder unterhalb Salurn zu ziehen, das Unterland wieder vom Trentino an Südtirol zurück zu gliedern. Während dessen gab es im Julischen Venetien/Venezia Giulia/Julijska krajina die Vertreibungen von Italienern und die Kontrolle Dalmatiens, der Kvarner Bucht und Istriens durch Jugoslawien. Da sich dort ein Ausgang zuungunsten Italiens abzeichnete, verteidigte Italien umso zäher die Brennergrenze, zumal es das betreffende Gebiet unter seiner Kontrolle hatte. Und, von alliierter Seite war man bereit, Südtirol wie schon nach dem ersten WK Italien als Kompensation für jene Teile des Julischen Venetiens zu überlassen, die es nicht bekam. Inzwischen gab es ja auch die Konkurrenz zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion; und Italien (mit einer starken kommunistischen Partei) hätte sich zur SU neigen können, wenn sich die West-Alliierten für die Rückgabe Südtirols an Österreich eingesetzt hätten. Südtirol geriet zwischen die Mühlsteine des frühen Kalten Krieges, wenn man so will, während Triest Frontstadt des Kalten Kriegs wurde.

Ja, die Atlantik-Charta vom August 1941 von Franklin Roosevelt und Winston Churchill, genau wie Wilsons 14 Punkte 1918, gerechte Grenzen, Selbstbestimmungsrecht der Völker, usw. Nationale Ansprüche spiessen sich oft gegenseitig und ausserdem ging es gar nicht um eine gerechte Lösung sondern Belohung, Bestrafung, Vorbeugung und eigene Machtausübung.

Im Rahmen der Pariser Konferenz wurde 1946 ein Vertrag zwischen Österreich und Italien geschlossen, von den Aussenministern Gruber und De Gasperi, nach der alliierten Entscheidung über den Verbleib Südtirol bei Italien. Er sah Autonomie innerhalb Italiens vor, den Schutz der Kultur der deutsch(sprachig)en Südtiroler, Gleichberechtigung, die Revision verschiedener faschistischer Verordnungen, darunter die Rückkehr der ausgesiedelten Optanten18. Auch die Sprachinseln in der Provinz Trient wurden darin erwähnt. Der “Rahmen” der Autonomie sollte “auch” in Beratung mit lokalen deutschsprachigen Vertretern festgelegt werden. Das Abkommen wurde an den Pariser Vertrag der Alliierten mit Italien angehängt, der 1947 unterzeichnet wurde. Österreich, nach dem 2. WK erstmals nun für Südtirol engagiert, wurde durch den Vertrag indirekt Schutzmacht.

Es gab Aufruhr in Nord- und Südtirol nach der Entscheidung des Verbleibs Südtirols bei Italien, Protestkundgebungen in mehreren Städten. Im Pustertal, der österreichischsten Gegend (Bezirk wurde es erst später) Südtirols, gab es Zusammenstösse zwischen Bevölkerung und Carabineri. Österreich versuchte dann (erfolglos), wenigstens dieses Pustertal (der östliche Teil Südtirols) zu bekommen, die in der Ablehnung erwähnten möglichen “kleinen Grenzkorrekturen” einzulösen.

König Viktor Emanuel war nach der Befreiung Roms durch die Alliierten im  Juni 1944 in die Hauptstadt zurück gekehrt; er übertrug in der Folge die meisten seiner Rechte an seinen Sohn Umberto, behielt jedoch den Königstitel. Anfang Mai 1946 dankte er zugunsten seines Sohnes ab. Zu diesem Zeitpunkt gab es von verschiedenen Seiten Rufe nach einem solchen Schritt wie auch nach einer Abschaffung der Monarchie. Anfang Juni fand eine Abstimmung über die Staatsform sowie die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung statt. Italien wurde Republik.

Das Resultat der Pariser Friedenskonferenz vom Juli bis Oktober 1946 waren die im Februar 1947 unterzeichneten Verträge, darunter der Italien betreffend. Italien war gewissermaßen gleichzeitig Gewinner und Verlierer des Kriegs gewesen, war an der Seite der Achse und der Alliierten gestanden, war an Hitlers Kriegen beteiligt gewesen und auch am Sieg über ihn. Dann war auch das damals mit Stalins SU verbündete Tito-Jugoslawien ein Faktor. Am Ende musste Italien erhebliche Gebietsverluste hinnehmen, verlor in etwa das, was seit Kriegsende nicht mehr unter seiner Kontrolle war. Das war alles unter dem Faschismus eroberte (wie Albanien), alle Kolonien, und im Nordosten ganz Istrien (über Triest sollte erst entschieden werden), Teile von Friaul, Fiume, Dalmatien, an Jugoslawien. Wie Deutschland in dessen Ostgebieten (bzw über diese hinaus) hatte Italien im Ost-Adria-Raum zuviel gewollt und verlor alles. Im Nord-Westen wurden kleinere Grenzgebiete Frankreich zugesprochen. Hinzu kamen militärische Beschränkungen. Italien gewann aber seine Souveränität wieder, die Alliierten zogen ab.

Infolge der Gruber-De Gasperi-Vereinbarungen wurden diverse faschistische Maßnahmen zurück genommen, von der Italianisierung von Namen bis zur Auswanderung der Optanten. Anfang 1948 trat das Optantendekret in Kraft, welches die Rückkehr der Optanten und die italienische Staatsbürgerschaft für sie ermöglichte. Es betraf auch die Kinder der Optanten. Davor waren zwischen 2 000 und 12 000 ausgewanderte Optanten “illegal” nach Südtirol zurückgekehrt. Viele blieben aber weg, aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich in Österreich und West-Deutschland. Etwa Claus Gatterer, der im Österreich der Nachkriegszeit als Journalist, Historiker, Autor und Dokumentarfilmer von sich reden machte.

Die Südtiroler wurden durch die Option noch stärker ein “Bauernvolk”, da die Gebildeteren meist wegblieben; auch weil Italien mit verschiedenen Maßnahmen das Entstehen bzw Florieren einer Südtiroler Mittelschicht verhinderte. Michael Gamper leitete das Versöhnungswerk zwischen Dableibern und Optanten ein. Reut-Nicolussi, einer jener Südtiroler, die vor der Option gegangen waren, wegen der Zustände unter dem Faschismus, war nach dem Krieg kurzzeitig in der (Nord-) Tiroler Landesregierung, resignierte aber, nachdem 1946 klar wurde, dass Südtirol bei Italien bleiben würde, und zog sich weitgehend aus der Politik zurück. Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden des „Verbandes der Südtiroler“ gewählt. 1945 erhielt er an der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Völkerrecht und Rechtsphilosophie, 1951 wurde er Rektor der Universität Innsbruck.

Die gewählte Konstituante arbeitete eine Verfassung Italiens aus, die 1948 in Kraft trat. Italien wurde in Regionen eingeteilt, die die Compartimenti ersetzten. Südtirol wurde Teil der Region Trentino-Alto Adige (Trentino-Tiroler Etschland), als Provinz Bozen, blieb also mit dem Trentino (Provinz Trient) zusammen. Das Unterland kam von der Provinz Trient zu Südtirol zurück; das Gebiet um Ampezzo (nach dem 1. Weltkrieg abgetrennt) nicht. Trentino-Alto Adige wurde eine von fünf autonomen Regionen, die alle geographische, historische oder ethnische “Besonderheiten” aufweisen.

Nach der Ausarbeitung der Verfassung wurde 1948 gewählt, das nationale Parlament. Es gab, zu Zeiten des frühen Kalten Kriegs, mancherorts Angst vor einem kommunistischem Wahlsieg (PCI, Togliatti). Es siegte aber die DC, unter De Gasperi, und es wurde eine Koalition ohne die PCI gebildet. In Südtirol siegte die SVP, die fünf Abgeordnete ins Parlament in Rom senden durfte (u.a. Tinzl, v. Guggenberg, Volgger, Raffeiner). Auch in den autonomen Regionen und ihren Provinzen wurde erstmals gewählt.

In Trentino-Alto Adige (TAA) wurde der Regionalrat in zwei Wahlkreisen (Bozen, Trient) gewählt, Regionalrats-Abgeordnete wurden gleichzeitig Landtags-Abgeordnete. Die Wahl im Kreis Bozen war gleichzeitig Wahl zum Provinzrat (Landtag) Bozen (Südtirol). Bei dieser ersten Landtags-Wahl siegte die SVP klar, vor DC, MSI, PCI und anderen gesamtitalienischen Parteien verschiedener Richtungen. Die etwa 68% für die SVP dürften ziemlich dem Bevölkerungsanteil der deutschen/österreichischen Südtiroler (zu denen sich auch die meisten Ladiner zählen) entsprochen haben, wie er sich nun darstellte. Da Trentiner etwas zahlreicher sind, gab es 48 im (damals wichtigeren) Regionalrat eine (relative) Mehrheit für die DC, vor SVP, PATT (die Trentiner Autonomisten-Partei), PSI.

Landeshauptmann (Presidente della Provincia) der Provinz Bozen/Südtirol wurde Karl Erckert, ein nicht ausgesiedelter Optant. Der italienische Faschismus, der sich 1943 durch die de facto-Annexion durch Nazi-Deutschland weitgehend aus Südtirol verzogen hatte, kam nach dem Krieg wieder, in Form der neofaschistischen Partei MSI und ihrer Anhänger. Erckert bemühte sich um eine Überwindung der Gegensätze zwischen zurückgekehrten oder nicht ausgesiedelten Optanten und Dableibern, um Aufgaben des infrastrukturellen Wiederaufbaus, sowie eine Umsetzung der Autonomie innerhalb Italiens

Resümee

Die 4 Jahre vom Ende des Krieges zur Errichtung des Faschismus waren zu kurz und die italienische Herrschaft zu ungefestigt als dass diese Zeit wirklich zählen würde; die erste italienische Zeit für Südtirol war somit die faschistische und die ist in mancher Hinsicht für das Land noch immer prägend. Die Südtiroler waren ab Ende der 1930er nicht nur dem italienischem Faschismus sondern auch dem deutschem Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie waren aber nicht nur Opfer, wie sie sich gerne für diese Zeit darstellen, sondern auch Täter, wie viele andere „volksdeutsche“ Gruppen. Die Umsiedlungen von deutschen Volksgruppen in europäischen Ländern unter den Nazis zeigt den Wahnsinn des Nationalsozialismus’; mit der Angliederung Südtirols (und Österreichs) und Westpreussens wären sie durchgekommen, diese Gebiete würden heute noch zu Deutschland gehören. Das Schicksal von Südtirol und den Südtirolern pendelte vom Abschluss der Option über die deutsche, dann alliierte Besatzung bis zum Pariser Vertrag zwischen Italien und “Gross-Deutschland” bzw Österreich.

Luis Trenker wird ein Lavieren bzw Taktieren zwischen Mussolini und Hitler vorgeworfen. Dies kommt auch im 2014 gedrehten Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” von Wolfgang Murnberger heraus. 1945 hat er die ladinische Kulturorganisation “Union di Ladins de Gherdëina” mitbegründet. In gewisser Hinsicht steht er stellvertretend für die Südtiroler Bevölkerung. Es gab aber einen Südtiroler Widerstand gegen den NS. Kanonikus Gamper, Organisator der Katakombenschulen, war etwa Verfechter der Rechte der Südtiroler UND Nazi-Gegner.

Aber es gab wenig Aufarbeitung mit der Verstrickung in den NS. Der Dableiber Egarter, der sich dafür engagierte, geriet dadurch an den Rand der Gesellschaft. Aber, bevor man schnell urteilt: der Vietinghoff, der Nachfolger Kesselrings als Wehrmachts-Oberbefehlshaber in Italien war, spielte etwa eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr in der BRD (nach zweieinhalb Jahre in britischer Kriegsgefangenschaft), gehörte der Expertengruppe an, die 1950 im Auftrag der Regierung Adenauer die Himmeroder Denkschrift über einen westdeutschen Beitrag zur westeuropäischen “Verteidigung” verfasste. Und, das 1946 gegründete MSI ging vorwiegend aus Kämpfern und Funktionären der RSI hervor.

Das Schicksal der Südtiroler in der Zwischenkriegszeit, im 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit ist ein Lehrstück über die Unvereinbarkeit von rechten Ideologien verschiedener Länder, ein Kapitel aus dem Zeitalter des Nationalismus, mit Dramen und Paradoxa nationalistischer Flurbereinigungen. Deutsch-Sprachige Rechte sind bezüglich Südtirol unter den Nazis in einer Zwickmühle. Hitler wie Dollfuss haben das Land nicht nur Italien überlassen, sondern auch dem Faschismus, der die Minderheiten-Rechte der Bevölkerung (Sprache,…) mit den Füssen trat. 1943 wurde das von Hitler nur beendet, um etwas zu verhindern, was für Südtirol eine gemäßigte italienische Verwaltung bedeutet hätte… Ja, und die Alliierten waren dort der endgültige Befreier vom Faschismus. Entsprechende Nationalitäten-Rechte einzufordern für jene Gebiete, die von Nazis besetzt wurden, etwa Polen, wie für die Südtiroler in Italien, das fällt natürlich auch schwer. Ja, und ethnische Grenzen oder Selbstbestimmung oder zumindest Minderheitenrechte in Südost-Kärnten, im Gebiet der slowenischen Volkssgruppe?

Aber, die Parteinahme geht hier oft so weit, dass der Angriffskrieg Italiens gegen Äthiopien/Abessinien in den 1930ern (mit Giftgas-Einsatz) skandalisiert wird, die Rechte der Äthiopier als schützenswert firmiert werden, gibt man sich richtig antiimperialistisch… Ja, auch im äthiopischen Heer gab es 1935/36 Soldaten, deren Gebiete durch Angriffskriege einst äthiopisch geworden waren, etwa die kuschitischen Afar oder die omotischen Kaffa, und die nolens volens im Heer dieses “Vaterlandes” mitmachten, wie die Südtiroler im italienischen. Menelik II. (der Italien beim ersten Versuch der Einnahme weitgehend abwehrte) hat Abessinien Ende des 19. Jh gehörig erweitert. Und, die Eingliederung Eritreas nach dem 2. WK durch Äthiopien führte zu einem Sezessionskrieg; Eritreas Andersartigkeit gegenüber Äthiopien kam eigentlich nur durch die längere italienische Kolonialherrschaft zu Stande, diesseits und jenseits der Grenze leben Tigre.

Der Haupt-Organisator der deutschen Geheim-Schulen, Michael Gamper, floh vor der nazideutschen Verwaltung Südtirols 43-45, in ein Kloster in der Toskana. Reut-Nicolussi durfte nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wegen seiner erklärten Opposition gegen die nationalsozialistische Südtirol-Politik (in Österreich) nur mehr Zivilrecht lehren. Bezeichnenderweise befand sich der beschämendste Ort nationalsozialistisch-deutschen Wirkens in Südtirol, das Anhaltelager, im selben Stadtteil Bozens wie die faschistischen Protzbauten, die gegen die ursprüngliche Bevölkerung Südtirols gerichtet waren, in Gries. 1938 erfolgte die Zwangsauflösung des Andreas-Hofer-Bunds Tirol durch die Nationalsozialisten, nicht die Faschisten.19 Der Deutsche Verband Südtirols ging vor der Ausschaltung der Demokratie in Italien durch den Faschismus Wahlbündnisse mit der italienischen Südslawen-Partei ein. Dableiber wurden ausser von Faschisten auch von Nazis (und Weggehern zT) angefeindet; führende Dableiber/Nein-Optanten wie Sternbach wurden 43 oft interniert.

Multiethnische Regionen wie Istrien oder Banat wurden im 20. Jh zerstückelt, auch Tirol auseinander gerissen. Besetzungen, wechselnde Herrscher, ändernde Grenzen (mal aus versuchter Gerechtigkeit, mal aus arrogantem Machtanspruch), Aussiedlung oder Flucht von Bevölkerungsteilen, Verfolgung anderer. Das war das 20. Jahrhundert, waren die europäischen (“Welt”-) Kriege.

Das Buch “Von Reval bis Bukarest” (1991, 2 Teile) von Mads Ole Balling gibt einen Überblick über die Parlamentarier deutscher Minderheiten in Ost-Europa in der Zwischenkriegszeit. In Westeuropa gab es in dieser Zeit die Elsässer und Lothringer in Frankreich, die Nord-Schleswiger in Dänemark und die Eupener in Belgien, deren Gebiete im Versailles-Vertrag vom Deutschen Reich im Westen und Norden abgetrennt worden waren. Wie die Südtiroler in Italien, die durch St. Germain von Österreich(-Ungarn) abgetrennt wurden, kamen auch sie im Laufe des Hitler-Kriegs unter deutsche Herrschaft, für eine Zeit. Im Unterschied zu jenen in Osteuropa gab es hier am Ende des Kriegs nicht solche Fluchtströme und Vertreibungen – was auch damit zu tun hat, dass die Nazis und ihre Kollaborateure in Westeuropa nicht ganz so wüteten.

Den Kampf um die Erhaltung ihrer Eigenart haben die Südtiroler eigentlich gewonnen; es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis sie innerhalb Italiens zu ihrem Recht auf Minderheitenschutz und einem gehörigen Maß an Selbstverwaltung kamen. Darum wird es in Teil III gehen.

Literatur-/Linkliste

Manfred Alexander, Umberto Corsini, Davide Zaffi: Die Minderheiten zwischen den beiden Weltkriegen (1997)

Sabina Donati: A Political History of National Citizenship and Identity in Italy, 1861–1950 (2013; Englisch)

Günther Pallaver und Leopold Steurer (Hg.): „Deutsche! Hitler verkauft euch!“ Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol (2011)

Rolf Steininger: Autonomie oder Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gasperi-Abkommen (2008)

Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus (2002)

Manfred Kittel: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich (2006)

Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939 (1980)

Karin Golle: Kanonikus Michael Gamper und seine Bedeutung für die deutsche Sprachgruppe Südtirols zur Zeit der Italianisierung“. Diplomarbeit Wien 2011

Klaus Eisterer, Rolf Steininger: Die Option: Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (1989)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen allen Fronten: Ludwig K. Ratschiller, Autobiografie eines Südtiroler Partisanen (2003)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen Duce, Führer und Negus. Südtirol und der Abessinienkrieg 1935–1941 (2006)

Annuska Trompedeller: Karl Tinzl (1888–1964). Eine politische Biografie (2007)

Patrick Lobis: Südtirol und die Optionsfrage (2013)

Edmund Theil: Kampf um Italien: Von Sizilien bis Tirol, 1943-1945 (1983)

Lilli Gruber: Der Sturm. Die Kriegsjahre meiner Südtiroler Familie (2015). Über ihre Familie im Südtirol in dieser Zeit, ihre Grosstante Hella Rizzoli, die „Katakombenschulen“ organisierte aber anscheinend auch dem NS treu blieb

Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921-1926 (2005)

Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen (2010)

Luciano Happacher: Il Lager di Bolzano, con appendice documentaria (1979; Italienisch)

Ein Film von Gerald Steinacher und Franz Josef Haller über Südtiroler in Abessinien; ziemlich tendenziös

Anita Rauch: Polizeiliches Durchgangslager Bozen. Diplomarbeit Innsbruck 2003

Rolf Wörsdörfer: Krisenherd Adria 1915-1955: Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum (2004)

Die Sonder- und Sippenhäftlinge und ihre Befreiung

Teja Krašovec: Primorski priseljenci v Ljubljani v luči popisa prebivalstva iz leta 1928. Geschichte-Diplomarbeit Koper 2010 (Slowenisch). Über die Auswanderung von Slowenen und Kroaten aus der Venezia Giulia in der Zwischenkriegszeit aus dem faschistischen Italien in das SHS-Reich bzw Jugoslawien, besonders Laibach/Ljubljana 

Über das Movimento Separatista Trentino (Italienisch; fragliche Seriosität)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sein Vater stammte aus dem Trentino
  2. Was die Trentiner über/in Südtirol nach dem 1. WK betrifft: das gabs/gibts öfters in der Geschichte, dass die “Unterdrückten” dann mal oben sind, etwa die Rumänen in Transylvanien in der selben Zeit, über den Ungarn
  3. Und auch regionale Identitäten der Sizilianer, Lombarden oder Trentiner
  4. Weshalb das Urbane, Intellektuelle, Moderne bis weit in die 1960er hinein unter Südtirolern verpönt war
  5. 1950 vor dem Konkurs mit Marshallplan-Dollars gerettet
  6. Als die österreichisch-italienische Grenzziehungskommission in den 1920ern noch dabei war, die Bestimmungen von St. Germain umzusetzen
  7. Oft nach Laibach
  8. In SHS/YU gab es wiederum grosse Konflikte zwischen den Nationalitäten bzw zwischen Zentralismus und Föderalismus
  9. Es tauchen auch Zahlen von Italienern auf, die für eine Auswanderung in das “Grossdeutsche Reich” gestimmt hätten. Möglicherweise sind damit Ladiner gemeint
  10. Die Deutschen konnten Vittorio Emanueles Tochter Mafalda in Rom gefangen nehmen. Sie kam 1944 im KZ Buchenwald ums Leben
  11. Bozen wurde zwischen dem 2. September 1943 und dem 28. Februar 1945 bombardiert
  12. Der Eiertanz, den die Nazis nun um Südtirol vollführten, sollte dieses Gefühl auch wach halten – ohne die Faschisten zu vergraulen
  13. Mussolini erliess 38 auf deutschen Einfluss hin “Rassengesetze”, mit Augenmerk auch auf die Kolonien. Deportationen und Morde gab es erst nach der deutschen Besatzung
  14. Franz Hofer übergab Innsbruck am 3. 5. den Amerikanern. 3 Tage später wurde er von diesen anderswo in Tirol verhaftet und inhaftiert. 1948 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. In Mülheim an der Ruhr setzte er seine gelernte Arbeit als Kaufmann ab 1949 fort, ab 1954 auch unter seinem richtigen Namen, bis zu seinem natürlichen Tod 1975
  15. Tom Segev schrieb in “Die siebte Million” auch darüber, wie sie dort von den Zionisten gesehen und behandelt wurden
  16. Tolomei etwa war nach dem Krieg wieder politisch tätig
  17. Ein anderes Thema ist das Schicksal der nicht-kommunistischen slawischen Widerständler gegen Faschismus im kommunistischen Nachkriegs-Jugoslawien. Ehemalige TIGR-Kämpfer durften kaum an der Macht teilhaben, wurden vielmehr bis in die 1970er vom Geheimdienst UDBA überwacht. Vilfan lehnte die Kommunisten ab bzw sie ihn. Er wurde von der jugoslawischen Regierung zwar zeitweise als Experte für die Triest-Verhandlungen konsultiert, man kann aber sagen, dass er von Österreich-Ungarn, dem faschistischen Italien und dem kommunistischen Jugoslawien verfolgt wurde
  18. „…in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren.”
  19. 1994 wurde der Bund wiedergegründet

Die Bonner Republik

Der Beginn der Berliner Republik wird meist mit 1990 (Vereinigung) angesetzt, 1999 passt aber eher. Die Wende in der DDR 1989, der Hauptstadtbeschluss 1991, der Abzug der Alliierten 1994 und der Regierungswechsel 1998 eignen sich noch weniger als 1990 zur Begrenzung der alten Bundesrepublik, der Bonner Republik. Der Umzug von Regierung und Parlament 1999 von Bonn nach Berlin kennzeichnen den Anfang einer neuen historischen Periode; im Jahr davor ereignete sich zudem der Regierungswechsel von Schwarz-Gelb zu Rot-Grün, im Jahr danach wurde Angela Merkel CDU-Vorsitzende. Auch wenn dazwischen noch Schäuble Chef dieser Partei war, der Übergang von Kohl zu Merkel “illustriert” den Übergang von Bonn nach Berlin. Die Phase von 1990 bis 1999 war davon gekennzeichnet, dass das BRD-Konzept über die angeschlossene Ex-DDR gestülpt wurde. Vor Merkel waren alle CDU-Chefs wie Kohl aus dem Südwesten, dem Schwerpunkt der alten BRD seit Adenauer (der Ostpreusse Barzel hatte sich in Köln niedergelassen); fast alle waren Katholiken, Kiesinger und Erhard stammten aus (gemischt) katholisch-evangelischen Familien, nur zweiterer (ausgerechnet der Bayer) war Lutheraner.

Zwischen Dönitz bzw dem Kriegs- und Reichsende und den BRD-Anfängen lagen die Nachkriegsjahre 1945 bis 1949, in denen Deutschland von den Besatzungsmächten (Alliierter Kontrollrat) regiert wurde, unter denen in dieser Zeit ein weltumspannender und -bestimmender Konflikt ausbrach. Der Kalte Krieg begann 1948/49 mit erster Berlin-Krise. Er kam Deutschland zu Gute, als beide Seiten ihren Teil des Landes nach ihren Vorstellungen formen wollten gegen den Gegner (statt weiter gemeinsam gegen Deutschland vorzugehen), aber auch die Deutschen für sich zu gewinnen trachteten. Für Truman wurde es oberste Priorität, einen Teil von Deutschland gegen den kommunistischen Ostblock in Stellung zu bringen. Die Zerschlagung Preussens (dessen Zentrum dann in der DDR lag) und die Schaffung neuer Länder fiel in diese Nachkriegszeit; Deutschland selber hatte die Reform der aus der Zeit der Fürstenstaaten stammenden Territorialgliederung zuvor nicht hinbekommen. Die Selbstverwaltung begann auf dieser Ebene. Auch Parteien entstanden in der Nachkriegszeit. Auf die Gründung der BRD aus den Besatzungszonen der westlichen Mächte folgte jene der DDR 1949, was das endgültige Ende des Deutschen Reichs wie auch der von Besatzung gekennzeichneten Nachkriegszeit markiert. 1955 wurden die meisten Alliiertenvorbehalte aufgehoben (1990 die restlichen).

Bonn als Hauptstadt und die BRD an sich waren als Provisorium gedacht. Die Teilung wurde auch von den alliierten Mächten als vorübergehend gesehen; 1955 gab es etwa eine Vier-Mächte-Konferenz zur Deutschlandfrage, das Land war aber im Kalten Krieg zu entscheidend als dass sich Ost und West hätten einigen können. Mit den Grenzen, in denen diese BRD entstand, ergab sich das Rheinland als Zentrum bzw Schwerpunkt. Zum ersten Mal nach Jahrhunderten wieder wurde es ein Zentrum Deutschlands (kein geografisches). Die dominierende Schiene des Staates wurde jene mit den beiden ebenfalls katholischen Südstaaten. Der “Rückzug” in den rheinisch-frohsinnigen Westen, der an andere westliche Staaten gut angebunden war, war nach der preussischen Hegemonie folgerichtig und willkommen. Dass die Zentrum-Nachfolgeparteien in diesem Staat vorherrschend waren, rundete das Bild ab.

Adenauer hatte in der Weimarer Republik als Kölner Bürgermeister die verwaltungsmäßige Trennung des Rheinlands von Preussen (und überhaupt eine Aufteilung Preussens, ein Ende seiner Vormachstellung in Deutschland) angestrebt. Nach dem 2. Weltkrieg hat er – für den Sibirien schon auf der anderen Seite des Rheins begann, wie man zugespitzt sagte – die Gelegenheit genutzt, das Rheinland zum Schwerpunkt Deutschlands zu machen. Er soll sich dafür eingesetzt haben, dass West-Berlin nicht ein westdeutsches Bundesland wird, weil sonst für ihn die Gefahr eines sozialdemokratischen Übergewichts in Westdeutschland entstanden wäre. Er wäre 1949 im Bundestag nicht zum Bundeskanzler gewählt worden, wenn die Stimmen der (West-)Berliner Abgeordneten mitgezählt worden wären. Und, die Westintegration war für ihn wichtiger als die deutsche Einheit, wie sich auch an seiner Antwort auf die Stalin-Noten zeigte.

Die SPD-Opposition zu Adenauer agierte wiederum lange nationalistisch, fuhr eine gesamtdeutsche Linie! Ihr Vorsitzender 1946-52 Schumacher war aus Westpreussen (und evangelisch). Im Bundestags-Wahlkampf 1953 thematisierte die SPD die Einstellung des Rheinländers Adenauer zu Ost (bzw Mittel)-Deutschland, es ging dabei auch um die Wähler-Stimmen der Vertriebenen. Noch am Parteitag 1964 tagte die SPD unter einer grossformatigen Landkarte Deutschlands in den Grenzen von 1937 (vor den illegalen Gebietserweiterungen). Nachdem die KPD 1956 verboten wurde (1968 wurde eine DKP gegründet), gab sich die SPD am Parteitag in Bad Godesberg 1959 ein neues Programm, dem der Wandel von einer sozialistischen Arbeiterpartei zu einer Volkspartei Rechnung getragen wurde.

Während die BRD von der katholischen, konservativen Südwest-Schiene dominiert war, bestand die DDR aus dem evangelischen, grossteils sozialdemokratischen Kern Preussens sowie Mitteldeutschland; die DDR war in gewisser Hinsicht näher an deutschen Traditionen, an jenen des untergegangenen Deutschen Reichs, als es dessen anderer Nachfolgestaat war, wie sich z.B. an der NVA und seinen preussischen Traditionen zeigte. Beide deutsche Staaten bzw ihre “Schutzmächte” wollten den jeweils anderen an sich gliedern und mit ihrem System und Blockzugehörigkeit beglücken. Die BRD erhob den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland (Hallstein-Doktrin). Die Herrscher in den deutschen Staaten wollten die Vereinigung aber entgegen ihren Ansprüchen nicht wirklich; das jeweilige Staatskonzept auf den anderen Teil Deutschlands auszudehnen war nicht so leicht.

Das aus Sicht der BRD exterritoriale West-Berlin war auch kein “echtes” Bundesland von ihr, auch die West-Alliierten bestritten das lange; die SU wollte die Stadt ganz für ihre Zone. West-Berlin wurde für “Wessis” eine Ausweich-Destination (etwa bei Wehrdienst-Verweigerung), für “Ossis” ein Zufluchtsort. 1952 wurde Baden-Württemberg geschaffen. In Nordrhein-Westfalen waren zwei unterschiedliche Landesteile zusammengefasst, deren Grenze auf die fränkisch-sächsische Stammesgrenze zurückgeht. Mit der Wiedereingliederung des Saarlands 1957-59 standen die Grenzen der BRD erst fest; Ansprüche gab es darüber hinaus. Die Grenzen Nachkriegsdeutschlands waren aber eigentlich “nur” im Osten, zu Polen hin, umstritten (niemand erwartete, Elsass behalten zu können), und das betraf die BRD nur indirekt, auch wenn sie bis zum Warschauer Vertrag (1970, Brandts Ostpolitik) Ansprüche auf die Ostgebiete des Deutschen Reiches stellte. Die DDR anerkannte die Oder-Neisse-Grenze 1950.

Die Teilung zum anderen Teil Deutschlands wurde eigentlich erst durch den Mauerbau eine echte. Reste deutscher Einheit bestanden bis in die 1970er im Sport (gemeinsame Olympia-Mannschaften) sowie der Kirche (Zuschnitt/Zusammensetzung katholischer Kirchenprovinzen und evangelischer Kirchentage staatsübergreifend); in den ehemaligen deutschen Ostgebieten im nun kommunistischen Polen spielte die katholische Kirche auch eine “nationale” Rolle, dort hat der aus Schlesien stammende Warschauer Erzbischof Hlond in der Nachkriegszeit deutsche Bischöfe (wie Kaller im ehemaligen Ostpreussen) abgesetzt und auf ihre Ausweisung gedrängt.

Deutschland war mit der BRD im Westen angekommen, nicht nur, weil es Mitglied von EWG und NATO wurde. Nazis wie Gehlen konnten weiterhin die Sowjetunion und den Kommunismus als das Böse bekämpfen, nun an der Seite der USA und des Westens allgemein. Der BND mauserte sich vom Befehldempfänger zum Partner der CIA. Die USA gestanden dem weissen West-Deutschland auch die volle innere Selbstbestimmung zu (bzw sahen es als Partner), im Gegensatz zu Iran oder Guatemala, obwohl es Deutschland gewesen war, das den Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte. Die USA war gegenüber Deutschland auch in einer ganz anderen Position als die Sowjetunion; die USA war nicht total zerstört worden, seine Bürger nicht als “Untermenschen” gesehen und behandelt worden. Viele amerikanische Firmen hatten auch die 1930er und 1940er hindurch Geschäfte mit Deutschland gemacht.

1955, als die letzten Kriegsgefangenen aus der SU entlassen wurden, wurden die ersten Gastarbeiter angeworben, zunächst in Italien. Der Wirtschaftsaufschwung bewirkte einen Bedarf an Arbeitskräften, der auch durch die Flucht bzw Übersiedlung aus der DDR nicht gedeckt werden konnte. In dem Jahr, als der “Marshall-Plan” der USA auslief, 1952, engagierte sich die Bundesrepublik Deutschland erstmals konkret in Entwicklungshilfe, im Rahmen eines Programms der UN. Etablierte Konzerne wie etwa Bayer hatten ihren Betrieb nach dem Krieg wieder aufgenommen, neue entstanden, etwa Adidas und Puma 1948/49 (Dassler-Brüder).

Die Einwanderung war im Grunde etwas sehr kapitalistisches. Es begann mit Italienern und anderen Südeuropäern, dann kamen Türken, die die grösste Gruppe wurden, und Nordafrikaner. Der einmillionste Gastarbeiter Rodrigues aus Portugal war noch aus der “Generation”, die zurückging, auch wenn bei ihm die Rückkehr aufgrund seiner Krankheit erfolgte. Alles, was der Gewöhnung an die deutschen Verhältnisse und der Integration diente, sollte nach bundesdeutschen Vorstellungen im Leben der Gastarbeiter und ihrer Familien unterbleiben. “Multi-Kulti”-Utopien und -Forderungen waren Minderheiten- und Oppositionspositionen, sind nicht schuld an heutigen Defiziten. Es kamen auch Flüchtlinge, auch aus Ländern die Opfer Nazi-Deutschlands gewesen waren, etwa Solschenizyn aus der Sowjetunion. Unter den Besatzungssoldaten, die kamen, war (1954 in Hessen) der amerikanische Musiker Elvis Presley.

Einige Jahre später traten die “Beatles”, am Beginn ihrer Laufbahn, in Hamburg auf. Allgemein setzte sich Mitte der 60er englischsprachiger Rock/Pop (Elvis, Beatles, Cliff Richard, Connie Francis,…) gegen deutschen Schlager (meist von Ausländern gesungen: Roberto Blanco, Gitte Haenning, Udo Jürgens, Costa Cordalis, Bata Illic, Howard Carpendale, Karel Gott,…) durch. Zur selben Zeit wurde auch der Marktanteil amerikanischer Filme in den Kinos gegenüber “selbstgemachten” erstmals höher. Der deutsche Film (wieder mit Albers oder Knef) war durch die Zerschlagung der UFA durch die Alliierten und die Importfreigabe für ausländische in die “Defensive” geraten. Amerikanische Filme wurden nun synchronisiert (Wenzel Lüdecke hatte 1949 die “Berlin Synchron” gegründet) und kamen in grosser Zahl in westdeutsche Kinos, was die BRD mindestens so beeinflusste wie die Medien des Axel Springer, die vierte Gewalt dieses Staates. Äusserlich etwa dahingehend, dass sich Jeans, von amerikanischen Soldaten mitgebracht und in Hollywood-Filmen promotet, durchsetzten. Die Anfänge von deutschem Pop/Rock liegen in den 70ern (Maffay, Scorpions, BAP,…).

Viele ehemalige Nazis konnten weiter wirken, solange sie antikommunistisch waren, wurden zum Aufbau der Republik eingespannt, mit westalliiertem Sanktus. Die Bindung an Westeuropa & USA sowie das Grundgesetz wurden Ersatz für einen positiven Nationsbezug (daneben v.a. regionale Identitäten). Die Wiedergutmachungsbemühungen gegenüber Juden gingen über in die enge Zusammenarbeit mit Israel, eine Art Ablasshandel entstand; auch die Projektion eigener nationaler Sehnsüchte spielt dabei eine Rolle. Auch bei RAF-Opfer H. M. Schleyer wurde/wird, quasi als Apologetik für seine Tätigkeiten im deutschbesetzten Prag, sein nachkriegliches Eintreten für Israel vorgebracht – so in dem Doku-Film von H. Rütten über RAF-Opfer, der folgerichtig mit einem “Axel-Springer-Preis” ausgezeichnet wurde. Mindestens so wichtig wie die Aussöhnung mit Frankreich auf politischer Ebene war, dass ehemalige Wehrmachts-Soldaten in der französischen Fremdenlegion willkommen waren, im Kampf um den Erhalt französischer Kolonien, in Indochina und Algerien. Jene, die offen am altem Gedankengut festhielten, wurden eine kleine Minderheit. Von Bedeutung war dabei in erster Linie der “zweite Adolf”, von Thadden, ein Adeliger aus Pommern, der für die Deutsche Rechtspartei im ersten Bundestag saß, eine Partei, in der auch Otto Remer mitwirkte, und von der sich die SRP abspaltete, die 1952 verboten wurde. 1964 war v. Thadden einer der Begründer der NPD, für die er in den Landtag von Niedersachsen gewählt wurde.

Monarchisten gab es noch weniger als Nazis. Louis Ferdinand von Preussen, Enkel des letzten Kaisers wurde 1951 nach dem Tod seines Vaters Chef der Familie und in den Augen der nicht allzu zahlreichen Monarchisten Thronanwärter, bis zu seinem Tod 1994. Er hatte Kontakte zu Kreisen des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime unterhalten; was zeigt wie konservativ dieser eigentlich war.

Der BND liess dann irgendwann die Details seines nationalsozialistischen Hintergrunds untersuchen, von einer Historiker-Kommission. Nur wenige Angehörige des Widerstands gegen Hitler, wie v. Schlabrendorff, konnten sich in der BRD etablierten. In geringerem Maß als “Beteiligte” wie Globke oder Filbinger. Die KZ-Prozesse ab den späten 1950ern führten wahrscheinlich erst zu einer Beschäftigung mit dem NS. Eine wichtige Bezugsfigur für Rechtsextreme wurde Rudolf Hess; als der 1946 ins Gefängnis in Berlin-Spandau kam, gab es noch gar keinen Kalten Krieg, als er 1987 dort starb, war er fast schon zu Ende.

In vieler Hinsicht war/ist die BRD so gestrickt, dass Lehren aus der Nazi-Diktatur bzw dem Weg dorthin eine Grundlage bilden sollte. Das konstruktive Misstrauensvotum, dass denjenigen, der die Regierung im Parlament stürzen will, zwingt, es besser zu machen. Der vom Parlament und nicht vom Volk gewählte Staatspräsident, der kein zweites Machtzentrum neben der Regierung darstellen sollte. Beides Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik. Als infolge der Einnahme des Medikaments “Contergan” missgebildete Kinder auf die Welt kamen, gab es eine Scheu, diese zentral zu erfassen, wegen der NS-Euthanasie. Zunächst wurden übrigens Atomwaffentests als Ursache der Missbildungen vermutet.

Von ihr benutzte Drogen sagen natürlich viel über eine Gesellschaft aus, im Falle der BRD waren/sind es Mittel, die zur Flucht aus einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft dienen sollten oder zum Antrieb in ihr. Zu Alkohol und Tabak kamen diverse Arzneimittel, sowie Cannabis, Heroin und Kokain.

Zu jenen, die aus der DDR “rübermachten”, gehörten auch Günter Guillaume und seine Ehefrau, 1956. Wenn die alte BRD von 49 bis 99 ging, also 50 Jahre, war 74, als seine Spionagetätigkeit durch das BfV aufflog, genau in der Mitte. Der zweite Fussball-WM-Sieg ereignete sich natürlich auch in dem Jahr. Auswanderung in die DDR kam viel seltener vor, Leute machten diesen Schritt aus unterschiedlichsten Gründen. 1976 wurde Wolf Biermann nach Konzerten im Westen (auf denen er die DDR nicht nur kritisiert, sondern auch verteidigt hatte), nicht mehr eingelassen.

1983 kamen die aus der 1968er-Bewegung hervorgegangenen Grünen ins nationale Parlament. 1953 war eine 5% Hürde dafür eingeführt worden, 1961-83 gab es drei Parteien im Bundestag (4, wenn man CDU und CSU als 2 zählt). In den 1980er-Jahren erfolgte ein grundlegender Wandel im westdeutschen Fernsehen, der private Rundfunk wurde zugelassen und infolge das duale Rundfunksystem etabliert (öffentlich und privat), das 2-Sender-TV-Zeitalter ging zu Ende. Homosexualität musste man in den 1980ern noch geheimhalten. Als 1982 die FDP unter Genscher sie Seite wechselte und Kanzler Schmidt “gestürzt” wurde, fürchteten manche um die Errungenschaften der liberalen Bundesrepublik. Unter Kohl wurde aber etwa die Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer abgeschafft. Islam(ismus) war damals nicht nur in Afghanistan noch eine positive „Alternative“ zu Kommunismus, wenngleich seit der Revolution im Iran 1979 gewisse künftige Konfliktlinien schon erkennbar wurden. Und Boris Becker war wohl der wichtigste Sportler der alten BRD der nicht Fussballer war, vor Michael Schumacher in den 1990ern.

Franz Josef Strauss steht mehr für die alte BRD als die D-Mark. Er spielte von Anfang der Bonner Republik bis fast zu ihrem Ende eine (ge)wichtige Rolle, war an fast allen wichtigen Stationen dabei: beim Aufbau der Bundesrepublik und der Bundeswehr, als Verteidigungsminister unter Adenauer und eine der ersten Führungspolitiker der CSU, bei der Einführung der Atomkraft, bei der Affäre um die Festnahme der Verantwortlichen eines kritischen Artikels von Augsteins “Spiegel” über die Bundeswehr, als Finanzminister unter Kiesinger während der ersten Rezession, beim Misstrauensvotum gegen Brandt in der Opposition, im Krisenstab während des Deutschen Herbstes 1977 (wo er die Exekution von RAF-Häftlingen angeregt haben soll), als Ministerpräsident eines Bundeslandes, das in bzw mit der BRD wichtiger geworden war, bei den Untersuchungen zum Oktoberfest-Anschlag 1980, als Kanzlerkandidat in diesem Jahr,… Seine politische Karriere hatte als kriegsgefangener Oberleutnant der Wehrmacht und nationalsozialistischer Führungsoffizier begonnen, der von einem deutschstämmigen US-Soldat aufgrund seiner Englischkenntnisse zur Unterstützung bei Übersetzungen herangezogen wurde und vom USA-Militär dann zum stellvertretenden Landrat des Landkreises Schongau bestellt wurde. Der USA blieb er auch treu. Seine Rivalität mit CDU-Chef Kohl schlug sich u.a. im (zurückgenommenen) Kreuth-Trennungsbeschluss und im von ihm vermittelten Kredit an die DDR (der eine Abspaltung der “Republikaner” von der CSU bewirkte) nieder. Kohl verglich Strauss mit einem Fahrzeug das einen LKW-Motor hatte und die Bremsen eines Kleinwagens. Bei ihrem Streit wegen Kohls Treffen mit Honecker erwiderte Kohl auf Strauss’ Vorhaltung, dessen Freunde in Afrika (in erster Linie waren die in Pretoria) hätten auch Blut an den Händen

Die Wende in Osteuropa 1989 rettete Kohl, der auch parteiintern nicht unumstritten war (CDU-Parteitag 89), machten ihn zum grossen Sieger. Dass die SU unter Gorbatschow den Wandel in ihren “Brüderstaaten” hinnahm bzw förderte, legte er dieser als Folge ihrer Schwäche aus. Kohl war/ist etwas provinziell, wie die Bonner Republik, er war der erste Kanzler der kulturell von der Bundesrepublik geprägt worden war, wenngleich er auch vom neuen Lebensstil infolge 68 unberührt war. Die Barschel-Affäre fiel auch in seine Ära, es ist unklar, was er darüber weiss. Er hat die Bonner Republik neben Adenauer, Strauss und Brandt am stärksten geprägt. Seine Ära stellt die Endphase der Bonner Republik dar, ihr Ende hing auch mit seinem Abtritt zusammen. Kohls grösster Sieg, die Vereinigung, brachte zwar vorübergehend die Herrschaft der alten BRD über die ehemalige DDR, aber auf mittlere Sicht eine Verschiebung des „Schwerpunkts“ Deutschlands weg vom Südwesten (und Kohls „Machtbasis“).

Für Erika Steinbach (BdV, CDU) ist es eine rein westeuropäische Sicht, das Kriegsende am 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung zu bejubeln, der 9. November 1989 sei der Tag der Befreiung, erst mit dem Fall der Mauer (die Grenzöffnung infolge von Schabowskis Missverständnis) sei die Freiheit auch für die Menschen in Osteuropa erreicht worden. Die DDR befand sich damals in einer Phase der Veränderungen und Reformen, die auch anders als mit dem Ende dieses Staates hätte ausgehen können.

Die “Republikaner” waren 89/90 für ein vereintes, neutrales (unabhängiges), atombewaffnetes Deutschland, am besten noch um Ostgebiete vergrössert. Neonazis wurden im Gebiet der antifaschistischen DDR besonders stark, ob aus sozialen Gründen oder unterdrücktem Nationalismus.

1990 bis 99 war die Phase der Neuorientierung Deutschlands nach der Wiedervereinigung. Die alte BRD wurde zunächst um die ehemalige DDR erweitert, und die Berliner Republik entstand erst allmählich. Aus zwei Staaten sollte eine Nation werden, ohne dass man sich darüber im Klaren war, wie diese aussehen sollte. Das BRD-Konzept wurde zunächst über die Ex-DDR gestülpt. Kohl war plötzlich der Kanzler von Ex-DDR-Bürgern und diese Bundesbürger.

Während die DDR fast wie in Horrorvorstellungen einer Vereinigung von westdeutschen Konzernen geschluckt wurde, wurden die Sozialversicherungen bei der Herstellung der sozialpolitischen Einheit stark gefordert. Der Westen verhielt sich ähnlich wie gegenüber Afrika, wo er lieber “Entwicklungshilfe” leistet, als die Zollschranken für afrikanische Produkte abzubauen (bzw dessen wirtschaftliche Eigenständigkeit durch Gleichberechtigung fördert).

Der Sitz des Bundestags, das Bundeshaus in Bonn, wurde während dem “Mauerfall” gerade umgebaut. Nach der Renovierung hatten zudem im Reichstag in West-Berlin 1971-91 vereinzelte BT-Sitzungen stattgefunden. 1991 wurde, in Bonn, über die künftige Hauptstadt entschieden. In der Hauptstadtdebatte ging es auch um die Identität des Landes bzw das Selbstverständnis als Nation, ähnlich wie 1949 bei der Entscheidung für Bonn und gegen Frankfurt. Der Beschluss für Berlin leitete möglicherweise die Verschiebung hin zu einem positiveren Nationsbezug ein, eine Versöhnung mit der Vergangenheit. Zwölf Stunden lang diskutierten die Abgeordneten am 20. Juni 1991 im Plenarsaal des Bonner Wasserwerks, seinem Ausweichquartier, unter Leitung von Rita Süssmuth, die Fronten gingen quer durch die Parteien. Mit einer Mehrheit von 18 Stimmen beschloss der Bundestag seinen Umzug sowie jenen der Regierung und anderer Bundesbehörden nach Berlin. Nach der Entscheidung erfolgte dann zunächst der Umbau des Reichstag-Gebäudes.

Der letzte DDR-Ministerpräsident De Maizière wurde nach der Vereinigung wie andere “Ossis” als Minister für besondere Aufgaben ins Kabinett Kohls übernommen. Kurz nach der vorgezogenen Neuwahl Ende 1990 trat er zurück, wegen Stasi-Gerüchten. Angela Merkel war stellvertretende Sprecherin seiner Regierung gewesen, kam mit der Vereinigung in den BT, wurde 1991 nach der ersten freien gesamtdeutschen Wahl seit 1933 Ministerin für Frauen und Jugend in Kohls Regierung. Sie stieg zur wichtigsten Ostdeutschen in der Regierung bzw der Republik auf. Andere wichtige Ossis im vereinten Deutschland der 90er waren Lippert, van Almsick, Weissflog, Sammer, Witt, Maske, Gauck, Thierse, Ortleb.

Joannah Caborn: “Die bescheidene föderalistische BRD verstand sich als Antipode des nationalistischen, zentralistischen NS-Staats, während in der DDR der Sozialismus und der Internationalismus als staatstragende Pfeiler den Nationalismus ersetzen sollten.” Das Selbst-Verständnis der BRD änderte sich im Laufe der 1990er. Die Berliner Republik, anfangs von einer rot-grünen Regierung geführt, erlaubte sich mehr aussenpolitische Unabhängigkeit, und einen neuen Nationalismus.

Seit 1990 sind es 5 Parteien im Bundestag. Bei den Grünen setzten sich nach der Vereinigung endgültig die Realos (wie Joschka Fischer) durch. 1994 der Abzug der Truppen der Alliierten des 2. Weltkriegs. Dann die Wahl 98, der SPD-Sieg, der Regierungswechsel. Am 19. April 1999 nahm der aus Schlesien stammende Wolfgang Thierse, ein Befürworter des Umzugs, als Bundestagspräsident aus den Händen von Architekt Norman Foster den 50 Zentimeter langen Schlüssel zum Reichstagsgebäude entgegen, dann fand dort die erste Sitzung nach dem Umbau statt. Kohl war als CDU-Chef nach der Wahlniederlage 98 abgetreten, mit dem CDU-Spendenskandal und seinem Abtritt als Ehrenvorsitzender 2000, im Streit mit seiner Partei, endete seiner “Ära”; Merkel wurde Nachfolgerin Schäubles als CDU-Chefin.

Zur Ära Kohl

Im alternativgeschichtlichen Roman “Die Mauer steht am Rhein” von Christian v. Ditfurth (1999) wird in der Sowjetunion 1988 Gorbatschow gestürzt, die Westmächte beugen sich dem Druck der nun dort regierenden Hardliner (sehr unrealistisch) und es kommt am 3. 10. 1990 zu einer Wiedervereinigung zu einem Staat, auf den die SU erheblichen Einfluss ausüben kann (extrem unrealistisch), die ehemalige BRD wird praktisch ein Teil der DDR.

Heribert Schwan/Rolf Steininger: Die Bonner Republik 1949-1998 (2009). Begleitband zur achtteiligen gleichnamigen Fernsehdokumentation von Dieter Weiss, Rolf Steininger und Heribert Schwan; letzterer hat auch eine Biografie über Helmut Kohl geschrieben.

Frank Goosen: “Liegen lernen” (2003). Der Debütroman des Bochumer Kabarettisten spielt in der Bonner Republik, genauer in der Kohl-Ära, ist (vordergründig) unpolitisch. Thomas Brussig schrieb dazu im „Spiegel“, eigene Erfahrungen würden von “Wessis” dieser Generation meist nicht als weitergebens-/verarbeitenswerter Stoff gesehen, in dem Roman geht es aber um solche. Er bringt Kolorit der (westlichen) 80er, ist eine Zeitreise da hinein, behandelt auch das Erwachsenwerden.

Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten (2009). Zeitgeschichtlicher Roman vor dem Hintergrund der alten Bundesrepublik.

Bernd Stöver: Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler (2009). Sachbuch über die Auswanderung in die DDR .

Über den Computer-Hacker Karl Koch, aus Hannover, der von 1985-89 aktiv war, auch in der Spionage, und den CCC

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rumäniens Ex-König

Der ehemalige rumänische König Mihai (Michael) aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen ist das letzte lebende Staatsoberhaupt der Zwischenkriegszeit und eines von drei lebenden Staatsoberhäuptern aus der Zeit des 2. Weltkriegs; die anderen sind Bulgariens damaliger König Simeon Sakskoburggotski und Tibets Dalai Lama Tenzin Gyatso (ein Staat, der 1951 seine Unabhängigkeit verlor). Der letzte der rumänischen Hohenzollern-Könige war nach dem Krieg der letzte Monarch hinter dem „eisernem Vorhang“. Von Bedeutung ist der heute 93-jährige wegen seiner Rolle unter faschistischer und dann kommunistischer Diktatur, beim Übergang von der einen zur anderen, dem mißglückten Absprung von der Achse. Eine Phase, die Rumäniens Schicksal für mehrere Jahrzehnte entschied. Eine Beurteilung von ihm, die hier versucht wird, muss auf die Schwierigkeiten rumänischer Geopolitik eingehen, besonders, wie sie sich um den 2. Weltkrieg darstellten.

Wurzeln und Hintergrund

1866 suchten rumänische Adelige und Politiker (u.a. Premierminister Ion Bratianu von der PNL, aus einer mehrere Generationen umspannenden Politiker-Familie) einen westlichen Prinzen als neuen Fürsten, statt des von ihnen abgesetzten Cuza, unter dem sich die unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentümer Walachei und Moldau vereinigt hatten, der aber zunehmend autoritär geworden war. Frankreichs Kaiser Napoléon III. wollte einen stärkeren „Pufferstaat“ gegenüber Russland, empfahl Prinz Karl Eitel Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen, aus der katholisch und süddeutsch gebliebenen Nebenlinie jener Hohenzollern, die Preussen errichteten, eine Adelsfamilie mit der er über seinen Onkel verwandt war. Dieser Karl war der zweite Sohn des Fürsten Karl Anton, des letzten in Hohenzollern-Sigmaringen regierenden (das Fürstentum ging 1849 in Preussen auf). Der Tag von Karls Ankunft in Bukarest nach abenteuerliche Anreise, der 10. Mai, war lange Nationalfeiertag in Rumänien. Er wurde als Carol I. zum Fürsten gekrönt, sprach den Eid auf Französisch. Eine bald nach seiner Krönung beschlossene neue Verfassung brachte erst den Namen “Rumänien”, anstatt “Vereinigte Fürstentümer” (der Walachei und Moldau). Hohenzollern-Sigmaringen sollte Rumänien im europäischen Machtsystem verankern, innere Stabilität und Fortschritt bringen.

Nach dem Russisch-Türkischen Krieg gab das Osmanische Reich die Ansprüche auf Rumänien auf, das 1878 seine Unabhängigkeit gewann. 1881 durfte es zum Königreich aufgewertet werden. Carol hat in der Tat das Fundament für den modernen rumänischen Staat gelegt, dabei osteuropäisch-orthodoxe und orientalische Einflüsse im Land zurückgedrängt. Die soziale Frage (Landbesitz etc) blieb ungelöst. Carol blieb bis 1914 Herrscher, 48 Jahre, mehr als die anderen rumänischen Könige. Er hatte mit seiner Frau eine Tochter, die früh starb. So wurde sein Neffe Ferdinand Nachfolger; der damalige Chef des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen, Wilhelm, und sein erster Sohn Leopold hatten zwar kein Fürstentum mehr, überliessen Rumänien aber dennoch dem Zweitgeborenen. Ab Ferdinand kamen die Ehefrauen der rumänischen Könige aus dem europäischem Hochadel. Er kam also zu Beginn des 1. Weltkriegs auf den Thron, Carol wollte da noch den Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte, Ferdinand setzte ein Bündnis mit der am Ende siegreichen Entente durch. Dadurch gelang die Verdoppelung von Territorium und Einwohnerzahl, u.a. durch den Friedensvertrag von Trianon, die Realisierung des rumänischen “Irredentismus”. Die Diskrepanz zwischen dem Rumänien diesseits und jenseits der Karpaten (bzw zwischen Regat und Transsylvanien) spielt aber bis heute eine Rolle; und Minderheiten (Ungarn, Deutsche, Ukrainer, Juden, Bulgaren, Sinti, Serben,…) machten nun etwa ein Drittel der Bevölkerung aus.

Unter den Hohenzollern-Königen machte Rumänien entscheidende Modernisierungs-Schritte durch, etwa die Industrialisierung, die in der Zwischenkriegszeit “auf Touren” kam, v.a. rund um das Erdöl, wodurch auch eine Arbeiterklasse entstand. Abwehr der Revisionsansprüche der Nachbarn war Rumäniens aussenpolitisches Hauptaugenmerk in der Zwischenkriegszeit; dabei wurden wechselnde Allianzen eingegangen. Ferdinands Sohn Carol war der erste der rumänischen Hohenzollern, der in Rumänien geboren wurde, und der orthodox aufwuchs. Ebenso wichtig, er setzte einen männlichen Nachfolger in die Welt. Mihai wurde 1921 in Schloss Peles (unter seinem Grossonkel Carol I. gebaut) in Sinaia in den Karpaten geboren. Doch nur die zweite von Carols drei Ehen, mit einer griechischen Prinzessin, Helena Slesvig, Mihais Mutter, war standesgemäß. Die erste Ehe, mit der Rumänin Lambrino, brachte einen Sohn hervor, wurde annulliert. Die zweite Ehe zerbrach wegen Carols Affäre mit Elena “Magda” Lupescu, die seine dritte Frau wurde. 1925 verzichtete Carol wegen Lupescu auf den Thron, sein Sohn Mihai wurde damit Thronanwärter.

(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)
(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)

Als König

1927 wurde Mihai daher nach dem Tod seines Grossvaters Ferdinand mit 6 Jahren das erste Mal König (Tutenchamun war immerhin 9 oder 10 gewesen), unter Regentschaft von Carols Bruder Nicolae (der keine Kinder hatte), des orthodoxen Patriarchen Miron Christea und des Oberrichters des Landes, Gheorghe Buzdugan. Mihai I. war der erste orthodoxe König Rumäniens, wahrscheinlich auch der erste von ihnen, der „zu Hause“ (in den Palästen) Rumänisch sprach. Dass die relativ starke Stellung des Königs nun von Anderen eingenommen wurde, trug zur Instabilität bei, die von wegen Parteienegoismus kurzlebigen Regierungen, korrupter Verwaltung, wirtschaftlichen Problemen ausging. Sie nahm zu, als Ion Bratianu (PNL-Chef, vielfacher Premier) starb. 1930 wurde Mihais Vater Carol von Politikern (v.a. Premier Maniu von der PNT) und Offizieren zurückgeholt, amtierte bis 1940 als König Carol II.

In die Zeit von Carols Herrschaft, die 1930er, fällt der Aufstieg der faschistischen Bewegung Rumäniens, die (übersetzt) als “Legion des Erzengels Michael” gegründet wurde (ihre Mitglieder daher auch “Legionäre” genannt), eine Miliz namens “Eiserne Garde” hatte (die Organisation an sich wurde daher auch so bzw einfach “Garde” genannt) und sich 1935 in “Totul pentru Ţară” (Alles für das Land) umbenannte. Legion-Führer Codreanu kam aus der National-Christlichen Verteidigungsliga, einer anderen rechtsextremen Partei. Die zeitweise verbotene faschistische Organisation wurde eine ernste Herausforderung für die rumänische Demokratie, war bis zum Ende des 2. Weltkriegs viel grösser als die kommunistische Partei und, je schwieriger die Zeiten wurde, desto mehr Zulauf bekam sie. Carol machte u.a. Nicolae Iorga zum Premier, den Historiker, der viel über Rumäniens Stellung in der Geopolitik (etwa zwischen dem orthodoxen Osteuropa und dem “lateinischen” Westeuropa) nachdachte und später von den Faschisten ermordet wurde.

Mihai wurde wieder Kronprinz, ging wieder zur Schule, wurde Oberhaupt der rumänischen Pfadfinder-Organisation. Im Alter von 16 soll er mit seinem Auto einen Radfahrer niedergestossen haben, wodurch dieser tödliche Verletzungen erlitt, ein Vorfall, der damals zensuriert wurde. 1939/40 war er Senator. Von 1930 bis 1940 durfte er den Titel “Grossherzog von Karlsburg” (Mare Duce de Alba Iulia) tragen, eine Referenz an Michael den Tapferen (Mihai Viteazul), der Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts die Walachei, Moldau und Transylvanien für einige wenige Jahre unter seiner Herrschaft vereinigte. Seine exilierte Mutter durfte er auf Anweisung seines Vaters nur einmal im Jahr sehen.

1937 fand die letzte faire bzw reguläre Wahl bis 1990 (!) statt, sie brachte einen Sieg der liberalen PNL unter Constantin “Dinu” Brătianu vor der Bauernpartei PNT von Maniu (von der kommunistischen PCR unterstützt, die nicht selber antrat), der faschistischen TPT (knapp unter 16%), der PNC und anderen. Vor dem Hintergrund der von der TPT ausgehenden Gewalt und ihrem nicht unbeträchtlichen Rückhalt löste König Carol II. das Parlament auf, verbot Parteien, und errichtete eine autoritär-korporatistische Königs-Diktatur (Bildung der Monopolpartei FNR), zunächst mit Patriarch Christea als Premier. So glaubte er, entschieden gegen die Faschisten vorgehen zu können. Die TPT wurde verboten und ihre Führer verhaftet (Codreanu bald darauf bei einem angeblichen Fluchtversuch getötet), aber das Problem war damit nicht gelöst.

Als der 2. Weltkrieg (bzw “Europäische Krieg”) vom Zaun gebrochen wurde, versuchte Rumänien zunächst, neutral zu bleiben; das war aber nicht lange aufrecht zu halten. Frankreich, der wichtigste Partner, wurde 1940 vom “nationalsozialistischen” Deutschen Reich besetzt, britische Unterstützung war äusserst fraglich; vor der Sowjetunion hatte man in Rumänien mindestens so viel Angst wie vor Nazi-Deutschland. Die innere Politik und jene nach aussen verband sich, die Pole des Totalitarismus hatten ihre Vertreter bzw Anhänger im Land: die kommunistische PCR war der SU verbunden (wohin einige ihrer Führer ins Exil gegangen waren), die Faschisten waren natürlich pro-Achse. So glücklich im 1. Weltkrieg Rumäniens Wahl seiner Verbündeten ausging, so schwierig war sie nun.

1940 besetzte die Sowjetunion Bessarabien und die Nord-Bukowina, aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts. General Ion Antonescu, im 1. WK schon hoher Offizier, in der ZKZ Generalstabschef, dann Verteidigungsminister, schrieb König Carol eine Protestnote, gegen die Hinnahme dieser territoralen Amputationen. (Wenn sich das sowjetische “Engagement” rund um den Krieg in Rumänien auf diese beiden beschränkt hätte, wäre das tatsächlich vergleichsweise gnädig gewesen). Daraufhin wurde Antonescu im Kloster von Bistriţa/Bistritz interniert. Auf deutschen Druck musste Rumänien dann auch Nord-Transylvanien an Ungarn und die Süd-Dobrudscha an Bulgarien abtreten. Vielleicht hat das Antonescu in den Augen des Königs rehabilitiert, er war jedenfalls eine wichtige Figur im innenpolitischen Poker geworden, auch aufgrund seiner Popularität. Im September 1940 wurde Antonescu von Carol zum Premier ernannt und der König transferierte einen Grossteil seiner diktatorischen Vollmachten an ihn. Als nächstes zwang Premierminister Antonescu aber den König zum Rücktritt. Mihai, inzwischen 19, wurde in dieser Situation zum zweiten Mal König (von Patriarch Nikodim gekrönt), aber wieder ein machtloser – genau das wollte Antonescu. Sein Vater ging ins Exil, landete schliesslich in Portugal. Was auch immer damals vorging, Mihai weigerte sich danach, seinen Vater jemals wieder zu sehen.

Am Titelblatt des “Life”, mit seinem Vater, 1940

Antonescus Machtbefugnisse wurden noch erweitert, und er bildete mit der faschistischen TPT (“Garde”, “Legion”), die eben noch verboten war, eine neue Regierung, eine faschistische Militärdiktatur, den Statul Național Legionar, mit ihm als Conducator (“Führer”, den Titel benutzte später Ceausescu) und Codreanu-Nachfolger Sima als Vize-Premier. Unter dieser Regierung band sich Rumänien an die Achse. 1941 wurden die Faschisten nach dem Versuch alleiniger Machtübernahme mit dem Segen Hitlers zerschlagen, das Antonescu-Alleinregime war nun eine rechte Militärdiktatur. Es wurde die rumänische Teilnahme an deutschen Feldzug gegen die SU beschlossen. „Wenn es gegen die Slawen geht, kann man immer auf die Rumänen zählen“, sagte Antonescu. Das benachbarte Bulgarien gehörte zwar auch Hitlers Achse an, befanden sich aber nur nur in theoretischem Kriegszustand mit den Alliierten. Und, eine Teilnahme am “Russlandfeldzug” lehnten die Bulgaren trotz Hitlers Drängen ab. Zar Boris III.: “Das bulgarische Volk wird niemals gegen Russland kämpfen, dem es seine Befreiung vom türkischen Joch verdankt.” Die primäre Motivation für Rumänien waren die an die SU verlorenen Gebiete, dabei ausblendend dass die Deutschen für andere Gebietsabtrennungen verantwortlich waren. Die Wehrmacht kam ins Land, griff die Sowjetunion auch von dort an, mit rumänischen Truppen. Die Rumänien-Deutschen, damals eine grosse und mächtige Gruppe (bzw verschiedene Gruppen), wurden auch eingespannt, bei Wehrmacht und SS. Ab dem Ende des Jahres 1941 nahmen die Spannungen zwischen König Hohenzollern und Militärdiktator Antonescu zu.

Hohenzollern (König) & Antonescu (Premierminister) 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion
Der König und Antonescu 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion

Bessarabien und die Nord-Bukowina wurden bald zurück gewonnen, rumänische Truppen besetzten dabei gleich noch ein Stück ukrainischer Schwarzmeerküste. Rumänische Einheiten zogen mit den Deutschen weiter, waren bei der Schlacht um Stalingrad 1942/43 beteiligt, danach am Rückzug über die Ukraine. Die schweren Verluste, die vielen in sowjetische Gefangenschaft geratenen Soldaten, die Bedrohung des Kernlandes durch die vorrückende Rote Armee, die alliierten Bomben und dass Rumänien von Deutschen in vielerlei Hinsicht ausgebeutet wurden, machten Kriegsteilnahme, Diktatur und Bündnis unter Rumänen zunehmend unpopulär. Deutsche Nazis verschiedener Ebenen sahen auch ihre engsten ausländischen Verbündeten (wie Mussolini) zumindest verdeckt als rassisch und kulturell minderwertig.

Im Sommer 44, als die Rote Armee an Dnister/Nistru stand (Nord- bzw Ostgrenze Bessarabiens) fanden Geheimverhandlungen politischer und militärischer Kreise Rumäniens (u.a. König Mihai), mit Alliierten statt (u.a. in Ägypten), wohl mit Wissen/der Billigung Antonescus. Die Karpatengrenze spielte wieder eine Rolle, für Deutsche sowie Teil der Rumänen als Grenze, die die Rote Armee aufhalten würde. Der 20. August 1944 war der Beginn des Angriffs der Roten Armee auf Rumänien, das für sie auch Tor zum Balkan und Teilen Mitteleuropas war und die Erdölfelder und -raffinerien um Ploiești in der Walachei hatte. In wenigen Tagen kam die Rote Armee von Dnister an Prut(h).

Am 23. 8. 1944, als die Russen den Pruth überschritten, der Krieg verloren schien und elf sowjetische Armeen die Vorkriegs- bzw Vorfeldzugsgrenzen Rumäniens erreicht hatten, führte Mihai de Hohenzollern-Sigmaringen (mit dem Wissen von einigen Offizieren sowie den Spitzen der Parteien) seinen “Staatsstreich” durch: Um das Ruder herumzureissen musste er zuerst den “Kapitän” Antonescu loswerden, lud ihn zu Unterredung in den Bukarester Königs-Palast (bzw in die “Casa Noua”, eine weisse Stuckvilla auf dessen Gelände), zu einer Erörterung der bedrohlichen Kriegslage. Während der König im Empfangszimmer mit Antonescu und dessen Namensvetter und Vertrauten, Aussenminister Michael Antonescu, redete, warteten draussen Offiziere und Palastwache. Der “Conducator” lehnte Waffenstillstand und Rücktritt ab (“Denken Sie, ich würde das Land in Ihre Hände legen – die eines Kindes?”), wurde auf ein Zeichen Mihais von den Bewaffneten verhaftet, und zunächst in einen Raum im Oberstock eingesperrt. Danach kam der deutsche Botschafter in Bukarest, Manfred von Killinger (ehemaliger SA-Führer, Säufer,…), in den Palast, Mihai teilte ihm die neue Lage mit und bot den freien Abzug der Wehrmacht an bzw verlangte diesen. Am Abend verkündete Mihai in einer etwa 20-minütigen Radiorede die Absetzung Antonescus und den Seitenwechsel (begründete diesen unter anderem mit dem Ziel, das 1940 verloren gegangene Nordtransylvanien wiederzugewinnen) sowie die Rückkehr zur Demokratie.

Parteien wurden wieder legalisiert, einige Politiker kamen aus dem Exil, dem Untergrund oder Gefängnissen zurück (v.a. Kommunisten), das Parlament wurde wieder eingesetzt. Eine Konzentrationsregierung unter General Constatin Sanatescu (ein königstreuer Kavallerieoffizier) wurde gebildet; der frisch aus politischer Haft befreite General Nicolae Radescu wurde Generalstabschef. Der König selbst hatte (wieder) eine mächtige Rolle. Der 23. August wurde in kommunistischer Zeit Nationalfeiertag Rumäniens. Die PCR versuchte dann, ihre sehr marginale Rolle beim Umsturz (allein das Werk des Königs mit bürgerlichen Politikern und Generälen) aufzuwerten. Der Seiten- und Regimewechsel ähnelt jenem in Italien im Jahr davor, mit der selben Rolle des Königs, die Rolle von Radescu und Sanatescu nahm dort Badoglio ein.

Nachdem die rumänischen Soldaten von der Front abzogen bzw das Kämpfen einstellten, brach diese zusammen, die deutsche Heeresgruppe “Südukraine” wurde von der Roten Armee zerschlagen. Wehrmachts-Einheiten versuchten, Bukarest unter ihre Kontrolle zu bringen, was von der rumänischen Armee und Freiwilligen-Milizen verhindert wurde. So wurde die Stadt von deutschen Kampfflugzeugen bombardiert, anscheinend auch der Königspalast. Damit wurde der Seitenwechsel des Königs aber nur in den Augen vieler weiterer Rumänen gerechtfertigt. Für diesen war es der Anlass, Deutschland den Krieg zu erklären. Die Wehrmacht in Rumänien hatte von Hitler auch den Befehl bekommen, König Mihai gefangen zu nehmen. Sie musste aber vor der Roten Armee flüchten, auch den restlichen Balkan (Jugoslawien, Griechenland,…) räumen, lieferte sich in Transylvanien Rückzugsgefechte mit rumänischen und sowjetischen Truppen. Teile der Rumänien-Deutschen gingen mit der Wehrmacht; manche Gruppen, wie die Bessarabien- oder Bukowina-Deutschen, waren aber schon von den Nazis ausgesiedelt worden. Der seit 1941 in Deutschland gefangene Faschisten-Führer Sima wurde in dieser Situation wieder hervorgekramt, durfte eine “Exilregierung” bilden.

Mihai und die demokratischen Politiker und Offiziere hofften, die sowjetische Armee bald loszuwerden, wie eben die nazideutsche. Doch die Rechnung ging nicht auf. Zunächst verschonte die Rote Armee Rumänien beim Einmarsch nicht wegen des Seitenwechsels, nahm Kriegsgefangene, beging Plünderungen, nutzte Rumänien zwar wie Deutschland als Durchgangsstation, betrachtete es aber auch als zu seiner Einflussphäre gehörig. Zu den harten Waffenstillstandsbedingungen vom 12. 9. gehörte (neben der freien Hand, die die SU in Rumänien bekam), dass das rumänische MiIitär mit der Roten Armee in Mittel- und Westeuropa weiterkämpfen musste. Diese bekam so eine halbe Million Soldaten dazu, beim Einmarsch in Ungarn, der Tschechoslowakei und Österreich. Beim Sturm auf Hitlers Reich war die rumänische Armee, die vorher mit der Wehrmacht bis Stalingrad marschiert war, nach Sowjets, US-Amerikanern und Briten die viertgrösste Streitmacht. Obzwar von den Russen (wie zuvor von den Deutschen) als feige und unzuverlässig verspottet, verlor sie dabei 169 000 Mann an Toten und Verwundeten.

Ende Oktober war ganz Rumänien unter SU-Kontrolle, der deutsche Botschafter von Killinger erschoss seine Sekretärin und Geliebte und sich selbst nach dem Einzug der Russen in Bukarest. Die Westalliierten überliessen Rumänien der SU-Sphäre. Dies begann mit der Teheraner Vereinbarung der Westalliierten, keine eigene Balkanfront zu eröffnen; dann Churchills Vereinbarung mit Stalin, Rumänien den Sowjets zu überlassen, im Gegenzug dass Griechenland britische “Operationszone” wurde. Für die Anglomächte war Rumänien, wie für Nazideutschland, hauptsächlich aus Ölinteressen von Bedeutung, daneben aus strategisch-ideologischen Gründen. Eine Alliierte Kontrollkommission für Rumänien, die nichts zu sagen hatte, wurde eingerichtet; neben den Sowjetrussen, die nun das Sagen über Rumänien bekamen, waren darin britische und amerikanische Vertreter.

Die Rückkehr zur Demokratie war nur von kurzer Dauer. Der sowjetische Aussenminister Molotow beteuerte zwar, dass die Sowjet-Union “nicht das Ziel verfolgt, sich irgendeinen Teil rumänischen Territoriums anzueignen oder die bestehende Gesellschaftsordnung Rumäniens zu ändern”. Und für einige Wochen begnügten sie sich bezüglich der neuen rumänischen Regierung mit einem einzigen kommunistischen Kabinettsmitglied, Lucretiu Patrascanu (später in Ungnade gefallen und exekutiert). Die SU verhalf dann aber wie in anderen osteuropäischen Staaten der kommunistischen Partei zur alleinigen Macht. Andrej Wyschinski (auch Vâşinski und andere Schreibweisen), ehemaliger Hauptankläger in Stalins Schauprozessen, nun Vizevolkskommissar für Auswärtiges, also stellvertretender Aussenminister, hatte sich schon 1940 beim Anschluss Lettlands an die UdSSR bewährt, wirkte nun in Rumänien. Die Sowjets im Lande hatten etwa die Möglichkeit, die Medien zu zensurieren. Wyschinski trat in die Fussstapfen des deutschen Botschafters von Killinger, bezüglich seiner dauernden Interventionen in die rumänische Politik. Bei dieser “Gleichstellung” muss aber festgehalten werden, dass die Rote Armee den Holocaust in Rumänien beendete und so manches andere.

Die Bestrafung von tatsächlichen Kriegsverbrechern und Faschisten verband sich mit jener von vermeintlichen sowie politischen Säuberungen. Die PCR organisierte nach dem Einmarsch der SU und dem Kriegsende im Land Milizen, die angebliche Faschisten verfolgten, Besitz beschlagnahmten und Unruhen provozierten. Die Haltung zur Sowjetunion war in der PCR umstritten, auch dort spielten die antirussischen Traditionen in Rumänien eine Rolle, aber in dieser Zeit kaum. Überproportional viele Angehörige von ethnischen Minderheiten waren in der PCR vertreten, auch in Führungspositionen; bis Gheorghiu-Dej (ab 1944) waren bis auf einen alle PCR-Führer Angehörige diverser Minderheiten. Der Gewerkschafter Gheorghiu-Dej, der im August 1944 aus dem Gefängnis entlassen wurde, war in der Nachkriegszeit auch der einzige “echte” Rumäne in der KP-Führung. Die Partei, vor dem Krieg nicht besonders stark, verlor im Volk weiter Kredit, da sie den Helfershelfer der marodierenden Besatzungsmacht machte.

Moskau und die rumänischen Kommunisten forderten bereits im Oktober 1944 den Rücktritt der Regierung Sanatescu. Der Premier hatte am Feldzug gegen die Sowjetunion teilgenommen, er halte das Waffenstillstandsabkommen nicht ein, die Regierung sabotiere Reparationslieferungen an die Russen. Zunächst nahm Sanatescu unter dem Druck noch zwei Kommunisten in seine Regierung auf: Gheorghiu-Dej wurde Verkehrsminister und bekam damit die wichtigen Eisenbahnen in die Hand; Petru Groza wurde Vizepremier. Dieser gehörte der mit den Kommunisten verbündeten “Pflüger-Front” (Frontul Plugarilor) an, war ein Grossgrundbesitzer und Unternehmer aus Transylvanien. Da die Faschisten kein Faktor mehr waren (und manche von ihnen zur PCR gingen), erklärten Kommunisten die traditionellen, bürgerlichen Parteien PNT und PNL zu “Faschisten”. Im Dezember tauschten Radescu und Sanatescu ihre Posten, zweiterer wurde Premier, ersterer Generalstabschef. Sanatescu gab nach Druck der SU und gewalttätigen Strassendemonstrationen der Kommunisten auf. Radescu war unter der Herrschaft von Antonescu und den Deutschen im Lager für politische Gefangene in Târgu Jiu (Walachei) eingesperrt gewesen, mit vielen Kommunisten, wie Nicolae Ceausescu. Die Kommunisten wollten aber auch ihn nicht als Premier. Die PCR schloss sich mit kleinen linken Parteien zur FND zusammen, unter Pflügler-Frontmann Groza. Die Kommunisten wurden in der Allparteienregierung immer dominanter.

Als nächstes forderte Wyschinski von Hohenzollern die Ablöse Radescus und die Ernennung Grozas. Die Westalliierten bzw die “Anglos” wollten/konnten nicht helfen, so trat Radescu unter dem Druck Anfang März 1945 zurück und flüchtete in die britische Mission; er gelang später ausser Landes. An dem Punkt dachte Mihai über einen Rücktritt nach, aber “das wäre zwar eine eindrucksvolle Geste gewesen wäre, hätte das Volk aber allein gelassen”. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Groza und seine Regierung zu akzeptieren. 14 von 18 Ministern gehörten der FND an, zu den wenigen Nicht-Kommunisten gehörte Aussenminister Tatarescu, der die PNL mit einer Abspaltung verlasen hatte. Die Würfel waren damit gefallen, die kurze demokratische Phase war zu Ende. Den König wähnten die Kommunisten mit der Einsetzung der Groza-Regierung neutralisiert. Stalin belohnte die Rumänen mit der Rückgabe Nord-Transylvaniens noch am Tag der Ernennung der Regierung. Die Festlegung der Grenzen Rumäniens hauptsächlich durch die Sowjets war relativ maßvoll, die Bukowina wurde geteilt, Bessarabien behielt sich die SU ein. Ein Verstaatlichungsgesetz war eine der ersten Maßnahmen der Regierung.

Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945
Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945

Mihai, der von Truman schon den “Legion of Merit”-Orden bekommen hatte, erhielt im Juli 45 auch von der SU einen Orden, den Sowjetischen Siegesorden, die höchste sowjetische Auszeichnung, von Staatschef Kalinin, für den Seitenwechsel 44. Als Zugabe soll der Hobbypilot zwei Sportflugzeuge bekommen haben. Eine Zeit lang lieferte Mihai der kommunistischen Regierung noch einen Machtkampf, verweigerte jeden Kontakt mit der Regierung sowie die Unterzeichnung der Gesetze – worauf Groza entschied, die Gesetze auch ohne königliche Unterschrift in Kraft zu setzen. In diesem Zusammenhang kam es am 8. November 1945, Mihai’s Namenstag, zu einer antikommunistischen Demonstration vor dem Königspalast in Bukarest, das Volk zeigte ihm seine Sympathie. Bei der gewaltsamen Auflösung der Demonstration gab es viele Verhaftungen, Verletzte und Tote.

Nach einer Intervention der Westalliierten wurden zwei Minister der “traditionellen Parteien” in die Groza-Regierung aufgenommen (zwei unbekannte Politiker, als Minister ohne Ressort) und wurde ausgemacht, bald “freie” Wahlen abzuhalten. Im Gegenzug anerkannten die West-Alliierten die Groza-Regierung (Februar 1946). PNT-Chef Maniu nannte den Handel einen “schlechten Witz”, aber ein resignierter König Michael beendete seinen “Streik” bzw Boykott der Regierung. Die Parlaments-Wahl im November 1946 wurde geschoben, brachte einen “Sieg” der FND (PCR, PSD, Pflügler,…) mit angeblich 89%; der wahre Sieger dürfte die PNT gewesen sein, vor den Liberalen, die beiden dominierenden Parteien der Zwischenkriegszeit. Die meisten Arbeiter dürften für die PNT und nicht für die Kommunisten gestimmt haben. Die folgenden Wahlen waren dann nur noch solche mit einer Partei.

Mihai schwankte zwischen Widerstand gegen die Kommunisten und Resignation, hatte keine Macht mehr, wurde vom Regime im Bukarester Königspalast isoliert. Ende 1947 durfte er zur Heirat der künftigen britischen Königin Elizabeth Windsor mit Philipp Mountbatten (zwei Verwandte von ihm) nach London reisen. Er lernte dort seine künftige Frau Anne von (Ana de) Bourbon-Parma kennen, eine Cousine zweiten Grades. Sie ist die Enkelin des letzten Herzogs von Parma, ihr Vater René war Bruder von Javier, Siuxtus und Zita. Er kam als Verlobter zurück; sowohl das Regime als auch der Hochadel hatte ihm geraten, nicht nach Rumänien zurückzukehren. Ein Referendum über die Monarchie um ihn loszuwerden, wollten die Kommunisten nicht riskieren, trotz Schiebung hätte es gefährlich für sie werden können, Mihai war zu populär. Zum Jahreswechsel bzw den Weihnachtsfeiertagen 1947/48 zog er sich von Bukarest nach Schloss Peles in Sinaia zurück.

Für den 30. 12. wurde Mihai von Premier Groza nach Bukarest bestellt, fand dort seinen Palast (nach einigen Angaben war das Treffen im Königspalast, nach anderen im Elisabeta-Palast) von Truppen loyal zur kommunistischen Regierung umstellt (der Division “Tudor Vladimirescu”). Mihai kam mit seiner Mutter Helena, Groza hatte Minister und PCR-Chef Gheorghiu-Dej an seiner Seite. Er wurde von ihnen aufgefordert, eine Abdankungserklärung zu unterschreiben, und das Land zu verlassen. Dies geschah möglicherweise mit vorgehaltener Waffe; eine Handfeuerwaffe dürfte Groza jedenfalls gezogen haben, möglicherweise aber auch mit den Worten “Ich wollte kein Risiko eingehen. Sie sollten keine Gelegenheit haben, das gleiche mit mir zu tun, was Sie mit dem Marschall Antonescu getan haben.” Den Druck könnten die beiden Kommunisten auch anders aufgebaut haben, etwa mit Drohungen gegenüber der rumänischen Bevölkerung. Eine andere Darstellung der Ereignisse ist, dass Abdankung und Exil mit den Kommunisten ausgehandelt wurde. Jedenfalls, am selben Tag noch trat das Parlament zusammen um die Volksrepublik auszurufen; dies und die Abdankung wurde von der Regierung am Abend über Rundfunk bekanntgegeben. Der Kommunist Parhon wurde Staatspräsident und Mihais Nachfolger als Staatsoberhaupt.

Die kommunistische Machtergreifung war damit weitgehendst abgeschlossen, nun konnte die Umgestaltung des Landes beginnen. Feudale Zustände gab es damals in Rumänien und diese waren entsprechend „umstritten“, aber wenige wollten eine kommunistische Diktatur. Umverteilungen und Verstaatlichungen, Vorgehen gegen Minderheiten, Abrechnungen mit Faschisten und politische Säuberungen “verbanden” sich im Rumänien der Nachkriegszeit, trafen Rumänien-Deutsche besonders. Mihai war der letzte König hinter dem Eisernen Vorhang (nach dem jugoslawischen und dem bulgarischen), der abdankte. Wenige Tage danach wurde Hohenzollern, nun Privatmann, gezwungen, das Land zu verlassen. Mihai reiste (es war Jänner 1948) von Sinaia mit dem Zug nach Westeuropa, nahm einige seiner Autos mit. Mit ihm ging u.a. Jacques M. Vergotti, ein Offizier (evtl westeuropäischer Herkunft), Vertrauter von Mihai in seinen Jahren als König. Einige Wochen später folgten seine Tanten Elisabeth und Ileana, die mit den Besatzern und Kommunisten zusammengearbeitet haben sollen. Die neue Verfassung Rumäniens, nun eine Volksrepublik, trat am 23. April 1948 in Kraft; im Frühling 1948 wurde die demokratische Opposition vollends zerschlagen, mit Massenverhaftungen und dem Verbot der beiden grossen traditionellen Parteien PNL und PNT. Ihre Führer Bratianu und Maniu starben im Gefängnis

Für Mihai hätte es auch anders kommen können, wie die Ereignisse in Bulgarien zeigten. Simeon Sakskoburggotski (die bulgarisierte Version von Sachsen-Coburg-Gotha, ebenfalls ein deutsches Haus) war als Minderjähriger 1943 bis 1946, als Simeon II., nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Boris König/Zar, unter Regentschaft von Onkel Kyrill. Auch hier der Frontwechsel, als die Russen vor der Türe standen, 1944, auch hier der Einmarsch der Roten Armee. Die politischen Kräfte des Landes bemühten sich hier ebenso wie die Rumänen, mit den Alliierten zu einer Abmachung zu gelangen, die es ihnen erlaubte, sich vom Kriegsverlierer Deutschland abzusetzen, ohne SU-Satellit zu werden. Simeons Onkel Kyrill und die anderen Regenten wurden verhaftet und 1945 nach einem Schauprozess vom neuen Regime getötet, zusammen mit anderen ehemaligen Herrschenden. 1946 fand hier eine Volksabstimmung gegen die Monarchie statt, Simeon konnte ins Exil nach Spanien gehen.

Beurteilung

Mihais Zeit als König zerfällt in zwei Abschnitte, 40-44 und 44-47/48, der 23. August 1944 (Mihai damals 23 Jahre alt) als “Wasserscheide” (seine ersten Königs-Jahre, als Kind, jetzt nicht berücksichtigt). In der ersten Phase war er unter faschistischer Herrschaft machtlos, in der zweiten stemmte er sich gegen die kommunistische. Wie im 1. Weltkrieg stellte sich Rumänien unter seinem König während des Krieges auf die Seite der Sieger, dieses Mal ging es aber nicht gut aus. Die beiden Schutzmächte von Faschismus und Kommunismus waren nacheinander mit Rumänien verbündet, hatten im Land ihre „Parteigänger“ und diese waren dort (hintereinander) an der Macht. Die Frage ist, ob Grossdeutsches Reich und dann Sowjetunion nicht soundso nach (bzw über) Rumänien gekommen wären, egal bei welcher Politik; die Westmächte waren nicht “greifbar”, die rumänische Armee alleine zu schwach, die Nachbarn keine Verbündeten. Für/Mit Deutschland in den Krieg einzutreten, als dieses Teile des Landes der SU, Bulgarien und Ungarn zugesprochen hatte, war keine gute Entscheidung, geht aber nicht auf Mihai zurück. Zu den Alliierten zu wechseln, als diese Rumänien schon dem SU-Machtbereich zugesprochen hatten, war Mihais Entscheidung, die Absprache unter den Alliierten war aber damals nicht bekannt. So bekam man, kaum dass man Killinger losgeworden war, Wyschinski.

Hohenzollern, Brătianu, Maniu oder Radescu bekamen nach dem Seitenwechsel nicht die West-Alliierten, sondern die Sowjetunion – welche Rumänien keine eigene Entwicklung zubilligte (nicht nur, weil zwischen den beiden Staaten territoriale Fragen offen waren). Für das Land, das nun auf Seite der Kriegs-Alliierten stand, kam die Bedrohung nun paradoxerweise (weiter) durch einen von ihnen, die Sowjetunion. Der Seitenwechsel beschleunigte den Vormarsch der Roten Armee ins Land, die an seiner Schwelle stand, und dieser brachte neben Kriegsgefangenschaft vieler rumänischer Soldaten und Übergriffen an der Bevölkerung die Verpflichtung zum Weiterkämpfen mit den Russen in Mittel- und Osteuropa und letztlich die Aufzwingung einer kommunistischen Diktatur. Rumänien wurde wie andere osteuropäische Staaten um den 2. WK zwischen Hitler & Stalin “zerquetscht”. Das ganze Dilemma seiner Geopolitik, mit der sich Nicolae Iorga intensiv auseinandergesetzt hatte, zeigte sich damals für Rumänien. Serbien und das Schwarze Meer seien die einzigen Nachbarn Rumäniens ohne Probleme in der Beziehung, so Iorga; was Serbien betrifft, gilt das auch nur bedingt, angesichts der territorialen Ansprüche von Ultranationalisten beider Seiten auf Grenzgebiete (v.a. auf den jeweils anderen Teil des Banats).

Rumänien und seine deutsche Volksgruppe gingen um den 2. WK gemeinsam unter. Deutsche waren in der Zwischenkriegszeit die zweitgrösste Minderheit in „Gross-Rumänien“ nach den Ungarn, machten ca 5% aus, waren in allen Landesteilen vertreten, hatten wie andere Volksgruppen eine eigene Partei. Sie gerieten in den 1930ern unter den Einfluss des deutschen NS, was sie sie spaltete und von anderen Rumänen entfremdete. Es war das Bündnis der rumänischen Rechtsdiktatur mit (NS-)Deutschland, das Rumäniendeutsche endgültig auf Gedeih und Verderb an das nationalsozialistische Deutschland kettete. Teile wurden von den Nazis ausgesiedelt, Teile waren verstrickt in NS-Verbrechen, viele gingen am Kriegsende mit der Wehrmacht, manche blieben im kommunistischen Rumänien. Die Nazis haben auch in Rumänien bezüglich der deutschen Minderheit vieles zerstört. Im Gefangenenlager Târgu Jiu, wo unter Antonescu hauptsächlich Kommunisten saßen, wurden unter den Kommunisten Rumäniendeutsche interniert (darunter viele, die keine Schuld auf sich geladen hatten), nicht wenige wurden zur Zwangsarbeit in die SU deportiert, viele enteignet. Die Beziehung zwischen dem (deutschstämmigen) rumänischen Königshaus und den (grossteils ausgesiedelten) Rumäniendeutschen war und ist nicht die beste. Das hat weniger damit zu tun, dass Mihai (wahrscheinlich) gar nicht Deutsch spricht, der Seitenwechsel hat für die meisten von ihnen eine negative Bedeutung.

Die meisten Juden und Sinti in Rumänien überlebten den 2. Weltkrieg, viele Opfer gab es in Bessarabien und der Nord-Bukowina, die damals zwischen der Sowjetunion und Rumänien umkämpft waren. Mihai war unter Antonescu von Mitbestimmung ausgeschlossen. Hohenzollerns Mutter Helena soll in gutem Einvernehmen mit Rumäniens Oberrabbiner Shafran gestanden sein, und bei Antonescu für die Juden interveniert haben.

In Rumänen ist der Ex-König heute bei Links- wie Rechtsextremen unbeliebt, für seine Absetzung Antonescus bzw seine Ablehnung des Kommunismus. Ihn als jemanden darzustellen, der Faschismus und Stalinismus trotzte, ist etwas übertrieben; ihm Mitschuld daran zu geben, dass diese Systeme über Rumänien kamen, trifft die Wahrheit auch nicht. Dass er in vieler Hinsicht privilegiert war, ist klar, aber es scheint dass er mehr als einfach ein König war, der seinen Status und ein etwas feudales System erhalten wollte. Ein auf Youtube gefundener Kommentar unter einem Video in dem es um ihn ging: “Clearly he is not a true leader to inspire. is totally passive. Where was when Ratiu protesta against Ceausescu when visiting London? A true king would fight abroad against Ceausescu as did Ratiu. [Ion Ratiu: PNL-Politiker, Botschafter, Exil-Oppositioneller] so-called king was walking at 18 with a Formula 1 car in Bucharest while others went with carts at work, feeded an alligator with 500 kg meat from slaughterhouses while other Romanians were starving and sold country for two cars and a few paintings. after the revolution had the nerve to come and claim the palaces of Vlad Tepes and Hunyadi…”

Im Exil

Mihai de Hohenţollern-Sigmaringen verliess also mit Familie und “Schätzen” Rumänien, etwa mit wertvollen Gemälden von El Greco, einiges hat er möglicherweise schon 1947 (Hochzeit London) ausser Land gebracht. Er feilschte anscheinend mit der kommunistischen Regierung um zurückgelassenen Besitz, evtl. wurde ihm auch etwas nachgeschickt. Sein Vermögen in Form von Grundbesitz und Schlössern in Rumänien (teilweise samt Kunstsammlungen) blieb natürlich zurück, sie wurden 1948 vom Regime beschlagnahmt und verstaatlicht. Auch wurde Mihais Staatsbürgerschaft aberkannt. Er liess sich in der Schweiz nieder (1956 endgültig, zwischendurch lebte er auch in Grossbritannien), in der Nähe von Genf. In Griechenland heiratete er die Bourbon-Parma, in einer orthodoxen Zeremonie im königlichen Palast in Athen, auch mit den Schleswigs ist er über seine Mutter eng verwandt; die Eltern der Braut fehlten, wollten das Festhalten ihrer Tochter am Katholizismus. Mihai bekam Unterstützung vom europäischen Hochadel; er ist mit den meisten europäischen Herrscherhäusern verwandt, als Urenkel der britischen Königin Victoria (über beide Eltern) ist er ein Cousin dritten Grades der britischen Königin Elizabeth, des spanischen Königs Juan Carlos, des schwedischen Königs Carl Gustav, von der dänischen Königin Margrethe, des norwegischen Königs Harald. Dafür hat er keine ethnischen Rumänen als Vorfahren.

Dennoch, und obwohl er einen Teil seiner Gemälde verkaufte, er verdiente selbst, als Pilot von Transportmaschinen. Er wurde Vater von 5 Töchtern. Mihai nahm die Abdankung im Exil zurück. Er diskutierte im Exil mit seinem Onkel Nicolae (Nikolaus) und dem Chef der Hohenzollern-Sigmaringen-Hauptlinie in Deutschland, Friedrich, die Nachfolge der rumänischen Linie. Mihais Vater Carol, der in Portugal lebte, und den er ja mied, hat in einem Interview mit dem französischen “Figaro” Friedrich als Prätendent für Rumänien favorisiert. Mihai kam nicht einmal zum Begräbnis seines Vaters 1953. Während ihrer Studienzeit in Schottland hatte seine älteste Tochter Margarita (1949 in der Schweiz geboren) eine Beziehung mit dem späteren britischen Premierminister Gordon Brown, heiratete schliesslich einen Rumänen. Mihai hat neben der Schweizer Staatsbürgerschaft auch die britische (sein Pass ist auf den Namen “Michael de Roumanié” ausgestellt) sowie einen dänischen Diplomatenpass, seine Frau einen französischen.

In den früheren Jahren der kommunistischen Diktatur gab es (wie auch in anderen osteuropäischen Staaten) bewaffneten Widerstand, der vom CIA und anderen Organen westlicher Mächte unterstützt wurde, von der rumänischen Exil-Opposition wahrscheinlich organisiert wurde. Kein Volksaufstand, eher Guerillaaktionen, von aussen gelenkt, auch ethnische Minderheiten und ehemalige Faschisten/Gardisten/Legionäre waren unter den Kämpfern. Mihai stand mit der Exil-Opposition in engem Kontakt, v.a. mit Radescu, der in USA eine Art Exil-Regierung bildete, das Comitetul Național Român (Rumänisches Nationalkomitee, CNR), dann die Liga Românilor Liberi. Über Radio Free Europe/Liberty sprach Hohenzollern gelegentlich zu den Rumänen.

Nach Stalins Tod begann das rumänische Regime, sich von der sowjetischen Vorherrschaft zu lösen. Gheorghiu-Dej kam mit der Ent-Stalinisierung an die Macht, wurde Premier, dann Präsident. 1958 zogen die sowjetischen Truppen aus Rumänien ab. Schlimmstes Unterdrückungsinstrument des Regimes war die Geheimpolizei “Securitate”. Es wurde unter dem Kommunismus eindeutig eine minderheitenfeindlichere Politik als unter der Monarchie betrieben, ein neuer Nationalismus propagiert. Nicolae Ceausescu wurde 65 KP-Chef, 67 Staatschef, war ursprünglich ein Liberalisierer, verschärfte den antisowjetischen Kurs (zB keine Teilnahme CSSR-Intervention 1968, kein Olympia-Boykott in USA 1984). Trotz der “Moskau-Ferne” war das rumänische Regime wahrscheinlich die repressivste der kommunistischen Diktaturen Osteuropas.!

Rückkehr Ostern 1992
Rückkehr Ostern 1992

Seit der Wende

Ende 1989 die blutige und späte Wende in Rumänien, der Sturz Ceausescus im Dezember, die neue Führung unter den Reformkommunisten unter Iliescu, die Neugründung von Parteien. Im Mai 1990 Wahlen, Sieg der reformkommunistischen PSD, die Errichtung einer semi-präsidentiellen Republik (nach französischem Vorbild). Im Dezember 1990 kehrte Mihai nach 43 Jahren nach Rumänien zurück, mit einigen Familienmitgliedern. Am Weg vom Bukarester Flughafen nach Curtea de Arges wurde die Reisegruppe aufgehalten und wieder zurückgeschickt; Iliescu scheint es sich anders überlegt zu haben. Dass man, wie in Spanien, nach der Diktatur eine konstituonelle Monarchie aufrichtet, war für “einige” Rumänen damals die beste Option.

Ostern 1992 war die erste richtige Rückkehr (Foto), in Bukarest kamen eine Million Menschen um ihn zu sehen. Unter Präsident Emil Constantinescu durfte Mihai 1997 wieder kommen und bekam auch seine rumänische Staatsbürgerschaft zurück. 2001, inzwischen war wieder Iliescu an der Macht, wurde er von diesem eingeladen, es kam eine gewisse Normalisierung der Beziehungen zwischen den Postkommunisten und der ehemaligen Königsfamilie zu Stande. 2011 wurde Hohenzollern, als ehemaliges Staatsoberhaupt, vom rumänischen Staat anlässlich seines 90. Geburtstages eingeladen, um im Parlament zu reden und geehrt zu werden. Präsident Basescu, Premier Boc (aus dem Lager der PD-L) und einige Minister und Abgeordnete fehlten dabei. Mihai seinerseits ignorierte Ex-Präsident Iliescu (http://www.youtube.com/watch?v=slnxyQ-Sbpw).

2003 beantragte der Ex-König die Restitution von Immobilien (Schloss Peles, Elisabeth-Palast,…) und Mobilien (v.a. Kunstsammlungen). Es wurde eigentlich sehr grosszügig zu seinen Gunsten entschieden, er bekam das meiste was er wollte. 2008 zog er wieder in Peles ein. Der Elisabeta-Palast wird heute staatlich verwaltet, dem Königshaus aber zur gelegentlichen Nutzung überlassen. Seit der Rückgabe der Immobilien pendeln Hohenzollern und seine Ehefrau zwischen Rumänien und der Schweiz.

Michael hat keine Söhne und es gibt auch keine “unumstrittenen” männliche Nachkommen früherer rumänischer Könige. Sein 06 verstorbener Halbbruder Carol Lambrino entstammt der ersten Ehe seines Vaters, welche in Rumänien damals annulliert wurde; daher kommen dessen Söhne und Enkel nicht in Frage als Nachfolger Mihais als Chef des Hauses und Thronanwärter. Aber wodurch ist diese Nachfolge-Frage (bei der es natürlich auch um das materielle Erbe geht) eigentlich geregelt? Zu Zeiten der Monarchie in der Verfassung Rumäniens, in jenen von 1866, 1884 und 1923 (die letzte demokratische des Königreichs). Darin wurde die Thronfolge “salisch” geregelt, also über den kompletten Ausschluss von Frauen. Durch die Abschaffung der Monarchie hat diese Regelung keine offizielle Bedeutung, aber eine der Tradition. In diesen früheren staatlichen rumänischen Regelungen ging die Nachfolge (die damals eine Thronfolge war) bei “Nicht-Verfügbarkeit” von männlichen Nachkommen auf die deutsche Hohenzollern-Sigamaringen-Hauptlinie zurück – wie nach dem Tod von Carol I. geschehen. Als sich für Mihai die Nachfolge-Frage stellte, wurde auch der Sohn seiner zweiten Tochter, Nicolae, in Betracht gezogen, was natürlich ein Bruch mit der Tradition bzw den damals akuellen Hausregeln gewesen wäre, da die Folge über eine weibliche Person auf diesen überging. Es soll auf den Einfluss seiner Frau zurückgehen, dass Mihai 1997 seine älteste Tochter Margarita als Nachfolgerin designierte.

2007 änderte er die Hausgesetze so ab, dass diese “Nachfolge” möglich wurde; weibliche Nachfolge wurde darin ermöglicht und Ausländer (also das deutsche Stammhaus) ausgeschlossen. Die “Fundamentalen Regeln des Rumänischen Königlichen Hauses” von 2007 beschränken die Nachfolge auf die rumänischen Hohenzollern, bei Bevorzugung des männlichen Geschlechts. Unzufriedenheit mit dieser Regelung gibt es von verschiedenen Seiten, u.a. von rumänischen Monarchisten. Bemerkenswererweise ist Margaritas rumänischer Ehemann bei ihnen unbeliebt. In den früheren Verfassungen war die Heirat eines Thronfolge-Kandidaten mit “Rumänen oder nicht-standesgemäßen Personen” ein Ausschlussgrund… Die Regeländerung führte zum Bruch mit dem deutschen Stammhaus (http://www.adz.ro/artikel/artikel/entscheidung-zum-neunzigsten/ ). Infolgedessen änderte der Ex-König 2011 den Namen seiner Dynastie von „Hohenzollern-Sigmaringen“ auf „Rumänien“. Fraglich ist, ob sein “bürgerlicher” Name (und jener von Angehörigen) in seinen diversen Pässen auch aufgrund dessen geändert wurde.

Zu monarchistischen Kreisen hat Mihai ein „loses“ Verhältnis. Das zum rumänischen Staat (der demokratisch aber korrupt ist) ist heute ein relativ gutes. Er hat auf den Thron nicht verzichtet, erhebt aber auch keine Ansprüche. Bei der Präsidenten-Wahl letztes Jahr hat Premier Ponta (Kandidat der ex-kommunistischen PSD) neben einer Vereinigung mit Moldawien die Wiedereinführung der Monarchie ins Spiel gebracht; Gegenkandidat Johannis (PNL) ist Mihai “sehr verbunden” und ebenfalls “offen” bezüglich Moldawien. 2014 wurden Mihai und Anna auch auf einer rumänischen Briefmarke abgebildet. Johannis residiert heute als Staatspräsident im Cotroceni-Palast, in dem früher auch die rumänischen Hohenzollern lebten. Im benachbarten Bulgarien hat Simeon nach seiner Rückkehr eine Partei gegründet und mit ihr die Wahl 2001 gewonnen, wurde Premier; er ist einer von nur zwei ehemaligen Monarchen, die durch demokratische Wahlen an die Staats- oder Regierungsspitze kamen (Norodom Sihanouk in Kambodscha der andere). So etwas kam für Hohenzollern nie in Frage; wenn schon, dann wieder König.

Es ist unklar, wieviele es sind, aber es gibt sie, die Rumänen, die der Meinung sind, dass dies keine schlechte Möglichkeit wäre. Zu Moldawien, dem ehemaligen Bessarabien, 1991 mit dem Auseinanderfall der Sowjetunion unabhängig, erklärte Mihai 2001: „Wir haben keine Gebietsansprüche unseren Nachbarn gegenüber. Aber wir können Versuche, unsere Geschichte umzuschreiben, indem man erklärt, dass Rumänen, die außerhalb unseres Landes leben, einer anderen Nation angehören oder eine andere Sprache sprechen würden, nicht tolerieren.“ 2011 hat ihn der damalige Präsident Traian Basescu in einer TV-Sendung scharf attackiert, ihn als Verräter an die Russen (anscheinend meinte er damit die Abdankung 1947) und mitschuldig am Holocaust in Rumänien bezeichnet. Der Ex-König sagte dazu der BBC, es sei nicht wert, darauf zu reagieren.

Mihais Halbbruder (er hat sonst keine Geschwister) hatte einen Sohn, Paul-Philippe Hohenzollern (auch Paul Lambrino genannt). Dieser behauptet, das eigentlich legitime Oberhaupt der ehemaligen königlichen rumänischen Familie zu sein; die Ehe Carols mit “Zizi” Lambrino sei von der orthodoxen Kirche nicht annulliert worden, daher seien Carols folgende Ehen ungültig gewesen. Dies versuchte er, in Rumänien auch gerichtlich einzuklagen. 2000 kandidierte er bei der rumänischen Präsidentschaftswahl (jene, bei der Iliescu an die Macht zurückkehrte) als unabhängiger Kandidat. Er hat seinen Onkel auch attackiert, dass dieser für die unter Antonescu begangenen Verbrechen mit-verantwortlich sei und rief zu seiner Hinrichtung auf. Die sterblichen Überreste Carols wurden 2003 aus Portugal nach Rumänien (Curtea de Argeș) überführt. Ein Deutscher namens Dieter Stanzeleit behauptet, Mihais Sohn zu sein. Margaritas Ehemann Radu Duda wiederum soll ein ehemaliger Securitate-Agent sein.

Mihai, der Hitler, Mussolini, Stalin and Churchill kennengelernt hat, ist ein häufiger Gast bei hochadeligen Hochzeiten in Westeuropa, etwa bei jener des britischen Prinzen William.

Mit Klaus Johannis, zwischen desser Wahl und Angelobung
Mit Klaus Johannis, zwischen dessen Wahl und Angelobung 2014

 

Ivor Porter: Michael of Romania. The King and the Country (2005)

Michael Kroner: Die Hohenzollern als Könige von Rumänien. Lebensbilder von vier Monarchen 1866-2004 (2004)

Arthur G. Lee: Crown Against Sickle. The Story of King Michael of Rumania (1949)

Edda Binder-Iijima, Heinz-Dietrich Löwe, Gerald Volkmer (Hg.): Die Hohenzollern in Rumänien 1866-1947. Eine monarchische Herrschaftsordnung im europäischen Kontext (=Studia Transylvanica Bd. 41; 2010)

Ioan Scurtu: Monarhia în România: 1866-1947 (1991)

Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944 (1954)

Nicolette Franck: O înfrângere în victorie (1944 – 1947) (1992)

Diana Mandache: Regele Mihai. Album istoric (2013)

Peter Gosztony: Endkampf an der Donau 1944/45 (1978)

Homepage der Familie des Ex-Königs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die NVA und ihr Ende

Die NVA

* Deutschland nach dem Untergang infolge von Nazi-Diktatur und 2. Weltkrieg Brennpunkt des Kalten Krieges; 1949 Gründung BRD & DDR

* In der DDR 1952 Kasernierte Volkspolizei gegründet u. a. halbmilitärische Verbände, unterstanden dem Innenministerium (Volkspolizei existierte in der SBZ schon ab 1945); 1955 DDR Gründungsmitglied Warschauer Pakt

* 1956 Gründung Nationale Volksarmee (NVA), als Reaktion auf die Remilitarisierung Westdeutschlands (55/56 Gründung Bundeswehr), als Freiwilligenheer; W. Stoph 1. Verteidigungsminister; 1. Stabschef („Chef des Hauptstabes“) u. gleichzeitg stellvertr. Vert.-Min. Vincenz Müller: aus Bayern, SU-Kriegsgefangenschaft, aktiv in Blockpartei NDPD, Wiedervereinigung als Ziel, später Selbstmord; kannte einen der “Gründungsväter” der Bundeswehr, Adolf Heusinger, aus der Reichswehr (Weimarer Rep.); erste Führungsschicht der NVA wie Müller Ex-Wehrmachts-Offiziere aus SU-Kriegsgefangenschaft (dort indoktriniert bzw “umgeschult”) oder, wie Heinz Hoffmann, in NS-Zeit in SU exilierte Kommunisten (dort militärisch geschult); Hoffmann auch Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg; 1961 auch Paulus (Stalingrad) nach Freilassung in die DDR. Beide deutsche Armeen waren aus den Resten der besiegten Wehrmacht hervorgegangen, beide galten in ihren Militärblöcken als besonders gut ausgerüstet und zuverlässig.

* Die NVA sah ihre militärischen Vorbilder in den Kämpfern der Bauernkriege 1524/1525, der anti-napoleonischen Befreiungskriege 1813 und der Revolutionen von 1848 und 1918. Ferner dienten die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 und die „Rettung des Friedens am 13. August 1961“ (Mauerbau) als Vorbild. Die preussische Tradition wurde in Form des Grossen Zapfenstreichs oder im Beibehalt des Stechschritts (modifiziert als „Exerzierschritt“) gepflegt. An preussischen Militärs waren auch einige Orden und Ehrenzeichen der NVA orientiert, so der Blücher- und der Scharnhorst-Orden. Die NVA berief sich sogar auf deutsche Traditionen, im Gegensatz zur amerikanisierten Bundeswehr. Die Uniform war feldgrau, jener der Wehrmacht und der Reichswehr sehr ähnlich, die Stiefel zum reinschlüpfen, nicht zum schnüren. Auch das Design der Helme knüpfte an deutsche militärische Traditionen, die zum grossen Teil auf Preussen (dessen Zentrum in der späteren DDR lag) zurückgehen, an.

* 1960 Nationaler Verteidigungsrat geschaffen (Dezember 1989 aufgelöst). 1962 allg. Wehrpflicht eingeführt; auch um sie zu umgehen, versuchten manche in den Westen zu flüchten. Manche “Wessis” gingen aufgrund ihrer Wehrpflicht nach W-Berlin wo sie aufgrund der alliierten Vorbehaltsrechte nicht umgesetzt wurde. ’64 in DDR Möglichkeit zum Wehrersatzdienst (Art Zivildienst) geschaffen. Frauen konnten freiwillig Laufbahnen in den rückwärtigen und medizinischen Diensten einschlagen.

* NVA-Soldaten hatten wenig Freizeit. Den ersten Urlaub für Wehrpflichtige gab’s erst nach einer gewissen “Eingewöhnungszeit”, und über heimatnahes Stationieren war nicht zu reden – wer aus dem Erzgebirge kam, musste zur Marine und Schwimmen lernen, die von der Ostsee mussten Schilaufen üben. Während Bundeswehr-Soldaten freitags üblicherweise in ihren Privatfahrzeugen die Kasernen verliessen, hatten ihre Kollegen in der NVA nur an einem Abend in der Woche Ausgang, konnten meist nicht einmal Weihnachten ihre Familien sehen, mussten selbst im Urlaub jederzeit erreichbar sein. Zivilkleidung war nicht drin bei Ausgang, nur für Offiziere. Viel Geheimhaltung und Abschottung von der restlichen Gesellschaft, geringere Akzeptanz von ihr. Insgesamt wurde dem Material ein viel höherer Stellenwert eingeräumt, als dem Personal: Nach der Wende stieß man auf perfekt instand gehaltene Wartungshallen für die Fahrzeuge und im Kontrast dazu auf völlig heruntergekommene Unterkünfte für die Soldaten. Es stellte sich heraus, dass die NVA über mehr Feuerkraft verfügte als die alte Bundeswehr – obwohl letztere viermal mehr Soldaten hatte. Verhältnis von Unteroffizieren zu Mannschaften betrug in der NVA 1:1, in der Bundeswehr aber 1:3. Etwa 50% der Offiziere erfüllten Aufgaben, die in der Bundeswehr von Unteroffizieren übernommen wurden.

* ’68 Teilnahme an Niederschlagung des Prager Frühlings bzw. Bereitschaft dazu: NVA nahm an der Besetzung nicht teil, allerdings standen zwei ihrer Divisionen an der Grenze bereit. Nur etwa 30 Soldaten einer NVA-Nachrichteneinheit weilten während der Militäraktion im Führungsstab der Invasionstruppen auf dem Truppenübungsplatz Milovice. Daneben Stationierungen und Hilfestellungen in diversen afrikanischen Staaten, Ausbildung und Waffenlieferungen (Militärhilfe) auch für andere Staaten (in Lateinamerika, Asien). Die NVA verfügte über keine eigenen Nuklearwaffen, aber über die Trägermittel, mit denen sowjetische Atomsprengköpfe hätten eingesetzt werden können, darunter das ab 1985 eingeführte Kurzstrecken-Raketensystem SS-23 (nuklere[r] Teilhabe/Schirm). SU-Militärstützpunkte in SBZ/DDR.

* DDR-Verteidigungsministerium war in Strausberg bei Berlin, Minister nach Stoph bis Wende: 1960 bis 1985 Heinz Hoffmann, 1985 – Nov. 1989 Heinz Kessler. Neben dem MfS gab es in der DDR die Militärische Aufklärung der Nationalen Volksarmee mit Sitz in Berlin-Köpenick. Wie auch bei der BuWe zuerst Import von Waffen (von der Schutzmacht), später Export > Rüstungsindustrie.

Diskussionsbeitrag aus politikforum.de:

Ob in der Bundesrepublik eine Grundordnung herrscht und ob diese freiheitlich-demokratisch ist, ist eine Frage der Interpretation
Es gibt da sicherlich verschiedene Auffassungen
Eines ist klar:
Wenn die Mitbürger aus dem Westen Deutschlands um Hilfe bei der Befreiung von der Geißel des amerikanischen Imperialismus ersucht hätten, wäre die NVA mit ihren Verbündeten zur Stelle gewesen
Allerdings:
Beim ersten Sex-Shop wären die Volksarmisten rechts ran gefahren und erstmal für 30 min staunend darin verschwunden
Insofern für Angriffsoperationen gegen die NATO tatsächlich nur bedingt geeignet

Die Wende

Kein Eingreifen der NVA während der Wende 89/90. “Stasi” musste in dieser Zeit ihre Waffen an die NVA abgeben. Der langjährige SED-treue Minister für Nationale Verteidigung Heinz Kessler trat im November 1989 von seinem Amt zurück. Admiral Theodor Hoffmann wurde sein Nachfolger. Hoffmann reagierte auf die Proteste mit Zugeständnissen in Form von Sofortmaßnahmen: Die Wehrdienstzeit wurde von 18 auf 12 Monate reduziert, die heimatnahe Einberufung wurde umgesetzt, die Soldaten wurden nicht mehr in der Landwirtschaft und Produktion eingesetzt, die wöchentliche Dienstzeit wurde auf 45 Stunden begrenzt.

Am 20. Januar 1990 gründete sich mit dem Verband der Berufssoldaten der Nationalen Volksarmee eine eigenständige Interessenvertretung der NVA-Soldaten.

Freie Wahl der DDR-Volkskammer im März 1990, Sieg der von der Ost-CDU geführten Allianz. Bildung einer Regierung im April (Koalition aus der CDU-Allianz, der SPD und dem liberalen “Bund freier Demokraten”), der Pfarrer und Dissident Rainer Eppelmann vom Demokratischen Aufbruch (später Übertritt zur CDU) wird Minister für Verteidigung (und Abrüstung), der erste der nicht der SED angehörte und der erste Zivilist. Sein Vorgänger Hoffmann wurde von ihm als „Chef der NVA“ (neugeschaffene Funktion) bestellt (bis Sep., dann Engelhardt). Neue und alte Leute im Verteidigungsministerium. Grätz von Eppelmann als Chef d. Hauptstabes bestätigt; im Sep. Schlothauer. Eppelmann redete anfangs von zwei deutschen Armeen auch nach einer Wiedervereinigung.

Ab 20. Juli 1990 legten die Berufssoldaten der NVA einen neuen Fahneneid ab. Am 23. August 1990 erfolgte die Herausgabe eines Befehls des Ministeriums für Abrüstung und Verteidigung, bis zum 28. September die Gefechtsfahrzeuge, Schiffe und Flugzeuge zu entmunitionieren – NVA war ganz auf bzw. gegen die BRD ausgerichtet.

Weg zur Wiedervereinigung: 31. 8. Einigungsvertrag zw. BRD u. DDR (nach Gorbachovs OK) > die beiden Armeen, die sich fast 35 Jahre feindlich gegenüber gestanden waren, sollten vereinigt werden, bzw die NVA in der Bundeswehr aufgehen. BRD-Verteidigungsministerium plante ab Sommer 90 die Übernahme der NVA, Eppelmann wurde eher Befehlsempfänger. Zwei-plus-Vier-Vertrag Sep. 90: Zu den Bestimmungen des Vertrages gehört der Verzicht auf atomare, biologische und chemische Waffen, die Reduzierung und Beschränkung der Truppenstärke der deutschen Streitkräfte auf 370 000 Soldaten und der Abzug der sowjetischen Truppen bis 1994 usowie das Verbot der Stationierung von Atomwaffen und ausländischen Truppen auf ostdeutschem Gebiet.

Unterschiede zwischen der Bundeswehr und der NVA (ideologisch, technisch, organisatorisch,…) waren gross bzw schwer überbrückbar, aber allein zur Bewachung der gewaltigen Waffenbestände und für die Bedienung von NVA-Gerät brauchte man, zumindest mittelfristig, NVA-Personal. Auch sollte durch Übernahme eines Teils der etwa 120 000 Mann der NVA ein Zeichen für das innere Zusammenwachsen Deutschlands gesetzt werden. Mit der Unterzeichnung des Einigungsvertrages erfolgte auch die Beendigung der militärischen Aus- und Weiterbildung von Angehörigen der NVA an sowjetischen, polnischen, tschechoslowakischen und anderen Lehreinrichtungen im Ostblock. Vorbereitungen zur Auflösung der NVA

Ab dem 28. August nahm eine Verbindungsgruppe der Bundeswehr im DDR-Ministerium für Abrüstung und Verteidigung in Strausberg ihre Arbeit auf. Generalleutnant Jörg Schönbohm, der aus dem Osten stammt, wurde von BRD-VM Stoltenberg zum zukünftigen Oberbefehlshaber des neuen Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg ernannt.

Bereits vom 1. September an wurden Wehrpflichtige der NVA von Bundeswehrsoldaten nach deren Vorschriften ausgebildet. Am 9. September 1990 begannen 280 Offiziere der NVA an der Offiziersschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck (Bayern) eine Vorlaufausbildung, um auf ihre Aufgaben als Offizier der Bundeswehr vorbereitet zu werden. Alle Generäle und Admirale der NVA wurden am 27. September entlassen bzw. pensioniert, noch von der DDR-Regierung, so dass alle Führungspositionen, aber auch etwa die Hälfte aller Kommandos unterhalb der Divisionsebene, von der alten Bundeswehr besetzt werden konnten, die begann, in der sterbenden DDR eine Rolle zu spielen. Der erste Schnitt erfolgte also noch zu DDR-Zeiten.

Am 24. September 1990 unterzeichnete die DDR ein Protokoll über den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Verbindungen der NVA zu den SU-Truppen in DDR wurden gekappt. Auflösung der Grenztruppen

Die Vereinigung

Einrollen von NVA-Truppenfahnen
Einrollen von NVA-Truppenfahnen

1. 10. Sammlung der für den Osten vorgesehenen 2000 BuWe-Offiziere im Westen, 2. 10. Anreise in den Osten (in die Standorte der NVA sowie das VM), ohne Waffen, zT in Uniform. Ein ehemaliger NVA-Major erzählte, als er in diesen Tagen im übergeordneten Stab Westoffiziere zu seinem Standort abholen sollte (den diese übernehmen sollten), und er dazu mit dem Bus gekommen war, stellte er fest, daß die neuen Vorgesetzten alle mit eigenen Autos angereist waren. So führte er mit dem leeren Bus die Fahrzeugkolonne an, immer in der Angst, von den grosszylindrigen Westautos überholt zu werden.

Nacht vom 2. auf 3. Oktober 1990: Wiedervereinigung Deutschlands, Übernahme der Befehls- und Kommandogewalt über die Truppenteile der aufgelösten NVA (90 000 Berufssoldaten und Wehrpflichtige sowie 47 000 Zivilbeschäftigte) und ihrer Ausrüstung & Immobilien durch BRD-VM bzw BuWe unter Minister Stoltenberg und Generalinspekteur Wellershoff (erster BuWe-GI der nicht in Wehrmacht gedient hatte). Das Bundeswehrkommando Ost unter Schönbohm am Sitz des bisherigen (aufgelösten) DDR-VM in Strausberg übernahm die militärische Führung; es sollte als zentrale Führungseinrichtung auf dem Gebiet des beigetretenen Teils Deutschlands für eine Übergangszeit die Integration der ehem. NVA in die BuWe durchführen (mit ihm erhielt erstmals in der Geschichte der Bundeswehr ein General den „Oberbefehl“ über Truppenteile und Dienststellen aller drei Teilstreitkräfte). In der Vereinigungsnacht waren Eppelmann, Stoltenberg, Schönbohm gemeinsam in Strausberg; Eppelmann übergab Befehl über Ex-NVA an BRD-VM Stoltenberg. Die NVA-Offiziere trugen Zivil, um Mitternacht stiessen sie mit Schönbohm auf die Einheit Deutschlands an. Als Schönbohm den Empfang verliess, hatten die Wachen am Eingang ihre Uniformen gewechselt, zu NATO-Olivgrün mit aufgenähter dt. Fahne. In den Verbänden und Einrichtungen traten ab Mitternacht Offiziere und Unteroffiziere aus dem Westen, v.a. als Vorgesetzte, ihren Dienst an. Uniformwechsel der übernommenen Ex-NVA-Soldaten, Wechsel der Symbole auf den Einrichtungen.

Die noch verbliebenen Politoffiziere, Soldaten über 55 Jahre, Offiziere, die als Inoffizielle Mitarbeiter für die Staatssicherheit bekannt waren, sowie die weiblichen Armeeangehörigen (mit Ausnahme der Offiziere des Sanitätsdienstes) wurden gleich entlassen bzw. in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Einige wenige Generäle wurden in die Bundeswehr übernommen; etwa solche (als “Berater in Zivil”) die gebraucht wurden um den Überblick über das gesamte militärische System zu bekommen, den in der NVA nur wenige hatten. Vergrösserte BRD NATO-Mitglied. Bundeswehr so erstmals nach Berlin (zunächst in eine zuletzt von DDR-Grenztruppen genutzte Kaserne in Treptow); auch NVA hatte aufgrund Alliiertenstatut dort nur kleine Stadtkommandantur gehabt. Am 3. Oktober war die Stärke der Bundeswehr auf 590 000 Mann angewachsen. Gemäß den Vereinbarungen zwischen Kohl und Gorbatschow musste diese Zahl reduziert werden; von Anfang an war klar, daß der Löwenanteil der Reduktion auf die DDR-Armee entfallen musste. NVA-Verbände wurden aufgelöst und neue Bundeswehrverbände aufgestellt, manche gleich nach der Vereinigung (etwa Politapparat, Militärgerichtsbarkeit), manche später. Militärbezirke wurden zu Divisionen und Wehrbereichskommandos, Divisionen zu Brigaden, Regimenter zu Bataillonen. Hilfe bei Abbau der innerdeutschen Grenze. Im Berliner Bendlerblock richtete das gesamtdeutsche Verteidigungsministerium seinen zweiten Dienstsitz ein.

Die Vereinigung der Armeen lief ohne Zwischenfälle ab. Das hätte aber auch anders kommen können. Es soll, v. a. in der NVA-Marine, Offiziere gegeben haben, die überlegten, Protestaktionen zu setzen oder sich “zu wehren”. Aus Verzweiflung über die berufliche Zukunft, vielleicht auch aus Stolz. Ein bristantes Alternativszenario…

Ein grosser Teil des Unteroffizierkorps sowie der grösste Teil des verbliebenen Offizierkorps wurde bis Jahresende 1990 entlassen (v.a. obere Ränge). Weit über 90 Prozent der Offiziere waren Mitglieder der SED (gewesen), und nur etwa 11 000 von 36 000 Offizieren stellten überhaupt einen Antrag auf Übernahme. Bis zum 31. 12. 1990 hatten auch alle NVA-Soldaten, die älter als 50 Jahre waren, die Armee zu verlassen. Sie sollten weiterhin 2/3 ihrer NVA-Dienstbezüge erhalten. Insgesamt sollten im Osten Deutschlands 50 000 Mann Dienst tun. Diese Gesamtstärke sollte sich aus 25 000 Wehrpflichtigen, 5 000 Soldaten der alten Bundeswehr und bis zu 20 000 Berufs- und Zeitsoldaten der ehemaligen NVA zusammensetzen. Die ehemaligen NVA-Angehörigen wurden häufig mit einem oder auch zwei Dienstgraden niedriger in die Bundeswehr übernommen, da die Beförderungen in der NVA früher erfolgten als in der Bundeswehr. Soldaten, die bleiben wollten, erhielten den Status „Weiterverwender“. Sie konnten für zunächst zwei Jahre Soldat auf Zeit werden. Bis 1994 wurden 58 000 Soldaten aus dem Westen im Osten stationiert. Gegen die Stationierung von ehemaligen NVA-Offizieren im Westen herrschten in der alten Bundeswehr zunächst große Vorbehalte. Das Schicksal der (aus welchen Gründen auch immer) aus der NVA ausgeschiedenen Berufssoldaten am Arbeitsmarkt war oft schwierig

Peter Miethe war einen Monat vor dem Fall der Mauer mit damals 45 Jahren zum Konteradmiral ernannt worden; er war der jüngste General in der Geschichte der NVA und der letzte Offizier der NVA, der in den Admiralsrang erhoben wurde. Etwa ein halbes Jahr später, nach der März-Wahl, demissionierte er und nahm mit einer einmaligen Abfindung von 2500 Mark seinen Abschied nach 28 Dienstjahren. Beim Angeln lernte er einen Geschäftsmann aus dem Westen kennen. In komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu denken war eine Stärke, die auch ausserhalb des Militärs anzuwenden war, kamen die beiden überein. So verkauft Miethe seither Kücheneinrichtungen. Daneben engagierte er sich politisch, bei der SED-Nachfolgepartei PDS, gegen die Wehrpflicht im vereinten Deutschland, für die Rehabilitation von Wehrmachts-Deserteuren und für amerikanische Deserteure während des Vietnamkrieges.

Leute, denen das Leitbild ihres Lebens abhanden gekommen war, mussten noch mehr verdauen. Für die ehemaligen NVA-Soldaten bestand ein Anpassungszwang, weil die West-Offiziere in allen Belangen dominant waren. Unterordnung unter BuWe funktionierte aber. Zum einen übernahm eine Organisation, die auf Befehl und Gehorsam aufbaut war, eine andere, für die das ebenso galt. Geradezu erleichtert waren viele, daß mit dem Einzug der Bundeswehr das „Chaos“ der NVA infolge der Reformen im letzten Jahr der DDR sein Ende nahm. Oft war ein Rückzug der ehemaligen NVA-Soldaten auf das vertraute militärisch-handwerkliche Terrain zu beobachten. Arrangement mit Vereinigung und West-Dominanz war sowieso erforderlich. Auch gab es hier „Wendehälse“, die sich jedem System anpassen könnten. Viele wuschen die neue, knittrige, Uniform extra stark, bügelten sie hingebungsvoll, nicht wissend dass diese so aussehen sollte. Bei Umschulungen fielen NVA-Offiziere auf, indem sie bei Fragen und Antworten aufstanden und militärische Haltung annahmen.

Die Einberufung und Ausbildung Grundwehrdienstleistender lief rund um die Vereinigung auch in Ost-Deutschland weiter. Am 19. Oktober 1990 erfolgte das erste öffentliche feierliche Gelöbnis von Rekruten im Bereichs des Bundeswehrkommandos Ost, auf dem Marktplatz in Bad Salzungen (TH), einer ehemaligen Nahtstelle zwischen Ost und West, wo der Kalte Krieg zwischen den Blöcken im Fall des Falles vermutlich früh in einen heissen umgeschlagen wäre.

Nach Ablauf der 2 Jahre “Probezeit” wurde aufgrund der Eignung der ehemaligen NVA-Soldaten und des Bedarfs über eine Weiterverpflichtung als längerdienender Soldat auf Zeit bzw. Berufssoldat entschieden. Entscheidend war die Beurteilung durch den neugeschaffenen “Unabhängigen Ausschuss Eignungsprüfung” (AEP), der nach dem Personalgutachterausschuss nachempfunden war, welcher 1955 über die Übernahme von ehemaligen Wehrmachtssoldaten in die neugeschaffene Bundeswehr entschieden hatte. Etwa 500 Offiziere und 1000 Unteroffiziere wurden entlassen, weil sie eine Tätigkeit für die Stasi verschwiegen hatten und diese auf Grund von Hinweisen des Beauftragten für die Unterlagen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit ans Licht kam. Etwa 11 000 Leute aus der Ex-NVA wurden nach diesem 4. Schnitt 1992 dauerhaft übernommen, darunter 3 000 Offiziere. Die Bundeswehr schloss die meisten Standorte (Dienststellen) der Ex-NVA, verkaufte den Grossteil d. Ausrüstung (Waffen, etc.), vernichtete/ verschrottete sie z.T. (zB viele Panzer), verschenkte einen kleinen Teil, an die SU (zurück), an die USA als „Golfkriegshilfe“, oder an Hilfsorganisationen. Auch vom Material wurde nur wenig übernommen, etwa eine Staffel Jagdflugzeuge.

Ex-NVA-Soldaten in Bundeswehr „Soldaten 2. Klasse“, als Verlierer in einem Krieg, in dem kein Schuss abgefeuert worden war? Zusatz „gedient in fremden Heeren“ für Ex-NVA-ler bis 05, seither „gedient außerhalb der Bundeswehr“. Anhang „…a. D.“ zu letztem Dienstgrad aufgrund Einigungsvertrag verboten für ehem. NVA-Offiziere – im Gegensatz zu früheren Angehörigen der Wehrmacht; Umstoss dieser Regelung scheiterte 2005 im Verteidigungsausschuss des Bundestages. Dienstzeiten in der NVA werden für die Pension nicht voll angerechnet, auch nicht von in Bundeswehr Übernommenen. Unterschiedliche Besoldung Ost-West heute in BuWe, wie auch für andere Angestellten des öffentlichen Dienstes.

Das BuWe-Kommando Ost wurde mit 1. 7. 91 aufgelöst, die Truppen im Osten Deutschlands den Teilstreitkräften unterstellt (Ende der Sonder-Strukturierung der BuWe in Ex-DDR). Im April 91 wurde das “Korps- und Territorialkommando Ost” gebildet, in Nachfolge des “Heereskommando Ost” (nach Vereinigung gebildet, zur Eingliederung von Teilen der Landstreitkräfte der NVA), Potsdam war Sitz des Stabes, bis 94 unterstand es von Scheven (zuvor Schönbohms Stellvertreter). 1995 wurde daraus das IV. Korps (ein BuWe- Territorialkommando), und das letzte rein national geführte Korps des deutschen Heeres der NATO unterstellt. Dies hatte damit zu tun, dass gemäß den Vereinbarungen bis zum Abzug der Roten Armee aus Ostdeutschland dort keine NATO-Truppen stationiert waren bzw dortige Truppen auch nicht in die NATO-Kommandostruktur integriert wurden. 2002 wurde das IV. Korps mit der Umgliederung der Bundeswehr und der geplanten Senkung der Personalstärke auf 280 000 Soldaten aufgelöst.

Durch das Ende des Kalten Kriegs infolge des Endes der Sowjetunion 1991 musste die frisch entstandene “neue” Bundeswehr gleich wieder umorientiert werden. In den 1990ern kamen dann zunehmend internationale Aufgaben hinzu. 1994 der Abzug der russischen Truppen. In Ostdeutschland dürfen nach wie vor keine Kernwaffenträger installiert werden. Einige Stabsstellen und Institutionen der Bundeswehr wurden nach Ostdeutschland verlegt, so das Marinekommando (von Wilhelmshaven) nach Rostock oder das 2001 geschaffene Einsatzführungskommando nach Geltow bei Potsdam, die Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation hat ihren Sitz in Strausberg.

Insgesamt war das Aufgehen der NVA in der Bundeswehr ein Spiegelbild der Vereinigung, die wenig von einem Zusammenführen hatte. Der Osten wurde auch hier unter seinem Wert geschlagen. Erster General der BuWe aus dem Osten wurde eine Frau, die Berlinerin Erika Franke, zu DDR-Zeiten als Ärztin bei der Volkspolizei, wurde Generalärztin. Thomas Hausmann ist unter jenen Ex-NVA-Offizieren, die in der BuWe am höchsten aufstiegen, er wurde Oberstleutnant, was er auch in der NVA gewesen war; er arbeitete beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr, das im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) aufging, mit Hauptsitz in Potsdam. Insgesamt gibt es heute ein Übergewicht von “Ossis” in der Bundeswehr, die meisten davon haben aber keine NVA-Vergangenheit.

NVA-Nostalgie-Seite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herausragende Gefängnis-Ausbrüche

So lange es Gefängnisse gibt, so lange gibt es Versuche, von dort zu flüchten bzw. auszubrechen; auch beim Transport dorthin oder aus Polizei-Gewahrsam. Fluchtversuche sind nicht immer spektakulär und die meisten scheitern. Die meisten, denen die Flucht gelingt, werden bald geschnappt, viele auch dabei getötet. Die am häufigsten angewandte Methode soll das Fernbleiben nach dem Freigang sein und nicht Täuschung, Gewalt, mühevolle Kleinarbeit oder geniale Einfälle. Manchmal wird die Flucht gemeinsam unternommen, manchmal einzeln, ab und zu gibt es Flucht-Hilfe von aussen (auch von Wärtern gelegentlich). Etwas anderes sind Gefängnis-Meutereien wie jene von Attica (USA) 1971.

* Die Alcatraz-Insel vor San Francisco wurde nach der Eroberung Kaliforniens und anderer mexikanischer Gebiete durch die USA lange als militärischer Stützpunkt genutzt, ab 1934 als Bundesgefängnis. Dorthin wurden Gefangene gebracht, die in der einen oder anderen Hinsicht als gefährlich galten, so auch “Al” Capone. Natürlich wurden Fluchtversuche unternommen, insgesamt 14, 36 Männer waren darin involviert (2 2 x), 11 wurden dabei getötet. 1937 gelang es zwei Gefangenen, durch das Fenster einer Werkstatt zu entkommen, und in das Wasser der Bucht von San Francisco zu klettern, das an diesem Tag nicht nur kalt sondern auch sehr turbulent war; die Flüchtenden wurden weder im Wasser noch am Land gefunden, es wird angenommen, dass sie ertrunken sind. 1946 ereignete sich auf Alcatraz ein Aufstand von Gefangenen, die Wärter als Geiseln nahmen, um mit deren Transportschiff zu fliehen. Bei der Befreiungsaktion (auch mit Handgranaten) wurden nicht nur drei Insassen sondern auch zwei Wärter getötet.

1962 entkamen Frank Morris und die Anglin-Brüder John und Clarence. Zu den monatelangen Vorarbeiten gehörte v. a. das Graben einer Vergrösserung der vergitterten Öffnungen in ihren Zellen zum Lüftungsschacht, mit in die Zellen geschmuggelten Essbestecken und einer aus Staubsaugerteilen gebauten Bohrmaschine. Der vom Salzwasser angegriffene Mörtel liess sich relativ leicht aufbrechen. In der betreffenden Nacht platzierten sie angefertigte Attrappen ihrer Köpfe in ihren Betten, damit die Flucht nicht gleich auffiel. Ein vierter Beteiligter musste zurückbleiben, da er es nicht durch das Loch schaffte. Die Drei kletterten im Schacht auf das Dach des Zellenblocks und so ins Freie. Mit einem aus Regenmänteln gefertigten “Schlauchboot” traten sie den Weg in das Wasser der Bucht an. Ihr Verschwinden wurde erst bemerkt, als sie bereits einen Vorsprung von über neun Stunden hatten.

Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe
Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe

Wie die beiden 1937 Geflüchteten wurden die drei weder lebendig noch tot gefunden und wird allgemein ihr Ertrinken angenommen. Teile des Bootes und persönliche Gegenstände wurden vor Angel Island gefunden. Jolene Babyak, Tochter eines Wärters, hat Bücher über den Ausbruch geschrieben, glaubt dass die 3 mit der Gezeit raus aus der Bucht getrieben wurden, in den Pazifik, dort umgekommen sind. Sie könnten die Gezeit aber auch genutzt haben, um auf das Festland nördlich der Brücke zu kommen; sie hatten Gelegenheit gehabt, zu beobachten und zu planen. Und, die “Mythbusters” haben dies geschafft, 2003 in dieser Sendung auf Discovery Channel. Die vor Angel Island angeschwemmten Gegenstände deuten auf etwas anderes hin, und Zurückbleiber Allen West hat einen Plan mit Angel Island bestätigt – dies könnte aber eine bewusste Irreführung sein. Wie auch immer, von Angel Island hätten sie mit einem richtigen Boot aufs Festland kommen können. Falls die 3 die Flucht überlebt haben, würden sie dann aber nicht, in dem Alter in dem sie jetzt sein müssen, irgendein deutliches Zeichen an die Welt geben, bzw hätten das in der jüngeren Vergangenheit getan?

Die Bucht von San Francisco
Die Bucht von San Francisco

Die Sache wurde verfilmt. Im Dezember 1962, ein halbes Jahr danach, fand eine weitere Flucht statt. Der Bankräuber John Paul Scott schwamm mit Hilfe von aufgeblasenen Gummihandschuhen über eine Stunde durch das eiskalte Wasser. Man fand ihn halb erfroren am Festland (beim Fuss der Golden Gate Bridge), er wurde wiederbelebt und anschliessend wieder auf die Insel gebracht. Der Verfall des Gefängnisses durch Salzwasser, das auch den Ausbruch der 3 ermöglicht hatte, führte zu seiner Schliessung im Jahr darauf. Alcatraz war seither Schauplatz von Besetzungen durch Indianer (1969), Dreharbeiten von Filmen und Touristenbesuchen.

Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten
Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten zur Verfilmung des Ausbruchs

* Der Film “Gesprengte Ketten” (“The Great Escape”) hat ja eine wahre Grundlage. Aus dem Stalag (Stammlager) “Luft III”, einem deutschen Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen in Nieder-Schlesien, entkam 1944 ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel. Der englische Squadron Leader Roger Bushell entwickelte die Fluchtpläne. Wie im Film geriet der Tunnel (insgesamt wurde an drei gegraben) zu kurz, reichte nicht ganz unter das nahegelegene Waldstück; daher wurde der Ausbruch bald bemerkt und ein Teil konnte nicht fliehen, einige wurden gleich im Wald gestellt. Für die Anderen kam zu Problemen wie Kälte (März) das frühe Beginnen der Jagd hinzu; 50 wurden “auf der Flucht” getötet, zumindest ein Teil von diesen aber regelrecht hingerichtet. Der Rest der Gefassten wurde zurückgeschickt. Nur Drei gelang wirklich die Flucht, zwei norwegischen Piloten und einem niederländischen.

Ausbruch aus Kriegsgefangenenlagern gab es einige interessante. Im USA-Bürgerkrieg gelang 1864 etwa 109 Nordstaaten (USA)-Soldaten aus dem unwirtlichem Südstaaten (CSA)-Gefängnis “Libby’s” bei Richmond die Flucht, ebenfalls durch das Graben eines Tunnels, vom Keller aus. Ein Teil von ihnen konnte sich auf die andere Seite der Front, zu ihren Truppen, durchschlagen.

Im Fort San Cristóbal in der Nähe von Pamplona wurden während des Spanischen Bürgerkriegs Hunderte Republikaner und andere politische Gegner und Kriegsgefangene von den Nationalisten eingesperrt. 1938 organsierten Gefangene einen Massenausbruch, der fast 800 von ihnen gelang. Die nationalistischen Aufständischen veranstalteten eine Jagd, nur drei Flüchtige gelangten über die Grenze nach Frankreich. Der Rest wurde wieder eingesperrt oder erschossen.

Im 2. Weltkrieg ereignete sich in einem Internierungslager für japanische Soldaten in Australien 1944 ein Aufstand und die Flucht Hunderter; Viele wurden dabei oder bald danach getötet, alle waren innerhalb von 10 Tagen gefasst.

Karl Dönitz schickte 1943 ein U-Boot, um 4 im Kriegsgefangenenlager Bowmanville in Canada gefangene deutsche Marine-Offiziere, darunter Otto Kretschmer, fort zu bringen, die über Tunnel ausbrechen sollten (“Operation Kiebitz”). Die Kanadier wussten davon, wollten das U-Boot kommen lassen. Wolfgang Heyda gelang aber die Flucht, zum Treffpunkt, er wurde dort gefasst, das U-Boot entkam.

Aus dem KZ Mauthausen brachen im Februar 1945 über 400 sowjetische Soldaten und Offiziere aus (indem sie etwa mit nassen Decken einen elektrischen Zaun kurzschlossen), daraufhin wurde die “Hasenjagd” im Mühlviertel auf sie veranstaltet, die meisten wurden aufgegriffen und an Ort und Stelle getötet, etwa 50 wurden lebend zurückgebracht, 11 sollen das Kriegsende in Freiheit erlebt haben.

Der Franzose Henri Giraud entkam in beiden Weltkriegen der Kriegsgefangenschaft.

Im Vietnam-Krieg gelang dem deutsch-stämmigen Amerikaner Dieter Dengler, mit seinem Kampfflugzeug abgeschossen, 1966 aus einem Lager in Laos die Flucht, wobei er einige Wächter tötete.

* Der Südtiroler Max Leitner hat mehrere bewaffnete Raubüberfälle begangen (bei denen kein Mensch zu Schaden kam), wurde dafür 1990 erstmals verhaftet, von der österreichischen Gendarmerie, und flüchtete auch gleich. Auf seine Auffindung folgte eine Verurteilung, Gefängnis und der Ausbruch. Das wiederholte sich einige Male; seine dritte Flucht ereignete sich nach 9 Jahren Haft, als er von einem Freigang nicht mehr ins Hochsicherheitsgefängnis in Padua zurückkehrte. Nachdem er gefunden und zurückgebracht worden war, gelang im 04, zusammen mit einem Mafioso (Südtiroler und Süd-Italiener, ein Stück Völkerverständigung in diesem Milieu), die erneute Flucht, die in Marokko endete.

Da mit jedem Ausbruch neue Delikte bzw. Verurteilungen hinzu kamen, verlängerte sich seine Haftstrafe jedesmal. 2019 wäre er legal in Freiheit gekommen, wenn er 2011 dies nicht zum fünften Mal auf eigene Faust getan hätte, wieder anlässlich eines Freigangs. Der jetzt 57-jährige befindet sich also zur Zeit wieder einmal irgendwo auf der Flucht, soll gesundheitlich angeschlagen sein, hat eine Unterstützer-Seite auf Facebook und hat ein Video an eine Südtiroler Zeitung geschickt (zweisprachig, wie es sich dort “gehört”). Seine spektakulärste Flucht war noch seine zweite, als er sich aus dem Gefängnis in Bozen mit Leintüchern abseilte (klassisch). Bei ihm ist es die Wiederholung der Fluchten, die ihn hier nennenswert macht.

Das Leben des US-amerikanischen Hochstaplers und Trickbetrügers Steven Jay Russell, das auch mehrere Gefängnisausbrüche miteinschloss, wurde verfilmt (“I love you Philip Morris”). Russell täuschte etwa 1998 im Gefängnis in Houston eine AIDS-Erkrankung vor, etwa indem er durch die Einnahme von Abführmitteln Symptome dieser Krankheit erzeugte. Er kam so in ein Pflegeheim, und nachdem er dieses verlassen hatte, informierte er, als sein “behandelnder Arzt”, die Behörden von seinem angeblichen Tod. Andere Ausbrecherkönige waren der Brite Alfred Hinds, sein Landsmann Jack Sheppard (London, 18. Jh), Walter Stürm (Schweiz, 1970er & 80er), Yoshie Shiratori oder Joseph Bolitho Johns (Australien, 19. Jh). An einem neuen Ausbruch arbeiten zur Zeit wahrscheinlich Eckehard Lehmann (Spezialität: Schlüssel der Zellen nachbauen), Richard Lee McNair, Brian Bo Larsen, Frank Schmökel, Nordine Ben Allal.

* Die Flucht von abgelegenen Straflagern birgt eigene Charakteristika. Henri Charrière (“Papillon”, französisch “Schmetterling”, wegen einer Tätowierung) wurde 1932 wegen eines Mordes (den er immer abstritt) zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in den Straflagern von Französisch-Guyana verurteilt. Er unternahm mehrere Fluchtversuche, konnte sich 1934 mehrere Monate in Kolumbien in Freiheit halten. 10 Jahre später setzte er sich mit vier Mitgefangenen ab und gelangte nach Venezuela, das ihn nicht auslieferte. Vieles in seinen Büchern (die Grundlage für die Verfilmung 1973 waren), hat er nicht wirklich erlebt.

Clément Duval war Teilnehmer im französisch-deutschen Krieg 1870/71, wurde dabei verwundet und mit einer Krankheit infiziert. In Folge dessen arbeitsunfähig, schlug er eine kriminelle Laufbahn ein, wurde ausserdem Anarchist. Wegen mehrerer Taten wurde auch er zu Zwangsarbeit in Guyana verurteilt. 1887 auf die Îles du Salut gebracht, unternahm er mehrere Fluchtversuche. Erst nachdem er in eines der Straflager am Festland verlegt worden war (wo er mit anderen bedeutenden Anarchisten wie dem Italiener Pini oder Victor Cails zusammenkam), gelang ihm 1901 die Flucht nach Britisch-Guyana, von wo er nach New York weiterreiste, wo er sich niederliess und Memoiren schrieb. Duval ist nicht von der Teufelsinsel oder einer der beiden anderen Îles du Salut geflohen, wie manchmal gesagt wird.

* Dem wegen Mordes einsitzenden US-Amerikaner Richard L. McNair gelang es drei Mal, aus Gefängnissen aus zu brechen. Beim letzen Mal, 2006 in Louisiana, entkam er in einem Postsack. In der Nähe des Gefängnisses begegnete er einem Polizisten: https://www.youtube.com/watch?v=vBrnBmUmVzI

* Politische Gefangene: John Gerard flüchtete Ende des 16. Jh aus dem Tower in London, wo er als Anführer der verfolgten Katholiken saß, mit von Foltern zerschundenen Händen. André Devigny war französischer Offizier, Resistance-Mitglied, dafür im Montluc-Gefängnis, wurde gefoltert, konnte mit Sicherheitsnadeln Handschellen öffnen, daher flüchten, gelangte in die Schweiz; die Nazis verübten Sippenhaftung an seinen Verwandten. Er diente nach diesem Krieg in jenem in Algerien. Tapferes Nazi-Opfer, dann Unterdrücker in Algerien, Devigny vereinte diese Entwicklung Frankreichs in seiner Biografie (die auch teilweise verfilmt wurde).

Die slowakischen Juden Alfred Wetzler und Rudolf Vrba (Walter Rosenberg) waren zwei der wenigen Menschen, denen es gelang, dem “Konzentrationslager” Auschwitz (Oswieczim) zu entfliehen (1944). Der Pole Slawomir Rawicz soll im 2. WK mit einigen Mitgefangenen aus einem Lager in Sibirien geflohen sein, über die Grenze in die Mongolei, dann weiter nach Indien. 1983 machten IRA-Kämpfer im Maze-Gefängnis in Nord-Irland eine Revolte, 38 gelang dabei die Flucht, der Hälfte auf längere Sicht, manche sind bis heute “untergetaucht”.

* Gefangene Politiker: Napoleon 1815 aus Elba: Der selbstgekrönte Kaiser Frankreichs musste 1814 abdanken, nachdem allierte Truppen infolge der Leipziger Völkerschlacht 1813 bis nach Paris gekommen waren und er im Land die meiste Unterstützung verloren hatte. Die Mächtigen Europas wiesen ihm Elba zu, wo er nominell Herrscher wurde, die britische Marine aber das letzte Wort hatte. Während mit Ludwig XVIII. in Frankreich wieder die Bourbonen an die Macht kamen, gingen seine zweite Frau, eine Habsburgerin, und sein Sohn nach Österreich. Napoleon Bonaparte war eigentlich kein Gefangener, beschloss aber, noch einmal nach der Macht zu greifen.

Nach weniger als einem Jahr in diesem “Exil”, im Februar 1815, segelte er in der “Swiftsure” mit einigen Hundert Getreuen von Portoferraio nach Frankreich; warum die britischen Schiffe, die zu seiner Bewachung auf der Insel waren, nicht eingriffen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Auf dem Weg nach Paris (über die Alpen, um die grossteils pro-bourbonische Provence so weit wie möglich zu umgehen) traf die Gruppe kurz vor Grenoble auf das Regiment, das vom König beauftragt worden war, ihn aufzuhalten. Es schloss sich ihm an. Ab seinem Einzug in Lyon agierte er wieder als französischer Kaiser und erließ entsprechende Dekrete, ab seinem Einzug in Paris am 20. März erst wird seine zweite Herrschaftszeit als Kaiser, die 100 Tage (eigentlich 111), gezählt.

Mussolini, freilich mehr Diktator als Poltiker, wurde 1943 von deutscher Wehrmacht und SS nach einigen Monaten Gefangenschaft in Gran Sasso in den Abruzzen befreit.

* Der mexikanische Drogenboss Joaquin „El Chapo“ Guzman war auch schon vor seinen Ausbrüchen von Bedeutung. Der Chef des Sinaloa-Kartells ist 2001 und 2015 aus mexikanischen Hochsicherheits-Gefängnissen ausgebrochen. Mitglieder des Wachpersonals müssen ihm geholfen haben. In diesem Jahr wurde er wieder gefangen.

* Michel Vaujour flüchtete fünfmal aus französischen Gefängnissen. Seine spektakulären Methoden beinhalteten die erzwungene Flucht mit als Orangen getarnten Granaten, die Nachbildung eines Zellenschlüssels mittels Käseabdruck (1974), der Ausbruch mithilfe einer aus Seife gefertigten Pistolenattrappe (1976) sowie die Flucht aus dem sichersten Gefängnis des Landes durch einen Hubschrauber, der von seiner Ehefrau gekapert wurde (1986). Er wurde 2003 vorzeitig entlassen und berät heute Krimi-Autoren.

* Dem griechischen Straftäter Vasilis Paleokostas gelang 2006 und 2009 gleich zwei Mal eine filmreife Flucht aus dem grössten griechischen Gefängnis Korydallos mit Hilfe von Hubschraubern. Der Franzose Pascal Payet unternahm in den 00ern drei Ausbruchsversuche mit Hubschraubern, zunächst seine Flucht, dann (von draussen) die Befreiung anderer, wobei er gefasst wurde. Aus der folgenden Haft wurde er wieder mit gekapertem Hubschrauber befreit, später in Spanien gefasst. Mit einem Hubschrauber entkam etwa auch 1971 der Amerikaner Joel Kaplan in Mexiko.

* Jay Junior Sigler befand sich 1998 im achten Jahr von den 20, die er für bewaffneten Raub bekommen hatte, in der Everglades Correctional Institution, als er mit seiner Mutter und einigen Freunden seinen Ausbruch plante. Am hellichten Tag rammten drei Freunde mit einem 18-rädigen Lastwagen die Gefängniszäune, gefolgt von einem Auto das seine Mutter fuhr. Nach geglückter Flucht wurden vor einem Einkaufszentrum die Fahrzeuge gewechselt, die Polizei auf den Fersen, Sigler starb danach bei einem Zusammenstoss mit einem anderen Auto.

* “Billy” Hayes wurde in den 1970er in der Türkei wegen versuchtem Schmuggel von Haschisch verurteilt, kam auf das Gefängnis auf der Insel Imrali, von wo er nach Griechenland flüchtete. Sein Buch über die Erlebnisse wurde verfilmt (“Midnight Express”).

* Der 1970er-Frauenmörder “Ted” Bundy (der sich für die Republikanische Partei engagiert hatte), wurde 1976 erstmals gefasst, 1977 gelang es ihm in Colorado, als ein Gerichtsverfahren gegen ihn lief, zwei Mal, auszubrechen, verübte weitere Morde. John Dillinger, der amerikanische 1930er-Gangster (Banküberfälle), wurde nach seiner Verhaftung in ein als ausbruchssicheres Gefängnis in Ohio gebracht. Seinem Anwalt gelang es, eine Revolver-Attrappe aus Holz einzuschmuggeln, diese vorgehalten sperrte er die Wachmannschaft in “seine” Zelle, flüchtete mit dem Wagen des Sherriffs über die Bundesstaatsgrenze, womit er aber das (junge) FBI gegen sich aufbrachte, wurde schliesslich von ihnen erschossen.

* Bei manchen Ausbrechern kommt die Bedeutung von der Zeit, die sie schafften, sich in Freiheit zu halten. George Wright wurde 1963 als 19jähriger wegen bewaffneten Raubüberfällen in New Jersey verurteilt, nach 7 Jahren im Gefängnis gelang es ihm leicht und unpektakulär, auszubrechen. Er schloss sich der “Black Liberation Army” an, entführte einen USA-Inlands-Flug nach Algerien. Er wurde in Portugal aufgespürt, das ihn aber nicht ausliefern will, da er Staatsbürger dieses Landes geworden war. Ronald Carnes, ein anderer US-Amerikaner, war nach seinem Ausbruch 41 Jahre auf der Flucht (USA), Paula E. Carroll und Sam Gene Harris 34 Jahre lang.

* Natascha Kampusch entkam ihrem Entführer 2006 nach 8 Jahren Gefangenschaft in der Nähe von Wien

* Wie bei Kampusch muss man (unabhängig von Schuld oder Unschuld) nicht in einem “richtigen” Gefängnis sein, um flüchten zu wollen, es gibt manche Formen der Gefangenschaft. So war/ist Sklaverei natürlich auch eine Form der Freiheitsberaubung. Ein bedeutender Sklavenaufstand in USA ereignete sich 1831, unter der Führung von Nathaniel “Nat” Turner. Seine Mutter war aus Afrika nach Amerika verschleppt worden, den Namen bekam er von dem Besitzer der Plantage, auf der er geboren wurde. Es soll eine Sonnenfinsternis gewesen sein, die ihn veranlasste, die Befreiung zu beginnen. Diese Slavenrebellion in Virginia breitete sich zwar aus, Schwarze wurden befreit, sie wurde aber bald niedergeschlagen. Turner selbst wurde nach wenigen Wochen gefangen genommen, gehängt und gevierteilt. Mehr als hundert unbeteiligte Sklaven wurden als “Vergeltung” vom Pöbel getötet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen für andere wurden verschlechtert. Etwa 60 Sklavenhalter und Angehörige waren getötet worden.

Auch aus geschlossenen Abteilungen von Krankenhäusern oder Asyl-Lagern (> http://www.lastexitflucht.org/againstallodds/ ) werden Ausbrüche versucht.

* Christopher Boyce kam als Angestellter eines amerikanischen Technologie-Konzerns in den 1970ern an hochpolitische Informationen, etwa über den Druck, den der CIA bezüglich des Sturzes des australischen Premiers Gough Whitlam ausübte. Zusammen mit seinem Freund, dem Drogenhändler Dalton Lee, gab er diese an die Sowjetunion weiter, über deren Botschaft in Mexico. 1977 wurden die Beiden verhaftet, zunächst Lee in Mexiko, und verurteilt. Boyce brach 1980 aus dem Gefängnis in Lompoc (Kalifornien) aus. Auf der Flucht verübte er 17 Bank-Überfälle im Nordwesten der USA. Sein Ziel war es, in die Sowjetunion zu gelangen. 1981 wurde er eingefangen. 02 kam er nach 25 Jahren Gefängnis frei. Lee war bereits 1998 freigelassen worden, arbeitete danach eine Zeit lang als Sekretär von Sean Penn, der ihn im Film “Der Falke und der Schneemann” (1985 erschienen) dargestellt hatte. Boyce’ Website

* Der amerikanische Betrüger und Hochstapler Frank Abagnale (“Catch me if you can”) brach auch mehrmals aus Polizei- und Justizgewahrsam aus. Einmal überzeugte er einen Wächter, dass er ein Gefängnisinspektor sei, der nur zu Testzwecken eingesperrt worden sei.

* Der Südkoreaner Choi Gap-Bok, ein langjähriger Yoga-Praktikant, wurde 2012 wegen eines Diebstahl-Vorwurfs in Polizei-Gewahrsam genommen. Aus seiner Zelle entkam er durch eine winzige Essensluke; nach ein paar Tagen gefasst.

* Der französische Gangster Albert Spaggiari brach mit Kollegen 1976 in eine Bank in Nizza ein. Noch im selben Jahr gefasst, gelang ihm während eines Polizeiverhörs die Flucht. 1982 traf er in Rio de Janeiro mit dem Briten Ronald Biggs zusammen, der aus dem Gefängnis geflüchtet war. Während Biggs mit Sex Pistols und Toten Hosen gemeinsame “Sache” machte, stand der Algerien-Krieg-Veteran Spaggiari der OAS (die ihm auch bei seiner Flucht geholfen haben soll) und anderen Rechten nahe. Die brasilianischen Behörden lehnten die Auslieferung von Biggs auch deshalb ab, weil die britische Regierung nicht der Reziprozität zustimmte, d. h. gegebenenfalls jemanden aus GB nach Brasilien auszuliefern.

* William J. Sharkey entkam im New York des 19. Jahrhunderts als Frau verkleidet aus einem Gefängnis, in dem er wegen Mordes einsaß. Er floh in das damals spanische Kuba, von wo er nicht ausgeliefert wurde.

* Adolf Schandl, der wegen Raubüberfällen “saß”, brach 1971 mit drei Kollegen aus dem Gefängnis von Stein aus, im Lauf der Flucht wurde in Wien mit dem Polizeipräsidenten Holaubek verhandelt, dieser versuchte einen der Kollegen mit dem legendären Ausspruch “Kumm ausse, i bins, dei (oder: der) Präsident” zur Aufgabe zu überreden. Zwischendurch frei, versuchte Schandl 1996 aus der Anstalt in Karlau erneut einen Ausbruch, wiederum mit Geiselnahme.

* Den Briley-Brüdern gelang 1984 in Virginia (USA) der Ausbruch aus dem Todestrakt, sie wurden wieder eingefangen.

* Raymond Hamilton wurde 1934 von seinen Kompagnons Clyde Barrow und Bonnie Parker in Huntsville von einer Gefängnisfarm befreit, wurde wenige Monate später bei der Schiesserei festgenommen, bei der diese getötet wurden.

* Giacomo Casanova soll Ende des 18. Jh aus dem Gefängnis im Dogenpalast geflüchtet sein, was möglicherweise erfunden ist, wie vieles von ihm.

* Jacques Mesrine war ein Gewaltverbrecher im Frankreich der Nachkriegszeit, brach zwei Mal aus dem Gefängnis aus, war Staatsfeind Nr. 1 oder moderner Robin Hood, war oft und lange untergetaucht, auch in Amerika aktiv, wurde bei der Fahndung nach ihm erschossen.

* Gescheiterte Versuche: Juan Ramirez Tijerina sollte von seiner Ehefrau 2011 aus einem mexikanischen Gefängnis befreit werden, indem er sich beim Besuchstermin in einen mitgebrachten grossen Koffer quetschte.

In die Aussenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle, wo der RAF-Mann Sigurd Debus sass, wurde 1978 ein Loch gesprengt, womit ein Befreiungsversuch für ihn vorgetäuscht werden sollte; eine Aktion der deutschen Behörden unter falscher Flagge.

Die beiden Algerien-Krieg-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems versuchten 1971 aus dem Gefängnis in Clairvaux auszubrechen. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der bei der Stürmung durch die Polizei zwei Geiseln tötete. 1972 wurden beide dafür zum Tode verurteilt.

Der belgische Mehrfach-Mörder und -Entführer Marc Dutroux entkam 1998 für einige Stunden in Freiheit.

* Fiktive Ausbrüche in Film & Literatur:

“Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas. Ausbruch aus Gefängnis(-Insel) nach gemeiner Verurteilung als Beginn eines Rachefeldzugs; oft verfilmt

“Die Verurteilten”/”Shawshank Redemption” (1994). Buchvorlage von Stephen King

“Auf der Flucht”/”The Fugitive”. TV-Serie, dann Film. Dr. Kimble unschuldig verurteilt, bei Transport geflüchtet, um Unschuld zu beweisen. Wahre Grundlage (Samuel Sheppard), aber da kein Ausbruch

“Le Trou”/”Das Loch” (1960). Verfilmung des gleichnamigen Romans von José Giovanni, in dem es um einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnels geht; an einem solchen war Giovanni beteiligt

“Prison Break”. TV-Serie 00er-Jahre

“Der Kuss der Spinnenfrau” war zunächst ein Roman des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig (1976 erschienen, als “El beso de la mujer araña”). Der homosexuelle Luis Molina (des Kindesmissbrauchs beschuldigt) und der Kommunist Valentin Arregui (politischer Gefangener) teilen eine Gefängniszelle und flüchten in ihre Phantasie (Ausbruch im übertragenen Sinn), indem Molina Arregui Filme schildert. Dabei lösen sich “Grenzen” zwischen ihnen auf. 1985 Verfilmung von Hector Babenco, das Gefängnis darin in Brasilien. Dann auch als Musical.

“Nummer 6″/”The Prisoner”, eine britische TV-Serie aus 17 Folgen aus dem Jahr 1967, Hauptdarsteller Patrick McGoohan war auch einer der Macher (er spielte in der Alcatraz-Verfilmung den Gefängnisdirektor). Die Hauptperson beendet ihre Agententätigkeit beim britischen Geheimdienst, wird an einen abgelegenen Ort entführt und dort als “Nummer 6” festgehalten, versucht in jeder Folge, die Identität des Oberhauptes, Nummer 1, herauszufinden und dem Ort zu entkommen. Vielsagend ist, dass manche Folgen zensiert wurden, obwohl Sex und Gewalt fehlten; es ging um politische Aussagen. Vom Genre her eine Mischung aus Spionage-Thriller, Science-Fiction-Elementen, Psychodrama, Polit Thriller,…, lässt es viel Raum für Interpretationen. Fan-Seite

“Überleben is alles”/”Lock up” mit S. Stallone (1989). Ungerechte Verurteilung, sadistischer Direktor, gescheiterter Ausbruchsversuch, Mini-Aufstand,…

“Im Körper des Feindes”/”Face off” (1997): Entkommen aus Gefangenschaft nach misslungenem Identitätswechsel; extrem unglaubwürdig und plump

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die deutsche Atombombe

Deutschland hat keine Atomwaffen, unter der Nazi-Herrschaft wurde daran gearbeitet (wozu noch einige Fragen offen sind), Adenauer und Strauss wollten welche, US und SU stationierten welche, erstere noch immer. Daneben gabs und gibts in der BRD diverse Abspanne, vom Atomenergieprogramm bis zur Hilfe bei Atomwaffenprogrammen anderer Staaten. Deutschland hat neben den stationierten amerikanischen Waffen, seit den 1950ern (wie auch Japan) quasi eine zerlegte A-Bombe in der Schublade: ein ziviles Atomprogramm, das Know How, die Trägersysteme.

Es begann mit dem Gelingen der Kernspaltung in Deutschland, 1938 durch Hahn (dem dafür 1944 der Nobelpreis für Chemie verliehen wurde) und Strassmann, die Analyse kam von der exilierten Lise Meitner. In vielen Fach-Zeitschriften, v.a. in Frankreich und den anglokeltischen Ländern, erschienen darüber Artikel. Jean Frédéric Joliot-Curie (Assistent und Schwiegersohn von Marie und Pierre, die die Radioaktivität untersucht hatten) schrieb 1939 in einem über die Möglichkeit einer Kettenreaktion bei der Spaltung von Atomkernen und die Nutzung der dabei frei werdenden Energie, zur Stromgewinnung oder zur Zerstörung, als Waffe.

Wissenschaftler, die in den Jahren nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland emigriert waren, reagierten beunruhigt auf die Möglichkeit dieser Superbombe in den Händen der Nazis. Die aus Ungarn stammenden Edward Teller (ein Schüler von Werner Heisenberg), Leo Szilard und Eugene Wigner überzeugten 1939 Albert Einstein, einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu verfassen, in dem die Physiker vor dieser Bombe warnten und die Entwicklung einer amerikanischen vorschlugen – was dieser dann auch beschloss. Aus Europa emigrierte wie Teller oder Enrico Fermi arbeiteten in dem Projekt mit amerikanischen Wissenschaftlern wie Robert Oppenheimer zusammen, unter Aufsicht des Office of Scientific Research and Development (OSRD). Das amerikanische Projekt hatte vor der Zusammenfassung zum “Manhattan Project” neben anderen die Bezeichnung “S-1 Uranium Committee”.

Auch das NS-Regime reagierte auf den wissenschaftlichen Durchbruch und den Staub, den er aufwirbelte. Wissenschaftsminister Rust trommelte im April 1939 eine Konferenz in seinem Ministerium zusammen, mit Abraham Esau vom Reichsforschungsrat und Wissenschaftern wie Robert Döpel. Es wurde die Zusammenführung deutscher Atomphysiker zu einer Forschungsgruppe beschlossen (fortan informell als “Uranverein” bekannt), die an einem Kernrektor arbeiten sollte.  Bei seiner ersten Sitzung im September 1939 (das NS-Regime hatte bereits den Weltkrieg begonnen) wurde beschlossen, Werner Heisenberg, Physik-Nobelpreisgewinner 1932 für seine Forschungen in der Quantenmechanik und in Leipzig engagiert, zur Teilnahme an dem Projekt zu überzeugen. Dieser war nach der Emigration zahlreicher bedeutender Physiker wie Albert Einstein oder Max Born im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten einer der wichtigsten der weiterhin in Deutschland arbeitenden Vertreter der modernen Physik – die von Lenard und Stark als „jüdisch“ gebrandmarkt wurde.

Im Sommer 1939 besuchte Heisenberg noch die USA, traf u. a. Fermi, sprach mit ihm über die Gefahren des heraufziehenden Krieges. Auf der zweiten Sitzung wurde der nun anwesende Heisenberg beauftragt, eine Reaktortheorie zu entwickeln. Das Heereswaffenamt (HWA) unter dem Astrophysiker Kurt Diebner brachte in der Anfangsphase das “Uranprojekt” unter seine Aufsicht (ein Machtkampf, typisch für das NS-Regime), auch durch Diebners Funktion als Geschäftsführer des Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) für Physik in Berlin-Dahlem.

Die Reichswehr erhoffte sich von der militärischen Nutzung der Kernspaltung eine Art “Wunderwaffe” für den Krieg. Diverse Forschungs-/Entwicklungs-Institute und ihre Wissenschafter und Techniker waren am geheimen Uranprojekt involviert, der Uranverein war über das Deutsche Reich verstreut: Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Wirtz am KWI für Physik in Berlin, Döpel an der Universität Leipzig, Diebner am Heereswaffenamt, der Österreicher Harteck an der Uni Hamburg, Von Ardenne an seinem Forschungslaboratorium in Berlin, Bothe an der Uni Heidelberg, Hanle an der Uni Göttingen, das KWI für Chemie unter Otto Hahn, weiters Industrieunternehmen.

1939/40 hat Heisenberg seine Reaktortheorien ausgearbeitet, dabei anscheinend sowohl Anreicherung als auch einen Moderator erwogen. Bei der Anreicherung bzw. Trennung wird der Anteil des spaltbaren Uran-Isotops U 235, das in natürlichem Uran nur zu 0,7 % vorhanden ist, erhöht – auf die kritische Masse. Für die Kettenreaktion mit natürlichem Uran (in dem das Isotop U 238 dominiert) braucht man einen Moderator (Bremssubstanz für die freiwerdenden Neutronen) mit möglichst kleinem Atomgewicht, schweres Wasser (D2O, Wasser mit dem Wasserstoffisotop Deuterium) oder Graphit (reiner Kohlenstoff). Das Schwergewicht wurde auf die Moderator-Methode gelegt. Bei der diesbezüglichen Forschung unterlief Bothe ein Fehler, der ihn zur negativen Einschätzung von Graphit führte (das im Manhattan Project von Anfang an erfolgreich verwendet wurde), daher fiel die Entscheidung für das aufwändigere Schwerwasser. Alternativ bzw. parallel dazu wurde auch an der Entwicklung einer Uran-Anreicherungsmethode gearbeitet, an einem Isotopentrennungsverfahren durch einen Zyklotron/ Teilchenbeschleuniger, der auch zu arbeiten anfing, aber nie gross angewendet wurde.

Für Atom-Bomben ist jedenfalls angereichertes Uran oder Plutonium notwendig. Die Möglichkeit von Plutonium (aus Uran zu erbrüten) als Spaltstoff für Bomben war im Uranverein bekannt, Carl F. Weizsäcker entwickelte eine Theorie dazu, aber so weit kam man im Brennstoffkreislauf nicht. Das KWI für Physik unter Heisenberg war so etwas wie das Leitinstitut des Projekts, 1940 wurde dort ein Labor eingerichtet für die Arbeit am Reaktor (auch “Uranmeiler”, “Uranmaschine” oder “Uranbrenner” genannt), der als Teil des Weges zur Bombe gesehen wurde. Um unerwünschte Besucher fernzuhalten, bekam der Bau den abschreckenden Decknamen „Virus-Haus“. Zwischen den Instituten, an denen gearbeitet wurde, gab es Konkurrenz um Mittel; das Projekt litt ausserdem unter dem Krieg, hatte keine Priorität. Das deutsche und das amerikanische Projekt waren von den Erkenntnissen auf Augenhöhe, die USA hatten organisatorisch, logistisch, von den Ressourcen, aber grosse Vorteile. 1940 nahm die Wehrmacht Frankreich ein, Joliot-Curie war nicht geflohen, setzte unter der deutschen Besatzung die Arbeit am Teilchenbeschleuniger fort.

Uran-Erz für das Projekt wurde in Jachymov/Joachimsthal im annektierten Sudetenland abgebaut (von der Auergesellschaft), nach der Besetzung Belgiens plünderte Deutschland die Vorräte der staatlichen Bergbaugesellschaft UMHK aus dem Kongo. Uran war auch in Rössing in Südwestafrika vorhanden, eine Kolonie, die das Deutsche Reich im 1. Weltkrieg, wie alle anderen, verloren hatte. In Südafrika, das Südwestafrika bis zur Unabhängigkeit als Namibia verwaltete, gab es im 2. Weltkrieg aber, wie auch schon 1. WK, starke politische Kräfte, die eher ein Zusammengehen mit Deutschland als mit Grossbritannien wollten, aber wieder unterlagen. Das Uran in Rössing wurde ab den 1970ern von Südafrika ausgebeutet.

Die norwegische Firma “Norsk Hydro” produzierte v.a. Kunstdünger, Schwerwasser war ein Nebenprodukt. Deutschland versuchte dieses dort zunächst zu kaufen, der französische Geheimdienst war aber schneller und kaufte alle Vorräte auf (was eine Warnung war, dass Kriegsgegner ebenfalls daran arbeiteten bzw. davon wussten). Nach der deutschen Besetzung Norwegens wurde dort eine Schwerwasseranlage für das deutsche Atomprogramm geschaffen. 1943 wurde diese durch Sabotage, wahrscheinlich von Geheimdiensten der Alliierten, beschädigt; dann von Bomben der Alliierten (USA/GB) zerstört. Auch der Abtransport des schon hergestellten Schwerwassers wurde angegriffen (von Alliierten und Partisanen). Danach wurden die Leunawerke in Merseburg mit der Schwerwasserproduktion beauftragt.

Heisenbergs führende Beteiligung am Uranprojekt wurde ihm später insbesondere von vielen amerikanischen und exilierten deutschen Physikern verübelt. Er selbst erlebte mittendrin eine Gewissenskrise: „So kam es dann – etwa im Herbst 1941 – zu der Schreckreaktion aller Physiker, wahrscheinlich auch auf der amerikanischen Seite: Es geht ja wirklich, man kann Atombomben machen…aber nur mit ungeheurem technischen Aufwand, und das können wir uns, Gott sei Dank, in Deutschland gar nicht leisten. Wir haben, im Hinblick auf den enormen Aufwand, gehofft: Auch die Amerikaner werden es vielleicht lassen, denn sie gewinnen den Krieg wahrscheinlich schneller ohne Atombombe.“

Auf dem Höhepunkt der militärischen Erfolge des nationalsozialistischen Deutschlands reiste Heisenberg im September 1941 mit C. F. von Weizsäcker ins ebenfalls bereits besetzte Kopenhagen, um an einer wissenschaftlichen Konferenz (über Astrophysik) teilzunehmen, am Deutschen Wissenschaftlichen Institut. Der Franke nutzte die Gelegenheit auch, um mit seinem väterlichen Freund Niels Bohr (er hatte mit ihm in den 1920ern in Dänemark an der Universität Kopenhagen zusammengearbeitet) über die Möglichkeit (und Legitimität) militärischer Anwendungen der Kernspaltung und den deutschen Anlauf dazu zu sprechen. Ausserdem wollte er, laut seinen späteren Aussagen, den Physikern in Amerika so die Botschaft zukommen lassen, dass die deutschen Physiker die Arbeit an der Bombe zurückgestellt hätten.

Bohr, dessen Mutter jüdischer Herkunft war, und der im dänischen Widerstand gegen die Deutschen aktiv war, war über Meitner über die Hahn-Strassmannschen Versuchsergebnisse unterrichtet worden, hatte sich 1939 in USA u.a. mit Albert Einstein besprochen. Die Erinnerungen der Beiden an das Treffen und die Beurteilungen darüber gehen auseinander. Heisenbergs Treffen mit Bohr in Kopenhagen ist unter mehreren Aspekten relevant. Zum einen für die Frage, inwiefern die Wissenschafter von Heisenberg abwärts tatsächlich im Dienst des Nazi-Regimes standen (sich stellten). Dann ist es bemerkenswert, dass kurz vor der ultimativen Eskalation des Weltkriegs ein wissenschaftlicher Schlüsselspieler der einen Seite mit einem (im Grunde) der Gegenseite verbundenen Wissenschaftler freundschaftliche Kontakte pflegte – die Beziehung scheint aber damals in Kopenhagen einen Knacks bekommen zu haben. Nebenbei war Heisenberg auch der Doktorvater von einem wichtigen Mitarbeiter der Gegenseite, Edward Teller.

Es ist umstritten, ob Heisenberg Bohr vor der Möglichkeit einer deutschen Atombombe warnen wollte oder dessen Wissen dafür abschöpfen und ihn aushorchen wollte. Umstritten ist auch, ob Bohr erst durch Heisenberg von der Machbarkeit von Atombomben erfahren hat. Robert Jungk brachte in „Heller als Tausend Sonne“ die Darstellung, Heisenberg habe versucht, über Bohr eine Übereinkunft mit den Atomphysikern in den alliierten Ländern herzustellen, allen Regierungen Atomwaffen zu versagen; Heisenberg deutete an, dass dies seine Absicht war. 1943 floh Bohr über Schweden und Grossbritannien in die USA, wo er das Gespräch mit Heisenberg gegenüber den Manhattan Project-Physikern wiedergab. Inwiefern er in Los Alamos an der amerikanischen Bombe mitarbeitete, ist nicht ganz geklärt. Vielfach wird ihm aber zugesprochen, mit seinen Informationen über Heisenberg bzw. die Arbeit an der deutschen Atombombe einen intensivierenden Einfluss auf das US-amerikanische Nuklearprojekt ausgeübt zu haben – was dem Kopenhagener Treffen endgültig welthistorische Bedeutung geben würde…

Im Sommer 1942 stellten die Alliierten eine merkliche Steigerung der Schwerwasserproduktion im von Deutschland besetzten Norwegen fest. Erst daraufhin fiel die Entscheidung (das letzte Wort hatte Präsident Roosevelt), das wissenschaftliche Projekt eines Atomenergie-Entwicklungsprogramms in ein militärisches Projekt zur Entwicklung von Nuklear-Waffen umzuwandeln und alle diesbezüglichen Tätigkeiten zum Manhattan Project (eigentlich Manhattan Engineer District) zusammenzufassen. General Leslie R. Groves wurde mit der militärischen Leitung des Projekts beauftragt. Wichtigster Arbeitsplatz wurde dabei das gigantische Laboratorium in Los Alamos, New Mexico. Hier ist wohl der Start zu einer Art von nuklearem Wettlauf mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich anzusetzen. Wenige Monate zuvor war die USA auf der Seite der Gegner Deutschlands in den Weltkrieg eingetreten, was wohl zu Washingtons Rüstungsanstrengungen beitrug.

Das Interesse des Nazi-Regimes an der, die Unterstützung für die Atomforschung, war schwankend, insgesamt eher schwach (im Gegensatz zu Raketenprogramm in Peenemünde). Dazu soll auch beigetragen haben, dass Juden mit das Fundament zur Atomforschung gelegt hatten und es, im Gegensatz zu dem Raketenprojekt, Misstrauen zwischen Wissenschaftern und Politikern/Militärs gab. Während die Deutschen in der Raketentechnik tatsächlich weltweit führend waren, fehlte dem auf schnellen Erfolg fixierten Nazi-Regime der Atem für die langwierige Entwicklung einer Atomwaffe. Roosevelt investierte, mit Erfolg, rund 4000 Mal mehr Geld als Hitler in diese Entwicklung.

1941 soll Heisenberg gegenüber Regime-Vertretern erklärt haben, eine deutsche Atombombe sei in drei bis vier Jahren möglich. Der „Regime-Physiker“ Carl Ramsauer intervenierte für das Uranprojekt. Anfang 1942 gab das HWA die Verantwortung für das Uranprojekt an den Reichsforschungsrat ab (wo wieder Esau zuständig wurde). Es versprach nicht, in absehbarer Zeit zu einer Anwendung zu kommen, der Blitzkrieg war vorbei, die Kriegswirtschaft wurde für den Krieg gegen die Sowjetunion restrukturiert. Bald darauf gab Diebner auch die Leitung des KWI für Physik ab, an Heisenberg, der es bis zur Kriegsniederlage leitete. Das Heereswaffenamt betrieb weiter seine eigene Atomforschung, arbeitete etwa auch an einem Reaktor.

Im Juni 1942 lud Rüstungsminister Albert Speer, damals die Nr. 2 im Regime hinter Hitler (seine Entscheidung würde also zählen), zu einer Besprechung über das Uranprojekt in das Berliner Harnack-Haus (KWI). Neben den beteiligten Wissenschaftlern waren Führungskräfte der Wehrmacht und anderer Behörden geladen. Kurz vor der Besprechung war der von Heisenberg entworfene Reaktor in Leipzig von Döpel experimentell umgesetzt worden, ein halbes Jahr bevor Enrico Fermi im Rahmen des Manhattan-Projekts den ersten Atomreaktor in Betrieb nahm. Auf die Frage von Generalfeldmarschall Erhard Milch (der das Treffen angeregt haben soll), wie gross eine Atombombe wäre, die London in Schutt und Asche legen könne, antwortet Heisenberg: “So gross wie eine Ananas.” Eine Antwort, die allerdings nur den Sprengkopf berücksichtigte. Auch die Möglichkeiten und der Zeitrahmen der Amerikaner in dem Wettlauf wurde erörtert.

Heisenberg und seine Kollegen informierten darüber, dass die aufwändige Uran-Anreicherung mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen während der voraussichtlichen Restdauer des Krieges nicht zu machen war. Den Quellen zufolge verschwiegen sie die Möglichkeit (oder sprachen davon nur in Andeutungen), eine Plutoniumbombe zu bauen. Dass die Schwierigkeiten eher als die Chancen betont wurden, könnte Ausdruck des stillen Boykotts gewesen sein. Speer entschied wegen den scheinbar mangelnden Aussichten gegen eine forcierte Fortsetzung des Projekts, es wurde nicht eingestellt, aber gedrosselt. Heisenberg und sein Team schafften es, weiter am Projekt arbeiten zu können und Freunde und Schüler vor dem Fronteinsatz zu bewahren. Laut Irving und Speer wurde Hitler erst nach dieser Besprechung über das Atomprojekt unterrichtet, es lief ansonsten an ihm vorbei – was den Unterschied in der Priorität des Projekts gegenüber der USA ausdrückt! Als Heisenbergs Team Ende 1942 auf eine Anfrage des Heereswaffenamts antwortete, mit einer Atombombe sei frühestens in zwei Jahren zu rechnen, geriet das deutsche Atomprojekt endgültig aufs Abstellgleis.

Das Projekt lief bis Kriegsende auf Laborniveau weiter, war danach ein “auf-der-Stelle-treten“. Immerhin genehmigte Speer den Bau eines Bunkers auf dem Gelände des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, in dem der erste grosse deutsche Reaktor aufgebaut werden sollte. Wenige Wochen nach Speers Weichenstellung ereignete sich in Leipzig ein Unfall durch die Explosion einer mit Uranmetall und Schwerwasser gefüllten Kugel, die einen Brand auslöste. Im Reichsforschungsrat wurde 1943 Walther Gerlach statt Esau der Zuständige. 1943 begannen die britischen Luftangriffe auf Berlin, Teile des KWI zogen nach Hohenzollern in Südwest-Deutschland um, andere Arbeitsgruppen des Uranprojekts folgten. Einige Physiker, unter ihnen Heisenberg, Bothe und Wirtz, blieben jedoch zunächst in Berlin und bereiteten die Errichtung des großen Uranreaktors im nahezu fertig gestellten Bunker vor.

Ab 1944 fanden auch gezielt Bombenangriffe auf Schwerwasserfabriken und Ähnliches in Deutschland statt. Als im Februar 1945 der Vorstoss der Roten Armee nach Berlin bevorstand, gab Gerlach die Anweisung, Berlin zu verlassen. Die restlichen Physiker, ihr Uran und Schwerwasser, kamen auch in den Süden. In Haigerloch bei Hechingen war ein Felsenkeller entdeckt worden (zuletzt von einem Wirt genützt), der vor Luftangriffen schützte, er wurde ab 1944 für die Nuklear-Forschung umgebaut, etwa eine Grube für den Reaktor ausgehoben. Ein neuer Reaktor wurde nun dort aufgebaut, wieder ein mit Natur-Uran betriebener, zur Forschung, und in Betrieb genommen. Auch dieser wurde aber nicht kritisch, kam nie bis zur Kettenreaktion. Stadtlim in Thüringen wurde in der Endphase des Kriegs bzw der Nazi-Diktatur ebenfalls ein Ort, wohin Arbeitsgruppen zogen.

Der deutsche Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch behauptet in seinem Buch “Hitlers Bombe” (s. u.), dass die Nazis die Bombe nicht nur gebaut haben, sondern dass 1945 in Thüringen, am Truppenübungsplatz Ohrdruf, auch ein Test stattgefunden hat. Und zwar soll die Gruppe vom Heereswaffenamt um Diebner, die in Konkurrenz zu Heisenberg Atomforschung betrieb, eine Kombination aus Kernspaltungs- und Fusionsbombe gezündet haben. Karlsch scheint dafür nur Augenzeugen aufbieten zu können, und in Bodenproben wurde keine Radioaktivität gefunden.

Als die deutschen Forscher um Werner Heisenberg am Kriegsende in Haigerloch unterirdisch, versteckt, beengt, abgeschnitten, werkten, hätte wahrscheinlich nicht einmal eine Wunderwaffe bzw. ein Gelingen ihrer Arbeit noch einen Umschwung im Krieg bringen können. Heisenbergs “Gegenspieler” Robert Oppenheimer und sein Team näherten sich zur selben Zeit der Fertigstellung der ersten Atombombe mit grossen Schritten. Dem Manhattan-Project standen 125 000 Arbeitskräfte, darunter 6 damalige oder später geehrte Nobelpreisträger, und ein Etat von rund 20 Milliarden Dollar zur Verfügung. Das US-amerikanische Militär stand Anfang 1945 am Westrand Deutschlands (im Osten die Rote Armee), mitten in Italien, und war auch im Pazifik gegen Japan im Vormarsch.

Ende 1944 wussten die Amerikaner, aus erbeuteten Dokumenten, dass die Deutschen weit von der Entwicklung einer Atombombe entfernt waren. Bis dahin glaubten sie, in einem knappen Rennen zu sein. Als die Amerikaner am 16. Juli 1945 die erste Atombombe der Welt in der Wüste von New Mexico zünden, hatte das Deutsche Reich bereits definitiv den Krieg verloren, war geschlagen und besetzt. Das japanische Nuklearprogramm unter der Leitung von Yoshio Nishina kam seinem Ziel während des Krieges deutlich näher als das deutsche. Im August wurde der Krieg durch die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki beendet. Zum japanischen Programm zählte auch der Bau eines lauffähigen Atomkraftwerks in Tokio. Dieses wurde 1945 kurz vor seiner Inbetriebnahme bei einem Luftangriff auch zerstört.

Der wichtigste Grund für das Scheitern war die Wissenschaftspolitik des NS-Regimes: Wechselnde Oberaufsicht und Konkurrenz zwischen Teilen des Regimes, die Aufteilung des Programms auf verstreute Arbeitsgruppen, die mangelnde Unterstützung des Programms. Als kriegführender Staat ein solches Projekt zu betreiben, war sicherlich auch ein Nachteil. Daneben wird immer wieder die Vermutung geäussert, wonach die deutsche A-Bombe wegen einem stillen Boykott bzw. dem Passivismus der daran arbeitenden Wissenschafter nicht zustande kam. Robert Jungk unterstützte diese These, auch Edward Teller meinte dass Heisenberg das Atomwaffenprojekt niemals ernsthaft verfolgt hätte. Heisenberg selbst stellte moralische Gründe für das Scheitern des deutschen Atombomben-Programms in den Vordergrund, nachdem aus der USA nach dem Krieg der Befund kam, dass er und die anderen Teams die Physik der Kernreaktoren/ Atombomben wohl nicht gemeistert hätten.

Die USA wussten von der Arbeit der Deutschen an einer Uranbombe und hatten 1943 die geheimdienstlich-militärische “Alsos”-Mission aufgestellt, deren Ziel es war, im Zuge der Eroberung Europas am Kriegsende den Stand des deutschen Atomprojekts zu erkunden, die Forschungen zu unterbinden, mögliche Atombomben zu suchen und der Physiker habhaft zu werden. Am 23. April 1945 erreichte die Alsos-Mission schliesslich Haigerloch und die Reste des deutschen Atomprogramms. Der Reaktor wurde zerstört und alle Materialien sowie die Forschungsberichte beschlagnahmt und zur Analyse in die USA geschafft. Bagge, von Weizsäcker und Wirtz wurden dort gefasst, Heisenberg in seiner Heimat Urfeld, Gerlach und Diebner in München, Harteck in Hamburg, Hahn, Korsching und Von Laue in Tailfingen.

Die zehn wichtigsten deutschen Atomwissenschaftler (Heisenberg, v. Weizsäcker, Wirtz, Diebner, Hahn, Korsching,…) wurden nach Grossbritannien gebracht, wo sie ab Sommer 1945 ein halbes Jahr im Anwesen Farm Hall in Godmanchester bei Cambridge interniert wurden. „Operation Epsilon“ war der Codename dieses Programms, in dem die Gespräche der Internierten abgehört wurden. Hauptzweck dessen war, zu bestimmen, wie nahe NS-Deutschland an die Atombombe herangekommen war, auch, wie die Kooperationsbereitschaft den Alliierten gegenüber einzuschätzen war. Dies war insbesondere für Grossbritannien interessant, das zu diesem Zeitpunkt noch keine Atommacht war. Auch mit der Nachricht vom Hiroshima-Abwurf wurden die Wissenschafter konfrontiert (Heisenberg: „Ich habe gelernt, dass Wissenschaft schreckliche Folgen haben kann“). Die Farm Hall-Abhörprotokolle bestätigen, dass die Deutschen einem nuklearen Sprengsatz nie nahe gekommen sind. Allerdings wird gegen diese Interpretation eingewandt, dass die inhaftierten Physiker geahnt hätten, dass sie abgehört wurden.

Die Verpflichtung deutscher Atomwissenschaftler nach dem Krieg für die Weiterarbeit an der Nuklearforschung der Alliierten war eher selten. Ursprünglich hatten die USA das mit Heisenberg vor. Harteck ging von sich aus Anfang der 1950er in die USA, zu einer privaten Forschungseinrichtung, nachdem er kurz Rektor der Universität Hamburg gewesen war. Die Sowjetunion verbrachte ca. 300 Atom-Spezialisten mit ihren Familien in ihre Besatzungszone in Deutschland, auch am Uranprojekt beteiligte wie v. Ardenne (ein Mitentwickler des Fernsehens, arbeitete danach in der DDR). Auch die anderen Alliierten naschten an Resten des deutschen Atomprogramms mit.

Es erfolgte auch die Demontage von technischen Anlagen des deutschen Uranprojektes, unter anderem beim Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin. Realisierte Geheimwaffen des Nazi-Regimes, die V2-Rakete und das Me262-Kampfflugzeug (beides potentielle Träger für deutsche Atombomben) hatten ebenso grosses Interesse der Alliierten geweckt. Die Beteiligten dieser Projekte und die Produkte dieser Forschung wurden in grossem Maß abgeschöpft, v.a. von der USA, im Rahmen von Programmen wie “Paperclip”; die Raketen-Wissenschafter um von Braun arbeiteten dann entscheidend am amerikanischen Weltraumprogramm mit.

Schon 1946 wurde im Max-Planck-Institut in Göttingen unter der Leitung von Werner Heisenberg die Atomforschung fortgesetzt; auf Grund alliierter Beschlüsse war Kernenergieforschung auf Grundlagenforschung beschränkt. Das Gesetz Nr. 22 der Alliierten Hohen Kommission vom 2. 3.1950 verbot den “Besitz, den Gebrauch, die Lagerung, Einfuhr und Ausfuhr von Materialien und Anlagen der Kerntechnologie”. In den Pariser Verträgen (unterzeichnet am 23. Oktober 1954) verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland im Zuge ihrer Westintegration, auf die Produktion von Atomwaffen bzw. auf eine eigene Atombewaffnung zu verzichten. Infolge dessen wurde diese zum Beitritt zur NATO eingeladen, der kurz nach Inkrafttreten der Verträge 1955 feierlich vollzogen wurde. Die BRD wurde dadurch beschränkt souverän.

Die Atomforschung und friedliche -nutzung wurde wieder zugelassen. Franz Josef Strauss, auch ein Seitenwechsler, wurde 1955 erster Bundesminister für Atomfragen und Vorsitzender der “Atomkommission” (später Strahlenschutzkommission), trieb Atomenergie-Nutzung voran. 1956 gründete das BRD-Atomministerium in Karlsruhe die „Gesellschaft für Kernforschung“ (GfK), aus der das „Kernforschungszentrum Karlsruhe“ wurde (heute “Karlsruher Institut für Technologie”, KIT). Anfang der 1950er Jahre besetzten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Strauss Kommandostellen in der Atomkommission und in den Kernforschungszentren, wie in Karlsruhe und Jülich, mit ehemaligen Uranverein-Mitarbeitern.

Als Pionier und Gründervater für die Nutzung der Kernenergie in Deutschland gilt Karl Wirtz, der maßgeblich an der Gründung des Kernforschungszentrums Karlsruhe beteiligt war und ab 1957 in diesem Zentrum Leiter des Instituts für Neutronenphysik und Reaktortechnik war. Dort leitete er die Planungen zum “Forschungsreaktor 2”, dem ersten Kernreaktor in Deutschland, der nach eigenem Konzept und in eigener Verantwortung gebaut wurde. Im Kernforschungszentrum Karlsruhe wurde ab 1959 unter der Leitung von Erwin Willi Becker (der nicht im Uranverein mitgearbeitet hatte) auch das Trenndüsenverfahren (auch: Becker Nozzle Process oder Jet Nozzle Process) zur Urananreicherung entwickelt. Auch die DDR konnte dann, mit Unterstützung ihrer Schutzmacht, über Forschungsreaktoren den Weg zu Atomkraftwerken nehmen.

1955/56 wurde die Bundeswehr gegründet, 1956 wurde F. J. Strauss als Nachfolger von Theodor Blank zweiter Verteidigungsminister. Er wollte die ultimative Abschreckungs- und Macht-Waffe für die BRD, legte 1957 Pläne für eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr vor. Im Bundestags-Wahlkampf 1957 bemühte sich die Opposition vergeblich, die weitverbreitete Ablehnung der Atombewaffnung zu nutzen, mit der Kampagne “Kampf dem Atomtod” (Anfänge der Anti-Atomspaltungsnutzung-Bewegung, die in den 1970ern erst gross wurde). Die CDU/CSU erzielte erneut einen grossen Wahlerfolg, Strauss blieb Verteidigungsminister. Nachdem Widerstand der West-Alliierten (entscheidend die USA) eigene Atomwaffen für die Bundeswehr verhinderte, blieb für Adenauer und Strauss nur die ihnen 1958 zugestandene Teilhabe an in der BRD stationierten US-amerikanischen Atomwaffen; die Bundeswehr sollte im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO im Kriegsfall diese Nuklearwaffen einsetzen können. Die USA hatte bereits 1953 mit der Stationierung von Atomwaffen in Deutschland begonnen (die fast bis zur Wiedervereinigung auf ostdeutschen Boden zielten), über die BRD einen nuklearen Schirm gespannt. Die Bundeswehr war früh mit (potentiellen) atomaren Trägersystemen ausgerüstet, wie auch die NVA.

Werner Heisenberg lehrte und forschte in der Nachkriegszeit zunächst in Göttingen, zog 1958 mit seinem Max-Planck-Institut für Physik (dem vormaligen KWI mit Sitz in Berlin) nach München um und setzte sich vehement (aber vergeblich) für eine grosse Reaktorstation dort und damit gegen den Standort Karlsruhe ein, weil er an den Arbeiten beteiligt sein wollte. Er versuchte, “verständnisvolle Beziehungen” zwischen Wissenschaft und Staat herzustellen, um eine von ihm als Unglück beurteilte Situation wie unter der NSDAP zu vermeiden. Diesem Zweck sollte die Einrichtung des Deutschen Forschungsrates unter seinem Vorsitz dienen, konkret der Beratung der Bundesregierung. Er stand Konrad Adenauer und der CDU nahe, setzte sich für eine verstärkte Kernforschung und den Bau von Reaktoren ein, lehnte jedoch gleichzeitig eine militärische Nutzung der Kernenergie ab. Gemeinsam mit siebzehn weiteren Physikern (die “Göttinger Achtzehn”, darunter die anderen Nobelpreisträger Otto Hahn und Max Born, weiters Walther Gerlach oder Carl Friedrich von Weizsäcker) wandte er sich im Göttinger Manifest im April 1957 gegen eine atomare Bewaffnung (West-) Deutschlands, nachdem sich Bundeskanzler Adenauer und sein Verteidigungsminister Strauss für eine solche ausgesprochen hatten.

C.F. v. Weizsäcker wurde in der BRD Friedensforscher, sein Bruder Bundespräsident. Diebner arbeitete in der deutschen Atom(energie)industrie. Walther Gerlach war ab 1948 Direktor des Physikalischen Instituts der Uni München, später Rektor dieser Universität. Der Physikochemiker Wilhelm Groth, im NS-Uranprojekt am Universitätsinstitut für physikalische Chemie in seiner Heimatstadt Hamburg zusammen mit Paul Harteck an der Uranreicherung mittels Gaszentrifuge tätig, hatte am Kriegsende mit dem Projekt auch in den Süden umziehen müssen. In der Nachkriegszeit war er zunächst weiter an der Uni Hamburg, 1956 gründete er den wissenschaftlichen Beirat des Kernforschungszentrums Jülich.

Die BRD hat einigen Diktaturen bei ihren Atomprogrammen geholfen. Infolge der amerikanischen Atoms for Peace – Initiative fand 1955 in Genf die „Internationale Konferenz über die friedliche Nutzung von Atomenergie“ statt. Dort kam es zu Kontakten zwischen der südafrikanischen und der deutschen Delegation, die von Otto Hahn angeführt wurde, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft (der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft). Damit begann die nukleare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Südafrika. 1962 wurde ein Kultur-Abkommen geschlossen, das auch den Austausch von Wissenschaftlern beinhaltete. Franz Josef Strauss organisierte als Atomminister die Ausbildung von südafrikanischen Wissenschaftern, darunter Waldo Stumpf, in Karlsruhe und Jülich. Die deutsche Hilfe für das südafrikanische Atom(waffen)programm inkludierte wahrscheinlich die Weitergabe des Karlsruher Uran-Anreicherungsprozesses, Deutschland bekam als Gegenleistung südafrikanisches Uran. Das Trenndüsen-Verfahren des Professor Becker wurde vermutlich auch an Brasilien unter der Militär-Diktatur weitergegeben.

Walther Schnurr und Ronald Richter hatten beide nicht im Uranverein mitgearbeitet, waren aber in dessen “Umfeld” gewesen, gelangten nach 1945 über die “Rattenlinie“ nach Argentinien. Dort leiteten sie das “Huemul”-Atomprojekt unter Präsident Juan Peron, Arbeiten an Atombomben und Raketen. Von Atomminister Strauss zurückgeholt, war Schnurr ab 1960 wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Kernforschung Karlsruhe. In dieser Position war er für die Kooperation mit dem neuen Atomprogramm der argentinischen Diktatur (das sich im Wettlauf mit dem brasilianischen befand) bestimmend. Die BRD hilft zur Zeit Israel bei seinem Atomwaffenprogramm mit den teilweise geschenkten „Dolphin“-U-Booten, die ein Trägersystem sind. Interessanterweise haben diese Regime auch mehr oder weniger intensiv untereinander nuklear zusammengearbeitet. Die nukleare Kooperation Israels mit (Apartheid-)Südafrika konnte nicht enger sein. Argentinien hat etwa Anfang der 1960er 90 Tonnen “Yellowcake” (Uran-Oxid) an Israel geliefert.

In dem Artikel im „Spiegel“ 1962 über die Bundeswehr, der zu Inhaftierungen und Durchsuchungen führte („Spiegel-Affäre“), ging es auch darum, dass diese bei der Verteidigung gegen den Warschauer Pakt auf die Teilhabe an nuklearen Waffen anderer NATO-Staaten angewiesen sei. In den 1960ern kämpfte Verteidigungsminister Strauss gegen den Atomwaffensperrvertrag. Bundeskanzler Adenauer soll den Atomwaffensperrvertrag ein “zweites Jalta” und ein “Morgenthauplan im Quadrat” genannt haben, Strauss “ein Versailles kosmischen Ausmaßes”. Er wurde von der BRD erst 1969 unter der SPD-FDP-Koalition mit Willy Brandt als Bundeskanzler unterschrieben, natürlich als Nicht-Kernwaffenstaat. Es ist umstritten, ob die nukleare Teilhabe, wie jene der BRD an USA-/NATO-Atomwaffen, einen Verstoss gegen den Vertrag darstellt. Gerade Verbreitung bzw. Weitergabe soll der Vertrag ja unterbinden und das tut die USA möglicherweise damit; ausserdem würde die BRD als Nicht-Atomwaffenstaat im Fall des Falles Atomwaffen benutzen. 1974 hat die BRD den Atomwaffensperrvertrag ratifiziert, nach Abschwächung der scharfen Kontrollbestimmungen und dem Einfügen einer dreimonatigen Kündigungsfrist.

1979 der NATO-Doppelbeschluss, wonach auf den USA-Militär-Stützpunkten in westeuropäischen Staaten Marschflugkörper/ Cruise Missiles und “Pershing II”- Raketen stationiert werden sollten. Bei der Umsetzung versagten einem US-amerikanischen Raketentransporter mit einer Pershing-Rakete 1982 auf einer Gefällstrecke bei Karlsruhe die Bremsen. Er raste ungebremst weiter, zerquetschte mehrere Autos und tötete einen Menschen. Aus der Befürchtung, dass die Rakete explodieren könnte, wurde der ganze Ort Waldprechtsweier evakuiert.

Auch die NVA verfügte über keine eigenen Nuklearwaffen, aber über die Trägermittel, mit denen sowjetische Atomsprengköpfe hätten eingesetzt werden können, darunter das ab 1985 eingeführte Kurzstrecken-Raketensystem “SS-23”. Kohl führte Gespräche mit der französischen Regierung über Teilhabe am nuklearen Schirm dieses Nachbarlandes. Zu den Bestimmungen des Zwei-plus-Vier-Vertrags vom September 1990 zur Wiedervereinigung gehört der Verzicht auf atomare, biologische und chemische Waffen, sowie die Reduzierung und Beschränkung der Truppenstärke der deutschen Streitkräfte, weiters der Abzug der sowjetischen Truppen bis 1994 und das Verbot der Stationierung von Kernwaffen und ausländischen Truppen auf ostdeutschem Gebiet. Russland hat seine Atomwaffen und seine Soldaten vertragsgemäß aus dem Osten Deutschlands abgezogen.

US-amerikanische Atomwaffen sind noch immer in Deutschland stationiert, am Stützpunkt Büchel in Rheinland-Pfalz (etwa 20 taktische Atomwaffen vom Typ “B-61”), die der NATO im Rahmen der nuklearen Teilhabe zur Verfügung stehen. Jene vom Luftwaffenstutzpunkt Ramstein sind abgezogen worden. Es gab aus allen politischen Lagern, am wenigsten aus der CDU/CSU, Forderungen, die US-Atomwaffen sollten endlich von deutschem Boden verschwinden. Der Kalte Krieg sei endgültig vorbei, so der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle vor einigen Jahren. Die USA wollen auch unter Obama rund 200 taktische Atomwaffen in Europa behalten. Manche CDU-Politiker sprechen von “iranischen Atomwaffen” als Grund für ihren Wunsch des Behaltens der US-Atomwaffen in Deutschland.

Die Änderungen am Kriegswaffenkontrollgesetz 1990 können so ausgelegt werden, dass Deutschland Atomwaffen entwickeln darf. Im Paragraphen 17 werden Verbote in Bezug auf Atomwaffen formuliert. § 16 sagt aus, dass diese Verbote nur für Atomwaffen gelten die nicht der Verfügungsgewalt von Mitgliedsstaaten der NATO unterstehen. Das wird auch so ausgelegt, dass Deutschland für sich selbst und jeden anderen NATO-Staat Atomwaffen entwickeln und bauen darf oder andere NATO-Staaten für Deutschland Atomwaffen entwickeln dürfen.

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 hat die BRD ja den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Fast 17 Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt forderte Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz 2006 (gegenüber der „Bild“-Zeitung) die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, um „auf eine nukleare Bedrohung durch einen Terrorstaat angemessen, also mit eigenen Atomwaffen, reagieren (zu) können“. Scholz verwies damals auf Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, der „Terrorstaaten“ damals mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht hatte. Deutschland ist als freier Spieler auf die internationale Bühne zurück gekehrt, und es gibt Bestrebungen, dort anzuknüpfen, wo man vor der Niederlage von 1945 war.

Material:

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche (2005)

Mark Walker: Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe (1990)

David Irving: The German Atomic Bomb. The History of Nuclear Research in Nazi Germany (1983). Irving ist wie Küntzel ideologisiert und umstritten (wegen seiner Holocaust-Leugnung), aber hier scheint seine Arbeit Wert zu haben. Kein Historiker, der sich mit der Geschichte der deutschen Atomforschung während des Zweiten Weltkrieges beschäftigt, kann seine Arbeiten dazu ignorieren. Heisenberg schätzte Irvings Forschung zu dem Thema in dem Spiegel-Interview 67 so ein, dass dieser aufgrund seines Quellenstudiums zwar Tatsachen richtig wiedergebe, aber “die zugrundeliegende Situation in einem totalitären, kriegsführenden Staat nicht nachvollziehen könne.“

Thomas Powers: Heisenbergs Krieg. Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe (1993)

Werner Heisenberg: „Gott sei Dank, wir konnten sie nicht bauen.“ Interview in: “Der Spiegel” 3. 7. 1967

Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher (1956)

Andreas Schauer: Das Treffen zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg in Kopenhagen 1941. Diplomarbeit, Universität Wien (2008)

Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe (2014)

Jeremy Bernstein: Hitler’s Uranium Club. The Secret Recordings at Farm Hall (2001)

David Irving: Der Traum von der deutschen Atombombe (1969). Englisches Original “The Virus House” (1967). Wurde 1967 vom „Spiegel“ vorab unter dem Titel „So groß wie eine Ananas…“ gebracht.

Kristie Macrakis: Surviving the Swastika. Scientific Research in Nazi Germany (1994)

Michael Schaaf: Heisenberg, Hitler und die Bombe. Gespräche mit Zeitzeugen (2001)

Manfred Popp: Hitlers Atombombe – warum es sie nicht gab. In: “Spektrum” 38/2016

Christian von Ditfurth: Der 21. Juli (2003; alternativhistorischer Roman, in dem die Nazi-Atombombe realisiert wird, was in dieser Fiktion allerdings nicht im Vordergrund steht; eine A-Bombe auf Deutschland hätte es natürlich auch geben können)

Rainer Karlsch, Heiko Petermann: Für und Wider “Hitlers Bombe” (Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt) (2007)

Zdenek Červenka, Barbara Rogers: The Nuclear Axis. Secret Collaboration between West Germany and South Africa (1978)

Hubert Mania: Kettenreaktion: Die Geschichte der Atombombe (2010)

Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik (1969)

Armin Hermann: Wie die Wissenschaft ihre Unschuld verlor. Macht und Mißbrauch der Forscher (1982)

Robert Jungk: Der Atomstaat (1975)

Stefan Rozental (Hg.): Niels Bohr. His life and work as seen by his friends and colleagues (1967)

Michael Frayn: Kopenhagen (1998, Theaterstück zum Treffen)

Helmut Rechenberg (Hg.): Werner Heisenberg. Deutsche und Jüdische Physik (1992). Der Titel bezieht sich auf einen Artikel im “Völkischen Beobachter”, auf den Heisenberg antwortete.

Joseph P. Farrell: Nazi International. The Nazis’ Postwar Plan to Control the Worlds of Science, Finance, Space, and Conflict (2009)

Mitchell G. Ash: Verordnete Umbrüche – konstruierte Kontinuitäten. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43/10 (1995)

Matthias Küntzel: Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt (1992). Wissenschaftlicher Wert?!

Frank Beyer: Ende der Unschuld (1990/91; zweiteiliger Fernsehfilm, der die Arbeiten des deutschen Uranvereins im Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt stellt)

Andreas Sulzer arbeitet an einem Dokumentarfilm über (von ihm) vermutete NS-Atomwaffenproduktion oder Atomversuche in einem Berg-Stollen im oberösterreichischen St. Georgen/Gusen, den Häftlinge der Mauthausen-KZ-Nebenlager Gusen unter dem Decknamen “Bergkristall” zur Produktion von Messerschmitt-Me-262-Jagdflugzeugen graben mussten (etwa 30 000 kamen dabei ums Leben). Mit “Bergkristall” wird heute auch der Stollen bezeichnet, er soll einen geheimen, viel grösseren Teil haben, dort sollen Atomversuche oder die Konstruktion von Bomben stattgefunden haben. Auch Rainer Karlsch ist wieder mit dabei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Schatten der Mauer

Bei der Gedenkveranstaltung zum Jubiläum von 25 Jahre Mauerfall in Berlin gedachte die Kanzlerin der Opfer des „Unrechtsstaats DDR” und zog, wie auch schon bei einer Vertriebenen-Veranstaltung kurz davor Parallelen zu aktuellen Konflikten in Syrien, dem Irak und der Ukraine. Zu Palästina, dem kürzlichen Massaker, und der Apartheid-Mauer nicht. Deswegen sind die Broders ja ihre Fans, wenn nicht Verbündeten. Die teilenden Mauern in Korea und Zypern hätten sich auch eher als Parallele angeboten. Auch auf den Grund der Vertreibungen der Deutschen, der deutschen Teilung, der sowjetischen Besatzung eines Teils Deutschlands, ging sie nicht ein. Hatte auch etwas mit der Ukraine zu tun. Nun ja, vor Deutschland als Grossmacht muss man irgendwie mehr Angst haben als vor Russland.

Max Blumenthal und David Sheen, die von linken Linken in den Bundestag geladen wurden (wo Biermann kurz davor angesichts des Jubiläums die Linke attackierte), um u. a. über das Gaza-Massaker zu reden, wurden Opfer einer im Vorhinein angelaufenen Verhinderungs-Kampagne von Weinthal in der “Jerusalem Post”, die erfolgreich war, weil Gysi (der während der Wende zunächst SED-Chef geworden war) und Pau von der Parteiführung einknickten. Sie sprachen daher anders(wo) als geplant. Wollten Gysi mit dessen Vorwürfen konfrontieren, daraus wurde endgültig ein Pseudo-Skandal mit bundesdeutschem Entrüstungssturm, wie bei Grass’ Gedicht.. Der wahre war die Verhinderung, die Hetze, die Diffamierung, in Medien, von Politikern.

Zu den 41 Jahren DDR, das letzte mit Wende und Maueröffnung, ist zu sagen, dass mehrere Wahrheiten nebeneinander bestehen können. Der jetzige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte einst, erst mit dem Mauerbau entstand so etwas wie eine DDR-Identität, bis dann war „gehen“ möglich. Genscher ging zB ’52 von der DDR in die BRD. Die Flucht aus der DDR in die BRD fand v.a. in Berlin statt, war dort am leichtesten. Vor allem während der Berlin-Krisen gingen Viele aus der SBZ bzw DDR nach West-Berlin. An der eigentlichen innerdeutschen Grenze gab es schon in den 1950ern Trennvorrichtungen, auf DDR-Seite aufwändigere. Diese wurden in den 1960ern auch ausgebaut. 1961 wurde von der DDR-Regierung quer durch Berlin, entlang der Grenze zu den westlichen Sektoren, eine Mauer sowie weitere Sperranlagen errichtet. An die 900 Menschen kamen bei Versuchen der Überwindung der Grenzanlagen, vor und nach dem Mauerbau, ums Leben.

Der Fall des berühmtesten Mauer-Toten, Peter Fechter (1962), sagt einiges über diesen Konflikt aus, nicht nur weil er zeitlich und räumlich in seinem Brennpunkt stattfand. Der von DDR-Grenzschützern angeschossene Fechter verblutete bekanntlich, weil er gut 1 Stunde im “Todesstreifen” liegen blieb. Der Zugführer der DDR-Grenzsoldaten gab an, nicht eingeschritten zu sein, da er befürchtete, die auf der Westseite versammelten Polizisten würden auf die Soldaten schießen. In der Tat war nur drei Tage zuvor der DDR-Grenzsoldat Rudi Arnstadt an der innerdeutschen Grenze von einem westdeutschen Grenzbeamten erschossen worden. Der Tod des durch einen Westberliner Fluchthelfer erschossenen DDR-Grenzers Reinhold Huhn lag erst zwei Monate zurück und auch der Tod des von Westberliner Polizisten am 23. Mai 1962 beim Verhindern eines Grenzdurchbruchs erschossenen Gefreiten Peter Göring war noch gegenwärtig.

(Als es 40 Jahre später in diesem Fall zu einem Prozeß kam, saßen jedoch einmal mehr nicht diese Todesschützen auf der Anklagebank, sondern wiederum DDR-Grenzsoldaten). Ein toter Peter Fechter war den BRD-Beamten und BRD-Medien aus propagandistischen Gründen wahrscheinlich willkommener als ein lebender. Dass Fechter so wie viele andere aus der DDR, aus dem Ostblock raus wollte und mit Gewalt daran gehindert werden musste, spricht aber auch eine klare Sprache… Die DDR existierte im Grossen und Ganzen gegen das Volk, ein Unterschied zur BRD.

Das 1945 von den Alliierten aufgelöste Preussen wurde unter Erich Honecker rehabilitiert, als es darum ging, die DDR als Nation zu etablieren. Der preussische Geist hat auch in militärischen Traditionen der DDR weitergelebt. „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ war ein DDR-Fernseh-Mehrteiler in den 1980ern über Sachsen und Preussen in den Jahren 1697–1763, Teil der DDR-Geschichtspolitik. Preussen erlebte auch nach der Wiedervereinigung eine Art Rehabilitierung. Aus der Sicht der Rechten war die DDR natürlich „schlecht“, aber man schätzt dass es keine Einwanderung gab und preussische Traditionen hoch gehalten wurden.

Die Ereignisse am 9. November 1989, der “Fall” der Berliner Mauer, laden ein zum kontrafaktischen Spekulieren darüber, wie es anders hätte kommen können. Hier scheinen durch minimale Änderungen der tatsächlichen Geschehnisse sehr abweichende Szenarien möglich. Wenn der frisch ernannte Quasi-Regierungssprecher der DDR, Günter Schabowski, nicht zu spät zur ZK-Sitzung gekommen wäre, über die geplante Gesetzesänderung Westreisen betreffend voll im Bild gewesen wäre, auf der Pressekonferenz später an diesem Tag keine Angaben dazu (oder richtige) gemacht hätte, DDR-Bürger deshalb nicht im Anschluss daran die Grenzübergänge in Berlin gestürmt hätten, die Mauer also nicht an dem Tag “gefallen” wäre – wie wäre die Geschichte der DDR, Gesamt-Deutschlands, des Ostblocks, und darüber hinaus anders gelaufen?

Gorbatschows Perestroika-Politik in der Sowjetunion hatte dazu geführt, dass alle osteuropäische “Brüderstaaten” ihre eigene Politik verfolgen konnten, sogar die Abkehr vom Kommunismus, wie das Ungarn im Frühling 1989 vollzogen hat! Die dadurch möglich gewordene Flucht von DDR-Bürgern über Ungarn in den Westen im Sommer des Jahres hat das System weiter destabilisiert. Im April 1989 hatte die DDR, nach dem letzten Mauertoten, die Aufhebung des Schiessbefehls an der Grenze verfügt. Im Herbst stellten sich massive Demonstrationen gegen das System ein, nicht zuletzt anlässlich der 40-Jahr-Feiern dieses Staates im Oktober (an denen auch Gorbatschow teilnahm). Egon Krenz wurde dann Honeckers Nachfolger als Staats- und Parteichef. Es war also Wendezeit, vieles war möglich.

Schabowskis unabsichtlich falsche Angaben zur Grenzöffnung haben diese ermöglicht bzw. beschleunigt. Wenn die Regelung in dieser Form (also das Recht auf Westreisen und Rückkehr) auch durch den Ministerrat gekommen wäre und wie vorgesehen erst am Folgetag veröffentlicht worden und in Kraft getreten wäre, wäre der Ansturm und damit die Quasi-Grenzöffnung wahrscheinlich ähnlich gewesen – die Genehmigungen wären ja an den Grenzübergängen unmittelbar zu erteilen gewesen. Die Grenzposten wären aber vorbereitet gewesen, die Erteilung von Reisegenehmigungen hätten diese Ausreisen ein wenig kanalisiert. Abgesehen davon wurden die Westgrenzen der übrigen Staaten des damaligen Ostblocks damals schrittweise geöffnet; bei Abkapselung von/zu diesen Staaten wäre die DDR erst recht verloren gewesen. Die Erlaubnis zum Kommen und Gehen hätte im Fall ihrer geplanten Umsetzung eher den gewünschten Effekt haben können, nämlich das Gehen zu drosseln. Die Kontrolle über die Situation wäre beim Regime geblieben.

Hans Modrow wäre wohl auch so bald nach dem “Mauerfall” neuer Ministerpräsident geworden. Er hätte, aus einer Position der relativen Stärke heraus, eine Reformpolitik durchführen können, eine DDR-Perestroika, die auch die Oppositionsgruppen wie das Neue Forum einigermaßen zufrieden hätte stellen können, etwa mit einer Generalamnestie für politische Gefangene (die so im Dezember kam). Vergleichbar mit jener von Miklos Nemeth in Ungarn oder Ion Iliescu in Rumänien in dieser Zeit. Eine Reformpolitik, die aber nur schwerlich dazu hätte führen können, die DDR als Einparteienstaat zu erhalten.

Auch wenn sich die DDR und die SED in Ruhe reformiert hätten, wäre der Staat wahrscheinlich nicht zu retten gewesen. Freie Wahlen im Frühling 1990 wären auch mit einem anders verlaufenen 9. November 1989 realistisch gewesen, mit einem ähnlichen Ergebnis wie bei den tatsächlichen. Und somit wäre die Entwicklung der DDR wohl auch so auf die Vereinigung mit der BRD hinausgelaufen; zumal das Einverständnis der Sowjetunion unter Gorbatschow dazu unabhängig von der Grenzöffnung gegeben gewesen wäre. Die DDR war wahrscheinlich nicht reformierbar. Sie wäre wohl etwas anders in die Vereinigung reingegangen.

Nach dem Mauerbau wurde West-Berlin noch stärker eine „Insel” (im Kommunismus). Die grosse Einwanderung aus der BRD kam erst danach. Es entstand eine linke Szene, die für die Bundesrepublik maßgeblich war. Die Frage, ob W-Berlin hinter den westdeutschen Städten zurück oder ihnen voraus war, ist nicht so leicht zu beantworten. Zerfallene Häuser einerseits, künstlerische Freiheit andererseits. So wie „Herrn Lehmann“ aus Sven Regeners gleichnamigem Roman erkannten Viele nach dem Mauerfall, dass es mit der “Alternativwelt” nun vorbei sein würde. Und Berlin-Mitte fortan auch ein homogenisiertes Stück Düsseldorf sein werde. In der Wende-Zeit träumte man in der DDR vom Paradies und wachte dann in Nordrhein-Westfalen auf. Die Wiedervereinigung veränderte dann aber auch alte BRD, aus der ungefähr 1999 die “Berliner Republik” wurde.

Ingo Schulze hat auf etwas Interessantes hingewiesen: Die Ost-CDU (bis Dezember 1989 CDUD) spielte bei der Wende keinerlei Rolle, war diskreditiert als Teil des Regimes, hängte sich dann an die Wende dran; während das Neue Forum alles initiierte. Bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 kam Bündnis 90 (in dem der grösste Teil des Neuen Forums aufgegangen war) aber dann auf 2,9% und den 6. Platz, die CDU (leicht erneuert und mit Kohl-Hilfe) auf über 40% und den 1. Platz. Die CDUD-„Blockflöten“ stimmten in kommunistischen Zeiten nur in Bereichen wie Abtreibung anders (konservativer) als die SED; das Recht auf Abtreibung – in der DDR eine Selbstverständlichkeit – wurde in der BRD erst durch die Wiedervereinigung möglich.

Erinnert an die jetzige Situation, in der der Linken-Politiker Ramelow in Thüringen am Sprung zum ersten Ministerpräsidenten aus der Partei steht, wobei er eigentlich ein Gewerkschafter aus dem Westen ist und seine Vorgängerin und kommende Oppositionsführerin Lieberknecht (CDU) eine ehemalige Blockflöte. Dennoch sind von Gauck (der ja für Bündnis 90 in die letzte Volkskammer eingezogen war) abwärts viele über Ramelow „aufgeregt“, nicht über sie. Volker Pispers hat in Richtung Gauck gesagt, der Lebensstandard in der DDR wäre für einen sehr grossen Teil der Bürger der (heutigen) USA ein grosser Fortschritt.

Durch die Währungsunion mit 1:1-Kurs im Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR 1990 wurde die Produktion im Osten unerschwinglich. Die Treuhandanstalt hat dann auch intakte ostdeutsche Firmen stillgelegt oder privatisiert (an den Westen verscherbelt). Die Anti-Regime-Bewegung der DDR von links bis rechts wollte eigentlich, dass die Bürger etwas von dem von ihnen Erarbeiteten in ihren Besitz bekamen, durch das THA-Wirken ging das aber zu westdeutschen Firmen über. Es fand eine in der Phase um die Vereinigung eine De-Industrialisierung in Ost-Deutschland statt, die Massenentlassungen und Abwanderung mit sich brachte; kleine Unternehmer wurden bald von “Multis” verdrängt. Die wirtschaftliche Entmündigung war Teil einer generellen, so wurden ja auch nur vier Diplomaten der DDR übernommen; ähnlich war es etwa auch im Fussball (Liga, Nationalteam). Im Osten wirkende Politiker, Professoren, Beamte, usw. kamen aus dem Westen. Seither lebt der Osten von Zuwendungen aus dem Westen; das Muster ähnelt der Politik des Westens gegenüber der 3. Welt (ruinieren/ausbeuten, dann Entwicklungshilfe).

Die DDR hätte ’89 die Bürgerbewegung niederschlagen können, wie China in diesem Jahr, evtl mithilfe der Roten Armee im Land (mit Honecker ist das vorstellbar, mit Gorbi nicht), ein Massaker in Leipzig… Gregor Gysi schrieb 1993 einen Essay, in dem die DDR mit Perestroika ab ’85 überlebt. Zu „Die Mauer steht am Rhein“ steht hier etwas. Bei Jörg Mehrwald überlebt die DDR (“Bloß gut dass es uns noch gibt”, Satire). In der Mockumentary “Öl – die Wahrheit über den Untergang der DDR” (2015) wird Öl in der Ostsee gefunden. Der Kalte Krieg als Ganzer hätte in seiner Endphase am ehesten im Sommer 91 eine andere Wendung bekommen können, wenn der Putschversuch gegen Gorbatschow in der Sowjetunion anders ausgegangen wäre, wenn die Putschisten um Janajew Erfolg gehabt hätten; sie scheiterten hauptsächlich, weil der Grossteil des Heeres und der Bevölkerung gegen diesen Umsturz war.

Die Reden der beiden USA-Präsidenten an der Berliner Mauer sagen ja viel über den “Westen” und die Diskrepanz zwischen seinem Anspruch und der Realität. Kennedy war 1963 ein “Berliner”, als die Stadt schon etwa 15 Jahre lang Vorposten westlicher Freiheit war; ein Status, den das westliche Deutschland und Berlin bekommen hatten, indem NS-Funktionäre wie Gehlen (der auch über JFKs Tod hinaus noch einige Jahre BND-Chef war) die Seite wechselten. Kennedy hatte sich beim Bau der Mauer „zurück gehalten“, der Auftritt in ihrer Nähe dann hatte grosse Propagandawirkung; er war ein “Berliner” aber etwa kein Bagdader. Reagan forderte 87, die Mauer niederzureissen, als er in Zentralamerika Tod und Unterdrückung vorantrieb, Saddam Hussein gegen den Iran von ihm unterstützt wurde, und im von seiner Regierung (und Saudi-Arabien) gesponserten islamistischen Widerstand gegen den Kommunismus in Afghanistan u.a. Osama Bin Laden kämpfte.

Die “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte” (IGFM; International Society for Human Rights) sieht sich als “Menschenrechtsorganisation”, mit internationalem Anspruch, wechselte den Fokus von Marx zu Mohammed. Früher war ihr Fokus ausschließlich auf Menschenrechtsverletzungen in kommunistischen Regimen, während beispielsweise das südafrikanische Apartheid-Regime nicht kritisiert wurde. Die IGFM war in der DDR auch Thema einiger Diplomarbeiten der Rechtswissenschaften. “Imperialistische Menschenrechtsaktivitäten im Rahmen der ideologischen Diversion insbesondere gegen die DDR – dargestellt vor allem am Beispiel der Feindorganisation “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte e.V.”, Frankfurt/Main” war das Thema einer Arbeit aus dem Jahr 1984. Sie dürfte auch heute eine gewisse Aktualität haben.

 

Mauerbau Berlin 1961
Mauerbau Berlin 1961