Hitler stoppen

Hitler und den NS zu stoppen wurde, im Nachhinein, wurde oft durchdacht bzw ausgemalt. Vieles, was in der BRD gab oder gibt, von Teilen der Verfassung über den Linksterror ab den späten 1960ern bis zur Israel-Begeisterung, war/ist so ein Vorbeugen bzw Wiedergutmachen.1 Hier geht es aber um jene Punkte in Hitlers Leben und Laufbahn, an denen er hätte gestoppt werden können. Bevor er einen sehr grossen Teil Europas zerstören liess, bzw um dieses Zerstörungs-Werk wenigstens abzubrechen. Katastrophen zu vermeiden, bzw rückgängig zu machen, ist eines der Hauptmotive bei alternativer bzw kontrafaktischer Geschichtsschreibung.

Und NS/ 2. WK ist eines der am häufigsten bearbeiteten Felder darin. Nationale Sehnsüchte, wie die erwähnten deutschen, haben oft etwas alternativgeschichtliches. Vereinfacht gesagt ist Kontrafaktik eher auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet und Alternativgeschichte stärker auf Unterhaltung. Aber in beiden Sub-Genres findet auch das (sich) Trost Spenden und das Ausmalen von Sehnsüchten statt.2 Im Folgenden werden die entsprechenden Ausgangspunkte für kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien (die Diversionspunkte) formuliert. Hitlers tatsächliches Ende war ja bekanntlich sein Selbstmord im Bunker der neuen Reichskanzlei im April 45, die Rote Armee einige Hundert Meter entfernt.3

Manche AG/KF-Arbeiten, dies sei vorab auch erwähnt, malen auch Szenarien aus, in denen Hitler/ Nazideutschland siegreich aus dem von ihm losgetretenem Krieg  heraus geht. Otto Basil tat dies in Verbindung mit einem erfolgreichen deutschen Atomprogramm, in seinem 1966 erschienenen Roman „Wenn das der Führer wüsste“, worin ein siegreiches Nazi-Deutschland sehr satirisch gezeichnet (bzw überzeichnet) wird. In Lothar Meinerzhagens alternativgeschichtlichem Spionagethriller “Götterdämmerung” gibt es auch einen deutschen Sieg durch Technologie, er transportiert darin aber ganz andere Botschaften als Basil. Die Britin Katharine Burdekin brachte bereits 1937 “Swastika Night” (dt. “Nacht der braunen Schatten”) heraus, ein dystopischer Roman, der Europa nach einer 700-tjährigen nationalsozialistischen Herrschaft beschreibt.

Eine seriöse Annäherung an das Szenario eines siegreichen Hitler-Deutschlands hat Ian Kershaw versucht, in seinem Buch “Wendepunkte”. Er nimmt sich darin etwa die Situation von Dünkirchen/ Dunkerque im Mai 1940 vor, als ein Haltebefehl an die deutschen Panzertruppen die Evakuierung eingeschlossener alliierter Truppen von dort ermöglichte. 300 000 Briten und Franzosen samt ihren Panzern hätten in Hände der Wehrmacht fallen können. Eine Gefangennahme hätte auch den Kriegswillen in diesen Ländern geschwächt, und damals waren die internationalen Voraussetzungen für einen Nazi-Sieg relativ gut: Frankreich war geschlagen, die USA und die Sowjetunion standen noch abseits des Kriegs, GB stand allein, und in Churchills Kabinett gab es weiterhin Anhänger der Appeasement-Politik Chamberlains, die für Verhandlungen mit dem Deutschen Reich eintraten (wie Edward Wood, der Lord von Halifax).4

In “Vaterland” (Originaltitel: “Fatherland”) von Robert Harris (1992) wird ein Kriminalfall vor der Kulisse eines vom siegreichen Nazideutschland dominierten Europas geschildert. In Len Deightons “SS-GB” (1978) ist GB von den Deutschen besetzt, Ralph Giordano schrieb “Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte”, Gregory Benford und Martin Greenberg schrieben zusammen ebenfalls über einen siegreichen Hitler. Andere Alternativ(welt)geschichten behandeln das Szenario eines Hitler, der zwar nicht siegreich aus “seinem” Krieg hervor ging, aber irgendwie überlebte. In “Er ist wieder da” von Timur Vermes (2012) erwacht er im Jahr 2011 in Berlin auf einer grünen Wiese wieder zum Leben (eine Satire). Es halten sich auch Verschwörungstheorien, wonach Hitler an den Südpol geflohen sei, in das vom Deutschen Reich als “Neuschwabenland“ beanspruchte Antarktis-Gebiet, über Argentinien.5

Bevor wir zu den möglichen Punkten eines früheren Scheitern Hitlers kommen: Die Frage, ob Hitler die Deutschen verführt hat oder ob diesen eine (deutsche) “Welle nach oben gespült” hat, bleibt hier aussen vor.6 Wenn zweiteres der Fall ist, wäre aber eher beim Versailles-Vertrag bzw beim 1. WK anzusetzen, um Hitler zu stoppen. Oder noch früher, beim „deutschen Sonderweg“? Befürworter dieser These wie Heinrich A. Winkler sehen einen „Westen“, der eine ideale Modernisierung/Demokratisierung durchlief, und ein Deutschland das verspätet dort ankam; der Sonderweg sei erst durch die Kriegs-Niederlage des Deutschen Reichs unter der Nazi-Diktatur bewusst geworden. Demnach brauchte Deutschland diese Niederlage um „westlich“ zu werden. Was hätte das zuvor konkret bedeutet, eine (stärkere) Teilnahme an Kolonialismus und Sklavenhandel? Winkler hat bezeichnenderweise gerade etwas über den “Untergang” des Westens veröffentlicht. Ohne Hitler (und die Annahme, das Deutsche Reich sei nach dem 1. WK “klein”, müsse wieder “gross” gemacht werden) wäre Deutschland heute möglicherweise Weltmacht.

Dass Hitler nicht geboren wurde, nie existierte, wurde zB von Stephen Fry durchgedacht bzw. ausgemalt, in “Making History” (1996; dt. “Geschichte machen”). In der Alternativ(welt)geschichte ist Hitlers Vater unfruchtbar (gemacht). Es gewann den Sidewise Award for Alternate History. Jerry Yulsman hat in “Elleander Morning” ein Szenario entworfen, in dem Hitler 1913 in Wien ermordet wird, wodurch der “Zweite Weltkrieg” nicht statt findet. Norman Spinrad schrieb “Der stählerne Traum”, darin wandert Hitler nach dem 1. Weltkrieg in die USA aus und wird Science-Fiction-Autor (Rahmenhandlung), die Binnenhandlung bildet eine SF-Geschichte, die vorgeblich von Hitler geschrieben wurde. Von einem Gavriel Rosenfeld gibt’s eine Untersuchung über alternativgeschichtliche Literatur zum Komplex Hitler/Nationalsozialismus/2. WK (“The worlds Hitler never made”).

* Ein “seriöser” Divergenzpunkt in Hitlers Leben7 ist eine Aufnahme an die Kunstakademie in Wien (1907/08) oder ein Durchbruch als Postkarten-Maler in den Jahren danach, etwa mit Unterstützung “seines” Kunsthändlers Reinhold Hanisch. Eric E. Schmitt hat so etwas in der Art in seinem alternativgeschichtlichen Roman “Adolf H. Zwei Leben” (2008) ausformuliert. Hitler wird darin Kunstmaler, im Deutschen Reich setzt sich ein konservativ-militärisches Regime durch, es wird irgendwann Weltmacht. Auch hier geht es um die Möglichkeiten Deutschlands und die Defizite Hitlers. In Hitlers Wiener Jahren fand wahrscheinlich seine rassistisch-antijüdische Prägung statt; um dies zu ändern, müsste wahrscheinlich schon mehr geändert werden.

* Hitler drückte sich ja bei Kriegsausbruch 1914 vor der österreichisch-ungarischen Armee und diente sich der bayerischen Armee (Teil des Deutschen Heers) an. Hier ergibt sich natürlich die Möglichkeit, in in diesem Krieg, an der Westfront, sterben zu lassen. Es gab einen britischen Soldaten an dieser Front, Henry Tandey, der Hitler dort 1916 erschiessen hätte können. Tandey, dann ein Kriegsheld, wurde in einem Gemälde dargestellt, auf welches Hitler aufmerksam wurde. Der damalige Gefreite hat als Führer eine Kopie bzw ein Foto des Bildes bestellt. Als der britische Premier Neville Chamberlain im Zuge seiner Appeasement-Politik 1938 vor dem Münchner Abkommen den Berghof in Berchtesgaden besuchte, sah er dieses, bekam die Erklärung dazu. Chamberlain bestellte Tandey Hitlers Grüsse.

Tandey bereute inzwischen, damals nicht auf den verwirrten “Deutschen” geschossen zu haben, wahrscheinlich erst recht, als 2 Jahre später deutsche Jagdbomber seine Heimatstadt Coventry verwüsteten. Wenn Hitler nach dem Krieg infolge des Giftgas-Angriffs 1918 (oder einer Kriegshysterie) blind geblieben wäre, hätte ihn das auch stoppen können. Dudley Wade (britischer Marine-Historiker) schrieb, in Peter Tsouras’ “The Third Reich victorious” (02) über das Szenario eines Hitler, der in diesem Krieg in die Marine aufgenommen wird, dann einen anderen politischen Aufstieg macht; Deutschland geht dann mit dem Westen und den Juden gegen die SU vor. Winziger Zufall (Hitler auf Bahnfahrt zu Rekrutierungsstelle in Abteil mit einem Marineoffizier), grosse Wirkung.

* Ein anderer Ausgang des NSDAP-Putschversuchs in München 1923 für Hitler: Er hätte dabei natürlich erschossen werden können. Und, danach tauchte Hitler in Landhaus von Ernst Hanfstaengl (der am Putsch beteiligt war, nach Salzburg floh, sich später von Hitler abwandte) in Uffing am Staffelsee unter, wurde dort nach wenigen Tagen verhaftet. Nach Hanfstaengls Bericht soll seine Ehefrau Helene Hitler davon abgehalten haben, sich dort in dieser Situation zu erschiessen. Weiters war nach der Verhaftung eigentlich Hitlers Abschiebung nach Österreich vorgesehen – auch dies hätte den Gang der Geschichte ver-ändern können. Auch, wenn er durch den Putschversuch desavouiert worden wäre.

* Keine so schlimme Krise der Weimarer Republik um 1930 herum…Wenn der Berliner DVP-Politiker Gustav Stresemann nicht 1929 im Alter von 51 an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben wäre, wäre die Instabilität des Staates wahrscheinlich nicht so gross geworden. Natürlich kann man auch spekulieren, wie es gelaufen wäre, wenn diese Republik so gar nicht entstanden wäre, wenn das Deutsche Reich nach dem 1. WK monarchistisch geblieben wäre oder mit Österreich zusammen gegangen wäre, oder sich die KPD durchgesetzt hätte oder unter (bzw durch) Hindenburg die Monarchie restauriert worden wäre. Die Weltwirtschaftskrise ist bei der Krise und dem Ende der Weimarer Republik natürlich auch eine wichtige Variable; wenn sie in dieser Form also nicht gekommen wäre oder Reichskanzler Brüning sie in Deutschland in den Griff bekommen hätte (mit einer anderen Politik statt der Deflation), hätte Hitler wahrscheinlich nicht so einen Zulauf bekommen.

* Ein Strassenverkehrs-Unfall im März 1930 in Nürnberg hätte die Weltgeschichte auch verändern können. Ein schwerer Lastwagen krachte damals mit voller Wucht in den Mercedes, in dem Hitler zu einem Treffen mit Julius Streicher chauffiert wurde, schob diesen etwa 20 Meter vor sich her, aber… Henry Turner hat in “Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinterlassenschaften” (1989) die Folgen eines Abgangs Hitlers zu diesem Zeitpunkt ausgemalt. Er glaubt, dass die auf die Person des „Führers“ zugeschnittene NSDAP auseinander gefallen wäre, sich im Reich eine offene oder verdeckte Militärdiktatur etabliert hätte, diese auch einen Krieg vom Zaun gebrochen hätte, sich aber mit der Rückeroberung der 1918/19 verlorenen Gebiete8 begnügt hätte. (Zeitzeuge) Egon Fein spekulierte in “Hitlers Weg nach Nürnberg. Verführer, Täuscher Massenmörder. Eine Spurensuche in Franken (2002)” auch über andere Folgen dieses Unfalls. Natürlich ergeben sich daraus Erkenntnisse über die Bedeutung der Person Hitlers für den Nationalsozialismus, die deutsche, die Weltgeschichte.

* Ein weiteres Gedankenspiel in dem es darum geht, Hitler aufzuhalten:   Alternative Wahlausgänge, z.B. bei einer der Reichstagswahlen 1932, zuungunsten der NSDAP, die bei diesen Wahlen jeweils siegte. Hindenburgs Ernennung von Hitler zum Reichskanzler Anfang ’33 geschah auf Grundlage der Reichstags-Wahl im November 32.9 Dann gabs im Frühling 32 auch eine Reichspräsidenten-Wahl, bei der sich Paul von Hindenburg gegen Hitler (30 bzw 37% in den beiden Wahlgängen) und Ernst Thälmann (KPD) durchsetzte. Um bei der RP-Wahl 32 antreten zu können, war es notwendig, dass der seit 1925 staatenlose Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt.

Erst Ende Februar 1932, aber gerade noch rechtzeitig, erhielt er diese, indem der von einer NSDAP-DNVP-Koalition regierte Freistaat Braunschweig ihn zum Schein zum Gesandten Braunschweigs bei der Landesvertretung in Berlin ernannte und damit zum Staatsbeamten. Damit war automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft verbunden.10 Das mit der Erringung der deutschen Staatsbürgerschaft hätte schiefgehen können, dann hätte Hitler auch nicht Reichskanzler werden können. Oder, er hätte die Wahl 32 gegen Von Hindenburg gewinnen können – hätte er auch als Reichspräsident die Demokratie ausschalten können?

* Gregor Strasser gewinnt 1932 den Konflikt in der NSDAP mit Hitler oder setzt sich mit einem Teil der Partei ab

* Kurt v. Schleicher errichtet 1932/33 eine Militärdiktatur

* Christian v. Ditfurth schrieb in “Consul” (2003) über einen Mord an Hitler im November 1932 und etwas über die folgende Alternativentwicklung; wie immer bei Ditfurth eher Unterhaltung (Alternativgeschichte) als kontrafaktische Geschichtsbetrachtung.

Hindenburg hätte Hitlers Machtergreifung als einer von Wenigen abwehren können, bzw hinausschieben. Er hielt Hitler für vulgär und einen hysterischen Trommler, sah dessen Nicht-Zugehörigkeit zum preussischen Grossbürgertum als grosses Manko. Hätte am liebsten die Monarchie unter Ex-Kaiser Wilhelm oder dessen Sohn restauriert. Hindenburgs alter Heereskollege Erich Ludendorff war ein Teilnehmer des Hitler-Putsches, wandte sich dann von diesem ab, durchschaute ihn, sah das Unheil voraus.11 Hindenburg liess sich 32 zur neuerlichen Kandidatur als Präsident überreden, bei einem Nichtantreten wäre ein Sieg Hitlers sehr wahrscheinlich gewesen (siehe oben). Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jänner 33 soll auch weitgehend auf die “Kamarilla” um den greisen Hindenburg zurückgegangen sein. Hindenburg starb bekanntlich 1934, (spätestens) dann hätten Hitler und die mit ihm verbündeten Kräfte (auch in der Reichswehr) wieder laut an die Türe zur Macht geklopft.

Hitler am Beginn seiner Machtübernahme, am “Tag von Potsdam” im März ’33, mit Reichspräsident v. Hindenburg

 

* Widerstand gegen das Ermächtigungsgesetz 1933, den ersten Schritt zur Diktatur-Errichtung, von Reichswehr, Parteien, Kirchen, ausländischen Mächten (Heeren)

* Die Möglichkeit eines Eingreifens der Reichswehr nach dem “Röhm-Putsch” 34 hat Wilhelm Raddatz in “Ich schieße, Herr Hitler: Roman eines Staatsstreichs” (2003) ausformuliert. Die NSDAP-Führung wird darin in einer Reichstags-Sitzung verhaftet und vor Gericht gestellt.

* Ein Eingreifen der Westmächte nach dem deutschen Einmarsch in das (aufgrund des Friedensvertrags von Versailles entmilitarisierte) Rheinland 1936

* 1938 hatten bereits Viele in Deutschland gelernt, welcher Geist da aus der Flasche gelassen wurde. Auch in der Wehrmacht. Die Septemberverschwörung 1938, während der “Sudetenkrise”, einer der ersten ernsthaften Putsch-/Attentatspläne gegen Hitler, hauptsächlich von seiten der Wehrmacht. Mit Hitlers diplomatischem Erfolg auf der Münchner Konferenz wurde der Plan hinfällig. Hier ist natürlich auch ein Alternativszenario denkbar. Vor dem Anschluss Österreichs und dem Kriegsausbruch. Zum Beispiel mit dem Divergenzpunkt, wonach die Briten und Franzosen ggü Hitler kein Appeasement üb(t)en.

Joachim Fest meinte in seiner Hitler-Biografie12, Hitler würde im Fall seiner Beseitigung zu diesem Zeitpunkt (also einer Umsetzung dieses Vorhabens) noch heute noch als grosser Deutscher verehrt werden. Johannes Dillinger widersprach ihm, mit Hinweis auf KZs, Parteienverbote, Errichtung der Diktatur,…, auch Eberhard Jäckel. Wahrscheinlich aber würden sich in diesem Fall Deutsche auch in Schlesien oder Pommern Gedanken über Schicklgruber machen, solche oder solche. Jedenfalls, hier, vor Krieg und Holocaust, hätte das Schlimmste (vom NS) noch verhindert werden können. Danach konnte Hitler wohl nur noch durch Attentate oder eine ausländische Macht (wie geschehen) gestoppt werden.

* Die Zahl der Attentate auf Hitler beläuft sich auf irgend etwas zwischen 17 und über 40. Ein Gelingen des Attentats Georg Elsers 1939 (kurz nachdem Hitler den Weltkrieg vom Zaun brach) wäre auch eine reizvolle Grundlage für Spekulationen; man kann das unglückliche Scheitern aufs Wetter herunterbrechen, aufgrund dessen Hitler nicht mit dem Flugzeug von München nach Berlin zurückreiste, stattdessen mit der Bahn, deshalb die Veranstaltung früher als geplant verliess. Thomas E. Fischer in Michael Salewskis (Hg.) “Was wäre wenn. Alternativ- und Parallelgeschichte: Brücken zwischen Phantasie und Wirklichkeit” (1999), glaubt dass die NS-Maschine im Fall eines Gelingens auf allen Ebenen weitergerollt wäre. Wolfgang Brenner in “Führerlos” (08) glaubt an einen NS-internen Machtkampf in diesem Fall. Dieter Kühn schrieb in “Ich war Hitlers Schutzengel” über vier Fiktionen über Hitlers Ende, darunter auch über ein Gelingen von Elser.

* Als Hitler 1942 nach Finnland reiste, war er der mächtigste Mann der Welt. Bei der Landung des Flugzeugs in Helsinki begann ein Reifen unter dem Tank zu brennen…  Von Bedeutung wurde der Besuch durch die geheime Ton-Aufzeichnung des Gesprächs des “Führers” mit Carl G. Mannerheim.

* Henning von Tresckow war eine zentrale Person im Widerstand in der Wehrmacht, war auch am Anschlag bei Rastenburg/Ketrzyn beteiligt. Im März 1943 übergab er Hitlers Begleiter Heinz Brandt eine Holz-Schachtel mit zwei Flaschen “Cointreau”, in der sich eine Bombe befand, für Oberst Stieff, zum Transport in Hitlers Flugzeug von der Front in Smolensk zurück zur Wolfsschanze. Der Säurezünder versagte jedoch, wegen der Kälte im Frachtraum, wo die Box deponiert wurde. Wenn sie im Passagierbereich der Focke “Condor” gelagert worden wäre… Tresckow tötete sich nach dem Scheitern des Anschlags vom Juli 1944. Bezüglich Tresckows eigentlicher Tätigkeit als Wehrmachts-Generalmajor an der Ostfront sind in jüngerer Zeit Diskussionen aufgetreten, was er unter „Partisanenbekämpfung“ so alles mit zu verantworten hat.

Die zerstörte Lagerbaracke der Wolfsschanze nach dem 20. Juli 1944

* Das wichtigste Attentat war natürlich das vom 20. Juli 1944, von Wehrmachts-Kreisen. Dass die Verschwörer einen Bunker (wo die Druckwelle nicht entweichen konnte) statt der Baracke erwartet hatten, dürfte nicht stimmen. Aber der durch seine Kriegsverletzung stark bewegungsbehinderte Von Stauffenberg versäumte ja das Scharfmachen der zweiten Bombe, nachdem er überrascht worden war. Vielleicht hätte zu einem Gelingen schon genügt, dass Adolf Heusinger im Moment der Detonation Hitler nicht gerade die Lage im Norden der Sowjetunion erläuterte, und daher beide fast über der Landkarte am Tisch lagen und durch dessen dicke Platte geschützt waren. Heinz Brandt tauchte hier wieder auf, er schob die Tasche mit der Bombe hinter einen Tisch-Sockel, starb durch die Explosion, “rettete” aber unbewusst Andere. Es gab also eine Reihe unglücklicher Zufälle; dazu gehörten auch jene Umstände, die zur mehrmaligen Verschiebung des Attentats geführt hatten.

Mit dem Attentat verbunden war ja der Plan, (durch Ingangsetzung der “Operation Walküre”) die Wehrmacht unter Kontrolle zu bringen, Göbbels zu verhaften, Himmler und die SS auszuschalten; und dann möglichst noch eine Kriegswende. Dass die Sache mit Walküre nicht gelang, war wahrscheinlich weniger als das Attentat von Zufällen bzw Kleinigkeiten abhängig. Die wankelmütige Haltung vieler Beteiligter wurde durch das Nicht-Gelingen des Attentats bzw die Unsicherheit darüber natürlich verstärkt, auch durch das späte  Auftauchen von Claus von Stauffenberg in Berlin. Es gelang nicht, die vollständige Kontrolle über das Ersatzheer zu bekommen, nicht über Rundfunk und Fernmeldewesen, nicht über NSDAP, SS, Gestapo.

Welche Alternativabläufe wären beim Gelingen des Staatsstreichs möglich gewesen? Bis zur Stalingrad-Schlacht 42/43 (evtl. sogar bis zur Normandie-Landung) hätte ein Umsturz für das Deutsche Reich zwar nicht die Kriegswende, aber eine günstigere Niederlage bringen können: ein früheres Ende des Kriegs, keine mit der Besatzung verbundene Entmündigung, ein eigener Neustart13, nicht so grosse Gebietsverluste und Reparationen. Im Juli 44 standen aber die West-Alliierten schon in der Normandie, in Mittel-Italien standen sie vor dem Durchbruch, dies galt auch für die Rote Armee in Ost-Polen.14

Wenn die Todesumstände Hitlers bekannt geworden wären, hätten die neuen Machthaber zudem leicht ihre Legitimität in Deutschland verlieren können, eine neue Dolchstosslegende (zumal man dabei war, den Krieg zu verlieren), auch ein Bürgerkrieg wäre möglich gewesen. Die möglichen Folgen des Gelingens des Stauffenberg-Attentats und des damit verbundenen Umsturzes wurden oft behandelt. Ein Stauffenberg-Sohn (Berthold?) sagte, bei einem Gelingen wären für Deutschland die Zahl der Kriegstoten halbiert worden (ggü der tatsächlichen) und die Zerstörung der Städte erspart geblieben.

Alexander Demandt sah15 in diesem Fall ebenfalls einen schnelleren Zusammenbruch und ein schmerzloseres Kriegsende, aber auch die Möglichkeit einer inneren Konfrontation. Jäckel, in einer Darstellung eines Sammelbandes zu einem erfolgreichen 20. 7. 4416 ist diesbezüglich pessimistisch. Christian von Ditfurth malt in „21. Juli“ einen gelungenen Staatsstreich (durch ein geglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler und ein Bündnis der Verschwörer mit der SS), ein erfolgreiches deutsches Atomprojekt, und einen (dadurch) anderen Kriegsausgang aus. Deutschland gelingt bei ihm die Demokratisierung.

* Ein Ende Hitlers zwischen Juli 44 und Mai 45, etwa durch eine Überdosis „Eukodal“ (das er 43-45 nahm), hätte gegenüber dem tatsächlichen Ende wenig gerettet (für Manche aber gewiss den Unterschied ums Ganze gemacht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die RAF und ihr Umfeld werden/wurden sowohl als Reaktion auf Hitler als auch als dessen Erben gesehen, so nahe kann das bei einander liegen
  2. Beziehungsweise, es liegt ihnen gelegentlich zu Grunde
  3. Dazu: Wolfdieter Bihl: Der Tod Adolf Hitlers. Fakten und Überlebenslegenden (2000)
  4. Ich weiss nicht, ob Kershaw dies in diesem Buch behandelt hat, aber andere mögliche Wendepunkte wären ein Scheitern der britischen Entschlüsselung der “Enigma”, ein anderer Ausgang des Treffens Hitlers mit Franco in Hendaye 1940, ein nazideutscher Sieg in Stalingrad oder en Zusammengehen der Anglo-Alliierten mit Deutschland gegen die Sowjetunion, nach den Vorstellungen von George Patton
  5. Nazi-Mythen wie dieser werden in “Wo keine Sonne scheint” von Hahn und Pukallus (2010) beleuchtet
  6. Nach Nolte war er ja eine Reaktion auf die SU
  7. Wie gesagt, die Frage wo man anzusetzen hat, um eine Entwicklung zu ändern, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Auch kindliche Weichenstellungen sind hier ausser Acht gelassen
  8. An Polen, Frankreich, Tschechoslowakei, Litauen, Dänemark, Belgien
  9. Die Wahl im März 33 (43,9% für die NSDAP) fand schon nach der Machtergreifung (bzw während) statt
  10. Dass Hitler im 1. WK für das Deutsche Reich kämpfen konnte, dürfte nur durch einen Verwaltungs-Irrtum ermöglicht worden sein!
  11. Er starb aber 1937
  12. Hitler: Eine Biographie (1998)
  13. Darüber gehen die Meinungen aber auseinander, der Kreis um Stauffenberg war ja sehr konservativ, und durch die totale Niederlage kam es gewissermaßen zu einer Reinigung
  14. Darüber redete Hitler beim Attentat gerade mit seinen Generälen
  15. In “Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte” oder “Das Attentat in der Geschichte”
  16. H.-J. Schultz (Hg.): Der zwanzigste Juli. Alternative zu Hitler? (1974)

RFK 68 nicht erschossen

 

32441_medWas, wenn Robert Kennedy nicht ermordet worden wäre? Hätte er in diesem Jahr (1968) die Nominierung seiner Demokratischen Partei gegen Hubert Humphrey gewonnen? Und wäre er dann gegen Richard Nixon zum Präsidenten der USA gewählt worden? Wenn ja, was wäre in USA und darüber hinaus anders gelaufen? Dass Kennedy mit seinem Sieg bei der Vorwahl in Kalifornien kurz vor seiner Ermordung die Nominierung sicher hatte, ist ein Irrtum. Und auch ein Sieg über Nixon wäre sehr fraglich gewesen. Der damalige Nominierungsprozess und die durch den Ablauf des Kandidatenrennens bedingte Spaltung der Partei benachteiligten Kennedy. Es wurden schon einige alternativgeschichtliche Szenarien ausformuliert, in denen RFK locker Vor- und Präsidentenwahlen gewinnt und dann ein “goldenes Zeitalter” schafft; hier eine Analyse dazu.

Robert Francis Kennedy hat CIA-Chef McCone 1963 gefragt, „Hat die CIA meinen Bruder umgebracht?“, wird berichtet. Unter seinem Bruder war er Justizminister geworden, hat als solcher das Gefängnis auf Alcatraz schliessen lassen. 1964 liess er sich (für New York) in den Senat wählen; unter Johnson weiter Minister zu sein oder Vizepräsident zu werden, kam für beide nicht in Frage.

Das direkte amerikanische Eingreifen im Krieg zwischen Nord- und Südvietnam begann unter Johnson nach dem Zwischenfall im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams 1964. Ein USA-Kriegsschiff war angeblich in ein Gefecht mit nordvietnamesischen Schnellbooten verwickelt worden; keine falsche Flagge, eher ein willkommener bzw. falsch deklarierter Anlass. Andere aussenpolitische Engagements unter Johnson war die Unterstützung des Sturzes des linken, demokratischen Präsidenten von Brasilien, João Goulart, sowie der Militärputsch und die nachfolgende Diktatur in Griechenland unter Papadopulos.

Lyndon Johnson durfte 1968 erneut für die Präsidentschaft kandidieren; mit dem Nachrücken für Kennedy 1963 hatte er nicht eine ganze Amtsperiode “verbraucht”. Ein amtierender Präsident wird in seiner Partei bei Neu-Wahlen normalerweise nicht ernsthaft herausgefordert; Ausnahmen waren Ford 1976 (von Reagan) – oder Johnson 1968. Eugene McCarthy, Senator von Minnesota, nicht zu verwechseln mit dem antikommunistischen Hexenjäger Joseph, war gegen Johnsons Kriegspolitik in Vietnam und wollte für und mit den Kriegsgegnern inner- und ausserhalb der Demokratischen Partei einen Kurswechsel herbeiführen. Als Johnson bei der ersten Vorwahl im März in New Hampshire gegen McCarthy überraschend schlecht abschnitt (aber gewann), ein starker Hinweis auf die Kriegsgegnerschaft in der Partei, begannen die Turbulenzen im Vorwahlkampf der Demokraten.

Robert Kennedy, der als Senator auf Distanz zur Vietnam-Politik von Johnson gegangen war, aber – zur Enttäuschung mancher Anhänger – gezögert hatte, diesen bei dieser Präsidentschaftswahl herauszufordern, meldete wenige Tage nach dieser Vorwahl nun auch seine Kandidatur an – was die Partei weiter spaltete wie auch das Anti-Kriegs-Lager. Der Vietnam-Krieg spaltete die USA wie zuletzt wahrscheinlich der Bürgerkrieg; im März 1968 ereignete sich auch das Massaker US-amerikanischer Soldaten in My Lai in Süd-Vietnam mit Hunderten Toten.

Am Ende dieses Monats kündigte dann Präsident Johnson an, seine Kandidatur zurückzuziehen; die Herausforderung aus der eigenen Partei war ein Grund dafür, seine Gesundheit ein anderer. Johnson hatte bis zu einem Herzanfall 1955 3 Packungen Zigaretten pro Tag geraucht, hörte dann abrupt auf; fing nach seinem Auszug aus dem Weissen Haus im Jänner 1969 wieder damit an. Er starb 2 Tage nach dem Ende von Nixon’s erster Amtszeit. Nach Johnsons Ausstieg stieg Vizepräsident Hubert Humphrey in die demokratischen Vorwahlen ein.

RFKinfrontofJFKpicture19661Humphreys offizieller Eintritt in den Wahlkampf erfolgte jedoch erst Ende April und damit zu spät, um noch an den restlichen Vorwahlen teilnehmen zu können. In Vorwahlen einzutreten war bis 1968 nicht der alleinige Weg zur Nominierung, galt sogar leicht als ein Zeichen von Schwäche. Humphrey, der Nachfolger von LBJ als Kandidat des Partei-Establishments wurde, konzentrierte sich darauf, die Delegierten-Stimmen jener Bundesstaaten zu gewinnen, in denen keine Vorwahlen stattfanden (die meisten). In diesen Bundesstaaten wurden die Delegierten für den Parteikonvent durch den Parteiapparat dieses Staates bestimmt (durch Ernennung, Konferenzen oder auch kleinere Abstimmungen). Der Vizepräsident wurde vom Parteiapparat unterstützt, er hatte auch den Präsidenten, den Grossteil der Gewerkschaften und des Südens sowie viel Anti-Kennedy-Geld (das Geld von Leuten, die ihn unterstützten, um RFK zu verhindern) für seine Kandidatur. In die Vorwahlen schickte er einige Günstlinge als “Zähl-Kandidaten”.

Nur in 14 Bundesstaaten (sowie in DC) fanden bei der DP in diesem Jahr Vorwahlen statt, manchmal wird auch 13 genannt, das dürfte an West Virginia liegen bzw an der Frage der Unterscheidung zwischen Vorwahl und anderer Delegiertenauswahl. Nach 1968 konnte bei den beiden Grossparteien kein Präsidentschaftsanwärter mehr nominiert werden, ohne sich in den Vorwahlen durchgesetzt zu haben. In den demokratischen Vorwahlen 68 duellierten sich hauptsächlich die beiden Liberalen McCarthy und Kennedy, beide katholisch und irischer Herkunft, beide sprachen ein ähnliches Wählersegment an. Der besonders konservative Teil der DP im Süden (genauer Südosten) brach mit dem ehemaligen Gouverneur Alabamas, George Wallace, weg, der für eine American Independent Party kandidierte. Kennedy bemühte sich, im Gegensatz zu McCarthy (der wahrscheinlich wusste, dass für ihn dort nichts zu holen war), aber recht erfolglos, um die Partei-Funktionäre in den Staaten ohne Vorwahlen. Johnson nutzte seinen ganzen Einfluss, Kennedy zu verhindern und Humphrey durchzubringen, der tatsächlich den Grossteil der Delegierten für den Konvent aus den Staaten ohne Vorwahlen gewann.

RFK wahlkampfRobert Kennedy war in der Democratic Party kein Liebling, für das Partei-Establishment war er zu “liberal”, auch für Johnson, für Südstaatler ohnehin, was die Gewerkschaften betraf, so war es sein Eintreten für “Schwarze” und “Latinos”, das grosse Teile der weissen Arbeiterschaft “vor den Kopf stiess”. Der Historiker Arthur Schlesinger, ein Unterstützer von ihm, schrieb in seiner Biografie von Kennedy: “Manche sahen ihn als erbarmungsvollen Heiland, andere als skrupellosen Opportunisten oder als unverantwortlichen Demagogen, der in die wunden Punkten der amerikanischen Gesellschaft griff – Rasse, Armut, Krieg. Wenige waren ihm gegenüber neutral oder gleichgültig.” Kennedy hat tatsächlich Themen behandelt, die die meisten Politiker mieden und mit 42 Jahren machte er sich nun auf den Sprung zur Macht bzw zur Umsetzung seines Programms. Er war, genau so wenig wie sein älterer Bruder, nicht die heilige und mutige Gestalt, als die er gerne dargestellt wird.

Dass unter John F. Kennedy das US-amerikanische “Engagement” in Vietnam begonnen hatte, ist aus der Logik des Kalten Krieges heraus irgendwie nachvollziehbar. Die ebenfalls unter ihm vorgenommenen Eingriffe in die Politik bzw. in die Geschichte des Irak (der Sturz von Premier Qasim) und des Kongo (der Sturz von Premier Lumumba) haben bis heute destruktive Folgen für diese Länder und ihre Regionen, und in beiden Fällen war eine Nähe der Regierung zum Kommunismus und zur Sowjetunion nicht wirklich gegeben. Heutige westliche Politik gegenüber diesen beiden Staaten versucht eigentlich, das zu erreichen, was auch von diesen damals gestürzten Regierungen angestrebt wurde… Da es hier ja um einen kontrafaktischen Ansatz geht: Wenn John Kennedy nicht ermordet worden wäre (wird öfter durchgedacht als eine Präsidentschaft Roberts), hätte das seinem Bruder für dessen eigene Karriere genützt oder geschadet?

Robert Kennedy hat, wiegesagt, “Tabus” der amerikanischen Politik wie Rassismus, Armut und Imperialismus kritisch behandelt. Hat etwa (weissen) Medizin-Studenten, die ihn bei einer Vorwahl-Veranstaltung fragten, woher er das Geld für Gesundheitsversorgungs-Programme für Arme nehmen wolle, geantwortet “Von euch.” Er ist nicht nur in die Wohngebiete der Schwarzen gegangen, er hat das Thema der rassischen Ungleichheit auch vor weissem Publikum angesprochen. Zur Bürgerrechtsbewegung bzw ihren Entstehungsgründen, neben dem Vietnam-Krieg das zweite wichtige Thema der Wahl, hatte er eine klare Haltung. 1966 hatte er Südafrika bereist, und dabei die Apartheid verurteilt, wie damals nur sehr wenige westliche Politiker. Als im April 1968 Martin Luther King ermordet wurde, war er gerade in Indianapolis im Wahlkampf, gab dann eine ziemlich improvisierte Rede dazu ab, in der er zur Versöhnung zwischen den Rassen aufrief. In Indianapolis sollen die Unruhen, die es damals in vielen anderen Städten gab, deshalb auch ausgeblieben sein. Dennoch, anders als Nelson Mandela 1993 nach der Ermordung Chris Hanis, konnte Kennedy durch seinen Umgang mit dem Attentat nicht entscheidend, über “sein” Wählersegment hinaus, Macht dazu gewinnen.

Vietnam war damals der Brennpunkt des Kalten Kriegs, und der Stellvertreter-Krieg zwischen Nord- und Südvietnam eskalierte 1968 im Zuge der Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong. Für Amerikaner war der Krieg schon aufgrund der damals aktuellen Wehrpflicht ein unmittelbares. Kennedy war nicht dezidiert für einen amerikanischen Abzug aus Vietnam oder einen sofortigen Frieden, aber für eine Delegierung der Kriegsführung an das südvietnamesische Militär, durch ihre Unterstützung sowie Friedensverhandlungen. McCarthy war entschiedener gegen den Vietnam-Krieg bzw. die Teilnahme der USA daran (bzw die Anfachung durch sie); so wie er auch dezidiert J. Edgar Hoover als FBI-Chef ablösen wollte. Robert Kennedy wollte CIA, FBI wie auch der (teilweise mit der Gewerkschaft verbundenen) Mafia stärker Einhalt gebieten, was er schon als Justizminister versucht hatte. Bezüglich der Todesstrafe bezog er eindeutig Stellung zugunsten einer Abschaffung, die damals diskutiert wurde. Zu Fragen wie Abtreibung nahm er dagegen eine konservative Haltung ein.

Das Versprechen Kennedys am Rande des Vorwahlkampfes, im Falle eines Wahlsiegs 50 Kampfjets an Israel zu liefern, spielte für diesen auch deshalb keine grosse Rolle, da auch die anderen Kandidaten hier ähnliche Positionen vertraten. Er hatte Palästina 1948, einen Monat vor der Ausrufung “Israels” (nach dem britischen Abzug dann), besucht, für die “Boston Post” aus dem Land berichtet. Damals begann seine prozionistische Haltung; die Zionisten hätten überhaupt erst etwas aus dem Land gemacht, schrieb er damals, würden ums Überleben kämpfen, die Araber einen ideologisch verblendeten Kampf gegen sie führen, usw., Klischees die sich bis heute im Westen halten. Dass die Nakba damals schon einige Monate lief, nahm er nur insofern wahr, als im Land “enorme Spannungen” herrschten. Sein Bruder hatte Israel Anfang der 1960er nicht zuletzt bezüglich ihrer Atomwaffen kontra gegeben; unter Johnson setzte sich während des Kriegs 1967 (in dem Israel das von ihm kontrollierte Territorium weiter erweiterte, auch über Palästina hinaus) eine Allianz der USA mit Israel durch – trotz der israelischen Bombardierung der USS Liberty.

RFK bestritt nicht alle der Vorwahlen, gewann nicht alle die er bestritt. Nachdem in Oregon McCarthy gewonnen hatte, fanden am 4. Juni drei Vorwahlen statt. Entscheidend war das bevölkerungsreiche Kalifornien, wo Kennedy mit 46 zu 42% gegen McCarthy gewann, der an diesem Tag noch einen weiteren Bundesstaat verlor. Der Sieg in Kalifornien bedeutete eigtentlich die Entscheidung für Kennedy in den Vorwahlen. McCarthy gab aber noch nicht auf, bereitete sich auf New York vor, wo keine offiziellen Vorwahlen stattfanden, dort wurden Delegierte für den Parteikonvent direkt gewählt, ohne dass sich die Wähler direkt für einen Kandidaten entschieden.

RFK flyerKennedy und sein Tross feierte die Siege in Kalifornien und South Dakota im “Ambassador Hotel” in Los Angeles. Damals stellte das Secret Service nur für amtierende Präsidenten Personenschutz zur Verfügung, nicht für Kandidaten, auch etwas das sich durch die Wahl 1968 änderte. Kennedy’s eigene Leibwächter waren der ehemalige FBI-Agent William Barry und zwei ehemalige Athleten (Grier, Johnson). Das Hotel hat anscheinend über eine Sicherheitsfirma (“Ace Guard Service”) einen Wachmann für das Ereignis engagiert, Thane Eugene Cesar, und das weniger als Schutz für den Kandidaten als für die Kontrolle der Menschen-Mengen, die ins Hotel kamen. Kennedy und seine Begleiter verliessen, kurz nach Mitternacht, nach einer Siegesrede einen Festsaal durch die Küchenräume des Hotels, um in einen anderen Saal zu wartenden Journalisten zu gelangen. In der Küche wurde Kennedy von drei Schüssen getroffen; auch fünf andere Personen wurden getroffen, die sich aber dann erholten. Juan Romero, aus Mexiko eingewanderter Küchengehilfe, war der letzte der RFK die Hände schüttelte, und einer der ersten die sich nach dem Attentat um ihn kümmerten. Kennedy erlag 26 Stunden nach dem Attentat im Krankenhaus seinen Verletzungen.

rfk at ambassadorDer Schütze, der gleich überwältigt wurde, war Sirhan Sirhan, ein christlicher (griechisch-orthodoxer) Palästinenser aus Jerusalem. Sirhan, zur Zeit der Nakba 4 Jahre alt, hatte wegen der jordanischen Verwaltung von Ost-Jerusalem und der Westbank 1948 bis 1967 die jordanische Staatsbürgerschaft. In dieser Zeit wanderte die Familie in die USA aus, ein Teil kehrte wieder zurück. Sirhan arbeitete u.a. als Pferdepfleger in Kalifornien, schloss sich diversen Sekten wie den Rosenkreuzern an. Er erlebte den erfolgreichen israelischen Angriffskrieg ’67 aus der Distanz, als der Rest von Jerusalem und Palästina (sowie Teile Ägyptens und Syriens) unter zionistische Kontrolle kamen, auch seine Familie. Auch diese Palästinenser erlebten nun israelische Militärverwaltung und Vertreibungen, wie in der Altstadt im eroberten Osten Jerusalems. Er erlebte in Amerika die “Heirat” amerikanischer und zionistischer Interessen unter Johnson, Feiern nach dem Krieg. Er lebte nie unter israelischer Herrschaft, erlebt die weitere Besetzung und Zerstückelung seiner Heimat aus etwas Distanz. Für Palästinenser bedeutete 67 etwas anderes als für die amerikanische Mehrheitsbevölkerung, und westliche Solidarität mit Christen in Palästina und der Region gibt es in der Regel nur dann, wenn man sie gegen Moslems in Stellung bringen kann… Sirhan soll auch psychische bzw. neurologische Probleme gehabt haben, vom Fall von einem Pferd.

Im Jänner 1968 war der israelische Premier Eschkol (Shkolnik) bei Johnson gewesen, was damals schon ein Besuch unter Alliierten war. Er wollte 50 Kampfflugzeuge kaufen, die Sache zog sich dahin, das amerikanische Aussenministerium war dagegen, weil es eine derart eindeutige Positionsbeziehung in dem Konflikt nicht wollte, eine Eskalation dieses Konfliktes durch eine “Einbettung” in den Kalten Krieg sowie ein Wettrüsten in der Region befürchtete. Das Ringen bzw. der Entscheidungsweg über den Verkauf kam in einer Wahlkampf-Debatte zwischen Kennedy und McCarthy in der Woche vor der kalifornischen Vorwahl zu Sprache, dort sprach sich Kennedy dafür aus (ob es hier Widerspruch von McCarthy gab, ist mir nicht bekannt). Sirhan soll Kennedy bis dahin sehr geschätzt haben und nun sehr enttäuscht gewesen sein. In seinem Notizbuch, das die wichtigste Informationsquelle über seine Mord-Motive war/ist, fand sich ein Eintrag dazu (nicht direkt auf die Debatte bezogen).

Der war allerdings vor der Debatte bzw. Kennedy-Aussage datiert (18. Mai). Im Mai hatte es eine TV-Doku gegeben (“The Story of Robert Kennedy”), in der RFK selbes über den Verkauf der Waffensysteme für Israel sagte (dort dürfte auch sein Besuch im Land 1948 vorgekommen sein). Diese wurde in Kalifornien aber ebenfalls nach der Notiz (sofern diese richtig datiert war) ausgestrahlt. Sonst hatte es nur im Jänner des Jahres, anlässlich des Eschkol-Besuches, möglicherweise eine Aussage Kennedys dazu gegeben. Die Entscheidung für den Verkauf fiel übrigens im Oktober, nach Druck der zionistischen Lobby, unter Johnson, kurz vor der Wahl; und die Sowjetunion lieferte darauf hin MIG-Kampfflugzeuge an Ägypten, von dessem Territorium Israel damals auch einen grossen Teil besetzte. Dass sich der Mord am ersten Jahrestag des Beginns des Sechs-Tage-Kriegs ereignete, kann in jedem Fall eigentlich nur ein bizarrer Zufall sein.

In Alternativtheorien zum Mord wird darauf hingewiesen, dass Kennedy Schusswunden nur auf der Rückseite seines Körpers gehabt habe, Sirhan jedoch direkt vor ihm gestanden sei. Der kurzfristig angeheuerte Wachmann Thane E. Cesar, ein Gegner der Kennedys, seine Waffe wurde nach dem Attentat nicht sichergestellt und untersucht, wird als zweiter, von hinten feuernder Schütze verdächtigt. Manchmal wird auch über eine Manipulation Sirhans durch Andere spekuliert. Hinter jeder Verschwörungstheorie steckt irgend eine Wahrheit; und die Herausforderung des konservativen, etablierten Amerikas durch “Bobby” Kennedy, durch sein Entreten für die Armen oder gegen den Krieg, ist ein Fakt. Sirhan wurde 1969 zunächst zu Tode verurteilt, die Strafe wurde durch die Abschaffung der Todesstrafe in Kalifornien 1972 in lebenslängliche Haft umgewandelt, die er heute noch absitzt.

Circa 1 Woche ruhte der Wahlkampf nach dem Mord. In New York wurde eine Mehrheit von Delegierten gewählt, die am Konvent McCarthy wählen sollten, auch einige für den toten Kennedy. Der Parteivorstand der DP im Bundesstaat New York (das New York State Democratic Committee) durfte dann den Rest der Delegierten (etwa ein Drittel der gesamten) auswählen bzw. zuteilen, und wie auch in anderen Staaten wurde hier Humphrey bevorzugt, und seine Gegner, nun v.a. McCarthy, benachteiligt. Nachhher war nur noch die Vorwahl in llinois, wo McCarthy gewann. Es war klar, Humphrey würde beim Konvent zumindest im ersten Wahlgang eine Mehrheit haben. Kurz vor dem Beginn des Konvents überfielen Truppen der Warschauer Pakt-Staaten die Tschechoslowakei und beendeten den “Prager Frühling” genannten Reformversuch des dortigen kommunistischen Systems.

Zum Zeitpunkt von Kennedys Tod, also kurz vor Ende des Nominierungsprozesses, sah die Delegierten-Verteilung so aus: Humphrey, der nicht an Vorwahlen teilnahm, hatte über 1000 zugeteilt bekommen; Robert Kennedy hatte etwas unter 700 sicher; McCarthy etwas über 300. Für die Nominierung waren 1312 Delegierte nötig. In der Hochrechnung, die den Rückzug der Humphrey-Günstlinge und anderer schwächerer Kandidaten mit-berücksichtigte, war Humphrey schon deutlich über dieser Marke. Es hätte schon einiges eintreffen müssen, dass Kennedy (ohne Attentat natürlich) die Nominierung noch bekommen hätte, anstelle von Humphrey:

  • Kennedy hätte die Vorwahl in Illinois gewinnen müssen (was wahrscheinlich gewesen wäre, aufgrund der Gegenkandidaten) und in New York einen guten Teil der Delegierten zugeteilt bekommen müssen (schwierig). Dann hätte es beim Konvent in Chicago wahrscheinlich einen zweiten Wahlgang gegeben (und nicht schon eine absolute Mehrheit für Humphrey im ersten). In den letzten Jahrzehnten gab es nur zwei Konvents der beiden grossen Parteien, wo der Nominierte nicht vor Beginn feststand bzw. wo die Abstimmung eine Art “Kampfabstimmung” wurde, so genannte open conventions: 1976 bei den Republikanern zwischen Ford und Reagan, 1980 bei den Demokraten zwischen Carter und Edward Kennedy; in beiden Fällen gabs aber keinen zweiten Wahlgang. Den gab es letztmals 1952 beim DP-Konvent, der wie 1968 im International Amphitheatre in Chicago abgehalten wurde. Damals gabs vier Kandidaten und drei Wahlgänge, schliesslich setzte sich Adlai E. Stevenson gegen Estes Kefauver durch, mit Unterstützung von Noch-Präsident Truman, der einen Kandidaten aus Südstaaten mit Rassendiskriminierungsgesetzen verhindern wollte.

Im Fall eines 2. Wahlgangs im Sommer 1968, der eine Art Stichwahl zwischen Kennedy und Humphrey gewesen wäre, hätten andere Kandidaten wahrscheinlich aufgegeben. Kennedy hätte gute Chancen auf die Stimmen der McCarthy-Delegierten gehabt (auch ohne Aufgabe), was aber keineswegs sicher gewesen wäre, angesichts der Animosität, die in diesem Vorwahlkampf zwischen den beiden Lagern entstanden war, gerade wegen ihrer ähnlichen politischen Ausrichtung. Aber auch wenn RFK die McCarthy-Stimmen und jene für McGovern gedachten bekommen hätte, wäre das nicht genug gewesen.

  • Kennedy hätte Humphrey-Delegierte gewinnen müssen.

Dazu ist zu sagen, dass die aufgrund der Vorwahl-Ergebnisse oder von lokalen Parteiorganisationen ausgewählten Delegierten verpflichtet werden, bei der Convention für einen bestimmten Kandidaten abzustimmen. Hinzu kommen die ungebundenen Delegierten (“Super Delegates” und ähnliche), Parteiprominenz der Bundesstaaten. Die “normalen” haben aber theoretisch auch eine Freiheit, schliesslich soll die Versammlung bzw. die Wahl irgendwie auch lebendig sein (sie sind “pledged”, verpflichtet, aber es gibt keine Sanktionen wenn sie anders abstimmen). Sie werden auch nicht zuletzt nach Zuverlässigkeit ausgewählt. Von dieser Freiheit machen Delegierte manchmal Gebrauch, wenn “ihr” Kandidat abgeschlagen ist (und seit Jahrzehnten steht der Nominierte vor der Convention fest) und sie den kommenden Kandidaten stärken wollen. Oder ein Kandidat gibt am Konvent auf, dann sind “seine” Delegierten “frei”. 08 hat Obamas scharfe Kontrahentin in diesem Jahr, Hillary Clinton, selbst während der Convention beantragt, das Nominierungsprozedere abzuändern und Obama per Akklamation zu nominieren. Bei einem zweiten Wahlgang sind Delegierte jedenfalls ungebunden und frei in ihrer Wahlentscheidung.

Aus dem Humphrey-Lager wäre ein Hinüberwechseln von Delegierten zu Kennedy grundsätzlich eher vorgekommen als umgekehrt. Arthur Schlesinger und andere glauben, dass Kennedy’s Charisma und der Mythos seines Namens ein Gewinnen von anderen Delegierten möglich gemacht hätte. Es wird auch für möglich gehalten, dass der Chicagoer Bürgermeisters Richard Daley, eine Parteigrösse und Humphrey-Unterstützer, zu Kennedy hinübergewechselt wäre und einen grossen Teil der Delegierten mitgenommen hätte (ein paar Telefonate hätten genügt, sagen manche), während des Konvents oder in den Wochen davor. Das damalige System der “Widmung” der Delegierten ohne Vor-Wahl hätte sich auch als nachteilig für Humphrey erweisen können. Richard Nixon vertrat in seinen Memoiren die Ansicht, dass Kennedy nach dem Vorwahlsieg in Kalifornien einen Teil der Delegierten McCarthys hinzugewonnen und seine Kampagne in den verbleibenden zweieinhalb Monaten eine unwiderstehliche Eigendynamik entwickelt hätte, die auf dem Parteitag nicht mehr zu stoppen gewesen wäre. Andere Historiker/Politologen/Journalisten gehen davon aus, dass Humphreys Unterstützung durch diverse einflussreiche „Parteibosse“ und der Vorsprung bei den Parteitagsdelegierten nicht so schnell ins Wanken gekommen wären.

Ein anderes Szenario, eine Einigung hinter den Kulissen vor/während des Konvents zugunsten Kennedys wäre viel unwahrscheinlicher gewesen. Im Falle eines Nicht-Gelingens des Attentats wären Kennedys Chancen wahrscheinlich drastisch gestiegen. Jedenfalls hätte es bei einem Antreten von ihm am Konvent eine scharfe Auseinandersetzung zwischen seinem und Humphreys Lager gegeben, was die Unruhen “draussen” wahrscheinlich verstärkt hätte.

Mit dem Tod Kennedys stand Vizepräsident Humphrey als demokratischer Kandidat de facto fest, zumal Kennedys Delegierte nicht bereit waren, sich “einheitlich” hinter McCarthy zu stellen. Die meisten von ihnen stimmten für den spät gestarteten Senator George McGovern, der im Frühling noch Kennedy in den Vorwahlen unterstützt hatte. Die anderen sind möglicherweise eher zu Humphrey als zu McCarthy gegangen! Noch-Staatspräsident Johnson behielt als Druckmittel gegen Humphrey die Präferenz der Delegierten von Texas und Illinois lange offen, ihre Unterstützung sollte er nur bekommen, wenn er nicht von Johnson’s Vietnam-Kriegskurs abwich; was er auch nicht tat.

Auf dem Nominierungsparteitag/Konvent vom 26. bis 29. August bekam Humphrey im 1. Wahlgang weitaus genug Delegierten-Stimmen für die Nominierung (1761 und drei Viertel); McCarthy (601) und McGovern waren weit abgeschlagen. Unter den anderen Kandidaten, die noch Stimmen bekamen, war der baptistische Geistliche Channing E. Phillips aus Washington, D.C., der erste “Schwarze” der auf einem Konvent der beiden Grossparteien in USA Stimmen bei der Präsidentschaftskandidaten-Nominierung bekam; diese DC-Delegierten waren ursprünglich zur Wahl Kennedys vorgesehen. Edward “Ted” Kennedy war 68 nach der Ermordung seines Bruders ernsthaft als Vizepräsidenten-Kandidat im Gespräch, auch bei Humphrey. Der Konvent wählte aber Edmund Muskie, Senator aus Maine, als Humphreys “running mate”.

Die Nominierung auf dem Parteitag in Chicago wurde von schweren Auseinandersetzungen zwischen linken Vietnamkriegsgegnern und der (auf Anweisung des Bürgermeisters Richard J. Daley extrem hart agierenden) Polizei überschattet. Anders als meist angenommen, ereigneten sich diese Unruhen nicht gleich ausserhalb des International Amphitheatre (dem Veranstaltungsort) sondern weit entfernt in der Stadt. Das Zustandekommen der Nominierung (des Vietnam-Kriegs-Befürworters) Humphreys ohne Teilnahme an Vorwahlen trug zu den Unruhen um den Parteitag bei. Die Auseinandersetzung über Vietnam fand aber auch im Amphitheater statt, auf dem Konvent ging es neben den Kandidaten für die Präsidentenwahl schliesslich auch um so etwas wie ein Parteiprogramm. Und die Polarisierung “drinnen” entsprach gewissermaßen jener “draussen”. Chicago war so etwas wie der Höhepunkt des amerikanischen 68. Der DP-Vorwahlkampf 1968 war, so wie er abgelaufen war, der Grund, dass der parteiinterne Auswahlprozess dann reformiert und geregelt wurde, durch eine Kommission unter McGovern – der 1972 dann auch selbst als Kandidat ausgewählt wurde. Humphrey war der letzte Präsidentschafts-Kandidat, der die Nominierung ohne Vorwahlen gewann

democratic-national-convention-1968So chaotisch und turbulent das Rennen der DP um die Nominierung zum Kandidaten war (mit dem Konvent als Kulmination), so glatt lief jenes der RP ab. Dazu de.wikipedia: “Die Republikanische Partei nominierte Richard Nixon, der zwar von Anfang an als Favorit gegolten hatte, aber auch von der Schwäche und Unentschlossenheit seiner Gegner profitierte, die ihren Vorwahlkampf entweder frühzeitig abbrachen (wie George W. Romney, Gouverneur aus Michigan, der wegen seiner Behauptung, er sei vom US-Militär in Vietnam einer ‘Gehirnwäsche’ unterzogen worden, heftig kritisiert und verspottet wurde), zu lange mit ihrer Kandidatur zögerten (wie der New Yorker Gouverneur Nelson Rockefeller) oder diese nur halbherzig betrieben (wie der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan). Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten wurde der Gouverneur von Maryland Spiro Agnew.” 1962 schien Nixons politische Laufbahn schon ihr Ende gefunden zu haben, als er nach einer erneuten Niederlage bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien auf einer von ihm selbst so bezeichneten „letzten“ Pressekonferenz die Journalisten beschimpfte und seinen Abschied von der Politik bekanntgab. Die Republikaner hätten auch gegen RFK wohl keinen Anderen ins Rennen geschickt, da zum Zeitpunkt dessen Ausscheidens ihre Auswahl auch schon im Endstadium war. Nixon und andere in der RP sahen eine Chance bei jenen Arbeitern, denen RFK zu “minderheitenfreundlich” war.

Der eigentliche Wahlkampf beginnt ja nach den Konvents im Sommer, geht etwa drei Monate. Der “turbulente” Vor-Wahlkampf in seiner Partei wirkte sich nachteilig für Humphreys Kampagne aus. Nixon begann seine Kampagne mit einem grossen Vorsprung in den Meinungsumfragen, der jedoch zusehends schrumpfte, als sich Humphrey mehr und mehr von Johnson emanzipierte und dieser zudem am 31. Oktober, sechs Tage vor der Wahl, einen endgültigen Stopp der Bombardierungen Nordvietnams anordnete. Die American Independent Party nominierte als “Running Mate” für George Wallace den Luftwaffen-General Curtis LeMay, der vorschlug, in Vietnam Nuklearwaffen einzusetzen. Bei einem starken Abschneiden von Wallace und einem knappen Rennen zwischen Nixon und Humphrey (im Bereich des Möglichen) hätte es dazu kommen können, dass kein Kandidat die absolute Mehrheit der Wahlmänner erringen würde. Dann hätte (wie schon 1824) das Repräsentantenhaus den Präsidenten wählen müssen, worauf Wallace auch hoffte. Zu jenem Zeitpunkt verfügte die Demokratische Partei über eine deutliche Mehrheit in dieser Kongresskammer.

Kennedy als Kandidat (nicht getötet, Nominierung auf Convention gewonnen) hätte auch das Problem mit Wallace gehabt, der damals für Rassentrennung war und deshalb im “tiefen Süden” (Südosten) gewann, damit den Republikanern nutzte, und auch im Norden Humphrey Stimmen weg nahm. Eines von vielen Problemen. 1968 war das Wahlalter 21, somit hätte sich Kennedys Beliebtheit bei Jungen nicht so stark in Stimmen umgesetzt. Dass die meisten aus dem Showbiz und Kunstbetrieb für ihn waren, auch nicht. Da ihm die “liberalen” Stimmen angesichts der beiden Gegenkandidaten ziemlich sicher waren, hätte er wahrscheinlich einen ziemlich “konservativen” Wahlkampf geführt, um jene zu gewinnen, die nicht seine logische Klientel waren. Über “sein” Segment hinaus Wähler zu gewinnen, wäre jedenfalls für einen Sieg notwendig gewesen. Der Ex-Gouverneur von North Carolina, Terry Sanford, hätte Running Mate von RFK sein können, einen relativ konservativen Südstaatler auszuwählen, hätte hier Sinn gemacht (“balancing out the ticket”). Gut, die Antikriegs-McCarthy-Wähler hätten Kennedy mehr unterstützt (gewählt) als sie das mit Humphrey getan haben. Vermutlich wäre es ein sehr schmutziger Wahlkampf geworden, zwischen RFK und Nixon.

Wenn man sich Humphreys tatsächliches Abschneiden ansieht, und das auf Kennedy “umlegt”, ergibt sich folgendes Bild: RFK hätte Texas (das Humphrey gewann) kaum gewinnen können. Wenn er dafür in jenen Bundesstaaten gewonnen hätte, in denen Nixon 3% oder weniger vor Humphrey war, also Alaska, Kalifornien, Illinois, Missouri, New Jersey und Ohio, sowie jene (abgesehen von Texas) auch gewonnen hätte, in denen Humphrey ebenso knapp vor Nixon lag (Washington, Maryland), wäre sich ein Sieg für Kennedy gut ausgegangen (290 zu 215 Wahlmänner; statt 191 zu 301 für Humphrey/Nixon); er hätte nicht mal alle gewinnen müssen. Während Humphrey bei konservativen Wählern eine Chance hatte (wie in Texas), hätte Kennedy andere Wählerschichten gewonnen (z. B. in Kalifornien).

Bei Wählerstimmen schlug Nixon Humphrey zweieinhalb Monate nach Chicago mit 43,4% zu 42,7; bei der Zahl der gewonnen Staaten endete es 32 zu 13. Wallace schnitt erwartungsgemäß stark im Südosten ab, errang landesweit 13,5% der Stimmen, gewann 5 Bundesstaaten, bekam 45 Wahlmännerstimmen (und dann eine “untreue” von einem Nixon-Wahlmann dazu). Im gleichzeitig gewählten Kongress behielten die Demokraten Mehrheiten in beiden Kammern (Senat-Mehrheitsführer Mansfield war ein Vietnam-Kriegsgegner). Im Dezember 1968 kam übrigens R. Kennedys 11. und letztes Kind, Tochter Rory, zur Welt.

Am Ende des Jahres 1968 war also Richard Nixon der Sieger. Er konnte sich revanchieren, für seine Wahlniederlage gegen JFK 1960; oder an Lateinamerika, wo er 1958 als Vizepräsident Eisenhowers bei einer Südamerika-Reise vom Volk ablehnend empfangen wurde, als Repräsentant der USA, in Venezuela die Limousine mit seiner Frau und ihm von Demonstrierenden geschaukelt wurde (anscheinend hat ihn die venezolanische Polizei gerettet). 15 Jahre später durfte er als US-Präsident den Pinochet-Putsch in Chile einfädeln, wobei hier natürlich die Geschäftsinteressen von ITT und Kommunismus-Paranoia die Motive waren, auch ein Hegemonie-Anspruch über Lateinamerika. Die nächste Wahl, 1972, gewann er gegen McGovern, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen hat lassen (seine Auffassung von “Law and order”). Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Und, im Vorwahlkampf 68 hatte man Eugene McCarthys Präferenz, die Volksrepublik China anzuerkennen, noch als “unrealistisch”, “ultraliberal” und “Kapitulation vor dem Kommunismus” attackiert; dies geschah dann auch unter Nixon.

Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons
Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons

Kennedy hätte als USA-Präsident sicher Einfluss auf den Vietnam-Krieg genommen, was auf die Dynamik des Kalten Kriegs grosse Wirkung gehabt hätte, mehr als auf Vietnam selbst. Ob es ihm wirklich gelungen wäre, die Politik der USA im Inneren und Äusseren gerechter zu machen? Mit der Mehrheit seiner Partei im Kongress wären einige Vorhaben umzusetzen gewesen. Vielleicht wäre er 1972 wiedergewählt worden, oder aber erst 72 drangekommen, nach einer Nixon-Amtszeit, gegen diesen. Bei einer Nominierung Humphreys 68 und einer Niederlage dieses gegen Nixon hätte Kennedy leicht die Wiederwahl in den Senat schaffen können und in der zerstrittenen DP dann eine der dominanten Figuren werden können. Im demokratischen Vorwahlkampf 72 gab es ja wieder ein Attentat auf einen Kandidaten, den diesmal wieder für diese Partei kandidierenden George Wallace (ein unpolitisches, wie es aussieht). McGovern, der tatsächlich 72 die Kandidatur gewann, hätte für RFK wahrscheinlich verzichtet. Auch ohne Präsidentschaft wäre dieser wohl auf Jahrzehnte hinaus ein wichtiger Politiker in Washington gewesen, z.B. als Senator, wie es dann Ted war.

Der Spielfilm “Bobby” von Emilio Estevez aus 2006 zeigt fiktive Ereignisse im Ambassador Hotel in Los Angeles in der Nacht zum 5. Juni 1968, vor dem Hintergrund realer. Von Robert Dornhelm erschien 2002 die TV-Dokumentation “RFK”.

„Shampoo“ (1975) mit W. Beatty u. a. spielt am Tag von Nixons Wahlsieg 68, wurde zur Watergate-Zeit gedreht/veröffentlicht, es geht vordergründig um Sex. Die Hauptperson, ein Friseur, soll an Jay Sebring angelehnt sein, der von der Manson-Familie umgebracht wurde

Mitchell J. Freedman: A Disturbance of Fate. The Presidency of Robert F. Kennedy (2010). Eine kontrafaktische/alternative Geschichte über ein Überleben und einem Wahlsieg dieses Kennedys. Scheint darauf abzuzielen, die Erwartungen ggü einer Präsidentschaft Kennedys als übertrieben darzustellen

Michael Bishop: Dieser Mann ist leider tot (1993): kein Watergate (aufgeflogen), Nixon bekommt freie Bahn, etabliert  ein autoritäres Regime.

Im Comic „Watchmen“ wird Nixon Führer der USA

Über den Mord

Über die DP-Vorwahl 68

Über den Konvent

Amerikanische TV-Berichte nach der Vorwahl in Kalifornien, im 2. Teil eine kontrafaktische Einschätzung

Alternativgeschichtliche/kontrafaktische Szenarien und Diskussionen:

Bei PBS

Auf althistory.wiki

Auf alternatehistory mehrere

(alles auf Englisch in diesen links)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie es glücklicherweise nicht kam

Hinsichtlich Ausmalens eines alternativen Geschichtsverlaufs ein möglicher Wendepunkt zum Negativen aus der jüngeren Geschichte Südafrikas, der die Störung des Verhandlungsprozesses zur Abschaffung der Apartheid Anfang der 1990er betrifft. Wobei ich mich auf die Wahl des Divergenzpunktes und die Erläuterung seiner Relevanz beschränke und die Folgen bzw. den weiteren Verlauf nur skizziere – man könnte wohl einen alternativgeschichtlichen Roman daraus machen, zumindest aber eine kontrafaktische Kurzgeschichte.

Den Verhandlungsprozess hat Frederik Willem de Klerk initiiert, der im Sommer 1989 Präsident Südafrikas wurde, im Apartheid-System an die Spitze kam. Zu diesem Zeitpunkt waren die militärischen Auseinandersetzungen im südlichen Afrika schon weitgehend beendet, der ursprüngliche Konflikt (zwischen dem Apartheid-Regime der Republik Südafrika und seinen Gegnern bzw. Leidtragenden) harrte aber noch einer Lösung. Die länderübergreifende Eskalation im südlichen Afrika begann und endete in Angola; noch 1987/88 erreichte der Krieg dort mit der Schlacht von Cuito Cuanavale einen “Höhepunkt”, der auch zu einem atomaren Schlag des Apartheid-Regimes hätte führen können. Südafrika, das sich im Schatten des Angola-Krieges Nuklearwaffen zugelegt hat, hat damals (als es durch das verstärkte Eingreifen der mit der angolanischen Regierung verbündeten Kubaner in die Defensive geriet) deren Einsatz erwogen, ihn zumindest aber als Drohung angedeutet.

Was hätte zu einem atomaren Schlag des südafrikanischen Regimes führen können und was wären dessen Folgen gewesen, regional und global – das wäre ein anderer Divergenzpunkt für ein alternativgeschichtliches Szenario. Eine solche Entwicklung wäre aber viel unrealistischer als die hier ausgewählte gewesen, auch weil man in Pretoria wusste, dass damit mehr zu verlieren als zu gewinnen war.

Nach der Eskalation in Angola wurden 1988 von einigen dort kriegführenden Parteien Verhandlungen aufgenommen, die zu einem Abkommen führten, das die Unabhängigkeit Namibias von Südafrika und einen vorübergehenden Frieden in Angola brachte. Im Jänner 1989 erlitt der südafrikanische Staatspräsident P.W. Botha einen Schlaganfall, sein ebenfalls als konservativ geltender Parteikollege F.W. De Klerk wurde zunächst sein Nachfolger als Chef der Nationalen Partei (NP), im August nach dem Rücktritt Bothas (der auch den Falken in seinem Kreis zu “unflexibel” war) auch als Präsident. Die NP gewann die Wahl zum “weissen” Parlament im September, aber die oppositionelle, noch reaktionärere, Konservative Partei (die sich von der NP abgespalten hatte, weil ihr die bescheidenen Reformen von Botha zu weit gegangen waren) wurde gestärkt.

De Klerk liess zunächst die Geheimverhandlungen des Regimes mit den Führern des ANC (African National Congress, die wichtigste Anti-Apartheid-Bewegung) im Gefängnis oder Exil fortsetzen und einige der Inhaftierten wie Walter Sisulu Ende des Jahres freilassen. Die Perestroika in der Sowjetunion bedeutete auch die Einstellung ihrer Unterstützung für Akteure im südlichen Afrika. Wahrscheinlich war dies ein Grund dafür, dass De Klerk Anfang 1990, in einer Parlaments-Rede, grosse Reformen einleitete. Dazu gehörten die Freilassung politischer Gefangener wie Nelson Mandela, die Wiederzulassung von Parteien wie dem ANC, und die Aufnahme von Verhandlungen über die Zukunft des Landes. Nicht bekanntgemacht wurde die ebenfalls in Angriff genommene Abrüstung der atomaren sowie der biologischen und chemischen (Project Coast) Waffen, über die das Regime verfügte.

De Klerk war in den Übergangsjahren, die seine Präsidentschaft (1989-1994) darstellte, und darüber hinaus, mit den Reformgegnern v.a. unter den Buren beschäftigt, ob im Militär (SADF) oder in der Konservativen Partei (KP). So hat er auch in seiner Regierung Verteidigungsminister Magnus Malan 1991 durch Roelf Meyer abgelöst, der später Verfassungs-Minister wurde und damit Chefverhandler der Regierung. Die Regierung um De Klerk geriet für ihren Reform- und Verhandlungskurs unter Beschuss der weissen (im Wesentlichen: afrikaanischen) Rechtsextremen. Die Konservative Partei und noch radikalere Organisationen erhielten Zulauf. Mandela, der Nachfolger des aus dem Exil zurückgekehrten aber erkrankten Oliver Tambo als ANC-Präsident wurde, musste in diesen Jahren (und darüber hinaus) in “seinen” Reihen bzw. der schwarzen Bevölkerungsmehrheit für Versöhnung, Ausgleich und Kompromisse werben, was nach den Jahrzehnten der Apartheid kein leichtes Unterfangen war.

Der ANC, bzw. seine Miliz “Umkhonto we Sizwe” (MK), stellte nach De Klerks ersten Reformschritten den bewaffneten Kampf ein; der Verhandlungs- und Umgestaltungsprozess war dennoch von Gewalt begleitet. Der unter Botha mächtig gewordene “Sicherheitsapparat” (Militär, Polizei, Geheimdienste) agierte teilweise an der Regierung vorbei (“Dritte Kraft” war v.a. der Militär-Geheimdienst), und unterstützte die Homeland-Partei Inkatha (IFP), die sich als Zulu-Nationalpartei neu definierte, gegen den ANC. 1992 scheiterten die ersten Verhandlungsrunden (CODESA I und II) an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten der Hauptakteure zur Zukunft Südafrikas und an der von Behörden unterstützten Gewalt von Homeland-Gruppen gegen ANC-Anhänger.

Im April 1993 hatte gerade das Multiparty Negotiating Forum (MPNF), der Neustart der Verhandlungen, begonnen (nachdem sich die Regierung von der IFP und ihrem Chef Buthelezi distanziert hatte), als der Mord an Martin T. “Chris” Hani durch rechtsextreme Weisse lange aufgestaute Spannungen fast zur Entladung brachten. Hani war eine Führungsfigur im Umkhonto we Sizwe und in der kommunistischen Partei SACP, der einzigen “weissen” Partei, die von Anfang an vorbehaltlos volles Wahlrecht für Schwarze befürwortete und forderte. Die SACP war wie der ANC, mit dem sie eine Allianz einging, lange in Südafrika verboten. Hani war 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück gekehrt, als dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von “Joe” Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab. Er unterstützte die Einstellung des bewaffneten Kampfes zugunsten von Verhandlungen mit der Regierung (obwohl die radikaleren ANC-Anhänger auf ihn setzten) und liess sich in Boksburg in der Nähe von Johannesburg nieder.

Im April 1993 wurde er dort vor seinem Haus von einem polnischen Einwanderer erschossen. Dieser wurde bald darauf festgenommen, nachdem Hanis Nachbarin, eine weisse Südafrikanerin, die Polizei gerufen hatte. Hinter dem Mord stand zumindest eine Führungsfigur der Konservativen Partei, Clive Derby-Lewis, der sich als Bure fühlte bzw als solcher konstruierte, seine Herkunft mit schottisch und deutsch angab. Er war auch ein Führer im “Western Goals Institute” und fiel sogar im rassistischen Apartheid-System mit verachtenden Aussagen über Schwarzafrikaner auf. Angeblich fand man in der Wohnung des Mörders eine Liste mit den Namen weiterer Mord-Ziele, Hani darauf als Nr. 3 gereiht hinter Mandela und Joe Slovo von der SACP. Auf den Mord folgten einige Ausschreitungen von Schwarzen, die über den Rassismus und die Gewalt gegen sie frustriert waren, welche zu Befürchtungen über ein endgültiges Abgleiten des Landes vom Verhandlungsweg in die Gewalt führten.

Nelson Mandela, damals ANC-Präsident (Hani wurde auch als sein möglicher Nachfolger gesehen), durfte in dieser Situation im südafrikanischen Fernsehen (SABC) eine Rede halten, in der er zur Ruhe aufrief, darauf hinwies, dass der Täter ein Einwanderer war, der Gewalt und Hass ins Land bringen wollte, während Hanis weisse, südafrikanische Nachbarin die Polizei zum Täter führte, und dass der Mord genau ein Abgleiten vom Verhandlungsweg bezwecken sollte. Der Rede (mit der Mandela seine Glaubwürdigkeit unter seinen Anhängern riskierte) wird es zugeschrieben, dass das Land nicht in Gewalt versank – und dass es zu einer Machtverschiebung zuungunsten der De Klerk-Regierung kam, die sich auch in den Verhandlungen auswirkte. Roelf Meyer sagte, der Mord war für 36 Stunden der “Umkipppunkt”.

Wenn die Regierung Mandela nicht im Fernsehen sprechen hätte lassen (der Divergenzpunkt), hätte die Gewalt leicht explodieren können und eine Verhandlungslösung, ein Übergang von der Apartheid zur Demokratie, schwer zustande kommen können. Die Atomwaffen waren zu dem Zeitpunkt bereits zerlegt und entschärft, aber wie auch bei der Entwicklung in der Region (Namibia, Angola, Mosambik,..) war diese Entwicklung wahrscheinlich nicht irreversibel. Ein Militärputsch gegen De Klerk wäre bei einem Gewaltausbruch denkbar gewesen. Der ANC hätte dann seinen bewaffneten Kampf wohl wieder aufgenommen. Die NP-Regierung hatte sich über weite Strecken der Verhandlungsphase ein Eingreifen des Militärs als Option vorbehalten, die ANC-Opposition die “Leipzig-Option” der Massenproteste. Benachbarte Staaten hätten den ANC nun unterstützen können und wären damit mit hinein gezogen worden. Russland hätte die afrikanischen Staaten sicher nicht mehr unterstützt. Bei einem Flächenbrand hätte dagegen die zu alleinigen Weltherrschern gewordene USA wahrscheinlich interveniert.

Auch die ebenfalls der weissen Rechten zugehörige, gewalttätige AWB versuchte dann, die Verhandlungen zu stören, aber unmittelbarer, indem sie den Verhandlungsort, das Welthandelszentrum in Kempton Park bei Johannesburg, im Juni 1993 mit einem Panzerfahrzeug stürmte. KP und kleinere Gruppen dachten nun einen “Volkstaat” an, in dem Buren/Afrikaaner unter sich sein sollten bzw die anderen unter sich haben sollten. Gegen eine Verhandlungslösung wehrte sich neben der weissen Rechten die Homeland-Herrscher, die Inkatha, und die schwarze Linke (PAC, AZAPO), die am Beginn vom MPNF noch alle dabei gewesen waren.

Im November ’93 kamen die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss, der den Fahrplan zur Wahl eines allgemeinen Parlaments beinhaltete, auf deren Grundlage eine Regierung der nationalen Einheit gebildet und eine neue Verfassung ausgearbeitet werden sollte. Während Mandela und De Klerk am Ende des Jahres Friedensnobelpreise erhielten, schloss sich ein Teil der Gegner der Verhandlungslösung bzw. der Wahlen zusammen. So unterschiedlich diese Gruppierungen waren, die Weigerung sich in das neue Südafrika einbinden zu lassen, verband sie. Einen Wendepunkt stellte hier die Entmachtung des Herrschers des Homelands Bophuthatswana im März 1994 dar; danach gab auch der Herrscher der Ciskei auf, der sich ebenfalls gegen eine Eingliederung in das neue Südafrika gesträubt hatte. Auch der Boykott der weissen (burischen) Rechten wurde danach durchbrochen, durch die Freiheitsfront (VF). Spät lenkten auch PAC, AZAPO und IFP ein.

Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde
Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde

Südafrika wählte vom 26. bis zum 29. April 1994, ein Macht- und Systemwechsel ging über die Bühne. Der Mörder und sein Hintermann wurden verurteilt, profitierten dann von der Abschaffung der Todesstrafe 1995 (die eine Folge der Abschaffung der Apartheid war…), womit ihre Strafen in lebenslange Haft umgewandelt wurden. Sie suchten vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) um Amnestie an, was abgelehnt wurde.

Die “Maritz-Rebellion” 1914/15 wäre ein anderer Punkt in der südafrikanischen Geschichte, wo eine interessante, brisante Divergenzentwicklung anzusetzen wäre.

Doku über den Hani-Mord: http://www.youtube.com/watch?v=X0IGS2ZD_5A