Die letzten Griechen von Istanbul und die Geschichte(n) dazu

In Ost-Thrakien und Antolien (also in der heutigen Türkei) waren in antiker und byzantinischer Zeit, teilweise auch noch in osmanischer, Zentren oder zumindest Stätten griechischer Kultur > Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna, Trapesunt, Caesarea, Antiochia, Angora, Marmaris, Adalia, Milet, Ephesus, Pergamon, Troja, Gordion, Halikarnassos,… Die griechische Bevölkerung in der jetzigen Türkei ist winzig, umfasst etwa 2000 Personen (nach manchen Angaben bis zu 5000), wurde immer kleiner seit dem Untergang des Osmanischen Reichs und der Entstehung der Republik Türkei nach dem 1. Weltkrieg. Den grössten Abgang gab es durch den Bevölkerungsaustausch mit Griechenland 1923; aus Smyrna/Izmir aber etwa gingen die meisten Griechen schon davor weg, am Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs 1922. Aufgrund von Diskriminierungen und Übergriffen gegen sie (wie dem Pogrom in Istanbul 1955), die viel mit dem Verhältnis der Türkei zu Griechenland zu tun hatten (und dieses wurde ab den 1950ern wiederum für lange Zeit durch den Zypern-Konflikt geprägt), gab es immer neue Auswanderunsgwellen (hauptsächlich natürlich ins benachbarte Griechenland/Hellas).

Die verbliebenen Türkei-Griechen leben in Istanbul/Konstantinopel und zwei Ägäis-Inseln nicht so weit von dieser Stadt. Ihr prominentester Angehöriger ist der Patriarch von Konstantinopel, globales Oberhaupt der orthodoxen Christen, z Zt ist das Bartholomäus I. Von der Republik Türkei wird der Patriarch nur als Oberhaupt der Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Es ist fraglich, ob die griechische Minderheit in der Türkei (und mit ihr dieses Patriarchat) bestehen kann, in dieser Form überleben. Die verbliebenen Griechen in Istanbul sind gewissermaßen der letzte Rest des Byzantinischen Reichs, das sich über Kleinasien/Anatolien, den Balkan und zeitweise Gebiete Vorderasiens und Nordafrikas erstreckte – bevor es gegen die türkischen Osmanen unterging, am Ausgang des Mittelalters. Byzanz, das “zweite Griechenland”, hatte seinen Schwerpunkt in Kleinasien (Hauptstadt Konstantinopolis), also im Osten des Landes. Das antike Griechenland, ein Haufen zerstrittener Stadtstaaten, hatte sein Zentrum klar im Westen, das moderne Griechenland besteht nur aus diesem.1

Der Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei verlief unter Ausschluss/ auf dem Rücken der christlichen Völker Kleinasiens, wobei “umstritten” ist, von wem die Feindseligkeit ausging. Hätte es ohne griechischen Kriegszug aus dem Gebiet um Smyrna heraus gegen die kemalistischen Truppen einen türkischen Angriff auf die Stadt gegeben, der zur Massenflucht der Griechen dort und Übergriffen auf die Verbliebenen führte? Oder hat dieser türkische Gegenangriff bestätigt, dass es für die Griechen von Smyrna/Izmir nicht nur eine Zugehörigkeit ihres Gebietes zu Griechenland bedurfte, sondern auch einer “Ausschaltung” der kemalistischen Truppen in Anatolien, die dieses gefährdeten? Die Einen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten/können, sie illoyal sind, die Anderen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten, wir nicht loyal sein konnten. Das moderne Griechenland entstand ab den 1820er-Jahren aus Gebieten, die auch (jahrhunderte lang) zum Osmanischen Reich gehörten.

Im Kern geht es hier um die Istanbuler Griechen, aber man muss etwas ausholen, die Sache ist eingebettet in die türkisch-griechische Geschichte… Der Artikel folgt den Spuren der Griechen unter türkischer Herrschaft, mit besonderer Berücksichtigung des orthodoxen Patriarchats in Istanbul/Konstantinopel, behandelt auch die griechisch-türkischen Beziehungen, insbesondere jene der letzten etwa 100 Jahren (seit den Umbrüchen nach bzw infolge des 1. WK), das Auf und Ab seit dem Lausanne-Vertrag 1923 – ein Verhältnis, das einige Überraschungen birgt. Auf die türkische Minderheit in Griechenland wird auch eingegangen. Und auf das “Dreiecks-Verhältnis” zwischen dem Westen, Griechenland und Türken (sowie der islamischen Welt), ansatzweise. Die wichtigen Umbrüche in der griechisch-türkischen Geschichte waren in den Jahren 1453 (Untergang Byzanz gegen das Osmanische Reich), 1821 (Beginn der Sezession westgriechischer Gebiete vom Osmanischen Reich), um 1920 (Versuch des Abschlusses der Enosis bzw Megali Idea, der in einer Katastrophe endete); für die verbliebenen Istanbuler bzw türkischen Griechen (aber damit auch für diese Beziehungen) tat sich 1930, 1942, 1955, 1964, 1971, 1974, vielleicht 1980, und seit 2002 (Beginn der Regierungszeit der AKP) Entscheidendes.

Es geht los mit den Grundlagen, Byzanz; dann weiter mit der osmanischen Herrschaft über Griechenland; der darauf folgende Teil behandelt Entstehung und Wachsen Neu-Griechenlands; dann der (katastrophale statt krönende) Abschluss der Enosis beim Untergang des Osmanischen Reichs; der “Hauptteil”: Griechen in der Republik Türkei; Details bezüglich der gegenwärtigen Situation; Betrachtungen

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Byzanz und sein Untergang

Die Stadt Istanbul/Konstantinopolis/Byzanz geht auf das antike Griechenland zurück, als Kleinasien kolonialisiert wurde. Byzantion (Βυζάντιον, latinisiert dann Byzantium) wurde um 660 vC von Dorern gegründet, am westlichen (also europäischen) Ufer des Bosporus, am Ende Thrakiens, bzw an seinem Übergang nach Kleinasien. Die Zentren des antiken Griechenlands (bzw sein Schwerpunkt) war(en) aber ja im Westen > Athen, Sparta, Theben, Korinth,… Eine Einigung dieser Stadtstaaten kam am ehesten unter den von der Argeaden-Dynastie (hauptsächlich natürlich Ἀλέξανδρος/ Alexandros/ Alexander) geführten Makedoniern zu Stande. Nachdem Griechenland/ Hellas infolge der Römisch-Makedonischen Kriege im 2. Jh vC römisch geworden war, blieb Byzantium/ Byzantion zunächst eine mäßig wichtige Stadt, in der (römischen) Provinz Thracia. Unter den Römern, die viel von der griechischen Kultur übernommen haben, wurde der griechische Kulturraum christianisiert, jene Religion vermittelt, die von ihnen selbst übernommen wurde.

Byzantium/Byzantion wurde ein Bischofs-Sitz, der Apostel Andreas (Bruder von Petrus) wird als erster Bischof von Byzantium und damit als erster Patriarch von Konstantinopel gesehen, da das Patriarchat aus diesem Bistum hervor ging. Sein erster Nachfolger war 54 nC Stachys, der ebenfalls ein Jünger Jesu’ gewesen sein soll. Wann der erste Grieche Bischof von Byzantion wurde (bzw, wer das war), ist mir nicht bekannt. 330 machte der römische Kaiser Konstantin die Stadt zu seiner Hauptresidenz (damit zu einer Art Hauptstadt), nannte sie in “Nova Roma” (Νέα ̔Ρώμη/Nea Rhome) um, liess sie ausbauen. Bald wurde sie aber nach ihm benannt, Constantinopolis/Κωνσταντινούπολις/Konstantinopolis. Der Kaiser/Caesar war auf der Suche nach einer neuen Residenz, mehr in der Mitte seines Reichs, die Ost und West verband, kam auf die Stadt, in der sich Europa und Asien berührten. Unter Konstantin begann auch der Aufstieg des Christentums im Römischen Reich. 330 wurde aus dem Bistum in der Stadt auch ein Erzbistum, und begann auf dem späteren Ort der Hagia Sophia eine Kirche zu entstehen. 360 wurde diese Megale Ekklesia/ Magna Ecclesia Bischofssitz, anstatt der Kirche Hagia Irene. Als Ende des 4. Jh im Römischen Reich das Christentum Staatsreligion wurde und das Reich dann geteilt wurde, war ein Nectarius Erzbischof von/in Konstantinopolis. 451 die Aufwertung des Erzbistums zum Patriarchat.

Hagia Irene in Konstantinopel ~1900

Der Schwerpunkt des Oströmischen Reichs war anfangs im europäischen/westlichen Reichsteil (Balkan), verschob sich aber bald in den asiatischen/östlichen (Levante), am Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter2; also ungefähr zu der Zeit als das Weströmische Reich gegen die Germanen unterging. In den 530ern wurde die Hagia Sophia (Sofia) in Konstantinopolis/ Konstantinopel gebaut (auf dem Ort der Megale Ekklesia) und eröffnet, wurde Patriarchensitz. Die Säulen der Hagia Sophia („Heilige Weisheit“) stammen u.a. aus dem Artemis-Tempel in Ephesus. Manche sagen, diese Überlieferung sei schön aber falsch, sollte den Sieg des Christentums über die “heidnischen” griechischen Kulte untermauern. Wenn sie stimmt, steckt in der Hagia Sophia heute komprimiert die gesamte griechische Geschichte: die antike, vorchristliche Hochkultur, durch die Säulen aus einem Artemis-Tempel; das mittelalterliche/ byzantinische Griechenland natürlich, da war die Kirche Sitz des Patriarchen von Konstantinopel3; die Zeit der osmanischen Fremdherrschaft, als sie Moschee wurde; die Zeit der Republik Türkei, in der das Gebäude Museum wurde, nachdem der Griff (des neu erstandenen) Griechenlands nach der Stadt und anderer Gebiete misslungen war.4

Tempel in Ephesus

Im frühen 7. Jh, unter Kaiser Herakleios, der Übergang vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich, die Hellenisierung des Reichs. Das Reich wurde nach dem ursprünglichen, griechischen Namen seiner Hauptstadt um-benannt, diese Stadt behielt aber ihren nunmehrigen Namen (der eigentlich halb römisch, halb griechisch ist). Da die Griechen in Ostrom in mehrerer Hinsicht dominierend waren, war dieser Schritt “folgerichtig”. Persien, nun unter den Sassaniden, wurde wie auch für das antike Hellas Nachbar und grosser Gegner5; unter Herakleios wurden auch diese entscheidend zurückgeschlagen. Sehr bald darauf dann der Vorstoss der islamischen Araber aus ihrer Halbinsel, Siege sowohl über Persien als auch Byzanz, das grosse Gebiete verlor, Vorderasien und Ägypten, also nicht griechisches (bzw byzantinisches) Kerngebiet.6 Im Gegensatz zum langjährigen Rivalen, Persien, konnte das Byzantinische Reich immerhin eine vollständige islamische Eroberung bzw seinen Untergang verhindern. Byzanz behauptete sich, auch wenn es dann auch am Balkan (wo es weiterhin über Nicht-Griechen herrschte) Machtverluste/Abfälle/Unabhängigkeitsaktionen gab. Und auch wenn es sich von da an immer wieder gegen Angriffe von moslemischen Reichen und Armeen in seinem Süden und Osten (jeweils Kleinasien/Anatolien) verteidigen musste. Patriarch z Zt der Kriege gegen Persien und Araber war Sergius.

Die orthodoxe Kirche, die sich in Byzanz herausbildete, wurde im Hoch-Mittelalter nach Russland oder Bulgarien verbreitet.7 Dann folgte bald der (endgültige) Bruch mit der Katholischen Kirche (das Schisma). Als Jorge Bergoglio 2013 nach dem Rücktritt Ratzingers Papst wurde, als “Franziskus (Franciscus) I.”, wurde er dies als erster Nicht-Europäer seit ca. 1300 Jahren, seit dem Syrer „Gregorius III.“ im 8. Jh. Syrien war damals bereits arabisch, nicht mehr byzantinisch, Ost- und West-Kirche aber noch nicht gespalten, nur kulturell. Das Pontifikat von Gregorius III. war, wie das seines Vorgängers, vom byzantinischen Ikonoklasmus/Bilderstreit (8., 9. Jh) geprägt (bzw gestört). Im Streit um die Verwendung von Heiligenbildern waren die byzantinischen Kaiser8 die Ikonengegner/ Ikonoklasten, die byzantinischen Patriarchen die Ikonenverteidiger/ Ikonodulen. Der Streit vertiefte den Antagonismus zwischen Westeuropa (fränkische Kaiser, katholische Päpste) und Osteuropa (byzantinische Kaiser, orthodoxe Patriarchen). Die anderen orthodoxen Patriarchate, jene in Alexandria, Antiochia, Jerusalem, befanden sich ab dem 7. Jh in moslemischen Reichen (zunächst im Kalifat). Während es in Ägypten nie eine grössere Zahl von Orthodoxen gab9, halten sich in Gross-Syrien und Palästina bis in die Gegenwart stattliche Minderheitengruppen, in moslemischen arabisierten Gesellschaften. Sitz des Antiochia-Patriarchats ist seit dem Spät-Mittelalter in Damaskus, wegen der osmanischen Invasion (die bald aber auch in diesen Teil Syriens kam).

Nach dem Ende der Herrschaft der Makedonischen Dynastie ereignete sich bald der erste Vorstoss von Türken nach Anatolien/Kleinasien, jener der Seldschuken im 11. Jh über Persien, der nach der Schlacht von Mantzikert/Malazgirt 1071 den Anfang vom Ende des Byzantinischen Reichs einleitete. In der späten Antike hatte in Kappadokien eine Besiedlung der dortigen Tufflandschaft begonnen, mit Menschen die sich für das Einsiedlertum entschieden hatten und dort Höhlen (aus-) bauten, klösterliche Gemeinschaften bildeten. Mit dem Einfällen der Perser und dann der Araber im frühen Mittelalter in Kleinasien begann der Ausbau der Höhlenanlagen, nun unter Sicherheits-Aspekten. Mit dem Vordringen der Seldschuken unter Sultan Alp Arslan im 11. Jh begann die allmähliche Abwanderung der und Aufgabe der Höhlen durch christliche Byzantiner. Die Höhlen sind heute eine Touristen-Attraktion der Türkei. Was Byzanz in der Phase der seldschukischen Angriffe und Eroberungen entscheidend schwächte, war natürlich der 4. Kreuzzug aus Westeuropa 1204 (hauptsächlich von der Republik Venedig betrieben), der nach Konstantinopolis/ Konstantinopel um-dirigiert wurde, zur Plünderung, Besetzung und Teilung des Reichs führte.10

Es wurden venezianische und genuesische Kreuzfahrer-Staaten gegründet, von denen das Lateinische Kaiserreich (Imperium Romaniae) das wichtigste war, und drei byzantinische Rumpfstaaten entstanden. Teilweise bestanden diese Kreuzfahrer-Staaten einige Jahrzehnte, einige Aneignungen griechischer Gebiete durch die italienischen Stadtstaaten blieben aber über Jahrhunderte bestehen. Kreta/Kriti etwa, war gut 450 Jahre venezianisch, bis es im späteren 17. Jh von den Osmanen erobert wurde. Zypern/ Kipros war bereits auf dem 3. Kreuzzug im 12. Jh besetzt worden, von einer multinationalen Streitmacht, wurde ein Kreuzfahrerstaat, im 15. Jh fiel die Insel an die Venezianer(, und im 16. Jh an das Osmanische Reich). Die Ionischen Inseln fielen im 13./14. Jh an Venedig, blieben das bis zu den Napoleonischen Kriegen.11

Venezianer und Genuesen hatten in Konstantinopel schon vor dem Kreuzzug Handels-Niederlassungen, eine gewisse Präsenz von Händlern aus diesen Staaten blieb auch nach dem Ende der Besetzung von Byzanz. Patriarch zur Zeit der Invasion war Johannes/Ioannes; das Patriarchat ging für einige Jahrzehnte ins Exil nach Nicäa/Nikaia/Iznik. Diese Besetzung durch Westeuropäer, die Frankokratia, brachte eine dauerhafte Schwächung von Byzanz, eine Vertiefung der Spaltung zwischen katholischer und orthodoxer Kultur. Die Kaiser aus der Palaiologos-Dynastie, die das Byzantinische Reich danach “übernahmen”, hatten keine leichte Aufgabe angesichts des Seldschuken-Sultanats, das sich bis zur Marmara-Region erstreckte.12 Wenn man auf en.wikipedia “occupation of Constantinople” eingibt, kommt übrigens der Artikel „The occupation of Constantinople … November 13, 1918 – October 4, 1923“, (über) jene der Siegermächte des 1. WK im osmanischen Konstantinopel/Istanbul (vor der Ausrufung der Türkei), nicht die venezianische des byzantinischen Konstantinopels, und auch nicht die von Islamophoben als solche propagierte türkische Herrschaft über die Stadt seit 1453.13 Mit der Seldschuken-Invasion im 11. Jh begann eine Türkifizierung Kleinasiens, die sich in der osmanischen Zeit fortsetzte, durch Einwanderung, Konversionen, Mischehen, kulturelle Umstellung,…

So dass es zum Zeitpunkt, als Konstantinopel erobert wurde und Hauptstadt des Osmanischen Reichs wurde, dort nur noch einige “Inseln” von Griechen und anderen Völkern inmitten einer türkischen Mehrheit gab. Wobei sich die Türken auf ihrem Weg von Zentralasien über Persien nach Kleinasien ihrerseits mit Anderen (biologisch und kulturell) vermischt hatten, und Griechen selbst Hethiter u.a. “aufgesogen” hatten. Durch den Einfall der Mongolen in der Region um die Mitte des 13. Jh zerfiel das Seldschukenreich in kleine türkische Fürstentümer. Das nordwestanatolische Beylik/Fürstentum des Osman Bey (nach dem die Dynastie der Osmanen/Osmanli benannt wurde) setzte sich im 14. Jh durch, gegen die anderen Fürsten(tümer), v.a. das Beylik von Karaman um Konya/Ikonion, durch. Der Sohn von Dynastiegründer Osman soll eine byzantinische Prinzessin geheiratet haben.14 Und verkleinerten das Byzantinische Reich weiter, das nur noch das unmittelbare Hinterland von Konstantinopel sowie westgriechische und balkanische Gebiete umfasste, zur Regionalmacht abstieg, schliesslich zum Kleinstaat, Stadtstaat. 1353 die erste Türken-Eroberung  in Europa (Kallipolis/ Gallipoli/ Gelibulo), bald war die (gut befestigte) Stadt umzingelt, die Osmanen führten Eroberungen am Balkan durch (etwa Kosovo polje/ Fusha e Kosoves/ Amselfeld).

Anfang des 15. Jh fielen die Mongolen unter den Timuriden nochmal in Kleinasien ein, brachten dem Osmanischen Reich grössere Verluste bei, diese waren aber nicht von Dauer. Dann am Ausklang des Mittelalters der Untergang von Byzanz – mittlerweile waren die Stadt Konstantinopel (die manchmal so genannt wird) und das Reich ja wirklich (fast) ident – gegen die osmanischen Türken. Etwa 100 Jahre lang war die Stadt der umzingelte Rest des Reichs, neben einigen Splittern im Osten und Westen. Der Fall von Konstantinopel (Ἅλωσις τῆς Κωνσταντινουπόλεως) ereignete sich am Pfingstsonntag 1453, dem 29. Mai dieses Jahres, nach einer 53-tägigen Belagerung. Die osmanischen Angreifer wurden von ihrem Sultan, dem 21-jährigen Mehmet II., angeführt, die Verteidiger von ihrem Kaiser (Basileos) Konstantin(os) XI., aus der Palaiologos-Dynastie.15 Konstantinopel/Istanbul wurde neue Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Patriarchen-Kathedrale Hagia Sophia wurde in eine Moschee umgewandelt. Das Ende von Byzanz markiert auch das endgültige Ende des Römischen Reichs.

Ikone Konstantin Palaiologos

Konstantinos Palaiologos, der letzte byzantinische Kaiser, starb beim Untergang Konstantinopels gegen die Osmanen. Sein Leichnam wurde nicht gefunden bzw nicht identifiziert. Er wurde in der griechisch-orthodoxen Kirche ein Märtyrer und inoffizieller Heiliger. Und er wurde ein nationales griechisches “Symbol” (s.u.) bzw ein Mythos, wie Sebastiao Aviz, David, Yazdgerd III., James Stuart,… in ihren Ländern.16 Der wichtigste der byzantinischen Rumpfstaaten war das kleine Kaiserreich Trapezunt/Trebizond am Schwarzen Meer, es wurde 1461 von den Osmanen erobert und ihrem Reich eingegliedert. Ausserhalb Kleinasiens gab es auch einige griechische/byzantinische Gebiete, die nach dem Fall Konstantinopels osmanisch erobert wurden. Athen wurde erst 1458 eingenommen, das Despotat Morea 1460, Epirus 1479,… Danach blieben noch einige griechische Inseln ausserhalb des osmanischen Machtbereichs, die aber schon lange nicht mehr byzantinisch waren, (ehemalige) Kreuzfahrer-Staaten. Rhodos, das von den Johannitern regiert wurde, wurde 1522 von den Osmanen erobert, die unter venezianischer Herrschaft stehenden Zypern und Kreta 1571 bzw 1669. Nur die Ionischen Inseln (Korfu,…), der westlichste Teil Griechenlands, blieben (immer) ausserhalb des Osmanischen Reichs, blieben bei der Republik Venedig (die Osmanen unternahmen einige Eroberungs-Versuche). Dorthin gab es auch immer wieder Flucht- und Auswanderungsaktionen von Griechen aus dem osmanischen Bereich.

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Die osmanische Herrschaft über Griechenland

Diese türkische Herrschaft (griechisch Τουρκοκρατία, latinisiert Tourkokratia) nach dem Untergang des zweiten Griechenlands erstreckte sich, je nach Region, über 4 – 500 Jahre, einige Regionen blieben es darüber hinaus. Es ist nicht ganz klar, wer der letzte Patriarch der orthodoxen Kirche zu byzantinischer Zeit bzw der jenige zur Zeit der osmanischen Eroberung war. Ein Athanasius könnte von 1450 bis 1453 Patriarch gewesen, und beim Fall der Stadt getötet worden sein. Gesichert ist Gregorius III. (Mammas) als 157. Patriarch. Dieser versuchte eine (Wieder-) Vereinigung mit der Römisch-Katholischen Kirche zu erreichen, was zu seinem Rücktritt als Patriarch geführt haben dürfte und sicher zu seinem Exil in Rom (Kirchenstaat). Manche Kirchenhistoriker sagen, dass er die Kirche vom Exil aus weiter führte. Jedenfalls hat Sultan Mehmet (Mehmed, Mohammed) 1454 den Mönch Gennadios (eigentlich Georgios) Scholarios zum neuen Patriarchen eingesetzt, der zuvor sein Gefangener war. Im Westen Europas sah man Gregorius nach wie vor als legitimen Patriarchen, bis zu dessen Tod 1459. Gennadios II. legte 1456 sein Amt nieder, zog sich in ein Kloster in Makedonien zurück.

Gennadius II. & Mehmed II., Foto eines Mosaiks aus 20. Jh.

Da die Hagia Sophia ja inzwischen eine Moschee war, etablierte sich Gennadius in der Kirche der Heiligen Aposteln. Diese war seit dem 4. Kreuzzug in einem schlechten Zustand, wurde 1456 von Gennadius aufgegeben, Patriarchats-Sitz wurde die Pammakaristos-Kirche, bis 1587. Die Apostel-Kirche wurde von den Osmanen abgerissen, auf ihrem Platz die Fatih-Moschee errichtet. Das Ökumenische Patriarchat, wie es offiziell heisst, übernahm unter osmanischer Herrschaft Aufgaben weltlicher Natur für die Griechen und auch die anderen Orthodoxen in diesem Reich, nachdem der byzantinische Kaiserhof nicht mehr existierte. Die Patriarchen wurden Führer (griechisch Ethnarchos, türkisch Milletbashi) der Griechen und Orthodoxen im Reich, und das sowohl aus Sicht der osmanischen Obrigkeit als auch der Griechen selbst. Und, vor den Erweiterungen des Osmanischen Reichs hauptsächlich unter den Sultanen Selim II. und Suleiman I. im 16. Jh (um bereits islamisierte Gebiete) machten Griechen in dem Reich einen gewichtigen Bevölkerungsanteil, wahrscheinlich die Mehrheit, aus!

In den Jahren vor der Eroberung Konstantinopels haben die byzantinische Seite (Kaiser, Patriarchen) und die “fränkische” (Kaiser, Päpste) über eine Kirchenunion verhandelt, für militärische Hilfe von westeuropäischer Seite gegen die Osmanen. Auf dem Konzil von Florenz (1431-1445) kam eine Union zu Stande, wie die im 13. und 14. Jh erreichten war sie aber nur von kurzer Dauer und innerhalb der orthodoxen Kirche schwer umstritten; die Militärhilfe blieb auch aus. Die orthodoxe Kirche in Russland erklärte 1448, also wenige Jahre vor dem Untergang Byzanz’, ihre Unabhängigkeit, aus Protest gegen die beschlossene Kirchenunion. Unter dem Moskauer Grossfürsten Iwan III., einem Rurikiden, gewann Russland in den Jahrzehnten danach seine Unabhängigkeit von der mongolischen Goldenen Horde wieder. Mit dem Untergang Byzanz’ begann die griechische Diaspora (Zerstreuung in der Welt), nicht wenige Griechen wanderten nach Russland aus, das damals hauptsächlich aus dem Grossfürstentum Moskau bestand. Sofia (Zoe) Palaiologos, die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI., heiratete 1472 Iwan III. Dies verstärkte die Vorstellung von Russland als dem Erben von Byzanz und dem “Dritten Rom” (nach dem eigentlichen Römischen Reich und dem Byzantinischen/ Oströmischen), dem Hüter des orthodoxen Christentums. Grossfürst Iwan nahm auch den Titel “Zar” an, der wie der deutsche “Kaiser” vom römischen „Caesar“ abgeleitet ist.17

Hagia Sofia: Rundschilde preisen die Namen von Allah, von Mohammed und Kalifen (Foto ca. 1890)

Nach dem Übergang vom Byzantinischen zum Osmanischen Reich wurden viele Kirchen in Moscheen “umgewandelt” (wie die Hagia Sophia auch etwa die Hagios Demetrios in Thessaloniki), manche zerstört (wie die Apostelkirche in Konstantinopel) oder für andere Zwecke verwendet, wie die Hagia Irene in Konstantinopel, die eine Waffenkammer wurde. Für den Neubau von Kirchen18 wurden spezielle Bestimmungen bzw Einschränkungen erlassen; ein Kirchturm sollte zB nicht höher sein als das Minarett/Manara von nahen Moscheen. Die Pammakaristos-Kirche, in früh-osmanischer Zeit Patriarchensitz, war eine jener byzantinischen Kirchen in Konstantinopel, die sich zunächst “behaupteten”. Unter Patriarch Matthaios II. übersiedelte das Patriarchat Ende des 16. Jh (es werden hauptsächlich die Jahre 1586 und 1587 genannt) in die Kirche des Heiligen Georg19 im Phanar im westlichen Teil Konstantinopels, ein früheres Kloster.20 Diese Kirche, eine relativ bescheidene, ist bis heute Patriarchatskirche.

Für die Griechen unter osmanischer Herrschaft21 wurde also die orthodoxe Kirche einigendes Band, nationale Klammer,… Es gab und gibt so Fälle von einer Quasi-Einheit von Volk und Religion, wie die katholische Kirche im russisch beherrschten Polen, und es gibt ethnoreligiöse Gemeinschaften wie Juden.22 Die Herrscher des Osmanischen Reichs teilten ihre Untertanen nach Religionszugehörigkeit ein, die (1454 geschaffene) griechische/ griechisch-orthodoxe Nation (Millet-i Rum) umfasste also auch die meisten Bulgaren, Walachen/ Rumänen, Serben, Russen, Ukrainer, Georgier sowie Teile der Albaner, Syrer, Palästinenser,…23 Die Grenzen zwischen diesen Nationen/Nationalitäten blieben aber grösstenteils gewahrt, wenn auch nicht in den Augen der osmanischen Obrigkeit. Orthodoxe waren die längste Zeit die zweit-grösste Religions-Gemeinschaft im Osmanischen Reich, hinter Moslems (bei denen Sunniten ganz klar überwogen).24

Es gab aber “Einschmelzungen” zu Griechen, in antiker, byzantinischer (mittelalterlicher) und osmanischer (neuzeitlicher) Zeit. Die “alten” Makedonier etwa sind unter den Griechen/Hellenen aufgegangen, brachten auch griechische Kultur in verschiedene Teile Asiens, die sich dort mischte. In Nord-Griechenland (neben Teilen Makedoniens beinhaltet das auch Thrakien und Epirus) sind auch in byzantinischer Zeit Andere zu Griechen geworden, Walachen, Slawen, Albaner,… Im osmanisch beherrschten Griechenland sind hauptsächlich andere Orthodoxe unter Griechen aufgegangen, begünstigt durch die osmanische Haltung dazu. Andererseits wurden auch Griechen zu Türken, hauptsächlich in Kleinasien (s. o.), daneben auch in Konstantinopel, Teilen Thrakiens,… Griechen in Kleinasien/ Asia Minor und anderen Regionen traten zB zum Islam über, um zusätzlichen Steuerverpflichtungen und anderen Diskriminierungen zu entgehen. Und damit war fast automatisch ein Verlust der nationalen (griechischen) Identität verbunden, eine Türkisierung. Die Griechen in Kappadokien wurden kulturell türkisiert, bewahrten sich aber grossteils ihre Religion25 (> Karamanlides/ Karaman-Griechen); ein kleiner Teil von ihnen trat aber zum Islam über, ging damit unter Türken auf. Im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (Kleinasien, Konstantinopel, Thrakien,…) wirkten sich auch die Knabenlese (> Janitscharen) oder Einwanderungen aus dem Balkan oder Kaukasus aus, die mit Formen der Akkulturation und Assimilation verbunden waren.

Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 zog die Oberschicht der griechischen Bevölkerung in das Stadt-Viertel Phanar (türkisch Fener). Um 1600 zog auch der orthodoxe Patriarch in dieses Viertel (Georgskirche, s.o.). Irgendwann wurde Phanar, wo der Patriarchatssitz war, ein Synonym für das Patriarchat.26 Diese neue griechische Oberschicht im Osmanischen Reich entstammte oft byzantinischen Adelsfamilien, wurde/wird Phanarioten bzw Fanarioten genannt. Die Phanarioten waren oft im Handel tätig (und erfolgreich)27 , oft auch in führenden Rollen in der Verwaltung des Osmanischen Reichs tätig, (auch) ausserhalb griechischer Gebiete, etwa als Gouverneure in der Walachei und Moldawien im 18. und 19. Jh. Trotz ihrer hohen Stellungen im Sultanat und ihres Kosmopolitanismus kümmerten sich viele von ihnen um Angelegenheiten der griechischen Bevölkerung und Kultur, stifteten etwa Schulen. Während der Kriege des Osmanischen Reichs mit der Republik Venedig, dem Russischen Reich oder Österreich halfen manche Griechen, auch Phanarioten, den Gegnern der Osmanen. Einige Phanarioten, etwa Alexandros Mavrocordatos, hatten im 19. Jh Anteil an den griechischen Freiheitskämpfen sowie an der Gestaltung des entstehenden neuen Griechenlands.

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Entstehung und Wachsen des neuen Griechenlands

Bekanntlich expandierte das Osmanische Reich, in Osteuropa, bis es vor den Toren Mitteleuropas scheiterte, dann begann allmählich der Niedergang. Rigas Velestinlis (“Pheraios”), 1757-1798, stammte wahrscheinlich aus einer walachischen (aromunischen) Familie in Thessalien, die sich an die Griechen assimilierte. Der Schriftsteller wurde von der Französischen Revolution beeinflusst, dachte sowohl eine Umgestaltung des Osmanischen Reichs in eines auf Grundlagen der Aufklärung an (das bedeutete etwa die Gleichheit aller Religionen), als auch die Unabhängigkeit der orthodoxen Balkan-Länder vom Osmanischen Reich. Velestinlis wirkte als Sekretär des Phanarioten Alexandros Ypsilanti, der zu dieser Zeit als Dolmetscher unter Sultan Abdülhamid I. diente. Er wurde bei einem Aufenthalt in Wien von den österreichischen Behörden (die das Osmanische Reich erhalten wollten) festgenommen, an die Osmanen ausgeliefert, die ihn töteten. Der gleichnamige Enkel dieses Ypsilanti war einer der griechischen Führer beim Aufstand (Epanastasi) 1821, der u.a. in der (ebenfalls osmanischen) Walachei stattfand.

Im 19. Jh wurde das Osmanische Reich, eines der letzten nicht europäisch unterworfenen Gebiete der Welt28, zunehmend zum Einflussgebiet europäischer Gebiete (inklusive Russlands). Das betraf das Kerngebiet des Reichs (Kleinasien, Konstantinopel,…), aber auch “periphäre” Gebiete wie Ägypten und Syrien. Verschiedene Völker begannen um ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu kämpfen29, und auch unter den Türken (bzw Türkisierten) des Reichs begann es zu “gären”. Weithmann (s.u.) schrieb, die Griechen waren bis Anfang des 19. Jh im Osmanischen Reich so stark geworden, bei gleichzeitiger Schwächung der Zentralgewalt, dass sogar eine griechische Übernahme des Reichs im Raum stand…

Als sich die Griechen 1821 erhoben, war die Schwäche des Osmanischen Reichs noch nicht so dramatisch. Der Aufstand und die Kämpfe konzentrierten sich klar auf westgriechische Gebiete (Balkan-30 und Ägäis-Raum), Kleinasien war hier nicht involviert. Unter den militärisch-politischen Führer der Griechen waren aber Fanarioten (Phanarioten) wie Mavrokordatos oder Ypsilanti prominent vertreten, daneben etwa auch der Ionier/Korfioter Ioannis Capodistrias; die Ionischen Inseln waren mit den Napoleonischen Kriegen unter britsche Herrschaft gekommen. Im Griechischen Unabhängigkeits-Krieg (1821 bis 1829 bzw 1830) nahmen westeuropäische Philhellenen auf griechischer Seite Teil. Ihr prominentester, George Byron, projezierte die Thermopylen-„Thematik“ (Europa gegen Asien) dort hinein; sein Aufenthalt in Missolonghi verlief (in jeder Hinsicht) anders als von ihm erwartet.

Der Ausbruch des griechischen Aufstands bzw Kriegs 1821 führte zu Massakern, Kirchenzerstörungen und anderen Übergriffen gegen Griechen in verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, von Seiten der osmanischen Behörden. Besonders gravierend war das Massaker von Konstantinopel, in dessem Verlauf der orthodoxe Patriarch Gregorius V. am Ostersonntag abgesetzt und in einem Tor des Patriarchats aufgehängt wurde – obwohl er die Aufständischen exkommuniziert hatte. Sein Nachfolger Eugenius war anfangs Gefangener des Sultans. Konstantinos Mourouzis, Chefdolmetscher/Gross-Dragomane am Sultanshof, wurde geköpft. Die Nachricht vom Mord an dem Patriarchen löste in Teilen Europas Empörung und eine Verstärkung des Drängens nach (staatlicher) Unterstützung der griechischen “Rebellion” aus. Fürchterlich war auch das Massaker von Chios 1822: Die vor Smyrna/ Izmir in Kleinasien gelegene Insel war stark im Handel involviert und die dortigen Griechen zögerten mit einer Unterstützung des griechischen Aufstands bzw der griechischen Seite im Krieg – weil sie um ihren Wohlstand fürchteten, aber auch weil sie nahe beim Festland waren und damit Vergeltungsaktionen der Türken ziemlich ausgeliefert. Dazu ist zu sagen, dass nicht unwesentliche Teile der griechischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs31 beim Aufstand bzw Krieg abseits standen, aus verschiedenen Gründen.

Zurück zu Chios: 1822 landeten einige Hundert griechische Rebellen von der Nachbarinsel Samos dort, griffen das dortige osmanische Heer an; ein Teil der Inselbewohner schloss sich nun der Rebellion an. Nachdem Verstärkung für die Osmanen gekommen war, das Massaker an der Bevölkerung von Chios mit etwa 20 000 Toten. Weitere Zehntausende wurden versklavt!32 Alexios Alexandris, auf dessen Arbeit (s.u.) ich das Kapitel über die Entwicklungen rund um den Griechisch-Türkischen Krieg (also der nächste Abschnitt) zu einem grossen Teil und jenes über Griechen in der Republik Türkei maßgeblich aufbaute, merkte dazu an (und das spricht mit für die Qualität bzw Objektivität seines Buchs): “Greeks were no less cruel. The Fall of Tripolitsa in 1822 resulted in the massacre of 30,000 Turks and Jews.”

In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre. Wobei dieses Byzanz am Schluss praktisch nur noch aus der Stadt bestanden hatte; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. Die Wiedererringung der griechischen Unabhängigkeit ab 1821/22 musste ausserdem noch mühsam erkämpft bzw abgesichert werden. Nachdem der Aufstand der Griechen und Philhellenen 1826 zusammengebrochen war, griffen die Westmächte in den Krieg ein, retteten so das Unterfangen. Das Hellas das am Kriegsende 1829 “freigekämpft” worden war, bestand aus Peloponnes/Morea, Attika, Mittel- und Westgriechenland, mit Athen/Athinai als Hauptstadt. Natürlich wurde die Vereinigung (Enosis, Ένωσις) mit den anderen griechischen Gebieten das Ziel; der dritte Premierminister des neuen Griechenlands, Ioannis Kolettis, soll den Ausdruck Megali Idea (Μεγάλη Ιδέα; “Grosse Idee”) geprägt haben, für das irredentistische Konzept der schrittweisen Freikämpfung und Vereinigung griechischer Gebiete. Es gab unterschiedliche Vorstellungen davon, in der “extremsten” Form der Megali Idea33 wurde die Vereinigung mit Konstantinopel und kleinasiatischen Gebieten anvisiert, gewissermaßen eine Wiederbelebung des Byzantinischen Reichs, natürlich mit Konstantinopel als Hauptstadt und der griechisch-orthodoxen Kirche als Staatskirche.34

Die Westmächte sicherten sich Einfluss im neuen Griechenland (nicht zuletzt gegen Russland), Grossbritannien wurde wichtigste “Schutzmacht”.35 Die Westmächte und Russland (inzwischen Hauptgegner des Osmanischen Reichs) hatten ihre Parteigänger in Griechenland.36 Russland schürte am Balkan dann Freiheitsbestrebungen der v.a. slawischen orthodoxen Völker. Nach der Unabhängigkeitsproklamation 1822 war Griechenland eine Republik, wurde 1832 ein Königreich, blieb ein solches bis 1973, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), mit ausländischen Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig). 1863, nach dem Sturz des Bayern Otto, wurde der dänische Prinz Georg (Haus Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg) von den Westmächten und griechischen Notabeln zum griechischen König bestimmt.37

Möglicherweise hat diese dänisch-deutsche Familie sogar byzantinische Vorfahren, und zwar aufgrund von Heiratsverbindungen mit den russischen Romanovs, die wiederum mit den Rurikiden verschwägert waren, in die ja die Palaiologen hineingeheiratet haben. 1833 erklärte die Griechisch-Orthodoxe Kirche Griechenlands ihre Eigenständigkeit/ Autokephalie gegenüber dem Patriarchat in Konstantinopel (dem sie aber natürlich weiter unterstellt war), was dieses 1850 anerkannte. Die Kirche auf Zypern war bereits im 5. Jh autokephal geworden. 1448 hatte sich die orthodoxe Kirche in Russland autokephal erklärt, was 1589 von Konstantinopel anerkannt wurde; seither gibt es eine Russisch-Orthodoxe Kirche mit einem Patriarchen, der aber jenem in Konstantinopel untergeordnet war. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde die grösste orthodoxe Landeskirche.38 Die erste Enosis Griechenlands mit anderen griechischen Territorien vollzog sich 1864; GB übergab die von ihm beherrschten Ionischen Inseln (das einzige griechische Gebiet, das nie osmanisch geworden war). Die Frankokratia dort bewirkte eine leichte Enosis im 19. Jh.

Griechenland wurde bald auch vom Osmanischen Reich als unabhängiger Staat anerkannt. Erster osmanischer Botschafter in Griechenland wurde der Phanariote Konstantinos Mousouros. Es bürgerte sich im Türkischen39 die Bezeichnung “Yunanli” für Griechen in Griechenland und “Rum” für Griechen im (dezimierten) Osmanischen Reich ein. Es tat sich eine interessante Beziehung zwischen diesem Griechenland, dem Osmanischen Reich und den “unerlösten” Griechen dort auf, mit dem orthodoxen Patriarchen in der Reichs-Hauptstadt Konstantinopel als “Drehscheibe”. Konstantinopel, zumindest in manchen Megali-Idea-Vorstellungen die Krönung… Nach einigen Jahrzehnten kamen die Griechen im Osmanischen Reich, besonders die Konstantinopoler, wieder in jene führende Positionen, in denen sie vor der griechischen (Teil-) Unabhängigkeit gewesen waren. Im diplomatischen Dienst, oder in der Verwaltung verschiedener Regionen. Wie Stefan Vogoridis40, ein hellenisierter Bulgare, der die Walachei oder Samos für die Osmanen verwaltete und unter Sultan Abdulmajid (Abdülmecid) I. eine hohe Stellung einnahm.

Am Balkan erkämpften sich die Völker allmählich die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, Nordafrika wurde von europäischen Kolonialmächten angeeignet, unter den arabischen Völkern Vorderasiens gärte es auch. Europäische Mächte nahmen zunehmenden wirtschaftlichen Einfluss auf das Sultanat (Kapitulationen). Das Janitscharen-Korps, das zeitweise mehr Macht hatte als die Sultane, wurde 1826 aufgelöst. Umgestaltungsbemühungen in der Tanzimat-Periode führten zu einer Verfassung (قانون اساسی, Ḳānūn-i Esāsi) bzw Machtbeschränkung des Sultans (1876), die aber nach 2 Jahren wieder “aufgehoben” wurde.41 Als die Verfassung kam, die Gleichheit für Nicht-Moslems festschrieb, waren die meisten Nicht-Türken innerlich schon von diesem Reich abgefallen. Alexandris weist darauf hin, dass die Griechen in Konstantinopel vor den 1910ern kaum Türkisch lernten, diese also auch sprachlich von der Mehrheitsbevölkerung und dem Reich an sich getrennt waren.

Gemälde von H. Sattler von Konstantinopel/Istanbul aus 1851

Nach Alexandris waren die meisten osmanischen Griechen um 1850 noch für eine Beibehaltung der osmanischen Herrschaft, um 1910 nicht mehr. Auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche im Osmanischen Reich, mit dem Patriarchat an der Spitze, wandte sich allmählich dem griechischen Nationalismus (bzw Irredentismus) zu. Was wiederum mit dazu führte, dass sich die orthodoxe Kirche in diversen Balkan-Ländern, die im 19. Jh die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewannen, um Autokephalie bemühten, mehr dazu weiter unten. Diese Kirche war über osmanische Reformbemühungen in Richtung Gleichheit (auch “Osmanismus” genannt”) nicht begeistert, diese würden die klerikale Authorität über das (griechische) Millet schmälern. Wobei die griechisch-orthodoxe Kirche unter osmanischer Herrschaft schon davon profitierte, dass die osmanischen Behörden, aus Reformbemühungen oder aus Schwäche heraus, im späteren 19. und frühen 20. Jh die Bestimmungen für den Kirchenbau tolerant hand habten; so dass es in dieser Zeit zu einem Bauboom von orthodoxen Kirchen in Konstantinopel/Istanbul kam.

Kloster Arkadi bei Rethymno auf Kreta, wo sich 1866 fast 1000 Griechen vor einem belagernden osmanischen Heer in die Luft sprengten

Gegen Ende des 19. Jh verlor das Osmanische Reich weitere griechische Gebiete. Zypern nahmen sich 1878 die Briten. Thessalien wurde, der nächste Schritt der Enosis, 1881 mit Griechenland vereinigt. Dann begann der Unabhängigkeitskampf auf Kreta (erneut), eines jener griechischen Gebiete in denen der Aufstand 1821ff niedergeschlagen wurde. Neue Aufstände und ein osmanisch-griechischer Krieg führten 1898 mit westlicher Hilfe zur Autonomie Kretas im Osmanischen Reich. 1908 de facto, 1913 de jure der Anschluss an Griechenland bzw die Annexion durch dieses. Eine grosse türkische Volksgruppe lebte v.a. im Zentrum der Insel(, wurde 1923 ausgesiedelt). Kreta wurde und blieb der südlichste Teil Griechenlands (und seine grösste Insel). Die Yunanlar wurden allmählich mehr, die Rumlar immer weniger.42 Rumlar, also osmanische Griechen (oder griechische Osmanen), gab es nun hauptsächlich noch im Norden des europäischen Griechenland (von Epirus über Makedonien bis Thrakien), auf den Ägäis-Inseln, in Konstantinopel, in Smyrna und Umgebung, an der Südostküste des Schwarzen Meeres (die Pontus/Pontos-Griechen), in Kappadokien in Zentral-Anatolien. In all diesen Gebieten dürften Griechen die relative Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht haben. Es gab auch eine, nicht allzu starke, Auswanderung von Griechen aus dem Osmanischen Reich nach Griechenland.43

Die Enosis

Das Osmanische Reich zerfiel allmählich, und für Angehörige seines “Staatsvolkes”, also Türken, stellte sich die Frage, was eigentlich “gerettet” werden sollte, wohin man sich orientieren sollte, wie man den Staat gestalten sollte. Es gibt da Parallelen zu Österreich-Ungarn an seinem Ende. Der Osmanismus zielte auf eine Modernisierung des Reichs bei Gleichheit aller Bürger ab, der Islamismus stellte natürlich das Islamische (sunnitische) in den Vordegrund, der Türkismus oder türkische Nationalismus sah in erster Linie die Türken im Reich (und jene die dazu geworden waren) und ausserhalb (in Persien, in Russland,…). Eine Identitätssuche bzw ein Kampf darum, was vom sinkenden Schiff gerettet werden sollte, und welches rettende Ufer es ansteuern sollte, solange es noch möglich war. Man kann sagen, dass sich diese Konfliktlinien in die Republik Türkei hinein fortsetzten, zT bis heute. Das osmanische Territorium nach ethnischen Gesichtspunkten gerecht aufzuteilen wäre unmöglich gewesen, und dies nicht zuletzt aufgrund der konkurrierenden Ansprüche nicht-türkischer Nationalitäten.44

Als Makedonien (mit Saloniki) noch osmanisch war (ein multiethnisches Gebiet), brach (von) dort 1908 die Jungtürkische Revolution aus, die man auch als Putsch bezeichnen könnte. Die Revolution (?) führte zu einer Absetzung des despotischen Sultans Abdülhamit (mütterlicherseits Tscherkesse), zur Einsetzung  von dessen Halbbruder Mehmet45 als Sultan46, wobei die Regierungen (mit dem Gross-Wesir an der Spitze) nur am Ende dieser Phase (1917/18) von Jungtürken geführt wurde47, die Macht aber bei diesen lag. Das jungtürkische “Komitee für Einheit und Fortschritt” hatte mehrere Flügel (bzw mehrere Ansätze), wenn man so will, einen emanzipativen und einen nationalistischen. Wobei sich der erstere durchsetzte, der von Offizieren geführt wurde, von grossen Teilen der türkischen politisch bewussten Klasse unterstützt wurde, der das Osmanische Reich mit türkischer Vorherrschaft weiterführen wollte, mit Zentralisierungs- und Modernisierungsschritten. Der liberale Teil der Jungtürken spaltete sich 1911 als “Partei für Freiheit und Verständigung” (حريت و ائتلاف فرقه سی , Hürriyet ve İtilaf Fırkası) ab.

Für die christlichen Völker im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (hauptsächlich Griechen, Armenier, Assyrer48) gab es Gründe, über die jungtürkische Machtübernahme erfreut zu sein. Es wurde die Verfassung und das Parlament wieder-belebt und noch 1908 Wahlen dazu ausgerufen, in denen auch Griechen wie alle Anderen aktiv und passiv teilnehmen konnten.49 Die Irredentisten unter den osmanischen Griechen (Anhänger von Enosis bzw Megali Idea), und das war inzwischen die Mehrheit, haben nach der Erfahrung mit Kreta auch auf eine “gradualistische” Lösung statt auf eine konfrontative gesetzt. Zumal bezüglich Makedonien und Thrakien die grossen Entscheidungen noch bevor standen, und dort auch Bulgarien und die Anhänger eines südslawischen Staates Ansprüche hatten.

Orthodoxe Metropolien Kleinasien um 1900

Und die Politik der (regierenden, rechten) Jungtürken war anfangs nicht minderheitenfeindlich. Der (osmanische) Grieche Alexander Mavroyenis wurde beispielsweise zum osmanischen Botschafter in Österreich-Ungarn ernannt. Und vor der Wahl 1908 verhandelte das jungtürkische Komitee mit den Konstantinopoler Griechen über eine Unterstützung der Jungtürken durch die Griechen. Jedenfalls wurden 1908 einige Griechen als Kandidaten des Jungtürken-Komitees ins osmanische Parlament gewählt, darunter Aristidis Georgantzoglou (Pascha; ein Karaman-Grieche) und Pavlos Karolidis (Effendi; vertrat Smyrna). Karolidis erklärte, die nationale Idee der Griechen bestehe aus Beiträgen zur “Zivilisation des Ostens” und dem Schutz und Kultivierung dieser. Eigentlich war er auch ein Karamanli (ein Grieche aus Kappadokien), wurde in Konstantinopel und Deutschland ausgebildet, wirkte als Professor für Geschichte an der Universität Athen, bei Konstantinos Paparrigopoulos50. Seine Vorstellungen von griechisch-türkischer Freundschaft machten ihn unter Griechen eher zum Aussenseiter.

Als seine Zeit als Abgeordneter (bzw die Parlaments-Periode) 1912 zu Ende ging, wurde er vom Jungtürken-Komitee eingeladen, wieder für es zu kandidieren. Dann brach aber der (erste) Balkan-Krieg aus, in dem sich Griechenland und das Osmanische Reich wieder gegenüber standen, und Karolidis zog sich nach Griechenland zurück. Im nationalen Schisma Griechenlands stellte er sich auf die monarchistische Seite, bis zur Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg. Er starb 1930 in Athen. Sein Leben ist eigentlich exemplarisch für die Chancen griechisch-türkischer Verständigung und für die diesbezügliche Tragödie. Die Wahlen im Februar 1912 wurden vom Jungtürken-Komitee durch Gewalt und Korruption zum gewünschten Resultat geschoben. 1912/13 wurde der andere Jungtürken-Flügel, die Partei für Freiheit und Verständigung, ausgeschaltet.51 Das Aufräumen der regierenden Jungtürken mit Vorrechten des Klerus der Religionsgemeinschaften und der Konfessionalisierung an sich brachte ausserdem ein Ende der weitgehenden Autonomie im Bildungsbereich, den die Religionsgemeinschaften im osmanischen Millet-System genossen. Bei der Neuwahl zum osmanischen Parlament 1914 wurden natürlich wieder Griechen gewählt, darunter Emmanuel Emmanuelidis aus Smyrna (der schon zuvor dem Parlament angehörte).52

In Griechenland wurde Eleftherios Venizelos 1910 erstmals Premierminister, nach einer Art Putsch bzw Aufbegehren von Teilen des Militärs, der/das von der Kaserne in Goudi bei Athen ausging, unter Nikolaos Zorbas, aber im Endeffekt mehr Demokratie brachte. Venizelos’ Vorfahren stammten vom Peloponnes, er wuchs aber in Kreta auf, hatte die osmanische Herrschaft dort noch erlebt, wurde politisch geprägt im Kampf um die Ablösung Kretas vom Osmanischen Reich und in weiterer Folge bei jenem anderer griechischer Gebiete. Mit Venizelos kam erstmals eine Herausforderung für die Oligarchie unter der Königsherrschaft, er lieferte dem König und dessen Anhängern einen Machtkampf. Dieses nationale Schisma führte zeitweise bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, dauerte etwa von 1910 bis 1922. Die Partei von Venizelos und der Venizelisten war die Liberale Partei (KF), eine “starke” Monarchie unterstützte die Volkspartei (LK). Venizelos war von 1910-33 mit Unterbrechungen 7x Premier. Er wollte eine grosse/finale Enosis, die Wiedererrichtung Griechenlands in (beinahe) byzantinischen Dimensionen. Nicht gesichert ist, ob er als Premier vor dem 1. WK mit Vertretern des Osmanischen Reichs über einen Bevölkerungs-Austausch von Türken/Moslems in Nord-Griechenland und Griechen/Christen aus Smyrna verhandelt hat (dies wird behauptet).

Vor dem Weltkrieg verlor das Osmanische Reich noch weitere Gebiete in Afrika und Europa. Die Italiener entrissen 1911/12 den Türken Libyen und Dodekanes (mit Rhodos). Nach den Balkankriegen 1912/13 bekam Hellas den für sich relevanten Teil Makedoniens (Süd-, mit Thessaloniki), den Süd-Epirus und einen Grossteil der Ägäischen Inseln; ausserdem Kreta endgültig. Durch die Gebiete im Norden gab es nun mehr Minderheiten in Griechenland (Juden, Türken, Albaner, Slawen, Aromunen, Roma/Sinti,…) sowie Grenzstreitigkeiten mit anderen Mächten als den Osmanen.

***

Untergang des Osmanischen Reichs, katastrophaler Abschluss der Enosis, Entstehung der Türkei

Das (jungtürkisch regierte) Osmanische Reich war im 1. WK, als Teil der Mittelmächte, an mehreren Fronten engagiert, gegen Truppen der Entente bzw der Alliierten: In seinem Nordosten, an der Kaukasusfront, gegen die Russen. Hier spielten die Armenier eine wichtige Rolle, nach den Deportationen und Massakern an diesen im osmanischen Bereich konnte die russische Armee weit vorrücken. Am Ende des Kriegs konnte eine osmanische Armee unter Enver Pascha dieses Gebiet in Nordost-Anatolien zurückerobern, Teile von ihr drangen nach Persien und Zentralasien ein; im Südosten, in Mesopotamien/Irak, gegen die Briten (und deren Hilfstruppen); im Nordwesten bei den Dardanellen, vor Istanbul, wo Truppen der Entente 1915/16 scheiterten; im Südwesten gegen die Briten, die aus Ägypten (bzw Sinai), das sie kurz vor dem Krieg annektierten, nach Palästina (Gaza) vordrangen, eine entscheidende Niederlage des osmanischen Militärs im September 1918.

In Griechenland führte der Gegensatz zwischen deutschfreundlichem König (Konstantinos I.) und Premier Venizelos im Ersten Weltkrieg zu einem kleinen Bürgerkrieg. Die Republikaner setzten sich diesbezüglich durch, und das Land trat unter Venizelos 1917 auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg ein, während der König zugunsten seines Sohnes Alexandros abtrat. Im Vergleich zum östlichen Nachbarn war Griechenland in diesem Krieg wenig involviert (etwas am Balkan, gegen Bulgarien), und die wirkliche “Bewährungsprobe” kam erst danach. Der griechische Kriegseintritt auf der Gegenseite gegen Ende des Kriegs, noch dazu unter dem Irredentisten Venizelos, verschlechterte das griechisch-türkische Verhältnis auf allen Ebenen wieder, das bekamen nicht zuletzt die Griechen in Konstantinopel und anderswo im Osmanischen Reich zu spüren. Eine osmanische Nation aus den verschiedenen Nationalitäten zu formen, dieses Unterfangen der Jungtürken erwies sich in diesem Krieg als aussichtslos, schlug in die “Gegenrichtung” um.

Dort, wo Nordwest-Anatolien in Armenien und Georgien übergeht, also an der Kaukasusfront, war die russische Armee im Krieg ja (s.o.) weit vorgestossen, hielt 1916/17 diese Frontlinie; nach den Revolutionen in Russland zogen die Russen ab. Diese Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Ost-Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern, Assyrern und Schwarzmeer-Griechen. Die Schwarzmeer/Pontus-Griechen riefen 1917 dort, südlich vom Schwarzen Meer, eine “Republik Pontus” (griechisch Dimokratía tou Póntou) um Trapesunt/Trabzon aus. Nach der osmanischen Rückeroberung 1918, aber auch schon vor dem Vorrücken der Russen kam es zu Massakern und Deportationen moslemischer osmanischer Verbände (auch) an den dortigen Griechen. Besonders hervor tat sich dabei Nuredin Pascha. Bei der Pariser Vorort-Nachkriegskonferenz das Osmanische Reich betreffend, in Sevres, plädierte die griechische Venizelos-Regierung dafür, das Pontus-Gebiet in Gross-Armenien (seinem westlichen Teil) zu inkorporieren53. Was dort auch geschah. Auch andere osmanische Griechen wurden in den Kriegsjahren und danach in Mitleidenschaft gezogen, mehr dazu weiter unten.

Im Oktober 1918 der Waffenstillstand von Mudros, dann die Besetzung (auch des Kernbereichs) des Osmanischen Reichs durch Truppen der Entente-Mächte Grossbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland54. Konstantinopel/ Istanbul und die Region darum herum (Marmara-Region) wurde durch die vier Mächte gemeinsam besetzt55, die alle auch ihre Besatzungs-Zonen sonstwo im Reich hatten. Der machtlose Sultan und die Regierung wurden abgesetzt, ein neuer Sultan und neue Regierungen kamen. Nun kam auch der liberale Flügel der Jungtürken zum Zug, etwa mit Damat F. Pascha (bosniakischer Herkunft), der 1919/20 zwei Mal Grosswesir/Premierminister war. Sultan und Regierung wirkten aber unter dem Regime der Besatzungstruppen, also mit beschränkten Möglichkeiten. Britische Truppen waren “tonangebend” in der Marmara-Region, hielten ausserdem Ägypten, Mesopotamien, Palästina, Transjordanien, die arabische Halbinsel (und einige Jahrzehnte bereits Zypern). Die Franzosen hielten Kilikien sowie Syrien (inklusive Antiochia-Gebiet und Libanon). Truppen aus Griechenland und Italien kamen 1919, zum Einen wie gesagt in den Raum um Istanbul. Zum Anderen: Die Italiener in eine Zone in Südwest-Anatolien; die Griechen (1919) nach Smyrna und (1920) nach Ost-Thrakien.

Griechische Soldaten in Konstantinopel, nach dem 1. WK… nach beinahe 500 Jahren wieder. Wobei: die Beteiligung von Soldaten aus Griechenland an der Besetzung der Stadt war marginal56 und die Griechen hatten in den Jahrhunderten davor, als Teil der Oberschicht, über die Stadt wohl mit-geherrscht. Das Osmanische Reich lag am Boden, war besetzt, die Auflösung der osmanischen Streitkräfte wurde in die Wege geleitet, und die Äusserungen von Führern der Entente-Staaten bestätigten, dass es zu gravierenden territorialen Änderungen kommen werde, das Osmanische Reich stark verkleinert werde. Und die Griechen waren in einer noch günstigeren Position als die Armenier oder Kurden, schliesslich hatte Griechenland einen kleinen Beitrag zu den Kriegsbemühungen der Entente geleistet. Würde es also zur finalen Enosis kommen? Thrakien und das Gebiet um Smyrna (Ionien) wurde von Truppen Griechenlands kontrolliert, die auch in Konstantinopel waren. In diesen Gebieten sowie im Pontus und in Kappadokien gab es grosse und tief verwurzelte griechische Bevölkerungsggruppen. In Konstantinopel und Smyrna gab es damals eine grössere griechische Bevölkerung als in jeder Stadt Griechenlands inkl. Athen.

Orthodoxer Patriarch zur Zeit des Kriegs war “Germanus V.” (Georgios Kavakopoulos), genauer von 1913 bis 1918. Auch unter osmanischen Griechen gab es die Polarisierung zwischen Venizelisten und Royalisten, besonders unter jenen in Konstantinopel. Und mit dem Mudros-Waffenstillstand und dem was darauf folgte, waren die politischen Rahmenbedingungen für die osmanischen Griechen ganz neu. Patriarch Germanos wurde in dieser Situation von seinen Leuten zum Rücktritt gedrängt, im Oktober 1918. Die pro-venizelistische grecophone Istanbuler Presse hatte sich auf Germanos eingeschossen, dem man vorwarf, zu wenig politisch und energetisch zu sein, mit den Jungtürken Kompromisse geschlossen zu haben. In der Georgskirche im Phanar wurde vereinbart, die Wahl eines neuen Patriarchen bis zu einer dauerhaften Friedensregelung aufzuschieben. Einstweilen wurde der Erzbischof von Brussa/Bursa, Dorotheos Mammelis zum amtierenden, provisorischen Patriarchen bestellt. Diese(s) Interregnum/ Vakanz dauerte immerhin bis 1921. Der locum tenens Mammelis stattete nach seiner Wahl dem ebenfalls ziemlich neuen Sultan, Mehmet VI. (es sollte der letzte sein), einen Besuch ab. Der Sultan begrüsste ihn freundlich und versprach, alle osmanischen Bürger ungeachtet der Religion gleich zu behandeln. Viel Gelegenheit dazu hatte er aber nicht, vielleicht schade… Dorotheos war der letzte Patriarch (falls er als solcher zu sehen ist), der die Anerkennung eines Sultans bekam, aber der erste seit 1453, der auch ohne diese Anerkennung amtieren hätte können! Seine Nachfolger waren wieder auf die Akzeptanz türkischer Behörden angewiesen, jene der Republik dann.

Damals glaubten die meisten Griechen in Griechenland und im (noch bestehenden) Osmanischen Reich daran, dass die Megali Idea nun bald Realität werden würde. An eine Koexistenz mit Türken (auf Grundlage einer echten Gleichberechtigung) glaubten nur wenige Griechen. Dem Patriarchat kam bei den von den meisten Griechen erhofften Entwicklungen eine historische Rolle zu. Die politische Führungsrolle für die Volksgruppe, die es unter osmanischer Herrschaft bekommen hatte, kam nun (in der Phase zwischen den Waffenstillständen von Mudros ’18 und Mudanya ’2257) wahrscheinlich noch stärker zu Tragen. Unter Griechen war und ist kein Nationalismus unter Ausblendung der orthodoxen Kirche möglich. Und nach dem 1. WK waren auch die Beziehungen zwischen Athen (also griechischer Regierung) und Phanar (Patriarchat) ausgezeichnet. Und der amtierende Patriarch, Dorotheos, äusserte seine Überzeugung, die einzige Lösung für den Hellenismus (das Griechentum) in der “Türkei” liege in der “byzantinischen Lösung”.

Die Stimmung der Griechen Konstantinopels/Istanbuls kam beim begeisterten Empfang der Flotte der Entente/Alliierten im November 1918 gut zum Ausdruck. Zum ersten Mal seit 1453 war die Stadt nicht mehr in türkischen Händen.58 Das Millet-System, das den Beginn der Abtrennung griechischer Gebiete vom Osmanischen Reich gut ein Jahrhundert überlebt hatte, kam nun zu einem Ende, davon waren die Meisten damals überzeugt. Griechische Truppen waren wie erwähnt an der Besetzung Istanbul (18-23) beteiligt. Die Ankunft des Panzerkreuzers “Georgios Averoff” 1919 wurde wiederum von der griechischen (und armenischen) Bevölkerung der Stadt enthusiastisch begrüsst.59 Erster griechischer Hochkommissar in Istanbul/Konstantinopel wurde Efthymios Kanellopoulos (1919-21). Griechische Marine-Soldaten patrouillierten durch Teile der Stadt, das Patriarchat wurde durch ein kretisches Regiment beschützt. Eine griechische Flagge wurde über dem Patriarchat gehisst, ein grosses Bild von Venizelos am Taksim-Platz im Viertel Pera/Beyoglu aufgestellt.60

Griechische Soldaten/Polizisten aus Kreta im Patriarchat

Auch Ost-Thrakien und Ionien waren von Truppen des „alten Hellas“ besetzt. Das Sagen hatten aber die führenden Entente-Mächte Grossbritannien und Frankreich, und die Zukunft der Region war noch in der Schwebe. 1918/19 gab es Konsens darüber, dass Istanbul und die Region mit den Meerengen auf Dauer internationalisiert (also unter Kontrolle dieser Mächte gestellt) werden sollte, was den meisten Griechen wahrscheinlich nicht Unrecht war. In dieser Phase vollzog sich eine innere Ablösung der Griechen Konstantinopels (in Smyrna war es vermutlich ähnlich) von der Zugehörigkeit zu einem türkischen Staat. Das Patriarchat liess den Unterricht von Türkisch in griechischen Schulen Konstantinopels im Jänner 19 abschaffen. Im März 19 wurde in den orthodoxen Kirchen der Stadt eine Resolution für die Vereinigung mit Griechenland verkündet. Die Autonomie ihre eigenen Angelegenheiten betreffend, die ihnen unter osmanischer Herrschaft gewährt worden war, war in der Zeit 1918-22 für die Griechen Konstantinopels grösser geworden. Es bestimmte das Patriarchat, unter Einbeziehung der Notabeln der Gemeinschaft (es bildete sich ein “Nationales Komitee”).

Die ziemlich machtlose Sultans-Regierung von Ahmet Tevfik Pascha (1918-19, 1920-22) versuchte gute Beziehungen zu den Griechen des untergehenden Reichs aufrecht zu erhalten, sie einzubinden. Tevfik bot dem griechischen Abgeordneten im osmanischen Parlament, Kostaki Vayianis (früherer Gouverneur von Samos) einen Ministerposten (jenen für Handel) an, was der annahm. Er ernannte andere osmanische Griechen in Positionen der Verwaltungsbehörden. Doch, im Jänner 1919 verlangte das Patriarchat von osmanischen Griechen in der Politik (Minister, Abgeordnete,…) und Verwaltung (Beamte), ihre Ämter niederzulegen. Vayianis, der Grieche in der wahrscheinlich höchsten Position, trat hier, nach wenigen Monaten im Minister-Amt, zurück. Aristidis Georgantzoglou lehnte das Angebot ab, sein Nachfolger zu werden. Was weniger ein Affront war: die griechischen Abgeordneten um Emmanuelidis forderten vor ihrem Abgang aus dem Parlament die Strafverfolgung der Jungtürken-Führer, unter denen die Armenier mehr als alle Anderen gelitten haben – dies wurde damals unter den Briten auch in die Wege geleitet. Von März 19 an verweigerte das Patriarchat unter Mammelis Kontakte mit dem Sultan oder der osmanischen Regierung, und forderte die Griechen auf, auch nicht an Wahlen teilzunehmen (1919 die letzte Wahl zum osmanischen Parlament).

1919 warnte sogar der griechische Hochkommissar Kanellopoulos die Konstantinopoler Griechen davor, die Gunst der Stunde nicht zu strapazieren, das Schicksal nicht herauszufordern, von provokativen Akten abzusehen. Genau das dürfte aber vor sich gegangen sein… Für die Türken und anderen Moslems Konstantinopels und des Reichs bedeutete diese Zeit (die etwa mit der Jungtürken-Revolution begann und mindestens bis in die 1930er ging, mit dem was die Gründung der Republik nach sich zog) auch eine der enormen Umwälzungen und Verunsicherungen. Gerade in der Hauptstadt wurde die Atmosphäre zwischen den Bevölkerungsteilen (Christen-Moslems, grob geteilt) zunehmend polarisiert. Aus der Sicht der betreffenden Griechen (und Armenier,…) ging es aber darum, nun endlich den Status als Bürger zweiter Klasse abzulegen. Mit Hilfe der eingefallenen Westmächte, gegen die moslemischen Landsleute, vereinfacht gesagt, und auf eine Abtrennung ihrer Gebiete vom Osmanischen Reich (oder einem Nachfolgestaat) abzielend. Aber es gab damals auch ausgestreckte Hände von türkischer Seite, Bemühungen um eine tiefgreifende Reform, nicht gegen die Minderheiten, wie sie dann unter Atatürk kam.61

Währenddessen begannen die Entente-Mächte in Paris, die Zukunft des Osmanischen Reichs (und der anderen Mittelmächte des 1. WK) zu debattieren (1919/20). Neben einer Delegation aus Griechenland unter Venizelos war auch eine Delegation von Griechen aus Istanbul dort. Griechenlands Regierungschef Venizelos war fest entschlossen, jetzt ein Gross-Griechenland zu realisieren, nie war die Gelegenheit so günstig, nie würde sie wieder so sein. Was Konstantinopel/Istanbul betraf, Venizelos hat in dieser Zeit nach dem 1. WK keine Ansprüche auf diese Stadt gestellt, weder in Paris noch in anderem Kontext. Wobei, wenn das thrakische Hinterland erst einmal Teil Griechenlands war (zu diesem Zeitpunkt war das weder der westliche noch der östliche Teil), und wenn die Stadt unter internationaler/westlicher Herrschaft blieb, würde die grosse griechische Bevölkerungsgruppe in Konstantinopel ohnehin die Stadt dominieren, so erwartete man.62 Griechenland (unter Venizelos) beanspruchte Smyrna und sein Umland, ganz Thrakien, die Ägäis und ihre Inseln und Nord-Epirus.

Im Endeeffekt hat Griechenland all das dann zugesprochen bekommen, ausser Nord-Epirus. In „Extremvarianten“ der Megali Idea waren nicht nur die in Sevres zugesprochenen Gebiete Teil Griechenlands, sondern auch Istanbul, Zypern (damals britisch), der Dodekanes-Archipel (italienisch) und (weitere) Teile des westlichen Anatoliens. Und dann wären noch immer die Kappadokien- und die Pontus-Griechen draussen geblieben. Alexandris schreibt dass die venizelistische Politik davon ausging, dass die neuen griechischen Territorien relativ homogen griechisch bevölkert sein würden, aufgrund freiwilliger Inter-Migrationen, also von Moslems aus Nord-Griechenland (oder auch Kreta) in das Rest-Sultanat, Griechen aus abgelegenen Gebieten in Anatolien nach Gross-Griechenland… Bei Allem, und das war die Crux an diesen Plänen und Wünschen, war Griechenland auf das Wohlwollen und die Unterstützung der grösseren Entente-Mächte (GB und Frankreich) angewiesen; sein eigenes Militär war zu schwach.

Im Mai 1919 die Landung, das Einrücken griechischer Truppen in Smyrna, gemäß der Absprache mit GB/Frankreich. Der Kreter Aristeidis Stergiadis wurde von Premier Venizelos zum Zivilverwalter ernannt, blieb das bis zum Ende 1922. Smyrna war im 11. Jh von den Seldschuken erobert worden, hier kam also nach etwa 900 Jahren wieder eine griechische Herrschaft. Man kann vermutlich viel über den Charakter der griechischen Herrschaft in Ost-Thrakien und Smyrna mit Hinterland (Ionien) schreiben, was sie für Nicht-Griechen bzw Nicht-Christen bedeutete. Die Landung der Griechen in Smyrna (wo Griechen wahrscheinlich in der Mehrheit waren) wird jedenfalls zT (von Türken) als Beginn des (Griechisch-Türkischen) Krieges gesehen, soll hauptverantwortlich für die Entstehung “türkischen National-Bewegung” unter Mustafa Kemal Atatürk gewesen sein. Im November ’19 wurde im Friedensvertrag der Entente-Mächte mit Bulgarien in Neuilly Griechenland West-Thrakien zugesprochen.

Smyrna 1919

Nun erst gab es eine Land-Verbindung griechischen Territoriums bis zur osmanischen Grenze. Die Maritsa/ Mariza trennt West- von Ost-Thrakien, war 1913 nach dem bulgarischen Gewinn West-Thrakiens Grenzfluss des Osmanischen Reichs geworden. Ein kleiner (und freiwilliger) Bevölkerungsaustausch folgte dem Gebietstransfer 1919 (Bulgaren aus dem nun griechischen West-Thrakien nach Bulgarien, Griechen nach Griechenland). 1920 der Einmarsch der Griechen in Ost-Thrakien, die Region mit dem Zentrum Adrianopel/Edirne wurde ihnen nach dem Weltkrieg von den führenden Entente-Mächten zugesprochen. Blieb wie Ionien bis 1922 unter griechischer Herrschaft. Wobei: Der gesamte östliche Teil Ost-Thrakiens war und blieb Teil der Entente-Besatzungszone um Istanbul (die entmilitarisiertes osmanisches Gebiet werden sollte). Diese Zone beinhaltete die Halbinsel Gallipoli/Gelibolu/Kallipolis (ist ein Teil Ost-Thrakiens) und das westliche Hinterland von Konstantinopel; die griechische Zone ging bis Catalca/Kataldja an der Stadtgrenze Istanbuls.

Nationalpakt 1920

Eigentlich war es angesichts der Entwicklungen in und um das Osmanische Reich, seinem semi-kolonialen Status, nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem grösseren Aufbegehren von Türken kam. Der dann “Atatürk” Genannte stammte aus (einer türkischen Familie in) (Thes)saloniki/ Selanik, sprach gut Griechisch. Die Geschichte ist bekannt, wie er sich 1919 der Auflösung des osmanischen Militärs, mit der er betraut wurde, widersetzte, zusammen mit anderen Offizieren, im Inneren Anatoliens neue militärische Einheiten formte. Das letzte osmanische Parlament wurde im Dezember 19 gewählt, was auf eine Einigung der Atatürk-Bewegung (in der unbesetzten Zone, in Ankara/Angora) und dem Sultan und seiner Regierung in Konstantinopel zurückging. Die Wahl brachte einen überwältigenden Sieg der Atatürk-nahen “Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti”. Das Parlament trat im Jänner 1920 erstmals zusammen, hatte keine nicht-moslemischen Mitglieder – ein Fingerzeig. Es wurde im Frühling von den Entente-Mächten aufgelöst, kurz nachdem es den Nationalpakt angenommen hatte, mit dem die Nationalisten ihre territorialen Ziele absteckten. Die umfassten um Einiges mehr, als dann die Republik Türkei ausmacht(e): Neben Antiochia/Hatay weitere Teile Syriens (mit Aleppo/Halap), West-Thrakien, Batumi (SU/Georgien), das Mossul-Gebiet (Irakisches Kurdistan/ Mesopotamien) und Zypern.63

Atatürk organisierte darauf hin ein neues Parlament und eine Gegenregierung, in Ankara; und er gewann allmählich an Boden, gegenüber dem Sultan und “dessen” Regierung in Istanbul/Konstantinopel. Im Sommer 1920 ordnete Venizelos als griechischer Regierungschef eine Offensive von der Smyrna-Zone aus an, die Griechenland ja (international akzeptiert) kontrollierte, auch bevor sie ihm zugespochen wurde. Der griechische Vorstoss ins Innere Anatoliens sollte den Kemalisten/ türkischen Nationalisten “begegnen”, die sich in Ankara sammelten, die Smyrna-Zone absichern und wennmöglich langfristigen Schutz für Griechen in Anatolien (Pontus, Kappadokien, westliches Anatolien) bringen. Der Vorstoss führte östlich von der Smyrna-Zone heraus, nördlich der italienischen Zone (um Antalya/Adalia) vorbei, südlich der gemeinsam von Entente-Mächten besetzten Marmara-Zone. Es war anfangs ein Durchmarsch. Atatürk organisierte den Widerstand. Der Krieg begann unter König Alexandros Slesvig und Premier Eleftherios Venizelos.

Dann, im August 1920, wurde der Vertrag von Sèvres unterzeichnet; die Siegermächte des Ersten Weltkriegs beschlossen die “Zerlegung” des Osmanischen Reichs, bis auf einen anatolischen Rumpfstaat. Istanbul/ Konstantinopel blieb demnach beim Sultanat (und Hauptstadt), aber mit Vorbehaltsrechten der Entente. Griechenland bekam die von ihm gehaltenen Gebiete Ostthrakien (nicht ganz bis Istanbul, ohne einen Teil der Küste), Ionien (Smyrna und Hinterland), die Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos, zugesprochen. Das Smyrna-Hinterland blieb gemäß Sevres-Vertrag zwar griechisch kontrolliert, de jure aber dem Sultan unterstellt, ein Referendum sollte hier über die Zugehörigkeit entscheiden. In Anatolien bekamen Frankreich und Italien Interessengebiete/Einflusszonen zugestanden, jene Gebiete die gerade von ihnen kontrolliert wurden. Das damals unabhängige (Ost-) Armenien bekam die west-armenischen Gebiete zugesprochen. Den Kurden wurde ein Staat unabhängig vom Osmanischen Reich in Aussicht gestellt, in Südost-Anatolien. Die Aufteilungen entsprachen also weitgehendst den damals aktuellen “Besatzungszonen”, nur bzgl Armenien nicht. Und, die französische Zone in Anatolien/Kleinasien schloss an das französische Syrien an, die italienische an den Dodekanes, die Griechenland zugesprochenen Gebiete an das bestehende Griechenland (über Land oder Wasser).

Die Aufteilung des Osmanischen Reichs gemäß dem Sevres-Abkommen

Der Vertrag wurde von den Repräsentanten des Osmanischen Reich unterzeichnet, aber dann nicht ratifiziert, schliesslich gab es kein osmanisches Parlament mehr; und das nicht anerkannte kemalistische war mit der Bekämpfung der Verhältnisse, die sich im Sevres-Vertrag wiederspiegelten, beschäftigt. Im Endeffekt wurden von den im Pariser Vorort beschlossenen Bestimmungen nur die Abtrennungen der arabischen Gebiete an GB und Frankreich, die Türken also nicht sehr betrafen, dauerhaft umgesetzt.64 Wobei es auch hier beim französischen Mandatsgebiet Syrien Änderungen zugunsten der späteren Türkei gab. Für Griechenland bedeutete Sevres nicht die Erfüllung aller Wünsche (Konstantinopel…), aber die Bestätigung der damaligen Verhältnisse, und das war nicht wenig. In der osmanischen Hauptstadt hätten Griechen auch eine wichtige Rolle gespielt.

Im Herbst ’20 dramatische Umwälzungen in Griechenland: der Tod von König Alexandros und die Wahlniederlage von Venizelos’ Liberaler Partei. Konstantinos kehrte, abgesegnet durch ein Referendum, auf den Thron zurück. Gounaris von der Volkspartei wurde Premier, er und König Konstantin(os) liessen den Feldzug in Anatolien fortsetzen. Die meisten osmanischen Griechen und jene in den neu zu Griechenland gekommenen Gebieten betrachteten Venizelos weiter als den “Führer” Griechenlands, konnten dem Umschwung an den Wahlurnen in Griechenland nicht folgen. Es gab einige Freiwillige aus griechischen Gemeinschaften des untergehenden Osmanischen Reichs an dem Kriegszug65, andere „spendeten nur“ Geld. Eingedenk des byzantinischen Erbes, das nun wiederbelebt werden sollte, wurde der letzte Kaiser von Byzanz, Konstantin(os) XI. Palaiologos, in diesem Krieg beschworen, “angerufen”. Der aktuelle griechische König, auch ein Konstantin, ersetzte venizelistische Offiziere durch monarchistische, Anastasios Papoulas wurde neuer Leiter des Feldzugs. Eine britische Unterstützung (unter Verteidigungsminister Churchill, ’19 – Feb ’21, unter Premier Lloyd-George) war nicht unwahrscheinlich, wurde evtl. angedeutet, wäre notwendig gewesen.66

Verwundete Griechen Sangarios

Anfang 1921 die Schlachten bei Inönü, unentschieden, erstmals kein griechischer Durchmarsch, grösserer türkischer Widerstand. Der spätere Ismet Inönü (väterlicherseits kurdischer Herkunft…) nahm seinen Nachnamen von dem Ort wo die Schlacht stattfand, an der er beteiligt war. Im Sommer 21 eine weitere Schlacht bei Ekisehir/Dorylaion, türkischer Rückzug an den Sakarya/Sangarios-Fluss bei Gordion; kein Durchkommen der Griechen, die sich etwas zurückzogen. August/September die Schlacht am Sakarya (griechische Entscheidung für den Angriff auf die letzte Verteidigungslinie vor Ankara), 21 Tage, 100 km vor Angora (Kanonendonner war dort zu hören), Türken auf den Anhöhen, Unentschieden, kein Durchbruch, kleiner Rückzug. Dann fast 1 Jahr Stillstand bis August 1922, hier war jedoch der Wendepunkt des Krieges, das Ende der Offensive. Die Entente leisteten den Griechen nicht nur keine Hilfe, sie waren, aus verschiedenen Gründen, bereits für eine Revision des Sevres-Vertrags. Papoulas trat ab, Kemal und Ismet konnten neu aufrüsten, wollten jetzt nicht mehr verhandeln; zwischendurch gab es griechische Pläne für einen Angriff auf Konstantinopel. Man kann vermutlich lange darüber diskutieren, ob die Türken die Griechen zügig weit vorstossen liessen, schneller als diese Nachschub organisieren konnten…und sie dann hart abbremsten. Oder ist der griechische Vormarsch zusammengebrochen aufgrund der Unfähigkeit der griechischen Militärführung und die Türken eigentlich nach vielen Niederlagen vor einer weiteren vor Ankara standen.

Der Ort, an dem der griechische Vorstoss 1922 zum Stillstand kam, der sich als Wendepunkt in dem Krieg erwies, hatte natürlich einen Bezug zur antiken griechischen Geschichte: Gordion… Wobei man hier sorgsam zwischen Geschichte und Legende unterscheiden muss. Es war beim Vorstoss des Makedoniers Alexander (“der Grosse”) nach Asien, durch das damals persische Kleinasien, als er 333 vC bei Gordion am Sangarios auf die Phryg(i)er stiess. Der Jahrhunderte früher “angesetzte” Phryger-König Gordios (der die Stadt Gordion gegründet haben soll) ist wahrscheinlich legendär. Und, die Legende sagt, Gordios weihte seinen Wagen mit einem unauflösbaren Knoten im Zeustempel und prophezeite, dass derjenige, der den Knoten (Gordischer Knoten) lösen könnte, die Herrschaft über Kleinasien erlangen würde; in anderen Varianten ging es um die Herrschaft über ganz Asien. Alexandros soll den Knoten mit seinem Schwert entzwei geschlagen haben; jedenfalls eroberte er Kleinasien67 und in Folge auch weitere grosse Teile Asiens, hauptsächlich Kern-Persien. Für die Griechen ging es über 2000 Jahre später um die Herrschaft von Teilen Kleinasiens. Und, vereinfacht gesagt wurden die Griechen infolge dieser Schlacht bei Gordion aus Asien hinaus getrieben.

Die kemalistischen Türken waren Ende 1920 mit ihrem Kriegszug gegen Armenien fertig und Ende 1921 mit jenem gegen die Franzosen im Grenzbereich zu Syrien (wo dann die Grenze festgelegt wurde). Und die Italiener gaben ihre Zone in Südwestanatolien 1921 auf; es heisst Italien hatte sich von Sevres auch die Smyrna-Zone erwartet und hat aus Unmut über die Festlegung dort vor dem Abzug noch kemalistische Truppen in Anatolien ausgerüstet und ausgebildet. Das heisst, Ende 21, also etwa zur Halbzeit der Pause des Kriegs mit griechischen Truppen, hatte die kemalistische Nationalbewegung nur noch die Griechen als Gegner; ja, die von Entente-Mächten gemeinsam verwaltete Zone um Istanbul gab es auch noch als Ziel. 1921/22 fuhren griechische Kriegsschiffe über die Meerengen bei Istanbul in das Schwarze Meer und bombardierten einige Städte, wie Trabzon/Trapesunt oder Samsun. Und was tat sich in der griechischen Gemeinschaft in Konstantinopel während des Krieges in Anatolien?

In der Hauptstadt des untergehenden Reichs verstärkten sich die Spannungen zwischen Christen und Moslems (hauptsächlich waren das Griechen und Türken); im Herbst 1921 kam es dort zu Erhebungen der Türken, gegen die Besetzung der Stadt und Anderes, etwa 30 000 Griechen verliessen in dieser Zeit die Stadt. Der amtierende orthodoxe Patriarch Dorotheos kommunizierte 1920/21 mit dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von Canterbury, Randall Davidson, über die Vertreibung von Türken aus Konstantinopel und die Wiederherstellung der Hagia Sophia als Kirche, was er beides befürwortete. Im März 21 starb der Übergangs-Patriarch Dorotheos in London. Anlässlich seines Tods bzw zwischen seinem Tod und der Wahl eines neuen Patriarchen wurde unter den Griechen Konstantinopels heftig über seine strikt nationalistische (soll man sagen: “separatistische”) Linie diskutiert. Es war eine Zeit der Ungewissheit bezüglich der politischen Zukunft dieser südlichen eurasischen Region und ihrer Bevölkerung. Zwar nach Sevres, aber inmitten des Kriegs den Griechenland vom Zaun gebrochen hatte, um seine Gebietserweiterungen abzusichern. Und Konstantinopel sollte ohnehin beim Osmanischen Reich verbleiben. Die Truppen der Entente/Alliierten könnten sich rasch zurückziehen, so wie die französischen und die italienischen aus Kleinasien… Deshalb war Dorotheos Mammelis’ Kurs unter den Griechen der Stadt umstritten. Zwar dürfte eine deutliche Mehrheit für diesen venizelistischen Kurs gewesen sein, aber ein auch nicht geringer Teil war für eine neutralere Politik des Patriarchats, ein weniger überheblicheres Auftreten der Griechen in der Stadt und anderswo gegenüber den Türken.

Proponenten dieses “vorsichtigeren” Lagers der Istanbuler Griechen aus der Umbruchs-Zeit nach dem 1. WK waren etwa Aristidis Georgantzoglou, die Mavrokordatos-Familie (einer der prominentesten Phanarioten-Familien), der Bischof von Chalcedon/ Kadiköy, Gregorius Zervoudakis, der ehemalige Abgeordnete im osmanischen Parlament Basil Orphanidis. Die Wahl des neuen Patriarchen im Dezember 1921 wurde ein Machtkampf der beiden Lager der Griechen der Stadt, die sich in etwa mit jenen der Venizelisten und Royalisten deckten. Gewählt wurde Emmanuel Metaxakis, ein Kreter, der auf Zypern und als Erzbischof von Athen gewirkt hatte; er nahm den Namen “Meletius IV.” an. Meletius/ Meletios war ein gemäßigter (griechischer) Nationalist/Venizelist; die griechische Regierung unter Dimitrios Gounaris versuchte seine Wahl ungültig erklären zu lassen. Und auch die osmanischen Behörden sowie (erst recht) die kemalistischen Nationalisten hatten ein Problem mit ihm. Seine Wahl verstiess gegen osmanische Gesetze aus 1454 und 1856, wonach Kandidaten Griechen aus dem Osmanischen Reich sein und von der “Hohen Pforte”68 genehmigt werden mussten.

Meletius war aber ein “Griechenland-Grieche” (ein Yunanli), und das Patriarchat überging die entsprechenden Regeln nicht nur, es erklärte vor der Wahl auch, dass diese von den “moslemischen Eroberern” aufgezwungen worden waren und nun bedeutunsglos seien. Das zeugt schön von der Sicherheit, in der “man” sich damals wog, von einer gewissen Überheblichkeit. Aber auch von der Zwickmühle, in der sich die osmanischen Griechen (besonders jene in Konstaninopel) befanden. Wenn man den Sultan um eine Bewilligung gefragt hätte, hätte das gegenüber den Kemalisten (die ja bald die Machthaber wurden) gar nichts genützt, eher den Sultan bei den Kemalisten weiter in Misskredit gebracht. Meletius war jedenfalls der letzte aus einem grösseren Kreis gewählte Patriarch… Eine Neuerung von ihm, die Bestand hatte, hatte mit dem Konflikt mit Türken nichts zu tun, er gründete 1922 die orthodoxe Erzdiözese von Amerika (Nord- und Süd-).

Im August 1922 nahmen die kemalistischen Türken nach etwa 1 Jahr Stillstand/Patt den Krieg in Anatolien wieder auf, überrannten bei Dumlupinar die griechischen Stellungen. Nikolaos Trikoupis69 und weitere hochrangige griechische Offiziere wurde dabei gefangen genommen; Trikoupis wurde Mustafa Kemal Atatürk (er konnte Griechisch, wir erinnern uns) vorgeführt, der ihn darüber informierte dass er zum Kommandant  der griechischen Truppen auf diesem Feldzug ernannt worden war, statt General Hatzianestis… Trikoupis, Digenis und andere hochrangige Kriegsgefangene kamen in ein Lager in Kirsehir/Mocissus, wurden nach dem Krieg 1923 gegen türkische Gefangene ausgetauscht. Nach dem Durchbruch von Dumlupinar war rasch klar, dass es nun um den Erhalt von Smyrna ging, der Stadt, der Zone herum, die vom griechischen Militär gehalten wurde, der Existenz der Griechen dort, aber auch jener anderswo.

Kriegsgefangene griechische Generäle

Ein Grossteil der dortigen griechischen Bevölkerung zog sich zusammen mit den Truppen aus Griechenland mit Schiffen über die Ägäis nach Griechenland zurück (Samos war eine der nächst gelegenen Inseln). Und mit ihnen die meisten Armenier aus der Gegend; Griechen und Armenier waren in diesen Jahren oft im selben Boot, bei der Evakuierung Smyrnas im wahrsten Sinn des Wortes. Am 8. September, als sich die letzten griechischen Truppen zurückzogen, kamen die ersten Elemente der kemalistischen Armee in die Stadt. Am Tag darauf begann die Disziplin unter den türkischen Truppen zusammenzubrechen… Jene Christen, die geblieben waren, hofften dass die Präsenz der britischen und französischen Flotte vor der Küste das Schlimmste verhindern würde. Darunter war Chrysosthomos (Kalafatis), der orthodoxe Erzbischof. Kalafatis stammte aus der Nähe von Konstantinopel war 1914 von den osmanischen Behörden abgesetzt worden; 1919 wurde er wieder eingesetzt. Er hatte auch mit Hochkommissar/ Gouverneur Stergiadis Schwierigkeiten, aufgrund seiner anti-türkischen Haltung, die er auch in Predigten an den Tag legte – das soll hier auch nicht unterschlagen werden.70 Am 10. September holten ihn türkische Offiziere aus “seiner” Kathedrale und lieferten ihn an Nuredin Pascha, welcher ihn von einem Mob lynchen liess. Am 13. September suchte ein Feuer die Stadt heim, gelegt von flüchtenden Griechen oder erobernden Türken, das ist nach wie vor unklar bzw umstritten.

Smyrna/Izmir 1922

Die Atatürk-Bewegung/Regierung hatte während des Kriegs zunehmend Anerkennung der Entente-Mächte gewonnen, und Sowjetrussland unterstützte ihn, auch weil GB und Frankreich die Gegenseite im Russischen Bürgerkrieg unterstützten. Griechenland wiederum war auf sich allein gestellt. Diesmal gab es kein hilfreiches Eingreifen der Westmächte wie gut 100 Jahre zuvor, im Unabhängigkeitskrieg, der am Beginn eines Prozesses stand, der nun zum Abschluss kam. Die Russische Revolution hat sich für die Türken in dieser Phase mehrmals als “Glücksfall” erwiesen. Die Griechen wurden 1922 bei Smyrna (wo Homer sein “Illias” geschrieben hatte) ins Meer getrieben. In Griechenland wurden Premier Gounaris, General Hatzianestis und Andere abgeurteilt und hingerichtet. König Konstantin dankte zugunsten seines Sohnes Georg(ios) ab. Venizelos wurde wieder Premier, 1924 gelang ihm die Errichtung der Republik (der zweiten des modernen Griechenlands). König Konstatin(os) I. hätte es wie Konstantinos Palaiologos gehen können, mehrmals; im Krieg von 1897 wurde er (in Thessalien) fast von den Türken gefangen genommen (als Kronprinz), 1921 (als König) beim Sakarya entging er einer Gefangennahme auch relativ knapp, und 1922 vor Smyrna wieder.71

Die Kemalisten kontrollierten im September 22, am Ende ihrer Kriege, den grössten Teil Anatoliens. Atatürk, seine Krieger und seine Anhänger konnten von niemandem mehr übergangen werden. Nach der Einnahme Smyrnas rückten die türkischen Truppen mit breiter Brust auf Konstantinopel bzw zunächst auf die südliche Marmara-Region (die ebenfalls unter internationaler Kontrolle war) vor.  Französische und italienische Truppen dürften bereits zuvor abgezogen sein, britische und griechische Truppen noch übrig geblieben sein. Es kam fast zu einem Krieg, doch die Briten und die Türken verhandelten dann miteinander. Im Abkommen von Mudanja/Mudanya im Oktober wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der Abzug der britischen Truppen, die Revision des Sevres-Vertrags, die Anerkennung der Ankara-Regierung…und die griechischen Truppen wurden weggeschickt, auch aus Ost-Thrakien nun. Mit dem Mudanya-Abkommen hatten die Kemalisten auf ganzer Linie gesiegt. Sie schickten Refet Pascha (später Refet Bele) nach Konstantinopel, wo er ihr Repräsentant wurde, ihre Machtübernahme vorbereitete und die Übernahme Ost-Thrakiens von Griechenland leiten sollte. Er teilte Mehmet VI., dem letzten Sultan, und Ahmet Tevfik Pascha, dem letzten Grosswesir, mit dass sie auf Beschluss der Gegenregierung und des Gegenparlaments in Ankara zurücktreten mussten. Das war im November 22.

Mehmet Osmanoglu musste Konstantinopel verlassen (tat das auf einem britischen Schiff, lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif (mit rein religiösem Charakter) eingesetzt, bis 1924. Die Kemalisten in Ankara erklärten auch das Osmanische Reich für aufgelöst.72 Sie hatten in Istanbul einen Fuss in der Türe, noch nicht das Sagen. Die Exzesse in Smyrna/Izmir wenige Wochen zuvor hatten zwar in Abwesenheit von europäischen Truppen und nach einer 4-jährigen griechischen Herrschaft über die Stadt und die Region stattgefunden, was bei Konstantinopel/Istanbul nicht der Fall war, aber es gab grosse Befürchtungen unter Angehörigen der christlichen Völker in Istanbul. Es gab schliesslich unter den Armeniern und Assyrern der Stadt auch solche, die die Vertreibungen und Massaker in Ost-Anatolien erlebt/überlebt hatten, Griechen aus verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, die im 1. WK und danach Übergriffe von Türken oder Kurden erlebt hatten.

Bei nationalistischen Türken hatte sich in den vergangenen Jahren einiges aufgestaut, manche wollten in dieser Phase die Vertreibung der christlichen Bevölkerung der Stadt. Die Übergabe der Macht von den Briten an die Kemalisten war eigentlich nur eine Frage der Zeit. So gab es in der Zeit vom September bis Dezember 1922 die erste grössere Ausreise-/Fluchtwelle von Griechen (von denen viele Staatsbürger Griechenlands waren) und Armeniern aus Istanbul. Es war wirklich ein wenig wie 1453 – als es zu Fluchtwellen aus der Stadt kam, und in den Jahrzehnten davor von Griechen (und Hellenisierten) aus Kleinasien in die Stadt. Aus dem byzantinischen Traum wurde ein Albtraum. Bis zum Abzug der Briten sollte es noch gut ein Jahr dauern. Die Niederlage in Anatolien und die Vertreibung/Flucht aus Smyrna/Izmir (“Kleinasiatische Katastrophe”, Μικρασιατική Καταστροφή) und der Verlust des zugesprochenen Ost-Thrakiens waren jedenfalls nicht Alles was die Griechen in diesen jahren einstecken mussten. Es gab in den Jahren 1914-1922 Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung in Anatolien, v.a. im Pontus-Gebiet, das fernab der griechischen Staatlichkeit und europäischer Interventionen lag, aber zeitweise zusammen mit den Armeniern verwaltet wurde; weniger in Kappadokien,…

Matthaios Kofidis, ein früheres Mitglied des osmanischen Parlamants, wurde etwa 1921 (während des Griechisch-Türkischen Kriegs) in Amasya gehängt, neben anderen griechischen Notabeln der Gegend. Treibende und ausführende Kräfte waren die bis Kriegsende regierenden Jungtürken und dann die kemalistische Nationalbewegung. Gemäß den weit divergierenden Quellen wurden mehrere hunderttausend osmanische Griechen in dieser Zeit getötet. Hinzu kommt die Zerstörung von Kirchen und anderen Immobilien, Diebstahl von Eigentum. Es wird auch von einem “Griechischen Genozid” für diese Phase gesprochen. Es gab aber Massaker von beiden Seiten, und immer war es eine “Antwort”, eine “Reaktion” auf etwas. Aus dem Pontus/Schwarzmeer-Gebiet flüchteten nicht wenige Griechen in den russischen Bereich (wo damals die SU entstand).73 Die Aussiedlung der meisten Griechen aus der Türkei 1923, aufgrund eines internationalen Abkommens, wird teilweise als Teil dieses Genozids gesehen.

Jungfrauen-Kirche in Nicäa/Iznik, 1920/22 zerstört

Einige Zahlen: Vor dem 1. WK gab es circa 300 000 Griechen in Istanbul/Konstantinopel, das war etwa ein Drittel der Bevölkerung der Stadt. Sie lebten v.a. im europäischen Teil (Phanar, Pera), waren in manchen Bereichen dominant. Zu dieser Zeit hatte Istanbul 1 Million und nicht 15 Millionen Einwohner. Während der Präsenz westlicher Truppen, des Krieges in Anatolien und der Übergriffe v.a. im Pontus-Gebiet, also nach dem “Weltkrieg”, wuchs die griechische Bevölkerung auf 400 000 an. Die christliche Bevölkerung der Stadt wurde ergänzt durch Armenier, Assyrer (v.a. Syrisch-Orthodoxe), Westler (konfessionell Katholiken, Protestanten) und kleinere Gruppen östlicher Christen (wie Maroniten). Christen gab es vor dem Krieg etwa 500 000 in der osmanischen Hauptstadt, sie machten etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Moslems (hauptsächlich natürlich Türken und Türkisierte) demnach auch etwa 50%. Hinzu kamen noch die Juden. Es gibt einige Unsicherheiten und Abweichungen bezüglich dieser Zahlen, was u.a. mit “Meinungsverschiedenheiten” bezüglich den Grenzen der Stadt zu tun hatte. Der Anteil der Griechen an der Gesamtbevölkerung des Reich lag bei irgendwas zwischen 5 und 10 % (1,8 Millionen in absoluten Zahlen), auf dem Gebiet der späteren Türkei (O-Thrakien & Anatolien) bei etwa 15%.

Es gab in Zentral-Anatolien eine griechische Gemeinschaft, die zur Zeit der Aussiedlung aufgrund des Lausanne-Vertrags 100-150 000 Menschen zählte: Die Karamanli-Griechen (auch Karamanlides, Karamanlis) oder Kappadokien-Griechen im Raum um Caesarea/Kayseri. Möglicherweise sind das streng genommen zwei verschiedene Gemeinschaften. Kappadokien/Kappadokia und Kara(h)man/ Caramania bezeichnen in etwa das selbe Gebiet. Unter der türkischen Karamaniden-Herrscherdynastie entstand im späteren Mittelalter in Kleinasien ein Fürstentum (Beylik), das dann dem Osmanischen Reich eingemeindet wurde. In diesem gab es dann die Provinz (Eyalet) Karaman, die 1864 zur Provinz Konya wurde. Diese osmanische Provinz umfasst 5 heutige türkische Provinzen. Das Besondere an diesen Griechen (für die der orthodoxe Bischof von Kayseri zuständig war) war ihre Isolation von anderen Griechen und dass sie türkisch-sprachig (turkophon) waren. Sogar ihre Gottesdienste wurden in der Regel in (osmanischem) Türkisch abgehalten, und sie haben Türkisch in griechischen Buchstaben geschrieben. Sprachliche und genetische/ethnische Entwicklung korrelieren nicht zwangsweise miteinander…74

Aufgrund dessen hatten sie eine niedrige Stellung unter Griechen inne. Ein Teil der Karamanli-Griechen ist sogar zum Islam übergetreten – und damit zu Türken geworden. Es gab im 19. und 20. Jh auch eine Binnenmigraton von ihnen, hauptsächlich nach Istanbul. In dieser Zeit wurden diese Griechen auch “Objekt einer Rivalität” zwischen griechischen und türkischen Nationalismen sowie Historiographien; siehe dazu den Text von G. Göktürk. Die einen sahen sie als (in osmanischer Zeit) türkisierte Griechen, die anderen als (in byzantinischer Zeit) christianisierte Türken. Bezüglich ihrer Herkunft gibt es diverse Theorien. Ihr Siedlungsgebiet war etwas südöstlich von dort, wo die griechische Armee 1920-22 hin kam. Der grösste Teil wurde 1923 ausgesiedelt. Ein kleiner, pro-türkischer Teil der Kappadokien/Karaman-Griechen blieb aber in der Republik Türkei. Und gründete eine neue Kirche. Treibende Kraft dabei war Efthymios Karahissaridis, ein Karamanli-Grieche, der 1915 griechisch-orthodoxer Priester wurde. Als sich in den “Besatzungsjahren” das Verhältnis zwischen Griechen und Türken dramatisch verschlechterte, nahme er gegen den griechischen Irredentismus (die Megali Idea) und auch direkt gegen das Patriarchat in Konstantinopel (die diesen unterstützte) Stellung.

Er begann die Kemalisten zu unterstützen und versuchte unter den Karamanlides für diese Sache zu “missionieren”. Papa (Vater, Priester) Eftim(ios) änderte seinen Namen, zunächst auf “Hisaroglu”, nachdem er das noch immer zu griechisch fand, nannte er sich “Zeki Erenerol”. Im September 1922, am Ende des griechischen Feldzugs, gründete er in Kayseri die “Türkisch-Orthodoxe Kirche”, mit sich als Patriarchen (“Eftim I.”). Die wenigen Anhänger, die Karahisaridis/Erenerol unter den Karamanli/ Kappadokien-Griechen gewannen, verlor er grossteil durch den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923. Auch der “Patriarch” hätte eigentlich nach Griechenland aussiedeln müssen, aufgrund seiner protürkischen Haltung bekamen er, Verwandte und Unterstützer Genehmigungen zu bleiben (es soll sich um etwa 60 Leute gehandelt haben). Sie zogen aber 1923 aus Kayseri nach Istanbul um, agitierten dort gegen Patriarch Meletios. “Eftim” war ein Aussenseiter unter den Karamanlides, mit seinem radikalen Bekenntnis zum Türkentum, bei Verbleib im orthodoxen Glauben; und doch hat er wahrscheinlich einen gewissen Zug ihrer Mentalität zum Ausdruck gebracht.

Ende November 1922 begannen dann die Verhandlungen in Lausanne zwischen dem Königreich Griechenland und der nationaltürkischen Führung, unter Vermittlung/Leitung von Vertretern der Entente/Alllierten, hauptsächlich GB. Nach langen Monaten des Tauziehens wurde im Juli 1923 der Vertrag unterzeichnet. Hauptverhandler waren Eleftherios Venizelos and Ismet Inönü75, für die Briten Aussenminister George Curzon, der auch schon anderswo über Grenzen und Bevölkerungen entschieden hatte. Ein Bevölkerungsaustausch zur Lösung bestehender Konflikte und Verhütung kommender war bereits vor Beginn der Konferenz in der Schweiz ein Thema; der Norweger Fridtjof Nansen hatte, als Beauftragter des Völkerbundes, so etwas nach der Smyrna-Katastrophe im September 1922 vorgeschlagen. Und auch von türkischer Seite war so etwas gefordert worden, bezüglich der Griechen von Konstantinopel. Bei der Konferenz kam dies dann als Forderung der türkischen Delegation, erweitert um die Entfernung des orthodoxen Patriarchats aus der Stadt (ein Transfer auf den Berg Athos wurde  vorgeschlagen). Für die griechische Seite kam so etwas nicht in Frage; die Aufgabe von Ionien, Ostthrakien, den Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos76 stand schon vor den Verhandlungen gewissermaßen fest, weitere Konzessionen wollte man vermeiden.

Ausserdem glaubte man, dass eine Ausweisung des Patriarchen bzw Abschaffung des Patriarchats eine Massenauswanderung der Griechen der Stadt zur Folge hätte. Griechenland hatte damals bereits etwa 1 Million griechischer Flüchtlinge (aus Smyrna, O-Thrakien,…) zu betreuen, zu integrieren. Griechenland brachte als Priorität das Bleiben der Griechen und des Patriarchats in Istanbul ein, war dafür bereit, die Aussiedlung aller anderen Griechen zu akzeptieren. Die Türken wären bereit gewesen, die Kappadokien-Griechen zu “behalten”, um sie an die Türkisch-Orthodoxe Kirche zu binden; hier zog Hellas die Aufnahme/Aussiedlung vor. Die Gespräche standen einige Male am Rande des Abbruchs…und damit die Region am Rande eines neuen Kriegs. Schliesslich kam der Handel zustande, den (etwa 300 000) Istanbuler Griechen das Bleiben zu ermöglichen (samt des Patriarchen), und im Gegenzug das der Türken in West-Thrakien. Alle anderen Griechen und Türken sollten ausgesiedelt werden aus dem jeweils anderen Staat. Gefeilscht wurde zB über die Frage der Wehrpflicht für verbliebene Türken/Moslems in Griechenland und Griechen/Christen in der künftigen Türkei. Dabei wurde über die diesbezüglich in den Jahrzehnten davor praktizierte Toleranz gestritten.77 Schliesslich wurde beschlossen, dass die Wehrpflicht für beide Minderheiten-Gruppen (weiterhin) gelten sollte.

Der Vertrag von Lausanne wurde im Monat nach seiner Unterzeichnung auch vom Ankara-Parlament ratifiziert. Er brachte die Anerkennung der Resultate der kemalistischen Kriegszüge, die Aufhebung des Sevres-Vertrags, die Wiederherstellung der vollen Souveränität der Türken, in einem verkleinerten und nun republikanischen Staat, der weiterhin stark militarisiert und autoritär war, im Endeffekt minderheitenfeindlicher als das Osmanische Reich. Was die Überwachung der Lausanne-Beschlüsse bezüglich Minderheitenschutz betraf: Es wurde zwar eine Gemischte Kommission mit Vertretern der 3 Vertragsparteien eingerichtet, für Nachverhandlungen und Ähnliches, aber die Türkei verbat sich effektive Schutzmaßnahmen diesbezüglich, als “Einmischung”. Die nicht-moslemischen Minderheiten müssten sich nur an die Gesetze der Republik halten, hiess es. Wobei es hier tatsächlich eine Umstellung geben musste, von Megali Idea – Ambitionen, die eben noch aktuell waren. Und die starke Mitwirkung der Griechen in Konstantinopel (die bleiben würden) daran hatten die Türken nicht vergessen.

Das Lausanne-Abkommen brachte die Gründung der Republik Türkei, den Abzug der letzten Besatzer, die türkische Wieder-Aneignung Konstantinopels, den Bevölkerungsaustausch. Die Proklamation der Republik Ende Oktober ’23 war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Im selben Monat zogen die Briten78 als letzte Besatzungsmacht aus Konstantinopel/Istanbul ab; einige Griechen und Armenier gingen mit, bzw verliessen das Land anlässlich dieses Abzugs. Und, am 6. 10. der Einzug des kemalistischen/nationaltürkischen Militärs in der Stadt, das von der moslemischen Bevölkerungshälfte der Stadt enthusiastisch begrüsst wurde. Es gab kleinere Übergriffe und Zusammenstösse, nichts Gröberes.79 Die türkische Presse schrieb (mit Genugtuung) von der zweiten Eroberung Istanbuls (470 Jahre nach der durch die Osmanen), was gar nicht so daneben war – schliesslich sah die christliche Bevölkerungshälfte das auch so ähnlich. Die Schlachten hatten aber nicht in Istanbul und Umgebung stattgefunden, sondern in Anatolien (Gordion, Dumlupinar,…).

Im Rahmen des Bevölkerungsaustausches wurden etwa 1,5 Mio. Griechen aus dem Gebiet das die Türkei wurde (aus Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, Marmara-Gebiet, Kilikien) nach Griechenland ausgesiedelt, und 500 000 Türken aus Kreta, Süd-Epirus, Makedonien in die Gegenrichtung. Bleiben durften die Griechen in Istanbul, Imbros, Tenedos sowie die Türken in West-Thrakien. Wobei in diesen Jahren ja auch Griechen aus der ehemaligen osmanischen Haupstadt gingen, hauptsächlich Wohlhabende. Und wie wurde “Griechen”, “Türken”, “in Istanbul”, “in Westthrakien” definiert? Griechen die vor dem Oktober 1918 (Mudros-Waffenstillstand, Kriegsende) in Istanbul/Konstantinopel (innerhalb der 1912 definierten Stadtgrenzen) niedergelassen/ “etabliert” waren, sollten also nicht ausgesiedelt werden. Und auch nicht Moslems wohnhaft in Westthrakien, wie es im Vertrag von Bukarest 1913 (der den 2. Balkankrieg beendete) definiert war.80 Es wurde also jene Gruppen definiert, die bleiben durften, nicht jene die gehen mussten.

Und es wurde teilweise über Religion, teilweise über Ethnizität definiert. Es mussten die Karamanlides/Karamanlılar/Karamanlis gehen, obwohl sie Türkisch-sprachig waren. Es mussten die Hayhurum (nach Griechenland) gehen, griechisch-orthodoxe Armenier aus Anatolien, deren Wurzeln bzw Ethnizität ebenso unklar/umstritten sind/ist.81 Es waren auch orthodoxe Georgier oder Syrer unter den Ausgesiedelten. Und: Die Moslems aus Griechenland die in die Türkei mussten, schlossen auch Albaner, Pomaken, Sinti, Aromunen oder die griechisch-sprachigen Vallahades mit ein. Aber auch unter Griechen und Türken die damals nicht zwangs-umgesiedelt wurden, gab es solche Assimilationen, ein solches Aufgehen, über viele Jahrhunderte hinweg…82 Die Pontus-Griechen waren zT schon vor dem Austausch gegangen (bzw geflüchtet), und nach Sowjetrussland. Dort und in Kappadokien (weniger in Ionien,…) gab es aber auch Leute griechischer Herkunft, die der Aussiedlung entgingen, da ihre Vorfahren bereits zum Islam konvertiert waren. Es entgingen dem zwangsweisen Bevölkerungsaustausch auch die Türken auf Rhodos (da der Dodekanes damals noch italienisch war), und die orthodoxen Syrer im Antiochia-Gebiet (das damals noch französisch war).83

Es gab eine Dichotomie bei den Aussiedlern wie auch bei den Dableibern. Was die Griechen/Orthodoxen zurückliessen, hatte einen weit grösserern Wert als der Besitz den die Türken/Moslems in Griechenland lassen mussten, und nicht nur weil erstere Gruppe gut 3x grösser war als die zweitere. Und, die Griechen in der Türkei, das war nun das Bürgertum von Istanbul (nicht mehr die Hauptstadt, aber weiterhin die Metropole), die Türken in Griechenland waren Bauern im abgelegenen Westthrakien. Gut, Imbros und Tenedos, lange von Griechen dominiert (die ja auch bleiben durften), sind auch agrarisch dominiert. Es kam auch zu direktem Aufeinandertreffen zwischen Ausgesiedelten und Bleibenden. Die Griechen aus Ost-Thrakien verliessen die Türkei über den Maritsa-Grenzfluss, ins griechische West-Thrakien (auch schon vor dem Aussiedlungsabkommen) – wo sie auf die dortige türkische Minderheit trafen. Türken aus Kreta wiederum wurden bevorzugt an von Griechen verlassene Dörfer an der Ägäis-Küste angesiedelt.

Es sind bei diesen Aussiedlungen (besonders jener der Griechen) Parallelen zu anderen solchen festzustellen, etwa jenen von Deutschen aus Osteuropa (zB aus Polen) nach dem 2. WK: Die Initiatoren wollten damit künftige Konflikte aber auch künftige Ansprüche und Illoyalitäten verhindern, auch bestrafen. Und diese Wechselwirkung von “Nicht als gleich akzeptiert werden” und “Illoyal sein”. Die gebliebenen Minderheiten wurden von den jeweiligen Staatsvölkern als (potentielles) “Trojanisches Pferd” gesehen, auch das ist “klassisch”. Auch bei jenen Deutschen in osteuropäischen Staaten, die nach 1945 blieben, musste nach einer der Phase der Entfremdung wieder Vertrauen aufgebaut werden. Dann wurden die Ausgesiedelten nicht immer und überall wirklich willkommen geheissen in der neuen Heimat, wo ihnen doch eigentlich Solidarität (als Landsleute, die Opfer eines Feindes geworden waren) entgegen strömen sollte. Aber zum Einen wurden sie auch als Konkurrenten gesehen (um Wohn-, Arbeitsplätze,…), zum Anderen genau mit diesem Feind assoziiert, Ähnlichkeiten mit diesem ausgemacht. “Volksdeutsche” die aus Ostgebieten nach Ost- und Mitteldeutschland strömten, wurden dort teilweise als “Polacken” gesehen… Und so haben manche Griechen oder Türken an den Einwanderern “bemerkt” dass diese etwas “Türkisches” bzw “Griechisches” hätten.84 Und in vielen Fällen haben die “Aussiedler” retrospektiv auch Gemeinsamkeiten mit ihren früheren “Nachbarn” entdeckt.85

Jener Aspekt des “Mübadele” (türkische Bezeichnung für den Bevölkerungsaustausch) wo es zu Streitigkeiten kam, war die Frage der in Istanbul ansässigen Griechen. Es ging um Jene, die sich nach dem (Stichtag) 30. Oktober 1918 dort niedergelassen hatten und um jene, die nicht bei den osmanischen Behörden als dort wohnhaft gemeldet waren. Dieser Streit wird als jener um die “Etablis” bezeichnet, aufgrund der Bezeichnung “etablis” im französischen Originalversion des Lausanne-Vertrags für “niedergelassen”. Natürlich wollte die türkische Seite die Zahl der Dableiber möglichst klein halten und die griechische sie möglichst gross. Und dementsprechend wurden um Definitionen gerungen, sofern diese nicht im Vertrag festgelegt waren. Der Streit um die Definition von „etablis“ bzw die “Etablis” (wer ein legitimer griechischer Istanbuler war, dort ansässig) ging zunächst bis 1930, spielte dann 1964 wieder eine Rolle. Daneben wurde auch um griechische Istanbuler gestritten, die nach 1918 die Stadt verlassen hatten, und nun zurückkehren wollten.

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Griechen in der Republik Türkei und die Beziehungen Griechenland-Türkei

Die neu gegründete Republik Türkei verstand (versteht) sich als türkischer Nationalstaat, westlich, säkular, souverän, homogen, von Mustafa K. Atatürk (“Vater der Türken”, wie er sich seit 1934 nannte) erkämpft, gegründet, geführt, mit der CHP als Staatspartei, starker Stellung des Militärs. Die totale Orientierung am Westen, ohne Ausgleich mit seinen Nachbarn im Westen (Griechenland, Bulgarien). Die Antithese zum Osmanischen Reich in manchen Aspekten, in anderen seine Fortsetzung. Die Staatsideologie von Ziya “Gökalp” (auch ein Künstlername), der eigentlich Kurde war. Die aus Anatolien und Ost-Thrakien bestehende Türkei war/ist eigentlich von einem Völkergemisch bewohnt. Wahrscheinlich wurde gerade deshalb ein ethno-linguistischer Nationalismus erfunden (angenommen), bei dem die Religion (Moslems-Andere) nach wie vor eine definierende Rolle spielte. Präsident Atatürk selbst sprach in manchen Reden von der “türkischen Rasse”, ihrer “Einzigartigkeit”, “türkischem Blut”. In den 1930ern begann man, eine Geschichtsauffassung zu propagieren86, die “Türkische Geschichtsthese”, in der es um eine frühe Ankunft von Türken in Kleinasien geht, eine Abstammung von den Hethitern, und Anderes.

Kemalistische Türken brachten ab Lausanne 1922/23 vor, dass man einen säkularen westlichen Staat habe, Religion und Staat getrennt seien (bzw Religionen dem Staat untergeordnet), Religionsgemeinschaften keine administrativen Vollmachten/Aufgaben haben sollten,… Es gibt aber weiterhin eine privilegierte Stellung des Islams bzw Moslems und Diskriminierung von Anderen.87 Man muss sich fragen, ob Religion durch kemalistische Politik “ent-politisiert” wurde oder ob nicht das Gegenteil der Fall war… Der Islam blieb in der kemalistischen Republik nationaler, identitätsstiftender (bzw ausschliessender!) Faktor. Als Moslem (egal wie wenig religiös man war/ist) spielt(e) auch eine nicht-türkische Herkunft keine so grosse Rolle, wenn man in die Politik geht, in den öffentlichen Dienst,… Als Nicht-Moslem gilt man (allerdings oft auch im Eigenbild) nicht als “echter Türke”. Auch im Osmanischen Reich fielen religiöse und nationale Identität zusammen, bzw Nationalität wurde über die Religionszugehörigkeit definiert. In der Türkei wie im Osmanischen Reich werden/wurden auch nur religiöse Minderheiten anerkannt/geduldet, keine ethnischen. Und Nicht-Moslems oft als nicht vertrauenswürdige Subjekte gesehen.

1912 gab es 80% Moslems auf dem Territorium der 1923er-Grenzen, 1923 dann 98%, was in der Folge auch noch leicht hinauf ging. Entgegen dem was man dem Kemalismus und dem Übergang vom Sultanat zur Republik zuschreibt, gab es für Nicht-Moslems hier eine Abwärtsentwicklung, in praktisch jeder Hinsicht. Im Fall der Armenier fand das “Verschwinden” gerade in diesem Übergang (oder währenddessen) statt… Es gab/gibt auch keinen Schutz, keine Anerkennung für Minderheiten in Form von regionaler Autonomie oder festen Minderheitensitzen im Parlament. Übrigens auch nicht für moslemische ethnische Minderheiten wie Araber oder Tscherkessen; den Kurden (der grössten dieser Gruppen) wurde um 2010 unter Erdogan Schulunterricht sowie ein TV-Kanal in den Varianten ihrer Sprache eingeräumt. Atatürk hielt sich von Äusserungen oder Maßnahmen ggü Minderheiten als Staatspräsident fern, Inönü als Ministerpräsident in späteren Jahren auch grossteils.88 Manche Maßnahmen der Republik verärgerten sowohl konservative Moslems als auch Angehörige nicht-moslemischer Minderheiten. Die neue bürgerliche Gesetzgebung etwa ermöglichte zivile Eheschliessungen, auch unter Angehörigen unterschiedlicher Religionen. Der Staat war aber nicht der über den Volksgruppen stehende Unparteiische, wie er hier erscheint.

Nach dem Debakel von Smyrna89 war der Niedergang der Griechen in Kleinasien, Konstantinopel, Ost-Thrakien eine “gemähte Wiese”. Und auf den orthodoxen Patriarchen, noch immer Meletius, focussierte(n) sich anti-griechische(s) Ressentiment und Maßnahmen in der frühen Türkei. Refet Bele griff ihn bald nach seiner Ankunft in der Stadt in einer Rede scharf an, die türkische Presse folgte. Meletius, während der Besetzung Istanbuls gewählt, zweifelte selbst an der Vereinbarkeit des Patriarchats mit dem neuen türkischen Staat, trat für einen Transfer nach Thessaloniki oder Athos ein. Anders herum, von türkischer Seite wurde auch vorgebracht, dass eine Aussiedlung auch der Istanbuler Griechen und thrakischen Türken/Moslems den Existenzgrund des Patriarchats beseitigen würde. Meletius war vielleicht der “umstrittenste” Patriarch in dieser langen Reihe; er war auch vom Königreich Griechenland und den Istanbul-Griechen aufgrund seiner Haltung zu Venizelos nicht geliebt.

Papa Eftim setzte nach seiner Übersiedlung aus Kayseri nach Istanbul und der Gründung der Türkei seine Kampagne gegen das griechisch-orthodoxe Patriarchat fort. Zunächst versuchten er und seine wenigen Anhänger, Kontakte zu den Karamanli in dieser Stadt zu knüpfen, sie zu missionieren. Sein wichtigster Mitarbeiter wurde ein Damianos Damianidis, ebenfalls aus Zentralanatolien und pro-türkisch. Es besteht kaum Zweifel, dass die Türkisch-Orthodoxe Kirche Unterstützung von kemalistischer/republikanischer Seite bekam, auch bei ihrer Aktion am 1. Juni 1923. Etwa 100 Demonstranten, angeführt von Damianidis, versammelten sich vor dem Patriarchat, verlangten den Rücktritt von Patriarch Meletius, der dort gerade einer pan-orthodoxen Konferenz vorstand. Die Demonstranten drangen in den Hof des Patriarchats ein, Meletius und die Bischöfe wurden von britischen Soldaten/Polizisten gerettet, die ja noch in Istanbul waren.90 Die türkische Polizei (die keinem Sultan mehr unterstand und noch keinem Präsidenten) liess es geschehen. Damianidis und andere Anführer wurden vom Patriarchen exkommuniziert. Eftim(ios) bekam auch Unterstützung der türkischen Presse (die bis 1928/29 noch in arabischer Schrift gedruckt wurde91), in manchen Zeitungen wurde sogar seine Erhebung zum neuen (griechisch-orthodoxen) Patriarchen gefordert.

Es ging Meletius aber nicht so wie Gregorius V., dessen Exekutionsstätte ein (heute zugeschweisstes) Eingangstor zum Patriarchat ist. Im September 1923 verliess Patriarch Meletius Istanbul/Konstantinopel, ging nach Griechenland (Athos), erklärte anscheinend von dort seinen Rücktritt. Der letzte “osmanische” Patriarch wurde dann 1926 Patriarch von Alexandria, ebenfalls unter dem Episkopal-Namen “Meletius”.92 Zum Nachfolger wurde im Dezember 23 Gregorius (Zervoudakis) gewählt, der Bischof von Chalcedon/Kadiköy war. Mit Gregorius VII. hatte die Republik Türkei kein so grosses Problem, da er von “antitürkischen” Aussagen und Aktionen in den Jahren 18-22 abgesehen hatte. Er bemühte sich auch nach seiner Inthronisation als Patriarch um gute Beziehungen zur Republik, ja um eine Aussöhnung von Griechen und Türken. Aber (auch) er musste sich gegen die Türkisch-Orthodoxe Kirche und türkische Verdächtigungen durchsetzen. Im Oktober ’23, zwischen dem Abtritt Meletius und der Wahl Gregorius, drang Eftim selbst ins Patriarchat in der Georgskirche ein, mit Anhängern, rief sich zum „allgemeinen Repräsentanten aller orthodoxen Gemeinschaften”93 aus, besetzte die Heilige Synode, ernannte eine eigene Synode,… Er unterstützte dann die Wahl von Kyrillos, dem Erzbischof von Rodopolis. Nach Gregorius’ Wahl im Dezember dann das dritte Eindringen in die Patriarchatskirche durch die “Türkisch-Orthodoxen”.

Im März 1924 wurde der letzte (osmanische) Kalif abgesetzt, Abdulmajid II. Osmanoglu, 2 Jahre nachdem dies dem letzten Sultan (ein Cousin von ihm) widerfahren war. Beamte der türkischen Republik kamen in den Dolmabahce-Palast, brachten ihn zu einem Bahnhof, von wo er ins Exil fuhr war.94 Anlass für Atatürk zur Abschaffung des Kalifats soll gewesen sein, dass die indische Kalifats-Bewegung die Türkei zur Erhaltung des Kalifats aufrief. Im selben Jahr wurde das Diyanet Isleri Baskanligi gegründet, das “Religionsamt”, welches Kalif und Schaich al-Islām ersetzen sollte. Und, im Zuge der Absetzung und Ausweisung Abdulmajids verlangte die Presse („Vatan“,…) nach selbigem für den orthodoxen Patriarchen, im Zuge der “Säkularisierung”. Im November 24 starb Gregorius, an einem Herzinfarkt. Nachfolger wurde Konstantinos Arabaglou, aus dem südlichen Marmara-Gebiet, als Konstantin(os) VI.

Auch der hatte grosse Probleme mit den Behörden: Im Oktober ’23 begannen diese, alle Bischöfe im Patriarchat zu registrieren. Verkündeten dann, drei davon müssten ausgewiesen werden, da sie keine Istanbuler waren, und daher unter den Bevölkerungsaustausch fielen. Darunter war auch Konstantinos Arabaglou, der bereits als Nachfolgekandidat für Gregorius galt. Zunächst begnügte man sich mit der Warnung, einen Bischof zum Patriarchen zu wählen, der eigentlich gar nicht (mehr) in der Türkei sein dürfte. Konstantin wurde dennoch gewählt. In der Georgskirche sah man die Dinge so, dass die Angehörigen des Patriarchats (die nach 1918 in die Stadt gekommen waren) vom Austausch ausgenommen wären. Die Türkei anerkannte den neuen Patriarchen nicht nur nicht, sie wandten sich auch an die Gemischte Kommission bezüglich seiner Ausweisung. Daneben hatte Konstantin als Patriarch auch Ärger mit der Türkisch-Orthodoxen Kirche: Eftim setzte seinen Versuch der Spaltung der griechischen Gemeinde fort, teilweise mit Unterstützung der türkischen Behörden. Er besetzte 1924 einige griechisch-orthodoxe Kirchen in Istanbul, eignete sich diese an, darunter die Kaphatiani-Kirche im Stadtteil Galata.

Und im Jänner 1925 wurde Patriarch Konstantin ausgewiesen, weil er nicht aus Istanbul stammte. Die türkische Polizei kam eines Morgens auf das Gelände der Patriarchatskirche, verhaftete ihn und brachte ihn zum Bahnhof Sirkeci95. Es wurde “überstürzt” vorgegangen, nicht die Entscheidung der Gemischten Kommission dazu abgewartet, der Patriarch nicht auf seine Ausweisung vorbereitet. Dies sorgte nicht nur in Griechenland für Empörung. Dort wurde Araboglu von Tausenden in Saloniki empfangen. Im griechischen Militär rumorte es, wurden Stimmen laut, die Türkei anzugreifen, wie 192096 eine “Entscheidung” zu suchen. General Theodoros Pangalos warnte mit Verweis auf die Exekution von 6 Ministern 1922, dass so etwas wieder passieren würde, wenn die griechische Regierung “nationale Interessen verräte”. Die griechische Regierung unter Michalakopoulos (Liberale Partei) entschied sich aber gegen eine grosse Internationalisierung der Sache, für das Verhandeln mit der Türkei. Dafür zog diese das Verlangen nach der Ausweisung anderer (nicht aus Istanbul stammender) Bischöfe zurück. Wenn rasch ein neuer Patriarch gewählt werde. Also reichte Araboglu aus Griechenland seinen Rücktritt ein, und im Juli wurde Vasilios Georgiadis, früherer Erzbischof von Nicäa, gewählt, wurde Patriarch Basileios III., 25-29.

Die Türkei mischte sich aber nicht nur in die Auswahl der Patriarchen ein, sie spielte auch den internationalen Charakter des Patriarchats (seine Stellung für die Orthodoxen weltweit, in der christlichen Ökumene) konstant hinunter97, der Patriarch wurde und wird nur als Oberhaupt der Griechisch-Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Das Patriarchat in Istanbul verlor mit dem Lausanne-Abkommen alle nicht-religiösen Vollmachten, wurde von türkischer Seite aber gleichwohl als hochpolitische Institution behandelt. Das Patriarchat in der Kirche des Hagios Georgios (Hl. Georg) im Phanar machte (ab) 1923 eine Zäsur durch wie das Papsttum durch das Ende des Kirchenstaats 1870 durch das Aufgehen in Italien. Wobei sich kein Patriarch eine “Boykott-Haltung” gegenüber der Türkei leisten konnte wie jene von Papst Pius IX. gegenüber Italien. Das Patriarchat stellte gewissermaßen eine Antithese zur Politik der Türkifizierung und Ausweitung der staatlichen Herrschaft über alle Bereiche dar.

Auch die anderen drei alten orthodoxen Patriarchate (die jenem in Istanbul unterstanden) waren politischen Umwälzungen ausgesetzt. Wie Konstantinopel/Istanbul waren sie bis zum 1. WK im Osmanischen Reich gelegen. Zu jenem in Alexandria, siehe die Fussnote zum Abgang von Meletius. Das von Antiochia/Syrien war in der Zwischenkriegszeit im französischen Syrien, jenes von Jerusalem im nun britischen Palästina, wo zwischen Palästinensern und Zionisten Auseinandersetzungen begannen. Die meisten Orthodoxen waren/sind ja aber in Osteuropa. Aus der jungen Türkei (bei Mardin) wurden die beiden Patriarchate der westsysrischen/aramäischen Kirchen weg verlegt. Das syrisch-orthodoxe98 nach Homs, das der Unierten/Katholiken nach Beirut (ebenfalls im französischen Libanon). Das armenische Patriarchat blieb in Istanbul, war aber anders als das griechische nicht für die Armenier weltweit zuständig. Zu den Umwälzungen im orthodoxen Christentum nach dem (oder: infolge des) 1. WK gehörte auch die Entstehung der Sowjetunion aus dem Zarenreich, und der Antiklerikalismus in diesem Staat, der derjenige mit den meisten Orthodoxen wurde bzw blieb. Die drei ostslawischen Völker plus die Georgier, die Rumänen in Moldawien,… machten die SU zum Staat mit den meisten Orthodoxen, was auch das Russische Reich schon war.99

Eleftherios Venizelos sagte nach Lausanne, als Oppositionsführer im griechischen Parlament, die Behandlung der Griechen in der Türkei sei “direkt analog” zum Zustand der griechisch-türkischen Beziehungen. Keine Frage, Griechenland und Türkei waren (sind) die Schutzmächte der Minderheiten im jeweils anderen Land (Istanbuler Griechen, Westthrakische Türken), mehr eigentlich, die “Mutterstaaten”. Zumal beide gerne Teile des Territoriums des anderen gehabt hätten bzw beanspruch(t)en. Das Griechenland, das in Lausanne fast seine heutigen Grenzen bekommen hat, war nicht das mächtige, komplette, neue Griechenland, wie es anvisiert wurde. Sondern eines ganz ohne (klein-) asiatische Gebiete, ohne Ionien und Ost-Thrakien, die schon unter griechischer Kontrolle waren und durch den Sevres-Vertrag zugesprochen wurden, dann durch Krieg bzw Lausanne verloren gingen. Und ohne Konstantinopel. Auch wenn die Megali Idea nach dem Lausanne-Vertrag ein Anachronismus geworden war, einige potentielle und realistische Gebietserweiterungen gab es noch: Zypern, Dodekanes.

1,5 Millionen Griechen aus der nunmehrigen Türkei (aus Ionien, Pontus, O-Thrakien, Kappadokien, Marmara-Region) mussten in Griechenland (mit seinen damals nur 4,5 Millionen Einwohnern) integriert werden. Hinzu kam noch ein kleinerer Bevölkerungsaustausch mit Bulgarien. Durch die Aussiedlung von Türken, die Einwanderung von Griechen (die kulturell aber sehr diversifiziert waren) und den Verlust von “gemischten” Gebieten wie Ost-Thrakien gewann Griechenland etwas an (ethnisch-sprachlicher) Homogenität. Die Aussiedler wurden v.a. in Makedonien (Thessaloniki) und Attika (Athen) angesiedelt. Sie organisierten sich in Vereinen und Organisationen, wie dann auch die Italiener aus dem nunmehrigen Jugoslawien und die Deutschen aus den Ostgebieten nach dem 2. WK. So entstand etwa 1924 in Athen/Athinai AEK (Athlitikί Énosis Konstantinoupόleos), als Sportklub geflüchteter Konstantinopoler, hauptsächlich aus Pera. Erster Präsident war Konstantinos Spanoudis, selbst Konstantinopoler. Auch die Rembetiko-Musik (in der sich griechische mit osmanisch-türkischer Musik mischte) wurde durch Aussiedler aus Kleinasien und Konstantinopel importiert.

Zu den Umwälzungen kam ja noch, dass Griechenland kurz vor und nach dem 1. WK im Norden Gebiete zugesprochen wurden, die auch erst integriert werden mussten! Im Griechenland nach dem 1. WK und dem Folgekrieg, nach den scheiterndern Abschluss der Enosis, setzte sich auch die innere Polarisierung zwischen Monarchisten (Volkspartei) und Venizelisten (Liberale Partei) fort, hatte Teile des Militärs den Anspruch, politisch mitzugestalten. 1924 wurde König Georg(ios) II. abgesetzt und die Zweite Republik ausgerufen; 1925/26 regierte General Pangalos, nach einem unblutigen Putsch. 1935 die Restauration der Monarchie, dann die Regierung von Ioannis Metaxas (Offizier, 36-41 Premier, autoritär), dann schon die Besetzung des Landes im Rahmen des 2. WK. In dieser konfliktgeladenen Gesellschaft lebten auch die gebliebenen Türken in West-Thrakien. Im „neuen“ Nordgriechenland fanden sich also, in Nachbarschaft zum türkischen Ost-Thrakien, Westthrakien mit den gebliebenen Türken, viele der Flüchtlinge/Aussiedler/Vertriebenen, die in Makedonien angesiedelt wurden, und (nicht-moslemische) Volksgruppen wie Albaner, Aromunen, Juden, Slawen, (christliche) Sinti.

Türken aus Makedonien (Saloniki,… von wo Kemal stammte) waren genau so ausgesiedelt wie Griechen von dort, deren Vorfahren in osmanischer Zeit zum Islam übergetreten waren (aber kulturell Griechen blieben)100, wie die Vallahades in West-Makedonien. Flächenmäßig ist Westthrakien natürlich viel grösser als Istanbul, die dortige gebliebene(n) moslemische(n) Gruppe(n) machten damals aber etwa 85 000 Leute aus, also um einiges weniger als die Istanbul-Griechen. Auch die Lage der Westthrakien-Türken war den griechisch-türkischen Beziehungen unterworfen und prägte diese mit. Die Türken/Moslems in WT waren/sind oft Tabak-Bauern, eine agrarische rurale Gesellschaft, konservativ-religiös, scheuten die säkular-nationalistischen Umwälzungen in der damaligen Türkei unter Atatürk; wobei ihr Festhalten am arabischen Alphabet nach der türkischen Schriftreform auch mit der Abgeschnittenheit des griechischen Thrakiens von der Türkei kam. Der vorletzte Shaikh-al-Islam/Scheichülislam101 (1919, 1920) des Osmanischen Reichs, Mustafa Sabri, wanderte nach Komotini in Westthrakien aus, wegen der Machtergreifung der Kemalisten, und mit ihm eine Reihe weiterer antikemalistischer Türken. Sabri wurde von den Westthrakien-Türken gut aufgenommen, ihr religiöser Führer, verstärkte den Traditionalismus dieser Gemeinschaft. Die Auswanderung dürfte nach Ende des Griechisch-Türkischen (bzw Anatolischen) Kriegs 1922 stattgefunden haben, als der Weg für die Kemalisten/Nationalisten frei war. Diese Machtergreifung trieb ethnisch-religiöse Minderheiten sowie Anhänger und Repräsentanten des osmanischen Systems ausser Lande, kein Zufall.

Sabri könnte jener Shaikh-al-Islam/Scheichülislam gewesen sein, der 1920 eine Fatwa (Takfir) bzgl Atatürk (damals M. Kemal P.) ausstellte, die diesen zum Ungläubigen/Nicht-Moslem erklärte, evtl zum Tode verdammte. Im Lausanne-Vertrag war von einer „moslemischen Minderheit“ in Griechenland Westthrakien die Rede (die Bleiben durften). Eigentlich handelt(e) es sich dabei um drei unterschiedliche ethnische Gruppen, die aber gerne als “Türken” zusammengefasst werden: Tatsächlich Türken die ab dem 14. Jh (frühosmanische Zeit) in die Region einwanderten – aber auch bei ihnen könnte eine türkische Herkunft konstruiert worden sein, sie tatsächlich andersstämmige Muslime gewesen sein, die kulturell türkisiert wurden…; Pomaken, also islamisierte Südslawen/Bulgaren; und moslemische Sinti/Roma (wahrscheinlich wurden sie wie die Pomaken in osmanischer Zeit islamisiert).

Die bisher selbstbewussten und stolzen Griechen in Istanbul/Konstatinopel mussten sich ab 1922/23 gründlich umstellen – was sich ja auch bei den Patriarchen (s.o.) zeigte. Politische Ansprüche mussten ohnehin aufgegeben werden, das Ausleben eigener Kultur musste diskreter geschehen, das Halten des wirtschaftlichen Status wurde schwierig.102 Das Osmanische Reich war nicht “ihr” Staat gewesen, aber so heterogen, dass sie ihren Platz einnehmen konnten, und es war ein prominenter. In der Republik Türkei waren/sind die Istanbul-Griechen Untertanen in einem fremden Staat, eine isolierte und ungeliebte Minderheit, nicht nur weil alle anderen Griechen aus dem Land ausgesiedelt waren. Was aber nicht heisst, dass es auf persönlicher Ebene im Alltag nicht auch freundschaftliches Miteinander zwischen Griechen und Türken in Istanbul gab (und gibt)… Die Istanbul-Griechen waren natürlich weiter sozial diversifiziert, man rückte aber enger zusammen. Sondergruppen waren Jene, die nicht Griechisch (als Erstsprache) sprachen, hauptsächlich Karamanlides und orthodoxe Albaner, die als “Griechen” galten. Die Karamanlides in Istanbul waren hauptsächlich im 19. Jh aus Anatolien gekommen, sie wurden dort zT hellenisiert. Die Griechisch-Katholischen waren eine noch kleinere Gruppe103; dann gab es auch Griechen mit anderer Staatsbürgerschaft als der türkischen. Hauptsächlich natürlich Griechen; Teile der Rallis-Familie waren aber zB italienische Staatsbürger geworden, andere hatten britische oder französische Pässe.104

Es mussten ja 1923 jene Griechen gehen, die sich nach 1918 in Istanbul niedergelassen hatten. Es mussten damals jene Griechen gehen, die in Vororten oder der Umgebung der Stadt lebten. Jene, die vor dem Bevölkerungsaustausch geflohen waren, durften (grossteils) nicht zurückkehren. Und dann gab es Jene, die mit den neuen Zuständen in der Republik nicht klar kamen, und ab etwa 1924 auswanderten. Es gingen hauptsächlich Angehörige der Mittelschicht. Die griechische Volksgruppe in der Türkei schrumpfte so in den 1920ern beträchtlich. Zur Zeit der Gründung der Republik gab es in Istanbul etwa 1 Million Einwohner, wovon sich Moslems und Andere noch immer etwa die Waage hielten. Die “Anderen” waren: 300 000 Griechen (davon ca. 10% Ausländer), 70 000 Armenier, 55 000 Juden, weitere autochthone (v.a. Syrisch-Orthodoxe) und westliche Christen (diese grösstenteils Ausländer). 1927 gab es nur noch 100 000 Griechen in Istanbul; in 3 (frühen) Jahren der Türkei gingen also fast 2 Drittel weg! Auf den Inseln Imbros (Gökçeada) und Tenedos (Bozcaada) lebten etwas über 8000 Griechen.105 In Phanar/Fener, dem Viertel der Griechen in Istanbul/Konstantinopel, war die demographische Transformation (Auswanderung von Griechen, Einwanderung von Moslems) besonders deutlich. In einem anderen griechisch dominierten Viertel, Tatavla, trug noch ein Grossfeuer 1929 zum Wandel bei.

Die ehemalige Hauptstadt und der als Republik Türkei konstituierte Rumpf des Osmanischen Reichs machten in den 1920ern und 1930ern einen tiefgreifenden Wandel durch. Die Griechen als grösste nicht-moslemische Minderheit, dem Nachbarn und wichtigsten Gegner verbunden, “Überbleibsel” der vor-türkischen Geschichte des Landes, stellten in den Augen vieler Türken ein Hindernis in der gewünschten Entwicklung des Landes dar, das beseitigt werden musste. Zu den Einschränkungen und Schikanierungen gehörte, dass Griechen auch in Stadtteilen in denen sie in der Mehrheit waren (wie auf den zu Istanbul gehörenden Prinzen-Inseln (Prinkipos/Büyükada, Chalki/Heybeliada,… im Marmara-Meer) ethnische Türken als Administratoren vorgesetzt bekamen. 1925 wurde für Griechen die Bewegungsfreiheit ausserhalb des Distrikts Istanbul eingeschränkt. Schulen und Kirchen wurde (wird) den Griechen gestattet, aber schon die Gründung von Vereinen war/ist sehr schwierig. Der offizielle Name der Stadt war zu osmanischen Zeiten anscheinend Ḳusṭanṭīniyye (قسطنطينيه) und Istanbul ein Alternativname; beides Abwandlungen des griechischen Namens Konstantinopolis (Κωνσταντινούπολις). Die Republik Türkei änderte den Namen offiziell auf Istanbul. International wurde sie deutlich darüber hinaus Konstantinopel genannt. Um 1930 begann die Türkei, diesen Alternativnamen zu boykottieren. Die “Bürger sprich Türkisch” – Kampagne fand auch in dieser Zeit statt; nun, in Istanbul tat das gut ein Drittel der Bevölkerung zumindest in Kontakten in der eigenen Volksgruppe nicht.

“Die Griechen leben in Palästen, die Türken in Hütten”, hiess es damals. “Türkisierung” (die hauptsächlich Istanbul betraf) sollte von daher auch eine wirtschaftliche “Umgestaltung” bedeuten.106 Industrie und Handel war in der frühen Türkei noch immer grossteils in den Händen von Minderheiten (Christen, Juden107) und Ausländern (die in der Regel Christen waren). Die Griechen in Istanbul waren (auch) nach 1923 besonders stark in der Gastronomie, der Herstellung und Vertrieb von Genussmittel, Lebensmittel,… Die türkischen Maßnahmen begannen mit der Übernahme der Geschäfte ausgewanderter Griechen und Armenier. 1926 wurde ein staatliches Alkohol-Monopol beschlossen, was griechische Unternehmen sehr traf.

Andere, wie der Tabak-Händler Nikolaos Sepheroglou, wurden diverser Vergehen angeklagt. Ausländische Firmen in der Stadt wurden gedrängt, moslemische Türken einzustellen. Die Istanbul-Griechen blieben aber in der Wirtschaft der Türkei vorerst wichtig. Für sehr viele von ihnen, wie auch andere Minderheiten-Angehörige, wurde aber klar, dass der Schritt vom Sultanat zur Republik für sie kein Fortschritt war, im Gegenteil… Von türkischer Seite wurden Zurschaustellungen diesbezüglicher Nostalgien auch gerne als Missgunst gegenüber einer starken und unabhängigen Türkei ausgelegt.108 Einige wenige Griechen gab es, die im Osmanischen Reich relativ wichtige öffentliche Funktionen inne hatte und diese in der Republik Türkei behielten; wie der Archäologe Theodor Makridi(s) im Archäologischen Museum in Istanbul. Er hatte in osmanischen Zeiten auch an den österreichischen Ausgrabungen in Ephesus teil genommen, den deutschen in Baalbek, Sidon und Boğazköy/Hattuša.109 Griechen in Istanbul, die ihre Koffer packten und nach Griechenland gingen, gab es jedenfalls auch weiterhin.

Grösste Minderheit in der Türkei wurden die Kurden, mit mehreren Millionen, hauptsächlich in ihrer angestammten Heimat im Südosten von Anatolien, um Diyarbakir/Amed, anschliessend an die kurdischen Gebiete in den Nachbarstaaten. Man kann sagen, sie waren einen langen gemeinsamen Weg mit den Türken gegangen (nahmen teil an den Verfolgungen christlicher Völker um den 1. WK), sind zT sogar in ihnen aufgegegangen (oder tun das weiterhin). Nach der Ausrufung der Republik dann die Kurden-Aufstände, bis in die 1930er, meist um Dersim, vom türkischen Militär niedergeschlagen. Die meisten Kurden waren weit davon entfernt, im nationalistischen Sinne ein kurdisches Bewusstsein zu haben. Viele der Aufständischen hatten sogar in den osmanischen Hamidiye-Einheiten gedient, es ging hauptsächlich um (gegen) die kemalistische Säkularisierung. Auch wenn es auch Alewiten und Yaziden gibt, die meisten (türkischen) Kurden sind Sunniten; und das war und ist das, was mit den ethnischen Türken (bzw Türkisierten) verbindet. Die anderen moslemischen Ethnien in der Türkei (Tscherkessen, Tschetschenen, Albaner, Lasen,…) sind Nachkommen von Einwanderern bzw Umgesiedelten, aus dem Balkan, Kaukasus,… Auch sie haben ihre ethnische Identität zugunsten einer türkischen zT (einem grossen Teil) weitgehend aufgegeben (zwangsläufug).

Die türkischen Sondergruppen (die schiitischen Aseris, die ostasiatischen Uiguren, Usbeken, die christlichen Gagausen,…) wurden ebenfalls nach Anatolien bzw seine europäischen Ausläufer transferiert.110 Ein Sonderfall sind die (moslemischen) Sinti, da sie schon lange im Land sind. Die Juden (zu einem grossen Teil Sepharden) sind auch seit Langem in Istanbul konzentriert. Zu ihnen konnten die Türken leicht(er) grosszügig sein als zu den dort autochthonen Ethnien wie den Griechen. Hinzu kommen die kryptojüdischen Dönmeh, deren Vorfahren ihrem Führer Zwi bei der Konversion zum Islam folgten. Sie sind nominell (sunnitische) moslemische Türken, die gewisse jüdische Praktiken aufrecht erhalten haben. Auch die krypto-armenischen Hemshinli haben insgeheim zT ihre armenische Identität (oder Teile davon) beibehalten. Für die Baha’i-Religion spielte die heutige Türkei bei der Entstehung (Wanderung der Gründer) eine Rolle (Istanbul, Edirne), sie ist in der Türkei nicht anerkannt.111 Zu den anderen christlichen Gruppen sowie den moslemischen Sondergruppen unten.

Es soll an dieser Stelle gesagt werden, dass die Behandlung von Minderheiten in der Türkei der Zwischenkriegszeit gar nicht abfällt von jenen in den meisten europäischen Ländern, und auch nicht den unabhängig gewordenen europäischen Übersee-Kolonien wie USA oder Australien. Und am Westen und seinem Nationalismus war die Türkei ausgerichtet. Es gab Unterhöhlungen der Lausanne-Verpflichtungen bzgl Minderheitenschutz, aber das Problem war dieses Abkommen an sich, und die darin enthaltenen Grundannahmen, Kategorien,…

Der Tscherkesse A. Fethi Okyar war 1924/25 Premierminister (vor und nach ihm Inönü), galt als Liberaler bzw Abweichler in der CHP112, “musste” sich deshalb mit Maßnahmen gegen Ausländer und Minderheiten profilieren. In seiner Amtszeit war die Ausweisung des grieschisch-orthodoxen Patriarchen Konstantin(os)…und der Beginn der kurdischen Revolten. Zu dieser Zeit “feilschte” die Türkei noch um ihre Grenzen, wollte das Mossul-Gebiet von den Briten (das zum Irak kam) und das Antiochia/Alexandretta/Hatay-Gebiet von Frankreich (das über Syrien herrschte). Als Inönü wieder am Ruder war, wurden diplomatische Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland aufgenommen; jene zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich waren während der Balkan-Kriege 1912/13 abgebrochen worden. Es kam eine griechische Botschaft nach Ankara und ein Konsulat in Istanbul; eine türkische Botschaft in Athen, Konsulate in Komotini oder Saloniki. Man verhandelte über offene Fragen. Dann, 1925/26 in Griechenland die Militärdiktatur unter Pangalos, der Eroberungszüge nach Ost-Thrakien und Istanbul/Konstantinopel in den Raum stellte (dazu wollte er ein Bündnis mit GB und Italien erreichen). Atatürk schickte Einheiten der türkischen Streitkräfte ins Grenzgebiet. Zu dieser Zeit der verschlechterten bilateralen Beziehungen kamen in der Türkei wieder minderheitenfeindliche Maßnahmen113, wie die Konfiszierung des Eigentums von Griechen, die sich ausser Landes befanden. Auch wurden im Syllogos-Gebäude der griechischen Literaturgesellschaft Bücher konfisziert, weggebracht, u.a. zur TTK.

Nach dem Sturz Pangalos’ begannen wieder Gespräche zwischen Vertretern der beiden Staaten, “obwohl” es Venizelos war, der, nach dem Wahlsieg seiner Liberalen Partei, als Premier zurückkehrte (bis ’33). Und 1929 starb Patriarch Basileios III. Zum Nachfolger wurde Dimitrios Maniatis gewählt, von Prinkipos/Büyükada, also ein Istanbuler (wichtig!), zuletzt Erzbischof von Derkos/Derkoi (in Istanbul); er wurde Photios II. In der Republik Türkei bzw in der Post-Lausanne-Zeit gab es für das Patriarchat Verschiedenes zu beachten, das im Osmanischen Reich keine Rolle spielte. Nicht nur die Türken, auch Griechenland hat diese (religiöse, supranationale) Institution politisiert, hauptsächlich beim Drängen auf Venizelisten als Nachfolger. Die Türkei betrachtet(e) das Patriarchat als eine rein türkische Institution, sah sich als berechtigt an, bei Nachfolgefragen mit zu bestimmen. Das Patriarchat muss(te) Alles vermeiden, was irgendwie als “anti-türkisch” ausgelegt werden könnte. Viele Türken sahen/sehen es als unwilkommenen Überrest der griechischen Vergangenheit der Stadt und des Landes. Und bis etwa 1964 wurde es (bzw die Behandlung von ihm) von dieser Seite immer wieder als Instrument/Druckmittel gegenüber Griechenland benutzt.

Das Patriarchat hatte auch seine Ländereien in Anatolien, Thrakien und Makedonien verloren, damit seine wichtigsten Einkommensquellen. Hinzu kam noch, dass das Patriarchat durch die Aussiedlung der Griechen aus Ost-Thrakien und Anatolien seine meisten “Rekrutierungsfelder” verlor. Es wurde über die Jahrzehnte immer schwieriger, Geistliche mit dem gefragten Kaliber zu finden, heute ist die Lage schon prekär. Das waren alles Gründe, für Griechen in Griechenland und der Türkei, die Verlegung des Patriarchats zu favorisieren – was auch vielen Türken gepasst hätte. In die Diskussion gebracht wurden dabei (das damals britische) Zypern und natürlich Griechenland. Der abgesetzte Patriarch Meletius war einer Jener, die für einen Transfer nach Athos eintraten. Befürworter eines Transfers wiesen darauf hin, dass das Patriarchat im 13. Jh (temporär) nach Nicäa verlegt worden war, und auf das päpstliche Exil in Avignon im 14. Jh. Unter Photios II. verbesserten sich die Beziehungen zwischen der Georgs-Kirche und der Republik. Der Patriarch schickte an Atatürk zum siebenten Jahresjubiläum der Republik-Gründung 1930 ein Glückwunsch-Telegramm. In seiner Antwort adressierte (anerkannte) der Präsident ihn als “Patriarchen”, damit begann die offizielle türkische Akzeptanz des Titels bzw des grundsätzlichen Charakters der Institution.

Venizelos war nun für einen Ausgleich mit der Türkei114, initiierte diesen mit einem Brief an Inönü. Der griechische Premier kam 1930 zu einem Besuch in die Türkei, wo ein wichtiges Abkommen abgeschlossen wurde. Darin wurden Fragen geklärt, die sich aus dem Lausanne-Vertrag ergeben hatten. Das war in erster Linie jene der “Etablis”: Die Türkei kam den Griechen ein Stück entgegen, anerkannte alle in Istanbul ansässigen Griechisch-Orthodoxen als türkische Bürger, egal wann sie in die Stadt gekommen waren. Dies betraf auch einige Bischöfe im Patriarchat. Dafür mussten jene Istanbul-Griechen, die zwischen 1918 und 1923 aus der Stadt geflohen waren (Viele taten das im Herbst 1922, nach den Ereignissen in Smyrna), auf ein Rückkehrrecht verzichten.115 Dann die Frage der griechischen Istanbuler, die griechische Staatsbürger waren: Von den damals etwa 100 000 Griechen in der Türkei waren 15 000 bis 30 000 griechische Bürger.116 Sie wurden den Istanbul-Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft mit dem Abkommen beinahe gleichgestellt.

Venizelos & Atatürk in Ankara 1930

Weiter nahm Griechenland alle Ansprüche auf Territorium das nun zur Türkei gehörte, zurück. Es wurden auch Regelungen über Entschädigungen für den Besitz ausgesiedelter Bürger im jeweils anderen Staat getroffen. Venizelos besuchte bei seinem Türkei-Staatsbesuch 1930 (der sich ja hauptsächlich in Ankara abspielte) auch Patriarch Photios in Istanbul. Der griechische Premier schlug bei diesem Besuch den türkischen Präsidenten Mustafa Kemal (Atatürk) für den Friedensnobelpreis vor, hat ihn anscheinend 1934 offiziell beim Komitee vorgeschlagen. Das unterstreicht den bizarren Charakter der griechisch-türkischen Beziehung; der grösste Verfechter der Megali Idea (Vergrösserung Griechenlands auf Kosten der Türken) streut demjenigen Rosen der den entscheidenden Teil (Abschluss) dieses Projekts verhindert hat. Und: Venizelos ist ja im noch osmanischen Kreta aufgewachsen, Kemal in Thessaloniki; die beiden konnten auch die Sprache des Anderen.

Von August bis November bestand eine “Oppositionspartei” zur CHP in der Türkei, deren weggebrochener liberalerer Flügel, als SCF konstituiert, geführt von Fethi Okyar. Die SCF agierte “im Geist” der türkisch-griechischen Annäherung (1931 Besuch von Premier Inönü in Hellas), fuhr eine Politik, die zumindest für die bürgerlichen Teile der religiösen Minderheiten attraktiv war (zB weniger staatlich gelenkte Wirtschaft), umwarb diese bei der Istanbuler Lokalwahl 1930. Dies wurde von der CHP scharf kritisiert, die daran “erinnerte”, dass Griechen und Armenier wenige Jahre zuvor “Todfeinde der Türkei” gewesen seien. Die SCF musste wieder aufgelöst werden, die Türkei wurde wieder ein Einparteienstaat, Okyar kehrte zur CHP zurück.

Die griechisch-türkische Entspannung von 1930 führte auch dazu, die jeweilige Minderheit nicht mehr so gegen ihren Mutterstaat aufzubringen bzw diesem erlauben, “ihre” Volksgruppe im anderen Staat an die Kandare zu nehmen. Venizelos kam dem türkischen Drängen nach einer Nationalisierung/Türkisierung der moslemischen Volksgruppen in Westthrakien nach. Die nur zum Teil türkischen und grösstenteils konservativ-religiösen Moslems durften im Sinne der aktuellen türkischen Nationsdefinition “umgemodelt” werden. Zentral dabei war die Ausweisung von Mufti Mustafa Sabri, dem ehemaligen osmanischen Scheich-al-Islam, der 1931 das Land verlassen musste. Er ging nach Ägypten, wurde an der Al Azhar (Moschee, Universität) in Kairo ein führender Gelehrter, blieb ein scharfer Kritiker der kemalistischen Türkei. Griechenland wies auf türkisches Verlangen auch andere wichtige Persönlichkeiten der osmanischen Endzeit aus, die ins griechische Thrakien ausgewandert waren, einige Mitglieder der Yüzellilikler. Nach der Deportation der führenden antikemalistischen Konservativen konnten dort auch (“verspätet”) Maßnahmen wie die Einführung der lateinischen Schrift anstatt der arabischen durchgesetzt werden, nicht zuletzt durch aus der Türkei geschickte Lehrer. Im Gegenzug lockerte die Türkei ihre Unterstützung von Eftymios und seiner Kirche(?), er wurde aber nicht ganz fallen gelassen oder gar ausgewiesen.

Entgegen der Versöhnung117 und dem Abkommen von 1930 erliess das türkische Parlament 1932 ein Gesetz, das Ausländern in der Türkei die Ausübung einer Reihe von Berufen verbot. Und das traf natürlich jene Istanbul-Griechen die nicht türkische Staatsbürger waren. Diese waren die grösste Ausländer-Gruppe im Land, und in den Berufen die im Gesetz genannt waren (diverse akademische, Händler-Berufe, aber auch zB Cabaret-Sänger), stark vertreten. Als das Gesetz 1934 in Kraft trat, mussten viele dieser Griechen den Beruf wechseln, ein grösserer Teil (Tausende) ging nach Griechenland. Dennoch, auch unter Metaxas118 als Lenker griechischer Politik hielt die Politik der Annäherung zwischen den beiden Ländern. Ein anderes türkisches Gesetz wurde von griechischer Seite eigentlich negativer aufgenommen: Das Verbot des Tragens religiöser Kleidung, 1934/35, eigentlich gegen moslemische Geistliche gerichtet, betraf auch orthodoxe Priester, war Teil der Bemühungen, eine “uniforme” äusserlich westliche Gesellschaft zu schaffen. Alexandris schrieb, die Verbitterung darüber von griechischer Seite war so gross, dass die einige Jahre zuvor gegründete Griechisch-Türkische (Freundschafts-) Gesellschaft in Athen an den Rand der Auflösung kam.

Von Patriarch Photios wurde damals der Transfer des Patriarchats nach Griechenland (Athos) andiskutiert. Es tat sich wieder mal eine Schicksalsgemeinschaft von Gegnern bzw Opfern des Kemalismus zu formen: Moslemisch-Konservativen sowie Nicht-Moslems. Es gab aber auch Türkei-Griechen und griechische Politiker (darunter der abgetretene Venizelos), die die Empörung nicht teilten, sie sahen hier konservative religiöse Befindlichkeiten gestört, die sie nicht teilten. Die türkische Regierung lenkte dann insofern ein, als sie den orthodoxen Patriarchen und sieben weitere religiöse Würdenträger von dem Verbot ausnahm: Mesrup Naroyian, armenisch-gregorianischer Patriarch in Istanbul, Vahan Kocarian (armenisch-katholische Kirche), Vaton Mighirdich (Oberhaupt einer armenischen protestantischen Kirche in Istanbul), Dionysios Varougas (griechisch-katholische Kirche), Eftimios Karahissaridis/ Zeki Erenerol (Türkisch-Orthodoxe), Ishaq Shaki (jüdischer Hahambaschi); der siebente dürfte Mehmet Rifat Börekci gewesen sein, der erste Chef des islamischen Religionsamtes Diyanet.119

Einige Monate später wurde die Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum umgewandelt, wiederum im Zuge des Aufbaus der Republik Türkei. Die ehemalige Kirche der Heiligen Sophia war in ihrer Existenz als Moschee das sichtbarste Symbol des osmanischen Siegs über Byzanz gewesen, daher dürfte diese Maßnahme auf griechischer Seite nicht so gestört haben.120 1935 kam auch ein Gesetz, das den Besitz der Religionsgemeinschaften (der islamischen und der anderen), ihre Immobilien oder Stiftungen, quasi verstaatlichte – was sich auf die christlichen Gemeinschaften wiederum negativ auswirkte. Und dann kam 1934/35 auch das Nachnamen-Gesetz, das zunächst alle türkischen Staatsbürger verpflichtete, Nachnamen anzunehmen. Jene Minderheiten-Angehörigen, die bereits welche hatten, wurden gedrängt, türkische(re) anzunehmen. Jene ethnischen Nicht-Türken oder Türken ausländischer Herkunft, die noch keine hatten, durften keine “ausländischen” annehmen, mit Endungen auf “ian” bzw “yan” (armenisch), “poulos” oder “is” (griechisch), “shvili” (georgisch), “zadeh” (iranisch121), “of” oder “vic” (slawisch),…, mussten das türkische “-oglu” nehmen. Dass diese Griechen, Armenier,… nicht am Namen zu erkennen waren (sind), erschwert(e) aber auch ihre Diskriminierung…

1930 noch wurde Istamat Zihni Ozdamar (Özdamar), eigentlich Stamati(o)s Pulloglou, ein enger Verbündeter von “Patriarch” Eftim, wie dieser ein Karamanli, von den türkischen Behörden als Verwalter des griechischen Balikli-Krankenhauses in Istanbul eingesetzt. Danach verlor die Organisation der “Türkisch-Orthodoxen” ja einen Grossteil der Unterstützung der Türkei. 1935 war sie führend an der Gründung einer “Bewegung” namens “Vereinigung von laizistischen christlichen Türken” beteiligt, wo einige Griechen, Armenier und wahrscheinlich auch Assyrer/Aramäer zusammenwirkten, um Assimilation an die türkische Mehrheitsgesellschaft zu verstärken (bzw zu vollenden) und damit Diskriminierung zu beenden. Die christliche Minderheit in der Türkei besteht ja eigentlich aus ethnischen Minderheiten. Die Organisation bekam Unterstützung durch den CHP-Staat, verschwand aber bald. 1935 wurden die ersten Nicht-Moslems in das Parlament der Türkei berufen. Darunter war der türkisch-orthodoxe bzw eftimitische Özdamar, ein Anwalt, der der Versammlung bis 1946 angehörte.

Zusammen mit ihm wurde Nikola(s) Taptas nominiert, ein Arzt aus Istanbul, parteilos wie die anderen Minderheiten-Abgeordneten, der damit der erste echte griechische Abgeordnete im Parlament der Republik wurde (bis 1943).122 Die anderen waren der armenische Bankier Berç „Türker“ Keresteciyan und der Jude Abravaya Marmarali, beides ebenfalls Istanbuler. Keresteciyan soll Kemal das Leben gerettet haben (oder zumindest die politisch-militärische Laufbahn), als dieser Konstantinopel/Istanbul 1919 auf das Schwarze Meer verliess, um den Widerstand gegen die Besetzung zu organisieren. Sein Schiff sollte vom britischen Militär versenkt werden, und Keresteciyan hat davon Wind bekommen und dem osmanischen Offizier eine Warnung zukommen lassen, heisst es. Im Sevres-Vertrag waren den Minderheitsvölkern im Parlament eine Art Festmandate zugesprochen worden; die Gebiets-Abtrennungen und diese Vorschreibungen waren “zuviel des Guten”, so kam beides nicht zustande. Griechen waren ja in der frühen Türkei die grösste nicht-moslemische Minderheit vor Armeniern und Juden. Grösste insgesamt waren und sind die Kurden.

Religiös müsste man Bevölkerung der Türkei eigentlich so aufschlüsseln: Moslems (Sunniten, ca 90% der Bevölkerung, ob religiös oder nicht123; kleine Minderheit von 12er-Schiiten); Angehörige von aus dem Islam hervor gegangenen Religionsgruppen (Alewiten, Yaziden, Alawiten, Baha’i)124; Christen (Monophysiten wie die armenisch-gregorianische Kirche, Orthodoxe125, mit dem Vatikan Unierte, Diophysiten, Katholiken,…). Die kemalistische Ideologie zieht wahrscheinlich eine noch schärfere Trennlinie zwischen Moslems und Nicht-Moslems als die osmanische. Die Armenier, im Osmanischen Reich mit dem Siedlungsschwerpunkt in Nordost-Anatolien, waren oft bzw lange an der Seite der Griechen, besonders vom späten 19. Jh bis in die zweite Hälfte des 20. Jh hinein, auch zB in Zypern dann. Sie waren vom bzw im 1. WK (> Krieg mit Russland) noch stärker betroffen als die Griechen. Es blieben einige Zehntausend in Istanbul, wo sie auch ein Patriarchat haben126, Resten im Nordosten zu Armenien (91 von der SU unabhängig) hin, das Land mit dem Ararat/Masis. Dort, im Gebiet um Erzurum, leben auch die Hems(c)hinli, Leute armenischer, griechischer, georgischer Herkunft, die sich äusserlich den Türken anpassten, wie u.a. die Dönmeh schon zuvor, bei einer teilweisen Beibehaltung der Kultur/Identität der Vorfahren.127

Patriarch Photios II. starb im Dezember 1935; er scheint mit seiner mäßigenden Art auch den Respekt der türkischen Behörden gewonnen zu haben, der Gouverneur/ Vali von Istanbul kam zu seinem Begräbnis. Einen Nachfolger zu finden, der sowohl der Türkei als auch Griechenland passte, war wieder eine schwierige Aufgabe. Ankara favorisierte Jacob Papapaisiou (Bischof von Imbros/ Tenedos), Athen (wo 35 Venizelos abgetreten war, der König zurückgekehrt und unter ihm eine Diktatur des royalistischen Militärs Metaxas errichtet wurde) dagegen Maximos Vaportzis (Bf. von Chalcedon, aus der Schwarzmeer-Region). Als Kompromiss wurde, im Jänner 1936, Benjamin Christodoulou gewählt, aus Edremit/Adramyttion, Erzbischof/Metropolit von Heraclea/Eregli. Zu diesem Zeitpunkt, so Alexandris, waren Teile der herrschenden Klasse der Türkei schon der Meinung, dass ein gestärktes orthodoxes (“ökumenisches”) Patriarchat mit türkischen Interessen kompatibel sei. In sein Pontifikat, bis 1946, fiel etwa die Anerkennung der Autokephalie der orthodoxen Kirchen Albaniens (1937) und Bulgariens (1945)128 sowie der Empfang eines päpstlichen Vertreters, der erste solche Besuch seit dem 16. Jh; es war der spätere Papst Giuseppe Roncalli, der Benjamin I. 1941 besuchte. Im selben Jahr zerstörte ein Feuer Teile der Georgs-Kirche/Kathedrale, was erst Jahrzehnte später wieder gut gemacht wurde.

1939 kam das Antiochia-Gebiet (“Hatay”) an die Türkei, womit ihre heutigen Grenzen feststanden. Der nach Syrien hinein ragende (und aus ihm herausgelöste) Südzipfel der Türkei schliesst südlich an Kilikien/Kilikia (Adana,…) an. Türken waren damals dort eine Minderheit, die Region war/ist von Syrern (sehr ungenau als “Araber” bezeichnet) diverser Religionen bevölkert: sunnitische Moslems, Nusairer/Alawiten, orthodoxe, jakobitische, maronitische, katholische Christen129,… Die allmählich schrumpfende griechische “Gemeinde” in Istanbul bekam so etwas Verstärkung durch die Gebietserweiterung der Türkei um ein Gebiet mit einer (teils) orthodoxen Bevölkerung, etwa 20 000. Die syrisch-arabischen Orthodoxen in der Hatay-Provinz (zu der die Region in der Türkei wurde) unterstehen dem Patriarch von Antiochia (der in Damaskus/ Dimasq sitzt, wir erinnern uns), und dessen Erzdiözese Aleppo-Alexandrette. Und dem Patriarchen von Konstantinopel nur insofern, als dieser Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit ist.

Es gab aber auch eine Migration von Antiochia-Orthodoxen nach Istanbul. Diese Arabisch-sprechenden Griechisch-Orthodoxen können als die neuen Karamanlis gesehen werden: von den Griechen sprachlich getrennt, religiös mit ihnen verbunden. Liturgiesprache ist übrigens Griechisch. Von griechischer Seite werden sie als (arabisierte) Griechen gesehen, auch hier also das “Gerangel” um die Ethnizität. Jene in Istanbul sind auch weitgehend unter den Griechen aufgegangen! Durch den seit 2011 laufenden syrischen Bürgerkrieg gab es ja einen Influx von geflüchteten Syrern verschiedener Religionen in die Türkei130, hauptsächlich nach Hatay, wodurch die Orthodoxen auch wieder etwas “Verstärkung” bekamen. Während eigene Schulen für Griechen und Armenier Bestand haben, haben die (mehrheitlich moslemischen!) Antiochia-Syrer in der Republik Türkei keine solchen, keinen arabischen Schulunterricht bekommen.

Im 2. Weltkrieg war die Türkei, inzwischen mit Ismet Inönü als obersten Machthaber, im Gegensatz zu Griechenland (von den Achsenmächten besetzt, dann von GB) nicht involviert. Die Türkei fühlte sich von der Sowjetunion bedroht (schloss Freundschaftsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland), dann von Nazi-Deutschland (Anlehnung an GB). Es kam zu einer Teil-Mobilisiserung des türkischen Militärs, wobei es schon zu einer Trennung nicht-moslemischer Wehrpflichtiger von den anderen kam. Und, es kamen Erinnerungen an den 1. WK auf, als der Völkermord an den Armeniern mit der Entlassung von deren Wehrpflichtigen begann, mit den Vorwürfen der (möglichen) Kollaboration mit den Russen begründet wurde. Es wurde 1942 eine Sondersteuer für Wohlhabendere eingeführt131, die Varlık Vergisi, mit der ein eventueller Kriegs-Eintritt finanziert werden sollte, wirtschaftliche Engpässe behoben und der Schwarzhandel eingeschränkt. Die Steuer, 42-44 eingehoben, zielte auch, vielleicht sogar in der Hauptsache, auf eine weitere Türkisierung der Wirtschaft, eine Einschränkung der wirtschaftlichen Stärke von Nicht-Moslems.

Ein grosser Teil der Bevölkerung in dem Land, in dem noch drei Viertel Bauern waren, unterstützt von den Zeitungen, war in der damaligen Wirtschaftskrise für eine Abschröpfung der Christen und Juden (vielleicht 2% der Bevölkerung), die hauptsächlich in Istanbul lebten, zT ausländische Bürger waren.132 So hatte diese Vermögenssteuer auch von Anfang an einen gewissen “Charakter”. In der Praxis hatten die “Einschätzungs-Komitees” freie Hand, die Höhe der Abgabe für die Bürger festzulegen; und obwohl die Höhe eigentlich in Relation zum Reichtum stehen sollte, wurden Nicht-Moslems viel höher besteuert. Es heisst, intern wurde die Bevölkerung nach ihrer Staatsbürgerschaft und Religionszugehörigkeit kategorisiert und Bürger erhielten demzufolge in den Unterlagen einen Buchstaben zugewiesen: “M” für Müslüman/ Moslem, “G” für Gayrimüslim/ Nicht-Moslem, “D” für Dönmeh (quasi ein unechter Moslem), “E” für Ecnebi/Ausländer. Griechen wurden am schlimmsten betroffen, und in Beyoglu/Pera, einem der wenigen noch kosmopolitischen Viertel Istanbuls, wurde besonders viel eingehoben.

Wenn in dem vorgeschriebenen Monat nicht gezahlt werden konnte oder wollte, durfte der Besitz konfisziert und öffentlich versteigert werden. Wenn das die “Steuerschuld” nicht deckte, wurden die Geschäftsinhaber (solche waren in der Regel betroffen) zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Angst und Unruhe in Istanbuler (nichtmoslemischen) Kreisen verstärkte sich, als bekannt wurde, dass in diesem Fall ein Arbeitslager in Anatolien wartete, quasi das “türkische Sibirien”. Im Jänner wurden die ersten 32 verhaftet, zunächst in den asiatischen Teil Istanbuls gebracht, dann zur Zwangsarbeit nach Askale bei Erzurum geschickt. Wieder Christen (darunter Armenier!) unter türkischer Herrschaft in Lagern in Ost-Anatolien im Schatten eines Kriegs… In jener Gegend, aus der 1915/16 die mörderischen Deportationen wegführten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in dem Lager sind umstritten, es gab aber sicher Tote (von 21 liest man). Das Ende der Varlik-Steuer und damit der Arbeitsbataillone kam mit der Erkenntnis, dass Hitler-Deutschland den Krieg verloren hatte, 1944.133

Was blieb, waren zerstörte Existenzen, Enteignungen, Übergaben von Geschäften (die in nicht-moslemischen oder ausländischem Besitz waren), Umschichtung von Reichtum, schliesslich waren wohlhabende Angehörige der Minderheiten betroffen. Es heisst, viele Grossbauern aus der Adana-Gegend (historisches Kilikien) waren unter den Nutzniessern dieser Umschichtung; und Vehbi Koc, der mit Weinstöcken begonnen hatte, die Armenier zurück lassen mussten in Anatolien, wurde nicht nur von hohen Abgaben verschont, auch er begann sich damals in Istanbul zu etablieren und reich zu werden. Die “neue Jizya”134 führte zu etwas Auswanderung, aber keiner grossen, da Griechenland (und viele andere Länder) damals besetzt war und beraubt wurde. Auch (oder: gerade) wenn die damaligen Diskriminiereungen zuungunsten von Nicht-Moslems retrospektiv herunter gespielt werden, die Varlik-Steuer (bzw ihre Handhabung) war bezeichnend für die kemalistische Praxis der benachteiligenden Diskriminierung von Nicht-Moslems bei theoretischer/formaler Gleich-Behandlung… Für die Realität der “Trennung Staat-Religion” in der Republik Türkei, für die Handhabung des “laizistischen Prinzips”.

Ja, islamische Geistliche (sunnitische Scheichs) hatten keinen Anteil an der Sache, der Koran wurde nicht herangezogen zur Rechtfertigung, es war der Staat unter Präsident Inönü, der dies veranlasste und ausübte. Aber/Und die Zugehörigkeit zur moslemischen Bevölkerunsgmehrheit machte das Kriterium aus, wie man behandelt wurde, ob man Bürger erster Klasse war; die Wirtschaft “türkisieren” – die Nation über die Religion definieren. Und heraus kommt ein Konzept, das intoleranter und repressiver ist, als es zuvor (zu osmanischen Zeiten) bei Nicht-Weg-Leugnung des Islams war135, als Nicht-Moslems so etwas wie “geschützte Freiräume” hatten. Kurden waren von dieser Reichensteuer natürlich nicht betroffen, weil es kaum Reichtum unter ihnen gab/gibt, und weil sie dem Islam oder “moslemischen Sondergemeinschaften” (wie den Alewiten) angehören. Die Sache 1942-44 unterminierte das Vertrauen in den türkischen Staat, dass die Griechen und die anderen Minderheiten in den 1930ern ansatzweise entwickelt hatten.

Die Welt und Griechenland hatten damals aber andere Probleme, und an dieser Stelle sei auch die “SS Kurtuluş” erwähnt, ein türkisches Schiff, das humanitäre Hilfe in das deutschbesetzte notgeplagte Griechenland brachte (und 1942 sank, am fünften Weg von Istanbul nach Piräus). Nazi-Deutschland raubte aus Griechenland nicht zuletzt Lebensmittel, weshalb es zu Hungersnöten kam, v.a. im Winter 1941/42. Der Rembetiko-Musiker Kostas Skarvelis, der aus Istanbul/Konstantinopel stammte (anscheinend vor 1923 auswanderte), starb dadurch ’42 in Athen. Die Varlik-Steuer war im Geist von Hitler und Stalin, aber der selbstgerechte deutsch-österreichische Fingerzeig auf die Türkei sollte sich eigentlich “relativieren” durch die deutsch-österreichische Vergangenheit und aktuelle antigriechische Ressentiments und Geschichtsklitterungen von dort à la Sven Kellerhoff.136

Die “Wahlen” 1923 bis 1943 in der Türkei waren Scheinwahlen, nur mit der CHP, einige wenige “unabhängige” Kandidaten wurden gewählt, nicht-moslemische Abgeordnete von Atatürk oder Inönü ernannt. 1946 fand die erste echte (Mehrparteien-) Wahl statt, mit der im selben Jahr gegründeten Demokrat Parti (DP)137, die aus ehemaligen CHP-Politikern bestand. Die CHP siegte vor der DP, 1950 war es umgekehrt.138 Die CHP wurde erstmals „entmachtet“, Menderes wurde Ministerpräsident, Bayar Staatspräsident, Inönü Oppositionsführer; die DP wurde bei den Wahlen 54 und 57 wieder gewählt, regierte 10 Jahre. In dieser Zeit, den 1950ern, gab es eine leichte Reislamisierung139, eine leichte Entflechtung Staat-Partei (CHP), fand die Anbindung der Türkei an den Westen statt (NATO-Mitgliedschaft, EWG-Assoziierung), das Pogrom von Istanbul 1955 (staatlich unterstützt), der Beginn der Zypern-Spannungen, Beginn der Landflucht aus Anatolien nach Istanbul, mit der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Minderheiten-Abgeordnete wurden nun von Parteien aufgestellt und gewählt. Im Zuge der Wahl 1943 war noch der Jurist Mihal Kayaoglu, ein Istanbul-Grieche, ernannt worden. 1946 wurde Vasil Konos gewählt, ein Psychiater, auf der DP-Liste, er nahm sein Mandat dann wegen einer Erkrankung nicht an. Für die CHP wurde damals ein anderer griechischer Mediziner aus Istanbul gewählt, Nikola(s) Fakacelli(s), blieb bis zum Ende der Legislatur-Periode 1950 im Parlament. Christos Mavrophrydis, der u.a. am Chalki-Seminar unterrichtete, kandidierte ebenfalls für die CHP, wurde nicht gewählt. Mit der DP kam 1950 wieder ein (Istanbul-) Grieche in die “Grosse Nationalversammlung” in Ankara, Achilleas/Ahilya Moschos, ein Anwalt.

Als Patriarch Benjamin I. 1946 starb, zeigten die türkischen Behörden ihren guten Willen ggü dem Patriarchat und damit auch ggü der griechischen Minderheit sowie Griechenland. Wieder nahm der Vali von Istanbul Anteil am Begräbnis, und, diesmal wurden vor der Wahl des Nachfolgers keine Namen mit unerwünschten Kandidaten an die Georgskirche übermittelt. So wurde Maximos Vaportzis gewählt, der 1936 Benjamins unterlegener Gegenkandidat und Favorit der griechischen Regierung gewesen war, gewählt, folgte Benjamin als Maximos V. Er war pro SU eingestellt, wobei es in dieser seit 1943 (spätere Stalin-Zeit) wieder einen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gab, der wurde für Beziehungen des Staates zu Orthodoxen in Osteuropa und Westasien eingesetzt. Die SU war für die Neuaufstellung des Konstantinopoler Patriarchats: der Patriarch sollte von und aus allen orthodoxen Kirchen gewählt werden, in Istanbul bleiben, dort aber eine vatikan-artige souveräne Zone bekommen; eine Unterordnug der Griechisch-Orthodoxen Kirche unter die Russisch-Orthodoxe (die vom Regime gegängelt wurde) wurde ausserdem anvisiert. Aus Griechenland kam der Gegenvorschlag eines Pan-Orthodoxen Rates. Zur Zeit des Patriarchats von Maximos wurde die Türkisch-Orthodoxe Kirche vom Staat wieder etwas „zurecht gestutzt“.

In Griechenland folgte auf Besetzung Bürgerkrieg und Blockbindung…und eine starke Annäherung an die Türkei. Der Athener Erzbischof Damaskinos (Papandreou) wurde 1945 auch Ministerpräsident, seine Aus-Wahl wie Absetzung waren Teil der inneren Auseinandersetzung bzw hingen mit dem kommunistischen Aufstand (der 1949 zusammenbrach) zusammen. Griechenland bekam drei kommunistische Nachbarstaaten neben der Türkei. Italien musste 1947 die Dodekanes-Inseln an Griechenland abtreten, womit seine heutigen Grenzen feststanden.140 Griechenland und die Türkei rückten nach dem 2. WK enger zusammen, da sie im beginnenden Kalten Krieg auf der selben Seite waren141 und sich von einer kommunistisch-slawischen „Achse“ bedroht sahen.142 Im Korea-Krieg 1950-53 kämpften Truppen beider Staaten auf der westlichen bzw internationalen Seite. Beide wurden 1952 NATO-Mitglieder (und 2 Jahre später des Balkan-Paktes).

Allein im Jahr 1952 gab es 4 Staatsbesuche; der Besuch von König Pavlos/ Paul und seiner Frau in der Türkei bedeutete den ersten Aufenthalt eines griechischen Staatsoberhaupts in Kleinasien seit den Tagen des Byzantinischen Reichs. Sie besuchten auch Istanbul und den Patriarchen dort. Im Gegenzug besuchten Präsident Bayar und Premier Menderes, durch die ansatzweise Demokratisierung der Türkei an die Macht gekommen waren, Athen und West-Thrakien. Im selben Jahr wurde die Visa-Pflicht für Besuche im jeweils anderen Land abgeschafft, was vor allem viele Griechen nach Istanbul brachte. Es war eine wirkliche Aussöhnung in Reichweite. Bis die Spannungen wegen dem damals britischen Zypern stiegen. Der griechische Premier 1950 und 1951/52, General Nikolaos Plastiras143 schlug eine Vereinigung von Griechenland und der Türkei vor! Der Ökonom Athanasios Sbarounis plädierte für eine Wirtschafts- und Zollunion zwischen den beiden Ländern.

1948 trat Patriarch Maximos zurück, Aristocles M. Spyrou wurde zum Nachfolger gewählt. Er stammte aus dem Süd-Epirus, ist im Osmanischen Reich aufgewachsen; wurde auf Chalki ausgebildet, wirkte dann in der USA. Mit seiner antikommunistischen Einstellung/Prägung passte er auch der Türkei und zu der damaligen griechisch-türkischen Annäherung. So sehr, dass aus Ankara keine Einwände kamen, obwohl Spyrou nicht Istanbuler oder türkischer Staatsbürger war. Er wurde 268. Patriarch, als Athenagoras I. Der US-amerikanische Präsident Harry Truman stellte ihm für die Reise nach Istanbul nach der Wahl ein Flugzeug zur Verfügung. Alle wichtigen orthodoxen Landeskirchen waren nun hinter dem “Eisernen Vorhang”, von Athenagoras wurde bezüglich der Orthodoxen dort ein gewisser “korrigierender Einfluss” erwartet. Er gab seine USA-Staatsbürgerschaft auf, nahm die türkische an. Und machte von Anfang an klar, dass er ein Freund bzw loyaler Bürger der Türkei war, und das Patriarchat zu einem Drehpunkt für eine Griechisch-Türkische Koexistenz, Freundschaft, ja Symbiose machen wollte. Natürlich spielte der Kalte Krieg dabei auch eine Rolle. Die Istanbul-Griechen, so Athenagoras, sollten sich voll in die türkische Gesellschaft integrieren.

Das Patriarchat, die Georgskirche, liess er wie türkische offizielle Gebäude sonntags mit einer türkischen Flagge “dekorieren”. Er besuchte viele historische, kulturelle, religiöse Stätten in der Türkei, betete auch in Moscheen. Knüpfte Kontakte zu vielen prominenten Türken, wie dem Dichter und Politiker (CHP, DP, HP) Hamdullah S. Tanriöver. Zu den Führern der ab 1950 regierenden DP hatte er eigentlich ein gutes Verhältnis, Premier Menderes besuchte 1952 das Patriarchat, als erster Spitzen-Repräsentant der Türkei. War populär unter Türken, viele blieben bei Begegnungen mit ihm auf der Strasse stehen und küssten seine Hand, sprachen ihn als “Patrik Baba” (Patriarch-Vater) an. Das Patriarchat bekam unter ihm einige Zugeständnisse, so wurde der Theologischen Hochschule auf Chalki erlaubt, Studenten aus Griechenland und anderen Ländern aufzunehmen. 1953 wurde 500 Jahre osmanische Herrschaft über Konstantinopel gedacht, die Türkei machte das bezeichnenderweise mit Atatürk-Kult, der Umbettung der Überreste des Führers in ein neues Mausoleum. Patriarch Athenagoras wurde zu der Prozession in Ankara eingeladen.

Für die jeweiligen Minderheiten in Istanbul bzw West-Thrakien gab es in der Zeit der griechisch-türkischen Zusammenarbeit nach dem 2. WK auch Erleichterungen. Die Griechen Istanbuls profitierten von der Wirtschaftspolitik der DP-geführten Regierungen, wurden (zusammen mit Armeniern und Juden) wieder stark im Aussenhandel, der Lebensmittelindustrie, der Gerberei,… 1954 wurde Alexandros/Alexander Chatzopoulos (Hacopoulos), Direktor einer griechischen Schule (Zappeion), für die DP in’s türkische Parlament gewählt.144 Chatzopoulos wurde dort in einen Ausschuss gewählt, wie auch schon Moschos vor ihm (auch in den 1950ern)145. 1957 wurde der Anwalt Christos Ioannidis (Hristaki Yoannidis) für die DP ins Parlament gewählt. In dieser Zeit gab es, bezeichnenderweise, auch einen griechischen Türken, der im Fussball von sich reden machte, der als Lefteris Andonyadis getaufte Lefter Kücükandonyadis146 aus Prinkipos/Büyükada, Spieler bei Fenerbahce Istanbul und im Ausland (auch bei AEK Athen). (Kücük)andonyadis war Sohn eines Fischers, der im Gegensatz zum Rest der Familie nicht nach Griechenland ging, er spielte für das türkische Nationalteam, bei Olympia 1948 und der WM 1954.

Die Wolken, die sich über diesen “Honeymoon” zusammenbrauten, kamen von Zypern. Es zeichnete sich Mitte der 1950er ab, dass Grossbritannien die Insel trotz ihres strategischen Wertes aufgeben würde, im Zuge seiner Entkolonialisierung. 1950 wurde Michael Mouskos als “Makarios III.” griechisch-orthodoxer Erzbischof von Zypern und damit auch in gewisser Hinsicht Ethnarch, politischer Führer der griechischen Bevölkerungsmehrheit des Landes (der Insel). Er setzte sich für die Enosis, Vereinigung Zyperns mit Griechenland, ein. Die griechische Regierung übernahm 1954/55, teilweise auf Betreiben Makarios’, diese Forderung. In dieser Zeit begann der Kampf der Guerilla-Organisation EOKA für Enosis.147 Zypern-Türken und Türkei waren natürlich gegen die Vereinigung mit Griechenland, aber auch gegen die Unabhängigkeit Zyperns. Von türkischer Seite wurde die Forderung nach Taksim (Teilung) erhoben, wobei der türkische Teil der Insel entweder britisch bleiben sollte oder mit der Türkei vereinigt. Mitte der 1950er wurde der Konflikt in bzw um Zypern ernst und begann sich auf die türkisch-griechischen Beziehungen und die Minderheiten auszuwirken.

Wobei es der zypriotische Erzbischof Makarios auf eine solche Verknüpfung anlegte. In der Türkei wurde die Kibris Türktür Derneği (“Zypern ist türkisch” – Gesellschaft) aktiv. Patriarch Athenagoras versuchte eine neutrale Rolle einzunehmen und nicht abzurücken von seinem Vorhaben, loyaler türkischer Bürger zu sein. Dies wurde ihm von beiden Seiten nicht gedankt. Von türkischer Seite wurde anscheinend erwartet, dass er Makarios verbal entgegentrat. Es kamen wieder Unterstellungen, Verdächtigungen ggü dem Patriarchen und den Istanbul-Griechen, türkische Medien (u.a. „Hürriyet“, „Cumhüriyet“) und Politiker agitierten gegen sie; auch in Griechenland kam wieder eine anti-türkische Stimmung auf. Die Menderes-Regierung hielt sich selbst zurück, dürfte die “Kampagne” aber diskret unterstützt haben, aufgrund der Annahme dass etwas Druck auf das Patriarchat Athen nachgiebiger in Bezug auf Zypern machen würde.

Alexandris verheimlicht nicht, dass dies in der Türkei nicht unumstritten war, dass es Stimmen gab, die Politik ggü Zypern von den in Lausanne geregelten Fragen zu trennen. Für die Istanbuler Griechen stellte sich die Frage, saßen sie mit den zypriotischen in einem Boot oder sollten sie sich von deren Anliegen/Ansinnen distanzieren? Der Abgeordnete Alexandros Chatzopoulos versuchte zu beschwichtigen, die Istanbuler Griechen aus der “Schusslinie” zu bringen. Phaidon Skouros, ebenfalls ein DP-Politiker, Stadtrat in Istanbul, erklärte öffentlich, dass Zypern der Türkei “gegeben” werden sollte. Dies hätte auch eine grössere griechische Volksgruppe in die Türkei gebracht. Unter Premierminister Konstantinos Karamanlis änderte Griechenland Ende der 1950er seine Politik bzgl Zypern, trat nun für Unabhängigkeit statt Anschluss an Griechenland ein.

Doch, in diesem politischen Klima fand am 6. und 7. September das Pogrom in Istanbul (Σεπτεμβριανά; 6–7 Eylül Olayları) statt, das hauptsächlich gegen die Griechen der Stadt gerichtet war. Es waren damals gerade die Gespräche zwischen GB, TR, GR in London über Zypern im Gange, als türkische Medien Nachrichten über einen Anschlag auf Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki, nun Teil des türkischen Konsulats dort, verbreiteten. Einige Fenster waren zerbrochen, und es ist längst erwiesen, dass es ein Anschlag unter falscher Flagge war.148 Zu den falschen Nachrichten über einen griechischen und zerstörerischen Anschlag in Saloniki kamen solche über einen geplanten Angriff griechischer Zyprioten auf türkische. Premier Menderes verlieh diesem Gerücht anscheinend Glaubwürdigkeit und die Zeitung “Hürriyet” zeigte auf die Istanbul-Griechen als potentielle Ziele für “Vergeltung”. Im Zuge der falschen und hetzerischen Nachrichten kam es in Istanbul und anderen Städten der Türkei zu Demonstrationen, die man als “anti-griechisch” zusammenfassen kann (anti-EOKA,…). Wobei jene in Istanbul bald in schlimme Krawalle ausartete(n), die sich gegen die Griechen der Stadt richteten – wie es sie zuletzt 1821 gegeben hatte.

Und zu einem Pogrom wurde, bei dem hauptsächlich Eigentum zerstört und geplündert wurde, auch Menschen angegriffen. Die staatlichen Ordnungskräfte verhielten sich tatenlos bis anstachelnd-unterstützend. Die Randalierer nahmen sich hauptsächlich griechische Geschäfte vor, weniger armenische, jüdische und ausländische; auch einige türkisch-moslemische Geschäfte wurden angegriffen. Die Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi in Beyoglu/Pera etwa war übersät mit zerbrochenen Fensterscheiben, liegen gelassenen Waren, zerstörten Möbeln,… Bei den Ereignissen, die sich hauptsächlich in der Nacht vom 6. auf den 7. September abspielten, wurden zwischen 10-30 Menschen getötet (anscheinend alles Istanbul-Griechen), Dutzende wurden verletzt, zwischen 50 und 200 Frauen wurden vergewaltigt, 73 griechische Kirchen zerstört/beschädigt, weiters 1 Synagoge, 2 Klöster, über 4000 Geschäfte, über 20 Fabriken und Labore, über 100 Restaurants und Hotels, etwa 25 Schulen, 5 Sportklubs, die beiden wichtigen griechischen Friedhöfe und viele Wohnhäuser. Obwohl die Behörden keine genauen Angaben veröffentlichten, kann man sagen: Die relativ wenigen Todesopfer und die grössten Zerstörungen gab es in den Aussenvierteln und Vorstädten, am Bosporus und an der Marmara-Küste. Etwa den alten Priester im Baloukli-Kloster, Chrysanthos Mantas, der verbrannt wurde.

Im NATO-Stützpunkt in Izmir wurden damals griechische Offiziere in ihren Wohnhäusern angegriffen, was den anti-griechischen Charakter der Krawalle nochmal evident machte. Die türkische Regierung reagierte auf die Gewaltakte mit Ausrufung des Ausnahmezustandes über Istanbul, Ankara und Izmir. In Istanbul brachte erst das Eingreifen des Militärs (Panzer auf den Strassen) die Gewalttätigkeiten unter Kontrolle. Es wurden an dem Pogrom Beteiligte verhaftet, allein in Istanbul über 5 000 Personen. Die meisten davon gehörten der  “Zypern ist türkisch – Gesellschaft” oder anderen Organisationen an, nicht unbedingt nationalistischen, auch Gewerkschaften. Es kam (1956) zu Prozessen und Verurteilungen. Die Menderes-Regierung verurteilte die Übergriffe149, lehnte jegliche Verantwortung für die Gewalttätigkeiten ab und beschuldigte Kommunisten, dahinter zu stecken… Es folgte auch eine Repressionswelle gegen tatsächliche/ vermeintliche Kommunisten im Land, Kritiker der Regierung aus dem linken Spektrum (TKP,…), ganz dem Kalten Krieg entsprechend. Die Regierung versprach auch Entschädigungen, zusammenfassend kann man sagen, dass dies dann aber ungenügend geschah.

Von dem was heute bekannt ist (etwa durch den Yassiada-Prozess, s.u.), ergibt sich folgendes Bild: Die DP-Regierung schürte Demonstrationen, als Druckmittel im Zypern-Streit. Dies geschah über die Seferberlik Taktik Kurulu (Tactical Mobilisation Group), einer Spezialeinheit des türkischen Militärs im Rahmen ihrer Mitwirkung an NATO und Gladio, sowie des Geheimdienstes MAH. Die Demos gerieten aber bald ausser Rand und Band. Organisationen wie “Zypern ist türkisch” spielten eine untergeordnete Rolle bei der Organisierung der Demos, aber bei den Übergriffen eine grosse. Es gab aber auch eine starke „Sozialneid“-Komponente dabei, arme Ländler (aus dem Umland und den Vorstädten) gegen “reiche” Städter, dass diese oft Nicht-Moslems/-Türken waren, kam noch dazu. Diese Leute mussten nicht nationalistisch oder anderwärtig motiviert werden.150 Der damalige Vize-Premier Fuat Köprülü, der sich vor dem Putsch ’60 von der DP und Menderes abwandte), sagte im Yassiada-Prozess 1960/61, die Idee, das Pogrom als “kommunistischen Plot” abzutun, kam von CIA-Chef Allen Dulles, der sich damals in Istanbul zu einem Kongress der Interpol aufhielt.151

Ruine der Panagia-Kirche oder Agia Anna, Istanbul, Patriarch Athenagoras, 1955

Als die Nachrichten von den Ereignissen in Istanbul die Zypern-Konferenz in London erreichten, zog sich die griechische Delegation sofort zurück. Die griechisch-türkischen Beziehungen kamen an einen neuen Tiefpunkt. Damals gab es etwa 67 000 Griechen in Istanbul und den 2 Ägäis-Inseln152. Nachdem sie sich von der Varlik-Steuer-Sache materiell und psychisch einigermaßen erholt hatten, wurde neben Besitz nun auch viel Sicherheit zerstört. In der Folge kam es zu Auswanderungsströmen nach Griechenland und Übersee. Zumal der Zypern-Konflikt noch lange nicht zu einem Höhepunkt gekommen war. 1957 ging auch der Ex-Abgeordnete Nikolas Fakacellis (Fakatsellis). 1958 wurde der Foto-Journalist Dimitrios Kaloumenos ausgewiesen. Der Istanbul-Grieche dokumentierte 1955 die Zerstörungen, darunter Kirchenkunst aus byzantinischer Zeit. 1966 brachte er die Fotos in Griechenland in einem Buch heraus, das später übersetzt und neu aufgelegt wurde (s.u.); die begleitenden Texte sind zweifellos in einer äusserst gefühlsgeladenen Sprache. Die Familie des Schauspielers Tcheky Karyo (als Baruh Djaki Karyo 1953 in Istanbul geboren) muss auch in diesen Jahren gegangen sein, nach Frankreich. Sein Vater war ein (sephardischer) Jude, die Mutter eine (Istanbul-) Griechin.153 Die Zahl der Istanbul-Griechen ging zwischen 1955 und 1960 auf etwa 50 000 zurück.

Alexandris: “It is beyond doubt that the Constantinopolitan Greeks, on the whole, enjoyed a high standard of living though their grievances were not economic, but social and political. They complained about their insecure status in Turkey.” Die Istanbul-Griechen und das orthodoxe Patriarchat waren allen Spannungen zwischen Athen und Ankara (damals hauptsächlich wegen Zypern) voll ausgeliefert; Resignation (= Auswanderung)154 war ein möglicher Umgang damit, kämpferische Selbstbehauptung war aufgrund der numerischen Verhältnisse äusserst schwierig, echte Verständigung zu suchen aber auch. Patriarch Athenagoras setzte seine Linie fort, die man als Versuch der Verständigung sehen kann, aber auch als Appeasement, im Sinn einer Hinnehmung von etwas eigentlich Un-Akzeptablem. Es gibt ein Foto von ihm aus den Tagen nach dem Pogrom 1955, wahrscheinlich von Kaloumenos, er knieend betend in einer zerstörten Kirche.

Der Abgeordnete Alexander Chatzopoulos (DP!) hielt am 12. September im Parlament eine emotionale Rede, machte das Verhalten der Polizei zum Mittelpunkt seiner Kritik – nicht das Schüren des politischen Klimas, die Mitverantwortung der Regierung, griechische Rechte auf/in Zypern,… Die Polizei, so Chatzopoulos, habe 200-300 Marodeuren nach Mitternacht erlaubt, mit 5 Booten nach Prinkipo/Büyükada zu fahren, um die dortigen Griechen zu drangsalieren. Anstatt einzugreifen, habe sie fraternisiert. Ähnlich sei es in Beyoglu gewesen, wo die Zappeion-Schule verwüstet wurde. Dann beschrieb Chatzopoulos den Angriff auf sein eigenes Haus – gleich daneben war eine Polizeiwache, dennoch griff niemand ein. Dann sprach er auch davon, dass die Sache sorgfältig geplant/vorbereitet worden sein muss; wie sonst käme es, dass von 74 in der Stadt (inklusive Prinzeninseln) verteilten griechischen Kirchen 74 angegriffen worden sind. Er hatte sein Vertrauen in die Türkei nicht verloren, äusserte die Hoffnung auf eine Bestrafung der Verantwortlichen. Oppositionschef Inönü verurteilte in einer Parlamentsrede ebenfalls die Ausschreitungen, machte die Menderes-Regierung dafür verantwortlich, dass ihnen nicht Einhalt geboten wurde. Chatzopoulos wurde 1957 wiedergewählt, im Wahlkampf hob er hervor, dass der Staat (DP-Regierung) Entschädigung geleistet hat und Wiederaufbauten in die Wege geleitet – während die CHP niemanden für die Varlik-Sache entschädigte.

Nach Istanbul 55 war klar, dass eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland Blutvergiessen zur Folge haben würde. Die Spannungen zwischen den Nachbarländern schaukelten sich weiter auf. Nach einem Besuch von Makarios in Athen 1957 hiess es von Seiten der Menderes-Regierung sogar, die Türkei könne sich vom Lausanne-Abkommen zurückziehen und Griechen aus Istanbul ausweisen. Auch wurde mit einer Aberkennung des Abkommens von 1930 über die greichischen Staatsbürger in der Türkei gedroht. Griechenlands Aussenminister Averoff-Tositsas sprach von der Möglichkeit eines Austauschs der türkischen Zyprioten gegen die Istanbuler Griechen. Was aber am Interesse Ankaras an Zypern aufgrund seiner strategischen Lage vorbei ging. Ein Austausch von westthrakischen Türken und Istanbuler Griechen (samt Patriarch) wäre realistischer gewesen. Am Ende der 1950er wurden zweitere wieder Zielscheibe nationalistischer Agitation, etwa in Form von schriftlichen “Ermahnungen”, Türkisch zu sprechen. Auch Papa Eftim wurde wieder entdeckt als Instrument gegen das Patriarchat im Phanar/Fener. 1958 wurde die “Hellenische Union der Konstantinopolitaner” aufgelöst.155

1959 die Einigung auf die Unabhängigkeit Zyperns, die griechisch-türkischen Beziehungen entspannten sich wieder etwas. 1960 wurde Zypern unter Markarios, der die Präsidentenwahl gewonnen hatte, unabhängig von GB. Die griechische Seite rückte von der Vereinigung (mit Hellas) ab, die türkische von der Teilung. Etwa 3 Monate vor der Unabhängigkeit Zyperns, im Mai ’60, putschte sich das Militär in der Türkei an die Macht, setzte die DP-Regierung ab. Stellte die alte Ordnung wieder her, bald (1961) war die CHP wieder an der Macht (nach einer Wahl unter Ausschluss echter Opposition wie vor 1946), Inönü wieder Premier. Junta-Chef Gürsel ernannte ausserdem eine Verfassungs-Versammlung156, darunter auch einige Minderheiten-Vertreter, darunter Kaloudis Laskaridis (Kaludi Laskari), ein griechischer Anwalt aus Istanbul, der im 1. WK an der Dardanellen-Front im osmanischen Heer gekämpft und einen Arm verloren hatte. Laskari ist bis heute der letzte Istanbul-Grieche, der in ein türkisches Parlament (Legislative oder Konstituante) gewählt oder ernannt wurde. Der erwähnte Ioannidis verlor durch den Putsch 60 seinen Sitz, war der letzte gewählte und der letzte im eigentlichen Parlament. Überhaupt: nach diesem Putsch gab es noch die Verfassungsversammlung, dann den Armenier Turan im damaligen Senat, bis 1964. Und dann jahrzehnte lang keine Nicht-Moslems im Parlament.

Der Wille der Militärregierung, das antigriechische Pogrom von 1955 im Prozess gegen die gestürzten DP-Politiker vorzubringen (als Anklagepunkt), wurde von Athen als eine Garantie für das Wohl der Istanbul-Griechen gesehen, und von diesen selbst auch. Dieser Prozess fand 1960/61 auf der Prinzen-Insel Yassiada (Plati) statt; es stellt sich die Frage was die Militärs damit genau bezwecken wollten und inwiefern er rechtsstaatlich war. Menderes und die anderen Angeklagten wurde hauptsächlich vorgeworfen, kemalistische Prinzipien verletzt zu haben. Dies betraf Menderes’ Haltung zum Islam: Er erlaubte etwa den Gebetsruf von den Moscheen (Adhan) wieder auf Arabisch (statt auf Türkisch), wandte sich also ein Stück von der Nationalisierung der Religion von Atatürk und seiner Party ab. Aber aussenpolitisch: Seine Regierung unterstützte etwa Frankreich während des Algerien-Kriegs in verschiedener Weise, war im Kalten Krieg fest auf der westlichen Seite. Weiters zählte Korruption zu den Anklage-Punkten; und die Fabrikation des Anschlags in Saloniki 1955 sowie die Involvierung in das folgende Pogrom.

Den Militärs ging es dabei offenbar in hauptsächlich darum, ihren Putsch zu legitimieren und mit der gestürzten Regierung und der DP abzurechnen, und nicht darum, Klarheit in die Sache des Pogroms zu bringen und juristisch aufzuarbeiten. Der Militärrichter erklärte die Angeklagten zu Hauptverantwortlichen (Organisatoren), liess darüber hinausgehende Verbindungen aber “unangetastet” – sie führten zu Militär und Geheimdienst. Es erhärtete sich: Menderes dürfte die Demonstration organisiert haben, die ihn „Krawallen“ ausgeartet ist, das Nicht-Einschreiten der Polizei dürfte von der Regierung abgesegnet/angeordnet worden sein. Patriarch Athenagoras sagte auf Yassiada als Zeuge aus, die Ausschreitungen 55 seien offenbar organisiert gewesen.157 Der Ex-Ministerpräsident und zwei Regierungsmitglieder wurden diesbezüglich zu Haftstrafen von 6 bzw. 4,5 Jahren verurteilt. Menderes, Zorlu und Polatkan wurden aber wegen der anderen Anklagepunkte zum Tode verurteilt und auf der Insel hingerichtet (gehängt).

Athenagoras Yassiada

1962 ein Besuch von Papandreou dem Mittleren in der Türkei, dann wieder Spannungen wegen Zypern. Zypern hat in seinen frühen Jahren als unabhängiger Staat so funktioniert, wie Frederik W. De Klerk zu Beginn der Verhandlungen über das Ende der Apartheid (Anfang 1990er) das künftige Südafrika gestalten wollte, mit einer Art ethnischem Proporz, Konzentrationsregierung, Vetorecht der kleineren Volksgruppe (in Zypern der Türken). Als Präsident Makarios/Mouskos158 dies (bzw die Verfassung) 1963/64 ändern wollte, gab es Aufruhr. Die demographischen Verhältnisse (78% Griechen, 18% Türken, 4% Andere) hätten sich bei einer Auflockerung der bestehenden Spielregeln vorteilhaft für die Griechen auswirken können – aber auch mehr Gemeinsames bringen können.

Die Schutzmächte (die Truppen auf der Insel halten durften) wurden angesichts der Spannungen aktiv, Enosis und Taksim bekamen wieder Zuspruch, wurden wieder Themen. Viele türkische Zyprioten verliessen ethnisch gemischte Gebiete in überwiegend türkische, und die zypriotische Nationalgarde begann diese Enklaven zu blockieren. Gewalt zwischen den Volksgruppen lebte wieder auf. Die Einheitsregierung kollabierte. Wie, das ist eben so umstritten wie der Grund für die Wanderungen der türkischen Zyprioten in dieser Zeit. Den einen Angaben zufolge zogen sich türkische Zyprioten von Vizepräsident Kücük abwärts aus öffentlichen Posten zurück, den andern nach wurden sie dazu gezwungen. Im August 1964 dann ein Angriff der türkischen Luftwaffe auf griechisch-zypriotische Stellungen in Kokkina.

An diesem Punkt, zur Zeit von Berichten von griechischen Übergriffen auf Türken in Zypern und der Aufregung über Makarios’ Bestrebung zur Verfassungsänderung (von Griechenland unterstützt), nahm sich Ankara einmal mehr die Istanbuler Griechen vor. Die Türkei, unter Premier Inönü159, kündigte einseitig das Abkommen von 1930, in dem das Aufenthaltsrecht der griechischen Staatsbürger in Istanbul (die vor Oktober 1918 dort wohnhaft waren, also als Etablis galten) geregelt wurde. Der Grossteil der griechischen Staatsbürger unter den damaligen Istanbul-Griechen wurde 1964/65 ausgewiesen, mit Begründungen wie “Spionage” gegen die Türkei. Die Abschiebungen fanden unter schlimmen Bedingungen statt: Die Betroffenen durften nicht mehr als 200 türkische Lira (etwa 20 €) mitnehmen sowie einen Koffer, der nur Kleidung und persönliche Gegenstände beinhalten durfte. Man gab ihnen maximal 10 Tage Zeit zum Verlassen des Landes, in manchen Fällen 48 Stunden. Wenn Immobilien und Geschäfte in dieser Zeit nicht verkauft wurden, konfiszierte sie der Staat. Die meisten der Deportierten hatten immer in der Türkei gelebt und hatten in Griechenland keine Existenz (im Sinne von Wohnraum, Beruf,…). Etwa ein Drittel der Istanbul-Griechen (“Konstantinopolitaner”) waren Pass-Griechen und fast alle davon wurden damals ausgewiesen. Das müssen etwa 10 bis 15 000 Menschen gewesen sein.

Doch: Es betraf viel mehr Konstantinopolitaner, da diese familiär eng miteinander verflochten waren und daher in der Regel weitere Teile der Familie mit Ausgewiesen mit gingen. Das waren wahrscheinlich noch einmal an die 15 000, insgesamt also etwa 30 000 Griechen die damals die Türkei verliessen.160 Und nicht genug damit: Dass die Istanbul-Griechen neuerlich durch einen aussenpolitischen, Griechenland betreffenden, Konflikt massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, verbreitete eine tiefe Verunsicherung, sodass auch damals “Unbeteiligte” in den folgenden Jahren auswanderten. Der finale Exodus der Griechen aus der Türkei setzte 1964 ein, es kam endgültig ein Domino-Effekt in Gang: die Auswanderer schwächen die Dortbleiber, wie in solchen Konstellationen üblich. Allmählich brach das ganze soziale Gefüge zusammen. Es fehlen dann zB die Schüler für die eigenen Schulen, irgendwann aber auch die Lehrer,… 1974, das neuerliche Aufkochen des Zypern-Konflikts, war noch eine “Draufgabe”. 1964 kamen noch weitere Gängelungen hinzu, hauptsächlich Druck auf die Schulen der Griechen in Istanbul, in Form von häufigen Inspektionen, die Ernennung von Türken als Vize-Direktoren,…

Ausweisung Griechen 1964

Hier ein Einzelbeispiel aus 1964: Stathis Arvanitis von der Insel Büyükada/Prinkipos erlebte als Kind 1955, als Randaleure mit der Fähre aus Istanbul kamen. Danach lebte man in Angst, so Arvanitis. Sein Vater, ein Schuster, war griechischer Staatsbürger, der Rest der Familie nicht. 1964 wurde der Vater ausgewiesen, natürlich gingen die Anderen mit (nach Griechenland). Bei der Grenzkontrolle wurde dem Vater noch eine Ikone abgenommen, mit der Begründung, es handle sich um eine Ausfuhr von Antiquitäten. Aus Istanbul gehen musste zB der Papierfabrikant Constantinos Vasileiadis. Der Journalist Andreas Lambikis, ebenfalls ein Istanbul-Grieche, wurde 1965 von den Behörden ausgewiesen, weil er in Artikeln in Istanbuler griechischen Zeitungen die Diskriminierungen thematisiert hatte. Fotos von alten oder behinderten Griechen, die in Istanbul zu Flugzeugen geführt wurden, gingen um die Welt. Der Westen blieb aber ruhig, ausser einzelnen Diplomaten oder Schreiberlingen, man war schliesslich im Kalten Krieg.

Nach dem Putsch 1960 gab es eine gelenkte Demokratie in der Türkei, für Jahrzehnte eigentlich, mit Militärs als Staatspräsidenten bis 1989 und dem Nationalen Sicherheitsrat, der eine Rolle spielte wie der Wächerrat in der IR Iran. Militärs die über Politiker wachten. Bestimmte Parteien wurden neben der CHP zugelassen, die DP gewissermaßen als AP (Gerechtigkeits-Partei) wiedergegründet. Mit der Wahl 1965 begann diese gelenkte Demokratie, Suleyman Demirels AP besiegte die CHP, Inönü wurde abgelöst, Demirel das erste Mal Ministerpräsident. Er war zwischen 1965 und 1993 6x Premier, dann Präsident; aus der AP wurde dann die DYP. Es heisst, die Istanbuler Christen und Juden bevorzugten die AP gegenüber der CHP. Eine minderheitenfreundliche Politik betrieb Demirel aber sicher nicht, nicht nur weil er kaum Minderheitenvertreter (keine Griechen) ins Parlament brachte. Und ja, “Minderheit” im türkischen Kontext bedeutet eigentlich “Nicht-Moslem”. Aber: Der politische Islam ist deshalb nicht notwendigerweise die “Antithese”, die Nemesis zu diesen Minderheiten – darauf werde ich noch eingehen. Für die AP spielte der Islam jedenfalls keine grössere Rolle, obwohl sie eher die Partei für Ärmere und Anatolier war.

1967 in Griechenland ein Militärputsch und in der Folge bis 1974 eine Diktatur; mit USA-Unterstützung, bis dahin haben in der Regel die Briten in Griechenland interveniert. Das Militärregime unter Georgios Papadopoulos (bis 1973), obwohl rechts, betrieb keine türkenfeindliche Politik (ausser dann auf Zypern). Ende der 60er, Anfang der 70er arbeiteten die Regime der beiden Länder etwas zusammen, bezüglich Austausch von Lehrern und Lehrmaterial für die Minderheiten im anderen Land. Der letzte griechische König Konstantin(os), der 1964 Nachfolger seines Vaters Paul/Pavlos geworden war, dürfte eine Rolle beim Zustandekommen der Militärdiktatur gehabt haben, im Vorfeld, als Drehscheibe zwischen USA-Vertretern, Offizieren, Politikern; er arrangierte sich zunächst mit der Junta, ging dann noch 67 ins Exil nachdem er versucht hatte in dieser Situation die Macht zu erringen (nicht, die Demokratie zurück zu bringen). 1973 wurde der Exilierte abgesetzt, die Monarchie abgeschafft, nachdem er wieder „hineingefunkt“ hatte (wiederum nicht im Sinne einer Demokratisierung); durch Referenden wurde dies abgesegnet. Die Glücksburg-Könige mussten immer wieder in’s Exil. Konstantin durfte lange nach der Demokratisierung nach Griechenland zurückkehren, 2003. Die Nachfahren der letzten osmanischen Sultane/Kalifen durften in den 1990ern in die Türkei zurück.

Im März 1971 erzwang das türkische Militär den Rücktritt der AP-Regierung von Demirel. Im Sommer ’71 wurde die orthodoxe Theologische Schule auf Chalki (Θεολογική Σχολή Χάλκης) geschlossen, nachdem der Oberste Gerichtshof private (nicht-staatliche) Hochschulen verbat. Seit Mitte des 19. Jh waren dort orthodoxe Kleriker ausgebildet worden. 1844 hat Patriarch Germanos IV. das Kloster aus dem 11. Jh in ein theologisches Seminar umgewandelt. Fast alle Gebäude wurden beim Istanbul-Erdbeben 1894 zerstört, bis 1896 wieder aufgebaut. In den 127 Jahren seines Bestehens graduierten 930 Kleriker vom Seminar, viele spätere Bischöfe, 12 orthodoxe Patriarchen. Der Niedergang des Konstantinopoler Griechentums spiegelt sich auch in der Entwicklung dieser Hochschule wieder; in Jahren zuvor war bereits die Teilnahme von nicht-türkischen Staatsbürgern als Lehrende161 und Lernende verboten worden. Nun wurde auch die Ausbildung künftiger Priester, Bischöfe, Patriarchen abgewürgt!

Hinzu kam das Schwinden der griechischen Bevölkerung Istanbuls. Bei 100 000 (also die Zahl aus der Zwischenkriegszeit) war es schon schwierig, qualifiziertes Personal zu finden.162 Um 1971 gab es vielleicht noch 10 000 Griechen in der Türkei. In dieser Zeit müssen die Antiochia-Orthodoxen (~20 000), die zT nach Istanbul zogen (und sich zT an die Griechen assimilierten) die Griechen zahlenmäßig überholt haben. Hinter der Existenz des orthoxen Patriarchats in Istanbul und der Griechen in der Stadt steht ein immer grösser werdendes Fragezeichen. Athenagoras musste das in den letzten Jahren seines Patriarchats und seines Lebens erleben.

1972 starb er, nach 24-jährigem Pontifikat (das längste seit Jahrhunderten); er hatte vieles bewegt und versucht. Für die Wahl eines Nachfolgers gab es neue Regeln seitens des türkischen Staats, die Anwesenheit eines Notars. Dies verstiess gegen das diesbezügliche kanonische Kirchengesetz. Weiters wurde dem Patriarchat mitgeteilt, dass Meliton Chatzis und zwei weitere Mitglieder der Heiligen Synode für die Türkei als neue Patriarchen nicht in Frage kämen. Chatzis bekleidete diverse Bischofs-Posten, jene die es nach Lausanne noch gab in und um Istanbul, zuletzt jenen von Chalcedon. Anfang der 1970er vertrat er 2 x Athenagoras als Patriarch, als dieser gesundheitlich “bedient” war. Im Juli 1972 wählte die Synode schliesslich Dimitrios Papadopoulos, den Erzbischof von Imbros und Tenedos, der als Patriarch “Dimitrios I.” wurde.

Makarios versuchte als Präsident des einigermaßen geeinten Zyperns nach 1964 eine bezüglich der türkischen Minderheit gemäßigte Linie zu “fahren”, bekam dabei Gegenwind aus Athen und den eigenen Reihen.163 1974 stürzte die neue EOKA, unterstützt von Teilen der Nationalgarde sowie dem Regime in Athen, den zypriotischen Präsidenten. Der EOKA-B-Mann Nikos Sampson/Nikolaos Georgiades wurde zum Präsidenten ausgerufen. Sampson hatte die Absicht, eine Vereinigung/Enosis Zyperns mit Griechenland vorzunehmen, seine ersten Schritte als Machthaber waren aber Verfolgungen von Makarios-Anhängern und Linken unter den griechischen Zyprioten! Nach Haralambos Athanasopulos wurden mindestens 500 unter Sampson getötete griechische Zyprioten auf die Liste der infolge der türkischen Inavsion Getöteten gesetzt, und ihr Tod den Türken untergeschoben… Ein Mythos bzw Geschichtsklitterung ist es aber auch, dass türkische Zyprioten nach dem Putsch in Nikosia gelitten hätten, verfolgt worden seien. Denktas, seit 1973 Vizepräsident, sprach damals zunächst sogar davon dass es sich dabei um eine interne griechische Angelegenheit handle. Dennoch164, 5 Tage nach Makarios’ Sturz, intervenierte das türkische Militär auf der Insel.165

Mehr als ein Drittel des Ostens (oder Nordens) der Insel wurde besetzt, die griechische Bevölkerung daraus vertrieben, im Gegenzug auch Türken aus dem Westen/Süden. Hier gab es dann Übergriffe, Massaker. 1974 dürften Griechenland und Türkei einem Krieg gegen einander (wie zuletzt 1920-22) sehr nahe gekommen sein. Mit den Rücktritten von Sampson & Co in Nikosia und von Ioannides166 & Co in Athen wurde das abgewendet. Makarios kehrte wieder in sein Amt als Präsident Zyperns zurück, in Griechenland ernannte die Junta Konstantinos Karamanlis zum Ministerpräsidenten, die Metapolitefsi begann.167 Das Land ist seither wieder stärker an den Westen gebunden. Zypern ist seither bekanntlich geteilt.168 Wenn man die Enosis-Absichten von Sampson/Georgiades und seinen Hintermännern in Athen als Anlass für die türkische Invasion sieht169, kann man sagen, der “Griff nach Zypern” brachte für Griechen Verteibungen und Verluste, wie schon jener nach Ost-Thrakien, Istanbul, Ionien ca. 50 Jahre zuvor. Zypern wurde in den 1950ern wichtig für das griechisch-türkische Verhältnis, was sich 1964 und 1974 natürlich intensiviert hat. Die Leute dort müssen einen eigenen Weg zu einander finden, die Zukunft ihrer Insel steht aber im Zusammenhang mit ihren “Schutzmächten” und ihrem Verhältnis zu einander.

Die türkische Invasion auf Zypern, der “Höhepunkt” der Konfrontation auf der bzw um die Insel, verstärkte die Auswanderung der Istanbul-Griechen, ohne dass sie damals Erlebnisse wie 1955 oder 1964 gehabt hätten. Sie waren oft genug daran erinnert worden, dass sich Verschlechterungen im griechisch-türkischen Verhältnis für sie schlimm auswirken konnte. Und 1974 kam diese Beziehung ja an einen neuen Tiefpunkt. Die Auswanderung ging die ganzen 1970er weiter. 1978 veröffentlichte Charalambos Rombopoulos in seiner Istanbuler griechischen Wochenzeitung “HΧΩ” (Echo) Zahlen über die Griechen in der Stadt (demnach gab es damals etwas unter 8 000) und Umfragen unter ihnen. Ein sehr grosser Teil äusserte die Absicht, die Türkei bald zu verlassen. Keine Frage, die Ereignisse in Zypern 1974 haben zum fast kompletten Verschwinden der Istanbul-Griechen einen entscheidenden Teil beigetragen.

Als türkische Behörden im September 1974 drei byzantinische ehemalige Kirchen und Klöster im Raum Istanbul in Moscheen umwandelte, gab es dort längst zu wenige Griechen, als dass diese Aufregung/Widerstand generieren konnten, so wie es die Moslems Indiens 1992 taten, bei der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya zum Zweck der Errichtung eines hinduistischen Tempels. 1980 wieder ein direktes Eingreifen des Militärs der Türkei in die Politik. Erst Ende der 1980er wurde die Macht dann an Politiker (wie Süleyman Demirel und Turgut Özal) abgetreten, wobei Einschränkungen für die Demokratie (Parteienverbote,…) darüber hinaus blieben. 1955 hatte das Eingreifen des Militärs spät die antigriechischen Randale gestoppt, 1964 waren unter dem Einfluss des Militärs Griechen des Landes verwiesen worden. In den 80ern tat sich diesbezüglich nichts Markantes. Dafür begann damals ein neuer Aufstand von Teilen der Kurden, in Südost-Anatolien.

Ein Blick auf die türkische Volksgruppe in Griechenland: Die “Türken” in Westthrakien sind ja eigentlich ein Amalgam aus moslemischen Türken, Pomaken und Roma/Sinti. Und Westthrakien gibt es als Verwaltungseinheit nicht (mehr). Die Westthrakien-Moslems sind vom griechischen Staat auch als moslemische Minderheit anerkannt, als religiöse nicht als ethnische Minderheit; was von türkischer Seite kritisiert wird. Hier hat sich gewissermaßen das osmanische Millet-System fortgesetzt, die Verschmelzung von ethnischer und religiöser Identität. Differenzen gibt es hauptsächlich zwischen den eigentlichen Türken und den Pomaken; zweitere sind griechischer, was wohl auch damit zu tun hat, dass sie keine “Schutzmacht” ausserhalb haben, die noch dazu mit Griechenland verfeindet ist. Jedenfalls wurden für diese moslemische Minderheit im Lausanne-Vertrag gewisse Rechte festgeschrieben. Sie ist die einzige staatlich anerkannte Minderheiten-Volksgruppe in Griechenland. Die Albaner gelten als ausgesiedelt (als “Türken”)170, die Aromunen als assimiliert171, den Dodekanes-Türken (s.u.) will man gewisse Rechte nicht zugestehen,…

1986/87 wurde im Zuge einer Verwaltungsreform auch die Region (Περιφέρεια, Periféria) Ostmakedonien-Thrakien geschaffen, mit der Hauptstadt Komotini. Sie besteht aus 6 Regionalbezirken, wovon Rodopi jener ist mit den meisten Westthrakientürken/muslimischen Griechen (ca 50% d. Bevölkerung), auch die Regionalshauptstadt Komotini liegt dort. In Komotini gibt es ein türkisches Konsulat, viele türkische Schulen,… Man kann die Türken im historischen Westthrakien (zumindest die tatsächlichen Türken unter ihnen) in den Kontext mit den (anderen) Balkantürken stellen, das sind hauptsächlich jene in Bulgarien, im früher jugoslawischen Makedonien, Rumänien (dort v.a. in Dobrudscha). Das ist Diaspora aus türkischer Sicht, wohin gegen WT an die Türkei grenzt. Jedenfalls sind die Türken/Moslems im jetzigen Ostmakedonien-Thrakien eine grosse Minderheit geblieben (an die 100 000), während die Istanbuler Griechen zusammengeschrumpft sind. Es gab aber auch von hier eine starke Auswanderung, v.a. natürlich in die Türkei. Es gibt dann noch eine kleinere Zahl von Türken auf den Dodekanes-Inseln (v.a. auf Rhodos, in Kos weniger), die ja erst spät von Italien übergeben wurden, womit diese Menschen dem Bevölkerungsaustausch von 1923 entgingen. Es sind kleinere Gruppen, ohne Minderheitenschutz, sie müssen sich anpassen.

Nicht bekannt ist mir, inwiefern es vom Dodekanes oder Ostmakedonien-Thrakien172 eine Binnenwanderung von Türken in Hellas gibt, also zB nach Athen. Zur Frage der Moschee in Athen, s.u. In den letzten Jahren und Jahrzehnten gab es natürlich auch neue moslemische Einwanderer, Flüchtlinge,… in Griechenland. Zeitweise werden diese, die moslemische Minderheit in Westthrakien, die Türkei sowie die moslemischen (türkischen, albanischen,…) Bevölkerungsgruppen in Nachbarstaaten wie Bulgarien und Nordmakedonien als quasi unter einer Decke steckend und Bedrohung für Griechenland empfunden/dargestellt. Das Verhältnis der Griechen zu Arabern und Persern ist entspannter als zu Türken und Albanern (die eigentlich nur zT moslemisch sind). Aber auch mit orthodoxen Völkern gab/gibt es ja Spannungen, dazu auch noch mehr.

In Griechenland werden Kandidaten der moslemisch-türkischen Minderheit(en) aus Thrakien in der Regel auf Listen linker Parteien (wie PASOK) oder als Unabhängige ins Parlament gewählt. Sadik Ahmet wurde 1989 als Unabhängiger gewählt. Später gründete er eine Partei, namens “Freundschaft Gleichheit Frieden” (türkische Abkürzung DEB, griechische KIEF), die eine Partei der Minderheit ist, aber nicht sein darf (so wie die bulgarische ДПС oder die Kurden-Parteien in der Türkei), und ausserdem nicht über die (3%-) Sperrhürde kommt. 1990 wurde Ahmet kurzfristig verhaftet, worauf hin es in Komotini zu Unruhen kam. Sadik Ahmets Auto-Unfall-Tod 1995 wurde von vielen Westthrakien-Türken dem griechischen Staat angelastet. Hetzer und Chauvinisten gibt es natürlich schon auch in Griechenland und die dortige türkische Minderheit hat auch gelegentlich die Sündenbock-Funktion. Auch sie sind nur pro forma gleichberechtigte Bürger. Es gibt auch eine Parallele zum orthodoxen Patriarchen von Istanbul; 1991 begann der griechische Staat, den Mufti (also das religiöse Oberhaupt der Moslems in Thrakien) zu ernennen. Dieser wird von den Betroffenen nicht anerkannt. Parallelen gibt es hier auch zum Pantschen Lama in Tibet.

In der Türkei war eine regionale Autonomie, wie in Südtirol, für die nach 1923 verbliebenen Griechen kein Thema, da diese in der wichtigsten Stadt des Landes leben – inzwischen sind es längst zu wenige. Die Türken/Moslems in Griechenland leben in einer abgelegenen Gegend und machen im Bezirk Rodopi wie erwähnt die Hälfte der Bevölkerung aus. Aber: Zum Einen wird auch dort streng auf eine “Einbindung” der Minderheit in den Staat geachtet. Zum Anderen: Das mit der “Abgelegenheit” ist relativ. Die Westthrakien-Türken bzw moslemischen Griechen leben am (für Manche) sensitivsten Punkt Griechenlands, im Grenzgebiet zur Türkei. Östlich vom Bezirk Rodopi (Siedlungs-Schwerpunkt dieser Türken/Moslems) liegt noch der Bezirk Evros (mit der Stadt Alexandropoulis), ebenfalls ein Teil des historischen Westthrakiens, wo auch Türken leben, nicht so viele. Auf der anderen Seite des Evros/Maritsa/Meric liegt das türkische Ost-Thrakien (mit Edirne/Adrianopel). 1986 gab es eine Schiesserei an der Grenze (West-Ost-Thrakien) zwischen griechischen und türkischen Soldaten.

Ansonsten grenzen die beiden Länder in der Ägäis aneinander, von der Insel Samos zur kleinasiatischen Küste etwa ist es nur 1,6 km. Lange gab es Sorge in Griechenland, die Türkei könnte in West-Thrakien “zum Schutz” der dortigen türkischen Minderheit militärisch intervenieren, wie in Zypern. In der Ägäis gab und gibt es auch Grenzkonflikte zwischen den beiden Staaten, speziell ab den 1970ern. 1987 (griechische Ölbohrungen bei Thasos, türkische Antwort) und 1995/96 (Imia/Kardak) hat auch nicht viel zu einem vollen militärischen Konflikt gefehlt. Es geht immer um Seegrenzen, Souveränität, Meeresbodenbergbau, militärisches Geprotze,… Nach dem Konflikt 1987 kam es 1988 beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Graubünden, Schweiz) zu einem Übereinkommen zwischen den Regierungschefs Özal und A. Papandreou, mit dem sich die Staaten erstmals seit 1974 wieder einander annäherten. Auch wurden damals Rückkehr-Besuche von 1923 oder später (1964,…) Vertriebenen erleichtert.

Patriarch Demetrios/Dimitrios, in dessen Zeit Zypern-Invasion, Militärputsch und konstante Auswanderung seiner Gemeinde gefallen waren, wurde am Ende seines Lebens/seines Pontifikats auch mit türkischem Unmut über die Behandlung der türkischen Minderheit in Griechenland konfrontiert (Ahmet-Verhaftung, Mufti-Ernennung). 1990 und besonders 1991 wurde der Patriarchenpalast bzw die Georgskirche von nationalistischen Demonstranten mehrmals belagert, die Dimitrios zu einer Verurteilung der diesbezüglichen griechischen Politik zwingen wollten. Die Blockaden, etwa jene im August 91, wurde von den türkischen Behörden zumindest geduldet. Das Patriarchat ist, überspitzt gesagt, seit Jahrhunderten in einem Belagerungszustand, und mit dem Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik ist das definitiv schlimmer geworden. Es dürfte aber einen Zusammenhang zwischen diesen Aktionen und seinem Ende gegeben haben, diese ihm gesundheitlich zugesetzt haben. Im Oktober 1991 starb er. Zum Nachfolger wurde sein Mitarbeiter, der damals 51 Jahre alte Metropolit Demetrios Archontonis, gewählt. Der 270. Nachfolger des Apostels Andreas nahm den Patriarchen-Namen Bartolomaios (Bartholomäus) I. an. Archontonis/Bartolomaios ist 1940 auf Imbros geboren, besuchte eine griechische Schule in Istanbul, studierte auf (C)halki Theologie ab ’61, wurde ’69 Priester, leistete zwischendurch seinen türkischen Militärdienst ab, war dann zur postgraduellen Ausbildung sowie als Geistlicher im Ausland, u.a. in der USA.

Mit dem Ende der kommunistischen Systeme/Staaten in Osteuropa (Warschauer Pakt, YU, Albanien) Anfang der 1990er kam Bewegung ins Verhältnis zwischen Griechenland und seinen nördlichen Nachbarn. Während Grenzen geöffnet wurden, wurden Grenzfragen, Irredenta-Ansprüche und Ähnliches wieder etwas aktuell, u.a. um das historische Makedonien, das zwischen Griechenland (3 Regionen), Bulgarien und dem ehemals jugoslawischen Makedonien/Mazedonien geteilt ist. Die Türkei verlor die Privilegierung, die sie vom Westen im Kalten Krieg als “Frontstaat” genoss, konnte aber Kontakte zu türkisch-sprachigen nun unabhängigen Staaten der Ex-SU knüpfen sowie zu türkischen Volksgruppen am Balkan. Restrospektiv begann das Ende der kemalistischen Republik.

Zwischen der Türkei und Griechenland verbesserte sich in den letzten Jahren des 20. Jh das Verhältnis etwas. Das war, als George Papandreou in Griechenland Aussenminister war, und in der Türkei Ismail Cem (İpekçi). Cem war 97-02 Aussenminister, unter Yilmaz und Ecevit, Papandreou 99-04, unter Simitis (PASOK; später wurde er Ministerpräsident). Den beiden gelang es, etwas Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen zu bringen. Es war/ist nicht nur Zypern…als Papandreou und Cem Abkommen in Athen unterschreiben sollten, hatte man das Problem dass es im Aussenministerium und anderen Gebäuden kaum Räume ohne Gemälde von Kämpfen mit Türken gab, vom Untergang Byzanz’, vom Unabhängigkeitskampf gegen die Osmanen,… Dieser Antagonismus hat die griechische Geschichte der letzten (mehr als) 500 Jahre geprägt. Und 1999 (im Februar) war noch die Verhaftung von PKK-Chef Abdullah Öcalan in Kenya, durch türkische Agenten mit israelischer Hilfe. Der Chef der kurdischen Miliz hatte von griechischer Seite Hilfe nach seiner Ausweisung aus Syrien 98 bekommen.173 Drei griechische Minister traten deshalb zurück, darunter Aussenminister Pangalos, dem Papandreou nachfolgte. Die linksextreme DHKP-C (Dev Sol) agierte auch zeitweise von Griechenland aus. Im selben Jahr die “Erdbeben-Diplomatie”, nach Erdbeben sowohl in Türkei als auch in Griechenland, gegenseitige Hilfe und Anteilnahme.174 Und im Dezember 99 zog Griechenland sein Veto gegen EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei zurück.

Man redete über die Grenzkonflikte in der Agäis. Anfang 2000 ein Staatsbesuch Papandreous mit Kranzniederlegung am Atatürk-Mausoleum in Ankara. Bald darauf der Gegenbesuch von Cem in Athen. Damals dürfte das Problem mit den fehlenden Prunkräumen ohne Gemälde von Gewalt mit Türken aktuell gewesen sein175, jedenfalls wurden damals und in den folgenden Monaten einige Abkommen unterzeichnet, betreffend wirtschaftliche, wissenschaftliche, kulturelle Zusammenarbeit, Verkehr (auch Schiffs-),… Cem, der aus einer Dönmeh-Familie kam, bekam den Ipekci-Preis für türkisch-griechische Freundschaft, gestiftet 1981 zu Ehren von Abdi Ipekci, einem Journalisten („Milliyet“) und Menschenrechtsaktivisten, der 1979 von Grauen Wölfen (darunter Mehmet A. Agca176) ermordet wurde.177 Ismail Cem war sein Cousin, ein Kemalist, aber ein liberaler (vielleicht sogar linksliberal) und engagiert für die Aussönung mit Griechenland, für Minderheitenrechte. Cem wechselte von der CHP zur SHP, dann zur DSP (Ecevit), gründete 02 die YTP. Nachdem diese bei Wahlen nicht gut abschnitt, brachte er sie in die CHP ein, in der Hoffnung, deren liberalen Flügel zu stärken. Das war kurz vor seinem Tod 2004, infolge einer Krebserkrankung.

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Die gegenwärtige Situation

Heute dürfte es etwa 2000 Griechen geben in der Türkei, in Istanbul (inklusive den Prinzeninseln) sowie auf Imbros und Tenedos, mit dem Patriarchen als Quasi-Führer/ Ethnarchen178, den Sondergruppen der Karamanlides-stämmigen, der Griechisch-Katholischen, der Zuwanderern aus Antiochia/Antakya unter ihnen. Auch ganz wenige griechische Staatsbürger dürfte es darunter noch geben in Istanbul. Und natürlich die Eftimisten/Türkisch-Orthodoxen, die den Weg der Anpassung an die türkische Gesellschaft gegangen sind. Es gibt aber auch jene (Türken), bei denen nicht die Zugehörigkeit zu einer christlichen (oder pseudochristlichen?) Gruppe an die “Wurzeln” erinnert (und auch nicht Name oder Sprache), Griechisch-Stämmige (oder ihre Nachfahren) die zu verschiedenen Zeiten den Weg der Assimilation beschritten haben und das eine oder andere Griechische behalten haben; auch ausserhalb Istanbuls.179 Und natürlich ist die kleine griechische Gemeinschaft auch sozial (nach Berufen), kulturell und politisch diversifiziert. Es wird sich zeigen, ob sie als solche bestehen kann.

Patriarch Bartholomäus ist inzwischen seit 28 Jahren Patriarch, hat damit Athenagoras überholt. In seine Zeit fiel bislang eine Zeit relativer Stabilität in den Beziehungen Griechenland-Türkei. Und der Übergang von der kemalistischen Republik zu einer islamischeren sowie die globale Islamkrise. Wobei: Es war die nationalistische Ergenekon-Organisation, die einen Anschlag auch auf Bartholomäus/Archontonis plante und die kemalistische Justiz, vor der sich der Patriarch 2007 verantworten musste – weil er an seinem traditionellen Titel als “Ökumenischer Patriarch” festhält. Und es waren die AKP-Regierungen, unter denen die Griechisch-Orthodoxe Kirche Immobilien zurückerstattet bekam. Archontonis hat sich markant zur Reziprozität von Moslems in Europa und Christen in der Türkei geäussert, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar, dazu noch mehr. Für diese so kleine Gemeinschaft wird es jedenfalls immer schwieriger, einen würdigen Patriarchen in seiner Mitte zu finden.

Der Niedergang der Griechen in Istanbul/Konstantinopel wirkte sich auch auf ihre Presse aus. „Echo“ (Rombopoulos Vater und Sohn) und viele andere Zeitungen/Zeitschriften mussten eingestellt werden. Heute ist “Apogevmatini” (Απογευματινή) die letzte, sie erscheint täglich, seit beinahe 100 Jahren, wurde aber immer dünner und stand mehrmals vor der Einstellung. “Apogevmatini” wird wie zu ihren Anfängen von der Vasiliadis-Familie herausgegeben. Andere wichtige kontemporäre Personen der Istanbuler Griechen sind etwa Metropolit Apostolos Danilidis, einer der Mitarbeiter des Patriarchen in der Georgskirche. Bin mir aber nicht sicher, ob er der aktuellen Synode angehört. Dann soll es einen Universitäts-Professor namens Stepanopoulo(s) geben, der so etwas wie säkularer Führer dieser Gemeinschaft sein soll. Der Sänger Fedon Kalyoncu ist Sohn eines Griechen und einer Armenierin aus Istanbul. Die Philosphin Kucuradi ist auch eine jener, deren griechische Abstammung man nicht am Namen erkennt. Das gilt auch für den Fleischer Lazari Kosmaoglu, der in diversen Dokus über die Istanbul-Griechen vorgestellt wurde.

02 gewann in der Türkei also die Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP) die Wahl, durfte die Regierung bilden, ist seither an der Macht, mit Recep T. Erdogan als starkem Mann (Minister-, nun Staatspräsident). Dieser Machtwechsel dürfte zum Ende der CHP/Militär-Republik führen bzw geführt haben. In vielen Bereichen (v.a. Streitkräfte, Justiz) blieb die kemalistische Hegemonie weit über 02 hinaus erhalten, änderte sich erst in den 2010er-Jahren etwas. Letzter Ministerpräsident/ Premierminister der CHP war übrigens Bülent Ecevit, 1978/79. Dieser war 99-02 auch letzter vor dem Machtwechsel zur AKP, diesmal als Politiker der DSP. Parteien wie DSP oder ANAP sind natürlich auch kemalistisch orientierte Parteien. Der Ausgleich mit Griechenland vollzog sich also vor und während dieses Wandels, wurde fortgeführt. Die Darstellung bzw Wahrnehmung der AKP und ihrer Politik im Westen ist in der Regel verzerrt. Vor allem ist es lächerlich bzw wahnwitzig, dem Kemalismus zu bescheinigen, er habe die Türkei als rechtsstaatlich-liberalen Staat aufgebaut, den diese “Islamisten” jetzt sabotierten. Das passt natürlich zum Geist der Zeit. An kemalistischen Parteien sind nur (noch) die CHP und die MHP von Belang. Die MHP wurde ja von A. Türkes gegründet nachdem er die CHP dafür kritisierte, vom nationalistischen Erbe Atatürks zu weit abgewichen zu sein. Sieht sich gewissermaßen als die wahren Kemalisten.

Die CHP hat neben dem nationalistischen auch einen liberalen Flügel, der nicht nur Leute wie Ismail Cem ansprach, sondern auch Angehörige christlicher Minderheiten. Wenn man so will, ist das Liberale dort ein Nationalismus des Territoriums bzw des Demos (der also alle türkischen Staatsbürger mit einschliesst), hegemonial ist aber der Ethno-Nationalismus, der “echte Türken” gegen solche mit Sub-Identitäten in Stellung bringt. Die AKP fordert(e) die CHP-Politik der Anlehnung an den Westen (zugunsten einer Hinwendung zur Region) wie auch jene der Vorherrschaft der West-Türkei über Anatolien heraus. Die MHP ist noch dezidierter gegen Minderheiten unter Türken (Kurden, Christen), “spielt” ausserdem mit einem Turanismus/Pantürkismus, bezüglich des Machtkampfes Anatolien gegen Westküste, Islam(ismus) gegen Nation(alismus), Orient gegen Europa, neue Eliten gegen alte, steht die MHP gewissermaßen in der Mitte. 2013 die Proteste gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park beim Takism-Platz in Beyoglu/Pera, das mit der westlichste Teil Istanbuls ist (nicht geografisch) – und ein Viertel der Istanbuler Griechen war.180 Bei den (erfolgreichen) Protesten schlossen sich verschiedene Gegner der AKP-Politik zusammen.181

1964 bis 1996 gab es keine Minderheiten- (nichtmoslemischen) Abgeordneten im türkischen Parlament, dann kam der Jude Cefi Kamhi (DYP, bis ’99); 2011 wurde der syrisch-orthodoxe Erol Dora für die HDP gewählt. Mit der ersten Wahl 2015 kamen weitere hinzu und seither hat(te) das Parlament in jeder Legislaturperiode einige Minderheiten-Abgeordnete. Für die AKP, die CHP, die HDP (seit 2012 die aktuelle “Ausgabe” der Kurdenpartei). Das im Juni ’15 gewählte Parlament war wohl das ethnisch-religiös bunteste in der bisherigen Geschichte der Türkei, mit Armeniern, Kurden, Assyrern/Syrisch-Orthodoxen, Yeziden, Sinti, Mhallami,…und Alewiten, wie CHP-Chef Kilicdaroglu. Mit ihm hat der liberale Flügel in der CHP Oberhand, aber er steht unter Druck. Die Alewiten sind so ziemlich die einzige (nicht-sunnitische) Gruppe, die auch die MHP zu unterstützen bereit ist. Was sich auch geändert hat: Die meisten Minderheiten-Abgeordneten in früheren Zeiten waren männliche Istanbuler “Notabeln”. Inzwischen gibt es auch welche aus Anatolien, Frauen,…

Türkei-Griechen gab es keine im Parlament in den letzten Jahren; Ioannides (gewählt, 57-60 bzw) Laskari (ernannt, 61, Verfassungsversammlung) waren die letzten Griechen in parlamentarischen Versammlungen der Türkei. Es gab auch keine Kandidaten, auf den Listen der Parteien, so weit ich feststellen konnte. Weil sie inzwischen so eine kleine Minderheit sind, oder weil sie weiter diskriminiert werden? Ich glaube eher, ersteres, vielleicht auch, weil sie den Kopf weiter “tief halten” wollen. Die kleine griechische Minderheit ist kein Faktor mehr in der türkischen Politik, 2000 Angehörige, ein x-beliebiges Dorf in Anatolien hat mehr Einwohner… Nun ja, wenn es um das Chalki-Priesterseminar oder um den Patriarchen geht, bekommen sie doch Aufmerksamkeit. Jedenfalls: Dass Minderheiten wieder stärker im Parlament vertreten sind, hat mit viel der AKP-Politik zu tun, die entgegen dem über sie vorherrschenden Bild toleranter ggü Minderheiten ist als die kemalistischen Kräfte. Manche wurden auch auf ihren Listen gewählt. Auch der Konflikt mit der Kurden-Miliz PKK ruhte, 2013-15, ist aber wieder aufgeflammt.182

2008 absolvierte Konstantinos Karamanlis junior (Premier, ND) einen Staatsbesuch in der Türkei, besuchte Patriarch Bartholomäus in Istanbul und die türkische Staatsführung in Ankara. Die griechische Rechtspartei LAOS kritisierte den Besuch am Atatürk-Mausoleum in Ankara, dies sei so wie wenn ein israelischer Politiker ein Grab Hitlers besuche. Die LAOS (Λαϊκός Ορθόδοξος Συναγερμός, Laikós Orthódoxos Synagermós, Orthodoxe Volksversammlung) wurde 2000 vom Journalisten Georgios Karatzaferis gegründet, der zuvor in der ND aktiv war. 09 errang sie ihr bestes Wahlergebnis, 11/12 war LAOS in der Regierung von Papademos (PASOK), seit 12 nimmer im Parlament, von anderen Rechtsparteien überflügelt, im Zuge der Wirtschaftskrise. Im Grossen und Ganzen hat sich das griechisch-türkische Verhältnis aber in den letzten 20, 25 Jahren verbessert.

Erdogans, Papandreous, Theodorakis 2010 in Athen; Michael Theodorakis ist für griechisch-türkische Verständigung: https://www.tovima.gr/2019/08/13/international/famed-composer-mikis-theodorakis-issues-impassioned-plea-for-greek-turkish-understanding/

Einige Vertriebene sind auch in der neuen Heimat politisch aktiv geworden. Neoklis Sarris, ein Istanbul-Grieche, war Berater von Patriarch Athenagoras, nach seiner Auswanderung/Vertreibung war er in der griechischen Politik aktiv (Partei EDIK), blieb der griechisch-türkischen „Sache“ verbunden, u.a. bei Verhandlungen zwischen den beiden Ländern oder in einer akademischen Zusammenarbeit mit Ahmet Davutoglu, der dann türkischer Premierminister wurde. Bülent Arinç wiederum stammt von Türken, die aus Kreta ins Osmanische Reich gingen, um die Jahrhundertwende, und Griechisch sprachen, eine Sprache, die er selbst auch kann (von den Eltern lernte). 2009-15 war der AKP-Politiker Vizepremier. Der parteilose Dimitris Mardas (stammt aus Istanbul) kam unter Tsipras in die griechische Regierung.

Die Türkei, seit 1963 mit der EU-Vorgänger-Organisation assoziiert, wurde 1999 Beitrittskandidat, 2005 wurden Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Einige Verbesserungen für die kleine griechische Minderheit sind im Zuge dessen zu Stande gekommen. So wurde etwa die türkische Verstaatlichung von Immobilien der Griechisch-Orthodoxen Kirche rückgängig gemacht. Nach einem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs (EGMR) musste die Türkei 2012 das 1964 geschlossene und später enteignete Waisenhaus auf Prinkipos/Büyükada an das Patriarchat zurückgeben. Die Angabe der Religionszugehörigkeit in türkischen Personalausweisen wurde im Zuge des Beitritssprozesses geändert, scheint auf neueren Ausweisen nicht mehr auf (bleibt aber auf dem Chip gespeichert). Dies ist vermutlich im Sinne der meisten Nicht-Moslems; in der Türkei ist Religionszugehörigkeit (zB Rüm Ortodoks) noch immer mehr oder weniger gleichbedeutend mit der ethnischen Zugehörigkeit. Wenn dies auch nicht so gravierende Auswirkungen hat wie in Israel.

Unter Erdogan hat die Türkei aber auch, in den 2010ern, Besitz (Grundstücke oder Gebäude, also Immobilien) an religiöse Minderheiten bzw ihre Stiftungen zurückgegeben, ohne von europäischen Behörden dazu verurteilt worden zu sein. Gegen den Willen der CHP, den der MHP sowieso. Etwa Land auf der Insel Chalki an die Griechisch-Orthodoxe Kirche, benachbart zum geschlossenen Priesterseminar (zu dem auch ein Kloster gehört, das in „Betrieb“ ist). Auch wurde die armenische Achtamar-Kirche auf der Insel im Van-See renoviert. Anfang 2015 hat eine türkische Regierung erstmals seit der Gründung der Republik 1923 den Bau einer neuen Kirche genehmigt. Eine syrisch-orthodoxe Kirche soll im Istanbuler Stadtteil Yesilköy errichtet werden, der Bau begann erst kürzlich, nach langem Gerangel u.a. über die Finanzierung. Bisher sind in der Türkei Kirchen nur saniert oder wieder geöffnet worden.

In der Frage der Wiedereröffnung des Seminars auf Chalki hat sich unter der AKP auch etwas bewegt. Möglicherweise hat Erdogan, in Gesprächen mit griechischen Regierungsvertretern, die Sache mit der Eröffnung einer Moschee in Athen verknüpft. Moscheen in Athen (und anderswo in Hellas) wurden zur Zeit der griechischen Unabhängigkeit zerstört oder umgewidmet, heute gibt es nur im Gebiet der Westthrakien-Türken echte Moscheen in Griechenland. Und unechte bzw improvisierte, zB in Wohnhäusern, in Athen. Für die etwa 300 000 Moslems im Gross-Raum Athen, die Einwanderer sind; wahrscheinlich sind auch einige türkische Griechen aus Westthrakien und dem Dodekanes darunter, die in die Hauptstadt gezogen sind. Die Moscheen sind eben alle im Zuge der osmanischen Eroberung vom Byzantinischen Reich bzw dieser Herrschaft entstanden. Es gab zB die Reste der Fethiye-Moschee im zentralen Athen, die lange zweckentfremdet genutzt wurde; sie wurde renoviert, aber nicht um wieder Moschee zu sein, sie wird für kulturelle Ausstellungen genutzt.

Ein Bild der Moschee aus der Zeit knapp vor der Umwidmung

Im Athener Stadtteil Votanikos wurde aber eine neue Moschee errichtet, die bald “in Betrieb” gehen soll.183 Widerstand gegen den Bau kamen von Teilen der Kirche und rechtsgerichteten Organisationen, mit Unterstützung westlicher Islamophober. Die Frage der Reziprozität der Behandlung von Moslems hier und Christen dort ist im Grunde eine wichtige, und eine komplexe – entgegen den Befunden der Scharfmacher beider Seiten, etwa Douglas Murray. Einstweilen ist Athen noch die einzige Hauptstadt eines EU-Staats ohne Moschee – und Griechenland eines jener Länder der EU, die unter osmanischer Herrschaft standen, wie Bulgarien, Rumänien,… A propos Reziprozität: Im April 18 sagte Patriarch Bartholomäus/ Bartolomaios nach einem Treffen mit Präsident Erdogan und Premier Tsipras, dass das Seminar auf Chalki bald geöffnet werden würde.

Heuer im Februar hat Tsipras Chalki (und die geschlossene Hochschule) besucht, auch er sprach von der Wieder-Öffnung. Es gibt aber längst Engpässe bei Priestern unter den Griechen der Türkei, das Seminar ist ja seit bald 50 Jahren geschlossen… Geistliche aus Griechenland müssen bzw dürfen aushelfen. Da inzwischen auch die Zahl der 12 Bischöfe wackelt, die eines Tages einen neuen Patriarchen wählen müssen aus ihren Reihen, gibt es das türkische Angebot für Staatsbürgerschaft für ausländische (griechische) Bischöfe, um ihnen Wahlberechtigung zu ermöglichen (soll auch schon geschehen sein). Die Frage der Zukunft des Patriarchats ist eng mit der des Überlebens der Griechen in der Türkei verbunden, und beide mit der Wiederöffnung des Priesterseminars. In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert, sich die Haltungen der CHP oder der (kemalistisch dominierten) Justiz zu dieser Frage anzusehen, die im Westen in der Regel als positive, “moderne” Alternative zu den “rückständigen Islamisten” der AKP gezeichnet werden.

Erdoğan sagte 2009, damals war er noch Premier, dass Angehörige von Minderheits-Völkern im Zuge ungerechter Maßnahmen vertrieben worden seien, und dies sei nicht zum Vorteil der Türkei gewesen. Ob er damit die im Zuge des Bevölkerungsaustausches ausgesiedelten Griechen meinte? Oder die zB im Zuge der Ereignisse von 1955 Emigrierten oder die 1964 Ausgewiesenen? Sein Verteidigungsminister Mehmet Gönul wiederum sagte vor einigen Jahren, die “Vertreibung von Griechen und Armeniern war ein wichtiger Beitrag zur Nationalstaatsbildung”. Ein türkischer Politologe entgegnete ihm, diese habe die Industrialisierung um mindestens 50 Jahre zurückgeschmissen. 2016 kritisierte Erdogan (nun Präsident) den Lausanne-Vertrag, weil damit die Zugehörigkeit fast alle Ägäis-Inseln zu Griechenland bestätigt worden war (auch jene direkt vor der kleinasiatischen Küste). Dies war zur Zeit von Streitigkeiten mit Griechenland um Seegrenzen; teilweise ergaben sich durch diese Inseln für die Türkei ungünstigere Grenzen als jene die das Seerecht für Gewässer vor der Küste eines Staates eigentlich vorsieht. 2014 tauchte ein weiterer Konflikt auf (GR-TR, aber auch TR-EU,…), nach dem Fund von Gasvorkommen vor Zypern. 2016 äusserte Recep Erdogan auch eine “Zuständigkeit” der Türkei für seine “Verwandten” in Westthrakien, Zypern, Krim (Tataren) und anderswo. Dies wurde in Griechenland auch negativ aufgenommen, wobei das Beachtenswerte hier eigentlich die Nennung der Krim-Tataren war, was die Ukraine oder aber Russland betrifft.

Unter Erdogan wurden aber auch topographische Türkisierungen, die von (v.a. spät-) osmanischer Zeit bis in die 1980er/1990er liefen, gestoppt und teilweise rückgängig gemacht. Alle Bezeichnungen, die auf einen nicht-türkischen Charakter von Land und Leuten hinwiese, sollten ausgelöscht werden. Erdogan, der der Istanbuler Unterschicht entstammt, von Eltern die vom Schwarzen Meer (Nordost-Anatolien) eingewandert waren, und die georgischer Herkunft sind, verwendete bei einer Rede die griechische Originalbezeichnung für den Herkunftsort der Eltern (Potamia). Sein langjähriger Weggefährte Abdullah Gül (Präsident 07-14) stammt aus Zentralanatolien, verwendete bei einer Rede in einem kurdischen Ort dessen ursprünglichen Namen. 2016 feierte die Türkei den 563. Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel, v.a. in der Stadt (Istanbul) selbst, mit Feuerwerk und Militärflugshow. Anschläge von PKK oder IS wurden befürchtet, gab es aber nicht. Die AKP bezieht das Osmanische Reich in ihre Geschichtspolitik mit ein; was Kemalisten ablehnen, dazu war dieses Reich zu multiethnisch, multikulturell, feudal,… Die MHP steht (auch) hier dazwischen. Die rechtsextreme griechische Partei Goldene Morgenröte erinnerte 2013 mit einem Fackelzug an die Eroberung und den damit verbundenen Untergang des zweiten Griechenlands, 560 Jahre zuvor.

Als sich das Scheitern des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 abzeichnete, kaperten 8 Putsch-Offiziere einen Militär-Hubschrauber und flogen über die griechische Grenze nach Alexandroupolis (Ostmakedonien-Thrakien). Sie suchten dort um politisches Asyl an, was nach einigem Hin und Her bewilligt wurde. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras lehnte einen “Tauschhandel” mit der Türkei zur Freilassung von zwei griechischen Soldaten ab (die beiden waren bei schlechtem Wetter in unübersichtlichem Gelände auf die andere Seite der Grenze geraten). Zugleich warf er dem Nachbarstaat heute vor, er entferne sich immer weiter von Europa. Neben diesen Offizieren sollen viele weitere Türken nach dem Putschversuch um Asyl in Hellas angesucht haben (unter anderen Umständen). Ob die Putschoffiziere ggü Griechenland eine so positive Einstellung hatten/haben…? Wenn man so will, tut sich da eine Querfront auf. 1920 setzten sich, nach dem Machtwechsel in Griechenland, einige venizelistisch gesinnte griechische Offiziere (General E. Zimbrakakis,…) nach Istanbul ab; wo es aber eine grosse griechische Volksgruppe und griechische Truppen gab, und das Osmanische Reich “entmündigt” worden war.

Auch war/ist in der westlichen Berichterstattung zum Putschversuch nicht selten eine Darstellung der Putschisten als “Opfer” festzustellen, der Niederschlagung als “illegitim”,… Die Militärputsche 1960 und 1980, die Absetzungen der Regierung durch das Militär 1971 und 1997184 sowie die Versuche dazu hauptsächlich in den 00er-Jahren (Ergenekon185, Balyoz harekati186,…) wurden (wie auch der Versuch ’16) von Offizieren ausgeheckt/durchgeführt, die sich als “Hüter der Republik” fühl(t)en und sich über demokratisch gewählte Politiker stellten. Bei diesen militärischen Eingreifen in die Politik wurden Nicht-CHP-Regierungen abgesetzt (oder sollten das werden), und die kemalistische Elite unterstützte diese Aktionen auch grossteils. Die Verfassungsreform nach der Volksabstimmung 2010 ermöglichte die Verfolgung der Verantwortlichen des Putsches von 1980 und die Aufarbeitung dieser Phase; der Prozess gegen Putschistenführer Evren (12-14) markiert das Ende jener Ära, in der die türkische Armee nach Belieben schalten und walten konnte und sich vor Niemandem verantworten musste. Als der Staatssekretär im deutschen Aussenministerium, Michael Roth, der „Welt“ sagte, Deutschland würde “Regierungskritikern” und “kritischen Geister” aus der Türkei Asyl gewähren, hat er keine Abgrenzung zu Putschanhängern und -beteiligten gezogen, und auch nicht jene Deutschen bedacht, die Türken par tout nicht wollen.

Griechischer Friedhof Sisli (Istanbul)

Von der Ergenekon-Verschwörung gab es auch eine Verbindung zur Türkisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Gründer, Pavlos Karahisaridis/ Zeki Erenerol starb 1962. Von der Griechisch-Orthodoxen Kirche exkommuniziert, verweigerte ihm diese ein Begräbnis auf ihrem Friedhof im Stadtteil Sisli. Von Militär-Präsident Sunay abwärts setzten sich türkische Offizielle aber dafür ein, zwangen Patriarch Athenagoras quasi zu einer Einwilligung. Beim Begräbnis waren dann auch viele Abgeordnete und andere Repräsentanten des türkischen Staates anwesend. Sein Sohn Turgut Erenerol/ Yiorgos Karahisaridis setzte sein Werk fort, als “Patriarch Eftim II.”. Nach dessen Tod 1991 kam Selçuk Erenerol als Patriarch an die Reihe (Eftim III.), der zweite Sohn von Eftim I. und Bruder des II. Er trat 2002 aufgrund der Annäherung Türkei-Griechenland zurück, starb wenige Wochen danach. Es folgte ihm sein Sohn, nun Papa Eftim IV. (Ümit Erenerol). Dessen Schwester, Sevgi Erenerol, stand/steht der rechtsextremen MHP nahe, wurde für ihre Beteiligung an den Ergenekon-Plänen zu einer Gefängnis-Strafe verurteilt. Die Zahl der Anhänger der Türkisch-Orthodoxen Kirche liegt vermutlich im zweistelligen Bereich und dürfte nicht weit über die Familie Erenerol hinausgehen, sich vielleicht noch auf weitere freiwillig türkisierte Karamanli-Griechen erstrecken. Dem Patriarchat unterstehen in Istanbul drei Kirchen, in denen jedoch seit Jahren schon kein Gottesdienst mehr stattfindet.

Im Dezember 2017 wurde Erdogan der erste türkische Präsident seit 1952 der Griechenland besuchte. Dabei stellte er erneut den Lausanne-Vertrag in Frage, mit Verweis auf die türkische Minderheit in Griechenland, der Frage der Auswahl ihrer Muftis und ihrer Anerkennung nur als religiöse (nicht ethnische) Minderheit. Dabei verstieg sich Erdogan zur Behauptung, es gäbe keinerlei Diskriminierungen gegenüber Türken griechischer Herkunft. Auch die Seegrenzen in der Ägäis, ebenfalls in Lausanne geregelt, waren wieder ein Thema. CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu aber kritisierte Erdoğan dann im Parlament über sein “Versäumnis”, die Angelegenheit von “18 besetzten Inseln” vorzubringen…seine Partei brachte die türkischen Namen von 156 Ägäis-Inseln und reklamierte sie als “türkisch”. Bezeichnend, die (zB bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul kürzlich) im Westen so gelobten Kemalisten fahren eigentlich die nationalistischere Linie; nicht nur hier, auch gegenüber Kurden etwa.

Als Istanbul 2010 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, wurden in der Hagia Sophia die islamische Übertünchung der Seraphen-Mosaiks rückgängig gemacht. Während des Ramadans 2017 organisierte das Religionsamt Diyanet zur Lailat al-Qadr in der ehemaligen byzantinischen Kirche ein islamisches Gebet, das im Staats-TV TRT übertragen wurde. Von der griechischen Regierung kam umgehend eine Stellungnahme, dass die Hagia Sophia ein Museum und UNESCO-Weltkulturerbe sei und diese Veranstaltung daher unpassend. Vor den Kommunalwahlen ’19 dann Meldungen, Erdogan wolle die Hagia Sophia in eine Moschee zurückverwandeln lassen. Bülent Arinc ist unter jenen AKP-Politikern, die dies unterstützen.

Istanbuler und kleinasiatische Griechen in der Diaspora gibt es natürlich hauptsächlich in Griechenland. Etwa 98% dieser Griechen (inklusive Nachkommen) sind heute in der Diaspora. Bei ihnen sind viele Charakteristika von Umgesiedelten zu beobachten, wie das Hochhalten spezifischer Bräuche in “geschützten” Bereichen. Und darunter sind auch Bräuche, die in der Ursprungsheimat eigentlich jene der “Anderen” waren. Es gab/gibt Entsprechendes auch zB bei den Deutschen aus Schlesien in der BRD oder Juden aus Marokko in Israel. In Gegenden Athens mit hohem Anteil an Konstantinopolern, wie Palaio Phaliron und Kalamaki, hört man auch Junge gelegentlich mit einander auf Türkisch reden.

In Athen gibt es die (2006 gegründete) Ökumenische Föderation von Konstantinopolern187, Vorsitzender ist ein Nikolaos Ouzounoglou. Sie ist auch für die ausserhalb Griechenlands Lebenden “zuständig”. Erzbischof von Amerika waren mehrmals Griechen aus Istanbul oder Kleinasien, so wie auch der jetzige. Petros Markaris ist Sohn eines Armeniers und einer Griechin aus Istanbul, wurde als Bedros Markarian geboren. Besuchte die österreichische Schule in dieser Stadt, studierte Volkswirtschaft in Wien und Stuttgart. Ein Teil der Familie übersiedelte 1954 nach Athen, Markaris/Markarian erst 1964. Er gehörte aufgrund seines Vaters eigentlich zu den Armeniern Istanbuls, war wohl türkischer Staatsbürger, wurde in Griechenland griechischer. Dort begann er mit dem Schreiben.188

Noch ein wenig zum Patriarchat und zur orthodoxen Kirche. Dem Patriarchen untersteht direkt die orthodoxe Kirche in Istanbul und Teilen Griechenlands (darunter der Berg Athos) sowie (umstritten) in der “Diaspora” (Länder die keine autokephale orthodoxe Kirche haben). Er hat Ehrenvorrang über die anderen alten orientalischen Patriarchate, also jene von Alexandria, Antiochia, Jerusalem.  Dem Patriarchat von Antiochia unterstehen die Orthodoxen im Hatay, dem von Jerusalem die orthodoxen Palästinenser. In Palästina/Israel gibt es Konflikte zwischen dem Patriarchen (z. Zt. “Theophilos III.”, Illias Giannopoulos) und den palästinensischen Gläubigen. Dabei ging es v.a. um Land-Verkäufe an Israelis. Dies ging so weit, dass die orthodoxen Palästinenser ihrem Patriarchen die Anerkennung entzogen. Vor der Autokephalie der orthodoxen Landeskirchen (in Osteuropa) wurden auch diese von griechischen Klerikern (Metropoliten,…) geleitet, nicht von Einheimischen.

Ein viel ge-wichtigerer Streit innerhalb der orthodoxen Kirche ist jener zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich an der Frage der Autokephalie der Kirche in der Ukraine entzündete. Zwischen Istanbul und Moskau kam es in der Post-SU-Zeit mehrmals zu Streits. Als das „Ökumenische Patriarchat“ aber 2018 der Loslösung einer Ukrainisch-Orthodoxen Kirche189 von der Russisch-Orthodoxen zustimmte (als Zwischenschritt zur Autokephalie die dann 2019 kam), brach die Russisch-Orthodoxe Kirche mit Konstantinopel. Die zwei wichtigsten orthodoxen Kirchen, die griechische und die russische, sind also miteinander zerstritten. Einen ähnlichen Zwist wie in der Ukraine gibt es in Belarus/ Weissrussland, auch dort spiegelt dieser den politischen wieder, zwischen den Kräften die Anlehnung oder aber Abgrenzung von Russland wollen.190

Was Nordmakedonien/Nordmazedonien betrifft, wie die Ex-YU-Teilrepublik seit 2018 heisst, dort gab es keinen Kirchenstreit (den führt die orthodoxe Kirche des Landes mit der serbischen) mit Griechenland, aber einen politischen – der sich hauptsächlich eben um den Staatsnamen drehte. Während das Verhältnis Griechenlands zu Serbien gut ist (zumindest wird das immer wieder demonstriert), gibt es zu den slawischen, orthodoxen Nachbarländern Bulgarien und Nordmakedonien Probleme. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kämpften Griechen, Bulgaren (zusammen mit den Slawo-Makedoniern) und Serben um Teile des noch osmanischen Makedoniens. Auch um Teile Thrakiens waren Griechen und Bulgaren ja Konkurrenten. Der Metropolit von Kastoria, Germanos Karavangelis, hat in Makedonien damals (im Namen der Griechen) mit Türken gegen Bulgaren und Slawo-Makedonier zusammen gearbeitet. Er ist eine Hassfigur für bulgarische und nordmakedonische und albanische Nationalisten. In Nord-Makedonien gibt es auch eine griechische Minderheit; sie soll sich hauptsächlich aus den Nachfahren Jener zusammensetzen, die im Griechischen Bürgerkrieg als Flüchtlinge kamen, sowie aus Aromunen/Walachen die als Griechen deklariert wurden.

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Betrachtungen

Das Oströmische Reich wurde, unter Herakleios, zum Byzantinischen Reich, einem griechischen, das zweite Griechenland, geprägt durch das orthodoxe Christentum und die Stadt (Konstantinopolis). Das Römische Reich hatte natürlich auch Einiges vom alten Hellas übernommen bzw gelernt, genau so wie die Makedonier zuvor. Vielleicht hätte das Osmanische Reich auch in ein griechisches umgewandelt werden können, vor dem Beginn der Unabhängigkeit griechischer Gebiete Anfang des 19. Jh. (siehe Weithmann, oben). „Plethon“ (Georgius Gemistus), ein Philosoph im späten Byzanz (er starb 1452, im westlichen Griechenland) erlebte die osmanischen Eroberungen von Teilen des Reichs und damit dessen Untergang mit (er war auch Berater von Kaisern und Despoten). Plethon sah den Zusammenbruch des Byzantinischen Reichs als Bestätigung der Überlegenheit des antiken Griechenlands mit seinen Kulten und Philosophien (besonders der Platonismus hatte es ihm angetan) über das christliche Byzanz. Griechenland solle an seine Kultur der Antike mit einem Polytheismus anknüpfen, ausserdem Elemente des persischen Zoroastrismus inkorporieren.

Die orthodoxe Kirche (mit dem Patriarchen von Konstantinopel an der Spitze) blieb aber als Erbe von Byzanz, wurde unter türkisch-osmanischer Herrschaft noch wichtiger für die Griechen. In der neugriechischen Identität nimmt das byzantinische Erbe einen wichtigeren Platz ein als das antike, “heidnische” Griechenland (in der westlichen Sicht auf Griechenland ist es umgekehrt). Jene Griechen, für die Religion wichtig ist, sind meist kulturell eher in Ost-Europa zu Hause, orientieren sich oft an Russland, sind gerne anti-westlich und anti-orientalisch/-islamisch. Und nicht selten sind solche Neu-Orthodoxe auch Linke. Im Byzantinischen Reich haben Griechen jedenfalls über Andere (Nicht-Griechen) geherrscht, wie es Türken (und zu Türken gewordene) im Osmanischen Reich taten. Und, nicht-orthodoxe Christen wurden in Byzanz unterdrückt, v.a. die monophysitischen Kirchen (Kopten, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Gregorianische,…) – diese waren die grösste religiöse Minderheit.

Ob es (zB) in Istanbul/Konstantinopel unter osmanischer Herrschaft eine moslemisch-christliche Koexistenz (nicht ganz gleichbedeutend mit türkisch-griechisch) oder sogar Symbiose gab, darüber kann man vermutlich lange diskutieren. Der Übergang zur Republik Türkei machte für Minderheiten Manches besser und Vieles schlechter. Das letzte Jahrhundert des Osmanischen Reichs war diesbezüglich eigentlich ein besonders Schlimmes, und leider gelang die Reform des Osmanischen Reichs oder die Gründung der Türkei auf Grundlage der liberalen jungtürkischen Ideologie nicht. Nach Gebietsabtretungen an die Nachbarn Griechenland und Armenien und der Besetzung durch Westmächte (1918 – 1923) setzte sich ein resoluter, intoleranter Nationalismus durch, und eine starke Stellung des Militärs im Staat, das als Löser innerer und äusserer Probleme herangezogen wird oder die Initiative ergreift. Der Islam blieb in der Türkei wichtig, aber nicht als Weg zur spirituellen Erlösung, sondern als nationales/ethnisches Definitionsmerkmal. Auch in der Region Südbalkan-Ägäis-Kleinasien-Levante haben Nationalismen im 19. und v.a. 20. Jh Menschen und Länder getrennt – auch wenn viele Probleme dort schon früher begannen. Im 20. Jh wurden Thrakien, Banat, Tirol, Schlesien, Bukowina,… auseinander gerissen, verbunden mit Vertreibungen.191

Als die Griechen zu Beginn des 19. Jh begannen, ihre Gebiete vom Osmanischen Reich unabhängig zu kämpfen, gab es kein klares definiertes “Endziel”. In vielen Vorstellungen und Wünschen schwirrte die Eingliederung von Konstantinopel sowie gewisser kleinasiatischer Gebiete (wie Smyrna und Umgebung) herum, als synchrone Verwirklichung der Megali Idea und Auflösung des Osmanischen Reichs. Es gab aber auch ein Miteinander von Griechen und Türken und jene, die das erhalten wollten. Nach dem Beginn 1821-1830 wuchs Griechenland langsam, um die Jahrhundertwende nahm es dann allmählich Formen an. Kurz vor und nach dem 1. WK tat sich noch etwas zum Vorteil Griechenlands, in Europa. Dann aber der Griff nach Konstantinopel/Istanbul und kleinasiatischen Gebieten, während das Osmanische Reich unterging. Griechenland kam (1922/23) an seine Grenzen an statt zum krönenden Abschluss seines Wachsens. Und die Griechen Kleinasiens kamen nicht nur nicht (dauerhaft) unter griechische Herrschaft, sie mussten auch ihr Land verlassen.

Der Krieg den Griechenland 1920 in Anatolien/Kleinasien begann, war wahrscheinlich ein Fehler (im doppelten Sinn, auch weil er nach hinten los ging), aber aus türkischer Sicht begann die Aggression bereits 1919, als griechische Truppen in (osmanische) Gebiete einrückte, die dem Land international (zunächst als Besatzungsgebiete) zugesprochen wurden. War dann auch die Inbesitznahme des in Neuilly 1919 zugesprochenen West-Thrakien (das einige Jahre bulgarisch gewesen war) falsch? Es war die Politik Griechenlands und der Griechen im besetzten Osmanischen Reich in diesen Jahren, die (u.a.) auf die in der Türkei gebliebenen Griechen (jene in Istanbul) dann zurückfiel. Die Entstehung der Türkei ist auch nicht zu trennen von dem Krieg gegen Griechenland, der die wichtigste Front des Türkischen Unabhängigkeitskriegs war; aus türkischer Sicht gab es damals einen nationalen Überlebenskampf. Smyrna/Izmir 1922 ist hier nur der Abschluss einer Verteidigungsaktion. Der türkische Nationalismus (in seiner kemalistischen Ausprägung und in “extremeren”) war/ist die Reaktion auf die spätosmanischen Entwicklungen, mit den “Unabhängigkeitskriegen” als Angelpunkt. Alles im Land unter eigene Kontrolle bringen war/ist dabei ein zentrales Anliegen – nicht zuletzt das kosmopolitische Istanbul/Konstantinopel.

Die Megali Idea nach 1923? Die griechischen Unabhängigkeits-/Enosiskriege gingen von 1821 bis 1922, mit dem Lausanne-Vertrag war das Anliegen eigentlich “gestorben”. Im 2. WK besetzte Griechenland den Nord-Epirus, der rasch wieder verloren ging. Der Dodekanes kam wie erwähnt 1947 zu Griechenland, die letzte Grenzänderung. In den 1950ern wurde Zypern aktuell, ist es bis heute. In der Ägäis gibt es einige Grenzstreitigkeiten mit der Türkei, hauptsächlich um unbewohnte Inselchen sowie um mit Nutzungsrechten verbundenen Seegrenzen. Der Streit mit dem nunmehrigen Nord-Makedonien (die Ex-YU-Republik) war einer um den Staatsnamen und damit möglicherweise verbundene Ansprüche (der Slawo-Makedonier), aber in Griechenland werden/wurden keine Ansprüche auf das Nachbarland (in dem es auch nur eine sehr kleine griechische Minderheit gibt) erhoben. Die rechtsextremistische Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi, CA) bekennt sich aber zur Megali Idea, mit Berufung auf das antike und mittelalterliche Erbe Griechenlands. Die anderen Rechtsparteien, LAOS und EL (Elliniki Lisi), scheinen hier näher an der Realität zu sein.192

Die jetzt türkischen Gebiete Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, sowie südlich und östlich des Marmara-Meeres sind historisch griechisch und heute Griechen-frei. Ostthrakien oder Izmir haben für Griechen eine Bedeutung wie Schlesien oder Westpreussen für Deutsche, besonders natürlich für jene, deren Vorfahren von dort stammen. Und Istanbul mit seinen restlichen Griechen ist nicht nur ein Diaspora-Gebiet von Griechen (so wie es zB auch Israel/Palästina welche gibt), es ist für manche Griechen auch ein Irredenta/Enosis-Gebiet (wie zB Zypern). Auch in Istanbul/Konstantinopel gibt es natürlich auch Spuren griechischen Lebens ohne griechische Anwesenheit, verfallene Häuser, Friedhöfe, Kirchen,… aus vielen Jahrhunderten.193 Und es gibt Türken mit griechischen Wurzeln, seit dem Beginn der Kontakte, dem späten Mittelalter, sind Griechen unter Türken aufgegangen, Manche haben etwas bewahrt; Cem Özdemirs Vater etwa ist Tscherkesse, aus der ländlichen Gegend um Ankara, die Mutter aber Halb-Griechin aus Istanbul (hat das Pogrom 55 erlebt).

Zwei der Nachbarn Griechenlands, Türkei und Albanien, “haben” also historisch griechische Gebiete, die anderen zwei, Nordmakedonien und Bulgarien, kleinere griechische (autochthone) Minderheiten. Mit Zypern hat Griechenland keine gemeinsame Grenze, aber dort gibt es eine griechische Bevölkerungsmehrheit, auch wenn man nicht nur das von der Republik kontrollierte Gebiet zählt, sondern die ganze Insel, also auch den türkischen besetzten Teil. Zypern: ein zweiter griechischer Staat (Stammland) oder griechische Diaspora? Manches erinnert an Deutschland und Österreich, auch der eigene Charakter den Zypern hat. Zur griechischen Diaspora gehören zum Teil (an die Italiener) assimilierte Griechisch-Stämmige in Süd-Italien (u.a. Grecia salentina), Griechen in der Levante (hauptsächlich nördliches Ägypten, Libanon, Israel/Palästina), in Russland und früher russisch beherrschten Gebieten (Ukraine, Armenien, Moldawien, Georgien,…), am Balkan (v.a. Rumänien), im Westen (USA, Deutschland, Canada, Frankreich, Australien, GB,…). Heute leben etwa 12 Millionen Griechen in Griechenland und auf Zypern, und etwa 7 Mio. Griechen der Diaspora (inklusive ehemals griechische Gebiete).

In einer Stadt wie Wien gibt es heute mehr Griechen als in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, aber nichtsdestotrotz war Istanbul Zentrum des zweiten Griechenlands, wurde von Griechen gegründet und geprägt, sie haben dort eine (andere) Verwurzelung. Griechen waren im Osmanischen Reich schon die “Erben” des eroberten Byzanz, in der Türkei gibt es an Roumoi/Rumlar nur noch die “Konstantinopolitaner” (Istanbul-Griechen) die immer weniger wurden, sowie die Imbrioten und Tenedioten. Es ist nicht nur die Millet-“Mentalität”, die auch in der Türkei die Beziehungen zwischen Moslems und “Anderen” bestimmt, die hier schlagend ist, es sind ja auch “Angehörige des Feindes”, was Griechenland eigentlich in dieser Zeit nach dem 1. WK wurde. Hat etwas von den Russen in Lettland (die aber ein Drittel der Bevölkerung ausmachen), den Palästinensern unter direkter israelischer Herrschaft (den “israelischen Arabern”), den Franzosen die in Algerien nach dessen Unabhängigkeit blieben (wobei: Frankreich war dort Kolonialmacht, die Franzosen eben Siedler, die Griechen in der Türkei sind dagegen eine autochthone Volksgruppe), Juden in arabischen Ländern nach 1948 (v.a. jene in Ägypten), die Kosova-Serben seit 2008, Indianer in der USA, Afrikaaner in Südafrika nach der Apartheid194, Deutsche in Osteuropa nach 1945, Südtiroler in Italien zeitweise, die Grönland-Dänen, Serben in Kroatien nach 1995, die Azteken in Neuspanien, oder Hindus in Pakistan.

Moslems 1947 von Indien nach Pakistan

Nach der Unabhängigkeit und Teilung Britisch Indiens gab es einen ungeregelten Bevölkerungs-Transfer (oder -Austausch), Hindus und Sikh zogen aus Pakistan nach Indien, Moslems von dort nach Pakistan (Mohajiren genannt), jeweils etwa 5 Millionen. Diese Wanderungen bieten sich als Analogie für den Griechisch-Türkischen Bevölkerungsaustausch statt, ausserdem die Aussiedlung der “Volksdeutschen” aus Osteuropa nach dem 2. WK (wo der “Verkehr” aber praktisch nur in eine Richtung ging), die Vertreibung der Palästinenser durch die Nakba 1947-49 im Zuge der Gründung “Israels” (wird manchmal aufgerechnet gegen die Mizrahis, die ebenfalls durch den Zionismus entwurzelt wurden). Man kann darüber dikutieren, wem der türkisch-griechische “Austausch” mehr nutzte, und auf welcher Seite mehr Grosszügigkeit (in der Behandlung der Gebliebenen) war. Es wurde ja auch mehrmals ein Austausch bzw eine Ausweisung der verbliebenen Griechen in der Türkei (inklusive des Patriarchen) und der Türken in Griechenland angedacht. Eine Auslöschung der Einen droht auch ohne dem; durch den demografischen Niedergang der Griechen in der Türkei. Der natürlich eine Folge der geschilderten Behandlung ist. Es spielte eine grosse Rolle, dass sie in der wichtigsten Stadt des Landes leben, die Türken in Griechenland aber in der Peripherie.

Die Istanbul-Griechen sind vom Aussterben bedroht – an diesem Ort. Nicht die Griechen an sich oder diese 2000 als Menschen, es geht um die Istanbul-Griechen der Zukunft, ob es sie geben wird. Wie die Palästinenser im Jordan-Tal oder die Banater Schwaben oder die Juden in Ägypten – durch Auswanderung und Assimilation könnten sie schon überleben, in anderer “Form”, an anderem Ort. Wie es oft in der Geschichte vorkam – die Awaren oder Illyrer zB wurden ja nicht ausgerottet, sie sind in Südslawen, Ungarn,… aufgegangen. Die Babylonier sind arabisiert worden, viele Karelier russifiziert,… Sudetendeutsche gibt es im betreffenden Land (heutiges Tschechien) kaum noch welche, aber in Bayern, et cetera. Buddhisten gibt es keine mehr in Afghanistan, sie sind einst zum Islam übergetreten. Sollte Kiribati durch den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels195 wirklich “untergehen”, würde es zu grossen Evakuierungsaktionen kommen – wobei Klimaflüchtlinge von dort schon an die “Türen” anderer Staaten klopfen.

Bei den Khoisan im südlichen Afrika wiederum ist ihre Kultur/Lebensart vom Aussterben bedroht. Griechen in Istanbul oder Kleinasien oder Ostthrakien…wie Löwen in Persien/Iran oder Nordafrika, um in die Tierwelt zu gehen. Es gibt natürlich eine Wechselwirkung zwischen der Lage der letzten Griechen Istanbuls und ihrem Prominentesten, dem Patriarchen. Beide waren den Wechselfällen des Verhältnisses der Türkei mit Griechenland ausgesetzt; in Zeiten eines guten Einvernehmens der beiden Länder (wie die 1930er, die frühen 1950er,…) war der türkische Staat ihnen ggü tolerant, während zu Zeiten der Spannungen (1920er, 1955, 1964,…) Repressalien meist nicht lange auf sich warten liessen, die Sicherheit dieser Griechen weg war und Auswanderungsströme entstanden.

Man kann das (türkische) Argument lesen/hören, in der Türkei gäbe es 50 Minderheiten, all die Interessen seien eben nicht leicht zu vereinen,… Aber wieviele davon sind autochthone? Nicht-moslemische? In der Türkei gibt es auch eine Indifferenz gegenüber der Diversität des Islams im Land: Innerhalb des türkischen Islams ist natürlich der sunnitische hegemonial, und darin die hanafitische Schule; die sunnitischen Kurden folgen mehrheitlich der schafiitischen. Daneben gibt es eben noch 12er-Schiiten, Alewiten,… Die Alewiten können als ethnoreligiöse Gruppe (es gibt Theorien über sie, etwa als Nachfahren der Hethiter), als Religion (hauptsächlich von Kurden), als Sondergruppe innerhalb des Islams oder als unterdrücktes Proletariat gesehen werden. Der alewitische Bektaschi-Orden wurde unter Atatürk ebenso verboten wie sunnitische Orden wie jener der Mevlevi. Mustafa Kemal Atatürk wird aber auch im Westen meist unkritisch als “progressiver und säkularer Vater der modernen Türkei” und ähnlich gesehen… Fikret Adanir schrieb über den Untergang des Osmanischen Reichs, dieses hatte wahrscheinlich (bzw bestand aus) zu viel Staat und zu wenig Gesellschaft; für die Türkei gilt das vermutlich auch. Und, was Föderalismus betrifft, hatte das OR wahrscheinlich noch mehr als die TR!

Es gibt zwischen Türken und Griechen natürlich auch Begegnungen und Interaktionen in ihren Diasporen, ob in der Ex-SU, am Balkan, im Westen oder in der Levante. Was letztere betrifft: Türken sind zT in (den ebenfalls sunnitischen) Arabern (bzw Arabisierten) aufgegangen, zT haben sie ihre Identität bewahrt. So etwas hat es zwischen orthodoxen Griechen und Arabern auch gegeben… Chrysosthomos Kalafatis, der orthodoxe Erzbischof von Smyrna/Izmir, das prominenteste griechische Opfer der türkischen Einnahme der Stadt und ihres Umlandes, wurde von seinen Neffen überlebt, von denen einer, Yannis Elefteriades, der Hinrichtung seines Onkels beiwohnte. Der ging in den damals französischen Libanon, wo seine Nachfahren heute noch leben, darunter der Künstler Michel Elefteriades. Mit dem Ende der griechischen Herrschaft über Smyrna wurden die Griechen aus Kleinasien herausgedrängt, die Anderen erst danach, durch den Bevölkerungsaustausch. Was diese Familie betrifft, war der “Hinausschmiss” der Griechen aus Asien bzw der Levante nicht gelungen.

In Deutschland arbeitete Günter Wallraff (der sich auch gegen die Militärdiktatur in Griechenland sowie für die türkischen Kurden engagiert hat) 1983-85 als türkischer Gastarbeiter „Ali Levent Sinirlioğlu“ bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei McDonald’s und Thyssen, was er in dem Buch “Ganz unten” (85 erschienen) beschrieb. Besonders im Thyssen-Stahlwerk traf er auf viele (echte) Türken – denen er vormachte, er sei Türke aus Griechenland, der nur Griechisch konnte.196 In Fatih Akins “Gegen die Wand” gibt es die Tötungsszene infolge einer Provokation mit “Eine Türkin griechisch ficken”, in “Soul Kitchen” (wo es viele Anspielungen auf “Gegen die Wand” gibt) stellt er ein von Griechen betriebenes Restaurant (wiederum in Hamburg) in den Mittelpunkt, arbeitete dabei mit Adam Bousdoukos zusammen. Der Migrationsforscher und Autor Mark Terkessidis setzt sich gegen Rassismus gegen Einwanderer ein, und die Anfeindungen gegen ihn beweisen, dass er dabei etwas richtig macht.

Nach Canada ging (über die Zwischenstation Frankreich) Dimitri Kitsikis, ein griechischer Wissenschafter, der über Turkologe und Sinologe forscht und lehrt, sich mit Geopolitik beschäftigt. Er hat den Hellenotürkismus wieder belebt, im Sinne der Idee eines gemeinsamen Staates von Türken und Griechen, als Reinkarnation des Byantinischen/Osmanischen Reichs. Hellenotürkismus bezeichnet eigentlich zwei Konzepte: das einer Zusammenarbeit und gegenseitigen Abhängigkeit von Griechen und Türken seit dem Auftauchen der Türken in Anatolien im 11. Jh197; und die Bestrebung einer Art Zusammenschluss von Griechenland und Türkei. Byzanz am Anfang und das Osmanische Reich ca 1000 Jahre später hatten fast die idente Ausdehnung. Kitsikis (sein Sohn wurde Hindu) lehrte auch in Istanbul (lernte dabei den späteren türkischen Premier Davutoglu kennen), war auch ein Freund und Berater des türkischen Präsidenten Özal!

Kitsikis sieht die alewitische Religion als eine Art Symbiose aus (oder Verbindung zwischen) orthodoxem Christentum und Islam. Dies wurde auch schon im Spätmittelalter von einem byzantinisch-griechischen Philosophen, Georgios Trapezuntios, so gesehen. Dieser hat die osmanische Eroberung von Rest-Byzanz (am Ende war Byzanz das was es am Anfang war, die Stadt198) erlebt, schickte dem osmanischen Sultan Mehmet eine Huldigungsbotschaft. Und: Die im Spät-Mittelalter in Kleinasien entstandene Religion ist tatsächlich ein Synkretismus aus dem sunnitischen Islam der Seldschuken und Osmanen sowie anderen Konfessionen und Religionen der Region, vom schiitischen Islam über orthodoxen Christentum bis zum Zoroastrismus. Den Ausgang des türkische Verfassungsreferendum 2017 bejubelte Kitsikis, pries Erdogan. Vor diesem Hintergrund ist es noch verwirrender, dass (wie bekannt wurde) er bei der griechischen Wahl 2015 die rechtsextreme Goldene Morgenröte/ Chrysi Avgi unterstützte…

Die Anhänger einer griechisch-türkischen Zusammengehörigkeit lösen die türkische Zivilisation aus islamischen und zentralasiatischen Kontexten, die griechische aus osteuropäischen und orthodoxen. Die Idee einer Symbiose, Allianz, Kon-Föderation oder sogar eines gemeinsamen Staates dieser Völker (bzw ihrer Staaten) gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder, etwa in den frühen 1950ern. Der damalige orthodoxe Patriarch „Athenagoras“ sah auch eine gemeinsame Bestimmung von Griechen und Türken über Jahrhunderte hinweg, obwohl sie harte und destruktive Kriege gegen einander führten. Dabei hat er, zB 1955, immer wieder das Gegenteil eines brüderlichen Nebeneinanders erlebt. Istanbul war in Athenagoras’ früheren Patriarchen-Jahren noch der Ort der Überschneidung von Türkentum und Griechentum.

Kulturelle Gemeinsamkeiten der beiden Völker gibt es nicht zuletzt beim Essen. Tassos Boulmetis hat das im Film „Zimt und Koriander“ (2003) mit thematisiert. Der griechische originale Filmtitel ist “ΠΟΛΙΤΙΚΗ κουζίνα”, in lateinischen Buchstaben “POLITIKI kouzína”, was durch unterschiedliche Betonungen (bzw ein diakritisches Zeichen) sowohl “Küche Konstantinopels” als auch „politische Kocherei“ bedeuten kann. Es geht um eine grossbürgerliche Familie in Athen, die aus Istanbul stammt, wo noch der Grossvater der Hauptfigur lebt, die Vergangenheit, das griechisch-türkische Verhältnis,… und das Kochen. Erinnerungsarbeit ohne Revanchismus. Bei der Geschichte des Verhältnisses von Türken und Griechen stösst man auf den Rashomon-Effekt, eine Sache sieht aus der einen oder anderen Perspektive ganz anders aus. Des Einen Sieg war in dieser Geschichte meist des Anderen Katastrophe. Bezüglich Zypern und des Verhältnisses Griechen-Türken dort gibt es den Film “Our Wall”.

„Alexis Sorbas“ in dem 1964 verfilmten Roman von Nikos Kazantzakis:

„I have done things for my country, that would make your hair stand. I have killed, burned villages, raped women. And why? Because they were Turks or Bulgarians! That’s the rotten damn fool I was. Now I look at a man, any man, and I say he is good, he is bad. What do I care if he’s Greek or Turk? As I get older, I swear by the bread I eat, I even stop asking that. Good or bad? What is the difference? We all end up the same way: food for worms.“

Nun noch zum Westen und Griechenland/Türkei. Bundespräsident Christian Wulff hatte 2010 kurz nach dem Erscheinen von Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” in einer Rede anlässlich 20 Jahre deutsche Einheit das Thema Islam, Zuwanderer aufgegriffen. Sprach dabei über das Verständnis von Deutschland, über die “christlich-jüdische Geschichte”, sagte am Ende “Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, womit er Springer und viele Andere gegen sich hatte. Wenig später besuchte Wulff (mit Bettina) die Türkei, sprach im Parlament in Ankara, über Integration in Deutschland und Religionsfreiheit in der Türkei („das Christentum gehört zur Türkei“).

Dann ein ökumenischer Gottesdienst in der Paulus-Kirche (die normalerweise ein Museum ist) in Tarsus bei Mersin (Kilikien). Es gibt dort keine christliche Gemeinde mehr, es reisten der syrisch-orthodoxe Bischof Gregorius M. Ürek aus Adiyaman an, der armenisch-gregorianische Patriarch Aram Atesyan aus Istanbul, Holger Nollmann von der deutschen lutherischen Kirche in Istanbul, Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche,… Diese Geistlichen zelebrierten den Gottesdienst zusammen, Ürek rezitierte das Vaterunser auf Aramäisch, der Sprache des Urchristentums – in Anatolien, von wo aus sich das Christentum verbreitete. In Medien-Statements nahm Wulff (der danach noch Patriarch Bartholomäus in Istanbul traf) auch für die Wiederöffnung des Priesterseminars auf Chalki Stellung, zollte der Erdogan-Regierung Respekt für ihre Reformen.

Zur Frage der Reziprozität (Christen dort; Moslems hier) am Ende noch etwas. Zu Zeiten des Kalten Kriegs jedenfalls hätte ein westdeutscher Politiker diese Thematik nie angesprochen, die Türkei für ihre Rolle an der Südost-Flanke der NATO gerühmt und den Kemalismus gepriesen. Ablehnung für Wulffs Aussagen/Politik kam in Deutschland zB von Matthias Matussek im “Spiegel”. Bei Wulffs Rede in der Türkei hätte es Ablehnung gegeben, gibt Innenminister Friedrich recht (der anscheinend die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland bestritt), der Islam sei kein Teil der historisch-religiösen DNA Deutschlands, die weiterhin christlich sei. Als ob Wulff oder ein türkischer Politiker das bestritten hätte; wenn so etwas jemand bestreitet, dann (vorgeblich) linksliberale Deutsche wie die Leute der Giordano-Stiftung, mit ihrer neoliberalen Religionskritik.

Matussek stellte positive europäische „Spiegelungen“ von islamischer Kultur, darunter Goethes Bezugnahme auf Hafez, moslemischen Subkulturen im heutigen Deutschland (wie er sie „wahrnimmt“), Geschlechterunterdrückung, Bomben gegenüber, brachte den osmanischen Angriff auf Österreich 1683 höhnisch-demagogisch als “Beginn der christlich-moslemischen Freundschaft”. Der inzwischen “identitär” gewordene Matussek wollte sich nicht mit als “progressiv” verstandenen Inhalten/Einstellungen anlegen (zB Homsexuellen-Ehe, die er sicher ablehnt), er wollte ja die ganze Rückständigkeit “dem Islam” umhängen, dem der Westen in seiner ganzen Pracht ggü stünde. Matussek, der in einem Nebensatz Sarrazin verharmloste bzw in Schutz nahm, vermischt(e), im Zuge seiner Rechtswendung, Religion und Rasse, Geschichte und Gegenwart, es ist von jemandem wie ihm nicht zu erwarten, nicht-weisse Christen als ebenbürtig zu betrachten.

Der Westen hat die CHP-Republik jahrzehntelang unterstützt, und wie, und man sieht den Kemalismus noch immer als fortschrittlich und besten Weg für dieses Land. Es werden auch gerne unkritisch Vorwürfe von Kemalisten übernommen, etwa wenn diese der AKP die Bezugnahme auf die osmanische Geschichte vorwerfen – ohne zu fragen, was eigentlich die Alternative dazu ist. Und wofür die Kemalisten sonst noch stehen. Leute im Westen, die sagen dass sie an der Lösung von gewissen Problemen die Türkei betreffend interssiert sind, tun sich zusammen mit jenen, die Urheber dieser Probleme sind und Gegner ihrer Lösung, gegen den bösen Erdogan. Beispiel: das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki, 1971 nach der Militärintervention in die türkische Politik durch die (bis heute kemalistisch dominierte) Judikative geschlossen. Unter Kilicdaroglu ist der (rezessive) liberale Flügel der CHP etwas zur Geltung gekommen, aber man kann getrost davon ausgehen, dass in dieser Partei die Gegnerschaft zur Wiedereröffnung des Seminars stark hegemonial ist…199 In der AKP sieht das anders aus, und es hat sich auch etwas bewegt diesbezüglich (s.o.). Ja, und das Militär ist ja das “Rückgrat der türkischen Demokratie” – sagte Shimon Peres, der ja auch zB Johannes Vorster oder Ilham Alijev hofierte.

Oder: Ömer Ş. Asan, ein türkischer Volkskundler, Fotograf und Autor aus Trabzon/Trapesunt, hat ein Buch veröffentlicht, “Pontos Kültürü” (Die Kultur des Pontus), eine Studie über die Sprache und Kultur der griechischsprachigen Moslems (Hemshinli) der Schwarzmeerregion, von der er stammt. Nach Protesten nationalistischer türkischer Kreise gegen das Buch verfügte das Staatssicherheitsgericht200 in Istanbul 2002 ein (Verkaufs)verbot der Neuauflage. Asan und sein Verleger Ragıp Zarakolu wurden ausserdem nach dem “Anti-Terror-Gesetz” angeklagt. Durch die Abschaffung des betreffenden Artikels (“separatistische Propaganda”) wurden sie freigesprochen. Oder: Seit 1933 müssen Schüler in den Schulen morgens einen Eid sprechen, auch die Minderheiten-Schulen in Istanbul. 1972 wurde das besonders nationalistische und ausschliessende “Ne mutlu Türküm diyene” in den Eid aufgenommen. Dieser wurde 2013, von einer AKP-Regierung abgeschafft,  als Teil eines Demokratie-Pakets. Die kemalistische Judikative (der Staatsrat) ordnete 2018 die Wiedereinfühtung an. Das ist der “Säkularismus”, “Laizismus”, den der Kemalismus so hoch hält.

xxx.eurasiareview.com/27072018-turkey-turns-on-its-christians-analysis, über die Lage von Christen in Kleinasien, Konstantinopel,… und was sich beim Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei und nach dem Ende (?) der kemalistischen Türkei für sie veränderte. „The end of World War I saw the expulsion of more than a million Greeks, and the position of the dwindling Christian community only somewhat improved in Mustafa Kemal Atatürk’s secularist republic. Yet while Kemalist Turkey paid lip service to the equality of its non-Muslim minorities, the AKP unabashedly excludes these groups from Turkey’s increasingly Islamist national ethos.“ Dass es für Griechen, Armenier, Aramäer,… in der Republik besser ging als im Osmanischen Reich und unter Erdogan wieder ganz schlecht, dieser “Befund” passt dazu, dass sie auf die Umstände der Ausweisung (nach 1. WK) gar nicht eingeht. Und: Die Autorin zitiert Pipes, Hirsi, Voice of America, missbraucht Akcam, Shafak,… Der Artikel stammt aus dem “Middle East Quarterly” (meforum.org) des Likud-Historikers Efraim Karsh. Nuff said, eigtl. Wenn man ihren Namen (Anne-Christine Hoff) googelt, stellt man fest, dass sie auch bei counterislamist.org oder ruthfullyyours.com (was nahe beim Gatestone Institute ist) schreibt.

Wenn man über das Pogrom 1955 im IT Informationen sucht, stösst man auf viele Texte/Seiten (seleducatedamerican.com, wnd.com, factsoffaith.org,…) eines US-Amerikaners namens Bill Federer, möglicherweise ein Evangelikaler, jedenfalls ein Islamophober, der die Ereignisse 1955 ausschlachten will. In Deutschland werden auch generelle Ressentiments gegen Türken in Engagement für Minderheiten oder Erdogan-Kritik gekleidet. Für die Springer-Medien war Deniz Yücel sogar ein „deutscher Journalist“.201 Verkehrsminister A. Scheuer, der langjährige Assistent (GS) von Seehofer, griff Erdogan wegen “übelster Hetze gegen Israel” an. Die Israel-Verteidigung ist ein probates Mittel für Rechte zur eigenen “Reinwaschung”. Das sind die, die dann für Saudi-Arabien eine Lanze brechen… Für C. Schüller, ORF-TR-Korrespondent (von Russland versteht er mehr) scheint auch Israel-Kritik Erdogans schlimmste Sünde zu sein; in seiner TV-Doku über die “letzten Christen der Türkei” stellte er deren Situation auch falsch dar.

Oder die Hysterie, als Erdogan in Wien auftrat (im Rahmen einer UETD-Veranstaltung), etwa von Putin-Freund Strache („Wien darf nicht Istanbul werden“), S. Kurz („kein Respekt vor dem Gastland“), orf.at („gibt sich gemäßigt“). Die in einer Zeitung vorgestellte kemalistische türkische Demonstrantin gegen ihn („Bin für eine moderne Türkei“) hätte gefragt werden sollen, was sie genau unter “modern” versteht – ? mehr Nationalismus, die Vorherrschaft einer Elite über Anatolien, Orientierung am Westen, Parteienverbote durch das Verfassungsgericht, Putsche durch das Militär, die Anklage von Menschen wegen “Beleidigung des Türkentums” oder “separatistischer Tendenzen”, die Gängelung von Minderheitenschulen,… Aus einem Artikel der Antiimperialistischen Koordination (AIK, Wien): “Seit Jahren macht man Erdoğan nun von westlicher Seite seinen Autoritarismus zum Vorwurf. Dieser Vorwurf ist inhaltlich schon richtig. Aber trotzdem ist er von Seiten des Westens die pure Heuchelei…Dass die türkische Demokratie, soweit sie existiert, ausschließlich der AKP-Regierung zu verdanken war, dass die Kemalisten in Wahlen nie eine Mehrheit errangen, fällt unter den Tisch…Die Menschenrechtspolitik der Türkei spielte keine Rolle”

Ein türkischer Kritiker von AKP/Erdogan ist ein „Stratos202 Moraitis“, der schreibt dass er Sohn eines “heimlichen” Griechen und einer Tscherkessin ist, in Izmir (dem früheren Smyrna) lebt. Er machte türkiye.blog, turkishdiaries, theglobetimes.com, stratosmoraitis.blogspot, ist nun anderswo als IT-Journalist und -Übersetzer aktiv. Auf theglobetimes hat er einmal angerissen, wie die griechische Herrschaft über Smyrna/Izmir 1919-22 aussehen hätte sollen/können, gerechter gegenüber den Nicht-Christen. Dies hätte vermutlich auch eine(n) andere(n) Rückstoss/Reaktion gebracht. Was sich im Kontext der neueren türkisch-griechischen Geschichte sonst lohnen würde, alternativgeschichtlich angerissen zu werden? Zum Beispiel, wenn der Sevres-Vertrag realisiert worden wäre. Voraussetzung dafür wäre ein anderer Verlauf der Kriege Anfang der 1920er. Etwa der zwischen den kemalistischen und griechischen Truppen (20-22) > Gordion 21. Dazu wurde auch hier spekuliert. Im türkischen Kontext wird das so ähnlich gesehen wie Matussek über 1683 schrieb, als die Türken vor Wien standen und “Europa zitterte” was nun passieren würde.203 Oder 1974, als es einen Krieg zwischen den beiden Staaten hätte geben können.

Der deutsche Historiker Stefan Ihrig, der an der Universität Haifa ist, beschäftigt sich u.a. mit “Atatürk als Hitlers Vorbild“, hat sich auch des Armenier-Völkermords angenommen. Ob er sich auch mit der deutschen Mitwirkung beim osmanischen Genozid an den Armeniern auseinander setzt, oder mit der nazideutschen Herrschaft über Griechenland? Ob ihm Nihal Atsiz etwas sagt? Dieser türkische Ultra-Nationalist war einer jener Rechten/Nationalisten (die es gerade im deutsch-österreichischen Raum auch zuhauf gibt), die Juden verachten und Israel bewundern. Der Autor Cevat R. Atilhan war ein türkischer Antisemit, Kemalist und Turanist, nicht Islamist. Relevant in diesem Zusammenhang ist auch Moise Cohen (später Munis Tekinalp), ein osmanischer/türkischer Jude (eigentlich vom Balkan), er unterhielt Kontakte zu den Jungtürken-Führern, legte mit die Basis für die Zusammenarbeit Türkei-Israel. Er wandte sich Kemalismus und pan-türkischen Nationalismus zu, überzeugte damit auch Ziya Gökalp, der ein Zaza-Kurde war.

Die Namensänderung war Ausdruck dessen, er trat für die “Türkisierung” der türkischen Juden ein; war während des 2. WK auch von der Vermögenssteuer betroffen, starb in Frankreich. Corry Guttstadt schreibt über türkische Juden, Türkei und Holocaust,… Tja, was bedeutet(e) es konkret, zB in diesem Kontext, für den “Orient”, dem Westen zu folgen? Wen gab es denn in den 1920ern, den sich ein Atatürk als Vorbild nehmen sollte aus dem Westen? Etwa USA-Präsident Woodrow Wilson, der gegenüber der afroamerikanischen Minderheit eine rassistische Politik betrieb, Rassentrennung aufrecht erhielt? Von daher ist es nicht so verwunderlich und absurd, dass Kemal/Atatürk Teile des faschistischen italienischen Rechtssystems für die Türkei übernahm. Es ist ja etwas, was auch heute erwartet wird, dass sich die Türkei am Westen orientiert… Erinnert an das Umweltbewusstsein, das man diesen Völkern ausgetrieben hat im Zuge von Verwestlichungen, dann abverlangt(e).

Was die Deportationen und Massaker an den Armeniern im 1. WK in Anatolien betrifft, es gab dort schon einen Realkonflikt (wenn man so will, ein Aspekt des Kriegszustandes des Osmanischen Reichs mit dem Russischen an der Kaukasusfront), und das ist ein Unterschied zu den Massentötungen an Juden im 2. WK. Aus türkischer Sicht (und Türken agierten damals symbiotisch mit den Kurden) gab es einen Kampf um die Existenz. Israel und seine Helfer (v.a. in der USA) haben der Türkei viele Jahrzehnte geholfen, dass der Genozid nicht als solcher anerkannt wird; das war Teil des Bündnisses TR-IL. Als sich, unter Erdogan, dieses Bündnis auflöste, änderte sich auch die diesbezügliche zionistische Politik…204 Im Rahmen der türkisch-israelischen Zusammenarbeit half Israel der Türkei auch bei der Bekämpfung der PKK, wurde auch PKK-Chef Öcallan verhaftet. Schliesslich sah man die Kurden irgendwie als “Palästinenser der Türken”.205 Heute ist ein “Bündnis” zwischen Zionisten und Kurden gerade en vogue, gegen alle möglichen “Feinde”. Zum “Entsetzen” von vielen “Kemalisten”, unter denen es ganz grosse Israel-Fans gibt. Die jüdische amerikanische Anti-Defamation League (ADL) hat auch, aus Verbundenheit mit Israel, deren Haltung zum Armenier-Genozid mitgetragen, dann geändert. Ihr langjähriger Chef Abraham Foxman, der Silvio Berlusconi 2003 mit einem Preis auszeichnete (als Freund Israels), hat den griechischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul getroffen; irgendwann im frühen 21. Jh, unter den nunmehrigen Vorzeichen.

Noch eine Verbindung gibt es hier: Der Verfall des kosmopolitischen Charakters von Jerusalem/Quds seit 1967, und von Istanbul/Konstantinopolis seit 1923. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Jerusalem/Quds mit Sitz in der Grabeskirche liegt in der Altstadt im Osten der Stadt der 1967 zu Israel kam. Damals kamen sowohl dieses Patriarchat als auch die restlichen Teile Palästinas unter israelische Herrschaft. Das Patriarchat soll für orthodoxe Palästinenser da sein, muss andererseits mit dem zionistischem Staat auskommen. Die Patriarchen sind wie erwähnt in der Regel Griechen, 1957 bis 1980 war dies der in Bursa/Brussa als Vasileios Papadopoulos geborene Benedikt(os) I. Der ökumenische Patriarch Athenagoras besuchte Jerusalem 1964, traf dort Papst Paul VI.; damals wurden die gegenseitigen Ex-Kommunikationen vom Schisma 1054 zurückgenommen. Dieser Papst besuchte den Patriarchen (Athenagoras) dann im Juli 1967, als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche seit mehr als 1250 Jahren.

Über das Verhältnis zwischen Griechenland und dem Westen, insbesondere Deutschland, ausführlich in diesem Artikel. Die Wahrnehmung Griechenlands als Retter oder aber Zerstörer des Abendlands… Einiges darüber soll aber hier dargelegt werden. Griechenland wurde (retrospektiv!) für “Westisten” ein Schutzwall für Europa gegenüber “asiatischen Horden”. Durch seine Kriege mit Persien und den Türken/Osmanen. Griechen-Perser-Kriege gab es eigentlich in 3 Auflagen: die von den Achämeniden im frühen 5. Jh vC unternommenen Versuche, von (“ihrem”) Kleinasien206 aus das (damals auf Europa beschränkte) Griechenland der Stadtstaaten zu erobern, was misslang. Diese Schlachten von Marathon, Thermopylai, Salamis, Plataiai,… sind eigentlich “die Perserkriege”. In Delphi wurden später kostbare Weihegeschenke zum Angedenken an den Sieg geweiht, wie eine Schlangensäule, die später nach Konstantinopel gebracht wurde, am römischen Hippodrom aufgestellt wurde;

Etwa 150 Jahre später, im Zeitalter des Hellenismus, der erfolgreiche Angriff der makedonischen Griechen unter Alexander auf Persien, das damals in Kleinasien begann, die Achämeniden wurden nun entmachtet. Die griechische Herrschaft setzte sich unter den Seleukiden fort, bis die parthischen Arsakiden Persien frei kämpften – die parthisch-seleukidischen Kriege (hauptsächlich in und um das “eigentliche” Persien) sind eventuell als eigene Kategorie von Griechen-Perser-Kriegen zu sehen; Auf die Parther folgten in Persien die Sassaniden, Griechenland wurde römisch und aus Ostrom wurde ja Byzanz. Sassanidisches Persien und Byzantinisches Reich bekämpften einander im frühen Mittelalter (s. o.). In Kleinasien/Anatolien, wo sich Byzantiner und Osmanen dann meist gegenüberstanden, bekämpften Griechen und Perser einander also auch gelegentlich.

Ach ja, und als Persien von den moslemischen Arabern erobert wurde, war Byzanz auch Retter des Abendlands, zB in den Augen von Berthold Seewald von “Die Welt” 2010: xxxx://www.welt.de/kultur/article6618004/Die-Supermacht-die-Europa-vor-den-Arabern-rettete.html. “Hätte Byzanz sich als Großmacht nicht behauptet, würden wir heute vielleicht Arabisch sprechen.”, so der Springer-Journalist. Byzanz wurde aber von den “Franken” entscheidend geschwächt (4. Kreuzzug), und bald nach dem endgültigen Fall von Byzanz ging(en) Europas Blick und Verkehrswege nach Amerika. Europa bzw der Westen stand nie geschlossen bzw engagiert hinter Griechenland, nicht als dieses unter osmanischer Herrschaft stand und auch nicht, als es um seine Unabhängigkeit kämpfte. Mit dem Staatskonkurs um 2010 waren die Griechen für Koutofrangoi wieder die faulen Südländer statt die Retter des Abendlands.

Auch in der österreichischen “Die Presse” wurden arrogant und zeitgeistig Kontinuitäten hergestellt: xxxx://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4779914/Koenig-Ottos-Erben_Die-Pleitengeschichte-der-Hellenen. Der Flüchtlingsansturm nach West-/Mittel-/Nordeuropa aus Afrika, Asien ab Mitte der 10er lief zu einem grossen Teil über Türkei und Griechenland. Berthold Seewald schreib 2015 den Artikel „Geschichte vor Tsipras: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung“: Griechenland habe schon im 19. Jahrhundert die nach dem Wiener Kongress geschaffene europäische „Friedensordnung“ zerstört, dies wiederhole sich nun. Ein Grund dafür sei, dass die Griechen in Wirklichkeit gar keine Griechen seien. Seewald deckte auf: „Die Vorstellung, dass es sich bei den Griechen der Neuzeit um Nachfahren eines Perikles oder Sokrates handeln würde und nicht um eine türkisch überformte Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern, wurde für das gebildete Europa zu einem Glaubenssatz. Dem konnten sich auch die Architekten der EU nicht entziehen. In seinem Sinne holten sie das schon 1980 klamme Griechenland ins europäische Boot. Die Folgen sind täglich zu bestaunen.”207

Übrigens, Thilo Sarrazin nimmt ja in seinem Deutschland-Abschaff-Buch “Balkanesen” zu den Muselmanen dazu; Juden hebt er positiv hervor. Da ich das Buch nicht gelesen habe (und dies auch nicht tun werde), weiss ich nicht, inwiefern er Griechen darin erwähnt hat. Aber der Schritt scheint ein kleiner zu sein… Auch Griechen werden gelegentlich mit Ziegen “in Zusammenhang gebracht”, waren immer wieder eine Art Vorhut des “schrecklichen Orients”. Das neue Griechenland war von Anfang an Westeuropa orientiert/gebunden (in Folge  der Entstehung durch Herauslösung vom Osmanischen Reich) – obwohl der Nationalcharakter eigentlich “breiter” ist.

Türken, Griechen…und Ziege

Im Kalten Krieg waren Griechenland und Türkei in den Westen eingebunden. Und während der Westen den nationalistischen türkischen Kemalismus unterstützte, wurde einem Türken wie Nazim Hikmet (Ran) keine Chance gegeben. Hikmet, im frühe 20. Jh im damals osmanischen Saloniki geboren, mütterlicherseits europäischer Herkunft, war Kommunist (ging dann in den Ostblock); als in den 1950ern auf Zypern Spannungen zwischen Griechen und Türken immer grösser wurden, rief Hikmet die türkische Minderheit auf, den Kampf der griechischen Zyprioten um die Unabhängigkeit der Insel von GB zu unterstützen, glaubte daran, dass die beiden Volksgruppen zusammen leben konnten. Aber im Kalten Krieg hat der Westen ja auch Islamisten unterstützt, und was Saudi-Arabien betrifft, gilt das noch immer, auch in der Post-9/11-Welt.

Im Kampf der Kulturen verlor Hellas mit seiner Wirtschaftskrise Ansehen und “Kredit”… In Österreich etwa waren/sind Strache/FPÖ (die Serben/Orthodoxe umwerben, akzeptieren, als positiven Gegenpol zu Islam/Moslems) gegen Türkei in der EU ebenso kantig wie gg. Griechenlandhilfe. Manche mussten den Widerspruch zwischen dem vorgeblichen Geschichtsbewusstein und dem eigennützigen, engstirnigen Vorgehen in ihrem Neo-Westismus begründen. 2015 in der “Welt” Tadel von Seewald für die unfolgsamen Griechen, „Griechenlands mittelalterlicher Systemfehler. Das Fehlen von Renaissance, Reformation, Aufklärung oder Säkularisation gehört zu den Traditionen der orthodoxen Welt. Das fördert Vorbehalte gegen den Westen und drängt Griechenland zu Russland.“ Man vergleiche mit Matussek oben… Nach dem Untergang von Byzanz entkamen aber viele griechische Gelehrte nach Westeuropa, mit Büchern, die auf Latein übersetzt wurden, was die Renaissance mit bewirkte! Manche Griechen (und Neo-Philhellenen) schieben alles Schlechte (Korruption,…) in Griechenland auf die osmanische Herrschaft, lagern dieses als “orientalisch” aus. Die Vorgängerstaaten des Osmanischen Reichs waren hauptsächlich Byzanz sowie diverse moslemische Reiche (die davor grossteils auch byzantinisch gewesen waren), Traditionen wurden hier übernommen.

Als im März 18 bei einem Spiel in der griechischen Fussball-Liga zwischen PAOK Saloniki und AEK Athen PAOK-Präsident Iwan Savvidis (ein aus Georgien stammender Grieche) nach einem nicht gegebenen Tor für “sein” Team bewaffnet das Spielfeld stürmte, kamen von Westisten Fingerzeige auf unzivilisierte Orientale/Südländer oder aber auf „Verweichlichte“/“Gutmenschen“ in den eigenen Reihen bei Bewunderung für „unverdorbene Wehrhaftigkeit“ und Ähnlichem… Henryk Broder steht ja eigentlich für die zweite Schule, solche wie Savvidis sind doch noch undegenerierte, un-verweiblichte Männer, die zu ihren Werten und ihrer Kultur stehen, wie es sie im Westen nur noch selten gibt, oder? Auch in den anglokeltisch dominierten Ländern USA, Australien, Canada,… werden (dorthin ausgewanderte) Griechen nicht immer als Weisse/Westler genommen, eher als Südländer/Orientale. Wie sich zB am Präsidenten-Wahlkampf in der USA 1988 zeigte, als der griechisch-stämmige Michael Dukakis gegen George Bush senior antrat. Oder bei den anti-griechischen Krawallen in Toronto 1918.

Zurück zu den letzten Griechen von Istanbul. Es ist leicht, Diskriminierungen von Minderheiten anderswo zu thematisieren, und das geschieht auch oft, um Andere als zurückgeblieben und unzivilisiert hinzustellen und von Anderem abzulenken. Und ja, es gibt jene, die die Türkei jetzt auf dem “Weg in eine Diktatur“ sehen, aber Verachtung für Türken an sich haben. Ethnisch-sprachlich-religiöse Minderheiten haben in der Regel Assimilationsdruck, das Militär (der Wehrdienst) ist fast immer ein Ort der Diskriminierung, der Zugang zum öffentlichen Dienst ist für Minderheiten schwieriger, es wird ihnen die Loyalität zu einem Staat abverlangt, mit dem sie u. U. schlechte Erfahrungen gemacht haben,… Die schwierige Rolle der Griechen in der Türkei ergab sich aus ihrer Vergangenheit als Staatsvolk im Vorvorgängerstaat, ihrer prominenten Stellung im Vorgängerstaat, dem Streben Griechenlands nach Vereinigung mit griechischen Gebieten, die schliesslich auch einige umfassten, die die Türken als unabdingbar für sie auffassen.

Am Ende des Artikels schliesst sich ein Kreis, wir kommen zurück zum römischen Kaiser Konstantin. „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Konstantin zwar dafür berühmt ist, als Kaiser den Grundstein für die Christianisierung Europas gelegt zu haben, aber nie darauf hingewiesen wird, dass seine Begeisterung für die neue Konfession einen Preis hatte: Sie beeinträchtigte die Zukunft des Christentums im Osten erheblich. Es stellte sich die Frage, ob die Lehren Jesu Christi, die bereits tief in Asien Fuss gefasst hatten, imstande waren, eine entschlossene Herausforderung zu überstehen.“ Schreibt Peter Frankopan in “Licht aus dem Osten”. Die staatliche römische Übernahme des Christentums die Konstantin I. einleitete, behinderte seine Ausdehnung im Osten, das war hauptsächlich (das sassanidische, zoroastrische) Persien, da es nun mit dem Römischen Reich assoziiert wurde. Das hat in mehrerer Hinsicht mit Griechen und Türken zu tun, auch weil es einen Staat gibt der so etwas wie Schutzmacht der Griechen in der Türkei ist. Oder weil Konstantin das spätere Byzantinische Reich mit prägte. Oder, weil das Christentum in Rom im Zuge dieser Entwicklung mehr und mehr zu einer nationalen Klammer wurde anstelle von etwas Spirituellem – wie der Islam in der Republik Türkei! Und, das Christentum ist eigentlich asiatisch, theologische Basis waren west- und zentralasiatische Religionen (auch der Zoroastrismus); und es wurde von/in Rom zunächst verfolgt.

Georgskirche (Patriarchat) Istanbul

Zum Abschluss noch Mal zur Reziprozität Christen Orient – Moslems Westen. Patriarch Bartolomaios hatte Recht, als er, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar sagte (klagte), in Europa gibt es 40 bis 50 Millionen Moslems und die 2000 Griechen in der Türkei dürfen nicht einmal Leute aus ihrer Mitte zu Priestern ausbilden. Mit dieser Frage der Wechselseitigkeit habe ich mich im Frankreich-Algerien-Artikel befasst, wo doch heraus kommt, dass die Sache etwas komplexer ist, als es zunächst erscheint. Auch weil die Moslems im Westen in der Regel Einwanderer sind, Christen im Orient aber meist Einheimische, und weil Europäer in ihrer Kolonialgeschichte nicht-weisse Christen eigentlich nie als gleichrangig gesehen und behandelt haben. Auch nicht jene Christen von anderswo, die als Einwanderer nach Europa kamen/kommen. Bartolomaios ist mittlerweile länger als Athenagoras Patriarch, man wird sehen was nach ihm kommt.

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Literatur & Links

Alexis Alexandris: The Greek Minority of Istanbul and Greek-Turkish Relations 1918-1974 (1992)

Steven Runciman: The Great Church in captivity: a study of the Patriarchate of Constantinople from the eve of the Turkish conquest to the Greek War of Independence (1985)

Vally Lytra (Hg.): When Greeks and Turks Meet: Interdisciplinary Perspectives on the Relationship Since 1923 (2014)

Dimitri Kitsikis: De la Grèce byzantine à la Grèce contemporaine (1970)

Ioannis Grigoriadis: Instilling Religion in Greek and Turkish Nationalism: A “Sacred Synthesis” (2013)

Georgios Theotokis, Aysel Yildiz (Hg.): War and Conflict in the Mediterranean (2018)

Huw Halstead: Greeks without Greece: Homelands, Belonging, and Memory amongst the Expatriated Greeks of Turkey (2018)

Dimitri Gondicas, Charles Issawi: Ottoman Greeks in the age of nationalism: politics, economy and society in the nineteenth century (1999)

Umut Özkirimli, Spyros Sofos: Tormented by history: nationalism in Greece and Turkey (2008)

Ioannis Zelepos: Die Ethnisierung griechischer Identität 1870–1912. Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der „Megali idea“ (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 113, 2002) Zugleich: Dissertation Freie Universität Berlin, 2000

Bruce Clark: Twice a stranger: How mass expulsion forged modern Greece and Turkey (2006)

Benjamin C. Fortna, Stefanos Katsikas, Dimitris Kamouzis, Paraskevas Konortas (Herausgeber): State-Nationalisms in the Ottoman Empire, Greece and Turkey: Orthodox and Muslims, 1830-1945 (2012)

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Gülen Göktürk: Clash of Identity Myths. In the Hybrid Presence of the Karamanlis (2009). Masterarbeit Central European University Budapest, 2009

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Evangelia Balta: Karamanlı Yazınsal Mirasının Ocaklarında Madencilik (2019)

Maria Eliades: Leaving Istanbul. In: The Puritan, Fall 2017. Essay einer griechischen Amerikanerin, die einige Jahre in Istanbul lebte (wo die Hälfte ihrer Vorfahren her stammt), auch an der Bogazici-Universität lehrte; sie arbeitet an einem historischen Roman über Griechen im Istanbul der 1950er

Yüzde 100 yerli: Karamanlılar ve Hay-ho(u)ro(u)mlar. Über die Hayhurum und die Karamanlides, auf Türkisch

Ömer Asan: Pontos Kültürü (1996)

Dimitri Kitsikis: Türk-Yunan İmparatorluğu. Arabölge gerçeği ışığında Osmanlı Tarihine bakış (1996)

Ariana Ferentinou: How will Mitsotakis handle relations with Turkey? (Hürriyet)

Nihal Esen: Kurucu Meclis Çalismalarinda Çanakkale Gazisi Bir Rum: Kaludi Laskari. In: Rahmi Doğanay, Ahmet Çelik, Fatih Özçelik (Hg.): Rifat Özdemir’e Armağan (2018)

Lucian N. Leustean (Hg.): Eastern Christianity and Politics in the Twenty-First Century (2014)

Servet Mutlu: Late Ottoman Population and it’s Ethnic Distribution

Ηλίας Βενέζης: Το Νούμερο 31328 (1924/1931). Elias Venezis (Mellos) stammte aus dem Umland von Smyrna (Ionien), die Familie floh im 1. WK nach Lesbos, kehrte mit dem Einzug der griechischen Armee 1919 nach Ionien zurück. Nach der Einnahme der Gegen durch die kemalistischen Truppen kam Mellos in eine Arbeitsbrigade, was er in diesem autobiografischen Buch (verfilmt 1978) schilderte. Während der deutschen Besetzung Griechenlands wurde er wieder gefangen genommen

Yannis Hamilakis: Indigenous Hellenisms/Indigenous Modernities: Classical Antiquity, Materiality, and Modern Greek Society. In: George Boy-Stones, Barbara Graziosi, Phiroze Vasunia (Hg.): The Oxford Handbook of Hellenic Studies (2009)

Ernest Hemingway: In our time (1925). Hemingway war als Kriegs-Berichterstatter für eine kanadische Zeitung im Osmanischen Reich in dessen letzten Zügen unterwegs, seine Beobachtungen flossen in diese Kurzgeschichten-Sammlung ein (dt. „In unserer Zeit“, 1932)

Über das Pogrom von Istanbul 1955

Özgür Kaymak: İstanbul’da Az(ınlık) Olmak: Gündelik Hayatta Rumlar, Yahudiler, Ermeniler (2017)

Samim Akgönül: Türkiye Rumları: Ulus-Devlet Çağından Küreselleşme Çağına Bir Azınlığın Yok Oluş Süreci (2007)

Yakup Kadri Karaosmanoglu: Yaban (1932). In dem Roman (dt. “Der Fremdling”) geht es um die Zeit des Umbruchs nach dem 1. WK

Judith Herrin: Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums (2013)

Sevan Nisanyan: Die falsche Republik (1994)

Jeffrey Eugenides: The Burning of Smyrna (Kurzgeschichte, 1998)

Lois Whitman: Denying Human Rights and Ethnic Identity: The Greeks of Turkey (1992, Human Rights Watch)

Sean McMeekin: The Ottoman Endgame: War, Revolution and the Making of the Modern Middle East, 1908-1923 (2016)

Rifat Bali: Model Citizens of the State: The Jews of Turkey during the Multi-Party Period (2012)

Andrew Mango: Remembering the Minorities. In: Middle Eastern Studies
Vol. 21, No. 4, Politics and the Academy: Arnold Toynbee and the Koraes Chair (Oct., 1985)

John Joseph: Muslim-Christian Relations and Inter-Christian Rivalries in the Middle East: The Case of the Jacobites in an Age of Transition (1984)

Aylin de Tapia: Orthodox Christians and Muslims in Nineteenth-Century Cappadocian Villages. Everyday Life, Languages, Culture and Socio-economic Relations

Marlene von Kalnein: “Halbungläubige und mit Joghurt Getaufte”. Diplomarbeit, Universität Wien, 2013

Maurizio Isabella, Konstantina Zanou: Mediterranean Diasporas: Politics and Ideas in the Long 19th Century (2015)

Kerem Öktem: The Nation’s Imprint: Demographic Engineering and the Change of Toponymes in Republican Turkey. In: European Journal of Turkish Studies 7/2008 (Online-Journal)

Homepage des Patriarchats

Gábor Ágoston and Bruce Alan Masters (Hg): Encyclopedia of the Ottoman Empire (2008)

Sylvia Kedourie: Turkey Before and After Ataturk: Internal and External Affairs (2012)

Louis de Bernières: Birds without wings (2004)

Centre for Asia Minor Studies, Athen

Adem Can: Der Türkische Nationalismus. Diplomarbeit Universität Wien, 2013

Das verlassene Dorf Livisi/ Kayaköy

John Alexandropoulos über Griechenland und die Zeit der Balkankriege (Griechisch)

http://turkishgreekfriendship.info/

Von einem Boghard ist einmal ein Uni-Abschlussarbeit (?Dissertation) zur Meghali Idea erschienen, die ich im IT aber nicht mehr finde; wäre dankbar für Hinweise

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wobei: Wenn man sagt, das historische West-Griechenland ist das zum Balkan gehörige Festland, und der historische Osten der levantinische Seeraum und Kleinasien: der grösste Teil der Ägäis(-Inseln) gehört zu Griechenland, und damit auch ein Teil dieses Ostens
  2. Athen wurde bedeutungslos
  3. Auch wenn im Oströmischen Reich anfangs Römer dominierend waren und dieses erst nach einigen Jahrhunderten griechisch und ein Byzantinisches wurde
  4. Und nun ist unter Erdogan/AKP die Rückwidmung in eine Moschee angedacht
  5. Die Augen Roms waren auf Asien gerichtet, weiter als nach Syrien kam man aber nicht, östlich vom Euphrat begann in der Regel der persische Machtbereich. Nach der Reichsteilung und Hellenisierung Ostroms wurden diese Konfrontationen fortgesetzt
  6. Die Schlacht am Yarmuk in Syrien 636 war der Schlüssel dazu
  7. Hauptsächlich durch Method(ius)/Mefodii und seinen Bruder Kyril(los), im 9. Jh
  8. Die damals ebenfalls Syrer waren, aus der syrischen Dynastie
  9. Aber andere (autochthone) Christen, die Kopten; die unter byzantinischer Herrschaft, mit der orthodoxen Kirche als Staatskirche, unterdrückt wurden. Gleichwohl wurde Ägypten immer wieder von Griechen geprägt, zu Zeiten der Makedonier/Ptolemäer, der Byzantiner, und auch in osmanischer Zeit, von neuen Einwanderern
  10. Die Quadriga auf der Basilika San Marco in Venedig stammt etwa aus Konstantinopel. Ursprünglich war die Republik Venedig dem Byzantinischen Reich unterstellt, in der Praxis handelte Venedig seit dem 9. Jahrhundert als eigenständiger Staat
  11. Als der Archipel an die Briten fiel und sich die Serenissima Repubblica auflöste
  12. Zusätzlich gingen auch immer wieder nicht-griechische Völker am Balkan “Eigenwege”
  13. Die 1918-1923 unterbrochen wurde
  14. So wie eine Tochter des letzten sassanidischen Königs Persiens Yazdgerd III., Shahrbanu, den arabischen schiitischen Imam Hussein geheiratet haben soll; in beiden Fällen wurde ein Herrschaftswechsel, ein Übergang damit abgesegnet, quasi komplettiert. Im Fall Alt-Persiens fand die (angebliche) Verbindung zwischen Angehörigen der alten und neuen Herrscherfamilien nach dem endgültigen Aus des alten Systems statt, in jenem Mittel-Griechenlands etwa 150 Jahre davor
  15. Mehmet Osmanoglu hat Konstantinos Palaiologos vor dem Beginn der Belagerung eine Nachricht überbringen lassen, derzufolge er ihm bei einer Kapitulation sein Leben lassen werde und als Regionalherrscher in Morea/Peloponnes/Peloponnisos einsetzen würde
  16. Die Palaiologos waren vom 13. bis zum 15. Jh die Herrscherdynastie in Byzanz, die letzte. Konstantin XI. hatte keine Kinder, aber zB sein Bruder, Herrscher in einem der byzantinischen Rumpfstaaten. Der Franzose Maurice Paléologue (1859 – 1944), Diplomat und Historiker, war einer Jener aus jüngerer Zeit, die eine Abstammung von den Palaiologen behaupteten. Er stammte väterlicherseits aus Rumänien bzw der Walachei
  17. Obwohl das Grossfürstentum erst 1547 zum “Zarenreich Russland” erhoben wurde. Iwan III. und seine Nachkommen führten auch den Titel „Bewahrer des byzantinischen Throns“
  18. Aber auch für Renovierungen
  19. Καθεδρικός ναός του Αγίου Γεωργίου (Kathedrikós naós tou Agíou Geōrgíou; türkisch Aya Yorgi Kilisesi)
  20. Die Pammakaristos-Kirche wurde 1591 in die Fethiye-Moschee (Fethiye Camii) konvertiert, ist heute grossteils ein Museum, das Parekklesion
  21. Und das waren fast alle Griechen, nur nicht die auf den (venezianischen) Ionischen Inseln sowie in der Diaspora (Russland, Heiliges Römisches Reich,…)
  22. Und es gibt Nationen, die sich nur in gewissen Vorstellungen oder Aspekten durch eine Konfession definieren, wie Iraner und schiitischer Islam, Österreicher und Katholizismus, Indien und Hinduismus
  23. Die 3 antiken orientalischen Patriarchate (in Syrien, Palästina, Ägypten) kamen (mitsamt ihrer “Schäfchen”) durch die genannten osmanischen Expansionen im 16. Jh ebenfalls unter osmanische Herrschaft
  24. Abzugrenzen von den diophysitischen orthodoxen Kirchen die den Patriarch von Konstantinopel als Oberhaupt anerkennen, sind monophysitische Kirchen wie die “Syrisch-Orthodoxen” oder “Armenisch-Orthodoxen”, die eigene Patriarchen haben, inhaltlich, historisch und organisatorisch von den eigentlichen Orthodoxen getrennt waren und sind, nur im “unscharfen” Sprachgebrauch als “Orthodoxe” bezeichnet werden. Auch die Koptische Kirche gehört zu diesen monophysitischen Kirchen (göttliche und menschliche Natur hätten sich in Jesus vereint), deren Angehörige im Osmanischen Reich die drittgrösste Glaubensgruppe waren, wenn auch eine sehr diversifizierte. Im osmanischen Millet-System wurden Menschen/Untertanen ihrer Konfession nach eingeteilt (nicht nach Sprache,…), den Führern ihrer Religionsgemeinschaften unterstellt, die Ethnarchen waren, also auch weltliche Führer bzw Vertreter. Die Angehörige monophysitischer Kirchen wurden dem Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche (= Armenisch-Gregorianische Kirche) zugeordnet, dem Oberhaupt der wichtigsten dieser Kirchen im Osmanischen Reich. Und richtigerweise nicht dem griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die Patriarchen der Syrisch-Orthodoxen oder Kopten unterstanden dem armenischen Patriarchen. Daneben gab es in allen diesen Kirchen auch Zweige die sich mit der Römisch-Katholischen Kirche vereinten (unierten)
  25. Und waren daher vom Bevölkerungsaustausch 1923 betroffen
  26. Manchmal ist zu lesen „Im Phanar wurde über das Geschlecht der Engeln gestritten, als die Türken Konstantinopel einnahmen“ >  soll wohl Irrationalität, Ineffizienz, Faulheit, Verdorbenheit der byzantinischen Kultur zum Ausdruck bringen – kann aber so nicht stimmen. Die Patriarchenkathedrale Hagia Sophia wie auch der Blachernon-Palast (die Kaiser-Residenz) waren beide ausserhalb des Phanar-Stadtteils. Welche Entscheidungsträger sollen dort also über Engeln philosophiert haben? Der Kaiser nahm ja an der Verteidigung der Stadt teil, kam dabei ums Leben
  27. Der erste griechische Millionär in der osmanischen Ära soll Michael Kantakouzenos-Shaytanoglu gewesen sein, im 16. Jh, der im Pelzhandel mit Russland tätig war. Er übte immer wieder Einfluss auf die Besetzung des Patriarchats aus, stand Gross-Wesir Mehmet Sokolowitsch (Sokolu Mehmet Pascha), der aus einer serbischen Familie in Bosnien stammte, nahe. Als dieser beim Sultan in Ungnade fiel, ging es auch Kantakouzenos an den Kragen
  28. Andererseits aber selbst Herrscher über Andere
  29. In Ägypten kam alles zusammen: Napoleons Ägypten-Feldzug war überhaupt so etwas wie der Auftakt zur westlichen Einflussnahme im Osmanischen Reich; danach begann der Aufstieg des Albaners (ursprünglich in osmanischen Diensten) Mohammed Ali zum Herrscher Ägyptens (mit Erbrecht für seine Nachkommen) – er hat übrigens mit seinen Truppen auf osmanischer Seite am Unabhängigkeitskrieg der Griechen teil genommen; es entstand eine ägyptische Nationalbewegung; und Grossbritannien wurde gegen Ende des 19. Jh Mit-Herrscher im Land
  30. Hauptsächlich der Peloponnes, der als südlichster Teil des Balkans gesehen werden kann
  31. Und bis auf die Ionischen Inseln waren alle griechischen Gebiete osmanisch
  32. Georgios Stravelakis überlebte das Massaker als Kind, wurde in die Sklaverei verkauft, kam nach Tunesien, auch Teil des Osmanischen Reichs. Er wurde dort unter dem Namen Mustafa Khaznadar Premierminister des Beyliks
  33. Extrem für die Einen, der logische bzw krönende Abschluss für die Anderen
  34. Wobei es auch hier verschiedene Varianten gab, also inwiefern es ein multinationales Reich (wie es Byzanz war) werden sollte, mit griechischer Vorherrschaft über andere Völker, eine Monarchie oder Republik (und damit verbunden war auch das Verhältnis zum Westen),…
  35. Das moderne Griechenland war von Anfang an an den Westen gebunden, seine politische Kultur stand dem aber entgegen; innere politische Auseinandersetzungen entluden sich immer wieder in bürgerkriegsähnlichen Zuständen (das erste Mal 1824/25, also während des Unabhängigkeitskriegs!). Wobei: Wie war das in Frankreich im 19. Jh, wie viele Revolutionen, Umstürze, innere Gewalt gab es da, auch noch in der Dritten Republik?! Also, stand die politische Kultur Neu-Griechenlands wirklich dem Westen “entgegen”? Im Gegensatz zu GB oder Frankreich hat Griechenland jedenfalls keine Kolonien in Afrika, Amerika, Asien oder Ozeanien gehalten
  36. Die “Englische Partei” unter Mavrokordatos hielt das Partizipativ-Prowestlich-Merkantilistische hoch, aus ihr wurde die Modernistische Partei unter Trikoupis (nun wirklich eine Partei), dann die Liberale Partei (1910-61, unter Venizelos, republikanisch), dann die EK (Papandreou), schliesslich die PASOK. Die “Russische Partei” (der sich dann die Französische anschloss) war paternalistisch-prorussisch-orthodox ausgerichtet, aus ihr ging 1865 die Nationalistische Partei hervor, 1920 die Volkspartei (royalistisch), 1958 die ERE von Karamanlis, schliesslich die Nea Dimokratia (ND)
  37. Griechische Monarchie-Gegner verwendeten gerne den Namen “Glücksburg” für das Königshaus, um ihren nicht-griechischen Charakter heraus zu streichen; zu diesem Haus Einiges im Grönland-Artikel
  38. Hatte aber jahrhundertelang (1721-1917) keinen Patriarch, nur Metropoliten/Erzbischöfe von Moskau, nachdem Zar Pjotr/Peter “der Grosse” Stefan/Simeon Yavorsky hinabstufte
  39. Beziehungsweise in seiner damaligen osmanischen Ausprägung
  40. Auch: Bogoridi, Vogoride, Stefanaki Bey, Stojko Z. Stojkow
  41. Vom 1876 “eingesetzten” Sultan Abdülhamit II.
  42. Manchmal wird zwischen “Hellenen” und “Griechen” auch in diesem Sinn unterschieden; in diesem Text werden die Begriffe als Synonyme verwendet
  43. Manche der Griechen aus dem untergehenden Osmanischen Reich gingen auch schnell ins Ausland weiter, verliessen das arme Griechenland. Aristoteles Onassis aus der Umgebung von Smyrna siedelte 1922 nach Griechenland aus, ging ’23 nach Argentinien, wurde Tabakhändler und Reeder. Der Vater von Michael Dukakis (Präsidentschaftskandidat in der USA 1988), Panos, stammt auch von der von kleinasiatischen Küste (Edremit), wanderte zunächst auf die Insel Lesbos aus (ebf. vor dem Austausch), dann in die USA; Dukakis’ Mutter war aromunische Griechin. Elia Kazan(zoglou) wurde 1909 in Istanbul geboren, in eine griechische Familie aus Kappadokien, immigrierte während des 1. WK in die USA. Leonidas Daskalidès (Kestekides) war ebenfalls ein Kappadokien-Grieche; er ging Ende des 19. Jh über Konstantinopel und Griechenland nach Belgien, gründete die Leonidas-Firma für Schokolade-Pralinen
  44. Etwa auf das nördliche Mesopotamien, wo sich die Ansprüche der Kurden und Assyrer “bissen”, und es immer noch tun
  45. Ihr Vater, Sultan Abdülmecid, hatte 44 Kinder (von denen 4 Sultane wurden) von 19 Frauen
  46. Und seit dem 14. Jh waren die osmanischen Sultane immer auch Kalifen
  47. Grosswesir 1909/19 war Hüseyn Hilmi Pascha, dessen griechische Vorfahren zum Islam konvertiert waren, kein Jungtürke
  48. Inwiefern die Angehörigen der ostsyrischen Kirchen (Nestorianer, Chaldäer) und der westsyrischen (Jakobiten/Syrisch-Orthodoxe, Syrisch-Katholische) ethnisch zusammen gehörig sind, und sie von den antiken Assyrern oder Aramäern abstammen, ist nicht ganz gesichert. Es gibt jedenfalls verschiedene Auffassungen darüber, und Bezeichnungen für sie. Im türkischen Kontext werden sie “Süryani” genannt, und das sind hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe und -Katholische
  49. Die Jungtürken liessen in Palästina auch Abbas Effendi Nuri (“Abdul’baha”) und andere Führer der Baha’i frei, 1908, sie waren in Akka bei Haifa inhaftiert gewesen
  50. Paparrigopoulos, 1815 – 1891, wird als Begründer der modernen griechischen Historiographie gesehen; das Konzept der Dreiteilung der griechischen Geschichte in Antike, Mittelalter (Byzanz), Moderne (dazu gehörten anscheinend die osmanische Zeit und der Beginn von Unabhängigkeit und Enosis) dürfte auf ihn zurückgehen
  51. Man kann die beiden Flügel der Jungtürken, den nationalistischen und den liberalen, als Vorläufer der Flügel der CHP sehen
  52. Emmanuelidis (bzw Emmanouilidis) stammte eigentlich aus Kayseri, studierte Recht in Konstantinopel und Athen und lebte dann in Smyrna. Sein autobiografisch-zeithistorisches Buch “Die letzten Jahre des Osmanischen Reichs” kam 1924 heraus, nach seiner Aussiedlung nach Hellas
  53. Anderen Angaben zu Folge wurde dort ein unabhängiger Staat vorgeschlagen
  54. Für Manche war es keine Besetzung, sondern Befreiung
  55. Ausserdem waren, 1918-20, Truppen der USA in Istanbul stationiert
  56. Weniger als 800 Soldaten, GB als grösste Besatzungsmacht hatte über 27 000 stationiert
  57. Also in etwa die Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei
  58. Es wurde/wird gerne geschrieben, dass Louis Franchet d’Espèrey als neuer französischer Hochkommissar im Jänner ’19 wie der osmanische Eroberer Mehmet II. über 4 Jahrhunderte davor auf einem weissen Pferd in die Stadt einzog. Auch bei Alexandris findet sich das, bei ihm ist das Pferd das Geschenk eines Istanbuler Griechen. Die Geschichte dürfte aber nicht stimmen: www.academia.edu/13541781/De_quelle_couleur_%C3%A9tait_le_cheval_blanc_de_Franchet_d_Esp%C3%A8rey_Petite_enqu%C3%AAte_sur_la_v%C3%A9rit%C3%A9_historique
  59. Im Griechisch-Türkischen Krieg dann war dieses Schiff an Truppenlandungen in Ost-Thrakien beteiligt, an Operationen im Schwarzen Meer und der Evakuierung der griechischen Bevölkerung nach der Niederlage
  60. Die griechischen Truppen in Konstantinopel dürften nicht dem Hochkommissar (nach Kanellopoulos gab es noch Triantafyllakos und Simopoulos), einem Zivilisten, unterstanden haben, sondern Admiral Georgios Kakoulidis
  61. Wobei die Griechen in ihren Haupt-Siedlungs-Gebieten im Osmanischen Reich wahrscheinlich jeweils die relative Mehrheit bildeten – einer der Gründe warum man diese Gebiete nicht unbedingt in einem Staat belassen wollte in dem man insgesamt jedenfalls eine Minderheit war
  62. Venizelos soll König Alexander/Alexandros 1919 gesagt haben, er setze darauf dass Konstantinopel von Innen griechisch erobert werde
  63. In weiteren Zielen schwirrten auch Teile Bugariens und Armeniens herum, die Ägäis und Makedonien,… Wenn man so will, sind die Grenzen, die dann kamen, ein Kompromiss zwischen der “Gross-Türkei” und “Gross-Griechenland”; auch andere Nachbarn der Türkei hätten Irredenta-Konzepte, die der Türkei (und sich gegenseitig) “in die Quere kommen” würde
  64. Abgesehen von einigen “Absegnungen” territorialer Administrationsverhältnisse die vor dem 1. WK zu Stande gekommen waren
  65. Es gab ein Rekrutierungsbüro bei der griechischen Militärmission in Konstantinopel
  66. Die Türken kämpften ausserdem im Nordosten Anatoliens gegen Armenien (Sep. bis Dez. ’20) und im Süden (Kilikien) gegen die Franzosen (Dez. 18 bis Okt. 21) – der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23, oder 1920-22)
  67. Die indoeuropäischen Phyrger sind ein untergegangenes Volk…wie die Awaren oder die Goten. Eines der Völker die dann unter den Griechen aufgegangen sind. Infolge Alexanders Sieg damals wurde Kleinasien für griechische Besiedlungen und Staatengründungen geöffnet
  68. باب عالی
  69. Er gewann 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen eine Medaillie im Schiess-Bewerb
  70. Chrysosthomos war 1921 einer der Gründer der “Verteidigungsorganisation von Kleinasien” (Οργάνωση Μικρασιατικής Άμυνας, Organosi Mikrasiatikis Amynas, oft zu “Amyna” abgekürzt)
  71. Napoleon III. war (1870 in Sedan) einer der letzten bedeutenden Herrscher, der bei einer Schlacht in die Hände des Gegners fiel; sonst gibt es das bei Putschen und Revolutionen noch recht häufig
  72. Es ist nicht ganz klar, aber zwischen der Abschaffung des Sultanats und der Ausrufung der Republik 1923 dürften die Kemalisten einen “Türkischen Staat” proklamiert haben, natürlich mit Atatürk als Oberhaupt
  73. Der Schriftsteller und Beamte Nikos Kazantzakis, ein Kreter, organisierte 1922 im Auftrag der griechischen Regierung den Transfer von 150 000 Pontus-Griechen aus dem sowjetischen Kaukasus nach Griechenland. Dabei begleitete ihn wieder Georgios Sorbas
  74. In Kreta waren die allermeisten Türken Griechisch-sprachig; siehe dazu auch die “Indianer” in Südamerika
  75. Teil der griechischen Delegation waren auch 2 Konstantinopel-Griechen, Michail Theotokas und Angelos Ioannidis
  76. Sie waren 1919 von Griechen eingenommen worden, ihnen 1920 zugesprochen, mussten 1922 aufgegeben werden
  77. Im späten Osmanischen Reich gab es ein Ende der diesbezüglichen Freistellung gegen die Sondersteuer, dies wurde aber teilweise weiter praktiziert; in Griechenland scheint es eine ähnliche Praxis gegeben zu haben, mit den moslemischen Gruppen v.a. in Makedonien und Thrakien
  78. Die gelegentlich beschossen worden waren
  79. Oder doch? Es heisst, die Türken gingen 1923 gegen Istanbul-Griechen vor, die dem griechischen Militär oder anderen Entente-Mächten geholfen hatten (oder denen man das vorwarf); aber darüber fand ich nichts Genaueres
  80. Damals wurde das Gebiet Bulgarien zugesprochen
  81. Andere Armenier konnten bleiben, auch ausserhalb Istanbuls, insofern sie den Völkermord überlebt hatten
  82. Und auch unter Jenen in Iran oder Zentralasien, die als Türken gelten, liegt oft eigentlich eine andere Ethnizität vor
  83. A propos: Nicht von der Aussiedlung betroffen waren natürlich auch die (nicht allzu zahlreichen) Griechen in den arabischen Gebieten des untergegangenen Osmanischen Reichs. Diese Länder bekamen in den 1930ern, 1940ern ihre Unabhängigkeit
  84. In “Zimt und Koriander” gibt es die Szene, wo ein griechischer Beamter an den aus der Türkei ausgesiedelten Griechen bemängelt, dass diese Griechisch mit türkischem Akzent sprechen
  85. In “Verkaufte Heimat”, wo es um die teilweise vollzogene Aussiedlung der Südtiroler geht, sagt ein Aussiedlungs-Kandidat angesichts der NS-Pläne bezüglich der Neuansiedlung: “Bevor ich nach Galizien gehen, gehe ich lieber nach Sizilien”
  86. Hauptsächlich durch die 1931 unter Atatürk gegründete TTK (Türkische Historische Gesellschaft), die als Symbol einen byzantinischen doppelköpfigen Adler hat
  87. In der Verfassung von 1924 hiess es noch, “die Staatsreligion ist der Islam”, dies wurde in jener von 1928 abgeschafft
  88. Inönü hat etwa ganz am Beginn der republikanischen Ära gesagt, Christen hätten moslemische Toleranz damit gelohnt, sich mit den Feinden der türkischen Nation verbündet zu haben
  89. Das seinen Ursprung wo hatte? Vor dem Durchbruch bei Dumlupinar war das Patt von Gordion, und da ist man bei diesem Kriegszug… die Frage darf aber gestellt werden, ob die “nationaltürkische Bewegung” unter dem späteren Atatürk eine griechische Exklave in Anatolien geduldet hätte
  90. Bin mir nicht sicher, ob es notwendig ist, das an dieser Stelle zu erwähnen, aber die Iren (zB) machten mit den bewaffneten Einheiten aus GB nicht unbedingt gute Erfahrungen, zB in ihrem Unabhängigkeitskrieg 1919-21
  91. Bei dieser Sprachreform spielte neben dem Armenier Martayan auch der Grieche Theologos Anthomelidis, ein Turkologe, eine wichtige Rolle
  92. Auch Ägypten war damals im Übergang von osmanischer über britische Herrschaft zur Unabhängigkeit. Dem orthodoxen Alexandria-Patriarchat unterstehen zwar alle orthodoxen Bischöfe Afrikas, aber (da Griechenland seit byzantinischen Zeiten) nicht (mehr) in Afrika kolonialisierte, gibt es auf diesem Kontinent kaum Griechen oder andere Orthodoxe. Am ehesten noch Auswanderer in Südafrika. In Ägypten sind Christen eine wichtige Minderheit, aber die sind überwiegendst Kopten. Bedeutende orthodoxe Stätte in Ägypten ist das Katharinen-Kloster am Sinai, und das untersteht dem Jerusalem-Patriarchat… Es gab allerdings, bis Nasser, in Ägypten eine grössere griechische Gemeinschaft, hauptsächlich in Alexandria
  93. Bütün Ortodoks Ceemaatleri Vekil Umumisi
  94. Abdulmajid war 1922 als Kronprinz nach Absetzung des Sultans vom Parlament in Ankara zum Kalifen gewählt worden, amtierte etwa eineinhalb Jahre; er dürfte noch einen Harem gehabt haben, jedenfalls malte er gern
  95. Kalif Abdulmajid wurde nach Catalca gebracht
  96. Wobei aus türkischer Sicht bereits das Einrücken in Smyrna 1919 eine Aggression, eine Invasion, war
  97. Alexandris: “Extremely sensitive on the activities of the Patriarchate, Turkish public opinion labelled as treacherous any dealings of the Phanar with foreign Orthodox religious heads.”
  98. Das seinen Sitz im Kloster Dar es Zafaran/ ܕܝܪܐ ܕܡܪܝ ܚܢܢܝܐ (Dayro d-Mor Hananyo)/ Dêra Zehferanê hatte
  99. 1924 (Stalin) bis 1943 war der Patriarchensitz wieder vakant
  100. Solche gab es ausser in Makedonien auch in Kreta und Epirus
  101. Ein sunnitischer Religionsgelehrter, der Mufti der Hauptstadt war und gleichzeitig die oberste religionsrechtliche Autorität des Staates; natürlich dem Sultan/Kalifen untergeordnet. Medeni Mehmet Nuri Efendi war 1920 bis 1922 letzter Scheich-ul Islam des Osmanischen Reiches
  102. Die Umstellung zeigte sich etwa bei den griechischen Zeitungen der Stadt, die nun um Zurückhaltung bemüht waren
  103. Die Griechische Griechisch-Katholische Kirche entstand 1859/60
  104. Das gab es auch bei Armeniern und Juden
  105. Die Zahlen liessen sich aus den Unterlagen des Patriarchats ermitteln, sowie aus staatlichen türkischen
  106. Es erinnert etwas an Südafrika und die Situation nach der Apartheid; dort woll(t)en Schwarze mit dem Ende der politischen Entrechtung auch ihre (damit verbundene) wirtschaftliche Benachteiligung wettmachen. Eine solche hat es für Türken im Osmanischen Reich natürlich nicht gegeben
  107. Der Chef der Handelskammer Millî Türk Ticaret Birliği war Ibrahim Pashazadeh, ein Dönmeh, er konnte sich anscheinend halten
  108. Hier ist ein wichtiger Punkt: Eigentlich ist Intoleranz ggü Minderheiten alles Andere als ein Zeichen von Stärke
  109. Nach seiner Pensionierung 1930 übersiedelte er nach Athen und war von 1931 bis 1940 Gründungsdirektor des dortigen Benaki Museums. Er starb 1940 in Istanbul
  110. Jene Tscherkessen, Albaner, Uiguren, Pomaken,… deren Vorfahren irgendwann in die heutige Türkei gebracht wurden, als “Moslems”, “Türken”,…, sind wie die Mizrahi-Juden in Israel; sie wurden im Rahmen einer “Heimholungsaktion” transferiert, ihrem Umfeld entfremdet und sich zu einem grossen Teil besonders starke Nationalisten (in der neuen Heimat) geworden
  111. Anhänger dort sind Konvertiten sowie Zuwanderer
  112. Später war er auch in der kurzlebigen SCF aktiv
  113. Diese Verschlechterungen und derartige Maßnahmen hingen eben miteinander zusammen; schwer zu sagen was die Henne und was das Ei war
  114. Dabei ging es auch um eine Angst vor einer türkisch-bulgarischen Allianz gegen Griechenland
  115. Möglicherweise betraf das nur jene, die unter Umgehung der damaligen osmanischen Behörden die Stadt verlassen hatten
  116. Alexandris: “Many had never even been to Greece. They held the Hellenic nationality because their ancestors had come from the provinces of the Ottoman empire that were incorporated in the Greek kingdom in 1830 and later.” Bin mir nicht sicher, ob das bedeutet, dass diese Vorfahren aus nun griechischen Gebieten in die Stadt kamen, oder ob sie griechische Bürger wurden, weil ihre Herkunftsgebiete Teile Griechenlands geworden waren
  117. Die sogar militärische Zusammenarbeit einschloss
  118. Ein Gegner der Megali Idea gewesen
  119. Alexandris erwähnt einen Rifat Bey
  120. Die vormaligen Sultans-Paläste Topkapi und Dolmabahce, beide zu osmanischen Zeiten gebaut, wurden ebenfalls zu Museen
  121. Solche gab es bei Aseris wie auch bei Kurden
  122. Offiziell vertrat er Ankara im Parlament, eine Stadt ohne griechische Bevölkerung
  123. Die Dönmeh sind eigentlich hier dazu zu rechnen
  124. Diese sind eigentlich Religionen für sich, das islamische Religionsamt Diyanet, das sich hauptsächlich um den sunnitischen Islam kümmert, ist aber auch für sie zuständig
  125. Die Türkisch-Orthodoxen sind hier eigentlich nicht dazu zu rechnen, da sie den Patriarchen in der Georgskirche nicht anerkennen
  126. Armenier oder Aramäer/Assyrer (, auch Kurden) sind in Istanbul eigentlich in der Diaspora, Griechen nicht
  127. Es gibt immer wieder Morde an zum Christentum übergetretenen Türken oder ausländischen Missionaren in der Türkei. Angehörige christlicher Minderheiten (Armenier, Assyrer/Aramäer, Griechen,…) werden in der Türkei vereinzelt Opfer von (eigentlich politisch-nationalistisch motivierter) Gewalt, wie Hrant Dink 07
  128. Nach der Unabhängigkeit Griechenlands hatten in der zweiten Hälfte des im 19. Jh weitere Länder am Balkan ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewonnen, und begannen die dortigen orthodoxen Kirchen ihre Bemühungen um ein eigenes Haupt (autos, kephale) bzw Selbstständigkeit. Das Patriarchat in Konstantinopel gab mit “etwas” Verzögerung seinen Segen und blieb diesen Nationalkirchen ehrenhalber übergeordnet. Bezüglich Bulgarien gab es schon zu byzantinischen Zeiten Streit zwischen dem Patriarchat in Konstantinopel und der Kirche im Land um Eigenständigkeit, der sich zu osmanischen Zeiten fortsetzte. 1870 wurde die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche vom Sultan als unabhängig (Exarchat) anerkannt; zu diesem Zeitpunkt hatte sie griechische Geistliche schon weitgehend durch eigene ersetzt. Die Vorherrschaft des Konstantinopoler Patriarchen über die Orthodoxen setzte sich aus byzantinischen Zeiten (Reichskirche) in osmanischen durch das Millet-System fort. Nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 kämpfte das Land zeitweise mit Griechenland um seine Grenzen, was sich auf den Streit um Autokephalie auch auswirkte. 1945 anerkannte/gewährte Patriarch Benjamin Autokephalie, 1953 wurde Metropolit/Exarch “Kyril” (Konstantin Markov-Konstantinov) zum Patriarchen aufgewertet. In Serbien und Rumänien erklärten die Kirchen ungefähr zur selben Zeit wie die bulgarische ihre Autokephalie, was “vom Phanar” viel früher anerkannt wurde. Die Albanisch-Orthodoxe Kirche erklärte 1922 ihre Autokephalie, was 1937 anerkannt wurde, ebenfalls unter Benjamin. Längere Zeit gab es dort einen Streit zwischen einheimischem und griechischem Klerus und deren Kulturen
  129. Antiochia/Antakya war ein Zentrum des frühen Christentums, in römischer Zeit
  130. Auch die syrische Gegenregierung zu Assad “sass” zeitweise in Türkei
  131. Taptas war unter jenen Abgeordneten die dagegen stimmten
  132. Wie gesagt, griechische Bürger waren die grösste ausländische Gruppe in der Türkei
  133. Genau genommen erfolgte die Abschaffung in Schritten und war erst unter Menderes abgeschlossen
  134. Sondersteuer für Nicht-Moslems in islamischen Reichen
  135. Und unter der AKP wieder wird?
  136. Ein kleiner rechter Balg wie Tobias Huch will auch seinen Deutsch-Chavinismus ggü Türkei ausleben, mit Instrumentalisierung der Kurden. Natürlich ist für ihn auch Israel Projektionsfläche
  137. Die dritte Oppositionspartei in der Republik, nach SCF und MKP, die erste echte, sie durfte länger bestehen und mitgestalten
  138. 1946 und 1950 dürften die meisten Türkei/Istanbul-Griechen CHP gewählt haben (aufgrund einiger Entegegnkommen zur Zeit von Benjamin und Maximos, während die anderen (nicht-moslemischen) Minderheiten zur DP “gingen”
  139. Angeblich schon in den letzten Jahren der CHP-Herrschaft
  140. Rhodos wurde östlichster Teil Griechenlands, brachte auch eine türkische Minderheit ein
  141. Wobei es in beiden Staaten relativ starke linke Gruppen gab – und diese hätten vielleicht einen Ausgleich, eine Annäherung eher herbeiführen können…
  142. Die SU wollte nun von der TR das (westarmenische) Kars-Gebiet „zurück“; Jugoslawien, Bulgarien, Albanien hätten alle gerne Grenzgebiete von GR gehabt
  143. Er folgte jeweils auf Sophokles Venizelos, wie der Vater in der Liberalen Partei
  144. Zur Zeit der Absetzung von Germanos und Kür von Dorotheos war ein Chatzopoulos unter den Laien-Mitgliedern des Patriarchalen Rates, es dürfte sich dabei um seinen Vater gehandelt haben
  145. Der in einen zur “Untersuchung anti-kemalistischer Propaganda in der Türkei”
  146. Kücük = klein
  147. Makarios/Mouskos kannte ihren Führer Georgios Grivas und teilte ihre Ziele, aber das Ausmaß seiner Involvierung ist unklar und umstritten. Jedenfalls wurde der Erzbischof 1956 von den Briten auf den Seychellen/Sesel exiliert
  148. Wahrscheinlich durch den damaligen türkischen Geheimdienst MAH; ein westthrakischer Türke wurde von den griechischen Behörden verhaftet, dann im Auto eines türkischen Konsuls in die Türkei gebracht
  149. Dies, das späte Stoppen des Wüten, die Aburteilungen, Entschädigungen,… zeugen doch davon, dass der türkische Staat nicht genozidär gegen die Griechen und anderen Minderheiten vorging, bei aller Mitverntwortung
  150. Kam öfter vor in der Geschichte. Beim Beschuss Dubrovniks durch Einheiten Rest-Jugoslawiens im Kroatien-Krieg 1991 etwa sollen sich Montenegriner aus einer ähnlichen Motivation heraus beteiligt haben
  151. An diesem Kongress nahm jedenfalls auch der britische Autor und Offizier Ian Fleming teil. Er wurde Augenzeuge der Geschehnisse, berichtete für “The Times” darüber. Und, gewisse Istanbul-Eindrücke liess er in seinen Agentenroman “From Russia, with Love” (1957) einfliessen. 1955 hatte er bereits 2 “James Bond”-Romane veröffentlicht
  152. Davon weiterhin etwa ein Drittel griechische Staatsbürger; hinzu kamen die Antiochia-Orthodoxen, die zT in Istanbul lebten
  153. Bekannt wurde er durch “Nikita” (1990, das Original). Griechen und die anderen nichtmoslemischen Minderheiten rückten klarerweise etwas zusammen; Petros Markaris ist ja auch halb Armenier. Abgeändert gibt es das in der USA etwa beim Zusammenrücken/Paaren von Iren und Italienern, die der Katholizismus dort verbindet
  154. Es gab noch eine Art von Resignation, die Selbstaufgabe, in diesem Zhg wäre darunter eine Aufgabe der ethnisch-religiös-kulturellen Identität zu verstehen, ähnlich wie bei jenen, die die türkisch-orthodoxe Kirche mach(t)en. Im Film “Zimt und Koriander” wird angedeutet, dass es so etwas auch gab. Über diese späteren Begründungen von Krypto-Griechentum habe ich keine Informationen gefunden; ist auch eine “delikate” Angelegenheit
  155. In dieser Zeit spielte sich auch die Sache mit dem in der Türkei grabenden britischen Archäologen James Mellaart ab, mit Bezug zu türkischen Griechen (griechischen Türken?). Mellaart behauptete 1958, von einem griechisch-stämmigen Mädchen (im Zug kennengelernt) in Izmir einen Schatz aus Dorak aus antiker Zeit (Yortan-Kultur) gezeigt bekommen zu haben. Das Mädchen existierte unter dem angegebenen Namen (Anna Papastrati) und der Adresse nicht. Mellaart wurde ausgewiesen, wegen Verdachts auf Unterschlagung von Antiquitäten. Dann kam er wieder, zu Ausgrabungen in Catalhüyük im südlichen zentralen Anatolien, wo eine Siedlung aus der Steinzeit gefunden wurde; er wurde wieder ausgewiesen
  156. Die einige Monate amtierte
  157. Er selbst soll von der Polizei „gewarnt“ worden sein bzw beruhigt im Vorhinein, dass nichts “passieren” werde
  158. Von den Anglo-Mächten nicht geliebt weil nicht fanatisch antikommunistisch-westistisch
  159. Der unter Präsident General Gürsel herrschte
  160. In manchen Quellen ist auch von 50 000 die Rede, wobei das “Plus” dabei auf das Konto der Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft geht
  161. Wodurch die Hochschule ihren Status als Forschungs-Institution verlor
  162. Leute die männlich waren, willens und fähig, diese Laufbahn einzuschlagen, was, beim Weg zum Bischof, auch zölibateres Leben bedeutete
  163. Christopher Hitchens zufolge verdächtigten die CIA und das griechische Regime Makarios, dem Kommunismus nahe zu stehen, begannen ab Anfang der 1970er gegen ihn zu arbeiten
  164. Quasi, um Verfolgungen von Türken auf der Insel vorzubeugen
  165. Premier Ecevit sagte, die Aktion sei durch den Garantievertrag von 1960 gedeckt
  166. Er soll davor noch einen Angriff auf die Türkei erwogen haben
  167. Karamanlis war in der Rolle von Adolfo Suarez, aber Konstantin nicht in jener von Juan Carlos
  168. Die Abwässer werden gemeinsam von Landesteilen verwaltet…
  169. Was wahrscheinlich zum Teil stimmt
  170. Ein anderer Teil dürfte nach dem 2. WK nach Albanien gegangen sein, aber es gab/gibt auch darüber hinaus welche
  171. Die meisten Minderheits-Völker waren im Norden Griechenlands, ein grosser Teil davon ist tatsächlich “unter den Griechen aufgegangen”, was Fallmerayer zu seiner These verarbeitet hat
  172. Auch im östlichen Makedonien (v.a. Regionalbezirk Drama, auch Teil OMT) gibt es noch oder wieder einige Türken
  173. Er hatte anscheinend einen griechischen und zypriotischen Pass bekommen, hatte in Nairobi die griechische Botschaft aufgesucht
  174. Zwischen Türkei und Armenien begann am Rande des Fussballs eine Annäherung, bei Qualifikations-Spielen zur WM 2010. Zwischen Türkei und Griechenland gab es einige diesbezügliche Begegnungen, etwa in den 00ern. 02 wurde das türkische Team WM-Dritter, 04 das griechische Europameister; in der Quali für 06 gab es nach dem Match der Schweizer in Istanbul ein Gerangel (hauptsächlich zwischen Spielern), am Eingang zum Kabinentrakt und in ihm. In der Quali zur EM 08 musste die Türkei daher Heimspiele zT auswärts ohne Zuseher austragen. Und sie waren in eine Gruppe mit Griechenland gelost; das türkische Team gewann 4:1 in Athen, das griechische dafür in Istanbul, beide qualifizierten sich, die TR spielte ein gutes Turnier, GR als Titelverteidiger nicht
  175. Und Cem legte einen Kranz an das Grab des unbekannten Soldaten in Athen
  176. Dieser floh mit Hilfe von Offizieren…auch die CIA soll geholfen haben
  177. Ein anderer Träger des alle 2 Jahre vergebenen Preises war etwa der Fotograf Nikos Economopoulos
  178. Und (daher) dem Phanar/Fener nach wie vor als Zentrum
  179. Fethiye Cetin ging vor einigen Jahren mit ihrem Familiengeheimnis an die Öffentlichkeit ging, dass ihre Grossmutter eine Armenierin war, die den Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei durch die Annahme einer türkisch-moslemischen Identität sowie die Trennung von ihrer Familie überlebte. Armenische Kultur, schrieb sie, habe bei solchen Krypto-Armeniern etwa in Form eines Pseudo-Oster-Festes überlebt, zur entsprechenden Zeit im Frühling haben Frauen bestimmte Kuchen gebacken und sich dann mit den anderen Familien dazu getroffen
  180. Dort befindet sich noch immer etwa das Zoğrafyon-Gymnasium (Ζωγράφειον Λύκειον, Özel Zoğrafyon Rum Lisesi), eine griechischsprachige Schule
  181. Es gibt verschiedenste Gründe, dass die Griechen Istanbuls keinen Guerillakrieg gegen den türkischen Staat begannen wie die PKK; dass das griechische Bürgertum dafür “schlechte” soziokulturelle Voraussetzungen mitbrachte, war einer davon
  182. Geblieben ist aber der von AKP-Regierungen eingeführte TV-Kanal TRT Kurdi sowie Schulunterricht in Kurmanci und Zaza
  183. 1938/39 wurden in Griechenland Bestimmungen erlassen, wonach eine Moschee-Bau-Bewilligung vom orthodoxen Metropoliten abhängt; dies wurde ’96 vom EGMR für unzulässig erklärt und ein neues Gesetz kam
  184. Premier Erbakan wurde ein Menderes-Schicksal angedroht
  185. Mit Patriarch Bartholomäus als einem Anschlagsziel
  186. Dt. „Vorschlaghammer“; die Verschwörung soll unter anderem Pläne beinhaltet haben, historische Moscheen in Istanbul zu sprengen und einen Konflikt mit Griechenland heraufzubeschwören, um durch das so herbeigeführte Chaos den Weg für eine Machtübernahme durch das Militär zu ebnen
  187. Von ihrer Homepage
  188. Gemeinsam mit der türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu arbeitete er am Drehbuch für ihren 2004 erschienenen Film „Waiting for the Clouds“, über Krypto-Pontus-Griechen
  189. Die zwei Ukrainisch-Orthodoxen Kirchen die es gab vereinigten sich in diesem Jahr; abseits blieben jene Geistlichen und Gläubigen die sich dem Moskauer Patriarchat unterstellt sehen
  190. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat an manchen Ecken und Enden Problemchen, die politische Zwistigkeiten Russlands mit anderen Völkern wiederspiegeln. Neben dem Konflikt mit der Ukraine ist da jener mit Georgien – ebenfalls ein orthodoxes Land. 2019 gab es Aufruhr in Georgien, nachdem bei einem Treffen von Abgeordneten aus orthodoxen Ländern ein russischer Abgeordneter im georgischen Parlament auf Russisch sprach, va von Seiten der georgischen Opposition. In der russischen Republik Jakutien/Sacha gibt es ein Wiederaufleben der alten schamanistischen Religion, verbunden mit einer “Ablegung” des orthodoxen Christentums, das den Jakuten vor 300 Jahren aufgezwungen wurde
  191. Der Vollständigkeit halber: Vor der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien gab es dort Terror von Deutschen gegen Polen (und auch Vertreibungen von ihnen). Und: In manchen dieser Gebiete hat man inzwischen annehmbare Lösungen gefunden
  192. Auch sie betonen das orthodoxe Christentum als Teil griechischer Identität und sind gegenüber dem Westen kritisch
  193. Der türkische Armenier Sevan Nişanyan veröffentlichte 2010 “Index Anatolicus”, ein Verzeichnis von (etwa 16 000) topographischen Bezeichnungen, die zur Zeit der Republik Türkei geändert wurden, griechische, armenische, kurdische, arabische, aramäische, georgische,… Nisanyan hat sich auch um Sirince gekümmert, einen der seit dem Bevölkerungsaustausch leeren Orte
  194. Es war hauptsächlich Nelson Mandela, der durchsetzte dass diese “integriert” wurden und auch viele Privilegien behalten konnten
  195. Konkret: Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden, Ausdehnung des Wassers durch Erwärmung der Ozeane
  196. Ein Türkisch-Crashkurs habe nichts genutzt und zur Demonstration seines Griechisch zitierte er etwas Altgriechisches aus der Schule
  197. Der Beginn der Kontakte zwischen Griechen und Türken. Kitsikis geht aber davon aus, dass die Region vom Südbalkan über die Agäis bis Kleinasien auch davor schon zusammen gehörte, auch wenn Römer oder Perser “zwischendurch” dort herrschten
  198. Konstantinopel/Istanbul wird auf Griechisch meist als „η Πόλη“ = „die Stadt“ bezeichnet
  199. 2017 Gespräch mit dem kemalistischen Kurden aus Türkei in Berlin-Kreuzberg, der sagte “Priesterseminar ist geschlossen weil es in Istanbul keine/kaum Griechen gibt”; auf meine Frage “Warum eigentlich?”: “Warum gibt es in Selanik (Saloniki) keine Türken mehr?”
  200. Diese Gerichte wurden 2004 abgeschafft…
  201. Zur Tötung von Ohnesorg schrieb “Bild” früher, „er wurde nicht getötet“, dann „wurde von der Stasi getötet“
  202. Efstratios?
  203. Wenn man damals die Griechen nicht besiegt hätte, wäre das und das alles untergegangen/ nie zustande gekommen,…
  204. Am Tag nach dem israelischen Massaker auf der zT türkischen Hilfsflotte für Gaza 2010 gab es zB vor der türkischen Botschaft in Tel Aviv eine (spontane?) Demonstration mit Spruchbändern wie “Who has committed the genocide on the Armenians?” – hauptsächlich für die internationale Presse
  205. Und, auch die kemalistische Türkei ging dort vor mit willkürlichen Verhaftungen, monate- und jahrelanger Haft ohne Prozess, militärischen Maßnahmen gegen Zivilisten – worüber Manche gerne hinweg gingen
  206. Wo Persien Griechen unterworfen hatte
  207. Er bezieht sich dabei auf die These von Jakob Fallmerayer aus dem 19. Jh, auf die ich auch im Deutschland-Griechenland-Artikel einging
  208. “I was born and grew up in Istanbul, Turkey. I spent 12 years in the United States. I live in Greece since October 2004”
  209. “Von dem Rum-Millet zur griechischen Nation”

Mythos Haile Selassie und Äthiopien

Haile Selassie I. (ቀዳማዊ ኃይለ ሥላሴ]) bzw Tafari Makonnen (1892 – 1975), äthiopischer König/ Kaiser von 1930 bis 1974 und zuvor ab 1916 “Regent”, ist eine umstrittene historische Figur, jedenfalls eine bestimmende Gestalt in der Geschichte Äthiopiens aber auch Afrikas an sich. Über die Geschichte von Äthiopien/ Abessinien liegt Vieles im Unklaren, hier vermischen sich gerne Mythen und Legenden mit Fakten. Der Versuch einer Annäherung an diesen Herrscher und sein Land, und die Widersprüche und Gegensätze in den Auffassungen darüber.

Ländliches Äthiopien, Norden

Haile Selassie kam aus der Salomonischen Dynastie, die sich auf den legendären jüdischen König Salomon/ Shelomoh1 bezieht, der sich im 10. Jh vC laut Tanach/Bibel/Koran und äthiopischer Legenden mit der ebenfalls legendären Königin von Saba/ Sheba in Jerusalem/ Jebus getroffen haben soll. Laut dem äthiopischen “Kebra Nagast” aus dem 13./14. Jh2 soll in ihrem Bauch aus dem Samen Salomons, mit dem sie in das lebendäre Saba zurück kehrte, ein Bub gewachsen sein, den sie Menelik nannte. Dieser soll Herrscher von Äthiopien (wofür Saba ein Synonym gewesen sein soll3) geworden sein, als Erster aus dieser “salomonischen Dynastie”. Gesichert ist diese Dynastie erst ab etwa 1300 (nC), als Herrscherfamilie Äthiopiens, nicht die Abstammung vom biblischen König. Und, das erste Staatswesen Äthiopiens war das Reich von Aksum (nach der “Hauptstadt” so genannt), dessen Anfänge irgendwann zwischen 100 und 500 nC liegen müssen.4 Ob das Aksum-Reich von dieser Dynastie regiert wurde, ist sehr fraglich – wiederum abgesehen von der Frage der Abstammung.

Stele/ Obelisk in Aksum

Die Bevölkerung des Kern-Äthiopiens vor der Erweiterung im 19. Jh waren die Habescha/ Abesha/ Abessinier, die semitischer Sprache und möglicherweise Herkunft waren und aus denen Amhara/ Amharen und Tigre/ Tigray hervor gingen. Die Sprache Ge’ez entstand, die Vorform von Amharigna und Tigrinya, evtl durch Einwanderung aus Südwest-Arabien bzw Jemen. Zeugnisse aksumitischer Kultur sind nicht zuletzt die grossen Obelisken/ Stelen, die auch zT von Europäern aus dem Land verschleppt wurden. Aksum war eines der Reiche  in Spät-Antike/ Früh-Mittelalter in Afrika, wie das benachbarte Reich von Kusch in Nubien, wo sich der aus Äthiopien kommende Blaue Nil mit dem Weissen vereinigt. Das Reich unterhielt Beziehungen über den Nil und das Rote Meer, mit Südarabien und Ägypten (von wo später der Islam kam), mit Europa, mit Asien. Der aus Äthiopien stammende Kaffee wurde hauptsächlich über Jemen/Südarabien verbreitet. Im 4. Jh kam das Christentum, aus dem Osten des Römischen Reichs durch Syro-Phönizier oder Griechen, wurde unter König Ezana Staatsreligion.

Was Äthiopien mit Jemen verbindet, ist auch der Konsum von Qat/ Kath; hier ein Feld in Äthiopien

Die Äthiopische Kirche bekannte sich zum Monophysitismus5, verband sich mit der Koptischen Kirche in Ägypten, hat aus dem Judentum zB die Beschneidung übernommen; an ihrer Spitze steht ein Abuna. Koptische Ägypter füllten jahrhundertelang diese Position aus, standen an der Spitze der Äthiopischen Kirche. In Aksum entstand unter Ezana die Kirche “Sankt Maria von Zion”. Dorthin soll die Bundeslade gebracht worden sein6, dort wurden jahrhundertlang die äthiopischen Könige gekrönt. Der Niedergang des Aksum-Reiches begann mit der Ausbreitung des Islams in der Region Westasien-Nordafrika. Der Islam kam auch nach Ägypten, Nubien, Äthiopien und die Küste des Horns von Afrika, das spätere Somalia (wahrscheinlich das legendäre Punt/-land, das teil- und zeitweise zum Aksum-Reich gehört hatte). Die Maria-Zions-Kirche wurde aber (das erste Mal) um 1000 von der Armee der Gudit/ Judith zerstört, möglicherweise ebenfalls eine legendäre Figur, die das Reich von Aksum “beendete”. Sie soll Jüdin gewesen sein und/ oder den kuschitischen Agau angehört haben – wie die als Juden nach Israel gebrachten Äthiopier. In der Folge entstand das Reich der Zagwe-Dynastie sowie andere regionale Reiche.

Kebra Negest – Illustration

1270 wurden die Zagwe von einem Yekuno Amlak gestürzt, der sich als Angehöriger der Salomonischen Dynastie vorstellte. Die Herrschaft dieser Dynastie ist erst ab hier gesichert (abgesehen von der legendären Gründung), sie ging mit kurzen Unterbrechungen bis 1974/75. In der einen Geschichtsauffassung kam es hier zu einer Wiederherstellung der Herrschaft des königlichen Hauses des Aksum-Reichs. Unter den “salomonischen” Kaisern wehrte Äthiopien die Osmanen ab, ging dabei Allianzen mit den Portugiesen ein. Unterhalb des Negus (König/Kaiser) gab es die Ras, regionale Statthalter, meist auch aus dieser Dynastie. Und, in der späteren Neuzeit machten sich die Ras’ selbstständig, die Negus’ (in der Hauptstadt Gondar) begannen ein Schattendasein zu führen. Wie in Japan, wo die Shogune vom 13. bis zum 19. Jh die eigentliche Macht ausübten, die Tennos in den Hintergrund stellten. Diese Periode in Äthiopien von Mitte des 18. Jh bis Mitte des 19. Jh wird Zemene Mesafint (ዘመነ መሳፍንት) genannt, was mit “Ära der Prinzen” übersetzt werden kann.7 Diese Phase kam zu einem Ende, als der Ras von Quara, Kassa Hailu, zunächst weitere Regionen unter seine Kontrolle brachte, dann 1855 Yohannes III.8 absetzte und sich zum Negus Tewodros/ Theodorus II. machte.

Tewodros stellte die Zentralgewalt über/ in Äthiopien wieder her, zu einer Zeit, als europäische Mächte dabei waren, sich ganz Afrika “unter die Nägel zu reissen.” Im südlichen Grenzgebiet kämpfte Tewodros’ Armee mit hamitischen Völkern. Aussenpolitischer Gegner war Ägypten, dass damals de jure Teil des Osmanischen Reichs war, de facto unabhängig (und auch über den Sudan herrschte) und unter zunehmenden britischen Einfluss. Negus Tewodros führte seine Armee gegen die britische Äthiopien-“Expedition” 1868 an, beging am Ende der Schlacht von Magdala Selbstmord, um nicht in britische Gefangenschaft zu geraten. Sein Nachfolger Tekle Giyorgis II. war väterlicherseits ein Abkömmling der alten Zagwe-Dynastie, die ja von der Salomonischen Dynastie, der auch seine Mutter entstammte, entmachtet worden war. In seiner Regierungszeit begann (1869) die italienische Inbesitznahme des Küstengebiets von Äthiopien, Eritrea, ein hauptsächlich von Tigre bevölkertes Gebiet, zT moslemisch, zT christlich, wie der Rest Äthiopiens zeitweise unter regionalen Herrschern, auch unter Herrschaft der Osmanen/Ägypter. Nachfolger Yoannes/Johannes IV. fiel gg die eindringenden Mahdisten aus Sudan; er ist der erste äthiopische König von dem es ein Foto gibt.

Nach ihm kam, 1889, Menelik II., vom Shewa-Zweig der Salomonen, zuvor auch einer der Ras/ Landesfürsten. Dieser Zweig konnte auf eine ununterbrochene patrilineare Abstammung vom frühesten gesicherten Salomonen, Yekonu Amla, “verweisen”. 1895/96 versuchte Italien von Eritrea aus, Äthiopien an sich einzunehmen (“Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg”). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua (Adwa), konnte seine Unabhängigkeit wahren. Ras Makonnen Woldemikael, Vater des späteren Kaisers (Königs) Haile Selassie, spielte bei diesem Sieg als General eine Rolle. Äthiopien/Abessinien war bei der Berliner “Kongo”-Konferenz 1884/85 anerkannt worden, von den welt-beherrschenden Westmächten, war der einzige afrikanische Staat in Afrika neben dem von der USA gegründeten Liberia. Gegen den italienischen Angriff (der im Zuge der vollständigen europäischen Aufteilung Afrikas kam) konnte das gewahrt werden. China (damals unter den Qing), Persien (unter den Kadscharen), das Osmanische Reich, Japan und Äthiopien waren einige der wenigen Reiche/Länder, die auch im 19. Jh nicht ganz von europäischen Kolonialmächten unterworfen wurden; nach dem 1. WK begann diesbezüglich eine neue Ära.9

Menelik II.

Die Grenzen Äthiopiens wurden unter Menelik II. neu festgelegt, durch seine Eroberungen10, er vergrösserte Abessinien/Äthiopien in den Süden, in hamitische, kuschitische, nilotische Gebiete. Eroberte zB das (nilotische) Kaffa-Reich, das von Naturreligionen geprägt war, sein letzter Herrscher Tato Gaki Sherocho wurde gefangen genommen. Sonst waren vor allem Moslem-Gebiete betroffen; die amharisch-christliche Herrschaft wurde über weitere Ethnien ausgedehnt (zuvor bestand sie nur über Tigre, Afar und einen Teil der Oromo). Meneliks dritter relevanter Wirkungsbereich war eine Modernisierung, die er dem Land verpasste. Im Zuge dessen wurde Addis Abeba Hauptstadt, wurde der Staat zentralisiert, die Macht des Negus gestärkt. In Japan gab es ab 1868 die Meiji-Restauration, mit der die Macht des Tennos wieder hergestellt wurde – was in Äthiopien unter Tewodros und Menelik geschah.

Der Mythos von Äthiopien bzw seine Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora kam aus seinem Charakter als afrikanische Hochkultur, seiner frühen Annahme des Christentums, der weitgehenden Behauptung seiner Unabhängigkeit, und nicht zuletzt aus seinen legendären Verbindungen zu den Wurzeln von Christentum und Judentum. Die Äthiopische Orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine der wenigen vor-kolonialen Kirchen in Afrika; aber abgesehen davon wird auch ein Bezug des Landes zu Inhalten, Geschehnissen und Figuren aus Tanach und Bibel beansprucht, Äthiopien mit als Quelle jener Kultur gesehen, die den Westen eroberte, und die längst als “westlich” gesehen wird. Äthiopien hat den Europäern (Italiener, Briten,..) wie den Moslems (Araber, Türken) weitgehend widerstanden. Äthiopien war ja auch ein Kandidat für das “Johannesreich”, ein von Europäern vermutetes christliches Reich in einer Region von “Wilden”. Westler, die sich auf den christlichen Charakter Äthiopiens sürzen, blenden die Gräuel aus, die v.a. beim dritten (gelungenen) italienischen Versuch der Einnahme des Landes geschahen, blenden die Bedeutung des Landes in der Behauptung gegen die totale europäische Expansion aus; und: Giordano Bruno schrieb 1591, “niemand könne sich tatsächlich vorstellen, dass zum Beispiel das jüdische Volk und die Äthiopier die gleichen Vorfahren gehabt hätten. Also hätten seinerzeit nicht nur ein Adam, sondern mehrere unterschiedliche erste Menschen geschaffen werden müssen, oder die Afrikaner seien die Abkömmlinge präadamitischer Stämme der Menschheit.”11

Menelik wurde 1913 von seinem Enkel Iyasu und dann seiner Tochter Zauditu gefolgt, dann kam sein Grosscousin Haile Selassie an die Reihe. “Lij” Iyasu, von Grossvater und Vorgänger Menelik ernannt, war Sohn eines ursprünglich moslemischen Oromo-Fürsten (der eine Tochter Meneliks geheiratet hatte). Er war 1910-13 Regent für den erkrankten Opa, 1913 (16 Jahre alt) bis 1916 ungekrönter König (Iyasu V.). Er hatte in der Familie, im Adel, keinen leichten Stand, wurde (v.a. aufgrund seines Vaters) der Förderung von Moslems im Inneren und Äusseren verdächtigt. Seine Halbtante Zauditu (Zewditu, Zawditu, Zäwditu) sah er als Bedrohung, liess sie exilieren; 1916 setzten Adel und Kirche aber Iyasu ab und diese ein. Sie heiratete den Sohn von Meneliks Vorgänger Johannes, bzw wurde verheiratet, es folgten weitere Heiraten. Sie war bis 1930 Negiste (Königin) bzw Negiste Negest (Königin der Könige, bzw Kaiserin), eines von ganz wenigen weiblichen Staatsoberhäuptern weltweit damals. Der gestürzte Iyasu hielt seine Ansprüche aufrecht, forderte mit seinen Anhängern Zauditu (1916) militärisch heraus. Ras Tafari Makonnen, der spätere Haile Selassie, spielte eine Rolle bei der Absetzung von Iyasu, wurde ’16 Kronprinz bzw Thronerbe, spielte unter (seiner Tante) Zauditu eine bestimmende Rolle, als ihr Regent.

Seine Mutter war Oromo (und Tochter eines Regionalherrschers), sein Vater väterlicherseits Oromo, mütterlicherseits Amhara und Angehöriger der Salomonischen Dynastie (Tante von Menelik II., somit gehörte Haile Selassie auch dem Shewa-Zweig der Salomonischen Dynastie an). Sein Vater, Ras Makonnen Woldemikael Gudessa, war “Gouverneur” (Ras) der Provinz Harar, wo Tafari auch 1892 geboren wurde. Dort lebten verschiedene Ethnien, darunter das Harari-Volk, aber Amhara oder an diese Assimilierte herrschten über sie. Es gab innerhalb der Herrscherfamilie viele Machtspiele, Streitigkeiten, Intrigen, auch Heiraten; Posten wie die Regionalfürsten (Ras) und Militärgeneräle wurden oft an Familienangehörige vergeben. Sein Vorname Tafari wurde, nach äthiopischem Brauch, gefolgt von dem seines Vaters (Makonnen), manchmal von dem seines Grossvaters (Woldemikael). Als Kind wurde er Lij (“Kind”12) Tafari Makonnen genannt. Verschiedene Umstände, wie die Tatsache dass keine von Zauditus Kindern über die Kindheit hinaus kamen, “spülten” ihn in der Thronfolge nach oben. Er heiratete eine Nichte von Iyasu V. Als Ras von Harar wurde er Ras Tafari Makonnen.

Der frühere Gouverneurspalast in Harar

Als Regent für Königin Zauditu übernahm er weitgehend “ihr” operatives Geschäft (während sie hauptsächlich Kirchen errichten liess), er sorgte dafür, dass Äthiopien 1923 dem Völkerbund beitrat. Liberia war 1920 Gründungs-Mitglied des Völkerbundes, Südafrika war auch von Anfang an dabei (bevor es unabhängig wurde von GB), 1937 folgte mit Ägypten ein dritter afrikanischer Staat. Der Völkerbund war hauptsächlich mit der Konkurrenz und Feindschaft der westlichen Mächte untereinander beschäftigt – die Anliegen der nicht-weissen Staaten waren absolut untergeordnet. Paradoxerweise kamen die beiden afrikanischen Mitglieder Äthiopien/Abessinien und Liberia im Völkerbund unter Druck wegen Sklaverei bei sich. “Am Ende” waren es die beiden einzigen unabhängigen afrikanischen Staaten, in denen es noch Sklaverei gab, und westliche Länder, die auf Abschaffung drängten…13 In Äthiopien hatten sich Könige seit Tewodros II. um die Abschaffung bemüht, die Praxis ging aber bis in die Königszeit von Tafari Makonnen/Haile Selassie hinein. Im Liberia gab es damals die Minderheitenherrschaft der (schwarzen) Americo-Liberianer über die Afro-Liberianer, und die Wirtschaft des Landes war ganz auf die Produktion von Kautschuk ausgerichtet, und da hatte der US-amerikanische Konzern Firestone quasi ein Monopol – und die Sklaverei spielte sich in deren Bereich ab.

Äthiopien oder Abessinien? “Abessinien” leitet sich vom arabischen “Habash” ab und war der Name, unter dem Äthiopien jahrhundertelang im Ausland bekannt war. Die Äthiopier haben ihr Land eigentlich immer “Äthiopien” (Ītyōṗṗyā, ኢትዮጵያ) genannt. Und, vor der Schaffung des Völkerbundes gab es eigentlich keine internationale Registrierung von Staatsnamen oder so etwas Ähnliches, und das Land trat dem Völkerbund als Äthiopien bzw Äthiopisches Reich bei. Es gab also keinen Namenswechsel, wie bei Ceylon/ Sri Lanka, Siam/ Thailand, Persien/ Iran. Eigentlich bezeichnet “Abessinien” nur den semitischen, ursprünglichen Teil Äthiopiens.

1924 bereiste Regent Tafari Makonnen Europa, Nordafrika, Westasien. In Grossbritannien bekam er die Krone von Tewodros für das Land (bzw Königin Zauditu) zurück, die die Briten bei ihrer Invasion in Äthiopien 1868 mitgenommen hatten – im Gegenzug für zwei Löwen. Die es in Äthiopien damals wahrscheinlich auch nur noch in Gefangenschaft gab. Wie anderswo (zB Persien) waren Löwen auch in Äthiopien bis ins späte 19. Jh weitgehend ausgerottet worden. Vielleicht gibt es auch noch wild lebende im Osten des Landes. 1928 versuchten einige Reaktionäre am Hof, durch einen Putsch gegen Tafari Makonnen seinen sanften Reformkurs zu stoppen. Nach dessen Niederschlagung verschob sich die Macht noch weiter zum Regenten, dem künftigen König, der nun bereits diesen Titel (Negus) bekam. 1930 versuchte Zauditus 3. (4.?) Ehemann, Gugsa Welle (anscheinend ohne Unterstützung der Königin), eine Rebellion gegen Makonnen zu starten, wurde mit seinen Anhängern dabei von der äthiopischen Armee geschlagen und getötet. Kurz darauf starb Zauditu. Es halten sich Gerüchte, wonach sie umgebracht worden sei, und ihr Nachfolger dabei beteiligt war. Tafari Makonnen wurde jedenfalls neuer Negus, nahm den Kaisernamen Haile Selassie an.

Die Gegner jeglicher Reformen im Zentrum der Macht hatten ihn also schon mehrmals herausgefordert, bevor er offiziell an die Macht kam. Haile Selassie I. wird als 225. Nachfolger des Sohnes von Makeda und Salomon, Menelik, gesehen. Als die Kunde von seiner Krönung die damals britische Karibik-Insel Jamaica (Jamaika) erreichte, formierte sich dort die Rastafari-Religion, dazu noch mehr. Haile Selassie erliess 1931 Äthiopiens erste Verfassung,  die ein Parlament aus 2 Kammern festschrieb, allerdings ein ernanntes Parlament aus Adeligen und mit beratender Funktion… Eigentlich hat sich dadurch nur geändert, dass der Entscheidungsprozess des Adels in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Es wurde in der Verfassung Demokratie anvisiert, für einen Zeitpunkt in dem das Volk “reif dazu war”.14 Des weiteren wurde dort die Thronfolge auf Nachkommen des aktuellen Königs beschränkt – was in der grossen und weitverzweigten Herrschersippe klarerweise auf Unmut stiess.

Kronprinz Asfaw Wossen und König Fuad von Ägypten 1931

Das faschistische Italien entwickelte Appetit auf neue Aussengebiete und eine “Wiedergutmachung” für die Niederlage von Adua. Zu Eritrea war in der Region noch Ende des 19. Jh ein Teil von Somalia unter italienische Herrschaft dazu gekommen. Äthiopien war auch ein Verbindungsstück zwischen diesen Gebieten. In diese beiden Gebiete in Ostafrika sandte der italienische “Duce” Benito Mussolini 1935 zusätzliche Truppen, Äthiopien wurde so Ende ’35 angegriffen. Den Angriff leitete zunächst Emilio de Bono, dieser wurde nach kurzer Zeit von Pietro Badoglio ersetzt. Der Piemontese15 war schon in Adua als Soldat dabei gewesen, dann bei der Einnahme Libyens in höherer Position, hatte im 1. WK Kampagnen im Julischen Venetien gegen Österreich-Ungarn geleitet16, war dann in Libyen Zivilgouverneur gewesen (mit der Niederschlagung von Widerstand beschäftigt), wurde in der Zwischenkriegszeit Generalstabschef. Badoglio befahl den Einsatz von Giftgas, die Vergiftung von Trinkwasserquellen, Bombardierungen, Beschuss ziviler Ziele.

Haile Selassie und ein italienischer “Blindgänger”, 1935

Das moderne italienische Militär war überlegen, die Äthiopier hatten allenfalls bessere Ortskenntnisse und in der Regel eine höhere Motivation, aber zum Teil nicht einmal Schusswaffen. Im Mai 1936 nahmen die Italiener unter Badoglio Addis Abeba ein, kam der Italienisch-Äthiopische Krieg17 zu einem Ende. Mussolini erklärte Äthiopien zu einer italienischen Provinz, liess es mit Eritea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika (Africa Orientale Italiana, bestand 36-41) zusammenschliessen. Der italienische König Vittorio Emanuele III. di Savoia wurde zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.18 Haile Selassie, der während des Krieges u.a. eine Wallfahrt zu den Lalibela-Kirchen gemacht hatte, verliess die Hauptstadt kurz vor ihrer Einnahme, mit einer Entourage, nach einer Beratung mit Regierung und Parlament.

Die Regierung verliess Addis ebenfalls, wich in den Süden des Landes aus. Der Negus ernannte seinen Cousin Ras Imru Haile Selassie zum Regenten während seiner Abwesenheit. Mit seiner Familie, einigen Vertrauten und Bediensteten fuhr er nach Französisch-Somaliland, von dort (wie einst Makeda der Legende nach) mit dem Schiff über das Rote Meer nach Palästina, damals unter britischer Kontrolle. Er besuchte dort u.a. Jerusalem/ Quds, wohnte im Bayt ʾal-šarq/Orient House; in den 1920ern hatte er das Land erstmals bereist. In Palästina hatte damals gerade der palästinensische Aufstand gegen die zionistische Siedlungs- bzw Verdrängungspolitik unter der britischen Kolonialherrschaft begonnen. Über Gibraltar führen die Äthiopier dann nach Grossbritannien, wo sie die Zeit des Exils bis 41 verbringen sollten, in Bath im Südwesten. Wobei Haile Selassie und seine Begleiter von Haifa nach Gibraltar mit einem britischen Kriegsschiff gebracht wurden19, von dort mit einem zivilen Schiff weiterfuhren. Das ersparte der britischen Regierung, dem exilierten König einen offiziellen Empfang zu geben. Beziehungsweise, ihn als solchen zu empfangen und damit die Besetzung und Annexion seines Landes durch eine andere europäische Macht umissverständlich zu verurteilen.

In Jerusalem

Haile Selassies zwei Schwiegersöhne wurden in diesen Jahren vom italienischen Militär getötet, seine Tochter Romanework starb in Gefangenschaft. Der Negus wollte sein Anliegen beim Völkerbund vorbringen. Die Invasion war vom Völkerbund verurteilt worden, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt. USA-Präsident Franklin Roosevelt erliess (unter dem kurz davor erlassenen Neutalitätsgesetz) für “beide Seiten” (also Aggressor und Opfer) ein Embargo für Waffen und Munition. Der britische Aussenminister Hoare und sein französischer Kollege Laval dachten zur Lösung des “Konflikts über Abessinien” die Teilung des Landes bzw Abtretung eines Teils an Italien an.20 Im Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Generalversammlung des Völkerbunds in Genf, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Er prangerte in seiner Rede21 den italienischen Gebrauch von Giftgas bei der Eroberung Äthiopiens an und appellierte um Hilfe gegen die Besetzung. Die Rede wurde von italienischen Journalisten auf der Zuschauer-Tribüne gestört. Es stellte sich heraus, dass diese regimetreu waren und von Mussolinis Schwiegersohn und Aussenminister Ciano instruiert worden waren.22

Die Rede machte ihn international berühmt23, jedoch: die ineffektiven Sanktionen gegen das faschistische Italien wurden nicht verschärft, sondern sogar bald aufgehoben. Und 1937 gab es nur 6 Staaten die die italienische Einverleibung Äthiopiens nicht anerkannten: USA, Sowjetunion, Rep. China, Rep. Spanien, Mexico, Neuseeland. Die internationale Gemeinschaft bzw der Völkerbund waren damals eben überwiegend “weiss”, und kaum eine Regierung hatte ein Problem damit, dass endlich auch Äthiopien unterworfen wurde, von einer weissen Macht. Und jene, die eines damit hatten, zT deshalb weil sie eine Expansion des faschistischen Italiens fürchteten, das damals mit Hitler-Deutschland noch nicht fest verbündet war, aber darauf lief es ja hinaus. “Bewahrung von Frieden” bedeutete auch damals nicht, die Aggression gegen ein Land bzw Volk als das Problem zu erkennen, sondern zu vermeiden was gegebenenfalls bei einem Vorgehen gegen die Aggression heraus kommen könnte. Und: Alle wichtigen Mächte hatten selbst “nicht-weisse” Länder unterworfen, wieso sollte das auf einmal ein Problem sein.24

In der USA, wo es in einem sehr grossen Teil des Landes Rassentrennung, und überall Rassendiskriminierung zum Nachteil der Afro-Amerikaner (und anderer Nicht-Weisser) gab, stiess Selassies Rede auf Gehör, bei diesen Unterprivilegierten. Diese sahen schon einen Zusammenhang zwischen der Verletzung ihrer Menschenrechte und der faschistischen Besetzung Äthiopiens. Dort wurden nun die Bodenschätze ausgebeutet, die Völker gegeneinander ausgespielt und den Italienern, die im Zuge der Eroberung ins Land kamen, eine Vorherrschaft in allen Bereichen über die Äthiopier “eingeräumt”.25 Vizekönig/ Gouverneur Graziani liess Abuna Qerellos 36 absetzen, 45 kehrte der zurück an die Spitze der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Es gab äthiopischen Widerstand gegen die Besetzung und Einverleibung 36-41, Arbegnoch wurden diese Kämpfer genannt, die italienischen Behörden nannten sie “Shifta”. Die Widerstandsbewegung war in ländlichen Gegenden stark, in Addis Ababa und anderen Städten gab es nur kleine Zellen. Auch einige Hundert Eritreer partizipierten. Und ausländische Freiwillige. Die “Schwarzen Löwen” waren eine Gruppe dieses Widerstands. Unterstützt wurde er von der Oberschicht und der Kirche. Kollaboration gab es auch, nicht zuletzt in Eritrea.

Im Rahmen des zweiten grossen Krieges westlicher Mächte gegeneinander im 20. Jh (“Zweiter Weltkrieg”) kam es 1941 zur britischen Einnahme Äthiopiens – nachdem italienische Truppen von dort aus Britisch- und Französisch-Somalia angegriffen hatten. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika (Kenia) aus eingeleitet. Die äthiopischen Partisanen beteiligten sich an der Befreiung ihres Landes. Die britischen Truppen bestanden hauptsächlich aus (weissen) Südafrikanern und Indern sowie Männern aus der Region Nordost-Afrika, wie die “Gideon Force” unter Orde Wingate, ein Offizier, der die Zionisten in Palästina offen gegen die dortige Bevölkerung unterstützte. Der König kehrte nach 5 Jahren wieder nach Äthiopien und an die Macht zurück, über den Sudan. Und traf auch mit Wingate zusammen. Der bei der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 36-39 beteiligt war, und beim Aufbau der Haganah (des Instruments ethnischer Säuberungen, von Einschüchterungen und Massakern an Zivilisten). Es gab bei der Befreiung unter den Südafrikanern die für die Briten kämpften, auch solche, die dann bei der Errichtung des Apartheid-Systems in ihrem Land beteiligt waren. Und auf der Gegenseite Südtiroler die für Italien kämpften, auch nolens volens bzw ohne Bezug zum Kriegsziel.26

Haile Selassies zweite, längere Machtphase dauerte von 1941 bis 1974. 1942 gab GB die Souveränität über Äthiopien an die Äthiopier zurück, bzw an ihre Oberschicht. 1942 liess der König die Sklaverei endlich abschaffen. Die Briten behielten aber Militär-Stützpunkte (bzw eine “Militärmission”), 1950 wurden diese durch US-amerikanische ersetzt. Äthiopien war 1946 ein Gründungsmitglied der UN, wiederum als einer von ganz wenigen afrikanischen Staaten. GB hatte nun auch die Herrschaft über Eritrea, diese von Italien übernommen. Nach der Rückkehr des Monarchen und der Souveränität strebte Äthiopien auch die Rückkehr Eritreas an, das schliesslich auch nur durch eine italienische Invasion einst von Äthiopien getrennt wurde. Aus praktischen Gründen war eine Wiedereingliederung wichtig, um einen Meereszugang zu bekommen. Die UN beriet nach dem 2. WK über Eritrea; GB schlug eine Teilung des Landes zwischen Äthiopien und Sudan vor, womit Christen und Moslems getrennt wären. Dies wurde u. a. von allen politischen Kräften Eritreas abgelehnt. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung 1950 wurde eine Föderation von Äthiopien und Eritrea geschaffen, die 1952 realisiert wurde. Damit kehrte Eritrea zu Äthiopien zurück, als föderativer Teilstaat, mit einer eigenen Regierung und mit dem äthiopischen Monarchen als Staatsoberhaupt, nicht unähnlich der Konstruktion von Österreich und Ungarn von 1867 bis 1918.27

Ethnisch sind die Eritreer hauptsächlich Tigre, wie ein grosser Teil der Bevölkerung im angrenzenden Äthiopien. In Äthiopien wird die Volksgruppe Tigray genannt, in Eritrea Tigre; Tigrinya ist jedenfalls die Sprache. Eigentlich sind die Eritreer nur kolonialhistorisch anders geprägt, sie erfuhren Industrialisierung unter den Italienern und etwas Demokratie unter den Briten – das macht den Gegensatz zum landwirtschaftlich geprägten und autokratischen (Rest-)Äthiopien aus.28 Die koloniale Prägung. Aber, mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Niederlande und Flandern oder Iran und Tadschikistan ist es ja ähnlich, und eine Grenzziehung streng nach ethnischen Kriterien käme in vielen Fällen einer “Vergewaltigung” nahe. In Äthiopien gab es zudem weiter die Vorherrschaft der Amhara (und des Christentums) und einer Oberschicht. Eine mehr oder weniger absolute Monarchie. Dadurch Potential für politische, soziale und ethnische Spannungen. Die Amhara mach(t)en im unter Menelik II. vergrösserten Äthiopien etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, blieben aber eben die herrschende Ethnie.29

Äthiopien war unter Haile Selassie an den Westmächten orientiert, hauptsächlich an GB und USA. Daher war er auch relativ ruhig zum europäischen Kolonialismus in Afrika, er mischte dann im Zuge der Entkolonialisierung ab Ende der 1950er bei der Einigung der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder mit. GB hatte Äthiopien die Unabhängigkeit zurück gegeben, hatte aber allein in Afrika noch 13 Kolonien sowie 2 Gebiete (Ägypten, Südafrika), auf die es noch grossen Einfluss ausübte…und hatte etwa 4 Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschifft, in die Karibik (die von dort nach Nord-, Süd-, Mittelamerika weiter “geleitet” wurden). Eigentlich war Äthiopien das einzige afrikanische Land, das sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog; denn die Gründung von Liberia geht auf die “weisse” American Colonization Society zurück, die danach trachtete, in Afrika einen Brückenkopf für die USA zu schaffen und ehemalige (“schwarze”) Sklaven aus der USA fort zu schaffen.30 In der Zeit, als Afrika restlos aufgeteilt wurde, Ende des 19. Jh, hat Äthiopien sogar expandiert (auf Kosten diverser kleiner afrikanischer Reiche).

Haile Selassies Anlehnung an den Westen ging so weit, dass er ein Bataillon seines Heeres sogar auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg teilnehmen liess. Wobei die “amerikanische Seite” streng genommen die der von der UN gebilligten Intervention gegen den Angriff Nordkoreas auf Südkorea war. Und darum ging es dem Monarchen hauptsächlich, ein Teil der “internationalen Gemeinschaft” zu sein. Militärische “Abenteuer” der USA hat er sonst nicht unterstützt. Um 1960 wurde Afrika entkolonialisiert, aber nicht sein Süden, und in nominell unabhängigen Staaten wie Congo (Kongo) begann sogleich der Neokolonialismus westlicher Mächte. Und in Teilen der USA herrschten damals noch Zustände, die der Apartheid in Südafrika ähnelten. Selassie hat das, zB bei Besuchen in der USA in diesen Jahren, auch thematisiert, die weitere Bürgerrechts-Gesetzgebung “angespornt”. Er hat aber nicht den diesen “Jim-Crow-Gesetzen” zu Grunde liegenden Rassismus angesprochen oder Kontakte mit antirassistischen Bewegungen dort geknüpft. Hat, anders als Nelson Mandela, nicht einen Zusammenhang zwischen der europäischen Kolonialisierung Afrikas, US-amerikanischen Interventionen in der Welt, den Zuständen in der USA selbst, und einer rassistischen Grundhaltung gesehen.

An Nachbar-Staaten bekam Äthiopien vorerst den Sudan (56), Somalia (60) und Kenya (Kenia, 1963); 1977 Djibouti (zuvor Französisch-Somalia/Somaliland), 1991/93 Eritrea (durch Abspaltung von sich), 2005 den Süd-Sudan (Abspaltung vom Sudan). Der äthiopische König schickte äthiopische Truppen auch nach Congo, im Rahmen der UN-“Blauhelm”-Intervention in der Kongo-Krise. Dem für echte Unabhängigkeit und Integrität des Landes kämpfenden Premierminister Patrice Lumumba hat er darüber hinaus nicht unterstützt, weder verbal noch in Taten. Aber wie erwähnt kümmerte er sich um die afrikanische Einigung, war bei der Gründung der Organisation afrikanischer Einheit (OAU/ OUA)31 1963 beteiligt, die ihr Hauptquartier auch in  Addis Ababa (Abeba) bekam. Haile Selassie wurde erster Vorsitzender der OAU. Auch bei der Gründung der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad war er dabei. Und, Äthiopien war meistens Pro-Israel eingestellt, aufgrund der Verbindungen, die man zu diesem Land und den Juden sieht. Daran änderte auch der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegenüber der Region32 nichts.

Äthiopien war, 1956, der zweite afrikanische Staat, der Israel anerkannte, nach (Apartheid-) Südafrika. Äthiopien war wichtiger Teil von Ben Gurions Peripherie-Strategie, unterhielt relativ enge Beziehungen zum jüdischen Staat, arbeitete mit ihm auch gegen die Sezession Eritreas zusammen. Daran änderte auch nichts, dass Israel wichtigster Partner des Apartheid-Regimes war.33 Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der OAU von “Bettler-Nationen”34 und kritisierte die “Gewährleistung” der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder durch die europäischen als “Betrug am weissen Mann” und “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”. Das Apartheid-System Südafrikas wurde, im Zusammenspiel von NP-Politikern mit den Niederländisch-Reformierten Kirchen, religiös-pseudochristlich begründet; auf der anderen Seite entstanden ab Ende des 19. Jh im südlichen Afrika “Äthiopische Kirchen”, bezugnehmend darauf, dass die damals dort vorherrschenden Anglikanischen und Methodistischen Kirchen weiss dominiert waren, und dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas.35

Haile Selassie versuchte im Inneren nach dem 2. WK verschiedene Reformen, die auf eine Modernisierung des Landes abzielten. Manchen gingen diese Reformen zu weit, Anderen viel zu wenig weit. Seine beinahe absoluten Machtposition war eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, seine Politik umzusetzen, auch wenn diese darauf hinaus lief, einen Teil dieser Macht abzugeben. Aber diese Macht stützte sich eben auf Loyalitäten, und diese konnten auch entzogen werden. Sein Vorhaben der Einführung einer “progressiven” Besteuerung scheiterte am Widerstand des Adels (der dabei zu verlieren hatte). Den Feudalismus etwas abzubauen war schwierig, denn Adelige waren ja im Militär und als Provinzfürsten stark vertreten… Hier lag eines seiner Dilemmata. Ähnlich war es beim letzten iranischen Schah, Mohammed Reza I. Pahlevi; der etwa mit seiner “Weissen Revolution” zur Landumverteilung 1963 Viele gegen sich aufbrachte. Andere Reformvorhaben, etwa im Bildungswesen, scheiterten am Festhalten an äthiopischen Traditionen in der Bevölkerung. 1955, zu seinem silbernen Thronjubiläum, konnte er wenigstens eine neue Verfassung erlassen, die die Vorrechte des Adels etwas einschränkte. Das ernannte Oberhaus des Parlaments blieb, das Unterhaus sollte nun gewählt werden. Unter einem eingeschränkten Wahlrecht, und ohne die Bildung von Parteien.

1957 wurde das Unterhaus dann das erste Mal gewählt. Wirklich viel Macht hatte es nicht (auch weil der König selbst die meiste behielt), aber es war ein erster Schritt Richtung politische Mitbestimmung getan. Die Opposition zu diesem Regime war überwiegend links, wie hätte es bei diesem Feudalsystem auch anders sein können; Kommunismus fand in Teilen der Intelligenz Anklang, besonders bei jenen, die im Ausland studierten. Daneben gab es aber auch Demokraten, Separatisten, – und Ultrakonservative, denen Haile Selassie zu fortschrittlich war. 1960, als Haile Selassie auf Staatsbesuch in Brasilien war36, versuchte seine Palastwache einen Putsch, proklamierte seinen ältesten Sohn Asfa Wossen zum neuen Monarchen. Die Sache brach rasch in sich zusammen, aber wie der Monarch darauf reagierte, spricht für sich: Militär- und Polizei-Chefs wurden Ländereien zugesprochen. Ebenfalls 1960 errang ein äthiopischer Athlet, A. Bikila, die erste Olympia-Medaillie, für dieses Land, im Marathon, beim zweiten Antreten Äthiopiens bei Olympia. Und begründete die Tradition der Weltklasse-Langstreckenläufer aus diesem Land (> Wolde, Yifter, Gebreselassie,…)

Die Autokephalie (Eigenständigkeit) der Äthiopischen Kirche bzw “Trennung” von der Koptischen kam 48 – 59 zu Stande. Vom 4. Jh bis Mitte des 20. Jh unterstand die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche der Ägyptisch-Koptischen, Oberhaupt (“Abuna”) der äthiopischen Kirche war immer ein vom koptischen Patriarchen ernannter koptischer Bischof. Hauptsächlich wegen dessen Unkenntnis der Landessprachen (wie Amharisch/ Amharigna) und der Kirchensprache Ge’ez hatte er nur begrenzten Einfluss auf die Kirche, wurde er auf eine repräsentative Rolle beschränkt. 1948 leitete der koptische Patriarch Joseph/Yusab/Yosef II. (46-56) auf Bitte von Haile Selassie die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (so der volle Name) in die Wege. Die Position des Ichegea (Abt des Klosters von Dere Libanos) war bis dahin die höchste, die ein Äthiopier in seiner Kirche erreichen konnte. Der damalige, Gebre Giyorgis Wolde Tsadik (1891 – 1970), wurde ’48 von Yosef zum ersten äthiopischen Erzbischof ernannt. Ausserdem wurden fünf Bischöfe geweiht. Gebre Giyorgis bzw “Basilios” hatte lange in Jerusalem gewirkt, wo die Tewahedo-Kirche seit Langem eine Präsenz (v.a. in der Grabeskirche in der Altstadt) hat.

1950 starb der letzte ägyptische Abuna, Querellos/Kyrillos IV., und Basilios wurde der neue, somit Oberhaupt der Kirche. 1951 wurde er geweiht. 1959 fiel mit dem Amtsantritt des neuen koptischen Patriarchen dessen Ehrenvorrang über den Abuna weg. Josef II. war ’56 intern abgesetzt worden, bis 59 wurde die Koptische Kirche von einem Gremium geleitet. Azar Y. Atta wurde 59 Patriarch Cyril VI. (59-71), als Vorgänger von Schinoda III. Bei einer Zeremonie in der Markus-Kathedrale in Kairo (Foto) wurde, in Beisein von Haile Selassie, die Position des Abuna aufgewertet, zum Oberhaupt der Tewahedo-Kirche. Damit war die Autokephalie 1959 vollkommen. Anders als die Koptische Kirche war die Äthiopische nicht im eigenen Land bzw in der eigenen Bevölkerung zurückgedrängt. Heute ist die Koptische Kirche auch in absoluten Zahlen kleiner als die Äthiopische. 44% der Äthiopier gehören ihr an; 34% sind sunnitische Moslems, dann kommen v.a. andere Kirchen. Nachdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit von Eritrea anerkannte, erlangte auch die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokephalie (1998).

Die Abspaltung Eritreas von Äthiopien wurde dadurch in die Wege geleitet, dass es Anfang der 1960er stärker in Äthiopien eingegliedert wurde… 1960 liess Haile Selassie zunächst die Autonomie-Regierung für Eritrea (damals unter A. Abebe) “einschränken”, 1962 löste er sie auf und damit die Eigenständigkeit Eritreas innerhalb Äthiopiens. Eritrea wurde zu einer normalen äthiopischen Provinz “herabgestuft”. 62 bis 91 gab es äthiopische Ras’/ Gouverneure für Eritrea, wie für die anderen Provinzen. Dadurch erfuhr die Eritrea-Unabhängigkeitsbewegung Zulauf, begann der Unabhängigkeitskampf. Erste diesbezügliche Organisation war ab den 1950ern die ELF, im Exil, die 61 eine Miliz aufstellte und den Kampf aufnahm – womit der Sezessionskrieg (61-91) begann. ELF-Mitgründer Hamid I. Awate war Ascari für die Italiener gewesen, was das Argument, die Eritrea-Unabhängigkeits-Idee sei eine von der Kolonialmacht “implantierte”, nicht gerade entkräftet. Die EPLF wurde die wichtigste der Abspaltungen von der ELF, die sich zeitweise gegenseitig bekämpften. Auch ausländische Akteure mischten mit. In den 30 Jahren Krieg fand der grosse Umsturz in Äthiopien statt, von der Feudal-Monarchie zur kommunistischen Junta.

Das Aufbegehren in Eritrea war der ernsteste ethnische Konflikt in Äthiopien37, aber nicht der einzige. In der damaligen südöstlichen Provinz Hararghe38, wo die Somalis dominierten, gab es irredentistische Bestrebungen, einen Anschluss an Somalia anstrebend. Die Somalis sind moslemisch, hamitisch, und hatten ab 1960 Somalia “im Hintergrund”39 Die Provinzen waren damals zudem ziemlich willkürlich gezogen. Das Aufbegehren gab es auch in anderen Gegenden des Südens, der ja später Teil Äthiopiens geworden war; aber auch unter den Afar im Norden. Und daneben eben das politische Aufbegehren, auch unter Amharen und Tigray, nicht zuletzt unter Studenten.

(Um) 1973 eine Hungerkatastrophe im Nordosten des Landes, die Zehntausende Äthiopier tötete. Dies führte mit zu Haile Selassies Sturz. Anfang 1974 Unruhen in der Hauptstadt wegen einer Inflation; der Monarch reagierte mit einer TV-Ansprache in der er das “Einfrieren” der Preise für Grundlebensmittel sowie “Sprit” ankündigte. Doch begann nun eine Meuterei in der Armee, beginnend in Asmara (Eritrea), wo sie mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung beschäftigt war. Haile Selassie wusste, dass damit seine Macht und das System ernsthaft in Gefahr war. Er tauschte seinen Premier aus, trat nochmal vor die TV-Kameras und kündigte Gehaltserhöhungen für Offiziere an. Im Juni 1974 bildete sich der Derg, ein (kommunistisch ausgerichtetes) Komitee aus mittleren und unteren Heeres-Angehörigen, im September setzte dieses den damals 82-jährigen Selassie ab. Selassie wurde von den Putschisten in seinem Palast in Addis Abeba unter Hausarrest gestellt; er soll in den letzten Monaten seines Lebens nicht gemerkt haben, dass er abgesetzt war.

Der Derg ernannte (wie schon die Aufständischen 1960) seinen ältesten Sohn Asfaw Wossen Tafari40 zu seinem Nachfolger – wieder gegen seinen Willen. Da sich dieser gerade im Ausland befand, sollte General Aman Mikael Andom, ein protestantischer Eritreer, vorübergehend die Position ausfüllen. Asfaw Wossen Tafari war seit 1930 Kronprinz, daneben Regionalfürst (Ras), hatte 1973 einen Schlaganfall erlitten, wurde daher zur Zeit des Putsches in der Schweiz medizinisch behandelt. Der Grossteil der im Land befindlichen königlichen Familie, darunter Königstochter Tenagnework, wurde zunächst in einem anderen Palast in der Hauptstadt eingesperrt, kam dann in das Kerchele-Gefängnis in Addis Abeba. Im November ’74 wurden 60 hohe Offizielle des gestürzten Regimes (darunter Selassie-Enkel Iskinder Desta, ein Admiral) getötet.41 Als Wossen dies verurteilte, kündigte der Derg an, die Monarchie abzuschaffen.

Haile Selassie hat 1965 eine Autobiografie (auf Amharisch/ Amharigna) herausgebracht, die 1972 anscheinend das erste Mal auf Englisch heraus kam. Es liegt auf der Hand, dass er sein Wirken anders beurteilte als seine Gegner. Die Urteile über ihn oszillieren zwischen Verklärung und Verteufelung. Bereits als Ras der Provinz Harar war er für Umsiedlungen und ethnische Diskriminierungen verantwortlich. Sein Regime als König/ Kaiser war autokratisch und grossteils undemokratisch. Menschenrechte wurden auf verschiedenen Gebieten verletzt, ob politische Rechte oder bürgerliche Freiheiten. Man muss allerdings auch sehen, welchen Gestaltungsspielraum er hatte bzw nicht hatte, und, welche Ausgangslage er bei seinem Amtsantritt vorfand und was er verändert hat. Soll man das Glas halb voll oder halb leer sehen? Einen Herrscher, der ein Parlament in seinem Land eingeführt und die Türe für die politische Mitbestimmung des Volkes geöffnet hat, oder einen unter dem keine Parteien erlaubt waren und die Mitbestimmung der gewählten Parlamentskammer sehr schwach war? Soll man seine Reformversuche zur Überwindung des Feudalismus sehen (gegen den Widerstand von Adel und zT Kirche) oder das Scheitern dieser Versuche? Es gibt starke Parallelen zum letzten iranischen Schah.

Ryszard Kapuściński durfte aus dem kommunistischen Polen Auslandsreisen unternehmen, nicht zuletzt nach Afrika, hat darüber geschrieben. 1978 brachte er eine Biografie Haile Selassies heraus (s. u.), die wenig schmeichelhaft ausfiel. Er stellte ihn als dilettantisch, absurd, korrupt dar. Das Buch sei aufgrund von Interviews mit ehemaligen Hofbediensteten entstanden, jedenfalls nach dem Sturz des Monarchen. Hat er ihn schlechter gemacht, als er war?42 Und hat er wirklich mit Leuten geredet, die ihn gekannt hatten? Und die ein objektives Urteil abgeben konnten? Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe Selassies, merkte an, zu der Zeit als Kapuściński in Äthiopien war, als also das Mengistu-Regime “wütete”, sei es schwer gewesen, (zumal für einen Ausländer) Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Monarchen zu finden (ausserhalb von Gefängnissen), und selbst wenn, diese hätten Angst gehabt, etwas Positives über ihn zu sagen. Kapuściński brachte 1982 auch ein Buch über den 1979 gestürzten Herrscher des Iran heraus, auf Polnisch (“Szachinszach“), das 1986 auf Deutsch erschien (“Schah-in-Schah: Eine Reportage über die Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus”).

Der Schah und der Negus sind sich zumindest 1971 begegnet, bei der Feier die Erster zur Demonstration der Verbindung seiner Dynastie mit jener der Achämeniden veranstaltete.43 Damals zeigte sich übrigens das internationale Prestige, dass Selassie genoss, er bekam “Vorrang” gegenüber anderen Staatsgästen, wie auch beim Begräbnis von John F. Kennedy einige Jahre zuvor. Äthiopien hatte unter Haile Selassie international ein gewisses Prestige, wie der Iran unter Mohammed R. Pahlevi; obwohl, gerade im bzw aus dem Westen viel Rassismus und Paternalismus weiter aktuell war, und obwohl die Herrschaft dieser beiden in ihrem Land grossteils als repressiv empfunden wurde. Beide haben eine genuine Nationalkultur gepflegt, wobei die Islamisten im Iran der Meinung sind, dass diese in Wirklichkeit der schiitische Islam sei (während Pahlevi das vor-islamische Erbe hervorstrich), und in Äthiopien viele Linke und Nicht-Amhara hier auch Einspruch einlegen würden.44

Auch beim Schah kann man durchaus die Modernisierung des Landes unter ihm sehen, die er gegen den Widerstand konservativer Kräfte vollbrachte. Beide Herrscher haben ihrem eigenen Volk nicht wirklich zugetraut, die Politik mitzubestimmen, es als nicht reif dafür gesehen, haben keine Demokratie zugelassen, eine Herrschaft von oben herab als nötig erachtet. Eine solche Geringschätzung wirft auf den “Nationalismus” der Betreffenden wieder ein anderes Licht… Linke im Westen (und im Land) hatten vom Schah wie vom Negus zu deren Herrschaftszeiten ein negatives Bild, und das nicht ganz ohne Grund. Aber in beiden Ländern ist es nach dem Umsturz schlimmer geworden und muss man sich fragen, ob nicht eine Fortsetzung unter diesen Herrschern (bzw unter ihren Söhnen) das kleinste Übel gewesen wäre. Parallelen gibt’s auch zu Afghanistan und dessem letzten König/Schah – auch dort war es so, wenn eine echte Modernisierung und Demokratisierung gelungen wäre, wäre dem Land und der Welt viieel erspart geblieben. Und eine solche hat übrigens der Westen nicht unterstützt, im Gegenteil…

Die Österreicherin Lore Trenkler war von 1962 bis 1975 Köchin am Hof von Haile Selassie, anfangs als Diätassistentin für seine Gemahlin, nach deren baldigen Tod wurde wurde ihr die Leitung der Palastküche übertragen.45 Über den autoritären Negus meinte sie: „Ich nehme an, dass er den Äthiopiern gegenüber streng war, als Mensch war er ganz reizend.“ Nun ja, aber wäre es umgekehrt nicht besser gewesen? Aber, jeder Held ist ein Bösewicht für irgend jemanden. Und alle Helden haben Blut an ihren Händen. Beim Vorgehen gegen den Eritrea-Separatismus hat das äthiopische Militär, sowohl unter Selassie als auch unter Mengistu, auch Verbrechen begangen. Hier tut sich noch einmal eine andere Tragik auf, eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Selassie bemühte sich um die afrikanische Einheit, konnte aber nicht einmal im eigenen Land die Einheit erhalten.46 Auch wenn man sagt, die Eritrea-Sezession war auf das koloniale Erbe zurückzuführen und war ein Ausdruck von Tribalismus, das äthiopische Militär hat bei ihrer Bekämpfung Grausamkeiten begangen und sie doch nicht verhindern können.

Aus der Distanz aber sehen die Dinge immer anders aus… Zum Beispiel Äthiopien und Haile Selassie aus der Karibik. Wo das Erbe der europäischen Sklaverei noch am lebendigsten ist. Die zehn Millionen Afrikaner47, die als Sklaven von Afrika nach Amerika deportiert wurden (16.- 19. Jh), kamen zunächst in der Karibik an, wurden von dort in andere Teile Amerikas weiter verkauft, ein Teil blieb auch dort, zur Arbeit in Zuckerrohr-Plantagen hauptsächlich. Die Karibik, wo die “Indianer” (Arawak und Caraib gab es dort) fast ganz ausgerottet sind und wo sich nicht allzu viele Europäer niederliessen, ist überwiegend “schwarz” bevölkert (und sprachlich zersplittert, von der jeweiligen Kolonialherrschaft geprägt).48 Die meisten Schwarzen in Amerika (Nord-, Süd-,…) wurden zu christlichen Gemeinschaften “gelotst”, daneben entstanden trans-afrikanische Religionen wie Voodoo, Umbanda oder eben Rastafari.

Der Jamaikaner Marcus Garvey beschäftigte sich im früheren 20. Jh mit dem Schicksal bzw der Orientierung der “Schwarzen” am amerikanischen Kontinent nach der Sklaverei, vor der echten Gleichberechtigung, vor der Unabhängkeit der karibischen und afrikanischen Nationen. Er nahm dabei stark auf Afrika Bezug, auf die Wurzeln, strebte nicht eine Stärkung der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner in Staaten wie der USA an, wie W. E. B. Du Bois, sondern ihre Rückkehr nach Afrika. In seiner Ablehnung der Assimilation der Schwarzen in die weissen Gesellschaften traf er sich mit den weissen Rassisten. Garvey wird die Prophezeiung der Krönung eines (schwarzen) Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit inspirierte er die Gründung der Rastafari-Religion. Denn als Haile Selassie 1930 König von Äthiopien wurde, sahen Jamaikaner wie Leonard Howell das Eintreffen von Garveys Prophezeiung, sahen im bisherigen Ras Tafari Makonnen einen Messias, und ihn Garvey einen Prophet, und gründeten die Rastafari-Bewegung, die sich v.a. in der Karibik verbreitete.

1961 reiste eine Delegation aus dem damals noch britischen Jamaica (Rastafari und Andere) nach Äthiopien, um Verschiedenes mit Haile Selassie zu diskutieren, darunter eine “Repatriation” von Karibik-Schwarzen nach Äthiopien. Dieser selbst hat stets abgelehnt hat, der Messias zu sein. 1966 besuchte der äthiopische König Jamaica, also einige Jahre nach der Unabhängigkeit (1962). Der Tag wurde zu einem Rastafari-Feiertag. Tausende Rastafari kamen zum Palisadoes-Flughafen bei Kingston um ihn zu empfangen, “Joints” (Ausdruck der Rasta-Kultur) wurden offen geraucht. Haile Selassie konnte das Flugzeug zunächst nicht verlassen, da das Rollfeld mit seinen Anhängern überfüllt war. Jamaikanische Behörden fragten Mortimo Planno, einen Rastafari-Führer, der schon beim Besuch ’61 dabei war, um Vermittlung. “The Emperor has instructed me to tell you to be calm. Step back and let the Emperor land”, rief er der Menge zu. Einige Rastafari-Führer bekamen dann eine Audienz beim äthiopischen König.49

Dazu ist zu sagen, dass heute etwas über 1% der Jamaikaner Rasta(fari) sind, und damals waren es eher etwas weniger. Für sie war der Besuch wichtiger als für die meisten anderen Jamaikaner. Und: Manch ein Jamaikaner, ob Rastafari oder Christ, war enttäuscht von der Erscheinung des “Messias”, der relativ klein und hell war. Die Schwarzen in der Karibik und in anderen Teilen Amerikas stammen aus Westafrika50, nicht aus Ostafrika – entgegen den Rasta-“Mantras” von “Diaspora” und “Rückkehr” im Zusammenhang mit Äthiopien. Die Semiten, Hamiten, Kuschiten im Norden und Osten Afrikas sind ein anderer Typus als die Bantu im grossen Rest Afrikas. In Ländern, wo diese “Rassen” zusammen leb(t)en, wie Sudan (vor der Unabhängigkeit des Südens), Ruanda/Rwanda und Kenya, gibt/gab es auch öfters Spannungen. Die Schwarzen in der Karibik und anderen Teilen Amerikas sind wiederum öfters mit Weissen vermischt.51

Es gab früher zB die Pharaonen, die als “göttlich” gesehen wurden, die “Vorstellungen” von Gottesgnadentum bei den europäischen Monarchen, oder die japanischen Kaiser/ Tennos, die zumindest im Schintoismus als göttlich bzw Nachfahren der Göttin Amaterasu gesehen wurden – bis Hirohitos Erklärung 1945. Stark verbunden mit Rastafari ist die Reggae-Musik. Robert Marley gehörte der Rastafari-„Sekte“ an (sowie christlichen Kirchen), war Freund von Planno, hat Haile Selassie aber nie getroffen. Einige Rastafaris liessen später die Idee von der Göttlichkeit Haile Selassies fallen und wandten sich der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zu. Es gibt auch Jamaikaner, die nach Äthiopien ausgewandert sind. Mit Afrikanern/Schwarzen wird “normalerweise” eine Nummer geschoben, Äthiopien und Haile Selassie waren aber auch handelnde Subjekte, mit Macht, Tradition,…. deshalb die starke Bezugnahme (u.a.) der Karibik-Schwarzen (Diaspora-Afrikaner) auf dieses Land und seinen (bislang) letzten Monarchen.

Der Derg unter Mengistu Haile Maryam errichtete 1974 mit Unterstützung der SU eine “sozialistische” Militärdiktatur. Die Monarchie wurde im März 1975 abgeschafft; die Derg-Führer wurden bis dahin als amtierende Staatschefs gesehen. Im August 1975 wurde der Tod von Haile Selassie bekannt gegeben; der “Ex-Monarch” sei durch Komplikationen in Folge einer Operation gestorben. Von manchen Seiten wurde/ wird dies angezweifelt, der Negus sei von den Putschisten getötet worden. Maryam war väterlicherseits Oromo, seine Grossmutter hatte Kaiserin Zauditu gedient, dafür Land bekommen, dieses verlor sie durch die Verstaatlichung ihres Enkels; er selbst war 77 bis 91 Staatsoberhaupt. Die amharische und christliche Vorherrschaft wurde unter dem Derg fortgeführt, die Äthiopische Kirche verlor aber ihre starke Stellung, und oppositionelle Bischöfe das Leben. Abuna “Theophilos” wurde 1976 abgesetzt und 1979 hingerichtet. 77/78 der Ogaden-Krieg durch somalischen Angriff nach Somali-Aufständen in dieser äthiopischen Provinz, durch SU-Frontwechsel zurückgeschlagen.

Um 1984 die Dürre und Hungersnot in weiten Teilen Äthiopiens, hauptsächlich im Osten. Die Politik der Junta unter Mengistu Maryam dürfte die Auswirkungen der Dürre verschlimmert haben. Ausserdem lief damals auch der Eritrea-Krieg 52 Etwa 500 000 Menschen starben von 1983 bis 1985. Wieder einmal tat sich bei Äthiopien eine Kluft zwischen „Anspruch“ und Realität auf; das Land wurde Empfänger von Mitleid und Almosen aus aller Welt… In der BRD hatte Karlheinz Böhm bereits 1981, in der dritten “Wetten dass…?”-Sendung, sein Hilfsprojekt für Äthiopien gestartet. Die (oder das?) britische “Band Aid” brachte Ende 84 “Do They Know It’s Christmas?” heraus, die Pop-Szenen in anderen Ländern folgten, 1985 die “Live Aid”-Konzerte. “Do they know it’s Christmas time at all?” In Äthiopien länger als in England. “Feed the world…”53

Die “humanitäre Katastrophe” veranlasste Israel zu Evakuierungssaktionen der Äthiopier, die sich als Juden sahen, 1985 und 1991 wurden die allermeisten “Beta Israel”/”Falasha” nach Israel ausgeflogen. Es handelte sich um Angehörige der kuschitischen Agau/Agaw aus dem amharischen Teil Äthiopiens, die ihr Christentum zugunsten jüdischer Bräuche aufgaben. Richard Pankhurst fasst die Theorien über ihr Judentum so zusammen: Sie könnten Agaus sein die konvertiert sind (schliesslich ist in Äthiopien auch im Christentum das Judentum präsent); jüdische Einwanderer, die sich mit Agau vermischten; eingewanderte moslemische Jemeniten die konvertiert sind; eingewanderte jemenitische oder ägyptische Juden. Das Selbstverständnis dieser äthiopischer Juden ist, dass sie Juden waren, bevor sie Christen wurden, sie also rück-konvertierten. Es könnte sich auch um Nachfahren der “verlorenen Stämme Israels” handeln, die mit der assyrischen Eroberung im 8. Jh vC verschleppt wurden. Unter israelischen und jüdischen Gremien gab es auch lange Diskussionen über ihre Aufnahme.54

1987 gab es eine Parlamentswahl, aber nur die KP durfte antreten. Der Widerstand gegen das Regime verband sich um 1989 mit dem Eritrea-Unabhängigkeitskampf, hauptsächlich handelte es sich um ein Bündnis der “Volksbefreiungsfront von Tigray” (TPLF) mit der EPLF (im Endeffekt auch Tigre), zur “Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker” (EPRDF). Den Tigre-Rebellen ging es auch gegen die Amhara-Vorherrschaft. 1990 beendete die SU im Zuge von Perestroika ihre Unterstützung des Derg55; Mengistu wandte sich darauf hin vom Kommunismus ab, Machterhalt blieb aber das Ziel, nur wirtschaftlich wurde etwas geöffnet. Im Mai 1991 marschierten die Truppen der EPRDF in Addis Abeba ein, stürzten den Derg. Mengistu floh mit 50 engen Verwandten und Derg-Kollegen aus dem Land nach Zimbabwe, wo sie von Robert Mugabe aufgenommen wurden.

Die EPRDF übernahm die Macht in Äthiopien, entliess Eritrea, dessen “Rebellen” in ihr mit gekämpft hatte, in die Unabhängigkeit (91-93).56 In der EPRDF war damit die TPLF die haushoch dominierende Kraft, führte eine Tigre/Tigray-Vorherrschaft im Land ein. Und eine Halb-Demokratie: Zulassung von Parteien, eine Verfassung (1994), Wahlen (ab 1995), ein föderatives System mit autonomen Regionen für die grossen Völker (ebenfalls 95). Aber eine Vorherrschaft der TPLF, abgesichert bzw ermöglicht durch Wahlmanipulationen und ethno-regionale Satellitenparteien. Meles Zenawi wurde starker Mann Äthiopiens, zuerst als Staatspräsident, dann (ab 95) als Ministerpräsident, nachdem die Macht zu diesem verschoben wurde.57 Verlierer der Teil-Demokratisierung nach dem Umsturz sind, wenn man es auf’s Ethnische herunterbricht, die lange dominierenden Amhara/ Amharen; auch die Oromo, die grösste Volksgruppe, die Afar, Somali, Kaffa, Harari,… fühlen sich benachteiligt.58

In der EPRDF herrscht seit dem Tod von Zenawi im Jahr 2012 ein Machtvakuum. Die wichtigsten Oppositions-Parteien haben sich zu einem Bündnis mit der englischen Abkürzung CUD zusammengeschlossen. 2015 begannen öffentliche Proteste gegen die von der EPRDF (TPLF,…) ausgeübte Tigray-Vorherrschaft. Ethnisches und Politisches verbindet sich hier, wie oft in Afrika. Teile unter den Oromo (> Oromo Liberation Front), Somali, Afar, die unter Negus, Derg und EPRDF zu kurz kamen, visieren eine Abspaltung (ihrer Provinz) von Äthiopien an, wie es Eritrea tat59. Äthiopien, das als einziger afrikanischer Staat (!) seine Grenzen selbst festlegte, könnte vom Auseinanderfall bedroht sein. Die Gräben in der Bevölkerung verlaufen hauptsächlich entlang ethnischer Linien. Religion ist kein so trennender Faktor; die somalische Islamisten-Gruppe Al-Shabab scheiterte einst bei einem Terrorangriff mit einer Separation von Moslems und Christen in einem Bus… Unter den (grösstenteils äthiopisch-orthodoxen) Tigray wurde der damalige Abuna/ Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, “Merkorios”, 1991 abgesetzt. Verschiedene Kriege und Konflikte am Horn von Afrika bzw in Ostafrika hängen miteinander zusammen, darunter der Al-Shabab-Terror in der Region und das militärische Vorgehen dagegen, in dem das äthiopische Militär eine wichtige Rolle spielt – wofür es westliche Unterstützungsgelder erhält.

Sarkophag Haile Selassies

Da, als die letzten Angehörigen der ehemaligen Herrscherfamilie vom Derg freigelassen wurde, 89/90, war dieser selbst schon fast am Ende (> 91). Haile Selassies Tochter Tenagnework wurde 89 freigelassen, ging ins Exil. Nach dem Umsturz konnten exilierte Angehörigen der Familie auch wieder Äthiopien besuchen, wie Haile Selassies Grossneffe Asfa-Wossen Asserate, der 1974 in Deutschland studiert hat. Asfaw Wossen Tafari (1914-97), der sich später Amha Selassie nannte, Oberhaupt der Familie, lebte in GB und USA. 1992 wurden die Gebeine des Ex-Monarchen unter einer Steinplatte im ehemaligen Palast gefunden. Die Überreste seines Körpers wurden in die Kathedrale von Addis Ababa umgebettet, wo auch die seines Grossonkels Menelik (II.) liegen. 2000 bekam er dort ein Begräbnis von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, das von der nunmehrigen Regierung nicht zu einem Staatsbegräbnis gemacht wurde.60 Bob Marleys Witwe Alpharita “Rita”61 war dabei, die meisten Rastafari lehnten das Ereignis aber ab; weil das Begräbnis ihres “Messias” in ihren Augen nicht würdig genug war oder weil sie daran zweifelten, dass er überhaupt gestorben war.

Amha Selassies Sohn Zera Yacob Selassie ist seit 1997 Chef des Hauses bzw der Familie, und Prätendent für die äthiopischen Monarchisten. Er hat sich 1989 im Exil zum Negus proklamiert, rückdatierend auf 1975 (Tod des Grossvaters), gründete 1991 eine monarchistische Organisation. Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, ob er (der 1951 in Addis Abeba geboren wurde) mittlerweile nach Äthiopien zurück gekehrt ist oder nicht. Ist Äthiopien ein Land, wo der Monarchismus stark ist? Und würde eine Restauration eine Verbesserung für das Land bedeuten? Wiederum Parallelen zum Iran: Bei allem Schlimmen, das danach kam, die Monarchie in ihrer Unfreiheit und ihrem Absolutismus hat irgendwie den Grundstein dazu gelegt. So wie sie zuletzt bestand, wäre sie kein Anlass zur Hoffnung; etwas anders sähe es mit einer konstitutionellen Monarchie aus, und einer auf Konsens ausgerichteten Restauration. In Afrika gibt es zur Zeit Monarchien in Marokko und Lesotho (konstitutionell) sowie Swasiland (absolut)62. Früher u.a. in Ägypten, Tunesien, der Zentralafrikanischen Republik63,..

Äthiopien ist also weit von einer stabilen Demokratie entfernt, die Mittelschicht fehlt noch immer weitgehend. Nicht wenige Äthiopier sind nach Westeuropa oder die Golfstaaten ausgewandert. Aber es gibt Erfolge in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik. Der Tourismus dorthin hat einen Aufschwung erfahren. 2011 begann ein Bau eines Kraftwerks am Blauen Nil, das Strom für Äthiopien und den Export produzieren soll. Was im Hinblick auf Naturzerstörung natürlich auch nicht unbedenklich ist. Saudi-Arabien und China haben sich in den letzten Jahren grosse Landflächen in Äthiopien gesichert, um dort Ackerbau für die eigene Versorgung zu betreiben. Auch exportiert das Land Nahrungsmittel in Afrika. Oft geht es hier aber um Land und Ernten, die auch die eigene Bevölkerung bräuchte. Äthiopien ist jedenfalls einer der Schlüsselstaaten Afrikas. Es ist vorsichtiger Optimismus bezüglich Entwicklungen in Afrika angebracht, gibt einige positive Bestandsaufnahmen und Prognosen. Die verbreiteten Afrika-Bilder bestehen entweder in Naturschönheiten oder menschlichem Elend, das mit westlichen Almosen gemildert werden kann. Jene Afrikaner, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, bestärken das klarerweise.

Georgs-Kirche in Lalibela

Bei seinem Besuch am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba hat USA-Präsident Barack Obama 2015 dem afrikanischen Kontinent Aufbruchstimmung bescheinigt. Es müssten „Vorurteile von einem Afrika, das für immer in Armut und Konflikten feststeckt“ wegfallen. Zugleich prangerte er Amtsmissbrauch und Korruption an. Allem voran übte er schärfste Kritik an einigen seiner afrikanischen Amtskollegen: Niemand solle „auf Lebenszeit Staatschef sein“. Yoweri Museveni etwa ist seit ca. 30 Jahren Präsident Ugandas, begann eben seine sechste Amtszeit. Zu lange an der Macht festhaltende Staatschefs seien die Wurzel der afrikanischen Probleme, hat auch er, ein Liebling des Westens, einst gemeint…64 Der Weisse als Retter in Afrika – oder doch ein Verursacher mancher Übel? Abgesehen von der Vergangenheit: Die EU ist wichtigster Handels“partner“ Afrikas; aber eben selten ein richtiger Partner.

Asserate, alles andere als anti-westlich, beklagt die EU-Afrika-Politik: Sobald westliche Politiker sähen, dass ein afrikanischer Präsident ihnen nicht hilft, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, produzierten sie einen Umsturz. Milliardenhilfen aus dem Westen würden bei afrikanischen Diktatoren landen, die kein Interesse an einer Eindämmung der Flüchtlingskrise bzw ihrer Ursachen hätten. Beliebt wurde in diesem Zusammenhang das Eindreschen auf China. „Sie kommen nur hierher, um Profite zu machen“, sagte ein Afrikaner in einer Film-Dokumentation. Und es klang eher erleichtert als vorwurfsvoll. China hat in Afrika weniger Missionierungsambitionen. Und, beim Verhältnis zwischen China und Afrika handelt es sich nicht um eine Einbahnstrasse. Afrikaner können recht unkompliziert nach China reisen. In Guangzhou haben sich auch mittlerweile Viele niedergelassen. Es gibt auch binationale bzw bikulturelle Paare, auch ein Unterschied.

 

Material

Richard Pankhurst: The Ethiopians: A History (2001)

Paul B. Henze: The Rise of Haile Selassie: Time of Troubles, Regent, Emperor, Exile (2000)

Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia 1855-1991 (2001)

Harold G. Marcus: A History of Ethiopia (1994)

Teshale Tibebu: The Making of Modern Ethiopia: 1896-1974 (1995)

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragik des Haile Selassie (2014)

Siegbert Uhlig, David Appleyard, Alessandro Bausi, Wolfgang Hahn, Steven Kaplan: Ethiopia: History, Culture and Challenges (2017)

Ryszard Kapuściński: König der Könige: Eine Parabel der Macht (1984, polnisches Original “Cesarz” 1978, englische Übersetzung “The Emperor” 1978)

James De Lorenzi: Guardians of the Tradition: Historians and Historical Writing in Ethiopia and Eritrea (2015)

Saheed A. Adejumobi: The History of Ethiopia (2007)

Walter Schicho: Handbuch Afrika (3 Bände, 1999-2001)

Paul B. Henze: Layers of Time: A History of Ethiopia (2004)

Haile Selassie: My Life and Ethiopia’s Progress (1972)

Christopher Othen: Lost Lions of Judah: Haile Selassie’s Mongrel Foreign Legion 1935-41 (2017)

Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941 (2006)

John H. Spencer: Ethiopia at Bay: A Personal Account of the Haile Selassie Years (1987)

Edmond J. Keller: Revolutionary Ethiopia: From Empire to People’s Republic (1989)

Richard Pankhurst: The Ethiopian Borderlands: Essays in Regional History from Ancient Times to the End of the 18th Century (1997)

William Saroyan: The Lion of Judah. In: Letters from 74 rue Taitbout or Don’t Go But If You Must Say Hello To Everybody (1971)

Christopher Clapham: Transformation and Continuity in Revolutionary Ethiopia (1990)

Dessalegn Rahmato: Democratic Assistance to Post-conflict Ethiopia: Impact and Limitations (2000)

Walter Rodney: How Europe Underdeveloped Africa (1972)

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten (2016)

John G. Jackson, C. S. Moore: Ethiopia and the Origin of Civilization (2015)

Taddesse Tamrat: Church and State in Ethiopia, 1270-1527 (1972)

Ernst Hammerschmidt: Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen (1967)

John Markakis: Class and revolution in Ethiopia (1978)

E. A. Wallis Budge: A History of Ethiopia (2 Bde., 1928)

A. J. Barker: The Rape of Ethiopia (1936)

Darrell Bates: The Abyssinian Difficulty: The Emperor Theodorus and the Magdala Campaign, 1867-68 (1979)

Sven Rubenson: King of Kings. Tewodros of Ethiopia (1966)

Graham Hancock: The Sign and the Seal. The Quest for the lost Ark of the Covenant (1993)

Messay Kebede: Eurocentrism and Ethiopian Historiography: Deconstructing Semitization. In: International Journal of Ethiopian Studies, 1 (1) (2003)

Jon Abbink: An Historical-anthropological Approach to Islam in Ethiopia: Issues of Identity and Politics. In: Journal of African Cultural Studies, December 1998

Ein bisschen etwas über den Unterschied in der Sichtweise auf Haile Selassie in Äthiopien und in Jamaica

Über die Besuche von Haile Selassie in Jerusalem/ Quds und die äthiopische Präsenz in der Stadt

Tekeste Negash: The Zagwe period re-interpreted: post-Aksumite Ethiopian urban culture

https://ethiopianhistory.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der genau wie sein Vater und Vorgänger David historisch nicht gesichert ist, ausserhalb des Tanach und davon abhängiger Texte gibt es fast keine Hinweise auf sie
  2. Die Königin von Saba trägt dort den Namen Makeda
  3. Aber das Äthiopien “gegenüber liegende” Jemen ist ein “heisserer” Kandidat. Saba/ Sheba könnte sich auf die dortige Sekte bzw Ethnie der Sabäer (Sabaiyyun) beziehen, die im Koran erwähnt (und toleriert) wurden
  4. Nun, davor gab es noch das Reich von Damot in Teilen des späteren Äthiopiens
  5. In Jesus Christus sei das Göttlichen und das Menschliche vereint
  6. Laut “Kebra Negast” ist Menelik, Stammvater der äthiopischen Könige, selbst nach Jerusalem gereist und habe von dort die Bundeslade mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote nach Äthiopien “entführt”
  7. Daneben gab es auch gelegentlich nicht-dynastische Usurpatoren wie Amdo Seyon als Negus
  8. Letzter Herrscher aus dem “Gondar”-Zweig der Salomoniden-Dynastie
  9. In der auch Äthiopien für wenige Jahre kolonialisiert wurde
  10. Er war der letzte der äthiopischen Monarchen, die selbst mit in die Schlachten zogen
  11. Womit die nach ihm benannte Stiftung in der BRD, die sich als “liberal-aufklärerisch” sieht, wiederum kein Problem hat
  12. Zeigte Zugehörigkeit zum Adel an
  13. Beim Völkerbund-Beitritt musste sich Äthiopien dazu verpflichten
  14. So ähnlich wurde es formuliert
  15. 1871 geboren, im Jahr als das Risorgimento mit der Einnahme Roms zu einem Abschluss kam
  16. Auch bei der italienischen Niederlage von Karfreit/Caporetto/Kobarid
  17. Der zweite, eigentlich aber der dritte, schliesslich war die italienische Inbesitznahme Eritreas auch durch Krieg zwischen diesen Ländern zu Stande gekommen
  18. Im 2. WK war Badoglio dann beim italienischen Seitenwechsel 43 eine Schlüsselfigur, wurde italienischer Premierminister. Für seine Kriegsführung in Äthiopien wurde er nie zur Rechenschaft gezogen
  19. Wie schon von Djibouti nach Eilat
  20. Die Beiden mussten zurücktreten, als das bekannt wurde; Mussolini wäre einverstanden gewesen
  21. www.youtube.com/watch?v=oyX2kXeFUlo
  22. Der Präsident der Versammlung, der Rumäne Nicolae Titulescu, liess die Störer des Saals verweisen
  23. 1963 hat er auch vor der UN-Generalversammlung gesprochen
  24. Für Grossbritannien etwa, dass einen grossen Streifen Afrikas von “Kairo bis zum Kap” beherrschte…? Höchstens Italien als Konkurrent in Afrika war eines. In allen diesen mehr oder weniger mit GB verbundenen Gebieten hatten weisse Siedler einen höheren Status als die einheimische Bevölkerung, nicht zuletzt in Südafrika (auch vor der Apartheid). Dort hatte Premier Hertzog das Wahlrecht für weisse Frauen bewilligt, jenes von schwarzen Männern weiter eingeschränkt. Übrigens hatte GB dann ein grosses Problem damit, dass sich im “2. Weltkrieg” Irland, das dabei war sich seine vollständige Unabhängigkeit zu erkämpfen, neutral blieb. Und dass in “seinem” Indien nicht alle Führer/ Politiker das Mitmachen bei diesem Krieg der Briten als selbsverständlich sahen
  25. Drei Rassengesetze wurden von den Faschisten für die Kolonien in Afrika erlassen, 1937, 1939 und 1940. Einer der Gründe warum es dort kaum “Vermischung” zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten gab
  26. Und es gibt jene Deutsch-Nationalen, die den Giftgas-Einsatz der Italiener in Äthiopien anprangern, wobei es ihnen nur um eine Desavouierung der Italiener an sich geht, wegen Südtirol; die mit den deutschen Kolonial-Tötungen in Südwestafrika kein Problem haben, im Gegenteil. Es gibt auch jene Zionisten, die diesen Völkermord an den Herero und Nama 1904-08 thematisieren, nur weil sie deutsche Kritik an israelischer Politik, zB an der Allianz mit Apartheid-Südafrika, abwürgen wollen
  27. Ein Unterschied, Eritrea war viel kleiner im Verhältnis zum restlichen Äthiopien als Ungarn im Verhältnis zur österreichischen Reichshälfte. Ausserdem hatte die eritreische Regierung weniger Kompetenzen als die ungarische
  28. Äthiopien, dass sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog, musste sich, im Gegensatz zu Eritrea, seine Infrastruktur selbst herstellen
  29. 1920 wurde von den Franzosen ein “Gross-Libanon” von Syrien abgetrennt, die Grenzen wurden so gezogen, dass der Libanon (der in den 1940ern unabhängig wurde) so gross war dass die Maroniten gerade noch die Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten. Damit kam ein relativ grosser (hauptsächlich) für die Maroniten konzipierter Staat zu Stande, in diesem machten Nicht-Maroniten aber eben fast die Hälfte der Bevölkerung aus…
  30. Wann genau Ägypten eigentlich genau seine Unabhängigkeit verlor, darum geht es in diesem Artikel
  31. Aus der die Afrikanische Union/ AU hervor ging
  32. Vor und nach der Besetzung der palästinensischen Rest-Gebiete 1967, vor und nach dem Transfer der äthiopischen Juden dorthin
  33. So einen Spagat schafft Israel bzw der Zionismus locker
  34. Vornehm übersetzt
  35. Und die Johannesreich-Idee, von einem aussereuropäischen christlichen Reich… Das man (die Portugiesen etwa) auch in Äthiopien gefunden geglaubt hatte. Aber wurde Äthiopien jemals als gleichrangiger Partner des Westens behandelt…? Dann doch lieber sich als weisser Retter in Szene setzen. Genau wie gegenüber Kurden oder moslemischen Frauen oder was jetzt so alles als an nicht-weissen/westlichen Verbündeten bzw Schutzobjekten deklariert wird
  36. Andere Reisen waren zB die nach Österreich und Deutschland 1954, Jamaica (Jamaika) 1966 (>), zur ehemaligen Besatzungs-/Kolonialmacht Italien 1970
  37. Aber eben eigentlich kein ethnischer
  38. 1943 u.a. aus Harar hervorgegangen
  39. Das damals noch französische Djibouti ist auch ein Teil Gross-Somalias, auch ein Teil von Kenya; heute geht die Tendenz eher zum Auseinanderfall Somalias als zu seiner Vergrösserung
  40. Es gab daneben eine lebende Tochter; drei Töchter und zwei Söhne waren früh gestorben
  41. Auch General Andom
  42. Wobei, was heisst “schlecht”, für wen?
  43. Die Feier war Sinnbild des Scheiterns des Schah, die eigenen Leute (Iraner) waren ausgesperrt, ausländische Staatsgäste wurden verwöhnt
  44. Die Flagge Äthiopiens wurde 1996 festgelegt, bis dahin waren verschiedene Varianten derselben in Gebrauch, spätestens ab dem 19. Jh, mit Streifen in den Farben Grün, Gelb, Rot, mit dem Kaiserlöwen („Löwe Judas“) und ohne ihn; auch die iranische Flagge hat sich seit dem 19. Jh immer wieder verändert, das Grunddesign ist gleich geblieben, bis zur Revolution 79 war auch ein Löwe darauf abgebildet (dieser auch schon vor dem 19. Jh)
  45. Auch nach dem Umsturz 1974 kochte sie weiter im Palast, die fertigen Gerichte wurden vom Militär den gefangenen Angehörigen der Königsfamilie gebracht. Nach Selassies Tod 75 ging sie zurück nach Österreich
  46. Erinnert an Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah, der 66 gestürzt wurde, während er sich ebenfalls um die afrikanische Einheit bemühte
  47. Hauptsächlichst aus Westafrika
  48. In den ehemals britischen Kolonien gibt es auch viele Asiaten, hauptsächlich Inder, aus der Phase nach der Abschaffung der Sklaverei
  49. Der Chef einer der beiden grossen Parteien Jamaicas, der PNP, Michael Manley, damals Oppositionschef (zur Zeit der Herrschaft der Jamaica Labour Party/ JLP) besuchte Äthiopien und seinen Negus 1969. Er bekam dort einen Stab, der ihm geholfen haben soll, die Wahl 1972 zu gewinnen und Premierminister zu werden
  50. In Westafrika und der Karibik sind die Sprinter, in Ostafrika dominieren die Langstreckenläufer
  51. Wie man an “Bob” Marley oder dem Politiker Michael Manley sieht
  52. Als Bürgerkrieg zu sehen?
  53. In der österreichischen Variante des Benefiz-Songs hiess es, “Es hasst, du woast amoi a Königin, der Stolz von Afrika”… Auch die Zeilen über den Hunger, der Methode hat, und das Spenden um des eigenen Wohls halber sind treffend
  54. Sie werden nun gerne eingesetzt, um vom rassistischen Charakter Israels abzulenken. In der Realität Israels gibt es dann zB immer wieder Weigerungen, Blutspenden dieser “schwarzen Juden” anzunehmen. Die aus Äthiopien stammenden Israelis werden auch immer wieder Ziel von Übergriffen, weil sie für afrikanische Einwanderer (die hauptsächlich aus Eritrea und Süd-Sudan stammen) gehalten werden. Wie einst die Mizrahis versuchen viele von ihnen, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu sichern, indem sie besonders rassistisch ggü Nicht-Juden (hauptsächlich Palästinensern) sind
  55. Man muss dazu sagen, dass die SU in Afrika, besonders im südlichen, auch politische Kräfte unterstützte, die es sehr verdienten
  56. Äthiopien verlor damit wieder seinen Zugang zum Roten Meer, wurde wieder ein Binnenland
  57. Seit 1909 gibt es Premierminister in Äthiopien; bis 1974 waren es Partei-Unabhängige, die Vertraute des jeweiligen Negus waren; 74-87 war die Position abgeschafft, dann wurde er bis 91 von der Äthiopischen Arbeiterpartei besetzt; 91-94/95 der Übergang; seither wird er theoretisch von Parteien mit parlamentarischer Basis gestellt, in der Realität ist das die TPLF bzw die EPRDF, und es ist fraglich ob das wirklich die stärkste Partei bzw Parteienallianz ist
  58. Wobei: Solange die Amhara dominant waren, war es ihnen nicht so “wichtig”, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat ist
  59. A propos: Eritrea wurde eine der repressivsten Diktaturen Afrikas, ein Einparteienstaat der PFDJ (Nachfolger der EPLF) unter Isayas Afewerki. Eritreer flüchten inzwischen nach Äthiopien, wie auch Süd-Sudanesen oder Somalier. Davon abgesehen gab es 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg zwischen diesen Ländern. Und vor wenigen Wochen eine Aussöhnung
  60. Was wahrscheinlich ein Zeichen von Grösse gewesen wäre; man denke an das Begräbnis für die Zarenfamilie in Russland 1998 und das Staatsbegräbnis, das die Post-Apartheid-Regierung Südafrikas 2006 der Familie von Pieter Botha anbot
  61. Eine gebürtige Kubanerin
  62. Streng genommen gehören geografische Teile Afrikas wie Ceuta und die Kanaren zu Spanien, das auch eine Monarchie ist. Und es gibt regionale bzw zeremoniale Monarchien wie jene der Zulus in Südafrika
  63. Bokassa, der Präsident der sich 1976 zum Kaiser proklamierte; andere Präsidenten haben das nicht getan, aber so geherrscht
  64. Nach dem Abgang von Mugabe in Zimbabwe und Dos Santos in Angola heuer sind Kameruns Biya (seit 43 Jahren zunächst Minister-, dann Staatspräsident), Obiang in Äquatorial-Guinea, Sassou in Kongo-Brazzaville, Museveni in Uganda, König Mswati in Swasiland, Bashir in Sudan, Deby im Tschad, Afewerki in Eritrea und Bouteflika in Algerien die längst Herrschenden in Afrika (und auch global im Spitzenfeld bzw führend)

Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien, Nigeria, Bosnien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen in etwa die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 fanden dort die weiteren grossen Schritte statt; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Luxor-Obelisk in Paris

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh, “tangsir” zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen

Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

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Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

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K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

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Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

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Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman: David und Salomo: Archäologen entschlüsseln einen Mythos (2006)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

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Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

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Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Israel Finkelstein und Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2002). Englisches Original: The Bible Unearthed: Archaeology’s New Vision of Ancient Israel and the Origin of Its Sacred Texts, 2001

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem “Gegenpopulismus” geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art “Gegenmittel” zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das “aber” soll das “einerseits” nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster “Notre-Dame de l’Atlas” in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime (“der Kaserne”) oder den Islamisten (“der Moschee”). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel “Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems”. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film “Des hommes et des dieux” („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der “Graf von Chambord”, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. “Napoleon III.” schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochthonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, “Mizrahis”, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsass und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt “begnügte” man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, “mittel” in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg endete mit der demütigenden Niederlage der französischen Armee von Dien Bien Phu 1954. Er führte zur „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Dieser Krieg war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion unterstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem “Time Magazine” die Motivation, um Algerien zu kämpfen: “Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.” Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich “zerlegen” wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in “seinem” Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner “Aufgabe” Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in “Paris Match” 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit “Fortschritts”-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der “verbrannten Erde” durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch “aufgerundet”. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an “Harkis”, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit “Koffer oder Sarg” wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus’ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den “eingeborenen” “Farbigen” gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den “Volksdeutschen” in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern “gehalten”. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier wurden die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden “Schwarzen” sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischen Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist bei der Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit “La Valise ou le Cercueil” stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. “Enrico Macias” (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von “Sheick” Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich “Adieu mon pays”.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. “Bleu-Blanc-Beur” und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht “akzentuierten” Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die “Charlie Hebdo”-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische Philosoph (polnischer Herkunft) Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die “Zivilisation” zu den “Wilden”. Er beklagt den “Verfall westlicher Traditionen” durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, “Rasse” zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass “westliche Werte” nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er “Le Monde diplomatique” wegen ihrer “Israel-Kritik” attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer “salonfähiger”. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich gibt es so etwas eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann “nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen”. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen “zersplittert” (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie “verschwunden”. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der “Abschaffung des Sklavenhandels” verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika” aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine “Versöhnung” der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantinischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: “Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems”. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken. Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relevant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem “freien Westen” die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und “Politiker” beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in “seiner” Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in “Le Monde diplomatique” einen Artikel von Pierre Daum über die letzten “Siedler”. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von “Christen” die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup “Jimmy” Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die “Überfremdung Europas” aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig “minderwertig” betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon “christlich-jüdische Werte” und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die “Riposte laique” nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). “Weder Koffer noch Sarg…”

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L’ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte “Doyen” der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

“C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir” (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der “ägyptische” Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das “koloniale” Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Die „israelischen Araber“

Was in der offiziellen zionistischen Diktion “israelische Araber” genannt wird, bezeichnet 20% der Bevölkerung Israels, jene Palästinenser die die Nakba im Gebiet dieses neu-proklamierten Staates überlebten, bzw ihre Nachkommen. Anders gesagt, der autochthonere bzw nicht-jüdische Bevölkerungsteil dieses Staats. Es gibt noch kleinere andere Gruppen von Nicht-Juden in dem Gebiet das als Israel verstanden wird, von westlichen evangelikalen Christen bis zu Gastarbeitern aus Thailand. Die “israelischen Araber” sind, die palästinensische Gesellschaft vor bzw neben dem Zionismus wiederspiegelnd, sehr diversifiziert und darüber versucht Israel auch, sie zu schwächen.

Die Bevölkerung Palästinas, Nachfahren der Kanaaniter oder Philister, wurde von der arabischen Invasion Palästinas nicht in dem Maß “getroffen”, wie man glauben möchte; siehe dazu Ilene Beatty, John Quigley, James Frazer u.a. Genau so wenig, wie von der vorhergehenden römisch-byzantinischen oder der nachfolgenden osmanischen Herrschaft. Die Araber “vermischten” sich etwas mit den Kanaanitern/Palästinensern, so wie alle Herrscher Palästinas vor und nach ihnen. Sie bewirkten vor allem eine kulturelle Arabisierung, sprachlich und religiös. Die einzigen echten Araber unter den Palästinensern (und in den benachbarten Ländern) sind die Beduinen; sie zeichnen sich nicht nur durch ihre Lebensweise aus. Dazu jedoch ein ander Mal mehr.

Vor Beginn der organisierten jüdischen Masseneinwanderung nach Palästina in den 1880ern machten Juden etwa 3% der Bevölkerung des damals osmanischen Palästinas aus (der sogenannte alte Jischuw). Die restliche Bevölkerung bestand aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen sowie später ins Lande Gekommenen wie Armenier, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrer, Sinti, Perser (Baha’i), Deutsche (Templer). Vor allem nicht im Land lebende palästinensische Grundbesitzer verkauften Land an zionistische Juden; der Landkauf war meist mit der Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung verbunden. Das Land, auf dem “Tel Aviv” gegründet wurde, wurde von Beduinen gekauft (wo sind deren Nachfahren heute?). Die Palästinenser waren für die frühen Zionisten Teil der harten Natur dieses Landes, die es zu besiegen galt.

Ungefähr parallel zueinander (und teilweise kongruent) kamen um die Jahrhundertwende eine arabische Unabhängigkeitsbewegung vom Osmanischem Reich (im Mashriq) und eine palästinensische Nationalbewegung auf. 1914, nach mehreren Einwanderungswellen, machten Juden ca. 10% der Bevölkerung Palästinas aus. Mit der britischen Eroberung des Landes im 1. Weltkrieg verbesserten sich die Bedingungen für die Zionisten, die ab den 1920ern ihre Ziele forcierten, Waffen schmuggelten, Strukturen aufbauten. Ein Kibbuz bzw eine Siedlung war eine kleine Militärbasis und etwas, das zu weiteren Forderungen “berechtigte” – so ähnlich wie das Siedlungswerk heute. Juden wurden so in der Zwischenkriegszeit ein Faktor in Palästina, und das friedliche Zusammenleben mit den Palästinensern lag zu diesem Zeitpunkt schon in der Vergangenheit.

Die letzte Einwanderungswellen vor der jüdischen Staatsausrufung (“Bricha”) umfasste v.a. Holocaust-Überlebende im weiteren Sinn, fand mit Beteiligung der Jüdischen Brigade im Rahmen des britischen Militärs im 2. WK statt. Die Briten gaben das Palästina-Problem, an dem sie mitschuldig waren, an die junge UN weiter. Im UN-Teilungsvorschlag 1947 wurde Juden, die zu der Zeit 33% der Bevölkerung Palästinas ausmachten (nach massiven organisierten Einwanderungswellen) und 6% des Landes legal besaßen, 56% Palästinas zugesprochen, darunter die meisten fruchtbaren Gebiete, einen Grossteil der Küste und den wichtigsten Hafen Haifa, die meisten Städte, alles Gebiete wo sie in der Minderheit waren. Im jüdischen Staat würden Nicht-Juden bzw Palästinenser etwa 50% ausmachen (> 45% der Palästinenser würden unter jüdischer Herrschaft leben). Die Ablehnung durch das “Arabische Hohe Komitee” ist also nicht so abwegig gewesen… Die Hasbara dichtete eine Geschichte der palästinensisch-arabischen Ablehnung einer “gerechten” Teilung, aus “Vernichtungswünschen” einer “Übermacht”. Die Zionisten akzeptierten den Plan und arbeiteten gleichzeitig dagegen an!

Kriegsähnliche Gewalt zwischen Palästinensern und Zionisten ging in der Endphase des britischen Mandats, nach dem Teilungsplan, über in ethnische “Säuberungen” (Massaker, Vertreibungen). Palästinenser wurden auch aus dem ihnen zugesprochenen Gebiet vertrieben, das jüdische damit vergrössert, somit arbeiteten die Zionisten an einer Revision des UN-Teilungsvorschlags, zu ihren Gunsten. Fraglich ist, ob überhaupt eine Akzeptanz auf dieser Seite für einen palästinensischen Staat gegeben war… Die Zionisten orientierten sich mit der Proklamation “Israels” am Abzug der Briten, der mitten in der Nakba vor sich ging. Danach kamen zur palästinensischen “Armee des heiligen Krieges” und der “Arabischen Befreiungsarmee” (arabische Freiwillige) Heere verschiedener arabischer Staaten, zum Stop der ethnischen Säuberung Palästinas durch die Zionisten. Die zionistischen Milizen hatten mehr Menschenmaterial als die arabische Seite zur Verfügung, mehr/bessere Waffen, die bessere Ausbildung (z. T. auf die britische Jüdische Brigade zurückgehend), Methoden wie Spionage. Der Grossteil der Nakba bzw “Säuberung” war vor der jüdischen Staatsausrufung abgeschlossen und bevor arabische Armeen nach Palästina kamen.

Jaffa wurde zB wenige Tage vor Ende des britischen Mandats von Haganah und IZL eingenommen (unter dem späteren israelischen Premier Menachem Biegun), nach 3-wöchiger Belagerung, die palästinensische Verteidigung war von einem Christen namens Issa geleitet worden. Die meisten der 50 000 Einwohner der Stadt wurden vertrieben, manche sprichwörtlich ins Meer getrieben (die Flucht ging oft nach Gaza), manche getötet. Nazareth wurde 1948 ein Zufluchtsort für Palästinenser aus verschiedenen Teilen des Landes (wie Srebrenica 1992 für Ost-Bosnien). Obwohl die Stadt (und das Umland) im Teilungsvorschlag einem palästinensischen Staat zugeteilt worden war, wurde sie im Juli 1948 von den Zionisten eingenommen. Nazareth wurde danach weitgehend verschont, weil man die Reaktion des Westens auf ein Gemetzel an Christen fürchtete. Der UN-Vermittler Folke Bernadotte, der eine Neuaufteilung des Landes und die Rückkehr aller Vertriebenen forderte, wurde im September 1948 von zionistischen Terroristen ermordet.

Alhambra-Kino in Jaffa, 1937

Das im Teilungsplan vorgeschlagene Territorium wurde so vergrössert, fast 1 Million Palästinenser (50% der Bevölkerung) wurden während der Nakba vertrieben oder ermordet, die Grundlagen für den “Nahost-Konflikt” geschaffen. Während Zionisten die Säuberungen (auch Vergewaltigungen, Diebstahl,…) unternahmen, sprachen sie von drohendem Holocaust (Ilan Pappe: “Das israelische Ethos: Schiesse und weine”). Es ist auf zionistisches Lobbying zurückzuführen, dass die UNRWA als eigene Organisation für palästinensische Überlebende, Flüchtlinge, Vertriebene gegründet wurde, nicht die IRO für sie zuständig wurde – diese hatte nach dem 2. WK den jüdischen Flüchtlingen in Europa geholfen…

Der Rest Palästinas, der nicht “Israel” wurde, fiel an die Nachbarstaaten Jordanien und Ägypten. Die Grenze zwischen Israel und Jordanien lief vom Waffenstillstand 1949 bis 1967 quer durch Jerusalem/Quds, die Altstadt im Osten war bei Jordanien. Die meisten Armenier in Palästina leb(t)en in Ost-Jerusalem, kamen nach der Nakba vorerst zu Jordanien. Palästinenser im nun jüdischen Staat lebten hauptsächlich in Galiläa/Jalil (Nazareth wurde die “Hauptstadt” der unter Israel lebenden Palästinenser), Negev/Nagab (u.a. Bir as Sab/Beersheva), Quds/Jerusalem, Jaffa (das mit Tel Aviv zusammengeschlossen wurde), vielleicht noch die Küste südlich von Haifa. Dies sind bis heute die Schwerpunkte der “israelische Araber”, wie diese unter israelisch-zionistischer Herrschaft lebenden Palästinenser dann genannt wurden. 1949 waren es etwa 150 000.

So entstand Israel, im Land vertriebener oder getöteter Palästinenser. Die folgende Entrechtung der “israelischen Araber” kann auch als ein Teil der Nakba gesehen werden, zumal ethnische Säuberungen auch nach 49 auf kleiner Flamme weitergingen. Die nun unter der Herrschaft des jüdischen Staates lebenden Palästinenser wurden in Gefangenenlagern gehalten (zB “Atlit” bei Haifa) oder unter Militärverwaltung gestellt (in Ghettos gehalten); die Lager unterstanden Yigal Yadin (Sukenik), als Chef der Haganah schon einer der Hauptverantwortlichen der (eigentlichen) Nakba. Jene innerhalb der Waffenstillstandslinien (bzw “Israel”) geflüchteten überlebenden Palästinenser versuchten oft in ihre Häuser und Dörfer zurückzukehren, sie wurden in den meisten Fällen abgewiesen. Geräumte Dörfer wurden zerstört. In Baysan/ Betshean gelang Vertriebenen vorübergehend die Rückkehr. Gebliebene wurden sehr oft enteignet (Land, Haus,…).

Während die Lager dann aufgelöst wurden, blieb die Militärverwaltung für die unter Israel lebenden Palästinenser bis 1966. Ausnahmen davon scheint es nur in den Städten gegeben zu haben, wo man aber von Koexistenz auch weit entfernt war. Die Militärverwaltung umfasste eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Enteignungen, Misshandlungen, in den ersten Jahren auch Zwangsarbeit,… Zu den Diskriminierungen und Schikanierungen auf allen Ebenen gehörte natürlich, ihnen kein Wachstum und keine Selbstständigkeit zu erlauben. 1965 wurde der Hafen Jaffa endgültig geschlossen. Nazareth hat sich bis heute als palästinensische Stadt behauptet, aber auch das wird angefochten.

Die Nakba bedeutete auch die Teilung der Palästinenser. In die im nun israelischen Teil Palästinas Lebenden und jene im ägyptischen und jordanischen Teil. Daneben wurde unter israelischer Herrschaft die multikulturelle palästinensische Gesellschaft auseinandergerissen und gespalten, gegeneinander ausgespielt. Desertierende Drusen in der Arabischen Befreiungsarmee wechselten die Seiten, nahmen in der Endphase der Nakba schon daran teil. Palästinensische Kollaborateure hatte es schon in osmanischen Zeiten gegeben, aus verschiedenen Gründen; “gemäßigt” bedeutete in zionistischen Augen auch damals schon unterwürfig/selbsthassend. Aus weiteren Sondergruppen unter den Palästinensern, Beduinen und Tscherkessen, wurde 1949 eine “Minderheiten-Einheit” im israelischen Militär eingerichtet. Drusen und Tscherkessen müssen zwangsweise darin dienen, Beduinen sowie christliche und moslemische Araber können freiwillig. Gern wird diese Einheit gegen andere Palästinenser eingesetzt. Divide et impera.

Die Samaritaner sind wahrscheinlich aus der Vermischung von Assyrern mit Israeliten zu antiken Zeiten hervorgegangen. Ein grosser Teil der Bevölkerung Nordost-Palästinas dürfte auf Samaritaner zurückgehen, die zum Islam konvertierten. Der künftige israelische Präsident “Ben Zwi” (Shimshelevich) profilierte sich als “Freund” der Samaritaner. Er stellte auch die Behauptung auf, Palästinenser seien zT Nachfahren der antiken Juden, aber nur um den zionistischen Anspruch zu rechtfertigen, keiner entging dadurch der Nakba. Es war Ben Zwi, der in den 1950ern den Transfer eines Teils der Samaritaner von ihrer angestammten Gegend um Nablus, nun jordanisch verwaltet, nach Holon organisierte. Jene dort verbliebenen sind 1967 ebenfalls unter israelische Kontrolle gekommen. Die Loyalitäten der Samaritaner sind geteilt.

Das Schicksal der Bevölkerung von Ayn Hod (Ein Hawd) südlich von Haifa ist exemplarisch für das der “israelischen Araber”. Dieses palästinensische Dorf wurde während der Nakba entvölkert. Aus dem Ort wurde 1953 auf Initiative des aus Rumänien stammenden Juden Marcel Iancu ein “Künstlerdorf”, meist “En Hod” transkribiert. Die meisten der geflohenen Dorfbewohner ließen sich in Dschenin nieder. Andere wurden in ein Gefangenenlager in der Nähe ihres Dorfes gesteckt, siedelten sich nach ihrer Entlassung in der Nähe ihres ehemaligen Dorfes an und gründeten dort das neue Ein Hawd. Die israelischen Behörden versuchten, sie zu vertreiben, zogen Stacheldraht um dieses Dorf, verboten Neubauten und auch Reparaturen bestehender. Ein Hawd schloss sich der Vereinigung nicht-anerkannter arabischer Dörfer in Israel an. Erst 1992 wurde das Dorf vom israelischen Staat als Gemeinde anerkannt, 2005 erst wurde es an das israelische Elektrizitätsnetz angeschlossen. Irgendwann bekamen die Bewohner auch die israelische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Als Grossbritannien und Frankreich 1956 nach der Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft militärisch gegen Ägypten vorgingen, gesellte sich Israel zu ihnen. Als sein Sinaifeldzug begann, erliess Israel eine Ausgangssperre. Bewohner von Kafr Qassem (20 km östlich Tel Aviv), „israelische Araber“, die von ihrer Arbeit nach Hause kamen und nichts davon wussten, wurden von der Grenzpolizei in eine Reihe gestellt und erschossen, 47 Leute. Das Morden hatte weniger damit zu tun, dass sie Israels Angriff stören könnten, sondern damit, dass  Israel Palästinenser auf die eine oder andere Art am liebsten loswerden wollte. Die Nachricht von diesem Massaker vom 29. Oktober 1956 versuchten die zionistischen Behörden durch den Militärzensor zu verschweigen (Verteidigungsminister Peres/Perski). Peres kam Jahrzehnte später als Staatspräsident nach Kafr Kassem, um zu verkünden, dass Juden und Araber zusammenleben könnten.

Der Grossteil der Beduinen Palästinas ist im Zuge der israelischen Staatsgründung getötet oder vertrieben worden oder geflohen. In der Folge wurde ein grosser Teil des Negev/Nagab staatliches bzw. militärisches Gebiet und die Verbliebenen wurden auf ein Reservat-ähnliches Gebiet im Nordosten des Negev umgesiedelt, welches lediglich 10 % der Fläche dieser Wüste ausmacht und auch unter Militärverwaltung stand. Zu ihrer Kontrolle wurde Rahat als Neustadt errichtet. Um gegen die nomadisch lebende Bevölkerung vorgehen zu können, wurde 1950 im Namen des Umweltschutzes das Grasen von Viehherden – die Beduinen züchteten seit Jahrhunderten insbesondere Ziegenherden in dieser Region – in grossen Teilen des Negev verboten. Noch Anfang der 1950er wurden Beduinen aus der Negev-Wüste ins jordanische Westjordanland vertrieben, Nicht-Juden wollte man noch immer alle irgendwie aus diesem Staat loswerden. Die verbliebenen Beduinen sind bis heute allerlei Schikanen ausgesetzt, obwohl sie teilweise im israelischen Militär dienen. Seit den 1960ern versucht der israelische Staat sowohl verstärkt, jüdische Siedler zur Niederlassung in der Gegend zu bewegen, als auch die verbleibende beduinische Bevölkerung in (teils dafür gegründete) Städte umzusiedeln und Landenteignungen vorzunehmen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) rief 2008 zu einem sofortigen Stopp von Häuser-Zerstörungen der (inzwischen nur noch halb-nomadisch lebenden) Beduinen auf, sowie zu einer unabhängigen Untersuchung der diskriminierenden Behandlung. Laut Angaben von HRW hat Israel seit den 1970er Jahren tausende ihrer Häuser zerstört. Die Regierung von Netanyahu/Mileikowsky will aktuell wieder Beduinen umsiedeln, ihre Dörfer zerstören und ihr Land beschlagnahmen. 2014 sagte Minister Yair Schamir, Israel müsse die Beduinen zu einer niedrigeren Geburtenrate und aus der Wüste herausbringen (siehe Artikel ElectronicIntifada unten). Anfang 2015 gab es eine “Drogenrazzia” der israelischen Polizei in Rahat, die 2 Tote forderte, die Verschleppung von Steinewerfern brachte. Bei den Begräbnissen kam es zu Strassenschlachten mit israelischen Kräften. Als Reaktion darauf wurde ein Generalstreik der “israelischen Araber” ausgerufen. Engagiert für die Rechte dieser Beduinen ist der frühere Parlamentsabgeordnete Taleb al-Sana (Arabische Demokratische Partei), selbst Beduine aus Negev/Nagab, Jurist. 2010 hat die “Jerusalem Post” angeregt, dass Sana in das Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (die 13 die Unabhängigkeit erklärt hat, aber weiter unter israelischer Kontrolle steht) deportiert wird.

Emil Habibi war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der palästinensischen Minderheit von Israel. Er wurde 1922 in Haifa in eine anglikanische Familie (die orthodox gewesen war) geboren, wurde ein Führer der Palästinensischen KP, blieb während der Nakba in Haifa (das steht auch auf seinem Grabstein) und überstand sie, war dann der israelischen KP (Maki) aktiv, auch im israelischen Parlament. Der Autor übersiedelte dann nach Nazareth. Mahmoud Darwish, Schriftsteller aus Galiläa/Jalil, kehrte 1995 ins Land zurück, um an Habibis Begräbnis in Haifa teilzunehmen, erhielt dafür eine Aufenthaltserlaubnis für 4 Tage. Darwisch war 1948 mit seiner Familie in den Libanon geflüchtet, kehrte heimlich nach Palästina/Israel zurück. Da das Heimatdorf der Familie zerstört worden war (hatte zwei Kibbuzim weichen müssen), siedelte sich seine Familie in einem anderen Dorf an. Nach einer Protestaktion als 14-Jähriger in einem israelischen Gefängnis interniert, brach er 1970 auf, um in der Sowjetunion zu studieren, lebte dann in Ägypten und wieder im Libanon. Ursprünglich ein Anhänger der kommunistischen Rakah (eine Abspaltung der Maki), geriet er durch sein Engagement für die PLO neuerlich ins Visier der israelischen Behörden, erhielt er nach dem Oslo-Washington-Abkommen 1993/94 ihre Erlaubnis, sich in Ramallah niederzulassen. Er nahm scharf gegen die Hamas bzw Islamismus unter Palästinensern Stellung.

Der israelische Präventivkrieg 1967 brachte die Besetzung Rest-Palästinas und die israelische Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung. Ost-Jerusalem und ein Teil des Umlands wurden annektiert, dies ist das einzige der 67 besetzten Gebiete, in dem Palästinenser teilweise “arabische Israelis” geworden sind. Dies wurden sie nach den Säuberungen in der Stadt. Kurz nach der Besetzung von Ost-Jerusalem mit seiner Altstadt vertrieben die Zionisten die (etwa 650) Einwohner des marokkanischen Viertels (Mughrabi/Magrebhi) mit der al-Buraq-Moschee vor der Klagemauer (einige blieben und wurden getötet) und zerstörten es (Teile erst 2 Jahre später); dann wurden auch alle palästinensischen Einwohner des jüdischen Viertels vertrieben. Dahinter soll auch der West-Jerusalemer Bürgermeister “Teddy” Kollek gestanden haben (der den Ruf eines Friedensengels hat). Der grösste Teil des ehemaligen (niedergewalzten) marokkanischen Viertels ist heute teil des “jüdischen”. Auch hier ging es darum, den nicht-jüdischen Charakter des Landes auszuradieren. Natürlich auch durch jüdische Besiedlung. Der Ost-Jerusalemer Bürgermeister Ruhi al-Khatib wurde übrigens nach Jordanien (das nur noch auf der anderen Seite des Jordans bestand) ausgewiesen.

Marokkanisches Viertel Jerusalem
Marokkanisches Viertel Jerusalem/Quds

Vielerorts in dem Land finden sich noch Spuren verlassener und zerstörter palästinensischer Orte und Gebäude, siehe auch hier. Die Palästinenser mussten in Israel (nach ihrer Entlassung aus der Militärverwaltung) im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahis. Rassismus unter Juden ist übrigens auch ein ergiebiges Thema. Das Personenstandsrecht im jüdischen Staat ist nach Religionsgemeinschaften aufgespalten; dies ermöglicht die Bevorzugung der Juden und die Aufsplitterung der Palästinenser. Da Israel 100% Palästinas beherrscht, sind auch die Palästinenser in den seit 1967 besetzten Gebieten Teil dieses Kastensystems, der unterste. Die aus Äthiopien stammenden Juden stehen unter den Mizrahis und oberhalb der Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft.

In den 1970ern und darüber hinaus gab es Bemühungen zur Judaisierung Galiläas/Jalils, dem Hauptsiedlungsgebiet der “israelischen Araber”. Am „Tag des Bodens“/Yom el Ard gedenken die Palästinenser massiver Landenteignungen und sechs “israelischer Arabern”, die am 30. März 1976 in dem Ort Sachnin bei Protesten gegen die Beschlagnahme ihres Bodens von der israelischen Polizei getötet wurden. Die Aktion stand auch im Zusammenhang mit dem Kafr Kassem-Massaker 20 Jahre davor.

Diskriminierung ohne spezielle Gesetze ist gegenüber diesen “israelischen Arabern” der Regelfall (Vergabe Jobs/Wohnungen, Flächenwidmungspläne, Budgetzuteilungen, informelle Quoten an Unis,…). Es gibt aber auch viele diskriminierende Gesetze, etwa Land- und Immobilienbesitz betreffend, siehe einen der Links unten. Die Bevorzugung von Juden durch Israel in gewissen Bereichen, etwa Einwanderung, ist weltweit einzigartig. Der Staat, in dessen Hymne auch nur Juden bedacht sind, verlangt von den Nicht-Juden Identifikation und Loyalität.

Teile der israelischen Palästinenser machten in beiden Intifadas (Aufständen) mit und hatten Todesopfer zu beklagen. In palästinensische Demonstrationen wird gleich mit scharfer Munition geschossen, auf beiden Seiten der “grünen” Linie. Dass ihre Dörfer vom Staat weniger Geld bekommen (das gilt auch für jene der Drusen), ist schon Normalität. Ob man sich in einer jüdischen oder “arabischen” Stadt Israels befindet, erkennt man gleich am Zustand der Strassen, der Qualität des Wassers, der medizinischen Versorgung, dem öffentlichen Verkehr,… Ohne Genehmigung von ihnen gebaute Häuser werden schnell mal abgerissen. Bei den irakischen Raketenangriffen auf Israel 1991 und jenen aus Libanon 2006 (im Gegensatz zu dem, was aus Gaza kommt, kann man hier von Raketen sprechen) hat der israelische Zivilschutz diese Bürger vernachlässigt. Rechtstendenzen und ein hysterischer Nationalismus seit der 2. Intifada in Israel haben auch zu einer öffentlichen Einschränkung der arabischen Sprache geführt.

Die Drusen sind eine ethno-religiöse Gemeinschaft, die zur Fatimiden-Zeit als Abspaltung von der 7er-Schia (Ismailiten) entstanden ist, sie leben im Raum Süd-Syrien (auch auf dem israelisch besetzten Golan/Jawlan), Ost-Libanon, Nord-Palästina, Nord-Jordanien. Im April 1948 desertierten einige Einheiten aus palästinensischen Drusen in den Reihen der arabischen Freiwilligen, schlossen sich den Zionisten (Haganah) an, die die Oberhand hatten, wurden mit Ausführende der Nakba. In den 1950ern vereinbarten drei Führer der Drusen im nun “Israel” genannten Gebiet (darunter Amin Tarif) im Namen ihrer Gemeinschaft mit diesem Staat die Wehrpflicht der Drusen für diesen. Das Entscheiden durch Notabeln für ihre Gemeinschaft ist eigentlich genau jene “orientalische Rückständigkeit”, die Zionisten aller Art den Orientalen austreiben wollen. Die Drusen Israels wurden dadurch vom Rest der Palästinenser und auch von den Drusen in den Nachbarländern abgeschnitten.

Der Autor Samih al-Qasim aus Galiläa/Jalil ist einer jener Drusen, die sich als Palästinenser sehen, ist auch Pan-Arabist, schreibt auf Arabisch. Er wurde mehrmals von Israel inhaftiert, für seine Verweigerung vom Militärdienst für den Judenstaat, für sein Engagement für Palästinenser, für seine Mitgliedschaft in der kommunistischen Hadash/DFPE (Nachfolgerin der Rakah) im Krieg 1967 (wie andere Parteimitglieder). Auch Said Nafa sieht sich als drusischer Palästinenser, war für die Balad im israelischen Parlament, auch er wurde/wird von den israelischen Behörden drangsaliert. “Refuse, Your People Will Protect You” ist eine Organisation der drusischen Palästinenser, die das Arrangement mit Israel bestreitet, die drusische Jugend über die Umstände des Arrangements in den 1940ern & 50ern aufklären will.

Die Sache erinnert an die Kaschuben im damaligen Westpreussen unter der Nazi-Herrschaft. Diese ethnisch-sprachliche Sondergruppe unter den Polen wurde auch gegen die polnische Bevölkerungsmehrheit in Stellung gebracht, um Polen an sich zu schwächen. Jene Kaschuben aber, die verdächtigt wurden, die polnische Sache zu unterstützen (und das waren v.a. jene mit höherer Bildung…), wurden verhaftet, eingesperrt und oft exekutiert (v. a. in Piaśnica/Gross Plaßnitz). Manche Kaschuben gründeten Widerstandsgruppen, wie “Gryf Kaszubski” (später “Gryf Pomorski”). Auch die Windischen-Theorie bezüglich der Slowenen in Kärnten und die Apartheid-Bemühungen, die Nicht-Weissen Südafrikas in kontrollierbare Ethnien aufzuteilen (und gegeneinander auszuspielen), lassen grüssen.

Orthodoxe Juden sind dabei, ihre Befreiung vom israelischen Wehrdienst zu verlieren. Das pendelt hin und her, Netanyahu ging 13 eine Koalition u.a. mit der streng säkularen (und umso nationalistischen) Yesh Atid von Lapid (Lampel) junior ein, da wurde dies vorangetrieben; seit der Neuwahl 15 koaliert Likud u.a. mit den religiösen Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum, nun wurde das Vorhaben wieder verschoben… Die streng-religiösen (und teilweise antizionistischen) Juden müssen möglicherweise bald den Wehrdienst verweigern, Drusen tun das gelegentlich.

Die Herauslösung aus dem gesamt-palästinensischem Kontext wurde/wird ja auch bei den Beduinen versucht (ihr Entgegenkommen bzw Appeasement hat ihnen wenig gebracht) und aktuell verstärkt bei den christlichen Palästinensern (v.a. bei jenen in den 1948 israelisch gewordenen Gebieten). Christen machen etwa 20% unter den Palästinensern aus, es gibt Orthodoxe, Melkiten, Katholiken, Protestanten; daneben (hauptsächlich in den als israelisches Kernland geltenden Gebieten) Armenier, Assyrer, Maroniten, Griechen, die, je nach Sichtweise, ethnische Minderheiten unter Palästinensern oder ethnische Minderheiten in Palästina/Israel sind.

Eine Schlüsselfigur unter den christlichen Palästinensern in den Jahren nach der Nakba (bzw den frühen Jahren Israels) war George Hakim, der melkitische (griechisch-katholische) Bischof von Galiläa. Hakim verkaufte bereits in den frühen 1940ern, vor der Nakba, Ländereien der Kirche rund um Nazareth an zionistische Organisationen, für die der Erwerb von Land in Palästina Instrument ihrer Verdrängungspolitik war (und ist!). Während der Nakba stellte er eine christliche palästinensische Miliz zusammen, die sich anscheinend der zionistischen Seite andiente. Das bewahrte ihn und seine Anhänger nicht vor Vertreibung nach Libanon – jedoch durften sie, anders als die allermeisten anderen Flüchtlinge, nach dem Waffenstillstand (bzw dem zionistischen Triumph) 1949 zurückkehren. Hakim setzte sein Appeasement fort, gründete eine Jugendbewegung, die als Konkurrenz zur kommunistischen (und palästinensisch-jüdischen) Maki gedacht war. 1958 dachte Hakim darüber nach, mit dem israelischen Staat eine Vereinbarung einzugehen ähnlich jener der Drusen und Tscherkessen, die Teilnahme am zionistischen Militär betreffend – war aber unter den christlichen Palästinensern isoliert. Von Hillel Cohen gibt es zwei Bücher über palästinensische Kollaboration mit dem Zionismus (s. u.).

Aktivitäten zur weiteren Spaltung der Palästinenser gibt es auch aktuell, darunter Versuche, christliche palästinensische Bürger Israels in sein Militär einziehen. In einem teile-und-herrsche-Vorstoss veranstaltete das zionistische Verteidigungsministerium bei Nazareth eine “Konferenz” ab, in der es um Kollaboration von christlichen Palästinensern ging. Palästinenser wie die Schlayan-Brüder haben sich mit der äussersten Rechten der Zionisten zusammen getan bzw wurden von ihr rekrutiert; aber auch “gemäßigte” zionistische Politiker wie Livni (Benozovich) machen dabei mit. Der Inlands-Geheimdienst Shin Bet übt(e) Druck auf palästinensische Gemeinschaftsführer aus, die gegen die Initiative protestier(t)en. Beim Gaza-Massaker 14 waren diese Kollaborateure auch schon zur israelischen Propaganda eingespannt

Auch Evangelikale aus der USA versuchen, Teile der palästinensischen Christen zu bearbeiten. Spannungen oder gar deren Entladung unter israelischen Palästinensern, besonders entlang der Linie (die sie gern zu einer Grenze machen möchten) Moslems-Christen käme Zionisten sehr entgegen, und Nazareth wo Christen unter israelischen Palästinensern am stärksten sind, wäre dabei zentral. Bislang gibts nur Freiwillige unter christlichen und moslemischen Palästinensern in der zionistischen Armee (wie Schlayan). Die Versuche gehen auch in die Richtung, Melkiten und Maroniten gegen Orthodoxe (die weitaus grösste christliche Konfession unter Palästinensern) aufzubringen… Auch beim “Pinkwashing” geht es ja um die Instrumentalisierung bzw Spaltung der Palästinenser und PR für Israel (bzw Verdrehung der Realität).

Vor einigen Monaten fand in Sachnin eine grosse Versammlung der palästiensischen Gemeinschaft in Israel statt, als Protest gegen die staatlichen Bemühungen zur Spaltung der Gemeinschaft bzw Verhängung der Wehrpflicht für christliche Palästinenser. Organisiert wurde die Veranstaltung vom High Follow-up Committee for Arab Citizens of Israel, mit dabei waren Führungsfiguren wie der griechisch-orthodoxe Erzbischof Attalah Hanna (Theodosios), drusische Scheichs, palästinensische Knesset-Abgeordnete, Aktivisten,…

Die Maroniten in Palästina, das waren vor der Nakba ein paar Dörfer in Galiläa/Jalil, die seit dem 18. Jahrhundert aus dem angrenzenden, damals ebenfalls osmanischen Libanon eingewandert waren. Als die Region 1948 von zionistischen Milizen erobert wurde, wurden Iqrit and Kafr Bir’im geräumt, wie so viele Dörfer in Palästina während der Nakba (es war Benny Morris, der einst von Massakern dabei schrieb). Der Grossteil der Maroniten aus diesen Dörfern ging nach Jish, das zuvor schon einen maronitischen Bevölkerungs-Anteil hatte und von Zionisten auch “Gush Halaf” genannt wird; dessen sunnitische und orthodoxe Bevölkerung wurde wiederum nach Libanon vertrieben. Jish wurde Zentrum der Maroniten in Israel, die auch die Staatsbürgerschaft bekamen. Es ist einer der wenigen Orte in Israel/Palästina, wo zumindest teilweise die aramäische Sprache gepflegt wird. Das Engagement für das Recht auf Rückkehr in die alten Orte ist noch ein Thema; Diskriminierungen sind auch die Maroniten ausgesetzt. 2000 kamen mit dem israelischen Abzug aus dem Süd-Libanon Milizionäre der mit Israel verbündeten SLA nach Jish und Umgebung.

Das “teile und herrsche” spielt Israel nicht nur gegenüber den Palästinensern, sondern auch in der Region. Uri(el) Lubrani war lange in beiden Sphären dafür zuständig. Für die betreffenden Palästinenser gibt es eine Reihe von Motivationen bzw Gründen: der Glaube dass Kollaboration die Gemeinschaft voranbringt, der persönliche Vorteil (gegen die Gemeinschaft), die Folgen eines Konditionierungsprozesses,… Übrigens, von christlichen Palästinensern die im israelischen Militär dienen wollen, hört man, dass sie nicht zusammen Beduinen (bzw in der Minderheiteneinheit) dienen wollen (wenn schon, denn schon). Und, jene Palästinenser, die sich Israel andienen, werden auch diskriminiert.

Diskriminierung von israelischen Palästinensern wird auch damit gerechtfertigt dass diese keinen Militärdienst leisteten… Die zionistische Propagandamaschinerie deutet den palästinensischen Widerstand gegen das Pflanzen trojanischer Pferde in ihre Gemeinschaften um in “Diskriminierung von Christen” und “Illoyalität gegenüber Israel”, stellt die Sache der Kollaboration etwa bezüglich Militärdienst so dar, dass die Initiative von den Palästinensern ausgehe. Die moslemische Bevölkerungsmehrheit der Palästinenser soll von den anderen isoliert werden, sie schlechter behandelt werden; darum geht es und das kam auch schon bei Selektionen während der Nakba zur Anwendung.

Wenn Zionisten, zB der Kreis um Justus Weiner, “Unterstützung” für christliche Palästinenser vorheucheltn, geht es in Wirklichkeit um die Spaltung und Schädigung der Palästinenser bzw um PR in eigener Sache. Dieselben stellen (den christlichen Palästinenser) Sirhan Sirhan dann als quasi-moslemischen Fanatiker, als Jordanier, usw dar. Der Balad-Politker Azmi Bishara, ein katholischer Christ, musste vor der Verfolgung durch israelische Behörden ins Exil gehen. Echte Repräsentanten der christlichen Palästinenser, ob in Israel, den palästinensischen Rest-Gebieten oder der Diaspora, wie Bishara, Edward Said oder Mitri Ragheb, werden von zionistischen Kreisen genau so wie andere Palästinenser diffamiert…1 Nadia Hilou, eine christliche Palästinenserin mit israelischer Staatsbürgerschaft, war Abgeordnete im israelischen Parlament, für die Avoda. Dennoch (oder gerade deshalb…) wurde sie vor/nach einer Reise am Ben Gurion-Flughafen in Lod/Lydda vom Sicherheitspersonal vor ihren Kindern erniedrigend behandelt.

Das Spiel ging auch schon in die andere Richtung, als Israel vor dem Papst-Besuch und der Camp David-Konferenz 2000 zum Bau einer Moschee in Nazareth ermutigte, neben der Verkündungsbasilika. 03 zerstörten die Israelis den begonnenen Bau, nachdem das Spiel aufgegangen war, Moslems gegen Christen ausgespielt worden waren. Die Basilika in Nazareth ist auch immer wieder Ziel von Vandalismus-Angriffen jüdischer Israelis, von Behörden kommt dazu keine Hilfe, kein Schutz.

Durch Landenteignungen ist ab den 1950ern neben Nazareth die jüdische Siedlung “Nazareth Illit” (“Oberes Nazareth”) gebaut worden, im Rahmen der “Judaisierung Galiläas” und der “Wahrung des jüdischen Charakter des Staates”. Das mit der Enteignung lief und läuft zB so, dass Gesetze erlassen und herangezogen werden, die die Regierung berechtigt, eine Gegend aus militärischen Gründen zu beschlagnahmen. Nazareth Illit ist dazu da, um zu zeigen wer der Boss im Land ist, um das Wachstum von Nazareth einzuschränken, es in den Schatten zu stellen,…  Aus dem engen, ohne Bebauungsplan und auf wenig Fläche gewachsenen Nazareth sind in den letzten Jahrzehnten daher auch Palästinenser in das weiträumige “Illit” gezogen. Die Palästinenser in Galiläa und besonders Nazareth sind ein häufiges und dankbares Thema für israelische Politiker und ganz besonders in “Nazareth Illit”. Dessen Bürgermeister Shimon Gapso hat etwa 2010 das öffentliche Aufstellen von Weihnachtsbäumen verboten. Derselbe hat in einem Brief an Innenminister Yishai geschrieben, dass Nazareth als feindlich gegenüber dem jüdischen Staat erklärt werden und seine palästinensische Bevölkerung nach Gaza ausgewiesen solle.

Natürlich sind auch die palästinensischen Christen in den erst 1967 israelisch besetzten Gebieten von dieser Politik betroffen. Der Beschluss der UNESCO, die Geburtskirche und den Pilgerweg in Bethlehem zum Weltkulturerbe zu erklären (als erstes palästinensisches Denkmal), hat Empörung von Israel ausgelöst. Der Antrag sei von einem Staat gekommen, der nicht existiere, hiess es. Auch dass mit dem Dringlichkeitsantrag suggeriert werde, dass Israel als Besatzungsmacht im Westjordanland die Stätte nicht schütze, sorgte für Empörung. 2002, während der 2. Intifada, war die Geburtskirche in Bethlehem vom israelischen Militär belagert worden. Und die Trennmauer verläuft auch im „christlichen Dreieck“ Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahur nicht entlang der Eroberungslinie von 1949 sondern tief auf palästinensischem Rest-Territorium. Auch einmal ein Grund, Solidarität mit Christen im Orient zu üben, etwa mit den griechisch-orthodoxen Geistlichen, die in Beit Jala gegen die Mauer protestierten.

Die römischen Katholiken sind unter den palästinensischen Christen nach Orthodoxen und Melkiten die drittgrösste Konfession. Michel Sab(b)ah (ميشيل صباح‎) aus Nazareth war von 1987 bis 2008 der lateinische Patriarch von Jerusalem (mit Sitz in der Grabeskirche), als erster Palästinenser in dieser Position. Sabbah hat christlichen Zionismus als inkonsistent mit christlichen Lehren verurteilt und oft gegen die israelische Besatzung Stellung genommen.

Neben Religionsgemeinschaften, Vereinen, Parteien gibt es die (Dach-) Organisationen der “israelischen Araber”. Al Ard war eine frühe solche, wurde verboten. Abna el-Balad (Söhne des Landes) entstand ab Ende der 1960er, durch studierende israelische Palästinenser. 1982 wurde das High Follow-Up Committee for Arab Citizens of Israel gegründet, gewissermaßen als Nachfolgerin des Arabischen Oberkomitees das 1936/37 und 1945-48 bestand. Seine wichtigste Teil-Organisation ist das 1974 gegründete National Committee of Arab Local Council Heads (NCALC[H]), eine Vereinigung von Bürgermeistern und Kommunalpolitikern. Jonathan Cook schrieb, es gäbe Stimmen für die Direktwahl des High Follow-Up Committee, diese wird jedoch vermieden, weil Israel dies als Wahl zu einer Art eigenem Parlament betrachten und sehr harsch reagieren würde.

Neben der eigentlich binationalen kommunistischen Partei (seit 1977 hauptsächlich als “Hadash” aktiv) entstanden Parteien der israelischen Palästinenser. Dies waren in der Anfangszeit Israels die “Demokratische Liste Nazareth”, aus der die “Demokratische Liste israelischer Araber” wurde, beide waren mit der Arbeiterpartei Mapai verbunden. Das galt auch für die danach entstandenen Parteien “Fortschritt und Entwicklung”, “Zusammenarbeit und Brüderlichkeit” und der “Arabischen Liste für Beduinen und Dorfbewohner”. Einige dieser schlossen sich in den 1970ern zu der ersten “Vereinigten Arabischen Liste” zusammen, die sich in den 1980ern wieder auflöste. Dann entstanden die “Arabisch-Demokratische Partei”,”Balad”, die zweite “Vereinigte Arabische Liste” (aus der südlichen Islamischen Bewegung und der ADP) und “Ta’al”.

Ethnische Parteien gab/gibt es in Israel eigentlich eine Reihe, auch im jüdisch-zionistischen “Sektor”, ob das offen deklariert war (wie bei der “Yisrael BaAliyah”, für Einwanderer aus der Ex-SU oder der “Jemenitischen Vereinigung” für Einwanderer von dort) oder halb-offen (wie bei der “Schas”, der Partei der religiösen Mizrahis) oder dieser Charakter gewissermaßen ein Tabu war (wie bei den Arbeiterparteien, als Partei des aschkenasischen Establishments). Manche palästinensische Israelis sind auch für andere, zionistische Parteien aktiv; der erster der so in die Knesset kam, war Rostam Bastuni aus Haifa, für die Mapam, in der zweiten Periode.

Bei der letzen israelischen Wahl Ende 15 traten Balad, VAL, Taal, Hadash als Gemeinsame Liste an, weil die Sperrklausel angehoben wurde. Die Abna al-Balad rief trotz der neuen Liste zum Boykott dieser Wahlen auf, da eine Teilnahme einer Legitimation des Apartheid-Systems gleichkäme, und rief zu Solidarität mit den unter Besatzung lebenden Palästinensern, den vertriebenen und den ermordeten auf. Viele “israelische Araber” wählten auch nicht.

Es gibt immer wieder Versuche, Parteien der israelischen Palästinenser zu verbieten und einzelne Kandidaten von Wahlen auszuschliessen. Dies betraf zuletzt den “nördlichen Teil” der Islamischen Bewegung, bei der Balad wurde das etwa auch versucht. Eine Politikerin dieser Partei, die engagierte Palästinenserin Hanin Soabi (Zoabi) aus Nazareth, hat mit allerlei Angriffen offizieller und “inoffizieller” Art zu tun. Sie ist nicht bereit, die „brave Araberin“ zu geben, die sich genau an jene Grenzen hält, die im israelischen Diskurs den palästinensischen Israelis zugewiesen werden. Soabi reichte 124 Gesetzesinitiativen ein, die sich vor allem mit der Eingliederung arabischer Frauen in den Arbeitsmarkt beschäftigen. Sie kritisiert, dass bis heute der zionistische Mythos vom weitgehend unbewohnten Palästina, das die ersten jüdischen Siedler vorgefunden hätten, fortgeschrieben werde und fordert, dass dieses „Narrativ von ‚Das Land ohne Volk für ein Volk ohne Land‘“ geändert wird.

Nach der Entführung israelischer Jugendlicher im besetzten Westjordanland 14 (die dem Massaker in Gaza vorangingen), sagte sie u.a. dass Israel jeden Tag Jugendliche kidnappe. Ein Entrüstungssturm brach los, die mutige Politikerin bekam Hunderte Todesdrohungen, wurde von der Knesset suspendiert, Aussenminister Lieberman bezeichnete sie als “Terroristin”, die aus Marokko stammende Likud-Politikerin Regev forderte ihre Ausweisung nach Gaza (kommt gegenüber “israelischen Arabern” oft vor, dieser Wunsch), der Generalstaatsanwalt ermittelte (nicht gegen ihre Bedroher sondern gegen sie). In Wirklichkeit hat sie nur gesagt, was einem Ausgleich, was Frieden im Weg steht, das hat (wieder mal) den Zorn auf sich gezogen. Vor der Wahl wurde versucht, sie von der Kandidatur auszuschliessen. Bereits Monate davor hat der Likud-Politiker Danon ein Propagandavideo mit ihr hinter Gittern machen lassen. Im Parlament bekommt sie regelmäßig Beschimpfungen von den Rängen und auch Handgreiflichkeiten. Vielleicht auch mal ein Fall für Alice Schwarzer.

Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft gab es in allen Legislaturperioden im Parlament. In den 1970ern wurde der Druse Jabr Moadi, der meist über eine der “Satellitenlisten” der Mapai gewählt wurde, Vizeminister. Als einem der nächsten israelischen Palästinenser (und ersten Moslem) gelang dies Anfang der 1990er Nawaf Massalha, der für die Arbeiterpartei (Mifleget HaAvoda) gewählt wurde. Der Druse Salah Tarif (ebenfalls Avoda) wurde 2001 als erster Nicht-Jude Minister, ohne Geschäftsbereich und nicht für lange. 2007 wurde der Moslem Raleb Majadele (Avoda) Minister. Seine Ernennung in die Olmert-Regierung wurde von vielen Israelis kritisiert, darunter auch von neuen Kollegen im Kabinett, vor allem dem Rechtsextremen Avigdor Lieberman. Im selben Jahr amtierte der Druse Majalli Wahabi (Kadima) übergangsmäßig (für einen Tag) als Staatsoberhaupt, als Knesset-Vizepräsident, nach dem Rücktritt des angeklagten Präsidenten Kazav, als Parlamentspräsidentin Itzik auf Auslandsreise war. Ahmed Tibi (Ta’al) wurde wiederholt zu einem der stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt; auch er wird immer wieder bei Reden im Parlament beschimpft, des Saales verwiesen, hat mit gerichtlichen Ermittlungen gegen ihn zu kämpfen (u.a. weil er sich auch für PLO bzw für gesamt-palästinensische Belange engagierte).

Viel ist das nicht, angesichts der 20% Anteil, den diese Bevölkerungsgruppe ausmacht, also auch nicht unter den Prämissen des Zionismus, der Akzeptanz der Verteibungen von 48. Und im Vergleich mit politischen Gremien in Libanon, Syrien, Ägypten oder Rest-Palästina. Und, “israelische Araber” haben bei ihrer Ernennung in einigermaßen hohe Positionen (etwa in der Justiz oder im diplomatischen Dienst) immer mit Missgunst, Misstrauen, Verbalangriffen zu rechnen. Als 07 etwa Ra’adi Sfori einer der Direktoren des “Jewish National Fund” wurde, gab es eine Unterschriftensammlung dagegen.

Auch Fussballer wie Rifat “Jimmy” Turk sind Diskriminierungen und Anfeindungen gewöhnt. Turk ist aus Jaffa, spielte in israelischer Liga und Nationalteam, war Mitglied jenes israelischen Teams, das an Olympia 1976 teilnahm. Sogar en.wikipedia, wo gut organisierte Teams so etwas normalerweise schnell unter Vorwänden löschen2, sagt: “Turk was subjected to anti-Arab abuse during nearly every game he played”. Später war er für Meretz Vize-Bürgermeister von Tel Aviv, wo Jaffa eingemeindet worden war. Neben moslemischen oder christlichen Palästinensern wie Turk, Armeli, Badir, Suan, Grayib, Tuama sind auch die anderen nicht-jüdischen autochthoneren Restpopulationen von Israel in dessen Fussball repräsentiert, Tscherkessen wie Nathko, Drusen wie Azam; auch einige wenige Eigebürgerte wie Colautti. Auch im Unterhaltungsbereich tauchen “israelische Araber” gelegentlich auf, Mira Awad (Hadash-Unterstützerin) etwa trat beim Song Contest auf.

Die rund 300 000 im annektierten Ostjerusalem lebenden Palästinenser haben meist einen israelischen Personalausweis und gewisse Rechte (Bewegungsfreiheit innerhalb “Israel”, Sozialversicherung), aber keine Staatsangehörigkeit. Die Siedlungs- und Enteignungstätigkeit wird in und um Ost-Jerusalem besonders forciert, gegen sie. Diese wird oft vom US-Glücksspiel-Millionär Irving Moskowitz finanziert. Netanyahu wollte kürzlich eine Mauer in bzw zu Ost-Jerusalem errichten. Nach scharfer Kritik und Aufregung aus/in seiner eigenen Regierung  nahm er den Beschluss zurück. Ja, der Mauerbau könnte als Teilung Jerusalems ausgelegt werden. Ein Dilemma des Zionismus: einerseits der Willen zur Abgrenzung von den Palästinensern um jeden Preis, andererseits gönnt man diesen nicht ein Stück des Landes, ein Stück Freiheit, Autonomie. Für Israel gehe es (bei Besiedlung und Enteignung) um die „Sicherheit und Einheit Jerusalems“ (so Netanyahu). Israel reagiert auf Gegenwehr nicht nur in den 67 besetzten Gebieten, sondern auch im Kernland mit Hauszerstörungen, Ausbürgerungen, Abriegelungen,…

Echte Koexistenz ist sehr selten, die Hadash ist die einzige teilweise zionistische Partei, die eine echte Koexistenz mit Palästinensern anstrebt. Übrigens, auch in Apartheid-Südafrika war die Kommunistische Partei die einzige echte Anti-Apartheid-Partei die zT im privilegierten Bevölkerungs-Segment verankert war. Ansatzweise gab es das Bestreben nach einer echten Teilung des Landes auch bei der Mapam. Bei der Meretz, die u.a. aus Mapam hervorging, dominiert dagegen schon der “Liberalismus” nach Art der “Lapids” (Yosef & Yair), ein überheblicher und chauvinistischer Liberalismus. So ist die Siedlung Newe Schalom/Wahat es-Salam nur eine Erinnerung war, wie es vielleicht einmal war in dem Land und wie es sein hätte können. Yousef Jabareen, 2015 für die Gemeinsame Liste in die Knesset gewählt, sagte, Netanyahu wolle eine “Koexistenz”, in der Juden gegenüber Palästinensern privilegiert sind.

Wie es vielleicht einmal war, das war am ehesten Ende des 19., Anfang des 20. Jh, und damals gab es auch sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern, die heute sehr rar sind. Bei Kommunisten beider Seiten, durch eine gemeinsame Vision vereint, waren solche Beziehungen auch in der britischen Mandatszeit noch üblich. Die Eltern des unter ungeklärten Umständen ermordeten Juliano Mer-Khamis, ein christlicher Palästinenser aus Nazareth und eine israelische Jüdin, beides linke Aktivisten, waren sogar im Post-Nakba-Palästina/Israel noch zusammengekommen.

Von israelisch-jüdischer Seite sind “Mischehen” oder gemischte Beziehungen aus religiösen wie aus nationalistischen Gründen ungern gesehen. In Teilen der israelischen Presse ist von der Plage der “jüdisch-arabischen Ehen” zu lesen. Es gibt in jüdischen Wohngebieten die sich in Nachbarschaft von palästinensischen befinden, oft “Bürgerwehren” und ähnliches, die jüdische Frauen abhalten wollen, palästinensische Männer zu “treffen”, etwa in der israelischen Siedlung “Pisgat Zeev” in Ost-Jerusalem, in Petach Tikva bei Tel Aviv oder “Kiryat Gat” im Negev/Nagab, wo die bösen Beduinen lauern. Umgekehrt, beim Anbandeln jüdischer Männer mit Palästinenserinnen, ist die Sache übrigens anders; das kommt daher dass es (ethnologisch gesehen) den Männern des Unterwerfers erlaubt ist, mit Frauen der Unterworfenen etwas anzufangen. Die Likud-Politikerin Hotovely hat erst kürzlich vom “Problem jüdisch-palästinensischer Ehen” gesprochen; die Frau ist übrigens für die Annexion des Westjordanlandes.

Israelische Rechtsextremisten nationalreligiöser Art verüben hässliche Gewaltakte gegen Palästinenser (dies- und jenseits der grünen Linie von 1949), ob Moslems, Christen, Drusen, Linke,… bzw deren Besitz, hinterlassen dabei seit einigen Jahren den Slogan „Preisschild“ als Bekennerzeichen an den Tatorten ihrer Zerstörungen, Schmierereien und Brandanschläge, ob Häuser, Autos, Moscheen oder Kirchen. Selbst Fahrzeuge und Einrichtungen der israelischen Armee werden beschädigt, wenn diese gegen Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten vorgeht, welche sogar nach israelischem Recht illegal sind. Etwa wurden antichristliche Parolen auf die Wände einer Kirche in Jerusalem geschmiert. Hebräische Parolen gegen „Heiden“ und „Götzendiener“ sind immer wieder zu lesen. Unbekannte schrieben 14 die Worte „Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen“ an eine Wand des Büros der katholischen Bischofskonferenz in Jerusalem.

Der katholischer Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal (Sabbhas Nachfolger), sprach vor einer sprunghaften Übernahme der Angriffe. Die anhaltende Hasskriminalität sei „auch ein Schandmal für die Demokratie, die Israel sich selbst attestiert“, so Twal. Zwar würden die Taten verurteilt, aber eine Strafverfolgung finde kaum statt, bemängelte er. Weiterhin sei unklar, ob hinter den Vandalismusakten Einzeltäter oder eine Gruppe stünden. Israels Botschafter im Vatikan beschönigte die Taten als von „einigen Extremisten“, Christen gehe es ausserdem in “Israel” so gut, im Gegensatz zur Region… Der Entschädigungsfonds für Opfer von Terroranschlägen in Israel hat den Antrag einer katholischen Pilgerstätte zurückgewiesen, den bei einem Brandanschlag jüdischer Extremisten entstandenen Schaden zu erstatten. „Wir können die Summe nicht erstatten, weil wir gesetzlich gehalten sind, nur Terroropfer im Rahmen des israelisch-palästinensischen Konflikts oder von Kriegsfolgen zu entschädigen“. Bei dem Anschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha (2015) sei es aber um eine “religiös motivierte” Tat gegangen.

Ein “heikles” Thema ist auch das Verhältnis der israelischen Palästinenser zu jenen in den 1967 besetzen Gebieten sowie jenen in der (nahen und fernen, östlichen und westlichen) Diaspora. Die Kontakte sind 67 wieder einfacher geworden. Aus israelischer Sicht sind die beiden auseinanderzuhalten, ist der Glaube da, dass die “domestizierten” durch die “wilden” verdorben werden könnten. Auf der anderen Seite die dauernden Aufforderungen an die “israelischen Araber” bei Unbotmäßigkeit, doch nach Gaza oder das Westjordanland zu gehen. 2014 wollte Aussenminister Lieberman ihnen Geld bieten, damit sie das Land verlassen und in einen künftigen Palästinenserstaat ziehen. Aber hier wird er anderen Seite immerhin ein Staat zugestanden, wobei…

Ein Gebiets- oder Bevölkerungstausch (Siedlungsblöcke in der Westbank zu Israel, Teile Galiläas zu Palästina) wird auch gelegentlich angedacht. Es gibt “arabische Israelis” die ins Westjordanland siedeln, auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder einer anderen kulturellen Umgebung, die palästinensischer ist. Das Rückkehrrecht für einen Teil der Nachkommen der während der Nakba Vertriebenen ist etwas, das Israel auf keinen Fall möchte. 02/03 kam (auf Initiative von der Shinui) ein Gesetz zu Stande, dass die Deportation von mit “israelischen Arabern” verheirateten Westbank-/Gaza-Palästinensern aus Israel ermöglichte; offiziell mit “Sicherheits”-Begründungen, eigentlich wegen der Demografie.

Protest von Palästinensern in Jaffa
Protest von Palästinensern in Jaffa

So bewegt sich das Schicksal der “israelischen Araber” zwischen Ausschluss von dieser Nation, dem Verlangen nach Loyalität zu ihr, ihrer Zerschlagung in Klein-Gruppen, Instrumentalisierung und Sündenbock-Rolle. Es gibt Aushängeschilder wie Ayoub Kara, Khaled Abu Toameh (der darf sogar fürs “Gatestone Institute” schreiben…), Ismail Khaldi. Nicht nur kontrolliert Israel direkt oder indirekt die Palästinenser in Westbank und Gaza ohne deren Einwilligung und Mitbestimmung; die Behandlung bzw der Status jener in Israel (die de jure mitbestimmen) unterstreicht, dass Israel nicht wirklich eine liberale Demokratie ist, sondern ein ethno-nationalistischer Staat.

Das Pochen auf Israel als dezidiert “jüdischer Staat” ist nicht zuletzt gegen die “israelischen Araber” gerichtet. Dennoch wird gerne das Toleranz-Märchen von Israel erzählt und die “israelischen Araber” spielen dabei eine wichtige Rolle. An ihnen tobt sich der zionistische Chauvinismus aus, mit seinem Oszillieren zwischen “Schaut, wie tolerant wir doch sind” und “Diese gefährlichen, nichtsnutzigen Kameltreiber”. Die “Tweets” von Netanyahu während der letzten Wahl haben dieses Dilemma auf den Punkt gebracht. Sein(e) erste(s) Aussage/Posting war, ganz nebenbei, überhaupt undemokratisch, und der Widerruf war das heuchlerische. Israel ist für sie Araber entweder der unverdiente Himmel oder aber die verdiente Hölle… Wir sind ja so tolerant oder aber: Toleranz ist falsch. Die Verwendung der “israelischen Araber” für Propaganda auf “Jewish Virtual Library” oder aber die offene Hetze gegen sie auf “Arutz7”. Die Argumentation bezüglich ihnen (aber auch den anderen Palästinensern) ähnelt den Apartheid-Apologien (geht ihnen so gut dort; geht ihnen viel zu gut schwingt dabei immer mit).

Die Meinung der Palästinenser, ihr Befinden, zählt, wenn sie etwas Positives über Israel sagen, nur dann. Wenn sie das (angeblich) “Richtige” sagen, werden sie auch für Hasbara herangezogen. Z.B. von der rechten englisch-sprachigen israelischen Zeitung “Jerusalem Post”, als es um die Teilung Jerusalems ging (2002); da gab es einen Artikel mit dem Titel “Jerusalem Arabs oppose division of city”. Der Apartheid-Vorwurf ggü Israel wird gerne mit Verweis auf die “israelischen Araber” zu widerlegen versucht, obwohl die Behandlung dieser Palästinenser den Befund eigentlich stützt… Man schmückt sich gern mit ihnen, man hat Besitzansprüche über sie (was sich schon an der Bezeichnungen zeigt), sie sind eine Art Trophäe (so oder so).

Anhand der Kommentare zu einem Youtube-Video über den Abriss von Beduinen-Häusern im Negev/Nagab zeigen sich wieder die zwei Spielarten des zionistischen Chauvinismus: Einer schreibt, sie hätten eben keine Genehmigung zum Bau gehabt und hätten diese zu befolgen (hier wird keine Koexistenz-Lüge aufgestellt, Israel wird in der Boss-Rolle verortet, die Palästinenser in jener der Unterworfenen), ein anderer, dass die Beduinen Verbündete Israels seien und das Video möglicherweise von “Pallywood” manipuliert sei (die Authentizität der Sache, die der andere unterstützt, wird hier in Frage gestellt, eine Toleranz behauptet und das Ausspielen der Beduinen gegen die anderen Palästinenser mitgespielt).

Es gibt auch Mischungen bzw Kombinationen der 2 “Denkrichtungen”, etwa in einem Kommentar unter einem Artikel in dem es um die diskriminierende Politik Israels gegenüber seiner palästinensischen Rest-Bevölkerung geht: “Lol they are not discriminated against.They are enemies that deserve harsh measures. Soon terrorist Ghattas [auch ein Knesset-Abgeordneter] and Zoabi will be hung.” Nein, diskriminiert werden sie nicht, aber aufgehängt gehören sie. Ein zionistischer Kampfposter im Kommentarbereich von “derstandard” schrieb über die Kadima-Partei, diese hätte „20% christlichen Drusen“ als Mitglieder. Ja, die Drusen sind ja auch Christen und keine Abspaltung von der 7er-Schia, hauptsache sie können herangezogen werden, den ethno-nationalistischen Charakter Israels weisszuwaschen.

Für jene Philo-Zionisten, die (zB) für Klagenfurt keine andere Bezeichnung wollen als diese, ist auch “Yafo” der einzige legitime Name für eine andere Stadt. Jene, die “Celovec” als Alternativname propagieren, müssen sich die Wahrheit über das System das über Jaffa herrscht, zurechtbiegen, aber das gelingt.

Der Autor Sayed Kaschua aus Tira nahe der grünen Linie hat in seinem autobiografischen Roman “Tanzende Araber” Israel aus der Sicht eines “israelischen Arabers” geschildert, auch so Manches über jene Israelis, die sich als links/liberal deklarieren. 2014  kündigte er an, in die USA zu emigrieren, aufgrund des Rassismus in der israelischen Gesellschaft gegenüber “israelischen Arabern”. Seine “Haaretz”-Kolumne mit dem Titel “Why Sayed Kashua is leaving Jerusalem and never coming back: Everything people had told him since he was a teenager is coming true. Jewish-Arab co-existence has failed.” wurde anscheinend vom “Spiegel” übernommen (s.u.). Die Ankündigung kam zur Zeit der Massenverhaftungen, der Kriegsvorbereitungen und des Rachemordes nach der Entführung und Morden im Westjordanland.

 

As’ad Ghanem: The Palestinian-Arab Minority in Israel, 1948-2000 (2001)

Hillel Cohen: Good Arabs: The Isræli Security Agencies and the Isræli Arabs, 1948-1967 (2011)

Nida Shoughry: “Israeli-Arab” Political Mobilization: Between Acquiescence, Participation, and Resistance (2012)

As’ad Ghanem: Ethnic Politics in Israel: The Margins and the Ashkenazi Centre (2010)

Amal Jamal: Arab Minority Nationalism in Israel: The Politics of Indigeneity (2014)

Hillel Cohen: Army of Shadows: Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948 (2009)

Ian Lustick: Arabs in the Jewish State. Israel’s Control of a National Minority (1980)

Samih Farsoun, Christina E. Zacharia: Palestine And The Palestinians (1998)

Ayman Agbaria: The case of Palestinian civil society in Israel: Islam, civil society, and educational activism. In: Critical Studies in Education 55(1), 44-57, Dezember 2013

 

Human Rights Watch über die Diskriminierung “israelischer Araber”

Überblick über die diskriminierenden Gesetze gegenüber den “israelischen Arabern”, auf der Homepage von Adalah

“For Jews Only: Racism Inside Israel”. Interview mit Phyllis Bennis zur Zeit der 2. Intifada

www.richardsilverstein.com/2007/04/24/bishara-as-rorschach-test-for-israeli-democracy

Sayed Kashuas Gast-Artikel im “Spiegel”

https://electronicintifada.net/content/palestinians-israel-find-consensus-against-army-enlistment/13512

Ayn-Hawd

Contesting Christian Identity in Israel: Arab, Aramean, Palestinian or Other?

http://www.theguardian.com/world/2010/jul/25/israel-arab-citizens-knesset-zoabi

Regional Council of Unrecognized Villages of Negev (RCUV oder RCUVN)

Landraub bei den Beduinen

https://electronicintifada.net/blogs/patrick-strickland/israel-exploring-ways-lower-birthrate-bedouins-says-minister

“We are refugees in our homeland”

“Sammy” Smooha: Ethnic democracy: Israel as an archetype (1997)

http://thehasbarabuster.blogspot.co.at/2012/01/thin-walled-israeli-jewish-glass-house.html

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dasselbe gilt natürlich auch für Frauen oder Homosexuelle unter Palästinensern
  2. Das Produkt der Arbeit solcher Teams sind zB auch die Weisswaschungen und Verdrehungen im Artikel “Racism in Israel”, nicht zuletzt der Abschnitt “Racism against Israeli Jews by Israeli Arabs”. Auch “Ahmadiyya in Israel” zeugt von Hasbara-Bemühungen. Die Ahmadiyya, eine kleine Minderheit unter den Palästinensern (vielleicht etwas grösser als jene der Baha’i unter ihnen), werden in Deutschland und anderswo als Moslems gesehen (…); jene unter den Palästinensern werden wie die Drusen und Andere gegen die Palästinenser an sich instrumentalisiert, auch mit Geprotze bezüglich der (angeblichen) israelischen Behandlung von Ahmadiyya-Palästinensern. Ja, wenn es um die Aufspaltung des Feindes geht, kann man leicht “Toleranz” zeigen.

Überblick zur Geschichte und Gegenwart Armeniens

Armenien, auf Armenisch Հայաստան (Hayastan), das Land zwischen Europa und Asien, liegt in einem seismischen wie politischen Bebengebiet. Auch der Völkermord mit ihnen steht damit in Zusammenhang, dieser jährt sich heuer zum 100. Mal (1915-2015). Nach dieser Katastrophe wurde das russisch beherrschte Ost-Armenien unabhängig, der erste armenische Staat nach Jahrhunderten. Am Ende dieser Phase war aber fast alles verloren. Das Ende der Sowjetunion war die nächste grosse Zäsur. Zur Zeit gibt es quasi zwei armenische Staaten, da Karabach diesen Status der Unabhängigkeit beansprucht, sich nicht an die Republik Armenien angeschlossen hat. Und die Diaspora (armenisch “Spjurk”).

Historischer Überblick bis zum Ersten Weltkrieg

In das 6. Jh. vC fällt der Übergang vom Urartu-Reich (von dem sich der Name Ararat ableitet, der auf armenisch Masis heisst) zu Hayassa (aus dem Hayastan wurde) bzw. Harminuya (> Arminya), das meist persisch beherrscht war. Armenien/Hayastan gewann seine Unabhängigkeit in der Spät-Antike, unter König Tigran entstand ein Grossreich, das schon damals in einer schwierigen geopolitischen Lage war, zwischen Rom und Persien. Nach Tigran kam Armenien auch unter römische Oberherrschaft. Im 4. Jh erfolgte seine Christianisierung. Ende des 4. Jh wurde es zwischen Byzanz und Persien geteilt, womit die Spaltung in Ost- und West-Armenien eingeleitet wurde. Auch die Begriffe Gross- und Kleinarmenien werden dafür benutzt, da Persien mit dem Osten etwa vier Fünftel Armeniens bekam; allerdings werden Gross- und Kleinarmenien auch zur Bezeichnung des “eigentlichen” Armenien bzw Kilikiens (wo im Hoch-Mittelalter ein armenischer “Filialstaat” entstand) verwendet. In dieser Zeit der ersten Teilung wirkte Mesrop Mashtoz, der Entwickler des armenischen Alphabets, der zwischen den Sphären pendelte. Auch die Behauptung der Eigenständigkeit der armenischen Kirche und ihr Festhalten am (gemäßigten) Monophysitismus ist in Spät-Antike/Früh-Mittelalter anzusetzen.

Wenn man so will, waren die moslemischen Araber der lachende Dritte im “Duell” zwischen Persien und Byzanz, auch Armenien geriet Anfang des 7. Jh unter ihre Herrschaft, war aber autonom. Im 9. Jh wurde es wieder unabhängig, unter der Bagratiden-Dynastie. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Byzanz, das sich damit selber schwächte, da Armenien einen Pufferstaat zu den Seldschuken darstellte. Im 11. Jh nahmen diese zuerst Armenien ein und eroberten dann den Grossteil der kleinasiatischen Gebiete des Byzantinischen Reichs. Armenien verlor damit für sehr lange Zeit seine Unabhängigkeit, wurde Spielball anderer Mächte. Auch die Entstehung der armenischen Diaspora wird auf die Seldschuken-Invasion zurückgeführt; diese bewirkte eine Massenflucht nach Kilikien und über den Kaukasus und Russland nach Europa. Byzantinische Herrscher haben aber schon Jahrhunderte zuvor Armenier auf den Balkan umsiedeln lassen. In Kilikien entstand im 11./12. Jh “Kleinarmenien”, das mit den südlich angrenzenden Kreuzfahrer-Staaten zusammenarbeitete. “Grossarmenien” wurde von Seldschuken beherrscht, erlebte im 13. und 14. Mongolen-Invasionen.

Kleinarmenien/Kilikien wurde 1375 von den Mameluken unterworfen, im eigentlichen Armenien herrschten nach den Mongolen u.a. Turkmenen. Es wurde im 16. Jh zwischen dem safawidischen Perserreich und dem osmanischen Türkenreich geteilt, eine Weichenstellung für die Neuzeit, die einige Jahrhunderte Bestand hatte, auch wenn die Grenzziehung jahrhundertelang umstritten war. Die Teilung Armeniens in einen Ost- und Westteil durch verschiedene Staaten war eine Konstante in seiner Geschichte, hat sich auch in der Sprache und der Kirche ausgewirkt. Das nun osmanische West-Armenien war auf diverse Eyalets, später Vilayets, aufgeteilt, bis in das späte 19. Jh hinein als “Ermenistan” anerkannt. Daneben gab es natürlich eine armenische “Binnen-Diaspora” im Osmanischen Reich, ob in Kilikien, Syrien, Palästina (an der Spitze ihrer Präsenz in Jerusalem stand der dortige Patriarch) oder Konstantinopel/Istanbul. Der armenische Patriarch in Istanbul, der theologisch dem Katholikos von Etschmiadsin in Ost-Armenien untergeordnet war, wurde vom osmanischen Staat als Oberhaupt der armenischen Nation (Millet) in diesem Staat gesehen. In Sis gab es, quasi als Relikt des armenischen Reichs in Kilikien, ein Katholikat, das in Konkurrenz zu jenem in Etschmiadsin bestand und sich erst im 17. Jh unterordnete. Auf der Achtamar-Insel im Van-See bestand seit dem 12. Jh ebenfalls ein Gegenkatholikat, das aus Protest gegen die Ausrufung eines Minderjährigen zum Katholikos von Etschmiadsin entstand und später ein regionales Katholikat wurde (statt einem konkurrierenden). Unmittelbare Nachbarn und Mitbewohner der Armenier im westlichen Teil ihres Stammlandes waren Kurden, mit denen sie eine lange, konfliktreiche Geschichte verbindet.

Im persischen Ost-Armenien befand sich das Etschmiadsin-Katholikat (die Führung der armenisch-gregorianischen/apostolischen Kirche, bis heute), das “albanische” Katholikat, wie auch der für Armenier heilige Berg Ararat (Masis). Unter Schah Abbas wurden Armenier weiter in den Süden Persiens umgesiedelt, v.a. nach Isfahan. In ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet im Nordwesten des Persischen Reichs waren hauptsächlich Aserbeidschaner (Aseris) ihre Nachbarn. Auch in Karabach/Arzach, das unter diversen Herrschern Autonomie behauptete (auch unter den Persern). Der Rest Ost-Armeniens wurde unter den Persern auf die Khanate Jerewan und Nachitschewan aufgeteilt. 1827/28 eroberte das Russische Reich Ost-Armenien und weitere Gebiete im Süd-Kaukasus von den Persern; Russen waren die Hauptfeinde der nun angrenzenden Osmanen. Die Verwaltungsgliederung wie auch die Behandlung allgemein wechselte unter Russen, verschlechterte sich, anfangs gab es ein “Armenisches Gebiet” (Oblast) mit Autonomie. Das Gebiet (und spätere Einheiten) umfasste die vormaligen persischen Khanate Jerewan und Nachitschewan, nicht aber Karabach. Ostarmenien war unter den Russen als Teil des Kaukasus neben Sibirien Verbannungsort für Gegner des Zaren-Regimes (Narodniki, Raskolniki,…).

Ende des 19. Jh verschlechterte sich das Verhältnis der Armenier zu den Türken wie zu den Aseris. Was das osmanische West-Armenien betraf, so kam mit dem Niedergang des Reichs das Ende relativer osmanisch-moslemischer Toleranz. Der Versuch der Modernisierung und Umorganisierung des Reichs, die Tanzimat-Periode, endete mit Sultan Abdulhamid (Abdülhamit) 1876. Armenier, die eine wichtige Rolle im Handel einnahmen, lebten v.a. in den sechs Vilayets, die W-Armenien ausmachten, aber auch in vielen anderen Gebieten des Sultanats. Das Osmanische Reich war im 19. Jh unter starken Einfluss europäischer Staaten geraten, die hier unterschiedliche Ziele verfolgten. Es gärte unter Türken wie unter Arabern oder Armeniern. Die Griechen gewannen Stück für Stück ihre Unabhängigkeit, der Balkan ging sukzessive verloren. Nordkaukasische moslemische Völker aus dem russischem Bereich (oft pauschal als “Tscherkessen” bezeichnet) wurden auch in W-Armenien angesiedelt, wodurch Armenier dort zusehends in die “Defensive” gerieten. Im osmanisch-russischen Krieg 1877/78 kämpften Armenier auf beiden Seiten; im Friedensvertrag von Berlin musste ein Teil W-Armeniens, das Gebiet um Kars, an Russland abgetreten werden, daneben wurde Autonomie für Armenier unter osmanischer Herrschaft beschlossen. Da diese nicht gewährt wurde, gab es armenische Proteste, daraufhin kam es zu Massaker an Armeniern, Mitte der 1890er, die erstes grossen unter osmanischer Herrschaft, unter Abdülhamit, durch die von ihm geschaffenen Hamdiyeh-Einheiten (die hauptsächlich aus Kurden bestanden), mit zehntausenden Todes-Opfern.

Ende des 19. Jh entstand auch unter Armeniern eine Nationalbewegung, nicht zuletzt in Konkurrenz zu religiösen Führern. Russland wurde darin manchmal als Verbündeter gesehen, manchmal als einer von zwei Mächten die über Armenien herrschten. Autonomie in diesen Reichen war ein Ziel von Teilen dieser Bewegung, Unabhängigkeit das von anderen. Wichtigste Organisation wurde die 1890 im russischen Bereich gegründete “Föderation Armenischer Revolutionäre” (Hay Heghapokhakanneri Dashnaktsutyun), meist “Dashnaktsutiun” oder “Daschnak” genannt, die sich mit Arabern gegen Osmanen verbündete, mit Sozialisten gegen den Zaren. Daneben entstand die ebenfalls linksnationalistische “Hntschak” (in der westlichen Diaspora) und die “Armenak”/”Ramgavar”. Die Daschnak führte 1896 einen Banküberfall in Istanbul durch und 1905 ein Attentat auf den Sultan. Zur westlichen Diaspora gehörte auch die Führung der mit “Rom” unierten armenisch-katholischen Kirche.

Der Völkermord

Die Jungtürken-Bewegung hatte ursprünglich neben nationalistischen auch liberale Ziele, wie die Wiedereinsetzung von Verfassung und Parlament im Osmanischen Reich, Beschneidung der Macht des Sultans, Abänderung einer rein islamischen Rechtsdefinition. Sie arbeitete vor ihrer Machtübernahme dabei auch mit armenischen Organisationen zusammen. Nach ihrer Machtübernahme 1908/09 wurden vorrangig jene Tanzimat-Maßnahmen wieder eingeführt, die unter Abdulhamit rückgängig gemacht worden waren, darunter auch die formale Gleichstellung aller Bürger und Wehrpflicht für alle (was im Balkankrieg zum Tragen kam). Im Sinne von Minderheiten (damit sind in erster Linie Nicht-Moslems gemeint) war (auch) die Amnestie für Angehörige von Bürgerwehren wie den armenischen. Islam war auch angesichts der Unabhängigkeits-Bestrebungen der arabischen Völker keine “Reichsklammer” mehr. 1909 wurde von Anhängern der alten Ordnung an Armeniern in Kilikien (v.a. Adana) ein neues Massaker verübt; Armenier waren zu einem gutem Teil anfänglich für die Jungtürken. Der liberale Teil der jungtürkischen Bewegung spaltete sich von ihrer Organisation “Komitee für Einheit und Fortschritt” ab; Streitpunkt war zB die Frage Zentralismus-Föderalismus. 1913 stürzte das Komitee diese nun gerade herrschenden “Freiheits- und Einigkeitspartei”. Die “drei Paschas” Talat, Enver und Djemal wurde dominierende Kräfte in der Regierung (Talat am Ende als Grosswesir), führten das Reich an der Seite der Mittelmächte in den grossen Krieg. Die Jungtürken (das Komitee) regierten bis zur Niederlage im 1. WK, dem Sultan eher übergeordnet, wie Mussolini dem König in Italien später.

Dort wo Kleinasien und Kaukasus aufeinandertreffen, grenzten Russisches und Osmanisches Reich aneinander, lebten auf beiden Seiten Armenier. Dort kam es 1914 zum Krieg. Vorrangiges türkisches Ziel war die Rückeroberung der 1878 verlorenen Gebiete, im Hintergrund lockte die Aussicht auf eine “Vereinigung” mit Turkvölkern im Kaukasus und Zentralasien. Für die Russen waren die Armenier Vehikel für ihre gleichfalls expansionistische Politik. Istanbuler Patriarchat und Daschnak riefen die osmanischen Armenier zu osmanischem Kriegsdienst auf. 1914/15 erfolgte ein russischer Vorstoss nach Kleinasien, die Eroberung Westarmeniens und Nord-Kurdistans. Manche West-Armenier halfen der vorrückenden russischen Armee – so wie etwa Araber damals den Briten im Irak gegen die Osmanen halfen oder Nordkaukasier im russischen Bereich den Osmanen gegen die Russen. Daneben kämpften natürlich Ost-Armenier in der russischen Armee. 1915 gelang es der osmanischen Armee, die Russen zurückzuschlagen. In der Phase darauf ereignete sich der Völkermord (armenisch Aghet, Katastrophe).

Armenier wurden von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Sultanats nach der ersten Niederlage gegen die Russen 1914 als deren fünfte Kolonne gesehen; hier fiel der Beschluss zu den folgenden Maßnahmen. Es begann 1915 mit Entlassungen von Armeniern aus osmanischem Staats- und Kriegsdienst, dann folgten Verhaftungen ihrer Notabeln, im April in Istanbul. Diran Kelekian, Gründer und erster Chefredakteur der Tageszeitung “Sabah”, als Professor an der Universität Istanbul/Konstantinopel akademischer Lehrer zahlreicher Führer der jungtürkischen Bewegung, war unter jenen führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinde Istanbuls, die Opfer der Verhaftungswelle vom 24. und 25. April 1915 wurden. Diese Armenier aus dem Westen sowie jene aus allen Teilen Anatoliens (v.a. aus W-Armenien) wurden zunächst nach Zentralanatolien deportiert; von dort weiter in die syrische Wüste weiter getrieben; ein Endpunkt war Dar es Zur. Die Deportationen waren begleitet von Übergriffen aller Art, Massakern, Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Verschleppungen. Eine maßgebliche Rolle spielten wieder die Kurden, auch beim Eindringen osmanischer Truppen nach Persien, wo die Zentralgewalt damals sehr schwach war, und der dortigen Verfolgung von Armeniern und Assyrern.

Widerstand leisteten Armenier u.a. in Van, das von ihnen mit Unterbrechungen bis 1918 gehalten werden konnte und am Musa Dag (Musa Ler) im Antiochia-Gebiet 1915 (von Franz Werfel verarbeitet), wo dann ausländische Hilfe kam, in Form eines französischen Schiffes. Hunderttausende Armenier wurden in diesen Monaten getötet, manche überlebten, versteckt in Anatolien (auch mit Hilfe von Türken oder Kurden) oder in Syrien (wo vielen von Arabern geholfen wurde) oder ins russische O-Armenien geflüchtet. Betroffen waren auch Assyrer, Pontus-Griechen und Georgier in Ost-Anatolien, denen ebenfalls Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellt wurden. Armenische Kinder, die als Waisen den Völkermord in Syrien oder anderswo überlebten, wurden in der Regel türkisiert, eine besonders unrühmliche Rolle spielte dabei Halide Edip, osmanische Schulinspektorin in diesem Gebiet, in Zusammenarbeit mit Djemal Pascha.

Hauptverantwortlicher für den Völkermord war (Mehmet) Talat Pascha, z. T. bulgarisch-pomakischer Herkunft, Innenminister und 1917/18 Grosswesir. Er fand nach dem Krieg in Deutschland Zuflucht und wurde dort 1921 von einem Armenier ermordet. Enver Pascha (ein Offizier, 1914-18 Kriegsminister) hatte albanische und gagausische Wurzeln am Balkan, nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er in die SU und versuchte sich dort in pan-turkistischen Aktivitäten. Er wurde 1922 in Tadschikistan (einem nicht-türkischen Gebiet Zentralasiens) von russischen Truppen (anscheinend unter einem Armenier) getötet. (Ahmed) Djemal Pascha, ebf. ein Offizier, hatte evtl. griechische Wurzeln, war Marine-Minister, wurde 1922 in Georgien (damals SU) für seine Verantwortung am Genozid (die eine geringe gewesen sein soll) von Armeniern ermordet.

Armenische Geschichte nach dem Völkermord

1916 gelang der russischen Armee die Wiedereroberung Ost-Anatoliens, womit die Deportationen und Massaker von Christen in diesem Gebiet zu einem Ende kamen. Mit den Russen kämpften armenische Milizen wie jene unter “Dro” Kanayan (ein ost-armenischer Daschnake). Die Russen drangen diesmal weiter vor, die Frontlinie umfasste dann in etwa die Grenzen West-Armeniens (ausgehend von Gerasunt/Giresun am Schwarzen Meer, dann südlich von Erzingan und Van verlaufend, bis zur persischen Grenze), das nun von Armeniern weitgehend leer war. 1916/17 war dieses Gebiet also unter russischer Verwaltung; es gab keine Autonomie für verbliebene oder aus O-Armenien zurückkehrende Armenier, dagegen eine Ansiedlung von Russen. Wegen der russischen Revolutionen 1917 zog sich die russische Armee von der “Kaukasus-Front” zurück; jene der Osmanen war auch an der Dardanellen-Front um Istanbul und diversen arabischen Fronten beschäftigt.

Die Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern und anderen christlichen Völkern. Da im Zuge der Umwälzungen im Russischen Reich O-Armenien (wie auch andere Gebiete) de facto unabhängig war, war damals ganz Armenien mehr oder weniger unter armenischer Kontrolle – aber ein grosser Teil der Bevölkerung war getötet oder verschleppt worden und die Zukunft war unsicher. In dieser Phase, der armenischen Kontrolle über W-Armenien/NO-Anatolien, soll es Gräuel gegen Türken und Kurden in dieser Region gegeben haben, ob zur Sicherung der Herrschaft oder als Vergeltung, was in einer polyperspektivischen Betrachtung auch nicht unterschlagen werden sollte. Ein Denkmal für durch armenische Unabhängigkeitskämpfer ermordete Türken gibt es dort auch längst, eines für Armenier nicht.

1918 stieg die kommunistische Regierung Russlands ganz aus dem Krieg aus, vereinbarte im März im Brest-Litowsk-Vertrag die Rückgabe des Kars- und Batumi-Gebiets an das Osmanische Reich; keiner der Beiden kontrollierte zu dem Zeitpunkt aber das betreffende Gebiet. Am Ende des Kriegs eroberte die osmanische Armee unter Enver Pascha aber W-Armenien zurück, es gab neue Massaker und Vertreibungen, die Enver-Armee drang auch nach O-Armenien ein, wurde in der Sardarapat-Schlacht abgewehrt. In dieser Zeit (Mai ’18) rief O-Armenien (wie auch die anderen beiden südkaukasischen Staaten) offiziell seine Unabhängigkeit aus. Während W-Armenien wieder osmanisch war, wurde O-Armenien unabhängig. Im Oktober des Jahres kapitulierte das Osmanische Reich (Mudros-Waffenstillstand). Türkische und kurdische Kämpfer mussten sich aus den westlichen Gebieten des unabhängigen Armeniens, wie Kars, zurückziehen. Die drei Jungtürken-Führer flüchteten mit deutscher Hilfe ins Ausland, wo sie von Armeniern getötet wurden (s.o). Der liberale Flügel der Jungtürken kam unter westeuropäischer Besatzung im Osmanischen Reich wieder ans Ruder; etwa Damad Farid Pascha, der 1919 und 1920 Grosswesir war, ein Türke montenegrinischer Herkunft – bei den Jungtürken-Führern gab es auffallend viele Eingetürkte. Die Besetzung durch die Entente betraf das türkische Kernland, nicht aber Ost-Anatolien. Unter der Besatzung fanden 1919-21 auch Prozesse gegen Jungtürken-Führer der zweiten Reihe und andere Verantwortliche des Genozids statt.

Die Demokratische Republik Armenien bestand 1918-20, im davor und danach russischen Ost-Armenien, war überfüllt mit Flüchtlingen aus West-Armenien. Das Kars-Gebiet, Nachitschewan und der Ararat waren Teil dieses Staats; Karabach war mit Aserbeidschan, Javakheti mit Georgien, umstritten. Bei der Parlaments-Wahl 1919 wurde die Daschnak die stärkste Partei. Aseris waren die grösste Minderheit, im Kars-Gebiet gabs auch viele Kurden. Die im 1. WK siegreiche Entente unterstütze im Russischen Bürgerkrieg die Weisse Armee, die die Wiederherstellung alter Grenzen wollte, somit kein unabhängiges Armenien.

Die Nachkriegsverhandlungen in den Pariser Vororten führten bezüglich des Osmanischen Reichs 1920 zum Vertrag von Sevres; zwischen den „verbliebenen“ Alliierten des Kriegs (Russland war nicht mehr dabei) und dem Osmanischen Reich. Der Vertrag bestätigte die Abtrennung der arabischen Gebiete (an Grossbritannien und Frankreich). Griechenland und Armenien bekamen ihren Anteil am Osmanischen Reich zugesprochen; im Fall der Griechen waren das die teilweise griechisch besiedelten Gebiete Ost-Thrakien und das Gebiet um Smyrna/Izmir. Das damals unabhängige O-Armenien sollte W-Armenien bekommen; unter USA-Präsident Wilson wurde den Armeniern ein Gebiet zugestanden, das 2 Jahre zuvor in Reichweite gewesen war, das sich im Wesentlichen mit der Frontlinie 1916-18 deckte, das noch heute in der Regel die Maximalforderung von, je nach Standpunkt, nationalistischen oder geschichtsbewussten Armeniern darstellt, ein Gebiet über das die Armenier zuletzt vor 900 Jahren geherrscht hatten. Darüber hinaus wurde fast das ganze Kleinasien/Anatolien europäischen Mächten als “Einflusszone” zugesprochen.

Türkischer Widerstand gegen Sevres formierte sich unter einer neuen Nationalbewegung, geführt von mittleren Offizieren wie Mustafa Kemal Pascha (später “Atatürk”) aus Saloniki, und führte zum “Türkischen Unabhängigkeitskrieg” an drei Fronten (1919-23). Armenier waren auch von der türkischen Einnahme Smyrnas (von Griechenland) und Kilikiens (von Frankreich) betroffen, vor allem aber natürlich vom Vorstoss unter Karabekir auf Ost-Armenien (“Türkisch-Armenischer Krieg”). Keiner der Alliierten/Entente-Mächte hatte den Schutz für das in Sevres geschaffene Gross-Armenien übernommen. Armenien verlor so nicht nur den Westteil, der Hauptschauplatz des Völkermords gewesen war, bevor es ihn in Besitz genommen hatte, sondern auch das Kars-Gebiet; das Friedensdiktat von Alexandropol bestätigte die Brest-Litowsk-Grenze. Der Rest Armeniens unterstellte sich der Sowjetunion, um Schlimmeres zu verhindern, die Unabhängigkeit endete somit nach zwei Jahren.

1921 schlossen die kemalistische Regierung des sterbenden Osmanischen Reichs und die der jungen Sowjetunion den Vertrag von Kars über ihre Grenze, die hauptsächlich die Armenier betraf. Der neue Vertrag folgte dem von Alexandropol weitgehend, zusätzlich zur Kars-Ardahan-Region wurde nun auch noch die Surmalu/Igdir-Region mit dem Ararat/Masis den Türken zugesprochen; nachdem in West-Armenien fast keine Armenier mehr lebten, waren die Armenier nun erstmals von “ihrem” Berg getrennt! Nach dem 2. WK stellte die SU den Kars-Vertrag und die darin festgelegte Grenzziehung in Frage. Inner-Sowjetische Grenzziehungen wirkten sich auch ungünstig für die Armenier aus: 1922 wurden Karabach, Nachitschewan und Javakheti abgetrennt bzw. den Nachbarn Aserbeidschan und Georgien zugeschlagen. Die heutigen Grenzen Armeniens sind auf die Ereignisse der Jahre 1920-22 zurückzuführen. Durch den Völkermord und Kriege 1914 bis 1922 haben Armenier etwa neun Zehntel ihres Landes (neben W-Armenien auch den Ararat und andere ostarmenische Gebiete) und zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren.

Die Gründung der Republik Türkei 1923 war “Schlusspunkt” dieser Phase, die Weichen für die nächsten Jahrzehnte waren gestellt. Die Prozesse gegen die Völkermord-Verantwortlichen waren bereits 1921 eingestellt worden. Der türkische Nationalstaat sollte eine türkische Nationalkultur haben, weshalb unter dem unumschränkten Herrscher Atatürk neben diversen Verwestlichungsschritten (wie der Einführung der lateinischen statt der arabischen Schrift) auch kulturelle Nationalisierungs-Maßnahmen durchgeführt wurden, wie die “Reinigung” der Sprache von Wörtern ausländischer Herkunft. So “gemischt” die Türken von ihrer Ethnogenese sind, so widersprüchlich ist dieses Unterfangen auch. Ziya Gökalp, der mit das theoretische Fundament für den türkischen Nationalismus legte, war eigentlich Kurde. Kurden, nicht durch die Religion von der türkischen Mehrheitsgesellschaft getrennt, haben lange bei allem mitgemacht, sind in grosser Zahl in ihnen aufgegangen (grosse Teile der türkischen Gesellschaft bis hin zu Staatspräsidenten wie Turgut Özal haben/hatten kurdische Wurzeln, früher osmanische Sultane). Widerstand nicht-assimilierter Kurden begann nach der Gründung der Türkei. Die Niederschlagung des immer wieder aufflackernden Aufbegehrens in Südost-Anatolien war in Dersim 1937/38 abgeschlossen; wenn man so will, begann es in den 1980ern wieder mit der PKK.

Der armenische Rest in der Türkei lebt(e) v.a. in Istanbul, wo sich auch ihr Patriarchat befindet; daneben existieren diverse “Krypto-Armenier” über das Land verstreut, s. u. 1939 gaben die Franzosen das Antiochia-Gebiet an die Türkei ab (statt an Syrien), Armenier hatten wieder die Wahl zwischen Exodus und Massaker. 1955 gab es in Istanbul ein Pogrom gegen christliche Gruppen, v.a. Griechen, die damals noch zahlreicher waren, nachdem bekannt wurde dass in Saloniki ein Anschlag auf das Geburtshaus Atatürks stattgefunden hatte, wahrscheinlich eine Aktion unter falscher Flagge. Unter den wenigen Nicht-Moslems, die seit der Gründung der Türkei ins Parlament gewählt wurden, waren auch einige Istanbul-Armenier, zuletzt der Bauunternehmer Migirdic Sellefyan Ende der 1950er, für die DP.

In Sowjet-Armenien gabs in der Anfangszeit von der Daschnak (die dann verboten wurde) etwas Widerstand, der bald unter Kontrolle gebracht war. Alexander Mjasnikjan (“Mjasnikov”) war in der Anfangszeit Chef der KP in Armenien und Ministerpräsident der Teilrepublik. 1922-36 wurden die drei südkaukasischen Republiken Armenien, Georgien, Aserbeidschan zur “Transkaukasischen Republik” zusammengeschlossen, dann wieder getrennt. Nachitschewan und ein Teil Karabachs wurden autonome Gebiete Aserbeidschans, in dessem Gebiet Armenier auch sonst verstreut lebten, vielfach in der Ölindustrie arbeiteten. Die Tötungen, Zwangskollektivierungen und Deportationen unter Stalin betrafen natürlich auch Armenier. Katholikos Choren I. wurde damals ermordet, aber auch (führende) Kommunisten wie Khanijan, der (aus Van stammende) Parteichef der Republik. Mit Anastas Mikoyan war sogar ein Armenier Staatsoberhaupt der Sowjetunion, 1964/65, in der Ära Breschnew, als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets.

Das Agrarland (Ost-) Armenien wurde industrialisiert. Kulturelle Autonomie, vor allem die Pflege der eigenen Sprache war weitgehend gewährleistet. Es gab sogar eine Einwanderung von Diaspora-Armeniern nach Sowjet-Armenien, die Familie des späteren Präsidenten Lewon Ter-Petrossian kam etwa 1946 aus Syrien. Im 2. WK kam die deutsche Wehrmacht nicht bis Armenien; Sowjet-Armenier kämpften aber für die Rote Armee an diversen Fronten, Marschall Ivan Bagramyan führte sie im Baltikum. Ein anderer berühmter Sowjet-Armenier war der Komponist Aram Khatchatourian. Durch den Kalten Krieg war Armenien wieder im Spannungsfeld der Weltpolitik, an der sowjetisch-türkischen Grenze stiessen die beiden Blöcke aneinander, die SU-Republik Armenien war auf der einen Seite, das von Armeniern entvölkerte türkische West-Armenien auf der anderen. Die “religiöse Entsprechung” zur Tatsache, dass ein Teil der Armenier zum Ostblock gehörte und ein anderer zum Westblock, war die doppelköpfige Führung ihrer Kirche durch die Katholikate von Etschmiadsin und Beirut, wobei ersteres den Vorrang hatte.

Eine armenische Diaspora in Westasien gibts hautsächlich im Iran, Syrien und Libanon. In diesen Staaten haben Armenier nach ihrem Völkermord auch Zuflucht gefunden. Die multiethnische/-religiöse Gesellschaft des Libanon, der in den 1940ern von Frankreich unabhängig wurde, kam Armeniern entgegen. Neben dem unierten Patriarchat übersiedelte in den 1920ern auch das kilikische Katholikat aus der Türkei in dieses Land. Die ungünstige Entwicklung im “Nahen Osten” (Bürgerkrieg Libanon ab 1975, Revolution Iran 1979,…) traf auch die dort lebenden Armenier. Die Diaspora im Westen wird seit dem 1. WK immer grösser, hier sind v.a. Frankreich und USA zu nennen. Herausragende Vertreter sind hier der Künstler Charles Azanavour oder der Politiker George Deukmejian (war Gouverneur von Kalifornien). In der Diaspora müssen Armenier oft eine Dreifach-Identität bewältigen; ein in Deutschland lebender armenischer Iraner etwa wird (was rein die Sprache betrifft) versuchen, Deutsch, Armenisch und Persisch zu beherrschen. 1973 erschoss der Diaspora-Armenier Yanikian, der den Völkermord erlebt hatte, in der USA türkische Diplomaten; in Folge bildete sich die ASALA (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia), die bis Ende der 1980er Gewalt gegen türkische Staatsrepräsentanten und Zivilisten ausübte (vom Libanon aus), den Kreislauf des Hasses kräftig ankurbelte. Die ASALA bestand hauptsächlichst aus West-Armeniern, Nachkommen von Völkermord-Überlebenden, die in den Libanon gegangen waren

1988 brachte für Sowjet-Armenien zum einen ein verheerendes Erdbeben (~25 000 Todesopfer, grosse Zerstörungen), zum anderen den Beginn des Konfliktes mit der benachbarten Sowjet-Republik Aserbeidschan um Berg-Karabach/Arzach. Wie auch in Jugoslawien brachte die Lockerung des kommunistischen Systems in der Sowjetunion eingefrorene nationale Konflikte zum Auftauen. Die grossteils armenische Bevölkerung Karabachs, das autonomes Gebiet innerhalb Aserbeidschans war, wollte den Anschluss an Armenien. Die Unruhen, die sich zunächst etwa in Vertreibungen niederschlugen, brachten auch neue armenisch-türkische Spannungen. Die Türkei betrachtet sich als eine Art Schutzmacht für sie sprach- und religionsverwandten Aserbeidschaner/Aseris. Aseris wurden aus Karabach und Armenien vertrieben, Armenier aus Aserbeidschan und dessem exterritoralen Gebiet Nachitschewan. Dieser “Bevölkerungsaustausch” war mit Massakern verbunden, wie jenes in Baku 1988 an dort lebenden Armeniern.

Die anti-kommunistische Unabhängigkeitsbewegung sammelte sich in der “Pan-Nationalen Armenischen Bewegung” (Hayots Hamazgain Sharzhum/Հայոց Համազգային Շարժում/HHSch), deren Kandidaten bei der ersten halbwegs freien Wahl zum Parlament SU-Armeniens (“Oberster Rat”) als Unabhängige antraten und viele Sitze errangen; die KP gewann die Wahl. Der HHSch-Spitzenmann Lewon Ter-Petrossian wurde zunächst Parlamentspräsident. Die SU-Republik Armenien erklärte im August 1990 ihre “Souveränität”. Nach dem gescheiterten Putsch von Altkommunisten gegen SU-Präsident Gorbatschow im August 1991 erklärte sie sich für unabhängig, was von der Bevölkerung in einem Referendum bestätigt wurde. Dies fiel zeitlich ziemlich mit der Wahl Ter-Petrossians zum Präsidenten Armeniens zusammen, der im November 1991 sein Amt antrat.

Mit der Unabhängigkeit begann der (Berg-)Karabach-Krieg mit Aserbeidschan. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte autonome Gebiet erklärte sich unabhängig, Aserbeidschan hob seine Autonomie auf. Armenier leisteten gegen den Versuch der Eingliederung Widerstand, eroberten 1992 das Latschin-Gebiet, einen Verbindungskorridor zwischen Karabach/Arzach und der Republik Armenien; dieses Gebiet war 1922 wie andere Teile Karabachs nicht zu dem autonomen Gebiet dazugenommen worden. Armenien behauptete in dem bis 1994 laufenden Krieg diese Gebiete. Nach etwa 30 000 Toten auf beiden Seiten wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Karabach wurde nicht als Teil Armeniens proklamiert, es ist je nach Sichtweise unabhängig oder ein abtrünniger/besetzter Teil Aserbeidschans, de facto ist es aber ein Teil Armeniens. Der Krieg hat das vom Erdbeben schon schwer getroffene Land weiter wirtschaftlich geschwächt, nicht zuletzt, da Aserbeidschan, schon zu Sowjet-Zeiten, eine Blockade der Luft- und Schienenwege nach Armenien verfügte. Die Grenze zur Türkei war nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion kurz geöffnet, wurde dann aufgrund des Krieges von der Türkei geschlossen. 1993 drohte Türkeis Präsident Özal Armenien. Aserbeidschan profitiert von Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, Armenien bleibt arm.

Vor diesem Hintergrund vollzogen sich die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen von der SU-Republik zum unabhängigen Staat. Wie auch in den anderen ehemaligen SU-Republiken kamen irgendwann die Privatisierungen der Staatsbetriebe, wodurch eine Klasse der Oligarchen entstand, die eng mit der Politik verbunden ist. Von den drei Kaukasus-Republiken hat sich Georgien inzwischen am stärksten von Russland ab- und dem Westen zugewandt, Aserbeidschan (das auch noch die Türkei hat) hat noch relativ starke Bande, Armenien ist von diesen Staaten am stärksten an Russland “orientiert”. Ob das den Handel betrifft (wo es aber auch neue Partner gab) oder die Militärbasis in Gyumri, die Russland in Armenien unterhalten darf, oder die russische Minderheit im Land (oder auch die in Russland lebenden Armenier). Zu den Nachbarn Georgien und Iran hat Armenien vielfältige Beziehungen. 1993 wurde eine eigene Währung eingeführt, davor gab es eine Währungsunion innerhalb der GUS. Auf religiösem Gebiet gab es 1995 eine Art Versöhnung, Neshan Sarkissian, als Garegin II. Katholikos von Kilikien im Libanon, wurde als Karekin I. (ost-armenische Schreibweise) Katholikos von Etschmiadsin, somit Oberhaupt der armenisch-gregorianischen Kirche, der die meisten Armenier, in der Republik und in der Diaspora, angehören.

Die innenpolitischen Probleme begannen mit dem Auseinanderfall der HHSch, dessen Rest 1995 noch die Wahl gewann. Armenien hat ein semi-präsidentielles System, ist de facto aber eine Präsidialrepublik, was schon unter Ter-Petrossian zu Spannungen mit Regierung und Parlament führte – anders herum kann man auch sagen, dass er autoritäre Züge an den Tag legte. Er liess etwa die Daschnak-Partei (HHD), damals neben der KP die stärkste Oppositionspartei, vorübergehend verbieten. Seine Wiederwahl 1996 war die erste Wahl mit Schiebungsvorwürfen in Armenien. 1998 trat er wegen Unstimmigkeiten mit der Regierung unter Robert Khotscharian, der zu seinem Nachfolger gewählt wurde, zurück. Die Republikanische Partei (HHK), 1990 gegründet, wurde bei der Parlamentswahl 1999 Grosspartei, siegte vor der KP-Nachfolgepartei HKK, stellte mit Wasgen Sargsyan den Ministerpräsidenten. Seither hat sie bei allen Wahlen gewonnen, wahrscheinlich aber nicht ganz “sauber”, und übt ein Machtmonopol aus. Im Oktober 1999 ereignete sich ein Terrorangriff auf das Parlament, eine Gruppe unter einem Ex-Daschnak-Aktivisten tötete den Ministerpräsidenten, Parlamentspräsident K. Demirtschian (KP-Chef der Republik 74-88, nun bei der HZK) sowie mehrere Minister und Abgeordnete. Der damalige Sicherheitsminister Sersch Sargsian wurde von Ex-Präsident Ter-Petrossian der Komplizenschaft mit den Terroristen beschuldigt, auch Präsident Khotscharian (parteilos) wurde dessen beschuldigt. Sersch Sargsian von der HHK wurde 2007 Ministerpräsident, 2008 Staatspräsident.

Der Ararat von Jerewan aus gesehen
Der Ararat von Jerewan aus gesehen

Der Umgang mit dem Völkermord, seine Aufarbeitung

Eng verbunden mit der Beurteilung des Völkermordes ist die Frage, inwiefern Unabhängigkeits- bzw. Irredentismusbestrebungen der Armenier berechtigt waren; abgesehen davon, dass nur ein Teil der West-Armenier diesen Bestrebungen nachgingen. Es gab gerade im 1. Weltkrieg einige vergleichbare Situationen. Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter. In der Ukraine standen sie sich auch gegenüber, und beide verdächtigten die Ukrainer der Kollaboration mit dem Anderen und erliessen auch harte Repressalien in Fällen, wo sie diesen Verdacht bestätigt sahen; diese waren aber weit weg von kollektiven Zwangsumsiedlungen aus dem Kriegsgebiet. Ähnlich verhielt es sich an der österreichisch-italienischen Front, wo viele Italiener unter österreichisch-ungarischer Herrschaft (Trient, Triest) vor “Loyalitätskonflikten” standen, wo es Exekutionen gab wie jene Cesare Battistis.

Natürlich gab/gibt es vielerorts Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, harten Maßnahmen währenddessen und dem Bestreben nach Grenzveränderungen. Während des 1. Weltkriegs gab es einige Volksgruppen im Osmanischen Reich, die ein ähnliches Schicksal wie die Armenier erleiden hätten können, nicht zuletzt diverse arabische Völker, aufgrund ihrer Sezessionsbestrebungen. Die osmanischen Kriegsherren wie Djemal Pascha sollen potentiell illoyalen Gemeinschaften explizit gedroht haben, sie wie die Armenier zu behandeln. Die Sezessionsbestrebungen der Araber versuchten die Jungtürken auch niederzuwerfen (Djemal Pascha hier auch verantwortlich), waren aber nicht so grausam und auch nicht erfolgreich wie bei den Armeniern. Weil die Araber viel zahlreicher waren und das fragliche Gebiet grösser, weil die Türken Anatolien im Gegensatz zu Irak oder Palästina als ihr Kernland betrachteten oder weil sich Westmächte um die arabischen Länder kümmerten?

Durch den Prozess gegen Soghomon Tehlirjan, den Talat-Attentäter, im Deutschen Reich wurde vieles über den Völkermord erstmals bekannt, zumal der Theologe Johannes Lepsius, der Helfer und Zeuge dabei gewesen war, dort aussagte. Deutsche waren im Krieg Verbündete der Osmanen gewesen, bei den Aktionen gegen Armenier in mehrerer Hinsicht Mittäter bzw. Kollaborateure; auch einer dieser Beteiligten sagte damals in Berlin aus, General Liman von Sanders. Lepsius hat nach dem Ersten Weltkrieg auch Akten des deutschen Aussenministeriums zu den Deportationen veröffentlicht, diese so genannten Lepsius-Dokumente galten bis in die 1960er als die wichtigste Quelle für den Völkermord an den Armeniern.

Franz Werfels 1933 erschienener Tatsachenroman “Die vierzig Tage des Musa Dag” war eine der frühen Thematisierungen des Völkermordes, und ist bis heute eine der eindrucksvollsten. 1929 war er mit Alma Mahler über Kairo nach Jerusalem und weiter nach Damaskus gereist, alles Länder die in der Zwischenkriegszeit unter europäischer, nicht mehr osmanischer, Herrschaft standen. In Damaskus im französisch beherrschten Syrien wurden sie auch in die grösste Teppichweberei der Stadt geführt. Bei der Führung bemerkten sie ausgehungerte Kinder, die Hilfsarbeiten verrichteten. Der Fabrikbesitzer erklärte dazu, es seien die Kinder der von den Türken erschlagenen Armenier, denen er Brot und Unterkunft für die Arbeit gäbe. Dies war Werfels erste Begegnung mit dem Unglück der Armenier, das ihn so bewegte, dass er noch auf der Reise die Idee eines Romans skizzierte. Um die historischen Details zu erfahren, suchte er u.a. das armenische Kloster der Mechitaristen in Wien auf (eine armenisch-katholische Kongregation übrigens), wo er in der Bibliothek recherchieren durfte. Werfel, im 1. WK selbst Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee, fand die Augenzeugenberichte eines protestantischen Priesters namens Dikran Andreasian über die Ereignisse von 1915 in der Antiochia-Region, wo auf diesem Berg Widerstand geleistet wurde. 36 Tage, nicht 40, einer der Punkte, in denen der Roman von der Realität abweicht. Viele der von Franzosen geretteten Musa-Dag-Überlebenden wurden einige Jahre später von diesen bei der Besetzung der Region eingesetzt. Als die Franzosen das Gebiet 1939 an die Türkei abtraten (die es dann “Hatay” nannte), zogen auch die meisten Armenier ab, viele liessen sich in der Bekaa-Ebene im Libanon nieder.

Die sogenannten Andonian-Papiere sind in der Forschung über den Völkermord deshalb so wichtig, weil sie (im Fall ihrer Echtheit) die Vernichtungsabsicht bei den Umsiedlungsaktionen beweisen, oder aber (im Fall ihrer Falschheit) diese Absicht widerlegen sollen, ein Hinweis auf die ungerechtfertigte Unterstellung dieser wären. Die Diskussionen bei den Wikipedia-Artikeln über sie sind ein ganz guter Indikator für ihre Umstrittenheit. “The Memoirs of Naim Bey: Turkish Official Documents Relating to the Deportation and the Massacres of Armenians” wurden 1920 von Aram Andonian, einem der Überlebenden der am 24. April 1915 aus Istanbul nach Anatolien deportierten Armenier, als Buchpublikation herausgebracht. Im selben Jahr erschien eine französische Ausgabe, im Jahr darauf in USA eine armenische. Sie zeigen, teils als Faksimile, teils als Übersetzung, Telegramme der jungtürkischen Führung an Regierungsstellen in der damaligen osmanischen Provinz, welche als Anordnung zur Vernichtung der deportierten Armenier verstanden werden müssen. Ein osmanischer Beamter in Aleppo, eben dieser Naim Bey, soll sie gesammelt und dann verkauft haben. Die Zweifel beziehen sich vor allem auf Unstimmigkeiten bei Datumsangaben in den Telegrammen. Zur Bewertung dieser und anderer Dokumente zum Genozid sind Kenntnisse des osmanischen Rumi-Kalenders, der osmanischen Sprache (die in vielen Punkten vom heutigen Türkisch abweicht) und des Chiffriersystems der osmanischen Behörden notwendig, Kenntnisse, die rar geworden sind, wie der deutsche Wikipedia-Artikel anmerkt!

Daher ist der Authentizitäts-Streit auch ziemlich auf die Experten-Ebene beschränkt. Natürlich ist auch der Kontext der Entstehung zu betrachten; zum Zeitpunkt der Entstehung und Veröffentlichung des Buches war das Schicksal Armeniens noch in der Schwebe, in Sevres wurde verhandelt, die englische Ausgabe enthält einen offenen Brief des deutschen Völkermord-Augenzeugen Armin Wegner an den dort maßgeblichen USA-Präsidenten Wilson. Falls die Dokumente gefälscht wurden, muss dies nicht unbedingt auf Andonian zurückgehen, es könnte auch jemand versucht haben, damit ein Geschäft zu machen. Die Tatsache, dass auch nicht-revisionistische Forscher zu diesem Genozid wie Yves Ternon und Christopher Walker nicht (ganz) von der Echtheit der verwendeten Telegramme überzeugt sind, ist Grund genug, die Zweifel zu akzeptieren. Dazu sei gesagt, dass die Vernichtungabsicht und damit der Genozid-Charakter der Aktionen nicht von dem Buch abhängen. Die Originale der Naim-Bey-Telegramme sind verschollen.

Die Aufarbeitung dieses Völkermordes war in der Geschichtsforschung wie in der Politik lange ein Aussenseiter-Thema (ausser für Armenier). Sowohl die Anzweiflung als auch die Anerkennung des Völkermord-Charakters der osmanischen Aktionen gegen die Armenier im 1. Weltkrieg folgt in der Regel weniger sachlichen Begutachtungen und Kriterien als politischen Erwägungen! Die zentralen Streitfragen der Diskussion darüber, insofern sie einigermaßen seriös geführt wird, sind die Frage der Vernichtungsabsicht, die Opferzahlen, die “Rechtmäßigkeit” bzw. der Anlass der Deportationen. Inzwischen hat sich in Historiographie und Politik grossteils durchgesetzt, dass es sich um einen der grossen Völkermorde des 20. Jh. handelt, neben dem an Juden und dem Stalins an verschiedenen Gruppen; der “Völkermord”-Begriff ist nach dem 2. Weltkrieg entstanden.

Es gibt gewisse Parallelen zum Völkermord an den Juden, dem/der Holocaust/Schoah, etwa dass beide im Schatten des Krieges stattfanden. Gerade diese Gemeinsamkeiten werden aber oft in Frage gestellt. Guenter Lewy (aus Deutschland nach USA) etwa lässt den Völkermord an den Zigeunern/Sinti wie auch den an den Armeniern nicht als solchen gelten, zum Entzücken v. a. von türkischen Nationalisten. Er trifft sich mit Eberhard Jäckel, einem deutschen Historiker, der das Lied von der Einzigartigkeit des jüdischen Holokausts singt, von “Legenden­bildungen bezüglich der Zigeuner die sich sehr geschickt den verfolgten Juden gleichstellen möchten” schreibt; Sündenstolz? Bernard Lewis, ein anderer Leugner, verteidigt wie Vertreter des türkischen Staates die These des “Bürgerkriegs” zwischen Türken und Armeniern. Auch Daniel Goldhagen oder Steven T. Katz verfechten eine “abgehobene, metahistorisierende Einzigartigkeit der Shoa” (Kieser). Justin McCarthy, in diesem Zusammenhang (Leugnung/Relativierung des Armenier-Genozids) berüchtigt, dürfte “eingekauft” worden sein. Ein kleiner Indikator, welcher Unterschied international in der Akzeptanz des jüdischen und des armenischen Völkermordes besteht: Bei der Eishockey-WM 2006 musste das armenische Team (in der Division III) am armenischen Völkermord-Gedenktag (24.