Nation und Nationalismus in und um Tibet

Tibet ist eine der wichtigsten nicht souveränen (unabhängigen) Nationen. In der Debatte um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tibeter spielt die Phase vor der Eingliederung in die Volksrepublik China eine entscheidende Rolle, ob Tibet also Teil der Republik China (wie sie 1912 bis 1949 am Festland bestand) war. In der Souveränitätsdebatte geht es auch um den Status Tibets gegenüber den Ming-Kaisern Chinas (1368–1644). Damals gab es erstmals eine Art chinesische Herrschaft über Tibet, wobei die wirkliche Natur dieser “Herrschaft” (oder Beziehung) umstritten ist. Wahrscheinlich hatte Tibet damals einen Status ähnlich wie der gegenüber der Republik China (de facto unabhängig, de jure wahrscheinlich nicht). Wobei: was heisst hier “de jure”? Ein Völkerrecht gab es damals nicht, und das Westfälische Staatensystem hat sich eben nach dem Westfälischen Frieden des Jahres 1648 entwickelt. Unter der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) waren Tibet und China erstmals in einem Reich zusammen, davor gab es “Berührungen”. Unter der Qing-Dynastie war Tibet1 sicher ein Teil Chinas.

Die Geschichte Chinas ist eine von Reichseinigung (erstmals um 200 vC unter den Qin) und Reichszerfall; im Osten das Innere China, das chinesische Kernland (entwickelter), im Norden, Süden und vor allem Westen das Äussere China, der Rand, bewohnt von “Minderheiten” (Nicht-Chinesen). Es gibt hier also einen Streifzug durch die Geschichte Tibets, mit dem Focus auf seine Entstehung und Behauptung als Nation. Dabei zeigt sich eine starke Verbindung mit dem Buddhismus im Land; weil diese Religion das Land stark geprägt hat, sie seine weltlichen Herrscher hervorbrachte, und weil die meisten tibetischen Historiker buddhistische Mönche (Lamas) waren. Auch gesamt-chinesische Fragen werden angeschnitten, auf das Verhältnis Tibets zum Westen wird eingegangen, am Ende auf Nationalismus und Separatismus generell.

Die Tibeter gehören ethnisch zu den Tibeto-Birmanen, ihre Sprache zur sino-tibetischen Sprachfamilie. Über die Ethnogenese bzw Vorgeschichte der Tibeter gibt es einige Mythen. Ihr Land liegt am Schnittpunkt von Ostasien, Südasien und Zentralasien, zwischen Indien, China und dem westlichen Zentralasien. Es ist ein Hochland, begrenzt von Tarimbecken, chinesischem Strombecken, Himalaya, Kaschmir. Es gibt grosse Temeperatur-Schwankungen. Der tibetische Eigenname für das Land ist Bod (བོད) oder , aus dem türkischen Töbäd (“die Höhen”) dürfte über persische und arabische Vermittlung in westlichen Sprachen “Tibet” geworden sein. Bis heute dominiert Viehzucht (> Yak) und Ackerbau die Wirtschaft und Lebensweise (zT Nomadentum) des Landes. Im frühen Mittelalter gab es die ersten Bildungen regionaler Reiche, etwa im Yarlung-Tal. Vor dem Buddhismus gab es in Tibet eine schamanistische Volksreligion, das Bön.

Im 7./8. Jh kam der Buddhismus aus Indien nach Tibet2, in seiner Vajrayana-Form, wurde dort zum Lamaismus oder lamaistischen Buddhismus umgeformt, in dem das Mönchtum zentral ist. Das vor-buddhistische Bön floss in den “tibetischen” Buddhismus ein, blieb zT (buddhistisch beeinflusst) bestehen. Mit dem Buddhismus kam bzw entstand eine an das Sanskrit angelehnte Schrift für die tibetische Sprache. In das benachbarte China war der Buddhismus im 1. Jh nC gekommen, verbreitete sich dann ab dem frühen Mittelalter stark (hauptsächlich in seiner Mahayana-Form3 In Indien selbst wurde der Buddhismus von Hinduismus und Islam verdrängt.

Im 7. Jh entstand ein vereintes Tibetisches Reich, das ziemlich weit über die heutige chinesische (autonome) Region hinaus reichte, bis ins 9. Jh hielt. Erster Kaiser und Reichsgründer war Songtsen Gampo, dessen Vorfahren zuvor nur in Yarlung herrschten. Unter ihm begann auch der Buddhismus in Tibet Fuss zu fassen und das Land zu prägen. Bod (Bö) bezeichnet auf Tibetisch das gesamte Tibet, bestehend aus den 3 Regionen Ü-Tsang (Zentral-Tibet), Amdo, Kham (die beiden im Osten anschliessenden Regionen, die heute nicht mehr Teil Tibets sind). Tibet (bzw Ü-Tsang)4 bestand damals auch aus Gegenden im Süden und Westen, die später verloren gingen, teilweise tibetisch besiedelt waren, teilweise Nachbargebiete und -völker darstellten. Im Osten grenzt(e) Tibet an chinesische Gebiete, im Süden, Westen und teilweise im Norden an arische/indo-iranische, im Norden auch an türkisch-mongolische, im Süden auch an (andere) tibeto-birmanische. In China herrschte 618–907 die Tang-Dynastie, versuchte zu expandieren, es kam zu mehreren Schlachten mit Tibet, etwa zu jener von Songtsu 638.

Zum Handel an der Seidenstrasse trug Tibet auch mit Textilien-Herstellung bei. Im 9. Jh gingen ein Niedergang des Buddhismus und ein Zerfall Tibets Hand in Hand. Tibet bestand, bis zum 13. Jh, wieder aus Teil- bzw Regionalreichen, die jeweils mit gewissen Klöstern verbunden waren. Im Hoch-Mittelalter lebte der Buddhismus in Tibet wieder auf. In dieser Zeit wurde der Islam ein Bedränger des Buddhismus: In Südasien (also dem indischen Raum), in Südost-Asien, und in Zentralasien. Das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet in Nachbarschaft bzw Nähe Tibets wurde unter den Ghaznawiden islamisiert. Nördlich von Tibet, im heutigen Sinkiang/ Xinjiang, hatte sich der Buddhismus auch bei Ost-Iranern (Tocharer, Saken,…) im Tarim-Becken durchgesetzt, neben dem nestorianischen Christentum. Und auch im Norden dieses Gebiets, bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho).5 Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch die Karluken/ Karakhaniden islamisiert und türkisiert.6

Das fragmentierte Tibet wurde in den 1240ern in das vom Dschingis Khan begründete Mongolische Reich eingegliedert. Zuerst kam eine Invasion, dann wurde einer führenden Person des tibetischen Buddhismus, Sakya Pandita, die Macht über Tibet innerhalb dieses Reichs übergeben. Kublai Khan, ein Enkel von Dschingis/Cengiz, war Ende des 13. Jh Grosskhan/ Khagan des Mongolischen Reichs, nach dessen endgültigem Auseinanderfall Herrscher und Begründer des Yuan-Reichs, einem der Nachfolgereiche. Tibet kam zu diesem Reich, das China und weitere Teile Nordost-Asiens umfasste, behielt seinen Autonomie. Der Orden der Sa(s)kyapa/Rotmützen wurden von Kublai Khan zu Herrschern über Tibet gemacht, die Klöster in Tibet bekamen (mehr) weltliche Macht. Und, den Tibetern gelang auch die Vermittlung ihres Buddhismus an die Mongolen, der im Yuan-Reich (de facto) Staatsreligion wurde.7 Um 1360 fiel dieses Reich der Mongolen über Nordostasien auseinander.8

Durch die mongolische Herrschaft war Tibet ab dem 13. Jh in den “Einzugsbereich” Chinas, selbst Unterworfener der Mongolen, gekommen. Der chinesische Einfluss, zunächst kulturell, wurde in der frühen Neuzeit politisch. In China schüttelte die Ming-Dynastie in den 1360ern die mongolischen Yuan ab, bald war auch Tibet ein Teil dieses Chinas.9 Die Natur dieser (Vor-) Herrschaft ist, wie in der Einleitung erwähnt, umstritten. Die meisten Wissenschafter ausserhalb Chinas sagen, dass es sich um eine Form der Suzeränität handelte, dass Tibet de facto unabhängig vom Ming-China war (anders als ein Vasallenstaat, der de jure unabhängig ist). Jedenfalls genoss Tibet von China unter den Ming (1368 – 1644) weitgehende Autonomie, die von Familien wie den Phagmodrupa und den Tsangpa als Regionalherrschern “ausgefüllt” wurde. Die Haltung der VR China dazu ist, dass Tibet (chinesisch 西藏, Xizang) durch die Zugehörigkeit zum Yuan-Reich ein Teil Chinas wurde, es unter den Ming blieb, somit seit dem 13. Jh ein (integraler) Teil Chinas ist! Jene, die eine Souveränität von China über Tibet zur Zeit der Ming-Herrschaft behaupten, verweisen darauf, dass diese Fürsten von der Akzeptanz des Ming-Hofes abhängig waren – dem wird entgegen gehalten, dass es dabei um nominelle Titel (für diese Herrscher) ging, ohne grosse Bedeutung.10

Bild des 1. Panchen Lama (14./15. Jh)

Jedenfalls, mit Kaiser Jiajing (1521–1566) wurde das Maß an Selbstbestimmung, das Tibet genoss, noch grösser. Mit dem Ende der Mongolen-Herrschaft begann der Aufstieg des Ordens der Gelbmützen/Gelugpa (mit einem Dalai Lama und Pantschen Lama). Anfang des 1. Jh, unter dem 5. Dalai Lama, wurden tibetische Gebiete vereinigt, die weltliche Herrschaft dieser Institution begründet. Der Dalai Lama wurde weltlicher Führer Tibets, der Pantschen Lama geistlicher. In diese Zeit fällt die Unterdrückung von Christen in Tibet. Die Herrschaft der Lamas wurde fortgesetzt, als die Ming-Herrschaft 1644 unterging und die mandschurischen Qing/ Aisin Goro die Herrschaft über China übernahmen. Tibet war für etwa 80 Jahre frei von chinesischer Oberherrschaft, war in der in dieser Zeit dem mongolischen Khoshut-Khanat tributpflichtig. Das damalige Regime über Tibet wird Ganden Phodrang genannt. Lhasa wurde Hauptstadt und mit dem Bau des Potala-Palastes dort begonnen. Die Grenzen waren aber, wie damals üblich, nirgendwo hin klar festgelegt und die Macht der (klerikalen) Regierung erreichte nicht alle Winkel der Region.

Tibets Nachbarn “wechselten” immer wieder, in der frühen Neuzeit war das u.a. das Ost-Tschagatai-Khanat (Moghulistan), mit dem späteren Sinkiang, wo dann das Dsungarei-Khanat entstand, von dem (wie vom Sikh-Reich) Angriffe auf Tibet ausgingen. Der östliche Teil von “Xinjiang”/”Shərqiy Türkistan” kam im 16. Jh zu China. Im Süden (Indien) entstand das Mogul-Reich. 1720 fielen zunächst die mongolischen Dsungaren (Tsungaren) aus dem Norden in Tibet ein; anschliessend schickte der chinesische Kaiser Gian Long (Qianlong) eine Armee hin, die Soldaten wurden von den Tibetern als Befreier von den Dsungaren freudig begrüsst, heisst es. Tibet wurde chinesisches Protektorat, eine kaiserliche Delegation überbrachte am 21. April 1721 die offizielle Anerkennung des 7. Dalai Lama. Und, China beseitigte die Reste weltlicher (Eigen-) Herrschaft in Tibet, mit der Tötung von Gyurme Namgyal, des neuen Oberhauptes der adeligen Pholha-Familie, 1750.

In den frühen Jahren des Protektorats von Qing-China über Tibet, unter Kaiser Yongzheng, wurde Ost-Tibet abgetrennt; in den 1720ern wurden Amdo und das östliche Kham in die benachbarten chinesischen Provinzen (Qinghai und Sechuan) eingegliedert. Die Grenze wurde bei Batang gezogen, das Gebiet westlich davon (Ü-Tsang, West-Kham) stellte nun Tibet dar, Tibet östlich davon (Ost-Kham und Amdo) blieb dauerhaft abgetrennt – bis zum Ende der Monarchie in China 1912. Und das daran anschliessend (semi-) unabhängige Tibet11 bestand ohne diese Gebiete. Die autonome Herrschaft der Dalai Lamas unter/in Qing-China bezog sich also auf ein verkleinertes Tibet. China hatte einen Statthalter in Lhasa, meist aber keine Truppen dort stationiert, siedelte keine Chinesen an, mischte sich in der Regel nicht in innere Angelegenheiten ein.

Bald nach der “Eingliederung” Tibets in China war das Tarim-Dsungarei-Gebiet dran, damals von den mongolischen (buddhistischen) Dsungaren beherrscht. Die dort heimischen (türkisch-iranischen) Uiguren begrüssten und unterstützten den chinesischen Feldzug 1755, mit dem das Dsungaren-Khanat zerstört wurde. Verbunden damit waren Massentötungen und Verschleppungen von Dsungaren – wie die Tanguten verschwand auch dieses Volk als solches. Die Bezeichnung “Xinjiang” wurde zunächst generell für die neuen Gebiete unter chinesischer Kontrolle verwendet12, dann spezifisch für dieses, für das es eben viele Namen gibt. 1683 eroberte die Armee der mandschurischen Qing Taiwan für China. Bis 1691 wurde die Mongolei unterworfen (auch noch unter Kaiser Qianlong); hier kam es zu einer Politik wie ggü Tibet: Ein Teil (> “Äussere Mongolei”, später zu Qing-China) wurde weitgehend als Provinz in den Vor-Qing-Strukturen belassen, ein anderer (> “Innere Mongolei”, von den Mandschuren unterworfen bevor diese China unterwarfen) wurde auf mehrere Provinzen aufgeteilt. Im Norden grenzte dieses China an Gebiete, die im 17. Jh russisch geworden waren13, im Westen an die türkisch-iranischen Khanate des nordwestlichen Zentralasiens sowie an Afghanistan, das im 18. Jh entstand, im Süden an Mogul-Indien, Nepal, Bhutan sowie diverse südostasiatische Reiche, im Westen an Korea. Viele dieser Nachbarstaaten waren China tributpflichtig.

Guru Rinpoche, Nepal 17./18.Jh, Weltmuseum Wien

Die Mandschu(ren), die unter (bzw mit) den Qing (in) China dominierten, waren ein kleines Teilvolk Chinas oder eine nicht-chinesische Minderheit Chinas, das/die über den grossen Rest des  Landes herrschte. Unter den Ming, der letzten echt chinesischen Herrscherdynastie Chinas, war ein Teil der Mandschurei Teil Chinas geworden14, hatten Han-Chinesen über die Mandschu geherrscht. Die Mauer im Norden Chinas, bis zu den Ming gebaut, war/ist südlich des Gebiets der Mandschu und Mongolen – tweitere kamen unter den mandschurischen Qing zu China. Die Qing haben China grösser gemacht (wahrscheinlich grösser als je zuvor), die Basis für die jetzige Ausdehnung gelegt. Seine grösste Ausdehnung erreichte China unter zwei nicht-chinesischen Dynastien, den Qing und den Yuan. Die (mongolischen) Yuan kann/muss man als Fremdherrschaft sehen, waren das auch die Qing, eine Art Besatzungsregime also? Im Gegensatz zu den Moguln in Indien oder den Alawiyya in Ägypten haben sie nicht von Aussen die Macht ergriffen, ihr Territorium war schon davor Teil des Landes (und blieb es); man kann sie mit den Kadscharen und Safawiden in Persien/Iran vergleichen, vielleicht mit den Americo-Liberianern, die über die Afro-Liberianer herrschten.

Langer Zopf und Kahlscheren des Vorderkopfes und der Seiten bei Männern war mandschurische Sitte, die nach Machtübernahme der Qing über China für Chinesen vorgeschrieben wurde.15 Dies sollte Unterwerfung der (eigentlichen, Han-) Chinesen unter die Mandschuren bzw die Vereinigung der Ethnien Chinas verdeutlichen (optische Unterscheidung zu den Mandschu unmöglich machen). Jene, die die Qing ablehnten, sollten/konnten so auch identifiziert werden. Damit haben sie aber Widerstand hervorgerufen, trotz/wegen der drakonischen Strafen, die auf Nicht-Befolgung standen. Ausnahmen bei der Vorschrift gab es für Nicht-Han (da war diese Haartracht nur für Führer vorgeschrieben) und Geistliche verschiedener Religionen. Die Qing sahen die moslemischen Hui (Dunganen) als Chinesen, aufgrund ihrer Sprache, sie waren daher zu dieser Haartracht verpflichtet. Uiguren oder Tibeter nicht. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es für Chinesen zur Selbstverständlichkeit, dass Männer Zöpfe tragen, es wurde sogar als vornehm und chinesisch empfunden. Und im Ausland wurde dieser mandschurische Brauch16 als ur-chinesisch empfunden.

Alle die “äusseren Gebiete” Chinas sind eigentlich unter den (mandschurischen) Qing zu China gekommen – nur die Mandschurei gehörte teilweise vorher schon dazu.17 Die Expansion Chinas (der Kern bzw das Zentrum im Osten) betraf Gebiete in seinem Westen, Norden, Süden, wurde also in der früheren Neuzeit “fixiert”. Wie man auch auf der Karte unten sieht, das äussere China, die Peripherie, der Rand, die (ursprünglich) von Nicht-Chinesen bewohnten Gebiete, ist eigentlich grösser als das ursprüngliche, innere China; und fast alle Aussengrenzen Chinas lagen nach der Expansion im äusseren China. Das Eigentliche oder Innere China umfasst in etwa jenes Gebiet, das von den Ming (oder früher von den Song) gehalten wurde; die 15 Verwaltungseinheiten/Provinzen der Ming wurden unter den Qing durch Reformen zu 18 Provinzen (十八省), die neu eroberten Gebiete bekamen eine andere Verwaltung, diese 18 Provinzen gelten als ursprüngliche und integrale Bestandteile Chinas (in Abgrenzung zu neu eroberten Gebieten, die zudem von Nicht-Chinesen geprägt sind/waren, und grössere Provinzen darstellten). Für wen aber genau? Die Einteilung Chinas in Kern- und Grenzregionen ist eigentlich eine Sache der westlichen Welt.

Im Südwesten des Inneren Chinas gibt es Völker wie die Zhuang und Miao, die nicht chinesisch/sinitisch sind. Taiwan kam erst unter den Qing zu China, seine ursprüngliche Bevölkerung ist nicht chinesisch; Taiwan kam aber unter den Qing zur Provinz Fujian, wurde also Teil des Inneren Chinas, ist so gesehen integraler Bestandteil Chinas. Jener Teil der Mandschurei die Teil von Ming-China gewesen war, wurde von den Qing erobert, bevor (der Rest von) China erobert wurde, daher wurde die Mandschurei als Ganzes nicht Teil der achtzehn neuen Provinzen bzw des Inneren Chinas. Das östliche Tibet wurde wie gesagt grossteils auf die Provinzen Sechuan und Qinghai aufgeteilt. Die Grenzen von Yunnan wurden auch verändert. Die Gebiete des Äusseren Chinas (“Ost-Turkestan”, Mongolei, Tibet, Mandschurei) kamen, ausser jene Teile die inner-chinesischen Provinzen zugeteilt worden waren, unter Verwaltung einer Behörde namens Lifan Yuan, bekamen Autonomie, in Tibet von der religiösen Institution der Dalai Lamas ausgeübt.

Die Qing/Mandschu sahen Mandschu, Han, Tibeter, Uiguren, Hui, Mongolen,… als gleiche Teile Chinas an, China quasi als supranationalen Staat. Ähnlich wie es Persien in der Neuzeit von den Safawiden bis zu den Kadscharen war, vor den Pahlevi.18 Zur “Befriedung” der Tibeter und Mongolen förderten die Kaiser der Qing-Dynastie den Buddhismus, vor allem die Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus.19 (Das innere) China ist auch zT buddhistisch geprägt, die Mandschuren nahmen den Buddhismus aber überwiegend nicht an.

Gebiete, die als Teile des Tibetischen Kulturraums bzw eines Gross-Tibets gesehen werden, waren zu Zeiten des früheren Qing-Reichs im Süden Tibets Bhutan, Sikkim und Teile von Birma und Nepal. Bhutan und Sikkim, die über die Jahrhunderte hinweg weitgehend ihre Unabhängigkeit bewahren konnten, waren und sind von buddhistischen Tibeto-Birmanern bewohnt. Die wichtigste Bevölkerungsgruppe Bhutans, die Ngalop, sind Auswanderer aus Tibet. Und unter einem tibetischen Lama, Ngawang Namgyal, wurde Bhutan im 17. Jh ein geeintes Reich – das sich Anfang des 18. Jh erfolgreich gegen Eroberungsversuche von Tibet und Mogul-Indien verteidigte, später von den Briten weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Die Birmanen/Bamar sind ethnisch und kulturell verwandt mit den Tibetern, blieben politisch aber auch unabhängig, dominier(t)en ihren Vielvölkerstaat. In Nepal gibt es die vorherrschenden arischen, hinduistischen Bevölkerungsgruppen, und einige tibeto-birmanische, buddhistische. Auch die Gegend um den höchsten Berg im Himalaya-Gebirge, den Sagarmatha/ Chomolungma/ Mount Everest, ist hauptsächlich von “tibeter-ähnlichen” Volksgruppen bewohnt.

1788-1793 drangen die Nepalesen übrigens in Teile Tibets, somit in China, ein. Als “Westtibet” werden manchmal teilweise tibetisch geprägte Gebiete zusammengefasst, die unter indische Herrschaft gekommen sind bzw Teil indischer Reiche wurden.20 Hauptsächlich sind das Teile Kaschmirs, die von tibeto-birmanischen Gruppen bewohnt werden, wie Ladakh. 1679–84 gab es dort einen kleinen Krieg zwischen den Truppen von Tibet und des Herrschers von Ladakh, der Unterstützung vom Mogul/Gurkani-Reich bekam. Tibet hat also in den Jahrzehnten, bevor es zum Qing-Reich kam, versucht, sein Territorium zu vergrössern, um Gebiete, die man (ethnisch,…) als Teil eines Gross-Tibets sehen kann. Die (heutigen) Grenzen in diesem südöstlichsten Teil Zentralasiens wurden aber grösstenteils von den Briten und Ende des 19. Jh fest gelegt, bis dahin gab es gerade in diesen gebirgigen Gegenden keine klaren Abgrenzungen der Reiche.

In der späteren Neuzeit begannen Kontakte Tibets mit dem Westen, aus Europa kamen zunächst diverse Erforscher, Missionare (v.a Jesuiten), Händler,… Der transsylvanische Ungar Sándor (Alexander) Kőrösi-Csoma (1784 – 1842) wollte die Urheimat der Magyaren finden, bereiste dazu auch diesen Teil Asiens; er gilt als Begründer der Tibetologie. Ab dem späteren 18. Jh setzten sich die Briten in Indien fest, bekamen es bis Mitte des 19. Jh ganz unter ihre Kontrolle, versuchten von dort (grossteils erfolgreich) Zentralasien zu unterwerfen, weiters Teile von Nordost- und Südost-Asien. Gegen Ende des 19. Jh war GB in grossen Teilen Asiens vorherrschende Macht, auch wenn es sich die betreffenden Länder, wie Persien/Iran oder China, nicht ganz unter den Nagel riss. Russland beherrschte hauptsächlich das nordwestliche Zentralasien, das Gebiet der türkisch-persischen Khanate und Emirate, die dort in der Neuzeit entstanden sind. Während in Amerika ab Ende des 18. Jh von europäischen Siedlern begründete Staaten unabhängig wurden, wurde die Welt bis zum beginnenden 20. Jh fast vollständig von europäischen Mächten unterworfen, unter diesen aufgeteilt. Das China der Qing war wie das Persien der Kadscharen, das Osmanische Reich oder Abessinien/Äthiopien eines der Reiche, die nie ganz unterworfen wurde

Im 18. Jh machten sich die Sikh im Punjab unabhängig, nahmen das Kaschmir ein. Das Sikh-Reich (Sarkar-I Khalsa, ਸਿੱਖ ਖਾਲਸਾ ਰਾਜ) eroberte 1834 auch den Ladakh-Teil von Kaschmir, damals ein unabhängiges Kleinreich und tibetisch geprägt. 1841 drang eine Sikh-Armee von dort auch nach Tibet ein, dadurch kam es zum Sino-Sikh-Krieg (41/42). Auch in “Xinjiang” wurde eingedrungen, vom Khanat Kokand (das dann bald russisch wurde), für einige Jahre in den 1820ern. In der Spätphase des Qing-Reichs kam es zu inneren Aufständen sowie zum Eindringen von Aussen, ähnlich wie beim Osmanischen Reich. Separatistische Bewegungen wurden von den Westmächten auch gefördert. In der frühen Neuzeit hatte im Westen ein idealisiertes China-Bild überwogen, im 19. Jh kippte das ins Negative, auch aus geo- und wirtschaftspolitischen Interessen, sah man nun eine „rückständige Kultur“, die vom Westen auf Vordermann gebracht werden musste. China, das sich so lange isolierte, wurde vom Westen (und Japan) gewaltsam “geöffnet”.

Qing-China um 1820

Die Schwäche des Reichs begünstigte die Aufstände (gegen die mandschurische Fremdherrschaft und aus anderen Gründen) und umgekehrt. Im Rahmen der Weisser-Lotus-Rebellion (1794-1804) war auch das Abschneiden des Männerzopfes Ausdruck von Protest. Es gab den Taiping-Aufstand (religiös-sozial, 1850-64), Aufstände der Hui (in mehreren Provinzen, etwa 1856-77). Das Eindringen der Briten in die “Sinosphäre”, durch die Opiumkriege, 1839 bis 1842 und 1856 bis 1860: China musste die Hafenstadt Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Weitere Mächte wollten und bekamen Stützpunkte in China, Macao ging an Portugal, auch Deutschland bekam etwas,… Taiwan musste an Japan abgetreten werden.

Und sogar in der Mandschurei, dem Stammland des Kaiserhauses, war die Vormachtstellung der Mandschu um 1900 von zugewanderten Han-Chinesen und Assimilierung an die allgemein-chinesische Kultur bedroht. Das Chinesische Reich war am Ende ziemlich ohnmächtig, wie das Osmanische.21 In der “Schlussphase” der Qing-Herrschaft wollte der Kaiserhof mit einer Umstrukturierung von Provinzen seine Macht retten; Tibet sollte in mehrere Provinzen aufgesplittert werden, wie das mit der Mandschurei geschehen war. Dies wurde nicht mehr umgesetzt. Was Tibet betraf, die chinesisch-mandschurische Vorherrschaft war auch hier sehr schwach geworden, so schwach, dass der 13. Dalai Lama 1894 den Statthalter des chinesischen Kaisers aus Tibet vertrieb. Vermutlich mit Rückendeckung Grossbritanniens, dass die meisten Nachbarländer Tibets dominierte. Und Ende des 19., Anfang des 20. Jh im Grossraum Zentralasien die Grenzen zog: die Durand-Linie 1893 zwischen Afghanistan und Indien (beides von ihnen mehr oder weniger kontrollierte Länder, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiete hindurch), 1893/95 zwischen dem afghanischen Wakhan-“Korrdidor”22 zu “Sinkiang”, und, in mehreren Schritten die Grenze zwischen “ihrem” Indien und China.

Der 13. Dalai Lama um 1900 in Darjeeling mit dem Herrscher von Sikkim, Thutob Namgyal, (sitzend) und anderen Lamas

Umstritten war dabei u.a. das Aksai-Chin-Gebiet, wenn man so will, ein Teil von Ladakh (Teil Kaschmirs), grossteils tibetisch geprägt und zeitweise Teil Tibets. Aksai Chin bzw Nordost-Kaschmir, ein unzugängliches und unübersichtliches “Grenzgebiet”, wurde damals, nach einigem Hin und Her, China zugesprochen. 1903/04 eine kleine britische Invasion in Tibet, unter F. Younghusband; es ging darum, abzusichern dass Tibet in die britische Einflusssphäre kam (und nicht in eine russische), um Handelsprivilegien23 und Grenzrevisionen, hauptsächlich zu Sikkim. Dieser Kleinstaat war ausserhalb des Mogulreichs geblieben, blieb ausserhalb Britisch Indiens, war aber britisches Protektorat. Als sich im späten 19. Jh abzeichnete, dass sich die Herrscher von Tibet und Sikkim “näher kamen”, sandten die Briten eine “Militärexpedition”, um sie zu “trennen”. Der (13.) Dalai Lama (“Thobten Gyatso”) floh während des britischen Einmarsches in Lhasa 1904 in die (chinesische) Mongolei.24 In jenem Teil Ost-Tibets der zur chinesischen Provinz Yunnan gehörte, kam es 1905 zu einem von tibetischen Lamas angefachten Aufstand gegen die chinesische Verwaltung, der mit Angriffen auf europäische christliche Missionare (und chinesische sowie tibetische Konvertiten) einher ging. Dies wurde mit einer Militärintervention niedergeschlagen. 1910 schickte der Kaiserhof25 Militär nach Tibet, um es wieder stärker an sich zu binden. Der Dalai Lama wurde abgesetzt, floh nach Indien.

1911/12 die “Xinhai”-Revolution, der Sturz der Monarchie und der mandschurischen Dynastie. Es kam dabei auch zu Übergriffen an Mandschuren, die zu weiteren Schritten der Assimilation an die Chinesen beitrugen.26 Es gab damals unter den Revolutionären Diskussionen, die Monarchie fort zu führen und entweder einen Nachfolger von Kon-Fu Tse oder einen Nachfahren der Ming-Familie zum Kaiser zu erheben. Jedenfalls sollte es ein Han-Chinese sein. Es setzte sich aber die Republik durch, ihr erster Präsident wurde Kuomintang-Führer Sun Yat-Sen, für 2 Monate 1912.27 Nach Sun wurde General Yuan S. K. Staatspräsident, nach dessen Tod 1916 begann die “Warlord-Ära”, die Fragmentierung und die innere Gewalt (in) der Republik China.

Ein Thema unter den Revolutionären war auch, ob sich die Republik nicht besser auf das Innere China, die 18 Provinzen, beschränken sollte, ohne den “Ballast” der nicht-chinesischen Völker. Es stand auch eine neue Fahne mit 18 Sternen zur Diskussion. Es setzte sich aber die Republik für das ganze Qing-Reich durch, und eine Fahne mit 5 Streifen, die für die Han, Mongolen, Tibeter, Mandschu und Hui, sowie die Harmonie und Einheit zwischen ihnen, standen. Die äussere Mongolei erklärte 1911 unter ihrem buddhistischen Führer, dem (8.) Bogd Gegen (der damit zum Bogd Khan wurde), ihre Unabhängigkeit. Im Zuge dessen kam es dort zu Übergriffen an Han-Chinesen. Der Bogd Khan, ein Tibeter, sagte, die Mongolei und China seien beide von den Mandschuren regiert worden, nach dem Wegfall dieser Herrschaft gäbe es keine Grundlage mehr dafür, bei China zu bleiben. Ein Teil der Mandschurei, das von den Tuva/Tuwinern bewohnte Tannu Uriankhai, war im 19. Jh unter Einfluss des nördlich angrenzenden Russlands geraten. 1912 proklamierte eine separatistische Bewegung die Unabhängigkeit des Gebiets unter dem Namen „Republik Urjanchai“ proklamierte, dann bald von russischen Truppen besetzt wurde.

In Tibet gab es 1912 einen Aufstand, chinesische Soldaten wurden des Landes (Ü-Tsang) verwiesen. Der 13. Dalai Lama, “Thubten Gyatso”, kehrte im Jänner 1913 aus Sikkim zurück, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte. Und erklärte die Unabhängigkeit Tibets von China. Anscheinend war diese die Antwort auf eine Erklärung der Regierung der Republik China, in der sich diese für die Qing-Politik  gegenüber Tibet entschuldigte. Der Dalai Lama antwortete darauf, dass Tibet nie zu China gehört habe, “In den Zeiten von Dschingis Khan und den Mongolen, den chinesischen Ming und den mandschurischen Qing haben Tibet und China in einer Beziehung von Priester und Beschützer28 zusammengearbeitet, nicht in einer Unterordnung”. “Wir sind eine kleine, religiöse, unabhängige Nation.” In seiner Unabhängigkeitserklärung (?) erinnerte der Dalai Lama auch an die tibetischen Gebiete ausserhalb jenes Tibets, das nun unabhängig wurde. Es gab in diesen frühen Jahren der Unabhängigkeit auch Versuche, Teile von Ost-Tibet einzugliedern. Die Unabhängigkeit Tibets wurde von der Republik China nicht anerkannt, diese sah Tibet als eine chinesische Provinz. Für die zwei abtrünnigen Gebiete des Äusseren Chinas, Tibet und Äussere Mongolei, wurde im Innenministerium in Peking eine Abteilung eingerichtet, die später dem Präsidenten unterstellt wurde.

1912: Chinesisches Heer muss Lhasa verlassen

1913/14 kam es zur Simla-Konferenz von Repräsentanten von Grossbritannien (> Indien), Tibet und China. GB war von den drei Parteien klar die stärkste, gestand Tibet eine Art Unabhängigkeit unter Suzeränität/Oberhoheit der Republik China zu – was beiden anderen Verhandlungsparteien eigentlich nicht passte. Diese Art “Unabhängigkeit” sollte nur für die bisherige chinesische Provinz Tibet gelten, nicht für die unter den Qing davon abgetrennten osttibetischen Gebiete. Und diese beiden Gebiete, Zentraltibet und Osttibet, wurde nun klarer als bisher definiert/ abgegrenzt – wieder zur Unzufriedenheit sowohl Tibets wie Chinas. Die chinesischen Vertreter zogen sich darauf hin von der Konferenz zurück, die damit eine bilaterale wurde. Nun setzte der britische Verhandlungsführer Henry McMahon eine neue Grenze zwischen Tibet und Britisch-Indien durch, zog die nach ihm benannte Linie auf einer Landkarte. Ein Gebiet von etwa 9 000 km² südlich des Himalayas wurde von Tibet abgetrennt, das Gebiet um Tawang; dafür kam die Bezeichnung “Süd-Tibet” auf29. Diese Grenzkorrekturen zugunsten Britisch-Indiens wurden wiederum von Tibet und China abgelehnt, wurden später zur Grenze zwischen Indien und China.

In Zentraltibet (Ü-Tsang) regierte nun (wieder) der 13. Dalai Lama; 1917/18 wurde auch das westliche Kham dazu erobert. Zumindest de facto war Tibet 12/13 bis 50/51unabhängig von China. Die erste Phase der Republik China war jene der „Beiyang-Regierung“, 1912-28 (mit der 5-streifigen Flagge), mit Zerfall und bürgerkriegsartigen Zuständen; 1915/16 rief sich der Militär Yuan zum „Kaiser“ aus. Die Republik betrachtete Tibet (und Mongolei) während ihrer gesamten Existenz (12-49) als zu sich gehörig30, übte aber keine Kontrolle darüber aus. Die Kontakte zwischen Lhasa und Peking liefen auch über die chinesische Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten, nicht über das Aussenministerium. GB war eine Art Garantiemacht für die Unabhängigkeit, unterstützte Tibet auch beim Aufbau einer Armee, war an einem Pufferstaat in der Region interessiert. In die Mongolei marschierten chinesische Truppen 1919 ein, die Kämpfe verbanden sich mit jenen des Russischen Bürgerkriegs, die Weisse Armee siegt über China, 1920/21 war die Mongolei wieder unabhängig. Taiwan war auch in dieser Zeit bei Japan.

Die heute von der Unabhängigkeitsbewegung verwendete Flagge Tibets war damals als Staatssymbol in Gebrauch. Eine solche Macht wie dieser, 13., Dalai Lama nach der Revolution in China hatte keiner seiner Vorgänger, bis dahin war ihre weltliche Macht immer von den Herrschern über China beschränkt worden. Wichtiger Mitarbeiter dieses Dalai Lama (und Minister in seiner Regierung) war Agvan Lobsan Dorzhiev, ein in Russland aufgewachsener Mongole/Burjate, buddhistischer Mönch. Es war jedenfalls ein religiöses Regime, eine Theokratie (Herrschaft buddhistischer Mönche) und absolute Monarchie; die vielen aus politischen Gründen heute vorgebrachten Vorwürfe von Sklaverei, Feudalismus, Mönchspolizei,… seien vorerst hintan gestellt. Ost-Tibet (Amdo und Ost-Kham), abgetrennt unter den frühen Qing, war bei China, ebenso wie Aksai Chin (dieses bei Sinkiang). “Bei China” hiess damals, unter Kontrolle regionaler Warlords oder der KMT. Dort hatte der Dalai Lama nur einen religiösen Einfluss. Die Republik teilte die bei China verbliebenen Teile von Mongolei (die Innere) und Tibet (das östliche bzw historische) auf mehrere Provinzen auf. Tibet kämpfte aber darum, zumindest Teile dieser Regionen unter seine Kontrolle zu bekommen, mit Unterstützung der dortigen tibetischen Bevölkerung. Das “westliche Tibet” (Ladakh) und das “südliche (Tawang) waren bei Britisch-Indien.

Es gab eine Reihe von Grenzkonflikten des semi-unabhängigen Tibets, in Zusammenhang mit den tibetischen Gebieten ausserhalb, die mit diversen regionalen Akteuren ausgetragen wurden. Das östliche Kham, durch den Jangtse-Fluss von (dem restlichen) Tibet getrennt, grossteils Sechuan zugeschlagen, stand in den frühen Jahren der Republik unter Kontrolle des chinesischen Warlords Liu Wenhui. Die historische tibetische Region Amdo ging grossteils in der chinesischen Provinz Qinghai auf. Diese wurde Teil der Machtsphäre des Kriesgherren Ma Bufang, einer schillernden Figur dieser Phase. Der Angehörige des moslemischen Hui-Volkes war der Kuomintang (KMT) zugetan, bekämpfte später die Kommunisten, ging 1949 ins Exil nach Saudi-Arabien (ein Teil seiner Verwandten nach Taiwan), wurde Botschafter der Republik China, unterstützte dem moslemischen Aufstand gegen die Volksrepublik 50-58. Ein Teil von Kham gehört zu Yunnan, wo Long Yun herrschte.

Der Bogd Khan, Staatschef der Mongolei, hatte sich mit dem Dalai Lama während dessen Exils während der britischen Invasion in Tibet zerkracht. Dennoch kam es 1913 zur gegenseitigen Anerkennung der beiden Länder die sich von China losgesagt hatten. Ansonsten nahm Tibet in dieser Phase der Unabhängigkeit (?) kaum internationale Beziehungen auf, bekam kaum Anerkennungen, trat kaum auf der internationalen Bühne (zB als Mitglied des Völkerbundes) auf. Bei den Vielvölker-Monarchien die durch den „1. WK“ untergingen (Österreich-Ungarn, Osmanisches und Russisches Reich), gab es auch einige Völker, die die Gelegenheit ergriffen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Dabei gab es ja sowohl tragisches Scheitern, wie bei Armenien oder Ukraine, als auch Gelingen (bei den meisten arabischen Völkern oder den Tschechen) und halbes Gelingen, wie bei den Ungarn.

Mit dem Tod ihres Gründervaters Sun Yat-sen 1925 entbrannte in der KMT ein Macht- und Richtungskampf. Der linke Flügel der KMT und die Kommunistische Partei Chinas (“KPC”; Zhōngguó Gòngchǎndǎng) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen. 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT zunächst 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Die KMT-Miliz “Nationalrevolutionäre Armee” entmachtete die Beiyang/Peiyang-Regierung in Peking/Beijing durch den Nordfeldzug. Die “Warlord-Ära” wurde beendet, die KMT dominierte nun die Republik, mit ihrer Regierung in Nanjing; die 28 von Sun kreiirte KMT-Flagge wurde 1928 neue chinesische Flagge. Entschiedenster Widerstand kam von der KPC bzw ihrer Miliz “Rote Armee”31. Der Chinesische Bürgerkrieg ging von 1927 bis ca. 1950, war einer zwischen der Regierung der Republik (bzw ihrer Armee) und der KPC/Roten Armee sowie regionalen Akteuren. Durch den japanischen Einmarsch32 war der Krieg ca. von 36 bis 46 unterbrochen. Die Aussenpolitik der Republik China wurde aber durch die Wiedervereinigung 1928 “stabilisiert”, zuvor gab es verschiedene Machtzentren; nun bekam die Republik internationale Anerkennung. Der Anspruch über Tibet und Mongolei wurde durch die “Kommission für Angelegenheiten Tibets und der Mongolei” aufrecht gehalten.33

Tibetischer Skelett-Tänzer

1930-32 kam es zu einem Chinesisch-Tibetischen Krieg, nachdem Tibet unter dem Dalai Lama (bzw seine Armee) eine Vergrösserung seines Territoriums um Teile von Amdo/Qinghai versuchte, nach einem Streit um Klöster dort. Ma Bufang schickte ein Telegramm an Tschiang (Chiang) Kai-Schek, KMT-Führer und 1928-1931 sowie 1943-1949 Präsident der Republik (bzw Vorsitzender der Regierung)34 und Liu Wenhui. Gemeinsam besiegte man die Tibeter. In Kham/Sechuan erhoben sich 1934 Teile der dortigen tibetischen Bevölkerung unter Pandatsang Rapga und seinem Bruder gegen die tibetische Regierung, die dort grossen Einfluss hatte. Ragpa, der die “Tibetische Verbesserungs-Partei” gegründet hatte (bestand 39-50), war anti-feudal, anti-klerikal, anti-kommunistisch und anti-imperialistisch, unterstützte die Republik bzw die KMT. Die Tibeter standen also nicht alle hinter dem Dalai Lama und seinem Regime. Dieser starb 1933. Lhamo Döndrub aus einer bescheidenen Familie in Taktser in Amdo (Qinghai) wurde 1937 von Mönchen als sein Nachfolger “erkannt” und 1939 (im Alter von 4 Jahren) unter dem Namen “Tensin Gyatso” als 14. Dalai Lama inthronisiert, stand bis 1950 unter Regentschaft. Dies soll von der Regierung der Republik China bewilligt worden sein.

Der 9. Pantschen Lama hatte sich mit dem 13. Dalai Lama zerkracht, emigrierte in die (chinesisch gebliebene) Innere Mongolei, kehrte bis zu seinem Tod 1937 nicht mehr nach (Zentral-) Tibet zurück. Er lehnte sich an die Republik China an; die (jetzige) Rivalität zwischen Dalai Lama und Pantschen Lama und die Anlehnung des zweiteren an China gab es also schon zur Zeit der (faktischen) tibetischen Unabhängigkeit! Die Anlehnung des (14.) Dalai Lama an Indien kam erst später. 1944 bis 49 war der Österreicher Heinrich Harrer an der Seite des kindlichen Dalai Lama. Vorbild für Harrers Tibet-Expedtion war der schwedische Geograf Sven Hedin (1865-1952) gewesen, der im Rahmen seiner Reisen in Asien auch nach Tibet kam (1899-1902 aus China, 1905-08 aus Indien), darüber Bücher schrieb – und in beiden “Weltkriegen” prodeutsch war. Der Kärntner Harrer (1912-2006) war Sportler, Geograf, Bergsteiger, Reisender, Autor, und NS-Mitläufer, heiratete eine Tochter des deutschen Polarforschers Alfred Wegener. 1939 reiste er nach Britisch Indien zwecks Nanga Parbat-Besteigung, wurde wegen des Kriegs in Europa von den Briten interniert, brach 44 mit seinem Partner aus, kam so nach Tibet, war dort nahe beim 14. Dalai Lama und dessen Regierung. An dieser Stelle etwas zu Westen und Tibet

Dieser Dalai Lama wurde ja in seinen späteren Jahren, vom Exil aus, für viele Westler eine Art Lichtgestalt, als spirituelle “Instanz” und/oder Kämpfer für die Unabhängigkeit seines Landes von China; aber auch eine Art Feindbild, für Andere, bei denen die traditionellen anti-asiatischen “Gefühle” überwiegen oder die der “Hype” um ihn nervt. Dass der Ungar Csoma35 in Tibet nach den Wurzeln seines Volkes suchte, war eine der ersten dieser Begegnungen. Er begründete also die Tibetologie, die Erforschung der tibetischen Sprache und Kultur. In Csomas Todesjahr 1842 hielt der Franzose Philippe É. Foucaux seine tibetologische Antrittsvorlesung an der École spéciale des Langues Orientales in Paris. Der tibetische Lama Kazi Dawa Samdup (1868 – 1923) trat als einer der ersten Übersetzer tibetischer buddhistischer Texte (ins Englische) in Erscheinung, spielte auch eine Rolle in den Beziehungen des quasi-unabhängigen Tibets mit GB. Auch das “Tibetanische Totenbuch” hat er übersetzt, das bei Esoterikern im Westen auch Anklang fand. “Auf Touren” kam die Tibetologie aber erst nach dem 2. WK, mit Luciano Petech (Italien), David Snellgrove (GB), Ernst Steinkellner (Österreich),… Oft war sie anfangs mit der Indologie verbunden; bei Erich Frauwallner etwa war die Lektüre von Sanskrit-Texten und Buddhismus-Forschung der Zugang zur tibetischen Kultur.

Es gibt Einiges im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen in der westlichen Esoterik “aufgegriffen” wurde. Zum Beispiel Shambhala (བདེ་འབྱུང), ein sagenhafter versteckter Ort im Himalaya-Gebirge, von grosser Bedeutung im buddhistischen Kalachakra-Tantra und beschrieben vom 6. Pantschen Lama (18. Jh) im “Shambhala Sutra”. Im Roman “Lost Horizon” (deutsch “Der verlorene Horizont”, auch als „Irgendwo in Tibet“ verlegt) des Briten James Hilton 1933 wird aus Shambhala “Shangri-La”; er beschreibt ein abgelegenes Lama-Kloster am Shangri-Gebirgspass im Himalaya. Die Klosterbewohner, zum großen Teil aus westlichen Ländern und westlichen Kulturkreisen stammend, leben darin in einer frei gewählten Weltabkehr und erreichen zuweilen “biblisches Alter”. Auch in dem Roman “Das Geheimnis von Shambhala” von James Redfield (1999) wird das Thema verarbeiten. Oft mit Shambahla in Verbindung gebracht wurde “Agartha”, ebenso ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, der im Westen “aufgegriffen” wurde. Auch die Lehren des Djwal Khul wurden im Westen behandelt und zT “umgeformt.

NS-Ideologe Alfred Rosenberg war mitverantwortlich für die Vereinnahmung (bzw den Missbrauch) des “Ariertums” für den Nationalsozialismus bzw die Nordgermanen.36 Heute gibt es von “Westisten” (hauptsächlich deutschen) Versuche, den „Arier“-Missbrauch der deutschen NS-Zeit “auszulagern“, ihn Anderen zu unterstellen.37 1936 gab es eine deutsche Hindukusch-Expedition in Ost-Afghanistan und dem Nordwesten des britisch besetzen Indiens, die dazu dienen sollte, Saatgut von Wild- und Kulturformen der dort beheimateten Pflanzen zu sammeln, um der Pflanzenzüchtung in Deutschland genetisches Material mit neuen oder verlorengegangenen Erbfaktoren zur Verfügung zu stellen. Otto Rahn hat damals den Mythos um den Heiligen Gral mit NS-Brille “untersucht”, dabei auch Tibet in seine “Theorien” eingespannt.

Heinrich Himmler regte eine Expedition nach Tibet an, vor dem Hintergrund von   Neuheidentum, Christentum-Feindlichkeit, Okkultismus des NS, Theorien über die Herkunft der Germanen38, aber auch von “praktischen” Erwägungen wie der Suche nach kälteresistenten Getreidearten und einer robusten Pferderasse für die deutsche Kriegswirtschaft. Erfahrungen der Tibetexpedition sollten auch für einen Schlag gegen die Briten in Indien militärisch nutzbar gemacht werden können.39 Auch sollte der Zoologe Ernst Schäfer, Leiter der Reise, dort nach Anhaltspunkten für Hanns Hörbigers “Welteislehre” suchen – diese bekam unter den Nazis Anerkennung, weil eine Weltenstehung aus Eis sehr nordisch-germanisch und als Kontrapunkt zu “jüdisch-liberaler” Wissenschaft gesehen wurde. Die von der SS-Organisation “Ahnenerbe” geförderte Expedition 1938/39 führte in den Osten Tibets. 1939 gab es auch eine japanische Expedition nach Tibet, mit dem Ziel der Erkundung der Wege nach Zentralasien und Südasien, wo Russen und Briten herrschten, die die eigene Vorherrschaft in Ostasien bedrohten.

Deutsche bei der Arbeit in Tibet

Nach der japanischen Kapitulation im August 1945 und dem Ende des “2. Weltkriegs”40 bekam China (und das war noch immer die Republik, in der der Bürgerkrieg nun wieder los ging) die Mandschurei und Taiwan zurück. Grossbritannien zog sich aus der Region (und bald auch aus anderen) zurück, 1947 kam es zur indischen Unabhängigkeit und Teilung. Kaschmir ist seit dem 1. Indisch-Pakistanischen Krieg 1947/48 geteilt bzw der Westteil von Pakistan besetzt.41 Die (von den Briten gezogene) indisch-chinesische Grenze wurde/wird von keinem der beiden betreffenden Staaten akzeptiert. Aksai Chin und ein weiteres Gebiet in der Nähe, der Trans-Karakorum-Trakt, stehen unter chinesischer Hoheit (gehören zu bei Sinkiang), werden von Indien als Teil seines Kaschmirs gesehen. Das Gebiet um Tawang, Süd-Tibet wenn man so will, machte einen grossen Teil der North-East Frontier Tracts aus, die 1951 zur North-East Frontier Agency wurde, 1972 zu Arunachal Pradesh, das 1987 in einen Bundesstaat umgewandelt wurde. Die Grenzziehung dort wird wiederum von China nicht anerkannt.

Im April 1949 nahm die aufständische Rote Armee (oder Volksbefreiungsarmee) Nanking ein, damals Hauptstadt der Republik China. Die Regierung (bzw die KMT) und ihre Armee und Anhänger zogen sich von da an immer weiter in den Süden zurück, schliesslich (im Dezember dieses Jahres) auf Taiwan. Das war 2 Monate nachdem KPC-Führer Mao Tse-Tung in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Dieser Bürgerkrieg hat(te) kein klares Ende, schon allein weil es diverse “Abspänne” dieses Kriegs gab, Aufstände in der VR China bzw gegen sie, über 1950 hinaus. Der Krieg führte zur Einigung Chinas (da der allergrösste Teil Chinas unter Kontrolle der VR stand/steht)… und gleichzeitig zur Teilung (oder einer neuen Teilung; da die Führung der Republik auf Taiwan weiter machte). Die Republik China blieb für Jahrzehnte der international vorwiegend anerkannte chinesische Staat, obwohl sie über den grössten Teil Chinas keine Kontrolle hat(te).42 Zumindest solange die KMT in der Republik bzw auf Taiwan allein herrschte, wurde dort an einem China in den Grenzen von vor der Revolution 11/12 festgehalten, also mit der Mongolei, Tibet, dem Tuwa-Gebiet in der Mandschurei, und einigen weiteren “umstrittenen” Gebieten. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der Republik wurde 1949 nicht aufgelöst, wurde umgewidmet, hauptsächlich zur Kommunikation mit Angehörigen dieser Völker in China. Die Haltung Taipehs zu den Minderheiten der VR war und ist widersprüchlich/ ambivalent, wie noch ausgeführt wird.

Tibet geriet rasch zwischen die Fronten des Kalten Kriegs, der irgendwann zwischen 1947 und 1949 begann. Im Juli 1949 liess USA-Aussenminister Dean Acheson die Schliessung des Konsulat seines Staates in Urumqi/Tihwa (Sinkiang). Der dort stationierte CIA-Agent Douglas Mackiernan wurde zunächst beordert, dort zurück zu bleiben, um zu spionieren. Er berichtete im August von Atomtests im nahen Kasachstan, der erste der SU. Die CIA unterstütze damals Bevölkerungsteile in Sinkiang/Ostturkestan/Uiguristan/Kaschgaria/Dsungaria die sich gegen die Kommunisten Chinas erhoben, und das war damals die Gruppe um Osman Batur, Kasachen aus dieser Region. Im September wurde Sinkiang von den Kommunisten eingenommen. Mackiernan wollte sich über Tibet nach Indien absetzen, mit einigen Begleitern, gekleidet als Kasachen, auf Pferden. Beim Versuch des Grenzübertritts nach Tibet Anfang 1950 wurde die Gruppe erschossen, von tibetischen Grenzsoldaten, die sie für Kasachen aus Sinkiang hielt, die (wie so oft) im Grenzgebiet einfallen wollten.43 In Tibet erwartete man zudem schon Invasions-Versuche der VR China.

Die Phase vom späten 19. Jh bis Mitte des 20. Jh war für China und mit ihm “assoziierte” Länder ein Zeit tiefer Um-brüche. Wie zB aus der Familiengeschichte von Jung Chang hervorgeht, die sie 1991 unter dem Titel “Wilde Schwäne” veröffentlichte, von der späten Kaiserzeit über die Republik und den Bürgerkrieg bis zur Herrschaft Maos und seiner Nachfolger in der Volksrepublik. Oder aus dem (verfilmten) Leben von Pu Yi, dem letzten Kaiser von China. Oder auch aus dem Leben von Mao selbst, der aus einer Bauernfamilie stammte, in seiner Jugend noch den Manchu-Zopf tragen musste, später KMT-Mitglied war, dann als KPC-Chef mit dieser Partei zusammenarbeitete und sie bekämpfte, die Macht über China erkämpfen liess, mit Stalin brach, Freundschaft mit Nixon schloss,…

Die Rote Armee hatte zuerst den Osten Chinas unter ihre Kontrolle gebracht, die “peripheren” Gebiete Tibet und Sinkiang aber vorerst “draussen” gelassen. Nach dem Sieg am Festland und der Ausrufung der VR wurde auch das in Angriff genommen. Die Ansprüche der Volksrepublik unterschieden sich von jenen der Republik darin, dass Mao & Co die Unabhängigkeit der (äusseren) Mongolei sowie die Abtretung einiger kleiner Grenzgebiete wie das der Tuwa akzeptierten.  Die KPC machte kurz vor der Ausrufung der VR 49 die Eingliederung von Tibet, Taiwan und umliegender Inseln zum Ziel. Mit der Regierung des kindlichen Dalai Lamas verhandelte die VR zunächst, wissend um das gebirgige Terrain Tibets und die Möglichkeit von Guerilla-Kriegführung dort. Sinkiang wurde 1946-1949 aus einer “Koalition” von dortigen KMT-Leuten und Repräsentanten der zweiten Republik Ostturkestan (SU-orientierte Kommunisten), regiert; eigentlich haben diese beiden politischen Kräfte das Land unter sich aufgeteilt. Die (nunmehrige) chinesische Armee drang ab Oktober 1949 in Sinkiang ein. Ein Grossteil der Führer der Ostturkestan-Bewegung und der dortigen KMT fügten sich, nur ein kleiner Teil rief zu Kämpfen auf – wie Yulbars Khan (KMT) und Osman Batur. 1955 wurde Sinkiang/Xinjiang autonom. Auch die osttibetischen Gebiete, die seit 1912 teilweise von lokalen tibetischen Herrschern regiert wurden, wurden 1949 in die VR eingegliedert.

In Tibet wurde der 14. Dalai Lama 1950 15 Jahre alt und damit als volljährig gesehen, ungefähr zu der Zeit, als China die Unabhängigkeit Tibets beendete, nach Monaten der Verhandlungen. Im Oktober 50 marschierte die chinesische Armee44 unter Zhang Guohoa in Tibet ein, stiess nur an der Grenze bei Chamdo auf etwas Widerstand der tibetischen Armee. El Salvador brachte in der UN eine Beschwerde gegen die Besetzung ein, scheiterte aber am Widerstand Indiens und Grossbritanniens. Ein Jahr nach der Besetzung kam es zum 17-Punkte-Abkommen zwischen Repräsentanten des Dalai Lamas und des KPC-Chefs Mao. Kommunistische Maßnahmen wie eine Landreform und eine engere Einbindung an China sollten vorerst in Tibet unterbleiben. Der Dalai Lama konnte seine Herrschaft fortsetzen. An der Präsenz von 20 000 chinesischen Soldaten änderte sich nichts, und die (“rot”-) chinesische Souveränität über Tibet wurde mit dem Abkommen besiegelt, es wird auch als Annexion gesehen. Heinrich Harrer flüchtete wegen des tibetisch-chinesischen “Konflikts nach Indien, der Dalai Lama ihn angeblich bis an die Grenze begleitend.45 Die unter den Qing (anderen) chinesischen Provinzen zugeschlagenen Gebiete Osttibets blieben ausserhalb des autonomen Tibets.

Der 14. Dalai Lama besuchte 1951 anscheinend erstmals Peking, arbeitete dann mit der Regierung der VR China zusammen. 1954 fuhr er zusammen mit dem 10. Pantschen Lama in die chinesische Hauptstadt, um mit dem Vorsitzenden Mao zu verhandeln (über Details der Autonomie) und an der ersten Sitzung des Nationalen Volkskongresses teilzunehmen, der über die Verfassung der VR beriet. Das Parlament der VR China tagt einmal jährlich einige Tage46, sein Ständiger Ausschuss tagt einige Male im Jahr. Lhamo Döndrub/Tenzin Gyatso wurde zum Vize-Vorsitzenden dieses Ständigen Ausschusses gewählt, eine Position, die er offiziell bis 1964 inne hatte…47 1956 reiste Döndrub nach Indien (anlässlich Buddhas Geburtstag), und traf dort mit Premierminister Jawaharlal Nehru (1947-64, INC) zusammen; er fragte ihn ob er ihm im Falle des Falles Asyl gewähren würde. Nehru verwies damals auf den 1954 abgeschlossenen Vertrag mit China, und betrachtete ein solches Asyl als Provokation.

Phuntsok Wangyal-Goranangpa (1922 – 2014) war eine wichtige Figur in den modernen chinesisch-tibetischen Beziehungen. Er empfand das in Tibet unter den Dalai Lamas jahrhundertelang herrschende Gesellschaftssystem als ungerecht, wollte diese feudalen und theokratischen Strukturen ändern, gleichzeitig aber eine wirkliche Unabhängigkeit für das Land. Damit verscherzte er es sich im Endeffekt mit beiden Seiten. Er gründete eine Tibetische Kommunistische Partei und gehörte anscheinend einige Jahre bis 1949 der tibetischen Regierung an. Nachdem er aus dieser entlassen wurde, schloss er “seine” Partei der KPC an. Nach dem Anschluss Tibets an China 1950/51 war er Übersetzer des 14. Dalai Lama bei seinen Gesprächen in Peking mit Mao 1954/55, spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau der KP in Tibet, war höchstrangiger Tibeter in der Partei. Dennoch, sein Festhalten an tibetischen Anliegen machte ihn für das chinesische Regime verdächtig. 1958 kam er unter Hausarrest, 1960 wurde er verhaftet und verbrachte anschliessend 18 Jahre im Qincheng-Gefängnis in Peking, in Einzelhaft. Auch Familienangehörige von ihm wurden interniert. Dennoch bleib er nach seiner Freilassung in Peking.

Obwohl der Dalai Lama und seine Regierung sowie die Gesellschaftsstruktur Tibets nach ’51 (zunächst) unangetastet blieben, brachen 1956 bewaffnete Aufstände unter Tibetern aus, und zwar in (dem historischen) Ost-Tibet, das ja ausserhalb dieses Tibets war (und ist). Dort, in Amdo und Ost-Kham, kam es u.a. zu kommunistischen Landumverteilungen. Die Aufständischen nahmen sich zB Konvois des chinesischen Militärs vor. 1958 schlossen sich diverse Milizen zur Gruppe Chushi Gangdruk zusammen, die (unter ihrem Führer Andruk G. Tashi) ca. von 1958-74 aktiv war. Dass die Aufständischen überhaupt Waffen hatten, hatte einen Grund: Die US-amerikanische CIA unterstützte die Sache massiv, über Nepal, und mit Fallschirmabwürfen. Ein Bruder des 14. Dalai Lama, Gyalo Thondup, war bei der Weiterleitung bzw Organisation der CIA-Hilfe führend beteiligt. In der USA rührte während dessen die American Society for a Free Asia, ebenfalls CIA-finanziert, die Propagandatrommel für Tibet und gegen China, mit einem weiteren Bruder des Dalai Lama, Thubten Norbu, der darin eine aktive Rolle spielte. Solange die Chushi Gangdruk agierte, wurde sie von der USA unterstützt, also bis zum Nixon-Mao-Abkommen 1972. Es ist bei diesem Aufstand sehr fraglich, inwiefern sich „gewöhnliche“ Tibeter daran beteiligten, sie unterstützten, guthiessen. Ein CIA-Mann namens Bruce Walker, der die Sache zeitweise leitete, berichtete von Feindseligkeit gegenüber von seiner Behörde unterstützten Tibetern aus der tibetischen Bevölkerung.

Die chinesische Regierung reagierte mit der Stationierung zusätzlicher Truppen in diesen Regionen (also nicht im “eiegntlichen” Tibet). Zusätzlich liess sie aber Strafaktionen gegen Dörfer und Klöster in Tibet durchführen. Dann der Aufstand im März 1959. Es ist wieder einmal die Frage, wer begann und wer reagierte. Angeblich liess der Dalai Lama seine Flucht gut vorbereiten und Kunstschätze aus tibetischen Klostern in immensem Wert an die indische Grenze schaffen. Als in Lhasa Kämpfe ausbrachen (bzw der Aufstand nieder”geschlagen” wurde) und der Norbulingka-Palast (seine Sommerresidenz) beschossen wurde, floh er nach Indien, mit einer relativ kleinen Entourage, wiederum mit USA-Hilfe, zunächst nach Assam. Es folgten aber in den nächsten Wochen und Monaten etwa 80 000 Tibeter, die über verschiedene Wege nach Nord-Indien kamen. Indiens Premier Nehru stimmte der “vorübergehenden” Aufnahme der tibetischen Flüchtlinge zu. Bald nach der Ausreise gab der Dalai Lama eine Stellungnahme ab, in dem er das 17-Punkte-Abkommen verurteilte und das einstige Zustandekommen mit Druck der chinesischen Seite begründete. Auch die chinesische Seite nahm das Abkommen bzw die grosszügige Autonomie für Tibet zurück. Der Dalai Lama und seine Leute riefen bald in Indien eine Exilregierung für Tibet aus.

In Tibet wurde die Selbstverwaltung und die Erhaltung der bisherigen Strukturen durch die VR China beendet. Es blieb aber, mit Unterbrechung der Kulturrevolution, viel Tibetisches erhalten, etwa in der Schulbildung.48 Aber es kam auch eine stärkere Anbindung an (das restliche) China, etwa durch Eisenbahnbau und Strassenbau, zu dem Tibeter verpflichtet wurden, und zur Ansiedlung von Han-Chinesen. Die tibetische Flagge aus der Unabhängigkeitsperiode wurde 1959 nach der Niederschlagung des Aufstands verboten.49 Die tibetische Exilregierung (བོད་མིའི་སྒྲིག་འཛུགས་; Central Tibetan Administration) unter dem 14. Dalai Lama übersiedelte 1960 innerhalb Indiens nach Dharamshala in Himachal Pradesh (das ’71 Bundesstaat wurde). Dort entstand das Zentrum der Exil-Tibeter, daneben gibt es auch in Uttarkhand und Assam viele Auswanderer. Und in Jammu – Kaschmir und Arunachal Pradesh autochthone tibetische Volksgruppen bzw historische tibetische Gebiete in Indien. Arunachal Pradesh grenzt wiederum an Bhutan, dieses an Sikkim50, die ja auch tibetisch geprägt sind. Chef der Exilregierung war 1959 bis 2012 der 14. Dalai Lama, daneben gibt es einen Ministerpräsidenten und ein von Exiltibetern gewähltes Parlament.

In der VR kam 1958 bis 1962 die Kampagne “Grosser Schritt nach vorne”, die die Industrialisierung Chinas voranbringen sollte. Dadurch (Vernachlässigung Landwirtschaft,…) wurde aber eine grosse Hungersnot ausgelöst, auch in Tibet. Der 10. Pantschen Lama war nicht ins Exil gegangen, wurde von der VR als Regierungschef Tibets eingesetzt (!, 59-64, Nachfolger des Dalai Lama), betrieb aber auch keinen Ausverkauf tibetischer Interessen und war 1968 – 1977 in Qincheng inhaftiert, u.a. weil er das Leiden der Tibeter in dieser Zeit gegenüber Ministerpräsident Chou En Lai thematisierte. Dass dem Dalai Lama (und vielen anderen Tibetern) in Indien Asyl gewährt wurde (und einige Grenzzwischenfälle in dem Zhg), verschärfte die bestehenden Spannungen zwischen China und Indien, die sich hauptsächlich um die Gebietsfragen Aksai Chin (bei Sinkiang) und Tawang (bei Arunachal Pradesh) drehten, die beide mit Tibet verbunden waren/sind. China war bereit, die McMahon-Linie als Grenze zu akzeptieren (und damit die Zugehörigkeit des Tawang-Gebietes zu Indien), wenn Indien die chinesische Hoheit über Aksai Chin (अक्साई चिन) akzeptierte; Indien ging darauf jedoch nicht ein, wahrscheinlich weil ohnehin schon Pakistan einen Teil Kaschmirs beanspruchte bzw besetzte.

Beide Gebiete waren durch Grenzziehungen der Briten Ende des 19., Anfang des 20. Jh in den jeweiligen “Besitz” gekommen. Man muss aber sagen, dass ethnische und historische Faktoren nicht unbedingt einen eindeutigen Aufschluss über die Zugehörigkeit gebracht hätten bzw bringen würden. Eher noch im Fall des Nordwestens des indischen Staats (seit 72) Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens51. Die Nordgrenze von Arunachal Pradesh ist die McMahon-Linie. Bemerkenswerterweise macht sich die VR China hier tibetische Anmsprüche/Anliegen zu eigen, sieht das Gebiet (auch) als “Süd-Tibet”. Da China (die Republik damals) das Simla-Abkommen nicht unterzeichnet hat, sei die Grenzziehung illegitim. Auch die auf Taiwan beschränkte Republik China beansprucht das Gebiet. Aksai Chin und der Trans-Karakorum-Trakt werden von Indien wiederum als Teil der Ladakh-Region in Jammu und Kashmir gesehen. Der Streit um die beiden Gebiete ebnete den Weg für den Indisch-Chinesischen Grenzkrieg im Oktober und November 1962. Chinesische Truppen drangen dabei relativ tief nach Nordost-Indien ein, zogen sich nach einigen Wochen aber wieder nördlich der McMahon-Linie zurück.52 In den 1990ern einigten sich die beiden Staaten darauf, bis auf weiteres die Line of Actual Control zu respektieren.

Tibet hat drei Atommächte in seiner Nachbarschaft, China (VR), Indien und Pakistan. Die Atomwaffenentwicklung und -tests der Sowjetunion fanden grösstenteils im an China (Sinkiang) angrenzenden Kasachstan statt, nicht so weit von Tibet. Und, bis 1972 war auch ein Eingreifen des USA-Militärs mit Atomwaffen in der Region (zB in den Quemoy-Krisen53 1954/55 und 1958). Als die VR 1954/55 nach den Quemoy-Inseln in der Taiwan-Strasse griff (wie schon 1949) und ein amerikanisches Eingreifen zugunsten der Republik wahrscheinlich war, hat sich Mao anscheinend für ein Atomprogramm entschieden. Es entstanden Urananreicherungsanlagen, eine Plutonium-Aufbereitungsanlage und eine Testanlage, verstreut über das Land, anfangs mit SU-Hilfe. Seit 1964 wird China als Atommacht gesehen, Indien seit 1974, Pakistan seit 1998.

1965 wurde Tibet autonome Provinz innerhalb Chinas; manche tibetischen Besonderheiten, wie die Sprache, würden also geschützt werden.54 Dann kam aber bald die Kulturrevolution. Und es gab keine Wiedervereinigung mit den anderen tibetischen Gebieten innerhalb Chinas (Amdo, Ost-Kham), in den benachbarten Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Allerdings wurden dort autonome tibetische Präfekturen und Kreise geschaffen! Autonomie bedeutet dass der Regierungschef (ethnischer) Tibeter ist; allerdings liegt die tatsächliche Macht beim Ersten Sekretär der KPC in der Provinz, der noch nie ein Tibeter war. Die Partei in der Provinz ist von Han-Chinesen dominiert.55 1966-76 die Kulturrevolution, die Zerstörung tibetischer Kultur wie Klöster brachte, materiell und als Institution für Bildung usw. Dass der Widerstand im Land aber grossteils USA-“gesponsert” war, zeigt sich darin, dass bewaffnete Aktionen mit dem Nixon-Mao-Abkommen ziemlich aufhörten. Der Widerstand verlagerte sich auf eine andere Ebene, vom tibetischen Exil und westlichen (nichtstaatlichen) Unterstützern ausgehend. 1976 starb Mao (ungefähr 1 1/2 Jahre nach Chiang auf Taiwan), Deng Xiao-Ping wurde neuer starker Mann (ohne einen entsprechenden Posten inne zu haben), verurteilte die Kulturrevolution und forderte, dass ökonomische Entwicklung die Hauptaufgabe für die Partei werden müsse.

Wie auch in anderen Provinzen wurde auch in Tibet während der Kulturrevolution die Regierung durch ein Revolutionskomitee ersetzt, in dem Han dominierten. In Tibet war das 1968 bis 1979, dann kamen wieder Provinzregierungen mit tibetischen Kommunisten an der Spitze.56 Und, einige Klöster und Tempel wurden im Rahmen dieser “Liberalisierung” in den 1980ern wieder aufgebaut. Dennoch begannen 1987 Unruhen in Tibet, die bis 1989 gingen, sich gegen die chinesische Herrschaft richteten. 1988 wurde der spätere Staatspräsident Hu Jintao Parteichef in Tibet. 1989 starb der 10. Pantschen Lama; in Tibet glaubten Viele dass Hu bzw das Regime dabei “involviert” waren – was die Proteste anheizte. Es gab dann statt eines neuen (11.) Pantschen Lamas gleich zwei. Der vom Dalai Lama (in den Jahren des üblichen Interregnums bzw Auswahlprozesses) ausgewählte Gedhun Choekyi Nyima und der von chinesischen Behörden bevorzugte Gyancain Norbu, beide 1995 als Kinder eingesetzt. Norbu gilt als KPC-Marionette, Nyima wurde seit 1995 nicht mehr gesehen.57 Im Frühling 1989 starb Hu Yaobang, der unter Deng in den 1980ern zum KPC-Chef aufstieg und (hauptsächlich wirtschaftliche) Reformen einleitete, 1987 abgesetzt worden war (vor dem Hintergrund von Studentenprotesten für mehr Reform).

Rund um Hu’s Begräbnis kam es zu Demonstrationen für mehr Würdigung des Politikers, die sich zu Anti-Regime-Protesten auswuchsen, mit dem Tiananmen-Platz in Peking als Zentrum. Nach 2 Monaten erklärte Premier Li Peng das Kriegsrecht und liess den Platz räumen. Leute, die den Vormarsch der Armee dorthin stoppen wollten, wurden niedergeschossen,…58 Es kam zu keinem Sturz des Regimes, wie in der zweiten Hälfte dieses Jahres in sechs kommunistischen Staaten Osteuropas (vor dem Hintergrund von Gorbatschows Reformpolitik in der SU). Bald nach der Niederschlagung der Proteste in China sprach das Friedensnobelpreiskomitee in Norwegen dem Dalai Lama den Preis für 1989 zu. Der Kapitalismus-Kritiker ist seit langem indischer Staatsbürger, und eigentlich nur Inder, da es kein unabhängiges Tibet gibt, und er seine chinesische Staatsbürgerschaft (die er in den 1950ern hatte) aufgegeben hat. In den späteren 1980ern (also als er im Westen populär wurde) rückte der 14. Dalai Lama von der Forderung nach einer Unabhängigkeit Tibets von China ab!

Stattdessen verlangt er nun eine “bedeutendere” Autonomie, die auch die tibetischen Gebiete in den benachbarten chinesischen Provinzen einschliessen soll. Eine Autonomie wie sie Hongkong und Macau seit ihrer Rückkehr zu China 1997 bzw 1999 geniessen? Die Abtretung dieser beiden Gebiete an europäische Mächte sind eine Erinnerung daran, dass China selbst Opfer von Imperialismus gewesen ist, und ein Fingerzeig dass man schon von dort eine Linie zur Unterstützung tibetischen Widerstands und manchem Anderen ziehen kann. Aber tibetische Ansprüche sind auch berechtigt. Die Republik China auf Taiwan war über jahrzehnte hinweg etwa so totalitär wie die Volksrepublik am Festland, aber eben dem Westen zugeneigt. Dort kam es in den 1990ern zu einer   Demokratisierung, in Zuge derer sich auch jene artikulieren (und mitwirken) konnten, die Taiwan nicht unbedingt als Teil Chinas sehen und die Republik China nicht unbedingt auf das Festland ausdehnen wollen, das von Benshengren dominierte “grüne” Lager um die Democratic Progressive Party (DPP; 民主進步黨, Mínzhǔ Jìnbù Dǎng). In der Volksrepublik wurde 1989 Jiang Zemin KPC-Chef, Anfang der 00er Hu Jintao59 Es kam in dieser Zeit zu einer Aufweichung der kommunistischen Wirtschaft bei Beibehaltung des Machtmonopols der KPC, und zu einem Machtzuwachs auf der “Weltbühne”.

Tibet und Sinkiang sind die einzigen chinesischen Provinzen mit Nicht-Han bzw einer Minderheit in der Mehrheit, sind auch sonst die „un-chinesischsten“ Provinzen; Tibeter und Uiguren sind aber nicht die grössten Minderheiten. Tibet ist die einzige autonome Provinz Chinas, die eine absolute Bevölkerungsmehrheit der betreffenden Volksgruppe hat. In der Inneren Mongolei, Guangxi (> Zhuang), Ningxia (> Hui) machen Han-Chinesen die absolute Mehrheit aus. Die Zhuang in Süd-China sind mit 18 Mio. das grösste Nicht-Han-Volk in China60, dann folgen die (heute grossteils assimilierten) Mandschu(ren)61, Dsunganen, Miao, Uiguren, Mongolen62,…

Tibeter sollen etwa 90% der Bevölkerung Tibets ausmachen, mit einer wachsenden Zahl zugewanderter Han. Diese Zuwanderung wurde aber nicht erst in der VR begonnen, bereits unter den Qing und in der Republik wurde sie dorthin gelenkt. Wie anderswo kommt es auch hier darauf an, wie temporäre Bewohner (der Provinz) gezählt werden. Es gibt neben den Han noch einige autochthone Minderheiten in Tibet, wie die Kachee, moslemische Tibeter, die auf arabische Missionierungen im 8., 9. Jh zurückgehen sollen63, Tanguten, und die Monpa (ebenfalls mit den buddhistischen Tibetern eng verwandt). Und dann gibt es eben die Tibeter in den benachbarten chinesischen Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Aber auch (temporär) ausserhalb tibetischer Gebiete in China lebende Tibeter, zB Studenten in Peking.

Für China ist Sinkiang inzwischen zu einem grösseren Problem als Tibet geworden – bzw China für Sinkiang. In dieser autonomen Provinz (Uigurisch شىنجاڭ ئۇيغۇر ئاپتونوم رايونى, Xinjang Uyĝur Aptonom Rayoni) machen Uiguren eine relative Mehrheit aus, etwa 46%, dahinter Han mit 39%, andere Ethnien zusammen machen die restlichen 15% aus. Tadschiken sind eines dieser anderen Völker, werden aber zT zu den Uiguren gezählt, sind zT vor Langem in diesen aufgegangen; dann gibt es Kasachen,… Auch wenn sie nur die relative Mehrheit in ihrer Provinz sind, es gibt dort elf Millionen (moslemische) Uiguren (und Uigurinnen). Xinjiang/ Sinkiang/ Ostturkestan ist auch die grösste chinesische Provinz, und die acht-grösste Verwaltungseinheit der Welt. In der Uiguren-Unabhängigkeits-Bewegung gibt es  Islamismus, Turkismus/Turanismus, Terrorismus, Chauvinismus…bzw auch ihre Diffamierung damit. Das uigurische Gegenstück zum Dalai Lama ist Rabiyeh Kader, im Exil in der USA, Leiterin des World Uyghur Congress. Mehr als eine Million Uiguren sollen in Internierungslagern festgehalten werden. Wie bei Tibet ist auch hier die Geschichte der Region von den politischen Gegenpolen umkämpft.

Die konkurrierenden Versionen der Geschichte Tibets werden von Regierungen oder parteiischen Akademikern vertreten. Dabei geht es immer wieder um die Phase der tibetischen de facto-Unabhängigkeit nach der Revolution bis zur Eingliederung in die Volksrepublik. Damals hätte es Leibeigenschaft, Amputation von Gliedmaßen zur Strafe und mehr gegeben, ein System das reaktionärer gewesen sei als es die VR ist. Einen Einblick in die Diskussion bietet dieser Artikel.64 Die VR kann sich so als “Retter der Tibeter” präsentieren. In dem Diskurs wird mit Begriffen hantiert, die in verschiedenen Kulturen verschiedene Bedeutungen haben. Und natürlich kommen dann jene, die genau wissen, wo die absoluten Massstäbe anzusetzen sind. Zwei von (pro-) tibetischer Seite vorgebrachte Argumente haben etwas für sich: Nach internationalem Recht65 ist es für die Frage der Selbstbestimmung bzw Unabhängigkeit eines Gebietes unerheblich, welche (humanitären) Zustände dort einmal herrschten. Und, auf die Frage der kontinuierlichen Zugehörigkeit zu China abzielend, man könne nicht frühere Invasionen und Besatzungen als Nachweis dafür anführen, dass Tibet zu China gehöre.

Die Exilregierung erhebt den Anspruch, die Bevölkerung der autonomen chinesischen Provinz sowie der angrenzenden osttibetischen Gebiete zu repräsentieren; damit dürfte sie ihre (gegenwärtigen) Ansprüche von einem Tibet abgesteckt haben. De facto repräsentiert sie die tibetische Diaspora, wobei es Überschneidungen zwischen historischem Tibet und tibetischer Diaspora gibt, hauptsächlich in Indien. Das betrifft nicht nur Arunachal Pradesh; in Himachal Pradesh gibt es nicht nur das Zentrum der tibetischen Exilanten, sondern auch die Lah(a)ul-Spiti-Gegend an der Grenze zu(m) (chinesischen) Tibet, deren Bevölkerung zT tibetisch-buddhistisch geprägt ist. Auch Ladakh im indischen (Jammu und) Kaschmir ist so ein Gebiet, und (das früher unabhängige) Sikkim. Eine Grenzziehung in dieser Gross-Region wäre auch bei bestem Willen und Kenntnissen extrem schwierig… Der 14. Dalai Lama und die tibetische Exilregierung halten sich mit Ansprüchen ggü Indien, ihrem Gastland, natürlich extrem zurück. 2008 sagte der Dalai Lama das erste Mal, dass das einst tibetische Gebiet in Arunachal Pradesh (zu) Indien gehöre. Die VR versucht dies auszunutzen, beschuldigte ihn, Süd-Tibet mit Indien zu betrügen…

Der chinesisch beherrschte Teil von Kaschmir, Aksai Chin, wurde ja Sinkiang zugeschlagen, wenn man so will, ist auch dies ein tibetisches Gebiet. Bhutan weist ethnisch und historisch eine grosse Affinität zu Tibet auf. Bei Nepal und Birma tun das nur gewisse Regionen. In Nepal gibt es an tibeto-birmanischen Gruppen u.a. eigentliche Tibeter, Bhotiya und Sherpa, wobei die Abgrenzung zwischen diesen “schwierig” ist. Tenzing Norgay/ Namgyal Wangdi (1914 – 1986), der Nepali, der 1953 mit dem Neuseeländer Edmund Hillary als Erste den Mount Everest/Sagarmatha in Nepal bestieg, gilt als Angehöriger der Sherpa-Volksgruppe. Seine Eltern dürften aber aus Tibet eingewandert sein.66 Auf der südlichen Seite des Himalaya-Gebirges, ausserhalb chinesischer Kontrolle, gibt es also einige „quasi-tibetische Gebiete“. In Indien, v.a. in Himachal Pradesh, gibt es 100 000 bis 150 000 Tibeter in erster oder späterer Generaion, die aus dem chinesischen Tibet stammen. Und die autochthonen Tibeter in diversen nord-indischen Staaten, auch in Himachal Pradesh.

Diese Differenzierung gilt es auch zB bei Armeniern in den Nachbarstaaten des jetzigen Armeniens zu machen. Die Siedlungsgebiete der autochthonen Tibeter können als Teil eines historischen Tibets oder Gross-Tibets gesehen werden.67 Auch in Nepal gibt es die dort autochthonen und die exilierten Tibeter. Taiwan ist definitiv Exil/Diaspora aus tibetischer Sicht, westliche Länder erst recht68. Der Dalai Lama, der die Forderung nach der Unabhängigkeit Tibets ja nicht mehr erhebt bzw unterstützt (und keine tibetischen Gebiete ausserhalb Chinas als Teil Tibets deklariert), ist 2012 als Chef der Exilregierung zurück getreten. Diese Funktion wird nun vom jeweiligen Ministerpräsidenten dieser Regierung eingenommen, der Dalai Lama ist nur mehr religiöses Oberhaupt der Tibeter. Geheiratet hat er nie, er ist ja ein Mönch geblieben. Die Forderung nach einer Unabhängigkeit ist aber in der tibetischen Diaspora hegemonial69. In Tibet gibt es derzeit keine militanten Gruppen, aber zB 08 Unruhen.

Tibet ist der äusserste Rand Chinas, die unchinesischste chinesische Region.70 Ist China Besatzungsmacht in Tibet und “Sinkiang”? Dann aber auch in der Inneren Mongolei, in Guangxi, in der Mandschurei,…? Und in Honkong? In dem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass die (westlich ausgerichtete) Republik China nicht nur all diese Gebiete beansprucht, sondern noch einige mehr, wie die (äussere) Mongolei. Bei einem Regimewechsel käme also das heraus. Und wie sieht die Sache der 10% Nicht-Han71 in China aus (Han-) chinesischer Sicht aus? Es sind 10% der Bevölkerung, aber mehr als 50% der Fläche (des jetzigen Chinas), die ihre Gebiete einnehmen.72 Das innere und das äussere China eben. Und in diesem Inneren China gibt es auch zB Hongkong, wo es eine ziemlich starke “Lokalisten”-Bewegung gibt, die den Autonomie-ähnlichen Status der Stadt ausbauen will, Teile von ihr wollen auch die Unabhängigkeit. Hier geht es also nicht um ethnische Besonderheiten, sondern eien Sonderentwicklung, die durch koloniale Einflussnahme zu Stande kam; es ist wie zwischen Äthiopien und Eritrea.

China war ab der späten Qing-Zeit in ständigen “Turbulenzen”, für gut ein Jahrhundert. Wahrscheinlich kam es erst in den 1990ern zu einer Stabilisierung. Sind diese Turbulenzen von westlicher Einflussnahme ausgegangen, oder haben Westmächte die (selbstverschuldete) Krise des Reichs nur ausgenutzt? Es ist beileibe nicht nur die Geschichtsauffassung der kommunistisch orientierten Chinesen, dass praktisch alle Unabhängigkeitsinitiativen Tibets von Westmächten unterstützt und initiiert wurden (entsprechendes sagen Russophile über die Ukraine), und dies wiederum in einer Reihe von Einflussnahmen wie den Abtrennungen von Gebieten wie Hongkong zu sehen ist. Und, sind Vielvölkerstaaten an sich illegitim, müssen sie in ihre Einzelbestandteile zerlegt werden? Dann aber nicht nur China. Mehr dazu ganz am Ende des Artikels. Das offizielle China sagt, die Chinesen (verschiedener Ethnizität) seien eine Familie, die chinesisch-kommunistische Herrschaft habe (zB in Tibet) Verbesserungen für die dortige Bevölkerung gebracht, die Eigenheiten der Minderheiten würden gewahrt, nur (vom Ausland aufgestachelte) Terroristen schufen Unruhe, Feindseligkeit und Gewalt unter den Minderheitengruppen Chinas.

Es gab in der Republik (12-49) und gibt in der VR einen inklusiven chinesischen Nationalismus (bzw Nationalkonzept), auch unter den Qing vorwiegend. Seit den 1980ern spricht man in der VR von Zhonghua minzu (中华民族), den chinesischen Ethnien, statt vom chinesischen Volk (Zhongguo renmin, 中国人民).73 Dies steht also im Gegensatz zum (westlichen) Konzept vom Inneren und Äusseren China. Aber stehen in China wirklich Hui, Uiguren oder Tibeter auf einer Ebene mit den Han? Entsprechendes kann man bei Spanien, Türkei, USA, Russland, Iran,… fragen. Gleichberechtigung, Nebeneinander, Anpassung, Unterwerfung, Paternalismus – was trifft auf das Verhältnis von ethnischen Chinesen und den Chinesen im politischen Sinn zu? Nach dem Olympia-Eröffnungsspektakel 08, bei dem kostümierte Kinder aufgetreten waren, um die die Eintracht der 56 ethnischen Gruppen Chinas darzustellen, stellte sich heraus, dass diese allesamt Angehörige der Mehrheit der Han-Chinesen waren. Die Minderheiten waren übrigens ausgenommen von der 2015 abgeschafften 1-Kind-Politik.

Der chinesische Historiker Liu Zhongjing meint, dass diese Form von chinesischem Nationalismus dem Osmanismus gleicht und zum Scheitern verurteilt sei, gewaltsam verschiedene ethnische Gruppen zu vereinen trachtet. Das eigentliche China könne so nur verlieren. Chiang als Präsident der Republik am Festland hätte seinem Vorbild Atatürk folgen und ein Kernland definieren sollen, den Rest aufgeben. Aber, die Definition von “Kern” und “Rand” ist in dem Zusammenhang gar nicht so einfach. Es gibt einige Begriffe in Zhg mit chinesischem chinesischer Nationalismus/ Imperialismus, die leicht durcheinander kommen. Gross-China, Pan-Sinismus und Sinosphäre bezeichnen in etwa dasselbe: alle chinesischen Gebiete, inklusive jene von Minderheiten und Taiwan, die chinesisch beeinflussten Gebiete (wie Mongolei, Korea, Japan, Vietnam, Tuwa), die Diaspora-Chinesen (v.a. in Südost-Asien) – und das was sie möglicherweise verbindet.74 Sinozentrismus und Huaxia bezeichnen auch ungefähr das Selbe, eine Art von Han-Nationalismus, wobei sich Ersteres auch auf Zhonghua minzu beziehen kann.

Das Bild von Tibet im Westen: zwischen Verklärung und Verteufelung. Diese chinesische Provinz ist immer noch von Subsistenz-Landwirtschaft dominiert, aber der Tourismus wurde in den letzten Jahrzehnten zu einer wachsenden Industrie. Es kommen vor allen der Esoterik zugeneigte Westler verschiedenen Alters. Internationale Unterstützung für Anliegen der tibetischen Exilregierung in Indien mit dem Dalai Lama (= Anliegen der Tibeter?) gibt es/ kommt v.a. im / aus dem Westen, wie die Kampagne „Free Tibet“ (GB). Tibet-Unterstützer im Westen, das sind meist entweder linke Esoteriker oder rechte Westisten die China schwächen wollen. Aber die Gegner gibt es auch rechts und links.75 Der jetzige Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger, ist populär im Westen, wurde das “Gesicht Tibets”, hat Bücher herausgebracht, bekam 07 von Bush eine Medaillie, zählt Prominente wie Richard Gere zu seinen Freunden/Anhängern76, unternimmt Touren – 09 trat er in Frankfurt in der vollen Commerzbank-Arena auf, gab dort für VIPs eine Audienz. Aber er hat tatsächlich einiges an Weisheit (abzugeben).

In den 00ern kamen in Deutschland einige Bücher der “Trimondis” und von Goldner zu Tibet und zum Dalai Lama. Herbert Röttgen hat Verschiedenes studiert, den Trikont-Verlag gegründet, scheint ein reaktionär gewordener Ex-Linksradikaler zu sein. 2004 änderten er und seine Frau Mariana ihre ursprünglichen Namen auf ihre bis dahin für Publikationen genutzte Pseudonyme Victor und Victoria Trimondi. 1999 brachten sie „Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus“ heraus, 2002 „Hitler-Buddha-Krishna – Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute“, 2006 „Krieg der Religionen – Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse“. Im zweiten Buch geht es um den Missbrauch indischer Religionen und immaterieller Kulturgüter durch Nazis. Im ersten u.a. um Zustände unter den Dalai Lamas in Vergangenheit und Gegenwart.

Wahrscheinlich auch um Geschichten von körperlichen Verstümmelungen und Tötungen als Strafe im de facto unabhängigen Tibet einst. Diese Strafen soll es im tibetischen Buddhismus seit dem 13. Jh gegeben haben und bis 1913, als sie der 13. Dalai Lama abschaffte. Tibet-Freunde wie Heinrich Harrer sag(t)en, die Chinesen zeigten Besuchern gerne eine Folterkammer am Fusse des Potala-Palastes, um gegen eine Unabhängigkeit Tibets Stimmung zu machen, wüssten sehr gut, dass diese schon sehr lange nicht mehr benutzt worden ist. Der deutsche Psychologe (Guntram) Colin Goldner schrieb “Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs”. Aus der grossspurigen Eigenbeschreibung des Buchs: “Dabei zeigt sich, daß das im Westen vorherrschende Bild von Tibet und dem Buddhismus stark idealisiert ist. Denn die Lebensverhältnisse unter der Diktatur der ‘Gelbmützen’-Mönche waren erbärmlich, durch die Geschichte des Lamaismus zieht sich eine Blutspur, in den Klöstern werden vierjährige Jungen aberwitzigen Übungen unterzogen, die tantrische Rituale erinnern an sexuellen Mißbrauch. Die Doktrin des tibetischen Buddhismus ist geprägt von menschenverachtenden Vorstellungen über ‘Karma’ und eine angeblich höhere ‘Gerechtigkeit’ alles Seienden…”

Goldner gehört dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung an, die zB den neoliberalen Atheismus von Richard Dawkins promotet, dessen Vorfahren ihr Vermögen durch den Einsatz von Sklavenarbeit gemacht heben, schreibt in “konkret”.  Ist religionskritisch, westistisch, allem Spirituellen abgeneigt, ein rationalistischer Fundi, immerhin auch kritisch ggü Zoos.77 In manchen Hetzpublikationen der Evangelikalen werden Katholiken, Muslime und der Dalai Lama als Monster dargestellt. Dennoch gibt es dort auch Sinophobie,… Koenraad Elst wiederum, der belgische Indologe, sieht sich als eine Art Beschützer der “dharmischen Zivilisation”, was man am ehesten mit von indischen Religionen (Hinduismus, Buddhismus,…) geprägte Länder definieren kann. Es geht ihm aber hauptsächlich um den Hinduismus, er verteidigt auch den Hindu-Zentrismus (Hindutva)78, was ihn nicht nur ggü Islam sondern auch dem Christentum in eine gewisse Position bringt (oder anders herum).79

Über den Niedergang des Buddhismus in Indien durch den Hinduismus hat er nie geschrieben oder geredet. Er hat über den Buddhismus Manches geschrieben, aber das ist eben so, wie ein Katholik über den Protestantismus schreibt. Elst hat aber nicht Unrecht damit, dass der Islam in den indischen Raum hauptsächlich als Religion von Eroberern kam80 und durch verschiedene Formen von Zwang verbreitet wurde, und oft ältere und dort autochthonere Kulturen überdeckt hat. Klemens Ludwig, ein Theologe der für die GfbV arbeitet, beschäftigt sich mit Astrologie und Tibet, schrieb über die „Opferrolle des Islams“ und mehrere “pro-tibetische” Bücher. Er verweist ggü dem Islam auf die Zerstörung der buddhistischen Metropole Nalanda in Nord-Indien, deren Datierung setzt er – oder aber ein seehr wohlgesonnener Rezensent- um 500 Jahre falsch ansetzt. Seinen Vorwurf an “den Islam”, “seine eigenen” Verbrechen zu vergessen, und doppelzüngig bzgl Toleranz und Menschenrechten zu sein, kann man aber auch an die GfbV richten – aber wie hat dieser Ludwig geschrieben, Westler müssten zu „eigenen Werten“ stehen.81 Tibeter sind für manche Westler ein “Instrument” gg China wie Kurden gg Iraner/ Türken/ Araber.

Im Vorwort von Leon Dewinter zu einem “Antisemitismus”-Buch wiederum wird Tibet mit Darfur “verwendet” um die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu relativieren. Im Buch von Broder mit Joffe, Miersch un Maxeiner aus 08 wiederum geht es darum, dass Bush in Wirklichkeit gut ist (der Beste), seine Gegner schlecht, ebenso der Dalai Lama, Michael Mooreund Che Guevara… Der US-amerikanische Kommunist Michael Parenti schrieb 2003 den Essay “Friendly Feudalism: The Tibet Myth”; er ist einer der auch Stalin verteidigt. Die pro- und anti-tibetischen Schreiber gibt es auch in entsprechenden wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Die Tibetologie ist das klassische “Orchideen-Studium”; manche Tibetologen sind aber (über Fachkreise hinaus) zu Bedeutung gekommen. Zum Beispiel der Amerikaner Melvyn Goldstein. Er kritisiert das de facto unabhängige Tibet (1912-1950) als feudale Theokratie, beherrscht von korrupten und inkompetenten Führern. Er wird normalerweise nicht beschuldigt, parteiisch bzw politisch zu sein; im Gegensatz zu anderen Tibetologen oder Sinologen, wie zB Tom Grunfeld, dem man „Sinophilie“ und ein Schlechtmachen Tibets unterstellt.82 Es gibt auch eine Sinophobie die nicht aus Tibetophilie kommt, sondern aus Westismus. Da kommen Klagen über „chinesischen Neokolonialismus“, kommt auf einmal Sorge um Afrika… zB bei Marko Martin, in der Rezension auf der Deutschlandfunk-Website zu Andrea Böhms Buch “Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten” (2017).83

Er hat ein Buch über Südafrika geschrieben, ich kann mir vorstellen was darin steht. China lässt sich nichts mehr vom Westen vorschreiben, darüber zetern Leute wie er. Trumps ehemaliger Berater Stephen Bannon meinte 2016, dass es in fünf bis zehn Jahren einen Krieg der USA gegen China geben werde. Und Tibet? Immer wieder Schachfigur ggü China. Der Dalai Lama selbst hat in den 1990ern bei mehreren Gelegenheiten gesagt, dass seine Regierung in den 1960ern 1,7 $ jährlich von der CIA bekam, nicht aus Unterstützung für Tibet sondern im Rahmen der US-amerikanischen weltweiten Bemühungen, kommunistische Staaten zu destabilisieren, diese diente primär amerikanischen Interessen, was sich auch darin zeigte, dass die “Hilfe” gestoppt wurde sobald sich die USA-Politik ggü China änderte. Er beklagte in dem Zhg auch die tausenden Tibeter, die in diesem Guerilla-Krieg ihr Leben verloren.

Ein eigenes Kapitel ist die Haltung der Republik China (seit sie auf Taiwan beschränkt ist) gegenüber Tibet. In der Republik gab es zur Zeit ihres Bestehens am Festland wie erwähnt einen inklusiven chinesischen Nationalismus, der aber aufgrund der instabilen inneren Verhältnisse nicht wirklich “zu Tragen” kam. Aber, für die KMT war Tibet immer ein Teil Chinas, und weitere Gebiete, die die VR bzw die KPC nicht mehr beansprucht. Nach dem Bürgerkrieg und der Teilung die Eingliederung Tibets in die VR (“Befreiung der Tibeter von einem theokratischen Feudalsystem”); RC-Diktator Chiang verfasste 1959 einen “Brief an die tibetischen Landsleute“, in dem er diesen “Hilfe” gegen die VR zusagte. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der RC schickte Agenten nach Dharamshala, um unter den Exiltibetern KMT/RC-Propaganda zu betreiben. Und der erwähnte Pandatsang Rapga arbeitete ab den frühen 1930ern bis zum Ende des Bürgerkriegs für eine Eingliederung Tibets (als autonome Provinz) in die Republik China und eine Modernisierung Tibets und seines Buddhismus’. Der aus Ost-Tibet stammende Ragpa ging nach der Besetzung bzw Eingliederung Tibets durch die VR nach Indien, blieb aber RC und KMT treu.

Er organisierte den Widerstand von Tibetern in Ost-Kham gegen die VR. Die RC auf Taiwan “debattierte” mit Regierungsoffiziellen der USA zur Zeit des Bündnisses der beiden Staaten (49-72) ob man ein unabhängiges Tibet anvisieren  solle oder nicht. Die Tibeter waren damals ja auch Verbündete der USA… Die RC sah (sieht) Tibet als integralen Teil Chinas – und Festlandchina als eigentlich zu sich gehörig.84 Das Erbe von Ragpa ist aber lebendig, bei Tibetern aus Ost-Kham (Khampa) die in Taiwan leben, die RC/KMT unterstützen, und sowohl Dalai Lama/Exilregierung als auch VR ablehnen. In den 1970ern sponserte die Mongolei & Tibet-Kommission der RC Exil-Tibetern in Indien und Nepal Studien in Taiwan. Die Veteranen-Organisation der tibetischen Guerilla-Gruppe Chushi Gangdruk einigte sich 1994 mit der RC. Das grüne Lager (DPP & Co) in der RC sieht einen Unterschied zwischen Taiwan und China, hat ein entspanntes Verhältnis zu separatistischen Gruppen in (aus) China, es ist selbst gewissermaßen eine… Die Sichtweise der Regierung von RC/Taiwan auf Tibet richtet sich danach welches Lager an Macht ist, das grüne oder das blaue.85

Tibet und die Tibeter sind sicherlich eines der wichtigsten nicht-souveränen Gebiete/Völker, neben den Palästinensern86, den Kurden, Schottland, Grönland (Kalaallit Nunaat), Québec,… 199187 war die tibetische Exilregierung ein Gründungsmitglied der Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO), einer Dachorganisation von Organistaionen diverser Minderheiten, Separatisten, nicht-repräsentierter Völker, mit Sitz in der Niederlande.88 Interessant ist die Liste der ehemaligen Mitglieder der UNPO: Repräsentanten von inzwischen unabhängigen Staaten wie Lettland, Armenien89, Ost-Timor; von politischen Gebilden oder ethnischen Kollektiven, die mit dem „Makrostaat“/ der Verwaltungsmacht ein Arrangement erreichten, wie Aceh (Indonesien), Bougainville (Papua-Neuguines) oder die Albaner in Makedonien; die Lakota-Republik nach ihrer Erklärung der Unabhängigkeit von der USA; und, aus verschiedenen anderen Gründen, Baschkortostan (Russland), Gagausien (Moldawien), die Sikh-Khalistan-Bewegung (Indien), oder die Tahiti/Maohi-Bewegung (Frankreich).

Die Liste der aktuellen und ehemaligen UNPO-Mitglieder zeigt, dass es hier unterschiedlichste Ziele bzw Problemstellungen gibt. Die nach Indien ausgewichene tibetische Exilregierung ist ebenso dabei wie diverse Gruppen in/aus Indien, die es verlassen wollen, wie die Nagaland-Organisation. Es bestätigt sich, dass gerechte Grenzen unmöglich sind. Es gibt einige Staaten die unter Umständen vom Zerfall bedroht sein können, wie Russland oder Äthiopien. Es sei dahin gestellt, ob es einen befreienden90 und einen unterdrückenden Nationalismus gibt. Die “Azawad”-Bwewegung (Nord-Mali) ist mit dem Islamismus verbunden, die Unabhängigkeitsbewegung in Flandern mit dem Rechsextremismus, jene des serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina mit ethnischen Säuberungen, der Tamilen auf Sri Lanka91 mit Terror, die (starke) in Katalonien wurde treffend als “Wohlstandsseparatismus” eingeschätzt, was auch für “Padanien” (Nord-Italien) zutrifft. Andere kommen mit Minderheiten-, Sprach- und Autonomierechten aus.92 Etwa die Franco-Ontarier, die hauptsächlich im 19. und 20. Jh aus Quebec (nach Ontario) einwanderten. Aber auch sehr viele Katalanen und Andere aus Gebieten mit separatistischen Bestrebungen.

Manche Afrikaaner wollen das Ende ihrer privilegierten Stellung in Südafrika (bzw ihrer Herrschaft über Südafrika) mit dem Ende der Apartheid nicht akzeptieren; eine Abspaltung (“Volkstaat”) wäre hier “schwierig”, da sie auf kein Gebiet in Südafrika konzentriert sind. Ähnlich sieht es mit den Ungarn im transylvanischen Teil Rumäniens aus – noch dazu grenzen die rumänischen Provinzen (Judete) mit dem höchsten Anteil an Ungarn (wie Harghita) nicht an Ungarn. Auch bei jenen Nestorianern und Chaldäern die sich als “Assyrer” sehen und von einem eigenen Staat träumen, stellt sich dieses Problem. Übrigens ist das sie betreffende Gebiet, das nördliche Mesopotamien, ziemlich das selbe das auch die Kurden reklamieren. “Naturvölker” wie “Indianer” und “Aborigines” sind von den Siedlern aus Europa zu stark dezimiert worden, als dass sie ihre früheren Länder wieder für sich reklamieren könnten, nur sehr kleine Teile davon…

Ungefähr 120 Staaten93 feiern heute an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von europäischen oder europäisierten (westlichen) Staaten. Ein Teil jener Gebiete in denen es Unabhängigkeitsbestrebungen gibt, sind verbliebene Kolonien Europas in anderen Teilen der Welt. Die UN hat eine Liste von Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung, von der sie einige Gebiete gestrichen hat (Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheitsgebiete_ohne_Selbstregierung , zT zu Recht), auf der sie andere nie gelistet hat. Die Kriterien sind oft schwer nachvollziehbar; warum also zB Grönland, Curacao oder Französisch-Guyana nicht mehr als solche Territorien gesehen werden, der Chagos-Archipel nie wurde. Es ist aber auch die Definition schwierig: Wenn die Kolonialmacht eigene Leute angesiedelt hat und diese für einen Verbleib bei diesem Land stimmen, ist hier von Selbstbestimmung zu reden? Ist “Kolonialismus” nur bei Überseegebieten gegeben? (Die UN hat Gibraltar, als inner-europäische Kolonie, gelistet) Und so weiter.

Süd-Sudan, Ost-Timor, Eritrea, Slowakei sind einige der jüngsten Staaten der Welt, alle unabhängig geworden von “Verwaltungsmächten” die Staaten auf ihrem Kontinent sind (waren)94; im Fall der Tschechoslowakei war es eher ein Staatenbund gewesen, und hier gab es im Gegensatz zu den anderen drei auch eine Trennung im Einvernehmen mit dem “Rumpfstaat”. Manche Staaten/Völker haben zeitweise ihre Unabhängigkeit verloren, wie Polen vom späten 18. Jh bis zum 1. WK und dann nochmal im 2. WK.95 Italien gab es keines vor 1861; technisch gesehen war der Vollzug dieses Risorgimento eine Vereinigung zuvor unabhängiger Staaten sowie eines österreichischen Gebietes (Lombardo-Venetien), bzw der Anschluss dieser Gebiete an Piemont-Sardinien. Aber wie der Name “Risorgimento” schon sagt, sah man diese Staatsgründung als “Wiedererstehung”.

Proklamierte Staaten die aus meist guten Gründen keine wirkliche Anerkennung bekamen bzw “posthum” keine bekommen, sind zB die “Konföderierten Staaten von Amerika” (CSA, 1861-65)96, der “Mahdi-Staat” im osmanisch-ägyptisch-britischen Sudan (1881-1889), die Republik Biafra (1967-70), Rhodesien (1965-1979), die “Mahabad-Republik”  (1946), Mandschukuo (1932-1945), Transkei (1976-1994), der Unabhängige Staat Kroatien  (1941-45 proklamiert),… Und heutige Gebiete die ihre Unabhängigkeit erklärt haben97 und begrenzte Anerkennung dafür bekommen haben? Kosovo/ Kosova, West-Sahara, Nord-Zypern, Abchasien, Karabach, Somaliland (> “gescheiterter” “Rumpfstaat” Somalia),… Die genannten sind de facto z Zt unabhängig, oder aber Marionettenstaaten von anerkannt(er)en Staaten. Die Republik China erhebt ja Anspruch darauf, ganz China zu repräsentieren, wird darin von 17 Staaten98 anerkannt.

In manchen Fällen hat sich das im Lauf der Zeit geändert, Litauen oder Kroatien etwa haben in den Monaten nach ihren Unabhängigkeitserklärungen 1990 bzw 1991 je eine Hand voll Anerkennungen bekommen. Das von Daesh kontrollierte Gebiet oder die “Donezk VR” sind von “Rebellen” in Bürgerkriegen (mit ausländischer Beteiligung) gehaltene Gebiete; Scheinstaaten/ Mikronationen wie “Sealand” erheben in der Regel keinen Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Dann gibt es die Cook-Inseln, die wiederum einen semi-unabhängigen Status haben, keine volle Unabhängigkeit proklamiert haben, auch nicht darum kämpfen. Die irakische Kurdenregion geniesst etwas weniger Unabhängigkeit, entsendet zB kein eigenes Olympiateam. Zwei proklamierte Staaten mit begrenzter Anerkennung sind auch Israel und Palästina. Das 1948 ausgerufene “Israel” hat immer wieder Gebiete besetzt, manche davon annektiert, kontrolliert das palästinensische Restgebiet (mit einer Militärverwaltung für die Palästinenser, militärischem Schutz für die dortigen israelischen Siedler99).

Für diese erst 1967 besetzten palästinensischen Gebiete haben Organisationen und Institutionen der Palästinenser die Unabhängigkeit “Palästinas” ausgerufen. 1988 wurde durch die PLO ein Staat Palästina in den Grenzen des 1947-UN-Teilungsvorschlags ausgerufen (eine Anerkennung “Israels” damit ausgesprochen), durch viele Staaten anerkannt. 2011 hat die Palästinensiche Autonomiebehörde vor dem Hintergrund des von den Besatzern endlos hingezogenen “Friedensprozesses” bei der UN den Antrag auf Vollmitgliedschaft des von ihr repräsentierten (besetzten) Staats gestellt, der bekam 2012 Beobachterstatus.100 Damit wurde indirekt die Staatlichkeit/Unabhängigkeit ausgerufen.101 Dieser Staat wird von seiner Regierung (der langjährigen palästinensischen Autonomiebehörde) in jenen palästinensischen Gebieten definiert, die Israel erst 1967 besetzt hat, also um einiges weniger als die Defintion von 1947/1988; mit der Hauptstadt Jerusalem/Quds, dem Westjordanland, dem Gaza-Streifen. Die palästinensische Regierung (Sitz in Ramallah) kontrolliert nur einen Teil dieses Gebiets, und diesen auch nicht in allen Aspekten.

Zur Zeit anerkennen 137 von 193 UN-Mitgliedstaaten Palästina102, 161 anerkennen Israel (in den Grenzen von 1949-1967). Palästina beansprucht Gebiete die von Israel besetzt werden, Israel besetzt jene Gebiete die Palästina ausmachen (sollen). Es besetzt auch Teile Syriens (Golan/Jawlan) und Libanons (Shebaa-Farmen). Territorialdispute sind nochmal etwas Anderes. Und Irredentismus auch. Territorien, deren Loslösungsgbestrebungen mit Wiedervereinigungsbestrebungen verbunden sind: Malvinas/Falklands (GB/Argentinien), Chagos-Archipel (GB/Mauritius), Nordirland (GB/Irland), Südosten der USA > “Gross”-Mexiko (s.u.),… Im Fall der Abtrennung der Krim von der Ukraine und Angliederung an Russland war die “Unabhängigkeit” nur ein taktischer Zwischenschritt. Irredentismus-Beispiele aus der Vergangenheit sind Sinai (zur Zeit der israelischen Besatzung) und DDR (aus Sicht der BRD; Frage der deutschen Wiedervereinigung damit definitiv beantwortet?).

Exil-Tibeter sind wie exilierte Iraner103 oder Kubaner zum grössten Teil gegen “die Verhältnisse” in ihrer Heimat eingestellt. Man könnte den Dalai Lama und die anderen Tibeter im Ausland eigentlich auch als Teil der chinesischen Diaspora sehen, da es eben zur Zeit kein unabhängiges Tibet gibt. Die Exilregierung der Tibeter steht in einer Reihe mit vielen anderen in der Gegenwart und aus der Vergangenheit, die sich als legitime Regierung über ein Land sehen/ sahen, aber nicht die wirkliche Macht darüber haben/ hatten, woanders hin ausweichen müssen/mussten. Wie die syrische Gegen-/Interims-/Exilregierung (zum Assad-Regime), z Zt unter Abdurrahman Mustafa, in der Türkei. Der Sohn des letzten iranischen Schahs, Reza Pahlevi, wurde nach dem Tod seines Vaters im Jahr nach dem Umsturz zum neuen Schah proklamiert, lebt in der USA, ist in (der breit gefächerten) iranischen Exilopposition zur Islamischen Republik aktiv.104 Die sunnitischen, paschtunischen Islam-Fundamentalisten in Afghanistan, gegen die kommunistische Regierung einst ideologisch und mit Waffen umsorgt, die radikalste dieser Gruppen setzte sich dann ja bis 1996 gegen die anderen durch; nach ihrem Sturz 2001 gibt es in Pakistan105 eine “Regierung” des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”.

Die Republik China sieht sich ja auch als Art Exilregierung, über ganz China, wobei Taiwan (wo die Regierung sitzt und über das sie Macht hat) Teil Chinas ist (und Festlandchina in ihren Augen kein anderer Staat), daher nicht wirklich “Exil”; eher als legitime Gegenregierung zu der “illegitimen” die über das restliche China herrscht. Oder der Malteser-Orden: Die Insel Malta gehörte zu(r grösseren Insel) Sizilien, mit der sie im Spät-Mittelalter zum Königreich Aragon(ien) gehörte, das in Spanien aufging. Dessen Herrscher Karl V. (Habsburger) gab Malta (bzw die Herrschaft darüber) an den Johanniter-Orden, dem Kreuzritter-Orden, der bis zur frühen Neuzeit die Gebiete in der Levante, die er erobert hatte, wieder verloren hatte. Der dadurch zum Malteser-Orden wurde; nordwesteuropäische Katholiken herrschten über südeuropäische. In Folge der Napoleonischen/Revolutions-Kriege kam die Insel an GB, das sie ca 150 Jahre behielt. Der Orden mit seinen paar hundert Mitgliedern musste also um 1800 Malta verlassen, Rom (damals Kirchenstaat) wurde Exil-Zentrum. Der Malteser-Orden sah sich eine Zeit lang als unrechtmäßig exilierte legitime Regierung für Malta, hat sich aber vom Territorium gelöst und sich in der jüngeren Vergangenheit mit der Republik Malta “ausgesöhnt”. Er wird von vielen Staaten als “souverän” anerkannt.

Infolge der türkischen Invasion auf Zypern 1974 vertriebene griechische Zyprioten aus dem Norden der Insel haben für ihre Städte und Dörfer Gemeinderäte im Exil organisiert; etwas Ähnliches gab/gibt es auch in manchen Verbänden vertriebener Deutscher. Im Hitler-Stalin-Krieg mussten die Regierungen von Polen oder der Tschechoslowakei ins Ausland ausweichen, dieser Krieg war auch der Hintergrund (bzw die Vorgeschichte) zu den Vertreibungen von Deutschen an seinem Ende. CSR-Präsident Edvard Benes war schon im 1. WK im Exil gewesen, als Aktivist für die Unabhängigkeit von Böhmen und Mähren von Österreich. Als Exil-Präsident in GB regierte er mangels Parlament mittels Dekreten… Im 1. WK war Beneš also Angehöriger einer separatistischen Bewegung gewesen, solche weichen immer wieder ins Exil aus, wie die tibetische. Zum Beispiel auch die Süd-Molukken-Bewegung, die diesen Archipel unabhängig von Indonesien machen will, 1950 den Kampf aufnahm, 1963 in das Land der ehemaligen Kolonialmacht Niederlande ging106 wo bis heute eine Republik Maluku Selatan proklamiert wird. Im Fall der Exilregierungen für Spanien (39-77, Franco) bzw Ukraine (20-92, SU) ist der Zeitpunkt interessant, zu dem sie sich auflösten und die Verhältnisse im betreffenden Land als nun in Ordnung betrachteten.107 Die “Vichy-Regierung” herrschte zuerst über einen Marionettenstaat von NS-Deutschland (40-42), war dann eine Marionettenregierung dieses Deutschlands (42-44), schliesslich (44-45) eine Exilregierung für Frankreich.

Es gibt jene Separatisten-Bewegungen, die vom Westen unterstützt werden, wie jene die sich gegen Iran richten, aber auch solche im “Herzen” des Westens, von Schottland über Korsika bis Quebec. Und auch in der USA. Wie diese (in ihrer Ausdehnung) zu Stande kam, hat ja auch sehr viel mit dem Thema zu tun. Lassen wir die Gebiete die von den Sioux oder den Hawaiianern übernommen wurden, ausser Acht, die galten (gelten) ja als… Und auch, dass das Anfangsterritorium dieser USA ja von Grossbritannien (und Niederländern,…) kolonialisiert worden war. Die Gebiete die ab Anfang des 19. Jh zur USA kamen, wurden u.a. Frankreich, Spanien, Russland, Deutschland108, Mexiko abgeknöpft. Schauen wir uns letzteres etwas an: In den mexikanischen Staat Texas/Tejas wanderten im frühen 19. Jh US-Amerikaner ein, “erhoben sich” 1835/36 für die Abtrennung dieses Gebietes von Mexiko/Mexico (“Texas Revolution”) unter Führern wie Houston und Austin. Es gab damals auch Aufstände in anderen Teilen Mexicos, gegen den Zentralismus und Präsident Antonio López de Santa Anna, aber ohne eine andere Macht und Einwanderer dahinter.

Die eingewanderten US-Amerikaner spalteten Texas von Mexico ab, der “unabhängige Staat” wurde 1845 an die USA angeschlossen. Eine Lösung ähnlich wie die mit der Ukraine, Krim und Russland. In der USA gab es aber noch weiteren Appetit auf mexikanische Gebiete, und ein „umstrittenes Gebiet“, daher ein Krieg 1846-48, riesige Gebiete kamen an die USA, darunter Alta California; 1853 wurde das durch einen Kauf noch aufgerundet. Dieser ehemals mexikanische Südwesten der USA wurde Ziel vieler mexikanischer Einwanderer, und der heutige diesbzügliche Irredentismus (politisch/kulturell) wird als “Reconquista” (Rückeroberung bezeichnet).109

Material

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Der Fall von Chamdo

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  1. Die heutige chinesische Region Tibet, einige chinesische Territorien ausserhalb dieser Region und auch kleinere Territorien ausserhalb des heutigen Chinas
  2. Unter Anderem über einen Padmasambhava aus Kaschmir, der als einer der Ersten den tibetischen Titel Rinpoche/Rinpotse bekam
  3. Es gibt grundsätzlich Mahayana- und Theravada-Buddhismus. Theravada wird auch Hinayana genannt, ist in SO-Asien und Sri Lanka verbreitet. Vajrayana (Tibet > Lamaismus, Mongolei, Bhutan, N-Indien, Kalmüken) wird als Form von Mahayana (China, Korea, Japan, Ost-Russland, Vietnam) oder als eigene gesehen. In China sind eigtl. alle drei vertreten, bei den Han dominiert der Mahayana), wurde dominierende Religion Chinas, verdrängte Konfuzianismus und Taoismus (die chinesische Religionen sind) etwas
  4. Manchmal wird West-Tibet/Ngari als eine von Ü-Tsang unabhängige Region gesehen
  5. “Sinkiang” besteht aus zwei geografisch-historisch-kulturellen Räumen: Das Tarim-Becken im Süden (das an Tibet grenzt), auch Altishahr genannt, war eher iranisch geprägt, dort gab es das Kaschgar- oder das Khotan-Reich. Nördlich der Tian Shan – Berge ist die “Dsungarei”, die eher türkisch geprägt war. Das spätere Sinkiang hatte verschiedene Namen in der Geschichte, Khotan, Khashgar(ia), Dsungarei (alles eigentlich Teilgebiete oder -reiche), Uyghuristan,… Der jetzige bevorzugte Alternativname “Ost-Turkestan” kommt eigentlich von den Russen, die (hauptsächlich im 19. Jh) das westliche “Turkestan” bzw Zentralasien eroberten. Der Begriff, obwohl er an sich persisch/iranisch ist, ignoriert die dortigen Iraner/Tadschiken
  6. Abgeschlossen wurde dieser Prozess im Tschagatai-Khanat im Spät-MA/Früh-NZ
  7. Die Yuan-Dynastie wird auch Sakya-Dynastie genannt, nach der von ihr favorisierten Schule des tibetischen Buddhismus
  8. Dass es den Tibetern auch anders hätte gehen können, zeigt das Schicksal der Tanguten. Dieses mit den Tibetern verwandte Volk wurde im frühen 13. Jh von den Mongolen unterworfen. Da sie ihren “Pflichten” nicht nachkamen, unternahm Dschingis Khan 1226 einen neuen Feldzug gegen sie, der mit der völligen Zerstörung ihrer Hauptstadt endete. Danach zog ein Teil der überlebenden Tanguten südwärts und vereinigte sich mit den in Sechuan verbliebenen Miyao. Trotzdem verschwanden die Tanguten als Ethnie. Ihre Nachfahren sind vor allem unter Tibetern, Han-Chinesen und Qiang aufgegangen. Die Tanguten sind also ein “untergegangenes” Volk, wie die Akkader oder Inkas oder Goten. Tibet ist auch keine historische, tote, oder rein geografische Region wie Gandhara, Preussen, Nabatäa oder Kilikien
  9. In dieser Zeit kam es auch zur Zusammenstellung des tibetischen buddhistischen Kanons
  10. Auch auf Wikipedia spiegeln sich diese Auseinandersetzungen bezüglich der Zugehörigkeit Tibets zu China zur Zeit der Ming und zur Zeit der (frühen) Republik wieder
  11. Dieses wurde dann in die VR China eingegliedert, wurde eine autonome Region
  12. Ein Teil von Xinjiang/Ostturkestan/… war bereits früher unter chinesische Kontrolle gekommen
  13. Die Mandschurei hätte auch ein Teil Russlands werden können
  14. Wenngleich es auch hier unter den Yuan schon einen “Vorlauf” gab
  15. Unter den Ming und davor war das Binden der Haare zu einem Knoten oben Sitte in China
  16. Eigentlich der einzige, der anderen Völkern Chinas aufgezwungen wurde
  17. Unter den Yuan waren alle diese Gebiete schon weitgehend vereint, aber war dieses Reich ein Chinesisches oder nicht eher ein “Abspann” des Mongolischen?
  18. Ende des 19. Jh entstand ein iranischer Nationalismus in Abgrenzung zu Arabern, Türken, Islam. Unter den Pahlevi bekam das Land den Namen “Iran”, als also die Vorherrschaft der Perser wiederhergestellt wurde, zuvor (als Nicht-Perser den Iran dominierten) hiess das Land “Persien”. Aber diese beiden Begriffe sind Synonyme geworden, und nicht Wenige wurden zu Persern assimiliert/eingeschmolzen
  19. Oberhaupt des Buddhismus in der Mongolei wurde im 17. Jh der Bogd Gegen, ab dem 3. im 18. Jh waren diese Tibeter
  20. Westtibet (Ngari) bezeichnet aber ausserdem den westlichen Teil des zentralen Tibet
  21. Das der Moguln war bereits einige Jahrzehnte endgültig untergegangen. Dies war aber nicht mit dem Untergang einer Ethnie verbunden
  22. Dort wo Afghanistan, das damals russische Zentralasien, das indische Kaschmir und das chinesische Sinkiang/Ost-Turkestan aufeinander treffen. China beanspruchte ab dem frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet (das Teil Badachschans ist) als Teil Sinkiangs. 1963 hat die VR die Grenze anerkannt und im Detail festgelegt
  23. Ein britischer “Handelsagent” wurde in Gyantse stationiert
  24. Voraus gegangen war dem ein Massaker an schlecht ausgerüsteten tibetischen Soldaten 1903 in Guru
  25. Letzter Kaiser Chinas war ja, 1909-1912, Pu Yi/ Xiantong, 3 Jahre alt bei seiner “Thronbesteigung”, daher unter Regentschaft von Verwandten (u.a. der Witwe seines Vorgänger Guangxu der sein Halbonkel war), inoffiziell hatte die Witwe von Pu Yis Vorvorgänger, Cixi, das Sagen, über Jahrzehnte hinweg
  26. Während und nach dem 1. WK (bzw Krieg der europäischen Mächte untereinander) sollten noch einige Monarchien “stürzen”, im Falle von Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich ging in Folge dessen das Reich an sich unter, beim Deutschen Reich gab es einen Wechsel der Staatsform, beim Russischen Reich/ Sowjetunion einen radikalen Wechsel, der Staat blieb in seiner Ausdehnung und vielen Strukturen (wie Vorherrschaft der Russen) weitgehend erhalten
  27. Vom letzten Ming-Kaiser Chonghzhen bis Sun vergingen 268 Jahre, in denen also keine echten Chinesen über China herrschten. Aber wie gesagt waren die Mandschu mit den Jahren schon sehr chinesisch geworden
  28. མཆོད་ཡོན; Dieser Dalai Lama hatte vor “Kaiserin” Cixi zwar gekniet, aber keinen Kotau gemacht
  29. Wobei diese Bezeichnung manchmal auch Sikkim, Bhutan, Teile Birmas und Nepals (tibetischer Kulturraum) ausgedehnt wird
  30. Das Simla-Abkommen war von ihr weder unterzeichnet noch ratifiziert worden
  31. 中國工農紅軍
  32. In Folge dessen die Mandschurei als Manchukuo zum unabhängigen Staat ausgerufen wurde
  33. Sinkiang/Ost-Turkestan machte sich zunächst nicht unabhängig; 1933/34 und 1944-46 machten das Teile des Gebiets als “Republik Ostturkestan”. Die zweite dieser Republiken war SU-orientiert
  34. 1950-1975 wieder, aber nur noch mit Macht über Taiwan
  35. Nach dem 1. WK wäre er ungarischer Rumäne geworden
  36. Die Nazis konnten auch an die “Ariosophie” von “Jörg Lanz von Liebenfels” u.a. anknüpfen
  37. Jedoch: Dem Artikel auf de.wikipedia über die Nuristani in Afghanistan und Pakistan kann man entnehmen, wie nahe solche Rassentheorien (angebl. europäische Wurzeln dieser hellen Indoiraner) und “Solidarität” mit den Betreffenden bzw orientalistischer Kulturkampf beieinander liegen können. Speziell vor diesem Edit. Da hiess es: “Das frühere Heidentum der Nuristaner hat dazu geführt, dass europide Afghanen, auch wenn sie noch so vehemente Moslems sind, noch heute argwöhnisch betrachtet werden und nicht als vollwertige Moslems akzeptiert werden…Die in isolierten Hindukusch-Tälern lebenden Nuristaner haben ein europides Aussehen…Nachkommen der ersten Einwanderer, die mehrere tausend Jahre vor Alexander… aus Europa besiedelten…” Dabei lässt sich die Sprache und Abstammung der Nuristanis leicht von den frühesten Indoiranern und ihren Dialekten herleiten
  38. In der Abgeschiedenheit des Himalaya hätten sich Reste “ur-arischer” Populationen erhalten haben können > “europide Afghanen”
  39. Wobei Inder und andere Völker in der Region in der NS-Rassen-Hierarchie natürlich weit unten standen, aber “nutzbar” gemacht werden sollten, wie “Schwarze” oder “Indianer” die im USA-Militär dienen
  40. Zweiter grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jh
  41. Die beiden Länder haben sich noch 2 Mal um diese Region bekriegt
  42. Die Republik war 1946 bis 1971 im UN-Sicherheitsrat vertreten, wurde dann von der Volksrepublik abgelöst
  43. CIA and MI6 waren in Tibet dennoch weiter aktiv, bis etwa 1970
  44. Insgesamt 1 Million Mann stark und intensive Kampferfahrung aus dem eben zu Ende gegangen Bürgerkrieg
  45. Von Indien kehrte Harrer ’52 nach Österreich zurück, brachte bald das Buch “Sieben Jahre in Tibet” raus, (auch) über tibetische Kultur und Anliegen; es wurde 1996 von Jean-Jacques Annaud verfilmt
  46. Seit 1975 ist eine Delegation die Taiwan vertritt, dabei, hauptsächlich sind das Kommunisten aus Taiwan, die um 1949 von dort auf’s Festland geflüchtet sind, oder (inzwischen) ihre Nachfahren. Hongkong ist seit 1998 vertreten, Macau seit 2003
  47. Hitler wurde in der Weimarer Republik anfangs gegen politische Aufwiegler eingesetzt; Benito Mussolini kam aus der Sozialistischen Partei (PSI); Ioseb „Stalin“ Dschgugaschwili war im Zarenreich im georgisch-orthodoxen Priesterseminar in Tiflis; „Tito“ kämpfte im 1. WK in der “k. u. k. Armee”; “Atatürk” war eigentlich mit der Demobilisierung der osmanischen Armee nach ihrer Kapitulation beauftragt; Salahdin war Wesir der Fatimiden, dann Beender dieser Dynasie (und Sultan des Ayubidenreichs); “Stipe”Mesic wurde Staatsoberhaupt Jugoslawiens als Kroatien (mit seiner Unterstützung) gerade die Unabhängigkeit davon erklärt hatte; Mirwais Hotak begründete das erste paschtunisches Reich gegen Persien, eroberte dann den grössten Teil (des restlichen) Persiens, beendete die Herrschaft der Safawiden, wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte; Srebrenica-Verteidiger Naser Oric war Leibwächter von Slobodan Milosevic gewesen, ohne den das Massaker von Srebrenica nicht möglich gewesen wäre; Finnlands erstes Staatsoberhaupt Carl Mannerheim diente in der russischen Armee, Schwedisch war seine erste Sprache, sein Name (und seine Herkunft) deutsch; der israelische Minister Yitzhak Gruenbaum war (als Isaak Grünbaum) Vertreter der Juden im polnischen Parlament der Zwischenkriegszeit gewesen, im Minderheiten-Block BMN, zusammen mit Deutschen, auch nationalsozialistisch orientierten (die Familie wanderte 1932/33 nach Palästina aus, als Grünbaums Hamishmar und die anderen zionistischen Parteien an Unterstützung unter Juden verloren; Konrad Adenauer war entschiedener Gegner der preussischen Dominanz im Deutschen Reich, soll daran gearbeitet haben, das katholische Rheinland davon abzuspalten, und war Präsident des preussischen Staatsrats (2. Kammer des preussischen Landtags), 1921-33 (verteidigte gerade als solcher Interessen des Rheinlandes); „Pol Pot“ ist buddhistischer Mönch (und Exilant in Frankreich) gewesen
  48. In Nord-Indien entstand durch die Exilregierung für die dortigen Exil-Tibeter auch ein eigenes Bildungssystem
  49. Wie Israel 1967 nach der Eroberung und Besetzung der palästinensischen Restgebiete deren Flagge verbieten liess, auch Kunstwerke in ihren Farben, was bis zum Oslo-“Friedensabkommen” 1993 in Kraft war
  50. Wurde 1975 Teil Indiens
  51. Einigen Quellen zufolge wurde auch ein Teil des betreffenden Gebiets Assam zugeschlagen
  52. Chinesischer Sieg, aber keine nennenswerten Veränderungen
  53. englisch Taiwan Strait Crises
  54. Regierungschef in der Provinz war 64-68 Ngapoi Ngawang Jigme, ein tibetischer Kommunist
  55. Wie auch in den anderen Minderheiten-Gebieten
  56. Jigme war 81-83 zum 2. Mal dran
  57. Von Vielen zumindest nicht; chinesische Behörden sagen, er lebe ein normales privates Leben
  58. Die Zahl der Getöteten bewegt sich zwischen 100 und 10 000
  59. Der 03 auch Staatspräsident wurde. Seit 93, als Jiang Präsident wurde, ist der Parteichef in China immer auch Staatsoberhaupt, und damit auch de jure wichtigster Machthaber im Land
  60. Eigentlich handelt es sich um mehrere Volksgruppen, den Thai ähnlich. Sie sind zT Anhänger von Naturreligionen
  61. Die Mandschurei ist ja auf mehrere Provinzen aufgeteilt. In diesen machen Han (bzw Mandschu die dazu geworden sind) teilweise die Mehrheit aus
  62. Es gibt heute in China mehr Mongolen als in der Mongolei
  63. Eigentlich eine religiöse Minderheit und keine ethnische, aber Tibeter definieren sich quasi über den Buddhismus. Die (tibetische) Bezeichnung für die Volksgruppe deutet übrigens auf Kaschmir hin
  64. Die Sache ist dort als Kontroverse deklariert, damit ist der versteckten Propaganda im Gegensatz zu anderen Artikeln ein gewisser Riegel vorgeschoben
  65. Aber auch abseits davon
  66. Später lebte er auch teilweise in Indien
  67. Wenn von tibetischen Gebieten ausserhalb der autonomen chinesischen Provinz die Rede ist, sind aber in der Regel die historisch osttibetischen Gebiete gemeint, die im 18. Jh von China an andere Provinzen zugeteilt wurden und nach der Chinesischen Revolution nicht mit Tibet unabhängig wurden
  68. Z. B. Österreich
  69. Zumindest in dieser
  70. Der tibetische Ausdruck für China ist übrigens “Rgya-nag” (རྒྱ་ནག , “schwarzes Reich”); China nennt sich selbst ja Zhōngguó (中国), “Reich der Mitte”
  71. Es gibt Mischungen, es gibt Assimilierungen,…
  72. Je nachdem, wie man zählt, es gibt ja zB auch in Sinkiang Gebiete in denen Han wohnen, und die Mandschu sind grossteils de facto zu Han geworden,…
  73. Die Minderheiten alleine werden als Shaoshu Minzu bezeichnet
  74. Kann eine Form von Imperialismus sein
  75. Beide, Tibet-Gegner wie -Unterstützer, fühlen sich durch die Islamkrise (01) bestärkt
  76. Der ist vom methodistischen Christentum zum Buddhismus übergetreten
  77. In den letzten ca. 17 Jahren heisst es ja immer wieder, wir im Westen müssten zu unserer Kultur stehen; und dann wird alles Mögliche als Teil dieser Kultur definiert, je nachdem, also zB mehr Feminismus oder aber eine Absage an den Feminismus. Aber jedenfalls wird ein geschöntes West-Bild beworben. Und Goldener kehrt da immerhin im eigenen Stall
  78. Etwa in “The Saffron Swastika: The Notion of ‘Hindu Fascism'” (2001)
  79. Der dänische Anthropologe Thomas B. Hansen bezeichnete Elst als “belgischen Katholiken radikal anti-moslemischer Überzeugung, der versucht, sich als ‘Mitreisender’ der Hindu-Nationalismus-Bewegung nützlich zu machen”
  80. Die selbst konvertiert worden waren
  81. Schön zu sehen, dass diese bei Goldner zB diametral anders sind
  82. In diesem Zusammenhang: Wie parteiisch sollen Tibetologie und Sinologie sein? > Judaistik, Arabistik,… Der Historiker mit Russland-Schwerpunkt Karl Schlögel, ein scharfer Putin-Kritiker, sagte, Russland- und Sowjetunion-Historiker seien in der Regel nicht mit der speziellen Ukraine-Geschichte vertraut, schrieben meist moskauzentrierte Imperialgeschichten
  83. Dort auch: „Gewiss, ‚der Westen’ hatte Saddam dann in den achtziger Jahren Waffen geliefert, um Iran zu stoppen. Aber zeigt dies nicht, dass eine ‚westliche Weltordnung’ bereits seit langem fragmentarisch ist, widersprüchlich agiert und keineswegs permanent ‚dominiert’?“ – Wirklich, zeigt die westliche Unterstützung des Baath-Regime Husseins im Irak das? Er war Verbündeter des Westens, dann Dämon für den Westen (eine Weltgefahr analog zu Hitler), nach dem Krieg der so legitimiert wurde sind Baath-Reste Verbündete der salafistischen Islamisten des IS, und S. Hussein bekommt im Westen wieder Anerkennung, etwa bei Trump. Auf Youtube schrieb einer: “Evil or not, he kept those animals over there in check. Now look.” Heute wird wieder von “Befreiung” gesprochen von Kriegstrommlern, es geht um den Iran. Gewiss, es ist etwas fragmentarisch, Marko, dass jene, die das Foltern und Töten unter Saddam (an Irakern) heranzogen, um den Krieg 03 zu rechtfertigten, das Foltern an Irakern durch Amerikaner im selben Gefängnis und ihr Töten bejubelten bzw verteidigten; und dass das Kriegführen von seinem Regime zur Kriegsrechtfertigung herangezogen wurde, wobei er bei einem der beiden von ihm losgetretenen vom Westen unterstützt wurde und diese Kriegsbefürworter nun ebenfalls gegen den Iran Krieg führen wollen
  84. Erinnert an die Bündnisse Nazi-Deutschlands, etwa bezüglich der Ukraine – wo man die OUN mit ihren Unabhängigkeitsambitionen für das Land zum “Partner” machte, nach der Besetzung aber Rumänien und Ungarn Gebiete davon abgeben musste, und keine Unabhängigeit zuliess. Die OUN-Führer kamen ins KZ
  85. Die RC verweigerte der Uiguren-Aktivistin Kader 2009 die Einreise (sie hätte Verbindungen zum militanten und islamistischen Teil der “Ostturkestan”-Bewegung), damals war Ma vom KMT Präsident
  86. Dazu noch mehr
  87. Nach anderen Angaben 1990
  88. Wie die Schweizer gewannen die Niederländer einst ihre Unabhängigkeit vom Römisch-Deutschen Reich, in einem langen Prozess
  89. Ende der SU 91!
  90. Der sich gg Unterdrückung richtet
  91. > Tamil Eelam
  92. Die CSU schon mit einer ordentlichen Portion Regionalismus
  93. Von insgesamt ca. 200…
  94. Sudan, Indonesien, Äthiopien
  95. Wobei man die darauf folgende Phase, die der kommunistischen Volksrepublik Polen, auch als eine des Verlustes der Unabhängigkeit sehen kann
  96. Wurden von der (restlichen) USA mit Gewalt daran gehindert, sich wirklich von ihr zu trennen
  97. Oder Scheinstaaten die als Gebiete proklamiert wurden…
  98. Unbedeutenden im Konzert der Grossen
  99. Bzw mit Landraub innerhalb dieses Besatzungsgebiets durch Siedlungen, militärisch “abgesichert” unter dem Vorwand von “Sicherheit”. Hingegen: Die Zahl der Chinesen in Tibet ist wachsend, aber nicht in Form von ethnisch exklusiven Siedlungen auf Kosten der Einheimischen
  100. Die Änderung war dass Palästina Beobachterstaat wurde, zuvor war es eine Art Beobachter-Organisation
  101. Uniliteral, wie “Israel” 1948
  102. Viele jener Staaten die Palästina nicht anerkennen, anerkennen aber die PLO bzw die PNA
  103. In diesem Fall wird das auch inzwischen nach Kräften auszunutzen getrachtet
  104. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Die Mullahs haben das Loch mit Scheisse gefüllt, es war aber der Schah, der das tiefe Loch gegraben hat, das nun laufend gefüllt wird
  105. Über das damals auch die ganze Unterstützung für die Mujahedin lief
  106. Die Süd-Molukker wurden von den NL christianisiert, was, sie von den meisten anderen Indonesiern unterscheidet
  107. Nicht 75 bzw 91
  108. Kein Gebiet in der Festland-USA, aber zB Marianen
  109. Daneben gibt es in anderen USA-Gebieten auch mehr odwer weniger starke separatistische Bewegungen, in Hawaii, Puerto Rico, Alaska, die Lakota-Republik,…

Taiwan-China

Im Verhältnis China-Taiwan bzw Volksrepublik-Republik stehen der vorangegangene Bürger-Krieg, die De Facto-Teilung, die Krisen bzw Spannungen, die jeweiligen Ansprüche auf ganz China, im Vordergrund. Die inneren Gräben in der ROC bzw auf Taiwan verschwinden dabei aus dem Blickfeld; sie bieten einige Paradoxa sowie interessante Parallelen.

In China ist der Name Taiwan, bei dem es sich wahrscheinlich um ein Lehnwort aus einer Ureinwohnersprache handelt, seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlich. Der Name bezeichnete ursprünglich sowohl die gesamte Insel als auch die damalige Hauptstadt (das heutige Tainan) im Süden der Insel. Bewohnt war die Insel vor Chinas Küste bis in die frühe Neuzeit von malaio-polynesischen, austronesischen Gruppen. Taiwan liegt zwar vor dem Ostteil Chinas, der das “innere China”, das Kernland, bildet, es liegt im Süden aber nach Südost-Asien hin offen (Strasse von Luzon zu den Philippinen) und im Osten zum Pazifik/Ozeanien. Der Admiral Zheng He soll im 15. Jahrhundert eine erste chinesische Expedition nach Taiwan unternommen haben, dies ist aber nicht gesichert.

1583 erreichten portugiesische Seefahrer als erste Europäer die Insel und nannten sie Ilha Formosa („Schöne Insel”), ein Name, der lange verwendet wurde. 1624 besetzte die niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) den Süden der Insel und 1626 gründeten Spanier Niederlassungen im Norden; diese wurden bald von den Niederländern vertrieben. Auf die niederländischen Kolonisatoren geht die erste grössere Einwanderungswelle von Chinesen zurück, die bis dahin nur vereinzelt gekommen waren. Die Holländer warben sie als Arbeiter u a. für den Zuckerrohr-Anbau an. Durch die weniger als 40 Jahre währende niederländische Kolonial-Herrschaft, die nur das südliche Drittel der Insel umfasste, gab es tiefgreifende Änderungen: (Han-)Chinesen kamen, wurden allmählich zahlreicher als die “indigenen Völker”. Diese wiederum wurden von den Niederländern kontrolliert, in dem sie Dorfvorsteher bzw. Häuptlinge ernannten, was die Gesellschaftsstrukturen veränderte; ebenso wie die christliche Missionierung. Die aus Südostasien und Ozeanien stammenden “Aborigines” verloren ihre Unabhängigkeit und die Kontrolle über ihre Insel, wurden ab da zunehmend zurückgedrängt. Es kam zu Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den eingewanderten Chinesen, wie auch zwischen den Chinesen und Niederländern.

1644 besiegten in China die Mandschuren unter der Qing-Dynastie die Ming-Herrscher; viele Ming-Loyalisten flüchteten nach Taiwan (erinnert an die Einwanderung der Führung der Republik um 1949 dann). Einer dieser Ming-Anhänger, Koxinga (Zheng Chenggong), ein Kriegsherr und Kaufmann chinesisch-japanischer Abstammung, vertrieb 1662 die niederländischen Kolonialherren. Er gründete ein Lokalreich auf Taiwan, das Tungning-Königreich, den ersten chinesischen Staat auf der Insel; dieser setzte den Widerstand gegen die auf dem Festland herrschenden Qing fort. 1683 eroberten dann die Mandschu-Herrscher vom Festland die Insel. Taiwan war nun erstmals mit China vereinigt, blieb dies für etwa 200 Jahre, eine Folge waren weitere Einwanderungswellen aus dem Festland. Es kamen Soldaten, Beamte, Siedler, v.a. aus der Taiwan/Formosa am Festland ggü-liegenden Fujian-Region. Diese gehörten überwiegend den Hoklo/Hokken/Holo an, einer südchinesischen Han-Untergruppe. Sie waren es, die Landwirtschaft auf der Insel etablierten und sie bildeten den Kern der heutigen chinesischen Bevölkerungsmehrheit Taiwans. Die Ureinwohner wurden entweder von den Küsten in das gebirgige Landesinnere verdrängt oder gingen in der eingewanderten Han-Bevölkerung auf, durch kulturelle Assimilation oder biologische Vermischung.

Als Taiwan von China nach einem Krieg mit Japan Ende des 19. Jahrhunderts an dieses abgetreten werden musste, waren Chinesen längst die Mehrheit der Bevölkerung gegenüber den Ureinwohnern. Chinesen und “Aborigines” erhoben sich in den frühen Jahren der Herrschaft der Japaner gemeinsam gegen diese. Ansätze zu eigener (taiwanesischer) Identität in der Bevölkerung wurden durch diese Herrschaft gestärkt. Da ein taiwanesisches Bewusstsein (das zumindest eine starke chinesische “Komponente” hatte) von den japanischen Besatzern unterdrückt wurde, wurde es von der (festland-) chinesischen KP damals unterstützt, eines der Paradoxa bei diesem Thema. In unzugänglichen Bergregionen konnten einige indigene Völker ihre Eigenständigkeit und Kultur bis ins frühe 20. Jahrhundert bewahren, sie wurden von den Japanern “unter Kontrolle” gebracht. Die Japaner behielten ihnen gegenüber die Klassifizierung der chinesischen Qing-Ära in “roh” (wild) oder “gekocht” (assimiliert) bei.

Die japanische Herrschaft über Taiwan (1895-1945) wird heute auf der Insel gerne als Modernisierung geschätzt bzw eingestuft. Die Erziehung in japanischer Sprache trug dazu bei, dass sich viele Taiwaner als Japaner fühlten. Es gab einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Japaner brachten auch den heute sehr beliebten Sport Baseball nach Taiwan. Die Zeit fiel z. T. mit der japanischen Meiji-Ära zusammen, in der Verwestlichung ein zentrales Thema war. Dies schlug sich auch in einer Haltung gegen Drogen nieder, wirkte sich auf das Opium-Rauchen auf Taiwan aus, das in der frühen Qing-Zeit begonnen hatte. Dieses lud zwar auch zur Besteuerung ein, wurde aber schliesslich ausgemerzt.

Auch während der chinesischen Revolution 1911/12 (die ein Ende der Monarchie und eine Republik und, wenn man so will, die Moderne, brachte) war Taiwan bei Japan. Dieser Umsturz brachte den Abfall der Mongolei und Tibets, eine stärkere westliche Beeinflussung, Instabilität, konkurrierende Machtzentren bzw Zerfall. Die Kommunistische Partei und die Kuomintang (KMT) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen, 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Der Krieg wurde einer zwischen der Regierung der Republik bzw ihrer Armee und der KP-Miliz Rote Armee; er wurde während der japanischen Invasion 1937-1945 unterbrochen. Tschiang Kai-Schek wurde 1943-1949 zum 2. Mal Präsident der Republik, ihr letzter am Festland.

Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 transferierte die amerikanische Militärregierung unter Douglas MacArthur Taiwan unter die Verwaltung der Republik China. Es kam bald zu Spannungen und Konflikten zwischen Taiwanern und der von der (gesamtchinesischen) Kuomintang-Regierung eingesetzten Verwaltung aus Festlandschinesen, die zunächst begeistert empfangen worden waren. Soldaten und Beamte konfiszierten nicht nur Eigentum der japanischen Kolonialverwaltung, sondern auch von taiwanesischen Firmen oder Personen, etwa Waren wie Reis, Salz und Zucker, die auf das kriegsgebeutelte Festland geschafft wurden. Chinesische Soldaten sollen die Bevölkerung terrorisiert haben und der Machtwechsel einen wirtschaftlichen Niedergang eingeleitet haben. Die Spannungen entluden sich am 28. Februar 1947 in einem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand. Ein Streit zwischen einer Zigarettenverkäuferin und einem Anti-Schmuggel-Beamten am Tag davor löste einen Aufstand aus, der durch das Militär gewaltsam niedergeschlagen wurde. Zwischen 10 000 und 30 000 Taiwaner wurden dabei getötet, Anführer ebenso wie Unbeteiligte. Danach wurde das Kriegsrecht über die Insel verhängt, was 40 Jahre aufrecht bleiben sollte, die längste solche Phase in der Geschichte. Das Massaker war auch der Auftakt zum “weissen Terror”, der ebenfalls bis 1987 anhalten sollte, sich gegen des Kommunismus oder anderer Dissidenz Verdächtigte richtete.

Zum Erbe des Aufstands und des Massakers gehört die Abwendung grosser Teile der Bevölkerung von der Republik und von China überhaupt. Militärgouverneur Chen Yi, der Verantwortliche, wurde entlassen, aber nur um am Festland andere wichtige Posten einzunehmen. Als Gouverneur der Provinz Zhejiang wurde er entlassen und verhaftet, unter der Anschuldigung, sich in der Endphase des Krieges der Roten Armee bzw der KP ergeben zu wollen. Nach dem Todesurteil gegen ihn wurde er auf Taiwan gebracht und 1950 dort exekutiert. Im Regime der KMT war der “228-Vorfall” von 1947 ein Tabu. In der Phase der Demokratisierung entschuldigte sich Präsident Lee Teng-hui (KMT), der damals als kommunistischer Sympathisant am Aufstand teilgenommen hatte und verhaftet worden war, 1995 im Namen der Regierung und erklärte den 28. Februar in Gedenken an das Massaker zum staatlichen Feiertag.

Der Bürgerkrieg war 1948 entschieden, im April 1949 wurde die damalige Hauptstadt Nanjing durch die Rote Armee erobert. Die Führung von Republik, Partei und Armee mussten sich immer weiter in den Süden zurückziehen. Im Dezember 1949 wurde ihre letzte Bastion Chengdu in Szechuan belagert. Chiang Kai-Shek und sein Sohn Chiang Ching-Kuo waren unter jenen, die die Militärakademie der Stadt schliesslich per Flugzeug nach Taiwan verliessen (das praktisch kein Schauplatz des Kriegs gewesen war). Mao Tse-Tung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Volksrepublik China proklamiert, Anfang Oktober, in Peking. In Szechuan waren noch eine Zeit lang Truppen der Republik aktiv, ebenso im Süden. Ansonsten hielt die KMT-Republik nur Taiwan mit seinen vorgelagerten Inseln sowie Hainan und zwei weitere Insel(gruppe)n vor der Ost- und Südküste. Ein Angriff der Volksrepublik auf Quemoy, eine dieser vorgelagerten Inseln, der auf Taiwan gerichtet war, wurde im Oktober 1949 abgewehrt. Im Süd-Westen isolierte Reste des Militärs der Republik sowie verbündete Milizen und zivile Anhänger zogen sich nach Nord-Birma und Nord-Thailand zurück. Von dort wurden sie teilweise nach Taiwan evakuiert, teilweise wandten sie sich hier im „Goldenen Dreieck“ der Opiumproduktion zu, teilweise begannen sie von dort Guerilla-Attacken auf das nun kommunistische China. Auch die Annexion Tibets gehört zu den Kriegshandlungen nach Ausrufung der Volksrepublik. Im Frühling 1950 wurde die Insel Hainan von der Roten Armee erobert, danach auch die Wanshan-Inseln und Zhoushan. Damit endeten die letzten grösseren Kampfhandlungen des Chinesischen Bürgerkrieges. Die letzte Phase des Bürgerkriegs wird teilweise nicht mehr als solcher gesehen, sondern als zwischenstaatlicher.

Es wurde erwartet, dass auch Taiwan früher oder später fallen würde, zumal die USA-Regierung, die die Republik im Bürgerkrieg unterstützt hatte, zunächst kein Interesse an einer Unterstützung von Chiang’s letztem Stand hatte. Dies änderte sich mit dem Beginn des Korea-Kriegs im Juni 1950, danach sandte Truman eine Flotte in das Südchinesische Meer. In Nordwest-China erhoben sich ab 1950 Reste der Armee der Republik, die dort grossteils aus Angehörigen moslemischer Völker bestand, gegen die Volksrepublik, bis 1958. Der Widerstand bzw Guerilla-Krieg von Birma aus gegen Süd-China unter Li Mi wurde von der USA unterstützt. Nachdem sich Birma darüber bei den UN beschwert hatte, lösten sich die Truppen 1953/54 grossteils auf und gingen auch nach Taiwan. Einige Tausend kämpften, unterstützt von der Republik, noch bis 1961 weiter.

Chiang proklamierte nach seiner Ankunft in Taiwan im Dezember 1949 Taipeh zur “vorübergehenden” Hauptstadt der Republik, die sich nach den Ansprüchen seiner Regierung auf ganz China erstreckte. Die Republik China wurde auf Taiwan fortgeführt, das bedeutete eine Fortsetzung der auf das Militär gestützten Einparteien-Diktatur des Festlandes. Taiwan war 1945 bis 1949 Teil der KMT-geführten Republik, bildete danach (de facto) diese. Die chinesische Flagge ab 1928 wurde die taiwanesische. Der Militär Chiang blieb mit einer Unterbrechung bis zu seinem Tod 1975 Herrscher Taiwans. War seine Regierung eine Exilregierung, eine Gegenregierung, eine Regionalregierung oder die legitime (für ganz China)? Die Rück- bzw die Rest-Eroberung wurden Ziele der Regierungen der Volksrepubik am Festland und der Republik auf Taiwan. Die im 19. Jh. de facto verlorene Souveränität Chinas wurde nach dem 2. WK trotz (de facto-) Teilung wiederhergestellt; de jure gab bzw gibt es zwei Parallelregierungen für ganz China, de facto wurde Taiwan unabhängig. Die Republik stellte den Vertreter Chinas in der UN, wurde von den Staaten der westlichen Welt als für ganz China zuständig anerkannt.

Die Regierung der Republik China erhebt also den Anspruch auf die Alleinvertretung für ganz China (wie einst die BRD für Deutschland), wie auch die Volksrepublik (Ein-China-Politik). De Facto ist das von ihr kontrollierte Territorium auf Taiwan und die vorgelagerten Inseln beschränkt. Offiziell beansprucht die Republik ein China in den Grenzen von 1911, also vor der Revolution, ein Gebiet mit der Mongolei und Tibet, dem indisch kontrollierten Süd-Tibet oder dem Tuwa-Gebiet, das nach der Revolution zu Russland gekommen ist; es beansprucht Hongkong, Macao und Sinkiang sowie die Diaoyu/Diaoyutai/Senkaku-Inseln, die bereits im 19. Jh zu Japan kamen (siehe Karte unten). Das ist um einiges mehr, als die Volksrepublik kontrolliert bzw beansprucht…

China stand wie auch Deutschland voll im Kalten Krieg, die Sowjetunion unterstützte die VR (wie auch schon die KP im Bürgerkrieg), die USA die Republik. Die VR mischte ausserdem in Korea und Indochina mit. Die Quemoy/Kinmen/Chinmen-Inseln, ein Archipel in der Taiwan-Strasse, zwischen Festland und Insel, blieb nach 1949 unter Kontrolle der Republik; urprünglich hatte er zur Provinz Fujian gehört. Nachdem die VR China in der Endphase des Bürgerkriegs bereits nach diesen Inseln vor seiner Küste gegriffen hatte, kam es 1954/55 wieder zu Kämpfen; bei einem Eingreifen der Schutzmächte der beiden Chinas wäre die Welt- und Atomkriegsgefahr gross gewesen. Die Kämpfe gingen auf kleinerer Flamme bis 1958 weiter. Danach pendelte sich eine Koexistenz zwischen den beiden Staaten ein.

Infolge der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg flüchteten um 1949 beinahe 2 Millonen Chinesen aus allen Teilen des Festlandes (zu Han-Chinesen “eingeschmolzen”, falls sie das nicht waren) nach Taiwan (Soldaten, KMT-Kader, Beamten, Sympathisanten aus Wirtschaft oder Kunst und andere Zivilisten). Sie bildeten die Oberschicht, sie standen der Regierungspartei zumindest nahe, bekamen die Stellen im öffentlichen Dienst, wurden überall gefördert. Die in der taiwanesischen Gesellschaft als Waishengren bezeichneten (im Deutschen meist als „Festlandchinesen” übersetzt) schraubten die ohnehin schon hohe Bevölkerungsdichte weiter in die Höhe, sind bis heute an der Nordküste Taiwans konzentriert, besonders im Raum um Taipeh. Credo der KMT war/ist ein chinesischer Nationalismus und die Rückgewinnung des verlorenen Landes; Taiwan wollte sie nach ihrer Wunschvorstellung Chinas umgestalten, die Insel ist für sie einfach ein Teil Chinas.

Der andere Teil der Bevölkerung sind die Benshengren (chinesisch 本省人, „Menschen aus der hiesigen Provinz”), die Nachfahren der früheren Festland-Einwanderer, teilweise werden auch die Ureinwohner dazugezählt (die in der Hierarchie der Volksgruppen ganz unten stehen). Die eigentlichen Benshengren (die Han sind) sind Nachfahren der seit dem 17. Jahrhundert in mehreren Wellen vom südlichen Festland her Eingewanderten, unter den Niederländern, dem Ming-Loyalisten Koxinga und den Qing. Sie zerfallen wiederum ihrer Herkunft nach in zwei Gruppen: die Hoklo, die früher kamen, v.a. aus Fujian, und einen Teil der Ureinwohner unter sich “aufnahmen”; und die Hakka, die hauptsächlich im 18. und 19. Jh und aus Guangdong kamen. Die Benshengren sind verwurzelter auf Taiwan als die Waishengren und in der Regel offen für einen taiwanesischen Nationalismus, der aus Sicht der “Sinozentristen” einen separatistischen Charakter hat.

Durch den Gegensatz zu den Benshengren hat sich unter den Waishengren, die ursprünglich aus den verschiedensten Gegenden Chinas stammten und keineswegs eine Einheit bildeten, im Laufe der Zeit eine neue ethnische Gruppe entwickelt. Die ethnisch-politischen Grenzen in der taiwanesischen Bevölkerung wurden gestärkt, indem in Personal-Dokumenten früher die Ethnizität (bzw der Stammsitz der Grossfamilie) eingetragen wurde, bis Anfang der 1990er. Für Waishengren sind auch Benshengren und die Ureinwohner auf die eine oder andere Art Chinesen; streng (bzw ethnisch) genommen sind die Hokla und Hakka (Untergruppen der Benshengren) tatsächlich Han-Chinesen, wobei ein Teil der austronesischen Ureinwohner in ersteren aufgegangen ist. Ein Teil der Waishengren ist nicht sinitischer Herkunft.

Die Diversität der Bevölkerung und die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen zeigt sich auch in der Sprachsituation. Es gibt auf Taiwan vier Sprachgruppen: Hoch-Chinesisch, “taiwanesische” Sprachen, austronesische Sprachen, “auswärtige” Sprachen. Waishengren, die späten Immigranten (und ihre Nachkommen), pflegen Han-Chinesisch bzw Mandarin, daneben diverse chinesische Dialekte. Die Sprache der Benshengren, der Nachkommen der früher Eingewanderten, ist hauptsächlich die Sprache der Hoklo, das südchinesische Hokkien (bzw die taiwanesische Variante davon), das auch als “Taiwanisch” oder “Taiwanesisch” (臺灣話) bezeichnet wird. Die Verbreitung des taiwanesischen Hokkien ist nicht ganz mit der Hoklo-Gruppe der Benshengren kongruent, auch sehr viele Hakka sprechen es zumindest als Zweit- oder Drittsprache. Die Hakka haben ansonsten ihre eigene Sprache. Was diese Hakka-Sprache und das taiwanesische Hokkien betrifft, so werden beide auch als Dialekte des Chinesischen gesehen. Die Unterscheidung, ob sie Dialekte oder eigene Sprachen sind, wird nicht zuletzt auf Grundlage politischer Ansichten getroffen. Im Zuge der Demokratisierung in den 1990ern wurde Taiwanesisch mehr zugelassen.

Die Ureinwohner, wie die Ami, haben ihre eigenen Sprachen, die mit Chinesisch gar nicht verwandt sind, aber mit ozeanischen Sprachen wie Hawaianisch. Wie diese Ethnien wurden auch ihre Sprachen stark zurückgedrängt, sind im öffentlichen Raum (Bildung, Medien,…) so gut wie nicht präsent. Japanisch ist noch immer die “Hilfssprache” vieler Taiwanesen, nicht zuletzt der Ureinwohner! Englisch wurde aufgrund der Amerikanisierung der letzten Jahrzehnte, die genau so tief ging wie einst die Japanisierung, eine Konkurrenz für das Japanische als “Lingua Franca”. Interessantwerweise gingen Re-Sinisierung und Amerikanisierung ab 1949 Hand in Hand auf Taiwan, aufgrund der politischen Umwälzungen. Hoch-Chinesisch war für Jahrzehnte die einzige zugelassene Sprache in Bildung, Staatsdienst, Medien, usw., und auch ein Instrument zum Ausschluss der Nicht-Waishengren. Die Einstellung oder Beförderung von Benshengren wurde etwa gerne mit der Begründung angelehnt, dass diese nicht gut genug Chinesisch sprächen. Dies änderte sich parallel zur Aufweichung der Diktatur. Taiwanesisches Hokkien hat sich wieder Bedeutung zurück erkämpft, nicht zuletzt in der Wirtschaft, auch durch das Entstehen einer Benshengren-Mittelklasse.

Die erfolgreiche Industrialisierung (besonders Elektronik- und Kommunikations-Industrie) nach dem Bürgerkrieg bzw der Teilung bzw der Waishengren-Machtübernahme haben das landwirtschaftlich geprägte Land stark verändert. Das Zwei-Kammern-Parlament trat jahrzehntelang auf Grundlage der Wahlen von 1947 und 1948 zusammen, den letzten der Republik am Festland; ab 1969 gab es immerhin Nachwahlen für verstorbene oder zurückgetretene Abgeordnete. Die chinesische Verfassung von 1947 ist noch immer die Grundlage jener Taiwans. Widerstand gegen Sinisierung/Sinifizierung und Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans waren in den Jahrzehnten der Dikatur eine ebenso schwere Abweichung wie Kommunismus, wurden mit Gefängnis- und Todesstrafen geahndet. Pro-Demokratie-Bewegung, Benshengren-Emanzipations-Bestrebungen und Unabhängigkeits-Aktivismus waren eigentlich nicht voneinander zu trennen. Die Festland-KMT-Elite wurde in der Bevölkerungsmehrheit vielfach als ausländische Besatzungsmacht aufgefasst und der Ein-China-Anspruch als falscher Kurs. Es war üblich, dass Benshengren als Bedienstete für Waishengren arbeiteten, umgekehrt kam das nicht in Frage. Ehen zwischen Angehörigen der beiden Gruppen hatten den Charkter einer Hypergamie, eines „Hinaufheiratens“; Benshengren-Frauen heirateten gelegentlich Waishengren-Männer, nicht umgekehrt. Die Kinder solcher Beziehungen gingen in den Waishengren auf. So hatte es sich aber auch mit den Ureinwohnern und den Benshengren Jahrhunderte davor verhalten… Es gab auch so etwas wie eine Trennung der Wohngebiete der beiden Gruppen.

Die 1970er brachten einige Krisen für das Regime: 1971 der Ausschluss aus der UN zugunsten der VR. Dann die Annäherung der USA an die Volksrepublik, die 1978 zu deren Anerkennung führte, zuungunsten der Republik; USA blieb aber ihre Schutzmacht, während sich die Sowjetunion und die VR in den 1960ern entzweiten. 1975 der Tod Chiang Kai-Sheks, dem sein Sohn nachfolgte. Daneben begann sich unter Benshengren aus der Erfahrung der Unterdrückung Widerstand zu formieren, die Tangwai-Bewegung. Die Front zwischen Befürwortern von Ein-China und Taiwan-Eigenständigkeit war grossteils kongruent mit jenen zwischen Regime und Opposition sowie Festland-Einwanderern (Elite) und autochthonen Insulanern (Unterworfene). Ein Protestmarsch in Kaohsiung 1979 wurde gewaltsam aufgelöst, die Anführer, wie Annette Lu (2000 Vize-Präsidentin), vor Gericht gestellt. Genau das, bzw die Berichte in den Medien über die Prozesse, fachte den Demokratie- und Unabhängigkeits-Diskurs weiter an. Den “Taiwanisten” ging es damals hauptsächlich um Gleichheit bzw Emanzipation, nicht Umsturz oder Kurs-/Machtwechsel.

Die Tangwai-Bewegung wurde in den 1980ern stärker, als die Ehefrauen inhaftierter Aktivisten bei Lokalwahlen als unabhängige Kandidaten Mandate gewannen. Die Widerstandsbewegung gegen das Regime begann sich zu organisieren: 1986 wurde die Democratic Progressive Party (DPP) gegründet, als erste Oppositionspartei im Kuomintang-Staat, obwohl dies noch illegal war. 1987 hob Präsident Chiang Ching-Kuo das Kriegsrecht auf. 1988 starb der jüngere Chiang, Lee Teng-hui wurde sein Nachfolger. Lee (Li) ist ein Benshengren, der erste an der Spitze der KMT und des Regimes, als Präsident 1988 bis 2000 demokratisierte er es. Aufweichung der Diktatur bedeutete auch eine Aufweichung der Waishengren-Vorherrschaft und ein Abweichen vom strikten Ein-China-Kurs. 1991 wurde das Verbot des Eintretens für die Unabhängigkeit Taiwans aufgehoben; im selben Jahr wurde das vor Jahrzehnten am Festland gewählte Parlament aufgelöst. 1992 wurde es erstmals frei gewählt, Lees KMT gewann vor der DPP. Unter Lee fand in den 1990ern parallel zur Demokratisierung eine Taiwanisierung statt: in verschiedenen Bereichen wurde taiwanesische Kultur aufgewertet, in Schul-Lehrplänen etwa von einem pan-chinesischen Geschichtsbild auf ein stärker Taiwan-zentriertes umgestellt, die “taiwanesische” Sprache gewann an Bedeutung. Im Vorfeld der Präsidenten-Wahl 1996 (der ersten direkten), die eine Wiederwahl Lees brachte, gab es starke Spannungen mit der Volksrepublik, deren Führung die Ein-China-Formel durch ihn gefährdet sah, und Raketentests in der Taiwan-Strasse durchführen liess. Man muss sich das vor Augen führen: Dass dieser Staat nicht mehr das Territorium der Volksrepublik beanspruchen könnte, veranlasst diese zu solch indirekten Drohungen

Rund um die Präsidentenwahl 2000, die erstmals ein DPP-Kandidat (Chen Shui-bian, ein Benshengren) gewann, nachdem der KMT-Präsident Lee das Land reformiert hatte, war die Auseinandersetzung zwischen den politischen Lagern besonders intensiv. Waishengren und Benshengren standen (nicht nur da) ziemlich geschlossen im Lager von KMT bzw DPP. Die Haltung zur Volksrepublik (Anspruch auf sie oder Kurs auf Abtrennung) korreliert mit der Vorstellung vom Charakter Taiwans. Von jenen, die ihre jahrzehntelangen Privilegien verloren hatten, blickten nur wenige kritisch auf die vier Jahrzehnte autoritäre KMT-Alleinherrschaft zurück. 2001 gewann die DPP auch die Parlaments-Wahl. In der Folge bildeten sich zwei Blöcke unter DPP bzw KMT, mit kleineren verbündeten Parteien, der grüne und der blaue. Seither wechseln sie sich an der Macht ab.

Die China-Frage, das Verhältnis zur Volksrepublik bzw zum Festland, ist auf Taiwan das zentrale politische Thema, es berührt dort alle wichtigen Themen; auf dem Festland ist das umgekehrt nicht so. Die Haltung zur VR spiegelt das Nationskonzept der politischen Lager Taiwans wieder. Und, diese Lager sind grossteils ethnisch definiert; Scott (s. u.) stellte Parallelen zu Südafrika fest. Wahlen sind nicht nur Richtungskämpfe, sondern gewissermaßen auch ethnische Auseinandersetzungen. “Gemischte” Ehen, neue Generationen und Demokratisierung haben Unterschiede kleiner gemacht, Grenzen aufgeweicht, aber es gibt sie noch. Die ethnischen Spannungen erreichten rund um die Präsidentenwahl 2004 einen Höhepunkt, als Amtsinhaber Chen und seine Vizepräsidentin Lu beim Wahlkampf in Tainan angeschossen wurden. Die Wahl brachte einen hauchdünnen Sieg der “grünen” Kandidaten, den die “blauen” nicht anerkannten.

Die Republik China könnte der UN beitreten wenn sie nicht darauf bestünde, als Vertreterin ganz Chinas anerkannt zu werden, selbiges gilt für bilaterale Beziehungen. Der WTO oder UNICEF ist sie unter solchen pragmatischen Umständen (und unter Namen wie “Taiwan”) beigetreten. Offizielle Beziehungen hat die Republik zu wenigen Staaten, inoffiziell zu den meisten. Diese laufen über Quasi-Botschaften mit dem Namen “Taipei Economic and Cultural Representative Offices” (TECRO). 2004 wurde der Staatsname “Republik China” z.B. auf Pässen mit dem Zusatz “(Taiwan)” ergänzt. Im selben Jahr fand ein Referendum statt, in dem über die Beziehungen zur Volksrepublik abgestimmt wurde; diese Initiative von Präsident Chen wurde sowohl von der blauen Opposition als auch von der Volksrepublik heftig kritisiert, als Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Die Volksrepublik will also kein Ende des Alleinvertretungsanspruches der Republik, ist gegenüber Abspaltungstendenzen intolerant, trifft sich darin mit dem blauen Lager Taiwans, ihrem vermeintlichen Gegenpol! Zu den Unabhängigkeits-Unterstützern gehören auch Politiker aus dem blauen Lager, wie Ex-Präsident Lee; er gehörte zu jenen, die eine Unabhängigkeits-Erklärung vor Olympia ’08 in Peking befürworteten, unter der Annahme dass internationale Aufmerksamkeit die Volksrepublik dann davon abhalten würde, Taiwan anzugreifen. Manche “Taiwanisten” die für die totale Trennung von (Festland-) China sind, sind aus taktischen Gründen gegen eine Unabhängigkeits-Erklärung, wegen der Reaktion der VR und von vielen Waishengren (“Festländlern”) auf Taiwan. Auch die Schutzmacht USA ist gegen die Unabhängigkeit Taiwans.

Was das blaue Lager und seine Ambitionen betrifft, so meinen die meisten darin, dass die angestrebte “Vereinigung” mit dem Festland nur über dessen Demokratisierung laufen kann, einer Aufgabe der Staatsideologie der Volksrepublik (ähnlich wie bei der DDR). So wie jene “Sezessionisten”, die eine Abspaltung zurückhalten wollen, solange ein Militärschlag dafür droht, sind sie für die Aufrechterhaltung des Status Quo. Nicht wenige Waishengren bzw Blaue haben sogar das Anti-Abspaltungsgesetz der VR 05 begrüsst, das im Artikel 8 die Drohung, dass militärische Mittel zum Einsatz kommen können, sollte Taiwan weitere formelle Unabhängigkeitsbestrebungen unternehmen, enthält… Sie sehen es als ein Mittel gegen Benshengren/ Grüne/ Taiwanisten. Die KMT und ihre Verbündeten sehen ihr Ziel nicht als Wiedervereinigung, auch nicht als Irredentismus, die Regierung in Taipeh war in ihren Augen ohnehin immer für ganz China zuständig, wird nur in einem (sehr grossen) Teil seit Jahrzehnten von “Aufständischen” davon abgehalten, wie es auch vor und während des Bürgerkriegs Regierungen der Republik ergangen war. Diese hätten sich unerlaubterweise unabhängig gemacht. Und, wie erwähnt, ist das China von 1911 ihre “Verhandlungsgrundlage”. Allerdings, die Republik erhebt “aktiv” nur den Anspruch auf drei Gebiete: die Senkaku-, die Paracel- und die Spratly-Inseln, die alle recht nahe bei dem von ihr kontrolliertem Territorium liegen. Die Perspektive der Taiwan-Zentristen ist die Mikroperspektive, jene der Sino-Zentristen die Makroperspektive. Für die einen hat Taiwan eine eigene Identität und gehört in den südostasiatisch-ozeanischen Raum, die anderen sehen es als kleinen Teil Chinas bzw Zufluchtsort für seine vertriebenen rechtmäßigen Herrscher.

Die Taiwanisten sehen sich im selben Boot mit den Tibetern oder Uiguren oder Hongkongern; KMT-Anhänger sehen diese ähnlich wie die Volksrepublik. Der tibetische Dalai Lama Tenzin Gyatso wird von den meisten Waishengren bzw KMT-Anhängern ebenso abgelehnt wie von den Kommunisten. Der Dalai Lama traf bei seinen ersten beiden Besuchen auf Taiwan 1997 und 2001 die damaligen Präsidenten Lee und Chen, Befürworter der Unabhängigkeit Taiwans, und aus dem Lager der DPP. 09 kam er auf Einladung der DPP, Präsident Ma von der KMT ging ihm aus dem Weg; er sagte anlässlich des Besuchs, er strebe nicht die Sezession Tibets von China an, sondern eine echte Autonomie. KP und KMT treffen sich in ihrem chinesischen Nationalismus. Benshengren sehen dagegen die Ein-China-Politik auch als Kapitulation vor der Volksrepublik. Die KMT war einst gegen die Monarchie und gegen die Mandschu-Herrscher gegründet worden, ist ziemlich minderheiten-feindlich, daneben gegen Traditionen des alten Chinas. Unter Dissidenten der Volksrepublik gibt es verschiedene Haltungen zur Republik bzw Taiwan. Der jetzige Präsident Ma Y. J., von der KMT, ein Waishengren, hat die Republik ein Stück näher an die Volksrepublik herangeführt. Etwa eine Million Taiwaner sollen in der Volksrepublik leben. Taiwan bzw die Republik ist der grösste Investor in der VR bzw dem Festland. In den 00er-Jahren wurden direkte Reiseverbindungen geschaffen, die auch zuvor schon über Hongkong bestanden.

Waishengren, also die um 1949 vom Festland Eingewanderten und ihre Nachkommen, stellen heute ungefähr 14 % der Bevölkerung Taiwans. Sie waren ähnlich wie die Afrikaaner in Südafrika die ethnisch-poltische Elite, viele von ihnen glauben noch immer, dass ihnen die Führungsrolle auf Taiwan zusteht –  ähnlich wie Aschkenasen in Israel, WASPs in USA, sunnitische Araber im Irak, Paschtunen in Afghanistan, Amhara in Äthiopien, Engländer in Grossbritannien, (moslemische) Panjabis in Pakistan, Weisse in Südafrika, oder Americo-Liberianer in Liberia. Der vielleicht bekannteste Taiwaner, der in USA lebende Regisseur Ang Lee, ist ein Waishengren, beide Eltern kamen am Ende des Bürgerkriegs vom chinesischen Festland, sein Vater legte in der Erziehung auch grossen Wert auf chinesische Kultur. Obwohl Waishengren die Regierung nicht mehr dominieren, machen sie noch immer einen überproportional grossen Teil der Beamtenschaft und des Militärs aus. Das, was von ihren Privilegien geblieben ist, hoffen sie durch die KMT zu behalten.

Simon Scott arbeitete heraus, dass Benshengren mit den Afrikaanern Südafrikas einiges gemeinsam haben: Beide stammen sie von Leuten ab (Chinesen bzw Europäern), die ab dem 17. Jahrhundert, ursprünglich auf Initiative der niederländischen VOC, in ein neues Gebiet auswanderten. Beide haben ihren Nationalismus dort “eingewurzelt”, was sich schon daran zeigt, dass sie ihre Sprache nach diesem Gebiet genannt haben (Afrikaans bzw Taiwanesisch). Lee Teng-Hui hat, um bei dem Vergleich zu bleiben, etwas von F. W. De Klerk. Die Benshengren haben auch etwas von den israelischen Mizrahis: auch für diese begann, im zionistischen Zusammenhang, Ende der 1940er die Konfrontation mit einer mächtigeren Gruppe, die eigentlich Landsleute sind. Beide haben in den 1970ern eine gewisse Emanzipation erreicht. Auch die Begründungen für die Diskriminierung erinnern, man formt und definiert den Staat nach seinen Vorstellungen und sagt, die Anderen sind nicht reif dafür. Die ethnischen Spannungen der Taiwan-Wahl 04 entsprechen jenen Israels von 1981. Die Benshengren setzen sich wie erwähnt zusammen aus den noch verwurzelteren Hoklos (ca. 70% der Gesamtbevölkerung heute), in denen viele sinifizierte bzw assimilierte Ureinwohner aufgegangen sind, und den ca 15% Hakka. Eine Mehrheit von ihnen will Taiwan als eigenen Staat, sieht es auch als Nation.

Die austronesischen Ureinwohner Taiwans, auf chinesisch (Táiwān)yuánzhùmín (臺灣 原住民) oder Gaoshan(zu) (高山族) genannt, hatten mit der Ankunft der Benshengren die Kontrolle über die Insel verloren. Für sie waren die ersten chinesischen Siedler, die Niederländer, Japaner, die Waishengren, alles irgendwie Kolonialherren. Im Vergleich mit Südafrika entsprechen sie entweder den Bantu-Völkern oder den Khoisan, im zionistischen Zusammenhang den Palästinensern (jenen in den Restgebieten oder den “israelischen Arabern”). Gerade mit den Hoklo soll die Yuánzhùmín eine tiefe Feindseligkeit verbinden, die sie tendenziell die KMT wählen lässt, obwohl sie so gut wie keine chinesische Identität haben.

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg
https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg

 

Simon Scott: Taiwan’s Mainlanders: A Diasporic Identity in Construction. In: Révue Européenne des Migrations Internationales, Band 22, Nr. 1, 2006, S 87–106

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtlicher_Status_Taiwans

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opium, Krieg, und der Zusammenprall der Kulturen

Der Schlaf-Mohn wurde schon von den Sumerern kultiviert, verarbeitet und genutzt. Nicht geklärt ist, ob diese Pflanze durch natürliche Auslese entstanden ist oder durch menschliche Kultivierung. Der getrocknete Saft ihrer Kapseln ist Roh-Opium, das Opiate (Alkaloide wie Morphin) enthält. Opium wurde ursprünglich oral aufgenommen wurde, gegessen oder aufgelöst getrunken. In antiken vorderasiatischen und nordafrikanischen Kulturen wie dann auch in frühen europäischen wurde es als Medizin und Rauschmittel angesehen und verwendet, oft in kultische Rituale eingebettet. Für beide Zwecke wurden dieselben Effekte geschätzt, das Betäubende, Schmerzstillende, Beruhigende, Euphorisierende. Der Name “Opium” kommt von den alten Griechen (von “Opos”, Saft), die den Mohn und seine Wirkung in ihre Sagenwelt integrierten, die Göttin Demeter etwa betäubte damit ihren Kummer über den Verlust ihrer Tochter und pries die Heilkraft des Opiums. Das in der griechischen Mythologie und Literatur erwähnte Nepenthes war wahrscheinlich auch Opium. Das Soma/Haoma in den Veden bzw der Avesta könnte Opium gewesen sein, ebenso wie in den Mysterien von Eleusis. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurden nach gelungener Isolierung des wichtigsten Alkaloids des Opiums die Bezeichnung “Morphium” (bzw “Morphin”) in Anlehnung an Morpheus gewählt, den griechischen Gott des Traumes, manchmal auch des Schlafes oder des Sterbens, dessen Symbol eine Mohnkapsel war. Auch Hippokrates beschäftigte sich mit der Wirkung des Produktes der Mohnpflanze, aus medizinischer Sicht. Er verwarf die magischen Attribute, anerkannte eine narkotisierende und blutstillende Wirkung.

Im Mittelalter war Opium vor allem im islamischen Raum verbreitet, wo es, im Gegensatz zum Alkohol, nicht untersagt war, es wurde noch immer überwiegend oral eingenommen (gegessen oder in Wein aufgelöst getrunken). Der persische Wissenschafter Avicenna hat sich auch damit beschäftigt, er empfahl die stopfende und beruhigende Wirkung des Opiums, warnte aber auch vor seiner “den Geist und die Sinne zerstörenden” – die erste überlieferte derartige Einschätzung dieser Droge. In orientalischen, besonders persischen Dichtungen (etwa von Hafes, Omar Chayam) kann „Wein“ auch Opium meinen; auch für sexuelle Beschreibungen wurden anscheinend Metaphern benutzt, für Knabe oft „Frau“. Die Sufis suchten mithilfe des Opiums eine direkte Beziehung zwischen stofflichem und religiösem Rausch. Die früheste Anweisung gegen den Gebrauch von Drogen allgemein war eine religiöse, von Buddha, um 500 v. C., der seinen Anhängern einen klaren Kopf nahelegte. Von Persien aus wurde Opium über Indien nach China (und Südost-Asien) verbreitet, wo es im Hoch-Mittelalter ankam. Chinesen sahen dennoch Opium mitunter als eine für Buddha geschaffenen Gabe.

Ernte in Indien; Die Ernte des Schlafmohns erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein). Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Dieser Prozess gelang erstmals 1823 dem französischen Chemiker Tilloy. Aus Mohnstroh wird auch Morphinbase hergestellt, der Ausgangsstoff für Heroin. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.
Ernte des Schlafmohns in Indien; Diese erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein) – oder aber zu Morphinbase, den Ausgangsstoff für Heroin. Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.

Tabak-Rauchen (in Pfeifen) wurde nach der europäischen Entdeckung Amerikas in der frühen Neuzeit weltweit verbreitet, in China und anderswo folgte das Rauchen des mit Tabak vermischten (Rauch-)Opiums dem Tabakrauchen auf den Fersen. Der Tabak (aus Amerika) und das Opium (aus Indien) wurden von Portugiesen und Niederländern über Südostasien nach Taiwan und an die Südküste Chinas eingeführt. Der Süden des Landes blieb auch der Schwerpunkt des Opium-Konsums in China, er war dort in allen sozialen Schichten verbreitet. Der grösste Teil des in China konsumierten Opiums wurde aus Mogul-Indien importiert, wo es ebenfalls eine wichtige Rolle spielte (die Herrscher nahmen es dort, Soldaten wurde es gegeben, der Fiskus verdiente daran), und seltener selber angebaut, v. a. wegen der besseren Qualität des indischen. Die nach innen gerichtete, meditative, Form des Opium-Rausches kam der chinesischen Mentalität vielleicht entgegen; zum Teil wurde aber wahrscheinlich auch einfach eine Flucht aus dem hartem Alltag gesucht, eine Form der Entspannung. Der letzte Ming-Kaiser Chongzhen verbot 1644 das Tabakrauchen in seinem Reich, er hatte wirtschaftliche (keine Einnahmen in die Staatskasse), kulturelle (wurde noch als etwas un-chinesisches gesehen) und gesundheitspolitische Gründe dafür. Danach wurde Opium in China pur geraucht. Die chinesische Bezeichnung für Rauchopium ist “Chandu” (leitet sich von einem Hindi-Wort ab), während “Madak” die Rauchmischung mit Tabak bezeichnete. Im islamischen Raum, wo sich ab der Neuzeit ebenfalls Rauchopium durchsetzte, gab es dafür die Bezeichnungen “Afyun” (arabisch und türkisch) und “Teryak” (persisch). Auch in Südost-Asien verbreitete sich das Opiumrauchen. 1729 verbot der chinesische Kaiser Yongzheng (inzwischen herrschte die mandschurische Qing-Dynastie) das Opiumrauchen und den -handel (Schmidbauer/vom Scheidt: “Interessanterweise ging man sehr modern vor, indem man die Händler bestrafte, die Konsumenten jedoch ungeschoren ließ.”), ausser zu medizinischen Zwecken.

Im Westen spielte Opium in der Antike eine Rolle und erlebte in der späten Neuzeit eine relativ kurze Blüte. Griechen wie erwähnt und dann Römer integrierten es bis zu einem gewissen Grad in ihre Kultur. “Opium heilt alles, ausser sich selbst” war ein lateinisches Sprichwort. Auch der botanische Name des Schlafmohns, Papaver somniferum (“schlafbringender Mohn”), von Carl von Linné gewählt, ist lateinisch. Somnus war der römische Gott des Schlafes. Der römische Dichter Ovid sah am Eingang von dessen Höhle den Mohn stehen, zur Gewinnung der Schlummersäfte. Im europäischen Mittelalter wurde Opium von der Inquisition zeitweise verfolgt, als etwas Böses, vom Osten kommendes. Kreuzfahrer brachten es aus Westasien, zusammen mit Seide oder Seife. Der deutsche Mediziner Paracelsus kreierte im Spät-Mittelalter/ in der frühen Neuzeit, wahrscheinlich nach Reisen nach Vorderasien, das als (Universal-)Medizin gedachte und eingesetzte Laudanum (“die Lobenswerte”), eine trinkbare Tinktur aus Opium und Alkohol, manchmal auch Bilsenkraut. Diese Verarbeitung von Opium machte nicht zuletzt wegen dessem natürlichen bitteren Geschmack Sinn. „Dosis sola venenum facit“, “Allein die Dosis macht das Gift”, verteidigte Paracelsus sein Mittel gegenüber Kollegen. Der Engländer Sydenham entwickelte etwa 100 Jahre später eine gleichnamige Tinktur, eine von mehreren Variationen des Laudanum, die sich durch die Anteile von Opium, Alkohol, möglichen sonstigen psychoaktiven Pflanzen sowie die Aromata unterschieden. Laudanum war v. a. im 18. und 19. Jahrhundert in Europa populär, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Medizin angesehen (weshalb es nicht als alkoholisches Getränk versteuert werden musste und daher billiger war als solche), zuletzt von Pharmaunternehmen hergestellt. Daneben gab es “Theriak”, eine Tinktur die seit der griechische Antike als Gegengift gegen Schlangenbisse, später als Allheilmittel, zubereitet wurde, zunächst ohne Opium; sie wurde auch bis in die späte Neuzeit in Europa konsumiert. Der persische Name für Opium dürfte sich von diesem griechischen Wort ableiten.

Mitte des 18. Jahrhunderts eroberten die Briten Nordost-Indien (Bengalen und Bihar), ein Haupt-Anbaugebiet für Mohn; von dort aus (Hafen Kalkutta) wurde dann China mit Opium versorgt, auch Teile Südost-Asiens. Die British East India Company (BEIC) übernahm mit ihren Flotten nun den Handel mit Opium, der erstmals zu einem grossen Geschäft wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag der Vorteil im Handel zwischen China und den Europäern noch bei ersteren, die vor allem Tee, Seide und Porzellan verkauften und dafür Silber bekamen; dieser in der Neuzeit begonnene Seehandel war von chinesischer Seite aus auf Kanton beschränkt. Die Briten wollten den Handel ausgleichen indem sie dort auch bengalisches Opium verkauften. Da dies in China verboten war, kamen nur die Triaden als grosse Abnehmer in Frage, mit denen der Opiumhandel, gedeckt von korrupten Beamten, bis zu den chinesischen Opiumhöhlen abgewickelt wurde. Die Briten kontrollierten die Mohn-Plantagen und Opium-Fabriken (Umwandlung von Roh- in Rauch-Opium) in Indien sowie den Export nach China.

1799/1800 wurden Anbau und Import, der ein wirtschaftlicher Faktor für das Reich geworden war, verboten. Diese Verbote setzten sich nicht durch, da der Kaiser-Hof bezüglich der Opium-Prohibition gespalten war, sie von korrupten Beamten nicht genug durchgesetzt wurden, und durch Schmuggel und geheime Opiumhöhlen (organisiert von den Triaden-Gesellschaften) umgangen wurden. Opium wurde wurde nun nicht mehr in den Hafen transportiert, sondern davor  an eine Schmugglerflotte der Triaden übergeben. Jardine-Matheson war eines der britisches Handelsunternehmen die im 19. Jh Tee und Seide aus China importierten, Opium nach China schmuggelten. Die Triaden-Gruppen “Rote Bande”, geführt von Chang Hsiao-lin, wurde Opium-Partner von Jardine-Matheson und des britischen Geheimdienstes.

Der Beamte Lin Tse-Hsu wurde 1838 von Kaiser Daoguang nach Kanton geschickt um den Kampf gegen den Opiumhandel zu forcieren. Er wurde als derjenige gesehen, der die Engländer zum Krieg reizte. 1839 liess er Lager von ins Lande gebrachter Ware zerstört und in den Handel involvierte Ausländer internieren. Dabei war die Volksgesundheit wohl nur ein Motiv, die Wahrung des Handelsvorteils ein anderer, die Durchsetzung des Machtmonopols, etwa gegenüber dem Vizekönig von Kanton, der gut an Abgaben und Schmiergeld aus dem Schmuggel verdiente, ein weiterer. Für Grossbritannien (Premierminister Melbourne) war das chinesische Vorgehen von 1839 ein willkommener Anlass, das Chinesische Reich komplett zu “öffnen” indem es einen Krieg vom Zaun brach; die Chinesen wurden damals, vor dem Hintergrund von Geschäftsinteressen, erstmals als “gelbe Gefahr” aufgebaut.

Dieser erste Opiumkrieg, 1839 bis 1842, wurde von den Briten überwiegend mit dampfgetriebenen Kanonenbooten, also von der See aus, bestritten und aufgrund waffentechnischer und strategischer Überlegenheit gewonnen. Er endete mit dem Vertrag von Nanking, nach dessen Fall die Chinesen kapituliert hatten. Darin musste China Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Den zweiten Opiumkrieg 1856 bis 1860 führten die Briten für die Erweiterung ihres Einflusses in China und zur Niederschlagung neuer chinesischer Maßnahmen gegen den Opium-Import. Das Aufbringen eines britischen Schiffes vor China wurde dafür zum Anlass genommen. Frankreich hängte sich an, 1858 kam der Krieg nach der Einnahme Kantons zu einem vorläufigen Ende; das Chinesische Reich musste in den Tianjin-Vertrag einwilligen, der diverse Häfen für weitere westliche Mächte öffnete. 1859/60 wurde dieser Krieg wieder aufgenommen um auch westliche Botschaften in Peking und das Recht auf christliche Missionierung durchzusetzen, was nach der Einnahme Pekings inklusive Verwüstungen und Plünderungen gelang. Militärisch war die chinesische Armee in den Opiumkriegen überhaupt kein Gegner für die Briten.

Die Kriege, für China der erste Konflikt mit westlichen Nationen, leiteten seinen Niedergang ein, erschütterten seinen Sinozentrismus und den Ruf der Qing-Dynastie im Land, sind noch immer eine nationale Wunde – zumal es mit anderen westlichen Mächten (Europäer und USA, auch Japan) in Folge ähnliche ungleiche Verträge schliessen musste, in denen es sich “öffnen” musste (ihnen wirtschaftliche und politische Privilegien und Einflussnahme einräumen), z.T. auch territoriale Abtretungen hinnehmen und knapp vor einer echten Kolonialisierung stand. Zu wirtschaftlicher Bevormundung und kulturellen Umbrüchen kamen sozialer Verfall und innere Unruhen. Und China wurde endgültig das weltweit führende Opiumverbraucher-Land (nun wurde auch der Anbau im Land vorgenommen), bis zu 20 Millionen Opium-Süchtige werden für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt, eine Zahl die nicht allzu viel aussagt, da es verschiedene Arten von Sucht gibt. Die Briten haben dies neben Handelsvorteilen auch bezwecken wollen, die Droge und den Rausch zur Beherrschung eines Volkes eingesetzt, so wie es etwa auch mit Alkohol gegenüber den “Indianern” geschah. Rudolf Gelpke hat auf die Ambivalenz des Rausches hingewiesen: Drogen werden immer wieder in böser Absicht gegen einzelne oder Gruppen verwendet, die damit geschwächt oder lahmgelegt werden sollen, zur Beherrschung und Ausbeutung. Die britischen Opiumkriege sind dafür ein exzellentes Beispiel. Die Opiumkriege sind noch immer Gegenstand divergierender Anschauungen und wütender Debatten, von Chinesen werden sie als Versuch gesehen, ihr Land mit Gewalt und Drogen zu zerstören, um des Profits willen, manche westliche Kommentatoren spielen gern Opium und Profit als Kriegsgrund herunter, und stellen “freien Handel” und “Fortschritt” in den Vordergrund.

Shanghai und Honkong wurden wichtige Importhäfen für Opium, das formal anscheinend verboten blieb; die Triaden organisierten weiterhin den Vertrieb, blieben Haupthandelspartner der Briten. Das Kaiserreich wurde nun durch eine Importsteuer am Handel beteiligt. Ende des 19. Jh befahl der Kaiser, Opium im Land anzubauen; um die Jahrhundertwende betrug die chinesische Eigenproduktion 22 000 Tonnen, während der Importanteil aus Indien auf 3 500 Tonnen zurückging. Auch Morphium und Heroin wurden nach China importiert, zur Heilung der Opiumsucht bzw als Ersatz.

Die Revolution 1911/12, die den Sturz der Monarchie brachte, entzündete sich nicht zuletzt am ausländischen Einfluss bzw. am kolonial-ähnlichen Status Chinas. In der folgenden Republik wurden Gesetze gegen das Opium erlassen, aber ihre Durchsetzung war wegen dem politischen Durcheinander schwer behindert. Das Geschäft mit dem Opium war eine wichtige Grundlage der Finanzierung der “Warlords”. Ma Fuxiang, ein General, der der moslemischen Hui-Volksgruppe angehörte, nahm zur Zeit der Republik China im Nordwesten des Landes wichtige militärische und politische Posten ein (war ein Warlord), verbot den Opiumhandel in seinem Machtbereich, vielleicht weil viele Moslems dagegen waren, förderte ihn aber heimlich, um seine Kriegsunternehmen zu finanzieren. In Schanghai dominierte die Triaden-Organisation “Grüne Bande” unter Du Yuesheng, mit Protektion der Polizei, den Opiumhandel, dann auch den mit Heroin(pillen). Wie andere Triaden war auch die grüne Bande mit der in der Republik dominierenden Kuomintang verbündet. Chiang Kai-Shek verwandelte das Opiumverbot in ein Staatsmonopol, dessen erste Lizenzträger Paten des Handels damit, wie Du, wurden… Unter dem Druck westlicher Mächte wurde das Staatsmonopol bald wieder aufgehoben. Neue Medikamente wie Penicillin und neue Drogen wie Zigaretten drängten Opium dann doch zurück. Die KP hatte sich im Bürgerkrieg noch mit Opium-Handel finanziert. In der Volksrepublik unter Mao wurden ab 1949 wurden drakonische Maßnahmen gegen Opium erlassen, das dadurch in China in den 1950ern sehr stark zurückgedrängt war.

Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908
Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908

Möglicherweise wurde Opium im Orient erst durch das Rauchen ein „Massenphänomen“ und war die orale Einnahme (stärkere Wirkung nebenbei) eine Sache der Oberschicht gewesen (wobei das früher auch praktizierte “Inhalieren” schon eine gewisse Ähnlichkeit zum Rauchen aufwies). Das Rauchen von Opium wurde hauptsächlich mit der chinesischen Diaspora verbreitet, im 19. Jahrhundert gab es in vielen Teilen der Welt, so auch in Europa, spezielle Rauchsalons/Opiumhöhlen, die im Wesentlichen von Chinesen betrieben wurden und eine Konzession hatten. Diese etablierten sich v.a. in Hafenstädten, in Hamburg beispielsweise gab es bis in die 1930er-Jahren ein kleines Chinesenviertel und illegale Opiumhöhlen in St. Pauli. Die Ausstattung solcher Höhlen, zu der oft Diwane gehörten, spiegelte die soziale Schicht seiner Klientel wider, Reiche hatten oft einen privaten. Opium wurde dort nach einem bestimmten Ritual geraucht, in Pfeifen, später ohne Tabak.

Viele Künstler, beginnend mit Schriftstellern der Romantik, nahmen Opium in der einen oder anderen Form ein, in vielen Fällen ursprünglich als Abhilfe für eine Tuberkulose-Erkrankung. In “Novalis” Leben spielte es eine wesentliche Rolle; E.T.A. Hoffmann lässt seinen Helden Medardus die Wirkung jener “teuflischen” Elixiere erfahren, die er selbst ausprobierte, vermutlich Wein mit Mohnextrakten, also eine Art Laudanum; Charles Baudelaire fand “künstliche Paradiese” durch Cannabis, den Absinth, aber auch das Laudanum; Hesses “Steppenwolf” nahm neben anderen Drogen auch Opium; auch Samuel T. Coleridge, Thomas de Quincey oder Edgar A. Poe thematisierten ihre Erfahrungen mit Opium literarisch. Fraglich ist, wie gross der Einfluss der Droge auf ihr künstlerisches Schaffen war. De Quincey meinte, dass sie nur Wahrnehmungen verstärke, aber nichts schaffe, während Coleridge im Rausch ein ganzes Gedicht “empfangen” haben will.

De Quincey begann sein literarisches Wirken mit seinen “Bekenntnissen eines Opium-Essers”; mit Laudanum und Opium-Pillen hatte er als Mittel gegen Schmerzen begonnen, dann entdeckte er einen über die Befreiung von Schmerzen hinausgehenden Genuss, etwa eine „wohltätige und schützende Kraft“. “Man fühlt den göttlichen Teil seines Wesens aufsteigen”“, schrieb er in seinen Bekenntnissen. Opiumkonsum war damals in Grossbritannien legal, und in verschiedenen Gesellschaftsschichten verbreitet, in verschiedenen Zubereitungen (auch in Medikamenten, etwa gegen Tuberkulose). Auch viele Arbeiter nahmen es, da es meist billiger als alkoholische Getränke war, und den Hunger unterdrückte. De Quincey wandte sich gegen die auch damals schon übliche “betrügerische Dämonisierung” des Mittels. Coleridge hatte ihn für seine (angebliche) Wollust als Motivation beim Opium-Gebrauch, in Abgrenzung zu sich der es nur gegen Schmerzen nähme, attackiert (was wahrscheinlich nicht nur scharfrichterlich war, sondern auch scheinheilig); er antwortete in diesem Buch darauf: zum einen hatte es auch bei ihm mit der Schmerzlinderung begonnen, zum anderen stand er zur Freude an diesem Rausch: “Was der Mensch gerechterweise im Wein suchen darf, darf er gerechterweise auch im Opium finden”. Erst durch spätere unbesonnene Anwendung bzw. höhere Dosen (aufgrund von Magenschmerzen) begannen die Probleme mit Opium für ihn, so De Quincey. Das Heilmittel für seelische und körperliche Probleme versursachte dann selbst solche, etwa Sucht und Albträume. Da er mit seinen Schilderungen sein Geld verdiente, blieb ihm im Gegensatz zu anderen ein sozialer Abstieg erspart. Trotz seiner positiven Einstellung zum Opium, zum Rausch („Kritik der Nüchternheit“), seinen Problemen mit der englischen Gesellschaft und der damit verbundenen Fähigkeit zur Kritik an ihren „Dogmen“, zeigte sich De Quincey als englischer Rassist, grenzte sich verachtungsvoll zu Orientalen ab, obwohl er „deren“ Droge Opium der “westlichen” Alkohol als weit überlegen gegenüberstellt. Ungefähr zu jener Zeit als er auch Betrachtungen über mögliche Auswirkungen von Opium-Gebrauch auf die Volksgesundheit anstellte (mit positivem Fazit), führte der britische Staat um seiner Drogenprofite wegen die Opiumkriege und etwas später die westliche Welt im “Kreuzzug” gegen Drogen an. Im Orient war der Rausch integriert, daher gibt es von dort wenige Erfahrungsberichte à la Quincey (der es immer allein einnahm, ein Exzentriker, ein Bourgeois war). Gelpke mit seinen Sprachkenntnissen hat einige der wenigen übersetzt.

Der Schriftsteller Jean Cocteau, der ab 1923 Trost für den Tod seines Geliebten im Opium fand (den Stoff bezog er aus Indochina), das bald sein Leben bestimmte, fasste die Wirkung der von ihm gerauchten Droge so zusammen: “Der Tod trennt unsere schweren und leichten Körpersäfte völlig. Das Opium trennt sie ein wenig.” Er schilderte auch die Sucht und andere negative Seiten seines Konsums. In Charles Dickens letztem und unvollendeten Roman “The Mystery of Edwin Drood” spielt ein Teil der Handlung in einer Opiumhöhle. Auch Schiller oder Chopin sollen Opium genommen haben und künstlerisch davon beeinflusst worden sein.

Im Westen wurde Opium in der späten Neuzeit überwiegend eingeführt, selten selbst produziert. Insgesamt überwog hier seine Wahrnehmung und sein Stellenwert als betäubend, zur Ignoranz führend, schädlich, von der Wirklichkeit ablenkend, dekadent, “orientalisch”. Das Zitat von Marx aus 1844 über die Religion als “Opium des Volkes” spiegelt das wieder; oder das des Schriftstellers De Sade in seinem Roman “Juliette” (in dem eine Figur die Politik des Königs kritisiert indem sie deren Wirkung mit jener des Opiums vergleicht). Vielleicht hat Marx aber die “Zweischneidigkeit” dieser Droge gemeint, die oben erwähnte andere Seite, die gerne imperial eingesetzt wird. Friedrich II., der nur nach schweren Konflikten mit seinem Vater preussischer König wurde, da er eigentlich ein anderes Leben wollte, soll stets ein Döschen mit Opiumpillen um den Hals getragen haben, um sich gegebenenfalls ins Jenseits zu befördern. Auch andere sahen und verwendeten es als einfache Fahrt aus dieser Welt für sich oder andere (als Mordgift). Manche Kolonialherren nahmen im 19./20. Jahrhundert mit Einheimischen in Opiumländern “deren” Droge. In europäischen Gefilden wurde bis in die jüngste Zeit auch lokal gewachsener und selbst bearbeiteter Schlaf-oder Klatschmohn zur Beruhigung für Kinder (Mohnschnuller,..) eingesetzt oder beim Backen mit Mohnsamen “Erfahrungen” gemacht (früher trat beim Öffnen der Mohnkapseln Opiumsaft aus und verteilte sich über die Samen, heute werden die Samen u.a. gewaschen). Andere Arten aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) als der Schlafmohn enthalten jedenfalls nur geringe Mengen Opium.

In USA wurde das Opium-Rauchen in the 1850ern und 1860ern von chinesischen Arbeitern eingeführt, die zur Arbeit an Eisenbahnstrecken gekommen waren, nachdem viele Amerikaner während des Goldrausches ihre Arbeitsplätze dort verlassen hatten. Opium scheint in chinesischen Gemeinschaften eine ähnliche Rolle wie Bier als Feierabendgetränk zum Entspannen und Sozialisieren gehabt zu haben. Nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahnstrecke 1869 zogen mehrere 10 000 arbeitssuchende Chinesen in den Grossraum San Francisco, wo sie alsbald von der einheimischen Arbeiterschaft als Konkurrenz empfunden wurden. Opiumhöhlen (opium dens) entstanden in San Francisco und anderen Städten der Westküste, der Stoff dafür wurde importiert. Ins Zentrum der antichinesischen Ressentiments rückte das Opiumrauchen. Als ab 1870 “weisse” Amerikaner diese chinesische “Sitte” übernahmen, sah man die Kultur Amerikas bedroht, und es kam sogar zu Pogromen gegen Chinesen. Dabei waren Opiate in der USA das 19. Jahrhundert hindurch beliebt und legal (in Apotheken erhältlich), als Medizin gegen Durchfall, Husten, Menstruationsschmerzen, Schlaflosigkeit, zur Alkohol-Entwöhnung, dann auch zur Opium-Entwöhnung (!), u.v.a., bei Medizinern als Narkose- und Schmerzmittel. Die Darreichungsform der Opiate reichte von klassischem Laudanum über reines Morphium bis zu diversen Kombinationspräparaten mit Kräutern oder Alkohol, z.B. als Augentropfen oder Salben. Konsumenten wussten manchmal nicht gar nicht, was ihr Medikament so wirkungsvoll machte, oft wurden nicht alle Inhaltsstoffe genannt, andere wiederum kauften bestimmte Arzneimittel gerade wegen dieses Inhaltsstoffes und waren längst davon süchtig. So unscharf die Unterscheidung zwischen “Medizin” und “Droge” auch war, vor allem wenn es um konzentriertere, stärkere, gefährlichere ging, das Opiumrauchen der Chinesen in den USA wurde verteufelt, während dessen Verbot im Herkunftsland von Grossbritannien mit Waffengewalt aufgehoben wurde, das seinen Bürgern in Indien den Opium-Gebrauch untersagte.

Im späteren 19. Jahrhundert erlassene antichinesische Gesetze und Bestimmungen umfassten u.a. Wohnsitznahme nur in bestimmten Stadtteilen San Franciscos 1865, das Verbot der traditionellen Haartracht 1873 und das 1875 in San Francisco erlassene erste Strafgesetz der westlichen Welt gegen den Opiumkonsum. Auch in den meisten anderen amerikanischen Bundesstaaten wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gesetze gegen Einfuhr und Produktion von “Chandu” (war nur mehr US-amerikanischen Staatsbürgern vorbehalten), das Opiumrauchen und das Betreiben von Opiumhöhlen erlassen. Diese Gesetze betrafen nicht als Medizin eingestufte Produkte wie Laudanum, die von vielen weissen Amerikanern genommen wurden, sie richteten sich gegen eine Minderheit, dienten der öffentlichen Bekräftigung der “weissen” Normen. Mit dem Harrison Act 1914, einem Bundesgesetz, wurde eine Lizenz für den Verkauf von Opiaten verpflichtend, Ärzte durften Opiate nur mehr aus medizinischen Gründen verschrieben, die amerikanische Rauchopiumfabrikation wurde erheblich beschränkt und schliesslich verboten. Eine bestehende Opiat-Sucht (die auf ärztliche Verschreibung hin entstanden sein konnte) galt nicht als medizinischer Verschreibungsgrund, und bald wurden gar keine Lizenzen mehr ausgestellt. In den USA wurden Verbotsgesetze von Drogen grossteils fiskalisch ausgeführt (so auch der Marijuana Tax Act von 1937), auch wenn die eigentlichen Gründe und die Handhabung eine andere waren. In Folge des Harrison-Gesetzes entstand eine illegale Opiumfabrikation und der Schmuggel nahm erheblich zu, der Verkauf ging auf kriminelle Organisationen über, ähnlich wie bei der Alkohol-Prohibition 1920-1933. Auch Kokain, das isolierte Alkaloid des Cocas, war in den USA bis zum Harrison-Gesetz frei verkäuflich und als Medizin angesehen, in seinem Fall ging dem Verbot eine Kampagne als “Negerdroge” voraus. Die letzten Opiumhöhlen der USA wurden in den 1950er-Jahren geschlossen.

Rauchopium in Pillenform
Rauchopium in Pillenform

Sertürner gelang Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland die chemische Isolierung von Morphin, das dann ab den 1820er-Jahren als “Morphium” von der Firma Merck vertrieben wurde, als Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Im USA-Bürgerkrieg gab es einen massiven Einsatz von Opium in Pillenform, vor allem aber Morphium (durch die neu entwickelte Injektionsspritze verabreicht), als Schmerzmittel für Verwundete. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 wurde es verwundeten Soldaten in grossen Mengen gespritzt, was zur Folge hatte, dass viele der Überlebenden als Opiatabhänge heimkehrten. Die Wirkung des Morphiums ist um ein Vielfaches stärker als die von Opium und dementsprechend gefährlicher. Seine “Verwendung” als Droge, wie beim Laudanum auch hier oft durch Ärzte und Apotheker, war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet und führte die beabsichtigte Trennung zwischen “Droge” und “Medizin” ad absurdum. Wie bei anderen isolierten oder synthetischen Opiaten (Heroin, Codein,…) scheiterte hier der Versuch, Rausch- und Heilmittelaspekte zu trennen, bzw. den ersteren auszuschalten. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg wurde im Westen Morphium unter Opiaten hegemonial, nach dem Zweiten wurde es Heroin. Während der Drogenkonsum von US-Soldaten in diversen Kriegen (in Vietnam war auch Opium darunter) von staatlicher Seite bekämpft wurde, bekamen die Soldaten in diesen Kriegen zur “Leistungssteigerung” Amphetamine verabreicht.

Der britische “All India Opium Act” 1878 war, in einem weissen Weltsystem, die erste internationale Regelung bezüglich Drogen, die es davor nur auf nationaler Ebene gab (im Iran etwa gabs unter den Safawiden erste Einschränkungen für Opium). 1909 wurde in Shanghai die “Internationale Opiumkommission” (USA unter Hamilton Wright treibende Kraft) gegründet, sie legte den Grundstein für die internationale Opiumkonferenz 1912, auf der Drogenverbote, v. a. von Opium, erlassen wurden. Erst in der Zeit um die Konferenz in Shanghai hörte der Westen auf, den Opiumkonsum in China zu fördern. 1925, auf der Opium-Konferenz des Völkerbundes, wurden, auf Drängen der USA, weitere internationale Verbote erlassen, die Verbote auf nationaler Ebene nach sich zogen. In Deutschland wurde 1929 ein Drogengesetz (“Opiumgesetz”) erlassen, das mehrmals ergänzt und verschärft wurde (Hanf war etwa ursprünglich nicht darin erwähnt). Auch unter dem Nationalsozialismus, in einer Zeit, als Göring seine Codein-Sucht auslebte und man Soldaten aufputschendes “Pervitin” (Methamphetamin; heute illegal hergestellt und gehandelt als “Crystal Meth”) gab. Drogenverbote basieren oft auf Ressentiments gegen den Import einer als schädlich angesehenen anderen Kultur, Drogenpolitik im weitesten Sinn kann eine Form imperialer Machtausübung sein. Spanische Eroberer verboten den Indianern in Amerika die kultische Nutzung von Peyote und anderer psychotroper Pflanzen. Rauchopium hat im Westen nicht die Akkulturation geschafft. Auch die Haltung im Islam zum Alkohol kann so gedeutet werden; manchen Auslegungen zufolge wird im Koran nur sein Missbrauch verboten. Vergleiche dazu auch die US-Intervention gegen Panama 1989, die hier in einem späteren Artikel behandelt werden wird, wo Drogen der Vorwand für eine Bestrafungs-/Machtaktion aus anderen Motiven war.

Der Anbau von Schlafmohn ist in allen Staaten und von der UNO aus reguliert, die Herstellung von Schmerzmitteln oder anderen Pharmaka daraus ist die einzige anerkannte/erlaubte Verarbeitung. Für diese medizinischen Zwecke werden spezielle Züchtungen angebaut, die etwa einen besonders hohen Thebain-Gehalt haben. Australien ist das wichtigste Anbauland für Mohn der zur legalen Weiterverarbeitung exportiert wird, neben Grossbritannien. Der Mohnanbau war dort seit Jahrzehnten auf Tasmanien beschränkt; nachdem Pharma-Konzerne wie “GlaxoSmithKline” (GSK), die Abnehmer, auf eine Ausweitung drängten, wird er auch auf dem australischen Festland erlaubt. Die globale Nachfrage nach Schmerzmitteln steigt, weil weltweit immer mehr Menschen der Mittelklasse angehören, insbesondere in Asien.

Produktion, Konsum und Export von Opium wurden in China unter dem Kommunismus, in der Türkei in den 1960er/70er-Jahren auf westlichen Druck, im Libanon nach dem Bürgerkrieg weit zurückgedrängt. Auch im Iran seit 1980ern unter den Mullahs (denen man selbst Opium-Konsum vorwirft), dort gibt es aber eine systemüberdauernde Tradition einer gewissen staatlichen Tolerierung. Die wichtigsten illegalen Anbaugebiete von Mohn sind heute Afghanistan (v.a. der paschtunische Süden des Landes), Südost-Asien (das “Goldene Dreieck”, v.a. Birma), Süd-Amerika (v.a. Mexiko). Heroin dominiert das Angebot an illegalen Opiaten seit vielen Jahrzehnten. Nur ein ganz kleiner Teil des geernteten Rohopiums wird zu Rauchopium verarbeitet, dessen Konsum heute nah an Anbau und Produktion liegt, in einem Teil der genannten Anbauländer, z.T. auch in den Diaspora-Gemeinschaften aus diesen Ländern im Westen. Orale Verarbeitungen/Anwendungen wie Laudanum und ähnliches sind heute noch seltener. Opium ist heute also auf sein Ursprungsgebiet, Teile Asiens, beschränkt, wo traditioneller, mäßiger Gebrauch, dominiert, wie auch beim Coca in Teilen Süd-Amerikas. Daneben haben sich aber auch dort härtere, konzentriertere Drogen etabliert, v.a. Heroin. In Afghanistan haben die meisten Herrscher (Schahs, Präsidenten, Kommunisten, Islamisten, Besatzer) den Drogen den Krieg erklärt, aus religiöser oder politischer Argumentation heraus, die tatsächliche Politik richtet sich aber nach Rücksichten auf regionale Machtverhältnisse, Handelsbilanz, korrupte Beamte u.v.a. Mohn ist dort nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Machtmittel. In diesen Ländern hält aber auch eine medizinische Nutzung des Opiums an – für jene, die nicht zur Mittelklasse gehören. In Gegenden Afghanistan oder auch Indiens geben Mütter armer Familien (die nicht an andere Medikamente herankommen) ihren Kindern bei diversen Krankheiten wie Husten, Durchfall und Infektionen, aber auch bei Hunger, Opium. Gering dosiert, als Inhalat oder oral.

Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.
Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.

Literatur und Links:

* Der früh verstorbene Schweizer Ethnologe und Islamforscher Rudolf Gelpke beschäftigte sich mit persischer Literatur sowie mit Drogen, führte Selbstversuche durch, lebte zeitweise im Iran, pflegte eine Freundschaft mit Albert Hoffmann, lehrte und publizierte zu seinen beiden Forschungsbereichen, die er in “Vom Rausch in Orient und Okzident” (1966 erstmals erschienen) zusammenführte

* Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen

* Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers (1. Auflage 1822)

* Manfred Kappler: Drogen und Kolonialismus – Zur Ideologiegeschichte des Drogenkonsums

* Jean Cocteau: Opium (ein Buch aus der Zeit seines zweiten von sechs Entzugsversuchen 1929)

* Matthias Seefelder: Opium – eine Kulturgeschichte (1990)

* Herbert Grammatikopoulos: Opium als Mode- und Alltagsdroge und die literarische Avantgarde des 19. Jahrhundert (Magisterarbeit)

* Barbara Hodgson: Opium – A Portrait of the Heavenly Demon (englisch)

* Abul-Qasim Yazdi: Traktat für Opiumraucher. Erschien erstmals 1895 im damals britischen Indien, 1905 in Persien; dürfte in keine andere Sprache übersetzt worden sein und ist auch im persischen Original schwer aufzutreiben. Es enthält praktische Anweisungen wie philosophische Betrachtungen zum Opium. Yazdi beschreibt Opium als “erdend”, zur eigentlichen Realität führend (der Rausch wird gerne als Flucht aus „der Realität“ geheissen, nicht aber die Jagd nach Besitz etc)

* Alexander Kupfer: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

* Alethea Hayter: Opium and the romantic imagination (1968; englisch)

* Werner Pieper: Die Geschichte des O. OpiumFreuden – OpiumKriege

* P. G. Kritikos, S. P. Papadaki: The history of the poppy and of opium and their expansion in antiquity in the eastern Mediterranean area (1967; Online auf der Homepage des United Nations Office on Drugs and Crime) (englisch)

* Christian Rätsch: Heilpflanzen der Antike

* Thomas Dormandy: Opium: Reality’s Dark Dream (englisch)

* Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (behandelt hauptsächlich Cannabis, der Teil, in dem es um Opium geht, ist eine Übersetzung von De Quinceys oben angeführten Text)

* Arthur Waley: The Opium War Through Chinese Eyes (1958; englisch)

* Julia Lovell über die Opiumkriege und ihre heutige Rezeption (englisch)

Virtuelles Opiummuseum (englisch). Der Amerikaner Steven Martin kam als Journalist nach Südost-Asien (wo Opiumhöhlen chinesischer Art noch existieren), sammelte O.-Pfeifen u.ä., wurde süchtig vom Opium-Rauchen (was er 20 J. lang tat, oft gemeinsam mit befreundeter US-Journalistin), machte einen Entzug (“verlorener Himmel”) im buddhist. Tham Krabok-Kloster in Thailand, schildert Himmel und Hölle des Opiums, schrieb ein Buch („Opium fiend“), will wieder zur Pfeife greifen wenn die Gesundheit eines Tages durch Alter oder Krankheit weg ist

* Artikel über Opium als Arzneimittel; streckenweise sehr lesenswert, aber mitunter wird vergessen, zwischen Opium und anderen Opiaten zu unterscheiden

Ausführlicher Artikel rund um die Opium-Kriege

Radio-Feature zum Thema

* Bevor Lin Tse-Hsu englische Opium-Händler verhaften liess, schreib er im Namen seines Kaisers einen Brief (englisch) an die britische Königin Victoria (die letzte aus dem Haus Hannover), in dem er, etwas naiv, darauf hinwies, wie unredlich es sei, Opiumgebrauch im eigenen Land zu untersagen und in anderen Ländern Geld damit zu verdienen.