Russland, seine Revolutionen und alternative Entwicklungen

Eine Übersicht über die Weggabelungen bei den russischen Revolutionen 1917 inklusive der Vorlauf- und Folgeentwicklungen. 5 Tage vor der Wahl(farce) in Russland. Kontrafaktische Szenarien um diesen Wendepunkt der Weltgeschichte werden angerissen

* Ein Reformer am Zarenthron, statt Nikolai II., der 1894 letzter Zar wurde, einer der den politischen, sozialen und nationalen Herausforderungen anders begegnet wäre, vielleicht schon bevor sich Unmut in einer ersten Revolution 1905 äusserte (die zur Einrichtung einer Duma im Jahr darauf führte). Wenn Nikolaus/Nikolai etwas Macht abgegeben hätte, hätte ihm eine Revolution mit seinem Sturz erspart bleiben können (etwas, das man auch über den letzten Schah des Iran sagen kann). Noch im Winter 1916/17 hat der Zar eine Konferenz des Semstwo-Bundes unter Fürst Georgi Lwow in Moskau verboten.

* Ein anderer Verlauf der Kämpfe, in denen das russische Militär im 1. WK als Teil der Entente involviert war, also hauptsächlich an der Ostfront, wo es um die Grenzen Russlands gegenüber Deutschland, Österreich, dem wiederentstehenden Polen,… ging. Russische Kriegs-Ziele waren neben Einfluss und Gebietsgewinnen in Osteuropa auch Konstantinopel und Teile Anatoliens vom Osmanischen Reich sowie Teile Persiens. Erfolge des russischen Militärs hätten die Zarenherrschaft stabilisiert. Oder anders herum, die “Februarrevolution” war nicht zuletzt durch die Kriegssituation mit Deutschland und die Kriegsfolgen für die Bevölkerung bedingt. Die provisorischen Regierungen unter Lwow und Kerensky haben den Krieg an der Seite der Entente fortgesetzt, die imperialen Ziele des Zaren übernommen1, auch sie hatten aber wenig Erfolg. Andernfalls hätte die Oktoberrevolution ausbleiben können.

* Die Abdankung des Zaren/Kaisers durch die Revolution im März 1917 (“Februarrevolution”) verläuft anders bzw bewirkt eine andere Folge-Entwicklung. Und zwar die Erhaltung der Monarchie, unter Nikolais Bruder Michail, der vielleicht etwas Reform zulässt. Nach dem Februaraufstand (Julianischer Kalender), dem die Autokratie zum Opfer fiel, wollten auch manche Parteien eine konstitutionelle Monarchie. Und, Nikolai setzte damals auch seinen Sohn Alexei, den Bluter, ein, änderte noch am selben Tag diese Entscheidung zugunsten seines Bruders. Michael trat am Tag danach ab, nach einem Treffen mit Vertretern der provisorischen Regierung unter Georgi Lwow (der von den Rurikiden abstammte), die er gleichzeitig anerkannte.

Das Ende von 300 Jahren Romanov-Herrschaft, eine Dynastie, die sehr deutsch geworden war durch Heiraten. Wenn sich Michail (II.) Romanov also am 16. März (Gregorianischer Kalender) anders entschieden hätte, hätte er in der provisorischen Regierung und in der Duma auch einige Unterstützer gehabt. Es heisst, Michail (derwie seine Verwandten 1918 umgebracht wurde) wollte durch seine Abdankung die Monarchie erhalten, bzw sie durch eine Volksabstimmung über die Verfassung/Staatsform wieder-herstellen.

Die Provisorische Regierung unter Lwow und dann Kerensky bezog ihre Legitimation zum Einen vom Zaren-Bruder, dessen Zarentum umstritten ist, zum Anderen von der alten “zaristischen”, zuletzt 1912 gewählten Duma. Der unter sehr eingeschränktem Wahlrecht gewählten Duma. Die Republik wurde erst im September vom damaligen Premierminister Alexander Kerensky proklamiert. Die von Kommunisten dominierten Sowjets hatten ab Februar schon gewisse Macht im Land bzw bildeten Parallelstrukturen.

* Eine andere Entwicklung der “Juli-Krise” ’17 und der Kornilow-Affäre, welche den Zustand nach der Februar-Revolution erhalten hätte, mit der Provisorischen Regierung (mit oder ohne Bolschewiken), und zu einer Demokratisierung hätte führen können

Im Sommer 17 kam einiges zusammen: Streit in der Koalitionsregierung unter Lwow, u.a. über die Frage der Autonomie der Ukraine (s. u.), der Auseinanderfall der Regierung, eine neue Regierung unter dem Sozial-Revolutionären Kerensky, Kriegsniederlagen (Scheitern der Kerensky-Offensive) und wirtschaftliche Engpässe, die den Bolschewiken und dem von ihnen dominierten Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldaten-Vertreter2 Auftrieb gaben, sowie das von Armeechef Lew Kornilow im August angeordnete Vorgehen gegen den Petrograder Sowjet. Dieser war eine Konkurrenz zu den provisorischen Regierungen3 und versuchte im Revolutionsjahr, seinen Wirkungsbereich über St. Petersburg/Petrograd hinaus auszudehnen, baute eine Miliz, die Roten Garden, auf.

General Kornilow, der aus einer Kosaken-Familie stammte, war in diesen Jahren im Weltkrieg, im revolutionären Russland und im Bürgerkrieg (in der Weissen Armee) engagiert. Im August 17 ordnete er Truppen an, den Petrograder Sowjet gewaltsam aufzulösen, den er als eine Störkraft ansah. Premier Kerensky hatte er dabei nicht auf seiner Seite. Die Sache scheiterte, da der Sowjet in der Hauptstadt bewaffnete Einheiten mobilisieren konnte. Und Macht verschob sich von der Regierung zur “Gegenregierung”. Die Armee waren in den oberen Rängen ziemlich zaristisch/monarchistisch, drängte zu mehr Macht, einem anderem Kurs. Die Bolschewiken wurden zunehmend als Bollwerk gegen eine Rückkehr der Zarenherrschaft gesehen. Hätte die russische Armee aber den Sowjet aufgelöst, wären die Bolschewiken und andere linke Kräfte nachhaltig geschwächt gewesen, so dass die “Oktoberrevolution” hätte ausbleiben können.

Sich ein Pluralismus hätte erhalten bzw etablieren können. Aus marxistischer Sicht gab es aber unter den pluralistischen Regierungen der Monate März bis November keine (echten) Reformbemühungen und waren diese dominiert von den Anliegen der bisher herrschenden Klasse(n).4 Auch die Konstitutionell-Demokratische Partei (KD, “Kadetten”), deren Chef Pavel Miliukov Aussenminister war, war demnach eine Oberschichtpartei, die auf Erhaltung von Privilegien aus war, wenn auch nicht auf eine Fortsetzung der Zarenherrschaft (Monarchie).5 Die provisorischen Regierungen haben aber das universale Wahlrecht für Lokalwahlen eingeführt, weiters Gleichheit aller Bürger und bürgerliche Rechte. Jedoch: Die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung (Konstituante), die die Weichen für die Zukunft Russlands stellen sollte und die Reformarbeit legitimieren, wurde ab Februar 17 immer wieder verschoben. Und: Infolge der Juli-Krise gewannen die linken Parteien (Petersburger Sowjet, v.a. Bolschewiken) wie gesagt auf Kosten der bürgerlichen (provisor. Regierung aus KD und anderen) an Rückhalt in der Bevölkerung.

* Auch die Stellung nicht-russischer Volksgruppen waren in der Übergangsphase vom Zarenreich zur Sowjetunion ein Thema, die SU (und ihre Nachfolgestaaten) hätte(n) damals andere Grenzen bekommen können. Die provisorische Regierung akzeptierte die Unabhängigkeit Polens von Russland, was aber weniger grosszügig war als es vielleicht aussieht; denn Polen war zu diesem Zeitpunkt vom Deutschen Reich und Österreich-Ungarn besetzt, hätte auch Gebiete dieser zwei Kriegsgegner Russlands reklamieren können… Mit der Unabhängigkeit Finnlands taten sich die russischen Übergangsregierungen schon schwerer. Das “Grossfürstentum” Finnland war mit dem Russischen Reich mehr oder weniger durch eine Personalunion verbunden (und genoss innere Autonomie), hätte nach der Abdankung von Nikolai/Nikolaus eigentlich unabhängig sein müssen… Die russische Regierung argumentierte aber, dass pro-deutsche Elemente in Helsinki das Sagen hätten, akzeptierte die finnische “Autonomie”-Erklärung vom Juli 17 nicht. Die Ukraine war (und ist) natürlich für Russland als Nation noch viel wichtiger.

Im Juni 17 erklärte die ukrainische Rada die Autonomie dieses Teils des Russischen Reichs, und im Jänner 1918 die Unabhängigkeit, unterstützt von Deutschland und Österreich. Dies brachte die erste provisorische Regierung zum Auseinanderfall, die KD (“Kadetten”) unter Miliukov wollten die Rada im Gegensatz zu anderen Parteien nicht anerkennen, sah einen deutsch inspirierten Separatismus, verliessen die Regierung. Kerensky sagte beim ersten Kongress der Sowjets Russlands im Juni/Juli, er anerkenne die Rechte der Ukraine und Finnlands, aber eine gewählte russische Konstituante müsse eine Abspaltung billigen. Die in den Sowjets dominierenden Bolschewiken riefen 17 eine Ukrainische Sowjet-Republik aus. Bei der Wahl zu der Konstituante im November 17 stimmten etwa 70% der Ukrainer für ukrainisch-nationalistische Parteien.  1917 bis 1921 wurde um die Ukraine gekämpft, eigentlich handelte es sich um Anteile verschiedener Kriege, die sich zT überschnitten, das Land wurde schliesslich Teil der Sowjetunion.

Natürlich ging es russischen Politikern bei der Behandlung separatistischer Tendenzen auch darum, dass das Reich an allen Rändern und auch mittendrin bröckeln und auseinanderfallen könne. Im Kaukasus entstanden in den Jahren innerer russischer Wirren auch (drei) unabhängige Staaten, in Zentralasien versuchte man das auch, die baltischen Staaten wurden mit Weltkriegsende unabhängig, Polen und Finnland ja auch… Was Teil des russischen Kerngebiets war, war und ist nicht so eindeutig zu beantworten, und gerade im Fall der Ukraine nicht.

Lenin nicht aus der Schweiz nach Russland durchgelassen

Wladimir Uljanov (“Lenin”) wurde im Zarenreich wegen seines politischen Aktivismus in die sibirische Verbannung geschickt, war dann 17 Jahre im Exil, zuletzt in der Schweiz.6 Als 1914 der Krieg in Europa “ausbrach”, beschlossen die dortigen sozialistischen Parteien, die Regierungen ihrer Länder zu unterstützen, die russische tat das nicht. Lenin unterstützte, wie auch schon 1905 (als es auch eine Revolution während des Kriegs gab), die äusseren Feinde des zaristischen Russlands; im Inneren sah er die Menschewiki als Hauptgegner.7 Lenin wollte den “imperialistischen Krieg” in einen “Bürgerkrieg” zugunsten der Proletarier verwandeln.

Das Deutsche Reich (Kriegsgegner Russlands), nämlich Erich Ludendorff, erteilte “Lenin” und seinen Anhängern im April 17 die Genehmigung, mit dem Zug über Deutschland nach Russland zurückzukehren. Um Russland zu destabilisieren.  Kaiser Wilhelm II., Verwandter des inzwischen inhaftierten Ex-Zars Nikolaus II., soll dies gebilligt haben. Die Gruppe aus 31 russischen sozialistischen Revolutionären unter unter Lenin/Uljanov konnte in einem versiegelten Zug aus der Schweiz über Deutschland fahren, über Schweden, kamen in Finnland in russisches Gebiet, schliesslich nach Petrograd/Petersburg (vor dessen Toren der ehemalige Zar und seine Familie inzwischen interniert waren).8 Nach seiner Ankunft forderte Lenin den sofortigen Rückzug Russlands vom Krieg und die Machtübergabe an Arbeiter- und Soldaten-Räte, begann gegen die Regierungen9 zu arbeiten, die für 9 Monate Herrscher Russlands waren. Im Juli entging er knapp einer von Regierung angeordneten Verhaftung, tauchte unter in Finnland. Sechs Monate nach seiner Rückkehr brach Lenin eine neue Revolution in Russland “vom Zaun”, die zu einer Alleinherrschaft der Bolschewiki führte, und die das Land (und andere) für Jahrzehnte prägen sollte

Wenn der Erste Generalquartiermeister Ludendorff (mit Hindenburg, seinem Kollegen der Obersten Heeresleitung, Quasi-Diktator Deutschlands) also 1917 anders entschieden hätte, etwa die mittelfristigen Auswirkungen eines sozialistischen Russlands auf Deutschland in seine Entscheidung mit einbezogen hätte… Die neue Revolution im November war sehr stark mit der Person Lenin verbunden, der dann, zunächst als Revolutionsführer, Machthaber wurde. Im Idealfall wäre Russland ohne Oktoberrevolution einen Weg der Demokratisierung gegangen. Die Linke “einzubauen” wäre aber eine grosse Herausforderung gewesen.

Im Fall eines erzwungenen Verbleibs in der Schweiz wäre auch ein weiteres Alternativszenario möglich gewesen, das etwa (der Schweizer) Christian Kracht in „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ausgemalt hat. Bevor die Februarrevolution in Russland im März 17 Lenins ganze Aufmerksamkeit bekam, hat er sich auch in Schweizer Angelegenheiten engagiert. Vor allem während seines Aufenthalts in Zürich, wo er versuchte, die Sozialdemokratische Partei (SP) zu spalten, um eine Bewegung zu gründen, die auch in der Schweiz eine proletarische Revolution herbeiführen könne. Der Generalstreik vom November 1918 in der Schweiz (“Landesstreik”) hätte sich mit einem Lenin im Lande zu einem Kampf der bewaffneten Arbeiterschaft um die Macht entwickeln können

* Den Menschewiki gelingt es, sich nach Oktoberrevolution (mit) an der Macht zu halten.

Am 7. November (25. Oktober des damals in Russland gültigen Julianischen Kalenders) stürmten die Roten Garden den Winterpalast in Petersburg und nahmen die Regierung gefangen, die Bolschewiken (mit Unterstützung eines Teils der Sozial-Revolutionäre und anderer Linker) übernahmen mit dieser Oktoberrevolution die Macht. Bolschewiken-Führer Lenin wurde Staats- und zeitweise Regierungschef, bis zu seinem Tod 1924, herrschte als autoritärer Absolutist, wie die Zaren. Während die Kerensky-Regierung (mit Aussenminister Miliukov) das russische Kriegsengagement bis zuletzt aufrecht gehalten hatte, zog sich Sowjet-Russland bald vom “Weltkrieg” (europäischen Krieg) zurück, mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom März 1918 mit den Mittelmächten, nach 2-monatigen Verhandlungen.10

Ebenfalls im November 17 der zweite Sowjet-Kongress Russlands, mit Bolschewiken, Sozialrevolutionären, Menschewiki, den damals noch mit regierenden. Es gab eine deutliche Mehrheit für eine Übertragung aller Macht an die Sowjets, die anderen Optionen (Demokratie,…) bekamen viel weniger Zuspruch. Im selben Monat auch die Wahl zur Konstituante; Sieg der Sozial-Revolutionären Partei unter Chernov, vor den Bolschewiken unter Lenin, den Kadetten unter Miljukow, den Menschewiken unter Martow, den Parteien der verschiedenen Nationalitäten (Ukrainer, Georgier,…). Diese Duma trat im Jänner 18 zusammen, arbeitete aber nie, manche boykottierten die regierenden Bolschewiken, andere wurden von ihnen behindert, Lenin liess die Versammlung bald auflösen. Die RSDRP-Bolschewiki war bals die einzige herrschende und zugelassene Partei11, nannte sich 1918 in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), RKP(B), um.12

Wahlplakate November 17 Petersburg

 

* Ein anderer Verlauf bzw Ausgang des russischen Bürgerkriegs (1917-22), ein Sieg der Weissen

Die Gegner der “Roten Bewegung” waren oft auch Reaktionäre, Zaristen, aber auch Bürgerliche, gemäßigte Sozialdemokraten, Vertreter nicht-russischer Nationalitäten, und wurden von diversen Westmächten unterstützt. Bei einem solchen Ausgang wäre sowohl die Etablierung einer parlamentarischen Demokratie wie auch eine Rückkehr zur Zaren-Diktatur13 möglich gewesen. Statt der Gründung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik (Juli 18), als Vorstufe zur Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken 1922. Der Bürgerkrieg war im Westen mit einem Krieg mit Polen um die Grenzen sowie anderen inneren Konflikten verbunden14, auch der endgültige Rückzug aus dem Weltkrieg mit dem Brest-Friedensvertrag 1918 war in diese Entwicklung eingebettet.15

* Joseph “Stalin” (Dschugaschwili) setzt sich nicht als Nachfolger Lenins durch, entweder weil dieser nicht so früh stirbt, oder weil sich “Trotzki” als dessen Nachfolger etabliert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenhang mit dem Abschnitt über Grenzen und Minderheiten ist offensichtlich
  2. Петроградский Совет рабочих и солдатских депутатов
  3. Dvoyevlastiye, “Doppelherrschaft”
  4. https://www.marxists.org/history/etol/writers/haynes/1997/xx/parlalt.htm
  5. Die Partei ist in mehrerer Hinsicht der iranischen Jebhe-ye Melli (Nationale Front) ähnlich, mit ihren Flügeln/Strömungen und ihrer Rolle (bzw ihrem Widerstand) beim Übergang von einem Totalitarismus zum anderen
  6. Insgesamt verbrachte er sechseinhalb Jahre in der Schweiz: 1903-1905 und 1908 in Genf, 1914-1915 in Bern und 1916-1917 in Zürich
  7. 1903 bei einem Parteitag im Exil in GB die Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (RSDRP), hauptsächlich über Lenins Ansichten bezüglich strategischer und organisatorischer Fragen (dem Weg zum Ziel, welches für beide Lager ähnlich aussah), in “Bolschewiki” (Lenin, Kamenev, Bucharin, Stalin,…) und “Menschewiki” (Martow, Axelrod, später Plechanow; eigtl. in der Mehrheit!); Trotzki „pendelte“ zwischen den Fraktionen. Diese Spaltung soll vom zaristischem Regime („U-Boot“ Malinowski) gefördert worden sein. 1912 die endgültige Aufspaltung, in eine bolschewikische und eine menschewikische RSDRP
  8. Catherine Merridale hat in “Lenins Zug” diese Fahrt dramatisiert
  9. Deren Oberhaupt nicht nur Regierungs- sondern auch Staatschef war
  10. Der französische Premier G. Clemenceau sagte 1918 zu den Ansprüchen der inzwischen (in Westeuropa) exilierten bürgerlichen Herrscher Russlands bezüglich Nachkriegsregelungen: “Russland ist ein neutrales Land, das mit unseren Feinden einen Separatfrieden geschlossen hat”
  11. Der linke Flügel der Sozialrevolutionäre schloss sich den Bolschewiki an
  12. 1925 in Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki), WKP(B), 1952 in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU)/ Kommunistícheskaya pártiya Sovétskogo Soyúza/ KPSS
  13. Mit einem Nikolaus II. der befreit hätte werden können ider einem anderen Romanov, seinem Bruder Michail oder seinem Cousin Kyrill
  14. Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine, Georgien, Kasachstan,…
  15. Siehe Punkt über Entstehung anderer Grenzen

Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus Persiens gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen. Israel Finkelstein von der IAA hat mehrere Bücher, für den Westen, zur Verbreitung dieses Blut, Boden & Thora verfasst.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

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Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

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K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

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Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

Antonius H. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments. Eine Hermeneutik (1977)

Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

Nadia Abu El-Haj: The Genealogical Science: The Search for Jewish Origins and the Politics of Epistemology (2014) Englisch

Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

Theodor Gaster: Purim and Hanukkah in Custom and Tradition; Feast of Lots, Feast of Lights (1950) Englisch

Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Zum Beispiel: Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2004)… Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Geschichte im Film

Hier geht es um Filme und (vergangene) Realität, somit hauptsächlich um Historienfilme: Verfilmungen historischer Stoffe mit vielen oder wenigen fiktiven Elementen, bzw Spielfilme mit thematischem Bezug zur Geschichte. Die Darstellungsformen der Vergangenheit variieren. Historienfilme können filmische Entsprechungen zu historischen Romanen sein, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB „Ben Hur“). Fiktive Filmerzählungen, deren Handlungen vor historischer Kulisse angesiedelt sind. Kleine Geschichte eingebettet in die grosse. Die andere Form ist die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente, z.B. die Stauffenberg-Attentat-Filme. Die Darstellung grosser Geschichte, die Dramatisierung historischer Begebenheiten bei Veränderungen von Details.

Daneben gibts auch die Entsprechung zu oder Umsetzung von historischer Fiktion bzw Alternativgeschichten/Kontrafaktik, wie „Inglorious Basterds“. Und Historienfilme, die grosse Geschichte bringt (also nicht zB eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des USA-Bürgerkriegs, wie “Vom Winde verweht”), aber in “verschlüsselter” bzw fiktionalisierter Form, mit auf tatsächlichen Personen basierenden Figuren. Monumentalfilme (engl. epic film; aufwändig, epische Breite,…) sind oft Historienfilme, wie “Gladiator”, “Exodus”, “Cleopatra”.

Die englischen Entsprechungen zu “Historienfilm”, historical (fiction) film und historical (period) drama, bezeichnen mehr oder weniger dasselbe; der erstere Ausdruck vielleicht eher Filme mit Fiktion im Vordergerund, der zweitere Filme mit wirklich Geschehenem im Vordergrund. Filmische Darstellungen der Vergangenheit beinhalten immer auch Fiktion, weil manche Details nicht bekannt sind, weil Irrtümer vorliegen, oder um der Handlung willen. Im Artikel geht es auch um Verarbeitung von Geschichte für das Fernsehen.

Historienfilme sind Bestandteil von gegenwärtiger Geschichtskultur, transportieren über die Darstellung von Geschichte Vorstellungen und Verdrehungen von ihr, sind Resultat von Geschichtsbewusstsein und prägen dieses mit. Einerseits sind solche Filme Zeugnisse der Geschichtsauffassung der Macher und ihrer Umwelt/Gesellschaft, Dokumente ihrer Entstehungszeit, von bewusster und unbewusster Geschichtspolitik. Andererseits beeinflussen sie auch Vorstellungen von der Vergangenheit, verändern das Geschichtsbewusstsein der Zuschauer.

Als Vorgriff auf den Abschnitt über Filme, die nicht als Historienfilme zählen, sollen hier gleich ein paar Klarstellungen kommen. Die klassischen Historienfilme Hollywoods wurden im Wesentlichen ab den 1950ern gedreht. Es gab aber zuvor schon Filmbiografien (“Biopics”) und Kostümfilme, beide auch in Form von Musicals. Deren Zugehörigkeit zu den Historienfilmen ist diskutabel. Zu den Kostümfilmen wird etwa der Sandalenfilm (sword-and-sandal, Peplum) gezählt.1 Kriterium sind die schweren Anachronismen in diesen Filmen (zB Kämpfe Herkules’ gegen Vampire), die Betonung auf Kampfszenen, mythologischen Motive.

In anderen Monumentalfilmen werden historische Personen psychologisch (und oft spekulativ) dargestellt. Fantasy-Filme (Historical fantasy; Sagenstoffe,…), Science-Fiction, Steampunk zählen iR nicht als Historienfilme. Auch bei Western und Heimatfilmen ist das Historische meist zu entstellt. Fliessend sind die Übergänge zu Kriegs- und Abenteuerfilmen. Auch Filme, die vergangene tatsächliche Ereignisse behandeln, die aber nicht als einer anderen Epoche zugehörig erscheinen, gelten meist nicht als Historienfilme. Und Ereignisse, die für die Allgemeinheit zu wenig wichtig sind, mehr persönliche Erfahrung darstellen, qualifizieren Filme darüber auch nicht; die Grenzen sind natürlich fliessend…

Für die Unterteilung von Historienfilmen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Etwa danach, ob tatsächlich Geschehenes im Hintergrund bleibt oder Hauptsache ist (und nachgestellt wird). Dann gibt es jene Typen, in denen Tatsächliches verschlüsselt widergegeben wird. Und es gibt die Historienfilme mit Kontrafaktik bzw Alternativgeschichte. Ein anderer Parameter zur Einteilung ist, ob es eine literarische Grundlage (einen historischen Roman oder etwas ähnliches) gibt oder nicht. Einzuteilen sind Historienfilme auch nach der Epoche oder der Region in der sie spielen. Die Länge der dargestellten Periode kann vom ganzen Mittelalter bis zum Leben eines einzelnen Menschen oder noch viel kürzer reichen – auch diese Unterschiede bieten sich zur Charakteristik an. Historische Krimis (historical mystery) sind eine Untergattung, Kriegsfilme oder  Filmbiografien werden teilweise auch als solche gesehen.

Die hier getroffene Einteilung richtet sich danach, ob reales Vergangenes im Vordergrund steht (Nachstellungen gewissermaßen) oder das tatsächlich Geschehene im Hintergrund und Fiktives im Vordergrund.

Historienfilme mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund

Der letzte Kaiser (1987), eine Filmbiografie

Cleopatra (1963)

Die 5 Spielfilme über die Meuterei auf der Bounty (1916, 1933, 1935, 1962, 1984)

Gandhi (1982)

Spartacus (1960), über den realen Sklavenaufstand gegen die Römer in Süd-Italien, basiert auf einem historischen Roman

Lincoln (2012), über die Endphase des USA-Bürgerkriegs die glz. Abraham Lincolns letzte Lebens-Monate waren, grosse Akkuratesse

Tora! Tora! Tora! (1970), der Angriff auf Pearl Harbor 1941 von 2 Seiten

1492 – Die Eroberung des Paradieses (1992)

12 Years a Slave (2013)

Anna und der König von Siam (1946), basiert auf der Romanfassung (von Margaret Landon) der Tagebücher von Anna Leonowens, einer Britin mit teilweise indischen Wurzeln, die in den 1860ern am Königshof von Siam arbeitete; alle wichtigen Rollen wurden von “Anglos” gespielt, auch wenn es sich um asiatische Figuren handelte; Anna und der König (1999) war eine Art Neuverfilmung

Quo Vadis (1951), Rom zur Zeit von Nero

Der Leopard (1963, Il Gattopardo), über einen Teil des Risorgimento; basiert auf einem Gesellschaftsroman

Jesus von Nazareth (1977), von Zeffirelli

Viva Zapata! (1952)

Der Löwe im Winter (1968), Heinrich von Anjou-Plantagenet, König von England und Herzog der Normandie, 1183, Intrigen in seiner Familie; basiert auf einem Theaterstück

Die Bartholomäusnacht (1994; La Reine Margot)

Lawrence von Arabien (1962), basiert auf der Autobiografie von Thomas Lawrence, behandelt die Phase seines Lebens, die ihn historisch relevant machte (1916–1918, die arabische Revolte gegen das Osmanische Reich)

Der Opiumkrieg (1997), chinesischer Film über die Ereignisse um den 1. Opiumkrieg gegen Großbritannien in den 1830-er und 1840er-Jahren

Braveheart (1995) dreht sich um den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace (13. Jh), die Figuren und die Handlung sind nur teils authentisch. Der Film ist eines der Indizien, die auf eine “anti-englische” Einstellung von Mel Gibson hinweisen sollen

Der Untergang (2004), basiert vor allem auf dem gleichnamigen Werk des Historikers Joachim Fest

Der Pianist (2002), über Władysław Szpilman im Warschauer Ghetto

Die Unbestechlichen – The Untouchables (1987), über die Bekämpfung des Gangsters Al Capone in der Prohibitionszeit, basierend auf Elliot Ness’ Buch, Personen zT authentisch, ein historischer Krimi(nalfilm)

Schindlers Liste (1993) von Spielberg, basierend auf einem Tatsachenroman

Ararat (2002), über den armenischen Aufstand von Van 1915

The King’s Speech – Die Rede des Königs (2010), behandelt den britischen König George VI. (Vater von Elizabeth), hauptsächlich seine Radio-Reden zur Krönung 1936 und zum Kriegseintritt 1939, vor dem Hintergrund seiner Sprachschwierigkeiten

Napoleon (Frankreich 1927)

Amadeus (1984) basiert auf dem Theaterstück von Peter Shaffer

Jud Süß – Film ohne Gewissen (2010), über die Entstehungsgeschichte des NS-Propagandafilms “Jud Süß”

Alexander Newski (1938), von Sergej Eisenstein, Geschichtspolitik im Sinne der damaligen Sowjetunion, hart am Propagandafilm

Masada (1981)

Mohammed – Der Gesandte Gottes (1976, Moustapha Akkad)

1911 – Revolution (2011), von Jackie Chan, über die chinesische Revolution 1911/12, mit der der letzte Kaiser des Landes gestürzt wurde und die Republik gegründet

Manfred von Richthofen – Der Rote Baron (1971)

Sattar Khan (Iran 1972)

Die Reisen des jungen Che (2004)

Beau Brummell (1954), über George B. “Beau” Brummell, einen Engländer des 18. und 19. Jh, der eine modische Stilikone wurde

300 (2007) und Der Löwe von Sparta (1962; The 300 Spartans) haben mit den Ereignissen der Perser-Griechen-Kriege der Antike wenig zu tun, sind beides eher Propagandafilme, der frühere im Kalten Krieg, der neuere im “Kampf der Kulturen”; beide kommen übrigens praktisch ohne Griechen als Darsteller aus

Helen Mirren als “Die Queen” (2006), kein Biopic, da nur die Phase nach dem Tod von Diana Spencer 1997 und der Umgang der britischen Königs-Familie damit behandelt wird

Argo (2012), nahe beim Polit-Thriller

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (2013), basierend auf Nelson Mandelas gleichnamiger Autobiografie, zum Teil (zu) nahe an der Gegenwart; Invictus (2008) behandelt einen kleinen Ausschnitt von Mandelas Leben, ist ausserdem ein halber Sportfilm, auch zetlich sehr nahe am betreffenenem Geschehen gedreht

Malcolm X (1992)

Brennt Paris? (Paris brûle-t-il ?; 1966), über die Befreiung Paris’ 1944,
basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Dominique Lapierre und Larry Collins, Starensemble

Sieben Jahre in Tibet (1997), über Heinrich Harrers Erlebnisse in Tibet

R. Attenboroughs “Cry Freedom” (Schrei nach Freiheit, 1987) über das Leben und den Tod Steven Bikos, basiert auf 2 Büchern von Donald Woods, der lebte damals (1986 Dreharbeiten) im Exil und der Film wurde auch ausserhalb Apartheid-Südafrikas gedreht

Es geschah am 20. Juli (1955), mit Bernard Wicki, einer der Filme über das Stauffenberg-Attentat und den Umsturzversuch von einem Teil der Wehrmacht 1944; der in der BRD gedrehte Film sparte bei Aussenaufnahmen mit Hakenkreuz-Fahnen, 10 Jahre nach dem Ende von Nazi-Diktatur und dem von ihr losgetretenen Krieg hatte man noch nicht die Distanz dazu…

Jobs (2013) und The Social Network (2010) zeigen Phasen aus den Leben von Steve Jobs, Mark Zuckerberg – die nicht lange zurück liegen

Jenseits von Afrika (1985), über die Erlebnisse von Karen “Tanja” Blixen im britisch beherrschten Kenia, wo sie eine Farm hatte; die Klassifizierung als Historienfilm ist aufgrund des “unpolitischen Charakters” der Handlung bzw der mangelnden historischen Relevanz Blixens fraglich

Im Namen des Vaters (1993), über die Geschehnisse rund um den Justizirrtum bzw die Rechtsbeugung um Gerard Conlon, die Guilford 4 und die Maguire 7 (> www.youtube.com/watch?v=-xgulzALUHo ). Aus dramaturgischen Gründen wurden einige Details abgeändert, zB die tatsächliche Rolle der Anwältin Gareth Peirce bei der Neuaufnahme des Falls

Der Elefantenmensch (1980), Schwarzweiss-Film von David Lynch über eine Phase des Lebens des missgebildeten Joseph Merrick

Der Baader Meinhof Komplex (2008), Spielfilm über die ersten beiden Generationen der RAF, nach dem Sach-Buch von Stefan Aust

Apollo 13 (1995)

Die Unbestechlichen (1976), über die Aufdeckung der Watergate-Affäre, nach dem Buch von Carl Bernstein und Bob Woodward

Catch me if you can (2002): während (der echte) Frank Abagnale älter aussah als er war, ist es bei Leonardo di Caprio umgekehrt; Geschehnisse sind nahe an Gegenwart und historische Relevanz ist fraglich, damit auch die Klassifizierung als historischer Film; selbes gilt für “Bonnie und Clyde” (1967) oder “Zodiac” (2007; an das Ungeklärte an den betreffenden Verbrechen hat man sich im Film angenähert bzw es offen gelassen)

The Killing Fields (1984)

Das Wunder von Bern (2003), Film von Sönke Wortmann über das Westdeutschland der Nachkriegszeit und v.a. sein Fussball-Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 19542

Foxcatcher (2014) ist ein Sportdrama, das den wahren Fall des US-amerikanischen Ringsport-Sponsors John E. du Pont erzählt, der den Ringer David Schultz 1996 tötete

Historienfilme mit Fiktivem im Vordergrund

Dazu gehören die Verfilmungen von historischen Romanen, wie „Vom Winde verweht“. Von J. F. Coopers „Lederstrumpf“-Geschichten wurde u.a. “Der letzte Mohikaner” (Roman 1826) verfilmt (mehrmals), der vor dem Hintergrund des Britisch-Französischen Kolonial-Kriegs in Nord-Amerika spielt. Der Film über den „Glöckner von Notre-Dame“ aus 1956 (die wichtigste von mehreren Verfilmungen) weicht vom Roman Victor Hugos hauptsächlich darin ab, dass der missgestaltete Glöckner Quasimodo im Film eine dominierende Rolle einnimmt, im Buch aber nur einer von mehreren Handlungssträngen ausmacht. “Ben Hur”, über einen fiktiven jüdischen Fürsten, hat auch einen historischen Roman als Vorlage. Bei “Der Name der Rose” ist dies allgemein bekannt.

„Les Misérables“ ist eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde; dennoch stellt der Roman eine Beschreibung der Restaurations-Zeit in Frankreich (1815-1830) dar. Er wurde als Hörspiel, zu Filmen, als Musical, TV-Serie adaptiert. Die “Robinson Crusoe”-Filme basieren bekanntlich auch auf einem Roman; dieser basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Verfilmungen von “Cry, the Beloved Country” (Denn sie sollen getröstet werden, 1951 & 1995), dem Roman von Alan Paton, sind ein Grenzfall. Der Roman erschien 1948 spielte in der damaligen Gegenwart, im Übergang zur Apartheid. Die Handlung ist eng mit dem Politischen/Zeithistorischen verbunden und dieses ist eigentlich mehr als eine “Tapete” bzw Kulisse. „Das Boot“ war eine Art historischer Roman, aber auch hier ist die Handlung Teil der grossen Geschichte. „Goodbye Lenin“ erzählt das Ende der DDR in Form einer Tragikkomödie.

“Heaven’s Gate” (1980) basiert auf einem Konflikt zwischen amerikanischen Grossfarmern und osteuropäischen Einwanderern in Wyoming um 1890, dem Johnson County War, der Film verarbeitet diese realen Ereignisse, stellt sie nicht nach. “Gesprengte Ketten” (1963; Great escape) änderte hauptsächlich die tatsächlichen Figuren ab, ihre Namen, Nationalitäten,… Konstantinos Gavras’ Film “Z” (1969) ist von die Lambrakis-Affäre inspiriert. “Long Walk Home” (2002) ist ein Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall – fiktive Hauptpersonen, aber näher an der Realität als viele Filme, die Anspruch auf Authentizität bzw Abbildung erheben; daneben nahe am politischen Film. “Das Urteil von Nürnberg” (1961) spielt eindeutig auf den Nürnberger Nazi-Juristenprozess 1947 an. In „Mississippi Burning“ (1988) sind die Personen “verschlüsselt”, die Figur des Sheriff Ray Stuckey entsprach zB dem realen Lawrence Rainey. Auch in „Windtalkers“ oder “Hexenjagd” (1996)3 wurde Reales fiktionalisiert, und zwar die historisch relevanten Abläufe bzw Details. „Der Schakal“ (1973), eine Roman-Verfilmung, gehört auch in diese Kategorie.

“Ein Jahr in der Hölle” aus den 1980ern dagegen, das auf einem  zeithistorischen/politischen Roman basiert, zeigt als Haupthandlung fiktive Personen vor “unverschlüsseltem”, realen Hintergrund; Indonesien 1966, die Zeit der Machtübernahme Suhartos. Dies ist auch ein häufig vorkommendes Muster. Dieses Verhältnis zur Geschichte haben auch „Pearl Harbor“ (2001), “Der Soldat James Ryan” (1998), „Bobby“, “The Last Samurai” (2003; die Meiji-Restauration in Japan), “Gladiator”, „Der längste Tag“ (1962, ein Kriegsfilm), “Die letzte Schlacht” (1965, über die Ardennen-Schlacht), “Gangs of New York”, “36 Stunden” (mit James Garner, nach R. Dahl, 1965), „Little Buddha“, „Titanic“ (1997), die meisten Vietnam-Krieg-Filme (von “Apocalypse Now” bis “Platoon”),… Der Unterschied zum filmischen historischen Roman bei diesen Filmen ist, dass die erfundene Geschichte stärker mit der grossen, tatsächlichen, unveränderten Geschichte verbunden ist (bzw Teil von ihr ist). Die grosse Geschichte ist nicht im Hintergrund, die Handlung spielt sich in ihr ab. Natürlich wird auch hier Geschichtspolitik vertrieben, wie bei Vietnam-Kriegs-Filmen und der Darstellung der Intervention der USA darin, oder bei „Exodus“ bezüglich der Gründung Israels.

D-Day Normandie 6. 6. 1944

“Dead Man Walking” (1995) basiert auf zwei authentischen Kriminal-Fällen, die die Ordensschwester Helen Prejean in ihrem gleichnamigen Buch schildert. Der Film kombiniert die zwei Fälle, die Figur des Matthew Poncelet ist Robert L. Willie und Elmo Sonnier nachempfunden, die beide ähnliche Straftaten begangen hatten und dafür 1984 auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. Zweifel an der Schuld gibt es hier anscheinend nicht, Zweifel an der Todesstrafe schon. Prejean ist übrigens in einem Cameo zu sehen. Sie ist nach wie vor gegen die Todesstrafe engagiert, war das etwa beim Fall “Tookie” Williams. Die historische Relevanz ist hier fraglich. Selbes kann man bei “Casino” (im selben Jahr erschienen) sagen, der ja die Mafia in der Glücksspiel-Industrie in Las Vegas behandelt. „23 – Nichts ist so wie es scheint“ (1998)4, über den “KGB-Hack” 1985-1989, ist ausserdem teilweise spekulativ und verschlüsselt bzw verdichtet, und wie auch die anderen beiden Genannten nahe an der Gegenwart.

August Diehl in “23”

Manche Filme sind schwer einzuordnen. „Rapa Nui“ (1994) bringt eine verdichtete Darstellung der Zivilisation auf der Osterinsel/Rapanui, teilweise spekulativ und ahistorisch. „Die sieben Samurai“ von Kurosawa (1954, Jidai-Geki-Genre) ist ein Porträt der japanischen Gesellschaft des ausgehenden 16. Jh. In “Am Anfang war das Feuer” (1981) sucht eine Gruppe Steinzeitmenschen nach Feuer. “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” enthält Informationen zu Grönland und seiner Beherrschung durch Dänemark, die Romanvorlage allerdings mehr. Der Musik-Film„Yentl“, basierend auf Kurzgeschichte bzw Theaterstück von Isaac B. Singer, porträtiert das Judentum im späten Zarenreich. Die „Pate“-Filme bringen zur Mafia in der USA viel Zutreffendes, aber eben sehr verschlüsselt, dramatisiert,… „Jagd auf Roter Oktober“ sagt am meisten über den späten Kalten Krieg aus und wie Thomas Clancy ihn sah.

Keine Historienfilme …

Western-Filme zählen normalerweise nicht als als Subkategorie des Historienfilms, sondern als eigenes Genre. Western behandeln normalerweise die Expansion der USA in den Westen, stellen diese heroisch dar, den Kampf gegen Indianer (das Andere), Mexikaner und Franzosen, gegen das Schlechte in eigenen (angelsächsischen) Reihen, die Behauptung gegen Widrigkeiten der Natur des neu besiedelten Landes. In der Regel zeichnen sie sich durch grob tendenziöse Darstellung sowie gravierende historische Unrichtigkeiten aus; oft auch ersteres durch zweiteres. Es gibt einen Übergang vom Abschluss der Unterwerfung des Landes und seiner Einwohner über die Wild-West-Shows des “Buffalo Bill” zu den Western-Filmen des frühen Kinos. „(The) Alamo“ (1960) ist ein Western, der ein bestimmtes Geschichtsbild propagiert (über die Herauslösung des heutigen Texas aus Mexiko durch die USA 1836); hier steht grosse, tatsächlich Geschichte im Vordergrund.

“Hängt ihn höher” (1968) spielt in Oklahoma, als es noch ein Territorium und kein Bundesstaat war (Ende 19. Jh), das Historische ist hier aber nur Instrument zur Verbreitung aktueller politischer Botschaften, der Film hat keinen eigentlichen historischen Bezug. Der ungerecht bzw unrechtens verurteilte Cowboy sorgt für Gerechtigkeit in seiner Angelegenheit, wird dann aber auch Teil des Staatsapparats und sorgt allgemein für Recht und Ordnung. Man kann daraus Botschaften für innere Angelegenheiten der USA (1968!, “Das Gesetz zu befolgen zahlt sich aus”) und äussere (Vietnam-Krieg, USA hat sich dort zu engagieren) ableiten. Europäische Western, von den May-Verfilmungen zu den Italo-Western, behandeln meist andere Themen bzw transportieren andere Botschaften. “Hängt ihn höher” wird übrigens auch als „Anti-Western“ bzw “revisionistischer Western” eingestuft; im eigentlichen Sinn sind darunter aber solche zu verstehen, die sich kritisch mit amerikanischer Politik und Dogmen auseinander setzen. So wie „Little Big Man“, „Buffalo Bill und die Indianer“, vielleicht “Der mit dem Wolf tanzt”.

Abzugrenzen vom Historienfilm sind auch Polit-Thriller bzw politische Filme, die sich u.a. durch die Aktualität des Themas und den dramaturgischen Aufbau auszeichnen. Einige schon erwähnte (bzw eingeteilte) Filme (wie “Z”) sind auch als Polit-Film zu charakterisieren bzw haben etwas von einem (wie “Mississippi Burning”). Gavras’ “Vermisst” (1982) oder “Hotel Ruanda” (2004) bringen Faktisches, “Die drei Tage des Condor” (1975) oder “I wie Ikarus” (1979) Fiktives. Filme über den Kennedy-Mord, wie “JFK – Tatort Dallas” (1991), sind auch eher Polit- als Geschichtsfilme. Viele Klassiker dieses Genres kommen aus Italien, von “Der Tag der Eule” (1967; Verknüpfung von Mafia und Politik) über “Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger” (1970) bis “La seconda volta” (1995; den man auch als Psychodrama sehen kann). “Citizen Kane“ (1940) ist auch eine Genre-Kreuzung. Die Verfilmungen von “Der Manchurian Candidate” sind beinahe Science Fiction (SF), jene von 2004 mehr als jene von 1962. “Onkel Toms Hütte” war als Roman bei seiner Erscheinung (1852) ein (höchst) politisches Buch, die 5 Verfilmungen ab 1907 wiederum können als Historienfilme gesehen werden.

Filme, die reale Kriminalfälle zeigen, wie “Kaltblütig”/ “In cold blood” (1967, nach dem Tatsachenroman von T. Capote), erfüllen meist nicht das Kriterium der historischen Relevanz – wobei das Auslegungssache ist. “Sleepers” zB beruht angeblich auf einer wahren Begebenheit, diese wäre an sich politisch-gesellschaftlich relevant.5 Die Grenzen zum historischen Film (bzw von ihm zu anderen) verrutschen jedenfalls öfters. Der Film “Alexis Sorbas” (1964) beruht ja auf dem 1946 veröffentlichten Roman von Nikos Kazantzakis. Die Handlung, die sich um eine Kohlemine auf Kreta dreht, beruht wiederum auf wahren Personen bzw Begebenheiten, aber der Handlungsstrang selbst zu “unbedeutend” und das Griechenland in dem er sich abspielt, zu vage geschildert bzw spezifiziert, als dass der Film historisch wäre. Wenn “Alexis Sorbas” ein Historienfilm ist, dann ist das fast jeder Film.6

“Wall Street” (I) ist zB ein ganz gutes Porträt seiner Entstehungszeit, nicht nur mit den damaligen Mobiltelefonen. Der Zeitkolorit in manchen Romanen und Filmen kommt auch dadurch zustande, dass durchschimmert, was damals dort gesellschaftlicher Konsens war; diverse Rassismen in Kinder-/Jugendbüchern von  Enid Blyton oder in “Hatschi Bratschis Luftballon” (Ginzkey/Hartmann) störten etwa lange Keinen.7 “Mulholland Drive” ist ein Rätsel-Thriller, aber auch die Beschreibung eines (gegenwärtigen) Milieus bzw von Zuständen, jenen in Hollywood. Der Action-Film “Top Gun” sagt auch viel über die USA unter Reagan aus. “Johnny zieht in den Krieg” (1971), über einen jungen Kriegsfreiwilligen, der schwer verwundet wird, spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs, ist aber eigentlich ein zeitloser Antikriegsfilm.

Der Film “Tsotsi” kam 2005 heraus, war die Verfilmung eines Romans von Athol Fugard. Der Roman erschien 1980, geschrieben wurde er um 1960 herum. Das Roman-Original spielt wie die Film-Adaptierung in der Zeit der Entstehung, da sind also ca. 45 Jahre Unterschied. Im Roman näherte sich die Apartheid erst ihrem Höhepunkt (Zeit der Regierung von Verwoerd), im Film war sie gerade vorüber. Geschichte bzw Politik ist sowohl im Film als auch im Roman von “Tsotsi” im Hintergrund, sind aber doch präsent. Es gibt Unterschiede in den Dialogen und der Handlung. Dass Schwarze einen Schwarzen umbringen, in einem Vorort von Johannesburg, bliebt gleich, der Umgang der Polizei damit ist unterschiedlich. Fugard war 1958, als er mit dem Schreiben des Romans begann, gerade nach Johannesburg übersiedelt, und begann eine Arbeit als Beamter. Er erlebte die Zerstörung des “gemischten” Johannesburger Stadtteils Sophiatown mit – wo der Roman spielt -, und wurde kritisch gegenüber dem Apartheid-System, obwohl er als Weisser darin privilegiert war. Über Unterschiede zwischen Buch und Film

„Die Vögel“ von Hitchcock (1963) basiert auf einer Kurzgeschichte und  tatsächlichen Vorfällen. “Die Vögel” von Daphne du Maurier aus 1952 handelt von einem Landarbeiter in England, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aggressives Verhalten von Vögeln beobachtet, das in der Umgebung nur er richtig deutet und er sich so in Sicherheit bringt. Die Vögel symbolisieren wahrscheinlich entweder die deutschen Luftangriffe während des Krieges oder die Furcht vor einem kommunistischen Angriff aus Osteuropa; innerhalb weniger Jahre ging das eine ja in das andere über. Zum Anderen gab es Vorfälle aus 1961, als die Dreharbeiten bereits begonnen hatten, an der Ost-Küste der USA, als Vögel massenweise gegen Häuser und andere “Hindernisse” flogen; heute weiss man, dass ein von Kieselalgen produziertes Nervengift schuld daran war. Für einen Historienfilm ist das Ereignis zu unbedeutend und die Umsetzung zu wenig an den Tatsachen orientiert.

Die Film-Serie “Der Weisse Hai” (4 Teile) basiert auf dem Roman von Peter Benchley, der 1974 veröffentlicht wurde, nicht lange bevor die Dreharbeiten zum ersten Teil begannen.8 Das “Original” aus 1975 und seine Fortsetzungen gelten als Horrorthriller, Tierhorror-Filme oder Abenteuer-Film, es gibt aber auch hier eine historische Basis. Die im Roman verarbeitet wurde, die Haiangriffe an der Küste von New Jersey 1916 (vier Personen getötet, 1 verletzt). Wissenschaftler sind sich uneinig, welche Haiart für die Angriffe verantwortlich war, ob diese von mehr als nur einem Hai ausgingen und welche Faktoren dazu geführt haben. Die Haiattacken vor New Jersey führten Haie, besonders den Weissen, den man im Verdacht hat, in die Populärkultur und das Bewusstsein der USA ein, als Symbol für Gefahr. Die Buch-Verfilmung von 1975 wurde ja von Steven Spielberg vorgenommen, wurde ein internationaler Kassenschlager der 1970er. Spielberg, der damit durchstartete, gelang es, die Urängste von Menschen zu berühren.

Am Set von “Weisser Hai”

Im Roman ist der Hai zwar Protagonist, die Handlung ist aber weitaus komplexer und mehrdeutiger als im Film. Die fiktive Kleinstadt Amity auf Long Island (New York) ist darin auch Schauplatz diverser politischer und privater Verstrickungen. Im Film geht es nur um die vom Hai gestörte Badeort-Idylle und die Jagd auf diesen, durch den Polizeichef, einen Meeresbiologen und einen Haijäger. Das Politische, die Korruption, wird nur angedeutet, in Person des Bürgermeisters, der bemüht ist, die Hai-Gefahr zu vertuschen. Sowohl Buch als auch Film wurden mit dem 1972-1974 aufgeflogenen Watergate-Skandal der Nixon-Regierung in Verbindung gebracht. Zu den Fans des Buchs soll auch Fidel Castro gezählt haben, der das Buch als Metapher für das korrupte kapitalistische System gesehen haben soll. Und, die Filme sollen den Weissen Haien in der Realität das Leben schwer gemacht haben, die Jagd auf sie gefördert haben.

Dies führt zu Ric O’Barry (Feldman), der Trainer der 5 Delphine war, die “Flipper” spielten, darunter “Cathy”, die wie er sagt, Selbstmord beging indem sie zu atmen aufhörte. Mit seiner Mitarbeit an der Serie und anderen Aktivitäten half er 10 Jahre mit, eine Industrie aufzubauen (Deplhin-Shows u.a.) – um sich dann seit mehr als 35 Jahren der Zerstörung dieser Industrie zu widmen, v.a. für die Befreiung von Delphinen aus Gefangenschaft. Hier also auch eine interessante Wechselwirkung zwischen Film und Realität. A propos Grossfische, Buchverfilmungen, Realität: Der Roman „Moby Dick“ von Herman Melville, der 1851 in London und New York erschien, erzählt nicht nur die Fahrt des Walfangschiffes “Pequod”, dessen einbeiniger Kapitän Ahab einen weissen Pottwal jagt, der ihm das Bein abgerissen hat. Entlang dieses erzählerischen Fadens wird die Welt des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert detailreich geschildert, werden aber auch philosophische, wissenschaftliche, oder mythologische Exkurse unternommen. Dies wird in den 8 Verfilmungen auch weitgehend unterschlagen.

“Cool Runnings” (1993) geht wahrscheinlich auch nicht mehr als Historienfilm durch, abgesehen davon dass die Personen fiktiv sind und die Handlung auf der jamaikanischen Bob-Mannschaft von Olympia 1988 nur basiert, ist die Sache an sich nicht historisch relevant (genug) und liegt zu wenig weit zurück. Das trifft teilweise auch auf den Film über den Filmemacher Ed Wood zu. Sagen- und Mythen-Stoffe sind eigentlich an sich ahistorisch; daher sind die meisten Dracula- und Robin Hood-Filme nicht mal in der Nähe von Historienfilmen. Auch „Troja“ (Hollywood, 2004) oder “Elektra” (Griechenland, 1962) behandeln Mythologie und nicht Geschichte. Science Fiction-Filme qualifizieren klarerweise auch nicht. Wobei, Nach-dem-Atomkrieg-SF-Filme wie „Der Tag danach“, andere Distopyen wie „Waterworld“, oder „Total Recall“ natürlich viel über die Zeit der Entstehung aussagen.

Dokudramen werden meist nicht als Historienfilme gesehen, sie stehen gewissermaßen zwischen diesen und geschichtlichen Dokumentarfilmen9, sind dramatisierte Dokumentationen. Die Film-Dokumentation (als solche geltende) des US-Amerikaners R. Flaherty über „Nanook“ bzw die Inuit/Eskimos in Kanada ist eigentlich eher ein Dokudrama. Zumindest wurde kritisiert, dass Vieles in dem Film gestellt war (die traditionelle Lebensweise war damals schon im Umbruch begriffen!); ausserdem dass Flaherty sexuelle Beziehungen mit Eskimo-Frauen hatte. Die “Die Götter müssen verrückt sein”-Filme kommen als Mockumentary daher, aufgrund der Einleitung als Tier- bzw Naturfilm.

„Die Geburt einer Nation“ (1915 fertiggestellt und veröffentlicht) ist ein Pseudo-Historienfilm, über den amerikanischen Bürgerkrieg und die Zeit danach; die glorifizierende Darstellung des Ku Klux Klans führte zu dessen Neu-Gründung. Ein Fall, wo ein Film die Realität bzw Gegenwart beeinflusste. Relativ offene Propagandafilme sind NS-Filme wie “Die Entlassung” (1942; über die Entlassung Bismarcks 1890), “Kolberg” oder “Heimkehr”. “Panzerkreuzer Potemkin”, ein schwarz-weisser Stummfilm von Sergei Eisenstein aus 1925, lehnt sich sehr frei an Ereignisse der (gescheiterten) russischen Revolution von 1905 an, die Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs “Knjas Potjomkin Tawritscheski” gegen deren zaristische Offiziere, verarbeitet die Ereignisse im stalinistischen Sinn. „Casablanca“ (spielt 1941, wurde 1942 gedreht) war auch ein Propagandafilm, für die Anliegen der West-Alliierten im 2. WK.10

Dann gibt es die Filme mit alternativgeschichtlicher bzw kontrafaktischer Handlung. So wie „Rote Flut“ (1984), eine reaganistische Vision einer durch sowjetischen, kubanischen und nicaraguanischen Truppen besetzten USA, die sich tapfer wehrt. Während die USA unter Reagan Terror nach Nicaragua brachte, durch die Unterstützung der Contras, porträtierten John Milius11 und Kevin Reynolds die USA als Opfer der nicaraguanischen Sandinisten… In „Inglorious Basterds“ (2009) wird die Nazi-Führung im Sommer 1944 in einem Pariser Kino von einer Spezialeinheit des US-Militärs getötet und das Deutsche Reich kapituliert darauf hin. „CSA“ ist eine Mockumentary von Kevin Willmott, in der die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) den Bürgerkrieg gewonnen haben und dann die verbliebene USA (die “Nordstaaten”) geschluckt.

Weiters sind an alternativgeschichtlichen Filmen zu nennen: „Fatherland“ (“Vaterland”, über die Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie 1944), „Dr. Strangelove“, „White Man’s Burden“ (1995, eine USA mit vertauschten Rollen von Schwarz und Weiss), “Osmanlı Cumhuriyeti” (“Osmanische Republik”, eine türkische Komödie aus ’08, Was wenn Atatürk nicht existiert hätte?), „District 9“,… „Unternehmen Capricorn“12, über eine Mars-Landungs-Vortäuschung, hat etwas von einem alternativgeschichtlichen Film, kann auch als Action-Thriller, SF oder Polit-Film gesehen werden. „Und täglich grüsst das Murmeltier“ (1993) bringt keine anders verlaufene historischen Entwicklungen, eher eine private Alternativgeschichte, wird mitunter als Fantasy kategorisiert. Die „James Bond“-Filme haben einen zeithistorischen Hintergrund, in den auch schon mal eingegriffen wird, sind aber eher als Agenten- oder Actionfilme einzuordnen. Den historischen Wert bekommen sie dadurch, dass sie nicht nur über die angesagteste Mode in verschiedenen Bereichen und den Stand der Technik zur Entstehungszeit Zeugnis geben, sondern auch über die jeweilige weltpolitische Grosswetterlage.13

„Forrest Gump“ (1994) ist ein Film, in dem ein Tor durch die amerikanische Zeitgeschichte wandelt, in dem der Hauptdarsteller Hanks mit Hilfe computergrafischer Methoden in Originalaufnahmen historischer Ereignisse hineingeschnitten wurde, durch den die Roman-Vorlage (die sich in Einigem vom Film unterscheidet) erst bekannt wurde, der die Realität zumindest insofern beeinflusste, als eine “Bubba Gump Shrimp Company” wie sie im Film vorkommt, eine Fisch- und Meeresfrüchterestaurantkette, ins Leben gerufen wurde.14 In „Hot Shots“ kommen zahlreiche Zitate und Anspielungen früherer Filme vor, komödiantisch verpackt.

Im Fernsehen

Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen. Darum geht es in diesem Abschnitt nicht um die Einteiler, die für das Fernsehen produziert wurden, und die etwas Historisches haben. Wie “Am Tag als Bobby Ewing starb” (Deutschland 2005), der die 1980er wieder bringt, in einer Landkommune in Schlewsig-Holstein spielt, 1986, als Bobby in „Dallas“ starb (für eine Saison), der Reaktor im AKW in Tschernobyl in der Sowjet-Ukraine bei einer Sicherheitsübung explodierte, und Werder Bremen die (west-)deutsche Fussball-Meisterschaft knapp gegen die Bayern verlor. „Dallas“ sagt natürlich auch viel über die 1980er aus, ungewollt.

Die Mini-Serie „Shogun“ ist die Verfilmung eines historischen Romans; bei den Dreharbeiten in Japan gab es kulturelle Konflikte. Kurzserien mit historischem Inhalt sind auch „Die Schatzinsel“ (ZDF 1966, Verfilmung), die Filmbiografie “Hitler – Aufstieg des Bösen” mit R. Carlyle (na ja, 2 Teile), „Maximilian“ (ORF-Kurzserie 2017, über die Zeit des Übergangs von Kaiser Friedrich III. zu seinem Sohn Maximilian I. Ende des 15. Jh), “Marco Polo” (1982), “Die Gustloff” (2008); evtl ist auch “Dornenvögel” als solche zu sehen.

Längere TV-Serien die mehr od weniger akkurat historischen Inhalt behandeln sind zB “Roots”, “Berlin Alexanderplatz”, “Ringstrassenpalais” (1980-1986, ORF),„Der Kurier der Kaiserin“, “Downton Abbey”, „Fackeln im Sturm“, “Colorado Saga”, „Sandokan“, „Narcos“. Oder die türkische TV-Serie „Muhtesem Yüzyıl“ („Das prächtige Jahrhundert“; 2011-2014) über den osmanischen Sultan Süleyman den Prächtigen (15./16. Jh). Dieser wird weniger als weiser und gerechter Herrscher oder auf einem seiner zahlreichen Feldzüge gezeigt, als vielmehr bei den Intrigen innerhalb seines Palastes und vor allem seines Harems.

Auch Serien zeigen natürlich öfters eine Vergangenheit, die in Wirklichkeit anders war. „Unsere kleine Farm“, 1974-1983 erstmals ausgestrahlt (auf NBC), basiert auf der gleichnamigen (vermeintlich) autobiografischen Buchserie von Laura Ingalls-Wilder (1867-1957), die in den 1930ern und 1940ern erschien (original “Little House on the Prairie”). Die Geschichten über die heile Welt der Familie Ingalls in der ländlichen USA in den 1870ern und 1880ern sind fest im kollektiven Gedächtnis Amerikas verankert, sechs Museen beschäftigen sich dort zB mit Laura Ingalls und ihrem Leben, das angeblich ihre Bücher füllte. Dabei hatte diese eigentlich ihr Schreiben damit begonnen (in ihren 60ern), ihre tatsächliche Autobiografie zu schreiben. Nachdem diese von Verlegern abgelehnt wurde, begann sie mit der “Kleine Farm”-Serie, arbeitete ihre realen Erinnerungen zu einem Märchen um. 2014 kam diese Autobiografie erst heraus, “Pioneer Girl: The Annotated Autobiography”.

In ihren „Kleine Farm“-Büchern beschrieb Ingalls ihr Aufwachsen auf Farmen in zwei fiktiven Orten in Minnesota und Kansas, als ländliche Idylle. In Wirklichkeit  war diese Zeit für die Familie von Wanderungen geprägt, vom oftmaligen Übersiedeln. Als Erwachsene kam sie durch Heirat wieder auf eine Farm, in Missouri. Lieber hätte sie weiter als Lehrerin gerbeitet. In ihrer tatsächlichen Autobiografie hat Ingalls sowohl die Dörfer in der Natur als auch die ländlichen Kleinstädte sehr negativ dargestellt, als für sie beängstigend und bedrohlich. Manche Episoden des Landlebens hat sie für “Kleine Farm” wiederum dramatisiert. Die Erblindung von Lauras Schwester Mary geschah in den Büchern und im Fernsehen wegen Scharlachs, in Wahrheit wegen Enzephalitis, die die „Hälfte ihres Gesichts aus der Form“ geraten liess.

Überliefert ist auch ein Spruch von Ingalls über die Verfolgung und Verdrängung der Indianer, die in ihrer Jugend zum Abschluss kam, wonach diese mehr Weisse hätten skalpieren sollen. Andere “Western”-Serien wie “Bonanza” oder “Dr. Quinn” erhoben nicht den Anspruch auf Authentizität, bringen aber eben auch geschönte Darstellungen über das Leben im Zuge der Expansion der USA im 19. Jh. Dr. Quinn in der 90er-TV-Serie, die um 1867 in Colorado spielt, ist eine Gute die sich für Frauen, Indianer, Schwarze, Entstellte,… einsetzt. Die Serie bringt auch die Little Bighoorn-Sache in Montana, angeblich ziemlich wahrheitsgetreu, dabei aber doch absichtlich entstellend (apologetisierend).

In den “Sopranos” wird ja die Mafia von New Jersey dargestellt. Die Angehörigen der DeCavalcante-“Familie” sind gewissermaßen die “echten Sopranos”, die Vorbilder. HBO-Leute haben angeblich Abhörbänder des FBI von ihnen gehört. Auch in der Realität der dortigen Mafia gibt es legale Geschäfte als Vorwand, gibt es eine “Abhängigkeit” von der New Yorker Mafia (> Gambino/Gotti) und Minderwertigkeitskomplex dieser gegenüber. Und ist man gesellschaftlich konservativ. “Vinnie” Palermo soll Vorbild für “Tony” Soprano sein, war auch eigentlich jemandem untergeordnet, nämlich Giovanni Riggi. Der Beginn der TV-Serie 1998 soll die NJ-Mafia stolz gemacht haben, die Serie hat sie anscheinend erfolgreicher dargestellt als sie war/ist. Und, die De Cavalcantes imitierten die Sopranos dann in mancher Hinsicht.

“Wonder Years” / “Wunderbare Jahre” handelt ja von einer US-amerikanischen Familie um 1970 herum, mit dem Kleinen im Mittelpunkt. Auch wenn Vieles grob überzeichnet ist, steckt etwas Zeit- und Milieu-Porträt darin (wie zB auch in “Ein echter Wiener geht nicht unter”). „Homeland“ zeigt klar die Intentionen der Macher, die wiederum viel über die Entstehungszeit sagen. In der SF-TV-Serie “Fringe” gibt es einige Folgen mit Alternativgeschichte. In SF-Serien (und -Filmen), die ja in der Zukunft spielen, kam Einges als Fiktion vor, das Realität wurde. Etwa PC-Tablets in “Kampfstern Galactica” (USA, ’78-80, dem Original). Anderes, wie das Beamen in “Star Trek”/”Raumschiff Enterprise”, ist noch unerreichbar. Der Physiker Metin Tolan untersuchte in seinem Buch über die „Die Star Trek Physik“ die darin gezeigte Technik auf ihre Umsetzbarkeit.15 Beamen bei „Star Trek“ wurde ursprünglich von den Drehbuchautoren erfunden, um sich teure Kulissen für die Landung auf fremden Planten zu ersparen.

Zeichentrick-Serien? „The Flintstones“ / “Familie Feuerstein” ist eindeutig zu wenig historisch akkurat, ist nur pseudo-historisch bzw historisierend, erhebt auch gar nicht den Anspruch auf Historizität. “Wickie und die starken Männer” basiert ja auf einem Kinderbuch. “Es war einmal…der Mensch” (Frankreich 1978, Teil einer Serie mit verschiedenen Wissensgebieten) bringt die Weltgeschichte in 26 Episoden, wurde in sehr viele Länder exportiert.16 “Asterix” gab es ja als Comic bevor es zu einer Zeichentrickserie und “Realfilmen” wurde. Es hat das Geschichtsbewusstsein bezüglich Gallien unter römischer Herrschaft in vielen Ländern maßgeblich geprägt. Die vielen Anspielungen auf Personen oder Ereignisse, die viel später kamen, kann es sich leisten.17

Historische Fehler in Filmen

Dabei geht es also nicht um inhaltliche Fehler (Handlungs-Löcher,…), Anschlussfehler (“Goofs” im engeren Sinn), filmtechnische Fehler (zB Mikrofon zu sehen) oder Synchronisationsfehler. Sondern um Anachronismen und Ähnliches; diese sind nicht nur in Historienfilmen mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund von Relevanz. Sondern auch zB, dass in „Vom Winde verweht“ elektrische Strassenlaternen vorkommen, die es zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs noch nicht gab. Fehler in historischen Filmen bzw historische Fehler in Filmen werden auch den inhaltlichen Fehlern zugerechnet (Wiki: „Ein inhaltlicher Fehler liegt auch dann vor, wenn Filme, die auf realen Ereignissen basieren, sich von der Realität unterscheiden.“). Jene historischen Fehler, die für die Meisten offensichtlich sind, sind eine Art Handlungsloch.

Es gibt hier unbeabsichtigte Nachlässigkeiten und Beabsichtigtes, das sich als falsch herausstellt (Irrtümer der Macher, falsche Annahmen); sowie beabsichtigt Falsches. Anachronismen, die öfters vor kommen, sind die Verwendung von Waffen, die zur betreffenden Zeit an diesem Ort (meistens noch) nicht in Gebrauch waren. Es gibt Überschneidungen mit inhaltlichen Fehlern, logischen und filmtechnischen; ein Statist mit Armbanduhr in „Ben Hur“ oder „Spartacus“ (Antike) ist wohl eher ein filmtechnischer Fehler (Nachlässigkeit der Kostümbildner) als ein historischer, da unabsichtlich. Fehler bei Sprachakzenten sind nahe bei historischen Filmfehlern.18 Der Dreh an einem anderen Ort als dem Schauplatz des Films ist kein Fehler, sofern sich dieser Ort nicht “verrät”.

Absichtlich verzerrte Darstellungen der Vergangenheit können zum Einen einer Geschichtsauffassung entspringen, die man transportieren will, bzw Ausdruck von Geschichtspolitik sein. „300“ ist nahe an der Propaganda, „Birth of a Nation“ ist ein Propaganda-Film. Die reale Pocahontas (16./17. Jh) war natürlich auch eine Andere, als die in Romanen und Filmen (real und gezeichnet) dargestellte. Zum Anderen kann es sich dabei um Ausdruck künstlerischer Freiheit oder eine humoristische Note handeln. Wie die Soldaten mit Maschinengewehren und Anderes in der Verfilmung von „Jesus Christ Superstar“. In Steampunk-Filmen wie „Wild Wild West“ sind Anachronismen auch beabsichtigt, es handelt sich um eine Art von Alternativgeschichte.

Beispiel “Cleopatra”: Neben Anschlussfehlern und Sachfehlern wie im Dialog über die Gezeiten des Mittelmeers19 gibt es Anachronismen wie eine Luftröhrenschnitt-Narbe bei Elizabeth Taylor oder Bikini-Streifen an einer Tänzerin. Ein historischer Fehler im eigentlichen Sinn ist die Durchfahrt Cleopatras durch den Konstantinsbogen (Arco di Costantino) in Rom. Dieser Triumphbogen wurde 312 gebaut, zur Erinnerung an den Sieg Kaiser Konstantins über den Usurpator Maxentius. Cleopatra aber lebte von 69 vC bis 30 vC, war von 51 vC bis zu ihrem Tod (letzte) Königin des ptolemäischen Ägyptens. Abgesehen davon, und das betrifft natürlich auch andere Filme: Alle Hauptdarsteller und auch die wichtigen Nebendarsteller sind US-Amerikaner, Briten oder andere “Anglos”; Ägypter, Griechen oder Italiener spielen (wörtlich) keine Rolle; kein Fehler i.e.S., aber eben auch eine Unstimmigkeit.

In den Bounty-Filmen wird Kapitän Bligh als grausam und inkompetent dargestellt. Dieses Bild geht insbesondere auf die Roman-Trilogie von Charles Nordhoff und James Hall zurück und hat sich durch die Filme verfestigt und verbreitet (v.a. durch den aus 1935, mit Charles Laughton und Clark Gable), kommt mittlerweile einem Geschichtsirrtum nahe. „Der Clou“ ist kein Historienfilm, enthält aber einige Anachronismen: Scott Joplins Ragtime war viel früher „in“ als der Film spielt (1936), Canasta wurde erst 3 Jahre nach dem Jahr in dem der Film spielt entwickelt (’39 in Uruguay); Inspiration waren übrigens die Betrügereien der echten Gondorffs, diese trugen sich auch früher zu.

Die drei Sissi-Filme aus den 1950ern: In “Sissi” I (spielt 1853) zu sehende Autos sind eher ein filmtechnischer als historischer Fehler; an einer anderen Stelle darin fallen alle 9 Kegel während die Kugel noch weit von ihnen entfernt ist (Logikfehler oder filmtechnischer); ein Brief, der in einer Einstellung ein Siegel trägt, hat plötzlich deren zwei (Goof/Anschlussfehler); wiederholt ist in der Filmreihe vom „Starnberger See“ die Rede, obwohl dieser zu Sissis Zeiten noch „Würmsee“ hieß – dies ist ein echter Anachronismus bzw historischer Fehler. Die Darstellung der Romanze zwischen „Sissi“ und „Franz“ fällt wohl unter künstlerische Freiheit.

Im „Robin Hood“-Film von 1991 wird Schiesspulver eingesetzt, der legendäre Hood ist aber im 13. Jh angesetzt, gut 100 Jahre bevor dieses in Europa aufkommt. In „Braveheart“ treten Schotten in Kilts auf, die sich dort aber erst gut 300 Jahre nach der Zeit von William Wallace verbreiteten. Was oft vorkommt, sind Menschen in Europa im Mittelalter, die Kartoffeln aßen oder Baumwoll-Kleidung trugen.

Beispielhaft noch Links zu Behandlungen von Unstimmigkeiten in dem Kino-Film “Die letzte Schlacht” (auf Englisch) und dem Fernseh-Zweiteiler “Hitler-Aufstieg des Bösen”.

Wenn Filme die Realität beeinflussen oder mit ihr korrelieren

Manchmal gibt es Ähnlichkeiten zwischen Film-Charakteren und den sie darstellenden Schauspielern. Robin Williams war anscheinend mehr “Sy Parrish”  (“One Hour Photo”) als “Daniel Hillard” (“Mrs. Doubtfire”). “Tony” Sirico war Berufsverbrecher in New York im Umfeld der Colombo-Mafia-Familie bevor er Mafiosi spielte. Grace Kelly spielte in „To catch a thief“/”Über den Dächern von Nizza” 1955 eine Auto-Verfolgungsjagd auf der Grande Corniche, der Küstenstrasse in Süd-Frankreich zwischen Nizza und Monaco. Das war zu der Zeit, als sie Rainier Grimaldi kennen lernte. Auf einem anderen Abschnitt dieser Strasse ist sie im September 1982, als Fürsten-Gattin von Monaco, tödlich verunfallt. Brittany Murphy hatte etwas von der Figur, die sie in „Girl, interrupted” darstellte. Manchmal sind reale Personen Vorbilder für Film-Charaktere. So wie Jeff Dowd (Filmproduzent und politischer Aktivist, Coen-Bekannter) für Jeffrey Lebowski oder Frank Rosenthal für “Ace” Rothstein (“Casino”).

Was die „Oscar“-Verleihungen betrifft, 1953 wurde die Verleihung erstmals im Fernsehen übertragen. Millionen konnten von da an (live) miterleben, was bislang ein elitäres Dinner für die Branche gewesen war. Und 1953 hat der zweite Anlauf des Senators Joseph McCarthy begonnen, mit einem Ausschuss seiner Parlaments-Kammer auf Jagd auf (vermeintliche oder tatsächliche) Kommunisten zu gehen. Daneben war der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses “für unamerikanische Umtriebe” aktiv. Und auf Betreiben dieses zweiteren Ausschusses (zu HUAC abgekürzt) wurden in der Hollywood-Filmindustrie nicht Wenige beschuldigt und mit Arbeitsverbot belegt. Nominiert werden durften 1953 nur Filme, die dem HUAC als unverdächtig erschienen. Und der Kommentator der ersten im Fernsehen übertragenen Oscar-Verleihung war der Rechtsaussen Ronald Reagan.20

Reagan nahm ausserdem an der Propaganda-Kampagne “Crusade for Freedom” (1950–1960) teil, die vom CIA-gesteuerten “Radio Free Europe” finanziert wurde

Liberal durfte Hollywood erst später werden, und dann war es auch noch nicht die Jury der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für ihre Preise. Und deren Verleihungen wurden gelegentlich Ort politischer Manifestationen. Unter den Filmen, in denen der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses für unamerikanische Umtriebe (HUAC) und sein Wirken auf Hollywood eine zentrales Element der Handlung darstellen, ist zB “So wie wir waren” (1973) von Sydney Pollack. Zu Quasi-Propagandafilmen Hollywoods aus späteren Jahren zählt “The Green Berets” / “Die grünen Teufel” (1968) von und mit Marion Morrison (“John Wayne”), einem der ganz wenigen amerikanischen Filme, in denen das Mitmischen in Vietnam positiv dargestellt wurde.

In „Birdman of Alcatraz“ (1962) stellt Burt Lancaster den Mörder Robert Stroud (auch im Gefängnis tötete der einen Wärter) dar, der im Gefängnis in Leavenworth in Kansas autodidaktisch zum Ornithologen wurde. Der Film führte zu Wünschen nach Freilassung des noch inhaftierten Stroud. Stroud wurde 1942 nach Alcatraz gebracht (das vor-letzte Gefängnis, in das er verlegt wurde) – wo er keine Haustiere halten durfte. Auch wenn er als “Birdman of Alcatraz” bekannt wurde und einer der berühmtesten Gefangenen auf dieser Insel war, der Vogelmann war er in seiner Zeit in Leavenworth (1912-1942).

Manche Filme haben Aufruhr ausgelöst. “Baby Doll” von Elia Kazan (1957) etwa, wegen des Umgangs mit Sexualität. So eine Art Massenhysterie, die das Hörspiel “Krieg der Welten” anscheinend ausgelöst hat, ist mir durch einen Film nicht bekannt. Charles Chaplin besuchte 1931 Berlin, wurde gefeiert, die NS-Presse hetzte gegen ihn, u.a. als “Juden” (der er nicht war); 9 Jahre später spielte der Brite in USA Hitler in “Der grosse Diktator”. Montgomery Clift passierte während der Dreharbeiten zu “Raintree County”/”Im Land des Regenbogenbaums”21 1956 in Beverly Hills ein Auto-Unfall, der ihn entstellte und von dem er sich nie mehr erholte. Der Unterschied bei Clift zwischen den Szenen die vor dem Unfall und jenen die nachher gedreht wurden, war offensichtlich, und die Neugier darauf lockte Viele in die Kinos.

Und Lee H. Oswald ist ja, nachdem er durch die Erschiessung John Kennedys in Dallas Geschichte geschrieben hatte (oder: während mit ihm eine üble Nummer geschoben wurde) in ein Kino geflüchtet. Der Film, von dem er dort nicht viel gesehen hat, war “War Is Hell” / “Marschbefehl zur Hölle”, über den Korea-Krieg. 2012 der Amoklauf in einem Kino in Aurora in Colorado, während der mitternächtlichen Premiere des Batman-Films “The Dark Knight Rises”.

Hinweise

Robert Burgoyne: The Hollywood Historical Film (2008)

Will Wright: Sixguns and Society: A Structural Study of the Western (1977)

Über den Film „Die Brücke am Kwai“ (1957) und die Tatsachen dahinter (Englisch)

www.historienfilm.net

www.historyvshollywood.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Beispiel dafür sind 19 italienische Hercules-Filme, aus den späten 50ern, frühen 60ern
  2. In “Deutschland – ein Sommermärchen” zeigt Wortmann ja das deutsche Team bei der Heim-WM 06, als Dokumentarfilm
  3. Film über eine Hexenverfolgung in Salem 1692, nach einem Stück von Arthur Miller
  4. Cameo-Auftritt von Robert A. Wilson
  5. Fehler (Handlungs-Löcher) in diesem Film sind eine andere Sache, werden ein ander Mal behandelt werden
  6. “Alexis Sorbas” hat ausserdem eine Rückwirkung auf die Realität. Der Tanz- /Musikstil Sirtaki (“kleiner Syrtos”) wurde von “Mikis” Theodorakis für den Film erfunden! Vorbild sind die Syrtos-Volkstänze. Im griechischen Tourismus werden die Erwartungen an die Folklore meist bedient. Der Sirtaki ist somit auch ist Paradebeispiel einer erfundenen Tradition, die ein Konzept des verstorbenen jüdisch-britischen Historikers Hobsbawn ist
  7. Bzw, man traute sich nicht, das zu artikulieren
  8. Benchley hatte die Filmrechte schon vor der Veröffentlichung verkauft
  9. Wie der palästinensische “Five broken cameras”
  10. Als der Film zehn Jahre nach seinem Entstehen im deutschsprachigen Raum erstmals gezeigt wurde, war davon nicht viel mehr als eine harmlose Romanze übrig
  11. Die Figur des Walter Sobchak in “Big Lebowski” basiert (teilweise) auf diesem Drehbuchschreiber als Vorbild!
  12. Der wahrscheinlich beste Film mit O. J. Simpson
  13. Vielleicht auch über das britische Ringen um Geltung darin; zur Zeit von Ian Flemings erstem Bond-Roman Anfang der 50er und erst Recht zur Zeit des ersten Films 1962 war GB schon nicht mehr in der “ersten Liga”. Fleming hat auf seinem Anwesen “Goldeneye” in Oracabessa in Jamaika, wo er seine Romane schrieb, wahrscheinlich etwas Anderes gefühlt
  14. Etwas, das „Big Kahuna Burger“ (kommt in mehreren Tarantino-Filmen vor), “Los Pollos Hermanos” (“Breaking Bad”) und „Krusty Burger“ („The Simpsons“) noch nicht geschafft haben
  15. Er hat auch Bücher über die Physik in James-Bond-Filmen, über den Titanic-Untergang und Fussball geschrieben
  16. Im deutschsprachigen Raum ist die Serie untrennbar mit dem Titelsong “1000 Jahre sind ein Tag” verbunden, in Finnland aber etwa erklang als Intro die “Toccata” von Bach…
  17. 2012 gab es in der Völklinger Hütte im Saarland die Ausstellung “Asterix & Die Kelten”, u.a. mit einem Vortrag von Meinrad M. Grewenig zu “Historizität und Fiktion. Asterix und die ganze Wahrheit”
  18. In synchronisierten Filmen sind diese dann in der Regel weg – oder aber sie entstehen erst durch die Synchronisation
  19. Fehler in Dialogen sind so eine Sache; sie können der Person auch absichtlich in den Mund gelegt worden sein. In “Jackie Brown” gibt’s etwa die Szene mit dem Waffenvideo-Anschauen, in der Ordell einiges Falsche über Gewehre sagt, etwa dass die Steyr “AUG” nie in einem Film vorkam. Wahrscheinlich ging es darum, zu zeigen, dass er von Gewehren nicht viel versteht, obwohl er mit ihnen handelt
  20. Reagan nahm an der Kommunisten-Verfolgung in Hollywood in den 1950ern in mehrfacher Hinsicht teil. Er soll Kollegen diffamiert und denunziert haben. Einer der das sicher getan hat, war zB Walt(er) Disney
  21. Wie “Vom Winde verweht” eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs und Verfilmung eines Romans

Phantasie-Orte

Umberto Eco’s Buch “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” (2013; italienisches Original “Storia delle terre e dei luoghi leggendari”) ist die Grundlage für diesen Artikel, der nicht Inhaltsangabe, nicht Kritik, nicht Ergänzung davon /dazu ist, aber doch von allem etwas. Eco wies in der Einleitung des Buchs darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Katalog fiktiver Orte handelt, dazu sei “Manuale dei luoghi fantastici Copertina flessibile” von Alberto Manguel und Gianni Guadalupi (dt. “Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur”) zu empfehlen. Es geht in dem Buch also nicht um für Romane oder Filme erfundene Orte, sondern um Plätze aus Sagen, Legenden, Mythen, Religionen,… Atlantis zB hat es eventuell mal gegeben, andere sicher nicht, Leute glaubten aber daran. Von antiken Mythen bis Science fiction, entsprungen sind die Vorstellungen dieser Orte meist aus der Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.

Umberto Eco starb während der Arbeit an diesem Artikel, das Buch war eines seiner letzten.

Das Buch ist reich bebildert, enthält viele Auszüge aus anderen (oft zu Grunde liegenden) Texten. Sekundärliteratur (oder das IT) ist dennoch fast unumgänglich. Meister Eco ist sehr in der abendländischen Kultur zu Hause, was nichts Schlechtes ist, er sieht auf andere Kulturen nicht hinunter. Aber manchmal wäre das Hereinbringen einer anderen Perspektive wünschenswert bzw fruchtbar. Er schweift oft in benachbarte Gebiete ab, was oft bereichernd ist. Das Buch knüpft in gewisser Hinsicht an “Die unendliche Liste” (2009) an, das hauptsächlich eine Anthologie von Listen, von Homer bis Dali, ist, mit Kommentaren von ihm, die (abendländische) kulturgeschichtliche Bedeutung und Verbreitung der Liste, des Katalogs, der Aufzählung, der Sammlung, zur Geltung bringend, auch wie sie den Zeitgeist auszudrücken vermögen. Eine Aufzählung von Aufzählungen. Die legendären Länder sind aber mehr als eine Aufzählung, Eco nimmt sich einige heraus, die er näher ausführt, andere vernachlässigt er. Auch sein “Im Wald der Fiktionen: Sechs Streifzüge durch die Literatur” (1996)” weist Ähnlichkeiten zu diesem Buch auf.

Im Kapitel (1) “Die Erde als Scheibe und die Antipoden” geht es um Vorstellungen von der Erde in anderen Formen als der tatsächlichen Kugelform und vom Leben auf der gegenüberliegenden Erdkugelhälfte. Eco weist auch darauf hin, dass entgegen landläufiger Vorstellungen Gelehrte des Mittelalters nicht mehr an eine Scheibenform der Erde glaubten. Vor der Erforschung anderer Weltgegenden haben Menschen über andere Länder spekuliert, wie heute über mögliche bewohnte andere Planeten; ab der Neuzeit wurde die Erde aus Europa erforscht und grossteils unterworfen.

(2) Die Länder der Bibel: Hier dreht sich am Ende alles um die Frage der Historizität jüdisch-christlicher Erzählungen bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung. Eco bringt in dem Kapitel vier Themen: die seit der assyrischen Invasion verlorenen Stämme Israels, die Sage von Salomon und Saba, der Tempel in Jerusalem und die Heiligen Drei Könige (ihre fragliche Faktizität, ihre mögliche Herkunft und die Wanderungen ihrer vermeintlichen Reliquien). Bei den verlorenen Stämmen dürfte eine Historizität gegeben sein und es gab und gibt Spekulationen über ihren Verbleib; in deren Zuge wurde der Fluss Sambatyon “erfunden”, der die Juden hindere, zurück zu kehren.

In Bibel bzw Tanach ist die Rede von König Salomon und der Königin (von) Saba. Die Fragen hier lauten: Gab es sie wirklich? Wenn ja, von wo stammte sie, wo war ihr Land? In äthiopischen Geschichtsmythen spielt sie eine zentrale Rolle; in einer Sage aus dem 14. Jh, “Kebra Nagast”, so Eco, bekam der Besuch von Saba bei Salomon einen sexuellen Charakter und Saba wird dort mit Abessinien in Verbindung gebracht. Sie sei mit seinem Samen in ihrem Bauch zurückgekehrt und Menelik sei daraus entstanden, der die salomonische Dynastie begründet habe, die in Abessinien/Äthiopien bis in die 1970er (Haile Selassie) herrschte. Eine andere Möglichkeit für die Lage von Saba oder die Herkunft der Königin ist Südwest-Arabien, das heutige Jemen.

Am zweiten Tempel in Jerusalem schliesslich, nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil, durch die “Intervention” der Perser ermöglicht, ist auch einiges legendär und rätselhaft; noch mehr allerdings am ersten, dem salomonischen. Nicht zuletzt einiges rund um den Bau, unter Hiram Abif. Nicht aber der Ort – weshalb dieses Kapitel fast etwas am Thema des Buches vorbei geschrieben ist.

(3) Die Länder Homers und die sieben Weltwunder: “…die griechische Phantasie hat fortwährend jeden Aspekt der Welt die sie kannte, in einen legendären Ort verwandelt.” Manche existente Orte haben Eigenschaften wie imaginäre, zB der Olymp(os) – ein reales Gebirge und zugleich mythischer Sitz der Götter. Odysseus’ Route bei seinen Irrfahrten (Odyssé) ist umstritten, es gibt diverse Theorien, ob der Erzählung reale Orte zu Grunde lagen. Er war auch in eindeitig legendären Orten, wie dem Hades.

Reiseberichte der Antike waren oft ungenau und das Beschriebene dann schwer zu lokalisieren; manchmal wurde auch etwas erfunden. Eco geht hier relativ kurz auf die Suche nach der Wahrheit über Troja ein, wo noch immer viele Legenden von der (herauszufindenden) Wahrheit getrennt werden müssen. Und dann noch die 7 Weltwunder: manche von ihnen waren evtl. legendär (erhalten ist ja nur die Cheops-Pyramide), etwa die hängenden Gärten von Babylon. Bei ihnen ist fraglich, unter welchem Herrscher sie errichtet wurden (unter der assyrischen Königin Schamuramat?) und wo genau sie waren.

(4) Die Wunder des Orients, von Alexander bis zum Priester Johannes: Ein katholischer Bischof aus dem Kreuzfahrer-Staat Antiochia überbrachte dem Papst im 12. Jh die Kunde von der moslemischen Eroberung Edessas. Daneben auch von einem christlichen, nestorianischen Reich im Orient (“jenseits von Persien”), von einem Priester namens Johannes geführt. Bezüglich Edessa rief Papst Eugen III. auch umgehend zum (zweiten) Kreuzzug auf. Der Priester, Hugo von Jabala, berichtete auch dem Chronisten und Bischof Otto von Freising über das Reich des Priesters Johannes. Dieser schrieb darüber, in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus.

Der Papst sah den Nestorianismus als Ketzerei (die Chaldäische Kirche gabs noch nicht), nicht als Variante des Christentums. Dann kursierte ein angeblicher Brief dieses Priesterkönigs an den byzantinischen Kaiser. Zweck des in die Welt gesetzten Mythos war evtl die Expansion Europas oder die Förderung der weltlichen Herrschaft des Klerus in Europa. Diverse europäische Asien-Reisende, darunter Marco Polo, gaben Erzählungen von dem Reich wieder. Die Portugiesen kamen in der frühen Neuzeit nach Abessinien, glaubten das Johannes-Reich dort gefunden zu haben, obwohl in Afrika gelegen und nicht so reich und fabelhaft wie angepriesen. Umberto Eco hat übrigens Teile des Mythos vom Priesterkönig Johannes in seinem historischen Roman “Baudolino” (2001) verarbeitet.

(5) Das irdische Paradies, die glückseligen Inseln und das El Dorado: Das biblische Paradies, der Garten Eden, wurde von den Sumerern entlehnt, die ihn als früher fruchtbarer Ort beschrieben. In der christlichen und jüdischen Lehre ist er eine Art Vorstufe zum himmlischen Paradies. Eco weist darauf hin, dass es in anderen Religionen ähnliche Vorstellungen gibt, nennt Indraloka aus dem Hinduismus.

Das Elysion (altgriechisch) bzw Elysium (lateinisch), die Insel(n) der Seligen oder glückseligen Inseln, Inseln des Glücks oder Elysischen Gefilde entstammen der griechischen Mythologie. Dort werden jene Helden dorthin entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Spätere Dichter, wie auch Vergil, verlegten das Elysion in die Unterwelt, als einen Ort für die von den Totenrichtern für würdig Befundenen. Es gab auch hier Versuche der Lokalisierung, der irische Mönch Brendan (Früh-Mittelalter) will sie bei einer Seereise gefunden haben; die St. Brendan-Inseln wurden lange für existent gehalten. Über El Dorado hat Eco überraschend wenig geschrieben; das Goldene Zeitalter (von Griechen wie Hesiod und Römern ausgemalt) hat er hier erwähnt.

(6) Atlantis, Mu und Lemuria: Atlantis nimmt erwartungsgemäß viel Platz ein, Eco nennt viele der Aufgriffe des Konzepts seit Platon. Lemuria ist das im 19. Jh entstandene Konzept eines Kontinents bzw einer Landbrücke. Solche Landbrücken-Hypothesen waren bis zur Durchsetzung der Plattentektonik weit verbreitet. Später spielte Lemuria in Esoterik und SF eine Rolle. Auch die Vorstellungen vom (im Meer) verlorenen Kontinent Mu entstand im 19. Jh, hatte teilweise wissenschaftlichen, teilweise phantastischen Charakter, sie knüpften an Maya-Legenden wie auch an jene von Atlantis an.

(7) Ultima Thule und Hyperboräa: Auch Thule stammt aus der griechischen Mythologie, Pytheas, Strabon und Andere schrieben von diesem Land, der Mythos verschmolz mit der Sage von Hyperboräa, wurde von vielen Späteren aufgegriffen. Leute glaubten lange an die Existenz dieses Landes, versuchten es zu lokalisieren, v.a. im Nord-Atlantik. Nordische Rassen- und Abstammungstheorien etablierten sich darauf, etwa bei Fabre-D’Olivet, später bei der Thule-Gesellschaft, von der einiges vom Nationalsozialismus aufgegriffen wurde.

(8) Die Wanderungen des Grals: Die Legende um den Heiligen Gral erschien in vielgestaltiger Form in der mittelalterlichen britisch-französischen Artus-Sage, wie der legendäre Ort Avalon – der eher ein eigenes Kapitel in einem Buch mit dieser Thematik verdient hätte. Das Gefäss, dem das Kapitel gewidmet ist, ist durch einen angeblichen Bezug zu Jesus heilig geworden und wird mit den Kreuzzügen in Zusammenhang gebracht. In Avalon wurde der Gral schon lokalisiert, auch in Rennes-le-Château, er soll ja herum gebracht worden sein. Die Legende wurde natürlich von allerlei Okkultisten aufgegriffen, auch von jenen der Nazis, sowie von Künstlern oder Wichtigtuern.

(9) Alamut, der Alte vom Berge und die Assassinen: Ein realer Ort (eine Burg/Festung, heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin im NO-Iran), der sich in eine legendäre Stätte verwandelte; schwierig, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Um die Ismailiten wird es hier im Blog ein ander Mal gehen.

(10) Das Schlaraffenland: Darin werden biblische Motive aufgegriffen (“Land von Milch und Honig”), diverse antike Autoren leisteten Vorarbeiten, im Mittelalter entwickelten sich abhängig voneinander im französischen (Pays de Cocagne), italienischen, deutschen, englischen, niederländischen, spanischen, schwedischen Raum ähnliche Sagen über ein vornehmlich materialistisches Paradies; im deutschen Raum entstand der Gedanke vom Schlaraffenland im Spät-Mittelalter, wurde etwa von Hans Sachs aufgegriffen. Und seither immer wieder neu, etwa von den Grimms im 19. Jh als Märchen. Von Pieter Bruegel d. Ä. stammt das wohl berühmteste Gemälde dazu. Es geht um kulinarische Genüsse, aber auch (vor allem in den früheren Versionen) die Freude am Rollentausch: der Bischof dient im Schlaraffenland dem Bauer, Menschen den Tieren,… Diese Vorstellungen sagen natürlich viel über Sehnsüchte (und Nöte) der Menschen aus. Eco bringt hier Collodis Pinocchio und sein Spiel(zeug)land ins Spiel, als Antithese zum Schlaraffenland, als Alptraum-Land.

(11) Die utopischen Inseln: Eco sagt dass Utopien nicht Thema des Buches sind, schreibt aber doch ein Kapitel darüber. Genannt werden hier u.a. die Insel Utopia von Thomas Morus (More)1, Francis Bacons Nova Atlantis, die (fiktive) Südseeinsel Bensalem, Campanellas Sonnenstaat, Lilliput und die anderen Stationen auf Gullivers Reisen, Christianopolis von Andreae, Cabets Ikarien, Borges’ Erzählung “Tlön, Uqbar, Orbis Tertius”, Platons Werk “Politeia”, die Utopien von Saint-SimonEs gibt natürlich Gemeinsamkeiten bei diesen politisch-gesellschaftliche Fiktionen, Wiederholungen… Und das nicht nur, weil sich Morus, Campanella und Bacon Platons Beschreibung als Vorbild für ihre utopischen Werke nahmen.

Er nennt auch Dystopien, die von Orwell in “1984”, das London in Huxleys “Brave New World”, Bradbury in “Fahrenheit 451”, jene Dicks in “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” (Vorlage für “Blade Runner”), oder Langs “Metropolis”. Hinzuzufügen ist, dass die Realität gezeigt hat, dass aus Utopien “leicht” eine Dystopie werden kann, wie der Nationalsozialismus zeigte; als Utopie wurde er vor seiner Machtübernahme von Vielen gesehen, danach nur mehr von sehr wenigen. Auch dass des einen verwirklichte Utopie des anderen Alptraum sein kann.

(12) Salomon-Inseln und Terra Australis: Die Salomonen bekamen ihren Namen von den Spaniern, die in der frühen Neuzeit, wie auch andere Europäer, den Pazifik erfotschten. Nach dem biblischen König Salomon; das im A. T. erwähnte reiche Ophir sollte dort sein. Die von Melanesiern besiedelte Insel wurde viel später kolonisiertTerra Australis war der Name eines von den alten Griechen postulierten hypothetischen Süd-Kontinents. Auch auf ihn wurden utopische Vorstellungen projiziert, wie auf andere mythische unauffindbare Traumländer. Das eigentliche “Australien” ist die Antarktis, die aber kleiner und unwirtlicher als erwartet ist. Ausserdem war der Name schon an die früher von Europäern entdeckte nördlichere Insel vergeben. Und weil er hier schon im Pazifischen Ozean war, nahm Eco hier auch Sandy Island dazu, das ab 2012 aus Karten gestrichen wurde, weil man drauf kam, dass es nicht existiert.

(13) Das Erdinnere, der Polmythos und Agartha: Das Erdinnere wurde (früher) oft als Jenseits, Totenreich gesehen, als Hölle (nicht Höhle), es handelt sich also um einen tatsächlich vorhandenen Ort, von dem es falsche Vorstellungen gab. Auch nach Newtons Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Erdinneren gab/gibt es darüber noch literarische wie wissenschaftliche Spekulationen, von Jules Vernes’ SF-Roman “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864) bis zu den Hohlwelttheorien (vom Ägypter Mostafa Abdelkader u. A. im 20./21. Jh “wiederbelebt”).

Der Polmythos bestand darin, dass um die Erd-Pole attraktives Land sei, also etwa in der Antarktis. Agartha ist ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, spielt(e) aber eher für westliche Buddhismus-“Neuinterpretierer” wie Ferdynand Ossendowski eine Rolle. Agartha wird oft mit Shambahla in Verbindung gebracht, einem sagenhaften versteckten bzw immateriellen Land im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen “zweckentfremdet” wurde. Anscheinend wurde durch einen Roman des Briten James Hilton 1933 aus Shambahla “Shangri-La”; er hat alten östliche Legenden von einem verborgenen Paradies im Himalaya-Gebirge verarbeitet, das bei ihm Westlern Zuflucht bietet.

(14) Die Erfindung von Rennes-le-Château: Dreht sich auch hauptsächlich um die Gralslegende, ist ein Ort, der nicht legendär sondern “nur” rätselhaft/ legendenumwoben ist.

(15) Die literarischen Stätten und ihre Wahrheit: Im Schlusskapitel kommen sie also doch noch, erwähnt werden u. a. Peter Pan’s Nimmerland, Sindbads Insel, Dornröschens Schloss, King Kongs Insel, Lemuel Gullivers Lilliput oder Glubbdubdrib (Swift), Armidas Gärten (von Tasso), Alice’s Wunderland (Carroll), Sherlock Holmes’ Haus in der Baker Street in London (heute gibt es ein Gebäude mit der Nummer 221), Film-Länder wie Zamunda, der Jurassic Park oder Parador, die Orte “wo Walt Disneys Figuren leben” (nennt Entenhausen nicht), das Dunkelland oder die Mittelerde aus Tolkiens “Herr der Ringe”, Clive S. Lewis’ Narnia, aus Comics Krypton (Superman), Robidas futuristisches Paris, Gotham City (Batman) oder die Insel Escondida (Corto Maltese), Salgaris schwarzen Dschungel, Stevensons Schatzinsel, Hogwarts aus Harry Potter oder Borges’ Aleph, Smallville aus der TV-Serie. Von Kindern wurden/werden einige vielleicht für real existierend gehalten. Auch die “verlorene Stadt” Opar aus Edgar R. Burroughs “Tarzan” kommt immer wieder vor (nicht im Schlusskapitel).

Eco schreibt hier auch einiges über das Verhältnis zwischen der Realität und der Fiktion. Dazu gehört auch die Benennung von Inseln des chilenischen Juan-Fernández-Archipels. Eine ist nach Alexander Selkirk (17./18. Jh) benannt, dem schottischen Seefahrer, der Vorbild für Daniel Defoes Figur Robinson Crusoe war und auf der Nachbarinsel ausgesetzt wurde – und diese wurde 1966 (nach) Robinson Crusoe benannt. Dass es sich bei Selkirk und Crusoe um zwei verschiedene Inseln handelt, bringt Eco dabei nicht gut herüber – möglicherweise ist das aber auch auf die Übersetzung zurück zu führen. Die Insel Monte C(h)risto gibt es auch, vor der Küste der Toskana, gab es schon vor Dumas’ Roman, in dem die Hauptfigur auf der Insel einen Schatz birgt und seinen Grafen-Titel von ihr bezieht; vorher war er im Gefängnis im Château d’If auf der Ile d’If vor Marseille, das tatsächlich ein Gefängnis war. Legendär, so Eco, ist auch die Wiener Kanalisation geworden, ein realer Ort, durch den “Dritten Mann”. Er schneidet hier auch kurz literarische Kontrafaktik an, das Anders-Ausgehen von Erzählungen, wie es P. Doumenc mit Emma Bovary geschehen liess; und auch Dicks geschichtliche Kontrafaktik im “Orakel vom Berge” sowie historische Rätsel wie jenes über die Romanovs. Dass das Vorbild für Dracula eine reale Person war, erwähnt er, nicht aber, dass es sich mit Schloss Bran (der Törzburg) ähnlich verhielt. In Casablanca/Dar al-Baida wurde anscheinend auch ein “Rick’s Café Americaine” nach dem Vorbild des Films errichtet.

Mohnfeld in Oz
Mohnfeld in Oz

Nicht erwähnt wird der Internats-Ort Kirchberg aus dem fliegenden Klassenzimmer, Rocky Beach aus den Drei ?, Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land (Lindgren), die Southfork-Ranch aus Dallas, das Königreich Tyrrhenien aus “Das Böse unter der Sonne” (Christie), die Benediktinerabtei im Apennin aus dem “Namen der Rose” (…), der Gutshof Sturmhöhe/Wuthering Heights aus Brontes gleichnamigem Roman, der Ort Boscaccio aus “Don Camillo und Peppone” (Signore Eco!), das Munchkin Land in der Welt von Oz (“Zauberer von Oz”-Serie, Baum), Kastalien aus dem Glasperlenspiel, Phantasien (“Unendliche Geschichte”), Trantor von Asimov, die Insel Pala in Eiland (Island) von Aldous Huxley, Ankh-Morpork aus Pratchetts Scheibenwelt, Tolkiens Auenland, Barrons Fincayra, Arkham oder Innsmouth von Lovecraft, Kings Castle Rock, Crimson Skies von Weisman und McCoy, Kirbet Kizeh von Yizhar Smilansky2, Tara aus “Vom Winde verweht”, die Solaris-Weltraumstation (S. Lem), A. C. Doyles vergessene Welt im Amazonas, das Perryversum aus der Perry-Rhodan-Serie, Shutter Island, Schilda, oder Meropis. In Lewis Carroll’s “Sylvie and Bruno” gehts u.a. um eine Landkarte im Maßstab 1:1. Ich weiss nicht, was Manguel & Guadalupi alles in ihrem Buch haben.

Aus Comics wären noch zu nennen: das Marvel-Universum, Kleinbonum und die anderen Römerlager um das Dorf der unbeugsamen Gallier aus Asterix3,…

Xanadu wird im Buch nur als Gedicht von Samuel T. Coleridge erwähnt, im Kapitel der literarischen Orte. Es ist der westliche Name von Shangdu, das unter der mongolischen Yuan-Dynastie Chinas Hauptstadt war, bevor sie nach Zhōngdū verlegt wurde, dem heutigen Peking. Shangdu blieb Sommer-Residenzstadt Kublai Khans. Es wurde vom venezianischen Reisenden Marco Polo besucht. Im 14. Jh wurde es unter der Ming-Dynastie zerstört. Von der Stadt existieren heute nur noch Ruinen. Xanadu wird auch als Metapher für Prunk und Wohlstand verwendet, auch in Welles’ “Citizen Kane”. Coleridge wurde durch historische Beschreibungen von Kublai Khan zu seinem Gedicht inspiriert.

Arkadien (neugriechisch Arkadia/ Αρκαδία) wurde von Eco ja nur kurz gestreift. Es ist eine Landschaft im Zentrum der Peloponnes und ist einer der Regionalbezirke der Region Peloponnes. Es wurde schon zur Zeit Alexanders, im Hellenismus, verklärt, zum Ort eines Goldenen Zeitalters, wo die Menschen in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten leben. In den Hirtengedichten Vergils wurde das aufgegriffen; er versetzte die Region, wie auch andere Römer, nach Sizilien. In der europäischen Renaissance (frühe Neuzeit) wurde der Topos wieder belebt, etwa mit dem Schäferroman “Arcadia” von Jacopo Sannazaro. Auch im Barock und späteren Kulturepochen West-Europas wurde der Mythos Arkadiens gepflegt, blieb es ein Sehnsuchtsort einer friedlichen Utopie.

An mythologischen Orten, solchen die früher mal religiöse Phantasie- bzw Sehnsuchtsorte waren, sind noch zu nennen: Walhalla, in der nordisch-germanischen Mythologie Ruheort für gefallene Kämpfer, und Helheim als Jenseits; Apropos Unterwelt/Totenwelt/Hölle/Jenseits: in der alt-griechischen Mythologie gab’s da den Hades, der vom gleichnamigen Gott beherrscht wird; in der Azteken-Mythologie Omeyocan; bei den Babyloniern u. a. Mesopotamiern Kurnugia (beschrieben auch im Gilgamesch-Epos); Xibalba bei den Maya; Duat bzw Amenthes bei den alten Ägyptern –  und Ta-djeser als Lichtlands in der Duat, für die Verstorbenen, die ein positives Urteil des Totengerichts bekamen; der finnische Kalevala-Epos trägt den Namen eines mythischen Landes (“das Land des Kaleva”, des mythischen Ur-Vaters), dort gibt es Tuonela (“das Land des Tuoni”, des Gotts des Todes) als Jenseits, oft dasselbe wie Pohjola, “das Land des Nordens”, dann gibt’s da Lintukotola, “das Land des Vogel-Heims”, am Rande der Welt, wo sich Himmel und Erde treffen und die Seelen hinreisen; die “ewigen Jagdgründe” sind anscheinend nicht mythischer Jenseits-Ort nordamerikanischer Indianer, sondern ein literarisch erfundener Ort> http://karl-may-wiki.de/index.php/Ewige_Jagdgründe

Airyanem Vaejah wird in der zoroastrischen Avesta als die Urheimat der frühen Arier (Indo-Iraner) bezeichnet und als eine von sechzehn perfekten Länder des Gottes Ahura Mazda – da der Zoroastrismus eine lebendige Religion ist, gehört dies eigentlich weiter unten, zu den religiösen “Phantasie-Orten”, aber er spielt nicht nur bei Zoroastriern/Mazdaisten eine Rolle; in der Maori-Mythologie ist Hawaiki die Urheimat der Maori; Ergenekon wurde ein türkischer Herkunfts-/Gründungsmythos, zentralasiatische Legenden wurden in später osmanischer und früher republikanischer Zeit vom türkischen Ethnozentrismus aufgekocht, als Herkunftsort der Türken; in der (ost-)slawischen Mythologie ist Buyan (Буя́н) als geheimnisvolle Insel beschrieben, die verschwinden und wieder auftauchen kann; in Russland gibts (v.a. in paganistischen Gemeinschaften) den Mythos um den Ort Belovodye, mit weissem Wasser, an dem “heilige” Menschen vom Rest der Welt getrennt leben; bei den Azteken/Nahua gab/gibts Aztlán als legendären Herkunftsort

An mythischen Orten aus aktuellen Religionen sind bei Eco nicht genannt: Aus Bibel/Tanach etwa Sodom und Gomorrha, die es real wahrscheinlich nie gab; diese Orte stehen heute für etwas, in schwächerer Form auch der mit Jonas im A. T. genannte Walfischbauch; mit “Heiliges Land” ist in der Regel Kanaan/Palästina/Israel gemeint, hautsächlich in christlichen nach-biblischen Traditionen, “Gelobtes Land” ist mit “heiligem Land” nicht immer gleich zu setzen (Columbus hoffte, ein gelobtes zu finden); Abyssos bezeichnet in der biblischen Mythologie die Unterwelt, erscheint mehrfach in der Offenbarung des Johannes, ausserdem bei Paulus & Lukas (ebf. NT), in der Septuaginta (AT) dient Abyssos als Übersetzung des hebräischen Begriffs “Tehom” (Meerestiefe); das neue Jerusalem, auch „himmlisches Jerusalem“ genannt, entspringt dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes, wonach am Ende der Apokalypse eine neue Stadt, ein neues Jerusalem entstehen wird. das neue Jerusalem wurde ein relativ wichtiger christlicher Topos, besonders während der Zeit der Kreuzzüge (die die Befreiung des irdischen Jerusalems von den „ungläubigen“ islamischen Herrschern bringen sollte). bei den Swedenborgianern spielt das “neue Jerusalem” eine besondere Rolle; An die christlichen Vorstellungen vom Jenseits knüpft Dante Alighieris Göttliche Komödie an

Das babylonische Exil der Juden und andere alttestamentarische Mythen sind in die Rastafari-Religion eingeflossen, “Babylon” steht für das Exil der Schwarzen in Amerika; im Islam gibt es das Adjektiv “ḥarām” (حرام), das Verbotenes, Heiliges bezeichnet, etwa dem Begriff “Tabu” entspricht. verwandt mit dem Wort ist “Harem” (حريم), der eigentlich so etwas wie einen geheiligten Bereich bezeichnet, oft einen Wohnbereich von Frauen innerhalb eines Hauses meint; im Hinduismus gibt es Naraka als jenseitigen Ort oder Akasha (आकाश), das so etwas wie “Äther” meint. Im Buddhismus gibts das bekannte Nirvana; In der zoroastrischen Mythologie gibt es das wunderbare Land Schadukiam, das Eco als möglichen ausser-europäischen Einfluss auf den Schlaraffenland-Mythos nennt; aus der Mormonen-Sekte ist etwa das Land Lehi-Nephi zu nennen

Aus Filmen & Fernsehen gibt es zB noch Alphaville (Godard-Film), Korriban (“Stars Wars”), Twin Peaks, Lampukistan (“Switch”> “RTL Aktuell”-Parodie), South Park, Amity Island (“Weisser Hai”), Pleasantville, die Justizvollzugsanstalt Reutlitz in Berlin (in “Hinter Gittern – Der Frauenknast”),…

Reale Orte, die von Legenden umwoben wurden, sind etwa die “Area 51” genannte US-Luftwaffenbasis in Nevada, die immer wieder mit UFOs und Ausserirdischen in Zusammenhang gebracht wird, oder der Mount Shasta in Kalifornien.

Dann gibt’s einiges an Scheinstaaten, an “Staaten” die, ernsthaft oder zum Spass, ausgerufen wurden, aber nicht wirklich bestehen, von Sealand bis Padanien.

Nicht im Fischer-Weltalmanach steht auch Molwanien: “Das Buch Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns” (05, engl. Originaltitel: Molvanîa: a Land Untouched by Modern Dentistry, 04) der australischen Autoren Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch ist eine Parodie auf einen Reiseführer, wurde ein internationaler Bestseller, erfindet ein ganzes Land (in Südost-Europa) komplett mit Sprache, Nationalhymne, Knoblauchschnaps und Kleidergrößen. Die selben Autoren haben auch fiktive Länder in Südostasien oder Mittelamerika für Pseudo-Reiseführer erfunden.

Oder Orte die es mal gab, aber nun nicht mehr, Länder, Bauwerke oder Städte: Ostpreussen (oder das ganze Deutsche Reich), die Confederate States of America (CSA; die USA-Südstaaten nach der Szession), Pangea, der Tempel in Jerusalem, Roanoke,…  In Berlin existieren zB Hitlers Bunker, das Spandauer Gefängnis oder die Mauer nicht mehr, das Stadtschloss wird wieder aufgebaut. Das Doggerland bildete bis zum Meeresanstieg nach der letzten Kaltzeit (Weichseleiszeit) eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die für einige Jahrtausende von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war. Oder Beringia, die im Nachhinein so genannte Landbrücke zwischen Nordost-Asien und Amerika (darum wird es im nächsten Artikel gehen…). Dazu gehören auch jene Städte oder Bauwerke, die nur noch als Ruinen, Geisterstädte, Touristenattraktionen existieren, von Machu Picchu über  Pompeji bis Angkor Wat.

“Crocker Land” ist der Name eines vermuteten achten Kontinents im Nordpolarmeer, dessen Existenz widerlegt ist. 1906 gab der US-amerikanische Polarforscher Robert Peary (vermutlich von einer Luftspiegelung getäuscht) an, auf einer Arktis-Expedition eine Landmasse am Horizont gesehen zu haben. Diese benannte er nach einem George Crocker. 1913 startete die sogenannte Crocker-Land-Expedition, die damit endete, dass das das Schiff im Packeis festfror. Nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten und wurden erst Jahre später gerettet. Anhand von Satellitenaufnahmen konnte bewiesen werden, dass der Kontinent nicht existiert. Manche Gebiete waren mal (vor ihrer Erforschung) eine Terra incognita, hatten was phantastisches. Antillia ist eine Phantominsel, eine Insel, an deren Existenz mal gelaubt wurde, wie auch St. Brendan oder Sandy Island.

An Dystopien gäbe es zB noch das Ozeanien Orwells oder Panem von Collins.

Für Computer-Spiele werden natürlich auch Welten/Länder geschaffen, etwa Azeroth (“Warcraft”), Zanarkand (“Final Fantasy”), Calradia (“Mount & Blade”). Der Cyberspace, das Internet, hat in gewisser Hinsicht auch den Charakter einer Parallel-/bzw Scheinwelt.

Timbuktu gibts wirklich. Die Stadt hatte jahrhunderte lang (in Europa) den Ruf eines legendären Ortes. New Canaan in Connecticut aus “Der Eissturm” gibt es auch. Eleusis, Ort des Mysterienkults in der griechischer Antike, ist ein nach wie vor bestehender Ort. Paris in Texas, Fargo und Punxsutawney bestanden, bevor sie Schauplatz von Geschichten wurden. Auch Mulholland Drive (Strasse), Hells Kitchen (Stadtviertel) oder Bells Beach (Strand). Disneyland, Legoland, Sun City (in Moses Kotane, NW, Südafrika), Graceland, Neverland sind zwar Phantasien entsprungen, diese aber auch umgesetzt worden.

Manche Orte, wie Dachböden, Keller oder Wälder, bekommen in der Phantasie leicht etwas geheimnisvolles. Und manche existieren nur in der Sprache: die Bananenrepublik, der Elfenbeinturm, die einsame Insel, Hintertupfingen (ein kleiner, abgelegener Ort, der Arsch der Welt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen), Absurdistan, das Niemandsland (dafür stehen auch “die Pampa” und “die Walachei”, in der deutschen Sprache)

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Alberto Manguel und Gianni Guadalupi: Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur (1996)

Lyon Sprague de Camp: Versunkene Kontinente – Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen (1975)

Welten basteln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wo es religiöse Toleranz gibt, aber nicht für Atheisten
  2. ein fiktives palästinensisches Dorf in der gleichnamigen Erzählung von Smilansky, anhand dessen er Vertreibungen & Morde während der Nakba beschrieb, an der er beteiligt war, eine Art historischer Roman
  3. Kleinbonum leitet sich von dem französischen Begriff “petit bonhomme” ab, der für “kleine Spießer” steht

Fiktive Drogen

Aus Krötenhaut gewonnenes Bufotenin, Arsenik, psychoaktive Lianen, Äther, Hexensalben oder Engelsstaub (PCP) gibt es wirklich und diese Stoffe wurden/werden von Menschen als Drogen verwendet. Hier eine Übersicht zu nicht-existierenden, meist in künsterischen Zusammenhängen erfundenen Drogen; das Science-Fiction-Genre dominiert.

* Moksha, im Roman “Eiland” von Aldous Huxley. Wie Soma kommt der Ausdruck aus der indischen Religiosität, er bedeutet Erleuchtung/Befreiung. Es ist im Buch eine bewusstseinserweiternde Droge, wirkt wie ein Halluzinogen, mit denen Huxley privat recht viel experimentierte. Das Gegenstück zu Soma, sozusagen

* NZT-48 im Film “Ohne Limit”/”Limitless”, das dem Protagonisten hilft, seine geistigen Kräfte voll zu nutzen

* Soma in “Schöne neue Welt” (Brave New World) von Huxley. Es gab in der indo-iranischen Kultur einen Götter-/Opfertrank, der von Indern als Soma in die Veden und bei den Iranern als Haoma in die Avesta eingebracht wurde, somit in Hinduismus und Zoroastrismus auftaucht. Die Identität des Tranks ist ein ungelöstes Rätsel, siehe dazu den Artikel auf der englischen Wikipedia. In dem Roman ist Soma aber ein Mittel zur Ruhigstellung von Menschen in einem totalitären System, das sie in einem Zustand problemvergessener Infantilität festhält. Dieses Soma wirkt wie eine Mischung aus Benzodiazepinen und Opiaten.

* Der vom Druiden zubereitete Zaubertrank in “Asterix”; wäre am realistischsten so etwas ähnliches wie aus Kräutern zubereitete Schlankheitstropfen, die “speed”-ähnlich wirken.

* „Funky cold medina“ in Song von Tone Loc

* Melange/Spice in “Wüstenplanet” (Dune) (zuerst die Romane, von F. Herbert, dann der Film)

* Das blaue “Meth” aus “Breaking Bad”

* Moloko Plus und andere in “A Clockwork Orange”

* Valkyr im Computerspiel “Max Payne” (gibts auch als Film)

* Neuroin in “Minority Report” (der Verfilmung liegt eine SF-Kurzgeschichte von Philip K. Dick zugrunde)

Weitere in Filmen: Nuke in “Robocop”, Adrenachrome in “Fear and loathing in Las Vegas” (ursprünglich ein Roman), Contrari in “C.S.A. – The Confederate States of America” (eine Mockumentary aus 2004), Retinax V, Ketracel und Romulan Ale in “Star Trek”, die Blaue & Rote Pille in “Matrix” (von Morpheus, sind eigtl. nur Symbole), Prozium in “Equilibrium”, Bacta in “Star Wars”, The Jeffery in “Get Him to The Greek”, Fluid Karma in “Southland Tales”, The Crippen Virus in “I am Legend”, CPH4 in “Lucy”, Eyedrops in “Looper”, Ephemerol in “Scanners”, The Slo-Mo in “Dredd”, HFS in “21 Jump Street”, Ladder in “Jacobs Ladder”, Scat in “The Faculty”, Soy Sauce in “John Dies at the End”, Gleemonex in “Kids in the Hall: Brain Candy”, POS 51 in “Formula 51” (wird im Film als Placebo als enttarnt), Quietus in “Children of Men”, in “THX 1138” (Film, Romanumsetzung) gibt es eine Droge zur Ruhigstellung im System, ohne Namen

In TV-Serien: Red Kryptonite in “Smallville”, Teomicil in “Arrested Development”, Retcon in “Torchwood”, die Wunderpille/Power Pill  in “Immer wenn er Pillen nahm”/”Mr. Terrific”, The Formula in “Heroes”

in Büchern: das Zauber-Pulver in Wilhelm Hauffs “Die Geschichte vom Kalif Storch” (1826), die Liebesdroge in Marmeladenform mit Nebenwirkungen in Miguel de Cervantes’ Kurzgeschichte “Der gläserne Lizenziat” bzw “Der Lizenziat Vidriera” (aus 1613), Betaphenethylamine in “Neuromancer” von W. Gibson, getrocknete Froschpillen in den Scheibenwelt-Romanen von Terry Pratchett, Can-D in “Die drei Stigmata des Palmer Eldritch” von Philip K. Dick, der pangalaktische Donnergurgler (pan-galactic gargle blaster) in “Per Anhalter durch die Galaxis” (Hitchhiker Guide to the Galaxy) von Douglas Adams (auch Hörspiel, Film,…), Cyclomit in “Against the Day” von T. Pynchon, Dittany in “Harry Potter”, DMZ in “Unendlicher Spass” von David F. Wallace, Iocaine in “Die Brautprinzessin” von W. Goldman, Lot Six in “Feuerkind” (Firestarter) von S. King, Snow Crash im gleichnamigen SF-Roman v. N. Stephenson, Boosterspice in Larry Nivens SF-Romanen, Screw in “Cult of Loretta” von Kevin Maloney, Dylar in “Weisses Rauschen” (White Noise) von D. De Lillo, Altruizine im gleichnamigen Roman von Stanislaw Lem, die Schwarze Pille in Herbert W. Frankes “Glasfalle” (SF-Roman), Dreamgum in P. J. Farmers “Riverworld”-Romanen, Metaphorizin und wmk in “DZ” von S. Özdogan, The Substance D in “Ein dunkler Schirm” (A Scanner Darkly) von P. K. Dick (auch verfilmt), Abulinx in “Unentschlossen” (Indecision) von Benjamin Kunkel, die Nano-Droge Nexus im gleichnamigen Cyberpunk-Thriller aus 2012 von Ramez Naam, die es erlaubt, das Gehirn von Menschen zu programmieren

In den “Das Lied von Eis und Feuer” (A Song of Ice and Fire) – Romanen von George R. R. Martin kommen Drogen unter Namen wie Mohnblumensaft (Milk of the Poppy) vor, die Platzhalter für unschwer zu erratende reale Drogen sein dürften. Der in der antiken Literatur öfters genannte Lotos-Baum bzw seine Früchte: Plinius hat damit wahrscheinlich die Lotuspflaume gemeint; in Homer’s “Odyssé” kommt ein Völkchen vor, die Lotusesser bzw Lotophagen, die Lotus als Droge verzehren; die Pflanze ist nicht sicher identifiziert, vielleicht handelt es sich um die Lotosblume, vielleicht ist sie fiktiv, vielleicht “Platzhalter” für eine reale Substanz. Mit den “Elixieren des Teufels” im gleichnamigen Roman von E.T. A. Hoffmann können aber auch reale Drogen gemeint sein, zumal Hoffmann welche nahm. Schwarzes Fleisch (Black Meat) in “Naked Lunch” von W. S. Burroughs (verfilmt) ist wahrscheinlich nur ein Codename für Heroin, wie auch weitere in dem Buch. In den Alice-Romanen von Lewis Carrol kommen auch Anspielungen auf Drogen und ihre Wirkungen vor (zB gewisse Pilze), die aber nicht eindeutig fiktive sind.

in Comics: Venom in “Batman”, Banshee in “Ultimate X-Man” (sind eher fiktive Muskelaufbaupräparate), APTX 4869 im Manga “Detektiv Conan”, Red Eye/Bloody Eye im Anime “Cowboy Bebop”, Slurm in “Futurama” (eigtl. ein Soft Drink, aber ein süchtig machender), Chemical X (“Powerpuffgirls”), Moonajuana (“Aqua Teen Hunger Force”, Zeichentrickserie)

in PC-/Video-Spielen: der blaue Trank in “Zelda”, Triptocaine in “Heavy Rain”, Sumpfkraut (“Gothic”), Cardamine (“Freelancer”), Punga-Samen (“Fallout”), Spank (“GTA”), Adam (“BioShock”), Phazon (“Metroid Prime”), Skooma (“The Elder Scrolls”), CeX (“Drugwars”)

Weiters: Habafropzipulops (in “Church of the SubGenius”, einer Pseudoreligion), Jenkem (Urban Legend), Bindro (in Fragenkataloge über Drogenkonsum “eingeschmuggelte” fiktive Droge, ebenso Morgaptan, Astrolite,…), Complasix (Herkunft unbekannt), Strawberry Quick (Facebook Hoax-Warnung), Derbisol (bei medizinischen Tests zur Unterscheidung vom realen Debrisol “eingeschleust”)

Medikamente: Provasic (“Auf der Flucht), Novril (“Misery”), Cloviterol (“Scrubs”), Athelas (“Lord of the rings”, fiktive Heilpflanze), Gambutrol (“The Exorcism of Emily Rose”), Bramitol (bei psychologischen Experimenten zur Einnahme gegeben), Dypraxa (“Der ewige Gärtner”/”The Constant Gardener” von John Le Carré, auch verfilmt)

Siehe auch:

http://pharmama.ch/2011/03/14/fiktive-medikamente-und-drogen-in-buch-und-film/

Diese Drogen gibts wirklich

Selbst welche erfinden

John Hickman: When Science Fiction Writers Used Fictional Drugs. Rise and Fall of the Twentieth-Century Drug Dystopia. In: Utopian Studies Vol. 20, No. 1 (2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

RFK 68 nicht erschossen

 

32441_medWas, wenn Robert Kennedy nicht ermordet worden wäre? Hätte er in diesem Jahr (1968) die Nominierung seiner Demokratischen Partei gegen Hubert Humphrey gewonnen? Und wäre er dann gegen Richard Nixon zum Präsidenten der USA gewählt worden? Wenn ja, was wäre in USA und darüber hinaus anders gelaufen? Dass Kennedy mit seinem Sieg bei der Vorwahl in Kalifornien kurz vor seiner Ermordung die Nominierung sicher hatte, ist ein Irrtum. Und auch ein Sieg über Nixon wäre sehr fraglich gewesen. Der damalige Nominierungsprozess und die durch den Ablauf des Kandidatenrennens bedingte Spaltung der Partei benachteiligten Kennedy. Es wurden schon einige alternativgeschichtliche Szenarien ausformuliert, in denen RFK locker Vor- und Präsidentenwahlen gewinnt und dann ein “goldenes Zeitalter” schafft; hier eine Analyse dazu.

Robert Francis Kennedy hat CIA-Chef McCone 1963 gefragt, „Hat die CIA meinen Bruder umgebracht?“, wird berichtet. Unter seinem Bruder war er Justizminister geworden, hat als solcher das Gefängnis auf Alcatraz schliessen lassen. 1964 liess er sich (für New York) in den Senat wählen; unter Johnson weiter Minister zu sein oder Vizepräsident zu werden, kam für beide nicht in Frage.

Das direkte amerikanische Eingreifen im Krieg zwischen Nord- und Südvietnam begann unter Johnson nach dem Zwischenfall im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams 1964. Ein USA-Kriegsschiff war angeblich in ein Gefecht mit nordvietnamesischen Schnellbooten verwickelt worden; keine falsche Flagge, eher ein willkommener bzw. falsch deklarierter Anlass. Andere aussenpolitische Engagements unter Johnson war die Unterstützung des Sturzes des linken, demokratischen Präsidenten von Brasilien, João Goulart, sowie der Militärputsch und die nachfolgende Diktatur in Griechenland unter Papadopulos.

Lyndon Johnson durfte 1968 erneut für die Präsidentschaft kandidieren; mit dem Nachrücken für Kennedy 1963 hatte er nicht eine ganze Amtsperiode “verbraucht”. Ein amtierender Präsident wird in seiner Partei bei Neu-Wahlen normalerweise nicht ernsthaft herausgefordert; Ausnahmen waren Ford 1976 (von Reagan) – oder Johnson 1968. Eugene McCarthy, Senator von Minnesota, nicht zu verwechseln mit dem antikommunistischen Hexenjäger Joseph, war gegen Johnsons Kriegspolitik in Vietnam und wollte für und mit den Kriegsgegnern inner- und ausserhalb der Demokratischen Partei einen Kurswechsel herbeiführen. Als Johnson bei der ersten Vorwahl im März in New Hampshire gegen McCarthy überraschend schlecht abschnitt (aber gewann), ein starker Hinweis auf die Kriegsgegnerschaft in der Partei, begannen die Turbulenzen im Vorwahlkampf der Demokraten.

Robert Kennedy, der als Senator auf Distanz zur Vietnam-Politik von Johnson gegangen war, aber – zur Enttäuschung mancher Anhänger – gezögert hatte, diesen bei dieser Präsidentschaftswahl herauszufordern, meldete wenige Tage nach dieser Vorwahl nun auch seine Kandidatur an – was die Partei weiter spaltete wie auch das Anti-Kriegs-Lager. Der Vietnam-Krieg spaltete die USA wie zuletzt wahrscheinlich der Bürgerkrieg; im März 1968 ereignete sich auch das Massaker US-amerikanischer Soldaten in My Lai in Süd-Vietnam mit Hunderten Toten.

Am Ende dieses Monats kündigte dann Präsident Johnson an, seine Kandidatur zurückzuziehen; die Herausforderung aus der eigenen Partei war ein Grund dafür, seine Gesundheit ein anderer. Johnson hatte bis zu einem Herzanfall 1955 3 Packungen Zigaretten pro Tag geraucht, hörte dann abrupt auf; fing nach seinem Auszug aus dem Weissen Haus im Jänner 1969 wieder damit an. Er starb 2 Tage nach dem Ende von Nixon’s erster Amtszeit. Nach Johnsons Ausstieg stieg Vizepräsident Hubert Humphrey in die demokratischen Vorwahlen ein.

RFKinfrontofJFKpicture19661Humphreys offizieller Eintritt in den Wahlkampf erfolgte jedoch erst Ende April und damit zu spät, um noch an den restlichen Vorwahlen teilnehmen zu können. In Vorwahlen einzutreten war bis 1968 nicht der alleinige Weg zur Nominierung, galt sogar leicht als ein Zeichen von Schwäche. Humphrey, der Nachfolger von LBJ als Kandidat des Partei-Establishments wurde, konzentrierte sich darauf, die Delegierten-Stimmen jener Bundesstaaten zu gewinnen, in denen keine Vorwahlen stattfanden (die meisten). In diesen Bundesstaaten wurden die Delegierten für den Parteikonvent durch den Parteiapparat dieses Staates bestimmt (durch Ernennung, Konferenzen oder auch kleinere Abstimmungen). Der Vizepräsident wurde vom Parteiapparat unterstützt, er hatte auch den Präsidenten, den Grossteil der Gewerkschaften und des Südens sowie viel Anti-Kennedy-Geld (das Geld von Leuten, die ihn unterstützten, um RFK zu verhindern) für seine Kandidatur. In die Vorwahlen schickte er einige Günstlinge als “Zähl-Kandidaten”.

Nur in 14 Bundesstaaten (sowie in DC) fanden bei der DP in diesem Jahr Vorwahlen statt, manchmal wird auch 13 genannt, das dürfte an West Virginia liegen bzw an der Frage der Unterscheidung zwischen Vorwahl und anderer Delegiertenauswahl. Nach 1968 konnte bei den beiden Grossparteien kein Präsidentschaftsanwärter mehr nominiert werden, ohne sich in den Vorwahlen durchgesetzt zu haben. In den demokratischen Vorwahlen 68 duellierten sich hauptsächlich die beiden Liberalen McCarthy und Kennedy, beide katholisch und irischer Herkunft, beide sprachen ein ähnliches Wählersegment an. Der besonders konservative Teil der DP im Süden (genauer Südosten) brach mit dem ehemaligen Gouverneur Alabamas, George Wallace, weg, der für eine American Independent Party kandidierte. Kennedy bemühte sich, im Gegensatz zu McCarthy (der wahrscheinlich wusste, dass für ihn dort nichts zu holen war), aber recht erfolglos, um die Partei-Funktionäre in den Staaten ohne Vorwahlen. Johnson nutzte seinen ganzen Einfluss, Kennedy zu verhindern und Humphrey durchzubringen, der tatsächlich den Grossteil der Delegierten für den Konvent aus den Staaten ohne Vorwahlen gewann.

RFK wahlkampfRobert Kennedy war in der Democratic Party kein Liebling, für das Partei-Establishment war er zu “liberal”, auch für Johnson, für Südstaatler ohnehin, was die Gewerkschaften betraf, so war es sein Eintreten für “Schwarze” und “Latinos”, das grosse Teile der weissen Arbeiterschaft “vor den Kopf stiess”. Der Historiker Arthur Schlesinger, ein Unterstützer von ihm, schrieb in seiner Biografie von Kennedy: “Manche sahen ihn als erbarmungsvollen Heiland, andere als skrupellosen Opportunisten oder als unverantwortlichen Demagogen, der in die wunden Punkten der amerikanischen Gesellschaft griff – Rasse, Armut, Krieg. Wenige waren ihm gegenüber neutral oder gleichgültig.” Kennedy hat tatsächlich Themen behandelt, die die meisten Politiker mieden und mit 42 Jahren machte er sich nun auf den Sprung zur Macht bzw zur Umsetzung seines Programms. Er war, genau so wenig wie sein älterer Bruder, nicht die heilige und mutige Gestalt, als die er gerne dargestellt wird.

Dass unter John F. Kennedy das US-amerikanische “Engagement” in Vietnam begonnen hatte, ist aus der Logik des Kalten Krieges heraus irgendwie nachvollziehbar. Die ebenfalls unter ihm vorgenommenen Eingriffe in die Politik bzw. in die Geschichte des Irak (der Sturz von Premier Qasim) und des Kongo (der Sturz von Premier Lumumba) haben bis heute destruktive Folgen für diese Länder und ihre Regionen, und in beiden Fällen war eine Nähe der Regierung zum Kommunismus und zur Sowjetunion nicht wirklich gegeben. Heutige westliche Politik gegenüber diesen beiden Staaten versucht eigentlich, das zu erreichen, was auch von diesen damals gestürzten Regierungen angestrebt wurde… Da es hier ja um einen kontrafaktischen Ansatz geht: Wenn John Kennedy nicht ermordet worden wäre (wird öfter durchgedacht als eine Präsidentschaft Roberts), hätte das seinem Bruder für dessen eigene Karriere genützt oder geschadet?

Robert Kennedy hat, wiegesagt, “Tabus” der amerikanischen Politik wie Rassismus, Armut und Imperialismus kritisch behandelt. Hat etwa (weissen) Medizin-Studenten, die ihn bei einer Vorwahl-Veranstaltung fragten, woher er das Geld für Gesundheitsversorgungs-Programme für Arme nehmen wolle, geantwortet “Von euch.” Er ist nicht nur in die Wohngebiete der Schwarzen gegangen, er hat das Thema der rassischen Ungleichheit auch vor weissem Publikum angesprochen. Zur Bürgerrechtsbewegung bzw ihren Entstehungsgründen, neben dem Vietnam-Krieg das zweite wichtige Thema der Wahl, hatte er eine klare Haltung. 1966 hatte er Südafrika bereist, und dabei die Apartheid verurteilt, wie damals nur sehr wenige westliche Politiker. Als im April 1968 Martin Luther King ermordet wurde, war er gerade in Indianapolis im Wahlkampf, gab dann eine ziemlich improvisierte Rede dazu ab, in der er zur Versöhnung zwischen den Rassen aufrief. In Indianapolis sollen die Unruhen, die es damals in vielen anderen Städten gab, deshalb auch ausgeblieben sein. Dennoch, anders als Nelson Mandela 1993 nach der Ermordung Chris Hanis, konnte Kennedy durch seinen Umgang mit dem Attentat nicht entscheidend, über “sein” Wählersegment hinaus, Macht dazu gewinnen.

Vietnam war damals der Brennpunkt des Kalten Kriegs, und der Stellvertreter-Krieg zwischen Nord- und Südvietnam eskalierte 1968 im Zuge der Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong. Für Amerikaner war der Krieg schon aufgrund der damals aktuellen Wehrpflicht ein unmittelbares. Kennedy war nicht dezidiert für einen amerikanischen Abzug aus Vietnam oder einen sofortigen Frieden, aber für eine Delegierung der Kriegsführung an das südvietnamesische Militär, durch ihre Unterstützung sowie Friedensverhandlungen. McCarthy war entschiedener gegen den Vietnam-Krieg bzw. die Teilnahme der USA daran (bzw die Anfachung durch sie); so wie er auch dezidiert J. Edgar Hoover als FBI-Chef ablösen wollte. Robert Kennedy wollte CIA, FBI wie auch der (teilweise mit der Gewerkschaft verbundenen) Mafia stärker Einhalt gebieten, was er schon als Justizminister versucht hatte. Bezüglich der Todesstrafe bezog er eindeutig Stellung zugunsten einer Abschaffung, die damals diskutiert wurde. Zu Fragen wie Abtreibung nahm er dagegen eine konservative Haltung ein.

Das Versprechen Kennedys am Rande des Vorwahlkampfes, im Falle eines Wahlsiegs 50 Kampfjets an Israel zu liefern, spielte für diesen auch deshalb keine grosse Rolle, da auch die anderen Kandidaten hier ähnliche Positionen vertraten. Er hatte Palästina 1948, einen Monat vor der Ausrufung “Israels” (nach dem britischen Abzug dann), besucht, für die “Boston Post” aus dem Land berichtet. Damals begann seine prozionistische Haltung; die Zionisten hätten überhaupt erst etwas aus dem Land gemacht, schrieb er damals, würden ums Überleben kämpfen, die Araber einen ideologisch verblendeten Kampf gegen sie führen, usw., Klischees die sich bis heute im Westen halten. Dass die Nakba damals schon einige Monate lief, nahm er nur insofern wahr, als im Land “enorme Spannungen” herrschten. Sein Bruder hatte Israel Anfang der 1960er nicht zuletzt bezüglich ihrer Atomwaffen kontra gegeben; unter Johnson setzte sich während des Kriegs 1967 (in dem Israel das von ihm kontrollierte Territorium weiter erweiterte, auch über Palästina hinaus) eine Allianz der USA mit Israel durch – trotz der israelischen Bombardierung der USS Liberty.

RFK bestritt nicht alle der Vorwahlen, gewann nicht alle die er bestritt. Nachdem in Oregon McCarthy gewonnen hatte, fanden am 4. Juni drei Vorwahlen statt. Entscheidend war das bevölkerungsreiche Kalifornien, wo Kennedy mit 46 zu 42% gegen McCarthy gewann, der an diesem Tag noch einen weiteren Bundesstaat verlor. Der Sieg in Kalifornien bedeutete eigtentlich die Entscheidung für Kennedy in den Vorwahlen. McCarthy gab aber noch nicht auf, bereitete sich auf New York vor, wo keine offiziellen Vorwahlen stattfanden, dort wurden Delegierte für den Parteikonvent direkt gewählt, ohne dass sich die Wähler direkt für einen Kandidaten entschieden.

RFK flyerKennedy und sein Tross feierte die Siege in Kalifornien und South Dakota im “Ambassador Hotel” in Los Angeles. Damals stellte das Secret Service nur für amtierende Präsidenten Personenschutz zur Verfügung, nicht für Kandidaten, auch etwas das sich durch die Wahl 1968 änderte. Kennedy’s eigene Leibwächter waren der ehemalige FBI-Agent William Barry und zwei ehemalige Athleten (Grier, Johnson). Das Hotel hat anscheinend über eine Sicherheitsfirma (“Ace Guard Service”) einen Wachmann für das Ereignis engagiert, Thane Eugene Cesar, und das weniger als Schutz für den Kandidaten als für die Kontrolle der Menschen-Mengen, die ins Hotel kamen. Kennedy und seine Begleiter verliessen, kurz nach Mitternacht, nach einer Siegesrede einen Festsaal durch die Küchenräume des Hotels, um in einen anderen Saal zu wartenden Journalisten zu gelangen. In der Küche wurde Kennedy von drei Schüssen getroffen; auch fünf andere Personen wurden getroffen, die sich aber dann erholten. Juan Romero, aus Mexiko eingewanderter Küchengehilfe, war der letzte der RFK die Hände schüttelte, und einer der ersten die sich nach dem Attentat um ihn kümmerten. Kennedy erlag 26 Stunden nach dem Attentat im Krankenhaus seinen Verletzungen.

rfk at ambassadorDer Schütze, der gleich überwältigt wurde, war Sirhan Sirhan, ein christlicher (griechisch-orthodoxer) Palästinenser aus Jerusalem. Sirhan, zur Zeit der Nakba 4 Jahre alt, hatte wegen der jordanischen Verwaltung von Ost-Jerusalem und der Westbank 1948 bis 1967 die jordanische Staatsbürgerschaft. In dieser Zeit wanderte die Familie in die USA aus, ein Teil kehrte wieder zurück. Sirhan arbeitete u.a. als Pferdepfleger in Kalifornien, schloss sich diversen Sekten wie den Rosenkreuzern an. Er erlebte den erfolgreichen israelischen Angriffskrieg ’67 aus der Distanz, als der Rest von Jerusalem und Palästina (sowie Teile Ägyptens und Syriens) unter zionistische Kontrolle kamen, auch seine Familie. Auch diese Palästinenser erlebten nun israelische Militärverwaltung und Vertreibungen, wie in der Altstadt im eroberten Osten Jerusalems. Er erlebte in Amerika die “Heirat” amerikanischer und zionistischer Interessen unter Johnson, Feiern nach dem Krieg. Er lebte nie unter israelischer Herrschaft, erlebt die weitere Besetzung und Zerstückelung seiner Heimat aus etwas Distanz. Für Palästinenser bedeutete 67 etwas anderes als für die amerikanische Mehrheitsbevölkerung, und westliche Solidarität mit Christen in Palästina und der Region gibt es in der Regel nur dann, wenn man sie gegen Moslems in Stellung bringen kann… Sirhan soll auch psychische bzw. neurologische Probleme gehabt haben, vom Fall von einem Pferd.

Im Jänner 1968 war der israelische Premier Eschkol (Shkolnik) bei Johnson gewesen, was damals schon ein Besuch unter Alliierten war. Er wollte 50 Kampfflugzeuge kaufen, die Sache zog sich dahin, das amerikanische Aussenministerium war dagegen, weil es eine derart eindeutige Positionsbeziehung in dem Konflikt nicht wollte, eine Eskalation dieses Konfliktes durch eine “Einbettung” in den Kalten Krieg sowie ein Wettrüsten in der Region befürchtete. Das Ringen bzw. der Entscheidungsweg über den Verkauf kam in einer Wahlkampf-Debatte zwischen Kennedy und McCarthy in der Woche vor der kalifornischen Vorwahl zu Sprache, dort sprach sich Kennedy dafür aus (ob es hier Widerspruch von McCarthy gab, ist mir nicht bekannt). Sirhan soll Kennedy bis dahin sehr geschätzt haben und nun sehr enttäuscht gewesen sein. In seinem Notizbuch, das die wichtigste Informationsquelle über seine Mord-Motive war/ist, fand sich ein Eintrag dazu (nicht direkt auf die Debatte bezogen).

Der war allerdings vor der Debatte bzw. Kennedy-Aussage datiert (18. Mai). Im Mai hatte es eine TV-Doku gegeben (“The Story of Robert Kennedy”), in der RFK selbes über den Verkauf der Waffensysteme für Israel sagte (dort dürfte auch sein Besuch im Land 1948 vorgekommen sein). Diese wurde in Kalifornien aber ebenfalls nach der Notiz (sofern diese richtig datiert war) ausgestrahlt. Sonst hatte es nur im Jänner des Jahres, anlässlich des Eschkol-Besuches, möglicherweise eine Aussage Kennedys dazu gegeben. Die Entscheidung für den Verkauf fiel übrigens im Oktober, nach Druck der zionistischen Lobby, unter Johnson, kurz vor der Wahl; und die Sowjetunion lieferte darauf hin MIG-Kampfflugzeuge an Ägypten, von dessem Territorium Israel damals auch einen grossen Teil besetzte. Dass sich der Mord am ersten Jahrestag des Beginns des Sechs-Tage-Kriegs ereignete, kann in jedem Fall eigentlich nur ein bizarrer Zufall sein.

In Alternativtheorien zum Mord wird darauf hingewiesen, dass Kennedy Schusswunden nur auf der Rückseite seines Körpers gehabt habe, Sirhan jedoch direkt vor ihm gestanden sei. Der kurzfristig angeheuerte Wachmann Thane E. Cesar, ein Gegner der Kennedys, seine Waffe wurde nach dem Attentat nicht sichergestellt und untersucht, wird als zweiter, von hinten feuernder Schütze verdächtigt. Manchmal wird auch über eine Manipulation Sirhans durch Andere spekuliert. Hinter jeder Verschwörungstheorie steckt irgend eine Wahrheit; und die Herausforderung des konservativen, etablierten Amerikas durch “Bobby” Kennedy, durch sein Entreten für die Armen oder gegen den Krieg, ist ein Fakt. Sirhan wurde 1969 zunächst zu Tode verurteilt, die Strafe wurde durch die Abschaffung der Todesstrafe in Kalifornien 1972 in lebenslängliche Haft umgewandelt, die er heute noch absitzt.

Circa 1 Woche ruhte der Wahlkampf nach dem Mord. In New York wurde eine Mehrheit von Delegierten gewählt, die am Konvent McCarthy wählen sollten, auch einige für den toten Kennedy. Der Parteivorstand der DP im Bundesstaat New York (das New York State Democratic Committee) durfte dann den Rest der Delegierten (etwa ein Drittel der gesamten) auswählen bzw. zuteilen, und wie auch in anderen Staaten wurde hier Humphrey bevorzugt, und seine Gegner, nun v.a. McCarthy, benachteiligt. Nachhher war nur noch die Vorwahl in llinois, wo McCarthy gewann. Es war klar, Humphrey würde beim Konvent zumindest im ersten Wahlgang eine Mehrheit haben. Kurz vor dem Beginn des Konvents überfielen Truppen der Warschauer Pakt-Staaten die Tschechoslowakei und beendeten den “Prager Frühling” genannten Reformversuch des dortigen kommunistischen Systems.

Zum Zeitpunkt von Kennedys Tod, also kurz vor Ende des Nominierungsprozesses, sah die Delegierten-Verteilung so aus: Humphrey, der nicht an Vorwahlen teilnahm, hatte über 1000 zugeteilt bekommen; Robert Kennedy hatte etwas unter 700 sicher; McCarthy etwas über 300. Für die Nominierung waren 1312 Delegierte nötig. In der Hochrechnung, die den Rückzug der Humphrey-Günstlinge und anderer schwächerer Kandidaten mit-berücksichtigte, war Humphrey schon deutlich über dieser Marke. Es hätte schon einiges eintreffen müssen, dass Kennedy (ohne Attentat natürlich) die Nominierung noch bekommen hätte, anstelle von Humphrey:

  • Kennedy hätte die Vorwahl in Illinois gewinnen müssen (was wahrscheinlich gewesen wäre, aufgrund der Gegenkandidaten) und in New York einen guten Teil der Delegierten zugeteilt bekommen müssen (schwierig). Dann hätte es beim Konvent in Chicago wahrscheinlich einen zweiten Wahlgang gegeben (und nicht schon eine absolute Mehrheit für Humphrey im ersten). In den letzten Jahrzehnten gab es nur zwei Konvents der beiden grossen Parteien, wo der Nominierte nicht vor Beginn feststand bzw. wo die Abstimmung eine Art “Kampfabstimmung” wurde, so genannte open conventions: 1976 bei den Republikanern zwischen Ford und Reagan, 1980 bei den Demokraten zwischen Carter und Edward Kennedy; in beiden Fällen gabs aber keinen zweiten Wahlgang. Den gab es letztmals 1952 beim DP-Konvent, der wie 1968 im International Amphitheatre in Chicago abgehalten wurde. Damals gabs vier Kandidaten und drei Wahlgänge, schliesslich setzte sich Adlai E. Stevenson gegen Estes Kefauver durch, mit Unterstützung von Noch-Präsident Truman, der einen Kandidaten aus Südstaaten mit Rassendiskriminierungsgesetzen verhindern wollte.

Im Fall eines 2. Wahlgangs im Sommer 1968, der eine Art Stichwahl zwischen Kennedy und Humphrey gewesen wäre, hätten andere Kandidaten wahrscheinlich aufgegeben. Kennedy hätte gute Chancen auf die Stimmen der McCarthy-Delegierten gehabt (auch ohne Aufgabe), was aber keineswegs sicher gewesen wäre, angesichts der Animosität, die in diesem Vorwahlkampf zwischen den beiden Lagern entstanden war, gerade wegen ihrer ähnlichen politischen Ausrichtung. Aber auch wenn RFK die McCarthy-Stimmen und jene für McGovern gedachten bekommen hätte, wäre das nicht genug gewesen.

  • Kennedy hätte Humphrey-Delegierte gewinnen müssen.

Dazu ist zu sagen, dass die aufgrund der Vorwahl-Ergebnisse oder von lokalen Parteiorganisationen ausgewählten Delegierten verpflichtet werden, bei der Convention für einen bestimmten Kandidaten abzustimmen. Hinzu kommen die ungebundenen Delegierten (“Super Delegates” und ähnliche), Parteiprominenz der Bundesstaaten. Die “normalen” haben aber theoretisch auch eine Freiheit, schliesslich soll die Versammlung bzw. die Wahl irgendwie auch lebendig sein (sie sind “pledged”, verpflichtet, aber es gibt keine Sanktionen wenn sie anders abstimmen). Sie werden auch nicht zuletzt nach Zuverlässigkeit ausgewählt. Von dieser Freiheit machen Delegierte manchmal Gebrauch, wenn “ihr” Kandidat abgeschlagen ist (und seit Jahrzehnten steht der Nominierte vor der Convention fest) und sie den kommenden Kandidaten stärken wollen. Oder ein Kandidat gibt am Konvent auf, dann sind “seine” Delegierten “frei”. 08 hat Obamas scharfe Kontrahentin in diesem Jahr, Hillary Clinton, selbst während der Convention beantragt, das Nominierungsprozedere abzuändern und Obama per Akklamation zu nominieren. Bei einem zweiten Wahlgang sind Delegierte jedenfalls ungebunden und frei in ihrer Wahlentscheidung.

Aus dem Humphrey-Lager wäre ein Hinüberwechseln von Delegierten zu Kennedy grundsätzlich eher vorgekommen als umgekehrt. Arthur Schlesinger und andere glauben, dass Kennedy’s Charisma und der Mythos seines Namens ein Gewinnen von anderen Delegierten möglich gemacht hätte. Es wird auch für möglich gehalten, dass der Chicagoer Bürgermeisters Richard Daley, eine Parteigrösse und Humphrey-Unterstützer, zu Kennedy hinübergewechselt wäre und einen grossen Teil der Delegierten mitgenommen hätte (ein paar Telefonate hätten genügt, sagen manche), während des Konvents oder in den Wochen davor. Das damalige System der “Widmung” der Delegierten ohne Vor-Wahl hätte sich auch als nachteilig für Humphrey erweisen können. Richard Nixon vertrat in seinen Memoiren die Ansicht, dass Kennedy nach dem Vorwahlsieg in Kalifornien einen Teil der Delegierten McCarthys hinzugewonnen und seine Kampagne in den verbleibenden zweieinhalb Monaten eine unwiderstehliche Eigendynamik entwickelt hätte, die auf dem Parteitag nicht mehr zu stoppen gewesen wäre. Andere Historiker/Politologen/Journalisten gehen davon aus, dass Humphreys Unterstützung durch diverse einflussreiche „Parteibosse“ und der Vorsprung bei den Parteitagsdelegierten nicht so schnell ins Wanken gekommen wären.

Ein anderes Szenario, eine Einigung hinter den Kulissen vor/während des Konvents zugunsten Kennedys wäre viel unwahrscheinlicher gewesen. Im Falle eines Nicht-Gelingens des Attentats wären Kennedys Chancen wahrscheinlich drastisch gestiegen. Jedenfalls hätte es bei einem Antreten von ihm am Konvent eine scharfe Auseinandersetzung zwischen seinem und Humphreys Lager gegeben, was die Unruhen “draussen” wahrscheinlich verstärkt hätte.

Mit dem Tod Kennedys stand Vizepräsident Humphrey als demokratischer Kandidat de facto fest, zumal Kennedys Delegierte nicht bereit waren, sich “einheitlich” hinter McCarthy zu stellen. Die meisten von ihnen stimmten für den spät gestarteten Senator George McGovern, der im Frühling noch Kennedy in den Vorwahlen unterstützt hatte. Die anderen sind möglicherweise eher zu Humphrey als zu McCarthy gegangen! Noch-Staatspräsident Johnson behielt als Druckmittel gegen Humphrey die Präferenz der Delegierten von Texas und Illinois lange offen, ihre Unterstützung sollte er nur bekommen, wenn er nicht von Johnson’s Vietnam-Kriegskurs abwich; was er auch nicht tat.

Auf dem Nominierungsparteitag/Konvent vom 26. bis 29. August bekam Humphrey im 1. Wahlgang weitaus genug Delegierten-Stimmen für die Nominierung (1761 und drei Viertel); McCarthy (601) und McGovern waren weit abgeschlagen. Unter den anderen Kandidaten, die noch Stimmen bekamen, war der baptistische Geistliche Channing E. Phillips aus Washington, D.C., der erste “Schwarze” der auf einem Konvent der beiden Grossparteien in USA Stimmen bei der Präsidentschaftskandidaten-Nominierung bekam; diese DC-Delegierten waren ursprünglich zur Wahl Kennedys vorgesehen. Edward “Ted” Kennedy war 68 nach der Ermordung seines Bruders ernsthaft als Vizepräsidenten-Kandidat im Gespräch, auch bei Humphrey. Der Konvent wählte aber Edmund Muskie, Senator aus Maine, als Humphreys “running mate”.

Die Nominierung auf dem Parteitag in Chicago wurde von schweren Auseinandersetzungen zwischen linken Vietnamkriegsgegnern und der (auf Anweisung des Bürgermeisters Richard J. Daley extrem hart agierenden) Polizei überschattet. Anders als meist angenommen, ereigneten sich diese Unruhen nicht gleich ausserhalb des International Amphitheatre (dem Veranstaltungsort) sondern weit entfernt in der Stadt. Das Zustandekommen der Nominierung (des Vietnam-Kriegs-Befürworters) Humphreys ohne Teilnahme an Vorwahlen trug zu den Unruhen um den Parteitag bei. Die Auseinandersetzung über Vietnam fand aber auch im Amphitheater statt, auf dem Konvent ging es neben den Kandidaten für die Präsidentenwahl schliesslich auch um so etwas wie ein Parteiprogramm. Und die Polarisierung “drinnen” entsprach gewissermaßen jener “draussen”. Chicago war so etwas wie der Höhepunkt des amerikanischen 68. Der DP-Vorwahlkampf 1968 war, so wie er abgelaufen war, der Grund, dass der parteiinterne Auswahlprozess dann reformiert und geregelt wurde, durch eine Kommission unter McGovern – der 1972 dann auch selbst als Kandidat ausgewählt wurde. Humphrey war der letzte Präsidentschafts-Kandidat, der die Nominierung ohne Vorwahlen gewann

democratic-national-convention-1968So chaotisch und turbulent das Rennen der DP um die Nominierung zum Kandidaten war (mit dem Konvent als Kulmination), so glatt lief jenes der RP ab. Dazu de.wikipedia: “Die Republikanische Partei nominierte Richard Nixon, der zwar von Anfang an als Favorit gegolten hatte, aber auch von der Schwäche und Unentschlossenheit seiner Gegner profitierte, die ihren Vorwahlkampf entweder frühzeitig abbrachen (wie George W. Romney, Gouverneur aus Michigan, der wegen seiner Behauptung, er sei vom US-Militär in Vietnam einer ‘Gehirnwäsche’ unterzogen worden, heftig kritisiert und verspottet wurde), zu lange mit ihrer Kandidatur zögerten (wie der New Yorker Gouverneur Nelson Rockefeller) oder diese nur halbherzig betrieben (wie der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan). Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten wurde der Gouverneur von Maryland Spiro Agnew.” 1962 schien Nixons politische Laufbahn schon ihr Ende gefunden zu haben, als er nach einer erneuten Niederlage bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien auf einer von ihm selbst so bezeichneten „letzten“ Pressekonferenz die Journalisten beschimpfte und seinen Abschied von der Politik bekanntgab. Die Republikaner hätten auch gegen RFK wohl keinen Anderen ins Rennen geschickt, da zum Zeitpunkt dessen Ausscheidens ihre Auswahl auch schon im Endstadium war. Nixon und andere in der RP sahen eine Chance bei jenen Arbeitern, denen RFK zu “minderheitenfreundlich” war.

Der eigentliche Wahlkampf beginnt ja nach den Konvents im Sommer, geht etwa drei Monate. Der “turbulente” Vor-Wahlkampf in seiner Partei wirkte sich nachteilig für Humphreys Kampagne aus. Nixon begann seine Kampagne mit einem grossen Vorsprung in den Meinungsumfragen, der jedoch zusehends schrumpfte, als sich Humphrey mehr und mehr von Johnson emanzipierte und dieser zudem am 31. Oktober, sechs Tage vor der Wahl, einen endgültigen Stopp der Bombardierungen Nordvietnams anordnete. Die American Independent Party nominierte als “Running Mate” für George Wallace den Luftwaffen-General Curtis LeMay, der vorschlug, in Vietnam Nuklearwaffen einzusetzen. Bei einem starken Abschneiden von Wallace und einem knappen Rennen zwischen Nixon und Humphrey (im Bereich des Möglichen) hätte es dazu kommen können, dass kein Kandidat die absolute Mehrheit der Wahlmänner erringen würde. Dann hätte (wie schon 1824) das Repräsentantenhaus den Präsidenten wählen müssen, worauf Wallace auch hoffte. Zu jenem Zeitpunkt verfügte die Demokratische Partei über eine deutliche Mehrheit in dieser Kongresskammer.

Kennedy als Kandidat (nicht getötet, Nominierung auf Convention gewonnen) hätte auch das Problem mit Wallace gehabt, der damals für Rassentrennung war und deshalb im “tiefen Süden” (Südosten) gewann, damit den Republikanern nutzte, und auch im Norden Humphrey Stimmen weg nahm. Eines von vielen Problemen. 1968 war das Wahlalter 21, somit hätte sich Kennedys Beliebtheit bei Jungen nicht so stark in Stimmen umgesetzt. Dass die meisten aus dem Showbiz und Kunstbetrieb für ihn waren, auch nicht. Da ihm die “liberalen” Stimmen angesichts der beiden Gegenkandidaten ziemlich sicher waren, hätte er wahrscheinlich einen ziemlich “konservativen” Wahlkampf geführt, um jene zu gewinnen, die nicht seine logische Klientel waren. Über “sein” Segment hinaus Wähler zu gewinnen, wäre jedenfalls für einen Sieg notwendig gewesen. Der Ex-Gouverneur von North Carolina, Terry Sanford, hätte Running Mate von RFK sein können, einen relativ konservativen Südstaatler auszuwählen, hätte hier Sinn gemacht (“balancing out the ticket”). Gut, die Antikriegs-McCarthy-Wähler hätten Kennedy mehr unterstützt (gewählt) als sie das mit Humphrey getan haben. Vermutlich wäre es ein sehr schmutziger Wahlkampf geworden, zwischen RFK und Nixon.

Wenn man sich Humphreys tatsächliches Abschneiden ansieht, und das auf Kennedy “umlegt”, ergibt sich folgendes Bild: RFK hätte Texas (das Humphrey gewann) kaum gewinnen können. Wenn er dafür in jenen Bundesstaaten gewonnen hätte, in denen Nixon 3% oder weniger vor Humphrey war, also Alaska, Kalifornien, Illinois, Missouri, New Jersey und Ohio, sowie jene (abgesehen von Texas) auch gewonnen hätte, in denen Humphrey ebenso knapp vor Nixon lag (Washington, Maryland), wäre sich ein Sieg für Kennedy gut ausgegangen (290 zu 215 Wahlmänner; statt 191 zu 301 für Humphrey/Nixon); er hätte nicht mal alle gewinnen müssen. Während Humphrey bei konservativen Wählern eine Chance hatte (wie in Texas), hätte Kennedy andere Wählerschichten gewonnen (z. B. in Kalifornien).

Bei Wählerstimmen schlug Nixon Humphrey zweieinhalb Monate nach Chicago mit 43,4% zu 42,7; bei der Zahl der gewonnen Staaten endete es 32 zu 13. Wallace schnitt erwartungsgemäß stark im Südosten ab, errang landesweit 13,5% der Stimmen, gewann 5 Bundesstaaten, bekam 45 Wahlmännerstimmen (und dann eine “untreue” von einem Nixon-Wahlmann dazu). Im gleichzeitig gewählten Kongress behielten die Demokraten Mehrheiten in beiden Kammern (Senat-Mehrheitsführer Mansfield war ein Vietnam-Kriegsgegner). Im Dezember 1968 kam übrigens R. Kennedys 11. und letztes Kind, Tochter Rory, zur Welt.

Am Ende des Jahres 1968 war also Richard Nixon der Sieger. Er konnte sich revanchieren, für seine Wahlniederlage gegen JFK 1960; oder an Lateinamerika, wo er 1958 als Vizepräsident Eisenhowers bei einer Südamerika-Reise vom Volk ablehnend empfangen wurde, als Repräsentant der USA, in Venezuela die Limousine mit seiner Frau und ihm von Demonstrierenden geschaukelt wurde (anscheinend hat ihn die venezolanische Polizei gerettet). 15 Jahre später durfte er als US-Präsident den Pinochet-Putsch in Chile einfädeln, wobei hier natürlich die Geschäftsinteressen von ITT und Kommunismus-Paranoia die Motive waren, auch ein Hegemonie-Anspruch über Lateinamerika. Die nächste Wahl, 1972, gewann er gegen McGovern, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen hat lassen (seine Auffassung von “Law and order”). Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Und, im Vorwahlkampf 68 hatte man Eugene McCarthys Präferenz, die Volksrepublik China anzuerkennen, noch als “unrealistisch”, “ultraliberal” und “Kapitulation vor dem Kommunismus” attackiert; dies geschah dann auch unter Nixon.

Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons
Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons

Kennedy hätte als USA-Präsident sicher Einfluss auf den Vietnam-Krieg genommen, was auf die Dynamik des Kalten Kriegs grosse Wirkung gehabt hätte, mehr als auf Vietnam selbst. Ob es ihm wirklich gelungen wäre, die Politik der USA im Inneren und Äusseren gerechter zu machen? Mit der Mehrheit seiner Partei im Kongress wären einige Vorhaben umzusetzen gewesen. Vielleicht wäre er 1972 wiedergewählt worden, oder aber erst 72 drangekommen, nach einer Nixon-Amtszeit, gegen diesen. Bei einer Nominierung Humphreys 68 und einer Niederlage dieses gegen Nixon hätte Kennedy leicht die Wiederwahl in den Senat schaffen können und in der zerstrittenen DP dann eine der dominanten Figuren werden können. Im demokratischen Vorwahlkampf 72 gab es ja wieder ein Attentat auf einen Kandidaten, den diesmal wieder für diese Partei kandidierenden George Wallace (ein unpolitisches, wie es aussieht). McGovern, der tatsächlich 72 die Kandidatur gewann, hätte für RFK wahrscheinlich verzichtet. Auch ohne Präsidentschaft wäre dieser wohl auf Jahrzehnte hinaus ein wichtiger Politiker in Washington gewesen, z.B. als Senator, wie es dann Ted war.

Der Spielfilm “Bobby” von Emilio Estevez aus 2006 zeigt fiktive Ereignisse im Ambassador Hotel in Los Angeles in der Nacht zum 5. Juni 1968, vor dem Hintergrund realer. Von Robert Dornhelm erschien 2002 die TV-Dokumentation “RFK”.

„Shampoo“ (1975) mit W. Beatty u. a. spielt am Tag von Nixons Wahlsieg 68, wurde zur Watergate-Zeit gedreht/veröffentlicht, es geht vordergründig um Sex. Die Hauptperson, ein Friseur, soll an Jay Sebring angelehnt sein, der von der Manson-Familie umgebracht wurde

Mitchell J. Freedman: A Disturbance of Fate. The Presidency of Robert F. Kennedy (2010). Eine kontrafaktische/alternative Geschichte über ein Überleben und einem Wahlsieg dieses Kennedys. Scheint darauf abzuzielen, die Erwartungen ggü einer Präsidentschaft Kennedys als übertrieben darzustellen

Michael Bishop: Dieser Mann ist leider tot (1993): kein Watergate (aufgeflogen), Nixon bekommt freie Bahn, etabliert  ein autoritäres Regime.

Im Comic „Watchmen“ wird Nixon Führer der USA

Über den Mord

Über die DP-Vorwahl 68

Über den Konvent

Amerikanische TV-Berichte nach der Vorwahl in Kalifornien, im 2. Teil eine kontrafaktische Einschätzung

Alternativgeschichtliche/kontrafaktische Szenarien und Diskussionen:

Bei PBS

Auf althistory.wiki

Auf alternatehistory mehrere

(alles auf Englisch in diesen links)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herausragende Gefängnis-Ausbrüche

So lange es Gefängnisse gibt, so lange gibt es Versuche, von dort zu flüchten bzw. auszubrechen; auch beim Transport dorthin oder aus Polizei-Gewahrsam. Fluchtversuche sind nicht immer spektakulär und die meisten scheitern. Die meisten, denen die Flucht gelingt, werden bald geschnappt, viele auch dabei getötet. Die am häufigsten angewandte Methode soll das Fernbleiben nach dem Freigang sein und nicht Täuschung, Gewalt, mühevolle Kleinarbeit oder geniale Einfälle. Manchmal wird die Flucht gemeinsam unternommen, manchmal einzeln, ab und zu gibt es Flucht-Hilfe von aussen (auch von Wärtern gelegentlich). Etwas anderes sind Gefängnis-Meutereien wie jene von Attica (USA) 1971.

* Die Alcatraz-Insel vor San Francisco wurde nach der Eroberung Kaliforniens und anderer mexikanischer Gebiete durch die USA lange als militärischer Stützpunkt genutzt, ab 1934 als Bundesgefängnis. Dorthin wurden Gefangene gebracht, die in der einen oder anderen Hinsicht als gefährlich galten, so auch “Al” Capone. Natürlich wurden Fluchtversuche unternommen, insgesamt 14, 36 Männer waren darin involviert (2 2 x), 11 wurden dabei getötet. 1937 gelang es zwei Gefangenen, durch das Fenster einer Werkstatt zu entkommen, und in das Wasser der Bucht von San Francisco zu klettern, das an diesem Tag nicht nur kalt sondern auch sehr turbulent war; die Flüchtenden wurden weder im Wasser noch am Land gefunden, es wird angenommen, dass sie ertrunken sind. 1946 ereignete sich auf Alcatraz ein Aufstand von Gefangenen, die Wärter als Geiseln nahmen, um mit deren Transportschiff zu fliehen. Bei der Befreiungsaktion (auch mit Handgranaten) wurden nicht nur drei Insassen sondern auch zwei Wärter getötet.

1962 entkamen Frank Morris und die Anglin-Brüder John und Clarence. Zu den monatelangen Vorarbeiten gehörte v. a. das Graben einer Vergrösserung der vergitterten Öffnungen in ihren Zellen zum Lüftungsschacht, mit in die Zellen geschmuggelten Essbestecken und einer aus Staubsaugerteilen gebauten Bohrmaschine. Der vom Salzwasser angegriffene Mörtel liess sich relativ leicht aufbrechen. In der betreffenden Nacht platzierten sie angefertigte Attrappen ihrer Köpfe in ihren Betten, damit die Flucht nicht gleich auffiel. Ein vierter Beteiligter musste zurückbleiben, da er es nicht durch das Loch schaffte. Die Drei kletterten im Schacht auf das Dach des Zellenblocks und so ins Freie. Mit einem aus Regenmänteln gefertigten “Schlauchboot” traten sie den Weg in das Wasser der Bucht an. Ihr Verschwinden wurde erst bemerkt, als sie bereits einen Vorsprung von über neun Stunden hatten.

Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe
Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe

Wie die beiden 1937 Geflüchteten wurden die drei weder lebendig noch tot gefunden und wird allgemein ihr Ertrinken angenommen. Teile des Bootes und persönliche Gegenstände wurden vor Angel Island gefunden. Jolene Babyak, Tochter eines Wärters, hat Bücher über den Ausbruch geschrieben, glaubt dass die 3 mit der Gezeit raus aus der Bucht getrieben wurden, in den Pazifik, dort umgekommen sind. Sie könnten die Gezeit aber auch genutzt haben, um auf das Festland nördlich der Brücke zu kommen; sie hatten Gelegenheit gehabt, zu beobachten und zu planen. Und, die “Mythbusters” haben dies geschafft, 2003 in dieser Sendung auf Discovery Channel. Die vor Angel Island angeschwemmten Gegenstände deuten auf etwas anderes hin, und Zurückbleiber Allen West hat einen Plan mit Angel Island bestätigt – dies könnte aber eine bewusste Irreführung sein. Wie auch immer, von Angel Island hätten sie mit einem richtigen Boot aufs Festland kommen können. Falls die 3 die Flucht überlebt haben, würden sie dann aber nicht, in dem Alter in dem sie jetzt sein müssen, irgendein deutliches Zeichen an die Welt geben, bzw hätten das in der jüngeren Vergangenheit getan?

Die Bucht von San Francisco
Die Bucht von San Francisco

Die Sache wurde verfilmt. Im Dezember 1962, ein halbes Jahr danach, fand eine weitere Flucht statt. Der Bankräuber John Paul Scott schwamm mit Hilfe von aufgeblasenen Gummihandschuhen über eine Stunde durch das eiskalte Wasser. Man fand ihn halb erfroren am Festland (beim Fuss der Golden Gate Bridge), er wurde wiederbelebt und anschliessend wieder auf die Insel gebracht. Der Verfall des Gefängnisses durch Salzwasser, das auch den Ausbruch der 3 ermöglicht hatte, führte zu seiner Schliessung im Jahr darauf. Alcatraz war seither Schauplatz von Besetzungen durch Indianer (1969), Dreharbeiten von Filmen und Touristenbesuchen.

Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten
Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten zur Verfilmung des Ausbruchs

* Der Film “Gesprengte Ketten” (“The Great Escape”) hat ja eine wahre Grundlage. Aus dem Stalag (Stammlager) “Luft III”, einem deutschen Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen in Nieder-Schlesien, entkam 1944 ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel. Der englische Squadron Leader Roger Bushell entwickelte die Fluchtpläne. Wie im Film geriet der Tunnel (insgesamt wurde an drei gegraben) zu kurz, reichte nicht ganz unter das nahegelegene Waldstück; daher wurde der Ausbruch bald bemerkt und ein Teil konnte nicht fliehen, einige wurden gleich im Wald gestellt. Für die Anderen kam zu Problemen wie Kälte (März) das frühe Beginnen der Jagd hinzu; 50 wurden “auf der Flucht” getötet, zumindest ein Teil von diesen aber regelrecht hingerichtet. Der Rest der Gefassten wurde zurückgeschickt. Nur Drei gelang wirklich die Flucht, zwei norwegischen Piloten und einem niederländischen.

Ausbruch aus Kriegsgefangenenlagern gab es einige interessante. Im USA-Bürgerkrieg gelang 1864 etwa 109 Nordstaaten (USA)-Soldaten aus dem unwirtlichem Südstaaten (CSA)-Gefängnis “Libby’s” bei Richmond die Flucht, ebenfalls durch das Graben eines Tunnels, vom Keller aus. Ein Teil von ihnen konnte sich auf die andere Seite der Front, zu ihren Truppen, durchschlagen.

Im Fort San Cristóbal in der Nähe von Pamplona wurden während des Spanischen Bürgerkriegs Hunderte Republikaner und andere politische Gegner und Kriegsgefangene von den Nationalisten eingesperrt. 1938 organsierten Gefangene einen Massenausbruch, der fast 800 von ihnen gelang. Die nationalistischen Aufständischen veranstalteten eine Jagd, nur drei Flüchtige gelangten über die Grenze nach Frankreich. Der Rest wurde wieder eingesperrt oder erschossen.

Im 2. Weltkrieg ereignete sich in einem Internierungslager für japanische Soldaten in Australien 1944 ein Aufstand und die Flucht Hunderter; Viele wurden dabei oder bald danach getötet, alle waren innerhalb von 10 Tagen gefasst.

Karl Dönitz schickte 1943 ein U-Boot, um 4 im Kriegsgefangenenlager Bowmanville in Canada gefangene deutsche Marine-Offiziere, darunter Otto Kretschmer, fort zu bringen, die über Tunnel ausbrechen sollten (“Operation Kiebitz”). Die Kanadier wussten davon, wollten das U-Boot kommen lassen. Wolfgang Heyda gelang aber die Flucht, zum Treffpunkt, er wurde dort gefasst, das U-Boot entkam.

Aus dem KZ Mauthausen brachen im Februar 1945 über 400 sowjetische Soldaten und Offiziere aus (indem sie etwa mit nassen Decken einen elektrischen Zaun kurzschlossen), daraufhin wurde die “Hasenjagd” im Mühlviertel auf sie veranstaltet, die meisten wurden aufgegriffen und an Ort und Stelle getötet, etwa 50 wurden lebend zurückgebracht, 11 sollen das Kriegsende in Freiheit erlebt haben.

Der Franzose Henri Giraud entkam in beiden Weltkriegen der Kriegsgefangenschaft.

Im Vietnam-Krieg gelang dem deutsch-stämmigen Amerikaner Dieter Dengler, mit seinem Kampfflugzeug abgeschossen, 1966 aus einem Lager in Laos die Flucht, wobei er einige Wächter tötete.

* Der Südtiroler Max Leitner hat mehrere bewaffnete Raubüberfälle begangen (bei denen kein Mensch zu Schaden kam), wurde dafür 1990 erstmals verhaftet, von der österreichischen Gendarmerie, und flüchtete auch gleich. Auf seine Auffindung folgte eine Verurteilung, Gefängnis und der Ausbruch. Das wiederholte sich einige Male; seine dritte Flucht ereignete sich nach 9 Jahren Haft, als er von einem Freigang nicht mehr ins Hochsicherheitsgefängnis in Padua zurückkehrte. Nachdem er gefunden und zurückgebracht worden war, gelang im 04, zusammen mit einem Mafioso (Südtiroler und Süd-Italiener, ein Stück Völkerverständigung in diesem Milieu), die erneute Flucht, die in Marokko endete.

Da mit jedem Ausbruch neue Delikte bzw. Verurteilungen hinzu kamen, verlängerte sich seine Haftstrafe jedesmal. 2019 wäre er legal in Freiheit gekommen, wenn er 2011 dies nicht zum fünften Mal auf eigene Faust getan hätte, wieder anlässlich eines Freigangs. Der jetzt 57-jährige befindet sich also zur Zeit wieder einmal irgendwo auf der Flucht, soll gesundheitlich angeschlagen sein, hat eine Unterstützer-Seite auf Facebook und hat ein Video an eine Südtiroler Zeitung geschickt (zweisprachig, wie es sich dort “gehört”). Seine spektakulärste Flucht war noch seine zweite, als er sich aus dem Gefängnis in Bozen mit Leintüchern abseilte (klassisch). Bei ihm ist es die Wiederholung der Fluchten, die ihn hier nennenswert macht.

Das Leben des US-amerikanischen Hochstaplers und Trickbetrügers Steven Jay Russell, das auch mehrere Gefängnisausbrüche miteinschloss, wurde verfilmt (“I love you Philip Morris”). Russell täuschte etwa 1998 im Gefängnis in Houston eine AIDS-Erkrankung vor, etwa indem er durch die Einnahme von Abführmitteln Symptome dieser Krankheit erzeugte. Er kam so in ein Pflegeheim, und nachdem er dieses verlassen hatte, informierte er, als sein “behandelnder Arzt”, die Behörden von seinem angeblichen Tod. Andere Ausbrecherkönige waren der Brite Alfred Hinds, sein Landsmann Jack Sheppard (London, 18. Jh), Walter Stürm (Schweiz, 1970er & 80er), Yoshie Shiratori oder Joseph Bolitho Johns (Australien, 19. Jh). An einem neuen Ausbruch arbeiten zur Zeit wahrscheinlich Eckehard Lehmann (Spezialität: Schlüssel der Zellen nachbauen), Richard Lee McNair, Brian Bo Larsen, Frank Schmökel, Nordine Ben Allal.

* Die Flucht von abgelegenen Straflagern birgt eigene Charakteristika. Henri Charrière (“Papillon”, französisch “Schmetterling”, wegen einer Tätowierung) wurde 1932 wegen eines Mordes (den er immer abstritt) zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in den Straflagern von Französisch-Guyana verurteilt. Er unternahm mehrere Fluchtversuche, konnte sich 1934 mehrere Monate in Kolumbien in Freiheit halten. 10 Jahre später setzte er sich mit vier Mitgefangenen ab und gelangte nach Venezuela, das ihn nicht auslieferte. Vieles in seinen Büchern (die Grundlage für die Verfilmung 1973 waren), hat er nicht wirklich erlebt.

Clément Duval war Teilnehmer im französisch-deutschen Krieg 1870/71, wurde dabei verwundet und mit einer Krankheit infiziert. In Folge dessen arbeitsunfähig, schlug er eine kriminelle Laufbahn ein, wurde ausserdem Anarchist. Wegen mehrerer Taten wurde auch er zu Zwangsarbeit in Guyana verurteilt. 1887 auf die Îles du Salut gebracht, unternahm er mehrere Fluchtversuche. Erst nachdem er in eines der Straflager am Festland verlegt worden war (wo er mit anderen bedeutenden Anarchisten wie dem Italiener Pini oder Victor Cails zusammenkam), gelang ihm 1901 die Flucht nach Britisch-Guyana, von wo er nach New York weiterreiste, wo er sich niederliess und Memoiren schrieb. Duval ist nicht von der Teufelsinsel oder einer der beiden anderen Îles du Salut geflohen, wie manchmal gesagt wird.

* Dem wegen Mordes einsitzenden US-Amerikaner Richard L. McNair gelang es drei Mal, aus Gefängnissen aus zu brechen. Beim letzen Mal, 2006 in Louisiana, entkam er in einem Postsack. In der Nähe des Gefängnisses begegnete er einem Polizisten: https://www.youtube.com/watch?v=vBrnBmUmVzI

* Politische Gefangene: John Gerard flüchtete Ende des 16. Jh aus dem Tower in London, wo er als Anführer der verfolgten Katholiken saß, mit von Foltern zerschundenen Händen. André Devigny war französischer Offizier, Resistance-Mitglied, dafür im Montluc-Gefängnis, wurde gefoltert, konnte mit Sicherheitsnadeln Handschellen öffnen, daher flüchten, gelangte in die Schweiz; die Nazis verübten Sippenhaftung an seinen Verwandten. Er diente nach diesem Krieg in jenem in Algerien. Tapferes Nazi-Opfer, dann Unterdrücker in Algerien, Devigny vereinte diese Entwicklung Frankreichs in seiner Biografie (die auch teilweise verfilmt wurde).

Die slowakischen Juden Alfred Wetzler und Rudolf Vrba (Walter Rosenberg) waren zwei der wenigen Menschen, denen es gelang, dem “Konzentrationslager” Auschwitz (Oswieczim) zu entfliehen (1944). Der Pole Slawomir Rawicz soll im 2. WK mit einigen Mitgefangenen aus einem Lager in Sibirien geflohen sein, über die Grenze in die Mongolei, dann weiter nach Indien. 1983 machten IRA-Kämpfer im Maze-Gefängnis in Nord-Irland eine Revolte, 38 gelang dabei die Flucht, der Hälfte auf längere Sicht, manche sind bis heute “untergetaucht”.

* Gefangene Politiker: Napoleon 1815 aus Elba: Der selbstgekrönte Kaiser Frankreichs musste 1814 abdanken, nachdem allierte Truppen infolge der Leipziger Völkerschlacht 1813 bis nach Paris gekommen waren und er im Land die meiste Unterstützung verloren hatte. Die Mächtigen Europas wiesen ihm Elba zu, wo er nominell Herrscher wurde, die britische Marine aber das letzte Wort hatte. Während mit Ludwig XVIII. in Frankreich wieder die Bourbonen an die Macht kamen, gingen seine zweite Frau, eine Habsburgerin, und sein Sohn nach Österreich. Napoleon Bonaparte war eigentlich kein Gefangener, beschloss aber, noch einmal nach der Macht zu greifen.

Nach weniger als einem Jahr in diesem “Exil”, im Februar 1815, segelte er in der “Swiftsure” mit einigen Hundert Getreuen von Portoferraio nach Frankreich; warum die britischen Schiffe, die zu seiner Bewachung auf der Insel waren, nicht eingriffen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Auf dem Weg nach Paris (über die Alpen, um die grossteils pro-bourbonische Provence so weit wie möglich zu umgehen) traf die Gruppe kurz vor Grenoble auf das Regiment, das vom König beauftragt worden war, ihn aufzuhalten. Es schloss sich ihm an. Ab seinem Einzug in Lyon agierte er wieder als französischer Kaiser und erließ entsprechende Dekrete, ab seinem Einzug in Paris am 20. März erst wird seine zweite Herrschaftszeit als Kaiser, die 100 Tage (eigentlich 111), gezählt.

Mussolini, freilich mehr Diktator als Poltiker, wurde 1943 von deutscher Wehrmacht und SS nach einigen Monaten Gefangenschaft in Gran Sasso in den Abruzzen befreit.

* Der mexikanische Drogenboss Joaquin „El Chapo“ Guzman war auch schon vor seinen Ausbrüchen von Bedeutung. Der Chef des Sinaloa-Kartells ist 2001 und 2015 aus mexikanischen Hochsicherheits-Gefängnissen ausgebrochen. Mitglieder des Wachpersonals müssen ihm geholfen haben. In diesem Jahr wurde er wieder gefangen.

* Michel Vaujour flüchtete fünfmal aus französischen Gefängnissen. Seine spektakulären Methoden beinhalteten die erzwungene Flucht mit als Orangen getarnten Granaten, die Nachbildung eines Zellenschlüssels mittels Käseabdruck (1974), der Ausbruch mithilfe einer aus Seife gefertigten Pistolenattrappe (1976) sowie die Flucht aus dem sichersten Gefängnis des Landes durch einen Hubschrauber, der von seiner Ehefrau gekapert wurde (1986). Er wurde 2003 vorzeitig entlassen und berät heute Krimi-Autoren.

* Dem griechischen Straftäter Vasilis Paleokostas gelang 2006 und 2009 gleich zwei Mal eine filmreife Flucht aus dem grössten griechischen Gefängnis Korydallos mit Hilfe von Hubschraubern. Der Franzose Pascal Payet unternahm in den 00ern drei Ausbruchsversuche mit Hubschraubern, zunächst seine Flucht, dann (von draussen) die Befreiung anderer, wobei er gefasst wurde. Aus der folgenden Haft wurde er wieder mit gekapertem Hubschrauber befreit, später in Spanien gefasst. Mit einem Hubschrauber entkam etwa auch 1971 der Amerikaner Joel Kaplan in Mexiko.

* Jay Junior Sigler befand sich 1998 im achten Jahr von den 20, die er für bewaffneten Raub bekommen hatte, in der Everglades Correctional Institution, als er mit seiner Mutter und einigen Freunden seinen Ausbruch plante. Am hellichten Tag rammten drei Freunde mit einem 18-rädigen Lastwagen die Gefängniszäune, gefolgt von einem Auto das seine Mutter fuhr. Nach geglückter Flucht wurden vor einem Einkaufszentrum die Fahrzeuge gewechselt, die Polizei auf den Fersen, Sigler starb danach bei einem Zusammenstoss mit einem anderen Auto.

* “Billy” Hayes wurde in den 1970er in der Türkei wegen versuchtem Schmuggel von Haschisch verurteilt, kam auf das Gefängnis auf der Insel Imrali, von wo er nach Griechenland flüchtete. Sein Buch über die Erlebnisse wurde verfilmt (“Midnight Express”).

* Der 1970er-Frauenmörder “Ted” Bundy (der sich für die Republikanische Partei engagiert hatte), wurde 1976 erstmals gefasst, 1977 gelang es ihm in Colorado, als ein Gerichtsverfahren gegen ihn lief, zwei Mal, auszubrechen, verübte weitere Morde. John Dillinger, der amerikanische 1930er-Gangster (Banküberfälle), wurde nach seiner Verhaftung in ein als ausbruchssicheres Gefängnis in Ohio gebracht. Seinem Anwalt gelang es, eine Revolver-Attrappe aus Holz einzuschmuggeln, diese vorgehalten sperrte er die Wachmannschaft in “seine” Zelle, flüchtete mit dem Wagen des Sherriffs über die Bundesstaatsgrenze, womit er aber das (junge) FBI gegen sich aufbrachte, wurde schliesslich von ihnen erschossen.

* Bei manchen Ausbrechern kommt die Bedeutung von der Zeit, die sie schafften, sich in Freiheit zu halten. George Wright wurde 1963 als 19jähriger wegen bewaffneten Raubüberfällen in New Jersey verurteilt, nach 7 Jahren im Gefängnis gelang es ihm leicht und unpektakulär, auszubrechen. Er schloss sich der “Black Liberation Army” an, entführte einen USA-Inlands-Flug nach Algerien. Er wurde in Portugal aufgespürt, das ihn aber nicht ausliefern will, da er Staatsbürger dieses Landes geworden war. Ronald Carnes, ein anderer US-Amerikaner, war nach seinem Ausbruch 41 Jahre auf der Flucht (USA), Paula E. Carroll und Sam Gene Harris 34 Jahre lang.

* Natascha Kampusch entkam ihrem Entführer 2006 nach 8 Jahren Gefangenschaft in der Nähe von Wien

* Wie bei Kampusch muss man (unabhängig von Schuld oder Unschuld) nicht in einem “richtigen” Gefängnis sein, um flüchten zu wollen, es gibt manche Formen der Gefangenschaft. So war/ist Sklaverei natürlich auch eine Form der Freiheitsberaubung. Ein bedeutender Sklavenaufstand in USA ereignete sich 1831, unter der Führung von Nathaniel “Nat” Turner. Seine Mutter war aus Afrika nach Amerika verschleppt worden, den Namen bekam er von dem Besitzer der Plantage, auf der er geboren wurde. Es soll eine Sonnenfinsternis gewesen sein, die ihn veranlasste, die Befreiung zu beginnen. Diese Slavenrebellion in Virginia breitete sich zwar aus, Schwarze wurden befreit, sie wurde aber bald niedergeschlagen. Turner selbst wurde nach wenigen Wochen gefangen genommen, gehängt und gevierteilt. Mehr als hundert unbeteiligte Sklaven wurden als “Vergeltung” vom Pöbel getötet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen für andere wurden verschlechtert. Etwa 60 Sklavenhalter und Angehörige waren getötet worden.

Auch aus geschlossenen Abteilungen von Krankenhäusern oder Asyl-Lagern (> http://www.lastexitflucht.org/againstallodds/ ) werden Ausbrüche versucht.

* Christopher Boyce kam als Angestellter eines amerikanischen Technologie-Konzerns in den 1970ern an hochpolitische Informationen, etwa über den Druck, den der CIA bezüglich des Sturzes des australischen Premiers Gough Whitlam ausübte. Zusammen mit seinem Freund, dem Drogenhändler Dalton Lee, gab er diese an die Sowjetunion weiter, über deren Botschaft in Mexico. 1977 wurden die Beiden verhaftet, zunächst Lee in Mexiko, und verurteilt. Boyce brach 1980 aus dem Gefängnis in Lompoc (Kalifornien) aus. Auf der Flucht verübte er 17 Bank-Überfälle im Nordwesten der USA. Sein Ziel war es, in die Sowjetunion zu gelangen. 1981 wurde er eingefangen. 02 kam er nach 25 Jahren Gefängnis frei. Lee war bereits 1998 freigelassen worden, arbeitete danach eine Zeit lang als Sekretär von Sean Penn, der ihn im Film “Der Falke und der Schneemann” (1985 erschienen) dargestellt hatte. Boyce’ Website

* Der amerikanische Betrüger und Hochstapler Frank Abagnale (“Catch me if you can”) brach auch mehrmals aus Polizei- und Justizgewahrsam aus. Einmal überzeugte er einen Wächter, dass er ein Gefängnisinspektor sei, der nur zu Testzwecken eingesperrt worden sei.

* Der Südkoreaner Choi Gap-Bok, ein langjähriger Yoga-Praktikant, wurde 2012 wegen eines Diebstahl-Vorwurfs in Polizei-Gewahrsam genommen. Aus seiner Zelle entkam er durch eine winzige Essensluke; nach ein paar Tagen gefasst.

* Der französische Gangster Albert Spaggiari brach mit Kollegen 1976 in eine Bank in Nizza ein. Noch im selben Jahr gefasst, gelang ihm während eines Polizeiverhörs die Flucht. 1982 traf er in Rio de Janeiro mit dem Briten Ronald Biggs zusammen, der aus dem Gefängnis geflüchtet war. Während Biggs mit Sex Pistols und Toten Hosen gemeinsame “Sache” machte, stand der Algerien-Krieg-Veteran Spaggiari der OAS (die ihm auch bei seiner Flucht geholfen haben soll) und anderen Rechten nahe. Die brasilianischen Behörden lehnten die Auslieferung von Biggs auch deshalb ab, weil die britische Regierung nicht der Reziprozität zustimmte, d. h. gegebenenfalls jemanden aus GB nach Brasilien auszuliefern.

* William J. Sharkey entkam im New York des 19. Jahrhunderts als Frau verkleidet aus einem Gefängnis, in dem er wegen Mordes einsaß. Er floh in das damals spanische Kuba, von wo er nicht ausgeliefert wurde.

* Adolf Schandl, der wegen Raubüberfällen “saß”, brach 1971 mit drei Kollegen aus dem Gefängnis von Stein aus, im Lauf der Flucht wurde in Wien mit dem Polizeipräsidenten Holaubek verhandelt, dieser versuchte einen der Kollegen mit dem legendären Ausspruch “Kumm ausse, i bins, dei (oder: der) Präsident” zur Aufgabe zu überreden. Zwischendurch frei, versuchte Schandl 1996 aus der Anstalt in Karlau erneut einen Ausbruch, wiederum mit Geiselnahme.

* Den Briley-Brüdern gelang 1984 in Virginia (USA) der Ausbruch aus dem Todestrakt, sie wurden wieder eingefangen.

* Raymond Hamilton wurde 1934 von seinen Kompagnons Clyde Barrow und Bonnie Parker in Huntsville von einer Gefängnisfarm befreit, wurde wenige Monate später bei der Schiesserei festgenommen, bei der diese getötet wurden.

* Giacomo Casanova soll Ende des 18. Jh aus dem Gefängnis im Dogenpalast geflüchtet sein, was möglicherweise erfunden ist, wie vieles von ihm.

* Jacques Mesrine war ein Gewaltverbrecher im Frankreich der Nachkriegszeit, brach zwei Mal aus dem Gefängnis aus, war Staatsfeind Nr. 1 oder moderner Robin Hood, war oft und lange untergetaucht, auch in Amerika aktiv, wurde bei der Fahndung nach ihm erschossen.

* Gescheiterte Versuche: Juan Ramirez Tijerina sollte von seiner Ehefrau 2011 aus einem mexikanischen Gefängnis befreit werden, indem er sich beim Besuchstermin in einen mitgebrachten grossen Koffer quetschte.

In die Aussenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle, wo der RAF-Mann Sigurd Debus sass, wurde 1978 ein Loch gesprengt, womit ein Befreiungsversuch für ihn vorgetäuscht werden sollte; eine Aktion der deutschen Behörden unter falscher Flagge.

Die beiden Algerien-Krieg-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems versuchten 1971 aus dem Gefängnis in Clairvaux auszubrechen. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der bei der Stürmung durch die Polizei zwei Geiseln tötete. 1972 wurden beide dafür zum Tode verurteilt.

Der belgische Mehrfach-Mörder und -Entführer Marc Dutroux entkam 1998 für einige Stunden in Freiheit.

* Fiktive Ausbrüche in Film & Literatur:

“Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas. Ausbruch aus Gefängnis(-Insel) nach gemeiner Verurteilung als Beginn eines Rachefeldzugs; oft verfilmt

“Die Verurteilten”/”Shawshank Redemption” (1994). Buchvorlage von Stephen King

“Auf der Flucht”/”The Fugitive”. TV-Serie, dann Film. Dr. Kimble unschuldig verurteilt, bei Transport geflüchtet, um Unschuld zu beweisen. Wahre Grundlage (Samuel Sheppard), aber da kein Ausbruch

“Le Trou”/”Das Loch” (1960). Verfilmung des gleichnamigen Romans von José Giovanni, in dem es um einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnels geht; an einem solchen war Giovanni beteiligt

“Prison Break”. TV-Serie 00er-Jahre

“Der Kuss der Spinnenfrau” war zunächst ein Roman des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig (1976 erschienen, als “El beso de la mujer araña”). Der homosexuelle Luis Molina (des Kindesmissbrauchs beschuldigt) und der Kommunist Valentin Arregui (politischer Gefangener) teilen eine Gefängniszelle und flüchten in ihre Phantasie (Ausbruch im übertragenen Sinn), indem Molina Arregui Filme schildert. Dabei lösen sich “Grenzen” zwischen ihnen auf. 1985 Verfilmung von Hector Babenco, das Gefängnis darin in Brasilien. Dann auch als Musical.

“Nummer 6″/”The Prisoner”, eine britische TV-Serie aus 17 Folgen aus dem Jahr 1967, Hauptdarsteller Patrick McGoohan war auch einer der Macher (er spielte in der Alcatraz-Verfilmung den Gefängnisdirektor). Die Hauptperson beendet ihre Agententätigkeit beim britischen Geheimdienst, wird an einen abgelegenen Ort entführt und dort als “Nummer 6” festgehalten, versucht in jeder Folge, die Identität des Oberhauptes, Nummer 1, herauszufinden und dem Ort zu entkommen. Vielsagend ist, dass manche Folgen zensiert wurden, obwohl Sex und Gewalt fehlten; es ging um politische Aussagen. Vom Genre her eine Mischung aus Spionage-Thriller, Science-Fiction-Elementen, Psychodrama, Polit Thriller,…, lässt es viel Raum für Interpretationen. Fan-Seite

“Überleben is alles”/”Lock up” mit S. Stallone (1989). Ungerechte Verurteilung, sadistischer Direktor, gescheiterter Ausbruchsversuch, Mini-Aufstand,…

“Im Körper des Feindes”/”Face off” (1997): Entkommen aus Gefangenschaft nach misslungenem Identitätswechsel; extrem unglaubwürdig und plump

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

Portal zum südlichen Afrika

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie es glücklicherweise nicht kam

Hinsichtlich Ausmalens eines alternativen Geschichtsverlaufs ein möglicher Wendepunkt zum Negativen aus der jüngeren Geschichte Südafrikas, der die Störung des Verhandlungsprozesses zur Abschaffung der Apartheid Anfang der 1990er betrifft. Wobei ich mich auf die Wahl des Divergenzpunktes und die Erläuterung seiner Relevanz beschränke und die Folgen bzw. den weiteren Verlauf nur skizziere – man könnte wohl einen alternativgeschichtlichen Roman daraus machen, zumindest aber eine kontrafaktische Kurzgeschichte.

Den Verhandlungsprozess hat Frederik Willem de Klerk initiiert, der im Sommer 1989 Präsident Südafrikas wurde, im Apartheid-System an die Spitze kam. Zu diesem Zeitpunkt waren die militärischen Auseinandersetzungen im südlichen Afrika schon weitgehend beendet, der ursprüngliche Konflikt (zwischen dem Apartheid-Regime der Republik Südafrika und seinen Gegnern bzw. Leidtragenden) harrte aber noch einer Lösung. Die länderübergreifende Eskalation im südlichen Afrika begann und endete in Angola; noch 1987/88 erreichte der Krieg dort mit der Schlacht von Cuito Cuanavale einen “Höhepunkt”, der auch zu einem atomaren Schlag des Apartheid-Regimes hätte führen können. Südafrika, das sich im Schatten des Angola-Krieges Nuklearwaffen zugelegt hat, hat damals (als es durch das verstärkte Eingreifen der mit der angolanischen Regierung verbündeten Kubaner in die Defensive geriet) deren Einsatz erwogen, ihn zumindest aber als Drohung angedeutet.

Was hätte zu einem atomaren Schlag des südafrikanischen Regimes führen können und was wären dessen Folgen gewesen, regional und global – das wäre ein anderer Divergenzpunkt für ein alternativgeschichtliches Szenario. Eine solche Entwicklung wäre aber viel unrealistischer als die hier ausgewählte gewesen, auch weil man in Pretoria wusste, dass damit mehr zu verlieren als zu gewinnen war.

Nach der Eskalation in Angola wurden 1988 von einigen dort kriegführenden Parteien Verhandlungen aufgenommen, die zu einem Abkommen führten, das die Unabhängigkeit Namibias von Südafrika und einen vorübergehenden Frieden in Angola brachte. Im Jänner 1989 erlitt der südafrikanische Staatspräsident P.W. Botha einen Schlaganfall, sein ebenfalls als konservativ geltender Parteikollege F.W. De Klerk wurde zunächst sein Nachfolger als Chef der Nationalen Partei (NP), im August nach dem Rücktritt Bothas (der auch den Falken in seinem Kreis zu “unflexibel” war) auch als Präsident. Die NP gewann die Wahl zum “weissen” Parlament im September, aber die oppositionelle, noch reaktionärere, Konservative Partei (die sich von der NP abgespalten hatte, weil ihr die bescheidenen Reformen von Botha zu weit gegangen waren) wurde gestärkt.

De Klerk liess zunächst die Geheimverhandlungen des Regimes mit den Führern des ANC (African National Congress, die wichtigste Anti-Apartheid-Bewegung) im Gefängnis oder Exil fortsetzen und einige der Inhaftierten wie Walter Sisulu Ende des Jahres freilassen. Die Perestroika in der Sowjetunion bedeutete auch die Einstellung ihrer Unterstützung für Akteure im südlichen Afrika. Wahrscheinlich war dies ein Grund dafür, dass De Klerk Anfang 1990, in einer Parlaments-Rede, grosse Reformen einleitete. Dazu gehörten die Freilassung politischer Gefangener wie Nelson Mandela, die Wiederzulassung von Parteien wie dem ANC, und die Aufnahme von Verhandlungen über die Zukunft des Landes. Nicht bekanntgemacht wurde die ebenfalls in Angriff genommene Abrüstung der atomaren sowie der biologischen und chemischen (Project Coast) Waffen, über die das Regime verfügte.

De Klerk war in den Übergangsjahren, die seine Präsidentschaft (1989-1994) darstellte, und darüber hinaus, mit den Reformgegnern v.a. unter den Buren beschäftigt, ob im Militär (SADF) oder in der Konservativen Partei (KP). So hat er auch in seiner Regierung Verteidigungsminister Magnus Malan 1991 durch Roelf Meyer abgelöst, der später Verfassungs-Minister wurde und damit Chefverhandler der Regierung. Die Regierung um De Klerk geriet für ihren Reform- und Verhandlungskurs unter Beschuss der weissen (im Wesentlichen: afrikaanischen) Rechtsextremen. Die Konservative Partei und noch radikalere Organisationen erhielten Zulauf. Mandela, der Nachfolger des aus dem Exil zurückgekehrten aber erkrankten Oliver Tambo als ANC-Präsident wurde, musste in diesen Jahren (und darüber hinaus) in “seinen” Reihen bzw. der schwarzen Bevölkerungsmehrheit für Versöhnung, Ausgleich und Kompromisse werben, was nach den Jahrzehnten der Apartheid kein leichtes Unterfangen war.

Der ANC, bzw. seine Miliz “Umkhonto we Sizwe” (MK), stellte nach De Klerks ersten Reformschritten den bewaffneten Kampf ein; der Verhandlungs- und Umgestaltungsprozess war dennoch von Gewalt begleitet. Der unter Botha mächtig gewordene “Sicherheitsapparat” (Militär, Polizei, Geheimdienste) agierte teilweise an der Regierung vorbei (“Dritte Kraft” war v.a. der Militär-Geheimdienst), und unterstützte die Homeland-Partei Inkatha (IFP), die sich als Zulu-Nationalpartei neu definierte, gegen den ANC. 1992 scheiterten die ersten Verhandlungsrunden (CODESA I und II) an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten der Hauptakteure zur Zukunft Südafrikas und an der von Behörden unterstützten Gewalt von Homeland-Gruppen gegen ANC-Anhänger.

Im April 1993 hatte gerade das Multiparty Negotiating Forum (MPNF), der Neustart der Verhandlungen, begonnen (nachdem sich die Regierung von der IFP und ihrem Chef Buthelezi distanziert hatte), als der Mord an Martin T. “Chris” Hani durch rechtsextreme Weisse lange aufgestaute Spannungen fast zur Entladung brachten. Hani war eine Führungsfigur im Umkhonto we Sizwe und in der kommunistischen Partei SACP, der einzigen “weissen” Partei, die von Anfang an vorbehaltlos volles Wahlrecht für Schwarze befürwortete und forderte. Die SACP war wie der ANC, mit dem sie eine Allianz einging, lange in Südafrika verboten. Hani war 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück gekehrt, als dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von “Joe” Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab. Er unterstützte die Einstellung des bewaffneten Kampfes zugunsten von Verhandlungen mit der Regierung (obwohl die radikaleren ANC-Anhänger auf ihn setzten) und liess sich in Boksburg in der Nähe von Johannesburg nieder.

Im April 1993 wurde er dort vor seinem Haus von einem polnischen Einwanderer erschossen. Dieser wurde bald darauf festgenommen, nachdem Hanis Nachbarin, eine weisse Südafrikanerin, die Polizei gerufen hatte. Hinter dem Mord stand zumindest eine Führungsfigur der Konservativen Partei, Clive Derby-Lewis, der sich als Bure fühlte bzw als solcher konstruierte, seine Herkunft mit schottisch und deutsch angab. Er war auch ein Führer im “Western Goals Institute” und fiel sogar im rassistischen Apartheid-System mit verachtenden Aussagen über Schwarzafrikaner auf. Angeblich fand man in der Wohnung des Mörders eine Liste mit den Namen weiterer Mord-Ziele, Hani darauf als Nr. 3 gereiht hinter Mandela und Joe Slovo von der SACP. Auf den Mord folgten einige Ausschreitungen von Schwarzen, die über den Rassismus und die Gewalt gegen sie frustriert waren, welche zu Befürchtungen über ein endgültiges Abgleiten des Landes vom Verhandlungsweg in die Gewalt führten.

Nelson Mandela, damals ANC-Präsident (Hani wurde auch als sein möglicher Nachfolger gesehen), durfte in dieser Situation im südafrikanischen Fernsehen (SABC) eine Rede halten, in der er zur Ruhe aufrief, darauf hinwies, dass der Täter ein Einwanderer war, der Gewalt und Hass ins Land bringen wollte, während Hanis weisse, südafrikanische Nachbarin die Polizei zum Täter führte, und dass der Mord genau ein Abgleiten vom Verhandlungsweg bezwecken sollte. Der Rede (mit der Mandela seine Glaubwürdigkeit unter seinen Anhängern riskierte) wird es zugeschrieben, dass das Land nicht in Gewalt versank – und dass es zu einer Machtverschiebung zuungunsten der De Klerk-Regierung kam, die sich auch in den Verhandlungen auswirkte. Roelf Meyer sagte, der Mord war für 36 Stunden der “Umkipppunkt”.

Wenn die Regierung Mandela nicht im Fernsehen sprechen hätte lassen (der Divergenzpunkt), hätte die Gewalt leicht explodieren können und eine Verhandlungslösung, ein Übergang von der Apartheid zur Demokratie, schwer zustande kommen können. Die Atomwaffen waren zu dem Zeitpunkt bereits zerlegt und entschärft, aber wie auch bei der Entwicklung in der Region (Namibia, Angola, Mosambik,..) war diese Entwicklung wahrscheinlich nicht irreversibel. Ein Militärputsch gegen De Klerk wäre bei einem Gewaltausbruch denkbar gewesen. Der ANC hätte dann seinen bewaffneten Kampf wohl wieder aufgenommen. Die NP-Regierung hatte sich über weite Strecken der Verhandlungsphase ein Eingreifen des Militärs als Option vorbehalten, die ANC-Opposition die “Leipzig-Option” der Massenproteste. Benachbarte Staaten hätten den ANC nun unterstützen können und wären damit mit hinein gezogen worden. Russland hätte die afrikanischen Staaten sicher nicht mehr unterstützt. Bei einem Flächenbrand hätte dagegen die zu alleinigen Weltherrschern gewordene USA wahrscheinlich interveniert.

Auch die ebenfalls der weissen Rechten zugehörige, gewalttätige AWB versuchte dann, die Verhandlungen zu stören, aber unmittelbarer, indem sie den Verhandlungsort, das Welthandelszentrum in Kempton Park bei Johannesburg, im Juni 1993 mit einem Panzerfahrzeug stürmte. KP und kleinere Gruppen dachten nun einen “Volkstaat” an, in dem Buren/Afrikaaner unter sich sein sollten bzw die anderen unter sich haben sollten. Gegen eine Verhandlungslösung wehrte sich neben der weissen Rechten die Homeland-Herrscher, die Inkatha, und die schwarze Linke (PAC, AZAPO), die am Beginn vom MPNF noch alle dabei gewesen waren.

Im November ’93 kamen die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss, der den Fahrplan zur Wahl eines allgemeinen Parlaments beinhaltete, auf deren Grundlage eine Regierung der nationalen Einheit gebildet und eine neue Verfassung ausgearbeitet werden sollte. Während Mandela und De Klerk am Ende des Jahres Friedensnobelpreise erhielten, schloss sich ein Teil der Gegner der Verhandlungslösung bzw. der Wahlen zusammen. So unterschiedlich diese Gruppierungen waren, die Weigerung sich in das neue Südafrika einbinden zu lassen, verband sie. Einen Wendepunkt stellte hier die Entmachtung des Herrschers des Homelands Bophuthatswana im März 1994 dar; danach gab auch der Herrscher der Ciskei auf, der sich ebenfalls gegen eine Eingliederung in das neue Südafrika gesträubt hatte. Auch der Boykott der weissen (burischen) Rechten wurde danach durchbrochen, durch die Freiheitsfront (VF). Spät lenkten auch PAC, AZAPO und IFP ein.

Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde
Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde

Südafrika wählte vom 26. bis zum 29. April 1994, ein Macht- und Systemwechsel ging über die Bühne. Der Mörder und sein Hintermann wurden verurteilt, profitierten dann von der Abschaffung der Todesstrafe 1995 (die eine Folge der Abschaffung der Apartheid war…), womit ihre Strafen in lebenslange Haft umgewandelt wurden. Sie suchten vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) um Amnestie an, was abgelehnt wurde.

Die “Maritz-Rebellion” 1914/15 wäre ein anderer Punkt in der südafrikanischen Geschichte, wo eine interessante, brisante Divergenzentwicklung anzusetzen wäre.

Doku über den Hani-Mord: http://www.youtube.com/watch?v=X0IGS2ZD_5A

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Historische Romane

Nachdem es hier unlängst um alternative und kontrafaktische Geschichte ging, nun etwas zu einem benachbarten Gebiet. Die heute sehr beliebten Historischen Romane erzählen Geschichten zu/vor der Geschichte, bringen Erzählungen vor historischer Kulisse. Die meisten Romane spielen vor irgendeinem historischen Hintergrund, die Beschreibung dieses Hintergrunds bzw. die Ausrichtung der Handlung daran ist ein Merkmal des Historienromans. Im Unterschied zu den Geschichtsfiktion-Genres wird die Geschichte hier nicht umgeschrieben und bleibt eher im Hintergrund (die Zeit kann aber genauso ausführlich geschildert werden wie die Handlung), während fiktive Personen im Vordergrund stehen.

Die betreffende Epoche kann eine mehr oder weniger detailliert dargestellte Kulisse zu der Handlung sein oder aber sich mit ihr “verbinden”, dabei werden historische Fakten auch schon mal aufgeweicht. Das Romanelement mit erfundenen Personen und Ereignissen ist unabdingbar; in der Regel wird eine Epoche behandelt, die der Autor nicht selbst erlebt hat. Die Anfänge des Genres liegen im 19. Jahrhundert, etwa bei der Deutschen Benedikte Naubert, auch wenns Vorläufer gibt, wie die antiken und mittelalterlichen Alexander-Romane (romanhafte Biografien Alexanders d. Gr.) oder manche von Xenophons Schriften. Naubert beeinflusste den Schotten Walter Scott, der das Genre prägte; in dessen Romanen werden Nebenpersonen der Geschichte zu Hauptpersonen.

Sich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort hineinzuphantasieren ist ein Ansatz bei historischen Romanen (h. R). Es kann aber auch darum gehen, die Geschichtsschreibung in Frage zu stellen oder historischen Stoff zu vermitteln. Manchmal geht es bei h. R. um die Gegenwart, die zeitliche/räumliche Versetzung hat dann den Zweck, der Zensur auszuweichen oder rigiden politischen oder rechtlichen Hindernissen. Gegenwärtige Verhältnisse, die den Autor beschäftigen, spiegeln sich aber  immer irgendwie in seinen Geschichten wieder.

H. R. können viel Aufschluss über die Geschichtsauffassung (das Verständnis vom Ablauf der Geschichte) des Autors und seiner erweiterten Umwelt geben; auch über diesbezügliche nationale Befindlichkeiten. Der ungarische Marxist Georg Lukacs, Philosoph und Literaturwissenschafter, schrieb über den historischen Roman, das im Zuge der Französischen Revolution entstandene Geschichtsbewusstsein habe die Grundlage für diesen gelegt. So habe sich Walter Scott vorwiegend mit neuzeitlichen Veränderungen in Schottland beschäftigt und die menschliche Gesellschaft als offen für einschneidenden Wandel dargestellt. Roman-Charaktere und ihre Auseinandersetzungen stehen oft für Konflikte der betreffenden Zeit.

“Krieg und Frieden” von Leo Tolstoi (hatte in seiner Verwandtschaft zwei Alexejs, die ebenfalls in diesem Genre schrieben) ist noch immer einer der bedeutendsten historischen Romane. Er schildert russische Geschichte und Gesellschaft von 1805 bis 1812, vor dem Hintergrund der russischen Involvierung in die Koalitionskriege gegen das revolutionäre/napoleonische Frankreich, eine Zeit, die Tolstoi nicht erlebt hat. Es gibt zahlreiche Handlungsstränge und Hauptpersonen, im Mittelpunkt steht die russische Oberschicht. Diese war unter der absolutistischen Zaren-Herrschaft mit viel Macht ausgestattet und Nutzniesser, hatte aber andererseits viele Kontakte nach Westeuropa und oft auch Sympathie für den Wandel, der sich dort infolge der Französischen Revolution entwickelte. Der französische Russland-Feldzug unter Napoleon Bonaparte 1812 bildet so etwas wie den Höhepunkt; der Roman hat erst den Grundstein für eine historiografische Aufarbeitung dieser Ereignisse gelegt!

Nach dem Durchbruch bei Borodino drangen die Franzosen (mit vielen Freiwilligen aber auch Rekrutierten aus diversen Teilen Europas) nach Moskau vor. Tolstoi schildert ausführlich wie Generalfeldmarschall Kutusow (eine der realen Personen, die in dem Roman eine Rolle spielen) die Stadt den Eindringlingen überliess, die sich daraufhin verlustreich zurückzogen. Der Krieg gegen die Franzosen verstärkte bei den Hauptpersonen aus dem Adel, die vielfach als Offiziere daran teilnahmen, Ungereimtheiten in ihrem Weltbild, etwa durch die Begegnung mit Angehörigen aus der Unterschicht. Das Werk enthält viele historische, militärtheoretische, philosophische Überlegungen. Es schliesst mit der Wiederherstellung der alten Ordnung nach dem Krieg. Es gibt verschiedene Übersetzungen und Verarbeitungen von dem Roman.

Auch Victor Hugos “Glöckner von Notre-Dame” beinhaltet mehrere Handlungsstränge (die nach und nach ineinanderfliessen), es zeichnet ein vielseitiges Bild des französischen Spätmittelalters mit all seinen Bevölkerungsschichten. Die Geschichte vom missgestalteten Glöckner Quasimodo ist nur einer dieser Stränge, steht aber im Mittelpunkt mehrerer Verfilmungen; auch der deutsche oder der englische Titel des Romans reduziert ihn darauf – der französische Originaltitel lautet umfassender “Notre-Dame de Paris”. Das Buch hatte u.a. auf die Neugotik-Architektur fördernden Einfluss.

Felix Dahn schrieb in seinem 1876 veröffentlichten “Kampf um Rom” über den Kampf zwischen Ost-Goten und Ost-Römern um die Herrschaft in Italien im frühen Mittelalter, brachte tatsächliche Geschichte, mit einigen Abweichungen, in Romanform; die damals frische Gründung des Deutschen Reichs und die völkischen Perspektiven des 19. Jahrhunderts bestimmten die Geschichtsinterpretation Dahns.

Alfred de Vigny stammte aus einer durch Französischen Revolution “geschädigten” Adelsfamilie, war mit Ludwig XVIII. während Napoleons 100 Tage im Exil, griff auch danach mehr oder weniger in die französische Geschichte ein bzw. war nahe an ihr. Er äusserte durch seine h. R. sehr klar sein Geschichtsverständnis bzw. seine politische Meinung: die absolute Königsherrschaft lehnte er ab, weil sie  zur Revolution geführt hat; dem Adel stand stand ihm zufolge aber eine privilegierte bzw. führende Rolle zu. De Vigny lehnte Scott als “leicht” bzw. unhistorisch ab, bei ihm stehen historische Figuren im Mittelpunkt, etwa der Höfling (z. Zt. Ludwigs XIII.) Cinq-Mars in dem nach ihm benannten Roman, der gegen Kardinal Richelieu intrigierte. Zu De Vignys festen Auffassungen von h. R. gehörte, dass darin historische Fakten gedeutet werden.

Aus dem 19. Jahrhundert sind weiters nennenswert: J.F. Cooper mit den “Lederstrumpf”-Geschichten, die die Ausbreitung der USA behandeln; der Roman des Amerikaners Lew Wallace über den Juden “Ben Hur”, der seinen Widerstand gegen die römische Herrschaft über Judäa zugunsten des Christentums aufgibt, mit historischen Ungenauigkeiten; Alexandre Dumas’ Geschichten über die 3 Musketiere oder den Mann mit der eiserner Maske; “Die Chouans, oder die Bretagne im Jahre 1799” von Honore de Balzac, über die  Chouannerie, den monarchistischen Aufstand gegen die Republik in West-Frankreich; einzelne Romane von Flaubert oder Dickens.

Der Spanier Rafael Chirbes schreibt meist über die Franco-Zeit und Transición zur Demokratie, eine Zeit also, die er grossteils selbst erlebt hatte. Im “Fall von Madrid” (2000) gehts um den Todestag des “Caudillo”, in “Langer Marsch” um die fast 4 Jahrzehnten die er Spanien prägte, “Alte Freunde” zieht Bilanz über den Übergang.

Henryk Sienkiewicz hat in seinen historischen Romanen polnische Geschichte verarbeitet, Sigrid Undset norwegische. In Sadeq Hedayats “Parvin, Tochter von Sasan” geht es um fiktive Figuren vor dem Hintergrund der Niederlage des sasanidischen Perserreichs und um lokalen Widerstand gegen die arabischen Eroberer. Bei Lion Feuchtwanger gehts meist um jüdische Themen, etwa in “Jud Süss”. Sofi Oksanen, finnische Autorin mit teilweise estnischer Herkunft, schreibt Romane die sich um historische Themen drehen, nahe am h. R. sind, um den Kampf der Finnen und Esten um Selbstständigkeit, Russen sind immer die Gegner, bei ihr auch im aktuellen Kontext, wie ihre Stellungnahme gegen Putin zeigen.

Umberto Eco hat mit dem verfilmten “Name der Rose” (wie auch mit dem “Focaultschen Pendel”) einen Mix aus verschiedenen Genres abgeliefert: äusserlich ein historischer Kriminalroman (mit einem Epochenporträt des späten Mittelalters mit seinen politischen, sozialen und religiösen Konflikten, z.B. dem zwischen Kaiser und Papst), hat er auch etwas von einem Schlüsselroman (enthält viele Anspielungen auf das Italien der 1970er-Jahre, mit Aldo Moro im Zentrum) und enthält in seinen tieferen Schichten einen philosophischen Essay, eine Einführung in die Semiotik und einen literarischen Anspielungskosmos. Der Roman (im Rahmen wird die Geschichte als Nacherzählung einer verlorenen alten Handschrift ausgegeben) spielt 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei, in der sich Morde ereignen.

William von Baskerville, der etwas von Sherlock Holmes hat, und sein Novize Adson, werden zur Aufklärung dieser Verbrechen gerufen, soweit der erzählerische Hauptstrang des Romans. In den Nebenlinien gibt es u.a. eine Liebesgeschichte zwischen Adson und einem namenlosen Bauernmädchen, ein Eingreifen der Inquisition und eben zahlreiche Betrachtungen und Anspielungen. “Der Name der Rose” ist nach strenger Auslegung kein historischer Roman: Der Inquisitor Bernard(o) Gui und andere Personen, die echt existierten, greifen in die Geschichte ein; einige historische Fakten wurden verändert, v.a. existiert im Roman ein vermisster Teil in Aristoteles’ “Poetik”, der die Komödie behandelt, in einem versteckten Teil der Kloster-Bibliothek; die Mordserie ist eng damit verbunden, der Text verbrennt am Schluss.

James Clavell war im 2. WK als britischer Soldat in japanischer Kriegsgefangenschaft, wurde Autor, schrieb 1975 den historischen Roman “Shogun” (Japan um 1600, Engländer mit niederländischem Schiff, Portugiesen dort Konkurrenten, Vorbild William Adams, der unter dem Shogun von Tokugawa Einfluss errang); die Geschichte wurde bekanntlich verfilmt, 1980, als Mini-Serie, von NBC und Paramount in Zusammenarbeit mit japanischen Studios. Die Darstellung japanischer Kultur darin hatten grosse Wirkung.

“Hundert Jahre Einsamkeit” des gerade verstorbenen Gabriel Garcia-Marquez begleitet sechs Generationen der Familie Buendía und hundert Jahre wirklichen Lebens in der fiktiven Welt von Macondo, wobei der chronologische Ablauf erst allmählich erkennbar wird. Die Handlung des Buches gilt Vielen als eine Allegorie auf die Geschichte Lateinamerikas. Die Geschichte eines Milieus, eines Landes bzw. einer Region anhand mehrerer Generationen einer Familie zu erzählen kommt öfter vor in dem Genre, auch bei J.A. Michener etwa.

Noah Gordon schrieb z.B. „Medicus“, das von einem jungen Engländer handelt, der sich im Mittelalter in den Orient aufmacht, um bei Avicenna Medizin zu studieren. Während er zum Arzt ausgebildet wird, bricht nicht nur die Pest aus, es entzündet sich auch ein Glaubenskrieg zwischen Fundamentalisten und den aufgeklärten Intellektuellen Persiens, der die Mediziner in Gefahr bringt. Die Handlung ist umrahmt mit detaillierten Darstellungen der mittelalterlichen Gesellschaften von England bis Persien. Gordon stellt u.a. die Medizin im damaligen Orient der im Okzident gegenüber; in Europa gab es damals hauptsächlich Kräutermedizin, ein Gespräch zwischen Arzt und Patient war die Ausnahme, Operieren war ausgelagert. Ein Bestseller in 1980ern, löste der Roman einen Mittelalter-Historien-Boom aus, wurde kürzlich verfilmt.

Bernard Cornwell schreibt eine Roman-Serie über einen britischen Soldaten in den Napoleonischen Kriegen und andere leicht bekömmliche h. R. Der Kunsthistoriker “Philipp Vandenberg” schrieb historische Sachbücher, dann historische Romane und Romane mit historischen Inhalten/Elementen, mit genau recherchierten und wiedergegebenen Details. John Jakes schrieb einige historische Romane, die sich um US-amerikanische Geschichte drehen, “North and South” (dt. “Fackeln im Sturm”) vor dem Sezessionskrieg wurde als TV-Serie verfilmt. Erfolgreiche gegenwärtige deutsche Autorinnen h. R. sind Sabine Ebert, Rebecca Gablé (schreibt mehr Historie als Roman; im MA) oder Sarah Lark (die unter anderen Pseudonymen auch anderes schreibt). George Leonardos hat u.a. über Byzanz zur Zeit der Palaiologen-Dynastie geschrieben. Auch von Orhan Pamuk gibts den einen oder anderen h. R.

Subgenres sind hier historische Kriminalgeschichten (Sherlock Holmes!, eine der bedeutendsten literarischen Figuren, A. C. Doyle soll als Vorbild einen Arzt gehabt haben; oder jene von Volker Kutscher, der die Handlung im Berlin der Weimarer Republik platziert), Liebesromane (“Vom Winde verweht”, Margaret Mitchell), Abenteuer-/Kriegsromane (z.B. die “Sandokan”-Reihe von E. Salgari); pseudo-historische Geschichten wie das Wildwest-Genre werden nicht dazu gezählt. Es gibt Romanbiografien die h.R. sein können. Sylvie Ouellette brachte z.B. 2012 „Le Secret du Docteur Barry“ raus, über James Barry/ Miranda Stuart (1795-1865), aus Irland, Arzt in der britischen Armee, mit ihr in Indien und Südafrika, angeblich eine Art Florence Nightingale/Agnes Bojaxhiu, erwachsenes Leben als Mann, wahres Geschlecht unbekannt.

Es wird weitgehend vermutet, dass Barry eine Frau war, die sich für ein Leben als Mann entschied, um an der Universität aufgenommen zu werden und seine/ihre gewählte Karriere als Arzt und Chirurg verfolgen zu können; “Der Traum des Kelten” von Vargas-Llosa ist auch so etwas wie eine Biografie im Kleid eines Romans; er schrieb auch einen h. R. über den Canudos-Krieg in Brasilien. Die Biografien wie der von S. Zweig über Marie Antoinette oder Laurent Binet über Heinrich Himmler („HHhH“) sind keine, da Romanelemente fehlen. Bei autobiografischen Romanen und Erfahrungsberichten wie “Jenseits von Afrika” von Blixen fehlen diese ebenso (wie auch die zeitliche Distanz). Robert Graves schrieb eine Pseudo-Autobiografie des römischen Kaisers Claudius, schrieb dabei Fakten um, aus Unkenntnis oder aus künstlerischer Freiheit.

Zeitgeschichtliche Romane, in denen die Handlung also in einem zeitgeschichtlichen Rahmen spielt, sind eher Sub- als verwandetes Genre. Hier ist oft eine Nähe zum Politischen Roman da (“Onkel Toms Hütte” gehört eher dorthin) oder zum Tatsachenroman (die “40 Tage des Musa Dag” von Werfel sind eher das). Beispiele dafür sind “Die Blechtrommel” von Grass, “Exodus” von Uris, mehrere Romane des Afghanen Khaled Hosseini (z.T. mit autobiografischem Charakter), “Stadt des Goldes” von Norman Ohler, “Der Schakal” und andere von Forsyth (die aber auch zu einem der beiden benachbarten Genres gezählt werden könnten), die “Atemschaukel” von Herta Müller, “Der Colonel” von Dowlatabadi, Eduardo Mendozas Romane, “Auf fremder Erde” von Eduardo Quiroga über den Falklands-/Malvinaskrieg oder “Der Omega-Punkt” von Don DeLillo (der Irak-Krieg bzw. seine Neocon-Initiatoren sind darin aber evtl. Kulisse/Metapher für Grösseres).

Oder die Geschichten von Tom Clancy; der war Historiker und strammer USA-Republikaner, so sehen seine Romane aus, die vor zeithistorischem Hintergrund spielen und als Form von H.R. aufgefasst werden können, aber auch als Politische Fiktion, Alternativgeschichte, Thriller. Der grösste Teil seiner Schaffensperiode fiel in den Kalten Krieg, da entstand auch das dann verfilmte „Jagd auf Roter Oktober“ aus der Jack Ryan-Serie. Der U-Boot-Kapitän Ryan, Clancys Idealbild eines “amerikanischen Helden”, wird im Laufe der Serie auch US-Präsident. 1991, am Ende des Kalten Kriegs, brachte er „Sum of all Fears“ heraus, wiederum der globalen Konstellation entsprechend, Araber tauchen darin als neuer Bösewicht bzw. Bedrohung auf. „Clear and present danger“ spielt im bösen Lateinamerika (Drogen,…).

Thomas Brussig schrieb “Am kürzeren Ende der Sonnenallee” über Ost-Berlin in den 70ern und 80ern (am Drehbuch zum Film “Sonnenallee” schrieb er auch) und “Helden wie wir” über die Wende in der DDR. Die blinde Britin Sue Townsend war eine Kritikerin der Monarchie und Klassengesellschaft in Großbritannien. Eine Millionenauflage erreichte mit ihren Büchern um die Hauptfigur Adrian Mole, den sie von seinen Jugendjahren in den 1980ern bis in die Gegenwart begleitete und dabei politisches Geschehen und Gesellschaft in der Thatcher-Ära und unter New Labour beleuchtete. Für Furore sorgte auch der 1992 veröffentlichte Roman „The Queen and I“, in dem nach einem Wahlsieg von Monarchie-Gegnern die britische Königsfamilie entthront wird und in einen Gemeindebau ziehen muss (eher eine Alternativgeschichte).

IT-Seiten wie histo-couch.de beschäftigen sich mit historischen Romanen. Diese haben ihre Entsprechungen auch in anderen Kunstformen: Shakespeare Dramen haben meistens einen historischen Hintergrund. Historienfilme sind filmische Entsprechungen dazu oder zu Alternativgeschichte, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB “Ben Hur”), manchmal auch die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente (z.B. Stauffenberg-Attentat-Filme). Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen.

Historische Themen werden auch in der Musik verarbeitet, etwa in der Verdi-Oper “Don Carlos”, die auf Schillers Dramatisierung von wichtigen Aspekten der Herrschaft der frühen spanischen Habsburger basiert, oder in der CD “Rivonia” von “Dear Reader”. Aus der bildenden Kunst ist v.a. die Historienmalerei zu nennen. An historischen Comics gibts “Asterix” (hat geschichtliche Fakten in die Jugend-/Populärkultur gebracht), die “Corto Maltese”-Reihe oder Manches von Joe Sacco oder Marjan Satrapi. Dann seien noch PC-Spiele wie “Grepolis” oder “Prince of Persia” erwähnt.