Eine Annäherung an den Charakter Kasachstans

Kasachstan, der neunt-grösste Staat der Welt, das grösste Binnenland, liegt zu einem kleinen Teil in Europa (bzw westlich des Uralgebirges), ist auch stark von Russland geprägt worden. Seinen (ursprünglichen) asiatischen Charakter gewinnt es seit der Unabhängigkeit allmählich wieder zurück, scheint es. Die Region, Zentralasien, war immer wieder Schnittpunkt der Kulturen, Vermischungs- und Durchzugsgebiet, umfasst eigentlich mehrere historisch-geographisch-kulturelle Räume. Die Ex-SU-Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan sind jedenfalls dazu zu zählen, dazu Afghanistan und eigentlich auch Iran sowie die Mongolei, ausserdem Teile von Russland und China. Iranische und türkische Völker sind die wichtigsten Ethnien, es gab Phasen der Oberherrschaft über grosse Teile Zentralasiens durch Perser, Griechen, Türken, Mongolen, Russen,…

Kasachstan ist ein Tiefland (Waldsteppe, Steppe, Wüste), Gebirge gibt es am südlichen und östlichen Rand. Es hat Anteil am Altai-Gebirge, dem Aral-See, dem Kaspischen Meer, den Flüssen Ural, Jaxartes/Syr Dariya (und Ausläufer), Irtysch. Wann die Vorgeschichte einer Nation beginnt und wann ihre “eigentliche” Geschichte, das ist oft so eine Frage… Die Nationswerdung der Kasachen wird mit dem späten Mittelalter bzw der frühen Neuzeit angesetzt. Das nördliche Kasachstan war Zentrum der Botai-Kultur (ca. 4000 vC), der die früheste Domestizierung von Pferden gelungen sein soll. Das spätere Kasachstan (sein östlicher Teil) ist Teil der Urheimat der Türken, von Turan/ Turkestan1; der Jaxartes/Syr Dariya bildete die historische Grenze von Gross-Persien zum türkischen Zentralasien. Eine der ersten türkischen Staatsgründungen (eher ein Verbund von Nomadenstämmen), das Reich der Gök-Türken, erstreckte sich zum Teil in später kasachisches Gebiet hinein. Dieses war in den nächsten Jahrhunderten Teile verschiedener Reiche, (Ein-) Wanderungsgebiet bzw Durchzugsgebiet verschiedener Völkerschaften, die im Mittelalter im riesigen Gebiet von Sibirien zum Schwarzen Meer “umherzogen”.

Hunnen und Skythen bewohnten in der späteren Antike das Gebiet. Zum Reich der Samaniden in Zentralasien gehörten auch Teile des späteren Kasachstans, ebenso zu jenem der Khasaren. Im 9. Jh bildeten die (türkische, später islamisierte) Karluken-Föderation den Karachaniden-Staat, der sich ab dem 11. Jh mit den südlich angrenzenden Seldschuken bekämpfte. Die Karachaniden wurden im 12. Jh von den mongolischen Kara-Khitan/ Karakitai besiegt. Der östliche Teil des heutigen Kasachstans wurde vom 9. bis zum 11. Jh von den türkischen Kiptschaken kontrolliert, der westliche von den oghusischen Türken. Im 12. und 13. Jh verbanden sich die Kumanen mit den Kiptschaken. Teile des südlichen Kasachstans gehörten im Hoch-/Spät-Mittelalter zum Choresm-Reich, in dem sich iranische und türkische Kultur verbanden. Dass die Kategorien des modernen Nationalismus für diese Zeit nicht greifen, zeigt sich auch bei der Unmöglichkeit, den im heutigen Kasachstan lebenden Sufi Ahmed Jesewi (12. Jh) diesbezüglich einzuteilen.

Die Religion der Vorfahren der Kasachen vor den diversen Islamisierungs-Schritte war äusserst vielfältig. Diesen Vorfahren waren hauptsächliche diverse Turkvölker (Karluken, Kiptschaken, Khasaren,…), daneben mongolische Volksteile (darunter die Keraiten) und die nicht leicht einzuordnenden Hunnen; auch Sarmaten und andere Iraner gingen in ihnen auf. Es sind Schamanismus, Buddhismus, Christentum, Judentum, Zoroastrismus, Manichäismus sowie Mischformen davon zu nennen! Tengrismus war die ursprüngliche Religion der türkischen und mongolischen und Völker Zentralasiens, eine Version des Schamanismus. Der Buddhismus breitete sich im Mittelalter nach Gandhara, Kaschgar und andere Gebiete Zentralasiens aus.

Das nestorianische Christentum breitete sich aus Persien über die Seidenstrasse2 auch nach Zentralasien und das westliche Ostasien aus, hauptsächlich nach Kashgar. Die Keraiten wurden etwa im 11. Jh dazu konvertiert. Ein schamanistischer Buddhismus (eine synkretistische Religionsform also) war wahrscheinlich auch noch nach Abschluss der Ethnogenese der Kasachen in der frühen Neuzeit lebendig. Im 8. und 9. Jh stiessen die Araber ins südliche (ursprünglich persische) Zentralasien vor, brachten ihre Religion (Islam) dorthin, die sich allmählich auch nördlich ausbreitete – die ersten Schritte der Islamisierung Zentralasiens. Die Kiptschaken und Karluken wurden im Grossen erst infolge der mongolischen Invasionen islamisiert; beide Völker hingen dem Schamanismus an, wurden teilweise Christen – Islamisierungen in frühen Jahrhunderten geschahen nur in Nähe moslemischer Zentren.

Im 13. Jh überfielen die Reiterhorden des Dschingis (Cengiz) Khan auch diesen Teil Zentralasiens, besiegten u.a. die Karakitai. Das Gebiet fiel dann zum Teil- bzw Nachfolgereich der Goldenen Horde, das sich von Osteuropa bis Zentralasien erstreckte; der südliche Teil des späteren Kasachstans gehörte zum Tschagatai-Khanat. Timur Leng (Tamerlan) stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, war ein turkisierter Mongole, unterwarf Ende des 14. Jh das südöstliche Zentralasien. Unter den mongolischen Herrschern erfuhr die Region ihre dritte Islamisierung, nach jenen der Araber und der Perser. Auch der Niedergang des Nestorianismus in Zentral und Ost-Asien war durch die Mongolen-Stürme des späten Mittelalters bedingt, besonders den zweiten. Der Grossteil des für diesen Artikel relevanten Gebiets blieb beim Reich der Goldenen Horde (mongolisch Altan Ord), bis zu dessen Auseinanderfall Ende des 15., Anfang des 16. Jh.

Auch im Reich der Goldenen Horde spielte der Buddhismus eine Rolle, bis 1313  Uzbeg (Öz-Beg) neuer Herrscher wurde und den Islam zur Staatsreligion machte, Buddhismus und Schamanismus zurückdrängte. Die vierte “Welle” der Islamisierung. Zu den Verwaltungseinheiten in die das Reich im 15. Jh geteilt wurde, gehörte auch das Kasachische Khanat (oder Kasachische Horde), eine Stammesföderation von (Proto-) Kasachen und Kirgisen. Es entstand um 1465, durch den Dschingisiden Janybek Khan (also einen Mongolen, keinen Kasachen), in Rebellion gegen das Usbekische Khanat, zu dem das Gebiet zuvor gehört hatte. 2015 hat man in Kasachstan 550 Jahre Staatlichkeit gefeiert mit Bezug auf die Schaffung des Khanats (kasachisch Qazaq Handyg’y bzw Қазақ Хандығы) – das aber erst im Laufe der Jahrzehnte unabhängig wurde, durch die Auflösung der Goldenen Horde (Anfang 16. Jh), und somit einer von dessen Nachfolgestaaten.

Janybeks Sohn Kasim Khan3 war Führer des Khanats Anfang des 16. Jh, vereinigte kasachische Stämme (etwa die Kumanen im Westen des Landes). Die Kasachen als eigene Nation entstanden an dieser Wende von Mittelalter zu Neuzeit, parallel zur politischen Eigenständigkeit entstand auch die kasachische Sprache, eine kulturelle Identität, un kam die Nationsbezeichnung auf (dazu unten noch mehr). Dem ging, wie erwähnt, ein Prozess der Vermischung von hauptsächlich türkischen Stämmen voraus. Die mongolische Oberschicht begann, in der kasachisch-türkischen Bevölkerung aufzugehen, oder wurde in den Osten “abgedrängt”. Grundkonstante de kasachischen Lebens blieb das Nomaden-Leben in der Steppe.

Das usbekische Scheibaniden-Reich zerfiel im 16. Jh in die Khanate Buchara und Khiwa.4 Das Kasachische Khanat legte sich mit dem Buchara-Khanat an, eroberte es teilweise, unternahm aber auch Kriegszüge nach Persien, Russland5, China, verschleppte dabei auch Menschen, die Sklaven wurden. Im 17. Jh zerfiel das Kasachen-Khanat in drei Stammesföderationen/Jüz (Grosse, Mittlere, Kleine Horde). Im selben Jahrhundert spalteten sich die Kirgisen ab. Das (usbekische) Khiwa-Khanat eroberte zu dieser Zeit der inneren Schwäche der Kasachen die Mangyshlak-Halbinsel am Kaspischen Meer.

Der Name “Kasach” (bzw “Qazaq”) kommt von einem türkischen Wort, das so viel wie “Wanderer” bedeutet, es bezieht sich auf die Nomadenkultur dieses Volkes. Das Wort “Kosacke” ist selben Ursprungs. Im 17. Jh gab es in Russland Bemühungen zur Unterscheidung der ursprünglich entlaufenen slawischen Leibeigenen und desertierten Tataren (Казак) von dem zentralasiatischen Turkvolk (Казах), so wurde der End-Buchstabe ein unterschiedlicher (Kosak/Kasak bzw Kasakh/Kasach). Und im 17. Jh begann auch die lange Geschichte der Kasachen mit den Russen. Der Zarenhof entwickelte damals hatte Interesse an der Region, im Zuge der Reichs-Expansion, es dauerte aber bis ins 19. Jh, dass diese Unterwerfung vollzogen war.

Den Russen kam zu Nutze, dass das kasachische Khanat bzw seine Teilvölker im 17. und 18. Jh vom Osten her angeriffen wurde(n), aus der Dsungarei (heute ein Teil von Sinkiang), von mongolischen Völkern wie den Oiraten und den Kalmüken. Die drei Horden der Kasachen unterstellten sich dagegen nacheinander 1731 bis 1742 russischem Schutz gegen die mongolischen Angriffe. Unter Abul Khair Khan schüttelten die Kasachen bis in die 1750er die Bedrohung ab.6 Manche setzten das Ende des Kasachischen Khanats durch die Russen mit 1731 an, nicht im 19. Jh. Die Russen begannen jedenfalls im 18. Jh damit, Festungen/Garnisonen in kasachischem Gebiet zu errichten, die dann zum Teil zu Städten wuchsen. So entstand als erster Aussenposten 1735 Orsk. Es begann auch, die Kasachen kulturell und wirtschaftlich zu beeinflussen.

Das Buchara-Emirat und das Kokand-Khanat nahmen in dieser Phase Besitz von kasachischem Gebiet, bevor sie selbst von Truppen des Russischen Reichs unterworfen wurden. Kasachen wiederum nahmen den Aufstand der Don-Kosaken unter Jemelian Pugachov im späten 18. Jh zum Anlass, Raubzüge in russisches Gebiet zu unternehmen. Anfang bis Mitte des 19. Jh unterwarfen die Russen das gesamte kasachische Gebiet (hauptsächlich unter Zar Nikolai I.); einige (Nomaden-)Stämme behielten eine Art Unabhängigkeit. Kenesary Khan (Kassimov), der letzte Khan, wurde abgesetzt, leitete einen Widerstand gegen die Unterwerfung. Das Kasachen-Khanat war der letzte Nachfolge-Staat des Khanats der Goldenen Horde, der von Russland unterworfen wurde. Die Gebiete nördlich und östlich davon (heute Teile Russlands) wurden früher erobert, waren grossteils von Tataren bewohnt. Nach dem nördlichen Zentralasien kam das südliche an die Reihe, die Unterwerfung der Staaten Kokand, Buchara, Chiwa, die bis ins späte 19. Jh ging und mit der Eroberung von Merw vor den Toren Persiens ihren (vorläufigen) Abschluss fand. Von Indien rückten zur selben Zeit die Briten nach Zentralasien vor, wurden Gegner der Russen im “Grossen Spiel” dieser europäischen Mächte um diese Weltregion.

Das russisch gewordene Zentralasien wurde Russisch-Turkestan genannt, das kasachische Gebiet ein Teil davon. 1868 wurde das Generalgouvernement Turkestan (russisch Туркестанское генерал-губернаторство, Turkestanskoje general-gubernatorstwo bzw. Туркестанский Край, Turkestanski Kraj) errichtet, mit der Hauptstadt Taschkent. Das Generalgouvernement der Steppe (Степное генерал-губернаторство, Stepnoje General-Gubernatorstwo) wurde 1882 aus Teilen des Generalgouvernements Turkestan und des dabei aufgelösten Generalgouvernements Westsibirien gebildet, es existierte bis 1917. Kasachstan gehörte grossteils zum General-Gouvernement Steppe, machte dieses hauptsächlich aus7, während “Turkestan” das südlichere Zentralasien war. Zu den russischen Garnisonen in diesen Gebieten kamen wirtschaftliche Ausbeutung (Bodenschätze, Baumwollanbau,…) sowie Ansiedlung von Russen. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kamen an die 500 000 Menschen aus “alt-russischen” Gebieten ins heutige Kasachstan, auch Ukrainer, Juden, Deutsche und Andere, ermutigt und geleitet von einem eigenen Migrationsbüro in St. Petersburg. Semirechye/ Zhetysu (heutiges Südost-Kasachstan) bildete einen Schwerpunkt dieser Ansiedlung, daneben der Nordwesten Kasachstans. 1906 wurde die Trans-Aral-Eisenbahn von Orenburg nach Taschkent fertiggestellt.

Kasachen wanderten in dieser Zeit ins chinesische Sinkiang aus. Es entfachte sich eine Konkurrenz zwischen den Neu-Siedlern und den Alt-Eingesessenen um gutes Land und Wasser. In Kasachstan gibt es wegen der Trockenheit relativ wenig Acker- und Weideland, dieses liegt v.a. im Norden des Landes. Der grösstenteils nomadische Lebensstil der Kasachen wurde unter russischer Herrschaft gestört, und es kam noch in den letzten Jahren des zaristischen Russischen Reichs Unmut und Widerstand dagegen auf. Eine kasachische Nationalbewegung formierte sich Ende des 19. Jh vor diesem Hintergrund, beinhaltete die Erhaltung der Sprache und, soweit möglich, des Lebensstils – gegen russische Assimilationsversuche. Kasachisch wurde erst im 19. Jh zu einer Schriftsprache, im arabischen Alphabet. Abai Qunanbaiuly (1845-1904) schrieb seine Werke in diesem Kasachisch, sah aber russische und andere europäische Kulturen als Bereicherung. Sein Name wird/wurde manchmal russifiziert (etwas das in Sowjet-Zeiten zur Regel wurde) zu “Kunanbayev”.

Zu der Zeit als Zentralasien mit seinen zT türkischen Völkern russisch wurde (zuvor schon der Kaukasus), geriet das Osmanische Reich in eine tiefe (und finale) Krise, mit Russland als jener Macht, die auf grössere Stücke dieses Reichs bei seinem endgültigem Auseinanderfall hoffte, bzw darauf hinarbeitete. Was im Osmanischen Reich in dieser Situation an Ideologien aufkam, war auch für Zentralasien relevant, sowohl der Islamismus als auch der Türkismus/Turanismus zielten auch auf Turkvölker ausserhalb des Sultanats ab. Das Jungtürken-Komitee, das 1908 schliesslich die Macht in Istanbul/Konstantinopel errang, verfolgte zwar einen extremen Nationalismus, aber einen der sich auf das bestehende Reich konzentrierte und keinen Pan-Turanismus. Dafür kam Ende des 19. Jh unter den moslemischen Völkern des Russischen Reichs (hauptsächlich den Tataren) eine islamische Reformbewegung auf, der Djadidismus, der hauptsächlich auf eine Verwestlichung bzw Modernisierung dieser moslemischen Kulturen abzielte.

In Zentralasien fand der Djadidismus (deren Proponenten auch Taraqqiparvarlar genannt wurden) hauptsächlich in den usbekischen Gebieten Anklang – die an sich stärker islamisch geprägt waren als die kasachischen oder kirgisischen.8 Kurz vor dem Ende des Zarenreichs, 1916, kam in Kasachstan (also dem Generalgouvernement Steppe) noch ein grosser Aufstand gegen die Fremdherrschaft, mit Angriffen auf russische Militäreinrichtungen und Siedler und harten Gegenmaßnahmen. Paradoxerweise kämpften beide Seiten, russische Soldaten und Kasachen, nach der bolschewistischen Machtergreifung in Petersburg im November 1917, gegen die Ausdehnung der kommunistischen Macht in diesen Teil Russlands, bis etwa 1919. Dies kann als Teil des Russischen Bürgerkriegs gesehen werden, der in manchen Teilen des Landes mit anderen Konflikten verbunden war.

Im Gebiet der Kasachen bildete sich Alasch Orda, eine Organisation von Stammesführern und bürgerlichen Nationalisten, die 1917 vor Hintergrund des Bürgerkriegs die Autonomie Kasachstans proklamierte, in Allianz mit der antikommunistischen Weissen Armee. Es blieben dort also weitgehend die bisherigen Kräfte an der Macht, das war als Gouverneur Vasile Balabanov, ein Russe. Hauptstadt des kasachischen Autonomiegebiets innerhalb des im Umbruch befindlichen Russlands (russisch Alashskaya avtonomiya) war Semey/Alash-qala. Premierminister war ein Kasache, Alikhan Nurmukhameduly Bukeikhanov. Alasch Orda verfolgte als mittelfristige politische Ziele die Gleichheit von Kasachen und Russen in dem Gebiet und eine Anlehnung der kasachischen an die westliche Kultur. Zu der Zeit breitete sich in Zentralasien ausserdem der Basmatschi-Aufstand gegen Russland aus (1916-32). 1920 gelang es der Roten Armee, die Alasch-Autonomie zu beenden. 1918 war bereits die Turkestanische ASSR aus Russisch Turkestan gebildet worden, als Teil der Russischen SFSR. 1920 wurde die Kirgisische ASSR aus dem Generalgouvernement Steppe (das betraf Kasachstan) gebildet.

Der Basmatschi-Aufstand9 spielte sich zT auch im Russischen Bürgerkrieg ab. Die russischen Bolschewiken schickten 1921 entmachteten osmanischen Jungtürken-Führer Enver Pascha nach “Turkestan”, um die dortige Basmatschen-Bewegung unter Ibrahim Beg nieder zu werfen, der tat aber das Gegenteil. Der Aufstand spielte sich hauptsächlich im Gebiet der Turkestanischen ASSR (S-Zentralasien) und nicht in Kirgisischen ASSR (N-Zentralasien, u.a. Kasachstan) ab. Man kann darüber diskutieren, ob die Bewegung auf eine nationale Befreiung abzielte, gegen Fremdherrschaft, oder einen falschen Nationalismus bzw religiösen Fundamentalismus (Pan-Türkismus bzw Islamismus) etablieren wollte. Im Emirat Buchara und Khanat Khiwa wurden 1917 von den Bolschewiken die traditionellen Herrscher abgesetzt. Diese beiden Gebiete waren anders als das Khanat Kokand nicht in Russisch-Turkestan aufgegangen. In Kokand formierte sich 1917/18 eine autonome Regierung für das südliche Zentralasien, dieser Aufstand wurde im Februar 1918 von der Roten Armee brutal niedergeschlagen.10  Dies stärkte den dortigen Zulauf für die “Basmatschis”. Endgültig zerschllgen wurde diese Bewegung von der Roten Armee 1934.

Zu diesem Zeitpunkt gab es längst eine Sowjetunion (seit 1922, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), und auch eine Türkei (seit 1923), die sich ganz am Westen orientierte. Die Turkestanische ASSR wurde 1924 geteilt, in zwei Sowjetrepubliken, die Turkmenische SSR und die Usbekische SSR. Die Volksrepubliken Buchara und Khoresm wurden in die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik integriert. Die ethnischen Iraner bzw Tadschiken in Zentralasien bekamen eine Tadschikische ASSR innerhalb der Usbekischen SSR. 1929 wurde diese ASSR eine vollwertige Sowjetrepublik; diese Teilung liess die alten persischen Zentren, Buchara und Samarkand, grossteils von Tadschiken bewohnt, bei der Usbekischen SSR. Der Tadschikischen SSR blieb nicht viel. Stalins innersowjetische Grenzziehungen zerschnitten zT absichtlich Nationalitätengrenzen, auch im Fall Armenien (Teile an Aserbeidschan und Georgien); im Fall der Kasachen war das nicht der Fall. Jener Teil vom südlichen Kasachstan, der 1920 zur Turkestanischen ASSR kam, kam später zur Kirgisischen ASSR.

Aus dieser wurde 1925 die Kasachische ASSR, also weiter ein Teil der Russischen Sowjetrepublik, man trug aber dem Umstand Rechnung, dass die Kasachen ein viel grösseres und anderes Volk waren/sind als die mit ihnen verwandten Kirgisen. Das eigentliche Kirgisen-Gebiet existierte von 1929 bis 1936 als Kara-Kirgisisches Autonomes Oblast innerhalb der Russischen SFSR. 1936 wurde eine Kasachische SSR geschaffen, von einer ASSR innerhalb Russlands zu einer eigenen Sowjet-Republik aufgewertet. Das Kara-Kirgisische Oblast wurde ebenfalls eine SR in diesem Jahr. 1936 war die innere Aufteilung der SU weitgehendst abgeschlossen. In Zentralasien gab es also bis zum Ende dieses Staates 1991 fünf Teilrepubliken, Kasachstan war bei weitem die grösste. Es war (bis zum Ende der SU) die zweitgrösste Republik hinter der Russischen, aber dünn besiedelt.11 1936 wurde auch eine eigene Kommunistische Partei von Kasachstan gegründet (die natürlich Teil der KPSS bzw KPdSU war), nun da das Gebiet nicht mehr Teil Russlands war.12

Teilweise gingen Führer traditioneller Bewegungen zu den “Siegern” über, wie der ehemalige Alasch-Orda-Führer Bukeikhanov, der sich der Kommunistischen Partei (RKP-B, dann WKP-B, dann KPSS) anschloss und wissenschaftlich aktiv wurde. Das bewahrte ihn aber nicht davor, später verhaftet zu werden und 1937, zur Zeit der stalinistischen “Säuberungen”, in Moskau getötet zu werden, im Rahmen von Massenexekutionen einheimischer Eliten in bzw aus Zentralasien. An die Spitze der sowjetischen Institutionen (Republik, Partei, KGB,…) in den Teilrepubliken der SU kamen meist Russen (Ukrainer und Weissrussen auch noch manchmal). Das gilt insbesondere für Zentralasien und die frühen Jahrzehnte der SU. Man bemühte sich um die Rekrutierung von Einheimischen für die sowjetische Verwaltung in den Teil-Republiken (Korenizatsiya). Nach dem 2. WK wurden moslemische, einheimische Kommunisten in Führungspositionen in den zentralasiatischen Republiken häufiger, hatten dann oft lange Amtszeiten.

In Osteuropa, Kaukasus, Baltikum geschah dies leichter, häufiger, früher. Regierung, Partei, Sowjet, KGB und andere Institutionen in den zentralasiatischen Republiken waren aber weiter stark von Russen dominiert (die von Aussen bestellt/geschickt wurden).13 Die KGB-Chefs in diesen Republiken waren weitgehend bis zum Ende Russen… Im Zarenreich konnten Zentralasiaten nicht Soldaten werden, in der SU mussten sie es, mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. In der Roten Armee waren höhere Offiziere fast alles Russen, oder andere Ostslawen. Das Abdienen der Wehrpflicht geschah meist weit weg von der Heimat, v.a. bei Nicht-Russen, was im Fall von Unruhen (ihrer Niederschlagung) wichtig war.14 Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Russen in der SU auch unterjocht wurden. Stalin selbst hatte sich von seinen georgischen Wurzeln gelöst.

Die Sowjetunion übernahm weitgehend die Grenzen des Russischen Reichs bzw dessen Ausdehnung, die das Resultat von jahrhundertelanger Expansion (und Unterwerfung) war. Widerstand gegen die Bevormundung durch Russland kam im 19. Jh in verschiedenen Ecken des Reichs auf, im Zuge der allgemeinen europäischen Nationswerdungsprozesse, auch in nicht-europäischen Teilen. In Russland blickten auch (oder gerade) die Progressiven auf die Landwirtschaft, auf die Kohle und die Metalle in der Ukraine, das Erdöl in Aserbeidschan und die Baumwolle in Zentralasien. Liberale Russen15, wie Peter Struve, lehnten einerseits die unterdrückerische Politik des Zarenreichs gegenüber Nicht-Russen ab, konnten sich aber auch nicht mit Abspaltungen von deren Territorien von Russland anfreunden, nicht mit solchen von “entfernten” Völkern wie den Kasachen und eigentlich noch weniger mit jenen von verwandten Völkern wie den Ukrainern. Gerade für liberal-bürgerliche sowie linke Russen waren die (bis zum 1. WK) von Russland kontrollierten Völker in Europa wie Polen, Finnen oder Litauer eher ernst zu nehmen in ihren Ansprüchen als Kaukasier, Zentralasiaten oder Sibirier.16

Unter den Kontinuitäten vom Zarenreich in die SU war nicht zuletzt die russische Vorherrschaft über die anderen Völker; ausserdem Absolutismus und Grossmachtpolitik. Unter den Romanovs war Russland so gross geworden, ihr Imperialismus wurde unter den Kommunisten fortgesetzt. Der russische Chauvinismus gegenüber anderen Völkern war von den Kommunisten kritisiert worden, aber dann in mancher Hinsicht übertroffen worden! Russen machten etwas über 40% der Bevölkerung der SU aus, aber sie saßen an den meisten Schalthebeln der Macht über dieses Imperium. 1920 haben die Bolschewiken einen Völkerkongress in Baku veranstaltet, nach der Wiedereingliederung von Aserbeidschan, die Völker des Orients sollten mit dem Kommunismus gegen westliche Kolonialherrscher “vorgehen”. Zentralasien war das Armenhaus der SU, seine Völker in der Rassenhierarchie der SU ganz unten, noch unter den kaukasischen Völkern. Die russische Entwicklung war ausschlaggebend für die allgemeine der Sowjetunion. In der Sowjetunion war die russisch-nationale Historiographie auch die offizielle, etwa in Bezug auf Bessarabien. Russen haben aber “ihre” “Indianer” (“Naturvölker” in Sibirien, ebenso die zentralasiatischen und kaukasischen Völker) nicht dermaßen dezimiert, an den Rand der Ausrottung gebracht wie die Amerikaner bzw. Westeuropäer “ihre”. Es gab aber kaum ein kollektives Aufbäumen von Russen oder Nicht-Russen gegen die SU.

In den frühen Jahrzehnten der SU gab es auch in Kasachstan die Kollektivierung der Landwirtschaft, eine Umwandlung von Gross- zu Kleinbetrieben. Und auch dort hat diese Umstellung zu verheerenden Versorgungsengpässen geführt, zu einer Hungerkatastrophe mit vielen Todesopfern; ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung ist dabei ums Leben gekommen. Wie fast überall in Zentralasien wurde Baumwolle auch in der Kasachischen SSR das landwirtschaftliche Hauptprodukt, daneben Tabak. Bewässerungssysteme für die Felder wurden errichtet (s.u.). Die bis ins 20. Jh hinein weit verbreitete (bzw dominierende) nomadische Lebensweise wurde weitgehend “ausgerottet”, bzw die Nomaden-Stämme unterworfen. Aufgrund dieser Lebensweise waren in Kasachstan wenige Städte und Bauten entstanden.

Die meisten Städte entwickelten sich aus russischen Festungen des 19. Jh, oder noch später, wie Astana. Im Süden des Landes gibt es einige aus alten Handelszentren hervor gegangene Städte, wie Turkestan/Jesi, Dschambul, Tamgaly. Auch wurde in der Zwischenkriegszeit in Kasachstan eine Schwer-Industrie aufgebaut (v.a. Metallverarbeitung), so wie die SU als Ganzes überhaupt erst nach Revolutionen, 1. WK und Bürgerkrieg wirklich industrialisiert wurde. Bodenschätze auszubeuten gab/gibt es hauptsächlich in bzw um Karaganda/Qaraghandy (Eisen, Kohle,…). Dass die SU-Herrschaft das Leben bzw die Kultur (auch) in Kasachstan total veränderte (stärker als die vorangegangene Zarenherrschaft) zeigt sich auch dadurch, dass Kasachisch Ende der 1920er zunächst auf lateinische Schrift umgestellt wurde, die in den frühen 1940ern dann durch die kyrillische ersetzt wurde.

Im 2. WK kam die Wehrmacht ja nicht bis nach Zentralasien, wurde dieses nicht in den Krieg involviert. Aber: Es gab dort einige der grössten politischen Gefangenenlager (GULAGs).17. Und: Manche Volksgruppen wurden in dieser Zeit unter Stalin dorthin sowie nach Sibirien deportiert, meist wegen Kollaboration mit dem Feind oder angeblicher oder möglicher. Das betraf u.a. Wolga-Deutsche, Koreaner, Tschetschenen, Ukrainer, Mescheten, Polen, Tataren, Griechen, Kurden. Die meisten kamen aus dem Westen in den Osten, bei den Koreanern war es umgekehrt. Die ersten Koreaner kamen 1905 nach der japanischen Eroberung Koreas und Süd-Sachalins als Flüchtlinge nach Russland. Dann wurden ab 1937 Koreaner aus dem Grenzgebiet zu Korea nach Zentralasien umgesiedelt, auch nach Usbekistan. Was die Tschetschenen und Inguschen betrifft, diese haben mit ihren Sufi-Orden den Islam der Kasachen aufgefrischt, eine neue Islamisierung für dieses Land gebracht. Die Nachkommen der damals Deportierten bilden heute nationale Minderheiten im unabhängigen Kasachstan, auch wenn nicht wenige in post-sowjetischer Zeit ausgewandert sind.

Nahe der Stadt Semipalatinsk entstand nach dem Krieg ein Atom-Versuchsgelände, das wichtigste Entwicklungs- und Produktionsentrum für Atomwaffen in der Sowjetunion. Von 1949 bis 1991 fanden dort Atomtests statt. Bei Baikonur (Baiconur)18 wurde 1957 ein “Weltraum-Bahnhof” eröffnet; der erste künstliche Satellit, “Sputnik I”, wurde in diesem Jahr von dort abgeschossen. 1945-54 gab es in Kasachstan erstmals einen einheimischen Parteichef, Shayakhmetov. Dann kam ein Weissrusse, dann, 1955/56 Leonid Brejschnew (schrieb dort das Buch “Neuland”). Nach ihm 2 weitere Russen, 1960 erstmals der Kasache Dinmukhamed Kunajew, 62-64 der uigurische Kasache Jusupow. 1964 bis 1986 war wieder Kunajew KP-Chef in Kasachstan. 1985 wurde ja Michail Gorbatschow Chef (1. Sekretär) der Partei für die ganze SU (KPSS/KPdSU), leitete seine Politik der Perestroika (Umgestaltung) ein, wurde ’88 auch Staatschef. 1986 hat er den einheimischen kasachischer Parteichef Kunajev durch den Russen Kolbin ersetzt, was zu Protesten (v.a. der Hauptstadt Alma-Ata) führte, bei deren Niederschlagung Blut floss.

1989 wurde der Kasache Nursultan Nasarbajew, ein ehemaliger Stahlarbeiter, KP-Chef der Republik, von “Gorbi” als solcher eingesetzt. Er war 84-89 bereits Premier gewesen. Was die wirtschaftlichen und anderen Reformen Gorbatschows betraf, Boris Jelzin (der 90/91 Präsident bzw Parlamentspräsident Russlands wurde) gingen sie zu wenig weit und zu langsam, konservativen Hardlinern wie Jegor Ligachov viel zu weit und zu schnell. 1989 wurde die Unterstützung der kommunistischen Regierung Afghanistans beendet, zog sich die Rote Armee von dort zurück, wurde das letzte grosse aussenpolitische “Abenteuer” der SU beendet. 1989 durften das Unions-Parlament gewählt werden, 1990 die Parlamente der Teilrepubliken, kam es praktisch zu einem Ende des KPdSU-Machtmonopols, ausserdem mehr Selbstbestimmung der Republiken. Nursultan Nasarbajew wurde nach der Wahl 90 Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, was eine Art Parlamentspräsident war, gleichzeitig aber auch der Posten des obersten Repräsentanten der Republik. Die Kasachische SSR gab unter ihm im Oktober 1990 eine Souveränitäts-Erklärung ab, eine solche gab es aber de facto und de jure nicht.

Im Sommer ’91 der Putschversuch reaktionärer Kräfte in Russland, kurz bevor die Umwandlung der SU in einen Staatenbund durch den Unionsvertrag umgesetzt werden sollte. Gorbatschow, seit 1990 Präsident der SU, wurde in seiner Datscha am Schwarzen Meer festgehalten, während in Moskau die Panzer aufrollten. Nasarbajew war unter jenen SU-Politikern, die gegen den Putsch Stellung nahmen. Nach 3 Tagen der Zusammenbruch, Gorbi kehrte zurück nach Moskau. Der Putsch sollte einen stramm kommunistischen Kurs und zentrale Machtausübung in der SU zurück bringen, erreichte das Gegenteil. Es gab eine Machtverschiebung zu den Republiken, Russlands Präsident Jelzin wurde der neue starke Mann – auch weil der Westen nun auf ihn setzte. Der Kommunismus in der SU verlor die Macht und die SU fiel auseinander. Die baltischen Republiken setzten ihre Unabhängigkeit nun um, andere erklärten sie jetzt. Anfang Dezember 91 gründeten die Präsidenten von Russland, Ukraine, Weissrussland (Belarus) die “Gemeinschaft Unabhängiger Staaten” (GUS), als Nachfolge-Bund der SU (deren Auflösung sie dabei beschlossen). Dieser Vertrag von Beloweschskaja Puschtscha kam über Gorbatschow hinweg zu Stande, der hatte daran gearbeitet, die SU zu erhalten – was aber auch auf einen Staatenbund hinaus gelaufen wäre. Am 21. 12. 91 schlossen sich in Alma-Ata die anderen SU-Republiken, bis auf die baltischen, der GUS an; Georgien später.

Kasachstan proklamierte am 16. Dezember 1991 seine Unabhängigkeit; bereits am 10. 12. hatten die Regierenden Kasachstans den Staat von “Sozialistischer Sowjetrepublik” in “Republik” umbenannt. Nasarbajew wurde mit der Unabhängigkeit erster Präsident Kasachstans. Die endgültige Auflösung der SU erfolgte wenig später, am 25. und 26. Dezember 91, mit dem Rücktritt von Gorbatschow als Präsident und der Selbstauflösung des Obersten Sowjets. Dieser anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten, darunter Kasachstan. Das endgültige Ende des Kalten Kriegs. Die SU ist vom Zentrum her zerfallen, nicht an der Peripherie oder durch Auflehnung, von Russen oder Anderen. Die Auflösung der SU war im Gegensatz zu jener Jugoslawiens (die im selben Jahr begann) friedlich, aber es gab doch einige „Gebietskonflikte“ in der Ex-SU in Folge, keiner aber der Kasachstan betraf (bislang). Der Rückzug Russlands aus Zentralasien und Kaukasus mit dem Ende der SU kann auch als Stück Entkolonialisierung gesehen werden.

Das Ende der SU brachte keinen Elitenwechsel in den meisten Nachfolgestaaten! Neue Parteien, alte Eliten, oft autoritäre ex-kommunistische Herrscher, personalisierte Gesellschaftsbeziehungen, klientilistische Netzwerke. Staatspräsident Nursultan Nasarbajev ist seit 1989 in Kasachstan an der Macht. In vielen Ex-SU-Republiken wandelte sich die KP um, in Kasachstan blieb sie die Qazaqstan Kommunistik Partiyasi (Қазақстан Коммунистік партиясы, KKP) blieb bestehen. Nasarbajew gründete eine neue Partei, die ein quasi Monopol bekam, das war die Union der Volkseinheit Kasachstans (SNEK). Aus ihr und anderen den Präsidenten unterstützenden Parteien wurde 1999 OTAN (Republikanische Vaterlandspartei); 2006 wurde daraus und verbündeten Partein, darunter der von Nasarbajews Tochter Dariga geführten Asar (Tochter Dariga N.), die Partei Nur Otan, die nun die einzige legitime politische Kraft im Lande ist. Echte Opposition wird keine geduldet, nur einige harmlose “Blockparteien”, wie die Ak Schol. Auch die KKP wird gelegentlich dazugerechnet.

Mindestens drei “echte” Oppositionelle, Tujakbaj, Sarsenbajev und Nurkadilov, sind in den letzten Jahren ermordet worden, der Geheimdienst KNB wird dahinter vermutet. Altynbeg Sarsenbajew (Sa’rsenbai’uly) wurde 06 ermordet, er hat die Naghyz Ak Shol 05 von Ak Shol abgespalten. Daneben gibt es u.a. die AZAT (Bulat Abilov) und die in verschiedenen Gruppen organisierten Islamisten. Manipulierte Wahlen (Präsident, Parlament) bringen die gewünschten Mehrheiten; Nasarbajew hat sich zuletzt 2015 bestätigen lassen. In dem autoritären Regime gibt es keinen Föderalismus (für die 15 Provinzen). 1995 wurde eine Verfassung erlassen. Die Hauptstadt Alma Ata wurde 1992 in Almaty umbenannt. 1997/98 wurde Astana neue Hauptstadt; die Stadt hiess zunächst Akmoly, dann Akmolinsk, Zelinograd, Akmola, dann Astana, wurde in den letzten Jahren suksessive ausgebaut. Sie liegt mehr im Zentrum des Landes als Almaty (in der Südostecke).

Unter Alleinherrscher Nasarbajew gibt es Regierungen; unter den diversen Premierministern hat sich noch kein Kronprinz “heraus kristallisiert”. Nach dem Tod von Usbekistans Islam Karimov 2016 ist Nasarbajew der letzte Präsident im Post-SU-Raum, der vor der Auflösung der SU ins Amt gekommen ist. In Turkmenistan gab es durch den Tod Nijasov 06 einen Machtwechsel. In Kirgisien gab es 05 (Sturz Akajev) und 10 (Sturz Bakijev) Umstürze. In Tadschikistan gab es einen Bürgerkrieg zwischen den Machtzentren. Auch die Medien werden in Kasachstan gegängelt. “Demokratie in Kasachstan steht am Ende der Entwicklung, nicht am Anfang”, sagte Nasarbajew. Und “einstweilen” bestimmt er die Entwicklung. Auch die wirtschaftliche, die Umstellung ab 91 und die Folgen. Auch hier stützt er sich auf ein flächendeckendes Netz aus Günstlingen. Einer der führenden Oligarchen ist Askar Mamin, der verschiedene Funktionen in der staatsnahen Wirtschaft und in der Politik selbst hat(te), ausserdem Chef des kasachischen Eishockeyverbandes ist. Der Oligarch Rachat Alijew ist in Ungnade gefallen, obwohl er Schwiegersohn Nasarbajews war. Dies fiel mit seiner Abberufung als Botschafter in Österreich zusammen. Wegen verschiedener Vorwürfe kam er hier ins Gefängnis, wo er sich anscheinend umgebracht hat.19

Das Fundament der Wirtschaft sind die Erdöl und -gas – Vorkommen, wie das Öl-Feld “Kasachgan” im Kaspischen Meer. Dadurch ist das Land relativ wohlhabend. Je tiefer der Ölpreis aber fällt, desto schwerer lässt sich das System Nasarbajew aufrecht erhalten. Die Förderung und Verarbeitung ist heute zT in der Hand ausländischer Konzerne. Andere Bodenschätze sind (noch immer) Kohle und Metalle. Die Energiegewinnung geschieht auch hauptsächlich durch Thermische/kalorische Kraftwerke, die ja mit fossilen Brennstoffen arbeiten. Thema der Expo/Weltausstellung in Astana 2017 war auch “Energie der Zukunft”. Es gibt in dem Land viel Industrie, wenig Kulturhistorisches, daher auch wenig Tourismus. Der Westen schweigt zu dieser Diktatur, immerhin ist Kasachstan ein wichtiger Anbieter für Öl und Gas, eine Alternative zu Russland. Da das Land ausser fossilen Rohstoffen nur wenig eigene Ressourcen hat, ist es auch als Abnehmer von Importgütern interessant.

Der zu Kasachstan und Usbekistan gehörende Aral-See ist seit vielen Jahren der Austrocknung nahe, weil in der SU-Zeit seine Zuflüsse (u.a. der Fluss Syr-darja) auf Baumwoll- und Reisfelder umgeleitet wurden, und aus Feldern Dünger und Pestizide in den See. Der See ist bereits in mehrere getrennte Teile zerteilt, ist versalzen, Fische sterben (Kaviar-Gewinnung war dort einst wichtig). Nach 91 wurde diese Politik fortgesetzt, v.a. in Usbekistan. Um zumindest den kleinen (nördlichen) Aralsee zu erhalten, wurde in den 90ern und den 00ern auf kasachischer Seite ein Damm gebaut. Der Zustand des Aralsees kann als Teil eines grösseren Wasser-Problems in Zentralasien gesehen werden, das auch darin besteht, dass die “Oberlaufstaaten” von Amu-darja und Syr-darja, Tadschikistan und Kirgisistan, Staudämme an ihrem Anteil dieser Flüsse bauen (> Kraftwerke), Wasser fehlt dann Unterlaufstaaten zur landwirtschaftlichen Bewässerung. Auch der Balchaschsee im Osten Kasachstans ist vom Austrocknen bedroht.

Das kasachische Militär wurde nach der Unabhängigkeit aus den Immobilien und dem grössten Teil des Geräts aufgebaut, das die Rote Armee in der vormaligen SU-Republik gehabt hatte. Was das Personal betrifft, viele Kasachen waren ja ausserhalb ihrer Republik stationiert gewesen, dagegen viele Russen und Andere in Kasachstan. Kasachstan gehörte zum Militärdistrikt Turkestan der Roten Armee, über den auch das SU-Militärengagement in Afghanistan lief. Noch vor dem endgültigen Ende der SU gab es Versuche (v.a. aus Russland), die entstehende GUS mit einer gemeinsamen Armee “auszustatten”, was aber in den anderen Republiken auf Widerstand stiess. So erfolgte die Auflösung der Roten Armee teilweise chaotisch, der Militärdistrikt Turkestan wurde etwa im Sommer 1992 aufgelöst und die “Schätze” endgültig von den dortigen Nachfolgestaaten geerbt. Ein Teil an Personal und Ausrüstung wurde nach Russland gebracht, ein Teil wurde als russisches Militär in Kasachstan behalten, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken. Russische Militär-Basen in Kasachstan sind heute das Baikonur Kosmodrom (>), eine Radarstation am Balchaschsee und ein Raketenabwehrtestgelände in Sary Shagan.

Eine heikle Sache war jene der sowjetischen Atomwaffen in Kasachstan. Im Atom-Versuchsgelände bei Semipalatinsk wurde bis 1991 getestet, 2000 wurde es geschlossen, die Schächte versiegelt. Es gab weitere Atomwaffentestgelände in Kasachstan, v.a. im Ural-Gebiet. Und Uran-Abbau, u.a. bei Simkent. Und, es gab die in SU-Zeiten dort stationierten Atomwaffen; am Ende der SU gab es nur noch welche in Russland, Ukraine, Weissrussland und Kasachstan. Russland würde weiter Atomwaffenmacht bleiben, das war klar. Im Dezember 91 wurde im Alma Ata-Abkommen beschlossen, dass Ukraine, Weissrussland und Kasachstan ihre von der SU “geerbten” Atomwaffen an Russland abgeben würden. Auch die USA, nun alleinige Weltmacht, schaltete sich ein, es gab Verhandlungen, in Lissabon wurden die 3 Staaten nochmals zur Abgabe verpflichtet sowie zum Beitritt zu START und NPT. Nasarbajew versuchte dafür etwas vom Westen und Russland zu bekommen, wehrte sich aber weniger als die Ukraine unter Kravchuk. Zunächst wurden, 1992, die taktischen Nuklearwaffen eingesammelt, 1993 wurden auch die nuklearen Sprengköpfe an Russland abgegeben. Kasachstan war temporär ein Nuklearwaffenstaat, hatte aber eigentlich keine Verfügungsgewalt über diese Waffen, und auch keine Ambitionen für verantwortungslosen Umgang.

Peter Scholl-Latour 1991 in “Den Gottlosen die Hölle. Der Islam im zerfallenden Sowjetreich”: „Vollauf dramatisch hat sich im Herbst 1991 die Situation in der riesigen Steppenrepublik Kasachstan entwickelt. Dort gebärdet sich der eigenwillige Präsident Nursultan Nasarbajew wie ein neuer Groß-Khan. Schon profiliert er sich neben Jelzin als maßgeblicher Staatsmann im ehemals sowjetischen Unions-Bereich und nimmt die Huldigungen des In- und Auslands entgegen. Außenminister Genscher besuchte bei seiner letzten Rußlandreise nicht nur das ukrainische Kiew, sondern auch die kasachische Hauptstat Alma-Ata. Dort hat Nasarbajew – gestützt auf die in Kasachstan gelagerten Interkontinentalraketen der ehemaligen Sowjetmacht – der erschrockenen Menschheit mitgeteilt, seine Republik betrachte sich nunmehr als Atommacht und verlange ein Mitspracherecht bei den laufenden Abrüstungsverhandlungen. Jedenfalls verfügt Alma-Ata nunmehr über eine beachtliche ‚bargaining power‘. Zu einem Zeitpunkt, da diverse Staaten des islamischen Gürtels, von Pakistan bis Algerien, krampfhaft nach dem Erwerb einer ‚islamischen Atombombe‘ trachten, ist die Verstreuung von zwanzigtausend taktischen Nuklearwaffen – Kurzstreckenraketen und Granaten -, über deren Plazierung, geschweige denn über deren Verfügungsgewalt keine präzisen Informationen vorliegen, zum potentiellen Alptraum des Westens geworden.“

Gegenüber Litauern oder Ukrainern werden Russen von Westisten als wilde asiatische Barbaren gesehen, gegenüber Kasachen oder Tadschiken sind sie aber zivilisierte Europäer, die die Wilden zähmen sollen.20 Der Präsident verlangte ein Mitspracherecht bei der Frage der in seinem Staat stationierten Atomwaffen – schockierend und anmaßend. Gepriesen seien da zivilisierte Völker und Regierungen wie das südafrikanische der Apartheid oder das israelische, das ersterem half, zu seinen Atomwaffen zu kommen… AKW hat Kasachstan keines mehr, 1999 wurde jenes bei Aktau nach 26 Jahren still gelegt. Dessen Hauptzweck war jedoch Entsalzung gewesen, nicht Energiegewinnung. Im Atomgelände in Semipalatinsk stehen noch drei Forschungsreaktoren. 2003 gab das kasachische Energieministerium bekannt, dass 2018 mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerks begonnen werden soll.

Russland ist der bei weitem der wichtigste Nachbar Kasachstans, nicht nur wegen der Vergangenheit, auch wegen der grossen russischen Volksgruppe im Land und vielen anderen Verbindungen. Ethnische (also “echte”) Kasachen machen heute etwas unter 65% der Bevölkerung (von 16 Millionen) aus, Russen fast 25% und andere Volksgruppen etwa 10%. Diese anderen sind Ukrainer, Usbeken, Deutsche, Tataren, Uiguren, Weissrussen, Koreaner , Juden, Turkmenen, Armenier, Tadschiken, Aserbeidschaner, Polen, Chinesen,… Im Unterhaus des Parlaments gibt es 9 Festmandate für Vertreter ethnischer Minderheiten. Zur Unterscheidung von ethnischen Kasachen (die es auch ausserhalb Kasachstans gibt) und Angehörigen von Minderheiten in Kasachstan wurden die Begriffe Kasachen und Kasachstanis (Bürger Kasachstans aber nicht unbedingt ethnische Kasachen) eingeführt (aber nicht immer verwendet). Kasachen in der Diaspora gibt es in Sinkiang (China), Türkei, Mongolei, Afghanistan, Iran,… Islam (überwiegendst sunnitischer) ist die Religion von etwa 70% der Kasachstanis; neben einem grossen Anteil an Christen (hauptsächlich orthodoxen) gibt es u.a. Buddhisten (die Koreaner).

Ethnische Russen leben hauptsächlich im Norden und Westen Kasachstans. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1991 machten sie zumindest um die 40% der Bevölkerung der Republik aus, nach manchen Angaben sogar die Hälfte oder (nach Eberhard Beckherrn, “Pulverfass Sowjetunion”, 1990) sogar die Mehrheit21. Durch höhere Geburtenrate, Auswanderung von Russen, Einwanderung von Kasachen hat sich das jedenfalls seither verschoben. Überall in Zentralasien gab es nach der Unabhängigkeit die Abwanderung von Russen (> Russland)22, Juden (>Israel), Deutschen (>BRD). Deutsche gab es zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit etwa 1 Million, hauptsächlich Nachkommen von deportierten Wolga-Deutschen und evangelisch. Ein Grossteil davon ist gegangen. Auch die meisten Nachkommen der einst aus der Türkei vertriebenen bzw von dort geflüchteten Pontus-Griechen sind ausgewandert, nach Griechenland. Eingewandert sind Kasachen von überall aus der Diaspora, hauptsächlich aus China.

Ethnische Konflikte gab es bisher keine, seit den Ausschreitungen gegen Kaukasier in Nowy Usen am Kaspischen Meer 1989. Aber es könnte sich etwas zusammenbrauen. Zwischen Kasachen und Russen, und zwischen Kasachstan und Russland. Die beiden Länder verbindet Vieles, nicht zuletzt die grosse russische Minderheit in Kasachstan und die Vergangenheit; aber genau darin liegt auch Konfliktpotential. Neben den (anderen) russischen Militär-Basen in Kasachstan wird eben auch die Weltraumbasis Baikonur (weiter) von Russland benutzt bzw gepachtet. Im Oktober 91, in den letzten Wochen der SU, wurde von dort die “Austromir”-Mission (SU/ Österreich) gestartet, mit einem Russen, einem Kasachen (der vormalige Militärpilot Aubakirov) und einem Österreicher. 01 flog von dort der erste Weltraumtourist, der US-Amerikaner Denis Tito, von dort in den Weltraum. 06 wurde von Baikonur der erste kasachische Kommunikations-Satellit ins All geschickt, mit russischer Hilfe. Und, Russlands Diktator Wladimir Putin hat ’15 die „Eurasische Wirtschaftsunion“ gegründet, mit Kasachstan und anderen Ex-SU-Republiken, deren Herrscher gegenüber Russland bislang nicht aufgemuckt haben.

 

Aber: Mit dem Ölpreisverfall wächst die Unzufriedenheit im Land mit dem Nasarbajew-Regime, könnten wirtschaftliche Probleme kommen, wachsen Spannungen mit Russland und ethnische Spannungen im Land. Putin sagte vor einigen Jahren, in einem Lob für Nasarbajew versteckt, etwas “Vernichtendes” über Kasachstan: Sein Präsidenten-Kollege habe etwas Einzigartiges zustande gebracht. “Er hat einen Staat geschaffen, wo niemals ein Staat existiert hat. Die Kasachen hatten nie einen eigenen Staat.“23 Die russische Sprache hat in Kasachstan in vielen Bereichen eine starke Stellung. Aber: Bei der kasachischen (bzw kasachstanischen) Präsidenten-Wahl 15 mussten alle Kandidaten einen kasachischen Sprachtest absolvieren, an dem laut dem Regime rund zwei Dutzend möglicher Gegner Nasarbajews scheiterten. Leute, die besser Russisch können. Vor einigen Jahren kündigte die kasachische Regierung an, dass Kasachisch künftig in lateinischer statt in kyrillischer Schrift geschrieben werden wird; die Umstellung ist noch nicht erfolgt.

Russland beansprucht über grosse Teile des Ex-SU-Raums Hegemonie, nur Georgien und die baltischen Staaten haben sich dem russischen Einfluss-Anspruch ganz entzogen, wobei Georgien zwei Regionen (Abchasien und Süd-Ossetien) “zurücklassen” musste. Wie die Ukraine, die gerade mitten in diesem “Abnabelungsprozess” steckt, die Krim und möglicherweise das Donezk-Becken/ Donbass. Russland hat auch militärisch in innere Konflikte in Georgien, Tadschikistan, Moldawien eingegriffen. Bei Kasachstan treffen sich mögliche Expansionsgelüste von Russland möglicherweise mit einer Tendenz zur Loslösung des mehrheitlich russisch besiedelten Nordwestens. Auch bezüglich Krim und Donbass (Ukraine) und Transnistrien (Moldawien) waren es die dortigen russischen Volksgruppen, die Russland zum Eingreifen motivierte (oder vorschob?). Bei den genannten Regionen Georgiens war es eher ein Imperialismus bzw Hegemonieanspruch. Bei der Ukraine geht es auch, wie auch gegenüber Weissrussland, um so etwas.

Im europäischen Kasachstan ist bislang kein nennenswerter pro-russischer Irredentismus/Separatismus/Autonomismus entstanden. Und Russland ist selbst sehr verwundbar auf diese Art, mit seinen 20% Minderheiten, von denen bislang nur die Tschetschenen den Aufstand geprobt haben, nicht aber die Tataren, Jakuten oder Mordwinen. Und: Kein Kolonialreich und kein Einflussbereich sind gottgegeben und ewig. Zwar ist Nasarbajew noch russland-freundlich und akzeptiert Putin noch Kasachstans Integrität. Aber Kasachstan hat auch andere Optionen. China ist der andere mächtige Nachbar. Wobei Kasachstans an die Provinz Sinkiang grenzt, wo es auch eines Tages ethnische Unruhen bzw gewalttätigen Separatismus geben könnte. Daneben arbeitet Kasachstan natürlich mit den anderen zentralasiatischen Ex-SU-Republiken zusammen (von denen nur Tadschikistan nicht an es grenzt). Die Türkei trat natürlich nach dem Ende der SU auch in Zentralasien auf, schliesslich gelten 4 der 5 Ex-SU-Republiken als türkische Staaten.24 Um Einflussnahme, Handelsbeziehungen, etc bemühen sich auch die USA, die EU oder Saudi-Arabien.

Sollte es zu einem Machtwechsel in Kasachstan (im Rahmen einer Demokratisierung oder auch nicht), würden die Karten bezüglich der aussenpolitischen Orientierung neu gemischt werden. Bei den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien und Moldawien Ende 16 setzten sich russland-freundliche (Radew und Dodon) gegenüber pro-europäischen Kandidaten durch. Es gibt aber in Russland auch die geopolitische Ideologie des Eurasismus25, die einen Gegensatz zwischen Russland und dem Westen sieht und Russland als einen Teil Asiens. In der neuen westlichen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt bzw verstanden. Der Islam ist in Kasachstan viel weniger ein Faktor als in Usbekistan oder Tadschikistan. Das nördliche Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien) ist schwächer islamisiert bzw islamisch geprägt worden als das südliche und es gab auch weniger Re-Islamisierung nach der Unabhängigkeit.

Kasachen und russische Minderheit, Asien und Europa, Ringen oder Eishockey, in dieser Doppelnatur des Landes steckt wahrscheinlich sein Potential.

 

Literatur und Links

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Sally Cummings: Kazakhstan: Power and the Elite (2002)

Jonathan Aitken: Kazakhstan: Surprises and Stereotypes After 20 Years of Independence Hardcover (2012)

John Everett-Heath: Central Asia: History, Ethnicity, Modernity (2003)

Peter Dück: Kasachstan: Faszination des Unbekannten (2007)

Igor Trutanow: Russlands Stiefkinder: Ein deutsches Dorf in Kasachstan (1992)

Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101; 1997)26

Elisabeth Öfner: Josef Troll – seine Reise nach Russisch-Turkestan 1888/89 und seine Widerspiegelung im schriftlichen Nachlass und den Sammlungen des Museums für Völkerkunde in Wien. Diplomarbeit, Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften, BetreuerIn: Christian Feest (2011)

http://e-history.kz

http://www.kasach.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Von wo viele Wanderungen ausgingen
  2. Deren Hauptrouten deutlich südlich des späteren Kasachstans verliefen!
  3. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tataren-Khan zur selben Zeit
  4. Die türkischen Usbeken und Turkmenen herrschten dort über die Tadschiken, Reste der iranischen Bevölkerung Zentralasiens, vermischten sich aber auch mit ihnen; im südlichen Zentralasien (heutige Staaten Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) haben sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt
  5. Mongolen und Tataren herrschten im späteren Mittelalter über Proto-Russland (mit späterer Ukraine und Belarus, ohne Nord-Kaukasus und Nordasien), dann im 16. Jh die Wende, die Ost-Slawen schüttelten diese Herrschaft ab, unterwarfen dann Khazaren oder Tataren, begründeten das Zarentum, noch unter den Rurikiden, unter den Romanovs dann die grosse Expansion in den Osten
  6. Wenige Jahre später eroberte China die Dsungarei und das restliche Kaschgar-Khotan-Gebiet, das zu “Sinkiang” wurde. Ein Teil der Kalmüken war westwärts gezogen, in russisches Gebiet
  7. Es bestand aus den Gebieten Akmolinsk, Semipalatinsk und Semirjetschensk
  8. Führende Figur der Bewegung, die bis in SU-Zeiten ging, war der Krim-Tatare Ismail Gasprinski (1851–1914)
  9. Der Ausdruck wurde von seinen Gegnern geprägt
  10. Buchara und Khiwa wurden 1920 in Sowjetische Volksrepubliken verwandelt, jene von Khiwa wurde “Khoresm” genannt
  11. Usbeken waren, bei der letzten SU-Volkszählung 1989, mit 16,7 Mio. hinter Russen und Ukrainern und vor Weissrussen das drittgrösste Volk in der SU, auch wenn ihre Republik viel kleiner war als die kasachische
  12. Erster Parteichef der Republik war ein Armenier, dann kam ein Russe an die Spitze
  13. Auch kamen innerhalb Russlands (der Russischen SFSR) nicht-assimilierte Minderheiten, wie die Tataren, äusserst selten in Spitzenpositionen
  14. Vergleiche dazu die Force Publique im Kongo!
  15. Die eigentlich nur von März bis  November 17 etwas zu sagen hatten
  16. Oder die Tataren, das grösste Volk der SU ohne eigene Republik, heute die grösste Minderheit Russlands
  17. Stalin entledigte sich nach Lenins Tod nacheinander aller Mitstreiter bzw der alten Revolutionäre. Trotzki wurde 1927 von der Partei ausgeschlossen und 1928 nach Alma Ata verbannt, ’29 reiste er in die Türkei aus
  18. Das Gelände befindet sich 350 km westlich der Stadt
  19. Er stand auch im Verdacht, mit Sarsenbajews Ermordung zu tun zu haben
  20. Bismarck sagte einst über Russland, “Lasst es ostwärts gehen. Dort ist es eine zivilisierende Kraft”. Wobei es ihm auch darum ging, in Osteuropa ohne Störung schalten und walten zu können. Baron-Cohens Darstellungen “des Kasachen” als orientalischer Super-Tölpel “Borat Sagdiev” hat ja auch diese Tendenz bzw diesen Blick auf die Asiaten. Diese Figur ist bekannter (und beliebter) als der kasachische Hollywood-Regisseur Timur Bekmambetov
  21. Er überschrieb das Kapitel über die Kasachen mit: “Minderheit in der eigenen Republik”
  22. Eine Parallele zur französischen Auswanderung aus Algerien, wie Scholl-Latour in seinem Buch über Zentralasien meint?
  23. Stimmt so nicht. Es gab die Kasachischen Khanate als Vorläufer-Staaten. Und dass Russland auf Kosten anderer Völker expandiert hat, zeigt nur, dass es höchste Zeit war, dass Kasachen, Georgier, Ukrainer,… (wieder) die Unabhängigkeit bzw einen eigenen Staat bekommen
  24. Eigentlich sind sie türkischer als die Türkei. Bei Usbekistan und Turkmenistan ist aber viel Iranisches verdeckt worden
  25. Neben jener des Panslawismus und anderen
  26. Julie Stewarts Mutter stammt aus der Mongolei, ihr Vater war Deutscher, und sie wurde in den USA geboren

Afghanistans buddhistische Vergangenheit

Der Hintergrund zu den von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen ist gar nicht so leicht zu verstehen. Jedenfalls, ein grosser Teil von dem was Afghanistan wurde, war in der späteren Antike und im frühen Mittelalter ein buddhistisches Land! Die Beschäftigung damit führt einen weit vor die Entstehung Afghanistans, ist ein Schlüssel zum Verständnis nicht nur dieses Landes, sondern auch der Regionen an denen es Anteil hat bzw an die es grenzt (vor allem Südasien, auch Zentralasien und Westasien). Erschwert wird das Verständnis bzw die Darstellung durch die Verwirrung um Bezeichnungen von Völkern, Reichen und Regionen im zentralasiatischen Raum. Der Buddhismus entfaltete sich in Zentralasien in wechselnden politischen Einheiten und ohne ethnische Konstanten. Die Buddha-Statuen gehörten zu den grössten in der Welt. Die Zerstörung der Statuen kommt als Vorgriff mit in den Artikel. In den Fortsetzungen wird es um die neuere Geschichte Afghanistans gehen, die ebenfalls unbekannte/unerwartete Gesichter dieses Landes birgt, die Zeit von der eigentlichen Enstehung des Landes über die Zeit in der Miniröcke über Burkas dominierten und die Amerikaner die ins Land kamen, hauptsächlich Hippies und andere Touristen waren und nicht Soldaten, bis zur Abwürgung einer notwendigen Modernisierung.

Das Hindukusch-Hochland teilt Afghanistan in 2 Landesteile, die bis zur Entstehung dieses Staats im 18. Jahrhundert ethnisch, kulturell und historisch unterschiedliche Entwicklungen durchliefen. Der Norden ist sehr persisch/iranisch geprägt, war jahrhundertelang der östliche Teil von Khorassan, ist hauptsächlich von Tadschiken bewohnt, einem Volk das erst in der späteren Neuzeit entstanden ist (bzw sich von den Persern weg-entwickelt hat). Das Süd-Hindukusch-Gebiet hiess früher Gandhara- oder Waihind-Gebiet, gehörte mit dem Westen des heutigen Pakistans zusammen. Um diese Region geht es hier hauptsächlich. Der Kern Gandharas lag im Osten, um die gleichnamige Stadt. Die Reiche von Gandhara, die von etwa 200 vC bis 1000 nC bestanden dehnten sich teilweise weit darüber hinaus aus. Dieses Gebiet ist seit der Entstehung Afghanistans sein südlicher Teil und diese Entstehung ging von den dort lebenden Paschtunen aus, deren Ethnogenese in die Zeit der Gandhara-Reiche fällt. Das Gandhara-Gebiet war nie lange bei Persien, ist nach Indien hin “offen”. Es wurde später als das nördliche Afganistan islamisiert, war bis dahin buddhistisch. Die Stadt Kandahar entstand übrigens später viel weiter westlich als Gandhara.

Gandhara war eine östliche Satrapie im achämenidischen Persien, im Grenzgebiet zu Indien, aber auch in umliegenden Satrapien wie Arachosien, Baktrien, Areia, Sogdia, Chorasmien lagen Anteile späterer Gandhara-Reiche. Die Bewohner Arachosiens waren die Pakhas/Paktas/Pakat (von Herodot stammt die Umschrift “Paktyaner”), die in der Ethnogenese der Paschtunen eine Rolle spielten. Mit den Eroberungszügen der makedonischen Griechen bis nach Indien kam es zu den ersten Berührungen von griechischer und indischer Kultur. Der Kontakt zwischen griechischer und iranischer Kultur kam u.a. durch die Heirat Alexanders mit Roksana, Tochter eines baktrischen Lokalfürsten, zu Stande. Das spätere Afghanistan lag dann auch im Seleukidenreichs im äussersten Osten, grenzte an Indien, das von der Maurya-Dynastie regiert wurde.

In Maurya-Indien setzte sich unter Ashoka der noch junge Buddhismus durch, um 300 vC wurde das Reich um das Gandhara-Gebiet erweitert. Über den Khyberpass (führt heute von Afghanistan nach Pakistan) kamen viele Eroberer aus Zentralasien nach Indien, in diesem Fall von dort. Mit dieser Abtrennung vom seleukidisch bleibenden Persien begann die Sonderentwicklung Gandharas. Buddhismus, auch Formen des Hinduismus, kamen in das das Gebiet südlich des Hindukuschs, setzten sich auf Kosten des Zoroastrismus durch. Der Buddhismus wurde hier mit-geprägt. Der kulturelle Synkretismus aus indischen, griechischen und iranischen Elementen wird Graeco-Buddhismus genannt.

Als Persien unter den parthischen Arsakiden wieder unabhängig wurde (250 vC), war der östliche Teil des Seleukidenreichs, Baktrien, vom seleukidischen Rest abgeschnitten; der Statthalter der Seleukiden in Baktrien schuf das Griechisch-Baktrische Reich in Zentralasien. Es wurde mit dem Ende des Maurya-Reichs u.a. um das Gandhara-Gebiet erweitert. Griechische und indisch-buddhistische Kultur fanden so wieder zueinander. Der grösste Teil Ost-Chorassans gehörte zum Partherreich. Der östliche, indische Teil des Greco-Baktrischen Reiches, mit Gandhara als Zentrum, machte sich um 150 vC unabhängig, dieser Staat wird meist Indo-Griechisches Königreich genannt (retrospektiv, wie manches andere bei diesem Thema). Das restliche Griechisch-Baktrische Reich wurde von einem zentralasiatischen “Steppen-Volk” eingenommen, das in chinesischen Quellen “Yuezhi” genannt wurde. Möglicherweise sind diese den Skythen zuzuordnen.

Und, um die Verwirrung komplett zu machen, sie dürften mit jenen ident sein, die antike und dann byzantinische Schriftsteller “Tocharer” (lateinisch Tochari, griechisch Tocharoi) bezeichneten. “Tocharistan” wiederum wird mit Baktrien gleichgesetzt, überschneidet sich mit Khorassan. “Ariana”, die latinisierte Form des alt-griechischen “Ἀρ(ε)ιανή” (Ar[e]ianē), geht auf “Areia” zurück, eine Provinz bzw Gegend des achämenidischen Persiens (im Gebiet des heutigen Afghanistans), wurde von griechischen und römischen Autoren teilweise für das ganze Gandhara-Gebiet und sogar darüber hinaus verwendet wurde. Areia und Arachosien bezeichneten ungefähr das selbe Gebiet, das auch von Baktrien nicht klar abzugrenzen ist.

Das Indo-Griechische Königreich wurde von den Skythen, iranischen Reiternomaden, die aus Zentralasien über den Hindukusch einsickerten, beendet bzw in ein Indo-Skythisches umgewandelt. Wie unübersichtlich und schwer greifbar diese Phase der aufeinanderfolgenden Reiche mit dem Gandhara-Gebiet ist, zeigt sich auch darin, dass die Geschichtsforschung auch eine Koexistenz von Indo-Griechen und Skythen nicht ausschliesst. Auch das Partherreich drang in die Region ein, seine lokalen Statthalter (u.a. Gondophares/Gudapharasa) regierten dann als seine Vasallen (“Indo-Parther”) neben den Indo-Skythen. Die Residenz der indo-parthischen Könige war in Taxila im Nord-Punjab, der meist zu den Gandhara-Reichen gehörte, oder aber in Kabul oder Peshawar. Nach anderen Darstellungen haben die (Indo-)Parther auch die (Indo-)Skythen in Gandhara “und Umgebung” als Herrscher verdrängt.

Im 1. Jh. nC drangen die Yuezhi/Tocharer über den Hindukusch in Gandhara ein und entrissen Indoparthern und Indoskythen sukzessive die Kontrolle über das nach Nordindien hineinreichende Land. Die Kuschan(a)s waren einer der Stämme der Yuezhi, begründeten ihr Reich, das Nord-Indien (bzw -Südasien), Teile Zentral-Indiens, einen Teil Ost-Asiens und einen grossen Teil Zentralasiens inkl. Gandhara umfasste. Die Kuschanas ernannten die vormaligen skythischen Regionalherrscher anscheinend zu (relativ selbstständigen) Statthaltern (Kshatrapas) von Provinzen. Die “Nord-Afghanen”/Ost-Khorassaner waren auch Teil dieses Reichs. Unter der Herrschaft der Kushanas festigte sich der Buddhismus in der Region, v.a. in Gandhara, das Kern des Reichs war, und blühte. In der Gegend um Bamiyan etwa ist der Buddhismus erst damals und nicht schon unter den Maurya dominant geworden; es entstanden nun Klöster, Tempel und Stupas. Neben dem Reich der “Kabul-Shahis” war Kuschana das wichtigste in der “buddhistischen Phase” (Süd-)Afghanistans.

Das heutige Afghanistan war spätestens unter den Kuschanas ein Zentrum des frühen Buddhismus, wie auch des Hinduismus; auch im angrenzenden Satavahana-Reich (in Zentral-Indien) existierten beide Religionen noch nebeneinander. Der Gandhara-Buddhismus mit seinem griechischen Einfluss beeinflusste v.a. den Mahayana-Buddhismus, der sich dann nach Nordost-Asien (China, Korea, Mongolei, Japan,…) ausbreitete. Auch der Buddhismus im Tarim-Becken wurde von Gandhara beeinflusst. Die enge Verbindung der Gandhara-Kultur mit dem Buddhismus zeigt sich auch in der Tatsache, dass die ältesten noch erhaltenen buddhistischen Handschriften in der Gandhari-Sprache (in der Kharoshthi-Schrift geschrieben) abgefasst sind. Die Benennung der Sprache erfolgte retrospektiv. Erst um das 5. Jh wurde sie vom Sanskrit als “Sprache des Buddhismus” verdrängt.

In Zentralasien hat das Kuschanreich bis ins frühe 3. Jahrhundert bestanden, bevor es (mit Gandhara) von den Sasaniden erobert wurde. Im frühen 4. Jh kam es zu einer Revolte der Kuschan, die aber unter Schapur II. niedergeschlagen wurde. Reste des östlichen Kuschan-Reichs in Indien blieben länger bestehen, bis ins 4. Jh etwa, als sich in Indien das Gupta-Reich ausbreitete. Im östlichen Zentralasien, dem vormaligen West-Kushan, dem östlichen Teil des sasanidischen Persiens, setzten sie Sasaniden ihre Prinzen als Statthalter ein, die den Titel Kushanshah („König der Kushan“) bekamen. Manche von ihnen nutzte diese Position für Usurpations- oder Sezessionsversuche aus. Diese Lokalherrscher werden heute auch Indo-Sasaniden oder Kushano-Sasaniden genannt. Buddhisten in Gandhara und Balkh scheinen unter den zoroastrischen Sasaniden toleriert worden zu sein. Im späten 4./frühen 5. Jahrhundert fielen iranische Hunnen (Kidariten, Hephthaliten,…) in diesem Gebiet, das auch Gandhara umfasste, ein. Mitte des 6. Jh konnten die Sasaniden mit Hilfe der Göktürken die Hephtaliten besiegen; Reste der hephtalitischen Herrschaft hielten sich im Gebiet um Gandhara gegen das sasanidische Persien. Auch wenn ein Teil blieb und buddhistisch wurde, der Hephtaliten-Einfall bedeutete für den Buddhismus dort zunächst grossen Schaden.

Im 6. Jh entstand im Gandhara-Gebiet, zwischen sasanidischem Persien und Gupta-Indien ein neues Reich, das der “Kabul-Schahis”, wahrscheinlich in Nachfolge der “Kuschano-Hephtaliten”. Die Herkunft der Herrscher ist umstritten, es gibt Hinweise auf indische, iranische, turkische und tibetische Wurzeln, wie auch bei den Kuschanas. Dieses Reich um/in Gandhara wird meist in zwei aufeinanderfolgende Phasen (manchmal auch in zwei verschiedene Reiche) unterteilt, eine buddhistische (“Kabul-Schahis”, “Turki-Shahi”, “Shahiya”, “Kabul-shāhān”,…) und eine hinduistische (“Hindu Shahis”), mit der “Ablöse” um 870. Die buddhistischen Kabul Shahis regierten von Kabul und Kapisa, in der Zeit kam auch die Bezeichnung “Kabulistan” auf, für ein Gebiet, das in etwa Gandhara entsprach. Informationen über die Kabul- und Hindu-Schahis stammen zu einem grossen Teil von al-Bīrūnī. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass es eine enge Verbindung zwischen den beiden Religionen in dieser Kultur gab; so enthielten hinduistischen und buddhistischen Tempel oft Statuen auch der jeweils anderen Religion.

Nach dem Untergang des sasanidischen Persiens gegen die islamischen Araber Mitte des 7. Jahrhunderts war das Kabul-Reich weiteren Expansionsbemühungen des Kalifats ausgesetzt. Diese kamen auch bis nach Kabul, überzeugten (wie auch immer) einen Teil der buddhistischen Einwohner von der Konversion zum Islam. Das Gebiet im äussersten Osten des Kalifats musste bald wieder aufgegeben werden, Gandhara/Kabulistan kam zurück unter die Herrschaft der buddhistischen Schahs/Könige. Die Kabul-Schahis bauten in der Folge Verteidigungsanlagen gegen die Moslems, Mauern, die heute noch zu sehen sind. Das spätere nördliche Afghanistan, Ost-Khorassan, teilweise auch buddhistisch, wurde von den Arabern im zweiten Anlauf 715 eingenommen und sukzessive islamisiert.

Buddhismus war, durch Mönche aus dem Gandhara-Gebiet, auch in Ost-Khorassan, dem heutigen Nord-Afghanistan, eingedrungen, v.a. um Balkh, das auch ein frühes Zentrum von Zoroastrismus (Zarathustra stammte evtl von dort) war und später vom islamischen Sufismus. Nach der arabisch-islamischen Eroberung Persiens gab es 715 in Balkh einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Darufhin wanderten persische buddhistische Mönche die Seidenstrasse entlang nach Nordost-Asien aus, wo sie an der Verbreitung dieser Religion wirkten. Bereits in Jahrhunderten davor erfolgte die Verbreitung dieser Religion aus Indien über Persien nach China oder in das Tarim-Becken; auch der berühmte Missionar An Shigao dürfte aus Persien gestammt haben. Andere iranische Buddhisten folgten der mehrheitlichen Konversion zum Islam. Die Barmakiden waren etwa eine führende buddhistische Familie in Balkh, erbliche Verwalter des Klosters Nava Vihara in Balkh. Sie wurden mächtige Wesire der abbasidischen Kalifen.

870 gelang den Saffariden (die entweder persischer Herkunft waren oder stark von der persischen Kultur geprägt) die Einnahme Kabuls. Im Angesicht des Angriffs setzte der hinduistische Minister Kallar seinen buddhistischen König ab, wich dann als neuer Herrscher vor den Invasoren aus. Die Saffariden plünderten buddhistische Klöster, ein erster Schlag gegen den Buddhismus in Gandhara und Khorassan. Neue Hauptstadt des verkleinerten Reiches wurde Hund weiter südöstlich, heute im pakistanischen Paschtunengebiet. 879 eroberten die Hindu-Shahis Kabul zurück. Sie  waren Förderer auch des Buddhismus; unter ihnen wurde etwa das buddhistische Subahar-Kloster bei Kabul gebaut, anscheind an der Stelle eines zoroastrischen Feuertempels.

Das Bamiyan-Tal im Hindukusch nahe Kabul lag an der Seidenstrasse, dem Handelsweg, der Westasien bzw Europa von der Spätantike bis ins Spätmittelalter (Mongolen) mit Ostasien verband, und der durch Gandhara verlief. In der Kuschana-Zeit wurde Bamiyan ein Zentrum des Buddhismus bzw. der hellenistisch-buddhistischen Gandhara-Kultur, mehrere Klöster entstanden. Die Stadt bzw das Tal haben ihren Namen von einem frühen buddhistisch-hinduistischen Kloster bzw seinem Sanskrit-Namen. Die Buddha-Statuen und die Nischen wurden unter den “Kabul-Shahis” herausgearbeitet, im 6. und 7. Jh; sie waren auch bemalt. In dieser Felswand aus Kalkstein befand sich auch ein aus dem Fels gegrabenes Felsenkloster, in denen Tausende Mönche wohnten, mit Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Felsentreppen, die teilweise heute noch vorhanden sind, führten bis zum Scheitel der Buddha-Statuen. Die grössere Statue war ein Bildnis des Buddha Dipankara, die kleinere stellte den Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama) dar. Bamiyan geriet wie das restliche Gandhara mit den Invasionen der Omayaden, Saffariden und endgültig der Ghanznawiden unter moslemische Herrschaft.

Bamiyan 1931
Bamiyan 1931

Die Hindu-Schahis (870 bis 1026) leisteten lange Widerstand gegen islamische Eroberungen. Die Ghaznawiden, türkische Soldaten der persischstämmigen Samaniden (Nachfolger der Saffariden), dann ihre Erben als Herrscher über Teile Irans, waren der westliche Nachbar. Der Buddhismus wurde in ihren frühen Eroberungen wie Khorassan oder Baktrien nicht unterdrückt. 1008/09 besiegte die Armee von Mahmud von Ghazna jene von Anandapala, dem letzten Hindu Shahi von Gandhara; das Reich existierte zunächst noch als Vasall der Ghaznawiden weiter. Folgen hatte der Untergang v.a. für Indien, das, zumal in Kleinstaaten zersplittert was es damals war, nun das Ziel von moslemischen Eroberungen wurde. Von der Einnahme Gandharas war es für die Ghaznawiden ein kleiner Schritt zu jener des Punjab.

Manche sehen eine Kontinuität der buddhistischen Gandhara-Reiche, vom Griechisch-Baktrischen Reich bis zum im 11. Jh untergangenen Kabul-Shahi-Reich. Eine Konstante in dieser Zeit waren Wanderungsbewegungen in diese Reiche, ab den Griechen Alexanders, vor allem aus Zentralasien. Anscheinend vollzog sich die Volkswerdung der Paschtunen vor diesem Hintergrund (mit der Integration der meist als Eroberer neu Hinzugekommenen) – wobei Eroberungen und damit verbundene Einwanderungen nach Gandhara nicht mit den Ghaznawiden zum Stillstand kamen, zumindest noch das ganze Mittelalter weiterliefen. Die Paschtunen “entstanden” erst in islamischer Zeit, und Gandhara kam damit zu einem Ende. Es gibt auch die Theorie einer  Abstammung der Paschtunen/Afghanen (war ursprünglich dasselbe) von den Israeliten. Einige paschtunische Stämme sollen Nachkommen der 10 seit der Assyrer-Inasion verlorenen Stämme Israels sein und Stammesnamen wie Barakzai oder Yossufzai jüdische Vorfahren (namens Barak oder Yosef) wiederspiegeln. Diese Behauptung geht anscheinend auf das  (persischsprachige) Buch “Maḫzan-e Afghāni” eines Nehmatullah Herawi zurück, der im Indien der Moguln.

Unter den Ghaznawiden wurde der Süden des späteren Afghanistans, das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet, islamisiert, der Norden, Ost-Khorassan (zuvor zoroastrisch), war es zu diesem Zeitpunkt schon grossteils. Nur Nuristan wurde viel später islamisiert. Die Frage sei gestellt, warum nicht auch Ghaznawiden oder Mongolen in diese buddhistischen Reiche integriert wurden, nicht sie also konvertiert wurden, warum hier der Bruch kam. Nach den Ghaznawiden kamen Seldschuken, Karachitai, Chwarezm-Schahs, Ghoriden, Karakhaniden, Mongolen. Nachdem das Reich von Cengiz Khan noch 13. Jh zerfiel, kam der grössere Teil sowohl Ost-Khorassan als auch Gandharas zum Il-Khanat, das Ost-Drittel des späteren Afghanistans zum Tschagatai-Khanat. Vom letzteren gingen ja Timur Lenks Eroberungszüge des 14./15. Jh aus, dessen zentralasiatisches Reich umfasste auch das spätere Afghanistan. Das letzte der Delhi-Sultanate war jenes der Lodhi (1451-1520), einer paschtunischen Dynastie, aber ausserhalb Gandharas/Paschtunistans, wo damals der mongolisch-stämmige Babur herrschte. Dieser, Begründer der Mogul-Dynastie, nahm danach Indien ein.

Häufige Eroberungen bzw Machtwechsel, verbunden mit (Ein)wanderungsbewegungen, Zusammenfassung diverser Gebiete zu neuen Reichen, das ging im zentralasiatischen Raum bis zur frühen Neuzeit weiter, als das safawidische Persien, Mogul-Indien und die Khanate im nördlichen Zentralasien entstanden. Das spätere Afghanistan wurde auf diese Reiche aufgeteilt, die Grenze verlief ähnlich wie bei den Dschingis-Nachfolgereichen quer durch Ost-Chorassan und Gandahar hindurch, der Westen bei Persien, der Osten bei Indien; dem Buchara-Khanat der Usbeken gelang es, vom Norden einzudringen und einige Gebiete zu erobern.

Die Buddha-Statuen in Bamyan, unter den buddhistischen Schahis herausgearbeitet, blieben das auffälligste Erbe, das herausragendste Zeugnis, der buddhistischen Kultur Gandharas. Ihre Grösse hat durchaus die Bedeutung Gandharas für den Buddhismus (bzw umgekehrt!) wiedergespiegelt. Nach der Islamisierung durch die Ghaznawiden um die Jahrtausendwende blieben die Statuen vorerst unangetastet. Der Buddhismus verschwand etwa mit dem Ende des Mittelalters aus dem Gebiet des späteren Afghanistans (das damals zwischen Persien und Indien geteilt wurde), die Buddhas in Bamiyan (das zum Mogul-Reich kam) blieben.

Absichtliche Beschädigungen begannen spätestens mit dem Einfall der Mongolen unter Cengiz Khan, die auch die Bevölkerung der Stadt töteten. Obwohl Mongolen zu verschiedenen Zeiten selbst buddhistisch wurden, bedeuteten ihre Invasionen grossen Schaden für buddhistische Kulturen, auch in Ostasien. Cengiz’ Mongolen haben bei der Einnahme Bamiyans auch die Festung Schahr-e Gholghola zerstört, die Sitz islamischer Herrscher war, möglicherweise aber auf die Sasaniden zurückgeht. In der Gegend um Bamiyan “entstanden” die Hesoren/Hazaras im Spät-Mittelalter, aus eingefallenen Mongolen und Alteingesessenen (u.a. Paschtunen). Die Hazaras vereinnahmen die zerstörten Statuen und die untergegangene buddhistische Kultur Bamiyans heutzutage gerne für sich, als ihr kulturelles Erbe. Eine Form des Hinduismus hielt sich lange in abgelegenen Gebieten des östlichen Hindukusch, die heute in etwa die Provinz Nuristan bilden.

In Gross-Indien/Südasien wurde der Buddhismus zunächst im frühen Mittelalter weitgehend vom Hinduismus verdrängt, den die meisten Herrscher unterstützten (etwa die Guptas in der Spät-Antike). Es blieben Reste im Indus-Gebiet (Punjab, Sindh) im Nordwesten, im Norden (Kaschmir), sowie das buddhistische Pala-Reich, das von Bengalen im Nordosten zeitweise bis in den NW reichte, die letzte Hochburg des Buddhismus in Indien war. Die ersten islamischen Einfälle in Indien erfolgten noch unter den Omayaden. Auf den Fall der Hindu-Schahi gegen die Ghaznawiden folgten flächendeckende islamische Herrschaften ab dem Spät-Mittelalter (Ghoriden,…).

Die am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren (die letzten) buddhistische Zentren gewesen; zu einem gewissen Maß gilt das auch für Kaschmir. Das Pala-Reich mit seinem Zentrum im NO wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der in Zentral-, Süd- und Südost-Asien vorherrschende Mahayana-Buddhismus mit seiner wichtigen Stellung der Mönche soll durch die Tötung dieser leicht zu schwächen gewesen sein, diese Gegenden so islamisiert worden sein. Buddhistische Reste blieben im Süden, in Ceylon und Bhutan; und durch durch den tibetischen Exodus gab es in Indien ein Wiederaufleben. Der Buddhismus ist also in seinem Mutterland Indien fast verschwunden, verdrängt von Hinduismus und Islam; so verhält es sich auch mit der Baha’i-Religion im Iran oder dem Christentum in Palästina.

Der erste Europäer, der Bamiyan mit seinen Buddha-Statuen zu sehen bekam, soll der Engländer William Moorcroft gewesen sein, Anfang des 20. Jh, als er die Gegend im Auftrag der British East India Comapany bereiste, nach der Entstehung Afghanistans und vor seiner britischen Inbesitznahme, für die er mit die Grundlagen legte. Unter dem afghanischen Emir Abdur Rahman Khan (aus der bis 1973 herrschenden Barakzai-Dynastie) wurden die Bamiyan-Buddhas weiter zerstört, im Rahmen der blutigen Niederschlagung einer Hazara-Revolte Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem 1. WK begann die systematische Erforschung des buddhistischen Erbes in Afghanistan, durch Europäer. In Bamyan wurden 1930 auch Texte auf Palmblättern aus der Gandhara-Kultur gefunden. In Hadda in Süd-Afghanistan wurden von den 1930ern bis in die 1970er buddhistische Skulpturen ausgegraben. Westliche Touristen standen in den 1960ern und -70ern auf den Köpfen der Statuen. In den Höhlen des Felsmassivs wie überhaupt in der Gegend leben heute überwiegend Hazara.

Die Ausbreitung des Buddhismus war um 1000 an seine Grenzen gekommen (auch wenn danach etwa noch die Mongolen übertraten), er wurde vom Islam zunehmend zurückgedrängt, neben Zentralasien und Indien auch in Südost-Asien. Der Buddhismus setzte sich auch bei Ost-Iranern im Tarim-Becken im heute chinesischen Sinkiang, am Übergang von Zentral- nach Ostasien, durch (Khotan-Reich), sowie bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho). Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch Karluken/Karakhaniden islamisiert und türkisiert, am östlichen Rand blieb ein buddhistisches Rest-Gebiet übrig, das unter den Tschagatai immer kleiner. Hinduismus und Buddhismus haben sich in der Spät-Antike/Früh-Mittelalter aus Indien nach Südost-Asien verbreitet. Teilweise existierten diese Religionen nebeneinander (sogar in Symbiose mancherorts), zT in Konkurrenz zueinander.

Das buddhistisch-hinduistische Srivijaya-Reichs mit dem Zentrum Sumatra hat im Mittelalter einen Grossteil Südost-Asiens zumindest beeinflusst. Das spätere Indonesien (Java,…) war vorwiegend hinduistisch, hier hat sich ein Rest auf Bali gehalten. Im Festland-SO-Asien (ehem. Indochina, Thailand, Birma) hat sich der Buddhismus behauptet (in seiner Hinayana-Ausprägung), im maritimen SO-Asien (Malaiischer Archipel; Indonesien, Malaysia, Philippinen, Brunei, Singapur, O-Timor) wurde er von Islam oder dem Christentum verdrängt, im Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, durch Missionare oder Eroberer. Auf dem Malaiischen Archipel zeugen heute, wie in Bamiyan, Nalanda oder Taxila, Ruinen von einer buddhistischen Vergangenheit; und chinesische und indische/ceylonesische Einwanderer, die ab der späteren Neuzeit kamen und Buddhismus und Hinduismus in “bescheidenem Maß” nach SO-Asien zurückbrachten.

Auch in Afghanistan gibt es indische Einwanderer, aus dem 19. Jh, bzw deren Nachkommen, hauptsächlich Hindus und Sikh, die zumindest diese Religionen ins Land (zurück) brachten, wenn auch nicht den Buddhismus. Sie leben in den grösseren Städten und werden “Hindki” genannt, was auch anderes bezeichnen kann, etwa Urdu-sprachige Moslems. Die Buddhas in Bamiyan hielten sich als buddhistische Symbole ca. 600 Jahre in einem Land ohne Buddhisten. Erinnert an die evangelische Schwarze Kirche in Kronstadt/Brasov (Rumänien), die immer noch so was wie die auffälligste Kirche der Stadt ist, obwohl es seit dem 2. Weltkrieg kaum noch Siebenbürger Sachsen bzw Protestanten dort gibt. Oder an die Gebäude der Baha’i in Haifa (Israel/Palästina), wie der Schrein des Bab oder das Universale Haus der Gerechtigkeit. Dorthin hatte es zwar die Gründer der Religion verschlagen, viele Anhänger hat es dort aber nie gegeben. Oder den Huei Teocalli (Templo Mayor) der Azteken im heutigen Mexiko Stadt, der von Spaniern 1521 zerstört wurde, oder den Zeustempel von Olympia von dem seit dem 5. Jh (Zerstörung unter Oströmern/Byzantinern) auch nur mehr Ruinen übrig sind. Bamiyan weist aber auch Gemeinsamkeiten mit Naqsh-e Rostam im Iran auf, wo sich neben den Gräbern achämenidischer Grosskönige Felsreliefs aus sasanidischer Zeit befinden, sowie der Kabe-ye Zartosht (Würfel Zarathustras), alles eine Erinnerung an die vor-islamische Vergangenheit.

Es war März 01, eine Zeit in der die damals Afghanistan regierenden Taliban durch verschiedene besonders “radikale” Maßnahmen auffielen, wie der Anordnung einer optischen Kennzeichnung der Nicht-Moslems (also Hindus und Sikh). In der Zeit ereignete sich auch die völlige Zerstörung der Buddha-Statuen. Taliban-Führer “Mullah” Omar, de facto Staatschef, hat sie wohl angeordnet. In Bamiyan lebende Hazaras sagen, dass gefangene Hazara zur Anbringung des Sprengstoffs gezwungen wurden (siehe verlinkten Artikel unten). Araber und Pakistanis seien beteiligt gewesen. Zuerst war versucht worden, die Figuren durch Schüsse zu zerstören. Für die Sprengung brauchte man mehrere Versuche über Wochen hinweg. Für viele Afghanen waren die Statuen ein Schatz aus der Vergangenheit des Landes gewesen. Die leeren Nischen zeugen davon, dass sich hier einmal die Perlen Asiens befanden. Die ganze Repressivität, Intoleranz und Destruktivität der Taliban und des Salafismus liegt in dieser Sprengung.

Eine andere Religion als der Islam ist in Afghanistan praktisch nicht existent. Die Paschtunen, Nachfahren der Gandhara-Buddhisten und Erbauer der Statuen, sind besonders strenge Moslems geworden. Im benachbarten Iran (das früher islamisiert wurde) ist dagegen mit Norus ein vor-islamisches Fest das wichtigste im Jahr, nicht-islamische Namen sind gang und gäbe, es gibt relativ grosse Gruppen von nicht-moslemischen Minderheiten, auch der Laizismus innerhalb des Bevölkerungssegments der nominellen Moslems ist (trotz bzw gerade wegen dem religiösen Regime) gross. Angesichts der Nicht-Präsenz des Nicht-Islamischen in Afghanistan (schon Schiiten werden oft angefeindet) war es eigentlich eine Frage der Zeit, bis die riesigen Buddha-Statuen verschwinden mussten, zumal unter dem fundamentalistischen Regime der (paschtunischen) Taliban.

Die UNESCO erklärte die Überreste 2003 zum Weltkulturerbe, plant zusammen mit der afghanischen Regierung einen Wiederaufbau. Es ist ein wenig wie beim Stadtschloss in Berlin, welchen Sinn macht eine Wiederherstellung, wenn die Umstände gegenüber der Enstehung ganz andere sind, es in diesem Land also keinen Buddhismus mehr gibt. Hier kommt noch dazu, dass die Gefahr der Taliban bzw einer neuerlichen Zerstörung noch lange nicht gebannt ist.

Auch Persien/Iran hat ein kleines buddhistisches Erbe. Das parthische Persien soll bei Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach China geholfen haben. Ost-Khorassan war meist bei Persien, und, wie erwähnt, fand auch dort der Buddhismus etwas Einzug. Möglicherweise auch in das nördliche persische Zentralasien. Die religiöse Vielfalt im sasanidisches Persien reichte vom Nestorianismus in Mesopotamien bis zum Buddhismus in Khorassan, seiner “Mittler-Funktion” in Asien voll entsprechend. Ost-Khorassan wurde unter den Saffariden (eine der ersten moslemischen Lokaldynastien nach dem Abbasiden-Zerfall) islamisiert, also etwas später als das restliches Persien, etwas früher als Gandhara.

Nachfahren zoroastrischer Iraner die gewaltsam islamisiert wurden, brachten zT den Islam nach Indien, Inder wiederum nach SO-Asien; Die wahrscheinlich ost-iranischen/tadschikischen Ghoriden waren vor ihrer Konversion zum Islam durch die Ghaznawiden auch Buddhisten gewesen,… In Balkh legten Zoroastrismus und Buddhismus die Grundlage für den synkretischen moslemischen Sufismus des Jalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (Balkhī, Mawlānā, Mevlânâ, Rūmī; 13. Jh), zu einer Zeit, als das Gebiet zum Reich der Khwaresm-Schahs gehörte. Im Il-Khanat war der Buddhismus zeitweise Staatsreligion, dieser kehrte somit für eine Zeit nach Persien und Gandhara zurück. Der Hinduismus kam viel später mit indischen Einwanderern in den Iran (zurück), es gibt 2 Tempel im Süden, aus dem 19. Jh. Einige moderne iranische Schriftsteller wie Sohrab Sepehri haben sich mit dem Buddhismus beschäftigt.

 

Mostafa Vaziri: Buddhism in Iran. An Anthropological Approach to Traces and Influences (2012)

Anna Akasoy, Charles Burnett, Ronit Yoeli-Tlalim: Islam and Tibet. Interactions Along the Musk Routes (2011)

Heinz Bechert/Richard Gombrich: Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart (1. Auflage 2000)

André Wink: Al-Hind the Making of the Indo-Islamic World. The Slave Kings and the Islamic Conquest, 11th-13th Centuries (2002)

Hamid Wahed Alikuzai: A Concise History of Afghanistan in 25 Volumes (2013)

Peter Levi: The Light Garden of the Angel King (1972)

René Grousset: Sur les traces de Bouddha (1929). Hauptsächlich über den chinesischen Pilgermönch Xuanzang und seine Reise nach Nalanda

Tribe_Diaspora_and_Sainthood_in_Afghan_History

https://jambudveep.wordpress.com/2010/09/12/kabul-shahi-the-hindu-kings-of-kabul-zabul/

Diskussion um die Ethnizität der Erschaffer der Buddha-Statuen…

http://www.ancient.eu/Gandhara_Civilization/

Über die Wiederaufbau-Diskussion

Über Schahr-e Gholghola

Von der iranischen Filmemacherin Hana Makhmalbaf (Schwester von Samira und Tochter von Mohsen) kam 2007 der Film “بودا از شرم فرو ریخت” (Buda az sharm foru rikht/ Buddha fiel aus Scham um) heraus, in dem es um Zustände im Afghanistan der Taliban und auch danach geht, aus den Augen von Kindern in Bamiyan gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Irak durch die Jahrhunderte

Mit dem Vormarsch der islamistischen Terrormiliz IS ist der Irak wieder einmal Welt-Krisen-Brennpunkt. Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg, Diktatur, Terror, wirtschaftliche Engpässe durch Sanktionen,… Mehrere Generationen sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass allein das Recht des Stärkeren gilt und dieses mit Waffen durchzusetzen ist. Wie auch Andere in der Region stehen die Iraker zwischen dem Hammer des westlichen Imperialismus und dem Amboss des Islamismus. Mit dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins begann eine besonders dunkle Phase für den Irak. Der Name “Irak” leitet sich vom arabischen Wort für Ufer (von Euphrat/Tigris) oder aber von der sumerischen Stadt Uruk ab und soll seit dem 6. Jh. in Verwendung sein.

Mesopotamien, so die griechische Bezeichnung für “Zwischenstromland”, Land zwischen Euphrat und Tigris, aramäisch Beth Nahrin, war durch die Jahrhunderte meist eine geo-politische Einheit, ist kein durch die britische Kolonialherrschaft entstandenes Kunstgebilde; die Bevölkerung war schon immer sehr diversifiziert. Die jetzigen Probleme werde ich nicht mit einer grossen Vergangenheit überdecken, eher sie daraus erklären. Ich habe mir Mühe gemacht, die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Gliederung ergibt sich durch die Einschnitte und Umbrüche.

* Von den Sumerern bis zur persischen Eroberung, also etwa von 3000 vC bis 500 vC

Diese Phase umfasst die Zeit der antiken Hochkulturen der Sumerer, Akkader, Babylonier und Assyrer. Diese bildeten Stadtstaaten, die nacheinander die Herrschaft über ganz Mesopotamien und oft auch über ganz Vorderasien errangen, die Assyrer dehnten ihre Herrschaft sogar bis nach Ägypten aus. Die Bevölkerung dieser Reiche war grösstenteils semitisch, nur die Sumerer nicht (ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt). Der Beitrag Mesopotamiens zur Weltkultur aus dieser Zeit war ein grosser und ist noch immer lebendig. Von den Sumerern ist neben der Erfindung des Rads und der alkoholischen Gärung vor allem die Keilschrift zu nennen, eines der ersten Schriftsysteme der Welt, das später auch von Akkadern (deren Sprache auch von der sumerischen beeinflusst wurde) und Hethitern verwendet wurde und andere Kulturen beeinflusst hat; der ältere Teil des Gilgamesch-Epos wurde in dieser Schrift verfasst. Mehr zu erwirtschaften als man zum Leben brauchte, war Voraussetzung für die Entstehung der Hochkultur.

Der Untergang Sumerus durch den Angriff der Akkader (sowie die Einwanderung der Amoriter ins südliche Mesopotamien) um 2000 vC fiel mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zusammen bzw. bewirkte diesen. Die sumerische Weiblichkeits- bzw. Fruchtbarkeitsgöttin Inana wurde bei Akkadern, Assyrern und Babyloniern zu Ishtar. Während Inana männliche Gottheiten noch zur Seite gestellt bekam (auch als Gemahl), wurden Ishtar diese später übergeordnet. Bei den Assyrern etwa der Kriegsgott Ashur (Assur), bei den Babyloniern nicht zuletzt Marduk oder die Mondgottheit Sin. Die Akkadische Sprache (in Keilschrift) wurde dann auch lange von Assyrern und Babyloniern verwendet.

Die babylonischen Reiche (im Süden Mesopotamiens, in langen Kämpfen mit den Assyrern im Norden des Landes), haben der Welt Grosses in der Baukunst (die Stadt Babylon/Babel, mit dem Tor, das der Gottheit Ishtar gewidmet war, der Turm in der Nähe der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, die aber auch den Assyrern zugeschrieben werden, Kanäle), der Verwaltung (Hammurabis Gesetzeswerk), Astronomie (Kalender), Mathematik, Medizin hinterlassen. Mit dem Fall des Neu-Babylonischen Reichs gegen die Perser 539 vC verlor Mesopotamien seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, gewann sie erst im 20. Jahrhundert wieder! Zwischen Nabonid und Qasim wurde Irak/Mesopotamien 2500 Jahre von Ausländern regiert.1

Interessant in dem Zusammenhang ist die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten Königs dieses Reichs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll; in veränderter Form fand sie (wie vieles aus Mesopotamien, etwa der Garten Eden) Eingang in Tanach und Altes Testament der Bibel. Die Botschaft “Mene Mene Tekel Upharsin” war eine Warnung bzw. Ankündigung (Gottes). Was die Historizität dessen betrifft, so gehen anscheinend alle Quellen auf Xenophon zurück, der aber möglicherweise auch Daniel wiedergegeben hat. Ausgrabungen antiker mesopotamischer Hinterlassenschaften dauern an, werden aber immer wieder unterbrochen, durch die Gewalt, der der Irak nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.

* 6. Jh. vC bis 7. Jh. nC, Fremdherrschaften der Perser und Griechen:

Die Herrschaft Persiens, das von den Achämeniden regiert war, wurde nach etwa 200 Jahren durch die Eroberungszüge der Griechen unter Alexander beendet (Schlacht von Gaugamela). Von diesem soll der Ausdruck “Mesopotamien” stammen. In Asien setzte sich nach Alexanders Tod ja sein Feldherr Seleukos durch, der dort eine Herrscher-Dynastie begründete. Nach weiteren 200 Jahren erkämpfte im Nachbarland wieder ein iranisches Volk die Herrschaft, die Parther, unter der Arsakiden-Dynastie. Im 3. Jh. nC wurden diese von den persischen Sasaniden gestürzt, im Herkunftsland wie in Mesopotamien. Wie sehr die Iraner in der Spät-Antike das Zwischenstromland als Teil ihres Landes betrachteten, davon zeugt die Tatsache, dass arsakidische und sasanidische Herrscher ihre Hauptresidenz im dortigen Seleukia-Ktesiphon bezogen, das eigentlich aus zwei Städten bestand, die zur seleukidischen Zeit gegründet wurden. 64 vC wurde das Römische Reich Nachbar, wobei die Grenze meist entlang des Euphrats verlief. Rom und dann das Oströmische/Byzantinische Reich versuchten öfters, in Mesopotamien in den persischen Machtbereich einzudringen.

Ausserordentlich bunt war die religiöse Landschaft Mesopotamiens in der Spät-Antike: Unter persischer Herrschaft war auch dort der Zoroastrismus Staatsreligion. Ein grosser Teil der Bevölkerung Mesopotamiens verehrte aber weiter lokale semitische Gottheiten wie Sin und Aschur, v.a. im Norden des Landes. In Süd-Mesopotamien entstand im 1. Jh. nC die gnostische Mandäer-Religion (Mandaje; es gibt heute diverse Fremdbezeichnungen für sie, wie “Subba”). Auch die persische Manichäer-Religion entstand in Mesopotamien, im 3. Jh. nC, ihr Stifter Mani stammte aus der Arsakiden-Familie. Das Land wurde das erste Exil-Zentrum der Juden, der babylonische Talmud entstand hier, ebenso die Karäer-Sekte (Bene Mikra). Darüber hinaus trat die Herrscherschicht von Adiabene (Nodshirakan) im Norden, das eine gewisse Selbstständigkeit behauptete, und wo der Aschur-Kult vorherrschend war, zum Judentum über.

Im 1. Jh. nC kam das Christentum aus dem römischen Bereich (Syrien angrenzend) ins persische Mesopotamien, wo sein nestorianischer Zweig entstand, dieser Glaube dürfte der stärkste im damaligen Mesopotamien gewesen sein. In Seleukia-Ktesiphon entstand ein Katholikat, das dann zum Patriarchat aufgewertet wurde; “Persische Kirche”, auch “Seleukia-Kirche”, wurde diese Christengemeinde genannt. Bischof Nestorius vertrat im Oströmischen Reich die Meinung, dass in Jesus Christus Mensch und Gott getrennt seien (Diophysitismus). 484 nahm die Kirche in Mesopotamien Partei zugunsten des in der “Mutterkirche” ausgeschlossenen Nestorius, ging spätestens ab da nicht nur einen organisatorischen sondern auch einen dogmatischen Sonderweg. Nestorius’ Anhänger gingen aus Byzanz nach Persien. Die nestorianische Kirche breitete sich im persischen Bereich (Lachmiden) und darüber hinaus (Indien, Ostasien) aus.

Die sasanidischen Herrscher Persiens hatten an verschiedenen Grenzen Mühe, ihr Reich zu verteidigen, so etwa im Nordosten gegen die Weissen Hunnen. Im Westen, in Mesopotamien, war Byzanz der grosse Gegner geworden. Im südlichen Teil dieser Grenze hatten die Sasaniden einen vorislamischen arabischen Stamm, die Lachmiden (Banu Lakhm) als Vasallen engagiert. Diese waren zum nestorianischen Christentum übergetreten. Anfang des 7. Jahrhunderts gliederte Chosrou II. die Lachmiden seinem Reich ein – und verlor damit einen wirkungsvollen Grenzschutz.

Die Sprache der Aramäer in Syrien, die zu Beginn des 1. Jahrtausends vC entstand, hatte auch auf Mesopotamien grosse Auswirkungen. Sie entwickelten eine Konsonantenschrift, benutzten nicht mehr Tontafeln, sondern Papyrus und Pergament. So setzte sich Aramäisch auch im Neuassyrischen und Spätbabylonischen Reich durch. Auch die persischen und griechischen Herrscher Mesopotamiens verwendeten Aramäisch als Verwaltungssprache, es wurde dort erst im Mittelalter allmählich vom Arabischen verdrängt, wird aber noch immer von manchen Religionsgemeinschaften zumindest in der Liturgie verwendet. In diesem Land der historischen Brüche eine seltene Kontinuität. Phebe Marr findet noch eine Kontinuität von antiken Zeiten bis zu jetzigen bzw Gemeinsamkeiten in den Umbrüchen: “Rapider Expansion der Zentralmacht folgte unvollständige Assimilation der diversen Völker; interne Rebellionen und Palastrevolutionen brachen aus; Kriege an den Grenzen sowie Invasionen zerstörten schliesslich das Regime.” Die Zentralmacht waren früher eben die Babylonier, später die sunnitischen Araber.

* Von der arabischen Eroberung bis zum Auseinanderfall des Abbasiden-Kalifats, 7. bis 9. Jh.

636 nC siegte die arabisch-islamische Armee in Kedisia in Mesopotamien über die persische und eroberte in den folgenden Jahren den gesamten persischen Machtbereich. Damit ging auch die persische Herrschaft über Mesopotamien zu Ende, die mit Unterbrechungen fast ein Jahrtausend angehalten hatte, es sollte nicht die letzte sein.

Nach der Ermordung des dritten Kalifen Osman 656 wurde Ali, der davor übergangen worden war, sein Nachfolger als weltlich-geistlicher Führer (Kalif) des von Medina aus regierten Arabischen Reichs. Ali verlegte die “Hauptstadt” von Medina nach Kufa, einer arabischen Garnisonsstadt im mittleren Irak/Mesopotamien. Er sah sich der Konkurrenz v.a. der Omayaden-Familie unter Muawiya sowie den Kharidschiten ausgesetzt, von denen ihn dann auch einer ermordete. Muawiya folgte ihm als Herrscher nach und verlegte das Zentrum des Reichs nach Damaskus. Sein Sohn und Nachfolger Yazid wurde von Alis Sohn Hussain und seinem Gefolge (Schi’at Ali, die Partei Alis, die Schiiten) herausgefordert. 680 kam es in Kerbala im südlichen Irak zur Entscheidungsschlacht, die die Armee der Omayaden-Herrscher gewann. Die Schiiten gingen endgültig in Opposition zum Kalifat, religiös und politisch, und der südliche Irak wurde ihre Hochburg (die wichtigsten Heiligtümer dieser Konfession, die Gräber von Ali und seiner Familie, befinden sich dort).

Mitte des 8. Jh. brach innerhalb der herrschenden Omayaden-Dynastie ein Streit aus, in den sich die Abbasiden einschalteten und sich, durch Kämpfe im Irak, durchsetzten, 750 endgültig. Die neuen Kalifen gründeten eine neue Hauptstadt, Bagdad am Tigris, nördlich der untergegangenen Metropolen Seleukia-Ktesiphon und Babylon. Für etwa ein Jahrhundert blühte das Reich unter den Abbasiden politisch und kulturell auf, Perser (obwohl grossteils Schiiten) kamen unter ihnen zu bedeutendem Einfluss; ein genuin irakischer Beitrag zu der hohen Kultur war der Wissenschafter al Kindi. Die Zentralgewalt begann aber schon mit ihrer Machterringung zu bröckeln, als sich die entmachteten Omayaden auf der Iberischen Halbinsel selbstständig machten.

Harun al Rashid war Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts der letzte bedeutende abbasidische Kalif, Mitte des 9. Jh. versank das Kalifat in Bedeutungslosigkeit, als von den Rändern des Reiches (zunächst Nordafrika) ausgehend, regionale Herrscher die Macht übernahmen (Almoraviden, Fatimiden,…), schliesslich auch im Kernraum. In Mesopotamien hielten sich die abbasidischen Kalifen bis ins frühe 10. Jahrhundert, hatten aber auch dort den grössten Teil ihrer Macht an ihre Emire verloren. Ungefähr zur selben Zeit wie die sunnitischen Herrscher gingen auch ihre schiitischen Kontrahenten “unter”, der zwölfte Imam, der Mahdi, verschwand 869 in Samarra, er sollte der letzte sein.

Mit der arabisch-islamischen Eroberung des Irak begann auch hier der Prozess der Islamisierung und Arabisierung, durch den Druck von Sondersteuern, Einwanderung aus der arabischen Halbinsel (nach den Soldaten kamen Beduinen), Vermischung mit den einheimischen Semiten, allmähliche Durchsetzung/Annahme der arabischen Sprache, am Ende auch im privaten Bereich,… Auch die Ethnogenese der Kurden ist wahrscheinlich in früh-islamischer Zeit anzusetzen; sie dürften durch die Vermischung von eingewanderten Iranern (Medern?) mit semitischen Assyrern u.a. im Norden Meopotamiens entstanden sein. Armenier (im Irak nie so zahlreich) dürften im Mittelalter aus dem Norden eingewandert sein.

Im äussersten Norden und äussersten Süden Mesopotamiens gab es zwei Religionsgemeinschaften, die sich später Sabäer nannten. Der Hintergrund war dieser: bei der Ausbreitung des Islam wurden im Koran genannte Buch-Religionen anerkannt, das sind Christentum, Judentum und Sabäer (nicht aber Zoroastrier oder Hindus, die es dennoch zu dieser Anerkennung brachten). Sabäer (oder Sabier) waren zur Zeit Mohammeds Anhänger eines Gestirnkults in Jemen gewesen, der bald unterging. Die Mandäer in Süd-Mesopotamien, deren heilige Schrift die Ginza ist, bemühten sich zur Zeit der Islamisierung um Anerkennung und nannten sich daher nach dem im Koran erwähnten Sabäern. Dasselbe taten die Anhänger alt-mesopotamischer Kulte im Norden des Landes, um Harran! Während sich die Mandäer bis heute behaupten konnten (als ethnoreligiöse Gruppe, wie etwa die Drusen), sind die “Nord-Sabäer” im 12./13. Jahrhundert untergegangen – bzw. in den Alawiten aufgegangen.

* Hoch- und Spätmittelalter

Die Macht der Abbasiden wurde Mitte des 10. Jh. durch die persischen Buyiden (die Schiiten waren) endgültig gebrochen. Irak/Mesopotamien war in den folgenden Jahrhunderten meist wieder mit Iran/Persien zu einem Herrschaftsbereich zusammengefasst. Nach den Buyiden herrschten die türkischen Seldschuken (11./12. Jh.). Daneben und danach gabs die Hamdaniden, die Zengiden u. a., die über Teile des Irak regierten.

Bagdad war über den Untergang der Abbasiden-Herrschaft hinaus eine Metropole der islamischen Welt geblieben, durch die erste Mongolen-Invasion im 13. Jh. unter Hülagü wurde es schwer zerstört; auch der letzte abbasidische Kalif von Bagdad, der allenfalls noch eine religiöse Bedeutung hatte, wurde damals umgebracht. Im 15. Jh. fielen abermals die Mongolen ein, unter Tamerlan, verübten diesmal auch in Nord-Mesopotamien Massaker, an Nestorianern, die dort noch in der Mehrheit waren. Die nestorianische Kirche mit dem Patriarchat in Bagdad war nach der Arabisierung und Islamisierung Mesopotamiens weiter geblüht, hatte Anhänger in verschiedenen Teilen Asiens, wurde erst durch den zweiten Mongolen-Sturm stark getroffen, nicht nur in Mesopotamien. Zwischen den beiden Mongolen-Einfällen verbreitete sich im Land ausserdem die Pest.

Die Kämpfe mit den Mongolen führten zu hohen Sachschäden an dem komplexen Bewässerungssystem des Zweistromlandes. Dadurch konnte die mesopotamische Landwirtschaft ihr volles Potential nicht mehr entfalten. Das war einer der Faktoren dafür, dass das Land nach den Mongolen-Invasionen zur Peripherie wurde und für lange Zeit blieb (eigentlich war es erst das Erdöl, durch dass sich das änderte, in der modernen Zeit). Wie auch in Teilen Persiens etablierten sich dann turkmenische Stämme im Irak. Im Spät-Mittelalter begründeten die türkischen Osmanen in Anatolien ihre Herrschaft, in Persien die schiitische, multiethnische, Safawiden-Dynastie. In Mesopotamien trafen Perser und Osmanen im 16. Jh. aufeinander, die Osmanen setzten sich durch, gründeten das Wilayet von Bagdad, das den östlichen Rand ihres Reichs bildete.

Eine weitere im Zwischenstromland entstandene Religion ist die yazidische, die im 13. Jh. bei Mossul unter Kurden entstand, aus dem Islam, mit Beimischungen aus Zoroastrismus, Schamanismus,…  Diese Religion ist auch heute mehr oder weniger auf irakischen Kurden beschränkt; die Yaziden/Jesiden werden auch als ethnoreligiöse Gruppe gesehen.

Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im
Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im “Jami al-Tawarich”, einem mongolischen Geschichtsbuch der damaligen Zeit

* Neuzeit, osmanische Herrschaft

Das Land war bis ins 17. Jh. hart umkämpft zwischen Persischem und dem Osmanischen Reich; Teile des Landes bzw. die Grenzen sogar noch bis ins 19. Jh. Der Irak war für Persien schon wegen der schiitischen Bevölkerung (bzw. ihren heiligen Stätten) und den sprachverwandten Kurden wichtig. Erst nach der zweiten Einnahme Bagdads unter Sultan Murad IV. 1638 war die osmanische Herrschaft im Irak gesichert.

Ein Blick auf die Bevölkerungsgruppen, zumal sich in der Neuzeit die grossen Wanderungsbewegungen, Vermischungen und Assimilationsprozesse legten und sich die heutige “Landschaft” herausbildete. Es überwogen arabisierte und arabische Moslems, wobei Schiiten in der Mehrheit waren; deren Siedlungs-Schwerpunkt war der Süden geblieben, mit der Metropole Basra, am Schatt el-Arab/Arvandrud, der beim Zusammenfluss von Euphrat und Tigris entsteht und z.T. die Grenze zwischen Irak und Iran bildet. Schiiten wurden seit ihrer “Entstehung” im Irak bis auf die etwa 100 Jahre Herrschaft der Buyiden immer von Sunniten regiert  – bis zum Bush-Krieg 2003. Sie wurden unter Osmanen diskriminiert, weil sie als “Handlanger” der persischen Nachbarn und Konkurrenten verdächtigt wurden.

Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil des schiitischen Klerus im Süd-Irak aus Persien stammt(e) (davon zeugen auch heute Namen wie Sistani, der Gross-Ajatollah in Najaf), setzte diese Diskriminierung die Dynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang, wie oft in der Geschichte: Persien, seit den Safawiden ein “Paradies” für Schiiten, wurde so für die irakischen zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend verhielt es sich mit den Moslems in Bosnien-Herezegowina (den Bosniaken). Man unterstellte ihnen das Streben nach einer Vorherrschaft, nach einem politischen Islam, diffamierte sie als un-europäisch, rechtfertigte die ethnischen “Säuberungen”, die bald nach der Unabhängigkeit begannen, damit. Ein Resultat des Krieges ist, dass der Islam für die Bosniaken eine grössere Rolle spielt als vorher – nicht unbedingt als Lebensanleitung oder politisches Programm, aber zumindest als Teil der Identität. Erst 1908 wurde Schiiten von den osmanischen Behörden freie Religionsausübung erlaubt. Schiiten waren in unteren sozialen Schichten zu finden, waren oft Bazaris.

Sunnitische Araber mach(t)en etwa ein Drittel der Bevölkerung aus (Zentrum war/ist der Mittel-Irak um Bagdad), waren unter der türkischen Herrschaft, wie auch davor und danach, die privilegierte Bevölkerungsgruppe. Kurden waren und sind die vorherrschende Ethnie im Norden, wobei die grösste Stadt dort, Mossul, eine relative arabische Mehrheit hat. Kurden sind grossteils sunnitische Moslems, mit Minderheiten von Schiiten, Yaziden,… Die ebenfalls im Norden des Irak ansäßigen Türken werden “Turkmenen” genannt, was eigentlich irreführend ist. Sie stammen von verschiedenen türkischen Wanderungsbewegungen nach/durch Mesopotamien ab, jener unter den Seldschuken im Mittelalter und der unter den Osmanen in der Neuzeit – die meisten irakischen Turkmenen stammen von osmanischen Soldaten, Beamten und Händlern ab. Es gab im Früh-Mittelalter daneben eine Einwanderung echter Turkmenen aus Zentralasien, die vom Omayaden-Feldherr Ubayd-Allah ibn Ziyad dort als Soldaten rekrutiert worden waren. Diese gingen aber in der Mehrheitsbevölkerung auf, die (seit den Tagen der Omayaden) als “arabisch” gilt.

Ein Prozess, den es natürlich bei allen “Völkern” gibt, auch bei jenen, die als “Türken” gelten. Unter den Deutschen sind viele litauische und prussische Familiennamen verbreitet (bei Jenen, bei denen eine patrilineare Weitergabe des Namens gewährleistet war…), was u.a. auf die Assimilierung von Teilen dieser Völker an die Deutschen in Ostpreussen zurückzuführen sind. Zurück zu den irakischen Turkmenen. Früher wurden alle westlichen/oghusischen Türken “Türkmen” oder “Turkoman” genannt, dies erklärt diese Bezeichnung für sie. Ihre Sprache ist dem Aseri sehr ähnlich. Auch von den aus osmanischer Zeit stammenden Türken ist ein Teil in der “arabischen” Mehrheitsbevölkerung des Irak aufgegangen, etwa die Hashimi-Brüder, die im 20. Jh beide Premiers waren. Für die Türken/Turkmenen in Syrien gilt fast alles was über jene im Irak hier steht.

Der wichtigste nicht-moslemische Bevölkerungsteil waren (und sind) die christlichen Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert oft als “Assyrer” zusammengefasst werden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Nestorianer, die nach dem Mongolensturm mehr oder weniger auf einen Rest in Nord-Mesopotamien, wo sie v.a. mit Kurden zusammenlebten, reduziert waren. Die Kirche führte die Erblichkeit des Patriarchen-Amts ein, wechselte öfters den Sitz, es gab Nachfolgekämpfe, es entstanden Gegenpatriarchen (zeitweise gab es vier Patriarchen). Einer vollzog zu Beginn der Neuzeit die Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche. Im 19. Jh. hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass es eine autokephale und eine unierte Kirche gab.

Der Siedlungsschwerpunkt der Chaldäer, der unierten Nestorianer, verlagerte sich in den mittleren Irak, um das Patriarchat in Bagdad; die Nestorianer hatten ihr Patriarchat in Hakkari im Norden. Daneben waren auch die syrischen Christen der Jakobiten und ihrem katholisch-unierten Zweig im Irak vertreten; diese werden auch als “Aramäer” statt als “Assyrer” bezeichnet. Im 19. Jh. begann auch das westliche Interesse an den mesopotamischen Christen, das Missionsversuche, den Import von Nationalismus-Ideen, machtpolitische Überlegungen, historisch-religiöse Studien von ihnen, umfasste. Das nördliche Mesopotamien lag am Schnittpunkt türkischer, russischer, britischer Interessen. Hinzu kommen die Mandäer/Sabäer, Juden und Armenier.

Irak/Mesopotamien war im Osmanischen Reich eine Randregion, oft regiert von Statthaltern, die an persönlicher Bereicherung interessiert waren. Verwaltungstechnisch war das Land (in den Grenzen, die es nach der britischen Eroberung 1918 annahm und heute hat) auf vier (am Ende drei) Eyalets aufgeteilt (aus denen im 19. Jh. Vilayets wurden): Bagdad, Basra, Mossul, Sharazor (Kirkuk, ging 1830 in dem von Mossul auf). In den 1740ern übernahm in drei dieser Elayets (Bagdad, Basra, Kirkuk), also im grössten Teil des Irak, eine “Kaste” von mamelukischen Offizieren im osmanischen Dienst, die georgischer Herkunft waren, die Macht, für etwa 100 Jahre.

Während sich in der Provinz/Eyalet Mossul die Jalilis als quasi-erbliche Herrscher durchsetzten (“Araber”; sie waren christlicher, wahrscheinlich nestorianischer Herkunft und hatten wahrscheinlich auch kurdischen Einschlag), wurde Hasan Pascha 1702 Beylerbey (Gouverneur) von Bagdad, ernannt vom Sultanspalast in Konstantinopel/Istanbul, wo er auch aufgewachsen war. Er stammte von islamisierten georgischen Militärsklaven (Mameluken) ab. Er brachte neue Militärsklaven aus dem Kaukasus und etablierte in der Provinz, ja im Land, ein Machtsystem aus mamelukischen Offizieren, die sich auf militärischen Rückhalt stützen konnten, aber in Verwaltungspositionen ernannt wurden. Sein Sohn Ahmed (Pascha), zunächst Beylerbey im Eyalet Basra, wurde 1723 sein Nachfolger in Bagdad. Nach seinem Tod versuchte die “Hohe Pforte” dieses “Machtkartell” zu brechen, aber die von ihr ernannten Gouverneure von Bagdad konnten sich nicht durchsetzen. Suleyman Pascha, ebenfalls georgischer Mameluke, bislang Gouverneur von Basra, Schwiegersohn von Ahmed, erzwang seine Einsetzung in Bagdad. Manche setzen den Beginn der Mamelukenherrschaft mit ihm an. Unter ihm wurden die Gouverneurs-Positionen von Bagdad, Basra und Kirkuk quasi zu einer vereint.

Die Mameluken-Herrscher mussen oft in Streitigkeiten zwischen den Stämmen und ihren Scheichs intervenieren. Der grösste Teil des Zwischenstromlandes war von den 1740ern bis 1831 de facto autonom vom Osmanischen Sultanat; es hätte hier wie in Ägypten kommen können, wo die albanisch-stämmigen Lokalherrscher es schafften, sich tatsächlich unabhängig zu machen, wenn auch unter britischer Herrschaft dann. Mit Dawud Pascha fand diese Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und dann ihr Ende. Er leitete im Land einige Modernisierungsschritte ein (so geht die erste Zeitung des Irak auf ihn zurück), beendete die Unabhängigkeit des Janitscharen-Korps. Anfang der 1830 forderte der Wali von Ägypten Mohammed Ali indirekt die Herrschaft in Syrien, was ein Grund für die osmanische Regierung war, wenigstens im Irak die Macht der Mameluken zu brechen. 1830 wurde Dawud vom Sultan abgesetzt, der Emissär, der diese Nachricht überbrachte, wurde aber kurzerhand umgebracht.

So schickte Istanbul eine Militärexpedition unter Ali Rida Pascha, die 1831 Erfolg hatte. Ali Rida wurde selber Gouverneur in Bagdad. Er heiratete die Tochter eines Mameluken-Notabeln, blieb der Hohen Pforte aber treu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte der osmanische Politiker Midhat Pascha, anscheinend ein Alewit, als Gouverneur in Bagdad, betrieb eine Modernisierung, im Bildungsbereich und für das Heer. Zu den aus der Kaukasus-Region stammenden Irakern gehörten neben den im 18. Jh. als Militärsklaven rekrutierten Georgiern Moslems aus Daghestan, Tschetschenien oder Abchasien, die Mitte des 19. Jh. vor der russischen Eroberung ins Osmanische Reich “auswiechen”. Naji Shawkat, in der Phase nach der Unabhängigkeit im 20. Jh Premier, war etwa mamelukisch-georgischer Herkunft.

Für die Führer der Babi-Sekte war der Irak nach der Vertreibung aus Persien Exil-Station, für 10 Jahre. In einem Park in Bagdad erklärte sich einer von ihnen, Mirza Hussain Ali Nuri, 1863 (gegen Ende dieses Aufenthalts im osmanischen Mesopotamien) erstmals als die vom Gründer angekündigte messianische Gestalt, als “Baha’ullah” (Glanz Gottes), was als Stiftung der Baha’i-Religion verstanden wird. Kuwait, zwischen Mesopotamien und der arabischen Halbinsel (Hasa-Region) liegend, wurde 1756 ein Scheichtum unter der as-Sabah-Dynastie, unterstand aber der Oberhoheit der Osmanen. Nachdem diese im 19. Jh versuchten, ihre Oberhoheit auch durchzusetzen, löste sich Kuwait 1899 unter britischem Schutz von den Osmanen (endgültig im 1. Weltkrieg).

Anfang des 20. Jh begann auf osmanische Initiative der Bau der Bagdad-Bahn von Kleinasien nach Bagdad, ausgeführt durch das Deutsches Reich (das sich dadurch Zugriff aufs Öl erhoffte), als Konkurrenz zum britisch kontrollierten Suezkanal. In der späten osmanischen Herrschaft über Irak begannen auch die Ausgrabungen antiker Reste, v.a. durch Briten (Austen Layard, Norden, Ninive, Assyrer) und Deutsche (im Süden).

Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung, 1932?
Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung. Das Tor war eines der Stadttore Babylons, wurde unter Nebukadnezar II. (7./6. Jh. vC) errichtet. Es ist mit Reliefen der anderen babylonischen Gottheiten Marduk und Adad geschmückt. Es wurde im 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit der osmanischen und dann der britischen Herrschaft über Mesopotamien/Irak hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben, in Berlin aus den Teilen dann rekonstruiert

Mit dem westlichen Imperialismus, der Irak begann für den Westen v.a. wegen seines Erdöls interessant zu werden, kam auch der Nationalismus in die Region, erfasste auch im osmanischen Irak alle Bevölkerungsgruppen, Araber, Kurden, Türken, Assyrer, Juden,… Der zu Beginn des 20. Jh gegründete Irakische Bund (al-Ahd al-Iraqi) wurde die wichtigste Organisation arabischer Iraker, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wollten.

* Der 1. Weltkrieg, die britische Eroberung und Machtausübung bis zur Unabhängigkeit

“Bis zum Waffenstillstand von Mudros [in Westasien, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten, im Oktober 1918] war London an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert.” (Fürtig) Marineminister Churchill hatte im Vorfeld des Kriegs als ein Ziel ausgegeben, Eigentümer oder zumindest Kontrolleur der Menge Erdöl zu werden, die Grossbritannien benötigte. Und Aussenminister Sykes hatte 1916 mit seinem französischen Kollegen den Nahen und Mittleren Osten aufgeteilt, den grössten Teil Mesopotamiens sollte GB bekommen. Die Briten, mit ihren Hilfstruppen aus Indien (mehr als die Hälfte!) und anderen Ländern, eroberten, mit Hilfe vieler Iraker, gegen Osmanen und Deutsche, dieses Gebiet dann, von Süden nach Norden, zunächst bis Kirkuk, dann auch das Gebiet um Mossul.

Den äussersten Norden des Zwischenstromlands nicht, das waren die osmanischen Vilayets Harput, Erzurum, Bitlis, Diyarbakir (Amid), den äussersten Westen auch nicht, in den Vilayets Aleppo und Dar es Zur (das zu Aleppo gehört hatte, dann ein unabhängiger Sandjak geworden war). Die Gebiete der Oberläufe und Quellflüsse von Euphrat und Tigris kamen dann zum damals französischen Syrien und zur Türkei (der äusserste Norden Mesopotamiens, der dann türkisch wurde, war im 1920 vereinbarten Vertrag von Sevres zunächst dem Kurdengebiet und Armenien zugeteilt worden). Die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu “Mesopotamien” ist fraglich, möglicherweise gehören sie “geopolitisch” eher zu Syrien bzw. Kleinasien.

In der Antike standen sie teilweise unter der Herrschaft der Hethiter, waren dann (auch das anders als das restliche Zwischenstromland) teilweise bei Byzanz, unter islamischer Herrschaft waren die mesopotamischen Gebiete meist vereinigt, so auch bis zum Ende des Osmanischen Reichs, dann wurden die nördlichen und westlichen abgetrennt. Die heute zu Syrien und der Türkei gehörenden Gebiete um Euphrat und Tigris teilen einige Gemeinsamkeiten mit den irakischen, besonders dem angrenzenden des Nord-Irak, so etwa den (angestammten) kurdischen und assyrischen Bevölkerungsanteil. Euphrat und Tigris werden heute von Türkei und Syrien aufgestaut. Wenn man das Einzugsgebiet der zwei Flüsse dazuzählt, wäre Mesopotamien noch grösser, würde es Teile auch des Iran, Kuwaits und Saudi-Arabiens einschliessen. Hier geht es in der Folge aber um den Irak. Die Türkei beanspruchte dann auch den Nord-Irak um Mossul, auch wegen der dort lebenden türkischen Minderheit.

Das nördliche Mesopotamien lag nahe der osmanisch-russischen Front, 1915 mussten sich die Russen dort erstmals zurückziehen. In dieser Phase fand der grösste Teil jenes Terrors statt, der heute allgemein als Völkermord anerkannt ist. Osmanisches Militär und kurdische Milizen deportierten und ermordeten Armenier (deren Siedlungsgebiet zwischen osmanischem und russischem Gebiet lag) sowie Nestorianer, denen sie die Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellten. Ein furchtbares Ende der osmanischen Herrschaft über Mesopotamien. Nestorianer flüchteten, v.a. in den persischen Bereich (wo die Zentralgewalt wenig Macht hatte) um Urmie, ein Teil blieb in der Gegend um Hakkari.

1916/17 hatten wieder die Russen an der Kaukasus-Front die Oberhand, damit auch über Armenien und Nord-Mesopotamien. Für etwa ein Jahr konnten die christlichen Armenier und Assyrer (Nestorianer) anschliessend daran die Front gegen die Osmanen halten, hatten in dieser Zeit die Kurden als Hauptfeind. Als die Osmanen 1918 wieder vorrückten, flüchtete ein Teil der Nestorianer in den Süden Mesopotamiens, den Briten entgegen, auch ihren chaldäischen Brüdern, liessen sich bei Bagdad nieder. Im Urmie-Gebiet töteten Kurden unter ihrem Stammesfüher Simko Ismail Shikak 1918 den nestorianischen Patriarchen Mar Shimun XXI. Benyamin (der auch seinen Sitz in Hakkari aufgeben musste) und 150 seiner Gefolgsleute. Die Verfolgungen im 1. Weltkrieg waren für die Christen Mesopotamiens das einschneidendste Erlebnis seit Tamerlan.

1920 wurde der Irak vom Völkerbund offiziell britischer Kontrolle unterstellt. Die Briten zogen in den frühen 1920ern die Grenzen in der Region, in der sie durch den Krieg die vorherrschende Macht geworden waren, mit etwas französischer Mitsprache. Nach dem 1. Weltkrieg war die ganze islamische Welt unter direkter oder indirekter europäischer Kontrolle; der Einfluss der USA dort kam später. Aufstände von Irakern gegen die britische Herrschaft wurden blutig niedergeschlagen; 1919 sanktionierte Churchill als Kriegsminister den Einsatz von Giftgas gegen Kurden (“unzivilisierte Stämme“, wie er sie nannte), konventionelles Bombardement wurde dann aber als effektiver betrachtet. 1921 wurde der Sohn des Scherifen von Mekka, Hussein, aus der Haschemiten-Familie (am Hejaz von den Sauds “verdrängt”), Bruder des in Jordanien eingesetzten Abdullah (der eigentlich als irakischer König vorgesehen war), als König Syriens von den Franzosen abgesetzt, ein sunnitischer probritischer Araber, von den Briten als König des Irak eingesetzt.

Die Briten herrschten über einen Hochkommissar, dort stationierte Truppen, eigene Beamte, und schufen eine dünne pro-britische Oberschicht (v.a. sunnitische Stammesführer und ehemalige osmanische Offiziere). Iraker bzw arabische Iraker waren wieder nicht Herren im eigenen Haus. Es kam in den 1920ern daher zu weiteren Aufständen, angefacht etwa von der Haras as-Istiqlal (Hüter der Unabhängigkeit, eine schiitisch dominierte Partei), die niedergeschlagen wurden. Das Mossul-Gebiet kam entgegen türkischen Wünschen 1925 endgültig zum Irak, hauptsächlich weil sonst die schiitische Mehrheit im Land noch deutlicher gewesen wäre… Möglicherweise war das auch die Motivation bei der Grenzziehung im Westen, die die arabisch-sunnitische Dulaim/Ramadi/Anbar-Region mit einschloss.

Briten brachten die Erdöl-Förderung und -Verarbeitung auf Touren. Aufgrund des steigenden Interesses an Erdöl und die Vermutung dessen im Irak war in dessen osmanischer Endzeit die Turkish Petroleum Company gegründet worden. Diese TPC hatte britische (die Anglo-Persian Oil Company) und deutsche Teilhaber, und wurde vom armenischen Geschäftsmann Calouste Gulbenkian geführt. Nach dem 1. Weltkrieg (die Nachfrage nach Öl war inzwischen noch grösser) wurden die deutschen Teilhaber, wie Deutsche Bank, hinausgeworfen, Franzosen kamen hinzu, Briten dominierten die TPC nun ganz. Die Gesellschaft führte Mitte der 1920er Bohrungen durch, fand erstmals in Kirkuk etwas. Amerikanische Firmen kamen hinzu. Das Öl machte nun die grösste Bedeutung des Irak aus und blieb es auch über 100 Jahre später. Die TPC wurde 1929 in Iraqi Petroleum Company umbenannt, hatte das Monopol auf irakisches Öl, baute Raffinerien und Pipelines, war von der britischen AIOC dominiert und bohrte auch in benachbarten Ländern. Die Haupt-Pipeline aus dem Irak teilte sich in Haditha, die eine führte Öl von Kirkuk über Jordanien bis 1948 nach Haifa (dann Israel), die andere nach Tripolis im Libanon.

Der sunnitisch dominierte Irakische Bund unter Nuri as-Said stand zur Monarchie und den Briten. as-Said war dieses Bündnis im 1. Weltkrieg eingegangen, als er als Offizier in der osmanischen Armee in britische Gefangenschaft geriet, danach am Hejaz für Haschemiten und Briten gegen Osmanen kämpfte. Viele arabische Soldaten und Offiziere im osmanischen Heer wurden wie er in diesem Krieg zur Unterstützung der Sache des britischen Gegners “konvertiert”, die ihnen als der arabischen dienlich verkauft wurde, nicht zuletzt in Gefangenenlagern in Indien. Die Briten liessen nicht viel politische Betätigung und Mitbestimmung der Iraker zu. 1920 setzten sie erstmals eine Regierung ein, die ihre Vertrauensleute unter Irakern umfasste und nicht viel zu bestimmen hatte.

Nuri as Saids Schwager Jafar Askari war in den 1920ern mehrmals Premier und auf (nominell) wichtigen Ministerposten, Said vorerst nur Minister, als Verteidigungsminister leitete er den Aufbau des irakischen Militärs. 1924 durfte erstmals ein Parlament gewählt werden, die meisten Parteien waren aber verboten, das Wahlrecht eingeschränkt. In der zweiten Hälfte der 1920er drängten auch die Gewährsleute der Briten unter Irakern, auch König Feisal, immer vehementer auf die Unabhängigkeit. As Said wurde 1930 erstmals Premierminister (schloss mit den Briten einen “Bündnisvertrag”), bis 1958 war er das weitere 13 Male. Die Unabhängigkeit wurde 1932 gewährt, bei Beibehaltung britischer Vorrechte (Ölförderung und Militärbasen)

* Der unabhängige Irak bis zum Sturz der Monarchie

Auch nach der Unabhängigkeit unter den vom Hejaz stammenden Monarchen war starker britischer Einfluss gegeben, sunnitische Dominanz, wenig Selbstbestimmung der Iraker. König Feisal starb im Jahr nach der Unabhängigkeit, sein Sohn Ghazi wurde Nachfolger. Unter ihm bzw. in der Phase des unabhängigen, königlichen Irak bis 1958 spielte Nuri as Said weiter eine Hauptrolle. Seit 1924 fanden im Irak Parlaments-Wahlen statt (Männer-Wahlrecht); durch die Konstruktion (in der Verfassung von 1925) mit einem ernannten Oberhaus, eingeschränkten Rechten des Parlaments sowie Parteienverboten konnten die Herrschenden (Königshaus, die Schicht um as Said, Briten) die Opposition von Linken (die an der verbreiteten Armut etwas ändern wollten), Nationalisten (unter denen sich auch Anhänger einer repräsentativen Demokratie befanden!) und zu kurz gekommenen Volksgruppen (Schiiten, Kurden) klein halten.

Das Militär hatte die Rolle der Stütze dieses Systems,  sobald es sich aber gegen das System wandte, hatte dieses keine Chance mehr, wie sich noch zeigen sollte. Der britische Botschafter hatte nicht die Macht des Hochkommissars (die mit der des US-amerikanischen Zivilverwalters nach der Invasion 2003 vergleichbar war), aber dennoch eine beträchtliche; die wirtschaftliche über die Iraqi Petroleum Company wurde durch die militärische, etwa über die Luftwaffenbasis in Habbaniyah, abgesichert.

Ein Teil der Nestorianer im Irak war von den britischen Machthabern für militärische Sondereinheiten, die Levies, rekrutiert worden. Die Levies wurden von den Briten vor allem im Nord-Irak eingesetzt, v.a. um Revolten der Kurden unter Mahmud Bar(a)zani niederzuschlagen. Die Beziehung der Nestorianer zu ihren kurdischen Nachbarn war seit Jahrhunderten “schwierig”; die Verschlechterung der Beziehungen mit Arabern ist nach dem 1. Weltkrieg anzusetzen. Die militärische Instrumentalisierung von Nestorianern durch die Briten trug wesentlich zu ihrer Isolierung im Irak bei. Viele arabische Iraker sahen die Aktivitäten der Nestorianer als Versuch der Briten, den Irak mit Hilfe seiner Minderheiten zu spalten. Die Levies existierten auch noch im unabhängigen Königreich Irak, auf britischen Stützpunkten, wurden 1941 gegen die irakische Regierung eingesetzt.

Ein Teil der Nestorianer quittierte nach der Unabhängigkeit die Levies, 1933, mit dem Ziel, sich im Nord-Irak als Miliz zu organisieren, und verlangte dort Autonomie. Anders als die Chaldäer (deren Patriarch Emanuel Yosef Mitglied des irakischen Parlaments wurde) entwickelten die Nestorianer wenig Zugehörigkeit zum Irak. Der nestorianische Patriarch Mar Schimun XXI. selbst agitierte gegen die Integration in die irakische Gesellschaft. Er wurde im Sommer 1933 zu einem Gespräch mit der Regierung nach Bagdad geladen und danach ausgewiesen, nachdem er seinen Anspruch auf weltliche “Herrschaft” nicht aufgeben wollte.

Im Norden etablierte sich eine Miliz aus etwa 200 Kämpfern unter Malik Yaqo. Die irakische Regierung sandte Truppen unter dem kurdischen General Bakr Sidqi. Viele Kurden begrüssten ein Vorgehen gegen die Miliz. Die Yaqo-Truppe, dazu viele Zivilisten, insgesamt 600 Leute, versuchten, in das französische Syrien zu gelangen, wurde an der Grenze aber zurückgeschickt. In der Folge kam es zu Gefechten mit der irakischen Armee, deren Auslöser umstritten ist. Die Sidqi-Truppen verübten dann in der Dohuk-Region Massaker an Nestorianern, unterstützt von kurdischen (auch yazidischen) und arabischen Einwohnern der Gegend. Die Stadt, die auf aramäisch und türkisch Simele heisst, auf sorani Semel, arabisch Sumail, wurde Fluchtziel vieler Nestorianer der Gegend, wie Srebrenica in Ost-Bosnien für Bosniaken, als dort 1992 die ethnischen “Säuberungen” losgingen. Dort fand nun das schlimmste dieser Massaker statt, in dem Hunderte Menschen getötet wurden.

Wiederkehrende Aufstände der Schiiten wurden in dieser Phase nach der Unabhängigkeit ebenfalls mit Masskern des noch jungen irakischen Militärs beantwortet. 1936 putschte das Militär unter Bakr Sidqi, der inzwischen Generalstabschef war, erstmals. König Ghazi musste Premier Yasin Haschimi gegen Hikmet Suleiman (von der Partei der nationalen Bruderschaft, die hauptsächlich gegen die britische Vorherrschaft eingestellt war) austauschen. Nachdem dieser die Hoffnungen auf Reformen, auf eine breitere Verteilung von Macht und Ressourcen, enttäuscht hatte, sich mit Sidqi zerkracht hatte und dieser dann ermordet wurde (evtl. von der probritischen “Partei”), musste er 1937 zurücktreten.

Die probritische, oligarchische Garde unter Nuri as Said (der ins Exil nach Ägypten gegangen war), kehrte zurück an die Macht. Das Militär war aber zu einem politischen Spieler geworden, der von keinem mehr übergangen werden konnte – und sollte es für die nächsten Jahrzehnte, bis zum Ende der Saddam-Ära, auch bleiben. König Ghazi kam 1939 bei einem Autounfall ums Leben; da er begonnen hatte das bestehende System in Frage zu stellen, gibt es Vermutungen um “Nachhilfe” der Briten und ihrer irakischen Gefolgsleute um as Said dabei. Ghazis dreijähriger Sohn Feisal II. wurde sein Nachfolger, unter Regentschaft seines Verwandten Abdal’ilah, einem Cousin seines Vaters.

Raschid al Gailani von der Partei der nationalen Bruderschaft wurde der grosse Herausforderer as Saids und der bestehenden Verhältnisse; in den 1930ern wirkten die beiden zeitweise zusammen in Regierungen. Unter den Mitstreitern Gailanis war der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini, der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war. Über Husseini wurde eine Verbindung zum deutschen, nationalsozialistischen Regime hergestellt; die Achsenmächte wurde aufgrund des gemeinsamen Feindes GB gebraucht. Gailani wurde 1940 zum zweiten Mal Premierminister, musste 1941 auf Druck der Briten (Botschafter Cornwallis) zurücktreten. Daraufhin kam es zu einem Staatsstreich seines Lagers, das von Teilen des Militärs unterstützt wurde.

Regent Abdal’ilah, Said u.a. mussten fliehen. Die Putschisten verlangten den Abzug der Briten aus dem Irak. Britische Truppen im Land, verstärkt durch weitere aus der Region (wie 1917 viele Inder dabei), der transjordanischen Arabischen Legion und der zionistischen Terrorgruppe IZL (die allein im Jahr 1938 119 Palästinenser bei Anschlägen tötete), stürzten nun, mit Billigung der langjährigen irakischen Herrscher, die aktuellen Machthaber um Gailani. Die deutsche und italienische Luftwaffe beteiligte sich an den Kämpfen auf deren Seite. Nach der Niederlage der Gailani-Regierung (die sich etwa 1 Monat gehalten hatte) und vor dem Einzug britischer Truppen und ihrer Verbündeten kam es in Bagdad zu einem Massaker an Juden, das bis zu 200 Todesopfer forderte und als “Farhud” bekannt wurde.

Gailani und Husseini gelang die Flucht. Saids Stellung im Irak wurde nach der Niederschlagung des Putsches so stark, dass er es sich in Folge leisten konnte, das Amt des Regierungschefs an Politiker seiner Wahl zu vergeben, etwa an Midfai. Dies mit der Unterstützung der Briten, die ihre Militärpräsenz im Lande nach dem Putsch verstärkten, in der Region vorerst der unumschränkte Herrscher wurden (die irakischen Ölfelder waren darin neben dem ägyptischen Suezkanal ihr wichtigster „Schatz“). Die Kluft zwischen dem Regime und der Mehrheit der Bevölkerung vergrösserte sich weiter.

An dieser Stelle etwas über die irakischen Juden, ihren Transfer nach Israel in den frühen 1950ern, die Dynamiken zwischen ihnen, dem Zionismus und dem Irak (dem Staat und der Mehrheitsgesellschaft). Die jüdische Gemeinschaft im Irak war in nach-osmanischer Zeit die grösste in der Region, zählte über 100 000 Menschen, die meisten davon in Bagdad. Um 1920 waren 44% der Mitglieder der irakischen Handelskammer Juden. Der Einfluss aschkenasischer, meist zionistischer, Juden auf sie begann Ende des 19. Jh. Manche wanderten vor dem organisierten zionistischen Transfer nach Palästina aus (meist über den Iran übrigens) und schlossen sich dem zionistischen Projekt an; manche favorisierten einen Irak unter britischer Kuratel, viele sahen sich als Teil der irakischen Gesellschaft. Die Kommunistische Partei des Irak (CPI) hatte viel mehr Anhänger unter Juden als zionistische Organisationen wie Hehalutz.

Irakische Juden, neben jenen in Marokko wahrscheinlich die am besten Integrierten in arabischen Ländern, wurden Spielball im bzw. durch das zionistische Projekt; dass sich ihr Schicksal, wie auch das anderer jüdischer Gemeinschaften in der Region, mit dem Konflikt um Palästina verband, dafür sorgten nicht zuletzt im Untergrund tätige zionistische Aktivisten. Dass sich der Palästina-Konflikt und der Weltkrieg in Europa, speziell die Konfrontation zwischen Deutschland und Grossbritannien, auch auf den Irak als Ganzes auszuwirken begann, hatte nicht nur mit der Anwesenheit des palästinensischen Muftis zu tun.

Manche Iraker zogen Parallelen zwischen ihrer Situation als Bürger mit fast keiner Mitsprache in einem halb-kolonialen Staat und der Situation der Palästinenser. Der “Farhud” wird gerne als Rechtfertigung für zionistische Politik gegenüber irakischen Juden verwendet und überhaupt stark instrumentalisiert, auch gegen palästinensische Anliegen. Die Geschichte des Irak ist voll mit Massakern, in von den 1930ern bis in die 1950er an Gegnern des Regimes, an den Assyrern 1933, 1963 an 5000 Kommunisten, jene von Hussein und früheren Herrschern an Schiiten, das von Halabja 1988 an Kurden (mit durch westliche Hilfe hergestelltem Giftgas),…

Das frisch gegründete Israel schloss 1950 ein Abkommen mit dem irakischen Premier Said, dass die Auswanderung der Juden aus dem Irak nach Israel ermöglichen sollte. 12 000 meldeten sich daraufhin, das waren 10%. Dann fanden, 1950/51, einige Bomben-Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Bagdad statt. Bei dem Anschlag auf die Shemtov-Synagoge im Jänner 1951 gab es auch Todesopfer; ein anderer Anschlag betraf das amerikanische Kulturzentrum, das von Juden frequentiert wurde. Danach war der grösste Teil der Juden bereit zur Auswanderung und jene, die es nicht waren, wurden unter Zwang dazu gebracht.

Etwa 130 000 Juden, fast alle im Irak, wurden 1951 nach Israel gebracht, wie es etwa auch mit den Juden im Jemen geschah. Es spricht viel dafür, dass Zionisten unter den irakischen Juden und israelische Agenten für die Anschläge verantwortlich waren, diese unter falscher Flagge durchführten, ähnlich wie in Ägypten einige Jahre später. Während diese “Lavon-Affäre” (dort ging es nicht um die Auswanderung der Juden, die Aktion hatte aber Einfluss darauf) von Israel längst nicht mehr geleugnet wird, ist das mit den Bomben im Irak noch immer der Fall. Nach dem Verhör eines Verdächtigen wurden in einer der betroffenen Synagogen und anderswo Handgranaten u. ä. gefunden. Für die Anschläge wurden mehrere irakische Zionisten verurteilt.

Manche der nach Israel gebrachten gaben den ihnen dort oft entgegengebrachten Rassismus nicht einfach an die Palästinenser weiter und setz(t)en sich mit der Vergangenheit im Irak und ihrer Rolle in der Region auseinander, am kompromisslosesten wahrscheinlich der Schriftsteller Samir Naqqash, der auf Arabisch schrieb, hauptsächlich autobiografisch angehauchte Romane (teilweise in einem jüdischen Bagdader Dialekt, der damit am Leben gehalten wurde – im Spannungsfeld Sprache-Identität-Politik ein wichtiges Statement) und sich als Araber mit jüdischem Glauben definierte, als Exil-Iraker, auch seinen arabischen Namen behielt. In der zionistischen Gesellschaft sind sie damit zwangsläufig Aussenseiter; manche sind aber wieder ausgewandert. Das zionistische Narrativ über die orientalische Juden ist, dass sie bedroht waren, gerettet wurden und heimgekehrt sind, dass es kein Judentum ausserhalb des Zionismus gibt. Früher wurden Mizrahis auch offen als demografisches Matrial deklariert. Dass sie eine orientalische Identität haben oder wenigstens Israel durch sie orientalischer werden könnte, geht gegen den Strich des Zionismus.

Der Irak wurde also spätestens in den 1940ern in den Palästina-Konflikt mit hineingezogen. 1948 beteiligten sich Einheiten der irakischen Armee an der Seite (Trans)jordaniens (das ebenfalls eine Monarchie unter den Haschemiten war) am (vergeblichen) Versuch, die Nakba in Palästina zu stoppen, im Osten Palästinas. Jordanien unter seinem König Abdullah hatte mit Israel ein Abkommen geschlossen, da es auch einen Teil Palästinas wollte. Irakische Einheiten hielten sich nicht an die auferlegte Zurückhaltung, retteten ein paar palästinensische Dörfer im Norden, die aber durch den von Jordanien eingewilligten Waffenstillstand 1949 an Israel abgetreten wurden. Die CPI war damals so an der Sowjetunion orientiert, dass sie die damalige Position des Kreml, die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina zu unterstützen, übernahm. Irak nahm auch einen kleinen Teil der hunderttausenden während der Nakba vertriebenen Palästinenser auf. Zu nennen sind in dem Zusammenhang auch die späteren Spaltungs-/Infiltrierungsbemühungen von israelischen Geheimdienstbossen wie Meir Amit (Slutsky) gegenüber Kurden oder Assyrern im Irak.

1948 fand ein grosser Aufstand gegen einen neuen Vertrag mit GB statt, die Kommunistische Partei des Irak (CPI; الحزب الشيوعي العراقي‎) unter Salman Yusuf (einem Assyrer) war der Hauptorganisator. Die KP war von schiitischen Intellektuellen dominiert, hatte viele Juden, Assyrer und Kurden, bekam durch die Entstehung einer Arbeiterklasse infolge des Aufbaus der Ölindustrie Bedeutung. Eine “Säuberungswelle” des Regimes 1949 richtete sich gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, so endete auch KP-Chef Yusuf am Galgen. Ende der 1940er waren mit Salih Jabr und Mohammed Sadr erstmals Schiiten Premiers, sie waren aber nur Erfüllungsgehilfen der damaligen Repression. Schiiten erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierung, womit eine Auflösung der traditionellen arabischen Stammesverbindungen und eine Säkularisierung verbunden war.

1952 gab es wieder Unruhen, “inspiriert” vom Sturz König Faruks in Ägypten und der Öl-Verstaatlichung unter Mossadegh im Iran, sie wurden niedergeschossen, wie alle grossen Kundgebungen dieser Jahre. Die irakische Regierung verhandelte in diesem Jahr mit der britisch dominierten IPC (unter dem ehemaligen Marine-Offizier John Cunningham), mit eben jener Ergebenheit, in der sie den Briten gegenüberstand. 1954 wurden die meisten Parteien verboten. 1955 wurde der Irak unter den damals Herrschenden von ihrer “Schutzmacht” Grossbritannien mit den anderen antikommunistisch regierten Staaten der Region wie Türkei zum Bagdad-/CENTO-Pakt verbündet. 1957 schlossen sich die wichtigsten Oppositionsbewegungen, die (1950 als Ableger der älteren syrischen gegründete, panarabische und sozialistische) Baath-Partei (unter dem Schiiten Rikabi), die Kommunistische Partei CPI, die sozialdemokratische National-Demokratische Partei (NDP) und die Unabhängigkeits-Partei zur Front der nationalen Einheit zusammen, die auch mit der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP/PDK) zusammenarbeitete und heimliche Unterstützung von Teilen des Militärs bekam.

Durch die Volljährigkeit Faisals II. 1953 änderte sich wenig, Abdal-Ilah blieb sein “Berater”, Said zog die Fäden, die Briten hatten in Vielem das letzte Wort. Said war erfreut über die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten nach Nassers Verstaatlichung des Suez-Kanals, die Politik Nassers war quasi die Gegenthese zu seiner. Das Volk ging wieder auf die Strassen und wurde niedergeschossen. Auf die Vereinigung der linksnationalistisch regierten Staaten Ägypten und Syrien 1958 reagierten die konservativen und probritischen Monarchien Irak und Jordanien ihrerseits mit einer Vereinigung. Im Mai 1958 wurde gewählt, unter Umständen, die den Wahlen, die unter Saddam Hussein stattfanden, sehr ähnelten. Nachdem fast alle Parteien verboten worden waren, musste das Ergebnis auch nicht gross verändert werden. Nuri Said blieb Premier. Demokratie und Selbstbestimmung wurde den Irakern in der Phase der direkten und indirekten britischen Machtausübung verwehrt.

Im Juli 1958, während der inneren Krise im Libanon, wollte der jordanische König Hussein irakische Truppen zur Grenzsicherung. Ausserhalb der Hauptstadt stationierte Brigaden unter Brigadier Abdelkarim Qasim und Abdulsalam Aref machten sich am 14. 7. auf den Weg, allerdings nach Bagdad, und ergriffen die Gelegenheit zum Putsch. Was die Herrschenden nicht gewusst hatten, war, dass sie führende Leute des Oppositionskreises innerhalb des Heeres waren. Die Truppen nahmen neben dem Rundfunk den Königspalast ein und massakrierten die königliche Familie, nachdem sie diese dort im Hof versammelt hatten, auch König Faisal II. und Prinz Abdal-Ilah, sowie einige Diener.

* Von Qasim bis Bakr

Premier Nuri as Said gelang es zunächst, unterzutauchen, wurde aber am nächsten Tag erkannt, als er in Frauenkleidern (aber angeblich in Männerschuhen) flüchten wollte und von einem Mob gelyncht. Mit anderen Irakern, die dem Regime nahe gestanden waren, wurde auch abgerechnet, manchen gelang die Flucht ins Ausland – die erste politische Emigrationswelle aus diesem Land. Darunter waren auch die Tante der Königs, Badia, und ihre Familie, die sich zunächst in die saudi-arabische Botschaft in Bagdad flüchteten, von wo ihnen nach einem Monat die Ausreise erlaubt wurde, sie liessen sich in Grossbritannien nieder, ihrer anderen Schutzmacht. Ein Grossneffe des Königs, Seid bin Hussein, war Botschafter in GB gewesen und blieb dort. Die Rolle als Chef des Hauses des irakischen Zweigs der Haschemiten wird seither von Seid und seinen Nachkommen wie auch von Badias Sohn Ali, einem Cousin des Königs, beansprucht.

Ali bin al Hussein wurde in England Banker, leitet die Partei Iraqi Constitutional Monarchy (ICM), war mit ihr in der irakischen Exil-Opposition gegen das Baath-Regime unter S. Hussein aktiv (so im Iraqi National Congress), und kehrte nach dessen Sturz 03 in das Land zurück. In einem Interview hat er über den Staatsstreich 1958 gesagt, seit damals könne jeder mit einem Panzer die Macht im Land übernehmen. In der Tat, von 58 an bis zum Sturz Saddams gab es nur Militär-Regierungen und der Abschluss dieser Phase erfolgte auch durch Militär, ausländisches. Das System im Irak bis 1958 war aber eine derart eingeschränkte Demokratie, ein derart repressives System, bedeutete eine derartige Bevormundung, dass eine Fortsetzung kaum als bessere Alternative zur Macht der Panzer erscheint, die damals begründet wurde. Zum Zeitpunkt des Umsturzes waren alle politischen Parteien verboten, war die Presse zensuriert, gab es 10 000 politische Gefangene, war Folter an der Tagesordnung.

Die Putschisten um Qasim und Aref proklamierten die Republik. Es wurde eine Art Präsidentschaftsrat gebildet, mit einem Sunniten, einem Schiiten und einem Kurden, ähnlich wie nach dem Sturz Saddams. Vorsitzender und somit Staatsoberhaupt wurde General Rubai. Qasim wurde Premierminister und Verteidigungsminister, Aref Vizepremier und Innenminister. Wenn man die drei Könige aus der Haschemiten-Familie, die vom Hejaz stammt, nicht als einheimische Herrscher einstuft, und auch die britische Mitbestimmung “unter” ihnen berücksichtigt, war erst nach dem Sturz 1958 der Punkt erreicht, an dem der Irak wieder sich selbst regierte. Natürlich war er darüber hinaus diversen äusseren Kräften ausgesetzt. Die restliche Regierung wurde vorwiegend aus Zivilisten gebildet, aus den (bislang verbotenen) Parteien der Front der nationalen Einheit, wie der NDP und der Baath. Nicht vertreten davon waren die kommunistische CPI und die kurdische KDP. Die CPI unter ihrem Generalsekretär Radhi brachte der neuen Regierung kritische Unterstützung entgegen und Kurden erlebten unter Qasim eine Aufwertung.

Qasim war irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist wie Aref, ein Gegensatz, der diese Regierung mit zum Scheitern bringen sollte. Abdelkarim Qasims Vater war arabischer und kurdischer Herkunft und Sunnit, seine Mutter aus einer Familie schiitischer Kurden gewesen – er hatte also Wurzeln in allen grossen Volks- und Religionsgruppen des Landes, wuchs als Schiit im Süden auf. Er gehörte zu jenen, die Araber (eigentlich: Arabisierte) und Kurden als gleich ansahen, wertete die kurdische Sprache auf, KDP-Chef Mustafa Barzani konnte aus dem Exil heimkehren.

Flagge Irak 1959-63 unter Präsident Qasim; die Grundfarben der Streifen sind die pan-arabischen Farben, die gelbe Sonne steht für die Kurden, der rote Stern von Ischtar darum herum für die christlichen Assyrer und das antike Erbe des Landes. Sie wird heute z.T. in der kurdischen Autonomieregion Nord-Iraks verwendet (neben der kurdischen Fahne)

Auch andere Aspekte seiner Politik hatten sehr fortschrittlichen Charakter: eine Bildungsoffensive, Verbesserungen für Frauen, dringend benötigte Land- und Sozialreformen (dadurch verlor die bisherige Oberschicht endgültig ihre Macht), Amnestie politischer Gefangener, Legalisierung von Parteien – und Neugründungen: ein Teil des schiitischen Klerus unter Mohammed Baqir al Sadr gab den Quietismus auf und gründete die Dawa-Partei. Es kam eine neue Verfassung, eine neue Flagge (siehe Bild), britische Truppen mussten 1959 das Land verlassen, der Irak trat aus dem CENTO-Pakt aus, es wurde die Föderation mit Jordanien gelöst. Aref war für eine Anlehnung an Nassers Ägypten (evtl. sogar einen Anschluss an die Ägyptisch-Syrische Vereinigung), wurde von der Baath unterstützt. Qasim war für einen irakischen Einzelweg, hatte seine Unterstützer in der NDP. Noch 1958 entliess Premier Qasim seinen Innenminister Aref.

Unter Qasim hat eine irakische Regierung erstmals ausländische Vorrechte auf das irakische Öl in Frage gestellt – wie im Iran Mossadegh ein paar Jahre früher. Er verstaatlichte jedoch die IPC nicht – man hatte die Folgen eines solchen Schritts im Iran vor Augen, wo der Westen das Öl aus diesem Land nach diesem Schritt boykottiert und dann die Regierung gestürzt hat. Hinzu kam, dass die Briten Iraker in der Erdöl-Verarbeitung kaum ausgebildet hatten, es kaum Leute mit dem nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gab. Und Qasim brauchte die Öl-Einnahmen, schon allein um nicht einen Machtkampf mit Unzufriedenen, v.a. im Militär, hervorzurufen. So begnügte er sich mit Maßnahmen wie der Verstaatlichung des meisten Grundbesitzes der IPC, Verhandlungen über Vertragsänderungen, der Erhöhung der Transit-Gebühren – was die IPC umging, indem sie das Öl auf anderen Wegen ausser Land brachte.

1959 gab es bereits massive Unruhe im Irak. Die Baath, durch die Ausschaltung Arefs an den Rand gedrängt, versuchte ein Attentat auf den Premier; beteiligt war ein junger Aktivist namens Saddam Hussein. Demonstrationen erzwangen die Aufnahme der CPI in die Regierung (M. Ali wurde Justizminister). Teile der Armee waren gegen Qasim. Die Kurden-Politiker waren unzufrieden, weil Autonomie-Zusagen für ihre Region (im Norden bzw. Nordosten) nicht umgesetzt wurden. Die Schiiten, politisch traditionell von ihrem Klerus “geführt” (wie damals von S.M. al Hakim), erwarteten sich nun von der Regierung eine Umgestaltung des Landes in ihrem Sinn. Für die USA war die neue Regierung spätestens mit dem Austritt aus dem CENTO-Pakt und dem selbstbewussteren Auftreten hinsichtlich ihres Erdöls eine “Gefahr” geworden. Und dann noch ein Justizminister von der kommunistischen Partei…

So kam es, wie auch im Kongo unter Lumumba oder in Guatemala unter Arbenz: Eine selbstbewusste Politik führte zu einer Isolierung, was das Land fast zwangsläufig in die Nähe zur Sowjetunion führte (auch wenn diese Nähe nur in Form des Imports von ein paar Lastwägen oder alten Gewehren bestand), und damit war das Schicksal des Versuchs einer anderen Politik besiegelt. Ein Schritt ist dann jener, sich Verbündete (bzw. Handlanger für seine Intrigen) zu suchen unter den mit der Politik im Land Unzufriedenen, ob sie Tschombe heissen oder Armas oder Rikabi, wie der damalige Chef der Baath. Dass ausgerechnet unter dem kurden-freundlichsten Herrscher im Irak, der selbst kurdischer Herkunft war, Kurden-Aufstände ausbrachen (1961), ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass das Militär nun zur Bekämpfung der eigenen Bevölkerung eingesetzt wurde, nutzte den Gegnern von Qasim in mehrere Hinsicht: Das Land war gespalten, das Militär dort gebunden aber auch ständig mobilisiert, was sich beim von Qasim geführten Putsch 1958 ja ausnutzen hatte lassen. Und, zwischen Qasim und der CPI, die gegen ein militärisches Vorgehen gegen den Aufstand war, brach ein Streit aus.

Qasim als irakischer Nationalist meldete Ansprüche auf einen Gross-Irak an, womit er sich im Ausland auch Feinde machte (als ob er im Inneren nicht schon genug gehabt hätte). Zum einen beanspruchte er das eben unabhängig gewordene Kuwait; gegenüber dem Iran stellte er den Grenzverlauf im Süden in Frage und erhob Ansprüche auf die teilweise arabisch besiedelte Provinz Khusestan; schliesslich sah er auch irakische Ansprüche auf Teile der saudischen Provinz al Hasa, die zeitweise unter osmanischer Herrschaft gestanden war und zum Vilayet Basra gehört hatte. Der iranische Schah unterstützte wegen Qasims Ansprüchen den kurdischen Aufstand im Nord-Irak (das religiös ausgerichtete Regime nach dem Schah hat immer die Schiiten im Süd-Irak als “Ansprechpartner” des Iran im Irak gesehen, aus iranisch-nationalistischer Perspektive sind das dagegen die Kurden, deren Sprachen Sorani und Kurmanji zu den iranischen Sprachen gehören).

1963 war die Regierung unter Qasim von mehreren Seiten bedrängt und ein grosser Teil des Heeres im Norden im Kampf gegen Kurden engagiert. Im Februar dieses Jahres nutzen das Armee-Einheiten, die der Baath-Partei nahe standen, unter der Führung von Ahmed H. al Bakr und Abdulsalam Aref. Es kam in Bagdad zu Kämpfen zwischen Einheiten, die loyal zur Regierung waren und jenen, die zu den Aufständischen gehörten. Abdelkarim Qasim wurde im Verteidigungsministerium erschossen. Unterstützt wurde der Militärputsch von den Regierungen der USA (J. F. Kennedy) und GB. CIA und MI6 stellten den Putschisten etwa Listen von Kommunisten zur Verfügung. In den Tagen nach dem Putsch wurden tausende tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten getötet, darunter der Generalsekretär der Partei, Radhi.

Die Opfer der Kämpfe mit eingerechnet, dürfte es bis in diesen Tagen bis zu 5000 Todesopfer gegeben haben. Vielleicht ist der Beginn der irakischen Tragödie hier anzusetzen, im Scheitern Qasims. Regime wie das von Qasim wurden vom Westen gestürzt, solche wie das saudische seit Jahrzehnten gestützt. Militärs hatten im Irak nach dem Putsch weiter das Sagen, Aref, der parteiungebundene Panarabist und Nasserist, wurde Staatspräsident, der Baath-Mann Bakr Ministerpräsident und Vizepräsident. Das neue Regime kam mit den kurdischen Führern Mustafa Barzani und Jalal Talabani zu einem Waffenstillstand.

Baath-Aktivisten wie Rikabi und Hussein waren nach dem Attentatsversuch gegen Qasim 1959 ins benachbarte Syrien geflohen, wo ihre Schwesterpartei viel älter und stärker war. Deren Gründer und Chef Michel Aflak, ein griechisch-orthodoxer Christ, unterstützte die Absetzung Rikabis, eines (schiitischen) Nasseristen, und hievte seine Anhänger, darunter Hussein, in Führungspositionen der irakischen Baath. Saddam Hussein selbst kehrte nach dem Putsch 1963 in den Irak zurück, soll dort an Morden an politischen Gegnern der neuen Regierung teilgenommen haben.

In Syrien übernahm die Baath einen Monat später gewaltsam die Macht, auch mit Teilen des Militärs. Im Irak entzweiten sich Aref und die Baath nur wenige Monate nach dem Umsturz, der Präsident schaltete die Partei, die weiter in schwere Fraktionskämpfe verstrickt war, weitgehend aus. Unter Aref kam der Irak Ägypten unter Nasser so nahe, dass gemeinsame staatliche Institutionen geschaffen wurden und eine Vereinigung erwogen wurde. Aref gründete eine irakische Schwesterpartei der ägyptischen Staatspartei Arabisch-Sozialistische Union, die er auch im Irak mit einem Machtmonopol ausstatten wollte. Führende Leute der ASU waren der Ex-Baath-Führer Rikabi und Arefs Premiers wie Yahya.

Nachdem Premier Razzaq Präsident Aref stürzen wollte, wurde Bazzaz Premier, der erste Zivilist seit 1958. Im Jahr darauf kam Aref bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben. Als Ursache wird Sabotage von baathistischen Elementen im Militär vermutet. Arefs Bruder Abdul-Rahman, ebenfalls ein Militär, der an den Umstürzen 1958 und 1963 teilgenommen hatte, und auch ein Nasserist, wurde sein Nachfolger. Razzaq versuchte auch diesen Aref zu stürzen. Dies gelang 1968 der Baath, unblutig, mit Hilfe von ihr kontrollierten oder mit ihr sympathisierenden MIlitär-Einheiten. Aref durfte ins Exil und kehrte unter Hussein sogar wieder zurück. Ahmed al Bakr wurde neuer Machthaber, Präsident und Premier, nun war die Baath endlich alleiniger Herrscher, kontrollierte den Staat, “säuberte” ihn. Dabei spielte auch Bakrs Cousin Saddam Hussein (wie dieser aus Tikrit) wieder eine Rolle. Hussein wurde die Nummer 2 im Staat, u.a. als Vizechef im Revolutionären Kommandorat (auch hinter Bakr), ab 1969 auch als Vizepräsident.

Die Wirtschaft des Irak war seit langem vom Erdöl dominiert, das Land hat die weltweit drittgrössten Reserven nach Saudi-Arabien und Iran (das Land hat daneben grosse Phosphat-, Schwefel-, Wasservorkommen). Nach Qasims Versuch einer gerechteren Betiligung der Iraker an ihren Ressourcen war die IPC die 1960er hindurch Gegenstand von Agitation der beiden Folgeregime. Durch ein Abkommen mit der Sowjetunion 1969 hatte der Irak eine Art Druckmittel gegenüber den Eigentümern der IPC und verlangte zunächst 20% der Anteile und mehr Kontrolle.

Die IPC versuchte eine Befriedung durch kleinere Zugeständnisse. 1970 erneuerte die Regierung ihre Forderungen, stellte ihr 1972 ein Ultimatum. Da die IPC wieder nur eine Kompromisslösung anbot, wurde sie im Juni 1972 verstaatlicht und in die Iraq National Oil Company übergeführt; 1973 auch die Tochterfirmen. Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Öl-Verstaatlichung kam wieder nur der dünnen Herrscher-Schicht zu Gute. Der Irak hatte sich vom Westen so weit entfernt wie noch nie seit seiner Unabhängigkeit. Er versuchte nach Nassers Tod auch, eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu erringen, v.a. gegen die konservativen Monarchien wie Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko.

1970 kam eine Verfassung, die mit Modifikationen bis 2003 in Kraft blieb, der “Revolutionäre Kommandorat” war das wichtigste Organ im Staat. Der Bürgerkrieg mit den Kurden wurde wieder aufgenommen, die kurdische Seite wurde zeitweise von Israel unterstützt, im Rahmen von deren Strategie, sich Verbündete in der Region zu suchen, und weil der Konflikt einen grossen Teil der irakischen Armee ständig “band”. Die beiden wichtigsten politischen Lager der irakischen Kurden waren und sind die von den Barzanis geführte Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK; bzw. Kurdistan Democratic Party, KDP) und die Yekêtiy Niştîmaniy Kurdistan (یەکێتیی نیشتمانیی کوردستان;, Patriotic Union of Kurdistan, PUK) unter Jalal Talabani (Staatspräsident 2005-2014).

Das Verhältnis zum Iran verschlechterte sich unter dem Baath-Regime weiter. Schah Mohammed R. Pahlevi unterstützte die irakischen Kurden im Bürgerkrieg, der 1974 trotz eines Autonomieabkommens wieder aufflammte, wurde von der USA gegen Irak unterstützt, dazu kamen die alten Grenzkonflikte am Schatt el Arab. 1975 schlossen der iranische Schah und der irakische Vize-Staatschef Hussein in Algerien aber ein Abkommen ab, dass das Ende der iranischen Unterstützung für die Kurden festschrieb, gegen Zugeständnisse des Iraks an der Südgrenze. Der Aufstand der Kurden bzw. der Bürgerkrieg kam damit zu einem Ende. Das Verhältnis der Nachbarstaaten normalisierte sich infolge soweit, dass der in seinem Land in Bedrängnis geratene Schah 1978 von der irakischen Regierung die Ausweisung des Schiiten-Führers Khomeini, der sich in Najaf niedergelassen hatte, verlangen konnte. Die Iraker kamen dem gerne nach, hatte es doch 1977 in Najaf einen Schiiten-Aufstand gegeben, organisiert hauptsächlich von der Dawa-Partei, die auch zu Khomeini Verbindungen hatte

Die kommunistische CPI wurde 1973 in die Regierung aufgenommen, 1978 eliminiert. Dies bedeutete, dass die Staats- und die (Baath-)Parteiführung nun eins waren, und eine Abkehr von der Sowjetunion, mit der das Baath-Regime einige Jahre eng (wirtschaftlich, technologisch, militärisch) zusammengearbeitet hatte. Frankreich wurde dadurch ein noch wichtigerer Verbündeter, v.a. unter Premier Chirac. Reste der KP taten sich im Norden mit den Kurden zusammen.

* Die Ära Saddam Husseins

Saddam Hussein löste 1979 seinen Ziehvater al Bakr an der Staats- und Parteispitze ab, vermutlich mit Zwang, er war die Jahre davor schon der stärkere gewesen. Die erste “Säuberungs”welle fand innerhalb der Baath statt, bei einer Konferenz bald nach seinem Machtantritt. Funktionäre, die mit Syriens Baath-Machthaber Hafez al Assad gegen Hussein konspiriert haben sollen, wurden angeprangert und abgeführt, ein Teil exekutiert, der andere eingesperrt. Hussein, der nie in der irakischen Armee und anscheinend nicht einmal in der Baath-Parteimiliz “Volksarmee” aktiv gewesen war, trat meist in Uniform auf, nahm militärische Ränge an, stützte sich auf die Macht des Militärs. 1980 wurde erstmals seit 1968 ein Parlament gewählt, die erste von mehreren Scheinwahlen unter dem Regime (das waren sie nicht nur, weil die Entscheidungen woanders gefällt wurden).

Unter der Baath wurden sunnitische Araber im Irak privilegiert wie seit den Haschemiten nicht mehr. Schiiten und Kurden hatten nicht einmal dann eine Chance, wenn sie sich der Baath anschliessen wollten. Ausnahmen wie der Kurde T. Y. Ramadan, der Vizepräsident wurde, bestätigen die Regel. Die Revolution im Iran 1979, die zu einem schiitisch-fundamentalistischen Regime führte, machte die Situation der irakischen Schiiten noch schwieriger, besonders nach Beginn des Krieges zwischen den Ländern, da sie nun permanent der Kollaboration jeglicher Art mit den Iranern verdächtigt wurden.

Khomeini verschärfte das, indem er die Schiiten im Irak zum Sturz des Baath-Regimes aufrief. Die Dawa wurde 1980 verboten, ihr Führer, der Geistliche Mohammed Baqir Sadr, vom Regime hingerichtet, iranisch-stämmige Schiiten wurden aus dem Irak in den Iran ausgewiesen. Schiiten hatten durch den Ausschluss von Mitbestimmung und das Verbot ihrer säkularen wie religiösen Parteien wieder einmal nur die Religion als Rückzugsgebiet, ihre Kleriker als Bezugs- und Führungsfiguren, wie die al Hakims. Während der Exekution Husseins 2006 sah man einige der schiitischen Wachen “Es lebe Mohammed Baqir Sadr” rufen. Verurteilt wurde Hussein u. a. für die Repressalien gegen die Bevölkerung Dujails, wo Schiiten (auch sie scheinen von der Dawa-Partei gewesen zu sein) 1982 einen Anschlag auf ihn verübten.

Einen Personenkult und einen Nepotismus wie unter Hussein hat es wahrscheinlich nicht einmal in der antiken Geschichte des Irak gegeben. Zur starken Stellung des Militärs kam eine von Geheimdiensten und Polizei hinzu. Bis zu 3 Millionen Iraker hat er töten lassen. Viele gingen nicht aus Überzeugung zur Baath sondern wegen Aufstiegschancen. Wenn man über die Baath-Herrschaft im Irak etwas positives sagen kann, dann dass sich ihre säkulare Ausrichtung auf die Gesellschaftsordnung auswirkte, etwa die Rolle der Frau. Der Islamismus hatte keine Chance, kam erst danach. Hussein vertraute ausser auf Sunniten (am liebsten aus seiner Region um Tikrit) nur auf einige Christen (zumal er ein Anhänger des syrischen Baath-Gründers Aflak war), natürlich nicht auf solche, die einen assyrischen Nationalismus vertraten oder demokratisch gesinnt waren. Tarek Aziz, als Mikhail Yuhanna geboren, ein Chaldäer, war der prominenteste Christ im Baath-Regime. 1977 stieg er in den Revolutionären Kommandorat auf, das Zentrum der Macht. Er spielte bis zum Ende des Regimes eine Rolle.

Im September 1980 versuchte das irakische Regime die Turbulenzen im Iran nach dessen Revolution zu nützen, zu einem Feldzug, um die Provinz Khusestan, die ölreich und teilweise arabisch besiedelt war, zu erobern und den Grenzverlauf am Schatt el Arab zu seinen Gunsten zu korrigieren. Den ersten Versuch zur Regelung der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und Persien an dem Fluss gab es im 17. Jh.; im 19. Jh. mischten europäische Mächte in dem Grenzstreit mit. Zwei Abkommen im frühen 20. Jh. sprachen dem Irak den Fluss in seiner ganzen Breite zu, womit Schiffe aus Abadan durch irakisches Gewässer in den Golf mussten. In Algier 1975 war der Fluss geteilt worden. Vor dem Angriff forderte Hussein u.a. die Revision dieses Vertrags. Nachdem sich der Iran gefangen hatte, startete er einen Gegenangriff, eroberte bis 1982 das verlorene Territorium zurück, der Krieg hätte zu Ende sein können.

Das Khomeini-Regime nutze aber auch die Gelegenheit, sich zu profilieren, propagierte unrealistische Kriegsziele; stand dann knapp vor Basra. Der Krieg war für beide Regime eine gute Gelegenheit zum Ausschalten von Opposition, die in Kriegszeiten leicht als “Landesverräter” angeprangert werden konnten. Hussein liess in der Zeit auch die Losung “Allah-u Akbar” in die Nationalflagge aufnehmen. Die USA und weitere westliche Staaten, die Sowjetunion und der Grossteil der arabischen Welt unterstützten in dem Krieg den Irak; der Iran bekam Unterstützung von Syrien sowie westliche, im Rahmen der Iran-Contra-Affäre, also von USA und Israel (die an einer Verlängerung des Krieges interessiert waren). Was Syrien betrifft, so sind die Beziehungen der Baath-Regime der beiden Länder mit Husseins Übernahme drastisch verschlechtert worden. Unter Bakr war eine Art Vereinigung der beiden Staaten geplant und Husseins Opposition dagegen soll einer der Gründe für die Erzwingung des Rücktritts Bakrs gewesen sein; danach hat das Assad-Regime anscheinend versucht, über Verbündete in der irakischen Baath Hussein auszubooten.

Die iranische Armee agierte mit Selbstmordangriffen, die irakische Armee griff mit Chemiewaffen/Giftgas an – das Know How und das Material für die Herstellung kam u.a. aus der BRD – , am Ende des Kriegs auch die Kurden im Nord-Irak, als Vergeltung für ihr “Fraternisieren” mit den Iranern beim Einmarsch Jahre zuvor. Das Giftgas-Massaker von Halabja 1988 (organisiert vom “Chemie Ali” al Majid, einem Hussein-Cousin) war Teil der “Anfal”-Kampagne, mit der kurdische Aufstände gegen das Regime während des Krieges unterdrückt wurden. Beiden Seiten gelang es, auf der jeweils anderen Verbündete zu bekommen: Der Iran einen Teil der unterdrückten schiitischen (die religiösen) und kurdischen Iraker, der Irak einen Teil der Araber Khusestans und die iranischen Mujahedin; Assyrer oder auch Kurden beider Länder mussten aufeinander schiessen. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten während des Kriegs den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad. Der Krieg ging 1988 mit mindestens 700 000 Toten zu Ende, die Grenzen hatten sich nicht verändert gegenübder dem Vorkriegszustand.

Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein
Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein; 1984 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten wieder aufgenommen

Noch 1989 empfing der irakische Machthaber Hussein US-amerikanische Delegationen. Im August 1990 liess er Kuwait besetzen, brach wieder mit dem Westen. Der Emir und seine Familie konnten fliehen. Die irakischen Ansprüche waren nicht neu, 1973 bereits hatte es unter Bakr einen Einmarsch in Kuwait gegeben, nach Vermittlung der Arabischen Liga zog man sich zurück. Die UN verhängte 1990 Wirtschaftssanktionen. Um die öffentliche Meinung in USA zu überzeugen heuerte die kuwaitische Regierung eine PR-Firma in USA an, die u.a. eine angebliche Krankenschwester aus Kuwait City heulend vor dem Kongress in Washington von irakischen Soldaten erzählen ließ die Babys aus Brutkästen zogen. Die USA und ihre Alliierten zogen in der Region (Saudi-Arabien, Türkei,…) Truppen zusammen.

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg dieser Allianz gegen die irakische Besetzung statt, die damit endete. Der Irak feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien (3 und 1 Toter), während USA und Verbündete seine Besatzung Kuwaits beendete. Kurden im Norden des Irak und Schiiten im Süden erhoben sich am Ende der Kämpfe, im Glauben, das Regime sei angeschlagen und westliche Truppen in der Region könnten sie beschützen. Dem war aber nicht so, die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Es wurden aber in der Folge Flugverbotszonen im Süden und Norden von der “internationalen Gemeinschaft” deklariert, die gegebenfalls von in der Region stationierten Truppen gegenüber dem irakischen Militär durchgesetzt worden wären. Das 1974 geschaffene kurdische Autonomiegebiet im Nordosten lag nun in dieser Zone, wurde nun wirklich autonom, wenn nicht semi-souverän. Seit 1992 finden dort regelmäßig Wahlen statt; 1994 brach aber Gewalt zwischen den politischen Lagern von KDP und PUK aus.

Der Irak war noch nie in seiner modernen Geschichte dermaßen zerissen, zerstört und angeschlagen wie Anfang der 1990er, nach den zwei Kriegen, den vielen Massakern an der eigenen Bevölkerung, mit der Diktatur und den Wirtschaftssanktionen (die UN startete Mitte der 1990er das Programm “Öl für Lebensmittel”, um die Folgen der Sanktionen für die Bevölkerung zu lindern). Hinzu kam 1991 eine UN-Resolution über die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen, die Inspektionen und neue Sanktionen bedeutete. Die irakische Exil-Opposition, die inzwischen ein sehr breites Spektrum von Gruppen umfasste, von der Kommunistischen Partei über Monarchisten bis zu schiitisch-religiösen Gruppen, konnte dennoch, trotz Unterstützung westlicher oder arabischer Staaten, keinen Nutzen daraus ziehen.

Manche der Gruppen vertraten Partikular-Interessen, manche, wie der Iraqi National Congress, hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Auch Mitglieder von Husseins Familie waren vor seinem Regime ins Ausland geflohen. Der Gruppe Iraqi National Accord (INA) gelang es, die irakische Armee mit Vertrauensleuten zu infiltrieren und diese einen Attentatsversuch auf den Diktator ausführen zu lassen. Die Gruppe war aber ihrerseits von irakischen Agenten infiltriert worden, so flog die Sache auf und wieder wurden Dutzende hingerichtet und Hunderte eingesperrt. Das Hussein-Regime wiederum hat anscheinend 1993 versucht, George Bush sen., mit dem es früher kollaboriert hatte, zu töten.

Ein ziviles Atomprogramm des Irak begann in den 1960ern, mit sowjetischer Hilfe; in den 1970ern ging der Staat mit Frankreich eine nukleare Zusammenarbeit ein, erwarb von ihm einen Forschungsreaktor. Der Reaktor “Osirak” (bzw. “Tammuz”) wurde im Al Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum bei Bagdad gebaut. Er sollte (das für Atomwaffen zu verwendende) Plutonium produzieren können, hätte dazu aber angereichertes Uran gebraucht. Dies scheint der Irak unter Saddam Hussein versucht haben zu bekommen. Israel, das in der Region ein nukleares Monopol beansprucht, versuchte früh, das Programm mit Sabotage (evtl. durch französische Techniker) und Morden abzuwürgen und flog 1981 dann den Bombenangriff auf den Reaktor, kurz vor dessen Fertigstellung, als der Irak im Krieg mit dem Iran steckte – der für das Regime ein ebenso grosser Feind war. Iran hatte auch Tuwaitha angegriffen, der Irak griff das in Bau befindliche AKW in Bushehr an. Der Krieg war der eine Grund, nicht auf den israelischen Angriff zu antworten, der andere war das Fehlen von entsprechenden Raketen. Nach Ende des Kriegs gegen Iran scheint das Baath-Regime unter Hussein das Atomprogramm wieder aufgenommen zu haben, wieder in Tuwaitha, in Form von Urananreicherungsanlagen.

Nach dem Kuwait-Krieg 1991 begannen die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM)-Inspektionen im Irak auf Massenvernichtungswaffen, die bis 1998 gingen und in deren Rahmen Anlagen zerstört wurden. Es ist umstritten, ob die Inspektoren abgezogen oder ausgewiesen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Irak wahrscheinlich schon seine Programme für MVW beendet. Clinton ordnete Ende 98 die Bombardierung von Zielen im Irak an, die mit der Herstellung von MVW zu tun gehabt haben sollten. Ende 2002 lud Saddam Hussein, damals schon unter beträchtlichen Druck, die UN-Waffeninspektoren in einen Brief an IAEO-Chef Hans Blix zur Rückkehr in das Land ein. Das United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission (UNMOVIC) begann mit neuen Inspektionen. Die Regierungen der USA, Grossbritanniens und einiger Verbündeter waren damals schon auf der Suche nach Kriegsrechtfertigungen, bemängelten die Zusammenarbeit der Iraker, behaupteten die Existenz von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Regimes.

Nachdem 1991 aufgeflogen war, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck bzw. das schlechtes Gewissen der Deutschen die Zusage der Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten zustande – dazu wurde eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen (die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ auf Israel abschoss) „konstruiert“, obwohl sie sich eigentlich auf Husseins C-Waffen bezogen, mit denen er iranische und irakische Zivilisten und Soldaten töten liess. Diese Waffen, die Teil der Unterstützung des Westens bei seinem Angriff auf Iran waren, waren dann mit die Rechtfertigung für den Angriff auf Irak 03…

Im Jänner 2002 erklärte USA-Präsident Bush jun. in seiner “Rede zur Lage der Nation” den Irak neben Iran und Nordkorea zur “Achse des Bösen”. Im Juli des Jahres erklärte er, mit allen Mitteln einen Machtwechsel im Irak erzwingen zu wollen. Das Ballyhoo und die Kriegsvorbereitungen liefen in den folgenden Monaten voll an. Die vorgegebenen Gründe und die tatsächlichen für den Krieg zum Sturz des Baath-Regimes unter Hussein haben wenig miteinander zu tun. Neben den Massenvernichtungswaffen des Regimes wurde etwa auch genannt, dass das Regime zwei Kriege begonnen habe – dass es in einem davon von der USA unterstützt wurde und Bushs Kriegsminister Rumsfeld dies damals persönlich einfädelte, zeigt die ganze Heuchelei. Auch das “alte Europa” hat Hussein gegen den Iran unterstützt. Bei Kuwait ging es den Amerikanern hauptsächlich ums Erdöl, was auch 2003 ein wichtiger Grund für die neokonservativen Machthaber in Washington war.

Die irakische Exil-Opposition traf sich Anfang 2003 im kurdischen Autonomiegebiet im Nord-Irak. Die Grossmächte und auch die Öffentlichkeit im Westen waren bezüglich des Kriegs tief gespalten. Man schrieb die frühen Jahre von Islamkrise und Islamophobie, Ex-Linke wie Enzensberger in Deutschland gewannen einem Weltpolizisten USA plötzlich etwas ab, (Ex-?) Rechte wie Gauweiler überraschten als Kriegsskeptiker. Ob die Iraker durch den Krieg befreit (Bush sprach davon, den Irakern “Gottes Geschenk der Freiheit” zu bringen) oder unterworfen werden würden, dazwischen oszillierten die Bekundungen der Kriegsbefürworter… Viele regimegegnerische Iraker im In- und Ausland waren zerrissen zwischen dem Wunsch, dass endlich Diktatur und Gewalt vorbei sein würden, und Zweifeln an den westlichen Motiven und Absichten.

Im März 03 waren die UN- Inspektoren unter Blix noch mitten in ihrer Arbeit, hatten keine Massenvernichtungswaffen entdeckt, hatte Boden-Boden-Raketen zerstört. Bush und Blair behaupteten bezüglich MVW anderes und dass Diplomatie versagt hätte; die beiden Regierungen hatten versucht, ein UN-Mandat für den Krieg zu bekommen. Die „Koalition der Willigen“ aus etwa 50 Staaten (auch die Mongolen, deren Vorfahren bei ihren Invasionen im Spät-Mittelalter einst zwei Drittel der Bevölkerung des Zwischenstromlandes massakrierten, waren dabei) begann den Krieg mit Bombardements, dann kam der Bodeneinmarsch über Kuwait.

Hussein und seine Getreuen tauchten unter anstatt das Land zu verlassen, wie es Bushs Ultimatum verlangt hätte. Am 9. April wurde Bagdad eingenommen, das Baath-Regime kollabierte, in den Tagen danach nahmen kurdische Iraker mit Amerikanern Kirkuk und Mossul ein, dann Tikrit, der Krieg war beendet. 6000 Menschen waren ums Leben gekommen, die Hälfte davon irakische Zivilisten. Während des Einmarsches in Bagdad wurde das Irak (National) Museum teilweise geplündert; als ob sich ein Kreis schliessen würde, war auch eine Alabaster-Vase aus Uruk dabei, mit einer Darstellung der Göttin Inanna, 5000 Jahre alt, aus sumerischer Zeit, vom Beginn der Zivilisation in diesem Land. Die Vase wurde einige Monate später, während einer Amnestie-Phase für Plünderer des Museums, zurückgegeben.

* Der jetzige Irak

Unter dem Kommandeur des Kriegs, Franks, vom Central Command der USA-Streitkräfte, entstand eine Militärverwaltung über den Irak; daneben eine Zivilverwaltung unter Garner. Diese beiden wurden bald durch Abizaid (libanesischer Herkunft) und Paul Bremer abgelöst. MVW wurden übrigens keine gefunden. Ein Teil der Führungsriege des gestürzten Regimes, wie Ramadan, al Majid (der “Chemie Ali”), Aziz wurde gefunden, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Saddam Hussein wurde Ende 03 in einem Erdloch im sunnitischen Dreieck gefunden.

Politische Gefangene wurden freigelassen, bislang verbotene Parteien konnten sich wieder betätigen (der Chef der CPI, Moussa, war gegen den Krieg gewesen, arbeitete dann in den neuen Institutionen mit), manche Exil-Iraker kehrten zurück. Öl-Konzession gingen an die Ex-Firma von USA-Vizepräsident Cheney, Halliburton. US-Zivilgouverneur Bremer liess staatliche Institutionen wie das Heer auflösen, auch die Baath-Partei, diplomatische Vertretungen im Ausland wurden nicht mehr anerkannt. Alle Mitglieder der Baath-Partei mussten ihre Posten in Staat und Verwaltung räumen, die meisten von ihnen Sunniten, angeblich hat Bremer diese „Entbaathifizierung“ ohne Rücksprache mit Bush durchgeführt.

Nachhutgefechte der Streitkräfte des untergegangenen Regimes (bei einem solchen wurden Husseins Söhne bald nach Kriegsende getötet) gingen über in Widerstand gegen die sich etablierende Nachkriegsordnung, die Besatzung unter der Führung der USA, und war meist eine Form von Terror. Anschläge wurden nicht nur auf auf militärische Einrichtungen der Besatzer verübt (nach dem Krieg wurden mehr USA-Soldaten getötet als währenddessen), sondern auch auf Iraker, die mit ihnen zusammenarbeiteten oder sich an der Neugestaltung des Irak beteiligen wollten, auch einfach nur auf Schiiten, Kurden oder Assyrer. Der Terror wird zum einen von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee, ehemaligen Baath-Funktionären oder Staatsbeamten, Anhängern von Hussein, verübt oder unterstützt. Aus dieser Masse der Angehörigen oder Anhänger des alten Regimes wurde die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde) geformt. Vor allem über das gemeinsame Gefühl, dass Sunniten die Verlierer des Krieges seien, haben sich diese Seite und sunnitische, salafistische Islamisten gefunden.

Hier ist v. a. die vom jordanischen al Qaida-Mann Sarkawi gegründete Gruppe mit verschiedenen Namen zu nennen, aus der die IS hervorging (und weiter zusammen mit den Ex-Baathisten kämpft). Auch die kurdische islamistische Ansar al-Islam (“Die Unterstützer des Islam”) kämpft auf dieser Seite um den Irak (oder gegen ihn?). Besatzungskräfte (private Militär-Unternehmen wie “Blackwater” waren fast von Beginn an dabei) sowie (meist aus Schiiten gebildete) Sicherheitskräfte des neuen Staates verübten aber auch zahlreiche Gewaltakte an Angehörigen aller Volksgruppen. Schiitischer Widerstand gegen die Besatzung kam v.a. von der “Mahdi-Armee” des Sohnes des unter Hussein getöteten Geistlichen al Sadr, Muqtada – da er weniger als etwa die Dawa auf schiitische Dominanz aus ist, sucht er auch keine ausländische Hilfe zu ihrer Absicherung. Bei Anschlägen in der frühen Zeit der Besatzung wurden der UN-Hochkommissar für Menschenrechte De Mello, der liberale schiitische Theologe Khoi, 03 und 04 zwei Regierungsratsmitglieder, Ajatollah M. B. al Hakim von der SCIRI beim Anschlag auf die Moschee in Najaf oder Vize-Aussenminister Kubba getötet.

Bald nach dem Krieg setzten die Besatzer eine Regierung (ohne Chef, ohne Verteidigungsminister, mit einem Ölminister mit eingeschränkten Kompetenzen,…) und einen Regierungsrat (mit rotierendem Vorsitz, vertreten waren alle wichtigen Parteien wie die KDP mit Massud Barzani, der Iraqi National Congress unter Ahmed Chalabi, die CPI mit H. Moussa oder das SCIRI unter A. al Hakim, Arefs Aussenminister Pachachi, Vertreter der Zivilgesellschaft wie der sunnitische Stammesfüher al Yawar, …) ein. Die Gremien bekamen Anerkennung durch die Arabische Liga – und von der iranischen Regierung. Gegenüber den Besatzungsmächten rangen sie um eine Verfassung und die Machtübergabe. 2004 wurden Regierung und Regierungsrat aufgelöst, eine neue Übergangsregierung mit dem Sunniten al Yawar als Präsident (und zwei Stellvertretern aus den andern zwei grossen Volksgruppen; in den Präsidien von Ministerrat und Parlament entsprechend) und dem Schiiten Allawi als Premier (der Kurde Zabari von der KDP blieb Aussenminister) ernannt.

Am 30. Juni dieses Jahres wurde offiziell die Souveränität übertragen, amerikanische Zivil- und Militärverwalter traten ab, es blieben 160 000 ausländische Soldaten im Land, v.a. US-Amerikaner (unter George Casey); die spanische Soldaten etwa waren nach dem Regierungswechsel von Aznar zu Zapatero abgezogen worden, Briten blieben bis 09 im Süden, Island hatte genau einen Mann gestellt und dann abgezogen. Daneben gabs die USA-Botschaft unter Negroponte mit 4000 Mitarbeitern in der hoch gesicherten “grünen Zone” Bagdads. Eingesetzt wurde auch ein Nationalrat, ein Übergangs-Parlament, dem auch der haschemitische Thron-Prätendent Ali bin al Hussein angehörte. Es trat eine Übergangsverfassung in Kraft, für Jänner 05 wurden Wahlen angesetzt. Unter amerikanischer Anleitung wurde eine neue Armee aufgebaut.

Die Gewalt war nahe beim Bürgerkrieg, überschritt diese Schwelle dann irgendwann. Der Irak kam wieder nicht zu Ruhe. Sunnitische Araber, jahrhundertelang die herrschende Bevölkerungsgruppe, fühlen sich nun von den Schiiten an den Rand gedrängt, sind zu einem gewissen Grad führungslos. Nach der Wahl 05 wurde aus Widerstand/Terror gegen die Besatzer einer gegen die schiitischen Herrscher bzw. ein innerer Konflikt – der aber in einem hohen Maß von aussen beeinflusst wurde. Vor dem IS-Vormarsch war der Höhepunkt des bürgerkriegsartigen Konfliktes 2006/2007 mit Tausenden Toten durch Anschläge erreicht. 2005 starben beinahe 1000 Menschen bei einer Massenpanik bei einer schiitischen Prozession in Bagdad, als sich das Gerücht eines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordanschlags herumsprach. Angehörige von Militär und Polizei, die neu aufgebaut wurden, leben gefährdet und werden unregelmäßig bezahlt. In manchen Provinzen sorgen von Stammesführern befehligte Bürgerwehren für die Sicherheit ihrer Leute.

Neben Schiiten sind, in einem geringeren Maß, auch Christen von Anschlägen betroffen (s.u.); Kurden durch ihr geschlossenes Siedlungsgebiet weniger. 07 verübten Extremisten auch einen Angriff auf das Parlament in Bagdads grüner Zone, ein Abgeordneter wurde getötet. Auch Entführungen von “Westlern” (z.T. Söldner) gibt es. USA-Truppen und einige Verbündete starteten Ende 04 in Fallujah (im äussersten Osten der Provinz Anbar) eine Militäroffensive gegen die Aufständischen, ihr Führer Sarkawi entwischte aber; er wurde 06 bei einem US-Luftangriff getötet. Er hat anscheinend in Abstimmung mit “al Qaida”-Chef Bin Laden agiert. Bin Laden, der Salafist, war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Der von Amerikanern und Schiiten “beherrschte” Irak wurde für seinesgleichen ein Terrorziel von höchster Bedeutung. Nach Sarkawi wirkte ein gebürtiger Ägypter mit verschiedenen Namen wie “al Muhajir” oder “al Masri” als sein Nachfolger, dieser wurde 2010 getötet.

Manche sagen, dass es unter Hussein besser war. Damals konnte es einem zwar passieren, von dessen Agenten irgendwann irgendwo abgeholt zu werden, mit sehr ungewissem Ziel, aber wenigstens nicht, durch Bomben zerfetzt zu werden, ausser in den meist vom Regime losgetretenen Kriegen. Bagdad ist heute weitgehend ethnisch gesäubert: Sunniten leben westlich des Tigris, Schiiten östlich davon, dazwischen wird eine Art Mauer gebaut (was es auch in Belfast gibt). Viele denken an Auswanderung, manche schicken ihre Angehörigen ins Ausland, bleiben selber (noch). Der linke Historiker und Autor Kanan Makiya, Schiit, in der Exil-Opposition aktiv (INC), ein starker Befürworter des Kriegs, kehrte in dessen Folge zurück, wurde sogar Berater der Nachkriegsregierung; er ging 06, vor dem Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände, wieder in die USA. Die irakische Diaspora zählt mittlerweile umd die 4 Millionen Personen, Schwerpunkt ist Grossbritannien. Die weltbekannte Architektin Zaha Hadid zählt dazu, der nestorianische Patriarch in der USA, oder Samir Jamal-Aldin in der Schweiz (Macher des Films “Forget Bagdad”).

Gefangene Iraker wurden im Gefängnis in Abu Grayib vom amerikanischen Wachpersonal (Militär und CIA) gefoltert und misshandelt, wie bekannt wurde; im selben Gefängnis, in dem auch Hussein foltern liess. Der Anwalt eines der dafür Angeklagten im Prozess in USA dann: sein Mandant habe nur Befehle ausgeführt und es sei nichts dabei, Gefangene auszuziehen, Pyramiden bilden zu lassen und wie Hunde an der Leine zu halten, “überall in den USA bilden die Cheerleader Pyramiden”. “Wikileaks” veröffentlichte ein Video, das den Angriff von einem amerikanischen Hubschrauber (von diesem aus selbst gefilmt) auf Reporter und Zivilisten 07 zeigt, auch auf Fliehende und Helfer wurde geschossen, zu den Toten und Verletzten (auch Kindern) gab es zynische Kommentare der Soldaten. Oder die Massaker in Haditha 05, in Mahmudiya 06,…  Anscheinend gab/gibt es Tote auch durch missverstandene Handzeichen bei Strassen-Kontrollpunkten: Eine offene Handfläche wird häufig, kulturbedingt, als “Komm” statt “Stop” verstanden, Soldaten reagieren mit Beschuss.

Im Jänner 05 wurde also das Parlament gewählt (auch Provinzen und Gemeinden), die freieste Wahl in der Geschichte des Landes, wenn die Macht vom Parlament und der zu bildenden Regierung freilich noch eingeschränkt sein würde. Sunniten boykottierten die Wahl teilweise, am Wahltag gab es ca. 40 Tote bei Anschlägen. Die Vereinigte Irakische Allianz (UIA; aus den schiitischen Parteien SCIRI, Dawa, INC,…; Sistani-nahe) unter al Hakim, Jafari, Chalabi gewann, vor der Kurdischen Allianz aus KDP und PUK, dann kam die säkulare Irakische Liste unter Allawis INA, dann die sunnitische “Iraker” von Präsident Yawar, die Turkmenische Front, eine kommunistische Allianz, eine Sadr-nahes Bündnis,… Die monarchistische ICM schaffte es etwa nicht ins Parlament. Der Sunnit Hassani wurde Parlamentspräsident (er war von seiner Irakischen Islamischen Partei ausgeschlossen worden, weil er nach der Fallujah-Offensive in der Übergangsregierung geblieben war), der Kurde Jalabani Staatspräsident (Yawar einer seiner zwei Stellvertreter). Jafari von der Dawa wurde Ministerpräsident, zugleich Verteidigungsminister, löste Allawi ab, Zabari blieb Aussenminister, Ölminister wurde Chalabi.

Unter Jafari wurden die Beziehungen zum Iran verbessert. Eine neue Verfassung wurde in dem Jahr in einem Referendum angenommen, deshalb gab es Ende 05 eine Neuwahl: Sie brachte wieder einen Sieg der UIA vor der Kurdischen Allianz, dritter wurde die sunnitische Irakische Eintrachtsfront (IAF) mit der Irakischen Islamischen Partei u.a., dann die INL von Allawi. Nuri al Maliki, vom CIA damals als unabhängig vom Iran eingestuft, löste infolge der Wahl seinen Dawa-Parteikollegen Jafari als Premier ab, eine breite Koalition kam zustande, aus allen grösseren Parteien; Sharistani (UIA) wurde neuer Ölminister. Die sadristischen (Risalyun-Partei) und sunnitischen (Eintrachtsfront) Gruppen und der Block um Allawi (INL) zogen sich aber schon nach wenigen Monaten aus der Regierung zurück, die aber immer noch die wichtigsten schiitischen und kurdischen Parteien umfasste.

Maliki baute die unter seinem Vorgänger begonnenen Beziehungen zum Iran weiter aus und parallel dazu eine Vorherrschaft der Schiiten über die anderen Volksgruppen, als könne er die Benachteiligungen von Jahrhunderten nachholen. Ein Konzept, dass die innere Polarisierung und die Gewalt weiter verstärkt hat. Der von den Neocons forcierte Regierungswechsel kam also paradoxerweise den Mullahs entgegen. Und dann suchte auch der engste USA-Verbündete unter den Exilpolitikern vor dem Krieg, Chalabi, die Nähe Teherans, nachdem er sich mit den USA zerkracht hatte.

In den Vorstellungen von Neokonservativen (auch deutschen) sollte durch den Krieg der Irak ein Instrument westlicher Machtausübung in der Region werden, vollzogen durch eine gefügige politische Klasse. Da es den Amerikanern darum ging, die Karten im Irak neu zu mischen, entstand unter ihrer Besatzung ein pluralistisches politisches System, wie es ansatzweise zuletzt unter Premier Qasim existiert hatte, den sie mitgeholfen hatten, zu stürzen. Dadurch führte kein Weg zur Macht an den Schiiten vorbei, die ungefähr 60% der Bevölkerung ausmachen. Ein Teil der schiitischen bzw. schiitisch dominierten Parteien steht für ein gesamtirakisches Konzept, andere für eine Vorherrschaft über andere, für manche ist schiitische Machtausübung mit einer starken Rolle der Religion und damit Zuständen wie im Iran seit Anfang der 1980er verbunden.

Die meisten irakischen Schiiten wollen keinen “Gottesstaat” (mit Verschleierungsvorschriften für Frauen), wie auch die Iraner nicht. Zum ersten Mal seit der Buyiden-Zeit waren Schiiten in ihrem Ursprungsland Irak wieder “am Ruder”. Die Schiiten waren politische Verbündete der amerikanischen Besatzer (im Gegensatz zu den meisten Sunniten sahen sie diese als Befreier), auch Maliki lange Zeit, und gleichzeitig Verbündete des Nachbarn Islamische Republik Iran (die manche Neocons gerne als nächstes angreifen würden). Als der Schatt el Arab-Grenzstreit zwischen Irak und Iran wieder auflebte, wurde er durch die Nähe der beiden Regierungen dieser Zeit schnell beigelegt. Der Iran wurde durch den politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak zur Regionalmacht. Nun konnte er eine Achse bilden, mit Syrien (wo das Baath-Regime von einer „schiitischen Sekte“ getragen war, den Alawiten), der Hisbollah und der pro-syrischen “8. März”-Allianz im Libanon und schiitischen Minderheiten in Golfstaaten oder Afghanistan. Auf der Gegenseite steht die von Saudi-Arabien geführte mehr oder weniger prowestliche sunnitische Achse; die Hamas in Palästina dürfte inzwischen eher zu ihr gehören.

Die iranischen Volks-Mujahedin kämpften einst gegen den Schah, dann gegen Khomeini, auch an der Seite Saddam Husseins, dann gingen sie mit den Neocons ein Bündnis ein. Ausser im Westen haben sie noch immer im Irak einen Stützpunkt, wo ihnen Hussein 1986 in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad das Militärlager Aschraf zur Verfügung gestellt hat. Nach seinem Sturz bekamen sie vom USA-Militär gewissen Schutz, irakische Regierungen ab Jafari würden das Lager (in dem 3 500 Angehörige der Volksmujahedin und ihre Familie leben) am liebsten schliessen. Es gab mehrere Überfälle von schiitischen Extremisten bzw. der irakischen Armee.

2010 gab es die nächste Wahl, es gab neue Allianzen, die ethnisch und konfessionell etwas gemischter waren, es gab Manipulationsvorwürfe und Gewalt, Sieger wurde die Al Iraqiya bzw. Irakische Nationalbewegung, mit Allawis INA, sunnitischen Listen wie Hashimis Erneuerunsgliste, Mutlaqs Dialogfront, Pachachis Liste und Yawars “Iraker”, vor der Rechtsstaat-Koalition aus Dawa (Maliki) und kleineren v.a. schiitischen wie Shahristanis Unabhängigkeits-Block, dann die Irakische Nationalallianz (UIA, ohne Dawa; mit ISCI, die früher SCIRI hiess, wozu irakische Hisbollah oder Badr gehören, Chalabis INC, Fadhilah, Jafaris Abspaltung von Dawa, die Sadr-Bewegung), der kurdischen Allianz aus KDP, PUK und kleineren, dann die kurdische Gorran, 2 sunnitische (darunter Tawafuq) und 2 kurdische islamische Allianzen. Zwei Blöcke lagen gleich auf, beide waren gemischt, jener unter Maliki war pro-iranischer, jener unter Allawi orientierte sich mehr an arabischen Staaten und USA. Nach langen Parteienverhandlungen wurde eine Koalitionsregierung aus Iraqiya, Rechtsstaat, Nationalallianz, Kurdischer Allianz und kleineren gebildet, Maliki blieb Premier.

Christen sind ein Verlierer des Regimewechsels, nicht wegen den schiitisch dominierten Regierungen, sondern der Gewalt von sunnitischen Gruppen dagegen, die alle Nicht-Sunniten (und zum Teil auch sunnitische Kurden!) als Feind betrachten. Der chaldäische Bischof Paulus Faraj Raho wurde etwa 2008 in Mossul entführt und ermordet, es gab einige Angriffe auf Kirchen. Das Nineveh-Gebiet bei Mossul im Nordwesten ist der Siedlungs-Schwerpunkt der Nestorianer, die Chaldäer sind stärker in die irakische Gesellschaft integriert, was sich schon an ihrem Siedlungsgebiet zeigt, das über das ganze Land verteilt ist, wobei Bagdad ein Schwerpunkt ist. Neben den beiden assyrischen/ostsyrischen/diophysitischen Gruppen gibt es im Irak kleinere Gruppen der westsyrischen Jakobiten und Syrisch-Katholischen sowie Armenier. Ein chaldäischer Bischof hat sich dagegen ausgesprochen, eine christliche autonome Zone im Irak zu schaffen. Eine solche würde ein Ghetto darstellen und ein leichtes Ziel für Angriffe sein.

Die Radikalisierung bzw. Islamisierung käme von aussen ins Land. Die Assyrer werden seit dem Regimewechsel 03 im Parlament (bzw. seinem Vorläufer) vom Assyrian Democratic Movement, aramäisch Zowaa Demoqrataya Atoraya (abgekürzt zu ADM oder Zowaa) unter Yonadam Kanna vertreten, bei Wahlen tritt die ADM meist als Rafidain-Liste2 an (bei der Parlamentswahl 14 gab es erstmals Festmandate für Minderheiten). Der Chaldäer Tarek Aziz, ein hochrangiger Funktionär im Baath-Regime, war nach dem Krieg 03 zu Tode verurteilt worden, das Urteil wurde bislang nicht vollstreckt. Es ist scheinheilig, wenn seine Verurteilung mit seinem Christentum in Zusammenhang gebracht wird, etwa in einer Aufforderung des Europaparlaments, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, in der gleichzeitig Besorgnis über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak geäussert wurde. In dem Urteil ging es u.a. um die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands im Anschluss an den Kuwait-Krieg 1991. Viele christliche Iraker wandern aus, gehen meist den Weg eines langen Transits in der Türkei (Istanbul), dann nach Übersee. Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat sich gegen eine Auswanderung ausgesprochen. Jene die gehen, schwächen natürlich die Zurückbleibenden. Der nestorianische Patriarch Mar Dinkha Khanania residiert seit langem in USA.

Das Konzept einer assyrischen Nation oder Nationalität geht eigentlich auf das 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auf westliche Einflüsse zurück. Der 1. Weltkrieg brachte für dieses unter den Betreffenden selbst grösseren Zuspruch, durch die Verfolgungen (und die Distanz zu den moslemischen Landsleuten), das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in anderen Teilen N-Mesopotamiens und Syriens verfolgten Jakobiten (die meist in das Nationalkonzept der Assyrer eingeschlossen sind, auch als “Aramäer” bezeichnet werden), das Neumischen der Karten unter westlicher Aufsicht im sterbenden Osmanischen Reich. Die Abstammung der Nestorianer und der aus ihnen hervorgegangenen Chaldäer von den antiken Völkern Mesopotamiens ist umstritten, aber jedenfalls ist ein starker Bezug auf die vorislamische Geschichte des Landes, die Früh-Antike mit den Hochkulturen und die Spät-Antike mit der Christianisierung zur Zeit der persischen Herrschaft, äusserst wichtig.

Die zwei Gruppen der mesopotamischen Christen sehen sich u.a. wegen ihrer Verwendung des Aramäischen, als Bewahrer alt-mesopotamischer, vor-islamischer Kultur. Es gibt Richtungen im “Assyrianismus”, die darauf abzielen, ihn unabhängiger von der christlichen Identität zu machen, und etwa die Mandäer im Süd-Irak, die ebenfalls die aramäische Sprache bewahren, mit einzubeziehen. Andere sehen eher die christlichen Maroniten des Libanon als “Partner”, und dieses Nationskonzept daher nicht territorial definiert. Jene, die sich auf den Irak als geopolitisch-kulturell-historische Einheit beziehen, stehen dem Konzept eines irakischen Nationalismus (wie ihn Qasim vertrat) nahe, beide stehen in Widerspruch zum Konzept des Irak als Teil einer arabischen Nation oder als islamische (was im Irak für Schiiten und Sunniten kaum ein gemeinsamer Nenner ist).

Assyrianismus kann also eine Form von irakischem Nationalismus sein aber auch eine anti-irakische Sezessionsbewegung, Beth Nahrin kann für beides stehen. Manche Nestorianer oder Chaldäer schlossen sich dem Aufstand der Kurden in den 1960ern und 1970ern gegen die Zentralregierung an, andere sehen die Kurden als ihren grössten Feind. Die Frage der Führung durch geistliche oder weltliche Führer ist ein weiterer trennender Faktor, wie auch die Aufteilung auf verschiedene Staaten, wozu auch eine wachsender Teil in der westlichen Diaspora gehört. Die Shuubiyah war im Mittelalter der Kampf nicht-arabischer Moslems gegen ihre Diskriminierung im Kalifat bzw. Umma. Als “Neo-Shuubiyah” werden die nicht-arabischen Nationalbewegungen in der arabischen Welt bezeichnet, neben dem Assyrianismus etwa der ägyptische Nationalismus, das Phöniziertum im Libanon usw., oft getragen von nicht-moslemischen Minderheiten.

Ein irakischer Nationalismus entstand gegen die osmanische und dann die britische Herrschaft, kann verschiedene Ausprägungen haben, die mesopotamische Antike spielt eine mehr oder weniger grosse Rolle. Im Gegensatz dazu steht eben ein (Pan-)Arabismus oder ein Islamismus, der aber entweder sunnitisch oder schiitisch ist. Ein Ausgleich Sunniten-Schiiten hat im irakischen Kontext in der Regel was von einem Irak-Nationalismus (der dann aber nicht säkular ist). Für Minderheiten wie Kurden, Assyrer, Turkmenen sind ihre “Teil”-Identitäten oft wichtiger als eine gesamtirakische, auch wegen ihrer nicht-arabischen identität (diese ist aber “aus-dehnbar” auf sie), sie haben auch eigene Flaggen. Ein irakischer Nationalismus schliesst oft ein Gross-Irak-Konzept mit Gebietsansprüchen (von Herrschern auch erhoben) auf Kuwait, das iranische Khusestan (über die umstrittene Schatt el Arab-Grenze hinaus), al Hasa von Saudi-Arabien, türkisches und syrisches Mesopotamien mit ein. Hussein war diesbezüglich flexibel, hat sich auf Wandmalereien auch als babylonischer Herrscher darstellen lassen, auf Kuwait und Khusestan Ansprüche erhoben (diese Länder auch angegriffen), pseudo-islamische Gesten gesetzt (wie die Aufnahme des “Allahu Akbar” in die Staatsfahne), vor allem eine Vorherrschaft der sunnitischen Araber umgesetzt.

09 zogen sich die US-Truppen (die letzte ausländische Macht) in militärische Basen zurück, Einsätze sollte es nur noch mit Erlaubnis der irakischen Regierung geben. Auch die Kontrolle der Grünen Zone am Tigris-Ufer in Bagdad haben sie an den Irak übergeben, das einstige Machtzentrum von Saddam Hussein blieb bis zuletzt auch Symbol der US-geführten Okkupation des Landes. Umstellt von bis zu fünf Meter hohen Betonmauern gleicht das Regierungsviertel nach wie vor einem Hochsicherheitstrakt. Das USA-Militär zog sich 2011, unter Obama, ganz aus Irak zurück, bleibt aber natürlich in der Region um den Persischen/Arabischen Golf und baut seine Militärpräsenz dort aus. Zum Abschluss des Abzugs überquerte ein letzter Konvoi mit 500 Soldaten die Grenze zum Nachbarland Kuwait. Der Einsatz kostete die USA insgesamt 800 Milliarden Dollar, etwa 4500 US-Soldaten und 300 andere ausländische Soldaten waren getötet worden. Zur Ruhe kam das Land auch nach dem Ende der Besatzung nicht. Seit dem Krieg vor mehr als 10 Jahren sind zehntausende Iraker durch Kämpfe und Terror getötet worden.

Vor dem IS-Terror hatte sich die Sicherheitslage etwas beruhigt, was Voraussetzung auch dafür wäre, dass der Tourismus wieder in Schwung kommt. Als Herzstück der zahlreichen antiken Stätten des Landes gelten die Überreste der Stadt Babylon (Babil). Die Restaurierung von zwei Grundstrukturen wurde vom US-Aussenministerium gefördert. Auch Städte des antiken Sumer (Shumeru/Kiengir) wie Uruk (Warka), sollen vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Stätten sind auch für viele Iraker selbst von grosser Bedeutung. Auf besondere Schwierigkeiten stossen die Archäologen bei den „Rekonstruktionen“ aus den 1980ern, unter Hussein. Diese sind haarsträubend schlecht, dienten vor allem Hussein dazu sich ein Denkmal zu setzen (er liess, in Imitation Nebukadnezars, in viele Ziegeln seinen Namen einlassen) und müssen nun wieder abgetragen bzw. zurückgebaut werden.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit dem Krieg und dem Machtwechsel 03 (die v.a. durch den Terror durch sunnitische Gruppen ausgehen) werden durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, der als weiterer Aufstand gegen eine Diktatur in einem arabischen Staat begann, verschlimmert. 2011 gab es im Irak sunnitisch dominierte Demonstrationen, die zT im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling stehen, zT ein Protest gegen die schiitisch dominierte Regierung waren. In der Regel äussert sich Protest im Irak aber anders. Die Terrormiliz ISIS/ ISIL/ IS/ DAISH, eine Nachfolgeorganisation der vom jordanischen Salafisten Sarkawi geführten Gruppe, erstarkte durch das auf Teile Syriens (in der syrischen Wüste angrenzend zu ihrer Hochburg, der grossen, sunnitischen Anbar-Provinz im West-Irak, wo die irakische Zentralregierung wenig Macht hat) erweiterte Aktionsgebiet und die Unterstützung durch einen Teil der sunnitischen Bevölkerung des Irak infolge der Eskalation des Streits zwischen der von Schiiten dominierten Regierung unter Maliki und den sunnitischen Parteien 13/14.

Dieser innere Grundkonflikt des Irak nach Saddam verschärfte sich durch die Parlamentswahl 14 mit dem Sieg von Malikis Partei bzw. Allianz. Diese Wahl gewann die schiitische Rechtsstaat-Koalition unter Maliki vor den Sadristen, ISCI (Hakim), Muttahidun (Sunniten, Nujaif), KDP, Wataniya, PUK, al Arabe,… Die offen auf schiitische Vorherrschaft angelegte Politik Malikis (mit einer auch für viele Schiiten zu engen Anlehnung an Iran) war die beste Hilfe für den Vormarsch der IS 2014. Sogar hochrangige schiitische Partikularisten wie Sistani und Sadr sind nicht einverstanden mit seiner die Sunniten ausgrenzenden Politik, die dem Extremismus den Boden bereitet. Dass der Einfluss der Schiiten nach 03 gemäß ihrem Anteil an Bevölkerung erhöht wurde, und Sunniten ihre jahrhundertealte Privilegierung verloren, ist auch für einen Teil der sunnitischen Gegner der Maliki-Politik nicht das Problem. Der frühere irakische Vizepräsident Tarek al-Haschemi, sunnitischer Nach-Baath-Politiker, von der wichtigsten sunnitischen Parteienallianz IAF (Eintrachtsfront/Tawafuq, umfasst u. a. die IIP), einer der schärfsten Kritiker von Maliki, wurde 2012 wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit zum Tod verurteilt (was die Vorwürfe ggü Maliki, wonach er immer mehr diktatorische Züge annehme, möglicherweise bestätigt), lebt im türkischen Exil, ist davon überzeugt, dass der Irak mit dem IS-Vormarsch eine sunnitische Volkserhebung erlebt, gegen das Dominanz-Streben der Schiiten unter Maliki.

Es gehe bei weitem nicht nur um IS(IS), sagte Haschemi gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch politische Parteien, Armeeoffiziere und Stammesführer spielten eine Rolle. Maliki gab erst auf, als zum erbitterten Widerstand nach der Wahl vom grössten Teil des politischen Spektrums auch der Verlust der Unterstützung seiner Dawa-Partei hinzukam. Die IS kontrolliert inzwischen einen grossen Teil des Mittel-Irak, einen Teil des Nordens; gegen den Widerstand von irakischer Armee (von Schiiten dominiert) und kurdischer Peschmergas. Assyrische Kirchen, schiitische Moscheen, sufistische Schreine, antike Kulturgüter werden von den Salafisten zerstört. Auch manche junge Moslems aus Europa schliessen sich der hauptsächlich gegen Moslems aktiven Terrormiliz an.

Aus Mossul flüchteten Christen nach Erbil im Kurdengebiet. In Bagdad versammelten sich dazu Hunderte, um Solidarität mit ihnen zu demonstrieren. In Erbil demonstrierten assyrische Priester mit kurdischen Imamen. Der arabische Buchstabe „N“ (für Nasrani, „Nazarener“, also Christen), mit dem christliche Häuser im Irak von der IS gebrandmarkt worden sind, hat sich im Internet zu einem Zeichen der Solidarität entwickelt. Der US-Amerikaner Jeremy Courtney, von dem die Welle der Solidarität unter dem Hashtag „WeAreN“ ausging, sieht diese inzwischen aber kritisch. Durch die Solidaritätsbekundungen für die irakischen Christen würden nämlich andere Gruppen, die ebenso litten, ausgeblendet. Denn eigentlich sei die Welle der Solidarität von Muslimen ausgegangen, die selbst unter IS leiden und erkannt hätten, dass sie die nächsten sein könnten. Der chaldäische Patriarch, Louis R. Sako, hat geflohene Geistliche in den Irak zurückbeordert. Priester und Ordensleute könnten sich nicht aussuchen, „wo sie dienen. Wir müssen an dem Ort leben und sterben, an den Gott uns ruft.” Wer aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen aus dem Irak ausgereist sei, müsse zurückkommen, forderte Sako.

Angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe ist auch die Auf-Spaltung des Irak wieder ein Thema, wobei die Grenze zwischen der sunnitischen Mitte und dem schiitischen Süden quer durch Bagdad gehen würde. Der Regierungschef der Kurdenregion, Massud Barzani, hat angedeutet, dass eine Abspaltung für seine Region ein Thema wäre. Auch hier wäre die Grenzziehung umstritten und schwierig, zur Mittelregion. Das Kurdengebiet dehnt sich über die ursprüngliche Autonomiezone aus. Das ethnisch sehr gemischte Kirkuk ist stark umkämpft, es gibt dort Streit um Vorherrschaft, Zugehörigkeit, Rückkehr, Wahlrecht. General Ali al-Saidi fordert eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. Auch in diesem Konflikt spielt die Kontrolle ums Öl wieder eine entscheidende Rolle; IS verkauft Rohöl aus eingenommenen Gebieten im Nord-Irak und finanziert damit weiteren Terror; Kurden bekamen mit der Einnahme Kirkuks durch Peschmergas ebenfalls Kontrolle über Ölreserven und –industrie, die mit grosser Macht verbunden ist.

Kurden, auch in Syrien und aus der Türkei, kämpfen gegen IS, die auch Yaziden unter ihnen gewaltsam zum Islam bekehren will, in Nord-Irak und Nordost-Syrien, in Grenzgebieten zwischen kurdischen und arabischen Siedlungsgebieten. Als eines der ersten Länder hatte der Iran mit Waffenlieferungen an die Kurden begonnen. Deutschland liefert ihnen Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre für den Kampf gegen die Terrormiliz, Peschmergas sollen auch in Deutschland militärisch ausgebildet werden. Geredet wird dabei viel über Kobane im syrischen Kurdengebiet und seine gefährdete Zivilbevölkerung, aber das gehört zum imperialistischen deutschen Projekt.

Die irakische Kurdenregion arbeitet eng mit der Türkei unter Erdogan zusammen. Als im nordirakischen Sindschar-Gebirge die yazidische Bevölkerung einem Massaker durch den IS entgegenblickte, wurde sie von den Peschmergas des irakischen Kurdistan schutzlos zurückgelassen. Geholfen haben ihnen Kräfte aus den syrischen und türkischen Kurdengebieten (u.a. die PKK, die ihr Hauptquartier im Nordirak unterhält). Da die beiden grossen Parteien des Irakischen Kurdistan im vom Salafisten bedrängten syrischen Kurdistan (Rojava) schwach verankert sind und dieses unabhängig agieren will, zeigt die Autonomieregierung der irakischen Kurdenregion für Rojava wenig Engagement.

Die USA-Regierung unter Obama überlegte lange eine Militärintervention gegen IS („Es liegt am Irak, seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen“ hiess es zunächst), die sogar der iranische Präsident Rohani gefordert hat. Das grüne Licht für Luftangriffe gab Obama schliesslich mit der Begründung, “um in der Region eingesetzte US-Militärberater zu schützen” und ein Massaker an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Operation “Inherent Resolve“ erweist sich als Goldgrube für die Rüstungsindustrie, sie beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und die Möglichkeit auf Milliardeneinnahmen. Im Irak kämpfen jetzt die irakische Armee, schiitische Milizen (denen Amnesty International schwere Verbrechen vorwirft), kurdische Peschmergas, sunnitische Stammeskämpfer und USA-Militär gegen IS.

Im Irak begann die westliche Einflussnahme primär aus wirtschaftlichen Gründen (Öl), im Kalten Krieg mit dem Sowjet-Block erhöhte sich der strategische Wert des Landes (die angebliche “kommunistische Gefahr” spielte einen Hauptrolle beim Sturz von Qasim), bei der Unterstützung von Hussein spielte bereits der Islamismus (des Nachbarn Iran) die Hauptrolle, nach Ende dieser Unterstützung wurde er der “typische orientalische Despot”, nach seinem Sturz wurde die CPI wieder zugelassen, die Kontrolle über das Öl ist Teil des inneren Machtkampfes im Irak geworden.

* Literatur

Selim Matar: العراق.. سبعة آلاف عام من الحياة (Al-Irâq, saba’tu alâf ’âm min al-hayât; Irak, 7000 Jahre Geschichte) (2013)

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak (2004)

Kai Hafez (Hg.): Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden (2003)

Phebe Marr: The Modern History of Iraq (2012)

Dieter Lohmann: Irak: Von der Wiege der Kulturen zum internationalen Krisengebiet (2016)

Hanna Batatu: The old social classes and the revolutionary movements of Iraq. A study of Iraq’s old landed and commercial classes and of its communists, Ba’thists, and free officers (1978/2000)

Peter Heine, Hans J. Nissen: Von Mesopotamien zum Irak (2003 1. Auflage)

Kanan Makiya: Republic of Fear (1989/1998)

Fouad Ajami: The Foreigner’s Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq (2006)

Charles Tripp: A History of Iraq (2000)

Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (2000)

Georges Roux: Ancient Iraq (1992)

Ebubekir Ceylan: Ottoman Origins of Modern Iraq: Political Reform, Modernization and Development in the Nineteenth Century Middle East (2011)

Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte (2015)

Wolfgang Gockel: Irak. Sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland (2001)

Marion und Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 – von der Revolution zur Diktatur (1990)

John Curtis: Mesopotamia and Iran in the Parthian and Sasanian Periods (2000)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Hannes Galter: Mesopotamien, in: A. Grabner-Haider, K. Prenner (Hg.), Religionen und Kulturen der Erde. Ein Handbuch (2004)

Helga Anschütz: Die Gegenwartslage der „Assyrischen Kirche des Ostens“ und ihre Beziehungen zur „assyrischen“ Nationalbewegung, in: Ostkirchliche Studien 18 (1969)

Faleh A. Jabar: The Shi’ite Movement in Iraq (2003)

Abbas Kadhim: Reclaiming Iraq. The 1920 Revolution and the Founding of the Modern State (2012)

Barthel Hrouda: Mesopotamien. Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris (1997)

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Und andere Geschichten über den Irak (2015)

Johannes Renger (Hg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne (1999)

Henry William Frederick Saggs: Civilisation before Greece and Rome (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ein Mann namens Nidintu-Bel behauptete, Nabonids Sohn zu sein (war aber eher ein Usurpator/Hochstapler) und liess sich als Nebukadnesar III., König von Babylon(ien), ausrufen, zettelte einen Aufstand gegen die Perser an. Deren König Dareios schlug diesen nieder (522 vC, Schlacht) und liess den Anführer töten. Danach gab es noch einen Arakha, der sich als Nebukadnezar IV. proklamierte und einen Aufstand begann
  2. (Bilad al) Rafidain heisst auf Arabisch Mesopotamien

Monotheismus, Patriarchat und die trübe Milch heiliger Schriften

Abraham, für dessen Existenz es ausserhalb der biblischen Erzählungen und davon abhängigen Traditionen keine Nachweise gibt, gilt in der jüdischen Tradition und teilweise auch für die anderen abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam) retroaktiv als der Begründer des Monotheismus. Die Zeit, in welcher die Abraham-Erzählungen des jüdischen Tanach (entspricht dem Textbestand nach dem christlichen Alten Testament und enthält als Kernstück die Thora, die fünf Bücher Mose) stattfinden, wird im Allgemeinen mit dem Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus angesetzt. Die Israeliten unterwarfen um 1000 v. Chr. die Kanaaniter, den biblischen Dichtungen nach nach dem Auszug aus Ägypten (“Exodus”), der eine Rückkehr gewesen sei. Noch im 8. Jh. v. C. wurde Jahwe in den Königreichen Israel und Judäa als einer von mehreren Gottheiten verehrt.

Wahrscheinlich vollzog sich die Wandlung der jüdisch-israelitischen Religion zum Monotheismus erst im 6. Jh. v.C. in Judäa. Im Alten Ägypten sind Vorformen des Monotheismus („Henotheismus“) im 14. Jahrhundert v. C. nachweisbar, unter der Regentschaft von Pharao Echnaton (Amenophis IV.), der Aton zum alleinigen Gott erhob, jedoch nicht die Existenz der anderen Gottheiten bestritt und deren Kult nur teilweise verbieten ließ.[1] Der Weg zum Eingottglauben/Monotheismus, den auch andere Kulturen im 2. und 1. Jahrtausend v. C. beschritten, dürfte mit dem Weg zum gesellschaftlichen Patriarchat einhergegangen sein, zumal der übriggebliebene Gott ein männlicher war und die weiblichen ausgeschaltet oder zurückgedrängt wurden.

Auch der Zoroastrismus dürfte dahingehend umgeformt worden sein, so dass Ahura Mazda als Gott übrigblieb („Abstufung“ der ihm nun zugeordneten und unterstützenden Gottheiten wie Anahita, wie auch des bösen Gegenpols Ahriman). Im babylonischen Mespotamien lässt sich mit der Erhöhung von Marduk und der Abwertung anderer Gottheiten eine Zwischenstufe am Weg vom Polytheismus zum Monotheismus erkennen. Der letzte Herrscher des Neu-Babylonischen Reichs vor der persischen Invasion, Nabonid, dürfte aber mit der Umformung der babylonischen Religion zuungunsten Marduks und zugunsten anderer Götter beschäftigt gewesen sein und Kyros, mit dem die Ära der Fremdherrschaften in Mesopotamien begann, stellte sich, nicht zuletzt vor der babylonischen Priesterschaft, als von Marduk zur Wiederherstellung von Ordnung usw. beauftragt dar. Möglicherweise begann Marduks Erhöhung bereits mit der Zurückdrängung der Verehrung seiner mythologischen Mutter Ishtar (um 1500 v. C. ?). Hammurabi (1792 bis 1750 v C) schaffte im Zusammenhang mit Erhebung Marduks das Amt der Oberpriesterin ab, um nicht mehr der matrilinearen Thronfolge unterworfen zu sein.[2]

In den mesopotamischen Kulturen von Sumer, Assur und Babylon spielte Hierogamie [3], die Hochzeit zweier Götter, eine bedeutende religiöse Rolle. Diese Heilige Hochzeit gab es in der Antike auch im Kult der Griechen, besonders zwischen Zeus und Hera, oder bei den Kelten. Dabei konnte es sich um Aspekte von Götter-Mythen handeln oder um Liebesrituale im Tempel, die ein Herrscher, der als irdischer Vertreter einer Gottheit galt, mit einer Göttin, die durch eine Priesterin oder Tempeldienerin „vertreten“ wurde, vollzog. Den wichtigeren „Rang“ hatte dabei die Frau inne, die Kulthandlung, der Sex, fand zu Ehren der Göttin statt. Die Heilige Hochzeit war Teil der Inthronisation eines Herrschers, der sich über sie zu legitimieren hatte. In dieser religiösen Struktur waren Frauen die Verbindung zwischen Sexualität und Fruchtbarkeit, und die Göttin das Tor zu Geburt und Tod zugleich. Die Fruchtbarkeit des Landes hing vom heiligen sexuellen Akt ab zwischen dem göttlichen Paar ab. In Mesopotamien verlagerte sich der Fokus des Rituals mit der Ablösung der Vorherrschaft der Sumerer durch die Akkader und dann durch die Babylonier weg von Fruchtbarkeit auf die Bestätigung der Herrschaft. Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmte erotische Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied in der Bibel/im Tanach wieder.

Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Die Trinität (Vater, Sohn, Heiliger Geist) im Christentum kann als Aufweichung des Monotheismus aufgefasst werden, bzw. als Glaube an drei Gottheiten.


[1] Echnaton und seine religiöse Entscheidung wird auch mit dem “Exodus der Israeliten” aus Ägypten in Verbindung gebracht, nicht zuletzt von Sigmund Freud in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion”.
[2] Der Purim-Mythos mit seiner Geschichte von Mordechai und Esther, die Juden vor dem Perser-König retten, dürfte auf die babylonischen Gottheiten Marduk und Ishtar sowie auf persische Einflüsse zurückgehen. Theodor Gaster präsentierte mehrere Theorien dazu. 
[3] von alt-griechisch “ierogamía” oder “ierós gámos”, „die “heilige Hochzeit“; auch als “Theogamie” oder “Tempelprostitution” bezeichnet

 

Material zu dem Themenkreis:

* Frank Fabian: Die Größten Fälschungen der Geschichte

* Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter

* Jutta Voss: Das Schwarzmond-Tabu

* Diana Fabianova: Der Mond in dir (Dokumentationsfilm)

* Petra Schönbacher: Das Feuer des Baba-Jaga

* Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel; ein Rückblick und Ausblick (1904)

* Sharukh Husain: Die Göttin

* Luisa Francia: Mond-Tanz-Magie (1986)