Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 waren die weiteren grossen Schritte; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen

Israel und die Apartheid

 

1

Rima Khalaf, eine der UN-Unter-Generalsekretäre, verfasste 2017 einen Bericht, in dem sie eine Apartheid-Politik Israels gegenüber den Palästinensern konstatierte. UN-Generalsekretär Antonio Guterres liess den Bericht zurückziehen bzw von der UN-Webseite verschwinden… Israels UN-Botschafter “Danny” Danon (marokkanischer Herkunft) nannte Khalaf prompt eine “Antisemitin”. Danon, der sich dafür ausspricht, die israelische Souveränität (auch offiziell) über die “Westbank” auszudehnen, gegen eine Friedenslösung mit den Palästinensern ist, der für jede “Rakete” die aus Gaza abgefeuert wird, eine Wohngegend in diesem “Streifen” “auslöschen” lassen will. Und das sind nur jene Äusserungen von ihm, die im englischen Wikipedia-Artikel über ihn trotz entsprechender Bemühungen (noch) nicht gelöscht worden sind. Zu ihm und seiner Reaktion zur Attestierung der Apartheid kann man aufgrund seines “Hintergrunds” sagen, “QED”. Aber er ragt aus seiner Partei diesbezüglich nicht heraus, ist ein normaler Likudnik.2 In diesem Artikel geht es um die Zusammenarbeit von Israel mit Südafrika zu Apartheid-Zeiten; die Gemeinsamkeiten dieser Systeme bzw die Analogie; Entwicklungen im Post-Apartheid-Südafrika mit Relevanz bezüglich Israel; Israels Politik gegenüber Afrika; diesen Systemen zugrunde liegende Denkweisen, Entwicklungen, Querverbindungen, sowie den Diskurs über Zionismus und Apartheid.

Die Zusammenarbeit von Israel und Apartheid-Südafrika

Südafrika war zu Apartheid-Zeiten einer der wichtigsten und engsten Partner Israels, was sich ja auch daran zeigt, dass sich diese Partnerschaft sehr tief in den “Sicherheits”-Bereich hinein erstreckte. Mit der Demokratisierung Südafrikas gab es einen scharfen Bruch in der Beziehung dieser Länder, vor allem fehlte jetzt das gemeinsame ideologische Fundament, das man zuvor sah.

Ein Blick zurück: Als 1910 die Südafrikanische Union (als britisches Dominion) entstand, waren Nicht-Weisse (die Bevölkerungsmehrheit) bereits klar Bürger zweiter und dritter Klasse. Innerhalb des weissen Bevölkerungssegments gab es eine Trennlinie, die nicht (ganz) deckungsgleich mit jener zwischen Afrikaans- und Englisch-Sprachigen war, jene zwischen den Anhängern der SAP (South African Party) und der NP (Nasionale Party, Vorgängerin der Apartheid-Partei). Dieser Konflikt drehte sich hauptsächlich um das Verhältnis zu Grossbritannien und entzündete sich im 1. Weltkrieg vollends. In der Zwischenkriegszeit wurde die NP öfters an Regierungen der SAP beteiligt, vereinigte sich schliesslich 1934 mit ihr zur United Party (UP). Ein Teil der NP, unter Daniel F. Malan, gründete aber 1935 die Gesuiwerde Nasionale Party (GNP). Als in Europa der “2. Weltkrieg” ausbrach, spaltete sich die UP, Premierminister James B. Hertzog3 war dafür, dass Südafrika neutral bleibt, der Flügel um Jan C. Smuts für den Kriegs-Eintritt an der Seite von GB bzw den Alliierten. Smuts setzte sich durch, wurde Premier, Hertzog einigte sich zunächst mit Malan und der GNP, auf die Gründung der Herenigde Nasionale Party (HNP).

Zu den Differenzen zwischen Hertzog und Malan gehörte, dass zweiterer für einen Kriegseintritt an der Seite des nationalsozialistischen Deutschen Reichs bzw der Achsenmächte war. Daher spaltete sich eine Fraktion unter Hertzog von der HNP ab, gründete die Afrikaner Party (AP). Während südafrikanische Truppen in Afrika, Europa und Asien an der Seite der Alliierten kämpften, gab es in Südafrika viel Aktivismus für Nazi-Deutschland, von Organisationen wie der Ossewabrandwag (OB), aber auch der oppositionellen HNP unter Malan.4 Das Hitler-Regime sah ausser-europäische Kolonien nicht als Priorität (eher die Weltherrschaft), erwartete aber von einer mit ihm sympathisierenden Regierung Südafrikas eine Rückgabe von Südwestafrika, des ehemaligen deutschen Schutzgebiets (das wichtigste), das seit dem 1. WK von Südafrika verwaltet wurde. “Dafür” sollte sich Südafrika britische Kolonien im südlichen Afrika einverleiben, wie Swaziland, Bechuanaland (> Botswana), Basutoland (> Lesotho) und Southern Rhodesia (> Zimbabwe).

Aber, bei der Wahl 1943 setzte sich nochmal klar die UP vor der HNP durch; und das war einige Monate nach der Kriegswende in der Schlacht von Stalingrad. In beiden weissen Lagern gab es Sympathie für die Sache der Zionisten in Palästina (die zu jener Zeit auch konkretisiert wurde), sah man Gemeinsamkeiten zu Anliegen der Weissen in Südafrika. Jan Smuts (SAP, UP), der probritische, in der Zwischenkriegszeit dominierende Politiker, hatte Kontakte zu Chaim Weizman und der zionistischen Bewegung. Er unterstützte die Gründung Israels, über seine Verbindungen mit wichtigen britischen Politikern. Die engen Beziehungen zwischen Südafrika und Israel wurden von ihm begründet. Südafrika war unter den 33 Staaten, die 1947 für den umstrittenen UN-Teilungsvorschlag für Palästina stimmten, einer von nur 4 Commonwealth-Staaten. Und es war einer der ersten Staaten, die die Ausrufung “Israels” in Palästina anerkannten. Diese Proklamation geschah am 14. Mai 1948, wenige Wochen später wählte Südafrika, bzw seine weissen Bürger5, ein neues Parlament.

Die HNP besiegte die UP, bildete eine Koalition mit der AP, Daniel Malan wurde Premier. Die beiden Parteien vereinigten sich einige Jahre später zur (neuen) Nationalen Partei (NP). Während in Südafrika auf Grundlage einer sauberen (nicht geschobenen) Wahl6 die Apartheid-Politik begann, lief in Palästina die entscheidenden Phase der Nakba an. Und in diesem “israelischen Unabhängigkeitskrieg” gab es schon eine Unterstützung durch Südafrika für die zionistische Seite. Jedenfalls liess die südafrikanische Regierung tausende Juden aus Südafrika nach Palästina ziehen, wo sie für die Gründung Israels kämpften.7 Israel war bzw wurde Teil des global vorherrschenden weissen Systems. Die Apartheid in Südafrika brachte ein Ende einer “milden” Rassentrennungs- (und -diskriminierungs) politik, brachte für die Nicht-Weissen weitere Verschlechterungen, Entmachtungen; nicht umsonst hatte auch ein Wahlkampf-Slogan der NP gelautet “Die kaffer op sy plek”.8 Sie brachte aber auch eine schrittweise Machtübernahme der Afrika(an)ner/ Buren auf Kosten der Englisch-Sprachigen. Buren standen von nun an vorwiegendst hinter der regierenden NP, englischsprachige Weisse hinter der oppositionellen UP. Die Juden Südafrikas standen meist an der Seite der Englischsprachigen, mit denen sie Vieles teilten, bzw waren (sind) Teil davon.

Die NP vertrat einen Afrikaaner-Nationalismus, der sich nicht nur gegen die Schwarzen im Lande richtete, sondern auch WKII-revisionistisch bzw prodeutsch war, im Grunde auch anglophob und antijüdisch. Die nun von der NP gestellten südafrikanischen Regierungen sahen die Juden im Land als Weisse, was auch kohärent war, da der allergrösste Teil davon aschkenasisch war, die meisten litauischer Herkunft. Und somit hell genug9, im Gegensatz zu vielen Israelis, die damals (meist frisch umgesiedelt) selbst noch Bürger zweiter Klasse waren. Ausserdem konnte man es sich angesichts der demographischen Verhältnisse nicht leisten, einen Teil der Bevölkerung den “Farbigen” zuzuschlagen, der für die “Weissen” in Frage kam. Man wollte Juden auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht vergraulen. Es gab auf der Seite der Buren/Afrikaaner die typische rechte Bewunderung für Israel10, hier verstärkt durch die Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und den (zum Teil fundamentalistischen) Calvinismus. Der klassische Antisemitismus bei rechten Afrikaanern trat unter diesen Umständen in den Hintergrund, auch dies klassisch.

Buren haben die Portugiesen einst als „Seekaffer“ verachtet… dann aber viele von ihnen “eingevolkt”11. Und die portugiesische Kolonialherrschaft im südlichen Afrika wurde nun auch ein Verbündeter der weissen Minderheitsherrscher Südafrikas; nach ihrem Ende strömten auch wieder portugiesische Siedler von dort nach Südafrika. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Zu Apartheid-Zeiten waren in Südafrika natürlich nur weisse Einwanderer erwünscht. Aber: Katholiken, Anglosachsen sowie Ost-Europäer waren eigentlich unerwünscht. Es blieben Niederländer, Deutsche, Skandinavier…12 Die heutigen Schwierigkeiten von burischen Rechten bei der internationalen Zusammenarbeit und dem Allianzen-bilden im Inneren stehen auch in diesem Zusammenhang.

Malan besuchte Israel das erste Mal 1953.13 Jener Malan, der 1930 als Innenminister ein Einwanderungsgesetz ausarbeitete, das Nordwest-Europäer bevorzugte und jüdische Einwanderung erschwerte. Als 1937 unter einer UP-Regierung ein neues Gesetz die Einwanderung nach Südafrika betreffend kam, protestierte der damalige GNP-Chef und Oppositionsführer Malan dagegen, forderte u. a. das Verbot jüdischer Einwanderung, die Streichung von Jiddisch als anerkannte europäische Sprache die Einwanderung betreffend, keine weiteren Einbürgerungen jüdischer Immigranten, das Verbot der Ausübung gewisser Berufe für Juden.14 Malans Nachfolger als Premier, Johannes G. Strijdom, klagte in seinen früheren Jahren über den “britisch-jüdischen Kapitalismus“. Hendrik F. Verwoerd wurde während seines Studiums in Deutschland (vor der NS-Zeit) mit völkischen Ideologien bekannt. Später protestierte er in Südafrika gegen den Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten und gegen die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge. Johannes B. Vorster war zu dieser Zeit in der Ossewabrandwag aktiv. Auch Pieter W. Botha beteiligte sich an Aktionen, die sich gegen die Beteiligung Südafrikas am Kampf gegen Nazi-Deutschland richteten. Sie alle fuhren dann als Herrscher Südafrikas eine pro-israelische Politik. Auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Die Zusammenarbeit zwischen Südafrika (wo Nicht-Weisse Menschen zweiter und dritter Klasse waren) und Israel (das sich damals über ein Gebiet erstreckte, das von Nicht-Juden grossteils “gesäubert” war) war in den 1950ern und frühen 1960ern hauptsächlich eine wirtschaftliche. Jene im „Sicherheits-” (Unterdrückungs-) Bereich kam erst danach auf Touren. Südafrika hatte für die Weltwirtschaft wichtige Bodenschätze, Gold, Diamanten, Uran, und der Handel mit den grossteils von “farbigen” Arbeitskräften geförderten Rohstoffe war seit Ende des 19. Jh die Stütze der Wirtschaft des Landes. Der Handel mit Diamanten war zentral in der israelisch-südafrikanischen Partnerschaft, und diese schloss die südafrikanischen Juden zu einem Dreieck mit ein. Anglo-American/DeBeers (Ernest Oppenheimer) kontrollierte die Förderung in Südafrika und ihre Verarbeitung in Israel (v.a. von Industriediamanten) sowie in Antwerpen (v.a. für Schmuck), dominiert(e) den Weltmarkt. Theophilus E. Dönges, damals Innenminister des Apartheid-Regimes15, hat zB 1953 bei einer Feier der jüdischen Gemeinde von Worcester (damals Kap-Provinz) gesagt, es gäbe sicherlich eine “Verwandtschaft” zwischen Juden und Afrikaanern und gratulierte zu den wirtschaftlichen Errungenschaften der Juden.

Den South African Jewish Board of Deputies (SAJBD) befriedigten solche Bezeugungen bezüglich der Lage der Juden in Südafrika unter NP/Apartheid-Regierungen. Die Beziehung war aber nicht unkompliziert. Zumal die Juden Südafrikas englisch geprägt waren und auch überwiegend die Oppositionspartei UP wählten. In der UP gab es verschiedene Flügel, die sich hauptsächlich an der Haltung zur Apartheid bzw zur Mitbestimmung der Nicht-Weissen schieden. 1959 spaltete sich der liberale Flügel der UP, mit Helen Suzman und anderen Juden, ab und gründete die Progressive Party (PP).16 Als Suzman 1959, noch als UP-Abgeordnete, im (weissen) Parlament die Behandlung von schwarzen Arbeitern auf weissen Farmen thematisierte, kam von NP-Abgeordneten gleich der Hinweis auf die jüdische Identität von ihr und anderen UP-Politikern. Ein gewisses Ressentiment hielt sich bei rechten Afrikaanern gegenüber Juden, bei aller Bewunderung für Israel, kam hie und da zum Vorschein.

Israel konnte sich an den Westen anlehnen (anfangs hauptsächlich Frankreich, ab dem Krieg 67 die USA), ging Allianzen mit “antikommunistischen” Regimen wie der Militärdiktatur über Argentinien ein17, versuchte Verbündete in der weiteren Region zu finden18 (wie Iran unter dem letzten Schah19), und, es versuchte auch, in der “Dritten Welt” Einfluss zu gewinnen20 – so auch in Schwarz-Afrika ab den 1950ern. In dieser Phase stimmte es zweimal, 1961 und 1966, in der UN gegen Südafrika, ging auf Distanz zur Apartheid, um Alliierte unter den unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten zu finden. 1961 ging es um eine Resolution zur Verurteilung der Apartheid21, 1966 um die Aberkennung des Mandats über Südwestafrika (Namibia). Dadurch wurde die Beziehung mit Apartheid-Südafrika kühler, konkret von Anfang der 60er bis 73, wobei 67 schon eine Rückverschiebung brachte.22 Südafrikas Premier 1958-1966, Hendrik Verwoerd, empörte sich 1961:

“Israel is not consistent in its new anti-apartheid attitude … they took Israel away from the Arabs after the Arabs lived there for a thousand years. In that, I agree with them. Israel, like South Africa, is an apartheid state.”

Ausserdem schrieb Verwoerd damals einen privaten Brief, der öffentlich wurde, in dem er Israels aktuelle Politik mit den Juden Südafrikas in Verbindung brachte, deren Unterstützung der PP, ihren Verbindungen zu Israel, und ausschloss, dass seine Regierung/Partei jemals “antisemitisch” agieren würde. Der SAJBD hat danach seine Loyalität “zu Südafrika” bekundet, beziehungsweise zu dem Regime, das gut zwei Drittel der Südafrikaner von politischer und ökonomischer Partizipation ausschloss. Israel hat aber auch damals mit diesem Regime an einem Strang gezogen. Etwa beim Versuch der Sezession Biafras von Nigeria 1967-70; dass auch Portugal dabei mit an Bord war, unterstreicht, dass es nicht um afrikanische Anliegen ging, im Gegenteil.23 Und, entgegen der diplomatischen Offensive gegenüber Afrika begann Israel in den 1960ern auch mit einer nuklearen Zusammenarbeit mit dem Apartheid-Regime. Uran-Lieferungen Südafrikas gegen nukleare Technologie und Know-how von Israel. Südafrika begann sein (zunächst ziviles) Atomprogramm so, Israel (das schon einige Schritte näher bei der Atombombe war) fand einen Partner der Frankreich ersetzte. Bei Israels Krieg 1967 half Südafrika unter Premierminister Vorster u.a. mit der Lieferung von Kampfflugzeugen.

Die Apartheid wurde nicht selten mit dem Kalten Krieg und Antikommunismus argumentiert; die globale Block- bzw Systemkonfrontation begann auch ziemlich parallel zum Apartheid-System in Südafrika. Die Vorenthaltung staatsbürgerlicher bzw politischer Rechte für Menschen, die man als “rassisch minderwertig” betrachtete, konnte so etwas beschönigt werden – heute verwendet man dafür gerne das “Islamismus”-Etikett. Dass die (erste) kommunistische Partei Südafrikas, die CPSA, auch für Nicht-Weisse offen war und Gleichberechtigung der schwarzen Völker Südafrikas (Zulus, Xhosas,…), der Asiaten und “Farbigen” befürwortete, sagt aber etwas Gutes über diese Partei aus, nicht etwas Schlechtes über diese Gleichberechtigung… Der NP-Propaganda fiel es aber so leichter, politische Rechte für Schwarze mit Kommunismus zu verbinden. Die CPSA wurde 1950 verboten, einige Jahre später im Untergrund als SACP neu gegründet.

Brian Bunting’s Vater war einer der Gründer der CPSA gewesen, er engagierte sich in der SACP. Im 2. WK diente Brian Bunting im südafrikanischen Militär; er weigerte sich zunächst an diesem Krieg teilzunehmen, in dem “zwei imperiale Mächte um mehr Territorium kämpften”, änderte aber seine Meinung, nachdem Nazi-Deutschland die SU angegriffen hatte. 1952/53 war er einer von drei (weissen) Abgeordneten, die Schwarze wählen durften – etwas, das dann auch bald abgeschafft wurde. 1953 verlor er seinen Parlamentssitz wegen seines kommunistischen Aktivismus’. Er arbeitete fortan als Journalist, und im Zentralkomitee der SACP, die sich im Untergrund mit dem African National Congress (ANC) verbündete. 1963 musste er ins Exil gehen, wie viele andere Anti-Apartheid-Aktivisten, nach GB. 1964 kam von ihm „The Rise of the South African Reich“ heraus, eine Analyse des Apartheid-Systems (siehe Literatur). 1991 konnte er nach Südafrika zurück kehren, durch die erste freie Wahl 1994 wurde er wieder Abgeordneter.

Die meisten südafrikanischen Juden unterstützten die Apartheid nicht, forderten sie aber nicht heraus. Die Juden Südafrikas (deren Zahl sich seit Jahrzehnten konstant bei etwas über 100 000 hält) unterstütz(t)en Israel durch immense Geld-Überweisungen (Schenkungen). Da das Apartheid-Regime Südafrikas und Israel sehr lange eng zusammen arbeiteten, gab es, wie erwähnt, ein Dreieck zwischen diesen und den südafrikanischen Juden (dem Hauptstrom). Der Hauptstrom der südafrikanischen Juden lehnte sich an die englischsprachigen Weissen an, und deren “elastische” Liberalität.24 Die offizielle Organisation der Juden in Südafrika, der SAJBD, hielt sich zur Apartheid-Zeit dieser gegenüber sehr zurück mit Kritik; mit Kritik an (echter) jüdischer Opposition zur Apartheid tat man sich schon leichter. Juden, die die Apartheid offen bzw aktiv unterstützten, waren selten. Vera Reitzer ( 1921–2006, geborene Schön), eine Holocaust-Überlebende aus Europa, war so eine.25

Sie schloss sich der NP an, als diese Rassengesetze erliess, die an die Nürnberger Gesetze von 1935 erinnerten. Rassengesetze auf Grundlage der Einteilung der Bevölkerung in vier Rassen (s.o.). Verteidigte die Apartheid auch mit der “Gefahr des Kommunismus”, liess aber gegenüber McGreal vom “Guardian” durchblicken, dass sie Schwarze für minderwertiger hielt. Sie war ein respektiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde Johannesburgs, im Gegensatz zu jenen Juden, die die Apartheid bekämpften. Der Grossteil unterstützte aber weder NP noch SACP, sondern PP oder UP (bzw ihre Nachfolgeparteien). Nachdem Premier Verwoerd 1966 im Parlament getötet wurde, sagte der damalige Verteidigungsminister Pieter Botha dort zur PP-Abgeordneten Suzman auf Afrikaans, „Ihr Liberalen habt es getan, wir kriegen euch.“ Es war aber ein Parlamentsdiener mosambikanisch-griechischer Herkunft gewesen, im Apartheid-System als „Farbiger“ eingestuft, nicht privilegiert wie Suzman. Und die Liberalen sind eben immer davor zurückgeschreckt, das Apartheid-System wirklich heraus zu fordern, die Grenzen zu überschreiten, die ihnen dieses System setzte. Und Botha (der 1977 auf einem NP-Parteitag sagte, Südafrika entwickle sich in eine Richtung in der sich Israel seit 1948 befinde) entschuldigte sich dann bei Suzman.

Der Vice-Chancellor (also Rektor) der Universität Stellenbosch, J. S. Gericke, sagte 1968 auf einem Kongress des FAK (wie der Afrikaner Broederbond/AB, dem Gericke ebenfalls angehörte, ein wichtiges Afrikaaner-Netzwerk) vor einem Trend zu offenen Diskussionen und schädlichen Einflüssen aus dem Westen, nannte dabei den (jüdischen) französischen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit. Von Israel hatte aber auch Gericke eine hohe Meinung. Cohn-Bendit ist heute auch auf zionistischer Linie. Und eine Diskriminierung von Juden gab es nicht unter der Apartheid. Der Patient, dem Christiaan Barnard 1967 als erstem Menschen ein Herz transplantierte, war ein ebenfalls aus Litauen stammender Jude, der von dort aber erst spät auswanderte, zur frühen SU-Zeit.26

Südafrikanische Juden die aktiv gegen die Apartheid kämpften, wie die Slovos, Dennis Goldberg oder Ronald Kasrils, machten einen überproportionalen Anteil in diesem Kampf aus (zumindest unter Weissen, als die sie galten); diese Juden waren/sind meist auch antizionistisch und weich(t)en nicht nur in dem Punkt von der Linie der offiziellen Organe der Juden Südafrikas ab. Diese Juden waren in CPSA bzw SACP aktiv und radikaler Widerstand gegen die Apartheid von Weissen gab es eigentlich nur dort (oder direkt im ANC, mit dem die SACP verbunden war). Als der damalige südafrikanische Präsident Jacob Zuma in einer Grussbotschaft zur Konferenz des SAJBD 2015 der jüdischen Gemeinschaft Südafrikas eine historische Rolle beim Kampf gegen die Apartheid gutschrieb, hat er die Definition von diesem Widerstand wahrscheinlich auch auf die Progressive Party und die Suzmans ausgedehnt. Es gab/gibt auch solche, die “dazwischen” standen/stehen; wie Arthur Goldreich, ein Künstler, der bei der Schaffung Israels militärisch mithalf, nach Südafrika auswanderte, sich dort gegen die Apartheid engagierte (nicht in der PP sondern in der SACP und im Umkreis von Mandela), 1963 verhaftet wurde, über Swasiland flüchtete, wieder nach Israel ging, diesen Staat aber auch kritisierte27, ein moderater/kritischer Zionist wurde/blieb.

Die Ent-Kolonialisierung Afrikas nach dem 2. WK kam ja besonders in den frühen 1960ern in Gang. Südafrika war ein Sonderfall, eine Art innere Kolonialherrschaft, ähnlich wie in (Süd-) Rhodesien, wo sich die Siedler unabhängig von der Kolonialmacht erklärten. Algerien (in “Braunafrika”) wurde von der Kolonialmacht als Teil des Mutterlands gesehen – nicht aber das Gros der Bevölkerung…28 Während dort 1962 ein blutiger Unabhängigkeits-Kampf zu Ende ging, wurde die DR Kongo (nach der Unabhängigkeit 1960) Opfer von westlichem Neo-Kolonialismus. Die globale Entkolonialisierung bewirkte, dass es in internationalen Gremien (von den UN bis zum IOC) zunehmend nicht-weisse Mitgliedsstaaten gab, die die “Beseitigung” der Reste des westlichen Kolonialismus andernorts vorantrieben. In Südafrika war es hauptsächlich der ANC, der den Kampf aufnahm und, nach der Verhaftung von Nelson Mandela und Anderen, vom Untergrund bzw dem Exil weiter führte. Die Situation im südlichen Afrika radikalisierte sich in den 1960ern, der ANC tat sich mit der SWAPO (Südwestafrika/Namibia, von Südafrika beherrscht), MPLA (Portugiesisch-Westafrika/Angola), FRELIMO (Portugiesisch-Ostafrika/Mocambique), ZANU (Rhodesien/Zimbabwe) zusammen, die ähnliche Kämpfe führten.

Und, die SU (bzw der Ostblock) begann, antiimperialistische Kräfte in Afrika zu unterstützen29, während die Kräfte der weissen Vorherrschaft in der Region mit dem Westen verbündet (bzw Teil von ihm) waren, somit wurde das südliche Afrika für einige Jahrzehnte Schauplatz des Kalten Kriegs. Viele unabhängige afrikanische sowie asiatische Staaten unterstützen den “antiimperialistischen Block”, auch manche arabische und islamische Staaten (nicht zB Iran unter dem Schah oder Saudi-Arabien). Israel war aber ohnehin längst auf der Gegenseite. Arbeitete mit Apartheid-Südafrika auch schon eng zusammen bevor Gamal-Abdel Nasser in Ägypten an die Macht kam (1952 bzw 1954) und zB den Unabhängigkeitskampf Algeriens unterstützte. Dem Apartheid-Regime gelang es aber sogar in Schwarzafrika “Partner” bzw nützliche Idoten zu finden, mehr zur Detente-Politik unten.

Ja, Nelson Mandela hatte die Courage und den Stolz, sich am Guerilla-Krieg gegen die Apartheid-Politik in seinem Land zu beteiligen. Das wurde durch sein Versöhnungswerk nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1990 (während seiner Präsidentschaft, davor und danach) ganz in den Hintergrund gedrängt (und auch diese Unterdrückungspolitik selbst…), aber es gab vor dem grossväterlichen, milden Nelson Mandela (glücklicherweise) einen anderen.30 Als Mandela 1962 verhaftet wurde (angeblich nachdem die CIA die Apartheid-Behörden über seinen Aufenthaltsort informierten), hatte er bei den Verhören mit dem Polizei-Offizier “Rooy Rus” Swanepoel zu tun, einem grossen Israel-Freund. Mandela bekam den Friedens-Nobel-Preis 1993 nicht für seinen Widerstand gegen das Apartheid-System, sondern für seine Verhandlungen bzw die Einigung mit diesem…

Sein Haupt-Verhandlungspartner, der damalige südafrikanische Präsident Frederik W. de Klerk, bekam zusammen mit ihm den Preis.31 Beim aktuellen Dalai Lama (T. Guatso) oder Aung S. S. K. war Widerstand gegen ein diktatorisches System ausreichend (in diesen Fällen zwei nicht-westliche), nicht eine Einigung mit diesem. Widerstand gegen westliche Diktaturen wird selten belohnt, auch literarischer nicht. Mandela bekam Rettungsringe zugeworfen, als er das rettende Land bereits erreicht hatte. Ende der 1980er, Anfang der 1990er war die Ablehnung der Apartheid schon ziemlich konsensfähig und hegemonial (auch) im Westen geworden – und leitete De Klerk ihr Ende ein.32

Nach dem “Nahost”-Krieg von 1973 brachen die meisten schwarzafrikanischen Staaten die Beziehungen zu Israel ab. Und Israel tat sich mit dem in Afrika ebenfalls isolierten Südafrika wieder enger zusammen, enger als vor der israelischen „Entwicklungshilfe“-Offensive. Die DR Kongo/ “Zaire” unter Diktator Mobutu brach 73 für 10 Jahre die Beziehungen zu Israel offiziell ab, unterhielt aber auch in dieser Phase enge Beziehungen. Israel hatte wie die USA auf Mobutu (und das Militär) gesetzt, Belgier auf Franzosen auf Tschombé (und Katanga), und sich unter diesem militärisch und wirtschaftlich stark im Land involviert (siehe auch unten). Aber hauptsächlich wurde die Kollaboration mit Apartheid-Südafrika enger. Und man sah dieses von israelischer Seite zunehmend als “verwandten” Staat, von einer heuchlerischen Welt unfair verlassen und verurteilt, Opfer eines Bündnisses der Dritten Welt, der Araber, der Kommunisten,…, vom Westen nicht genug wertgeschätzt.33

Yosef “Tommy” Lapid, als Tomislav Lampel in Jugoslawien geboren, 1948 nach Israel ausgewandert, war, bevor er Ende der 1990er, Anfang der 2000er Politiker wurde (03/04 Justizminister und Vize-Premier für seine Shinui-Partei) u.a. Journalist. Der im Westen als “liberal” geltende schrieb 1974 in ”Maariv” (14. März) eine Tirade gegen Afrika und eine Anpreisung Apartheid-Südafrikas mit dem Titel “Le’maan D’rom Africa Lo Esheshe” – transkribiert aus Hebräisch, “Um Südafrikas willen will ich nicht schweigen”, in Abwandlung eines jüdischen Gebets. “Die angeblich befreiten afrikanischen Staaten sind zum grössten Teil ein schlechter Witz und ein Affront gegenüber der menschlichen Würde… Vor einigen Wochen wurde Professor Bakers Forschung in Grossbritannien veröffentlicht, darin wird u.a. die Geschichte von Juden und Negern in New York verglichen… Offensichtlich gibt es einen vererbbaren Unterschied im Intellekt zwischen jemandem, dessen Vater im Dschungel lebte und jemandem, dessen Vorfahren Priester im Tempel waren, wie es D’Israeli schon ausgedrückt hat… Es ist sehr schade, dass es Südafrikas weisse Herrscher nicht fertiggebracht haben, der schwarzen Mehrheit in ihrem Land den grössten Teil der Bürgerrechte zuzugestehen. Ich denke, sie hätten es getan, wenn sie nur darauf vertrauen hätten können, dass die schwarze Mehrheit nicht die weisse Minderheit unterdrückt, sie beraubt und ein reiches und prosperierendes Land in eine weitere Parodie von politischer Unabhängigkeit zu verwandeln…

…Um alles in der Welt, wenn ich wählen muss zwischen der Freundschaft des jetzigen Schwarzafrika und jener eines weissen, organisierten und erfolgreichen Landes mit einer blühenden jüdischen Gemeinschaft, dann wähle ich Südafrika. Es ist nur schade, dass wir gewartet haben bis uns die Neger hinausgeschmissen haben.”34

Eine Resolution der UN-Generalversammlung 1975, die den Zionismus als rassistisch verurteilte, ging hauptsächlich auf die neue arabisch-afrikanische “Allianz” zurück. Mit der portugiesischen Entkolonialisierung infolge des Sturzes der Diktatur im Jahr davor wurde das südafrikanische Regime für die USA bzw den Westblock wichtiger, als Bekämpfer von Kommunismus in Angola und Mocambique. Und Südafrika brauchte dafür (mehr) israelische Unterstützung. An der Spitze des Apartheid-Regimes stand nach Verwoerds Ermordung 1966 Johannes Vorster, als Premier bis 1978. Vorsters Besuch in Israel im April 1976 machte die engen Beziehungen zwischen den Regimen deutlich. Beit-Hallahmi beginnt sein Buch “Schmutzige Allianzen” nicht umsonst mit dem Kapitel “Vorster in Jerusalem”. Viele geheime gemeinsame Projekte wurden bei dem Staatsbesuch in die Wege geleitet, darunter auch die Vertiefung der nuklearen Zusammenarbeit (s.u.). Vorster machte mit seinen Gastgebern auch den Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte “Yad Vashem” in Jerusalem, er der während des Holocausts in Europa in den Reihen der Ossewabrandwag für die Nazis Stimmung gemacht hatte (und dafür interniert worden war), legte dort einen Kranz nieder, verhielt sich taktvoller als seine israelischen Gastgeber, wie Beit-Hallahmi schrieb.

Premierminister Yitzhak Rabin liess Vorsters Vergangenheit auch beim Staatsbankett (mit Verteidigungsminister Peres, Oppositionschef Begin,…) unerwähnt und kein schlechtes Haar an dessem gegenwärtigen Wirken. Im Gegenteil, er pries diesen als “Kämpfer für Freiheit”, sprach von “gemeinsamen Idealen” von Israel und Südafrika35, die sich beide gegen “von aussen gesteuerte Destabiliserung” erwehren müssten. Vorster wiederum schwärmte davon dass Israel und Südafrika “Opfer der Feinde der westlichen Zivilisation” seien. Währenddessen herrschte Israel nicht nur über die nach der Nakba gebliebenen Palästinenser, sondern auch über die 1967 besetzten Gebiete (und ihre Einwohner), und Südafrika nicht nur über die Nicht-Weissen im Land und über Südwestafrika, seine Armee war 1975 auch in Angola eingefallen. Das Jahrbuch der südafrikanischen Regierung 197636 charakterisierte die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten so:

“Israel and South Africa have one thing above all else in common: they are both situated in a predominantly hostile world inhabited by dark peoples.”

Die nächsten 10 Jahre lief die Beziehung intensiv weiter, mit Staatsbesuchen, Abkommen, Zusammenarbeit auf den verschiedensten Gebieten (von Atomwaffen bis zu den Homelands), abgestimmtem Stimmverhalten in der UN und anderen internationalen Organisationen,… Die Niederschlagung des Soweto-Aufstands im Juni 1976 geschah wahrscheinlich mit israelischen Waffen. Die Zusammenarbeit wurde intensiver, als die USA unter Präsident Carter (1977-1981) Südafrika nicht mehr alles durchgehen liess. Es war hauptsächlich eine Liebesaffäre der “Sicherheits”-Establishments der beiden Länder; darin war diese Zusammenarbeit auch ziemlich unumstritten. Und Israel war der wichtigste Unterstützer des Apartheid-Regimes. In Israel gab es wenig Opposition dazu, am ehesten in den aus der Mapam-Partei hervor gegangenen Gruppierungen.37 Das UN-Waffenembargo bezüglich Südafrika von 1977 kümmerte Israel nicht.

Nach 1973 gab es eine mehr oder weniger direkte Teilnahme an den Kriegen des anderen Partners. Etwa israelische Berater in der südafrikanischen Armee in   Angola. Beide Regime wollten die Nachbarn und die Region (“Frontstaaten”) destabilisieren. Und, was für Israel die Peripherie-Strategie war, “Verbündete” in der weiteren Region zu finden, war für das Apartheid-Regime die Detente-Politik; Malawi unter Banda kollaborierte mit ihm, Savimbis UNITA war ein Werkzeug von ihm,… In Zaire/Kongo stützten Südafrika und Israel beide Mobutu. Dass Südafrika im südlichen Afrika eine Regionalmacht war (trotz oder wegen der Apartheid), auch wirtschaftlich, hatte auch stark mit dem Wirken von Anglo-American zu tun.38 Es gab auch eine Einwanderung von Israelis nach Südafrika (zT in offizieller „Mission“). Und eine Auswanderung von Juden aus Südafrika nach Israel.

Die nukleare Zusammenarbeit war die pikanteste und geheimste der beiden Regime und basierte auf ihren Ähnlichkeiten. Durch das 2010 veröffentlichte Buch von Sasha Polakow-Suransky, “The Unspoken Alliance”, wurde eigentlich nichts Neues darüber bekannt, eher das Bekannte weiter verbreitet. Israel hatte während des “Yom-Kippur-Krieges” bereits Atomwaffen und soll erwogen haben, diese einzusetzen, als es in die Defensive geriet. Südafrika begann in den 1970ern, sein ziviles Atomprogramm zu einem militärischen “aufzuwerten”. Beide Staaten hatten den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet, Israel bis heute nicht. Die nukleare Zusammenarbeit der Apartheid-Regime umfasste die Bereitstellung von Uran (in Form von “Yellowcake”) durch Südafrika, israelische Weitergabe von Know How für Raketen (als Träger) und gemeinsame Tests dieser Raketen. Wahrscheinlich auch einen gemeinsamen Atomtest, 1979, vor den südafrikanischen Prince-Edward-Inseln; u.a. haben amerikanische Satelliten etwas registriert, was darauf hindeutet. Und, Israel hat dem Apartheid-Regime Südafrikas auch Atomwaffen zum Kauf angeboten.

Und zwar mit Nuklearsprengköpfen versehene “Jericho”-Mittelstreckenraketen, 1975, also sogar vor Vorsters Besuch in Jerusalem. Der Codename für das Unterfangen war “Chalet” und Shimon Peres war als Verteidigungsminister auf israelischer Seite führend beteiligt. Sein südafrikanisches Gegenüber Pieter Botha soll das Angebot durch eine Nachfrage initiiert haben, lehnte das Angebot ab, hauptsächlich weil er glaubte, Südafrika können diese Waffe selbst entwickeln (was dann auch geschah). 2003 wurde ein Memorandum eines Apartheid-Top-Militärs, Raymond Armstrong, an einen anderen, Hugo Biermann, aus 1975 öffentlich. Darin wird das Angebot erwähnt, in Zusammenhang mit der “Bedrohung” Südafrikas, welche nach einer Abschreckung mit eigenen Atomwaffen und Trägerraketen rufe. Auch Dieter Gerhardt, der südafrikanische Militär, der Apartheid-Geheimnisse an die SU weitergab, hat nach seiner Freigelassung von so etwas berichtet. Sasha Polakow-Suransky stammt aus einer jüdischen Anti-Apartheid-Familie aus Südafrika, wuchs in der USA auf, wo er akademisch und journalistisch tätig ist, 2010 brachte er wie erwähnt “The Unspoken Alliance: Israel’s Secret Relationship with Apartheid South Africa” heraus. Die Weitergabe der Atomsprengköpfe kam nicht zu Stande, was aber nichts an der Fülle von militärischer (auch nuklearwaffentechnischer!) Zusammenarbeit ändert.

Polakow-Suransky “beschliesst” sein Buch mit 2 Karten, die die Homelands inmitten Südafrika sowie die palästinensischen Autonomiegebiete im israelisch beherrschten Gebiet zeigen. Shimon Peres spielte einst in Israels Nuklearprojekt eine wichtige Rolle, u. a. bei der Einfädelung verschiedener Abkommen, zur Zeit der Veröffentlichung dieses Buchs war er israelischer Staatspräsident. Von ihm kam eine scharfe Leugnung des Verkaufsangebots; auch der langjährige Leiter der südafrikanischen Atomic Energy Corporation, Waldo Stumpf, und der israelische Autor Avner Cohen zweifelten ein solches Angebot an. Laut „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ von Peter Hounam und Steve McQuillan (1995) hat die südafrikanische Regierung unter Frederik de Klerk bei der Beendigung und Offenlegung des Atomprogramms des Apartheid-Regimes in den frühen 1990ern nicht alles deklariert (und einiges “behalten”), darunter “Mini-Nukes” auf Grundlage einer Substanz namens “Red Mercury”. Einige ungeklärte Morde stünden in Zusammenhang damit, der in diesen Fällen ermittelnde Polizeibeamte Charles Landman hat den israelischen Geheimdienst Mossad dafür verantwortlich gemacht, die Opfer hätten Handel mit “Red Mercury” in nahöstliche Staaten betrieben. Auch Post-Apartheid-Verteidigungsminister Johannes “Joe” Modise (ANC) brachte die Sache in Verbindung mit der israelischen Verbindung zum Apartheid-Regime. Die israelische Botschaft in Südafrika dementierte.

Die Anti-Apartheid-Bewegung machte das südafrikanische Atomprogramm mit zum Gegenstand ihrer Kampagne. Apartheid-Präsident Botha hat in der späten und heissen Phase des Krieges in Angola, 1987/88, als das kubanische Militär Angola gegen die Apartheid-Kräfte (UNITA, SADF,…) half, anscheinend einen Einsatz von Atomwaffen erwogen. Auch andere Staaten bzw Firmen aus anderen Staaten als Israel haben Apartheid-Südafrika bei seinem Atomprogramm geholfen, darunter die BRD und die USA; aber es ist sehr zweifelhaft ob von anderswo als von Israel wissentliche Unterstützung für das Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes kam. Die Atomwaffenprogramme der beiden Apartheid-Regime wurden seit den 1970ern vom Westblock toleriert. Südafrika gab wie gesagt Anfang der 90er (gemeinsam mit der Apartheid) sein militärisches Nuklearprogramm auf, mache es öffentlich, und trat dem Atomwaffensperrvertrag bei; Israel ist weit von solchen Schritten entfernt, pflegt vielmehr seinen Opferkult. Seine Unterstützung des südafrikanischen Atomprogramms nimmt dem Zionismus etwas den Heiligenschein, den er sich im Atomstreit mit dem Iran (nicht zuletzt bezüglich verantwortungsvollem Umgang mit Atomwaffen) aufgesetzt hat. In einem “Spiegel”-Interview39 wurde Polakow-S. gefragt, “Warum wollte das Apartheid-Regime nuklear aufrüsten?” >

“Es ging darum, strategisches Gewicht zu gewinnen. Pretoria wollte von den Amerikanern und den Briten ernst genommen werden und feindlich gesinnte Nachbarländer abschrecken. Es war die gleiche Logik, die heute wohl auch Iran antreibt.”

Vor der Wahl 1977 entstanden in Südafrika die New Republic Party (NRP), als Nachfolgepartei der UP40, und die Progressive Federal Party (PFP), als Nachfolgepartei der PP41. Harry Oppenheimer42, Sohn und Nachfolger von Ernest, unterstützte die PFP. Wie die NRP war sie weiss, englisch, mehr oder weniger liberal. Überraschenderweise kam die PFP bei der Wahl vor die NRP, wurde offizielle Oppositionspartei. In diesem Jahr wurde der Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko in Polizeigewahrsam getötet; in Israel kam nach der Wahl (von der die Palästinenser in den 10 Jahre zuvor besetzten Gebieten natürlich ausgeschlossen waren) erstmals der Likud an die Macht. In dieser Zeit (genau 77-79) flog in Südafrika der “Informations-Skandal” auf.

Nach Cornelius P. Mulder, dem damaligen Informationsminister in der Regierung von Premierminister Vorster auch “Muldergate” benannt43, ging es bei der Affäre um eine Propaganda-Offensive des Regimes ab 1973 in Südafrika und international, mit dem Ziel, die Meinung über die Apartheid zu verbessern. 75 Millionen Rand wurden dafür aufgewendet. Sie führte zum Rücktritt von Vorster als Premier, der 1978 zunächst Staatspräsident wurde, ’79 auch als dieser zurücktreten musste; zum Aufstieg von P. W. Botha, der Premier wurde, bis zur Verfassungsreform, dann Präsident; und zum Ende der politischen Karriere von Mulder, der als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf die Nachfolge von Vorster (als Premier und NP-Chef) gegolten hatte. Beteiligt an der Propaganda für die Apartheid war auch Arnon Milchan, israelisch-amerikanischer Filmproduzent (“Pretty Woman”,…), Lobbyist, Waffenhändler (gute Beziehungen zu Peres). Milchan, der mit der ehemaligen südafrikanischen Tennisspielerin Amanda Coetzer verheiratet ist, wurde kürzlich als illegaler Spender für Premier Netanyahu bekannt.44

Durch die 1984 in Kraft getretene Verfassungsreform wurden Parlamentskammern für Inder und Farbige eingerichtet (die nichts an der weissen Vorherrschaft änderten); für die schwarzen Völker, so das Regime, gäbe es ohnehin die 10 Homelands. Schwarzen, die beinahe drei Viertel der Gesamtbevölkerung Südafrikas ausmachten, wurden weniger als 15 % der Landesfläche (wirtschaftlich unattraktive) dafür zugewiesen; und Leute teilweise zwangsweise dorthin umgesiedelt. Ausserdem wurde auf eine Präsidialsystem umgestellt. Die kosmetische Korrektur der Parlamentsreform war Manchen in der NP schon zu viel, sie gründeten die Konserwatiewe Party van Suid-Afrika (KP). Dieser wurde bei der Wahl 1987 stärkste Oppositionspartei; blieb dies 89, somit bis zum Ende der Apartheid. Die PFP nahm Ende 80er (liberalere) NP-Abspalter auf, ausserdem den grössten Teil der NRP (der in den ID aufgegangen war), wurde zur Democratic Party (DP).

Die Allianz der beiden Staaten war wie gesagt sehr intim, umfasste nicht nur das Militärische, sondern auch Nuklearwaffen. In den 1980ern lebte eine grössere Zahl von Israelis in Südafrika, Regierungsangestellte (Militärs,…), aber auch Geschäfts- und Privatleute,…, und umgekehrt Südafrikaner in Israel. Das Gefühl, in einer ähnlichen Situation zu sein, ein Gefühl der Verwandtschaft, war sehr verbreitet, wobei viele Israelis bemüht waren, ideologische Distanz zur Apartheid an den Tag zu legen. Ariel Scharon war keiner davon. Der im damals britisch beherrschten Palästina als A. Scheinerman Geborene mit Wurzeln in Ost-Polen bzw Weissrussland war nach seiner militärischen Karriere45 ab 77, als Begin kam, unter allen Likud-Premiers Minister, bis er 01 selbst Premier wurde. Als er 1981-83 Verteidigungsminister war, war Magnus Malan sein südafrikanisches Gegenüber, wie er ein Ex-Militär. Die intime Beziehung zum Apartheid-Staat blieb unter dem Likud und Scharon so intim. Scharon setzte sich auch bei der USA (Reagan) dafür ein, dass Südafrika von ihr mehr und bessere Waffen bekam.

Natürlich im Namen des “Kampfes gegen den Kommunismus”, was damals eine Art Wild Card war. Und, Scharon leitete in den 1980ern als Minister diverser Ressorts eine Kampagne zur Rückeroberung von Kontakten und Einfluss in Afrika, machte Israel dort stärker als vor 73, heisst es. Mobutu-Zaire war dabei am wichtigsten, von dort aus konnte man auch den Kampf gegen die angolanische Regierung aufbauen, natürlich an der Seite des Apartheid-Regimes. Scharon besuchte Südafrika 1981 (geheim), als Verteidigungsminister, besuchte das südafrikanische Militär (SADF) an der Grenze von Südwestafrika zu Angola. Die SADF kämpfte dort auch mit israelischen Waffen; zT solchen, die nach israelischer Vorlage in Südafrika hergestellt wurden. Israelis und Südafrikaner sahen den Kampf, den Israel ab 1982 im Libanon führte, als analog zu jenem der Südafrikaner in Angola und anderen “Frontstaaten”.46

Die PLO hatte damals ihr Hauptquartier im Libanon (und wurde vom israelischen Militär von dort vertrieben, nach Tunesien), der ANC hatte seines in Sambia, das auch vom südafrikanischen Militär angegriffen wurde. Darüber hinaus hatten beide den Anspruch, in der Region mitzubestimmen, gegebenenfalls als Ordnungsmacht aufzutreten. Die militärische Durchschlagskraft des jeweils Anderen wurde von den Partnern bewundert. Von Scharon stammt eine bewunderungsvolle Einschätzung des Apartheid-Militär-Geheimdienstes (DMI), aus seiner Zeit als Verteidigungsminister.47 Magnus Malan wiederum schrieb Scharon nach dessem Abgang aus diesem Ministerium einen bedauernden Brief, betonte die gemeinsamen Interessen (“mutual interest”).

Die “schwarzen” Völker Südafrikas wollte das Apartheid-Regime wie erwähnt in Homelands/ Bantustans /Reservate aussiedeln, deren Anspruch auf politische Mitsprache damit abfertigen, und diese gleichzeitig aus Südafrika ausschliessen. Ausserdem konnte man die schwarze Bevölkerungsmehrheit so schön entlang der ethnischen Linien teilen. Und, die traditionellen Herrscher der Zulus, Xhosas, Sothos, Tswanas,… wurden als eine Art Konkurrenz zur Anti-Apartheid-Bewegung (hauptsächlich dem ANC) aufgebaut. Israel war auch an diesem Apartheid-Projekt mit von der Partie. Bophutatswana, eines der 4 nominell unabhängigen der 10 Homelands, war wichtigster Israel-Partner der Homelands. Bophuthatswana-“Präsident” Lucas Mangope wurde zB 1981 uA vom damaligen Avodah-Chef bzw Oppositionsführer Shimon Peres herzlich empfangen. Israel war das einzige Land, das in den südafrikanischen Homelands nennenswerte Investitionen getätigt hat. Wobei Apartheid-Südafrika die “unabhängigen” Homelands eben auch als “Ausland” sah; dennoch gab es dort weisse Südafrikaner in Schlüsselpositionen wie zB als Armeechefs. Beit-Hallahmi schrieb, israelische Künstler, die in der eigenen Gesellschaft als liberal und linksverdächtig gelten, arbeiteten in etlichen Homelands an Projekten, die sie als „Wiederbelebung authentischer Stammeskulturen“ deklarierten… Auch KwaZulu-Chefminister Mangosuthu Buthelezi hatten Unterstützung durch Israel.48

Er, der in den 1980ern als “Gegenfigur” zum inhaftierten Nelson Mandela aufgebaut wurde, von konservativen Kreisen im Westen, durfte seine “Sicherheitskräfte” in dieser Zeit durch das Apartheid-Regime und in Israel ausbilden lassen. In den frühen 1990ern, in den Übergangsjahren von der Apartheid zur Demokratie, wurde Buthelezis inzwischen südafrika-weit agierende Inkatha Freedom Party (IFP) vom “Sicherheitsapparat” des Apartheid-Regimes gegen den ANC aufgerüstet, mit blutigen Folgen. Ganz am Ende der Apartheids-Zeit schlossen sich einige Homeland-Herrscher (darunter Buthelezi und Mangope) und die afrikaansen Rechtsextremen (KP,…) zusammen.49 Etwa eineinhalb Monate vor der südafrikanischen Wahl 1994 kam es in Bophutatswana zu einem “Showdown” zwischen den Leuten des Diktators Mangope und seinen weissen rechtsextremen Verbündeten einerseits und dem südafrikanischen Militär (SADF) andererseits.

Das Apartheidregime bekam gewisse Unterstützung auch von USA, GB, BRD,… , besonders wenn dort Mitte-Rechts-Regierungen an der Macht waren. Und diese hatte begonnen, bevor die SU den Gegnern der Apartheid Unterstützung zukommen liess. In den 1980ern war Bothas Regime auch im Westblock zunehmend isoliert, trotz Reagan, Thatcher, Kohl. Auch, weil man gegenüber dem Ostblock mit “Menschenrechten” protzen wollte, die Heuchelei nicht mehr so weiter laufen lassen konnte. Man war schliesslich “Führer der freien Welt” und selbstverständlich waren Menschenrechte nicht an Rasse gebunden…50 In der Spätphase der Apartheid musste auch Israel zwangsläufig auf Distanz gehen. Es schloss sich 1987 den Sanktionen des Westens an. Bereits abgeschlossene Verträge blieben aber aufrecht… Nach dem gegen Reagans Willen vom Kongress erlassenen Comprehensive Anti Apartheid Act hätte Israel bei weiteren Brüchen des Waffenembargos gegenüber Apartheid-Südafrika Hilfe der USA verlieren können/müssen. Alon Liel, damaliger Botschafter Israels in Pretoria, sagte darüber, das Security-Establishments seines Landes bäumte sich gegen das späte Einnehmen von taktischer Distanz (Einhaltung diverser Embargos und Resolutionen) auf.

Ende 80er entspannte sich die Situation im südlichen Afrika: Perestroika (in) der SU, 1988 das Angola-Namibia-Abkommen51, 1989 wurde De Klerk Präsident Südafrikas und begann bald mit Reformen: die schrittweise Abschaffung der Apartheid52, Verhandlungen mit der echten Opposition (ANC,…), aber auch die Unterstützung der IFP, mit der man u.a. den ANC “umgehen” wollte. Israels Sorge bei der Demontage der Apartheid war nicht nur, dass man einen Verbündeten verliert; sondern auch dass durch die Demokratisierung in Südafrika Informationen über die eigene Rolle bei Apartheid-Projekten, nicht zuletzt dem Atomprogramm, bekannt werden könnten – und nicht etwa die Aneignung der Atomwaffen durch weisse Rechtsextremisten oder deren Einsatz in Angola, was damals beides für möglich gehalten wurde. Im November 1991 besuchte De Klerk Shamir (der keine Siedlungen aufgeben wollte), damals wurden die noch laufenden gemeinsamen Projekte eingestellt. Das Ende der Apartheid kam mit der Wahl im Frühling 1994; die Homeland-Herrscher lenkten dazu noch ein bzw wurden dazu gezwungen, ein Teil der weissen Rechten blieb abseits.

Wenig später wie die Verhandlungen der NP-Regierung Südafrikas mit dem ANC begannen, begannen auch jene zwischen der Avodah-Regierung Israels mit der PLO, anfangs allerdings geheim. Das Oslo-I-Abkommen wurde im August 1993 unterzeichnet, das Multi Party Negotiationing Forum in Südafrika kam im November dieses Jahres zum Abschluss (machte den Weg zur Wahl frei). Die Afrikaaner waren bereit, die Apartheid aufzugeben, die Macht im Land wirklich zu teilen. Das geschah (ab) 1994 auch. Die Zionisten waren nicht dazu bereit, halten die Palästinenser bis heute hin. Die Haltung, dass das nationale Überleben durch den Feind gefährdet ist, dieser “zivilisatorisch” anders ist, man ihn kleinhalten muss, et cetera – wovon sich die Afrikaaner grossteils verabschiedet haben, dominiert nach wie vor für Israel. Dort nimmt man auch Reaktionen auf die Unterdrückung als Bestätigung dieser Unterdrückung bzw der zugrundeliegenden Geisteshaltung.

Es gibt seit Herzl eine zionistische Realpolitik der Art wie ggü der Apartheid. Zusammenarbeit mit “schmutzigen” Partnern um des eigenen Vorteils (“Überleben”) Willen, die man selbst meist als gar nicht so schmutzig sieht. Beit-Hallahmi sagt, Israel stellt sich immer auf die Seite der Stärkeren. Im Fall Apartheid-Südafrika kam das Wahrnehmen von Gemeinsamkeiten ja auch durch den Charakter als Kolonialvolk – was Zionisten ansonsten brüsk von sich zurückweisen, man habe jahrtausende alte Wurzeln in diesem Land, sei nur “zurück gekehrt”. Der eigenen Gruppe im Land Vorrechte gegenüber den “Eingeborenen” bzw “Farbigen” abzusichern, diese gewaltsam durchzusetzen, ist aber etwas was Israel viel Sympathie von Rechten in vielen Teilen der Welt einbringt. Und man hat von israelischer Seite immer Parallelen zwischen dem eigenen Kampf ggü den Palästinensern und der Region, und gewissen anderen gesehen und unterstützt.

Israel exportiert seit Jahrzehnten militärische Ausrüstung und Know How in alle Welt, an Regime und Gruppe, die meist mit der Bezeichnung “pro-westlich” zusammengefasst werden53, im Kalten Krieg und danach, meist mit Unterstützung oder zumindest Billigung der Supermacht USA. Dies half auch der israelischen Wirtschaft (nicht nur der Rüstungsindustrie) und beim Gewinnen von Freunden. So wurde Israel wichtigster Verbündeter der rechten Militärdiktaturen Lateinamerikas, Vorbild seiner Herrscher. 1983 schrieben der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel und Andere einen offenen Brief, der Israel zur Beendigung der Unterstützung u.a. des guatemaltekischen Regimes aufrief; ca 10 Jahre später richtete Rigoberta Menchu einen ähnlichen Appell. Menchus Dämonisierung aus dem philozionistisch-neokonservativen Bereich ist auch dadurch zu erklären; wahrscheinlich hat aber schon ihr Engagement gegen das Regime und den Krieg in Guatemala dazu gereicht.

Ausgehend vom Sturz von Präsident Arbenz 1954 durch die USA und einer kleinen Elite (die Nutzniesser der Aktion) kam es in Guatemala zu einer Reihe von rechten Militärdiktaturen54, gegen die sich Guerilla-Gruppen wie MR-13, FAR oder PGT auflehnten, die sich hauptsächlich aus der unterdrücktesten Bevölkerungsgruppe, den Mayas, rekrutierten. Im Bürgerkrieg 1960-96 unterstützte die USA natürlich die eine Seite, etwa über „Militärberater“. Spätestens als Carter (auch hier! wie bei Apartheid-Südafrika oder Pinochet) die Hilfe strich, engagierte sich Israel auch dort. In den 1980ern unterstützten die Reagan-USA und Israel zusammen das guatemaltekische Regime. Nach der Entscheidung Trumps, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen bzw seine Botschaft dorthin zu verlegen, kündigte mit Guatemala nun ein weiterer Staat an, diesen Schritt vollziehen zu wollen. Dessen Präsident James „Jimmy“ Morales ist ein Rechter und Evangelikaler, wie der Präsident 82/83, E. Rios Montt (der auch ein School of Americas-Absolvent).

Apartheid-Südafrika war Israels wichtigster schmutziger Verbündete, war fast so wichtig wie die USA. Aber es gab eben auch die Diktaturen in Kongo/Zaire, Chile, Argentinien, Guatemala, die Philippinen unter Marcos, die Republik China (Taiwan) vor ihrer Demokratisierung, oder jahrzehntelang die kemalistische Türkei, der man auch bei der “Verschleierung” des Völkermords an den Armeniern half55,… Bewaffnete Einheiten dieser Staaten wurden ebenso mit “Uzi”-Maschinengewehren oder “Galil”-Sturmgewehren ausgerüstet wie die nicaraguanischen Contras, die angolanische UNITA oder die afghanischen Mujahedin. Nach Beit-Hallahmi und Victor Ostrovsky hat Israel auch in Konflikte eingegriffen, deren Ausgang ihm egal sein konnte, wie dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka (und dort beide Seiten unterstützt…).

Der zionistische Umgang mit der intimen Beziehung Israels mit Apartheid-Südafrika bewegt sich heute zwischen Vertuschungen, Schönrednerei, Herunterspielen der Kollaboration (Leugnung funktioniert hier nicht), aggressiven “Antisemitismus”-Vorwürfen (bezüglich der Thematisierung dieser Kollaboration) und offenen anti-afrikanischen Ressentiments und Apartheid-Verteidgung wie einst Lapid sen. Diese Muster an Reaktionen gibt es allerdings bei jedweder Kritik an israelischer Politik (zu beobachten). Eine offensive Apologetik der Apartheid ist selten geworden, hegemonial ist das Eingeständnis, dass Apartheid schlecht/ungerecht war(, aber…).56

Chris McGreal schrieb 2010 in „The Guardian“ 2010, im Artikel „Israel and apartheid: a marriage of convenience and military might“57:

„… when the spotlight occasionally flickered over one of the most intimate and enduring alliances of the postwar years, Israel was quick to underplay its deep military ties with apartheid South Africa as nothing more than a necessity of survival without a flicker of ideological affinity…”

Die Beziehung zwischen Israel und Apartheid-Südafrika war nie problemlos, aber Gemeinsamkeiten zwischen den Systemen wurden von ihren Führern/ Vertretern und Intellektuellen immer wieder herausgestrichen. Das Apartheid-Regime konnte durch eine Anlehnung an Israel nur gewinnen, Israel hatte dabei ein bisschen was zu verlieren. Ein Israeli, der unapologetisch zu der Zusammenarbeit war (an der er entscheidend beteiligt war), war Rafael Eitan, Militär (78-83 Generalstabschef), dann rechter Politiker (Minister in den 90ern), ein anti-arabischer Rassist. Er war führend beim Feldzug im Libanon 1982, mit Verteidigungsminister Scharon Hauptverantwortlicher dafür, die Kataib-Miliz in das palästinensische Flüchtlingslager bei Beirut zu lassen, wo sie ein Massaker anrichtete. Die Schwarzen in Südafrika, so Eitan einst, wollten Kontrolle über die weisse Minderheit erlangen, genau wie die Araber über die Juden. Und man müsse genau wie die Weissen Südafrikas so etwas verhindern.

Der Unterschied im Umgang mit der Allianz zwischen Scharon und Peres spiegelt eben den zwischen Links und Rechts im Zionismus wieder. Leugnung der ideologischen Gemeinsamkeiten oder dazu stehen. So wie es eben jene gibt (zB in IT-Foren oder in den Kommentaren unter Youtube-Videos), die Verachtung ggü Palästinensern und anderen Völkern dieser Region offen und stolz zeigen (zB israelische Aktionen gegen sie bejubeln), und jene die die Existenz einer solchen Verachtung empört als “antisemitisch” abtun und zB Propaganda machen, wie gut Palästinenser von Israel behandelt werden würden (es gibt auch Mischformen). Netanyahu sagte als UN-Botschafter (84-88) zu Vorwürfen der Apartheid-Kollaboration, präpotent wie gewohnt, er wisse von diesen und jenen (europäischen) Staaten, dass sie auch starke wirtschaftliche Beziehungen mit Südafrika pflegten, aber “wieder mal” werde Israel “herausgehoben”; kam also mit verstecker “Antisemitismus”-Keule.58

Dies kommt, offen, als Rechtfertigungs (und Ablenkungs-) manöver bezüglich der Apartheid-Unterstützung, oft: “Alle haben das gemacht, daher ist es antisemitisch dies zu thematisieren”. Dazu ist zunächst zu wiederholen, dass die Beziehung von Israel zu dem Apartheid-Staat viel intensiver und intimer war als die eigentlich aller anderen Staaten; wer sonst hat Südafrika wissentlich bei seinen Atombomben geholfen, wer sonst hat Apartheid-Funktionäre an seine eigenen Geheimnisse herangelassen? Und, diese Intimität und die ideologische Gemeinsamkeit wird ja auch von vielen israelischen (politischen/militärischen) Funktionsträgern nicht geleugnet, im Gegenteil… Und dann: Was ist der Punkt dabei, darauf zu verweisen, andere hätten auch dieses Unrecht getan? Was, wenn Kroaten zur damaligen Kollaboration ihres Landes mit dem NS-Staat sagen würden, Rumänien unter Antonescu und Spanien unter Franco haben das auch gemacht, und ihr seid Anti-Kroatisten?

Wie hat der Berliner in Wien der einen “wissenschaftlichen Berater” macht, posaunt: „Mit Repräsentanten der iranischen Diktatur gibt es keinen Dialog zu führen. Diese Antisemiten und Todfeinde jeglicher emanzipatorischen Bestrebung müssen unter allen Umständen bekämpft werden.” Lobbyismus im (vermeintlichen?) Sinn Israels als “moralisch”, “emanzipatorisch”, “fortschrittlich” et cetera zu firmieren, wird noch lächerlicher, wenn man sich die Heuchelei dieser Lobbyisten, Israels Bündnisse und die westliche Politik in dieser Region anseht. Eben absolvierte Trumps neuer Aussenminister Pompeo seinen Antrittsbesuch in Saudi-Arabien und Israel. Bei Saudi-Arabien sehen wir das mit Menschenrechten und Islamismus und so nicht so streng, gell, sondern ein bisschen pragmatischer.

Zumal es da ums Erdöl geht. Bei Saddam Hussein war es so, der wurde vom Westen unterstützt, als er in den 1980ern den Iran angriff. Später wurde der Angriff auf den Irak auch mit Husseins Menschenrechtsverletzungen argumentiert. Heute führt man die Politik des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung an; nahm diese in der Vergangenheit (unter dem letzten Schah) aber nicht nur hin, man unterstützte dieses Regime auch. Und das Hinnehmen oder Unterstützen von Menschenrechtsverletzungen (absurdes Beispiel: wenn ein Staat zwei Drittel der Bevölkerung aufgrund der “Rasse” von Mitgestaltung ausschliessen würde) wenn es im eigenen Interesse ist?! Sonst wird die Sache ja so “gedeutet”, dass ein Bündnis viel über die Partner aussagt, nach dem Motto “Zeig’ mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist”; zB wenn es darum geht, Antiimperialismus über vermeintliche Bündnisse mit dem Islamismus zu diffamieren, oder bei allen tatsächlichen/vermeintlichen Bündnissen “gegen” Israel.

Beim Bündnis Israels mit Apartheid-Südafrika (historisch) oder mit dem Regime von Aserbeidschan (aktuell) wird die Sache gerne so gedreht, dass es etwas Positives über diese Partner Israels aussage, dass sie eben seine Partner geworden sind! Und wird eine “Zwangslage” behauptet, wird hier jede Menge “Kontextualisierung” gebracht, die man sonst ausblendet.59 Der “latente Antisemitismus” der Afrikaaner zB, wird angeführt. Es gab aber Juden in Südafrika, die trotzdem oder gerade deshalb mit der Waffen in der Hand das Apartheid-Regime bekämpften. Es gab die vielen Sympathiebekundungen ggü Apartheid-Südafrika von israelischer Seite, auch aus dem dortigen linken und liberalen Lager (und eine sehr intime Beziehung). Man könnte dann auch sagen, Rumänien hätte im 2. Weltkrieg keine andere Wahl gehabt, als sich mit NS-Deutschland zusammenzutun: Sein traditioneller Verbündeter Frankreich war von diesem Deutschland selbst besetzt, ein Eingreifen von Grossbritannien in Südosteuropa war nicht zu erwarten und von der stalinistischen Sowjetunion war keine Hilfe zu erwarten, im Gegenteil, aufgrund des von beiden Ländern beanspruchten Territoriums Bessarabien sowie dem sowjetischen Willen zur Ausdehnung des Machtbereichs in Osteuropa.

Und: Die Isolation in der Region kam in den Fällen von Apartheid-Südafrika und Israel ja auch nicht von ungefähr, eher von ihrer Gegnerschaft zur Region… Der Umgang von Linkszionisten mit der israelischen Partnerschaft mit dem (anderen?) Apartheid-Regime (und auch anderen, “vergleichbaren” Systemen) ist meist dahingehend, dass sie die Zusammenarbeit herunter spielen (“Zwangslage”, “Kontextualisierung”,…) und die “Antisemitismus”-Keule schwingen (gegen den Verkünder der schlechten Nachricht), Rechtszionisten verteidigen sie meist offensiv. Es gibt aber auch hier den “Antisemitismus”-Vorwurf. Dieser Dichotomie entspricht auch das “Wir würden so gern Teil dieser Region sein aber man lässt uns nicht” oder aber das “Wir gehören nicht zu dieser unzivilisierten Region”. Shimon Peres war sehr wichtig für die Zusammenarbeit Israels mit Apartheid-Südafrika; als Verteidigungsminister während Vorsters Besuch in Jerusalem, als Premier in den 80ern,…

2005 oder 2006 sagte er zu McGreal vom “Guardian”60 zur Moral der Verbindungen mit dem Apartheid-Regime, eine Entscheidung sei meist nicht zwischen “perfekten Situationen” zu treffen, sondern zwischen mangelhaften Alternativen; damals sei die “Bewegung des schwarzen Afrikas” mit der PLO “gegen uns” gewesen, man habe keine grosse Wahl gehabt; aber man sei immer gegen die Apartheid gewesen. McGreal erinnerte in seinem Artikel daran, dass der damalige (zur Zeit des Interviews) israelische Staatspräsident, der nun davon spreche, dass sein Land widerwillig in eine Allianz mit diesem System, das eigentlich ein ideologischer Gegner war, “gezwungen” worden sei (und dabei noch den Opfermantel anzieht), in dessen Brief an den (General)sekretär im südafrikanischen Informationsministerium, Eschel Rhoodie61 aus 1974 enthusiastische Formulierungen von gemeinsamen Idealen wie der “gemeinsamen Ablehnung von Ungerechtigkeit” verwendete.

Apartheid-Propaganda-Chef Rhoodie, Rabin, Apartheid-Geheimdienst-Chef Vandenbergh, Peres 1975 in Jerusalem

Polakow-Suranskys Buch gewährt intime Einblicke in die Beziehungen zwischen Israel und dem Apartheid-Regime. Daher kamen wütende Reaktionen dazu von zionistischer Seite. Peres persönlich schrieb einen Leserbrief an den “Guardian”, in dem er abstritt, dass es 1975, als er Militärminister war, das Angebot von “Jericho”-Raketen mit Nuklearsprengköpfen an Südafrika gab. “Selektive Interpretation” südafrikanischer Dokumente lägen der “Behauptung” zu Grunde. Polakow-Suransky konnte darauf in “Haaretz” antworten, nannte Peres’ Stellungnahme ausweichend. “Auslassend” könnte man es auch nennen, und seine Stellungnahme an McGreal (s.o.) eine verlogene Rechtfertigung. Zwischen Israel und Apartheid-Südafrika war so viel Gemeinsames, nicht zuletzt in der Ideologie, so viel Intimität, so viel Substanz, so gravierende Folgen – dass man nicht von einem „Zweckbündnis“ sprechen kann.

Zum Argument des “Gegenbündnisses”: Israel arbeitete seit seiner Gründung 1948 mit Südafrika (in dem im selben Jahr die Apartheid kam) zusammen, durch Israels Bemühungen in Schwarzafrika wurde das in den 50ern und 60ern etwas schwächer. Es hat auch anderswo mit Kräften der westlichen Vorherrschaft zusammengearbeitet, und mit diktatorischen Systemen (auch mit dem frühen Mullah-Regime des Iran). Wie war die Anti-Apartheid-Bewegung mit der palästinensischen Nationalbewegung verbunden? James Adams (s.u.) schreibt, Aktivisten des ANC bzw seiner Miliz Umkhonto we Sizwe (MK) seien von der PLO im Libanon und Süd-Jemen trainiert worden; die Information geht allerdings auf den israelischen Geheimdienst Mossad zurück, dem es auch gelungen sein soll, diese Lager zu infiltrieren. Aber die beiden waren schon irgendwie auf der selben Achse; und das sagt definitiv etwas Gutes über die PLO aus.

Peres sagte zur Nakba bzw “Plan Dalet”, Ben Gurion habe keine „Säuberung“ gewollt, er habe es erlebt, glaube nicht Historikern, die anderes schreiben.62 Ab 1953, als ihn sein politischer Ziehvater Ben Gurion zum Generaldirektor im Verteidigungsministerium machte, spielte er eine entscheidende Rolle in der israelischen Politik. Er fädelte die französische Unterstützung für das israelische Atomprogramm ein, den Suez-Krieg. Mit seinem Freund Jacques Soustelle (auch ein proisraelischer Rechtsaussen) redete er über die israelische Kolonialisierung von Französisch-Guyana.63 Der islamistische Terrorangriff in Kenia (Kenya) 2013 war für ihn eine Steilvorlage, sich als Freund der Afrikaner zu geben. Israel stehe “Schulter an Schulter” mit Kenya, zumal es selbst so oft Opfer von Terror gewesen sei. Das was er früher zu Rhoodie oder Vorster gesagt oder geschrieben hat, wie er sie umschmeichelte, hat er später zu Buthelezi und Mangope gesagt, den kemalistischen Herrschern der Türkei (zB über den Völkermord an den Armeniern oder dass das Militär das Rückgrat der “türkischen Demokratie” sei), oder Aserbeidschans Alijew…

Wenn man der heutigen Apologetik zur israelischen Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika (der dominierenden) folgt, waren „Schwarze“ im südlichen Afrika nur Delphine im Thunfisch-Fangnetz, das aus einer “Zwangslage” entstand. Ob Percy Yutar einer der südafrikanischen Juden war, die die Apartheid unterstützten, dazu gehen die Meinungen auseinander. Er war Ankläger/Staatsanwalt in dem Prozess gegen Nelson Mandela und 9 weitere ANC/SACP-Aktivisten (7 Schwarzafrikaner und 3 Juden!), 1963/64 in Pretoria.64 Yutar beschuldigte die Anti-Apartheid-Kämpfer vor Gericht, der Welt Lügen darüber zu erzählen, dass Schwarze in Südafrika verfolgt werden. Nach dem Prozess, als Mandela und sechs weitere Verurteilte auf Robben Island geflogen wurden, um ihre lebenslange Freiheitsstrafen abzusitzen, wurde Yutar von der Pro-Apartheid-Presse in Südafrika gefeiert65, u.a. als Verteidiger der Zivilisation gegen die Kräfte der Dunkelheit…

Der damalige Jusizminister Vorster nannte Yutar einen “echten Patrioten”. Nach dem Ende der Apartheid sagte Yutar nun, er habe das Leben der Angeklagten gerettet, indem er sie nicht wegen Hochverrat sondern wegen Sabotage angeklagt hat. Mandela, der einen seinen Gefängniswärter zu seiner Amtseinführung als Präsident einlud und Pieter Botha für seine “Reformschritte” lobte, verzieh auch ihm, und das öffentlich. Yutar war ein geachtetes Mitglied der jüdischen Gemeinde in seiner Heimatstadt (Johannesburg, war dort Vorsitzender der United Hebrew Congregation), im Gegensatz zu den Angeklagten im Rivonia-Prozess Denis Goldberg, Lionel Bernstein, James Kantor. Und, wie erwähnt wird heute abgestritten, dass Yutar der Apartheid nahe stand, wird behauptet, er habe eine gänzlich unpolitische Rolle inne gehabt, eine “rein juristische”. So wie Hans Filbinger? Zumindest Yutars Aussagen nach dem Prozess und Lob für ihn durch höchste Vertreter des Regimes waren höchst politisch.66

Der en.wikipedia-Artikel “Israel–South Africa relations” (bzw die von organisierten Teams dort getätigten Bearbeitungen) sagt ja auch einiges über den heute hegemonialen Umgang im Zionismus mit der Partnerschaft. Die (damals so gerne hervor gehobene) gemeinsame Grundlage wird unter den Tisch gekehrt, der scharfe Bruch in den Beziehungen Israels zu Südafrika während der Apartheid und nachher fällt auch der Hasbara zum Opfer. Die unverschämtesten Propaganda-Behauptungen, “belegt” durch lächerliche Quellen bzw lächerliche Interpretationen von Quellen:

“Israeli leaders’ ideological hostility made Israel took a strong and unequivocal stance against South Africa. Israel even offered asylum to South Africa’s most wanted men.”

Was das “Asyl” betrifft: Südafrikanische Juden, die die Apartheid wirklich bekämpften, kamen oft vorzeitig frei, aufgrund der engen Beziehungen des Apartheid-Regimes zu Israel – und weil sich Israel für alle Juden auf der Welt zuständig fühlt. Und durften nach bzw über Israel ausreisen. So wie Denis Goldberg, der im Rivonia-Prozess zu Lebenslänglich verurteilt wurde, nach 22 Jahren (in einem “weissen” Gefängnis) freigelassen wurde, in Israel nur kurz seine Tochter besuchte und das System dort kritisierte, dann nach GB ausreiste, wo er sich wieder voll dem Kampf gegen die Apartheid (in Südafrika) widmete. Arthur Goldreich ging nach seiner Flucht wieder nach Israel, kritisierte aber wie erwähnt den Zionismus und seine Gemeinsamkeiten mit der Apartheid.

Dann wird in dem Artikel auch wieder eine Zwangslage behauptet. “…it was long apprehensive about the punitive measures, stemming from Israel’s own vulnerability to international embargoes by the United Nations and Third World–dominated bodies…”. “Israel’s condemnation of apartheid was based on opposition to the racist nature of the practice, and its maintenance of mutually beneficial commercial and military ties was rooted in a concern for South African Jews and a realpolitik attitude that Israel was too isolated to be selective about partners in trade and arms deals.” Ja, die Henne und das Ei, was war zuerst, die “Isolation” oder die Politik die es in diese Isolation brachte?

Eine “Notsituation”, wie die Südtiroler, die sich Hitler andienten. Aber eigentlich war Hitler ja auch in einer Zwangslage, denn er brauchte (in seiner Isolation) ja Mussolini. Und, “Third World–dominated bodies” ist an sich eine Formulierung die die ganze Verachtung für diese Staaten herüber bringt. Aber auch in dem Zusammenhang schreibt man sich eine Vulnerabilität zu… Auch in der Apartheid-Rhetorik sah man sich immer der “3. Welt” und seinem Druck ausgesetzt. Dass jetzt dort retrospektiv eine Gegnerschaft Israels zur Apartheid behauptet wird, macht deutlich, dass diese Variante des Umgangs nun hegemonial ist. “Israel and the apartheid analogy” ist ein Artikel, von dem auch anzunehmen ist, dass er heftig von Aktivisten von GIYUS/CAMERA/Israel sheli/… bearbeitet worden ist und durch das “Spielen” mit Regeln so gehalten wird. Mit der Schönfärberei soll natürlich etwas verdeckt werden…

Der Deutsche Hans Grimm, der im südlichen Afrika gelebt hatte, jammerte in der Zwischenkriegszeit von den Deutschen als ein „Volk ohne Raum“, was die Nazis dann hauptsächlich in Osteuropa zu ändern versuchten. Das osmanische Palästina galt Zionisten um die Jahrhundertwende als „Land ohne Volk“. Dass Palästina ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land sei, wurde nicht von Theodor Herzl in die Welt gesetzt. Sondern erstmals wahrscheinlich vom schottischen presbyterianischen Geistlichen Alexander Keith (1792-1880), der die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina durch die Bibel “verordnet” sah, ein christlicher Zionist war. Anthony Ashley-Cooper, Earl of Shaftesbury, ebenfalls ein Brite und im 19. Jh, war ein evangelikaler Anglikaner, trat für die christliche Missionierung von Juden ein… Er sagte/schrieb (auch) so etwas ähnliches, nannte das Land (welches ohne Volk/Nation sei und den Jude zustehe) Gross-Syrien. Dann kam der englische Jude Israel Zangwill an die Reihe, er hat den Satz „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ wahrscheinlich “in Umlauf gebracht”. Dieser Zangwill, ein Bekannter von Herzl, war übrigens einer jener Zionisten, die den jüdischen Staat nicht unbedingt in Palästina verwirklicht haben wollten, und zB ein Gebiet in Afrika anvisierten. Die eurozentrische Illusion, dass sich alle aussereuropäischen Territorien in einem politischem Vakuum befänden, verbindet Kolonialismus67 und Zionismus.

Nirgendwo sind sich Zionismus und klassischer europäischer Faschismus (darunter das Erbe des deutschen Nationalsozialismus) nach der Hitler-Herrschaft in Europa so nahe gekommen wie bei der südafrikanischen Apartheid! Apartheid-Südafrika war für Beide eine wichtige positive Referenz. Wie erwähnt waren die späteren führenden Politiker der NP währen der Nazi-Herrschaft für ein Bündnis Südafrikas mit Nazi-Deutschland. Der spätere Premierminister Strijdom war in den 1930ern auch für die Rückgabe Südwestafrikas an das Deutsche Reich. Ein anderer Afrikaaner-Politiker, Strijdoms Vorgänger Malan, hat sich zB mit einer Thyra Denk, Ehefrau eines deutschen Agenten namens Hans Denk (damals in Portugiesisch-Ostafrika), 1940 im Auftrag mit Hitlers Aussenminister von Ribbentrop getroffen. Was den Nazi Leopold von Mildenstein und seine Reise nach Palästina betrifft und seine Begeisterung für das zionistische Projekt dort, dies ist ein Tabu… In diesem Kontext haben auch Nazis Juden in einem anderen Licht gesehen.

Nach dem von Hitler losgetretenen und verlorenen Krieg haben Afrikaaner in Südafrika deutsche Waisenkinder adoptiert, es mussten deutsche sein. Unter jenen, die 1948 in Kapstadt ankamen, war auch der 13-jährige Lothar P. Tietz aus (dem nunmehr sowjetrussischen) Ostpreussen. Er wurde vom Chef des Kinder-Adoptionsfonds (Dietse Kinderfonds, DKF), J. C. Neethling, adoptiert, einem ehemaligen Aktivisten der Pro-Nazi-Organisation Ossewabrandwag. Dieser Lothar Neethling, wie er dann hiess, machte Karriere in der südafrikanischen (Apartheid-) Polizei (SAP), wurde deren stellvertretender Chef; als solcher hat er auch mit Israel zusammengearbeitet. Ein Regime, dessen frühere Protagonisten allesamt Nazi-Sympathisanten gewesen waren (als die Nazis in grossen Teilen Europas an der Macht waren), unterhielt engste Beziehungen mit dem jüdischen Staat. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Die Gegenüber von Malan, Strijdom, Verwoerd, Vorster, Botha waren Politiker, die von den Palästinensern und den anderen Völker der Region eine ähnliche Meinung hatten wie die NP-Leute von den Zulus, Xhosas, Tswana, Shona,…

“Ein Wall gegenüber Asien” (Herzl) und eine Mauer zu Afrika. Und, besonders im Lager der lange oppositionellen zionistischen “Revisionisten” (Herut/Likud/…) gab es Rassen-Theoretiker und selbsterklärte Faschisten wie Ahimeir/Geisonovich. Terroristen waren (bzw galten für die Briten) auch viele Politiker der “Arbeiterpartei” (Mapai/Avodah/…). Der Chauvinismus der zionistischen “Linken” und “Liberalen” (> Lapid senior 1974) ist ein anderer. Der Zionismus ist dem westlichen Nationalismus entsprungen, steht ihm bis heute nahe.68 Wie im Südtirol IV-Artikel ausgeführt wurde, hat etwa der ÖVP-Rechtsaussen Felix Ermacora in einem Buch, in dem er sich für ein österreichisches Südtirol einsetzt, den Freiheitskampf in Namibia (gegen Apartheid-Südafrika) und Palästina attackiert. In Apartheid-Südafrika gab es auch ein Nebeneinander von einem gewissen Antijudaismus und Philozionismus; gegen die religiösen und die linken Juden (die “Sepharden”/Mizrahis zählten gar nicht als Juden), aber für die “wehrhaften” und unterdrückenden und nationalen; ähnlich wie die Evangelikalen in der USA.

Die genannten Probleme in der Beziehung zwischen Israel und dem Apartheid-Regime lagen auch hauptsächlich hier. Bezüglich Diaspora-Juden hat Israel andere Erwartungen als gegenüber seinen Bürgern und ggü den Nicht-Juden unter sich. Das ändert aber nichts an der Begeisterung, die bei rechten Afrikaanern von einer zu den Nazis zu einer für Zionisten überging. Dass Vieles an der südafrikanischen Apartheid an das Nazi-Regime gemahnte, wird nicht nur durch die “Rassengesetze” (s.o.) deutlich; zB auch daran, dass Schwarze durch den Namenszusatz “Bantu” gleich erkenbar sein sollten, wie Juden im NS durch die Beinamen “Israel”/”Sarah”. Apartheid-Südafrika wurde Bezugspunkt für Rechte und Rechtsextreme hauptsächlich aus “weissen” Teilen der Welt. Oswald Mosley, Gründer der British Union of Fascists (BUF), 1940 bis 1945 interniert, lebte nach dem Hitler-Stalin-Krieg hauptsächlich im Ausland, weil er sich in GB kaum mehr politisch betätigen konnte.69

Er war ein häufiger Besucher im Südafrika der Apartheid, wo er von Regierungsmitgliedern empfangen wurde. Trotz der Abneigung der nationalistischen Afrikaaner gegenüber allem Britischem. Was rechtsextreme Briten und diese Afrikaaner verband, war zB Rhodesien (neben den Afrikanern, den Kommunisten,…). Die Candour League von Arthur Chesterton, einem Biografen von Mosley, war eine der britischen Organisationen, die sich der Sache der Weissen im südlichen Afrika annahm. Auch NPD-Chef Adolf von Thadden besuchte Südafrika damals häufig, wo seine Mutter gelebt haben soll, traf sich mit NP-Politikern und deutschen Auswanderern, die sich 1967 zum “Deutschen Arbeitskreis Volkstreuer Verbände in Südafrika” zusammenschlossen. Die rassistische Internationale mit ZA-Connection “traf” sich nicht über Israel, das zu behaupten wäre übertrieben. Aber der “Antikommunismus”, der gelegentlich vorgeschoben wurde um die Rassenkategorien nicht beim Namen zu nennen70, verband mit den weiter in der Mitte stehenden Rechten, wie dem “Western Goals Institute”, und von dort war es nicht weit zum Philo-Zionismus.

Zu jenen, die sowohl den Nationalsozialismus wie Israel schätzten, gehörte Panamas Machthaber Manuel Noriega. Der “legendäre” Mossad-Agent Michael Harari war offiziell Panamas Honorarkonsul für Israel, de facto aber Noriegas Berater. Es heisst, Noriega trug ein israelisches Fallschirmjäger-Abzeichen auf seiner Uniform und besass eine Villa in Herzliya. Als das USA-Militär 1989 in Panama einfiel, um Noriega zu stürzen, wollte es auch Harari schnappen.71 US-Truppen fanden in Noriegas Gemächern Hitler-Bilder. Eine ähnliche Verbindung gab es auch bei anderen lateinamerikanische Rechtsdiktatoren, Wertschätzung für den NS wie für das militärisch ebenso bewundernswerte Israel – zu dem man meist auch “militärische Beziehungen” hatte.

In Apartheid-Südafrika tummelten sich Einwanderer aus der BRD wie aus IL, Geschäftsleute,… Manche Deutsche schwärmten davon, dass es nirgendwo sonst auf der Welt gegenüber dem Kriegsverlierer Deutschland so grosse Sympathien gäbe wie dort. Sowohl diese Deutschen wie diese Israelis waren Apologeten des dortigen Systems. Und man gehörte allesamt zum Westen; das bedeutete auch, dass jene die man bekämpfte, entweder mit dem Kommunismus unter der Decke steckten oder Terroristen waren; oder kommunistische Terroristen, wie es P.W. Botha formulierte, als er sich weigerte, vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu erscheinen.72 Mit dem Ende der Apartheid ist das Pro-NS-“Sentiment” unter Buren zu rechtsradikalen Splittergruppen “abgedrängt” worden, wie zur Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB), die offen modifizierte Nazi-Symbole verwendet. Als der damalige südafrikanische Präsident De Klerk, der dabei war, die Apartheid abzuschaffen, 1991 in der AWB-Hochburg Ventersdorp (damals Transvaal) eine Rede halten wollten, griff diese paramilitärische Gruppe die Sicherheitskräfte des (Noch-) Apartheid-Staates an.

Gemeinsamkeiten, Israel als Apartheid-Staat

Die Afrikaaner, die “ewig Unterdrückten” kamen 1948 in Südafrika an die Macht, knapp vorher im selben Jahr gründeten die sich ebenfalls oft so sehenden Juden ihren Staat in Palästina. Für beide Völker war es wichtig, der Boss, der Herr in dem Land zu sein. Im Fall Südafrika war die Staatsgründung 1910 im Gegensatz zu Israel nicht das Problem (gewesen), obwohl sie auch über die Köpfe der angestammten Bevölkerung hinweg erfolgte. Sowohl Weisse in Südafrika als auch Juden in Palästina haben diese Bevölkerung nach ihrer Ankunft sukzessive zurückgedrängt. Aber sie haben ja die Zivilisation in das Land gebracht. Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Zionismus und Apartheid.

Dass Eliahu Yishai als israelischer Inneminister vor einigen Jahren davon sprach, dass “das Land” (womit er wohl auch die von Israel nicht annektierten aber von ihm regierten Gebiete meint) “uns”, dem “weissen Mann”, gehöre, soll hier nicht verharmlost werden – das geschieht ohnehin andauernd mit Äusserungen von israelischen Politikern wie Bennett, Feiglin, Shaked, Netanyahu. Aber ich ziehe es nicht heran, um eine Parallele bzw Gemeinsamkeit von Israel zur Apartheid aufzuzeigen; schon allein, weil dieser Yishai (und seine Wähler, die ebenfalls grossteils aus Nordafrika stammen) für einen grossen Teil der westlich geprägten, aschkenasischen Juden selbst nicht weiss (und westlich) genug ist (sind).

Die allermeisten Afrikaaner gehören einer der Niederländisch-Reformierten Kirchen an (NGK, NHK, GK), deren Mitglieder zusammen vielleicht 5% der Bevölkerung Südafrikas ausmachen, der Anteil der Afrikaaner eben; im Laufe der Jahrzehnte hat sich das demografisch etwas nach unten verschoben73. Christen machen zwar 80-90 % der Bevölkerung Südafrikas aus, aber die meisten davon sind Angehörige unabhängiger afrikanischer Kirchen (wie der Zion Christian Church)74 und englischsprachiger protestantischer Kirchen (Pfingstler, Methodisten, Anglikaner,…). In diesen zweiteren Kirchen sind sowohl Schwarze als auch (englischsprachige) Weisse (auch Inder, Farbige,…) vertreten, und die Apartheid wurde durch sie grösstenteils nicht gestützt, teilweise wurde sie von ihren Mitgliedern bekämpft.75 Die afrikanischen Kirchen waren klarerweise gegen die Apartheid eingestellt. In Israel, das infolge der Nakba entstand76, ist das Staatsvolk (für den der Staat konzipiert ist) durch die Religion definiert.

Es gibt das Märchen von Israel als der einzigen Demokratie in “seiner” Region. Und die Realität von einer Bevorzugung von Juden, die weltweit einzigartig ist. Wie Apartheid-Südafrika klassifiziert Israel seine Bürger aufgrund einer Ethnizität und privilegiert bzw diskriminiert auf dieser Grundlage. Gegenüber Palästinensern (mit oder ohne israelischer Staatsbürgerschaft) und anderen Nicht-Juden gibt es in allen Bereichen schlechtere Standards, in zahlreichen Gesetzen (formal) und in der Praxis (informell). Zu den diskriminierenden Gesetzen gehört zB das über den Status der Jewish Agency von 1952 (das Israel als Staat des jüdischen Volkes definiert, nicht als Staat seiner Bürger), das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1948 (das geflohene/vertriebene Palästinenser ausschliesst) und auch das “Rückkehrgesetz” von 1950, das Juden und zum Judentum übergetretenen Personen das Recht auf Einwanderung und Staatsbürgerschaft zuspricht und vertriebene Palästinenser bzw ihre Nachfahren wiederum ignoriert, oder verschiedene Gesetze, die es Nicht-Juden verunmöglichen, Land- oder Immobilien-Besitz in Israel zu kaufen. Die Privilegierung von Juden betrifft das international anerkannte Israel (mit den “israelischen Arabern” als Haupt-Leidtragenden) sowie das (seit) 1967 besetzte Westjordanland mit den israelischen Siedlungen, Militärstützpunkten, Strassen,…

Israel ist eine Demokratie für Juden77 und eine Militärdiktatur für Palästinenser in deren Restgebieten78. Hier sind die Parallelen zur südafrikanischen Apartheid zu erkennen, welche für das weisse Bevölkerungssegment alle Merkmale einer Demokratie aufwies. Wenn man das Pech hat, zum falschen Kollektiv zu gehören, sind die Rechte als Einzelner aufgehoben, ist man mit der Willkür einer rassistisch agierenden Besatzungsmacht konfrontiert. Ahmad Tibi, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Parlamentarier79, sagte,

“Israel ist demokratisch gegenüber Juden und jüdisch gegenüber Palästinensern”

In Apartheid-Südafrika behauptete man, mit der Schaffung der Homelands habe man den Ansprüchen der Schwarzafrikaner auf Selbstverwaltung Genüge getan; bei Israel ist es die palästinensische Autonomieverwaltung auf die man verweist. Aber nicht einmal im Gaza-Streifen kann man von einer wirklichen Selbstverwaltung reden. Und im Westjordanland? Die PNA darf zB nicht einmal in den winzigen A-Zonen nach Wasser graben… Das letzte Wort hat überall Israel bzw dessen Militär; und darauf (auf ihre Be-Herrscher) haben die Palästinenser keinerlei Einfluss. Im damaligen Südwestafrika, von Südafrika verwaltet, hat die weisse Minderheit Selbstverwaltung gehabt (u.a. ein eigenes Budget) und wählte jahrzehntelang Vertreter ins südafrikanische Parlament (representation without taxation)80; in Südafrika hatte die nicht-weisse Mehrheit staatsbürgerliche Pflichten wie die Abfuhr von Steuern, aber keine politische Mitsprache (taxation without representation); in Rest-Palästina nimmt Israel für die Palästinensische Autonomiebehörde (PNA) Steuern und Abgaben ein und leitet diese weiter (oder auch nicht)81.

Die Palästinenser in ihren Restgebieten, und nur sie, leben quasi in einer Bürgerkriegs-Situation, für sie sind Elemente einer Diktatur verwirklicht. Demokratie sagt noch nichts über das Verhalten ggü Anderen aus, der demokratischer Charakter Israels (für Juden) verhinderte nicht die Nakba oder die Besatzung – ganz im Gegenteil: Das Militär führt(e) sie durch, auf Anordnung der gewählten Politiker.82 Auch alle “Apartheid”-Regierungen waren demokratisch gewählt, mit der Einschränkung dass etwa 3/4 der Bevölkerung von diesen Wahlen ausgeschlossen war. Ab 1953 bekam die NP bei allen Wahlen absolute Mehrheiten, bis 1989 (da nur mehr an Mandaten). Die Angeklagten im Rivonia-Prozess in Pretoria ’63/64, wenn sie Palästinenser unter israelischer Herrschaft gewesen wären, sie von israelischen Geheimdiensten der Sabotage, des Verrats et cetera, müssten sie (auch in der Gegenwart) mit lebenslänglichem Gefängnis rechnen, würden vielleicht nicht einmal einen Prozess bekommen, oder sehr lange nicht (“Administrationshaft”); solche werden aber auch durch gezielte oder geheimdientliche Tötungen “exekutiert”.

Israel hat sich nie über das Territorium definiert oder dessen Demos, immer über das Ethnos (Juden, auch jene die woanders leben), im Gegensatz zu den „rückständigen“ arabischen und moslemischen Staaten der Region. Die Existenz der “israelischen Araber” ändert nicht den monoethnischen Charakter Israels. Der Grund, warum Israel nicht zu 100% jüdisch ist, ist dass sich viele Palästinenser 1947-49 den Vertreibungen von zionistischen Terrororganisationen (Haganah, IZL, LEHI) widersetzten bzw ausharrten. Später hat Israel ihnen auf internationalen Druck widerstrebend die Staatsbürgerschaft gegeben und nach fast 2 Jahrzehnten auch die Militärverwaltung über sie aufgehoben. Phyllis Bennis:

„Unlike any other country in the world, Israel does not define itself as a state of its residents, or even a state of its citizens, but as a state of all the Jews in the world. Jews from anywhere in the world, like me, can travel to Israel, declare citizenship, and be granted all the privileges of being Jewish that are denied to Palestinians who have lived in the area for hundreds of years.“

Was Azmi Bishara und seine Partei Balad anstreb(t)en/vorschlugen, die Ent-Zionisierung Israels (ein Staat für alle seine Bürger anstatt eines jüdischen Staats), macht irgendwie wenig Sinn, Israel ohne Zionismus ist wie alkoholfreies Bier, da macht eine Abschaffung und Staats-Neugründung mehr Sinn.

Israel ist für die Palästinenser in den besetzten Gebieten zumindest ein autoritärer Staat83, nicht für die dort angesiedelten Israelis natürlich. Welche spezielle Form von autoritärem Regime? Ethnokratie oder ethnische Demokratie? Der Begriff “Ethnische Demokratie” bzw “ethnic democracy” wurde vom israelischen Soziologen Sammy Smooha eingeführt, und er betrachtet Israel als eine solche. In einer ethnischen Demokratie sind strukturelle Dominanz einer Ethnie mit demokratischen Rechten für Alle kombiniert – im Gegensatz zur Ethnokratie (oder Rassendemokratie)84, in der bestimmte ethnische Gruppen von der politischen Partizipation ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich ist Israel für die “israelischen Araber” (Palästinenser in jenem Gebiet das 1948 “Israel” wurde) eine ethnische Demokratie, für die Palästinenser in den Gebieten, die 1967 von Israel besetzt wurden, eine Ethnokratie – kombiniert mit Elementen einer Militärdiktatur.

Ein Staat bzw eine Nation und seine “illegtimen Mitglieder”, Araber bzw Schwarzafrikaner. Genau genommen gab bzw gibt es sowohl in Apartheid-Südafrika als auch in Israel eine Art Kastensystem, mit diversen Zwischenstufen, mit einer klaren Hierarchie, mit unterschiedlichen Standards für die unterschiedlichen “Bevölkerungsgruppen”, die man geschaffen hat. Nicht nur 2 Gruppen, eine privilegierte und eine unterdrückte, und eine Trennung (Apartheid) dazwischen. In Israel/Palästina betrifft das Kern-Israel, wie es also vor dem Krieg 1967 existierte. In Südafrika wurden die Inder und “Coloureds” über die Schwarzafrikaner gestellt, und auch gegen sie ausgespielt. In Israel gibt es die Mizrahis, die aus Äthiopien gebrachten Juden85, die ausländischen Arbeiter,… und die säuberlich in verschiedene Gruppen aufgeteilten Palästinenser in diesem Kern-Israel (“israelische Araber”, Drusen, Beduinen,… zur Zeit gibt es Bestrebungen, die christlichen Palästinenser gegen die anderen in Stellung zu bringen).

Dennoch bzw gerade deshalb gibt es Phrasen der “Gleichberechtigung”, Bekenntnisse zu Diversität, Protzereien wie gut es den “israelischen Arabern” doch ginge. Sie haben sich eben (zT) mit ihrer zweitrangigen Rolle bzw der abverlangten Unterordnung abgefunden. Israels rassisch-ethnische Diskriminierung trifft die allermeisten Palästinenser (die nicht im Exil leben) täglich. Die südafrikanische) Apartheid wurde (und wird) gerne als “Politik der guten Nachbarschaft“ verharmlost (bzw verfälscht); ähnlich verhält es sich mit der Definition von „Frieden“ vom zionistischen Standpunkt. „Frieden“ bedeutet für Manche, dass sich die Palästinenser damit begnügen, unter Militärherrschaft zu leben bzw Bürger 3. Klasse zu sein

Ein Kalman Katzenelson, aus Russland, revisionistischer Zionist (Anhänger des Likud-Vorläufers Herut), Schwager von “Kanaaniter-Gründer Ratosh/Halperin, brachte 1964 sein Buch “Ha-Mahfekha ha-Ashkenazit” (transkripiert, “Die aschkenasische Revolution”) heraus. Darin schreibt er, die Mizrahis (“orientalische” Juden, nach Israel gebracht) seien genetisch minderwertig, gefährdeten die Überlegenheit des aschkenasisch-zionistischen Staates, forderte die Errichtung eines Apartheid-Systems86, in dem auch die politischen Rechte der Mizrahis beschnitten bzw abgeschafft werden sollten. Weiters wollte er ein Verbot “gemischter Ehen” (zwischen Aschkenasen und Mizrahis) und die Abschaffung von Hebräisch als Staatssprache, da es zu sehr dem Arabischen ähnelte. Stattdessen solle Jiddisch Staatssprache werden, aufgrund seiner “überlegenen” deutschen Einflüsse.87 Das Buch verkaufte sich sehr gut in diesem Prä-1967-Israel88, bevor es Ben Gurion verbot.

Der aus dem damals russischen Ost-Polen stammende Ben Gurion (Grün) gab diese aschkenasisch-chauvinistische Linie selbst vor89, sprach von den Mizrahis (die er nach Israel bringen liess) als “Wüstengeneration”, von Leuten denen es an jüdischer Erziehung mangle. Als er in den frühen 1950ern sagte, die Israelis dürften nicht Araber werden und dass ein Kampf gegen den “Geist der Levante” zu führen sei, kann er Palästinenser oder Mizrahi-Juden gemeint haben. In dieser Zeit wurden ins Lande gebrachten Familien jemenitischer Juden Neugeborene weg-genommen, und diese an aschkenasische Familien übergeben.90 Die Familien wurden als primitiv gesehen, die Kinder könnten in den “richtigen” Familien gerettet werden, für den zionistischen Staat erzogen; ausserdem könnten sich so grosse Familien ein oder zwei Kinder weniger leisten. Auch aschkenasische Familien, die den Holcocaust überlebt hatten, waren an den Entführungen beteiligt.91 In der “Mini-Intifada” (seit) 2015 kam es zu Fällen, in denen Mizrahi-Israelis nach Messerattacken von Palästinensern (oder vermeintlichen) von einem Mob (darunter Soldaten) attackiert wurden, weil sie für Palästinenser gehalten wurden.92 Bei Übergriffen gegen afrikanische Einwanderer wurden auch äthiopische Juden attackiert.

Manche Mizrahis versuchen aus dem ihnen Auferlegten, Verachtung an die Palästinenser und andere Völker der Region weiterzugeben, auszubrechen. Der Author Sami Michael zB, ein aus dem Irak stammender (jüdischer) Israeli, plädiert dafür, dass sich Israel in die Region integriert. Als Alternative zum Abgrenzen, sich als Aussenposten der westlichen Welt zu sehen, zur Kleinhaltung der Anderen, mit den hochentwickeltsten Waffen, dem Anprangern, sie Überlisten,… Israel, das der schlimmste Apartheid-Staat auf der Welt geworden sei, müsse beweisen, dass es nicht ausführender Arm oder Ausläufer westlicher Politik in seiner Region sei93 und nicht nur gegen die Region bestehen könne. Israeler die nicht die ganze Region hassen, wie Sami Michael, werden diffamiert, sind Aussenseiter in ihrer Gesellschaft.

In der Hierarchie der Bevölkerungsgruppen in Apartheid-Südafrika waren Weisse natürlich ganz oben, und unter ihnen die Afrikaaner/Buren; in Israel sind das Juden, insbesondere (noch immer) die Aschkenasen. In Südafrika 1948-1994 hörte die Freiheit für Weisse dort auf, wo man die Grundsätze der Apartheid in Frage stellte.94 In einer Ethnokratie, heisst es, wird nicht nur Druck auf die benachteiligte Bevölkerung ausgeübt, sondern auch auf Dissidenten aus der privilegierten Schicht, die die Trennungspolitik bekämpfen und in Frage stellen. Das trifft auch auf Israel zu. Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer sagte, in keinem anderen Land der westlichen Welt gab es weniger Freiheit als in Südafrika, nicht zuletzt in der Kunst.95 Die Publikationen, die in der Apartheid-Zeit in ZA verboten waren, sind im “Jacobsens index of objectionable literature” (1996) aufgelistet; er umfasst fast 15 000 Publikationen. Und die israelische Militärzensur?

Das Zusammenleben mit den “Dunkelhäutigen” aus der Region auf gleichberechtigter Grundlage war/ist für beide Systeme das eigentliche Problem, kam/kommt nicht in Frage. “Die kaffer op sy plek”. Es gibt getrennte Wohngebiete (de facto, hauptsächlich) bzw gab sie de jure. Die Unterworfenen dürfen in gewisse Gebiete nicht hi(nei)n. Apartheid-Regierungen waren bereit, Teile des Territoriums Südafrikas “aufzugeben” (als Homelands), anstatt Schwarzen im Land gleiche Rechte zu geben. Ähnlich verhält sich Israel gegenüber den Palästinensern in den 1967 eroberten Gebieten, die de facto Teile Israels wurden; auch in den “Homelands”, in denen Palästinenser seit 1993/94 Selbstverwaltung haben, hat Israel das letzte Wort. Die Homelands in Südafrika waren wie gesagt etwa 15% (unattraktives) Land für 75% der Bevölkerung; in den Städten gab es die Townships. Das beste und meiste Land blieb/bleibt den Privilegierten vorbehalten. Es gibt Siedlungen, Umsiedlungen, Zerstörung von Stadtvierteln,… Sophiatown in Nord-Johannesburg oder Ost-Jerusalem.

In Hebron, der grössten Stadt im Westjordanland, ist die israelische Apartheid am schlimmsten bzw am deutlichsten. Dort entstand 1968 die erste israelische Siedlung in den neu eroberten Gebieten, durch religiöse Fanatiker um Mosche Levinger. Bezeichnenderweise steht dieses Projekt bis heute unter dem “Motto”, “an 1929 anzuknüpfen”96, für das “Recht der Juden, in dieser Stadt zu leben” zu kämpfen. Die Ereignisse in Hebron 1929 standen im Rahmen des palästinensischen Aufstands gegen die aggressive zionistische Siedlungs- und Vertreibungspolitik. Und, es sind diese Siedler und ihre Beschützer und Apologeten, welche kein Gemeinsam mit der dortigen Bevölkerung (den Palästinensern) wollen, im Gegenteil! Der Diskurs bzw die Apologetik ist typisch; man hängt der Gegenseite all das um, was man ihr entgegen bringt bzw dreht die Verhältnisse anklagend um. Die Anderen seien Fanatiker, man müsse verhindern, dass die Stadt “judenrein” werde,…97 Wären diese Siedlungen auch für Palästinenser offen, wären sie nicht darauf angelegt, Palästinenser zu vertreiben und zu schikanieren, nicht Teil des Besatzungsregimes, würden die israelischen Siedler im Westjordanland nicht in jeder Hinsicht über den Palästinensern stehen,… sähe die Sache ganz anders aus. Das gilt für das gesamte zionistische Projekt in Palästina, seit mehr als 100 Jahren.

Eine Annexion der “Westbank” wird, genau wie einst beim “Gaza-Streifen” wegen den dortigen Palästinensern nicht gemacht, weil man ihnen dann einen Status ähnlich der “israelischen Araber” geben müsste, das Wenige ist ihnen schon zuviel. Naftali Bennett ist einer jener, die weitere Annexionen wollen.98 Die Zionisten kontrollieren 100% Palästinas, haben u.a. ein “demografisches Problem” in Gestalt der Palästinenser, wie immer wieder betont wird. Der damalige Premier Olmert malte als Schreckgespenst an die Wand, dass sein Land eines Tages einen Kampf wie in Südafrika um gleiche Wahlrechte erleben könne…

Nachdem infolge der Perestroika und des Auseinanderfalls (in) der Sowjetunion Anfang der 1990er Hunderttausende Juden (und auch Nicht-Juden…) in das Land strömten (hauptsächlich Aschkenasen), jubelte man (Vertreter der Jewish Agency,…) “Endlich eine jüdische Mehrheit in Galiläa“. Die Aufrufe von Netanyahu zur Einwanderung von Juden, v.a. aus dem „antisemitischen Europa”99, sind auch gegen die „israelischen Araber“ bzw gegen die Palästinenser an sich gerichtet. Nebenbei, US-Amerikaner, Deutsche oder andere “Westler”, die Juden oder Israelis heiraten und einwandern, werden vom Zionismus nicht als demografische Bedrohung gesehen…und auch anders behandelt.100

Die Zionisten wenden bezüglich der Beherrschung der Palästinenser die selben Methoden wie die Apartheid-Herrscher Südafrikas gegenüber den Schwarzen an. Darunter eine Politik des “Teile und herrsche“, das Gegeneinander-Ausspielen der Unterworfenen, die Inkorporation von Teilen von ihnen (die gegen die anderen in Stellung gebracht werden), welche auch gegenüber der “internationalen Gemeinschaft” die Illusion von “Harmonie” erzeugen soll. Das Apartheid-Regime wollte die “schwarze” Bevölkerung entlang ihrer ethnischen Linien (Zulus, Xhosas, Sothos, Tswana,…) teilen101 und sich dabei der traditionellen Herrscher bedienen, teilweise erfolgreich. Die Palästinenser wurden wie erwähnt in mehrere ethnisch-religiöse Kasten (mit unterschiedlichem Status) geteilt, dazu kommt die Teilung zwischen jenen, die schon seit 1948 unter israelischer Herrschaft lebten und jene die die das seit 1967 tun. Es gibt Palästinenser in den IDF102, es gab Schwarze und andere Farbige in der SADF. Es gab auch Schwarze in der NP, am Ende der Apartheid, als dies möglich war (ab 1993), am prominentesten John Mavuso.

Woran keine Kollaboration und keine Beschönigungsmassnahme etwas ändern kann/konnte, ist die Ungleichheit, wer der Boss ist/war; und wenn es darum geht, “den Anderen” etwas substanziell zuzugestehen bzw sie als grundsätzlich ebenbürtig anzuerkennen… Die israelische Polizei kam zB 2017 in ein beduinen-arabisches Dorf, um Häuser zu zerstören, die ohne Genehmigung gebaut worden waren; ging aggressiv vor, es gab Tote und Verletzte, darunter der Knesset-Abgeordnete Aiman Auda. Und die Beduinen dienen teilweise im israelischen Militär – wo sie gegen andere Gruppen unter den Palästinensern eingesetzt werden, oder gegen afrikanische Einwanderer an der Grenze zum Sinai. Das Vorgehen von Polizei und Militär gegen die “Eigenen” (die privilegierte Bevölkerunsggruppe) oder aber gegen “die Anderen” (die Unterworfenen)…auch hier eine Gemeinsamkeit mit Apartheid-Südafrika. Gegen die israelischen Siedler in den palästinensischen Restgebieten würde nie so vorgegangen werden – auch wenn einmal ein Landraub von ihnen von Israel selbst als “illegal” erklärt wird und sie gegen Soldaten Widerstand leisten.103 Weisse konnten öffentlich gegen die Apartheid auftreten (solange sie nicht Taten dagegen setzten), Schwarze nicht; genau so verhält es sich mit Juden und Palästinensern.

Und, jener Soldat, der im März 16 in Hebron einen (nach einer Messerattacke auf einen anderen Soldaten) angeschossenen Palästinenser mit einem Kopfschuss exekutierte, wurde zu 9 Monaten Haft verurteilt (2 Mal wurde die Strafe reduziert, obwohl er nie Reue für seine Tat zeigte). Für Viele ist er ein Held, von Netanyahu abwärts traten viele Politiker für seine Begnadigung ein; aber auch ein anderer Chauvinismus lebte auf, die Selbstbeweihräucherung; die Botschaft der Verurteilung sei, „dass wir uns nicht auf das unmoralische Niveau derer herunterziehen lassen dürfen, die uns auslöschen wollen“. Was nicht diskutiert wird, ist die Rolle der Soldaten und Siedler in Hebron, die Ursachen des „Terrors“ bzw Widerstands.104 Die palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi beschrieb das Strafmaß im Militärprozess als „Hohn auf die Gerechtigkeit“, die leichte Haftstrafe beweise, dass palästinensisches Leben als wertlos angesehen werde. Am Ende wird die 16-jährige Ahed Tamimi wahrscheinlich länger im Gefängnis sein als dieser Elor Azaria.

Israel tötet und sperrt Leute ein, mit denen es verhandeln sollte. Selbes galt für das Apartheidsystem und seine Gegner. Dieses hat zB Ruth First 1982 durch eine Paketbombe im Exil getötet, versuchte Frank Chikane zu vergiften. Die Verantwortlichen wurden nach dem Ende der Apartheid milde “bestraft”. Und der Regierungschef 1978 bis 1989, Pieter Botha, zeigte der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) bildlich gesprochen den gestreckten Mittelfinger, was für ihn aber praktisch keine Konsequenzen hatte. Er verbrachte einen ruhigen Lebensabend, mit Bodyguards die ihm die Post-Apartheid-Regierungen zur Verfügung stellten. Die erste dieser Regierungen wurde von Nelson Mandela geleitet, der es vom Gefangenen zum Präsidenten geschafft hat. Weitere zwei südafrikanische Post-Apartheid-Staatspräsidenten waren auf Robben Island Gefangene gewesen.

Politiker und Aktivisten der Gegenseite wurden als “Terroristen” gebrandmarkt, und diese eingesperrt, Mordanschläge auf sie verübt. An dieser Stelle sei die Frage aufgeworfen, wann wem gegen wen Widerstand gestattet wird. Gegen das Nazi-Regime vielerorts in Europa, gegen das Apartheid-Regime in Südafrika, gegen die Sklaverei? Samuel Sharpe, der Anführer eines Aufstandes 1831/32 in Jamaica105, wurde damals als einer von über 300 Versklavten zur Strafe getötet (gehängt). Auch Nelson Mandela wurde mal als Terrorist gesehen, von gewissen Kreisen, und nicht die Angehörigen von südafrikanischen Terroreinheiten wie C1(0), Koevoet, CCB, BOSS. Für Pretoria und Tel Aviv waren Mandela und Arafat “Terroristen-Führer”, die Weisse bzw Juden “in das Meer jagen” wollten und gegen die man sich entsprechend zu “verteidigen” hatte. Das israelische Militär (ZAHAL/IDF) entstand einst aus drei Terrorgruppen und ist heute eine Besatzungsarmee. Der Widerstand von Palästinensern kommt nicht, „weil sie Juden hassen“, sondern aus Jahrzehnte-langen Erfahrungen, bzw aus der Tatsache, was Israel für sie bedeutet.106

Linda Sarsour, eine palästinensische Amerikanerin, mit Engagement für afro-amerikanische und palästinensische sowie moslemische Belange, kommentierte 2015 auf Twitter ein Foto, auf dem ein palästinensischer Junge einer Gruppe schwerbewaffneter israelischer Soldaten mit einem Stein in der Hand gegenübersteht: „Die Definition von Mut. #Palästina.“ Widerspruch eines jüdischen New Yorker Stadtrats: „Nein, die Definition von Barbarei“. Rechtsextreme Afrikaaner haben vor ihrer “Machtübernahme” 1948 den südafrikanischen Staat bekämpft und taten dies nach dem Ende dieser Phase 1994 auch wieder. Widerstand von den Haupt-Leidtragenden in dieser Phase (oder von jenen, die mit ihnen solidarisch waren) galt als “Terrorismus”. Und in Palästina, 1948 und danach? Ein 16-jähriges palästinensisches Mädchen (Ahed Tamimi), die (schwerbewaffnete) israelische Soldaten mit der Hand geschlagen haben soll, wird auch von Israel als Terrorist behandelt.107

Es gab und gibt den Anspruch, dass Weisse/Juden die Zivilisation/Kultur in eine in jeder Hinsicht dunkle Region brachten, zu den schwarzen/arabischen Horden. Der israelische Sieg über die Armeen arabischer Staaten 1967 wurde (auch) vom Apartheid-Regime und seinen Anhängern gefeiert; der “Mythos der militärischen Macht der dritten Welt” sei in sechs Tagen zerstört worden, hiess es da. Ein Beispiel für Südafrika, das ebenfalls numerisch überlegenen Feinden gegenüber stehe, aber eben auch waffentechnisch haushoch überlegen sei und im Gegensatz zum (“fanatischen”) Feind eine disziplinierte Armee habe, sprich, man war zivilisatorisch überlegen. „Ayn Rand“ (Alisa Zinovyevna-Rosenbaum)108 sagte zB zum “Yom-Kippur-Krieg” 1973, dass sich die Israelis als zivilisierte Männer gegen die Wilden durchgesetzt habe; passenderweise war sie auch der Meinung, dass europäische Kolonisten das Recht gehabt hätten, das Land von den amerikanischen Indianern zu nehmen.109

Der faschistische israelische Politiker Naftali Bennett sagte 2010 zum palästinensisch-israelischen Politiker Ahmad Tibi, als “ihr noch auf Bäumen herum geklettert seid, hatten wir hier schon einen jüdischen Staat”. Der “liberale” Lapid senior hat sich ja einst ähnlich ausgedrückt, mit dem Dschungel, allerdings gegenüber den Schwarzafrikanern…sein Sohn war auch Bennetts Koalitionspartner in einer Netanyahu-Regierung.110 Bennett hat übrigens Kurse geleitet, mit seiner Organisation “Israel Sheli” (mit seiner Ayelet Shaked), in der Anleitungen dazu gegeben wurden, Wikipedia-Artikel im zionistischen Sinn umzuschreiben.111 Der aus Russland eingewanderte revisionistische Zionist Wladimir Jabotinsky sagte 1923, die in Palästina ansässigen “wenigen” Araber seien “kulturell 500 Jahre hinter den Juden zurück”.

Zumindest im Fall Südafrikas hat man die “Eingeborenen” auch über 100 Jahre lang (schon vor der Apartheid) von Allem ausgeschlossen und ihnen eine Bildung zukommen lassen, die die ganze Verachtung für sie zum Ausdruck bringt. Bei Apartheid-Südafrika wie bei Israel gibt es gleichzeitig Verachtung ggü der Region und Gegreine über Ablehnung. Gibt es den Anspruch, in der Region eine Art Oberherrschaft auszuüben und das Eingehen von Bündnissen. Im Fall der NP-Regierungen Südafrikas waren das nicht nur die Homeland-Herrscher; Premierminister Vorster begründete auch die Détente-Politik des Apartheid-Regime. Bei der Eröffnung des Kohlekraftwerks in Camden (heute Provinz Mpumalanga) 1967 sagte er, dass die Republik Südafrika dazu bestimmt sei, Führer in Afrika zu sein; es sei eine himmelschreiende Ungerechtigkeit dass man unterentwickelten Ländern Geltung in der Weltpolitik gegeben habe, Ländern die noch in der Krabbelphase seien… Geltung und Akzeptanz in Afrika wollte man bekommen indem man noch einmal die ganze Verachtung für den Kontinent und seine Bewohner (die sich schon allein in der inneren Politik ausdrückte) zum Ausdruck brachte.

Ab 1967 liess Vorsters Kabinett ja die Sezession Biafras von Nigeria unterstützen; auch hier war Israel der Partner (daneben auch u.a. die portugiesische Diktatur, die ihre Kolonien in Afrika zu behaupten trachtete). Die Führer Biafras, wie Chukwuemeka Ojukwu, wenn sie nach Südafrika gekommen wären – in welchen Hotels hätten sie dann übernachten dürfen, welche Restaurants benutzen, welche Toiletten…? Probleme und Zwist unter den Afrikanern (bzw in der Region) waren jedenfalls gut für das Apartheid-Regime. Auch das verband mit Israel. In der DR Congo/ “Zaire” unterstützte Pretoria zunächst Tschombé dann Mobutu. Peres-Partner Rhoodie war ein Befürworter eines südafrikanischen Interventionismus bzw Expansionismus in Afrika, schrieb darüber “The Third Africa”. 1974 verkündete Vorster in einer Parlaments-Rede, das südliche Afrika sei an einem Punkt an dem es zwischen friedlichen Verhandlungen und eskalierender Gewalt wählen müsse.112 Sambias Präsident Kenneth Kaunda reagierte positiv. Der eigentliche Beginn der Detente. Der ANC (unter Oliver Tambo) hatte ja sein Exil-HQ in Sambias Hauptstadt Lusaka, für ihn war die Annäherung die dann folgte, Grund zu grosser Sorge.

1975 trafen sich Vorster und Kaunda auf einer Brücke über den Victoria-Wasserfällen, an der Grenze zwischen Südafrika und Rhodesien, um das es hauptsächlich ging. Daher waren auch Rhodesiens DeFacto-Machthaber Ian Smith und Delegierte des schwarzen Widerstands dabei. Dass Kaunda gegenüber dem Apartheid-Regime Appeasement übte, die UNITA in Angola unterstützte, und dem ANC in seinem Land Beschränkungen auferlegte, bewahrte Sambia nicht vor Angriffen der südafrikanischen Luftwaffe, 1986 und 1987, auf ANC-Ziele. Vorsters Verteidigungsminister und Nachfolger Botha nannte in diesem Zusammenhang Israel als Vorbild, und dessen Überfälle auf Ziele in “Nachbarstaaten”. Südafrika hatte damals ja die Herrschaft über Südwestafrika (Namibia) und damit über den Caprivi-Zipfel. In dessen Osten kamen 5 afrikanische Staaten zusammen, und das südafrikanische Militär, die SADF, hatte dort eine Luftwaffenbasis, von der sie die meisten Ziele im südöstlichen sowie teilweise im zentralen Afrika angreifen konnte. Auch Mocambiques Samora Machel liess sich auf Detente/Appeasement mit Pretoria ein (Nkomati-Abkommen 1984 mit Pieter und Roelof Botha), dennoch kam er bei einem Flugzeugabsturz (?) ums Leben.113

Israel versteht sich gerne als Aussenposten der westlichen (=weissen?) Welt, wird oft (von seinen Apologeten!) als solcher gesehen.114 Und es fühlt sich oft missverstanden und ungerecht beurteilt von diesem Westen, wie einst Apartheid-Südafrika, sind beide doch die erste Vertedigungslinie des Westens, in einer Region mit Ländern, die noch in der Krabbelphase sind. Wenn aus dem Westen, dem man sich zugehörig fühlt, ein kleines bisschen auf halbwegs faire Bedingungen für die unter israelischer Herrschaft lebenden Palästinenser kommt, spricht Netanyahu vom “internationalen Diktat”, wird von “Antisemitismus” geredet.

Vertreter des Apartheid-Regimes haben sich immer wieder als Retter der westlichen Zivilisation gegenüber den afro-asiatischen “Massen” und Staaten präsentiert, die Berechtigung dieser Staatlichkeiten angezweifelt, sich eine Mission zugeschrieben. Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der Organisation für afrikanische Einheit (OAU) durch die damals unabhängigen Staaten des Kontinents 1963 in Äthiopien von “burn and beggar”-Nationen, und nahm die Sache zum Anlass, den Transfer der Macht von europäischen Ländern an ihre bisherigen Kolonien in Afrika zu attackieren, als einen “Betrug am weissen Mann”, als Ermunterung für die “Kräfte der Barbarei”. Nico Diederichs (Staatspräsident 75-78): “Wir sind die Träger der Werte, die den Westen gross gemacht haben. Wir sind Europa in Afrika.”115 Nun, die Definition des Westens ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Europa, v.a. dessen Westen, Nord-Amerika, die zwei grossen, “weiss” besiedelten Inseln Ozeaniens, und dann? Israel? Japan? Südafrika solange es dort eine weisse Vorherrschaft gab? In den Aussenposten Europas gab es ggü „Eingeborenen“/ “Farbigen“ ähnliche Einschränkungen wie in Südafrika, ab der Ankunft des weissen Mannes dort, und diese wurden gar nicht so viel früher als in Südafrika geändert! Im Süden der USA gab es Apartheid-Zustände bis in die 1960er116, auch im Militär gab es erst im Vietnam-Krieg (theoretische) Gleichberechtigung.117 Miriam Makeba zu Apartheid-Zeiten: „Ich sage immer, der Unterschied zwischen USA und Südafrika ist sehr gering. Nur dass Südafrika zugibt, das es ist, was es ist“. Wenn hiesige Figuren wie Tobias Jaecker oder Andrei Markovits über „Antiamerikanismus“ faseln, dann geht es immer nur um die USA bestimmter Bevölkerungsschichten… In Australien existierten bis in die 1970er apartheid-artige Gesetze gegenüber den Aborigines. In Südafrika war nur anders, dass Nicht-Weisse in der Mehrheit waren.118

Die nationalistischen Afrikaaner, die die Apartheid in Südafrika etablierten, standen eigentlich im Widerspruch zu den Anglo-Weltmächten, die den Westen führ(t)en. Besonders, als in den 1960ern auch GB ent-kolonialisierte119 und von diesen Ländern zaghafter Widerspruch zur Apartheid kam. Seit die Verbindungen zur niederländischen Kolonialgesellschaft VOC (Vereenigde Oost-Indische Compagnie) gekappt wurden und die Konfrontation mit den Briten begann (also Anfang des 19. Jh), gibt es unter Afrikaanern etwas Anti-Imperialistisches, Anti-Koloniales. Sie sehen sich durchwegs als in Afrika beheimatet, mehr als die englischsprachigen (-stämmigen) Weissen des Landes.120 Was sie aber nicht abgehalten hat, die Schwarzen des Landes noch mehr zu entrechten als unter britischer Vorherrschaft. Aber auch unter Apartheid-Apologeten weltweit gab und gibt es diese Opposition zur vermeintlich vorherrschenden “liberalen” Ausprägung der Anglo-Weltmächte; die sich zB in einer Verachtung für die UN ausdrückt.

Bezeichnend war, dass ggü der palästinensischen Sache früher auch Kommunismus-Vorwürfe kamen, wie bei der Opposition zur Apartheid in RZA. Hier wurde die „kommunistische Gefahr“ gerne vorgeschoben, zur Rechtfertigung der Bekämpfung dieser Opposition. Es gab früher diese Kombination aus rassischem Imperialismus, und einem, der aus dem Kalten Krieg heraus argumentiert wurde. Bei „Ayn Rand“ verband sich das Antikommunistische/ Turbo-Kapitalistische mit Bellizismus, Elitismus, Westismus. Und, damals wurden Faschisten (ob Franco oder Gehlen) und Islamisten (ob in Afghanistan oder Palästina) gg (tatsächliche/ vermeintliche) Kommunisten unterstützt. Ob zwischen Apartheid und Kapitalismus ein Gegensatz besteht, ist eine andere Frage. Allister Sparks schrieb 1993: “Die eigentliche Achillesferse des südafrikanischen Unterdrückungssystems war von jeher die vollkommene Abhängigkeit der Herrschenden von den Unterdrückten.” Die meisten Weissen konnten nicht ohne schwarze Arbeitskräfte auskommen, nicht im Bergbau, nicht in der Landwirtschaft, nicht in ihren Haushalten. Streiks sowie Sanktionen des Auslands erschütterten die Wirtschaft auch. Auch Israel braucht Palästinenser als billige Arbeitskräfte.

“Jimmy” Carter hat sich in seinem 06 erschienen Buch mit der israelischen Apartheid auseinander gesetzt. Carter, der einst die USA-Politik von “Sicherheit”(!) zu Menschenrechten verschoben hat, für 4 kurze Jahre. Der damalige UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in den besetzten palästinensischen (Rest-) Gebieten, Richard Falk (ein jüdischer Amerikaner), sagte am Ende seines Mandats 2014, die israelische Besatzungspolitik trage Merkmale von Kolonialismus, Apartheid und ethnischen “Säuberungen”. Ahmed Kathrada, ein früherer politischer Gefangener auf Robben Island (wo er dann das zu einer Gedenkstätte umgewidmete frühere Gefängnis leitete), schrieb, ein farbiger Südafrikaner brauche nicht mehr als einen Tag in Palästina, um in das Vor-1994-Südafrika zurückgeworfen zu werden. John Dugard, ein weisser südafrikanischer Jurist, der Widerstand gegen die Apartheid leistete, 01 von der UN-Menschenrechtskommission (Vorgänger des Menschenrechtsrats) mit einer Untersuchung israelischer Verstösse gegen Menschenrechte ggü Palästinenser beauftragt, schrieb 07 in einem Bericht, das israelische Walten in den palästinensischen Restgebieten sei in vielen Aspekten der südafrikanischen Rassentrennung ähnlich.

Jon Soske and Sean Jacobs brachten 2015 “Apartheid Israel: The politics of an analogy” heraus (leider noch nicht auf Deutsch übersetzt), darin behandeln 20 Wissenschafter aus Afrika und seiner Diaspora die Analogie zwischen der Apartheid in Südafrika und der israelischen Herrschaft über die Palästinenser. Darin heisst es,

“The parallels are unmistakable. Apartheid South Africa and Israel both originated through a process of conquest and settlement justified largely on the grounds of religion and ethnic nationalism. Both pursued a legalized, large-scale program of displacing the earlier inhabitants from their land. Both instituted a variety of discriminatory laws based on racial or ethnic grounds…in South Africa itself, the comparison is so widely accepted that it is generally uncontroversial”

Die kanadische Autorin und Aktivistin Naomi Klein hat während des israelischen Feldzugs gegen Gaza 08/09 dazu aufgerufen, israelische Unternehmen und Marken zu boykottieren bzw BDS zu unterstützen. Dies sei das effektivste Werkzeug im gewaltfreien Arsenal und habe bereits das Apartheidregime in Südafrika (mit) zu Fall gebracht. Im Sommer darauf besuchte sie Israel, die Westbank und den Gazastreifen und bekräftigte (und präzisierte sie) ihre Unterstützung für die BDS-Kampagne.

Das Propaganda-Mantra (bzw Entschuldigungs-Narrativ) „Geht ihnen so gut unter uns, besser als allen anderen Afrikanern/Arabern“ verbindet auch. Apartheid-Südafrika (und seine Verteidiger) hat seine Politik immer damit gerechtfertigt, dass die Schwarzen dort einen höheren Lebensstandard hätten als anderwo am Kontinent. Und das wurde der weissen Führung des Landes zugeschrieben, welche notwendig sei, um (auch) diesen Standard zu halten. Wenn man in den vorangegangenen 2 Sätzen “Apartheid-Südafrika” durch “Israel” ersetzt, “Schwarze” durch “Araber”, “Kontinent” durch “Region” und “Weisse” durch “Juden”, dann hat man eine wichtige heutige zionistische Apologetik.121 Verwoerd musste sein Bantustan-Konzept einst gegen Kritiker in den eigenen Reihen verteidigen, für die die “Bantus” dadurch zu viel bekamen. So ähnlich geht es auch Netanyahu manchmal (> Bennett,…). Die Forderung nach echter Gleichberechtigung wurde im einen Fall abgewehrt mit „Schwarze haben ihre Bantustans/ Homelands“, im anderen Fall wird sie das mit „Palästinenser haben ihre Autonomie-Gebiete/ihre Regierung“.

Wie die Zionisten zeterten auch die (südafrikanischen) “Apartheidler” davon, dass ihre Existenz bedroht sei (ihr tolles System, ihr Leben), von den bösen Unzivilisierten. Die “Sie wollen uns ins Meer jagen”-Unterstellung kam dort wie sie hier kommt, auch um die Unterdrückung zu rechtfertigen, zu verschleiern. Um sich davor zu retten, ist ja nun jedes Mittel recht. Informationsminister Cornelius “Connie” Mulder 1977 zur “Bild”-Zeitung: „Wenn wir angegriffen werden und es um unsere Existenz geht, werden keine Regeln gelten. Wir werden alle Mittel, die uns zur Verfügung stehen…anwenden”. Und er schloss mit einem verklausulierten Hinweis auf die südafrikanischen Atomwaffen.122 Ein einigermaßen gerechter Ausgleich mit den “inneren Feinden” wäre das beste Mittel gegen deren „Widerstand“ (gewesen), hier wie dort. Was ja von israelischer Seite auch als Antwort auf den Apartheid-Vorwurf bzw die diesbzgl. Feststellung kommt, ist so etwas wie “We are proudly apartheiding the terror”. Man reagiert also nur auf etwas, der Ausschluss bzw die Diskriminierung erfolgt nur aus Gegenwehr, man ist das Opfer.

Man könnte sich das zB anhand Gaza detailliert ansehen, wie das ablief und -läuft. Aber vielleicht ist es erhellender, wenn man sich ansieht, dass beim Zionismus, genau wie bei der südafrikanischen Apartheid einst, die Vernichtungsunterstellungen (die aus dem Kampf gegen das Unterdrückungs-System “gedreht” werden) nahtlos in Unterstellungen der Unzivilisiertheit, Unterlegenheit,… übergehen (oder aus diesen kommen?). Widerstand gegen die Besatzung (die den Gaza-Streifen weiter betrifft, wenn auch anders als das Westjordanland) wird propagandistisch in den Kontext des Wütens des “IS” (ob in der Region oder in Europa) gestellt, womit man davon ablenken will, dass man normalen Palästinensern die Gleichberechtigung versagt, seit Jahrzehnten. Islamismus und Terrorismus lässt sich (heutzutage) leichter als Ausschlussgrund anführen als Demografie, Rasse oder diverse Aspekte der Kultur. Bei israelischen Fussball-Liga-Spielen (oder bei Umzügen in palästinensische Viertel diverser Städte) wird dann wieder gerufen “Tod den Arabern” (Mavet le Aravim), nicht “Tod den Moslems” (oder: den Islamisten/den Terroristen/…).

Als Frederik W. de Klerk 1990, einige Monate nach seinem Amtsantritt, damit begann, die Apartheid “abzubauen”123, sah er das nicht als Kapitulation der Weissen oder Afrikaaner, sondern als das Einnehmen einer neuen Rolle, machte er das aus der Intention, die Zukunft der Afrikaaner in Südafrika zu sichern, wie er später schrieb. Die rechts von der NP stehende Konservative Partei erhielt bei der letzten “Apartheid-Wahl” (1989) 31%; diesen Anteil gab es auch an “Nein”-Stimmen bei De Klerks Referendum über seine Reformen 1992. Ein Teil dieser ca. 31% Weissen, die keine Reform oder Abschaffung der Apartheid wollten124, nahm an der Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde, mit der VF teil, die als KP-Abspaltung gesehen werden kann.

Die KP nahm nicht teil, ihr Chef125 Ferdinand Hartzenberg sagte damals, “unsere126 Kultur und ganze Existenz ist bedroht, soll ausgelöscht werden”. Dieser Rhetorik gibt es auch heute immer wieder. Aber die Afrikaaner und ihre (damaligen) “Führer” haben den Schritt gemacht, sich darauf einzulassen, mit den Schwarzen auf gleichberechtigter Grundlage zusammenzuleben. Die Apartheid-Nostalgiker und -Apologeten stilisieren sich als Opfer der schwarzen Mehrheit in Südafrika, die ihre Existenz bedrohe. Etwa jene, die auf Youtube Videos hochladen, in dem Nelson Mandela beschuldigt wird, über das “Töten von Weissen zu singen”. Darin sieht man Mandela das MK-Kampflied singen (mit Ronnie Kasrils), das nach MEMRI-Art “übersetzt” bzw verdreht wird, um zu diffamieren und anzuprangern.

Die beiden Staaten haben bei ihren Atomwaffenprogrammen nicht nur zusammen gearbeitet, für beide ging es darum, sich (“ihre Existenz”) mit überlegener Technologie und Waffen gegen die “farbigen” Horden zu behaupten. IL war etwas schneller am Ziel als ZA, das die Entwicklung seiner Atombomben dann auch als “Reaktion” deklarierte, auf das Engagement des Ostblocks im südlichen Afrika. Die Apartheid in Südafrika begann aber lange vor einem direkten oder indirekten Eingreifen der SU in der Region, und das südafrikanische Militär intervenierte in Angola (bevor kubanischen Truppen dorthin kamen) und destabilisierte das Land, es war nicht so, dass angolanische Truppen Südafrika bedrohten. Südafrika besetzte auch Südwestafrika, setzte auch dort eine Apartheid-Politik durch, arbeitete mit allen Kräften in der Region zusammen, die gegen schwarze (afrikanische) Selbstbestimmung bzw Gleichberechtigung arbeiteten, ob portugiesische Kolonialherren oder Rhodesien nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung von GB,… Die kommunistische Partei Südafrikas (CPSA bzw SACP) hatte Mitglieder aus allen Bevölkerungsgruppen und hatte mitnichten das Ziel eines Ausschlusses der Weissen von der Macht. Es war die Nationale Partei (bzw die von ihr gestellten Regierungen), die die Nicht-Weissen schwer diskriminierte.

Im südlichen Afrika (eigentlich in ganz Afrika) hatte die Republik Südafrika das nukleare Monopol, wie Israel in der Region Westasien und Nordafrika. Im Fall Südafrika sahen schwarzafrikanische Politiker, wie Nigerias damaliger Aussenminister A. Bolaji Akinyemi in den 1980ern, ein rassisches Monopol auf Atomwaffen, das herausgefordert werden sollte. Auch Israel bedroht die Region, und duldet keine Entwicklung von Atomwaffen durch einen anderen Staat darin. Der israelischer Historiker Benny Morris forderte wiederholt einen Präventivangriff auf den Iran, wegen dessen Atomprogramm, wenn “nötig” mit Atomwaffen. ”Ich denke, alle rundherum wären sehr ruhig danach.“ Eine kleine Belehrungsaktion für die braunen Untermenschen. Der verstorbene kenianische Wissenschafter Ali Mazrui war ein starker Kritiker von Israel bzw seiner Politik ggü den Palästinensern und der Region. Unnötig zu erwähnen, dass er dafür immer wieder attackiert wurde, als “antisemitisch”, auch “antiwestlich” sei er. Mazrui vertrat die kontroversielle Position, dass der einzige Weg, einen nuklearen Holocaust zu verhindern, die nukleare Bewaffnung der “Dritten Welt” (insbesondere Afrikas) sei; dies hat er etwa in seinem Buch “The Africans” argumentiert.

Inwiefern Apartheid-Apologetik, Zionismus-Apologetik und Rassismus (in Post-Apartheid-Zeiten) zusammen hängen, darum geht’s (u.a.) im letzten Abschnitt.

Südafrika nach der Apartheid

Nach den Wahlen in Südafrika Ende April 1994 wurde Nelson Mandela, Parteichef des Wahlsiegers ANC, Anfang Mai vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt, und stellte dann seine Regierung der nationalen Einheit zusammen, aus den drei stärksten Parteien, ANC, NP und IFP. Den ANC-Ministern ging es anfangs in ihren Ministerien ähnlich wie jenen der De Maiziere-Regierung 1990 in der Schlussphase der DDR.127 Namibia war einige Jahre voraus gegangen, 1990 unabhängig von Südafrika geworden; in Zimbabwe, dem früheren Rhodesien, hat man bereits 1980 begonnen, eine nicht-rassische Gesellschaft aufzubauen.128 Afrika war von Kap bis Kairo frei, aber Mobutu und andere Diktatoren waren noch an der Macht, und in Ruanda lief zur Zeit der Demokratisierung Südafrikas gerade das grosse Morden (wie auch in Bosnien-Herzegowina). Manche sahen ein Potential für so etwas auch in Südafrika.

Politische Gewalt kam mit dem Ende der Apartheid in Südafrika129 aber nur ausnahmsweise, zeitlich und örtlich eng begrenzt, vor.130 Mit den Abkommen zwischen Israel und der PLO 1993/94 bekamen die Palästinenser einige Homelands; dort ging die Gewalt nicht zu Ende. Denn dort blieb eine Art Apartheid, während Südafrika demokratisch wurde. Das Ende der Apartheid in Südafrika brachte auch ein endgültiges Ende der speziellen Beziehungen zu Israel (das eigentliche Ende hatten De Klerk und Shamir einige Jahre davor besiegelt); Verteidigungsminister “Joe” Modise, ein früherer Kommandant der ANC-Miliz MK, sagte, diese Beziehungen gelte es nun zu beenden. Wobei Israel ohnehin, so bereitwillig es mit dem Apartheid-Regime Waffen-Handel betrieb und Geheimnisse teilte, mit dem demokratischen Südafrika nicht viel im “Sicherheitsbereich” zusammenarbeiten wollte… Israel fand andere Verbündete, seine Rüstungsindustrie andere Abnehmer.

Und, auch im Post-Apartheid-Südafrika war Inneres und Auswärtiges in vielerlei Hinsicht verbunden. Unter der Regierung der nationalen Einheit unter Präsident Mandela sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Als dies 1996 geschehen war, stieg die NP aus der Regierung aus. Der nunmehrige Oppositionsführer De Klerk kündigte die Umwandlung der NP in eine nicht-rassische, christlich-demokratische Partei an. Beim Parteitag 1997 nannte sie sich in Nuwe Nasionale Party/ New National Party (Neue Nationale Partei, NNP) um, wählte mit Marthinus van Schalkwyk einen neuen Vorsitzenden, und gab sich ein neues Programm. Aus der burisch-nationalen, weiss-rassistischen Partei in einem Land der grossen Gegensätze eine werte-orientierte zu machen, war aber nicht einfach – auf das Christentum zB beziehen sich auch die meisten Schwarzafrikaner, wie gezeigt wurde. Die Democratic Party (DP) war bei der Wahl 1994 weder für einen grossen Teil der Weissen noch einen grösseren der Schwarzen attraktiv, schnitt schlecht ab. Zacharias De Beer, auch letzter Führer der PFP, dann 89-94 einer von drei der DP, trat zurück, wurde Botschafter in der Niederlande, Anthony “Tony” Leon übernahm die noch ziemlich linksliberale Partei.131

Unter Leon verabschiedete die DP 1998 ein Dokument namens „The Death of the Rainbow Nation: Unmasking the ANC’s Programme of Re-racialisation“, in dem der „Wiedergutmachung“ der Resultate der Apartheid eine entschiedene Absage erteilt wurde, die Weissen als schutzbedürftige Minderheit neuerfunden wurden, die im Begriff seien, ausgeplündert & entrechtet zu werden. Wirtschaftswachstum und Bildung seien Schlüssel für das Glück für Alle bzw die Heilung für die von der Apartheid  verursachten Wunden. Dort stand zB, “Racial transformation means that individuals cannot compete as individuals”; daran ist etwas Wahres, aber auch was Verlogenes. Diese(s) Richtungsfestlegung bzw Signal war mit-ausschlaggebend für das Gewinnen auch der meisten Stimmen der Afrikaaner bei der Wahl im Jahr drauf, und das sollte wohl auch bezweckt werden. Die DP positionierte sich als in Opposition zur Apartheid (gewesen) und als Opposition zum ANC. Sie zog bei der Wahl ’99 konservative wie liberale Weisse an, Briten wie Buren, gewann dazu, wurde zweitstärkste Partei und damit “offizielle” Oppositionspartei. Bei dieser Wahl saß nun die NNP zwischen den Stühlen, verlor enorm (-13,5%), war nur noch in der Provinz Westkap eine Grösse – dank der “Farbigen” dort.

Die DP übernahm Ende der 90er, Anfang der 00er Personal, Inhalte und Wähler der (N)NP. Die VF positionierte sich als Partei der konservativen Afrikaaner, in ihr ging dann der grösste Teil der KP auf, aber auch ein Teil des Erbes der NP. Leon war unapologetisch über den rechten Zufluss in die DP. In einem Interview mit dem konservativen “Focus”-Magazin, das von der Helen Suzman Foundation herausgegeben wird, beschrieb er die Weissen in Südafrika als Minderheit, die unter der neuen Demokratie “ausgeschlossen” werde, auch die anderen Nicht-Schwarzen (Asiaten, Mischlinge) nannte er als “Zielpublikum”.132 2000 taten sich DP und NNP zusammen (ausserdem die kleine Federal Alliance/FA), damals nahm die DP den Namen Democratic Alliance (DA) an. FA und NNP brachen aber weg, bevor die Vereinigung vollzogen war, die FA tat sich mit der VF zusammen, die NNP mit dem ANC.133

Die DA, die auf die teil-liberalen Parteien der englischen/jüdischen Weissen zurückgeht, wurde Sammelpartei der Nicht-Schwarzen, ist die Partei der meisten Afrikaaner, Asiaten (Inder, Chinesen,…) und Mischlinge134, sowie eines Teils der bürgerlichen Schwarzen.135 Die DA sucht ihre Identität, wozu auch die Positionierung zur Apartheid bzw ihrer Rolle in dieser Zeit gehört; zumindest ein Teil will sich Widerstand dagegen an die Fahnen heften. Die DA ist Mitglied der Liberalen Internationale, betrachtet die ’59 von der UP abgespaltene PP als früheste Vorgängerin, nicht die UP oder die SAP. Die DA und viele Weisse wollen möglichst wenig Apartheid-Aufarbeitung (in der einen oder anderen Hinsicht, materiell oder geistig), eine Minderheit verteidigt sie offensiv. Auf die Idee, den ANC mit der NP zu vergleichen und Sharpeville mit Marikana, kam eindeutig die “Mehrheitsfraktion”.136

Leons Nachfolgerin als DA-Chef (07-15), Helen Zille137, seit 09 Premierministerin der Provinz Westkap, ist etwas fortschrittlicher als Leon, anerkennt, dass auf dem Weg zu einer nichtrassischen Gesellschaft Folgen der jahrzehntelangen rassischen Diskriminierung beseitigt werden müssen. Inzwischen ist die DA etwas “schwärzer” geworden, 2015 wurde der junge schwarze Nebenjob-Prediger (in der konservativen “Liberty Church”) Mmusi Maimane zum Parteichef gewählt. Das heisst, sie wurde attraktiver für gewisse Schichten der schwarzen Bevölkerung; inwiefern hat sie sich wirklich für schwarze Anliegen geöffnet, auf Kosten der Erhaltung “weisser” Privilegien? Im “Mail & Guardian” 2014 die wunderbare Analyse einer Christi van der Westhuizen über die DA; V. d. Westhuizen weist auch darauf hin, dass schon Vorgängerparteien der DA ähnlich fuhren, Helen Suzman’s Progressive Party lange nur ein eingeschränktes Wahlrecht fü Schwarze wollte, wie der britische „Liberalismus“ im 19. Jh. in der Kapkolonie. Ein Liberalismus, der eine Art weisse Vorherrschaft beinhaltete.

Das Ende der “Regenbogen-Nation”, das Scheitern der “nicht-rassischen” Demokratie, wurde seit 1994 öfters voraus gesagt. Vor der Präsidentschaft Jacob Zumas (zwischen der ANC-Konferenz in Polokwane 07, auf der Zuma Mbeki als Parteichef ablöste und der Wahl 09)138 etwa, und nach dem kürzlich erfolgten Abgang Zumas. Oder, ebenfalls seit gut 10 Jahren, im Zusammenhang mit Julius Malema. Weisse haben da durch das Entgegenkommen von Mandela und seinen Nachfolgern viel von ihren Apartheid-Privilegien behalten, sehen das selbst meist aber anders. Die hohe Kriminalität erklärt sich hauptsächlich dadurch, dass es keinerlei Umverteilung gab. Es gibt eine Auswanderung von weissen Südafrikanern nach der Apartheid.  Die Initialen der PFP wurde auch in “Packing for Perth” umgedeutet, und nach wie vor emigrieren Leute aus der Bevölkerungsgruppe der Englischsprachigen gerne nach Australien, inzwischen auch Afrikaaner.

Der SAJBD setzte seinen Apartheid-Kurs nach 1989/94 gewissermaßen fort, ggü Zionismus-Kritikern unter jüdischen Südafrikanern. Die in der Regel jene waren, die die Apartheid besonders entschieden bekämpft hatten. Am Ende der Apartheid gab es eine kurze Umarmung (bzw Vereinnahmung) für Ronnie Kasrils oder Joe Slovo durch die jüdischen Organisationen (neben dem SAJBD ist die mit ihm eng verbundene South African Zionist Organization/SAZF zu nennen). Diese Südafrikaner (die als “Weisse” gegolten hatten) nahmen ab 1994 zum Teil hohe Positionen im Staat ein) – was für Juden in Zeiten der NP-Regierungen nie möglich gewesen wäre… Kasrils, der lange in der SACP und der ANC-Miliz MK aktiv war, wurde Vizeminister, dann Minister, in verschiedenen Ressorts. Yossel Joe Slovo, aus einer jüdischen Familie aus Litauen, die in der Zwischenkriegszeit nach Südafrika auswanderte, war ebenfalls im MK aktiv und 84-91 Generalsekretär der SACP. 1963 bis 1990 war er in Grossbritannien und Afrika im Exil (in dieser Zeit tötete das Regime seine Ehefrau Ruth First), 1994/95 war er Wohnbauminister.

Die demokratischen Regierungen Südafrikas versuch(t)en das Land nach der Apartheid in Afrika zu (re-) integrieren, in der Aussenpolitik aber auch Brücken zu bauen, zwischen Nord und Süd, 1. und 3. Welt, den Anglo-Staaten (Australien, GB,…) und den aufstrebenden Mächten der 2. Welt (Indien, Brasilien,…) – ein schwieriger Ausgleich, genau wie im Inneren. Es gibt im Land wie auch international immer wieder hysterische Reaktionen, wenn die Regierung gewisse Staaten und Personen nicht als “Pariah” behandelt bzw gemäß einem vom Westen vorgegebenen Schema einer Art globaler Apartheid. Mit guten Diktaturen wie Saudi-Arabien oder Israel und bösen wie Iran oder China. Und Israel ist für manche Weisse nach wie vor ein wichtiger “Bezugspunkt”, nicht nur für die jüdischen. Es ist nach wie vor der zivilisierte Flecken in einer Region der Dunkelheit, der sich (dank seiner Überlegenheit in allen Bereichen) behauptet, trotz stärkstem Gegenwind. Und auf die UN und die dortigen Mehrheitsverhältnisse “scheisst”.139

Der SAJBD ist auch nach dem Ende der Apartheid blind loyal zu Israel. Und attackiert Kritiker israelischer Politik und Realität, nicht zuletzt solche in den eigenen Reihen. Wie den früheren Geheimdienst-Minister Ronnie Kasrils. Als Kasrils vor einigen Jahren in einem der Goethe-Institute in Südafrika auf Einladung von NGO’s über den “Nahost-Konflikt” reden sollte, gab es eine Kampagne dagegen. Und das Institut sagte die Veranstaltung ab. Auch die ehemalige Politikerin Helen Suzman beteiligte sich daran, Kasrils zum Schweigen zu bringen. Gerade bei Kasrils (bzw, als Negativ dazu, bei Suzman) zeigt sich, dass die antizionistischen bzw zionkritischen Juden Südafrikas meist auch entschiedener gegen die Apartheid eingestellt waren/sind. Auch Polakow-Suransky hat nicht die Israel-Verteidigungs-Reflexe. Tony Leon, der langjährige DA-Leader, ist mit einer Israelin verheiratet, und liegt auf der Linie des SAJBD.

01/02 gab ANC-Politiker Kasrils eine Erklärung über die israelische Politik ggü den Palästinsern ab, die von anderen jüdischen Südafrikanern wie Max Ozinsky unterstützt wurde, daraus wurde eine Petition. 07 initiierte Kasrils einen offenen Brief jüdischer Südafrikaner zur israelischen Politik, der u.a. von Raymond Suttner, Steven Friedman, Sue Goldstein unterschrieben wurde. Es folgte wieder ein Diffamierungssturm von SAJBD und SAZF, ohne wirkliche Argumente. Über diese “Krise” (oder Kluft) unter den ZA-Juden hat ein Joel Pollak ein Buch geschrieben, “The Kasrils Affair: Jews and Minority Politics in the New South Africa (2009)”. Pollak war bei der DA (Redenschreiber für Leon!)140 und (zunächst) Unterzeichner. Inzwischen ist er ein Rechter und wirkt er in der USA, bei “Breitbart”… Israel-Kritik wird vom “Mainstream” der südafrikanischen Juden nicht geduldet, wie auch der Zeichner Jonathan Shapiro (“Zapiro”) erfahren hat. Und Richard Goldstone.

Helen Suzman starb mit 91 Jahren am 1. 1. 09 in Johannesburg. Der damalige Staatspräsident Motlanthe ordnete das Hissen der Nationalflaggen auf Halbmast an, der ehemalige anglikanische Erzbischof Desmond Tutu und Andere forderten ein Staatsbegräbnis. Ein solches gab es dann in der jüdischen Abteilung von Johannesburg’s West Park – Friedhof, mit Präsident Motlanthe, den Ex-Präsidenten Mbeki und De Klerk, Oppositionschefin Zille, COPE-Chef Lekota, Prominenten; fast alle Verwandte kamen aus dem Exil angereist. Nelson Mandela musste sich durch seine Tochter “Zindzi” vertreten lassen. Oberrabbiner Warren Goldstein sprach beim Begräbnis von „antisemitischen“ und „sexistischen“ Attacken des Apartheid-Regimes auf sie.

Der Antisemitismus von weissen Südafrikanern galt aber Juden wie Slovo und nicht solchen wie Suzman… Sie hat einen Anti-Apartheid-Kampf aus der privilegierten Position, in der Juden in dem System waren, geführt, während Andere wie Kasrils ein grosses Risiko eingingen. Und dabei immer auch den Zionismus im Blickfeld gehabt, und gegen Ende ihres Lebens kritisierte sie das Post-Apartheid-Südafrika wiederholt. Die Sängerin Miriam Makeba starb 2 Monate zuvor, als Kämpferin gegen die Apartheid durfte sie Jahrzehnte nicht in ihrer Heimat Südafrika leben. De Klerk bezeichnete Suzman als eine der “grossen Ikonen Südafrikas”. Die VF+/FF+ nannte sie “ein Beispiel, wie Oppositionspolitik funktionieren konnte”, aus einer Minderheitenposition. Die Partei also, deren Wurzeln rechts von der NP liegen… Nun war nicht die politische Position ausschlaggebend bzw das Verbindende, sondern die politischen Grössenverhältnisse (und irgendwie auch die Rasse). Ronald Kasrils hat sich inzwischen vom ANC abgewendet, wegen Marikana und der dem Massaker zu Grunde liegenden Politik. Im Wikipedia-Artikel „Political repression in post-apartheid South Africa“ wird auch Kasrils angeführt, wegen seiner Lossagung vom ANC. Nur, er kritisiert den ANC für eine Politik, die (ihm) zu unternehmer-freundlich ist und der weissen Elite zu weit entgegenkommt – während die Verfasser und Initiatoren dieses Artikels die seit 94 regierende Partei von einer völlig konträren Position heraus kritisieren…

Israels Offensive gegen den Gaza-Streifen um den Jahreswechsel 08/09, das zweite derartige “Rasenmähen”, hat auch in Südafrika für Empörung und Proteste gesorgt. Präsident Kgalema Motlanthe (ANC) sagte in einem Interview, die Angriffe gegen Gaza, die Tötungen von Zivilisten, seien pure Brutalität, die in Menschen Abscheu hervorrufen müssten. Israelis und Palästinenser hätten das Recht, nebeneinander zu existieren. Er rief in dem Zusammenhang zu einer Reform der UN auf. „The problem is that if a country has powerful friends on the Security Council they can sometimes act with impunity”, so Motlanthe. “All you have to do is listen to the minister of foreign affairs or defence of Israel to know that you are dealing with people who believe they can cock a snook with impunity.” Die UN und ihr Sicherheitsrat müssten repräsentativer für die Weltbevölkerung werden. Das lobbyistische und parteiische Verhalten von “Vetomächten” wie der USA sei gegen die Idee der Vereinten Nationen.

Der Gewerkschaftsbund COSATU rief dazu auf, den israelischen Botschafter auszuweisen und israelische Güter zu boykottieren. Dieser Botschafter, Dov Segev-Steinberg, wurde in das Parlament geladen, um die Position seiner Regierung zum Blutvergiessen und Zerstören zu erklären. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Nationalversammlung, Job Sithole vom ANC, zu den Rahmenbedingungen für Palästinenser:

“When Palestinians have to go through checkpoints like cattle through a dip, this is apartheid. When they cannot drive on the roads by virtue of the fact that they are Palestinian, this is apartheid”

Albertinah Luthuli, Enkelin des verstorbenen ANC-Führers und Friedensnobelpreisträgers Albert Luthuli, hielt Segev-Steinberg die israelische Weigerung, internationale Journalisten in den Gaza-Streifen zu lassen, vor. Und, zu den Geschossen die von Hamas-Leuten aus Gaza gefeuert wurden, müsse man sagen dass sie sehr wenig Schaden anrichteten, im Vergleich zu den israelischen, so Luthuli… Andere Abgeordnete attestierten Israel “ethnische Säuberungen” und eine Politik, die die (südafrikanische) Apartheid wie ein Sonntags-Schul-Picknick aussehen lasse.

Ein aufgebrachter Segev-Steinberg nannte Apartheid-Vergleiche “Blödsinn” (rubbish), spulte das Standard-Propaganda-Programm dazu ab. Kein Staat würde erlauben, dass seine Bürger solchen Raketen-Angriffen ausgesetzt seien. Wie die palästinensische Autonomiebehörden mit der israelischen Blockade oder den Raketen-Angriffen auf Gaza umgehen solle und ihre Bürger schützen könne, sagte er nicht. Und, was die Herrschaften wohl sagen würden, wenn Raketen auf Kapstadt niedergingen.141 Die Analogie wäre aber eher, wie sich die Einwohner von Gugulethu (einem “Township” von Kapstadt) fühlen würden, könnten sie diesen nicht mehr verlassen (in das restliche Südafrika), et cetera, wie die Palästinenser vom Gaza-Gebiet (wo zB 01/02 der Flughafen durch Israel zerstört wurde). Südafrika hätte einen einseitigen Zugang zu “dem Konflikt”, mit einer “ausbalancierteren” Politik könne es mehr Einfluss darauf nehmen. Es müsste also zuerst einmal Appeasement üben, verschiedenens unter den Tisch fallen lassen, wie das zB Deutschland tut. Tja, die Regierungen, die solches Vorgehen sehr “billigten” (und auch deshalb Israels Verbündeter waren), sind Geschichte in Südafrika, seit das Wahlrecht nicht mehr an die Rasse gebunden ist. Vor allem Abgeordnete der wichtigsten einstigen Anti-Apartheid-Bewegung ANC widerprachen, dass Israels Vorgehen eine “Antwort” sei und proportional bzw adäquat.

Die jüdischen Organisationen Südafrikas stellten sich hinter die israelische “Militäroperation” gegen Gaza. In der Glenhazel-Synagoge in Jo’burg versammelten sich dann 2000 Juden zu einem “Friedensgebet” für den “Mittleren Osten” und zur Darstellung von Solidarität mit Israel, darunter Avron Krengel, Chef der SAZF, die dazu geladen hatte, SAJBD-Chef Zev Krengel, Oberrabbiner Goldstein, Botschafter Segev-Steinberg. Paul Trewhela (Vater britischer, Mutter jüdische Südafrikanerin), ein Anti-Apartheid-Kämpfer (in SACP, MK), der ins Exil (GB) ging und dort blieb, sich von der Linken abwandte, meldete sich auf politicsweb.co.za zur Haltung des ANC ggü Israel zu Wort bzw attackierte diese. Indem er auf jüdische Anti-Apartheid-Kämpfer hinwies (wie seinen alten „prison comrade“, Ben Turok), dass das ANC-Lob für Suzman jetzt unglaubwürdig sei,… Als ob sich aus Gegnerschaft zur Apartheid eine Pro-Israel-Haltung ergeben würde; als ob jene südafrikanischen Juden die die Apartheid bekämpften, nicht in “ihrer Gemeinschaft” ausgegrenzt worden wären, als ob es keinen Kuschelkurs Israels mit der Apartheid gegeben hätte.

Rabbiner Goldstein sagte in einer Radio-Diskussion mit einem moslemischen Theologen auch, die jüdische Gemeinschaft Südafrikas sei “leidenschaftlich” davon überzeugt, dass Israel in diesem Konflikt das Opfer ist und gegen seinen Willen einen Krieg der Selbstverteidigung führe. Nun, das galt aber wiederum nicht für die gesamte jüdische Gemeinschaft des Landes. Die “üblichen Aussenseiter” schrieben bzw unterzeichneten einen offenen Brief an “The Star”, in dem sie sich von der SAJBD/SAZF-Position distanzierten und die Gewalt des israelischen Militärs als disproportional bezeichneten. Eine grosse Demonstration (3000 Teilnehmer) gegen das Massaker, in Kapstadt, führte zum Parlament, wo Vize-Aussenministerin Sue van der Merwe ein Memorandum übergeben wurde, in dem u.a. die Ausweisung des israelischen Botschafters und die Verhängung von Sanktionen gegen diesen Staat gefordert wurde.

(Die andere) Vize-Aussenministerin Fatima Hajaig, eine indische Südafrikanerin, zitierte Segev-Steinberg zu sich, dieser klagte danach, wie schlecht er von ihr behandelt worden sei.142 Auf einer Veranstaltung knapp nach dem “Krieg” kritisierte Hajaig den Einfluss von Juden, auch unter Obama in der USA, sprach auch Israels Alibischwarzen an der Botschaft in ZA, einen Äthiopien-stämmigen, an. Darüber gab es grosse Aufregung, die Politikerin musste sich entschuldigen. Die Democratic Alliance (Leon) zürnte über die Aussagen, der SAJBD reichte eine Beschwerde bei der Menschenrechtskommission SAHRC ein, stellte die Aussagen Hajaigs in eine Reihe mit “antijüdischen” von NP-Politikern zu Apartheid-Zeiten – diese waren aber glühende Israel-Anhänger gewesen. Auf Wikipedia sollte Hajaig auch gleich gebrandmarkt werden, auf Facebook wurde eine “Gruppe” gegen sie gegründet,…143

Botschafter Segev-Steinberg klagte, dass das Image von Israel in Südafrika “unangemessen schlecht” sei. Das stimmt aber gar nicht so. Grosse Teile des weissen Südafrikas (das die Medien des Landes noch immer dominiert), fühlt in Post-Apartheid-Zeiten erst recht mit Israel.144 Die zweite Frau vom letzten echten Apartheid-Führer P.W. Botha145, Barbara Botha, hat interkonfessionelle Gebete für Israel organisiert, die u.a. in der Kirche der Nederduitse Gereformeerde Kerk in George (Westkap) stattfanden. “I feel incredibly strongly about this. This is a biblical response that as Christians we support Israel and take action against the violence towards them“, so Botha. Und, es gibt weisse, burische Südafrikaner, die nach der Apartheid zum Judentum konvertierten und nach Israel auswanderten. Und unter die Siedler in den palästinensischen Restgebieten gingen. So konnte man “auserwähltes Volk” bleiben. Diese Leute mussten gar nichts von ihrem Rassismus und ihrer Apartheid-Mentalität aufgeben, noch weniger als andere weisse Auswanderer (die zB nach Australien gingen).146

Tja, und dann kam der Goldstone-Bericht. Richard Goldstone war zunächst Anwalt, dann in den 1980ern Richter in der Provinz Transvaal. Am Ende der Apartheid wurde er an die Berufungsabteilung des Obersten Gerichts berufen, wo er 1990 bis 1994 arbeitete. Danach diente er an den UN-Tribunalen für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien sowie in Ruanda. 1996 wurde er vom damaligen südafrikanischen Präsidenten Mandela an den Verfassungsgerichtshof dieses Landes berufen. Nach dem Ende des Massakers in Gaza 2009 wurde Goldstone vom UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) mit der Leitung einer Fakten-Findungs-Mission an Ort und Stelle beauftragt. Der Bericht, United Nations Fact Finding Mission on the Gaza Conflict, befand dass Israel wie die Hamas Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben.

Dies rief Entrüstung in Israel und von jüdischen Gemeinden weltweit (nicht zuletzt in Südafrika) hervor, und eine persönliche Kampagne gegen Goldstone. Der Jurist, der selbst jüdisch ist, wurde 2010 von der Bar Mitzwa seines Enkels im Johannesburger Vorort Sandton ausgeschlossen, auf Druck hauptsächlich der South African Zionist Federation (SAZF)… Goldstone knickte darauf etwas ein, schrieb 2011, dass der Bericht anders gelautet hätte, wenn er damals gewisse Beweise/Hinweise gehabt hätte. Beim nächsten israelischen “Rasenmähen” in Gaza 2012 nahmen wieder Kasrils, “Zapiro” und Andere Stellung gegen Israel (verglichen es mit Apartheid-Südafrika) und die Linie des SAJBD. Beim bislang letzten grossen israelischen Gaza-Massaker 2014 kam es in Südafrika wiederum zu grossen Demonstrationen, zu einigen der grössten Aufläufe seit Nelson Mandelas Freilassung 1990, mit bis zu 100 000 Teilnehmern. Von jüdischen und zionistischen Organisationen initiierte Kundgebungen für Israel brachten zwischen 3 000 und 5 000 auf die Strassen.

Auch Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission, musste (des öfteren) die Erfahrung machen, dass jeder Widerspruch zum (und Widerstand gegen den) Zionismus diffamiert wird, als “antisemitisch”,… 2014 schrieb ein Leon Reich, Vorsitzender von Likud South Africa147 im “South African Jewish Report”, dass Erzbischof Tutu nicht besser als Hitler und Stalin sei (Titel des Artikels: “Arch no better than Hitler or Stalin”). Tutu wolle zusammen mit der Hamas den Staat Israel zerstören, wolle Juden töten,… Zu insinuieren, dass Hamas die Kapazität hat, Israel zu zerstören, ist unseriös (oder blöd). Tutu so etwas zu unterstellen ist pure Hetze, die es gegen ihn nicht einmal zu Apartheid-Zeiten gab. Es sind (hauptsächlich) die Likud-Regierungen, die die Palästinenser täglich terrorisieren (lassen). Die ihre Existenz in mehrerer Hinsicht in Frage stellen. The pot calling the kettle black. Sogar der SAJBD hat sich von dem Artikel distanziert. Unter der Meldung über den Vorfall im “Mail & Guardian” kamen Kommentare (anscheinend von weissen Südafrikanern), mit verklausulierten Apartheid-Apologetiken, offenen Zionismus-Apologetiken, rassistischen Angriffen auf Tutu – es sei ein Fehler von der Anglikanischen Kirche gewesen, Tutu 1985 als Nachfolger des Engländers Timothy Bavin zum Bischof von Johannesburg zu ernennen.

Wenn es passt, werden aber auch christlich orientierte Schwarze angeführt, dann wird der Anti-Apartheid-Kampf instrumentalisiert und verdreht (und nicht die Apartheid apologetisiert). So wie bei Kenneth Meshoe, der immer wieder angeführt wird für die Behauptung, Israel sei kein Apartheid-Staat. Meshoe, der in diesem Kontext als „Mandela era legislator“ angepriesen wird, ist Vorsitzender der African Christian Democratic Party (ACDP), 1993 gegründet, seit dem Ende der Apartheid148 stellt sie zwischen 2 und 7 Abgeordnete von 400 in der National Assembly. Die ACDP ist für ein Verbot der Abtreibung, für die Todesstrafe, gegen die Homosexuellen-Ehe, und gegen die Verwendung von Kondomen für die Verhütung von AIDS – das beste Mittel sei Abstinenz und Sex innerhalb der Ehe.

Ein 19-jähriger Barack Obama gab seine erste öffentliche Rede 1981 an seinem Occidental College in Los Angeles, die sich um einen Boykott von Apartheid-Südafrika drehte. Obama hat ja nicht nur afrikanische Wurzeln, diese sind auch moslemisch, und in den Jahren seiner Präsidentschaft und davor wurde sein zweiter Vorname (Hussein) auch immer wieder genannt um das in Erinnerung zu rufen – nicht zuletzt von Israel-Freunden in der USA.149 Als er 2013 Südafrika besuchte, seinen Amtskollegen Zuma traf, et cetera, gab es auch Demonstrationen gegen ihn in mehreren Städten, organisiert von einem Bündnis linker, gewerkschaftlicher (u.a. Cosatu) und islamischer Gruppen, unter der Parole „Nobama“, vor allem wegen des Gefangenenlagers Guantanamo, des Drohnenkriegs und seiner Unterstützung für Israel. Ex-Präsident Mandela war damals schon sehr krank, starb einige Monate später. Zu seinem Begräbnis sollte Israels Präsident Peres kommen, der wahrscheinlich mehr als jeder andere (damals) Lebende das Apartheid-System unterstützt hatte; es kam dann aber weder er noch Premier Netanyahu, sondern Knesset-Präsident Edelstein, ein Rechtsaussen, der aus der Sowjetukraine eingewandert ist.

Es kam der damalige britische Premier David Cameron, der der Federation of Conservative Students angehört hatte, welche 1985 “Hang Mandela”-Posters produziert hat. Der 1989 für die Parteizentrale der britischen Konservativen Partei (CUP) nach Südafrika reiste, um gegen Sanktionen zu lobbyieren und dabei von einer Pro-Apartheid-PR-Firma zusammenarbeitete. Er sei von Mandela inspiriert worden, sagte Cameron gleichwohl. Er stammt ausserdem von Leuten ab, die in der Karibik Sklaven hielten. Mandela galt (besonders) in den 80ern für Viele im Westen als „Terrorist“; als er starb, nicht einmal für Rechtszionisten. Die „Jerusalem Post“ attackierte ihn damals „nur“ dafür, den „Terroristen“ Yassir Arafat unterstützt zu haben. Diese Zeitung greinte früher mal darüber, dass Mandela bei seinem Besuch im Land zu müde für einen Besuch an der “Westmauer” gewesen war und an diesem Tag dann aber Arafat getroffen hat.150 Jener Mandela, der den ANC Anfang der 1990er (nach seiner Freilassung) dazu brachte, den bewaffneten Kampf (gegen die Apartheid) einzustellen, war dessen Hauptstratege gewesen, ja, und das zeichnet ihn aus.

Ist Nelson Mandela mit seiner Politik der Versöhnung sowie mit seinen Kompromissen am Ende und nach der Apartheid zu weit gegangen? Hat er Entscheidungen getroffen, die zu noch mehr Ungleichheit und Armut geführt haben? Vielleicht ist er nach seiner Freilassung 1990 den Weissen Südafrikas (jenen, die möglichst viel Privilegien behalten wollten) zu weit entgegen gekommen, hat Apartheid-Sündern und -Profiteuren im Land und international zu leicht Absolution gegeben, zu wenig Umverteilung ausgehandelt. Auch manche Zionisten wollen Mandela und seine versöhnlichen Worte auch ihnen ggü als Absolution für ihre jahrzehntelange enge Zusammenarbeit mit dem Apartheid-Regime heranziehen.

In den De Klerk-(Präsidentschafts-)Jahren (1989-1994) bekamen jene rechten Afrikaaner, den die NP längst zu “liberal” war, grossen Zulauf. Diese sammelten sich hauptsächlich in der Konservativen Partei (KP). 1991 wurde die Siedlung “Orania” in der (damals) nördlichen Kapprovinz gegeründet, von Verwoerd-Schwiegersohn Carel Boshoff. Boshoff, der also eine Tochter von “Apartheid-Apostel” Verwoerd geheiratet hatte, war calvinistischer Theologieprofessor an der Universität Pretoria, und in den 80ern Vorsitzender des Afrikaner Broederbonds, somit eine einflussreiche Persönlichkeit im Apartheid-Staat. Als De Klerk mit seinen Reformen begann, wandte er sich von diesem Staat bzw der NP ab, ging in rechte Opposition zum ihm/ihr. Die Gründung Oranias durch Boshoff und andere Leute aus dem Umfeld der KP manifestierte diesen Bruch. Boshoff musste damit leben, dass ein Sohn Selbstmord beging und dass sich Verwoerd-Enkel Wilhelm Verwoerd (sein Neffe) dem ANC anschloss.

Es gab einen Treck nach Westen151, auch die Verwoerd-Witwe wurde geholt, aus Transvaal. Es war der “Kern” der “Volkstaat”-Idee, einer Apartheid reloaded, einem Staat im südlichen Afrika nur für burische Weisse152, mit einem calvinistischen Fundamentalismus. Es kamen hauptsächlich Arbeitslose, Rentner, Fanatiker153 in die neue Wagenburg. Man versuchte, weisse Bauern in der Gegend zu “missionieren” – die aber schwarze (billigere) Arbeiter hatten (haben) und nicht auf diese verzichten wollen. Und, die “Abhängigkeit” von schwarzer Arbeit war/ist für die Orania-Leute der Beginn des Übels. “Nur eine Nation, die ihre Drecksarbeit selber macht, kann überleben”, dieser Ausspruch von David Ben Gurion wurde absorbiert. Israel wieder als Vorbild, der “Pioniergeist”, das Urbar-Machen der Wüste, die Wilden in Schranken weisen, eine rigide Einwanderungs- und Siedlungspolitik.154

Anfang der 90er “malten” Boshoff und seine Leute Distopyen von einer Mandela-Regierung über Südafrika. Als “Madiba” dann Präsident war, besuchte er auch Orania, zeigte auch dort guten Willen und Versöhnungsbemühungen.155 Und liess den Volkstaat-Rat einrichten. Als ein Teil der weissen (burischen) Rechten 1994 den Wahlboykott dieses Lagers durchbrach (die VF unter Constand Viljoen, einem ehemaligen General), liess sich dieser die Zusage der Einrichtung dieses Gremiums geben, das die Möglichkeiten einer Afrikaaner-Selbstbestimmung innerhalb oder ausserhalb Südafrikas ausloten bzw Empfehlungen dafür geben sollte. Die Mitglieder des Volkstaatraad / Volkstaat Council standen näher bei der VF als bei der KP, die sie als Verräter bezeichnete. Das (offizielle!) Gremium tagte von Juni 1994 bis 1999, umfasste 20 Mitglieder, allesamt Volkstaat-Anhänger, darunter Johann Wingard (ein ehemaliger Industrieller), Carel Boshoffs Frau Anna Boshoff (Tochter von Hendrik Verwoerd), ihr Sohn Carel, der Atomwissenschafter „Wally“ Grant,…

Wingard, der damalige Vorsitzende dieses Rates, gab dem rechten Online-Magazin globalpolitician.com 05 ein (Promotion-) Interview.156 Dieses Magazin wird von David Storobin gemacht, einem jüdischen Amerikaner, der schrieb zB über “The Nazi roots of Palestinian nationalism”… Kommentare schreiben dort auch der offen faschistische israelische Politiker Benjamin Elon (“Nationale Union”), der rechtsextreme Norweger „Fjordman“, der anti-afrikanische Hetzer Jan Lamprecht, der britische Rassist “Mike” Smith,… Das Interview zeigt ein bisschen die grösseren Zusammenhänge auf, in denen sich das Post-Apartheid-Südafrika bzw die Diskurse darüber befinden. Das Oszillieren  der weissen Rechten zwischen “unschuldigem” Selbstbestimmungs-Wunsch (für Afrikaaner, deren grosse Mehrheit längst bei der DA ist) und Apartheid-Apologetik (war Vorherrschaft über andere!), zwischen Universalismus-Bekenntnis und offenem Partikularismus (wobei Englisch-sprachige oder liberale Weisse “dazuzunehmen” schon die erste Allianz, der erste Kompromiss ist).

Ich könnte einen eigenen Artikel über dieses Interview schreiben und seine Subtexte, will hier Weniges herausnehmen. Wingard jammerte über die Nicht-Umsetzung der Volkstaatrat-Empfehlungen durch die Regierung unter Mandela, Verfassungsminister Meyer, die Verfassungsgebende Versammlung unter Ramaphosa. Er baut nicht auf Orania (ist ihm zu klein, isoliert). Der heutige Afrikanerbond (Nachfolger des Broederbond) oder die FAK (Federasie van Afrikaanse Kultuurvereniginge) sind für ihn keine echten Afrikaaner-Organisationen. Das Ende der Apartheid (die durch Atombomben und Geheimdienst geschützt gewesen sei) sei durch “Verräter” wie De Klerk gekommen. Der Schmerz über den Untergang des Regimes, den Verlust der Privilegien, der Vormachtstellung, die Angst vor Umverteilung, ist spürbar. Und die Heuchelei. „Black empowerment is blatant racial discrimination – even worse than under the apartheid government“ – also war die Apartheid nicht so toll? Und war sie nicht Sache der Afrikaaner? Wurde nicht jahrzehntelang jemand bevorzugt, empowered?

Oder: „The ANC is now turning out to be a cynical, power-hungry group of politicians, in which the Moslem community, as well as the communists have a level of influence way beyond their numerical relevance“. Das kennt man doch von irgendwo, Einfluss weit über die numerischer Bedeutung…; ausserdem, bedeutet das doch das Kommunisten im ANC eine kleine Minderheit sind, entgegen der Apartheid-Propaganda; die Moslems, also Kap-Malaien, wurden, als Teil der “Coloureds”, über Apartheid-Zeiten hinaus von Afrikaanern gegen Schwarze ausgespielt, als Teil der Farbigen; Wingard ging mit der Zeit, bringt auch den “clash of civilizations”, aber in Zhg mit Schwarzafrikanern; im Trio des Bösen neben Moslems und Kommunisten fehlen noch die Nazis, warum er die wohl nicht erwähnt.. Wingard auch: “Unless Afrikaners soon deal with that scenario in an organised manner by means of a statutary Afrikaner Council (similar to the Jewish Board of Deputies) so as to present a coherent and credible front to the government and the international community…“. Das offene Verachten der Umgebung einerseits (zB verachtungsvoll über „die afrikanische Psyche“ und die „Terroristen des ANC“) und Geklage über ein Nicht-akzeptiert-werden andererseits (zB: „South Africa’s whites are born and bred in Africa and want to stay and make the country a success“) verbindet ebenfalls mit dem Zionismus.

Boshoff starb 2011, sein Sohn Carel Boshoff junior ist in seine Fussstapfen getreten. Dieser, ehemaliges Volkstaat-Rat-Mitglied, ist bei der VF+ in Nordkap engagiert, war 04-09 war er Abgeordneter im dortigen Provinzparlament.157 In Orania gibt es einen Jan Joubert, der dort Parteichef der VF+ sein dürfte und auf Facebook einen Beitrag aus einem Fachmagazin geteilt hat, über Israels Erfolge in der Meerwasserentsalzung, angesichts der Dürre im Westkap 2018, Wasserrationierungen in Kapstadt. Begeisterung für den Zionismus hier, eine andere Sicht darauf von einer anderen Südafrikanerin.

Israel und Afrika

Wie erwähnt war Israel ab den 1950ern in Afrika unterwegs, als Teil einer Strategie, weltweit (ausserhalb der Peripherie “seiner” Region sowie des Westens) Verbündete/Partner/Idioten zu finden, u.a. mit der „Entwicklungshilfe“-Agentur MASHAV. Die DR Congo und Mobutu (der das Land in “Zaire” umbenannte) waren dabei der wichtigste Partner – abgesehen von Apartheid-Südafrika, das man aber nicht als afrikanisches Land sah. Meir Meyouhas, ein Jude aus Ägypten (ein Mossad-Mann), war ab ’61 Israels-Vertreter im Kongo, typischerweise am Schnittpunkt von diplomatischer, geheimdienstlich-militärischer, wirtschaftlicher Interessensvertretung. Israels Kriege gegen “seine” Region 1967, besonders aber 1973, brachten ein Ende für diese “Beziehungen”. Mit der Ausnahme Südafrikas natürlich, und auch jene zum Kongo lief verdeckt weiter. In geringerem Maß auch mit Liberia, Kenia, Ghana.

In Uganda hatte Israel, durch den Militär Chaim Brotzlewsky (“Bar Lev”) aus Österreich, 1971 Idi Amins Militärputsch gegen Präsident Milton Obote unterstützt, der “zu links” geworden war, mit Unterstützung von CIA und MI6. Amins Machtübernahme leitete die blutige Periode Ugandas ein, bedeutete eine Terrorherrschaft, eine der schlimmsten in Afrika – wie auch jene von Mobutu in “Zaire” übrigens, oder Vorster und die anderen Apartheid-Herrscher. ’72 brach Amin die Beziehungen zu seinen bisherigen Gönnern, darunter auch den Zionisten, ab, wandte sich der SU und arabischen Staaten zu. 1976 dann die nach Uganda (Flughafen in Entebbe) führende Flugzeug-Entführung von PFLP und RZ, und die israelischen Heldentaten – die die Vorgeschichte in den Hintergrund rücken (sollen).158 In den 1990ern gab es wieder etwas Aufschwung in den Beziehungen Israels zu afrikanischen Ländern…und zum demokratischen Südafrika einen Abschwung.

In diesem Zusammenhang sind natürlich auch die nach nach Israel eingewanderten Afrikaner zu sehen. Die hauptsächlich aus Eritrea, Sudan (Darfur) und Süd-Sudan stammenden Flüchtlinge kommen in der Regel über Ägypten und dem Sinai. An dieser Grenze baut Israel mittlerweile auch einen Grenzwall, eine Sperranlage, wie an alllen anderen Grenzen auch (und die Mauer auf dem palästinensischen Restgebiet). An der Grenze zu Afrika. Die afrikanischen Flüchtlinge kommen in das Internierungs-/Abschiebelager “Holot” in der Negev/Nagab-Wüste; die mit zeitweiligem Aufenthaltsrecht ziehen oft in den armen Süden Tel Avivs. Israel nimmt in der Regel keine nicht-jüdischen Flüchtlinge/Einwanderer auf, nur gelegentlich Arbeitskräfte, sieht die Afrikaner als “illegale Einwanderer”. Es hat auch die Internationale Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet; so wie auch den Atomwaffensperrvertrag oder das Abkommen zur Ächtung von Landminen nicht.

Netanyahu greinte, dass Israel das einzige “Erste-Welt-Land” sei, in das Flüchtlinge aus der “Dritten Welt” “reinspazierten”. Wenn Israel Teil der “1. Welt” (=Westen?) ist, dann ist es aber so ziemlich das einzige, dass keine Füchtlinge aufnimmt. Und: Hier ist auch wieder dieses Nase-Rümpfen, diesmal nicht über die Region, sondern die “3. Welt”, man ist etwas besseres als die Leute von dort. Die israelische Regierung möchte mit ihrer (Nicht-) Einwanderungspolitik den jüdischen Charakter des Staates Israel erhalten, heisst es. Es habe nicht die „demografische Tiefe“, diese Afrikaner aufzunehmen. Die Einwanderer werden von den Israelis als “Bedrohung für die Sicherheit Israels” gesehen. Netanyahu: ”A stream of refugees threaten to wash away our achievements and harm our existence as a Jewish and democratic state”. Immer wieder geht es um “demografische Gefahren”. Eliahu Yishai: Das Heimatland muss vor diesen Fremden gerettet werden. Sie seien für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans „Atomwaffenprogramm”. Afrikaner gleich Iran gleich Hitler (mondoprinte). Bennett sprach von „Eindringlingen“. Man habe „keine Kapazitäten“ zur Aufnahme. Manche sehen in den Massenabschiebungen eine Bedrohung für das internationale Ansehen des Staates. Und: Die Probleme der Afrikaner seien nicht unsere (israelischen), hiess/heisst es dazu auch.

Von 1944 bis 1948 wurden Mitglieder der zionistischen Terror-Organisationen IZL und LEHI aus dem britischen Gefangenen-Lager Latrun in Internierungslager in britische Kolonien in Afrika gebracht, nach Eritrea, Sudan und Kenya (Kenia)… Und, bekanntlich kamen ab den 1880ern Juden aus verschiedenen Teilen der Welt nach Palästina (das zuerst unter osmanischer, dann unter britischer Herrschaft war), darunter auch alle Staats- und Ministerpräsidenten Israels bzw ihre Eltern.159 Damals wäre es für die Palästinenser um die Sicherung des Charakters des Landes und um die Frage der demografischen Tiefe gegangen…

Schwarzafrikaner, christliche Russen, Südostasiaten sind einige der Bevölkerungsgruppen in Israel/Palästina ohne Wurzeln im Land. In den ärmlichen Vierteln im Süden von Tel Aviv gibt es immer wieder Übergriffe und Hetze gegen die Afrikaner. Ein Video von so einer “Ausländer raus (aus Israel)”-Veranstaltung aus 2011 im so weltoffenen und liberalen Tel Aviv. Immer wieder dabei sind Politiker der israelischen Rechten, 2012 etwa Michael Ben-Ari, als ein rassistischer Mob u.a. „Tel Aviv den Juden! Sudan den Sudanesen!“ skandierte. Die (dort hauptsächlich lebenden) aus Nordafrika stammenden Mizrahi-Juden geben die erfahrene Diskriminierung durch Aschkenasen eben an jene weiter, die in der Hierarchie (Israels) deutlich unter ihnen stehen. Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” gebrandmarkt. David Sheen setzt sich immer wieder mit der Behandlung von Afrikaner in Israel auseinander; wegschauen und verleugnen macht es nicht besser. Es gab auch Übergriffe gegen äthiopische Juden, die man für Einwanderer aus Eritrea hielt. Dies zB relativiert zB Gil Ofarims kürzlich in einer TV-Diskussion gemachte Aussage “Israel ist das einzige Land, wo wir 160 nicht beleidigt und verfolgt werden”.161

Ein eritreischer Flüchtling/Migrant wurde 2015 vom israelischen Mob gelyncht. Haftom Zarhum hatte sogar eine Arbeitserlaubnis und lebte in Beersheva. Als er gerade am dortigen Busbahnhof war, attackierte ein israelischer Beduine einen Soldaten, erschoss ihn und eröffnete das Feuer auf Andere. Während dieser Mann floh, wurde Zarhum für einen Komplizen gehalten, von einem “Sicherheitsmann” angeschossen und dann von Passanten lange und schwer misshandelt; er starb an seinen Verletzungen. Nun scheint es so, dass die vier dafür angeklagten Israeler mit Sozialarbeit davon kommen… So wie die Mizrahis normalerweise alles tun, um sich von den Palästinensern abzugrenzen, haben die aus Äthiopien geholten Juden Angst, mit diesen Einwanderern in einen Topf geworfen zu werden, und handeln entsprechend. Es gibt im südlichen Afrika noch die Lemba, in Südafrika, Zimbabwe, Mocambique und Malawi, die sich für Juden halten.162 Sollte es eine Einwanderungsaktion für sie geben, dürften sie sich im israelischen Kastensystem ganz unten einordnen.

Als der ghanaische Fussballer John Paintsil bei der WM 06 ein Tor mit einer kleinen Flagge Israels (wo er damals spielte) zelebrierte, war das ein grosser Propagandaerfolg für die Zionisten. Nicht zuletzt wegen der (angeblichen) arabischen Empörung darüber. ynet/”Yedioth Ahronot” jubelte über “fury in egypt”.. und weil Paintsils Familie in Ghana von Moslems bedroht worden sei. Paintsil Verwandte durften nach Israel nachkommen, hiess es damals. Nun, mittlerweile sind die Paintsils ja eine Bedrohung für den jüdischen und demokratischen Staat… Werden sie auch ausgewiesen werden, von der Netanyahu-Regierung? Oder Opfer der Furie der “Strasse” dort werden? Auch die Bürgerkriege in Sudan, zwischen dem arabisierten, nubischen Zentrum und dem schwarzafrikanisch-christlichen Süden sowie dem schwarzafrikanisch-moslemischen Westen (Darfur) waren Propagandamittel für die Sache Israels.

Wie kann man einen Boykott Israels wegen seiner Politik gegen die Palästinenser unterstützen, wenn im Sudan soundsoviele Menschen getötet worden sind, hiess es da.163 Auch Entlastung für die Kollaboration mit der südafrikanischen Apartheid brachte es, denn im Sudan war ja auch irgendwie eine Apartheid, auf die man verweisen konnte. Als Leute aus Süd-Sudan164 und Darfur dann nach Israel kamen, wurde auch Propaganda mit ihnen gemacht; die Opfer der “Araber” und Moslems, die in Israel Zuflucht gefunden hätten… Dann hiess es aber, die Probleme der Afrikaner seien nicht “unsere” Probleme (der Juden).165

Auf (israelischen!) Propagandavideos auf Youtube mit Süd-Sudanesen in Israel finden sich längst Kommentare wie “Geht nun bitte wieder heim”, manchmal auch ohne “bitte” und so. Und, der damalige Innenminister Yishai sagte vor einigen Jahren (zu “Ma’ariv”), die meisten der afrikanischen Einwanderer seien Moslems und glaubten dass das Land nicht uns, dem weissen Mann, gehöre.166 Abgesehen von der patriarchalen Ausdrucksweise, dem Chauvinismus wonach ein Land (nur) einer bestimmten Ethnie gehöre, und dem Rassismus wonach Juden “Weisse” seien und sie das von Afrikanern unterscheide: Mit den Süd-Sudanesen und den Darfurern wurde Propaganda gemacht, weil sie Opfer der “Araber” und “Moslems” seien, und sie dagegen in Israel so gut behandelt werden würden! Und nun… Dies zeigt schön, wie gern und leicht man heutzutage Ressentiments und Diskriminierung mit dem “Islam” rechtfertigen will, man von dort den Bogen zum “Islamismus” spannen kann, und schon eine Tarnung für jeden Rassismus hat. Man sieht das ja auch, wenn man die Hamas vorschiebt, um die Behandlung der Palästinenser zu rechtfertigen.

In einer Gesellschaft, die schon Probleme hat, orientalische Juden (wie Yishai) als gleichrangig zu behandeln, sind Schwarzafrikaner höchstens zeitweiliges Propaganda-Kanonenfutter. Inzwischen wird auch von Eritrea und Sudan als “Problemländern” gesprochen, welche an Länder wie Ägypten grenzten. Zuvor hiess es ja, Ägypten sei so schlecht wegen der dortigen Behandlung von (durchziehenden) Flüchtlingen/Emigranten. 2012 beschloss die Netanyahu-Regierung die Massen-Abschiebungen von Afrikanern, die seither teilweise umgesetzt wurde. Anfang dieses Jahres gab es einen neuen Plan dazu, für Abschiebungen in die Drittländer Ruanda und Uganda, Länder mit deren Regierungen Netanyahu Beziehungen pflegt. Mit dieser Drittstaatenregelung wurde indirekt anerkannt, dass den Betroffenen in ihren Ländern Verfolgung droht. Nun haben aber sowohl die UNHCR als auch diese Regierungen bekannt gegeben, dass es keine Übereinkunft gibt. Netanyahu wurde ausserdem in seiner Rechtskoalition mit Protest konfrontiert, wegen der Gewährung eines Aufenthaltsstatus’ für einen Teil und Zahlungen für die Ausreisewilligen. Ein Teil der Afrikaner wurde auch in europäische Länder abgeschoben.

Netanyahu bemüht sich um afrikanische Staaten, damit seine genozidäre Politik ggü den Palästinensern und Kriegstreiberei ggü der Region international noch weniger kritisiert wird. Es geht bei seinem Rapprochement u.a. um die Mehrheitsverhältnisse in den UN, nicht um Brückenbau, Hilfe, Verständigung. Oder um Länder die die Afrikaner aufnehmen, die Israel nicht haben will. Ruandas Präsident Paul Kagame ist jetzt Israel wichtigster “Partner” bei seinem neuen Griff nach Afrika. Daneben auch Uhuru Kenyatta in Kenya, sowie politische Kräfte in Angola, Senegal, Äthiopien, Ägypten (Sisi…), Südafrika (die DA und noch weiter rechts Stehende), Congo, Nigeria, Süd-Sudan. Diese Instrumentalisierung ähnelt jener gegenwärtigen der Kurden. Bei der Herzliya-“Konferenz”167 2017 rief die rechtsextreme Justizministerin Ayelet Shaked von der Bennett-Partei zur Gründung eines kurdischen Staates auf, dies wäre integral für Israels Bemühungen zu einer “Umgestaltung” der Region. Genau, darum gehts. Für die (damals kemalistische) Türkei Öcalan in Kenya fangen, oder der Türkei bei der Verschleierung des osmanischen Völkermords an den Armeniern helfen, oder auf die “kurdische Karte” setzen – ganz nach Bedarf und gegen die Region.

Teil eines zionistischen Propaganda-Clusters ggü Afrika ist Moshe Terdiman, der im wissenschaftlichen Gewand auftritt, als “Expert on Islam in Africa” deklariert wird und gut vernetzt in jener Industrie ist, die sich zB in Herzliya trifft. Der aschkenasische Israeli mit USA-Hintergrund (> Carol Grosman) macht RIMA (“Research of Islam and Muslims in Africa”), eine “Denkfabrik” in Jerusalem, und die dazugehörige Website muslimsinafrica.wordpress, mit Haggai Erlich, Arye Oded, Timothy Furnish; und mit ein paar Alibiafrikanern wie einem Nwosu und Hussein Solomon. Terdiman ist auch bei Green Compass Research, PRISM und wikistrat(.com). In dieser neokonservativen islamophoben “Hasbara” wird der eigene (zionistische und westlicher) Rassismus und Imperialismus verleugnet, die Moslems werden (hauptsächlich) Schwarzafrikanern gegenüber als Quelle von Übel angeprangert. Hetze wird als “Engagement gg Rassismus” oder “gg Islamismus” gebracht. Moslemischer Sklavenhandel in Afrika wird von Terdiman & Co thematisiert, nicht um ihn aufzuarbeiten, sondern um politisches Geld damit zu machen, um “Schwarze” gegen “Braune” gegeneinander auszuspielen und erstere an “Weisse” zu binden.

Die Plattform heuchelt Respekt für Afrika vor, Interesse für afrikanische Belange, wissenschaftliche Objektivität, versucht aber nur die Islamkrise für ihre Belange auszunutzen. Besonders gerne würde man das neue Südafrika (ein Schlüsselstaat Afrikas, zweifellos) gegen “den Islam” aufbringen, und überhaupt Palästina-Solidarität in der farbigen Welt sabotieren. Hier kommen beosnders viele Widersprüche, Stolpersteine; u.a. dass Israel den weissen Apartheid-Nostalgikern gleichzeitig als Bezugspunkt dient, oder die Politik der DA, der “Korrespondentin” zionistischer Interessen in Südafrika, als Interessesvertretung der weissen Minderheit. Terdiman sollte vielleicht bei Lapid junior nachfragen, ob sich der von den Ausfällen seines Vaters über Afrika distanziert, oder sich von den anti-afrikanischen Rassisten in Israel. Der (israelische) Nationalismus à la Lapid junior lehnt die (eigenen) Religiösen und Orientalen ab (diese hätten sich zu integrieren), propagiert einen Westismus, will den Kampf der “israelischen Mittelklasse” kämpfen; ihm sind auch die Siedler suspekt, nicht wegen dem was sie für die Palästinenser bedeuten sondern weil sie zu wenig westlich sind bzw dem Land einen nicht-westlichen Stempel aufdrücken.

Ja, und dann gibt’s eben Hussein Solomon, der für Terdiman und dessen Belange arbeitet. Solomon ist ein moslemischer indischer Südafrikaner, auch so eine Art Wissenschafter (an der Uni. Pretoria). Er spricht sich nicht gegen Islamismus oder salafistischen Islamismus aus bzw “Auswüchse” des Islams, daran wäre nichts schlecht, im Gegenteil. Sondern er unterstützt jene, die andere über den Islam bzw Islamismus diffamieren wollen, was eigentlich das Wesen der Islamophobie ausmacht. Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, der einen Krieg gegen die Bosniaken führen liess, erfand sich in Den Haag neu als Vorkämpfer gegen den islamistischen Terrorismus. „Weder die EU noch die internationale Gemeinschaft haben nach (den Anschlägen in) Paris und Brüssel begriffen, mit wem es die bosnischen Serben in den 90er Jahren zu tun hatten“, so Karadzic 2016 in den Tagen vor seiner Urteilsverkündung. Er hatte die muslimischen Bosniaken immer wieder als “Terroristen” und Gefahr für das christliche Europa bezeichnet.168

Nach dem islamistischen Terror-Anschlag in Nairobi 2013 triumphierte Solomon, “Ich habs euch gesagt”. Er hat auch den Tunesier Bouazizi, der sich aus Protest gegen das Ben Ali – Regime verbrannte und die dortige Revolution lostrat, wegen eines “Märtyrerkults” angegriffen. Er wird von einigen Medien und rechten “think tanks” aus und in Israel hofiert – Solomon macht auch keine Versuche, seine Verbindungen zu Israel zu verhüllen. Für sein neuestes Buch169 kamen Empfehlungen vom Global Research in International Affairs Centre (GLORIA; Barry Rubin) und Anderen aus dieser Ecke. 07 durfte er auch bei der Herzliya-Konferenz auftreten. Solomon war Teilnehmer beim “limmudjohannesburg” 2016, schreibt Gastartikel für die “Jerusalem Post”,…

Aber, dass Solomon bei aller Beteiligung an Hasbara nicht die Akzeptanz gewisser Kreise bekommen wird, zeigen die Ausführungen von einem Ilya Meyer, einem “israelisch-schwedischen” Lobbyisten (xxxx://ilyameyer.com/english/tag/hussein-solomon/). Ein Zionist von der Sorte „Ich gönne den Palästinensern gar nichts“ und nicht von der Sorte „Wir würden so gerne mit ihnen zusammenleben, aber sie…“. Nahe bei tundratabloid (wo über Afrikaner, egal ob christlich oder nicht, auch etwas “andere” Haltungen vorherrschen dürften…), macht der Siedlerfreund von seiner Abscheu für alles Orientalische gar keinen Hehl, engagiert sich zB gegen “integration, multiculturalism and immigration”, und Juden sind bei ihm einfach “Weisse”, Teil des Westens (der geschützt werden muss). Er heuchelt nicht gegenüber Afrika wie Terdiman. Jene, die Leute wie Richard Goldstone (die über den Tellerrand schauen) ausgrenzen und schikanieren, als “selbsthassend” diffamieren, sind zum Teil von einem wie Solomon entzückt, zum Teil nutzt so einem bei denen alles Appeasement nichts.

Zu Grunde liegende Denkweisen und Entwicklungen, Querverbindungen

Dass Palästina nicht wirklich ein Land ohne Volk war (s.o.), dürfte Herzl und seinen Mitstreitern klar gewesen sein. Aber die lange Tradition der Nicht-Wahrnehmung der Palästinenser war wahrscheinlich eine Vorbedingung für die ethnischen “Säuberungen” um 1948. Der ehemalige israelische Parlamentspräsident Avraham Burg (Avodah) hat das in seinem Buch „Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss“ kritisiert; er meint allerdings, dass solche “Fehlentwicklungen” Abweichungen von Theodor Herzls Träumen sind – während für Andere Herzl die zionistische Sichtweise auf das Land und seine Leute geprägt hat. Immerhin hat dieser gemeint, die „eingesessenen Stämme” sollten entweder “mit dem Schwert verjagt werden”, “wie es unsere Vorfahren taten“, oder man werde mit dem “Problem einer grossen fremden Bevölkerung” zu kämpfen haben. Das “Problem einer grossen fremden Bevölkerung” sahen auch viele Weisse in Südafrika.170

Dennoch dürften die meisten afro-amerikanischen Intellektuellen und Aktivisten (jene in der USA, in der Karibik,…) vom frühen 20. Jh bis zum Krieg 1967 pro-zionistisch gewesen zu sein, auch jene auf der extremen Linken. Dies hatte zum Einen mit der starken jüdischen Mitwirkung in der “Bürgerrechtsbewegung” der USA zu tun171, zum Anderen mit der Rolle, die die extreme Linke in der zionistischen Bewegung (Palästinensische Kommunistische Partei) in den Jahrzehnten vor der Staatsgründung spielte – eine grössere Rolle als danach, und sie wollte als einzige politische Organisation die Palästinenser nicht ausgrenzen sondern einbinden. Ausserdem sahen auch Leute wie Marcus Garvey den Zionismus damals als Antwort auf europäischen Antisemitismus und den Holocaust.

Im Kongo setzte sich ja nach der Unabhängigkeit der Neokolonialismus der USA , mit Mobutu, gegen jenen Belgiens mit Tschombé durch. 1960 gab es nach der Unabhängigkeit eine belgische Militär-Intervention „zum Schutz seiner Staatsbürger“ bzw zum Schutz der Sezession Katangas; 1964 intervenierten belgische und amerikanische Truppen gegen die Simbas. Die “Krise” nach der Unabhängigkeit begann ja mit der Meuterei in der Force Publique. In deren Folge zogen “enthemmte” Soldaten durch die Strassen verschiedener Städte und überfielen Schwarze und Weisse. Die “Bild”-Zeitung schrieb: „Neger-Meuterer jagen und schänden weiße Frauen“.172 In diesem Zusammenhang ist der Kommentar von David van Reybrouck über das „Anathema“ der Sexualität von Siedlern mit Einheimischen relevant. Auch das Apartheid-Regime Südafrikas hat Bilder und Berichte von der Gewalt gegen Belgier ggü seinen Bürgern bewusst zur Stimmungsmache eingesetzt. Unnötig zu sagen, dass es die Springer-Medien sind, die Israel sakrosankt machen und verehren, damals wie heute. Malcolm X / Malik Shabazz173 hat nach der westlichen Intervention im Kongo 60, die mit der Gewalt an Frauen dort begründet wurde, gesagt, wenn diese Mächte in Afrika für Weisse intervenierten, könnten afrikanische Armeen zB in der USA anlässlich von Gewalt an Schwarzen174 dort intervenieren…175

Malcolm X und seine “Black Muslims” waren ja wie die Black Panther Party gewissermaßen eine Konkurrenz zur Strategie des Martin Luther King von der friedlichen Integration. Von King gibt es ein Märchen bezüglich einer Aussage über Israel-Kritik, Anti-Zionismus und “Antisemitismus”. Dieses wurde von einem Seymour Martin Lipset in die Welt gesetzt. Kings mutmaßlicher Mörder, James E. Ray, war 1967 der Ausbruch aus einem Gefängnis gelungen, in das er als Kleinkrimineller gekommen war. Danach engagierte er sich als Helfer bei der Präsidentschaftswahl-Kampagne von Alabamas langjährigem Gouverneur George Wallace (nunmehr AIP) von 1968, der (damals) ein Verteidiger von Rassentrennung war. Nachdem er in diesem Jahr Martin L. King in Memphis (Bundesstaat Tennessee) erschoss176, gelang ihm die Flucht, über Kanada, Portugal und Grossbritannien; Ray wollte nach Rhodesien, wo sich das Apartheid-Regime 1965 unabhängig von GB erklärt hatte; er wurde auf dem Londoner Flughafen Heathrow festgenommen. Israel half auch in Rhodesien (dem späteren Zimbabwe) dem weissen Minderheitsregime (dem auch das südafrikanische Apartheid-Regime half), militärisch, in dessen “Buschkrieg” gegen ZANU und ZAPU (1964-1979), die wiederum mit ANC und FRELIMO verbündet waren.177

Die 1966 gegründeten Black Panthers gingen nach dem “Nahost”-Krieg 1967 Bindungen mit der PLO ein. Dies erklärte sich u.a. dadurch, dass Israel von vielen Linken nach diesem Krieg als Kolonialmacht und Besatzungsstaat wahrgenommen wurde, und als Teil eines Westens der über Farbige herrscht – etwas dass bis heute viele Israelis und Israel-Unterstützer begeistert unterschreiben würden (siehe den letzten Abschnitt). Die Black Panther waren ausserdem in dem von Frankreich unabhängigen Algerien aktiv, bzw wichen aufgrund der Verfolgung in der USA auch dorthin aus – was ihr sozialistisches, antikoloniales, antiimperialistisches Profil weiter schärfte. Durch den Krieg 67 wurde Israel den Linken suspekt und bei den Rechten (noch) beliebt(er). Etwa bei den Politikern und Wählern der NP in Südafrika. Oder den Evangelikalen in der USA. Daran änderte auch nichts, dass unter den Palästinensern auch viele Christen waren, die um 1948 ihre Heimat verloren, wie der griechisch-orthodoxe George Habash (der spätere PFLP-Gründer), der im Libanon studierte, als zionistische Truppen seine Stadt Lydda einnahmen und die Palästinenser von dort vertrieben, Habashs Schwester und Andere töteten.

Der Afro-Amerikaner Andrew Young wurde unter James Carter amerikanischer UN-Botschafter (77-79). Young spielte bei der Verhandlungslösung, die den Rhodesien-Krieg 1979 beendete, eine entscheidende Rolle. Young hatte das Internal Settlement, mit dem Ian Smiths Regime ’79 die schwarze Bevölkerungsmehrheit im Land und die internationale Gemeinschaft und ihre Forderungen nach Gleichberechtigung der Ersteren abspeisen wollte, nicht als genügend akzeptiert. Nach der Wahl unter Ausschluss der wichtigsten politischen Kräfte und bei Fortführung des Kriegs gegen diese wurde der methodistische Bischof Abel Muzorewa 79 Premierminister von Zimbabwe Rhodesia, wie das Land nun hiess. Muzorewa von der UANC wurde in manchen Kreisen als “gemäßigter afrikanischer Führer” bezeichnet, so wie Buthelezi in Südafrika; diese beiden hatten übrigens gute Verbindungen zu Israel.178 Durch Andrew Youngs Vermittlung kam das Lancaster House Agreement zu Stande, mit Einbindung von Robert Mugabe (ZANU) und Joshua Nkomo (ZAPU). Zimbabwe unter Mugabe als Premier und dann Präsident unterstützte in den 1980ern die PLO und übte gegenüber Apartheid-ZA kein Appeasement.

Young musste noch 1979 zurücktreten als UN-Botschafter der USA. Weil er sich mit Zehdi Terzi, dem UN-Gesandten der PLO, getroffen hatte. Dies deshalb, weil er ihn davon überzeugen wollte, den Bericht einer UN-Kommission, die zur Schaffung eines palästinensischen Staates aufrief, vorerst zurückzuhalten. Der Mossad gab die Kunde von diesem Treffen und Details des Gesprächs an seinen Boss Begin sowie an das US-amerikanische Magazin “Newsweek”. Carter hatte den Israelis versprochen, dass mit der PLO nicht verhandelt werde, solange sie Israel nicht anerkenne. Von Israel wurde und wird nicht verlangt (als Vorbedingung für irgend etwas), dass es die Rechte der Palästinenser in den 67 von ihm besetzten Gebieten anerkennt, auf einen Staat oder sonst etwas. Und auch hier wurde die Diskussion über ein Palästina an der Seite (nicht an statt) von Israel abgewürgt, mit der “Durchsetzung” der Vorbedingung dass die eine Seite zunächst ihren Besatzer “anerkennt” (bevor dieser die Rechte der Besetzten anerkennt). Der USA-Schwarzen-Rechts-Aktivist Jesse Jackson hat in den 1980ern die Schaffung eines palästinensischen Staates unterstützt. Er hat ausserdem Äusserungen über die Instrumentalisierung des Holocausts gemacht, über die jüdisch-israelische Lobby in der USA und die Stellung der Afroamerikaner dazu. Für seine Bezecihnung von New York City as “Hymietown”179 hat er sich entschuldigt. Der einflussreiche Schreiber Norman Podhoretz hat das zB nicht getan, für seinen “Essay” aus 1963 mit dem Titel “My Negro Problem – And Ours”. Podhoretz, einer der radikalsten Neokonservativen und Zionisten in der USA, hetzt für einen vorbeugenden US-Krieg gegen Iran.

Die “special relationship” zwischen Israel und der USA180 nimmt die Form von ungefähr 125 Milliarden Dollar Hilfe ein, die bislang von zweiteren Staat an ersteren geflossen sind, seit dessen Gründung. Oder die bald 100 Mal, die die USA im UN-Sicherheitsrat ihr Veto zugunsten Israels einlegten.181 Oder die regionale Hegemonie die die USA Israel zugesteht. Auch wenn Manche aus “christlichen Gefühlen” heraus zu Israel stehen182, viele Afro-Amerikaner sehen zwischen ihren Anliegen und jenen der Palästinensern einen “Zusammenhang” (oder, anders herum, zwischen ihren “Gegnern”). Auf der “Al Jazeera”-Website stand 2014 ein Kommentar über den Unterschied zwischen Ferguson in Missouri, wo damals “rassische Unruhen” zwischen der Polizei und “schwarzen” Bürgern herrschten, und Gaza, und der rassistischen Gewalt von Polizisten und Soldaten hier und dort. “For one, Ferguson is not Gaza or even the West Bank. As events spun out of control, an African American president and attorney general spoke out against the images of militarized police. And a black state police captain from the community assumed control of the police effort and marched along with the town’s residents… However fitfully,

America recognizes its race problems. Israelis are still living in the American 1950s, while Gazans remain trapped in a ghetto in which no Ferguson resident would want to live…”

Bei Protesten von marginalisierten Schwarzen in Detroit 2014 kam der Ruf: “Occupation is a crime from Detroit to Palestine!” Das Movement for Black Lives, eine Gruppe innerhalb der Black Lives Matter – Bewegung, hat 2016 Israels Behandlung der Palästinenser als “Genozid” beschrieben, Israel als Apartheid-Staat bezeichnet und zu einer Unterstützung der Boycott, Divestment and Sanctions – Kampagne (BDS) aufgerufen. Es ist auch kein Zufall, dass Angela Davis, eine der wichtigsten Kämpferinnen gegen die Diskriminierung von Afro-Amerikanern in der USA (eine frühere Black Panther), eine aktive Befürworterin von BDS und der palästinensischen Sache ist. Und auch keiner, dass Apartheid-Nostalgiker/Apologeten auch heute oft auf Seiten Israels sind.183 Wobei es von (pro-) zionistischer Seite eben die 2 “Denkarten” gibt: Die (südafrikanische) Apartheid war nicht so schlecht und auch was wir machen nicht; oder: Sie war schlecht, aber Israel ist darüber erhaben (dominant).184

Was man auf Youtube so an Kommentaren unter Videos findet… Zum Beispiel “SUPPORT – ISRAEL – AND – THE – WHITES – IN – AFRICA!!!“ und „Ulster will always remain british; NO surrender!!!“ von einem Benutzer. Ein anderer: “exterminate allahs piglets” & “nelson mandela was a terrorist”. Kommentare zu einem Video über zum Judentum konvertierte Afrikaaner, die als israelische Siedler in der “Westbank” leben: “South Africans have first hand experience in dealing with Savages incapable of reason”, “Geluk en voorspoed my Joode Boere. Slaan daardie arabiere stukkend.”, “Israelis nd Afrkaaners have much in common, both are persecuted and heavily outnumbereed by terrorists that want to drive them into the sea”, “Long live Israel long live Boers. Brothers forever”,…

Der kanadische Aktivist Yves Engler schrieb einen Artikel, “What explains Harper’s slavish support for Israel?“: “Canada opposed calls for the withdrawal of Dutch troops from Indonesia in the late 1940s. For decades Canada supported British colonialism in Africa while throughout the late 1950s it sided with France against the Algerian liberation movement. Into the 1970s, Ottawa backed Portugal as it waged a colonial war against the people of Angola, Mozambique and Guinea Bissau. It took decades of struggle within Canada — and a shift in the international climate — for Ottawa to withdraw its backing for the apartheid regime in South Africa. Considering this history, it’s not surprising that Ottawa opposes the Palestinian national liberation struggle. To focus on the Jewish lobby is to downplay Canada’s broader pro-colonial, pro-empire foreign policy. It is a mistake to view Ottawa’s support for Israel in isolation. That support should not be divorced from a wider foreign-policy discussion. The Palestinian solidarity movement needs to make its critique of Canadian foreign-policy more explicit.”

Der französische Philosoph polnisch-jüdischer Herkunft Alain Finkielkraut ist einer jener, die einen Verfall “westlicher Werte und Traditionen” durch “Multikulturalismus” sehen. Wie er den “Westen“, dessen Werte und “Multikulturalismus” genau definiert, da würde es ja interessant werden.185 Jedenfalls ist er einer jener, der zB die “Schwarzen” mit den Moslems, also den Schlechten, zusammentut. Zum Beispiel bei seinen rassistischen Aussagen geegnüber “Haaretz” 05 im Zusammenhang mit dem französischen Fussball-Nationalteam. Der europäische Kolonialismus hätte den “Wilden” Zivilisation gebracht, hätte in Afrika nur Gutes getan. Der westliche “Diskurs der Selbstkritik” bezüglich Slaverei und Kolonialismus hält er für “abscheulich”, und stellte für ihn eben so einen Werteverfall dar. Der israelische Filmemacher Eyal Sivan klagte Finkielkraut, nachdem ihn dieser einen “selbsthassenden, antisemitischen” Juden genannt hatte. Als Roman Polanski 09 in der Schweiz wegen der Vergewaltigung einer 13-jährigen Amerikanerin verhaftet wurde, verteidigte Finkielkraut diesen damit, dass das Mädchen ein Teenager, kein Kind gewesen sei. Hier sieht er offensichtlich keinen Werteverfall. Er attackierte u.a. “Le Monde diplomatique” als antijüdisch/antizionistisch.

In vieler Hinsicht also ein französischer Broder. Bei beiden stellt sich die Frage, wie weit sie einen französischen bzw deutschen Nationalismus unterstützen, den sie fordern bzw dem sie sich andienen. Was die Meinungsfreiheit betrifft, diese hat bei beiden enge Grenzen. In Deutschland gibt es diese “Hohmann-Grenze”, bis zu der man rechts sein kann wie man will. In Frankreich wird man Auguste Mercier (Kriegsminister zur Zeit der Dreyfus-Affäre) oder Henri Petain vielleicht einmal von “antifranzösischer Selbstkritik” befreien wollen und stolz zu den von ihnen vertretenen Werten stehen wollen. Der aus der SU stammende Israeli Avigdor Eskin (ein Kahanist) sagt, es gäbe in Südafrika heuet einen Genozid an Weissen, Juden sollten die Afrikaaner und ihre “Freiheitskämpfer”186 unterstützen. Stepan Bandera und Roman Shukhevych (OUN bzw UPA) müssten ihm eigentlich ideologisch nahestehen; jedoch, er führte eine Kampagne gegen die (posthume) Verleihung eines hohen Ordens der Ukraine an die beiden.187

Diskurse über Zionismus und Apartheid

Die Weltsicht, die sich in Südafrika zeigt(e), zeigt sich auch bei Israel und seinen Unterstützern. Das “Wissen”, was gut für diverse Eingeborene ist zB, was sie brauchen, was ihnen zusteht,… das bestenfalls paternalistische, kolonialistische Denken. Die eiserne Mauer von Jabotinsky hier, die Wagenburg dort. Die “Eingeborenen” im Lande, das man für sich beansprucht, die so “zurückgeblieben” (und doch “furchterregend”) sind, die aus weiten Teilen des Landes verdrängt werden, und aus seiner Geschichte verdrängt werden sollen. Und Widerstand bzw Auflehnung  hat keine Grundlage, kommt im Fall der Palästinenser nur aus “Antisemitismus” oder “islamistischer Aufstachelung”, im Fall der Zulus, Xhosas, Sothos,… war es hauptsächlich der Kommunismus. Wenn sie doch nur ihren Platz im Apartheid- bzw Kastensystem akzeptieren würden, könnten alle zusammen in Frieden leben. Aber so lange das nicht der Fall ist, muss “man” (die vorherrschende ethnische Gruppe und ihre Kollaborateue) sich verteidigen, mit diesen Leuten in einer Sprache reden, die diese Leute verstehen. Das „Wissen“ um die arabische/afrikanische Mentalität.

Es gab und gibt die Personalunion von Apartheid- und Zionismus-Apologeten, sowie andererseits von Kritikern dieser Systeme. Michael Sürmer zB: Der Historiker und Journalist und Kohl-Berater ist ein typisches Kind der (alten) BRD. Er vertritt eine eurozentristische Sicht, in der alle Völker die nicht zu dem gehören, was er als “Westen” definiert, keine legitimen Ambitionen jenseits der Unterordnung haben. So verachtungsvoll der mit einer Israelin Verheiratete gegenüber den Einen ist, so zärtlich ist er, wenn es um Juden geht. Oder Richard Crossman, ein Politiker der britischen Labour Party von den 1940ern bis zu den 1960ern (gegen Ende seiner Karriere wurde er auch Minister). Der langjährige Israel-Freund und -Lobbyist war ein Anhänger der Durchsetzung “weisser” kolonialer Interessen (als Weisse sah er auch die Juden) gegenüber „Eingeborenen“. Bei einem Vortrag in Israel 1959 sagt er das zB explizit, empörte sich, dass vor dem 20. Jh niemand ernsthaft das Recht und “die Pflicht” des weissen Mannes zur “Zivilisierung” anderer Weltgegenden in Frage gestellt hat. Auch der Rassismus seines Parteikollegen Hugh Dalton war nicht auf Palästinenser begrenzt…

Es gibt eine lange Tradition der Bewunderung von Rechtsextremen für den Zionismus, seit Mildenstein, und zumindest faschistische und kolonialistische Elemente in ihm. Es gibt nicht nur Übereinstimmungen mit Apartheid-Südafrika, sondern auch dessen Apologetik über den Philo-Zionismus.188 Es gibt einen Rassismus, der mit (Philo-) Zionismus legitimiert bzw aus ihm heraus-argumentiert wird. Dieser politisch korrekte Rassismus (einer der sich hinter fortschrittlichen Werten versteckt) findet sich zB bei Sarrazin, Heinsohn, Huch, Fest. In diesem Sinn wird auch Palästina-Solidarität im Westen zu diffamieren versucht.189 Und auch Antirassismus und Emanzipation des Südens…

“Anti”deutsche schwafeln von „Antiimperialismus von Teheran bis Caracas“, um dann zB auszuführen, dass der Nord-Süd-Konflikt nur noch einer “des Islams” gegen den Westen sei. Na freilich. Wenn die Niederlande ihren Giftmüll an der Cote d’Ivoire ablädt, ist das auch “der Islam”. Ohne Kakao-Bohnen von der Cote d’Ivoire hat (zB) die Schweiz für “ihre” Schokolade nur Kuhmilch, und die Umstände unter denen der entsprechende Handel stattfindet, das ist die Ausbeutung des Südens durch den Norden. Und die Herablassung gegenüber Palästinensern oder Persern ist eine Variante jener gegenüber Afrikanern oder Lateinamerikanern. Und, Europa hat noch immer wenig Vorstellung davon, dass es nicht nur Nord-Süd-Beziehungen, sondern auch so etwas wie Süd-Süd-Beziehungen gibt. Die globale Weltordnung in der ein paar wenige weisse Staaten über den Rest bestimmen190, ist glücklicherweise endgültig im Untergang begriffen. Die Lamenti über eine “Inflation am Staatlichkeit” seit den Entkolonialisierungswellen nach dem 2. WK oder “third world dominated bodies” sagen viel über die Nutzniesser der langwährenden Ordnung aus.191

Die “berechtigten Eigeninteressen der Mehrheitsgesellschaft”, von denen Ralph Giordano schwadronierte, gelten dann eher nicht für Südafrika und seine “schwarze” Bevölkerung. Es gibt viel Hass und Hetze gegen das demokratische (Post-Apartheid) Südafrika; wobei hier (zB) jeder politische Korruptionsfall herangezogen wird, in Frage zu stellen, dass das aktive und passive Wahlrecht auf alle Bürger ausgedehnt wurde… Das Gegeifer gilt den jetzigen Politikern, hauptsächlich jenen des ANC, sowie Mandela und De Klerk, die, wenn man so will, zusammen die Apartheid abgeschafft haben.192 In Europa bewegt sich diese Hass-Szene im Umfeld von VB, PVV, FPÖ, FN, LN,.. und folgerichtig ist hier auch die Israel-“Solidarität” nicht weit. Auch bei Storobin zB sieht man ja die “Fronten”. „Why we are white refugees“ ist einer der Hass-Blogs gegen das neue Südafrika, und wofür es steht (…). “The majority of Black South Africans did not want Black Rule. …regarding Israel and Palestine; and that a majority of Palestinians do not want Arab rule.”

Der Apartheid-Vorwurf ggü Israel wird dort empört zurückgewiesen, wobei man nicht so recht weiss, ob man nicht doch lieber die Apartheid vereteidigen soll (anstatt sie zu leugnen)… Lustig wird’s auch, wenn sich die Macher über das Wort “Kaf(f)ir” auslassen: Von seinem Ursprung ist es ja ein arabisch-islamisches Wort für “Ungläubige(r)”193, das von (sunnitischen oder schiitischen) Islamisten auch heute verwendet wird. Von Arabern wurde es in der Neuzeit für (nicht-moslemische) Schwarzafrikaner verwendet, und diese Verwendung wurde von den europäischen Kolonialherren in Afrika übernommen. Von weissen Rassisten im (oder aus dem) südlichen Afrika ist “Kaffer” bis heute das ultimative Schimpfwort für Schwarzafrikaner. Die Hass-Blogger sind im Dilemma. Einerseits: “It is time that South Africans, are educated that the word ‘kaffir’ has many different meanings, besides the one and only meaning that white-guilt liberals194 assign to the word, as that used by ‘right wing white racists’ to refer to a black person.” Andererseits will man ja die Opferrolle einnehmen und sich als positiver Gegenpol zum Islamismus definieren.195

Lamprecht und seine “africancrisis”, eine andere Hetzseite, leben von den Problemen in Afrika, so wie MEMRI, Middleeastforum, sultanknish, kritiknetz.de,… von jenen in islamischen Regionen. Und, immer interessant sind die Verbindungen die hier hergestellt werden. Dan(iel) Roodt ist einer, von dem rechts nichts Platz hat196 In seinem Buch “Lethal Weakness of Altruism: Europe Overrun & South Africa’s Extreme Unrest” stellt er die Demokratisierung Südafrikas in einen “Zusammenhang” mit den Einwanderungsströmen nach Europa und dem Missverhalten eines Teils der Flüchtlinge. Allgemeiner Rassismus hat sich nicht nur hier mit Anti-Islam verbunden. Und da sind Kommentare, dass die Apartheid ja doch nicht so schlecht war, nie weit. Der “Kronen Zeitung”-Leserbriefschreiber S. Pestitschek aus Strasshof197 schrieb zB “Nach dem Ende der Apartheid machen schwarzafrikanische Horden das ganze Land unsicher, Anarchie herrscht im Land, das ist das Ziel der 68er,ein bisschen Südafrika ist auch bei uns..” Wenn Wolfgang Drechsler in „Der Tagesspiegel“ schreibt (2015), „Die Buren werden vom Unterdrücker zum Unterdrückten“, ist das zwar nicht die Realität, aber sein Artikel war noch einigermaßen im Rahmen; Buren haben eben ihre Stellung an der Spitze eines Kastensystems verloren, und Deutsche wie Drechsler haben in Südafrika auch nicht mehr den Status wie zu Apartheid-Zeiten…

Ilana Mercer (Isaacson) ist eine aus Südafrika stammende Jüdin, die in die USA ging (dazwischen war sie auch in Israel). „My grandfather fled the Latvian town of Riga after the pogroms that followed the Bolshevik Revolution” – Die Pogrome waren eher vor dieser Revolution… “Grandfather Jack, RIP, settled in South Africa, where Jews thrived until the recent ascendancy of the pro-PLO and pro-Islamist ANC“. Der Vater hätte die “petty apartheid” durchbrochen – das haben aber, alle die schwarze Hausangestellte hatten. Nun schreibt sie auf vdare.com, worldnetdaily198 frontpagemagazin,… Mercer ist paläokonservativ/- libertär; d.h. zB, die Affirmierung des Bösen mit dem Islam und jüdisch-zionistischer Chauvinismus ist bei ihr nicht so stark im Vordergrund, sie übt(e) auchKritik an militärischen Interventionen der USA, und an den neokonservativen Juden in der USA (an den liberalen sowieso); dem „jüdisch-christlichen Westen“, dem die Wilden gegenüberstünden, redet sie schon das Wort. Lob bekommt von ihr nicht nur Geert Wilders, sondern auch zB Jörg Haider.199

Bezüglich Südafrika: „South Africa is being dismantled and dropped bit-by-bit down a black hole. The almost-overnight disintegration of that Christian civilization at the tip of Africa has sharpened my understanding of how fragile such western outposts are and how quickly they can crumble in culturally inhospitable climes.“ Sie schreibt sowohl gegen südafrikanische Schwarze (pauschal, rassistisch) als auch gegen Zuwanderer nach Südafrika aus afrikanischen Staaten UND sie prangert die Gewalt von schwarzen Südafrikanern an schwarzafrikanischen Einwanderern, die es gab, an. Ein Buch von ihr heisst „Into the Cannibal’s Pot: Lessons For America From Post-Apartheid South Africa“.200

Oder Richard Littlejohn, ein Brite mit jüdischen Vorfahren, der für Channel 4 sowie “Daily Mail”201 arbeitet. Vor wenigen Jahren gestaltete er eine Doku über “anti-semitism” (“The War on Britain’s Jews”). Da ist er ganz sensitiv, über Worte, über Entwicklungen, macht aus Israel-Kritik gleich “Antisemitismus”, stellt Querfronten von Moslems über Linke zu Rechtsextremen her.202 Der selbe sagte über den Genozid in Rwanda: “Does anyone really give a monkey’s about what happens in Rwanda? If the Mbongo tribe wants to wipe out the Mbingo tribe then as far as I am concerned that is entirely a matter for them”. Und, er nannte Palästinenser die “Pikeys (abschätzige Bezeichnung für fahrendes Volk/Zigeuner) des Mittleren Ostens”. Auch über Asylsuchende und Schwule äusserte er sich abfällig.203 Littlejohn lebt meist in einer schwer “gesicherten” Villa in Florida, Entwicklungen in GB bekommt er hauptsächlich aus der rechten Presse mit.

Der Artikel sollte gegen Ende nicht zu weit abschweifen, vom Thema Israel und Apartheid, aber ein paar Dinge gilt es, aufzuzeigen. In West-Deutschland wurde nach dem Nationalsozialismus „Kommunismus“ eine Art Black Box/ Metapher/ Variable, in die jedes Ressentiment passte; dann nahm Islam bzw Islamismus diese Rolle ein, dem alles (subjektiv/objektiv) Böse zugeschrieben wird, auch der NS. Im Zeitalter der Islamkrise ist inzwischen fast alles an traditionellen rassistischen Stereotypen ist sagbar, solange es sich in das Mäntelchen der Islamkritik zu kleiden weiss. Imperialismus und Rassismus, die früher als „Antikommunismus“ daher kamen, sind heute „Anti-Islamismus“. Wenn Wolfgang Fellner in „Österreich“ zB schreibt, „Die Türken wollen Europa islamisieren – mit Kopftüchern und Moscheen“204, ist das noch harmlos. Es gibt auch Rechte wie Andreas Koller (“Salzburger Nachrichten”), die sich über „Israel“ (+) und „Islam“ (-) „liberal“ machen (wollen).

Kay Sokolowsky:

“Alt ist der Fremdenhass, der sich hier manifestiert. Neu sind die scheinaufgeklärten Gründe, mit denen er sich auftakelt. Ein perfider Trick, der es auf den ersten Blick so aussehen lässt, als habe es mit Ausländerfeindlichkeit nichts zu tun, was die Muslimhasser treiben.

Es ist gesellschaftlich nicht konform, gegen ‘die Kümmeltürken’, ‘die Kameltreiber’ oder ‘die Knoblauchfresser’ zu hetzen. Also weichen die Fremdenhasser auf Schimpfwörter wie ‘Mohammedaner’, ‘Musel’ oder ‘Kulturbereicherer’ aus.…Die Motive sind dieselben wie bei jeder anderen Form des Rassismus: Hier wird ein Kollektiv von schlechten, minderwertigen, ‘unsere Kultur und Nation bedrohenden’ Menschen konstruiert, damit der Rassist sich selbst erhöhen kann. Ohne sagen zu können, was ihn zu einem moralisch und intellektuell makellosen Wesen macht, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was denn die Überlegenheit seines Charakters und seiner Lebensführung ausmacht, definiert der Rassist sich positiv über all das Negative und Böse im Bild seines Feindes. Wichtig ist dem Fremdenhasser allein, dass er selbst ‘nicht so’ ist. Ob aber die Menschen, die er in sein Feindbild hineinpresst, tatsächlich ‘so’ sind, überprüft der Rassist nicht. Er setzt es einfach voraus. Seine Ideologie ist hermetisch, für Fakten und rationale Argumente nicht erreichbar. …Muslimfeindliche Polemiker genießen eine erheblich größere Aufmerksamkeit in den Medien als seriöse Migrationsforscher wie Werner Schiffauer oder aufgeklärte Muslime wie Navid Kermani.”205

Es gibt einen Unterschied zwischen Kritik an diversen Zuständen im neuen Südafrika206 und rassistischer Apartheid-Apologetik. Und es gibt einen Unterschied zwischen Islamkritik sowie Islamismuskritik und Islamophobie. Mark Gabriel ist ein Ägypter, der vom Islam zum Christentum konvertiert ist207, früher Mustafa geheissen hat (vielleicht hat er auch den Nachnamen geändert) und ein Imam war, sogar an der al Azhar. Er pocht auf eine Unterschiedung zwischen Islam als politische Ideologie und Moslems als Menschen. Wehrt sich dagegen, dass seine Islamkritik von Rechtspopulisten und Rassisten verschiedener Art zur Legitimation herangezogen wird. Bei Hamed Abdel-Samad ist das anders. Der ist ein orientalisches Schau- und Vorführobjekt für jene Westler (geworden), die ein Feigenblatt für ihre rassistisch-kulturalistische Nacktheit brauchen. Bei den meisten, die Abdel-Samad heranziehen, wird klar, dass Islamophobie nur eine Variante von Rassismus ist (und etwas anders als Islamkritik), und sich der Geist der Islamophobie auch leicht gegen Andere (Nicht-Moslems richten kann).

Auf der Internet-Seite des FPÖ-Akademikerverbandes waren im Sommer 15 Postings zu lesen wie „Millionen Neger wollen selbst aus Afrika weg, nach Europa, wo alles hier gratis und ohne Arbeit zu erhalten ist. Sie flüchten vor sich selbst, sie bringen ihr Unwissen, ihr Analphabetentum, ihren Haß und Streit unter sich und ihren Haß auf uns Weiße nach Europa mit und Europa wird spätestens in 50 Jahren im Chaos und Sumpf enden, wie wir es heute in Südafrika sehen“.208 Als Mireille Ngosso (aus Kongo stammend, SPÖ) vor Kurzem neue stellvertretende Bezirksvorsteherin der Wiener Innenstadt wurde, überschlugen sich im IT rassistische (und auch sexistische…) Anfeindungen gegen sie, wie „Ab in den Dschungel zum Bananenpflücken“. Das ist, was so in der unmittelbaren Nachbarschaft der Islamophobie blüht, mit ihr verwandt ist. Oder die Aussagen der Kleinpartei Christliche Bayerische Volkspartei (CBV) im Bundestags-Wahlkampf 1987. Darin verlangte der Parteivorsitzende Volkholz unter anderem Waffenlieferungen an das südafrikanische Apartheidregime und forderte, dass das „ewige englische Negergebrülle in Rundfunk und Fernsehen“ aufhören und stattdessen „wieder gesundes Volkstum“ gefördert werden solle.209

Es gibt jene, die sagen, die Wahl Obamas sei ein schwarzer Tag für die USA gewesen, oder sie schämten sich damals, Amerikaner zu sein. Pamela Geller, die ja “Ayn Rand” so verehrt, schrieb, “Our civilization is at stake”. Mit den “Bedrohern” meint sie nicht nur Moslems (bzw ihre Vermischung von Islam, “Orient”, Moslems, Islamismus), sondern auch (christliche) Schwarzafrikaner. Schwarze würden in Südafrika einen Genozid an Weissen begehen. Milo Yiannopoulos, ein Brite (u.a.) jüdischer Herkunft, Israel-Fan, Trump-Fan, ehemaliger “Breitbart”-Blogger210, spannt den Bogen von afrikanischer Einwanderung nach Europa zu Islam(ismus), von Rechtskonservatismus zu Neonazis. Von „Europa/ Deutschland ohne Scharia“ und ähnlichem, eigentlich emanzipatorischen /humanistischen „Anliegen“, kann man leicht so ziemlich alles andere „herausargumentieren“ (zB „Kanaken raus“), ebenso aus „kick some hamas assess“.

Dieser Schritt von der Zuschreibung „fanatisch“ zu „schmutzig“, mit der Zwischenstufe „primitiv“. Gerade noch wird über “westliche Werte” gefaselt, und schon ist man bei “Kameltreiber” oder „Ab in den Dschungel zum Bananenpflücken“.211 Die Verwischung der Grenze zwischen Berechtigtem und Hetzerischem geschieht auch durch Islamisten immer wieder; man denke an den austro-ägyptischen Salafisten Mohammed Mahmoud und seine Mona S., die wegen ihres Vollgesichts-Schleiers beim Prozess wegen der Anschlagsdrohung in Wien 08 ausgeschlossen wurde, was von den beiden als “islamophob” und “diskriminierend” skandalisiert wurde (was es nicht war). Die Übergänge zur offenen Verwendung von rassistischen Stereotypen und Klischees gibt es auch in anderem Kontext. „South Africa used to be a wonderful place – they didn’t let blacks walk on the pavements“, hört man “plötzlich” von einem Teil jener, die die ANC-Regierungen kritisieren.

Oder, dieser Schritt vom Shitstorm über das Treffen von Özil und Gündogan mit Erdogan (“Özil raus aus dem Nationalteam”)212 zu “Özil und Boateng raus aus dem Nationalteam weil sie keine echten Deutschen sind”.213 Oder der Tweet von Roseanne Barr (Borisofsky), der jüdischen US-amerikanischen Schauspielerin kürzlich, die pro Trump und überhaupt wirr (geworden) ist. Sie hat Valerie Jarrett, einst Beraterin von Barack Obama als Präsident als “Baby von Muslimbruderschaft und Planet der Affen“ bezeichnet. Jarretts Vorfahren sind zwar Amerikaner, aber zum Teil “schwarze” und sie ist im Iran geboren, weil ihr Vater im Rahmen der damals guten Beziehungen der Länder als Arzt in einem Krankenhaus arbeitete. Was Leute aus moslemisch geprägten Regionen und aus Afrika Stammende verbindet, ist ja, das sie irgendwie “höhere Affen” sind.

Stellungnahmen für bzw “Solidarität mit” Israel aus Deutschland/Österreich sind in der Regel (auch) eine bewusste oder unbewusste Entlastungsstrategie von der NS-Vergangenheit oder der Verstrickung der Eltern- oder Grosselterngeneration darin. Im “Nahost-Konflikt” hat man die Möglichkeit, sich an die Seite Israels und der Juden zu stellen, man kann sich als besonders humanitär und abgeklärt zeigen und muss sich nicht mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, man kann Parallelen zum eigenen Land ziehen (“Ja, die Türken hier…”).214 Dabei kommt es häufig zu rassistischen Grenzüberschreitungen gegenüber den “Feinden Israels”. Von ehemaligen Soldaten der deutschen Wehrmacht gab und gibt es für Israels Armee seit dem Krieg 1967 Bewunderung, wie vom langjährigen „Krone“-Kommentator „Staberl“ (Richard Nimmerrichter). Dieser äusserte ’67 zB Bewunderung für das „tapfere, kleine Land“, wünschte dass es nicht dem Schicksal anheim fällt, dass „Ahmed Shukeiri215 ihm zugedacht hat“.216

Wie Broder und viele “Antisemitismus-Experten” war/ist auch “Staberl” der Meinung, dass einen eine Parteinahme für Israel über jeden “Antisemitismus”- und auch “Rassismus”-Verdacht erhebe (umgekehrt, mit “Israel-Kritik” wird man zum “Antisemit”). Die positive Sicht auf Israel ermöglicht einen sehr rassistischen Blick auf “die Araber“, “die Moslems”. Begeisterung, wenn die israelische Armee Widerstandsnester aufspürt und vernichtet, wie einst die Wehrmacht in Osteuropa, so effizient und tapfer und kühl. Begeisterung von manchen Deutschen (und Österreichern), die nach den zwei Weltkriegen “nur” noch in der Fremdenlegion richtig töten konnten (oder neuerdings in Afghanistan),217. Rechte sind in der Regel für die Durchsetzung von nationalen Interessen (gegen andere solche) mit Gewalt, haben Sympathie für das Kleinhalten von Ethnien, für das Recht des Stärkeren. Philo-Zionismus ist eine Möglichkeit, sich reinzuwaschen (zB durch die Etikettierung von Israel-Kritik als “Antisemitismus”) und aus der Schmuddelecke zu kommen, einen politisch korrekten Nationalismus und Rassismus zu betreiben; und (neuerdings) die eigene Menschenverachtung anderen umzuhängen.

Zionisten sind immer wieder Allianzen mit aktiven/ehemaligen Faschisten eingegangen, nicht nur zu den von der NP gebildeten Apartheid-Regierungen Südafrikas. Parteinahme für die Achsenmächte des 2. WK und ihre Ideologie und ein klassischer Antijudaismus sind auch keine Hindernisse für Israel-Begeisterung…218 Heute sind “Islamkritik” und „Israel-Solidarität“ eben auch Alibis bzw Vorwände für die Auslebung von Rassismus. In bzw ggü Österreich/ Deutschland wird das Verhältnis zu Israel immer mit dem Holocaust verbunden, womit auch Parteinahme für Palästinenser unterbunden bzw diffamiert werden soll.219 Auch die Verschiebung des NS in den Orient steht in diesem Zusammenhang. Rechte Zionisten (die nicht unbedingt [nur] Israelis sein müssen) und “Westler” sehen oft einen gemeinsamen Feind. Ersteren geht es dabei hauptsächlich darum, berechtigte Anliegen der Palästinenser über den Islamismus zu diffamieren, zweiteren darum, Zuwanderer (aber auch generell nicht-Weisses) politisch korrekt anzugreifen.

Die FPÖ sucht nun, im Gleichschritt mit den anderen west-europäischen Rechtsparteien, den Schulterschluss mit Israel im “Kampf gegen den Islam(ismus)”, affirmiert “Westen” nun auch positiv, machte ihn zum Bezugspunkt. Für die Strache-FPÖ sind Juden nun gut für den Westen (und Teil von ihm), Moslems sind das Andere (Afrikaner und andere Nicht-Europäer werden zT dazu genommen). Und Israel sei ein Stück Westen in einer dunklen Region, sei die Antithese zum Islamismus. Strache war ja als junger Mann in der Neonazi-Szene unterwegs; ist seine Hinwendung zu Pro-Zion wirklich eine Wandlung?! Oder eher eine Kontinuität?220 Ein anderer Pseudo-Saubermann ist Sebastian Kurz, seit einigen Monaten Senior-Koalitionspartner der Strache-FPÖ. Was Rechten in Westeuropa von zionistischer Seite angeboten wird, ist “Pro-Israel” gegen “Holocaust-Absolution”, Anerkennung von Holocaust-Aufarbeitungs-Bemühungen gegen Pro-Israel und Anti-Orient, bzw: Österreich rehabilitiert Israel, Israel rehabilitiert Österreich. Kurz: Gerade für ein Land mit der Geschichte von Österreich müsse es immer ein Ziel sein, einen ganz starken Kontakt und eine ganz starke Partnerschaft mit Israel zu haben.

Und das hat Kurz als Aussenminister und Bundeskanzler (u.a.) bei Reisen und Empfängen auch “beherzigt”. Als er übrigens 2016 zum 60-jährige Bestehen der bilateralen Beziehungen” zwischen Österreich und Israel hinreiste, befand man sich zwischen der Wahl und der ersten Stichwahl um die österreichische Bundespräsidentschaft, mit Chancen des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer; israelische Politiker sagten damals, sie blieben bei ihrer Politik, offizielle Kontakte zu FPÖ-Politikern abzulehnen. Das Flüchtlingsthema war bei dieser Wahl ein bestimmendes, Hofer sagte, der Islam gehöre nicht zu unserer Kultur221 und schlug Flüchtlingslager in Afrika vor (was Barroso damit kommentierte, dass ihn das an die Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg erinnere). Nun ja, und Israels Umgang mit Flüchtlingen aus Afrika, die Haltung von Netanyahu und seinen Partnern dazu… Kurz hat(te) ja auch so Ideen zum Umgang mit Flüchtlingsströmen; und ein gutes Verhältnis mit Netanyahu.

Als der Schriftsteller Michael Köhlmeier vor einigen Wochen beim Gedenken im Parlament an den Anschluss Österreichs an NS-Deutschland 1938 eine Rede hielt, warf er der FPÖ Heuchelei im Umgang mit den Juden vor und verglich die Schließung von Fluchtrouten (Balkan) mit der Judenverfolgung (zumindest wurde das so interpretiert). Nur, die FPÖ bekommt aber immer wieder den “Koscher”-Stempel, und im Umgang mit Flüchtlingen aus Afrika sowie Moslems stehen die allermeisten israelischen Politiker “rechts” von der FPÖ; und auf Israel (und den Umgang damit) kommt es an bei NS-Aufarbeitung und Antisemitismus-Bekämpfung, wie immer betont wird, von Netanyahu bis Brauer.222 Jedenfalls, die Bemühungen von Kurz und teilweise auch jene von Strache werden anerkannt; der World Jewish Congress (WJC, R. Lauder) hat Kurz zu seiner Kür zum Bundeskanzler im Dezember ’17 gratuliert, zugleich „starke Besorgnis“ und Erschütterung über dessen Entscheidung, eine Koalition mit der FPÖ zu bilden, geäussert. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien ebenso.223 Nun, ohne die Stimmen der FPÖ-Abgeordneten wäre Kurz nicht zum Kanzler gewählt worden, und wenn man eine so grundlegende Entscheidung von ihm (die Koalitionsbildung) mißbilligt, müsste man ihn eigentlich an sich in Frage stellen.

Zumindest Strache-Fans sehen Kurz auf einer Linie mit ihrem Idol

Das staatliche Israel hat nach der Regierungsbildung in Österreich auf eine Abberufung seiner Botschafterin „verzichtet“, verkündete aber einen Boykott der FPÖ-Minister. Dies betreffe auch die parteilose (aber von der FPÖ nominierte) Aussenministerin Kneissl; damit kann auch jedwede „Einmischung“ in die israelischge Politik ggü Palästinensern verhindert werden. Insbesondere am rechten Rand der Regierungspartei Likud gibt es aber Kräfte, die sich für eine “Normalisierung” der Beziehungen zur FPÖ einsetzen. Der Likud-Abgeordnete Yehuda Glick (aus der USA, anscheinend nicht mit Caroline verwandt, ein religiöser Fundamentalist und Siedler) traf zB ’18 auf einem “privaten Besuch” in Österreich FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache, weitere FPÖ-Politiker sowie Kneissl. Strache war auch oft in Israel, zuletzt 16, traf damals auch Mitglieder der Netanyahu-Regierung; er hat kein Einreiseverbot, wie Günter Grass oder jene Palästinenser, die die Stätten ihrer Vorfahren besuchen wollen, ist auch längst pro-israelisch.224 Rassismus ggü Moslems bringt Likud-Politiker dazu, Antisemiten reinzuwaschen, könnte man sagen; aber auch das von der Avodah dominierte frühe Israel hat ja mit den NP-Regierungen Südafrikas bestens zusammen gearbeitet.

Auch von der Türkei kam Kritik an der ÖVP-FPÖ-Regierung, davon zeigte sich Kurz „unbeeindruckt“, wie er sagte. „In der Türkei werden systematisch Menschenrechte verletzt, und diese Türkei hat keinen Platz in der Europäischen Union.“ Das sei zu Recht im Regierungsprogramm so niedergeschrieben worden. Abgesehen von der Frage, ob der Platz der Türkei in der EU ist, Menschenrechtsverletzungen dort sind für Kurz/Strache eher ein Vorwand. Und: Eigentlich müssten sich Repräsentanten eines doch demokratischen Landes wie Österreich225 überlegen, ob sie mit Netanyahu, Lieberman, Shaked, Bennett Kontakte aufrecht halten sollen, aufgrund ihres Rechtspopulismus, der von ihnen begangenen (angeordneten) Menschenrechtsverletzungen (die für Palästinenser alltäglich geworden sind), ihres Rassismus’. Aber nicht nur die Rechte Österreichs findet nichts an so einer Zusammenarbeit; unter Bundeskanzler Kern (SPÖ) wurde die auch schon intensiver; Verteidigungsminister Hans-Peter Doskozil hat damals etwa “Zusammenarbeit” im “Sicherheits”-Bereich mit seinem Kollegen Avigdor Lieberman eingeleitet, bei “Cyberabwehr” oder “Schutz gegen digitale Bedrohungen”.

Kurz wird demnächst (Juni 18) wieder einmal Israel besuchen226, „Ziel Vertiefung der bilateralen Beziehungen“, „Österreich ist der Sicherheit Israels und seiner Bürger verpflichtet“, „bilateralen Beziehungen sollen insbesondere im Bildungs- und Wissenschaftsbereich vertieft werden”,… Wird in Jerusalem auch vor dem Weltforum des American Jewish Committee (AJC) sprechen, dessen Vorsitzender ihm im Vorfeld Blumen streute („erwiesener Freund von Israel und des jüdischen Volkes“, zähle zu jenen Politikern Europas, die eine besonders deutliche Sprache sprechen,…). Es ist, wie gesagt, Opportunismus von beiden Seiten zu beobachten bei diesem “Flirt”. Der palästinensische Gesandte in Österreich sagte, man habe es in Österreich jetzt mit einer rechtskonservativen Regierung zu tun, die alles unternehme, um ihre Freundschaft zu Israel zu zeigen. “Wenn ich mir die Reaktion von Strache auf den Beschluss von US-Präsident Donald Trump (für die Verlegung der USA-Botschaft nach Jerusalem) anschaue, da wird einem mulmig.“227

Die IKG, auch unter Oskar Deutsch stramm zionistisch228, dreht die Israel-Bejahung der Rechten (bzw die Querfront) um, jene der FPÖ ist gewissermaßen zu wenig, um das andere wieder gut zu machen. Die totale Verkennung/Verleugnung des Charakters des Zionismus und der Solidarität zu ihm. So habe FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky “noch 2009” nach der “israelischen Militärintervention im Gazastreifen” von einem „geplanten Vernichtungsfeldzug“ der israelischen Regierung gegen die Palästinenser gesprochen. Und wenn Vilimsky das israelische “Vorgehen” gegen die Palästinenser in Gaza (bei diesem “Krieg” und überhaupt) gutgeheissen oder dazu geschwiegen hätte, dann wäre alles gut, ja? Auch würden die österreichischen Parteien bezüglich „muslimischen Antisemitismus” “die Augen verschliessen” – „sei es aus Angst, des Rassismus beschuldigt zu werden, oder aus politischem Kalkül in Bezug auf Stimmengewinne durch die muslimische Gemeinde“. Die Realität, die islamophobe Linie der FPÖ (für die auch “moslemischer Antisemitismus” herangezogen wird), und das folgerichtig Philoisraelische der Partei, wird ausgeblendet. Ausserdem ist hier der Versuch der Desavouierung von Anti-Rassismus zu erkennen, und das Ausspielen von Rassismus gegen Antisemitismus.

Die offizielle Linie der IKG Wien, internationalen jüdischen Organisationen, der israelischen Regierung zur Regierungsbeteiligung der FPÖ ist ein “Besorgt sein”. Auf “unteren Ebenen” sieht das ja anders aus.229 Bei einem staatlichen Festakt zur Beendigung des Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft Anfang Mai 18 trat der Künstler und Holocaust-Überlebende Arik Brauer als Redner auf. Gegenüber dem Radio-Sender Ö1-Reihe äusserte dieser, es für einen Fehler zu halten, dass FPÖ-Vertreter zum zweiten Teil der Veranstaltung nicht eingeladen wurden. Er hält
Bemühungen Straches, “mit dem NS-Erbe in der FPÖ aufzuräumen”, für glaubwürdig. „Ich persönlich nehme dem Strache seine absolut faire und richtige Einstellung zum Judentum ab.“ Was aber keine Überraschung ist, wenn man Straches Gespräch mit Brauer für “Der Standard” vor einigen Jahren gelesen hat (ich glaube, es war vor einer Wahl), und überhaupt Brauers Aussagen zum “Nahost-Konflikt” und “Antisemitismus” seit Anfang der 00er.230 Die Haltung zu Israel ist (Brauer hat auch die Mauer in den palästinensischen Rest-Gebieten verteidigt), was für ihn zählt, und da war Strache brav (diverse Soli-Reisen, Jerusalemer Erklärung 2010 mit anderen westeuropäischen Rechtsextremisten,… Hetze in die richtige Richtung). Es ist auch eine weitere Neuausrichtung der FPÖ zu erwarten, bzw eine weitere Verschiebung bei ihrem Rassismus.

Rechts ist im Kontext der Beziehungen mit Israel und jüdischen Gemeinden nicht gleich rechts. Der ungarische Premier Viktor Orban (FIDESZ) ist zur Zeit gerade dabei, jenen Stempel zu bekommen, den Strache von Brauer bekommen hat. Orban, der zu den Flüchtlingsströmen nach Europa sagte, er könne sich vorstellen, dass Bürger westlicher Länder, die vor “Liberalismus, politischer Korrektheit und Gottlosigkeit in ihrer Heimat fliehen”, in Ungarn aufgenommen werden, zeigte sich kürzlich mit Netanjahu in Budapest einig. Bei den polnischen Rechtskonservativen von der PiS ist das anders, die von dieser Partei hauptsächlich gestellte Regierung hat zum Ärger Israels ein Gesetz erlassen, das es verbietet, Polen mit dem Massenmord an Juden im 2. WK in Verbindung zu bringen. Manche “Westisten”, die über Putin die Nase rümpfen (und sich klamm-heimlich über Wilders freuen), sind bei Orban in einem Dilemma… Kommt es darauf an, wer die Feindbilder sind? Wie nahe FIDESZ und Jobbik zu einander sind, ist umstritten. Jedenfalls, vor Jobbik alarmieren jüdische Organisationen wie WJC. Im “Kurier” war vor einer Wahl in Ungarn ein Artikel über Ängste” von Juden in Ungarn – Und jene in den Niederlanden, gegen die Wilders hetzt? Und Palästinenser vor Likud, HaBeit HaYahudi,…? In der AfD gibt es übrigens auch einen pro-israelischen Flügel. Und Berlusconi hat sogar einen Preis von der Anti-Defamation League (ADL) bekommen; von jener Organisation, die auch Trainings von US-Polizeibehörden mit israelischen sponsert.231

Es scheint so, dass Deutschen/Österreichern eine Pro-Israel-Haltung als Holocaust-Wiedergutmachung angerechnet wird, egal wie rassistisch man gegen Andere ist. Und in diesen Ländern hat Israel oft die Funktion eines Nationalismus-Surrogats. Ex-Politiker Hubert Kleinert, der ein reaktionärer Scharfmacher geworden ist, sagte, die Grünen hätten sich anfangs „einseitig auf die Seite der arabischen Massen“ geschlagen, was ihnen in jenen Jahren in Israel „nicht ganz zu Unrecht den Ruf der Kinder Hitlers eingebracht hat. Publizisten/ Propagandisten232 geiselten im Kalten Krieg ggü Deutschen kommunistische und anarchistische Neu-Linke, doch ging NS-Aufarbeitung hauptsächlich von denen aus, und die Alternative waren hauptsächlich jene Ex-Nazis, die sich hin zu “pro-westlich” gewandelt hatten. Auch Amos Oz phantasiert immer wieder eine mächtige und blinde westeuropäische Linke im Bündnis mit einer ebensolchen “Dritten Welt” herbei, zB in “Hier und da im Lande Israel”.

Ja, der Zionismus (auch der “linke”) war immer mit der westlichen Rechten verbunden, in Deutschland mit Strauss (v.a. als er Verteidigungsminister war) oder Springer.233 Und Südafrika war nicht das einzige Land, in dem ein Teil der Bevölkerung die Auswirkungen des Bündnisses von Machthabern mit Israel zu spüren bekam. Und Kommentare über Mehrheitsverhältnisse in den UN (und in Bezug zu IL) lassen oft viel Verachtung für “farbige” Menschen/Staaten durchschimmern. Die dem vorgegebenen Universalismus-Anspruch entgegen steht. Ein “Anti”deutschen-Video auf Youtube preist den Mord an “Che” Guevara in Bolivien – dessen damaliges Regime auch Nazis Zuflucht gewährte und mitarbeiten liess.

Die ewigen Widersprüche des Zionismus zeigen sich in den Rechtfertigungen zur Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika von Eitan und Peres (s.o.). Auch im entweder dazu Stehen dass der Zionismus brutal und rassistisch ist oder aber dies empört in Abrede stellen. “Wir hassen sie” oder “Sie hassen die Juden”. Die IKG Wien hat kürzlich die Proklamation Israels vor 70 Jahren im Rathaus der Stadt gefeiert. „Israel ist ein Licht unter den Nationen“, sagte IKG-Präsident Deutsch und behauptete, dass der jüdische Staat die einzige stabile und pluralistische Demokratie des “Nahen Ostens” sei. In Israel hätten alle Minderheiten dieselben Rechte wie Juden, selbst Muslime hätten dort mehr Rechte als in islamisch geprägten Ländern. Das stimmt natürlich nicht, nicht für die Palästinenser in den Grenzen Israels 1948-1967, und noch weniger für jene, die 1967 unter israelische Herrschaft kamen… Aber es ist eindeutig ein Chauvinismus der einen Sorte; und einer der Marke “Den Palästinensern geht es eigentlich eh gut genug”; IL sei eigentlich ein Segen für die Region, und die Menschen in der Region werden über die Religion definiert.234

Jacques Kupfer, Vorsitzender des französischen Likud und des World Likud, bezeichnete die Palästinenser als “Horde von Barbaren” und “arabische Squatter in Eretz Israel”. “Man kann nicht mit ihnen zusammenleben, falls sie überhaupt das Recht auf Leben haben”, sagte er ebenso offen wie er eine Ausweisung fordert: “Wir dürfen die Gelegenheit nicht wieder so ungenutzt verstreichen lassen, wie wir es 1948 und 1967 getan haben.”235 Das ist der andere Chauvinismus, nicht dieses Wir-sind-heiliger-als-die-Jungfrau-Maria.236 Rassismus von israelischer oder pro-israelischer Seite wird fast immer ausgeblendet. Zum Beispiel der im israelischen Fussball, gegen Palästinenser und Andere; da gibt es eine Kultur des Schweigens. Und andere Standards als für Antisemitismus irgendwo in Europa.

Islamismus wird gerne vorgeschoben, um Verachtung und Unterdrückung zu rechtfertigen. Aber manchmal wird darauf verzichtet. Ein Benutzer-Kommentar auf Youtube (“John Sparks”): “I hear people griping about Israel getting arms from the USA, so I decided to do something about it as an American. I bought a IWI Jericho 941 from Israel. Fantastic gun and great for shooting Palestinians as is my 9mm Glock. No two pistols have killed more Palestinians than the ones I own and I am proud. I challenge any gun enthusiast to match them. I am not a Jew but you are damned right I am a Zionist! Long live Israel!” Ein “Popeye” schrieb dort: “Sounds all good to me, killing Fakestinian children is only a bit fun.” Der andere Chauvinismus: “Seanán Sèitheach”: “Misinformation repeated over and over by the enemies of Israel doesn’t make it true…”. Die beiden chauvinismen kommen auch oft in EINEM vor: “yes, iran hates to see civilians killed, that is why iran kills its own civilians regularly. muslim pig.“

Siedler-Graffito “Westbank”

Diese 2 Chauvinismen korrelieren mit der Haltung, wonach Israelis “Kolonialisten” sind, oder doch “Eingeborene” (in der Region verwurzelt). Einerseits keine Orientale sein wollen (sondern etwas besseres), andererseits darüber klagen, in der Region abgelehnt zu werden. 2006 hat die israelische Botschafterin in Australien, Naftali Tamir, gesagt dass Israel und Australien wie Geschwister seien, beide lägen in Asien und ihre Einwohner hätten nicht die asiatischen Charakteristiken von “gelber Haut und Schlitzaugen”, sondern gehörten der weissen Rasse an. Sie wurde darauf hin anderswo hin versetzt.237 Ein Kommentar aus dem Forum von derstandard.at, von dem pro-israelischen User “mucosaproleps”: “Israel ist eine europäische Kolonie; sie ist überwiegend im Besitz von weißen Europäern, die aufgrund ihrer Religion vertrieben wurden, genau wie die USA früher; Israel wird regiert von überwiegend weißen Europäern; Israel ist eine Demokratie nach europäischem Vorbild. Wie jemand dann ncoh auf die Idee kommen kann, diejenigen zu wählen, die immer noch die NS-Diktatur (die Israels Gründung mit verursacht hat) bewundern und schwachsinniges Rassedenken pflegen, kann ich in keiner Weise nachvollziehen.”238

Auf der einen Seite das “Wir sind das technologisch fortgeschrittenste Land der Religion und werden mit ihnen allen locker fertig…”239, auf der anderen Seite “Wir sind klein und arglos und unser Herz ist rein und wir würden gerne mit ihnen in Frieden leben..”. Wenn Gefen (oder Lapid oder Eldad Beck) vor “iranischen Zuständen” in Israel warnt, meint er übrigens Leute wie Yishai; der ist aber auf eine andere Art anti-iranisch bzw gegen die Region. Die Siedler und andere rechtsextreme Israelis verbrennen nicht nur gern die palästinensische Flagge, sie sitzen auch in Schulen nach Geschlechtern getrennt, bewerfen auch ihre Soldaten gelegentlich mit Steinen. Die “linken”, “liberalen” Zionisten können am Strand von Tel Aviv den Militärhubschraubern zusehen, wenn sie zum Einsatz in Gaza fliegen.

Die zionistische Dichotomie zeigt sich auch in den Haltungen von Chaim Noll und Dieter Graumann zum Buch von Thilo Sarrazin mit den Vererbungs-Thesen. Hier fielen die Positionen grossteils mit “Israel” und “Diaspora” zusammen. In der Diaspora ist es ein Tabu über jüdische Gene (und Juden als Ethnie) zu reden, in Israel dreht sich alles um die die Juden als Ethnie (unabhängig von der Religiosität der Einzelnen)240, die Abgrenzung zu Nicht-Juden, ihre (vermeintlichen) Wurzeln in diesem Land,… “Während Israel im Inneren seit Beginn seiner Existenz immer das Bild des neuen Juden propagiert hat, des wehrhaften Juden, des ‘Muskeljuden’, wie Max Nordau ihn nannte, der mit Abscheu auf die europäischen Juden blickt, die zum Opfer geworden sind, wird nach außen das Bild des ‘Ewigen Juden’, des ewigen Opfers beschworen, der in der Welt nur mit Antisemitismus zu kämpfen hat. Und dieses Bild beansprucht Israel für sich als Staat. Israel hat also ein Problem mit seiner Identität.” (“encolere” via mondoprinte) Die Vermengung von „israelitisch“ (jüdisch) und „israelisch“ wird von jüdischen Organisationen, Gemeinden und Lobby-Initiativen vollzogen…nicht von “Antisemiten”.

Die grundsätzliche Doppelnatur des Zionismus zeigt sich auch zB im Artikel über  “Grossisrael” auf de.wikipedia. Einerseits will man (die üblichen deutschen Israel-Apologeten) das “Recht” eines jüdischen Staats auf alle Gebiete, die er jetzt kontrolliert, und einige mehr, hineinschrieben (“Unteilbarkeit von Eretz Israel”); andererseits sind es ja nur “islamische Verschwörungstheorien”, in denen Juden diese Länder beanspruchen… Gewundene Bemühungen zur Quadratur des Kreises sind da zu beobachten; jedenfalls sollen die Orientalen als “hysterisch” und ihre Befindlichkeiten als “ungerechtfertigt” dargestellt werden. Ja, es wäre die ideale Grenzziehung, aber es will doch niemand unter den Zionisten wirklich. Immerhin wird der zionistische Umgang mit dem Existenzrecht Jordaniens (nicht aber Palästinas) thematisiert (angebliche Anerkennung durch Friedensvertrag).

Die geschilderten Widersprüche gibt es auch bei den Israel-Fans bzw werden von ihnen wiedergespiegelt. Bei den Rechts-(Philo)-Zionisten werden neben der israelischen Fahne die des Regenbogens241 geschwungen, bei den Links-Zionisten die deutsche (oder amerikanische,…). Für Rechte in vielen Ländern ist Israel (mit seinem ausgrenzenden, kompromisslosen Nationalismus) ein grosses Vorbild, wichtiger Bezugspunkt, ob in der Ukraine, Deutschland oder bei Afrikaanern in Südafrika. Hier werden normalerweise nur Israelis geschätzt, keine Diaspora-Juden, keine religiösen, linken,… Eigentlich wird Israel hier richtig gesehen, und auf der “linken” Seite wird ein geschöntes Israelbild gemalt. Ethnisch-kultureller Pluralismus – auch bekannt als Multikulti – ist das genaue Gegenteil der Staatsdoktrin/der Realität des jüdischen Staates Israel. Und, Israel als antifaschistische Institution und Antithese auf den NS ist so, wie sich „Doris Day“ i-wann als keusche Jungfrau neu “erfand”. Daher ist zur hier gerne zur Schau gestellten Pseudo-Widerstandskämpferattitüde zu sagen “Wehret der Lächerlichkeit”.

Oder “der Heuchelei“, bei dieser Mischung aus progressiven “inneren” Positionen und dem West-Imperialismus und Paternalismus bezüglich Weltregionen, die als “rückständig” eingestuft werden. Interessant wird’s, wenn man zB einen “Schwulenrechtler” wie Marco Schreuder und einen von der anderen Seite, wie Nicolaus Fest, gegenüber stellt.242 Fest macht (auch) den Islam zum NS, um aus seinem Rassismus etwas „antifaschistisches“ machen zu können. In einem Video-Kommentar wütete der AfD-Politiker gegen die Ehe für Alle. Homosexuelle könnten keine echte Familie gründen. Und: “Vor allem jedoch für eine Gruppe ist die Ehe für alle super: für Päderasten. Sie können sich zu Paaren zusammentun und Knaben adoptieren.“ Die Ehe für alle würde so auch bedeuten “Päderastie für alle“.243 Es wird über “Homosexuellenrechte” und “Antisemitismus” geredet, “Feminismus” vorgeschoben und “Terror”, und um die Ecke wartet dann ein Dan Roodt, der auch mal über blonde Afrikaaner-Kinder schreibt, welche das “arische” Ideal verkörpern würden. Oder Herr Fest von der AfD, die Neonazis den Weg in die Mitte der Gesellschaft ebnet.244 Linke “Solidarität mit Israel”, aber die kommt auch von Strache oder aus Orania.

Die Einbindung von Israel/Juden in einen “Westen” (und der Ausschluss Anderer), der das Recht habe, über diese Anderen zu herrschen, erfolgt heute in der Regel nicht über „gemeinsame Rasse“, sondern über „gemeinsame Kultur/Werte“. Die Einen wollen das Westliche auf das Fortschrittliche (Toleranz für Homosexuelle,…) reduzieren (womit man auch insinuiert, dass man selbst niemanden aus rassischen Gründen ablehnt), die Anderen definieren “das Fortschrittliche” (wie Toleranz für Homosexuelle) als unwestlich245. Die 2 Varianten von West-Chauvinismus. Küntzel hat in seiner Interpretation des Breivik-Massakers der rechten Islamophobie quasi unterstellt, mit Moslems/Islamisten unter einer Decke zu stecken; für Breivik oder Glick gilt das für die “linke” Islamophobie – wobei es viele “Brücken” gibt, zB Broder, auf den sich beide “Lager” beziehen. Linkschauvinisten wettern gegen „homophobe Rapper“ (und HipHopper), haben kein Problem mit der jahrhundertelangen Diskriminierung von Schwarzen in der USA .

Nach dem “Echo”-Preis 18 an Farid Bang & Kollegah kam ein Entrüstungssturm, von Helene Fischer bis zu den Geissens, über “Homophobie”, “Frauenverachtung”, “Antisemitismus”. Carmen Geiss („Die Geissens“) hat Farid „Bang“ El Abdellaoui auf Facebook unter anderem als “eine arme Seele und wirklich eine kranke Person” bezeichnet. Ihr Mann Robert regte sich unterdessen bei Instagram über die Rapper auf und wetterte gegen Ausländer. “Die ganzen Ausländer die uns so beschimpfen in Deutschland alle ihre Gelder beziehen,warum seid ihr denn noch dort??”. Das ist es, was zum Vorschein kommt, unter der politisch korrekten Maske, oft entpuppt sich die propagierte “Fortschrittlichkeit” als der reaktionäre Mist, der sie ist. Beim diesem Skandalisieren, Anprangern, kommt mehr oder weniger unterschwellig eine gewisse Überheblichkeit, Selbstgerechtigkeit mit, ein „Wir sind besser“. Die “Universalität der Aufklärung” machte oft vor Nicht-Europäern Halt; nicht nur weil der Philosoph Hegel in “Philosophie der Weltgeschichte” 1830 schrieb, Afrika sei ein Kontinent ohne Geschichte. Der säkulare Charakter Deutschlands verhinderte nicht den NS. Und die Vorfahren von Richard Dawkins, dem atheistischen Aktivisten, haben ihr Vermögen durch den Einsatz von Sklavenarbeit gemacht.

Der israelische Transportminister Israel Katz (Likud) hat 2009 angeordnet, auf Strassenschildern neben den hebräischen Städtenamen nur noch ihre direkte Transkription/Transliteration in Englisch und Arabisch zu verwenden, anstatt der Namen dieser Städte in diesen Sprachen. Also zB für Jerusalem nur “Jeruschalaim” in hebräischer, lateinischer, arabischer Schrift, statt wie bis dahin auch “Jerusalem” und “al Quds”.246 Und, ein Mitarbeiter der Kärntner Post hat vor ca. 15 Jahren eine Postkarte nicht zugestellt, weil als Zustelladresse die slowenische Bezeichnung von Klagenfurt, “Celovec”, angegeben war. Das war zur Zeit von Landeshauptmann Jörg Haider, der sprach dabei von “gelebtem Patriotismus”. Mehrheiten, Minderheiten, Machtverhältnisse, ausschliessender Nationalismus (bzw völkisches Denken) hier und dort.

Apropos: Haider hat sich einst nach einem Besuch in Namibia abfällig über das Land geäussert (“…ehemaliges Deutsch-Südwestafrika…dort bringen die Schwarzen auch nichts zustande…”). Wie bei Terdiman, Paintsil,… erwähnt, gibt es zionistische Bemühungen, Schwarze gg Moslems in Stellung zu bringen, sie nicht Opfer seines Chauvinismus werden zu lassen, sondern sie zum Instrument seines Chauvinismus zu machen. Grundsätzlich sieht man ja die umgebende Region (und die im Lande verbliebenen Palästinenser) genau so wie von Apartheid-Protagonisten (den damaligen Verbündeten) das schwarze Afrika und seine “Vertreter” im Land. Und die “3. Welt” auch nur annähernd gleichwertig mit dem “Westen” zu sehen, dagegen sträubt sich vieles.247 Man hat ja schon seine Probleme mit den maghrebinischen Juden (und diese mit Schwarzafrikanern), den “Falashas”, den Black Hebrews im Land oder den Afro-Amerikanern. Aber es gibt diese Bemühungen um Einflussnahme und “Partnersuche” in Afrika. Peres, der einen Riecher für “so etwas” hatte, hat sich gegen Ende seines Lebens in die Richtung gedreht. Verbunden damit ist auf zionistischer Seite meist, sich selbst als (in der Region) Eingeborene darzustellen.

Für ein geschöntes Westbild braucht man zwangsläufig Verbündete unter Afrikanern sowie ein Geschichtsbild (bzw eine Geschichtspolitik), in dem der jahrhundertelange weisse Umgang mit Afrika gedreht wird. Der moslemische Sklavenhandel in Afrika ist diesbezüglich seit Langem ein Entlastungsventil (dann wird sogar afrikanisches Leiden anerkannt). Die Fakten dazu sind die248: Es waren v.a. Suaheli-sprachige Schwarz-Afrikaner in/aus Ost-Afrika, islamisiert durch den Kontakt mit Arabern an der Küste einst, die meisten davon nicht mal partiell arabischer Herkunft, die diesen betrieben. Verkauft wurden die Betroffenen nach Nordost-Afrika (Ägypten) oder Südost-Afrika (Sansibar,…), wo sie blieben, oder auf die Arabische Halbinsel oder anderswo hin verkauft wurden. Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha, der zweite belgische König dieses Namens, jener also der den Congo (Kongo) unterwerfen liess, empörte sich über den “arabischen Sklavenhandel”, dem “das christliche Europa ein Ende bereiten müsse” – zum Auftakt seiner Inbesitznahme Kongos.

Einer, der ihm dabei half, Henry Stanley (John Rowlands), war auch einer, bei dem sich Befürwortung sklavenähnlicher “Haltung” der Kongolesen, Ausbeutungsabsichten, Missionseifer mit der Anprangerung der Sklaverei Anderer trafen. Oder Otto von Bismarck beim Aufstand gegen die Übernahme des Küstenstreifens von Tanganjika gegenüber Sansibar durch das Deutsche Reich (1888-1890).249 Ausbeutung und Unterwerfung wurde auch damals mit einem Fortschrittschauvinismus legitimiert, es gehe um “freien Handel”, “Mission des Christentums”,…, um das “Wohl” der Unterworfenen.

Was seit Herzl immer wieder wiederholt wird, ist dass sich der jüdische Staat von der ihn umgebenden Region abhebt (abheben soll). Dass er dort ein Vorposten des Westens darstellt/ darstellen soll. Dass die Menschen in der Region so zurückgeblieben seien. Man muss dazu sagen, dass Israel einen Ethnozentrismus “lebt”, der im Westen glücklicherweise schon lange der Vergangenheit angehört, und auch sonst jene Werte verletzt, die es vorgibt hochzuhalten. Dennoch wirft das “Doppelpass”-Spiel Israels mit dem Westen auch auf diesen kein gutes Licht. Und, die Entwicklung des Westens ist mitnichten die Erfolgsgeschichte, als die sie jetzt immer dargestellt wird. Wenn man Kolonialismus, Sklaverei, Faschismus, Kriege auslagert, vielleicht. Das 20. Jh hat Krieg und Zerstörung in einem noch nie da gewesenem Maß gebracht, hauptsächlich von der westlichen “Welt” ausgehend. Harry Belafonte, Teilnehmer des 2. Weltkriegs250:

“Es ging für uns Schwarze nicht nur um Hitler und Europa, sondern auch um die USA”.

Dort gab es auch nach diesem Krieg noch Rassendiskriminierung oder Lynchjustiz. Die USA beteuerten, (zB) in Vietnam einzugreifen, um „Demokratie dort zu schützen“, im eigenen Land aber mussten jene, die zur „falschen Rasse“ gehörten, damals um demokratische Grundrechte, Gleichberechtiung und Anerkennung kämpfen. Mohammed Ali, der sich weigerte, in Vietnam für das Militär der USA zu kämpfen: “Wenn ich jemanden bekämpfe, dann euch.”

Aber bei den Beziehungen zwischen Israel und dem Westen gehe es ja um “jüdisch-christliche” sowie “universale menschliche” Werte… “Der Westen” hat im “Nicht-Westen” jahrhundertelang alles andere getan als Menschenrechte und Gleichheit zu fördern und tut das auch gegenwärtig nicht! Menschenrechte einer Menschheit erster und einer Menschheit zweiter Klasse, wie es Israel gegenüber den Palästinensern praktiziert.251 Jacob Zuma hat 2006 zum „Spiegel“ bzgl. Zimbabwes Mugabe gesagt: „…In Angola, Kongo, Ruanda, und anderswo sind Millionen Schwarze gestorben,… in Zimbabwe sind unglücklicherweise einige wenige Weisse ums Leben gekommen, und schon steht der Westen Kopf.“ Dieser “Salon-Liberalismus”, Menschenrechtsverletzungen zu verteidigen oder zu ignorieren, solange sie ggü den “Richtigen” passieren. Wie bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)252, Jeffrey Toobin, Roger Köppel,… Bei Niall Ferguson, Andrew Roberts oder Rodney Stark kommt der Chauvinismus zumindest mit weniger Heuchelei daher, von ihnen kommen Bekenntnisse zur Privilegienabsicherung von “Menschengruppen” im globalen und regionalen Kontext.

Zuma253 2006 über Chinas Engagement in Afrika: „Afrika hat über Jahrhunderte unter Europa gelitten, der Kolonialismus hat unseren Kontinent ausgesaugt. Er wurde 1885 auf der Berliner Kongo-Konferenz aufgeteilt, während des Kalten Krieges hat der Westen dann übelste Diktaturen unterstützt. Wir mussten gegen die Europäer um unsere Unabhängigkeit kämpfen, und die Auflagen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds haben die Menschen in Afrika vielerorts noch ärmer gemacht als sie ohnehin schon waren. Nun kommt China – eine riesenhafte, wachsende Wirtschaftsmacht, die sich kaum jemals in Afrika eingemischt hat. Es gibt kein Land auf der Welt, das derzeit nicht mit China Geschäfte machen will, auch Deutschland gehört dazu. Und niemand interessiert sich ernsthaft für Menschenrechte. Aber wenn die Afrikaner mit China handeln wollen, werden sie kritisiert.“254 Die ORF-Journalistin Margit Maximilian ist nicht eine Reihe mit genannten Chauvinisten bzw Heuchlern zu stellen, aber sie hat bei einer Podiumsdiskussion zu Afrika vor einigen Jahren gesagt, Chinas Engagement in Afrika sei zweifelhaft, Europa bzw dem Westen gebühre hier aufgrund seiner Menschenrechtspolitik der Vorrang. Aus afrikanischer Sicht (und es geht hier um Afrika…) ist das höchst grotesk und absurd.

Donald Trump redet nicht von „gemeinsamen westlichen Werten“, er stellt US-amerikanische darüber. So verachtungsvoll er (der im Wahlkampf 2016 schon grosse Mühe hatte, sich vom Ku Klux Klan zu distanzieren) gegenüber Afro-Amerikanern und der nicht-westlichen Welt (zB Mexiko) ist, so sehr unterstützt er Israel. Seine Rassenhierarchie zeigte sich auch, als er die Aufnahme von Migranten aus Haiti und afrikanischen Staaten in Zweifel zog und diese als „Drecksloch-Länder“ bezeichnet; stattdessen sollten mehr Einwanderer aus Ländern wie Norwegen in der USA aufgenommen werden.255 Als im Jänner 17, kurz vor Trumps Amtsübernahme, in Paris nach Ansätzen für neue Friedensverhandlungen zwischen Palästinensern und Israelis gesucht wurde256, konnte Netanyahu spotten, die Konferenz seien die „letzten Zuckungen der Welt von gestern“, „das Morgen“ sei nahe und werde „anders aussehen“, der Übergang von Obama zu Trump. Natürlich gibt es Entzücken über seine Verlegung der USA-Botschaft nach Jerusalem, die Aufkündigung des Iran-Atomabkommens, das Veto in den UN gegen eine Verurteilung der israelischen Massaker an der Grenze zum Gaza-Ghetto.257

Natürlich gibt es die Trumpisten international, auch wenn sie es schwieriger haben als bei Bush, gibt es jene, die sein verschissenes Hardliner-Gesülze anspricht. Sarrazin, Köppel, Le Pen,…oder Bolsonaro in Brasilien. Dass gegen ihn wegen sexueller Belästigung, Steuerhinterziehung, Korruption, der “Russland-Affäre” ermittelt wird (und Trump die ermittelnden Behörden verbal attackiert), stört diese nicht. Hauptsache, mit John Bolton ist ein wichtiger Bushist wieder am Ruder. Bezüglich der Bevölkerungen von „Drecksloch-Ländern“ wie Venezuela oder Syrien spielt Trump dann doch den “Menschenrechtler”. In Venezuela dachte er laut eine Intervention an (natürlich zum Wohle der Bevölkerung)258, nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff des Assad-Regime in der Stadt Duma (Region Ostghuta) sprach Trump von einem „abscheulichen Angriff auf Zivilisten“, wie bei früheren solchen mutmaßlichen Giftgasangriffen in Syrien gab es auch diesmal Jene im Westen, die Sorge um Syrer vorheuchelten und eine Intervention forderten. Die ja dann kam. Zur Freude (und Stärkung) von Israel und Saudi-Arabien.259

Guttenberg kritisierte, dass sich Deutschland an dem Militärschlag nicht beteiligte, “Wenn Menschen abgeschlachtet werden, muss man auch einmal eingreifen”, sagte der CSU-Politiker zur “Bild”. Die Bundesregierung mache es sich zu leicht, wenn sie sage, “die Drecksarbeit machen die anderen für uns”. Wie Bismarck bezüglich Ostafrika 1888. Die Achse zwischen Trump, Netanyahu und Mohammed bin Salman al Saud funktioniert jedenfalls. Saudi-Arabien unterstützt in Syrien hauptsächlich die Nusra-Milizen, richtet viel Leid in Jemen an; und sein regierender Kronprinz teilt die israelischen Unterstellungen, wonach das iranische Regime irrational agiere, es plane eine Übernahme Mekkas… Auch gegen Obama treffen sich Zionisten und Saudis; diesem hat auch hier sein Appeasement nichts genützt. Bei der Anfachung einer Belutschen-Sezession im Iran arbeiten die Drei auch zusammen.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hat zuletzt (im Westen) für “die Öffnung” seines Landes viel Lob erhalten. Kinos waren in Saudi-Arabien Anfang der 1980er verboten worden, 2018 ist wieder ein öffentliches entstanden… Im Iran hat es auch unter dem (schiitisch-)islamistischen Regime seit 1979 immer Kinos gegeben, nebenbei auch immer Filmemacher, die etwas produziert haben und sich gegen die Zensur zur Wehr gesetzt haben. Die Frauen-Aktivistin Ludschain al-Hathlu wurde kürzlich in Saudi-Arabien verhaftet, unter dem “Reformer” Mohammed, weil sie sich für das Recht von Frauen auf Autofahren starkmachte – auch etwas, das im Iran selbstverständlich ist (wie auch Wählen – da gelten für sie die selben Einschränkungen für Männer). In einem Monat will Saudi-Arabien nun als letztes Land der Welt Frauen das Autofahren erlauben, heisst es. Das ist eben die höchst selektive „Menschenrechts“-Politik des Westens, der immer wieder undemokratische und autoritär-reaktionär Herrscher und Systeme unterstützt, bei Menschenrechtsverletzungen mit zweierlei Maß misst.

Linke wie rechte Islamophobe geben vor, dass ihnen so viel an Frauen in/aus der moslemischen Welt liege, sie können aber nur solche nach Art von Ayaan Hirsi-Ali oder Saba Farzan akzeptieren; bei Enissa Amani oder Schirin Ebadi wenden sie sich angewidert und pikiert ab.260 Entsprechendes gilt für Rassisten anderer Art, die „ihre“ Afrikaner/Schwarzen haben; wenn diese unterwürfig sind, haben sie auch nichts gegen diese (so wie andere gegen Iraner). So wie Fritz Sitte dem Chef der angolanischen UNITA, Jonas Savimbi, hofierte, der den Bürgerkrieg in Angola mit westlicher Unterstützung “anfachte”, sonst aber ein von rassistischen und kolonialistischen Vorurteilen geprägtes Bild von Afrika hatte bzw verbreitete. Jene, die sich gewisser exil-iranischer “Figuren” bedienen (nicht nur gegen die Diktatur, sondern gegen den Iran an sich), sind „Freunde“ des Iran wie die weisssen Söldner in Katanga Freunde des Kongo oder Afrikas waren. Ja, und mit Ahmed Mansour oder Mossab H. Yousef gibt es auch Palästinenser, die sogar ein Flo Niederndorfer schätzen kann.

Scharfe Kritik an der Haltung der österreichischen Parlamentsparteien, die – mit Ausnahme der ÖVP – 2011 den palästinensischen Anspruch auf Anerkennung als Staat und UN-Mitgliedschaft befürwortet haben, kam damals von IKG-Präsident Muzicant. SPÖ, Grüne, BZÖ und FPÖ wüssten wohl nicht, “wofür sie da eintreten”, nämlich für einen “judenreinen islamischen Apartheidstaat” Palästina, hiess es in einer Presseaussendung (bzw einem Propaganda-Sermon); dort zählte er alles auf, was Israel in Wirklichkeit macht, von der Regelung der Einwanderung und Wohnsitznahme aufgrund ethnisch-religiöser Kriterien bis zur Rechtsprechung auf diesem Fundament. Das Umdrehen der Apartheid-Analogie gehört mittlerweile zum zionistischen Standard-Repertoire. “Judenreines Palästina”… Nicht ethnisch exklusive Siedlungen, die durch Enteignungen und Vertreibungen zu Stande kommen, sind das Problem, nicht Yishais “Land des weissen Manns“, dass in dem Land laut Umfragen 75% der Juden nicht “Araber” als Nachbarn haben wollen, nicht die261 Apartheid-Mauer, sondern dass es noch ein paar Flecken gibt, die noch nicht voll in das Besatzungsregime eingebunden sind.

Unter Youtube-Videos kann man Kommentare wie „how many jews live in gaza?“ lesen… Es war im Zionismus fast nie ein Thema, gleichberechtigt mit Palästinensern zusammen zu leben, und auch im Gebiet um die Stadt Gaza (das 1948/49 nicht an Israel fiel) war das so, dorthin kamen Israelis als Soldaten und Siedler, schikanierten die Palästinenser jahrzehntelang. Ehe sie das Gebiet aufgaben, ohne die Kontrolle darüber abzugeben. Und Juden wird nicht zugemutet, unter den Bedingungen zu leben, wie das die Palästinenser im Gaza-Streifen tun (müssen). Das was “Israel” darstellt, erstreckt sich, wie gesagt, de facto über das ganze historische Palästina, über Ramla wie auch Ramallah. KKK-Leute in der USA werfen Afro-Amerikanern (u.a.) vor, diese würden Andere ausschliessen, weil sie eigene Kirchen haben; auch hier diese Verdrehung, man liess sie nicht in “weisse” Kirchen, sie mussten eigene “machen”. Bei Netanyahu wird aus dem Siedler etwas in Schranken weisen zu “Juden entwurzeln”. Auch Kritik an der Siedlungspolitik kann mit solchen Umdrehungen delegitimiert werden. Israelis (zumindest jüdische) sind in den von Israel besetzten und besiedelten Gebieten überall Bürger 1. Klasse. Zur Frage der Anerkennung Rest-Palästinas durch Israel hat ein(e) Wikipedia-User(in) eine Übersicht der Haltung der verschiedenen Parteien dazu gemacht.

Zur Hasbara-Ausrüstung in Zusammenhang mit dem Apartheid-Vorwurf gehören auch: “einzige Demokratie”; die „israelischen Araber“ (die so viel dürften); die äthiopischen Juden (> Vielfalt); friedliebende Zionisten unschuldige Opfer von palästinensischem Antisemitismus, Islamismus, Terror, Rückständigkeit; Anführung des Holocausts und westlicher Judenfeindlichkeit (um Kritik an Israel abzuwehren)262; Relativierung des Leids der Palästinenser durch Einbettung Israel/Palästina in die geografischen/demografischen Grössenverhältnisse der “Region” (alle Araber, alle islamischen Staaten, auch noch die Schwarzafrikaner dazu,..) oder Vergleich mit anderen “Krisenherden”.

Es herrscht helle Aufregung in Deutschland, weil Kuwait Airways einen Israeli nicht mitnehmen wollte; dass Palästinensern jeden Tag tausendfach entsprechendes durch Israel widerfährt, wird als selbstverständlich hingenommen. Leute, die gewisse Verkehrswege nicht benutzen dürfen, sich am Weg zur Arbeit oder nach Hause langen Prozeduren an „Checkpoints“ unterziehen müssen, Gegenden nicht betreten dürfen, gelegentlich von der Mitfahrt in Bussen ausgeschlossen werden, deren Reisefreiheit arg beschränkt ist, und so weiter.263 Und wenn ein Kuwaiti mit El Al fliegen wollte oder nach Israel einreisen, müsste er sich stundenlangen erniedrigenden Prozeduren unterziehen, und am Ende würde ihm Mitflug bzw Einreise möglicherweise doch verwehrt bleiben… Wehret ungleichen Standards.

Links & Literatur

Ilan Pappé und Ronnie Kasrils: Israel and South Africa: The Many Faces of Apartheid (2015)

Jimmy Carter: Palestine. Peace not Apartheid (2007)

Benjamin M. Joseph: Besieged Bedfellows: Israel and the Land of Apartheid (1987)

Brian Bunting: The Rise of the South African Reich (1964)

Sasha Polakow-Suransky: The Unspoken Alliance. Israel’s Secret Relationship with Apartheid South Africa (2010)

Sean Jacobs, Jon Soske (Hg.): Apartheid Israel: The Politics of an Analogy (2015)

Ben White: Israeli Apartheid. A Beginner’s Guide (2014)

Ran Greenstein: Genealogies of Conflict: Class, Identity, and State in Palestine/Israel and South Africa (1995)

Angela Davis: Freedom is a Constant Struggle: Ferguson, Palestine, and the Foundations of a Movement (2015)

Benjamin Beit-Hallahmi, Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels. (1988)

Petra Wild: Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat (2013)

James Adams: The Unnatural Alliance (1984)

Adrian Guelke: Rethinking the Rise and Fall of Apartheid: South Africa and World Politics (2004)

Andrew James Clarno: The Empire’s New Walls: Sovereignty, Neo-liberalism, and the Production of Space in Post-apartheid South Africa and Post-Oslo Palestine/ Israel (2011)

Judith Butler: Am Scheideweg: Judentum und die Kritik am Zionismus (2013)

Hennie van Vuuren: Apartheid, guns and money: A tale of profit (2017)

Ali Mazrui: The Africans (1986)

Firoz Osman and Suraya Dadoo: Why Israel?: The Anatomy of Zionist Apartheid – A South African Perspective (2015)

Ronald S. Roberts: No Cold Kitchen. A Biography about Nadine Gordimer (2016)

Keith P. Feldman: A Shadow over Palestine. The Imperial Life of Race in America (2017)

John Bunzl: Die Vereinigten Staaten, Israel und Südafrika: Eine Untersuchung ihrer Beziehungen (1981)

Alex Lubin: Geographies of Liberation: The Making of an Afro-Arab Political Imaginary (2014; The John Hope Franklin Series in African American History and Culture)

Robert Windrem, William E. Burrows: Critical Mass. The dangerous Race for Superweapons in a fragmentic world (1994)

Christoph Marx: Im Zeichen des Ochsenwagens: Der radikale Afrikaaner-Nationalismus in Südafrika und die Geschichte der Ossewabrandwag (1998)

Peter Hounam und Steve McQuillan: The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare (1995)

Gerhard Weinberg: The Foreign Policy of Hitler’s Germany (1994). Auch über die Kontakte zwischen radikalen Afrikaanern und Nazi-Deutschland, und die Karrieren dieser Afrikaaner im Apartheid-Südafrika

Avraham Burg: Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss (2009)

Naomi Klein: Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus (2009; Original 2008)

Brian Lapping: Apartheid: A History (1986)

Sam C. Nolutshungu: South Africa in Africa: A Study in Ideology and Foreign Policy (1975)

Nancy Mitchell: Jimmy Carter in Africa: Race and the Cold War (2018)

Joel B. Pollak: The Kasrils Affair. Jews and Minority Politics in Post-apartheid South Africa (2009)

Desmond Stewart: The Palestinians: Victims of Expediency (1982)

Norman G. Finkelstein: Knowing Too Much: Why the American Jewish Romance with Israel is Coming to an End (2012)

Magdel Le Roux: The Lemba – A Lost Tribe of Israel in Southern Africa? (2003)

Ahmad Farag Thiab: Zionism and Apartheid: a comparative study of the
ideologies of Israel and South Africa (1990; Dissertation an der Clark University Atlanta in Politologie)

Chris McGreal: Brothers in arms – Israel’s secret pact with Pretoria. In “The Guardian” 7. 2. 2006

Daniel Lieberfeld: Post-Handshake Politics: Israel/Palestine and South Africa Compared

Chris McGreal: „Israel and apartheid: a marriage of convenience and military might“. In „The Guardian“ 23. 5. 2010

Azim Husain: “The West, South Africa and Israel: A Strategic Triangle”. In “Third World Quarterly” Jänner 1982

Yarden Skop: “Knast oder Ausreise”. In “Die Zeit” 18. 2. 2016

Lindie Koorts: If neither capitalism nor communism, then what? DF Malan and the National Party’s economic rhetoric, 1895–1954. In “Economic History of Developing Regions” Ausgabe 2/2014

Black-Palestine Solidarity: Towards an Intersectionality of Struggles

When Israel invited a South African Nazi on a State Visit

http://mondoweiss.net/2013/06/israeli-apartheid-unstuck/

https://www.nbcnews.com/news/world/israeli-leader-who-mourned-mandelas-death-helped-white-regime-get-flna2D11712294

“Separate and unequal”

https:// wolfwetzel.wordpress.com/2017/06/07/50-jahre-israelische-besatzung-in-palaestina-was-ist-daran-kritik-und-was-antisemitismus/

Über den angeblichen King-Ausspruch zu Anti-Zionismus

Liste von Überfällen des Apartheid-Militärs auf die Nachbarstaaten Südafrikas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. 1997; Es steht auch eine Statue von ihm in Ramallah
  2. Danon schaukelte in der USA auch Eier mit einem dortigen Rechtsaussen, Glenn Beck, “Israel besetzt nichts”, waren sich die Beiden einig
  3. Wie Smuts und auch Malan ein Bure/Afrikaaner
  4. Beziehungsweise, starke personelle Überschneidungen
  5. Wenige Schwarze, Asiaten und Mischlinge, die verschiedene Kriterien erfüllten, durften einige weisse Abgeordnete wählen
  6. So wie die zionistischen Wahlen 1944 oder 1949
  7. Bunting schrieb, Südafrika war das einzige Land, das so etwas gestattete
  8. Afrikaans “Der Kaffer auf seinen Platz”
  9. Um durch die Bank als Weisse eingeteilt zu werden, was auf Grundlage des Bevölkerungsregistrierungsgesetzes (Population Registration Act/ Wet op Bevolkingsregistrasie) von 1950 mit allen Südafrikanern geschah
  10. Wie (auch) heute von vielen Deutschen, u.a. für sein Militär, eine Bewunderung die manchmal zu legitimieren versucht wird, indem man die Opfer delegitimiert – und in Zeiten des Islamismus ist das leicht
  11. Noch zu VOC-Zeiten, daher auch viele portugiesische Namen unter ihnen
  12. Auch in der USA gab es im frühen 20. Jh eine Einwanderungspolitik die zwischen Weissen bzw Europäern hierarchisch unterschied
  13. Damals wurde sein Name in das Goldene Buch der World Zionist Organization geschrieben
  14. Zur Zeit der Nazi-Herrschaft über Deutschland und weitere Teile Europas standen in Südafrika diverse burische Organisationen noch weiter rechts als Malans HNP bzw noch näher bei Hitler. Etwa die Nuwe Orde von Oswald Pirow, einem deutschstämmigen Weissen, der als NP- und SAP-Politiker Justizminister (29-33) und Verteidigungsminister (33-39) war, zweiteres auch nach seinem Wechsel zur HNP blieb. Die Nuwe Orde war zunächst eine Fraktion innerhalb der HNP, spaltete sich 1942 ab, nachdem sich Malan von Hitler distanzierte. Pirow traf sein Idol Hitler in Europa, wälzte nach dem Krieg mit Rechtsextremisten wie Oswald Mosley Pläne für eine Aufteilung Afrikas und erfand sich als “Anti-Kommunist” neu
  15. Er wurde später Finanzminister, dann nach Verwoerds Ermordung amtierender Premier, wurde ’67 zum Staatspräsidenten gewählt, starb vor der Amtsübernahme 68
  16. Nach der Wahl 1961 zog die PP mit einer Abgeordneten, Suzman, ins Unterhaus des Parlaments ein. Suzman blieb bis 1974 einzige Abgeordnete der PP, wurde aber nie deren Chefin. Die PP landete bis 1977 immer hinter NP und UP, in den späteren Jahren auch hinter der neuen HNP, die noch rechts von der NP stand
  17. Das Regime Südafrikas war so ein rechtes Regime, gehört auch irgendwie zum Westen
  18. “Peripherie-Strategie”
  19. Dessen Vater, eine Querverbindung, war übrigens 1941 von den Alliierten abgesetzt worden, ins britsche Mauritius gebracht worden, dann ins (ebenfalls noch ziemlich britische) Südafrika, dort, in Johannesburg, starb er 1944
  20. In Mikronesien hat es etwa seit Langem einen Fuss in der Türe
  21. Nur das (diktatorische) Portugal, das damals begann, sich “verzweifelt” als Kolonialmacht in Afrika zu behaupten und dabei enger Verbündeter Pretorias war, stimmte dagegen
  22. Die Etablierung einer ständigen diplomatischen Mission Südafrikas in Israel hatte indirekt mit dem Gegenwind zu tun, der dem Apartheid-Regime in den 1960ern entgegenblies: Da dies auch im Commonwealth der Fall war, trat Südafrika aus dem Staatenbund aus (was aber ohnehin ein lang gehegter Wunsch der Afrikaaner war), 1961, und wurde Republik. Nun wurde es auch in Israel nicht mehr von Grossbritannien vertreten, etablierte ein Generalkonsulat dort
  23. Der deutsche Legionär Rolf Steiner kämpfte damals auch auf der Seite Biafras; auch bei dessen anderen Kampfschauplätzen war er auf jener Seite, die Israel unterstützte: die französische Kolonialherrschaft über Algerien, Süd-Sudan im Ersten Sudanesischen Bürgerkrieg. In Algerien machten Weisse etwa 10% der Bevölkerung aus, in Südafrika damals fast 25%
  24. In der Föderation von Rhodesien und Njassaland, dem von 1953 bis 1963 existierenden (davor und danach waren Südrhodesien, Nordrhodesien und Njassaland einzelne britische Kolonien) von GB semi-unabhängigen Staat im südlichen Afrika, war der britisch geprägte Jude Roland “Roy” Welensky 56-63 Premier. Der Befürworter weisser Vorherrschaft nannte die UN, in der ein Block afro-asiatischer Staaten Entkolonialisierung forderte, “Nazis”. Welensky half auch bei der Destabilisierung Kongos nach dessen Unabhängigkeit, über dessen an Nordrhodesien grenzende Provinz Katanga
  25. www.theguardian.com/world/2006/feb/07/southafrica.israel
  26. Was Barnard betrifft, dieser soll kritisch ggü der Apartheid gewesen sein, heisst es; es sind aber nur Äusserungen von ihm zu finden, in denen er diese verteidigt (indirekt), schönredet, ihre Kritiker angreift, eine Opferrolle für Apartheid-Südafrika beansprucht
  27. Den “Bantustanismus” ggü den Palästinensern, den Rassismus in der Gesellschaft und von Politikern,…
  28. Frankreich war zur Zeit des Unabhängigkeitskampfes Algeriens enger Verbündeter Israels, das auch dort die Kolonialherrschaft unterstützend eingriff
  29. Dass das “relativ” ist, zeigt sich schon durch den Rassismus ggü Afrikanern und anderen “Dunklen” im heutigen Russland; oder durch die russisch-slawische Herrschaft in der SU über Kasachen, Georgier, Litauer,… Dennoch sollte man sich die damalige Haltung des Westens vor Augen halten, wenn es heute um Menschenrechts- und Imperialismus-Kritik an Russland geht
  30. You can’t separate peace from freedom because no one can be at peace unless he has his freedom (Malcolm X)
  31. De Klerk war der erste Regierungschef des Apartheid-Staates (die Staatspräsidenten waren ab 84 mit Exekutivgewalt ausgestattet), der nicht für Nazis aktiv gewesen war, als diese in Europa an der Macht waren. Und er hat das Ende der Apartheid eingeleitet
  32. Im US-Film „Lethal Weapon 2“, der 1989 herauskam, waren Buren die Schurken (südafrikanische Drogendealer in der USA die sich hinter diplomatischer Immunität verstecken) und einer der 2 (guten) Polizisten ein Schwarzer (nebenbei ein langjähriger politischer Aktivist, Danny Glover)
  33. Ernst Bergmann, treibende wissenschaftliche Kraft des israelischen Atomprogramms, pries bereits 1968 in einer Rede vor dem Südafrikanischen Institut für internationale Angelegenheiten die wissenschaftlichen Beziehungen der beiden Länder und sprach von „gemeinsamen Problemen“
  34. Nur 3 Anmerkungen dazu: “Professor Baker” ist dieser hier. Und jene, die hauptsächlich in den Bergwerken geschuftet haben, haben wohl zumindest einen Beitrag zu diesem Reichtum geleistet. Lapid hat in den 00ern dann auch von “westlicher Zivilisation” gefaselt
  35. Von welchen Teilen der Bevölkerung in diesen Ländern?
  36. Nach anderen Angaben war es jenes von 1978
  37. Auch hier gab es diese Korrelation zwischen der Haltung zur Apartheid und jener zu den Palästinensern bzw der israelischen Variante von Apartheid
  38. Etwas darüber: articles.latimes.com/1990-07-09/news/mn-192_1_anglo-american
  39. www.spiegel.de/spiegel/print/d-70701716.html
  40. Eigentlich aus der UP und einer NP-Abspaltung
  41. Genau genommen entstand sie aus aus der PRP und UP-Überläufer; die PRP war aus PP und RP hervorgegangen
  42. War für seine Heirat christlich geworden
  43. Auf Afrikaans Inligtingsdebakel
  44. Gegen Netanyahu wird in Israel ermittelt, nicht wegen Völkermords (in Gaza), sondern Korruption; da wird er einmal nicht die “Antisemitismus”-Keule herausholen bzw verwenden können
  45. Beziehungsweise davor in der Haganah, die eine der Terrororganisationen war, aus denen das israelische Militär hervorging
  46. Sich als Zivilisierte in einer Region von Wilden wieder mal behaupten zu müssen, gegen Gegner die nur die Sprache der Gewalt verstehen…
  47. www.dailymaverick.co.za/article/2014-01-21-ariel-sharon-apartheid-south-africa-and-mutual-military-interests/#.Vc4WVige5lk
  48. Es wurden auch Partnerschaften zwischen israelischen und südafrikanischen Städten geschlossen und vieles andere. Aber dieser Aspekt der Zusammenarbeit war ein wichtigerer
  49. Auch die schwarzen Radikalen von PAC und AZAPO waren damals gegen eine Demokratisierung. Der PAC („Kein Platz für Weisse in Südafrika“) war wegen seines Antikommunismus (der aus einem afrikanischen Nationalismus kam) einst auch als Alternative zum ANC angepriesen… Heute sagt die Partei, Südafrika gehöre allen jenen, deren Loyalität Afrika gehöre
  50. Die DDR machte eine andere Afrikapolitik als die BRD, aber das gehört anderswo hin. Hans-Georg Schleicher schrieb über die DDR-Afrikapolitik (in der auch die ehemaligen Schutzgebiete keine Rolle spielten): www.vip-ev.de/text558.htm
  51. Lieberfeldt: “…the ANC’s military options also diminished as South Africa forced neighboring states to withdraw aid and sanctuary. The agreement in late 1988 that led to Namibia’s independence required ANC forces to relocate from bases in Angola to Uganda and Tanzania, roughly as far from South Africa as PLO forces in Tunis were from Palestine.”
  52. Darunter die Aufgabe der Atomwaffen, hauptsächlich 90/91
  53. Das waren zB die Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern
  54. Kapitalismus ist nicht mit Demokratie verbunden, und das Modell von  Marktwirtschaft und Demokratie nicht allen gestattet
  55. Dieser Völkermord war eigentlich mehr ein osmanischer als ein türkischer, aufgrund der entscheidenden Mitwirkung von Kurden und Tscherkessen
  56. Wer sich dafür interessiert: Auf www.haaretz.com/opinion/.premium-1.562792 gibt’s einen zahlungspflichtigen Artikel (“Premium content”) mit dem Titel “Why Israel Supported South Africa’s Apartheid Regime (‘..which was in this case not entirely our own fault’)”
  57. McGreal glaubte übrigens, sich für solche Artikel mit einem rehabilitieren zu müssen, in dem er “neuen Antisemitismus” durch Moslems an die Wand malte
  58. Mehr hat er zu Südafrikas Atomprogramm und Israels Unterstützung nicht zu sagen, er der bezüglich des iranischen Atomprogramms seit Jahren hetzt und zetert und droht und sagt was die Welt nicht alles zu machen habe
  59. Wobei schon diese Begeisterung und Bewunderung der damals in Südafrika regierenden rechten Afrikaanern eine Menge über Israel aussagt
  60. Möglicherweise auch in einem TV-Interview
  61. Ein Hauptbeteiligter an dem Informationsskandal
  62. In einem TV-Interview, ganz der wütende abblockende Peres
  63. Keine Verschwörungstheorie, siehe zB www.haaretz.com/1.4953633
  64. “Rivonia-Prozess” genannt, nach dem Johannesburger Vorort, in dem die Angeklagten ’63 festgenommen wurden, auf einer Farm, die dem erwähnten Arthur Goldreich gehörte
  65. Die wenigen kritischen Blätter waren englischsprachig und sie sollten eben durch die als “Informationsskandal” aufgeflogenen Bemühungen auch auf Linie gebracht werden
  66. Das passt hier auch dazu: In einem Prozess vor dem Landgericht Hamburg berief sich Veit Harlan darauf, dass die Nationalsozialisten seine Kunst missbraucht, ihn zur Regie von “Jud Süß” gezwungen hätten und dass eine Weigerung ihn in eine bedrohliche Lage gebracht hätte. Das Gericht folgte dieser Argumentation und sprach Harlan am 29. April 1950 frei
  67. Leopold II. behandelte den Kongo zB so, als wäre er ein unbewohntes Grundstück, über das der Eigentümer nach Belieben verfügen konnte
  68. Davon soll abgelenkt werden
  69. Als es Ende der 1950er in London zu “Rassenunruhen” kam, zwischen schwarzen Einwanderern aus der Karibik und rechten Briten, wollte er Kapital daraus schlagen, kehrte vorübergehend zurück
  70. So wie heute manchmal “Islamismus”
  71. Übrigens, Nelson Mandela hat die Invasion 1990 nach seiner Freilassung verurteilt, im Zusammenhang mit der irakischen Invasion in Kuwait in diesem Jahr; diese irakische Invasion rief eine westliche Militäraktion hervor, aber die US-amerikanische Invasion in Panama Monate zuvor…? Die Panamaer und die Iraker seien eben für den Westen “Braunhäutige”
  72. Und während Kommunistinnen wie Anahita Ratebzhad in Afghanistan für Fortschritt in diesem Land kämpften, unterstützten Teile des Westens, darunter Israel, ihre islamistischen Widersacher
  73. Hinzu kommen die reformierten Farbigen und Schwarzen, sie hatten in der Apartheid-Zeit eigene Kirchen, die sich 1994 zur VGKSA/URCSA vereinigten (aber weiterhin abseits der weissen Reformierten stehen)
  74. Es ist nicht so klar zu trennen zwischen diesen afrikanischen Kirchen und verschiedenen Pfingstkirchen; ausserdem praktizieren manche Christen auch traditionelle afrikanische Kulte
  75. Nelson Mandela war zB Methodist; zum ehemaligen anglikanischen Bischof Desmond Tutu später noch etwas
  76. orf.at kürzlich: „Anlass für die Unruhen (an den Grenzen des Gaza-Streifens) ist der Jahrestag der Gründung Israels, die die Palästinenser nicht akzeptieren…” Auf die Idee, dass die Nakba/Azma’ut darin bestand, dass man die Palästinenser dort nicht akzeptierte, kommen Tiefenthaler, Zimmer, Wieselberg & Co nicht
  77. Und mit Abstrichen für andere israelische Staatsbürger; zur Hierarchie innerhalb der israelischen Gesellschaft unten
  78. In denen Juden wiederum Bürger erster Klasse sind
  79. Der Mediziner, dessen Eltern durch die Nakba Binneflüchtlinge wurden, wurde 1987 aus dem Hadassa-Krankenhaus in Jerusalem/Quds entlassen, nachdem er sich gegen den Angriff eines KH-Wachmanns (ein jüdischer Einwanderer aus der USA namens Rothstein) gewehrt hatte; der KH-Direktor der ihn entliess war anscheinend ein Einwanderer aus Frankreich
  80. > Unabhängigkeitskampf der USA von GB
  81. Zum Beispiel wurde das Geld im Jänner 2015 nach dem palästinensischen Antrag für einen Beitritt zum Internationalen Strafgerichtshof einbehalten
  82. Eine Erinnerung an Esther Schapira, die bei einer “Woche der Brüderlichkeit” die Palästinenser dafür attackierte, dass sie verantwortlich seien, wen sie wählten…ohne auf die Umstände einzugehen
  83. Autoritarismus gilt in der Politikwissenschaft als eine Form der Herrschaft, welche zwischen Demokratie und dem diktatorischen Totalitarismus liegt
  84. Apartheid kann vielleicht als eine Sonderform gesehen werden
  85. Die sehr gerne zur Abwehr der Rassismus-Feststellung eingesetzt werden, etwa von der IKG Wien kürzlich bei der Feier zum israelischen Nationalfeiertag, eine Sängerin mit äthiopischen Wurzeln (die die israelische Nationalhymne sang)
  86. Das zumindest ansatzweise ohnehin bestand
  87. Nicht wenige deutsche Israel-Fans sind von so einer ähnlichen Sichtweise nicht so weit weg. Übrigens gab es in der zionistischen Siedlergesellschaft in Palästina Bestrebungen, Deutsch zur Sprache der “Gemeinschaft” zu machen, um 1913 und 1933
  88. Nach Krieg und Besatzung von Rest-Palästina nahmen die Palästinenser in den “Gebieten” dann die Rolle der Mizrahis ein
  89. Sein Problem mit dem Buch war, dass es zu deutlich war
  90. Es betraf hauptsächlich Jemeniten, aber auch andere orientalische jüdische Gemeinschaften, und auch solche vom Balkan, Sepharden (die eigentlichen Sepharden, die Bezeichnung wurde auch für die Mizrahis verwendet)
  91. Siehe zB www.aljazeera.com/news/2016/08/shocking-story-israel-disappeared-babies-160803081117881.html
  92. Nicht umsonst hat Rachel Shabi ihr Buch über die Mizrahim “We Look Like the Enemy” genannt
  93. Wie es das zB beim Suez-Krieg 56 war
  94. Wie zB Donald Woods erfahren musste
  95. Anlässlich ihres Todes ’14 wurde geschrieben, dass ihre Apartheid-Kritik für viele apartheid-kritische südafrikanische Weisse zu scharf war, sie dafür eher im Ausland Anerkennung bekam; Ronald S. Roberts schrieb eine Biografie über sie, Titel “No Cold Kitchen”, Gordimer arbeitete zuerst mit ihm zusammen, wollte dann aber die Veröffentlichung des Buchs verhindern, wegen der darin geschilderten Haltung der südafrikanischen Jüdin zu Israel
  96. Und natürlich an die Zeit vor dem Exil vor 2000 Jahren
  97. Es gibt Siedlungen, die sich rühmen, “Araber” (also Palästinenser) nicht einmal für untergeordnete Arbeiten herein zu lassen. Ansatzweise gibt es so etwas auch im israelischen Kernland gegenüber “israelischen Arabern” (Geschäfte in denen sie nicht bedient werden, Busse in die sie nicht gelassen werden, Jobs die ihnen vorenthalten werden, Wohngebiete die für sie Tabu sind,…)
  98. Netanyahu und Bennett frohlockten nach Trumps Wahl 2016, dass damit eine Zwei-Staaten-Lösung bzw die Unabhängigkeit auch eines schwerst amputierten Palästinas vom Tisch sei. Eine Anerkennung der “Existenz Israels” wird immer verlangt, es gibt aber keine reziproke Anerkennung der Existenz der Palästinenser, weder als historische Einwohner des Landes, noch in den Ghettos die ihnen noch bleiben
  99. “Prophezeiungen” wie von Leon de Winter, „Wir erleben die letzte Phase der jüdischen Existenz in Europa“, kommentierte Ludwig Watzal: Wie erklärt dann de Winter die 30 000 Zuwanderer aus Israel nach Berlin?
  100. Auch hier lässt Apartheid-Südafrika grüssen
  101. Obwohl sie für die Schwarzen generell Verachtung hatten…
  102. Die als “Drusen” oder “Beduinen” gelten
  103. Als etwa 50 Siedler 2011 etwa den (israelischen…) Militärstützpunkt “Ephraim” im Westjordanland stürmten, dabei Fahrzeuge beschädigten, Reifen anzündeten und Nägel verstreuten, einen General attackierten der in einem Jeep saß, wurden zwei festgenommen. Von Verletzten war keine Rede. Auslöser war übrigens ein Gerücht, wonach die Armee in Kürze illegale Siedlungen räumen werde. Wenn sich Palästinenser dem Stützpunkt auch nur genähert hätten…
  104. Was auch nicht unter den Tisch fallen sollte: In diesem Fall kam es zu einem Prozess, weil die Tat gefilmt und ins IT gestellt wurde, es internationale Aufmerksamkeit gab
  105. Die Baptist War slave rebellion/ Christmas Rebellion
  106. Nicht das selbe wie für Touristen aus Deutschland oder Österreich, die für die Sünden ihrer Grosseltern Buße tun wollen und auch schwärmen können, dass sie dort lecker Schrimps gegessen haben, wie Marianne Kreutzer. Sie wird bei ihren Aufenthalten dort auch nicht mit Exkrementen beworfen, wie die Palästinenser am Markt in Hebron/Al Khalil öfters, wird nicht willkürlich verhaftet, ihre Bewegungsfreiheit ist nicht drastisch eingeschränkt,…
  107. Die Politikerin Miriam “Miri” Regev (Likud) sagte, Tamimi sei kein kleines Mädchen, sondern ein Terrorist und solle im Gefängnis sein, für ihren “Rassismus” (!) und ihre Subversion gegen den Staat Israel… Auf Wikipedia sind schon ganze Geschwader unterwegs, um die „Sache“ im zionistischen Sinn hin zu drehen
  108. Die Soziopathin, sie war beeindruckt vom Mädchenmörder Hickman, war nicht auf ganzer Linie zionistisch, weil ihr die Bewegung zu “sozialistisch” war und der Einfluss der Religion darin zu gross
  109. Die deutschen Israel-Fans sehen das ja auch so; zum zweiteren: für Solche waren ja auch die Spanier und Portugiesen im südlichen Amerika irgendwie Wilde…so wie die Wähler und Politiker der Schas-Partei für die Lapids
  110. Der israelische Rabbiner Yitzhak Yosef, Sohn des Ovadia Yosef (Oberrabbiner Israels und Mentor der Schas-Partei), ist in vielerlei Hinsicht in die Fussstapfen seines Vaters getreten. Schwarzafrikaner hat er im März 2018 in der Predigt in einer Synagoge in Jerusalem als “Affen” bezeichnet. Auch seine Aussagen über Nicht-Juden und Tötungen der “Feinde Israels” sind bemerkenswert. Bemerkenswert ist auch: Lapid und Yosef senior waren im zionistischen Spektrum gewissermaßen Gegenpole, ihre Söhne folgten ihnen politisch nach, jeder den Chauvinismus des Vaters übernehmend. Bezüglich Afrikanern (und ggü Palästinenser natürlich auch) sind sich die Lapids und Yosefs seltsam (?!) einig
  111. Bennett ist bekannt für die Aussage: „Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet, das ist gar kein Problem.“ > Libanon 06
  112. Die Rede könnte von Netanyahu sein, wenn man “südliches Afrika” durch “Nahen Osten” ersetzt, etc
  113. 1983 stürzte eine israelische Beobachtungs-Drohne über Mocambique ab, siehe www.csmonitor.com/1983/0606/060633.html
  114. Um nur 3 Beispiele zu nennen für die diesbezügliche Rhetorik: Daniel Ayalon, wenn er davon redet, dass “unsere” (die israelische) Existenz bedroht werde und “der Rest der westlichen Zivilisation”. Oder Lieberman: “In Europa versteht man den Konflikt … völlig falsch. Es ist nur ein Teil einer weltweiten Konfrontation zwischen extremistischen, irrationalen Akteuren und der westlichen Gesellschaft. Es gibt einen Kampf der Kulturen…”. Yehuda Bauer: Nationalsozialisten, Kommunisten und Islamisten seien nicht zuletzt deshalb alle drei so gegen die Juden (gewesen), weil diese so eng mit dem Westen verknüpft (gewesen) seien…
  115. Auch Nazi-Deutschland spielte sich propagandistisch als Verteidiger des christlichen Abendlands auf, beim Angriff auf die SU ’41, als es gegen “gottlose bolschewistische Untermenschen” ging, sowie gegen Franzosen und Briten mit ihren farbigen Kolonialsoldaten. Auch am Kriegsende wurde propagiert, dass es nun gegen den “bolschewistischen Feind” ginge – auch zur Rechtfertigung dessen, was dem Vorrücken der Roten Armee ins Deutsche Reich voraus gegangen war
  116. Durch die “Jim-Crow”-Gesetze
  117. Jesse Owens etwa erfuhr in der USA Rassismus vor und nach Olympia 36 (wo er Hitler beschämte); nur weisse Medailliengewinner wurden danach zu Franklin Roosevelt eingeladen, nicht Owens, der 4 goldene gewonnen hatte. Owens sagte, nicht Hitler habe ihn brüskiert, sondern Roosevelt…
  118. In der Apartheid war dort übrigens hin und wieder (zB auf Tafeln die die Petty Apartheid regelten) dezidiert von “Europäern” die Rede, wenn Weisse gemeint waren
  119. “Wind of Change”-Rede des konservativen britischen Premiers Macmillan im südafrikanischen Parlament 1960
  120. Die Eigenbezeichnung Afrikaner (auf Afrikaans mit einem a) bringt das auch zum Ausdruck; eben so wie die manchmal verwendete Bezeichnung für die Englischsprachigen, “Soutpiel”, was “Salzpimmel” bedeutet. Jemand, der mit einem Bein in Afrika steht und einem in Europa, dessen Penis hängt ins salzige Wasser des Mittelmeeres oder des Atlantiks…
  121. Vorgebracht auch von Schapira bei ihrer Ansprache in der “Brüderlichkeits”-Woche, die Palästinenser seien so gut ausgebildet, es gehe ihnen so gut; nach ihrer Rede wurde die Journalistin auch vom israelischen Botschafter getätschelt
  122. Mulder ging nach dem Informationsskandal übrigens zur (noch rechteren) Konservativen Partei (KP); sein Sohn Pieter Mulder war ’94 einer der Mitbegründer der Vrijheidsfront (VF; später VF+), und deren Führer 01-16, nach Viljoen und vor Groenewald
  123. Wie integer er dabei agierte, ist nicht unumstritten; darum wird es hier mal in einem Artikel gehen
  124. Dieser Anteil entspricht ziemlich den KP-Wählern, die ähnlich ausgerichtete HNP bekam ’89 0,2%, die BSP trat damals nicht an
  125. Von ’93 bis zum Aufgehen in die VF ’04
  126. Also jene der Afrikaaner, aber irgendwie auch jene aller Weissen; und manchmal werden auch die Farbigen und Asiaten “dazu genommen”, die man zu Apartheid-Zeiten sorgsam von den Schwarzen zu trennen trachtete
  127. Noch eine Parallele (?): Der Umgang mit dem Erbe der DDR, die mit der Vereinigung im Oktober 1990 abgeschafft worden war, entsprechend dazu Umgang mit und Aufarbeitung des Apartheid-Staates in Südafrika
  128. Was unter Präsident Mugabe bis 2000 auch recht gut ging
  129. Und 1994 gingen dort nicht nur 46 Jahre Apartheid, sondern 300 Jahre Dominanz von Weissen über Schwarze zu Ende
  130. Die Kriminalität wird teilweise als “Gewalt gegen Weisse” eingestuft – obwohl die meisten Opfer Schwarze sind. Als der Führer der (offen) NS-nahen AWB, Terre Blanche, 2010 nach einem Streit mit einem schwarzen Arbeiter um Löhne getötet wurde, schrien Leute inner- und ausserhalb Südafrikas plötzlich auf, redeten von besorgniserregenden Anzeichen, etc; Leute die kein Problem damit hatten, dass das Apartheid-Regime Anti-Apartheid-Aktivisten inner- und ausserhalb Südafrikas tötete, wie Stephen Biko oder Ruth First, folterte und einsperrte
  131. Wobei schon die Entstehung der DP ’89 schon mit einem gewissen Rechtsruck verbunden war, durch den Zustrom der ehemaligen NRP
  132. In mancher Hinsicht nimmt die VF(+) eine konstruktivere Rolle ein als die DP/DA, ist weniger konservativ; die VF+ (bzw FF+) hat mehrere Flügel
  133. Die NNP verlor bei der Wahl 04 weiter, 05 ging sie praktisch im ANC auf
  134. Womit hauptsächlich die “Farbigen”/Coloureds in der Provinz Westkap gemeint sind
  135. Bei der Parlaments-Wahl 09 gab es eine Handvoll Stimmen in Soweto für die VF+, in Orania (wo Julis Malema kurz zuvor gewesen war) für den ANC, auf Robben Island eine Mehrheit für die DA
  136. 2012 gab es blutige Arbeitskämpfe bei der Marikana-Platin-Mine bei Rustenburg (NW). Dabei erschoss die Polizei 34 Bergarbeiter. Cyril Ramaphosa, einst in der Minenarbeiter-Gewerkschaft, nun Anteilshalter (u.a.) beim Lonmin-Konzern (Besitzer dieser Mine), wird für das Marikana-Massaker mitverantwortlich gemacht; er ist heute Südafrikas Staatspräsident. Dass Justizminister Jeff Radebe (ANC) anordnete, dass Polizei und Justiz gegen illegale Versammlungen, Waffenbesitz und Aufrufe zu Gewalt hart vorgehen würden, müsste eigentlich nach dem Geschmack der DA-Klientel sein. Hier versuchte man aber politisches Kapital heraus zu schlagen
  137. Wie Leon jüdisch
  138. Was weisse Beobachter Mbeki ankreideten, war meist etwas Anderes, als Schwarze ihm ankreideten
  139. Veto im Sicherheitsrat, das zählt
  140. Er ist ausserdem ein Freund der Familie von Helen Zille
  141. Peres zu Erdogan in Davos damals: “Was wenn Istanbul beschossen werden würde”, diverse Zeitungskommentare: “Wie wir uns fühlen, wenn Berlin…”,…
  142. So wie der türkische Botschafter bei Ayalon?
  143. Sentletse Diakanyo hat auf “Mail & Guardian” (thoughtleader) einen Kommentar dazu geschrieben: “…current brouhaha about the alleged comments made by the Deputy Minister of Foreign Affairs…intended to whip up the emotions of the Jewish…these comments have no relevance whatsoever to Jews in South Africa…tirade against the Deputy Minister…The behaviour and over-reaction of the SA Jewish Board of Deputies is tantamount to fear mongering and a despicable attempt at playing victim to some invented threat to their dignity and human rights. The question we should all ask is whether or not Jews wield immense power and influence in the US…There is this fear to speak truth to power that is prevalent everywhere and so is the risk present of having one’s voice silenced with a nauseating anti-Semitism card”
  144. Und “pro-israelisch” heisst zB, die Unterdrückungspolitik ggü den Palästinensern und die Verachtung ggü der Region als “Existenzkampf” darzustellen
  145. Sein Nachfolger De Klerk hat das System ja, vereinfacht gesagt, abgeschafft. Botha starb 06, erlebte noch das erste israelische Rasenmähen in Gaza
  146. Es gibt auch eine weisse Einwanderung nach Südafrika (zB aus Deutschland), und es gibt eine israelische. Darunter sind Angehörige der israelischen Mafia (die dort ihren Geschäften weiter nachgehen). Das organisierte Verbrechen Israels ist in den Händen von aus Nordafrika und der Ex-SU stammende Clans. Manche flüchten vor Gesetzesverfolgung sogar in das Land ihrer Vorfahren, Marokko
  147. AKP in Österreich oder Deutschland…> Pfui, Integration; Likud in ZA oder NL?
  148. Vorher durfte sie nicht kandidieren und ihre allermeisten Wähler nicht wählen
  149. Oder, der rassistische Witz über Obama, den die Ehefrau des langjährigen israelischen Top-Politikers Silvan Schalom (Likud), auf Twitter gepostet hat. „Wisst ihr, was Obama-Kaffee ist? Schwarz und schwach.“
  150. Die vielen Besucher, die Abgesandte des Apartheid-Regimes waren, haben für die Belange der Palästinenser klarerweise kein offenes Ohr gehabt
  151. Die Vorfahren zogen aus dem Willen zur Selbstbestimmung einst in die Gegenrichtung, wegen den Briten
  152. Waisenkinder aus Europa sollten importiert werden
  153. Oder sollte man sagen, “Idealisten”?
  154. Die Zersplitterung der afrikaansen Rechte ergibt sich u.a. durch die Frage von “Allianzen” mit Nicht-Weissen und den Faktor “Dekadenz”
  155. Ansonsten kommen an Besuchern hauptsächlich sich mit der Idee solidarisch deklarierende rechte Weisse aus vielen Teilen der Welt, auch aus Deutschland
  156. Er schreibt dort auch Gastkommentare, widersprach dort auch mal der Hetze gegen das neue Südafrika und pries Zuma
  157. 07 hielt er dort eine Rede, in der er aus kritischen Songs von weissen Bänds/Sängern über das neue Südafrika zitierte (u.a. Schwermetallgruppe “Kobus!”, auch Rian Malan), aber nicht respektlos
  158. Amin reiste nach seinem Sturz 1979 nach Saudi-Arabien, wo er bis an sein Lebensende blieb
  159. Hauptsächlich aus Osteuropa. Nur Yizhak Navons Vorfahren waren länger als eine Generation in diesem Land
  160. Juden
  161. Er ist wahrscheinlich deutsch-israelischer Doppelstaatsbürger, kann damit bzgl Israel wählen und mit-bestimmen, obwohl er in München lebt, im Gegensatz zu den Palästinensern unter israelischer Militärverwaltung, die ein “Spielzeugtelefon” namens Autonomieverwaltung wählen dürfen
  162. Möglicherweise aber zu den Venda oder Shona gehören
  163. Die Bürgerkriege im Kongo zB sollten dann aber auch das Eine oder Andere relativieren – wieso tun sie das nicht?
  164. Der Süd-Sudan, wo schwarzafrikanische (nilotische) Christen und Animisten leben, wurde ebenso wie Darfur vom ägyptischen Khediven Ismail erobert und so Teil des Sudans, in dem der islamisierte, arabisierte “Norden” dominierte; 55-72 der erste Bürgerkrieg um Gleichberechtigung (der schon vor der Unabhängigkeit begann), der Aufstand v.a. der Anyanya-Organisation wurde von Israel unterstützt; 83-05 der nächste, diesmal um Trennung (dazwischen Integration der Rebellen in die sudanesische Armee); Garang war im 1. Krieg in der Anyanya gewesen, dann im sudanesischen Militär, dann Gründer der SPLA/SPLM; 2011 die Unabhängigkeit und bald Ausbruch innerer Kämpfe im Südsudan… Flüchtlinge und Emigranten von dort kamen (auch) nach Israel
  165. Wenn Netanyahu oder ein Anderer aber sagt, “Die ganze Welt muss geeint sein und den Iran stoppen”, dann weil es die (vermeintlichen) Anliegen Israels sind (die zu Anliegen der Welt werden sollen)
  166. Siehe zB https://www.thedailybeast.com/white-like-me . Dass MEMRI den Artikel aus „Maariv“ nicht übersetzt und verbreitet hat, war sicher nur Zufall
  167. Die jährliche Party für Israels “Sicherheits”-Establishment
  168. Ein Islamismus unter diesen Bosniaken wurde erst nach diesem Krieg mit genozidären Zügen lebendig, der Krieg wurde aber (auch) damit legitimiert dass sie “Islamisten” u.ä. seien
  169. “Jihad – A South African Perspective”
  170. Auch ab Ende des 19. Jh
  171. Amerikanische Juden, die sich für Afroamerikaner einsetzten, waren zB Michael Schwerner und Andrew Goodman
  172. 9. 7. 1960
  173. Wird auch des „Antisemitismus“ usw beschuldigt
  174. Von staatlicher wie “privater” Seite
  175. Von einer Zeitung nach ihrer Meinung zum Syrien-Konflikt bzw einer US-amerikanischen Intervention darin befragt, gab eine Amber Zirkelbach aus Ohio kürzlich eine kurze, sarkastische Antwort: „Ich bin einfach dankbar, dass Syrien uns nicht bombardiert hat, als wir die Kinder in Flint vergiftet oder gegen Eingeborene in Standing Rock Tränengas eingesetzt haben“
  176. Von der Pension, die jener Kings gegenüber lag. Es gibt einige Fragen um diesen Mord, besonders um mögliche Hintermänner
  177. Sowohl Verwoerd als auch Vorster waren zurückhaltend gegenüber Smith’s Siedlerregime, aus verschiedenen Gründen, aber das änderte nichts an den Fronten
  178. Auch palästinensische “Führer”, die sich gegen die Interessen ihres Volkes stellen, werden gerne als “gemäßigt” bezeichnet; und wenn von gemäßigten arabischen Staaten die Rede ist, dann ist in erster Linie Saudi-Arabien (!) gemeint…
  179. “Judenstadt”
  180. In Deutschland spricht von der “Staatsräson”, von der “besonderen Verantwortung”,…
  181. Und wenn sich in der UN die globalen Mehrheitsverhältnisse wiederspiegeln und dort eine “Politik” abseits von westlicher Vorherrschaft ausgeübt wird, kommen Organisationen wie UNwatch von Hillel Neuer und prangern das an
  182. Bei vielen christlichen Äthiopiern ist es die Auffassung der eigenen Geschichte, die dazu führt; und daran ändert auch Israels Afrika-Politik nichts
  183. Ein rechter niederländischer DJ namens Hans Dekkers schrieb auf Twitter: „#blacklivesmatter is racist bullshit. ALL lives matter. Being black is nothing special!“. Aber speziell genug, dass man u.a. in der USA dafür getötet wird; alle Leben zählen, ja. Und wer bei Kampf gegen rassistische Polizeigewalt mit der „Farbenblindheit“ beginnt, dem geht es um eine Verteidigung des Rassismus. Und  passenderweise ist dieser Dekkers auch ein grosser Israel-Fan
  184. Und eigentlich werde sie von gewissen moslemischen Gesellschaften und Staaten praktiziert
  185. Gehört das christliche, schwarze Afrika zB zum Westen? Wenn nein, ist dieser also rassisch definiert? Und, warum ist es eigentlich kein Multikulturalismus, wenn Leute wie seine Eltern aus Polen in Frankreich aufgenommen wurden? Hat, sagen wir, eine Vietnamesin auch die Möglichkeit, durch Einwanderung und Integration Teil des Westens zu werden, oder ist das Multikulturalismus?
  186. Gruppen wie die AWB?
  187. Der 2010 ursprünglich durch den damaligen Präsidenten Yuschchenko verliehene Titel “Held der Ukraine” wurde wieder aberkannt, wurde ein Streitfall zwischen den pro-russischen und pro-westlichen Kräften im Land
  188. Auch bezüglich Algerien wird eine “Siedler-Idylle” den heutigen Zuständen ggü-gestellt, als ob das Gros der Bevölkerung davon etwas gehabt hätte, daran hätte partizipieren können – aber auch den Einheimischen/Farbigen sei es im Vergleich so gut gegangen sei…also eigentlich sind sie ja “minderwertig”…aber
  189. > “Mourir pour Danzig?”
  190. Oder eine weisse Minderheit in einem Staat über eine nicht-weisse Mehrheit
  191. Wie hat es Arik Brauer ausgedrückt, die Araber haben einen halben Kontinent voller Staaten und können nichts damit anfangen. Es ist ein Jammer mit diesen Afrikanern und Arabern, die mit ihren Ländern nichts anfangen können
  192. Ein Kommentar am Wiki-Artikel über De Klerk: “Filthy race traitor who needs to be shot”
  193. Jemand der (tatsächlich/vermeintlich) den Islam zurückweist
  194. Die Entsprechung zum “selbsthassenden (israelkritischen) Juden”
  195. Diese Apartheid-Fans, die zu Afrikanern “Kafer” sag(t)en, sind nahe bei Islamisten, die Nicht-Moslems so nennen
  196. Die AWB macht(e) vielleicht mehr Krawall, ist aber wahrscheinlich nicht so radikal wie Roodt
  197. > Priklopil
  198. Das von einem Evangelikalen arabischer Herkunft, Joseph Farah, gemacht wird. Das rechte Online-Magazin hat die Kampagne um Obamas Staatsbürgerschaft mitgemacht, ebenso gegen seine Gesundheitsreform; der ermordete Litvinenko soll zum Islam übergetreten sein und “sein” Plutonium für Terroristen gedacht gewesen sein; der kanadische Evangelikale Tristan Emmanuel beklagte dort den “Anglo-Saxon self-hatred” und die Einwanderung nach Nord-Amerika; ein anderer Kolumnist ist Anthony Lo Baido, der 9/11 als eine Art Strafe Gottes darstellte, auch Ann Coulter schreibt dort, Aaron Klein (auch Breitbart) über Nahost,…; Immer wieder aufschlussreich, in welches ideologische Milieu Israel-Solidarität eingebettet ist
  199. Bei den linken Islamophoben/linken Zionisten ist es ja so, dass zumindest Haider in einen Gegensatz zum „jüdisch-christlichen Westen“ gestellt wird, und eine Querfront hergestellt wird
  200. Das macht auf einen Unterschied zu Segev-Steinberg (bzw der auch von diesem vertretenen Linie) aufmerksam: Der hat ja lamentiert, dass (schwarze) Südafrikaner (ungerechterweise) so ein schlechtes Bild von Israel hätten, machte auf Freund; Mercer steht für jene, die dazu stehen, kein Freund dieses Landes und seiner Bevölkerung zu sein, rassistisch zu sein
  201. Die während WKII für Hitler und Mosley gewesen sein soll
  202. Das Übliche, muss man sagen, wenn Antisemitismus/Antijudaismus behandelt wird
  203. Was zweitere betrifft, die werden sonst gerne in Stellung gebracht, gegen Moslems etc, von Schreuder & Co…
  204. Oder das TR-Veto gg Plassnik als OSZE-Chefin kommentiert „Vermutlich weil sie eine Frau ist“
  205. Übrigens auch Islamisten, von Bin Laden bis Dabbagh
  206. Wie sie zB Kasrils übt
  207. Das früher in Ägypten war als in Europa und früher als der Islam (in Ägypten)…
  208. Wolfgang Caspart, damals Obmann dieses Akademikerverbandes, musste sich als Administrator der Seite wegen Verhetzung 2016 vor Gericht verantworten, gab mehrere Ausreden an, wurde freigesprochen. Man kann ruhig vergleichen, wer noch so über Einwanderer und Südafrika redet
  209. Das mit den Waffenlieferungen hat ja Israel zur Genüge erledigt; die CSU ist verbal gemäßigter als die CBV
  210. Der Kämpfer gegen die politische Korrektheit musste ja nicht wegen seines Rassismus’ gehen, sondern weil er Pädophilie zumindest verharmloste, wenn nicht verteidigte
  211. Poggenburg von der AfD hat über Türken in Deutschland gesagt, “Diese Kameltreiber sollen zurückgehen in ihre Lehmhütten zu ihrer Vielweiberei…”
  212. Weidel von der AfD: Özil sei das Produkt gescheiterter Integration, auch weil er das Singen der National-Hymne bei Länderspielen „verweigert“
  213. Ein SPD-Lokalpolitiker kommentierte den vorläufigen deutschen Kader für die WM heuer mit “25 Deutsche und zwei Ziegenficker.”
  214. So wie 2014, als während des Krieges gegen Gaza während eines Testmatches mit einer israelischen Mannschaft in Bischofshofen einige Türken mit einer palästinensischen Flagge über das Feld rannten und ein Entrüstungssturm losbrach
  215. Damaliger PLO-Vorsitzender
  216. “Staberls” Chef Dichand war ein Freund vom aus Österreich stammenden Jerusalemer Bürgermeister Kollek (der nach diesem Krieg BM auch des Ostteils dieser Stadt wurde), sagte über dessen Arbeit, Jerusalem sei wegen den Arabern schwer zu regieren (gewesen)
  217. Wo “man” in den 1980ern die Islamisten noch als “Freiheitskämpfer” sah und unterstütze
  218. Übrigens: Das Nazi-Gold in der Schweiz wurde aufgearbeitet, spätere Gold-Transaktionen über die Schweiz wie von Apartheid-Südafrika nicht
  219. Bringt entweder Nazi-Entlastungs-Solidarität oder Scham-Soli. Wer nach der Erfahrung der Schoah ein „Nie wieder“ sage, müsse auch “Ja” zum Staat Israel sagen, so O. Deutsch von der IKG Wien. Das gelte umso mehr, als Israel sowohl bei seiner Gründung vor 70 Jahren als auch heute von verschiedenen Kräften und Staaten das Existenzrecht abgesprochen werde. So wird normalerweise die Verbindung hergestellt
  220. Heute redet Strache vom “weltweiten Kampf gegen Islamismus, nach jenem gegen NS und Kommunismus“, als sei er M. Küntzel
  221. Übrigens, 6 Jahre zuvor hat FPÖ-Kandidatin Barbara Rosenkranz (wie auch CPÖ-Kandidat Gehring) im BP-Wahhlkampf gg. die “Islamisierung Österreichs” gewettert
  222. Und viele “Antisemitismus”-Jäger sind Relativierer von (anderen) Rassismen, aber darum wird es in einem anderen Artikel gehen. Jedenfalls: Einen Netanyahu als Kapazität in “Anti-Rassismus” zu sehen, ist wie “Hannibal Lecter” zu einem Vegetarismus-Experten zu machen
  223. Bei den Gedenkfeiern zur Befreiung des NS-Konzentrationslagers Mauthausen kritisiert der Präsident der IKG, Oskar Deutsch, offen die FPÖ und die Tatsache, dass mehrere Burschenschafter in und für die Regierung aktiv seien. Einige der am weitesten rechts aussen stehenden FPÖ-Politiker, wie der nunmehrige Innenminister Kickl, waren/sind aber keine Burschenschafter
  224. Wenn man sich den Artikel über diesen Glick auf der deutschen Wiki ansieht, stellt man fest, dass der maßgebliche Autor dieses Artikels einer der erwähnten Deutschen sind, die Israel und sein Militär verehren
  225. Und demokratisch und rechtsstaatlich ist es nicht zuletzt deshalb, weil Politiker der FPÖ für ihren Machtmissbrauch aus der letzten Phase, als die ÖVP mit ihr eine Koalition bildete, noch immer angeklagt und verurteilt werden
  226. Wieder begleitet von journalistischen Groupies
  227. Der Gesandte, Abdel-Shafi, hat Österreich wegen der Teilnahme des österreichischen Botschafters bei einem Festakt zur Verlegung der US-Botschaft vorübergehend verlassen
  228. Israel-Kritiker werden dort ausgegrenzt, darum muss sich zB der jüdische FPÖ-Politiker David Lasar (will “Heimat” hier und dort verteidigen, in Österreich wie in Israel, gegen die gleichen Gegner vermutlich) keine Sorgen machen
  229. Bei Front National und den Anderen ist es ähnlich
  230. Dazu noch mehr
  231. Womit man wieder bei der Intersektionalität der Situationen der Afro-Amerikaner und der Palästinenser ist
  232. Wie zB die aus Südafrika stammende Jillian Becker
  233. Immerhin hat Oz, und das passt sehr zu diesem Thema, den Gaza-Streifen mit Soweto verglichen
  234. Nicht nur die: Mit Blick auf die Freude über den Sieg Israels beim Song Contest sagte Deutsch: „Eigentlich wollen wir nur in einem Staat leben, in dem sich alle unabhängig von ihrer Religion freuen können.“
  235. monde-diplomatique.de/artikel/!1073090
  236. Die weisse Rechte im Post-Apartheid-Südafrika ist auch gespalten, bei der Frage, ob man sich eher als Rassist oder Rassismus-Opfer verstehen soll, und, damit verbunden, was man Schwarzafrikanern überhaupt zubilligen soll, inwiefern man Verbündete unter ihnen suchen soll
  237. Warum eigentlich? Weil sie etwas laut gesagt hat, was man lieber leise sagen sollte? Weil sie gesagt hat, dass Israelis Nachfahren von Kolonialisten aus Europa ohn Wurzeln in dem betreffenden Land sind? (damit, und auch mit der “weissen Rasse”, ignoriert sie die gut 50% jüdischen Israelis, die Mizrahim sind…) Weil sie einen Blödsinn über Asien geredet hat (abgesehen von der Frage, ob Australien dazu gehört, oder nicht doch eher zu Ozeanien), Asien geht vom Bosporus bis nach Tschukotka, und vielleicht ein Drittel seiner Einwohner hat die ostasiatischen Charakteristika
  238. Fragt sich nur, WER hier schwachsinniges Rassedenken pflegt…; und auch, wer die NS-Diktatur aus der jüngeren Geschichte Europas auslagern will (neben den anderen inhaltlichen Fehlern). Der Westen hier rassi(sti)sch definitiert, nicht über “Werte” und so…; die Ausbreitung dieses Westens mit der Verfolgung einer seiner “Teilgruppen” durch andere gerechtfertigt
  239. Dieser Chauvinismus kommt auch ggü Afrikanern zum Einsatz; auch: “as long as there are no provocations or attacks, everybody is free to fuck his goats :-)”
  240. Wie bei den Feinden des Judentums
  241. Als Symbol der Friedensbewegung zur Zeit des Irak-Kriegs 03 bei Zionisten übrigens diffamiert…
  242. Man könnte auch “Ayn Rand” und ihre Haltung zur Homosexualität nehmen
  243. Christoph Rehage fragte mit Recht auf Twitter, „Hätte Joachim Fest weniger Zeit mit Albert Speer und mehr Zeit mit Kindererziehung verbringen sollen?“
  244. Ganz nebenbei, Fest hatte 2014 in Zhg mit der Verteidigung des israelischen Massakers in Gaza ja einen “islamkritischen” Kommentar in der “Bild” getippt, in diesem hatte er auch “die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle“ angeprangert…
  245. Wie zB Eliahu Yishai und viele politische Kräfte Israels
  246. Übrigens, dieser Katz ist einer Aufforderung des obersten Gerichts Israels 2011, Geschlechter-Trennung (wie sie von streng religiösen Juden bzw in deren Wohngebieten praktiziert wird) in öffentlichen Bussen einstellen zu lassen, nur halbherzig nachgekommen
  247. Zu stark ist man da in der Rolle des westlichen Kolonialisten. Und, wenn es in einem Schulbuch aus Südwestafrika von 1973 von einem Otto von Weber zum Völkermord an den Herero und Nama 1904-1908 heisst, der „Aufstand der Herero sei entscheidend geschlagen worden“, dann bringt das die Einstellung rüber, die auch heute von (philo)zionistischer Seite ggü Palästinensern vorherrscht
  248. Siehe zB Adam Hochschild: “Schatten über dem Kongo” (englisches Original 1998)
  249. Das Sultanat Sansibar, zu dem diese Küste bis dahin gehörte, war ein Haupt-Betreiber des moslemischen Sklavenhandels. Wie auf Sansibar leb(t)en an der Küste hauptsächlich eine arabisch-afrikanisches Mischbevölkerung. Es gab in Deutsch-Ostafrika dann noch den Maji Maji-Aufstand 1905-08 gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA, auch dieser wurde durch die Schutztruppe (mit Askaris) unter grossen Opfern nieder geschlagen
  250. Der wie der erste ein Krieg der weissen Welt war…
  251. Doppelte Standards, Kulturrelativismus
  252. Die zu Zeiten des Kalten Kriegs alle Menschenrechtsverletzungen ausserhalb der kommunistischen Sphäre ignorierte bzw als Teil des Kampfes gegen den Kommunismus verteidigte, darunter jene in Südafrika und Nachbarstaaten gegen Nicht-Weisse, und heute so ggü Menschenrechtsverletzungen im islamischen Raum sowie im “Rahmen des Kampfes gg Islamismus” verfährt
  253. Sein Abtritt aufgrund von Korruptionsvergehen heuer zeigt, dass die südafrikanische Demokratie funktioniert
  254. Der chinesische Admiral Zhèng Hé (Cheng Ho) hat mit grossen Flotten zwischen 1405 und 1433 sieben Expeditionen in den Pazifik und den Indischen Ozean unternommen und möglicherweise eine Weltumsegelung durchgeführt. Gefördert von den frühen Ming-Kaisern, v.a. Ch’eng-tsu; doch China hat sich nicht Afrika unter den Nagel gerissen, sondern nach innen gewandt
  255. > Aufnordung
  256. Ergebnis: ein Bekenntnis zu einer Zweistaatenlösung
  257. Südafrika hat übrigens seinen Botschafter aufgrund dessen von Israel zurück berufen
  258. Übrigens, bei aller berechtigten Kritik am iranischen Regime, dass es mit Venezuela zusammen arbeitet, ist absolut in Ordnung. Dies zeigt auch, dass es die Mehrheit des globalen Südens, von BRICS bis NAM (Blockfreie) auf seiner Seite hat, nicht isoliert ist. Jene Rechtsaussen in der USA und anderswo, die von einer Teheran-Caracas-Achse-des-Bösen reden, haben ein Problem damit, dass sie über solche Beziehungen keine Kontrolle haben
  259. Siehe den Kommentar von Malcolm X 1960
  260. Amani redete in „Hart aber fair“ auf ARD im April 18 über die nun andauernd vorgebrachte Floskel von der „jüdisch-christlichen Zivilisation“, die sie mit der jahrhundertelangen europäischen Politik ggü Juden in Verbindung brachte…
  261. Vom Internationalen Strafgerichtshof als völkerrechtswidrig verurteilt
  262. Wenn die „Jüdische Allgemeine“ eine palästinensische Konferenz in Deutschland zu einem (Pro-) Hamas-Treffen macht, ein Foto von maskierten martialischen Männern dazu bringt, will sie nicht nur palästinensische Anliegen treffen, sondern auch deren Unterstützer hier. Isabelle Daniel brachte in “Österreich“ 13 zur palästinensischen Unabhängigkeits-Erklärung ein Foto von ein paar Gestalten, die so aussehen/wirken wie sie sich Palästinenser vorstellt (oder darstellen will), maskiert, bewaffnet,…
  263. Sogar Präsident Abbas braucht eine Bewilligung der israelischen Militärverwaltung, wenn er das Land verlassen will

Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem “Gegenpopulismus” geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art “Gegenmittel” zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das “aber” soll das “einerseits” nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster “Notre-Dame de l’Atlas” in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime (“der Kaserne”) oder den Islamisten (“der Moschee”). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel “Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems”. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film “Des hommes et des dieux” („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der “Graf von Chambord”, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. “Napoleon III.” schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochtonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, “Mizrahis”, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsss und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt “begnügte” man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, “mittel” in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg bewirkte die „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Die demütigende Niederlage der französischen Armee in Indochina bei Dien Bien Phu 1954 war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion untersstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem “Time Magazine” die Motivation, um Algerien zu kämpfen: “Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.” Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich “zerlegen” wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in “seinem” Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner “Aufgabe” Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in “Paris Match” 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit “Fortschritts”-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der “verbrannten Erde” durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch “aufgerundet”. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an “Harkis”, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit “Koffer oder Sarg” wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus’ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den “eingeborenen” “Farbigen” gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den “Volksdeutschen” in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern “gehalten”. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier sind die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden “Schwarzen” sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischem Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist für die Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit “La Valise ou le Cercueil” stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. “Enrico Macias” (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von “Sheick” Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich “Adieu mon pays”.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. “Bleu-Blanc-Beur” und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht “akzentuierten” Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die “Charlie Hebdo”-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische (polnischer Herkunft) Philosoph Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die “Zivilisation” zu den “Wilden”. Er beklagt den “Verfall westlicher Traditionen” durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, “Rasse” zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass “westliche Werte” nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er “Le Monde diplomatique” wegen ihrer “Israel-Kritik” attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer “salonfähiger”. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Jahren Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann “nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen”. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen “zersplittert” (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie “verschwunden”. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der “Abschaffung des Sklavenhandels” verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika” aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine “Versöhnung” der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantnischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: “Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems”. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken.  Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relavant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem “freien Westen” die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und “Politiker” beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in der “seiner” Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in “Le Monde diplomatique” einen Artikel von Pierre Daum über die letzten “Siedler”. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von “Christen” die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup “Jimmy” Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die “Überfremdung Europas” aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig “minderwertig” betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon “christlich-jüdische Werte” und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die “Riposte laique” nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). “Weder Koffer noch Sarg…”

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L’ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte “Doyen” der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

“C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir” (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der “ägyptische” Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das “koloniale” Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Deutschlands Platz an der Sonne

Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überliess, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber.” Aussenminister Bernhard von Bülow aus Anlass der Inbesitznahme Kiautschous im Reichstag.

Bismarck-Archipel, Neupommern, Deutsch-Neuguinea – ja, Deutschland war mal Kolonialmacht, aber wer weiß heute noch etwas davon? Diese Vergangenheit gilt nach zwei Weltkriegen als vergiftete Frucht.“ Aus einer Kundenbewertung von Christian Krachts „Imperium“ auf amazon.de.

Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.” Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (Zentrumspartei) 1927.

Gemeinsam mit dem nur wenig älteren Königreich Italien trat das (zweite) Kaiserreich der Deutschen als Nachzügler auf die Weltbühne.” Chefredakteur Franz Metzger im Magazin “Geschichte”, November 06, in der Einleitung auf das Titelthema “Kaiser Wilhems Kolonien”.

Der Kilimandscharo, ein Teil der “Südsee” oder (ein ganz kleiner) Chinas gehörten mal (zu) Deutschland, das seine eigenen Bananen ernten konnte (wenn es das auch nicht mit eigener Arbeitskraft tat). Das Deutsche Reich eignete sich Gebiete in Afrika, Ozeanien, Asien an; die afrikanischen Gebiete waren am wichtigsten. Die Daten und einiges mehr zu dem Thema kann man zB dem Wikipedia-Artikel entnehmen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte eine Führungsrolle in Europa inne, war aber nicht dabei, als europäische Reiche in der frühen Neuzeit durch Entdeckungen und Eroberungen Weltmächte wurden. Die Siedlung in Osteuropa war für das Reich wichtiger. Deutsche waren ab dem 16. Jahrhundert im Dienst anderer europäischer Mächte bei der Erschliessung und Ausbeutung neu entdeckter/angeeigneter Gebiete dabei, als Seefahrer oder Siedler. Und, Deutschland nahm am Welthandel Teil, etwa durch die hugenottische Kaufmannsfamilie Godeffroy in Hamburg. Durch die Personalunion des Römisch-Deutschen Reichs mit Spanien unter dem Habsburger Karl V. herrschte der Kaiser auch, für einige Jahrzehnte, über ausser-europäische Kolonien.

Zur Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus gehört auch, dass die süddeutsche Kaufmannsfamilie Welser unter Karl V. die Möglichkeit bekam, in Spanisch-Neugranada die Handels-Kolonie Klein-Venedig zu betreiben, im heutigen Venezuela. Dabei wurden auf den Zuckerrohr-Plantagen auch afrikanische Sklaven eingesetzt, wie damals üblich unter europäischen Kolonialmächten. Dies war einer der Ansätze zu deutschen Kolonien vor jenen des zweiten Reichs. Das Herzogtum Kurland war irgendwie auch ein deutscher Staat (wenn auch ausserhalb des Reichs), unterhielt im 17. Jh eine Kolonie auf der Karibik-Insel Tobago, genannt “Neukurland”, sowie eine Insel im Gambia-Fluss. Brandenburg-Preussen erwarb Ende des 17. Jahrhunderts überseeischen Kolonialbesitz in der Karibik und in Afrika und hatte Anteil am kolonialen Sklavenhandel. Ab 1806, eigentlich ab 1815, war die “deutsche Frage” aktuell, also welche Grenzen und welche Staatsform Deutschland haben sollte.

Österreich, von seinen Wurzeln auch ein deutscher Staat, hat auch in Osteuropa expandiert. Daneben hat das Stammland der Habsburger im 18. und 19. Jh. auch Versuche unternommen, Übersee-Kolonien zu erwerben. Das Schiff “Novara” hat auf einer Weltumsegelung Mitte des 19. Jh erfolglos versucht, die indischen Nikobaren (auf die schon Dänemark Anspruch erhoben hatte) in Besitz zu nehmen. Etwas später war auch Preussen an den Inseln interessiert. Die Novara brachte auch Kaiser-Bruder Maximilian von Habsburg nach Mexiko, wo er Kaiser wurde. Dies war aber kein Zug, Mexiko unter österreichischen Einfluss zu bringen; es war einer des französischen Kaisers Napoleon III., in Mexiko eine an Frankreich angelehnte Herrschaft zu begründen. Die Novara hat dann auch Maximilians Leichnam abgeholt.

Deutsche waren in Südafrika mit der niederländischen VOC vom ersten Schiff im 17. Jh an mit dabei, sind (wie calvinistische Franzosen bzw Hugenotten) in den Afrikaanern/Buren aufgegangen. Haben das Afrikaans mitgeprägt. Nachfahren sind bis hin zu Staatspräsidenten Südafrikas aufgestiegen. Namen wie Botha oder Van Rensburg (nach der Stadt Rendsburg in Schlewsig-Holstein) erinnern an deutsche Wurzeln. Nur spätere Einwanderer des 20. Jh haben diesen Assimilationsprozess nicht gemacht. Albert Schweitzer ist einer jener Elsässer, die in französischen Kolonien wirkten (Lambarene gehörte zu Französisch-Äquatorialafrika), allerdings in jenen Jahren in denen das Elsass Teil Deutschlands war. Deutsche Missionare gingen ab dem 18. Jh mit Dänen nach Grönland, vermischten sich dort sowohl mit Eskimos wie auch mit Dänen – was man auch heute an Namen von Grönländern sehen kann. Viele Südtiroler mussten nach der Abtrennung von Österreich im italienischen Militär in Nordafrika dienen, v.a. in Abessinien/Äthiopien; vielleicht sind sie eher als Altösterreicher denn als Deutsche zu sehen. Unter den Bewohnern im Raum Eupen, die nach dem 1. WK Belgier wurden, wird es auch welche gegeben haben, die als Soldaten oder Siedler in den Kongo kamen (vor der Unabhängigkeit 1960 oder danach). Anfang des 19. Jahrhunderts kartographierte der Deutsch-Balte Otto von Kotzebue als Offizier der russischen Marine erstmals die Marshall-Inseln – welche fast 100 Jahre später deutsche Kolonie (Schutzgebiet) werden sollten! Dann wären auch jene Herrscherhäuser in Kolonialmächten zu nennen, die deutsche Wurzeln haben, wie das britische seit 1714, oder die schon erwähnten spanischen Habsburger.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 gab es eine Bewegung für einen Kolonialerwerb, organisiert in Vereinen, wie dem 1882 gegründeten Deutschen Kolonialverein. Auch der Alldeutsche Verband erhob diese Forderungen. Auch Denker wie Max Weber forderten den Staat zur aktiven Kolonialpolitik in der Welt auf. Carl Peters: “Das deutsche Volk muss endlich ein Herrenvolk werden, um endgültig zur Weltmacht gelangen zu können”. Mit dem “Recht auf Kolonien” verband man in Deutschland Ende des 19. Jh Prestige, Rohstoffe, Märkte, “Lebensraum”.

Deutsche Kaufleute, Missionare und Seefahrer waren zu diesem Zeitpunkt schon an verschiedenen Küsten der Welt unterwegs, um ihren Glauben zu verbreiten oder Waren zu holen. Otto von Bismarck, Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm I., stellte 1884 mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute in Afrika unter den Schutz des Deutschen Reichs – der Anfang der Schutzgebiete Südwestafrika, Togoland, Kamerun. Es folgten weitere. Bismarck war dem „kolonialen Experiment“ lange skeptisch gegenüberstanden und tat dies weiter. Das Reich sollte nach Bismarck (der mehr Preusse als Deutscher war, überhaupt eine zurückhaltende Politik betrieb) eigentlich Kontinentalmacht bleiben, die Welt eher Absatzmarkt; er gab aber zögerlich staatlichen Schutz für Handelsposten, was etwa die Entsendung von Schutztruppen beinhaltete. Vorausgegangen war der Erhebung zum Schutzgebiet (Protektorat) in der Regel Verträge der Händler mit “Eingeborenen”, die ihnen die Oberherrschaft über ein Gebiet und wirtschaftliche Ausbeutung garantierten (Bismarck: “Papiere mit Neger-Kreuzen darunter”); so war es bei den Erwerbungen von Lüderitz in Südwestafrika. 1884/85 fand in Berlin die “Kongo-Konferenz” statt, auf der im Wesentlichen die Grenzen der europäischen Kolonien in Afrika gezogen wurden und die deutschen Ansprüche in Afrika an sich anerkannt wurden.

Die Deutschen nahmen sich Ende des 19. Jh, was es noch gab, ähnlich wie Italien. Beide versuchten hier alles nachzuholen. Die meisten deutschen Kolonien wurden gegen Ende der Bismarck-Zeit angeeignet, danach kamen noch einige hinzu. Wilhelm II. war Kaiser ab 1888, aber erst mit Bismarcks Entlassung 1890 begann das wilhelminische Zeitalter, in dem ein deutscher Imperialismus eine wichtige Rolle spielte. Die Kolonien wurden wichtiger, wurden auf/ausgebaut. Der Aufbau der Flotte (militärisch, Handel) hatte auch diesbezüglich eine Funktion, war v.a. gegen die britische Konkurrenz gerichtet. Auch der Bau der Bagdad-Bahn stand in dem Zusammenhang. Das Kolonialunternehmen stand von Anfang an im Zeichen der europäischen Mächtekonkurrenz; die dort heimischen Völker und teilweise dort bestehende Reiche spielten keine Rolle in Kolonialplanungen. In einer Reichstagsdebatte 1897 hat Aussenminister von Bülow, der zukünftige Kanzler, im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik berühmte Worte formuliert: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Die deutschen Schutzgebiete bildeten zu Beginn des 1. Weltkriegs das an Fläche viertgrösste Kolonialreich. Wenn man das Russische Reich, mit seiner Herrschaft in Asien, die keine überseeische mehr war (nach dem Verlust von Russisch-Amerika), nicht als Kolonialmacht zählt, sogar das drittgrösste nach dem britischen und französischen. Die weisse Weltherrschaft war rund um diesen Krieg am Höhepunkt. Ein Dutzend Staaten herrschte über den Rest der Welt, zumal lateinamerikanische Staaten unter USA-Kuratel standen (und sie grösstenteils weisse Oligarchien waren) und auch nicht regelrecht kolonialisierte Länder wie Persien/Iran abhängig waren. Auch europäische Nicht-Kolonialmächte profitierten wirtschaftlich. August Bebel, SPD, prangerte Gräueltaten der Schutztruppe in Südwestafrika an, hielt Kolonialpolitik im Kern aber für eine “Kulturtat”, sofern Europäer als “Befreier”, “Helfer”, “Bildner” kämen.

Parallel zu weisser Weltherrschaft kamen Rassentheorien auf, oft verbunden mit Sozialdarwinismus. Mission-Kolonisation-Ausbeutung-Rassismus waren eng miteinander verbunden. Der Kolonialismus war eine Vorform des Faschismus und verschiedener Formen der Apartheid. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen aus Kolonien war in Europa vom späteren 19. Jh bis in die 1940er gang und gäbe. Wenn Andreas Koller von den “Salzburger Nachrichten” vom “Wesenskern der westlichen Welt” schwadroniert, meint er wahrscheinlich etwas anderes. Der deutsche Mediziner Eugen Fischer nahm Untersuchungen an lebenden und toten Afrikanern vor, erforschte u.a. die die “Rehoboth Basters” in Südwestafrika (SWA), die im Kap-Gebiet aus Verbindungen von Buren-Siedlern (anderen Kolonialisten) und Nama-Frauen hervorgegangen waren, warnte vor “Rassenmischung”; die Nürnberger Rassengesetze beriefen sich auf ihn.

Der “Sansibar-Helgoland-Vertrag” 1890 zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien war die letzte Amtshandlung Bismarcks. Deutschland verzichtete darin auf Ansprüche auf das vor der Küste “seines” Ostafrikas liegende Sansibar (und anderes), die Küste bekam es dafür fix. Grenzfragen in West-Afrika zwischen diesen Mächten wurden geklärt, Helgoland kam von GB (während den Napoleonischen Kriegen angeeignet) ans DR, die Schutzherrschaft über die Witu in Kenia (s.u.) ging an GB, SWA bekam vom britischen Gebiet einen Zugang zum Sambesi (der dann Caprivi-Streifen genannt wurde). Das Kionga-Dreieck an der Grenze zwischen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) blieb umstritten, Deutschland betrachtete es aber nun als zu seinem Ostafrika gehörig.

Die Schutzgebiete/Kolonien waren gemäß der Verfassung des Deutschen Reichs nicht Bestandteil des Reichsgebiets, sondern überseeischer Besitz. Die Rechtslage in den Kolonien wurde erstmals 1886 mit dem Gesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete genauer geregelt, das nach mehreren Änderungen ab 1900 als Schutzgebietsgesetz bezeichnet wurde. Es führte über den Umweg der Konsulargerichtsbarkeit deutsches Recht für Europäer in den Kolonien ein. Auch die beschränkte Selbstverwaltung, die eingeführt wurde, galt nur für die deutschen Siedler. Die Ovambo in Südwestafrika oder die Papua in Neuguinea waren nicht auf einer Stufe mit den Franzosen in Lothringen oder den Polen in Schlesien, weit darunter. Anders als andere Kolonialherren gönnten die Deutschen nicht einmal einer kleinen Elite der Einheimischen eine akademische Ausbildung.

Es gab zur Aufsicht der Verwaltung der Kolonien zunächst die Kolonialabteilung im Aussenamt (dem Kanzler unterstehend). Nach den Aufständen und den Massakern in Südwest- und Ostafrika (s.u.) wurde das Reichskolonialamt (ein eigenes Ministerium) geschaffen. Der Gouverneur der jeweiligen Kolonie war oberster Kommandeur ihrer Schutztruppe. Nur die grösseren Kolonien hatten Schutztruppen, in den anderen (Neuguinea, Samoa, Togo, Kiautschou) gab es Polizeitruppen. Die Schutztruppen hatten, wie auch die anderen europäischen Kolonialtruppen, einheimische Hilfssoldaten, so genannte Askari. Es gab in den Schutzgebieten keine Sklaverei, aber Zwangsarbeit. Auch wenn Lohn für die Arbeit bezahlt wurde, war sie in der Regel nah an der Zwangsarbeit. Die übliche Plantagen-Monokultur stellte eine Ausbeutung von Land und Leuten dar. Auch beim in den meisten Kolonien vollzogenen Aufbau des Eisenbahnnetzes hat die einheimische Bevölkerung die härteste Arbeit geleistet. Die Reichswährung Mark war auch in den Kolonien das Zahlungsmittel, in Neuguinea, Kiautschou, Ostafrika gabs zeitweise Ausnahmen davon.

Die einzelnen Kolonien:

Deutsch-Südwestafrika: die erste, die wichtigste, die meisten Siedler, die tiefste Prägung. Es begann mit den Missionaren der lutheranisch-calvinistischen Rheinischen Missionsgesellschaft, die in Südwestafrika ab 1842 aktiv waren; daneben gab es ab 1870 die finnische Mission in dem Land. Händler wie der Bremer Adolf Lüderitz schlossen Verträge mit Häuptlingen ab. 1884 wurde Südwestafrika das erste deutsche Schutzgebiet; Kapitän Herbig liess dazu im Namen des Kaisers die Reichs-Flagge hissen, in der Bucht die dann Lüderitz genannt wurden. Deutschland kam damit den Briten zuvor, die im Süden und Osten waren. Lüderitz war die erste deutsche Siedlung, die entstand. Neben jenen Deutschen, die in “Südwest” Landwirtschaft betrieben, kamen Soldaten und Beamte in das riesige Land.

Lüderitz verkaufte seinen Besitz 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG), ertrank im jahr darauf im Oranje/Gariep, der die Grenze zur britischen Kapkolonie (später zu Südafrika) bildete. Die Grenzen im Norden zum portugiesischen Kolonialbereich entlang des Kunene-Flusses und im Osten zum britischen Bechuanaland wurden auch bis 1886 festgelegt. Die Walfisch-Bucht, den tauglichsten Hochseehafen in Südwest, hatten sich die Briten als Exklave ihrer Kapklonie gesichert. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 änderte die Grenzen des Gebietes im Nordosten. Ein Gesetz 1905 nahm mit Afrikanern Ehen eingegangenen Deutschen die Bürgerrechte. 1908 der “Diamantenrausch”. Etwa 10 000 Siedler gab es bei Kriegsausbruch, auch andere Europäer waren dabei (wie auch in den anderen Gebieten). Zum grossen Aufstand und der Niederschlagung s. u.

Deutsch-Ostafrika umfasste Tanganyika (Tanganjika), wo deutsche Kaufleute wie der Afrikaforscher Carl Peters an der Küste aktiv waren. Peters und seine Kolonial-Gesellschaft (DOAG) drängten auf eine staatliche Übernahme des Landes, die 1885 vollzogen wurde. Auf Betreiben von Peters wurde die evangelische Bethel-Mission gegründet, die versuchte Afrikaner über Schulen oder Krankenhäuser zu missionieren. Es wurde das grösste Schutzgebiet, war etwas grösser als SWA. Das Reich hatte vor Versailles ohne Kolonien 541 000 km², Ostafrika fast die doppelte Grösse. SWA (835 000 km²) hatte etwa die rund anderthalbfache Größe des Deutschen Reichs. Bei der Zahl der Siedler (ca. 5000) war Ostafrika Zweiter hinter SWA. Über die Küste und den davor liegenden Sansibar-Archipel herrschten die Sultane der omanischen Said-Dynastie. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich führte 1888 zu einem Aufstand der Bevölkerung an der Küste (bis 1890), die hauptsächlich aus Suahili (arabisch-afrikanisches Mischvolk) bestand, in Deutschland als “arabischer Aufstand” bezeichnet. Der Anführer Buschiri bin Salim wurde hingerichtet. Bismarck stellte die Niederschlagung als “humanitären Kampf gegen arabischen Sklavenhandel” dar.

Deutsche waren v.a. an der Küste und im Norden präsent. Kaffee, Zuckerrohr, Kautschuk, Sisal-Hanf, Baumwolle wurden in Plantagen angebaut; in Zwangsarbeit. Die Plantagen nahmen den Einheimischen Land, brachten Hungersnöte, ähnlich wie in Irland durch den erzwungenen Getreideexport nach Grossbritannien. Das Wituland an der kenianischen Küste war 1885-90 deutsches Schutzgebiet, wurde zu Ostafrika gerechnet; war vorher Sultanat, dann (nach Helgoland-Vertrag) britisch. Peters hielt sich als Reichskommissar eine afrikanische Geliebte, als er entdeckte dass sie auch mit einem Diener ein Verhältnis hatte, liess er beide aufhängen; daher wurde er entlassen. Im NS bekam er eine Rehabilitierung. 1905-08 der Maji Maji-Aufstand, gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA. Es war diesmal ein schwarzafrikanischer Aufstand im Landesinneren, er begann auf einer Baumwollplantage. Die Niederschlagung erfolgte durch die Schutztruppe mit Askaris (teilweise aus anderen Gebieten Afrikas, auch nicht-deutschen), forderte bis zu 900 000 Opfer.

Deutsch-Neuguinea: Es begann mit jenem Archipel im Pazifik, der dann nach dem deutschen Reichskanzler benannt wurde. Niederländische, spanische und englische Schiffe gaben diesen Inseln ihre frühe Namen, wurden zur Verproviantierung genutzt, Missionen und Handelsniederlassungen (etwa der DHPG) entstanden. Deutsche und Briten deportierten Zwangsarbeiter von dort nach Samoa oder Queensland. Deutsche kamen von hier nach Neuguinea, dessen Westteil den Niederländern gehörte (Nl. Indien, späteres Indonesien). Im Ostteil der Insel entstanden in den 1880ern  (im Süden) britisch-australische und (an der Nordküste) deutsche Handelsposten. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) verlief einfach schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad (West-Neuguinea war von Holländern aber nicht erschlossen). Zusammen mit dem vorgelagerten “Bismarck-Archipel” wurde Nordost-Neuguinea (“Kaiser-Wilhelms-Land”) deutsches Handels-, dann (1899) Schutzgebiet. Nach dem Bankrott der Handelsgesellschaft, die für die Europäer gesorgt hatte, kaufte das Deutsche Reich 1899 die Hoheitsrechte und erhob damit den Nordosten von Neuguinea und Bismarck-Archipel in den Rang einer Kolonie bzw eines Schutzgebietes.

1885 hatte das Deutsche Reich auch den Nordteil der Salomonen-Inseln als Schutzgebiet angeeignet, gab sie dann auch zu Deutsch-Neuguinea. Auch dort hatte es (Anfang des 19. Jahrhunderts) mit europäischen Händler und Missionaren begonnen. Die restlichen Salomonen fielen 1893 an Großbritannien. 1899/1900 wurden die Salomonen-Inseln Choiseul, Santa Isabel, Shortlands und Ontong Java Inseln vom Deutschen Reich an Grossbritannien transferiert, im Gegenzug für die Anerkennung deutscher Ansprüche auf West-Samoa; Deutschland bzw Deutsch-Neuguinea behielt Bougainville und umliegende Inseln. Die Marshall-Inseln mit Nauru wurden 1886 deutsch, kamen 1906 zu Dt.-Neuguinea. 1899 gab es weitere Zuwächse für dieses Schutzgebiet, von Spanien: die Karolinen, Marianen ohne Guam, Palau. Die tiefste Meeres-Stelle liegt östlich der Marianen-Inseln; benannt wurde der Graben wie die Inselgruppe nach der spanischen Königsgattin Maria Anna von Habsburg, in spanischer Kolonialzeit. Maria Annas Ehe war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, dieser Grund für ihren Untergang.

Die Landfläche Deutsch-Neuguineas betrug 249 500 km², mit dem Wasser wäre es die grösste der deutschen Kolonien gewesen. Auch hier Zwangsarbeit Einheimischer auf Plantagen: Kokos, Kautschuk, Phosphate, Tabak. Und Mission. Angeblicher Kannibalismus der Papua auf Neuguinea an Weissen. Bei einer Volkszählung 1905 wurde die Gesamtbevölkerung von Deutsch Neuguinea mit 200 000 angegeben, wahrscheinlich eine Schätzung. Davon waren an die 2000 Menschen Europäer, davon nur etwa 700 Deutsche. Die Weissen waren hauptsächlich Pflanzer und Händler, und der Aussteiger August Engelhardt – der aber eigentlich auch ein Pflanzer war, und Inhaber einer Kokosplantage – sowie ein paar Anhänger. Der Ort Herbertshöhe auf der Insel Neupommern im Bismarck-Archipel war von 1899 bis 1910 Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea. Gouverneur war 1897 und 1901 bis 1914 Albert Hahl, der auch im Roman von Kracht vorkommt. Hahl war aus Bayern, Jurist, Beamter, für das Reichskolonialamt tätig, kam nach Deutsch-Neuguinea, war am Bismarck-Archipel Richter, dann in den von Spanien hinzugekommenen Gebieten bevor er Gouverneur wurde. Wie Peters in Ostafrika und wohl viele Andere hatte er eine Beziehung mit einer einheimischen Frau, auch ein Kind mit ihr. Hahl ernannte lokale Ortsvorsteher („Luluai“), die eine Brücke zwischen deutscher Verwaltung und Einheimischen darstellen sollten.

Deutsch-Kamerun: Dort war es v.a. der Geschäftsmann Adolph Woermann der den Weg zur Kolonialisierung ebnete, durch Handel und Verträge mit afrikanischen Herrschern. Gustav Nachtigal (aus der Altmark, Militärarzt, Afrika-Forscher) wurde als Reichskommissar für Westafrika in die Kolonialpolitik eingespannt; er starb auf der Rückfahrt nach Deutschland an Tuberkulose. Palmöl und Kakao gehörten zu den wirtschaftlichen Attraktionen des Gebiets, das starken territorialen Veränderungen unterworfen war. Deutsch-Kamerun war am Ende annähernd so gross wie das “Mutterland” (das Deutsche Reich). Es erhob Anspruch auf das britische Nigeria. Zu Deutsch-Westafrika wurden Kamerun und Togo zusammengefasst. Etwa 2000 Deutsche (und andere Europäer) liessen sich nieder. Julius Scharlach tat sich als besonders brutaler Plantagenbesitzer hervor.

Deutsch-Togoland: Vietor; Mais, Baumwolle; 500 Siedler

Deutsch-Samoa: die letzte erworbene Kolonie (1900), von Deutschland am weitesten entfernte. Der Osten des Archipels ging an die USA, die Briten bekamen einen Teil der Salomonen u.a. für den Verzicht auf Ansprüche auf den Westteil, der deutsch wurde… Das Schutzgebiet umfasste die Inseln Upolu, Savaiʻi, Apolima und Manono. Etwa 500 Siedler waren hauptsächlich wegen Kopra und Ananas dort, meist Männer die mit Samoanerinnen zusammenlebten. Deutsch-Neuguinea (Teile Melanesiens und Mikronesiens) und Deutsch-Samoa (in Polynesien) machten zusammen die “deutsche Südsee” aus. Kawa spielte dort für die einheimische Bevölkerung eine Rolle.

Kiautschou: Als 1897 zwei deutsche Missionare in China ermordet wurden, war dies für Kaiser Wilhelm II. der willkommene Vorwand, die Bucht zu besetzen. Der Stützpunkt wurde 1898 von China gepachtet, auch ein ungleicher Vertrag. Hauptstadt war  Tsingtao. Aufgrund seiner Hauptfunktion als Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine wurde das Gebiet nicht vom Reichskolonialamt, sondern vom Reichsmarineamt verwaltet. An der Spitze der Kolonie stand der Gouverneur (stets ein Marineoffizier), der direkt dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes, damals Grossadmiral Alfred von Tirpitz, verantwortlich war. Opium wurde in Kiautschou teilweise toleriert bzw daran verdient durch die Einhebung von Abgaben. Während der deutschen Kolonialzeit fand die Opiumkonferenz in Schanghai (1909) und die Chinesische Revolution (1911/12) statt. In Tientsin/Tianjin weiter nördlich hatte Deutschland, wie andere westliche Mächte, einen Handels-Stützpunkt. 1900 wurde der Diplomat Clemens von Ketteler in Peking während des Boxeraufstand (1899-1901) getötet, als er sich in einer Sänfte durch die Strassen tragen liess. Der Mord war Vorwand für die folgende westliche Intervention in China, auch mit deutscher Beteiligung. Bei der Verabschiedung der Truppen unter v. Waldersee hielt der Kaiser seine “Hunnenrede”.

Das Verhältnis der Siedler, in allen Kolonien zusammen etwa 25 000, zu den Einheimischen bewegte sich zwischen grosser Nähe und grosser Distanz. Deutsche wurden getrennt von der lokalen Bevölkerung angesiedelt und diese wurde zur Arbeit verpflichtet, Mischehen wurden verboten. Zu dem Status der lokalen Bevölkerung im deutschen Kolonialsystem kam die kulturelle und oft rassische Verachtung der Siedler. Dann aber die vielen eingegangen sexuellen Verbindungen der meist männlichen Siedler mit einheimischen Frauen, von Gouverneuren abwärts; wobei diese ja auch als eine Art von Machtausübung gesehen werden können. Die Kinder aus solchen Verbindungen blieben in der Regel in den Kolonien, bei den dortigen Familien. Ein Teil der Deutschen blieb nach dem 1. Weltkrieg in den jeweiligen ehemaligen Schutzgebieten, manche kehrten nach einer Ausweisung zurück. Die deutsche Schiffahrt erfuhr durch die Kolonien einen Aufschwung, durch Warenverkehr, Tourismus, Besuche.

Expansion und Ausbeutung führte zu Aufständen. Dunkelstes Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte war die heute als Völkermord anerkannte Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jh. 1904 erhoben sich die damals halbnomadischen Herero unter Samuel Maharero im Norden Südwestafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft, v.a. wegen des Landverlusts an deutsche Siedler. Auf die Schlacht am Waterberg 1904 folgte bis 1908 ein genozidäres Vorgehen der Deutschen, flüchtende Herero wurden in der Omaheke-Wüste eingeschlossen. Die Nama (eine Khoikhoi-Untergruppe) unter Hendrik Witbooi schlossen sich den Herero an. Es gab Vernichtungsbefehle aus Berlin (Kaiser Wilhelm II., Kanzler v. Bülow, Generalstabschef von Schlieffen) und Vernichtungsintentionen der Schutztruppe unter Lothar von Trotha (ihr Kommandeur, dann Gouverneur des Schutzgebietes). Gouverneur Leutwein wollte ein anderes Vorgehen, wurde daher abgelöst. Neben dem Verdursten-Lassen gab es Exekutionen, Deportationen, Konzentrationslager für gefangene Herero und Khoikhoi (das Konzept für solche Lager stammt aus Südafrika, wo es die Briten im “Anglo-Buren-Krieg” an Afrikaanern anwandten), Landkonfiszierungen. Manche retteten sich durch Flucht in den britischen Bereich in Walvis Bay. Es werden zwischen 70 000 und 100 000 Opfer geschätzt. Es handelte sich um eine Art finale Auseinandersetzung zwischen naturverwurzeltem Jäger- und Nomadentum mit der westlichen Zivilisation, wie andernorts in dieser Zeit, die klar und brutal entschieden wurde.

Dann gabs August Engelhardt aus Nürnberg, dessen Leben vom Schweizer Schriftsteller Christan Kracht literarisiert wurde, in „Imperium“. Engelhardt wanderte auf die Insel Kabakon aus, eine der Neulauenburg-Inseln (heute Duke-of-York-Inseln) im Bismarck-Archipel in Deutsch-Neuguinea. Kracht erzählt Engelhardts Geschichte nicht genau nach, es handelt sich dennoch um einen Tatsachenroman; vielleicht auch um einen historischen Roman. Engelhardt sagt viel über das wilhelminische Kaiserreich aus, gerade weil er die “Antithese” zu ihm war (obwohl er die deutsche Kolonial-“Infrastruktur” nutzte). Engelhardt erwarb eine Kokosnussplantage auf Kabakon, was nicht weiter aussergewöhnlich wäre, da die Kokos-Nuss und ihre diversen Verarbeitungen die hauptsächliche wirtschaftliche Nutzung von Deutsch-Neuguinea war. Engelhardt stellte aber im Gegensatz zu den andern Siedlern und den Kolonialbeamten die Überlegenheit der Weissen und der westlichen Zivilisation entschieden in Frage. Er war, mit seiner alternativen Lebensform, seinem Sonnenorden, dem Kokovorismus, gewissermaßen ein Proto-Hippie. Auf Kabakon hielten sich nie mehr als fünf seiner Anhänger auf, einige von ihnen starben dort aus ungeklärten Gründen, so etwa der Berliner Musiker Max Lützow. 1914 kamen australischen Soldaten in das deutsche Inselreich. Dem bereits entrückten Engelhardt wurde die Plantage entzogen. Er blieb aber, starb 1919 auf Kabakon.

Die Verlegung des Haupt-Ortes Herbertshöhe (heute Kokopo) auf der benachbarten Insel Neu-Pommern (New Britain) 1910 aus klimatischen und verkehrstechnischen Gründen (Versandung des Hafens) an den wenige Kilometer entfernten Ort Rabaul, die im Roman Engelhardt in Verwirrung bringt, hat es tatsächlich gegeben. Zumindest im Roman war das Verhältnis Engelhardts mit den einheimischen Melanesiern “am Schluss”, vor dem seiner Plantage und seines “Ordens”, zerrüttet. Nur Makeli (eine authentische Figur) “blieb” ihm, und der war fast Deutscher geworden; Engelhardt aß Teile von ihm. Anlässlich der “Besitzerwechsels” in Neuguinea im 1. Weltkrieg und dem deutschen Engagement in diesem Krieg wirft Kracht die Frage auf, was wenn Hitler in diesem Krieg umgekommen wäre. Er hat v.a. das Ende Engelhardts gegenüber der Realität abgeändert. Apirana Ngata, ein neuseeländischer Maori, ist authentisch, aber nicht die Geschehnisse um ihn im Roman. Die Figur des Kapitän Slütter, den Gouverneur Hahl im Roman engagiert, um den als nicht mehr tragbar eingestuften Engelhardt ermorden zu lassen, ist fiktiv. Slütter, der auf seinen Schifffahrten in Sydneys Chinatown 2x jährlich Einkehr in einer Opiumhöhle hielt, und das ozeanische Mädchen Pandora, mit der ihn eine Art hebephile Beziehung verbindet, sind Hugo Pratts Comic “Südseeballade” (1967) “entnommen”, mit dem die Geschichte des Corto Maltese begann. Es finden sich auch Anspielungen auf Manns “Zauberberg”. Der Autor Marc Buhl hat Kracht vorgeworfen, er habe Elemente aus dessen Roman “Das Paradies des August Engelhardt” übernommen, der ein Jahr vor “Imperium” erschienen ist und sich ebenfalls in leicht fiktionalisierender Form Engelhardt widmet.

Kolonialwaren kamen aus den Schutzgebieten nach Deutschland, von Kokosnüssen bis Kaffee; exotische Tiere von dort in Tiergärten. Südseeklischees wurden in Romanen verarbeitet. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde die Ausbildung zum Koloniallandwirt in Deutschland angeboten. Die Kolonien blieben ein Verlustgeschäft. Nahrung aus Deutschland mussten für Siedler importiert werden. Hatte Bismarck mit seiner Skepsis Recht?

Es gab dann jene Gebiete, die Deutschland zu kolonialisieren versuchte, in erster Linie Teile Marokkos. Erste Marokkokrise 1904–1906, Deutschland will Frankreich nicht als beherrschende Macht in Marokko akzeptieren, Konferenz in Algeciras. Die zweite Marokkokrise 1911, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten; Wilhelm II. entsendet das Kanonenboot “Panther” nach Agadir (“Panthersprung”), dann weitere Kriegsschiffe, will die Abtretung von Kolonialgebieten Frankreichs an das Deutsche Reich als Gegenleistung für die Anerkennung der französischen Herrschaft über Marokko. Dann der Marokko-Kongo-Vertrag, Deutschland gibt die Anerkennung, gibt den wesentlichen Teil des “Entenschnabels” (Deutsch-Kamerun) an Französisch-Äquatorialafrika, bekommt Neukamerun dazu. Es gab auch Gebiete die keinen Reichsschutz oder keine internationale Anerkennung bekamen, wie Santa Lucia Bay im damaligen Königreich Zululand, das von Adolf Lüderitz 1884 erworben wurde, aber in die britische Machtsphäre fiel; und solche die von Deutschland rein wirtschaftlich genutzt wurden wie eine Kohlestation auf den (heute saudi-arabischen) Farasan-Inseln, ein Depot der deutschen Marine 1900–1902

Die Grenzen bzw die Ausdehnung des Reichs waren am Kontinent schon sehr umstritten. Mehr als bei den anderen europäischen Kolonialmächten. Die Schnäbele-Affäre in Lothringen und der Zabern-Zwischenfall im Elsass zeigten, dass auch die deutsch(sprachig)e Bevölkerung dort nicht überall wie ein Mann hinter dem Deutschen Reich stand. Das betraf die Minderheiten des Reichs erst recht.

Das Ringen um Marokko, wie auch das um Sansibar oder Samoa, war Ausdruck der grossen Konkurrenz der europäischen Mächte (sowie der USA), das zum 1. Weltkrieg führte. Dieser europäische Krieg kam auch in Kolonien und anderswo hin. Deutschland glaubte an eine Verschonung seiner Kolonien, hatte eigentlich eine Erweiterung seines Kolonialbesitzes geplant, mit Blick aufs Osmanische Reich (sein Verbündeter). Es verlor aber auch in den Kolonien, durch Kämpfe, nicht Verträge, erwies sich nicht als Weltmacht. In Südwestafrika bekam es die mit Reservisten und Askaris verstärkte deutsche Schutztruppe mit der Armee Südafrikas zu tun, das damals noch eng an Grossbritannien gebunden war. Von dort kam auch die Anweisung, Deutsch-Südwestafrika anzugreifen. Die von der South African Party gebildete Regierung akzeptierte dies, viele Afrikaaner (die sich dann in der Nationalen Partei sammelten) standen den Deutschen aber näher als den Briten. So erhob sich ein grosser Teil des Militärs Südafrikas, darunter ihr Kommandant Christiaan Beyers. Eine Afrikaaner-Miliz unter Generälen wie Beyers, De la Rey oder Maritz kämpfte sodann mit der deutschen Schutztruppe (die Verstärkung aus Deutschland bekommen hatte) in Südwestafrika gegen das südafrikanische Heer – und verlor.

Jene deutsche Kolonie, in der es im 1. WK die schwersten Kämpfe gab, war Ostafrika. Die Schutztruppe kämpfte dort mit Askaris gegen Briten, Belgier und Portugiesen (ebenfalls mit afrikanischen Soldaten). Auf deutscher Seite kämpften 2000 Deutsche und andere Europäer mit 11 000 einheimischen Askaris, unter von Lettow-Vorbeck. Ab 1916 gab es Verluste, bis 1918 Kämpfe, die mit der Besetzung Deutsch-Ostafrikas endeten. Nach Kamerun drangen nach Ausbruch des Krieges französische, britische, belgische Truppen ein, besiegten die Schutztruppe bis 1916. Diese zog sich ins neutrale Spanisch-Guinea zurück. Togoland wurde von britischen und französischen Truppen eingenommen. Deutsche Siedler wurden für ca. 1 Jahr in ein Lager im französischen Dahomey gebracht. Kaum Kämpfe gab es in der deutschen Südsee, Neuguinea wurde von Australiern und Japanern, Samoa von den Neuseeländern besetzt. Kiatschou wurde japanisch besetzt.

Hauptmann Hermann Detzner war 1914 gerade auf Neuguinea, bei einer Kontrolle der Grenze zum autralisch-britischen Südteil, als in Europa der Krieg ausbrach. Deutsch-Neuguinea wurde nach der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich bald von australischen Soldaten besetzt; Detzner versteckte sich über die Kapitulation der Schutztruppe hinaus im Dschungel von Neuguinea. Er versuchte nach West-Neuguinea zu gelangen, wo das damals neutrale Holland herrschte, wurde dabei von deutschen Missionaren unterstützt, scheiterte wie auch mit anderen Versuchen, den Australiern zu entkommen, ergab sich erst mit Kriegsende. Zurück in Deutschland schrieb er “Vier Jahre unter Kannibalen. Von 1914 bis zum Waffenstillstand unter deutscher Flagge im unerforschten Innern von Neuguinea”. Nach dem Krieg war er im Reichskolonialamt in leitender Stellung mit Entschädigungsfragen befasst, musste er später eingestehen, dass er sowohl Forschungsergebnisse als auch im Buch angegebene Abenteuer nicht vollbracht hatte. Detzners tatsächliche Erlebnisse sind nichts gegen jene japanischer “Aushalter” nach dem 2. WK, die sich aufgrund der Ehre nicht ergeben wollten. Manche haben es in Verstecken im südostasiatisch-pazifischen Raum bis in die 1970er ausgehalten!

Der Versailles-Vertrag machte aus den deutschen Schutzgebieten Völkerbund-Mandate, die an alliierte Staaten vergeben wurden. Einige Teile von Schutzgebieten, Neukamerun, Kiautschou, Marianen und Karolinen, wurden in Versailles direkt vergeben. Nicht zu vergessen die vor dem allgemeinen Ende der deutschen Kolonien verlorenen Gebiete wie ein Teil der Salomonen oder Entenschnabel. Nutzniesser waren Grossbritannien und seine Dominions, Frankreich, Japan, Belgien und Portugal. Das Mandat für Südwestafrika ging an Britisch Südafrika. Ostafrika ging hauptsächlich (Tanganyika) an Grossbritannien (das nun von Kap bis Kairo herrschte); Belgien bekam Ruanda-Urundi (im NW von Dt.-Ostafrika), Portugal (Portugiesisch-Ostafrika) bekam das Kionga-Dreieck, als Entschädigung für das deutsche Eindringen während des Kriegs.

Neuguinea: Kaiser-Wilhelms-Land, Bismarck-Archipel, Nord-Salomonen gingen an Britisch Australien; Marshall-Inseln, Karolinen, Marianen, Palau an Japan; Nauru an Grossbritannien und seine Dominions Australien und Neuseeland. Kamerun wurde zwischen Frankreich (das einen Teil zu Französisch-Äquatorialafrika gab, aus dem anderen Französisch-Kamerun machte) und Grossbritannien geteilt. Britisch-Kamerun war der viel kleinere, aber reichere Teil, erhielt (rund um den Kamerunberg bzw Fako) alle deutschen Plantagen. Auch Togoland wurde zwischen diesen Mächten geteilt. Samoa wurde Britisch Neuseeland übertragen. Und Kiautschou ging direkt an Japan.

Die kurze und späte Kolonialgeschichte Deutschlands ging im 1.WK unter. Fritz Fischer sagte, wohl mit einiger Berechtigung, dass das Deutsche Reich im 1. WK am Sprung zur Weltmacht war – der Absturz begann damit. Früher als Grossbritannien oder Frankreich wurde Deutschland zu einer postkolonialen Gesellschaft, auch Italien durfte seine Kolonien nach dem 1. WK behalten. Es gab auch selbstgerechte Vorhaltungen anderer Kolonialmächte gegenüber Deutschland in Versailles. Und, das Deutsche Reich verlor in Versailles infolge des Kriegs ja auch Gebiete seines Festlandes, ob sofort (zB Elsass-Lothringen), nach Volksabstimmungen (zB Nordschleswig), an den Völkerbund (wie das Saargebiet) oder durch Besatzung (das Rheinland). Es gab Ausweisungen deutscher Beamte (auch der Schutztruppe) und Siedler aus den verlorenen Kolonien; in den abgetrennten Gebieten in Europa ging es neben bestimmten Staatsdienern nur jenen Deutschen so, die nicht die Bürgerschaft des neuen Staates nicht annehmen wollten. Es blieben Reste von Deutschen in den Ex-Kolonien, wobei dieser nur im Fall Südwestafrikas beträchtlich war.

Nach dem Krieg kamen einige Dutzend Afrikaner und afro-deutsche Familien aus den verlorenen Kolonien nach Deutschland. Theophilus Wonja Michael etwa, der Sohn eines afrikanischen Würdenträgers in Kamerun, der zusammen mit anderen Häuptlingen Verträge unterzeichnet hatte, die die Kolonialisierung vorbereiteten. Er kam bereits zu deutschen Kolonialzeiten ins “Mutterland”. Heiratete eine Deutsche, fühlte sich als Deutscher. Kam aber nicht über Engagements in Zirkus und Kabarett hinaus. Die Kinder verloren unter dem NS die deutsche Staatsbürgerschaft.

Es gab in der Weimarer Republik Bestrebungen zur Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft. Dieser Kolonialrevisionismus wurde von kolonialen Verbänden vertreten, etwa der bereits 1887 gegründeten Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), der in der Zwischenkriegszeit die ehemaligen Gouverneure Theodor Seitz und Heinrich Schnee als Präsidenten vorstanden. 1925 wurden die kolonialen Verbände und Vereine in der „Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft“ (KORAG) gebündelt. Es gab diese Bemühungen um eine Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft in fast alle Parteien, am wenigsten in der KPD. Ökonomische Beweggründe (Kolonien als Rohstoff- und Absatzgebiete) und imperialistische (nationalistische, kulturalistische) flossen ineinander. Am Überseehandel beteiligte Firmen und Banken und zurückkehrende Siedler waren ebenso dabei wie General Lettow-Vorbeck oder der Ex-Gouverneur von Neuguinea, Hahl (Direktor der “Neuguinea-Kompagnie”, schrieb Bücher über diesen Archipel).

Unter Stresemann wurde eine Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt eingerichtet. Deutsche Regierungen haben aber keine offensiven Forderungen diesbezüglich vertreten. Die Aufhebung von Reparationen und Einschränkungen und auch die Wiedererlangung kontinentaler verlorener Gebiete war wichtiger. Gegen die Rolle, die Kolonien bei einer Konsolidierung der Nachkriegswirtschaft spielen sollten, sprach die Erfahrung die Deutschland gemacht hatte. Viele in Deutschland erhofften sich vom Völkerbundbeitritt 1926 Mandate über Territorien. Das Reich unterstützte in den 1920er Jahren Kolonialunternehmen mit staatlichen Darlehen und 1924 gelang mit staatlicher finanzieller Hilfe der Rückerwerb vieler Pflanzungen in nun britischen West-Kamerun.

Die Kolonialbewegung war keine Massenbewegung, aber ihre Vertreter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hielten den Diskurs jahrzehntelang aufrecht, mit Veranstaltungen und Publikationen. Ein Unrechtsbewusstsein bezüglich der deutschen Politik in den verlorenen Kolonien gab es im Weimarer Deutschland so gut wie nicht. Die heuchlerischen Vorhaltungen der anderen Kolonialmächte in Versailles (denen Südafrikas Premier Louis Botha widersprach) hatten daran auch ihren Anteil. So war die Übernahme von Elsass-Lothringen wie jene von Südwestafrika für viele Deutsche ein gemeiner Diebstahl. Die Forderung nach einer Teilhabe am europäischen Imperialismus war insofern verständlich, als sich Briten, Franzosen oder Niederländer, ebenso wie US-Amerikaner, als die Herren über den Rest der Welt betrachteten.

Hans Grimm hatte um die Jahrhundertwende im südlichen Afrika gelebt, empfand nach der Rückkehr in Deutschland Enge, schrieb in der Zwischenkriegszeit den Roman “Volk ohne Raum” (sowie über Südwestafrika). Er selbst dachte dabei hauptsächlich an (wiedergewonnene/neue) Kolonien. Der NS machte daraus einen kontinentalen “Lebensraum”-Anspruch, in Osteuropa. Ex-Gouverneur Heinrich Schnee war vielleicht der wichtigste Kolonialrevisionist der Weimarer Republik, gehörte der rechtsliberalen Deutsche Volkspartei (DVP) an, die auch energisch diesbezügliche Forderungen vertrat. In seinem Buch “Die koloniale Schuldlüge” (1924) relativierte er die Opfer deutscher Kolonialpolitik; er brachte (1920) auch das “Deutsche Kolonial-Lexikon” heraus. Auch Konrad Adenauer vom Zentrum war diesbezüglich engagiert, er war 1931/32 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, siehe das Zitat von ihm oben. Neben seiner Funktion als Bürgermeister von Köln hatte er als Präsident des Staatsrates eine in Preussen inne, obwohl er an der Zugehörigkeit des Rheinlandes zu diesem Freistaat etwas ändern wollte.

Südwestafrika war als C-Mandat des Völkerbunds an Britisch Südafrika gegangen, das bedeutete quasi die Übergabe des Gebiets an diesen Staat. SWA wurde damit zunächst Teil des grossen britischen Kolonial-Blocks im südlichen Afrika, wo es eine teilweise weisse Besiedlung gab. Auf die Besetzung durch Südafrika folgte die zivile Übernahme der Verwaltung. Südafrikanische Konzerne wie “De Beers” übernahmen die südwestafrikanischen Bodenschätze. Die meisten deutschen Siedler blieben. So gab es in Südwestafrika eben auch eine deutsche Volksgruppe, wie in Frankreich oder Polen. In den 1920ern gab es die Möglichkeit der Annahme der britischen Staatsbürgerschaft für SWA-Deutsche; eine eigene südafrikanische kam erst 1949. Und, es gab eine weisse Einwanderung aus Südafrika. Schwarze und Mischlinge (Coloureds, Kleurlinge) waren weiterhin Menschen zweiter Klasse. Es gab weiterhin begrenzte Selbstverwaltung für die weissen Siedler.

1926 wurde erstmals unter südafrikanischer Herrschaft eine weisse Versammlung gewählt; die probritische UNSWP siegte vor der NPSWP (die für Afrikaaner-Eigenständigkeit bzw -Dominanz war). Die selben politischen Lager gab es in Südafrika (SAP, später UP; NP). Das letzte Wort in Südwestafrika hatte der südafrikanische Administrator. Deutsche hatten dort nie eine eigene Partei, immer “nur” Vereinigungen; der Deutsche Bund scheint aber bei der Wahl 1929 angetreten zu sein. Das deutsche Lager war im Grossen und Ganzen für die Eigenständigkeit von SWA (gegen die Vereinigung mit Südafrika), für eine wichtige Stellung der deutschen Sprache und Kultur, eher für den Einfluss Südafrikas, zumal eines burisch dominierten, als Grossbritanniens; zur Aufrechterhaltung der eigenen Privilegierung bzw der Entrechtung der Schwarzen brauchte man ein “Hinterland”. Die SWA-Deutschen wählten eher NPSWA. Eine Rückkehr des Landes unter deutsche Herrschaft war in der Zwischenkriegszeit auch noch eine reale Option. Die DKG im “Mutterland” dachte ein deutsch-burisches Gross-Südafrika an. Die Deutschen in SWA und ihre Anliegen kamen mehr zu Geltung, wenn Afrikaaner in Südafrikas das Sagen hatten, also nach dem 2. WK, nicht aber jenes von mehr weisser Selbstbestimmung in SWA statt Filiale Pretorias zu sein. Der Nationalsozialismus kam auch nach SWA, ein NSDAP-Ableger bekam unter dortigen Deutschen Zulauf, es gab auch entschiedene Gegner, der Deutsche Bund zerfiel aufgrund dieser Polarisierung; eine Entwicklung ganz wie bei den Deutschen zB in Rumänien.

Windhoek/Windhuk spiegelt fast die ganze Geschichte Namibias/Südwestafrikas wieder: Die Orlam-Mischlinge aus der Kapkolonie gründeten Mitte des 19. Jh eine Siedlung namens Windhoek, in einer Gegend, in der auch Herero oder Damara lebten. Dann kamen Rheinische Missionare in die Region, um bald von britischen Methodisten verdrängt zu werden. Die Gründung der Stadt am Boden der bisherigen Siedlung ereignete sich in deutscher Kolonialzeit. Zu Beginn der deutschen Kolonialzeit waren die Schreibweisen Windhuk wie auch Windhoek gleichermaßen gebräuchlich. Durch einen Erlass von Gouverneur Theodor Leutwein von 1903 wurde als einziger amtlicher Name der Stadt Windhuk bestimmt. 1918 wurde der amtliche Stadtname in Windhoek geändert. Windhoek war in südafrikanischer Zeit überwiegend weiss, als einzige Stadt Afrikas, zumindest bis Mitte der 1970er.

Die reichsdeutschen Kolonial-Organisationen passten sich in der NS-Zeit die herrschende Ideologie an, die im Grunde nicht “kolonial-freundlich” war. Dazu unten mehr. Über diverse Zwischenschritte kam es bereits 1933 zur Gründung des “Reichskolonialbundes” (RKB) als Dachorganisation diverser, noch selbständiger Kolonialgesellschaften und Verbände, anstelle der KORAG. Geleitet wurde der RKB von Franz von Epp, der als Offizier an der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China und am Völkermord in Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen war, ehe er Nazi-Bonze wurde. Daneben richteten die Nazis 1934 ein Kolonialpolitisches Amt der NSDAP, KPA, ein. An seine Spitze stand zunächst Heinrich Schnee, dann auch Epp. Beide Institutionen hatten keine Macht, dienten hauptsächlich der Gleichschaltung, und wurden (angesichts des Kriegsverlaufs) 1943 abgeschafft, das Personal auf andere Behörden verteilt.

In “Mein Kampf” hatte Hitler in den 1920ern dem Ziel einer Rückgewinnung der deutschen Kolonien bereits eine klare Absage erteilt. „Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.“, hiess es da. Osteuropa war das vorrangige Ziel einer deutschen Expansion für die NSDAP, irgendwann der Westen, dann die Welt. Irgendein Stück Afrika oder Südsee war für die Nazis ohnehin zu wenig; gegenüber dessen Bewohnern sahen sie die Deutschen sowieso als “Herrenvolk”. Der “Lebensraum”-Anspruch galt primär kontinental. Andererseits, eine Revision von Versailles in allen Punkten war auch wichtig und deutscher Imperialismus immer unterstützenswert. Es gab einen NS-Film über Carl Peters, mit Hans Albers, und weitere Propagandafilme zu den Kolonien. Der NS-Wahnsinn hat allgemein “naheliegendes”, wie eine Restauration der Herrschaft über SWA, eine Eingliederung der Schweiz oder Südtirol, liegen gelassen, dafür die Herrschaft über die Krim oder die ganze Welt angestrebt. Südwestafrika gehörte zu Südafrika und dieses war noch recht eng an Grossbritannien gebunden, aber unter den herrschende Weissen in Südafrika (hauptsächlich unter den Afrikaanern) gab es deutschfreundliche Haltungen, dazu später mehr.

Wirtschaftsminister Hugenberg von der DNVP wollte während der Londoner Weltwirtschaftskonferenz im Juni 1933 (kurz vor seinem Rücktritt) eine Rede halten, in der Forderungen nach Rückgabe der deutschen Kolonien in Afrika und nach Erschließung von Siedlungsraum im Osteuropa enthalten waren. Hitler kamen jedoch Töne dieser Art in der Phase seiner scheinbaren Détente und der geheimen Aufrüstung nicht gelegen. 1935/36 erhob Hitler dann, parallel zu seinem antibritischen Kurs, kolonialrevisionistische Forderungen. GB ging darauf ein, wollte als Gegenleistung den Verzicht auf Aufrüstung. Hitler dagegen wollte die Rückgabe von Kolonien ohne einen Ausgleich welcher Art auch immer, weil diese Deutschland enteignet worden wären. Es gab Pläne für ein “Deutsch-Mittelafrika”, die älter waren als die Nazis. Kamerun hätte über ein Stück Kongo, das Belgien hätte abtreten müssen, mit Südwest- und Ostafrika verbunden werden sollen. Nach einem Sieg über westeuropäische Mächte hätte man ihnen diktieren können, welchen Kolonial-Besitz in Übersee sie abzutreten hätten. Die Planungen dafür umfassten etwa den Entwurf für ein “Kolonialblutschutzgesetz”…

Durch die Eroberungen von Frankreich, Niederlande, Belgien, Dänemark und die Bündnisse mit Italien und Japan hatte das nationalsozialistische Deutsche Reich teilweise “Zugriff” über deren Kolonien bzw Eroberungen. In diesem Zusammenhang steht auch der “Madagaskar-Plan”, dem zufolge Millionen Juden aus Europa auf diese französische Kolonie geschafft werden sollten. Auch das Vichy-Regime war zu einer Abtretung dieser Art aber nicht bereit, ein Grund warum der Plan nicht umgesetzt wurde. Die französischen Kolonien bzw ihre Verwaltungen standen teilweise nicht unter Vichy-Herrschaft sondern in Opposition dazu. Uran aus dem Kongo in Belgien wurde für Deutschlands Atomwaffenprogramm geplündert. Die Wehrmacht kämpfte im britischen Ägypten an Seite der Italiener. Interessant waren die Ölquellen des Nahen Ostens. Mit der Niederlage in Ägypten und der Landung der Alliierten in Nord-Afrika waren dann viele Wege abgeschnitten. In der Sowjetunion kam die Wehrmacht nicht nach Nord-Asien, aber in den Kaukasus.

Ex-Neuguinea-Gouverneur Hahl unterhielt in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakt zum Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Samoa, Wilhelm Solf, gebildet hatte und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zuzuordnen ist.

Neben den Kämpfen in Nordafrika und im Kaukasus hat Nazi-Deutschland noch eine aussenpolitische Expansion betrieben: Bei einer Antarktis-Expedition 1938/39 wurden Ansprüche auf eine Region (600 000 km²) erhoben, die “Neuschwabenland” heissen sollte (nach dem Expeditionsschiff “Schwabenland”). Es handelt sich um den westlichen Teil des von Norwegen als “Königin-Maud-Land” beanspruchten Teils der Antarktis. Bereits 1901-03 hat es eine deutsche Antarktis-Expedition gegeben, unter Erich von Drygalski, damals wurde das Kaiser-Wilhelm-II.-Land “getauft”. 1911/12 gabs noch eine deutsche Antarktis-Expedition.

Wie der 1. Weltkrieg war auch der Zweite ein europäischer Krieg (Faschismus und Kommunismus auch europäische Ideologien), und in beiden mussten viele Nicht-Europäer kämpfen. Nationalsozialismus, Holokaust und Krieg aus der deutschen/europäischen/westlichen Geschichte “auszugliedern” und anderswo “einzugliedern” ist von daher wohl eine Versuchung. Rohstoffe und Arbeitskraft zB Afrikas zu plündern, das haben vor und nach den Nazis viele westliche Mächte getan, auch über die Unabhängigkeit der betreffenden Staaten hinaus. Die kongolesische “Force Publique” etwa musste für ihre Kolonialmacht kämpfen, nach dem Krieg mussten sich die Kongolesen ihre Unabhängigkeit erkämpfen.

In Südafrika vollzog sich während des 2. Weltkriegs eine innere Auseinandersetzung, die Parallelen zu jener im Ersten aufwies, diesmal aber ohne grosse Gewalt ablief. Unter Premier Smuts (United Party) stand die Armee wieder den Alliierten bei, in Europa und Nord-Afrika. Die UNSWP unterstützte diese Entscheidung. Die neu-entstandene Herenigde Nasionale Party (HNP) und ihr SWA-Pendant NPSWA waren neutral zwischen Grossbritannien und Deutschland. Anhänger der verbotenen SWA-NSDAP und Gruppen in Südafrika wie die Ossewabrandwag nahmen für Nazi-Deutschland Partei. Deutsche in SWA wurden während des Kriegs interniert. In Südafrika war die weisse Gesellschaft nach dem Krieg durch die “Seitenwahl” so polarisiert, dass die zahlenmäßig stärkeren Afrikaaner bei der Unterhaus-Wahl 1948 mit ihren Parteien (HNP und AP, die sich dann zur neuen Nationalen Partei vereinigten) die Mehrheit errangen und es erstmals eine nationalistische Afrikaaner-Regierung gab. Südafrika löste sich infolge von Grossbritannien und die Politik gegenüber den Nicht-Weissen wurde noch restriktiver. Südwestafrika war von den Umwälzungen in Südafrika immer unmittelbar betroffen: 1931 Westminster-Statut, Unabhängigkeit für Südafrika; 1948 Beginn der Apartheid, die auch eine Vorherrschaft der Afrikaaner bedeutete; 1961 Umwandlung Südafrikas in eine Republik, Beginn der Kämpfe im und um das Land zwischen den Apartheid-Kräften und ihren Gegnern; 1989 Beendigung der Apartheid durch Präsident De Klerk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der UN-Treuhandrat die Verwaltung der verbliebenen Mandatsgebiete. Südafrika durfte weiter über Südafrika herrschen, aber die UN stellte, anders als der Völkerbund, den Kolonialismus generell in Frage. Es begann ein langer internationaler Streit um die Ausübung des Mandats Südafrikas, verbunden mit seinen Bemühungen um die Eingliederung von SWA. Die von London unabhängige Politik Pretorias kam den SWA-Deutschen zu Gute. Eine geplante Ausweisung von Deutschen aus SWA wurde nach dem Afrikaaner-Sieg 1948 zurückgenommen; im Gegenteil, Einwanderung aus Deutschland wurde ermutigt. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete de facto die Eingliederung. Heinrich Vedder aus Westfalen etwa, für Rheinische Mission nach SWA gekommen, wurde in die gesetzgebende Versammlung von SWA gewählt, dann in den Senat von Südafrika; er unterstützte die Apartheid, was in den Wikipedia-Artikeln über ihn verschwiegen wird.

Apartheidregelungen kamen auch in SWA (getrennte Wohngegenden, Homelands,…). Voraussetzung für den Kampf gegen die Apartheid war der Übergang bei den schwarzen Völkern vom Tribalismus zu einer modernen, vereinten Bewegung. Das wiederum erforderte Veränderung der Sozialstruktur; und das wurde zu verhindern versucht, Nicht-Weisse (Bantu, Khoisan, Mischlinge) bekamen auch nach dem Ende der deutschen Herrschaft im 1. WK wenig Bildung zugestanden. 1960 die Gründung der SWAPO, dann die Erhebung gegen das Apartheid-Regime. Die Kriege im südlichen Afrika von Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er, verbunden mit dem Kalten Krieg, liess die Weissen zusammenrücken. 1966 erklärte die UN das Mandat Südafrikas über SWA für beendet und unterstellte es (theoretisch) ihrer direkten Verwaltung.

Afrikaaner und ihre NPSWA waren im Apartheid-SWA führend. Für die Deutsch-Sprachigen/Stämmigen gab es die überparteiliche Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG). Die BRD war der eine Bezugspunkt für die “Südwester” (etwa bei der Wahl einer anspruchsvollen Universität), die Republik Südafrika der andere. Deutsch wurde im südafrikanischen SWA erst 1984 offiziell eine Amtssprache, war es vorher de facto (neben Englisch und Afrikaans). Manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus, wie auch manche Afrikaaner in Südafrika, riskierten viel dabei. Klaus Dierks etwa, der auch in der IG aktiv war, unterstützte die SWAPO. Ein Nachfahre von einem der 2 ersten rheinischen Missionare in Südwestafrika, Franz Heinrich Kleinschmidt, war Horst Kleinschmidt, dessen Familie mit ihm zu Apartheid-Zeiten von SWA nach ZA übersiedelte. Er engagierte sich gegen die Apartheid, wurde inhaftiert, floh Mitte der 1970er aus dem Land, setzte sein Engagement aus dem Exil fort. Im Post-Apartheid-Südafrika war u.a. für das Tourismus- und Umwelt-Ministerium tätig. Anton Lubowski, ein SWAPO-Aktivist, wurde noch 1989 von Apartheidkräften getötet.

Der Krieg in Angola (nach der Unabhängigkeit 1975) und der Kampf der SWAPO und des ANC gegen Apartheid-Südafrika verbanden sich besonders intensiv. 1988, schon im Zeichen von Perestroika, aber noch nicht von Pretoriastroika (De Klerk), verhandelten Südafrikaner, Angolaner, Südwestafrikaner. In New York einigte man sich bezüglich SWA auf die Umsetzung der UN-SR-Resolution 435 von 1978: Waffenstillstand, Wahlen, Unabhängigkeit. Es kamen Blauhelme, es kehrte die SWAPO aus Angola zurück. Die Wahl 1989 brachte einen Sieg der SWAPO (mit deutschen Weissen wie Dierks, Schlettwein, Herrigl), vor der Democratic Turnhalle Alliance (DTA; benannt nach dem Tagungsort der Konferenz auf der sie zusammenfand!). Die South African Defence Force zog ab, Samuel Nujoma wurde Staatspräsident, Namibia wurde im März 1990 unabhängig.

Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika wurden nach dem 1. WK die meisten deutschen Ortsnamen umbenannt (es gab nicht so viele wie in SWA). Manche Siedler blieben. Hans-Jürgen Fischbeck, Bürgerrechtler in der späten DDR, zur Zeit der Wende, dann bei den Grünen, wurde 1938 in Britisch-Tanganjika geboren. Fischbecks Eltern waren für die evangelische Bethel-Mission tätig. Der 1. Weltkrieg unterbrach und veränderte deren Missionsarbeit, die Stationen wurden im Laufe des Krieges von ausländischen Truppen besetzt, die meisten Missionare und Missionsmitarbeiter mit ihren Familien ausgewiesen. Die Missionsgesellschaft arbeitete zwischenzeitlich auf der Insel Jawa (NL Indien). Mitte der 1920er Jahre kehrte sie zurück. Es gab Konflikte mit der britischen Kolonialverwaltung wie dann auch mit dem NS-Regime im Mutterland. Im 2. WK wurden diese und andere Deutsche in Tanganyika interniert. Die deutschen Missionare arbeiteten später unter dem Dach anderer, nichtdeutscher Missionsgesellschaften. Tanganyika wurde 1961 von GB unabhängig, 1964 mit Sansibar zu Tansania vereinigt. Ruanda-Urundi wurde nach dem 1. WK unter belgischer Herrschaft zusammen mit dem Kongo verwaltet. Ruanda und Burundi wurden 1962 unabhängig. Kleine Teile von Dt.-Ostafrika (nach bzw vor dem 1. WK abgetrennt) sind in Mosambik und Kenia aufgegangen.

Der grösste Teil des französischen Kamerun wurde 1960 unabhängig; kleine Teile (Kapitaï und Koba) kamen zu Guinea. Auch die meisten entsprechenden Teile von Französisch-Äquatorialafrika kamen zu diesem Staat (auch des vor dem 1. WK abgegebenen Entenschnabels), manche aber zur Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Tschad und Gabun. Das Meiste vom britischen Kamerun wurde 1961 mit dem bestehenden Kamerun vereinigt; die moslemischen Teile im Norden stimmten bei einem Referendum für den Anschluss an Nigeria.

In Französisch- und Britisch-Togoland bildete sich unter den Ewe, der grössten Bevölkerungsgruppe dort, nach dem 1. Weltkrieg der Deutsche Togobund. Es handelte sich zumeist um von Deutschland geprägte ehemalige Kolonialbeamte, die nach dem Ersten Weltkrieg unter den neuen Kolonialmächten ihre Stellung verloren. Ein Motiv für den Bezug auf Deutschland war auch die unter deutscher Herrschaft vorhanden gewesene Einheit der Ewe-Gebiete. 1952 schlug eine andere Ewe-Organisation dem UN-Treuhandrat vor, Deutschland die durch Grossbritannien und Frankreich verwalteten Landeshälften zu übertragen, sie von diesem wieder vereinen zu lassen und in die Unabhängigkeit zu führen. Manche in Togo sahen auch eine Gemeinsamkeit mit der einstigen Kolonialmacht, die Teilung des Landes durch fremde Mächte. Französisch Togoland wurde Togo. Britisch Togoland ging an Ghana. Sylvanus Olympio, der erste Präsident des unabhängigen Togo, lud den letzten deutschen Gouverneur Togos, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, als Ehrengast zur Unabhängigkeitsfeier ein. Olympio hatte seine frühe Erziehung an der deutschen katholischen Schule in Lomé bekommen.

Kompliziert waren die Verhältnisse beim ehemaligen Deutsch-Neuguinea. Die meisten deutsche Beamte und Siedler wurden nach dem 1. WK ausgewiesen, manche kehrten in den 1920ern zurück. Aus dem bisherigen Kaiser-Wilhelms-Land, dem Bismarck-Archipel und den Nord-Salomonen-Inseln Bougainville und Buka wurde das Territory of New Guinea (australisches Völkerbund-, dann UN-Mandat) geformt. Wie auch der südliche Teil von Ost-Neuguinea, das Papua-Territorium (australisch-britische Kolonie, nie deutsch gewesen) wurde New Guinea im 2. WK japanisch besetzt. 1949 wurden das Papua- und das Neuguinea-Territorium zum Territory of Papua and New Guinea vereint, weiter unter australischer Mandatsherrschaft. 1972 kam Selbstregierung und der neue Name Papua New Guinea (Papua-Neuguinea), unter dem es 1975 unabhängig wurde.

Die japanischen Völkerbundmandate im Pazifik kamen nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanische Herrschaft (1947, Trust Territory of the Pacific Islands). Das betraf also Marshall, Palau, Marianen, Karolinen. Die Amerikaner führten auf den Marshallinseln Bikini und Eniwetok Atombombentests durch. Mit der Zeit wurden die Inseln in die Unabhängigkeit entlassen (Karolinen als Teil Mikronesiens). Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Atchipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States’ possessions). Bezüglich Nauru wurde das Völkerbund-Mandat nach dem 2. WK (und japanischer Besatzung) ebenfalls in eines der UN umgewandelt, weiter für GB, Australien und Neuseeland. 1966 bekam es Selbstverwaltung zugestanden, 1968 die Unabhängigkeit. Aus dem British Solomon Islands Protectorate, mit einigen ehemals deutsch verwalteten Inseln wie Choiseul, wurde 1978 der heutige Inselstaat Salomonen.

Auch in Neuguinea wurden die meisten deutschen Ortsbezeichnungen nach dem 1. WK durch englische ersetzt, welche teilweise auch schon vor der deutschen Zeit gebräuchlich gewesen waren; von aussen, nicht bei der einheimischen Bevölkerung. Die englischen Namen wiederum haben auch nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 Bestand. Neumecklenburg heisst auch heute New Ireland und Neupommern New Britain. Die Provinz East New Britain, ein Teil des Bismarck-Archipels, umfasst den östlichen Teil der Insel New Britain (mit Kokopo) und die Duke-of-York-Inseln (mit Kabakon).

Bougainville und Buka, die nördlichen Salomonen-Inseln, wurden ja einst, in einem kolonialen Tauschhandel zwischen GB und dem DR, von den anderen Salomonen abgetrennt. Nach dem 1. WK haben Häuptlinge der einheimischen Bevölkerung erstmals den Wunsch nach Wiedervereinigung geäussert, dem nicht nachgekommen wurde. Das und ökologische Schäden durch eine Kupfermine auf Bougainville führten zur Entstehung einer militanten Sezessionsbewegung auf dieser Insel, die nach einem ihrer europäischen Entdecker benannt ist. Die Bewegung hat teilweise irredentistischen Charakter (Anschluss an die Salomonen als Alternative zur Unabhängigkeit). Hier sind Gemeinsamkeiten zu Togo und Samoa zu erkennen, zwei anderen ehemaligen deutschen Kolonien, die ebenfalls durch koloniale Grenzziehungen von einem Teil “ihres” Gebiets abgeschnitten sind.

Auch bei (West-) Samoa wurde das Völkerbund-Mandat (für Neuseeland) nach dem 2. WK durch die UN erneuert. 1962 wurde es unabhängig. Kiautschou wanderte bereits 1922 von japanischer Verwaltung zurück zu China (Republik, dann VR), gehört zur Provinz Shandong.

Deutschland erlebte unter bzw durch Hitler statt der grössten Machtentfaltung die grösste Niederlage. Am Ende des Kriegs  waren nicht nur alle Eroberungen verloren, sondern auch die Ostgebiete; war das Ansehen ruiniert. Deutschland war bis zum 1., vielleicht bis zum 2. Weltkrieg im Rennen um eine Rolle als Weltmacht, kämpfte in diesen Kriegen darum (zumindest im Zweiten mit “unzulässigen” Mitteln und Zielen) und verlor. Eine Grossmacht war das geteilte Deutschland auch nach 1945 bald wieder, zumindest auf einigen Gebieten. Der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (1945-1949/1955) war zunächst (der zukünftige Präsident) Dwight Eisenhower, der von Deutschen abstammt, die im 17. Jh nach Pennsylvania auswanderten. Sein französischer Kollege Marie-Pierre Koenig stammt teilweise aus dem Elsass. Schwarze Soldaten kamen mit US-amerikanischen und französischen Truppen (da auch schon nach dem 1. WK), Asiaten mit der SU. Mit dem Wirtschaftswunder kamen Einwanderer aus Südeuropa, Nordafrika und Türkei in die BRD.

In der Politik der BRD und der DDR spielten die ehemaligen deutschen Kolonien kaum noch eine Rolle. Es gab und gibt kaum besondere Beziehungen, die ehemaligen Kolonien wurden nicht aussenpolitische Interessenssphäre Deutschlands und es gab auch keine grosse Einwanderung von dort nach Deutschland, wie es bei anderen Kolonien und den ehemaligen Herrschern der Fall ist (zB Frankreich-Mali). Deutsch ist nirgendwo Amtssprache, spielt nur in Namibia eine gewisse Rolle. Es gibt auch keinen postkolonialen Staatenbund wie das British Commonwealth of Nations oder die Organisation internationale de la Francophonie. Besondere Beziehungen gibt es auch am ehesten noch zu Namibia. Alle ehemals deutschen Gebiete hatten danach andere Kolonialmächte, die in der Regel länger herrschten (Ausnahme Kiautschou, das bald an China zurückging). In Tansania gabs ca 30 Jahre deutschen Einfluss, dann ca 40 Jahre britischen. Die Entkolonialisierung fand nicht von Deutschland statt. Englisch oder Französisch eigneten sich auch besser als Landessprache wegen ihrer Stellung in der jeweiligen Region und global.

Süd- und Südwestafrika wurden aufgrund der damals privilegierten Stellung von Weissen und der Nähe der Afrikaaner zu den Deutschen, ein Bezugspunkt für Deutschland. Bemühungen um eine Wiedergewinnung von SWA gab es von der BRD keine. Aber es gab zB weiterhin eine Auswanderung in diese beiden Länder, auch eine zeitweise, etwa zum Studium. Darunter waren auch Rechtsextreme, die mit dem Apartheid-System froh waren. Nicht wenige Deutsche, auch Ex-SS-ler, kämpften in westlichen Kolonialunternehmungen, mit der französischen Fremdenlegion in Algerien, oder als Söldner im Kongo. Einzelne westdeutsche Politiker forderten die Übernahme spät- bzw. postkolonialer Aufgaben, etwa bei der Unabhängigkeit von Togo. Die Wiedervereinigung mit Ostdeutschland war für die BRD drängender, auch die weniger realistische Wiedergewinnung der früheren Ostgebiete. Die deutschen Interessen verlagerten sich auf die Wirtschaft. Die BRD ging wirtschaftliche Beziehungen mit vielen afrikanischen Staaten ein (die meisten wurden Anfang der 1960er unabhängig), oft unter dem Vorzeichen von Entwicklungshilfe.

Die DDR hat NVA-Militärberater nach Afrika (und Westasien) geschickt, unter diesen Staaten waren aber keine ehemaligen deutschen Kolonien. Kuba hat übrigens anlässlich eines Besuchs von DDR-Staatschef Honecker 1972 eine Insel vor der Schweinebucht “Cayo Ernest Thaelmann” (Ernst-Thälmann-Insel) genannt, nach dem von den Nazis im KZ Buchenwald getöteten KPD-Chef.

Wie sieht es mit den deutschen Spuren, dem Bezug zu Deutschland, in den ehemaligen Kolonien aus? Nur in Südwestafrika/Namibia und, in einem geringeren Maß, in Tansania haben sich bis heute Deutsche gehalten, über vereinzelte oder temporär dort lebende hinausgehend. Ausser in diesen beiden Ländern waren auch unter deutscher Herrschaft wenige Siedler gekommen. In Namibia war die relativ zahlreiche Ansiedlung zu Kolonialzeiten und das “weisse Hinterland” Südafrika, wo dann Afrikaaner dominierten, ausschlaggebend. Mit der neuen Kolonialmacht kamen neben neuen Einflüssen auch neue weisse Siedler, auch in Südwestafrika und Tanganjika. Ausser in Namibia sind wenige deutsche topographische Bezeichnungen geblieben, wenige Sprach-Spuren, wenig Verbindungen zum heutigen Deutschland. Die von Deutschen in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten festgelegten Kolonialgrenzen blieben teilweise: bei Namibia gabs geringfügige Änderungen, Ost-Neuguinea blieb vom Westteil der Insel abgetrennt und mit den umliegenden Inseln verbunden, Tanganjika wurde v.a. mit Sansibar vereinigt, Samoa blieb vom Ostteil des Archipels getrennt,…

Ein wichtiges Erbe: In Namibia hat sich der Lutheranismus voll durchgesetzt, und er geht dort hauptsächlich auf die Deutschen zurück. Es gibt in Namibia drei evangelische Kirchen: die aus der finnischen Mission hervorgegangene ELCIN (Schwarze), die aus der deutschen Mission hervorgegangene ELCRN (ebenfalls Schwarze), die weisse, deutsche ELKIN-DELK. 2007 haben sich die drei evangelischen Kirchen unter ein gemeinsames Dach begeben, eine echte Vereinigung ist anvisiert. In Tansania machen Lutheraner immerhin über 10% der Bevölkerung aus, ein hoher Anteil, der Erbe deutscher Kolonialzeit ist.

Papua-Neuguinea: Außer dem Namen Bismarck-Archipel und einigen weiteren haben die deutschen geographischen Bezeichnungen dort den Ersten Weltkrieg nicht überlebt. In deutscher Zeit entstand die Kreolsprache “Unserdeutsch”, sie hat sich bis ins heutige Papua-Neuguinea erhalten. Es handelt sich um ein grammatisch vereinfachtes Deutsch, in dem die einheimischen Arbeiter und Hilfskräfte damals systematisch unterrichtet wurden. Tok Pisin, ein auf Englisch basiertes Kreol, das nach und teilweise neben Unserdeutsch entstand, ist heute die in Papua-Neuguinea vorherrschende Sprache. Das Schimpfwort “Rintfi” im Tok Pisin ist zB aus dem Deutschen über Unserdeutsch gekommen… Deutschland kam hier in Form von “Stihl”-Motorsägen zur Abholzung des Regenwalds zurück.

In Kamerun zeigt sich an der englischsprachigen südwestkamerunischen Separatistenbewegung SCNC die Prägung eines Landes durch Kolonialherrschaft (wie auch bei der Abtrennung Eritreas von Äthiopien), wie auch die Überdeckung der deutschen Kolonialphase durch die spätere. Ob das Engagement von Winfried Schäfer als Fussballnationalteam-Trainer von Kamerun (2001-2004) etwas mit Kontakten zwischen den Ländern zu tun hat, die auf die Kolonialherrschaft zurückgehen, ist schwer zu sagen.

In Samoa gibt es, wie überall in früheren deutschen Schutzgebieten, Leute mit deutschen Vorfahren, solche, die aus Verbindungen der Kolonialisten mit Einheimischen hervorgegangen sind. Dort haben viele auch deutsche Namen. Der Schriftsteller Albert Wendt etwa hat deutsche wie polynesische Vorfahren. In Kiautschou erinnern Kanaldeckel mit der Aufschrift “Krupp” oder eine Brauerei an die deutsche Zeit.

Im Togo half der Offizier Gnassingbe Eyadema 1963, Präsident Olympio zu stürzen. Präsident wurde Nicolas Grunitzky, dessen Vater ein Deutscher (polnischer Herkunft) gewesen war. 1967 stürzte Eyadema Grunitzky, wurde selbst Präsident – für fast 40 Jahre, um dann von einem Sohn abgelöst zu werden. Der antikommunistische Eyadema war – hier die nächste Deutschland-Verbindung – ein Freund von F. J. Strauss. Strauss auch ein Freund des Apartheid-Regimes und Eyadema einer Israels, womit sich ein Kreis schliesst. Eyadema war nicht mehr in die deutsche, sondern in die französische Kolonialphase “gefallen”, hatte für das französische Militär u.a. in Algerien und Indochina gekämpft.

Seit 1906 hat die Bethel-Mission innerhalb Deutsch-Ostafrikas auch im Königreich Ruanda missioniert. Es heisst, man hat dadurch den ethnischen Konflikt zwischen Hutus und Tutsis ungewollt verschärft. Der Hutu-Tutsi-Unterschied ist möglicherweise kein ethnischer, sondern ein sozialer, der von der deutscher und dann der belgischen Kolonialmacht geschaffen wurde, beim Versuch, eine Herrscherschicht (die Tutsis) zu schaffen. Es gibt aber auch den Ansatz, den Tutsi einen hamitischen und den Hutu einen Bantu- Ursprung zuzuordnen. Differenzen in der wissenschaftlichen Diskussion darüber haben durchaus etwas mit Politik zu tun. Rund um die Unabhängigkeit Ruandas gabs die erste grosse Spannungen zwischen den Gruppen. Belgien und Frankreich mischten auch nach der Unabhängigkeit mit. 1994 der Völkermord von radikalen Hutus an hunderttausenden Tutsis.

Deutsch wurde nach Ende von Apartheid und Abhängigkeit nicht Nationalsprache Nr 1 in Namibia, blieb auch nicht Amtssprache, ist aber als eine der Nationalsprachen anerkannt. Die Entscheidung  für Englisch beim Aufbau der Nation Namibias hatte schon etwas für sich, auch wenn das Land nie unter direkter britischer Herrschaft gestanden ist. Auf den – je nach Standpunkt – Befreiungs- oder Abwehrkampf war Versöhnung angesagt, wie in der Republik Südafrika vier Jahre später, sie wurde von grossen Teilen der Bevölkerung getragen. Kurz vor dem endgültigen Übergang von der Apartheid zur Demokratie in Südafrika wurde die Walfisch-Bucht im März 1994 an Namibia übergeben. Dies ist die eine territoriale Veränderung gegenüber Deutsch-Südwestafrika; der andere ist, dass der Südrand des Caprivi-Zipfels an Botswana abgetreten wurde.

Die Städtenamen aus deutscher Kolonialzeit sind in Namibia grossteils bis heute geblieben. Nur der Norden Namibias, wo die Ovambo leben, hat eine grosse Zahl schwarzafrikanischer topographischer Bezeichnungen, in Mitte und Süden dominieren deutsche und afrikaanse. Hier gab es nach den Weltkriegen keine Umbenennungswellen. Besonders in den grösseren Städten wie Windhoek, Swakopmund, Keetmanshoop, Grootfontein oder Lüderitz ist auch der grösste Teil der Strassennamen deutsch, obwohl es hier in den letzten 25 Jahren relativ viele Umbenennungen gab. Die älteren Bauten der Städte haben grossteils nicht nur einen deutschen Stil, sondern auch Namen, zB der Tintenpalast in Windhoek, wo früher die deutsche Kolonialverwaltung war, heute das namibische Parlament. Karneval wird vielerorts in Namibia wie in Deutschland gefeiert, auch das Oktoberfest. Deutsche Namen wie Traugott sind auch bei Bantu und Khoisan verbreitet. Die Farben Schwarz, Weiss, Rot (der Fahne des Deutschen Reichs) finden sich in Fahnen von Stämmen.

Neben einer starken Prägung Namibias durch Deutschland, vielen Spuren der deutschen Kolonialherrschaft gibts auch eine relativ starke deutsche Präsenz. Deutsch-Namibier gibt es ca. 20 000, das ist 1 % der Gesamtbevölkerung. Viele sind schon die 5. Generation im Land, viele sind nach der deutschen Kolonialzeit eingewandert. Afrikaaner gibt es etwas mehr. Die Namibia-Deutschen sind in Landwirtschaft und Tourismus stark vertreten. In südafrikanischer Zeit waren sie weiter in einer privilegierten Position gegenüber den “Farbigen”. Eine Minderheit beteiligte sich, wie erwähnt, am Befreiungskampf der Schwarzen. Mit dem Ende der Apartheid kam eine kleine Abwanderung (aber auch eine neue Einwanderung aus dem deutschsprachigen Raum!). Die IG hat sich nach der Unabhängigkeit zunächst umbenannt, dann aufgelöst, die NaDS scheint eine Art Nachfolgeorganisation zu sein. Der Politiker “Calle” Schlettwein oder der Schriftsteller Giselher Hoffmann sind aktuell bedeutende Namibia-Deutsche.

So reiht sich die deutsche Volksgruppe in Namibia ein zu jenen in Staaten in Europa und Übersee, die auf Abtrennung von Deutschland oder Österreich oder Auswanderung zu verschiedenen Zeiten zurückgehen, von Rumänien (wo der Staatspräsident gerade ein Rumänien-Deutscher ist) über Spanien (Mallorca) bis USA (wo es so unterschiedliche Gruppen von Deutschstämmigen gibt, wie die Pennsylvania Dutch und die Nachfahren von Kolonial-Siedlern auf den Nord-Marianen).

Deutsche Volks- und Sprachgruppe ist in Namibia nicht dasselbe. Neben den Namibia-Deutschen gibt es mehrere zehntausend Menschen in Namibia, zumeist englisch- oder afrikaanssprechende Weisse, aber auch gebildete Schwarze, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Einen Sonderfall bilden die schwarzen SWAPO-Flüchtlingskinder, die in der DDR aufwuchsen und heute auch im namibischen Alltag wenn möglich die deutsche Sprache nutzen. Als Sprache der höheren Bildung und Verwaltung wurde Deutsch zurückgedrängt. Deutsch ist in Bereichen wo Deutsche wichtig sind (Tourismus> Betreiber wie Gäste!) wichtig, hat aber an Boden verloren gegenüber Englisch und den afrikanischen Sprachen wie Oshivambo.

Das Namibia-Deutsch oder Südwesterdeutsch weist einige Spezifika auf. Die Abtrennung vom restlichen deutschen Sprachraum durch die Abtrennung von Deutschland, die Nähe von anderen Sprachen und andere Faktoren bedingten die Sonderentwicklung. Es ist ein in mancher Hinsicht altes Deutsch, teilweise vereinfacht, mit Einsprengsel von Afrikaans und (britischem) Englisch, auch aus schwarzafrikanischen Sprachen und Portugiesisch. Es ist eher norddeutsch, aufgrund der Dominanz Preussens im Deutschen Reich. Es ist unverkrampfter als die Sprache im Mutterland, wie die Leute. “Küchendeutsch” (Namibian Black German) ist eine Pidgin-Sprache auf Grundlage des Deutschen, in der Kolonialzeit entstanden, hat sich auch schwach erhalten; möglicherweise durch die relativ hohe Zahl von Deutsch-Stämmigen, und ihre Arbeitsverhältnisse mit Schwarzen, etwa auf Farmen. Der Unterschied zwischen Kreol und Pidgin ist, dass ersteres eine funktionierende, reguläre Misch-Sprache ist, während zweiteres eine reduzierte Sprachform zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen ist, immer Fremdsprache. Auch das in Namibia gesprochene Englisch unterscheidet sich vom Standard-Englisch, nicht zuletzt aufgrund des geringen Anteils an Muttersprachlern.

Bundespräsident Roman Herzog hat 1998 bei einem Staatsbesuch keine Anerkennung für den Völkermord ausgesprochen, wollte stattdessen die Anliegen der Namibia-Deutschen vertreten. 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im 1. Weltkrieg (Niederlage der Schutztruppe) hat die deutsche Regierung 2015 den Völkermord anerkannt. Die Initiative ging von Aussenminister Steinmeier (SPD) aus. Die Gefühle gegenüber Deutschen (BRD, Namibia-Deutsche) sind auch bei den Herero meist nicht negativ. Die letzten Überlebende/Zeugen aus der deutscher Kolonialzeit in Südwestafrika (wie anderswo) auf beiden Seiten sind Ende des 20. Jh gestorben.

Spuren von früheren Kolonien im heutigen Deutschland? Das Schmähwort “Kanake” für Ausländer bzw. Angehörige einer fremden Ethnie entlehnt sich vom polynesischen Wort “Kanaka” (Mensch), war Selbstbezeichnung u.a. von Samoanern. Die heutige Schreibweise geht vielleicht auf eine Analogiebildung zur abfälligen Bezeichnung “Polacke” (für Pole) zurück. Deutsche Schimpfworte sind andererseits in Namibia (bei Khoisan in Namibia kann man zB “Saukerl” hören) oder Papua-Neuguinea (<) geläufig. Einwanderung aus früheren Kolonien gab es ja kaum. Für einige Rückwanderer bzw ihre Nachfahren ist Namibia oder Tansania “kalte Heimat”, wie Schlesien für Andere.

Im Umgang mit der Kolonialpolitik in gegenwärtigen Deutschland ist zum einen einiges an Verklärung, Apologetik, Verdrehung festzustellen, Geschichts-Revisionismen, neuer Deutsch-Nationalismus (der in der Regel politisch korrekt daherkommt). Der Genozid in Südwestafrika wurde lange und wird noch immer oft als “Herero-Krieg” bezeichnet. Auf der Website www.golf-dornseif.de ist zu lesen: “Während in Deutsch-Ostafrika die noch jungen Kolonialbehörden sich bemühten, so schnell wie möglich die Sklaverei unter arabischer Dominanz abzuschaffen, was nahezu unmöglich schien, musste man sich im Pachtgebiet Kiautschou-Tsingtau mit der Problematik des Opium-Konsums innerhalb der chinesischen Bevölkerung auseinandersetzen…” Die Unterdrückung in Ostafrika als Schlag gegen den arabischen Sklavenhandel darzustellen, das hat schon Bismarck versucht. Oder das Lamento in deutschen Medien über die Behandlung von Namibia-Deutschen, etwa wenn stillliegende Farmen oder solche von im Ausland lebenden Deutschen konfisziert werden, etwas an den Landbesitzverhältnissen geändert wird, die noch auf die deutsche Kolonialzeit (und damalige Enteignungen) zurückgehen. Oder wenn Sorge über Umbenennungen oder Neugestaltungen in Namibia zum Ausdruck gebracht wird; das Reiterdenkmal in Windhuk, das an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes bzw den Völkermord erinnert (ihn glorifiziert!) wurde etwa vor einigen Jahren entfernt, überfällig, stattdessen ein Denkmal an den Befreiungskampf errichtet. Die SWAPO-Regierungen liessen den Deutschen in Namibia nach der Unabhängigkeit vieles unangetastet.

Auf der anderen Seite das scheinheilige verurteilen des deutschen Kolonialismus, etwa von anglosächsischer Seite. 1918 kam, vor der Versailles-Konferenz, das britische “Blaubuch” heraus, das Gräueltaten der deutschen Kolonialverwaltung anprangert, um die Eroberung Südwestafrikas zu rechtfertigen. Als ob es nicht den eigenen Imperialismus gäbe, das genozidäre Vorgehen der Briten in Irland oder als Kolonialmacht. Und eine deutsche Selbstgeisselung, die zu Imperialismus und Kolonialverbrechen anderer europäischer Mächte gar nichts negatives zu sagen hat und ausser-europäischen Standpunkten erst wieder jedes Recht abspricht, bringt niemandem etwas.

Alles in allem war Deutschland als Kolonialmacht nicht schlimmer als Grossbritannien oder Frankreich. Südwestafrika wäre ohne Deutsche eine weitere britische Kolonie geworden, vielleicht eine portugiesische. In Neuguinea entschieden nach den Deutschen eben Australier für und über die Papua. Die Japaner herrschten in China (hatten auch einen viel grösseren Teil davon und länger) viel grausamer als die Deutschen, die Belgier stellten im Kongo alles in den Schatten was Deutsche in Afrika verbrachen. Die Bewohner der Kolonien wurden von den Deutschen in der Regel als Menschen 2. Klasse gesehen und behandelt (bestenfalls), wie auch von anderen Kolonialmächten, und wie in der USA oder Südafrika die schwarze Bevölkerungsgruppen von der herrschenden Bevölkerungsschicht bis in die Zeit nach dem 2. WK hinein. Bei allem was hier über die deutsche Kolonialpolitik steht, gilt: die anderen Kolonialmächte haben ebenso geherrscht, teilweise schlimmer.

Eine Liste von Staaten, zu denen Gebiete gehören, die einmal unter deutscher Herrschaft standen, somit als Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonien zu betrachten sind: Namibia, Tansania, Kamerun, Papua-Neuguinea, Togo, Samoa, China, Nauru, Marshall-Inseln, Palau (wurde 1994 als bislange letzte ehemalige deutsche Kolonie unabhängig), Mikronesien, Ruanda, Burundi,  Kenia, Mosambik, Salomonen, Nigeria, Rep. Kongo, Ghana, Guinea, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Botswana, USA (die Nord-Marianen sind als einziges ehemals dt. Gebiet noch immer nicht unabhängig)

“Lützow nun trieb es an den Rand der Verzweiflung; hier war er Tausende von Meilen gereist, um sich in exakt derselben Situation wiederzufinden, vor der er geflohen war. Die Rabauler Provinzialität indes war um ein Vielfaches ausgeprägter noch als in Berlin…”

(Kracht, “Imperium”)

Material:

Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien (2012)

Hermann Joseph Hiery (Hg.): Die Deutsche Südsee 1884–1914. Ein Handbuch (2001)

Horst Gründer (Hg.): “… da und dort ein junges Deutschland gründen”. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis 20. Jahrhundert (1999)

Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (2014)

Christian Kracht: Imperium (2012). Roman

Kurt Schwabe, Paul Leutwein: Die Deutschen Kolonien (2009)

Birthe Kundrus: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus (2003)

Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte (2013)

Uwe Timm: Deutsche Kolonien (2001)

Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller: Macht und Anteil an der Weltherrschaft: Berlin und der deutsche Kolonialismus (2005)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen (2003)

Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid – Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915 – 1965 (= Periplus Studien Band 10, 2007)

Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid (2004)

Dominik Nagl: Grenzfälle. Staatsangehörigkeit, Rassismus und nationale Identität unter deutscher Kolonialherrschaft (2007)

Horst Gründer, Gisela Graichen, Holger Diedrich: Deutsche Kolonien: Traum und Trauma (2005)

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer: General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit (2006)

Helmuth Stoecker (Hg.): Drang nach Afrika. Die koloniale Expansionspolitik und Herrschaft des deutschen Imperialismus in Afrika von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges (1977)

Manuel Möglich: Deutschland überall. Eine Suche auf fünf Kontinenten (2015)

Guido Knopp: Das Weltreich der Deutschen (2011)

Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller: Kolonialismus hierzulande: Eine Spurensuche in Deutschland (2008)

Martin Baer, Olaf Schröter: Eine Kopfjagd: Deutsche in Ostafrika : Spuren kolonialer Herrschaft (2001)

Brigitte Schmidt-Lauber: Die abhängigen Herren: Deutsche Identität in Namibia (= Interethnische Beziehungen und Kulturwandel, 9; 1993)

Martin Schröder: Prügelstrafe und Züchtigungsrecht in den deutschen Schutzgebieten Schwarzafrikas (1997)

Alexandre Kum‘a Ndumbe III: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas (1993). Original “Hitler voulait l’Afrique, les plans secrets pour un Afrique fasciste 1933-1945” (1980). Eine Intentionsgeschichte der nicht verwirklichten deutschen Planungen

Volker Langbehn, Mohammad Salama: German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany (2011)

Carsten Burhop: Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871-1918 (2011)

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet (2009)

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957). Roman über Fernweh und Sansibar als Sehnsuchtsort im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er

Werner Haupt: Deutschlands Schutzgebiete in Übersee 1884 – 1918. Berichte, Dokumente, Fotos und Karten (1987)

Klaus A. Hess, Klaus Becker (Hg.): Vom Schutzgebiet bis Namibia 2000 (2002)

Joachim Nöhre: Das Selbstverständnis der Weimarer Kolonialbewegung im Spiegel ihrer Zeitschriftenliteratur (1998)

Hans Zache: Die Deutschen Kolonien in Wort und Bild (2004)

Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2014)

Wolfgang Apelt, Gilbert Clement Kamana Gwassa, Wilhelm J.G. Möhlig: The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907 (InterCultura, Missions- und kulturgeschichtliche Forschungen Bd. 5; 2005)

Giselher W. Hoffmann: Die verlorenen Jahre (2003). Roman

Hans-Henning Gerlach, Andreas Birken: Die Südsee und die deutsche Seepost, deutsche Kolonien und deutsche Kolonialpolitik (2001)

John A. Moses und Paul M. Kennedy (Hg.): Germany in the Pacific and Far East, 1870-1914 (1977)

Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. 1905 – 1907 (2005)

Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika (2008)

Hermann Joseph Hiery: The Neglected War. The German South Pacific and the Influence of Word War I (1995)

Kurt Hassert: Die neuen deutschen Erwerbungen in der Südsee: Die Karolinen, Marianen und Samoa-Inseln (2012)

Stewart Firth: New Guinea under Germans (1983)

Edition Le Monde diplomatique No.18. Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

Gabriele Dürbeck: Ozeanismus im postkolonialen Roman: Christian Krachts Imperium. In: Periplus. Zeitschrift für Europäische Universalgeschichte 64.1 (2014)

Lucia Engombe, Peter Hilliges: Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee (2004)

Alexander Emmerich: Die Geschichte der Deutschen in Afrika – Von 1600 bis in die Gegenwart (2013)

Uwe Timm: Morenga (2000). Historischer Roman vor dem Hintergrund des Völkermordes in SWA

Albert Wendt: Die Blätter des Banyanbaums (1998). Roman

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel (1981; engl. Original “Gravity’s Rainbow”, 1973). In dem Roman geht es auch um den Herero-Völkermord, aber in einer Art Alternativgeschichte

Mari Serebrov: Mama Namibia (2013). Ein historischer Roman über den Völkermord an den Herero und Nama, der aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird.

Guy Saville: The Afrika Reich (2011). Ein alternativgeschichtlicher Roman über ein Afrika, das im 2. WK von Nazi-Deutschland erobert worden ist

Karl Hammer: Aus deutscher Kolonialzeit im fernen Osten (1929)

 

Karte deutsche Kolonien

Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland in Afrika – Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

deutsche-kolonien.htm nur bedingt empfehlenswert

http://www.klausdierks.com/ Viel zur Geschichte Namibias

Rückblick auf die Ausstellung „From Samoa with love“ im Münchner Völkerkundemuseum (Museum Fünf Kontinente) 2014

Caroline Authaler, Historikerin mit Kamerun-Schwerpunkt an der Universität Heidelberg

Das “Informationszentrum 3. Welt” in Freiburg (iz3w) ist nicht in Ordnung; Marianne “Mary” Kreutzer (die sich auch gern als Freundin des kurdischen Volkes produziert) schreibt dort zB über „Antiamerikanismus“ in Lateinamerika und gegen die dortige Linke, anstatt über die Interventionen jenes Amerikas, das hier in der Opferrolle verortet wird (USA), in Lateinamerika (zB Chile 1973…) oder über den zugrunde liegenden Kulturalismus dort gegenüber Lateinamerika oder über den Rassismus gegenüber “Latinos” in der USA; dieser Artikel über Kolonialrevisionismus in der Weimarer Republik ist aber recht informativ und frei von der Ideologie dieser Kreise. Auch etwas über das damalige Engagement gegen Kolonial-Revisionismus dort zu finden

Kerstin Wilke: Die deutsche Banane. Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Banane im Deutschen Reich 1900 – 1939 (Dissertation, Universität Hannover. 2004)

Deutschsprachige Allgemeine Zeitung in Namibia. Die Allgemeine Zeitung wurde am 22. Juli 1916 unter dem Namen “Der Kriegsbote” gegründet und informierte über die Ereignisse im Ersten Weltkrieg. Als nach der Niederlage Deutschlands dessen Kolonie Deutsch-Südwestafrika unter die Verwaltung Südafrikas kam, wurde sie am 1. Juli 1919 auf den heutigen Namen umbenannt. Sie ist die älteste Tageszeitung Namibias und die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas.

Thomas Keil: Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000) (Dissertation, Universität Stuttgart. 2003)

DHM zu SWA

“Spiegel” über Gustav Nachtigal

Die schriftliche Hinterlassenschaft des Khoisan-Führers Hendrik Witbooi, u.a. der Brief an SWA-Gouverneur Leutwein 1894

Über den Roman “Imperium”

Auch über den ehemaligen Diamantenort Kolmannskuppe

http://www.jaduland.de/kolonien/

http://www.afrika-hamburg.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

Portal zum südlichen Afrika

Literatur:

* Timothy Sisk: Democratization in South Africa: The Elusive Social Contract (1995)

* Anthony Sampson, Nelson Mandela. Die Biographie (1999)

* Christoph Marx: Südafrika (2012)

* Khalo Matabane und Sasha Abramsky: Madiba – Das Vermächtnis des Nelson Mandela (2014)

* Hans-Joachim Löwer: Mandelas schweres Erbe: Südafrika am Scheideweg (2010)

* Jens Erik Ambacher und Romin Khan: Südafrika – Nach der Apartheid (2009)

* Renate Wilke-Launer: Südafrika. Katerstimmung am Kap (2010)

* Christel und Hendrik Bussiek: Mandelas Erben. Notizen aus dem neuen Südafrika (1999)

* Hans-Georg Schleicher: Südafrikas neue Elite. Die Prägung der ANC-Führung durch das Exil (2004)

* Antjie Krog: Country of My Skull (1998)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie es glücklicherweise nicht kam

Hinsichtlich Ausmalens eines alternativen Geschichtsverlaufs ein möglicher Wendepunkt zum Negativen aus der jüngeren Geschichte Südafrikas, der die Störung des Verhandlungsprozesses zur Abschaffung der Apartheid Anfang der 1990er betrifft. Wobei ich mich auf die Wahl des Divergenzpunktes und die Erläuterung seiner Relevanz beschränke und die Folgen bzw. den weiteren Verlauf nur skizziere – man könnte wohl einen alternativgeschichtlichen Roman daraus machen, zumindest aber eine kontrafaktische Kurzgeschichte.

Den Verhandlungsprozess hat Frederik Willem de Klerk initiiert, der im Sommer 1989 Präsident Südafrikas wurde, im Apartheid-System an die Spitze kam. Zu diesem Zeitpunkt waren die militärischen Auseinandersetzungen im südlichen Afrika schon weitgehend beendet, der ursprüngliche Konflikt (zwischen dem Apartheid-Regime der Republik Südafrika und seinen Gegnern bzw. Leidtragenden) harrte aber noch einer Lösung. Die länderübergreifende Eskalation im südlichen Afrika begann und endete in Angola; noch 1987/88 erreichte der Krieg dort mit der Schlacht von Cuito Cuanavale einen “Höhepunkt”, der auch zu einem atomaren Schlag des Apartheid-Regimes hätte führen können. Südafrika, das sich im Schatten des Angola-Krieges Nuklearwaffen zugelegt hat, hat damals (als es durch das verstärkte Eingreifen der mit der angolanischen Regierung verbündeten Kubaner in die Defensive geriet) deren Einsatz erwogen, ihn zumindest aber als Drohung angedeutet.

Was hätte zu einem atomaren Schlag des südafrikanischen Regimes führen können und was wären dessen Folgen gewesen, regional und global – das wäre ein anderer Divergenzpunkt für ein alternativgeschichtliches Szenario. Eine solche Entwicklung wäre aber viel unrealistischer als die hier ausgewählte gewesen, auch weil man in Pretoria wusste, dass damit mehr zu verlieren als zu gewinnen war.

Nach der Eskalation in Angola wurden 1988 von einigen dort kriegführenden Parteien Verhandlungen aufgenommen, die zu einem Abkommen führten, das die Unabhängigkeit Namibias von Südafrika und einen vorübergehenden Frieden in Angola brachte. Im Jänner 1989 erlitt der südafrikanische Staatspräsident P.W. Botha einen Schlaganfall, sein ebenfalls als konservativ geltender Parteikollege F.W. De Klerk wurde zunächst sein Nachfolger als Chef der Nationalen Partei (NP), im August nach dem Rücktritt Bothas (der auch den Falken in seinem Kreis zu “unflexibel” war) auch als Präsident. Die NP gewann die Wahl zum “weissen” Parlament im September, aber die oppositionelle, noch reaktionärere, Konservative Partei (die sich von der NP abgespalten hatte, weil ihr die bescheidenen Reformen von Botha zu weit gegangen waren) wurde gestärkt.

De Klerk liess zunächst die Geheimverhandlungen des Regimes mit den Führern des ANC (African National Congress, die wichtigste Anti-Apartheid-Bewegung) im Gefängnis oder Exil fortsetzen und einige der Inhaftierten wie Walter Sisulu Ende des Jahres freilassen. Die Perestroika in der Sowjetunion bedeutete auch die Einstellung ihrer Unterstützung für Akteure im südlichen Afrika. Wahrscheinlich war dies ein Grund dafür, dass De Klerk Anfang 1990, in einer Parlaments-Rede, grosse Reformen einleitete. Dazu gehörten die Freilassung politischer Gefangener wie Nelson Mandela, die Wiederzulassung von Parteien wie dem ANC, und die Aufnahme von Verhandlungen über die Zukunft des Landes. Nicht bekanntgemacht wurde die ebenfalls in Angriff genommene Abrüstung der atomaren sowie der biologischen und chemischen (Project Coast) Waffen, über die das Regime verfügte.

De Klerk war in den Übergangsjahren, die seine Präsidentschaft (1989-1994) darstellte, und darüber hinaus, mit den Reformgegnern v.a. unter den Buren beschäftigt, ob im Militär (SADF) oder in der Konservativen Partei (KP). So hat er auch in seiner Regierung Verteidigungsminister Magnus Malan 1991 durch Roelf Meyer abgelöst, der später Verfassungs-Minister wurde und damit Chefverhandler der Regierung. Die Regierung um De Klerk geriet für ihren Reform- und Verhandlungskurs unter Beschuss der weissen (im Wesentlichen: afrikaanischen) Rechtsextremen. Die Konservative Partei und noch radikalere Organisationen erhielten Zulauf. Mandela, der Nachfolger des aus dem Exil zurückgekehrten aber erkrankten Oliver Tambo als ANC-Präsident wurde, musste in diesen Jahren (und darüber hinaus) in “seinen” Reihen bzw. der schwarzen Bevölkerungsmehrheit für Versöhnung, Ausgleich und Kompromisse werben, was nach den Jahrzehnten der Apartheid kein leichtes Unterfangen war.

Der ANC, bzw. seine Miliz “Umkhonto we Sizwe” (MK), stellte nach De Klerks ersten Reformschritten den bewaffneten Kampf ein; der Verhandlungs- und Umgestaltungsprozess war dennoch von Gewalt begleitet. Der unter Botha mächtig gewordene “Sicherheitsapparat” (Militär, Polizei, Geheimdienste) agierte teilweise an der Regierung vorbei (“Dritte Kraft” war v.a. der Militär-Geheimdienst), und unterstützte die Homeland-Partei Inkatha (IFP), die sich als Zulu-Nationalpartei neu definierte, gegen den ANC. 1992 scheiterten die ersten Verhandlungsrunden (CODESA I und II) an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten der Hauptakteure zur Zukunft Südafrikas und an der von Behörden unterstützten Gewalt von Homeland-Gruppen gegen ANC-Anhänger.

Im April 1993 hatte gerade das Multiparty Negotiating Forum (MPNF), der Neustart der Verhandlungen, begonnen (nachdem sich die Regierung von der IFP und ihrem Chef Buthelezi distanziert hatte), als der Mord an Martin T. “Chris” Hani durch rechtsextreme Weisse lange aufgestaute Spannungen fast zur Entladung brachten. Hani war eine Führungsfigur im Umkhonto we Sizwe und in der kommunistischen Partei SACP, der einzigen “weissen” Partei, die von Anfang an vorbehaltlos volles Wahlrecht für Schwarze befürwortete und forderte. Die SACP war wie der ANC, mit dem sie eine Allianz einging, lange in Südafrika verboten. Hani war 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück gekehrt, als dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von “Joe” Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab. Er unterstützte die Einstellung des bewaffneten Kampfes zugunsten von Verhandlungen mit der Regierung (obwohl die radikaleren ANC-Anhänger auf ihn setzten) und liess sich in Boksburg in der Nähe von Johannesburg nieder.

Im April 1993 wurde er dort vor seinem Haus von einem polnischen Einwanderer erschossen. Dieser wurde bald darauf festgenommen, nachdem Hanis Nachbarin, eine weisse Südafrikanerin, die Polizei gerufen hatte. Hinter dem Mord stand zumindest eine Führungsfigur der Konservativen Partei, Clive Derby-Lewis, der sich als Bure fühlte bzw als solcher konstruierte, seine Herkunft mit schottisch und deutsch angab. Er war auch ein Führer im “Western Goals Institute” und fiel sogar im rassistischen Apartheid-System mit verachtenden Aussagen über Schwarzafrikaner auf. Angeblich fand man in der Wohnung des Mörders eine Liste mit den Namen weiterer Mord-Ziele, Hani darauf als Nr. 3 gereiht hinter Mandela und Joe Slovo von der SACP. Auf den Mord folgten einige Ausschreitungen von Schwarzen, die über den Rassismus und die Gewalt gegen sie frustriert waren, welche zu Befürchtungen über ein endgültiges Abgleiten des Landes vom Verhandlungsweg in die Gewalt führten.

Nelson Mandela, damals ANC-Präsident (Hani wurde auch als sein möglicher Nachfolger gesehen), durfte in dieser Situation im südafrikanischen Fernsehen (SABC) eine Rede halten, in der er zur Ruhe aufrief, darauf hinwies, dass der Täter ein Einwanderer war, der Gewalt und Hass ins Land bringen wollte, während Hanis weisse, südafrikanische Nachbarin die Polizei zum Täter führte, und dass der Mord genau ein Abgleiten vom Verhandlungsweg bezwecken sollte. Der Rede (mit der Mandela seine Glaubwürdigkeit unter seinen Anhängern riskierte) wird es zugeschrieben, dass das Land nicht in Gewalt versank – und dass es zu einer Machtverschiebung zuungunsten der De Klerk-Regierung kam, die sich auch in den Verhandlungen auswirkte. Roelf Meyer sagte, der Mord war für 36 Stunden der “Umkipppunkt”.

Wenn die Regierung Mandela nicht im Fernsehen sprechen hätte lassen (der Divergenzpunkt), hätte die Gewalt leicht explodieren können und eine Verhandlungslösung, ein Übergang von der Apartheid zur Demokratie, schwer zustande kommen können. Die Atomwaffen waren zu dem Zeitpunkt bereits zerlegt und entschärft, aber wie auch bei der Entwicklung in der Region (Namibia, Angola, Mosambik,..) war diese Entwicklung wahrscheinlich nicht irreversibel. Ein Militärputsch gegen De Klerk wäre bei einem Gewaltausbruch denkbar gewesen. Der ANC hätte dann seinen bewaffneten Kampf wohl wieder aufgenommen. Die NP-Regierung hatte sich über weite Strecken der Verhandlungsphase ein Eingreifen des Militärs als Option vorbehalten, die ANC-Opposition die “Leipzig-Option” der Massenproteste. Benachbarte Staaten hätten den ANC nun unterstützen können und wären damit mit hinein gezogen worden. Russland hätte die afrikanischen Staaten sicher nicht mehr unterstützt. Bei einem Flächenbrand hätte dagegen die zu alleinigen Weltherrschern gewordene USA wahrscheinlich interveniert.

Auch die ebenfalls der weissen Rechten zugehörige, gewalttätige AWB versuchte dann, die Verhandlungen zu stören, aber unmittelbarer, indem sie den Verhandlungsort, das Welthandelszentrum in Kempton Park bei Johannesburg, im Juni 1993 mit einem Panzerfahrzeug stürmte. KP und kleinere Gruppen dachten nun einen “Volkstaat” an, in dem Buren/Afrikaaner unter sich sein sollten bzw die anderen unter sich haben sollten. Gegen eine Verhandlungslösung wehrte sich neben der weissen Rechten die Homeland-Herrscher, die Inkatha, und die schwarze Linke (PAC, AZAPO), die am Beginn vom MPNF noch alle dabei gewesen waren.

Im November ’93 kamen die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss, der den Fahrplan zur Wahl eines allgemeinen Parlaments beinhaltete, auf deren Grundlage eine Regierung der nationalen Einheit gebildet und eine neue Verfassung ausgearbeitet werden sollte. Während Mandela und De Klerk am Ende des Jahres Friedensnobelpreise erhielten, schloss sich ein Teil der Gegner der Verhandlungslösung bzw. der Wahlen zusammen. So unterschiedlich diese Gruppierungen waren, die Weigerung sich in das neue Südafrika einbinden zu lassen, verband sie. Einen Wendepunkt stellte hier die Entmachtung des Herrschers des Homelands Bophuthatswana im März 1994 dar; danach gab auch der Herrscher der Ciskei auf, der sich ebenfalls gegen eine Eingliederung in das neue Südafrika gesträubt hatte. Auch der Boykott der weissen (burischen) Rechten wurde danach durchbrochen, durch die Freiheitsfront (VF). Spät lenkten auch PAC, AZAPO und IFP ein.

Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde
Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde

Südafrika wählte vom 26. bis zum 29. April 1994, ein Macht- und Systemwechsel ging über die Bühne. Der Mörder und sein Hintermann wurden verurteilt, profitierten dann von der Abschaffung der Todesstrafe 1995 (die eine Folge der Abschaffung der Apartheid war…), womit ihre Strafen in lebenslange Haft umgewandelt wurden. Sie suchten vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) um Amnestie an, was abgelehnt wurde.

Die “Maritz-Rebellion” 1914/15 wäre ein anderer Punkt in der südafrikanischen Geschichte, wo eine interessante, brisante Divergenzentwicklung anzusetzen wäre.

Doku über den Hani-Mord: http://www.youtube.com/watch?v=X0IGS2ZD_5A

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Des Weissen Mannes Bürde

Die Europäisierung der Welt begann in der frühen Neuzeit, mit den Entdeckungen und den darauf folgenden Eroberungen. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war so um 1900 erreicht. Die Entkolonialisierung setzte nach dem 2. Weltkrieg ein, oft nur, um vom Neokolonialismus (wirtschaftliche u.a. Abhängigkeit/Einflussnahme danach) ersetzt zu werden, bestes Beispiel ist die DR Kongo. Die Etablierung der weissen Weltherrschaft (z.T. verbunden mit einer Verbreitung des Christentums, wie auch des Kapitalismus’), dann auch die Aufrechterhaltung, war sehr gewaltsam, verbunden mit “ethnischen Säuberungen”, Völkermorden, Sklaverei,…

Die Opiumkriege gegen China waren ein Höhepunkt des britischen Imperialismus. Mit der Unabhängigkeit der angelsächsischen/anglokeltischen Kolonien in Nordamerika und Ozeanien von Grossbritannien entstand sowas wie ein “Westen”, dessen Zentren nicht nur auf Europa beschränkt sind und der die Welt führte. Der 1. Weltkrieg brachte ein mehr oder weniger gemeinsames Auftreten dieser Führungsmächte und bewirkte eine Machtverschiebung von Grossbritannien zur USA. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg war Osteuropa von diesem Westen abgetrennt. Beide Weltkriege waren Kriege der europäischen Mächte sowie ihrer Ableger untereinander, nur Japan und das Osmanische Reich waren mit Eigeninteressen erheblich involvierte “Nicht-Weisse”. Auch der Kalte Krieg war ein “weisser” Konflikt. Die Vorherrschaft basiert(e) auf Ausbeutung, zumindest dem Ausschluss, Nicht-Weisser.

Europa und die von ihm errichteten “Aussenposten” (der “Westen”) sehen sich global als Vorbilder für Demokratie und behaupten gerne, dass westliche Werte universelle bzw. universalisierbar sind. Verachtung für und Ausbeutung von Anderen („Farbige“, „Naturvölker“,…) werden vom „fortschrittlichen“ Westen seit jeher mit deren „Rückschrittlichkeit“ gerechtfertigt, als deren „Rettung“ verstanden, so auch Gräuel des Kolonialismus. Westliche Imperialisten begründen ihr Wirken meist “humanistisch” – das war auch bei der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 schon so, die Aufteilung Afrikas diene der Zivilisation, dem freien Handel, den Afrikanern,… Im gegenwärtigen Diskurs müssen Moslems (bzw., was darunter verstanden wird) dorthin kommen, wo der Westen jetzt ist, dies sei die einzige Möglichkeit, ihren “Rückstand” aufzuholen.

Der USA wird trotz Völkermord an den „Indianern“ oder Sklaverei von Afro-Amerikanern ein ununterbrochen demokratischer Charakter zugebilligt, als Paradebeispiel westlicher Demokratie. Ein grosser Teil der Gründerväter der USA – Führer der Unabhängigkeitsbewegung der britischen Siedler gegen das Mutterland und erste Führer der USA – waren Sklavenhalter, und jene, die keine waren, waren das deshalb nicht, weil sie keine Plantagen hatten, in anderen Berufen waren; Thomas Jefferson hielt zB Sklaven auf seiner Tabak-Plantage in Virginia. Der Westen wird gerne als jene Staaten definiert, die Demokratie entwickelten, aufrecht erhielten; bei den europäischen Ablegern geschah das aber lange über Ausschluss des nicht-weissen Teils der Regierten.

Das Konzept des „Westens“ beinhaltete entgegen seiner protzenden Eigendefinitionen immer Vorherrschaft über andere und manchmal wird es auch explizit so definiert (auch rassisch). Indem ein Selbstverständnis als Hort von Fortschritt und Vernunft kultiviert wird, werden Irrationalität, Stagnation und dergleichen an das nicht-weisse „Andere“ veräussert. Der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen haben nicht universalistische Werte der Aufklärung anderswo gefördert, selten irgendwo Demokratie gestärkt, im Gegenteil. In Wirklichkeit hat die Welt für die westliche(n) Entwicklung bzw. Werte bezahlt. Die „weisse“ Fortschritts- und Wachstumsideologie hat auch auf die Natur nicht mehr zu ignorierende Folgen. Der aus Indien stammende und in den USA lehrende Dipesh Chakrabarty fordert eine komplexe Geschichte der Moderne, die ihre eigenen repressiven Fundamente und Ausschliessungsmechanismen mitdenkt, nicht nur ihr emanzipatorisches Potential.

Die europäische Kolonialisierung bedeutete so etwas wie einen ersten Globalisierungsschub (Beginn einer Weltwirtschaft). Die Globalisierung im eigentlichen Sinn wurde nach dem 2. Weltkrieg v.a. durch die WTO vorangetrieben, setzte sich nach dem Ende der kommunistischen Systeme in Osteuropa voll durch und bedeutet in letzter Instanz die wirtschaftliche Vorherrschaft der USA. Ein System für Viele das wenige kontrollieren, eine global unsoziale Wirtschaftspolitik. Der Dritte Welt – Begriff (und – Diskurs) entstand auch nach dem 2. Weltkrieg, mit der Entkolonialisierung. Entwicklungshilfe ist gewissermaßen die Krankheit, deren Therapie sie zu sein vorgibt, in Afrika und anderswo: Europa, der Westen, hilft und fördert gleichzeitig Unterentwicklung und Armut, etwa indem EU-Agrarprodukte auf afrikanische Märkte geworfen werden (wo sie billiger als lokale Produkte sind), umgekehrt gibts keine Öffnung eigener Märkte für afrikanische Produkte. Vom Westen investiertes Geld wird oft für Projekte, die „eigene“ Firmen abwickeln oder die eigener Wirtschaft helfen, verwendet. Westliche Hilfe stabilisiert, willentlich oder nicht, korrupte Regime und bringt sie in Abhängigkeit. Die Herstellung von Abhängigkeit und die Destabilisierung demokratischer Herrscher in postkolonialer Zeit ist nicht immer so deutlich wie im Fall Kongo. Entwicklungshilfe-Kritikerin Dambisa Moyo aus Zambia schrieb dazu das Buch “Dead Aid: Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann”.

Natürlich gibt es eine Eigenverantwortung, Nelson Mandela hat diese 1997 bei einem Staatsbesuch in Zimbabwe so formuliert: “Für Afrika ist es an der Zeit, die volle Verantwortung für all seine Schwierigkeiten zu übernehmen.” Ob China in Afrika ohne Bevormundung investiert, ist noch nicht abschliessend zu beantworten, aber, wie Südafrikas heutiger Präsident Jacob Zuma 2006 zum “Spiegel” sagte, China hat sich kaum jemals in Afrika eingemischt und sobald es dort Geschäfte macht, kommt Europa, das den Kontinent einst unter sich aufteilte, mit “Menschenrechts-Bedenken”. Das Thema 3. Welt/Entwicklungs“hilfe“ ist auch eng verbunden mit der Bewertung kolonialer Vergangenheit und der westlichen/weissen Vorherrschaft (bzw. dem Anspruch darauf) in der Gegenwart. Europa kann tatsächlich nicht alle Flüchtlinge aufnehmen, die kommen wollen, es könnte das Problem an der Wurzel bearbeiten. Den Süden/die 3. Welt ausbeuten/entmündigen, dann Entwicklungshilfe leisten ist genau das Verkehrte. Unter den Flüchtlingen aus dem Senegal sind etwa viele Fischer, deren Lebensgrundlage durch internationale Fangflotten vor den Küsten des Landes entzogen wurde (auch durch den gestiegenen Meeresspiegel infolge der Klimaerwärmung). So gesehen “Wirtschaftsflüchtlinge”.

Von der Betrachtung der antiken Perserkriege mit den Griechen hinauf zu Montesquieu und seinem „orientalischen Despotismus“, Hegels Geschreibe vom „asiatischen Prinzip“, über Marx, Herzl, gibts eine uralte Tradition eurozentrischer Feind- und Angstbilder bzw. Überlegenheitsauffassungen. Edward Said formulierte in seinem 1978 erschienenen Werk “Orientalismus” Kritik am eurozentrischen, westlichen Blick auf den Orient, wozu nicht nur die islamisch geprägten Gesellschaften in West-Asien und Nord-Afrika zählten, sondern etwa auch Indien, als einen Stil des Herrschaftsanspruchs über diese Regionen. Dieses Denken drücke sich in einem Überlegenheitsgefühl gegenüber dem “Orient” aus, der dem „aufgeklärten Westen“ als ewig rückständig (und unveränderlich) gegenüberstehe. Said wies darauf hin, dass die moderne Konfrontation zwischen “Westen” und “Orient” mit der französischen Invasion unter Napoleon in Ägypten begann. Dass Europäer das „Licht der Zivilisation“ überall hin gebracht hätten, ist Ausdruck vom kolonialistischen Rassismus, dessen Geist in den Faschismus Eingang fand.

Die Auffassung von dem europäischen Weg als Ideal/Modell wird von nicht Wenigen in der 2./3. Welt geteilt, ein Teil der Eliten in aussereuropäischen Staaten stützt das noch immer ziemlich weisse globale System. Peinlich ist’s, wenn die vollzogene Annahme von „westlichen Werten“ etwas Unangenehmes über den Westen aussagt. Der Westen, die USA, spielen eine Liberalität vor, die sie nicht haben. Japan begann im 19. Jahrhundert eine totale Verwestlichung, nachdem es im Begriff war, vom Westen unterworfen zu werden. Dies führte zum Versuch der Unterwerfung seiner Region (Ostasien, Teile Ozeaniens), zum Bündnis mit NS-Deutschland und Pearl Harbor.

In Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum hat die Zugehörigkeit zum und das Bekenntnis zum Westen nochmal eine andere Bedeutung. Nach 1938 kam hier der Sprachgebrauch des „demokratischen Westens“ auf bzw. die Vorstellungen von den Westmächten als Gegensatz zu den nicht-demokratischen Staaten Mittel- und Osteuropas. Der Westen quasi als Alternative zum NS und Totalitarismus überhaupt. Eine bequeme Verschiebung, zumal auch Amerikaner auf NS-Errungenschaften wie Gehlens Unterlagen zur Sowjetunion bauten und es vorkam, dass deutsche Kriegsgefangene im bzw. nach dem 2. Weltkrieg mit weissen amerikanischen Soldaten aßen, während die schwarzen draussen sitzen mussten.

NS-Deutsche Kriegsgefangene wurden, etwa in Fort Hunt, auch anders behandelt als gefangene Terrorverdächtige heutzutage; manche, wie von Braun, durften ihre Arbeit dann auch dort fortsetzen. Für Deutschland spielt(e) es auch keine Rolle, dass Schwarze in den US-Südstaaten auch nach der Befreiung Europas von Hitler in den Bussen hinten sitzen und sich ihr Wahlrecht erkämpfen mussten. Dass Churchill und Eisenhower mithalfen, Europa von seinem Faschismus zu befreien, ändert nichts an ihren Verbrechen gegenüber Nicht-Weissen, wie im Fall Iran 1953. Wie auch Stalins Beitrag dazu nicht an seinen. Berlin wurde für die USA „über Nacht“ von Zentrum des Bösen zur Frontstadt der „freien Welt“ (für manche in Deutschland wandelte sich das USA-Bild ebenso schnell), islamistischen Akteuren in Afghanistan ging es, wie auch dem irakischen Baath-Regime, umgekehrt.

George Wallace, der langjährige Gouverneur des USA-Bundesstaats Alabama, der noch in den 1970ern Wahlen mit Rassentrennungspolitik gewann, hat im Zweiten Weltkrieg Kampfeinsätze über Japan geflogen. Hippies, die ihm während seiner Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 1968 (wo er fünf Bundesstaaten gewann, 10 Millionen Stimmen bekam) vorwarfen, ein Nazi zu sein, antwortete er: „Ich habe schon Faschisten getötet, als ihr Punks noch in den Windeln lagt.“ Das ist aber keine Entlastung für Wallace sondern bestätigt den Charakter des amerikanischen Engagements im 2. WK, Faschisten wurden nicht wegen ihrer Rassenpolitik bekämpft sondern aus Machtinteressen. Wallace bekam im Wahlkampf 68 auch nicht nur Unterstützung von offen rassistischen Gruppen (wie der “White Citizens’ Councils”) sondern auch von Neo-Nazi-Gruppen wie der “Liberty Lobby”.

Der Bau und die Kontrolle der intermarinen Kanäle, der Welthandel sowieso, auch die Erschliessung des antiken Erbes diverser Kulturen und Regionen, geschah hauptsächlich durch „Weisse“, v.a. im 19. Jahrhundert. Die Umstände des Baus und Betriebs der Kanäle zwischen Atlantik und Pazifik (durch Panama) und zwischen Mittelmeer und Rotem Meer (durch Ägypten) zeigen mehr als 100 Jahre skrupelloser westlicher Bevormundung auf. Im Fall Ägyptens gipfelten sie im Krieg und der Besetzung durch eine Allianz aus Grossbritannien, Frankreich und Israel 1956. Vor jenem in Panama wurde in Nicaragua ein Kanal geplant, in den 1820ern zunächst von der Zentralamerikanischen Konföderation, zu der Nicaragua damals gehörte. Das Land ersuchte in USA und Europa um Hilfe, bekam sie aber nicht. Stattdessen einigten sich die Amerikaner 1850 mit Grossbritannien im Clayton-Bulwer-Vertrag, in dem sie sich gemeinsam das Recht auf den Bau eines interozeanischen Kanals durch Nicaragua einräumten – ohne Nicaragua irgendwie miteinzubeziehen… Acht Jahre später beauftragten die Nicaraguaner den Franzosen Félix Belly mit dem Kanalbau. Die US-Regierung schickte daraufhin Kanonenboote an die beiden Küsten Nicaraguas und erzwang einen Vertrag zu ihren Gunsten.

Doch die favorisierte Investorengruppe bevorzugte den Kanalbau durch Panama. Die USA erzwangen 1903 die Abtrennung Panamas von Kolumbien (wo ein erster französischer Bauversuch gescheitert war), um gleich alle “Widerstände” aus dem Weg zu räumen. Nachdem der nicaraguanische Präsident José Santos Zelaya Verhandlungen mit der deutschen und japanischen Regierung über den Bau des interozeanischen Kanals unter nicaraguanischer Souveränität aufgenommen hatte (der eine Konkurrenz zu dem amerikanischen durch Panama gewesen wäre), zwangen die USA 1909 Zelaya durch einen Militäraufstand, hinter dem US-Marines standen, zum Rücktritt. Den Panama-Kanal kontrollierten die USA fast ein Jahrhundert (ein Verdienst von Carter, die Rückgabe eingefädelt zu haben). Solche Bevormundungen werden heute gerne mit der Gefahr des Islamismus begründet, zu Zeiten des Kalten Kriegs mit der des Kommunismus (die rooi gevaar, von der das südafrikanische Apartheid-Regime sprach, war auch eine Art Code für die swart gevaar, die man damit meist meinte). Siehe dazu auch jene Kommentare, wonach mit Obamas Wahl das Abendland untergegangen ist.

Obamas Sieg bei der US-amerikanischen Präsidentenwahl 08 wird manchmal als Anzeichen einer welthistorischen Veränderung gesehen. Eine rassistische Komponente ist in vielen Kritiken an ihm zumindest unterschwellig dabei. Nicht nur bei den Behauptungen, er sei verkappter Moslem oder in Indonesien geboren. Obama selbst übte Appeasement gegenüber den Vertretern des Anspruchs der Führungsrolle des Westens in der Weltpolitik; während seines Staatsbesuchs in Grossbritannien untermauerte er (in einer Rede vor beiden Parlaments-Kammern) vordergründig diesen Anspruch während er das Aufstreben von China oder Indien damit zu versöhnen versuchte. Im Präsidentschafts-Wahlkampf 12 hatte sein Konkurrent Romney bei einem Besuch in London geklagt, dass die jetzigen Bewohner des Weissen Hauses das “angelsächsische Erbe”, welches USA und GB verbände, nicht genug würdigen würden.

Im eurozentrischen Selbstbild beginnt spätestens mit der Aufklärung eine Erfolgsgeschichte – die dort meist auch eine der Entwicklung hin zu einer Überlegenheit gegenüber anderen ist. Dabei begann in diesem Zeitalter erst die Unterwerfung Afrikas so richtig, die Vollendung der Europäisierung der Welt, die Rassentheorien, der Nationalismus,… Der trinidad-tobagische Marxist C. L. R. James wies in seinem Buch “The Black Jacobins” (1938) darauf hin, dass der Sklavenaufstand unter Toussaint L‘Ouverture auf Santo Domingo/Haiti nicht als Resultat der Aufklärung eingeordnet werde (von der Louverture beeinflusst war), obwohl (oder: weil) hier Auswirkungen der Französischen Revolution die Abschaffung der Sklaverei von Nicht-Europäern berührten. Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärung, war auch einer jener, für die mit der Unterscheidung von Rassen eine Über- bzw. Unterordnung verbunden war, an der Spitze der Vernunftbegabten standen die weißen Europäer. „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen… Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“

Samuel Huntington hat Südamerika und Osteuropa klar von seiner Definition des “westlichen Kulturkreises” ausgeschlossen, auch bei den katholischen Ländern Europas tat er sich schon schwer. Bei ihm gabs auch isolationistische Ansätze; Israel, Japan, Russland sollten “fallengelassen” werden da „fremde Kulturen“. Das “westliche Modell”, sagte er klar, sei nicht für alle geeignet. Er sah auch eine kommende sino-islamische Weltverschwörung. Während andere versuch(t)en, etwa den Zorn der kubanischen Auswanderer in Florida gegen die Castro-Regierung zu instrumentalisieren, aus ihrer Präsenz einen Charakter der USA als toleranter Hafen für Verfolgte abzuleiten, oder sie den in der Regel ärmeren und farbigeren mexikanischen Einwanderern im Südwesten der USA positiv gegenüberzustellen, sah er in ihnen schlicht eine schlecht integrierte Minderheit, eine Gefährdung für die angelsächsische USA. Lateinamerika war mit der europäischen Moderne durch die Entdeckungen und Eroberungen von Anfang an engstens verknüpft.

Fehl-Entwicklungen und der “Abstand” zum Westen dort sind aus eurozentrischer Perspektive meist auf eine den südlichen Gefilden bzw. den Nicht-Weissen (manchmal auch den Romanen…) innewohnende Rückständigkeit zurückzuführen und nicht auf eigene „Interventionen“. Jean Ziegler brachte „Der Hass auf den Westen“ heraus, u.a. über das Indio-Revival in Lateinamerika. Er gehört zu den “selbstkritischen” (bzw. wahrhaftig universalistischen) Stimmen im Westen, die aussereuropäische Stimmen als gleichberechtigt im Diskurs ansehen und nicht zu unpolitisch-abstrakt sind.

Der Brite Rudyard Kipling, Literaturnobelpreisträger 1907, schrieb um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt des westlichen Imperialismus’, das Gedicht „The White Man’s Burden“ (Des weissen Mannes Bürde). Anlass war der Spanisch-Amerikanische Krieg, der dazu führte, dass die USA die Herrschaft (u.a.) über Kuba, die Philippinen und Puerto Rico übernahmen, nachdem sie die Unterdrückung der dortigen Einheimischen unter den Spaniern angeprangert und zum Vorwand genommen hatten sowie sich die Unabhängigkeitsbewegungen zunutze gemacht hatten. Kipling feierte in dem Gedicht den amerikanischen Sieg, beschrieb die Philippinos als halb Wilde, halb Kinder. Ob er wenigstens die Spanier als ebenbürtige “Weisse” akzeptierte, ist fraglich (andere haben da schon mit Russen ihre Probleme).

Auch deutet er Kolonialisierung als humanitären Akt um, forderte eine weitere Expansion der USA (wiederum als “Befreiung”), “Licht” in den “dunklen Orient”, schrieb von “Undankbarkeit der Befreiten”, einer Mission der “Weissen”. Aktuelle Imperialismus-Rechtfertigungen sind nicht so weit von Kipling entfernt… Pankaj Mishra tritt der bis heute währenden Apologetik des Gedichts entgegen, bezeichnete es als “weinerische Rechtfertigung von von Überheblichkeit geprägter Ungerechtigkeit”. Henry Labouchère, ein (weisser) Brite hugenottischer Herkunft ist unter jenen, die Kiplings “Gedicht” aufs Korn nahmen (“The Brown Man’s Burden”).

Der britische Historiker Andrew Roberts verteidigt alle Grausamkeiten britischer Herrschaft irgendwo: das Massaker von Amritsar in Indien, die Konzentrationslager für Buren im Südafrikanischen Krieg, Masseninternierungen in Irland. Er steht der Konservativen Partei, anscheinend aber auch der National Front, nahe. Er machte von Anfang an bei Aznars “Freunde Israels”-Initiative mit und ist gerngesehener Gast im “Springbok Club”, einer Apartheid-nostalgischen Vereinigung von weissen Auswanderern aus dem südlichen Afrika. Die Apartheid in der Republik Südafrika verteidigt er dann doch nicht, dabei ging es auch nicht nur um weisse Vorherrschaft, sondern auch um jene der Buren/Afrikaaner gegenüber den englischsprachigen Weissen. Er sagte, dass der Irak-Krieg 2003 von den Englisch-sprachigen als ein “existenzieller Krieg um das Überleben ihrer Lebensart” gekämpft werde (schob dabei auch Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen vor) und dass “dieser Kampf gegen den Islamofaschismus” der 4. Weltkrieg sei (der Kalte Krieg als der 3.), in dem sich die “Englischsprachigen an vorderster Front zur Verteidigung der Zivilisation” befänden.

Bush, hofft Roberts, werde eines Tages “gerechter” beurteilt werden. Einen solchen „4. Weltkrieg“ (dessen Beginn in der Zeit der Welt-„Alleinherrschaft“ der USA nach Ende des Kalten Kriegs anzusetzen wäre) sieht auch N. Podhoretz, einer der radikalsten Neokonservativen, bzw., er sehnt ihn herbei. US-Politologe Benjamin Barber sah Anfang der 1990er auch einen Konflikt USA-Islam kommen, der bei ihm Teil eines grösseren zwischen Westen und 2./3. Welt ist; bei ihm ist aber eine gewisse Seriosität zu erkennen und nicht nur politische Polemik, durchdrungen von der Befangenheit des Autors. „Islam“ ist oftmals Platzhalter/Sündenbock für eigentlich gemeinte andere „Ärgernisse“, ob andere Zuwanderer oder aufstrebende Mittelmächte des Südens; “Islamkritik” dient gerne der Stigmatisierung des “gefährlichen Orientalen”. Rückständigkeit, oft in Form von “Judenhass”, wird Leuten aus moslemischen Kulturkreisen als “systemimmanent” unterstellt.

Was USA vorgibt zu wollen, die globale Verbreitung von liberaler Demokratie und industrieller Marktwirtschaft (Fukuyama nannte das Gelingen dessen das „Ende der Geschichte“) würde ihr (und dem Westen allgemein) die Führungsrolle sowie die Möglichkeit zur Ausbeutung rauben, welche sich durch Unordnung und Unruhe anderswo, Ungleichheit, ergibt. Und, die Politik der USA hat oft genug klar gemacht, dass sie an einer wirklichen Ausbreitung von Demokratie und Wohlstand nicht interessiert ist, dabei zu verlieren hätte. Die USA liessen Initiativen scheitern, die dem Geist des Freihandels entsprachen, aber ihrer Ausbeutungspraxis zuwiderliefen, wie jene von Honduras unter Zelaya, als es Rechte für Ölbohrungen ausschrieb um das Oligipol internationaler Ölriesen wie “Chevron” und “Shell” zu brechen.

Mobutu, Hussein, Pinochet, Franco, die al Sauds (die noch immer) sind nur einige jener Herrscher die von den USA im Kalten Krieg gegen “ihre” Völker gestützt und z.T. an die Macht gebracht wurden. Oder Ferdinand Marcos. “We stand with the Philippines,” sagte der ältere Bush, damals Vizepräsident, bei einem Staatsbesuch dort 1981. “We love your adherence to democratic principles and democratic processes. We will not leave you in isolation.” 1986 schickte die Reagan-Regierung dem gestürzten Diktator einen Hubschrauber um ihn vom belagerten Präsidentenpalast nach Hawaii auszufliegen, wo er 1989 starb. Oder: Obwohl die USA die damals herrschende Militärdiktatur Argentiniens unterstützte, im Malvinas-/Falklands-Krieg 1982 schlug sie sich auf die Seite Grossbritanniens, sobald es ernst wurde – was viel über den eigentlichen Geist der Monroe-Doktrin aussagt, gegen die die britische Intervention ja verstiess…

Nach dem Ende des Kalten Kriegs kam die Welt-Vorherrschaft der USA erst zu einem Höhepunkt; unter Bush jun. verstärkte sie nach dem 11. 9. 01 im Kampf gegen islamistischen Terrorismus Unilateralismus, Interventionismus, Allmachtstreben, Neo-Imperialismus. Nun mehren sich Anzeichen für eine Überdehnung (overstretch), die einen Abstieg einleitet, einen Verlust der (alleinigen) Weltmachtstellung, die Entstehung eines neuen Machtsystems, ein endgültiges Ende der Nachkriegsordnung. Die „Zeit“ brachte nach dem 2. Obama-Wahlsieg eine Titelgeschichte über das „Ende der Vorherrschaft des weissen Mannes“, in den USA und global. Etwa Mitte der 00er-Jahre wurde spürbar dass sich die USA als noch einzige Weltmacht künftig auf eine neue Rolle einstellen müssen. Emmanuel Todd brachte 2002 “Weltmacht USA. Ein Nachruf” heraus. Die USA, so Todd, schöpft den Reichtum anderer Länder ohne Gegenleistungen ab. Andere als gleich anzusehen würde deren Ausbeutung ausschliessen; die USA kennen verschiedene Formen der Machtausübung über andere. Die nicht-weissen Regionen Lateinamerika, Asien, Afrika werden von ihnen am schlechtesten behandelt. Länder wie Deutschland und Japan müssen für Unterkunft und Verpflegung der amerikanischen Truppen in ihren Ländern aufkommen. Auch in den USA sind nicht alle Bürger gleich. Wenn die USA einen Universalismus vertritt, so Todt, dann einen angelsächsischen Universalismus, in den z. Zt. Juden eingeschlossen sind. Der vorgebliche Universalismus war nur eine Propaganda gegen die Sowjetunion z. Zt. des Kalten Kriegs.

Ein Merkmal der Weltreiche, schrieb Todd, ist es dass Eroberer und Eroberte im selben Reich leben. Rom gewährte immer mehr Unterworfenen die Bürgerrechte, irgendwann gingen unter ihnen auch Kaiser hervor. Entgegen Todds Ausführungen begann die Expansion der USA aber spätestens mit dem Krieg gegen Mexiko Mitte des 19. Jahrhunderts. Huntington habe wie der „Gegenpol“ Khomeini an den Kampf der Kulturen geglaubt. Das Thema Umwelt streift er nur kurz, dafür bringt er ausführliche anthropologische und soziologische Erklärungen, z.B. über den Einfluss von Familienstrukturen oder Alphabetisierung auf politische Prozesse. Der gegenwärtige Islamismus sei Teil eines Prozesses, vor einer Stabilisierung, eine Übergangskrise. Im Buch das er mit Youssef Courbage verfasste, “Die unaufhaltsame Revolution”, gehts um den (kommenden) demografischen Niedergang in der islamischen Welt und die Alphabetisierung von Frauen dort, als Symptom wie Ursache eines breiten Wandels (er zeigt einen Zusammenhang zwischen Bildung, Rückgang von Geburtenzahlen und politischer Modernisierung auf). Die Aufstände im Iran und arabischen Ländern ab 2009 waren möglicherweise ein Anzeichen bzw. ein Beginn einer solchen Entwicklung.

Niall Ferguson ist nicht gerade ein linksliberaler Historiker, und auch kein unpolitischer. Der Hirsi-Ali-Partner, eigentlich ein Wirtschaftshistoriker (ausgebildet in Oxford, z. Zt. in Harvard), unterstützte Bush und den Irak-Krieg (der den Menschen dort Gutes brächte), verteidigt den britischen Imperialismus bzw. versucht ihn zu rehabilitieren, ist gegen europäische Selbstkritik in Bezug auf Kolonialismus, glaubt an eine „Islamisierung Europas“, ist gleichzeitig gegen Säkularismus, behauptet dass der Westen mehr „importiert“ als “exportiert”, schwingt gerade die Werbekeule für einen („Präventiv“-)krieg gegen Iran (u.a. in „Die Welt“), hat das „Eurabia“-Konzept begeistert angenommen. Betet also die Mantras des Neo-Konservativismus nach (oder vor?), mit all ihren Widersprüchen – dazu gehört zum Beispiel die frühere westliche Unterstützung für das Baath-Regime im Irak oder die Mujahedin in Afghanistan; auch, dass die Bush-Kriege dort mit zum Niedergang der USA geführt haben.

Der Schotte (er dürfte eher kein Unabhängigkeits-Befürworter sein) befürwortet ein neues amerikanisches Imperium, in „Colossus. The Rise and Fall of the American Empire” (dt. 2004: Das verleugnete Imperium. Chancen und Risiken amerikanischer Macht) tritt er für die Notwendigkeit eines “globalen Hegemons“ ein. Dennoch (oder anders herum: aufgrund dieses Befunds kommt er vielleicht zu seinem Bekenntnis), für Foreign Affairs 2/2010 schrieb er einen Artikel über den Niedergang der USA: “…From ancient Rome to the Soviet Union, history suggests that great powers fall swiftly and without warning…fiscal deficits and military overstretch are evidence that the United States could be the next empire to fall.”

Steht also ein Niedergang der weissen, westlichen Welt-Hegemonie bevor, bzw. ein spürbarer Machtverlust? Von 7 Milliarden Menschen sind nur 1 Milliarde “Weisse”. Was ist die Alternative zu amerikanischer/weisser Weltherrschaft? Rassisch gemischte Schwellen-Staaten wie Brasilien und Südafrika, die endlich eine gewisse Stabilität gefunden haben, könnten Gewicht bekommen. Der Aufstieg Chinas und Indiens ist auch nicht mehr zu übersehen. Auch Russlands Einfluss dürfte wieder deutlich zunehmen, wobei das Land auch vom Klimawandel profitieren könnte. Eine Studie von zwei einflussreichen US-Thinktanks riet kürzlich den USA und seinen Alliierten, gezielt um vier Staaten zu werben, um die eigene weltweite Vormachtachtstellung in Politik, Militär und Wirtschaft zu halten: Diese „globalen Swing-States“ sind Brasilien, Indien, Indonesien und die Türkei. Der Neocon R. Kagan (McCain-Anhänger,…) hat in einem Buch über über seine Sicht der Weltlage Russland, China, Indien als (kommende) Feinde/Konkurrenten des Westens ausgemacht und erst an 4. Stelle den Islam(ismus) mit dem Iran an der Spitze.

Das 1944 von den Alliierten des 2. Weltkriegs beschlossene Währungsordnungs-System von Bretton Woods und die darauf basierenden Institutionen IWF und Weltbank sind Werkzeuge der westlichen Vorherrschaft über Lateinamerika, Afrika, Asien. Die Weltwirtschaftskrise ab 2007, die die globale Finanzkrise und die Schuldenkrise der USA und von Teilen Europas (Eurokrise) umfasst, bedroht ebenfalls die bestehende, westlich dominierte Weltordnung, bringt auch ein Ideal ins Wanken. Die „linke“ Erklärung der Krisen sieht die Banken mit ihrem Streben nach Gewinnmaximierung als Schuldige, die noch dazu ungestraft davonkämen. In der „rechten“ Erklärung sind die Regierungen verantwortlich, die zu sehr in die Märkte eingriffen, Rettungspakete und Sozialprogramme schnürten, die das Haushaltsdefizit weiter ausufern liessen.

Die Krise brachte schon eine wirtschaftliche Machtverschiebung zugunsten von Schwellenländern wie China. Von der chinesischen Regierung kam 2011 ein Hilfsangebot an die USA und Europa bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise… Bis 2020, schätzt das Centre for Economics and Business Research in London, werden Indien und Russland gemeinsam mit China und Brasilien in den Rang der sieben grössten Wirtschaftsnationen, den G-7, aufrücken. Niall Ferguson: „Für den größten Teil der 500 Jahre waren es die westlichen Staaten auf beiden Seiten des Atlantiks, die sagen konnten, dass sie das beste Wirtschaftssystem hatten, dass sie das beste politische System entwickelt hätten und so weiter.“ Diese Ansprüche klängen jedoch zunehmend hohler.

Peter Scholl-Latour schrieb „Die Angst des weissen Mannes“, gestaltete auch eine TV-Doku zum Thema. “Die Vorrangstellung des Westens ist zu Ende”, befindet er. In dem Buch stellt er auch die nicht unwesentliche Frage “Wer ist überhaupt ein Weisser?”. Der deutsch-französische Journalist und Autor mit jüdischem Einschlag kämpfte einst mit dem französischen Heer in Indochina. Er ist in mehrerer Hinsicht reaktionär, ist auch für die Aufrüstung Deutschlands mit Atomwaffen. Zum Arabischen Frühling sagt er einmal, es habe nie einen gegeben, Islamisten würden sich durchsetzen, die alten Regime wären besser gewesen. Er hat Recht wenn er sagt, “Es ist absurd dass der Westen Saudi-Arabien als Verbündeten betrachtet, mit Waffen unterstützt und zur Vormacht des Orients aufbaut, wo es das reaktionärste und intoleranteste Land der ganzen Region ist, dessen Regime nur mit dem der Taliban verglichen werden kann.“

Die indische Ethnologin Shalini Randeria versucht, die Welt konsequent aus einer nicht-europäischen Warte zu sehen. “Europa ist kein Hort des weltweit zu lernenden Guten. Wenn westliche Wissenschaft Begriffe wie Zivilgesellschaft, Gerechtigkeit oder Staat als universell gültig ansieht, verfehlt sie das Spezifische anderer Gesellschaften. Das Aufoktroyieren europäischer Werte, Normen und Ideen basiert auf einer langen imperialen und kolonialen Geschichte. Heute wird mancherorts sehr selektiv im großen Stil interveniert – aus humanitären oder militärischen Gründen und je nach geostrategischen Interessen.

Die Weltbank oder der IWF gestalten zum Beispiel Rechtssysteme und finanzielle Institutionen in Entwicklungsländern um. Kreditnehmerstaaten sind zwar freiwillige Mitglieder dieser Institutionen, haben aber kaum Einfluss auf die Politik des IWF, der WTO oder der Weltbank. Verkürzt könnte man die eurozentristische Sicht so formulieren: Wie im Westen so auf Erden. Paradox daran ist, dass man einerseits glaubt, dass der Westen universalisierbar sei, andererseits wird aber darauf beharrt, dass er auch einzigartig in seiner historischen Entwicklung ist. Meine Eltern haben beide nie einen Tempel betreten und sind überzeugte Atheisten.” Zusammen mit Andreas Eckert brachte sie “Vom Imperialismus zum Empire: Nicht-westliche Perspektiven auf Globalisierung” heraus.

Der Inder Pankaj Mishra fordert westliches Narrativ und Hegemonie verbal heraus. Früher schrieb er Prosa, heute Reiseliteratur und historische Werke, allerdings oft verwoben mit philosophischen Fragen. Das erzählende Schreiben, ob literarisch oder historisch, lehrte er auch als Gastprofessor in den USA und Grossbritannien. Für “Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens” erhielt er auf der Leipziger Buchmesse kürzlich den Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2014. Weil er den Hindu-Nationalismus in Indien kritisiert, wird ihm von dieser Seite auch vorgeworfen, für ein weisses Publikum im Westen zu schreiben und “Islam-Verharmlosung” zu betreiben. Dabei übt der Hindu auch oft Islamkritik, grenzt die islamische Welt aber nicht aus. Der eigentliche Star der Leipziger Buchmesse, Yahya Hassan, ein palästinensisches Einwandererkind in Dänemark, attackiert sein Milieu, dies ist für manche leichter zu verdauen (so hat auch ein Palästinenser die Chance, ein “talentierter, junger Mann” zu sein, in den Augen des „Jyllands Posten“ und seiner Leser), ist bekömmlicher als Mishra, der den westlichen Imperialismus kritisiert und manche Dinge beim Namen nennt.

In seinem aktuellen Buch beginnt er mit der britischen Machtübernahme in China und Indien im 19. Jahrhundert. Er schildert auch, wie Asien die “Geheimnisse der westlichen Macht” wie neue Technologien, überlegene Informationsbeschaffung, Handelsvorzüge, moderne Ideen, aufnahm und gegen die westliche Welt wendet. Der Westen stecke mittlerweile tief in der Krise, und er tue gut daran, auf den Osten zu schauen, wo sich neue Perspektiven eröffnen könnten, meint er. Mishra kritisiert aber auch den auch in Asien längst vorherrschenden Nationalismus. “Menschen wie Rabindranath Tagore etwa pflegten Freundschaften mit Menschen in Kairo und Tokio und Shanghai, doch diese Zeit des Weltbürgertums wird heute durch die nationalistischen Historien unterdrückt”. Nachdem er eine Kritik von Niall Ferguson’s Buch “Civilisation: The West and the Rest” geschrieben hatte, drohte dieser, ihn zu verklagen.

Weitere Literaturhinweise zur Thematik: Johann Schelkshorn und Jameleddine Ben Abdeljelil brachten 2012 “Die Moderne im interkulturellen Diskurs. Perspektiven aus dem arabischen, lateinamerikanischen und europäischen Denken” heraus. Von Domenico Losurdo kam “Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismusund seine Mythen” heraus. Der westliche Sieg im Kalten Krieg, so der Wissenschaftler der Universität Urbino, brachte eine Revision in der Geschichtsbetrachtung (verstärkt durch 11/9/01), so etwa bei Hillgruber, die Erfindung eines “liberalen Westens” (Vereinnahmung von 1789) und eine Verdrängung der Verantwortung für Kolonialismus, Weltkriege, Faschismus. Und: Noam Chomsky und David Barsamian: Imperial Ambitions. Conversations on the Post-9/11 World (2005)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen zur Islamophobie

Vorbemerkungen

Für viele im Westen ist “der Islam” nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks und spätestens mit den Anschlägen von 2001 in USA zum Feindbild geworden. Cem Özdemir sprach in dem Zusammenhang von einem “Feindbildwechsel von Marx zu Mohammed”. Am unmittelbarsten war der Übergang in ein neues Zeitalter in Afghanistan, wo die kommunistische Regierung mit dem Kollaps der Sowjetunion ihre Unterstützung verlor und bald darauf gegen die vom Westen unterstützen islamistischen Mujahedin verlor. Der Begriff “Islamophobie” legt nahe, dass es dabei tatsächlich nur um die Abneigung/Ablehnung gegenüber einer Religion bzw. ihrer Politisierung ginge – und nicht um Vorurteile und Hetze gegen Menschen aus und in der “islamischen Welt” (die sich ungefähr von Marokko bis Pakistan erstreckt), die keineswegs nur an deren Religion festgemacht wird und die weit vor die Entstehung des modernen Islamismus zurückgehen. So wie echter Antisemitismus nicht wirklich auf das Judentum als Religion abzielt.

Es gibt jene (Islamophoben), die den Unterschied zwischen Rassismus gegenüber Leuten mit „muslimischem Hintergrund“ und notwendiger Kritik des Islamismus absichtlich verwischen und jene, für die dieser Unterschied nicht existiert. Die Reaktionen auf Islamophobie leisten dieser Irreführung aber oft Vorschub. Ideal ist der Ausdruck “Islamophobie” nicht (das ist auch “Antisemitismus” nicht), da er insinuiert, es ginge um diese Religion, ihre Auswüchse und Kritik daran. Der Alternativ-Ausdruck “Anti-Islamismus” deutet noch stärker auf Gegenwehr zum Islamismus hin. “Islamkritik” ist eher der angemessene Ausdruck für sachliche Auseinandersetzung mit kritikwürdigen Punkten in bzw. aus islamisch geprägten Ideologien und Gesellschaften, eine Form von Religionskritik also, gegen die nichts einzuwenden ist. Islamophobie ist eine Form von Rassismus (bzw Menschenfeindlichkeit), die aber so tut, als gehe es ihr darum, den “Islam” kritisieren zu dürfen. Es geht dabei um bestimmte ethnische Gruppen, ihre (vermeintlichen) rassischen oder kulturellen Spezifika (die als bedrohlich, fremd und minderwertig dargestellt werden), die Definition dieser durch ihr (oft vorgebliches) Islamisch-Sein, um Hetze und Heuchelei gegen sie. Einen islamistischen globalen Herrschaftsanspruch auszumachen, ist keine Verschwörungstheorie, diesen den Moslems zu unterstellen, schon. Ein Missbrauch des Islamophobie-Begriffs ist es, wenn in Paris hunderte religiöse/konservative Moslems, darunter verschleierte Frauen, bei einer Demonstration diesen Vorwurf erheben, nachdem eine Voll-Verschleierte kontrolliert worden war, oder Kritik am Islamismus als “Islamophobie” diskreditiert wird.

Die islamistischen Anschläge in den USA 2001 haben eine neue Weltära eingeleitet, die gerne als Kampf der “westlichen” mit der “islamischen” Welt verstanden/dargestellt wird. Für manch einen bot diese Entwicklung Entlastung und Gewinn. Was erst allmählich deutlich wird, ist, dass die Krise der islamischen Welt der Vorbote für den Übergang zu ihrer dringend notwendigen Reform war/ist. Das jahrhundertealte westliche Bild von Moslems bzw. Orientalen als kriegerischen, verschlagenen, unaufgeklärten Menschen wurde jedenfalls neu belebt und gestärkt. Bücher, TV-Diskussionen, Zeitschriftenartikel und Konferenzen über Gefahren durch den Islam schossen wie Pilze aus dem Boden. Mit den Zuspitzungen und Provokationen Pim Fortuyns in den Niederlanden, zuerst in Buchform, dann in der Politik (nach heftigen Attacken des Imams von Rotterdam gegen Homosexuelle), begann im Westen die intensive Politisierung des Islam-Themas. Die antiislamischen Wellen kamen nicht aus dem Nichts, sachliche Analyse und Kritik fanden aber selten statt. Vorgebliche Verteidiger einer aufgeklärten und freien Gesellschaft tauchten allerorts im Westen auf, ihre Anklagen gegen „den Islam“ waren/sind oft Plädoyers für Xenophobie und Sicherheitswahn. Die Thematik überschneidet sich mit jener der Immigration/Integration oder auch der von Nord und Süd. Bush’s Irak-Krieg 03 löste gerade bei vielen (Ex-, Pseudo-) Liberalen/Linken Begeisterung aus, etwa beim Ex-68er Hans Magnus Enzensberger, obwohl die Baath-Herrschaft (wenngleich natürlich auch totalitär) zum Islamismus geradezu eine Antithese war (nicht nur weil am Beginn ihrer Entwicklung ein christlicher Syrer stand). Das Bush-Regime hat in seiner Kriegsrechtfertigung nicht nur die “Atombomben” Husseins angeführt, sondern auch eine “Verbindung” von ihm zu al Qaida konstruiert. Die Begeisterung für den Krieg zeigte grundsätzliche Widersprüche bzw. Heucheleien in dieser Welle auf, in IT-Foren wurde er einerseits als “mutige, beherzte Befreiungsmission für die Iraker” gefeiert, andererseits als das „Niederbomben der Muselbirnen“. Der (erste) Höhepunkt der Islamübergangskrise und der Reaktion darauf war ungefähr Mitte der 00er-Jahre erreicht.

Koordinatenverschiebungen und Feindbildparadoxa infolge von 11/9: Linke und Liberale die die Rettung des christlichen Abendlands beschwören, Rechte und Konservative die plötzlich Frauen, Juden, Homosexuelle beschützen wollen. Eine Fortschrittlichkeit, Sorge um Frauenrechte, geben fast alle vor, Rückständigkeit ist ja Merkmal der Anderen. Als Islamisten in Tunis im Laufe der Umwälzungen dort ein Rotlichtviertel anzündeten bzw. das versuchten, haben sich viele in Empörung geübt, war das eine Möglichkeit, den Arabischen Frühling zu diffamieren. Andere antiislamische Kulturkämpfer wussten nicht so genau, wie damit umzugehen sei, wo hier schützenswerte Freiheit und wo verurteilenswerter Verfall zu orten ist. Betrachtungen bzw. Beurteilungen der “islamischen Welt” spiegeln eben immer innere Auseinandersetzungen der “westlichen Welt” wieder. Der westliche Liberalismus, die Postmoderne, inkl. Feminismus, Toleranz für Homosexualität, ist entweder den Wilden zu verordnen oder aber ist böse und steckt mit den Wilden unter einer Decke (Jonah Goldberg in der National Review: „The White Male is the Jew of Liberal Fascism”). Rechte Islamophobe unterstellen meist den Linken Komplizenschaft mit Moslems/Islamisten (z.B. “Antisemitismus ist links und islamisch”, jedenfalls eine Möglichkeit zu ver/urteilen), linke Islamophobe unterstellen in der Regel Moslems/Islamisten Komplizenschaft mit Rechten; Querfront-Behauptungen gehören hier einfach dazu. Manche Islamophobe versuchen aber auch den Brückenschlag ins jeweils andere Lager, die pseudo-linken “Anti”deutschen etwa gern zu den Neokonservativen.

Gewisse Topoi sind längst Mainstream geworden. Das zeigt sich etwa, wenn Molterer von der ÖVP im österreichischen Nationalrats-Wahlkampf 08 nochmal den Fall in der BRD hervorkramt, als eine Richterin in einem Verfahren den “kulturellen Hintergrund” eines Angeklagten berücksichtigte, und sich als Vorkämpfer für Geschlechter-Gleichberechtigung präsentiert. In manchen Medien hat sich bezüglich “Islam” eine Mischung aus Gruseligem und Lächerlichem etabliert, siehe Überschriften wie “Australien: Schwerverbrecher konvertieren zum Islam”. Oder die Sache mit den Gipfelkreuzen: Ursprünglich hatte das von Jörg Haider gegründete BZÖ im Nationalrats-Wahlkampf 06 in ihrer Anti-Ausländer-Kampagne, beim Versuch, die FPÖ dabei zu überholen, die Behauptung eines Briefs des irakisch-stämmigen SPÖ-Politikers al Rawi an den Alpenverein, in dem sich dieser über Gipfelkreuze als “christliche Herrschaftssymbole” beschwert haben soll, aufgebracht. Das Ganze ging aber auf einen leicht als Satire zu erkennenden “Antwort”-Brief des Alpenvereins an Rawi zurück, der absichtlich in Umlauf gebracht wurde und auf den Westenthaler vom BZÖ hereingefallen war. Dennoch haben in der Folge auch Weimer vom Springer-Verlag und Udo Ulfkotte die Geschichte mit der angeblichen moslemischen Beschwerde über Gipfelkreuze vorgebracht, zur Stützung ihrer Islamisierungs-Behauptungen. Zuletzt ging die Geschichte dann in manchen Medien so, dass in Bayern ein Werbekatalog für Touristen aus dem arabischen Raum veröffentlicht worden sei – “aus Rücksicht” ohne Gipfelkreuz auf der Zugspitze. Oder: wenn Muslime sich anders verhalten als unterstellt, betrieben sie “Taqqiya”, würden sich also verstellen um ihre wahren, finsteren Absichten zu verschleiern. Den Audruck bzw. diese Deutung haben “Islamexperten” bekannt gemacht, die in Wirklichkeit mehr Brandstifter als Brandexperten sind. Taqqiya ist eigentlich etwas schiitisches, eine Verstellung, um Anfeindungen, z.B. sunnitischen, zu entgehen, oder das stille ertragen einer feindlichen weltlichen Herrschaft wie jener der Baath im Irak.

Islamophobie ist in der Regel nicht nur rassistisch und unsachlich, sondern – offen oder versteckt – auch mit anderen Zielen verbunden. Den Islamisten an die Eier gehen ohne Neo-Konservatismus, ohne Israel-Apologetik oder -Hysterie, das machen nur wenige (Hitchens evtl.). Bei David Horowitz etwa sind Afro-Amerikaner neben Linken und Moslems die Zielscheibe, der Westen und seine Werte werden bei ihm auch vor den Chinesen wie auch vor dem Dalai Lama gerettet. Abrechnungen mit der Linken bzw. dem Antiimperialismus im besonderen sind im Zuge von “Islamdebatten” gang und gäbe. Den Westen kämpferisch „in Stellung bringen“ geht gerne einher mit Schelte an ihm ob seiner „Verdorbenheit“… Für eine Seite ist dabei (etwa) Religiosität im Westen Anzeichen für Verdorbenheit, für die andere Areligiosität. Mit dem Aufpeitschen der gesellschaftlichen Diskurse waren auch die völkerrechtsbrechenden Sauereien seit 9/11 verbunden. Jene Islamkritik, die nicht rassistisch und unsachlich ist, die wirklich universalistisch und emanzipativ ist, die gegen Ideologien und nicht gegen Menschen (aus bestimmten Gegenden und Kulturen) ist, und den Islam auch nicht als “Platzhalter” verwendet, diese ist Teil der Lösung und nicht des Problems.

Stimmungsmache gegen bestehende oder geplante Moscheen oder Koran-Verbrennungen wie die von Evangelikalen in Florida sind m.E.n. weniger das Problem, da es dabei wirklich um die Religion an sich geht. Ein rassistisch motivierter Messerangriff auf einen Taxifahrer aus Bangla Desh in New York ist schon schlimmer, oder Attacken gegen Sikh, die schnell einmal für “Moslems” gehalten werden. Ralph Giordanos Engagement gegen die Moschee in Köln ist weniger schlimm als dass er Moslems abspricht, Teil der deutschen/der westlichen Gesellschaft(en) zu sein. Heuchlerische Kriegshetze oder rassistische Psychopathologisierung wie von Frau Wilting ist bedenklicher als Mohammed-Verspottungen. Der bekannteste Fall eines Streits um eine geplante Moschee war der in New York; nahe „Ground Zero“ in Manhattan, dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001 sollte ein moslemisches Gemeindezentrum (“Cordoba House” oder “Park 51”) entstehen. Präsident Obamas Unterstützung für die Pläne gab den Gerüchten um seine “geheime moslemische Identität” neuen Auftrieb (es lässt sich schon eine Überschneidung von Obama-Hassern und Koran-Verbrennern feststellen). Geert Wilders ist dort vor Moschee-Gegnern aufgetreten, amerikanische Politiker wie Newt Gingrich benutzen das Projekt für Polemiken. Nach 11/9 hetzten in den USA auch rechte Politiker von Bush abwärts nicht im Inneren gegen Moslems; längst hat sich das gedreht.

Die grössten Islamophoben wie Henryk Broder, Horowitz, die “Anti”deutschen, stellen ihre Existenz wütend in Abrede. Clemens Heni u.a. sagen, Islamophobie“ sei eine Erfindung Khomeinis, “Islamkritiker” Klaus Blees dass sie ein “Kampfbegriff gegen Islamkritik” sei, Thomas von der Osten-Sacken, dass sie  von „islamistischen Lobbies“ zur Parallelisierung des „Antisemitismus“ eingeführt worden sei, westliche Intellektuelle machten sich zu „Nachbetern“ dieser „Ideologie“, Stephan Grigat, dass der Begriff zur Delegitimierung von Kritik verwendet werde, sich der Islamophobie-Diskurs gegen Israel richte und der sich aufdrängende Vergleich mit Antisemitismus eine Frechheit sei. Auch von einem Udo Wolter gibts immer wieder Texte, die eine Islamophobie in Abrede stellen, aber bei ihm hält sich die Aggressivität der Leugnung bzw. der Gegenangriffe noch in Grenzen.

Kulturalismus und Rassismus

Im offenen Rechtsextremismus sind Menschen durch ihre biologische Herkunft oder Merkmale so weit vorgeprägt, dass eine gleichberechtigte Koexistenz nicht möglich ist. Bestimmte Freund-Feind-Haltungen werden als naturnotwendig und vorbestimmt dargestellt. In den meisten Spielarten der Islamophobie sind Muslime nicht biologisch unterlegen, aber eben kulturell inkompatibel/unterlegen,so wird argumentiert. Diese kulturalistische Argumentationslinie stellt wie der Rassismus Gleichrangigkeit und im Extremfall die Existenzberechtigung “des Anderen” in Frage und läuft im Endeffekt auch auf Vorbestimmtheit und völkische Beurteilungen hinaus. Bei “Ihr werdet nie Demokratie haben” kommt das deutlicher heraus als bei “Ihr habt keine Demokratie”. Die individuelle Auffassung und Ausübung von Religion spielt keine Rolle wenn man die Betreffenden qua ihrer Herkunft/Identität als “rückständig” einstufen kann. Bei Islamophoben ist die Personengruppe “Muslim” mit “Türken und Araber und Iraner und …” deckungsgleich. Atheisten aus dem islamischen Kulturkreis oder christliche Palästinenser werden aus dem selbem Sentiment heraus abgelehnt, mit den selben „Argumenten“ niedergemacht.

Gerne wird heutzutage unsere schöne Werteordnung in Abgrenzung zum Islam bzw. zum islamischen Extremismus beschworen. Als ob der Bürgerliche, der diese Errungenschaften heute imperialistisch in Stellung bringt, ursprünglich für sie gekämpft hätte, z.B. für den Feminismus. Im “Westen” ist “der Islam” das “Andere” geworden, das man braucht um sich zu definieren. Die indische Autorin Arundhati Roy schrieb von einer anmaßenden Abgrenzung von “westlicher Zivilisation” gegenüber “orientalischer Barbarei“. Islamisten gehen mit ihrer Verachtung für andere Kulturen und andere Auffassungen des Islams ähnlich um. Bush hat vor etwa 10 Jahren im deutschen Bundestag posaunt: “Wir kämpfen um unsere Zivilisation”. Islamophobie-Ikone Pamela Geller: “Israel ist ein sehr gutes Vorbild, denn im Krieg zwischen den zivilisierten Menschen und den Wilden muss man sich an die Seite der zivilisierten Menschen stellen.” Demokratie und Menschenrechte werden von „Kulturkriegern“ als “westliche Errungenschaften” gesehen, für den einen Teil sollte der Westen sie mit Gewalt (v.a.) in den islamischen Raum bringen, für die anderen sind die Menschen dort unreif bzw. unwürdig, sie zu teilen. Dabei hat der Westen schon seit jeher in der “zweiten” und “dritten” Welt „zuverlässige“ Diktaturen einer Demokratie vorgezogen.

Als Ersatz für “volksgemeinschaftliche” Ausgrenzungen bieten sich “werte-gemeinschaftliche” an. Die These eines (zu) toleranten und gerechten Westens und eines zurückgebliebenen und zu erziehenden Orients sagt letztlich viel über gewisse Überheblichkeiten in westlichen Gesellschaften aus. Wenn Grigat sagt, Moslems/Islamisten teilten „die antiwestlichen Ressentiments“ der hiesigen Rechten, dann um einen geschönten Westen ohne Rechte zu erfinden (diese “herauszudefinieren”). Jene, die „universelle Werte“ propagieren und “Kulturrelativismus” anprangern, sind meistens jene, die ihre eigenen Werte am identifikationswürdigsten halten und auf das Leben von Nicht-Weissen in der globalen “Peripherie” andere Maßstäbe anlegen. Gerade die ganz armen lateinamerikanischen Staaten mit farbiger Bevölkerungs-Dominanz werfen Fragen über Definition bzw. Ausdehnung des “Westens” auf, erst recht wenn sie linke/selbstbestimmende Regierungen haben. Prinzipieller Respekt für andere Kulturen ist aus den Gelüsten nach Belehrung und Disziplinierung leicht als „Relativismus“ zu denunzieren. Manche Aspekte der Heucheleien bezüglich “Islam” erinnern an jene des Antikommunismus, etwa, Russen (oder Polen,…) seien “Untermenschen”, aber Kommunisten seien Verbrecher weil sie Russen unterdrücken. Das von der Freiheit im (bzw. durch den) Westen auch, oder das mit dem (sie) Retten oder Vernichten, das so eng beieinanderliegt. Unter Hitler war die Sowjetunion noch “Asien”, die es auch zur Rettung des Abendlands zu bekämpfen galt.

Wenn chauvinistisch-hämisch darauf hingewiesen wird, dass Moslems so wenige Nobelpreise hätten im Vergleich mit anderen, hat das natürlich eine rassistische Konnotation, die meist auch gar nicht geleugnet wird. Die “Aufbereitungen” arabischer Sexualität sind ein weiteres Beispiel für kulturalistischen Rassismus.

Der Diskurs über den Islam

Man wird das doch wohl einmal sagen dürfen. Die Tyrannei der politisch Korrekten. Die Sprachpolizei die verhindert, Missstände klar zu benennen. Denk- und Sprechverbote. Das Einknicken des Westens. Das Tabu Islam-Kritik. Falschverstandene Toleranz. Redefreiheit bedroht. Schweigekartell der Mainstream-Medien. Westliches Zurückweichen vor dem Islamismus. Mut zum Aussprechen. Sie unterwandern uns, arbeiten an der Machtübernahme, tarnen sich und ihre wahren Absichten geschickt. Im Kampf der Kulturen muss man Stellung beziehen. Ein Islam-Bild, das aus Terror, Ehrenmorden, Hasspredigten besteht. Dieser Kanon dominiert zumindest im deutschsprachigen Raum und dennoch behaupten seine Vor- und Nachbeter, gegen den Strom zu schwimmen. Wo die echten Tabus sind, hat sich anhand der Aufregung über die paar Zeilen von Günter Grass gezeigt. Jene, die den deutschen “Selbsthass” über Antiislam entsorgen wollen, stossen im Hohmann-Steinbach-Diskurs schnell an Grenzen… Aus “Nein zur Scharia” kann man so ziemlich alles herausargumentieren; Menschen aus dem islamischen Raum pauschal als Islamisten und faschistische Fanatiker, denen mensch Einhalt gebieten müsste darzustellen, ist da eigentlich gar nicht mehr nötig.

Auch die Schönbohms, Mißfelders, Stadtkewitzs,.. können getrost gegen den Islam lospoltern, Missfallen bzw. Einwände etwa gegenüber einer toleranten Linie gegenüber Homosexuellen zu formulieren, ist da schon schwieriger. Spätestens mit Sarrazins Buch (das irgendwie ein Ausbruchsversuch zu sein scheint, durch die Thematisierung von Rasse, Vererbung, durch Ausschluss nicht auf rein kulturalistischer Basis, sondern auch durch die Einbeziehung biologischer Parameter) scheint sich in Deutschland die Islamdebatte mit der Ausländer-/Integrationsdebatte, ja mit dem Nationsdiskurs, verbunden zu haben. Auch hier kann man sich auf alte volkstümliche Einstellungskomplexe stützen, ob im “Konkret” ein Henschel eine Tirade mit dem Titel “Sei doch kein Muselman” schreibt oder die NPD auf Wahlplakaten einer orientalischen Familie (gezeichnet mit Hakennasen, dunklem Bartschatten,…) auf einem fliegenden Teppich “gute Heimreise” wünscht. Versöhnung mit Deutschland und Schlussstrichziehen mit NS über Philozionismus und Islamkritik. Aber gelegentlich auch NS-Apologetik oder Verachtung für Hartz-IV-Empfänger. Oder dass Deutschland bzw. der ganze Westen von innen, durch “Schuldkomplex” und  “Masochismus”, bedroht sei.

Manchmal werden Moslems auch zur Zielscheibe, wenn man eigentlich jemand anderen treffen will (z.B. Linke, Afrikaner) oder um sich zu gegenüber Zielgruppen zu profilieren.

Angesichts der Proteste gegen die Manipulationen bei der iranischen Präsidentenwahl 09 und ihrer brutalen Niederschlagung gab es einen Umschwung in hiesigen Islam-/Orient-Wahrnehmungen. Davor gingen die Angriffe meist in die Richtung, “der Islam” UND (alle) seine „Angehörigen” seien böse; “Anti”deutsche hielten Veranstaltungen über das „antisemitische Mordkollektiv Iran“ u.ä. ab. Nun mussten manche immerhin einräumen, der Islam sei böse weil „er“ seine Angehörigen unterdrückt. In den Kriegskampagnen gegen Iran begann erst jetzt, das Wohl der Iraner eine Rolle zu spielen… Die Frage ihrer realen Unterdrückung war und ist dabei nicht wichtig, sondern nur dass sie das diskursive Kanonenfutter sind. Die verschiedenen Ebenen des Islams (und erst recht jene, die nicht wirklich etwas mit ihm zu tun haben), die Lehre, seine Entstehung/Verbreitung, die Kultur der betreffenden Länder und der Menschen (von) dort, seine politische Instrumentalisierungen, usw., geraten schnell einmal durcheinander.

Was die Integration von Migranten (auch nicht-moslemischen) in westlichen Gesellschaften betrifft, läuft der Diskurs so, als ob multikulturelle Konzepte in Deutschland oder sonstwo jemals hegemonial gewesen seien, als ob es sowas wie eine vernünftige Grundtoleranz im “Westen” gäbe. Der österreichische “Rechtsextremismusexperte” Schiedel /Peham: “Für muslimische MigrantInnen in Österreich stellt der Antisemitismus auch so etwas wie ein unausgesprochenes Integrationsangebot von Seiten der österreichischen Gesellschaft an sie dar.” Also doch nicht die “universellen Werte der europäischen Aufklärung”, die man hier vorfindet und die es anzunehmen gilt, will man sich integrieren, so gesehen. Alan Posener hat einiges Treffende über Integration (beste solche schützte Juden nicht vor NS-Vernichtung), aber auch über Neokonservativismus, Unteilbarkeit der Toleranz (“wer Antisemitismus bekämpfen will, muss auch Islamophobie bekämpfen“) oder die deutsche Israel-Obsession gesagt.

Wenn hier heutzutage christliche Symbole oder Inhalte von Kabarettisten oder Karikaturisten “erniedrigt” werden, beziehen sich fast alle Reaktionen auf den Islam, nach dem Motto “Wenn er das mit dem/im Islam gemacht hätte…”; das kann bedeuten, dass man sich insgeheim (die Erlaubnis zu) solche(n) Wutreaktionen wünscht oder aber mit dem Finger dorthin zeigen will, sich auf einer höheren Stufe sieht. Die “Islamdiskurse” machen nicht nur die Gräben in der “islamischen Welt” deutlich, sondern auch jene in der hiesigen. Mohammed-Karikaturen, so wie die berühmten des Jyllands-Posten 2005, zeigen oft einen “symbolischen Moslem”, die dargestellten rassischen Merkmale sind bräunliche Haut, levantinische Nase, dunkler Bart. Sie sind mehr Rassismus und Kulturalismus als Religionskritik. Die “Turban-Bombe” legt “den Moslem” auf die Terroristen-Rolle fest (die harte Maßnahmen bzw. Sonderbehandlung nahelegt).

Die österreichische Gratiszeitung heute (mit der Krone verbunden) schrieb in einer Meldung über einen Mordfall, der Verdächtige gehöre zu einer „Sorte Mann, die zum Glück eher hinterm Halbmond lebt. In Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf“. Es handelte sich aber um den Kärntner Harald P. Dass die Redakteure W. Höllrigl und J. Michner beurlaubt wurden (längst wieder eingestellt), wird vermutlich als Indiz für das Kapitulieren des Westens vor dem Islam (Hurra!) gewertet. Jedenfalls würde mich das nicht wundern.

Protagonisten und ihre Botschaften

Ist der Hassprediger Daniel Pipes (u.a. Anprangerung von unliebsamen Akademikern), ein Breivik-Inspirator, ohne den militanten Islam möglich? Islamisten brachten mit 11/9 Aufwind für “Memri”, H.P. Raddatz, die Littmans oder Broder, sowie eine Radikalisierung dieser. Behauptungen von Scharfmachern werden gerne unkritisch übernommen. Ein um Israel bzw. den Westen “besorgter“ Rassismus die einzige Alternative zu Islamismus?

Der omnipräsente Broder sieht bei den Deutschen einen „Verantwortungsimperialismus“, allerdings nur wenn Kritik an Israel (oder USA) kommt und selbstverständlich nicht, wenn aus „besonderer Verantwortung“ israelische Politik unterstützt wird (etwa in Form von atomwaffenfähigen U-Booten) oder Kritik daran zurückgehalten wird. Er lamentiert in der Weltwoche über „verweiblichte Männer“ in westlichen Gesellschaften, erklärt daraus die „Faszination“ für den Islam im Westen und spricht von hiesigen “Degenerationserscheinungen”, je ein Drittel der Männer sei schwul, impotent oder unwillig; gleichwohl reklamiert er eine westliche Toleranz, die der Islam nicht habe, prangert den Angriff türkischer Jugendlichen auf ein Schwulencafe in Berlin an. Ihm zufolge gibt es ja „eine Linie von der al Kaida im Irak über die Intifada in Palästina zu Jugendlichen mit ‘Migrationshintergrund’ in Neukölln“. Den Mord an einer Ägypterin in Dresden (s.u.) kommentierte er so: „Es sind inzwischen ein paar Tage vergangen, seit ein junger Somalier versucht hat, mit dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard ins Gespräch zu kommen. Es war nicht seine Schuld, dass der Versuch gescheitert ist, Westergaard hat sich in seinem Badezimmer verbarrikadiert und die Polizei gerufen. Seine Reaktion war typisch für das Verhalten der Ersten gegenüber der Dritten Welt – sie schottet sich ab, will nicht gestört werden und gerät sofort in Panik, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ungewöhnlich an diesem Fall ist aber auch, dass er Leuten die Sprache verschlagen hat, die sonst an verbalem Durchfall leiden, die üblichen Verdächtigen aus der LRG-Fraktion, die zum Beispiel den Mord an der Ägypterin Marwa bis zum letzten Blutstropfen genossen haben, weil er in ihr Konzept der ‘Islamophobie’ passte.

Natürlich kann er nie die Suppe essen, die er für andere kocht. Beklagt die “Rassismuskeule“ und schwingt die “Antisemitismuskeule”. Merkels watteweiche „Kritik“ am Sarrazin-Buch („nicht hilfreich“) stellt er in die Tradition der Reichsschrifttumkammer, über das Grass-Gedicht (das deutsche Politiker ernsthaft kritisierten) tobt er vor Zorn. Seine “Achse des Guten” (wo er u.a. auch unter “Lucy de Beukelaer” schreibt) nennt er “liberal”; unter seinen Fittichen können sich dort alle Rechte austoben, solange sie ein paar Grundregeln beachten… Dort prangert er etwa Politiker(innen) oder Wissenschaftler(innen) an, nicht zuletzt jene, die bei seinen Attacken nicht verschreckt die Köpfe einziehen. Die Linken-Politikerin Ulla Jelpke etwa als „linksreaktionäre Schlampe“, Sabine Schiffer unter der Kategorie „LRG-Fraktion (linksreaktionäre Gutmenschen)“ – gegen Schiffer hetzen auch “PI” & “lizaswelt” in trauter Eintracht. Moslems sperrten ihre Frauen ein, seien verklemmt und reaktionär, das sei die wahre Ursache für den “Nahostkonflikt”, “palästinensische Freunde” hätten ihm, Broder, das bestätigt. Linke/Liberale sind ihm ebenso verhasst, auch oder gerade, wenn sie Juden sind. Kein Wunder dass er mit seiner Islamkritik Lob von rechtsaussen bekommt, siehe z.B. xxx.npd-loebau-zittau.de/?p=2108, xxx.npd-sachsen.de/index.php?s=9&aid=700; auch FPÖ-Strache lernte dabei und bezog sich auf ihn. Broders “Distanzierungen” zu diesen oder “Politically Incorrect” lavieren.

Das von israelischen und amerikanischen Neokonservativen betriebene “Middle East Media Research Institute” (“MEMRI”) stellt sich selbst als wissenschaftlich, unabhängig und um Demokratie besorgt dar. Das Leugnen einer eigenen Agenda bzw. seiner Identität als Propagandaapparat der Netzwerke, die es unterstützen und finanzieren, ist Teil der Verdrehungen des Instituts, das auch von Anders Breivik geschätzt wurde. Jeder Artikel und jede Rede, die “Orientale” als gestört, hasserfüllt oder teuflisch erscheinen lässt, wird übersetzt; wobei die Liste an Einwänden gegenüber der Richtigkeit von Memri-Übersetzungen lange ist. Jede Geschichte, die Orientale informiert, begabt oder vortrefflich erscheinen lassen könnte, wird von ihnen ignoriert. Als “unvergleichliche Reformer” präsentiert werden Figuren wie der Exil-Palästinenser Mossab Hassan Yousef (s.u.). Memri übersetzt keine Artikel aus der israelischen Presse oder Reden israelischer Politiker, weder hetzerische noch kritische, die solche Hetze (oder Folter an Palästinensern in israelischen Gefängnissen) behandeln und stellt sie schon gar nicht als repräsentativ für die betreffende Gesellschaft dar. Etwa wenn der isrealische Politiker Boim sagt, “Palästinenser haben einen Gen-Defekt”. Oder der Wissenschafter David Bukay: “Until it is understood that this struggle is the war between the Son of Light against the Sons of Darkness, that they represent the invasion of the Huns, in order to destroy modern culture – the world will continue to face an existential more growing threat“ (wen er wohl mit Söhne der Dunkelheit meint?). Dass anprangernde memri-“Übersetzungen” in Wikipedia-Artikeln als Quelle benutzt und auch von seriösen Medien ernst genommen werden, zeigt, dass ihr Spiel verdammt gut funktioniert. Es gibt mehrere solcher “Institute”, die beobachten, “übersetzen” und verbreiten, wie PMW (das von einem Westbank-Siedler geleitet wird) oder CAMERA.

Oriana Fallacis “Die Wut und der Stolz” war eines der meistverkauftesten Bücher seiner Zeit (00er-Jahre) im Westen. Die rassistische Wut Fallacis reichte so weit, dass sie sich wünschte, ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzuzünden. Das “muslimische Wesen” beschrieb sie als hinterhältig, gewalttätig, verschlagen und schmutzig. Die Ex-Linke wurde am Ende ihres Lebens eine antiislamische Ikone. Junge Freiheit oder bahamas veröffentlichten begeistert daraus. Vielen Rezensionen war die Bewunderung anzumerken, dass endlich jemand wagt „etwas“ auszusprechen. Nennenswerter Widerstand gegen die Tiraden regte sich nicht.

Beim rassistischen Hassportal “Politically Incorrect”/ PI(-News), das den ganzen Kanon von„Eurabien“ (dem Konzept von “Bat Yeor” vulgo Giselle Littman bzw. Orebi) bis “Taqiya” wiedergibt, ist das Lavieren bzw. Heucheln zwischen dem Bekenntnis zu einer Art Faschismus und einem „Antifaschismus“ bzw. Toleranzchauvinismus (wir sind zivilisiert und aufgeklärt, faschistisch sind “die Anderen”) das offensichtliche, auch in den vulgär-verhetzenden Cartoons. Einerseits will man zu „alten“ Werten stehen, andererseits Intoleranz (gegenüber Schwulen, Feminismus, moderner Kunst,…) als Sache der Moslems darstellen. Im Kommentarbereich kommt dieses Dilemma dann z.B. so heraus: “Wobei man aber bei aller Abneigung gegen Musels auch fest halten muss: Dieses rumgeschwule ist ebenfalls erst durch rotzgrüne 68er er möglich worden ! Von dieser Satansbrut kommt im Prinzip alles schlechte : rumgeschwule, Feminazis, Musel.” Die Nähe von propagierten Inhalten auf einer Seite sagt einiges, mehr als manche möchten, über die Nähe dieser Inhalte an sich aus. Etwa ein Banner, das Solidarität mit Oberst Klein und den deutschen Soldaten in Afghanistan einfordert oberhalb eines Videos mit dem “Anti”deutschen Grigat auf der “Islamkonferenz”; daneben etwas über die alten Germanen. Das Bekenntnis zur USA war eigentlich nur eines zu Bush und den Neocons, gegen Obama wurde/wird Hetze betrieben, bezüglich Israel ist es natürlich auch nur eine bestimmte Politik, die man unterstützt. Nicht nur deshalb muss man das gleich einmal übersetzen, wenn dort behauptet wird, „supports real democracy in iran“. Sekundärfeindbilder sind andere Nicht-Weisse, “Gutmenschen”/Linke; Sekundäragenden sind ein neuer Deutsch-Nationalismus, Antifeminismus,… Wie Nürnberg 2.0 ist auch PI ein Internet-Pranger, wo Kritiker ihrer Inhalte etwa der „Islamisierung Deutschlands“ bezichtigt werden. Kritische Rezeption von Deutschlands größtem Hassblog wird auch als „Angriff auf die Pressefreiheit“ oder „NS-Methoden“ kommentiert.

“Wozu hingegen andere schon in ihrer gut beheizten Wohnstube fähig sind, führt der zum Mehrwertmullah konvertierte Exkommunist an sich selber vor. Über einen Mann aus Köln-Kalk, der einen türkischen Jugendlichen namens Salih mit seinem Messer tödlich verletzt hat, schreibt er: ‘Unvorhergesehen war für Salih, daß man als junger deutscher Kalker schon weiß, wer da nachts auf Beute ausgeht und diesmal der Überfallene, der schon mehrfach unbewaffnet Opfer eines Salih geworden war, mit einem Messer herumfuchtelte…’ ‘Ein Salih’ ist das Singularetantum für jeden Kanaken, wie im ‘Völkischen Beobachter’ ‘ein Itzig’ für jede Judensau.” Das schrieb Hermann Gremliza oder ein Anderer 08 im Konkret über den Hauptschriftleiter der Bahamas. Diese beiden Zeitschriften teilen zwar, wie auch Jungle World (die gern auch „Spass“ mit erfundenen Minstrel-Türken macht), die Grundrichtung und diverse Schreiberlinge, dieser Kommentar macht aber klar, dass der Unterschied zumindest zwischen den beiden erstgenannten einer ums Ganze sein kann. Die stereotype Darstellung von Moslems/Orientalen in einer besonders hetzerischen Sprache dort schliesst deren Beschreibungen als potentielle Sexualverbrecher und sexuell Gestörte mit ein, oder Behauptungen einer Art moslemischer Weltverschwörung mit dem Ziel, den “Westen” wirtschaftlich, kulturell, moralisch und militärisch zu schaden. Gerne werden auch artvergessene selbsthassende Frauen und Männer angeprangert, die diesen Schwarz-Weiss-Malereien entgegnen. Markus Ströhlein von der Jungle World war Freiwilliger in der israelischen Fremdenlegion “Sar-El”, sein “Erfahrungsbericht”, ein unkritischer Werbetext für das israelische Militär, fand sich auf “Hagalil” wieder, wurde auf de.wikipedia von Gleichgesinnten als Quelle für Artikelarbeit verwendet…

In Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) werden Moslems anderen Migrantengruppen negativ gegenübergestellt (andere wiederum mit zu den Schlechten gepackt…), Menschen über ihre “Rasse” definiert, wird der Vorwurf der Deutschenfeindlichkeit erhoben. Lob/Verteidigung kam von der NPD, Broder (klare Worte seien doch gut; Eliten dumm und einfache Leute gescheit weil diese Sarrazin gut finden), Springer-Presse, vielen Stammtischen, Wilders (das Buch sei ein Anzeichen dafür, dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe), PI, den neuen Rechtsparteien wie “Pro Deutschland”. Die „unbequemen Wahrheiten“ wieder mal… Im österreichischen Parlaments-Wahlkampf 13 unterstützte Sarrazin die FPÖ (bei einer Lesung aus seinem Buch in Graz ca. ein Jahr zuvor, wo sich Strache um ein Autogramm anstellte, sagte er darauf angesprochen noch: “Ach das war der Herr Strache von der FPÖ?…Es freut mich immer wenn Politiker von mir lernen..”). Sein nächstes Buch richtete sich gegen den Euro und die Solidarität mit wirtschaftlich Schwachen in seiner Zone, diese entspränge dem schlechtem Gewissen Deutschlands wegen dem Holocaust.

Die konservative Schweizer “Weltwoche”, die 1933 Sympathie für den Faschismus und ihre Schweizer Ableger zum Ausdruck gebracht hat, heute recht offen die Schweizerische Volkspartei (SVP) unterstützt, gibt auch (Ex- oder Pseudo-) Linken Platz, solange diese als Kronzeugen für ihre Sachen auftreten und gemeinsame Feindbilder pflegen. Keine Hemmungen kannte man, als es um Hetze gegen Sinti/Roma (auch ein Sekundärfeindbild, denen gegenüber es meist gleiche Ablehnungsmuster wie ggü Moslems gibt) oder gegen Asyl ging. PI wurde anklagend verteidigt („unabhängige und populäre Gegenstimme“). Gastautoren wie Leon de Winter oder Broder bringen die entsprechende Note hinein.

Exemplarisch für antiislamische Blogs aus dem offen rechtspopulistischen Bereich ist “sosheimat.wordpress”, der Unterstützung von der FPÖ bzw. ihrer Parteizeitung Zur Zeit bekommt. „Nicht immer politisch korrekt“ sei man, „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“ und all das über den Islam, was Mainstream geworden ist, findet man dort, neben älterem wie “Schutz unserer Heimat”, “Inländerdiskriminierung”, “Freiheit für Südtirol“. Blogs sind nicht nur für diese Agenda ein wichtiges Medium, spiegeln diverses aus der Gesellschaft vielleicht eher wieder. Bei “kewil” etwa, einem PI-Autor, der auch u.a. unter fact-fiction.net bloggt, zeigt sich auch, was im Paket der “Islamkritik” (neben dem dazugehörenden Pro-Israel, -USA, -Abendland) so alles enthalten ist: Geschreibe vom „Versailler Diktat“, zustimmende Zitierung von Pinochet, purer Rassismus,…

Der geleugnete rassistische Charakter der Islamophobie kommt gegenüber Nicht-Moslems deutlicher heraus. Podhoretz hat auch ein “Negro Problem”. Der norwegische Hassblogger “Fjordman” (Gastbeiträge bei “gatesofvienna”) ist zwar primär anti-islamisch, aber er ist generell rassistisch, auch gegenüber anderen “Südländern”, schreibt von “weissem Masochismus” etc. Auf der evangelikalen Seite answering-islam.org werden auch Attacken gegen Rigoberta Menchu geritten. Beim kanadischen “Sun News” (bringt David Horowitz, Pam. Geller, Pipes, Rob. Spencer, Steven Emerson, Brigitte Gabriel,…) kommen zwischen “Aufdeckungen” zum Islam auch Verleumdungen von Umweltschützern oder dem einst von Polizisten misshandelten Afro-Amerikaner Rodney King oder Angriffe auf “Obamacare”. Geller schreibt von einem “Genozid” von Schwarzen an Weissen in Südafrika, um die Rettung der “westlichen Zivilisation” geht es ihr sowieso. Bei Gunnar Heinsohn (er schreibt auch auf “achgut” und passenderweise auch bei Junge Freiheit) ist die Islamophobie in eine allgemeine, offene Geringschätzung nicht-europäischer bzw. nicht-“weisser” Menschen eingebettet.

Die Palästinenser stellt Heinsohn als Modell für die “3. Welt” dar, rechtfertigt den ihnen gegenüber errichteten „Trennzaun“, stellt ihn als logisch und noch ungenügend dar, da ja eine Entscheidungsschlacht “der zur Vernichtung entschlossenen Braunhäutigen” (meine Wortwahl, Heinsohn hat es so nicht geschrieben, ich fasse nur zusammen), die von der „Weltgemeinschaft“ ernährt würden, mit den Weissen bevorsteht, welche die Braunen längst hätten besiegen können, aber eben so zivilisiert und zurückhaltend seien. Während andere versuchen, Afrikaner oder Kurden oder moslemische Frauen zu instrumentalisieren, Inder positiv zu affirmieren, spricht Heinsohn ungefiltert Klartext, packt Afrikaner oder Lateinamerikaner (die sich nach ihm aus Leidenschaft gegenseitig umbringen) zu den Moslems (die Europa unterwandern wollten) dazu. Osteuropäer zählen für ihn nicht als Partner in Europa. Lediglich Nordost-Asiaten (Japaner, Chinesen) zählen als Zivilisierte, wobei zweitere eher als Bedrohung herumspuken. Lawrence Auster, vom Judentum zum Christentum übergetreten, blog “view from the right”, möchte Moslems nicht umerziehen oder anderswie “helfen” sondern rein bekämpfen. Daneben betreibt er eine Kampagne für eine weisse USA, wegen Rassismus gegenüber Schwarzen wurde er sogar vom frontpagemag rausgeworfen.

Von der Osten-Sacken, der sich auch gerne als Freund der Kurden präsentiert (diese “Freundschaft” begann mit seiner Unterstützung des Irak-Kriegs 03, ist sein Ausdruck von Orientalismus) sagte alles über sich mit einer diffamierenden Tirade auf seinem “Wadinet” gegen den exil-iranischen Politologen Fathollah-Nejad, der auf ZMag kritisch über eine Drop the bomb-„Konferenz“ und Ostensacks Auftritt dort geschrieben hat. Er rückt diesen darin in die Nähe des iranischen Regimes, um loshetzen zu können. Rassistisch stellt er eine Analogie von diesem zu den Grausamkeiten unter Saddam und Khomeini gegen Regimegegner her, wobei er für sich die Rolle des edlen, mutigen Opfers beansprucht und für Fathollah-Nejad die des orientalischen Despoten. Er ist daneben das beste Beispiel dafür, wie “Anti”deutsche und andere Islamophobe ihr pro-Israel und anti-Islam für ein Vorantreiben eines neuen Deutsch-Nationalismuses benutzen.

Elie Barnavi, der bezeichnenderweise mit “linksliberalem” Zionismus assoziiert wird, hat das Buch „Mörderische Religion“ geschrieben, eine ausgezeichnete Kritik gabs dazu von Udo Steinbach im Rheinischen Merkur: “Jetzt kann es zur Sache gehen. Noch hat der Leser die Hälfte des Buches vor sich. ‘Alles, was bisher gesagt wurde, diente der Hinführung zu dem, was nun folgt. Der Islam ist es, der die aktuellen Reflexionen und Debatten über Religion hervorruft.’ An dieser Stelle könnte der Rezensent abbrechen: Der Rest wurde unzählige Male gesagt und gehört – in Politik und Medien, auch in der Wissenschaft und am Stammtisch. Kaum ein Thema mobilisiert derart die Gemüter und lässt zugleich Simplifikation als Strategie der Mobilisierung gerechtfertigt erscheinen. ‘Es ist der Islam, der uns Angst macht’. Die schwarze Liste ist lang: der Koran und seine zum Kampf aufrufenden Verse; die Gestalt des Propheten, des Politikers; die Unwilligkeit von Muslimen, die Moderne zu akzeptieren; die mentale Unfähigkeit, sich auf die Globalisierung einzustellen (Barnavi: ‘Die Muslime sind nicht neugierig’); der Widerstand gegen die Säkularisierung (Barnavi stuft diejenigen als ‘ignorant’ ein, die behaupten, die AKP des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sei das islamische Gegenstück zur christlichen Demokratie); Dass am Ende der Multikulturalismus als ‘Schwindel’ entlarvt, das Scheitern der Integration bestätigt sowie die kämpferische Demokratie angemahnt und die Forderung erhoben wird, ‘das Erbe der Aufklärung wiederherzustellen’, ist weder neu noch zielführend. Irgendwie scheint Barnavi gegen Ende seiner Ausführungen mit US-Präsident George W. Bush zu sympathisieren: ‘Der Mann hat das Problem erkannt.’ Der Karikaturenstreit sei an den ‘muslimischen Massen, ungebildet, unkultiviert und abgestumpft, wie sie sind’, festzumachen.” Einige Jahre zuvor hat der “Orientalist” Bernard Lewis, der ja Huntington zu seinem “Kampf der Zivilisationen” inspiriert haben soll, ein Buch mit ähnlicher Aussage verfasst, mit weniger Sentiment und mehr Zahlen vielleicht.

Die Stilisierung der Serben als Retter des Abendlands am Balkan, gerade wegen der Kriege, die sie dort vom Zaun brachen, vereint einmal mehr klassische Rechtsaussen (wie Strache aus Österreich) und Pseudolinke wie “Anti”deutsche. „Nasdravlje, Partizani i Cetnici“ prostete die “Bahamas” jenen beiden Lagern zu, die sich im 2. Weltkrieg blutig bekämpften. Die Widersprüche dabei sind nicht nur hier gross. Zwar kann man Islam, Islamismus und Faschismus vermixen und sich auf der Gegenseite platzieren. Ein Darko Trifunovic, der das im wissenschaftlichen Mäntelchen tut, als „Terrorismus-Spezialist“ Teilnehmer der Herzliya-Konferenzen, weiss nicht so recht ob er das Srebrenica-Massaker rechtfertigen oder leugnen soll. “Der Westen” ist für viele Serben jedoch nur der andere Feind, er gilt dort bald als “verdorben” und “dekadent”, Milosevic-Fan Handke nannte die kritische serbische Schriftstellerin Srbljanovic eine „Hure des Westens“. Und, Bush, der ja so weitsichtig ist, war es, der, nach einem triumphalen Empfang im “bösen” Albanien, die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien durchgesetzt hat. Russland, für “Anti”deutsche und andere Kulturkrieger so etwas wie eine “orientalische Despotie”, ist für den serbischen Nationalismus ein wichtiger positiver Bezugspunkt. Und ob es Strache gelingen wird, seinen Anhängern die Beschäftigung mit der Vertreibung der Donauschwaben durch Partisanen auszureden und ihnen beizubringen, Serben in Österreich als gleichrangig, wenn nicht als Abendlandretter, anzusehen?

Der Grat zwischen Retter und Zerstörer des Abendlands ist schmal bzw. konjunkturabhängig. In einem Wahlkampf hat die FPÖ vor dem Hintergrund der dortigen Finanzkrise gegen die “faulen Griechen” gewettert und “keine österreichischen Steuergelder mehr nach Griechenland” gefordert. “Derzeit findet ja eine Massenenteignung der westeuropäischen Völker statt”. Der französische Ex-Linke Pascal Bruckner dagegen, der den Westen vor Moslems und selbsthassenden “Westlern” retten möchte, hatte sich auch für militärische Interventionen gegen serbische Aggressionen ausgesprochen.

Richard Wagner, ein Schriftsteller mit rumänien-deutschen Wurzeln, stimmte auf Broders „Achse des Guten“ ein Loblied auf die Islamophobie an, das er auch so nannte und sich einen Islamophoben, im Sinne von Angst vor dem Islam “als politische Religion“ (wie unschuldig); zur Absicherung schleimt er sich über jüdische Anliegen aus (“für Israel, gegen Antisemitismus“) und schiebt dann eine Verteidigung rechter Anliegen hinterher (die ohnehin meist nur abendländisch-konservativ seien und dämonisiert würden) sowie Bekenntnisse zu fortschrittlichen Werten, Sorge um „Freiheit“ und „Grundlagen der offenen Gesellschaft“. In einer TV-Diskussion war er mir aufgefallen, wie er gern einen positiven Bezug zur deutschen Nation herstellen würde; nun, über “achgut” scheint er einen Weg gefunden zu haben.

Eine Rita Katz, angeblich aus einer jüdisch-irakischen Familie, die über den Iran geflohen ist, heute in USA, erzählt im Buch „Die Terroristenjägerin“ von bösen Moslems, guten Juden, fanatischen Terroristen und überzeugten Kämpfern für die Freiheit, die immer nur darauf bedacht sind, die Welt zu retten. Lob von Hagalil, Raddatz. Bücher dieser Art, auch wenn der Inhalt nicht so schwarz-weiß daherkommt, gabs schon in den 80ern und 90ern, aber seit den frühen 00ern findet sich immer zumindest eins unter den Sachbuch-Bestsellern, eins das “unbequeme Wahrheiten” ausspricht. Katz betreibt SITE, ein kostenpflichtiges “Informations”-Service über das Böse in der Welt.

Wie die harte Arbeit in der Islamophobie-Industrie aussieht, kann man bei Pamela Gellers “atlasshrugs” erfahren; aus dem Bericht über eine „Counterjihad-Konferenz”: „Andrew Bostom gave the closing speech on Islamic antisemitism and the Islamic Nazi conspiracy. Shocking revelations all tied to the Quran… It was a tough day. But we did all converge on the bar late into the night. Spencer, Bostom, Brian of London, Steen, Arno, Poller – a bunch of us — and laughed our asses until the wee hours. Hey – la chaim!

(Über den) Orient

Die Unterdrückung oder Tötung von Moslems/Orientalen durch “eigene” Herrscher wird beklatscht, gefordert oder hämisch daraus Islamophobie abgeleitet. Sie sind Barbaren weil sie unterdrücken, aber eigentlich haben diese das verdient. Die iranische Revolte 09 und die Aufbrüche in den arabischen Staaten ab 10 richte(te)n sich gegen Despotien und waren nicht islamistisch inspiriert, auch wenn sich Islamisten zum Teil dranhängten und, wie in Ägypten, vorübergehend Nutzniesser waren, lachender Dritter in der Auseinandersetzung zwischen dem Regime und einer Demokratiebewegung. Der Westen war überrascht von den Aufbrüchen, Islamophobe tun sich besonders schwer damit, behaupten sie doch gern, auf emanzipative/progressive Ansätze in der islamischen Welt zu warten oder sie zu unterstützen, glauben aber im Grunde nicht daran, dass eine Demokratisierung/Reform dort von innen (unten) kommen kann. Sie sind an Problemen, nicht an einer Lösung interessiert. Ein Benutzer-Kommentar aus jungle world (offensichtlich nicht repräsentativ für deren Leserschaft; via mondoprinte gefunden): “Wer hat denn innerhalb der Linken jahrelang erzählt, daß jede Bewegung von unten in den arabischen Ländern nichts anderes sei als der Ausbruch islamistisch-faschistischen Ressentiments gegen die Moderne. Das gegenüber dieser Gefahr der westliche Kapitalismus reinstes Gold wäre und daß diese Staaten erstmal gewaltsam an die Kandare genommen werden müßte. In der Jungle world will uns der Bismarck-Fan Thomas von der Osten-Sacken immer noch weismachen, das militärische Massaker und Kriegsverbrechen a la Irak-Krieg den Weg zum Volksaufstand und zur Revolution in Ägypten geebnet hätte. Wer bitte schön war denn der Verbündete der Amerikaner im Irak-Krieg. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz oder der Folterknecht Mubarak?”

In islamophoben Kreisen wird in der Regel versucht, die iranische Demokratie-Bewegung zu vereinnahmen und die arabischen zu diffamieren. Vereinnahmungsversuche der arabischen Bewegungen sind eher selten, wenn (z.B. als es in Ägypten eine zeitlang gut aussah), dann erfolgte sie in der Regel in Form von Bush-Verteidigungsreden (“der wollte das erreichen und wurde verkannt”; z.B. Christian Ortner) und mit “Wir waren immer auf deren Seite”. Bin Laden hat ebenso wie Bush diese Aufbrüche noch erlebt, beide mussten erfahren, dass jene in den arabischen Ländern, die Erneuerung woll(t)en, nicht auf sie Bezug nahmen. Auch die Haltungen von Islamisten (iranisches Regime, al Kaida) oszillieren hier zwischen Vereinnahmen und Diffamieren; Salafisten lehnen den Arabischen Frühling ab, schon allein, weil sowas irgendwann auch nach Saudi-Arabien kommen könnte, was ja gar nicht geht. Auch Mißfelder fand bei Will 2013: “…Saudi-Arabien, da gibt es eben die Scharia, da werden Menschen gesteinigt usw., aber Saudi-Arabien ist eben auch ein Garant für die Stabilität vor allem Israels. Da gibt es eben auch Grautöne.” Grautöne, bzw. Kulturrelativismus. Und Hitler hat ja auch Autobahnen gebaut. Manche Beobachter formulieren hier auch offen, in Angst vor Machtverlust, westliche Interessen, die, siehe da, nicht von Universalismus sondern von Eigennutz inspiriert sein sollten.

Eine beispielhafte Behandlung der arabischen Revolutionen gabs von Matussek (dem es v.a. um sein katholisches Experiment geht) auf Spiegel Online, auf Englisch, im Rahmen einer Islam-Attacke, die er anlässlich Wulffs Aussage über die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland ritt. Nach einem Klagelied über Reaktionen auf „Islamkritik“, die entweder auf Zensur hinausliefen oder die “Betreffenden” dazu brächte, sich genauso zu verhalten wie man sie beschreibt, schleimte sich über den arabischen Frühling zunächst etwas aus (“We are all happy about…”), zählt dabei die drei nordafrikanischen Staaten auf, aber nicht die Golfstaaten mit westlichen Ölinteressen. Er würdigt immerhin, dass Leute dort ihr Leben riskierten (während andere hier kommentieren dass sich “die da unten” gegenseitig die Köpfe einschlagen) um gleich festzuhalten, dass Demokratie, Aufklärung und Meinungsfreiheit westliche Werte sein (so wie die westliche Unterstützung von Ben Ali, Mubarak, in späteren Jahren auch Ghadaffi,…) und hinterherzuschieben dass man über Islamismus “besorgt” sein könne, egal was Wulff und die anderen sagten. Er „weiss“ dass in Ägypten eine Mehrheit der Bevölkerung Steinigungen, Handabschneiden und Exekutionen für Islam-verlassen befürworteten, zählt dann Länder auf (darunter Gaza, wo Lebensbedingungen und Menschenrechte nicht mehr wichtig sind, sobald sie auf israelische Herrschaft zurückzuführen sind), in denen islamistische Gruppen starke Unterstützung hätten oder am Weg dazu seien. Schliesst mit “nichts davon neu”, man kenne seit 1979 (Iran) die “Risiken” – er unterstellt dieser Revolution nicht, dass sie Khomeini und sein Regime wollte, stellt den Schah aber als anderes Gesicht “islamischer Herrschaft” dar.

Als 2013 in manchen Städten der Türkei Proteste gegen die Politik der AKP-Regierung ausbrachen, machten westliche Kulturkrieger nun das, was sie gerne vorwerfen, nämlich türkische Politik zu importieren, mit der eigenen verbinden. Krone wie Jungle World schrieben von der „islamischen Regierung“, wenn nicht vom „islamistischen Regime“, für randalierende Türken wurde nicht der „Moslem“-Stempel herausgezogen sondern sie wurden in der Opfer-Rolle verortet … Genau so paradox, dass die oppositionelle, kemalistische CHP die Polizei zu Zurückhaltung aufforderte. So wie die Verurteilung der “Ergenekon”-Verschwörer (die u.a. eine Rolle bei der Hrant-Dink-Ermordung spielten und Attentate auf den Schriftsteller Pamuk, der Kurdenpolitiker Türk oder den griechisch-orthodoxen Patriarchen Archontonis planten) von ihren Sympathisanten sowie nützlichen Idioten zur Abrechnung mit dem politischen Gegner bzw. der Demokratie missbraucht wurden, werden auch hier falsche Antagonismen hergestellt. Die Probleme der Türkei haben ihre Ursache nicht im Islam sondern in der Tradition eines intoleranten, authoritären Staates, hat Yasar Kemal festgestellt. Der AKP bzw. Erdogan werden Übel untergeschoben, die unter ihnen vermindert wurden. Kemalisten hatten 80 Jahre Zeit für jene Schritte, die Erdogan etwa den Kurden in 10 Jahren entgegengegangen ist (Unterricht von bzw. Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), z.T. gegen kemalistischen Widerstand! Der weitere Weg von Erdogans Politik ist offen, aber gemessen an den Koordinaten der traditionellen türkischen Staatsdoktrin hat er im positiven Sinne Revolutionäres weitergebracht. Dazu gehört auch eine gewisse Entspannung mit Armeniern und Armenien (Zürich-Protokoll, Restaurierung von Kirchen wie jener auf der der Achtamar-Insel). Eine Politik, toleranter und pluralistischer als der von Atatürk verordnete (nationalistische) SäkularismusOder ist das Problem mit der AKP-geführten Türkei jenes, dass sie ausgeschlossen hat, sich an einer Militäraktion gegen den Iran zu beteiligen?

Exil-Iraner sind besonders beliebt, vor allem wenn es darum geht, sie gegen Interessen ihres Landes und der Region anzuführen. Wobei jene säkular-demokratischen (Exil-) Kräfte, die tatsächliche iranische Interessen vertreten, eher diffamiert und bekämpft werden. Die von Neokonservativen gebrachten Iraner sind immer dieselben, wenigen Aussenseiter. Es geht um das Bevormunden der Iraner bzw. um ein Feigenblatt für seine imperialistische Nacktheit. Sehr gerne gebucht wird, in Nordamerika wie auch in Westeuropa, Hassan Daioleslam (manchmal auch nur “Dai”), der seine politischen Wurzeln bei den “Volksmujahedin” (Mujahedin-e Kalqh, MEK, firmieren auch als MKO, PMO, NCRI) hat, die ja einst politischen Islam und Sozialismus miteinander verbinden wollten, also eigentlich pfui. Wenns darum geht, zionistische und antiiranische Standpunkte als iranische Stimme zu präsentieren, sind manchmal auch emigrierte iranische Juden wie der Israeli Menashe Amir darunter; andererseits kommt Zetern aus dieser Ecke wenn man (beispielsweise) iranischen Juden wohlmeinend eine iranische Identität nachsagt, sie haben die Opfer der Iraner zu sein, die gerettet wurden oder auf Rettung warten.

Wenn es um Palästinenser geht, die (vermeintlich oder tatsächlich) von Palästinensern getötet wurden, steht das “Zivilisten-Sein” dieser Leute plötzlich nicht mehr in Frage, wird nicht mehr großer Aufwand für das “ausleuchten” vermeintlicher oder tatsächlicher Hintergründe aufgebracht, sind plötzlich auch palästinensische Opfer beklagenswert, und ihre Tötung ein Ausdruck von Grausamkeit. Wie grausam die miteinander umgehen, viel grausamer als die Israeler mit ihnen. Liegt ihnen quasi im Blut. Nahe daran sind die zynisch-triumphalistische Hinweise auf Opfer im syrischen Bürgerkrieg. Und wenn man bei ihnen dann auch noch Christen gegen Moslems oder Frauen gegen Männer in Stellung bringen kann…

Der Umgang mit dem Breivik-Massaker 11 in Norwegen: Das Bekennerschreiben des Täters war nicht nur voll mit direkten Referenzen auf seine Idole von Broder bis Geller, sondern auch mit deren Kanon, wovon manches schon ganz mainstream geworden ist: “Islamisierung Europas, Kotau vor Moslems, Multikulti gescheitert, Abendland in Gefahr, Israel kämpft unseren Kampf, Linke sind nützliche Idioten der Islamisten bzw. Verräter,…”. Die “westliche  Zivilisation” ist bei ihm dezidiert auf “Weisse” beschränkt, was zumindest manche seiner Ideengeber (nicht aber deren Fussvolk oder die von PI) weit von sich weisen würden. Breivik selbst betonte nach dem Anschlag, die Opfer seien “keine unschuldigen Kinder sondern Aktivisten für den Multikuturalismus” gewesen. Es folgten Distanzierungen bzw. Verdrehungen der Stichwortgeber, von Spencer (seine Fans verteidigen ihn als „Fachmann, nicht Hetzer“, als Opfer, nicht Täter) bis Littman, die in den meisten Fällen ein selbstgerechtes Zurückweisen der Verantwortung war. Der Hinweis auf eine tatsächliche oder behauptete Zustimmung oder Verbindung ist “im Umkehrfall” aber ein beliebtes Mittel der Diffamierung, siehe den Artikel bei Erhard Arendt. Auch im Manifest von Breivik nicht genannte bzw. von ihm nicht in den Pantheon der Islamophobie gehobene fühlen sich ertappt und melden sich selbstverteidigend zu Wort. Einige stellten ihn als einen in Wirklichkeit vom Islam(ismus) inspirierten dar (Grigat auf hagalil: „Islamneid. Was die rechten Fremdenfeinde und den Attentäter von Oslo umtreibt1). Seltener wurde die Theorie von der Tat als “moslemische false flag” geäussert. Häufig kam die Einschätzung Breiviks als ein im Grunde unpolitischer Einzeltäter. Pipes: „Breivik wollte die Counterjihad-Bewegung diskreditieren“, so gemein.

Verständnis für den Massenmörder gabs im Störtebeker-Netz und vom italienischen Lega Nord-Politiker Borghezio, von dem sonst u.a. Bemerkungen über die Überlegenheit der Nord- über die Süditaliener kommen. Nicht selten kamen Relativierungen des Anschlags angesichts der “islamistischen Gefahr” und dass die „Opfer nun für eine Agenda ausgeschlachtet würden“. In der Jerusalem Post kam ein Kommentar, wahrscheinlich von Caroline Glick (einer Macherin von “Latma”; eine von Breiviks Lieblings-Juden), in dem die Verantwortung für das Massaker der „europäischen Einwanderungspolitik“ zugeschoben wurde (die Terroropfer und ihre Familien hätten sich quasi doch den anstürmenden Horden entgegenstellen sollen, dann wäre der Breivik beschwichtigt gewesen und hätte das nicht tun müssen..) und für Breiviks Ideologie Verständnis geäussert wurde, sowie ein Kommentar von Barry Rubin, in dem das von Breivik angegriffene Camp der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten als in ein „Pro-Terrorismus-Programm“ involviert diffamiert wird (weil sie für ein Ende der Blockade Gazas und für die Anerkennung Palästinas eintraten) und geklagt wird, dass Europäer Terror gegenüber Israelis hinnähmen/unterstützten, anders als Terror gegen sie. Hinterhergeschoben wurde dort eine Distanzierung des Chefredakteurs. Die Terroropfer wurden auch von Yediot Achronot/Ynet als „Israelhasser“ attackiert. Manchmal kamen Quasi-Rechtfertigungen des Anschlags als “Ventil für falsche Politik”, also als falsche Maßnahmen für ein richtig erkanntes Problem” .

Küntzel bog sich die Wahrheit über die Attentate von Oslo und Utöya auf Perlentaucher zurecht: Er schlachtete Breiviks Manifest für eine Abrechnung mit Kritikern der Islamophoben aus, viktimisiert und heroisiert Broder (“der Intimfeind aller Appeaser“, dessen Judentum noch hervorgehoben), bringt die Sache mit einer (angeblichen) Äusserung eines Offiziellen des iranischen Regimes in Verbindung. „Die ohnehin viel zu schwache Kritik am Islamismus ist in Deutschland seit Oslo und Utöya noch leiser geworden“ stimmt Küntzel dann in das kollektive Jammern über den „Propagandafeldzug gegen die ganze islamkritische Szene“ ein. Natürlich, nicht die 77 Getöteten sind die eigentlichen Opfer, sondern die Islamophobie-Industrie. Immerhin muss er sich von Breivik distanzieren und ein paar Sachen anerkennen: dass Islamisten hauptsächlich Muslime ermorden (bei der Aufzählung islamistischer Attentate blendet er dann doch wieder jene auf Moslems aus), die “Islamisierung Europas” eine hetzerische Behauptung von rechtsradikalen Spinnern ist, dass es arrogante „westliche“ Vorstellungen über Völker im Kulturkreis des Islams gibt. Er nennt Raddatz (der ist zwar ein strammer Rechter, aber weniger Hetzer und Heuchler als die meisten mit denen Küntzel auf “Konferenzen” auftritt, und sachkundiger als er), „Pax Europa“ und Giordano als Beispiele für rechtspopulistische „Islamgegner“ (die es also doch gibt), denen zufolge das überlegene Abend- und das rückständige Morgenland sich gegensätzlich und unvereinbar gegenüberstünden (Küntzel kritisierte dies tatsächlich!). Dass “die Frontlinie zwischen Freiheit und Barbarei inmitten durch muslimische Gesellschaften“ läuft, ist für jemanden wie ihn auch nicht selbstverständlich. Er nimmt eine Differenzierung zwischen Islam und Islamismus vor und behauptet, auch Broder würde diese Trennlinie ziehen. Für sich selbst reklamiert er anscheinend eine objektive, überparteiliche Rolle… Er verharmlost Breivik und die Szene als harmlos und machtlos, klagt über eine „falsche Täter-Einordnung“, „Muslimfreunde“ (an einem Punkt rechnet er Obama dazu) stellt er als mächtige Gruppe dar und unterstellt ihr Freude/Erleichterung über den Norwegen-Anschlag. Sie kristallisieren sich als eigentliche Zielscheibe seines Texts hervor und „Islam(ismus)kritiker“ als jene, die er als Opfer verorten möchte. Seine Sorge, 11/9 und der islamistische Terror generell könnten an Singularität/Bedeutung verlieren, ist offensichtlich. Die Kommentatoren auf perlentaucher nehmen Küntzel v.a. seine Kritik an „Islamfeinden“ übel, zu der er sich gezwungen sah. Aber auch so ein Kommentar kam: „Muslimfreunde? Gab es die nicht schonmal? Oder so ähnlich: ‘Die entlarvten Judenfreunde’ von Rudolf Wiedemeyer, Deutscher Verlag 1923.“

Das konsensfähige Sujet vom Widerstand gegen die angebliche Islamisierung ist seit Oslo nicht mehr so blütenweiss, aber man nimmt halt Modifizierungen vor, wie nach den iranischen und arabischen Aufständen gegen ihre Diktatoren. Jene Hassprediger, die darüber jammern dass die “Gegenseite” durch Oslo/Ütoya aus der “moralischen Defensive herausgekommen” sei, sagen damit (bzw. verstärken den Eindruck), dass sie islamistische Anschläge etc. brauchen, diese für sie ideologischen Auftrieb bedeuten und sie eine Art Hoheit beanspruchen.

Unter dem Titel “Caught in the web” brachte Øyvind Strømmen in Syn og Segn eine Analyse über neue soziale Milieus im Internet und über Internet-Radikalisierung, die auch Breivik zu seiner Tat motiviert haben könnte. In Strømmens Artikel wird darauf hingewiesen, dass rechtsradikale Sites wie die – auch von Anders Breivik genutzte – Stormfront ungleich mehr User habe als populäre islamistische Seiten wie Al Ekhlaas oder Al Hesbah. Die Beobachtung von Internet-Radikalisierung habe sich fast ausschließlich auf Islamismus konzentriert.

Israel und Judentum

Philosemitismus und Israel-Solidarität laufen oft parallel zu Islamophobie. Ein Philosemitismus in den Stereotypen des Rassismus blockiert zuverlässig jegliche ernsthafte Auseinandersetzung mit rassistischen Tendenzen in der Gesellschaft. Bei allem Dissens im Detail zeichnen Linke wie Rechte beklemmend manichäisch das Bild vom “heldenhaften jüdisch-israelischen Volk” das sich gegen die rückständige, fanatische, mörderische Region behauptet, gegen die Palästinenser, die Vorhut der Feinde des Fortschritts, des Westens. Ignoranz für das Leid der Palästinenser ist klassischer Kulturrelativismus. Aznar hat, nach dem israelischen Massaker auf der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, davon gesprochen dass Israel die erste Verteidigungslinie des Westens sei und “wir alle” untergingen, ginge es unter. Die Verteidigung der Zivilisation drückt sich demnach u.a. so aus, dass die Hebron-Siedler ihre Exkremente auf die Märkte der Palästinenser in der Stadt schütten. Rassismus ist nicht nur vereinbar mit einer Pro-Israel-Einstellung, er liegt ihr meist zu Grunde. Die Aufrechterhaltung westlicher Dominanz ist natürlich auch ein Antrieb.

Für (viele) Deutsche scheint Israel ein nationaler Ersatzmythos geworden zu sein, eine Identifikation mit den Israelis ist auch durch die Annahme motiviert, sie führten eigentlich einen Stellvertreterkrieg für genuin deutsche Wünsche, Vorstellungen und Ideale, für völkische Einheit und nationale Selbstbestimmung auf heimatlicher Scholle. Die Israeler firmieren gewissermassen als der grosse, militante Heimatvertriebenenverband, der zurückgekehrt ist. Das zionistische Ressentiment wonach Palästinenser ihr Land über die Jahrhunderte “verfallen gelassen haben”, damit eigentlich nichts anfangen könnten, bzw. dass Palästina nicht nur ungenutzt sondern auch unbesiedelt war, bevor Juden kamen, wurde von westlichen Israelfans bereitwillig aufgegriffen. Israel-Solidarität wird mal mit Universalismus (“einzige Demokratie weit und breit”), mal aus offenen Partikularismus (Überlegenheit/Hegemonieanspruch der Juden über “Kameltreiber”) argumentiert. Siedlungen sind entweder ein paar Häuser mehr die niemanden wehtun oder aber historisches Recht der Juden in “Judäa und Samaria”. Der Beginn der 2. Intifada 2000 war auch ein “Vorbote” auf das neue, kommende Zeitalter und seine Frontstellungen.

SPME und Gleichgesinnte spucken Gift und Galle, wenn Zionismus-Kritiker wie Norman Finkelstein, Ilan Pappe oder Mosche Zuckermann irgendwo auftreten. Der Grad zwischen Toleranzchauvinismus (“Dass Zuckermann in Israel lehren kann, zeigt wie tolerant Israel doch ist) “und Versuchen, solche kritischen Stimmen zum schweigen zum bringen, ist schmal. Ilan Pappe kann in Israel nicht mehr lehren; nachdem er sich dem Thema der palästinensischen Nakba kritisch annahm, musste er die Universität Haifa verlassen. Auf der Veranstaltung “Remapping Palestine” in Wien 2011 sprach er u.a. über akademische Freiheit anhand des Nahostkonflikts; eine Veranstaltung, die auch verhindert werden sollte. Gegen einen Vortrag von Finkelstein hetzten SPME u.a. auch, mit der Behauptung, dass dieser Lob von Neonazis bekäme (vergleiche dazu z.B. Breiviks Idole und die Apologetik dazu); gegen die Hetze der Rechtsextremen gegen Moslems haben diese gar nichts. “Honestly Concerned” veröffentlichte dann die Kontaktdaten von dem Hotel, in das Finkelstein auswich, nachdem die Uni, in der er zunächst auftreten sollte, dem Druck nachgegeben hatte.

Amy Kronish, die sich mit dem israelischen Kino, als Spiegelbild der Gesellschaft des Landes, auseinandersetzt, hat auch über “Arabs on Israeli Screens” geschrieben. Darin stellt sie fest, dass Palästinenser bzw. Araber in zionistischen Filmen, auch schon vor der Staatsgründung Israels, in der Regel als primitiv und exotisch dargestellt werden. In den früheren Filmen wurde der Gegensatz durch die Darstellung der jüdische Pioniere als modern und fleissig erzeugt. Palästinenser wurden gerne als Teil der malerischen Landschaft abgebildet, auf Eseln oder Kamelen reitend, altmodische Pflüge ziehend, zusammen mit Palmen oder der Wüste, aber nie als Individuen oder aus “der Nähe” (und wenn, dann als eindimensionale Charaktere). Vergleiche dazu die Reaktionen über entsprechende (?) Darstellungen von Juden/Israelis wie in der türkischen TV-Serie “Tal der Wölfe”. Palästinenser/Araber/Orientale werden in israelischen Filmen in der Regel von Mizrahi-Juden dargestellt. Der Film “Hamsin” aus dem Jahr 1982 hatte diesbezüglich etwas revolutionäres, so Kronish. Es geht darin um einen Bauer in Galiläa und seinen palästinensischen Gehilfen und behandelt auch die Nakba von 1948 mit, die Schwierigkeiten der nicht-vertriebenen Palästinenser im israelischen Staat und sogar sexuelle Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen. Bemerkenswert auch der erste Film eines “israelischen Arabers”, Michel Khleifi, “Hochzeit in Galiläa” aus 1987. Er spielt in der Zeit, als diese Palästinenser im israelischen Staat noch unter Militärverwaltung standen. In Hollywood haben Araber immer wieder die Rolle des bösen Anderen eingenommen (verstärkt nach Ende des Kalten Krieges), des Barbaren, der die Zivilisation bekämpft (bzw. umgekehrt), eine Rolle, die früher für “Indianer”, dann “Mexikaner”, dann “Russen” reserviert war.

Während gerade wieder ein “neuer Antisemitismus” zelebriert wird, reihenweise Untersuchungen über den “Antisemitismus von jugendlichen Moslems” herauskommen, wartet etwa der antiarabische Rassismus unter jungen französischen Juden (ob in JDL-Ablegern oder anderen Gruppen) noch darauf, untersucht zu werden. Oder jener des “Mavet le Aravim” (Tod den Arabern) rufenden Mobs in israelischen Städten.

Der israelische Historiker Haggai Ram spürte der israelischen “Iranophobie” nach und brachte 2009 “Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession” heraus. Er schreibt bzw. redet das 1979 im Iran an die Macht gekommenen Regime nicht schön (Gudrun Harrer 08 in derstandard im Artikel “Logik einer Obsession” dazu: “Ram wird trotzdem des Antisemitismus beziehungsweise des jüdischen Selbsthasses, der Unterstützung von Holocaust-Leugnung, des Antizionismus sowieso, aber vor allem des Irreseins bezichtigt werden”) aber er geht dem in seinem Land kaum angefochtenen Umgang mit dem Thema “Iran” und dessen Instrumentalisierung auf den Grund. Er stellt zum einen fest, dass hinter der Konstruktion der Bedrohung Israels durch den Iran inner-israelische/-jüdische Spannungen stehen. Dazu diente auch die Ent-Orientalisierung der v.a. in den 1950ern aus den islamischen Staaten geholten Juden durch das aschkenasische Establishment. Viele Israelis, so Ram, sähen im klerikal beherrschten Iran ein Horrorszenario für die Zukunft des eigenen Landes.

Dies mit Blick auf die religiösen Parteien, die mal in die Regierung eingebunden, mal isoliert werden (in der jetzigen Regierung sitzen neben dem Likud die Partei vom jungen Lapid, der die Religiösen und ihre Inhalte kleinhalten möchte und die von Bennet, der eine Brücke zu ihnen bauen will, zur Verbreiterung eines israelischen Nationalismuses), und teilweise (Schas) Mizrahis und teilweise (Vereinigtes Thora-Judentum) Aschkenazis repräsentieren. Auch viele Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion, so Ram, hätten Anti-Mizrahi-Empfindungen, nicht zuletzt aufgrund ihrer vorwiegend säkularen Ausrichtung. Eine weitere Beobachtung Rams beim israelischen Iran-Diskurs (der ja gern nach aussen getragen wird) ist die für israelische Politiker willkommene Ablenkung vom Grundkonflikt, dem mit den Palästinensern; diese würden auch zunehmend als eine Art Vorhut der Iraner empfunden/dargestellt. Damit könne der eigene Teil der Verantwortung leicht abgegeben werden. Die gegenseitigen Bedrohungen zwischen Israel und Iran interpretiert er als eine Art von Dialog zwischen ihnen. Den Holocaust zu einem politischen Instrument würden dabei beide Seiten machen.

Das Buch von Noel Ignatiev “How the Irish Became White” setzt sich damit auseinander, dass irische Einwanderer in den USA nicht schon immer als “Weisse” angesehen wurden, sich diesen Status erst durch Mehrarbeit in Sachen Rassismus, v.a. gegen Afro-Amerikaner, verdienen mussten. Etwas Änliches lässt sich mit Blick auf die Mizrahim (der Begriff “Sepharden” für sie ist eigentlich nicht korrekt) in Israel feststellen, die den “Makel” ihrer “orientalischen” Herkunft durch eine Mehrarbeit in Sachen Nationalismus bzw. Überheblichkeit v.a. gegenüber Palästinensern kompensieren mussten und dabei auf den Likud gegen die Arbeiterpartei setzten (bzw. der ebenfalls aschkenasisch dominierte Likud auf sie), der in der Wahl 1977 den Machtwechsel schaffte. Diese Rolle ist möglicherweise später zu den aus Äthiopien geholten Juden weitergewandert. Philosemiten sind immer nur für bestimmte Juden, lehnen andererseits religiöse, linke oder orientalische ab.

Ängste vor dem „Eindringen des Mittleren Ostens“ über Mizrahim nach Israel werden schnell nach aussen umgeleitet, Shinui-Parteichef Yosef Lapid sprach in dem Zusammenhang vom „levantinischen Misthaufen“. Lapid wurde als Tomislav Lampel in Jugoslawien geboren und ist 1948 nach Israel eingewandert, wurde in Europa gern als “mitteleuropäischer Liberaler” dargestellt. Vieles was auf “Islamophobie” zutrifft, trifft auch auf solche Sichtweisen zu, zumindest waren sie jahrzehntelang in Israel vorherrschend. Etwa das “Wir sind fortschrittlich, ihr rückständig”-Gehabe zur Abgrenzung. Lapid hatte nicht nur ein Problem mit Levantinern: 1974, nachdem die meisten schwarzafrikanischen Staaten nach dem “Nahostkrieg” von 1973 die Beziehungen zu Israel abbrachen, schrieb er in Maariv den Artikel “Le’maan D’rom Africa Lo Esheshe” (Um Südafrika willen will ich nicht schweigen), eine rassistische Tirade gegen Schwarzafrika und auch Afro-Amerikaner, die er, mit Berufung auf den britischen Rassentheoretiker John Baker und Disraeli, Juden in USA gegenüberstellte um zu schliessen: “Offensichtlich gibt es einen vererbbaren Unterschied zwischen einem Mann dessen Vater im Dschungel lebte und einem dessen Vorfahren Priester im Tempel waren.” Auch ein Lob auf Apartheid-Südafrika und Israels Zusammenarbeit mit ihm ist darin. Irgendetwas sagt mir, dass MEMRI sowas nie übersetzt hat. Zu finden ist es (u.a.) in ”Besieged Bedfellows” von Benjamin M. Joseph (1988).

Anastasia Michaeli (-Samuelson), die die rechtsradikale Yisrael Beitenu im israelischen Parlament vertrat, eine aus Russland stammende blonde Konvertitin zum Judentum, die auch für ihre Theorien über Homosexuelle und eine physische Attacke auf die palästinensische Abgeordnete Hanin Zoabi bekannt ist, hat einst als Jury-Mitglied in der israelischen Ausscheidung zum Song Contest die Sängerin Liel Kolet, deren (jüdische) Eltern aus Indien stammen, abgelehnt, weil diese eine “arabische Erscheinung” habe. “Wir müssen jemanden auswählen, der uns nicht nur künstlerisch repräsentiert”.

Rechte Islamophobie

Jean-Marie Le Pen äusserte schon 02 gegenüber Ha’aretz Verständnis für den israelischen Kampf gegen “Araber und Terror”, verglich ihn mit dem französischen Kolonial-Kampf in Algerien, an dem er ja teilgenommen hatte. Oder Jörg Haider einst auf einer BZÖ-Veranstaltung: “Noch darf man Grüss Gott sagen und muss nicht Allah ist gross sagen”. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass es dazu kam. Historisch gabs eine lange Ablehnung der westlichen Rechten gegenüber dem “Orient”, die manches der heutigen Islamkritik vorwegnahm; aber auch eine Stützung reaktionärer Kräfte in der islamischen Welt. Neue Parteien wie jene von Wilders haben überhaupt kein antisemitisches Erbe, definieren sich geradezu durch einen positiven Bezug auf Israel (das wieder einmal die Rettung des Abendlands darstellt), im Negativen hauptsächlich über Anti-Islam. “Islamisierung stoppen” und ähnliches ist bei Rechtspopulisten in (West-) Europa heute ein selbstverständliches Kernthema. Ähnliches gilt für die Evangelikalen der USA; bei einer Israel-Solidaritätsveranstaltung der evangelikalen Christian Coalition in USA 03 forderte etwa der damalige israelische Minister Benjamin Elon (Nationale Union), ein Westbank-Siedler, unter Jubel die Aussiedlung der Palästinenser nach Jordanien. Bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin 2013 faselt der Anführer von “Reconquista”, Europa wieder vom Islam reinigen,…

Für Rechte/Konservative ist Islamophobie eine Chance, ihre Ideologie “reinzuwaschen” und grössere Akzeptanz zu bekommen, eine Frischzellenkur, man kann sich als zu modernen und aufgeklärten Werten stehend und sie verteidigend profilieren, auch als wehrhaft gegen die mit Islamisten “verbündete” oder sie “verharmlosende” Linke. Man hat die Möglichkeit zu einem politisch korrekten Rassismus, man hatte mit seinen Vorurteilen immer schon recht.

Wenn man sich im rechtem Milieu zur „Islamkritik“ gewissermaßen „linke“ Errungenschaften auf die Fahnen heftet (u.a. Frauen-Emanzipation), ist das nie frei von Ambivalenz. Manchmal kommt deutlich heraus, dass man diese Werte im Grunde ablehnt. FPÖ-Chef Heinz Christian Strache etwa hat die entlassene NDR-Moderatorin Eva Herman, die “die Wertschätzung der Frau im Dritten Reich” gelobt hatte, verteidigt, dabei erwähnte er auch Autobahn-Bauten, nach ihm ebenfalls etwas Gutes aus dieser Zeit (auch die Forderung, über das NS-Verbotsgesetz zu diskutieren, kam von ihm). Er lud Herman dann zu einer Veranstaltung mit dem Titel “Das Eva-Prinzip – Antwort auf den Feminismus” in den FPÖ-Parlamentsklub ein. Nach ihrer Absage am Tag der Veranstaltung sprach dann der Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Wenig später redete Strache dann davon, dass Zuwanderung von ausserhalb Europas Elemente mit sich bringe “die nicht unserer Kultur entsprechen, darunter die Unterdrückung der Frau”. Und dass er “wehrhaft” gegen Islamismus auftreten wolle. Grünen-Chefin Glawischnig sei männerfeindlich. Im Wiener Wahlkampf 10 brachte die FPÖ neben altbekanntem wie der Assoziation Asylbewerber-Kriminalität, Angstschüren vor osteuropäischen Nachbarn (Ende der EU-Schutzbestimmungen am Arbeitsmarkt), Gemeindebau-nur-für-Österreicher-Parolen auch dezidiert anti-islamisches, etwa Zustimmung zu Sarrazin, oder das Lied von Broder wonach Menschen aus einem anderem Kulturkreis wegen ihrer Herkunft mildere Strafen für Mord und Totschlag bekämen. Und: “Wenns nach den Gutmenschen ginge, würde jetzt Ramadan beginnen.” Strache kaut auch den „clash of civilizations“ mit dem Islam wieder. Auch wenn er über europäische Werte, Humanismus oder Christentum schwadroniert, geschieht das meist zur Abgrenzung vom “Islamischen” und immer heuchlerisch.

Elisabeth Sabaditsch-Wolf, eine österreichische Diplomatentochter, berät Strache aussenpolitisch, hat ihn nach Israel begleitet. Sie hält Hasspredigten in „Islam-Seminaren“ am Freiheitlichen Bildungsinstitut ab, ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, unterhält Kontakte auch zu Wilders, ist Generalsekretärin des („im Untergrund tätigen“) Vereins „Mission Europa. Netzwerk Karl Martell“, Teilnehmerin an der jährlichen „Counterjihad Conference”, aktiv bei Ulfkottes „Pax Europa“, postet im IT unter Pseudonymen antiislamische Artikel (auf Webseiten wie redegefahr.com) und Kommentare, stilisiert sich als mutige Kämpferin gegen etwas Totalitäres. Hat auch Breivik beeindruckt.

Die CDU-Politikerin Kristina Schröder, die sich gern in Äquidistanz zu rechts und links verorten möchte, hat erst 2009 auf ihrer Website Links zu PI und dem deklarierten Rechtsaußen-Blatt Junge Freiheit gelöscht. Im Windschatten von Sarrazin kam auch sie mit “moslemischer Deutschenfeindlichkeit” daher. Für die rechte israelische Zeitung Jerusalem Post durfte sie einen Artikel über „Antisemitismus in Deutschland“ schreiben, eine weitere Möglichkeit für sie, darauf hinzuweisen, von wem alle Feindseligkeit ausgeht und, wohl auch, um den Schuldkomplex zu überwinden, den Wilders meinte (s.o.). Zu dem Thema hat sie auch Broder als “Experten” in den Bundestag geladen.

Für die deutsche „neuen Rechte“ (Antaois-Verlag, Junge Freiheit, Götz Kubitschek, Manfred Kleine-Hartlage,..) ist auch längst der „Islam“ Feind Nr. 1, Weissmann arbeitet schon mit Stürzenberger von PI zusammen. Die Szene dieser neuen und neuesten Rechten (wie den Pro-Parteien) ist aber zerstritten und zersplittert, vor allem anhand des Widerspruchs zwischen Kampfeslust gegen den (postmodernen) “Mainstream” und dem “Bekenntnis” zu fortschrittlichen Werten – anderswo ist es ähnlich.

Auf stormfront.org, einem englisch-sprachigen Rechtsextremen-IT-Forum des US-Amerikaners Don Black (einem früheren KuKluxKlan-Führer), das auf “weisse Vorherrschaft” ausgerichtet ist, gibts Holokaust-Leugnung bzw. -Verteidigung neben Israel-Begeisterung, auch viel Anti-Islam, Geschreibe von “Eurabia”, etc. Wie so üblichen bei Rechten, gestaltet sich die internationale Zusammenarbeit schwierig, aufgrund der konkurrierenden Ansprüche etwa südslawischer Nationalisten oder burischer und englischsprachiger Hetzer gegen das Post-Apartheid-Südafrika.

Die Evangelikale Christine Schirrmacher von der “Lausanner Bewegung” veröffentlicht hierzulande Bücher und Artikel zum Thema Islam, wird als “Islamexpertin” und „seriöse Wissenschafterin” gehandelt.

“Linke” Islamophobie

Manche Linke surfen gemütlich auf der antiislamischen Welle und spielen den Wahrer von emanzipativen Ansätzen, beziehen Front gegen Rechtsextremismus nur, wenn sie dort Moslems verorten können. Publizisten aus diesem Lager erliegen der Faszination begrifflicher Tabubrüche und wittern die Gelegenheit, Antifaschismus und Rassismus miteinander zu versöhnen, berauschen sich und ihr Publikum mit markigen Parolen. Der kanadische Regisseur „Bruce Labruce“: “Ich war angewidert, wie still und feige sich die Linke nach dem 11. September verhält; dass sie rechten Kräften und dem Krieg gegen den Terror freie Bahn ließ.” Hartmut Krauss ist der typische Vertreter eines „Islamophoben“ der von links kommt und die in Mitte bzw. nach rechts steuert, er war u.a. Initiator der “kritischen Islamkonferenz” 08 (nicht zu verwechseln mit der jährlichen “Counterjihad Conference” mit David Littman, Filip De Winter, Arye Eldad, Robert Spencer, Trifkovic, Herre,…). Unter dem Label “Antideutsch” wird fremdenfeindliche Hetze verbreitet, die als “progressiv” dargestellt wird.

Karl Marx’ Verachtung für nicht-europäische/-weisse Völker/Kulturen ist ein Fundament für den Rassismus/Kulturalismus der Pseudo-/Postlinken im Westen. Jedenfalls sind Einschätzungen von ihm wie diese in den letzten 10, 15 Jahren oft ausgegraben worden: „Die indische Gesellschaft hat überhaupt keine Geschichte, zum mindesten keine bekannte Geschichte. Was wir als ihre Geschichte bezeichnen, ist nichts andres als die Geschichte der aufeinanderfolgenden Eindringlinge, die ihre Reiche auf der passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verändernden Gesellschaft errichteten. England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.

Die angebliche Ablehnung von Nationen durch “Anti“Deutsche ist vor allem eine Legitimationsstrategie, um sich gegen Rassismusvorwürfe zu immunisieren; sie machen das, was sie Antirassisten unberechtigt vorwerfen, nämlich Menschen nicht als Individuen wahrzunehmen, sondern in Kollektive einzusortieren. Sie können nur die Mossab H. Yousefs (siehe unten) oder aber die Bin Ladens akzeptieren, lehnen andere als unecht ab oder diffamieren sie. An jene, die noch nicht den Mossab-Weg gegangen sind, wird die Aufforderung gerichtet, sich zu “befreien”, so wie wenn Hetze gegen Juden damit rechtfertigt wird, man sei gegen “die Juden” weil diese sich als Juden definierten und jederzeit mit ihrem Judentum brechen könnten.

Deutschlandschelte hat die Funktion einer Blendgranate; „Anti“deutsche müssten über die (angeblichen) Deutschland-Beschimpfungen von Migranten eigentlich froh sein, aber es ist natürlich das Gegenteil der Fall, wie man z.B. bei Birgit Schmidt in Jungle World (die in dem Zusammenhang auch die Richterin Heisig lobt) lesen kann. Auch dass es mit dem PI- oder Sarrazin-Gedankengut zumindest Überschneidungen gibt, ist nicht überraschend. “Aufarbeitung” des Faschismus und Versöhnung mit Deutschland über Islamophobie und Philosemitismus… Ein Geschichtsrevisionismus für die eigenen kleinkarierten, zutiefst “deutschen” Befindlichkeiten. Antiimperialistische Bewegungen oder zögerliche Rechte werden als „völkisch“ diffamiert, weil sie sich der falschen Völker annehmen.

Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt“ von Gerhard Scheit ist ein Buch, in dem Sätze mit “Der muslimische Mann…” beginnen und Gerüchte weiterverbreitet werden, wonach Araber teils bis zum 8. Lebensjahr an der Mutterbrust gesäugt würden. Neben rassistischen Ammenmärchen findet man darin Versuche, islamistische Selbstmordattentate mit Heidegger zu erklären.

Dass jemand wie Grigat an der Universität Wien lehren kann, sagt nichts (Gutes) über ihn, aber etwas (Schlechtes) über diese Uni. Die Maskierung seiner Propaganda als “wissenschaftliche Arbeit” ist bei ihm allgegenwärtig. Als Hauptagitator der Kriegs-Kampagne “Stop the Bomb” will er deren “wissenschaftlicher Berater”, oder “Moderator” bei den Podiums”diskussionen” ihrer Veranstaltungen, sein. In Österreich sind die “Anti”deutschen um den Berliner in der “Basisgruppe Politikwissenschaft” der Uni Wien entstanden, sind heute u.a. im “Café Critique” organisiert, bilden einen Klüngel am Wiener PoWi-Institut, mit Ablegern etwa in Form von “Mena” (“Medienbeobachtungsstelle Nahost”), wo seine (meist österreichischen) Hilfssheriffs wirken. Der Kreis ist auch Handlanger von Pipes’ “Campuswatch” in “Grossdeutschland”, agitierte z.B. gegen die Verleihung einer Ehrendoktorwürde an Hanan Ashravi (Frau und Christin, aber Palästinenserin).

In seiner Kriegs-Propaganda gegen Iran behauptet Grigat, der neue Antisemitismus/Faschismus käme aus arabischen Ländern. Im selben Interview dann etwas später: “Die meisten arabischen Länder haben Israel längst signalisiert, dass sie kein wirkliches Problem damit hätten, wenn Israel Angriffe auf Nuklearanlagen im Iran durchführen würde”. Wie jetzt, dort wo der Faschismus daheim ist, ist man für Angriffe auf Iran? Die iranische Bevölkerung sei auch grossteils für ihre “Befreiung” auf diesem Weg, der aufgeklärte Westen sowieso, also eh praktisch alle? In der Propaganda von “Drop the Bomb” findet man, besonders wenn man ihre Inhalte seit ihrer Initialisierung 07 beobachtet, verschiedenste Kriegsrechtfertigungen gegen Iran, nebeneinander auch widersprechende wie “Iraner befreien” und “weil die iraner die Atombombe des Regimes wollen”. Immer zynisch: das ignorieren iranischer Opfer; in dem erwähnten Interview sagte er zu einem israelischen Angriff auf Iran, er stelle sich das grauenhaft vor, um dann hinterherzuschieben, dass er damit israelische Opfer möglicher Vergeltungsangriffe meint… (gut, dass Belege für sowas nicht so leicht aus dem Internet verschwinden).

Der Wiener Akademikerbund fordert u.a. die ersatzlose Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes, die “fundamentale Korrektur” der Fristenregelung, die ersatzlose Streichung des EU-Gleichbehandlungsgesetzes („könnte verborgener Sprengsatz für die abendländisch-christliche Kultur sein, zielt auf zwangsweise Einführung einer multikulturellen Gesellschaft ab“), die Beendigung der Zuwanderung um “Gefahren für das Heimatland abzuwehren”, Spezialgesetzgebung für Muslime, Beseitigung des „Wildwuchses von Moscheen“ sowie die Anerkennung der “effektiven Verschiedenheit von Rassen und Völkern”. Grigat, vom Sabaditsch-Kollegen Christian Zeitz dorthin gebracht, hat 09 dort über „Die ‘Islamische Republik Iran’ und die Menschenrechte im ‘Kampf der Kulturen’“ einen Vortrag gehalten. Angekündigt als „Nahostexperte und gefragter Publizist“, hat er dort über das “Spannungsfeld von islamischen Gesellschaften und Menschenrechten“ geredet und ob sich „die Menschenrechte von einem Schutzrecht des Individuums gegenüber dem Staat … zu einem Anspruch verlagern, verschiedene (religiöse und ideologisch bedingte) Lebensentwürfe auch gegen den Willen der Mehrheitskultur und -bevölkerung durchzusetzen“. Nachdem etwas mehr über den Akademikerbund bekannt wurde (Aufregung gabs eigentlich nur wegen der Forderung mit dem NS-Gesetz) gab der Israel-Fetischist über SPME eine Erklärung ab, in der er versuchte, sich das Opfermäntelchen umzuhängen, wie immer anmaßend, selbstgerecht und seine wahren Motive verschleiernd. Was vollkommen unter den Tisch “fiel” (gekehrt wurde) neben dem Brückenbau, ist, in welchem ideologischen Milieu sich Philozionismus/Israel-Unterstützung gerne bewegt…

Wenn Grigat auf derstandard.at (meist seine eigenen Gastkommentare) als “harlan eiffler” kommentiert, sagt er über sich noch einiges aus.

Allianzen und Kooperationen

Die Islam-feindliche Perspektive erweist sich als idealer Kitt, unterschiedlichste Gruppierungen/Ideologien zusammenzuschweißen und Vernetzungen herzustellen. Das Konzept eines „Westens“ erlaubte im Kalten Krieg die Reintegration von Faschisten als “Antikommunisten”; auch heute werden wieder Kräfte gegen „asiatische Horden“ gebündelt. Es wird davon geredet, die Errungenschaften der Aufklärung zu schützen, etc. Die unterschiedlichen Auffassungen, was darunter im Detail zu verstehen ist, verhindern ein grösseres Zusammengehen. Reine Fremdenfeinde, die Zuwanderern schnell ein Islamismus-Mäntelchen umhängen wollen, hier, vorgeblich Libertäre, die auf totale künstlerische Freiheit pochen und dann Ausnahmen wollen, dort. Einerseits will man sich seiner Toleranz brüsten und Intoleranz zum Merkmal der anderen erklären, andererseits sieht man Toleranz und Universalismus als Hemmschuh. Während man sich bei der Ablehnung von “multikultureller Gesellschaft” leicht einig wird, ist ein Bekenntnis zu einer “offenen Gesellschaft” für den einen Teil der Islamophoben ein Unterscheidungsmerkmal zu dem, was sie unter Islam verstehen, für den anderen Teil ist eine offene Gesellschaft etwas, wo sich der Islam “einnisten” kann. Die USA unter Bush war für Viele ein positiver Gegenentwurf zu dem was in Europa in ihren Augen “verdorben” war – sich genauer anzusehen, was das eigentlich ist, würde sich einmal lohnen.

Bei den Pro-Israel Demos anlässlich des Überfalls auf die Hilfsflotte für Gaza 10 haben PI, “Bahamas” und andere “Anti”deutsche, die rechtspopulistischen Pro-Parteien, der BAK Schalom der Linken und christliche Fundamentalisten in trauter Einigkeit gemeinsam demonstriert. Die evangelikale “Partei bibeltreuer Christen” PBC hat gemeinsam mit dem BAK Shalom dem Berliner Linken-Chef Klaus Lederer die israelische Bombardierung des Gaza-Streifens 08/09 unterstützt. PI und Pro-Parteien vertreten Positionen, die den “anti”deutschen ziemlich nahekommen, jedenfalls was Internationale Politik, Umgang mit dem Islam, Zuwanderung/Integration, Israel, USA und teilweise auch den Kapitalismus angeht. Auf PI werden “antideutsche” Veranstaltungen beworben und hinterher über die Teilnahme der PI-Ortsgruppen berichtet. Die Idole der “Anti”deutschen wie Broder unterstützen teils offen die neuen Rechten in Europa. Kahanistische Organisationen wie “Kach”, also der äusserste rechte Rand des zionistischen Spektrums, sogar von Israel verboten, paktiert, besonders in Berlin, auch gern mit Evangelikalen (PBC) und “Anti”deutschen. Die English Defence League (EDL) ist, nicht zuletzt über Pamela Geller, mit dem antimoslemischen Teil der amerikanischen Tea Party Bewegung verbunden sowie mit Kahanisten wie dem surfenden Rabbi Shifren. Einige der EDL-Anhänger zeigen gern mal den Hitler-Gruss – andere lieber Israelfahnen. Bei der Veranstaltung „Tag der Patrioten“ mit Nürnberg 2.0, German Defence League, und NPD gabs auch Israel-Fahnen (PI schrieb dann von Bauchweh wegen der NPD und verwahrt sich gegen die „Nazikeule“).

Mina Ahadi engagiert sich heute gegen „Multikulti, Kulturrelativismus, moslemische Verbände, Islamophobie-Konzepte“ und wird deshalb trotz hoher Stellung in der linksradikalen WPI und ihrem Atheismus von Springer/Konservativen wie auch vom PI-Milieu hofiert, was natürlich wiederum “A”D nicht stört.

Giordano zur massiven Präsenz von Vertretern der rechtsextremen „Pro Köln“ in der Bürgerbewegung gegen den Moscheebau in Köln, in der er prominent beteiligt ist: „Dieses ‘Aber mit solcher Kritik begibst du dich in die Nähe der Nazis von heute’ ist ein Totschlagargument, das sich bei meinem biographischen Hintergrund von selbst ins Absurde führt. […] da sind wir bei dem eigentlich Unheimlichen der Situation: dass nämlich viele Menschen, die meinen Hintergrund nicht haben, die gleiche Kritik an dem Bau der Moschee und an den islamischen Parallelgesellschaften in Deutschland überhaupt, äußern möchten, das jedoch nicht wagen, eben weil sie fürchten, dann erstens in die rechtsextreme, rassistische neonazistische Ecke gestellt zu werden und zweitens plötzlich die falschen Bundesgenossen an ihrer Seite zu sehen.“ FPÖ-Strache in Köln bei einer Kundgebung von ProKöln gegen die Moschee in Ehrenfeld: “Wer den Mut hat, zur eigenen Kultur zu stehen, wird gleich als Rechtsextremist oder Neonazi beschimpft.”

Am 8. Mai (Ende des 2. Weltkriegs in Europa durch die Kapitulation Nazi-Deutschlands) feiern “Anti”deutsche demonstrativ und zetern Deutschnationale etwas leiser. In Wien sollte Strache bei zweiterer Feier auftreten, sagte ab, da er in Italien war um mit anderen Rechtsaussen Vorgehen gegen Einwanderer zu planen (er ist ausserdem um ein gemäßigteres Image bemüht); wenn er für Proköln Stellung nimmt, ist er bei deren Kernthemen den angeblichen Gegnern der Rechten von der Gegenfeier ganz nahe…

“Verbündete” bzw. Kanonenfutter

Für westliche Kulturkrieger gehören Frauen zu den “Lieblingsgruppen” im (oder im Bezug zum) Orient, neben Juden, Schwulen, Minderheiten, Quislingen. Die Sorge (?) um Frauenrechte im Islam gehört zum Standardprogramm, auch bei Anti-Feministen wie Matussek. Von Frauen aus moslemisch geprägten Kulturen gibt es gleichförmige Bilder von Fremdbestimmung, Abhängigkeit und Unterdrückung, einer passiven Opferrolle. Es wird ihnen gerne die Handlungsfähigkeit abgesprochen, gerne über sie gesprochen, Alibis von ihnen erwartet. Die österreichische Forscherin Leila Hadj-Abdou sagt, muslimische Frauen werden nicht als selbstbestimmte Personen wahrgenommen, liberale Werte werden hochgehalten, um den Ausschluss zu legitimieren. Von Rechten/Konservativen, die sich (zuvor) nie für Gleichberechtigung (der Geschlechter) eingesetzt haben, aber auch bei jenen Feministinnen, denen Gleichberechtigung tatsächlich ein Anliegen ist (nennt Alice Schwarzer). Jene die über die Hirsi-Alis entzückt sind, verachten die Naika Foroutans. Neben der Wahrnehmung als “Objekt” gibt es von der südländischen/orientalischen, nicht notwendigerweise moslemischen, Frau dann auch jenen als heissblütig, verführerisch, unbeherrscht.

In Dresden ist 32-jährige Ägypterin Marwa El-Sherbini 09 von einem Russlanddeutschen in einem Gerichtsgebäude mit einem Messer angegriffen und ermordet worden. el-Sherbini war Apothekerin und im dritten Monat schwanger. Sie hinterliess einen dreijährigen Sohn. Ein aus dem Nachbarraum herbeieilender Polizist schoss zunächst auf den Ehemann der Ermordeten statt auf den Täter. Der Mörder hatte sein Opfer, die Kopftuch trug, auf einem Kinderspielplatz als „Islamistin“, „Schlampe“ und „Terroristin“ tituliert. Der Mord geschah in der Berufungsverhandlung gegen die Geldstrafe, zu der er für die Beleidigungen verurteilt worden war. Dass Leute wie Ahmadinejad sich des Falls „annahmen“, war für PI (die dazu auch schrieben: „Behauptungen der Qualitätsjournalisten zufolge soll der Mörder durch die Lektüre solcher [gemeint ist: unserer] Artikel zu seiner Tat angestiftet worden sein.“) oder Achgut eine Steilvorlage zur Relativierung.

Als einmal die “Miss Austria” aus dem Kaukasus kam, gab es gehässige Kommentare, dass sie wegen der political correctness gewonnen habe, man die Wahl/den Titel in „Miss Orient“ umbenennen solle usw. Irgendwie liegt dem derselbe Chauvinismus zugrunde wie jenem Gegeifer, das Frauenrechte vorschiebt, nur ist er hier ehrlicher. Siehe dazu auch die Kommentare zur feministischen Entblössung der albanisch-stämmigen CDU-Politikerin Ramadani.

Im Westen inszeniert man sich gerne als (Teil einer) tolerante(n), weltoffene(n) Gesellschaft, auch Homophobie wird am Fremden skandalisiert. Sie wird zur Stützung einer Argumentation benutzt, die Orientale als primitiv darstellt; wird, wie auch “Feminismus”, zur Kriegsrechtfertigung herangezogen. Dabei wird Homophobie im christlichen Schwarzafrika oder der Karibik entweder in denselben (“unzivilisierten”) Topf geworfen oder aber säuberlich davon getrennt, wenns um die Formulierung vermeintlicher islamischer Spezifika geht. Die Aufmerksamkeit gilt auch im Positiven, bei Jamaikas Premierministerin Simpson-Miller war ihre Unterstützung für Homosexuellen-Rechte “wichtiger” als etwa ihre Initiative zur Abschaffung der Monarchie mit der britischen Königin als Staatsoberhaupt, obwohl dieses für den durchschnittlichen Jamaikaner das wichtigere Thema ist. Eingehend befasst mit der Thematik hat sich Lysis/Rhizom in seinen Blogs und Büchern. Auch damit, dass im “Orient” Bedeutungen/Definitionen von Körperkontakt und Homosexualität andere sind; mit der diesbezüglichen Rolle von Aufklärung und westlichem Nationalismus, und welche Prozesse heute dort im Gange sind; dass gerne auf andere ethnische Gruppen gezeigt wird, wenn über Homophobie gesprochen wird.

Mossab Yousef, der Sohn eines Hamas-Mitbegründers sein soll, spionierte neun Jahre lang für Israel (den Inlandsgeheimdienst Schin Bet). Seit seiner “Flucht” in die USA und seiner Hinwendung zum Christentum “lebt er in Angst vor Rache”. Er tritt z.B. im „Museum of Tolerance“ des Simon Wiesenthal Center auf bzw. wird dort aufgeführt. Er ist ein zuverlässiger palästinensischer Gewährsmann für das zionistische Lager, wie auch Walid Shoebat. Auch oder gerade “Nahost-Beobachter”, die von Palästinensern in “” schreiben oder dass sie es erst seit Arafat als solche gäbe, von einer islamischen Lobby in USA welche die jüdische ersetze, von Prinz Eugen und dem Abwehrkampf, von Arabern die wie blöde rammeln, sind von ihm entzückt. Er ist eine wichtige Propagandaikone, weil mit seinen Aussagen der Eindruck nahegelegt werden kann, dass die Palästinenser die ganze Schuld für den Konflikt tragen würden, sie es sind, die sich für eine Lösung ändern/bewegen müssten, Israelis und Freunde nichts gegen Palästinenser hätten und sie gut behandeln würden wenn man sie nur lasse. Da er Israel/Zionismus unkritisiert lässt, wird seine Hamas-Vergangenheit als wertvoller Einblick ausgelegt, im anderem Fall würde man seinen Befund über den Konflikt auf dieser Grundlage diskreditieren. Sein Schwarzweissbild des Nahostkonflikts zeigt, dass er kein Friedensengel geworden ist, bloss die Seiten gewechselt hat. Yousef und seine “Wandlung” wird, auch von manchen Kampagnenjournalisten, als eine Erweckungsgeschichte gesehen – die des ebenfalls zum Christentum übergetretenen Mordechai Vanunu ist ein Tabu, ihre Erwähnung eine “antisemitische Instrumentalisierung” usw. Die meisten “Islamkritiker” haben ein Produkt zu promoten, wie Yousef sein Buch. Dazu ist auch zu sagen, wenn Zionisten Palästinenser generell mit so viel Wertschätzung gegenüber treten würden wie jenen, die sich gegen palästinensische Anliegen stellen, gäbe es überhaupt keinen “Nahost-Konflikt”.

Die Selben die kritische Juden wie John Bunzl oder Gideon Levy als “Distanzier-und Alibijuden” oder “Kronzeugen der Rechtsextremen“ beschimpfen, preisen im nächsten Atemzug oder auf der selben Seite Yousef oder den in Italien lebenden Ägypter Magdi Allam (nach publikumsgeilem Umschwung vom Reformer und Vermittler zum selbstverleugnenden Scharfrichter). Alibi- und Berufs-Ex-Moslems wie er, Mossab Yousef oder Farid Ghadry werden von fast allen islamophoben Fraktionen verwendet. Hirsi-Ali ist wie Ben Ali oder Mubarak die Alternative zu einer Reform des Islams. Auch Grigat versucht, die iranischen Frauen und die Emanzipation gegen „linke Islamapologeten” und “akademische ‘Islamophobie’-Forscher” sowie zur Pseudo-Abgrenzung von den klassischen Rechten anzuführen. Orientalische Frauen sind, sobald sie eine eigene Meinung haben, für die Grigats auch Teil des Problems.

Westliche Debatten über Einwander wie auch Moslems werden gerne über deren Köpfe hinweg geführt, gerade deshalb sind solche Feigenblätter wichtig. Jene in der Islamophobie-Industrie, die im Grunde einen ehrlichen Ansatz haben wie evtl. Abdel-Samad, sind dort eigentlich fehl am Platz. Dieser gibt zwar nicht nur Broder ein Alibi, hat aber (sicher zur Enttäuschung vieler in seinem Publikum) etwa festgehalten, dass -während er dem Islam faschistische Züge attestiert- nicht alle Moslems bzw. alle aus diesem Kulturkreis (er selbst sieht sich als Kultur-Moslem) in einen Topf geworfen gehören. Die Drohungen gegen ihn benutzt er nicht, um sich zu einem deutschen Rushdie zu stilisieren, sondern spricht von „ein paar Fanatikern“. Kommentar in einem Forum über ihn: “Da er als Kind eines Moslems geboren wurde, ist er nach der islamischen Glaubenslehre für den Rest seines Lebens Moslem.” Für Islamisten wie Islamophobe ist das jedenfalls so, wer Moslem ist, und damit entweder Über- oder Untermensch, bestimmt nicht der Betreffende. Am bequemsten ist eine Malala Yousefzai die man bedauern kann (ihr sei nicht unterstellt, dass sie sich instrumentalisieren lässt), oder eine Hirsi-Ali, von der man auch nicht Angst haben muss, dass sie nicht-westliche interessen formuliert.

Es hat gute Gründe, warum Hirsi-Ali bei westlichen Konservativen besser ankommt als bei liberalen Intellektuellen in der islamischen Welt. Dass sie sich im Zweifelsfall für den autoritären Staat und westliche Bevormundung und gegen die liberale Demokratie entscheidet, ist da nur ein Faktor. Und es hat Gründe, dass sie bei diesen Konservativen besser ankommt als etwa Shirin Ebadi. Diese warf Hirsi-Ali übrigens vor, sie spiele mit ihrer Behauptung, der Islam sei nicht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar, den Mullahs in die Hände. Die Instrumentalisierung erinnert an diverse Afrika-Diskurse und “westliche” Lieblinge dort. Jene, die Afrikanern gerne alle positiven Fähigkeiten absprachen und für die es ausgemachte Sache war, dass die afrikanischen Staaten nach der Unabhängigkeit scheitern würden und dabei auch durch Destabilisierung nachhalfen, hatten dann plötzlich Liebkinder wie Tschombe aus dem rohstoffreichen Katanga (im Kongo) oder Savimbis Terrorgruppe UNITA in Angola, die sie als positive, pflegeleichte Alternative zu den anderen Afrikanern hinstellen konnten.

Am Beispiel Maryam Namazie kann man einiges über die “Toleranzgrenzen” und die Heuchelei im Umgang mit solchen “Verbündeten” studieren. Die Exil-Iranerin in Grossbritannien engagiert sich gegen Islam und Islamismus, beim britischen Zentralrat der Ex-Muslime, bei der Worker-Communist Party of Iran (WPI), beim Manifest(o) der 12 (“Together facing the new totalitarianism”, mit B. H. Levy, Salman Rushdie, Ayaan Hirsi-Ali, Taslima Nasrin,..), bei CHAIR, auch (konsequenterweise) gegen den  Papst-Besuch in GB. Sie zieht dennoch immer wieder Grenzen zu rassistischer, diffamatorischer Islamophobie, Brachial-Zionismus, US-Militarismus, usw. Robert Spencer, sowas wie ein Papst der Szene, hat auf seinem “Jihadwatch” Namazie wegen ihrer Kritik am israelischen Blutvergiessen in Gaza 08/09 „antisemitic supporter of jihad against Israel” genannt, und greint weiter: “claims to be anti-jihad, lies about Geller, SIOA, me..“. Ihre Aufforderung, er möge dazu stehen ein Rechter zu sein, legt er aus als „nicht mögen“ und „Angriff“. Der Mob im Kommentarbereich (darunter sicher viele „Versteher” moslemischer Frauen) darunter: „one law for all [Männer/Frauen, Anm.] isn’t that the idea behind sharia?“, „namazie-nazi“, “man darf sich nicht wundern bei einer irakischen [sic] Kommunistin“, “Wer Israel so etwas unterstellt, der…“; ein Gemäßigterer räumt ein, dass Teile der BNP nicht OK seien, da auch antisemitisch, Spencer solle eine Entschuldigung von ihr verlangen.

Angehörige moslemischer und nicht-moslemischer Minderheiten in Nordafrika und Westasien werden auch gerne als “Dissidenten” herangezogen. Auch dies eine widersprüchliche Angelegenheit. Die Ausbreitung des Islam erfolgte ab dem Hoch-Mittelalter durch andere als Araber, durch Arabisierte, Türken, Perser, Mongolen oder Inder. Der Hinduismus wurde grossteils von jenen bedrängt, die selber Hindus waren (bzw. solche Vorfahren haben), beim Zoroastrismus oder dem Christentum im Orient verhielt es sich entsprechend. Die Alawiten oder Nusairier, eine den Schiiten nahestehende “Sekte”, sind gewiss eine dieser orientalischen Minderheiten, sind für islamische Fundamentalisten Häretiker. Eignen sich aber aus verschiedenen Gründen nicht zur Instrumentalisierung. In Syrien üben sie seit dem älteren Assad die meiste Macht aus, in einem Regime, das noch dazu strikt säkular ist. Und das einen Aufstand der Moslembrüder 1982 unter Zehntausenden Toten niederwarf. Der von den Drusen verehrte Fatimiden-Kalif al Hakim wiederum war gegenüber nicht-moslemischen Minderheiten einer der intolerantesten moslemischen Herrscher. Auch Baha’i gehören zu den heftig von Kulturkämpfern instrumentalisierten Gruppen aus dem Orient, werden entweder als positiver Kontrast zu “Moslems” verwendet oder aber auch als deren Vorhut gesehen/behandelt. Broder instrumentalisiert im Zusammenhang mit der Kampagne gegen den Iran die Diskriminierung der Baha’i in ihrem Ursprungsland; unter den Kommentaren seiner Fans auf Youtube zu einem Video mit ihm findet sich dann: „Diesem deutschen Bahai-Bengel hat der Broder am Ende so richtig die Leviten gelesen… b. for president; einziger der die Wahrheit sagt“.

Die westliche Wahrnehmung der orientalischen Christen ist oft verdreht. Das Christentum ist in der Region entstanden, ist (dort) älter als der Islam, auch älter als das Christentum in Europa, Christen sind dort in der Regel autochthon. Westliche Parteinahme zielt oft darauf ab, wie auch Bemühungen diverser Islamisten, die dortigen Christen aus dem Kontext ihrer Kultur, Länder, Gesellschaften herauslösen, ihnen einen „Fremdkörper“-Status anzuhängen. Bashir Gemayel, ein politischer und militärischer Führer der libanesischen Maroniten im dortigen Bürgerkrieg, ist in Islamophobie-Kreisen u.a. wegen seinem “Dhimmitude”-Ausdruck eine Bezugsfigur geworden. Seine Falange/Kataib hat zwar im Krieg punktuell mit Israel zusammengearbeitet, und er war ein entschiedener Gegner einer Unterordnung der dortigen Christen, er hat aber das Land bzw. die Region nicht verkauft, hat auch Begin die Stirn geboten. Wer sich über Christen im Orient sorgt (z.B. US-Evangelikale: “Proclamation for Solidarity with Israel and the Christians in the Gaza Strip”), sollte sich auch über Leute wie den zwangsweise exilierten katholischen Palästinenser (Verzeihung, “israelischen Araber”) Azmi Bishara sorgen.

Gerade bei christlichen Palästinensern (der grössten christlichen Gruppe im “heiligen Land”) verhält es sich wie bei moslemischen Frauen – wenn man sie nicht instrumentalisieren kann, wenn sie einen eigenen Kopf haben, droht die „Exkommunikation“. Edward Saids Studien über Orientalismus, worunter er eine geringschätzige Sichtweise des “Westens” auf “Orientale” meinte, sind für viele ärgerlich. Die Angriffe auf den Christen Said erfolg(t)en nach islamophobem Muster… Unter anderem geriet seine palästinensische Herkunft unter Beschuss, die diesbezügliche Kampagne begann der von USA nach Israel eingewanderte Jude Justus Weiner, der sonst auch Krokodilstränen für christliche Palästinenser/Araber vergiesst (und sich daher als “Menschenrechtsaktivist” feiern lässt). Siehe auch, wie nach dem Gaza-Hilfsflotten-Massaker bzw. nach der Änderung des Verhältnisses Israels mit der Türkei für manche plötzlich der Armenier-Genozid ein Thema wurde. Die Kreuzzüge wurden auch als Hilfe für orientalische Christen deklariert, haben dann aber doch Byzanz zerstört, und auch Massaker an Juden verübt.

Die einen stehen dazu, dass sie Kurden oder Berber genauso verachten wie Araber oder Türken, die anderen behaupten, diese zu mögen, um ihre “Islamophobie” schöner darzustellen als sie ist bzw. sie effektiver zu machen. Kurden bieten sich als verbindendes Glied für rechte und linke Islamophobie an, besonders der kurdische Nord-Irak ist seit dem Irak-Krieg ein wichtiges Bezugs- /Aktionsgebiet geworden. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass man sie gegen Araber, Türken und Perser in Stellung bringen kann. Voraussetzung für die Instrumentalisierung ist aber, dass man sich im „entscheidenden Moment“ noch daran erinnert dass er/sie qua Identität zu den Guten gehört. Ein guter Teil der türkischen “Gastarbeiter” in Deutschland und Österreich sind Kurden.

Die Konflikte im Sudan eignen sich zur Ausschlachtung, da auf einer Seite immer Moslems beteiligt sind, sogar “arabische” (eigentlich arabisierte Nubier). Dies betrifft die Bürgerkriege mit dem christlichen/animistischen Süden sowie den in Darfur. Bei Gewalt in Darfur taugen Schwarze für westliche Kulturkämpfer als Opfer da sie zwar Moslems sind (was Viele nicht wissen) aber die „Araber“ auf der anderen Seite stehen. Vergewaltigungs- und andere Gewaltopfer in Kongo (5 Mio. Tote und 15 000 Vergewaltigungen in den Kongo-Kriegen seit jenem zum Mobutu-Sturz) sind für die Selben weniger interessant (wenn, dann um etwas über „die Afrikaner“ auszusagen). Gewalt von Moslems gegen Christen in Nigeria ist auch etwas, wo manche plötzlich ihr Herz für Schwarze entdecken, wo diese Opfer sein dürfen (etwa von GfbV aufgegriffen). Wenn es aber um Flüchtlinge von dort geht oder das im christlichen Süden des Landes gelegene erdölreiche Nigerdelta, den dortigen Kampf um Beteiligung an Öleinnahmen und gegen die Naturzerstörung, zeigt sich, dass Solidarität mit Afrikanern in diesen Kreisen enge Grenzen hat (Antiimperialismus pfui), dass es, wie bei Anti-Regime-Iranern, nicht um das Wohl des jeweiligen Landes, geht sondern um argumentatives Kanonenfutter. Auch bezüglich Biafra war „christliche Solidarität“ auf mittlere Sicht schwächer als Imperialismus/Rassismus; bei Katanga ist die Sache noch viel deutlicher. Manche “Kulturkrieger” versuchen auch, wie den NS die Sklaverei auf Moslems abzuwälzen.

Flüchtlinge aus Darfur oder Süd-Sudan, die nach Israel kamen, wurden für Propagandazwecke verwendet (gibt noch immer viele diesbezügliche Videos auf Youtube, auch vom israelischen Aussenministerium). Das war, bevor sie von einem rassistischen Mob („Tel Aviv den Juden! Sudan den Sudanesen!“) attackiert wurden, dann von der Regierung in Lager interniert um abgeschoben zu werden. Es gelte den jüdischen Charakter des Staates Israel zu erhalten, hiess es, um die Sicherheit (die durch die Flüchtlinge gefährdet sei), dass sie Wirtschaftsflüchtlinge seien (also kein Genozid?), und: sie seien Moslems (!). Innenminister Yishai (tunesischer Herkunft) 2012: “Das Land gehört uns, dem weissen Mann.” Die afrikanischen Flüchtlinge sind dem Schas-Politiker zufolge auch für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans “Atomwaffenprogramm”.

Eine Suppe, die z.B. auch manche Kurden noch kosten werden. Die gegenwärtigen Ereignisse in der Zentralafrikanischen Republik, die Züge von inter-religiöser Gewalt zwischen Christen und Moslems tragen, wobei zweitere in Darfur ihr Hinterland haben, deuten auch auf eine neue Firmierung der Fur hin.

Militäraktionen gegen Iran werden zumindest manchmal als zum Vorteil der Iraner dargestellt, manche stehen hier zu Verachtung und Gewaltwunsch. Beim Blog “gatesofvienna” („Baron Bodissey“, “islamophobic and proud of it“, Breivik zitierte von dort, Sabaditsch-Wolf wird dort “gefeatured”) heisst es z.B. “..supports democracy in iran“. Was davon zu halten ist, erfährt man wenn dort das Plädoyer für strengere Kontrollen von „Arabisch- und Persisch-Sprachigen“ auf Flughäfen liest. Dass dort auch Hetze gegen mexikanische Immigranten in die USA zu finden ist, darf nicht überraschen. Ist aber alles „counter jihadism“. Auch in einer Propagandaschrift Leon DeWinters auf “pajamasmedia”, auf “lizaswelt” wiedergegeben, wird lamentiert, dass man die bösen (Moslems) nicht beim Namen nennen und in Bezug auf Flugkontrollen nicht selektieren dürfe (gerade solche Islam-“Spezialisten” sind es dann, die ausgetretene Moslems oder Alewiten sofort mit in den Topf werfen würden, das nebenbei).

Die Kommentare zu einer Meldung, wonach Iraner, Flüchtlinge, zum Schein zum Christentum übertraten bzw. auf Anleitung des Schlepperrings, um in Österreich Asyl zu bekommen (Angabe religiöser Verfolgung als Asylgrund), passen hier dazu. Die iranische Diktatur ist für manche erst/nur durch den Israel-Bezug zum Problem geworden, deshalb werden die Opfer des Regimes, von denen die allermeisten Iraner sind, instrumentalisiert. Israel selbst machte in den 1980ern Waffen-Geschäfte mit dem iranischem Regime, während dessen Krieg mit dem irakischen; da spielte die iranische Bevölkerung keine Rolle oder irgendein Universalismus. Aber wie gezeigt wurde, ist man sich noch nicht sicher, ob man Minderheiten (ob Schwule oder MEK-Anhänger) gegen die Mehrheit ausspielen soll, oder Araber gegen Iraner, oder doch “ganzheitlich” vorgehen.

Im Kalten Krieg wurden die Mujahedin in Afghanistan und andere Islamisten, vom Westen gegen (tatsächliche oder vermeintliche) Kommunisten unterstützt, als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Oder auch die Muslimbrüder in Ägypten gegen Nasser. Es gab in den 1980ern in Deutschland Kampagnen der Schüler-Union für “unsere Freiheitskämpfer in Afghanistan”, die sich später als Vorläufer der Taliban entpuppten. Auch Bin Laden kämpfte an Seite der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Diese versuchte eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; neben dem Versuch einer Landreform und Alphabetisierungskampagnen wurde etwa versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Auf den sowjetischen Abzug folgte in Afghanistan bald ein Sieg der vom Westen mit Stinger-Raketen ausgerüsteten Mujahedin. Bin Laden zog 89 aus Afghanistan ab und verübte in den 90ern Anschläge, die auch die USA betrafen. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92, spätestens 93 gab es die ersten Anschläge der al Kaida…

01 leiteten die nun den von islamistischen Herrschern Afghanistans (die die gemäßigteren Fraktionen unter ihnen 96 an den Rand geschoben hatten) beherbergte al Kaida eine neue Ära der Weltgeschichte ein. 2001 wurde die deutsche Bundeswehr von der rotgrünen Regierung an den Hindukusch geschickt, mit der Parole, Deutschlands Freiheit dort zu verteidigen, die Afghanen aus ihrer “selbstverschuldeten Unmündigkeit” zu befreien, sie am “Licht der westlichen Aufklärung” teilhaben zu lassen – als Karmal oder Najibullah versucht hatten, die Macht der religiös geprägten ruralen Strukturen einzuschränken, oder als die erste Frau ins afghanische Parlament einzog (Anahita Ratebzad), für die Kommunistische Partei (Demokratische Volkspartei), da sah man die Dinge irgendwie noch anders. Mostafa Danesch schrieb in “Der Krieg gegen den Westen” (2004), dass damals, in den 1980ern, islamis(tis)che Kämpfer aus Nordafrika oder anderswo, die in Afghanistan gekämpft hatten, bereitwillig Asyl in Europa bekamen. Die militärische Ausbildung in einem afghanischen Camp öffnete damals Tür und Tor, heutzutage jene zur Ausweisung oder nach Guantanamo. Die westliche Unterstützung von Islamisten dauert sogar an, auch wenn die Hauptstossrichtung in den letzten ca. 20 Jahren jene war, islamische Diktatoren wie Mubarak oder Ben Ali zu stärken, die sich als Bollwerk gegen Islamismus inszenierten. Die belutschische Jundullah möchte man v.a. gegen den Iran in Stellung bringen. Ganz zu schweigen von Saudi-Arabien, dem Sponsor des internationalen Salafismus. Die iranischen Mujahedin (MEK) werden zur Zeit von diversen Terrorlisten gelöscht.

Widersprüche, Heuchelei, Paradoxa, Stolpersteine

Rassistische “Islamkritiker” sind heimliche Gesinnungsfreunde der Islamisten im Herzen des Westens, nicht nur weil sie alles andere als eine (notwendige) Reform im Islam unterstützen und die widerlichsten Islamisten Verbündete des Westens waren/sind. Der Windischgarstner Pfarrer Wagner, der Linzer Bischof werden sollte, zeigte seine erzkonservative Haltung gegenüber Frauen, Homosexuellen wie auch dem Islam. Den Hurrikan “Katrina” 05 interpretierte er, wie Islamisten, als Strafe für die USA. “Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtklubs zerstört wurden”. Bei der Erdbeben-Katastrophe in Haiti sah er auch das Werk eines strafenden Gottes: “Es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind.” Weiters wünschte er sich eine Volksabstimmung wie in der Schweiz, wo sich eine Mehrheit für ein Verbot von Minaretten aussprach. Islamophobie ohne Toleranzchauvinismus.

Der amerikanische Evangelikale John Hagee (“Christians United for Israel”; befürwortet einen vorbeugenden Nuklearkrieg gegen Iran) hat auch Katrina als Gottesstrafe ausgelegt, für die Schwulenparaden in der Stadt, und weil Bush Sharon nahegelegt hätte, jüdische Siedlungen im Gazastreifen aufzugeben. Fundamentalistische Muslime als auch ihr vermeintlicher Gegenpol (diverse Evangelikale und Neocons) sahen auch die Ölpest vor der US-Küste nach dem Untergang einer Bohrinsel als Strafe Gottes (für die selben „Vergehen“ übrigens), auch 9/11,… Die Kirchgänger der “clashs of civilisations” preisen den Westen und attackieren ihn gleichzeitig, weil er so “dekadent” sei.

Noch so ein “Paradoxon” vor dem Hintergrund dieser „Weltauseinandersetzung“: Bushs Justizminister Ashcroft liess eine halbnackte Frauenstatue in seinem Ministerium verhüllen; gleichwohl sahen Ex-68er u.a. seine Neocon-Regierung als notwenige Weltpolizei bzw. Prellbock gegen Zurückgebliebenheit, Prüderie, etc. im Islam. PI oder “Bahamas” alarmieren gerne hysterisch, wenn irgendwo aus angeblicher Rücksicht auf Moslems Aktbilder abgehängt oder teil-verdeckt werden. Bush tönte “Gott ist auf unserer Seite”, etwas, dass auch von Bin Laden stammen könnte. Zur Zeit gibts in Frankreich einen Boykottaufruf gegen staatliche Schulen, wegen der von der sozialistischen Regierung forcierte Gleichstellungspolitik an Schulen, durch die Stereotypen bei Mädchen und Buben abgebaut werden sollen. Es geht um die Gendertheorie, laut der das Geschlecht von Buben und Mädchen vor allem kulturell und nicht biologisch festgelegt wird. Zum Boykott aufgerufen haben… rechtsextreme und katholisch-fundamentalistische Kreise.

Amerikanische Evangelikale engagieren sich gegen die Verbreitung der Evolutionstheorie, wie auch der vermeintliche Gegenpool Islamisten. Wenn Sarah Palin von “guns and religion” als ihrem Credo spricht, könnte das auch von einem Teilnehmer eines Terrorlagers stammen. Wenn Küntzel von “weitreichender Übereinstimmung Breiviks Feindbildes mit dem Feindbild der Islamisten” schreibt (siehe oben), will er allerdings darauf hinaus, dass Breivik quasi im Islamlager steht. Stoiber hat Anfang der 00er-Jahre Homosexuelle rhetorisch gegenüber “dem Islam” in Schutz genommen, während er gegen die Homo-Ehe wetterte. Das Feindbildparadoxon. Die Tea Party-Politikerin Michele Bachmann sprach von einer notwendigen Unterwerfung (“submission”) als Frau gegenüber Männern. Vor der Landtags-Wahl in Nordrhein-Westfalen 12 gingen Salafisten und ProNRW, die sich ähnlich sind, aufeinander los.

Kulturkrieger auf islamistischer und islamophober Seite treffen sich auch darin dass sie Reformer, Demokraten, Liberale in der islamischen Welt nicht (sehen) wollen und lieber auf einen Endkampf zusteuern. Für beide sind Moslems bzw. Leute aus der nordafrikanisch-westasiatischen Region vor allem anderen Träger des Islam, etwas dem sie nicht entkommen können. Die Islam-Kritik des britischen Schriftstellers Martin Amis (schrieb auch einen Auschwitz-Roman) wurde von Chris Morris im Observer mit der Rhetorik des Islamisten Abu Hamza verglichen: beide würden Gelehrsamkeit vortäuschen und Koran-Zitate verwenden um Hass zu erzeugen, und Moslems über ihre Religion definieren.

Kommentare unter “islamkritischen” Videos im “Weltforum” Youtube bringen manches klarer zu Tage als etwa die Videos selber. Unter dem Banner von “Liberalism” ebenso wie unter dem von “counter-liberalism”. Bei manchen ist es zu deutlich, dass es ihnen nicht um Religion oder Ideologie geht, sondern um die braunen Völker, puren Rassismus, evtl. darum, eine neue Rechte zu definieren. Solidarität mit palästinensischen Frauen wird da vorgeheuchelt bis sich diese politisch äussern bzw. oft braucht es nicht mal das. Die “Handabhacker und Steiniger” niederbomben? Natürlich nur um der Menschenrechte und des Fortschritts willen. Ein rechtsradikaler “Arier” (aus GB) attackiert einen antiislamischen Hindu aus Indien, als “Paki”. Oder: “Nein, wir machen keine Unterschiede zwischen Moslems. Für uns sind die alle gleich Wertlos.Viel Spass noch beim ‘Beschneiden’. Kleiner Tipp: Die Glasscherbe vorher in Raki tauchen…zum Sterilisieren. Dann faulen die Schamlippen nicht ab.”2 Klassisch: “They look like savages. Doing the same thing for the last 70 years. Cant learn a thing, did not contribute anything to the world, parasites” Das auch gefunden: “we should work with our ideological counterparts even if we don’t like their view like NS for example.I don’t care working with NS against those stinking immigrants but i do not like they hatred of other white groups like slavs and jews“. Jemand anderer schreibt, Perser seien wie Araber “braunhäutige Zigeuner-Eselficker“. Was ein Broder-Nachplapperer (oder er selber; als IP) auf einer Wikipedia-Diskussionsseite schreibt, „Und vor dem ‘deutschen Volk’ braucht man wirklich keine Angst zu haben. Hochgradig degeneriert, ja sogar zu faul zum Denken, – Bier und Glotze reichen aus.“, könnte auch von einem Islamisten sein.

Der Grüne Nouripour wurde im Spiegel-Forum, nachdem er gegen Erika Steinbach (BdV, CDU) Stellung genommen hatte, nicht zuletzt damit angegriffen, ein aus dem Iran Exilierter zu sein welcher den Deutschen dies nicht sagen dürfe. Mit dem selbem „Argument“ wäre er von Anderen angegriffen worden, hätte er Steinbach verteidigt. A propos deutsche Vertriebene (bzw. ihre Verbände): Für Salzborn u.a. sind diese Zielscheibe bzw. Profilierungs-/Aufarbeitungsobjekt, für Broder schon einmal positives Gegenstück zu den Palästinensern. Der neokonservative Ulf Poschardt (ein Broder-Verteidiger) schrieb in „Die Welt“: „Deutscher Selbsthass. Antideutsche erklären dem Patriotismus den Krieg. Grüne Jugend und Antifa kämpfen während der EM gegen jede Form schwarz-rot-goldener Folklore. Und sind dabei so humorlos, arrogant und bürokratisch, wie es nur wir Deutschen sein können.“ Diese “selbsthassenden Deutschen”, die auch Riexinger und andere kritisieren, sind nur teilweise mit den israelfanatischen/islamophoben “Antideutschen” ident, die Einschätzung würde aber auch auf sie passen. Rechte (die das deutsche/nationale in Gefahr sehen) und jene Linken die vorgeben, das deutsche/nationale zu bekämpfen, haben auch Bereiche, wo sie sich treffen.

Notwendige Kritik und Reform

Eine kritische Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte des Islam, im religiösen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext, ist, wie gesagt, nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig. Das Feindbild Islam und das tatsächliche Problem am Islam sind aber nicht dasselbe. Eine tiefgreifende Reform ist notwendig – und anscheinend im Gange. Kritik kommt am treffendsten von Angehörigen des moslemischen Kulturkreises. Etwa von Nuruddin Farah, dem im südafrikanischen Exil lebenden somalischen Schriftsteller, bei dem die Kritik gerade aus Verbundenheit zu seiner ursprünglichen Umgebung zu kommen scheint, für die er etwas zum positiven verändern will, anstatt auf deren Kosten und jene der Seriosität zu vereinfachen und auf Verbesserung seiner eigenen Position als Intellektueller im westlichen Wissens- und Herrschaftssystem aus zu sein. Er wird eher nicht beim “American Enterprise Institute” oder in der Politik landen, so wie die ebenfalls aus Somalia stammende Ayaan Hirsi-Ali.

Es gibt sehr begründete Sorgen wegen Islamismus (vor allem vor jenem der Salafisten und anderer Integristen), islamistischem Terror oder Zuständen in der islamischen Welt, die nicht direkt vom Islam abzuleiten sind. Es gibt z.B. echte Sorgen von Säkularen gegenüber einer Re-Religionisierung. Ernsthafte Auseinandersetzungen sind zu begrüssen – und selten. Etwa die Frage der Reziprozität zwischen westlicher und islamischer Welt. Kulturkrieger beider Seiten beantworten sie schnell dahingehend dass die jeweils andere die ungleich intolerantere sei. Christen im Orient sind aber in der Regel autochthon, Moslems im Westen meist Immigranten. Andererseits, wie ist es mit der Wechselseitigkeit, wenn es heisst “Moslems müssen zu ihren Verbrechen stehen“, Christen hätten aber nichts mit “ihren” zu tun, seien Angehörige des fortschrittlichen und aufgeklärten Westens.

Das islamistische Gegenstück zum islamophoben Toleranzchauvinismus ist der (ebenso heuchlerische und widersprüchliche) Chauvinismus, der Islam bzw. Islamismus als “moralisch” affirmiert und das Dekadente und Verdorbene als “westlich”. Hinter der Forderung nach Rücksicht auf religiöse oder kulturelle Werte verbergen sich tatsächlich oft religiös-politische Absichten. Und natürlich war die Ausbreitung des Islams eine Form von Imperialismus und gibt es heute Formen islamischen Imperialismuses. Verbunden mit der Ausbreitung war oft eine Arabisierung, gegen die es im Mittelalter die “Schu’ubiya” genannte Gegenbewegung gab, die sich auch gegen die Privilegierung von Arabern im islamischen Machtbereich (Kalifat) richtete, die von Persern getragen war. Eine seriöse Auseinandersetzung mit der Thematik scheint “Schwarzbuch des Jihad” von Gilles Kepel zu sein.

Dankbar sein für Bedrohung/Empörung aus dem islamischen Lager, sie provozieren/erfinden, um ein Bild zeichnen zu können. Manche sind glücklich über (Bilder von) radikale(n) Moslems und haben Wünsche nach grossen Konfrontationen. Die “islamische Welt” ist gross genug, dass es irgendwo leider immer die von den Provokateuren (Karikaturen, Filme,…) erhofften Reaktionen gibt; die Opfer der dadurch ausgelösten Gewalt sind meist auch dort, die ersten Opfer des Islamismus sind Muslime. Der libanesische Autor Elias Khoury über „Innocence of Muslims“ (2012): “Der Film war eigentlich nur ein Trailer. Es sind wir, die Araber, die das Spektakel sind.“ Viele Moslems liefern zuverlässig die Reaktionen, die Provokateure brauchen um sie so darzustellen, anstatt Tabus zu lockern und Provokationen zu ignorieren. Es wirkt in der westlichen Welt zu Recht befremdlich, wie prompt sich Proteste etwa auf einen so plumpen, offensichtlich als Provokation angelegten Videoclip einstellen. Aber auch westliche Medien haben sich auf eine verzerrte Darstellung über Ereignisse dieser Art verlegt. So wie die Provokation von der Aufregung dieser Moslems lebt, lebt diese Aufregung hauptsächlich von der Aufmerksamkeit die ihr die westliche Öffentlichkeit schenkt.

Zum Beispiel die Berichterstattung über eine Kundgebung mit Gewalt in Kairo wegen des Films. Die Menge bei einer feurigen Freitagspredigt zählte nur einige Hundert – an einem Ort, wo tausendmal so große Menschenmassen alltäglich sind. Der Rest der 20 Millionen Einwohner Kairos ging seinen üblichen Geschäften nach. Die Zahl der steinewerfenden Jugendlichen, die auf dem Bildschirm so bedrohlich herüberkommen, belief sich auf einige Dutzend. Und moslemische Stimmen, die zu Ruhe und Besinnung aufrufen, und dazu, nicht in die durch den Film ausgelegte „Falle“ zu tappen (z.B. Malaysias Regierungschef Najib Razak) geben nicht so viel her wie der pakistanische Minister Ghulam Bilour, der umgerechnet 77 000 Euro für die Ermordung des Produzenten des Videos auslobte. Der österreichische Sender Puls 4 lud zur Diskussion über den Film und die Reaktionen den Ziocon Harnasch sowie den Leipziger Fundi Dabbagh ein, also zwei Extremisten.

Zur Zeit der Mohammed-Karikaturen-Krise 05/06 hat ein jordanischer Journalist die Frage gestellt, ob diese Karikaturen nicht weniger schlimm seien als Selbstmordanschläge. Da er sie auch abdrucken liess, wurde er entlassen und festgenommen; vermutlich hat das von seiner Zeitung schlimmes abgewendet; sein weiteres Schicksal ist mir nicht bekannt. Diese Sache kann man sowohl als Anzeichen für Reformunfähigkeit als auch für Reformansätze “im Islam” interpretieren, je nachdem was man hier sieht. In Tunis haben Tausende gegen die Ausstrahlung des Zeichentrickfilms „Persepolis“ in einem tunesischen Privat-Fernseh-Sender demonstriert, weil Gott darin als alter, bärtiger Mann dargestellt wird. Hunderte Angreifer, fundamentalistische Salafisten, attackierten auch das Haus vom Senderchef und setzten es in Brand. Die wichtigste islamistische Partei Ennahda, den Moslembrüdern nahestehend, distanzierte sich von den Krawallen. In Reaktion auf die gewaltsamen Proteste sind in Tunis auch tausende Menschen für Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen. Als Munition für Diffamierung reichen erstere Proteste jedenfalls.

Empfehlenswerte Analysen und Erwiderungen

Neben den im Text genannten:

Thomas Maurer hat in einer “Kurier”-Kolumne einiges Wahre zur Thematik geschrieben: Es gäbe fallweise eklatante Probleme mit parallelgesellschaftlichen Strukturen, die diskutiert werden müssen. Aber, die eisig-elitäre Verachtung Sarrazins für die Unterschicht wurde ausgerechnet von Lesern der “Bild” (Schlagzeile „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“) bejubelt. Heinsohn, so Maurer, hat wenige Monate vor Sarrazin ein Buch mit ähnlicher Aussage herausgebracht (“Söhne und Weltmacht”), aber der Bildungsferne (die er ebenfalls für eine erbliche, nicht soziale, Angelegenheit hält) nicht das Kopftuch übergezogen, weshalb er nicht zum Volkshelden werden konnte, schon allein weil sich zuviele “Bild”-Leser betroffen fühlen mussten.

Autoren von Schriften über Islamophobie avancieren meist selbst zum Feindbild der islamfeindlichen Szene. Etwa die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer, die Studien zur Islamophobie und andere Formen von Fremdenfeindlichkeit verfasst. Schiffer sei eine „rote Mauermörderin“ und im Pakt mit den „mohammedanischen Halsabschneidern“ heisst es in einem der anonymen Briefen an die Leiterin des “Instituts für Medienverantwortung” (IMV), „Du hast Dich des Hochverrats am Deutschen Volk schuldig gemacht“ in einem anderen. In Publikationen wie „Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich“ mit Constanze Wagner wird mittels Sprach- und Bildanalysen eine Reihe von Strategien rechter Demagogen zur Manipulation und Desinformation der Öffentlichkeit aufgezeigt.

Wolfgang Benz vom “Zentrum für Antisemitismusforschung” an der TU Berlin hat im “Jahrbuch für Antisemitismusforschung” die Parallelen von Islamophobie zum Antisemitismus aufgezeigt. Auch hier haben etliche Betroffene zu bellen angefangen. Der Kölner Rassismustheoretiker Mark Terkessidis schloß sich der These an, daß antisemitische Stereotype auch auf “die Muslime” übertragen würden. Er merkte auch an, daß eine analytische Differenzierung von Rassismus und Antisemitismus die Opfer von beidem gegeneinander ausspiele. Der französische Rassismusforscher Etienne Balibar leitete den seiner Auffassung nach seit dem Zweiten Weltkrieg dominierenden kulturalistisch und differenzialistisch begründeten Rassismus aus dem Antisemitismus als dessen “Prototyp” ab. “Unter einer Vielzahl von Gesichtspunkten läßt sich der gegenwärtige differenzialistische Rassismus seiner Form nach als ein verallgemeinerter Antisemitismus betrachten…Der Anti-Judaismus beziehungsweise der Judenhaß stellt nicht mehr die einzige Form des Antisemitismus dar (..) Er ist zum einen Teil eines Begriffspaares geworden (…) dessen anderer Teil ist der Araberhaß beziehungsweise die Islamfeindlichkeit.”

“Wie Treitschke die Philanthropen, die Gutmenschen als antinationale Judenfreunde denunzierte und auf Linie bringen wollte, werden Positionen, die heute solidarisch auch mit arabischen Menschen und mit Muslimen sind, die die europäischen Diskurse kritisch betrachten, mit dem Antisemitismusvorwurf konfrontiert. Und wieder wird ihre ‘Weichheit’ kritisiert, werden sie als ‘Fußtruppen der Intifada’, als Sympathisanten der ‘Dschihadisten’ denunziert.” (http://www.pampa-net.de/docs/sehnsuechte_der_deutschen.html). Die anti-islamischen Rhetorik, die sich fast immer als Verteidigung Israels und der Juden versteht, bezieht ihre Motive zu einem großen Teil aus dem europäischen Antisemitismus.

Joseph Massad, ein christlicher Palästinenser, Historiker in USA, beschäftigt sich viel mit dem was “Islamophobie” (es bleibt ein Hilfsausdruck) ausmacht, nämlich nicht Auseinandersetzung mit der Religion bzw. ihrer fundamentalistischen Auslegung, sondern z.B. die Instrumentalisierung Homosexueller aus dem islamischen Raum, sie gegen ihre Gesellschaften in Stellung bringen. Er wird auch dementsprechend angegriffen.

Patrick Bahners, ein konservativer Autor der FAZ, schrieb das Buch „Die Panikmacher“ über Abgründe in Islamdebatten. Matussek etwa attackierte die Schrift, indem er Selbstmordbomber und Scharia-Propagandisten Hirsi-Ali (“die sich verstecken muss”) und Giordano (“Holocaustüberlebender”; beide würden nur warnen vor ersteren) gegenüberstellt und insinuiert, Bahners würde erstere in Schutz nehmen. QED, kann man da sagen.

Betty Mahmoodys teilweise recht unverhohlen rassistische Schilderungen über Iran(er) (westliche Frauen und orientalische Männer, ein wichtiger Topos der Islamophobie) haben bei Manchen für Freude gesorgt. Es gibt zwei fundierte kritische Auseinandersetzungen mit “Nicht ohne meine Tochter” aus feministisch-iranischer Sicht: “Nicht ohne Schleier des Vorurteils” von Nasrin Bassiri und “Doch ohne meine Tochter” von Irandokht Shahbakhshi und Anna Boolur (beide 1991 erschienen).

Weiters:

Kai Sokolowsky: Feindbild Moslem: Über den Riesenmarkt der Islamophobie (mit einem Kapitel von W. Benz)

Edward W. Said: Orientalismus (1978)

Iman Attia: Die “westliche Kultur” und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus (2009)

Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt (2008)

John Bunzl und Alexander Senfft: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie

Thorsten G. Schneiders: Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen (hat auch eins über “Islamverherrlichung” geschrieben)

Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt (vornehmlich über das Kriegsgetrommel gegen Iran; den Reaktionen nach haben sich die Richtigen dadurch ertappt bzw in ihrer Propaganda gestört gefühlt..)

Irmgard Pinn und Marlies Wehner: EuroPhantasien. Die islamische Frau aus westlicher Sicht

Emmanuel Todd: Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet

Vincent Geisser: La nouvelle islamophobie (2002)

John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich (2009)

Nathan Lean: The Islamophobia Industry: How the Right Manufactures Fear of Muslims

Emmanuel Todd und Youssef Courbage: Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern (2008)

George Morgan und Scott Poynting: Global Islamophobia: Muslims and Moral Panic in the West

Jack Shaheen: Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People (2001, Untersuchung über Hollywoodfilme, in denen Araber eine Rolle spielen)

Stefan Weidner: Aufbruch in die Vernunft: Islamdebatten und Islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen (2011)

Annette Katzer: Araber in deutschen Augen

Joseph Dehler, Gerd Michelsen, Till Bastian: Selbstbesinnung gegen neue Feindbilder: Europa und der Islam (1992)

Arndt Graf (Hg.): Orientalism and Conspiracy: Politics and Conspiracy Theory in the Islamic World (2010)

Katajun Amirpur, Ludwig Ammann (Hg.): Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion (2006)

Fatima Mernissi: Geschlecht. Ideologie. Islam (1998)

Sabine Schiffer, Constantin Wagner: Antisemitismus und Islamophobie: Ein Vergleich (2009)

Chris Allen: Islamophobia (2009)

Johannes Feichtinger und Johann Heiss (Hg.): Geschichtspolitik und “Türkenbelagerung” (2013)

Peter Gottschalk, Gabriel Greenberg: Islamophobia: Making Muslims the Enemy (2007)

Ilija Trojanow, Ranjit Hoskoté: Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen (2007)

Regina Göckede, Alexandra Karentzos (Hg.): Der Orient, die Fremde. Positionen zeitgenössischer Kunst und Literatur (2006)

John R. Bowen: Feind Islam (2013; englisches Original „Blaming Islam“, 2012)

Farid Hafez: Jahrbuch für Islamophobieforschung 2014 (2014)

Filme: “Islam, antéchrist et jambon-beurre” Doku-Film von Paul Moreira (Französisch); “Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People” Dokumentation von Sut Jhally (Englisch), Ergänzung des Buchs von Jack Shaheen

Online-Artikel, Webseiten und Blogosphäre:

www.hintergrund.de/201107121647/feuilleton/zeitfragen/sieg-oder-holocaust.html

www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24739/1.html

* www.thenation.com/article/157245/great-islamophobic-crusade (von Max Blumenthal)

www.americanprogress.org/issues/2011/08/pdf/islamophobia.pdf

http://972mag.com/the-israeli-incitement-problem/

*