Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem “Gegenpopulismus” geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art “Gegenmittel” zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das “aber” soll das “einerseits” nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster “Notre-Dame de l’Atlas” in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime (“der Kaserne”) oder den Islamisten (“der Moschee”). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel “Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems”. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film “Des hommes et des dieux” („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der “Graf von Chambord”, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. “Napoleon III.” schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochtonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, “Mizrahis”, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsss und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt “begnügte” man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, “mittel” in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg bewirkte die „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Die demütigende Niederlage der französischen Armee in Indochina bei Dien Bien Phu 1954 war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion untersstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem “Time Magazine” die Motivation, um Algerien zu kämpfen: “Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.” Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich “zerlegen” wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in “seinem” Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner “Aufgabe” Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in “Paris Match” 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit “Fortschritts”-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der “verbrannten Erde” durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch “aufgerundet”. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an “Harkis”, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit “Koffer oder Sarg” wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus’ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den “eingeborenen” “Farbigen” gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den “Volksdeutschen” in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern “gehalten”. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier sind die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden “Schwarzen” sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischem Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist für die Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit “La Valise ou le Cercueil” stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. “Enrico Macias” (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von “Sheick” Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich “Adieu mon pays”.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. “Bleu-Blanc-Beur” und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht “akzentuierten” Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die “Charlie Hebdo”-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische (polnischer Herkunft) Philosoph Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die “Zivilisation” zu den “Wilden”. Er beklagt den “Verfall westlicher Traditionen” durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, “Rasse” zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass “westliche Werte” nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er “Le Monde diplomatique” wegen ihrer “Israel-Kritik” attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer “salonfähiger”. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Jahren Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann “nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen”. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen “zersplittert” (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie “verschwunden”. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der “Abschaffung des Sklavenhandels” verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika” aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine “Versöhnung” der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantnischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: “Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems”. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken.  Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relavant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem “freien Westen” die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und “Politiker” beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in der “seiner” Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in “Le Monde diplomatique” einen Artikel von Pierre Daum über die letzten “Siedler”. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von “Christen” die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup “Jimmy” Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die “Überfremdung Europas” aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig “minderwertig” betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon “christlich-jüdische Werte” und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die “Riposte laique” nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). “Weder Koffer noch Sarg…”

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L’ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte “Doyen” der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

“C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir” (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der “ägyptische” Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das “koloniale” Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Deutschlands Platz an der Sonne

Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überliess, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber.” Aussenminister Bernhard von Bülow aus Anlass der Inbesitznahme Kiautschous im Reichstag.

Bismarck-Archipel, Neupommern, Deutsch-Neuguinea – ja, Deutschland war mal Kolonialmacht, aber wer weiß heute noch etwas davon? Diese Vergangenheit gilt nach zwei Weltkriegen als vergiftete Frucht.“ Aus einer Kundenbewertung von Christian Krachts „Imperium“ auf amazon.de.

Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.” Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (Zentrumspartei) 1927.

Gemeinsam mit dem nur wenig älteren Königreich Italien trat das (zweite) Kaiserreich der Deutschen als Nachzügler auf die Weltbühne.” Chefredakteur Franz Metzger im Magazin “Geschichte”, November 06, in der Einleitung auf das Titelthema “Kaiser Wilhems Kolonien”.

Der Kilimandscharo, ein Teil der “Südsee” oder (ein ganz kleiner) Chinas gehörten mal (zu) Deutschland, das seine eigenen Bananen ernten konnte (wenn es das auch nicht mit eigener Arbeitskraft tat). Das Deutsche Reich eignete sich Gebiete in Afrika, Ozeanien, Asien an; die afrikanischen Gebiete waren am wichtigsten. Die Daten und einiges mehr zu dem Thema kann man zB dem Wikipedia-Artikel entnehmen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte eine Führungsrolle in Europa inne, war aber nicht dabei, als europäische Reiche in der frühen Neuzeit durch Entdeckungen und Eroberungen Weltmächte wurden. Die Siedlung in Osteuropa war für das Reich wichtiger. Deutsche waren ab dem 16. Jahrhundert im Dienst anderer europäischer Mächte bei der Erschliessung und Ausbeutung neu entdeckter/angeeigneter Gebiete dabei, als Seefahrer oder Siedler. Und, Deutschland nahm am Welthandel Teil, etwa durch die hugenottische Kaufmannsfamilie Godeffroy in Hamburg. Durch die Personalunion des Römisch-Deutschen Reichs mit Spanien unter dem Habsburger Karl V. herrschte der Kaiser auch, für einige Jahrzehnte, über ausser-europäische Kolonien.

Zur Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus gehört auch, dass die süddeutsche Kaufmannsfamilie Welser unter Karl V. die Möglichkeit bekam, in Spanisch-Neugranada die Handels-Kolonie Klein-Venedig zu betreiben, im heutigen Venezuela. Dabei wurden auf den Zuckerrohr-Plantagen auch afrikanische Sklaven eingesetzt, wie damals üblich unter europäischen Kolonialmächten. Dies war einer der Ansätze zu deutschen Kolonien vor jenen des zweiten Reichs. Das Herzogtum Kurland war irgendwie auch ein deutscher Staat (wenn auch ausserhalb des Reichs), unterhielt im 17. Jh eine Kolonie auf der Karibik-Insel Tobago, genannt “Neukurland”, sowie eine Insel im Gambia-Fluss. Brandenburg-Preussen erwarb Ende des 17. Jahrhunderts überseeischen Kolonialbesitz in der Karibik und in Afrika und hatte Anteil am kolonialen Sklavenhandel. Ab 1806, eigentlich ab 1815, war die “deutsche Frage” aktuell, also welche Grenzen und welche Staatsform Deutschland haben sollte.

Österreich, von seinen Wurzeln auch ein deutscher Staat, hat auch in Osteuropa expandiert. Daneben hat das Stammland der Habsburger im 18. und 19. Jh. auch Versuche unternommen, Übersee-Kolonien zu erwerben. Das Schiff “Novara” hat auf einer Weltumsegelung Mitte des 19. Jh erfolglos versucht, die indischen Nikobaren (auf die schon Dänemark Anspruch erhoben hatte) in Besitz zu nehmen. Etwas später war auch Preussen an den Inseln interessiert. Die Novara brachte auch Kaiser-Bruder Maximilian von Habsburg nach Mexiko, wo er Kaiser wurde. Dies war aber kein Zug, Mexiko unter österreichischen Einfluss zu bringen; es war einer des französischen Kaisers Napoleon III., in Mexiko eine an Frankreich angelehnte Herrschaft zu begründen. Die Novara hat dann auch Maximilians Leichnam abgeholt.

Deutsche waren in Südafrika mit der niederländischen VOC vom ersten Schiff im 17. Jh an mit dabei, sind (wie calvinistische Franzosen bzw Hugenotten) in den Afrikaanern/Buren aufgegangen. Haben das Afrikaans mitgeprägt. Nachfahren sind bis hin zu Staatspräsidenten Südafrikas aufgestiegen. Namen wie Botha oder Van Rensburg (nach der Stadt Rendsburg in Schlewsig-Holstein) erinnern an deutsche Wurzeln. Nur spätere Einwanderer des 20. Jh haben diesen Assimilationsprozess nicht gemacht. Albert Schweitzer ist einer jener Elsässer, die in französischen Kolonien wirkten (Lambarene gehörte zu Französisch-Äquatorialafrika), allerdings in jenen Jahren in denen das Elsass Teil Deutschlands war. Deutsche Missionare gingen ab dem 18. Jh mit Dänen nach Grönland, vermischten sich dort sowohl mit Eskimos wie auch mit Dänen – was man auch heute an Namen von Grönländern sehen kann. Viele Südtiroler mussten nach der Abtrennung von Österreich im italienischen Militär in Nordafrika dienen, v.a. in Abessinien/Äthiopien; vielleicht sind sie eher als Altösterreicher denn als Deutsche zu sehen. Unter den Bewohnern im Raum Eupen, die nach dem 1. WK Belgier wurden, wird es auch welche gegeben haben, die als Soldaten oder Siedler in den Kongo kamen (vor der Unabhängigkeit 1960 oder danach). Anfang des 19. Jahrhunderts kartographierte der Deutsch-Balte Otto von Kotzebue als Offizier der russischen Marine erstmals die Marshall-Inseln – welche fast 100 Jahre später deutsche Kolonie (Schutzgebiet) werden sollten! Dann wären auch jene Herrscherhäuser in Kolonialmächten zu nennen, die deutsche Wurzeln haben, wie das britische seit 1714, oder die schon erwähnten spanischen Habsburger.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 gab es eine Bewegung für einen Kolonialerwerb, organisiert in Vereinen, wie dem 1882 gegründeten Deutschen Kolonialverein. Auch der Alldeutsche Verband erhob diese Forderungen. Auch Denker wie Max Weber forderten den Staat zur aktiven Kolonialpolitik in der Welt auf. Carl Peters: “Das deutsche Volk muss endlich ein Herrenvolk werden, um endgültig zur Weltmacht gelangen zu können”. Mit dem “Recht auf Kolonien” verband man in Deutschland Ende des 19. Jh Prestige, Rohstoffe, Märkte, “Lebensraum”.

Deutsche Kaufleute, Missionare und Seefahrer waren zu diesem Zeitpunkt schon an verschiedenen Küsten der Welt unterwegs, um ihren Glauben zu verbreiten oder Waren zu holen. Otto von Bismarck, Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm I., stellte 1884 mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute in Afrika unter den Schutz des Deutschen Reichs – der Anfang der Schutzgebiete Südwestafrika, Togoland, Kamerun. Es folgten weitere. Bismarck war dem „kolonialen Experiment“ lange skeptisch gegenüberstanden und tat dies weiter. Das Reich sollte nach Bismarck (der mehr Preusse als Deutscher war, überhaupt eine zurückhaltende Politik betrieb) eigentlich Kontinentalmacht bleiben, die Welt eher Absatzmarkt; er gab aber zögerlich staatlichen Schutz für Handelsposten, was etwa die Entsendung von Schutztruppen beinhaltete. Vorausgegangen war der Erhebung zum Schutzgebiet (Protektorat) in der Regel Verträge der Händler mit “Eingeborenen”, die ihnen die Oberherrschaft über ein Gebiet und wirtschaftliche Ausbeutung garantierten (Bismarck: “Papiere mit Neger-Kreuzen darunter”); so war es bei den Erwerbungen von Lüderitz in Südwestafrika. 1884/85 fand in Berlin die “Kongo-Konferenz” statt, auf der im Wesentlichen die Grenzen der europäischen Kolonien in Afrika gezogen wurden und die deutschen Ansprüche in Afrika an sich anerkannt wurden.

Die Deutschen nahmen sich Ende des 19. Jh, was es noch gab, ähnlich wie Italien. Beide versuchten hier alles nachzuholen. Die meisten deutschen Kolonien wurden gegen Ende der Bismarck-Zeit angeeignet, danach kamen noch einige hinzu. Wilhelm II. war Kaiser ab 1888, aber erst mit Bismarcks Entlassung 1890 begann das wilhelminische Zeitalter, in dem ein deutscher Imperialismus eine wichtige Rolle spielte. Die Kolonien wurden wichtiger, wurden auf/ausgebaut. Der Aufbau der Flotte (militärisch, Handel) hatte auch diesbezüglich eine Funktion, war v.a. gegen die britische Konkurrenz gerichtet. Auch der Bau der Bagdad-Bahn stand in dem Zusammenhang. Das Kolonialunternehmen stand von Anfang an im Zeichen der europäischen Mächtekonkurrenz; die dort heimischen Völker und teilweise dort bestehende Reiche spielten keine Rolle in Kolonialplanungen. In einer Reichstagsdebatte 1897 hat Aussenminister von Bülow, der zukünftige Kanzler, im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik berühmte Worte formuliert: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Die deutschen Schutzgebiete bildeten zu Beginn des 1. Weltkriegs das an Fläche viertgrösste Kolonialreich. Wenn man das Russische Reich, mit seiner Herrschaft in Asien, die keine überseeische mehr war (nach dem Verlust von Russisch-Amerika), nicht als Kolonialmacht zählt, sogar das drittgrösste nach dem britischen und französischen. Die weisse Weltherrschaft war rund um diesen Krieg am Höhepunkt. Ein Dutzend Staaten herrschte über den Rest der Welt, zumal lateinamerikanische Staaten unter USA-Kuratel standen (und sie grösstenteils weisse Oligarchien waren) und auch nicht regelrecht kolonialisierte Länder wie Persien/Iran abhängig waren. Auch europäische Nicht-Kolonialmächte profitierten wirtschaftlich. August Bebel, SPD, prangerte Gräueltaten der Schutztruppe in Südwestafrika an, hielt Kolonialpolitik im Kern aber für eine “Kulturtat”, sofern Europäer als “Befreier”, “Helfer”, “Bildner” kämen.

Parallel zu weisser Weltherrschaft kamen Rassentheorien auf, oft verbunden mit Sozialdarwinismus. Mission-Kolonisation-Ausbeutung-Rassismus waren eng miteinander verbunden. Der Kolonialismus war eine Vorform des Faschismus und verschiedener Formen der Apartheid. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen aus Kolonien war in Europa vom späteren 19. Jh bis in die 1940er gang und gäbe. Wenn Andreas Koller von den “Salzburger Nachrichten” vom “Wesenskern der westlichen Welt” schwadroniert, meint er wahrscheinlich etwas anderes. Der deutsche Mediziner Eugen Fischer nahm Untersuchungen an lebenden und toten Afrikanern vor, erforschte u.a. die die “Rehoboth Basters” in Südwestafrika (SWA), die im Kap-Gebiet aus Verbindungen von Buren-Siedlern (anderen Kolonialisten) und Nama-Frauen hervorgegangen waren, warnte vor “Rassenmischung”; die Nürnberger Rassengesetze beriefen sich auf ihn.

Der “Sansibar-Helgoland-Vertrag” 1890 zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien war die letzte Amtshandlung Bismarcks. Deutschland verzichtete darin auf Ansprüche auf das vor der Küste “seines” Ostafrikas liegende Sansibar (und anderes), die Küste bekam es dafür fix. Grenzfragen in West-Afrika zwischen diesen Mächten wurden geklärt, Helgoland kam von GB (während den Napoleonischen Kriegen angeeignet) ans DR, die Schutzherrschaft über die Witu in Kenia (s.u.) ging an GB, SWA bekam vom britischen Gebiet einen Zugang zum Sambesi (der dann Caprivi-Streifen genannt wurde). Das Kionga-Dreieck an der Grenze zwischen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) blieb umstritten, Deutschland betrachtete es aber nun als zu seinem Ostafrika gehörig.

Die Schutzgebiete/Kolonien waren gemäß der Verfassung des Deutschen Reichs nicht Bestandteil des Reichsgebiets, sondern überseeischer Besitz. Die Rechtslage in den Kolonien wurde erstmals 1886 mit dem Gesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete genauer geregelt, das nach mehreren Änderungen ab 1900 als Schutzgebietsgesetz bezeichnet wurde. Es führte über den Umweg der Konsulargerichtsbarkeit deutsches Recht für Europäer in den Kolonien ein. Auch die beschränkte Selbstverwaltung, die eingeführt wurde, galt nur für die deutschen Siedler. Die Ovambo in Südwestafrika oder die Papua in Neuguinea waren nicht auf einer Stufe mit den Franzosen in Lothringen oder den Polen in Schlesien, weit darunter. Anders als andere Kolonialherren gönnten die Deutschen nicht einmal einer kleinen Elite der Einheimischen eine akademische Ausbildung.

Es gab zur Aufsicht der Verwaltung der Kolonien zunächst die Kolonialabteilung im Aussenamt (dem Kanzler unterstehend). Nach den Aufständen und den Massakern in Südwest- und Ostafrika (s.u.) wurde das Reichskolonialamt (ein eigenes Ministerium) geschaffen. Der Gouverneur der jeweiligen Kolonie war oberster Kommandeur ihrer Schutztruppe. Nur die grösseren Kolonien hatten Schutztruppen, in den anderen (Neuguinea, Samoa, Togo, Kiautschou) gab es Polizeitruppen. Die Schutztruppen hatten, wie auch die anderen europäischen Kolonialtruppen, einheimische Hilfssoldaten, so genannte Askari. Es gab in den Schutzgebieten keine Sklaverei, aber Zwangsarbeit. Auch wenn Lohn für die Arbeit bezahlt wurde, war sie in der Regel nah an der Zwangsarbeit. Die übliche Plantagen-Monokultur stellte eine Ausbeutung von Land und Leuten dar. Auch beim in den meisten Kolonien vollzogenen Aufbau des Eisenbahnnetzes hat die einheimische Bevölkerung die härteste Arbeit geleistet. Die Reichswährung Mark war auch in den Kolonien das Zahlungsmittel, in Neuguinea, Kiautschou, Ostafrika gabs zeitweise Ausnahmen davon.

Die einzelnen Kolonien:

Deutsch-Südwestafrika: die erste, die wichtigste, die meisten Siedler, die tiefste Prägung. Es begann mit den Missionaren der lutheranisch-calvinistischen Rheinischen Missionsgesellschaft, die in Südwestafrika ab 1842 aktiv waren; daneben gab es ab 1870 die finnische Mission in dem Land. Händler wie der Bremer Adolf Lüderitz schlossen Verträge mit Häuptlingen ab. 1884 wurde Südwestafrika das erste deutsche Schutzgebiet; Kapitän Herbig liess dazu im Namen des Kaisers die Reichs-Flagge hissen, in der Bucht die dann Lüderitz genannt wurden. Deutschland kam damit den Briten zuvor, die im Süden und Osten waren. Lüderitz war die erste deutsche Siedlung, die entstand. Neben jenen Deutschen, die in “Südwest” Landwirtschaft betrieben, kamen Soldaten und Beamte in das riesige Land.

Lüderitz verkaufte seinen Besitz 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG), ertrank im jahr darauf im Oranje/Gariep, der die Grenze zur britischen Kapkolonie (später zu Südafrika) bildete. Die Grenzen im Norden zum portugiesischen Kolonialbereich entlang des Kunene-Flusses und im Osten zum britischen Bechuanaland wurden auch bis 1886 festgelegt. Die Walfisch-Bucht, den tauglichsten Hochseehafen in Südwest, hatten sich die Briten als Exklave ihrer Kapklonie gesichert. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 änderte die Grenzen des Gebietes im Nordosten. Ein Gesetz 1905 nahm mit Afrikanern Ehen eingegangenen Deutschen die Bürgerrechte. 1908 der “Diamantenrausch”. Etwa 10 000 Siedler gab es bei Kriegsausbruch, auch andere Europäer waren dabei (wie auch in den anderen Gebieten). Zum grossen Aufstand und der Niederschlagung s. u.

Deutsch-Ostafrika umfasste Tanganyika (Tanganjika), wo deutsche Kaufleute wie der Afrikaforscher Carl Peters an der Küste aktiv waren. Peters und seine Kolonial-Gesellschaft (DOAG) drängten auf eine staatliche Übernahme des Landes, die 1885 vollzogen wurde. Auf Betreiben von Peters wurde die evangelische Bethel-Mission gegründet, die versuchte Afrikaner über Schulen oder Krankenhäuser zu missionieren. Es wurde das grösste Schutzgebiet, war etwas grösser als SWA. Das Reich hatte vor Versailles ohne Kolonien 541 000 km², Ostafrika fast die doppelte Grösse. SWA (835 000 km²) hatte etwa die rund anderthalbfache Größe des Deutschen Reichs. Bei der Zahl der Siedler (ca. 5000) war Ostafrika Zweiter hinter SWA. Über die Küste und den davor liegenden Sansibar-Archipel herrschten die Sultane der omanischen Said-Dynastie. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich führte 1888 zu einem Aufstand der Bevölkerung an der Küste (bis 1890), die hauptsächlich aus Suahili (arabisch-afrikanisches Mischvolk) bestand, in Deutschland als “arabischer Aufstand” bezeichnet. Der Anführer Buschiri bin Salim wurde hingerichtet. Bismarck stellte die Niederschlagung als “humanitären Kampf gegen arabischen Sklavenhandel” dar.

Deutsche waren v.a. an der Küste und im Norden präsent. Kaffee, Zuckerrohr, Kautschuk, Sisal-Hanf, Baumwolle wurden in Plantagen angebaut; in Zwangsarbeit. Die Plantagen nahmen den Einheimischen Land, brachten Hungersnöte, ähnlich wie in Irland durch den erzwungenen Getreideexport nach Grossbritannien. Das Wituland an der kenianischen Küste war 1885-90 deutsches Schutzgebiet, wurde zu Ostafrika gerechnet; war vorher Sultanat, dann (nach Helgoland-Vertrag) britisch. Peters hielt sich als Reichskommissar eine afrikanische Geliebte, als er entdeckte dass sie auch mit einem Diener ein Verhältnis hatte, liess er beide aufhängen; daher wurde er entlassen. Im NS bekam er eine Rehabilitierung. 1905-08 der Maji Maji-Aufstand, gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA. Es war diesmal ein schwarzafrikanischer Aufstand im Landesinneren, er begann auf einer Baumwollplantage. Die Niederschlagung erfolgte durch die Schutztruppe mit Askaris (teilweise aus anderen Gebieten Afrikas, auch nicht-deutschen), forderte bis zu 900 000 Opfer.

Deutsch-Neuguinea: Es begann mit jenem Archipel im Pazifik, der dann nach dem deutschen Reichskanzler benannt wurde. Niederländische, spanische und englische Schiffe gaben diesen Inseln ihre frühe Namen, wurden zur Verproviantierung genutzt, Missionen und Handelsniederlassungen (etwa der DHPG) entstanden. Deutsche und Briten deportierten Zwangsarbeiter von dort nach Samoa oder Queensland. Deutsche kamen von hier nach Neuguinea, dessen Westteil den Niederländern gehörte (Nl. Indien, späteres Indonesien). Im Ostteil der Insel entstanden in den 1880ern  (im Süden) britisch-australische und (an der Nordküste) deutsche Handelsposten. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) verlief einfach schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad (West-Neuguinea war von Holländern aber nicht erschlossen). Zusammen mit dem vorgelagerten “Bismarck-Archipel” wurde Nordost-Neuguinea (“Kaiser-Wilhelms-Land”) deutsches Handels-, dann (1899) Schutzgebiet. Nach dem Bankrott der Handelsgesellschaft, die für die Europäer gesorgt hatte, kaufte das Deutsche Reich 1899 die Hoheitsrechte und erhob damit den Nordosten von Neuguinea und Bismarck-Archipel in den Rang einer Kolonie bzw eines Schutzgebietes.

1885 hatte das Deutsche Reich auch den Nordteil der Salomonen-Inseln als Schutzgebiet angeeignet, gab sie dann auch zu Deutsch-Neuguinea. Auch dort hatte es (Anfang des 19. Jahrhunderts) mit europäischen Händler und Missionaren begonnen. Die restlichen Salomonen fielen 1893 an Großbritannien. 1899/1900 wurden die Salomonen-Inseln Choiseul, Santa Isabel, Shortlands und Ontong Java Inseln vom Deutschen Reich an Grossbritannien transferiert, im Gegenzug für die Anerkennung deutscher Ansprüche auf West-Samoa; Deutschland bzw Deutsch-Neuguinea behielt Bougainville und umliegende Inseln. Die Marshall-Inseln mit Nauru wurden 1886 deutsch, kamen 1906 zu Dt.-Neuguinea. 1899 gab es weitere Zuwächse für dieses Schutzgebiet, von Spanien: die Karolinen, Marianen ohne Guam, Palau. Die tiefste Meeres-Stelle liegt östlich der Marianen-Inseln; benannt wurde der Graben wie die Inselgruppe nach der spanischen Königsgattin Maria Anna von Habsburg, in spanischer Kolonialzeit. Maria Annas Ehe war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, dieser Grund für ihren Untergang.

Die Landfläche Deutsch-Neuguineas betrug 249 500 km², mit dem Wasser wäre es die grösste der deutschen Kolonien gewesen. Auch hier Zwangsarbeit Einheimischer auf Plantagen: Kokos, Kautschuk, Phosphate, Tabak. Und Mission. Angeblicher Kannibalismus der Papua auf Neuguinea an Weissen. Bei einer Volkszählung 1905 wurde die Gesamtbevölkerung von Deutsch Neuguinea mit 200 000 angegeben, wahrscheinlich eine Schätzung. Davon waren an die 2000 Menschen Europäer, davon nur etwa 700 Deutsche. Die Weissen waren hauptsächlich Pflanzer und Händler, und der Aussteiger August Engelhardt – der aber eigentlich auch ein Pflanzer war, und Inhaber einer Kokosplantage – sowie ein paar Anhänger. Der Ort Herbertshöhe auf der Insel Neupommern im Bismarck-Archipel war von 1899 bis 1910 Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea. Gouverneur war 1897 und 1901 bis 1914 Albert Hahl, der auch im Roman von Kracht vorkommt. Hahl war aus Bayern, Jurist, Beamter, für das Reichskolonialamt tätig, kam nach Deutsch-Neuguinea, war am Bismarck-Archipel Richter, dann in den von Spanien hinzugekommenen Gebieten bevor er Gouverneur wurde. Wie Peters in Ostafrika und wohl viele Andere hatte er eine Beziehung mit einer einheimischen Frau, auch ein Kind mit ihr. Hahl ernannte lokale Ortsvorsteher („Luluai“), die eine Brücke zwischen deutscher Verwaltung und Einheimischen darstellen sollten.

Deutsch-Kamerun: Dort war es v.a. der Geschäftsmann Adolph Woermann der den Weg zur Kolonialisierung ebnete, durch Handel und Verträge mit afrikanischen Herrschern. Gustav Nachtigal (aus der Altmark, Militärarzt, Afrika-Forscher) wurde als Reichskommissar für Westafrika in die Kolonialpolitik eingespannt; er starb auf der Rückfahrt nach Deutschland an Tuberkulose. Palmöl und Kakao gehörten zu den wirtschaftlichen Attraktionen des Gebiets, das starken territorialen Veränderungen unterworfen war. Deutsch-Kamerun war am Ende annähernd so gross wie das “Mutterland” (das Deutsche Reich). Es erhob Anspruch auf das britische Nigeria. Zu Deutsch-Westafrika wurden Kamerun und Togo zusammengefasst. Etwa 2000 Deutsche (und andere Europäer) liessen sich nieder. Julius Scharlach tat sich als besonders brutaler Plantagenbesitzer hervor.

Deutsch-Togoland: Vietor; Mais, Baumwolle; 500 Siedler

Deutsch-Samoa: die letzte erworbene Kolonie (1900), von Deutschland am weitesten entfernte. Der Osten des Archipels ging an die USA, die Briten bekamen einen Teil der Salomonen u.a. für den Verzicht auf Ansprüche auf den Westteil, der deutsch wurde… Das Schutzgebiet umfasste die Inseln Upolu, Savaiʻi, Apolima und Manono. Etwa 500 Siedler waren hauptsächlich wegen Kopra und Ananas dort, meist Männer die mit Samoanerinnen zusammenlebten. Deutsch-Neuguinea (Teile Melanesiens und Mikronesiens) und Deutsch-Samoa (in Polynesien) machten zusammen die “deutsche Südsee” aus. Kawa spielte dort für die einheimische Bevölkerung eine Rolle.

Kiautschou: Als 1897 zwei deutsche Missionare in China ermordet wurden, war dies für Kaiser Wilhelm II. der willkommene Vorwand, die Bucht zu besetzen. Der Stützpunkt wurde 1898 von China gepachtet, auch ein ungleicher Vertrag. Hauptstadt war  Tsingtao. Aufgrund seiner Hauptfunktion als Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine wurde das Gebiet nicht vom Reichskolonialamt, sondern vom Reichsmarineamt verwaltet. An der Spitze der Kolonie stand der Gouverneur (stets ein Marineoffizier), der direkt dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes, damals Grossadmiral Alfred von Tirpitz, verantwortlich war. Opium wurde in Kiautschou teilweise toleriert bzw daran verdient durch die Einhebung von Abgaben. Während der deutschen Kolonialzeit fand die Opiumkonferenz in Schanghai (1909) und die Chinesische Revolution (1911/12) statt. In Tientsin/Tianjin weiter nördlich hatte Deutschland, wie andere westliche Mächte, einen Handels-Stützpunkt. 1900 wurde der Diplomat Clemens von Ketteler in Peking während des Boxeraufstand (1899-1901) getötet, als er sich in einer Sänfte durch die Strassen tragen liess. Der Mord war Vorwand für die folgende westliche Intervention in China, auch mit deutscher Beteiligung. Bei der Verabschiedung der Truppen unter v. Waldersee hielt der Kaiser seine “Hunnenrede”.

Das Verhältnis der Siedler, in allen Kolonien zusammen etwa 25 000, zu den Einheimischen bewegte sich zwischen grosser Nähe und grosser Distanz. Deutsche wurden getrennt von der lokalen Bevölkerung angesiedelt und diese wurde zur Arbeit verpflichtet, Mischehen wurden verboten. Zu dem Status der lokalen Bevölkerung im deutschen Kolonialsystem kam die kulturelle und oft rassische Verachtung der Siedler. Dann aber die vielen eingegangen sexuellen Verbindungen der meist männlichen Siedler mit einheimischen Frauen, von Gouverneuren abwärts; wobei diese ja auch als eine Art von Machtausübung gesehen werden können. Die Kinder aus solchen Verbindungen blieben in der Regel in den Kolonien, bei den dortigen Familien. Ein Teil der Deutschen blieb nach dem 1. Weltkrieg in den jeweiligen ehemaligen Schutzgebieten, manche kehrten nach einer Ausweisung zurück. Die deutsche Schiffahrt erfuhr durch die Kolonien einen Aufschwung, durch Warenverkehr, Tourismus, Besuche.

Expansion und Ausbeutung führte zu Aufständen. Dunkelstes Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte war die heute als Völkermord anerkannte Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jh. 1904 erhoben sich die damals halbnomadischen Herero unter Samuel Maharero im Norden Südwestafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft, v.a. wegen des Landverlusts an deutsche Siedler. Auf die Schlacht am Waterberg 1904 folgte bis 1908 ein genozidäres Vorgehen der Deutschen, flüchtende Herero wurden in der Omaheke-Wüste eingeschlossen. Die Nama (eine Khoikhoi-Untergruppe) unter Hendrik Witbooi schlossen sich den Herero an. Es gab Vernichtungsbefehle aus Berlin (Kaiser Wilhelm II., Kanzler v. Bülow, Generalstabschef von Schlieffen) und Vernichtungsintentionen der Schutztruppe unter Lothar von Trotha (ihr Kommandeur, dann Gouverneur des Schutzgebietes). Gouverneur Leutwein wollte ein anderes Vorgehen, wurde daher abgelöst. Neben dem Verdursten-Lassen gab es Exekutionen, Deportationen, Konzentrationslager für gefangene Herero und Khoikhoi (das Konzept für solche Lager stammt aus Südafrika, wo es die Briten im “Anglo-Buren-Krieg” an Afrikaanern anwandten), Landkonfiszierungen. Manche retteten sich durch Flucht in den britischen Bereich in Walvis Bay. Es werden zwischen 70 000 und 100 000 Opfer geschätzt. Es handelte sich um eine Art finale Auseinandersetzung zwischen naturverwurzeltem Jäger- und Nomadentum mit der westlichen Zivilisation, wie andernorts in dieser Zeit, die klar und brutal entschieden wurde.

Dann gabs August Engelhardt aus Nürnberg, dessen Leben vom Schweizer Schriftsteller Christan Kracht literarisiert wurde, in „Imperium“. Engelhardt wanderte auf die Insel Kabakon aus, eine der Neulauenburg-Inseln (heute Duke-of-York-Inseln) im Bismarck-Archipel in Deutsch-Neuguinea. Kracht erzählt Engelhardts Geschichte nicht genau nach, es handelt sich dennoch um einen Tatsachenroman; vielleicht auch um einen historischen Roman. Engelhardt sagt viel über das wilhelminische Kaiserreich aus, gerade weil er die “Antithese” zu ihm war (obwohl er die deutsche Kolonial-“Infrastruktur” nutzte). Engelhardt erwarb eine Kokosnussplantage auf Kabakon, was nicht weiter aussergewöhnlich wäre, da die Kokos-Nuss und ihre diversen Verarbeitungen die hauptsächliche wirtschaftliche Nutzung von Deutsch-Neuguinea war. Engelhardt stellte aber im Gegensatz zu den andern Siedlern und den Kolonialbeamten die Überlegenheit der Weissen und der westlichen Zivilisation entschieden in Frage. Er war, mit seiner alternativen Lebensform, seinem Sonnenorden, dem Kokovorismus, gewissermaßen ein Proto-Hippie. Auf Kabakon hielten sich nie mehr als fünf seiner Anhänger auf, einige von ihnen starben dort aus ungeklärten Gründen, so etwa der Berliner Musiker Max Lützow. 1914 kamen australischen Soldaten in das deutsche Inselreich. Dem bereits entrückten Engelhardt wurde die Plantage entzogen. Er blieb aber, starb 1919 auf Kabakon.

Die Verlegung des Haupt-Ortes Herbertshöhe (heute Kokopo) auf der benachbarten Insel Neu-Pommern (New Britain) 1910 aus klimatischen und verkehrstechnischen Gründen (Versandung des Hafens) an den wenige Kilometer entfernten Ort Rabaul, die im Roman Engelhardt in Verwirrung bringt, hat es tatsächlich gegeben. Zumindest im Roman war das Verhältnis Engelhardts mit den einheimischen Melanesiern “am Schluss”, vor dem seiner Plantage und seines “Ordens”, zerrüttet. Nur Makeli (eine authentische Figur) “blieb” ihm, und der war fast Deutscher geworden; Engelhardt aß Teile von ihm. Anlässlich der “Besitzerwechsels” in Neuguinea im 1. Weltkrieg und dem deutschen Engagement in diesem Krieg wirft Kracht die Frage auf, was wenn Hitler in diesem Krieg umgekommen wäre. Er hat v.a. das Ende Engelhardts gegenüber der Realität abgeändert. Apirana Ngata, ein neuseeländischer Maori, ist authentisch, aber nicht die Geschehnisse um ihn im Roman. Die Figur des Kapitän Slütter, den Gouverneur Hahl im Roman engagiert, um den als nicht mehr tragbar eingestuften Engelhardt ermorden zu lassen, ist fiktiv. Slütter, der auf seinen Schifffahrten in Sydneys Chinatown 2x jährlich Einkehr in einer Opiumhöhle hielt, und das ozeanische Mädchen Pandora, mit der ihn eine Art hebephile Beziehung verbindet, sind Hugo Pratts Comic “Südseeballade” (1967) “entnommen”, mit dem die Geschichte des Corto Maltese begann. Es finden sich auch Anspielungen auf Manns “Zauberberg”. Der Autor Marc Buhl hat Kracht vorgeworfen, er habe Elemente aus dessen Roman “Das Paradies des August Engelhardt” übernommen, der ein Jahr vor “Imperium” erschienen ist und sich ebenfalls in leicht fiktionalisierender Form Engelhardt widmet.

Kolonialwaren kamen aus den Schutzgebieten nach Deutschland, von Kokosnüssen bis Kaffee; exotische Tiere von dort in Tiergärten. Südseeklischees wurden in Romanen verarbeitet. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde die Ausbildung zum Koloniallandwirt in Deutschland angeboten. Die Kolonien blieben ein Verlustgeschäft. Nahrung aus Deutschland mussten für Siedler importiert werden. Hatte Bismarck mit seiner Skepsis Recht?

Es gab dann jene Gebiete, die Deutschland zu kolonialisieren versuchte, in erster Linie Teile Marokkos. Erste Marokkokrise 1904–1906, Deutschland will Frankreich nicht als beherrschende Macht in Marokko akzeptieren, Konferenz in Algeciras. Die zweite Marokkokrise 1911, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten; Wilhelm II. entsendet das Kanonenboot “Panther” nach Agadir (“Panthersprung”), dann weitere Kriegsschiffe, will die Abtretung von Kolonialgebieten Frankreichs an das Deutsche Reich als Gegenleistung für die Anerkennung der französischen Herrschaft über Marokko. Dann der Marokko-Kongo-Vertrag, Deutschland gibt die Anerkennung, gibt den wesentlichen Teil des “Entenschnabels” (Deutsch-Kamerun) an Französisch-Äquatorialafrika, bekommt Neukamerun dazu. Es gab auch Gebiete die keinen Reichsschutz oder keine internationale Anerkennung bekamen, wie Santa Lucia Bay im damaligen Königreich Zululand, das von Adolf Lüderitz 1884 erworben wurde, aber in die britische Machtsphäre fiel; und solche die von Deutschland rein wirtschaftlich genutzt wurden wie eine Kohlestation auf den (heute saudi-arabischen) Farasan-Inseln, ein Depot der deutschen Marine 1900–1902

Die Grenzen bzw die Ausdehnung des Reichs waren am Kontinent schon sehr umstritten. Mehr als bei den anderen europäischen Kolonialmächten. Die Schnäbele-Affäre in Lothringen und der Zabern-Zwischenfall im Elsass zeigten, dass auch die deutsch(sprachig)e Bevölkerung dort nicht überall wie ein Mann hinter dem Deutschen Reich stand. Das betraf die Minderheiten des Reichs erst recht.

Das Ringen um Marokko, wie auch das um Sansibar oder Samoa, war Ausdruck der grossen Konkurrenz der europäischen Mächte (sowie der USA), das zum 1. Weltkrieg führte. Dieser europäische Krieg kam auch in Kolonien und anderswo hin. Deutschland glaubte an eine Verschonung seiner Kolonien, hatte eigentlich eine Erweiterung seines Kolonialbesitzes geplant, mit Blick aufs Osmanische Reich (sein Verbündeter). Es verlor aber auch in den Kolonien, durch Kämpfe, nicht Verträge, erwies sich nicht als Weltmacht. In Südwestafrika bekam es die mit Reservisten und Askaris verstärkte deutsche Schutztruppe mit der Armee Südafrikas zu tun, das damals noch eng an Grossbritannien gebunden war. Von dort kam auch die Anweisung, Deutsch-Südwestafrika anzugreifen. Die von der South African Party gebildete Regierung akzeptierte dies, viele Afrikaaner (die sich dann in der Nationalen Partei sammelten) standen den Deutschen aber näher als den Briten. So erhob sich ein grosser Teil des Militärs Südafrikas, darunter ihr Kommandant Christiaan Beyers. Eine Afrikaaner-Miliz unter Generälen wie Beyers, De la Rey oder Maritz kämpfte sodann mit der deutschen Schutztruppe (die Verstärkung aus Deutschland bekommen hatte) in Südwestafrika gegen das südafrikanische Heer – und verlor.

Jene deutsche Kolonie, in der es im 1. WK die schwersten Kämpfe gab, war Ostafrika. Die Schutztruppe kämpfte dort mit Askaris gegen Briten, Belgier und Portugiesen (ebenfalls mit afrikanischen Soldaten). Auf deutscher Seite kämpften 2000 Deutsche und andere Europäer mit 11 000 einheimischen Askaris, unter von Lettow-Vorbeck. Ab 1916 gab es Verluste, bis 1918 Kämpfe, die mit der Besetzung Deutsch-Ostafrikas endeten. Nach Kamerun drangen nach Ausbruch des Krieges französische, britische, belgische Truppen ein, besiegten die Schutztruppe bis 1916. Diese zog sich ins neutrale Spanisch-Guinea zurück. Togoland wurde von britischen und französischen Truppen eingenommen. Deutsche Siedler wurden für ca. 1 Jahr in ein Lager im französischen Dahomey gebracht. Kaum Kämpfe gab es in der deutschen Südsee, Neuguinea wurde von Australiern und Japanern, Samoa von den Neuseeländern besetzt. Kiatschou wurde japanisch besetzt.

Hauptmann Hermann Detzner war 1914 gerade auf Neuguinea, bei einer Kontrolle der Grenze zum autralisch-britischen Südteil, als in Europa der Krieg ausbrach. Deutsch-Neuguinea wurde nach der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich bald von australischen Soldaten besetzt; Detzner versteckte sich über die Kapitulation der Schutztruppe hinaus im Dschungel von Neuguinea. Er versuchte nach West-Neuguinea zu gelangen, wo das damals neutrale Holland herrschte, wurde dabei von deutschen Missionaren unterstützt, scheiterte wie auch mit anderen Versuchen, den Australiern zu entkommen, ergab sich erst mit Kriegsende. Zurück in Deutschland schrieb er “Vier Jahre unter Kannibalen. Von 1914 bis zum Waffenstillstand unter deutscher Flagge im unerforschten Innern von Neuguinea”. Nach dem Krieg war er im Reichskolonialamt in leitender Stellung mit Entschädigungsfragen befasst, musste er später eingestehen, dass er sowohl Forschungsergebnisse als auch im Buch angegebene Abenteuer nicht vollbracht hatte. Detzners tatsächliche Erlebnisse sind nichts gegen jene japanischer “Aushalter” nach dem 2. WK, die sich aufgrund der Ehre nicht ergeben wollten. Manche haben es in Verstecken im südostasiatisch-pazifischen Raum bis in die 1970er ausgehalten!

Der Versailles-Vertrag machte aus den deutschen Schutzgebieten Völkerbund-Mandate, die an alliierte Staaten vergeben wurden. Einige Teile von Schutzgebieten, Neukamerun, Kiautschou, Marianen und Karolinen, wurden in Versailles direkt vergeben. Nicht zu vergessen die vor dem allgemeinen Ende der deutschen Kolonien verlorenen Gebiete wie ein Teil der Salomonen oder Entenschnabel. Nutzniesser waren Grossbritannien und seine Dominions, Frankreich, Japan, Belgien und Portugal. Das Mandat für Südwestafrika ging an Britisch Südafrika. Ostafrika ging hauptsächlich (Tanganyika) an Grossbritannien (das nun von Kap bis Kairo herrschte); Belgien bekam Ruanda-Urundi (im NW von Dt.-Ostafrika), Portugal (Portugiesisch-Ostafrika) bekam das Kionga-Dreieck, als Entschädigung für das deutsche Eindringen während des Kriegs.

Neuguinea: Kaiser-Wilhelms-Land, Bismarck-Archipel, Nord-Salomonen gingen an Britisch Australien; Marshall-Inseln, Karolinen, Marianen, Palau an Japan; Nauru an Grossbritannien und seine Dominions Australien und Neuseeland. Kamerun wurde zwischen Frankreich (das einen Teil zu Französisch-Äquatorialafrika gab, aus dem anderen Französisch-Kamerun machte) und Grossbritannien geteilt. Britisch-Kamerun war der viel kleinere, aber reichere Teil, erhielt (rund um den Kamerunberg bzw Fako) alle deutschen Plantagen. Auch Togoland wurde zwischen diesen Mächten geteilt. Samoa wurde Britisch Neuseeland übertragen. Und Kiautschou ging direkt an Japan.

Die kurze und späte Kolonialgeschichte Deutschlands ging im 1.WK unter. Fritz Fischer sagte, wohl mit einiger Berechtigung, dass das Deutsche Reich im 1. WK am Sprung zur Weltmacht war – der Absturz begann damit. Früher als Grossbritannien oder Frankreich wurde Deutschland zu einer postkolonialen Gesellschaft, auch Italien durfte seine Kolonien nach dem 1. WK behalten. Es gab auch selbstgerechte Vorhaltungen anderer Kolonialmächte gegenüber Deutschland in Versailles. Und, das Deutsche Reich verlor in Versailles infolge des Kriegs ja auch Gebiete seines Festlandes, ob sofort (zB Elsass-Lothringen), nach Volksabstimmungen (zB Nordschleswig), an den Völkerbund (wie das Saargebiet) oder durch Besatzung (das Rheinland). Es gab Ausweisungen deutscher Beamte (auch der Schutztruppe) und Siedler aus den verlorenen Kolonien; in den abgetrennten Gebieten in Europa ging es neben bestimmten Staatsdienern nur jenen Deutschen so, die nicht die Bürgerschaft des neuen Staates nicht annehmen wollten. Es blieben Reste von Deutschen in den Ex-Kolonien, wobei dieser nur im Fall Südwestafrikas beträchtlich war.

Nach dem Krieg kamen einige Dutzend Afrikaner und afro-deutsche Familien aus den verlorenen Kolonien nach Deutschland. Theophilus Wonja Michael etwa, der Sohn eines afrikanischen Würdenträgers in Kamerun, der zusammen mit anderen Häuptlingen Verträge unterzeichnet hatte, die die Kolonialisierung vorbereiteten. Er kam bereits zu deutschen Kolonialzeiten ins “Mutterland”. Heiratete eine Deutsche, fühlte sich als Deutscher. Kam aber nicht über Engagements in Zirkus und Kabarett hinaus. Die Kinder verloren unter dem NS die deutsche Staatsbürgerschaft.

Es gab in der Weimarer Republik Bestrebungen zur Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft. Dieser Kolonialrevisionismus wurde von kolonialen Verbänden vertreten, etwa der bereits 1887 gegründeten Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), der in der Zwischenkriegszeit die ehemaligen Gouverneure Theodor Seitz und Heinrich Schnee als Präsidenten vorstanden. 1925 wurden die kolonialen Verbände und Vereine in der „Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft“ (KORAG) gebündelt. Es gab diese Bemühungen um eine Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft in fast alle Parteien, am wenigsten in der KPD. Ökonomische Beweggründe (Kolonien als Rohstoff- und Absatzgebiete) und imperialistische (nationalistische, kulturalistische) flossen ineinander. Am Überseehandel beteiligte Firmen und Banken und zurückkehrende Siedler waren ebenso dabei wie General Lettow-Vorbeck oder der Ex-Gouverneur von Neuguinea, Hahl (Direktor der “Neuguinea-Kompagnie”, schrieb Bücher über diesen Archipel).

Unter Stresemann wurde eine Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt eingerichtet. Deutsche Regierungen haben aber keine offensiven Forderungen diesbezüglich vertreten. Die Aufhebung von Reparationen und Einschränkungen und auch die Wiedererlangung kontinentaler verlorener Gebiete war wichtiger. Gegen die Rolle, die Kolonien bei einer Konsolidierung der Nachkriegswirtschaft spielen sollten, sprach die Erfahrung die Deutschland gemacht hatte. Viele in Deutschland erhofften sich vom Völkerbundbeitritt 1926 Mandate über Territorien. Das Reich unterstützte in den 1920er Jahren Kolonialunternehmen mit staatlichen Darlehen und 1924 gelang mit staatlicher finanzieller Hilfe der Rückerwerb vieler Pflanzungen in nun britischen West-Kamerun.

Die Kolonialbewegung war keine Massenbewegung, aber ihre Vertreter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hielten den Diskurs jahrzehntelang aufrecht, mit Veranstaltungen und Publikationen. Ein Unrechtsbewusstsein bezüglich der deutschen Politik in den verlorenen Kolonien gab es im Weimarer Deutschland so gut wie nicht. Die heuchlerischen Vorhaltungen der anderen Kolonialmächte in Versailles (denen Südafrikas Premier Louis Botha widersprach) hatten daran auch ihren Anteil. So war die Übernahme von Elsass-Lothringen wie jene von Südwestafrika für viele Deutsche ein gemeiner Diebstahl. Die Forderung nach einer Teilhabe am europäischen Imperialismus war insofern verständlich, als sich Briten, Franzosen oder Niederländer, ebenso wie US-Amerikaner, als die Herren über den Rest der Welt betrachteten.

Hans Grimm hatte in Südafrika gelebt, empfand nach der Rückkehr in Deutschland Enge, schrieb in der Zwischenkriegszeit über Südwestafrika und über das “Volk ohne Raum”. Er selbst dachte dabei an (wiedergewonnene/neue) Kolonien. Der NS machte daraus einen kontinentalen “Lebensraum”-Anspruch, in Osteuropa. Ex-Gouverneur Heinrich Schnee war vielleicht der wichtigste Kolonialrevisionist der Weimarer Republik, gehörte der rechtsliberalen Deutsche Volkspartei (DVP) an, die auch energisch diesbezügliche Forderungen vertrat. In seinem Buch “Die koloniale Schuldlüge” (1924) relativierte er die Opfer deutscher Kolonialpolitik; er brachte (1920) auch das “Deutsche Kolonial-Lexikon” heraus. Auch Konrad Adenauer vom Zentrum war diesbezüglich engagiert, er war 1931/32 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, siehe das Zitat von ihm oben. Neben seiner Funktion als Bürgermeister von Köln hatte er als Präsident des Staatsrates eine in Preussen inne, obwohl er an der Zugehörigkeit des Rheinlandes zu diesem Freistaat etwas ändern wollte.

Südwestafrika war als C-Mandat des Völkerbunds an Britisch Südafrika gegangen, das bedeutete quasi die Übergabe des Gebiets an diesen Staat. SWA wurde damit zunächst Teil des grossen britischen Kolonial-Blocks im südlichen Afrika, wo es eine teilweise weisse Besiedlung gab. Auf die Besetzung durch Südafrika folgte die zivile Übernahme der Verwaltung. Südafrikanische Konzerne wie “De Beers” übernahmen die südwestafrikanischen Bodenschätze. Die meisten deutschen Siedler blieben. So gab es in Südwestafrika eben auch eine deutsche Volksgruppe, wie in Frankreich oder Polen. In den 1920ern gab es die Möglichkeit der Annahme der britischen Staatsbürgerschaft für SWA-Deutsche; eine eigene südafrikanische kam erst 1949. Und, es gab eine weisse Einwanderung aus Südafrika. Schwarze und Mischlinge (Coloureds, Kleurlinge) waren weiterhin Menschen zweiter Klasse. Es gab weiterhin begrenzte Selbstverwaltung für die weissen Siedler.

1926 wurde erstmals unter südafrikanischer Herrschaft eine weisse Versammlung gewählt; die probritische UNSWP siegte vor der NPSWP (die für Afrikaaner-Eigenständigkeit bzw -Dominanz war). Die selben politischen Lager gab es in Südafrika (SAP, später UP; NP). Das letzte Wort in Südwestafrika hatte der südafrikanische Administrator. Deutsche hatten dort nie eine eigene Partei, immer “nur” Vereinigungen; der Deutsche Bund scheint aber bei der Wahl 1929 angetreten zu sein. Das deutsche Lager war im Grossen und Ganzen für die Eigenständigkeit von SWA (gegen die Vereinigung mit Südafrika), für eine wichtige Stellung der deutschen Sprache und Kultur, eher für den Einfluss Südafrikas, zumal eines burisch dominierten, als Grossbritanniens; zur Aufrechterhaltung der eigenen Privilegierung bzw der Entrechtung der Schwarzen brauchte man ein “Hinterland”. Die SWA-Deutschen wählten eher NPSWA. Eine Rückkehr des Landes unter deutsche Herrschaft war in der Zwischenkriegszeit auch noch eine reale Option. Die DKG im “Mutterland” dachte ein deutsch-burisches Gross-Südafrika an. Die Deutschen in SWA und ihre Anliegen kamen mehr zu Geltung, wenn Afrikaaner in Südafrikas das Sagen hatten, also nach dem 2. WK, nicht aber jenes von mehr weisser Selbstbestimmung in SWA statt Filiale Pretorias zu sein. Der Nationalsozialismus kam auch nach SWA, ein NSDAP-Ableger bekam unter dortigen Deutschen Zulauf, es gab auch entschiedene Gegner, der Deutsche Bund zerfiel aufgrund dieser Polarisierung; eine Entwicklung ganz wie bei den Deutschen zB in Rumänien.

Windhoek/Windhuk spiegelt fast die ganze Geschichte Namibias/Südwestafrikas wieder: Die Orlam-Mischlinge aus der Kapkolonie gründeten Mitte des 19. Jh eine Siedlung namens Windhoek, in einer Gegend, in der auch Herero oder Damara lebten. Dann kamen Rheinische Missionare in die Region, um bald von britischen Methodisten verdrängt zu werden. Die Gründung der Stadt am Boden der bisherigen Siedlung ereignete sich in deutscher Kolonialzeit. Zu Beginn der deutschen Kolonialzeit waren die Schreibweisen Windhuk wie auch Windhoek gleichermaßen gebräuchlich. Durch einen Erlass von Gouverneur Theodor Leutwein von 1903 wurde als einziger amtlicher Name der Stadt Windhuk bestimmt. 1918 wurde der amtliche Stadtname in Windhoek geändert. Windhoek war in südafrikanischer Zeit überwiegend weiss, als einzige Stadt Afrikas, zumindest bis Mitte der 1970er.

Die reichsdeutschen Kolonial-Organisationen passten sich in der NS-Zeit die herrschende Ideologie an, die im Grunde nicht “kolonial-freundlich” war. Dazu unten mehr. Über diverse Zwischenschritte kam es bereits 1933 zur Gründung des “Reichskolonialbundes” (RKB) als Dachorganisation diverser, noch selbständiger Kolonialgesellschaften und Verbände, anstelle der KORAG. Geleitet wurde der RKB von Franz von Epp, der als Offizier an der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China und am Völkermord in Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen war, ehe er Nazi-Bonze wurde. Daneben richteten die Nazis 1934 ein Kolonialpolitisches Amt der NSDAP, KPA, ein. An seine Spitze stand zunächst Heinrich Schnee, dann auch Epp. Beide Institutionen hatten keine Macht, dienten hauptsächlich der Gleichschaltung, und wurden (angesichts des Kriegsverlaufs) 1943 abgeschafft, das Personal auf andere Behörden verteilt.

In “Mein Kampf” hatte Hitler in den 1920ern dem Ziel einer Rückgewinnung der deutschen Kolonien bereits eine klare Absage erteilt. „Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.“, hiess es da. Osteuropa war das vorrangige Ziel einer deutschen Expansion für die NSDAP, irgendwann der Westen, dann die Welt. Irgendein Stück Afrika oder Südsee war für die Nazis ohnehin zu wenig; gegenüber dessen Bewohnern sahen sie die Deutschen sowieso als “Herrenvolk”. Der “Lebensraum”-Anspruch galt primär kontinental. Andererseits, eine Revision von Versailles in allen Punkten war auch wichtig und deutscher Imperialismus immer unterstützenswert. Es gab einen NS-Film über Carl Peters, mit Hans Albers, und weitere Propagandafilme zu den Kolonien. Der NS-Wahnsinn hat allgemein “naheliegendes”, wie eine Restauration der Herrschaft über SWA, eine Eingliederung der Schweiz oder Südtirol, liegen gelassen, dafür die Herrschaft über die Krim oder die ganze Welt angestrebt. Südwestafrika gehörte zu Südafrika und dieses war noch recht eng an Grossbritannien gebunden, aber unter den herrschende Weissen in Südafrika (hauptsächlich unter den Afrikaanern) gab es deutschfreundliche Haltungen, dazu später mehr.

Wirtschaftsminister Hugenberg von der DNVP wollte während der Londoner Weltwirtschaftskonferenz im Juni 1933 (kurz vor seinem Rücktritt) eine Rede halten, in der Forderungen nach Rückgabe der deutschen Kolonien in Afrika und nach Erschließung von Siedlungsraum im Osteuropa enthalten waren. Hitler kamen jedoch Töne dieser Art in der Phase seiner scheinbaren Détente und der geheimen Aufrüstung nicht gelegen. 1935/36 erhob Hitler dann, parallel zu seinem antibritischen Kurs, kolonialrevisionistische Forderungen. GB ging darauf ein, wollte als Gegenleistung den Verzicht auf Aufrüstung. Hitler dagegen wollte die Rückgabe von Kolonien ohne einen Ausgleich welcher Art auch immer, weil diese Deutschland enteignet worden wären. Es gab Pläne für ein “Deutsch-Mittelafrika”, die älter waren als die Nazis. Kamerun hätte über ein Stück Kongo, das Belgien hätte abtreten müssen, mit Südwest- und Ostafrika verbunden werden sollen. Nach einem Sieg über westeuropäische Mächte hätte man ihnen diktieren können, welchen Kolonial-Besitz in Übersee sie abzutreten hätten. Die Planungen dafür umfassten etwa den Entwurf für ein “Kolonialblutschutzgesetz”…

Durch die Eroberungen von Frankreich, Niederlande, Belgien, Dänemark und die Bündnisse mit Italien und Japan hatte das nationalsozialistische Deutsche Reich teilweise “Zugriff” über deren Kolonien bzw Eroberungen. In diesem Zusammenhang steht auch der “Madagaskar-Plan”, dem zufolge Millionen Juden aus Europa auf diese französische Kolonie geschafft werden sollten. Auch das Vichy-Regime war zu einer Abtretung dieser Art aber nicht bereit, ein Grund warum der Plan nicht umgesetzt wurde. Die französischen Kolonien bzw ihre Verwaltungen standen teilweise nicht unter Vichy-Herrschaft sondern in Opposition dazu. Uran aus dem Kongo in Belgien wurde für Deutschlands Atomwaffenprogramm geplündert. Die Wehrmacht kämpfte im britischen Ägypten an Seite der Italiener. Interessant waren die Ölquellen des Nahen Ostens. Mit der Niederlage in Ägypten und der Landung der Alliierten in Nord-Afrika waren dann viele Wege abgeschnitten. In der Sowjetunion kam die Wehrmacht nicht nach Nord-Asien, aber in den Kaukasus.

Ex-Neuguinea-Gouverneur Hahl unterhielt in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakt zum Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Samoa, Wilhelm Solf, gebildet hatte und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zuzuordnen ist.

Neben den Kämpfen in Nordafrika und im Kaukasus hat Nazi-Deutschland noch eine aussenpolitische Expansion betrieben: Bei einer Antarktis-Expedition 1938/39 wurden Ansprüche auf eine Region (600 000 km²) erhoben, die “Neuschwabenland” heissen sollte (nach dem Expeditionsschiff “Schwabenland”). Es handelt sich um den westlichen Teil des von Norwegen als “Königin-Maud-Land” beanspruchten Teils der Antarktis. Bereits 1901-03 hat es eine deutsche Antarktis-Expedition gegeben, unter Erich von Drygalski, damals wurde das Kaiser-Wilhelm-II.-Land “getauft”. 1911/12 gabs noch eine deutsche Antarktis-Expedition.

Wie der 1. Weltkrieg war auch der Zweite ein europäischer Krieg (Faschismus und Kommunismus auch europäische Ideologien), und in beiden mussten viele Nicht-Europäer kämpfen. Nationalsozialismus, Holokaust und Krieg aus der deutschen/europäischen/westlichen Geschichte “auszugliedern” und anderswo “einzugliedern” ist von daher wohl eine Versuchung. Rohstoffe und Arbeitskraft zB Afrikas zu plündern, das haben vor und nach den Nazis viele westliche Mächte getan, auch über die Unabhängigkeit der betreffenden Staaten hinaus. Die kongolesische “Force Publique” etwa musste für ihre Kolonialmacht kämpfen, nach dem Krieg mussten sich die Kongolesen ihre Unabhängigkeit erkämpfen.

In Südafrika vollzog sich während des 2. Weltkriegs eine innere Auseinandersetzung, die Parallelen zu jener im Ersten aufwies, diesmal aber ohne grosse Gewalt ablief. Unter Premier Smuts (United Party) stand die Armee wieder den Alliierten bei, in Europa und Nord-Afrika. Die UNSWP unterstützte diese Entscheidung. Die neu-entstandene Herenigde Nasionale Party (HNP) und ihr SWA-Pendant NPSWA waren neutral zwischen Grossbritannien und Deutschland. Anhänger der verbotenen SWA-NSDAP und Gruppen in Südafrika wie die Ossewabrandwag nahmen für Nazi-Deutschland Partei. Deutsche in SWA wurden während des Kriegs interniert. In Südafrika war die weisse Gesellschaft nach dem Krieg durch die “Seitenwahl” so polarisiert, dass die zahlenmäßig stärkeren Afrikaaner bei der Unterhaus-Wahl 1948 mit ihren Parteien (HNP und AP, die sich dann zur neuen Nationalen Partei vereinigten) die Mehrheit errangen und es erstmals eine nationalistische Afrikaaner-Regierung gab. Südafrika löste sich infolge von Grossbritannien und die Politik gegenüber den Nicht-Weissen wurde noch restriktiver. Südwestafrika war von den Umwälzungen in Südafrika immer unmittelbar betroffen: 1931 Westminster-Statut, Unabhängigkeit für Südafrika; 1948 Beginn der Apartheid, die auch eine Vorherrschaft der Afrikaaner bedeutete; 1961 Umwandlung Südafrikas in eine Republik, Beginn der Kämpfe im und um das Land zwischen den Apartheid-Kräften und ihren Gegnern; 1989 Beendigung der Apartheid durch Präsident De Klerk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der UN-Treuhandrat die Verwaltung der verbliebenen Mandatsgebiete. Südafrika durfte weiter über Südafrika herrschen, aber die UN stellte, anders als der Völkerbund, den Kolonialismus generell in Frage. Es begann ein langer internationaler Streit um die Ausübung des Mandats Südafrikas, verbunden mit seinen Bemühungen um die Eingliederung von SWA. Die von London unabhängige Politik Pretorias kam den SWA-Deutschen zu Gute. Eine geplante Ausweisung von Deutschen aus SWA wurde nach dem Afrikaaner-Sieg 1948 zurückgenommen; im Gegenteil, Einwanderung aus Deutschland wurde ermutigt. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete de facto die Eingliederung. Heinrich Vedder aus Westfalen etwa, für Rheinische Mission nach SWA gekommen, wurde in die gesetzgebende Versammlung von SWA gewählt, dann in den Senat von Südafrika; er unterstützte die Apartheid, was in den Wikipedia-Artikeln über ihn verschwiegen wird.

Apartheidregelungen kamen auch in SWA (getrennte Wohngegenden, Homelands,…). Voraussetzung für den Kampf gegen die Apartheid war der Übergang bei den schwarzen Völkern vom Tribalismus zu einer modernen, vereinten Bewegung. Das wiederum erforderte Veränderung der Sozialstruktur; und das wurde zu verhindern versucht, Nicht-Weisse (Bantu, Khoisan, Mischlinge) bekamen auch nach dem Ende der deutschen Herrschaft im 1. WK wenig Bildung zugestanden. 1960 die Gründung der SWAPO, dann die Erhebung gegen das Apartheid-Regime. Die Kriege im südlichen Afrika von Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er, verbunden mit dem Kalten Krieg, liess die Weissen zusammenrücken. 1966 erklärte die UN das Mandat Südafrikas über SWA für beendet und unterstellte es (theoretisch) ihrer direkten Verwaltung.

Afrikaaner und ihre NPSWA waren im Apartheid-SWA führend. Für die Deutsch-Sprachigen/Stämmigen gab es die überparteiliche Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG). Die BRD war der eine Bezugspunkt für die “Südwester” (etwa bei der Wahl einer anspruchsvollen Universität), die Republik Südafrika der andere. Deutsch wurde im südafrikanischen SWA erst 1984 offiziell eine Amtssprache, war es vorher de facto (neben Englisch und Afrikaans). Manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus, wie auch manche Afrikaaner in Südafrika, riskierten viel dabei. Klaus Dierks etwa, der auch in der IG aktiv war, unterstützte die SWAPO. Ein Nachfahre von einem der 2 ersten rheinischen Missionare in Südwestafrika, Franz Heinrich Kleinschmidt, war Horst Kleinschmidt, dessen Familie mit ihm zu Apartheid-Zeiten von SWA nach ZA übersiedelte. Er engagierte sich gegen die Apartheid, wurde inhaftiert, floh Mitte der 1970er aus dem Land, setzte sein Engagement aus dem Exil fort. Im Post-Apartheid-Südafrika war u.a. für das Tourismus- und Umwelt-Ministerium tätig. Anton Lubowski, ein SWAPO-Aktivist, wurde noch 1989 von Apartheidkräften getötet.

Der Krieg in Angola (nach der Unabhängigkeit 1975) und der Kampf der SWAPO und des ANC gegen Apartheid-Südafrika verbanden sich besonders intensiv. 1988, schon im Zeichen von Perestroika, aber noch nicht von Pretoriastroika (De Klerk), verhandelten Südafrikaner, Angolaner, Südwestafrikaner. In New York einigte man sich bezüglich SWA auf die Umsetzung der UN-SR-Resolution 435 von 1978: Waffenstillstand, Wahlen, Unabhängigkeit. Es kamen Blauhelme, es kehrte die SWAPO aus Angola zurück. Die Wahl 1989 brachte einen Sieg der SWAPO (mit deutschen Weissen wie Dierks, Schlettwein, Herrigl), vor der Democratic Turnhalle Alliance (DTA; benannt nach dem Tagungsort der Konferenz auf der sie zusammenfand!). Die South African Defence Force zog ab, Samuel Nujoma wurde Staatspräsident, Namibia wurde im März 1990 unabhängig.

Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika wurden nach dem 1. WK die meisten deutschen Ortsnamen umbenannt (es gab nicht so viele wie in SWA). Manche Siedler blieben. Hans-Jürgen Fischbeck, Bürgerrechtler in der späten DDR, zur Zeit der Wende, dann bei den Grünen, wurde 1938 in Britisch-Tanganjika geboren. Fischbecks Eltern waren für die evangelische Bethel-Mission tätig. Der 1. Weltkrieg unterbrach und veränderte deren Missionsarbeit, die Stationen wurden im Laufe des Krieges von ausländischen Truppen besetzt, die meisten Missionare und Missionsmitarbeiter mit ihren Familien ausgewiesen. Die Missionsgesellschaft arbeitete zwischenzeitlich auf der Insel Jawa (NL Indien). Mitte der 1920er Jahre kehrte sie zurück. Es gab Konflikte mit der britischen Kolonialverwaltung wie dann auch mit dem NS-Regime im Mutterland. Im 2. WK wurden diese und andere Deutsche in Tanganyika interniert. Die deutschen Missionare arbeiteten später unter dem Dach anderer, nichtdeutscher Missionsgesellschaften. Tanganyika wurde 1961 von GB unabhängig, 1964 mit Sansibar zu Tansania vereinigt. Ruanda-Urundi wurde nach dem 1. WK unter belgischer Herrschaft zusammen mit dem Kongo verwaltet. Ruanda und Burundi wurden 1962 unabhängig. Kleine Teile von Dt.-Ostafrika (nach bzw vor dem 1. WK abgetrennt) sind in Mosambik und Kenia aufgegangen.

Der grösste Teil des französischen Kamerun wurde 1960 unabhängig; kleine Teile (Kapitaï und Koba) kamen zu Guinea. Auch die meisten entsprechenden Teile von Französisch-Äquatorialafrika kamen zu diesem Staat (auch des vor dem 1. WK abgegebenen Entenschnabels), manche aber zur Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Tschad und Gabun. Das Meiste vom britischen Kamerun wurde 1961 mit dem bestehenden Kamerun vereinigt; die moslemischen Teile im Norden stimmten bei einem Referendum für den Anschluss an Nigeria.

In Französisch- und Britisch-Togoland bildete sich unter den Ewe, der grössten Bevölkerungsgruppe dort, nach dem 1. Weltkrieg der Deutsche Togobund. Es handelte sich zumeist um von Deutschland geprägte ehemalige Kolonialbeamte, die nach dem Ersten Weltkrieg unter den neuen Kolonialmächten ihre Stellung verloren. Ein Motiv für den Bezug auf Deutschland war auch die unter deutscher Herrschaft vorhanden gewesene Einheit der Ewe-Gebiete. 1952 schlug eine andere Ewe-Organisation dem UN-Treuhandrat vor, Deutschland die durch Grossbritannien und Frankreich verwalteten Landeshälften zu übertragen, sie von diesem wieder vereinen zu lassen und in die Unabhängigkeit zu führen. Manche in Togo sahen auch eine Gemeinsamkeit mit der einstigen Kolonialmacht, die Teilung des Landes durch fremde Mächte. Französisch Togoland wurde Togo. Britisch Togoland ging an Ghana. Sylvanus Olympio, der erste Präsident des unabhängigen Togo, lud den letzten deutschen Gouverneur Togos, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, als Ehrengast zur Unabhängigkeitsfeier ein. Olympio hatte seine frühe Erziehung an der deutschen katholischen Schule in Lomé bekommen.

Kompliziert waren die Verhältnisse beim ehemaligen Deutsch-Neuguinea. Die meisten deutsche Beamte und Siedler wurden nach dem 1. WK ausgewiesen, manche kehrten in den 1920ern zurück. Aus dem bisherigen Kaiser-Wilhelms-Land, dem Bismarck-Archipel und den Nord-Salomonen-Inseln Bougainville und Buka wurde das Territory of New Guinea (australisches Völkerbund-, dann UN-Mandat) geformt. Wie auch der südliche Teil von Ost-Neuguinea, das Papua-Territorium (australisch-britische Kolonie, nie deutsch gewesen) wurde New Guinea im 2. WK japanisch besetzt. 1949 wurden das Papua- und das Neuguinea-Territorium zum Territory of Papua and New Guinea vereint, weiter unter australischer Mandatsherrschaft. 1972 kam Selbstregierung und der neue Name Papua New Guinea (Papua-Neuguinea), unter dem es 1975 unabhängig wurde.

Die japanischen Völkerbundmandate im Pazifik kamen nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanische Herrschaft (1947, Trust Territory of the Pacific Islands). Das betraf also Marshall, Palau, Marianen, Karolinen. Die Amerikaner führten auf den Marshallinseln Bikini und Eniwetok Atombombentests durch. Mit der Zeit wurden die Inseln in die Unabhängigkeit entlassen (Karolinen als Teil Mikronesiens). Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Atchipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States’ possessions). Bezüglich Nauru wurde das Völkerbund-Mandat nach dem 2. WK (und japanischer Besatzung) ebenfalls in eines der UN umgewandelt, weiter für GB, Australien und Neuseeland. 1966 bekam es Selbstverwaltung zugestanden, 1968 die Unabhängigkeit. Aus dem British Solomon Islands Protectorate, mit einigen ehemals deutsch verwalteten Inseln wie Choiseul, wurde 1978 der heutige Inselstaat Salomonen.

Auch in Neuguinea wurden die meisten deutschen Ortsbezeichnungen nach dem 1. WK durch englische ersetzt, welche teilweise auch schon vor der deutschen Zeit gebräuchlich gewesen waren; von aussen, nicht bei der einheimischen Bevölkerung. Die englischen Namen wiederum haben auch nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 Bestand. Neumecklenburg heisst auch heute New Ireland und Neupommern New Britain. Die Provinz East New Britain, ein Teil des Bismarck-Archipels, umfasst den östlichen Teil der Insel New Britain (mit Kokopo) und die Duke-of-York-Inseln (mit Kabakon).

Bougainville und Buka, die nördlichen Salomonen-Inseln, wurden ja einst, in einem kolonialen Tauschhandel zwischen GB und dem DR, von den anderen Salomonen abgetrennt. Nach dem 1. WK haben Häuptlinge der einheimischen Bevölkerung erstmals den Wunsch nach Wiedervereinigung geäussert, dem nicht nachgekommen wurde. Das und ökologische Schäden durch eine Kupfermine auf Bougainville führten zur Entstehung einer militanten Sezessionsbewegung auf dieser Insel, die nach einem ihrer europäischen Entdecker benannt ist. Die Bewegung hat teilweise irredentistischen Charakter (Anschluss an die Salomonen als Alternative zur Unabhängigkeit). Hier sind Gemeinsamkeiten zu Togo und Samoa zu erkennen, zwei anderen ehemaligen deutschen Kolonien, die ebenfalls durch koloniale Grenzziehungen von einem Teil “ihres” Gebiets abgeschnitten sind.

Auch bei (West-) Samoa wurde das Völkerbund-Mandat (für Neuseeland) nach dem 2. WK durch die UN erneuert. 1962 wurde es unabhängig. Kiautschou wanderte bereits 1922 von japanischer Verwaltung zurück zu China (Republik, dann VR), gehört zur Provinz Shandong.

Deutschland erlebte unter bzw durch Hitler statt der grössten Machtentfaltung die grösste Niederlage. Am Ende des Kriegs  waren nicht nur alle Eroberungen verloren, sondern auch die Ostgebiete; war das Ansehen ruiniert. Deutschland war bis zum 1., vielleicht bis zum 2. Weltkrieg im Rennen um eine Rolle als Weltmacht, kämpfte in diesen Kriegen darum (zumindest im Zweiten mit “unzulässigen” Mitteln und Zielen) und verlor. Eine Grossmacht war das geteilte Deutschland auch nach 1945 bald wieder, zumindest auf einigen Gebieten. Der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (1945-1949/1955) war zunächst (der zukünftige Präsident) Dwight Eisenhower, der von Deutschen abstammt, die im 17. Jh nach Pennsylvania auswanderten. Sein französischer Kollege Marie-Pierre Koenig stammt teilweise aus dem Elsass. Schwarze Soldaten kamen mit US-amerikanischen und französischen Truppen (da auch schon nach dem 1. WK), Asiaten mit der SU. Mit dem Wirtschaftswunder kamen Einwanderer aus Südeuropa, Nordafrika und Türkei in die BRD.

In der Politik der BRD und der DDR spielten die ehemaligen deutschen Kolonien kaum noch eine Rolle. Es gab und gibt kaum besondere Beziehungen, die ehemaligen Kolonien wurden nicht aussenpolitische Interessenssphäre Deutschlands und es gab auch keine grosse Einwanderung von dort nach Deutschland, wie es bei anderen Kolonien und den ehemaligen Herrschern der Fall ist (zB Frankreich-Mali). Deutsch ist nirgendwo Amtssprache, spielt nur in Namibia eine gewisse Rolle. Es gibt auch keinen postkolonialen Staatenbund wie das British Commonwealth of Nations oder die Organisation internationale de la Francophonie. Besondere Beziehungen gibt es auch am ehesten noch zu Namibia. Alle ehemals deutschen Gebiete hatten danach andere Kolonialmächte, die in der Regel länger herrschten (Ausnahme Kiautschou, das bald an China zurückging). In Tansania gabs ca 30 Jahre deutschen Einfluss, dann ca 40 Jahre britischen. Die Entkolonialisierung fand nicht von Deutschland statt. Englisch oder Französisch eigneten sich auch besser als Landessprache wegen ihrer Stellung in der jeweiligen Region und global.

Süd- und Südwestafrika wurden aufgrund der damals privilegierten Stellung von Weissen und der Nähe der Afrikaaner zu den Deutschen, ein Bezugspunkt für Deutschland. Bemühungen um eine Wiedergewinnung von SWA gab es von der BRD keine. Aber es gab zB weiterhin eine Auswanderung in diese beiden Länder, auch eine zeitweise, etwa zum Studium. Darunter waren auch Rechtsextreme, die mit dem Apartheid-System froh waren. Nicht wenige Deutsche, auch Ex-SS-ler, kämpften in westlichen Kolonialunternehmungen, mit der französischen Fremdenlegion in Algerien, oder als Söldner im Kongo. Einzelne westdeutsche Politiker forderten die Übernahme spät- bzw. postkolonialer Aufgaben, etwa bei der Unabhängigkeit von Togo. Die Wiedervereinigung mit Ostdeutschland war für die BRD drängender, auch die weniger realistische Wiedergewinnung der früheren Ostgebiete. Die deutschen Interessen verlagerten sich auf die Wirtschaft. Die BRD ging wirtschaftliche Beziehungen mit vielen afrikanischen Staaten ein (die meisten wurden Anfang der 1960er unabhängig), oft unter dem Vorzeichen von Entwicklungshilfe.

Die DDR hat NVA-Militärberater nach Afrika (und Westasien) geschickt, unter diesen Staaten waren aber keine ehemaligen deutschen Kolonien. Kuba hat übrigens anlässlich eines Besuchs von DDR-Staatschef Honecker 1972 eine Insel vor der Schweinebucht “Cayo Ernest Thaelmann” (Ernst-Thälmann-Insel) genannt, nach dem von den Nazis im KZ Buchenwald getöteten KPD-Chef.

Wie sieht es mit den deutschen Spuren, dem Bezug zu Deutschland, in den ehemaligen Kolonien aus? Nur in Südwestafrika/Namibia und, in einem geringeren Maß, in Tansania haben sich bis heute Deutsche gehalten, über vereinzelte oder temporär dort lebende hinausgehend. Ausser in diesen beiden Ländern waren auch unter deutscher Herrschaft wenige Siedler gekommen. In Namibia war die relativ zahlreiche Ansiedlung zu Kolonialzeiten und das “weisse Hinterland” Südafrika, wo dann Afrikaaner dominierten, ausschlaggebend. Mit der neuen Kolonialmacht kamen neben neuen Einflüssen auch neue weisse Siedler, auch in Südwestafrika und Tanganjika. Ausser in Namibia sind wenige deutsche topographische Bezeichnungen geblieben, wenige Sprach-Spuren, wenig Verbindungen zum heutigen Deutschland. Die von Deutschen in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten festgelegten Kolonialgrenzen blieben teilweise: bei Namibia gabs geringfügige Änderungen, Ost-Neuguinea blieb vom Westteil der Insel abgetrennt und mit den umliegenden Inseln verbunden, Tanganjika wurde v.a. mit Sansibar vereinigt, Samoa blieb vom Ostteil des Archipels getrennt,…

Ein wichtiges Erbe: In Namibia hat sich der Lutheranismus voll durchgesetzt, und er geht dort hauptsächlich auf die Deutschen zurück. Es gibt in Namibia drei evangelische Kirchen: die aus der finnischen Mission hervorgegangene ELCIN (Schwarze), die aus der deutschen Mission hervorgegangene ELCRN (ebenfalls Schwarze), die weisse, deutsche ELKIN-DELK. 2007 haben sich die drei evangelischen Kirchen unter ein gemeinsames Dach begeben, eine echte Vereinigung ist anvisiert. In Tansania machen Lutheraner immerhin über 10% der Bevölkerung aus, ein hoher Anteil, der Erbe deutscher Kolonialzeit ist.

Papua-Neuguinea: Außer dem Namen Bismarck-Archipel und einigen weiteren haben die deutschen geographischen Bezeichnungen dort den Ersten Weltkrieg nicht überlebt. In deutscher Zeit entstand die Kreolsprache “Unserdeutsch”, sie hat sich bis ins heutige Papua-Neuguinea erhalten. Es handelt sich um ein grammatisch vereinfachtes Deutsch, in dem die einheimischen Arbeiter und Hilfskräfte damals systematisch unterrichtet wurden. Tok Pisin, ein auf Englisch basiertes Kreol, das nach und teilweise neben Unserdeutsch entstand, ist heute die in Papua-Neuguinea vorherrschende Sprache. Das Schimpfwort “Rintfi” im Tok Pisin ist zB aus dem Deutschen über Unserdeutsch gekommen… Deutschland kam hier in Form von “Stihl”-Motorsägen zur Abholzung des Regenwalds zurück.

In Kamerun zeigt sich an der englischsprachigen südwestkamerunischen Separatistenbewegung SCNC die Prägung eines Landes durch Kolonialherrschaft (wie auch bei der Abtrennung Eritreas von Äthiopien), wie auch die Überdeckung der deutschen Kolonialphase durch die spätere. Ob das Engagement von Winfried Schäfer als Fussballnationalteam-Trainer von Kamerun (2001-2004) etwas mit Kontakten zwischen den Ländern zu tun hat, die auf die Kolonialherrschaft zurückgehen, ist schwer zu sagen.

In Samoa gibt es, wie überall in früheren deutschen Schutzgebieten, Leute mit deutschen Vorfahren, solche, die aus Verbindungen der Kolonialisten mit Einheimischen hervorgegangen sind. Dort haben viele auch deutsche Namen. Der Schriftsteller Albert Wendt etwa hat deutsche wie polynesische Vorfahren. In Kiautschou erinnern Kanaldeckel mit der Aufschrift “Krupp” oder eine Brauerei an die deutsche Zeit.

Im Togo half der Offizier Gnassingbe Eyadema 1963, Präsident Olympio zu stürzen. Präsident wurde Nicolas Grunitzky, dessen Vater ein Deutscher (polnischer Herkunft) gewesen war. 1967 stürzte Eyadema Grunitzky, wurde selbst Präsident – für fast 40 Jahre, um dann von einem Sohn abgelöst zu werden. Der antikommunistische Eyadema war – hier die nächste Deutschland-Verbindung – ein Freund von F. J. Strauss. Strauss auch ein Freund des Apartheid-Regimes und Eyadema einer Israels, womit sich ein Kreis schliesst. Eyadema war nicht mehr in die deutsche, sondern in die französische Kolonialphase “gefallen”, hatte für das französische Militär u.a. in Algerien und Indochina gekämpft.

Seit 1906 hat die Bethel-Mission innerhalb Deutsch-Ostafrikas auch im Königreich Ruanda missioniert. Es heisst, man hat dadurch den ethnischen Konflikt zwischen Hutus und Tutsis ungewollt verschärft. Der Hutu-Tutsi-Unterschied ist möglicherweise kein ethnischer, sondern ein sozialer, der von der deutscher und dann der belgischen Kolonialmacht geschaffen wurde, beim Versuch, eine Herrscherschicht (die Tutsis) zu schaffen. Es gibt aber auch den Ansatz, den Tutsi einen hamitischen und den Hutu einen Bantu- Ursprung zuzuordnen. Differenzen in der wissenschaftlichen Diskussion darüber haben durchaus etwas mit Politik zu tun. Rund um die Unabhängigkeit Ruandas gabs die erste grosse Spannungen zwischen den Gruppen. Belgien und Frankreich mischten auch nach der Unabhängigkeit mit. 1994 der Völkermord von radikalen Hutus an hunderttausenden Tutsis.

Deutsch wurde nach Ende von Apartheid und Abhängigkeit nicht Nationalsprache Nr 1 in Namibia, blieb auch nicht Amtssprache, ist aber als eine der Nationalsprachen anerkannt. Die Entscheidung  für Englisch beim Aufbau der Nation Namibias hatte schon etwas für sich, auch wenn das Land nie unter direkter britischer Herrschaft gestanden ist. Auf den – je nach Standpunkt – Befreiungs- oder Abwehrkampf war Versöhnung angesagt, wie in der Republik Südafrika vier Jahre später, sie wurde von grossen Teilen der Bevölkerung getragen. Kurz vor dem endgültigen Übergang von der Apartheid zur Demokratie in Südafrika wurde die Walfisch-Bucht im März 1994 an Namibia übergeben. Dies ist die eine territoriale Veränderung gegenüber Deutsch-Südwestafrika; der andere ist, dass der Südrand des Caprivi-Zipfels an Botswana abgetreten wurde.

Die Städtenamen aus deutscher Kolonialzeit sind in Namibia grossteils bis heute geblieben. Nur der Norden Namibias, wo die Ovambo leben, hat eine grosse Zahl schwarzafrikanischer topographischer Bezeichnungen, in Mitte und Süden dominieren deutsche und afrikaanse. Hier gab es nach den Weltkriegen keine Umbenennungswellen. Besonders in den grösseren Städten wie Windhoek, Swakopmund, Keetmanshoop, Grootfontein oder Lüderitz ist auch der grösste Teil der Strassennamen deutsch, obwohl es hier in den letzten 25 Jahren relativ viele Umbenennungen gab. Die älteren Bauten der Städte haben grossteils nicht nur einen deutschen Stil, sondern auch Namen, zB der Tintenpalast in Windhoek, wo früher die deutsche Kolonialverwaltung war, heute das namibische Parlament. Karneval wird vielerorts in Namibia wie in Deutschland gefeiert, auch das Oktoberfest. Deutsche Namen wie Traugott sind auch bei Bantu und Khoisan verbreitet. Die Farben Schwarz, Weiss, Rot (der Fahne des Deutschen Reichs) finden sich in Fahnen von Stämmen.

Neben einer starken Prägung Namibias durch Deutschland, vielen Spuren der deutschen Kolonialherrschaft gibts auch eine relativ starke deutsche Präsenz. Deutsch-Namibier gibt es ca. 20 000, das ist 1 % der Gesamtbevölkerung. Viele sind schon die 5. Generation im Land, viele sind nach der deutschen Kolonialzeit eingewandert. Afrikaaner gibt es etwas mehr. Die Namibia-Deutschen sind in Landwirtschaft und Tourismus stark vertreten. In südafrikanischer Zeit waren sie weiter in einer privilegierten Position gegenüber den “Farbigen”. Eine Minderheit beteiligte sich, wie erwähnt, am Befreiungskampf der Schwarzen. Mit dem Ende der Apartheid kam eine kleine Abwanderung (aber auch eine neue Einwanderung aus dem deutschsprachigen Raum!). Die IG hat sich nach der Unabhängigkeit zunächst umbenannt, dann aufgelöst, die NaDS scheint eine Art Nachfolgeorganisation zu sein. Der Politiker “Calle” Schlettwein oder der Schriftsteller Giselher Hoffmann sind aktuell bedeutende Namibia-Deutsche.

So reiht sich die deutsche Volksgruppe in Namibia ein zu jenen in Staaten in Europa und Übersee, die auf Abtrennung von Deutschland oder Österreich oder Auswanderung zu verschiedenen Zeiten zurückgehen, von Rumänien (wo der Staatspräsident gerade ein Rumänien-Deutscher ist) über Spanien (Mallorca) bis USA (wo es so unterschiedliche Gruppen von Deutschstämmigen gibt, wie die Pennsylvania Dutch und die Nachfahren von Kolonial-Siedlern auf den Nord-Marianen).

Deutsche Volks- und Sprachgruppe ist in Namibia nicht dasselbe. Neben den Namibia-Deutschen gibt es mehrere zehntausend Menschen in Namibia, zumeist englisch- oder afrikaanssprechende Weisse, aber auch gebildete Schwarze, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Einen Sonderfall bilden die schwarzen SWAPO-Flüchtlingskinder, die in der DDR aufwuchsen und heute auch im namibischen Alltag wenn möglich die deutsche Sprache nutzen. Als Sprache der höheren Bildung und Verwaltung wurde Deutsch zurückgedrängt. Deutsch ist in Bereichen wo Deutsche wichtig sind (Tourismus> Betreiber wie Gäste!) wichtig, hat aber an Boden verloren gegenüber Englisch und den afrikanischen Sprachen wie Oshivambo.

Das Namibia-Deutsch oder Südwesterdeutsch weist einige Spezifika auf. Die Abtrennung vom restlichen deutschen Sprachraum durch die Abtrennung von Deutschland, die Nähe von anderen Sprachen und andere Faktoren bedingten die Sonderentwicklung. Es ist ein in mancher Hinsicht altes Deutsch, teilweise vereinfacht, mit Einsprengsel von Afrikaans und (britischem) Englisch, auch aus schwarzafrikanischen Sprachen und Portugiesisch. Es ist eher norddeutsch, aufgrund der Dominanz Preussens im Deutschen Reich. Es ist unverkrampfter als die Sprache im Mutterland, wie die Leute. “Küchendeutsch” (Namibian Black German) ist eine Pidgin-Sprache auf Grundlage des Deutschen, in der Kolonialzeit entstanden, hat sich auch schwach erhalten; möglicherweise durch die relativ hohe Zahl von Deutsch-Stämmigen, und ihre Arbeitsverhältnisse mit Schwarzen, etwa auf Farmen. Der Unterschied zwischen Kreol und Pidgin ist, dass ersteres eine funktionierende, reguläre Misch-Sprache ist, während zweiteres eine reduzierte Sprachform zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen ist, immer Fremdsprache. Auch das in Namibia gesprochene Englisch unterscheidet sich vom Standard-Englisch, nicht zuletzt aufgrund des geringen Anteils an Muttersprachlern.

Bundespräsident Roman Herzog hat 1998 bei einem Staatsbesuch keine Anerkennung für den Völkermord ausgesprochen, wollte stattdessen die Anliegen der Namibia-Deutschen vertreten. 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im 1. Weltkrieg (Niederlage der Schutztruppe) hat die deutsche Regierung 2015 den Völkermord anerkannt. Die Initiative ging von Aussenminister Steinmeier (SPD) aus. Die Gefühle gegenüber Deutschen (BRD, Namibia-Deutsche) sind auch bei den Herero meist nicht negativ. Die letzten Überlebende/Zeugen aus der deutscher Kolonialzeit in Südwestafrika (wie anderswo) auf beiden Seiten sind Ende des 20. Jh gestorben.

Spuren von früheren Kolonien im heutigen Deutschland? Das Schmähwort “Kanake” für Ausländer bzw. Angehörige einer fremden Ethnie entlehnt sich vom polynesischen Wort “Kanaka” (Mensch), war Selbstbezeichnung u.a. von Samoanern. Die heutige Schreibweise geht vielleicht auf eine Analogiebildung zur abfälligen Bezeichnung “Polacke” (für Pole) zurück. Deutsche Schimpfworte sind andererseits in Namibia (bei Khoisan in Namibia kann man zB “Saukerl” hören) oder Papua-Neuguinea (<) geläufig. Einwanderung aus früheren Kolonien gab es ja kaum. Für einige Rückwanderer bzw ihre Nachfahren ist Namibia oder Tansania “kalte Heimat”, wie Schlesien für Andere.

Im Umgang mit der Kolonialpolitik in gegenwärtigen Deutschland ist zum einen einiges an Verklärung, Apologetik, Verdrehung festzustellen, Geschichts-Revisionismen, neuer Deutsch-Nationalismus (der in der Regel politisch korrekt daherkommt). Der Genozid in Südwestafrika wurde lange und wird noch immer oft als “Herero-Krieg” bezeichnet. Auf der Website www.golf-dornseif.de ist zu lesen: “Während in Deutsch-Ostafrika die noch jungen Kolonialbehörden sich bemühten, so schnell wie möglich die Sklaverei unter arabischer Dominanz abzuschaffen, was nahezu unmöglich schien, musste man sich im Pachtgebiet Kiautschou-Tsingtau mit der Problematik des Opium-Konsums innerhalb der chinesischen Bevölkerung auseinandersetzen…” Die Unterdrückung in Ostafrika als Schlag gegen den arabischen Sklavenhandel darzustellen, das hat schon Bismarck versucht. Oder das Lamento in deutschen Medien über die Behandlung von Namibia-Deutschen, etwa wenn stillliegende Farmen oder solche von im Ausland lebenden Deutschen konfisziert werden, etwas an den Landbesitzverhältnissen geändert wird, die noch auf die deutsche Kolonialzeit (und damalige Enteignungen) zurückgehen. Oder wenn Sorge über Umbenennungen oder Neugestaltungen in Namibia zum Ausdruck gebracht wird; das Reiterdenkmal in Windhuk, das an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes bzw den Völkermord erinnert (ihn glorifiziert!) wurde etwa vor einigen Jahren entfernt, überfällig, stattdessen ein Denkmal an den Befreiungskampf errichtet. Die SWAPO-Regierungen liessen den Deutschen in Namibia nach der Unabhängigkeit vieles unangetastet.

Auf der anderen Seite das scheinheilige verurteilen des deutschen Kolonialismus, etwa von anglosächsischer Seite. 1918 kam, vor der Versailles-Konferenz, das britische “Blaubuch” heraus, das Gräueltaten der deutschen Kolonialverwaltung anprangert, um die Eroberung Südwestafrikas zu rechtfertigen. Als ob es nicht den eigenen Imperialismus gäbe, das genozidäre Vorgehen der Briten in Irland oder als Kolonialmacht. Und eine deutsche Selbstgeisselung, die zu Imperialismus und Kolonialverbrechen anderer europäischer Mächte gar nichts negatives zu sagen hat und ausser-europäischen Standpunkten erst wieder jedes Recht abspricht, bringt niemandem etwas.

Alles in allem war Deutschland als Kolonialmacht nicht schlimmer als Grossbritannien oder Frankreich. Südwestafrika wäre ohne Deutsche eine weitere britische Kolonie geworden, vielleicht eine portugiesische. In Neuguinea entschieden nach den Deutschen eben Australier für und über die Papua. Die Japaner herrschten in China (hatten auch einen viel grösseren Teil davon und länger) viel grausamer als die Deutschen, die Belgier stellten im Kongo alles in den Schatten was Deutsche in Afrika verbrachen. Die Bewohner der Kolonien wurden von den Deutschen in der Regel als Menschen 2. Klasse gesehen und behandelt (bestenfalls), wie auch von anderen Kolonialmächten, und wie in der USA oder Südafrika die schwarze Bevölkerungsgruppen von der herrschenden Bevölkerungsschicht bis in die Zeit nach dem 2. WK hinein. Bei allem was hier über die deutsche Kolonialpolitik steht, gilt: die anderen Kolonialmächte haben ebenso geherrscht, teilweise schlimmer.

Eine Liste von Staaten, zu denen Gebiete gehören, die einmal unter deutscher Herrschaft standen, somit als Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonien zu betrachten sind: Namibia, Tansania, Kamerun, Papua-Neuguinea, Togo, Samoa, China, Nauru, Marshall-Inseln, Palau (wurde 1994 als bislange letzte ehemalige deutsche Kolonie unabhängig), Mikronesien, Ruanda, Burundi,  Kenia, Mosambik, Salomonen, Nigeria, Rep. Kongo, Ghana, Guinea, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Botswana, USA (die Nord-Marianen sind als einziges ehemals dt. Gebiet noch immer nicht unabhängig)

“Lützow nun trieb es an den Rand der Verzweiflung; hier war er Tausende von Meilen gereist, um sich in exakt derselben Situation wiederzufinden, vor der er geflohen war. Die Rabauler Provinzialität indes war um ein Vielfaches ausgeprägter noch als in Berlin…”

(Kracht, “Imperium”)

Material:

Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien (2012)

Hermann Joseph Hiery (Hg.): Die Deutsche Südsee 1884–1914. Ein Handbuch (2001)

Horst Gründer (Hg.): “… da und dort ein junges Deutschland gründen”. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis 20. Jahrhundert (1999)

Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (2014)

Christian Kracht: Imperium (2012). Roman

Kurt Schwabe, Paul Leutwein: Die Deutschen Kolonien (2009)

Birthe Kundrus: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus (2003)

Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte (2013)

Uwe Timm: Deutsche Kolonien (2001)

Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller: Macht und Anteil an der Weltherrschaft: Berlin und der deutsche Kolonialismus (2005)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen (2003)

Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid – Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915 – 1965 (= Periplus Studien Band 10, 2007)

Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid (2004)

Dominik Nagl: Grenzfälle. Staatsangehörigkeit, Rassismus und nationale Identität unter deutscher Kolonialherrschaft (2007)

Horst Gründer, Gisela Graichen, Holger Diedrich: Deutsche Kolonien: Traum und Trauma (2005)

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer: General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit (2006)

Helmuth Stoecker (Hg.): Drang nach Afrika. Die koloniale Expansionspolitik und Herrschaft des deutschen Imperialismus in Afrika von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges (1977)

Manuel Möglich: Deutschland überall. Eine Suche auf fünf Kontinenten (2015)

Guido Knopp: Das Weltreich der Deutschen (2011)

Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller: Kolonialismus hierzulande: Eine Spurensuche in Deutschland (2008)

Martin Baer, Olaf Schröter: Eine Kopfjagd: Deutsche in Ostafrika : Spuren kolonialer Herrschaft (2001)

Brigitte Schmidt-Lauber: Die abhängigen Herren: Deutsche Identität in Namibia (= Interethnische Beziehungen und Kulturwandel, 9; 1993)

Martin Schröder: Prügelstrafe und Züchtigungsrecht in den deutschen Schutzgebieten Schwarzafrikas (1997)

Alexandre Kum‘a Ndumbe III: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas (1993). Original “Hitler voulait l’Afrique, les plans secrets pour un Afrique fasciste 1933-1945” (1980). Eine Intentionsgeschichte der nicht verwirklichten deutschen Planungen

Volker Langbehn, Mohammad Salama: German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany (2011)

Carsten Burhop: Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871-1918 (2011)

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet (2009)

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957). Roman über Fernweh und Sansibar als Sehnsuchtsort im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er

Werner Haupt: Deutschlands Schutzgebiete in Übersee 1884 – 1918. Berichte, Dokumente, Fotos und Karten (1987)

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Joachim Nöhre: Das Selbstverständnis der Weimarer Kolonialbewegung im Spiegel ihrer Zeitschriftenliteratur (1998)

Hans Zache: Die Deutschen Kolonien in Wort und Bild (2004)

Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2014)

Wolfgang Apelt, Gilbert Clement Kamana Gwassa, Wilhelm J.G. Möhlig: The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907 (InterCultura, Missions- und kulturgeschichtliche Forschungen Bd. 5; 2005)

Giselher W. Hoffmann: Die verlorenen Jahre (2003). Roman

Hans-Henning Gerlach, Andreas Birken: Die Südsee und die deutsche Seepost, deutsche Kolonien und deutsche Kolonialpolitik (2001)

John A. Moses und Paul M. Kennedy (Hg.): Germany in the Pacific and Far East, 1870-1914 (1977)

Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. 1905 – 1907 (2005)

Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika (2008)

Hermann Joseph Hiery: The Neglected War. The German South Pacific and the Influence of Word War I (1995)

Kurt Hassert: Die neuen deutschen Erwerbungen in der Südsee: Die Karolinen, Marianen und Samoa-Inseln (2012)

Stewart Firth: New Guinea under Germans (1983)

Edition Le Monde diplomatique No.18. Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

Gabriele Dürbeck: Ozeanismus im postkolonialen Roman: Christian Krachts Imperium. In: Periplus. Zeitschrift für Europäische Universalgeschichte 64.1 (2014)

Lucia Engombe, Peter Hilliges: Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee (2004)

Alexander Emmerich: Die Geschichte der Deutschen in Afrika – Von 1600 bis in die Gegenwart (2013)

Uwe Timm: Morenga (2000). Historischer Roman vor dem Hintergrund des Völkermordes in SWA

Albert Wendt: Die Blätter des Banyanbaums (1998). Roman

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel (1981; engl. Original “Gravity’s Rainbow”, 1973). In dem Roman geht es auch um den Herero-Völkermord, aber in einer Art Alternativgeschichte

Mari Serebrov: Mama Namibia (2013). Ein historischer Roman über den Völkermord an den Herero und Nama, der aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird.

Guy Saville: The Afrika Reich (2011). Ein alternativgeschichtlicher Roman über ein Afrika, das im 2. WK von Nazi-Deutschland erobert worden ist

Karl Hammer: Aus deutscher Kolonialzeit im fernen Osten (1929)

 

Karte deutsche Kolonien

Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland in Afrika – Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

deutsche-kolonien.htm nur bedingt empfehlenswert

http://www.klausdierks.com/ Viel zur Geschichte Namibias

Rückblick auf die Ausstellung „From Samoa with love“ im Münchner Völkerkundemuseum (Museum Fünf Kontinente) 2014

Caroline Authaler, Historikerin mit Kamerun-Schwerpunkt an der Universität Heidelberg

Das “Informationszentrum 3. Welt” in Freiburg (iz3w) ist nicht in Ordnung; Marianne “Mary” Kreutzer (die sich auch gern als Freundin des kurdischen Volkes produziert) schreibt dort zB über „Antiamerikanismus“ in Lateinamerika und gegen die dortige Linke, anstatt über die Interventionen jenes Amerikas, das hier in der Opferrolle verortet wird (USA), in Lateinamerika (zB Chile 1973…) oder über den zugrunde liegenden Kulturalismus dort gegenüber Lateinamerika oder über den Rassismus gegenüber “Latinos” in der USA; dieser Artikel über Kolonialrevisionismus in der Weimarer Republik ist aber recht informativ und frei von der Ideologie dieser Kreise. Auch etwas über das damalige Engagement gegen Kolonial-Revisionismus dort zu finden

Kerstin Wilke: Die deutsche Banane. Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Banane im Deutschen Reich 1900 – 1939 (Dissertation, Universität Hannover. 2004)

Deutschsprachige Allgemeine Zeitung in Namibia. Die Allgemeine Zeitung wurde am 22. Juli 1916 unter dem Namen “Der Kriegsbote” gegründet und informierte über die Ereignisse im Ersten Weltkrieg. Als nach der Niederlage Deutschlands dessen Kolonie Deutsch-Südwestafrika unter die Verwaltung Südafrikas kam, wurde sie am 1. Juli 1919 auf den heutigen Namen umbenannt. Sie ist die älteste Tageszeitung Namibias und die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas.

Thomas Keil: Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000) (Dissertation, Universität Stuttgart. 2003)

DHM zu SWA

“Spiegel” über Gustav Nachtigal

Die schriftliche Hinterlassenschaft des Khoisan-Führers Hendrik Witbooi, u.a. der Brief an SWA-Gouverneur Leutwein 1894

Über den Roman “Imperium”

Auch über den ehemaligen Diamantenort Kolmannskuppe

http://www.jaduland.de/kolonien/

http://www.afrika-hamburg.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

Portal zum südlichen Afrika

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie es glücklicherweise nicht kam

Hinsichtlich Ausmalens eines alternativen Geschichtsverlaufs ein möglicher Wendepunkt zum Negativen aus der jüngeren Geschichte Südafrikas, der die Störung des Verhandlungsprozesses zur Abschaffung der Apartheid Anfang der 1990er betrifft. Wobei ich mich auf die Wahl des Divergenzpunktes und die Erläuterung seiner Relevanz beschränke und die Folgen bzw. den weiteren Verlauf nur skizziere – man könnte wohl einen alternativgeschichtlichen Roman daraus machen, zumindest aber eine kontrafaktische Kurzgeschichte.

Den Verhandlungsprozess hat Frederik Willem de Klerk initiiert, der im Sommer 1989 Präsident Südafrikas wurde, im Apartheid-System an die Spitze kam. Zu diesem Zeitpunkt waren die militärischen Auseinandersetzungen im südlichen Afrika schon weitgehend beendet, der ursprüngliche Konflikt (zwischen dem Apartheid-Regime der Republik Südafrika und seinen Gegnern bzw. Leidtragenden) harrte aber noch einer Lösung. Die länderübergreifende Eskalation im südlichen Afrika begann und endete in Angola; noch 1987/88 erreichte der Krieg dort mit der Schlacht von Cuito Cuanavale einen “Höhepunkt”, der auch zu einem atomaren Schlag des Apartheid-Regimes hätte führen können. Südafrika, das sich im Schatten des Angola-Krieges Nuklearwaffen zugelegt hat, hat damals (als es durch das verstärkte Eingreifen der mit der angolanischen Regierung verbündeten Kubaner in die Defensive geriet) deren Einsatz erwogen, ihn zumindest aber als Drohung angedeutet.

Was hätte zu einem atomaren Schlag des südafrikanischen Regimes führen können und was wären dessen Folgen gewesen, regional und global – das wäre ein anderer Divergenzpunkt für ein alternativgeschichtliches Szenario. Eine solche Entwicklung wäre aber viel unrealistischer als die hier ausgewählte gewesen, auch weil man in Pretoria wusste, dass damit mehr zu verlieren als zu gewinnen war.

Nach der Eskalation in Angola wurden 1988 von einigen dort kriegführenden Parteien Verhandlungen aufgenommen, die zu einem Abkommen führten, das die Unabhängigkeit Namibias von Südafrika und einen vorübergehenden Frieden in Angola brachte. Im Jänner 1989 erlitt der südafrikanische Staatspräsident P.W. Botha einen Schlaganfall, sein ebenfalls als konservativ geltender Parteikollege F.W. De Klerk wurde zunächst sein Nachfolger als Chef der Nationalen Partei (NP), im August nach dem Rücktritt Bothas (der auch den Falken in seinem Kreis zu “unflexibel” war) auch als Präsident. Die NP gewann die Wahl zum “weissen” Parlament im September, aber die oppositionelle, noch reaktionärere, Konservative Partei (die sich von der NP abgespalten hatte, weil ihr die bescheidenen Reformen von Botha zu weit gegangen waren) wurde gestärkt.

De Klerk liess zunächst die Geheimverhandlungen des Regimes mit den Führern des ANC (African National Congress, die wichtigste Anti-Apartheid-Bewegung) im Gefängnis oder Exil fortsetzen und einige der Inhaftierten wie Walter Sisulu Ende des Jahres freilassen. Die Perestroika in der Sowjetunion bedeutete auch die Einstellung ihrer Unterstützung für Akteure im südlichen Afrika. Wahrscheinlich war dies ein Grund dafür, dass De Klerk Anfang 1990, in einer Parlaments-Rede, grosse Reformen einleitete. Dazu gehörten die Freilassung politischer Gefangener wie Nelson Mandela, die Wiederzulassung von Parteien wie dem ANC, und die Aufnahme von Verhandlungen über die Zukunft des Landes. Nicht bekanntgemacht wurde die ebenfalls in Angriff genommene Abrüstung der atomaren sowie der biologischen und chemischen (Project Coast) Waffen, über die das Regime verfügte.

De Klerk war in den Übergangsjahren, die seine Präsidentschaft (1989-1994) darstellte, und darüber hinaus, mit den Reformgegnern v.a. unter den Buren beschäftigt, ob im Militär (SADF) oder in der Konservativen Partei (KP). So hat er auch in seiner Regierung Verteidigungsminister Magnus Malan 1991 durch Roelf Meyer abgelöst, der später Verfassungs-Minister wurde und damit Chefverhandler der Regierung. Die Regierung um De Klerk geriet für ihren Reform- und Verhandlungskurs unter Beschuss der weissen (im Wesentlichen: afrikaanischen) Rechtsextremen. Die Konservative Partei und noch radikalere Organisationen erhielten Zulauf. Mandela, der Nachfolger des aus dem Exil zurückgekehrten aber erkrankten Oliver Tambo als ANC-Präsident wurde, musste in diesen Jahren (und darüber hinaus) in “seinen” Reihen bzw. der schwarzen Bevölkerungsmehrheit für Versöhnung, Ausgleich und Kompromisse werben, was nach den Jahrzehnten der Apartheid kein leichtes Unterfangen war.

Der ANC, bzw. seine Miliz “Umkhonto we Sizwe” (MK), stellte nach De Klerks ersten Reformschritten den bewaffneten Kampf ein; der Verhandlungs- und Umgestaltungsprozess war dennoch von Gewalt begleitet. Der unter Botha mächtig gewordene “Sicherheitsapparat” (Militär, Polizei, Geheimdienste) agierte teilweise an der Regierung vorbei (“Dritte Kraft” war v.a. der Militär-Geheimdienst), und unterstützte die Homeland-Partei Inkatha (IFP), die sich als Zulu-Nationalpartei neu definierte, gegen den ANC. 1992 scheiterten die ersten Verhandlungsrunden (CODESA I und II) an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten der Hauptakteure zur Zukunft Südafrikas und an der von Behörden unterstützten Gewalt von Homeland-Gruppen gegen ANC-Anhänger.

Im April 1993 hatte gerade das Multiparty Negotiating Forum (MPNF), der Neustart der Verhandlungen, begonnen (nachdem sich die Regierung von der IFP und ihrem Chef Buthelezi distanziert hatte), als der Mord an Martin T. “Chris” Hani durch rechtsextreme Weisse lange aufgestaute Spannungen fast zur Entladung brachten. Hani war eine Führungsfigur im Umkhonto we Sizwe und in der kommunistischen Partei SACP, der einzigen “weissen” Partei, die von Anfang an vorbehaltlos volles Wahlrecht für Schwarze befürwortete und forderte. Die SACP war wie der ANC, mit dem sie eine Allianz einging, lange in Südafrika verboten. Hani war 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück gekehrt, als dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von “Joe” Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab. Er unterstützte die Einstellung des bewaffneten Kampfes zugunsten von Verhandlungen mit der Regierung (obwohl die radikaleren ANC-Anhänger auf ihn setzten) und liess sich in Boksburg in der Nähe von Johannesburg nieder.

Im April 1993 wurde er dort vor seinem Haus von einem polnischen Einwanderer erschossen. Dieser wurde bald darauf festgenommen, nachdem Hanis Nachbarin, eine weisse Südafrikanerin, die Polizei gerufen hatte. Hinter dem Mord stand zumindest eine Führungsfigur der Konservativen Partei, Clive Derby-Lewis, der sich als Bure fühlte bzw als solcher konstruierte, seine Herkunft mit schottisch und deutsch angab. Er war auch ein Führer im “Western Goals Institute” und fiel sogar im rassistischen Apartheid-System mit verachtenden Aussagen über Schwarzafrikaner auf. Angeblich fand man in der Wohnung des Mörders eine Liste mit den Namen weiterer Mord-Ziele, Hani darauf als Nr. 3 gereiht hinter Mandela und Joe Slovo von der SACP. Auf den Mord folgten einige Ausschreitungen von Schwarzen, die über den Rassismus und die Gewalt gegen sie frustriert waren, welche zu Befürchtungen über ein endgültiges Abgleiten des Landes vom Verhandlungsweg in die Gewalt führten.

Nelson Mandela, damals ANC-Präsident (Hani wurde auch als sein möglicher Nachfolger gesehen), durfte in dieser Situation im südafrikanischen Fernsehen (SABC) eine Rede halten, in der er zur Ruhe aufrief, darauf hinwies, dass der Täter ein Einwanderer war, der Gewalt und Hass ins Land bringen wollte, während Hanis weisse, südafrikanische Nachbarin die Polizei zum Täter führte, und dass der Mord genau ein Abgleiten vom Verhandlungsweg bezwecken sollte. Der Rede (mit der Mandela seine Glaubwürdigkeit unter seinen Anhängern riskierte) wird es zugeschrieben, dass das Land nicht in Gewalt versank – und dass es zu einer Machtverschiebung zuungunsten der De Klerk-Regierung kam, die sich auch in den Verhandlungen auswirkte. Roelf Meyer sagte, der Mord war für 36 Stunden der “Umkipppunkt”.

Wenn die Regierung Mandela nicht im Fernsehen sprechen hätte lassen (der Divergenzpunkt), hätte die Gewalt leicht explodieren können und eine Verhandlungslösung, ein Übergang von der Apartheid zur Demokratie, schwer zustande kommen können. Die Atomwaffen waren zu dem Zeitpunkt bereits zerlegt und entschärft, aber wie auch bei der Entwicklung in der Region (Namibia, Angola, Mosambik,..) war diese Entwicklung wahrscheinlich nicht irreversibel. Ein Militärputsch gegen De Klerk wäre bei einem Gewaltausbruch denkbar gewesen. Der ANC hätte dann seinen bewaffneten Kampf wohl wieder aufgenommen. Die NP-Regierung hatte sich über weite Strecken der Verhandlungsphase ein Eingreifen des Militärs als Option vorbehalten, die ANC-Opposition die “Leipzig-Option” der Massenproteste. Benachbarte Staaten hätten den ANC nun unterstützen können und wären damit mit hinein gezogen worden. Russland hätte die afrikanischen Staaten sicher nicht mehr unterstützt. Bei einem Flächenbrand hätte dagegen die zu alleinigen Weltherrschern gewordene USA wahrscheinlich interveniert.

Auch die ebenfalls der weissen Rechten zugehörige, gewalttätige AWB versuchte dann, die Verhandlungen zu stören, aber unmittelbarer, indem sie den Verhandlungsort, das Welthandelszentrum in Kempton Park bei Johannesburg, im Juni 1993 mit einem Panzerfahrzeug stürmte. KP und kleinere Gruppen dachten nun einen “Volkstaat” an, in dem Buren/Afrikaaner unter sich sein sollten bzw die anderen unter sich haben sollten. Gegen eine Verhandlungslösung wehrte sich neben der weissen Rechten die Homeland-Herrscher, die Inkatha, und die schwarze Linke (PAC, AZAPO), die am Beginn vom MPNF noch alle dabei gewesen waren.

Im November ’93 kamen die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss, der den Fahrplan zur Wahl eines allgemeinen Parlaments beinhaltete, auf deren Grundlage eine Regierung der nationalen Einheit gebildet und eine neue Verfassung ausgearbeitet werden sollte. Während Mandela und De Klerk am Ende des Jahres Friedensnobelpreise erhielten, schloss sich ein Teil der Gegner der Verhandlungslösung bzw. der Wahlen zusammen. So unterschiedlich diese Gruppierungen waren, die Weigerung sich in das neue Südafrika einbinden zu lassen, verband sie. Einen Wendepunkt stellte hier die Entmachtung des Herrschers des Homelands Bophuthatswana im März 1994 dar; danach gab auch der Herrscher der Ciskei auf, der sich ebenfalls gegen eine Eingliederung in das neue Südafrika gesträubt hatte. Auch der Boykott der weissen (burischen) Rechten wurde danach durchbrochen, durch die Freiheitsfront (VF). Spät lenkten auch PAC, AZAPO und IFP ein.

Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde
Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde

Südafrika wählte vom 26. bis zum 29. April 1994, ein Macht- und Systemwechsel ging über die Bühne. Der Mörder und sein Hintermann wurden verurteilt, profitierten dann von der Abschaffung der Todesstrafe 1995 (die eine Folge der Abschaffung der Apartheid war…), womit ihre Strafen in lebenslange Haft umgewandelt wurden. Sie suchten vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) um Amnestie an, was abgelehnt wurde.

Die “Maritz-Rebellion” 1914/15 wäre ein anderer Punkt in der südafrikanischen Geschichte, wo eine interessante, brisante Divergenzentwicklung anzusetzen wäre.

Doku über den Hani-Mord: http://www.youtube.com/watch?v=X0IGS2ZD_5A

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Des Weissen Mannes Bürde

Die Europäisierung der Welt begann in der frühen Neuzeit, mit den Entdeckungen und den darauf folgenden Eroberungen. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war so um 1900 erreicht. Die Entkolonialisierung setzte nach dem 2. Weltkrieg ein, oft nur, um vom Neokolonialismus (wirtschaftliche u.a. Abhängigkeit/Einflussnahme danach) ersetzt zu werden, bestes Beispiel ist die DR Kongo. Die Etablierung der weissen Weltherrschaft (z.T. verbunden mit einer Verbreitung des Christentums, wie auch des Kapitalismus’), dann auch die Aufrechterhaltung, war sehr gewaltsam, verbunden mit “ethnischen Säuberungen”, Völkermorden, Sklaverei,…

Die Opiumkriege gegen China waren ein Höhepunkt des britischen Imperialismus. Mit der Unabhängigkeit der angelsächsischen/anglokeltischen Kolonien in Nordamerika und Ozeanien von Grossbritannien entstand sowas wie ein “Westen”, dessen Zentren nicht nur auf Europa beschränkt sind und der die Welt führte. Der 1. Weltkrieg brachte ein mehr oder weniger gemeinsames Auftreten dieser Führungsmächte und bewirkte eine Machtverschiebung von Grossbritannien zur USA. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg war Osteuropa von diesem Westen abgetrennt. Beide Weltkriege waren Kriege der europäischen Mächte sowie ihrer Ableger untereinander, nur Japan und das Osmanische Reich waren mit Eigeninteressen erheblich involvierte “Nicht-Weisse”. Auch der Kalte Krieg war ein “weisser” Konflikt. Die Vorherrschaft basiert(e) auf Ausbeutung, zumindest dem Ausschluss, Nicht-Weisser.

Europa und die von ihm errichteten “Aussenposten” (der “Westen”) sehen sich global als Vorbilder für Demokratie und behaupten gerne, dass westliche Werte universelle bzw. universalisierbar sind. Verachtung für und Ausbeutung von Anderen („Farbige“, „Naturvölker“,…) werden vom „fortschrittlichen“ Westen seit jeher mit deren „Rückschrittlichkeit“ gerechtfertigt, als deren „Rettung“ verstanden, so auch Gräuel des Kolonialismus. Westliche Imperialisten begründen ihr Wirken meist “humanistisch” – das war auch bei der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 schon so, die Aufteilung Afrikas diene der Zivilisation, dem freien Handel, den Afrikanern,… Im gegenwärtigen Diskurs müssen Moslems (bzw., was darunter verstanden wird) dorthin kommen, wo der Westen jetzt ist, dies sei die einzige Möglichkeit, ihren “Rückstand” aufzuholen.

Der USA wird trotz Völkermord an den „Indianern“ oder Sklaverei von Afro-Amerikanern ein ununterbrochen demokratischer Charakter zugebilligt, als Paradebeispiel westlicher Demokratie. Ein grosser Teil der Gründerväter der USA – Führer der Unabhängigkeitsbewegung der britischen Siedler gegen das Mutterland und erste Führer der USA – waren Sklavenhalter, und jene, die keine waren, waren das deshalb nicht, weil sie keine Plantagen hatten, in anderen Berufen waren; Thomas Jefferson hielt zB Sklaven auf seiner Tabak-Plantage in Virginia. Der Westen wird gerne als jene Staaten definiert, die Demokratie entwickelten, aufrecht erhielten; bei den europäischen Ablegern geschah das aber lange über Ausschluss des nicht-weissen Teils der Regierten.

Das Konzept des „Westens“ beinhaltete entgegen seiner protzenden Eigendefinitionen immer Vorherrschaft über andere und manchmal wird es auch explizit so definiert (auch rassisch). Indem ein Selbstverständnis als Hort von Fortschritt und Vernunft kultiviert wird, werden Irrationalität, Stagnation und dergleichen an das nicht-weisse „Andere“ veräussert. Der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen haben nicht universalistische Werte der Aufklärung anderswo gefördert, selten irgendwo Demokratie gestärkt, im Gegenteil. In Wirklichkeit hat die Welt für die westliche(n) Entwicklung bzw. Werte bezahlt. Die „weisse“ Fortschritts- und Wachstumsideologie hat auch auf die Natur nicht mehr zu ignorierende Folgen. Der aus Indien stammende und in den USA lehrende Dipesh Chakrabarty fordert eine komplexe Geschichte der Moderne, die ihre eigenen repressiven Fundamente und Ausschliessungsmechanismen mitdenkt, nicht nur ihr emanzipatorisches Potential.

Die europäische Kolonialisierung bedeutete so etwas wie einen ersten Globalisierungsschub (Beginn einer Weltwirtschaft). Die Globalisierung im eigentlichen Sinn wurde nach dem 2. Weltkrieg v.a. durch die WTO vorangetrieben, setzte sich nach dem Ende der kommunistischen Systeme in Osteuropa voll durch und bedeutet in letzter Instanz die wirtschaftliche Vorherrschaft der USA. Ein System für Viele das wenige kontrollieren, eine global unsoziale Wirtschaftspolitik. Der Dritte Welt – Begriff (und – Diskurs) entstand auch nach dem 2. Weltkrieg, mit der Entkolonialisierung. Entwicklungshilfe ist gewissermaßen die Krankheit, deren Therapie sie zu sein vorgibt, in Afrika und anderswo: Europa, der Westen, hilft und fördert gleichzeitig Unterentwicklung und Armut, etwa indem EU-Agrarprodukte auf afrikanische Märkte geworfen werden (wo sie billiger als lokale Produkte sind), umgekehrt gibts keine Öffnung eigener Märkte für afrikanische Produkte. Vom Westen investiertes Geld wird oft für Projekte, die „eigene“ Firmen abwickeln oder die eigener Wirtschaft helfen, verwendet. Westliche Hilfe stabilisiert, willentlich oder nicht, korrupte Regime und bringt sie in Abhängigkeit. Die Herstellung von Abhängigkeit und die Destabilisierung demokratischer Herrscher in postkolonialer Zeit ist nicht immer so deutlich wie im Fall Kongo. Entwicklungshilfe-Kritikerin Dambisa Moyo aus Zambia schrieb dazu das Buch “Dead Aid: Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann”.

Natürlich gibt es eine Eigenverantwortung, Nelson Mandela hat diese 1997 bei einem Staatsbesuch in Zimbabwe so formuliert: “Für Afrika ist es an der Zeit, die volle Verantwortung für all seine Schwierigkeiten zu übernehmen.” Ob China in Afrika ohne Bevormundung investiert, ist noch nicht abschliessend zu beantworten, aber, wie Südafrikas heutiger Präsident Jacob Zuma 2006 zum “Spiegel” sagte, China hat sich kaum jemals in Afrika eingemischt und sobald es dort Geschäfte macht, kommt Europa, das den Kontinent einst unter sich aufteilte, mit “Menschenrechts-Bedenken”. Das Thema 3. Welt/Entwicklungs“hilfe“ ist auch eng verbunden mit der Bewertung kolonialer Vergangenheit und der westlichen/weissen Vorherrschaft (bzw. dem Anspruch darauf) in der Gegenwart. Europa kann tatsächlich nicht alle Flüchtlinge aufnehmen, die kommen wollen, es könnte das Problem an der Wurzel bearbeiten. Den Süden/die 3. Welt ausbeuten/entmündigen, dann Entwicklungshilfe leisten ist genau das Verkehrte. Unter den Flüchtlingen aus dem Senegal sind etwa viele Fischer, deren Lebensgrundlage durch internationale Fangflotten vor den Küsten des Landes entzogen wurde (auch durch den gestiegenen Meeresspiegel infolge der Klimaerwärmung). So gesehen “Wirtschaftsflüchtlinge”.

Von der Betrachtung der antiken Perserkriege mit den Griechen hinauf zu Montesquieu und seinem „orientalischen Despotismus“, Hegels Geschreibe vom „asiatischen Prinzip“, über Marx, Herzl, gibts eine uralte Tradition eurozentrischer Feind- und Angstbilder bzw. Überlegenheitsauffassungen. Edward Said formulierte in seinem 1978 erschienenen Werk “Orientalismus” Kritik am eurozentrischen, westlichen Blick auf den Orient, wozu nicht nur die islamisch geprägten Gesellschaften in West-Asien und Nord-Afrika zählten, sondern etwa auch Indien, als einen Stil des Herrschaftsanspruchs über diese Regionen. Dieses Denken drücke sich in einem Überlegenheitsgefühl gegenüber dem “Orient” aus, der dem „aufgeklärten Westen“ als ewig rückständig (und unveränderlich) gegenüberstehe. Said wies darauf hin, dass die moderne Konfrontation zwischen “Westen” und “Orient” mit der französischen Invasion unter Napoleon in Ägypten begann. Dass Europäer das „Licht der Zivilisation“ überall hin gebracht hätten, ist Ausdruck vom kolonialistischen Rassismus, dessen Geist in den Faschismus Eingang fand.

Die Auffassung von dem europäischen Weg als Ideal/Modell wird von nicht Wenigen in der 2./3. Welt geteilt, ein Teil der Eliten in aussereuropäischen Staaten stützt das noch immer ziemlich weisse globale System. Peinlich ist’s, wenn die vollzogene Annahme von „westlichen Werten“ etwas Unangenehmes über den Westen aussagt. Der Westen, die USA, spielen eine Liberalität vor, die sie nicht haben. Japan begann im 19. Jahrhundert eine totale Verwestlichung, nachdem es im Begriff war, vom Westen unterworfen zu werden. Dies führte zum Versuch der Unterwerfung seiner Region (Ostasien, Teile Ozeaniens), zum Bündnis mit NS-Deutschland und Pearl Harbor.

In Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum hat die Zugehörigkeit zum und das Bekenntnis zum Westen nochmal eine andere Bedeutung. Nach 1938 kam hier der Sprachgebrauch des „demokratischen Westens“ auf bzw. die Vorstellungen von den Westmächten als Gegensatz zu den nicht-demokratischen Staaten Mittel- und Osteuropas. Der Westen quasi als Alternative zum NS und Totalitarismus überhaupt. Eine bequeme Verschiebung, zumal auch Amerikaner auf NS-Errungenschaften wie Gehlens Unterlagen zur Sowjetunion bauten und es vorkam, dass deutsche Kriegsgefangene im bzw. nach dem 2. Weltkrieg mit weissen amerikanischen Soldaten aßen, während die schwarzen draussen sitzen mussten.

NS-Deutsche Kriegsgefangene wurden, etwa in Fort Hunt, auch anders behandelt als gefangene Terrorverdächtige heutzutage; manche, wie von Braun, durften ihre Arbeit dann auch dort fortsetzen. Für Deutschland spielt(e) es auch keine Rolle, dass Schwarze in den US-Südstaaten auch nach der Befreiung Europas von Hitler in den Bussen hinten sitzen und sich ihr Wahlrecht erkämpfen mussten. Dass Churchill und Eisenhower mithalfen, Europa von seinem Faschismus zu befreien, ändert nichts an ihren Verbrechen gegenüber Nicht-Weissen, wie im Fall Iran 1953. Wie auch Stalins Beitrag dazu nicht an seinen. Berlin wurde für die USA „über Nacht“ von Zentrum des Bösen zur Frontstadt der „freien Welt“ (für manche in Deutschland wandelte sich das USA-Bild ebenso schnell), islamistischen Akteuren in Afghanistan ging es, wie auch dem irakischen Baath-Regime, umgekehrt.

George Wallace, der langjährige Gouverneur des USA-Bundesstaats Alabama, der noch in den 1970ern Wahlen mit Rassentrennungspolitik gewann, hat im Zweiten Weltkrieg Kampfeinsätze über Japan geflogen. Hippies, die ihm während seiner Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 1968 (wo er fünf Bundesstaaten gewann, 10 Millionen Stimmen bekam) vorwarfen, ein Nazi zu sein, antwortete er: „Ich habe schon Faschisten getötet, als ihr Punks noch in den Windeln lagt.“ Das ist aber keine Entlastung für Wallace sondern bestätigt den Charakter des amerikanischen Engagements im 2. WK, Faschisten wurden nicht wegen ihrer Rassenpolitik bekämpft sondern aus Machtinteressen. Wallace bekam im Wahlkampf 68 auch nicht nur Unterstützung von offen rassistischen Gruppen (wie der “White Citizens’ Councils”) sondern auch von Neo-Nazi-Gruppen wie der “Liberty Lobby”.

Der Bau und die Kontrolle der intermarinen Kanäle, der Welthandel sowieso, auch die Erschliessung des antiken Erbes diverser Kulturen und Regionen, geschah hauptsächlich durch „Weisse“, v.a. im 19. Jahrhundert. Die Umstände des Baus und Betriebs der Kanäle zwischen Atlantik und Pazifik (durch Panama) und zwischen Mittelmeer und Rotem Meer (durch Ägypten) zeigen mehr als 100 Jahre skrupelloser westlicher Bevormundung auf. Im Fall Ägyptens gipfelten sie im Krieg und der Besetzung durch eine Allianz aus Grossbritannien, Frankreich und Israel 1956. Vor jenem in Panama wurde in Nicaragua ein Kanal geplant, in den 1820ern zunächst von der Zentralamerikanischen Konföderation, zu der Nicaragua damals gehörte. Das Land ersuchte in USA und Europa um Hilfe, bekam sie aber nicht. Stattdessen einigten sich die Amerikaner 1850 mit Grossbritannien im Clayton-Bulwer-Vertrag, in dem sie sich gemeinsam das Recht auf den Bau eines interozeanischen Kanals durch Nicaragua einräumten – ohne Nicaragua irgendwie miteinzubeziehen… Acht Jahre später beauftragten die Nicaraguaner den Franzosen Félix Belly mit dem Kanalbau. Die US-Regierung schickte daraufhin Kanonenboote an die beiden Küsten Nicaraguas und erzwang einen Vertrag zu ihren Gunsten.

Doch die favorisierte Investorengruppe bevorzugte den Kanalbau durch Panama. Die USA erzwangen 1903 die Abtrennung Panamas von Kolumbien (wo ein erster französischer Bauversuch gescheitert war), um gleich alle “Widerstände” aus dem Weg zu räumen. Nachdem der nicaraguanische Präsident José Santos Zelaya Verhandlungen mit der deutschen und japanischen Regierung über den Bau des interozeanischen Kanals unter nicaraguanischer Souveränität aufgenommen hatte (der eine Konkurrenz zu dem amerikanischen durch Panama gewesen wäre), zwangen die USA 1909 Zelaya durch einen Militäraufstand, hinter dem US-Marines standen, zum Rücktritt. Den Panama-Kanal kontrollierten die USA fast ein Jahrhundert (ein Verdienst von Carter, die Rückgabe eingefädelt zu haben). Solche Bevormundungen werden heute gerne mit der Gefahr des Islamismus begründet, zu Zeiten des Kalten Kriegs mit der des Kommunismus (die rooi gevaar, von der das südafrikanische Apartheid-Regime sprach, war auch eine Art Code für die swart gevaar, die man damit meist meinte). Siehe dazu auch jene Kommentare, wonach mit Obamas Wahl das Abendland untergegangen ist.

Obamas Sieg bei der US-amerikanischen Präsidentenwahl 08 wird manchmal als Anzeichen einer welthistorischen Veränderung gesehen. Eine rassistische Komponente ist in vielen Kritiken an ihm zumindest unterschwellig dabei. Nicht nur bei den Behauptungen, er sei verkappter Moslem oder in Indonesien geboren. Obama selbst übte Appeasement gegenüber den Vertretern des Anspruchs der Führungsrolle des Westens in der Weltpolitik; während seines Staatsbesuchs in Grossbritannien untermauerte er (in einer Rede vor beiden Parlaments-Kammern) vordergründig diesen Anspruch während er das Aufstreben von China oder Indien damit zu versöhnen versuchte. Im Präsidentschafts-Wahlkampf 12 hatte sein Konkurrent Romney bei einem Besuch in London geklagt, dass die jetzigen Bewohner des Weissen Hauses das “angelsächsische Erbe”, welches USA und GB verbände, nicht genug würdigen würden.

Im eurozentrischen Selbstbild beginnt spätestens mit der Aufklärung eine Erfolgsgeschichte – die dort meist auch eine der Entwicklung hin zu einer Überlegenheit gegenüber anderen ist. Dabei begann in diesem Zeitalter erst die Unterwerfung Afrikas so richtig, die Vollendung der Europäisierung der Welt, die Rassentheorien, der Nationalismus,… Der trinidad-tobagische Marxist C. L. R. James wies in seinem Buch “The Black Jacobins” (1938) darauf hin, dass der Sklavenaufstand unter Toussaint L‘Ouverture auf Santo Domingo/Haiti nicht als Resultat der Aufklärung eingeordnet werde (von der Louverture beeinflusst war), obwohl (oder: weil) hier Auswirkungen der Französischen Revolution die Abschaffung der Sklaverei von Nicht-Europäern berührten. Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärung, war auch einer jener, für die mit der Unterscheidung von Rassen eine Über- bzw. Unterordnung verbunden war, an der Spitze der Vernunftbegabten standen die weißen Europäer. „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen… Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“

Samuel Huntington hat Südamerika und Osteuropa klar von seiner Definition des “westlichen Kulturkreises” ausgeschlossen, auch bei den katholischen Ländern Europas tat er sich schon schwer. Bei ihm gabs auch isolationistische Ansätze; Israel, Japan, Russland sollten “fallengelassen” werden da „fremde Kulturen“. Das “westliche Modell”, sagte er klar, sei nicht für alle geeignet. Er sah auch eine kommende sino-islamische Weltverschwörung. Während andere versuch(t)en, etwa den Zorn der kubanischen Auswanderer in Florida gegen die Castro-Regierung zu instrumentalisieren, aus ihrer Präsenz einen Charakter der USA als toleranter Hafen für Verfolgte abzuleiten, oder sie den in der Regel ärmeren und farbigeren mexikanischen Einwanderern im Südwesten der USA positiv gegenüberzustellen, sah er in ihnen schlicht eine schlecht integrierte Minderheit, eine Gefährdung für die angelsächsische USA. Lateinamerika war mit der europäischen Moderne durch die Entdeckungen und Eroberungen von Anfang an engstens verknüpft.

Fehl-Entwicklungen und der “Abstand” zum Westen dort sind aus eurozentrischer Perspektive meist auf eine den südlichen Gefilden bzw. den Nicht-Weissen (manchmal auch den Romanen…) innewohnende Rückständigkeit zurückzuführen und nicht auf eigene „Interventionen“. Jean Ziegler brachte „Der Hass auf den Westen“ heraus, u.a. über das Indio-Revival in Lateinamerika. Er gehört zu den “selbstkritischen” (bzw. wahrhaftig universalistischen) Stimmen im Westen, die aussereuropäische Stimmen als gleichberechtigt im Diskurs ansehen und nicht zu unpolitisch-abstrakt sind.

Der Brite Rudyard Kipling, Literaturnobelpreisträger 1907, schrieb um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt des westlichen Imperialismus’, das Gedicht „The White Man’s Burden“ (Des weissen Mannes Bürde). Anlass war der Spanisch-Amerikanische Krieg, der dazu führte, dass die USA die Herrschaft (u.a.) über Kuba, die Philippinen und Puerto Rico übernahmen, nachdem sie die Unterdrückung der dortigen Einheimischen unter den Spaniern angeprangert und zum Vorwand genommen hatten sowie sich die Unabhängigkeitsbewegungen zunutze gemacht hatten. Kipling feierte in dem Gedicht den amerikanischen Sieg, beschrieb die Philippinos als halb Wilde, halb Kinder. Ob er wenigstens die Spanier als ebenbürtige “Weisse” akzeptierte, ist fraglich (andere haben da schon mit Russen ihre Probleme).

Auch deutet er Kolonialisierung als humanitären Akt um, forderte eine weitere Expansion der USA (wiederum als “Befreiung”), “Licht” in den “dunklen Orient”, schrieb von “Undankbarkeit der Befreiten”, einer Mission der “Weissen”. Aktuelle Imperialismus-Rechtfertigungen sind nicht so weit von Kipling entfernt… Pankaj Mishra tritt der bis heute währenden Apologetik des Gedichts entgegen, bezeichnete es als “weinerische Rechtfertigung von von Überheblichkeit geprägter Ungerechtigkeit”. Henry Labouchère, ein (weisser) Brite hugenottischer Herkunft ist unter jenen, die Kiplings “Gedicht” aufs Korn nahmen (“The Brown Man’s Burden”).

Der britische Historiker Andrew Roberts verteidigt alle Grausamkeiten britischer Herrschaft irgendwo: das Massaker von Amritsar in Indien, die Konzentrationslager für Buren im Südafrikanischen Krieg, Masseninternierungen in Irland. Er steht der Konservativen Partei, anscheinend aber auch der National Front, nahe. Er machte von Anfang an bei Aznars “Freunde Israels”-Initiative mit und ist gerngesehener Gast im “Springbok Club”, einer Apartheid-nostalgischen Vereinigung von weissen Auswanderern aus dem südlichen Afrika. Die Apartheid in der Republik Südafrika verteidigt er dann doch nicht, dabei ging es auch nicht nur um weisse Vorherrschaft, sondern auch um jene der Buren/Afrikaaner gegenüber den englischsprachigen Weissen. Er sagte, dass der Irak-Krieg 2003 von den Englisch-sprachigen als ein “existenzieller Krieg um das Überleben ihrer Lebensart” gekämpft werde (schob dabei auch Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen vor) und dass “dieser Kampf gegen den Islamofaschismus” der 4. Weltkrieg sei (der Kalte Krieg als der 3.), in dem sich die “Englischsprachigen an vorderster Front zur Verteidigung der Zivilisation” befänden.

Bush, hofft Roberts, werde eines Tages “gerechter” beurteilt werden. Einen solchen „4. Weltkrieg“ (dessen Beginn in der Zeit der Welt-„Alleinherrschaft“ der USA nach Ende des Kalten Kriegs anzusetzen wäre) sieht auch N. Podhoretz, einer der radikalsten Neokonservativen, bzw., er sehnt ihn herbei. US-Politologe Benjamin Barber sah Anfang der 1990er auch einen Konflikt USA-Islam kommen, der bei ihm Teil eines grösseren zwischen Westen und 2./3. Welt ist; bei ihm ist aber eine gewisse Seriosität zu erkennen und nicht nur politische Polemik, durchdrungen von der Befangenheit des Autors. „Islam“ ist oftmals Platzhalter/Sündenbock für eigentlich gemeinte andere „Ärgernisse“, ob andere Zuwanderer oder aufstrebende Mittelmächte des Südens; “Islamkritik” dient gerne der Stigmatisierung des “gefährlichen Orientalen”. Rückständigkeit, oft in Form von “Judenhass”, wird Leuten aus moslemischen Kulturkreisen als “systemimmanent” unterstellt.

Was USA vorgibt zu wollen, die globale Verbreitung von liberaler Demokratie und industrieller Marktwirtschaft (Fukuyama nannte das Gelingen dessen das „Ende der Geschichte“) würde ihr (und dem Westen allgemein) die Führungsrolle sowie die Möglichkeit zur Ausbeutung rauben, welche sich durch Unordnung und Unruhe anderswo, Ungleichheit, ergibt. Und, die Politik der USA hat oft genug klar gemacht, dass sie an einer wirklichen Ausbreitung von Demokratie und Wohlstand nicht interessiert ist, dabei zu verlieren hätte. Die USA liessen Initiativen scheitern, die dem Geist des Freihandels entsprachen, aber ihrer Ausbeutungspraxis zuwiderliefen, wie jene von Honduras unter Zelaya, als es Rechte für Ölbohrungen ausschrieb um das Oligipol internationaler Ölriesen wie “Chevron” und “Shell” zu brechen.

Mobutu, Hussein, Pinochet, Franco, die al Sauds (die noch immer) sind nur einige jener Herrscher die von den USA im Kalten Krieg gegen “ihre” Völker gestützt und z.T. an die Macht gebracht wurden. Oder Ferdinand Marcos. “We stand with the Philippines,” sagte der ältere Bush, damals Vizepräsident, bei einem Staatsbesuch dort 1981. “We love your adherence to democratic principles and democratic processes. We will not leave you in isolation.” 1986 schickte die Reagan-Regierung dem gestürzten Diktator einen Hubschrauber um ihn vom belagerten Präsidentenpalast nach Hawaii auszufliegen, wo er 1989 starb. Oder: Obwohl die USA die damals herrschende Militärdiktatur Argentiniens unterstützte, im Malvinas-/Falklands-Krieg 1982 schlug sie sich auf die Seite Grossbritanniens, sobald es ernst wurde – was viel über den eigentlichen Geist der Monroe-Doktrin aussagt, gegen die die britische Intervention ja verstiess…

Nach dem Ende des Kalten Kriegs kam die Welt-Vorherrschaft der USA erst zu einem Höhepunkt; unter Bush jun. verstärkte sie nach dem 11. 9. 01 im Kampf gegen islamistischen Terrorismus Unilateralismus, Interventionismus, Allmachtstreben, Neo-Imperialismus. Nun mehren sich Anzeichen für eine Überdehnung (overstretch), die einen Abstieg einleitet, einen Verlust der (alleinigen) Weltmachtstellung, die Entstehung eines neuen Machtsystems, ein endgültiges Ende der Nachkriegsordnung. Die „Zeit“ brachte nach dem 2. Obama-Wahlsieg eine Titelgeschichte über das „Ende der Vorherrschaft des weissen Mannes“, in den USA und global. Etwa Mitte der 00er-Jahre wurde spürbar dass sich die USA als noch einzige Weltmacht künftig auf eine neue Rolle einstellen müssen. Emmanuel Todd brachte 2002 “Weltmacht USA. Ein Nachruf” heraus. Die USA, so Todd, schöpft den Reichtum anderer Länder ohne Gegenleistungen ab. Andere als gleich anzusehen würde deren Ausbeutung ausschliessen; die USA kennen verschiedene Formen der Machtausübung über andere. Die nicht-weissen Regionen Lateinamerika, Asien, Afrika werden von ihnen am schlechtesten behandelt. Länder wie Deutschland und Japan müssen für Unterkunft und Verpflegung der amerikanischen Truppen in ihren Ländern aufkommen. Auch in den USA sind nicht alle Bürger gleich. Wenn die USA einen Universalismus vertritt, so Todt, dann einen angelsächsischen Universalismus, in den z. Zt. Juden eingeschlossen sind. Der vorgebliche Universalismus war nur eine Propaganda gegen die Sowjetunion z. Zt. des Kalten Kriegs.

Ein Merkmal der Weltreiche, schrieb Todd, ist es dass Eroberer und Eroberte im selben Reich leben. Rom gewährte immer mehr Unterworfenen die Bürgerrechte, irgendwann gingen unter ihnen auch Kaiser hervor. Entgegen Todds Ausführungen begann die Expansion der USA aber spätestens mit dem Krieg gegen Mexiko Mitte des 19. Jahrhunderts. Huntington habe wie der „Gegenpol“ Khomeini an den Kampf der Kulturen geglaubt. Das Thema Umwelt streift er nur kurz, dafür bringt er ausführliche anthropologische und soziologische Erklärungen, z.B. über den Einfluss von Familienstrukturen oder Alphabetisierung auf politische Prozesse. Der gegenwärtige Islamismus sei Teil eines Prozesses, vor einer Stabilisierung, eine Übergangskrise. Im Buch das er mit Youssef Courbage verfasste, “Die unaufhaltsame Revolution”, gehts um den (kommenden) demografischen Niedergang in der islamischen Welt und die Alphabetisierung von Frauen dort, als Symptom wie Ursache eines breiten Wandels (er zeigt einen Zusammenhang zwischen Bildung, Rückgang von Geburtenzahlen und politischer Modernisierung auf). Die Aufstände im Iran und arabischen Ländern ab 2009 waren möglicherweise ein Anzeichen bzw. ein Beginn einer solchen Entwicklung.

Niall Ferguson ist nicht gerade ein linksliberaler Historiker, und auch kein unpolitischer. Der Hirsi-Ali-Partner, eigentlich ein Wirtschaftshistoriker (ausgebildet in Oxford, z. Zt. in Harvard), unterstützte Bush und den Irak-Krieg (der den Menschen dort Gutes brächte), verteidigt den britischen Imperialismus bzw. versucht ihn zu rehabilitieren, ist gegen europäische Selbstkritik in Bezug auf Kolonialismus, glaubt an eine „Islamisierung Europas“, ist gleichzeitig gegen Säkularismus, behauptet dass der Westen mehr „importiert“ als “exportiert”, schwingt gerade die Werbekeule für einen („Präventiv“-)krieg gegen Iran (u.a. in „Die Welt“), hat das „Eurabia“-Konzept begeistert angenommen. Betet also die Mantras des Neo-Konservativismus nach (oder vor?), mit all ihren Widersprüchen – dazu gehört zum Beispiel die frühere westliche Unterstützung für das Baath-Regime im Irak oder die Mujahedin in Afghanistan; auch, dass die Bush-Kriege dort mit zum Niedergang der USA geführt haben.

Der Schotte (er dürfte eher kein Unabhängigkeits-Befürworter sein) befürwortet ein neues amerikanisches Imperium, in „Colossus. The Rise and Fall of the American Empire” (dt. 2004: Das verleugnete Imperium. Chancen und Risiken amerikanischer Macht) tritt er für die Notwendigkeit eines “globalen Hegemons“ ein. Dennoch (oder anders herum: aufgrund dieses Befunds kommt er vielleicht zu seinem Bekenntnis), für Foreign Affairs 2/2010 schrieb er einen Artikel über den Niedergang der USA: “…From ancient Rome to the Soviet Union, history suggests that great powers fall swiftly and without warning…fiscal deficits and military overstretch are evidence that the United States could be the next empire to fall.”

Steht also ein Niedergang der weissen, westlichen Welt-Hegemonie bevor, bzw. ein spürbarer Machtverlust? Von 7 Milliarden Menschen sind nur 1 Milliarde “Weisse”. Was ist die Alternative zu amerikanischer/weisser Weltherrschaft? Rassisch gemischte Schwellen-Staaten wie Brasilien und Südafrika, die endlich eine gewisse Stabilität gefunden haben, könnten Gewicht bekommen. Der Aufstieg Chinas und Indiens ist auch nicht mehr zu übersehen. Auch Russlands Einfluss dürfte wieder deutlich zunehmen, wobei das Land auch vom Klimawandel profitieren könnte. Eine Studie von zwei einflussreichen US-Thinktanks riet kürzlich den USA und seinen Alliierten, gezielt um vier Staaten zu werben, um die eigene weltweite Vormachtachtstellung in Politik, Militär und Wirtschaft zu halten: Diese „globalen Swing-States“ sind Brasilien, Indien, Indonesien und die Türkei. Der Neocon R. Kagan (McCain-Anhänger,…) hat in einem Buch über über seine Sicht der Weltlage Russland, China, Indien als (kommende) Feinde/Konkurrenten des Westens ausgemacht und erst an 4. Stelle den Islam(ismus) mit dem Iran an der Spitze.

Das 1944 von den Alliierten des 2. Weltkriegs beschlossene Währungsordnungs-System von Bretton Woods und die darauf basierenden Institutionen IWF und Weltbank sind Werkzeuge der westlichen Vorherrschaft über Lateinamerika, Afrika, Asien. Die Weltwirtschaftskrise ab 2007, die die globale Finanzkrise und die Schuldenkrise der USA und von Teilen Europas (Eurokrise) umfasst, bedroht ebenfalls die bestehende, westlich dominierte Weltordnung, bringt auch ein Ideal ins Wanken. Die „linke“ Erklärung der Krisen sieht die Banken mit ihrem Streben nach Gewinnmaximierung als Schuldige, die noch dazu ungestraft davonkämen. In der „rechten“ Erklärung sind die Regierungen verantwortlich, die zu sehr in die Märkte eingriffen, Rettungspakete und Sozialprogramme schnürten, die das Haushaltsdefizit weiter ausufern liessen.

Die Krise brachte schon eine wirtschaftliche Machtverschiebung zugunsten von Schwellenländern wie China. Von der chinesischen Regierung kam 2011 ein Hilfsangebot an die USA und Europa bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise… Bis 2020, schätzt das Centre for Economics and Business Research in London, werden Indien und Russland gemeinsam mit China und Brasilien in den Rang der sieben grössten Wirtschaftsnationen, den G-7, aufrücken. Niall Ferguson: „Für den größten Teil der 500 Jahre waren es die westlichen Staaten auf beiden Seiten des Atlantiks, die sagen konnten, dass sie das beste Wirtschaftssystem hatten, dass sie das beste politische System entwickelt hätten und so weiter.“ Diese Ansprüche klängen jedoch zunehmend hohler.

Peter Scholl-Latour schrieb „Die Angst des weissen Mannes“, gestaltete auch eine TV-Doku zum Thema. “Die Vorrangstellung des Westens ist zu Ende”, befindet er. In dem Buch stellt er auch die nicht unwesentliche Frage “Wer ist überhaupt ein Weisser?”. Der deutsch-französische Journalist und Autor mit jüdischem Einschlag kämpfte einst mit dem französischen Heer in Indochina. Er ist in mehrerer Hinsicht reaktionär, ist auch für die Aufrüstung Deutschlands mit Atomwaffen. Zum Arabischen Frühling sagt er einmal, es habe nie einen gegeben, Islamisten würden sich durchsetzen, die alten Regime wären besser gewesen. Er hat Recht wenn er sagt, “Es ist absurd dass der Westen Saudi-Arabien als Verbündeten betrachtet, mit Waffen unterstützt und zur Vormacht des Orients aufbaut, wo es das reaktionärste und intoleranteste Land der ganzen Region ist, dessen Regime nur mit dem der Taliban verglichen werden kann.“

Die indische Ethnologin Shalini Randeria versucht, die Welt konsequent aus einer nicht-europäischen Warte zu sehen. “Europa ist kein Hort des weltweit zu lernenden Guten. Wenn westliche Wissenschaft Begriffe wie Zivilgesellschaft, Gerechtigkeit oder Staat als universell gültig ansieht, verfehlt sie das Spezifische anderer Gesellschaften. Das Aufoktroyieren europäischer Werte, Normen und Ideen basiert auf einer langen imperialen und kolonialen Geschichte. Heute wird mancherorts sehr selektiv im großen Stil interveniert – aus humanitären oder militärischen Gründen und je nach geostrategischen Interessen.

Die Weltbank oder der IWF gestalten zum Beispiel Rechtssysteme und finanzielle Institutionen in Entwicklungsländern um. Kreditnehmerstaaten sind zwar freiwillige Mitglieder dieser Institutionen, haben aber kaum Einfluss auf die Politik des IWF, der WTO oder der Weltbank. Verkürzt könnte man die eurozentristische Sicht so formulieren: Wie im Westen so auf Erden. Paradox daran ist, dass man einerseits glaubt, dass der Westen universalisierbar sei, andererseits wird aber darauf beharrt, dass er auch einzigartig in seiner historischen Entwicklung ist. Meine Eltern haben beide nie einen Tempel betreten und sind überzeugte Atheisten.” Zusammen mit Andreas Eckert brachte sie “Vom Imperialismus zum Empire: Nicht-westliche Perspektiven auf Globalisierung” heraus.

Der Inder Pankaj Mishra fordert westliches Narrativ und Hegemonie verbal heraus. Früher schrieb er Prosa, heute Reiseliteratur und historische Werke, allerdings oft verwoben mit philosophischen Fragen. Das erzählende Schreiben, ob literarisch oder historisch, lehrte er auch als Gastprofessor in den USA und Grossbritannien. Für “Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens” erhielt er auf der Leipziger Buchmesse kürzlich den Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2014. Weil er den Hindu-Nationalismus in Indien kritisiert, wird ihm von dieser Seite auch vorgeworfen, für ein weisses Publikum im Westen zu schreiben und “Islam-Verharmlosung” zu betreiben. Dabei übt der Hindu auch oft Islamkritik, grenzt die islamische Welt aber nicht aus. Der eigentliche Star der Leipziger Buchmesse, Yahya Hassan, ein palästinensisches Einwandererkind in Dänemark, attackiert sein Milieu, dies ist für manche leichter zu verdauen (so hat auch ein Palästinenser die Chance, ein “talentierter, junger Mann” zu sein, in den Augen des „Jyllands Posten“ und seiner Leser), ist bekömmlicher als Mishra, der den westlichen Imperialismus kritisiert und manche Dinge beim Namen nennt.

In seinem aktuellen Buch beginnt er mit der britischen Machtübernahme in China und Indien im 19. Jahrhundert. Er schildert auch, wie Asien die “Geheimnisse der westlichen Macht” wie neue Technologien, überlegene Informationsbeschaffung, Handelsvorzüge, moderne Ideen, aufnahm und gegen die westliche Welt wendet. Der Westen stecke mittlerweile tief in der Krise, und er tue gut daran, auf den Osten zu schauen, wo sich neue Perspektiven eröffnen könnten, meint er. Mishra kritisiert aber auch den auch in Asien längst vorherrschenden Nationalismus. “Menschen wie Rabindranath Tagore etwa pflegten Freundschaften mit Menschen in Kairo und Tokio und Shanghai, doch diese Zeit des Weltbürgertums wird heute durch die nationalistischen Historien unterdrückt”. Nachdem er eine Kritik von Niall Ferguson’s Buch “Civilisation: The West and the Rest” geschrieben hatte, drohte dieser, ihn zu verklagen.

Weitere Literaturhinweise zur Thematik: Johann Schelkshorn und Jameleddine Ben Abdeljelil brachten 2012 “Die Moderne im interkulturellen Diskurs. Perspektiven aus dem arabischen, lateinamerikanischen und europäischen Denken” heraus. Von Domenico Losurdo kam “Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismusund seine Mythen” heraus. Der westliche Sieg im Kalten Krieg, so der Wissenschaftler der Universität Urbino, brachte eine Revision in der Geschichtsbetrachtung (verstärkt durch 11/9/01), so etwa bei Hillgruber, die Erfindung eines “liberalen Westens” (Vereinnahmung von 1789) und eine Verdrängung der Verantwortung für Kolonialismus, Weltkriege, Faschismus. Und: Noam Chomsky und David Barsamian: Imperial Ambitions. Conversations on the Post-9/11 World (2005)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen zur Islamophobie

Vorbemerkungen

Für viele im Westen ist “der Islam” nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks und spätestens mit den Anschlägen von 2001 in USA zum Feindbild geworden. Cem Özdemir sprach in dem Zusammenhang von einem “Feindbildwechsel von Marx zu Mohammed”. Am unmittelbarsten war der Übergang in ein neues Zeitalter in Afghanistan, wo die kommunistische Regierung mit dem Kollaps der Sowjetunion ihre Unterstützung verlor und bald darauf gegen die vom Westen unterstützen islamistischen Mujahedin verlor. Der Begriff “Islamophobie” legt nahe, dass es dabei tatsächlich nur um die Abneigung/Ablehnung gegenüber einer Religion bzw. ihrer Politisierung ginge – und nicht um Vorurteile und Hetze gegen Menschen aus und in der “islamischen Welt” (die sich ungefähr von Marokko bis Pakistan erstreckt), die keineswegs nur an deren Religion festgemacht wird und die weit vor die Entstehung des modernen Islamismus zurückgehen. So wie echter Antisemitismus nicht wirklich auf das Judentum als Religion abzielt.

Es gibt jene (Islamophoben), die den Unterschied zwischen Rassismus gegenüber Leuten mit „muslimischem Hintergrund“ und notwendiger Kritik des Islamismus absichtlich verwischen und jene, für die dieser Unterschied nicht existiert. Die Reaktionen auf Islamophobie leisten dieser Irreführung aber oft Vorschub. Ideal ist der Ausdruck “Islamophobie” nicht (das ist auch “Antisemitismus” nicht), da er insinuiert, es ginge um diese Religion, ihre Auswüchse und Kritik daran. Der Alternativ-Ausdruck “Anti-Islamismus” deutet noch stärker auf Gegenwehr zum Islamismus hin. “Islamkritik” ist eher der angemessene Ausdruck für sachliche Auseinandersetzung mit kritikwürdigen Punkten in bzw. aus islamisch geprägten Ideologien und Gesellschaften, eine Form von Religionskritik also, gegen die nichts einzuwenden ist. Islamophobie ist eine Form von Rassismus (bzw Menschenfeindlichkeit), die aber so tut, als gehe es ihr darum, den “Islam” kritisieren zu dürfen. Es geht dabei um bestimmte ethnische Gruppen, ihre (vermeintlichen) rassischen oder kulturellen Spezifika (die als bedrohlich, fremd und minderwertig dargestellt werden), die Definition dieser durch ihr (oft vorgebliches) Islamisch-Sein, um Hetze und Heuchelei gegen sie. Einen islamistischen globalen Herrschaftsanspruch auszumachen, ist keine Verschwörungstheorie, diesen den Moslems zu unterstellen, schon. Ein Missbrauch des Islamophobie-Begriffs ist es, wenn in Paris hunderte religiöse/konservative Moslems, darunter verschleierte Frauen, bei einer Demonstration diesen Vorwurf erheben, nachdem eine Voll-Verschleierte kontrolliert worden war, oder Kritik am Islamismus als “Islamophobie” diskreditiert wird.

Die islamistischen Anschläge in den USA 2001 haben eine neue Weltära eingeleitet, die gerne als Kampf der “westlichen” mit der “islamischen” Welt verstanden/dargestellt wird. Für manch einen bot diese Entwicklung Entlastung und Gewinn. Was erst allmählich deutlich wird, ist, dass die Krise der islamischen Welt der Vorbote für den Übergang zu ihrer dringend notwendigen Reform war/ist. Das jahrhundertealte westliche Bild von Moslems bzw. Orientalen als kriegerischen, verschlagenen, unaufgeklärten Menschen wurde jedenfalls neu belebt und gestärkt. Bücher, TV-Diskussionen, Zeitschriftenartikel und Konferenzen über Gefahren durch den Islam schossen wie Pilze aus dem Boden. Mit den Zuspitzungen und Provokationen Pim Fortuyns in den Niederlanden, zuerst in Buchform, dann in der Politik (nach heftigen Attacken des Imams von Rotterdam gegen Homosexuelle), begann im Westen die intensive Politisierung des Islam-Themas. Die antiislamischen Wellen kamen nicht aus dem Nichts, sachliche Analyse und Kritik fanden aber selten statt. Vorgebliche Verteidiger einer aufgeklärten und freien Gesellschaft tauchten allerorts im Westen auf, ihre Anklagen gegen „den Islam“ waren/sind oft Plädoyers für Xenophobie und Sicherheitswahn. Die Thematik überschneidet sich mit jener der Immigration/Integration oder auch der von Nord und Süd. Bush’s Irak-Krieg 03 löste gerade bei vielen (Ex-, Pseudo-) Liberalen/Linken Begeisterung aus, etwa beim Ex-68er Hans Magnus Enzensberger, obwohl die Baath-Herrschaft (wenngleich natürlich auch totalitär) zum Islamismus geradezu eine Antithese war (nicht nur weil am Beginn ihrer Entwicklung ein christlicher Syrer stand). Das Bush-Regime hat in seiner Kriegsrechtfertigung nicht nur die “Atombomben” Husseins angeführt, sondern auch eine “Verbindung” von ihm zu al Qaida konstruiert. Die Begeisterung für den Krieg zeigte grundsätzliche Widersprüche bzw. Heucheleien in dieser Welle auf, in IT-Foren wurde er einerseits als “mutige, beherzte Befreiungsmission für die Iraker” gefeiert, andererseits als das „Niederbomben der Muselbirnen“. Der (erste) Höhepunkt der Islamübergangskrise und der Reaktion darauf war ungefähr Mitte der 00er-Jahre erreicht.

Koordinatenverschiebungen und Feindbildparadoxa infolge von 11/9: Linke und Liberale die die Rettung des christlichen Abendlands beschwören, Rechte und Konservative die plötzlich Frauen, Juden, Homosexuelle beschützen wollen. Eine Fortschrittlichkeit, Sorge um Frauenrechte, geben fast alle vor, Rückständigkeit ist ja Merkmal der Anderen. Als Islamisten in Tunis im Laufe der Umwälzungen dort ein Rotlichtviertel anzündeten bzw. das versuchten, haben sich viele in Empörung geübt, war das eine Möglichkeit, den Arabischen Frühling zu diffamieren. Andere antiislamische Kulturkämpfer wussten nicht so genau, wie damit umzugehen sei, wo hier schützenswerte Freiheit und wo verurteilenswerter Verfall zu orten ist. Betrachtungen bzw. Beurteilungen der “islamischen Welt” spiegeln eben immer innere Auseinandersetzungen der “westlichen Welt” wieder. Der westliche Liberalismus, die Postmoderne, inkl. Feminismus, Toleranz für Homosexualität, ist entweder den Wilden zu verordnen oder aber ist böse und steckt mit den Wilden unter einer Decke (Jonah Goldberg in der National Review: „The White Male is the Jew of Liberal Fascism”). Rechte Islamophobe unterstellen meist den Linken Komplizenschaft mit Moslems/Islamisten (z.B. “Antisemitismus ist links und islamisch”, jedenfalls eine Möglichkeit zu ver/urteilen), linke Islamophobe unterstellen in der Regel Moslems/Islamisten Komplizenschaft mit Rechten; Querfront-Behauptungen gehören hier einfach dazu. Manche Islamophobe versuchen aber auch den Brückenschlag ins jeweils andere Lager, die pseudo-linken “Anti”deutschen etwa gern zu den Neokonservativen.

Gewisse Topoi sind längst Mainstream geworden. Das zeigt sich etwa, wenn Molterer von der ÖVP im österreichischen Nationalrats-Wahlkampf 08 nochmal den Fall in der BRD hervorkramt, als eine Richterin in einem Verfahren den “kulturellen Hintergrund” eines Angeklagten berücksichtigte, und sich als Vorkämpfer für Geschlechter-Gleichberechtigung präsentiert. In manchen Medien hat sich bezüglich “Islam” eine Mischung aus Gruseligem und Lächerlichem etabliert, siehe Überschriften wie “Australien: Schwerverbrecher konvertieren zum Islam”. Oder die Sache mit den Gipfelkreuzen: Ursprünglich hatte das von Jörg Haider gegründete BZÖ im Nationalrats-Wahlkampf 06 in ihrer Anti-Ausländer-Kampagne, beim Versuch, die FPÖ dabei zu überholen, die Behauptung eines Briefs des irakisch-stämmigen SPÖ-Politikers al Rawi an den Alpenverein, in dem sich dieser über Gipfelkreuze als “christliche Herrschaftssymbole” beschwert haben soll, aufgebracht. Das Ganze ging aber auf einen leicht als Satire zu erkennenden “Antwort”-Brief des Alpenvereins an Rawi zurück, der absichtlich in Umlauf gebracht wurde und auf den Westenthaler vom BZÖ hereingefallen war. Dennoch haben in der Folge auch Weimer vom Springer-Verlag und Udo Ulfkotte die Geschichte mit der angeblichen moslemischen Beschwerde über Gipfelkreuze vorgebracht, zur Stützung ihrer Islamisierungs-Behauptungen. Zuletzt ging die Geschichte dann in manchen Medien so, dass in Bayern ein Werbekatalog für Touristen aus dem arabischen Raum veröffentlicht worden sei – “aus Rücksicht” ohne Gipfelkreuz auf der Zugspitze. Oder: wenn Muslime sich anders verhalten als unterstellt, betrieben sie “Taqqiya”, würden sich also verstellen um ihre wahren, finsteren Absichten zu verschleiern. Den Audruck bzw. diese Deutung haben “Islamexperten” bekannt gemacht, die in Wirklichkeit mehr Brandstifter als Brandexperten sind. Taqqiya ist eigentlich etwas schiitisches, eine Verstellung, um Anfeindungen, z.B. sunnitischen, zu entgehen, oder das stille ertragen einer feindlichen weltlichen Herrschaft wie jener der Baath im Irak.

Islamophobie ist in der Regel nicht nur rassistisch und unsachlich, sondern – offen oder versteckt – auch mit anderen Zielen verbunden. Den Islamisten an die Eier gehen ohne Neo-Konservatismus, ohne Israel-Apologetik oder -Hysterie, das machen nur wenige (Hitchens evtl.). Bei David Horowitz etwa sind Afro-Amerikaner neben Linken und Moslems die Zielscheibe, der Westen und seine Werte werden bei ihm auch vor den Chinesen wie auch vor dem Dalai Lama gerettet. Abrechnungen mit der Linken bzw. dem Antiimperialismus im besonderen sind im Zuge von “Islamdebatten” gang und gäbe. Den Westen kämpferisch „in Stellung bringen“ geht gerne einher mit Schelte an ihm ob seiner „Verdorbenheit“… Für eine Seite ist dabei (etwa) Religiosität im Westen Anzeichen für Verdorbenheit, für die andere Areligiosität. Mit dem Aufpeitschen der gesellschaftlichen Diskurse waren auch die völkerrechtsbrechenden Sauereien seit 9/11 verbunden. Jene Islamkritik, die nicht rassistisch und unsachlich ist, die wirklich universalistisch und emanzipativ ist, die gegen Ideologien und nicht gegen Menschen (aus bestimmten Gegenden und Kulturen) ist, und den Islam auch nicht als “Platzhalter” verwendet, diese ist Teil der Lösung und nicht des Problems.

Stimmungsmache gegen bestehende oder geplante Moscheen oder Koran-Verbrennungen wie die von Evangelikalen in Florida sind m.E.n. weniger das Problem, da es dabei wirklich um die Religion an sich geht. Ein rassistisch motivierter Messerangriff auf einen Taxifahrer aus Bangla Desh in New York ist schon schlimmer, oder Attacken gegen Sikh, die schnell einmal für “Moslems” gehalten werden. Ralph Giordanos Engagement gegen die Moschee in Köln ist weniger schlimm als dass er Moslems abspricht, Teil der deutschen/der westlichen Gesellschaft(en) zu sein. Heuchlerische Kriegshetze oder rassistische Psychopathologisierung wie von Frau Wilting ist bedenklicher als Mohammed-Verspottungen. Der bekannteste Fall eines Streits um eine geplante Moschee war der in New York; nahe „Ground Zero“ in Manhattan, dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001 sollte ein moslemisches Gemeindezentrum (“Cordoba House” oder “Park 51”) entstehen. Präsident Obamas Unterstützung für die Pläne gab den Gerüchten um seine “geheime moslemische Identität” neuen Auftrieb (es lässt sich schon eine Überschneidung von Obama-Hassern und Koran-Verbrennern feststellen). Geert Wilders ist dort vor Moschee-Gegnern aufgetreten, amerikanische Politiker wie Newt Gingrich benutzen das Projekt für Polemiken. Nach 11/9 hetzten in den USA auch rechte Politiker von Bush abwärts nicht im Inneren gegen Moslems; längst hat sich das gedreht.

Die grössten Islamophoben wie Henryk Broder, Horowitz, die “Anti”deutschen, stellen ihre Existenz wütend in Abrede. Clemens Heni u.a. sagen, Islamophobie“ sei eine Erfindung Khomeinis, “Islamkritiker” Klaus Blees dass sie ein “Kampfbegriff gegen Islamkritik” sei, Thomas von der Osten-Sacken, dass sie  von „islamistischen Lobbies“ zur Parallelisierung des „Antisemitismus“ eingeführt worden sei, westliche Intellektuelle machten sich zu „Nachbetern“ dieser „Ideologie“, Stephan Grigat, dass der Begriff zur Delegitimierung von Kritik verwendet werde, sich der Islamophobie-Diskurs gegen Israel richte und der sich aufdrängende Vergleich mit Antisemitismus eine Frechheit sei. Auch von einem Udo Wolter gibts immer wieder Texte, die eine Islamophobie in Abrede stellen, aber bei ihm hält sich die Aggressivität der Leugnung bzw. der Gegenangriffe noch in Grenzen.

Kulturalismus und Rassismus

Im offenen Rechtsextremismus sind Menschen durch ihre biologische Herkunft oder Merkmale so weit vorgeprägt, dass eine gleichberechtigte Koexistenz nicht möglich ist. Bestimmte Freund-Feind-Haltungen werden als naturnotwendig und vorbestimmt dargestellt. In den meisten Spielarten der Islamophobie sind Muslime nicht biologisch unterlegen, aber eben kulturell inkompatibel/unterlegen,so wird argumentiert. Diese kulturalistische Argumentationslinie stellt wie der Rassismus Gleichrangigkeit und im Extremfall die Existenzberechtigung “des Anderen” in Frage und läuft im Endeffekt auch auf Vorbestimmtheit und völkische Beurteilungen hinaus. Bei “Ihr werdet nie Demokratie haben” kommt das deutlicher heraus als bei “Ihr habt keine Demokratie”. Die individuelle Auffassung und Ausübung von Religion spielt keine Rolle wenn man die Betreffenden qua ihrer Herkunft/Identität als “rückständig” einstufen kann. Bei Islamophoben ist die Personengruppe “Muslim” mit “Türken und Araber und Iraner und …” deckungsgleich. Atheisten aus dem islamischen Kulturkreis oder christliche Palästinenser werden aus dem selbem Sentiment heraus abgelehnt, mit den selben „Argumenten“ niedergemacht.

Gerne wird heutzutage unsere schöne Werteordnung in Abgrenzung zum Islam bzw. zum islamischen Extremismus beschworen. Als ob der Bürgerliche, der diese Errungenschaften heute imperialistisch in Stellung bringt, ursprünglich für sie gekämpft hätte, z.B. für den Feminismus. Im “Westen” ist “der Islam” das “Andere” geworden, das man braucht um sich zu definieren. Die indische Autorin Arundhati Roy schrieb von einer anmaßenden Abgrenzung von “westlicher Zivilisation” gegenüber “orientalischer Barbarei“. Islamisten gehen mit ihrer Verachtung für andere Kulturen und andere Auffassungen des Islams ähnlich um. Bush hat vor etwa 10 Jahren im deutschen Bundestag posaunt: “Wir kämpfen um unsere Zivilisation”. Islamophobie-Ikone Pamela Geller: “Israel ist ein sehr gutes Vorbild, denn im Krieg zwischen den zivilisierten Menschen und den Wilden muss man sich an die Seite der zivilisierten Menschen stellen.” Demokratie und Menschenrechte werden von „Kulturkriegern“ als “westliche Errungenschaften” gesehen, für den einen Teil sollte der Westen sie mit Gewalt (v.a.) in den islamischen Raum bringen, für die anderen sind die Menschen dort unreif bzw. unwürdig, sie zu teilen. Dabei hat der Westen schon seit jeher in der “zweiten” und “dritten” Welt „zuverlässige“ Diktaturen einer Demokratie vorgezogen.

Als Ersatz für “volksgemeinschaftliche” Ausgrenzungen bieten sich “werte-gemeinschaftliche” an. Die These eines (zu) toleranten und gerechten Westens und eines zurückgebliebenen und zu erziehenden Orients sagt letztlich viel über gewisse Überheblichkeiten in westlichen Gesellschaften aus. Wenn Grigat sagt, Moslems/Islamisten teilten „die antiwestlichen Ressentiments“ der hiesigen Rechten, dann um einen geschönten Westen ohne Rechte zu erfinden (diese “herauszudefinieren”). Jene, die „universelle Werte“ propagieren und “Kulturrelativismus” anprangern, sind meistens jene, die ihre eigenen Werte am identifikationswürdigsten halten und auf das Leben von Nicht-Weissen in der globalen “Peripherie” andere Maßstäbe anlegen. Gerade die ganz armen lateinamerikanischen Staaten mit farbiger Bevölkerungs-Dominanz werfen Fragen über Definition bzw. Ausdehnung des “Westens” auf, erst recht wenn sie linke/selbstbestimmende Regierungen haben. Prinzipieller Respekt für andere Kulturen ist aus den Gelüsten nach Belehrung und Disziplinierung leicht als „Relativismus“ zu denunzieren. Manche Aspekte der Heucheleien bezüglich “Islam” erinnern an jene des Antikommunismus, etwa, Russen (oder Polen,…) seien “Untermenschen”, aber Kommunisten seien Verbrecher weil sie Russen unterdrücken. Das von der Freiheit im (bzw. durch den) Westen auch, oder das mit dem (sie) Retten oder Vernichten, das so eng beieinanderliegt. Unter Hitler war die Sowjetunion noch “Asien”, die es auch zur Rettung des Abendlands zu bekämpfen galt.

Wenn chauvinistisch-hämisch darauf hingewiesen wird, dass Moslems so wenige Nobelpreise hätten im Vergleich mit anderen, hat das natürlich eine rassistische Konnotation, die meist auch gar nicht geleugnet wird. Die “Aufbereitungen” arabischer Sexualität sind ein weiteres Beispiel für kulturalistischen Rassismus.

Der Diskurs über den Islam

Man wird das doch wohl einmal sagen dürfen. Die Tyrannei der politisch Korrekten. Die Sprachpolizei die verhindert, Missstände klar zu benennen. Denk- und Sprechverbote. Das Einknicken des Westens. Das Tabu Islam-Kritik. Falschverstandene Toleranz. Redefreiheit bedroht. Schweigekartell der Mainstream-Medien. Westliches Zurückweichen vor dem Islamismus. Mut zum Aussprechen. Sie unterwandern uns, arbeiten an der Machtübernahme, tarnen sich und ihre wahren Absichten geschickt. Im Kampf der Kulturen muss man Stellung beziehen. Ein Islam-Bild, das aus Terror, Ehrenmorden, Hasspredigten besteht. Dieser Kanon dominiert zumindest im deutschsprachigen Raum und dennoch behaupten seine Vor- und Nachbeter, gegen den Strom zu schwimmen. Wo die echten Tabus sind, hat sich anhand der Aufregung über die paar Zeilen von Günter Grass gezeigt. Jene, die den deutschen “Selbsthass” über Antiislam entsorgen wollen, stossen im Hohmann-Steinbach-Diskurs schnell an Grenzen… Aus “Nein zur Scharia” kann man so ziemlich alles herausargumentieren; Menschen aus dem islamischen Raum pauschal als Islamisten und faschistische Fanatiker, denen mensch Einhalt gebieten müsste darzustellen, ist da eigentlich gar nicht mehr nötig.

Auch die Schönbohms, Mißfelders, Stadtkewitzs,.. können getrost gegen den Islam lospoltern, Missfallen bzw. Einwände etwa gegenüber einer toleranten Linie gegenüber Homosexuellen zu formulieren, ist da schon schwieriger. Spätestens mit Sarrazins Buch (das irgendwie ein Ausbruchsversuch zu sein scheint, durch die Thematisierung von Rasse, Vererbung, durch Ausschluss nicht auf rein kulturalistischer Basis, sondern auch durch die Einbeziehung biologischer Parameter) scheint sich in Deutschland die Islamdebatte mit der Ausländer-/Integrationsdebatte, ja mit dem Nationsdiskurs, verbunden zu haben. Auch hier kann man sich auf alte volkstümliche Einstellungskomplexe stützen, ob im “Konkret” ein Henschel eine Tirade mit dem Titel “Sei doch kein Muselman” schreibt oder die NPD auf Wahlplakaten einer orientalischen Familie (gezeichnet mit Hakennasen, dunklem Bartschatten,…) auf einem fliegenden Teppich “gute Heimreise” wünscht. Versöhnung mit Deutschland und Schlussstrichziehen mit NS über Philozionismus und Islamkritik. Aber gelegentlich auch NS-Apologetik oder Verachtung für Hartz-IV-Empfänger. Oder dass Deutschland bzw. der ganze Westen von innen, durch “Schuldkomplex” und  “Masochismus”, bedroht sei.

Manchmal werden Moslems auch zur Zielscheibe, wenn man eigentlich jemand anderen treffen will (z.B. Linke, Afrikaner) oder um sich zu gegenüber Zielgruppen zu profilieren.

Angesichts der Proteste gegen die Manipulationen bei der iranischen Präsidentenwahl 09 und ihrer brutalen Niederschlagung gab es einen Umschwung in hiesigen Islam-/Orient-Wahrnehmungen. Davor gingen die Angriffe meist in die Richtung, “der Islam” UND (alle) seine „Angehörigen” seien böse; “Anti”deutsche hielten Veranstaltungen über das „antisemitische Mordkollektiv Iran“ u.ä. ab. Nun mussten manche immerhin einräumen, der Islam sei böse weil „er“ seine Angehörigen unterdrückt. In den Kriegskampagnen gegen Iran begann erst jetzt, das Wohl der Iraner eine Rolle zu spielen… Die Frage ihrer realen Unterdrückung war und ist dabei nicht wichtig, sondern nur dass sie das diskursive Kanonenfutter sind. Die verschiedenen Ebenen des Islams (und erst recht jene, die nicht wirklich etwas mit ihm zu tun haben), die Lehre, seine Entstehung/Verbreitung, die Kultur der betreffenden Länder und der Menschen (von) dort, seine politische Instrumentalisierungen, usw., geraten schnell einmal durcheinander.

Was die Integration von Migranten (auch nicht-moslemischen) in westlichen Gesellschaften betrifft, läuft der Diskurs so, als ob multikulturelle Konzepte in Deutschland oder sonstwo jemals hegemonial gewesen seien, als ob es sowas wie eine vernünftige Grundtoleranz im “Westen” gäbe. Der österreichische “Rechtsextremismusexperte” Schiedel /Peham: “Für muslimische MigrantInnen in Österreich stellt der Antisemitismus auch so etwas wie ein unausgesprochenes Integrationsangebot von Seiten der österreichischen Gesellschaft an sie dar.” Also doch nicht die “universellen Werte der europäischen Aufklärung”, die man hier vorfindet und die es anzunehmen gilt, will man sich integrieren, so gesehen. Alan Posener hat einiges Treffende über Integration (beste solche schützte Juden nicht vor NS-Vernichtung), aber auch über Neokonservativismus, Unteilbarkeit der Toleranz (“wer Antisemitismus bekämpfen will, muss auch Islamophobie bekämpfen“) oder die deutsche Israel-Obsession gesagt.

Wenn hier heutzutage christliche Symbole oder Inhalte von Kabarettisten oder Karikaturisten “erniedrigt” werden, beziehen sich fast alle Reaktionen auf den Islam, nach dem Motto “Wenn er das mit dem/im Islam gemacht hätte…”; das kann bedeuten, dass man sich insgeheim (die Erlaubnis zu) solche(n) Wutreaktionen wünscht oder aber mit dem Finger dorthin zeigen will, sich auf einer höheren Stufe sieht. Die “Islamdiskurse” machen nicht nur die Gräben in der “islamischen Welt” deutlich, sondern auch jene in der hiesigen. Mohammed-Karikaturen, so wie die berühmten des Jyllands-Posten 2005, zeigen oft einen “symbolischen Moslem”, die dargestellten rassischen Merkmale sind bräunliche Haut, levantinische Nase, dunkler Bart. Sie sind mehr Rassismus und Kulturalismus als Religionskritik. Die “Turban-Bombe” legt “den Moslem” auf die Terroristen-Rolle fest (die harte Maßnahmen bzw. Sonderbehandlung nahelegt).

Die österreichische Gratiszeitung heute (mit der Krone verbunden) schrieb in einer Meldung über einen Mordfall, der Verdächtige gehöre zu einer „Sorte Mann, die zum Glück eher hinterm Halbmond lebt. In Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf“. Es handelte sich aber um den Kärntner Harald P. Dass die Redakteure W. Höllrigl und J. Michner beurlaubt wurden (längst wieder eingestellt), wird vermutlich als Indiz für das Kapitulieren des Westens vor dem Islam (Hurra!) gewertet. Jedenfalls würde mich das nicht wundern.

Protagonisten und ihre Botschaften

Ist der Hassprediger Daniel Pipes (u.a. Anprangerung von unliebsamen Akademikern), ein Breivik-Inspirator, ohne den militanten Islam möglich? Islamisten brachten mit 11/9 Aufwind für “Memri”, H.P. Raddatz, die Littmans oder Broder, sowie eine Radikalisierung dieser. Behauptungen von Scharfmachern werden gerne unkritisch übernommen. Ein um Israel bzw. den Westen “besorgter“ Rassismus die einzige Alternative zu Islamismus?

Der omnipräsente Broder sieht bei den Deutschen einen „Verantwortungsimperialismus“, allerdings nur wenn Kritik an Israel (oder USA) kommt und selbstverständlich nicht, wenn aus „besonderer Verantwortung“ israelische Politik unterstützt wird (etwa in Form von atomwaffenfähigen U-Booten) oder Kritik daran zurückgehalten wird. Er lamentiert in der Weltwoche über „verweiblichte Männer“ in westlichen Gesellschaften, erklärt daraus die „Faszination“ für den Islam im Westen und spricht von hiesigen “Degenerationserscheinungen”, je ein Drittel der Männer sei schwul, impotent oder unwillig; gleichwohl reklamiert er eine westliche Toleranz, die der Islam nicht habe, prangert den Angriff türkischer Jugendlichen auf ein Schwulencafe in Berlin an. Ihm zufolge gibt es ja „eine Linie von der al Kaida im Irak über die Intifada in Palästina zu Jugendlichen mit ‘Migrationshintergrund’ in Neukölln“. Den Mord an einer Ägypterin in Dresden (s.u.) kommentierte er so: „Es sind inzwischen ein paar Tage vergangen, seit ein junger Somalier versucht hat, mit dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard ins Gespräch zu kommen. Es war nicht seine Schuld, dass der Versuch gescheitert ist, Westergaard hat sich in seinem Badezimmer verbarrikadiert und die Polizei gerufen. Seine Reaktion war typisch für das Verhalten der Ersten gegenüber der Dritten Welt – sie schottet sich ab, will nicht gestört werden und gerät sofort in Panik, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ungewöhnlich an diesem Fall ist aber auch, dass er Leuten die Sprache verschlagen hat, die sonst an verbalem Durchfall leiden, die üblichen Verdächtigen aus der LRG-Fraktion, die zum Beispiel den Mord an der Ägypterin Marwa bis zum letzten Blutstropfen genossen haben, weil er in ihr Konzept der ‘Islamophobie’ passte.

Natürlich kann er nie die Suppe essen, die er für andere kocht. Beklagt die “Rassismuskeule“ und schwingt die “Antisemitismuskeule”. Merkels watteweiche „Kritik“ am Sarrazin-Buch („nicht hilfreich“) stellt er in die Tradition der Reichsschrifttumkammer, über das Grass-Gedicht (das deutsche Politiker ernsthaft kritisierten) tobt er vor Zorn. Seine “Achse des Guten” (wo er u.a. auch unter “Lucy de Beukelaer” schreibt) nennt er “liberal”; unter seinen Fittichen können sich dort alle Rechte austoben, solange sie ein paar Grundregeln beachten… Dort prangert er etwa Politiker(innen) oder Wissenschaftler(innen) an, nicht zuletzt jene, die bei seinen Attacken nicht verschreckt die Köpfe einziehen. Die Linken-Politikerin Ulla Jelpke etwa als „linksreaktionäre Schlampe“, Sabine Schiffer unter der Kategorie „LRG-Fraktion (linksreaktionäre Gutmenschen)“ – gegen Schiffer hetzen auch “PI” & “lizaswelt” in trauter Eintracht. Moslems sperrten ihre Frauen ein, seien verklemmt und reaktionär, das sei die wahre Ursache für den “Nahostkonflikt”, “palästinensische Freunde” hätten ihm, Broder, das bestätigt. Linke/Liberale sind ihm ebenso verhasst, auch oder gerade, wenn sie Juden sind. Kein Wunder dass er mit seiner Islamkritik Lob von rechtsaussen bekommt, siehe z.B. xxx.npd-loebau-zittau.de/?p=2108, xxx.npd-sachsen.de/index.php?s=9&aid=700; auch FPÖ-Strache lernte dabei und bezog sich auf ihn. Broders “Distanzierungen” zu diesen oder “Politically Incorrect” lavieren.

Das von israelischen und amerikanischen Neokonservativen betriebene “Middle East Media Research Institute” (“MEMRI”) stellt sich selbst als wissenschaftlich, unabhängig und um Demokratie besorgt dar. Das Leugnen einer eigenen Agenda bzw. seiner Identität als Propagandaapparat der Netzwerke, die es unterstützen und finanzieren, ist Teil der Verdrehungen des Instituts, das auch von Anders Breivik geschätzt wurde. Jeder Artikel und jede Rede, die “Orientale” als gestört, hasserfüllt oder teuflisch erscheinen lässt, wird übersetzt; wobei die Liste an Einwänden gegenüber der Richtigkeit von Memri-Übersetzungen lange ist. Jede Geschichte, die Orientale informiert, begabt oder vortrefflich erscheinen lassen könnte, wird von ihnen ignoriert. Als “unvergleichliche Reformer” präsentiert werden Figuren wie der Exil-Palästinenser Mossab Hassan Yousef (s.u.). Memri übersetzt keine Artikel aus der israelischen Presse oder Reden israelischer Politiker, weder hetzerische noch kritische, die solche Hetze (oder Folter an Palästinensern in israelischen Gefängnissen) behandeln und stellt sie schon gar nicht als repräsentativ für die betreffende Gesellschaft dar. Etwa wenn der isrealische Politiker Boim sagt, “Palästinenser haben einen Gen-Defekt”. Oder der Wissenschafter David Bukay: “Until it is understood that this struggle is the war between the Son of Light against the Sons of Darkness, that they represent the invasion of the Huns, in order to destroy modern culture – the world will continue to face an existential more growing threat“ (wen er wohl mit Söhne der Dunkelheit meint?). Dass anprangernde memri-“Übersetzungen” in Wikipedia-Artikeln als Quelle benutzt und auch von seriösen Medien ernst genommen werden, zeigt, dass ihr Spiel verdammt gut funktioniert. Es gibt mehrere solcher “Institute”, die beobachten, “übersetzen” und verbreiten, wie PMW (das von einem Westbank-Siedler geleitet wird) oder CAMERA.

Oriana Fallacis “Die Wut und der Stolz” war eines der meistverkauftesten Bücher seiner Zeit (00er-Jahre) im Westen. Die rassistische Wut Fallacis reichte so weit, dass sie sich wünschte, ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzuzünden. Das “muslimische Wesen” beschrieb sie als hinterhältig, gewalttätig, verschlagen und schmutzig. Die Ex-Linke wurde am Ende ihres Lebens eine antiislamische Ikone. Junge Freiheit oder bahamas veröffentlichten begeistert daraus. Vielen Rezensionen war die Bewunderung anzumerken, dass endlich jemand wagt „etwas“ auszusprechen. Nennenswerter Widerstand gegen die Tiraden regte sich nicht.

Beim rassistischen Hassportal “Politically Incorrect”/ PI(-News), das den ganzen Kanon von„Eurabien“ (dem Konzept von “Bat Yeor” vulgo Giselle Littman bzw. Orebi) bis “Taqiya” wiedergibt, ist das Lavieren bzw. Heucheln zwischen dem Bekenntnis zu einer Art Faschismus und einem „Antifaschismus“ bzw. Toleranzchauvinismus (wir sind zivilisiert und aufgeklärt, faschistisch sind “die Anderen”) das offensichtliche, auch in den vulgär-verhetzenden Cartoons. Einerseits will man zu „alten“ Werten stehen, andererseits Intoleranz (gegenüber Schwulen, Feminismus, moderner Kunst,…) als Sache der Moslems darstellen. Im Kommentarbereich kommt dieses Dilemma dann z.B. so heraus: “Wobei man aber bei aller Abneigung gegen Musels auch fest halten muss: Dieses rumgeschwule ist ebenfalls erst durch rotzgrüne 68er er möglich worden ! Von dieser Satansbrut kommt im Prinzip alles schlechte : rumgeschwule, Feminazis, Musel.” Die Nähe von propagierten Inhalten auf einer Seite sagt einiges, mehr als manche möchten, über die Nähe dieser Inhalte an sich aus. Etwa ein Banner, das Solidarität mit Oberst Klein und den deutschen Soldaten in Afghanistan einfordert oberhalb eines Videos mit dem “Anti”deutschen Grigat auf der “Islamkonferenz”; daneben etwas über die alten Germanen. Das Bekenntnis zur USA war eigentlich nur eines zu Bush und den Neocons, gegen Obama wurde/wird Hetze betrieben, bezüglich Israel ist es natürlich auch nur eine bestimmte Politik, die man unterstützt. Nicht nur deshalb muss man das gleich einmal übersetzen, wenn dort behauptet wird, „supports real democracy in iran“. Sekundärfeindbilder sind andere Nicht-Weisse, “Gutmenschen”/Linke; Sekundäragenden sind ein neuer Deutsch-Nationalismus, Antifeminismus,… Wie Nürnberg 2.0 ist auch PI ein Internet-Pranger, wo Kritiker ihrer Inhalte etwa der „Islamisierung Deutschlands“ bezichtigt werden. Kritische Rezeption von Deutschlands größtem Hassblog wird auch als „Angriff auf die Pressefreiheit“ oder „NS-Methoden“ kommentiert.

“Wozu hingegen andere schon in ihrer gut beheizten Wohnstube fähig sind, führt der zum Mehrwertmullah konvertierte Exkommunist an sich selber vor. Über einen Mann aus Köln-Kalk, der einen türkischen Jugendlichen namens Salih mit seinem Messer tödlich verletzt hat, schreibt er: ‘Unvorhergesehen war für Salih, daß man als junger deutscher Kalker schon weiß, wer da nachts auf Beute ausgeht und diesmal der Überfallene, der schon mehrfach unbewaffnet Opfer eines Salih geworden war, mit einem Messer herumfuchtelte…’ ‘Ein Salih’ ist das Singularetantum für jeden Kanaken, wie im ‘Völkischen Beobachter’ ‘ein Itzig’ für jede Judensau.” Das schrieb Hermann Gremliza oder ein Anderer 08 im Konkret über den Hauptschriftleiter der Bahamas. Diese beiden Zeitschriften teilen zwar, wie auch Jungle World (die gern auch „Spass“ mit erfundenen Minstrel-Türken macht), die Grundrichtung und diverse Schreiberlinge, dieser Kommentar macht aber klar, dass der Unterschied zumindest zwischen den beiden erstgenannten einer ums Ganze sein kann. Die stereotype Darstellung von Moslems/Orientalen in einer besonders hetzerischen Sprache dort schliesst deren Beschreibungen als potentielle Sexualverbrecher und sexuell Gestörte mit ein, oder Behauptungen einer Art moslemischer Weltverschwörung mit dem Ziel, den “Westen” wirtschaftlich, kulturell, moralisch und militärisch zu schaden. Gerne werden auch artvergessene selbsthassende Frauen und Männer angeprangert, die diesen Schwarz-Weiss-Malereien entgegnen. Markus Ströhlein von der Jungle World war Freiwilliger in der israelischen Fremdenlegion “Sar-El”, sein “Erfahrungsbericht”, ein unkritischer Werbetext für das israelische Militär, fand sich auf “Hagalil” wieder, wurde auf de.wikipedia von Gleichgesinnten als Quelle für Artikelarbeit verwendet…

In Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) werden Moslems anderen Migrantengruppen negativ gegenübergestellt (andere wiederum mit zu den Schlechten gepackt…), Menschen über ihre “Rasse” definiert, wird der Vorwurf der Deutschenfeindlichkeit erhoben. Lob/Verteidigung kam von der NPD, Broder (klare Worte seien doch gut; Eliten dumm und einfache Leute gescheit weil diese Sarrazin gut finden), Springer-Presse, vielen Stammtischen, Wilders (das Buch sei ein Anzeichen dafür, dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe), PI, den neuen Rechtsparteien wie “Pro Deutschland”. Die „unbequemen Wahrheiten“ wieder mal… Im österreichischen Parlaments-Wahlkampf 13 unterstützte Sarrazin die FPÖ (bei einer Lesung aus seinem Buch in Graz ca. ein Jahr zuvor, wo sich Strache um ein Autogramm anstellte, sagte er darauf angesprochen noch: “Ach das war der Herr Strache von der FPÖ?…Es freut mich immer wenn Politiker von mir lernen..”). Sein nächstes Buch richtete sich gegen den Euro und die Solidarität mit wirtschaftlich Schwachen in seiner Zone, diese entspränge dem schlechtem Gewissen Deutschlands wegen dem Holocaust.

Die konservative Schweizer “Weltwoche”, die 1933 Sympathie für den Faschismus und ihre Schweizer Ableger zum Ausdruck gebracht hat, heute recht offen die Schweizerische Volkspartei (SVP) unterstützt, gibt auch (Ex- oder Pseudo-) Linken Platz, solange diese als Kronzeugen für ihre Sachen auftreten und gemeinsame Feindbilder pflegen. Keine Hemmungen kannte man, als es um Hetze gegen Sinti/Roma (auch ein Sekundärfeindbild, denen gegenüber es meist gleiche Ablehnungsmuster wie ggü Moslems gibt) oder gegen Asyl ging. PI wurde anklagend verteidigt („unabhängige und populäre Gegenstimme“). Gastautoren wie Leon de Winter oder Broder bringen die entsprechende Note hinein.

Exemplarisch für antiislamische Blogs aus dem offen rechtspopulistischen Bereich ist “sosheimat.wordpress”, der Unterstützung von der FPÖ bzw. ihrer Parteizeitung Zur Zeit bekommt. „Nicht immer politisch korrekt“ sei man, „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“ und all das über den Islam, was Mainstream geworden ist, findet man dort, neben älterem wie “Schutz unserer Heimat”, “Inländerdiskriminierung”, “Freiheit für Südtirol“. Blogs sind nicht nur für diese Agenda ein wichtiges Medium, spiegeln diverses aus der Gesellschaft vielleicht eher wieder. Bei “kewil” etwa, einem PI-Autor, der auch u.a. unter fact-fiction.net bloggt, zeigt sich auch, was im Paket der “Islamkritik” (neben dem dazugehörenden Pro-Israel, -USA, -Abendland) so alles enthalten ist: Geschreibe vom „Versailler Diktat“, zustimmende Zitierung von Pinochet, purer Rassismus,…

Der geleugnete rassistische Charakter der Islamophobie kommt gegenüber Nicht-Moslems deutlicher heraus. Podhoretz hat auch ein “Negro Problem”. Der norwegische Hassblogger “Fjordman” (Gastbeiträge bei “gatesofvienna”) ist zwar primär anti-islamisch, aber er ist generell rassistisch, auch gegenüber anderen “Südländern”, schreibt von “weissem Masochismus” etc. Auf der evangelikalen Seite answering-islam.org werden auch Attacken gegen Rigoberta Menchu geritten. Beim kanadischen “Sun News” (bringt David Horowitz, Pam. Geller, Pipes, Rob. Spencer, Steven Emerson, Brigitte Gabriel,…) kommen zwischen “Aufdeckungen” zum Islam auch Verleumdungen von Umweltschützern oder dem einst von Polizisten misshandelten Afro-Amerikaner Rodney King oder Angriffe auf “Obamacare”. Geller schreibt von einem “Genozid” von Schwarzen an Weissen in Südafrika, um die Rettung der “westlichen Zivilisation” geht es ihr sowieso. Bei Gunnar Heinsohn (er schreibt auch auf “achgut” und passenderweise auch bei Junge Freiheit) ist die Islamophobie in eine allgemeine, offene Geringschätzung nicht-europäischer bzw. nicht-“weisser” Menschen eingebettet.

Die Palästinenser stellt Heinsohn als Modell für die “3. Welt” dar, rechtfertigt den ihnen gegenüber errichteten „Trennzaun“, stellt ihn als logisch und noch ungenügend dar, da ja eine Entscheidungsschlacht “der zur Vernichtung entschlossenen Braunhäutigen” (meine Wortwahl, Heinsohn hat es so nicht geschrieben, ich fasse nur zusammen), die von der „Weltgemeinschaft“ ernährt würden, mit den Weissen bevorsteht, welche die Braunen längst hätten besiegen können, aber eben so zivilisiert und zurückhaltend seien. Während andere versuchen, Afrikaner oder Kurden oder moslemische Frauen zu instrumentalisieren, Inder positiv zu affirmieren, spricht Heinsohn ungefiltert Klartext, packt Afrikaner oder Lateinamerikaner (die sich nach ihm aus Leidenschaft gegenseitig umbringen) zu den Moslems (die Europa unterwandern wollten) dazu. Osteuropäer zählen für ihn nicht als Partner in Europa. Lediglich Nordost-Asiaten (Japaner, Chinesen) zählen als Zivilisierte, wobei zweitere eher als Bedrohung herumspuken. Lawrence Auster, vom Judentum zum Christentum übergetreten, blog “view from the right”, möchte Moslems nicht umerziehen oder anderswie “helfen” sondern rein bekämpfen. Daneben betreibt er eine Kampagne für eine weisse USA, wegen Rassismus gegenüber Schwarzen wurde er sogar vom frontpagemag rausgeworfen.

Von der Osten-Sacken, der sich auch gerne als Freund der Kurden präsentiert (diese “Freundschaft” begann mit seiner Unterstützung des Irak-Kriegs 03, ist sein Ausdruck von Orientalismus) sagte alles über sich mit einer diffamierenden Tirade auf seinem “Wadinet” gegen den exil-iranischen Politologen Fathollah-Nejad, der auf ZMag kritisch über eine Drop the bomb-„Konferenz“ und Ostensacks Auftritt dort geschrieben hat. Er rückt diesen darin in die Nähe des iranischen Regimes, um loshetzen zu können. Rassistisch stellt er eine Analogie von diesem zu den Grausamkeiten unter Saddam und Khomeini gegen Regimegegner her, wobei er für sich die Rolle des edlen, mutigen Opfers beansprucht und für Fathollah-Nejad die des orientalischen Despoten. Er ist daneben das beste Beispiel dafür, wie “Anti”deutsche und andere Islamophobe ihr pro-Israel und anti-Islam für ein Vorantreiben eines neuen Deutsch-Nationalismuses benutzen.

Elie Barnavi, der bezeichnenderweise mit “linksliberalem” Zionismus assoziiert wird, hat das Buch „Mörderische Religion“ geschrieben, eine ausgezeichnete Kritik gabs dazu von Udo Steinbach im Rheinischen Merkur: “Jetzt kann es zur Sache gehen. Noch hat der Leser die Hälfte des Buches vor sich. ‘Alles, was bisher gesagt wurde, diente der Hinführung zu dem, was nun folgt. Der Islam ist es, der die aktuellen Reflexionen und Debatten über Religion hervorruft.’ An dieser Stelle könnte der Rezensent abbrechen: Der Rest wurde unzählige Male gesagt und gehört – in Politik und Medien, auch in der Wissenschaft und am Stammtisch. Kaum ein Thema mobilisiert derart die Gemüter und lässt zugleich Simplifikation als Strategie der Mobilisierung gerechtfertigt erscheinen. ‘Es ist der Islam, der uns Angst macht’. Die schwarze Liste ist lang: der Koran und seine zum Kampf aufrufenden Verse; die Gestalt des Propheten, des Politikers; die Unwilligkeit von Muslimen, die Moderne zu akzeptieren; die mentale Unfähigkeit, sich auf die Globalisierung einzustellen (Barnavi: ‘Die Muslime sind nicht neugierig’); der Widerstand gegen die Säkularisierung (Barnavi stuft diejenigen als ‘ignorant’ ein, die behaupten, die AKP des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sei das islamische Gegenstück zur christlichen Demokratie); Dass am Ende der Multikulturalismus als ‘Schwindel’ entlarvt, das Scheitern der Integration bestätigt sowie die kämpferische Demokratie angemahnt und die Forderung erhoben wird, ‘das Erbe der Aufklärung wiederherzustellen’, ist weder neu noch zielführend. Irgendwie scheint Barnavi gegen Ende seiner Ausführungen mit US-Präsident George W. Bush zu sympathisieren: ‘Der Mann hat das Problem erkannt.’ Der Karikaturenstreit sei an den ‘muslimischen Massen, ungebildet, unkultiviert und abgestumpft, wie sie sind’, festzumachen.” Einige Jahre zuvor hat der “Orientalist” Bernard Lewis, der ja Huntington zu seinem “Kampf der Zivilisationen” inspiriert haben soll, ein Buch mit ähnlicher Aussage verfasst, mit weniger Sentiment und mehr Zahlen vielleicht.

Die Stilisierung der Serben als Retter des Abendlands am Balkan, gerade wegen der Kriege, die sie dort vom Zaun brachen, vereint einmal mehr klassische Rechtsaussen (wie Strache aus Österreich) und Pseudolinke wie “Anti”deutsche. „Nasdravlje, Partizani i Cetnici“ prostete die “Bahamas” jenen beiden Lagern zu, die sich im 2. Weltkrieg blutig bekämpften. Die Widersprüche dabei sind nicht nur hier gross. Zwar kann man Islam, Islamismus und Faschismus vermixen und sich auf der Gegenseite platzieren. Ein Darko Trifunovic, der das im wissenschaftlichen Mäntelchen tut, als „Terrorismus-Spezialist“ Teilnehmer der Herzliya-Konferenzen, weiss nicht so recht ob er das Srebrenica-Massaker rechtfertigen oder leugnen soll. “Der Westen” ist für viele Serben jedoch nur der andere Feind, er gilt dort bald als “verdorben” und “dekadent”, Milosevic-Fan Handke nannte die kritische serbische Schriftstellerin Srbljanovic eine „Hure des Westens“. Und, Bush, der ja so weitsichtig ist, war es, der, nach einem triumphalen Empfang im “bösen” Albanien, die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien durchgesetzt hat. Russland, für “Anti”deutsche und andere Kulturkrieger so etwas wie eine “orientalische Despotie”, ist für den serbischen Nationalismus ein wichtiger positiver Bezugspunkt. Und ob es Strache gelingen wird, seinen Anhängern die Beschäftigung mit der Vertreibung der Donauschwaben durch Partisanen auszureden und ihnen beizubringen, Serben in Österreich als gleichrangig, wenn nicht als Abendlandretter, anzusehen?

Der Grat zwischen Retter und Zerstörer des Abendlands ist schmal bzw. konjunkturabhängig. In einem Wahlkampf hat die FPÖ vor dem Hintergrund der dortigen Finanzkrise gegen die “faulen Griechen” gewettert und “keine österreichischen Steuergelder mehr nach Griechenland” gefordert. “Derzeit findet ja eine Massenenteignung der westeuropäischen Völker statt”. Der französische Ex-Linke Pascal Bruckner dagegen, der den Westen vor Moslems und selbsthassenden “Westlern” retten möchte, hatte sich auch für militärische Interventionen gegen serbische Aggressionen ausgesprochen.

Richard Wagner, ein Schriftsteller mit rumänien-deutschen Wurzeln, stimmte auf Broders „Achse des Guten“ ein Loblied auf die Islamophobie an, das er auch so nannte und sich einen Islamophoben, im Sinne von Angst vor dem Islam “als politische Religion“ (wie unschuldig); zur Absicherung schleimt er sich über jüdische Anliegen aus (“für Israel, gegen Antisemitismus“) und schiebt dann eine Verteidigung rechter Anliegen hinterher (die ohnehin meist nur abendländisch-konservativ seien und dämonisiert würden) sowie Bekenntnisse zu fortschrittlichen Werten, Sorge um „Freiheit“ und „Grundlagen der offenen Gesellschaft“. In einer TV-Diskussion war er mir aufgefallen, wie er gern einen positiven Bezug zur deutschen Nation herstellen würde; nun, über “achgut” scheint er einen Weg gefunden zu haben.

Eine Rita Katz, angeblich aus einer jüdisch-irakischen Familie, die über den Iran geflohen ist, heute in USA, erzählt im Buch „Die Terroristenjägerin“ von bösen Moslems, guten Juden, fanatischen Terroristen und überzeugten Kämpfern für die Freiheit, die immer nur darauf bedacht sind, die Welt zu retten. Lob von Hagalil, Raddatz. Bücher dieser Art, auch wenn der Inhalt nicht so schwarz-weiß daherkommt, gabs schon in den 80ern und 90ern, aber seit den frühen 00ern findet sich immer zumindest eins unter den Sachbuch-Bestsellern, eins das “unbequeme Wahrheiten” ausspricht. Katz betreibt SITE, ein kostenpflichtiges “Informations”-Service über das Böse in der Welt.

Wie die harte Arbeit in der Islamophobie-Industrie aussieht, kann man bei Pamela Gellers “atlasshrugs” erfahren; aus dem Bericht über eine „Counterjihad-Konferenz”: „Andrew Bostom gave the closing speech on Islamic antisemitism and the Islamic Nazi conspiracy. Shocking revelations all tied to the Quran… It was a tough day. But we did all converge on the bar late into the night. Spencer, Bostom, Brian of London, Steen, Arno, Poller – a bunch of us — and laughed our asses until the wee hours. Hey – la chaim!

(Über den) Orient

Die Unterdrückung oder Tötung von Moslems/Orientalen durch “eigene” Herrscher wird beklatscht, gefordert oder hämisch daraus Islamophobie abgeleitet. Sie sind Barbaren weil sie unterdrücken, aber eigentlich haben diese das verdient. Die iranische Revolte 09 und die Aufbrüche in den arabischen Staaten ab 10 richte(te)n sich gegen Despotien und waren nicht islamistisch inspiriert, auch wenn sich Islamisten zum Teil dranhängten und, wie in Ägypten, vorübergehend Nutzniesser waren, lachender Dritter in der Auseinandersetzung zwischen dem Regime und einer Demokratiebewegung. Der Westen war überrascht von den Aufbrüchen, Islamophobe tun sich besonders schwer damit, behaupten sie doch gern, auf emanzipative/progressive Ansätze in der islamischen Welt zu warten oder sie zu unterstützen, glauben aber im Grunde nicht daran, dass eine Demokratisierung/Reform dort von innen (unten) kommen kann. Sie sind an Problemen, nicht an einer Lösung interessiert. Ein Benutzer-Kommentar aus jungle world (offensichtlich nicht repräsentativ für deren Leserschaft; via mondoprinte gefunden): “Wer hat denn innerhalb der Linken jahrelang erzählt, daß jede Bewegung von unten in den arabischen Ländern nichts anderes sei als der Ausbruch islamistisch-faschistischen Ressentiments gegen die Moderne. Das gegenüber dieser Gefahr der westliche Kapitalismus reinstes Gold wäre und daß diese Staaten erstmal gewaltsam an die Kandare genommen werden müßte. In der Jungle world will uns der Bismarck-Fan Thomas von der Osten-Sacken immer noch weismachen, das militärische Massaker und Kriegsverbrechen a la Irak-Krieg den Weg zum Volksaufstand und zur Revolution in Ägypten geebnet hätte. Wer bitte schön war denn der Verbündete der Amerikaner im Irak-Krieg. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz oder der Folterknecht Mubarak?”

In islamophoben Kreisen wird in der Regel versucht, die iranische Demokratie-Bewegung zu vereinnahmen und die arabischen zu diffamieren. Vereinnahmungsversuche der arabischen Bewegungen sind eher selten, wenn (z.B. als es in Ägypten eine zeitlang gut aussah), dann erfolgte sie in der Regel in Form von Bush-Verteidigungsreden (“der wollte das erreichen und wurde verkannt”; z.B. Christian Ortner) und mit “Wir waren immer auf deren Seite”. Bin Laden hat ebenso wie Bush diese Aufbrüche noch erlebt, beide mussten erfahren, dass jene in den arabischen Ländern, die Erneuerung woll(t)en, nicht auf sie Bezug nahmen. Auch die Haltungen von Islamisten (iranisches Regime, al Kaida) oszillieren hier zwischen Vereinnahmen und Diffamieren; Salafisten lehnen den Arabischen Frühling ab, schon allein, weil sowas irgendwann auch nach Saudi-Arabien kommen könnte, was ja gar nicht geht. Auch Mißfelder fand bei Will 2013: “…Saudi-Arabien, da gibt es eben die Scharia, da werden Menschen gesteinigt usw., aber Saudi-Arabien ist eben auch ein Garant für die Stabilität vor allem Israels. Da gibt es eben auch Grautöne.” Grautöne, bzw. Kulturrelativismus. Und Hitler hat ja auch Autobahnen gebaut. Manche Beobachter formulieren hier auch offen, in Angst vor Machtverlust, westliche Interessen, die, siehe da, nicht von Universalismus sondern von Eigennutz inspiriert sein sollten.

Eine beispielhafte Behandlung der arabischen Revolutionen gabs von Matussek (dem es v.a. um sein katholisches Experiment geht) auf Spiegel Online, auf Englisch, im Rahmen einer Islam-Attacke, die er anlässlich Wulffs Aussage über die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland ritt. Nach einem Klagelied über Reaktionen auf „Islamkritik“, die entweder auf Zensur hinausliefen oder die “Betreffenden” dazu brächte, sich genauso zu verhalten wie man sie beschreibt, schleimte sich über den arabischen Frühling zunächst etwas aus (“We are all happy about…”), zählt dabei die drei nordafrikanischen Staaten auf, aber nicht die Golfstaaten mit westlichen Ölinteressen. Er würdigt immerhin, dass Leute dort ihr Leben riskierten (während andere hier kommentieren dass sich “die da unten” gegenseitig die Köpfe einschlagen) um gleich festzuhalten, dass Demokratie, Aufklärung und Meinungsfreiheit westliche Werte sein (so wie die westliche Unterstützung von Ben Ali, Mubarak, in späteren Jahren auch Ghadaffi,…) und hinterherzuschieben dass man über Islamismus “besorgt” sein könne, egal was Wulff und die anderen sagten. Er „weiss“ dass in Ägypten eine Mehrheit der Bevölkerung Steinigungen, Handabschneiden und Exekutionen für Islam-verlassen befürworteten, zählt dann Länder auf (darunter Gaza, wo Lebensbedingungen und Menschenrechte nicht mehr wichtig sind, sobald sie auf israelische Herrschaft zurückzuführen sind), in denen islamistische Gruppen starke Unterstützung hätten oder am Weg dazu seien. Schliesst mit “nichts davon neu”, man kenne seit 1979 (Iran) die “Risiken” – er unterstellt dieser Revolution nicht, dass sie Khomeini und sein Regime wollte, stellt den Schah aber als anderes Gesicht “islamischer Herrschaft” dar.

Als 2013 in manchen Städten der Türkei Proteste gegen die Politik der AKP-Regierung ausbrachen, machten westliche Kulturkrieger nun das, was sie gerne vorwerfen, nämlich türkische Politik zu importieren, mit der eigenen verbinden. Krone wie Jungle World schrieben von der „islamischen Regierung“, wenn nicht vom „islamistischen Regime“, für randalierende Türken wurde nicht der „Moslem“-Stempel herausgezogen sondern sie wurden in der Opfer-Rolle verortet … Genau so paradox, dass die oppositionelle, kemalistische CHP die Polizei zu Zurückhaltung aufforderte. So wie die Verurteilung der “Ergenekon”-Verschwörer (die u.a. eine Rolle bei der Hrant-Dink-Ermordung spielten und Attentate auf den Schriftsteller Pamuk, der Kurdenpolitiker Türk oder den griechisch-orthodoxen Patriarchen Archontonis planten) von ihren Sympathisanten sowie nützlichen Idioten zur Abrechnung mit dem politischen Gegner bzw. der Demokratie missbraucht wurden, werden auch hier falsche Antagonismen hergestellt. Die Probleme der Türkei haben ihre Ursache nicht im Islam sondern in der Tradition eines intoleranten, authoritären Staates, hat Yasar Kemal festgestellt. Der AKP bzw. Erdogan werden Übel untergeschoben, die unter ihnen vermindert wurden. Kemalisten hatten 80 Jahre Zeit für jene Schritte, die Erdogan etwa den Kurden in 10 Jahren entgegengegangen ist (Unterricht von bzw. Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), z.T. gegen kemalistischen Widerstand! Der weitere Weg von Erdogans Politik ist offen, aber gemessen an den Koordinaten der traditionellen türkischen Staatsdoktrin hat er im positiven Sinne Revolutionäres weitergebracht. Dazu gehört auch eine gewisse Entspannung mit Armeniern und Armenien (Zürich-Protokoll, Restaurierung von Kirchen wie jener auf der der Achtamar-Insel). Eine Politik, toleranter und pluralistischer als der von Atatürk verordnete (nationalistische) SäkularismusOder ist das Problem mit der AKP-geführten Türkei jenes, dass sie ausgeschlossen hat, sich an einer Militäraktion gegen den Iran zu beteiligen?

Exil-Iraner sind besonders beliebt, vor allem wenn es darum geht, sie gegen Interessen ihres Landes und der Region anzuführen. Wobei jene säkular-demokratischen (Exil-) Kräfte, die tatsächliche iranische Interessen vertreten, eher diffamiert und bekämpft werden. Die von Neokonservativen gebrachten Iraner sind immer dieselben, wenigen Aussenseiter. Es geht um das Bevormunden der Iraner bzw. um ein Feigenblatt für seine imperialistische Nacktheit. Sehr gerne gebucht wird, in Nordamerika wie auch in Westeuropa, Hassan Daioleslam (manchmal auch nur “Dai”), der seine politischen Wurzeln bei den “Volksmujahedin” (Mujahedin-e Kalqh, MEK, firmieren auch als MKO, PMO, NCRI) hat, die ja einst politischen Islam und Sozialismus miteinander verbinden wollten, also eigentlich pfui. Wenns darum geht, zionistische und antiiranische Standpunkte als iranische Stimme zu präsentieren, sind manchmal auch emigrierte iranische Juden wie der Israeli Menashe Amir darunter; andererseits kommt Zetern aus dieser Ecke wenn man (beispielsweise) iranischen Juden wohlmeinend eine iranische Identität nachsagt, sie haben die Opfer der Iraner zu sein, die gerettet wurden oder auf Rettung warten.

Wenn es um Palästinenser geht, die (vermeintlich oder tatsächlich) von Palästinensern getötet wurden, steht das “Zivilisten-Sein” dieser Leute plötzlich nicht mehr in Frage, wird nicht mehr großer Aufwand für das “ausleuchten” vermeintlicher oder tatsächlicher Hintergründe aufgebracht, sind plötzlich auch palästinensische Opfer beklagenswert, und ihre Tötung ein Ausdruck von Grausamkeit. Wie grausam die miteinander umgehen, viel grausamer als die Israeler mit ihnen. Liegt ihnen quasi im Blut. Nahe daran sind die zynisch-triumphalistische Hinweise auf Opfer im syrischen Bürgerkrieg. Und wenn man bei ihnen dann auch noch Christen gegen Moslems oder Frauen gegen Männer in Stellung bringen kann…

Der Umgang mit dem Breivik-Massaker 11 in Norwegen: Das Bekennerschreiben des Täters war nicht nur voll mit direkten Referenzen auf seine Idole von Broder bis Geller, sondern auch mit deren Kanon, wovon manches schon ganz mainstream geworden ist: “Islamisierung Europas, Kotau vor Moslems, Multikulti gescheitert, Abendland in Gefahr, Israel kämpft unseren Kampf, Linke sind nützliche Idioten der Islamisten bzw. Verräter,…”. Die “westliche  Zivilisation” ist bei ihm dezidiert auf “Weisse” beschränkt, was zumindest manche seiner Ideengeber (nicht aber deren Fussvolk oder die von PI) weit von sich weisen würden. Breivik selbst betonte nach dem Anschlag, die Opfer seien “keine unschuldigen Kinder sondern Aktivisten für den Multikuturalismus” gewesen. Es folgten Distanzierungen bzw. Verdrehungen der Stichwortgeber, von Spencer (seine Fans verteidigen ihn als „Fachmann, nicht Hetzer“, als Opfer, nicht Täter) bis Littman, die in den meisten Fällen ein selbstgerechtes Zurückweisen der Verantwortung war. Der Hinweis auf eine tatsächliche oder behauptete Zustimmung oder Verbindung ist “im Umkehrfall” aber ein beliebtes Mittel der Diffamierung, siehe den Artikel bei Erhard Arendt. Auch im Manifest von Breivik nicht genannte bzw. von ihm nicht in den Pantheon der Islamophobie gehobene fühlen sich ertappt und melden sich selbstverteidigend zu Wort. Einige stellten ihn als einen in Wirklichkeit vom Islam(ismus) inspirierten dar (Grigat auf hagalil: „Islamneid. Was die rechten Fremdenfeinde und den Attentäter von Oslo umtreibt“). Seltener wurde die Theorie von der Tat als “moslemische false flag” geäussert. Häufig kam die Einschätzung Breiviks als ein im Grunde unpolitischer Einzeltäter. Pipes: „Breivik wollte die Counterjihad-Bewegung diskreditieren“, so gemein.

Verständnis für den Massenmörder gabs im Störtebeker-Netz und vom italienischen Lega Nord-Politiker Borghezio, von dem sonst u.a. Bemerkungen über die Überlegenheit der Nord- über die Süditaliener kommen. Nicht selten kamen Relativierungen des Anschlags angesichts der “islamistischen Gefahr” und dass die „Opfer nun für eine Agenda ausgeschlachtet würden“. In der Jerusalem Post kam ein Kommentar, wahrscheinlich von Caroline Glick (einer Macherin von “Latma”; eine von Breiviks Lieblings-Juden), in dem die Verantwortung für das Massaker der „europäischen Einwanderungspolitik“ zugeschoben wurde (die Terroropfer und ihre Familien hätten sich quasi doch den anstürmenden Horden entgegenstellen sollen, dann wäre der Breivik beschwichtigt gewesen und hätte das nicht tun müssen..) und für Breiviks Ideologie Verständnis geäussert wurde, sowie ein Kommentar von Barry Rubin, in dem das von Breivik angegriffene Camp der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten als in ein „Pro-Terrorismus-Programm“ involviert diffamiert wird (weil sie für ein Ende der Blockade Gazas und für die Anerkennung Palästinas eintraten) und geklagt wird, dass Europäer Terror gegenüber Israelis hinnähmen/unterstützten, anders als Terror gegen sie. Hinterhergeschoben wurde dort eine Distanzierung des Chefredakteurs. Die Terroropfer wurden auch von Yediot Achronot/Ynet als „Israelhasser“ attackiert. Manchmal kamen Quasi-Rechtfertigungen des Anschlags als “Ventil für falsche Politik”, also als falsche Maßnahmen für ein richtig erkanntes Problem” .

Küntzel bog sich die Wahrheit über die Attentate von Oslo und Utöya auf Perlentaucher zurecht: Er schlachtete Breiviks Manifest für eine Abrechnung mit Kritikern der Islamophoben aus, viktimisiert und heroisiert Broder (“der Intimfeind aller Appeaser“, dessen Judentum noch hervorgehoben), bringt die Sache mit einer (angeblichen) Äusserung eines Offiziellen des iranischen Regimes in Verbindung. „Die ohnehin viel zu schwache Kritik am Islamismus ist in Deutschland seit Oslo und Utöya noch leiser geworden“ stimmt Küntzel dann in das kollektive Jammern über den „Propagandafeldzug gegen die ganze islamkritische Szene“ ein. Natürlich, nicht die 77 Getöteten sind die eigentlichen Opfer, sondern die Islamophobie-Industrie. Immerhin muss er sich von Breivik distanzieren und ein paar Sachen anerkennen: dass Islamisten hauptsächlich Muslime ermorden (bei der Aufzählung islamistischer Attentate blendet er dann doch wieder jene auf Moslems aus), die “Islamisierung Europas” eine hetzerische Behauptung von rechtsradikalen Spinnern ist, dass es arrogante „westliche“ Vorstellungen über Völker im Kulturkreis des Islams gibt. Er nennt Raddatz (der ist zwar ein strammer Rechter, aber weniger Hetzer und Heuchler als die meisten mit denen Küntzel auf “Konferenzen” auftritt, und sachkundiger als er), „Pax Europa“ und Giordano als Beispiele für rechtspopulistische „Islamgegner“ (die es also doch gibt), denen zufolge das überlegene Abend- und das rückständige Morgenland sich gegensätzlich und unvereinbar gegenüberstünden (Küntzel kritisierte dies tatsächlich!). Dass “die Frontlinie zwischen Freiheit und Barbarei inmitten durch muslimische Gesellschaften“ läuft, ist für jemanden wie ihn auch nicht selbstverständlich. Er nimmt eine Differenzierung zwischen Islam und Islamismus vor und behauptet, auch Broder würde diese Trennlinie ziehen. Für sich selbst reklamiert er anscheinend eine objektive, überparteiliche Rolle… Er verharmlost Breivik und die Szene als harmlos und machtlos, klagt über eine „falsche Täter-Einordnung“, „Muslimfreunde“ (an einem Punkt rechnet er Obama dazu) stellt er als mächtige Gruppe dar und unterstellt ihr Freude/Erleichterung über den Norwegen-Anschlag. Sie kristallisieren sich als eigentliche Zielscheibe seines Texts hervor und „Islam(ismus)kritiker“ als jene, die er als Opfer verorten möchte. Seine Sorge, 11/9 und der islamistische Terror generell könnten an Singularität/Bedeutung verlieren, ist offensichtlich. Die Kommentatoren auf perlentaucher nehmen Küntzel v.a. seine Kritik an „Islamfeinden“ übel, zu der er sich gezwungen sah. Aber auch so ein Kommentar kam: „Muslimfreunde? Gab es die nicht schonmal? Oder so ähnlich: ‘Die entlarvten Judenfreunde’ von Rudolf Wiedemeyer, Deutscher Verlag 1923.“

Das konsensfähige Sujet vom Widerstand gegen die angebliche Islamisierung ist seit Oslo nicht mehr so blütenweiss, aber man nimmt halt Modifizierungen vor, wie nach den iranischen und arabischen Aufständen gegen ihre Diktatoren. Jene Hassprediger, die darüber jammern dass die “Gegenseite” durch Oslo/Ütoya aus der “moralischen Defensive herausgekommen” sei, sagen damit (bzw. verstärken den Eindruck), dass sie islamistische Anschläge etc. brauchen, diese für sie ideologischen Auftrieb bedeuten und sie eine Art Hoheit beanspruchen.

Unter dem Titel “Caught in the web” brachte Øyvind Strømmen in Syn og Segn eine Analyse über neue soziale Milieus im Internet und über Internet-Radikalisierung, die auch Breivik zu seiner Tat motiviert haben könnte. In Strømmens Artikel wird darauf hingewiesen, dass rechtsradikale Sites wie die – auch von Anders Breivik genutzte – Stormfront ungleich mehr User habe als populäre islamistische Seiten wie Al Ekhlaas oder Al Hesbah. Die Beobachtung von Internet-Radikalisierung habe sich fast ausschließlich auf Islamismus konzentriert.

Israel und Judentum

Philosemitismus und Israel-Solidarität laufen oft parallel zu Islamophobie. Ein Philosemitismus in den Stereotypen des Rassismus blockiert zuverlässig jegliche ernsthafte Auseinandersetzung mit rassistischen Tendenzen in der Gesellschaft. Bei allem Dissens im Detail zeichnen Linke wie Rechte beklemmend manichäisch das Bild vom “heldenhaften jüdisch-israelischen Volk” das sich gegen die rückständige, fanatische, mörderische Region behauptet, gegen die Palästinenser, die Vorhut der Feinde des Fortschritts, des Westens. Ignoranz für das Leid der Palästinenser ist klassischer Kulturrelativismus. Aznar hat, nach dem israelischen Massaker auf der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, davon gesprochen dass Israel die erste Verteidigungslinie des Westens sei und “wir alle” untergingen, ginge es unter. Die Verteidigung der Zivilisation drückt sich demnach u.a. so aus, dass die Hebron-Siedler ihre Exkremente auf die Märkte der Palästinenser in der Stadt schütten. Rassismus ist nicht nur vereinbar mit einer Pro-Israel-Einstellung, er liegt ihr meist zu Grunde. Die Aufrechterhaltung westlicher Dominanz ist natürlich auch ein Antrieb.

Für (viele) Deutsche scheint Israel ein nationaler Ersatzmythos geworden zu sein, eine Identifikation mit den Israelis ist auch durch die Annahme motiviert, sie führten eigentlich einen Stellvertreterkrieg für genuin deutsche Wünsche, Vorstellungen und Ideale, für völkische Einheit und nationale Selbstbestimmung auf heimatlicher Scholle. Die Israeler firmieren gewissermassen als der grosse, militante Heimatvertriebenenverband, der zurückgekehrt ist. Das zionistische Ressentiment wonach Palästinenser ihr Land über die Jahrhunderte “verfallen gelassen haben”, damit eigentlich nichts anfangen könnten, bzw. dass Palästina nicht nur ungenutzt sondern auch unbesiedelt war, bevor Juden kamen, wurde von westlichen Israelfans bereitwillig aufgegriffen. Israel-Solidarität wird mal mit Universalismus (“einzige Demokratie weit und breit”), mal aus offenen Partikularismus (Überlegenheit/Hegemonieanspruch der Juden über “Kameltreiber”) argumentiert. Siedlungen sind entweder ein paar Häuser mehr die niemanden wehtun oder aber historisches Recht der Juden in “Judäa und Samaria”. Der Beginn der 2. Intifada 2000 war auch ein “Vorbote” auf das neue, kommende Zeitalter und seine Frontstellungen.

SPME und Gleichgesinnte spucken Gift und Galle, wenn Zionismus-Kritiker wie Norman Finkelstein, Ilan Pappe oder Mosche Zuckermann irgendwo auftreten. Der Grad zwischen Toleranzchauvinismus (“Dass Zuckermann in Israel lehren kann, zeigt wie tolerant Israel doch ist) “und Versuchen, solche kritischen Stimmen zum schweigen zum bringen, ist schmal. Ilan Pappe kann in Israel nicht mehr lehren; nachdem er sich dem Thema der palästinensischen Nakba kritisch annahm, musste er die Universität Haifa verlassen. Auf der Veranstaltung “Remapping Palestine” in Wien 2011 sprach er u.a. über akademische Freiheit anhand des Nahostkonflikts; eine Veranstaltung, die auch verhindert werden sollte. Gegen einen Vortrag von Finkelstein hetzten SPME u.a. auch, mit der Behauptung, dass dieser Lob von Neonazis bekäme (vergleiche dazu z.B. Breiviks Idole und die Apologetik dazu); gegen die Hetze der Rechtsextremen gegen Moslems haben diese gar nichts. “Honestly Concerned” veröffentlichte dann die Kontaktdaten von dem Hotel, in das Finkelstein auswich, nachdem die Uni, in der er zunächst auftreten sollte, dem Druck nachgegeben hatte.

Amy Kronish, die sich mit dem israelischen Kino, als Spiegelbild der Gesellschaft des Landes, auseinandersetzt, hat auch über “Arabs on Israeli Screens” geschrieben. Darin stellt sie fest, dass Palästinenser bzw. Araber in zionistischen Filmen, auch schon vor der Staatsgründung Israels, in der Regel als primitiv und exotisch dargestellt werden. In den früheren Filmen wurde der Gegensatz durch die Darstellung der jüdische Pioniere als modern und fleissig erzeugt. Palästinenser wurden gerne als Teil der malerischen Landschaft abgebildet, auf Eseln oder Kamelen reitend, altmodische Pflüge ziehend, zusammen mit Palmen oder der Wüste, aber nie als Individuen oder aus “der Nähe” (und wenn, dann als eindimensionale Charaktere). Vergleiche dazu die Reaktionen über entsprechende (?) Darstellungen von Juden/Israelis wie in der türkischen TV-Serie “Tal der Wölfe”. Palästinenser/Araber/Orientale werden in israelischen Filmen in der Regel von Mizrahi-Juden dargestellt. Der Film “Hamsin” aus dem Jahr 1982 hatte diesbezüglich etwas revolutionäres, so Kronish. Es geht darin um einen Bauer in Galiläa und seinen palästinensischen Gehilfen und behandelt auch die Nakba von 1948 mit, die Schwierigkeiten der nicht-vertriebenen Palästinenser im israelischen Staat und sogar sexuelle Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen. Bemerkenswert auch der erste Film eines “israelischen Arabers”, Michel Khleifi, “Hochzeit in Galiläa” aus 1987. Er spielt in der Zeit, als diese Palästinenser im israelischen Staat noch unter Militärverwaltung standen. In Hollywood haben Araber immer wieder die Rolle des bösen Anderen eingenommen (verstärkt nach Ende des Kalten Krieges), des Barbaren, der die Zivilisation bekämpft (bzw. umgekehrt), eine Rolle, die früher für “Indianer”, dann “Mexikaner”, dann “Russen” reserviert war.

Während gerade wieder ein “neuer Antisemitismus” zelebriert wird, reihenweise Untersuchungen über den “Antisemitismus von jugendlichen Moslems” herauskommen, wartet etwa der antiarabische Rassismus unter jungen französischen Juden (ob in JDL-Ablegern oder anderen Gruppen) noch darauf, untersucht zu werden. Oder jener des “Mavet le Aravim” (Tod den Arabern) rufenden Mobs in israelischen Städten.

Der israelische Historiker Haggai Ram spürte der israelischen “Iranophobie” nach und brachte 2009 “Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession” heraus. Er schreibt bzw. redet das 1979 im Iran an die Macht gekommenen Regime nicht schön (Gudrun Harrer 08 in derstandard im Artikel “Logik einer Obsession” dazu: “Ram wird trotzdem des Antisemitismus beziehungsweise des jüdischen Selbsthasses, der Unterstützung von Holocaust-Leugnung, des Antizionismus sowieso, aber vor allem des Irreseins bezichtigt werden”) aber er geht dem in seinem Land kaum angefochtenen Umgang mit dem Thema “Iran” und dessen Instrumentalisierung auf den Grund. Er stellt zum einen fest, dass hinter der Konstruktion der Bedrohung Israels durch den Iran inner-israelische/-jüdische Spannungen stehen. Dazu diente auch die Ent-Orientalisierung der v.a. in den 1950ern aus den islamischen Staaten geholten Juden durch das aschkenasische Establishment. Viele Israelis, so Ram, sähen im klerikal beherrschten Iran ein Horrorszenario für die Zukunft des eigenen Landes.

Dies mit Blick auf die religiösen Parteien, die mal in die Regierung eingebunden, mal isoliert werden (in der jetzigen Regierung sitzen neben dem Likud die Partei vom jungen Lapid, der die Religiösen und ihre Inhalte kleinhalten möchte und die von Bennet, der eine Brücke zu ihnen bauen will, zur Verbreiterung eines israelischen Nationalismuses), und teilweise (Schas) Mizrahis und teilweise (Vereinigtes Thora-Judentum) Aschkenazis repräsentieren. Auch viele Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion, so Ram, hätten Anti-Mizrahi-Empfindungen, nicht zuletzt aufgrund ihrer vorwiegend säkularen Ausrichtung. Eine weitere Beobachtung Rams beim israelischen Iran-Diskurs (der ja gern nach aussen getragen wird) ist die für israelische Politiker willkommene Ablenkung vom Grundkonflikt, dem mit den Palästinensern; diese würden auch zunehmend als eine Art Vorhut der Iraner empfunden/dargestellt. Damit könne der eigene Teil der Verantwortung leicht abgegeben werden. Die gegenseitigen Bedrohungen zwischen Israel und Iran interpretiert er als eine Art von Dialog zwischen ihnen. Den Holocaust zu einem politischen Instrument würden dabei beide Seiten machen.

Das Buch von Noel Ignatiev “How the Irish Became White” setzt sich damit auseinander, dass irische Einwanderer in den USA nicht schon immer als “Weisse” angesehen wurden, sich diesen Status erst durch Mehrarbeit in Sachen Rassismus, v.a. gegen Afro-Amerikaner, verdienen mussten. Etwas Änliches lässt sich mit Blick auf die Mizrahim (der Begriff “Sepharden” für sie ist eigentlich nicht korrekt) in Israel feststellen, die den “Makel” ihrer “orientalischen” Herkunft durch eine Mehrarbeit in Sachen Nationalismus bzw. Überheblichkeit v.a. gegenüber Palästinensern kompensieren mussten und dabei auf den Likud gegen die Arbeiterpartei setzten (bzw. der ebenfalls aschkenasisch dominierte Likud auf sie), der in der Wahl 1977 den Machtwechsel schaffte. Diese Rolle ist möglicherweise später zu den aus Äthiopien geholten Juden weitergewandert. Philosemiten sind immer nur für bestimmte Juden, lehnen andererseits religiöse, linke oder orientalische ab.

Ängste vor dem „Eindringen des Mittleren Ostens“ über Mizrahim nach Israel werden schnell nach aussen umgeleitet, Shinui-Parteichef Yosef Lapid sprach in dem Zusammenhang vom „levantinischen Misthaufen“. Lapid wurde als Tomislav Lampel in Jugoslawien geboren und ist 1948 nach Israel eingewandert, wurde in Europa gern als “mitteleuropäischer Liberaler” dargestellt. Vieles was auf “Islamophobie” zutrifft, trifft auch auf solche Sichtweisen zu, zumindest waren sie jahrzehntelang in Israel vorherrschend. Etwa das “Wir sind fortschrittlich, ihr rückständig”-Gehabe zur Abgrenzung. Lapid hatte nicht nur ein Problem mit Levantinern: 1974, nachdem die meisten schwarzafrikanischen Staaten nach dem “Nahostkrieg” von 1973 die Beziehungen zu Israel abbrachen, schrieb er in Maariv den Artikel “Le’maan D’rom Africa Lo Esheshe” (Um Südafrika willen will ich nicht schweigen), eine rassistische Tirade gegen Schwarzafrika und auch Afro-Amerikaner, die er, mit Berufung auf den britischen Rassentheoretiker John Baker und Disraeli, Juden in USA gegenüberstellte um zu schliessen: “Offensichtlich gibt es einen vererbbaren Unterschied zwischen einem Mann dessen Vater im Dschungel lebte und einem dessen Vorfahren Priester im Tempel waren.” Auch ein Lob auf Apartheid-Südafrika und Israels Zusammenarbeit mit ihm ist darin. Irgendetwas sagt mir, dass MEMRI sowas nie übersetzt hat. Zu finden ist es (u.a.) in ”Besieged Bedfellows” von Benjamin M. Joseph (1988).

Anastasia Michaeli (-Samuelson), die die rechtsradikale Yisrael Beitenu im israelischen Parlament vertrat, eine aus Russland stammende blonde Konvertitin zum Judentum, die auch für ihre Theorien über Homosexuelle und eine physische Attacke auf die palästinensische Abgeordnete Hanin Zoabi bekannt ist, hat einst als Jury-Mitglied in der israelischen Ausscheidung zum Song Contest die Sängerin Liel Kolet, deren (jüdische) Eltern aus Indien stammen, abgelehnt, weil diese eine “arabische Erscheinung” habe. “Wir müssen jemanden auswählen, der uns nicht nur künstlerisch repräsentiert”.

Rechte Islamophobie

Jean-Marie Le Pen äusserte schon 02 gegenüber Ha’aretz Verständnis für den israelischen Kampf gegen “Araber und Terror”, verglich ihn mit dem französischen Kolonial-Kampf in Algerien, an dem er ja teilgenommen hatte. Oder Jörg Haider einst auf einer BZÖ-Veranstaltung: “Noch darf man Grüss Gott sagen und muss nicht Allah ist gross sagen”. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass es dazu kam. Historisch gabs eine lange Ablehnung der westlichen Rechten gegenüber dem “Orient”, die manches der heutigen Islamkritik vorwegnahm; aber auch eine Stützung reaktionärer Kräfte in der islamischen Welt. Neue Parteien wie jene von Wilders haben überhaupt kein antisemitisches Erbe, definieren sich geradezu durch einen positiven Bezug auf Israel (das wieder einmal die Rettung des Abendlands darstellt), im Negativen hauptsächlich über Anti-Islam. “Islamisierung stoppen” und ähnliches ist bei Rechtspopulisten in (West-) Europa heute ein selbstverständliches Kernthema. Ähnliches gilt für die Evangelikalen der USA; bei einer Israel-Solidaritätsveranstaltung der evangelikalen Christian Coalition in USA 03 forderte etwa der damalige israelische Minister Benjamin Elon (Nationale Union), ein Westbank-Siedler, unter Jubel die Aussiedlung der Palästinenser nach Jordanien. Bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin 2013 faselt der Anführer von “Reconquista”, Europa wieder vom Islam reinigen,…

Für Rechte/Konservative ist Islamophobie eine Chance, ihre Ideologie “reinzuwaschen” und grössere Akzeptanz zu bekommen, eine Frischzellenkur, man kann sich als zu modernen und aufgeklärten Werten stehend und sie verteidigend profilieren, auch als wehrhaft gegen die mit Islamisten “verbündete” oder sie “verharmlosende” Linke. Man hat die Möglichkeit zu einem politisch korrekten Rassismus, man hatte mit seinen Vorurteilen immer schon recht.

Wenn man sich im rechtem Milieu zur „Islamkritik“ gewissermaßen „linke“ Errungenschaften auf die Fahnen heftet (u.a. Frauen-Emanzipation), ist das nie frei von Ambivalenz. Manchmal kommt deutlich heraus, dass man diese Werte im Grunde ablehnt. FPÖ-Chef Heinz Christian Strache etwa hat die entlassene NDR-Moderatorin Eva Herman, die “die Wertschätzung der Frau im Dritten Reich” gelobt hatte, verteidigt, dabei erwähnte er auch Autobahn-Bauten, nach ihm ebenfalls etwas Gutes aus dieser Zeit (auch die Forderung, über das NS-Verbotsgesetz zu diskutieren, kam von ihm). Er lud Herman dann zu einer Veranstaltung mit dem Titel “Das Eva-Prinzip – Antwort auf den Feminismus” in den FPÖ-Parlamentsklub ein. Nach ihrer Absage am Tag der Veranstaltung sprach dann der Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Wenig später redete Strache dann davon, dass Zuwanderung von ausserhalb Europas Elemente mit sich bringe “die nicht unserer Kultur entsprechen, darunter die Unterdrückung der Frau”. Und dass er “wehrhaft” gegen Islamismus auftreten wolle. Grünen-Chefin Glawischnig sei männerfeindlich. Im Wiener Wahlkampf 10 brachte die FPÖ neben altbekanntem wie der Assoziation Asylbewerber-Kriminalität, Angstschüren vor osteuropäischen Nachbarn (Ende der EU-Schutzbestimmungen am Arbeitsmarkt), Gemeindebau-nur-für-Österreicher-Parolen auch dezidiert anti-islamisches, etwa Zustimmung zu Sarrazin, oder das Lied von Broder wonach Menschen aus einem anderem Kulturkreis wegen ihrer Herkunft mildere Strafen für Mord und Totschlag bekämen. Und: “Wenns nach den Gutmenschen ginge, würde jetzt Ramadan beginnen.” Strache kaut auch den „clash of civilizations“ mit dem Islam wieder. Auch wenn er über europäische Werte, Humanismus oder Christentum schwadroniert, geschieht das meist zur Abgrenzung vom “Islamischen” und immer heuchlerisch.

Elisabeth Sabaditsch-Wolf, eine österreichische Diplomatentochter, berät Strache aussenpolitisch, hat ihn nach Israel begleitet. Sie hält Hasspredigten in „Islam-Seminaren“ am Freiheitlichen Bildungsinstitut ab, ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, unterhält Kontakte auch zu Wilders, ist Generalsekretärin des („im Untergrund tätigen“) Vereins „Mission Europa. Netzwerk Karl Martell“, Teilnehmerin an der jährlichen „Counterjihad Conference”, aktiv bei Ulfkottes „Pax Europa“, postet im IT unter Pseudonymen antiislamische Artikel (auf Webseiten wie redegefahr.com) und Kommentare, stilisiert sich als mutige Kämpferin gegen etwas Totalitäres. Hat auch Breivik beeindruckt.

Die CDU-Politikerin Kristina Schröder, die sich gern in Äquidistanz zu rechts und links verorten möchte, hat erst 2009 auf ihrer Website Links zu PI und dem deklarierten Rechtsaußen-Blatt Junge Freiheit gelöscht. Im Windschatten von Sarrazin kam auch sie mit “moslemischer Deutschenfeindlichkeit” daher. Für die rechte israelische Zeitung Jerusalem Post durfte sie einen Artikel über „Antisemitismus in Deutschland“ schreiben, eine weitere Möglichkeit für sie, darauf hinzuweisen, von wem alle Feindseligkeit ausgeht und, wohl auch, um den Schuldkomplex zu überwinden, den Wilders meinte (s.o.). Zu dem Thema hat sie auch Broder als “Experten” in den Bundestag geladen.

Für die deutsche „neuen Rechte“ (Antaois-Verlag, Junge Freiheit, Götz Kubitschek, Manfred Kleine-Hartlage,..) ist auch längst der „Islam“ Feind Nr. 1, Weissmann arbeitet schon mit Stürzenberger von PI zusammen. Die Szene dieser neuen und neuesten Rechten (wie den Pro-Parteien) ist aber zerstritten und zersplittert, vor allem anhand des Widerspruchs zwischen Kampfeslust gegen den (postmodernen) “Mainstream” und dem “Bekenntnis” zu fortschrittlichen Werten – anderswo ist es ähnlich.

Auf stormfront.org, einem englisch-sprachigen Rechtsextremen-IT-Forum des US-Amerikaners Don Black (einem früheren KuKluxKlan-Führer), das auf “weisse Vorherrschaft” ausgerichtet ist, gibts Holokaust-Leugnung bzw. -Verteidigung neben Israel-Begeisterung, auch viel Anti-Islam, Geschreibe von “Eurabia”, etc. Wie so üblichen bei Rechten, gestaltet sich die internationale Zusammenarbeit schwierig, aufgrund der konkurrierenden Ansprüche etwa südslawischer Nationalisten oder burischer und englischsprachiger Hetzer gegen das Post-Apartheid-Südafrika.

Die Evangelikale Christine Schirrmacher von der “Lausanner Bewegung” veröffentlicht hierzulande Bücher und Artikel zum Thema Islam, wird als “Islamexpertin” und „seriöse Wissenschafterin” gehandelt.

“Linke” Islamophobie

Manche Linke surfen gemütlich auf der antiislamischen Welle und spielen den Wahrer von emanzipativen Ansätzen, beziehen Front gegen Rechtsextremismus nur, wenn sie dort Moslems verorten können. Publizisten aus diesem Lager erliegen der Faszination begrifflicher Tabubrüche und wittern die Gelegenheit, Antifaschismus und Rassismus miteinander zu versöhnen, berauschen sich und ihr Publikum mit markigen Parolen. Der kanadische Regisseur „Bruce Labruce“: “Ich war angewidert, wie still und feige sich die Linke nach dem 11. September verhält; dass sie rechten Kräften und dem Krieg gegen den Terror freie Bahn ließ.” Hartmut Krauss ist der typische Vertreter eines „Islamophoben“ der von links kommt und die in Mitte bzw. nach rechts steuert, er war u.a. Initiator der “kritischen Islamkonferenz” 08 (nicht zu verwechseln mit der jährlichen “Counterjihad Conference” mit David Littman, Filip De Winter, Arye Eldad, Robert Spencer, Trifkovic, Herre,…). Unter dem Label “Antideutsch” wird fremdenfeindliche Hetze verbreitet, die als “progressiv” dargestellt wird.

Karl Marx’ Verachtung für nicht-europäische/-weisse Völker/Kulturen ist ein Fundament für den Rassismus/Kulturalismus der Pseudo-/Postlinken im Westen. Jedenfalls sind Einschätzungen von ihm wie diese in den letzten 10, 15 Jahren oft ausgegraben worden: „Die indische Gesellschaft hat überhaupt keine Geschichte, zum mindesten keine bekannte Geschichte. Was wir als ihre Geschichte bezeichnen, ist nichts andres als die Geschichte der aufeinanderfolgenden Eindringlinge, die ihre Reiche auf der passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verändernden Gesellschaft errichteten. England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.

Die angebliche Ablehnung von Nationen durch “Anti“Deutsche ist vor allem eine Legitimationsstrategie, um sich gegen Rassismusvorwürfe zu immunisieren; sie machen das, was sie Antirassisten unberechtigt vorwerfen, nämlich Menschen nicht als Individuen wahrzunehmen, sondern in Kollektive einzusortieren. Sie können nur die Mossab H. Yousefs (siehe unten) oder aber die Bin Ladens akzeptieren, lehnen andere als unecht ab oder diffamieren sie. An jene, die noch nicht den Mossab-Weg gegangen sind, wird die Aufforderung gerichtet, sich zu “befreien”, so wie wenn Hetze gegen Juden damit rechtfertigt wird, man sei gegen “die Juden” weil diese sich als Juden definierten und jederzeit mit ihrem Judentum brechen könnten.

Deutschlandschelte hat die Funktion einer Blendgranate; „Anti“deutsche müssten über die (angeblichen) Deutschland-Beschimpfungen von Migranten eigentlich froh sein, aber es ist natürlich das Gegenteil der Fall, wie man z.B. bei Birgit Schmidt in Jungle World (die in dem Zusammenhang auch die Richterin Heisig lobt) lesen kann. Auch dass es mit dem PI- oder Sarrazin-Gedankengut zumindest Überschneidungen gibt, ist nicht überraschend. “Aufarbeitung” des Faschismus und Versöhnung mit Deutschland über Islamophobie und Philosemitismus… Ein Geschichtsrevisionismus für die eigenen kleinkarierten, zutiefst “deutschen” Befindlichkeiten. Antiimperialistische Bewegungen oder zögerliche Rechte werden als „völkisch“ diffamiert, weil sie sich der falschen Völker annehmen.

Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt“ von Gerhard Scheit ist ein Buch, in dem Sätze mit “Der muslimische Mann…” beginnen und Gerüchte weiterverbreitet werden, wonach Araber teils bis zum 8. Lebensjahr an der Mutterbrust gesäugt würden. Neben rassistischen Ammenmärchen findet man darin Versuche, islamistische Selbstmordattentate mit Heidegger zu erklären.

Dass jemand wie Grigat an der Universität Wien lehren kann, sagt nichts (Gutes) über ihn, aber etwas (Schlechtes) über diese Uni. Die Maskierung seiner Propaganda als “wissenschaftliche Arbeit” ist bei ihm allgegenwärtig. Als Hauptagitator der Kriegs-Kampagne “Stop the Bomb” will er deren “wissenschaftlicher Berater”, oder “Moderator” bei den Podiums”diskussionen” ihrer Veranstaltungen, sein. In Österreich sind die “Anti”deutschen um den Berliner in der “Basisgruppe Politikwissenschaft” der Uni Wien entstanden, sind heute u.a. im “Café Critique” organisiert, bilden einen Klüngel am Wiener PoWi-Institut, mit Ablegern etwa in Form von “Mena” (“Medienbeobachtungsstelle Nahost”), wo seine (meist österreichischen) Hilfssheriffs wirken. Der Kreis ist auch Handlanger von Pipes’ “Campuswatch” in “Grossdeutschland”, agitierte z.B. gegen die Verleihung einer Ehrendoktorwürde an Hanan Ashravi (Frau und Christin, aber Palästinenserin).

In seiner Kriegs-Propaganda gegen Iran behauptet Grigat, der neue Antisemitismus/Faschismus käme aus arabischen Ländern. Im selben Interview dann etwas später: “Die meisten arabischen Länder haben Israel längst signalisiert, dass sie kein wirkliches Problem damit hätten, wenn Israel Angriffe auf Nuklearanlagen im Iran durchführen würde”. Wie jetzt, dort wo der Faschismus daheim ist, ist man für Angriffe auf Iran? Die iranische Bevölkerung sei auch grossteils für ihre “Befreiung” auf diesem Weg, der aufgeklärte Westen sowieso, also eh praktisch alle? In der Propaganda von “Drop the Bomb” findet man, besonders wenn man ihre Inhalte seit ihrer Initialisierung 07 beobachtet, verschiedenste Kriegsrechtfertigungen gegen Iran, nebeneinander auch widersprechende wie “Iraner befreien” und “weil die iraner die Atombombe des Regimes wollen”. Immer zynisch: das ignorieren iranischer Opfer; in dem erwähnten Interview sagte er zu einem israelischen Angriff auf Iran, er stelle sich das grauenhaft vor, um dann hinterherzuschieben, dass er damit israelische Opfer möglicher Vergeltungsangriffe meint… (gut, dass Belege für sowas nicht so leicht aus dem Internet verschwinden).

Der Wiener Akademikerbund fordert u.a. die ersatzlose Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes, die “fundamentale Korrektur” der Fristenregelung, die ersatzlose Streichung des EU-Gleichbehandlungsgesetzes („könnte verborgener Sprengsatz für die abendländisch-christliche Kultur sein, zielt auf zwangsweise Einführung einer multikulturellen Gesellschaft ab“), die Beendigung der Zuwanderung um “Gefahren für das Heimatland abzuwehren”, Spezialgesetzgebung für Muslime, Beseitigung des „Wildwuchses von Moscheen“ sowie die Anerkennung der “effektiven Verschiedenheit von Rassen und Völkern”. Grigat, vom Sabaditsch-Kollegen Christian Zeitz dorthin gebracht, hat 09 dort über „Die ‘Islamische Republik Iran’ und die Menschenrechte im ‘Kampf der Kulturen’“ einen Vortrag gehalten. Angekündigt als „Nahostexperte und gefragter Publizist“, hat er dort über das “Spannungsfeld von islamischen Gesellschaften und Menschenrechten“ geredet und ob sich „die Menschenrechte von einem Schutzrecht des Individuums gegenüber dem Staat … zu einem Anspruch verlagern, verschiedene (religiöse und ideologisch bedingte) Lebensentwürfe auch gegen den Willen der Mehrheitskultur und -bevölkerung durchzusetzen“. Nachdem etwas mehr über den Akademikerbund bekannt wurde (Aufregung gabs eigentlich nur wegen der Forderung mit dem NS-Gesetz) gab der Israel-Fetischist über SPME eine Erklärung ab, in der er versuchte, sich das Opfermäntelchen umzuhängen, wie immer anmaßend, selbstgerecht und seine wahren Motive verschleiernd. Was vollkommen unter den Tisch “fiel” (gekehrt wurde) neben dem Brückenbau, ist, in welchem ideologischen Milieu sich Philozionismus/Israel-Unterstützung gerne bewegt…

Wenn Grigat auf derstandard.at (meist seine eigenen Gastkommentare) als “harlan eiffler” kommentiert, sagt er über sich noch einiges aus.

Allianzen und Kooperationen

Die Islam-feindliche Perspektive erweist sich als idealer Kitt, unterschiedlichste Gruppierungen/Ideologien zusammenzuschweißen und Vernetzungen herzustellen. Das Konzept eines „Westens“ erlaubte im Kalten Krieg die Reintegration von Faschisten als “Antikommunisten”; auch heute werden wieder Kräfte gegen „asiatische Horden“ gebündelt. Es wird davon geredet, die Errungenschaften der Aufklärung zu schützen, etc. Die unterschiedlichen Auffassungen, was darunter im Detail zu verstehen ist, verhindern ein grösseres Zusammengehen. Reine Fremdenfeinde, die Zuwanderern schnell ein Islamismus-Mäntelchen umhängen wollen, hier, vorgeblich Libertäre, die auf totale künstlerische Freiheit pochen und dann Ausnahmen wollen, dort. Einerseits will man sich seiner Toleranz brüsten und Intoleranz zum Merkmal der anderen erklären, andererseits sieht man Toleranz und Universalismus als Hemmschuh. Während man sich bei der Ablehnung von “multikultureller Gesellschaft” leicht einig wird, ist ein Bekenntnis zu einer “offenen Gesellschaft” für den einen Teil der Islamophoben ein Unterscheidungsmerkmal zu dem, was sie unter Islam verstehen, für den anderen Teil ist eine offene Gesellschaft etwas, wo sich der Islam “einnisten” kann. Die USA unter Bush war für Viele ein positiver Gegenentwurf zu dem was in Europa in ihren Augen “verdorben” war – sich genauer anzusehen, was das eigentlich ist, würde sich einmal lohnen.

Bei den Pro-Israel Demos anlässlich des Überfalls auf die Hilfsflotte für Gaza 10 haben PI, “Bahamas” und andere “Anti”deutsche, die rechtspopulistischen Pro-Parteien, der BAK Schalom der Linken und christliche Fundamentalisten in trauter Einigkeit gemeinsam demonstriert. Die evangelikale “Partei bibeltreuer Christen” PBC hat gemeinsam mit dem BAK Shalom dem Berliner Linken-Chef Klaus Lederer die israelische Bombardierung des Gaza-Streifens 08/09 unterstützt. PI und Pro-Parteien vertreten Positionen, die den “anti”deutschen ziemlich nahekommen, jedenfalls was Internationale Politik, Umgang mit dem Islam, Zuwanderung/Integration, Israel, USA und teilweise auch den Kapitalismus angeht. Auf PI werden “antideutsche” Veranstaltungen beworben und hinterher über die Teilnahme der PI-Ortsgruppen berichtet. Die Idole der “Anti”deutschen wie Broder unterstützen teils offen die neuen Rechten in Europa. Kahanistische Organisationen wie “Kach”, also der äusserste rechte Rand des zionistischen Spektrums, sogar von Israel verboten, paktiert, besonders in Berlin, auch gern mit Evangelikalen (PBC) und “Anti”deutschen. Die English Defence League (EDL) ist, nicht zuletzt über Pamela Geller, mit dem antimoslemischen Teil der amerikanischen Tea Party Bewegung verbunden sowie mit Kahanisten wie dem surfenden Rabbi Shifren. Einige der EDL-Anhänger zeigen gern mal den Hitler-Gruss – andere lieber Israelfahnen. Bei der Veranstaltung „Tag der Patrioten“ mit Nürnberg 2.0, German Defence League, und NPD gabs auch Israel-Fahnen (PI schrieb dann von Bauchweh wegen der NPD und verwahrt sich gegen die „Nazikeule“).

Mina Ahadi engagiert sich heute gegen „Multikulti, Kulturrelativismus, moslemische Verbände, Islamophobie-Konzepte“ und wird deshalb trotz hoher Stellung in der linksradikalen WPI und ihrem Atheismus von Springer/Konservativen wie auch vom PI-Milieu hofiert, was natürlich wiederum “A”D nicht stört.

Giordano zur massiven Präsenz von Vertretern der rechtsextremen „Pro Köln“ in der Bürgerbewegung gegen den Moscheebau in Köln, in der er prominent beteiligt ist: „Dieses ‘Aber mit solcher Kritik begibst du dich in die Nähe der Nazis von heute’ ist ein Totschlagargument, das sich bei meinem biographischen Hintergrund von selbst ins Absurde führt. […] da sind wir bei dem eigentlich Unheimlichen der Situation: dass nämlich viele Menschen, die meinen Hintergrund nicht haben, die gleiche Kritik an dem Bau der Moschee und an den islamischen Parallelgesellschaften in Deutschland überhaupt, äußern möchten, das jedoch nicht wagen, eben weil sie fürchten, dann erstens in die rechtsextreme, rassistische neonazistische Ecke gestellt zu werden und zweitens plötzlich die falschen Bundesgenossen an ihrer Seite zu sehen.“ FPÖ-Strache in Köln bei einer Kundgebung von ProKöln gegen die Moschee in Ehrenfeld: “Wer den Mut hat, zur eigenen Kultur zu stehen, wird gleich als Rechtsextremist oder Neonazi beschimpft.”

Am 8. Mai (Ende des 2. Weltkriegs in Europa durch die Kapitulation Nazi-Deutschlands) feiern “Anti”deutsche demonstrativ und zetern Deutschnationale etwas leiser. In Wien sollte Strache bei zweiterer Feier auftreten, sagte ab, da er in Italien war um mit anderen Rechtsaussen Vorgehen gegen Einwanderer zu planen (er ist ausserdem um ein gemäßigteres Image bemüht); wenn er für Proköln Stellung nimmt, ist er bei deren Kernthemen den angeblichen Gegnern der Rechten von der Gegenfeier ganz nahe…

“Verbündete” bzw. Kanonenfutter

Für westliche Kulturkrieger gehören Frauen zu den “Lieblingsgruppen” im (oder im Bezug zum) Orient, neben Juden, Schwulen, Minderheiten, Quislingen. Die Sorge (?) um Frauenrechte im Islam gehört zum Standardprogramm, auch bei Anti-Feministen wie Matussek. Von Frauen aus moslemisch geprägten Kulturen gibt es gleichförmige Bilder von Fremdbestimmung, Abhängigkeit und Unterdrückung, einer passiven Opferrolle. Es wird ihnen gerne die Handlungsfähigkeit abgesprochen, gerne über sie gesprochen, Alibis von ihnen erwartet. Die österreichische Forscherin Leila Hadj-Abdou sagt, muslimische Frauen werden nicht als selbstbestimmte Personen wahrgenommen, liberale Werte werden hochgehalten, um den Ausschluss zu legitimieren. Von Rechten/Konservativen, die sich (zuvor) nie für Gleichberechtigung (der Geschlechter) eingesetzt haben, aber auch bei jenen Feministinnen, denen Gleichberechtigung tatsächlich ein Anliegen ist (nennt Alice Schwarzer). Jene die über die Hirsi-Alis entzückt sind, verachten die Naika Foroutans. Neben der Wahrnehmung als “Objekt” gibt es von der südländischen/orientalischen, nicht notwendigerweise moslemischen, Frau dann auch jenen als heissblütig, verführerisch, unbeherrscht.

In Dresden ist 32-jährige Ägypterin Marwa El-Sherbini 09 von einem Russlanddeutschen in einem Gerichtsgebäude mit einem Messer angegriffen und ermordet worden. el-Sherbini war Apothekerin und im dritten Monat schwanger. Sie hinterliess einen dreijährigen Sohn. Ein aus dem Nachbarraum herbeieilender Polizist schoss zunächst auf den Ehemann der Ermordeten statt auf den Täter. Der Mörder hatte sein Opfer, die Kopftuch trug, auf einem Kinderspielplatz als „Islamistin“, „Schlampe“ und „Terroristin“ tituliert. Der Mord geschah in der Berufungsverhandlung gegen die Geldstrafe, zu der er für die Beleidigungen verurteilt worden war. Dass Leute wie Ahmadinejad sich des Falls „annahmen“, war für PI (die dazu auch schrieben: „Behauptungen der Qualitätsjournalisten zufolge soll der Mörder durch die Lektüre solcher [gemeint ist: unserer] Artikel zu seiner Tat angestiftet worden sein.“) oder Achgut eine Steilvorlage zur Relativierung.

Als einmal die “Miss Austria” aus dem Kaukasus kam, gab es gehässige Kommentare, dass sie wegen der political correctness gewonnen habe, man die Wahl/den Titel in „Miss Orient“ umbenennen solle usw. Irgendwie liegt dem derselbe Chauvinismus zugrunde wie jenem Gegeifer, das Frauenrechte vorschiebt, nur ist er hier ehrlicher. Siehe dazu auch die Kommentare zur feministischen Entblössung der albanisch-stämmigen CDU-Politikerin Ramadani.

Im Westen inszeniert man sich gerne als (Teil einer) tolerante(n), weltoffene(n) Gesellschaft, auch Homophobie wird am Fremden skandalisiert. Sie wird zur Stützung einer Argumentation benutzt, die Orientale als primitiv darstellt; wird, wie auch “Feminismus”, zur Kriegsrechtfertigung herangezogen. Dabei wird Homophobie im christlichen Schwarzafrika oder der Karibik entweder in denselben (“unzivilisierten”) Topf geworfen oder aber säuberlich davon getrennt, wenns um die Formulierung vermeintlicher islamischer Spezifika geht. Die Aufmerksamkeit gilt auch im Positiven, bei Jamaikas Premierministerin Simpson-Miller war ihre Unterstützung für Homosexuellen-Rechte “wichtiger” als etwa ihre Initiative zur Abschaffung der Monarchie mit der britischen Königin als Staatsoberhaupt, obwohl dieses für den durchschnittlichen Jamaikaner das wichtigere Thema ist. Eingehend befasst mit der Thematik hat sich Lysis/Rhizom in seinen Blogs und Büchern. Auch damit, dass im “Orient” Bedeutungen/Definitionen von Körperkontakt und Homosexualität andere sind; mit der diesbezüglichen Rolle von Aufklärung und westlichem Nationalismus, und welche Prozesse heute dort im Gange sind; dass gerne auf andere ethnische Gruppen gezeigt wird, wenn über Homophobie gesprochen wird.

Mossab Yousef, der Sohn eines Hamas-Mitbegründers sein soll, spionierte neun Jahre lang für Israel (den Inlandsgeheimdienst Schin Bet). Seit seiner “Flucht” in die USA und seiner Hinwendung zum Christentum “lebt er in Angst vor Rache”. Er tritt z.B. im „Museum of Tolerance“ des Simon Wiesenthal Center auf bzw. wird dort aufgeführt. Er ist ein zuverlässiger palästinensischer Gewährsmann für das zionistische Lager, wie auch Walid Shoebat. Auch oder gerade “Nahost-Beobachter”, die von Palästinensern in “” schreiben oder dass sie es erst seit Arafat als solche gäbe, von einer islamischen Lobby in USA welche die jüdische ersetze, von Prinz Eugen und dem Abwehrkampf, von Arabern die wie blöde rammeln, sind von ihm entzückt. Er ist eine wichtige Propagandaikone, weil mit seinen Aussagen der Eindruck nahegelegt werden kann, dass die Palästinenser die ganze Schuld für den Konflikt tragen würden, sie es sind, die sich für eine Lösung ändern/bewegen müssten, Israelis und Freunde nichts gegen Palästinenser hätten und sie gut behandeln würden wenn man sie nur lasse. Da er Israel/Zionismus unkritisiert lässt, wird seine Hamas-Vergangenheit als wertvoller Einblick ausgelegt, im anderem Fall würde man seinen Befund über den Konflikt auf dieser Grundlage diskreditieren. Sein Schwarzweissbild des Nahostkonflikts zeigt, dass er kein Friedensengel geworden ist, bloss die Seiten gewechselt hat. Yousef und seine “Wandlung” wird, auch von manchen Kampagnenjournalisten, als eine Erweckungsgeschichte gesehen – die des ebenfalls zum Christentum übergetretenen Mordechai Vanunu ist ein Tabu, ihre Erwähnung eine “antisemitische Instrumentalisierung” usw. Die meisten “Islamkritiker” haben ein Produkt zu promoten, wie Yousef sein Buch. Dazu ist auch zu sagen, wenn Zionisten Palästinenser generell mit so viel Wertschätzung gegenüber treten würden wie jenen, die sich gegen palästinensische Anliegen stellen, gäbe es überhaupt keinen “Nahost-Konflikt”.

Die Selben die kritische Juden wie John Bunzl oder Gideon Levy als “Distanzier-und Alibijuden” oder “Kronzeugen der Rechtsextremen“ beschimpfen, preisen im nächsten Atemzug oder auf der selben Seite Yousef oder den in Italien lebenden Ägypter Magdi Allam (nach publikumsgeilem Umschwung vom Reformer und Vermittler zum selbstverleugnenden Scharfrichter). Alibi- und Berufs-Ex-Moslems wie er, Mossab Yousef oder Farid Ghadry werden von fast allen islamophoben Fraktionen verwendet. Hirsi-Ali ist wie Ben Ali oder Mubarak die Alternative zu einer Reform des Islams. Auch Grigat versucht, die iranischen Frauen und die Emanzipation gegen „linke Islamapologeten” und “akademische ‘Islamophobie’-Forscher” sowie zur Pseudo-Abgrenzung von den klassischen Rechten anzuführen. Orientalische Frauen sind, sobald sie eine eigene Meinung haben, für die Grigats auch Teil des Problems.

Westliche Debatten über Einwander wie auch Moslems werden gerne über deren Köpfe hinweg geführt, gerade deshalb sind solche Feigenblätter wichtig. Jene in der Islamophobie-Industrie, die im Grunde einen ehrlichen Ansatz haben wie evtl. Abdel-Samad, sind dort eigentlich fehl am Platz. Dieser gibt zwar nicht nur Broder ein Alibi, hat aber (sicher zur Enttäuschung vieler in seinem Publikum) etwa festgehalten, dass -während er dem Islam faschistische Züge attestiert- nicht alle Moslems bzw. alle aus diesem Kulturkreis (er selbst sieht sich als Kultur-Moslem) in einen Topf geworfen gehören. Die Drohungen gegen ihn benutzt er nicht, um sich zu einem deutschen Rushdie zu stilisieren, sondern spricht von „ein paar Fanatikern“. Kommentar in einem Forum über ihn: “Da er als Kind eines Moslems geboren wurde, ist er nach der islamischen Glaubenslehre für den Rest seines Lebens Moslem.” Für Islamisten wie Islamophobe ist das jedenfalls so, wer Moslem ist, und damit entweder Über- oder Untermensch, bestimmt nicht der Betreffende. Am bequemsten ist eine Malala Yousefzai die man bedauern kann (ihr sei nicht unterstellt, dass sie sich instrumentalisieren lässt), oder eine Hirsi-Ali, von der man auch nicht Angst haben muss, dass sie nicht-westliche interessen formuliert.

Es hat gute Gründe, warum Hirsi-Ali bei westlichen Konservativen besser ankommt als bei liberalen Intellektuellen in der islamischen Welt. Dass sie sich im Zweifelsfall für den autoritären Staat und westliche Bevormundung und gegen die liberale Demokratie entscheidet, ist da nur ein Faktor. Und es hat Gründe, dass sie bei diesen Konservativen besser ankommt als etwa Shirin Ebadi. Diese warf Hirsi-Ali übrigens vor, sie spiele mit ihrer Behauptung, der Islam sei nicht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar, den Mullahs in die Hände. Die Instrumentalisierung erinnert an diverse Afrika-Diskurse und “westliche” Lieblinge dort. Jene, die Afrikanern gerne alle positiven Fähigkeiten absprachen und für die es ausgemachte Sache war, dass die afrikanischen Staaten nach der Unabhängigkeit scheitern würden und dabei auch durch Destabilisierung nachhalfen, hatten dann plötzlich Liebkinder wie Tschombe aus dem rohstoffreichen Katanga (im Kongo) oder Savimbis Terrorgruppe UNITA in Angola, die sie als positive, pflegeleichte Alternative zu den anderen Afrikanern hinstellen konnten.

Am Beispiel Maryam Namazie kann man einiges über die “Toleranzgrenzen” und die Heuchelei im Umgang mit solchen “Verbündeten” studieren. Die Exil-Iranerin in Grossbritannien engagiert sich gegen Islam und Islamismus, beim britischen Zentralrat der Ex-Muslime, bei der Worker-Communist Party of Iran (WPI), beim Manifest(o) der 12 (“Together facing the new totalitarianism”, mit B. H. Levy, Salman Rushdie, Ayaan Hirsi-Ali, Taslima Nasrin,..), bei CHAIR, auch (konsequenterweise) gegen den  Papst-Besuch in GB. Sie zieht dennoch immer wieder Grenzen zu rassistischer, diffamatorischer Islamophobie, Brachial-Zionismus, US-Militarismus, usw. Robert Spencer, sowas wie ein Papst der Szene, hat auf seinem “Jihadwatch” Namazie wegen ihrer Kritik am israelischen Blutvergiessen in Gaza 08/09 „antisemitic supporter of jihad against Israel” genannt, und greint weiter: “claims to be anti-jihad, lies about Geller, SIOA, me..“. Ihre Aufforderung, er möge dazu stehen ein Rechter zu sein, legt er aus als „nicht mögen“ und „Angriff“. Der Mob im Kommentarbereich (darunter sicher viele „Versteher” moslemischer Frauen) darunter: „one law for all [Männer/Frauen, Anm.] isn’t that the idea behind sharia?“, „namazie-nazi“, “man darf sich nicht wundern bei einer irakischen [sic] Kommunistin“, “Wer Israel so etwas unterstellt, der…“; ein Gemäßigterer räumt ein, dass Teile der BNP nicht OK seien, da auch antisemitisch, Spencer solle eine Entschuldigung von ihr verlangen.

Angehörige moslemischer und nicht-moslemischer Minderheiten in Nordafrika und Westasien werden auch gerne als “Dissidenten” herangezogen. Auch dies eine widersprüchliche Angelegenheit. Die Ausbreitung des Islam erfolgte ab dem Hoch-Mittelalter durch andere als Araber, durch Arabisierte, Türken, Perser, Mongolen oder Inder. Der Hinduismus wurde grossteils von jenen bedrängt, die selber Hindus waren (bzw. solche Vorfahren haben), beim Zoroastrismus oder dem Christentum im Orient verhielt es sich entsprechend. Die Alawiten oder Nusairier, eine den Schiiten nahestehende “Sekte”, sind gewiss eine dieser orientalischen Minderheiten, sind für islamische Fundamentalisten Häretiker. Eignen sich aber aus verschiedenen Gründen nicht zur Instrumentalisierung. In Syrien üben sie seit dem älteren Assad die meiste Macht aus, in einem Regime, das noch dazu strikt säkular ist. Und das einen Aufstand der Moslembrüder 1982 unter Zehntausenden Toten niederwarf. Der von den Drusen verehrte Fatimiden-Kalif al Hakim wiederum war gegenüber nicht-moslemischen Minderheiten einer der intolerantesten moslemischen Herrscher. Auch Baha’i gehören zu den heftig von Kulturkämpfern instrumentalisierten Gruppen aus dem Orient, werden entweder als positiver Kontrast zu “Moslems” verwendet oder aber auch als deren Vorhut gesehen/behandelt. Broder instrumentalisiert im Zusammenhang mit der Kampagne gegen den Iran die Diskriminierung der Baha’i in ihrem Ursprungsland; unter den Kommentaren seiner Fans auf Youtube zu einem Video mit ihm findet sich dann: „Diesem deutschen Bahai-Bengel hat der Broder am Ende so richtig die Leviten gelesen… b. for president; einziger der die Wahrheit sagt“.

Die westliche Wahrnehmung der orientalischen Christen ist oft verdreht. Das Christentum ist in der Region entstanden, ist (dort) älter als der Islam, auch älter als das Christentum in Europa, Christen sind dort in der Regel autochthon. Westliche Parteinahme zielt oft darauf ab, wie auch Bemühungen diverser Islamisten, die dortigen Christen aus dem Kontext ihrer Kultur, Länder, Gesellschaften herauslösen, ihnen einen „Fremdkörper“-Status anzuhängen. Bashir Gemayel, ein politischer und militärischer Führer der libanesischen Maroniten im dortigen Bürgerkrieg, ist in Islamophobie-Kreisen u.a. wegen seinem “Dhimmitude”-Ausdruck eine Bezugsfigur geworden. Seine Falange/Kataib hat zwar im Krieg punktuell mit Israel zusammengearbeitet, und er war ein entschiedener Gegner einer Unterordnung der dortigen Christen, er hat aber das Land bzw. die Region nicht verkauft, hat auch Begin die Stirn geboten. Wer sich über Christen im Orient sorgt (z.B. US-Evangelikale: “Proclamation for Solidarity with Israel and the Christians in the Gaza Strip”), sollte sich auch über Leute wie den zwangsweise exilierten katholischen Palästinenser (Verzeihung, “israelischen Araber”) Azmi Bishara sorgen.

Gerade bei christlichen Palästinensern (der grössten christlichen Gruppe im “heiligen Land”) verhält es sich wie bei moslemischen Frauen – wenn man sie nicht instrumentalisieren kann, wenn sie einen eigenen Kopf haben, droht die „Exkommunikation“. Edward Saids Studien über Orientalismus, worunter er eine geringschätzige Sichtweise des “Westens” auf “Orientale” meinte, sind für viele ärgerlich. Die Angriffe auf den Christen Said erfolg(t)en nach islamophobem Muster… Unter anderem geriet seine palästinensische Herkunft unter Beschuss, die diesbezügliche Kampagne begann der von USA nach Israel eingewanderte Jude Justus Weiner, der sonst auch Krokodilstränen für christliche Palästinenser/Araber vergiesst (und sich daher als “Menschenrechtsaktivist” feiern lässt). Siehe auch, wie nach dem Gaza-Hilfsflotten-Massaker bzw. nach der Änderung des Verhältnisses Israels mit der Türkei für manche plötzlich der Armenier-Genozid ein Thema wurde. Die Kreuzzüge wurden auch als Hilfe für orientalische Christen deklariert, haben dann aber doch Byzanz zerstört, und auch Massaker an Juden verübt.

Die einen stehen dazu, dass sie Kurden oder Berber genauso verachten wie Araber oder Türken, die anderen behaupten, diese zu mögen, um ihre “Islamophobie” schöner darzustellen als sie ist bzw. sie effektiver zu machen. Kurden bieten sich als verbindendes Glied für rechte und linke Islamophobie an, besonders der kurdische Nord-Irak ist seit dem Irak-Krieg ein wichtiges Bezugs- /Aktionsgebiet geworden. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass man sie gegen Araber, Türken und Perser in Stellung bringen kann. Voraussetzung für die Instrumentalisierung ist aber, dass man sich im „entscheidenden Moment“ noch daran erinnert dass er/sie qua Identität zu den Guten gehört. Ein guter Teil der türkischen “Gastarbeiter” in Deutschland und Österreich sind Kurden.

Die Konflikte im Sudan eignen sich zur Ausschlachtung, da auf einer Seite immer Moslems beteiligt sind, sogar “arabische” (eigentlich arabisierte Nubier). Dies betrifft die Bürgerkriege mit dem christlichen/animistischen Süden sowie den in Darfur. Bei Gewalt in Darfur taugen Schwarze für westliche Kulturkämpfer als Opfer da sie zwar Moslems sind (was Viele nicht wissen) aber die „Araber“ auf der anderen Seite stehen. Vergewaltigungs- und andere Gewaltopfer in Kongo (5 Mio. Tote und 15 000 Vergewaltigungen in den Kongo-Kriegen seit jenem zum Mobutu-Sturz) sind für die Selben weniger interessant (wenn, dann um etwas über „die Afrikaner“ auszusagen). Gewalt von Moslems gegen Christen in Nigeria ist auch etwas, wo manche plötzlich ihr Herz für Schwarze entdecken, wo diese Opfer sein dürfen (etwa von GfbV aufgegriffen). Wenn es aber um Flüchtlinge von dort geht oder das im christlichen Süden des Landes gelegene erdölreiche Nigerdelta, den dortigen Kampf um Beteiligung an Öleinnahmen und gegen die Naturzerstörung, zeigt sich, dass Solidarität mit Afrikanern in diesen Kreisen enge Grenzen hat (Antiimperialismus pfui), dass es, wie bei Anti-Regime-Iranern, nicht um das Wohl des jeweiligen Landes, geht sondern um argumentatives Kanonenfutter. Auch bezüglich Biafra war „christliche Solidarität“ auf mittlere Sicht schwächer als Imperialismus/Rassismus; bei Katanga ist die Sache noch viel deutlicher. Manche “Kulturkrieger” versuchen auch, wie den NS die Sklaverei auf Moslems abzuwälzen.

Flüchtlinge aus Darfur oder Süd-Sudan, die nach Israel kamen, wurden für Propagandazwecke verwendet (gibt noch immer viele diesbezügliche Videos auf Youtube, auch vom israelischen Aussenministerium). Das war, bevor sie von einem rassistischen Mob („Tel Aviv den Juden! Sudan den Sudanesen!“) attackiert wurden, dann von der Regierung in Lager interniert um abgeschoben zu werden. Es gelte den jüdischen Charakter des Staates Israel zu erhalten, hiess es, um die Sicherheit (die durch die Flüchtlinge gefährdet sei), dass sie Wirtschaftsflüchtlinge seien (also kein Genozid?), und: sie seien Moslems (!). Innenminister Yishai (tunesischer Herkunft) 2012: “Das Land gehört uns, dem weissen Mann.” Die afrikanischen Flüchtlinge sind dem Schas-Politiker zufolge auch für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans “Atomwaffenprogramm”.

Eine Suppe, die z.B. auch manche Kurden noch kosten werden. Die gegenwärtigen Ereignisse in der Zentralafrikanischen Republik, die Züge von inter-religiöser Gewalt zwischen Christen und Moslems tragen, wobei zweitere in Darfur ihr Hinterland haben, deuten auch auf eine neue Firmierung der Fur hin.

Militäraktionen gegen Iran werden zumindest manchmal als zum Vorteil der Iraner dargestellt, manche stehen hier zu Verachtung und Gewaltwunsch. Beim Blog “gatesofvienna” („Baron Bodissey“, “islamophobic and proud of it“, Breivik zitierte von dort, Sabaditsch-Wolf wird dort “gefeatured”) heisst es z.B. “..supports democracy in iran“. Was davon zu halten ist, erfährt man wenn dort das Plädoyer für strengere Kontrollen von „Arabisch- und Persisch-Sprachigen“ auf Flughäfen liest. Dass dort auch Hetze gegen mexikanische Immigranten in die USA zu finden ist, darf nicht überraschen. Ist aber alles „counter jihadism“. Auch in einer Propagandaschrift Leon DeWinters auf “pajamasmedia”, auf “lizaswelt” wiedergegeben, wird lamentiert, dass man die bösen (Moslems) nicht beim Namen nennen und in Bezug auf Flugkontrollen nicht selektieren dürfe (gerade solche Islam-“Spezialisten” sind es dann, die ausgetretene Moslems oder Alewiten sofort mit in den Topf werfen würden, das nebenbei).

Die Kommentare zu einer Meldung, wonach Iraner, Flüchtlinge, zum Schein zum Christentum übertraten bzw. auf Anleitung des Schlepperrings, um in Österreich Asyl zu bekommen (Angabe religiöser Verfolgung als Asylgrund), passen hier dazu. Die iranische Diktatur ist für manche erst/nur durch den Israel-Bezug zum Problem geworden, deshalb werden die Opfer des Regimes, von denen die allermeisten Iraner sind, instrumentalisiert. Israel selbst machte in den 1980ern Waffen-Geschäfte mit dem iranischem Regime, während dessen Krieg mit dem irakischen; da spielte die iranische Bevölkerung keine Rolle oder irgendein Universalismus. Aber wie gezeigt wurde, ist man sich noch nicht sicher, ob man Minderheiten (ob Schwule oder MEK-Anhänger) gegen die Mehrheit ausspielen soll, oder Araber gegen Iraner, oder doch “ganzheitlich” vorgehen.

Im Kalten Krieg wurden die Mujahedin in Afghanistan und andere Islamisten, vom Westen gegen (tatsächliche oder vermeintliche) Kommunisten unterstützt, als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Oder auch die Muslimbrüder in Ägypten gegen Nasser. Es gab in den 1980ern in Deutschland Kampagnen der Schüler-Union für “unsere Freiheitskämpfer in Afghanistan”, die sich später als Vorläufer der Taliban entpuppten. Auch Bin Laden kämpfte an Seite der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Diese versuchte eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; neben dem Versuch einer Landreform und Alphabetisierungskampagnen wurde etwa versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Auf den sowjetischen Abzug folgte in Afghanistan bald ein Sieg der vom Westen mit Stinger-Raketen ausgerüsteten Mujahedin. Bin Laden zog 89 aus Afghanistan ab und verübte in den 90ern Anschläge, die auch die USA betrafen. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92, spätestens 93 gab es die ersten Anschläge der al Kaida…

01 leiteten die nun den von islamistischen Herrschern Afghanistans (die die gemäßigteren Fraktionen unter ihnen 96 an den Rand geschoben hatten) beherbergte al Kaida eine neue Ära der Weltgeschichte ein. 2001 wurde die deutsche Bundeswehr von der rotgrünen Regierung an den Hindukusch geschickt, mit der Parole, Deutschlands Freiheit dort zu verteidigen, die Afghanen aus ihrer “selbstverschuldeten Unmündigkeit” zu befreien, sie am “Licht der westlichen Aufklärung” teilhaben zu lassen – als Karmal oder Najibullah versucht hatten, die Macht der religiös geprägten ruralen Strukturen einzuschränken, oder als die erste Frau ins afghanische Parlament einzog (Anahita Ratebzad), für die Kommunistische Partei (Demokratische Volkspartei), da sah man die Dinge irgendwie noch anders. Mostafa Danesch schrieb in “Der Krieg gegen den Westen” (2004), dass damals, in den 1980ern, islamis(tis)che Kämpfer aus Nordafrika oder anderswo, die in Afghanistan gekämpft hatten, bereitwillig Asyl in Europa bekamen. Die militärische Ausbildung in einem afghanischen Camp öffnete damals Tür und Tor, heutzutage jene zur Ausweisung oder nach Guantanamo. Die westliche Unterstützung von Islamisten dauert sogar an, auch wenn die Hauptstossrichtung in den letzten ca. 20 Jahren jene war, islamische Diktatoren wie Mubarak oder Ben Ali zu stärken, die sich als Bollwerk gegen Islamismus inszenierten. Die belutschische Jundullah möchte man v.a. gegen den Iran in Stellung bringen. Ganz zu schweigen von Saudi-Arabien, dem Sponsor des internationalen Salafismus. Die iranischen Mujahedin (MEK) werden zur Zeit von diversen Terrorlisten gelöscht.

Widersprüche, Heuchelei, Paradoxa, Stolpersteine

Rassistische “Islamkritiker” sind heimliche Gesinnungsfreunde der Islamisten im Herzen des Westens, nicht nur weil sie alles andere als eine (notwendige) Reform im Islam unterstützen und die widerlichsten Islamisten Verbündete des Westens waren/sind. Der Windischgarstner Pfarrer Wagner, der Linzer Bischof werden sollte, zeigte seine erzkonservative Haltung gegenüber Frauen, Homosexuellen wie auch dem Islam. Den Hurrikan “Katrina” 05 interpretierte er, wie Islamisten, als Strafe für die USA. “Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtklubs zerstört wurden”. Bei der Erdbeben-Katastrophe in Haiti sah er auch das Werk eines strafenden Gottes: “Es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind.” Weiters wünschte er sich eine Volksabstimmung wie in der Schweiz, wo sich eine Mehrheit für ein Verbot von Minaretten aussprach. Islamophobie ohne Toleranzchauvinismus.

Der amerikanische Evangelikale John Hagee (“Christians United for Israel”; befürwortet einen vorbeugenden Nuklearkrieg gegen Iran) hat auch Katrina als Gottesstrafe ausgelegt, für die Schwulenparaden in der Stadt, und weil Bush Sharon nahegelegt hätte, jüdische Siedlungen im Gazastreifen aufzugeben. Fundamentalistische Muslime als auch ihr vermeintlicher Gegenpol (diverse Evangelikale und Neocons) sahen auch die Ölpest vor der US-Küste nach dem Untergang einer Bohrinsel als Strafe Gottes (für die selben „Vergehen“ übrigens), auch 9/11,… Die Kirchgänger der “clashs of civilisations” preisen den Westen und attackieren ihn gleichzeitig, weil er so “dekadent” sei.

Noch so ein “Paradoxon” vor dem Hintergrund dieser „Weltauseinandersetzung“: Bushs Justizminister Ashcroft liess eine halbnackte Frauenstatue in seinem Ministerium verhüllen; gleichwohl sahen Ex-68er u.a. seine Neocon-Regierung als notwenige Weltpolizei bzw. Prellbock gegen Zurückgebliebenheit, Prüderie, etc. im Islam. PI oder “Bahamas” alarmieren gerne hysterisch, wenn irgendwo aus angeblicher Rücksicht auf Moslems Aktbilder abgehängt oder teil-verdeckt werden. Bush tönte “Gott ist auf unserer Seite”, etwas, dass auch von Bin Laden stammen könnte. Zur Zeit gibts in Frankreich einen Boykottaufruf gegen staatliche Schulen, wegen der von der sozialistischen Regierung forcierte Gleichstellungspolitik an Schulen, durch die Stereotypen bei Mädchen und Buben abgebaut werden sollen. Es geht um die Gendertheorie, laut der das Geschlecht von Buben und Mädchen vor allem kulturell und nicht biologisch festgelegt wird. Zum Boykott aufgerufen haben… rechtsextreme und katholisch-fundamentalistische Kreise.

Amerikanische Evangelikale engagieren sich gegen die Verbreitung der Evolutionstheorie, wie auch der vermeintliche Gegenpool Islamisten. Wenn Sarah Palin von “guns and religion” als ihrem Credo spricht, könnte das auch von einem Teilnehmer eines Terrorlagers stammen. Wenn Küntzel von “weitreichender Übereinstimmung Breiviks Feindbildes mit dem Feindbild der Islamisten” schreibt (siehe oben), will er allerdings darauf hinaus, dass Breivik quasi im Islamlager steht. Stoiber hat Anfang der 00er-Jahre Homosexuelle rhetorisch gegenüber “dem Islam” in Schutz genommen, während er gegen die Homo-Ehe wetterte. Das Feindbildparadoxon. Die Tea Party-Politikerin Michele Bachmann sprach von einer notwendigen Unterwerfung (“submission”) als Frau gegenüber Männern. Vor der Landtags-Wahl in Nordrhein-Westfalen 12 gingen Salafisten und ProNRW, die sich ähnlich sind, aufeinander los.

Kulturkrieger auf islamistischer und islamophober Seite treffen sich auch darin dass sie Reformer, Demokraten, Liberale in der islamischen Welt nicht (sehen) wollen und lieber auf einen Endkampf zusteuern. Für beide sind Moslems bzw. Leute aus der nordafrikanisch-westasiatischen Region vor allem anderen Träger des Islam, etwas dem sie nicht entkommen können. Die Islam-Kritik des britischen Schriftstellers Martin Amis (schrieb auch einen Auschwitz-Roman) wurde von Chris Morris im Observer mit der Rhetorik des Islamisten Abu Hamza verglichen: beide würden Gelehrsamkeit vortäuschen und Koran-Zitate verwenden um Hass zu erzeugen, und Moslems über ihre Religion definieren.

Kommentare unter “islamkritischen” Videos im “Weltforum” Youtube bringen manches klarer zu Tage als etwa die Videos selber. Unter dem Banner von “Liberalism” ebenso wie unter dem von “counter-liberalism”. Bei manchen ist es zu deutlich, dass es ihnen nicht um Religion oder Ideologie geht, sondern um die braunen Völker, puren Rassismus, evtl. darum, eine neue Rechte zu definieren. Solidarität mit palästinensischen Frauen wird da vorgeheuchelt bis sich diese politisch äussern bzw. oft braucht es nicht mal das. Die “Handabhacker und Steiniger” niederbomben? Natürlich nur um der Menschenrechte und des Fortschritts willen. Ein rechtsradikaler “Arier” (aus GB) attackiert einen antiislamischen Hindu aus Indien, als “Paki”. Oder: “Nein, wir machen keine Unterschiede zwischen Moslems. Für uns sind die alle gleich Wertlos.Viel Spass noch beim ‘Beschneiden’. Kleiner Tipp: Die Glasscherbe vorher in Raki tauchen…zum Sterilisieren. Dann faulen die Schamlippen nicht ab.”1 Klassisch: “They look like savages. Doing the same thing for the last 70 years. Cant learn a thing, did not contribute anything to the world, parasites” Das auch gefunden: “we should work with our ideological counterparts even if we don’t like their view like NS for example.I don’t care working with NS against those stinking immigrants but i do not like they hatred of other white groups like slavs and jews“. Jemand anderer schreibt, Perser seien wie Araber “braunhäutige Zigeuner-Eselficker“. Was ein Broder-Nachplapperer (oder er selber; als IP) auf einer Wikipedia-Diskussionsseite schreibt, „Und vor dem ‘deutschen Volk’ braucht man wirklich keine Angst zu haben. Hochgradig degeneriert, ja sogar zu faul zum Denken, – Bier und Glotze reichen aus.“, könnte auch von einem Islamisten sein.

Der Grüne Nouripour wurde im Spiegel-Forum, nachdem er gegen Erika Steinbach (BdV, CDU) Stellung genommen hatte, nicht zuletzt damit angegriffen, ein aus dem Iran Exilierter zu sein welcher den Deutschen dies nicht sagen dürfe. Mit dem selbem „Argument“ wäre er von Anderen angegriffen worden, hätte er Steinbach verteidigt. A propos deutsche Vertriebene (bzw. ihre Verbände): Für Salzborn u.a. sind diese Zielscheibe bzw. Profilierungs-/Aufarbeitungsobjekt, für Broder schon einmal positives Gegenstück zu den Palästinensern. Der neokonservative Ulf Poschardt (ein Broder-Verteidiger) schrieb in „Die Welt“: „Deutscher Selbsthass. Antideutsche erklären dem Patriotismus den Krieg. Grüne Jugend und Antifa kämpfen während der EM gegen jede Form schwarz-rot-goldener Folklore. Und sind dabei so humorlos, arrogant und bürokratisch, wie es nur wir Deutschen sein können.“ Diese “selbsthassenden Deutschen”, die auch Riexinger und andere kritisieren, sind nur teilweise mit den israelfanatischen/islamophoben “Antideutschen” ident, die Einschätzung würde aber auch auf sie passen. Rechte (die das deutsche/nationale in Gefahr sehen) und jene Linken die vorgeben, das deutsche/nationale zu bekämpfen, haben auch Bereiche, wo sie sich treffen.

Notwendige Kritik und Reform

Eine kritische Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte des Islam, im religiösen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext, ist, wie gesagt, nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig. Das Feindbild Islam und das tatsächliche Problem am Islam sind aber nicht dasselbe. Eine tiefgreifende Reform ist notwendig – und anscheinend im Gange. Kritik kommt am treffendsten von Angehörigen des moslemischen Kulturkreises. Etwa von Nuruddin Farah, dem im südafrikanischen Exil lebenden somalischen Schriftsteller, bei dem die Kritik gerade aus Verbundenheit zu seiner ursprünglichen Umgebung zu kommen scheint, für die er etwas zum positiven verändern will, anstatt auf deren Kosten und jene der Seriosität zu vereinfachen und auf Verbesserung seiner eigenen Position als Intellektueller im westlichen Wissens- und Herrschaftssystem aus zu sein. Er wird eher nicht beim “American Enterprise Institute” oder in der Politik landen, so wie die ebenfalls aus Somalia stammende Ayaan Hirsi-Ali.

Es gibt sehr begründete Sorgen wegen Islamismus (vor allem vor jenem der Salafisten und anderer Integristen), islamistischem Terror oder Zuständen in der islamischen Welt, die nicht direkt vom Islam abzuleiten sind. Es gibt z.B. echte Sorgen von Säkularen gegenüber einer Re-Religionisierung. Ernsthafte Auseinandersetzungen sind zu begrüssen – und selten. Etwa die Frage der Reziprozität zwischen westlicher und islamischer Welt. Kulturkrieger beider Seiten beantworten sie schnell dahingehend dass die jeweils andere die ungleich intolerantere sei. Christen im Orient sind aber in der Regel autochthon, Moslems im Westen meist Immigranten. Andererseits, wie ist es mit der Wechselseitigkeit, wenn es heisst “Moslems müssen zu ihren Verbrechen stehen“, Christen hätten aber nichts mit “ihren” zu tun, seien Angehörige des fortschrittlichen und aufgeklärten Westens.

Das islamistische Gegenstück zum islamophoben Toleranzchauvinismus ist der (ebenso heuchlerische und widersprüchliche) Chauvinismus, der Islam bzw. Islamismus als “moralisch” affirmiert und das Dekadente und Verdorbene als “westlich”. Hinter der Forderung nach Rücksicht auf religiöse oder kulturelle Werte verbergen sich tatsächlich oft religiös-politische Absichten. Und natürlich war die Ausbreitung des Islams eine Form von Imperialismus und gibt es heute Formen islamischen Imperialismuses. Verbunden mit der Ausbreitung war oft eine Arabisierung, gegen die es im Mittelalter die “Schu’ubiya” genannte Gegenbewegung gab, die sich auch gegen die Privilegierung von Arabern im islamischen Machtbereich (Kalifat) richtete, die von Persern getragen war. Eine seriöse Auseinandersetzung mit der Thematik scheint “Schwarzbuch des Jihad” von Gilles Kepel zu sein.

Dankbar sein für Bedrohung/Empörung aus dem islamischen Lager, sie provozieren/erfinden, um ein Bild zeichnen zu können. Manche sind glücklich über (Bilder von) radikale(n) Moslems und haben Wünsche nach grossen Konfrontationen. Die “islamische Welt” ist gross genug, dass es irgendwo leider immer die von den Provokateuren (Karikaturen, Filme,…) erhofften Reaktionen gibt; die Opfer der dadurch ausgelösten Gewalt sind meist auch dort, die ersten Opfer des Islamismus sind Muslime. Der libanesische Autor Elias Khoury über „Innocence of Muslims“ (2012): “Der Film war eigentlich nur ein Trailer. Es sind wir, die Araber, die das Spektakel sind.“ Viele Moslems liefern zuverlässig die Reaktionen, die Provokateure brauchen um sie so darzustellen, anstatt Tabus zu lockern und Provokationen zu ignorieren. Es wirkt in der westlichen Welt zu Recht befremdlich, wie prompt sich Proteste etwa auf einen so plumpen, offensichtlich als Provokation angelegten Videoclip einstellen. Aber auch westliche Medien haben sich auf eine verzerrte Darstellung über Ereignisse dieser Art verlegt. So wie die Provokation von der Aufregung dieser Moslems lebt, lebt diese Aufregung hauptsächlich von der Aufmerksamkeit die ihr die westliche Öffentlichkeit schenkt.

Zum Beispiel die Berichterstattung über eine Kundgebung mit Gewalt in Kairo wegen des Films. Die Menge bei einer feurigen Freitagspredigt zählte nur einige Hundert – an einem Ort, wo tausendmal so große Menschenmassen alltäglich sind. Der Rest der 20 Millionen Einwohner Kairos ging seinen üblichen Geschäften nach. Die Zahl der steinewerfenden Jugendlichen, die auf dem Bildschirm so bedrohlich herüberkommen, belief sich auf einige Dutzend. Und moslemische Stimmen, die zu Ruhe und Besinnung aufrufen, und dazu, nicht in die durch den Film ausgelegte „Falle“ zu tappen (z.B. Malaysias Regierungschef Najib Razak) geben nicht so viel her wie der pakistanische Minister Ghulam Bilour, der umgerechnet 77 000 Euro für die Ermordung des Produzenten des Videos auslobte. Der österreichische Sender Puls 4 lud zur Diskussion über den Film und die Reaktionen den Ziocon Harnasch sowie den Leipziger Fundi Dabbagh ein, also zwei Extremisten.

Zur Zeit der Mohammed-Karikaturen-Krise 05/06 hat ein jordanischer Journalist die Frage gestellt, ob diese Karikaturen nicht weniger schlimm seien als Selbstmordanschläge. Da er sie auch abdrucken liess, wurde er entlassen und festgenommen; vermutlich hat das von seiner Zeitung schlimmes abgewendet; sein weiteres Schicksal ist mir nicht bekannt. Diese Sache kann man sowohl als Anzeichen für Reformunfähigkeit als auch für Reformansätze “im Islam” interpretieren, je nachdem was man hier sieht. In Tunis haben Tausende gegen die Ausstrahlung des Zeichentrickfilms „Persepolis“ in einem tunesischen Privat-Fernseh-Sender demonstriert, weil Gott darin als alter, bärtiger Mann dargestellt wird. Hunderte Angreifer, fundamentalistische Salafisten, attackierten auch das Haus vom Senderchef und setzten es in Brand. Die wichtigste islamistische Partei Ennahda, den Moslembrüdern nahestehend, distanzierte sich von den Krawallen. In Reaktion auf die gewaltsamen Proteste sind in Tunis auch tausende Menschen für Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen. Als Munition für Diffamierung reichen erstere Proteste jedenfalls.

Empfehlenswerte Analysen und Erwiderungen

Neben den im Text genannten:

Thomas Maurer hat in einer “Kurier”-Kolumne einiges Wahre zur Thematik geschrieben: Es gäbe fallweise eklatante Probleme mit parallelgesellschaftlichen Strukturen, die diskutiert werden müssen. Aber, die eisig-elitäre Verachtung Sarrazins für die Unterschicht wurde ausgerechnet von Lesern der “Bild” (Schlagzeile „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“) bejubelt. Heinsohn, so Maurer, hat wenige Monate vor Sarrazin ein Buch mit ähnlicher Aussage herausgebracht (“Söhne und Weltmacht”), aber der Bildungsferne (die er ebenfalls für eine erbliche, nicht soziale, Angelegenheit hält) nicht das Kopftuch übergezogen, weshalb er nicht zum Volkshelden werden konnte, schon allein weil sich zuviele “Bild”-Leser betroffen fühlen mussten.

Autoren von Schriften über Islamophobie avancieren meist selbst zum Feindbild der islamfeindlichen Szene. Etwa die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer, die Studien zur Islamophobie und andere Formen von Fremdenfeindlichkeit verfasst. Schiffer sei eine „rote Mauermörderin“ und im Pakt mit den „mohammedanischen Halsabschneidern“ heisst es in einem der anonymen Briefen an die Leiterin des “Instituts für Medienverantwortung” (IMV), „Du hast Dich des Hochverrats am Deutschen Volk schuldig gemacht“ in einem anderen. In Publikationen wie „Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich“ mit Constanze Wagner wird mittels Sprach- und Bildanalysen eine Reihe von Strategien rechter Demagogen zur Manipulation und Desinformation der Öffentlichkeit aufgezeigt.

Wolfgang Benz vom “Zentrum für Antisemitismusforschung” an der TU Berlin hat im “Jahrbuch für Antisemitismusforschung” die Parallelen von Islamophobie zum Antisemitismus aufgezeigt. Auch hier haben etliche Betroffene zu bellen angefangen. Der Kölner Rassismustheoretiker Mark Terkessidis schloß sich der These an, daß antisemitische Stereotype auch auf “die Muslime” übertragen würden. Er merkte auch an, daß eine analytische Differenzierung von Rassismus und Antisemitismus die Opfer von beidem gegeneinander ausspiele. Der französische Rassismusforscher Etienne Balibar leitete den seiner Auffassung nach seit dem Zweiten Weltkrieg dominierenden kulturalistisch und differenzialistisch begründeten Rassismus aus dem Antisemitismus als dessen “Prototyp” ab. “Unter einer Vielzahl von Gesichtspunkten läßt sich der gegenwärtige differenzialistische Rassismus seiner Form nach als ein verallgemeinerter Antisemitismus betrachten…Der Anti-Judaismus beziehungsweise der Judenhaß stellt nicht mehr die einzige Form des Antisemitismus dar (..) Er ist zum einen Teil eines Begriffspaares geworden (…) dessen anderer Teil ist der Araberhaß beziehungsweise die Islamfeindlichkeit.”

“Wie Treitschke die Philanthropen, die Gutmenschen als antinationale Judenfreunde denunzierte und auf Linie bringen wollte, werden Positionen, die heute solidarisch auch mit arabischen Menschen und mit Muslimen sind, die die europäischen Diskurse kritisch betrachten, mit dem Antisemitismusvorwurf konfrontiert. Und wieder wird ihre ‘Weichheit’ kritisiert, werden sie als ‘Fußtruppen der Intifada’, als Sympathisanten der ‘Dschihadisten’ denunziert.” (http://www.pampa-net.de/docs/sehnsuechte_der_deutschen.html). Die anti-islamischen Rhetorik, die sich fast immer als Verteidigung Israels und der Juden versteht, bezieht ihre Motive zu einem großen Teil aus dem europäischen Antisemitismus.

Joseph Massad, ein christlicher Palästinenser, Historiker in USA, beschäftigt sich viel mit dem was “Islamophobie” (es bleibt ein Hilfsausdruck) ausmacht, nämlich nicht Auseinandersetzung mit der Religion bzw. ihrer fundamentalistischen Auslegung, sondern z.B. die Instrumentalisierung Homosexueller aus dem islamischen Raum, sie gegen ihre Gesellschaften in Stellung bringen. Er wird auch dementsprechend angegriffen.

Patrick Bahners, ein konservativer Autor der FAZ, schrieb das Buch „Die Panikmacher“ über Abgründe in Islamdebatten. Matussek etwa attackierte die Schrift, indem er Selbstmordbomber und Scharia-Propagandisten Hirsi-Ali (“die sich verstecken muss”) und Giordano (“Holocaustüberlebender”; beide würden nur warnen vor ersteren) gegenüberstellt und insinuiert, Bahners würde erstere in Schutz nehmen. QED, kann man da sagen.

Betty Mahmoodys teilweise recht unverhohlen rassistische Schilderungen über Iran(er) (westliche Frauen und orientalische Männer, ein wichtiger Topos der Islamophobie) haben bei Manchen für Freude gesorgt. Es gibt zwei fundierte kritische Auseinandersetzungen mit “Nicht ohne meine Tochter” aus feministisch-iranischer Sicht: “Nicht ohne Schleier des Vorurteils” von Nasrin Bassiri und “Doch ohne meine Tochter” von Irandokht Shahbakhshi und Anna Boolur (beide 1991 erschienen).

Weiters: Kai Sokolowsky: Feindbild Moslem: Über den Riesenmarkt der Islamophobie (mit einem Kapitel von W. Benz); Edward W. Said: Orientalismus (1978); Iman Attia: Die “westliche Kultur” und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld 2009; Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg 2008; John Bunzl und Alexander Senfft: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie; Thorsten G. Schneiders: Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen (hat auch eins über “Islamverherrlichung” geschrieben); Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt (vornehmlich über das Kriegsgetrommel gegen Iran; den Reaktionen nach haben sich die Richtigen dadurch ertappt bzw in ihrer Propaganda gestört gefühlt..); Irmgard Pinn und Marlies Wehner: EuroPhantasien. Die islamische Frau aus westlicher Sicht; Emmanuel Todd: Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet; Vincent Geisser: La nouvelle islamophobie. Paris 2002; John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich. Innsbruck 2009; Nathan Lean: The Islamophobia Industry: How the Right Manufactures Fear of Muslims; Emmanuel Todd und Youssef Courbage: Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. 2008; George Morgan und Scott Poynting: Global Islamophobia: Muslims and Moral Panic in the West; Jack Shaheen: Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People. 2001 (Untersuchung über Hollywoodfilme, in denen Araber eine Rolle spielen); Stefan Weidner: Aufbruch in die Vernunft: Islamdebatten und Islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen. 2011; Annette Katzer: Araber in deutschen Augen; Joseph Dehler, Gerd Michelsen, Till Bastian: Selbstbesinnung gegen neue Feindbilder: Europa und der Islam (1992); Schirin Fathi: Memri.org – A Tool of Enlightenment or Incitement? In: Arndt Graf (Hg.): Orientalism and Conspiracy: Politics and Conspiracy Theory in the Islamic World (2010); Katajun Amirpur, Ludwig Ammann (Hg.): Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion (2006)

Filme: “Islam, antéchrist et jambon-beurre” Doku-Film von Paul Moreira (Französisch); “Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People” Dokumentation von Sut Jhally (Englisch), Ergänzung des Buchs von Jack Shaheen

Online-Artikel, Webseiten und Blogosphäre:

www.hintergrund.de/201107121647/feuilleton/zeitfragen/sieg-oder-holocaust.html

www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24739/1.html

* www.thenation.com/article/157245/great-islamophobic-crusade (von Max Blumenthal)

www.americanprogress.org/issues/2011/08/pdf/islamophobia.pdf

http://972mag.com/the-israeli-incitement-problem/

* http://tiara013.wordpress.com/2013/06/14/krude-allianzen/ (über die Behauptung der Verbindung NS-Islam/ismus und ihre Verwendung, auch etwas über “islamischen Antisemitismus”)

http://www.theguardian.com/commentisfree/2010/jul/01/israels-gay-propaganda-war

http://pakhtunkhwa911.wordpress.com/2013/03/18/islamkritik-getarnter-fremdenhass-doppelmoral-und-pauschalisierungen/

http://www.splcenter.org/get-informed/intelligence-report/browse-all-issues/2011/summer/the-anti-muslim-inner-circle

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-02/film-unterdrueckte-mehrheit-feminismus-rassismus (über rassistischen, wenn nicht dezidiert islamophoben Feminismus)

* mondoprinte.wordpress.com (hauptsächlich über die hiesige Wahrnehmung/Darstellung des Israel-Palästina-Konflikts)

von-den-einzigwahren-freunden-israels.blogspot.com

islamophobieforschung.wordpress.com

* http://srebrenica-genocide.blogspot.com (als Widerspruch zu den Verschwörungstheorien über Bosnier/Bosniaken)

www.islamophobie.info

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das ist genau jener schmale Grat, auf dem die Islamophobie unterwegs ist: Auf der einen Seite moslemische, orientalische Frauen als Objekte einer “Befreiung” von Aussen, einer Befreiung die nur über ihre vorherige Rassifizierung möglich ist und in der ihre eigenen Perspektiven keine Rolle spielt. Auf der anderen Seite die offene Verachtung wie hier

Zur Geschichte des Kongo

Es gibt zwei Staaten, die diesen Namen tragen (und an dem Fluss liegen, der ihnen den Namen gab), die ehemalige französische Kolonie Republik Kongo (nach der Hauptstadt auch Kongo-Brazzaville genannt) und die ehemalige belgische Kolonie Demokratische Republik Kongo (Kongo-Kinshasa, war zeitweilig in Zaire umbenannt). Um dieses zweitere Land, das wesentlich grössere der zwei, geht es hier. Dieses Kongo (in Französisch und diversen anderen Sprachen “Congo”) war und ist in einem erstaunlichen Ausmaß in die Weltgeschichte involviert, wenn auch meist nur passiv und als Opfer in der einen oder anderen Form. Aus dem Kongo kam ein grosser Teil der Menschen, die von europäischen Mächten als Sklaven nach Amerika (Nord und Süd) deportiert wurden und von moslemischen Sklavenhändlern vor allem innerhalb Afrikas. Im Kongo-Becken dürfte der HI-Virus entstanden sein, wobei die gängigere Theorie eine Übertragung des Viruses Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts von Affen auf Menschen im westlichen Zentralafrika sieht und die “OPV-AIDS-Hypothese” (vor allem von Edward Hooper vertreten) ebenfalls eine solche Übertragung, allerdings durch Versuche für die Kinderlähmungs-SchutzImpfung in den späten 1950ern an Kongolesen unter belgischer Kolonialverwaltung, durch einen amerikanischen Arzt, der Teile von Affen-Nieren für die Herstellung seines Impfstoffes verwendete. Aus dem Kongo kam mit das Uran für die ersten Atombomben der Welt, den einzigen bisher abgeworfenen (1945, von den USA über Japan), ebenso wie jahrzehntelang der Kautschuk für Autoreifen in aller Welt oder Elfenbein für Billardkugeln und Klaviertasten. Die wichtigsten zoologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts gab es im Kongo, voran das Okapi. Diese Aufzählung ist weit davon entfernt, vollständig zu sein.

Seine Bedeutung erhält das Land, das in diesen Grenzen seit der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 besteht (nur in den aller-seltensten Fällen haben Afrikaner die Grenzen ihrer Staaten selber bestimmt), durch seine Grösse, seine zentrale Lage in Afrika, seinen Reichtum an wirtschaftlich verwertbaren Naturschätzen. Diese Faktoren haben in der Regel aber auch sein Verhängnis ausgemacht. Natürlich gibt es einen Faden, eine rote Linie, vom vorkolonialen Sklavenhandel über die belgische Herrschaft und den Sturz von Lumumba bis in die heutige Zeit. Zur Gliederung der Geschichte des Kongo bietet sich folgendes Schema an:

* Die vorkoloniale Zeit, also bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, als das Land unter direkte auswärtige (europäische) Herrschaft kam. Die Reiche auf dem Gebiet der späteren DR Kongo, am wichtigsten jenes des Bakongo-Volkes, existierten teilweise in die belgische Zeit hinein. Schriftliche Quellen zu dieser Phase sind äusserst rar.

* Die Phase des “Kongo-Freistaats”, als das Land Privatbesitz des belgischen Königs Leopolds II. war, die mit erwähnter Kongo-Konferenz begann. Die von “Weissen” (zum Teil mithilfe von Einheimischen) im Kongo verübte Ausbeutung und Gräuel (zum Beispiel Hände-Abhacken fürs Nicht-Erfüllen der Arbeitsquote) waren in dieser Phase besonders ausgeprägt, so dass hier auch von einem Völkermord gesprochen wird. Internationaler Druck führte 1908 zu einer Umwandlung Kongos in eine staatliche belgische Kolonie (“Belgisch Kongo”). 80 mal so gross wie Belgien ist der Kongo.

* Diese Umwandlung brachte Veränderungen, einige Verbesserungen, aber die “Chicotte”, die Peitsche aus Nilpferdhaut, wurde fast bis zum Ende der belgischen Kolonialherrschaft geschwungen. Womit schon einiges über die Herrschaftsausübung der Belgier gesagt ist. Die “Force Publique”, die unter Leopold gegründete Kolonial-Armee mit belgischen Offizieren und kongolesischen Soldaten, nahm an beiden Weltkriegen an Seiten der Belgier teil. Die wirtschaftliche Ausbeutung verlagerte sich von der Plantagenwirtschaft hin zum Bergbau. Es gab, vor allem nach dem 2. Weltkrieg, eine Ansiedlung von Belgiern (und anderen Europäern, sowie im geringeren Ausmaß von Indern; zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1960 war 1% der Bewohner Kongos Nicht-Afrikaner) weshalb die Kolonialverwaltung eine gewisse Entwicklung förderte. Leopoldville etwa, das heutige Kinshasa, wurde nach 1945 eine Großstadt mit allem was dazugehört, u. a. einer Universität. Relativ kurz war die Phase vom Entstehen einer Unabhängigkeitsbewegung Mitte der 1950er zur Gewährung dieser und den Wahlen, auf deren Grundlage die Macht im unabhängigen Kongo verteilt wurde.

* Die 1. Republik oder auch Kongo-Krise, 1960 bis 1965. Die Krise begann mit der Meuterei der Force Publique wenige Tage nach der Unabhängigkeits-Feier und endete mit der Machtübernahme der Armee unter Mobutu, die aus der Force Publique hervorgegangen war. Dazwischen lagen ausländische Interventionen, Abspaltungen, die Aufteilung des Landes in mehrere Machtsphären,…Die Selbstbestimmung wurde dem Kongo nach 81 Jahren direkter oder indirekter belgischer Herrschaft zwar de jure aber nicht de facto gewährt. Als Staatsoberhaupt hielt sich in diesen Jahren der 1. Republik Joseph Kasavubu, er war so etwas wie eine Konstante in ihr, jedoch ging von ihm wenig tatsächliche Macht aus. Vereinfacht kann man sagen, dass die ehemalige Kolonialmacht Belgien und andere Europäer auf Tschombe und die Sezession der rohstoffreichen Provinz Katanga setzten, und die US-Amerikaner auf Mobutu und das Militär, und sich die USA durchsetzten. Politische Kräfte, die mehr oder weniger auf den bereits wenige Monate nach der Unabhängigkeit entmachteten und ermordeten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba zurückgingen, beteiligten sich ebenfalls, dann vom Ostblock unterstützt, an dem Machtkampf. Die Phase endete, als Mobutu Kasavubu schliesslich beiseite schob und auch offiziell die Macht übernahm.

Ministerpräsident Lumumba und Force Publique-Soldaten 1960
Ministerpräsident Lumumba und Force Publique-Soldaten 1960

* Die 2. Republik, welche die Zeit der prowestlichen Mobutu-Diktatur war. Die DR Kongo ist in vielen Aspekten exemplarisch für Afrika, so auch in den neokolonialistischen Bemühungen, mit denen der Westen erfolgreich versucht hat, das Land auch nach der Unabhängigkeit faktisch unter Kontrolle zu halten. Mobutu war von Lumumba zum Generalstabschef ernannt worden, wie Pinochet von Allende… Parallelen gibts auch zu Mossadegh (Iran) oder Arbenz (Guatemala), anderen im Kalten Krieg von den USA/dem Westen dämonisierten und gestürzten Demokraten. Auch sie vertraten jeweils einen Nationalismus, der anti-(neo)kolonial war, sich nicht gegen Nachbarn richtete oder die Vorherrschaft einer Gruppe (Ethnie) im Staat propagierte, und ursprünglich auch nicht die Nähe der Sowjetunion suchte – im Fall Lumumba geschah das, aber in eigentlich harmlosen Belangen und zu einem Zeitpunkt als die Versuche der Gegenseite zur Destabilisierung des Landes und seiner Regierung schon offensichtlich waren. Mobutu, der Zuhälter des Kongo, reiht sich wiederum neben andere vom Westen unterstützte Despoten ein.

* Die 3. Republik, die Zeit seit dem Sturz Mobutus 1997, der seinen Ausgang im Völkermord von Hutus an Tutsis im Nachbarland Ruanda 1994 genommen hatte, die Herrschaft der Kabilas, Vater und Sohn, mit den Kriegen, die im und um den Kongo seit dem Feldzug der Allianz gegen Mobutu 1996/97 geführt wurden/werden.

Die Entwicklung im Kongo ist, auch aktuell, für Afrika und darüber hinaus relevant und spannend. In den letzten paar Jahren erschienen zwei Bücher, die die Geschichte Kongos auf ganz unterschiedliche Weise behandeln und für sich beanspruchen können, hier neue Maßstäbe gesetzt zu haben.

Das wäre zum einen “Der Traum des Kelten” des Peruaners Mario Vargas-Llosa (im spanischen Original 2010 erschienen). Darin geht es um Roger Casement, einen irischen Diplomaten in britischem Dienst, der die  Menschenrechtsverletzungen im Kongo zur Zeit des Freistaats, also der Privatherrschaft des belgischen Königs Leopold II., untersuchte und anprangerte. Casements Bericht nach einer Expedition im Auftrag des britischen Aussenministeriums führte schliesslich mit zur belgischen Verstaatlichung des königlichen Privatbesitzes, der der Kongo war. Casement untersuchte später auch die Ausbeutung von Indianern in Putumayo in Peru, die wie im Kongo für die Kautschuk-Gewinnung geschah. Diese Beobachtungen machten aus ihm einen Anti-Imperialisten und Unterstützer irischer Selbstständigkeit (er hätte auch im britischen diplomatischen Dienst Karriere machen können). Für den irischen Osteraufstand 1916 versuchte er, deutsche Unterstützung einzufädeln, flog noch vor der Niederschlagung des Aufstands auf, und wurde zum Tode verurteilt. Aufgrund seiner Homosexualität, die von den britischen Behörden nach seiner Festnahme auch herausgekehrt wurde, war er auch in Irland lange nicht akzeptiert. Die Rahmenhandlung von “Der Traum des Kelten” schildert die letzten Tage Casements vor seiner Hinrichtung im Londoner Pentonville-Gefängnis, drei Monate nach seiner Festnahme. Vargas Llosa, der auf Casements Spuren herumreiste, erzählt in Rückblicken dessen Leben, anhand seiner prägenden Stationen, von denen der Kongo eine war. Das Buch ist ein Genre-Hybrid, aus der Romanumsetzung einer Biografie und einem Tatsachen-Roman.

Ebenfalls 2010 erschien das (hier niederländische) Original von “Kongo – Eine Geschichte” des Belgiers David van Reybrouck, eine der wenigen Gesamtdarstellungen der Geschichte dieses Landes. Der Kulturgeschichtler Van Reybrouck, dessen Vater nach der Unabhängigkeit im Kongo (in Katanga) als Eisenbahningenieur gearbeitet hat, hat auch hier historisches, journalistisches und literarisches, Mikro-Beobachtungen und Makro-Entwicklungen, miteinander verwoben (so ähnlich, wie es auch V. S. Naipaul macht). Er hat anscheinend auch Vargas Llosa für dessen obiges Buch beraten. Hervorzuheben sind hier jedenfalls die umfangreichen Literaturhinweise. Das Buch hat auch seine Schwächen, diese Kritik von Dominic Johnson in der taz geht aber für meine Begriffe viel zu weit.

Ansonsten ist an Literatur zum Kongo essentiell:

– “The Congo from Leopold to Kabila” von Georges Nzongola-Ntalaja, einem kongolesischen Wissenschafter, der in USA lehrt

– “Herz der Finsternis” des Schriftstellers Joseph Conrad, einem Bekannten Casements; ein Roman in dem der Kongo sowohl Schauplatz als auch Metapher ist und der von Conrads eigener Reise dorthin inspiriert ist; er handelt von seelischen Abgründen aber auch von der des Kolonialismus’ (der nigerianische Schriftsteller Achebe warf Conrad dennoch Rassismus vor)

– “Schatten über dem Kongo” von Adam Hochschild, das ebenfalls die Freistaat-Ära des Kongos behandelt

– “Lord Leverhulme’s Ghosts” von Jules Marchal, einem belgischen Ex-Diplomaten und Historiker, der die belgische Kolonialherrschaft, der er selber diente, kritisch beleuchtet (so weit ich weiss, nicht auf Deutsch erschienen)

– “Regierungsauftrag Mord: Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise” von Ludo de Witte, eine Studie über die Ermordung des ersten Ministerpräsidenten Kongos, die er in den Kontext weiterer westlicher Bemühungen zur Be- bzw. Verhinderung einer echten Unabhängigkeit des Landes stellt

– Das “Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo” von Emizet Francois Kisangani und Scott F. Bobb (2009), auf Englisch

– Zur vorkolonialen Geschichte des Kongo: “Geschichte Afrikas” von John Illiffe (1997; englisches Original 1995), S. 109f, S. 172-176, S. 189f, S. 206f

– Zur AIDS-Entstehung: “The River: A Journey Back to the Source of HIV and AIDS” von Edward Hooper (1999)

– Robert Edgerton: “The Troubled Heart of Africa. A History of the Congo” (2002)

Und zwei Links noch: Daniel Stroux: Rohstoffe, Ressentiments und staatsfreie Räume. Die Strukturen des Krieges in Afrikas Mitte. Internationale Politik und Gesellschaft/International Politics and Society 2/2003 (Ebert-Stiftung). 

Americas War in Central Africa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mali Länderprofil – historische Übersicht – aktuelle Analyse

Geographisch-kulturell teilweise (der Süden des Landes) West-Afrika, teilweise (der Norden) der Sahel-Zone (südliche Sahara) zugehörig. Im Süden Schwarzafrikaner (v.a. Mande-Völker wie Bambara sowie Ful) die vorwiegend als  Viehzüchter, Ackerbauern, Fischer leben und den grössten Teil der Bevölkerung stellen, da der nördliche Landesteil zwar etwas grösser ist als der südliche aber, aufgrund der Wüste, sehr dünn besiedelt. Dort leben die berberischen Tuareg [1] und Araber sowie arabisierte Völker wie die Arma, vorwiegend als Nomaden. Die Religion (sunnitischer Islam) haben die beiden Landes- bzw. Bevölkerungsteile gemeinsam; es gibt daneben Gruppen von Animisten und Christen.

Das heutige Mali war Teil des Ghana-Reichs, im Hoch-Mittelalter [2] eroberten die berberischen Almoraviden aus Marokko das Land und leiteten seine Islamisierung ein. In der Folge entstand das teilweise islamisch geprägte Mali-Reich mit der Hauptstadt Timbuktu unter der Keita-Dynastie; die vorherrschende Sprache war Manding. Timbuktu war im 15. und 16. Jahrhundert ein intellektuelles Zentrum für Nord- und Westafrika. Daneben gehörten Teile Malis zum „schwarzafrikanischeren“ Songhai-Reich. In der frühen Neuzeit gab es erneut eine marokkanische Invasion die die bestehende staatliche Situation beendete. Danach war Mali auf lokale Kleinkönigreiche aufgeteilt (z. B. eines der Fulbe im 19. Jahrhundert).

Ende des 19. Jh. eroberte Frankreich das Land, nannte das spätere (und frühere) Mali „Französischer Sudan“ (war Teil Französisch-Westafrikas). Dieser durfte 1959 eine teil-autonome Föderation mit Senegal eingehen („Mali-Föderation“). 1960 wurde diese von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassen und löste sich alsbald in die Staaten Mali und Senegal auf. Erster Staatspräsident Malis wurde Modibo Keita, der zwar stark französisch geprägt war (Absolvent der William-Pony-Schule in Dakar, wie viele andere künftige Top-Politiker ehemaliger französischer Kolonien in Westafrika; Abgeordneter im französischen Parlament), wandte sich aber von Frankreich ab und gründete einen sozialistischen Einparteienstaat, der sich an den damaligen Ostblock anlehnte, und auf die Verstaatlichung von Ressourcen (Baumwolle > Plantagen, Gold u. a. Bodenschätze [3]) setzte. Diese Phase ging 1968 mit dem Militär-Putsch unter Moussa Traoré zu Ende, der als Präsident einen authoritären Polizeistaat errichtete und ideologisch einen anderen Weg einschlug als sein Vorgänger. Anfang der 1990er erfolgte der Übergang zu Demokratie unter dem Historiker Alpha O. Konare. Die Politik ist wie in vielen afrikanischen Staaten von einem Klientelsystem geprägt, in dem Parteien bzw. Parteienbündnisse die Interessen bestimmter Schichten oder Volksgruppen vertreten, oft zum Nachteil der Allgemeinheit, und in dem Wahlmanipulationen und gewaltreiche Umstürze häufig vorkommen.

Aushängeschilder Malis sind der Musiker Mamadou Diabaté (lebt in USA), Fussballer wie Frederic Kanouté (in Spanien tätig) oder die Tuareg-Musikband “Tinariwen”, die beim ersten „Festival au Desert“ 2001 ihren Durchbruch schaffte und die Unabhängigkeit von “Azawad” unterstützt .

Die Tuareg im Norden erhoben sich 1958 und 1990 für Autonomie, gegen Benachteiligung. Der Konflikt zwischen Bamako (der Zentrale des Landes, im Süden, den herrschenden „Schwarzen“) und Timbuktu (der Peripherie, dem Norden, den „Braunen“) brach 2012 erneut aus und führte zum Sturz von Präsident A. T. Touré durch das Militär (obwohl es von Politikern aus Putschangst „ausgehungert“ wurde). Die Putschisten wollten den Aufständischen im Norden eigtlich besser kontra geben. Doch eine Offensive der in der MNLA („Nationale Befreiungsbewegung des Azawad“) organisierten Tuareg-Rebellen führte zu deren Machtübernahme dort. Die MNLA besteht zu einem großen Teil aus Tuareg die von Libyens Diktator Gaddafi aufgenommen worden waren und in seiner Armee gekämpft hatten, und nach seinem Sturz u.a. nach Mali zurückkehrten – mit den libyschen Waffen. Die MNLA nahm den Norden Malis samt den Städten wie Timbuktu praktisch kampflos von der malischen Armee ein. Die MNLA unter ihrem Generalsekretär Acherif riefen in Nord-Mali die Unabhängigkeit von „Azawad“ aus. Dann begann der Kampf zwischen den Islamisten (v.a. den „Ansar Dine“) und der MNLA. Ob sie davor, bei der Machtüberbahme, miteinander verbündet waren, ist umstritten. Nun nahmen die radikalen Muslime „Azawad“ ein, wo sie die Scharia einführten, jahrhundertealte geschützte Mausoleen oder eine Bibliothek mit einzigartigen Manuskripten zerstören. Mehr als 200 000 Menschen flohen aus dem Norden Malis.

Das Treiben der Islamisten in Nord-Mali und die Aussicht auf ein Rückzugsgebiet für „Al Kaida“ rief 2013 eine Militärintervention der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich an Seite der malischen Armee zur Rückeroberung des Nordens des Landes/ “Azawads“ hervor. [4] Die Islamisten sind dort keine Massenbewegung sondern bestanden aus nicht allzu starken Milizen, daher erfolgte ein rascher Rückzug, z.T. kampflos, als Frankreich Luftangriffe flog und die malische Armee auf dem Boden nachzog. Die Städte wurden von den Islamisten befreit und die MNLA musste sich ganz im Norden an die Grenze zurückziehen. Frankreichs Präsident Hollande kündigt den baldigen Abzug französischer Truppen an, allein die Kosten von 70 Millionen Euro für den Militäreinsatz werfen aber die Frage auf ob Frankreich Mali wirklich nur uneigennützig helfen wollte. Es könnte ihnen auch um Uranvorkommen, um geopolitische Interessen in der Region und um die Wüste als Testgebiet für Waffen gehen. Ag Assarid, Sprecher der MNLA im französischen Exil, sagt, die malische Regierung scherte sich nie um die Islamisten – sie wollte einfach den Norden zurückerobern und bei dieser Gelegenheit gleich auch mit der MNLA (bzw. den Tuareg-Interessensvertretern) aufräumen. [5]


[1] Diese sind neben Mali hauptsächlich auf den Niger, Libyen, Burkina Faso und Algerien aufgeteilt. Sie nennen ihren Lebensraum (die südöstl. Sahara bzw. östliche Sahelzone) Azawad.

[2] Ist eine Epoche der europäisch-christlichen Geschichte, aber zumindest zur „zeitlichen Angabe“ auch auf andere geographisch-kulturelle Räume anwendbar

[3] Die Verarbeitung erfolgt bis heute, wie so oft im Fall von Ressourcen von „3. Welt-Staaten“, anderswo.

[4] und eine neue Runde im „Kampf der Kulturen“. Obwohl auch der Süden Malis moslemisch ist, wurde die Militäraktion, die zur Beendigung der Sezession führte, oft in dem Zusammenhang gesehen, und zwar von beiden Seiten. Siehe den islamistischen Anschlag in Algerien bzw. das Lob für Hollande.

[5] www.orf.at/stories/2172900