Mythos Haile Selassie und Äthiopien

Haile Selassie I. (ቀዳማዊ ኃይለ ሥላሴ]) bzw Tafari Makonnen (1892 – 1975), äthiopischer König/ Kaiser von 1930 bis 1974 und zuvor ab 1916 “Regent”, ist eine umstrittene historische Figur, jedenfalls eine bestimmende Gestalt in der Geschichte Äthiopiens aber auch Afrikas an sich. Über die Geschichte von Äthiopien/ Abessinien liegt Vieles im Unklaren, hier vermischen sich gerne Mythen und Legenden mit Fakten. Der Versuch einer Annäherung an diesen Herrscher und sein Land, und die Widersprüche und Gegensätze in den Auffassungen darüber.

Ländliches Äthiopien, Norden

Haile Selassie kam aus der Salomonischen Dynastie, die sich auf den legendären jüdischen König Salomon/ Shelomoh1 bezieht, der sich im 10. Jh vC laut Tanach/Bibel/Koran und äthiopischer Legenden mit der ebenfalls legendären Königin von Saba/ Sheba in Jerusalem/ Jebus getroffen haben soll. Laut dem äthiopischen “Kebra Nagast” aus dem 13./14. Jh2 soll in ihrem Bauch aus dem Samen Salomons, mit dem sie in das lebendäre Saba zurück kehrte, ein Bub gewachsen sein, den sie Menelik nannte. Dieser soll Herrscher von Äthiopien (wofür Saba ein Synonym gewesen sein soll3) geworden sein, als Erster aus dieser “salomonischen Dynastie”. Gesichert ist diese Dynastie erst ab etwa 1300 (nC), als Herrscherfamilie Äthiopiens, nicht die Abstammung vom biblischen König. Und, das erste Staatswesen Äthiopiens war das Reich von Aksum (nach der “Hauptstadt” so genannt), dessen Anfänge irgendwann zwischen 100 und 500 nC liegen müssen.4 Ob das Aksum-Reich von dieser Dynastie regiert wurde, ist sehr fraglich – wiederum abgesehen von der Frage der Abstammung.

Stele/ Obelisk in Aksum

Die Bevölkerung des Kern-Äthiopiens vor der Erweiterung im 19. Jh waren die Habescha/ Abesha/ Abessinier, die semitischer Sprache und möglicherweise Herkunft waren und aus denen Amhara/ Amharen und Tigre/ Tigray hervor gingen. Die Sprache Ge’ez entstand, die Vorform von Amharigna und Tigrinya, evtl durch Einwanderung aus Südwest-Arabien bzw Jemen. Zeugnisse aksumitischer Kultur sind nicht zuletzt die grossen Obelisken/ Stelen, die auch zT von Europäern aus dem Land verschleppt wurden. Aksum war eines der Reiche  in Spät-Antike/ Früh-Mittelalter in Afrika, wie das benachbarte Reich von Kusch in Nubien, wo sich der aus Äthiopien kommende Blaue Nil mit dem Weissen vereinigt. Das Reich unterhielt Beziehungen über den Nil und das Rote Meer, mit Südarabien und Ägypten (von wo später der Islam kam), mit Europa, mit Asien. Der aus Äthiopien stammende Kaffee wurde hauptsächlich über Jemen/Südarabien verbreitet. Im 4. Jh kam das Christentum, aus dem Osten des Römischen Reichs durch Syro-Phönizier oder Griechen, wurde unter König Ezana Staatsreligion.

Was Äthiopien mit Jemen verbindet, ist auch der Konsum von Qat/ Kath; hier ein Feld in Äthiopien

Die Äthiopische Kirche bekannte sich zum Monophysitismus5, verband sich mit der Koptischen Kirche in Ägypten, hat aus dem Judentum zB die Beschneidung übernommen; an ihrer Spitze steht ein Abuna. Koptische Ägypter füllten jahrhundertelang diese Position aus, standen an der Spitze der Äthiopischen Kirche. In Aksum entstand unter Ezana die Kirche “Sankt Maria von Zion”. Dorthin soll die Bundeslade gebracht worden sein6, dort wurden jahthundertlang die äthiopischen Könige gekrönt. Der Niedergang des Aksum-Reiches begann mit der Ausbreitung des Islams in der Region Westasien-Nordafrika. Der Islam kam auch nach Ägypten, Nubien, Äthiopien und die Küste des Horns von Afrika, das spätere Somalia (wahrscheinlich das legendäre Punt/-land, das teil- und zeitweise zum Aksum-Reich gehört hatte). Die Maria-Zions-Kirche wurde aber (das erste Mal) um 1000 von der Armee der Gudit/ Judith zerstört, möglicherweise ebenfalls eine legendäre Figur, die das Reich von Aksum “beendete”. Sie soll Jüdin gewesen sein und/ oder den kuschitischen Agau angehört haben – wie die als Juden nach Israel gebrachten Äthiopier. In der Folge entstand das Reich der Zagwe-Dynastie sowie andere regionale Reiche.

Kebra Negest – Illustration

1270 wurden die Zagwe von einem Yekuno Amlak gestürzt, der sich als Angehöriger der Salomonischen Dynastie vorstellte. Die Herrschaft dieser Dynastie ist erst ab hier gesichert (abgesehen von der legendären Gründung), sie ging mit kurzen Unterbrechungen bis 1974/75. In der einen Geschichtsauffassung kam es hier zu einer Wiederherstellung der Herrschaft des königlichen Hauses des Aksum-Reichs. Unter den “salomonischen” Kaisern wehrte Äthiopien die Osmanen ab, ging dabei Allianzen mit den Portugiesen ein. Unterhalb des Negus (König/Kaiser) gab es die Ras, regionale Statthalter, meist auch aus dieser Dynastie. Und, in der späteren Neuzeit machten sich die Ras’ selbstständig, die Negus’ (in der Hauptstadt Gondar) begannen ein Schattendasein zu führen. Wie in Japan, wo die Shogune vom 13. bis zum 19. Jh die eigentliche Macht ausübten, die Tennos in den Hintergrund stellten. Diese Periode in Äthiopien von Mitte des 18. Jh bis Mitte des 19. Jh wird Zemene Mesafint (ዘመነ መሳፍንት) genannt, was mit “Ära der Prinzen” übersetzt werden kann.7 Diese Phase kam zu einem Ende, als der Ras von Quara, Kassa Hailu, zunächst weitere Regionen unter seine Kontrolle brachte, dann 1855 Yohannes III.8 absetzte und sich zum Negus Tewodros/ Theodorus II. machte.

Tewodros stellte die Zentralgewalt über/ in Äthiopien wieder her, zu einer Zeit, als europäische Mächte dabei waren, sich ganz Afrika “unter die Nägel zu reissen.” Im südlichen Grenzgebiet kämpfte Tewodros’ Armee mit hamitischen Völkern. Aussenpolitischer Gegner war Ägypten, dass damals de jure Teil des Osmanischen Reichs war, de facto unabhängig (und auch über den Sudan herrschte) und unter zunehmenden britischen Einfluss. Negus Tewodros führte seine Armee gegen die britische Äthiopien-“Expedition” 1868 an, beging am Ende der Schlacht von Magdala Selbstmord, um nicht in britische Gefangenschaft zu geraten. Sein Nachfolger Tekle Giyorgis II. war väterlicherseits ein Abkömmling der alten Zagwe-Dynastie, die ja von der Salomonischen Dynastie, der auch seine Mutter entstammte, entmachtet worden war. In seiner Regierungszeit begann (1869) die italienische Inbesitznahme des Küstengebiets von Äthiopien, Eritrea, ein hauptsächlich von Tigre bevölkertes Gebiet, zT moslemisch, zT christlich, wie der Rest Äthiopiens zeitweise unter regionalen Herrschern, auch unter Herrschaft der Osmanen/Ägypter. Nachfolger Yoannes/Johannes IV. fiel gg die eindringenden Mahdisten aus Sudan; er ist der erste äthiopische König von dem es ein Foto gibt.

Nach ihm kam, 1889, Menelik II., vom Shewa-Zweig der Salomonen, zuvor auch einer der Ras/ Landesfürsten. Dieser Zweig konnte auf eine ununterbrochene patrilineare Abstammung vom frühesten gesicherten Salomonen, Yekonu Amla, “verweisen”. 1895/96 versuchte Italien von Eritrea aus, Äthiopien an sich einzunehmen (“Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg”). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua (Adwa), konnte seine Unabhängigkeit wahren. Ras Makonnen Woldemikael, Vater des späteren Kaisers (Königs) Haile Selassie, spielte bei diesem Sieg als General eine Rolle. Äthiopien/Abessinien war bei der Berliner “Kongo”-Konferenz 1884/85 anerkannt worden, von den welt-beherrschenden Westmächten, war der einzige afrikanische Staat in Afrika neben dem von der USA gegründeten Liberia. Gegen den italienischen Angriff (der im Zuge der vollständigen europäischen Aufteilung Afrikas kam) konnte das gewahrt werden. China (damals unter den Qing), Persien (unter den Kadscharen), das Osmanische Reich, Japan und Äthiopien waren einige der wenigen Reiche/Länder, die auch im 19. Jh nicht ganz von europäischen Kolonialmächten unterworfen wurden; nach dem 1. WK begann diesbezüglich eine neue Ära.9

Menelik II.

Die Grenzen Äthiopiens wurden unter Menelik II. neu festgelegt, durch seine Eroberungen10, er vergrösserte Abessinien/Äthiopien in den Süden, in hamitische, kuschitische, nilotische Gebiete. Eroberte zB das (nilotische) Kaffa-Reich, das von Naturreligionen geprägt war, sein letzte Herrscher Tato Gaki Sherocho wurde gefangen genommen. Sonst waren vor allem Moslem-Gebiete betroffen; die amharisch-christliche Herrschaft wurde über weitere Ethnien ausgedehnt (zuvor bestand sie nur über Tigre, Afar und einen Teil der Oromo). Meneliks dritter relevanter Wirkungsbereich war eine Modernisierung, die er dem Land verpasste. Im Zuge dessen wurde Addis Abeba Hauptstadt, wurde der Staat zentralisiert, die Macht des Negus gestärkt. In Japan gab es ab 1868 die Meiji-Restauration, mit der die Macht des Tennos wieder hergestellt wurde – was in Äthiopien unter Tewodros und Menelik geschah.

Der Mythos von Äthiopien bzw seine Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora kam aus seinem Charakter als afrikanische Hochkultur, seiner frühen Annahme des Christentums, der weitgehenden Behauptung seiner Unabhängigkeit, und nicht zuletzt aus seinen legendären Verbindungen zu den Wurzeln von Christentum und Judentum. Die Äthiopische Orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine der wenigen vor-kolonialen Kirchen in Afrika; aber abgesehen davon wird auch ein Bezug des Landes zu Inhalten, Geschehnissen und Figuren aus Tanach und Bibel beansprucht, Äthiopien mit als Quelle jener Kultur gesehen, die den Westen eroberte, und die längst als “westlich” gesehen wird. Äthiopien hat den Europäern (Italiener, Briten,..) wie den Moslems (Araber, Türken) weitgehend widerstanden. Äthiopien war ja auch ein Kandidat für das “Johannesreich”, ein von Europäern vermutetes christliches Reich in einer Region von “Wilden”. Westler, die sich auf den christlichen Charakter Äthiopiens sürzen, blenden die Gräuel aus, die v.a. beim dritten (gelungenen) italienischen Versuch der Einnahme des Landes geschahen, blenden die Bedeutung des Landes in der Behauptung gegen die totale europäische Expansion aus; und: Giordano Bruno schrieb 1591, “niemand könne sich tatsächlich vorstellen, dass zum Beispiel das jüdische Volk und die Äthiopier die gleichen Vorfahren gehabt hätten. Also hätten seinerzeit nicht nur ein Adam, sondern mehrere unterschiedliche erste Menschen geschaffen werden müssen, oder die Afrikaner seien die Abkömmlinge präadamitischer Stämme der Menschheit.”11

Menelik wurde 1913 von seinem Enkel Iyasu und dann seiner Tochter Zauditu gefolgt, dann kam sein Grosscousin Haile Selassie an die Reihe. “Lij” Iyasu, von Grossvater und Vorgänger Menelik ernannt, war Sohn eines ursprünglich moslemischen Oromo-Fürsten (der eine Tochter Meneliks geheiratet hatte). Er war 1910-13 Regent für den erkrankten Opa, 1913 (16 Jahre alt) bis 1916 ungekrönter König (Iyasu V.). Er hatte in der Familie, im Adel, keinen leichten Stand, wurde (v.a. aufgrund seines Vaters) der Förderung von Moslems im Inneren und Äusseren verdächtigt. Seine Halbtante Zauditu (Zewditu, Zawditu, Zäwditu) sah er als Bedrohung, liess sie exilieren; 1916 setzten Adel und Kirche aber Iyasu ab und diese ein. Sie heiratete den Sohn von Meneliks Vorgänger Johannes, bzw wurde verheiratet, es folgten weitere Heiraten. Sie war bis 1930 Negiste (Königin) bzw Negiste Negest (Königin der Könige, bzw Kaiserin), eines von ganz wenigen weiblichen Staatsoberhäuptern weltweit damals. Der gestürzte Iyasu hielt seine Ansprüche aufrecht, forderte mit seinen Anhängern Zauditu (1916) militärisch heraus. Ras Tafari Makonnen, der spätere Haile Selassie, spielte eine Rolle bei der Absetzung von Iyasu, wurde ’16 Kronprinz bzw Thronerbe, spielte unter (seiner Tante) Zauditu eine bestimmende Rolle, als ihr Regent.

Seine Mutter war Oromo (und Tochter eines Regionalherrschers), sein Vater väterlicherseits Oromo, mütterlicherseits Amhara und Angehöriger der Salomonischen Dynastie (Tante von Menelik II., somit gehörte Haile Selassie auch dem Shewa-Zweig der Salomonischen Dynastie an). Sein Vater, Ras Makonnen Woldemikael Gudessa, war “Gouverneur” (Ras) der Provinz Harar, wo Tafari auch 1892 geboren wurde. Dort lebten verschiedene Ethnien, darunter das Harari-Volk, aber Amhara oder an diese Assimilierte herrschten über sie. Es gab innerhalb der Herrscherfamilie viele Machtspiele, Streitigkeiten, Intrigen, auch Heiraten; Posten wie die Regionalfürsten (Ras) und Militärgeneräle wurden oft an Familienangehörige vergeben. Sein Vorname Tafari wurde, nach äthiopischem Brauch, gefolgt von dem seines Vaters (Makonnen), manchmal von dem seines Grossvaters (Woldemikael). Als Kind wurde er Lij (“Kind”12) Tafari Makonnen genannt. Verschiedene Umstände, wie die Tatsache dass keine von Zauditus Kindern über die Kindheit hinaus kamen, “spülten” ihn in der Thronfolge nach oben. Er heiratete eine Nichte von Iyasu V. Als Ras von Harar wurde er Ras Tafari Makonnen.

Der frühere Gouverneurspalast in Harar

Als Regent für Königin Zauditu übernahm er weitgehend “ihr” operatives Geschäft (während sie hauptsächlich Kirchen errichten liess), er sorgte dafür, dass Äthiopien 1923 dem Völkerbund beitrat. Liberia war 1920 Gründungs-Mitglied des Völkerbundes, Südafrika war auch von Anfang an dabei (bevor es unabhängig wurde von GB), 1937 folgte mit Ägypten ein dritter afrikanischer Staat. Der Völkerbund war hauptsächlich mit der Konkurrenz und Feindschaft der westlichen Mächte untereinander beschäftigt – die Anliegen der nicht-weissen Staaten waren absolut untergeordnet. Paradoxerweise kamen die beiden afrikanischen Mitglieder Äthiopien/Abessinien und Liberia im Völkerbund unter Druck wegen Sklaverei bei sich. “Am Ende” waren es die beiden einzigen unabhängigen afrikanischen Staaten, in denen es noch Sklaverei gab, und westliche Länder, die auf Abschaffung drängten…13 In Äthiopien hatten sich Könige seit Tewodros II. um die Abschaffung bemüht, die Praxis ging aber bis in die Königszeit von Tafari Makonnen/Haile Selassie hinein. Im Liberia gab es damals die Minderheitenherrschaft der (schwarzen) Americo-Liberianer über die Afro-Liberianer, und die Wirtschaft des Landes war ganz auf die Produktion von Kautschuk ausgerichtet, und da hatte der US-amerikanische Konzern Firestone quasi ein Monopol – und die Sklaverei spielte sich in deren Bereich ab.

Äthiopien oder Abessinien? “Abessinien” leitet sich vom arabischen “Habash” ab und war der Name, unter dem Äthiopien jahrhundertelang im Ausland bekannt war. Die Äthiopier haben ihr Land eigentlich immer “Äthiopien” (Ītyōṗṗyā, ኢትዮጵያ) genannt. Und, vor der Schaffung des Völkerbundes gab es eigentlich keine internationale Registrierung von Staatsnamen oder so etwas Ähnliches, und das Land trat dem Völkerbund als Äthiopien bzw Äthiopisches Reich bei. Es gab also keinen Namenswechsel, wie bei Ceylon/ Sri Lanka, Siam/ Thailand, Persien/ Iran. Eigentlich bezeichnet “Abessinien” nur den semitischen, ursprünglichen Teil Äthiopiens.

1924 bereiste Regent Tafari Makonnen Europa, Nordafrika, Westasien. In Grossbritannien bekam er die Krone von Tewodros für das Land (bzw Königin Zauditu) zurück, die die Briten bei ihrer Invasion in Äthiopien 1868 mitgenommen hatten – im Gegenzug für zwei Löwen. Die es in Äthiopien damals wahrscheinlich auch nur noch in Gefangenschaft gab. Wie anderswo (zB Persien) waren Löwen auch in Äthiopien bis ins späte 19. Jh weitgehend ausgerottet worden. Vielleicht gibt es auch noch wild lebende im Osten des Landes. 1928 versuchten einige Reaktionäre am Hof, durch einen Putsch gegen Tafari Makonnen seinen sanften Reformkurs zu stoppen. Nach dessen Niederschlagung verschob sich die Macht noch weiter zum Regenten, dem künftigen König, der nun bereits diesen Titel (Negus) bekam. 1930 versuchte Zauditus 3. (4.?) Ehemann, Gugsa Welle (anscheinend ohne Unterstützung der Königin), eine Rebellion gegen Makonnen zu starten, wurde mit seinen Anhängern dabei von der äthiopischen Armee geschlagen und getötet. Kurz darauf starb Zauditu. Es halten sich Gerüchte, wonach sie umgebracht worden sei, und ihr Nachfolger dabei beteiligt war. Tafari Makonnen wurde jedenfalls neuer Negus, nahm den Kaisernamen Haile Selassie an.

Die Gegner jeglicher Reformen im Zentrum der Macht hatten ihn also schon mehrmals herausgefordert, bevor er offiziell an die Macht kam. Haile Selassie I. wird als 225. Nachfolger des Sohnes von Makeda und Salomon, Menelik, gesehen. Als die Kunde von seiner Krönung die damals britische Karibik-Insel Jamaica (Jamaika) erreichte, formierte sich dort die Rastafari-Religion, dazu noch mehr. Haile Selassie erliess 1931 Äthiopiens erste Verfassung,  die ein Parlament aus 2 Kammern festschrieb, allerdings ein ernanntes Parlament aus Adeligen und mit beratender Funktion… Eigentlich hat sich dadurch nur geändert, dass der Entscheidungsprozess des Adels in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Es wurde in der Verfassung Demokratie anvisiert, für einen Zeitpunkt in dem das Volk “reif dazu war”.14 Des weiteren wurde dort die Thronfolge auf Nachkommen des aktuellen Königs beschränkt – was in der grossen und weitverzweigten Herrschersippe klarerweise auf Unmut stiess.

Kronprinz Asfaw Wossen und König Fuad von Ägypten 1931

Das faschistische Italien entwickelte Appetit auf neue Aussengebiete und eine “Wiedergutmachung” für die Niederlage von Adua. Zu Eritrea war in der Region noch Ende des 19. Jh ein Teil von Somalia unter italienische Herrschaft dazu gekommen. Äthiopien war auch ein Verbindungsstück zwischen diesen Gebieten. In diese beiden Gebiete in Ostafrika sandte der italienische “Duce” Benito Mussolini 1935 zusätzliche Truppen, Äthiopien wurde so Ende ’35 angegriffen. Den Angriff leitete zunächst Emilio de Bono, dieser wurde nach kurzer Zeit von Pietro Badoglio ersetzt. Der Piemontese15 war schon in Adua als Soldat dabei gewesen, dann bei der Einnahme Libyens in höherer Position, hatte im 1. WK Kampagnen im Julischen Venetien gegen Österreich-Ungarn geleitet16, war dann in Libyen Zivilgouverneur gewesen (mit der Niederschlagung von Widerstand beschäftigt), wurde in der Zwischenkriegszeit Generalstabschef. Badoglio befahl den Einsatz von Giftgas, die Vergiftung von Trinkwasserquellen, Bombardierungen, Beschuss ziviler Ziele.

Haile Selassie und ein italienischer “Blindgänger”, 1935

Das moderne italienische Militär war überlegen, die Äthiopier hatten allenfalls bessere Ortskenntnisse und in der Regel eine höhere Motivation, aber zum Teil nicht einmal Schusswaffen. Im Mai 1936 nahmen die Italiener unter Badoglio Addis Abeba ein, kam der Italienisch-Äthiopische Krieg17 zu einem Ende. Mussolini erklärte Äthiopien zu einer italienischen Provinz, liess es mit Eritea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika (Africa Orientale Italiana, bestand 36-41) zusammenschliessen. Der italienische König Vittorio Emanuele III. di Savoia wurde zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.18 Haile Selassie, der während des Krieges u.a. eine Wallfahrt zu den Lalibela-Kirchen gemacht hatte, verliess die Hauptstadt kurz vor ihrer Einnahme, mit einer Entourage, nach einer Beratung mit Regierung und Parlament.

Die Regierung verliess Addis ebenfalls, wich in den Süden des Landes aus. Der Negus ernannte seinen Cousin Ras Imru Haile Selassie zum Regenten während seiner Abwesenheit. Mit seiner Familie, einigen Vertrauten und Bediensteten fuhr er nach Französisch-Somaliland, von dort (wie einst Makeda der Legende nach) mit dem Schiff über das Rote Meer nach Palästina, damals unter britischer Kontrolle. Er besuchte dort u.a. Jerusalem/ Quds; in den 1920ern hatte er das Land erstmals bereist. In Palästina hatte damals gerade der palästinensische Aufstand gegen die zionistische Siedlungs- bzw Verdrängungspolitik unter der britischen Kolonialherrschaft begonnen. Über Gibraltar führen die Äthiopier dann nach Grossbritannien, wo sie die Zeit des Exils bis 41 verbringen sollten, in Bath im Südwesten. Wobei Haile Selassie und seine Begleiter von Haifa nach Gibraltar mit einem britischen Kriegsschiff gebracht wurden19, von dort mit einem zivilen Schiff weiterfuhren. Das ersparte der britischen Regierung, dem exilierten König einen offiziellen Empfang zu geben. Beziehungsweise, ihn als solchen zu empfangen und damit die Besetzung und Annexion seines Landes durch eine andere europäische Macht umissverständlich zu verurteilen.

In Jerusalem

Haile Selassies zwei Schwiegersöhne wurden in diesen Jahren vom italienischen Militär getötet, seine Tochter Romanework starb in Gefangenschaft. Der Negus wollte sein Anliegen beim Völkerbund vorbringen. Die Invasion war vom Völkerbund verurteilt worden, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt. USA-Präsident Franklin Roosevelt erliess (unter dem kurz davor erlassenen Neutalitätsgesetz) für “beide Seiten” (also Aggressor und Opfer) ein Embargo für Waffen und Munition. Der britische Aussenminister Hoare und sein französischer Kollege Laval dachten zur Lösung des “Konflikts über Abessinien” die Teilung des Landes bzw Abtretung eines Teils an Italien an.20 Im Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Generalversammlung des Völkerbunds in Genf, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Er prangerte in seiner Rede21 den italienischen Gebrauch von Giftgas bei der Eroberung Äthiopiens an und appellierte um Hilfe gegen die Besetzung. Die Rede wurde von italienischen Journalisten auf der Zuschauer-Tribüne gestört. Es stellte sich heraus, dass diese regimetreu waren und von Mussolinis Schwiegersohn und Aussenminister Ciano instruiert worden waren.22

Die Rede machte ihn international berühmt23, jedoch: die ineffektiven Sanktionen gegen das faschistische Italien wurden nicht verschärft, sondern sogar bald aufgehoben. Und 1937 gab es nur 6 Staaten die die italienische Einverleibung Äthiopiens nicht anerkannten: USA, Sowjetunion, Rep. China, Rep. Spanien, Mexico, Neuseeland. Die internationale Gemeinschaft bzw der Völkerbund waren damals eben überwiegend “weiss”, und kaum eine Regierung hatte ein Problem damit, dass endlich auch Äthiopien unterworfen wurde, von einer weissen Macht. Und jene, die eines damit hatten, zT deshalb weil sie eine Expansion des faschistischen Italiens fürchteten, das damals mit Hitler-Deutschland noch nicht fest verbündet war, aber darauf lief es ja hinaus. “Bewahrung von Frieden” bedeutete auch damals nicht, die Aggression gegen ein Land bzw Volk als das Problem zu erkennen, sondern zu vermeiden was gegebenenfalls bei einem Vorgehen gegen die Aggression heraus kommen könnte. Und: Alle wichtigen Mächte hatten selbst “nicht-weisse” Länder unterworfen, wieso sollte das auf einmal ein Problem sein.24

In der USA, wo es in einem sehr grossen Teil des Landes Rassentrennung, und überall Rassendiskriminierung zum Nachteil der Afro-Amerikaner (und anderer Nicht-Weisser) gab, stiess Selassies Rede auf Gehör, bei diesen Unterprivilegierten. Diese sahen schon einen Zusammenhang zwischen der Verletzung ihrer Menschenrechte und der faschistischen Besetzung Äthiopiens. Dort wurden nun die Bodenschätze ausgebeutet, die Völker gegeneinander ausgespielt und den Italienern, die im Zuge der Eroberung ins Land kamen, eine Vorherrschaft in allen Bereichen über die Äthiopier “eingeräumt”.25 Vizekönig/ Gouverneur Graziani liess Abuna Qerellos 36 absetzen, 45 kehrte der zurück an die Spitze der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Es gab äthiopischen Widerstand gegen die Besetzung und Einverleibung 36-41, Arbegnoch wurden diese Kämpfer genannt, die italienischen Behörden nannten sie “Shifta”. Die Widerstandsbewegung war in ländlichen Gegenden stark, in Addis Ababa und anderen Städten gab es nur kleine Zellen. Auch einige Hundert Eritreer partizipierten. Und ausländische Freiwillige. Die “Schwarzen Löwen” waren eine Gruppe dieses Widerstands. Unterstützt wurde er von der Oberschicht und der Kirche. Kollaboration gab es auch, nicht zuletzt in Eritrea.

Im Rahmen des zweiten grossen Krieges westlicher Mächte gegeneinander im 20. Jh (“Zweiter Weltkrieg”) kam es 1941 zur britischen Einnahme Äthiopiens – nachdem italienische Truppen von dort aus Britisch- und Französisch-Somalia angegriffen hatten. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika (Kenia) aus eingeleitet. Die äthiopischen Partisanen beteiligten sich an der Befreiung ihres Landes. Die britischen Truppen bestanden hauptsächlich aus (weissen) Südafrikanern und Indern sowie Männern aus der Region Nordost-Afrika, wie die “Gideon Force” unter Orde Wingate, ein Offizier, der die Zionisten in Palästina offen gegen die dortige Bevölkerung unterstützte. Der König kehrte nach 5 Jahren wieder nach Äthiopien und an die Macht zurück, über den Sudan. Und traf auch mit Wingate zusammen. Der bei der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 36-39 beteiligt war, und beim Aufbau der Haganah (des Instruments ethnischer Säuberungen, von Einschüchterungen und Massakern an Zivilisten). Es gab bei der Befreiung unter den Südafrikanern die für die Briten kämpften, auch solche, die dann bei der Errichtung des Apartheid-Systems in ihrem Land beteiligt waren. Und auf der Gegenseite Südtiroler die für Italien kämpften, auch nolens volens bzw ohne Bezug zum Kriegsziel.26

Haile Selassies zweite, längere Machtphase dauerte von 1941 bis 1974. 1942 gab GB die Souveränität über Äthiopien an die Äthiopier zurück, bzw an ihre Oberschicht. 1942 liess der König die Sklaverei endlich abschaffen. Die Briten behielten aber Militär-Stützpunkte (bzw eine “Militärmission”), 1950 wurden diese durch US-amerikanische ersetzt. Äthiopien war 1946 ein Gründungsmitglied der UN, wiederum als einer von ganz wenigen afrikanischen Staaten. GB hatte nun auch die Herrschaft über Eritrea, diese von Italien übernommen. Nach der Rückkehr des Monarchen und der Souveränität strebte Äthiopien auch die Rückkehr Eritreas an, das schliesslich auch nur durch eine italienische Invasion einst von Äthiopien getrennt wurde. Aus praktischen Gründen war eine Wiedereingliederung wichtig, um einen Meereszugang zu bekommen. Die UN beriet nach dem 2. WK über Eritrea; GB schlug eine Teilung des Landes zwischen Äthiopien und Sudan vor, womit Christen und Moslems getrennt wären. Dies wurde u. a. von allen politischen Kräften Eritreas abgelehnt. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung 1950 wurde eine Föderation von Äthiopien und Eritrea geschaffen, die 1952 realisiert wurde. Damit kehrte Eritrea zu Äthiopien zurück, als föderativer Teilstaat, mit einer eigenen Regierung und mit dem äthiopischen Monarchen als Staatsoberhaupt, nicht unähnlich der Konstruktion von Österreich und Ungarn von 1867 bis 1918.27

Ethnisch sind die Eritreer hauptsächlich Tigre, wie ein grosser Teil der Bevölkerung im angrenzenden Äthiopien. In Äthiopien wird die Volksgruppe Tigray genannt, in Eritrea Tigre; Tigrinya ist jedenfalls die Sprache. Eigentlich sind die Eritreer nur kolonialhistorisch anders geprägt, sie erfuhren Industrialisierung unter den Italienern und etwas Demokratie unter den Briten – das macht den Gegensatz zum landwirtschaftlich geprägten und autokratischen (Rest-)Äthiopien aus.28 Die koloniale Prägung. Aber, mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Niederlande und Flandern oder Iran und Tadschikistan ist es ja ähnlich, und eine Grenzziehung streng nach ethnischen Kriterien käme in vielen Fällen einer “Vergewaltigung” nahe. In Äthiopien gab es zudem weiter die Vorherrschaft der Amhara (und des Christentums) und einer Oberschicht. Eine mehr oder weniger absolute Monarchie. Dadurch Potential für politische, soziale und ethnische Spannungen. Die Amhara mach(t)en im unter Menelik II. vergrösserten Äthiopien etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, blieben  aber eben die herrschende Ethnie.29

Äthiopien war unter Haile Selassie an den Westmächten orientiert, hauptsächlich an GB und USA. Daher war er auch relativ ruhig zum europäischen Kolonialismus in Afrika, er mischte dann im Zuge der Entkolonialisierung ab Ende der 1950er bei der Einigung der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder mit. GB hatte Äthiopien die Unabhängigkeit zurück gegeben, hatte aber allein in Afrika noch 13 Kolonien sowie 2 Gebiete (Ägypten, Südafrika), auf die es noch grossen Einfluss ausübte…und hatte etwa 4 Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschifft, in die Karibik (die von dort nach Nord-, Süd-, Mittelamerika weiter “geleitet” wurden). Eigentlich war Äthiopien das einzige afrikanische Land, das sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog; denn die Gründung von Liberia geht auf die “weisse” American Colonization Society zurück, die danach trachtete, in Afrika einen Brückenkopf für die USA zu schaffen und ehemalige (“schwarze”) Sklaven aus der USA fort zu schaffen.30 In der Zeit, als Afrika restlos aufgeteilt wurde, Ende des 19. Jh, hat Äthiopien sogar expandiert (auf Kosten diverser kleiner afrikanischer Reiche).

Haile Selassies Anlehnung an den Westen ging so weit, dass er ein Bataillon seines Heeres sogar auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg teilnehmen liess. Wobei die “amerikanische Seite” streng genommen die der von der UN gebilligten Intervention gegen den Angriff Nordkoreas auf Südkorea war. Und darum ging es dem Monarchen hauptsächlich, ein Teil der “internationalen Gemeinschaft” zu sein. Militärische “Abenteuer” der USA hat er sonst nicht unterstützt. Um 1960 wurde Afrika entkolonialisiert, aber nicht sein Süden, und in nominell unabhängigen Staaten wie Congo (Kongo) begann sogleich der Neokolonialismus westlicher Mächte. Und in Teilen der USA herrschten damals noch Zustände, die der Apartheid in Südafrika ähnelten. Selassie hat das, zB bei Besuchen in der USA in diesen Jahren, auch thematisiert, die weitere Bürgerrechts-Gesetzgebung “angespornt”. Er hat aber nicht den diesen “Jim-Crow-Gesetzen” zu Grunde liegenden Rassismus angesprochen oder Kontakte mit antirassistischen Bewegungen dort geknüpft. Hat, anders als Nelson Mandela, nicht einen Zusammenhang zwischen der europäischen Kolonialisierung Afrikas, US-amerikanischen Interventionen in der Welt, den Zuständen in der USA selbst, und einer rassistischen Grundhaltung gesehen.

An Nachbar-Staaten bekam Äthiopien vorerst den Sudan (56), Somalia (60) und Kenya (Kenia, 1963); 1977 Djibouti (zuvor Französisch-Somalia/Somaliland), 1991/93 Eritrea (durch Abspaltung von sich), 2005 den Süd-Sudan (Abspaltung vom Sudan). Der äthiopische König schickte äthiopische Truppen auch nach Congo, im Rahmen der UN-“Blauhelm”-Intervention in der Kongo-Krise. Dem für echte Unabhängigkeit und Integrität des Landes kämpfenden Premierminister Patrice Lumumba hat er darüber hinaus nicht unterstützt, weder verbal noch in Taten. Aber wie erwähnt kümmerte er sich um die afrikanische Einigung, war bei der Gründung der Organisation afrikanischer Einheit (OAU/ OUA)31 1963 beteiligt, die ihr Hauptquartier auch in  Addis Ababa (Abeba) bekam. Haile Selassie wurde erster Vorsitzender der OAU. Auch bei der Gründung der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad war er dabei. Und, Äthiopien war meistens Pro-Israel eingestellt, aufgrund der Verbindungen, die man zu diesem Land und den Juden sieht. Daran änderte auch der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegenüber der Region32 nichts.

Äthiopien war, 1956, der zweite afrikanische Staat, der Israel anerkannte, nach (Apartheid-) Südafrika. Äthiopien war wichtiger Teil von Ben Gurions Peripherie-Strategie, unterhielt relativ enge Beziehungen zum jüdischen Staat, arbeitete mit ihm auch gegen die Sezession Eritreas zusammen. Daran änderte auch nichts, dass Israel wichtigster Partner des Apartheid-Regimes war.33 Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der OAU von “Bettler-Nationen”34 und kritisierte die “Gewährleistung” der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder durch die europäischen als “Betrug am weissen Mann” und “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”. Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde, im Zusammenspiel von NP-Politikern mit den Niederländisch-Reformierten Kirchen, religiös-pseudochristlich begründet; auf der anderen Seite entstanden ab Ende des 19. Jh im südlichen Afrika “Äthiopische Kirchen”, bezugnehmend darauf, dass die damals dort vorherrschenden Anglikanischen und Methodistischen Kirchen weiss dominiert waren, und dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas.35

Haile Selassie versuchte im Inneren nach dem 2. WK verschiedene Reformen, die auf eine Modernisierung des Landes abzielten. Manchen gingen diese Reformen zu weit, Anderen viel zu wenig weit. Seine beinahe absoluten Machtposition war eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, seine Politik umzusetzen, auch wenn diese darauf hinaus lief, einen Teil dieser Macht abzugeben. Aber diese Macht stützte sich eben auf Loyalitäten, und diese konnten auch entzogen werden. Sein Vorhaben der Einführung einer “progressiven” Besteuerung scheiterte am Widerstand des Adels (der dabei zu verlieren hatte). Den Feudalismus etwas abzubauen war schwierig, denn Adelige waren ja im Militär und als Provinzfürsten stark vertreten… Hier lag eines seiner Dilemmata. Ähnlich war es beim letzten iranischen Schah, Mohammed Reza I. Pahlevi; der etwa mit seiner “Weissen Revolution” zur Landumverteilung 1963 Viele gegen sich aufbrachte. Andere Reformvorhaben, etwa im Bildungswesen, scheiterten am Festhalten an äthiopischen Traditionen in der Bevölkerung. 1955, zu seinem silbernen Thronjubiläum, konnte er wenigstens eine neue Verfassung erlassen, die die Vorrechte des Adels etwas einschränkte. Das ernannte Oberhaus des Parlaments blieb, das Unterhaus sollte nun gewählt werden. Unter einem eingeschränkten Wahlrecht, und ohne die Bildung von Parteien.

1957 wurde das Unterhaus dann das erste Mal gewählt. Wirklich viel Macht hatte es nicht (auch weil der König selbst die meiste behielt), aber es war ein erster Schritt Richtung politische Mitbestimmung getan. Die Opposition zu diesem Regime war überwiegend links, wie hätte es bei diesem Feudalsystem auch anders sein können; Kommunismus fand in Teilen der Intelligenz Anklang, besonders bei jenen, die im Ausland studierten. Daneben gab es aber auch Demokraten, Separatisten, – und Ultrakonservative, denen Haile Selassie zu fortschrittlich war. 1960, als Haile Selassie auf Staatsbesuch in Brasilien war36, versuchte seine Palastwache einen Putsch, proklamierte seinen ältesten Sohn Asfa Wossen zum neuen Monarchen. Die Sache brach rasch in sich zusammen, aber wie der Monarch darauf reagierte, spricht für sich: Militär- und Polizei-Chefs wurden Ländereien zugesprochen. Ebenfalls 1960 errang ein äthiopischer Athlet, A. Bikila, die erste Olympia-Medaillie, für dieses Land, im Marathon, beim zweiten Antreten Äthiopiens bei Olympia. Und begründete die Tradition der Weltklasse-Langstreckenläufer aus diesem Land (> Wolde, Yifter, Gebreselassie,…)

Die Autokephalie (Eigenständigkeit) der Äthiopischen Kirche bzw “Trennung” von der Koptischen kam 48 – 59 zu Stande. Vom 4. Jh bis Mitte des 20. Jh unterstand die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche der Ägyptisch-Koptischen, Oberhaupt (“Abuna”) der äthiopischen Kirche war immer ein vom koptischen Patriarchen ernannter koptischer Bischof. Hauptsächlich wegen dessen Unkenntnis der Landessprachen (wie Amharisch/ Amharigna) und der Kirchensprache Ge’ez hatte er nur begrenzten Einfluss auf die Kirche, wurde er auf eine repräsentative Rolle beschränkt. 1948 leitete der koptische Patriarch Joseph/Yusab/Yosef II. (46-56) auf Bitte von Haile Selassie die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (so der volle Name) in die Wege. Die Position des Ichegea (Abt des Klosters von Dere Libanos) war bis dahin die höchste, die ein Äthiopier in seiner Kirche erreichen konnte. Der damalige, Gebre Giyorgis Wolde Tsadik (1891 – 1970), wurde ’48 von Yosef zum ersten äthiopischen Erzbischof ernannt. Ausserdem wurden fünf Bischöfe geweiht. Gebre Giyorgis bzw “Basilios” hatte lange in Jerusalem gewirkt, wo die Tewahedo-Kirche seit Langem eine Präsenz (v.a. in der Grabeskirche in der Altstadt) hat.

1950 starb der letzte ägyptische Abuna, Querellos/Kyrillos IV., und Basilios wurde der neue, somit Oberhaupt der Kirche. 1951 wurde er geweiht. 1959 fiel mit dem Amtsantritt des neuen koptischen Patriarchen dessen Ehrenvorrang über den Abuna weg. Josef II. war ’56 intern abgesetzt worden, bis 59 wurde die Koptische Kirche von einem Gremium geleitet. Azar Y. Atta wurde 59 Patriarch Cyril VI. (59-71), als Vorgänger von Schinoda III. Bei einer Zeremonie in der Markus-Kathedrale in Kairo (Foto) wurde, in Beisein von Haile Selassie, die Position des Abuna aufgewertet, zum Oberhaupt der Tewahedo-Kirche. Damit war die Autokephalie 1959 vollkommen. Anders als die Koptische Kirche war die Äthiopische nicht im eigenen Land bzw in der eigenen Bevölkerung zurückgedrängt. Heute ist die Koptische Kirche auch in absoluten Zahlen kleiner als die Äthiopische. 44% der Äthiopier gehören ihr an; 34% sind sunnitische Moslems, dann kommen v.a. andere Kirchen. Nachdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit von Eritrea  anerkannte, erlangte auch die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokephalie (1998).

Die Abspaltung Eritreas von Äthiopien wurde dadurch in die Wege geleitet, dass es Anfang der 1960er stärker in Äthiopien eingegliedert wurde… 1960 liess Haile Selassie zunächst die Autonomie-Regierung für Eritrea (damals unter A. Abebe) “einschränken”, 1962 löste er sie auf und damit die Eigenständigkeit Eritreas innerhalb Äthiopiens. Eritrea wurde zu einer normalen äthiopischen Provinz “herabgestuft”. 62 bis 91 gab es äthiopische Ras’/ Gouverneure für Eritrea, wie für die anderen Provinzen. Dadurch erfuhr die Eritrea-Unabhängigkeitsbewegung Zulauf, begann der Unabhängigkeitskampf. Erste diesbezügliche Organisation war ab den 1950ern die ELF, im Exil, die 61 eine Miliz aufstellte und den Kampf aufnahm – womit der Sezessionskrieg (61-91) begann. ELF-Mitgründer Hamid I. Awate war Ascari für die Italiener gewesen, was das Argument, die Eritrea-Unabhängigkeits-Idee sei eine von der Kolonialmacht “implantierte”, nicht gerade entkräftet. Die EPLF wurde die wichtigste der Abspaltungen von der ELF, die sich zeitweise gegenseitig bekämpften. Auch ausländische Akteure mischten mit. In den 30 Jahren Krieg fand der grosse Umsturz in Äthiopien statt, von der Feudal-Monarchie zur kommunistischen Junta.

Das Aufbegehren in Eritrea war der ernsteste ethnische Konflikt in Äthiopien37, aber nicht der einzige. In der damaligen südöstlichen Provinz Hararghe38, wo die Somalis dominierten, gab es irredentistische Bestrebungen, einen Anschluss an Somalia anstrebend. Die Somalis sind moslemisch, hamitisch, und hatten ab 1960 Somalia “im Hintergrund”39 Die Provinzen waren damals zudem ziemlich willkürlich gezogen. Das Aufbegehren gab es auch in anderen Gegenden des Südens, der ja später Teil Äthiopiens geworden war; aber auch unter den Afar im Norden. Und daneben eben das politische Aufbegehren, auch unter Amharen und Tigray, nicht zuletzt unter Studenten.

(Um) 1973 eine Hungerkatastrophe im Nordosten des Landes, die Zehntausende Äthiopier tötete. Dies führte mit zu Haile Selassies Sturz. Anfang 1974 Unruhen in der Hauptstadt wegen einer Inflation; der Monarch reagierte mit einer TV-Ansprache in der er das “Einfrieren” der Preise für Grundlebensmittel sowie “Sprit” ankündigte. Doch begann nun eine Meuterei in der Armee, beginnend in Asmara (Eritrea), wo sie mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung beschäftigt war. Haile Selassie wusste, dass damit seine Macht und das System ernsthaft in Gefahr war. Er tauschte seinen Premier aus, trat nochmal vor die TV-Kameras und kündigte Gehaltserhöhungen für Offiziere an. Im Juni 1974 bildete sich der Derg, ein (kommunistisch ausgerichtetes) Komitee aus mittleren und unteren Heeres-Angehörigen, im September setzte dieses den damals 82-jährigen Selassie ab. Der Derg ernannte (wie schon die Aufständischen 1960) seinen ältesten Sohn Asfaw Wossen Tafari zu seinem Nachfolger. Da sich dieser gerade im Ausland befand, sollte General Aman Mikael Andom, ein protestantischer Eritreer, vorübergehend die Position ausfüllen.

Selassie wurde von den Putschisten in seinem Palast in Addis Abeba unter Hausarrest gestellt; er soll in den letzten Monaten seines Lebens nicht gemerkt haben, dass er abgesetzt war. Der Rest seiner Familie wurde zunächst in einem anderen Palast in der Hauptstadt eingesperrt. Asfaw Wossen, ältester Sohn Selassies40, seit 1930 Kronprinz, daneben Regionalfürst (Ras), hatte 1973 einen Schlaganfall erlitten, wurde daher zur Zeit des Putsches in der Schweiz medizinisch behandelt. Er wurde vom Derg damals zum Nachfolger seines Vaters proklamiert (wieder gegen seinen Willen). Der Grossteil der im Land befindlichen königlichen Familie kam in das Kerchele-Gefängnis in Addis Abeba, darunter Königstochter Tenagnework. Im November ’74 wurden 60 hohe Offizielle des gestürzten Regimes (darunter Selassie-Enkel Iskinder Desta, ein Admiral) getötet.41 Als Wossen dies verurteilte, kündigte der Derg an, die Monarchie abzuschaffen.

Haile Selassie hat 1965 eine Autobiografie (auf Amharisch/ Amharigna) herausgebracht, die 1972 anscheinend das erste Mal auf Englisch heraus kam. Es liegt auf der Hand, dass er sein Wirken anders beurteilte als seine Gegner. Die Urteile über ihn oszillieren zwischen Verklärung und Verteufelung. Bereits als Ras der Provinz Harar war er für Umsiedlungen und ethnische Diskriminierungen verantwortlich. Sein Regime als König/ Kaiser war autokratisch und grossteils undemokratisch. Menschenrechte wurden auf verschiedenen Gebieten verletzt, ob politische Rechte oder bürgerliche Freiheiten. Man muss allerdings auch sehen, welchen Gestaltungsspielraum er hatte bzw nicht hatte, und, welche Ausgangslage er bei seinem Amtsantritt vorfand und was er verändert hat. Soll man das Glas halb voll oder halb leer sehen? Einen Herrscher, der ein Parlament in seinem Land eingeführt und die Türe für die politische Mitbestimmung des Volkes geöffnet hat, oder einen unter dem keine Parteien erlaubt waren und die Mitbestimmung der gewählten Parlamentskammer sehr schwach war? Soll man seine Reformversuche zur Überwindung des Feudalismus sehen (gegen den Widerstand von Adel und zT Kirche) oder das Scheitern dieser Versuche? Es gibt starke Parallelen zum letzten iranischen Schah.

Ryszard Kapuściński durfte aus dem kommunistischen Polen Auslandsreisen unternehmen, nicht zuletzt nach Afrika, hat darüber geschrieben. 1978 brachte er eine Biografie Haile Selassies heraus (s. u.), die wenig schmeichelhaft ausfiel. Er stellte ihn als dilettantisch, absurd, korrupt dar. Das Buch sei aufgrund von Interviews mit ehemaligen Hofbediensteten entstanden, jedenfalls nach dem Sturz des Monarchen. Hat er ihn schlechter gemacht, als er war?42 Und hat er wirklich mit Leuten geredet, die ihn gekannt hatten? Und die ein objektives Urteil abgeben konnten? Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe Selassies, merkte an, zu der Zeit als Kapuściński in Äthiopien war, als also das Mengistu-Regime “wütete”, sei es schwer gewesen, (zumal für einen Ausländer) Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Monarchen zu finden (ausserhalb von Gefängnissen), und selbst wenn, diese hätten Angst gehabt, etwas Positives über ihn zu sagen. Kapuściński brachte 1982 auch ein Buch über den 1979 gestürzten Herrscher des Iran heraus, auf Polnisch (“Szachinszach“), das 1986 auf Deutsch erschien (“Schah-in-Schah: Eine Reportage über die Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus”).

Der Schah und der Negus sind sich zumindest 1971 begegnet, bei der Feier die Erster zur Demonstration der Verbindung seiner Dynastie mit jener der Achämeniden veranstaltete.43 Damals zeigte sich übrigens das internationale Prestige, dass Selassie genoss, er bekam “Vorrang” gegenüber anderen Staatsgästen, wie auch beim Begräbnis von John F. Kennedy einige Jahre zuvor. Äthiopien hatte unter Haile Selassie international ein gewisses Prestige, wie der Iran unter Mohammed R. Pahlevi; obwohl, gerade im bzw aus dem Westen viel Rassismus und Paternalismus weiter aktuell war, und obwohl die Herrschaft dieser beiden in ihrem Land grossteils als repressiv empfunden wurde. Beide haben eine genuine Nationalkultur gepflegt, wobei die Islamisten im Iran der Meinung sind, dass diese in Wirklichkeit der schiitische Islam sei (während Pahlevi das vor-islamische Erbe hervorstrich), und in Äthiopien viele Linke und Nicht-Amhara hier auch Einspruch einlegen würden.44

Auch beim Schah kann man durchaus die Modernisierung des Landes unter ihm sehen, die er gegen den Widerstand konservativer Kräfte vollbrachte. Beide Herrscher haben ihrem eigenen Volk nicht wirklich zugetraut, die Politik mitzubestimmen, es als nicht reif dafür gesehen, haben keine Demokratie zugelassen, eine Herrschaft von oben herab als nötig erachtet. Eine solche Geringschätzung wirft auf den “Nationalismus” der Betreffenden wieder ein anderes Licht… Linke im Westen (und im Land) hatten vom Schah wie vom Negus zu deren Herrschaftszeiten ein negatives Bild, und das nicht ganz ohne Grund. Aber in beiden Ländern ist es nach dem Umsturz schlimmer geworden und muss man sich fragen, ob nicht eine Fortsetzung unter diesen Herrschern (bzw unter ihren Söhnen) das kleinste Übel gewesen wäre. Parallelen gibt’s auch zu Afghanistan und dessem letzten König/Schah – auch dort war es so, wenn eine echte Modernisierung und Demokratisierung gelungen wäre, wäre dem Land und der Welt viieel erspart geblieben. Und eine solche hat übrigens der Westen nicht unterstützt, im Gegenteil…

Die Österreicherin Lore Trenkler war von 1962 bis 1975 Köchin am Hof von Haile Selassie, anfangs als Diätassistentin für seine Gemahlin, nach deren baldigen Tod wurde wurde ihr die Leitung der Palastküche übertragen.45 Über den autoritären Negus meinte sie: „Ich nehme an, dass er den Äthiopiern gegenüber streng war, als Mensch war er ganz reizend.“ Nun ja, aber wäre es umgekehrt nicht besser gewesen? Aber, jeder Held ist ein Bösewicht für irgend jemanden. Und alle Helden haben Blut an ihren Händen. Beim Vorgehen gegen den Eritrea-Separatismus hat das äthiopische Militär, sowohl unter Selassie als auch unter Mengistu, auch Verbrechen begangen. Hier tut sich noch einmal eine andere Tragik auf, eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Selassie bemühte sich um die afrikanische Einheit, konnte aber nicht einmal im eigenen Land die Einheit erhalten.46 Auch wenn man sagt, die Eritrea-Sezession war auf das koloniale Erbe zurückzuführen und war ein Ausdruck von Tribalismus, das äthiopische Militär hat bei ihrer Bekämpfung Grausamkeiten begangen und sie doch nicht verhindern können.

Aus der Distanz aber sehen die Dinge immer anders aus… Zum Beispiel Äthiopien und Haile Selassie aus der Karibik. Wo das Erbe der europäischen Sklaverei noch am lebendigsten ist. Die zehn Millionen Afrikaner47, die als Sklaven von Afrika nach Amerika deportiert wurden (16.- 19. Jh), kamen zunächst in der Karibik an, wurden von dort in andere Teile Amerikas weiter verkauft, ein Teil blieb auch dort, zur Arbeit in Zuckerrohr-Plantagen hauptsächlich. Die Karibik, wo die “Indianer” (Arawak und Caraib gab es dort) fast ganz ausgerottet sind und wo sich nicht allzu viele Europäer niederliessen, ist überwiegend “schwarz” bevölkert (und sprachlich zersplittert, von der jeweiligen Kolonialherrschaft geprägt).48 Die meisten Schwarzen in Amerika (Nord-, Süd-,…) wurden zu christlichen Gemeinschaften “gelotst”, daneben entstanden trans-afrikanische Religionen wie Voodoo, Umbanda oder eben Rastafari.

Der Jamaikaner Marcus Garvey beschäftigte sich im früheren 20. Jh mit dem Schicksal bzw der Orientierung der “Schwarzen” am amerikanischen Kontinent nach der Sklaverei, vor der echten Gleichberechtigung, vor der Unabhängkeit der karibischen und afrikanischen Nationen. Er nahm dabei stark auf Afrika Bezug, auf die Wurzeln, strebte nicht eine Stärkung der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner in Staaten wie der USA an, wie W. E. B. Du Bois, sondern ihre Rückkehr nach Afrika. In seiner Ablehnung der Assimilation der Schwarzen in die weissen Gesellschaften traf er sich mit den weissen Rassisten. Garvey wird die Prophezeiung der Krönung eines (schwarzen) Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit inspirierte er die Gründung der Rastafari-Religion. Denn als Haile Selassie 1930 König von Äthiopien wurde, sahen Jamaikaner wie Leonard Howell das Eintreffen von Garveys Prophezeiung, sahen im bisherigen Ras Tafari Makonnen einen Messias, und ihn Garvey einen Prophet, und gründeten die Rastafari-Bewegung, die sich v.a. in der Karibik verbreitete.

1961 reiste eine Delegation aus dem damals noch britischen Jamaica (Rastafari und Andere) nach Äthiopien, um Verschiedenes mit Haile Selassie zu diskutieren, darunter eine “Repatriation” von Karibik-Schwarzen nach Äthiopien. Dieser selbst hat stets abgelehnt hat, der Messias zu sein. 1966 besuchte der äthiopische König Jamaica, also einige Jahre nach der Unabhängigkeit (1962). Der Tag wurde zu einem Rastafari-Feiertag. Tausende Rastafari kamen zum Palisadoes-Flughafen bei Kingston um ihn zu empfangen, “Joints” (Ausdruck der Rasta-Kultur) wurden offen geraucht. Haile Selassie konnte das Flugzeug zunächst nicht verlassen, da das Rollfeld mit seinen Anhängern überfüllt war. Jamaikanische Behörden fragten Mortimo Planno, einen Rastafari-Führer, der schon beim Besuch ’61 dabei war, um Vermittlung. “The Emperor has instructed me to tell you to be calm. Step back and let the Emperor land”, rief er der Menge zu. Einige Rastafari-Führer bekamen dann eine Audienz beim äthiopischen König.49

Dazu ist zu sagen, dass heute etwas über 1% der Jamaikaner Rasta(fari) sind, und damals waren es eher etwas weniger. Für sie war der Besuch wichtiger als für die meisten anderen Jamaikaner. Und: Manch ein Jamaikaner, ob Rastafari oder Christ, war enttäuscht von der Erscheinung des “Messias”, der relativ klein und hell war. Die Schwarzen in der Karibik und in anderen Teilen Amerikas stammen aus Westafrika50, nicht aus Ostafrika – entgegen den Rasta-“Mantras” von “Diaspora” und “Rückkehr” im Zusammenhang mit Äthiopien. Die Semiten, Hamiten, Kuschiten im Norden und Osten Afrikas sind ein anderer Typus als die Bantu im grossen Rest Afrikas. In Ländern, wo diese “Rassen” zusammen leb(t)en, wie Sudan (vor der Unabhängigkeit des Südens), Ruanda/Rwanda und Kenya, gibt/gab es auch öfters Spannungen. Die Schwarzen in der Karibik und anderen Teilen Amerikas sind wiederum öfters mit Weissen vermischt.51

Es gab früher zB die Pharaonen, die als “göttlich” gesehen wurden, die “Vorstellungen” von Gottesgnadentum bei den europäischen Monarchen, oder die japanischen Kaiser/ Tennos, die zumindest im Schintoismus als göttlich bzw Nachfahren der Göttin Amaterasu gesehen wurden – bis Hirohitos Erklärung 1945. Stark verbunden mit Rastafari ist die Reggae-Musik. Robert Marley gehörte der Rastafari-„Sekte“ an (sowie christlichen Kirchen), war Freund von Planno, hat Haile Selassie aber nie getroffen. Einige Rastafaris liessen später die Idee von der Göttlichkeit Haile Selassies fallen und wandten sich der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zu. Es gibt auch Jamaikaner, die nach Äthiopien ausgewandert sind. Mit Afrikanern/Schwarzen wird “normalerweise” eine Nummer geschoben, Äthiopien und Haile Selassie waren aber auch handelnde Subjekte, mit Macht, Tradition,…. deshalb die starke Bezugnahme (u.a.) der Karibik-Schwarzen (Diaspora-Afrikaner) auf dieses Land und seinen (bislang) letzten Monarchen.

Der Derg unter Mengistu Haile Maryam errichtete 1974 mit Unterstützung der SU eine “sozialistische” Militärdiktatur. Die Monarchie wurde im März 1975 abgeschafft; die Derg-Führer wurden bis dahin als amtierende Staatschefs gesehen. Im August 1975 wurde der Tod von Haile Selassie bekannt gegeben; der “Ex-Monarch” sei durch Komplikationen in Folge einer Operation gestorben. Von manchen Seiten wurde/ wird dies angezweifelt, der Negus sei von den Putschisten getötet worden. Maryam war väterlicherseits Oromo, seine Grossmutter hatte Kaiserin Zauditu gedient, dafür Land bekommen, dieses verlor sie durch die Verstaatlichung ihres Enkels; er selbst war 77 bis 91 Staatsoberhaupt. Die amharische und christliche Vorherrschaft wurde unter dem Derg fortgeführt, die Äthiopische Kirche verlor aber ihre starke Stellung, und oppositionelle Bischöfe das Leben. Abuna “Theophilos” wurde 1976 abgesetzt und 1979 hingerichtet. 77/78 der Ogaden-Krieg durch somalischen Angriff nach Somali-Aufständen in dieser äthiopischen Provinz, durch SU-Frontwechsel zurückgeschlagen.

Um 1984 die Dürre und Hungersnot in weiten Teilen Äthiopiens, hauptsächlich im Osten. Die Politik der Junta unter Mengistu Maryam dürfte die Auswirkungen der Dürre verschlimmert haben. Ausserdem lief damals auch der Eritrea-Krieg 52 Etwa 500 000 Menschen starben von 1983 bis 1985. Wieder einmal tat sich bei Äthiopien eine Kluft zwischen „Anspruch“ und Realität auf; das Land wurde Empfänger von Mitleid und Almosen aus aller Welt… In der BRD hatte Karlheinz Böhm bereits 1981, in der dritten “Wetten dass…?”-Sendung, sein Hilfsprojekt für Äthiopien gestartet. Die (oder das?) britische “Band Aid” brachte Ende 84 “Do They Know It’s Christmas?” heraus, die Pop-Szenen in anderen Ländern folgten, 1985 die “Live Aid”-Konzerte. “Do they know it’s Christmas time at all?” In Äthiopien schon sehr lange. “Feed the world…”53

Die “humanitäre Katastrophe” veranlasste Israel zu Evakuierungssaktionen der Äthiopier, die sich als Juden sahen, 1985 und 1991 wurden die allermeisten “Beta Israel”/”Falasha” nach Israel ausgeflogen. Es handelte sich um Angehörige der kuschitischen Agau/Agaw aus dem amharischen Teil Äthiopiens, die ihr Christentum zugunsten jüdischer Bräuche aufgaben. Richard Pankhurst fasst die Theorien über ihr Judentum so zusammen: Sie könnten Agaus sein die konvertiert sind (schliesslich ist in Äthiopien auch im Christentum das Judentum präsent); jüdische Einwanderer, die sich mit Agau vermischten; eingewanderte moslemische Jemeniten die konvertiert sind; eingewanderte jemenitische oder ägyptische Juden. Das Selbstverständnis dieser äthiopischer Juden ist, dass sie Juden waren, bevor sie Christen wurden, sie also rück-konvertierten. Es könnte sich auch um Nachfahren der “verlorenen Stämme Israels” handeln, die mit der assyrischen Eroberung im 8. Jh vC verschleppt wurden. Unter israelischen und jüdischen Gremien gab es auch lange Diskussionen über ihre Aufnahme.54

1987 gab es eine Parlamentswahl, aber nur die KP durfte antreten. Der Widerstand gegen das Regime verband sich um 1989 mit dem Eritrea-Unabhängigkeitskampf, hauptsächlich handelte es sich um ein Bündnis der “Volksbefreiungsfront von Tigray” (TPLF) mit der EPLF (im Endeffekt auch Tigre), zur “Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker” (EPRDF). Den Tigre-Rebellen ging es auch gegen die Amhara-Vorherrschaft. 1990 beendete die SU im Zuge von Perestroika ihre Unterstützung des Derg55; Mengistu wandte sich darauf hin vom Kommunismus ab, Machterhalt blieb aber das Ziel, nur wirtschaftlich wurde etwas geöffnet. Im Mai 1991 marschierten die Truppen der EPRDF in Addis Abeba ein, stürzten den Derg. Mengistu floh mit 50 engen Verwandten und Derg-Kollegen aus dem Land nach Zimbabwe, wo sie von Robert Mugabe aufgenommen wurden.

Die EPRDF übernahm die Macht in Äthiopien, entliess Eritrea, dessen “Rebellen” in ihr mit gekämpft hatte, in die Unabhängigkeit (91-93).56 In der EPRDF war damit die TPLF die haushoch dominierende Kraft, führte eine Tigre/Tigray-Vorherrschaft im Land ein. Und eine Halb-Demokratie: Zulassung von Parteien, eine Verfassung (1994), Wahlen (ab 1995), ein föderatives System mit autonomen Regionen für die grossen Völker (ebenfalls 95). Aber eine Vorherrschaft der TPLF, abgesichert bzw ermöglicht durch Wahlmanipulationen und ethno-regionale Satellitenparteien. Meles Zenawi wurde starker Mann Äthiopiens, zuerst als Staatspräsident, dann (ab 95) als Ministerpräsident, nachdem die Macht zu diesem verschoben wurde.57 Verlierer der Teil-Demokratisierung nach dem Umsturz sind, wenn man es auf’s Ethnische herunterbricht, die lange dominierenden Amhara/ Amharen; auch die Oromo, die grösste Volksgruppe, die Afar, Somali, Kaffa, Harari,… fühlen sich benachteiligt.58

In der EPRDF herrscht seit dem Tod von Zenawi im Jahr 2012 ein Machtvakuum. Die wichtigsten Oppositions-Parteien haben sich zu einem Bündnis mit der englischen Abkürzung CUD zusammengeschlossen. 2015 begannen öffentliche Proteste gegen die von der EPRDF (TPLF,…) ausgeübte Tigray-Vorherrschaft. Ethnisches und Politisches verbindet sich hier, wie oft in Afrika. Teile unter den Oromo (> Oromo Liberation Front), Somali, Afar, die unter Negus, Derg und EPRDF zu kurz kamen, visieren eine Abspaltung (ihrer Provinz) von Äthiopien an, wie es Eritrea tat59. Äthiopien, das als einziger afrikanischer Staat (!) seine Grenzen selbst festlegte, könnte vom Auseinanderfall bedroht sein. Die Gräben in der Bevölkerung verlaufen hauptsächlich entlang ethnischer Linien. Religion ist kein so trennender Faktor; die somalische Islamisten-Gruppe Al-Shabab scheiterte bei einem Terrorangriff mit einer Separation von Moslems und Christen in einem Bus… Unter den (grösstenteils äthiopisch-orthodoxen) Tigray wurde der damalige Abuna/ Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, “Merkorios”, 1991 abgesetzt. Verschiedene Kriege und Konflikte am Horn von Afrika bzw in Ostafrika hängen miteinander zusammen, darunter der Al-Shabab-Terror in der Region und das militärische Vorgehen dagegen, in dem das äthiopische Militär eine wichtige Rolle spielt – wofür es westliche Unterstützungsgelder erhält.

Sarkophag Haile Selassies

Da als die letzten Angehörigen der ehemaligen Herrscherfamilie vom Derg freigelassen wurde, 89/90, war dieser selbst schon fast am Ende (> 91). Haile Selassies Tochter Tenagnework wurde 89 freigelassen, ging ins Exil. Nach dem Umsturz konnten exilierte Angehörigen der Familie auch wieder Äthiopien besuchen, wie Haile Selassies Grossneffe Asfa-Wossen Asserate, der 1974 in Deutschland studiert hat. Asfaw Wossen Tafari (1914-97), der sich später Amha Selassie nannte, Oberhaupt der Familie, lebte in GB und USA. 1992 wurden die Gebeine des Ex-Monarchen unter einer Steinplatte im ehemaligen Palast gefunden. Die Überreste seines Körpers wurden in die Kathedrale von Addis Ababa umgebettet, wo auch die seines Grossonkels Menelik (II.) liegen. 2000 bekam er dort ein Begräbnis von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, das von der nunmehrigen Regierung nicht zu einem Staatsbegräbnis gemacht wurde.60 Bob Marleys Witwe Alpharita “Rita”61 war dabei, die meisten Rastafari lehnten das Ereignis aber ab; weil das Begräbnis ihres “Messias” in ihren Augen nicht würdig genug war oder weil sie daran zweifelten, dass er überhaupt gestorben war.

Amha Selassies Sohn Zera Yacob Selassie ist seit 1997 Chef des Hauses bzw der Familie, und Prätendent für die äthiopischen Monarchisten. Er hat sich 1989 im Exil zum Negus proklamiert, rückdatierend auf 1975 (Tod des Grossvaters), gründete 1991 eine monarchistische Organisation. Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, ob er (der 1951 in Addis Abeba geboren wurde) mittlerweile nach Äthiopien zurück gekehrt ist oder nicht. Ist Äthiopien ein Land, wo der Monarchismus stark ist? Und würde eine Restauration eine Verbesserung für das Land bedeuten? Wiederum Parallelen zum Iran: Bei allem Schlimmen, das danach kam, die Monarchie in ihrer Unfreiheit und ihrem Absolutismus hat irgendwie den Grundstein dazu gelegt. So wie sie zuletzt bestand, wäre sie kein Anlass zur Hoffnung; etwas anders sähe es mit einer konstitutionellen Monarchie aus, und einer auf Konsens ausgerichteten Restauration. In Afrika gibt es zur Zeit Monarchien in Marokko und Lesotho (konstitutionell) sowie Swasiland (absolut)62. Früher u.a. in Ägypten, Tunesien, der Zentralafrikanischen Republik63,..

Äthiopien ist also weit von einer stabilen Demokratie entfernt, die Mittelschicht fehlt noch immer weitgehend. Nicht wenige Äthiopier sind nach Westeuropa oder die Golfstaaten ausgewandert. Aber es gibt Erfolge in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik. Der Tourismus dorthin hat einen Aufschwung erfahren. 2011 begann ein Bau eines Kraftwerks am Blauen Nil, das Strom für Äthiopien und den Export produzieren soll. Was im Hinblick auf Naturzerstörung natürlich auch nicht unbedenklich ist. Saudi-Arabien und China haben sich in den letzten Jahren grosse Landflächen in Äthiopien gesichert, um dort Ackerbau für die eigene Versorgung zu betreiben. Auch exportiert das Land Nahrungsmittel in Afrika. Oft geht es hier aber um Land und Ernten, die auch die eigene Bevölkerung bräuchte. Äthiopien ist jedenfalls einer der Schlüsselstaaten Afrikas. Es ist vorsichtiger Optimismus bezüglich Entwicklungen in Afrika angebracht, gibt einige positive Bestandsaufnahmen und Prognosen. Die verbreiteten Afrika-Bilder bestehen entweder in Naturschönheiten oder menschlichem Elend, das mit westlichen Almosen gemildert werden kann. Jene Afrikaner, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, bestärken das klarerweise.

Georgs-Kirche in Lalibela

Bei seinem Besuch am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba hat USA-Präsident Barack Obama 2015 dem afrikanischen Kontinent Aufbruchstimmung bescheinigt. Es müssten „Vorurteile von einem Afrika, das für immer in Armut und Konflikten feststeckt“ wegfallen. Zugleich prangerte er Amtsmissbrauch und Korruption an. Allem voran übte er schärfste Kritik an einigen seiner afrikanischen Amtskollegen: Niemand solle „auf Lebenszeit Staatschef sein“. Yoweri Museveni etwa ist seit ca. 30 Jahren Präsident Ugandas, begann eben seine sechste Amtszeit. Zu lange an der Macht festhaltende Staatschefs seien die Wurzel der afrikanischen Probleme, hat auch er, ein Liebling des Westens, einst gemeint…64 Der Weisse als Retter in Afrika – oder doch ein Verursacher mancher Übel? Abgesehen von der Vergangenheit: Die EU ist wichtigster Handels“partner“ Afrikas; aber eben selten ein richtiger Partner.

Asserate, alles andere als anti-westlich, beklagt die EU-Afrika-Politik: Sobald westliche Politiker sähen, dass ein afrikanischer Präsident ihnen nicht hilft, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, produzierten sie einen Umsturz. Milliardenhilfen aus dem Westen würden bei afrikanischen Diktatoren landen, die kein Interesse an einer Eindämmung der Flüchtlingskrise bzw ihrer Ursachen hätten. Beliebt wurde in diesem Zusammenhang das Eindreschen auf China. „Sie kommen nur hierher, um Profite zu machen“, sagte ein Afrikaner in einer Film-Dokumentation. Und es klang eher erleichtert als vorwurfsvoll. China hat in Afrika weniger Missionierungsambitionen. Und, beim Verhältnis zwischen China und Afrika handelt es sich nicht um eine Einbahnstrasse. Afrikaner können recht unkompliziert nach China reisen. In Guangzhou haben sich auch mittlerweile Viele niedergelassen. Es gibt auch binationale bzw bikulturelle Paare, auch ein Unterschied.

 

Material

Richard Pankhurst: The Ethiopians: A History (2001)

Paul B. Henze: The Rise of Haile Selassie: Time of Troubles, Regent, Emperor, Exile (2000)

Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia 1855-1991 (2001)

Harold G. Marcus: A History of Ethiopia (1994)

Teshale Tibebu: The Making of Modern Ethiopia: 1896-1974 (1995)

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragik des Haile Selassie (2014)

Siegbert Uhlig, David Appleyard, Alessandro Bausi, Wolfgang Hahn, Steven Kaplan: Ethiopia: History, Culture and Challenges (2017)

Ryszard Kapuściński: König der Könige: Eine Parabel der Macht (1984, polnisches Original “Cesarz” 1978, englische Übersetzung “The Emperor” 1978)

James De Lorenzi: Guardians of the Tradition: Historians and Historical Writing in Ethiopia and Eritrea (2015)

Saheed A. Adejumobi: The History of Ethiopia (2007)

Walter Schicho: Handbuch Afrika (3 Bände, 1999-2001)

Paul B. Henze: Layers of Time: A History of Ethiopia (2004)

Haile Selassie: My Life and Ethiopia’s Progress (1972)

Christopher Othen: Lost Lions of Judah: Haile Selassie’s Mongrel Foreign Legion 1935-41 (2017)

Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941 (2006)

John H. Spencer: Ethiopia at Bay: A Personal Account of the Haile Selassie Years (1987)

Edmond J. Keller: Revolutionary Ethiopia: From Empire to People’s Republic (1989)

Richard Pankhurst: The Ethiopian Borderlands: Essays in Regional History from Ancient Times to the End of the 18th Century (1997)

William Saroyan: The Lion of Judah. In: Letters from 74 rue Taitbout or Don’t Go But If You Must Say Hello To Everybody (1971)

Christopher Clapham: Transformation and Continuity in Revolutionary Ethiopia (1990)

Dessalegn Rahmato: Democratic Assistance to Post-conflict Ethiopia: Impact and Limitations (2000)

Walter Rodney: How Europe Underdeveloped Africa (1972)

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten (2016)

John G. Jackson, C. S. Moore: Ethiopia and the Origin of Civilization (2015)

Taddesse Tamrat: Church and State in Ethiopia, 1270-1527 (1972)

Ernst Hammerschmidt: Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen (1967)

John Markakis: Class and revolution in Ethiopia (1978)

E. A. Wallis Budge: A History of Ethiopia (2 Bde., 1928)

A. J. Barker: The Rape of Ethiopia (1936)

Darrell Bates: The Abyssinian Difficulty: The Emperor Theodorus and the Magdala Campaign, 1867-68 (1979)

Sven Rubenson: King of Kings. Tewodros of Ethiopia (1966)

Graham Hancock: The Sign and the Seal. The Quest for the lost Ark of the Covenant (1993)

Messay Kebede: Eurocentrism and Ethiopian Historiography: Deconstructing Semitization. In: International Journal of Ethiopian Studies, 1 (1) (2003)

Jon Abbink: An Historical-anthropological Approach to Islam in Ethiopia: Issues of Identity and Politics. In: Journal of African Cultural Studies, December 1998

Ein bisschen etwas über den Unterschied in der Sichtweise auf Haile Selassie in Äthiopien und in Jamaica

Über die Besuche von Haile Selassie in Jerusalem/ Quds und die äthiopische Präsenz in der Stadt

Tekeste Negash: The Zagwe period re-interpreted: post-Aksumite Ethiopian urban culture

https://ethiopianhistory.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der genau wie sein Vater und Vorgänger David historisch nicht gesichert ist, ausserhalb des Tanach und davon abhängiger Texte gibt es fast keine Hinweise auf sie
  2. Die Königin von Saba trägt dort den Namen Makeda
  3. Aber das Äthiopien “gegenüber liegende” Jemen ist ein “heisserer” Kandidat. Saba/ Sheba könnte sich auf die dortige Sekte bzw Ethnie der Sabäer (Sabaiyyun) beziehen, die im Koran erwähnt (und toleriert) wurden
  4. Nun, davor gab es noch das Reich von Damot in Teilen des späteren Äthiopiens
  5. In Jesus Christus sei das Göttlichen und das Menschliche vereint
  6. Laut “Kebra Negast” ist Menelik, Stammvater der äthiopischen Könige, selbst nach Jerusalem gereist und habe von dort die Bundeslade mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote nach Äthiopien “entführt”
  7. Daneben gab es auch gelegentlich nicht-dynastische Usurpatoren wie Amdo Seyon als Negus
  8. Letzter Herrscher aus dem “Gondar”-Zweig der Salomoniden-Dynastie
  9. In der auch Äthiopien für wenige Jahre kolonialisiert wurde
  10. Er war der letzte der äthiopischen Monarchen, die selbst mit in die Schlachten zogen
  11. Womit die nach ihm benannte Stiftung in der BRD, die sich als “liberal-aufklärerisch” sieht, wiederum kein Problem hat
  12. Zeigte Zugehörigkeit zum Adel an
  13. Beim Völkerbund-Beitritt musste sich Äthiopien dazu verpflichten
  14. So ähnlich wurde es formuliert
  15. 1871 geboren, im Jahr als das Risorgimento mit der Einnahme Roms zu einem Abschluss kam
  16. Auch bei der italienischen Niederlage von Karfreit/Caporetto/Kobarid
  17. Der zweite, eigentlich aber der dritte, schliesslich war die italienische Inbesitznahme Eritreas auch durch Krieg zwischen diesen Ländern zu Stande gekommen
  18. Im 2. WK war Badoglio dann beim italienischen Seitenwechsel 43 eine Schlüsselfigur, wurde italienischer Premierminister. Für seine Kriegsführung in Äthiopien wurde er nie zur Rechenschaft gezogen
  19. Wie schon von Djibouti nach Eilat
  20. Die Beiden mussten zurücktreten, als das bekannt wurde; Mussolini wäre einverstanden gewesen
  21. www.youtube.com/watch?v=oyX2kXeFUlo
  22. Der Präsident der Versammlung, der Rumäne Nicolae Titulescu, liess die Störer des Saals verweisen
  23. 1963 hat er auch vor der UN-Generalversammlung gesprochen
  24. Für Grossbritannien etwa, dass einen grossen Streifen Afrikas von “Kairo bis zum Kap” beherrschte…? Höchstens Italien als Konkurrent in Afrika war eines. In allen diesen mehr oder weniger mit GB verbundenen Gebieten hatten weisse Siedler einen höheren Status als die einheimische Bevölkerung, nicht zuletzt in Südafrika (auch vor der Apartheid). Dort hatte Premier Hertzog das Wahlrecht für weisse Frauen bewilligt, jenes von schwarzen Männern weiter eingeschränkt. Übrigens hatte GB dann ein grosses Problem damit, dass sich im “2. Weltkrieg” Irland, das dabei war sich seine vollständige Unabhängigkeit zu erkämpfen, neutral blieb. Und dass in “seinem” Indien nicht alle Führer/ Politiker das Mitmachen bei diesem Krieg der Briten als selbsverständlich sahen
  25. Drei Rassengesetze wurden von den Faschisten für die Kolonien in Afrika erlassen, 1937, 1939 und 1940. Einer der Gründe warum es dort kaum “Vermischung” zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten gab
  26. Und es gibt jene Deutsch-Nationalen, die den Giftgas-Einsatz der Italiener in Äthiopien anprangern, wobei es ihnen nur um eine Desavouierung der Italiener an sich geht, wegen Südtirol; die mit den deutschen Kolonial-Tötungen in Südwestafrika kein Problem haben, im Gegenteil. Es gibt auch jene Zionisten, die diesen Völkermord an den Herero und Nama 1904-08 thematisieren, nur weil sie deutsche Kritik an israelischer Politik, zB an der Allianz mit Apartheid-Südafrika, abwürgen wollen
  27. Ein Unterschied, Eritrea war viel kleiner im Verhältnis zum restlichen Äthiopien als Ungarn im Verhältnis zur österreichischen Reichshälfte. Ausserdem hatte die eritreische Regierung weniger Kompetenzen als die ungarische
  28. Äthiopien, dass sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog, musste sich, im Gegensatz zu Eritrea, seine Infrastruktur selbst herstellen
  29. 1920 wurde von den Franzosen ein “Gross-Libanon” von Syrien abgetrennt, die Grenzen wurden so gezogen, dass der Libanon (der in den 1940ern unabhängig wurde) so gross war dass die Maroniten gerade noch die Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten. Damit kam ein relativ grosser (hauptsächlich) für die Maroniten konzipierter Staat zu Stande, in diesem machten Nicht-Maroniten aber eben fast die Hälfte der Bevölkerung aus…
  30. Wann genau Ägypten eigentlich genau seine Unabhängigkeit verlor, darum geht es in diesem Artikel
  31. Aus der die  Afrikanische Union/ AU hervor ging
  32. Vor und nach der Besetzung der palsätinensischen Rest-Gebiete 1967, vor und nach dem Transfer der äthiopischen Juden dorthin
  33. So einen Spagat schafft Israel bzw der Zionismus locker
  34. Vornehm übersetzt
  35. Und die Johannesreich-Idee, von einem aussereuropäischen christlichen Reich…  Das man (die Portugiesen etwa) auch in Äthiopien gefunden geglaubt hatte. Aber wurde Äthiopien jemals als gleichrangiger Partner des Westens behandelt…?   Dann doch lieber sich als weisser Retter in Szene setzen. Genau wie gegenüber Kurden oder moslemischen Frauen oder was jetzt so alles als an nicht-weissen/westlichen Verbündeten bzw Schutzobjekten deklariert wird
  36. Andere Reisen waren zB die nach Österreich und Deutschland 1954, Jamaica (Jamaika) 1966 (>), zur ehemaligen Besatzungs-/Kolonialmacht Italien 1970
  37. Aber eben eigentlich kein ethnischer
  38. 1943 u.a. aus Harar hervorgegangen
  39. Das damals noch französische Djibouti ist auch ein Teil Gross-Somalias, auch ein Teil von Kenya; heute geht die Tendenz eher zum Auseinanderfall Somalias als zu seiner Vergrösserung
  40. Es gab daneben eine lebende Tochter; drei Töchter und zwei Söhne waren früh gestorben
  41. Auch General Andom
  42. Wobei, was heisst “schlecht”, für wen?
  43. Die Feier war Sinnbild des Scheiterns des Schah, die eigenen Leute (Iraner) waren ausgesperrt, ausländische Staatsgäste wurden verwöhnt
  44. Die Flagge Äthiopiens wurde 1996 festgelegt, bis dahin waren verschiedene Varianten derselben in Gebrauch, spätestens ab dem 19. Jh, mit Streifen in den Farben Grün, Gelb, Rot, mit dem Kaiserlöwen („Löwe Judas“) und ohne ihn; auch die iranische Flagge hat sich seit dem 19. Jh immer wieder verändert, das Grunddesign ist gleich geblieben, bis zur Revolution 79 war auch ein Löwe darauf abgebildet (dieser auch schon vor dem 19. Jh)
  45. Auch nach dem Umsturz 1974 kochte sie weiter im Palast, die fertigen Gerichte wurden vom Militär den gefangenen Angehörigen der Königsfamilie gebracht. Nach Selassies Tod 75 ging sie zurück nach Österreich
  46. Erinnert an Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah, der 66 gestürzt wurde, während er sich ebenfalls um die afrikanische Einheit bemühte
  47. Hauptsächlichst aus Westafrika
  48. In den ehemals britischen Kolonien gibt es auch viele Asiaten, hauptsächlich Inder, aus der Phase nach der Abschaffung der Sklaverei
  49. Der Chef einer der beiden grossen Parteien Jamaicas, der PNP, Michael Manley, damals Oppositionschef (zur Zeit der Herrschaft der Jamaica Labour Party/ JLP) besuchte Äthiopien und seinen Negus 1969. Er bekam dort einen Stab, der ihm geholfen haben soll, die Wahl 1972 zu gewinnen und Premierminister zu werden
  50. In Westafrika und der Karibik sind die Sprinter, in Ostafrika dominieren die Langstreckenläufer
  51. Wie man an “Bob” Marley oder dem Politiker Michael Manley sieht
  52. Als Bürgerkrieg zu sehen?
  53. In der österreichischen Variante des Benefiz-Songs hiess es, “Es hasst, du woast amoi a Königin, der Stolz von Afrika”… Auch die Zeilen über den Hunger, der Methode hat, und das Spenden um des eigenen Wohls halber sind treffend
  54. Sie werden nun gerne eingesetzt, um vom rassistischen Charakter Israels abzulenken. In der Realität Israels gibt es dann zB immer wieder Weigerungen, Blutspenden dieser “schwarzen Juden” anzunehmen. Die aus Äthiopien stammenden Israelis werden auch immer wieder Ziel von Übergriffen, weil sie für afrikanische Einwanderer (die hauptsächlich aus Eritrea und Süd-Sudan stammen) gehalten werden. Wie einst die Mizrahis versuchen viele von ihnen, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu sichern, indem sie besonders rassistisch ggü Nicht-Juden (hauptsächlich Palästinensern) sind
  55. Man muss dazu sagen, dass die SU in Afrika, besonders im südlichen, auch politische Kräfte unterstützte, die es sehr verdienten
  56. Äthiopien verlor damit wieder seinen Zugang zum Roten Meer, wurde wieder ein Binnenland
  57. Seit 1909 gibt es Premierminister in Äthiopien; bis 1974 waren es Partei-Unabhängige, die Vertraute des jeweiligen Negus waren; 74-87 war die Position abgeschafft, dann wurde er bis 91 von der Äthiopischen Arbeiterpartei besetzt; 91-94/95 der Übergang; seither wird er theoretisch von Parteien mit parlamentarischer Basis gestellt, in der Realität ist das die TPLF bzw die EPRDF, und es ist fraglich ob das wirklich die stärkste Partei bzw Parteienallianz ist
  58. Wobei: Solange die Amhara dominant waren, war es ihnen nicht so “wichtig”, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat ist
  59. A propos: Eritrea wurde eine der repressivsten Diktaturen Afrikas, ein Einparteienstaat der PFDJ (Nachfolger der EPLF) unter Isayas Afewerki. Eritreer flüchten inzwischen nach Äthiopien, wie auch Süd-Sudanesen oder Somalier. Davon abgesehen gab es 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg zwischen diesen Ländern. Und vor wenigen Wochen eine Aussöhnung
  60. Was wahrscheinlich ein Zeichen von Grösse gewesen wäre; man denke an das Begräbnis für die Zarenfamilie in Russland 1998 und das Staatsbegräbnis, das die Post-Apartheid-Regierung Südafrikas 2006 der Familie von Pieter Botha anbot
  61. Eine gebürtige Kubanerin
  62. Streng genommen gehören geografische Teile Afrikas wie Ceuta und die Kanaren zu Spanien, das auch eine Monarchie ist. Und es gibt regionale bzw zeremoniale Monarchien wie jene der Zulus in Südafrika
  63. Bokassa, der Präsident der sich 1976 zum Kaiser proklamierte; andere Präsidenten haben das nicht getan, aber so geherrscht
  64. Nach dem Abgang von Mugabe in Zimbabwe und Dos Santos in Angola heuer sind Kameruns Biya (seit 43 Jahren zunächst Minister-, dann Staatspräsident), Obiang in Äquatorial-Guinea, Sassou in Kongo-Brazzaville, Museveni in Uganda, König Mswati in Swasiland, Bashir in Sudan, Deby im Tschad, Afewerki in Eritrea und Bouteflika in Algerien die längst Herrschenden in Afrika (und auch global im Spitzenfeld bzw führend)