Zum Leben von Frederik Willem de Klerk

Der Mann der die Apartheid abschaffte?

Das Ende der Apartheid wurde vor 30 Jahren eingeläutet, als der damalige Präsident Südafrikas, Frederik Willem de Klerk, am 2. Februar 1990 im Parlament eine 45 Minuten lange Rede hielt, mit überraschenden Ankündigungen. Es war die Zeit des “Mauerfalls“, des Endes des Ostblocks, Vaclav Havel war eben Präsident der Tschechoslowakei geworden,… Und die Konflikte im südlichen Afrika hatten auch viel mit dem Kalten Krieg zu tun. De Klerk war 1989 Präsident geworden, als Nachfolger von Pieter Willem Botha, nach über 10 Jahren als Minister. 2019 hat Südafrika den 25. Jahrestag der ersten freien Wahl 1994 gefeiert. Zwischen De Klerks erstem Schritt und dieser Wahl lag ein langes Ringen, hauptsächlich zwischen dem African National Congress (ANC) und der Nasionale Party (NP). Der Konflikt zwischen den Initiatoren der Apartheid in Südafrika und ihren Gegnern hing eng mit jenen in anderen Ländern der Region zusammen, und es kam zu einer Lösung, einem Systemwechsel, ohne ein (vielfach vorher gesagtes) Blutbad.1 Hauptakteure jener Jahre waren F. W. de Klerk und Nelson Mandela, die das Ende der Apartheid aushandelten, dafür gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, dann den Start des demokratischen Südafrikas leiteten. Mit Mandela als Präsident, De Klerk als seinem Stellvertreter. 1997 zog sich De Klerk aus der Politik zurück, Mandela tat dies zwei Jahre später.

Nach dem Ableben von Pieter W. Botha 2006 und jenem von Marais Viljoen 2007 ist De Klerk der letzte lebende Staatspräsident und eines von fünf lebenden ehemaligen Staatsoberhäuptern von Südafrika.2 State President/ Staatspresident war die Bezeichnung für das Amt des Staatsoberhaupts Südafrikas von 1961 bis 1994. Von der Schaffung Südafrikas 1910 bis 1961 war der britische König Staatsoberhaupt gewesen, so wie jetzt noch in Canada, Australien, Neuseeland,… Im Lande vertreten wurde dieser Monarch dabei von einem Governor-General/ Goewerneur-Generaal, der bis 1943 Brite war, danach immer ein (südafrikanischer) Afrikaaner. Die Position des Staatspräsidenten war von seiner Schaffung bis 1984 repräsentativ, wurde erst danach, durch die Verfassungsreform wichtig/mächtig3, mit der das Amt des Premierministers abgeschafft wurde. Seit der Abschaffung des Apartheid-Systems mit der Wahl 1994 gibt es einfach einen President of South Africa/ President van Suid-Afrika.4 Nelson Mandela, Präsident 1994 bis 1999, starb Ende 2013 im Alter von 95 Jahren. Mit Mbeki, Motlanthe, Zuma gibt es drei lebende ehemalige Präsidenten.5

Staatsbesuch Windsor in ZA 95

Bis zu seiner Umwandlung in eine Republik 1961 waren die britischen Monarchen also Südafrikas Staatsoberhäupter gewesen, das waren 4, davon ist eine(r), Elizabeth II., ebenfalls noch am Leben (anders als ihr Vater, ihr Onkel und ihr Grossvater, die ihre Vorgänger waren), und in ihrem “eigentlichen” Amt. Elizabeth Windsor-Mountbatten war 1952 bis 1961 Staatsoberhaupt (auch) von Südafrika, als vierter britischer Monarch, steht damit in einer Reihe mit Charles Swart, Johannes und Frederik W. de Klerk, Pieter W. Botha, N. Mandela,…6 1995 besuchte die britische Königin Elizabeth Südafrika. Mandela, nunmehr Präsident, hatte sie 48 Jahre zuvor (1947) als Student beim Besuch ihres Vaters George VI. gesehen, wahrscheinlich in Johannesburg.7 De Klerk kam kürzlich zur Eröffnung des Parlamentsjahres im Parlament in Kapstadt als Besucher, erlebte die Rede von Präsident Ramaphosa zur Lage der Nation; es ist Brauch, dass ehemalige Präsidenten zu dieser Gelegenheit kommen bzw eingeladen werden.8 Die Abgeordneten der Economic Freedom Fighters (EFF) unter Julius Malema unterbrachen Ramaphosas Rede, um De Klerk verbal zu attackieren, als „Mörder“, “Apartheid-Apologet“, verlangten seinen Rauswurf.9

Dem voraus gegangen war ein Fernseh-Interview De Klerks anlässlich seiner Parlamentsrede vor 30 Jahren, mit der er die Abschaffung der Apartheid eingeleitet hat. In dem Interview (von dem hier noch die Rede sein wird) lobte er die Politik von Mbeki und Mandela, zollte dem ANC auch Lob, und redete über das Ende der Apartheid. Er distanzierte sich zum wiederholten Mal von ihr, verurteilte sie, wollte sie aber nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstanden wissen, denn es habe keinen Genozid gegeben, und mehr Tote bei der Gewalt Schwarz-Schwarz (ANC-IFP) in “seinen” Übergangsjahren. Was wiederum sehr zweifelhaft ist. Auf Nachfrage des Reporters räumte er ein, dass diese Gewalt von Apartheid-Staatsorganen geschürt wurde. Er sagte dort auch, dass er und seine Regierung die Apartheid abgeschafft haben. Eine sehr gewagte Interpretation. Auch wenn die Reaktionen auf das Interview überzogen waren, mit seinen Aussagen zur Apartheid kommt er immer wieder wie ein Elefant im Glashaus daher; er sollte wissen, wie zentral dieses Thema für die “südafrikanische Psyche” ist.

Die Frage der Beurteilung De Klerks führt Einen an die Grundfesten der Fragen der südafrikanischen Nation, aber auch des Verhältnisses Europa-Afrika, Weisse-Schwarze. Nelson Mandela wird allgemein als “Lichtgestalt” gesehen, geschätzt für sein Versöhnungswerk nach seiner Gefängnis-Entlassung, hauptsächlich dann als Präsident, als jemand, der den Übergang von der Apartheid zur Demokratie leitete, dabei viel Gewalt verhinderte, sich engagierte, Schwarze und Weisse dafür zu gewinnen. De Klerks Reputation/Erbe ist da weniger klar. Wo ist sein Platz in der Geschichte (Südafrikas und global), inwiefern entspricht er der kleinen Aufruhr im südafrikanischen Parlament, die er kürzlich dort an seinem Platz in der Besuchergallerie erfuhr? Wird er eher als letzter Apartheid-Präsident in die Geschichte eingehen, oder einer derjenigen, die den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu Stande brachten bzw leiteten? Er ist ein Teil von Mandelas Weg mit diesem gegangen; welchen Teil genau bzw welchen nicht (und gegen ihn), macht seine Kontroversität mit aus. De Klerk hat jedenfalls gewisse Grundlagen für die südafrikanische Demokratie gelegt. Bezeichnendes tat sich bei (nach) der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn und Mandela Ende 1993.

Mandela (nicht mehr mit “Winnie” zusammen), De Klerk (damals Präsident Südafrikas) und seine Frau Marike traten mit den Medaillien auf den Balkon des Rathauses von Oslo, die Leute unten jubelten Mandela mehr zu als De Klerk, einige stimmten „Nkosi Sikelel’ iAfrika“ an, damals ein “schwarzes” Befreiungslied und nicht Teil der südafrikanischen Nationalhymne; die De Klerks gingen wieder hinein. Das war gewissermaßen das “internationale Publikum”. “Radikale Schwarze” sehen ihn wie die EFF-Abgeordneten im Parlament, als einen Repräsentanten der Apartheid; “konservative” weisse Südafrikaner (besonders Afrikaaner/Buren) und (andere) Weissen-Suprematisten sehen ihn wiederum als eine Art “Verräter”, der die Apartheid aufgab (und den Schwarzen des Landes zu viel entgegen kam, nicht zu wenig). Die Einen sehen ihn als einen Repräsentanten des Apartheid-Regimes, die Anderen als Einen, der dieses unverantwortlicherweise aufgab, auflöste. Es ist diese Umstrittenheit der Grund dafür, dass es hier am Blog mehr über De Klerk gibt als über Mandela, einen eigenen Artikel. Es gibt also so eine Art negative Querfront von Kritikern/Hassern De Klerks, von „radikalen“ Apartheid-Gegnern sowie Apartheid-Nostalgikern; vor den ersten freien Wahlen 1994 hat es so eine ähnliche gegeben (siehe Kapitel “Als Präsident Südafrikas”).

Bezüglich De Klerks politischem Wirken gibt es drei Aspekte, die “diskussionswürdig” sind: Zum Einen, dass er an die Spitze des Apartheid-Systems kam. Dann, seine Jahre an dieser Spitze, als Präsident, 1989 bis 1994, die Art des Abschaffens der Apartheid, hauptsächlich die Gewalt (Schwarz gegen Schwarz) die von bewaffneten staalichen Organen in diesen Jahren geschürt wurde, zT auch selbst begangen (an De Klerk vorbei?); dazu auch im Kapitel über seine Präsidentschaft mehr. Schliesslich sein Umgang mit der Vergangenheit, die Art seiner Distanzierung/Verurteilung (von) der Apartheid; dies betrifft die Erklärung die er 1993 dazu gab eben so wie spätere Stellungnahmen, wie die in einem Interview mit Christiane Amanpour von CNN. Zu diesen Punkten noch Eingehenderes in den genannten Kapiteln sowie im Schlussabschnitt (“Leben nach der Politik”). Zur Frage, wieviel Verdienst darin liegt, die Apartheid mit zu beenden, darum geht’s im Teil über die Verleihung, also auch im Kapitel über seine Präsidentschaft. In Zusammenhang mit den fragwürdigen Aspekten in De Klerks Laufbahn stehen offene Fragen dazu: Welche Motivation hatte er bei seinem Schritt 1990 (und den folgenden) und welche Strategie verfolgte er in den Verhandlungen?

Die Einschätzungen zum ersten genannten Punkt seien hier gleich “abgehandelt”, “vorweg genommen”. Frederik De Klerk wurde Präsident Südafrikas im Apartheid-System, in dem also etwa 15% der Bevölkerung des Landes (jene, die als Weisse galten) für sich und den Rest entschieden; wobei dieser “Rest” in manchen Fragen für sich selbst entscheiden konnte (Homelands, 3-Kammern-Parlament), was Apartheid-Apologeten gross heraus stellten. Die Mehrheiten die De Klerks Partei, die NP, bekam, entsprachen in etwa 7-8 % der Gesamtbevölkerung. Andererseits, De Klerk hat die Apartheid als Präsident mit abgeschafft, durch “unilaterale” Schritte sowie Verhandlungen. Und das konnte er nur aus dieser Position. Ab Ende der 1970er hat er Ministerposten bekleidet; hätte er zB als Bildungsminister (der er in den 1980ern war) die Anweisung gegeben, die getrennten Schulen für Weisse und Schwarze abzuschaffen, hätte das kein Direktor/Inspektor umgesetzt und er wäre wohl noch am selben Tag von seinem “Boss” Botha entlassen worden – wahrscheinlich wäre das auch geschehen, wenn er nur diese Möglichkeit ggü Medien oder im Kabinett angesprochen hätte. An dieser Stelle: keines der Ministerien die De Klerk leitete, war ein Sicherheits- bzw Unterdrückungs-relevantes, daher hat er kein “Blut an den Händen” als Schreibtischtäter.10

Aber: De Klerk wirkte ca. 20 Jahre führend/gestaltend im Apartheid-System mit (70-90, als Abgeordneter und Minister), ehe er es „abbaute“. Und: es gab Weisse, auch Afrikaaner, die gegen das Apartheid-System gekämpft haben, dabei ihr Leben und ihre Freiheit riskierten. So wie Abraham „Bram“ Fischer, Enkel eines Präsidenten des Oranje Freistaats, der sich der kommunistischen Partei (CPSA/SACP) anschloss und im Gefängnis starb11, C. F. Beyers Naudé (Geistlicher der Niederländisch-Reformierten Kirche, Sohn eines Gründers des Afrikaner Broederbonds), Marius Schoon,… Joseph „Joe“ Slovo wäre im Apartheid-System im 1. Klasse-Abteil gesessen aufgrund seiner Rasse (obwohl Jude und Englisch-sprachig), hat sich (wie andere Juden, oder Inder aus der 2. Klasse) aber entschieden, es aktiv zu bekämpfen. Nicht gefangen im Kokoon des Privilegs, aber oft in Gefängnissen des Apartheid-Regimes…war auch Horst Kleinschmidt, aus einer deutschstämmigen Familie in Südwestafrika/Namibia12. Oder Michael Lapsley aus Neuseeland (der dann in Südafrika eingebürgert wurde).

Andere Weisse/Afrikaaner engagierten sich zumindest gegen die extreme Form der Weissen/Afrikaaner-Vorherrschaft, in der United Party und jenen Parteien, die daraus hervor gingen (PP, PFP, NRP, RP, IP, NDM, DP) oder in der Liberal Party of South Africa oder Black Sash; darunter auch De Klerks Bruder Willem (an einem Punkt). Diese “Liberalen” sind davor zurückgeschreckt, das Apartheid-System wirklich heraus zu fordern, die Grenzen zu überschreiten, die es ihnen setzte. Helen Suzman hat Mandela im Gefängnis besucht, und ihre PFP trat für ein qualifiziertes Wahlrecht ein. Jedenfalls: Es ist nicht so, dass De Klerk diese Optionen nicht hatte. Ein Kommentar über De Klerk aus 2012 von africasacountry: nach einem Kommentar von ihm ggü der BBC zur Wiederwahl Zumas als ANC-Chef in diesem Jahr, sehr bissig und ziemlich ungerecht. “Unlike Zuma, de Klerk never stood for office in a democratic election.”- doch, 1994, und seine Partei hat damals Zu-stimm-ung deutlich über das weisse Wählersegment hinaus bekommen, auch wenn das Wahlverhalten der Kap-Mischlinge auf die Prägung durch die Apartheid und die niederländische Kolonialherrschaft zurückgeht. Und: So gesehen wäre auch Gorbatschow total diskreditiert. Ja, De Klerk hat tatsächlich das Ende der Apartheid mit-verhandelt, es stimmt nicht ganz, dass er keine andere Wahl hatte (dazu noch mehr).

Bezüglich der Relevanz von ihm und seinen Ansichten für die (heutigen) Südafrikaner13 ist zu sagen, es gibt nicht wenige Weisse, die um Einiges reaktionärer eingestellt sind als er, afrikaans- wie englischsprachige, und bei denen es ein Gewinn wäre, wenn sie sich an ihm orientieren würden; ihn zum aktuellen Südafrika zu fragen ist nicht so abwegig und seine Kommentare dazu meist durchaus konstruktiv (> “Leben nach der Politik”). Von der selben (insgesamt sehr empfehlenswerten) Website über Nelson Mandela, anlässlich dessen Todes: “Nelson Mandela’s post-presidency saw the rise of a larger-than-life caricature of himself, one that somehow managed to be smaller than both the real accomplishments of the man as revolutionary and politician, and an apolitical, often commercial, valorization of the failures of a lengthy transition to democracy that never seems to amount to liberation.” Wird Mandelas Andenken verdreht und missbraucht, wie jenes von Martin L. King? Zur Aufrechterhaltung von ungerechten Zuständen, mit „Versöhnungs“-Ansprüchen,… nicht zuletzt international. Wenn jemand von fast allen Seiten Zustimmung/Anerkennung bekommt, muss man eigentlich misstrauisch sein.

Nun ja, verdrängt wird jedenfalls gerne, dass Mandela (mit dem ANC) den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid aufnahm und dafür Jahrzehnte ins Gefängnis gesperrt wurde (auch wenn er sich unbewaffnet engagiert hätte, wäre so etwas heraus gekommen), dann Verhandlungen aufnahm, als De Klerk dies anbot. Demokratie in Südafrika für Alle musste gegen die USA und den Westen erkämpft werden, das wird auch verdrängt. Der Artikel sagt, Mandela sei grossteils selbst schuld an seiner Rezeption mit seinem Wirken nach seiner Freilassung14, er ist auch relativ positiv über Malema. Was die Autorin, Kate Griffiths (weisse Amerikanerin, links-feministisch, aber nicht hillary-feministisch oder femischistisch) auf den Punkt bringt: “the centrality of political violence to the Mandela story has been so whitewashed and forgotten that after Mandela died, Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu, called Mandela ‘a man of vision, a fighter for freedom who rejected violence,’ grandiosely ignoring the obvious parallels between South African apartheid and the occupation of Israel/Palestine.”15

In diesem Artikel hier wird auch auf die Partei De Klerks eingegangen, die NP, die dann zur NNP wurde, es geht auch um die Geschichte Südafrikas, Post-Apartheid-Südafrika und die Afrikaaner darin, die Rassenbeziehungen,… In Südafrika ist bzw wird Alles mit Rasse und Politik verbunden, alles wird (heute vielleicht noch mehr als unter der Apartheid) rassisch konnotiert und kommentiert. Zu den Kapiteln: Nach dieser Einleitung geht es um De Klerks Wurzeln und Aufwachsen, dann seinen politischen Aufstieg, sein Wirken als Präsident, und als Vizepräsident zu Beginn der Demokratisierung, dann um sein Leben nach der Politik (die Grenze ist in etwa mit De Klerks Rückzug aus der Politik 1997 gezogen worden) inklusive Betrachtungen und Beurteilungen; am Ende Literatur (und die Fussnoten). Zur Schreibweise des Namens: Wie bei H. G. (oder HG) Wells, J. K. Rowling oder J. R. R. Tolkien werden auch bei De Klerk die Initialen der Vornamen (also FW de Klerk) häufiger benutzt als der volle Name. Im Artikel wird der Name zT so geschrieben, zT anders. Und, in Afrikaans ist es eigentlich so üblich, einen Nachnamen wie diesen (eigentlich ein französischer Adelsname) alleine mit grossem Anfangsbuchstaben zu schreiben (also: De Klerk), mit Vornamen mit kleinem Anfangsbuchstaben (also: FW de Klerk).

Wurzeln und Prägung

De Klerk stammt also von Hugenotten ab, Calvinisten in Frankreich, die dort wegen ihrer Religion verfolgt wurden, und zu einem grossen Teil auswanderten. Ein Teil ging in die Niederlande16, und ein Teil davon (darunter FW De Klerks Vorfahren) wiederum mit Schiffen der VOC an das “Kap” von Afrika.17 De Klerk: “Yes, I’m an African, born and bred. My forebears arrived in South Africa in 1688. My later forebears fought the first modern anti-colonial war on the continent of Africa, against Great Britain. I’m an African, through and through, and the fact that I’m white does not detract from my total commitment to my country and through my country, to our continent.” Er hat auch niederländische Vorfahren. Und, im 17. Jh noch dürften ein Khoisan18 und ein Inder Partnerschaften mit De Klerk-Frauen eingegangen haben.

Die „Time“ (USA) schrieb 1981: “There is a well-worn jest in South Africa that the country’s ‘colored problem’ actually began about nine months after the first Dutch settlers landed at the Cape of Good Hope in 1652. However, in the strictly segregated society that has developed since, it is no laughing matter to suggest that the Afrikaners, who make up the majority of the 4.5 million ruling whites, are anything but racially pure. Thus when a South African academic raised the possibility again last week, he rattled racial skeletons in every Afrikaner parlor and dining room. The rattles were caused by Professor Johan Leon Hattingh, director of the Institute for Historical Research at the University of the Western Cape and an Afrikaner himself. In an article published in his institute’s journal, he claimed that many of the original Dutch settlers had dalliances with black women and that as a result, few Afrikaners could claim to be of unmixed white descent. Rather than charting white South Africa’s family tree through the male line, Hattingh chose five early 18th century native women and traced their descendants. What he uncovered were some rather surprising branches. Among the descendants of an African woman called Lijsbeth, for instance, were the President of the Transvaal republic in the Boer War, ‘Oom (Uncle) Paul’ Kruger, and South Africa’s first Prime Minister, Louis Botha. In all, Hattingh counted 80 families of mixed racial roots, a substantial slice of the white Afrikaner establishment. Reaction to Hattingh’s genealogical bombshell ranged from outraged denials to bemusement.”19

In Post-Apartheid-Zeiten kann man auch in Südafrika offener darüber reden, viele Afrikaaner-Familien haben nicht-weisse Vorfahren, womit in den Familien lange heimlich umgegangen wurde. Wie die “Time” schrieb, auch „Paul“ Kruger (Transvaal-Präsident bis zum Krieg bzw 1902) muss auch nicht-weisse Vorfahren gehabt haben, was schon seine Physiognomie nahe legt. Oder Elizabeth “Betsie” Verwoerd, Witwe von “Apartheid-Apostel” Hendrik (der in der Niederlande geboren wurde, keine lange Afrikaaner-Ahnenreihe hat), 2000 in Orania gestorben. Auch der Führer der neonazistischen Afrikaaner-“Miliz” AWB, Eugene Terre’Blanche, dürfte einen farbigen Einschlag gehabt haben. Anti-Apartheid-Aktivist Horst Kleinschmidt aus Südwestafrika hat eine Vorfahrin in der Familie, die eine Nama war (ein Volk der Khoikhoi). Viele Weisse (Leute die als solche gelten) im südlichen Afrika haben Khoisan-Vorfahren.20 Auch wenn diese für Johan “Jan” van Riebeeck, dem Seefahrer, der den niederländischen Stützpunkt am Kap begründete, “swarte Honde” waren.

Frederik W. de Klerk stammt aus der oberen Klasse der Afrikaaner-Gesellschaft. Sein väterlicher Urgrossvater Johannes “Jan” C. van Rooy war in den frühen Jahren des geeinten Südafrikas Abgeordneter zum Senat, vermutlich für die (damalige) Nationale Partei (NP); wenn es sich um diesen Johannes van Rooy handelt (was sehr wahrscheinlich ist), war er auch Rektor der Potschefstroom-Universität, Vorsitzender des Afrikaner Broederbond (AB) und der Federasie van Afrikaanse Kultuurvereniginge (FAS). Jedenfalls war er auch ein Schafzüchter. Noch eine Generation zurück, dann müsste man bei jenen Vorfahren von Frederik de Klerk sein, die im “Anglo-Buren-Krieg” (heute meist Südafrikanischer Krieg genannt) kämpften (oder in Lager gesperrt wurden). Seine (väterliche) Tante Susan war die Frau von Johannes G. Strijdom, Premierminister Südafrikas von 1954-1958, von der (zweiten) NP, der zweite Regierungschef der Apartheid-Ära.21 Sein Vater Johannes „Jan“ de Klerk war der Sohn einer Van Rooy, die einen Priester der Gereformeerde Kerk in Suid-Afrika (GKSA) heiratete, der kleinsten und konservativsten der drei Niederländisch-Reformierten Kirchen in Südafrika. Johannes de Klerk wuchs in der Provinz Transvaal auf, heiratete eine Coetzer, deren Familie aus Österreich oder Deutschland kam.22

Er hatte zwei Söhne, Willem Johannes (“Wimpie”) und Frederik Willem (F.W.). Wurde Politiker, für die NP in Transvaal, nach dem 2. WK als Abgeordneter; man kann vereinfachend sagen, er war einer der Initiatoren der Apartheid, die nach der Wahl 1948 eingeführt wurde. Dazu muss man etwas ausholen. Die Rassendiskriminierung bzw Vorherrschaft der Weissen begann nicht mit der Regierung unter Daniel F. Malan 1948, also mit der Apartheid; damals begann die Vorherrschaft der Afrikaaner unter den Weissen und eine Verschlechterung der Lage der Nicht-Weissen. Aber es gab Weissen-Vorherrschaft im (britisch geprägten) Südafrika davor (1910-48)23 sowie in den Teilkolonien, die 1910 zur Südafrikanischen Union zusammengeschlossen wurden.24 Die erste NP wurde 1914/15 gegründet, war Konkurrentin der Südafrikanischen Partei (SAP), wobei die NP Vertreterin der Interessen der Afrikaaner war und die SAP an Grossbritannien orientiert war (und auch von Afrikaanern, wie Jan C. Smuts, dominiert war). 1924 überflügelte die NP die SAP und bildete die Regierung, 1933 gingen die beiden Parteien eine Regierungskoalition ein, 1934 vereinigten sie sich sogar, zur United Party.

Wobei: Der eine Teil der NP, konzentriert in der Kapprovinz25, um Daniel Malan, machte die Vereinigung nicht mit, gründete 1935 die Gesuiwerde Nasionale Party26 (GNP).27 1939 setzte sich in der UP jener Teil durch, der mit Grossbritannien in den Krieg gegen Deutschland gehen wollte, Premier James B. Hertzog trat ab, der andere Teil der Partei spaltete sich mit ihm ab, Smuts wurde wieder Premier.28 Die Abspalter unter Hertzog schlossen sich der GNP an bzw mit dieser (1940) zur Herenigde Nasionale Party29 (HNP) zusammen.30 Es gab aber Differenzen in der HNP, zwischen den “Radikaleren” unter Malan und den “Moderateren” unter Hertzog31, die Hertzog-Gruppe spaltete sich ab, konstituierte sich als Afrikaner Party (AP); diese wurde nach Hertzogs Tod 1942 von Nicolaas Havenga geführt.

Bei der Wahl 1943 setzte sich nochmal klar die UP vor der HNP durch. Premier Smuts hat möglicherweise die eine oder andere Liberalisierung zugunsten von Nicht-Weissen (Schwarze, Asiaten, Mischlinge) geplant, unter dem Druck, Wähler nicht an HNP und AP zu verlieren32 dies aber fallen gelassen – das ist aber eine andere Geschichte. Bei der Wahl 1948 besiegte die HNP die UP, bildete eine Koalition mit der AP (mit der sie ein Wahlbündnis eingegangen war), Daniel Malan wurde Premier, die Apartheid begann. Der “Untergang” des alten Südafrikas mit Smuts 1948 weist manche Parallelen zum Ende der Apartheid 1994 auf. HNP und AP vereinigten sich 1951 zur (neuen) Nationalen Partei (NP). Ob “Jan” de Klerk von der GNP kommt (jenen die 34/35 nicht die Vereinigung zur UP mitmachen wollten) – jetzt kommen wir wieder zum “Faden” des Artikels – oder von der UP (jenen, die sich 39 abspalteten und dann mit der GNP die HNP machten), war nicht zu eruieren.

De Klerk wurde in den 1950ern Minister unter seinem Schwager Strijdom, blieb dies unter dessen Nachfolgern Verwoerd und Vorster, in verschiedenen Ressorts, darunter als Innenminister 1961-66 sowie als Bildungsminister, wie sein Sohn dann. Dann wurde er (wieder?) Senator, war 69-76 Senats-Präsident, und als solcher im April ’75 neun Tage Interims-Staatsoberhaupt; vom Ende der Amtszeit von Jacobus Fouché bis zum Amtsantritt von Nicolaas Diederichs. Der Senats-Präsident war erster Vertreter des Staatspräsidenten, und 1961 war Südafrika ja Republik geworden.33 „Jan“ de Klerk war ein NP-Parteisoldat, ein Apartheid-Funktionär, erliess als Innenminister etwa ein Verbot für Südafrikaner, an “gemischt-rassigen” Sportwettkämpfen teil zu nehmen, wehrte sich als solcher gegen Aufweichung der Rassengrenzen im Sport. Er starb 1979, also etwa da, als sein Sohn Minister wurde.

Frederik Willem de Klerk wurde auch in der Gereformeerden Kerk aufgezogen, in Transvaal, ist auch religiös geworden. Ob er einen Militärdienst abgeleistet hat, war nicht herauszufinden. Tiara hat an deshalb an die De Klerk-Stiftung ein Email geschickt, dies und Anderes gefragt34, aber keine Antwort bekommen. Was sich sagen lässt: die Union Defence Force (UDF), die früheren Streitkräfte Südafrikas, und anfänglich auch die South African Defence Force (SADF), bestanden in der Regel aus Berufssoldaten (Offiziere/Unteroffiziere), in Kriegszeiten wurde Wehrpflicht erlassen, das war in den beiden Weltkriegen der Fall. In beiden stand Südafrika GB und dessen Verbündeten bei (gegen das Deutsche Reich und dessen Verbündete), und beide Male gab es sehr grossen innenpolitischen Aufruhr deshalb, im 1. WK auch eine Meuterei.

1957 die Umwandlung der UDF in die SADF (afrikaans: Suid-Afrikaanse Weermag/ SAW). Die Wehrpflicht wurde in Südafrika 1967 eingeführt (von der NP-Regierungsmehrheit, mit Unterstützung der Opposition), für weisse Männer ab 17, die Dauer wurde dann mehrmals verlängert. De Klerk dürfte fürs Militär zu früh geboren worden sein, dort nicht gedient haben. Seine Vorgänger als Regierungschefs in der Apartheid-Zeit, Malan, Strijdom, Verwoerd, Vorster, P. Botha waren alle zumindest keine Offiziere gewesen, im Gegensatz zu den 3 Regierungschefs der Prä-Apartheid-Zeit (L. Botha, Smuts, Hertzog), die Buren-Milizen befehligt hatten, sich dann politisch am Aufbau der UDF beteiligt. Die UDF war, wie alle staatlichen Institutionen damals, Ort von Ausgleich und Konkurrenz zwischen Afrikaanern/Buren und Englischsprachigen.

Marike Willemse en FW de Klerk op universiteit 56

FW De Klerk studierte Rechtswissenschaften an der Universität Potchefstroom; lernte dort Mar(e)ike Willemse kennen, so wie er aus einer konservativen Oberschicht-Afrikaaner-Familie (1959 Heirat).35 Willem De Klerk hat in seiner Biografie über den Bruder geschrieben, dass dieser als Student Hockey und Tennis spielte. Wahrscheinlich ist Feldhockey gemeint, und nicht das in Südafrika sehr exotische Eishockey. Das war in den 1950ern, als sich die Apartheid über Südafrika (mit De Klerk senior als Minister) breitete. Als sich in Europa der Faschismus verzog, war er in Südafrika an die Macht gekommen (1948).36 Aber, eine Mehrheit der Buren/Afrikaaner fühlte, dass sie nun endlich bekommen hatten, was ihnen zustand, und sie zu lange “das Opfer” gewesen waren. Hauptsächlich der Briten, und 1910-48 war es ja immer wieder zu burischem Aufbegehren gekommen.

Strand bei Kapstadt Apartheid-Zeit

Die Herrschaft der NP war demographisch (Mehrheit Buren unter Weissen) bzw durch den Ausschluss Nicht-Weisser von Wahlen gut abgesichert. Besonders in ländlichen Gegenden, wo Afrikaans-Sprachige ggü Englisch-Sprachigen zahlenmäßig noch mehr dominierten als in Städten, und Bildungsferne oft noch als Faktor hinzu kam; Einheit unter Buren über soziale Grenzen hinweg zu erhalten, war oft schwierig, gelang aber. In der Apartheid-Zeit wurden Entscheidungen eigentlich nicht im Parlament (von dessen Wahl ohnehin 3/4 der Bevölkerung ausgeschlossen war) getroffen (eher ausgeführt), sondern innerhalb der NP bzw im Afrikaner Broederbond. Auch De Klerk wurde Mitglied dieser Afrikaaner-Organisation. Die United Party/ Verenigde Party (UP) war nach ihrer Wahlniederlage 1948 bis 1977 die stärkste Oppositionspartei und vertrat den grössten Teil der englischsprachigen weissen Bevölkerung (darunter waren auch die meisten Juden). Sie war gegen die Apartheid, aber für eine andere (weniger extreme) Art weisser Vorherrschaft.37 Die UP wurde 1956-77 geführt von DeVilliers Graaff (also einem Afrikaaner), Graaff war in dieser Zeit also Oppositionsführer.

1959 spaltete sich der liberale Flügel der UP, mit Helen Suzman (Gavronsky), Harry Oppenheimer und Anderen, ab und gründete die Progressive Party (PP).38 Die PP war für ein qualifiziertes Wahlrecht, eines das von Einkommen (bzw Steuerleistung) und Bildung abhängig war, was einen grossen Teil der Nicht-Weissen wiederum ausgeschlossen hätte. Die PP und ihre Nachfolgeparteien (PFP, DP,…) bekämpften die Apartheid keinesfalls radikal. Auf die PP (und ihre Nachfolgeparteien) und die UP (und ihre Nachfolgeparteien)39 verteilte sich also der allergrösste Teil der Stimmen der englischsprachigen Weissen, diese Parteien standen für eine Liberalisierung der weissen Vorherrschaft, waren die Opposition im südafrikanischen Parlament; bis 1961 gab es zudem, vereinzelte Mandate für kleinere Parteien, 61 bis 87 waren nur diese 3 Parteien vertreten. In den 1980ern kam dann die Konservative Partei (KP) hinzu, eine Afrikaaner-Partei rechts von der NP.40

Die kommunistische Partei, die als CPSA, dann als SACP aktiv war, war lange Zeit die einzige südafrikanische Partei, in der Menschen aller Rassen willkommen waren, und die die Gleichheit dieser “Rassen” vor dem Gesetz befürwortete. Wobei sie von 1950 (Verbot kommunistischer Tätigkeit) bis 1990 im “Untergrund” aktiv sein musste und allein schon die Zugehörigkeit zu ihr ein Strafdelikt war. Die SACP ging ein Bündnis mit dem 1960 verbotenen African National Congress (ANC) ein.41 Nach dem 2. Weltkrieg war gerne von einem “freien Westen” die Rede und “kommunistischen Bedrohungen”, bei Hendrik Verwoerd, Dwight Eisenhower oder Francisco Franco. Eine „kommunistische Gefahr“ wurde gerne vorgeschoben, zur Rechtfertigung der Bekämpfung von Demokratien oder Unabhängigkeits-Bewegungen. Bei Südafrika zeigt(e) sich auch die Rolle des Christentums in diesem Diskurs, seine Heranziehung zur Rechtfertigung dieser speziellen Form der Ethnokratie, der Hass und die Dämonisierung von Desmond Tutu (dem anglikanischen Bischof) von Gegnern des Endes der Apartheid,…42

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)43, eine rechtskonservative deutsche “Menschenrechtsorganisation” mit internationalem Anspruch, konzentrierte sich früher ausschliesslich auf Menschenrechtsverletzungen unter kommunistischen Regimen, während beispielsweise das südafrikanischen Apartheid-Regime nicht kritisiert/ hinterfragt wurde. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 1980er, Anfang der 1990er wechselte sie den Fokus, der Zeit gemäß, auf islamische Staaten.44 Der Vorwurf rechtsextremer Sympathien, jammert die IGFM, komme „fast ausschliesslich von marxistischen oder antifaschistischen Gruppen“, welche eine negative Imagekampagne betrieben. Aber, auch in solchen Kreisen hatte man einen Buthelezi, einen Mangope, einen Savimbi, einen Mobutu,… 1962 wurde Nelson Mandela in Natal verhaftet, 1963 andere Aktivisten des ANC und der SACP auf einer Farm in Rivonia bei Johannesburg; in einem Prozess 1963/64 wurden die Betroffenen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die CIA spielte bei der Festnahme Mandelas eine wichtige Rolle, dies illustriert das Tandem von antikommunistischer und rassistischer Politik in Jahren des Kalten Kriegs.45

Dies sollte nicht vergessen werden angesichts des grossväterlichen Mandela der späten Jahre, in dessen Wärme sich zB “Bill” Clinton sonnte. 1962, in dem Jahr in dem Nelson Mandela für 28 Jahre ins Gefängnis musste, gründete Frederik W. de Klerk eine Anwaltskanzlei, in Vereeniging (Transvaal). Er ist einer der Politiker die Juristen sind, was häufig vorkommt (siehe), auch Mandela war einer, nur musste der um ein normales Leben (in vieler Hinsicht) kämpfen. Zwei weitere der wichtigsten Führer des ANC im Widerstand gegen die Apartheid, Oliver Tambo und Joe Slovo, waren Anwälte.46 De Klerk in Bezug auf die Verhandlungen mit Mandela 1990-93: „Ein Vorteil war es, dass wir beide früher Anwälte waren. Zum Anwaltsberuf gehört es, voreilige Schlüsse zu vermeiden, analytisch zu denken.“ De Klerk hat(te) als Jurist einen gewissen Respekt vor Rechten Anderer, wies den “Sicherheits”apparat des Apartheid-Regimes in Schranken; bestand aber in den Verhandlungen auch darauf, dass der Übergang zur Demokratie durch Änderungen der bestehenden Ordnung/Verfassung (und nicht etwa durch “plötzliche” freie Wahlen) über die Bühne gehen müsse. Ja, zu der Zeit als Mandelas Gefängniszeit auf Robben Island vor Kapstadt begann, mit Arbeit im Kalksteinbruch, begann De Klerk mit seiner Kanzlei in Transvaal.

1958 war Hendrik F. Verwoerd (NP) Premierminister Südafrikas geworden, zu seiner Zeit kam die Apartheid an einen “Höhepunkt” (sie wurde nochmal verschärft und die Zustimmung unter Afrikaanern war am stärksten), kam es im südlichen Afrika zu einer Eskalation (was zT mit seiner Politik zu tun hatte), zu Umbrüchen. Unter Verwoerd wurde die “grosse Apartheid”, die Schaffung von Homelands/Bantustans, voran getrieben. Die NP hatte 1961 und 1977 ihre besten Wahlergebnisse, den grössten Zuspruch unter Weissen. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass in den 1960ern die Bemühungen, Afrikaaner in die Mittelschicht zu “befördern”, Resultate zeigten. 1960 das Massaker bei einer Protestveranstaltung des PAC (eine Abspaltung vom ANC), dann das Verbot von ANC und PAC. Diese Organisationen nahmen nun aber den bewaffneten Widerstand gegen die Unterdrückung der Schwarzen auf, vom Untergrund und vom Exil aus; der ANC mit seiner damals gegründeten Miliz Umkhonto we Sizwe (MK). Die Geschichten von ANC und NP führten in den frühen 1960ern zusammen, in dieser Zeit der Eskalation. Tambo war bereits vor dem Rivonia-Prozess ins Exil gegangen, wurde 1967 Präsident des ANC, als Nachfolger des verstorbenen Albert Lutuli.47

Die globale Entkolonialisierung (> 1960 Afrika!) bewirkte, dass es in internationalen Gremien zunehmend nicht-weisse Mitgliedsstaaten gab, die sich der Apartheid in Südafrika annahmen; diese kam in dieser Zeit also international allmählich unter Beschuss, wobei sich auch westliche Regierungen, Parteien, Organisationen daran beteiligten. Grossbritanniens konservativer Premier Harold Macmillan hielt ja auf seiner Afrika-Reise 1960 im südafrikanischen Parlament die “Winds of change”-Rede. Dies wiederum motivierte die NP/Apartheid-Regierung unter Verwoerd, sich von Grossbritannien endlich ganz abzunabeln und auch das (nun) multirassische Commonwealth of Nations zu verlassen. Die UP (die ja primär die englischsprachigen Weissen vertrat) war beim Referendum 1960 zur Umwandlung Südafrikas in eine Republik für ein “Nein”. Die “Ja”-Mehrheit war auch ziemlich knapp.48 Die Union of South Africa/ Unie van Suid-Afrika wurde also 1961 zur Republic of South Africa/ Republiek van Suid-Afrika, und der letzte Generalgouverneur Charles R. Swart wurde erster Staatspräsident, nachdem ihn das Parlament dazu wählte.49

Die nunmehrige Republik Südafrika hatte auch nach dem Entkolonialisierungsschub in Afrika 1960 keine unabhängigen Nachbarstaaten, die Apartheid war von einem “Schutzgürtel” (Cordon sanitaire) umgeben (bzw im Norden benachbart); das änderte sich nur allmählich. In den 1960ern begannen Auflehnungen in Südwestafrika/Namibia (das seit dem 1. WK von Südafrika verwaltet wurde), im späteren Mocambique und Angola gegen die portugiesische Kolonialherrschaft, in (Süd-)Rhodesien gegen das dortige weisse Minderheitsregime; wurden Lesotho (vormals Basutoland), Swaziland, Zambia (vormals Nord-Rhodesien), Botswana (vormals Bechuanaland), Malawi (vormals Nyassaland),… unabhängig.

Und, die SU (bzw der Ostblock) begann, antiimperialistische Kräfte in Afrika zu unterstützen: ANC, ZANU, SWAPO, FRELIMO, MPLA, bzw ihre Milizen; auf der Gegenseite gab es auch ein Bündnis, unter Führung der Republik Südafrika, das in verschiedener Hinsicht vom Westen (USA, GB,…) unterstützt wurde; die Kriege (oder: der Krieg?) im südlichen Afrika war(en) natürlich in den Kalten Krieg eingebettet. Der Beginn der “Grenzkriege” wird allgemein mit 1966 angesetzt, als der Kampf der SWAPO in Südwestafrika begann. Im August ’66 griff eine Einheit der SADF (südafrikanisches Militär) eine Basis der SWAPO-Miliz PLAN in Omugulugwombashe an (gleichzeitig der Beginn des namibischen Unabhängigkeitskrieges). Bis zu den Umwälzungen in der Regierungszeit Verwoerds war die Verteidigungspolitik Südafrikas noch immer an GB orientiert gewesen.

Im Monat darauf war der zweite Anschlag auf Apartheid-Premier Verwoerd erfolgreich, Johannes “John” Vorster übernahm; Pieter Willem Botha war bereits unter Verwoerd Verteidigungsminister geworden50, machte unter Vorster weiter, leitete die Militarisierung Südafrikas. Gekämpft wurde hauptsächlich in Angola, Mocambique, Südwestafrika, Rhodesien, zwischen Verbündeten und Gegnern des Apartheid-Regimes, wobei dieses hauptsächlich in Südwestafrika direkt mitmischte. FW De Klerk arbeitete 10 Jahre als Anwalt, wurde dann 1972 Abgeordneter der NP, statt Jus-Professor in Potchefstroom. 1976 unternahm De Klerk als Abgeordneter eine Reise in die USA, sprach später davon, dass dort eine striktere Rassentrennung als im Südafrika der Apartheid herrschte…

Wobei es Apartheid-Zustände dort v.a. in der Süd-USA und bis Mitte der 1960er (Bürgerrechtsbewegung, Bürgerrechtsgesetze von L. Johnson) gab. Miriam Makeba: „Der Unterschied zwischen USA und Südafrika ist sehr gering. Nur dass Südafrika zugibt, das es ist, was es ist“.51 Über F. W. de Klerks älteren Bruder Willem gibt es (etwas überraschend) auf der französischen Wikipedia einen Artikel. Willem de Klerk war Theologe, dann Journalist („Die Transvaaler“, „Rapport“, beide an die Nasionale Party gebunden), politisch etwas anders gepolt als sein Bruder, wurde etwas früher liberal(er), war einer der “aufgeklärten” Afrikaaner-Intellektuellen. Er war 1989 ein Mitbegründer der Democratic Party (DP), die das Erbe der UP, der PFP und von einigermaßen liberalen NP-Abspaltern (wie Willem de Klerk) in sich vereinte.52

New Orleans (USA), 1960

Politischer Aufstieg

Die PP gewann 1974 weitere Sitze hinzu, 1975 wurde aus ihr die Progressive Reform Party, 1977 die Progressive Federal Party.53 Aus der UP wurde vor der Wahl 1977 die New Republic Party (NRP), auch der Langzeitchef Graaff trat ab. Bei dieser Wahl überholte die PFP die NRP. Die NP verlor ab den 70ern an HNP, BSP, KP Stimmen derjenigen Buren, denen sie zu „liberal“ geworden war, weniger an die liberaleren Parteien; sie wurde aber eigentlich nicht liberaler. Als erste dieser noch radikaleren Buren-Parteien war 1969 die Herstigte Nationale Party (HNP) entstanden, unter (Johannes) Albert(us) Hertzog, Sohn von James, früher NP-Minister. Sie hat nie Sitze errungen, hauptsächlich aufgrund des Mehrheitswahlrechts. Mit der portugiesischen Entkolonialisierung 1975 war der Schutzgürtel von Apartheid-Südafrika fast weg.54 Premier Vorster versuchte mit seiner Detente-Politik Verbündete in Afrika zu finden, so wie Mobutu, den Diktator der DR Congo (damals “Zaire”) oder die Machthaber der Republik Biafra, die versuchte, sich von Nigeria zu trennen.55 1980 wurde Rhodesien als Zimbabwe unabhängig und demokratisch; mit dem Ende der dortigen Minderheitsherrschaft kamen einige Tausend Weisse nach Südafrika.56

F. W. De Klerk wurde Anfang 1978 unter Premier Vorster Minister, hielt anscheinend zwei Ressorts gleichzeitig, war Sozial- sowie Telekommunikations-Minister. In Vorsters ersten Regierungen war sein Vater noch Minister gewesen. 77-79 flog in Südafrika der “Informations-Skandal” auf; nach Cornelius P. Mulder, dem damaligen Informationsminister in der Regierung von Premierminister Vorster auch “Muldergate” benannt, ging es dabei um eine aufwändige Propaganda-Offensive des Regimes in den 1970ern in Südafrika und international, mit dem Ziel, die Meinung über die Apartheid zu verbessern. Sie führte zum Rücktritt von Vorster als Premier, der 1978 zunächst Staatspräsident wurde, ’79 auch als dieser zurücktreten musste; zum Aufstieg von P. W. Botha, der 78 Premier wurde.57 Vorster leistete Botha 78/79 noch ein “Rückzugsgefecht” bzw einen Machtkampf, den er verlor, so wie Botha gut 10 Jahre später den mit De Klerk. Botha war etwas liberaler als Vorster bzgl Rassendiskriminierung, führte die „Grenzkriege“ aber brutal weiter. 1976 war das Fernsehen erst nach Südafrika gekommen, mit der Rundfunk-Anstalt SABC/SAUK, Botha war der erste Herrscher Südafrikas, der dieses Medium ausnutzte. De Klerk behielt zunächst seinen Ministerposten für Telekommunikation und Post, bis 1979, verlor den anderen mit der Regierungsumbildung.

Bekam anscheinend das Sportministerium dazu (1978/79), wurde dann Minister für Bergbau, Energie und Umweltplanung (1979/80), dann durch eine Neu-Zuschneidung der Ministerien Ressortchef für Mineralien und Energie (1980-82); tatsächlich war er 1979-82 Chef des selben Ministeriums, und dieses (Bergbau betreffend58) war sein erstes wirklich wichtiges! Unter Botha wurde Anfang der 1980er die Verfassung reformiert, das Amt des Premierministers/Ministerpräsidenten abgeschafft, das des Staatspräsidenten mit Exekutivgewalt ausgestattet, zu den Homelands kamen nun Parlaments-Kammern sowie Regierungen für Inder und Farbige.59 Macht von Weissen an Nicht-Weisse abgetreten wurde damit nicht, und die wichtigste Anti-Apartheid-Opposition (ANC) wurde dabei umgangen. Botha liess auch einige Apartheid-Gesetze abschaffen, so wie 1985 die Unsittlichkeits-Gesetze (Ontugwet/ Immorality Act) von 1927 (also vor der Apartheid-Zeit erlassen!; 1950 ergänzt) und 1957, die v.a. sexuelle Beziehungen zwischen Weissen und Nicht-Weissen verbaten… Mit der Zulassung schwarzer Gewerkschaften begann der Aufstieg (bzw die politische Tätigkeit) des jetzigen Präsidenten Ramaphosa (ANC), dieser hat 1982 die Bergarbeitergewerkschaft NUM gegründet.

Ja, Pieter W. Botha war innerhalb des Apartheid-Regimes bzw der NP ein Liberaler, ein Reformer, ein Verligter60… Aus Protest gegen diese “Zugeständnisse” gab es wie schon öfters in der Geschichte der NP eine Abspaltung, 1982 unter dem ehemaligen Minister Andries Treunicht, die Gründung der Konserwatiewe Party van Suid-Afrika (KP)/ Conservative Party of South Africa (CP). 1985 bot Botha dem inhaftierten Mandela die Freilassung unter Bedingungen an, was dieser ablehnte, da die Apartheid natürlich blieb und der ANC verboten blieb.61 Im selben Jahr dann die „Rubikon-Rede” Bothas, in der er das Festhalten am bestehenden System verkündete.62 Das Regime konnte die Apartheid nicht ganz umsetzen, die meisten Weissen konnten nicht ohne schwarze Arbeitskräfte auskommen, nicht im Bergbau, nicht in der Landwirtschaft, nicht in ihren Haushalten; Widerstandsbewegungen wie der ANC wiederum konnten ihm zwar schaden, es mit seiner waffentechnischen Überlegenheit aber nicht stürzen.

1982 wurde De Klerk NP-Chef in der Provinz Transvaal, als Nachfolger von Andries Treurnicht, der die Partei ja verliess. Transvaal63 war seine Machtbasis64, De Klerk rückte in den 1980ern in den inneren Kreis der Nationalen Partei auf, kam ins Zentrum der Macht. Unter Botha war er 1982-85 Innenminister, was aber nicht das Ministerium war, dem die Polizei und Gefängnisse unterstanden, das war das Ministerium für Gesetz und Ordnung. 1984 wurde er Bildungsminister, blieb das bis 1989. Zusätzlich wurde er 1985 (wiederum bis 89, als er Präsident wurde) Chef des Ministerrats der “weissen Parlaments-Kammer”, des House of Assembly/ Volksraad. Mit der 1984er-Verfassung wurden ja zwei weitere Kammern geschaffen, das House of Representatives für “Farbige” und das House of Delegates für Inder. Alle drei Kammern hatten eine eigene Regierung, die rein für die Belange dieser “rassischen Gruppe” in Südafrika zuständig war. Dazu gab es die eigentliche Regierung, die von Botha als Präsident geführt wurde (und der De Klerk als Minister auch angehörte), die Alles umstossen konnte was die niederen Kammern beschlossen. Daran änderte auch ein Präsidentschaftsrat, in dem Vertreter aller 3 Kammern sassen, nichts.

Einige von Bothas Ministern gehörten auch (eine Zeit lang) der (unwichtigeren) weissen Regierung an, die also ab 85 von De Klerk geführt wurde; dieser war selbst ja auch Minister im “eigentlichen” Kabinett. So wie Sarel Hayward65 und Willem van Niekerk. Minister unter Botha waren zB auch A. Schlebusch (der ehemalige Vizepräsident), Roelof Botha (der auch unter Präsident De Klerk Minister blieb), Hartzenberg (der dann zur KP ging), “Kobie” Coetsee (ein wichtiger Politiker der 80er und 90er, während und nach der Apartheid). Rajbansi und Hendrickse, Regierungschefs ihrer Parlaments-Kammern (Inder, Farbige/Mischlinge), waren 84-89 Minister für Angelegenheiten ihrer Rassen im Kabinett Bothas… De Klerk war in der zweiten Hälfte der 1980er primär Bildungsminister, der “weisse Regierungschef” lief eher nebenbei (war aber Ausdruck seiner Bedeutung im Regime). Als sich 1988 Daniel Craven und Louis Luyt vom weissen Rugby-Verband SARB (zwei Konservative!) im Ausland mit ANC-Offiziellen trafen (eines der vielen Geheimgespräche der 1980er), kommentierte Bildungsminister De Klerk66 dies so: “I must warn sportsmen that they should not allow themselves to be abused by the ANC with a view to advancing its objectives.”

Anfang der 80er, als De Klerk Minister unter Botha war, kam Mandela in ein Gefängnis am Festland bei Kapstadt. 1985 musste er zu einer medizinischen Behandlung nach Kapstadt; dort besuchte ihn Justizminister Jacobus „Kobie” Coetsee, womit die Geheimgespräche zwischen Widerstand (ANC) und Regime (NP) begannen. Diese liefen in den 1980ern auf verschiedenen Ebenen an, hauptsächlich zwischen dem inhaftierten Mandela und Regierungsvertretern.67 Der Afrikaner Broederbond erwog unter seinem neuem Chef Pieter de Lange in 1980ern eine Machtteilung mit den Schwarzafrikanern: „Das grösste Risiko ist es, keine Risiken einzugehen“. Die Vor-Verhandlungen (an denen De Klerk kaum beteiligt war) erleichterten dann in den 1990ern den Übergang zur Demokratie. Als das Regime realisierte, dass Mandela bei einem Kompromiss eine Schlüsselrolle spielen könnte, bzw dass man den möglichen künftigen Präsidenten einsperrte, begann man, ihn besser zu behandeln. 1988 wurde er in das Gefängnis in Paarl verlegt.68

Bei den Wahlen 1987 wurde in der weissen Kammer die Konservative Partei (KP/CP), die also rechts von der NP stand, Zweiter, überholte die PFP, wurde “offizielle Opposition”. Die Progressive Federal Party (PFP) und ihre Nachfolgerin Democratic Party (DP), die sich damals die sich zumindest für eine schrittweise Aufhebung sämtlicher Apartheidsgesetze aussprachen, konnten in den 1980ern an die 20 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen, die PFP wurde aber rechts überholt. Ein Donald Simpson schrieb in der Zeitung „The Star“, dass die NP die nächste Wahl an die KP verlieren würde.69 Die KP gab sich zwar radikal afrikaanisch, war aber zb nahe bei beim britisch-imperialistischen Western Goals Institute70, dürfte für mehr „Einheit“ der beiden weissen Gruppen gewesen sein. Ende der 1980er schwenkten auch Reagan, Thatcher, Shamir, Kohl,… zwangsläufig zu einer gewissen Opposition zur Apartheid ein – was auch mit sich brachte, dass einige dieser Herrscher um eine Diskussion mit ihrem eigenen System herum kamen. Es gab aber westliche Politiker wie F. J. Strauss, die dem Apartheid-System bis zum Ende treu blieben.71

Unter Botha als Regierungschef war Südafrika ein Polizeistaat (Minister für “Gesetz und Ordnung” war ab 1986 Adriaan Vlok), entschied das Militär in der Politik mit (Verteidigungsminister ab 1980 war Magnus Malan72). Der innere Konflikt Südafrikas und die damit verbundene länderübergreifende Gewalt im südlichen Afrika kamen Ende der 1980er zu einem Höhe- und Endpunkt. 1987/88 die Schlacht von Cuito Cuanavale in Angola73; auf der einen Seite SADF, SWATF, UNITA/FALA (unterstützt von Zaire, USA), auf der anderen Seite der angolanische Staat (MPLA/FAPLA), kubanisches Militär, SWAPO/PLAN (unterstützt von der SU), wahrscheinlich keine Einheiten von ANC/MK. Im Nachhinein beanspruchten beide Seiten den Sieg, auf beiden Seiten gab es Unwillen und Widerstand dagegen, den bewaffneten Kampf aufzugeben, zu „kapitulieren“. M. Malan verbreitete um 1992 ggü SADF-Soldaten eine Dolchstosslegende („unbesiegt von Politikern betrogen“), auf der Gegenseite gab es so etwas auch, das Gefühl mit Verhandlungen den Kampf „betrogen“ zu haben. Denn bald nach den Kämpfen begannen Verhandlungen, diese führten zum Angola-Namibia-Abkommen 1988, mit diesem gingen die Kriege im südlichen Afrika zu Ende. Der Vertrag sah ein Friedensabkommen für Angola und die Unabhängigkeit von Namibia vor.74

Wahrscheinlich hat schon bei dieser Friedenslösung eine Rolle gespielt, dass die SU unter Michail Gorbatschow 1988/89 ihre Unterstützung für Angola, Mocambique, den ANC und SWAPO reduzierte. Die Umstürze in Osteuropa 89-91 hatten natürlich auch mit der Perestroika zu tun, hauptsächlich dadurch, dass die SU die Entwicklungen in Ungarn, Polen,… zuliess. Infolge des Namibia-Angola-Abkommens wurde in Namibia/Südwestafrika im November 89 ein Parlament gewählt, in dem die SWAPO eine deutliche Mehrheit bekam; etwa ein halbes Jahr später wurde Namibia unabhängig. Das Ende des angolanischen Bürgerkriegs zog sich bis 1992 hin, und war auch dann nicht “endgültig”, die UNITA gab erst nach dem Tod ihres Führers Savimbi 02 auf. Zu Beginn des Jahres ’89, als Ungarn begann, als erster der Ostblock-Staaten sein kommunistisches System abzuschaffen (gefolgt von Polen), begann in Südafrika der Abgang von Staatschef Pieter W. Botha. Der Abgang war eine Mischung aus krankheitsbedingem Rücktritt und Palastrevolte. Botha erlitt im Jänner 1989 einen (milden) Schlaganfall, Verfassungsminister J. Christiaan “Chris” Heunis wurde geschäftsführender Staatspräsident, bis März des Jahres.

Im Februar 89 trat Botha als Vorsitzender der NP zurück, erwartend dass der von ihm favorisierte Finanzminister Barend du Plessis zu seinem Nachfolger gewählt werden würde. Die Parlamentsfraktion der NP wählte aber Frederik Willem de Klerk zu seinem Nachfolger – 8 Stimmen machten den Unterschied zwischen ihm und Du Plessis aus. Aussenminister „Pik“ Botha, der in dieser Abstimmung ebenso (wie auch Heunis) angetreten war, wurde Verbündeter De Klerks im Machtkampf um die Nachfolge von Pieter Botha als Präsident. Der wollte als solcher weitermachen, nachdem er im März zurückgekehrt war. D. Malan löste einst nach dem Wahlsieg der HNP Smuts als Premier ab; zog sich 1954 mit 80 Jahren zurück, es gab einen Nachfolgekampf zwischen Strijdom, Dönges und Havenga, Ersterer (De Klerks Onkel) setzte sich ja durch; Verwoerd folgte auf Strijdom nach dessen Tod ’58, wurde ’66 ermordet, worauf Vorster nachrückte, der 78/79 zurücktreten musste, Widerstand gegen seine “Entmachtung” durch Botha leistete. Und 89 stieg also De Klerk während Bothas Erkrankung und welt- und regionalpolitischer Umbrüche zur Macht auf, zunächst innerhalb der Partei. Blieb Minister und suchte Gespräche mit den Mächtigen der westlichen Welt (v.a. Bush sen., Thatcher).

De Klerk war bei seiner Machtübernahme 89 Bildungsminister, Vorsitzender des weissen Ministerrats und Parteichef in Transvaal. Die Position des „weissen Regierungschefs“ deutet inhaltlich wie “formal” auf eine Verhaftung im Apartheid-System hin. Er bekam den Posten (1985) wohl, weil er einer der Mächtigen geworden war; er war nicht deshalb im engeren Machtkreis der NP weil er diese Position inne hatte. Wie gesagt, Botha galt als Verligter, und De Klerk war eigentlich ein Verkrampter…aber kein “Sekurokrat”, jemand der an die Lösung von Problemen mit Gewalt bzw Unterdrückung glaubte. Im August ’89 (ein Monat nach einem Geheimtreffen mit dem inhaftierten Mandela) trat Botha “aus gesundheitlichen Gründen” zurück, zunächst vor der Parlaments-Fraktion der NP (tatsächlich gab es wieder Streit in seiner Regierung). Und De Klerk wurde, zunächst, amtierender (interimistischer) Staatspräsident. Angelobt von Oberrichter (Chief Justice) Michael M. Corbett vom Obersten Gerichtshof.75 De Klerk hat Botha also zuerst als Parteichef, dann als Präsident beerbt, im Laufe eines halben Jahres. Als Minister und Weissen-Regierungschef trat er zurück. Botha, “die groot Krokodil“, zog sich in sein Haus in Wilderness (“Wildnis”) nahe Kapstadt zurück, von wo aus er dann über den Verhandlungsprozess und den demokratischen Neubeginn ätzte.

Als Präsident Südafrikas

Bald nach seinem Amtsantritt reiste De Klerk u.a. nach Zambia/Sambia (das nach seiner Unabhängigkeit 1964 ein wichtiges Exil-Zentrum des ANC geworden war), der Plan dieses Besuchs hatte zum finalen Zerwürfnis mit Botha und dessen Abgang geführt. De Klerk war in der NP sozialisiert worden und war immer mit ihr mitmarschiert, so dass allgemein erwartet wurde, dass er die Politik von Botha fortsetzen würde, trotz regionaler und globaler Umwälzungen zu dieser Zeit. Von Vertretern des ANC in Südafrika und im Exil etwa, die sich zu ihm äusserten, nachdem er amtsführender Präsident geworden war. Der Bischof und führende Anti-Apartheid-Aktivist Desmond Tutu sagte damals:

“I don’t think we’ve got to even begin to pretend that there is any reason for thinking that we are entering a new phase. It’s just musical chairs”. Tutu und Allan Boesak, Geistlicher einer “farbigen” niederländisch-reformierten Kirche, planten im September 1989 (als Polen etwa bereits eine nicht-kommunistische Regierung hatte) einen Protestmarsch in Kapstadt. Die Bosse von SADF (Militär) und SAP (Polizei) wollten diesen verhindern. De Klerk setzte sich, im Staatssicherheitsrat, aber damit durch, den Marsch gegen die Apartheid zuzulassen (obwohl er gegen damals geltendes Recht verstiess), sprach von einem “neuen Südafrika”… Etwa 30 000 Leute nahmen teil, alles lief friedlich. Es folgten weitere Protestmärsche, in Johannesburg, Pretoria, and Durban,…, ohne Gewalt von der einen oder anderen Seite.

Es war das erste Mal, dass De Klerk “Farbe bekannte”, einen Bruch mit der Botha-Ära machte.76 Und Tutu änderte seine Meinung über De Klerk. Im September ’89 fand auch, in der Schweiz, ein Treffen von ANC-Exil-Führern und Vertretern der NP statt. Die nächsten Parlamentswahlen wären erst 1992, 5 Jahre nach denen 1987, fällig gewesen, De Klerk liess diese aber vor-verlegen, auf September 89, um ein klares Mandat von den weissen Wählern zu bekommen, für seine Vorhaben. Vor dieser Wahl entstand die Democratic Party/ Demokratiese Party (DP), gewissermaßen als Wiedervereinigung jener Strömungen die aus der United Party (UP) gekommen waren. Zum Einen war das die PFP, zum Anderen Denis Worralls Independent Party (IP) sowie Wynand Malans National Democratic Movement (NDM), zwei NP-Abspaltungen. Wobei sich die NRP 1988 aufgelöst und grossteils der IP angeschlossen hatte. Die DP hatte drei Führer aus den drei “Einzelbestandteilen” PFP (Zacharias de Beer), IP (Worrall) und NDM (W. Malan), wobei De Beer schliesslich der alleinige wurde. Willem „Wimpie“ de Klerk, Bruder von FW, ebenfalls ein NP-Dissident, spielte bei dieser Vereinigung zur DP im April 89 eine Rolle, nahm aber kein Mandat und anscheinend auch keine innerparteiliche Rolle an.

Die NP behauptete sich bei dieser Wahl (jener zur weissen Parlamentskammer) vor der Konkurrenz von rechts (KP) und links (DP), verlor zugunsten der Konservativen Partei, die nun bei über 30% war. Zugleich wurden ja die Kammern der Mischlinge und Inder gewählt. Es sollte die letzten Wahl im Apartheid-System sein. Nachdem er vom 3-Kammern-Parlament zum Präsidenten gewählt wurde (September), wurde De Klerk zum zweiten Mal angelobt, wieder von Oberrichter Corbett77; und ohne internationale oder südafrikanische Gäste, nur mit den Führern der Homelands. Seine Angelobungen illustrieren gut die Isolation, in der sich das Apartheid-Regime damals befand. 5 Jahre später, als er Vizepräsident wurde, waren die Dinge dann ganz anders.

Was De Klerks Regierungs-Kabinett betrifft, die Übersicht dazu auf der französischen Wikipedia ist überraschenderweise akkurater als jene auf der englischen. Wie auch in den voran gegangenen Regierungen gab es darin kaum Frauen und Nicht-Afrikaaner (englischsprachige Weisse), Nicht-Weisse erst gegen Ende von De Klerks Präsidentschaft. Elizabeth “Rina” Venter wurde erster weiblicher Minister in Südafrika, unter De Klerk! Unter der Ärztin begann 1990 die Desegregation im Gesundheitswesen Südafrikas, begann die ernsthafte Behandlung von AIDS, ausserdem kamen Tabak-Einschränkungen; sie war die Vorgängerin von Dlamini-Zuma auf diesem Posten. George Bartlett, ein “Soutpiel” in der DeKlerk-Regierung, kam von der UP/NRP, und war aus Natal.

De Klerk war in seiner Regierung selbst Sicherheitsminister, 89-94, dabei anscheinend hauptsächlich für den Geheimdienst (NIS) zuständig; es gab daneben aber das Ministerium für Recht und Ordnung (91 wurde H. Kriel dort Minister), eins für Gefängnisse (ab 91, unter A. Vlok) und eines für Innere Angelegenheiten (unter Louw, dann Pienaar, Schutte). Diese Aufteilung wurde von der Regierung der nationalen Einheit ab 1994 weitgehend so übernommen! Es gab getrennte Bildungsministerien für Rassen, ein Ministerium für Bantu-Bildung… Wichtige Minister blieben “Kobi” Coetsee (Justizminister unter Botha und De Klerk), “Pik” Botha (blieb Aussenminister), David de Villiers, Vlok, Eugene Louw, Malan, Du Plessis. Wichtig wurden Kriel, Keys, Wessels, Van Niekerk,… Vizeminister unter De Klerk waren u.a. S. Camerer, R. Schoeman, W. Breytenbach, G. Myburgh, A. Williams, T. Delport,…und vorerst Roel(o)f Meyer (wie schon unter Botha). In der weissen Regierung waren 89-94 durchwegs Leute, die auch in der „allgemeinen“ Regierung Rollen spielten, wie Coetsee, Malan, Vlok, Kriel, Wessels, Venter, S. De Beer, Van Niekerk, P. Marais, Anthon Meyer,…

Im Oktober 89 wurden Walter Sisulu und acht andere politische Gefangene freigelassen. Im Dezember traf De Klerk erstmals Mandela, der Gefangene wurde in das Tuynhuys gebracht, Amtssitz des Staatspräsidenten, neben dem Parlament in Kapstadt – wie schon im Juli dieses Jahres zum Treffen mit Botha. Weniger als 5 Jahre später war das Haus die Residenz von Mandela. Der ziemlich renommierte Journalist Max du Preez beschrieb die Szene später so: „Beide wussten, dass Mandela de Klerk als Präsident ersetzen wird.” Und beide mussten Unterstützer/ Mitarbeiter davon überzeugen, sich mit der Gegenseite an den Verhandlungstisch zu setzen. De Klerk sagte später, ab diesem Treffen hätte es zwischen Mandela und ihm immer einen gewissen Respekt und Vertrauen gegeben. Ende 89 konstatierte De Klerk das Scheitern der Apartheid-Politik.

Und, er hatte Zeit, seine Rede im Februar 1990 vorzubereiten, die der Präsident in Südafrika traditionell vor dem Parlament hält, zur Eröffnung des Parlamentsjahres, zur “Lage der Nation”.78 Mit seiner Rede ’90, vielleicht noch immer die wichtigste derartige Präsidenten-Ansprache Südafrikas, hat er nicht nur die Parlamentssaison 1990 eingeleitet, sondern auch das Ende der Apartheid. De Klerk hat sich über die Weihnachtspause, u.a. in seinem Ferienhaus in Hermanus bei Kapstadt, auf die Rede zur Parlamentseröffnung 90 vorbereitet. Er hatte sie mit seinem Regierungskabinett und der Spitze der NP (grossteils deckungsleich) besprochen, bzw diese eingeweiht, wohl auch mit dem AB. Fraglich ist, ab wann er sie plante bzw mit diesem Paket von Maßnahmen, das er dann ankündigte, “schwanger” war. Vermutlich ab Ende 89.

Der Glaube an einen friedlichen Wandel in Südafrika war Anfang der 1990er, im Land und anderswo, nicht sehr verbreitet. Trotz des Namibia-Angola-Abkommens und der weitgehenden Entschärfung des Kalten Kriegs im Laufe des Jahres 1989. De Klerk kam praktisch gleichzeitig mit Beginn der Umbrüche in Osteuropa an die Macht, in Apartheid-Südafrika. Anfang 1990 gab es den “Ostblock”, bzw den Block von Staaten die unter dem Einfluss der Sowjetunion standen, eigentlich nicht mehr als solchen.79 Und die SU liess nicht nur das zu, sie stellte, gegen Ende ihrer Existenz, die Unterstützung kommunistischer Staaten und Organiationen weltweit ein, von Afghanistan bis Angola. Die SU, selbst reformiert und weiter darum bemüht, ging 1991 unter, in diesem Jahr wurde auch der Warschauer Pakt aufgelöst – zu einer Zeit, als Südafrika intensiv mit sich beschäftigt war.80 In Apartheid-Apologetiken wurden der Kommunismus und die Sowjetunion ja in der Regel gross herausgestrichen, teilweise als Vorwand (in Verdrehung von Tatsachen). Diese Entwicklungen hatten sicher einen Einfluss auf De Klerks Reformkurs, den er mit der Rede Anfang 90 einleitete.

Das Apartheid-Regime war damals unter Druck (international, auch vom Westen; im Land), andererseits auch „befreit“ durch die Entschärfung des Kalten Kriegs. De Klerk ’19 zum ZDF: Obwohl weisse Südafrikaner damals “alle Macht in den Händen gehalten” hätten, sei “um der Gerechtigkeit willen” ein vollständiger Bruch mit der Apartheid nötig gewesen. Die Abschaffung des Apartheid-Systems hat seiner Ansicht nach einen “verheerenden Bürgerkrieg” verhindert. Nun, es war keine militärische Niederlage zu erwarten, aber auch kein Sieg. Und die bewaffneten staatlichen Kräfte begingen schwere Menschenrechtsverletzungen und ermutigten solche. Einerseits war der Wunsch da, aus Südafrika eine „normale westliche Demokratie“ zu machen, andererseits gab es Unwillen, echte Demokratie zuzulassen, Nicht-Weisse als Ebenbürtige anzuerkennen. Wobei die geheimen Gespräche von Vertretern/Führern des Regimes mit ANC-Leuten (an denen ja sogar Botha beteiligt war!) doch zeigen, dass man dort nach “Auswegen” gesucht hat.

Am 2. 2. 199081 die Rede De Klerks zur jährlichen Parlamentseröffnung, davor gab es wilde Spekulationen, was sie bringen würde. Anwesend im Parlament waren die Spitzen des (Apartheid-) Staates, wie Generalstabschef Geldenhuys (Ende 90 von Liebenberg abgelöst) oder Oberrichter Corbett. Draussen, vor dem Parlament, eine Demonstration, u.a. für die sofortige Freilassung von Nelson Mandela, mit Desmond Tutu, “Winnie” Mandela, Patrick M. Lekota, Ebrahim Rasool, Trevor Manuel,…, vielen wichtigen Aktivisten des (ja noch verbotenen) ANC. De Klerk hielt seine Rede zT in Afrikaans, zT in Englisch. Sprach von den Umwälzungen im Ostblock und was sie für das südliche Afrika bedeuteten, stellte den Kommunismus global/regional als Hindernis für Frieden in der Region dar (nicht die Apartheid), redete von Umwälzungen in der Region, neuen Nachbarschafts-Beziehungen, gleichen Rechten für Alle in Südafrika.

“The season of violence is over. The time for reconstruction and reconciliation has arrived.” Sprach von der Ausarbeitung neuer Menschenrechts-Prinzipien, durch die South African Law Commission. Kündigte ein Moratorium für die Todesstrafe an, ihre Überprüfung an sich. Kündigte an, das Gesetz über getrennte Einrichtungen82 aus 1953, einer der Pfeiler der “kleinen Apartheid”, abzuschaffen. Der letzte Punkt der Rede betraf die Aufnahme von Verhandlungen, hier machte er jene Ankündigungen, die die Rede so wichtig/brisant machten: die Aufhebung des Verbotes des ANC, des PAC, der SACP und ihrer Vorfeld-Organisationen; die Freilassung von Personen, die lediglich dafür eingesperrt waren, diesen Organisationen angehört zu haben83; die Aufhebung der Zensur im Presse- und Bildungsbereich; die Aufhebung des Ausnahmezustands; die Aufhebung von Restriktionen gegen Organisationen wie UDF oder COSATU84. Und: die Freilassung Nelson Mandelas.

“In this connection Mr Nelson Mandela could play an important part. The government has noted that he has declared himself to be willing to make a constructive contribution to the peaceful political process in South Africa. I wish to put it plainly that the government has taken a firm decision to release Mr Mandela unconditionally.” Er hat den ANC in der Rede nur im Zusammenhang mit der Aufhebung seines Verbots genannt, aber er gab darin die Bereitschaft der Regierung zu Verhandlungen mit diesem bekannt. Und es werde in den Verhandlungen um eine “Normalisierung” des politischen Prozesses in Südafrika gehen. “Among other things, those aims include a new, democratic constitution; universal franchise; no domination; equality before an independent judiciary; the protection of minorities as well as of individual rights; freedom of religion; a sound economy based on proven economic principles and private enterprise; dynamic programmes directed at better education, health services, housing and social conditions for all.” Die Rede gibt es als Transkript, anscheinend vollständig (demnach mit englischer Übersetzung des afrikaansen Teils) hier und hier, und in kommentierten Video-Ausschnitten hier und hier.

Die Blicke der beiden Parlamentsdiener im Hintergrund sagen, dass sie auch etwas Anderes gewöhnt waren. A propos: Hier ist man an Dimitri Tsafendas erinnert, jenen Parlamentsdiener, der Apartheid-Premier Hendrik Verwoerd 66 in diesem Parlament erstach. Ob Tsafendas unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem war oder mit diesem an sich oder nur verrückt, ist bis heute umstritten. Tsafendas wurde übrigens gegen Ende der Apartheid aus dem Gefängnis in eine psychiatrische Anstalt überstellt

Während der Rede machten mehrere Politiker der Konservativen Partei (KP) wie ihr Chef Treurnicht protestierende Zwischenrufe, manche standen dabei auf, es gab Ordnungsrufe vom Parlamentspräsidenten85 (Eu)gene Louw.86 Danach gab De Klerk eine Pressekonferenz. In Kapstadt und in anderen Teilen Südafrikas gab es Jubel-Kundgebungen, auch mit ANC-Flaggen. Die internationalen Reaktionen waren positiv, Thatcher & Co waren ja inzwischen auf diese Linie eingeschwenkt, und in der SU hatte man andere Probleme. Der südafrikanische Journalist “Tony” Weaver schrieb 2010, zum 20-Jahres-Jubiläum der Rede, auf iol darüber, stellte sie in eine Reihe mit Momenten der Geschichte wie der Befreiung des Nazi-Tötungslagers in Oswiecim, dem “Fall” der Berliner Mauer, die Ermordung von John Kennedy,… Wie ist die Rede bzw sind die Maßnahmen, die auf sie folgten, wirklich einzustufen? Der Schritt war in dieser (“geballten”) Form eine Überraschung, in Südafrika (bei Schwarz und Weiss) und international. Die Rede enthielt keinerlei Eingeständnis, dass die Apartheid falsch/ungerecht (gewesen) war, viel Leid angerichtet hat, handelte ausführlich davon, dass sich die Bedingungen geändert haben; enthielt etwas Häme bzgl des Scheitern des Kommunismus in Osteuropa, in Richtung des ANC – sein Unterstützer, die SU, war gewissermaßen gescheitert, und sein Alliierter, die SACP, hätte ein Konzept, das dazu verurteilt war.

Die südafrikanische (Apartheid-) Regierung bzw die NP hätten eigentlich nur reagiert, auf diesen “kommunistischen Anschlag”, sie reagierten auch jetzt, auf diese geänderten Voraussetzungen… Schuldzuweisungen: “Today’s announcements, in particular, go to the heart of what Black leaders – also Mr Mandela – have been advancing over the years as their reason for having resorted to violence. The allegation has been that the Government did not wish to talk to them and that they were deprived of their right to normal political activity by the prohibition of their organisations.” Die Rede enthält Warnungen bzgl einer “Aufrechterhaltung der Ordnung” und Versicherungen, dass die “Sicherheitsgemeinschaft” des Landes (die Chefs von SADF, SAP, NIS) mit den Schritten einverstanden sei.

Sie enthält aber auch konkrete Schritte zur Abschaffung der Apartheid und die Initiation des Prozesses der Verhandlungen, den Beginn eines Wandels der unumkehrbar war. Die Motivationen/Gründe für den Schritt ist eine der Hauptfragen bei der Beurteilung De Klerks, um die es dann im Schlussabschnitt geht. Es ist davon auszugehen, dass De Klerk, als er damit begann, die Apartheid “abzubauen”, dies nicht als Kapitulation der Weissen oder Afrikaaner sah, sondern dass er dies tatsächlich als adäquate Reaktion auf geänderte Bedingungen sah, aus der Intention handelte, die Zukunft der Afrikaaner in Südafrika zu sichern – so formulierte er es dann in seiner Autobiografie.

Hermann Giliomee schreibt, das „Sicherheitsestablishment“ hat De Klerk den Schritt empfohlen, aus der Überlegung heraus dass der ANC nun genug geschwächt sei (v.a. durch das Ende der SU-Unterstützung). Sein Bruder Willem schrieb, FW de Klerk hatte lange an die Apartheid geglaubt; an die rassische Trennung und Hierarchie, mit den Afrikaanern an der Spitze. Und, er hätte eine “Konversion” erfahren, kein dramatisches Ereignis, sondern ein gradueller Prozess, und dabei sei es um Pragmatismus gegangen87. In einem SABC-Interview heuer, 2020, zum 30-jährigen Jubiläum der Rede bzw der Schritte die darauf hin folgten, (www.youtube.com/watch?v=VBE844vDkx4 ) sagte De Klerk, der Schritt 1990 sei vom Gewissen motiviert gewesen, Druck sei nicht der Grund gewesen, man wollte damit hauptsächlich in Verhandlungen kommen, mit dem ANC. Ein anderes Mal sagte er, er glaub(t)e nicht an eine nicht-rassische Gesellschaft, aber an eine nicht-rassistische, führte dabei USA und GB an, wo es keine gesetzliche Trennung (mehr) gibt, aber die verschiedenen rassischen/ethnischen Gruppen zu einem guten Teil unter sich blieben. Man kann, so wie die Verhandlungen dann gelaufen sind, auch davon ausgehen, dass De Klerk ein anderes Ziel des Weges im Auge hatte, als das was dann kam.

In mancher Hinsicht knüpfte er auch Botha an (Treffen mit Mandela, Namibia-Angola-Abkommen,…), brach nicht mit dessen Politik. Am 11. Februar, also etwas mehr als eine Woche nach De Klerks Rede, verliess Nelson Mandela nach 27-jähriger Haft das Gefängnis in Paarl bei Kapstadt (in dem er die letzten 2 Jahre verbracht hatte). Die Freilassung Mandelas war die sichtbarste Umsetzung von De Klerks Ankündigungen. Aus seiner und Mandelas Autobiografie geht hervor, dass Mandela zwei Tagen davor (also nach der Rede) nochmal zu De Klerk in das Tuynhuys gebracht wurde, um die Details der Freilassung zu besprechen.88 Am 21. März wurde Namibia von Südafrika in die Unabhängigkeit entlassen, wie ausgemacht, De Klerk war bei der Feier in Windhuk auch dabei.89 Die Unabhängigkeit für Namibia nahm dem Apartheid-Regime schon viel „Druck“ von den „Schultern“, entspannte die Situation; im afrikanischen Kontext war die Besetzung dieses Landes ein mindestens eben so grosses Thema wie die Apartheid gewesen. Und, es war auch ein Zwischenschritt für das Zulassen einer Demokratie in Südafrika.

Im Mai 1990 kam es dann in Kapstadt zu einem ersten Treffen hochrangiger NP- und ANC-Politiker, also gewissermaßen von Regierung und ausserparlamentarischer Opposition. In Groote Schuur, der Präsidenten-Residenz in Kapstadt (früher jene der Premierminister), verbrachten die Führer des Apartheid-Systems und die seines wichtigsten Gegners 3 Tage zusammen, redeten mit einander. Der wichtigste Teil der Regierung der nationalen Einheit 94-96 war da mit dabei. Mandela trat den Regierenden erstmals nicht als Gefangener sondern als gleichrangiger Verhandlungspartner gegenüber. Für viele Afrikaaner war nicht er oder ein anderer Schwarzer der gefährlichste ANC-Mann, sondern ein Weisser, SACP-Chef90 “Joe” Slovo, englischsprachig, jüdisch, mit Wurzeln in Osteuropa, lange im Exil; dort war seine Ehefrau (Ruth First) von einer Paketbombe des Apartheid-Regimes getötet worden. Ab “Groote Schuur” war er bei allen Verhandlungs-Stationen dabei. Es herrschte eine gute Stimmung, inhaltliche Differenzen wurden schon sichtbar. Man einigte sich auf die “Groote Schuur Minute”, ein Bekenntnis zu einer friedlichen Lösung des Konflikts, und zur Lösung von praktischen Hindernissen für Verhandlungen; das betraf die Rückkehr von Exilanten und die Freilassung politischer Gefangener. Dieses Treffen leitete die jahrelangen, nunmehr offenen bzw. offiziellen, Verhandlungen ein.

Im August ’90 einigten sich Apartheid-Regierung und ANC auf die “Pretoria Minute”, der ANC erklärte bei diesem Treffen in Pretoria die Einstellung des bewaffneten Kampfes, den er ja über seine Miliz Umkhonto we Sizwe (MK) führte. Nachdem er den Mut aufgebracht hatte, dem Apartheid-Regime den Kampf anzusagen, brachte Mandela nun den Mut auf, diesen Kampf (auf dieser Ebene) aufzugeben. Im Dezember 90 kehrte ANC-Präsident Oliver Tambo nach Südafrika zurück; nicht nur wegen dessen Erkrankung hatte aber Mandela bereits eine stärkere Führungsrolle übernommen. Auf der ANC-Konferenz im Juli 1991 in Durban, dem ersten seit 1959 in Südafrika, wurde Mandela dann auch zum neuen Präsidenten gewählt.

Spätestens da waren De Klerk und er die beiden Hauptverhandlungspartner. Mandela nannte De Klerk irgendwann „einen der grössten Söhne Afrikas“; De Klerk sagte 1990 über Mandela “Er ist ein älterer Mann, ein würdevoller Mann, ein interessanter Mann”. Martin Thembisile “Chris” Hani kehrte 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück, nachdem dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von Joe Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab (wurde von Joseph Modise abgelöst)91 Er unterstützte die Einstellung des bewaffneten Kampfes zugunsten von Verhandlungen mit der Regierung (obwohl die radikaleren ANC-Anhänger auf ihn setzten) und liess sich in Boksburg in der Nähe von Johannesburg nieder.

Obwohl der ANC bzw seine Miliz (der MK) nach De Klerks ersten Reformschritten den bewaffneten Kampf einstellte und das Regime mit Schwarzen und Oppositionellen nun anders umging, war der Verhandlungs- und Umgestaltungsprozess von Gewalt begleitet. Es begann 1990 eine neue Gewalt, parallel zum Abbau der Apartheid, die nach einer Gewalt Schwarze (ANC-Anhänger bzw hauptsächlich Xhosas) gegen Schwarze (Inkatha-Anhänger bzw hauptsächlich Zulus) aussah. Sicher ist, dass der von Botha stark aufgewertete “Sicherheitsapparat” (Militär, Polizei, Geheimdienste) dabei mit-mischte und dass dieser Apparat teilweise an der Regierung vorbei agierte, dabei tat sich v.a. der Militär-Geheimdienst DMI hervor.

Die Inkatha Freedom Party (IFP) war die Partei des Homelands KwaZulu (das Teile in der Provinz Natal umfasste bzw von dieser umgeben war), das als solches 1977 geschaffen wurde92. Die Inkatha wurde 1975 gegründet, vom Chefminister des autonomen Homelands KwaZulu, Mangosuthu G. Buthelezi; mit dem Beginn des Endes der Apartheid 1990 benannte er sie um und dehnte sie in weitere Teile Südafrikas aus, überall dort hin, wo Zulus lebten (das grösste Volk Südafrikas), nicht zuletzt in den Transvaaler Ballungsraum um Johannesburg und Pretoria. Buthelezi wollte aus der Inkatha FP eine Zulu-Nationalpartei machen, bzw eine Zulu-Traditionalisten-Partei, denn hinter ihm stand ja noch König Goodwill Zwelithini, ein Verwandter von ihm und Nachfahre des letzten souveränen Zulu-Königs, Cetshwayo.93 Und das Regime unterstützte die IFP gegen den ANC.

KwaZulu-Chefminister und IFP-Chef Buthelezi, ein Historiker, war in der Youth League des ANC gewesen. In den 1980ern fanden er und das Apartheid-Regime sowie global verstreute (bzw westliche) Apartheid-Unterstützer zu einander, begann er den ANC als Konkurrenten aufzufassen, wurde er als Instrument gegen diesen entdeckt.94 Buthelezi begann, eine prominentere Rolle als andere Homeland/Bantustan-Führer zu spielen, wurde “Aushängeschild” für Jene, die sagten, dass der ANC nicht alle Schwarzen repräsentiere, das Apartheid-Regime Schwarze gar nicht so schlecht behandle. Buthelezi durfte seine “Sicherheitskräfte” durch das Apartheid-Regime und von dessen Partner Israel ausbilden und aufrüsten lassen. Wie er von konservativen Kreisen im Westen unterstützt wurde (GB, BRD,…), von der internationalen Apartheid-Lobby, dem kann man gewahr werden, wenn man verschiedene Zeitungsberichte aus den 1980ern und frühen 1990ern liest. Buthelezi war kein echter “Quisling”, er forderte etwa die Freilassung Nelson Mandelas (zu dem man ihn als “positive Gegenfigur” aufbauen wollte) und seine Unterstützung für das Apartheid-Regime hatte Grenzen.

1990 also der Beginn des Machtkampfes zwischen ANC und IFP, geschürt vom Regime. Buthelezi war als Homeland-Führer auf das Regime angewiesen und er kämpfte darum, die Zulus nicht an den ANC zu “verlieren”. Während man in den 1980ern noch davon geredet hatte, dass Südafrika auf einen Bürgerkrieg “Schwarz gegen Weiss” zusteuere, wurde in den 1990ern (in den Übergangsjahren, bis 1994) eine Art Bürgerkrieg “Schwarz gegen Schwarz” Realität. Dies hauptsächlich in der Bergbau- und Industrieregion um Johannesburg (Witwatersrand-Region, heutiges Gauteng), wo alle schwarzen Völker durch Arbeitsmigration vertreten sind. Der Konflikt ANC gegen IFP sprang dann auf die Provinz Natal und das Homeland KwaZulu über, wo er einer unter Zulus war, die den beiden politischen Lagern angehörten. Der Konflikt war eigentlich kein ethnischer (zwischen Zulus und Xhosas, den beiden grössten Völkern Südafrikas), wurde aber gerne als solcher dargestellt bzw aufgefasst. Darauf zielte die Unterstützung der IFP durch Kräfte im Regime ja auch ab… Das Teile-und-herrsche sollte die Schwarzen gegen einander aufbringen (und das Regime damit schützen), sollte die numerische Unterlegenheit der Weissen etwas ausgleichen (Zulus und Xhosas machen je etwa 20% der Bevölkerung Südafrikas aus, die Weissen damals 15%), sollte der Welt ein Bild der Schwarzen zeigen.95

Im SABC-Interview 2020 anerkannte De Klerk, dass staatliche “Sicherheitskräfte”96 die Gewalt Schwarz gegen Schwarz zumindest geschürt haben, aber dies an ihm vorbei, und verwies auf seine diesbezüglichen Umstrukturierungen. Welche Rolle De Klerk dabei wirklich spielte, ist umstritten, erwiesen ist, dass die ihm unterstehenden Staatsorgane in vielen Bereichen an ihm vorbei agierten und er auf Enthüllungen mit Konsequenzen wie Entlassungen von Verantwortlichen reagierte. Nachdem er Präsident geworden war, musste sich De Klerk erst in den „Sicherheitsapparat“ des Apartheid-Regimes „einarbeiten“ (es kennenlernen) und sich darin Respekt verschaffen, dann stellte er eine Oberaufsicht der Politik darüber wieder her.97 De Klerk forderte das Unterdrückungs-Management heraus bzw begann seine Einbremsung/Entmachtung, liess Vieles entschärfen, abrüsten, liberalisieren,…98

Es spricht daher Einiges dafür, dass die “Inkatha-Aufhetzung”, zumindest in ganzem Umfang, von diesem Staatssicherheitssystem an De Klerk, der Regierung vorbei gelaufen ist. Unter Botha wurde der Staatssicherheitsrat (State Security Council), ein unter Vorster (1972) geschaffenenes Gremium (eigentlich zur Beratung der Regierung in “Sicherheits”-Fragen) sehr mächtig, wenn man so will, ein zweites Machtzentrum neben der Regierung. Unter De Klerk, der ja nicht in diesem Bereich tätig war, bevor er Präsident wurde, wurde der Staatssicherheitsrat wieder zu einem Beratungsgremium der Regierung. Unter Botha war ein neuer Geheimdienst geschaffen worden, nachdem das alte South African Bureau for State Security (BOSS)99 infolge des Auffliegen des Infoskandals ’78 aufgelöst wurde. Dieser war der National Intelligence Service (NIS; Nasionale Intelligensiediens), unter dem jungen Politologen Daniel „Niel“ Barnard; der Militärgeheimdienst DMI war aber unter Botha wichtiger. Barnard war bei den Geheimtreffen mit Mandela dabei, bereitete die Transformation gewissermaßen mit vor. Barnard hatte zu De Klerk kein so gutes Verhältnis wie zu Botha; in seiner Autobiografie schreibt er, De Klerk habe an den Sitzungen des Staatssicherheitsrats eher ungern teilgenommen, verglich ihn dabei mit einem Schulbuben, stellte dessen “strategische Fähigkeiten” in Frage, kritisierte die Ablöse Bothas.

Unter De Klerk wurde Barnard 1992 durch dessen Stellvertreter „Mike“ Louw abgelöst; Barnard spielte in den Verhandlungen und der Ausarbeitung der neuen Verfassung aber weiter eine Rolle. De Klerk setzte Untersuchungs-Kommissionen ein, unter den Richtern Harms, Kahn, Goldstone, die den SADF-SAP-NIS-Apparat und sein Wirken durchleuchten sollten, ausserdem beauftragte er Pierre Steyn vom Verteidigungsministerium, einen Bericht über das Wirken des DMI zu erstellen. 1991 hat er M. Malan als Militärminister (“Verteidigung”) und A. Vlok als Polizeiminister (“für Gesetz und Ordnung”) abgesetzt. 1992 hat De Klerk 23 SADF-Offiziere (darunter 2 Generäle) in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Ein grossteils verborgener Teil von De Klerks Reformkurs war die Einstellung der atomaren, biologischen und chemischen Waffenprogramme; das B- und das C-Waffen-Programm waren zu “Project Coast” zusammengefasst, Einiges darüber hier. Das Atomprogramm wurde zur selben Zeit wie die Apartheid begonnen, wurde in den 1960ern/1970ern (auch) ein militärisches, und die Bomben wurden, unter Präsident De Klerk, gemeinsam mit der Apartheid eliminiert, Anfang der 1990er. In Südafrika fanden „konstitutioneller“ Wandel und die Aufgabe der Atomwaffen parallel zueinander statt, De Klerk hatte eine entscheidende Rolle bei beiden Prozessen.

Das eigentliche nukleare Abrüsten dürfte sich 1990/91 abgespielt haben, im Anschluss daran die Zerstörung/Zerlegung von Unterlagen dazu, nicht-nuklearer Komponenten der Bomben, der Produktionsstätten. 1991 trat Südafrika dem Atomwaffensperrvertrag (siehe) bei; 1993, nach Beendigung des militärischen Programms, gab De Klerk, wiederum in einer Parlamentsrede, das bis dahin geheim gehaltene (aufgegebene) Programm bekannt – wiederum unter scharfer Kritik und Zwischenrufen von Politikern der KP. Die Verhandlungen fanden 1990 bis 1993 statt, begannen “konsequent” erst 1991, mit dem Abschluss 1993 war die Apartheid endgültig “angezählt”, um es in der Boxersprache zu sagen, das K.O. kam mit der Wahl 1994. De Klerks Kabinettschef Dave Steward über die Gründe seines Chefs für das Aufgeben der südafrikanischen Atomwaffen: „We learned that real security does not lie in increasing our power to destroy others, but in our ability to live with others on the basis of peace and justice.“ De Klerk bei einer Veranstaltung 2012 zu den Atomwaffen gefragt, Gründen der Aufgabe: Er hätte sich schon früh innerlich gegen sie entschieden, die damit verbundene Strategie sei Abschreckung gewesen (…“that we might be mad enough to use it…“), durch den „Fall der Berliner Mauer“ seien Rahmenbedingungen da gewesen, sie aufzugeben.100

Terence McNamee in “Foreign Policy”:

“If de Klerk was hungry for Western approval, he got what he wanted. As the only country to build and then voluntarily destroy all its nuclear weapons, South Africa gained a stature in the international community that it had not held since the end of World War II. De Klerk’s own standing as a statesman was cemented, and six months after publicly revealing the destruction of South Africa’s hidden arsenal, he was awarded the Nobel Peace Prize together with Mandela for helping lay the foundations for democracy.”

Er sprach dabei von der Strategie der SU bzw der „Russen“ im Kalten Krieg, das südliche Afrika unter seine Kontrolle zu bringen….hier also die selbe “Analyse” wie bei seiner Parlamentsrede Anfang 1990. Bezüglich des Einflusses bzw der Strategie des kommunistischen Ostblocks auf das südliche Afrika wie auch bzgl des “Untergangs” dieser Systeme und dieses Blocks hat sich De Klerk immer wieder mit unzutreffenden Einschätzungen ausgezeichnet; wenn man seinen Vergleich der Apartheid mit der Trennung der Tschechen und Slowaken (s.u.) dazu nimmt, was muss man daraus schliessen? Einen unrealistischen Blick auf Osteuropa? Zeitgeschichtliche Unkenntnisse? Eine beständige ideologische Voreingenommenheit? Rebecca Davis im „Daily Maverick“ 2015: “In some ways De Klerk comes across as a man still trapped in Cold War-era politics, railing against the rooi gevaar. Several times he warned ominously of the ‘growing influence’ of the South African Communist Party. He also suggested that a ‘new bitter and confrontational tone in the national discourse’ was attributable to ‘constant agit-prop’ from politicians stoking racial animosity.”

Hinter den Apartheid-Atombomben stand natürlich besonders die Auffassung “Die ganze Welt ist gegen uns”, “wir müssen uns behaupten”, die beim Zionismus und seinen Anhängern noch immer dominiert. Israel und Apartheid-Südafrika haben ja auch intensiv zusammen gearbeitet, zunächst wirtschaftlich, die Zusammenarbeit wurde Ende der 60er, Anfang der 70er enger, brisanter, bedeutender, schloss auch die bei Atomwaffen mit ein… Der proisraelischen Politik/Einstellung der NP stand nicht nur die rassistisch-undemokratische Apartheid ggü den Nicht-Weissen Südafrikas nicht entgegen, auch die Nazi-Vergangenheit der Partei und ihrer Chefs passte da dazu.101 Pieter W. Botha war nicht nur ein (Ex-) Nazi sondern auch der grösste Israel-Freund unter den Regierungschefs Südafrikas aus der NP (wahrscheinlich grösser als Vorster), wobei die anderen (vor De Klerk, also von Malan bis Botha) ebenfalls beides waren.

De Klerk ist zu jung, bzw wurde zu spät geboren, um den Hitlerismus zur Zeit seiner Machtblüte in Südafrika propagiert/gefeiert haben zu können, in den Reihen von GNP, HNP oder OB. De Klerk Ende war 91 bei Shamir, um die enge Beziehung zu beenden.102 Diese Mentalität, in der sich Apartheid-Nostalgie und Israel-Sympathie verbindet, findet sich noch immer, zB bei Bothas Witwe Barbara oder dem Militär-Buch-Autor Al Venter.103 De Klerk war in den Übergangsjahren, die seine Präsidentschaft (von 1989-1994) darstellte, und darüber hinaus, mit den Reformgegnern v.a. unter den Buren beschäftigt, ob im Militär (SADF) oder in der Konservativen Partei (KP). Ein Militärputsch gegen De Klerk wäre denkbar gewesen, siehe dazu den Abschnitt über Alternativszenarien im Schlusskapitel. Der ANC warf der Regierung in den Übergangsjahren vor, den Konflikt den er mit der IFP hatte, auf Seiten dieser anzuheizen. Dies wurde eine schwere Belastung für das Verhältnis zwischen De Klerk und Mandela, die schwerste die sie hatten; aber wie gesagt, es spricht Viel dafür, dass die Offiziere hier an De Klerk vorbei agierten.

Beim Anheizen des blutigen Konflikts, den Anhänger beider Parteien mit einander hatten. Abgesehen davon hat die NP-Regierung in diesen Jahren definitiv versucht, die IFP gegen den ANC auszuspielen. 1990-93 wurden die Apartheid-Gesetze abgeschafft, jene die Nicht-Weisse ausschlossen in einer oder anderer Hinsicht, nicht aber jene Verfassungs-Gesetze, wie jene über Wahlen, die Privilegien von Weissen beinhalteten, darum ging es in den Verhandlungen. 1991 wurden der Population Registration Act/ Wet op Bevolkingsregistrasie aus 1950 und weitere zentrale Apartheid-Gesetze aufgehoben.104 Anlässlich der Aufhebung des Bevölkerungs-Registrierungs-Gesetzes erklärte De Klerk bei einer gemeinsamen Sitzung der 3 Parlaments-Kammern (für Weisse, Farbige, Inder), “Now everybody is free from the discouragement and denial…and from the moral dilemma caused by this legislation”. Es kamen für Nicht-Weisse in den Übergangsjahren Erleichterungen, damit auch für Weisse; die Ausgrenzung der Schwarzen wurde abgemildert, quasi im Gegenzug wurden Sanktionen aufgehoben. Ein (gemischtes) südafrikanisches Team durfte bei Olympia 92 teilnehmen, das Land war nicht mehr ein totaler „Aussätziger“. Die Schranken zwischen „Schwarz“ und „Weiss“ sanken in dieser Transitionsphase allmählich.

Es kam zu einer Verstädterung von Schwarzen aus den Homelands (die ja weiterhin bestanden), damit entstanden aber auch neue Konflikte, jene um Arbeits- und Wohnplätze. Der Geist dieser Jahre 89-94 kommt im „Geo Spezial“, das im April 93 erschien, schön herüber. Dort auch: nebeneinander Luftaufnahmen von den Johannesburger Vororten Sandton (Weisse; Swimming Pools) und Alexandria (Schwarze; Armenhütten).105 ANC (Mandela) und NP (De Klerk) hatten in diesen Jahren (und darüber hinaus) beide Probleme mit “Radikalen” an ihrer Basis bzw Gruppen neben ihnen (PAC bzw KP), für diese waren Verhandlungen schon “Verrat”. Deshalb war “Chris” Hani so wichtig und sein Mord so gefährlich; er stand für Kompromisse und dafür, diese der ANC-Basis zu vermitteln. De Klerks Wählerschaft, die der NP waren natürlich (in erster Linie) die Afrikaaner; er hatte radikale Weisse (die KP) und Teile der Schwarzen gg sich, wie heute noch immer mehr oder weniger. Durch seine Reformpolitik verstärkte sich natürlich die Polarisierung zwischen dem „Mainstream“ der Afrikaaner (NP-Anhänger) und ihrem „rechten Rand“ (KP, HNP, BSP,…).106

KP-Führer Treurnicht sagte 1990, De Klerk hätte (mit seinen Reformen) nur den “Tiger im Afrikaaner” geweckt, rief zu einer Neuwahl auf (nach einem Jahr wieder), rechnete sich Hoffnungen auf einen Sieg aus (bei Beschränkung des Elektorats auf die Weissen), und er hätte als Präsident natürlich den Reform- und Verhandlungsprozess gestoppt. Wieviele Afrikaaner von der NP zur KP wanderten, nach dem Beginn der Reformen Anfang 1990, konnte man nicht genau sagen. Einer der ersten sichtbaren Proteste von Afrikaanern gegen De Klerks Politik und Zeichen für Zulauf für die KP war die Gründung von „Orania“ 1990 (Kauf)/ 1991 (Einzug), eines Dorfes in der nördlichen Kapprovinz, durch den Verwoerd-Schwiegersohn Carel Boshoff.107 In den 1980ern befand sich an dem Ort eine Siedlung für Dammbau-Arbeiter, dann hausten dort wild Farbige. Boshoff und seine Anhänger veranstalteten eine Art “Gegen-Treck” aus Transvaal (also in die Gegenrichtung ggü den Trecks der Buren in den 1830ern); darunter war die Witwe von Verwoerd. Die Leute waren/sind wie Boshoff in der Regel aus dem KP-Milieu, die die NP wegen De Klerk (zT schon wegen Botha!) verliessen. Es entstand in dem Milieu die Idee eines “Volkstaats”, eine Art Afrikaaner-Homeland, in dem diese unter sich sein sollten.

Eine Art neue Wagenburg, wie bei den Trecks. Lieber unter sich sein in einem kleinen Gebiet als in einem grossen Gebiet über Andere herrschen. Manche Volkstaat-Vorstellungen gingen in Richtungen einer Kooperation mit einem “Zululand” unter Buthelezi und „ähnlichen“ Ländern. Eine Abwandlung des Teile und herrsche.108 Es würde sich lohnen, herauszuarbeiten, was eigentlich die Unterschiede zwischen so einer Föderation der Homelands und einem gemeinsamen Land (in dem Alle grundsätzlich die selben Rechte haben) sind. Das Homeland KwaZulu war, unter Mangosuthu Buthelezi als Chefminister die ganzen Jahre bis 1994, autonom aber nicht pseudo-souverän, wie vier andere Homelands (wie Bophuthatswana). Buthelezi (bzw Zwelithini hinter ihm) lehnte das Angebot einer Unabhängigkeit vom Apartheid-Regime ab. Der Grund: KwaZulu bestand aus 26 Teilstücken/Distrikten, verteilt über die Provinz Natal, gewissermaßen aus dem, was die Weissen nicht selbst undbedingt brauchten/wollten.

De Klerk sagte mal in einem Interview, er glaube, Buthelezi hätte die Unabhängigkeit von KwaZulu akzeptiert, wenn man ihm Richards Bay mit seinem Hafen gegeben hätte.109 Das Gebiet um die KwaZulu-Hauptstadt Ulundi lag nördlich und westlich von Richards Bay. Das Apartheid-Regime stiess bei dieser Überlegung auf Widerstand der weissen Bevölkerung von Richards Bay, die grossteils Englischsprachig, nicht Buren/Afrikaaner, waren. Bei aller Kollaboration stiessen also auch die Herrscher dieses Homelands auf die Rassen-Hierarchie, die in Apartheid-Südafrika Alles bestimmte… Aber auch Buthelezi bzw die IFP erwogen für KwaZulu (am liebsten in grösseren Ausmaßen) Sezessions-Pläne, nun da sich Südafrika demokratisierte. Die weisse (burische) Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands versuchten beide den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, sahen sich dabei als Verlierer, arbeiteten punktuell zusammen. Im August 1991 wollte Präsident De Klerk in Ventersdorp (damals Transvaal, heute Nordwest) eine Rede halten, über seine Politik, in dem Dorf in dem die ultrarechte Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) und ihr Gründer/Führer Eugene Terre’Blanche zu Hause sind. Die AWB-Leute wollten aber nicht zuhören, randalierten, die Polizei ging gegen sie vor. Das erste Mal in Apartheid-Südafrika, dass staatliche Organe gegen Weisse/Afrikaaner vorgingen.110

Oder anders herum: die erste grössere Auflehnung von Weissen gegen den Staat in Südafrika seit Jahrzehnten, seit den Auflehnungen in den Weltkriegen gegen die Kriegshilfe für Grossbritannien.111 Am Ende musste De Klerk in einem gepanzerten Wagen der Polizei in Sicherheit gebracht werden, lagen 3 tote AWB-Rowdies herum. Im März 1992 liess De Klerk, nach einer Nachwahl-Niederlage seiner NP gegen die KP, ein Referendum unter weissen Südafrikanern über seinen Reformkurs abhalten.112 Er wollte sich damit die Zustimmung der weissen Minderheit zu den Verhandlungen mit dem ANC (und damit gewissermaßen zur Abschaffung der Apartheid) holen. Und, anders als bei Bruno Kreisky, der 1978 in Österreich zum Atomkraftwerk in Zwentendorf (noch nicht in Betrieb gegangen, aber fertig gebaut) abstimmen liess, um zu zeigen, dass die Bürgerbewegung gegen das AKW eine Minderheit repräsentierte, ging hier die Rechnung auf:

69 : 31 % Zustimmung. Die 31% “Nein”-Stimmen entsprachen genau den Stimmen für die Konservative Partei (KP) bei der letzten “Apartheid-Wahl” 1989.113 Die grösste Ablehnung gab es im nördlichen Transvaal.114 1992 liess De Klerk auch Leute frei, die in der einen oder anderen Hinsicht politische Gefangene waren. Darunter waren zwei zum Tode Verurteilte, Barend Strydom und Robert McBride von den entgegen gesetzten Enden des politischen Spektrums. Strydom, ein weisser politisch motivierter Serienmörder von einer rechtsradikalen Afrikaaner-Organisation, und McBride ein farbiger Anti-Apartheid-Kämpfer, der einen Sprengstoffanschlag verübt hatte. Beide wurden dann von der TRC frei gesprochen.

92

Im September 1991 einigten sich Vertreter von 27 Parteien/Organisationen/Regierungen Südafrikas (Parteien des 3-Kammern-Parlaments, Homelands, Befreiungsbewegungen,…) auf den National Peace Accord115, darin auf die Aufnahme von Verhandlungen. Im Dezember ’91 begann die Convention for a Democratic South Africa (CODESA), im World Trade Centre in Kempton Park bei Jo’burg, damit endlich der Verhandlungsprozess. Es begann mit einer Plenarsitzung (die einige Tage lief), ging dann in Arbeitsgruppen weiter. Die Konservative Partei (KP) und der PAC (von den entgegen gesetzten Enden des Spektrums) boykottierten CODESA, die IFP nahm teil, aber ohne ihren Vorsitzenden Buthelezi; es waren fast alle wichtigen Gruppen dabei, erstmals in der Geschichte Südafrikas verhandelten Parteien aus einem solch breiten Spektrum mit einander über die Zukunft des Landes. Vorsitz in der Plenarsitzung führten drei Richter des Obersten Gerichtshofs, Michael Corbett (dessen Vorsitzender, ein englischsprachiger Weisser116), Petrus Shabort (ein Afrikaaner) and Ismail Mahomed (ein indischer Südafrikaner, er wurde 1991 als erster Nicht-Weisser von De Klerk an diesen Gerichtshof ernannt).

Weisse Machthaber mussten sich erstmals Kritik und Fragen schwarzer (und weisser) Journalisten und Politiker stellen, teilweise vom TV übertragen. Gleich am ersten Tag kam es zu einer Art Eklat, nach De Klerks Rede, in der er den ANC dafür kritisierte, den MK nicht aufgelöst zu haben. Mandela antwortete erbost, wies vor den Augen der südafrikanischen und internationalen Öffentlichkeit den Präsidenten zurecht, der sich während Mandelas Rede auf die Glatze schlug, wie Manche beobachteten. Roelf Meyer war 1991 Verteidigungsminister geworden (als Malan-Nachfolger), wurde schon nach einem Jahr in dieser Funktion abgelöst, von Gene Louw117, Meyer wurde im Mai 1992 Minister für Verfassungsentwicklung und Kommunikation, damit Chefverhandler der Regierung, auch bei CODESA. Sein Gegenüber beim ANC war dessen Generalsekretär Cyril Ramaphosa. Der NP ging es in den Verhandlungen darum, für das künftige Südafrika ein Konzept zu etablieren, welches das Mehrheitsprinzip im politischen Entscheidungsprozess mehr oder weniger stark relativieren würde, den Weissen eine Form von “Autonomie” oder aber Vetorecht geben. Man sprach von “power sharing” bzw “Machtteilung”, als es darum ging, Rasse als Faktor in der Politik zu erhalten sowie grosszügige Minderheitenrechte zu etablieren – nachdem diese Minderheit schon Jahrzehnte über die Mehrheit geherrscht hatte.

Föderalismus in Südafrika war von der Entstehung dieses Staates 1910 bis 1994 praktisch nicht existent; in den 4 Provinzen (wie auch in Südwestafrika) gab’s einen ernannten Administrator, darunter eine gewählte Versammlung und ein Exekutivausschuss, die wichtigsten Kompetenzen waren bei Pretoria. Das war also schon vor der Apartheid bzw dem Machtantritt der NP so; als die NP ihre „künstlich“ erhaltene Macht (Ausschluss von zwei Drittel der Bevölkerung von Wahlen aufgrund rassischer Kriterien) dann aufgab, erwog sie auch einen “exzessiven” Föderalismus als Lösung für ihr “Dilemma” bzw als künftigen Weg für Südafrika.118 Mit dem Ende der Apartheid kam dann ein hohes Maß an Föderalismus nach Südafrika, bzw es wurde dieses so ausgehandelt, dies kam wahrscheinlich ANC und (N)NP entgegen. Die Vorschläge/Forderungen/Konzepte der NP in den Verhandlungen änderte(n) sich im Lauf der Jahre 91-93 immer wieder. Jedenfalls, noch im Juni 93 forderte De Klerk eine „Regierung durch Konsens“, eine Sperrminoritäts-Klausel für die Weissen bzw ihre Partei(en), eine Regierung in Form eines Kondominiums mehrerer Blöcke. Die wichtigste Arbeitsgruppe (“2”) von CODESA behandelte diese Verfassungsfragen, bzw es wurde in ihr darüber gefeilscht.

Im März 92 also das Referendum unter Weissen über De Klerks Kurs (s.o.). Im Mai 92 traten die Parteien zu CODESA II, der zweiten Plenarsitzung, zusammen, nach der es wiederum in Arbeitsgruppen weiter ging. Hauptakteure waren natürlich Regierung/NP sowie ANC. Und die Gewalt zwischen ANC- und IFP-Anhängern (s.o.) wurde ein Thema, drängte andere in den Hintergrund… Fraglich ist, ob Buthelezi bzw die Inkatha FP in diesen Übergangsjahren für Mandela bzw den ANC ein schlimmerer Gegner wurde als De Klerk bzw die NP (bzw das Apartheid-Regime), oder ob das Regime dafür sorgte. Es scheint wahrscheinlicher, dass das Schüren von Gewalt unter Schwarzen an De Klerk vorbei lief (s.o.), aber die Inkatha gegen den ANC auzuspielen, das versuchte auch er, allerdings auf der politischen Ebene. So war eben noch lange keine Einigung zustande gekommen, als im Juni 92 der Verhandlungsprozess an den Rand des Abbruchs kam, jedenfalls zum Stillstand. Nachdem im Township Boipatong bei Johannesburg etwa 45 Bewohner eines Arbeiterheims, ANC-Anhänger/Aktivisten, von IFP-Leuten getötet wurden.119

Mandela beschuldigte die Regierung, dabei eine Rolle gespielt zu haben, zog den ANC aus den Arbeitsgruppen von CODESA zurück, das damit gescheitert war. Von Apartheid-Behörden unterstützte Gewalt von Homeland-Gruppen gegen ANC-Anhänger war auch das Massaker in Bisho im September 1992, im Homeland Ciskei, durch die Homeland-Armee. Die ersten Verhandlungsrunden (CODESA I und II) scheiterten ausserdem an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten der Hauptakteure (NP, ANC) zur Zukunft Südafrikas. Der Abbruch führte zu einer “Neuauflage” des internationalen Drucks gegen das Apartheid-Regime, zu einer Wieder-Entfremdung zwischen den Gegenpolen NP/Regierung und ANC. Bei einem “engültigen” Ende des Verhandlungs-Prozesses wäre Südafrika wahrscheinlich wirklich in eine Art Bürgerkrieg “abgeglitten”. Die NP(-Regierung) wie der ANC behielten sich während der Verhandlungen auch eine Art Vetomacht zurück; das Regime Eingreifen/Niederschlagungen durch seine bewaffneten Kräfte, der ANC Massenmobilisierungen. Beziehungsweise, die radikaleren Kräfte in beiden Lager wollten das ohnehin.

Beim ANC setzte man 1992 auch eine Zeit lang auf das was die “Leipzig-Option” genannt wurde (Reminiszenz an das, was in der DDR 3 Jahre zuvor stattfand), Massenproteste, die friedlich abliefen, weil Militär/Polizei nicht eingriffen. Bemerkenswert daran ist unter Anderem, dass die Apartheid früher wie teilweise noch heute120 der Kommunismus betont wurde/wird, die “sowjetische Expansion” im südlichen Afrika, die Bedeutung des Untergangs des Ostblocks, die “rooi gevaar“. Die Apartheid-Regierung war aber in einer ähnlichen Position wie die untergegangenen kommunistischen Regime Osteuropas, mit ihrem Ausschluss der meisten Bürger von demokratischer Mitbestimmung, Unterdrückungsmaßnahmen, dem Aufbegehren dagegen,… Die von der NP gebildete Apartheid-Regierung unter De Klerk verlor wahrscheinlich 92/93 die Kontrolle über den Transformations-/Verhandlungsprozess, an den ANC. So wie die Regime in der CSSR oder Polen 1989 an die ausserparlamentarische Opposition.

De Klerk spricht Englisch mit starkem afrikaansen Akzent, wie auch seine Vorgänger121, ist weniger “anti-britisch” als diese, ob das positiv oder negativ ist. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass De Klerk ja immerhin eine Frau zur Ministerin machte, einen Englischsprachigen zu seinem Stabschef und gegen Ende seiner Präsidentschaft einige “Farbige” zu Ministern. 1992 wurde „Dave“ Steward aus Kenya122 De Klerks Stabschef/Kabinettschef. Steward wurde ausgebildet in Canada und GB, dann in Südafrika (Uni Stellenbosch), wurde dessen Botschafter (u.a. bei der UNO), arbeitete dann im SA Communication Service. Er blieb De Klerk über dessen Präsidenten-Jahre hinaus treu, in dessen Vizepräsidenten-Büro, dessen Stiftung, als Ko-Autor seiner Autobiografie. Dass er einen Englischsprachigen/-stämmigen zu seinem Kabinettschef machte, war im Apartheid-“Koordinatensystem” schon ein kleiner Reformschritt bzw zeugte von einem gewissen Veränderungswillen.123

Die NP öffnete sich 1991 für Mischlinge/Farbige und Asiaten/Inder, ’93 für Schwarze. So wie der ANC 1969 auf seiner Konferenz in Tansania beschlossen hatte, sich für alle ethnischen/rassischen Gruppen Südfrikas zu öffnen. 1991 berief De Klerk einen „Kap-Farbigen“ zum Vize-Minister, Abraham “Abe” Williams. Er war nicht der erste Nicht-Weisse in einer südafrikanischen Regierung, unter Botha gab es ja die zwei Regierungschefs der nicht-weissen Kammern als Minister für “ihre” Angelegenheiten. Williams war ein Rugby-Spieler gewesen, in der South African Rugby Federation (SARF) dann auch als Funktionär tätig; er ist so gewissermaßen zur “Kollaboration” mit der Apartheid gekommen. Er war in der farbigen Labour Party (LP) und in der farbigen Parlamentskammer ativ, ging 91 zur NP, wurde im selben Jahr Vizeminister für Bildung in De Klerks Regierung; blieb daneben in seiner Kammer und dessen Regierung. Williams wurde 1993, für etwa ein Jahr, Minister für Sport. Bhadra G. Ranchod, 92-94 letzter Premier der indischen Kammer (House of Delegates) war 93/94 Tourismus-Minister. Und Jakobus “Jac” Rabie, Premier der farbigen Kammer (House of Representatives), ging 92 von der LP zur NP, wurde 93 von De Klerk zum Minister für Entwicklung gemacht.

Die nicht-weissen Minister unter De Klerk bekamen also relativ unwichtige Ressorts.124 Williams war dann auch in der Regierung der nationalen Einheit mit Mandela als Präsident Minister, Ranchod in dieser Phase Vize-Parlamentspräsident125. De Klerk war also, während über die Zukunft Südafrikas noch verhandelt wurde, dabei, mit der Apartheid aufzuräumen. 1993 äusserte eine Entschuldigung für die Apartheid: “It was not our intention to deprive people of their rights and to cause misery, but eventually apartheid led to just that. Insofar as that occurred we deeply regret it… Yes we are sorry”. Er entschuldigte sich für die Effekte, die die Apartheid hatte, nicht für das Konzept an sich…diese Linie einer “bedingten” Entschuldigung/Distanzierung kam in späteren Jahren bei De Klerk immer wieder durch.

De Klerk und Mandela hatten in den Übergangsjahren Südafrikas beide Probleme mit ihren Frauen, privat-politisch, diese waren radikaler als sie, Marike stand rechts von Frederik, Winifred links von Nelson. “Winnie” und Nelson Mandela trennten sich 1992. De Klerk hatte mit Marike drei Kinder: Jan, der Bauer wurde (im damaligen westlichen Transvaal126), Willem, der in Öffentlichkeitsarbeit ging, und Susan, die Lehrerin wurde. Während der Präsidentschaft ihres Mannes war Marike Vorsitzende der Frauenorganisation der NP. Willem hatte Anfang der 1990er, als Student, eine Beziehung mit einer Frau, die im Apartheid-System als “Kleurling”/”Coloured” galt, also “Farbige”, jene Menschen in der Kapprovinz, deren Vorfahren hauptsächlich in VOC-Kolonialzeiten aus Teilen Europas, Südostasiens, Afrikas ans Kap kamen und sich dort meist mit den dortigen Khoisan “vermischten”. Seine Mutter Marike hatte diese Volksgruppe geschmäht und war ausser sich, dass ihr “Willempie” mit einer Farbigen eine Beziehung hatte. Es handelte sich um eine Tochter eines Politikers namens Deon Adams von der farbigen Labour Party127, der also den Platz im Kastensystem der Apartheid eingenommen hatte, den ihm diese zugewiesen hatte.

Unter Botha waren 1985 zwar, wie erwähnt, Unsittlichkeitsgesetz und Mischehenverbotsgesetz aufgehoben worden und unter ihrem Mann 1991 das Gesetz, auf dem die “Bevölkerungsregistrierung” (Einteilung/Klassifizierung in vier rassische Gruppen) basierte, dennoch war Marike anscheinend über Willem de Klerks Liebe entsetzt. Die Gesetze waren abgeschafft worden, aber die Einstellung blieb bei Vielen, und die First Lady war das beste Beispiel dafür. Was man so liest, war sie entsetzt über die Aussicht, braune Enkelkinder zu bekommen, sagte ihrem Sohn, dass er die Arbeit und die Position seines Vaters gefährde, Rassenmischung Südafrika zerstöre,… Willem beendete nach 2 Jahren Druck seiner Mutter diese Beziehung; er heiratete dann eine Afrikaanerin, Unternehmens-Managerin, in einer niederländisch-reformierten Kirche. Wie das weiterging, gehört eigentlich nicht hier her. Relevant ist jedenfalls, wie sich der Untergang, die Auflösung, der Apartheid ins Private, in Familien auswirkte (auch in die “Erste”), bzw, umgekehrt, wie Grenzen zwischen den Rassen/Volksgruppen im Privaten entstanden und Gesetze wurden.

In der Regierung bzw in der NP brach nach Boipatong ein Richtungsstreit aus zwischen jenen, die die IFP weiter unterstützen und die Schwarzen spalten wollten und jenen, die mit den Schwarzen eine Einigung finden und mit dem ANC eine Verhandlungslösung finden wollten. Die IFP war übrigens ab Februar 1993 im weissen Parlament vertreten, durch Übertritte von NP (Jurie Mentz) und DP (Mike Tarr) zu ihr.128 Im September 1992 unterzeichneten Regierung und ANC eine Übereinkunft über Verständigung (Record of Understanding), beschlossen eine Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses. Im August 1992 hat der vormalige Generalsekretär der mit dem ANC verbündeten SACP, “Joe” Slovo, eine „Sonnenuntergangsklausel“ vorgeschlagen, gewissermaßen einen “sanften” Übergang von der Apartheid zur Demokratie, eine Form der “Machtteilung” wie sie die NP eigentlich verlangte, Beibehaltung von Staatsbediensteten und Besitzverhältnissen, für eine Übergangsperiode. Der ANC brachte dies in die Verhandlungen ein. Und die NP-Regierung distanzierte sich von der IFP und ihrem Chef Buthelezi.

Im April 1993 wurden die Verhandlungen fortgesetzt, das Multi Party Negotiationing Forum (MPNF; Mehrparteien-Verhandlungsforum), wie CODESA im WTC in Kempton Park. Das MPNF lief von April bis November ’93, anders als bei CODESA waren anfangs alle Wichtigen dabei, die KP129, der PAC, die IFP, die anderen Homeland-Führer. Während dieses letzten Abschnitts der Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid ereignete sich die Bekanntgabe des aufgegebenen Atomwaffenprogramms (s.o.) durch De Klerk im Parlament. Und der Mord an SACP-Generalsekretär Chris Hani, kaum dass die Verhandlungen (wieder) begonnen hatten, im April 1993.130 Hani wurde vor seinem Haus von einem rechtsextremen polnischen Einwanderer mit Verbindungen zur KP erschossen. Dies brachte die lange aufgestauten Frustrationen bei Schwarzen über den Rassismus und die Gewalt gegen sie fast zur Entladung; die Gefahr einer Eskalation war hier am grössten, mehr als nach dem Boipatong-Massaker.

Bekanntlich war es ja Nelson Mandelas TV-Ansprache, die die Situation beruhigte. Er rief (ANC-Anhänger) zur Besonnenheit und indirekt Südafrikaner zur Einheit auf, wies darauf hin, dass der Täter ein Einwanderer war, der Gewalt und Hass ins Land bringen wollte, während Hanis weisse, südafrikanische Nachbarin die Polizei zum Täter führte. Mandela, damals ANC-Präsident, agierte wie ein Staatspräsident… Es kam hier zu einer Machtverschiebung von der Regierung zu ihm und dem ANC, da für viele Weisse klar wurde, dass er mehr als De Klerk oder ein anderer Weisser Sicherheit und Ruhe für das Land bewirken konnte. Die Konservative Partei (KP) war in den Hani-Mord involviert. Bald danach starb KP-Führer Treurnicht, eines natürlichen Todes. Nachfolger (damit auch Oppositionsführer) wurde Ferdinand “Ferdi” Hartzenberg, gleich alt wie De Klerk, auch Minister unter Botha gewesen; er war einer jener KP-Gründer, die 1982 während/wegen der Ausarbeitung der neuen Verfassung die NP verliessen.131 Hartzenberg war radikaler als Treurnicht, im selben Kampf, dem gegen den Verlust des privilegierten Status’ der Afrikaaner. Es gab in der NP ja eine lange Tradition von Abspaltungen von Teilen der Partei die “radikaler” als der “Hauptstrom” waren (GNP, HNP, die zweite HNP, KP,..).

Im Mai 1993 schlossen sich diese Afrikaaner-Parteien/Organisationen rechts von der NP (stehend und grossteils aus ihr hervor gegangen) zur Afrikaner Volksfront (AVF) zusammen, mit dem ehemaligen SADF-Generalstabschef Constand Viljoen und Hartzenberg als Führer.132 Als Ziel wurde ein “Volkstaat” formuliert (also die Aufgabe des Postulats der Führerschaft über Südafrika). Die AWB stand gewissermaßen noch rechts von der AVF, sie störte die Verhandlungen im Juni 1993 sehr direkt, indem sie das Welthandelszentrum in Kempton Park mit einem Panzerfahrzeug stürmte. Im November 1993 kamen die Verhandlungen (dennoch) zum Abschluss. Es wurde für den April ’94 eine Wahl anvisiert, mit der eine Übergangsverfassung  in Kraft treten sollte, unter einer Regierung der nationalen Einheit sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden.

Bis zur Wahl sollte ein Transitional Executive Council (TEC) neben die Regierung(en) treten, in dem auch der ANC unter Mandela vertreten war. Im November 93 wurde der Verhandlungsabschluss (mit der Übergangsverfassung ab der Wahl) im Parlament ratifiziert, damit das TEC (bis zur Wahl) geschaffen. Manche sehen das Ende der Apartheid schon hier, nicht erst mit der Wahl 94 bzw der Bildung der Regierung unter Mandela darauf hin. Weiters wurde für die Übergangsverfassung ein Parlament aus 2 Kammern, die Wiedereingliederung der Homelands, die Neu-Schaffung von Provinzen (mit mehr Selbstregierung als bisher) beschlossen. Es würde kein weisses Vetorecht in der Regierung oder etwas Ähnliches, aber eine Regierung der nationalen Einheit, in der die NP bzw Weisse so viel Gewicht haben würde, wie es dem Wählerstimmenanteil (bezogen auf die Gesamtbevölkerung Südafrikas) entsprach. Der Staatspräsident sollte weiterhin vom Parlament gewählt werden, anders als im amerikanischen Modell, würde also damit jedenfalls eine parlamentarische Mehrheit haben.133 Wer hat wen über den Tisch gezogen? Oder hat man sich in der Mitte getroffen?

Nun, es setzten sich sowohl Mehrheitsrechte (keine „Machtteilung“) als auch die Beibehaltung von Privilegien (Sonnenuntergangsklausel, keine Umverteilung) durch. Kate Griffiths: “The deal he [De Klerk] negotiated on behalf of many others who suffered and sacrificed was essentially this: in exchange for one-person-one-vote, both the accumulated wealth of South Africa’s apartheid rulers and global investors would remain untouched, as would rules and conditions of future accumulation. No redistribution, no land reform, and in place of an overhaul of the capitalist system, the ANC government, in coalition with the South African Communist Party (SACP) (an organization that has retrospectively claimed Mandela as a member) and the Congress of South African Trade Unions (COSATU) would seek, to establish a ‘national democratic revolution.’ All of this was decided before a single South African set foot in a voting booth in 1994. Subsequent battles over housing, health, and economic policy under Presidents Thabo Mbeki and Jacob Zuma have been shaped and fundamentally limited by the terms of this agreement.”

Ist der Verhandlungsabschluss vergleichbar mit dem bosnischen Dayton-Abkommen, und dem spanischem “Pakt des Vergessens”? Oder ist er als “historischer Kompromiss” zu sehen? Behrens, von Rimscha in “Gute Hoffnung am Kap?” (1994): „De Klerks Kunst hatte darin bestanden, den prognostizierten Triumph [des ANC] in einen verfassungsrechtlichen Rahmen einzubinden, der dem Sieger wenig gab.“ Die NP hat sich 1991-93 gewissermaßen von der Macht weg verhandelt, es war klar dass sie eine freie Wahl nicht gewinnen konnte; wieso sollten die Opfer der Apartheid (> 2/3 der Bevölkerung) auch nun die Apartheid-Partei wählen? Die NP unter De Klerk hat sich aber auch in eine machtvolle Position für das neue, demokratische Südafrika hinein-verhandelt, zumindest für dessen Beginn! Susan Booysen in “The African National Congress and the Regeneration of Political Power”: “De Klerk’s pragmatism helped launch the NP into the negotiations. For him and the NP, negotiations constituted a foothold into a future where its ‘skills and experience’ could be rewarded with political power.”

De Klerk hob im SABC-Interview ’20 (>) bzgl dieser Verhandlungen (CODESA, MPNF) hervor, dass es hier im Gegensatz zu anderen Verhandlungen zwischen “Streitparteien” in einem Land keine internationale Vermittlung gab, es Verhandlungen unter Südafrikanern waren. Zur selben Zeit fanden die Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern statt (siehe Fussnote 1), die auch 1993 einen Abschluss (Oslo-Abkommen) brachten, auch Friedensnobelpreise (1994), aber keine dauerhafte, tragfähige Lösung. Dort wurde unter norwegischer, amerikanischer Vermittlung verhandelt. Palästinenser waren wie Schwarze in Südafrika mehr oder weniger rechtlose Untertanen, bei ihnen hat sich daran nicht all zu viel geändert. Keine Lösung, die ihnen die selben Rechte wie die Juden in diesem Land gibt, aber auch keine die ihnen Selbstständigkeit in einem Staat neben Israel gibt. Aber, es handelt sich bei den palästinensischen Rest-Gebieten (jene die 1967 besetzt wurden und seither zugesiedelt bzw ethnisch “gesäubert” werden) ja ohnehin um “Judäa und Samaria”.134 Eine Analyse der Übergangsverfassung 94-97 bietet das Buch von (dem verstorbenen Theaterwissenschaftler) Rob Amato, “Understanding the New Constitution” (1994).

Ende 93 bis Frühling 94 gab es in Südafrika: die „eigentliche“ Regierung (unter De Klerk, mit „Pik“ Botha,…), den Übergangsexekutivrat (TEC; mit Mandela), die „weisse“ Regierung (93/94 unter Adriaan Vlok), die der Farbigen (unter „Jac“ Rabie, inzwischen ja bei der NP), die der Inder (ihr letzter Chef war Bhadra Ranchod, ebf nun bei der NP und in De Klerks Regierung), die Regierungen der 4 „souveränen“ (die “TBVC-Staaten”) und 6 autonomen Homelands (darunter KwaZulu mit M. Buthelezi), den Präsidialrat (eine Art gemeinsames Parlament; Derby-Lewis von der KP, der hinter dem Hani-Mord steckte, war dort Mitglied gewesen), den Staatssicherheitsrat (der unter De Klerk entmachtet worden war), die ziemlich machtlosen Provinz-Regierungen, die traditionellen Führer der schwarzen Völker (die in der Regel mit den Homelands verbunden waren)… Das war die Organisationsstruktur der Verfassung die 84 in Kraft trat und das bis 94 blieb, plus das TEC. Von Bedeutung war dieses und De Klerks Regierung. Jene, die die Verhandlungen teilweise boykottierten und dies auch für die Wahlen ankündigten (s.u.) bekamen eine eigene Bedeutung; das waren einige Homeland-Führer, die äusserste afrikaanische Rechte und die radikalen Schwarzen. Etwa ein halbes Jahr vergingen vom Verhandlungsabschluss bis zu den Wahlen.

Während sich die Einen “einigelten”, versuchten sich Andere zu transformieren, zu öffnen, adaptieren. Die NP hatte ja schon in den Jahren davor begonnen, sich für Nicht-Weisse zu öffnen, wobei das Hauptaugenmerk auf Jene gelegt wurde, die sich vor dem ANC bzw den Schwarzen fürchteten, oder denen insinuiert wurde, dass sie sich zu fürchten hätten. Mehr noch als die Inder waren das die teilweise von afrikaanser Kultur geprägten “Kap-Farbigen”. Auch die Democratic Party (DP) „dehnte“ sich aus für alle Bevölkerungsschichten. Die Parteien der Mischlinge/Farbigen und Inder lösten sich 93/94 auf, bzw wurden umgewandelt. Aus der National People’s Party (NPP) von Amichand Rajbansi, der herrschenden Partei im Inder-Parlament, wurde so die Minority Front (MF). Die dominierende Farbigen-Partei war die Labour Party, sie wurde 1994 aufgelöst; ein Teil (Williams, Gerald Morkel,…) ging zur NP, ein kleinerer (mit „Allan“ Hendrickse) zum ANC. Der ANC stiess bei seinen Bemühungen, in den noch bestehenden Homelands aktiv zu werden, teilweise auf Widerstand. In drei der Homelands (Bophuthatswana, Ciskei, KwaZulu) verweigerten die Regierungen die Auflösung. Von den Homeland-Parteien wurde im demokratischen Südafrika neben der IFP dann nur die Dikwankwetla Party (Homeland QwaQwa) aktiv.135

Ende 1993 wurde die Verleihung des Friedensnobelpreises an Mandela und De Klerk bekannt gegeben, für den Verhandlungsabschluss. Etwa zwei Monate vor der Verleihung warf etwas ein schlechtes Licht auf De Klerk, der als Preisträger ohnehin nicht ganz unumstritten war.136 Am 8. Oktober 1993 tötete ein SADF-Kommando (vielleicht auch eines der Polizei) in Mthatha in Transkei (damals nominell noch ein unabhängiger Staat) 5 Leute. De Klerk hat die Sache angeordnet, mit seinen Ministern Coetsee (Militär) und Kriel (Polizei), sprach davon dass es um ein Vorgehen gegen eine Zelle der Azanian People’s Liberation Army (APLA), der Miliz des PAC, ging. Es erwischte aber 5 Kinder/Jugendliche, und der Vater von zwei der Opfer war PAC-Aktivist. Mandela sprach damals von “brutalem Vorgehen” und dass De Klerk Blut an seinen Händen hätte. Von De Klerk gibt es dazu anscheinend nur die Aussagen, dass er die Zerstörung einer APLA-Einrichtung in Transkei autorisiert habe. War es eine Aktion, um Leuten in der NP, in Militär und Polizei sowie unter Weissen zu demonstrieren, dass er noch die Macht hat und Verschiedenes nicht tolerieren werde?

Die Sache ging ziemlich unter, auch das damalige erneute temporäre Zerwürfnis mit Mandela. Es heisst, auf Intervention von Mandela hat De Klerk den Familien später Kompensation gezahlt. Dumisa Ntsebeza, der für die TRC arbeitete, bemüht(e) sich um Aufklärung des Überfalls. Ein Anti-Racism Action Forum hat 2016 Klage gegen De Klerk eingereicht, auch aufgrund dieses Massakers. Und der Vater von 2 Getöteten schloss sich einer Klage in der USA 2002 gegen Banken und Firmen die von der Apartheid profitierten, an. Eugene de Kock von der Polizei, Chef der berüchtigten Einrichtung “Vlakplaas”, war einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) nicht ungeschoren davonkamen. De Kock beschuldigte 1996 De Klerk, politische Tötungen angeordnet zu haben, sagte dass dessen Hände von Blut trieften. Vor der Wahl 1994 seien solche Todesschwadronen unterwegs gewesen, mit dem Wissen De Klerks, und das Haus in Transkei sei benutzt worden, um Waffen zu lagern.137

Dazu ist zu sagen, dass PAC/ APLA selbst für einige schlimme Taten verantwortlich waren, hauptsächlich in diesen Übergangsjahren (89-94). So für das Massaker in der Saint-James-Kirche im Juli 93, eine anglikanische Kirche am Rand von Kapstadt. 4 APLA-Leute töteten dabei mit Handgranaten und Sturmgewehren 11 Kirchenbesucher und verletzten 58, zT schwer.138 Bei den Todesopfern handelte es sich um 7 englischsprachige weisse Südafrikaner und 4 russische Seeleute. Dem PAC ging es darum, den Verhandlungsprozess zu stören, genau wie der AWB. Die 4 Täter wurden geschnappt und im zu Ende gehenden Apartheid-System verurteilt. 1998 bekamen sie von der Truth and Reconciliation Commission Amnestie zugesprochen, so wie viele Gewalttäter im Namen der Apartheid oder im Namen des Kampfes gegen sie.139

Zu den weiteren Gewaltakten von PAC/ APLA in dieser Zeit zählt auch der Mord an der US-amerikanischen Anti-Apartheid-Aktivistin (!) Amy Biehl 1993 im Kapstädter Township Gugulethu (also auch am Rand Kapstadts); die 4 Täter wurden noch vor der Wahl 1994 verurteilt. Auch sie bekamen, 1998, Amnestie durch die TRC.140 Am Kirchenmassaker sind ja einige Aspekte bemerkenswert. Russische Kirchenbesucher in Südafrika, in der Zeit nach dem Auseinanderfall der SU, als Opfer einer schwarzen Gruppe die auch mal ein antikommunistischer West-Liebling war141, aber eigentlich radikaler als der mit den Kommunisten verbündete ANC, und die Sache fand in der Zeit nach dem Untergang der kommunistischen Systeme in Osteuropa statt, die gerne vorgeschoben wurden für die Bekämpfung und Unterdrückung von Schwarzen im südlichen Afrika…142 Der konservative afrikaanse Sänger Steve Hofmeyr meldet sich gerne politisch zu Wort143, hat das St. James-Massaker seinem Militärdienst in Angola “gegen Kommunisten” gegenüber gestellt, um zu zeigen, wer die eigentlich Bösen waren zu Zeiten der Apartheid. Er gehört zu jenen weissen Südafrikanern, die Apartheid und Rassismus nicht direkt verteidigen, aber irgendwie schon.

Circa 80% der Südafrikaner sind Christen, die allermeisten Schwarzen und Weissen, gehören aber sehr unterschiedlichen Kirchen an144, das Christentum ist in Südafrika mehr trennend als vereinend. Die Apartheid eben so wie der Kampf dagegen wurde von den Kirchen der “Betroffenen” religiös begründet, beide Seiten zogen Rechtfertigung und Inspiration für den Kampf aus ihrer Auffassung des Christentums. Und, es gab nicht nur den PAC-Anschlag auf diese anglikanische Kirche 1993, es gab auch einen Bomben-Anschlag des Apartheid-Regimes auf das Hauptquartier des South African Council of Churches (SACC) im Khotso House in Johannesburg, 1988. Das SACC engagierte sich gegen die Apartheid, und wie man heute weiss, hat P. W. Botha persönlich den Anschlag angeordnet, über seinen Polizeiminister Vlok und Eugene de Kock. Im Jahr darauf wurde versucht, SACC-Generalsekretär Frank Chikane, ein Pfingstkirchen-Geistlicher, mit vergifteter Kleidung zu töten. Der Hass, der sich noch immer gegen den anglikanischen Geistlichen Desmond Tutu richtet, spricht auch für sich.145

De Klerk und Mandela reisten im Dezember 1993 getrennt zur Verleihung des Friedensnobelpreises nach Oslo, ersterer mit seinem Präsidenten-Flugzeug. Zur Situation nach der Verleihung im Rathaus, die Beschreibung am Beginn des Artikels. Einige Gedanken/Anmerkungen nun zu dem Preis und einigen seiner Träger. Heribert Adam und Kogila Moodley schrieben in “The Opening of the Apartheid Mind”: „The world praised and rewarded a change to what should have been normal policies and intergroup relations in the first place.” Richtig, andererseits sind beide der Gegenseite ein grosses Stück entgegen gekommen, haben viel Glaubwürdigkeit in ihrer Partei riskiert,…und haben entscheidend dazu beigetragen, diese Normalität, die nicht gegeben war, herzustellen.

De Klerk war allerdings, wie auch eingangs erwähnt, etwa 20 Jahre eine Stütze des Apartheid-Systems (gewesen), ehe er, an seine Spitze gekommen, begann, dieses abzubauen. Liegt ein Verdienst darin, ein zutiefst ungerechtes System zu beenden, das man selbst (etwa die zweite Hälfte seiner Existenz) mit verantwortet hat? Mandela wiederum hat den Preis erst bekommen, als er das rettende Ufer bereits erreicht hatte, und für seine Einigung mit Repräsentanten des Systems, das er bekämpft hat. Wie hätte er vor seiner Verhaftung gegen die Apartheid kämpfen müssen, um für den Preis in Frage zu kommen? Wie schon hier geschrieben, beim Dalai Lama oder Aung war Widerstand gegen ein diktatorisches System ausreichend, nicht eine Einigung mit diesem.

Im Jahr darauf also der Preis an Rabin, Peres, Arafat, auch an die Verhandlungsführer der beiden “Gegenpole”146 gemeinsam, auch als Ermutigung für den weiteren Prozess. Das Oslo-I-Abkommen wurde im August 1993 unterzeichnet, die 3 waren auch für den Preis 1993 ein Thema gewesen. 1973 wurden Henry Kissinger und Le Duc Tho als Verhandlungsführer für den Waffenstillstand in Vietnam ausgezeichnet, der zum Abzug der USA von dort führte. Eine groteske Entscheidung des Friedens-Nobelpreis-Komitees, einen Preis für Vertreter jener Regime, die diesen Krieg selbst angezettelt hatten. Ganz unbesehen davon, was diese Politiker sonst so geleistet haben, welche Diktatur unter der Đảng Cộng sản Việt Nam (Kommunistische Partei Vietnams) entstanden ist, der Le angehörte (der den Preis übrigens abgelehnt hat). Zu Kissinger (> Chile 1973, Pinochet…) ist das Buch “The Trial of Henry Kissinger” von Christopher Hitchens aus 2001 empfehlenswert. Shimon Peres wurde/wird immer für ein „Leben für den Frieden“ gelobt, was auch ziemlich an der Realität vorbei geht; als “rechte Hand” Ben Gurions hat er den Konflikt dort selbst mit geschaffen.

Ein Blick auf die bisherigen Nobelpreisgewinner aus Südafrika:147

* Max Theiler: Physiologie/Medizin, 1951, für seine Gelbfieber-Forschungen, naturwissenschaftlich also; Theiler war Schweizer Herkunft, ist dann in die USA ausgewandert, bekam den Preis in der frühen Apartheid-Zeit

* Albert Lutuli: Frieden, 1960, für sein Engagement gegen die Apartheid, ANC-Präsident, Zulu, ungeklärter Tod 1967

* Aaron Klug: Chemie, 1982, ein im unabhängigen Litauen geborener Jude, für den Südafrika Zwischenstation war am Weg nach GB > Nationswechsel bei Wissenschaftern

* Allan M. Cormack: Physiologie/Medizin, 1979, englischsprachiger Weisser, in USA ausgewandert

* Desmond Tutu: Frieden, 1984, ein Xhosa, anglikanischer Geistlicher, Engagement gegen Apartheid, lebt

* Nadine Gordimer: Literatur, 1991, südafrikanische Jüdin, gegen die Apartheid eingestellt

*  Frederik W. de Klerk: Frieden, 1993, als erster echter Afrikaaner (Theiler könnte man u. U. auch als solchen bezeichnen), Politiker, der die Apartheid mit beendete (sagen wirs mal so), lebt

* Nelson Mandela: mit De Klerk, Xhosa, Kampf gegen Apartheid oder Einigung mit dem Regime

* Sydney Brenner: Physiologie/Medizin, 2002, südafrikanischer Jude der nach GB auswanderte

*  John M. Coetzee: Literatur, 2003, Afrikaaner, lebt, nach Australien ausgewandert, zu ihm noch mehr im Schlussabschnitt

* Michael Levitt: Chemie, 2013, jüdische Familie, die vor Jahrzehnten nach GB auswanderte, soll aber noch südafrikanischer Staatsbürger (gewesen) sein (unter anderem), lebt

Christiaan Barnard, der Herz-Transplanteur, ein Afrikaaner, bekam den Physiologie/Medizin-Preis ja nicht, er selber legte sich dazu mal ein Opfermäntelchen um (“Weil ich ein weisser Südafrikaner bin”), mal machte er auf lässig (“Weil ich so viele Freundinnen hatte”). Sein Bruder Marius, ebf. Herzchirurg, und sein Assistent, war in den 1980ern Abgeordneter für die PFP. Am Groote Schuur-Krankenhaus wurde Barnard auch von Hamilton Naki assistiert. Südafrika ist in einer Länderliste auch ohne Barnard bestes afrikanisches Land.148 Ausserdem ging ein “Alternativer Nobelpreis” (Right Livelyhood Award) an einen Südafrikaner, 1981 an Patrick van Rensburg, einen weissen (burischen) Anti-Apartheid-Aktivisten

Der Beginn des demokratischen Südafrikas

Mangosuthu Buthelezi hat die IFP gegen Ende des MPNF aus diesem abgezogen, weil er sich auf die Seite geschoben fühlte. Er bildete eine Querfront mit anderen Homeland-Führern (samt den traditionellen Führern) und weissen (afrikaansen) Rechten, 92 schloss man sich zur Concerned South Africans Group (COSAG) zusammen, daraus wurde 93 die Freedom Alliance. Die schlimmsten Rassisten des Landes (KP und die anderen aus der AVF) und die Führer der Homelands KwaZulu, Bophuthatswana149 und Ciskei. Wobei die Inkatha Anhänger auch ausserhalb des Homelands hatte, etwa die Hälfte der gut 8 Millionen Zulus, aber auch unter Weissen und Indern in der Region Natal-KwaZulu, und sie war ja auch schon vor den Wahlen im Parlament vertreten.150 Siehe dazu die Anmerkungen zur Zusammenarbeit von einem Zululand mit einem Volkstaat.151 Ausserdem stellten sich die radikalen (linken?) Schwarzen (PAC und AZAPO) gegen den Verhandlungsabschluss und die freie Wahl. Die Spitze des PAC hielt die Zugeständnisse des ANC an die Weissen im Verhandlungskompromiss (die Interimsverfassung) für zu gross, wollte die Wahlen durch Chaos/Gewalt verhindern. Für KP, HNP,… wiederum waren die Zugeständnisse an die Schwarzen zu gross. Am Beginn des MPNF waren alle diese Kräfte noch dabei gewesen.

Eine Einbeziehung aller relevanten politischen Kräfte in den demokratischen Prozess war wichtig, Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums “zierten” sich aber. Die Inkatha Freedom Party war von diesen Wahl-Verweigerern klar die wichtigste und eine Wahl ohne sie wäre (auch) angesichts der Gewalt zwischen ihren Anhängern und jenen des ANC, die sich auch noch ins Frühjahr 1994 zog, ein ganz schlechter Start in das Post-Apartheid-Zeitalter Südafrikas gewesen. Die IFP lehnte in der Übergangsverfassung vorgesehenen Regelungen für Natal-KwaZulu ab und bei einer Veranstaltung im Februar 94 forderte Zulu-König Zwelethini vor 50 000 Anhängern die Wiedererrichtung des Zulu-Reichs in den Grenzen von 1838. Während dessen lief der Wahlkampf  an, auf verschiedenen Ebenen, über unterschiedliche Medien. Unter Präsident De Klerk wurde auch die Rundfunkanstalt SABC/SAUK etwas reformiert, Zensurmaßnahmen beendet und eine objektivere Berichterstattung angeboten. Einen Wendepunkt stellten die Ereignisse im Homeland Bophuthatswana im März 1994 dar, etwa eineinhalb Monate vor der südafrikanischen Wahl.

Bophuthatswana-Herrscher Lucas Mangope verweigerte ja die (Wieder-) Eingliederung “seines” Homelands in Südafrika, die mit Beginn der Wahlen stattfinden sollte. Mangope sah sich mit Unruhen der Bevölkerung konfrontiert, die diese Eingliederung wollte. Mangope rief seine COSAG-Freunde zu Hilfe, und das waren die weissen Rechtsextremen, AVF- und AWB-Leute. Sie kamen unter Führung von Constand Viljoen aus Südafrika (Transvaal), sollten zusammen mit der Bophuthatswana Defence Force (BDF) für “Ruhe und Ordnung” sorgen, hauptsächlich in der Hauptstadt Mmabatho. Das südafrikanische Militär (SADF), dem Viljoen ja angehört hatte, intervenierte gegen diese “Invasion”, auf Anweisung des TEC. AWB-Leute beschimpften und beschossen Leute in den Strassen der Hauptstadt, am Ende musste die Afrikaaner-Miliz abziehen und Mangope musste zurücktreten. Danach gab auch der Herrscher der Ciskei auf, der sich ebenfalls gegen eine Eingliederung in das neue Südafrika gesträubt hatte. Und Viljoen liess eine Partei namens Vryheidsfront/ Freedom Front (VF/FF) registrieren, scherte damit aus der AVF aus. Wurde von den Zurückgebliebenen in der AVF und der AWB als „Judas“ etc beschimpft; aus dieser Ecke war (ist seit damals) zwischen ANC und NP schon mal gar kein Unterschied mehr.

Auch der PAC lenkte kurz vor der Wahl ein. Im Wahlkampf brachte der ANC ein Plakat mit Fotos von De Klerk und seinen 5 Vorgängern als NP-Chefs/ Apartheid-Regierungschefs. Die NP wiederum richtete sich hauptsächlich an die Nicht-Schwarzen, versuchte aber auch Schwarze damit zu gewinnen, sich als Vertreterin von Stabilität und Wohlstand (was nun Allen zu Gute kommen sollte) zu präsentieren. 10 Tage vor der Wahl (am 14. April) eine TV-Diskussion zwischen De Klerk und Mandela, Führer der wichtigsten Parteien, im SABC in Jo’burg: https://www.youtube.com/watch?v=oTIeqLem67Q . Die Weissen Südafrikas “standen” im Frühling 94 zwischen Erleichterung, Mitwirken am Übergang zum neuen Südafrika, nervösem Bangen, Schwarzmalerei,… Manche flogen ins Ausland, um sich die Ereignisse rund um die erste freie Wahl (die unweigerlich eine Machtübergabe an eine „schwarze“ Regierung bringen würde) zunächst aus der Distanz zu beobachten – die Meisten kehrten zurück, in ein Land, das nun von einer Regierung der nationalen Einheit regiert wurde. Andere transferierten nur ihr Geld ins Ausland, ebf. prophylaktisch. Es gab Seminare über Auswanderung (nach Australien,…), aber auch solche über afrikanische Sprachen (isi Zulu, isiXhosa,…). Manche deckten sich mit Kerzen und Konserven ein.

Es überwog jedenfalls ein „Einigeln“, wobei Manche sagen, dass dies bis heute angehalten hat. Die Sicherheitsbranche boomte schon in den Jahren vor der “Machtübergabe”, oft wirkten dort „Überläufer“ aus staatlichen Diensten, aus denen es auch Auswanderer gab. Gewalt, Ängste, Vorurteile, inneres und äusseres Exil, Hoffnungen,… Das Bangen (nicht nur bei Weissen) begründete sich auch auf den Wahlboykott der IFP und die anhaltende Gewalt von deren Anhängern gegen jene des ANC. So wie bei der Schiesserei beim Shell House, dem Hauptquartier des ANC in Johannesburg Ende März. Hauptsächlich spielte sich diese Gewalt aber in Natal-KwaZulu ab, bei Wahlkampf-Veranstaltungen des ANC. Wenige Tage vor Abhaltung der Wahl, als klar war, dass diese stattfinden würde, lenkte die Inkatha schliesslich ein, nach Vermittlungsversuchen (über Zwelithini) und Zugeständnissen, wurde für die Wahl registriert. Eigentlich 5 Minuten nach 12.152 Buthelezi hätte zum Kampf aufrufen können…ebenso Viljoen; aber auch ein Wahlboykott wäre schon schlimm gewesen. Die KP unter Hartzenberg und Andere in der AVF blieben bei ihrem Boykott, waren so der wichtigste Abwesende bei der Wahl 94. Die deutliche Mehrheit der Weissen, der Afrikaaner, unterstützte De Klerks Kurs, nahm an der Wahl teil, aktiv/passiv.

Auch ein Teil der ca. 31% Weissen, die keine Reform oder Abschaffung der Apartheid wollten (die bei der Wahl 89 für die KP stimmten und beim Referendum 92 mit “Nein”), nahm an der Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde, teil, indem sie die VF wählten, die auch als KP-Abspaltung gesehen werden kann. Ausserdem waren die AZAPO und Bophuthatswana-Mangope nicht am Wahlzettel. Die Übergangsverfassung trat am 27. 4. (dem zweiten Wahltag) in Kraft. Die NP erreichte den erwarteten zweiten Platz hinter dem ANC, kam auf 20%, so viel wie notwendig, um laut Übergangsverfasssung einen Vizepräsidenten zu stellen. De Klerk sagte, die NP sei bei der Wahl 94 schon keine Apartheid-Partei mehr gewesen, hätte sich innerlich davon distanziert gehabt; dies ist etwas fragwürdig, auch wenn Pieter Botha oder Magnus Malan schon in den Jahren davor abgetreten waren.153 Die NP profitierte bei dieser Wahl davon, das Land und seine Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg rassisch definiert und geteilt zu haben (aufbauend auf die Politik von Smuts, Milner, Rhodes, Van Riebeeck,…).

Sie bekam einen Grossteil der Stimmen der Weissen (jene der Afrikaaner mehr als der Englischsprachigen), der Farbigen/Mischlinge (die in der neuen Provinz Westkap dominieren, womit die NP dort die Provinzwahl gewann), und einen guten Teil (etwa die Hälfte) der Stimmen der Inder (die zuvor auch eigene, untergeordnete Parlamentskammern und Regierungen wählten) und anderen Asiaten. Und auch etwa 500 000 Stimmen von Schwarzen, grossteils aus dem Bereich der bisherigen Homelands; die NP hatte auf nationaler und provinzieller Ebene auch einige schwarze Kandidaten aufgestellt. Weil die Provinz Westkap (Western CapeWes-Kaap) zuerst ausgezählt wurde, lag die NP sogar zu Beginn der Auszählung in Führung. Apartheid bedeutete ja auch ein Ausspielen der Nicht-Weissen gegen einander…die “Braunen” gegen die “Schwarzen”, die Zulus gegen Xhosas,… Jedenfalls, die “Farbigen” im Westkap wurden Stammklientel der NP, auch nach derer Umbenennung, teilweisen Umorientierung. Die IFP wurde stärkste Partei in der neuen Provinz KwaZulu-Natal (was den Frieden rettete, gewissermaßen), wurde mit 10% Dritter landesweit, war damit auch berechtigt, an der Regierung der nationalen Einheit/ Government of National Unity (GNU) teil zu nehmen.

In der National Assembly vertreten waren nach der Wahl auch VF, DP, PAC, ACDP.154 Im Senat (gebildet aus Vertretern der 9 Provinzen) war die Sitzverteilung ähnlich. Noch-Präsident De Klerk gratulierte Mandela zum Wahlsieg, auf Afrikaans: “Herr Mandela wird bald das höchste Amt in deisem Land antreten, mit all der Verantwortung, die das mit sich bringt. Er wird das (Amt) … auf ausgewogene Weise ausführen müssen, die Südafrikanern aller Gemeinschaften versichert, dass er alle ihre Interessen am Herzen hat. Ich bin sicher, dass dies seine Absicht ist. Mandela ist einen langen Weg gewandert und steht jetzt auf einem Berggipfel…Ein Mann mit Bestimmung weiss, dass hinter diesem Berg ein weiterer liegt und dann noch einer…Während er über den nächsten Gipfel nachdenkt, reiche ich ihm meine Hand zu Freundschaft und Zusammenarbeit…”. Gemäß der Übergangsverfassung bildeten der ANC, die NP und die IFP eine Regierung der nationalen Einheit. Thabo Mbeki, lange im Exil, setzte sich ANC-intern gegen Cyril Ramaphosa als Mandela-„Kronprinz“ bzw -Nachfolger bzw erster Vizepräsident durch.

Die letzte Sitzung der De Klerk – Regierung, am 4. Mai 1994. Die wichtigsten Minister (Pik Botha, Kobie Coetsee,…) befinden sich eigentlich rund um De Klerk. Foto von der Website der De Klerk-Stiftung

Am 7. Mai traten die Provinzparlamente zusammen, bestimmten ihre Sprecher, die Premiers der Provinzregierungen, die Delegationen für den Senat. 7 Premiers stellte der ANC, die IFP jenen von KwaZulu-Natal, Ex-Minister Hernus Kriel wurde Premier vom Westkap (mit der Hauptstadt Kapstadt). Am 9. Mai trat die Nationalversammlung (National Assembly/ Nasionale Vergadering) in Kapstadt zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Die Sitzung wurde von Oberrichter Corbett geleitet. Nelson Mandela wurde zum Staatspräsidenten gewählt, Frene Ginwala (ebenfalls ANC, eine indische Südafrikanerin zoroastrischen Glaubens) zur Präsidentin/Sprecherin dieser Parlaments-Kammer. Ihr Stellvertreter wurde Ranchod von der NP.155 Am Tag darauf die Angelobung Mandelas als Präsident, gemeinsam mit Thabo Mbeki und Frederik W. de Klerk als seinen Vizepräsidenten, in den Union Buildings/ Uniegebou in Pretoria.156 Gewissermaßen die Geburt des neuen Südafrika; die Zeugung war im WTC in Kempton Park.

Die Zeremonie157 wurde von Oberrichter Corbett geleitet, Barbara Masekela (Schwester von Hugh, ANC-Diplomatin in USA gewesen, dann Leiterin von Mandelas Büro als Präsident) führte durch’s Programm.158 Mit auf der Bühne des Amphitheaters waren die führenden Generäle von Militär und Polizei, einige Ehrengäste wie Desmond Tutu; im Publikum weitere wichtige Politiker sowie Staatsgäste. De Klerk begann mit seiner Angelobung (als zweiter Vizepräsident), dann kam Mbeki an die Reihe, dann Mandela. Jeweils die Angelobung, eine Rede, die Unterzeichnung (schriftliche Angelobung), Applaus, Gratulationen. De Klerk hatte Afrikaans als Sprache gewählt, Mbeki und Mandela redeten in Englisch, nicht Xhosa. Als Corbett das “So wahr Gott mir helfe” (auf Afrikaans) vorsagte, wiederholte De Klerk dies nicht, sondern schwor beim “dreieinigen Gott, Vater, Sohn und heiligen Geist”. Die letzten Jahrzehnte waren diese Zeremonien praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gegangen und mit geistlichem Beistand niederländisch-reformierter Priester. Die Zeremonie 1994 wurde nicht davon geprägt, dass Mandela, der neue Präsident, Methodist war, sondern hatte multi-religiösen Charakter, mit Gebeten christlicher, moslemischer, jüdischer, hinduistischer Geistlicher.

De Klerk, Corbett, Suzman, Tutu

Die Rede Mandelas gipfelte in dem Satz “Niemals, niemals, niemals wieder soll es sein, dass in diesem wunderschönen Land eine Gruppe über Andere herrscht”. Wenn man so will war die eigentliche Übergabe der Macht von De Klerk an Mandela der Handschlag der beiden nach Mandelas Rede/Angelobung; Mandelas beide Stellvertreter als Präsident waren sein Vorgänger und sein (damals schon designierter) Nachfolger. Dann eine Luftparade von Einheiten der südafrikanischen Luftwaffe. Generalstabschef Georg Meiring (anwesend), 93 von De Klerk ernannt, behielt seinen Posten unter Mandela, wie ausgemacht in der Übergangsverfassung, wie auch die Chefs der Waffengattungen; Meiring bekam nur einen schwarzen Stellvertreter, Nyanda, der im MK gedient hatte. Die bisherigen/vormaligen Feinde SADF und MK wurden zur SANDF vereinigt (zusammen mit der APLA, den Homeland-Armeen), die keinen Feind mehr im Inneren oder Äusseren hatte. Und Meiring bekam mit “Joe” Modise einen schwarzen Minister als Chef, ebenfalls vom bisherigen Feind. Manches daran erinnert an das Aufgehen der NVA in der Bundeswehr einige Jahre zuvor.159 Und Ex-General Viljoen mischte im Post-Apartheid-Südafrika politisch mit, als Chef der VF (wie gesagt jener Teil der Afrikaaner-Rechten der den Übergang Südafrikas zur Demokratie nicht boykottierte) und Oppostions-Chef, Führer der stärksten Partei die nicht in der Regierung vertreten war.160

Die restliche Regierung der nationalen Einheit (Government of National Unity, GNU), aus ANC, NP, IFP, wurde am folgenden Tag, dem 11. 5., angelobt. Die bisherige “Apartheid-Partei”, die Nasionale Party (NP), die “Anti-Apartheid-Partei”, der African National Congress (ANC), und die Inkatha Freedom Party (IFP), die oft als “Apartheid-Kollaborations-Partei” gesehen wurde.161 Sie sollten Südafrika von der Apartheid in die Demokratie führen, eine Art historischer Kompromiss.162 Ex-ANC-Generalsekretär Alfred Nzo wurde Aussenminister, “Joe” Modise wie gesagt Verteidigungsminister, (Ab)Dullah Omar Justizminister, Sathyandranath “Mac” Maharaj Verkehrsminister, “Joe” Slovo Minister für Wohnbau, Pallo Jordan für Post und Telekommunikation,… “Winnie” Mandela-Madikizela bekam einen Vizeminister-Posten. Die NP bekam ausser dem Vizepräsidenten-Posten 6 Ministerien, wobei 2 Minister aus der letzten Apartheid-Regierung (De Klerks Kabinett) ihre Posten behielten: Derek Keys als Finanz-, und André I. “Kraai” van Niekerk als Landwirtschaftsminister.

„Roelf“ Meyer bekam in der Regierung der nationalen Einheit fast das selbe Ressort das er in der letzten Apartheid-Regierung inne hatte, jenes das sich um die Verfassung bzw ihre Änderungen drehte. Andere Ressorts ggü jenen die sie unter De Klerk inne hatten, bekamen „Pik“ Botha (> Bergbau- und Energie), „Dawie“ de Villiers und „Abe“ Williams (Sozialminister). Ausserdem stelle die NP 3 Vizeminister (C. Fismer, R. Schoeman, A. Meyer). Der einzige Nicht-Weisse und Nicht-Afrikaaner darunter war also Williams. Der ANC stellte Minister und Vizeminister aus allen Volksgruppen Südafrikas, und auch viele Frauen. IFP-Chef Buthelezi wurde Innenminister ohne wichtige Kompetenzen, die bekam Sicherheitsminister Mufamadi (ANC), dem die Polizei und die Geheimdienste163 unterstanden. Cyril Ramaphosa wurde 94 nicht Vizepräsident, nicht Minister und auch nicht Fraktionschef (Chief Whip) des ANC in der National Assembly, er blieb Generalsekretär der Partei und wurde Vorsitzender der Verfassungsgebenden Versammlung (gebildet aus den beiden Parlaments-Kammern); dies verstärkte die Befürchtungen (bzw die Agitation) der NP, dass die wahre Macht künftig beim ANC-NEC (dem Partei-Vorstand) liegen würde, die Entscheidungen effektiv dort getroffen werden würden – so wie in den Jahrzehnten davor in ihrem Parteivorstand (bzw im Broederbond).

Die Staatsspitze Südafrikas nach der ersten demokratischen Wahl 94: Ramaphosa (Konstituante), Zanele & Thabo Mbeki (VP), Ginwala (Präsidentin Nationalversammlung), Mandela, Coetsee (Senats-Präsident), De Klerk (VP). Das Foto entstand nach der Angelobung der Regierung, anlässlich der Aufnahme des politischen Betriebs im Mai 94

Meyer war wiegesagt Verfassungs-Minister, arbeitete somit wieder mit Ramaphosa zusammen, wie schon bei den Verhandlungen; auch “Niel” Barnard, der Ex-Geheimdienst-Chef, bekam einen Posten im Verfassungs-Ministerium. Vizechef der Verfassungsgebenden Versammlung / Konstituante wurde Leon Wessels von der NP. Die Ausarbeitung einer neuen Verfassung war ja nun vordringliches Ziel. Am 20. Mai trat der Senat zusammen, “Kobie” Coetsee, auch ein ehemaliger Minister von der NP, wurde zu seinem Vorsitzenden gewählt, nachdem der ANC der NP diesen Posten überliess.164 De Klerk war also als Vizepräsident dieser Regierung (und Chef einer noch immer mächtigen NP) beim Übergang zu einem nicht-rassisch regulierten Südafrika dabei, bzw beim Versuch, ein solches zu schaffen. Man kann auch seine Präsidenten-Jahre als Beginn dieses Wegs sehen und Mandelas Präsidentschaft als seine Fortsetzung; unter Mbeki dann die Mühen der Ebene. In den Ministerien, den Streitkräften, in Schulen, Sportklubs,… sollten nun “Schwarze”, “Weisse” und “Braune” gemeinsam wirken, etwas das ansatzweise schon unter De Klerk angefangen hatte.

Mandela schaffte es vom Gefangenen zum Präsidenten, wie in diesen Jahren Vaclav Havel, Lech Walesa (auch ein Friedensnobelpreisträger) oder auch Franjo Tudjman, in Südamerika dann Mujica oder Rousseff. Leopold Figl kam 1945 von der Todeszelle ins Bundeskanzleramt.165 De Klerk wurde nicht vom Präsidenten/Machthaber zum Gefangenen, wie Honecker innerhalb weniger Monate in der DDR, bzw dann in der vergrösserten BRD. Mandela hatte Südafrikas fragile Demokratie durch seine ersten 5 Jahre zu führen, war hauptsächlich mit Versöhnung beschäftigt, bemühte sich auch oder gerade um jene Weissen (besonders Afrikaaner), die in Gegnerschaft zum neuen Südafrika standen/blieben. De Klerk über Mandela: “He was never a good administrator. He wasn’t a hands-on president at all. Right from the beginning, he never chaired the Cabinet. I was, for two years, together with Thabo Mbeki, executive deputy president. We chaired the Cabinet on a rotational basis. He was there, he attended all Cabinet meetings, but he more or less based his presidency on the French system. He chose just a few issues on which to concentrate, and he left the running of the government”.166

Aus der Apartheid-Zeit resultierte der Teufelskreis aus Armut, Unbildung, Kriminalität, Gewalt, schlechter Wohnsituation,… das Grundproblem des neuen Südafrikas. Die Sprachensituation kompliziert die Materie. Mit dem Ende der Apartheid kamen Kriminalität und AIDS. Von den 1960ern bis etwa 1989 standen sich Südafrikaner bei SADF und MK in Kriegen und Scharmützel gegenüber, dann die innere Gewalt bis 94 (Inkatha, “Dritte Kraft”), dann kamen Kriminalität und AIDS. Die politische Gewalt (die in den Übergangsjahren nochmal “aufgekocht” ist bzw wurde) ging mit der Wahl bzw dem Ende der Apartheid weitgehend zu Ende, nun kam „soziale Gewalt“. Es gab eine Nicht-Behandlung des Themas AIDS unter den Regierungen De Klerk (und früheren Apartheid-Regierungen), Mandela (da angeblich erst richtig Ausbreitung der Epidemie; AIDS wurde von Mandela zu spät angegangen, entsprechende Aktionen von ihm kamen nach seiner Präsidentschaft), eine falsche Behandlung unter Mbeki (> Gesundheitsministern Manto Tshabalala-Msimang) und zT unter Zuma (schlechtes Vorbild mit Polygamie und „Tips“ mit Dusche, vor seiner Präsidentschaft).

Kriminalität ist das Ergebnis von Armut/Ungleichheit, wurde das südafrikanische Dilemma. Der Rückstand ist nicht leicht aufzuholen, zumal es (von vielen Weissen) Widerstand gegen jede Umverteilung bzw Wiedergutmachung nach der Apartheid gibt. Mandela führte eine sanfte Transition durch, die weisse Privilegien und schwarze Armut zu einem grossen Teil unvermindert liess. Er bestätigte als Präsident Finanzminister Keys und Chris(tian) Stals als Gouverneur der SARB (South African Reserve Bank/ Suid-Afrikaanse Reserwebank).167 Walter Sauer, österreichischer Wirtschaftshistoriker und Südafrika-Spezialist168 sagte anlässlich Mandelas Tod 2013, dieser habe als Präsident die soziale Frage unterschätzt. Sein Konzept, Sozialprojekte mit Spenden zu starten, sei „nicht nachhaltig“ gewesen. Mandela hätte nach Ansicht Sauers auf eine gerechtere Verteilung des vor allem in den Händen der Weissen befindlichen Vermögens achten müssen. De Klerk und die NP in der Regierung haben ihn und den ANC natürlich auch noch gebremst. Auch nach Aussen musste der ANC unter Mandela (und seinen Nachfolgern) diese Politik betreiben, Versicherungen abzugeben (nach aussen ggü Investoren), dass sich nicht all zu viel ändern würde, nur niemanden “verschrecken”.

Sauer in “Indaba“ 41/04, „1994-2004: Zehn Jahre Freiheit in Südafrika“: „Als Südafrika eine auswärtige Atempause brauchte, um seine interne Transformation …durchzuführen, passierte ganz das Gegenteil: externer Druck wurde ausgeübt, um die Märkte des Landes für Exporte der Industrieländer zu öffnen, eine Rückzahlung der (Apartheid-) Schulden zu erzwingen und sogenannte investitionsfreundliche Bedingungen zu schaffen. Nicht immer beruhte dies auf ökonomischer Realität: Als der Rand im Sommer 1998 innerhalb von vier Monaten zwanzig Prozent seines Wertes verlor, führten dies Finanzjournale auf die Berufung des ersten schwarzen Gouverneurs der South African Reserve Bank zurück. Wahrscheinlich haben wir Rassismus als einen Faktor der globalen wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindungen ebenfalls unterschätzt.“ Mandela war nach seiner Gefängnis-Entlassung weitgehend westfreundlich, aber nicht bedingungslos…er hatte auch mit Clinton Konflikte. Südafrika trat 1994 in das Commonwealth of Nations wieder ein, trat der Organisation of African Unity (OAU)169 bei. Die Republik Südafrika drehte sich nach der Apartheid in manchen Aspekten um 180°, auch in aussenpolitischen.170 Wurde als Brückenbauer erfolgreich, zwischen Industrie- und Entwicklungsländern etwa, auch in der IAEO.171

Afrika war mit Ende der Apartheid 1994 von Kap bis Kairo frei, aber Mobutu und andere Diktatoren waren (noch) an der Macht, und in Ruanda lief zur Zeit der Demokratisierung Südafrikas gerade das grosse Morden.172 Auch um Nigeria, wie Zaire/ DR Congo/ Kongo ein Schlüsselstaat Afrikas, stand es Mitte der 1990er politisch nicht gut. In Äthiopien war 1991 der Derg (der Haile Selassie gestürzt hatte) gestürzt worden, das Land war am Weg der Besserung. In Ruanda, wie Zaire/Congo früher belgische Kolonie, wurde ja Präsident Habyarimana (zusammen mit seinem burundischen Präsidentenkollegen Ntaramirah173) am 6. April 94 getötet, durch den Abschuss eines Flugzeugs. Es ist nicht geklärt, ob dahinter die Tutsi-Organisation RPF steckte oder radikale Hutus, die nicht Verhandlungen mit der RPF wollten; jedenfalls lief in Folge in Ruanda/Rwanda ein Genozid an der Tutsi-Minderheit an, der von Anfang April bis Mitte Juli 1994 dauerte. Fast parallel zum endgültigen Ende der Kolonialisierung Afrikas fand die schlimmste Katastrophe in der jüngeren Geschichte Afrikas statt, die auch starke Auswirkungen auf Zaire/Kongo hat(te); zum einen führte sie dort im Endeffekt zum Sturz Mobutus (1997), zum anderen ist das Land noch immer mit diesen Auswirkungen beschäftigt. Mobutu, sicher einer der grausamsten afrikanischen Herrscher, wurde vom Westen unterstützt. Nur so konnte er 1965 in der Kongo-Krise die Macht im Land an sich reissen.

Ist die Machtübergabe von Baudoin von Belgien an Kasavubu und Lumumba 1960 bei der Unabhängigkeit Kongos mit jener von De Klerk an Mandela zu vergleichen? Es gibt jedenfalls einige Querverbindungen, Assoziationen, die hier vielleicht einen Platz haben sollten. Am “Vorabend” der Unabhängigkeit von Congo/Kongo von Belgien, also in den späteren 1950ern, waren die Flamen und ihre Sprache Niederländisch erst dabei, in Belgien zu den Wallonen und Französisch “aufzuschliessen”. An die 100 000 Belgier lebten damals in ihrer Kolonie Congo (hauptsächlich im bodenschatz-reichen Katanga174), über die Hälfte Flamen, doch war Niederländisch in Belgisch-Congo praktisch nicht existent – nur im privaten Bereich. Und auch in der Bildung der Kongolesen war Französisch de facto die einzige Sprache, wie auch im benachbarten Ruanda-Urundi. Die gebildeten Kongolesen selbst, Evolués, verteidigten diesen Zustand gegenüber Bestrebungen nach dem 2. WK, Niederländisch in den Kolonien zu fördern. Dazu hat anscheinend auch das Image von Afrikaans als Sprache der Apartheid in Südafrika bei getragen!175

Die NP feierte im Juli 1994 ihren 80. Geburtstag; und nachdem sie über die freie Wahl hinaus erheblichen Einfluss in Südafrika behalten hatte, wie ex-kommunistische Parteien in Osteuropa nach der Demokratisierung dort176, glaubte damals kaum jemand, dass sie kaum noch 10 Jahre zu leben hatte. Wurzeln der 1914/15 gegründeten NP waren diverse Buren-Parteien in den 4 Kolonien/Republiken gewesen, die 1910 vereinigt wurden. Die Entwicklung 1910-48, mit der Abspaltung von GNP und HNP während und nach dem Aufgehen des Hauptstroms der Partei zur/in der UP, wurde ja geschildert. 1951 entstand ja wieder eine Partei mit dem Namen NP, 3 Jahre nachdem HNP und AP eine Regierungskoalition eingegangen waren und die Apartheid-Politik begonnen hatten. Diese NP gewann 10 Wahlen, hielt über 46 Jahre die Apartheid aufrecht (die ja in erster Linie eine Vorherrschaft der Buren/Afrikaaner in Südafrika bedeutete). Auch in dieser Zeit gab es Abspaltungen, HNP, BSP in gewisser Hinsicht, KP, IM, VF in gewisser Hinsicht (eher Abgänge dorthin).177 Dann die Reformen unter De Klerk (auch innerhalb der Partei!), Pretoriastroika, das ausgehandelte Ende der Apartheid 1994.

Mit einer Koalitions-Regierung aus HNP und AP begann die Apartheid 48, mit einer der NP mit ANC und IFP endete sie 94. Das Selbstbild der Partei hat sich natürlich immer wieder geändert; auch in der Schlussphase ihrer Existenz gab es mehrere solche neben einander. Wie auch immer, die NP war beteiligt, als zum ersten Mal Demokratie nach Südafrika kam. Finanzminister Keys trat bald nach Start der GNU ab, Nachfolger wurde ein parteiloser Weisser, Christo Liebenberg. Da der NP gemäß der Übergangsverfassung eine bestimmte Anzahl von Ministerien zustand, wurde ein neues Ministerressort mit der Bezeichnung “General Affairs” (Allgemeine Angelegenheiten) für die NP geschaffen… Es wurde im Januar 1995 mit Chris(tiaan) Fismer (zuvor Vizeminister im Justiz-Ressort) besetzt, einem Vertrauten von Vizepräsident Frederik Willem de Klerk. Nachfolgerin als Vize-Justizminister wurde Gert Myburgh. Es gab jene an der Spitze der NP, in der Regierung, die sich als Vertreter der Afrikaaner, der Weissen, der Nicht-Schwarzen im neuen Südafrika (oder: gegen dieses) sahen, und jene, die sich bemühten, dies mit zu gestalten. Dies entsprach einem neuen parteiinternen “Konflikt” zwischen Verligten und Verkrampten.

“Pik“ Botha war einer der konstruktiven NP-Mitglieder in der in GNU, “Roelf” Meyer jedenfalls, De Klerk auch eher,…; auf der anderen Seite Jene, die weniger gemeinsam mit dem ANC regieren wollten, sondern gegen ihn, bzw eher Opposition machen. Darunter war damals auch Marthinus van Schalkwyk (Abgeordneter), André Fourie (Minister unter De Klerk, nun Abgeordneter), Hernus Kriel in der Provinz. Meyer, an der Ausarbeitung der neuen Verfassung beteiligt, gewann ab 94 parteiintern stark an Bedeutung. Auch als man mit dem ANC in einer Koalitionsregierung war, kamen aus der NP diesem ggü die Vorwürfe des “Kommunismus” – was so früher zumindest gelegentlich ein Chiffre, ein Code war. Es gab Diskussionen in der NP, ob die Ziele der Partei inner- oder ausserhalb der Regierung der nationalen Einheit besser zu verwirklichen seien (lieber Mitwirken an der Neugestaltung, und sei es in Form von Lobbypolitik, oder sich diese Neugestaltung von aussen ansehen und auch zu stören); es erfolgte ja dann der Rückzug aus dieser zum frühest möglichen Zeitpunkt. Eine “Glaubensfrage” war auch die Distanzierung von der Apartheid oder ihre Apologetik (bzw Quasi-Fortführung).

Die Nicht-Weissen in der NP wie Williams, Ranchod, Mavuso, Malatsi, Bantom178, Peter Marais hatten es schwer, den Kurs der Partei mit zu bestimmen. Es zeichnete sich aber ab, dass das Westkap wichtigste Basis der NP wurde, wegen einem relativ hohen Anteil an Weissen und einem sehr hohem an Mischlingen und Asiaten, die sich zu einem guten Teil an diese Partei banden. John Mavuso, ein Schwarzer bzw Zulu, war beim ANC gewesen, bei der IFP, trat dann 93 der NP bei; er bekam 94 für sie einen Posten in der Provinzregierung von Pretoria-Witwatersrand-Vereeninging, das bald in Gauteng umbenannt wurde. “If Jews and Germans can intermarry, what the hell is wrong with us coming to terms with the Afrikaners? Of all the parties I have come to know, the National Party had the courage to make a U-turn on a horrendous policy.″ Die Kommunalwahlen 1995/96 waren eigentlich die letzte Wahl, bei der die NP (oder die NNP) wirklich stark abschnitt. Sie bekam landesweit 18,3% der Stimmen, damit fast das Ergebnis von den Parlaments- und Provinzwahlen 1994, behielt den dort errungenen zweiten Platz, hinter dem ANC.

Die Konservative Partei (KP) nahm an dieser Wahl teil179, blieb mit 0,8% klar hinter den anderen “Weissen-Parteien” NP, DP und VF/FF zurück. Die Demokratische Partei (DP) gewann ggü 1994 etwas hinzu und zog an der Freiheitsfront (VF/FF), die ebenfalls leicht dazu gewann, vorbei. Die DP hatte 1994 ein schlechtes Resultat erreicht, obwohl eine Tochter von Nelson Mandela und der Bruder von Frederik de Klerk für sie stimmten. Sie hatte das Potential (gehabt), unter allen ethnischen Gruppen Wähler zu gewinnen, erreichte aber gerade mal 1,7%. Danach übernahm “Tony” Leon die DP und fuhr einen rechteren bzw stärker weissen Kurs.

De Klerks Frau Marike soll sich in ihren letzten Jahren der KP “zugewandt” haben.180 Melanie Verwoerd, Frau von Verwoerd-Enkel Wilhelm (der zum ANC ging)181, wurde ja 1994 ANC-Abgeordnete. Als solche war sie bei der Angelobung von Mandela, Mbeki und De Klerk 1994 dabei. Sie erzählte später, Marike de Klerk sei die einzige Person gewesen, die sich nicht vom Sitz erhob, als Mandela die “Bühne” betrat. Mandelas Tochter Zindziswa war bei dieser Inaugurationsfeier im Mai 1994 Begleiterin ihres Vaters, blieb das die nächsten Jahre, wurde de facto Südafrikas First Lady (anstelle ihrer Mutter), somit Marike de Klerks Nachfolgerin.182 Marike war bald nach der Angelobungsfeier sauer auf Mandela, da sie (und ihr Mann) erwartet hatte, in Libertas, der Präsidenten-Residenz in Pretoria, wohnen zu bleiben. Mandela sagte, er stehe unter Druck seiner Partei, als Präsident selbst in Libertas einzuziehen. Die De Klerks mussten so nach Overvaal, früher Residenz der Provinz-Adminstratoren von Transvaal. Es machte die nunmehrige Vizepräsidenten-Gattin weiter wütend, dass Mandela persönlich entschied, welche Umbauten/Restaurationen es für Overvaal (auf staatliche Kosten) geben würde. Damit scheint Mandela bei ihr endgültig “unten durch” gewesen zu sein.183

Die Nationale Partei (NP) hatte viele südafrikanische und ausländische/internationale Spender, darunter war zB das Industrie-Konglomerat Barlow Rand (heute Barloworld), kein Wunder angesichts der Zusammenarbeit des Konzerns mit den NP-Regierungen. Auch der griechisch-britische Reeder Antony Georgiadis (Alandis Ltd, London), der Haupt-Verschiffer von Erdöl nach Südafrika, spendete Geld an De Klerks Partei.184 Salopp gesagt: De Klerk nahm von Georgiadis das Geld für seine Partei, dann dessen Frau Elita. FW de Klerk begann 1994 eine Affäre mit Elita Georgiadis, 1996 trennte er sich von Marike. Chronologisch vorweg genommen, 1999 kam die Scheidung der Beiden, kurz danach die Heirat mit Elita. Genau so wie ggü den Beziehungen von De Klerks Sohn mit Nicht-Weissen kommen auch hier von rechten Afrikaanern unappetitliche Vorwürfe, Privates und Politisches vermischend. Dazu mehr im Schlussabschnitt.

1995 fanden also die Kommunalwahlen in Südafrika statt, „Winnie“ Mandela-M. musste in diesem Jahr wegen einer Korruptions-Sache die Regierung verlassen, “Joe” Slovo starb, die Abschaffung der Todesstrafe ging über die Bühne…und die Rugby-WM fand im Land statt – und die Springboks (das südafrikanische Nationalteam) gewannen das Turnier. De Klerk war beim Finale der WM in Johannesburg im Stadion, aber anscheinend nicht auf der Ehrentribüne (neben Mandela), jedenfalls nicht bei der Siegerehrung dabei. Es sieht so aus, dass diese Versöhnungs-Bemühung von Mandela am bekanntesten wurde, sein Wirken rund um die Rugby-WM 95 (mit der Pokalübergabe als Höhepunkt), schliesslich gab es darüber auch einen Hollywood-Film.185 Dabei gab es an Mandelas Versöhnungs- und Vereinigungswirken ja auch das Treffen mit dem Ankläger in dem Prozess, der ihn für 27 Jahre ins Gefängnis brachte, das von ihm organisierte Treffen (Kaffee-Kränzchen) von Witwen von Apartheid-Politikern und Anti-Apartheid-Kämpfern, die Einladung eines seiner Gefängniswärter zu seiner Amtseinführung oder der Besuch in Orania, ebenfalls 1995 (www.youtube.com/watch?v=kgcXWfRtIds).186

Und bzgl der Rugby-Weltmeisterschaft gab es nicht nur den Moment der Pokalübergabe (mit Kapitän François Pienaar) bzw das Finale, es gab für das bzw beim Turnier eine lange Vorarbeit. De Klerk hatte als Staatspräsident im Gegensatz zu Mandela keine Chance gehabt, sich zB über Rugby zu profilieren, wegen des Sportboykotts (der Folge der Apartheid-Politik war, die Nicht-Weisse auch im Sport stark diskriminierte). Es stellt sich die Frage, ob er auf eine Versöhnungsarbeit wie jene von Mandela wirklich keine Chance hatte (als Präsident oder Vizepräsident), ob er das nicht leisten wollte, er dafür nicht geeignet war, oder sich seine Versöhnungs-/Vereinigungspolitik auf anderen Ebenen abspielte? 1996 dann der Fussball-Afrika-Cup in Südafrika, die südafrikanische Auswahl kam ins Finale, das wiederum in Jo’burg statt fand (aber in einem anderen Stadion als die Rugby-WM 95), gewann dieses gegen das Team Tunesiens. Diesmal waren Mandela und De Klerk bei der Preisverleihung am Rasen dabei, bei der Übergabe des Pokals an Kapitän Neil Tovey (einer der Weissen im Team). Mandela im Trikot der Bafana Bafana und De Klerk im schwarzen Anzug.

ACN 96: De Klerk,Tovey,Tshwete,Mandela,Hayatou,

Ausgerechnet hier war er dabei, beim Fussball, wo Afrikaaner im Gegensatz zum Rugby normalerweise gar keinen Bezug haben. Dass 96 nicht die “Fussball-Entsprechung” zu 95 wurde, lag an der mangelnden Anteilnahme von Weissen am Fussball, besonders der Afrikaaner. Ein südafrikanisches Nationalgefühl/-bewusstsein gab es bis 1994 nur in Ansätzen. Bestimmender war für die meisten meisten Bewohner des Landes (und teilweise ist noch immer) das Bewusstsein, einer bestimmten ethnischen Gruppe anzugehören (Afrikaaner, Zulu, Inder,…)187. Aus einem Gegeneinander ein friedliches Nebeneinander zu machen, war/ist schon schwer genug, und erst recht, daraus ein Miteinander zu machen. Mandela hat intensiv daran gearbeitet, De Klerk war möglicherweise eher Interessensvertreter der Afrikaaner (und in zweiter Linie der anderen Weissen, weiters der Kap-Farbigen, die NP-Klientel wurden,…).188

1996-98 liefen die Anhörungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die die Zeit von 1960 bis 1994 behandelte, 2002 kam ihr Abschlussbericht. De Klerk war unglücklich über die Zusammensetzung der Kommission; er hatte erwartet, dass sie zu etwa gleichen Teilen aus Anti-Apartheid-Aktivisten und Apartheid-Funktionsträgern bestehen würde… ähnlich wie die chilenische “Rettig-Kommission” (Comisión Nacional de Verdad y Reconciliación), die 1990/91 eine Aufarbeitung der Pinochet-Diktatur 1973-90 in Angriff nahm, unter Auftrag von Präsident Patricio Aylwin. Diese war auch Vorbild für die südafrikanische Truth and Reconciliation Commission (TRC) gewesen. Neben dem Vorsitzenden, dem Politiker Raul Rettig, gehörten ihr 8 weitere Leute an, darunter die Pinochet-Minister Gonzalo Vial und Ricardo Diaz; die Hälfte der 8 galten als pro-Pinochet.189 Die 17 Mitglieder der TRC wurden so ausgesucht, dass die südafrikanische Gesellschaft in ihrer Diversität einigermaßen abgebildet war, ausserdem so dass verschiedene Zugänge zu Menschenrechtsverletzungen gegeben waren, die von Geistlichen, Juristen, Psychologen, Politikern,… Darauf, auch möglichst die Apologeten von Menschenrechtsverletzungen (oder gar ihre Verursacher) mitwirken zu lassen, wurde verzichtet.

Es heisst, die TRC hatte “nur” zwei Kommisare/Mitglieder, die die Apartheid befürwortet hatten. Der eine war Chris(tiaan) de Jager, Jurist, ehemaliger KP-Abgeordneter, dann in der (noch rechteren) AVU aktiv. Er war der der Apartheid am meisten Nahestehende in der Kommission, verliess diese im Streit vor Ende ihrer Arbeit, war dann im Volkstaat-Rat (1994-99 aktiv). De Jager stand also gegen Ende der Apartheid rechts von ihr bzw der NP, war gegen die Reformen Bothas und erst recht jene De Klerks. Wer der/die Andere war, hat Tiara nicht heraus gefunden, möglicherweise ist Wynand Malan gemeint, ebenfalls Anwalt und Ex-Politiker, auch Afrikaaner/Bure, er war von der NP zur DP gegangen. Der hatte zumindest eine Zeit lang die Apartheid unterstützt bzw mitgetragen, kommt vom anderen Ende der NP als De Jager. De Klerk hatte keine Einwände gegen den anglikanischen Bischof Desmond Tutu als Vorsitzenden, aber gegen Alex(ander) Boraine als Vize-Vorsitzenden, ein englischsprachiger Weisser, ehemaliger Politiker (PP, IDASA). De Klerk über Boraine: “Beneath an urbane and deceptively affable exterior beat the heart of a zealot and an inquisitor.”190

Bezeichnenderweise war auch die Democratic Party (DP) nicht mit der Zusammensetzung der Kommission einverstanden; unter Tony Leon hat sich die DP vom Liberalismus verabschiedet. Ein Patrick Laurence von der der DP/DA zugehörigen Suzman-Foundation schrieb 1998 “What the TRC won’t tell you”191, dass “Zweifel über die Ausrichtung und Moral” der Kommission sehr berechtigt seien. Darin monierte er, dass nur ein Mitglied, eben De Jager, Verbindungen zum Afrikaaner-Nationalismus hatte. Auch er stellte die chilenische Kommission mit ihrer Hälfte Pro-Pinochet-Mitglieder als Vorbild hin. Wenn man das “Pamphlet” von diesem Laurence (ein inzwischen verstorbener Journalist, “Soutpiel”) liest, lernt man etwas über jene politische Richtung in Südafrika, die sich als “Liberale” sehen, in der Traditionslinie UP-PP-PRP-PFP-DP-DA, von Suzman bis Leon, und wundert sich, was Einen dort eigentlich genau an der Apartheid gestört hat.192 Jedenfalls, die Verantwortung für die Apartheid wurde nach ihrem Ende entweder von unten nach oben (Untergebene hätten auf eigene Faust gehandelt, so zB De Klerk vor der TRC) oder oben nach unten („Haben nur Befehle ausgeführt“) abzustreifen versucht; seltener sind offene Apologetiken.

Frederik Willem de Klerk wurde 1996 (noch als Vizepräsident) von der TRC vorgeladen, als Vorsitzender der NP und als ehemaliger Staatspräsident.193 Aus der Politologie-Diplomarbeit von Gunnar J. Theissen an der FU Berlin 1996194 zur Stellungnahme De Klerks vom 21. August 1996 in Kapstadt: “Die Stellungnahme enthielt keine Angaben zu Vorfällen, die vergangene NP-Regierungen zu verantworten hatten. De Klerk wies nur darauf hin, daß ehemalige Polizei- und Militäroffiziere in ihrer Eigenschaft noch eine genauere Erklärung abgeben würden. Das Papier listet allerdings exakt die Taten auf, die den Befreiungsbewegungen vorgeworfen werden: 541 Fälle von ‘Halskrausen’ (mit Benzin gefüllte Autoreifen, mit denen angebliche Verräter meist durch Jugendliche in den Townships umgebracht worden waren), 57 Angriffe mit Landminen, 10 Autobomben usw. De Klerk betonte man müsse zwischen der ‘alten’ und der ‘neuen NP’ unterscheiden, die sich nach 1990 allen Südafrikanern geöffnet habe und deren Wählerschaft sich zur Hälfte aus schwarzen, farbigen oder asiatischen Südafrikanern zusammensetze. Es sei deshalb falsch, die Unterstützer seiner Partei pauschal für die Apartheid verantwortlich zu machen. Wenige Zeilen später schwindet jedoch diese Differenzierung zwischen alter und neuer NP.”

Und weiter: “Alle Menschen seien Kinder ihrer Zeit und Produkte der kulturellen und politischen Verhältnisse, in die sie hineingeboren und mit denen sie aufgewachsen seien, betonte de Klerk. Dieser Aussage folgt der Hinweis, daß bis zur Mitte dieses Jahrhunderts kaum eine Person in der von Europäern dominierten Welt der Meinung war, daß die indigene Bevölkerung in den Kolonialreichen sich selbst regieren könne. Die Rassenideologie der Apartheid wird von de Klerk immer noch als ‘getrennte Entwicklung’ bezeichnet. Sie wird in der Erklä-rung erneut damit begründet, sie habe das Ziel einer Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechtes aller Südafrikaner gehabt. Dem Konzept der ‘getrennten Entwicklung’ läge zudem ein international anerkanntes Prinzip zu Grunde… De Klerk lobte auch die angeblichen Entwicklungsleistungen der Homelandpolitik… In der Stellungnahme betonte de Klerk zugleich die wichtige Rolle Pieter Willem Bothas. Er hätte die Reform des Apartheidsystems mit dem Ziel eingeleitet, die Apartheid ganz abzuschaffen: Die Befreiungsbewegungen hätten sich aber geweigert, in diesem friedlichen Prozeß zu kooperieren. Die ‘legal verfaßte und international anerkannte Regierung’ Südafrikas habe sich deshalb gegen die revolutionären Umsturzversuche des ANC und seine Verbündeten verteidigen müssen. Das Vorgehen der weißen Regierung rechtfertigte de Klerk gemäß den bekannten Denkmustern. Man habe im Glauben gehandelt, den weltweiten Vormarsch des Kommunismus verhindern zu müssen. Die Regierung wäre mit einer revolutionären Bewegung konfrontiert gewesen, die gemeinsam mit ihren sowjetischen Verbündeten, den Vereinten Nationen und der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung gegen die Regierung kämpfte. Diese unkonventionelle revolutionäre Bedrohung habe dazu geführt, daß unkonventionelle Gegenmaßnahmen (=Menschenrechtsverletzungen) ergriffen wurden…”

“Persönlich habe er aber nie einer Aktion zugestimmt, die schwere Menschenrechtsverletzungen beinhaltete, weder in seiner Rolle als Mitglied eines Regierungskabinetts, noch als Mitglied des Staatssicherheitsrates. Von gezielten Morden habe seine Regierung nichts gewußt und auch die Mehrzahl aller Beschäftigten in den Sicherheitskräften seien ‘ehrenhafte und professionelle Männer und Frauen’ gewesen. Er und andere führende Personen hätten sich schon öffentlich für die Schmerzen und das Leiden entschuldigt, die durch die ehemalige Politik der NP verursacht worden seien. Dies sei akzeptiert und auch öffentlich von dem Vorsitzender der Kommission, dem Erzbischof Tutu, anerkannt worden. ‘Ich wiederhole heute diese Entschuldigungen’, sagte de Klerk am Ende gegenüber der Wahrheitskommission. An keiner Stelle erwähnt de Klerk, daß das Konzept der Apartheid für sich genommen die Menschenrechte fundamental verletzte. Die brillante Rede de Klerks vermittelte dem Zuhörer etwa folgendes Bild: Die NP habe sich beständig nach dem zweiten Weltkrieg um eine friedliche und gerechte Lösung aller Probleme bemüht, sei jedoch in diesem Bemühen stark von den eigenen Traditionen geprägt gewesen. Man habe versucht, durch die Politik der getrennten Entwicklung eine internationalen Standards entsprechende Lösung zu finden, sei daran jedoch gescheitert. Nachdem man dies eingesehen habe, hätte man die Reformpolitik eingeleitet. Der Erfolg dieser Politik wurde jedoch durch die Befreiungsbewegungen zunichte gemacht, die weiterhin einen Wandel gewaltsam erzielen wollten. Die Menschenrechtsverletzungen geschahen im Kontext der Verteidigung gegen den totalen Angriff (total onslaught) des Kommunismus. Sie waren eine Art spiegelbildliche Reaktion auf die Anschläge der Befreiungsbewegungen, die durch ihre Taten die Trennung zwischen legitimen und illegitimen Methoden der Kriegführung zunichte gemacht hätten. Vor der Wahrheitskommission mahnte de Klerk zudem die Gleichberechtigung aller Opfer an. Hinter diesen verbreiteten Rufen nach einer Gleichberechtigung der Opfer steht nicht nur die Aufforderung, daß die Menschenrechtsverletzungen aller politischen Gruppierungen untersucht werden sollen, denn unter dem Schlagwort der Gleichberechtigung wird zugleich die Forderung nach einer Gleichsetzung aller Taten vorgebracht. Man streitet ab, daß es einen Unterschied zwischen den Taten des ANC und den Menschenrechtsverletzungen der Sicherheitskräfte gegeben habe. Die NP-Geschichtsversion porträtiert die Vergangenheit lediglich als einen Konflikt zwischen zwei Konfliktparteien, die in gleicher Weise Unrecht getan hätten.”, so Theissen über De Klerks Stellungnahme vor der TRC.195

Der Autor fasst an anderer Stelle Umfrageergebnisse zusammen: “Wer dazu tendiert, die Wahrheitskommission abzulehnen, streitet überwiegend die Verantwortung des Apartheidregimes für seine Verbrechen ab, neigt dazu, die Apartheid zu glorifizieren und fällt in der Regel auch durch stärkeren Rassismus auf.” De Klerk hat mindestens ein weiteres Mal vor der TRC ausgesagt, 1997 bei einer Spezialanhörung in Kapstadt; dabei entschuldigte/distanzierte er sich abermals für/von die/der Apartheid.196 Die TRC beschuldigte FW de Klerk in ihrem vorläufigen Abschlussbericht (~1998), von den staatlichen Bombenanschlägen auf den Südafrikanischen Kirchenrat (s.o.) und den Gewerkschaftsverband TUC (Trade Union Council of South Africa) unter Botha gewusst zu haben, dies der Kommission nicht gesagt zu haben. De Klerk legte dagegen Einspruch ein, und im Abschlussbericht 2002 wurde die Anschuldigung abgeschwächt. In seiner Autobiografie (s.u.) sagte er, dass die TRC seinem Image geschadet hätte. Sein Vorgänger Botha blieb total unapologetisch zur Apartheid generell, und der Gewalt des Staates in und ausserhalb Südafrikas unter ihm als Verteidigungsminister, Ministerpräsident, Staatspräsident. Er folgte einer Vorladung der TRC nicht, musste sich dafür 1998 vor Gericht verantworten, wurde in zweiter Instanz frei gesprochen. Die TRC befand ihn grober Menschenrechtsverletzungen schuldig – was für ihn keine Konsequenzen hatte.

Bald nach De Klerks TRC-Aussage, im Mai 96, war man (hauptsächlich die Parteien der GNU) sich einig über die neue Verfassung – die 1997 in Kraft trat. Dabei wurde das Meiste übernommen, was schon in der Übergangsverfassung stand – was die Verhandlungen des MPNF nochmal aufwertet(e). Eine der Änderungen von der Übergangsverfassung (93 ausgehandelt, 94-97 in Kraft gewesen) zur „endgültigen” (94-96 ausgehandelt, 97 in Kraft getreten) war die Umbenennung der einen (eigentlich unwichtigeren) Parlamentskammer von “Senate” in “National Council of Provinces” (NCOP). Die NP hatte eigentlich darauf hin gearbeitet, einen Platz in einer Einheits-Regierung bis 2004 garantiert zu bekommen. Susan Booysen: “The Interim Constitution of 1993 and the NP’s 1994 inclusion in the GNU seemed to confirm the NP hopes of an ‘invincible place in the sun’. At the 1994 onset of multiparty democracy NP leaders believed that through repositioning the NP would reinvent itself as a significant post-liberation party, working alongside the majority ANC. However, the NP failed to get guaranteed power-sharing in the final 1996 constitution. De Klerk and his NP from early GNU days onwards came under concerted voter criticism for failing to defend Afrikaner interests. Simultaneously, internal succession battles and displays of ambition by aspiring successors exposed NP fault lines.”

Nach der Ausarbeitung der neuen Verfassung 1996: Ramaphosa, Mandela, De Klerk, Meyer

Und, kaum war die Verfassung ausgearbeitet und angenommen, zog De Klerk die Nationale Partei (NP) aus der Regierung der nationalen Einheit (GNU) ab – im Juni 96 war dies so weit. De Klerk erklärte, er würde die NP in eine vigorose Opposition zu Mandelas Regierung führen, um “eine saubere Mehrparteien-Demokratie zu garantieren”, ohne die die Gefahr bestehe, dass Südafrika in das “afrikanische Muster von Ein-Parteien-Staaten” abgleite. Ein wenig Chauvinimus also noch zum Abgang. Theissen: “Die NP stellt sich in der Öffentlichkeit als die Partei dar, die für die Abschaffung der Apartheid verantwortlich war. Das Selbstverständnis der NP wird durch eine Werbekampagne der Partei am besten illustriert. Nachdem sie beschlossen hatte, die Regierung der Nationalen Einheit zu verlassen, plazierte sie ganzseitige Anzeigen mit dem Konterfei de Klerks: ‘We do it for South Africa and democracy – First we brought you democracy – Now we bring you multiparty democracy’. Das neue Südafrika wird darin als ein Erfolg der NP gepriesen: Die NP sei stolz über ihre Rolle, die sie bei der Auslösung des Wandels in Südafrika gehabt habe. Nun wäre die Zeit auch für eine echte Mehrparteiendemokratie mit starker Opposition gekommen.”

Im SABC-Interview ’20 sagte De Klerk zu den Gründen des Auszugs der NP aus der Regierung der nationalen Einheit: Der ANC hätte keinen Dissens, keine Dissonanzen in der Regierung nach Aussen zugelassen und er wollte nicht Alles mittragen; zum Anderen hatte er (vergeblich) versucht, in der Verfassung neben Regierung und Parlament eine Art Kontrollgremium einzurichten, mit Vertretern aller wichtigen Parteien, das eine Art Konsens-Modell (bzw Veto-Recht, Bremse, Gegengewicht,…) ermöglichen sollte. Also das was man schon in CODESA und MPNF verankern wollte. Einige NP-Kollegen in der Regierung und im Parteivorstand waren schockiert über De Klerks Entscheidung der Koalitionsaufkündigung, darunter Pik Botha, Roelf Meyer, Leon Wessels, die “Reformer” also. Meyer, so etwas wie Führer des liberalen Flügels der NP, war wenige Monate davor, im März 96 als Verfassungsminister zurückgetreten, um NP-Generalsekretär zu werden; was kurz vor dem Auszug der NP aus der Regierung zu einer kleinen Kabinettsumbildung führte: Fismer folgte Meyer nach, John Mavuso wurde Minister für „generelle Angelegenheiten“ statt Fismer (für 3 Monate). Im März 96 traten auch Abe Williams zurück (Patrick McKenzie, ein Kap-Farbiger in der NP, wurde für ein paar Monate Sozialminister), Roelf Meyers jüngerer Bruder Anthon “Tobie” Meyer (Ste/fanus Schoeman wurde Vize-Landwirtschaftsminister) und Myburgh.

Statt diesem wurde Sheila Camerer Vize-Justizminister, für die paar Monate, die die NP noch in der Regierung blieb. Sheila Camerer war englisch-sprachig trotz deutscher Wurzeln, war so etwas wie eine Zukunftshoffnung der NP, spielte dann in der NNP eine wichtige Rolle. Der konservative Flügel der NP um Westkap-Premier Kriel war grossteils zufrieden mit dem Auszug aus der Regierung. Die NP-nahe (englischsprachige) Zeitung „The Citizen“ kommentierte, “…a panic measure, forced on the party by falling support and party division…”. Für die Regenbogen-Nation, als die Südafrika seit 1994 gelegentlich gesehen wird, war der NP-Regierungsaustritt einer der ersten “Risse”. Die abgezogenen Minister und Vizeminister wurden grösstenteils logischerweise mit ANC-Leuten ersetzt, weniger mit IFP-Politikern. Trevor Manuel wurde damals statt Liebenberg Finanzminister, Derek Hanekom (ein Afrikaaner im ANC) statt Van Niekerk Landwirtschaftsminister,…197 Mandela delegierte immer mehr Aufgaben (und Besucher) an Mbeki, nun alleiniger Vizepräsident, der 97 Parteichef wurde.198 Buthelezi blieb Innenminister, und wurde von Mandela einige Male als geschäftsführender Präsident eingesetzt, wenn er und Mbeki im Ausland oder verhindert waren. So 1997, als beide in die Schweiz zum Weltwirtschaftsforum nach Davos reisten.199

Die NP war 1996 erstmals seit 1948 in Opposition (damals als HNP), De Klerk wurde Oppositionschef statt Viljoen.200 Die Partei tat sich auch schwer in dieser Rolle. Die Richtungskämpfe bzw Flügelkämpfe in der NP intensivierten sich, GS R. Meyer wollte eine generelle Umorientierung, der konservative, verkrampte Flügel um WC-Premier H. Kriel hielt dagegen. De Klerk stand da in der Mitte. “Pik” Botha, “Chris” Fismer, “Dawie” de Villiers, Leon Wessels, Tertius Delport verliessen die NP 1996/97, teils zogen sich die Betreffenden ganz aus der Politik zurück. “Kobie” Coetsee, unter Botha und De Klerk u.a. Justizminister, trat als Senats-Präsident 97 vor dessen Umwandlung in das NCOP infolge der neuen Verfassung zurück.201 Ein weiterer Machtverlust für die NP, wobei der ANC auch in dieser Kammer eine komfortable Mehrheit hatte, den Vorsitz der NP überlassen hatte. Und der Abgang eines Ex-Apartheid-Funktionärs. 1998 wurde Generalstabschef Meiring abgelöst, ein Weisser. Die Spitze der Judikative wurde allmählich auch “schwarz”.

Im August 1997, 13 Monate nach dem Abzug der NP aus der Regierung (und seinem Rücktritt als Vizepräsident), trat De Klerk als NP-Chef zurück. Eine Meldung von ihm von damals ist überliefert, er fühle sich “nicht mehr enthusiastisch genug für Oppositionspolitik”. Auch als Abgeordneter trat er ab. Als Nachfolger setzte sich Marthinus “Kortbroek”202 van Schalkwyk durch, hauptsächlich gegen Meyer – anscheinend mit Unterstützung De Klerks. Van Schalkwyk war im Gegensatz zu diesem nicht von der Apartheid-Zeit belastet, auch wenn er in den 1980ern Führer einer NP-nahen Studentenorganisation gewesen war. Und die NP wollte sich nun als moderne, nicht-rassische, moderat-konservative Oppositions-Partei präsentieren. Er gehörte eigentlich zum konservativen Flügel der Partei203, hatte für den Auszug aus der Regierung agitiert. Wurde neuer Oppositionschef, bis zur Wahl 99. Ein Politologe als Politiker (siehe). Van Schalkwyk redete nach der Übernahme des Vorsitzes der NP davon, den ANC spalten zu wollen, den “nicht-kommunistischen Teil” des ANC als Bündnispartner zu nehmen.

De Klerk, der bald nach der Wahl 94 noch gesagt hatte, er wolle 1999 mit der NP Erster werden, zog sich also noch vor dieser Wahl aus der Politik zurück, in den Ruhestand, 2 Jahre vor Mandela, mit knapp über 60 Jahren. Die NP wurde Ende 1997 von ihrem neuen Chef Van Schalkwyk in Nuwe Nasionale Party/ New National Party (NNP) umbenannt, ein Ausdruck des Willens zum Bruch mit der (Apartheid-) Vergangenheit. Die “offizielle” Umbenennung scheint sich erst am Parteitag 1998 vollzogen zu haben. Die Parteizentrale der Neuen Nationalen Partei in Kapstadt wurde „FW De Klerk Haus“ benannt. De Klerk hatte um die Zeit des Rückzugs der NP aus der Regierung davon geredet, sie zu erneuern, eine nicht-rassische, christdemokratische, “werteorientierte” Partei zu machen. Van Schalkwyk wollte dies mit der NNP nun umsetzen. Aus der burisch-nationalen, weiss-rassistischen Partei, die sie (mal) war, in einem Land der grossen Gegensätze eine werte-orientierte zu machen, war aber nicht einfach – auf das Christentum beziehen sich auch die meisten Schwarzafrikaner, wie gezeigt wurde. Und bei Manchen ihrer Anhänger ging es vor allem Anderen um Erhaltung der Besitzstände, die in den Apartheid-Jahrzehnten “zu Stande gekommen” waren…

Und die Neuorientierung verstärkte ihre Identitätskrise noch. Für die Einen (hauptsächlich die Schwarzen) blieb sie (und die Afrikaaner-Kultur!) mit der Apartheid assoziiert, für einen Teil der Weissen wiederum hatte sie sich zu sehr in die Nähe des ANC begeben…204 Es begannen Abwanderungen zur Democratic Party (DP), auch zur Freiheitsfront (VF/FF). Die DP hatte gegen Ende der 1990er noch immer den englisch-sprachigen Charakter, den liberalen aber schon weitgehend aufgegeben; sie wurde klar als Opposition zum ANC wahr genommen. Die Abwärtsspirale der (N)NP war mit einem “Relaunch” (auch neues Parteisymbol,…) nicht aufzuhalten, wurde dadurch eher noch verstärkt. Parlamentarische Führerin der NNP wurde 1997 Sheila Camerer, die ’96 kurz Vizeministerin gewesen war, eine Schalkwyk-Konkurrentin.205

Roelof Meyer, der eine echte liberale Kehrtwendung versucht hatte, verliess die NNP 1997. Er gründete mit dem bisherigen ANC-Politiker206 Bantu(bonke) Holomisa das United Democratic Movement (UDM), der Versuch einer rassenübergreifenden Partei.207 Einige aus der NNP folgten Meyer zum UDM: Peter und Gerhard Koornhof208, Annelizé van Wyk, Samuel de Beer. Meyers parteiinterner Konkurrent in den Post-Apartheid-Jahren, Her(ma)nus Kriel, trat 1998 als Westkap-Premier ab, übergab an den Parteikollegen Gerald Morkel, einen Kap-Farbigen. Patrick McKenzie, ein anderer Farbiger, ging ’98 von der NNP zum ANC. Ex-Minister Van Niekerk schloss sich 98 der Federal Alliance (FA) des Rugby-Funktionärs Louis Luyt (ein weiterer Konkurrent für die NNP) an; er ist einer Jener, die später zur DA gingen.

Leben nach der Politik

1999 veröffentlichte De Klerk seine Autobiografie, zuerst auf Englisch (“The Last Trek – A New Beginning”), dann auf Afrikaans. Der Titel bezieht sich natürlich auf die Afrikaaner-Geschichte, und darin hat er schliesslich eine wesentliche Rolle gespielt. Er hat auch in den 1990ern eine Art Gegen-Tre(c)k unternommen, von dem Gebiet das bis 94 Transvaal war, ins Westkap (weisser und stärker afrikaans geprägt). Auch sein ehemaliger Aussenminister “Pik” Botha bediente sich in diesen Jahren eines solchen Griffs in die Afrikaaner-Geschichte um Aktuelles zu kommentieren; die Afrikaaner, so Botha, müssten die Wagenburg209 auflösen, die misstrauische/feindselige Haltung ggü der “Aussenwelt” aufgeben; ob er dabei aufgerufen hat, sich dem ANC anzuschliessen, ist inzwischen umstritten.

De Klerk hat in seiner Autobiografie seine Version der Geschichte nochmal dargelegt, u.a. nochmal das Lied vom Kalten Krieg und dem Kommunismus gesungen und was dies für das südliche Afrika bedeutete. Ende der 1990er heirateten Mandela und De Klerk dann neu, beide neue Frauen waren Ausländerinnen, keine Südafrikanerinnen.210 Mandela liess sich 96 von Winnie scheiden, von der er sich ja bereits 92 getrennt hatte. Und heiratete 1998, an seinem 80. Geburtstag, Graca Machel, die Witwe des verstorbenen mosambikanischen Präsidenten Samora Machel. De Klerk kam nicht zu dieser Feier, bei der Michael Jackson auftrat. Dies war ein Jahr vor Mandelas Abschied aus der Politik. 1999 wurden Frederik und Marike De Klerk geschieden, gleich darauf heiratete er Elita Georgiadis. In dieser Zeit gründete De Klerk auch seine Stiftung.

Die DP und ihre Vorgängerpartei, die PFP, sassen etwa ab Mitte der 1980er zwischen Stühlen, spätestens als die PFP ’87 hinter die KP fiel (was sich 89 wiederholte). Zwischen den “Stühlen” jener Weissen die jede Aufweichung der Apartheid ablehnten (> KP, Teil der NP), und jener, die ihre Reform bzw Beendigung in die Wege leiteten (> Teil NP, oder gar ANC); und als 1994 die bislang rechtlosen schwarzen Massen als Elektorat hinzu kamen, änderte sich nichts daran. Unter Anthony Leon rückte die DP aber nach rechts, und Ende der 1990er schien sich das Dilemma der Partei aufzulösen. Zeichneten sich Wählerströme von der NNP zu ihr ab. Zunächst bei Nachwahlen für Stadträte, 1997/98, hauptsächlich solchen in Johannesburg. Susan Booysen weist in “The ANC and the Regeneration of Political Power” darauf hin, dass die NP in dieser Zeit Sitze an die DP verlor, und zwar in Wahlkreisen die von der unteren Mittelschicht und Arbeiterklasse “definiert” waren, so etwa die Johannesburger Vororte Newlands und Rosettenville.211

Die Van Schalkwyk-NNP tat diese Nachwahlen und Meinungsumfragen im Vorfeld der nationalen Wahl 1999 (nationales Parlament und Provinzparlamente werden in Südafrika gleichzeitig gewählt) ab, bei der grossen Wahl würden die Dinge anders sein. Die NNP stellte sich kämpferisch als Opposition zum ANC dar, diesen als “inkompetent” zum Regieren, “korrupt”, “arrogant”, versuchte wieder Ängste vor dem Kommunismus im ANC zu erwecken (das Rassische wurde/wird nicht mehr direkt thematisiert), sich als Korrektiv darzustellen, ein Wahlslogan war “Let’s get South Africa working”. Aber, man nahm auch die DP als Konkurrent wahr, griff sie etwa als Partei für “reiche und reaktionäre Weisse” an. Am “Vorabend” der Wahl 99 musste die NNP eingestehen, dass sie zufrieden wäre, wenn sie etwa die Hälfte der Stimmen von 94 bekäme, also 10%. Die DP ging in den Wahlkampf mit dem Blick hauptsächlich auf die Stimmen der 10-15% Weissen. Stellte die NNP als “in einem Boot” mit dem ANC sitzend dar, ausgelaugt, gab den Slogan “Fight Back” aus.

Im Frühling 1999, in der letzten Parlamentssitzung vor der Wahl, verabschiedete sich Noch-Präsident Nelson Mandela aus der (“aktiven”212) Politik.213 Oppositionsführer Van Schalkwyk (später selbst im ANC und Minister): “Sie hatten die Fähigkeit, der Präsident Aller zu sein”. Für De Klerk hat das nicht zugetroffen; zum Einen natürlich, weil die Umstände so waren (die Apartheid erst abgeschafft werden musste, und daran wirkte er mit). Aber auch als Vizepräsident in einem Südafrika der formalen Gleichberechtigung der Rassen agierte er wahrscheinlich zu sehr als Interessensvertreter eines Segments der Bevölkerung (s. o.). Sein Bruder Willem schrieb, er sei “too strongly convinced that racial grouping is the only truth, way and life to initiate any meaningful change”. Van Schalkwyk 1999 weiter, ggü Mandela: “One of the freedoms we enjoy in our country, and that we must cherish, is that we can be free to recognize greatness in somebody that may sometimes have a different political outlook. You understood the intricate makeup of our nation and its rich diversity. You understood the need to heal the wounds of the past.” 1994 waren Weisse in- und ausserhalb Südafrika besorgt, was geschehen würde wenn Mandela kommt, 99 dann, was geschehen würde wenn er weg war.214 Das wiederholte sich, der Abgang Mbekis 08 war auch verbunden mit grossen Verunsicherungen nicht zuletzt der Weissen… Mandela war Symbol nationaler Einheit in einem Land geworden, in dem Einheit „schwer fassbar“ ist/war.

Bei dieser Wahl, der zweiten freien, kam die DP dann auf den zweiten Platz hinter dem ANC, die IFP blieb Dritter. Die NNP verlor 13,5 %, platzierte sich dahinter. Dann die neue UDM (3,4%), dann ACDP, VF,… Im Westkap behauptete sich die NNP, in KwaZulu-Natal die IFP. Thabo Mbeki, 97 Nachfolger Mandelas als Parteichef geworden, wurde 99 sein Nachfolger als Staats- und Regierungschef. De Klerk war bereits 2 Jahre im Ruhestand. Die Inkatha FP mit Buthelezi blieb in der Regierung; die kleine Minority Front (MF) und AZAPO wurden mit je einem Vizeminister-Posten beteiligt. Jacob Zuma wurde Vizepräsident, die DP unter Leon Oppositionsführerin. In den Provinzen KwaZulu-Natal215 und Westkap stellten IFP und NNP also weiter die Premierminister, alle anderen gingen wieder an den ANC. Es gab keine Einheitsregierungen mehr, aber Koalitionen, falls notwendig. Im Westkap koalierten NNP und DP (gegen den ANC), Morkel blieb Premier. Die + 7,8% der DP von 1999 ggü 1994 gingen auf Kosten der (N)NP, waren überwiegendst Afrikaaner. Damit wurden die Kap-Farbigen sogar zur Haupt-Klientel der NNP. Aber auch bei ihnen begann schon eine Abwanderung zur DP.

Die Afrikaaner, auch sehr “konservative”, gingen also bei der Wahl ’99 von der (N)NP zur DP, trotz derer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Und nicht zur VF, eigentlich die konservative Afrikaaner-Partei. In ihr ging vermutlich der grösste Teil des Erbes der KP auf. Während die Wähler (und auch Funktionäre) der (N)NP zur DP (aus der dann die DA wurde) abwanderten. Warum sie nicht bei der NNP blieben und nicht zur VF gingen, ist nicht leicht zu analysieren. Möglicherweise, weil sich die DP als als Interessensvertretung der Weissen in Stellung gebracht hatte. Mit dem Influx konservativer Afrikaaner verfestigte sich die neue, rechtere Ausrichtung natürlich. ANC- und Staats-Präsident Thabo Mbeki sagte, er glaube dass es die Transformation der DP war, die ihr diesen Wählerzuwachs brachte. Leon selbst bestritt einen Rechtsruck, die DP sei liberal geblieben. Aber er bestätigte, dass sich seine Partei nun in erster Linie als jene der Nicht-Schwarzen, besonders der Weissen, verstand. Für die (N)NP war die Wahl 99 jedenfalls der Wendepunkt, oder die Manifestation ihrer Abwärtsentwicklung, der Verluste bei den Weissen. Ihr letzter Trumpf war ihre Stärke im Westkap und, in einem geringeren Maß, im Nordkap, die hauptsächlich auf die dortigen Farbigen/Kleurlinge/Coloureds zurückzuführen war.

Mbeki setzte als Präsident, wenn man so will, das fort, was De Klerk begonnen hatte, den Übergang (oder die Transformation?) Südafrikas zur Demokratie. Mbeki machte eine etwas „schwärzere“ Politik als Mandela.216 Ab 2000 unter Präsident Mugabe217 im benachbarten Zimbabwe die Farmbesetzungen und Landenteignungen (die nicht zuletzt die weisse Minderheit betraf), verbunden mit Gängelungen der Demokratie und wirtschaftlichem Niedergang. Von der DP (dann DA) unter Leon und manchen südafrikanischen Zeitungen wurde die Entwicklung in Zimbabwe (besonders Anfang-Mitte der 00er) zu einem Schreckgespenst für Südafrika aufgebaut, nicht zuletzt bei Wahlen, gegenüber dem ANC. Und, nach der Wahl 99 kam von der NNP die Initiative, eine “vereinte Opposition” zum ANC zu schaffen.

Genauer, eine Oppositionsfront der weissen Parteien. 3 der 5 überwiegend “weissen” Parteien in der Nationalversammlung taten sich 2000 zusammen, Democratic Party (DP), New National Party (NNP) und Federal Alliance (FA), um die Democratic Alliance/ Demokratiese Alliansie (DA) zu formen. Nicht dabei waren die afrikaanisch-nationalistischen Parteien VF und AEB, und auch nicht die inter-rassische UDM, die werte-orientierte ACDP oder die UCDP (die Nachfolgepartei der Bophuthatswana-Homeland-Partei, die 99 erstmals antrat). 2000 stellte DA-Chef Leon ein Schattenkabinett auf, mit Van Schalkwyk, T. Delport, Eglin, H. Smit, Niemann, Seremane,… auf. 2001 zog sich die NNP aber bereits aus dem Bündnis zurück; damit schied auch die FA aus. Die DP behielt den Namen DA. Damit endete auch die NNP/DA-Koalition im Westkap. Die FA tat sich in der Folge mit der VF zusammen, die NNP (stark geschwächt aus dem Bündnis mit der DP hervor gegangen) mit dem ANC…die NNP-Kooperation mit dem ANC führte zum Aufgehen in diesem 04/05 (06 “endgültig”). Für den ANC war die NNP attraktiv bzw wertvoll wegen ihres Wählerpotentials unter der farbigen Bevölkerungsmehrheit im Westkap und dessen Haupstadt Kapstadt. Westkap-Premier Morkel war gegen das Bündnis der NNP mit dem ANC, versuchte es zu verhindern, trat schliesslich zurück (2001). Er wurde (nachdem er sich der DA angeschlossen hatte) Bürgermeister Kapstadts, neuer Premier wurde Morkels Vorgänger als Bürgermeister dort, Peter Marais (ebf. NNP, Farbiger), in einer Koalition mit dem ANC.

Die Beiden tauschten also ihre Posten. Der “Handel” zwischen ANC und NNP schloss einen ANC-Bürgermeister für Kapstadt mit ein, der mit der Änderung der Regeln für den Parteiwechsel von Mandataren (Floor crossing) 2002 möglich wurde.218 2002 wurde Nomaindia Mfeketo Bürgermeisterin von Kapstadt, gewählt von einer ANC-NNP-Mehrheit, nachdem Morkel (nunmehr DA) damit “zu Fall gebracht” wurde. Das selbe Parteibündnis tauschte ’02 den Premier von Westkap aus, brachte NNP-Chef Marthinus van Schalkwyk in dieses Amt (statt Marais). Präsident Mbeki nahm 2002 2 NNP-Leute als Vizeminister in die Regierung auf, Renier Schoeman und David Malatsi. Der Grossteil der NNP-Führung (Schoeman, André Fourie,…) ging den Weg des Bündnisses mit dem ANC mit, das einen Absturz in die Bedeutungslosigkeit verhindern sollte. Van Schalkwyk beschrieb das Bündnis sogar als “Ende der Spaltung der südafrikanischen Seele”. In der Parteiwechselperiode 2003 gingen aber einige wichtige NNP-Politiker, wie Sheila Camerer, zurück zur DA, die schon mal ihr temporäres politisches Zuhause gewesen war. “Hernus” Kriel war vor der Bildung dieses Bündnisses (NNP+DP) zur DP gegangen (ging später zur ACDP), ebenso Tertius Delport (blieb in der DA), Danie(l) Schutte zog sich 99/00 aus der Politik zurück219, Chris(tiaan) Fismer ja bereits zuvor, Patrick McKenzie war einer Jener die früh zum ANC gegangen waren220, Roelof Meyer bemühte sich ja in dem UDM; zur VF gingen aus irgend einem Grund wenige NNP-Politiker.221

De Klerk hat sich ja nach dem Ende seiner politischen Tätigkeit in/bei Kapstadt niedergelassen, mit seiner zweiten Frau222; seine Ex-Frau Marike auch. Auch sie ging eine neue Beziehung ein; es heisst, nachdem auch diese in die Brüche ging (2000), war sie seelisch zerbrochen. 1998 brachte auch Marike de Klerk eine Autobiografie heraus, mit Maretha Maartens, “Marike: A Journey Through Summer and Winter” (anscheinend nur auf Englisch). Darin geht es natürlich in erster Linie um ihre 39-jährige Ehe; es halten sich Meldungen, dass das Kapitel in dem es um die Untreue ihres Mannes geht, zensiert wurde, auf seinen Einfluss hin. Im Dezember 2001 wurde Marike de Klerk in ihrer Wohnung beim Strand von Kapstadt ermordet; von einem Wachmann des Luxus-Wohn-Komplexes in dem sie wohnte. Bei der Autopsie konnte nicht ausgeschlossen werden, dass Luyanda Mboniswa die 64-Jährige auch sexuell missbraucht hat. Er wurde ’03 zu lebenslanger Haft verurteilt.223 Frederik W. de Klerk war damals gerade in Stockholm zu einer Feier der Nobelpreis-Stiftung, kehrte zurück, gab eine Stellungnahme für Medien ab; ob er beim Begräbnis erwünscht war, von ihrer Familie, weiss Tiara nicht.

Eine, die zum Begräbnis kam, war “Winnie” Madikizela-Mandela, sie zog dieses jenem von “Joe” Modise, dem langjährigen MK-Kommandanten und dann Verteidigungsminister unter Nelson Mandela, vor. “As a woman, I can identify with the exhaustion of her emotional resources in shaping her former husband’s career”. So eine Art Querfront Winifred-Marike, beide waren wie erwähnt radikaler als ihre Männer (unversöhnlicher), Marike stand rechts von Frederik (nahe bei der KP), Winnie links von Nelson (nahe beim PAC), beide wurde von ihren Männern in den 1990ern getrennt, ihre “Nachfolgerinnen” waren keine Südafrikanerinnen, und sie hatten beide keinen guten Ruf. Winnie starb 2018. Marike de Klerks zweites Buch kam anscheinend posthum heraus, “A Place Where the Sun Shines Again”, mit Ratschlägen für Frauen die im “späteren Alter” Scheidungen erleben. Und wieder soll sich ihr Ex-Mann, der Ex-Präsident, um “Zensur” bemüht haben, beim Verleger. Seine Mutter starb ebenfalls 2001, aber natürlich. ’01 starben auch 3 weitere wichtige Südafrikaner: Christiaan Barnard (Arzt), Govan Mbeki (langjähriger ANC-Aktivist), Nkosi Johnson (ein 12-Jähriger, der an AIDS erkrankt war).

Vor den Wahlen 2004 präsentierte sich die NNP als eine Art bestimmender Einfluss auf den Mbeki-ANC, der für rassische Minderheiten wichtig sei. NNP-Generalsekretär Daryl Swanepoel meinte, die Herausfoderungen für dieses Land seien zu wichtig, als sie dem ANC allein zu überlassen. Doch sie stürzte bei dieser Wahl nun wirklich in die Bedeutungslosigkeit ab, kam auf 1,7%, verlor auch im Westkap das Meiste (und damit ihre Verhandlungsposition ggü dem ANC). Die NNP war jetzt eine von vielen Mikro-Parteien.224 Mit dem Bündnis mit dem ANC hatte die NNP vollends die Unterstützung der weissen Wähler verloren. Die DA unter Leon gewann nach einer “Swart gevaar”-Wahlkampagne abermals etwas hinzu, nun auch die (West-) Kap-Farbigen; Western Cape/ Wes-Kaap wurde DA-Kernland, auch wenn die Partei 04 dort noch hinter dem ANC lag. Der ANC war 04 unter Mbeki am Höhepunkt: fast 70% und Siege in Westkap und KwaZulu-Natal. Das Westkap hat der ANC aber nie richtig gewonnen, was nicht zuletzt am hohen Bevölkerungsanteil von Weissen und Mischlingen/Farbigen liegt.225 Nach der Wahl 04 wurde Ebrahim Rasool vom ANC dort Premierminister. Die DA erfuhr durch einen weiten Zufluss von Afrikaanern einen weiteren Rechtsruck.

Van Schalkwyk, bislang Westkap-Premier, bekam im Kabinett Mbeki II einen Ministerposten, jenen für Tourismus (zeitweise mit Umweltschutz-Agenden), den er 10 Jahre behielt, bis 2014, unter den Präsidenten Mbeki, Motlanthe, Zuma.226 Kein Schlüssel-Ministerium, aber Tourismus ist wichtig für Südafrika, und er ist noch immer ziemlich in “weissen Händen”. Booysen: „In an ironic twist, it was Van Schalkwyk who … took the NNP back into cabinet when he specifically was rewarded by the ANC for collapsing his NNP into the ANC“. Er wurde noch als NNP-Mann Minister, trat 05 zum ANC über. Und, er beschloss, das was von der NNP noch übrig war, in den ANC über zu führen. Die NNP würde bei Wahlen nicht mehr antreten, seine Leute für den ANC. Alle NNP-Mandatare sollten zum ANC übertreten, im Floor crossing 2005, oder bleiben und spätestens bei den Lokalwahlen 2006 ausscheiden. Nach 10 Jahren Freiheit beschloss die NNP also ihre Auflösung. Van Schalkwyk meinte dazu, der Anschluss der NNP an den ANC würde/solle das Rassenübergreifende dort verstärken. FW De Klerk trat ’04 aufgrund dieser Entscheidung aus der NNP aus; er sagte, der Anschluss würde zu weit gehen, man hätte nicht auf das Recht verzichten sollen, sich vom ANC zu unterscheiden.

Wichtigster Ansprechpartner im ANC bei den Verhandlungen dazu war Mosiuoa Lekota, damals (99-08) Verteidigungsminister, vorher NCOP-Sprecher, davor (O)FS-Premier; danach COPE-Gründer/Chef. Van Schalkwyk brachte kaum Nicht-Schwarze zum ANC; (nur) im Westkap wäre das für diesen wichtig gewesen. Und viele der 04 noch gebliebenen NNP-Wähler und -Funktionäre gingen nicht den Weg den ANC, den Schalkwyk “vorzeigte”, die meisten davon wahrscheinlich zur DA. Der letzte nationale Parteikongress der NNP fand im April 2005 statt, die Beschlüsse bezüglich Anschluss und Auflösung wurden dort bestätigt. Im Parteiwechsel-Fenster im September 05 gingen die 7 Abgeordneten der NNP in der Nationalversammlung (so wenige waren es nach der Wahl 04), 6 zum ANC227 und einer, Stan(ley) Simmons, zu einer neuen Ein-Mann-Partei, der UPSA. Der einzige NNP-Abgeordnete im NCOP, “Freddy” Adams (Westkap) ging auch zum ANC. Von den 7 Provinzparlamente-Abgeordneten der NNP (5 im Westkap, 2 Nordkap) ging einer zur DA, die anderen zum ANC. Auch Renier Schoeman (aus KZN), Vizeminister unter De Klerk, Mandela und Mbeki, ging 05 zum ANC, ebenso Generalsekretär Swanepoel. Es blieben als NNP-Mandatare etwa 80 Gemeinderäte (hauptsächlich auch im Westkap), bis zur Lokalwahl 06, zu der die NNP nicht antrat.228

Mit dieser Wahl verloren diese ihre Mandate (es sei denn, sie traten nun für eine andere Partei an), und nachdem Alle weg waren, löste sich die NNP auf. Nach der Veröffentlichung des Wahlresultats wurde ihre Registrierung bei der IEC “gelöscht”, dies war der letzte Akt. Die wichtigsten Protagonisten von NP und NNP aus ihren machtvollen Zeiten hatten die Partei ja in der Regel schon zuvor verlassen. Pieter Botha soll der NNP bis zu seinem/ihrem Tod 06 treu geblieben sein. Die NP begann 1994 auf 20% der Stimmen der südafrikanischen Bevölkerung (nachdem sie jahrzehnte-lang Mehrheiten des weissen Elektorats bekommen hatte), wirkte im Übergang zur Demokratie in der Regierung mit, wurde 1996 Oppositionspartei, verlor 1999 (nun umbenannt) die Führungsrolle unter den Weissen, begab sich dann in eine Allianz mit der DP (die diese stärker machte), dann mit dem ANC, bis sie (nunmehr eine Kleinpartei) in diesem aufging. Die wichtigste Anti-Apartheid-Organisation schluckte die Apartheid-Partei, und das zu einer Zeit in der erstere am Höhepunkt ihrer Macht stand. Analysten/Beobachter, denen etwas an der südafrikanischen Demokratie liegt, lamentierten darüber, aus dem Grund dass der ANC schon super-dominant war und nicht noch eine andere Partei (und sei sie noch so klein) zu verschlingen brauche. Wobei, der Grossteil der Wähler (und viele Funktionäre) gingen ja zur DA.229230

Booysen: “In many ways the death and disappearance of the NNP set a track that would be mimicked by the Inkatha Freedom Party (IFP), the second GNU partner to the ANC in the 1994 transitional dispensation. The IFP decline was slower. It limped from one election to the next, from alliances to introspective reinventions, yet consistently declined in support. In Election 2009 the IFP remained the party with the fourth biggest national standing, yet had declined to 4.6 per cent support. Come local election 2011, and the split-off of the National Freedom Party (NFP) it was left with 3.57 per cent and no apparent prospect for future growth.” Der IFP ist es als einziger der (ehemaligen) Homeland-Parteien gelungen, im Übergang und im Post-Apartheid-Südafrika entscheidend mizumischen, obwohl sie den Verhandlungsprozess (89-94) weitgehend boykottierte und dann ankündigte, nicht an den Wahlen teilzunehmen. Ab 2004 war sie nicht mehr an der (ANC-) Regierung beteiligt, bei dieser Wahl verlor sie auch Kwazulu-Natal. Die IFP verlor das “Match” um die Stimmen der Zulus an den ANC, schon bevor 07 der Zulu Zuma ANC-Chef wurde. Inzwischen ist sie landesweit auf 2,4% und Platz 4 abgesunken; nur in KwaZulu-Natal spielt sie noch eine wichtige Rolle (2019 16,34%). ’19 hat Buthelezi die Präsidentschaft über die IFP abgegeben.231

Die IFP hat auch weisse und indische Wähler und Funktionäre; hat sowohl etwas von einer Regionalpartei (KwaZulu-Natal) als auch etwas von einer ethnischen Partei (für Zulus). Im Homeland Bophuthatswana gabs ja die Bophuthatswana National Party, aus der die Bophuthatswana Democratic Party wurde, unter dem Chefminister/Präsidenten des Homelands, Lucas K. Mangope232. Daraus wurde 1997 die United Christian Democratic Party (UCDP). Die UCDP ist inzwischen nicht mehr im südafrikanischen Parlament vertreten, und es ist ihr nicht gelungen, eine Tswana-Volkspartei zu werden.233 Die DA ist in erster Linie für die beiden weissen Sprach-/Volksgruppen da, der ANC für die schwarzen Ethnien des Landes. Die VF(+) wurde (endgültig erst bei der Wahl 2009) die wichtigste Partei, die sich dezidiert als eine der Afrikaaner/Buren verstand. Gegenentwürfe zu diesem “inoffiziellen” Partikularismus waren UDM und COPE. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif dafür. Beide bestehen noch, sind im Parlament vertreten mit ein paar Abgeordneten (die UDM sogar in einem Provinz-Parlament), sind aber als rassenübergreifende neue politische Kräfte, die dem ANC (und der DA,…) Konkurrenz machen sollen, längst gescheitert.234 “Roelf” Meyer hat die UDM 04 verlassen, ging 06 zum ANC, auch weitere Funktionäre die aus der (N)NP kamen, wie die Koornhofs, taten dies.

COPE entstand nach dem Rücktritt von Mbeki als Staatspräsident 08, als Abspaltung von “Mbekiten” aus dem ANC. Mbekis Amtszeit wäre 09 geendet, er kandidierte 07 auf der ANC-Konferenz dafür, darüber hinaus Parteichef zu bleiben, verlor aber gegen Jacob Zuma (den er 05 als Vizepräsident entlassen hatte). Mbeki trat dann 08 zurück (etwa 1 Jahr bevor seine Amtszeit geendet hätte), nachdem Zuma in einem Korruptionsprozess freigesprochen wurde und Mbeki (nicht zuletzt parteiintern) in Verdacht geriet, das Verfahren vorangetrieben zu haben, daher das Vertrauen seiner Partei verlor.235 Motlanthe wurde bis zur Wahl 09 Staatspräsident, COPE bereitete sich auf diese Wahl vor (wie auch Zuma im ANC); anfangs wurde der Congress of the People weniger als Abspaltung vom ANC gesehen denn als der eine Teil einer Spaltung, bekam ein Wählerpotential von bis zu 20% bescheinigt… Bei der Wahl 09 bekam COPE dann aber 7,4%236; der Abstand zwischen ANC und DA verringerte sich damals etwa, auf etwa 50%. Zuma wurde nach dieser Wahl Präsident, musste von COPE keine Konkurrenz befürchten, nicht zuletzt aufgrund interner Streitigkeiten in diesem. Die DA, nunmehr unter Helen Zille, gewann das Westkap zurück (behauptet sich seither dort), Zille wurde dort auch Premierministerin, parlamentarische Führer der DA (und damit Oppositionschefs) sind Andere.

Die schlimmste Krise des Post-Apartheid-Südafrikas war wahrscheinlich die Phase zwischen der Abwahl von Mbeki als ANC-Chef Ende 07 (Konferenz in Polokwane) und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident im Frühling 09 (zwischendrinnen lag der Mbeki-Rücktritt als Präsident); das Warten auf Zuma… Zur selben Zeit machte Julius Malema als Chef der ANC Youth League von sich reden. Die Dystopien von einer Entwicklung Südafrikas in Richtung Zimbabwe (Mugabe) und bezüglich der Abhaltung der Fussball-WM in Südafrika 2010 waren (bzw wurden) damals ziemlich verbreitet…237 Wie schon gesagt, die Apokalypse in Südafrika wurde für Zeit nach der Wahl 94 bzw De Klerk vorher gesagt, dann für nach Mandela, nach Mbeki (bzw für die Zeit mit Zuma als Präsident), nach Zumas Abgang 18 wieder. „Die Wahl im Frühling 09 gilt … als größte Bewährungsprobe der jungen Demokratie.” war damals der Befund in einem hiesigen Medium. Bevor Mbeki abtrat, war auch gemunkelt (bzw unterstellt) worden, dass dieser durch eine Verfassungsänderung (durch die ANC-Mehrheit im Parlament) die Amtstzeit des Staatpräsidenten (über 2 Perioden hinaus) verlängern würde, um länger zu bleiben.238

De Klerk äusserte sich (auch) in dieser Zeit der Panikmache optimistisch zur Zukunft Südafrikas; wenngleich er Zuma nach dessen Rücktritt dann kritisch beurteilte: unter diesem hätte anti-weisser Rassismus im ANC zugenommen, ausserdem natürlich für dessen Korruptheit. Wobei: die Befürchtungen/ Unterstellungen ggü Zuma waren ja nicht, dass er staatliches Geld für seinen privaten Hausbau auf die Seite schafft und derartiges, sondern dass er das Justizsystem und die Opposition auszuschalten versucht. Als 2 Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft 2010 AWB-Führer Terre’Blanche von 2 (schwarzen) Arbeitern seiner Farm in Ventersdorp (nunmehr Nord-West) ermordet wurde, anscheinend aus unpolitischen Gründen (Streit um ausstehende Löhne), schrieb orf.at von „Angst im WM-Gastgeberland”, “möglichem Zündfunken”,… DA-Führerin Zille stellte einen Zusammenhang mit dem damaligen ANC-YL-Chef Malema und dem von diesem gerne gesungenen Kampflied “Ayesaba amagwala” her. De Klerk damals: Malemas Worte/Verhalten hätten zumindest die Atmosphäre geschaffen, welche den Mord begünstigte.

Auf die Frage, welche Partei er das nächste Mal (> 09) wählen werde, sagte De Klerk 04, dies werde er dann entscheiden (> DA, VF+?), jedenfalls werde er nicht dem ANC beitreten. Manche meinen, dass die NP nicht wirklich gestorben ist, sondern zur DA metamorphosiert ist; auch wenn die NP-“Nachfolgerin” NNP im ANC aufgegangen ist. Die DA-Vorläufer waren die wichtigste weisse Opposition zur Apartheid (aber keine Total-Opposition bzw grundsätzliche Infragestellung…), sie ist nun die wichtigste (weisse) Opposition zu den ANC-Regierungen im Post-Apartheid-Südafrika. Viele Apartheid-Anhänger und -Funktionäre sind zur DA gegangen. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung (hat auch einige schwarze “Aushängeschilder”), will sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.239 Zeigt das Regieren der DA im Westkap und Kapstadt, dass sie die bessere Alternative zum ANC auf nationaler Ebene ist, oder dass es ihr darum geht, vielerorts noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen zu erhalten?240

In den meisten seiner Stellungnahmen nach seinem Rückzug aus der Politik hat De Klerk die Apartheid verurteilt und das demokratische Südafrika gelobt. In manchen hat er diese Verurteilungen aber auch relativiert. Oft zeigte er sich als südafrikanischer Patriot, Kritik an Zuständen im Land ist von ihm meist konstruktiv, seine Beurteilungen vernünftig. 2004 sagte er in einem Gespräch mit dem US-amerikanischen Journalisten Richard Stengel, im Grossen und Ganzen habe sich Südafrika dorthin entwickelt, wo er es sich bei seinen Schritten 1990 vorgestellt hat. Es gäbe eine Tendenz unter Kommentatoren rund um die Welt, sich auf das Negative in Südafrika (wie den Umgang mit AIDS) zu konzentrieren.

Doch das Positive überwiege bei Weitem, nannte dabei Stabilität, eine ausgewogene Wirtschaftspolitik, konstitutionelle Sicherheit, guter Wille unter Südafrikanern. 2004 sprach er auch mit dem “Spiegel” (Aust & Anderen). Südafrika bewege sich von einer ethnisch orientierten zu einer werteorientierten Politik hin, sagte er dabei, und wenn man dort ankomme, würde der ANC auseinander fallen. Dieser (bzw diese Allianz) sei nur zu Stande gekommen, um die Apartheid zu beenden. Es könnte sogar ein Weisser Führer eines reformierten ANC werden. ANC-Regierungen machten Vieles auch richtig. In Südafrika haben man (mehrheitlich) Denkkategorien überwunden (die rassischen), die Europa noch immer dominierten. Das neue Südafrika mit all seinen Problemen sei ein viel besseres als jenes der Apartheid. „Ich würde heute alle wichtigen Entscheidungen genauso fällen.“

„Ich habe immer daran geglaubt, dass wir (Südafrikaner) die Kraft haben, die grossen Probleme zu überwinden. Und auch, dass wir fortsetzen, was wir 1994 so hoffnungsvoll begonnen haben.“

(Gegenüber dem „Spiegel“ 04)

Als er 08 in Durban von der One Nation Foundation zusammen mit Nelson Mandela und Jacob Zuma (damals ANC-Präsident) für das Zustandebringen von Demokratie in Südafrika geehrt wurde, sagte er, er sei hoffungsfroh dass Südafrika seine gegenwärtigen Probleme (nannte AIDS, Kriminalität) meistern werde, wie man das schon mal getan gabe als die ganze Welt erwartete dass Südafrika in Gewalt versinken werde.241 Er lobte die Verfassung und attestierte dem Land eine wachsende konstitutionelle Reife. Thabo Mbeki sei unter schwierigen Umständen zurückgetreten, aber Alles sei verfassungskonform gelaufen. In einem Interview mit dem britischen “Guardian” 2010 meinte er, wenn eine Partei beinahe zwei Drittel der Stimmen gewinnt, könne man nicht von einer gesunden, dynamischen Demokratie reden. Dabei und bei anderen Gelegenheiten äusserte er die Erwartung, dass der ANC früher oder später entlang der ideologischen (wirtschaftspolitischen) Linien auseinander fallen werde, nachdem das was ihn zusammenhielt, die Apartheid, weg ist.242 Dann würden neue Parteien, neue Konstellationen entstehen, und Radikale auf der Linken und an der Rechten sollten dann von der “Mitte” marginalisiert werden.

2016, zur Zeit von Zuma, kritisierte er ggü dem “Mail & Guardian”243 Black Economic Empowerment, dieses werde (weisse) Südafrikaner aus dem Land treiben da es den Spielraum von Minderheiten einschränke.244 Auch bei anderen Gelegenheiten meinte er, positive Diskriminierung zugunsten der schwarzen Bevölkerung gehe teilweise zu weit und laufe Gefahr, zu „Rassismus mit anderem Vorzeichen“ zu werden. 2019 sagte er zum „Daily Maverick“245, Ungleichheit sei Südafrikas grösster Fehler, ausserdem sei es (unter Zuma) zu einem Wiederaufleben des Rassischen gekommen. Da stellt sich allerdings die Frage, wie die Ungleichheit gemindert werden könnte/sollte. Die Mehrheit im Land sei allerdings nicht rassistisch und habe verinnerlicht, dass alle Südafrikaner im gleichen Boot säßen. “Alles, was dieses Boot beschädigt, führt dazu, dass wir alle sinken.” 2019 sagt er, die Wirtschaftssanktionen gegen Apartheid-Südafrika hätten die “nötigen Reformen” verlangsamt. Mit einer vollständigen und unumwundenen Verurteilung der Apartheid tut er sich bis heute schwer; das zeigte sich auch im SABC-Interview vor einigen Wochen, das hier mehrmals erwähnt (und verlinkt) ist.

2012 interviewte ihn die britisch-iranische Journalistin/Moderatorin Christiane Amanpour für CNN, am Rande eines “Gipfeltreffens” von Nobelpreisträgern in Chicago (USA). Das Gespräch ist ist hier nachzu-sehen und hier nachzu-lesen. Der erste Teil drehte sich um die Apartheid und ihr Ende, der zweite um ihr Erbe gewissermaßen, das heutige Südafrika. De Klerk wiederholte dabei Distanzierungen von der Apartheid und Lob für das demokratische Südafrika, relativierte Beides aber auch… Das erste Stirnrunzeln kommt bei der Antwort auf die Frage, ob er bei seinen ersten Begegnungen mit Mandela (und die ersten zwei fanden noch zu dessen Gefangenschaft statt) Bedauern dafür empfunden hatte, dass dieser schon so lange im Gefängnis war: “He was properly tried in front of a properly constituted court. He was represented by the best lawyers. And he was found guilty of what is a crime in the United States, of what is a crime in all developed countries, of treason. He had planned, as a young man, to overthrow the government in a violent way.”246 Anscheinend kommt eine gewisse “Skepsis” De Klerk gegenüber doch nicht ganz ohne Grund. Dann kommt er auf das Botha-Angebot der Freilassung zu sprechen, dass er auch schief darstellt. Dann seine Erklärungen zur Apartheid.

Er habe profunde Entschuldigungen für die Apartheid abgegeben, bei der TRC und bei anderen Gelegenheiten, über die Ungerechtigkeiten die sie mit sich brachte. “What I haven’t apologized for is the original concept of seeking to bring justice to all South Africans through the concept of nation states.” Das sei die Apartheid also gewesen, und als solche sei sie in Südafrika gescheitert: man habe das bereits in den 1970ern erkannt und fundamentale Reformen in Gang gebracht. Ob sie nun gescheitert sei, weil sie sich als undurchführbar erwies oder weil sie moralisch falsch gewesen sei, fragt Amanpour. Er antwortete mit einer Gegenfrage bezüglich Israel-Palästina, deren Sinn nicht ganz zu erkennen ist. Die Apartheid sei aus 3 Gründen gescheitert: Weil die Weissen zu viel Land für sich beanspruchten (sehr vornehm gesagt), weil Weisse und Schwarze ökonomisch miteinander integriert wurden (stimmt), und weil die Schwarzen mit dieser Sitaution unzufrieden waren. Es kamen dann Verteidigungen der Homelands. Sagt, “They were not disenfranchised. They voted.”, womit er anscheinend die Homelands meinte. Die Apartheid-Regierungen hätten so viel Geld in diese gesteckt…stellte das dem Geld gegenüber, das die “entwickelte Welt” für Afrika und  Armut dort (nicht) ausgibt.

Phasenweise schwer zu glauben, dass er das Alles 2012 sagte und nicht um 1992 herum… Unter der Apartheid bekamen 75% der Bevölkerung 13% des Territoriums zugewiesen, und das waren die weniger attraktiven Teile; und dabei ging es auch darum, die Schwarzen in die verschiedenen Ethnien zu spalten sowie ihre Ansprüche in Südafrika247 einzuschränken. Homeland-Apologetik ist in der Regel Apartheid-Apologetik… Amanpour gab ihm dann die Gelegenheit, seine Haltung zur Apartheid klarzustellen.> “I can only say that in a qualified way. Inasmuch as it trampled human rights, it was — and remains — and that I’ve said also publicly – morally indefensible. There were many aspects which are morally indefensible. But the concept of giving, as the Czechs have it now and the Slovaks have it, of saying that ethnic unities with one culture, with one language, can be happy and can fulfill their democratic aspirations in an own state, that is not repugnant.” Damit meinte er anscheinend auch die Homelands. Interpretiert diese als Aufsplitterung einer Nation in Nationalitäten, vergleichbar mit der tschechoslowakischen Trennung… Tschechen und Slowaken haben sich in Einvernehmen getrennt, und Tschechen sind damit nicht Herren über Slowaken geworden/geblieben.248

Er habe eine Konversion durchgemacht bezüglich der Apartheid249 Er entschuldige sich nicht dafür, sich als junger Mann dafür entschieden zu haben, sich in der Apartheid engagieren, die er bei der Gelegenheit als Bestreben danach darstellt, Gerechtigkeit für schwarze Südafrikaner zu bringen, die mir der “Gerechtigkeit” für “seine Leute” (Afrikaaner/Buren) kompatibel ist.250 Im Nachhinein gesehen hätte man (er sagt “we”) mit “Reformen früher beginnen müssen”, als der Wind der Veränderung durch Afrika blies (Anfang 1960er). Als ob eine solche “Reformfähigkeit” im Apartheid-System angelegt gewesen sei, als ob substantielle Reformen (unter ihm dann) nicht erst nach jahrzehntelangem Kampf dagegen gekommen wären. Aber da ist man wieder bei dem was man ihm zu Gute halten muss, er hat diesen Umbruch eingeleitet, gegen Widerstände seiner Leute.251

Zum gegenwärtigen Südafrika meinte er, es sei eine solide Demokratie (und werde das bleiben) aber keine gesunde – weil eine Partei 65% der Stimmen bekommt. Der ANC werde sich aufspalten, und damit werde es zu einem Übergang von einer ethnisch-bestimmten zu einer werte-bestimmten Politik kommen. Warum die NP eine derart ethnisch-bestimmte Politik machte bzw warum damals eine werte-bestimmte kein Thema gewesen ist, sagte er nicht.252 Aber gut, das Scheitern der Apartheid hat er ja anerkannt. Malema sei sehr rassistisch (ggü Weissen), sei zu spät rausgeschmissen worden aus dem ANC von Zuma. Dann kommentierte er die Armut in Südafrika (indirekt) damit, dass auch in der USA Schwarze davon in erster Linie betroffen seien…253 Brachte Armut und Arbeitslosigkeit in Südafrikas mit der Ausgabenpolitik der Regierung zusammen. Der Übergang nehme Zeit, es gäbe eine Bereicherung weniger Schwarzer, Weisse zahlten ohnehin viel Steuern,… Der ANC hätte zu viel Macht und seine Führer den “moralischen Kompass” verloren. Da ist vermutlich sogar etwas dran.254

Aber da hat De Klerk Vieles gesagt, das Fragen aufwirft. Er hat offensichtlich Schwierigkeiten bei der Distanzierung von der Apartheid. Mandela hat laut Amanpour bedauert, dass De Klerk dem Prinzip der Apartheid nicht abgeschwört hat. Dass er die Verurteilung Mandelas als (im Grunde) rechtmäßig einschätzt, das allein stellt eigentlich so Manches an seinen Verdiensten in Frage…255 Er redet über Malemas Rassismus, aber nichts, kein Wort, über den Rassismus von Weissen ggü Schwarzen, der der Apartheid schliesslich auch zu Grunde lag. Sagt(e), das “ursprüngliche Konzept” der Apartheid (von „getrennten aber gleichrangigen“ Nationen/Nationalitäten) sei in Ordnung gewesen, es sei nur falsch umgesetzt worden bzw ist gescheitert bzw die Auswirkungen waren schlimm (so wurde er jedenfalls verstanden). Als ob sich die Auswirkungen nicht automatisch aus dem Konzept ergeben hätten, als ob das Konzept irgend etwas Gutes an sich gehabt hätte, jemals Gleichrangigkeit der Nicht-Weissen erwogen worden wäre. Er sagte auch mehrmals indirekt, Schwarze hätten von der Apartheid auch Nutzen gehabt.

Es gab 2012 Aufregung nach dem Interview, in Südafrika und international, auch Rufe nach einer Aberkennung des Friedensnobelpreises. Er schob über seine Stiftung eine Erklärung hinterher, wonach seine Aussagen im CNN-Interview aus dem Kontext genommen worden seien, die Apartheid inakzeptabel gewesen sei.256 IFP-Chef Buthelezi: “His denial opened a wound that remains in the heart of millions of South Africans. Yet when he was challenged on it, he did not apologise. Instead, he dug in his heels and presented a statement through the de Klerk Foundation dismissing the legitimacy of the United Nations’ Convention which classified apartheid as a crime against humanity. In the midst of a public outcry, this statement was then retracted. South Africans are now debating whether his apology was sufficient or genuine, and whether or not it should be accepted.” Hauptsächlich für schwarze Südafrikaner hat das wieder die Frage aktuell werden lassen, ob es von Seiten der weissen Südafrikaner jemals ein wirkliches (inneres!) Bekenntnis zur Transformation von der Apartheid weg gegeben hat (bzw gibt), eine Anerkennung ihrer Ungerechtigkeit.

Pierre de Vos, Verfassungs-Experte an der University of Cape Town, meldete sich auf seinem Blog auch zu Wort, analysierte die Aussagen De Klerks und kritisiert sie, entgegnet ihm in vielen Punkten. Die Apartheid war verwerflich, so De Vos, da sie einer zutiefst rassistischen Logik entsprang (von einer Überlegenheit der Weissen ggü Schwarzen)257, und dies einzugestehen/einzusehen war De Klerk unfähig. De Vos ging auch auf den Vergleich mit Tschechen und Slowaken ein, u.a. dass es dort oder bei Sezessionsbestrebungen anderswo in Europa eine Sache zwischen “Gleichrangigen” (gewesen) sei (man anerkennt sich grundsätzlich als solche). Und weiter:

“One of the most deeply problematic aspects of life in post-apartheid South Africa is that so many white South Africans continue to deny this fact and seem incapable of confronting their own deeply ingrained sense that as white people they are generally intellectually, culturally and morally superior to most black people – although they think that by making an exception for Nelson Mandela and Archbishop Desmond Tutu they have overcome the racism within them. Fact is: we have not dealt with our own racism, no matter how progressive we are and no matter how we claim to be non-racist. Many of us may not use the ‘k’-word and may express our abhorance of racism, but we cannot “unwhite” ourselves and cut ourselves loose from the racists culture and world in which we live. How could we, as racism is embedded in Western culture as a defining characteristic of that culture, a culture which helps to define who we are and where we are supposed to ‘belong’.”

2014 trat De Klerk in der Oxford-Universität (GB) auf, wurde auf das CNN-Interview angesprochen, bekam Gelegenheit zur Klarstellung. Sagte, er habe das bereits in einem Telefonat mit Amanpour getan, sei missinterpretiert worden. Er habe als junger Mann geglaubt, durch das Apartheid-Konzept käme allen Südafrikanern Gerechtigkeit zu Gute. Dann machte er klar, was er bei Amanpour mit dem Israel-Palästina-Hinweis meinte: wenn bezüglich dessen von einer Zwei-Staaten-Lösung gesprochen werde, warum nicht für Südafrika von einer 9- oder 10-Staaten-Lösung.258 Er sei dann draufgekommen, dass die Apartheid nicht funktionierte, moralisch falsch sei, nicht durch Verbesserungen zu retten gewesen sei, abgeschafft werden müsse. Im Nachhinein gesehen sollte sie nicht existiert haben. Und er habe sie abgeschafft, sich für sie entschuldigt. Wo er Recht hat: das Prinzip der Rassendiskriminierung sei nicht in Südafrika (bzw mit der Apartheid) erfunden worden, verweist dann auf europäische Kolonialmächte in Afrika. Wobei er auch das Wirken der Briten im südlichen Afrika erwähnen hätte können…1948 hat man bezüglich Nicht-Weissen nicht Verhältnisse um 180º Grad gedreht, man hat aufgebaut auf Zustände die lange zurückreichten. Er sprach dort auch von einer neuen Diskriminierung in Südafrika, von Weissen.259

2014 oder 15 kam die Film-Doku “The Other Man: F.W. de Klerk and the End of Apartheid” von dem US-Amerikaner Nicolas Rossier heraus (siehe). Der Film behandelt De Klerks Leben, zeigt De Klerk allgemein eher in einem positiven Licht, pflegt anscheinend das Bild des ungerechterweise im Schatten von Mandela Stehenden, als eine Art südafrikanischen Gorbatschow, der die Regenbogen-Nation möglich gemacht hat.260 In dem Film hat er auch eine seltsame Erklärung zur Apartheid abgegeben: “The origins of the concept of apartheid, which we preferred to call separate development, was to bring justice to all South Africans. Under separate development, each and every black child was in school and stayed there until they were 16 at least. Many, many new medical services were broadened towards all blacks. So under separate development, there was a big, big improvement in the physical lot of black people in South Africa.” Das ist eigentlich die Apartheid-Mentalität, es ging ihnen eh’ ganz gut, brauch(t)en sie wirklich mehr… Er fügte aber an: “When I explain the process of change, I’m not trying to justify apartheid. I’ve come to the conclusion that apartheid was wrong, that it was morally unjustifiable, and therefore it had to be changed”. Der Film kam zur Zeit der Diskussion der (Um-) Bennnung einer Strasse (Table Bay Boulevard) in Kapstadt nach ihm (durch einen Stadtrat, in dem die DA dominiert).

Er ist eben polarisierend, muss man (zwischen-) bilanzieren, auch irgendwie paradox. Heuer, 2020, dann das SABC-Interview mit Äusserungen zur Apartheid (siehe oben), das ihm viel Ärger einbrachte.261 De Klerk schob auch hier über seine Stiftung eine Erklärung hinterher, mit Bedauern über “Verwirrung, Ärger und Schmerz” die seine Bemerkungen ausgelöst haben mögen. Staatspräsident Cyril Ramaphosa kommentierte am 30. Jahrestag der Freilassung Mandelas, Mandela sei durch den Freiheitskampf und Druck aus dem Ausland aus der Gefangenschaft gekommen, nicht durch die Freundlichkeit von FW De Klerk; “wir” (der ANC) haben die Apartheid beendet, so Ramaphosa, nicht De Klerk. Dann kam ja Ramaphosas Rede im Parlament, mit De Klerk als einem der Besucher, der Aufruhr der EFF. Mbeki war zB auch dort, auf der Besuchertribüne, De Klerk kam mit Elita. Es gibt Fotos von De Klerk, anscheinend von jemandem aufgenommen, der seitlich von ihm sass, eines mit hängendem Kopf. Und eines vor dem Eingang zum Parlament mit den Präsidenten von dessen beiden Kammern, Modise und Masondo vom ANC; die räumliche Haltung/Distanz der Beiden zu De Klerk drückt in diesem Fall ganz die innere zu ihm aus.

Man darf jedenfalls nicht die andere Seite vergessen, wo sich De Klerk mit Handlungen und Aussagen auszeichnet(e), dafür gebührt ihm ein gewisser Kredit. Um nun auf die anfangs erwähnte Beurteilung zurück zu kommen… De Klerk kam im Apartheid-System an die Spitze, wirkte dann bei dessen “Demontage” und beim Übergang zur Demokratie mit. Dazu gab es schon zu Beginn des Artikels eine Erörterung. Dann: Seine Motivationen und Intentionen für die Schritte ab 1990, die 1993 zum Beschluss der Übergangsverfassung und 1996 zu jenem der neuen Verfassung führten. Dazu gab es bislang auch schon einige Überlegungen, hauptsächlich im Kapitel über seine Präsidentschaft. Nach Allem, was er selbst und Andere262 dazu gesagt haben, gab es bei ihm eine Kombination aus Einsicht/Gewissen/Bekehrung/Güte, Pragmatismus/Eigennutz/Kalkül sowie Druck/Zwang. Sein Bruder Willem schrieb, dass er davon angetrieben war, das Überleben, die Zukunft der Afrikaaner in Südafrika zu sichern; der Abbau der Apartheid war demnach keine Kapitulation (was ihm eben von Afrikaanern gerne unterstellt wird), im Gegenteil. FW de Klerk hat das auch selbst so formuliert in seiner Autobiografie. Wobei “Überleben” schon sehr defensiv ist, es gab wohl beim Reformkurs auch die Hoffnung, weiter dominieren zu dürfen, bzw wenig abzugeben.

Und dennoch sah er die Entwicklung, die Demokratisierung Südafrikas, auch als “Aufgabe nationaler Souveränität” (der Weissen/Afrikaaner). Die Umwälzungen im regionalen/globalen Kontext durch die Entschärfung des Kalten Kriegs haben sicher auch eine Rolle gespielt, als Vorbedingung für Verhandlungen, auch im Sinne von Pragmatismus. Aber es gab auch den Druck von Aussen, auch aus dem Westen. Und es gab anscheinend eine Bekehrung bei De Klerk, im Glauben an die Apartheid. Er knüpfte in mancher Hinsicht schon an PW Botha an, den letzten „echten“ Apartheid-Führer. Sagte mal, die NP hätte 1986 bereits das Ende der Apartheid beschlossen. Ist er ein Pragmatiker oder ein Ideologe? Die US-amerikanische Journalistin Patti Waldmeir, so eine Art Expertin für die Transition in Südafrika, sagte, gerade weil De Klerk Politiker war und kein Heiliger, entschloss er sich, die Apartheid aufzugeben, kam sie zu einem relativ unblutigen Ende. Wie seine Rolle beim blutigen Ausspielen der Inkatha-Karte gegen den ANC in seinen Jahren als Präsident wirklich war, ist nicht ganz geklärt (auch nicht von der TRC), es spricht aber wiegesagt Einiges dafür, dass die bewaffneten staalichen Organen dabei an ihm vorbei agierten.

Seine Jahre an der Spitze des Apartheid-Systems, als Präsident, 1989 bis 1994, das ist also der nächste Punkt. Die Vorbereitung auf die Machtübergabe, auf die Demokratisierung. Die Abschaffung der Apartheid-Gesetze, die Verhandlungen, und eben die Gewalt Schwarz-Schwarz bzw die Rolle des Staates dabei. De Klerk sah das Einlenken als den besten Weg, verhandelte doch auf Augenhöhe mit Mandela und dem ANC. Und liess sich nicht jeden Schritt mit Gegenleistungen abgelten; gegenüber dem “Spiegel” strich er heraus, dass er die Freilassung politischer Gefangener oder die Zulassung verbotener Organisationen hinaus zögern hätte können, Gegenleistungen dafür verlangen. Der ANC, so De Klerk, hat aber auch (gg Widerstand aus eigenen Reihen) dem bewaffneten Kampf abgeschworen und daraus keinen Verhandlungsgegenstand gemacht. De Klerk bzw die NP feilschte aber lange um eine endgültige Regelung, verfolgte das Ziel einer “Machtteilung” zwischen den rassischen Gruppen. Richtig: „Wir haben…nie die Macht einfach der anderen Seite übergeben. Wir haben Wahlen verloren, in denen alle Südafrikaner unabhängig von ihrer Hautfarbe abstimmen durften.“

Interessant (bzw zweifelhaft): „Die Apartheid wurde von einer Regierung der NP abgeschafft.“ Eingeführt und aufrecht erhalten aber auch, und eine echte Abschaffung hat er sich schon teuer abkaufen lassen. In dem Film über ihn sagt De Klerk: “If I look at my career as a president, I really have no regrets. What I did prevented a catastrophe in South Africa.” Einerseits spricht es für ihn, dass er das Ende der Apartheid nicht bedauert, andererseits war er nicht ein Erlöser in dem Sinn. Bekam er Preisungen und Preise (wie jenen in Oslo 1993) für etwas, das selbstverständlich sein sollte, zu ermöglichen dass alle Bürger eines Landes wählen können und überhaupt die selben Rechte geniessen? Nun, es war für Südafrika nicht selbstverständlich und es waren seine Schritte, die den ANC veranlassten, den bewaffneten Kampf aufzugeben, und die die Grundlage für Verhandlungen legten, die wiederum das demokratische Südafrika ermöglichten. Es gibt Friedensnobelpreisträger, die diesen Preis an sich wirklich entwerten und verspotten, wie der genannte Kissinger oder Theodore Roosevelt. De Klerk ist in mancher Hinsicht mit dem nord-irischen Politiker David Trimble vergleichbar, der sich gegen Widerstände in seiner UUP für Verhandlungen und Versöhnungen einsetzte, aus der Position des Stärkeren heraus.

Für De Klerks Wirken als Vizepräsident in der Regierung der nationalen Einheit gebührt ihm einerseits Anerkennung, für das Mitwirken beim Übergang, beim Neuanfang, beim Ebnen eines Weges; andererseits, er zog seine Partei zum frühest möglichen Zeitpunkt aus der Regierung ab. Und, er stand damals bezüglich der Reformer in der NP (um Meyer) und dem “Bunker” (um Kriel) eigentlich in der Mitte, und das bedeutet, dass er auch am Erhalten des alten Südafrikas arbeitete, nicht voll am Aufbau eines neuen. Und dann sind da eben seine Aussagen zur Apartheid, ihrer Beendigung (an der er mitwirkte263), sein Umgang mit der Vergangenheit, die “Unebenheiten” dabei. 1993, als sie noch gar nicht richtig abgeschafft war, kam also von ihm eine (erste) Entschuldigung, Distanzierungen bereits früher; als Vizepräsident sagte er vor der TRC aus, die dabei eingeschlagene Linie (Kommunismus, Zwänge, Kalter Krieg,… in den Vordergrund, Apartheid sei nicht nur schlecht gewesen, Gegenseite war auch schlimm) setzte er in seiner Autobiografie wenige Jahre später und bei weiteren Gelegenheiten fort, so in den Interviews mit CNN und SABC.

Die NP machte 94 Wahlkampf sowohl damit, dass sie an der Beendigung der Apartheid mitwirkt(e), wie hier in Soweto, als auch dass diese quasi fortgesetzt wird/werden soll

Aber, man hat von keinem seiner Vorgänger und wenigen seiner Kollegen als Minister unter Botha, oder Ministern unter ihm, oder NP-Ministern unter Mandela, eine derartige Distanzierung von der Apartheid und einen derartigen Aufbruch in das neue Südafrika erlebt. Bei ihm gibt es eine Offenheit für das jetzige Südafrika, aber manche seiner Erklärungen und Aktivitäten dazu sind auch fragwürdig. ZB: “I think what is happening now is militating against Mandela’s emphasis on reconciliation, against his emphasis on saying that all South Africans have exactly the same rights, against his philosophy that there shall not ever be again discrimination on the basis of race or colour. So on that basis, I think he and all those who ardently supported his philosophy would have been – and those who are still alive are – deeply concerned about what is happening.” Südafrika SOLL ein Land sein, in dem sich Alle (seine Bürger) wohlfühlen, keine Frage, aber es scheint, dass zu Bemühungen Rückstände aus den Jahrzehnten der Apartheid (und davor!) wett zu machen und Entwicklungen zu korrigieren, Klagen der Diskriminierung von Nicht-Weissen vorgebracht werden, vorgeschoben werden, um Besitzstände zu halten.

Der Anspruch auf Versöhnung und Gleichheit wird manchmal heuchlerisch vorgebracht, bzw als “farbenblinder Rassismus” – Rasse soll doch keine Rolle spielen, kommt dann von jenen, für die sie die grösste Rolle spielt. Die De Klerk Foundation/Stigting in Kapstadt hat sich in erster Linie Minderheiten-Rechte zum Anliegen gemacht (hauptsächlich von Afrikaanern), dabei ausblendend, dass es die längste Zeit eine Minderheiten-Herrschaft in Südafrika gab. Bevor man tatsächlich “farbenblind” agieren kann, wird man etwas mit dem Erbe der Vergangenheit “aufräumen” müssen… Genau so wie in der USA mit dem Wahlrechtsgesetz 1965 war in Südafrika mit dem Ende der politischen Ausgrenzung 1993/94, jeweils für Schwarze, noch nicht Viel gewonnen. Rassische Harmonie kann nicht verlangt/erwartet werden, ohne dass die Grundlagen dafür bestehen. De Klerk nahm gegen den Protest gegen das Denkmal von Cecil J. Rhodes bei der Universität Kapstadt 2015 (“RhodesMustFall”) Stellung, die auch zur Entfernung der Statue führte. Die Kampagne verband sich u.a. mit (hauptsächlich “schwarzem”) Verlangen nach Abwertung von Afrikaans zugunsten von Englisch an verschiedenen Universitäten Südafrikas264; “sprang über” nach GB, an die Universität Oxford, wo die Entfernung der dortigen Rhodes-Statue verlangt wurde.

De Klerk kritisierte die Bewegung u.a. als “Torheit”, verwies darauf dass Rhodes als so etwas wie historischer Feind der Afrikaaner zu sehen ist, der Architekt des Anglo-Buren-Kriegs, dennoch haben die NP-Regierungen nie an eine Entfernung “seines Namens aus unserer Geschichte” gedacht. Lobte Rhodes für dessen “positiven Beitrag zum Wissenschaftsbetrieb” in Südafrika. In einem Brief an die “Times” schalt er auch die entsprechende Kampagne in Oxford, und eine “political correctness”, die er dahinter sah. Kritiker seiner Kritik sahen es als “ironisch” dass der “letzte Apartheid-Präsident” den “Architekten der Apartheid” verteidigte. Was daran stimmt: Eigentlich geht die Weissen-Vorherrschaft im südlichen Afrika auf die britische Herrschaft dort und nicht zuletzt Cecil Rhodes zurück.265 Rhodes kam 1870 mit 17 Jahren aus GB ins südliche britisch beherrschte Afrika, war dort unternehmerisch tätig, und politisch, u.a. als Premier der Kapkolonie. Auf den (zweiten) Anglo-Buren-Krieg (1899 bis 1902), hatte Rhodes wenig Einfluss, aber bei dessen Vorbereitung266; auch die britische Eroberung von Bechuanaland hat er veranlasst.

Der Krieg 1899-1902 führte zur britischen Eroberung der Afrikaaner-Staaten Transvaal und Oranje Freistaat. Im ersten Anglo-Buren-Krieg 1880/81 behaupteten sich die Afrikaaner/Buren mit ihrer Südafrikanischen Republik (Transvaal). Der Konflikt zwischen den Siedlern (hauptsächlich niederländischer Herkunft) die mit der VOC ins südliche Afrika gekommen waren und dem britischen Empire haben 1795 ihren Ausgang, als die Niederlande von der französischen Revolutions-Armee besetzt wurde und Generalstatthalter Willem V. Grossbritannien bat, die “niederländischen Kolonien” (Gebiete der Kolonialgesellschaften VOC und WIC) zu übernehmen. Die Briten taten das, auch die Kapkolonie (damals noch sehr klein), und nachdem die NL ihre Unabhängigkeit 1813/14 zurückerlangt hatten, kamen ihre Herrschenden und jene von GB überein, dass die Holländer die Karibik-Besitzungen und Indonesien (wie es später genannt wurde) zurück bekamen und die Engländer sich die Kapkolonie, Ceylon, das mittlere Guyana behielten.267 Die Buren/Afrikaaner/Kap-Holländer waren ab 1795 von ihrem Mutterland268 bzw ihrer Kolonialmacht abgetrennt, ein grosser Teil versuchte dann, der britischen Herrschaft (Ende Sklaverei,…) zu entkommen (mit den Tre[c]ks in den 1830ern269) und sich ganz ohne Kolonialmacht in Afrika durchzuschlagen.

Worauf hin es zu Kontakten/Konfrontationen mit Schwarz-Afrikanern kam, schliesslich wurden die Afrikaaner/Buren von den Briten eingeholt, Natalia schon nach wenigen Jahren, Oranje Vrijstaat und Transvaal wie erwähnt um die Jahrhundertwende. Das Anti-Imperialistische, Anti-Koloniale, das bei den Afrikaanern (die Eigen-Bezeichnung bedeutet ja nichts anderes als “Afrikaner”) entstand, seit die Verbindungen zur Niederlande bzw zur VOC gekappt wurden, hat sie dann aber nicht abgehalten, die Schwarzen des Landes (noch mehr) zu entrechten. Die Afrikaaner als Nation entstanden im späteren 19. Jh, als sie auf zwei eigene Staaten und zwei britische Kolonien im südlichen Afrika aufgeteilt waren. Dies spiegelte sich auch in der Spaltung ihrer reformierten/calvinistischen Kirche in NGK (Westen, britischer Bereich) und NHK (Osten, selbstständiger Bereich) wieder.270 Die Entwicklung des Afrikaans zu einer eigenständigen Sprache (weg vom Niederländischen) und die Einnahme des Platzes an der Seite von Englisch (anstelle von Niederländisch) war ein langer Prozess, der sich bis weit ins 20. Jh zog. Die nicht-weissen Afrikaans-Sprecher (“Kap-Farbige”/ Cape Coloureds/ Kaapse Kleurling, und jene die als ihre Untergruppen gesehen werden) gingen nicht in den Afrikaanern auf, wurden davon ausgeschlossen.

Anfang des 20. Jh waren also auch die Afrikaaner im Osten Südafrikas, die Nachfahren der Voortrekker, von den Briten unterworfen. Frederik W. De Klerk wuchs in einem Milieu auf, in dem die Erinnerung an die britischen Konzentrationslager für Afrikaaner im Anglo-Buren-Krieg um die Jahrhundertwende (oder: “Südafrikanischen Krieg”) wach gehalten wurden, damit auch das Gefühl für die eigene Verwundbarkeit und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung.271 GB gab Südafrika 1908/09 bzw 1931 gewissermaßen auf; einmal in den Verhandlungen zur Vereinigung der 4 Kolonien (die 1910 zu Stande kam), und dann mit dem Westminster-Statut, das neben der Union of South Africa (wie der Staat anfangs hiess) auch Australien, Canada, den Irischen Freistaat, Neuseeland und Neufundland272 betraf. Die Autonomie die für 1910 garantiert wurde, wurde 1931 auf eine de facto Selbstständigkeit erweitert. Die weisse Vorherrschaft in den britischen und burischen Republiken wurde fortgesetzt und die demographischen Verhältnisse begünstigten die Buren/Afrikaaner.

Trotz der historisch belasteten Beziehungen hat De Klerk nicht nur Rhodes (bzw seine Statuen) verteidigt, sondern auch mal Thatcher sehr gelobt, nicht zuletzt in Bezug auf den Falkland/Malvinas-Krieg. Wir wollen uns nun ein wenig ansehen, wie Südafrikaner über ihn denken… Klar ist, dass er stärker polarisiert als Mandela, international und eben in Südafrika, schwerer einzustufen ist. Nelson Mandela legte das Fundament für das neue Südafrika, inwiefern hat das auch De Klerk getan? Bei der erwähnten Ehrung durch die One Nation Foundation 08, sagte Shamilla Pather (eine der Gründerinnen der Organisation), die beiden haben wichtige Rollen beim Wandel in Südafrika gespielt. Das kann keiner ernsthaft abstreiten; ob man die Rolle(n) positiv bewertet, ist eine andere Sache. Ist er eher “the last Apartheid president” oder eher „the president who abolished Apartheid”? De Klerk ist jedenfalls eine „Brücke“ zwischen altem und neuem Südafrika; was ihm aber auch Kritik von Apartheid-Apologeten wie von Apartheid-Gegenern einbringt. Für die Einen hat er Gutes aufgegeben, für die Anderen hat er im Schlechten mitgewirkt. Für die Konservative Partei Südafrikas (KP/ CP) und ihre Anhänger wurde De Klerk während seiner Präsidentschaft eine Hassfigur, ist das für rechtsextreme Afrikaaner geblieben.

Wie die Hass-Vandalismen im Artikel über De Klerk auf der englischen Wikipedia auch zeigen, diese kommen hauptsächlich von radikalen Afrikaanern und radikalen Schwarzen, zuwenig oder zuviel Apartheid. Die hier als “radikale Schwarze” Bezeichneten sind bis zu einem gewissen Grad auch Gegner des neuen Südafrikas. Im Artikel der afrikaansen Wikipedia über ihn gibt es einen (sehr un-enzyklopädischen) Kritik-Abschnitt, wo Entsprechendes über ihn angeführt wird;  De Klerk sei verantwortlich für „Kapitulation“, „Ausverkauf“, den Abstieg der Bedeutung von Afrikaans, das Negative am neuen Südafrika. Von der Gegenseite kommt Gegenteiliges, De Klerk sei zu sehr auf das Wohl der Afrikaaner bedacht (gewesen), auf Kosten anderer Südafrikaner.

Die Website news24.com vor Kurzem mit einer Analyse über das Erbe und das Ansehen De Klerks. „He has been broadly rejected by large sections of his own people, the Afrikaners, and is generally dismissed as a transformative figure by black South Africa.“ „Letter columns in Afrikaans newspapers are often filled with vitriol directed at De Klerk and Meyer.“ Auch hier kommen anscheinend die Vorwürfe bzgl „Ausverkauf“ (an die Schwarzen), „Naivität“,… Ein bisschen sehr vereinfacht und generalisierend: „And among black people De Klerk is nothing more than the last apartheid president and someone yet to pay for his role in the violence, murder and mayhem of apartheid.“273

Auch das ist viel zu negativ: „And although Parliament annually invites De Klerk to the State of the Nation Address, he attends as a former deputy president of democratic South Africa, and not as the last head of state of apartheid South Africa. He is hardly called upon to give his views on the country and is rarely, if ever, given space in the media, and when he does opine it is roundly and summarily rejected.“ Im ANC sind es jedenfalls eher die Jüngeren, die ihn ablehnen, die EFF tut das generell, wie früher der PAC (der ziemlich bedeutungslos geworden ist). ANC-Leute versuchen dabei in der Regel, Nelson Mandela, seinen Hauptverhandlungs- und dann Koalitionspartner, nicht anzugreifen, stellen die Entwicklungen der 1990er so dar, dass die weisse Minderheit sich Land, Reichtum, Privilegien behalten hat während sie die politische Führung abgegeben hat. Auf africasacountry zwei noch sehr negative Einschätzungen über De Klerk, anscheinend von zwei Weissen. Ungerecht, überspitzt, zutreffend? Ein Zitat daraus: “De Klerk is traveling around the world picking up cheques to tell people how he liberated black South Africans (the crowds inviting him also believe that: on Monday next week he’ll speak at London’s National Liberal Club on ‘The Impact of the Fall of the Berlin Wall on South Africa and the World’)…”

Und, dann wieder die andere Seite, Jene, für die er den Nicht-Weissen zu weit entgegen gekommen ist, die Weissen-Privilegien sträflicherweise weg gegeben hat, die Weissen betrogen hat, ein “Verräter” ist. Es heisst, De Klerk ist immer wieder bestürzt darüber, dass von vielen Afrikaanern nicht anerkannt wird, dass er die Apartheid “aufgegeben hat”, um Afrikaanern eine bessere Zukunft in Südafrika zu sichern. Für die grössten rassistischen Hetzer unter weissen Südafrikanern, Mike Smith, Dan Roodt, Jan Lamprecht, ist De Klerk eine beliebte Zielscheibe, bei ihnen ist er genau so verhasst wie ANC-Leute. Schrieb dieser Smith: “Under Apartheid laws F.W. de Klerk’s son 274 would have been in prison.” Da sieht man, dass solche Leute auch noch weit rechts von Botha stehen, der diese Gesetze ja abschaffen liess. In den IT-Auftritten dieser Leute findet man auch Spott und Häme ggü der VF+. Nahe bei den Kommentaren von gewissen Afrikaanern275 über die Beziehungen von De Klerks Sohn Willem mit nicht-weissen Frauen sind solche bzgl De Klerks Trennung von seiner Frau und Neuheirat mit einer anderen…

Unappetitliche Vorwürfe, Privates und Politisches vermischend, zT aus calvinistisch-reformierter Prüderie kommend (> so was wie “Project Coast” oder Sun City war OK, aber das nicht…). Auch Johann Wingard, der Vorsitzende des Volkstaat-Rats gewesen ist, hat den Vorwurf ggü De Klerk vorgebracht, dass dieser eine Affäre mit einer neuen Frau begonnen hat als er sich um die Belange der Afrikaaner zu kümmern gehabt habe. Abgesehen davon, dass De Klerk seine „Affäre“ mit Georgiadis eher 1994 begann als in den Verhandlungsjahren – das Eine schliesst das Andere nicht notwendigerweise aus bzw beeinträchtigt es nicht unbedingt. Dass die neue Frau keine Afrikaanerin ist, tut das Seinige dazu, ihn als „Verräter“ zu sehen. Und mit Griechen wird es in solchen Kreisen wie mit Portugiesen gehalten, man sieht sie nur zähneknirschend als “Weisse”, sieht sie her einige Stufen unter sich. Und: die Belange des Landes und aller seiner Einwohner waren natürlich kein Thema, kein Kriterium, nur die Belange der Afrikaaner sind das… Wingard auch: Das Ende der Apartheid, die durch Atombomben und Geheimdienst geschützt gewesen sei, sei durch “Verräter” wie De Klerk gekommen.276

Lamprecht (der aus Zimbabwe stammt) schrieb auf globalpolitician.com etwas dem Entsprechendes, über Südafrikas Atomwaffen. Verweist dabei passenderweise auf den ihm nahe stehenden Al Venter (der Einiges darüber geschrieben hat). Lamprecht: “President PW Botha personally told me that he was extremely unhappy with De Klerk’s dismantling of the nuclear bombs. Like the scientists, President Botha believed that De Klerk dismantled much more than just the nukes – by destroying Pretoria’s nuclear deterrent, he destroyed the Afrikaner state. PW’s own words to me about the nukes was that he never intended to use them. He told me that he wanted to use them as a ‘negotiations tool’. He felt that De Klerk had foolishly destroyed one of the most potent negotiation tools that our side had possessed…De Klerk destroyed the country’s nuclear program and then he destroyed the country. The ANC won.“ Die Gründe für die Entscheidung zum Aufgeben des Atomwaffenprogramms unter De Klerk sind umstritten, es gibt auch die Theorie, dass er verhindern wollte, dass eine ANC-geführte Regierung darüber verfügen könnte.

Jedenfalls, hier kommt der ganze Unterschied zwischen De Klerk (bzw dem Hauptstrom der NP) und diesen Kreisen herüber: De Klerk sah und sieht Schwarze und den ANC nicht als unbedingte Feinde, sieht so etwas wie eine südafrikanische Nation. Anlässlich der Strassen-Benennung ’15 in Kapstadt kochten in Südafrika Diskussionen hoch, wer/was De Klerk eigentlich ist, für das Land, mehr noch als 5 Jahre später, nach dem Interview auf SABC, zum Jubiläum seine Rede 1990. 2015 gab es in der FW de Klerk Foundation eine Diskussions-Veranstaltung, mit Ex-(Übergangs-)Präsident Kgalema Motlanthe (ANC) und Ex-Innenminister Mangosuthu Buthelezi (IFP). 277 Motlanthe unterstützte die Umbenennung des Table Bay Boulevard, zollte De Klerk etwas Anerkennung für seine Rolle beim Ende der Apartheid. Buthelezi verurteilte die Gegnerschaft zur Strassenbenennung als “beschämend” nach “dem was Mister De Klerk für uns getan hat”. Auch Tutu unterstützte die Umbenennung. Die Gegnerschaft kam von den EFF und Teilen des ANC sowie der Gewerkschaft COSATU.

Natürlich ging es dabei wieder darum, inwiefern er Teil des Apartheid-Systems war, inwiefern er dieses beendet hat… Der Karikaturist “Zapiro” zur Strassen(um)benennung.278 ANC-Sprecher Zizi Kodwa: “De Klerk is the only living president of apartheid. You can’t differentiate between all the other presidents of apartheid, because all that he did, among other things, was to maintain apartheid.” Max Du Preez argumentiert ein wenig für die Umbenennung der Strasse nach ihm (siehe link oben), zeichnete dabei De Klerks Wirken nach, liess aber wichtige positive und negative Fakten aus, hauptsächlich rechnete er ihm an, die (Mehrheit der) Afrikaaner überzeugt zu haben vom Wandel, in Gesamtheit. africasacountry war wenig überraschend gegen die Umbenennung zu Ehren De Klerks. “If then wholesale oppression and exploitation of the majority of people living in South Africa remain, what better way to express that reality than by renaming one of Cape Town’s busiest roads after the person who negotiated a transition away from legal apartheid while ensuring it remains in effect in all the ways that truly matter to poor blacks?”

De Klerk steht schon für etwas Anderes (an Einstellung und Wirken) ggü den Nicht-Weissen des Landes als Botha oder Verwoerd, auch als Smuts oder Rhodes… Südafrika ist aufgebaut auf einem Zusammenwirken (bzw Gegeneinander…) zwischen Schwarzen und Weissen (und Braunen), und wenn De Klerk schon zu den Bösen gehört, welche Weissen taugen dann für einen positiven Bezug in der Erinnerungspolitik? Er hat doch von der Spitze des Apartheidsystems aus Einiges geleistet, auch wenn Kritikpunkte bleiben. Wo sind die weissen “Führer” in der Geschichte Südafrikas auf die man sich positiv beziehen kann, wenn nicht auf De Klerk? Nur einige (relativ unwichtige) ANC-Minister aus Post-Apartheid-Zeit? Leiter von Institutionen wie Michael Corbett oder Gill Marcus? DP/DA-Politiker? Es gibt in der DA, die in der Provinz Westkap und in der Stadt Westkap regiert, manches Fragwürdige, und unter deren Wählern und Politikern Leute, die die Apartheid der Demokratie vorziehen. Aber das sprach eigentlich nicht gegen die Benennung…279

Zum SABC-Interview in diesem Jahr und der darauf folgenden Aufregung meldete sich Mangosuthu Buthelezi zu Wort. Er verteidigte De Klerk (erneut), kritisierte ihn aber auch, zeigte sich dabei als südafrikanischer Patriot und vernünftiger Demokrat. „The truth is that former President FW de Klerk made a major contribution to the dismantling of apartheid. The tragedy is that he demolished that entire contribution by denying that apartheid was a crime against humanity…Last Thursday night, when Mr Malema accused the former President of having blood on his hands, he lamented that the victims of Boipatong are still in their graves. The de Klerk Foundation reacted by laying the blame for Boipatong at the door of the IFP, as though Boipatong had been deliberately planned and orchestrated as a political act.” Er gab dann seine Darstellung des Boipatong-Massakers. Und schloss: “This is the opportunity before us in the wake of the de Klerk saga. Will we engage with one another as human beings and walk towards reconciliation, or will we be content to rage against our pain?”

Ein Benutzer-Kommentar unter dem Youtube-Video des SABC-Interviews ’20: “its true FW de Klerk belonged to the evil regime but in my own perspective he needs a noble peace price. Apartheid was a system which had long roots-a system well managed and co-odinated by so many forces of which FW was the head.Truly speaking you could not destroy such a deep rooted system overnight. He is a hero in the sense that he puts off his presidential jacket peacefully because a lot of dictators go down fighting and they leave behind a trail of destruction which paralysis their economies to the point of no return.”

2004 gab es eine von SABC veranstaltete Umfrage nach den “100 grössten Südafrikanern” aller Zeiten, daraus wurde eine kleine TV-Serie, in der das Ergebnis bzw die Genannten präsentiert wurde(n). Am öftesten genannt wurde Nelson Mandela, dahinter kam gleich (Nicht-Nobelpreisträger) Christiaan Barnard, und an 3. Stelle schon F. W. de Klerk. Dann “Mahatma” Gandhi, der 1893 bis 1914 in Durban bzw Umgebung lebte, Nkosi Johnson (einer von über 125 000 “AIDS-Toten” in Südafrika), “Winnie” Madikizela-Mandela, Thabo Mbeki (damals Präsident), der Golfer Gary Player, Vor-Apartheid-Premier Jan Smuts, Desmond Tutu, “Hansie” Cronje (Kricket-Spieler), Charlize Theron, “Steve” Biko, Zulu-König Shaka, Mangosuthu Buthelezi, “Tony” Leon, Brenda Fassie, Mark Shuttleworth…und auf Platz 19 Hendrik Verwoerd, einen Platz vor “Chris” Hani. Es wurden also auch Leute genannt, die (temporär) eingewandert sind, wie Gandhi, und solche die ausgewandert sind, wie Shuttleworth, Leute die Südafrika als solches (1910 zu Stande gekommen) nicht erlebten (wie Shaka oder Paul Kruger, der 27. wurde); “Jan” van Riebeeck (63., 1652-62 Verwalter des VOC-Stützpunktes am Kap) ist in mehrerer Hinsicht ein “Südafrikaner unter Einschränkungen”. Eugene Terre’Blanche wurde 25.

Wie gesagt, De Klerk wirkte am Ende der Apartheid (und damit am Ende seiner Macht) selbst mit, wirkte am Neubeginn bzw an der Reform mit, wenn auch nicht mit grösster “Fairness”. 2016 kündigte das damals ziemlich neue Anti-Racism Action Forum (Araf) an, De Klerk und den Apartheid-Sicherheitsminister Adriaan Vlok zu klagen, wegen “Verbrechen gegen schwarze Leute, für die sie keine Amnestie bekommen haben” (von der Kommission). Wie erwähnt hat die TRC nur in ganz extremen Fällen keine Amnestie ausgesprochen; Apartheid-Führer die für Verbrechen verantwortlich waren, den Übergang zur Demokratie erlebten, daran nicht mitwirkten und dieses neue Südafrika ablehn(t)en, wie Pieter W. Botha oder Magnus Malan, kamen völlig ungeschoren davon. Dem erwähnten Eugene de Kock (SAP) wurde Anfang 2015 nach 20 Jahren Haft eine Freilassung auf Bewährung gewährt. Bothas Sicherheitsminister280 Adriaan Vlok281, unter De Klerk zunächst übernommen, ging 2006 an die Öffentlichkeit mit Entschuldigungen für Aktionen für die er verantwortlich war, und die er nicht bei der TRC offen gelegt hatte für die er daher angeklagt werden konnte.

Als Zeichen der Reue wusch Vlok die Füsse von Frank Chikane, der als Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrats (SACC) von Apartheid-“Sicherheitsorganen” in den 1980ern zu töten versucht wurde. Danach wusch er auch die Füsse (in Teilen Afrikas ein symbolischer Akt der Reue) von den Witwen und Müttern der “Mamelodi 10”, Anti-Apartheid-Aktivisten, die von einem Polizei-Spitzel in den Tod gelockt wurden. Vlok begründete sein Verhalten damit, er sei ein wiedergeborener Christ geworden. Das Gericht in Pretoria verurteilte ihn 07 zu einer Bewährungsstrafe für diese Akte. Frank Chikane war unter Präsident Mbeki dessen Generaldirektor/Kabinettschef, ist nun wieder pfingstkirchlich/apostolisch aktiv. Als PW Botha 06 starb, war er eben noch Leiter von Mbekis Mitarbeiterstab, als solcher bot er Bothas Witwe damals ein Staatsbegräbnis an (was diese ablehnte)282. Botha bekam bei seinem Tod von Mbeki abwärts viel Anerkennung vom offiziellen Südafrika und der Öffentlichkeit, für seine leichten Reformen283, auch von Tony Leon. Sein Nachfolger als Präsident, De Klerk, sagte damals, auf persönlicher Ebene sei die Beziehung mit Botha oft schwierig gewesen, zollte ihm etwas Anerkennung.

Wenig wurde damals über Grausamkeiten unter Botha gesagt, wie Vlakplaas, die Morde an Jeanette und Kathryn Schoon oder Stephen Biko. Von Botha war keine totale Verurteilung des neuen, demokratischen Südafrikas gekommen, aber auch keine Zustimmung bzw Anerkennung. Bei seinem (privaten) Begräbnis nahmen dann u.a. De Klerk und Mbeki teil. „Pik“ Botha, Aussenminister unter Botha und De Klerk, dann in der Regierung der nationalen Einheit, erklärte wie erwähnt einmal seine Unterstützung für den ANC, kritisierte diesen dann für affirmative action; er starb ’18. Ein Sohn war Rockmusiker, ein Enkel ist erfolgreicher Unternehmer (Pay Pal CFO,…). Andere Apartheid-Politiker (teilweise auch bei der Demokratisierung aktiv!) die in den letzten Jahren starben, sind, neben Pieter und „Pik“ Botha, „Hernus“ Kriel, “Kobie” Coetsee, Magnus Malan, Derek Keys, Louis Pienaar, Ferdinand Hartzenberg, Gerrit Viljoen, Daniel Hough, Christiaan Heunis, Louis Luyt, Jakobus Rabie, Lucas Mangope,…284

De Klerks 70. Geburtstag

Nelson Mandela war ja auch in seinem “Ruhestand” ab ’99 engagiert, in Südafrika und international, gegen AIDS und bei afrikanischen Konflikte, gründete auch eine Stiftung. Er blieb dem ANC treu, auch nach der Abspaltung von COPE. In späteren Jahren hatten er und De Klerk ein gutes Verhältnis zu einander. Als sie gemeinsam in einer Regierung waren, war das auch schon überwiegend so. Die Konflikte gab es in den Verhandlunsgjahren. In der Hauptsache ging es dabei um die Gewalt unter Schwarzen, die von Teilen des Apartheid-Apparats geschürt wurde. De Klerk sagt, an ihm vorbei, er sei weder verantwortlich noch gleichgültig gewesen. De Klerk: “Our fights …, our tensions, which were quite severe at times during my presidency especially, centered around, both from his side and my side, some people within our institutions and systems acting against our orders and policies, continuing undercover activities which were actually totally in conflict with the policies which we were trying to advance and the agreements which we were trying to reach”. Mandela sagte 1993, was die Schwarzen betrifft, sei De Klerk absolut insensitiv. Trotz der Konflikte kam es ja zu einer Einigung, vielleicht auch weil es De Klerk letztendlich gelang, im Militär und Polizei “aufzuräumen”.

Zur Feier von De Klerks 70. Geburtstag 2006 kam Mandela (siehe das Foto oben, oder auch das Video von Mandelas Rede dort). Bei Amanpour 2012 sagte er, sie seien heute Freunde, nicht in dem Sinn dass man sich einmal in der Woche sieht, aber man sehe sich gelegentlich, bei ihm in Kapstadt oder bei Mandela in Johannesburg, mit den Frauen. Es sei keine Animosität geblieben. Das letzte Mal sahen sie sich bei der Eröffnung der Fussball-WM 2010 in Johannesburg, gleichzeitig war das Mandelas letzter Auftritt. Als Mandela, der gut 20 Jahre älter ist als De Klerk, 2013 starb, sagte De Klerk, es sei eine Ehre gewesen, mit ihm zusammenzuarbeiten,  um die Demokratie nach Südafrika zu bringen. “Was ich an ihm am meisten mochte, war sein volles Bekenntnis zur Versöhnung. Am meisten bewundert habe ich das bemerkenswerte Fehlen von Bitterkeit nach 27 Jahren Gefängnis.” De Klerk gab damals eine Pressekonferenz in seiner Stiftung in Kapstadt, sprach dabei von der Mandelas nunmehriger Witwe Graca (Machel) versehentlich als „Samora Machel“.285 De Klerk war bei Gedenkfeier für Mandela im Stadion in Johannesburg; beim eigentlichen Begräbnis in Qunu im kleinen Rahmen anscheinend nicht.

Einige Vergleiche, Parallelen, Verbindungen. Etwa mit Michail Gorbatschow: den Übergang zu einem anderen System geleitet, der Friedensnobelpreis (für Gorbatschow eher für Liberalisierungen des bestehenden Systems), die “Frisur”, die Reformgegner im Militär (so etwas wie der Putschversuch 91 in der SU wäre auch in Südafrika gegen De Klerk möglich gewesen), das “Zwischen-den-Sesseln”-Sitzen, das gemischte Ansehen bei ehemaligen Feinden und im “eigenen Lager”. “Gorbi” ist auch in einem totalitären System an die Spitze gekommen286, dort angekommen, begann er dieses zu reformieren. Beide mussten sich gegen Regime-interne Konkurrenz durchsetzen. Gorbatschow hat sich immerhin zwei teil-freien Wahlen gestellt, der Parlamentswahl 1989 und der Präsidentenwahl 1990; jene in Südafrika (wie 1989) waren auch teil-frei, etwa 2/3 der Bevölkerung (und deren Parteien) waren ausgeschlossen. Gorbatschow wollte die Sowjetunion reformieren, aber erhalten, die Auflösung der Sowjetunion verlief eindeutig gegen seinen Willen.287 De Klerk wollte die Apartheid abschaffen, aber peilte an ihrer Stelle etwas anderes an, als kam (eine “farbenblinde” Demokratie).

Die Apartheid ging aber unter, und De Klerk hat den Untergang mit ausgehandelt. Bei Gorbatschow war es anders, nach dem Putschversuch gegen ihn im Sommer 91 verlor er die Kontrolle über die SU und die Entwicklungen, und jene in Russland an Boris Jelzin.288 Er, der am Ende des Kalten Kriegs Führer der kommunistischen Welt gewesen war, musste sich dann in einem Russland, das zur Marktwirtschaft überging, behaupten. Einige Versuche, in der russischen Politik Fuss zu fassen, waren erfolglos. Im Westen verdient er sich etwas zu seiner “sowjetischen” Pension dazu, mit Vorträgen, Auftritten wie bei den “World Awards” oder der Mitarbeit an einer Kinder-CD, mit “Bill” Clinton. Sein Ansehen im Westen ist höher ist als jenes im Russland, wo er überwiegend negativ gesehen wird. Er hat überigens die Annexion der Halbinsel Krim 2014 begrüsst. In gewisser Hinsicht blieb er ein Sowjetmensch, wie De Klerk ein “kalter Krieger”.

Es gibt auch Gemeinsamkeiten mit Juan Carlos de Borbon, der von 1975 bis 2014 spanischer König war. Der leitete den Übergang Spaniens von der Franco-Diktatur zur Demokratie. Vielleicht ist De Klerk auch eher mit Adolfo Suarez zu vergleichen, der war stärker mit dem alten Regime verhaftet als Borbon.289 Borbon trat nicht mit dem Übergang ab wie De Klerk (1994 bzw 1996). Von ihm erwartete “man” sich auch etwas Anderes als dann kam, wie bei De Klerk. Regime-Hardliner versuchten den Transitionsprozess hier wie dort zu stören, in Südafrika über Proxys (IFP), in Spanien gab es den Putschversuch 1981 – so etwas wäre auch in Südafrika möglich gewesen (s.u.). In beiden Ländern riskierte man mit der Legalisierung der kommunistischen Partei (PCE bzw SACP) die Gegner eines Übergangs zu “reizen”.

Ein Unterschied: In Spanien wurde die neue Verfassung 1978 angenommen, damit war die Transicion “technisch” abgeschlossen, aber nicht politisch; in Südafrika kam die Verfassung später, als man mit dem Übergang schon weiter war.290 Die juristische Aufarbeitung der Dikatur erfolgte in Südafrika über die TRC, in Spanien wurde so etwas im “Pakt des Vergessens” ausgeschlossen. Das Erbe der franquistischen Staatspartei FET y de las JONS (“Movimiento Nacional“) ging auf die Unión de Centro Democrático (UCD; A. Suarez) über. Zu Zeiten der PSOE-Regierungen ging ein grosser Teil der UCD in der Alianza Popular (AP) auf, die 1989 zur Partido Popular (PP) wurde. Die Auflösung der UCD 1983 korrespondiert mit der Umwandlung der Nationalen Partei Südafrikas 1996 zur NNP. Oder bereits der Übergang des Movimiento in die UCD?

Zwischen De Gaulle (bzw seiner Politik bzgl Algerien) und De Klerk gibt es auch einige Parallelen. Frankreich-Algerien, Europa-Afrika, Verhandlungslösung, Siedler,… Als Charles de Gaulle zunächst Mitte 1958 Ministerpräsident Frankreichs wurde und dann Anfang 1959 Staatspräsident, war das im Sinn derer, die Algerien behalten wollten. De Gaulle begann aber Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten in (Französisch-) Algerien reagierte dann darauf mit der Gründung (bzw Unterstützung) der OAS, (ab) 1961. Zwischen dem Evian-Abkommen im März 1962 und der Unabhängigkeit im Juli dieses Jahres gab es die “Schlacht” von Bab el Oued, ein Aufbäumen der OAS in dieser Stadt gegen die französischen Staatsorgane – sie weist Parallelen zu den Ereignissen von Ventersdorp 1991 in Südafrika auf…291 Ausserdem gab es in Algerien die Putsche 1958 und 1961 von Teilen des französischen Militärs, die keine Änderungen französischer Politik bzgl Algerien herbei führen konnten. Im August 1962 gab es noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle.

Frankreich gab seine Herrschaft über Algerien auf292, ungefähr zu der Zeit, als europäische Mächte ihre Kolonien in Afrika aufgaben. Es kam zu einem Exodus der Weissen, der Siedler (darüber auch Genaueres in dem verlinkten Algerien-Artikel). Es folgten die Algerier, Viele von ihnen wanderten auch nach Frankreich ein. Es waren wenige Franzosen, die in einem unabhängigen Algerien leben wollten, hier enden die Parallelen, die meisten Weissen blieben 1994 in Südafrika293 Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Womit wieder ein Bezug zu Südafrika gegeben ist.294

1990 kam in der untergehenden DDR ein anderer Hugenotten-Abkömmling an die Macht, ebenfalls in einer Transitionsphase, Lothar de Maizière. In der DDR wurde 90 erstmals frei gewählt, wie 4 Jahre später in Südafrika.295 In Südafrika reformierte De Klerk als Präsident den Staat, verlor aber (durch “Abwahl”) die Macht, als es mit der Demokratie los ging (der alte Staat ging unter); De Maiziere verlor seinen Posten als Ministerpräsident der DDR (die er noch etwas reformierte), indem dieser Staat “abgeschafft” wurde – was er freilich maßgeblich mit betrieben hat. Seine politische Karriere im vereinten Deutschland war ja dann bald zu Ende, da Vorwürfe bezüglich “Stasi”-Mitarbeit erhoben wurden.296 Letzte Sitzung der NP-Regierung (unter De Klerk) war (s.o.) am 4. Mai 1994 (zwischen der Wahl und der Machtübergabe), letzte Sitzung des DDR-Ministerrats (unter De Maiziere) war am 26. September 1990.297 Zwischen Südafrika und Deutschland gibt es natürlich noch einige weitere Verbindungen.298

Bezüglich De Klerks Weg sind mehrere kontrafaktische Szenarien denkbar bzw relevant, hauptsächlich natürlich seine Zeit als Präsident 1989-1994 betreffend. Das eine oder andere ist auch schon ausformuliert worden. In dem 1991 veröffentlichten299 (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond heisst der reformorientierte Apartheid-Präsident „Karl Vorster“. Dieser (und ein Teil seiner Regierung) wird vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Hardliner bzw Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren; er wird nun Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Anglomächte intervenieren schliesslich und stellen die richtige Ordnung her…300 Larry Bond war ein Mitarbeiter von Tom Clancy (siehe) und dem entsprechend ist die politische Tendenz seines Romans.

Wo der südafrikanische Politologe Deon Geldenhuys steht, bzw wie er zur Apartheid stand, ist nicht ganz klar301; jedenfalls ist er kein Teil apartheidnostalgischer Öffentlichkeitsarbeit wie der genannte Al Venter. Er brachte unter dem Pseudonym „Tom Barnard“ 1991 das Buch „South Africa 1994-2004. A popular History“ heraus, einen politischer Zukunftsroman, in dem der Übergang Südafrikas von der Apartheid zur Demokratie nicht gelingt. “Orania” bleibt dort kein (abgelegener) Ort, sondern der Name des Volkstaats, im nördlichen Kap. Die radikalen Afrikaaner, die es beherrschen, sind im Besitz von Atomwaffen, drohen diese gegen Rest-Südafrika einzusetzen. Dieses benennt sich in “Azania” um und der Präsident dort wird gestürzt.302

1947 kam vom südafrikanisch-stämmigen Kanadier Arthur Keppel-Jones „When Smuts Goes: A History of South Africa from 1952 to 2010, first published in 2015″ heraus, ein Stück Polit-Fiktion bzw Dystopie. Er malt darin das Szenario eines Siegs der HNP über die UP aus, für das Jahr 1952. Er sagte Einiges voraus, was unter der Herrschaft der NP (die aus HNP und AP hervorging) eintrat, das Ganze aber noch schlimmer, als es dann kam. Und nachdem die „internationale Gemeinschaft“ interveniert, kommt es zu einer schwarzafrikanischen Regierung, die nur inkompetent und überfordert ist…303 Wenn wir schon fabei sind: An Polit fiction bzgl Südafrika und der Apartheid sind auch zu nennen: “July’s Leute” von Nadine Gordimer, das Original kam 1981 heraus; und die wahrscheinlich nicht auf Deutsch übersetzten “Verwoerd – the End” von Gary Allighan (1961), Iain Findlays “The Azanian Assignment” (1978), Frank Graves’ “African Chess” (1990), Anthony Delius’ “The Day Natal Took Off” (1960), oder Randall Robinsons “The Emancipation of Wakefield Clay” (1978). In diesen Romanen kommt die Apartheid zu einem “vorzeitigen” Ende; in Nick Woods “Azanian Bridges” (2016) hat sie bis in die heutige Zeit überlebt.304

Südafrika wurde noch in frühen 90ern, nach dem Namibia-Angola-Abkommen (das grösstenteils umgesetzt wurde) und dem Beginn der Verhandlungen, als Pulverfass gesehen, wie Jugoslawien (bzw wie YU es dann wurde); wahrscheinlich hätte es dort auch so kommen können, und Manche arbeiteten ja auch darauf hin… Ein geschürter Kampf zwischen ANC- und IFP-Anhängern (der dann als Bürgerkrieg zwischen Xhosas und Zulus deklariert worden wäre), unter Mitmischen des (weiterhin weissen) Staats305 sowie weisser Rechtsextremer. Da zeigt sich doch die Bedeutung von De Klerk – man muss davon ausgehen, dass die Entwicklung Südafrikas ohne ihn bzw bei einem Scheitern von ihm in Gewalt abgeglitten wäre! Wie gesagt, im Februar 1989 bekam De Klerk in der NP-Parlamentsfraktion 8 Stimmen mehr als Barend du Plessis, bei 133 Abgeordneten. Botha hätte in diesem Jahr aber auch keinen Schlaganfall erleiden können; unwahrscheinlicher: ein Wahlsieg der Konservativen Partei in diesem Jahr. Auch der Kalte Krieg hätte natürlich nicht so zu Ende gehen können.306

Ein Rücktritt De Klerks wäre am ehesten bei einer Niederlage im Referendum 92 in Frage gekommen. Dies hätte wahrscheinlich ein Ende des Reform- und Verhandlunsprozesses zu Folge gehabt. Der Mord an Chris Hani hätte ebenfalls dazu führen können. Im SABC-Interview 2020 sagte De Klerk bezüglich seiner Gegner in Militär und Polizei, Manche dort hätten ihn nicht gemocht, es habe aber kein Risiko eines Putsches gegeben. So wie von Mobutu im Congo oder Sisi in Ägypten. Der genannte Terence McNamee über das nukleare Abrüsten unter De Klerk: “Symbolically, if not practically, nuclear weapons were viewed as the ultimate guarantor of white dominance in South Africa. De Klerk’s predecessor, P.W. Botha, railed against him for ending the program. Botha claimed (probably correctly) that by destroying the arsenal, de Klerk destroyed the Afrikaner state. A violent backlash, some say a military coup, was narrowly avoided.” Dass der Gedanke eines Attentats von weissen “Radikalen” gegen ihn nicht so “abwegig” war, zeigen die Ereignisse in Ventersdorp…oder auch das Ende seines Vorvorvorgängers. Wobei der Charakter des Attentats auf Verwoerd nicht ganz klar ist (s.o.). Ein anderes Alternativszenario: Was, wenn die NP unter De Klerk nicht schon ’96 aus der Regierung der nationalen Einheit abgezogen wäre, inwiefern wäre die weitere Entwicklung des Landes anders verlaufen?

De Klerk hat 2014 den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde – 20 Jahre also, nachdem er den Posten des Präsidenten Südafrikas an Nelson Mandela übergab. Nach dem Tod von Präsident Michael Sata Ende 14 rückte Scott, damals Vizepräsident, zum Interims-Präsidenten auf, für 3 Monate, bis zur Neuwahl Anfang 15. Sein Vater war aus Schottland in das damalige (britische) Nord-Rhodesien eingewandert, seine Mutter aus England. Scott war Landwirtschaftsminister, bevor er Vizepräsident wurde, und gehört der Patriotic Front (PF) an. Er konnte nicht zur Präsidentenwahl antreten, da die Verfassung von Kandidaten verlangt, zumindest in 3. Generation Sambier zu sein. Sein Parteikollege Lungu gewann dann die Wahl. Scott sagte als er Vizepräsident war, das war zur Zeit von Obamas Präsidentschaft in der USA, Sambia habe eben wie die USA einen weissen Vizepräsidenten… Zwischen der Präsidentschaft De Klerks und jener Scotts war noch Paul Bérenger Premierminister in Mauritius. Die beiden Regionen Afrikas, in denen es relativ viele Weisse gibt, sind eben das südliche Afrika (Südafrika, Namibia, Zimbabwe, Sambia, Angola,…) und die Inselstaaten vor der Küste von Südostafrika (Mauritius, Seychellen, Madagaskar, das noch koloniale Reunion,…).307

Rasse spielt wahrscheinlich nur dann keine entscheidende Rolle mehr in Südafrika, wenn wieder ein Weisser Präsident werden kann, ob im ANC oder ausserhalb (DA,…), ob ein Afrikaaner oder ein Englischsprachiger, ob Mann oder Frau. De Klerk bekräftigte 04 zum „Spiegel“ das, was er 91 zu diesem gesagt hatte, nämlich dass er nicht glaube, als der letzte weisse Präsident Südafrikas in die Geschichte einzugehen. Es gab nach dem Ende der Regierung der nationalen Einheit auch keinen weissen Vizepräsidenten oder Parlamentspräsidenten. Aber einige Minister aus dem ANC, wie Derek Hanekom oder Robert Davies. Bei Trevor Manuel ist fraglich, ob er als “Weisser” zählt, und eigentlich sollte man ja von diesem Denken wegkommen. Marthinus van Schalkwyk war Minister und auch Provinz-Premierminister, im Westkap gab es nach und vor ihm noch weitere Weisse in dieser Funktion. Ende der 90er kam der Abtritt von Weissen in staatlichen Führungspositionen, in die sie noch in Apartheid-Zeiten gekommen waren308, wie von Michael Corbett als Oberrichter und Georg Meiring als Generalstabschef; Schwarze rückten in die ersten Reihen auf.

Zu den Weissen, die in Post-Apartheid-Zeiten in Spitzenpositionen ernannt wurden, gehört zB Gill Marcus, die 09-14 Gouverneurin der Zentralbank (SARB) war, davor u.a. Vizeministerin für Finanzen. Es gab auch weisse ANC-Fraktionschefs in der Nationalversammlung, und Weisse sind im Parlament vermutlich (noch immer) überproportional vertreten, über die etwa 10%, die sie an der Bevölkerung ausmachen. In der Wirtschaft oder in Medien ohnehin. Manches aus den Zeiten der Vorherrschaft der Weissen/Afrikaaner ist nach dem Ende der Apartheid geblieben. Die Afrikaaner waren zu Apartheidzeiten (1948-1994) das wichtigste Volk Südafrikas, die Herren im Land (und Afrikaans die wichtigste Sprache), davor und danach nicht. Der Machterringung lag zu Grunde, dass Nicht-Weisse davor bereits von der Macht ausgeschlossen waren; das numerische Übergewicht im weissen Sektor der Bevölkerung. Die Afrikaaner verloren mit dem Ende der Apartheid die Baaskap, die Vorherrschaft in Südafrika.309

Die Identifikation der Buren/Afrikaaner mit dem südafrikanischen Staat war, in der Gesamtheit, zu Apartheid-Zeiten eine andere als danach bzw heute… Manche Afrikaaner sehen seit dem Ende der Apartheid eine doppelte Unterwerfung, unter Schwarze und unter “Engländer”. Von manchen Seiten wird eine Opferrolle für Weisse in Südafrika gewünscht bzw fabriziert, angesichts des Verlusts der Vorherrschaft, angesichts “Diskriminierungen” und Kriminalität. Eine kleine Identitätskrise bzw -findung wird man ihnen schon zugestehen müssen. Es gibt auch welche unter ihnen (Südafrikas Weisse), die das Ende der Apartheid als Befreiung (für sich) sehen, allein schon weil sie nicht mehr das “Stinktier der Welt” sind310, Ansehen über die paar Länder hinaus geniessen, mit denen Apartheid-Südafrika enge Kontakte pflegte… Daran hat auch FW de Klerk einen beträchtlichen Anteil. Nicht wenige Afrikaaner finden aber, dass ihre Kultur (hauptsächlich die Sprache) im jetzigen Südafrika, aufgrund der von De Klerk geleiteten Verhandlungen, „unter die Räder“ gekommen ist, zusätzlich zum Verlust der Macht (Vorherrschaft) und vielen “Unsicherheiten”.

Wahlplakate auf Afrikaans zur Wahl 19, in Paarl (Westkap), von der DA (oben) und der VF+ (“Schlag zurück”). Die DA wirbt mit der Forderung nach einer Polizei die (stärker) der Provinz unterstellt ist, um Stimmen…

Es gibt weitere Untergruppen bei den Weissen Südafrikas (sehr kleine)311, aber im Prinzip besteht dieses Bevölkerungssegment aus den Afrikaans-Sprachigen (hauptsächlich niederländischer Herkunft) und den Englisch-Sprachigen (hauptsächlich britischer Herkunft), etwa im Verhältnis 60:40. Eine Selbstbestimmung der Afrikaaner/ Buren gab es teilweise in VOC-Zeiten (> Treckburen), dann in der Zeit während und nach den Trecks, mit den eigenen Staaten (in denen sie übrigens auch über Nicht-Weisse herrschten), dann in der Apartheid. Mit dem zweiten Anglo-Buren-Krieg ging also die Afrikaaner-Selbstbestimmung vorerst zu Ende. Die Afrikaaner in der Kapkolonie und Natal waren schon davor unter britische Herrschaft gekommen. Spätestens vom Kriegsende 1902 an, bis 1948312, waren die Afrikaaner den Briten untergeordnet, dem Empire und jenem im Land313.

Die Verhandlungen (1908/09) über die Vereinigung der vier nunmehr britischen Kolonien (die 1910 zu Stande kam) geschahen ohne Beteiligung der Nicht-Weissen, führten zu einem Ausgleich zwischen Briten und Buren (“Allianz von Gold und Mais“)314. Es gab bei diesen Verhandlungen Vertreter (aus) der Kapkolonie, wie ihr Premier John Merriman, die liberale Wünsche bzgl schwarzer und brauner Machtbeteiligung einbrachten, sie hatten aber keine Chance. In der Kapprovinz gab es dann bezüglich der politischen Rechte von Nicht-Weissen, liberalere Regelungen, bis in Apartheid-Zeiten hinein.315 Die Reaktionären auf britischer Seite (die sich hauptsächlich in der Unionist Party sammelten) waren anders reaktionär als jene auf burischer Seite (Vorgängerparteien der NP). Im Südafrika das 1910 zu Stande kam, wurden die 4 vormaligen Kolonien Provinzen, in einem Staat mit wenig Föderalismus, und der an GB gebunden war (bzw sich band), Nicht-Weisse negativ diskriminierte.

In der Afrikaaner-Politik 1910-48 dominierte die Linie von Louis Botha und Jan Smuts (SAP, UP), die eines Ausgleichs mit den Briten, über die von Albert Hertzog und Daniel Malan (NP, GNP, HNP), die Abgrenzung und Vorherrschaft anstrebten. Bezüglich der “Farbigen”/Nicht-Weissen waren die Unterschiede zwischen diesen Lagern nicht so gross… Das zweitere Lager, das der „nationalbewussteren“ Afrikaaner, kam ja 1948 an die Macht (blieb es bis 1994), initiierte die Apartheid, war in der NP organisiert316. Das andere Lager, nicht ganz kongruent mit den englischsprachigen Weissen, die UP und ihre Nachfolgeparteien, bildete (die längste Zeit) die weisse Opposition; in den 1960ern entstand „schwarzer“ Widerstand gegen die Entrechtung. Johannes de Klerk hat 1967, als Bildungsminister von Premier Vorster, bei einer Rede317 in Krugersdorp davon gesprochen, dass es christlichen Prinzipien widersprechen würde, wenn sich die beiden weissen “Rassen” Südafrikas zu einer vereinigen würden; eine politische Nation ja, aber kulturell, nein, so FW de Klerks Vater.318

Seit 94 (26 Jahre nun) gibt es in Südafrika ANC-dominierte Regierungen, Schwarze sind (ihrer demographischen Stärke gemäß) erstmals an der Macht. Quasi im Schatten dessen kam es zu einem neuerlichen Zusammengehen der beiden weissen Gruppen, in der DP/DA, vor der zweiten freien Wahl Südafrikas, wie gezeigt wurde319, bei Dominanz der Englischsprachigen. Die Afrikaaner sind ganz am Ende des 20. Jh “dort hin” zurück gekehrt, wo sie Anfang bis Mitte dieses Jahrhunderts gewesen sind, zu einer Art “Unterwerfung” unter die kleinere weisse Gruppe.

Die DA hat(te) keine Afrikaaner als Führer bis jetzt, und keine in Aussicht, parlamentarische oder nationale, der jetzige, John Steenhuisen, ist englisch geprägt, wenn auch von den Wurzeln her (zT) afrikaanisch. Zu solchen Umdrehungen von Machtverhältnissen zwischen Ethnien kommt es in der Geschichte immer wieder, so zwischen Ungarn und Rumänen in Transylvanien vor/nach dem 1. WK, oder im Kosova/ Kosova zwischen Serben und Albanern (vor wenigen Jahren). In den Streitkräften Südafrikas spiegel(te)n sich diese Übergänge schön wieder: Die Gründung der UDF 1912 aus vormaligen Feinden, Angehörigen von Buren-Milizen und der britischen Armee in Südafrika; darum kümmerte sich v.a. Smuts als Verteidigungsminister unter Premier Botha, beide führende Offiziere in der Buren-Armee im Krieg gg die Briten 1899-1902.

Die UDF nahm an beiden “Weltkriegen” an Seite Grossbritanniens Teil, gegen den Widerstand eines sehr grossen Teils der burischen Bevölkerung. Die UDF war britisch dominiert, wenn auch ihre Chefs schon vor ’48 Afrikaaner waren. Ausser dem letzten (Melville), der erster SADF-Generalstabschef war. Im Zuge der Apartheid dann die Afrikaanisierung dieser Institution, 57/58 die Umbenennung/Umorganisation in SADF, und bald die Einnahme einer wichtigen Rolle Innen und Aussen (gegen Schwarzafrikaner). Beim Geheimtreffen Mandelas mit Botha Mitte 1989 (kurz vor dessen Abtritt), brachte Mandela die Einigung zwischen Afrikaanern und Englischsprachigen vor 1910 zur Sprache, als Beispiel für eine zwischen Schwarz und Weiss. Mandela brachte damals und auch bei anderen Gelegenheiten die Afrikaaner-Rebellion 1914/15 zur Sprache, stellte Parallelen zum Aufbegehren der Schwarzen her.320 Und 1994 kam es zur Vereinigung der SADF mit den Milizen/Armeen der Anti-Apartheid-Organisationen sowie der Homelands, zur SANDF. Wie 1910 entstand aus eben noch verfeindeten Kräfte eine neue Armee. Und es kam zu einer “Schwarzafrikanisierung” der SANDF.

Wird eine Afrikaaner-“Frage” wieder aktuell jenseits von der DA, im Sinne einer Vorherrschaft? Es wird in Südafrika eine neue, gemeinsame nationale Identität angestrebt, und viele Afrikaaner leisten auch ihren Beitrag dazu. Johann Wingard, der Vorsitzender des Volkstaatraads gewesen war321, sagte in einem hier genannten Interview 2009: „Afrikaners have withdrawn from public and political life like snails reverting to their shells. Their ambitions and political aspirations are dormant like an Etna or Vesuvius. When and how it will erupt is uncertain. But erupt it will. The ANC’s notion that the Afrikaner nation has surrendered its sovereignty is erroneous and unfounded.“ Wingard ist einer Jener, die auch über De Klerk hergezogen sind, wir erinnern uns.

Mandela besuchte nach seiner Freilassung PW Bothas Villa in Wilderness (“Die Anker”) einige Male. Wichtigstes Treffen war jenes im November 1995, VF-Chef Viljoen war auch dabei, Mandela in buntem Hemd, Botha in weissem Anzug, und mit erhobenem Zeigefinger. Sie redeten über einen Volkstaat und die kommende TRC, Botha kündigte an, dass er dort nicht erscheinen werde und warnte Mandela, dass man “den Tiger namens Afrikaaner-Nationalismus” nicht aufwecken solle. Zur Zeit sind Afrikaaner eher auf „Abkapselung“ denn auf Machterringung aus, viele errichten eine Art neue Wagenburg. 2005 war unter Afrikaanern ein Song sehr beliebt, “De la Rey”, von “Bok van Blerk” (Louis Pepler), der sich um Jacobus „Koos“ de la Rey dreht, was Einiges an Befindlichkeiten offensichtlich machte. Jacobus de la Rey (teilweise spanischer Herkunft) war ein militärischer Anführer der Buren bei deren Niederlage gegen das British Empire, um die Jh-Wende, es zirkulieren Heldengeschichten um den Verlust seines Bauernhofs und die Internierung seiner Familie in einem britischen Konzentrationslager in dieser Zeit. Im Lied wird seine Wiederkehr beschworen, eine Art Wiederauferstehung der Afrikaaner/Buren-Nation.322

Es war damals in der zweiten Amtszeit von Mbeki, als viele Blicke schon auf Zuma gerichtet wurden als den kommenden Mann, Ängste geschürt wurden. Das südafrikanische Kulturministerium sagte damals in Beantwortung einer Anfrage, der Song könnte von einer rechtsextremen Minderheit “gehijacked” werden. Die oppositionelle Democratic Alliance wies prompt auf den Song hin, den Zumas Anhänger (und zeitweise er) sangen, “Umshini wami” (“Bring mir mein Maschinengewehr”), dieser sei subversiver und gefährlicher. De la Rey bekämpfte die Briten ja nicht nur im Zweiten Anglo-Buren-Krieg (Südafrikanischer Krieg), und davor gegen die (Ba)Sotho. 1907 wurde er in das neue Parlament Transvaals gewählt, 1908/09 war er als solcher Teilnehmer bei den Verhandlungen zur Gründung der Südafrikanischen Union (National Convention/ Nationale Conventie), danach Mitglied des Parlaments dieses Staates. Er hat Het Volk angehört, der Afrikaaner-Party in Transvaal von Louis Botha und Smuts, die 1910 mit dem ersten AB, der ersten SAP und der OU die SAP bildete, zu der De la Rey auch ging. Als die SAP-Regierung unter Botha 1914 für GB in den 1. WK einstieg und Südwestafrika von den Deutschen erobern lassen wollte, rebellierte ein Teil der UDF, von ihrem Generalstabschef Christiaan Beyers abwärts.323

Und weitere Afrikaaner, zT aufgrund einer “Prophezeiung” von “Siener” van Rensburg. Ein Teil von De la Reys Kriegskameraden blieb der UDF treu, der andere schloss sich den Aufständischen an bzw zettelte den Aufstand an, darunter Beyers. De la Rey, damals Abgeordneter zum Senat, hatte sich noch nicht entschieden und tendierte eher zur Neutralität. Er traf sich mit General Beyers zur Diskussion, die beiden fuhren dann von Pretoria nach Potchefstroom (zu General Kemp), wurden am Weg von einer Polizeisperre324 beschossen, De la Rey getötet. Beyers war dann einer der Anführer der Aufständischen325, die sich auf die Seite der deutschen Schutztruppe stellten. Botha und Smuts führten den Feldzug selbst an, siegten 1914/15. De la Reys Haltung zu den Briten war jedenfals nicht so eindeutig, und man sollte aufpassen, wer sich wie auf ihn beruft. Manche stellen auch seine Treue zum “Empire” ab 1902 hervor, die jener von Smuts und Botha gliech. Der Afrikaner Broederbond ist mit der NP untergegangen, hat sich reformiert, nennt sich einfach Afrikanerbond. Für Zusammenhalt unter Afrikaanern sorgt er nicht mehr, die (reformierten) Kirchen schon eher.

Die VF+/FF+ ist so etwas wie die Partei der „nationalbewussten“ Afrikaaner326, ist in mancher Hinsicht näher bei den Afrikaanern als die DA. Sie verlor den Kampf um den Grossteil der Stimmen der Afrikaaner, das Erbe der NNP, 1999, gegen die DP. Die DA bekommt ausserdem (mehr) Stimmen aus anderen Bevölkerungsgruppen – darunter auch Schwarzafrikanern. Hartzenberg blieb KP-Chef bis zum Aufgehen der Partei in der VF 03/04. Boshoff junior (Orania) ist für die VF+ im Nordkap aktiv. Pieter Mulder, VF-Chef von 01 bis 16 als Nachfolger von Viljoen (und Sohn von Cornelius Mulder), war als Landwirtschafts-Vizeminister in der ersten Zuma-Regierung. Die VF wird von rechtsradikalen Afrikaanern angegriffen, von dort wo die Wingards und Roodts stehen. Rechts von der VF ist (noch) keine nennenswerte Afrikaaner-Partei entstanden, es gibt dort aber eine Vielzahl von Parteien, Milizen,… Dort zeigt man gerne die alte südafrikanische Flagge (Orange-Weiss-Blau)327 oder die noch ältere Vierkleur (Flagge von Transvaal/ Zuid Afrikaanse Republiek), oder die ziemlich neue “Vryheidsvlag328, eine Kombination aus den genannten anderen beiden.

AWB-Fahne, alte südafrikanische, Vierkleur

Oft ist aber die rassistische Schlagseite bei Leuten in der Mitte der Gesellschaft ausgeprägter als am “rechten Rand”. Beim Youtuber und Radio-Mann Renaldo Gouws etwa, der Stadtrat für die DA in Nelson Mandela Bay (Port Elizabeth und Umgebung) ist. Er kommt so moderat und smart daher, das unterscheidet ihn von Orde Boerevolk, Boeremag, BVB, BBB,… Nicht nur mit Kommentaren zu Waffengesetzen in der USA und Südafrika (mehr Waffen würden Verbrechenverhindern) zeigt(e) er, wessen Geistes Kind er ist. Er greift die Demokratie in Südafrika nicht direkt an, betreibt mit seinen Kommentaren zu aktuellen Vorgängen in Südafrika indirekte Apartheid-Apologetik. Das Ende der Baaskap fällt so Manchem schwer. Der Künstler und Journalist Rian Malan ist der Grossneffe von Daniel Malan, der als Premier ab ’48 die Apartheid in Südafrika einführte. Er verweigerte seinen Dienst im Militär des Apartheid-Staates, indem er in die USA ging, Ende der 1970er. War in den Augen seiner Familie (und anderer Afrikaaner) ein “kaffir boetie“, ein “Negerfreund”.329

Liess sich nach seiner Rückkehr 1990 wieder in Johannesburg nieder, schrieb ein Buch “Mein Verräterherz”, über sein Aufwachsen im Apartheid-Staat und Rassenbeziehungen In Südafrika. Viele Urteile von ihm bezüglich Südafrika zeigen, dass er doch auch von der Apartheid geprägt wurde. Dass er der Meinung war/ist, dass nicht Mandela sondern De Klerk der “wahre Held” sei, gehört nicht dazu, aber zB sein Kommentar über den Erfolg des Songs über De la Rey: “Afrikaners were so vilified in the latter years of apartheid that they just kept their heads down and put up with any shit for the first 10 years of the democratic experiment.” Eher haben sie da durch das Entgegenkommen der Schwarzen noch so viel von ihren Apartheid-Privilegien unangetastet gehabt, dass sie nichts zu sagen wagten gegen den Wandel… 05 kam auch von Rian Malan eine CD heraus, “Alien Inboorling”, Songs auf Afrikaans, über Afrikaaner, solche die in Südafrika geblieben sind und solche die ins “Exil” gegangen sind. Darauf der Song ”Trekboer’, ein Brief eines Auswanderers in Canada, der über Zustände in Südafrika und seine “Angst vor Afrika” klagt. 2007 ein Porträt über diesen Malan vom britischen Journalisten Tim Adams, das anscheinend im “Observer” und im “Guardian” erschien, “The dark heart of the new South Africa”.

Adams schreibt darin auch von einem in einem Lokal (während eines Gesprächs mit Malan) am Nebentisch aufgeschnappten Gespräch, weisser Südafrikaner: einer sei nach Australien ausgewandert und versucht die Anderen zu überreden, das auch zu tun. “Du musst dich daran gewöhnen, dein Auto selbst zu waschen, und ich gebe zu, das dauert eine Weile. Aber ansonsten ist Sydney wie Jo’burg vor 30 Jahren”, also in den 1970ern, ohne Schwarze, bzw mit diesen in eigenen Townships, wie Soweto. “Packing for Perth and Piccadilly” wurden die Initialen der PFP früher gerne umgedeutet, und zwar hauptsächlich von Afrikaanern. Ob unter den Auswanderern noch immer mehr “Soutpiels” dominieren, ist schwer zu sagen. Etwa eine Million Südafrikaner haben seit dem Ende der Apartheid das Land verlassen, überwiegendst Weisse. Nach Australien, Canada, Neuseeland, Grossbritannien, USA, Niederlande, Deutschland, Israel,…330 Tja, Australien und Kriminalität: die ersten weissen Einwanderer dort waren ja Kriminelle bzw Verurteilte, die dorthin geschickt wurden, in Sträflingslager, statt in britische und irische Gefängnisse.331

In den Anglo-Staaten wurden Einheimische infolge der Unterwerfungen zur Minderheit; in Südafrika nicht, aber das wurde auch nicht so lange bzw stark britisch geprägt. In Australien machen Aborigines heute 2,5 bis 5% der Bevölkerung aus.332 Aber, in solchen Ländern muss man das Auto selber waschen und der Haushaltshilfe mehr zahlen… Die Apartheid ist ja nicht zuletzt daran gescheitert, dass Weisse nicht ohne schwarze Arbeitskraft leben konnten. Vieles von diesen Verhältnissen ist ja nach Ende der Apartheid geblieben. Sogar der ultrarechte Eugene Terre’Blanche, Chef der neonazistischen AWB, hatte auf seiner Farm schwarze Arbeiter (wurde von solchen ermordet, von Streit um ausstehende Gehälter sowie Misshandlungen war die Rede), konnte/wollte nicht ohne auskommen. In Orania versucht man, “ohne” auszukommen. Die weisse Auswanderung geht zu einem grossen Teil auf den Verlust der privilegierten Stellung zurück.333

Im Ausland lebende südafrikanische Staatsbürger waren bei den ersten freien Wahlen 1994 berechtigt zu wählen, danach wurde das Wahlrecht geändert, und für im Ausland befindliche Bürger stark eingeschränkt. Die grösseren “Auswanderungsströme” kamen ja nach 94. FW de Klerk hat 09 einen offenen Brief an die Vorsitzende der Independent Electoral Commission (IEC), Brigalia Bam, geschrieben, darin aufgerufen, Exil-Südafrikanern (wieder) das Wahlrecht zu geben. Es sei falsch, so De Klerk, dass Gefangene wählen können, aber nicht Exilanten. Natürlich würde eine solche Änderung den “weissen Parteien” DA und VF+ helfen, gegen den ANC. Wie auch immer, der “Vorstoss” ist absolut diskussionswürdig. Nach Australien ausgewandert ist auch John M. Coetzee. Über Coetzee gibt es Vieles zu sagen, zB dass er von Samuel Beckett beeinflusst wurde; einem Iren, Angehöriger eines Volkes das mit Engländern/Briten „verfeindet“ ist und doch irgendwie angelehnt an sie ist (wie die Afrikaaner), sich in einem längeren Prozess gelöst hat von ihnen. Coetzee, ein Kap-Bure, ist zT anglisiert, so hat er kaum auf Afrikaans geschrieben/publiziert, überwiegendst auf Englisch.

1980 kam von ihm das englische Original von “Warten auf die Barbaren” heraus334, 2019 wurde es verfilmt. Es spielt in einem politischen Niemandsland, man darf aber eine Allegorie auf das Südafrika vor und nach der Apartheid vermuten. Er stellt zwar den “Magistrat” alles Andere als vorteilhaft dar, aber, dessen Opfer/gegner sind eben die “Barbaren”, und nach einer militärischen Niederlage des Magistrats wartet man auf sie… Coetzee war ein Apartheid-Gegner, kein radikaler, auf einer Linie mit André Brink, Breyten Breytenbach, Antjie Krog,… die sich im Juli 89 zu einer Konferenz in Victoria Falls in Zimbabwe trafen. Coetzees Roman “Disgrace”/ “Schande” kam 1999 heraus, wurde ein paar Jahre später mit John Malkovich verfilmt. Es hat autobiografische Züge, obwohl die Hauptfigur einen jüdischen Namen hat. Ein Literaturprofessor zieht sich auf die Farm seiner lesbischen Tochter im Ostkap zurück; 3 Schwarze vergewaltigen die Tochter und verletzen David, erschiessen ausserdem die Hunde.335 Es spielt in der Zeit nach dem Übergang von der Apartheid zur Demokratie, behandelt diese. Coetzee deutet Polizei-Imkompetenz an, auch eine im Medizin-Betrieb. Nadine Gordimer kritisierte an „Disgrace“, dass der Autor (Tierrechtsaktivist Coetzee) mehr Sympathie für die getöteten Hunde zeige als für getötete Menschen.

Andere sahen im Roman Coetzees Kommentar zur Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC). Aus der Post-Apartheid-Regierung Südafrikas bzw dem ANC kam Kritik an „Disgrace“. Der indische Südafrikaner Imraan Coovadia meinte in “Transformations” (2012), dass sich im Roman tatsächlich rassis(tis)che Stereotypen finden und diverse Sub-Botschaften (Weisse als Opfer der Schwarzen im Post-Apartheid-Südafrika, nicht als ihre Unterdrücker, die Schwarzen die wüten sobald die Apartheid weg ist). Der bereits erwähnte Patrick Laurence von der Suzman-Stiftung sprang Coetzee bei; in „Disgrace“ würden nur Wahrheiten thematisiert, über Farmmorde, bei denen die Täter schwarz und die Opfer weiss sind, er sprach von “historischer Vergeltung”, die Weisse in Südafrika nun erdulden müssten, was Coetzee verstanden habe. Coovadia weist darauf hin, dass ungefähr alle 5 Tage ein Farmer ermordet wird, hingegen jeden Tag 50 arme Schwarze. 2002 übersiedelte Coetzee von Kapstadt (wo er lange an der Uni Englisch unterrichtet hatte) nach Adelaide; er führte dabei die “laxe Einstellung” der Regierung zur Kriminaliät als Grund an. Es wurde als Grund für die Auswanderung auch genannt, dass für ihn als Radler Kapstadts Verkehr zu unsicher geworden sein.

Und die Kritik der Regierung an „Disgrace“. Coovadias feiner Spott: “But it is a tender conscience that can survive racial tyranny, censorship, and near civil war, only to succumb to Thabo Mbeki’s literary criticism.“ Coetzee hat laut Coovadia den ANC für das Einschlagen eines Fensters seines Autos verantwortlich gemacht, dies als Botschaft für “neue Dissidenten“ gedeutet. Auch bei sich also eine Viktimisierung als “Weisser” gegenüber den (“regierenden”) Schwarzen. Coetzee war Coovadias Lehrer an der Harvard-Universität, dieser arbeitet nun am Anglizistik-Institut der Kapstädter Uni, wo Coetzee früher war. Coovadia schreibt zusammengefasst, Coetzee trete dem Post-Apartheid-Südafrika (bzw der Versöhnung zwischen Schwarz und Weiss) mehr entgegen (bzw unterminiere es mehr) als dem Apartheid-Südafrika (als er versuchte, die Weissen-Oligarchie vor 1994 zu unterminieren).336 Im Jahr darauf, 03, bekam er den Literaturnobelpreis (als zweiter Südafrikaner nach Gordimer). Mbeki gratulierte ihm als südafrikanischer Präsident dazu, 05 verlieh er ihm den Mapungubwe-Orden337. Coetzee wurde 06 (auch) australischer Staatsbürger; er kritisierte auch John Howard deutlich, er ist nicht leicht einzuordnen.

Hat Einiges mit Breyten Breytenbach gemeinsam; auch der war gegen die Apartheid eingestellt, entschiedener sogar (obwohl seiner Bruder Gründer einer SADF-Spezialeinheit war), kritisierte Vieles am Post-Apartheid-Südafrika und ging ins Exil. In “Mischlingsherz” (1999) thematisierte Breytenbach die Khoisan-Wurzeln seiner Familie im westlichen Kap, und mokierte sich über das Afrikaans, das Nelson Mandela sprach.338 A propos, etwa die Hälfte der Afrikaans-Sprecher Südafrikas sind “Farbige”, nicht “Weisse”. Und, es gibt auch viele nicht-weisse (afrikanische und asiatische) Einflüsse in dieser Sprache, was sie zu einer Art Kreolsprache macht.339 Behandlungen des Rassenthemas bzw von Rassenbeziehungen Südafrikas konzentreieren sich ganz stark auf auf “Schwarze” und “Weisse”, Interaktionen zwischen “Braunen” und “Schwarzen” oder Inder340 mit Weissen werden wenig beachtet…etwa ein Viertel der Südafrikaner sind nicht Schwarze, der grössere Teil davon Asiaten und Mischlinge (der kleinere Weisse).341

Afrikaans war die Sprache der Apartheid, die ja etwas von einem Kastensystem hatte. Es gab von Seiten der “Coloureds” Kollaboration (> zB Helenand “Allan” Hendrickse, HoR, LP), aber auch Widerstand (> Abdullah Abdurahman, Allan Boesak, “Jakes” Gerwel, Cheryl Carolus, Adam Small, Vernie February,…), in Afrikaans. Die „Nationsbildung“ Südafrikas ist im Gange, man wird sehen, ob die von Mandela (und De Klerk) anvisierte “Regenbogen-Nation” Realität wird. Die Gesellschaft ist noch immer sehr rassisch (getrennt). Das zeigt sich auch daran, dass es über ein Viertel-Jahrhundert nach Ende der Apartheid (und etwa 10 weitere Jahre seit Aufhebung des diesbezüglichen Verbots) sehr wenige Partnerschaften zwischen Schwarzen und Weissen (oder Indern und Weissen,…) gibt. Eine Ausnahme ist Siya(mthanda) Kolisi und seine Familie; der ist Kapitän der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft (“Springboks”)342, die die Weltmeisterschaft 19 gewann. Rugby ist der einzige Sport, der Südafrika vereinen kann; Fussball interessiert die Weissen zu wenig (besonders die Afrikaaner) und die Bafana Bafana sind ausserdem zu schlecht (geworden).

Die Springboks wurden also zum 3. Mal Weltmeister; die Siegerehrungen 95 mit Pienaar und Mandela in Jo’burg, 07 mit Smit und Mbeki in Paris, 19 mit Kolisi und Ramaphosa in Yokohama – 3 verschiedene Phasen der Entwicklung Südafrikas nach der Apartheid.343 Mit dabei war letztes Jahr auch François “Faf” de Klerk, nicht verwandt mit Frederik W. Das Team 19 war schwärzer/bunter als die von 07 und 95. Die Rugby-Diskussionen in Südafrika spiegeln ja die “allgemeinen” wieder… Auf der einen Seite jene Weissen, die mit der alten National-Flagge ins Stadion gehen, denen die Mannschaft zu farbig ist, die Schwarzen „Quotenspieler“ nennen,… auf der anderen Seite farbige Rugby-Fans vom Westkap, die sich „Cape Crusaders“ nennen, sie sehen das südafrikanische Rugby als noch immer „zu weiss“ an, unterstützen zB gegnerische Nationalteams und Klubteams wenn diese gg Springboks od südafrikanische Klubs spielen.

“Herkunftsland Südafrika” ist schon lange kein Grund mehr zum Boykott

In Südafrika haben die Union Buildings, das Parlament, die Rathäuser,… Bewohner bzw Benutzer, die vor nicht allzu langer Zeit diese Gebäude noch gar nicht betreten durften… Die Aufarbeitung der Apartheid ist erst im Gange, ein Kampf um die Verteilung von Schuld und Unschuld zwischen Schwarz und Weiss, siehe Hofmeyrs Äusserungen. Kaum Einer gab nach dem Ende der Apartheid an/zu, für diese (gewesen) zu sein; verbreitet sind aber Bagatellisierungen, Verharmlosungen. Vor der Apartheid gab es ja gut 100 weitere Jahre Unterwerfung/Trennung/Diskriminierung der Nicht-Weissen dort, im westlichen Südafrika sogar bis zu 200 Jahre mehr. Es geht seit 1994 nicht um eine “Wiedergutmachung” der Apartheid(-Zeit), da es davor ja eben nicht gut war. De Klerk 2019 in einem “NZZ”-Interview: “Ist die immer noch ausgeprägte Ungleichheit in Südafrika nicht auch ein Erbe des Apartheidregimes?” > “Der ANC versucht manchmal, dies so darzustellen. Aber nach 25 Jahren an der Macht ist es nicht sehr glaubhaft, alle Schuld auf die Apartheid abzuschieben. Tatsache ist: Die Investitionen, die das Land benötigte, bleiben aus. Grund dafür sind die politische Unsicherheit, das wirtschaftliche Missmanagement und die Korruption. Unser neuer Präsident, Cyril Ramaphosa, ist daran, dies zu berichtigen.”

Viele Weisse wollen dem ANC alle ihre Probleme bzw des Landes anhängen, viele Schwarze machen die Apartheid für alle Probleme des Landes (bzw ihre) verantwortlich. Manche Weisse sehen Aufarbeitungen der Apartheid als Angriff auf sich, aber manchmal vermischt sich das tatsächlich. Es lästern und jammern über Mängel am Post-Apartheid-Südafrika (auch) Jene, die aus einem Milieu kommen, das den Aufbau dieses demokratischen Südafrikas grossteils boykottiert, sabotiert, bekämpft hat (das noch immer tut)…das Ende der privilegierten Existenz für “Weisse” in Südafrika, die „Ausdehnung“ der politischen und wirtschaftlichen Privilegien der weissen Minderheit auf alle Südafrikaner, die Erweiterung des staatlichen Engagements für Alle, Aufholung des Bildungsrückstands, Beendigung von Benachteiligung.344 Die Linie ging (nach 94) diesbezüglich quer durch die NP, wie bereits angesprochen. Manche Südafrikaner bringen die Gleichheit Aller in diesem Land und rassische Harmonie (nur dann) vor, wenn es darum geht, aus der Apartheid-Zeit (und der Zeit davor) resultierende Besitzstände zu behalten, und stellen Jene die das in Frage stellen, als Angreifer auf diese Gleichheit dar.

Bei der Wahl ’14 wurde der ANC herausgefordert von DA und EFF, setzte sich vor diesen beiden durch.345 Es erinnert an die NP in der Endphase der Apartheid, als sie von der Rechten (v.a. KP/CP) und der “Linken” (DP) unter Druck war, und von der schwarzen ausserparlamentarischen Opposition (v.a. ANC). Es gab auch nach der Wahl Bündnisse von DA und EFF gegen den ANC, auf verschiedenen Ebenen, eine Querfront. Afrikaaner-Rechtsaussen Wingard: „The concept of Black Empowerment is turning out to be a way of getting super rich quickly for a handful of blacks“. Die selbe Kritik am ANC könnte auch von den EFF (die in mancher Hinsicht Nachfolger des PAC sind) kommen.

Die Gegner des neuen Südafrikas („Es gibt keine Regenbogen-Nation“), schwarze und weisse, jene die für radikale Umverteilung sind und jene die keinerlei solche wollen, diese Querfront entstand ansatzweise schon 1993/94. „Wir sind nicht wirklich frei geworden“ oder „“Wir wurden entrechtet“, beide sagen „Rassismus gegen uns ist im Wachsen“… Woraus sich wieder mal die Frage des Minimalkonsenses für Südafrika stellt. Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen der liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung346…an der Stelle sei auch auf die Zahl weiblicher Minister bis 1994 und jene aus der Zeit danach hingewisen.

Der jetzige Präsident Cyril Rampahosa, ein in Soweto aufgewachsene Venda, war Gründer und Berater der National Union of Mineworkers (NUM), die mit Streiks gegen die exklusiv-weisse Herrschaft aufbegehrte. Nach seinem Rückzug aus der Politik wurde er u.a. Mitglied des Aufsichtsrats des (britisch-südafrikanischen) Minenbetreibers Lonmin. 2012 forderte er als solcher selbst ein hartes Vorgehen gegen Streikende…in einer Mine, die dem Lonmin-Konzern gehört, die Marikana-Platin-Mine bei Rustenburg (Nord-West)347. Es war dies zur Zeit von Arbeitskämpfen im dortigen Platingürtel348, und nach Nelson Mandelas Rückzug aus der Öffentlichkeit. Dabei erschoss die Polizei 34 streikende Bergarbeiter bei dieser Mine, die diese besetzten.349 Das Marikana-Massaker350 wird von Hassern des neuen Südafrikas, des ANCs, Afrikas, instrumentalisiert, obwohl diese die Regierung sonst als zu kommunistisch und unternehmerfeindlich angreifen, zu sehr umverteilend, der Polizei falsche Vorgaben machend… Andererseits zeigte sich mit Marikana tatsächlich, welche Entwicklung der ANC gemacht/genommen hat; schliesslich haben sich auch Ronald Kasrils und Desmond Tutu in Folge von ihm abgewandt.

Aber, Marikana wird mit Sharpeville in Zusammenhang gebracht, zur Entschuldigung dessen, von Leuten, die Beides eigentlich begrüssen, die Polizeigewalt gegen Schwarze generell als Lösung sehen, streikende Afrikaner verachten,…351 Dass Justizminister Jeffrey Radebe (ANC) anordnete, dass Polizei und Justiz gegen illegale Versammlungen, Waffenbesitz und Aufrufe zu Gewalt hart vorgehen würden, müsste eigentlich nach dem Geschmack der DA-Klientel und Jener weiter rechts sein. Präsident Jacob Zuma rief zum Ende der „sinnlosen Gewalt“ auf. Malema “besuchte” die Arbeiter, versuchte, die Situation auszunützen. Und Ramaphosa, der für das Marikana-Massaker mitverantwortlich gemacht wird, stieg im selben Jahr wieder in die Politik ein, wurde auf der ANC-Konferenz ’12 zum Vizepräsidenten der Partei gewählt.352 2014–2018 war er Vizepräsident der Regierung unter Zuma, 17 wurde er Parteichef, 18 Staatschef, jeweils als Nachfolger Zumas.353

Nachdem „Befürchtungen“ bzgl. Zuma und WM nicht eingetroffen sind, konzentrieren sich Untergangs-Prophezeiungen ganz auf Malema. Der 2011 aus dem ANC ausgeschlossen wurde, dann die eigene Partei (EFF) gründete. ARD-„Weltspiegel“ im Mai 18, zur Zeit des Abtritts Zumas und er EFF-Rhetorik nach entschädigungsloser Enteignung von Land, von Verstaatlichung von Banken und Konzernen. Das Zuma abgetreten ist, aufgrund seines korrupten Gebahrens (anders als Netanyahu oder Berlusconi), zeigt eigentlich dass Demokratie und Rechtsstaat in Südafrika intakt sind. Ob die EFF354 einen grösseren Teil der ANC-Wähler zu sich “lotsen” können, wird man sehen.

Die EFF wollen auch die Entfernung des afrikaansen Teils aus der Nationalhymne, weil dies Apartheid-Erbe sei. In Richtung der Weissen Südafrikas hat Malema Wohlwollen ggü De Klerk (sein) Wohlwollen ggü Mugabe ggü-gestellt; und De Klerk einen “Mörder” genannt. In Südafrika gibt es aber nicht nur einen Julius Malema, sondern auch Politiker wie Diane Kohler-Barnard von der DA, die ’15 auf Facebook einen Beitrag teilte, in dem nahegelegt wurde, dass das Leben unter der Apartheid besser war als danach. Es gibt Hetze von EFF, aber auch vom Afriforum (steht der VF+ nahe), das sich als “Bürgerrechtsbewegung“ deklariert, nicht als Lobby-Organisation (für Afrikaaner) oder Promoterin eines weissen Nationalismus’.

Auch diese Aspekte des neuen Südafrikas werden hier also etwas zu ausführlich behandelt, als es für einen Text über De Klerk (der eine “Mischung” aus Enzyklopädie-Eintrag, Biografie, Meinungs-Kommentar, Fachzeitschrift-Artikel,… ist) eigentlich gehört. In Ramaphosa legt nicht nur (aber auch) FW de Klerk Hoffnungen, er der die Zuma-Präsidentschaft (2009–2018) retrospektiv ein verlorenes Jahrzehnt “nannte, hauptsächlich im Hinblick auf Korruption unter diesem. De Klerk: „Ramaphosas einzige Schwachstelle ist die interne Zersplitterung des ANC. In der Partei gibt es einige, die gegen den Präsidenten arbeiten.“  Über eine mögliche Landumverteilung:

“Ramaphosa hat angekündigt, dass eine solche Verfassungsänderung an zwei Bedingungen geknüpft sein muss: Sie darf der Wirtschaft nicht schaden, und sie darf die Ernährungssicherheit nicht beeinträchtigen. Wenn das erfüllt ist, dürfte es eine sanfte Verfassungsänderung geben, die vor allem Landstücke betrifft, die nicht genutzt werden. Ich glaube nicht, dass es ein Risiko von Enteignungen von landwirtschaftlich genutztem Land gibt. Sowieso dürfte der Fokus auf städtischen Landflächen liegen, die vielfach in Besitz der Regierung sind. Es geht hier nicht so sehr um die Landwirtschaft, es geht um Bauland. Die Menschen leben nicht immer dort, wo die Arbeitsplätze sind. Die Urbanisierung Südafrikas schreitet rapide voran. Hier kann eine Landreform auch eine Chance sein.” De Klerk hat Ramaphosa nach dessen Amtsantritt (Ablöse Zumas 18) Ratschläge und Beurteilungen zukommen lassen.

Der also in zweiter Ehe verheiratete De Klerk ist längst Grossvater, von den 3 Kindern aus der ersten Ehe mit Mareike. Sein Bruder Willem starb 09. Es heisst, er raucht ziemlich viel (zumindest hat er das mal), und trinkt auch gerne Whisky oder Wein. Das Rauchen war etwas, das für einen zusätzlichen Konflikt mit seinem Vorgänger Botha gesorgt hat, der Kabinettssitzungen rauchfrei halten wollte. In den letzten Jahren hatte er einige körperliche Probleme bzw medizinische Behandlungen, seinem Alter entsprechend. Er gehört nicht zu jenen Ex-Präsidenten oder -Premiers, die über ihren Abgang aus der Politik hinaus (zT enormen) Einfluss ausgeübt haben, wie Nelson Mandela, oder “Jimmy” Carter.355 2000 hat er seine Stiftung gegründet, in Kapstadt, wo er ja auch wohnt, die FW de Klerk Foundation / FW de Klerk Stigting. Die Stiftung ist politisch und sozial (v. a.) in Südafrika aktiv, promotet das Erbe De Klerks, über sie ist er hauptsächlich noch politisch aktiv. Ausserdem gründete er 2004 die Global Leadership Foundation, deren Vorsitzender er ist.

Dieser Stiftung, mit HQ in London, gehören andere Ex-Politiker und -Diplomaten an, wie Bildt, Calmy-Rey, Crocker, El Baradei, Rudd, Raffarin,…; sie ist international aktiv, in der Beratung jetziger Regierender, Konfliktmediation, Lobbyismus. Daneben hat De Klerk einige Ehrenfunktionen inne, in anderen internationalen Gesellschaften. Er hält für Geld Vorträge, gibt Interviews, vielleicht spielt er auch Golf. In einem BBC-Interview 2012 sagte er, er lebe in einer weissen Gegend, habe 5 Hausangestellte/Diener, drei farbige und zwei schwarze. “We are one great big family together; we have the best of relationships.” Dave Steward, De Klerks Kabinettschef als Präsident, spielt auch in der Stiftung eine führende Rolle, als Vorsitzender.356 Zusammen brachten die beiden 2010 das Buch “South Africa: 20 Years Later” heraus (2010), zum 20. Jahrestag der Rede von 1990. Am betreffende Tag, dem 2. Februar, lädt die De Klerk-Stiftung jährlich zu einer Veranstaltung ein. Auch der genannte Theuns Eloff ist in der Stiftung wichtig, er leitet das Centre for Conflict Resolution (CCR), das eine Art Zweig der Stiftung ist.

Dass Eloff (auch Rektor der North West University) dort ativ ist, deutet stark darauf hin, dass De Klerk eher die DA als die VF+ unterstützt; Eloff steht der DA nahe, ausserdem ist die DA eher die Partei der wohlhabenderen Afrikaaner. Die De Klerk-Stiftung übt viel, wenn nicht hauptsächlich, ANC-Kritik. Zum Anderen ist da die Abgrenzung von den sehr rechten Afrikaanern. Auf der Startseite der Homepage der De Klerk Foundation findet sich ein entsprechender Artikel. 2012 sagte De Klerk bei einer Veranstaltung seiner Stiftung, die Versöhnungsphase in Südafrika sei vorüber; Kritk kam v.a. von Schwarzen, etwa vom Journalisten Justice Malala (De Klerk würde sich nur um weisse Südafrikaner sorgen), sein Wegbegleiter Dave Steward antwortete im „Guardian“. 2017 trat De Klerk mit zwei anderen Ex-Präsidenten, Thabo Mbeki und Kgalema Motlanthe (sowie Phumzile Mlambo-Ngcuka, die Vizepräsidentin unter Mbeki war, dann zu COPE ging) in einer Serie von Diskussionsveranstaltungen über Südafrika an verschiedenen Orten auf. Gelegentlich meldet er sich auch zu nicht-südafrikanischen Themen zu Wort, Donald Trump hat er sehr kritisch beurteilt.

Über Nelson Mandela hat De Klerk einmal gesagt: “When Mandela goes it will be a moment when all South Africans put away their political differences, will take hands, and will together honour maybe the biggest known South African that has ever lived.” Der hat ja auch eine Stiftung gegründet; eine wichtige Rolle dort nimmt Zelda la Grange an, eine Afrikaanerin, Mandelas Assistentin.357 Die Nicht-Weissen bzw die Schwarzen muss man in De Klerks Stiftung suchen… Das bringt vielleicht den Unterschied zwischen den Beiden herüber. “Madiba” wollte und konnte versöhnen, hat dazu die richtigen Worte und Gesten gefunden. De Klerk hat mit seinen Aussagen ja immer wieder entzweit, für negative Aufregung gesorgt. Aussagen, bei denen er wissen musste, dass sie in diesem Land schlecht ankommen. So wie heuer im südafrikanischen Fernsehen (SABC), als er sich dagegen wehrte, die Apartheid insgesamt als ein “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” einzustufen. Und, bevor seine Stiftung zurückruderte, hat sie ja noch nachgelegt: Dass die UN(O) die Apartheid ab 1973 diese Einstufung vorgenommen hat, in verschiedenen Resolutionen, wurde dort so kommentiert, dass es sich um “sowjetischen Agitprop” im Kalten Krieg gehandelt habe.

Meistens beurteilt er aber die Lage im Land zwar kritisch, doch wohlwollend… Und, seinen Reformkurs als Präsident und NP-Chef hat er nie bereut. Das Ziel für Südafrika sei ein total neues Land, ohne die Antagonismen der Vergangenheit, ohne Dominanz oder Unterdrückung in jeder Form, hat er mal gesagt; Mandela hat es bei manchen Gelegenheiten ähnlich formuliert. Zur “Neuen Zürcher Zeitung” sagte De Klerk 2019: “Afrika ist ein erwachender Riese. Es verfügt über riesige Flächen, die landwirtschaftlich genutzt werden können. Es verfügt über eine junge Bevölkerung. Afrika ist ein Markt mit Hunderten von Millionen Konsumenten. Viele afrikanische Staaten bewegen sich in die richtige Richtung, hin zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und einer vernünftigen Wirtschaftspolitik. Natürlich gibt es noch immer eine gewisse Zahl von Problemländern. Insgesamt aber blickt Afrika einer sehr positiven Zukunft entgegen.” Und. “Wenn Südafrika scheitert, scheitert ganz Afrika. Das Land ist dazu bestimmt, eine wichtige Rolle auf dem Kontinent zu spielen, insbesondere im subsaharischen Afrika.”

Aus dem „Pulverfass“ Südafrika wurde ein Stabilitätsanker im südlichen Afrika (“Joschka” Fischer), eine Regionalmacht dort war Südafrika schon zu Apartheid-Zeiten. Es besteht die Hoffnung, Südafrika könne zum Motor einer afrikanischen Renaissance werden, eine Führungsrolle in Afrika übernehmen, manche sehen es am Weg zur globalen Mittelmacht. Behrens, von Rimscha in “Gute Hoffnung am Kap?” (1994): „Bei einem Erfolg kann Südafrika den Kurs des Kontinents mitbestimmen.“. Südafrika ist zweifellos einer der Schlüssel-/Führungsstaaten Afrikas, wie Congo, Ägypten, Nigeria, Äthiopien,…358 Und, es gibt weitere afrikanische Staaten mit ausgeprägter ethnisch-rassischer (oder religiöser) Diversität in der Bevölkerung: Mali, Liberia, Nigeria, Mauritius,…359

Literatur & Links

Gunnar J. Theißen: Vergangenheitsbewältigung in Südafrika: Die südafrikanische „Wahrheits- und Versöhnungskommission“. Politologie-Diplomarbeit FU Berlin 1996, bei Peter Steinbach

Susan Booysen: The African National Congress and the Regeneration of Political Power (2011). Darin hauptsächlich Kapitel 8, “Subjugation and demise of the (New) National Party”

FW De Klerk: The Last Trek – a New Beginning (1999; Englisch); Afrikaans: Die outobiografie – die laaste trek, ‘n nuwe begin (1999)

Andreas Frank: Der Transformationsprozeß in der Republik Südafrika unter besonderer Berücksichtigung der Wahlen von 1994. Afrikanistik-Diplomarbeit Universität Wien 1998

Heribert Adam, Kogila Moodley: The Opening of the Apartheid Mind. Options for the New South Africa (1993)

Imraan Coovadia: Transformations: Essays (2012)

Dan O’Meara: Forty Lost Years: The Apartheid State and the Politics of the National Party, 1948-1994 (1996)

Franz Ansprenger: Südafrika – Eine Geschichte von Freiheitskämpfern (1994)

Hermann Giliomee, Bernard Mbenga (Hg.): New history of South Africa (2007)

Patti Waldmeir: Anatomy of a miracle. The End of Apartheid and the Birth of the New South (1997)

Willem de Klerk: F. W. de Klerk: The Man in his Time (1991). Das Buch seines Bruders

Allister Sparks: Beyond the miracle: Inside the new South Africa (2003)

Stephan Kaussen: Von der Apartheid zur Demokratie. Die politische Transformation Südafrikas (2003)

Saul Dubow: The African National Congress (2000)

Dickson A. Mungazi: The Last Defenders of the Laager: Ian D. Smith and F.W. de Klerk (1998)

Jessica Piombo: Institutions, Ethnicity, and Political Mobilization in South Africa (2009)

Bernard Lugan: Ces Français qui ont fait l’Afrique du Sud (1996)

Wilhelm Verwoerd, Charles Villa-Vicencio (Hg.): Looking Back Reaching Forward: Reflections on the Truth and Reconciliation Commission of South Africa (2000)

Hermann Giliomee: Die Afrikaners: ’n Biografie (2004)

John Allen: Rabble-Rouser for Peace: The Authorised Biography of Desmond Tutu (2006)

Andrew Reynolds (Hg.): Election ’94 South Africa: the campaigns, results and future prospects (1994)

Jakob Krameritsch (Hg.): Das Massaker von Marikana. Widerstand und Unterdrückung von Arbeiter_innen in Südafrika (2013)

Paul Drechsel, Bettina Schmidt: Südafrika. Chancen für eine pluralistische Gesellschaftsordnung · Geschichte und Perspektiven (1995)

Hermann Giliomee: The Last Afrikaner Leaders: A Supreme Test of Power (2012)

John Pilger: Freedom Next Time (2006)

Hermann Giliomee, Heribert Adam: The Rise and Crisis of Afrikaner Power (1979)

Martine Gosselink, Maria Holtrop, Robert Ross: Good Hope: South Africa and the Netherlands from 1600 (2017)

Merle Lipton: Capitalism and apartheid, South Africa, 1910-84 (1985)

Betty Glad, Robert Blanton: F. W. de Klerk and Nelson Mandela: A Study in Cooperative Transformational Leadership. In: “Presidential Studies Quarterly” 27/3 (1997)

“Damals” 2/2000 (Jg. 32), Titelgeschichte(n) “Der Kampf um die Freiheit”. Südafrika im 20. Jahrhundert”

Ziemlich aktueller Artikel eines (weissen) südafrikanischen Journalisten – der aktuelle südafrikanische Präsident Ramaphosa, so dieser Du Toit, könne etwas von De Klerks Präsidentschaft lernen. „Today, South Africa is a democracy, with rights-based guarantees, but with social and economic problems as serious, if not worse, than when De Klerk was president.“

Zu den Seiten der TRC

Und, wer nach dem Lesen dieses Artikels ein Wissens-Quiz über De Klerk machen will…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anders als bei Israel und Palästinensern, zwischen denen es 1993/94 zu grundlegenden Abkommen kam. Über Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Verhandlungs-/Annäherungsprozessen ein sehr guter Artikel von Daniel Lieberfeld
  2. Die Frage danach wäre auch für Südafrika-Kenner schwer richtig zu beantworten…
  3. Nunmehr Staats- und Regierungschef
  4. Bei allen Umwälzungen wird bei Südafrika von einer staatlichen Kontinuität vor und nach 94 (bzw seit 1910) ausgegangen; anders als etwa beim Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei (andere Staatsform, andere Ausdehnung, andere Staatsidee)
  5. Im weiteren Text wird auf den Unterschied Staatspräsident/Präsident nicht mehr eingegangen, De Klerk ist seit 1994 auch ein Ex-Präsident
  6. Titel des britischen Monarchen in Südafrika war von 1953 bis 1961: “Queen of South Africa and Her other Realms and Territories, Head of the Commonwealth” (English), in Afrikaans: “Koningin van Suid-Afrika en van Haar Ander Koninkryke en Gebiede, Hoof van die Statebond.” Davor wurde sie (bzw ihre Vorgänger) in ZA offiziell mit ihrem britischen Titel genannt und nur auf Englisch
  7. Die britische Königsfamilie wohnte damals in Kapstadt im Tuynhuys, damals Residenz der Gouverneure, Windsor feierte dort ihren 21. Geburtstag. Mandela er-lebte alle bisherigen Staatsoberhäupter Südafrikas (Südafrikanische Union oder Republik Südafrika), vor und nach ihm, manche überlebte er, manche erlebte er persönlich: die britischen Monarchen (Haus Windsor) George V. (> Westminister-Statut), Edward VIII., George VI., Elizabeth II. (später getroffen); die Staatspräsidenten ohne Exekutivgewalt Swart, Fouché, Diederichs, Vorster (der von Bedeutung ist als Premier, der er vorher war), M. Viljoen; die Exekutiv-Staatspräsidenten P. Botha (persönlich), F. De Klerk (mit ihm zusammengearbeitet); seine Nachfolger (als Post-Apartheid-Präsidenten) Mbeki, Motlanthe, Zuma, Ramaphosa (mit denen er alle zusammen gearbeitet hat); ausserdem die Übergangs-Präsidenten wie J. de Klerk (nicht persönlich) sowie die Premierminister – von denen er Smuts 1940 bei einer Abschlussfeier an der Fort Hare-Uni in Alice (damals Kapprovinz) persönlich erlebte; ausserdem Botha dann
  8. 04 ist De Klerk zur Veranstaltung zur Parlamentseröffnung noch gemeinsam mit Mandela gekommen
  9. Die EFF-Abgeordneten haben auch andere Reden zu anderen Anlässen immer wieder unterbrochen
  10. Wie das für seine Tätigkeit als Präsident aussieht, dazu noch mehr
  11. Die Wall of Names (Mauer der Namen) im Freedom Park in Pretoria hat eine Stelle mit Namen Jener, die in Kriegen und Konflikten vor und seit der Entstehung Südafrikas als Staat getötet wurden, auch im Widerstand gegen die Apartheid; auch Fischer ist dort aufgelistet
  12. Auch manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus (zB Anton Lubowski), riskierten ebenfalls viel dabei. Zu deutsch-stämmigen Südafrikanern, die die Apartheid bekämpft haben, gehört auch Dieter Gerhardt
  13. Die ihm in dem Artikel auch abgesprochen wird
  14. Mandela hat aber bei seinem Versöhnungswirken immer darauf geachtet, die Betreffenden einzubinden in ein demokratisches, pluralistisches Südafrika, und um jene, die Probleme damit hatten/haben, hat er sich besonders bemüht; beim Besuch in Orania hat er zB davon gesprochen, dass es noch viel Bitterkeit gibt, nun da man erst ein paar Monate im neuen Südafrika ist
  15. Im zionistischen Kontext wird heute nicht mehr so gerne (wie früher) auf die Parallelen mit Apartheid-Südafrika verwiesen, von der Zusammenarbeit mit diesem gesprochen,…
  16. Das calvinistische Christentum, das die Hugenotten mit einem Teil der Niederländer einte, ist ja eigentlich französisch; auch wenn Jean Cauvin (“Calvin”) hauptsächlich in Genf wirkte
  17. Für die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) war das Kap ja hauptsächlich als Versorgungsstation für den Weg nach und von Asien (da war v.a. Indonesien wichtig) von Bedeutung, und für den Sklavenhandel; die VOC hat im südlichen Afrika nicht kolonialisiert, kein grosses Gebiet kontrolliert
  18. Ein Überbegriff für die Khoikhoi (“Hottentotten”) und die San (“Buschmänner”), die Urbevölkerung des südwestlichen Afrika
  19. Der Artikel weiter: “Fumed Louis Stofberg, general secretary of the right-wing Herstigte Nasionale Party: ‘I’d like to see the bastard who can find a drop of colored blood in my family!’ Albert Tertius Myburgh, Afrikaner editor of the national Sunday Times, took a positive view, describing the ‘swelling of African pride’ he felt at the racial revelation. Other white South Africans kept their tongues firmly in cheek. Satirist Alexander de Kok of the Sunday Express wrote of a nationalist friend who had called the finding ‘an Afrikaner master plan.’ Said Kok: ‘What better way to pass power peacefully into black hands than to prove scientifically that those who hold it now are as black as the rest.’ Kok also wondered why Afrikaner historians had taken so many years to make the discovery, unless ‘as many Afrikaners say, people of mixed blood are slow thinkers.’ When a black Johannesburg gardener asked a white what he thought about the alleged black blood in his background, the Afrikaner promptly replied, ‘That’s all right, as long as it was the best blood, Zulu blood.'”
  20. Nelson Mandela, ein Xhosa, dürfte ebenfalls Khoisan-Vorfahren gehabt haben; auch bei Bantu-Völkern gibt es derartiges, bei den Xhosa aufgrund der relativen Nähe zum Siedlungsgebiet der Khoikhoi/Khoekhoe und San (getrennt durch die Karoo-Wüste) besonders
  21. Nochmal zur Klarstellung: Von der Gründung Südafrikas 1910 an lag die meiste Macht bei den Regierungen mit ihrem Premierminister, nicht bei den Gouverneuren der britischen Krone oder später den Staatspräsidenten; das änderte sich erst mit der Verfassungsreform 1984, mit der das Amt des Premiers abgeschafft und das des Staatspräsidenten aufgewertet wurde
  22. Und anscheinend nicht mit der Tennisspielerin Amanda verwandt ist
  23. Der Natives Land Act bzw Wet op Naturellengrond 1913, mit dem Reservate geschaffen wurden, war etwa Grundlage für die HomelandsTuislande der Apartheid-Zeit, die ab 1956 entstanden
  24. Diese vier Kolonien (Kap, Oranje Freistaat, Transvaal, Natal) waren alle früher oder später unter britische Herrschaft gekommen
  25. Eigentlich Province of the Cape of Good Hope (“Cape Province“) bzw Provinsie Kaap die Goeie Hoop (“Kaapprovinsie“), 1910-94 die Westhälfte Südafrikas
  26. “Gesäuberte NP”
  27. Dies war zwischen den Parlaments-Wahlen 1933 und 1938; die Abgeordneten der NP die die Vereinigung zur UP nicht mit machten und dann die GNP gründeten, waren u.a. Malan, Johannes Strijdom, Charles R. Swart, P. O. Sauer, S. P. le Roux, Karl Bremer, J. J. Haywood,… Es gab übrigens auch bei der SAP eine Abspaltung bzw einen Teil der keine Vereinigung mit der NP wollte, dieser konstituierte sich unter Charles Stallard als Dominion Party; der Name sagt Alles, Dominion war Südafrika damals in Bezug auf Grossbritannien, so wollte man sich definieren. Stallard ist in London geboren. An dieser Stelle: Es gibt eine afrikaanse Bezeichnung für die englischsprachigen Weissen, “Soutpiel”, was etwa “Salzpimmel” bedeutet… Das erklärt sich aus der “mangelnden Verwurzelung” dieser Volksgruppe in Südafrika, ist ein Bild für jemanden der mit einem Bein in Afrika steht, mit dem anderen in Europa oder Australien (wohin viele dieser ausgewandert sind), das (salzige) Meer dazwischen
  28. Hertzog war von 1924 bis 1939 Premier, also 15 Jahre (für NP und UP), mehr als jeder Andere; Smuts brachte es auf 14 Jahre an der Macht, Vorster auf 12, L. Botha auf 9, Verwoerd auf 8, P. Botha (er ausserdem 5 als Präsident) & Malan auf 6,…
  29. “Wiedergegründete NP”
  30. Zwischenschritt war dabei anscheinend die Gründung einer Volksparty, also die Organisation der Abspalter unter Hertzog, bevor sie sich mit der GNP zusammen schlossen
  31. Dabei ging es um die Haltung zu Nazi-Deutschland bzw dem Kriegsgegner GB, zu den englischsprachigen Weissen im Land, zur Aufnahme von Juden als Mitgliedern. (Pro-)Nazi-Organisationen der Afrikaaner in Südafrika wie die Ossewabrandwag (OB) standen also nochmal klar rechts von GNP und HNP, es gab aber auch Verbindungen – etwa dass der spätere NP-Chef (und Premierminister) Johannes Vorster in der OB aktiv war
  32. Und “Wähler” war in Südafrika auch damals praktisch gleichbedeutend mit “Weisse”
  33. Fouché wurde 1968 (vom Parlament) zum Staatspräsidenten gewählt, um Eben Dönges nach zu folgen (der gewählt wurde, aber starb, bevor er das Amt antreten konnte), wurde der einzige südafrikanische Staatspräsident, der seine 7-jährige Amtszeit voll ableistete (bis 1975 eben). Er wurde erst 2006 von Thabo Mbeki als längst amtierender Präsident Südafrikas “überholt”, dieser hat seine zweite Amtszeit dann nicht ganz “zu Ende gebracht”, trat etwa ein halbes Jahr vor Ende zurück. Ganz ähnlich war es bei Jacob Zuma, der Dönges also auch überholt hat. Den Parlamentssitz, der durch die Wahl von Fouché zum Staatspräsidenten vakant geworden war, gewann 68 übrigens H. Jacobus Coetsee
  34. Ob er unter Vorster wirklich zwei Ministerposten gleichzeitig inne hatte, wer sein Stabschef als Präsident war bevor Steward dies 1992 wurde, was er glaubt wann Südafrika wieder einen “weissen” Präsidenten haben wird, und was seiner Meinung nach der Grund ist, dass die grosse Mehrheit der Afrikaaner zur DP bzw DA gegangen ist und nicht zur VF/FF
  35. De Klerks Urgrossvater, der genannte Van Rooy, war, 1950-53, Rektor der Potchefstroom-Uni; Marike Willemses Vater war Professor dort; und letzter Rektor der 1869 gegründeten Uni war Theuns Eloff, Theologe, nun Direktor der FW De Klerk-Stiftung; 04 wurde die Uni mit 3 anderen vereinigt, zur North-West University
  36. Der Coup in Portugal 1974 führte zur Demokratisierung dieses Landes und zur Unabhängigkeit von seinen fünf Afrika-Kolonien, wovon sich Portugiesisch-Ostafrica (Mocambique) und Portugiesisch-Westafrika (Angola) in der Nachbarschaft der Republik Südafrika befanden (nur Mocambique ist direkter Nachbar). Das Ende eines europäischen faschistoiden Systems bedeutete für Apartheid-Südafrika eine Katastrophe; Vorster und Botha liessen in Angola und Mocambique direkt (Angola 70er & 80er) und indirekt (UNITA, RENAMO) intervenieren
  37. Ähnlich wie sie die UP-Regierungen praktiziert hatten; die UP musste zu Apartheid-Zeiten auch auf das Afrikaaner-Elektorat schielen, dort etwas zu gewinnen, war die einzige Möglichkeit, aus der “ewigen” Oppositionsrolle heraus zu kommen. In gewisser Hinsicht erinnert das an die Situation der jetzigen Democratic Alliance, die so etwas wie die Partei der Nicht-Schwarzen geworden ist, aber ein wenig auf “schwarze” Anliegen schauen muss, wenn sie dem ANC einigermaßen Konkurrenz machen will..
  38. Suzman war Abgeordnete 1953–1989, für UP, PP und PFP. Davon 1961-74 als einzige der PP. Die Abspaltung war zwischen den Wahlen 58 und 61. Als sich die PFP 89 als DP (Democratic Party, selten Demokratiese Party) umorganisierte, zog sie sich aus der Politik zurück. Oppositionsführerin war sie nie, denn als die PFP zweitstärkste Partei wurde, war Colin Eglin ihr Chef, wie auch schon der von der PP
  39. 1989 wurden die Beiden durch die Gründung der DP quasi wieder vereinigt
  40. Im hier bereits angesprochenen Buch “Die Kultur der Niederlage” von Schivelbusch gibt es ja das Kapitel über die Südstaaten der USA, in dem er die Haltung von Nord- und Südstaatlern zur Sklaverei und Afro-Amerikanern behandelt. Woraus hervor geht, dass die Dinge etwas komplexer sind als angenommen, die Nordstaatler/Yankees nicht unbedingt die “Freunde” der Afro-Amerikaner waren. Manches davon trifft auch auf andere “Dreiecksbeziehungen” zu, wie Aschkenasen-Mizrahis-Palästinenser (bzw Araber generell) und Buren-Briten-Schwarze in Südafrika. Was Südafrika betrifft, die Afrikaaner (Eigenbezeichnung mit einem a) haben in der Regel eine stärkere Verbindung mit Afrika, wovon ja auch ihre Eigenbezeichnung zeugt (oder die Vermischungen mit Nichtweissen). Und weniger Distanz zu den “Schwarzen” in Südafrika und generell. Im anderen Segment der weissen Bevölkerung war/ist man nicht immer so fortschrittlich, wie es scheint. Es gab da einen Witz, die englischsprachigen (grossteils britisch-stämmigen) Weissen wählten P(F)P, aber dankten Gott dass die “Nats” (NP) an der Macht waren. Ein rassis(ti)scher Überlegenheitsgedanke war auch bei der globalen Ausbreitung der Angelsachsen immer dabei, auch jener im südlichen Afrika
  41. Wenn Kräfte die nichtrassische Demokratie woll(t)en, als “linksextrem” gebrandmarkt werden bzw mit Linksextremen zusammenarbeite(te)n, dann sei diese Ehre der extremen Linken gewährt. Das gilt auch für die Hilfe die die SU den Gegnern der Apartheid zukommen liess. Natürlich versucht jemand wie Michael Stürmer, das umzudrehen, das Apartheid-Regime hätte nur auf die SU reagiert
  42. 1977 trat zB Apartheid-Premier Johannes Vorster bei einer Veranstaltung seiner NP in Pietermaritzburg auf, sagte dass Afrikaans- und Englisch-sprechende Weisse gemeinsam bis zum letzten Mann kämpfen würden, um ihr Land und das Christentum zu verteidigen… Auch in Ländern wie Österreich waren Viele (auch solche, die sich als Christen sahen) der Meinung, dass die Weissen dort zu Recht über die Schwarzen herrschten
  43. Die International Society for Human Rights (ISHR), menschenrechte.de
  44. “…Engagement gegen barbarische Strafen wie Steinigung und für Glaubensfreiheit auch nichtchristlicher Gruppen”
  45. Siehe etwa hier. Und die USA wurde damals von John Kennedy geführt. Dirk Pohlmann hat gesagt: “Wäre der Freie Westen in etwa gewesen, was er zu sein vorgab, hätte er Hammarskjöld als Geschenk des Himmels betrachtet”. Oder Patrice Lumumba, Mohammed Mossadegh, Jacobo Arbenz,… Nicht unterschlagen werden sollte auch die Rolle von ehemaligen Nazis und Faschisten auf westlicher Seite im Kalten Krieg, ihre Wieder-Verwendung durch die USA und andere Staaten, oftmals auch bei der Stützung neuer Diktaturen. So wie der Gestapo-Mann Klaus Barbie
  46. Theologen zieht es in Südafrika anscheinend auch häufig in die Politik, zumindest findet man solche unter Apartheid-Führern (Malan war Geistlicher, Verwoerd Theologe und Psychologe) und -Nostalgikern (Carel Boshoff), wie auf der Gegenseite (Frank Chikane, Makhenkesi Stofile, Allan Boesak,…)
  47. 1960 wurde Luthuli der Friedensnobelpreis zugesprochen. Die Behörden des Apartheidregimes liessen ihn aber nicht ausreisen zur Entgegennahme, erst ein Jahr später konnte er mit seiner Frau nach Oslo reisen
  48. In der Provinz Natal, wo Englischsprachige unter Weissen die Mehrheit stellen, gab es eine “Nein”-Mehrheit. Dass UP-Führer Graaff mit der Begründung zum “Nein” aufrief, mit dem Commonwealth einen Schutz gegen “Communism and hot-eyed African nationalism” zu haben, sagt Einiges über diesbezügliche “Relativität” aus. Die PP war auch gegen den Austritt
  49. Swart war 5 Jahre alt, als der “zweite Anglo-Buren-Krieg” ausbrach; er wurde mit seinen Geschwistern und seiner Mutter im Konzentrationslager in Winburg interniert. Sein Vater kämpfte und wurde gefangen genommen. Während des Aufstands von 1914/15 war er Lehrer, wurde von den Briten gefangen genommen und der Absicht beschuldigt, sich den Rebellen anzuschliessen, sollte hingerichtet werden
  50. Als Nachfolger des genannten Fouché
  51. Auch Makeba konnte Anfang der 1990er infolge von De Klerks Reformen nach Südafrika zurückkehren, wie Oliver Tambo, Joe Slovo und viele Andere
  52. Dass es innerhalb einer Familie unterschiedliche politische Präferenzen gibt, kommt vor, auch in Familien von Politikern oder Staatsführern. Die De Klerk-Brüder waren nicht so weit auseinander, auch nicht Thabo und Moeletsi Mbeki (Brüder), Nelson und Makaziwe Mandela (Vater und Tochter), aber eben doch etwas. Gerald Morkel machte, vereinfacht gesagt, sein ganzes Leben Politik gegen den ANC, sein Sohn Kent wurde für diesen aktiv. Rian Malan ist anders gepolt als sein Grossonkel und Breyten Breytenbach anders als sein Bruder. Wilhelm Verwoerd, der beim Tod seines Grossvaters 2 Jahre alt war, stellte sich gegen die Familie und die Apartheid. Ein “dramatischer” Fall ist auch der von Hasan Cemal, Enkel von Jungtürken-Führer Cemal (Dschemal, Jemal) Pascha, einem hauptverantwortlichen für die spätosmanischen Deportationen und Massaker an den Armeniern – er engagiert sich für türkische Aussöhnung mit Armeniern, war ein Freund von Hrant Dink. Bei Nachfahren von Nazi-Führern kamen/kommen “Distanzierungen” dieser Art öfters vor, aber sie folgen der allgemeinen deutschen Politik
  53. Jeweils durch Vereinigungen mit neu-gegründeten Kleinparteien
  54. Ausser Mocambique und Namibia sind alle Nachbarn Südafrikas britisch gewesen; Angola hat keine Grenze mit ZA, grenzt aber an das damals südafrikanisch besetzte Namibia
  55. Mit Pseudostaaten wie Transkei, Katanga, Biafra,… hatten auch anti-afrikanische Rassisten im Westen eine Freude
  56. Wie auch schon aus Kenya, Sambia oder Angola nach der Unabhängigkeit. Nicht unbedingt handelt(e) es sich dabei um Apartheid-Verfechter, Neil Aggett aus Kenya bezahlte mit seinem Leben für den Kampf gegen die Apartheid; auch unter den von anderswo gekommenen Weissen gab es solche
  57. Und zum Ende der politischen Karriere von Mulder, der als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf die Nachfolge von Vorster (als Premier und NP-Chef) gegolten hatte
  58. In Südafrika, wo die Wirtschaft auf die Bodenschätze (Gold, Diamanten, Uran,…) aufgebaut ist!
  59. Diese Änderungen wurden 1983 beschlossen und traten 1984 in Kraft; 1981 waren bereits der Senat sowie das Amt des Vizepräsidenten abgeschafft worden
  60. Wobei sich die Definition dessen immer wieder verschoben hat
  61. Die Antwort wurde von seiner Tochter Zindziswa verlesen, “What freedom am I being offered while the organisation of the people (ANC) remains banned? Only free men can negotiate. A prisoner cannot enter into contracts.”
  62. Bemerkenswert war höchstens, dass sein Aussenminister Roelof “Pik” Botha im Nachgang anmerkte, dass Südafrika eines Tages einen schwarzen Präsidenten haben könnte…er erlebte das dann nicht nur, er war dann sogar Minister unter einem solchen
  63. Heute aufgeteilt auf Gauteng, Limpopo, Mpumalanga, und einen Teil von North West
  64. L. Botha, Smuts, Strijdom, Verwoerd, Vorster kamen ebenfalls aus Transvaal, Malan und P. Botha aus der Kapprovinz, Hertzog aus dem Oranje Freistaat; kein weisser Regierungschef kam aus Natal
  65. Aus der östlichen Kapprovinz, einer der “Soutpiels” in der NP (die “normalerweise” aus Natal  kamen), wie Horwood, Bartlett, Worrall, Camerer oder der Spion Williamson, der sich ja auch in der Politik versuchte
  66. Die Agenden des Sports dürften bei seinem Ministerium gewesen sein
  67. Es gab auch welche von weissen Geschäftsleuten sowie von der weissen Opposition mit ANC-Vertretern
  68. So “locker” auch die letzten Jahre seiner Gefangenschaft waren, so “schlimm” waren die ersten Jahre, auf Robben Island/Robbeneiland
  69. Zumindest hätte sie auch bei den Mandaten unter die absolute Mehrheit kommen können, und dann eine Koalition eingehen müssen, und da wäre die KP wahrscheinlicher gewesen als PFP/DP. Irgendwann sind auch die SVP in Südtirol und die CSU in Bayern in eine solche Situation gekommen
  70. In den antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden
  71. Daneben war Strauss auch ein Apologet Pinochets, besuchte diesen 1977
  72. Generalstabschef, dann Verteidigungsminister als Nachfolger Bothas
  73. Teil Angolanischer Bürgerkrieg und der ZA-Grenzkriege
  74. Dabei hätte es nach/mit Cuito Cuanavale auch ganz anders weitergehen können, wären düstere Alternativszenarien denkbar gewesen, Eskalationen bis hin zum Einsatz von Atomwaffen durch Apartheid-Südafrika, das sich im Schatten (v.a.) des Angola-Krieges Nuklearwaffen zugelegt hat
  75. 1994 wurde ein Verfassungs-Gerichtshof geschaffen, 2001 wurden die Ämter des Präsidenten des Verfassungs-Gerichtshofs und jene des Oberrichters vereint
  76. Vielleicht war schon der Staatsbesuch bei Kenneth Kaunda ein solches Zeichen. Leon Wessels, der unter De Klerk Vizeminister, dann Minister wurde (in verschiedenen Ressorts), berichtete später von einem Treffen von De Klerk (und einigen Politikern) mit dem Generalstab der SADF (unter Johannes Geldenhuys) in einer Militärbasis im östlichen Transvaal, in der Zeit nach seinem Amtsantritt, also noch 1989, aber nach den Protestmärschen. Auch da bot De Klerk den Generälen die Stirn, so die Erzählung, brach mit Bothas Linie
  77. Jene im August, zum amtsführenden Präsidenten, war im Parlament in Kapstadt, jene im September vor/in den Union Buildings in Pretoria
  78. Vor den versammelten Parlaments-Kammern, Spitzen des Staates, früheren Präsidenten, ausländischen Diplomaten,… Bis 1961 wurde diese Rede vom jeweiligen Generalgouverneur gehalten, im Namen des (britischen) Monarchen. Der britische König George VI. eröffnete das Parlamentsjahr bei seinem Staatsbesuch 1947 persönlich. Der Brauch wurde auch in Post-Apartheid-Zeit fortgesetzt; bei der diesjährigen Präsidenten-Rede von Cyril Ramaphosa gab es ja die Störungen der (wie immer rot gekleideten) EFF-Abgeordneten, wegen der Anwesenheit De Klerks, nach dessen TV-Interview mit Aussagen zur Apartheid. Wobei De Klerk nach seinem Abgang aus der Politik oft bei dieser State of the Nation Address of the President of South Africa/ Staatsrede van die President van Suid-Afrika anwesend gewesen ist, in der Besuchergalerie
  79. Bis zum Sommer 1990 haben alle Staaten des Warschauer Paktes frei gewählt, Bulgarien als letzter
  80. Auch kommunistische Staaten ausserhalb des SU-Bündnissystems gingen in diese Zeit als solche unter, ob Jugoslawien oder Mongolei. Andere, wie die VR China oder Cuba, machten weiter
  81. Sommer dort
  82.  Reservation of Separate Amenities Act/ Wet op aparte gerieven
  83. “…or because they committed another offence which was merely an offence because a prohibition on one of the organisations…”
  84. Darunter war auch die rechtsextreme Afrikaaner-Organisation Die Blanke Bevrydingsbeweging
  85. Der weissen Kammer
  86. De Klerk selbst sagte Jahre später, man habe Leute während seiner Rede nach Luft schnappen gehört, besonders bei der Ankündigung der Aufhebung des Verbots von ANC, PAC, SACP, MK
  87. Einige Synoyme für “pragmatisch”: praktisch, nützlich, bequem, zweckmäßig, gut zu gebrauchen,…
  88. Mandela schreibt, De Klerk und die anderen Anwesenden wollten mit ihm am Ende des Gesprächs anstossen, mit einem Gläschen einer Spirituose; da er keine starken Alkoholika trank, habe er so getan, als würde er davon trinken
  89. Und Louis Pienaar natürlich, letzter südafrikanischer Administrator über Südwestafrika/Namibia, ausserdem De Klerks Minister. Er übergab gewissermaßen an die Regierung von Samuel Nujoma (SWAPO), die auf Grundlage der Wahlen von 1989 zu Stande kam
  90. Generalsekretär
  91. Der (1961 gegründete) MK löste sich nach der Kampf-Einstellung nicht auf, das war auch nicht vereinbart worden, er ging 1994 in den südafrikanischen Streitkräften auf
  92. KwaZulu als Einheit mit weniger Selbstverwaltung wurde ’70 vom Apartheid-Regime geschaffen
  93. Dazu: Laurence E. Piper: The Politics of Zuluness in the Transition to a Democratic South Africa. Politologie-Dissertation Cambridge University 1998 (Englisch)
  94. Dabei ging es um die Instrumentalisierung von traditioneller Führerschaft und Partikular-Nationalismus (in diesem Fall der Zulus), wie es auch anderswo gehandhabt wurde, wie von der USA gegen die “Indianer”
  95. Die Apartheid beruhte ja auf der Aufteilung der Nicht-Weissen in Inder, Farbige, Schwarze – und diese wiederum in die einzelnen Völker. Und wenn jedes dieser Völker ein Homeland bekommen hat, müssten ja eigentlich Alle zufrieden sein, oder? So etwas gibt es immer wieder, im Kontext von Besatzung und Kolonialismus. Die Briten versuchten in Indien, Hindus und Moslems gegen einander auszuspielen, die Franzosen Berber gegen Araber in Algerien, die Israelis die Palästinenser, gegenüber dem Iran wird Entsprechendes auch schon versucht,… Wenn Apartheid-Befürworter alle Schwarzen so respektiert hätten wie jene, die sich gegen die allgemeinen Interessen der Schwarzen stellten, wäre der Konflikt dort eigentlich gelöst gewesen. Im Congo (Kongo) setzten die Europäer nach der Unabhängigkeit auf Tshombe und die von diesem versuchte Sezession von Katanga, die Amerikaner auf Mobutu und eine Militärherrschaft über das Land
  96. Für jene Leute, die zB in der Nacht von bewaffneten Uniformierten abgeholt wurden, konnte von “Sicherheit” keine Rede sein, im Gegenteil. Mandela wurde zumindest damals als „kommunistischer Terrorist“ diffamiert, von Leuten die selbst Terror ausübten oder diesen guthiessen
  97. Nicht unähnlich wie bei Erdogan, nachdem dieser Ministerpräsident geworden war
  98. Als Mandela 1994 Präsident wurde, war es in mancher Hinsicht auch so, er wurde allmählich eingeweiht, in Einzelheiten diverser Militär-/Geheimdienst-/Spezialpolizei-Projekte; das betraf auch Minister von ANC oder IFP
  99. Afrikaans: Buro vir Staatsveiligheid (BSV)
  100. Engelbrecht hier: “…according to De Klerk ‘the weapons were never intended for actual use and they were never deployed militarily or integrated into the country’s military doctrine. In essence, the weapons were the last card in a political bluff intended to blackmail the US or other Western powers’ in the face of a Soviet onslaught. While De Klerk’s assertion may be true, many have and will refuse to accept it; believing instead the apartheid state would happily have incinerated any number of Africans to keep the Afrikaner in power.”
  101. Wobei auch schon Smuts (SAP, UP) war ein grosser Zionist war, nicht weniger als sein Nachfolger Malan
  102. Buthelezi war Anfang der 1990er auch noch Mal in Israel…
  103. Übrigens, wenn jemand glaubt, Mandela wird von Allen geschätzt, in Südafrika und anderswo, „Al“ Venter ist einer von jenen, die das nicht tun. Leute (Afrikaaner/Buren) wie er oder Johann Wingard lehnen gleichzeitig ihn und De Klerk ab
  104. Von einer NP-Mehrheit im “weissen” Parlament; also auf dem selben Weg, auf dem sie eingeführt worden waren
  105. Sandton und Alexandria dürften heute nicht viel anders ausshen, nur das jetzt auch einige Schwarze in den Villen in Sandton leben
  106. Für diese war ja schon Botha eine Art Verräter der Afrikaaner, einer der den Nicht-Weissen weit entgegen kam…
  107. Boshoff musste damit leben, dass ein Sohn Selbstmord begangen hatte und Verwoerd-Enkel Wilhelm Verwoerd (sein Neffe) sich dem ANC anschloss
  108. Erinnert an Israel, wenn es Drusen, “israelische Araber”, Beduinen, Christen,… aus dem palästinensischen Kontext herauslösen will; oder wenn es (A. Shaked,…) von der Unterstützung der Unabhängigkeits eines Kurdistans redet – nachdem man jahrzehntelang gewissermaßen mit der Gegenseite zusammengearbeitet hat, der kemalistischen Türkei
  109. KwaZulu hatte andere Meereszugänge, aber keinen echten Hafen
  110. Gut, gegen militante Anti-Apartheid-Aktivisten, die es unter Weissen vereinzelt gab, ging man schon “militant” vor
  111. Im 2. WK waren diese “Protester” nationalsozialistisch eingestellt, wie auch die AWB nun
  112. Die Frage lautete: “Ondersteun u die voortsetting van die hervormingsproses wat die Staatspresident op 2 Februarie 1990 begin het en wat op ‘n nuwe grondwet deur onderhandeling gemik is?” (Afrikaans) bzw “Do you support continuation of the reform process which the State President began on 2 February 1990 and which is aimed at a new Constitution through negotiation?” (Englisch)
  113. Die Herstigte Nasionale Party warb beim Referendum natürlich für ein “Nein”, u.a. mit dem Spruch “Stoppt De Klerk und Mandela. Wählt Nein”…Die HNP hatte bei der letzten Apartheid-Wahl 0,2% (der Weissen-Stimmen) bekommen, 1981 aber über 14% (ohne Sitze zu erringen)
  114. In mancher Hinsicht ähnelt dieses Referendum jenem in Chile 1988 über Verlängerung/Beendigung der Pinochet-Diktatur
  115. Da, wo es um eine gesamt-südafrikanische Sache ging, wurde die erste Sprache Englisch (statt Afrikaans), ein Fingerzeig für die Zukunft
  116. Wenn er Afrikaans nicht gut gelernt hätte, wäre er zu Apartheid-Zeiten aber nicht in diese Position gekommen
  117. War letzter Parlamentspräsident der weissen Parlaments-Kammer, Verteidigungsminister, Administrator der Kapprovinz
  118. “Wenn es um unsere eigenen Interessen geht, sind wir sehr praktisch veranlagt; doch wir zeigen uns als Idealisten, sobald es um die Interessen der anderen geht” (Khalil Gibran)
  119. Rian Malan (s.u.) hat Nachforschungen zum Boipatong-Massaker angestellt, vertritt/vertrat eine Alternativ-Theorie, es sei dort in Wirklichkeit anders zugegangen
  120. Etwa wenn Michael Stürmer über das Nuklearwaffenprogramm des Apartheid-Regimes spricht
  121. Wenn man es so sehen will, verbindet das Afrikaaner und Schwarze (Afrikaner) in Südafrika. Nelson Mandela (Muttersprache isiXhosa) in seiner Autobiografie “Der lange Weg zur Freiheit” (1994) über den Auftritt Smuts’ (Muttersprache Afrikaans) am Fort Hare 1940 (siehe Fussnote): “Ich erinnere mich, dass der Akzent, mit dem er Englisch sprach, fast so armselig war wie mein eigener.”
  122. Ein Weisser, natürlich…
  123. Wobei Einheit zwischen den beiden weissen Gruppen auch einen besonders schlimmen Rassismus bedeuten können
  124. Tourismus war jenes Ressort, das Marthinus van Schalkwyk dann in einer ANC-Regierung bekam…
  125. Er wurde später Botschafter
  126. Entspricht in etwa der heutigen Provinz Mpumalanga
  127. Es hatte auch einmal eine weisse LP gegeben
  128. Aus den “unteren” (nicht-weissen) Kammern des letzten Apartheid-Parlaments gingen ja nicht Wenige zur NP – sobald das ging. Aus der weissen Kammer (House of Assembly/ Volksraad) sollen 5 Abgeordnete der DP und einer der NP zum ANC gegangen sein
  129. Und ihre noch radikalere Abspaltung, die Afrikaner Volksunie (AVU)
  130. Ungefähr 2 Wochen später starb ausserdem Oliver R. Tambo, der langjährige Exilführer des ANC, eines natürlichen Todes. Tambo war so etwas wie die Vergangenheit des ANC, Hani seine Zukunft
  131. Als ob diese Nicht-Weissen etwas Substantielles gegeben hätte und nicht die Rassenhierarchie “einbetoniert” hätte
  132. Am 7. Mai 93 fand eine Versammlung weisser (burischer) Rechter (hauptsächlich Bauern) in einem Rugby-Stadion in Potchefstroom (damals westliches Transvaal) statt, die Menge war aufgebracht; Vizeminister „Tobie“ Meyer (Bruder von “Roelf”) wurde niedergeschrien, Viljoen kam von den Zuschauerrängen zum “Rednerpult”, wurde zum “Führer” akklamiert, mit „Lei ons“ („Führ uns“)-Sprechchören. Im Anschluss daran wurde  die AVF gegründet, mit Viljoen,dem ehemaligen DMI-Chef “Tienie” Groenewald, “Cobus” Visser (SAP),…
  133. Anders als im österreichisch-deutschen Modell hatte der Präsident Exekutivgewalt, keine repräsentative Funktion, keinen Regierungschef unter sich
  134. De Klerk sagt, er hat in seiner Politikerpension Israel/Palästina besucht und den Israelis gesagt, “‘wenn ihr das Land wirklich teilen wollt, müsst ihr zuerst die Siedlungen aufgeben, die ganz offensichtlich in einem Gebiet liegen, das Teil des palästinensischen Staates ist.’ Sie machten die selben Fehler wie sie Weissen in Südafrika, das Land aufzuteilen und zu viel für sich selbst zu behalten”
  135. Später auch die UCDP, als Nachfolgerin der BDP aus Bophuthatswana
  136. Für Andere war aber Mandela der Umstrittene… Im Jahr darauf hatten mehr Menschen bezüglich der Verleihung des Preises an Yassir Arafat Bedenken als bzgl Rabin und Peres
  137. Der Film “The Other Man” (s.u.) enthält auch ein Interview mit Marcia Khoza, dessen Mutter direkt/indirekt von Eugene de Kock getötet wurde
  138. Ein Kirchenbesucher, Mitglied dieser Gemeinde, Charl van Wyk, hatte eine Handfeuerwaffe dabei und schoss auf die Angreifer, die dann flohen. Er schrieb später ein Buch über das Ereignis, wurde Schusswaffen“rechts“aktivist – versöhnte sich öffentlich mit den Tätern von der APLA
  139. APLA-Kommandant Letlapa Mphahlele übernahm ausserdem die Verantwortung für den Befehl dazu, in seinem Amnestiegesuch vor der TRC. Er sagte, er hat die Tötungen weisser Zivilisten autorisiert, nachdem die Transkei-Armee Schulkinder in Umtata getötet hatte
  140. Südafrikanische Rechtsextremisten hatten die Biehl-Eltern kontaktiert, um den Tod ihrer Tochter für ihre Propaganda auszuschlachten, diese sagten aber vor Ort aus und setzten sich für eine Begnadigung ein… Zwei der Vier arbeiten inzwischen für ein Bildungszentrum der Amy-Biehl-Stiftung in Kapstadt
  141. Im Gegensatz zum ANC distanzierte sich der PAC vom Kommunismus, auch weil er ihn als eine nach Afrika importierte Ideologie sah
  142. Erinnert an die islamistischen Mujahedin in Afghanistan, die (noch) in den 1980ern vom Westen gegen “den Kommunismus” unterstützt wurden
  143. Auch in seiner Autobiografie “Mense van my asem” oder in einem offenen Brief an Julius Malema. Hofmeyr steht der VF+ nahe
  144. 3 “Typen” sind zu nennen: Unabhängige schwarzafrikanische Kirchen wie die Zion Christian Church , die niederländisch-reformierten Kirchen, und Kirchen wie Anglikaner oder Methodisten, die von den Engländern ins südliche Afrika gebracht wurden. Nur in dieser letzten Kategorie von Kirchen treffen sich Schwarze und Weisse
  145. Die niederländisch-reformierten Kirchen waren aber für den Übergang von der Apartheid zur Demokratie: www.scielo.org.za/pdf/she/v40n2/07.pdf
  146. Bzw jene, die am Ende in die Verhandlungen einstiegen
  147. In der Victoria & Alfred Waterfront in Kapstadt gibt es seit 05 einen Nobel Square/ Nobelplein, mit Statuen der 4 bisherigen südafrikanischen Friedens-Nobelpreisträger; hier ein Bild davon, von Fritz Joubert, der auf der französischen Wikipedia aktiv ist, für die ausgezeichneten Artikel mit Südafrika-Bezug dort verantwortlich ist
  148. Weil die Nobelpreis-Vergabe das weisse Weltsystem wiederspiegelt, auch bzgl Wissenschaft und Anerkennung/Unterstützung Friedens-Bemühungen? Oder weil es das fortgeschrittenste Land Afrika ist?
  149. Prostitution und Glücksspiel waren vor dem Hintergrund der “Prüderie” der Afrikaaner bzw des Calvinismus aus Südafrika weitgehend ausgelagert, und zwar in Sun City im Homeland Boputhatswana (das ja nicht als Teil Südafrikas galt), dort waren auch Rassenschranken aufgehoben
  150. Hinzu kam dann Jacobus „Koos“ van der Merwe aus dem Oranje Freistaat, der 1977 für die NP ins Parlament gewählt wurde, 82 KP-Mitgründer war; er wechselte vor der Wahl 94 von der KP zu IFP, wurde dort dann Fraktionschef. Er trat ’14 als längstdienender Abg. (37 Jahre) ab, war immer gegen den ANC
  151. In der AVF gab es auch “Diskussionen” darüber, ob man die afrikaans-sprachigen Mischlinge willkommen heissen sollte, wenigstens sie als ebenbürtig akzeptiert…
  152. Zugeständnisse des TEC (De Klerk, Mandela,…) und der Independent Electoral Commission (IEC) waren u.a. die Zusicherung des Namens “KwaZulu-Natal” für die zu schaffende Provinz (statt “Natal”)
  153. Möglicherweise waren sie auch zur KP gewechselt, wie der Grossteil der Verwoerd-Familie, oder zur VF
  154. Die Africa Muslim Party war beste jener Parteien, die “draussen” blieben
  155. Für den ANC im Parlament waren u.a. Brian Bunting, der 1953 seinen Sitz im Parlament aufgeben musste, eine Enkelin von Mochandas “Mahatma” Gandhi (der ja in Durban gelebt hatte eine Zeit), die Witwe von Chris Hani, die Frau von Verwoerd-Enkel Wilhelm (Melanie, er war auch im ANC)…Hendrik Verwoerd war ja 1966 in diesem Parlament getötet worden
  156. Gebaut 1910-13, vom britischen Architekten Herbert Baker geplant, die 2 Flügel sollten die 2 weissen Gruppen repräsentieren
  157. Ganz: https://www.youtube.com/watch?v=t3OrcQ18JtY
  158. Heribert Adam: One thing that has not so far been explained is why apartheid’s leading victims have not been preaching revenge. The ANC’s Barbara Masekela, who has spent most of her exile in the US, has highlighted a crucial difference between American and South African blacks: ‘The average black South African is not alienated,’ and South Africa lacks the US racial polarisation. South African blacks have been subjugated but not conquered spiritually. They can relate to their oppressors as equals. Mandela’s demeanour and discourse display a pride and self-confidence that equal those of his oppressors. He even learned their despised language – but not to gain entry as a colonised subject. Black consciousness, as a sense of identity that has rid itself of the inferiority complex of an internalised slave mentality, has reaffirmed a genuine non-racialism among black activists of all political strategies. There is no counter-racism among blacks. This universalism, this transcendence of narrow group thinking, is something the South African Government has experienced for the first time. It was the precondition for a remarkable moderation.
  159. Auch die Polizei (bislang “SAP”) wurde nach diesem Muster umgestaltet, hiess fortan “SAPS” (South African Police Service)
  160. Zum Abschluss der Zeremonie wurde die Hymne gespielt, bzw die beiden, die bisherige “Die Stem van Suid-Afrika” und die neu hinzugefügte “Nkosi sikelel iAfrika”; 94 bis 97 waren diese beiden Lieder nebeneinander Hymnen Südafrikas, wurden meist (ganz) hintereinander gespielt, ehe eine kombinierte Version geschaffen wurde. Damals also noch weniger Vereinigung und Harmonie, viel Hinter-/Nebeneinander, auch bei der Nationalhymne
  161. In den Jahren davor hatte die Gefahr eines Bürgerkriegs zwischen Anhängern dieser Parteien bzw ihrer “Milizen” bestanden
  162. Der englische und der deutsche Wikipedia-Artikel über Mandelas Kabinett (die GNU) weisen viele Fehler auf, bei der Zuordnung der Ressorts und Anderem. Der französische ist stimmiger
  163. Die unter ihm umstrukturiert wurden, 1995/96
  164. Alternative wäre Govan Mbeki gewesen, Vater von Thabo, der nun Coetsees “Vize” wurde
  165. Havel wurde im Jänner 89 bei Unruhen beim Jan-Palach-Gedenken letztmals verhaftet; kam im Mai frei; dann bald ein Besuch (in seinem Haus in Hradecek) von Adam Michnik u.a. ehemaligen polnischen Dissidenten, die nun Abgeordnete waren, für die Solidarnosc, nachdem dort teil-frei gewählt wurde. In Polen gab es auch eine Machtteilungsregierung, unter Mazowiecki, 89/90, aus Solidarnosc, KP (PZPR), Blockparteien, mit Jaruzelski als Präsident. Im Herbst 89 der Umsturz in der CSSR, „Havel na Hrad“ hiess es, im Nov/Dez die Machtübergabe dort, und Havel kam tatsächlich in die Prager Burg, Sitz des Präsidenten. Mandela ist auch einer jener Politiker/Aktivisten, die dämonisiert und kriminalisiert wurden, dann aber Anerkennung und Macht bekamen (ihre Anliegen setzten sich durch), dazu gehört zB auch George Washington
  166. Nelson Mandela hat in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ (1994, mit R. Stengel) auch über seine Kindheit geschrieben, als Sohn eines Häuptlings der Thembu (einem Stamm der Xhosa) in Qunu, nach dem Tod des Vaters dann die Übersiedlung nach Mqhekezweni, der Residenzstadt des Thembu-Königs…„Meine späteren Vorstellungen von Führerschaft wurden grundlegend beeinflusst durch meine Beobachtungen des Königs und seines Hofes.“ Wobei er sich von traditionellen Führerschaft dann abwandte, nach seiner relativ behüteten Kindheit und Jugend, während seiner Politisierung beim Studium in Alice und Johannesburg
  167. Stals war im August 89 ernannt worden, nach dem Tod von Gerhard(us) de Kock. In den 1940ern, 1950ern kamen, im Zuge der Apartheid, in diesen südafrikanischen Staats-Institutionen (statt englischen Weissen) meist Afrikaaner an Spitze (die der NP nahe standen oder ihr angehörten, auch dem AB); mit dem Ende der Apartheid dann nach und nach Schwarze (die dem ANC nahestehen/angehören). Stals wurde 1999 von Tito Mboweni (zuvor Arbeitsminister unter Mandela) abgelöst, dieser 09 von Gill Marcus…
  168. War Mitgründer der österreichischen Anti-Apartheid-Bewegung, gründete das SADOCC
  169. 02 in die AU umgewandelt
  170. Ein neues Verhältnis zu Afrika und der Welt
  171. Und das hauptsächlich durch jenen Mann, der in der Apartheid-Zeit die Atomwaffen des Apartheid-Regimes international thematisiert hatte, Abdul Minty; er kehrte 1995 aus GB nach Südafrika zurück, wurde Südafrikas Vertreter im Gouverneursrat der IAEA/ IAEO in Wien
  172. Ob Mobutu bei Mandelas Amtseinführung in Pretoria war, war nicht zu eruieren
  173. Beide Hutus
  174. Die so genannten Kata-Belges machten etwa 2% der Bevölkerung Katangas aus, zu wenige für eine “südafrikanische Lösung“ (Minderheitenherrschaft, nach Abtrennung); daher setzten sie (und Belgien) auf Baluba-Evolues wie Tshombe (CONAKAT), die man den Sezessions-Versuch durchführen liess
  175. So sind Niederländisch-Kenntnisse in der DR Congo praktisch nicht existent. Das Holländische im Congo (und Ruanda-B/urundi) wurde von der belgischen Kolonialverwaltung auch deshalb “zurückgehalten”, weil es die belgischen Siedler dort gewissermaßen geteilt/ gespalten hätte
  176. Die sich auch etwas umwandelten, im Namen, in der Programmatik,…
  177. Vom ANC gab es auch viele Abspaltungen. Natürlich gab es auch in der Endphase der Existenz der (N)NP Abgänge, zu DP/DA, UDM, ANC,…
  178. Ein Schwarzer, der Bürgermeister von Kapstadt in der Post-Apartheid-Zeit war
  179. Hartzenberg rechtfertigte das ggü südafrikanischen und internationalen Sympathisanten der Partei (bzw ihrer Ausrichtung) damit, dort habe es einen anderen Rahmen als bei den Wahlen 1994 gegeben, die Teilnahme bedeute keine Anerkennung des neuen Südafrikas, es sei wie das Antreten bei der Wahl zur Bauern-Vereinigung
  180. Wobei diese Partei Marike De Klerk nicht lange überlebte, sie ging 03/04 in der VF auf
  181. Sie sind inzwischen getrennt
  182. Bis ihr Vater 1998 zum dritten Mal heiratete, die ehemalige First Lady von Mocambique. 2014 wurde “Zindzi” südafrikanische Botschafterin in Dänemark. 2019 hat sie einige sehr “starke” Meldungen “getwittert”, über bzw gegen die Weissen Südafrikas (wobei Tiara der Anlass, der Kontext, nicht bekannt ist), sowie Preisungen von Malema. Ganz gegen das Erbe ihres Vaters. Sie wurde von Aussenministerin Pandor dafür gerügt
  183. Mandela zog in Libertas ein, nannte die Präsidenten-Residenz in Pretoria in Mahlamba Ndlopfu um. Die Union Buildings sind Amtssitz des Präsidenten in Pretoria. Das Tuynhuys ist Büro/Amtssitz des Präsidenten in Kapstadt; Residenz/Wohnsitz des Präsidenten in Kapstadt wurde unter Mandela Genadendaal, Groote Schuur wurde Museum
  184. A propos: In Südafrika gibt es auch eine griechische Diaspora, diese waren zu Apartheid-Zeiten und danach auf beiden Seiten des “Zauns”, bei der NP, ebenso wie beim ANC, zu finden
  185. Gab es den Film, weil dieses Wirken sein wichtigstes war, oder sind seine Bemühungen rund um die WM deshalb in Erinnerung, weil es den Film gab?
  186. Wie gesagt, gelegentlich wird Mandela auch vorgeworfen, diesbezüglich zu weit gegangen zu sein. Jedenfalls hat sich Mandela reichlich um Versöhnung zwischen Schwarzen und Weissen bemüht, nicht nur als Präsident. Als solcher auch mit seiner Personalpolitik, in der er Weissen/Afrikaanern über das vereinbarte Bleiben des Staatspersonals entgegen kam
  187. Wobei diese Volksgruppen dann nochmal zerfallen; die südafrikanischen Inder zB nach Religionen (Hindu, Moslem, Christ, Sikh, Parse, Jain,…), Volks-/Sprachgruppen (Arier-Drawiden und weitere Bestimmungen), Kasten und Wohnort (Kapstadt-Durban-Johannesburg…)
  188. Nebenbei: Zu Apartheid-Zeiten wäre es auch für Farbige oder Inder unmöglich gewesen, Oberhaupt (Administrator) einer Provinz oder Bürgermeister einer grösseren Stadt (oder vieles Andere) zu werden…
  189. 1991 brachte die Kommission ihren Bericht heraus, nach dem Vorsitzenden benannt. Der Valech-Bericht war gewissermaßen die Fortsetzung dieser Arbeit
  190. Neben Tutu waren übrigens noch 2 weitere schwarze christliche Geistliche in der TRC
  191. hsf.org.za/publications/focus/issue-11-third-quarter-1998/what-the-trc-wont-tell-you
  192. Aber anscheinend gab es da etwas. Von Laurence kam 1990 ein Buch über die Todesschwadronen des Apartheid-Regimes heraus
  193. Bei seinem Erscheinen gab es „Viva De Klerk“-Rufe aus dem Publikum
  194. “Vergangenheitsbewältigung in Südafrika: Die südafrikanische „Wahrheits- und Versöhnungskommission“, siehe Literatur-/Linkliste
  195. Theissen kritisierte auch die Stellungnahme des ANC bei der TRC: “Die ANC-Darstellung vergangener Menschenrechtsverletzungen übersteigt zwar qualitativ in vieler Hinsicht die Stellungnahme von de Klerk. Statt einer umfassenden Aufdeckung der eigenen Verbrechen wurde jedoch der zweifelhafte Versuch unternommen, jede Menschenrechtsverletzung so weit in den Kontext von äußeren Zwängen und Situationen zu stellen, daß die ANC-Stellungnahme sich wie eine verkrampfte Entschuldigung liest, nicht jedoch wie ein Bekenntnis zu den Menschenrechtsverletzungen, die der ANC selber zu verantworten hat.”
  196. www.justice.gov.za/trc/media/1997/9705/s970514a.htm
  197. Ramaphosa zog sich nach der Ausarbeitung der neuen Verfassung zurück aus der Politik, 97 trat er auch als ANC-Generalsekretär ab, ging ins Geschäftsleben
  198. Bei diesem ANC-Parteitag in Mafikeng schockierte Mandela Manche mit harscher Kritik an manchen Weissen für einen “Mangel an Zusammenarbeit und Reziprozität”
  199. Siehe www.youtube.com/watch?v=RSMxshYgZKE . Buthelezi blieb ja bis 04 Innenminister, und auch unter Präsident Mbeki und Vizepräsident Zuma kam derartiges vor
  200. Die Oppositions-Führer in Südafrika: Jameson, Smartt (beide Unionist Party), Hertzog (NP), Smuts (SAP), Madeley (Labour Party), Malan (GNP), Hertzog, Malan (beide HNP), Smuts (UP), Strauss (UP), Graaff (UP), Cadman (NRP), Eglin, Van Zyl-S. (beide PFP), Treurnicht, Hartzenberg (beide KP), 94-96 Viljoen (VF/FF), 96-97 De Klerk (NP), 97-99 Van Schalkwyk (NP/NNP), 99-07 Leon (DP/DA), seither Andere von der DA, deren parlamentarische Führer, z Zt Steenhuisen. Am längsten in dieser Rolle war DV Graaff, dahinter Malan (34-40 & 40-48), Smuts (24-33), Smartt (12-20), Leon (99-07), v. Zyl-S (79-86), Treurnicht (87-93), Strauss (50-56),… Suzman und Zille waren nie Oppositionschefs
  201. Sein Nachfolger wurde Mosiuoa Patrick “Terror” Lekota
  202. Kurzhose
  203. Aber das hatte De Klerk auch getan
  204. In einem Buch des deutschen Rechtsextremisten Claus Nordbruch, in dem der Palette der burischen Rechten (KP, HNP, BSP,…) eine Bühne gegeben wird, wird die (N)NP als “links” eingestuft, und auch die VF kritisiert
  205. Es scheint, dass sie “parlamentarische Führerin” war und „Sakkie“ Pretorius Chief Whip, also Fraktionschef, ihr unter geordnet
  206. Und früheren Transkei-Herrscher
  207. Aufgrund der damaligen Regelungen verloren Beide aufgrund des Parteiwechsels ihre Sitze im Parlament
  208. Vater Peter NP-Minister, Botschafter, in Übergangsjahren Partnerschaft mit Farbiger. 1998 Vater & Sohn in UDM
  209. Die sie bei den Trecks errichteten, wenn sie Rast machten
  210. Wie auch die Frau von DP-Chef Leon
  211. Booysen schreibt, dass diese Vororte überwiegend weiss waren/sind, unterscheidet aber nicht zwischen Afrikaanern und Englischsprachigen
  212. Er blieb ja politisch aktiv, auf verschiedenen Ebenen, fast bis zu seinem Tod, aber eben nicht bei Wahlen
  213. Mandelas Abschiedsrede: www.youtube.com/watch?v=l2DUjE2RldI
  214. Damals schrieb ein Lester Venter “When Mandela Goes”, ein Stück Polit-Fiction oder Dystopie; darin spaltet sich der ANC, und der linksradikale Teil (organisiert als African National Labour Party / ANLAP) obsiegt und führt Südafrika in den Abgrund…
  215. Dort gab es 94-04 3 Premiers von der IFP, der erste Wechsel kam in der ersten Legislaturperiode
  216. Im ANC hatte sich durch Mandela eine Art südafrikanischer Nationalismus gegen eine schwarzen Nationalismus durchgesetzt
  217. Der mit seiner ZANU mit dem ANC verbündet (gewesen) war, auch mal gegen eine weisse Minderheitenherrschaft gekämpft hatte, diese durch eine Kombination aus Guerilla-Kampf, Verhandlungen und Wahl “zu Fall” brachte, das Nebeneinander von Schwarz und Weiss nach dem “Übergang” 1980 ziemlich lange Zeit funktionierte,…
  218. In Apartheid-Südafrika kamen solche Parteiwechsel vor, v.a. in der Spätzeit, in allen 3 Parlamentskammern. Im Post-Apartheid-Südafrika waren solche Übertritte von Abgeordneten (auf nationaler, provinzialer, kommunaler Ebene) umstritten, da nun indirektes Wahlrecht bevorzugt wird, Politiker also in erster Linie über Parteilisten gewählt werden. Vor diesem Hintergrund war der Parteiwechsel von Mandataren von 94-02 verboten (in einer Bestimmung der Übergangsverfassung) bzw war mit Mandatsverlust verbunden. DP und NNP machten 2001, zur Zeit ihrer Allianz, einen Vorstoss, dies zu ändern. Ohne den ANC war/ist natürlich keine Verfassungs-Änderung möglich, und dieser war damals dagegen. Als er bald darauf aber selbst in einem Bündnis mit der NNP war, änderte sich das. So war 02-09 eine Gesetzesregelung in Kraft, wonach “Floor crossing” unter bestimmten Umständen erlaubt war (2x in einer Mandatsperiode, zu bestimmten Zeiten,..). Im ANC, der im Endeffekt von solchen Übertritten am meisten profitierte, änderte sich Ende der 2000er-Jahre die Mehrheits-Meinung dazu; auf der Partei-Konferenz in Polokwane 07 wurde beschlossen, die diesbezügliche Gesetzgebung wieder zu ändern. Das geschah 08 und 09 war die Änderung in Kraft, seither ist Parteiwechsel für Mandatare wieder mit Manadatsverlust verbunden. Siehe zB www.africaportal.org/publications/floor-crossing-and-its-political-consequences-in-south-africa
  219. Er war später in der Nasionale Aksie (NA) aktiv, die aus der Afrikaner Eenheidsbeweging (AEB) entstand (bzw als Abspaltung von ihr). Während die AEB in der Vrijheidsfront (VF) aufging (bzw sich mit ihr und anderen zur VF+ vereinigte), blieb die NA separat
  220. Andere in den Jahren des Bündnisses NNP-ANC, also vor dem Anschluss
  221. A. Fourie blieb der NNP treu bis 04, machte den Anschluss an den ANC nicht mit, ging dann zur VF
  222. Vom Garten seines Hauses in Fresnaye hatte er (oder hat er, falls er noch immer dort lebt) einen Blick auf Robben Island, wo Nelson R. Mandela 18 Jahre seiner Gefängnisstrafe verbringen musste. Ob ihn das kalt lässt oder “heiss” macht, ist nicht bekannt
  223. Für Manche ein weiteres Beispiel für Gewaltkriminalität von Schwarzen an Weissen. Doch betrifft diese Kriminalität Schwarze noch mehr als Weisse. Ein anderes prominentes Opfer war Model Reeva Steenkamp, ’13 erschossen, von ihrem Lebensgefährten Oscar Pistorius (dem gehandicapten Läufer), in der gemeinsamen Wohnung, irrtümlich wie er sagte
  224. Nach den grossen Drei (ANC, DA, IFP) kamen 04 neun Parteien mit 1 bis 9 Mandaten, bzw von 2,3% abwärts
  225. KwaZulu-Natal ist dagegen seit damals in der Hand des ANC (04 wurde Sibusiso Ndebele Premier), die Provinz mit ihrer demografischen Komposition aus Zulus, Englischsprachigen und Indern. In der Provinz Natal (KZN minus das Homeland KwaZulu) hatte sich auch die NP schwer getan, weil die Afrikaaner dort unter den Weissen eine Minderheit sind. Dort dominierte die UP oder Parteien die ihrem Schoss entkrochen, wie die PFP. Und beim Republiks-Referendum 1960 gabs in dieser Provinz an der Ostküste ein klares “Nein” zum Durchtrennen der Bande mit GB. KwaZulu-Natal ragte einige Zeit in Wahl-Landkarten hervor, wie Natal früher, jeweils aufgrund der demografischen Situation
  226. Dann wurde er Botschafter
  227. Marthinus van Schalkwyk, Carl Greyling, André Gaum, Carol Johnson, Francois Beukman, “Johnny” Schippers
  228. Die erste südafrikanische Wahl seit der Gründung der ersten NP 1914/15, zu der die NP, als solche oder unter den “Aliassen” GNP, HNP, NNP, nicht antrat
  229. Der Grossteil der 20% von 94, der Grossteil der 7 % von 99, und auch der > 1,5% von 04
  230. 2008 wurde eine neue NP gegründet, im Westkap, von Leuten mit Hintergrund hauptsächlich in einer National People’s Party (NPP). Diese neue NP bekannt(e) sich zu einem demokratischen, nichtrassischen Südafrika. Eine Wiederbelebung der alten NP war also gar nicht beabsichtigt
  231. Sie weist Ähnlichkeiten mit CSU, Lega dei Ticinesi und Scottish National Party auf. Aber auch Unterschiede zu diesen Parteien. Zur SNP etwa, dass die IFP keine Sezession mehr will, zur LdT, dass diese nur in einem Kanton antritt
  232. Auch er hatte enge Beziehungen zu Israel…wo das Apartheid-Regime war, war Israel nicht weit
  233. Die Tswana Südafrikas sind hauptsächlich in der Provinz Nord-West, auch das Homeland ist weitgehendst darin aufgegangen
  234. Beide können auch als ANC-Abspaltungen gesehen werden
  235. www.youtube.com/watch?v=B4X5V5X2ZcI
  236. Und Platz 3, vor der Inkatha
  237. Der britische „Spectator“ spekulierte schon 06, dass Johannesburg nicht “fit” für die Fussball-WM 10 sei, zeigte auf den Aufstieg von Jacob Zuma
  238. Was weisse Beobachter Mbeki ankreide(te)n war/ist etwas Anderes als Schwarze ihm in der Regel ankreid(et)en, siehe Abschnitte über DeKlerk-Äusserungen und über das gegenwärtige Südafrika
  239. Pierre de Vos: “Fact is that the DA is between a rock and a hard place. If it really wanted to confront its image of being a party for whites, a party that arrogantly exudes the values of white superiority, it will have to confront the deeply embedded notion of white superiority that so many of its current voters (and some of its public representatives) fearfully cling to in order to retain the sense that they are essentially decent human beings. It is never easy to admit that one is not as decent as one would have liked.”
  240. Die Journalistin Christine Qunta, früher bei der SABC: „Westkap ist letzte weisse Kolonie Afrikas“. Was auf Zilles Provinz-Regierung “gemünzt” ist. Zille hat einmal gesagt, es kämen aus der angrenzenden Provinz Ostkap “Flüchtlinge”, wegen besserer Bildungsmöglichkeiten. Auch Aussagen wie diese (die unter Anderem impliziert bzw nahe legt, dass Ostkap “Ausland” ist) prägen das politische Klima des Landes
  241. “It is up to all South Africans, irrespective of race or colour, rich or poor, to take what God had given to the country and to ensure that children would look back at this time and say that those were the years when South Africans came together, grasped the opportunities and made the country great.”
  242. Mit der Entstehung von COPE nach dem Mbeki-Rücktritt glaubten ja Viele, dass dieser Auseinanderfall eingetreten sei
  243. Seine Vorgängerzeitung “Weekly Mail” wurde 1988 wegen Kritik an der Apartheid-Politik unter PW Botha verboten. Nicht nur der “schwarze” “The Sowetan” wurde drangsaliert, auch weisse Zeitungen. Aufgrund diverser Gesetze. Wie auch das “Vrye Weekblad”, das in der Spätzeit der Apartheid Menschenrechts-Verbrechen des Regimes aufdeckte
  244. Muss man das so interpretieren, wenn man “Privilegien“ der Weissen antastet, dann bliebe diesen nichts Anderes, als zu emigrieren?
  245. Zu dieser Zeitung, siehe hier
  246. Es kommt nur eine Relativierung dazu, dass er zu lange im Gefängnis gewesen sei
  247. Zum Beispiel in den Städten, bei der Verwaltung der Bodenschätze,…
  248. Tschechen/Slowaken (bzw Tschechien/Slowakei) haben sich mit 1. 1. 1993 (nach Beschlüssen im Sommer/Herbst 1992) getrennt, vielleicht auch (nur) deshalb, weil die Premierminister der Teilstaaten, Klaus und Meciar, dies für ihre politische Dominanz in ihren Ländern als am günstigsten sahen. Jemand, der es wissen muss, sagte, Tschechisch und Slowakisch sind ungefähr so weit auseinander wie Wienerisch und Vorarlbergerisch; aber es gibt unterschiedliche historische Prägungen, ein Gefühl der Benachteiligung bei Slowaken,… Jedenfalls, in der Hauptsache geschah die Trennung im gegenseitigen Einvernehmen und bedeutete nicht, dass Tschechen darüber hinaus über Slowaken bestimmten oder umgekehrt!
  249. “And it was in an era when also in America and elsewhere and across the continent of Africa, there were still not this realization that we are trampling upon the human rights of people. So I’m a convert.”
  250. “…my people, whose self-determination were taken away by colonial power in the Anglo Boer War. That’s how I was brought up.”
  251. “But the intention was to end at a point which would ensure justice for all. And the tipping point in my mind was when I realized we can never bring justice through this route. We need to embrace a new vision of one united South Africa.”
  252. Etwas fragwürdig ist auch die Formulierung: “What we need is for the ANC alliance to split.”
  253. Oder soll man sagen: er tat sie damit ab? Der Befund ist ja nicht ganz falsch, aber was ist daraus zu schliessen?!
  254. Wobei im Südafrika-Diskurs im Zusammenhang mit Fehlern des ANC praktisch immer das Ende der Apartheid in Frage gestellt wird, der Kampf dagegen, die Ausdehnung des Wahlrechts auf Alle,…
  255. Siehe oben, die Stelle über den Kampf Mandelas gegen die Apartheid
  256. Siehe edition.cnn.com/2012/05/16/world/africa/south-africa-de-klerk/index.html
  257. Und nicht, weil sie gescheitert sei oder ihre Auswirkungen schlimm waren
  258. Was aber wieder Einiges ausser Acht lässt…
  259. Unter dem Video mit der “Klarstellung” zur Apartheid finden sich unappetitliche Kommentare von Afrikaanern. ZB “‘Boesman hand….vat my land’….thats de Klerk’s legacy.” > “Buschmann Hand … nimm mein Land”, er hätte das Land den “Buschmännern” gegeben, was wohl ein Synonym für Schwarze sein soll. Wobei die San ebenso wie die Malaien und Andere die als “Farbige” klassifiziert wurden/werden, ja immer gegen die “Bantu” ausgespielt wurden und werden. Da zeigt sich wieder, dass er kein Held für echte Apartheid-Apologeten/Nostalgiker ist, ganz im Gegenteil!
  260. Der Vergleich mit Gorbatschow hat auch viel für sich, siehe unten
  261. Ex-DA-Chef Tony Leon, inzwischen Südafrikas Botschafter in Argentinien, kritisierte die EFF-Ausfälligkeiten im Parlament, aber auch die Aussagen De Klerks
  262. Etwa der Journalist Max du Preez
  263. Ihn als den darzustellen, der die Apartheid abschaffte, wäre doch etwas zu vereinfacht; auch deshalb, weil er lange “genug” in ihr mitgewirkt hat
  264. Wobei Afrikaans im demokratischen Südafrika als Bildungs-, Medien-, Wirtschaftssprache ohnehin sehr stark ggü Englisch verloren hat. Es wurden Erinnerungen wach an die Proteste 1976 gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache für Schwarze, hauptsächlich in Soweto, ihre “Niederschlagung”
  265. Siehe auch Verweis auf das Schivelbusch-Buch
  266. 1896 musste Rhodes deshalb nach 6 Jahren als Premierminister der Kapkolonie zurücktreten, seine Koalitionsregierung mit dem burischen Afrikanerbond (nicht zu verwechseln mit dem Afrikaner Broederbond) war zerbrochen
  267. Die Niederlande begannen mit Kolonialismus, als sie erst im Begriff waren, sich aus der Oberherrschaft Spaniens zu lösen (unter die sie durch die habsburgische Heirats- und Erbpolitik gekommen war), in der frühen Neuzeit (16./17. Jh), mit der VOC (Asien, Ozeanien, Afrika) und der WIC (Amerika). Das Kap Afrikas war für die VOC wichtig für den Weg nach und von Niederländisch-Indien (Indonesien) und für den Sklaventransfer. Es gab kaum Ansiedlungen, Vermischungen, Missionierungen und „Staaten“gründungen (wie Neu-Spanien durch die Spanier). Die meisten Kap-Siedler/Holländer waren auch „Aussteiger“ aus dem Kolonialprojekt. Nachdem Indonesien nach dem 2. WK verloren ging, blieben den Holländern noch einige Besitzungen im Karibikraum. Was heute noch von einer NL-Kolonialvergangenheit zeugt, in kolonial zT niederländisch geprägten Ländern („Verwandtschapslanden“), sind v.a. Ortsbezeichnungen: in Südafrika gibt es davon Viele, auch wenn manche nach der Apartheid rückgängig gemacht wurden, ausserdem zB „Mauritius“, „(New) Zealand“, „Harlem“, „Tasmania“. Daneben NL-Kreolsprachen (wie Afrikaans) und Überreste der Kolonialwirtschaft. An Nachfahren von Siedlern in früheren NL-Kolonialbesitzungen sind neben Südafrika v.a. die USA zu nennen; Nieuw Nederland (mit dem heutigen New York) war bereits im 17. Jh an die Engländer verloren gegangen, die Roosevelt-Familie stammt von einem Claes van Rosenvelt ab, der um 1640 nach Nieuw Amsterdam auswanderte. Die Niederländisch-Stämmigen in der USA sind aber in erster Linie Nachkommen von späteren Auswanderern (in das britische Kolonialprojekt dort oder die unabhängige USA)
  268. Es waren wie erwähnt Franzosen, Deutsche, Portugiesen,… in VOC-Zeiten mit dabei
  269. Es gab vor diesen Voortrekkern schon die Treckburen (Trekboers), die zu Zeiten der VOC-Herrschaft und an ihrem Ende in’s Landesinnere zogen, sich unabhängig machten, ungefähr im Gebiet der heutigen Provinz Westkap
  270. Es kamen dann noch einige Abspaltungen hinzu
  271. Liz Fawcett schrieb in ihrem Buch “Religion, Ethnicity and Social Change” (2000) ein Kapitel über die Parallelen zwischen Afrikaanern und den britischen Siedlern in Nord-Irland/Ulster (“Under Siege: A Brief History of Afrikaners and Ulster Presbyterians”). Aus einer “speziellen Warte” mit den Afrikaanern auseinander gesetzt hat sich auch Terence McNamee, in seiner Dissertation in Internationale Beziehungen an der London School of Economics and Political Science aus 2003 (bei Christopher Coker), “Afrikanerdom and Nuclear Weapons: A Cultural Perspective on Nuclear Proliferation and Rollback in South Africa”. Ausserdem Einiges dazu in der Literatur-/Linkliste
  272. Noch nicht mit Canada vereinigt
  273. Es geht bei “schwarzen” Vorwürfen ihm ggü nicht zuletzt um das, was während des Abbaus der Apartheid in seinen Präsidentenjahren ablief, die Unterstützung von gewalttätigen IFP-Anhängern
  274. Siehe oben
  275. Und ihren Verbündeten…
  276. Zu Wingard auch in diesem Artikel Einiges
  277. Rebecca Davis im “Daily Maverick” darüber
  278. Zu De Kock und seinen Beschuldigungen ggü De Klerk oben
  279. Wobei nationale Erinnerungspolitik ohnehin in der Regel fragwürdigen Menschen Ver-ehr-ungen zukommen lässt, ob Washington, Atatürk oder Ben Gurion
  280. Wie gesagt, “Sicherheit” ist als Bezeichnung für diesen Tätigkeitsbereich ein Hohn; genaue Bezeichnung des Ministerium war “…für Gesetz und Ordnung”. Es gab (und gibt) daneben ein Innenministerium, dem aber die Polizei nicht unterstand/untersteht
  281. Ausserdem letzter Chef des weissen Ministerrats
  282. Sie hat dann während Israels “Rasenmähen” im Gaza-Streifen 08/09 “interkonfessionelle” Gebete für Israel organisiert
  283. Für die man noch internationalen Druck und Sanktionen berücksichtigen muss
  284. Ex-Vizepräsident Schlebusch starb 08, Ex-Präsident M. Viljoen 07. Zu den noch lebenden hohen Offiziellen aus der Apartheid-Ära gehören Adriaan Vlok, (Eu)gene Louw, Bhadra Ranchod, Barend du Plessis, David de Villiers, „Kraai“ van Niekerk, (Da)niel Barnard, Roel(o)f Meyer, Abraham Williams, Leon Wessels, Tertius J. Delport (22 Jahre Abgeordneter für mehrere Parteien, Vizeminister unter De Klerk und Mandela); Mangosuthu Buthelezi war das gewissermaßen auch
  285. Der ihr erster Mann war, der erste Präsident von Mocambique, der bei einem Flugzeugabsturz 1986 getötet wurde, hinter dem auch das Apartheid-Regime vermutet wurde/wird
  286. Jenes in Südafrika war das “nur” für einen Teil der Bevölkerung
  287. Anfang 1991 zeigte er seine Bereitschaft dazu, im Baltikum…
  288. Michail Gorbatschow trat am 25. Dezember 1991 als Präsident der Sowjetunion zurück, erklärte das Amt für aufgelöst. Am nächsten Tag erklärte sich das sowjetische Parlament, der Oberste Sowjet, für aufgelöst und anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten (darunter Russland). Gorbatschow verlor seine Macht weil sich der Staat, dessen Präsident er (gewesen) war, auflöste; oder anders herum: sein Rücktritt war einer der Schritte, die diesen Staat auflösten
  289. Es gab schliesslich hier wie dort innere Konflikte im Regime zwischen Hardlinern und Reformern, und Suarez war Teil des Regimes, Borbon nicht. Demnach wäre Mandela die Entsprechung zum König
  290. Wobei die Verfassung von 1996 ja auf dem Verhandlungsabschluss von 1993 aufbaute
  291. In Ventersdorp erhoben sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen
  292. Zu den Rechten, die es sich über die Unabhängigkeit hinaus zusichern liess, war das auf Atomwaffenversuche in der algerischen Sahara
  293. Auch wenn Viele in den Jahren seither ausgewandert sind, man kann diskutieren, warum, weil sie ihre privilegierte Stellung gefährdet sahen oder weil sich tatsächlich etwas Negatives für sie aus der Demokratie ergab
  294. Und auch Moïse Tshombé aus dem Kongo, der Herrscher der Provinz Katanga, landete ja in Algier/ دزاير . Die Belgier und Franzosen hatten auf ihn gesetzt, die US-Amerikaner aber auf Mobutu, und nachdem sich der durchsetzte, ging Tshombe (wieder) nach Franco-Spanien… Von dort wurde er unter ungeklärten Umständen nach Algerien gebracht. Die anti-kommunistische Obsession und die Kurzsichtigkeit konservativer Politiker im Westen…und was sie in den Jahren des Kalten Kriegs weltweit so brachte
  295. Für die Leute in der DDR gab es 57 Jahre keine freien Wahlen (1933 Reichstag, 1990 Volkskammer); in Spanien waren es 41 Jahre (36-77), in Russland 76 (17-93), in Ägypten 61 (50-11/12), in Brasilien 24 (62-86),…
  296. Aber eine andere “Ossi” stieg dann zur Macht auf
  297. Man kann diese letzte DDR-Regierung aber auch mit der Regierung der nationalen Einheit in Südafrika vergleichen
  298. Deutschland und insbesondere Berlin wurde ja Brennpunkt des Kalten Kriegs, und das südafrikanische Militär (UDF damals) nahm an der westlichen Luftbrücke in der ersten Berlin-Krise 1948/49 teil. Danach wandte sich Südafrika (unter den Apartheid-Regierungen) von diesem anglo-dominierten Westen ab, wobei sich das Apartheid-Regime (paradoxerweise?) ihm doch zugehörig fühlte und sein Walten in Südafrika und in Afrika daraus erklärte… Das alte Südafrika (von Smuts & Co geprägt) endete nach dem 2. WK und die beiden deutschen Staaten BRD & DDR “begannen” zu dieser Zeit. Die Wende in der DDR wirkte sich dann auf dieses Apartheid-Südafrika aus. Und die BRD, von den Anglo-Mächten bald nach dem Krieg zum Verbündeten gemacht, aber nicht “soweit”, ihr eigene Atomwaffen zu gestatten, half diesem Südafrika bei dessen Atombomben. Beide Staaten waren auch Verbündete von Israel. Dann ist in diesem Zusammenhang natürlich Südwestafrika/Namibia zu nennen, das deutsche “Kolonie” war, nach dem 1. WK bis 1990 südafrikanisch verwaltet wurde. Noch früher kamen die ersten deutschen Einwanderer nach Südafrika, an der Seite der Holländer, Namen wie Botha oder Van Rensburg zeugen davon
  299. Er wurde in den 1980ern geschrieben, würde zeitlich in die letzten ein oder 2 Jahre dieses Jahrzehnts passen
  300. Übrigens, ein Spielfilm, in dem De Klerk dargestellt wird, ist „Mandela and De Klerk“ (1997), hauptsächlich über den Verhandlungsprozess, mit “Michael Caine” (Maurice Micklewhite); Morgan Freeman spielte Mandela
  301. Siehe dazu den Artikel von Stephen Chan in “Defense Analysis” 5:4 (1989), “The strategist in isolation: The case of Deon Geldenhuys and the South African military”
  302. Der genannte Wingard hat in einem “Interview” für “globalpolitician” (ein Online-Magazin, das so gepolt ist wie er) eine andere Prophezeiung genannt, von einem Wiets Beukes, in dem der ANC und die Schwarzafrikaner die Schuldigen am Scheitern Südafrikas sind (das “den Weg aller afrikanischer Staaten“ geht), nicht verstockte Afrikaaner wie er, Wingard. Er hat ja, s.o., auch die Atomwaffen des Apartheid-Regimes vorgebracht. Jedenfalls, 1988 hätte der Angola-Namibia-Krieg statt zu einem Abkommen auch zu einer Eskalation mit Atomwaffeneinsatz des Apartheid-Regimes führen können
  303. Mark Bould: “Overall, it is one of those oddly racist anti-racist books, reiterating that old nonsense about British colonialism being more benevolent and efficient than that of other European nations.” Keppel-J. starb übrigens 1996 (in Canada), in dem Jahr in dem die Post-Apartheid-Verfassung fertig ausgearbeitet war
  304. Der Kalte Krieg ist darin auch noch nicht zu Ende, Eugène Terre’Blanche ist Präsident Südafrikas, Mandela starb auf Robben Island und FW de Klerk ist noch immer im Gefängnis, dafür versucht zu haben, das Apartheid-System zu beenden
  305. Einen Gewaltausbruch herbeiführen, auf den man dann “reagieren” kann
  306. ZB bei einem Gelingen des Putschversuchs gegen Gorbatschow im Sommer ’91
  307. In geringerem Maß dann noch in Westafrika (Nigeria, Senegal,…), dann Ostafrika (Kenya,…), Zentralafrika (zB Kongo), Nordafrika
  308. Wobei die Haltungen zur Apartheid unterschiedlich ausgeprägt waren
  309. In Namibia war/ist es etwas anders. Afrikaner gibt es auch in Zimbabwe, Zambia,… Dort waren sie aber noch weniger in einer Führungsrolle
  310. Nelson Mandela bei seiner Angelobungsrede 1994: “Never, never and never again shall it be that this beautiful land will again experience the oppression of one by another and suffer the indignity of being the skunk of the world.”
  311. Es gibt etwa Portugiesen: solche die sich in Zeiten der Kolonialherrschaft der Niederländer diesen anschlossen und unter den Afrikaanern asimiliert wurden (nur noch Familien-Namen erinnern daran, wie bei den französischen Hugenotten und Anderen); und solche die aus Angola oder Mocambique kamen, hauptsächlich am Ende der dortigen portugiesischen Kolonialherrschaft, also etwa 200 Jahre später – diese haben es eher geschafft (bislang), ihre nationale Identität zu bewahren. Die Irisch-Stämmigen sind ihre Entsprechung dazu bei den Englisch-Sprachigen: teilweise sind sie assimiliert, teilweise bewahrten sie eine eigene Identität. Die Juden Südafrikas werden auch teilweise als Untergruppe der englischsprachigen Weissen gesehen
  312. Mit der “Zwischenstation” 1910
  313. Die oft eine geringe(re) Verwurzelung im Land hatten, Alfred Milner und Leander Jameson sind nicht die einzigen von ihnen, die in Südafrika weder geboren noch gestorben sind
  314. Die Briten kontrollierten die Wirtschaft, und das war (und ist) in erster Linie der Handel mit den Bodenschätzen (in erster Linie Gold), die Buren waren landwirtschaftlich geprägt
  315. Wenn man sich die Verhältnisse in anderen britischen Kolonien ansieht, bzgl Nicht-Weissen, ragt dies nicht heraus; man kann also nicht sagen, die Briten hätten wegen den Buren auf eine Besserstellung der Schwarzafrikaner, der Inder,… in Süd-Afrika “verzichtet”
  316. Nachdem sich HNP und AP 1951 zur neuen NP vereinigten
  317. Am Jahrestag der Schlacht am Blood River/ Bloedrivier/ Ncome, 1838, in der die burischen Voortrekker über Zulu-Truppen siegten, der in den Jahren der Afrikaaner-Dominanz in Südafrika Feiertag war, als Geloftedag
  318. Sein Onkel Strijdom war anscheinend besonders anti-britisch. Die ja rechts von der NP stehende KP war wiederum der angelsächsischen/anglokeltischen Welt ggü “freundlicher” gesonnen, dafür Nicht-Weissen ggü noch ablehnender. Der nationalistische britische Historiker Andrew Roberts verteidigt alle Grausamkeiten britischer Herrschaft, darunter auch die Konzentrationslager für Buren im Südafrikanischen Krieg und Masseninternierungen in Irland
  319. Also etwa 5 Jahre im neuen Südafrika
  320. Als es 1990 um die Freilassung politischer Gefangener ging, wies er darauf hin, dass es nach der Afrikaaner-Rebellion 1914/15 ebenfalls solche gegeben hat – um deren Freilassung man dann gekämpft hat… (1916 wurden diese Gefangenen zur nationalen Aussöhnung begnadigt)
  321. Der Volkstaat-Rat (Volkstaat Council) war 1994-99 aktiv, damit länger als die TRC, staatlich finanziert. Seine Errichtung war ein Zugeständnis an die weisse Rechte gewesen, wurde der VF vor der Wahl 94 zugesagt. Der Rat sollte die Möglichkeiten eines Volkstaats, eines weissen Homelands, in Südafrika auslooten, war rein mit Befürwortern einer solchen Idee besetzt. Darunter waren Frau und Sohn von Carel Boshoff (Orania)
  322. “…De La Rey, Sal jy die Boere kom lei?…”
  323. James Hertzog war bereits 1913 aus der SAP und der Regierung ausgetreten, war 1914 neutral, gründete dann die NP
  324. Die eigentlich da waren, um die Foster-Bande zu fangen
  325. Neben den anderen Generälen Maritz, Kemp, De Wet,…
  326. Bzw, der ärmeren, ländlicheren. Jene (Afrikaaner), die Villa, zwei Autos, vielleicht Auslands-Wohnsitz haben, sind eher bei der DA
  327. Entworfen nach Vorbild der niederländischen bzw der VOC-Flagge, mit einem orangenen Streifen oben statt einem roten
  328. 1995 von der AVF registriert
  329. Die End Conscription Campaign lief von 83-94, es gab Überschneidungen mit der Anti-Apartheid-Bewegung; die Wehrplicht wurde mit der Apartheid abgeschafft, 1993. Zu Deserteuren/ Kriegsdienstverweigerungen in der SADF etwas in diesem Artikel
  330. Steve Hofmeyr hat Touren für solche Afrikaaner-“Expats” im weissen Ozeanien (Australien, Neuseeland) unternommen
  331. Premierminister Rudd stammt zB von Solchen ab
  332. Man findet gelegentlich Kommentare von (“weissen”) Australiern unter Youtube-Videos die mit Südafrika zu tun haben, in denen bedauert wird, dass dort (in Südafrika) eine Art Ausgleich zwischen Schwarzen und Weissen stattgefunden hat (oder auch, dass die “schwarze” Kultur nun auch angemessen in der Nationalhymne vertreten ist), wovon man in Australien weit weg ist
  333. Parallel dazu gab es eine Einwanderung von Schwarzafrikanern, von Ländern so weit nördlich wie Somalia. Die gegen sie gerichteten, fremdenfeindlichen, Ausschreitungen kamen von schwarzen Südafrikanern
  334. “Waiting for the Barbarians”
  335. Lucy will dann bleiben und das Kind austragen
  336. Etwas Ähnliches hat Ronald S. Roberts über Helen Suzman geschrieben
  337. Den auch De Klerk erhalten hat
  338. Dieser, vom östlichen Kap stammend, hat es weitgehend im Gefängnis gelernt, von Wärtern
  339. All diese afrikanischen, asiatischen, europäischen Gruppen haben Afrikaaner auch biologisch „eingeschmolzen“, s.o.
  340. Die grösste asiatische Volksgruppe in Südafrika
  341. Ein Buch speziell über die Kap-Mischlinge/Farbigen: Mohamed Adhikari: Not White Enough, Not Black Enough. Racial Identity in the South African Coloured Community (2005)
  342. Als erster Schwarzer
  343. 2019 waren auch die Kapitäne der Teams von 95 (Pienaar) und 07 (Smit) dort, in verschiedenen Funktionen
  344. Da gibt es den Anti-ANC-Film „Tainted Heroes“ aus 2016, vom Buren Yssel, über dessen „Aufstieg nach dem Soweto-Aufstand“, über necklacing,… So kommt Apartheid-Apologetik heutzutage in der Regel daher. Den Haupt-Darsteller, Katlego Chale, würden Leute wie Yssel nie als Nachbar wollen/akzeptieren, genau so wenig wie die Zionisten zB Mossab H. Yousef, die ihn für ihre Propaganda benutzen (die auch dort verkleidet als “ausgewogene Dokumentation” oder “Aufklärung” oder … daherkommt)
  345. Seit 2014 bildet der ANC erstmals Alleinregierungen; in die Regierung Zuma I war die VF+ mit einem Vizeminister eingebunden
  346. Südafrika hat 2006 als erstes afrikanisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. Die Opposition stimmte fast geschlossen dagegen, die DA stellte ihren Abgeordneten die Wahl frei; sie hat ja auch konservative Afrikaaner in ihren Reihen
  347. Für zwölf Prozent der weltweiten Platin-Produktion zuständig!
  348. Es begann mit Streiks für Lohnerhöhungen – in Australien ist der Lohn für solche Arbeiter 6x höher! Es setzte sich fort mit Kämpfen zwischen Anhängern der rivalisierenden Gewerkschaften NUM (COSATU) und AMCU, und mit Gewalt zwischen Streikenden und Polizisten
  349. Sie waren mit Macheten und Stöcken bewaffnet, waren aber weit weg von den Polizisten
  350. Der blutigste Polizeieinsatz seit dem Ende der Apartheid. Insgesamt sind bei dem Konflikt 44 Menschen ums Leben gekommen
  351. Siehe die “Freunde” von Katanga, Biafra, KwaZulu oder Süd-Sudan…oder jene, die die Massaker an den Ndebele in Zimbabwe unter Mugabe instrumentalisieren
  352. Was nach den Wünschen von Zuma war; Gegenkandidaten waren Matthew Phosa und “Tokyo” Sexwale
  353. Als Ramaphosa vor der Wahl 19 vor einer “Rückkehr der Buren” (an die Macht) “warnte”, sagte Malema, dieser sei einer der neuen Buren
  354. Die man als ANC-Abspaltung sehen kann
  355. Und noch weniger ist De Klerk ein Kandidat für eine Rückkehr in die Politik, wie De Gaulle oder Peron, die das nach Jahrzehnten “Pause” taten
  356. Bei der Feier zu De Klerks 80. Geburtstag hielt Steward eine Rede mit etwas Kontrafaktik: “What would the outcome have been had Abe Lincoln not become President of the United States in 1860? Would slavery have been abolished when it was? Would the South have seceded – would the Civil War still have taken place? What would have happened if Lord Halifax had replaced Neville Chamberlain in 1940 – instead of Winston Churchill? It was a very close call. He would probably have made peace with Hitler – and the whole subsequent history of the world would have changed. Consider the role played by Deng Xiaoping: after surviving the Cultural Revolution, he introduced the reforms that led to the greatest enrichment of the largest number of people in the shortest period in history – or Lee Kuan Yew who almost single-handedly fashioned Singapore into one of the most successful states in the world?”
  357. Sie hat auch ein Buch über Mandela geschrieben
  358. Es gibt ja Korrelationen zwischen Aussen- und Innenpolitik; die DA will auch nach Aussen eine andere Politik als der ANC
  359. Oder auch Äthiopien (mehr oder weniger einziger afrikanischer Staat der nicht ganz von weisser Macht unterworfen wurde), wo die Amhara nach den Territorialvergrösserungen unter Menelik II. gut 100 Jahre über diverse andere Völker herrschten

Grönland und der dänische Kolonialismus

Hier geht es um um Grönland (Grønland, Kalaallit Nunaat), daneben auch um die anderen, ehemaligen dänischen Kolonien, ein eher unbekanntes Thema. Grönland…Arktis, Eskimos, Wikinger, Kolonialismus, Klimawandel, Atomwaffen, Handball,… Die nordamerikanische Arktis (> Alaska, Nord-Canada, Grönland) wurde ja einst von Asien aus (seeehr lange bevor dieser Teil Asiens russisch wurde) bevölkert, in mehreren Wellen. Auf Grönland hauptsächlich die Küsten, da der grösste Teil der Insel mit Eis bedeckt ist. Die nordgermanischen Wikinger entdeckten Grönland von Skandinavien aus, nannten die Insel so, aber erst Jahrhunderte später wurde sie von dort aus in Besitz genommen, wurde schliesslich dänisch. Die Gebiete, die vom dänischen Überseereich noch übrig sind, Grönland und die Färöer-Inseln, haben längst Autonomie innerhalb Dänemarks. Das eigentliche Dänemark und die beiden Aussengebiete zusammen werden als Rigsenheden (Reichseinheit) oder Rigsfællesskabet bezeichnet. Bei Grönland ist mittlerweile auch die Unabhängigkeit ein grosses Thema!

Grönland ist mit über 2 Millionen km² viel grösser als das eigentliche Dänemark (Kern-Dänemark), 51 mal so gross1, Grönland macht fast 98% der Fläche von Gesamt-Dänemark (der Rigsenheden) aus (die Färöer 0,06%); bei der Bevölkerung ist es umgekehrt, da leben 98% in Kern-Dänemark. Grönland ist die grösste Insel der Welt, die nicht als Kontinent gilt, vor Neuguinea. Australien gilt als Kontinent, wie Eurasien, Amerika, Afrika, Antarktis – sind schliesslich auch nur grosse Inseln2. Grönland macht etwa ein Drittel der Fläche Australiens aus. Grösste Insel, die ein unabhängiger Staat ist, ist übrigens Madagaskar. Gesamt-Dänemark, also Dänemark mit Grönland und Färöer, ist das 12tgrösste Land der Welt, ein Rang den Grönland auch alleine einnehmen würde.

Nach dem Ende der letzten Eiszeit, vor circa 15 000 Jahren, gab es eine Landverbindung zwischen dem Nordosten von Asien/Sibirien und dem Nordwesten von Amerika (dem späteren Alaska). Über diese kamen, in mehreren Wellen, jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” oder auch “Eskimos” genannt wurden. Auch Tiere kamen. Sie wanderten weiter innerhalb des amerikanischen Raums, hauptsächlich an der südlichen Küste Alaskas entlang, Manche blieben im hohen Norden Amerikas bzw breiteten sich dort aus, im späteren Alaska, ins spätere Nunavut, und bis nach Grönland.3 Einwanderungs-Wellen von Paläo-Eskimos vom kontinentalen Nordamerika führten also auf (das heutige) Grönland, v.a. über Umingmak Nuna/Ellesmere Island in den Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat, von wo sie weiter wanderten.

Im Süden der Insel, um die im 18. Jh gegründete Siedlung Saqqaq, wo Einiges ausgegraben wurde, entstand eine Paläo-Eskimo-Kultur, ungefähr ab 2500 vC. Ein Überleben mit Treibholz, Steinen, Walrosselfenbein, Pelzen, Leder, Schamanismus. Neue aus Nord-Asien stammende Einwanderer brachten ab etwa 500 vC eine neue Kultur hervor, heute “Dorset-Kultur” genannt, nach dem Fundort in Nunavut, Canada. Die Menschen dieser Kultur brachten fortgeschrittenere Werkzeuge zu Stande, für die Jagd,… Die im Norden Amerikas (Grönland gehört auch zu Amerika…) gebliebenen oder dort gewanderten nord-asiatischen/sibirischen Völker bilde(te)n also ineinander übergehende bzw zusammen hängende Kulturen, im Arktis-Raum. Dieser schliesst auch das nordöstliche Sibirien, den Ursprungsraum der frühen Völker des amerikanischen Nordens, mit ein, hauptsächlich das heutige Tschukotka, mit ethnisch und kulturell verwandten Völkern.4

Schnitt, nach Skandinavien. Im Süden der Skandinavischen Halbinsel breiteten sich im der späten Antike und frühen Mittelalter die Nordgermanen aus, wanderten von dort nach Jütland und die östlich davon liegenden Inseln (das spätere Dänemark) sowie nach Mitteleuropa. Im dem später Skandinavien genannten Nordeuropa bildeten sie im Früh-/Hoch-Mittelalter regionale Reiche5, brachen zu Eroberungszügen (und Handelsmissionen) auf, nach Gross-Britannien, Russland, Island, Irland, Frankreich, Baltikum, Grönland, Amerika,… Zumindest die ersten drei genannten Gebiete (mit ihren späteren und deutschen Namen) haben durch die Wikinger eine entscheidende Prägung erhalten.6 Die “Wikinger-Zeit” ging etwa vom 8. zum 11. Jh, und Wikinger waren nur ein Teil der nordgermanischen Bevölkerung, Jene die Seefahrer und Krieger geworden waren. Es gab kein vereintes Wikinger-Grossreich, sondern Kleinkönigreiche und Raub-/Eroberungszüge. Im 10. Jh vereinte ein Gorm Kleinreiche auf Jütland und den “anschliessenden” Ostsee-Inseln zu einem dänischen Reich, im westlichen Teil der skandinavischen Halbinsel begründete Harald Harfagr in dieser Zeit Norwegen, im östlichen Teil vereinte Erik Segersäll die schwedischen Teilreiche.

Das Ende der “Wikingerzeit” wird allgemein mit 1066 angesetzt: England, das Land der Angeln (die die davor dominierenden Kelten, die auch irgendwann eingewandert waren, “überlagerten” oder “an den Rand schoben”), wurde in dieser Wikinger-Zeit von den Genannten (Dänen und Norweger) immer wieder “heimgesucht”. Mit dem Sieg von Stamford Bridge bei York 1066 über die Norweger wehrten die Engländer die Skandinavier endgültig ab. Wobei: Wenige Wochen später fielen ja die Normannen in England ein und die stammten ja auch aus Skandinavien. “Normannen” bezeichnet sowohl allgemein die Nordgermanen als auch die in Nord-Frankreich “sesshaft gewordenen” und von dort aus aktiven Wikinger/Nordgermanen. In Bezug auf England sind immer die französisierten Normannen gemeint. Nachdem vermutlich aus Norwegen (bezeichnet für die damalige Zeit eine Region, keinen Staat) stammende Wikinger unter Rollo im frühen 10. Jh im Westfrankenreich einfielen, bekamen sie von dessen Herrscher, Karl dem Einfältigen, die Normandie als Lehen zugesprochen, wurden so in das Westfrankenreich eingebunden. Nach der Schlacht bei Hastings dominierten diese französisierten Normannen gut 500 Jahre England.

Um das Jahr 1000 herum segelten nordgermanischen Wikinger, von Norwegen aus, in den Nord-Atlantik, nach Island und Amerika. Unter Erik “dem Roten” (Eirik Raude), Sohn des Thorvald, erreichten sie, von Island kommend, um 980 die Insel, die sie “Grønland” nannten (grünes Land/Grünland).7 Eirik soll auch in die Levante gesegelt sein. Sein Sohn Leif Eirikson soll dann weiter an (zu) den Küsten und vorgelagerten Inseln Nordamerikas gefahren sein, am späteren Newfoundland (auch eine Insel) gelandet sein, die Region “Vinland” genannt haben. Die Wikinger stiessen über Grönland nach (bzw in) Amerika vor, die Eskimos gingen den umgekehrten Weg. Island, Grönland, Vinland: nur der letztere Name hat sich nicht gehalten für das betreffende Gebiet. Weil die Verbindung (sofern sie überhaupt bestand) dorthin abgerissen ist, in Vergessenheit geriet.8 Island wurde nach der Entdeckung durch die Nordgermanen aus Norwegen von diesen besiedelt, die Verbindung nach Grönland (das von den anderen Siedlern “Kalaallit Nunaat” genannt wurde/wird) riss dann zwar für einige Jahrhunderte ab, wurde aber später erneuert.

E(i)rik und seine Männer gründeten wahrscheinlich ab 986 Siedlungen auf Grönland, an der Südwestspitze (in geschützten Fjorden), bis heute so etwas wie der Siedlungsschwerpunkt. Die meisten Siedler kamen aus Norwegen, manche davon hatten sich zwischenzeitlich auf Island nieder gelassen (das am Weg lag), wenige aus Schweden oder Dänemark. Man brachte verschiedene Nutz-Tiere auf die Insel, hauptsächlich Schafe, jagte dort verbreitete, wie Robben verschiedener Arten. Diese aus Norwegen Stammenden waren, wenn man so will, die ersten Europäer, die Amerika erforschten und besiedelten. Diese “Grænlendingar” (Grönländer) hielten die Verbindung zu Norwegen aufrecht bzw Norwegen zu ihnen, schliesslich war in der Mitte (zwischen diesen Ländern) liegende Island auch eine norwegische “Kolonie”.9 1261 akzeptierten die Siedler auf Grönland die Oberherrschaft des norwegischen Königs über die Insel. Und die norwegischen Grænlendingar trafen auf die Proto-Eskimos (auch Tuniit genannt) der späten “Dorset-Kultur”, die im nördlichen und auch im westlichen Teil der Insel lebten. Die Wikinger nannten die Tuniit in Grönland “Skraelingar”, “Schwächlinge”. In dieser ersten Phase des Kontaktes (etwa 10.-15. Jh) soll es viel mehr feindliche Begegnungen dieser Völker gegeben haben als dann in der zweiten, ab dem 18. Jh.

Im 14. Jh kamen neue Einwanderer, die Proto-Inuit der Thule-Kultur, zunächst in den Norden Grönlands, der dem restlichen Amerika am nächsten liegt, wanderten dann in den Süden.10 Die so genannte Thule-Kultur entwickelte sich rund um die (später so genannte) Bering-Strasse, ab etwa 200 vC, nach bzw durch Wanderungen in diesem Raum. Und verbreitete sich durch neue Wanderungen, im Arktis-Raum, wobei es zu “Überlagerungen” älterer (Proto-)Eskimo-Kulturen kam. Es bildeten sich, bis in die frühe Neuzeit, die Inuit, Aleut, Yupik,… aus. Diese Proto-Inuit/Thule waren gezwungenermaßen gute Jäger. Der retrospektiv gegebene Name “Thule” stammt aus der griechischen Mythologie, wurde von Vielen später aufgegriffen. Er steht für eine im äussersten Norden der Welt gelegene Insel, auch Island wurde damit in Verbindung gebracht. Nordische Rassentheorien etablierten sich darauf. Der Däne Knud Rasmussen griff den Namen “Thule” am Anfang des 20. Jahrhunderts auf, als er im bis dahin unkolonialisierten Nord-Grönland eine Missions- und Handelsstation gründete. Dort entstand später ein US-amerikanischer Militärstützpunkt.

1380 ging das Königreich Norwegen eine Personalunion mit Dänemark ein, 1397 entstand die Kalmarer Union, ein skandinavisches Grossreich aus Schweden, Dänemark, Norwegen. Dänemark hatte im 13. Jh neu expandiert, im Ostseeraum, etwa einen Teil des späteren Estlands erobert; im 14. Jh verlor Dänemark diese Gebiete wieder, an den Deutschen Orden oder die Hanse. Obwohl streng genommen der norwegische König 1380 den dänischen Thron erbte (ihn zu seinem dazu bekam), dominierte die dänische Reichshälfte bald die Union mit Norwegen, spielte in der Kalmarer Union eine führende Rolle. Norwegens Aussenbesitzungen waren Island, Färöer, Shetland und Grönland, Schweden brachte Finnland als “Beute” in die Union ein. Die norwegischen Siedlungen im Südwesten von Grönland/Kalaallit Nunaat bestanden kontinuierlich vom 10. bis zum 15. Jh, wurden dann aufgegeben. Man weiss nicht genau warum, wahrscheinlich wegen Konflikten mit den Inuits und kälterem Klima. Mitte des 15. Jh kam das Haus Oldenburg in Dänemark auf den Thron, das über einen Zweig bis heute in Dänemark herrscht, seit Langem aber nur mehr repräsentativ.11

1523 fiel die Kalmarer Union durch das Ausscheiden Schwedens (unter den Wasa wieder unabhängig) auseinander, damit war Norwegen vollends ein Mündel von Dänemark. Von den Gebieten, die Norwegen/Norge/Noreg mit eingebracht hatte, war Grönland aufgegeben worden, die Shetland-Inseln kamen in der frühen Neuzeit unter schottische Herrschaft, blieben Island und die Färöer-Inseln. Die lutherische/evangelische Reformation wurde 1536 von König Christian III. in Dänemark-Norwegen eingeführt. In der frühen Neuzeit wurden für Dänemark/Danmark dann Auseinandersetzungen mit Schweden bestimmend. Bis ins 17. Jh erstreckte sich Dänemark ins spätere Süd-Schweden hinein, die der Insel Seeland ggü liegenden betreffenden Gebiete wurden später als Skåneland zusammen gefasst.12 Der Øresund wurde die Grenze zwischen Schweden und Dänemark. Ausserdem kämpften beide Königreiche um die Oberherrschaft in Skandinavien sowie im baltischen Raum. Der dänische König Fredrik III. begründete um 1660 den Absolutismus in Dänemark-Norwegen, was die dänische Dominanz über Norwegen weiter stärkte. Und in dieser Zeit wurde Grönland, die ehemalige norwegische “Kolonie”, für Dänemark ein Thema13. Die Insel, die nach dem Abzug der Norweger die Inuit für sich hatten. Aber nicht nur für Dänemark – neben dänisch-norwegischen Schiffen segelten auch niederländische, deutsche, englische, französische zur Insel, Walfänger-Schiffe die an die Ost-Küsten kamen um Trinkwasser-Vorräte aufzufüllen, auch um mit den Inuit/Eskimos Handel zu treiben.14

Dänemark erhob, als “Herrscher über Norwegen”, Ansprüche auf Grönland/ Kalaallit Nunaat. Nahm in den 1660ern den Eisbären, als Symbol Grönlands, in sein Wappen auf, das ihn bis heute beinhaltet. Die alten norwegischen Aufzeichnungen über die Grönland-Expeditionen und -Siedlungen wurden in dieser Zeit von Trondheim nach København/ Kopenhagen gebracht; sie verbrannten wahrscheinlich beim dortigen Stadtbrand 1728. Der evangelische Pfarrer Hans Poulsen Egede, eigentlich ein Norweger, aber dieses Land war damals eben abhängig von Dänemark15, wird als derjenige angesehen, der die skandinavischen “Kontakte” zu Grönland wiederherstellte. Von 1711 an bemühte er sich um Unterstützung von König Fredrik IV. für eine Forschungsreise dorthin; Egede glaubte, wie viele Andere, daran, dass sich möglicherweise Nachfahren der frühen norwegischen Siedler auf der Insel gehalten hatten. Ihm ging es darum, diesen die Reformation zu vermitteln, schliesslich hätten sie diese durch ihre Abwesenheit aus Europa verpasst, wären noch katholisch. Fredrik gewährte die Unterstützung, schliesslich hatte er auch ein Interesse an einer dänischen Herrschaft über Kalaallit Nunaat/ Grönland. 1721 stach ein dänisch-norwegisches Schiff mit Hans Egede zu der nordamerikanischen Insel, mit missionarischen und merkantilen Aufträgen, landete am 3. Juli des Jahres an der Westküste. Man fand keine Wikinger mehr vor, dafür Inuit.

Seit damals besteht eine dänische Präsenz auf der Insel. Zunächst eher in Form von Handelsstationen als permanenten Siedlungen, im Südwesten Grönlands wieder. Egede missionierte unter den Inuit, leitete ihre Abkehr vom Schamanismus ein. Egede lernte ihre Sprache, Kalaallisut, übersetzte Teile der Bibel in sie. Es heisst, er übersetzte sehr frei, “gezwungenermaßen”, um den Texten den Inuits gegenüber einen Sinn zu gebe.16 Auch deutsche (evangelische) Missionare kamen ab dem 18. Jh mit den Dänen auf Grönland17, gingen zT auch Partnerschaften mit Inuits ein. Zusammen mit Major Claus Paarss18 gründete Egede 1728 im Fjord Ameralik im Südwesten die Missionsstation “Godt-Haab” (“Gute Hoffnung”), aus der die Stadt Godthåb wurde, die Hauptstadt der Insel wurde, heute Nuuk heisst. Der Pfarrer Egede verliess Grönland nach 15 Jahren, liess seinen Sohn Paul in der Mission zurück, und kümmerte sich in Dänemark weiter um die “grönländische Sache”. Zwei Inuit-Kinder wurden 1730 nach Kopenhagen zur Krönung von Christian VI. geschickt, kehrten 1733 zurück, mit Pocken infiziert. Die folgende Epidemie tötete einen grossen Teil der Inuit im Südwesten, auch einige Dänen, darunter Egedes Frau.

Dänische Walfänger begannen, dauerhafte Stützpunkte anzulegen. Dänemark, bzw das Königreich Dänemark-Norwegen, erliess 1776 ein Handelsmonopol für Rohstoffe und Produkte von der grönländischen Süd- und Westküste für seine Handelsgesellschaft Den Kongelige Grønlandske Handel (KGH), verbot “ausländischen” Fischern und Jägern den Zugang – was sich vor allem gegen die im 18. Jh dort aktiven Niederländer richtete bzw diese traf. Der KGH übernahm auch die Verwaltung und weitere Missionstätigkeit. Von der dänischen “Wiederentdeckung” Grönlands war es kein grosser Schritt zur wirtschaftlichen Nutzung der Insel, ihrer Quasi-Inbesitznahme. Die Norwegen “zuliegende” Ostküste wurde von Schiffen aus dem norwegischen Teil des Königreichs angefahren, beim Robben- und Walfang. Weiter nördlich auf der Westküste, auf der Insel Qeqertarsuaq/Disko (in der Baffin Bay) entstand die Station/Siedlung Godhavn (inzwischen wie die Insel Qeqertarsuaq genannt).

Island und die Färöer-Inseln, die Dänemark durch die Vereinigung mit Norwegen übernommen hatte, sowie das eigentliche Norwegen wurden von Dänemark nicht als Kolonien gesehen, wurden von keiner der beiden für aussereuropäische Gebiete zuständigen Kolonial-Kompanien verwaltet, auch Grönland nicht, das eigentlich ausserhalb Europas liegt (Island möglicherweise auch) und im 18. Jh dänisch neu kolonialisiert wurde, nach einem früheren norwegischen Ansatz. In der Neuzeit, als es mit dem dänischen Kolonialismus los ging, waren längst nicht mehr dänisch: England, Teile des späteren Estlands (das nördliche Livland), Kurland (später Teil von Lettland), Skaneland. Die genannten im 18. Jh dänischen Gebiete wurden als Teile Dänemarks gesehen (unter direkter Königsherrschaft stehend), nicht als Kolonien; es gab dafür die Bezeichnung Helstaten (Gesamtstaat). Die Bewohner dieser dänisch kontrollierten Gebiete in Europa oder der Nähe Europas wurden im Gegensatz zu jenen der Kolonien als dänische Untertanen (so etwas wie Bürger gab es damals noch nicht) gesehen. Es gab damals also Dänen, Norweger, Sami (Lappen), Isländer, Färinger, Deutsche, Nordfriesen und Inuit (Grönländer) in Dänemark. In allen diesen Gebieten war Fischfang wirtschaftlich wichtig.

Weniger bekannt ist, dass Dänemark (bzw seine Schiffe) auch in ausser-europäischen (bzw nicht-nördlichen) Gewässern unterwegs war, sich dort Gebiete aneignete, eine der europäischen Kolonialmächte war. Dänemark hatte Kolonien in Europa, Amerika, Afrika, Asien. Dies begann im 17. Jh, nach den Verlusten der Gebiete auf der skandinavischen Halbinsel…19 Die Aneignung südlicher ausser-europäischer Gebiete begann vor jener Grönlands, wird aber hier danach behandelt. Im 17. Jh entstanden die Ostindien-Kompanie (zuständig für Asien) und die Westindien-Kompanie (zuständig für Amerika und Afrika). Wobei es sich bei diesen Besitzungen eigentlich nur bei Dänisch-Westindien (1666-1917) wirklich um eine Kolonie im eigentlichen Verständnis handelte (auch mit Niederlassung von Dänen dort), die anderen waren eher Handels-Stützpunkte.

Die dänische Ostindien-Kompanie (Ostindisk Kompagni) war eine Handelsgesellschaft, die das dänische Ex- und Importmonopol für Indien und China besaß. Die erste Ostindien-Kompanie bestand von 1616 bis 1650; nach einer 20-jährigen Unterbrechung existierte die zweite Ostindien-Kompanie von 1670 bis 1729; 1732–1843 bestand eine Nachfolgegesellschaft, die Dänische Asien-Kompanie (Det Kongelige Octroyerede Danske Asiatiske Kompagni bzw Asiatisk Kompagni). Die Ostindien-Kompanie bzw Asien-Kompanie errichtete in Indien einige Stützpunkte: Tharangambadi, unter dem Namen Trankebar (Tranquebar), auch “Dänisch Indien”, an der Südost-Küste Indiens, im Tamilen-Gebiet, bestand 1620 bis 1845, dient hauptsächlich dem Gewürzhandel20. 1620 erwarb die Dänische Ostindien-Kompanie den Ort vom Raja von Thanjavur und gründete das Fort Dansborg. Die andere 2 Stützpunkte in Indien wurden grossteils von dort administriert. Diese waren zum Einen einer in Serampore im westlichen Bengalen (1755-1845); in der Nähe davon gab es das französische Chadarnagar, das niederländische Chinsurah, das portugiesische Bandel, und dort in Bengalen stiegen die Briten im 18. Jh auch in Indien ein. Zum Anderen die Nicobaren-Inseln (Nikobaren), vor der Bucht von Bengalen, auch “Neu-Dänemark” genannt, wie die in der Nähe liegende Andamanen von Austronesiern besiedelt, 1756-1848/68. Im 19. Jh kassierte Grossbritannien alle diese Gebiete, zT durch Kauf.

Fort Dansborg in Tranquebar

Die dänische Westindien-Kompanie (Vestindisk kompagni) wurde 1671 gegründet, später in “Westindien-Guinea-Kompanie” (Vestindisk-Guineisk kompagni) umbenannt, 1754 in Rentekammeret Vestindisk-guineisk renteskriverkontor, 1760 in Vestindisk-guineiske rente- og generaltoldkammer. Sie war die Kompanie für den Handel mit den dänischen Kolonien an der sogenannten Goldküste (heute Ghana) und in der Karibik (Dänisch-Westindien, heute die Amerikanischen Jungferninseln). Zu den Jungfern/Virgin-Inseln, dem ehemaligen Dänisch Westindien, etwas mehr, da sie nach Grönland die zweitwichtigste Kolonie waren.21 In die de jure spanische Karibik drangen im 17. Jh andere europäische Mächte ein. Die betreffenden drei Inseln (Tortola,…) waren von den Spaniern Las Virgenes benannt worden, liegen am Übergang von den Grossen zu den Kleinen Antillen, am Rand der Karibik, dem Atlantik zu. Sie wurden auch zunächst nicht berührt, im Gegensatz zum benachbarten Puerto Rico (dessen Nebeninseln auch als Teil der Virgenes gesehen werden). Dänen kamen im 17. Jh zunächst an Board niederländischer oder englischer Schiffe in die Karibik, dann auf eigenen. Was dort noch von keiner anderen europäischen Macht beansprucht worden war, nahm man sich. Das war zunächst die Virginen/Jungfern-Insel Sankt Thomas (wahrscheinlich von den Niederländern so genannt), 1666; dann, nach einer vorüber gehenden Aufgabe, 1672 wirklich.

Zu diesem Zeitpunkt lebten wahrscheinlich noch “Indianer” (Caraib) in dem Archipel. 1683 nahm Dänemark-Norwegen auch die Nachbarinsel Sankt Jan in Beschlag. In dieser frühen dänischen Kolonialzeit in der Karibik (und in Afrika) mischte auch Brandenburg-Preussen etwas mit. Die kurbrandenburgische Marine bzw die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie22 pachteten einen Teil von Sankt Thomas, nahmen die zwischen St. Thomas und Puerto Rico liegende Krabbeninsel in Besitz. Dänisch-Westindien/ Dansk Vestindien umfasste also zunächst St. Thomas und St. Jan. Die anderen, östlichen Virgins/Jungferninseln schnappte sich (im 17. Jh) Grossbritannien. Die Dänen errichteten Zuckerrohr-Plantagen auf ihren Inseln, deportierten Sklaven aus Afrika dorthin (oder kauften als Sklaven entführte/deportierte Afrikaner), zur Arbeit auf diesen Plantagen. Dies wurde im gesamten Karibik-Raum von Europäern aufgezogen. Die Verarbeitung des Rohzuckers des Dänischen “Westindiens” erfolgte zT auf den Inseln selbst, zT in Dänemark. Ende des 17., Anfang des 18. Jh drängten die Dänen die Brandenburger aus der Karibik und auch Afrika (Goldküste, s.u.) heraus, wo man in einer Art Symbiose gewirkt hatte.

Die Krabben-Insel wurde vorübergehend (Ende 17. Jh) auch dänisch, dann wieder spanisch (gehört heute zu Puerto Rico). Dafür wurde 1733 die relativ weit südlich liegende Insel Saint Croix / Sankt Croix von Frankreich gekauft, komplettierte Dänisch-Westindien (zusammen mit vielen kleinen Nebeninseln der 3 Hauptinseln). 1754 wurde dieses eine staatliche/königliche Kolonie, ging die Kolonie von der dänischen Handelskompanie an die dänische Krone über (s. o.). St. Thomas war so etwas wie die Hauptinsel, sein Hafen Charlotte Amalie / Amalienborg23 war Umschlagplatz, dort kamen die versklavten Menschen aus Afrika an, dort wurde Rohzucker, raffinierter Zucker und Rum gehandelt. Dänemark konnte Sklaven aus seinen eigenen Goldüsten-Stützpunkten (s.u.) importieren, war diesbezüglich also gewissermaßen autark… 1974 wurde an der norwegischen Küste das Wrack der “Fredensborg” entdeckt, eines dänischen Sklavenschiffs aus dem 18. Jh. Aufschlussreich war die Auswertung der dort gefundenen Aufzeichnungen: Das Schiff machte nur eine Reise, eine lange, die transatlantische Dreiecksroute zwischen Europa, Afrika und Amerika. An der Dänischen Goldküste wurden 265 versklavte Afrikaner sowie andere Waren aufgeladen. 24 davon starben auf der Fahrt in die Karibik, die Überlebenden wurden auf einer Auktion auf St Croix verkauft.24 Das Leben eines versklavten Zuckerrohr-Arbeiters bedeutete harte, endlose Arbeit ohne Lohn, drakonische Strafen, körperliche Ausbeutung die auch sexuell sein konnte, und eine Lebenserwartung von etwa 25 Jahren.

Wie auch anderswo im Karibik-Raum gelang es Versklavten immer wieder, zu entkommen, sich irgendwo ins Landesinnere durchzuschlagen, in unzugänglichere Gebiete, wo diese “Maroons” dann Gemeinschaften bildeten. Es gab auf den dänisch-westindischen Inseln immer ein deutliches demografisches Übergewicht der versklavten “Schwarzen” gegenüber den “weissen” Herren; auf St Thomas im Jahr 1725 zB 324 Weisse und 4 490 Schwarze. Und, viele Soldaten schickte Dänemark nie auf die Inseln; zusätzlich zu ihnen gab es noch eine “weisse” Bürgermiliz. Ein grosser Teil der Plantagen-Besitzer und Händler, der Weissen also, war nicht dänisch, waren Niederländer, Franzosen oder Briten, meist von anderen Karibik-Inseln immigriert. 1733 ein Sklavenaufstand auf St. Jan; die kleine dänische Garnison wurde gestürmt, Soldaten und Sklavenhalter getötet, Gebäude und auch Felder in Brand gesetzt. Anderen Weissen gelang es, von der Insel zu flüchten. Dänische Offizielle baten die Franzosen in der Karibik (Martinique,…) um Hilfe, deren Truppen (mit schweizerischen Freiwilligen/Söldnern) schlugen den Aufstand nieder. Von November 1733 an war die Insel ungefähr ein dreiviertel Jahr in der Hand der Versklavten, die die Dänen aus ihren Stützpunkten in der Goldküste geholt hatten.

Während der napoleonischen Kriege in Europa waren die 3 Inseln Anfang des 19. Jh für einige Jahre unter Herrschaft der Briten, damals Weltmacht Nr. 1. 1803 das Ende der Einfuhr von Sklaven in der dänischen Karibikkolonie (und der Ausfuhr aus den dänischen Afrika-Kolonien). 1848 eine Aufruhr unter bzw eher Aufstand der Sklaven auf St. Croix, genauer gesagt in Frederiksted, wo 8000 versklavte Afrikaner das Fort Frederik umzingelten und ihre Freiheit verlangten.25 Der Gouverneur von Dänisch-Westindien, Peter von Scholten, mit der Möglichkeit eines grossen Sklavenaufstands konfrontiert, den er zumindest mit seinen Truppen nicht niederschlagen konnte, verfügte die Abschaffung der Sklaverei. Die Plantagenarbeiter bekamen de jure die Freiheit, wurden bezahlte Arbeitskräfte, allzu viel änderte sich aber nicht für sie. Niemand kümmerte sich um ihre Repatriation nach Afrika (an der “Goldküste” bekamen die Briten das Sagen), im Karibikraum hätten sie nur auf andere von Europäern beherrschte Inseln “gehen” können. Mit dem Ende der Sklavenarbeit war die Zucker-Pflanzerei nicht mehr profitabel und Dänemark verlor das Interesse an seiner Karibik-Kolonie.

Briefmarke Dansk Vestindien 1905

1867 sowie 1902 wurde der Verkauf der Inseln an die USA bereits ziemlich konkret ausgehandelt, kam aus verschiedenen Gründen aber nicht zu Stande. Dann brach der “Erste Weltkrieg” in Europa aus, und die USA wollten den Archipel als weiteren Marine-Stützpunkt, oder ihn zumindest als solchen Anderen vorenthalten, durch eine Inbesitznahme. 1916 wurde der Kaufvertrag unterschrieben, im Dezember dieses Jahres durch ein Referendum in Dänemark “abgesegnet”, dann auch vom dänischen Parlament. Der Preis war 25 Millionen Dollar.26 Im Jänner 1917 trat der Kaufvertrag in Kraft. Am 31. März 1917 nahm die USA Besitz vom bisherigen Dänisch-Westindien, nannten es in US Virgin Islands um. Henri Konow, Marine-Offizier, war 1916/17 letzter dänischer Gouverneur der Inseln, wurde später Minister (in Dänemark). Fast alle Dänen verliessen die Inseln. Vom “dänischen Kolonialreich” war damit nur noch Grönland verblieben.

Die westlichen Virgin Islands werden von der USA als Aussengebiet gehalten, wie Guam oder das benachbarte Puerto Rico. Waren zunächst unter Verwaltung der Marine, dann ziviler, wurden 1954 ein unincorporated territory (nicht-inkorporiertes Territorium der USA) unter “Aufsicht” des USA-Innenministeriums, mit etwas Selbstverwaltung. Die meisten Zuckerrohrfarmen machten in den 1960ern zu, Melasse für Rum muss aus Puerto Rico importiert werden. Wie sehr Vieles. Eine Erdölraffinerie wurde errichtet. Auf den U.S. Virgin Islands leben heute etwa 100 000 Menschen, hauptsächlich Schwarze, Nachfahren der Sklaven, Englisch wurde ihre Sprache, bzw eine Kreolsprache mit Englisch als Basis. Sie haben keine Entkolonialisierung erlebt, die dänische Virginen wurden an die USA verkauft, samt Bevölkerung. Diese wurde auch von der USA nicht ansatzweise als gleichwertige/gleichrangige Bürger angenommen. Terence “Positive” Nelson, Abgeordneter im Inselparlament in Charlotte Amalie: „Es ist eine Kolonie, eine moderne Kolonie, so werden wir behandelt. Sie machen Gesetze und Verordnungen dort im Kongress in Washington, die uns zum Beispiel das Fischen in unseren eigenen Gewässern unmöglich machen. Sie nehmen wenig Rücksicht auf unsere Erwerbsmöglichkeiten.“

Von den ehemaligen dänischen Kolonien sind die nunmehrigen US Virgin Islands das einzige Gebiet, das nach wie vor unter einer (Art) Kolonialherrschaft steht. Eines der USA-Aussengebiete eben, und eines der Gebiete im Kontinent Amerika, die nicht unabhängig sind.27 Das dänische Erbe auf den Virgin Islands? Viele Gebäude stammen noch aus dieser etwa 250-jährigen Kolonialzeit, Burgen, Kirchen, Zuckermühlen,… auch Friedhöfe. Strassennamen. Viele Virgin Islanders tragen die Nach-Namen Jener, die ihre Vorfahren einst als Sklaven hielten, wie anderswo. Einige dänische Wörter finden sich jenem Englisch, das auf den Inseln gesprochen wird, zum Beispiel “Velkommen”. Der Danebrog, die dänische Nationalflagge, findet sich im Wappen der Amerikanischen Jungferninseln. Einst kamen Sklavenschiffe auf die Inseln, heute Kreuzfahrtschiffe. In Frederiksted auf St. Croix wird die Vergangenheit der dänischen Kolonialphase geschichtlich aufbereitet für Besucher (die oft Dänen sind), die Sklaverei und der Widerstand dagegen. Auch dänische Touristen kommen, auch per Direktflug, verstärkt in den letzten 20 Jahren. US-Amerikaner kommen besonders seit dem Umsturz auf Cuba.

Fort Frederik St. Croix

Ebenfalls von der Westindien-Kompanie und ihren Nachfolge-Gesellschaften unterhalten wurden verschiedene Stützpunkte an der Goldküste Westafrikas, die sich weitgehend mit der Küste des heutigen Ghanas deckt. Diese Festungen und Handelsstationen wurden/werden zusammenfassend als “Dänische Goldküste” (Danske Guldkyst), auch als “Dänisch-Guinea” (Dansk Guinea) bezeichnet. Es begann dort mit der Übernahme schwedischer Stützpunkte, Mitte des 17. Jh. Diese Svenska Guldkusten bestand nicht einmal 15 Jahre. Auch Portugiesen, Niederländer, Deutsche (Brandenburg-Preussen), und natürlich Engländer/Briten sicherten sich an dieser Küste Stützpunkte, nicht zuletzt für den Sklavenhandel. Im 18. Jh wurden auch hier die dänischen Besitzungen verstaatlicht, wie bei den Jungferninseln. Fort Christiansborg (heute Osu Castle) in Accra war das wichtigste der Forts – die Drehscheibe für den dänischen Sklavenhandel. Die meisten Virgin Islander dürften Wurzeln an der Goldküste oder dem “dahinter” liegenden Landesinneren haben, in Ghana. Bei Fort Frederiksborg in Kpompo wurde auch etwas Plantagenwirtschaft versucht, bald aufgegeben. 1850 verkaufte Dänemark seine Stationen an der Goldküste an GB, nachdem Konflikte mit der Landesbevölkerung, den Akan, ausgebrochen waren. GB war nun der alleinige Herr an der Küste, die British Gold Coast wurde dann ins Hinterland ausgedehnt.

Einer der dänischen Seefahrer/Kapitäne, die die Kolonien in der Karibik und Indien anfuhren, war Vitus Bering. 1703 wurde er vom russischen Zar/Kaiser Peter I. als Seekapitän der neugebildeten russischen Marine in Kronstadt eingestellt. Aber der Reihe nach. Vom 16. bis ins 18. Jh breitete sich Russland von seinem Kerngebiet im östlichen Europa bis zum Pazifik aus, in Sibirien/ Nordasien, auf die Inseln im Nordpolarmeer/Arktischen Ozean; ausserdem auch in den Kaukasus, in Zentralasien, und auch in Europa. Tschukotka, der Nordost-Zipfel Sibiriens, wurde ab Mitte des 17. Jh von Kosaken erschlossen bzw unterworfen, die Kamtschatka-Halbinsel etwa kam später dran (18. Jh). Die russische Ausbreitung im nördlichen Asien ging über in jene auf dem amerikanischen Kontinent, und hier spielte ja Bering die entscheidende Rolle. Zar Peter “der Grosse” beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer in russischen Diensten, den Weg nach Amerika abzuklären.

Bering unternahm von Kamtschatka aus zwei Schiffs-Expeditionen (1728, 1733), die zweite28 war erfolgreich, 1741 entdeckten er und die restliche Besatzung Alaskas Küste und vorgelagerte Inseln, legten auch an. Ab den 1740ern begann das Russische Reich mit der Inbesitznahme des Gebietes, das später “Alaska” genannt wurde, im Rahmen der europäischen Aufteilung Amerikas, wobei die Ansprüche erst 1799 mit der Gründung der Russisch-Amerikanische Kompanie “offiziell” wurden. Das Gebiet wurde mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert, die nächste europäische Macht, Spanien, war viel weiter südlich. Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt, das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die einheimischen Völker in Nordwestamerika/Ost-Beringia/Alaska waren/sind v.a. die Tlingit, Yupik, Aleut/Unangan, Athabaskan (u.a. Denaina), ethnisch-sprachlich-kulturell mit jenen im westlichen Beringia (nun russisches Nordost-Sibirien) und im mittleren und westlichen Norden Amerikas (darunter Kalaallit Nunaat) eng verwandt.

In der späten Neuzeit tat sich in Dänemark Wichtiges. Während der napoleonischen Zeit blieb das Königreich bis zur zweiten Seeschlacht von Kopenhagen (1807) neutral, kooperierte danach mit Frankreich, und musste nach dessen Niederlagen im 6. Koalitionskrieg 1814 in den Kieler Friedensvertrag einwilligen. Darin wurde Helgoland Grossbritannien zugesprochen und Norwegen an Schweden. Die Kolonien und Aussengebiete (Färöer, Island, Grönland, Dänisch-Westindien, Dänische Goldküste, “Dänisch-Ostindien”) behielt bzw bekam Dänemark. Für Norwegen stellte das einen Verlust dar. Seit 1380 mit Dänemark verbunden, hatte man die Färöer und Island in die “Union” (mit dänischer Dominanz) eingebracht, und in Grönland war man auch lange vor den Dänen gewesen, diese Insel wurde auch in dänisch-norwegischer Zeit eigentlich von Norwegen aus “bewirtschaftet”. 1814 wurde Norwegen nicht nur in eine neue Union, mit Schweden, hineingezwungen, es verlor auch diese 3 Nord-Atlantik-Inseln, an Dänemark. Im nun dänischen Island entstand im 19. Jh eine Unabhängigkeits-Bewegung; die Färöer-Inseln waren dafür zu klein und isoliert, in Grönland/ Kalaallit Nunaat/ Grønland/ Greenland/ Groenland gab es die dänisch-norwegischen Siedler und die Inuit, und für keine der beiden Gruppen war Unabhängigkeit damals ein Thema (aus unterschiedlichen Gründen nicht).

Grönland 19. Jh

1848/49 bekam Dänemark, der Zeit gemäß, seine erste Verfassung, begann der Übergang von der absoluten zu einer konstitutionellen Monarchie, die Machtverschiebung vom Königspalast zum Parlament. Mitte 19. Jh verlor Dänemark ja seine Kolonien in Afrika (Goldküste) und Asien (Indien), jeweils an GB, jene in der Karibik/Westindien blieben noch (auch dort war GB der Nachbar, wenn auch nicht der Erbe dann) – dort wurde in jenen Jahren die Sklaverei abgeschafft, was der Erhaltung/Behaltung dieser Kolonie auch die Grundlage entzog. 1863 starb mit König Fredrik VII. die in Dänemark regierende Linie des Hauses Oldenburg aus, und es kam ein Vertreter seiner im 19. Jh entstandenen Seitenlinie Schleswig-Holstein-Söderburg-Glücksburg (meistens zu “Glücksburg” abgekürzt29) auf diesen Thron. Und zwar Christian, der sowohl Fredriks Onkel als auch sein Cousin war. Juniorlinien des dänischen Königshauses bekamen 1863 die Krone Griechenlands und 1905 jene Norwegens. In Dänemark gab es in der Regel patronymische Nachnamen, die sich von Generation zu Generation veränderten, der Vorname des Vaters und ein -sen (früher -søn, zeitweise auch -datter). Nachdem 1828 ein Versuch, feste Nachnamen einzuführen, gescheitert war, wurden 1856 die Patronyme eingefroren (vererbbar gemacht).30 Auch das war eine wichtige dänische Entwicklung dieser Zeit; und die Inuit in Grönland bekamen in der Regel dänische Namen.

Dänemark besteht aus der Halbinsel Jütland/Jylland und 474 Inseln31 in der Ostsee. Von der skandinavischen Halbinsel wurde Dänemark ja im 17. Jh von Schweden herausgedrängt, endgültig aber mit dem “Verlust” Norwegens im 19. Jh. Die Abgrenzung Jütlands nach Süden zu Deutschland war lange umstritten, im Kontext der deutschen Reichs-Neugründung im 19. Jh wurde diese letzte dänische Grenzfrage im 19. Jh virulent. 1864 kämpften Heere des Deutschen Bundes gegen Dänemark um Nord-Schleswig (Südjütland), waren siegreich. Preussen bekam ganz Schleswig, bildete 1866 die Provinz Schleswig-Holstein, die so bis 1920 bestand, ab 1871 im Rahmen des Deutschen Reichs. Die dänisch-deutsche Grenze verlief in dieser Zeit knapp südlich von Kolding. 1905 wurde Norwegen wieder unabhängig, wurde die Union mit Schweden aufgelöst. Norwegischer König wurde ein dänischer Prinz, Christian C. af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg, als Haakon VII. Sein Vater wurde 1906 König von Dänemark, 1905 war noch Haakons Grossvater dänischer König. Im wieder unabhängigen Norwegen wurde diskutiert, ob Grönland, Island, die Färöer nicht eigentlich zu Norwegen gehörten.

Und wie ging es im Norden Nordamerikas weiter, dem Gebiet südlich von Grönland? Grossbritannien expandierte über sein Ruperts Land in den Norden und Westen, 1783 entstand das North-Western Territory (nordwestlich von Ruperts Land), das stetig wuchs, zum russischen Alaska und zum dänischen Grönland hin. Wobei die Briten den Archipel nördlich der Hudson Bay/ Kangiqsualuk ilua bzw des nordamerikanischen Festlands (die Inseln die zwischen Grönland/ Kalaallit Nunaat und dem Festland liegen, wie Baffin- und Ellesmere Island) zu den British Arctic territories zusammenfassten; diese Aneignung begann schon im 16. Jh, mit den Entdeckungsreisen des Engländers Martin Frobisher, der Inuit-Leute von dort nach England verschleppte. Die Abgrenzung des britischen North-Western Territory im Nordwesten zu Russisch-Amerika (Alaska) wurde 1825 fest gelegt, in einem Abkommen der Regierungen von König George IV. und Aleksandr I.32 1867 wurde Russisch-Amerika an die USA verkauft, in den bestehenden Grenzen. Einige Monate später schlossen die Briten einige ihrer Nordamerika-Kolonien zum Dominion of Canada zusammen.

1870 wurden weitere britische Gebiete an dieses Canada angeschlossen, Rupert’s Land und North-Western Territory, die zusammen zu den North-West Territories wurden. British Columbia folgte 1871, 1880 die Arctic Islands (territories; an die North-West Territories angeschlossen).33 Ende des 19. Jh wurde das Yukon Territory herausgelöst aus den North-West Territories, in Zusammenhang mit Goldfunden dort, angrenzend an Alaska. Im stark besiedelten Südosten der North-West Territories, zum Gebiet zwischen den Seen und der Bucht hin, wurden verschiedene weitere Gebiete herausgelöst, heutige Provinzen; der hier relevante äusserste Norden Canadas, das Gebiet westlich (Festland) und nördlich (Inseln) der Bucht, Gebiet der Inuit, blieb die North-West Territories. Teilweise wurden die Ureinwohner von den Europäern (beginnend mit den Franzosen) in den subarktischen Norden verdrängt, später auch von Briten und Canada, “ihre” Inuit, um Ansprüche auf das Land zu unterstreichen.34 Im früheren 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika, hinzu kamen das dänische Grönland und Saint Pierre et Miquelon vor Newfoundland (Canada), der letzte Rest des einst riesigen Nouvelle-France. GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles, ein “Prozess”, der sich essentiell von den 1840ern bis zu den 1860ern abspielte.

In Grönland gab es nach dem zweiten Kolonialisierungsversuch aus Skandinavien anfangs keine autarken Siedlungen wie zuvor die der norwegischen Wikinger, sie blieben von Dänemark-Norwegen abhängig; seit 1814 ist die Insel nur mehr an Dänemark gebunden. Das koloniale Element unter den Insel-Dänen wurde dann aber doch stärker, auf Kosten des händlerischen. Siedlungen/Städte entstanden an den eisfreien Küsten Grönlands, also hauptsächlich an der Südwest-Küste. Allmählich zogen auch Inuits in die Städte. Im 19. Jh gab es noch eine Einwanderung von Inuit ins nördliche Grönland, von den kanadischen Inseln. Der Norden Grönlands war und ist (auch von Inuits) sehr dünn besiedelt; Nordost-Grönland wurde im späten 18., frühen 19. Jh entvölkert, aufgrund der Auswirkungen der Vulkanausbrüche der Laki-Krater in Island 1783-85. Dänisches Recht galt in Grönland nur für Dänen. Der deutsche Forscher, Jurist und Künstler “Carl L. Giesecke” (Johann G. Metzler), in Wien in der selben Freimaurer-Loge wie Wolfgang A. Mozart, reiste 1806 als Mineraloge nach Grönland, verfasste später das geologisch-mineralogische Standardwerk „Mineralogiske Rejse i Grenland“. Die Dänen benannten Berge auf der Insel nach ihm.

Die Inuit erfuhren spätestens ab Beginn des 19. Jh einen grundlegenden Umbruch der Lebensbedingungen, der einen Umbruch ihrer Lebensweise zur Folge hatte. In Grönland/Kalaallit Nunaat eben so wie in Alaska (USA) und Canada (dort gab es sie v.a. in den North-West Territories), aber auch (ihre “Verwandten”) im östlichen Russland. Überall waren sie unter Formen europäischer Kolonialherrschaft gekommen, wurden in der einen oder anderen Hinsicht entwurzelt. Selbständigkeit und Unabhängigkeit wandelte sich zu weitgehender Abhängigkeit von den Kolonialherren und “ihren” Gütern, von Kleidung über Nahrungsmittel bis Waffen; und die damit verbundene Kultur musste angenommen werden. Die Inuit und die anderen Eskimo-Völker mussten sich in einem monetären Wirtschafts-System behaupten, für das sie als Jäger und Fallensteller mit geringer “Produktivität” schlechte Voraussetzungen mitbrachten. Aus der (profitablen) Fischerei-Industrie in diesen Gebieten werden die Eskimo-Völker heraus gehalten. In Grönland haben die Dänen, anders als in der Karibik, keine Sklaverei aufgezogen, da es keine bewirtschaftbare Flächen gab.

Es kam zu einem Wandel von nomadischer zu sesshafter Lebensweise. Das Inuktitut-Wort „ᐃᒡᓗ“ (Iglu) bedeutet eigentlich allgemein „Behausung“, bezeichnet nicht nur Schneehäuser, sondern auch Erdhütten, Holzhäuser, Zelte (im Sommer in manchen Gegenden des Eskimo-Siedlungsraums), die ebenfalls traditionelle Behausungen waren/sind. Schnee-Iglus waren Winterbehausungen, also für einige Monate, oder provisorische Unterkünfte, v.a. bei Jagden. Seit Mitte des 20. Jh leben kaum noch Angehörige von Eskimo-Völkern in solchen Iglus, sondern in Häusern aus Ziegeln, Beton,… oder in Holzhütten. Iglus werden noch hauptsächlich bei Jagdausflügen gebaut, oder für Touristen. Eben so tragen Inuits und andere Eskimo heutzutage oft industriell gefertigte Anoraks – auch wenn das Wort aus der Inuit-Sprache Kalaallisut kommt und ursprünglich die traditionelle Inuit-Bekleidung aus Robbenfell bezeichnete (die eben auch grossteils abgelöst wurde). Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung für Inuits, oft aber wird dieses gekühlt in Geschäften gekauft (von internationalen Fangflotten gefischt) anstatt selbst gefangen mit dem Fisch-Speer. Die traditionellen Natur-Religionen des Arktisraums sind längst weitgehend verdrängt, die Eskimo-Völker wurden christianisiert. 1922 kam der (als solcher deklarierte) Dokumentationsfilm “Nanook of the North” (dt. “Nanuk, der Eskimo”) des US-Amerikaners Robert J. Flaherty heraus, über die Inuit in Kanada (im nördlichen Quebec gedreht), als die traditionelle Lebensweise schon im Umbruch begriffen war; Vieles in dem Film war gestellt.

Inuit Alaska, 1924

Vom 18. Jh an (1728) war Grönland von den Dänen in Nord Grønland (mit Godhavn) und Syd-Grønland (mit Godthaab) geteilt. 1911 wurde die Verwaltung von der königlichen Handelsgesellschaft KGH an das Innenministerium transferiert, und je ein Landsråd für die beiden Teilgebiete eingeführt35 Diese wurden indirekt, von den lokalen Räten gewählt, die ab 1862 entstanden. Die lokalen Räte hatten eben so nur beratende Funktion wie die beiden “Landesräte”. Es hatten auch (zunächst) nur Inuit das Wahlrecht, nicht die Insel-Dänen.36 Und die Entscheidungen wurden in Kopenhagen getroffen. Die beiden Teilgebiete Süd- und Nord-Grönland wurden von Inspektoren geführt, die 1925 zu Gouverneuren “aufgewertet” wurden. Ab 1925 durften auch alle männlichen Bewohner Grönlands, also auch ansässige Dänen, für eines der Inselparlamente kandidieren. Diese wurden aber als eine Angelegenheit der Inuit/Grönländer gesehen. Und, in diesem Jahr wurde auch eine eigene Grönland-Verwaltungsbehörde in der dänischen Regierung geschaffen (hauptsächlich dem Innenministerium unterstellt).

Ein wenig etwas zur Erforschung des Arktis-Raums: Diese begann Mitte des 19. Jh, ging ins frühe 20. Jh. Baffin Island, Grönland und Spitsbergen wurden bis dahin noch häufig mit einander verwechselt (von Seefahrern), und dass die Frobisher-“Meeresstrasse” eine Bucht ist (von Baffin Island) musste auch erst verifiziert werden.37 Der Engländer William Baffin (16./17. Jh) war einer der frühen Seefahrer, die sich an die Nordwestpassage heran wagten, sie beschrieben. Baffin starb im Dienste der BEIC in Persien, wo die Portugiesen die Gegner waren. Die Briten benannten die grösste Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels nach ihm, als sie dort Herren waren. Auch Grönland wurde in der späten Neuzeit Ziel von Forschungsreisen, zumal in der Kleinen Eiszeit (in etwa frühe Neuzeit) Eisberge seine Ostküste unerreichbar gemacht hatten. Der britische Seefahrer und Offizier John Franklin scheiterte 1845-48 bei seiner letzten Forschungsreise, auf der er die Nordwestpassage auffinden/durchqueren wollte, also den Seeweg vom Atlantik bzw dem amerikanischen Kontinent zum Pazifik bzw Asien, über den arktischen Archipel und die Beringstrasse. Franklins 2 Schiffe fuhren von Europa über Grönland in die nord-amerikanische Arktis, im damals britischen Rupert’s Land starben alle Beteiligten.38

Upernavik (Westküste Grönland), um 1900

Die erste Gesamtdurchfahrt der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg, entlang der Küste Sibiriens, bis zur Beringstrasse/Tschuktschensee), gelang, mit einer Überwinterung, dem schwedischen Finnen Adolf E. Nordenskiöld 1878/79. Der Norweger Fridtjof Nansen, der sich später für die Unabhängigkeit Norwegens von Schweden einsetzte, und 5 Weitere durchquerten 1888 Grönland auf Skiern. 1906 gelang schliesslich die Durchfahrt der Nordwestpassage, einem anderen Norweger, Roald Amundsen39. Der Amerikaner Robert Peary will, als erster Mensch, den Nordpol betreten haben. Peary erforschte um die Jahrhundertwende den nördlichen Teil Grönlands; bis dahin wurde spekuliert, dass sich die Insel im Norden über den Nordpol zieht. Wenigstens das hat Peary widerlegt, und damit den Grundstein für amerikanische Ansprüche auf Grönland gelegt – die mit dem Kauf der westlichen Jungferninseln aufgegeben wurden. Peary tastete sich in mehreren Expeditionen an den Nordpol heran40, wobei es auch ungewiss ist, wie weit er vor jener 1908/09 kam. Nansen kam zB 1895 schon ziemlich weit heran.41

1908 startete Peary eine weitere Polarexpedition, nach deren Abschluss er das Erreichen des Nordpols am 6. April 1909 vermeldete. Er reiste mit seinem Team über Ellesmere Island/ Umingmak Nuna auf die nördliche Polkappe, machte den Schlussabschnitt der Reise mit dem Afro-Amerikaner Matthew Henson und den Inuit Egingwah, Seeglo, Ootah und Ooqueah42 als Helfern, die er nicht als gleichrangig sah (das geht aus überlieferten Äusserungen von ihm klar hervor).43 Kurze Zeit bevor Peary und seine Helfer aufbrachen, kehrte Frederick Cook aus der Arktis zurück. Cook, der mit Peary einst zusammen in Grönland gewesen war, behauptete, am 21. April 1908 am Nordpol gewesen zu sein (Peary brach im Juli ’08 auf). Mangels entsprechender Beweise und aufgrund seines Schwindels bezüglich seiner “Erstbesteigung” des Mount McKinley/ Denali wurde Cook jedoch nur von wenigen Fachleuten, darunter seinem Freund Roald Amundsen, anerkannt. Dann kam Peary mit seiner Behauptung des Erreichens des Nordpols, die ihm im Laufe der Zeit immer weniger Menschen glaubten.44 Aber er hatte die mächtige National Geographic Society auf seiner Seite.

Für Roald Amundsen war Pearys Arktis-Expedition ein Ansporn, er setzte sich den Südpol als Ziel; 1910-12 reiste er zur Antarktis, durchquerte sie, erreichte 1911 den Südpol (mit Hundeschlitten), im Wettlauf mit dem Briten Scott  (mit Ponys), der erst ’12 ankam, am Rückweg starb. 1926 gelang Amundsen mit dem Italiener Umberto Nobile und Anderen die Überfliegung des Nordpols. Amundsen verschwand 1928 auf der Suche nach Nobile in der Arktis, der dort abgestürzt war. 1937 flog eine Gruppe sowjetrussischer Wissenschaftler unter Leitung von Iwan Papanin zum Nordpol, betrat sein Umfeld, 1948 kam eine andere (ebenfalls hin geflogen) unter Aleksandr Kuznetsov zum Pol. Der erste Mensch, der den Pol nachweislich auf dem Weg über das Eis erreichte, war der US-Amerikaner Ralph Plaisted, 1968, mit drei Anderen, auf Schneemobilen. Ein Jahr später kam der Brite Walter Herbert mit Hundeschlitten zum Nordpol. Der Deutsche Alfred Wegener, der das Modell der Kontinentalverschiebung aufstellte, machte vier Grönland-Expeditionen mit, 1912–1913 eine Durchquerung. Man nahm Ponys bzw Island-Pferde als Lastenträger, ausserdem einen Hund, alle in Island gekauft und getestet. Vor Erreichen der Westküste (bzw dem Ort Upernavik) hatte man alle Pferde sowie den Hund geschlachtet, am Lagerfeuer gegrillt und gegessen. Der grönländisch-dänische Polarforscher Knud Rasmussen (teilweise Inuit-Herkunft) nahm sich von den 1900ern bis zu den 1930ern den unbekannten Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat vor, gründete dort eine Missions- und Handelsstation namens “Thule”.45

Tja, und auch der Untergang der „Titanic“ 1912 in nordamerikanischen Gewässern hatte einen Bezug zu Grönland. Das Schiff krachte dort gegen einen Eisberg, den die Strömung aus Grönland südwärts getrieben hatte – wodurch einige Nietstellen zwischen Stahlplatten im Schiffsrumpf aufgedrückt wurden, Lecks bildeten. Das war also kurz vor dem “1. Weltkrieg” (wie der “2.” ein Krieg der westlichen Mächte gegen einander, mit Einbeziehung “nicht-weisser” Völker und Territorien). Und während diesem verkaufte Dänemark, wir erinnern uns, seine Jungferninseln an die USA. Island wurde 1918 unabhängig in Personalunion mit DK, erklärte sich 1944 zur Republik. Blieben Färöer und Grönland an Aussengebieten. In dem Krieg 1914-18 bzw danach wurde die Grenze Dänemarks zu Deutschland neu festgelegt, seine einzige Landgrenze, damit seine heutigen Grenzen (auch wenn das Königreich als Ganzes dann im 2. WK, von 1940 bis 1945, unter deutscher Besatzung war). Auch wenn im 1. WK im dänisch-deutschen Grenzgebiet nicht gekämpft wurde, die deutschen Behörden misstrauten den dänischen Nordschleswigern, etwa 300 wurden vorsorglich interniert,… – Entsprechendes kam auch anderswo in diesem Krieg vor. Nordschleswig (dän. Nordslesvig, auch Sønderjylland/ Südjütland) kam nach diesem Krieg infolge der deutschen Niederlage ohne Kampf zurück an Dänemark, nachdem eine Volksabstimmung 1920 das demographische Übergewicht der Dänen dort bestätigt hatte; 1921 trat die Grenzänderung in Kraft.

In der Zwischenkriegszeit kam es zu einem Streit zwischen Dänemark und Norwegen um einen Teil Grönlands: Norweger hatten im späten 19. Jh, noch als schwedische “Kolonie”, begonnen, an der Ost-Küste von Grönland zu jagen (Moschusochsen, Schneehasen, Wale,…). Nachdem es 1905 seine Unabhängigkeit wieder gewann, zweifelte Norwegen (Regierungsmitglieder,…) den “Besitztitel” Dänemarks über Grönland/ Kalaallit Nunaat an, sich darauf berufend dass dieser eigentlich erst durch durch Abtrennung Norwegens von Dänemark 1814 zu Stande gekommen ist. Norwegen weigerte sich, die dänische Oberhoheit über die unbesiedelten Gebiete Grönlands anzuerkennen, sah dieses Land als Niemandsland. 1919 kam es in Oslo zu einer Unterredung zwischen dem damaligen norwegischen Außenminister Ihlen und dem dänischen Botschafter in Norwegen; darin protestierte der Däne gegen die norwegischen Fischerei- und Jagdaktivitäten in Ost-Grönland. Ihlen sagte die norwegische Anerkennung der dänischen Souveränität über ganz Grönland zu. Diese war also noch nicht gefestigt/unumstritten. 1921 erklärte Dänemark ganz Grönland und die Hoheitsgewässer darum herum zu seinem Hoheitsgebiet. Norwegen blieb bei seinen Ansprüchen auf den Osten Grönlands, der einst von ihm aus kolonialisiert worden war, der von ihm aktuell genutzt wurde; nur die von Dänemark besiedelte und genutzte Südwest-Küste anerkannte es als dänisch. Und errichtete 1922 eine Station namens “Myggbukta” (Mückenbucht).

1924 einigten sich Vertreter der beiden Staaten, unterzeichneten einen Vertrag, Norwegen wurde das Recht auf die Nutzung der unbewohnten Teile Ost-Grönlands eingeräumt, aber nicht exklusiv. Die Frage der Souveränität wurde offen gelassen. Als Dänemark aber 1930 eine Expedition in die „norwegischen“ Gebiete ankündigte, eskalierte der Streit erneut. Aus Norwegen kamen “postwendend” mehrere Forschungsexpeditionen und Fangflotten nach Ostgrönland. Man begann 1931 dort mit dem Bau von Hütten, um dort Besiedelung zur Tatsache zu machen. Es kam ein Walfänger, der das Gebiet beanspruchte, dann gleich von der norwegischen Regierung unterstützt wurde.46 Norwegen beanspruchte nun das mittlere Ost-Grönland, das eine terra nullius gewesen sei, nannte es “Eirik Raudes Land”, nach jenem Wikinger, der gut 1000 Jahre zuvor dort gelandet war, die europäische Präsenz dort begründet hatte. In das beanspruchte Gebiet wurde anscheinend kein Militär geschickt, obwohl der private Anspruch gleich “verstaatlicht” wurde. Das Territorium hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von rund 460 Kilometern, war im (vereisten) Landesinneren nicht klar definiert/abgegrenzt. 1932 kam noch ein Gebiet südlich davon dazu, dieses wurde “Fridtjof Nansen Land” genannt.

In Norwegen regierte damals die Bondepartiet (Bauernpartei), mit Vidkun Quisling als Verteidigungsminister.47 König Norwegens war Haakon VII., jener Dänemarks Christian X., sein Bruder.48 Während der “Besetzung” 1931-33 war ein Helge Ingstad als Sysselmann (Gouverneur bzw Vertreter der norwegischen Regierung) verantwortlich für Eirik Raudes Land und Fridtjof Nansen Land. 1933 einigten sich Dänemark und Norwegen, die Sache vor den Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Und dieser entschied gegen Norwegen – das das Urteil anerkannte und aus Ost-Grönland abzog.49 Norwegen gab seine Ansprüche auf (Teile von) Grönland/ Kalaallit Nunaat 1933 auf. Dänemark nannte die umstritten gewesene Region “König-Christian X-Land”.

Norwegen war in der Zwischenkriegszeit überhaupt “imperialistisch” ausgerichtet, bestrebt, sich diverse “in Frage kommende” Aussengebiete einzugliedern. Hat damals diverse unbewohnte Inseln und Gebiete im Arktis- und Antarktis-Raum angeeignet, die bis heute zu ihm gehören, wie den Svalbard-Archipel. Norwegen beanspruchte auch die Sverdrup-Inseln, zwischen Ellesmere Island und Grönland; der Norweger Otto Sverdrup hatte diese Ende des 19. Jh von Grönland aus erforscht – und auch für sein Land reklamiert. Das unabhängige Norwegen zeigte daran aber kein Interesse, bis 1928. Wobei es die Sverdrup-Inseln (bzw den Anspruch darauf) eigentlich als Faustpfand gegenüber Grossbritannien einsetzte, für die Anerkennung der Ansprüche auf die Inseln Jan Mayen (Arktis) und Bouvet (Antarktis). Die Sverdrups lagen “bei” Canada, aber erst mit dem Westminster-Statut von 1931 bekam dieses von GB weitgehende Unabhängigkeit (zusammen mit Australien, Neuseeland, Südafrika). 1930 gab Norwegen die Ansprüche auf die Sverdrup-Inseln auf, im Gegenzug anerkannte GB die norwegische Souveränität über die Mayen und Bouvet.

Dänemark und Norwegen waren im 2. WK von Nazi-Deutschland besetzt, von 1940 bis 1945, aber beide nur vergleichsweise „oberflächlich“. Grönland wurde nicht von der Wehrmacht besetzt, die Kontrolle Dänemarks über diese Insel riss somit 1940 ab. Dagegen besetzten Truppen der USA 1941 Grønland/Kalaallit Nunaat. Es ging dabei darum, einem möglichen deutschen “Heranrücken” an Nordamerika entgegen zu wirken. Der dänische Botschafter in der USA, Henrik Kauffmann, sagte sich 1940 von der bis 1943 (unter deutscher Besetzung) amtierenden dänischen Regierung los und “gestattete” der USA 1941 die Besetzung Grönlands. Kauffmann tat sich mit den Gouverneuren für Nordgrönland, Eske Brun, und für Südgrönland, Aksel Svane, zusammen. 1941 reiste Svane in die USA aus und Brun zog von Godhavn/Qeqertarsuaq nach Godthaab/Nuuk um, wurde quasi Verwalter für ganz Grönland, wobei die USA nun die entscheidende Macht war; die beiden Landesräte hatte ohnehin auch in Friedenszeiten wenig zu sagen. Noch 1941 zwangen die USA Brun und Svane ein “Verteidigungsabkommen” auf, durch das in Grönland zahlreiche amerikanische Militärstützpunkte errichtet wurden. In der Hauptsache waren das die Luftwaffenbasen “Bluie West-1” in Narsarsuaq im Süden und “Bluie West-8” in Søndre Strømfjord (Kangerlussuaq; Südwesten). Aus ihnen wurden zivile Flughäfen, die bis heute in Gebrauch sind, die wichtigsten Grönlands neben jenem von Nuuk. Auch entstand, im Nordwesten, in Thule, eine Wetterstation (“Bluie West-6”).

Norwegen stand 40-45 unter Herrschaft von “Reichskommissar” Josef Terboven, 42-45 gab es eine Regierung unter Quisling dazu (bzw darunter).50 Gustav Smedal und Adolf Hoel, zwei Aktivisten in Quislings Nasjonal Samling, waren engagiert in der Grønlandssaken, der Sache bzw dem Streit um Grönland zwischen Dänemark und Norwegen, den sie als nicht beigelegt sahen bzw wieder aufnehmen wollten. Die beiden norwegischen Nationalisten waren diesbezüglich auch im Norges Ishavskomité aktiv, Smedal der Jurist und Hoel der Geologe (Erforscher des Svalbard-Archipels), und richteten ihr Anliegen an die Nazi-Besatzer sowie das norwegische Kollaborationsregime unter Quisling, der ja im diesbezüglichen Streit 1931-33 engagiert gewesen war. Vidkun Quisling war auch für eine “Rückgabe” Grönlands an Norwegen für den Fall eines deutschen Sieges im Krieg, vor und nach der US-amerikanischen Besetzung Grönlands im April 41. Die Deutschen hatten allerdings kein Interesse daran, auf Grönland eine weitere Front zu eröffnen.

Die Führung des “nationalsozialistischen” Deutschen Reichs “begnügte” sich im Arktis–Subarktis-Raum mit Versuchen, Wetterstationen auf Grönland sowie diversen zu Norwegen gehörenden Gebieten/Inseln zu errichten, 1941-44, Aktionen die unter verschiedenen Tarnnamen liefen. „Unternehmen Haudegen“ auf Spitzbergen (Svalbard-Archipel) wurde bekannt, da die Männer in der 1944 errichteten Station das Kriegsende gewissermaßen verpassten, im September 45 von einem norwegischen Fischereischiff “evakuiert” wurden. Alle Versuche bezüglich Grönland konzentrierten sich auf die Ostküste, misslangen schliesslich, wurden von US-Streitkräften aufgebracht, zum Teil in Kämpfen, zT gelang ein(e) Rückzug/Evakuierung, auch dänische Soldaten waren an der Seite der Amerikaner dabei. Kauffmann, Brun und Svane, die dänischen “Statthalter” für Grönland unter USA-Herrschaft, erlaubten den Besatzern die Ausbeutung von Kryolith-Vorkommen aus der Mine in Ivigtut im Südwesten, ein Mineral das zum Giessen und Schleiffen verwendet wird. Viel mehr an “Reichtümern” hatte die Insel nicht zu bieten. Im Gegenzug wurde Grönland/ Kalaallit Nunaat von USA und Canada mit diversen Gütern versorgt.

Gefangennahme von Teilnehmern des “Unternehmens Edelweiß II” am 4. Oktober 1944

Grönland war zur Zeit des Krieges in Europa und im Pazifik-Raum die Kolonie eines besetzten Landes, wurde von einem anderen Land besetzt, hinzu kamen die erneuerten norwegischen Ansprüche, seine militärische Nutzung als Luft- und See- Hafen durch Briten und Kanadier. Wobei der Grossteil seiner Bevölkerung, die Inuit, mit dem Ganzen gar nichts zu tun hatten, von allen Seiten einfach ignoriert wurden, in diesem Krieg der Europäer bzw Westmächte gegen einander. Die Insel wurde während dieses Krieges strategisch wichtig, aber davon hatte die Bevölkerung eigentlich nichts (Positives). Der Krieg leitete jedenfalls das Ende der Isolation Grönlands ein, die Dänemark aus wirtschaftlich-strategischen Gründen “verhängt” hatte. Von Albert Speer heisst es, dass er am Kriegsende erwog, per Flugzeug nach Grönland zu flüchten. Er liess sich aber dann in Schleswig-Holstein von britischen Soldaten festnehmen, beim endgültigen Untergang des “Dritten Reichs” dort. Die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland wurde wieder zurückgesetzt, Nordschleswig ging zurück, die Grenze verlief wieder südlich von Apenrade/Aabenraa, nicht mehr südlich von Kolding. Dänemark versuchte nach dem Krieg sogar, Süd-Schleswig von Deutschland zu bekommen. Was ein Dreh- und Angelpunkt für Flüchtlinge/Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten geworden war.

Grönland hatte im 2. WK strategische Bedeutung gehabt (bekommen), behielt sie danach im Kalten Krieg (der ja losging kaum dass der Krieg vorbei war), da es auf der kürzesten Linie zwischen den Supermächten USA und UdSSR (SU) lag, mitten im Nordatlantik51, sich auch als “Beobachtungsposten” eignete in den Augen von Strategen. Die USA zogen 1945 wieder aus Grönland ab, die dänische Herrschaft wurde wieder hergestellt. Truppen der SU (Rote Armee) waren am Ende des 2. WK auf Bornholm. 1946 bot die USA aber Dänemark an, Grönland/Kalaallit Nunaat zu kaufen, wie einst die Virgin Islands, für 100 Millionen Dollar, was die dänische Regierung ablehnte. Damals, 1917, im Rahmen des Kaufes von Dänisch-Westindien, hatte die USA ihre “Ansprüche” auf Grönland aufgegeben. Dänemark war 1949 Mitbegründer bzw Gründungsmitglied der NATO. Und die USA behielten ihr gepolitisches Interesse an der dänischen Kolonie. Der Gouverneur von Nordgrönland, Brun, hatte im Krieg zusammen mit den US-Behörden Grönland verwaltet, behielt eine pro-amerikanische Ausrichtung. 1947 wurde er Vizepräsident der Grönland-Verwaltung, 1949 ihr (letzter) Präsident, als Nachfolger von Oldenow.

Die USA drängte in den späteren 1940ern auf Einflussnahme und einer neuen Nutzung von Militärbasen und Wetterstationen in Grönland, verpackte militärische Absichten in Forschungsaktivitäten, auf Gebieten wie Meteorologie, Geologie, Glaziologie – sowohl inhaltlich als auch vom Aufbau einer Präsenz dort. 1951 willigte die dänische Regierung ein, den USA-Militärstützpunkt in Thule/Umanaq im Norden Grönlands wieder beleben zu lassen. Nun wurde dort nicht nur die Wetterstation wiederbelebt, sondern ein Luftwaffen-Sützpunkt errichtet, 1951 bis 1953. Weichen (bzw aufgegeben werden) mussten dafür die Siedlungen Thule/Umanaq/Dundas und Pituffik. Die (Inuit-) Bewohner wurden in die Qaanaaq-Region in der Nähe umgesiedelt, wo nun eine Stadt dieses Namens errichtet wurde, inoffiziell auch “neues Thule” genannt. Den Namen “Thule” trägt seither nur mehr die Thule Air Base, Qaanaaq ist die nächst gelegene Ortschaft, Umanaq und Pituffik gibt es nicht mehr. Die Zwangsumsiedlung führte zu einem jahrzehntelangen Rechtsstreit der betroffenen Inuit mit dem dänischen Staat, bei dem der Politiker Ûssarĸak K’ujaukitsoĸ (Siumut), der aus Umanaq stammte, eine wichtige Rolle spielte. Es heisst, schwerverwundete US-Soldaten wurden aus dem Korea-Krieg zum Streben auf Thule gebracht.

Manche sagen, die eigentliche Kolonisierung Grönlands begann erst in dieser Zeit, was auch mit dem geostrategischen Interesse zu tun hatte, aber auch mit einer stärkeren Anbindung an die “Aussenwelt”, durch Flugzeuge und Eisbrecher. Jedenfalls war es mit der Isolation Grönlands spätestens nach dem Krieg, wenn nicht schon während dessen, zu Ende. Es entwickelte sich auch eine Anbindung an das eigentlich näher (als Skandinavien) liegende Nordamerika. Nach dem 2. WK begann allgemein die Entkolonialisierung nicht-europäischer Gebiete von europäischen Mächten, bis 1965 lief sie grösstenteils. Grönland war (ist) ein Sonderfall, da in Nordamerika, und unwirtlich und in US-amerikanischem militärischen Interesse,… Die UNO nahm das dänisch beherrschte Grönland bald auf ihre Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, wie zB auch Guam. 1946 sprachen sich die beiden “Landesräte” (Teilparlamente) Grönlands für graduelle Reform, keinen “radikalen Wechsel” aus. Die dänische Regierung setzte 1948 eine Kommission ein, die über die Zukunft der Insel “nachdenken” sollte. Diese gab 1950 den Abschlussbericht ab, aufgrund dessen es bald zu gravierenden Änderungen kam.

Eine dänische Verwaltungsreform für Grönland 1950/51 schuf die beiden Teil-Kolonien Süd- und Nord-Grönland ab, nun gab es nur noch einen Gouverneur und einen Landsråd, die Verwaltung wurde in Godthaab/Nuuk zentralisiert, das Hauptstadt wurde. Der Landsråd wurde nun direkt gewählt; 1948 war das Frauenwahlrecht für die beiden Räte eingeführt worden, dennoch wurden bis 1979 nur ganz wenige Frauen gewählt, wie auch ganz wenige Dänen. Grönländische Parteien entstanden erst in den 1970ern, bis dahin wurden Personen gewählt. Entschieden wurde einstweilen weiter in Kopenhagen, nun im Grønlandsdepartement, das dem Premierminister unterstand. Das Monopol der KGH für den Handel mit Grönland wurde abgeschafft. Es blieben aber die Fremdbestimmung und die ungleichen Gesetze für (bzw die ungleiche Stellung von) Dänen und Inuit. Bis zur Verfassungsreform von 1953. Mit dieser wurde auch die Thronfolge geändert, womit die älteste der drei Töchter von König Frederik IX., Margrethe, Kronprinzessin werden konnte. Die sozialdemokratische Mehrheit (Regierung Hedtoft-Hansen) im dänischen Parlament, dem Folketing52, leitete damals aber auch grundlegende Änderungen Grönland betreffend ein.

Grönland/ Grønland/ Kalaallit Nunaat wurde 1953 von einer dänischen Kolonie zu einer Übersee-Provinz “umgewandelt”, war jetzt Teil Dänemarks. Und ein Amt davon. Amter waren die Verwaltunsgeinheiten Dänemarks, seit 1662, ihre Zahl bzw ihre Zuschnitte änderten sich immer wieder. 2007 wurden sie abgeschafft bzw umgewandelt. Mit dieser “Erhebung” Grönlands wurden seine Einwohner auch dänische Staatsbürger, also jene die das noch nicht waren, und das waren die Inuit. Der Landsråd, das Parlament, blieb, wurde nicht aufgewertet mit Selbstverwaltunsgaufgaben bzw einer Regierung, war aber jetzt ein Provinzparlament. Als ein(e) Amt/Provinz durfte Grönland ab ’53 auch (zwei) Abgeordnete in das dänische Parlament entsenden. Die Färöer(-Inseln)53, das andere Aussengebiet, bekam 1948 Selbstverwaltung/Autonomie, die 2005 aufgewertet wurde.

Dänemark liess die grönländischen Inuit bis 1953 vereinfacht gesagt links liegen. Das Ende dieser Politik, die Einbindung in dänische Angelegenheiten, brachte für diese aber auch Nachteile. Bis dahin wurden sie von der dänischen Kolonialisierung ihrer Insel sehr wohl berührt, ihr traditioneller Lebensstil war schon Anfang des 20. Jh mehr Folklore bzw anthropologisches Anschauungsmaterial als Realität (wie auch in Alaska und Canada), aber sie wurden in vieler Hinsicht in Ruhe gelassen, auch von Amerikanern oder Nazis, wenn diese Wetterstationen auf der Insel errichteten. Mit dem Ende des Kolonialstatus setzte nun eine Politik der “Dänifizierung”, der aufgezwungenen kulturellen Assimilation, ein. Die dänische Sprache wurde in allen Bereichen verlangt bzw promotet; Grönland-Inuit die studieren wollten, mussten nach “Kern-Dänemark” gehen; viele Kinder wurden dort in Internate gebracht. Es war ähnlich wie in Australien mit den “Aborigines”. Diese Politik erreichte aber auch das Gegenteil ihres Zwecks, nämlich eine Rückbesinnung der Inuit/Grönländer auf ihre kulturellen Wurzeln sowie das Aufkommen des Verlangens nach Autonomie und Unabhängigkeit. Die „Unterentwicklung“ Grönlands versuchte Dänemark mit einer Industrialisierung wett zu machen, die Insel war ja jetzt ein Teil Dänemarks, wenn auch vom Rest “etwas” abgeschnitten. In diese Zeit fällt auch der Bau des Wohnhauses “Blok P” in Godthåb/Nuuk, 1965/66, im Zuge der “Modernisierungs”-Bemühungen für Grönland/Kalaallit Nunaat. Etwa 1% der Bevölkerung der Insel wohnte in seinen 320 Wohnungen. Der Blok sollte Leute von ihren “Siedlungen” an der Küste weg bringen, urbanisieren.54

Über Niels Bohr und seine „Verbindungen“ zu den Atomwaffenprojekten Nazi-Deutschlands wie der USA Einiges im Artikel über die deutsche Atombombe. Dänemark verfügt über keine Atomwaffen, ist Unterzeichner bzw Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NPT; 1968/70). Es ist unter dem “nuklearen Schirm” der NATO bzw der USA; und die USA hat im dänischen Grönland immer wieder Atomwaffen stationiert. Und, 1955/56 wurde in einem Fjord im Süden, beim Dorf Narsaq, Uran gefunden. Hier kommt wieder Bohr “ins Spiel”. Der Physik-Nobelpreisgewinner von 1922 war nach dem Krieg ein Verfechter der friedlichen Nutzung der Kernenergie, kam einige Wochen nach den ersten Funden bei Narsaq auf die Insel, hoffte dass damit die Versorgung für dänische Atomkraftwerke gegeben sei. Dänemark hat dann keine AKWs gebaut, aber das Uran in Grönland ausgebeutet – bis 1988, als das grönländische Parlament ein Moratorium bezüglich der Förderung von uran-haltigen Mineralien beschloss.

Dänemark erlaubte der USA 1951 nicht nur die Benutzung und den Ausbau von Thule, sondern auch die Errichtung weiterer Militärstützpunkte in Grönland. Nicht weit von der Thule Air Base, im Nordwesten Grönlands, entstand Camp Century, 1958/59. Dänemarks Ministerpräsident Hans C. Hedtoft-Hansen (47-50, 53-55) gestattete der USA zudem 1957, Atomwaffen auf der Thule Air Base zu stationieren. Aber davon wussten sogar in der dänischen Regierung nur Wenige. Camp Century war von 1959 bis 1967 in Betrieb, es bestand aus langen Tunneln im Eis (8 Meter unter der Oberfläche), besaß einen Kernreaktor zur Energieversorgung, ein Krankenhaus, Geschäfte, ein Kino, eine Kapelle, konnte bis zu 200 Soldaten beherbergen. Und sollte zu einem gigantischen Projekt erweitert werden, Project Iceworm, unterirdische Abschussvorrichtungen für Atomraketen in Grönland. Doch die Amerikaner realisierten, Iceworm würde nicht funktionieren. Das Eis bewegt sich ständig und macht es unmöglich, dauerhafte unterirdische Anlagen zu errichten. Ab 1964 wurde Camp Century nur noch gelegentlich genutzt, 1967 kapitulierte das Militär der USA vor Mutter Natur und zog von dort ab, man nahm immerhin die Reaktionskammer des Reaktors mit, der grösste Teil des Restes wurde zurück gelassen, darunter auch nukleare Abfälle.

Bau Camp Century

In dänischen Behörden war man neugierig, was in der “Stadt unter dem Eis” vor sich ging, erfuhr aber nichts. Man setzte daher einen Dänen, der als Soldat auf die nahe Thule-Luftwaffenbasis arbeiten durfte, darauf an. Erik Jørgen-Jensen, 1960 bis 63 dort tätig, teilte seine Beobachtungen regelmäßig an seine Kontakte im dänischen Militärgeheimdienst DDIS in Kopenhagen mit. Erst 1997 wurde dies öffentlich bekannt, v.a. in Dänemark. Ebenfalls mit Atomwaffen der USA in Grönland hatte der Absturz eines B52-Kampfflugzeugs am 21. Januar 1968 zu tun. Der Bomber hatte vier Wasserstoffbomben an Bord, flog eine “Chrome Dome”-Mission (mehr dazu unten) über der Baffin Bay (die Grönland von Canada trennt), nahe der Thule-Basis. Es gab ein Bordfeuer, der Notausstieg von 6 der 7 Crewmitgliedern gelang, mit Fallschirmen55.

US-Truppen Grönland

Der Flieger mit den Bomben stürzte in das Eismeer vor der Küste Grönlands, die 4 Bomben detonierten, wobei es zu keiner vollen Nuklearexplosion kam. Dennoch wurde ein grosses Gebiet an Eis und Meer radioaktiv verstrahlt – und auch Angehörige der amerikanischen und dänischen Bergungstrupps. Die Wasserstoffbomben wurden im Eismeer geborgen, heisst es. Doch es halten sich Meldungen, Berichte, Gerüchte, wonach eine Bombe (teilweise) nicht aufzufinden war. Dass es später noch grosse Suchaktionen nach der vermissten vierten Bombe gab, teilweise, dass diese später (1979 wird genannt) gefunden wurde. Der Unfall liess sich jedenfalls nicht vertuschen und er führte zeitweise zu Spannungen zwischen USA und Dänemark. Wobei die Haupt-Betroffenen die in der Gegend lebenden Inuit waren/sind. Teilweise bekamen sie Entschädigung. Die amerikanische Luftwaffenbasis Thule, mit seinem “aufgemotzten” Ballistic Missile Early Warning System, macht Grönland natürlich weiter verwundbar, zu einer Art Zielscheibe gegebenenfalls.

Der “Broken Arrow” – Unfall bei Thule 1968 führte zur Einstellung der “Operation Chrome Dome“, einer Nuklearkrieg-Strategie der USA (ab 1960 implementiert), die eine ständige Präsenz von nuklearwaffen-bestückten amerikanischen Kampffliegern vorsah. Die vor Grönland möglicherweise “verschwundene” H-Bombe wird als eine von elf verschollenen Nuklear-Bomben der USA gesehen. Relativ bekannt ist auch noch der Fall des U-Boots “USS Scorpion” ein paar Monate später (Mai 68), das im Atlantik sank, was 99 Seeleute/Soldaten tötete; 2 nukleare Torpedos gingen dabei verloren.56 Es war einer von 4 rätselhaften bzw nicht ganz geklärten U-Boot-Unfällen oder -Verschwinden in diesem Jahr, die anderen waren das israelische “INS Dakar”, das französische “Minerve” und das sowjetische “K-129”. Beim Absturz einer B-52 (ebenfalls auf “Chrome Dome”-Flug) ins Mittelmeer vor Palomares (Spanien) 1966 kam es wie in der Baffin Bay 68 zu einer Detonation, dort wurden die 4 Wasserstoff-Bomben (bzw ihre Überreste) aber gefunden.

1972 wurde Margrethe af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg nach dem Tod ihres Vaters neue dänische Königin (Margrethe II.), ist es seither.57 Ihre britische Kollegin Elizabeth II. ist noch 20 Jahre länger Königin, Margrethe ist dahinter der/die am zweitlängst dienende Monarch(in) Europas, und Dänemark wird als älteste Monarchie Europas gesehen. Aber seit mittlerweile 170 Jahren liegt ja die Macht bei den Regierungen, die sich auf eine parlamentarische Mehrheit stützen müssen. 1973 trat Dänemark, mit Grönland, der EWG/EG/EU bei, einem Referendum im Jahr davor folgend. Bei dieser Abstimmung gab es dänemark-weit über 63% Zustimmung für den Beitritt, in Grönland aber eine klare Mehrheit (70%) dagegen. Und gut 90% der Grönländer sind Inuit. Das Votum kam wohl aus Sorge um die Fischerei vor den Küsten der “Insel”, die den Inuit ohnehin schon grossteils “weggenommen” wurde. Und aus Unbehagen, darüber, dass im Fall eines Beitritts zur EWG/EEC nicht nur in Kopenhagen über Grönland entschieden würde, der Einfluss von Aussen noch wachsen würde.

Aber, da Grönland damals einfach eine (überseeische) Provinz Dänemarks war und keine substantielle Selbstverwaltung hatte58, wurde es als Teil Dänemarks Teil der EWG. Die Färöer hatten Selbstverwaltung und brauchten so nicht zusammen mit (dem Rest von) Dänemark in die EWG gehen. Grönland war nicht das einzige nicht-europäische Gebiet in der EWG/ EG/ EU. Diese Entwicklung brachte dem politischen Aktivismus unter den Inuit Grönlands, die für Rückbesinnung auf eigene Werte und Selbstverwaltung war, in den 1970ern Zulauf. Dieser Aktivismus wurde hauptsächlich in der sozialdemokratischen Siumut (kalaallisut “Vorwärts”) organisiert, die 1971 als Bewegung, 1977 als Partei gegründet wurde. Die Befürchtungen vor Überfischung durch Fangflotten verschiedener europäischer Länder bewahrheiteten sich auch. Die dänische Regierung unter Anker Jørgensen (Sozialdemokraten) bzw ihre parlamentarische Mehrheit willigte in ein Referendum in Grönland über Autonomie (bzw Devolution) ein, das im Jänner 1979 statt fand. Etwas über 70% der Stimmberechtigten waren dafür.59

So bekam Grönland 1979 Autonomie innerhalb Dänemarks. Eine eigene Regierung, eine Aufwertung des Parlaments (umbenannt in Grønlands Landsting bzw Kalaallit Nunaanni Inatsisartut), die Selbstverwaltung in vielen Belangen, darunter Bildung, Fischerei und die Kontrolle über die eigenen Bodenschätze. Die dänische Regierung behielt natürlich auch die Souveränitätsrechte, die Aussen- und Verteidigungspolitik. Das dem dänischen Premierminister unterstehende Grønlands-Department wurde aufgelöst. Und statt dänischen Gouverneuren gab es nun Hochkommissare (Rigsombudsmand) in Grönland. Im Zuge der Autonomie kam es auch zu einer Aufwertung der Inuit-Sprachen und einer Abwertung des Dänischen, auch dies ein Ausdruck des anti-kolonialistischen Geistes. Die Sprache der Inuit Grönlands gibt es in mehreren regionalen Varianten, sie gehört zu den Eskimo–Aleut-Sprachen, ist mit den anderen in Canada, USA und Russland verwandt, am engsten natürlichen mit den anderen Inuit-Sprachen, wie Inuktitut. Die wichtigste Inuit-Sprache (oder Dialekt…) ist das im Westen verbreitete Kalaallisut, Sprache der Kalaallit, der Inuit in West-Grönland. Daneben gibt es noch die im Osten verbreiteten Tunumiit und ihre Sprachvariante sowie die Inughuit im Norden mit ihrem Inuktun oder Avanersuarmiutut. Es kam (ab) 1979 zu einer Grönlandisierung/Inuitisierung von Ortsnamen, die Hauptstadt Godthåb wird seither nur noch mit ihrem Inuit-Namen Nuuk genannt.

1979 gewann die antikolonialistische und euroskeptische Siumut die erste Wahl zum Landsting. Ihr Spitzenmann Jonathan Motzfeldt, ein lutheranischer Priester, einer der treibenden Kräfte für die Gewinnung der Autonomie, wurde Premierminister, blieb dies nach weiteren Wahlsiegen bis 1991. Das unter dänischer Herrschaft seit dem 18. Jh in Grönland verbreitete lutheranische (evangelische) Christentum hat sich unter den Inuit klar durchgesetzt, der traditionelle Schamanismus ist nur noch rudimentär vorhanden. Grönland war lange der Diözese Kopenhagen zugehörig, wurde 1993 eine eigene Diözese, mit einem Inuit als Bischof. Eine der vordringlichen Ziele der ersten grönländischen Regierung unter Motzfeldt war der Austritt aus der E(W)G. Dazu wurde ein(e) Volksabstimmung/Referendum angesetzt, 1982, bei der 53% für einen Austritt stimmten. 1982 bis 1984 wurde zwischen Nuuk, Kopenhagen und Brüssel über die Bedingungen verhandelt, 1985 wurde der Austritt vollzogen, trat der “Grönland-Vertrag” in Kraft. Grönland trat in eine “spezielle Beziehung” mit der EG (der Dänemark natürlich “treu” blieb), wird zB weiter als Übersee-Territorium der EU gesehen. Grönländer mit ihrer dänischen Staatsbürgerschaft blieben Bürger der EG/EU.60

Die heutige grönländische Flagge wurde 1985 angenommen; andere damals in Erwägung gezogene Entwürfe/Vorschläge beinhalteten alle das skandinavische Kreuz. Was die Wirtschaft Grönlands betrifft: Die Meerestiere vor seinen Küsten waren und sind Grönlands grösster Schatz. Es kommen sogar noch Wale vor die Küsten, trotz der jahrzehntelangen Jagden. Fischerei dominiert die Wirtschaft klar, ist nun zu einem grossen Teil in den Händen der Grönländer. Die Skandinavier haben übrigens verschiedene (Land-) Tiere nach Grönland gebracht (Schafe, Rentiere, Hunde,…), die dort heimisch wurden. Auch in der Fischerei mussten sich die Inuit auf industrielle Lebens- und Arbeitsbedingungen umstellen. Ob die Selbstmorde und der Alkoholismus unter ihnen damit zu tun haben? Die dänische Handelsgesellschaft für Grönland, KGH, kam 1979 unter Kontrolle der grönländischen Regierung, 1986 wurde aus ihr die Kalaallit Niuerfiat (KNI; “grönländischer Handel”), als Firmen- und Markennamen wählte man 1990 “Royal Greenland”. KNI ist zu 100 % in “staatlichem” Besitz Grönlands, hat eine eigene Fangflotte sowie Verarbeitungs-/ Produktionsstätten in Grönland, Europa und Canada.61

Die Besiedlung von Grönland/Kalaallit Nunaat ist wie erwähnt klar auf die Südwest-Küste konzentriert, wo sich auch die Hauptstadt Nuuk (früher Godthab) befindet; der Südosten und der Nordwesten sind spärlicher besiedelt; der extrem “unwirtliche” Nordosten und das Landesinnere nicht. Schon seit frühesten Kolonialzeiten konzentrierte sich die Besiedlung auf den Südwesten (wo die Küsten grossteils eisfrei sind), also auf die Amerika zugeneigte und Europa abgeneigte Seite. Von den etwa 56 000 Einwohnern Grönlands sind etwa 90% Inuit und 10% ethnische Dänen.62 Die grönländischen Inuit sind in der Regel evangelisch, zweisprachig, haben dänische Namen63 und leben nur noch in Ausnahmefällen traditionell. Es gab und gibt eine Auswanderung von Grönland-Inuit ins eigentliche Dänemark, und eine von Dänen nach Grönland. Etwa 15 000 Inuit leben in Dänemark ausserhalb Grönlands, in der Diaspora gewissermaßen, manche temporär, manche schon seit Generationen. Auch in Canada gibt es eine solche Binnenmigration von Inuit (und anderen “Indigenen”) – und solange Grönland nicht unabhängig ist (von DK), ist es eine Binnenmigration. Die Grönland-Dänen leben hauptsächlich in Nuuk, sind schon lange nimmer die Oberschicht.

Noch ist Grönland wirtschaftlich von Dänemark abhängig, es heisst fast die Hälfte des grönländischen Budgets, rund 500 Millionen Euro, kommt jährlich aus Kopenhagen. Ausser dem Verkauf eines Teils seines Fischfangs hat Grönland einstweilen nur den Tourismus als zuverlässige Einnahmequelle. Viele Kreuzfahrtsschiffe legen an. Aber: der Klimawandel soll die Ausbeutung von Bodenschätze unter dem Eis, das 80% Grönlands bedeckt, zulassen, jenen die sich darunter befinden oder vermutet werden: Öl, Uran, Erze sowie seltene Erden, die zur Produktion von Elektronikprodukten, Elektro- und Hybridautos verwendet werden. Dabei soll China eine wichtige Rolle spielen, zum Unmut vieler westlicher Mächte. Für Grönland sollte sich dadurch der Verzicht auf dänische Zuschüsse und damit die Unabhängigkeit ausgehen. Aber in diesem Szenario würde sich Grönland/Kalaallit Nunaat stark verändern. Die Erderwärmung ist für das Land nicht nur eine Chance, auch eine Gefahr, in mehrerer Hinsicht. Die Existenz der verlassenen USA-Militärbasis “Camp Century” wurde ja erst 1997 bekannt. Noch immer ist nicht ganz klar, was genau dort unter dem Eis liegt, aber neben tausenden Tonnen “gewöhnlicher” Müll und Schrott sollen es auch grosse Mengen Dieselöl, gefrorenes Abwasser, krebserregende Chlorverbindungen und gefrorenes, schwach radioaktives Kühlwasser aus dem Reaktor sein.64 Berechnungen zufolge65 dürfte die Anlage in etwa 70 Jahren an die Oberfläche kommen.

A propos Klimawandel: Es ist ein Däne, der eine Art Prophet der Klimawandel-Skeptiker wurde, der Statistiker Björn Lomberg. 2010 vollzog er dann eine halbe Kehrtwende, anerkannte die Existenz des Klimawandels und das Anliegen des Engagements dagegen, gefällt sich aber weiter in der Rolle des Gegenschwimmers. Die Klimakrise ist in Australien ein entscheidendes/bestimmendes politisches Thema geworden, nach dem die Rechte (Liberal Party und Partner) sie lange weg leugnete, eine Auseinandersetzung mit dem Klimawandel als ideologisch unzumutbar/unvereinbar/unmöglich/… sah. Die LP ist dabei, sich umzustellen, wobei sie in manchen Wahlkreisen nach wie vor den Kopf in den Sand steckt. In der Republican Party (USA) oder bei der AfD (wo die Klimawandel-Skeptiker von Broder Feuerschutz bekommen) wird das noch etwas dauern. Die globale Erwärmung betrifft ja nicht nur Kalaallit Nunaat sondern die gesamte Arktis-Region, auch die Nordpol-Eiskappe. Wenn das Eis dort taut, wird der Zugang zu den am Meeresgrund vermuteten Bodenschätzen frei bzw einfacher. Die Arktis-Anrainerstaaten bringen sich bereits in Stellung dafür, Canada, Russland,…oder Dänemark, das über sein Aussengebiet Grönland Gebietsansprüche in der Arktis erhebt. Ende ’14 legte Dänemark im Streit um den Nordpol nach: Neue Messdaten Grönland betreffend sollten den Gebietsanspruch des skandinavischen Staates beweisen.

Jonathan Motzfeldt 07

Jonathan Motzfeldt (1938 – 2010) war grönländischer Premier von 1979 bis 1991, eher er aufgrund eines Alkohol-Problems zurücktreten musste. Sein Parteikollege Lars E. Johansen folgte ihm, und 1997 bis 2002 war wieder Motzfeld Regierungschef. Dann kam es wieder zu einem Personenwechsel, aber erst 09 zu einem Machtwechsel, nachdem die Inuit Ataqatigiit (IA) mit Kuupik Kleist die Wahlen gewann. Nach einer Periode “Unterbrechung” ist die Siumut wieder an die Macht zurück gekehrt. Die Atassut war viele Jahrzehnte die wichtigste Partei hinter Siumut und die Opposition zu die von ihr gebildete Regierung, sie verlor seit 2002 sukzessive. Die Atassut ist gegen eine Unabhängigkeit Grönlands, sie war sogar gegen Autonomie Grönlands innerhalb Dänemarks, gegen den Austritt aus der EG, für Anbindung an die NATO, ausserdem für Privatisierungen. Einer ihrer ersten Führer, Lars Chemnitz, ein Grönland-Däne (in Nuuk geboren), verliess Grönland in den 1990ern und ging nach Dänemark. Zwischen Siumut und Atassut haben sich in den letzten 17 Jahren (seit der Wahl 2002) Inuit Ataqatigiit und die DemokraterneDemokraatit geschoben. Die IA ist wie die Siumut zumindest für grössere Unabhängigkeit des Landes von Dänemark, die Demokraten wie Atassut dagegen. Gegen Unabhängigkeit bzw Separatismus ist auch Samarbejdspartiet/ Suleqatigiissitsisut, gewissermaßen eine Abspaltung von den Demokraten.

2008 ein Referendum über eine Erweiterung der Autonomie, mehr Kompetenzen für das eigene Parlament, es gab eine Zustimmung. Somit darf Grönland seit 2009 über fast alle seine Belange selbst bestimmen, bekommt dafür weniger Geld aus Kopenhagen, wo fast nur noch Aussen- und “Verteidigungs”politik verbleiben.66 Auch in diesen Bereichen wird von Dänemark aber nun erwartet, sie nicht über die Grönländer bzw ihre gewählten Vertreter hinweg zu regeln. Und Grönland bekam das Recht auf die volle Unabhängigkeit! Dänisch wurde ’09 als offizielle Sprache des Landes gestrichen. Es bleibt aber wichtig in Grönland bzw für Grönländer. Kalaallisut (“West-Grönländisch”) wurde 09 offizielle Sprache. Auch Englisch wurde in Grönland wichtig, zur internationalen Verständigung und mit den Nachbarn in Nordamerika. Auch die Verwaltungsstruktur wurde 2009 geändert. Von 1950/51 bis 2008 war Grönland in 3 Bezirke/Amter unterteilt, West-, Ost-, Nordgrönland. Mit der Einführung der Autonomie 1979 wurden die Namen grönlandisiert, auf Kitaa, Tunu, und Avannaa. Die Amter waren in Gemeinden/Kommuner unterteilt, ab 1979 18. Mit den Reformen 2008/09 wurden statt der 3 Amter 4, dann 5 Kommuner als oberste Verwaltungseinheit eingeführt. Hinzu kommt der Nationalpark im Nordosten, 1974 geschaffen, das grösste Territorium, gleichzeitig das am wenigsten besiedelte. Die Thule Air Base liegt exterritorial in der Kommune Avannaata (Norwesten). Unter den Kommuner gibt es jetzt 18 Distriket (die früheren Gemeinden), darunter die eigentlichen Gemeinden.

Grönland ist weiterhin eine europäische Kolonie, in Amerika; oder ein Gebiet das unter der Souveränität eines europäischen Staates steht, aber nicht in Europa liegt. Island gehört geographisch eigentlich auch nicht zu Europa, die Färöer liegen am Rande Europas – wie Türkei, Russland, Teile Spaniens, Zypern,… Auch Norwegen hat einige Aussengebiete, die ausserhalb Europas und Skandinaviens liegen. Dänemark selbst wird auch als Übergang von Mitteleuropa nach Skandinavien gesehen anstatt als Teil Skandinaviens. Die beiden autonomen dänischen Aussenbesitzungen werden manchmal in die Reihe der 5 souveränen skandinavischen Länder gestellt. Wie auch das finnische Autonomiegebiet Aaland/Åland. Die Region Lappland/ Sapmi, die sich auf 3 Länder verteilt (oder 4, mit Russland), hat eine eigene Flagge, die Lappen/Samen-Aktivisten entwarfen. Von den 3 baltischen Staaten hat Estland die stärksten Beziehungen zu Skandinavien (genauer zu Finnland), Lettland hat relativ enge zu Schweden.

Dann gibt es im nordwestlichen Russland, Gebieten die unter Zar Peter “dem Grossen” russisch wurden, Gebiete bzw Völker mit Bezügen zu Skandinavien, Völker die zT schon assimiliert wurden; Ingermanland, Karelien oder die Wepsen haben inoffizielle Flaggen als Symbole die das skandinavische/nordische Kreuz beinhalten. Auch die Shetland-Inseln haben eine solche Flagge, offiziell. Auch nicht-autonome Verwaltungseinheiten skandinavischer Länder, wie Skåne in Schweden, haben Symbole/Flaggen mit dem nordischen Kreuz. Für die Normandie gibt es eine inoffizielle Flagge mit dem nordischen Kreuz, die 1937 designed wurde eingedenk der normannischen Vergangenheit und die von der Autonomiebewegung Mouvement normand verwendet wird. Und die Wirmer-Flagge in Deutschland, von Josef Wirmer, im Widerstand gegen den NS engagiert, nach skandinavischem Vorbild als deutsche Nationalflagge entworfen und 1948/49 als solche für Westdeutschland erwogen, dann in modifizierter Form Parteifahne der CDU, seit etwa 2010 von rechtsextremen Gruppierungen verwendet.

Zur Verbindung von Grönland mit Island gehören Eisschollen, die von der Ostküste Grönlands nach Island treiben. Manchmal treiben Eisbären darauf. In Island werden diese in der Regel abgeschossen. In Amerika sind auch nach der Entkolonialisierung einige Gebiete abhängig geblieben, von europäischen Staaten oder der USA, vom äussersten Norden (Grönland/Kalaallit Nunaat) bis zum äussersten Süden (Falkland/Malvinas), und Einiges dazwischen, hauptsächlich in der Karibik. Grönland ist im Wartestand zur Unabhängigkeit, sie wird wahrscheinlich kommen, und das in gar nicht so ferner Zukunft. Bei Tibet oder Schottland ist das, aus verschiedenen Gründen, sehr ungewiss. Anders als Hongkong oder Guam ist Grönland kein nicht-souveränes Gebiet das bei Olympischen Spielen unabhängig auftritt, ein NOK hat. Aber im Handball ist es unabhängig geworden, seit Ende der 1990er. Die Vorliebe für diesen Sport ist etwas von Dänemark Übernommenes. Sowohl Inuit als auch Grönland-Dänen spielen es. Grönland gehört im Handball zum panamerikanischen Kontinentalverband (PATHF), nicht zum europäischen. Der Neffe von Ex-Premier Motzfeldt, Hans Peter, war einer der wichtigsten grönländischen Handballer bislang.67

Dänemark unterdrückt die Unabhängigkeits-Bewegung (Parteien,..) nicht, auch nicht die Grönland-Inuit an sich (nicht mehr). Es sieht nicht danach aus, dass Dänemark die Unabhängigkeit Grönlands verhindern will…oder doch? Reichtum an Bodenschätzen durch den Klimawandel, die strategische Lage zur Arktis hin (wo ebenfalls durch Eisschmelze Reichtümer erhofft werden), und die neorechten Strömungen in Europa, auch in Dänemark stark… Andererseits, die rund 500 Millionen Euro, die jährlich aus Kopenhagen kommen, im Falle der Unabhängigkeit Grönlands anderwärtig verwendet würden. Grönland ist, von der Besiedlung her, nicht “weiss” geworden (weil zu unwirtlich), ist nicht näher an Dänemark heran gerückt, ist bei Nord-Amerika geblieben, und wurde von Dänemark auch nicht weiter eng an sich gebunden (weil als nicht wichtig genug gesehen).

Die Dänen dort dürften mehrheitlich den Verbleib Grönlands bei Dänemark bevorzugen, somit die Parteien Atassut und Demokraten. Im Falle der Unabhängigkeit (der wohl eintreten wird) wird es eben Dänen in Grönland/ Kalaallit Nunaat geben, einer ehemalige Kolonie, wie auch in Deutschland (Süd-Schleswig, auch ein ehemals dänisches Gebiet) oder Auswanderer in USA oder Canada (bzw ihre Nachfahren; wie Viggo Mortensen oder Leslie Nielsen), die dann Teil der dänischen Diaspora sind. Gewisse Bindungen Grönlands an Dänemark würden ohnehin bleiben, aber dann kann die grönländische Mehrheitsbevölkerung diese festlegen. Grönland-Dänen wären auch nicht in einer Situation wie die in Algerien gebliebenen Franzosen, da es keinen Unabhängigkeits-Kampf (bzw Unterdrückung der Unabhängigkeit) gab/gibt. Eher wären sie mit den Franko-Kandiern zu vergleichen, oder den in Schottland lebenden Engländern nach einer Unabhängigkeit Schottlands. Oder doch eher mit den Russen im Baltikum nach dem Ende der SU?

Die dänische “Fortschritts-Partei” (FrP) wurde 1972 von Mogens Glistrup gegründet, konzentrierte sich anfangs auf wirtschaftsliberalen Populismus (Forderung nach radikalen Steuersenkungen,…) und Kalte-Krieg-Rhetorik, in den 1980ern kam die Einwanderung bzw die Ausländer als Thema hinzu. Der Libertarismus wurde immer weniger und der Nationalismus immer mehr68. 1995 spaltetet sich eine Gruppe unter Pia Kjaersgaard von der FrP ab und konstituierte sich als “Dänische Volkspartei” (DF), nicht aus inhaltlichen Gründen, wurde die grössere Partei der beiden. Im November 2001 wurde die DF Dritte bei der dänischen Parlamentswahl; sie sicherte die parlamentarische Unterstützung der Minderheitsregierungen von Anders Fogh Rasmussen und Lars Løkke Rasmussen (beide Venstre/V), von 2001 bis 2011 und seit 2015. Nach dem Wahlerfolg 2015 (zweitstärkste Kraft) wurde Kjaersgaard Parlamentspräsidentin.69 Auch für die dänischen Rechtsparteien DF und FRP scheint Grönland (und seine Dänen) kein Anliegen zu sein. Die DF bezeichnet sich inzwischen als „nativistisch“, als Vertreterin der eingeborenen Einwohner gegen Immigranten. So hätten die Akan an der Goldküste oder die Inuit in Grönland vielleicht auch auftreten sollen, gegen die Kolonisatoren.

Die “verlorenen” Kolonien sind im dänischen politischen Diskurs noch weniger ein Thema. Die US Virgin Islands, vor etwas mehr als 100 Jahren abgegeben, an eine andere Kolonialmacht, mit einer Bevölkerung, die aus Afrika (grossteils Goldküste) entwurzelt worden ist, sind wahrscheinlich die einzige der ehemaligen Kolonien, die ein nennenswertes dänisches Erbe haben (siehe oben). 2017 dort die 100-Jahr-Feier der Übergabe an die USA, der dänische Ministerpräsident Lars L. Rasmussen kam, zeigte etwas Reue für die diesbezügliche dänische Vergangenheit. Eine offizielle Entschuldigung sprach er nicht aus, um sich nicht auf Entschädigungsforderungen einzulassen. Er bot immerhin ein Stipendien-Programm für Studenten von den amerikanischen Virgin Islands in Dänemark an. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialistischen Vergangenheit, die gar nicht so unbedeutend war, ist aber kein wirkliches Thema in Dänemark. Chauvinismus funktioniert auch in Dänemark längst so, “Wir sind ihnen überlegen weil wir so tolerant sind” et cetera.70 Die dänische Marine, die einst Menschen aus Afrika in die Karibik brachte, um sie auf Plantagen Sklavenarbeit verrichten zu lassen, unternimmt heute im Roten Meer vor Afrika Einsätze gegen Piraten.

Grönland wählte 2018 ein neues Parlament. Sieben Parteien traten an, fünf von ihnen wollen die Unabhängigkeit von Dänemark. Siumut siegte vor Inuit Ataqatigiit; die beiden Grossparteien bekamen zusammen nur mehr etwas über 50% der Stimmen. Dahinter die Demokraatit. Sie und Atassut, die anderen Unabhängigkeits-Skeptiker, bekamen zusammen etwa ein Viertel der Stimmen – wahrscheinlich ein guter Gradmesser für die Stimmung in der Bevölkerung. Es gibt die Grönländer, die nicht sicher sind, ob es das Land ohne “Hilfe” aus Dänemark schaffen kann. Siumut-Chef Kim Nielsen bildete wieder eine Regierung, mit Atassut und der Kleinpartei Nunatta Qitornai. Die Färöer/ Færøerne/ Føroyar, 18 Inseln (Streymoy, Eysturoy,…), bekamen 1948 Autonomie, damit dürfte es sich haben. Und die fussballerische Unabhängigkeit.71 Die Färöer hat Dänemark ja wie Grönland durch die Vereinigung mit Norwegen “kassiert”, beide liegen eigentlich näher bei Norwegen. Die Bevölkerung dort stammt aus Skandinavien, die Inseln sind kleiner, haben “keine Geschichte” vor der “Kolonialisierung”, hätten es in jeder Hinsicht schwieriger, sich zu behaupten,.. eine Unabhängigkeit würde nicht viel Sinn machen. Sie wählen ebenfalls 2 Abgeordnete in das (die?) Folketing, wie Kalaallit Nunaat.

Was am Weg zu einer Unabhängigkeit Grönlands eine Rolle spielen wird, ist die US-amerikanische Militärpräsenz. Manche grönländische Politiker setzen sich für eine Neuverhandlung des Abkommens von 1951 ein, das dieser Militärpräsenz zu Grunde liegt, und das von Dänemark für Grönland abgeschlossen wurde. Eine von der Naalakkersuisut (Regierung von Grönland) eingesetzte Kommission für Selbstverwaltung (1999–2003) sprach sich dafür aus, die Thule Air Base unter die Aufsicht der United Nations zu stellen. Die USA sind daran interessiert, den Stützpunkt zu behalten, aufgrund der strategischen Lage Grönlands, und, WikiLeaks zufolge, auch wegen der Natur-Resourcen/Bodenschätze des Landes, hauptsächlich Erdöl… Die Inuit sind Nordländer, aber vermutlich nicht weiss genug, als gleichberechtigte “Westler” behandelt zu werden, zumindest nicht von einer Trump-Regierung. Der Stützpunkt liegt nahe Qaanaaq, der nördlichsten Stadt Grönlands und der Welt, in der “Kommune” Avannaata (Nordwesten), die nicht viel kleiner als Frankreich ist (und etwas über 10 000 Einwohner hat).72

1993 bis 2019 gab es viele Regierungen in Dänemark unter 3 Rasmussens (einem Sozialdemokraten, 2 von Venstre), dazwischen (2011-15) regierte Helle Thorning-Schmidt (Sozialdemokratin), als erste und bislang einzige weibliche Premierministerin des Landes. Der Hauptcharakter in der dänischen TV-Serie “Borgen” (2010-13), Birgitte Nyborg, hat etwas von Thorning, obwohl die Serie geschaffen wurde bevor diese Regierungschefin wurde. Der Serienname bezieht sich übrigens auf “die Burg”, Christiansborg Palast in Kopenhagen, Amtssitz des dänischen Premierministers, ausserdem des Parlaments und des Obersten Gerichtshofs. In der vierten Folge von “Borgen”, “100 Tage”, geht es auch um Grönland und die USA-Präsenz dort. Darin bekommt die TV-Journalistin Katrine, die mit dem Spin-Doctor der Premierministerin befreundet ist, Wind davon dass das USA-Militär die Thule-Basis für Transporte illegaler (afghanischer) Gefangener verwenden. Nyborg (Sidse Babett Knudsen) geht der Sache nach, besucht Grönland, lernt das Land etwas kennen, während Katrine unter Druck gesetzt wird. Im Roman “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” von Peter Hoeg (1992; 1997 verfilmt) steht das Verhältnis von Grönland und Dänemark (in Person der Smilla Q. Jaspersen) im Mittelpunkt, während er vordergründig Kriminalroman ist. Smilla hat(te) einen dänischen Vater und eine grönländische Inuit als Mutter…und hat ein Gefühl für Schnee.

Innaarsuit (NW-Grönland)

Nächster Nachbar Grönlands ist Ellesmere Island/ Umingmak Nuna, das zum kanadischen Territorium Nunavut gehört, wie auch Baffin-Island/Qikiqtaaluk, das etwas weiter südlich und getrennt durch die Baffin Bay von Grönland liegt. Der Ort Alert auf Umingmak Nuna liegt “gegenüber” von Qaanaaq. Im Osten sind die nächsten Inseln schon etwas entfernt, Island, Spitsbergen,… Ellesmere/Umingmak ist von der Nordwestspitze Grönlands durch die Nares-Strasse getrennt, dort liegt Hans Island/ Tartupaluk (und noch zwei weitere kleine Inseln). Dänemark beansprucht sie, über seine Souveränität über Grönland, eben so wie Canada, Inuit von beiden Seiten jagen und fischen dort, vor allem hat die Insel Hans aber eine Bedeutung für Schiffsverkehr und Rohstoffsuche, liegt nahe der Thule-Militärbasis. Dänemark und Canada teilen sich zur Zeit gewissermaßen die Souveränität über das Inselchen. Die Baffin-Bucht ist normalerweise nicht schiffbar, wegen des Eises. Baffin Island/Qikiqtaaluk ist die 5tgrösste Insel der Welt, die grösste kanadische; sie wurde von Eskimos besiedelt, von Wikingern angefahren, von den Briten in Besitz genommen, sie gehörte zur Hälfte zum North-Western Territory, zur anderen zum British Arctic Territory.

Und nun auch zu Nunavut, dem kanadischen Territorium, das Grönlands Nachbar ist. Nunavut (ᓄᓇᕗᑦ) wurde 1999 aus den NW Territories heraus gelöst73, es umfasst den Grossteil des kanadischen arktischen Archipels (wie Baffin Island, wo die Hauptstadt Iqaluit liegt), Inseln in der Hudson Bay, etwas Festland. Canada besteht sonst überwiegendst aus Festland, mit ein paar Inseln im Osten. Nunavut ist die fünft-grösste Verwaltungseinheit global, mit über 2 Mio qkm (20% der Fläche von Canada), ist circa so gross wie Mexico, und noch einmal halb so dünn besiedelt wie Grönland.74 Es ist die grösste kanadische Verwaltungseinheit (es ist ein Territorium, keine Provinz) und jene mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Die etwa 35 000 Einwohner sind v.a. Inuit. Möglicherwiese sind auch dort die Wikinger hin gekommen, in Kontakt mit den (Proto-) Inuit getreten. 1953-55 wurden Inuit aus Quebec (Nunavik) dorthin deportiert, diese sind zT verhungert.

Rund um den Nordpol, in den Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans/ Nordpolarmeers, leben zu einem guten Teil (nicht in den europäischen Teilen) Völker, die Vieles mit einander gemeinsam haben. Dieses Gebiet erstreckt sich vom Osten des asiatischen Teils Russlands nach Nordamerika, bis Grönland. “Eskimo” wird als Sammelbezeichnung für die indigenen Völker im nördlichen Polargebiet verwendet. Ursprünglich wurden damit von Cree- und Algonkin-Indianern die (mit ihnen nicht verwandten) Völker im nördlichen Polargebiet bezeichnet, u.a. die Inuit, soll „Schneeschuhflechter“ bedeuten. Die beiden Hauptgruppen sind die Inuit, im Gebiet von östlichem Beringia bis Grönland (also in Nordamerika), und die Yupik in Nordost-Sibirien bzw -Asien sowie Alaska. Verwandt sind die Aleuten in Alaska. Yupik gibt’s in Alaska und Tshukotka, Aleut/Unangan in Alaska und Kamtschatka (die Aleuten-Inseln sind zwischen diesen beiden Regionen geteilt), diese beiden Völker überbrücken gewissermaßen die Beringstrasse. Verwandt, ethnisch und kulturell, sind auch die Tschuktschen östlich der Beringstrasse, gegenüber Alaska, in Tschukotka. Dieses Gebiet kam im 17./18. Jh unter Herrschaft der Russen, wurde 1930 (SU) ein Autonomer Kreis, blieb das bis heute. In dem Gebiet, das ungefähr so gross wie Alaska ist, machen Tschuktschen nur mehr etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Der russisch-israelische Oligarch Roman Abramowitsch war von 2000 bis 2008 Gouverneur von Tschukotka, ungewollt.

Das prinzipielle Siedlungsgebiet der Inuit ist also auf den kanadischen Norden (Nunavut, Northwest Territories, Yukon), Alaska (USA) sowie Grönland (noch zu Dänemark) aufgeteilt. In Grönland und Nunavut bilden sie die Mehrheit. Nur Grönland hat von diesen Gebieten die Aussicht, unabhängig zu werden. Die Inuit sind auf mehrere Staaten aufgeteilt, wie Chinesen, Deutsche oder Somalis; es schaut danach aus, dass sie einen eigenen, unabhängigen bekommen werden. Traditionell lebt nur noch ein Teil der Inuits und anderer Eskimo-Völker.75 Mit 90% „Indigenen“-Anteil an der Bevölkerung stünde Kalaallit Nunaat klar an der Spitze in Amerika, vor Bolivien (dort gibt es v.a. Quechua/Inka), Guatemala (Maya), Peru (Inka), Ecuador (Inka). Siedlungs-(bzw Siedlungsrest-) Schwerpunkte der Indigenen in Amerika sind der hohe Norden (Arktis und Subarktis, darunter Grönland, Eskimo-Völker), das mittlere Mittelamerika (Süd-Mexico, Guatemala, Belize,…v.a. Maya) und der Nord-Anden-Raum im Nordosten Südamerikas (Peru, Bolivien,… v.a. Inka). In den meisten Ländern Süd- und Mittelamerikas dominieren Mischlinge mit meist indianischem Einschlag, in manchen machen “reine” Indigene einen stattlichen Bevölkerungsanteil aus, etwa in Mexico, Chile, Paraguay, Honduras, Belize. Bei der Bestimmung des Bevölkerungsanteils kommt es darauf an, welchen Parameter man heran zieht, Rasse, Kultur, Sprache,…76 Mancherorts gibt es, verschieden starke, „indianische“ Sezessionsbewgungen, der Mapuche in Chile, der Lakota in der USA, der Zapoteken in Mexico,… In Bolivien gibt es die meisten „Indios“, und die stärkste Wiederbelebung ihrer Kultur und Macht, seit Evo Morales. In Guatemala ist bezüglich einer echten Gleichberechtigung ein Ringen im Gange.

Literatur & Links

Knud Rasmussen: Myter og Sagn fra Grønland 1-3. 1: Østgrønlændere (1921). 2: Vestgrønland (1924). 3: Kap York-distriktet og Nordgrønland (1925)77

Eva Heinzelmann, Stefanie Robl, Thomas Riis (Hg.): Der dänische Gesamtstaat – ein unterschätztes Weltreich? (2006)

Sverker Sörlin (Hg.): Science, Geopolitics and Culture in the Polar Region: Norden Beyond Borders (2013)

Erik Beukel, Frede P. Jensen, Jens Elo Rytter: Phasing Out the Colonial Status of Greenland, 1945-54: A Historical Study (2010)

Axel Kjær Sørensen: Denmark-Greenland in the Twentieth Century (2009)

John Steckley: White Lies About the Inuit (2007)

Thomas S. Umlauft: Das Normannische Grönland (2009). Geschichte-Diplomarbeit Universität Wien bei Meta Niederkorn

Jean Malaurie: Der Ruf des Nordens: Auf den Spuren der Inuit (2001)

Jörg-Peter Findeisen: Dänemark − von den Anfängen bis zur Gegenwart (1999)

Erling Porsild: Greenland at the Crossroads. In: Arctic
Vol. 1, No. 1 (Spring, 1948), S 53-57

Rauna Kuokkanen: The pursuit of Inuit sovereignty in Greenland. In: Northern Public Affairs, July 2017, S 46-49

Manuela Holzmayer: Schneemobil versus Hundeschlitten (2012). Soziologie-Diplomarbeit Universität Wien bei Verena Träger

Niklas Thode Jensen und Gunvor Simonsen: Introduction: The historiography of slavery in the Danish-Norwegian West Indies, c. 1950-2016. In: Scandinavian Journal of History, 41:4-5 (2016), S 475-494

Martin Breum: The Greenland Dilemma: The quest for independence, the underground riches and the troubled relations with Denmark (2015)

Daniel P. Hopkins: Peter Thonning, the Guinea Commission, and Denmark’s Postabolition African Colonial Policy, 1803-50. In: The William and Mary Quarterly, Third Series, Vol. 66, No. 4, Abolishing the Slave Trades: Ironies and Reverberations (Oct., 2009), S 781-808

Jens Dahl: Greenland: Political Structure of Self-Government. In: Arctic Anthropology Vol. 23, No. 1/2 (1986), S 315-324

Jonathan Søborg Agger und Lasse Wolsgaard: All Steps Necessary: Danish Nuclear Policy, 1949-1960. In: Contemporary European History Vol. 15, No. 1 (Feb., 2006), S 67-84

Johannes Dörflinger: Die Nordwestpassage-Theorien von 1731–1823 (1969). Geschichte-Dissertation Universität Wien bei Günther Hamann

Isidor Paiewonsky: Eyewitness Accounts of Slavery in the Danish West Indies. St. Thomas, US Virgin Islands (1987)

Kirsti Laura W. Langsholdt: Å gjenerobre gammelt norsk land. Norsk ekspansiv nasjonalisme i Grønlandssaken og Nasjonal Samlings Austrveg-prosjekt (2016). Geschichte-Diplomarbeit Universität Oslo (Norwegisch/Bokmal)

José Mailhot: Au pays des Innus: Gens de Sheshatshit (1999)

Cindy Vestergaard: Going non-nuclear in the nuclear alliance: the Danish experience in NATO. In: European Security, 23:1 (2014), S 106-117

Hurst Hannum: Autonomy, Sovereignty, and Self-Determination: The Accommodation of Conflicting Rights (Procedural Aspects of International Law) (1996)

Finn H. Eriksen: Grønlandssaken: Dansk grønlandspolitikk og norske reaksjoner 1909- 1933 (2010). Geschichte-Diplomarbeit Universität Oslo (Norwegisch/Bokmal)

Jean Malaurie: Les Derniers rois de Thulé: avec les Esquimaux polaires, face à leur destin (1955)

Einar-Arne Drivenes, Harald Dag Jølle, Ketil Zachariassen (Hg.): Norsk polarhistorie (2004)

Robert Bohn (Hg.): Deutschland, Europa und der Norden: ausgewählte Probleme der nord-europäischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert (1993)

‘You can’t live in a museum’: the battle for Greenland’s uranium

Hanne Petersen: Privileges, Rights and Advantages: Inuit, Danish and European Subjects in the Making. In: Scandinavian Studies in Law, Volume 53 (2008), S 205-218

Zu Frobishers Entdeckungsfahrten

Hans Rüesch: Top of the World (1950)78

Rudolf Trebitsch: Bei den Eskimos in Westgrönland. Ergebnisse einer Sommerreise im Jahre 1906 (1910)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die DR Congo (Kongo) ist sogar 77 mal so gross wie Belgien, das dort Kolonialmacht war
  2. Afrika hängt über Sinai-Gaza eigentlich an Eurasien dran, da der Suezkanal nicht natürlich ist, eben so wenig wie der Panamakanal
  3. Dass die Erstbesiedlung Amerikas über die Beringia-Landbrücke erfolgte, davon wird eigentlich erst nach den Ausgrabungen in Clovis (New Mexico, USA) in den 1930ern ausgegangen. Die “Clovis-Kultur” war die erste prähistorische Kultur auf dem amerikanischen Kontinent
  4. “Beringia” bezeichnet heute Tschukotka/ Nordost-Sibirien, das Beringmeer bzw die Beringstrasse (früher eine Landverbindung dort) sowie Alaska/Nordwest-Amerika, umfasst Land und Meer
  5. Im Norden Skandinaviens die Lappen, im Osten die mit ihnen verwandten Finnen
  6. Die im späteren Russland aktiven Wikinger werden Waräger genannt
  7. Gesichtet wurde sie zuvor schon von einem Seefahrer namens Gunnbjörn
  8. Die nächsten Europäer, die an die Küste (des betreffenden Teil) Nordamerikas kamen, waren die Franzosen, gut 500 Jahre nach den “Proto-Norwegern”
  9. Dorthin kamen auch Kelten aus Irland/Eire
  10. Wikipedia teilt die Inuit-Geschichte in Prä-Dorset-Kultur (Saqqaq,…), Dorset-Kultur, Thule-Kultur, und in „Historische Periode der Inuit“ (> Kontakte mit Europäern). Auch anderswo wird von einer “Pre-contact history” gesprochen
  11. Ausserdem herrschte die Oldenburger Hauptlinie in Deutschland regional; 1751 kam die Neben-Linie Schleswig-Holstein-Gottorp (oder: Gottorf) auf den schwedischen Thron, bis 1818; 1762 wurde der dann “Peter III.” Genannte russischer Zar, auch er gehörte zur Gottorper Linie, seine Nachkommen regierten unter dem Namen Romanow-Holstein-Gottorp bis 1917 in Russland
  12. Schonen (Skåne), Blekinge und Halland (das eigentliche Herkunftsgebiet der Dänen), fielen 1658 an Schweden, auch Bornholm zunächst, gelangte aber schon zwei Jahre später wieder an Dänemark. Die Bezeichnung “Skandinavien” leitet sich von “Skane” ab
  13. Zur Zeit des Beginns des dänischen Kolonialismus’, siehe unten
  14. Es ist nicht ganz klar, wann die “Wiederentdeckung” Grönlands durch Europa “begann”. Zeitweise, im Rahmen der Kleinen Eiszeit, dürfte die Ostküste durch südwärts driftende Eisberge unerreichbar gewesen sein. Unter König Christian IV. gab es Anfang des 17. Jahrhunderts drei dänische Grönland-Expeditionen
  15. Oder ein Norweger dänischer Herkunft?
  16. Zum Beispiel im Vaterunser, wo es heisst „Unser tägliches Brot gib uns heute“: die Inuit kannten damals kein Brot. Egede übersetzte „Unseren täglichen Seehund gib uns heute“
  17. Ab 1733 kamen zB Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde, einer Glaubensgemeinschaft die aus Mähren stammte und sich in Sachsen niedergelassen hatte
  18. Wurde erster dänischer Gouverneur Grönlands, bzw der dänischen Einrichtungen dort, schlug eine Meuterei seiner Soldaten nieder
  19. Vergleiche Frankreichs Dritte Republik, entstanden nach der Niederlage gegen Deutschland, mit dem Verlust von Elsass und Lothringen, und die forcierte Kolonialpolitik ihrer frühen Jahre
  20. Es wurde auch etwas lutheranische Mission betrieben
  21. Wenn man alle nicht-europäischen Aussen-Gebiete als Kolonien betrachtet
  22. BAC; ab 1692 „Brandenburgisch-Afrikanische-Amerikanische Compagnie“ (BAAC)
  23. Nach einer Königsgemahlin benannt
  24. Bei der Rückreise nach Europa kam die “Fredensborg” vor der norwegischen Küste in einen Sturm und sank
  25. Das sind nicht jene Freiheiten, von denen Abendlandretter wie Andreas Koller (“Salzburger Nachrichten”) schreiben, dass unsere Vorfahren jahrhunderte-lang darum gekämpft haben, sie “Wesenskern der westlichen Welt” seien. Das waren auch nicht seine Vorfahren. Dass es ein 1848 auf St. Croix gab, weiss er nicht. Man darf getrost davon ausgehen, dass er nicht weiss, wo St. Croix liegt bzw was das ist
  26. Als die USA von Frankreich 1803 den westlichen Rest von Louisiane kauften, zahlten sie 15 Millionen $; für die Teile der mexikanischen Bundesstaaten Sonora und Chihuahua die sie 1854 kauften (Gadsen Purchase/Venta de la Mesilla), 10 Mio.; für Alaska von Russland 1867 7,2 Mio. Diese Zahlen sagen nicht allzu viel aus, vielleicht etwas über Inflation und dergleichen
  27. Wie auch Grönland/Kalaallit Nunaant im hohen Norden, nach wie vor dänische Kolonie. Grönland und die Virgins…die beiden dänischen Kolonien in Amerika, grösser könnte der Unterschied nicht sein
  28. Die also in jenem Jahr begann, als auf St Jan/St John der Sklavenaufstand ausbrach
  29. Dänisch Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg (oder Lyksborg); bei Oldenborg wird im Dänischen aus “burg” auch “borg”
  30. In Schweden, Norwegen, Island war es ähnlich
  31. Die grössten: Seeland/Sjaelland mit Kopenhagen/København, Fünen/Fyn, Lolland, Bornholm, Vendsyssel-Thy/Nordjütische Insel (durch Limfjord vom restlichen Jütland abgeschnitten)
  32. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der “Pfannenstiel” Alaskas grenzte dann an BC, die “Pfannenschüssel” an das NWT
  33. 1873 die Prince Edward Islands im Osten
  34. Um Canada wird es in einem der nächsten Artikel gehen, auch hier ein “Zusammenspiel” von Inuits und anderen “Ureinwohnern” sowie Wikingern und anderen Europäern
  35. Diese Änderungen wurden anscheinend 1908 beschlossen und 1911 eingeführt; 1908 wurden auch die Gemeinden neu organisiert bzw aufgeteilt
  36. Ja, es gab unterschiedliche Gesetze für Inuit und Dänen
  37. Baffin Island/Qikiqtaaluk, eine der arktischen Inseln Canadas, liegt Grönland/Kalaallit Nunaat auf seiner Westseite gegenüber, durch die Baffin Bay/ Baffin-Bucht getrennt
  38. Ihr Schicksal wurde durch spätere Expeditionen weitgehend aufgeklärt, Überreste bei der Insel Qikiqtaq gefunden; Inuit berichteten von Kannibalismus in der Gruppe
  39. Für den Seemann und Naturforscher war Nansen ein Vorbild. Er fand in Canada Überreste von Franklin und seiner Expedition, studierte Überlebenstechniken der Inuit in der Kälte für den Süd-Pol, lernte dort Hundeschlitten, Iglu und Fellbekleidung kennen
  40. Verlor dabei acht Zehen durch Erfrierung
  41. Peary gelang 1905/1906 nach eigenen Angaben ein Vorstoss bis 280 km vorm Pol, will bei dieser Expedition am Horizont vor der Ellesmere-Insel eine noch unbekannte Landmasse gesehen haben, die er “Crocker Land” nannte; die “Crocker Land Expedition” 1913 brachte keinen Fund, bestätigte dass Peary diese Insel erfunden hat
  42. Die 4 Inuit sollen einigen Angaben nach Grönländer gewesen sein; Nachnamen?
  43. Es gab/gibt bei all diesen Forschungsreisen eine gehörige Portion Eurozentrismus, man denke auch an die Rolle der Sherpa bei der Besteigung des Mount Everest/ Sagarmatha in Nepal, die topographischen Benennungen durch Europäer/Westler, die Proklamation von “Entdeckungen” von Gebieten, die den dort Lebenden ja bekannt waren,…
  44. Er hat den Navigator und Andere nicht mitgenommen im letzten Teil, im Routenbuch waren keine entsprechenden Einträge, die Kleingruppe müsste riesige Tagesetappen zurück gelegt haben, er wartete bei der Rückkehr Cooks Nordpolbeschreibung ab bevor er sich äusserte, die angeblich am Pol gemachten Fotos lassen den Aufnahmeort nicht bestimmen (obwohl Peary das Wissen hatte, wie anhand von Fotos und des Aufnahmedatums der Ort der Aufnahme bestimmt werden kann)
  45. Diese Gegend im Nordwesten von Grönland war/ist von Inughuit-Inuit bewohnt. Sie nannten den Ort Umanaq. Es gab verschiedene euro-amerikanische Expeditionen dorthin im 19. Jh, u.a. von Peary
  46. Nicht viel anders war es auf den Falklands/Malvinas 51 Jahre später
  47. Ziemlich nach Ende dieses Territorialstreits 1933 gründete er die Nasjonal Samling mit
  48. Speziell im 1. WK waren die Monarchen der verfeindeten Länder grösstenteils mit einander verwandt… so dass die Könige Grossbritanniens und Belgiens sich veranlasst sahen, den Namen ihrer deutschstämmigen Dynastie (Sachsen-Coburg-Gotha in beiden Fällen) zu ändern. Auch die “Sixtus-Affäre” steht mit dieser Tatsache in Zusammenhang
  49. Dänemark brachte auch die Unterredung von 1919 vor, aber mir ist nicht bekannt, inwiefern diese zu belegen und ausschlaggebend war
  50. König Haakon beugte sich nicht den Forderungen der Besetzer, wich dann mit Familie, Hofstaat, Regierung und Teilen der Parlaments-Abgeordneten von Oslo immer weiter in den Norden aus, bis die britische “HMS Devonshire” im Juni ’40 461 Norweger von Tromsö nach GB brachte, darunter den König und Ministerpräsident Nygaardsvold. Die norwegische Exilregierung liess in Ontario, Canada (Flyvåpnenes Treningsleir/ “Lille Norge”), eine norwegische Exilarmee für den Kriegseinsatz ausbilden, eigentlich für den Kampf in Nord-Norwegen
  51. Gut, nicht ganz so mittig wie Island
  52. Dessen zweite Kammer mit dieser Reform abgeschafft wurde
  53. Dänisch Færøerne, färöisch Føroyar
  54. Das Gebäude wurde 2012 abgerissen
  55. Einer trieb danach 21 Stunden auf einer Eisscholle, bevor er gefunden wurde, eingewickelt in seinen Fallschirm
  56. Möglicherweise ist einer der Torpedos explodiert, was der Grund für den Unfall sein könnte
  57. In Norwegen “herrscht” auch nach wie vor die “Geschwisterlinie” des dänischen Königshauses. In Griechenland stellte eine Seitenlinie des dänischen Hauses von 1863 bis 1973 mit einer Unterbrechung die Könige, in Island die dänischen Könige in Personalunion 1918 bis 1944. In Deutschland herrschte das Stammhaus Oldenburg regional bis 1918 (dem Ende der Monarchie dort), in Russland wurden die Romanovs (in die eine Oldenburger Seitenlinie eingeheiratet hatte) ja 1917 entthront, in Schweden eine solche Seitenlinie 1818. In Grossbritannien ist der Ehepartner der Monarchin aus dem griechischen Königshaus, in Spanien die Mutter des Königs. Die (lange entthronte) deutsche „Hauptlinie“ (Oldenburg) ist eigentlich unbedeutend, im Vergleich zu ihren entfernten Verwandten, ähnlich ist es zB auch mit der Familie Sachsen-Coburg-Gotha
  58. Und nur 2 Abgeordnete im Folketing, was aber der Bevölkerungsstärke entspricht
  59. 1978 hat es in Grönland ein Referendum über ein Verbot oder eine “Rationierung” von Alkohol (wie es sie in skandinavischen Ländern gab und gibt) gegeben, ersteres wurde knapp abgelehnt, die erschwerte Abgabe wurde angenommen – eine solche war von 1979 bis 1982 in Kraft
  60. Der grönländische Austritt war der erste aus EWG/EG/EU vor jenem von GB, der seit 2016 ausgehandelt wird
  61. Wie das Fischfang-Unternehmen KNI sind auch Air Greenland und die Reederei Arctic Umiaq grossteils in der Hand der grönländischen Regionalregierung
  62. Es gibt wenige Menschen in Grönland die zu keiner der beiden Gruppen gehören, Einwanderer aus Island in 3-stelliger Zahl sind darunter. Mischlinge aus Inuit und Dänen gehen entweder in den Einen oder den Anderen auf, bilden keine eigene Gemeinschaft, wie die Cape Coloureds in Südafrika oder die Metis in Canada
  63. Auch deutsche sind darunter, aufgrund der deutschen Beteiligung an der Kolonialisierung/Missionierung des Landes. Der langjährige grönländische Premier Jonathan Motzfeldt stammt väterlicherseits von einem Einwanderer aus der Lüneburger Heide ab
  64. Siehe dazu: www.cbc.ca/news/canada/north/climate-change-cold-war-era-military-base-greenland-1.3707844
  65. William Colgan, Horst Machguth
  66. Bezüglich der Uran-Förderung lief 2013 ein informelles Moratotorium aus. Grönland kontrolliert die Gewinnung, Dänemark die Weitergabe/Proliferation
  67. Der Fussball-Verband Grönlands ist nicht FIFA-Mitglied, die Nationalmannschaft ist daher anders als jene im Handball bislang nur inoffiziell unterwegs, anders als zB jene der Färöer. Und im Eishockey, gibt es da vielleicht grosses Entwicklungspotential?
  68. Auch die norwegische FrP entwickelte sich so
  69. Irgendein Politiker hat mal gesagt, sie werde nie stubenrein für die dänische Politik sein; nun, inzwischen ist sie es anscheinend
  70. Dieser Diskurs beherrscht(e) auch die „Karikaturen-Krise“ 05/06, die ja vom „Jyllands Posten“ ausging, deren Kulturchef Mohammed-Karikaturen in Auftrag gab, um “Selbstzensur bei islamischen Themen auf die Probe zu stellen” – beziehungsweise, um gewisse Reaktionen zu bekommen. Natürlich war die “Aufregung”, die folgte, unnötig und unberechtigt
  71. Eine färöische Nationalmannschaft trug 1930 erste inoffizielle Länderspiele aus, 1988 folgten nach dem FIFA-Beitritt die ersten offiziellen Spiele, 1990 der Sieg im ersten Bewerbsspiel, gegen Österreich in Landskrona (Schweden), ein Qualifikations-Match für die EM 92, in der Gruppe in der auch die Teams von Jugoslawien und Dänemark waren. Ende 08 hat ein österreichisches Team unter Karel Brückner in der WM-Quali auf den Färöern nur Unentschieden gespielt, 2010 RB Salzburg in der CL-Quali gg HB Thorshavn verloren
  72. Es gibt einen isländischen Professor, Gudmundur Alfredsson, der sagt, Grönland wäre als Teil der USA besser dran
  73. Die erste Änderung kanadischer Verwaltungsgrenzen seit 1949, der Aufnahme von Newfoundland/ Terre Neuve/ Ktaqamk/ Vinland
  74. Die grössten Verwaltungseinheiten der Welt sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Canada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…
  75. In Europa sind die Samen im Norden Skandinaviens eines der letzten Natur-Völker, zumindest sind sie das noch teilweise
  76. Zum Teil werden jene “Indianer”, die sich vom Lebensstil an die Weissen assimiliert haben, nicht als solche gewählt
  77. Dänisch
  78. Der Roman des Schweizers Rüesch kam 1953 auf Deutsch als “Die Nacht der langen Schatten” heraus. Der gleichnamige Film (1960, englischer Originaltitel “The Savage Innocents”, zT in Grönland gedreht) mit Anthony Quinn als Eskimo diente wiederum “Bob Dylan” als Inspiration für seinen Song “Quinn the Eskimo (The Mighty Quinn)” (1967), der 1968 erstmals veröffentlicht wurde, von Manfred Mann, von Dylan erstmals 1970

Mythos Haile Selassie und Äthiopien

Haile Selassie I. (ቀዳማዊ ኃይለ ሥላሴ]) bzw Tafari Makonnen (1892 – 1975), äthiopischer König/ Kaiser von 1930 bis 1974 und zuvor ab 1916 “Regent”, ist eine umstrittene historische Figur, jedenfalls eine bestimmende Gestalt in der Geschichte Äthiopiens aber auch Afrikas an sich. Über die Geschichte von Äthiopien/ Abessinien liegt Vieles im Unklaren, hier vermischen sich gerne Mythen und Legenden mit Fakten. Der Versuch einer Annäherung an diesen Herrscher und sein Land, und die Widersprüche und Gegensätze in den Auffassungen darüber.

Ländliches Äthiopien, Norden

Haile Selassie kam aus der Salomonischen Dynastie, die sich auf den legendären jüdischen König Salomon/ Shelomoh1 bezieht, der sich im 10. Jh vC laut Tanach/Bibel/Koran und äthiopischer Legenden mit der ebenfalls legendären Königin von Saba/ Sheba in Jerusalem/ Jebus getroffen haben soll. Laut dem äthiopischen “Kebra Nagast” aus dem 13./14. Jh2 soll in ihrem Bauch aus dem Samen Salomons, mit dem sie in das lebendäre Saba zurück kehrte, ein Bub gewachsen sein, den sie Menelik nannte. Dieser soll Herrscher von Äthiopien (wofür Saba ein Synonym gewesen sein soll3) geworden sein, als Erster aus dieser “salomonischen Dynastie”. Gesichert ist diese Dynastie erst ab etwa 1300 (nC), als Herrscherfamilie Äthiopiens, nicht die Abstammung vom biblischen König. Und, das erste Staatswesen Äthiopiens war das Reich von Aksum (nach der “Hauptstadt” so genannt), dessen Anfänge irgendwann zwischen 100 und 500 nC liegen müssen.4 Ob das Aksum-Reich von dieser Dynastie regiert wurde, ist sehr fraglich – wiederum abgesehen von der Frage der Abstammung.

Stele/ Obelisk in Aksum

Die Bevölkerung des Kern-Äthiopiens vor der Erweiterung im 19. Jh waren die Habescha/ Abesha/ Abessinier, die semitischer Sprache und möglicherweise Herkunft waren und aus denen Amhara/ Amharen und Tigre/ Tigray hervor gingen. Die Sprache Ge’ez entstand, die Vorform von Amharigna und Tigrinya, evtl durch Einwanderung aus Südwest-Arabien bzw Jemen. Zeugnisse aksumitischer Kultur sind nicht zuletzt die grossen Obelisken/ Stelen, die auch zT von Europäern aus dem Land verschleppt wurden. Aksum war eines der Reiche  in Spät-Antike/ Früh-Mittelalter in Afrika, wie das benachbarte Reich von Kusch in Nubien, wo sich der aus Äthiopien kommende Blaue Nil mit dem Weissen vereinigt. Das Reich unterhielt Beziehungen über den Nil und das Rote Meer, mit Südarabien und Ägypten (von wo später der Islam kam), mit Europa, mit Asien. Der aus Äthiopien stammende Kaffee wurde hauptsächlich über Jemen/Südarabien verbreitet. Im 4. Jh kam das Christentum, aus dem Osten des Römischen Reichs durch Syro-Phönizier oder Griechen, wurde unter König Ezana Staatsreligion.

Was Äthiopien mit Jemen verbindet, ist auch der Konsum von Qat/ Kath; hier ein Feld in Äthiopien

Die Äthiopische Kirche bekannte sich zum Monophysitismus5, verband sich mit der Koptischen Kirche in Ägypten, hat aus dem Judentum zB die Beschneidung übernommen; an ihrer Spitze steht ein Abuna. Koptische Ägypter füllten jahrhundertelang diese Position aus, standen an der Spitze der Äthiopischen Kirche. In Aksum entstand unter Ezana die Kirche “Sankt Maria von Zion”. Dorthin soll die Bundeslade gebracht worden sein6, dort wurden jahrhundertlang die äthiopischen Könige gekrönt. Der Niedergang des Aksum-Reiches begann mit der Ausbreitung des Islams in der Region Westasien-Nordafrika. Der Islam kam auch nach Ägypten, Nubien, Äthiopien und die Küste des Horns von Afrika, das spätere Somalia (wahrscheinlich das legendäre Punt/-land, das teil- und zeitweise zum Aksum-Reich gehört hatte). Die Maria-Zions-Kirche wurde aber (das erste Mal) um 1000 von der Armee der Gudit/ Judith zerstört, möglicherweise ebenfalls eine legendäre Figur, die das Reich von Aksum “beendete”. Sie soll Jüdin gewesen sein und/ oder den kuschitischen Agau angehört haben – wie die als Juden nach Israel gebrachten Äthiopier. In der Folge entstand das Reich der Zagwe-Dynastie sowie andere regionale Reiche.

Kebra Negest – Illustration

1270 wurden die Zagwe von einem Yekuno Amlak gestürzt, der sich als Angehöriger der Salomonischen Dynastie vorstellte. Die Herrschaft dieser Dynastie ist erst ab hier gesichert (abgesehen von der legendären Gründung), sie ging mit kurzen Unterbrechungen bis 1974/75. In der einen Geschichtsauffassung kam es hier zu einer Wiederherstellung der Herrschaft des königlichen Hauses des Aksum-Reichs. Unter den “salomonischen” Kaisern wehrte Äthiopien die Osmanen ab, ging dabei Allianzen mit den Portugiesen ein. Unterhalb des Negus (König/Kaiser) gab es die Ras, regionale Statthalter, meist auch aus dieser Dynastie. Und, in der späteren Neuzeit machten sich die Ras’ selbstständig, die Negus’ (in der Hauptstadt Gondar) begannen ein Schattendasein zu führen. Wie in Japan, wo die Shogune vom 13. bis zum 19. Jh die eigentliche Macht ausübten, die Tennos in den Hintergrund stellten. Diese Periode in Äthiopien von Mitte des 18. Jh bis Mitte des 19. Jh wird Zemene Mesafint (ዘመነ መሳፍንት) genannt, was mit “Ära der Prinzen” übersetzt werden kann.7 Diese Phase kam zu einem Ende, als der Ras von Quara, Kassa Hailu, zunächst weitere Regionen unter seine Kontrolle brachte, dann 1855 Yohannes III.8 absetzte und sich zum Negus Tewodros/ Theodorus II. machte.

Tewodros stellte die Zentralgewalt über/ in Äthiopien wieder her, zu einer Zeit, als europäische Mächte dabei waren, sich ganz Afrika “unter die Nägel zu reissen.” Im südlichen Grenzgebiet kämpfte Tewodros’ Armee mit hamitischen Völkern. Aussenpolitischer Gegner war Ägypten, dass damals de jure Teil des Osmanischen Reichs war, de facto unabhängig (und auch über den Sudan herrschte) und unter zunehmenden britischen Einfluss. Negus Tewodros führte seine Armee gegen die britische Äthiopien-“Expedition” 1868 an, beging am Ende der Schlacht von Magdala Selbstmord, um nicht in britische Gefangenschaft zu geraten. Sein Nachfolger Tekle Giyorgis II. war väterlicherseits ein Abkömmling der alten Zagwe-Dynastie, die ja von der Salomonischen Dynastie, der auch seine Mutter entstammte, entmachtet worden war. In seiner Regierungszeit begann (1869) die italienische Inbesitznahme des Küstengebiets von Äthiopien, Eritrea, ein hauptsächlich von Tigre bevölkertes Gebiet, zT moslemisch, zT christlich, wie der Rest Äthiopiens zeitweise unter regionalen Herrschern, auch unter Herrschaft der Osmanen/Ägypter. Nachfolger Yoannes/Johannes IV. fiel gg die eindringenden Mahdisten aus Sudan; er ist der erste äthiopische König von dem es ein Foto gibt.

Nach ihm kam, 1889, Menelik II., vom Shewa-Zweig der Salomonen, zuvor auch einer der Ras/ Landesfürsten. Dieser Zweig konnte auf eine ununterbrochene patrilineare Abstammung vom frühesten gesicherten Salomonen, Yekonu Amla, “verweisen”. 1895/96 versuchte Italien von Eritrea aus, Äthiopien an sich einzunehmen (“Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg”). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua (Adwa), konnte seine Unabhängigkeit wahren. Ras Makonnen Woldemikael, Vater des späteren Kaisers (Königs) Haile Selassie, spielte bei diesem Sieg als General eine Rolle. Äthiopien/Abessinien war bei der Berliner “Kongo”-Konferenz 1884/85 anerkannt worden, von den welt-beherrschenden Westmächten, war der einzige afrikanische Staat in Afrika neben dem von der USA gegründeten Liberia. Gegen den italienischen Angriff (der im Zuge der vollständigen europäischen Aufteilung Afrikas kam) konnte das gewahrt werden. China (damals unter den Qing), Persien (unter den Kadscharen), das Osmanische Reich, Japan und Äthiopien waren einige der wenigen Reiche/Länder, die auch im 19. Jh nicht ganz von europäischen Kolonialmächten unterworfen wurden; nach dem 1. WK begann diesbezüglich eine neue Ära.9

Menelik II.

Die Grenzen Äthiopiens wurden unter Menelik II. neu festgelegt, durch seine Eroberungen10, er vergrösserte Abessinien/Äthiopien in den Süden, in hamitische, kuschitische, nilotische Gebiete. Eroberte zB das (nilotische) Kaffa-Reich, das von Naturreligionen geprägt war, sein letzter Herrscher Tato Gaki Sherocho wurde gefangen genommen. Sonst waren vor allem Moslem-Gebiete betroffen; die amharisch-christliche Herrschaft wurde über weitere Ethnien ausgedehnt (zuvor bestand sie nur über Tigre, Afar und einen Teil der Oromo). Meneliks dritter relevanter Wirkungsbereich war eine Modernisierung, die er dem Land verpasste. Im Zuge dessen wurde Addis Abeba Hauptstadt, wurde der Staat zentralisiert, die Macht des Negus gestärkt. In Japan gab es ab 1868 die Meiji-Restauration, mit der die Macht des Tennos wieder hergestellt wurde – was in Äthiopien unter Tewodros und Menelik geschah.

Der Mythos von Äthiopien bzw seine Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora kam aus seinem Charakter als afrikanische Hochkultur, seiner frühen Annahme des Christentums, der weitgehenden Behauptung seiner Unabhängigkeit, und nicht zuletzt aus seinen legendären Verbindungen zu den Wurzeln von Christentum und Judentum. Die Äthiopische Orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine der wenigen vor-kolonialen Kirchen in Afrika; aber abgesehen davon wird auch ein Bezug des Landes zu Inhalten, Geschehnissen und Figuren aus Tanach und Bibel beansprucht, Äthiopien mit als Quelle jener Kultur gesehen, die den Westen eroberte, und die längst als “westlich” gesehen wird. Äthiopien hat den Europäern (Italiener, Briten,..) wie den Moslems (Araber, Türken) weitgehend widerstanden. Äthiopien war ja auch ein Kandidat für das “Johannesreich”, ein von Europäern vermutetes christliches Reich in einer Region von “Wilden”. Westler, die sich auf den christlichen Charakter Äthiopiens sürzen, blenden die Gräuel aus, die v.a. beim dritten (gelungenen) italienischen Versuch der Einnahme des Landes geschahen, blenden die Bedeutung des Landes in der Behauptung gegen die totale europäische Expansion aus; und: Giordano Bruno schrieb 1591, “niemand könne sich tatsächlich vorstellen, dass zum Beispiel das jüdische Volk und die Äthiopier die gleichen Vorfahren gehabt hätten. Also hätten seinerzeit nicht nur ein Adam, sondern mehrere unterschiedliche erste Menschen geschaffen werden müssen, oder die Afrikaner seien die Abkömmlinge präadamitischer Stämme der Menschheit.”11

Menelik wurde 1913 von seinem Enkel Iyasu und dann seiner Tochter Zauditu gefolgt, dann kam sein Grosscousin Haile Selassie an die Reihe. “Lij” Iyasu, von Grossvater und Vorgänger Menelik ernannt, war Sohn eines ursprünglich moslemischen Oromo-Fürsten (der eine Tochter Meneliks geheiratet hatte). Er war 1910-13 Regent für den erkrankten Opa, 1913 (16 Jahre alt) bis 1916 ungekrönter König (Iyasu V.). Er hatte in der Familie, im Adel, keinen leichten Stand, wurde (v.a. aufgrund seines Vaters) der Förderung von Moslems im Inneren und Äusseren verdächtigt. Seine Halbtante Zauditu (Zewditu, Zawditu, Zäwditu) sah er als Bedrohung, liess sie exilieren; 1916 setzten Adel und Kirche aber Iyasu ab und diese ein. Sie heiratete den Sohn von Meneliks Vorgänger Johannes, bzw wurde verheiratet, es folgten weitere Heiraten. Sie war bis 1930 Negiste (Königin) bzw Negiste Negest (Königin der Könige, bzw Kaiserin), eines von ganz wenigen weiblichen Staatsoberhäuptern weltweit damals. Der gestürzte Iyasu hielt seine Ansprüche aufrecht, forderte mit seinen Anhängern Zauditu (1916) militärisch heraus. Ras Tafari Makonnen, der spätere Haile Selassie, spielte eine Rolle bei der Absetzung von Iyasu, wurde ’16 Kronprinz bzw Thronerbe, spielte unter (seiner Tante) Zauditu eine bestimmende Rolle, als ihr Regent.

Seine Mutter war Oromo (und Tochter eines Regionalherrschers), sein Vater väterlicherseits Oromo, mütterlicherseits Amhara und Angehöriger der Salomonischen Dynastie (Tante von Menelik II., somit gehörte Haile Selassie auch dem Shewa-Zweig der Salomonischen Dynastie an). Sein Vater, Ras Makonnen Woldemikael Gudessa, war “Gouverneur” (Ras) der Provinz Harar, wo Tafari auch 1892 geboren wurde. Dort lebten verschiedene Ethnien, darunter das Harari-Volk, aber Amhara oder an diese Assimilierte herrschten über sie. Es gab innerhalb der Herrscherfamilie viele Machtspiele, Streitigkeiten, Intrigen, auch Heiraten; Posten wie die Regionalfürsten (Ras) und Militärgeneräle wurden oft an Familienangehörige vergeben. Sein Vorname Tafari wurde, nach äthiopischem Brauch, gefolgt von dem seines Vaters (Makonnen), manchmal von dem seines Grossvaters (Woldemikael). Als Kind wurde er Lij (“Kind”12) Tafari Makonnen genannt. Verschiedene Umstände, wie die Tatsache dass keine von Zauditus Kindern über die Kindheit hinaus kamen, “spülten” ihn in der Thronfolge nach oben. Er heiratete eine Nichte von Iyasu V. Als Ras von Harar wurde er Ras Tafari Makonnen.

Der frühere Gouverneurspalast in Harar

Als Regent für Königin Zauditu übernahm er weitgehend “ihr” operatives Geschäft (während sie hauptsächlich Kirchen errichten liess), er sorgte dafür, dass Äthiopien 1923 dem Völkerbund beitrat. Liberia war 1920 Gründungs-Mitglied des Völkerbundes, Südafrika war auch von Anfang an dabei (bevor es unabhängig wurde von GB), 1937 folgte mit Ägypten ein dritter afrikanischer Staat. Der Völkerbund war hauptsächlich mit der Konkurrenz und Feindschaft der westlichen Mächte untereinander beschäftigt – die Anliegen der nicht-weissen Staaten waren absolut untergeordnet. Paradoxerweise kamen die beiden afrikanischen Mitglieder Äthiopien/Abessinien und Liberia im Völkerbund unter Druck wegen Sklaverei bei sich. “Am Ende” waren es die beiden einzigen unabhängigen afrikanischen Staaten, in denen es noch Sklaverei gab, und westliche Länder, die auf Abschaffung drängten…13 In Äthiopien hatten sich Könige seit Tewodros II. um die Abschaffung bemüht, die Praxis ging aber bis in die Königszeit von Tafari Makonnen/Haile Selassie hinein. Im Liberia gab es damals die Minderheitenherrschaft der (schwarzen) Americo-Liberianer über die Afro-Liberianer, und die Wirtschaft des Landes war ganz auf die Produktion von Kautschuk ausgerichtet, und da hatte der US-amerikanische Konzern Firestone quasi ein Monopol – und die Sklaverei spielte sich in deren Bereich ab.

Äthiopien oder Abessinien? “Abessinien” leitet sich vom arabischen “Habash” ab und war der Name, unter dem Äthiopien jahrhundertelang im Ausland bekannt war. Die Äthiopier haben ihr Land eigentlich immer “Äthiopien” (Ītyōṗṗyā, ኢትዮጵያ) genannt. Und, vor der Schaffung des Völkerbundes gab es eigentlich keine internationale Registrierung von Staatsnamen oder so etwas Ähnliches, und das Land trat dem Völkerbund als Äthiopien bzw Äthiopisches Reich bei. Es gab also keinen Namenswechsel, wie bei Ceylon/ Sri Lanka, Siam/ Thailand, Persien/ Iran. Eigentlich bezeichnet “Abessinien” nur den semitischen, ursprünglichen Teil Äthiopiens.

1924 bereiste Regent Tafari Makonnen Europa, Nordafrika, Westasien. In Grossbritannien bekam er die Krone von Tewodros für das Land (bzw Königin Zauditu) zurück, die die Briten bei ihrer Invasion in Äthiopien 1868 mitgenommen hatten – im Gegenzug für zwei Löwen. Die es in Äthiopien damals wahrscheinlich auch nur noch in Gefangenschaft gab. Wie anderswo (zB Persien) waren Löwen auch in Äthiopien bis ins späte 19. Jh weitgehend ausgerottet worden. Vielleicht gibt es auch noch wild lebende im Osten des Landes. 1928 versuchten einige Reaktionäre am Hof, durch einen Putsch gegen Tafari Makonnen seinen sanften Reformkurs zu stoppen. Nach dessen Niederschlagung verschob sich die Macht noch weiter zum Regenten, dem künftigen König, der nun bereits diesen Titel (Negus) bekam. 1930 versuchte Zauditus 3. (4.?) Ehemann, Gugsa Welle (anscheinend ohne Unterstützung der Königin), eine Rebellion gegen Makonnen zu starten, wurde mit seinen Anhängern dabei von der äthiopischen Armee geschlagen und getötet. Kurz darauf starb Zauditu. Es halten sich Gerüchte, wonach sie umgebracht worden sei, und ihr Nachfolger dabei beteiligt war. Tafari Makonnen wurde jedenfalls neuer Negus, nahm den Kaisernamen Haile Selassie an.

Die Gegner jeglicher Reformen im Zentrum der Macht hatten ihn also schon mehrmals herausgefordert, bevor er offiziell an die Macht kam. Haile Selassie I. wird als 225. Nachfolger des Sohnes von Makeda und Salomon, Menelik, gesehen. Als die Kunde von seiner Krönung die damals britische Karibik-Insel Jamaica (Jamaika) erreichte, formierte sich dort die Rastafari-Religion, dazu noch mehr. Haile Selassie erliess 1931 Äthiopiens erste Verfassung,  die ein Parlament aus 2 Kammern festschrieb, allerdings ein ernanntes Parlament aus Adeligen und mit beratender Funktion… Eigentlich hat sich dadurch nur geändert, dass der Entscheidungsprozess des Adels in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Es wurde in der Verfassung Demokratie anvisiert, für einen Zeitpunkt in dem das Volk “reif dazu war”.14 Des weiteren wurde dort die Thronfolge auf Nachkommen des aktuellen Königs beschränkt – was in der grossen und weitverzweigten Herrschersippe klarerweise auf Unmut stiess.

Kronprinz Asfaw Wossen und König Fuad von Ägypten 1931

Das faschistische Italien entwickelte Appetit auf neue Aussengebiete und eine “Wiedergutmachung” für die Niederlage von Adua. Zu Eritrea war in der Region noch Ende des 19. Jh ein Teil von Somalia unter italienische Herrschaft dazu gekommen. Äthiopien war auch ein Verbindungsstück zwischen diesen Gebieten. In diese beiden Gebiete in Ostafrika sandte der italienische “Duce” Benito Mussolini 1935 zusätzliche Truppen, Äthiopien wurde so Ende ’35 angegriffen. Den Angriff leitete zunächst Emilio de Bono, dieser wurde nach kurzer Zeit von Pietro Badoglio ersetzt. Der Piemontese15 war schon in Adua als Soldat dabei gewesen, dann bei der Einnahme Libyens in höherer Position, hatte im 1. WK Kampagnen im Julischen Venetien gegen Österreich-Ungarn geleitet16, war dann in Libyen Zivilgouverneur gewesen (mit der Niederschlagung von Widerstand beschäftigt), wurde in der Zwischenkriegszeit Generalstabschef. Badoglio befahl den Einsatz von Giftgas, die Vergiftung von Trinkwasserquellen, Bombardierungen, Beschuss ziviler Ziele.

Haile Selassie und ein italienischer “Blindgänger”, 1935

Das moderne italienische Militär war überlegen, die Äthiopier hatten allenfalls bessere Ortskenntnisse und in der Regel eine höhere Motivation, aber zum Teil nicht einmal Schusswaffen. Im Mai 1936 nahmen die Italiener unter Badoglio Addis Abeba ein, kam der Italienisch-Äthiopische Krieg17 zu einem Ende. Mussolini erklärte Äthiopien zu einer italienischen Provinz, liess es mit Eritea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika (Africa Orientale Italiana, bestand 36-41) zusammenschliessen. Der italienische König Vittorio Emanuele III. di Savoia wurde zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.18 Haile Selassie, der während des Krieges u.a. eine Wallfahrt zu den Lalibela-Kirchen gemacht hatte, verliess die Hauptstadt kurz vor ihrer Einnahme, mit einer Entourage, nach einer Beratung mit Regierung und Parlament.

Die Regierung verliess Addis ebenfalls, wich in den Süden des Landes aus. Der Negus ernannte seinen Cousin Ras Imru Haile Selassie zum Regenten während seiner Abwesenheit. Mit seiner Familie, einigen Vertrauten und Bediensteten fuhr er nach Französisch-Somaliland, von dort (wie einst Makeda der Legende nach) mit dem Schiff über das Rote Meer nach Palästina, damals unter britischer Kontrolle. Er besuchte dort u.a. Jerusalem/ Quds, wohnte im Bayt ʾal-šarq/Orient House; in den 1920ern hatte er das Land erstmals bereist. In Palästina hatte damals gerade der palästinensische Aufstand gegen die zionistische Siedlungs- bzw Verdrängungspolitik unter der britischen Kolonialherrschaft begonnen. Über Gibraltar führen die Äthiopier dann nach Grossbritannien, wo sie die Zeit des Exils bis 41 verbringen sollten, in Bath im Südwesten. Wobei Haile Selassie und seine Begleiter von Haifa nach Gibraltar mit einem britischen Kriegsschiff gebracht wurden19, von dort mit einem zivilen Schiff weiterfuhren. Das ersparte der britischen Regierung, dem exilierten König einen offiziellen Empfang zu geben. Beziehungsweise, ihn als solchen zu empfangen und damit die Besetzung und Annexion seines Landes durch eine andere europäische Macht umissverständlich zu verurteilen.

In Jerusalem

Haile Selassies zwei Schwiegersöhne wurden in diesen Jahren vom italienischen Militär getötet, seine Tochter Romanework starb in Gefangenschaft. Der Negus wollte sein Anliegen beim Völkerbund vorbringen. Die Invasion war vom Völkerbund verurteilt worden, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt. USA-Präsident Franklin Roosevelt erliess (unter dem kurz davor erlassenen Neutalitätsgesetz) für “beide Seiten” (also Aggressor und Opfer) ein Embargo für Waffen und Munition. Der britische Aussenminister Hoare und sein französischer Kollege Laval dachten zur Lösung des “Konflikts über Abessinien” die Teilung des Landes bzw Abtretung eines Teils an Italien an.20 Im Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Generalversammlung des Völkerbunds in Genf, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Er prangerte in seiner Rede21 den italienischen Gebrauch von Giftgas bei der Eroberung Äthiopiens an und appellierte um Hilfe gegen die Besetzung. Die Rede wurde von italienischen Journalisten auf der Zuschauer-Tribüne gestört. Es stellte sich heraus, dass diese regimetreu waren und von Mussolinis Schwiegersohn und Aussenminister Ciano instruiert worden waren.22

Die Rede machte ihn international berühmt23, jedoch: die ineffektiven Sanktionen gegen das faschistische Italien wurden nicht verschärft, sondern sogar bald aufgehoben. Und 1937 gab es nur 6 Staaten die die italienische Einverleibung Äthiopiens nicht anerkannten: USA, Sowjetunion, Rep. China, Rep. Spanien, Mexico, Neuseeland. Die internationale Gemeinschaft bzw der Völkerbund waren damals eben überwiegend “weiss”, und kaum eine Regierung hatte ein Problem damit, dass endlich auch Äthiopien unterworfen wurde, von einer weissen Macht. Und jene, die eines damit hatten, zT deshalb weil sie eine Expansion des faschistischen Italiens fürchteten, das damals mit Hitler-Deutschland noch nicht fest verbündet war, aber darauf lief es ja hinaus. “Bewahrung von Frieden” bedeutete auch damals nicht, die Aggression gegen ein Land bzw Volk als das Problem zu erkennen, sondern zu vermeiden was gegebenenfalls bei einem Vorgehen gegen die Aggression heraus kommen könnte. Und: Alle wichtigen Mächte hatten selbst “nicht-weisse” Länder unterworfen, wieso sollte das auf einmal ein Problem sein.24

In der USA, wo es in einem sehr grossen Teil des Landes Rassentrennung, und überall Rassendiskriminierung zum Nachteil der Afro-Amerikaner (und anderer Nicht-Weisser) gab, stiess Selassies Rede auf Gehör, bei diesen Unterprivilegierten. Diese sahen schon einen Zusammenhang zwischen der Verletzung ihrer Menschenrechte und der faschistischen Besetzung Äthiopiens. Dort wurden nun die Bodenschätze ausgebeutet, die Völker gegeneinander ausgespielt und den Italienern, die im Zuge der Eroberung ins Land kamen, eine Vorherrschaft in allen Bereichen über die Äthiopier “eingeräumt”.25 Vizekönig/ Gouverneur Graziani liess Abuna Qerellos 36 absetzen, 45 kehrte der zurück an die Spitze der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Es gab äthiopischen Widerstand gegen die Besetzung und Einverleibung 36-41, Arbegnoch wurden diese Kämpfer genannt, die italienischen Behörden nannten sie “Shifta”. Die Widerstandsbewegung war in ländlichen Gegenden stark, in Addis Ababa und anderen Städten gab es nur kleine Zellen. Auch einige Hundert Eritreer partizipierten. Und ausländische Freiwillige. Die “Schwarzen Löwen” waren eine Gruppe dieses Widerstands. Unterstützt wurde er von der Oberschicht und der Kirche. Kollaboration gab es auch, nicht zuletzt in Eritrea.

Im Rahmen des zweiten grossen Krieges westlicher Mächte gegeneinander im 20. Jh (“Zweiter Weltkrieg”) kam es 1941 zur britischen Einnahme Äthiopiens – nachdem italienische Truppen von dort aus Britisch- und Französisch-Somalia angegriffen hatten. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika (Kenia) aus eingeleitet. Die äthiopischen Partisanen beteiligten sich an der Befreiung ihres Landes. Die britischen Truppen bestanden hauptsächlich aus (weissen) Südafrikanern und Indern sowie Männern aus der Region Nordost-Afrika, wie die “Gideon Force” unter Orde Wingate, ein Offizier, der die Zionisten in Palästina offen gegen die dortige Bevölkerung unterstützte. Der König kehrte nach 5 Jahren wieder nach Äthiopien und an die Macht zurück, über den Sudan. Und traf auch mit Wingate zusammen. Der bei der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 36-39 beteiligt war, und beim Aufbau der Haganah (des Instruments ethnischer Säuberungen, von Einschüchterungen und Massakern an Zivilisten). Es gab bei der Befreiung unter den Südafrikanern die für die Briten kämpften, auch solche, die dann bei der Errichtung des Apartheid-Systems in ihrem Land beteiligt waren. Und auf der Gegenseite Südtiroler die für Italien kämpften, auch nolens volens bzw ohne Bezug zum Kriegsziel.26

Haile Selassies zweite, längere Machtphase dauerte von 1941 bis 1974. 1942 gab GB die Souveränität über Äthiopien an die Äthiopier zurück, bzw an ihre Oberschicht. 1942 liess der König die Sklaverei endlich abschaffen. Die Briten behielten aber Militär-Stützpunkte (bzw eine “Militärmission”), 1950 wurden diese durch US-amerikanische ersetzt. Äthiopien war 1946 ein Gründungsmitglied der UN, wiederum als einer von ganz wenigen afrikanischen Staaten. GB hatte nun auch die Herrschaft über Eritrea, diese von Italien übernommen. Nach der Rückkehr des Monarchen und der Souveränität strebte Äthiopien auch die Rückkehr Eritreas an, das schliesslich auch nur durch eine italienische Invasion einst von Äthiopien getrennt wurde. Aus praktischen Gründen war eine Wiedereingliederung wichtig, um einen Meereszugang zu bekommen. Die UN beriet nach dem 2. WK über Eritrea; GB schlug eine Teilung des Landes zwischen Äthiopien und Sudan vor, womit Christen und Moslems getrennt wären. Dies wurde u. a. von allen politischen Kräften Eritreas abgelehnt. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung 1950 wurde eine Föderation von Äthiopien und Eritrea geschaffen, die 1952 realisiert wurde. Damit kehrte Eritrea zu Äthiopien zurück, als föderativer Teilstaat, mit einer eigenen Regierung und mit dem äthiopischen Monarchen als Staatsoberhaupt, nicht unähnlich der Konstruktion von Österreich und Ungarn von 1867 bis 1918.27

Ethnisch sind die Eritreer hauptsächlich Tigre, wie ein grosser Teil der Bevölkerung im angrenzenden Äthiopien. In Äthiopien wird die Volksgruppe Tigray genannt, in Eritrea Tigre; Tigrinya ist jedenfalls die Sprache. Eigentlich sind die Eritreer nur kolonialhistorisch anders geprägt, sie erfuhren Industrialisierung unter den Italienern und etwas Demokratie unter den Briten – das macht den Gegensatz zum landwirtschaftlich geprägten und autokratischen (Rest-)Äthiopien aus.28 Die koloniale Prägung. Aber, mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Niederlande und Flandern oder Iran und Tadschikistan ist es ja ähnlich, und eine Grenzziehung streng nach ethnischen Kriterien käme in vielen Fällen einer “Vergewaltigung” nahe. In Äthiopien gab es zudem weiter die Vorherrschaft der Amhara (und des Christentums) und einer Oberschicht. Eine mehr oder weniger absolute Monarchie. Dadurch Potential für politische, soziale und ethnische Spannungen. Die Amhara mach(t)en im unter Menelik II. vergrösserten Äthiopien etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, blieben aber eben die herrschende Ethnie.29

Äthiopien war unter Haile Selassie an den Westmächten orientiert, hauptsächlich an GB und USA. Daher war er auch relativ ruhig zum europäischen Kolonialismus in Afrika, er mischte dann im Zuge der Entkolonialisierung ab Ende der 1950er bei der Einigung der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder mit. GB hatte Äthiopien die Unabhängigkeit zurück gegeben, hatte aber allein in Afrika noch 13 Kolonien sowie 2 Gebiete (Ägypten, Südafrika), auf die es noch grossen Einfluss ausübte…und hatte etwa 4 Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschifft, in die Karibik (die von dort nach Nord-, Süd-, Mittelamerika weiter “geleitet” wurden). Eigentlich war Äthiopien das einzige afrikanische Land, das sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog; denn die Gründung von Liberia geht auf die “weisse” American Colonization Society zurück, die danach trachtete, in Afrika einen Brückenkopf für die USA zu schaffen und ehemalige (“schwarze”) Sklaven aus der USA fort zu schaffen.30 In der Zeit, als Afrika restlos aufgeteilt wurde, Ende des 19. Jh, hat Äthiopien sogar expandiert (auf Kosten diverser kleiner afrikanischer Reiche).

Haile Selassies Anlehnung an den Westen ging so weit, dass er ein Bataillon seines Heeres sogar auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg teilnehmen liess. Wobei die “amerikanische Seite” streng genommen die der von der UN gebilligten Intervention gegen den Angriff Nordkoreas auf Südkorea war. Und darum ging es dem Monarchen hauptsächlich, ein Teil der “internationalen Gemeinschaft” zu sein. Militärische “Abenteuer” der USA hat er sonst nicht unterstützt. Um 1960 wurde Afrika entkolonialisiert, aber nicht sein Süden, und in nominell unabhängigen Staaten wie Congo (Kongo) begann sogleich der Neokolonialismus westlicher Mächte. Und in Teilen der USA herrschten damals noch Zustände, die der Apartheid in Südafrika ähnelten. Selassie hat das, zB bei Besuchen in der USA in diesen Jahren, auch thematisiert, die weitere Bürgerrechts-Gesetzgebung “angespornt”. Er hat aber nicht den diesen “Jim-Crow-Gesetzen” zu Grunde liegenden Rassismus angesprochen oder Kontakte mit antirassistischen Bewegungen dort geknüpft. Hat, anders als Nelson Mandela, nicht einen Zusammenhang zwischen der europäischen Kolonialisierung Afrikas, US-amerikanischen Interventionen in der Welt, den Zuständen in der USA selbst, und einer rassistischen Grundhaltung gesehen.

An Nachbar-Staaten bekam Äthiopien vorerst den Sudan (56), Somalia (60) und Kenya (Kenia, 1963); 1977 Djibouti (zuvor Französisch-Somalia/Somaliland), 1991/93 Eritrea (durch Abspaltung von sich), 2005 den Süd-Sudan (Abspaltung vom Sudan). Der äthiopische König schickte äthiopische Truppen auch nach Congo, im Rahmen der UN-“Blauhelm”-Intervention in der Kongo-Krise. Dem für echte Unabhängigkeit und Integrität des Landes kämpfenden Premierminister Patrice Lumumba hat er darüber hinaus nicht unterstützt, weder verbal noch in Taten. Aber wie erwähnt kümmerte er sich um die afrikanische Einigung, war bei der Gründung der Organisation afrikanischer Einheit (OAU/ OUA)31 1963 beteiligt, die ihr Hauptquartier auch in  Addis Ababa (Abeba) bekam. Haile Selassie wurde erster Vorsitzender der OAU. Auch bei der Gründung der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad war er dabei. Und, Äthiopien war meistens Pro-Israel eingestellt, aufgrund der Verbindungen, die man zu diesem Land und den Juden sieht. Daran änderte auch der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegenüber der Region32 nichts.

Äthiopien war, 1956, der zweite afrikanische Staat, der Israel anerkannte, nach (Apartheid-) Südafrika. Äthiopien war wichtiger Teil von Ben Gurions Peripherie-Strategie, unterhielt relativ enge Beziehungen zum jüdischen Staat, arbeitete mit ihm auch gegen die Sezession Eritreas zusammen. Daran änderte auch nichts, dass Israel wichtigster Partner des Apartheid-Regimes war.33 Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der OAU von “Bettler-Nationen”34 und kritisierte die “Gewährleistung” der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder durch die europäischen als “Betrug am weissen Mann” und “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”. Das Apartheid-System Südafrikas wurde, im Zusammenspiel von NP-Politikern mit den Niederländisch-Reformierten Kirchen, religiös-pseudochristlich begründet; auf der anderen Seite entstanden ab Ende des 19. Jh im südlichen Afrika “Äthiopische Kirchen”, bezugnehmend darauf, dass die damals dort vorherrschenden Anglikanischen und Methodistischen Kirchen weiss dominiert waren, und dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas.35

Haile Selassie versuchte im Inneren nach dem 2. WK verschiedene Reformen, die auf eine Modernisierung des Landes abzielten. Manchen gingen diese Reformen zu weit, Anderen viel zu wenig weit. Seine beinahe absoluten Machtposition war eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, seine Politik umzusetzen, auch wenn diese darauf hinaus lief, einen Teil dieser Macht abzugeben. Aber diese Macht stützte sich eben auf Loyalitäten, und diese konnten auch entzogen werden. Sein Vorhaben der Einführung einer “progressiven” Besteuerung scheiterte am Widerstand des Adels (der dabei zu verlieren hatte). Den Feudalismus etwas abzubauen war schwierig, denn Adelige waren ja im Militär und als Provinzfürsten stark vertreten… Hier lag eines seiner Dilemmata. Ähnlich war es beim letzten iranischen Schah, Mohammed Reza I. Pahlevi; der etwa mit seiner “Weissen Revolution” zur Landumverteilung 1963 Viele gegen sich aufbrachte. Andere Reformvorhaben, etwa im Bildungswesen, scheiterten am Festhalten an äthiopischen Traditionen in der Bevölkerung. 1955, zu seinem silbernen Thronjubiläum, konnte er wenigstens eine neue Verfassung erlassen, die die Vorrechte des Adels etwas einschränkte. Das ernannte Oberhaus des Parlaments blieb, das Unterhaus sollte nun gewählt werden. Unter einem eingeschränkten Wahlrecht, und ohne die Bildung von Parteien.

1957 wurde das Unterhaus dann das erste Mal gewählt. Wirklich viel Macht hatte es nicht (auch weil der König selbst die meiste behielt), aber es war ein erster Schritt Richtung politische Mitbestimmung getan. Die Opposition zu diesem Regime war überwiegend links, wie hätte es bei diesem Feudalsystem auch anders sein können; Kommunismus fand in Teilen der Intelligenz Anklang, besonders bei jenen, die im Ausland studierten. Daneben gab es aber auch Demokraten, Separatisten, – und Ultrakonservative, denen Haile Selassie zu fortschrittlich war. 1960, als Haile Selassie auf Staatsbesuch in Brasilien war36, versuchte seine Palastwache einen Putsch, proklamierte seinen ältesten Sohn Asfa Wossen zum neuen Monarchen. Die Sache brach rasch in sich zusammen, aber wie der Monarch darauf reagierte, spricht für sich: Militär- und Polizei-Chefs wurden Ländereien zugesprochen. Ebenfalls 1960 errang ein äthiopischer Athlet, A. Bikila, die erste Olympia-Medaillie, für dieses Land, im Marathon, beim zweiten Antreten Äthiopiens bei Olympia. Und begründete die Tradition der Weltklasse-Langstreckenläufer aus diesem Land (> Wolde, Yifter, Gebreselassie,…)

Die Autokephalie (Eigenständigkeit) der Äthiopischen Kirche bzw “Trennung” von der Koptischen kam 48 – 59 zu Stande. Vom 4. Jh bis Mitte des 20. Jh unterstand die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche der Ägyptisch-Koptischen, Oberhaupt (“Abuna”) der äthiopischen Kirche war immer ein vom koptischen Patriarchen ernannter koptischer Bischof. Hauptsächlich wegen dessen Unkenntnis der Landessprachen (wie Amharisch/ Amharigna) und der Kirchensprache Ge’ez hatte er nur begrenzten Einfluss auf die Kirche, wurde er auf eine repräsentative Rolle beschränkt. 1948 leitete der koptische Patriarch Joseph/Yusab/Yosef II. (46-56) auf Bitte von Haile Selassie die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (so der volle Name) in die Wege. Die Position des Ichegea (Abt des Klosters von Dere Libanos) war bis dahin die höchste, die ein Äthiopier in seiner Kirche erreichen konnte. Der damalige, Gebre Giyorgis Wolde Tsadik (1891 – 1970), wurde ’48 von Yosef zum ersten äthiopischen Erzbischof ernannt. Ausserdem wurden fünf Bischöfe geweiht. Gebre Giyorgis bzw “Basilios” hatte lange in Jerusalem gewirkt, wo die Tewahedo-Kirche seit Langem eine Präsenz (v.a. in der Grabeskirche in der Altstadt) hat.

1950 starb der letzte ägyptische Abuna, Querellos/Kyrillos IV., und Basilios wurde der neue, somit Oberhaupt der Kirche. 1951 wurde er geweiht. 1959 fiel mit dem Amtsantritt des neuen koptischen Patriarchen dessen Ehrenvorrang über den Abuna weg. Josef II. war ’56 intern abgesetzt worden, bis 59 wurde die Koptische Kirche von einem Gremium geleitet. Azar Y. Atta wurde 59 Patriarch Cyril VI. (59-71), als Vorgänger von Schinoda III. Bei einer Zeremonie in der Markus-Kathedrale in Kairo (Foto) wurde, in Beisein von Haile Selassie, die Position des Abuna aufgewertet, zum Oberhaupt der Tewahedo-Kirche. Damit war die Autokephalie 1959 vollkommen. Anders als die Koptische Kirche war die Äthiopische nicht im eigenen Land bzw in der eigenen Bevölkerung zurückgedrängt. Heute ist die Koptische Kirche auch in absoluten Zahlen kleiner als die Äthiopische. 44% der Äthiopier gehören ihr an; 34% sind sunnitische Moslems, dann kommen v.a. andere Kirchen. Nachdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit von Eritrea anerkannte, erlangte auch die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokephalie (1998).

Die Abspaltung Eritreas von Äthiopien wurde dadurch in die Wege geleitet, dass es Anfang der 1960er stärker in Äthiopien eingegliedert wurde… 1960 liess Haile Selassie zunächst die Autonomie-Regierung für Eritrea (damals unter A. Abebe) “einschränken”, 1962 löste er sie auf und damit die Eigenständigkeit Eritreas innerhalb Äthiopiens. Eritrea wurde zu einer normalen äthiopischen Provinz “herabgestuft”. 62 bis 91 gab es äthiopische Ras’/ Gouverneure für Eritrea, wie für die anderen Provinzen. Dadurch erfuhr die Eritrea-Unabhängigkeitsbewegung Zulauf, begann der Unabhängigkeitskampf. Erste diesbezügliche Organisation war ab den 1950ern die ELF, im Exil, die 61 eine Miliz aufstellte und den Kampf aufnahm – womit der Sezessionskrieg (61-91) begann. ELF-Mitgründer Hamid I. Awate war Ascari für die Italiener gewesen, was das Argument, die Eritrea-Unabhängigkeits-Idee sei eine von der Kolonialmacht “implantierte”, nicht gerade entkräftet. Die EPLF wurde die wichtigste der Abspaltungen von der ELF, die sich zeitweise gegenseitig bekämpften. Auch ausländische Akteure mischten mit. In den 30 Jahren Krieg fand der grosse Umsturz in Äthiopien statt, von der Feudal-Monarchie zur kommunistischen Junta.

Das Aufbegehren in Eritrea war der ernsteste ethnische Konflikt in Äthiopien37, aber nicht der einzige. In der damaligen südöstlichen Provinz Hararghe38, wo die Somalis dominierten, gab es irredentistische Bestrebungen, einen Anschluss an Somalia anstrebend. Die Somalis sind moslemisch, hamitisch, und hatten ab 1960 Somalia “im Hintergrund”39 Die Provinzen waren damals zudem ziemlich willkürlich gezogen. Das Aufbegehren gab es auch in anderen Gegenden des Südens, der ja später Teil Äthiopiens geworden war; aber auch unter den Afar im Norden. Und daneben eben das politische Aufbegehren, auch unter Amharen und Tigray, nicht zuletzt unter Studenten.

(Um) 1973 eine Hungerkatastrophe im Nordosten des Landes, die Zehntausende Äthiopier tötete. Dies führte mit zu Haile Selassies Sturz. Anfang 1974 Unruhen in der Hauptstadt wegen einer Inflation; der Monarch reagierte mit einer TV-Ansprache in der er das “Einfrieren” der Preise für Grundlebensmittel sowie “Sprit” ankündigte. Doch begann nun eine Meuterei in der Armee, beginnend in Asmara (Eritrea), wo sie mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung beschäftigt war. Haile Selassie wusste, dass damit seine Macht und das System ernsthaft in Gefahr war. Er tauschte seinen Premier aus, trat nochmal vor die TV-Kameras und kündigte Gehaltserhöhungen für Offiziere an. Im Juni 1974 bildete sich der Derg, ein (kommunistisch ausgerichtetes) Komitee aus mittleren und unteren Heeres-Angehörigen, im September setzte dieses den damals 82-jährigen Selassie ab. Selassie wurde von den Putschisten in seinem Palast in Addis Abeba unter Hausarrest gestellt; er soll in den letzten Monaten seines Lebens nicht gemerkt haben, dass er abgesetzt war.

Der Derg ernannte (wie schon die Aufständischen 1960) seinen ältesten Sohn Asfaw Wossen Tafari40 zu seinem Nachfolger – wieder gegen seinen Willen. Da sich dieser gerade im Ausland befand, sollte General Aman Mikael Andom, ein protestantischer Eritreer, vorübergehend die Position ausfüllen. Asfaw Wossen Tafari war seit 1930 Kronprinz, daneben Regionalfürst (Ras), hatte 1973 einen Schlaganfall erlitten, wurde daher zur Zeit des Putsches in der Schweiz medizinisch behandelt. Der Grossteil der im Land befindlichen königlichen Familie, darunter Königstochter Tenagnework, wurde zunächst in einem anderen Palast in der Hauptstadt eingesperrt, kam dann in das Kerchele-Gefängnis in Addis Abeba. Im November ’74 wurden 60 hohe Offizielle des gestürzten Regimes (darunter Selassie-Enkel Iskinder Desta, ein Admiral) getötet.41 Als Wossen dies verurteilte, kündigte der Derg an, die Monarchie abzuschaffen.

Haile Selassie hat 1965 eine Autobiografie (auf Amharisch/ Amharigna) herausgebracht, die 1972 anscheinend das erste Mal auf Englisch heraus kam. Es liegt auf der Hand, dass er sein Wirken anders beurteilte als seine Gegner. Die Urteile über ihn oszillieren zwischen Verklärung und Verteufelung. Bereits als Ras der Provinz Harar war er für Umsiedlungen und ethnische Diskriminierungen verantwortlich. Sein Regime als König/ Kaiser war autokratisch und grossteils undemokratisch. Menschenrechte wurden auf verschiedenen Gebieten verletzt, ob politische Rechte oder bürgerliche Freiheiten. Man muss allerdings auch sehen, welchen Gestaltungsspielraum er hatte bzw nicht hatte, und, welche Ausgangslage er bei seinem Amtsantritt vorfand und was er verändert hat. Soll man das Glas halb voll oder halb leer sehen? Einen Herrscher, der ein Parlament in seinem Land eingeführt und die Türe für die politische Mitbestimmung des Volkes geöffnet hat, oder einen unter dem keine Parteien erlaubt waren und die Mitbestimmung der gewählten Parlamentskammer sehr schwach war? Soll man seine Reformversuche zur Überwindung des Feudalismus sehen (gegen den Widerstand von Adel und zT Kirche) oder das Scheitern dieser Versuche? Es gibt starke Parallelen zum letzten iranischen Schah.

Ryszard Kapuściński durfte aus dem kommunistischen Polen Auslandsreisen unternehmen, nicht zuletzt nach Afrika, hat darüber geschrieben. 1978 brachte er eine Biografie Haile Selassies heraus (s. u.), die wenig schmeichelhaft ausfiel. Er stellte ihn als dilettantisch, absurd, korrupt dar. Das Buch sei aufgrund von Interviews mit ehemaligen Hofbediensteten entstanden, jedenfalls nach dem Sturz des Monarchen. Hat er ihn schlechter gemacht, als er war?42 Und hat er wirklich mit Leuten geredet, die ihn gekannt hatten? Und die ein objektives Urteil abgeben konnten? Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe Selassies, merkte an, zu der Zeit als Kapuściński in Äthiopien war, als also das Mengistu-Regime “wütete”, sei es schwer gewesen, (zumal für einen Ausländer) Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Monarchen zu finden (ausserhalb von Gefängnissen), und selbst wenn, diese hätten Angst gehabt, etwas Positives über ihn zu sagen. Kapuściński brachte 1982 auch ein Buch über den 1979 gestürzten Herrscher des Iran heraus, auf Polnisch (“Szachinszach“), das 1986 auf Deutsch erschien (“Schah-in-Schah: Eine Reportage über die Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus”).

Der Schah und der Negus sind sich zumindest 1971 begegnet, bei der Feier die Erster zur Demonstration der Verbindung seiner Dynastie mit jener der Achämeniden veranstaltete.43 Damals zeigte sich übrigens das internationale Prestige, dass Selassie genoss, er bekam “Vorrang” gegenüber anderen Staatsgästen, wie auch beim Begräbnis von John F. Kennedy einige Jahre zuvor. Äthiopien hatte unter Haile Selassie international ein gewisses Prestige, wie der Iran unter Mohammed R. Pahlevi; obwohl, gerade im bzw aus dem Westen viel Rassismus und Paternalismus weiter aktuell war, und obwohl die Herrschaft dieser beiden in ihrem Land grossteils als repressiv empfunden wurde. Beide haben eine genuine Nationalkultur gepflegt, wobei die Islamisten im Iran der Meinung sind, dass diese in Wirklichkeit der schiitische Islam sei (während Pahlevi das vor-islamische Erbe hervorstrich), und in Äthiopien viele Linke und Nicht-Amhara hier auch Einspruch einlegen würden.44

Auch beim Schah kann man durchaus die Modernisierung des Landes unter ihm sehen, die er gegen den Widerstand konservativer Kräfte vollbrachte. Beide Herrscher haben ihrem eigenen Volk nicht wirklich zugetraut, die Politik mitzubestimmen, es als nicht reif dafür gesehen, haben keine Demokratie zugelassen, eine Herrschaft von oben herab als nötig erachtet. Eine solche Geringschätzung wirft auf den “Nationalismus” der Betreffenden wieder ein anderes Licht… Linke im Westen (und im Land) hatten vom Schah wie vom Negus zu deren Herrschaftszeiten ein negatives Bild, und das nicht ganz ohne Grund. Aber in beiden Ländern ist es nach dem Umsturz schlimmer geworden und muss man sich fragen, ob nicht eine Fortsetzung unter diesen Herrschern (bzw unter ihren Söhnen) das kleinste Übel gewesen wäre. Parallelen gibt’s auch zu Afghanistan und dessem letzten König/Schah – auch dort war es so, wenn eine echte Modernisierung und Demokratisierung gelungen wäre, wäre dem Land und der Welt viieel erspart geblieben. Und eine solche hat übrigens der Westen nicht unterstützt, im Gegenteil…

Die Österreicherin Lore Trenkler war von 1962 bis 1975 Köchin am Hof von Haile Selassie, anfangs als Diätassistentin für seine Gemahlin, nach deren baldigen Tod wurde wurde ihr die Leitung der Palastküche übertragen.45 Über den autoritären Negus meinte sie: „Ich nehme an, dass er den Äthiopiern gegenüber streng war, als Mensch war er ganz reizend.“ Nun ja, aber wäre es umgekehrt nicht besser gewesen? Aber, jeder Held ist ein Bösewicht für irgend jemanden. Und alle Helden haben Blut an ihren Händen. Beim Vorgehen gegen den Eritrea-Separatismus hat das äthiopische Militär, sowohl unter Selassie als auch unter Mengistu, auch Verbrechen begangen. Hier tut sich noch einmal eine andere Tragik auf, eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Selassie bemühte sich um die afrikanische Einheit, konnte aber nicht einmal im eigenen Land die Einheit erhalten.46 Auch wenn man sagt, die Eritrea-Sezession war auf das koloniale Erbe zurückzuführen und war ein Ausdruck von Tribalismus, das äthiopische Militär hat bei ihrer Bekämpfung Grausamkeiten begangen und sie doch nicht verhindern können.

Aus der Distanz aber sehen die Dinge immer anders aus… Zum Beispiel Äthiopien und Haile Selassie aus der Karibik. Wo das Erbe der europäischen Sklaverei noch am lebendigsten ist. Die zehn Millionen Afrikaner47, die als Sklaven von Afrika nach Amerika deportiert wurden (16.- 19. Jh), kamen zunächst in der Karibik an, wurden von dort in andere Teile Amerikas weiter verkauft, ein Teil blieb auch dort, zur Arbeit in Zuckerrohr-Plantagen hauptsächlich. Die Karibik, wo die “Indianer” (Arawak und Caraib gab es dort) fast ganz ausgerottet sind und wo sich nicht allzu viele Europäer niederliessen, ist überwiegend “schwarz” bevölkert (und sprachlich zersplittert, von der jeweiligen Kolonialherrschaft geprägt).48 Die meisten Schwarzen in Amerika (Nord-, Süd-,…) wurden zu christlichen Gemeinschaften “gelotst”, daneben entstanden trans-afrikanische Religionen wie Voodoo, Umbanda oder eben Rastafari.

Der Jamaikaner Marcus Garvey beschäftigte sich im früheren 20. Jh mit dem Schicksal bzw der Orientierung der “Schwarzen” am amerikanischen Kontinent nach der Sklaverei, vor der echten Gleichberechtigung, vor der Unabhängkeit der karibischen und afrikanischen Nationen. Er nahm dabei stark auf Afrika Bezug, auf die Wurzeln, strebte nicht eine Stärkung der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner in Staaten wie der USA an, wie W. E. B. Du Bois, sondern ihre Rückkehr nach Afrika. In seiner Ablehnung der Assimilation der Schwarzen in die weissen Gesellschaften traf er sich mit den weissen Rassisten. Garvey wird die Prophezeiung der Krönung eines (schwarzen) Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit inspirierte er die Gründung der Rastafari-Religion. Denn als Haile Selassie 1930 König von Äthiopien wurde, sahen Jamaikaner wie Leonard Howell das Eintreffen von Garveys Prophezeiung, sahen im bisherigen Ras Tafari Makonnen einen Messias, und ihn Garvey einen Prophet, und gründeten die Rastafari-Bewegung, die sich v.a. in der Karibik verbreitete.

1961 reiste eine Delegation aus dem damals noch britischen Jamaica (Rastafari und Andere) nach Äthiopien, um Verschiedenes mit Haile Selassie zu diskutieren, darunter eine “Repatriation” von Karibik-Schwarzen nach Äthiopien. Dieser selbst hat stets abgelehnt hat, der Messias zu sein. 1966 besuchte der äthiopische König Jamaica, also einige Jahre nach der Unabhängigkeit (1962). Der Tag wurde zu einem Rastafari-Feiertag. Tausende Rastafari kamen zum Palisadoes-Flughafen bei Kingston um ihn zu empfangen, “Joints” (Ausdruck der Rasta-Kultur) wurden offen geraucht. Haile Selassie konnte das Flugzeug zunächst nicht verlassen, da das Rollfeld mit seinen Anhängern überfüllt war. Jamaikanische Behörden fragten Mortimo Planno, einen Rastafari-Führer, der schon beim Besuch ’61 dabei war, um Vermittlung. “The Emperor has instructed me to tell you to be calm. Step back and let the Emperor land”, rief er der Menge zu. Einige Rastafari-Führer bekamen dann eine Audienz beim äthiopischen König.49

Dazu ist zu sagen, dass heute etwas über 1% der Jamaikaner Rasta(fari) sind, und damals waren es eher etwas weniger. Für sie war der Besuch wichtiger als für die meisten anderen Jamaikaner. Und: Manch ein Jamaikaner, ob Rastafari oder Christ, war enttäuscht von der Erscheinung des “Messias”, der relativ klein und hell war. Die Schwarzen in der Karibik und in anderen Teilen Amerikas stammen aus Westafrika50, nicht aus Ostafrika – entgegen den Rasta-“Mantras” von “Diaspora” und “Rückkehr” im Zusammenhang mit Äthiopien. Die Semiten, Hamiten, Kuschiten im Norden und Osten Afrikas sind ein anderer Typus als die Bantu im grossen Rest Afrikas. In Ländern, wo diese “Rassen” zusammen leb(t)en, wie Sudan (vor der Unabhängigkeit des Südens), Ruanda/Rwanda und Kenya, gibt/gab es auch öfters Spannungen. Die Schwarzen in der Karibik und anderen Teilen Amerikas sind wiederum öfters mit Weissen vermischt.51

Es gab früher zB die Pharaonen, die als “göttlich” gesehen wurden, die “Vorstellungen” von Gottesgnadentum bei den europäischen Monarchen, oder die japanischen Kaiser/ Tennos, die zumindest im Schintoismus als göttlich bzw Nachfahren der Göttin Amaterasu gesehen wurden – bis Hirohitos Erklärung 1945. Stark verbunden mit Rastafari ist die Reggae-Musik. Robert Marley gehörte der Rastafari-„Sekte“ an (sowie christlichen Kirchen), war Freund von Planno, hat Haile Selassie aber nie getroffen. Einige Rastafaris liessen später die Idee von der Göttlichkeit Haile Selassies fallen und wandten sich der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zu. Es gibt auch Jamaikaner, die nach Äthiopien ausgewandert sind. Mit Afrikanern/Schwarzen wird “normalerweise” eine Nummer geschoben, Äthiopien und Haile Selassie waren aber auch handelnde Subjekte, mit Macht, Tradition,…. deshalb die starke Bezugnahme (u.a.) der Karibik-Schwarzen (Diaspora-Afrikaner) auf dieses Land und seinen (bislang) letzten Monarchen.

Der Derg unter Mengistu Haile Maryam errichtete 1974 mit Unterstützung der SU eine “sozialistische” Militärdiktatur. Die Monarchie wurde im März 1975 abgeschafft; die Derg-Führer wurden bis dahin als amtierende Staatschefs gesehen. Im August 1975 wurde der Tod von Haile Selassie bekannt gegeben; der “Ex-Monarch” sei durch Komplikationen in Folge einer Operation gestorben. Von manchen Seiten wurde/ wird dies angezweifelt, der Negus sei von den Putschisten getötet worden. Maryam war väterlicherseits Oromo, seine Grossmutter hatte Kaiserin Zauditu gedient, dafür Land bekommen, dieses verlor sie durch die Verstaatlichung ihres Enkels; er selbst war 77 bis 91 Staatsoberhaupt. Die amharische und christliche Vorherrschaft wurde unter dem Derg fortgeführt, die Äthiopische Kirche verlor aber ihre starke Stellung, und oppositionelle Bischöfe das Leben. Abuna “Theophilos” wurde 1976 abgesetzt und 1979 hingerichtet. 77/78 der Ogaden-Krieg durch somalischen Angriff nach Somali-Aufständen in dieser äthiopischen Provinz, durch SU-Frontwechsel zurückgeschlagen.

Um 1984 die Dürre und Hungersnot in weiten Teilen Äthiopiens, hauptsächlich im Osten. Die Politik der Junta unter Mengistu Maryam dürfte die Auswirkungen der Dürre verschlimmert haben. Ausserdem lief damals auch der Eritrea-Krieg 52 Etwa 500 000 Menschen starben von 1983 bis 1985. Wieder einmal tat sich bei Äthiopien eine Kluft zwischen „Anspruch“ und Realität auf; das Land wurde Empfänger von Mitleid und Almosen aus aller Welt… In der BRD hatte Karlheinz Böhm bereits 1981, in der dritten “Wetten dass…?”-Sendung, sein Hilfsprojekt für Äthiopien gestartet. Die (oder das?) britische “Band Aid” brachte Ende 84 “Do They Know It’s Christmas?” heraus, die Pop-Szenen in anderen Ländern folgten, 1985 die “Live Aid”-Konzerte. “Do they know it’s Christmas time at all?” In Äthiopien länger als in England. “Feed the world…”53

Die “humanitäre Katastrophe” veranlasste Israel zu Evakuierungssaktionen der Äthiopier, die sich als Juden sahen, 1985 und 1991 wurden die allermeisten “Beta Israel”/”Falasha” nach Israel ausgeflogen. Es handelte sich um Angehörige der kuschitischen Agau/Agaw aus dem amharischen Teil Äthiopiens, die ihr Christentum zugunsten jüdischer Bräuche aufgaben. Richard Pankhurst fasst die Theorien über ihr Judentum so zusammen: Sie könnten Agaus sein die konvertiert sind (schliesslich ist in Äthiopien auch im Christentum das Judentum präsent); jüdische Einwanderer, die sich mit Agau vermischten; eingewanderte moslemische Jemeniten die konvertiert sind; eingewanderte jemenitische oder ägyptische Juden. Das Selbstverständnis dieser äthiopischer Juden ist, dass sie Juden waren, bevor sie Christen wurden, sie also rück-konvertierten. Es könnte sich auch um Nachfahren der “verlorenen Stämme Israels” handeln, die mit der assyrischen Eroberung im 8. Jh vC verschleppt wurden. Unter israelischen und jüdischen Gremien gab es auch lange Diskussionen über ihre Aufnahme.54

1987 gab es eine Parlamentswahl, aber nur die KP durfte antreten. Der Widerstand gegen das Regime verband sich um 1989 mit dem Eritrea-Unabhängigkeitskampf, hauptsächlich handelte es sich um ein Bündnis der “Volksbefreiungsfront von Tigray” (TPLF) mit der EPLF (im Endeffekt auch Tigre), zur “Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker” (EPRDF). Den Tigre-Rebellen ging es auch gegen die Amhara-Vorherrschaft. 1990 beendete die SU im Zuge von Perestroika ihre Unterstützung des Derg55; Mengistu wandte sich darauf hin vom Kommunismus ab, Machterhalt blieb aber das Ziel, nur wirtschaftlich wurde etwas geöffnet. Im Mai 1991 marschierten die Truppen der EPRDF in Addis Abeba ein, stürzten den Derg. Mengistu floh mit 50 engen Verwandten und Derg-Kollegen aus dem Land nach Zimbabwe, wo sie von Robert Mugabe aufgenommen wurden.

Die EPRDF übernahm die Macht in Äthiopien, entliess Eritrea, dessen “Rebellen” in ihr mit gekämpft hatte, in die Unabhängigkeit (91-93).56 In der EPRDF war damit die TPLF die haushoch dominierende Kraft, führte eine Tigre/Tigray-Vorherrschaft im Land ein. Und eine Halb-Demokratie: Zulassung von Parteien, eine Verfassung (1994), Wahlen (ab 1995), ein föderatives System mit autonomen Regionen für die grossen Völker (ebenfalls 95). Aber eine Vorherrschaft der TPLF, abgesichert bzw ermöglicht durch Wahlmanipulationen und ethno-regionale Satellitenparteien. Meles Zenawi wurde starker Mann Äthiopiens, zuerst als Staatspräsident, dann (ab 95) als Ministerpräsident, nachdem die Macht zu diesem verschoben wurde.57 Verlierer der Teil-Demokratisierung nach dem Umsturz sind, wenn man es auf’s Ethnische herunterbricht, die lange dominierenden Amhara/ Amharen; auch die Oromo, die grösste Volksgruppe, die Afar, Somali, Kaffa, Harari,… fühlen sich benachteiligt.58

In der EPRDF herrscht seit dem Tod von Zenawi im Jahr 2012 ein Machtvakuum. Die wichtigsten Oppositions-Parteien haben sich zu einem Bündnis mit der englischen Abkürzung CUD zusammengeschlossen. 2015 begannen öffentliche Proteste gegen die von der EPRDF (TPLF,…) ausgeübte Tigray-Vorherrschaft. Ethnisches und Politisches verbindet sich hier, wie oft in Afrika. Teile unter den Oromo (> Oromo Liberation Front), Somali, Afar, die unter Negus, Derg und EPRDF zu kurz kamen, visieren eine Abspaltung (ihrer Provinz) von Äthiopien an, wie es Eritrea tat59. Äthiopien, das als einziger afrikanischer Staat (!) seine Grenzen selbst festlegte, könnte vom Auseinanderfall bedroht sein. Die Gräben in der Bevölkerung verlaufen hauptsächlich entlang ethnischer Linien. Religion ist kein so trennender Faktor; die somalische Islamisten-Gruppe Al-Shabab scheiterte einst bei einem Terrorangriff mit einer Separation von Moslems und Christen in einem Bus… Unter den (grösstenteils äthiopisch-orthodoxen) Tigray wurde der damalige Abuna/ Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, “Merkorios”, 1991 abgesetzt. Verschiedene Kriege und Konflikte am Horn von Afrika bzw in Ostafrika hängen miteinander zusammen, darunter der Al-Shabab-Terror in der Region und das militärische Vorgehen dagegen, in dem das äthiopische Militär eine wichtige Rolle spielt – wofür es westliche Unterstützungsgelder erhält.

Sarkophag Haile Selassies

Da, als die letzten Angehörigen der ehemaligen Herrscherfamilie vom Derg freigelassen wurde, 89/90, war dieser selbst schon fast am Ende (> 91). Haile Selassies Tochter Tenagnework wurde 89 freigelassen, ging ins Exil. Nach dem Umsturz konnten exilierte Angehörigen der Familie auch wieder Äthiopien besuchen, wie Haile Selassies Grossneffe Asfa-Wossen Asserate, der 1974 in Deutschland studiert hat. Asfaw Wossen Tafari (1914-97), der sich später Amha Selassie nannte, Oberhaupt der Familie, lebte in GB und USA. 1992 wurden die Gebeine des Ex-Monarchen unter einer Steinplatte im ehemaligen Palast gefunden. Die Überreste seines Körpers wurden in die Kathedrale von Addis Ababa umgebettet, wo auch die seines Grossonkels Menelik (II.) liegen. 2000 bekam er dort ein Begräbnis von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, das von der nunmehrigen Regierung nicht zu einem Staatsbegräbnis gemacht wurde.60 Bob Marleys Witwe Alpharita “Rita”61 war dabei, die meisten Rastafari lehnten das Ereignis aber ab; weil das Begräbnis ihres “Messias” in ihren Augen nicht würdig genug war oder weil sie daran zweifelten, dass er überhaupt gestorben war.

Amha Selassies Sohn Zera Yacob Selassie ist seit 1997 Chef des Hauses bzw der Familie, und Prätendent für die äthiopischen Monarchisten. Er hat sich 1989 im Exil zum Negus proklamiert, rückdatierend auf 1975 (Tod des Grossvaters), gründete 1991 eine monarchistische Organisation. Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, ob er (der 1951 in Addis Abeba geboren wurde) mittlerweile nach Äthiopien zurück gekehrt ist oder nicht. Ist Äthiopien ein Land, wo der Monarchismus stark ist? Und würde eine Restauration eine Verbesserung für das Land bedeuten? Wiederum Parallelen zum Iran: Bei allem Schlimmen, das danach kam, die Monarchie in ihrer Unfreiheit und ihrem Absolutismus hat irgendwie den Grundstein dazu gelegt. So wie sie zuletzt bestand, wäre sie kein Anlass zur Hoffnung; etwas anders sähe es mit einer konstitutionellen Monarchie aus, und einer auf Konsens ausgerichteten Restauration. In Afrika gibt es zur Zeit Monarchien in Marokko und Lesotho (konstitutionell) sowie Swasiland (absolut)62. Früher u.a. in Ägypten, Tunesien, der Zentralafrikanischen Republik63,..

Äthiopien ist also weit von einer stabilen Demokratie entfernt, die Mittelschicht fehlt noch immer weitgehend. Nicht wenige Äthiopier sind nach Westeuropa oder die Golfstaaten ausgewandert. Aber es gibt Erfolge in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik. Der Tourismus dorthin hat einen Aufschwung erfahren. 2011 begann ein Bau eines Staudamm-Kraftwerks am Blauen Nil, das Strom für Äthiopien und den Export produzieren soll – und zu Spannungen mit Ägypten geführt hat. Was im Hinblick auf Naturzerstörung natürlich auch nicht unbedenklich ist. Saudi-Arabien und China haben sich in den letzten Jahren grosse Landflächen in Äthiopien gesichert, um dort Ackerbau für die eigene Versorgung zu betreiben. Auch exportiert das Land Nahrungsmittel in Afrika. Oft geht es hier aber um Land und Ernten, die auch die eigene Bevölkerung bräuchte. Äthiopien ist jedenfalls einer der Schlüsselstaaten Afrikas. Es ist vorsichtiger Optimismus bezüglich Entwicklungen in Afrika angebracht, gibt einige positive Bestandsaufnahmen und Prognosen. Die verbreiteten Afrika-Bilder bestehen entweder in Naturschönheiten oder menschlichem Elend, das mit westlichen Almosen gemildert werden kann. Jene Afrikaner, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, bestärken das klarerweise.

Georgs-Kirche in Lalibela

Bei seinem Besuch am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba hat USA-Präsident Barack Obama 2015 dem afrikanischen Kontinent Aufbruchstimmung bescheinigt. Es müssten „Vorurteile von einem Afrika, das für immer in Armut und Konflikten feststeckt“ wegfallen. Zugleich prangerte er Amtsmissbrauch und Korruption an. Allem voran übte er schärfste Kritik an einigen seiner afrikanischen Amtskollegen: Niemand solle „auf Lebenszeit Staatschef sein“. Yoweri Museveni etwa ist seit ca. 30 Jahren Präsident Ugandas, begann eben seine sechste Amtszeit. Zu lange an der Macht festhaltende Staatschefs seien die Wurzel der afrikanischen Probleme, hat auch er, ein Liebling des Westens, einst gemeint…64 Der Weisse als Retter in Afrika – oder doch ein Verursacher mancher Übel? Abgesehen von der Vergangenheit: Die EU ist wichtigster Handels“partner“ Afrikas; aber eben selten ein richtiger Partner.

Asserate, alles andere als anti-westlich, beklagt die EU-Afrika-Politik: Sobald westliche Politiker sähen, dass ein afrikanischer Präsident ihnen nicht hilft, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, produzierten sie einen Umsturz. Milliardenhilfen aus dem Westen würden bei afrikanischen Diktatoren landen, die kein Interesse an einer Eindämmung der Flüchtlingskrise bzw ihrer Ursachen hätten. Beliebt wurde in diesem Zusammenhang das Eindreschen auf China. „Sie kommen nur hierher, um Profite zu machen“, sagte ein Afrikaner in einer Film-Dokumentation. Und es klang eher erleichtert als vorwurfsvoll. China hat in Afrika weniger Missionierungsambitionen. Und, beim Verhältnis zwischen China und Afrika handelt es sich nicht um eine Einbahnstrasse. Afrikaner können recht unkompliziert nach China reisen. In Guangzhou haben sich auch mittlerweile Viele niedergelassen. Es gibt auch binationale bzw bikulturelle Paare, auch ein Unterschied.

 

Material

Richard Pankhurst: The Ethiopians: A History (2001)

Paul B. Henze: The Rise of Haile Selassie: Time of Troubles, Regent, Emperor, Exile (2000)

Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia 1855-1991 (2001)

Harold G. Marcus: A History of Ethiopia (1994)

Teshale Tibebu: The Making of Modern Ethiopia: 1896-1974 (1995)

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragik des Haile Selassie (2014)

Siegbert Uhlig, David Appleyard, Alessandro Bausi, Wolfgang Hahn, Steven Kaplan: Ethiopia: History, Culture and Challenges (2017)

Ryszard Kapuściński: König der Könige: Eine Parabel der Macht (1984, polnisches Original “Cesarz” 1978, englische Übersetzung “The Emperor” 1978)

James De Lorenzi: Guardians of the Tradition: Historians and Historical Writing in Ethiopia and Eritrea (2015)

Saheed A. Adejumobi: The History of Ethiopia (2007)

Walter Schicho: Handbuch Afrika (3 Bände, 1999-2001)

Paul B. Henze: Layers of Time: A History of Ethiopia (2004)

Haile Selassie: My Life and Ethiopia’s Progress (1972)

Christopher Othen: Lost Lions of Judah: Haile Selassie’s Mongrel Foreign Legion 1935-41 (2017)

Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941 (2006)

John H. Spencer: Ethiopia at Bay: A Personal Account of the Haile Selassie Years (1987)

Edmond J. Keller: Revolutionary Ethiopia: From Empire to People’s Republic (1989)

Richard Pankhurst: The Ethiopian Borderlands: Essays in Regional History from Ancient Times to the End of the 18th Century (1997)

William Saroyan: The Lion of Judah. In: Letters from 74 rue Taitbout or Don’t Go But If You Must Say Hello To Everybody (1971)

Christopher Clapham: Transformation and Continuity in Revolutionary Ethiopia (1990)

Dessalegn Rahmato: Democratic Assistance to Post-conflict Ethiopia: Impact and Limitations (2000)

Walter Rodney: How Europe Underdeveloped Africa (1972)

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten (2016)

John G. Jackson, C. S. Moore: Ethiopia and the Origin of Civilization (2015)

Taddesse Tamrat: Church and State in Ethiopia, 1270-1527 (1972)

Ernst Hammerschmidt: Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen (1967)

John Markakis: Class and revolution in Ethiopia (1978)

E. A. Wallis Budge: A History of Ethiopia (2 Bde., 1928)

A. J. Barker: The Rape of Ethiopia (1936)

Darrell Bates: The Abyssinian Difficulty: The Emperor Theodorus and the Magdala Campaign, 1867-68 (1979)

Sven Rubenson: King of Kings. Tewodros of Ethiopia (1966)

Graham Hancock: The Sign and the Seal. The Quest for the lost Ark of the Covenant (1993)

Messay Kebede: Eurocentrism and Ethiopian Historiography: Deconstructing Semitization. In: International Journal of Ethiopian Studies, 1 (1) (2003)

Jon Abbink: An Historical-anthropological Approach to Islam in Ethiopia: Issues of Identity and Politics. In: Journal of African Cultural Studies, December 1998

Ein bisschen etwas über den Unterschied in der Sichtweise auf Haile Selassie in Äthiopien und in Jamaica

Über die Besuche von Haile Selassie in Jerusalem/ Quds und die äthiopische Präsenz in der Stadt

Tekeste Negash: The Zagwe period re-interpreted: post-Aksumite Ethiopian urban culture

https://ethiopianhistory.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der genau wie sein Vater und Vorgänger David historisch nicht gesichert ist, ausserhalb des Tanach und davon abhängiger Texte gibt es fast keine Hinweise auf sie
  2. Die Königin von Saba trägt dort den Namen Makeda
  3. Aber das Äthiopien “gegenüber liegende” Jemen ist ein “heisserer” Kandidat. Saba/ Sheba könnte sich auf die dortige Sekte bzw Ethnie der Sabäer (Sabaiyyun) beziehen, die im Koran erwähnt (und toleriert) wurden
  4. Nun, davor gab es noch das Reich von Damot in Teilen des späteren Äthiopiens
  5. In Jesus Christus sei das Göttlichen und das Menschliche vereint
  6. Laut “Kebra Negast” ist Menelik, Stammvater der äthiopischen Könige, selbst nach Jerusalem gereist und habe von dort die Bundeslade mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote nach Äthiopien “entführt”
  7. Daneben gab es auch gelegentlich nicht-dynastische Usurpatoren wie Amdo Seyon als Negus
  8. Letzter Herrscher aus dem “Gondar”-Zweig der Salomoniden-Dynastie
  9. In der auch Äthiopien für wenige Jahre kolonialisiert wurde
  10. Er war der letzte der äthiopischen Monarchen, die selbst mit in die Schlachten zogen
  11. Womit die nach ihm benannte Stiftung in der BRD, die sich als “liberal-aufklärerisch” sieht, wiederum kein Problem hat
  12. Zeigte Zugehörigkeit zum Adel an
  13. Beim Völkerbund-Beitritt musste sich Äthiopien dazu verpflichten
  14. So ähnlich wurde es formuliert
  15. 1871 geboren, im Jahr als das Risorgimento mit der Einnahme Roms zu einem Abschluss kam
  16. Auch bei der italienischen Niederlage von Karfreit/Caporetto/Kobarid
  17. Der zweite, eigentlich aber der dritte, schliesslich war die italienische Inbesitznahme Eritreas auch durch Krieg zwischen diesen Ländern zu Stande gekommen
  18. Im 2. WK war Badoglio dann beim italienischen Seitenwechsel 43 eine Schlüsselfigur, wurde italienischer Premierminister. Für seine Kriegsführung in Äthiopien wurde er nie zur Rechenschaft gezogen
  19. Wie schon von Djibouti nach Eilat
  20. Die Beiden mussten zurücktreten, als das bekannt wurde; Mussolini wäre einverstanden gewesen
  21. www.youtube.com/watch?v=oyX2kXeFUlo
  22. Der Präsident der Versammlung, der Rumäne Nicolae Titulescu, liess die Störer des Saals verweisen
  23. 1963 hat er auch vor der UN-Generalversammlung gesprochen
  24. Für Grossbritannien etwa, dass einen grossen Streifen Afrikas von “Kairo bis zum Kap” beherrschte…? Höchstens Italien als Konkurrent in Afrika war eines. In allen diesen mehr oder weniger mit GB verbundenen Gebieten hatten weisse Siedler einen höheren Status als die einheimische Bevölkerung, nicht zuletzt in Südafrika (auch vor der Apartheid). Dort hatte Premier Hertzog das Wahlrecht für weisse Frauen bewilligt, jenes von schwarzen Männern weiter eingeschränkt. Übrigens hatte GB dann ein grosses Problem damit, dass sich im “2. Weltkrieg” Irland, das dabei war sich seine vollständige Unabhängigkeit zu erkämpfen, neutral blieb. Und dass in “seinem” Indien nicht alle Führer/ Politiker das Mitmachen bei diesem Krieg der Briten als selbsverständlich sahen
  25. Drei Rassengesetze wurden von den Faschisten für die Kolonien in Afrika erlassen, 1937, 1939 und 1940. Einer der Gründe warum es dort kaum “Vermischung” zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten gab
  26. Und es gibt jene Deutsch-Nationalen, die den Giftgas-Einsatz der Italiener in Äthiopien anprangern, wobei es ihnen nur um eine Desavouierung der Italiener an sich geht, wegen Südtirol; die mit den deutschen Kolonial-Tötungen in Südwestafrika kein Problem haben, im Gegenteil. Es gibt auch jene Zionisten, die diesen Völkermord an den Herero und Nama 1904-08 thematisieren, nur weil sie deutsche Kritik an israelischer Politik, zB an der Allianz mit Apartheid-Südafrika, abwürgen wollen
  27. Ein Unterschied, Eritrea war viel kleiner im Verhältnis zum restlichen Äthiopien als Ungarn im Verhältnis zur österreichischen Reichshälfte. Ausserdem hatte die eritreische Regierung weniger Kompetenzen als die ungarische
  28. Äthiopien, dass sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog, musste sich, im Gegensatz zu Eritrea, seine Infrastruktur selbst herstellen
  29. 1920 wurde von den Franzosen ein “Gross-Libanon” von Syrien abgetrennt, die Grenzen wurden so gezogen, dass der Libanon (der in den 1940ern unabhängig wurde) so gross war dass die Maroniten gerade noch die Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten. Damit kam ein relativ grosser (hauptsächlich) für die Maroniten konzipierter Staat zu Stande, in diesem machten Nicht-Maroniten aber eben fast die Hälfte der Bevölkerung aus…
  30. Wann genau Ägypten eigentlich genau seine Unabhängigkeit verlor, darum geht es in diesem Artikel
  31. Aus der die Afrikanische Union/ AU hervor ging
  32. Vor und nach der Besetzung der palästinensischen Rest-Gebiete 1967, vor und nach dem Transfer der äthiopischen Juden dorthin
  33. So einen Spagat schafft Israel bzw der Zionismus locker
  34. Vornehm übersetzt
  35. Und die Johannesreich-Idee, von einem aussereuropäischen christlichen Reich… Das man (die Portugiesen etwa) auch in Äthiopien gefunden geglaubt hatte. Aber wurde Äthiopien jemals als gleichrangiger Partner des Westens behandelt…? Dann doch lieber sich als weisser Retter in Szene setzen. Genau wie gegenüber Kurden oder moslemischen Frauen oder was jetzt so alles als an nicht-weissen/westlichen Verbündeten bzw Schutzobjekten deklariert wird
  36. Andere Reisen waren zB die nach Österreich und Deutschland 1954, Jamaica (Jamaika) 1966 (>), zur ehemaligen Besatzungs-/Kolonialmacht Italien 1970
  37. Aber eben eigentlich kein ethnischer
  38. 1943 u.a. aus Harar hervorgegangen
  39. Das damals noch französische Djibouti ist auch ein Teil Gross-Somalias, auch ein Teil von Kenya; heute geht die Tendenz eher zum Auseinanderfall Somalias als zu seiner Vergrösserung
  40. Es gab daneben eine lebende Tochter; drei Töchter und zwei Söhne waren früh gestorben
  41. Auch General Andom
  42. Wobei, was heisst “schlecht”, für wen?
  43. Die Feier war Sinnbild des Scheiterns des Schah, die eigenen Leute (Iraner) waren ausgesperrt, ausländische Staatsgäste wurden verwöhnt
  44. Die Flagge Äthiopiens wurde 1996 festgelegt, bis dahin waren verschiedene Varianten derselben in Gebrauch, spätestens ab dem 19. Jh, mit Streifen in den Farben Grün, Gelb, Rot, mit dem Kaiserlöwen („Löwe Judas“) und ohne ihn; auch die iranische Flagge hat sich seit dem 19. Jh immer wieder verändert, das Grunddesign ist gleich geblieben, bis zur Revolution 79 war auch ein Löwe darauf abgebildet (dieser auch schon vor dem 19. Jh)
  45. Auch nach dem Umsturz 1974 kochte sie weiter im Palast, die fertigen Gerichte wurden vom Militär den gefangenen Angehörigen der Königsfamilie gebracht. Nach Selassies Tod 75 ging sie zurück nach Österreich
  46. Erinnert an Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah, der 66 gestürzt wurde, während er sich ebenfalls um die afrikanische Einheit bemühte
  47. Hauptsächlichst aus Westafrika
  48. In den ehemals britischen Kolonien gibt es auch viele Asiaten, hauptsächlich Inder, aus der Phase nach der Abschaffung der Sklaverei
  49. Der Chef einer der beiden grossen Parteien Jamaicas, der PNP, Michael Manley, damals Oppositionschef (zur Zeit der Herrschaft der Jamaica Labour Party/ JLP) besuchte Äthiopien und seinen Negus 1969. Er bekam dort einen Stab, der ihm geholfen haben soll, die Wahl 1972 zu gewinnen und Premierminister zu werden
  50. In Westafrika und der Karibik sind die Sprinter, in Ostafrika dominieren die Langstreckenläufer
  51. Wie man an “Bob” Marley oder dem Politiker Michael Manley sieht
  52. Als Bürgerkrieg zu sehen?
  53. In der österreichischen Variante des Benefiz-Songs hiess es, “Es hasst, du woast amoi a Königin, der Stolz von Afrika”… Auch die Zeilen über den Hunger, der Methode hat, und das Spenden um des eigenen Wohls halber sind treffend
  54. Sie werden nun gerne eingesetzt, um vom rassistischen Charakter Israels abzulenken. In der Realität Israels gibt es dann zB immer wieder Weigerungen, Blutspenden dieser “schwarzen Juden” anzunehmen. Die aus Äthiopien stammenden Israelis werden auch immer wieder Ziel von Übergriffen, weil sie für afrikanische Einwanderer (die hauptsächlich aus Eritrea und Süd-Sudan stammen) gehalten werden. Wie einst die Mizrahis versuchen viele von ihnen, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu sichern, indem sie besonders rassistisch ggü Nicht-Juden (hauptsächlich Palästinensern) sind
  55. Man muss dazu sagen, dass die SU in Afrika, besonders im südlichen, auch politische Kräfte unterstützte, die es sehr verdienten
  56. Äthiopien verlor damit wieder seinen Zugang zum Roten Meer, wurde wieder ein Binnenland
  57. Seit 1909 gibt es Premierminister in Äthiopien; bis 1974 waren es Partei-Unabhängige, die Vertraute des jeweiligen Negus waren; 74-87 war die Position abgeschafft, dann wurde er bis 91 von der Äthiopischen Arbeiterpartei besetzt; 91-94/95 der Übergang; seither wird er theoretisch von Parteien mit parlamentarischer Basis gestellt, in der Realität ist das die TPLF bzw die EPRDF, und es ist fraglich ob das wirklich die stärkste Partei bzw Parteienallianz ist
  58. Wobei: Solange die Amhara dominant waren, war es ihnen nicht so “wichtig”, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat ist
  59. A propos: Eritrea wurde eine der repressivsten Diktaturen Afrikas, ein Einparteienstaat der PFDJ (Nachfolger der EPLF) unter Isayas Afewerki. Eritreer flüchten inzwischen nach Äthiopien, wie auch Süd-Sudanesen oder Somalier. Davon abgesehen gab es 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg zwischen diesen Ländern. Und vor wenigen Wochen eine Aussöhnung
  60. Was wahrscheinlich ein Zeichen von Grösse gewesen wäre; man denke an das Begräbnis für die Zarenfamilie in Russland 1998 und das Staatsbegräbnis, das die Post-Apartheid-Regierung Südafrikas 2006 der Familie von Pieter Botha anbot
  61. Eine gebürtige Kubanerin
  62. Streng genommen gehören geografische Teile Afrikas wie Ceuta und die Kanaren zu Spanien, das auch eine Monarchie ist. Und es gibt regionale bzw zeremoniale Monarchien wie jene der Zulus in Südafrika
  63. Bokassa, der Präsident der sich 1976 zum Kaiser proklamierte; andere Präsidenten haben das nicht getan, aber so geherrscht
  64. Nach dem Abgang von Mugabe in Zimbabwe und Dos Santos in Angola heuer sind Kameruns Biya (seit 43 Jahren zunächst Minister-, dann Staatspräsident), Obiang in Äquatorial-Guinea, Sassou in Kongo-Brazzaville, Museveni in Uganda, König Mswati in Swasiland, Bashir in Sudan, Deby im Tschad, Afewerki in Eritrea und Bouteflika in Algerien die längst Herrschenden in Afrika (und auch global im Spitzenfeld bzw führend)

Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien, Nigeria, Bosnien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen in etwa die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter(innen). Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 fanden dort die weiteren grossen Schritte statt; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungene Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Luxor-Obelisk in Paris

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israeli