Die wichtigsten Westblock-Überläufer im Kalten Krieg

Es geht hier also um prominente Überläufer in den Ostblock zur Zeit des Kalten Kriegs. Als Überläufer sind nur jene zu werten, die in ihrem Staat/System eine Funktion inne hatten (und sei es eine als einfacher Soldat)! Und natürlich nur Aufgeflogene bzw “Bekennende”, nicht solche, die nur verdächtigt wurden/werden. “Maulwürfe”, also Personen, die in eine Organisation verdeckt eindringen, und nicht überlaufen, sind auch dabei. Reine Deserteure sind nicht berücksichtigt, solche die in ein neutrales “Lager” überliefen.

Auch Überläufer vor und nach dem Konflikt (Kalter Krieg) werden nicht gezählt, also zB Rosenblum/Reilly, der aus dem Russischen Reich nach Grossbritannien ging, Geheimdienst-Arbeit für Russland, GB, Deutschland, Japan leistetet, 1925 starb. Oder Günter Schabowski, der Mitglied des Zentralkomitees der SED in der DDR war, nach dem Aufgehen der DDR in der BRD die CDU untersützte. Guillaume wäre nur dann ein Überläufer gewesen, wenn er in der BRD nach seiner Enttarnung gewendet worden wäre; er war aber immer auf Seite der DDR. Die Meisten machten es aus Überzeugung, Andere aus Geld oder Liebe. Und: Des Einen Verräter ist immer des Anderen Helden. Bezüge zur Gegenwart sind viele da, etwa dass Edward Snowden auf den Spuren von Lee Oswald oder Kim Philby wandelt

Das geteilte Berlin beim Brandenburger Tor, die Welt z Zt des Kalten Kriegs

 

* Der Brite Harold “Kim” Philby wurde Kommunist, nicht zuletzt durch Begegnungen als Journalist mit dem Faschismus, in Spanien und Österreich. Als solcher trat er noch während des Weltkriegs (und damit vor Ausbruch des Kalten Kriegs) dem MI6 bei. Er war ein lupenreiner Doppelagent, der hauptsächlich auf die Sowjetunion “angesetzt” war, tatsächlich aber für deren Geheimdienst KGB (bzw Vorgänger NKWD) arbeitete. Stalin fürchtete, dass Philby ein Triple-Agent war. Ab 1956 arbeitete er, als “Nahost”-Korrespondent des „The Economist“ getarnt, als Agent des MI6 im Libanon. Er war dort auch an der Begleitung des (letztlich misslungenen) Kriegszugs von Grossbritannien, Frankreich und Israel gegen Ägypten (wegen des Suez-Kanals) beteiligt.

Flora Solomon, geborene Benenson, aus Russland stammende britische Jüdin, Mutter des AI-Gründers, einflussreiche Zionistin, Rothschild-Verwandte, war für das Auffliegen Philbys verantwortlich. Sie empörte sich, 1962 in Tel Aviv, über Philbys “pro-arabische” Artikel, etwa anlässlich des Kriegs gegen Ägypten 1956. Der MI5 in London wurde “informiert”, später sagte Solomon auch, dass Philby  versucht habe, sie zu rekrutieren. Victor Rothschildt von der MI5 (später Berater konservativer Politiker) wurde geschickt, um Philby zu befragen. Während der Befragungen setzte sich dieser 1963 in die SU ab. Ein Spionage-Ring um ihn, die Cambridge Four oder Five, flogen währenddessen auf, Leute in MI5 oder 6. Philby starb 1988 in der SU.

* Rudolf Fischer (Abel, Goldfus) wurde in GB als Sohn eines Deutsch-Russen geboren. Nach den Revolutionen 1917 ging die Familie um den überzeugten Kommunisten in die entstehende SU. Von dort ging Fischer/Abel als getarnter Agent u.a. nach GB, mit diversen Decknamen. Nach dem 2. WK wurde er in der USA eingesetzt, nachdem er der stalinistischen Eliminierungswelle entgangen war. Atomwaffen wurden Hauptaugenmerk seiner Spionage; er hatte Kontakt u.a. mit Theodore A. Hall aus dem Los Alamos National Laboratory und dem Kreis von Lona und Morris Cohen, bzw war ihr Führungsoffizier. Fischer wurde 1957 enttarnt, dann verurteilt. Er wurde 1962 auf der Glienicker Brücke zwischen West-Berlin (BRD) und Potsdam (DDR) gegen den amerikanischen Kampf-Piloten Francis G. Powers ausgetauscht. Dieser war 1960 während eines Spionagefluges von der sowjetischen Luftverteidigung bei Swerdlowsk abgeschossen worden. Fischer ging in die SU.

* Theodore A. Hall dürfte von Jenen, die im amerikanischen oder britischen Atom(waffen)programm für die Sowjetunion spionierten, der Bedeutendste gewesen sein, bzw die wichtigsten Informationen geliefert haben. Der Wissenschaftler (Physiker) war in Los Alamos (New Mexico) im Manhattan-Projekt beschäftigt. Er wurde erst 1995 als Informant bzw Spion für die Sowjetunion (SU) enttarnt. Er starb 1999, ohne verurteilt worden zu sein. Verrat half der SU bei ihrem Atomwaffenprogramm. Bald nach dem 2. WK hatte auch die SU Atomwaffen, war das USA-Atommonopol gebrochen, wurde der Kalte Krieg ein potentieller atomarer Konflikt.

* 1960 reisten zwei Kryptologen der US-amerikanischen National Security Agency (NSA), William H. Martin and Bernon F. Mitchell, in die Sowjetunion. Ob sie auch davor Informationen weiter gaben und welche Beweggründe sie hatten, habe ich nicht recherchiert. Beide wurden sowjetische Staatsbürger und heirateten dort. Martin bereute sein Überlaufen anscheinend nach ein paar Jahren, auch seine Ehe wurde geschieden; er ging schliesslich nach Mexico. Mitchell starb 2001 in Sankt Petersburg.

* David Greenglass ist im Zusammenhang mit den Rosenbergs bekannt geworden. Aus dem beteiligten Personenkreis arbeitete nur Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass im Manhattan-Projekt, der amerikanischen Atombomben-Entwicklung. Greenglass trat 1943 in die USA-Armee ein, war zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied der Young Communist League USA, die der Kommunistischen Partei der USA, der CPUSA, nahe stand. In der Armee wurde Greenglass, als Maschinenschlosser, nicht etwa als Wissenschafter, zum geheimen Manhattan-Projekt kommandiert. Er war zunächst in dem Uran-Anreicherungsprojekt in Oak Ridge (Tennessee) beschäftigt, dann in den geheimen Laboratorien in Los Alamos in New Mexico.

Julius Rosenberg war Elektroingenieur, der in der Armee arbeitete, bevor er nach der Entdeckung seiner Verbindung zur CPUSA 1945 entlassen wurde. David Greenglass hat ab November 1944 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Militär 1946 geheime Informationen die nukleare Forschung betreffend gesammelt und sein Schwager Julius Rosenberg diese an die sowjetischen Geheimdienste GRU und NKWD weiter gegeben. Ethel war eigentlich nur loyal zu ihrem Mann und ihrem Bruder. Rosenberg hatte zur Zeit der Weitergabe keine Funktion in einer staatlichen Stelle inne; ob Greenglass Maulwurf oder Überläufer war, ist diskutabel. Jedenfalls lag seine Aktivität eigentlich vor dem Beginn des Kalten Kriegs, der meist mit 1947 angesetzt wird (Truman-Doktrin,…).

Nach dem Krieg betrieben Greenglass und Julius Rosenberg eine Maschinen-Reparaturwerkstatt. Sie flogen durch das VENONA-Projekt auf, ein Gemeinschaftsprojekt der Geheimdienste der USA und des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, zur Entschlüsselung von Geheimnachrichten offizieller sowjetischer Stellen in den USA, die in der Zeit von 1938 bis 1945 aufgezeichnet wurden. 1950 wurde aufgedeckt, dass Klaus Fuchs in GB als Spion für die Sowjetunion gearbeitet hatte. Fuchs’ Geständnis ergab, dass er über seinen amerikanischen Kontaktmann Harry Gold Informationen an einen sowjetischen Agenten übergeben hatte. Die Spur von diesem führte zu Greenglass und den Rosenbergs, die ihn ebenfalls als Kurier benutzt hatten.

Greenglass wurde im Juni 1950 vom FBI wegen Spionage verhaftet, belastete Julius Rosenberg, ging eine Immunitäts (Kronzeugen)-Übereinkunft mit der Justiz ein. Er wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er 10 absass. Seine Belastungsaussage bewirkte die Todesstrafe gegen seine Schwester und seinen Schwager. Julius und Ethel Rosenberg bekamen 1951 ihren Prozess, wurden 1953 am elektrischen Stuhl hingerichtet. Die Rosenbergs sind bis heute die Letzten, die in der USA wegen Spionage hingerichtet wurden. Diese Fälle von Atomspionage im frühen Kalten Krieg heizten die Jagd auf (tatsächliche/vermeintliche) Kommunisten in der USA der 1950er, der Eisenhower-Zeit, an.

* Der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz Felfe war ein Maulwurf/Doppelagent im BND. Der KGB soll ihn mit dem Wissen über seine Verstrickungen in NS-Verbrechen “angeworben” haben. Diese beging er als Mitarbeiter des RSHA, bestanden zT in Drangsalierungen gegen Sorben – kamen wahrscheinlich aus Gegnerschaft zu seinem sorbischen Vater. Der BND verlor durch seine Informations-Weitergabe einen Grossteil seiner geheimen Quellen im Ostblock. 1961 als “Verräter” enttarnt und verhaftet, wurde Felfe 1963 zu 14 Jahren Haft verurteilt. 1969 kam er durch einen Agentenaustausch in Freiheit bzw in den Ostblock. Der Austausch erfolgte gegen Widerstand des damaligen BND-Chefs Gerhard Wessel (wie Vorgänger Gehlen aus der Abteilung “Fremde Heere Ost” im Oberkommando des Heeres in der Wehrmacht) und  Bundeskanzler Kiesinger. Felfe lebte und arbeitete einige Jahre in der SU, dann in der DDR. 1986 veröffentlichte er seine Memoiren unter dem Titel “Im Dienst des Gegners”. Er starb 2008 in Berlin.

* Der Physiker Klaus Fuchs unterstützte die KPD in der Weimarer Republik, ging in der Nazi-Zeit nach GB, arbeitete an dessen Atomwaffenprogramm, und an jenem der USA (Manhattan-Projekt) mit, gab Infos darüber an die SU weiter  (über das Netzwerk mit dem auch Richard Sorge arbeitete). 1950 durch das VENONA-Projekt aufgeflogen, wurde er zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. 1959 wurde er begnadigt und reiste in die DDR aus, wo er im Jahr vor der Wende starb.

* Noel Field: Der Quäker vertrat die USA in der Zwischenkriegszeit als Diplomat, war dann beim Völkerbund tätig, während des 2. WK für eine US-amerikanische Hilfsorganisation für Flüchtlinge. Irgendwann war er Kommunist geworden, und von da war es zur Tätigkeit als Informant für die Sowjetunion (SU) nicht mehr so weit. Das war er auch im beginnenden Kalten Krieg. 1949 wurde er in der Tschechoslowakei verhaftet und nach Ungarn gebracht; er war den Ostblock-Machthabern verdächtig, als anti-stalinistischer Kommunist mit West-Hintergrund. So wurde er der Spionage für die USA beschuldigt, wurde Opfer der stalinistische Tschistki (“Säuberungen”), wie auch seine Frau und seine Adoptivtochter. Rudolf Slansky und viele Andere damals getötete oder gefolterte Kommunisten im Ostblock wurden mit von Field unter Folter erpressten „Geständnissen“ belangt oder weil sie mit Field Kontakt gehabt hatten. Beinahe auch Erich Mielke. Field selbst überlebte das Martyrium, wurde freigelassen, blieb Kommunist, lebte 1955-70 in Ungarn. Eigentlich war er vor Beginn des Kalten Kriegs übergelaufen, und in Ungnade zu fallen war für Überläufer eigentlich ein seltenes Schicksal, ihn ereilte es in den frühen Jahren dieses Konfliktes.

* Li Zongren war einer der Überläufer im Konflikt zwischen den beiden Chinas. Er war Kriegsherr im Chinesischen Bürgerkrieg, auf Seite des Staates bzw des KMT, war in der Republik China vor und nach Niederlage und Exil hoher Funktionär, als Vizepräsident, amtierender Präsident,… War im Kreis v Chiang, wurde Konkurrent von diesem, wollte Verhandlungen mit der Volksrepublik bzw der KP. Er ging ins Exil und 1965 in die VR China.

* Stig Svante Eugén Bergling arbeitete für den schwedischen Geheimdienst Säkerhetspolisen (Säpo) und die Polizei. Und er gab, hauptsächlich in den 1970ern, Informationen an den Ostblock bzw die SU weiter. 1979 wurde er von Israel verhaftet und im selben Jahr in Schweden wegen Spionage zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Bergling-Affäre ging weiter, als er 1987 während eines Sexualbesuchs im Gefängnis fliehen konnte. Er lebte dann in der Sowjetunion oder auch im Libanon. 1994 kehrte er wegen angeschlagener Gesundheit nach Schweden zurück, musste wieder ins Gefängnis, ehe er 1997 begnadigt wurde. Er starb 2015.

* Über Dieter Gerhardt habe ich hier einiges geschrieben.

* Christopher Boyce

* Philip B. F. Agee (1935-2008) war ein Agent der CIA, wandte sich, noch im Kalten Krieg, öffentlich von ihr ab und kritisierte ihre Praktiken, hauptsächlich von Cuba aus, wo er sich niederliess.

* Aldrich Ames gab als CIA-Agent Informationen an den KGB weiter. 1994 wurde er verhaftet, er sitzt nach wie vor im Gefängnis.

* Otto John war Jurist, ein Bruder von ihm war beim Stauffenberg-Umsturzversuch  gegen Hitler involviert. 1950 wurde er erster Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). 1954 verschwand er nach einer Gedenkfeier für den 20. Juli 1944, tauchte Tage später in Ost-Berlin wieder auf. Er kritisierte im DDR-Rundfunk die BRD, konkret Adenauers Westbindung, welche die deutsche Wiedervereinigung behindere. Ausserdem die Beschäftigung von Ex-Nazis in Führungspositionen dieses Staates. Er wurde auch in die SU gebracht und verhört. Nach fast 1 1/2 Jahren im Ostblock kehrte er Ende 1955 zurück, nach West-Berlin, wo er verhaftet wurde. Johns Beweggründe für sein zeitweiliges Überlaufen sind nicht ganz klar. 1956 wurde er in der BRD wegen Landesverrats verurteilt, 1958 zur Hälfte seiner Strafe von Bundespräsident Heuss begnadigt. Er zog nach Österreich.

* Jeffrey Carney war im Kalten Krieg ein Überläufer, mit dem nach Ende desselben abgerechnet wurde. Der Luftwaffen-Unteroffizier arbeitete für die NSA in Berlin, aufgrund seiner Deutsch-Kenntnisse, an der Radaranlage Marienfelde. Diente sich 1982 dem MfS (“Stasi”) der DDR an. Als er zurück in die USA versetzt wurde, und er verdächtigt wurde, floh er über Mexiko und Kuba in die DDR. Er bekam dort eine neue Identität. Das MfS wollte zur Zeit der Wende Unterlagen über Spione wie ihn vernichten, schaffte aber nicht alles, weil die Verbrennungsöfen überlastet waren. Die CIA spürte ihn 1991 in Berlin auf, entführte ihn nach Tempelhof, von dort in die USA. Er machte ein Geständnis, bekam einen Geheimprozess (ungefähr zur selben Zeit, als die Spähstationen der Amerikaner in Berlin abgerissen wurden), wurde zu 38 Jahren Haft verurteilt, von denen er 12 absass.

* Der Berliner Heinz Lippmann hatte als “Teil-Jude” u.a. das “KZ” Auschwitz/Oświęcim zu überstehen. In der DDR war in der FDJ Stellvertreter Honeckers. 1953 fuhr er über West-Berlin nach Hamburg, mit der Kasse, wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Chef. Wegen der Unterschlagung gab es in der BRD ein Verfahren gegen ihn. Er war dann als Journalist tätig, auch für den Staatssender “Deutsche Welle”.

* George Blake (Behar), 1922 in der NL geboren, als Sohn eines ägyptisch-türkischen jüdischen Vaters (mit britischer Staatsbürgerschaft) und einer protestantischen Niederländerin, war während des Korea-Kriegs an der britischen Botschaft in Süd-Korea. Von der vorrückenden nord-koreanischen Armee gefangen genommen, entschied er sich in Gefangenschaft, künftig dem kommunistischen Ostblock Informationen zu liefern. Und das tat er dann, als MI6-Agent. 1961 flog er auf, wurde verurteilt. 1966 gelang ihm aber die Flucht aus dem Gefängnis! Er floh in die SU, wo er auf Kim Philby und andere “Kollegen” traf.

* Robert Thompson, USA-Luftwaffen-Angehöriger, der in den 1950ern in Berlin-Tempelhof stationiert war und damals der SU Infos weiter gab, flog in den 1960ern auf; seine Gefängnisstrafe kam 1978 zu einem Ende, als er ausgetauscht wurde, gegen einen amerikanischen Studenten der DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte, und einen israelischen Kampfpiloten, der dem Apartheid-Regime Südafrikas geholfen hat und dabei in/von Mozambique gefangen genommen wurde.

* Alfred Frenzel wurde im österreichisch-ungarischen Kronland Böhmen geboren, nach dem 1. WK war die Familie Deutschböhmen bzw Sudetendeutsche in der Tschechoslowakei. Mitglied der dortigen KP, blieb er in der NS-Besatzungszeit der Tschechoslowakei treu anstatt sich den Nazis anzudienen.1 Eine Aussiedlung nach dem 2. WK blieb ihm dennoch nicht erspart. Er ging wie viele andere von dort nach Bayern und wurde in der SPD aktiv. Als Abgeordneter im Landtag und Bundestag. Rechte Exil-Sudetendeutsche in anderen Parteien hielten ihm seine Vergangenheit vor. Angeblich wurde er vom CSSR-Geheimdienst mit Wissen um eine Veruntreuung in der Zwischenkriegszeit erpresst, vielleicht kam die Zusammenarbeit aber anders zu Stande. 1960 wurde Frenzel enttarnt und festgenommen. Seine Gefängnis-Strafe endete durch einen Gefangenen-Austausch mit der CSSR.

* Karel Koecher wurde von der CSSR in die USA eingeschleust (wegen seiner Englisch-Kenntnisse), arbeitete dort für die CIA (wegen seiner Tschechisch- und Slowakisch-Kenntnisse), aber tatsächlich für den KGB. Nach dem Auffliegen 1984 wurde er 1986 auf der Glienicker Brücke gegen Anatol Nathan Scharansky ausgetauscht, der aus der SU nach Israel auswandern wollte (er wurde dort Minister). Er ist einer von den wenigen hier, die noch am Leben sind.

* Der DDR-Propagandist Karl-Eduard von Schnitzler war im 2. WK als Wehrmachts-Soldat in britische Kriegsgefangenschaft geraten, wurde in der britischen Besatzungszone in Deutschland zur Propaganda eingesetzt, lief 1947 in die SU-Zone über.

* Bruno Pontecorvo (1913 – 1993), italienischer Atomphysiker, Assistent von Enrico Fermi, lief 1950 in die SU über, wo er seine Forschungen fort setzte.

* Stefan Heym: als Helmut Flieg ging er von Chemnitz in die USA, mit dessen Militär nach Deutschland zurück, sollte Propaganda im Sinn der USA machen, fühlte sich aber dem Kommunismus verbunden, verliess die Army, ging zurück in die USA, arbeitete als Schriftsteller, aufgrund des Terrors in der McCarthy-Ära ging er 1952/53 in die DDR, wandte sich von der SED ab, aber nur halb, 1994 für die PDS in den Bundestag gewählt, erlebte er bei seiner Alterspräsidenten-Rede Feindseligkeit aus den Reihen von CDU/CSU

* George Koval: Vater Jude aus Russischem Reich der in USA einwanderte, kommunistische Familie, Übersiedlung in SU (Birobidschan), George als Agent nach USA geschickt, Studium, ins Oak Ridge National Laboratory, Mitarbeit am USA-Atomprogramm, Weitergabe Infos an SU, legale Rückkkehr in SU, dann erst aufgeflogen, starb 06 in Russland.

* Der KGB-Agent Bogdan Staschinski tötete 1959 in der BRD im Auftrag seiner Behörde den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, der mit Wehrmacht und BND zusammenarbeitete. Stashinski stellte sich später in W-Berlin, wollte wegen einer Liebe überlaufen, bekam in der BRD eine milde Strafe (“nur Beihilfe”)2, dann eine neue Identität.

* Arnold Schölzel desertierte 1967 aus der Bundeswehr, lief in die DDR über, an der Humboldt-Universität hat er für die Stasi Oppositionsgruppen ausgehorcht, seine Stelle an der Uni verlor er nach der Vereinigung, er wurde Herausgeber der “Junge Welt”

* Ursel Lorenzen war eine Sekretärin in der NATO, die 1979 in die DDR über lief. Vor der Wiedervereinigung verliess sie und ihr Partner das Land, möglicherweise nach Libyen

* Fred Rose/Fishel Rosenberg: Anfang des 20. Jh im damals russischen Polen geboren, wurde er von seiner Familie im 1. WK nach Canada gebracht, wo er in der Kommunistischen Partei des Landes (CPC/PCC) aktiv war, ehe diese im 2. WK verboten wurde, für deren Nachfolgepartei Labor-Progressive Party wurde er 1943 in Quebec ins kanadische Parlament gewählt; als die SU vom Alliierten der Westmächte zu ihrem Feind wurde, nach dem Krieg, wurde Rose durch die Enthüllungen des übergelaufenen SU-Diplomaten/Agenten Gusenko der Spionage beschuldigt und verurteilt; nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis reiste er ins kommunistische Polen aus

* Robert Soblen/ Ruvelis Sobolevicius/ Roman Well, ein Jude aus Litauen, war in der Weimarer Republik als Kommunist aktiv. Zusammen mit einigen Mitstreitern floh er 1933 in die Sowjetunion, später wurden sie als Spione in die USA geschickt. Sobolevicius/Well/Soblen arbeitete dort als Psychiater. 1957 flog der Ring durch das FBI auf, Soblen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er konnte jedoch 1962 fliehen, wollte Asyl von Israel3. Nachdem er das nicht bekam, sollte er über GB in die USA zurück überstellt werden. In London verübte er Selbstmord

* Hansjoachim Tiedge lief 1985 vom BfV in die DDR über

Manfred von Brauchitsch: aus schlesischer Adelsfamilie, Auto-Rennfahrer bei Mercedes-Benz; nachdem er nach dem 2. WK pleite war, diente er sich der DDR an, lief 1954 auch tatsächlich dorthin über, nachdem er in der BRD angeklagt wurde. Das war nach seiner aktiven Zeit als Rennfahrer und er wirkte in der DDR als Sportfunktionär – was im Fall des Autorenn”sports” eine mühsame Angelegenheit gewesen sein dürfte. Ansonsten sind Sportler fast ausschliesslich in die andere Richtung “gegangen”. Er ist fast ein Fall für diesen Artikel

McKinley Nolan: Soldat des USA-Militärs, 1967 zu Nord-Vietnam über gelaufen

Margaret Schlauch: US-Wissenschafterin, ging 1951 vor McCarthy-Verfolgung nach Polen)

Clarence Adams: afro-amerikanischer US-Soldat, Kriegsgefangener Korea-Krieg, danach einer von 21 USA-Soldaten die nach China gingen, 66 Rückkehr (weil er Sehnsucht nach seiner Mutter hatte)

Ausserdem: Mihalis Maniadakis (griechische Luftwaffe, 1970 zur SU); Richard Tannimura (US-Militär, 1968 nach Schweden); Theo van Eijck (NL-Militär, 1964 nach Libyen); Gerald A. Eckert (RZA-Militär, 1983 nach Mozambique); Cheng Yi-Ming (Geheimdienst Rep. China, 1964 zur VR); Hede Massing, Alexander Koral, Gerhart Eisler, Ian Milner, Michael Peri, Harold Koch,

Beim konstruktives Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Willy Brandt 1972 (de facto wegen seiner Ostaussöhnung) versprachen die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag aufgrund der Wahl 1969 und durch diverse Übertritte von SPD und FDP zu CDU/CSU oder zur Fraktionslosigkeit ein Gelingen. Nach dem knappen Scheitern kamen Gerüchte über Stimmenkauf auf. Julius Steiner (CDU) und Leo Wagner (CSU) sollen von der DDR (MfS) und/oder der SPD bestochen worden sein. Dies ist nicht gesichert. Umstritten ist die “Schuld” auch bei Gunvor Galtung-Haavik, norwegische Aussenministeriums-Angestellte, sie wurde 1977 der Spionage für die SU beschuldigt, starb vor einem Prozess. Arne Treholt, norwegischer sozialdemokratischer Aussenminister, saß einige Jahre wegen Spionage für den Ostblock im Gefängnis. Der USA-Regierungsbeamter Alger Hiss wurde Ende der 40er, Anfang der 50er beschuldigt und verurteilt, kommunistischer/sowjetischer Spion zu sein

Dann gibt es die Kategorie jener, wo nicht ihr Handeln bzw der Wahrheitsgehalt von Vorwürfen unklar ist, sondern ob ihr Handeln als Überlaufen oder Maulwurf-Tätigkeit für den Ostblock einzustufen ist. Lee H. Oswald zB war nach dem Militär am Höhepunkt des K.K. 59-61 in der SU, kam dann aber zurück, mit seiner russischen Frau. Abgesehen von seiner fraglichen Schuld am Mord an JFK, spricht einiges dagegen, ihn als Ostblock-Überläufer zu kategorisieren; u.a. dass er keine Funktion im Staatsapparat der USA inne hatte, privat reiste. Renfrew Christie hat Infos das Militär des Apartheid-Systems betreffend an dessen Gegner weiter gegeben, und dieser war mit der SU verbündet (so wie das Apartheid-Regime Südafrikas immer irgendwie Teil des Westens war), aber gerade bei ihm zeigt sich die die Relativität der Einteilung “Ostblock-Spion”. Henri Maillot hat in Algerien den Unabhängigkeitskampf unterstützt, der auch von der SU unterstützt wurde.

Erwin Borchers war Sohn eines preussischen Offiziers und einer elsässischen Weingutstochter, ging vor dem 2. WK aus Deutschland nach Frankreich, dort in die Fremdenlegion, kam nach Indochina. Bald brach dort der Unabhängigkeitskrieg aus, in diesem “1. Vietnam-Krieg” lief Borchers 1945 zum Viet Minh über. Er bekam den Namen Chien Si, heiratete eine Vietnamesin, wurde Kommunist, war auch beim Sieg von Dien Bien Phu dabei.4 Nazim Hikmet (Ran) ging zwar in den Ostblock, hatte aber in der Türkei keine offizielle Funktion (gehabt). Martha Dodd, Tochter eines früheren amerikanischen Botschafters, spionierte im frühen KK und davor für die SU, war dabei aber ebenfalls “privat” unterwegs.5 Das lässt sich auch von Ana Maria Silva Pais (Tochter des Chefs des portugiesischen Geheimdienstes PIDE, 1965 nach Cuba), Wolfgang Kieling oder JoAnne Deborah Byron (Assata Shakur) sagen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Oder sich als Auswärtiger an dieser Besatzung zu beteiligen, wie H. M. Schleyer
  2. Als Staschinski-Fall bekannt gewordene Entscheidung des Bundesgerichtshofs
  3. > Meir Lansky, Samuel Sheinbein, Shmuel Flatto-Sharon, Salomon Morel,…
  4. Ein Jacques Doyon hat über die Franzosen und Fremdenlegionäre, die in diesem Krieg überliefen, das Buch “Les Soldats blancs de Ho Chi Minh” geschrieben
  5. 1957 gingen sie und ihr Partner in der Tschechoslowakei, wo Dodd 1990 starb. Sie entging dem Schicksal von Susanne Albrecht

Flüchtlinge, Einwanderer & Deutschchauvinismus

AfD-Vizechef Alexander Gauland, vor der Fussball-EM, über den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng (Eltern aus Ghana/Deutschland): “Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Aufregung, Parteichefin Petry entschuldigte sich, Merkel & Seehofer u. v. A. kritisieren die Aussage scharf. Was genau eigentlich? Gauland sagt, streng genommen habe er nicht Boateng beleidigt, „sondern diejenigen, die vielleicht nicht in seiner Nachbarschaft leben wollen, wenn er nicht ein berühmter Fußballstar wäre“. Er hat ja tatsächlich nicht gesagt, ER wolle Boateng nicht als seinen Nachbarn. Er hat etwas über die Deutschen gesagt. Hat er damit etwas Falsches gesagt und damit etwas Negatives über sich/die AfD, oder was Richtiges und damit Negatives über die Deutschen?

Man ist schliesslich tolerant in Deutschland, man ist nicht in einem Land, wo irgendwer aufgrund Rasse oder Herkunft diskriminiert wird. Nein, es bekommen nur jene einen Tadel, die nicht aufgeklärt genug sind, und das aufrund der poltisch korrekten Zurückhaltung auch viel zu wenig. In Deutschland wird höchstens Machismus unter muslimischen Migranten beanstandet und setzt man sich ein für Minderjährige in aller Welt, die zwangsverheiratet werden sollen (so wie Hera Lind mit ihren Geschichten). AfD-Vorsitzende Frauke Petry hat das verstanden, so hat sie an Mesut Özil kritisiert, dass er “als Identifikationsfigur für so viele Kinder und Jugendliche” die Nationalhymne bei Länderspielen nicht mitsingt. Nein, nicht (seine) Herkunft oder Religion ist das Problem, und dass so einer im deutschen Nationalteam spielt, nicht für Petry und gaanz sicher auch nicht für das “Fussvolk” der AfD.

Die Aussprüche von Gauland über Boateng erinnern an jene von Mölzer über David Alaba in Österreich. Auch hier kann man Einiges schön studieren. Vor der EP-Wahl 2014, für die er Spitzenkandidat der FPÖ war, wurde bekannt, dass der damalige EP-Abgeordnete Andreas Mölzer in Zusammenhang mit der EU von einem „Negerkonglomerat“ gesprochen und den Staatenbund mit dem „Dritten Reich“ verglichen hat. Ausserdem, dass er, 2012, in seiner rechten Zeitschrift “Zur Zeit” unter dem Pseudonym “F. X. Seltsam” einen Artikel über den österreichischen Fussballer David Alaba (nigerianisch-phillipinische Wurzeln) verfasst („pechrabenschwarz“, könne Österreich nicht repräsentieren,…). Schrieb dort uA auch über Sizilianer (“wirklich z.T. nur 1,60 gross”).

Parteichef Heinz-Christian Strache verteidigte Mölzer zunächst; er musste dann aber umschwenken, um den neuen Chauvinismus, den er vertritt, durch zu ziehen – auch um den Preis eines offenen Konflikts mit dem Flügel der FPÖ, der noch weiter rechts steht als Strache. Alaba wurde von ihm als Integrationsbeispiel dargestellt (suggerierter Schluss: Man hat nichts gegen gut Integrierte1), Mölzer musste seine Kandidatur zurück ziehen. Dieser dann in “Zur Zeit”: “bin unschuldiges Opfer linker Kampagne, von Tugend-Terror, gibt Parallele zu Waldheim-Campaign”. Die FPÖ/BZÖ-Abspaltung REKOS unter Ewald Stadler (Rechtskonservatismus der einen christlichen Anspruch erhebt, bzw einen rechtskatholischen Einschlag hat) bot Siebenten-Tags-Adventist Alaba aufgrund seines “offenen christlichen Bekenntnisses” die Ehrenmitgliedschaft an.

Die stellvertretende AfD-Chefin Von Storch hat nach der Niederlage der deutschen Mannschaft im EM-Semifinale gegen Frankreich auf Twitter geschrieben, “Vielleicht sollte nächstes mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen?”. Was unschwer als Anspielung auf die deutschen Spieler mit Migrationshintergrund zu erkennen war. Auch in anderen Ländern Westeuropas gibt es diese “Politisierung” rund um die Fussball-Auswahl und die Migranten(kinder) darin, mancherorts offener als andernorts. Bei der Front National in Frankreich gibt’s auch diesbezüglich den Generationen-Unterschied zwischen Vater und Tochter Le Pen. Jean-Marie, für den auch der gebürtige katalanische Spanier Valls kein echter Franzose ist, hat immer wieder die aus der Karibik, Schwarz- oder Nordafrika stammenden Spieler als “un-französisch” angegriffen. Marine Le Pen dagegen heuchelt, die Diskussion um die Herkunft von Nationalspielern in ihrem Land interessiere sie nicht, Rassismus gehöre Anderen, die Spieler müssten nur Patriotismus zeigen (Hymne singen,…).

Dieser Artikel und einer der kommenden haben viele Berührungspunkte, hier geht es in erster Linie um Heuchelei bezüglich Toleranz, in dem anderen grob gesagt um die Grenzen von Meinungsfreiheit, jeweils mit Schwerpunkt auf Deutschland. Die Behauptung, dass hier niemand was zu befürchten hätte, wenn er nicht islamistisch ist, sich zu deutschen/europäischen/westlichen Werten bekennt, stimmt schon deshalb nicht, weil diese Werte unterschiedlich definiert hätten. Diverse Formen eines neuen deutschen Nationalismus’ gedeihen im Schatten von Islamismus und Asylansturm. Der Integrations- und der Islam-Diskurs bieten reichlich Gelegenheit für Identitätsstiftung und Profilierung. Es ist legitim, den Flüchtlings-Ansturm kritisch zu sehen, nur haben die Diskurse darüber oft wenig mit den tatsächlich damit verbundenen Problemen zu tun.

Widerstand gegen den Flüchtlingsansturm

Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge auf der einen Seite, Gewalt von Flüchtlingen auf der anderen; hauptsächlich Sylvester Köln 15/16 (wobei es sich um Einwanderer aus Nordafrika handelte, nicht um Flüchtlinge aus Syrien), zwei mehr versuchte als gelungene Gewalttaten in Bayern im Sommer und der Macheten-Angriff in Reutlingen.2 Bezüglich des in Sachsen verhafteten Syrers (der als Flüchtling gekommen war) kann man das halb leere (dass er anscheinend einen Sprengstoff-Anschlag geplant hat) oder das halb volle Glas (dass er von Landsleuten bei der Polizei gemeldet wurde) sehen. Die AfD profitiert natürlich von dieser Problematik, oder Götz Kubitschek, die CSU (Seehofer, Scheuer, Söder) versucht, sich zu profilieren, manch einer auf der “Achse des Guten” findet reiches Fressen vor.

Flüchtlingszustrom, Islamismus, Kriminalität vermischt sich bzw wird vermischt. (Landtags-) Wahlkämpfe werden mit dem Flüchtlingsthema geführt, und gewonnen. Die AfD schlägt vor, abgelehnte Asylbewerber und illegal Eingereiste auf Inseln ausserhalb Europas abzuschieben, fordert den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an den Grenzen.3 Die Gewinne der AfD gehen zu einem grossen Teil auf Kosten der CDU, aber auch auf Piraten und NPD; interessant wäre eine seriöse Untersuchung, wieviele von der Linken zu ihr “gegangen” sind.

Merkel war ja bestrebt, Deutschland bezüglich des Flüchtlings-Ansturms als ein vorbildliches westliches Land zu positionieren, war anfangs (letzten Sommer) Teil der Willkommenskultur für Flüchtlinge. Unmut über die Flüchtlingspolitik war/ist jedenfalls ein entscheidender Faktor bei den Erfolgen der AfD. Nach diversen Landtagswahl-Ergebnissen wurde Kritik an Merkel und ihrem Flüchtlingskurs von Landes-CDUs und CSU laut(er). Und vom rechten CDU-Flügel; dieser ist aber in höchstem Maß unsicher, inwiefern Nationalismus und Populismus in Deutschland zulässig sind, dazu noch mehr. Merkel steht offenbar vor einem Schwenk in Asyl- und Migrationsfragen. Die (v.a. gegen sie gerichteten) lautstarken Pöbeleien bei den Feiern zur deutschen Einheit in Dresden werden sie darin bestärken.

Die Führung der AfD hat diese (hauptsächlich auf Pegida zurück gehenden) Pfeifkonzerte, Sprechchöre und Krawalle gerechtfertigt. Die Alternative für Deutschland sieht sich zwar als Anti-Establishment-Partei, ist aber grundsätzlich um “Respektabilität” bemüht. Das Verhältnis zu Pegida ist umstritten; Gauland (AfD Brandenburg) etwa betrachtet Pegida als „natürliche Verbündete“ seiner Partei (FPÖ-Strache sieht das ähnlich), die AfD-Führung sieht “Schnittmengen”, viele Menschen sind in beiden Organisationen aktiv. Mit der FPÖ wurde bereits eine Kooperation vereinbart. Der Co-Bundeschef der AfD, Jörg Meuthen, hielt eine strikte Abgrenzung seiner Partei von der NPD in Mecklenburg-Vorpommerns Landtag nicht für erforderlich. Eine Zusammenarbeit kommt nun aber nicht zu Stande, da die AfD in den Landtag zwar eingezogen ist, die NPD aber gleichzeitig raus gewählt wurde. Tja, und der CDU-Europaabgeordnete Hermann Winkler hat sich für Koalitionen mit der AfD auf Landes- und Bundesebene ausgesprochen.

Kürzlich eine TV-“Doku” von Rita Knobel-Ulrich, “Ein Staat – zwei Welten? Einwanderer in Deutschland”. Es wird darin ein “hiesiges Wertesystem” voraus gesetzt und eine grundsätzliche Distanz der Flüchtlinge dazu. Daran ist ja noch etwas dran. Aber, wie oft in solchen Behandlungen des Integrations-Themas, es läuft dann darauf hinaus, dass die Distanz immer nur von den Zuwanderern geschaffen werde, die Ablehnung von ihnen käme, das Bemühen dagegen von der deutschen Gesellschaft. Dass die Kluft durch die Ablehnung der hiesigen (natürlich hehren) Wertevorstellungen durch die Immigranten entstehe. Wie unterschiedlich diese Werte definiert sein können, darum geht es noch in diesem Artikel. “Lehrer berichten”, Asylbewerber erzählen von Mobbing durch andere in Heimen (so etwas nach Deutschland importieren, tztz), auch Rabbiner Alter wird wieder herangezogen. Denn Deutschland ist ja tolerant, intolerant sind die Anderen. In Deutschland, so suggeriert es der Film, muss man sich höchstens Gedanken machen, ob man nicht zu tolerant ist, ob man nicht zu Vieles duldet. Nein, in Deutschland gibt es keine Xenophobie, nur ein naives Übermaß an Toleranz. Hautfarbe oder Andersgläubigkeit interessiert hier keinen.

Bezüglich den “Parallelwelten”, die der Film thematisiert: Natalie Rickli, Abgeordnete der Schweizer Volkspartei (SVP), hat über die in der Schweiz lebenden Deutschen gesagt: “Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse”. Auch Integrationskurse für diese werden diskutiert. Viele Deutsche auf Mallorca haben keinerlei Spanisch- oder Katalanisch-Kenntnisse, obwohl sie viele Jahre dort ansäßig sind.4 Nein, echte Integrationsdefizite in Deutschland sollen nicht damit “aufgewogen” oder relativiert werden, es geht um den Chauvinismus wie er in diesem Film mitschwingt, wo schon im Titel die “zwei Welten” zur Sprache kommen, die eine so hell, die andere so dunkel.

Knobel-Ulrich hat auch einen Film über Zwangsprostitution in Deutschland gestaltet, der sich durch Empathielosigkeit gegenüber den betroffenen Frauen auszeichnet und rigoroses Polizei-Vorgehen und strenge Gesetze als Gegenmaßnahmen anpreist; dort versuchte sie ihre Botschaft genau so verbissen rüber zu bringen. Die Nachfrage nach solchen Prostituierten bzw die deutschen Freier thematisierte Knobel nicht; ob sie deren Wertvorstellungen gestört haben?5 Auch die Geschlechter-Gleichberechtigung ist für sie dort oder sonstwo ausserhalb des Migrations-Komplexes (etwa im Hinblick auf deutsche Sextouristen im Ausland) kein Thema. In anderen Filmen und in Diskussionsrunden hat sich die FDP-nahe Knobel durch Überheblichkeit gegenüber Arbeitslosen und Ressentiments gegenüber dem Sozialstaat ausgezeichnet.

Die Artikulierung der Gegnerschaft

Knobel steht ja bei weitem nicht alleine da, das sind weit verbreitete Vorgehensweisen im gegenwärtigen Deutschland.6 “Wir Deutschen sind nur gegenüber Intoleranz kämpferisch bzw sollten es mehr sein.” Die „zurückgebliebenen Orientalen“ werden den „aufgeklärten Deutschen“ gegenüber-gestellt. “Wir sind nur gegen Islamismus” – und Boateng und Alaba? “Nur gegen Islamismus”, und es kommen Diffamierungen des neuen, Post-Apartheid Südafrikas. Früher war “Kommunismus” so ein Platzhalter. Der zur Annullierung historischer Verantwortung der Deutschen sowie Rassismus missbraucht wurde. Und heute eben oft ein als “islamkritisch” getarnter plumper Rassismus und Imperialismus. Die Tendenz geht dahin, Ressentiments zu “rationalisieren” > also, “sie sind Frauenunterdrücker und deshalb schlecht”. Dieser Deutschchauvinismus ist bei Rechts und Links verbreitet.7

Pro-Israel & Anti-Islam ist für Deutsche/Österreicher ein politisch korrekter Weg des Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit. “Überlegenheit” wird definiert, indem man dem Anderen alles Rückständige, Verwerfliche unterschiebt, nicht “Ja zu Unterdrückung” sondern “Die sind Unterdrücker”. Islamophobie besteht ja gerade darin, dass man einen Islamismus ausmacht, ihn jemandem umhängt, wo es eigentlich um etwas anderes geht. Das Grundgesetz wird gegen “den Islam” angeführt (vorgeschoben), die “westliche Wertegemeinschaft”. Klassischer Rassismus/Rechtsextremismus? Wir sind doch der goldene Westen. In Deutschland gibts keinen Rassismus.

So wie die Tirade gegen den „Islam“ von Nicolaus Fest in “Bild” in Zusammenhang mit dem Gaza-Massaker 14, wo Antisemitismus, Homophobie, Ehrenmorde vorgeschoben werden. Fest hat auch schon Plädoyers für “homogene Gesellschaften” (gegen Einwanderung, “Multikulti”) geschrieben, mit rassistischen Untertönen, sich auch Anliegen der deutschen Vertriebenen angenommen bzw versucht, diese neu zu firmieren, von PI bejubelt. Bemerkenswert ist, dass Salzborn, der zu den Vertriebenen ein anderes Lied singt, mit Fest oder Steinbach bei “gewissen anderen” Themen stark d’accord gehen wird…

Deutsche Bewältigung der Nazi-Vergangenheit fand im Zeichen des Kalten Kriegs statt, im Zeichen der Eingliederung West-Deutschlands in den Westen und der Unterstützung des zionistischen Projekts. An Reinhard Gehlens Lebenslauf ist der Weg Deutschlands vom NS an die Seite der USA und zur Zusammenarbeit mit Israel nach zu verfolgen. Gilbert Achcar spricht von einem zwiespältigen Philosemitismus, mit dem sich das westliche Nachkriegsdeutschland reinwaschen wollte und ins westliche System integriert wurde. Deutsche (und Österreicher) konnten ihre Ressentiments gegen Osteuropäer, eurozentrische Dünkel und andere Versatzstücke der NS-“Rassenlehre” umstandslos nach dem 2. WK weiter führen. Die links aufgebrochenen 60er haben immerhin genau solche Kontinuitäten in Frage gestellt. Die Verschiebung des Nationalsozialismus in den Orient ist eigentlich eine Sache der jungen Vergangenheit.

Auch vormalige Nazis haben ihr politisches Engagement im Nachhinein gerne als “im Dienste eines Westens” deklariert. Etwa Arthur Rudolph, der an der Arbeit an der V2 mit von Braun entscheidend beteiligt war, nach der Kriegs-Niederlage in der USA die Arbeit an Raketen fortsetzen konnte.8 Zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft erklärte Rudolph gegenüber US-Behörden: “…Die große Zahl an Arbeitslosen bewirkte eine Ausweitung von nationalsozialistischen und kommunistischen Parteien. Aus Angst vor der Machtergreifung der Kommunisten trat ich der NSDAP bei. Ich glaubte an die Erhaltung der westlichen Kultur…”. 9 Auch Karl Dönitz hat zu seiner Rechtfertigung etwas über die “westliche Zivilisation” gesagt.

Deutschland hat ein neues Nationskonzept benötigt mit Wiedervereinigung, Ende Kalter Krieg, Übergang zur Berliner Republik (der mit dem Beginn der Islamkrise ziemlich zusammen fiel). Und der Bezug auf das “christlich-jüdische Abendland” reicht nicht aus. Neuer Patriotismus? Man darf wieder rechts sein in Deutschland, man muss nur die Welt richtig in gut und böse auf zu teilen, so wie es Broder vorzeigt. Deutschland auf dem Weg, wieder eine Grossmacht zu werden? Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind alle noch im Rahmen von internationalen Projekten, da ist nichts selbst-initiiertes dabei. Das geschieht noch unter Kontrolle der Anglo-Mächte. Zur Entsorgung des NS werden gerne Israel (“Solidarität”) und Islam (Verschiebung) verwendet. Auch das Entstehen diverser neuer Rechtsparteien in Deutschland in den letzten paar Jahren (von Die Freiheit über PaxEuropa bis zu den Pro-Parteien) zeugt von einem Aufbruch.

Was ein neuer deutscher Nationalismus sein bzw beinhalten darf – und was nicht… Es gab auch schon Diskussionen um eine neue Rechtspartei für die Anhänger von Thilo Sarrazin und Erika Steinbach. Steinbach vom rechten CDU-Flügel ist wegen Vorstössen bzw Verstössen immer wieder in der Defensive. Dass sich in der CDU der “linke Nationalismus” (man ist aufgeklärt und Intoleranz ist Merkmal der Anderen) durchgesetzt hat, wird von Leuten wie ihr auch als „Schwenk nach links“ kritisiert. Die frühere Präsidentin des Vertriebenenbundes hatte auch schon Verständnis für die Pegida-Demonstrationen geäussert; CSU-Scheuer hat das auch p.c. versucht, über die “Sorgen dieser Menschen”. Wie schwer sich gerade Kanzlerin Merkel mit Nationalismus tut, hat deutlich ihr Umgang mit der deutschen Fahne gezeigt, den sie bei der CDU-Wahlfeier 2013 gezeigt hat; Tote Hosen-Song ja, Fahne nein.

Was die Definition der Nation bzw von Identität über Rasse und Abstammung betrifft, so gibt es hier eine Verschiebung zu (vermeintlichen) kulturellen Merkmalen wie auch Versuche der Rehabilitation des Konzepts. Sarrazin ist hier eigentlich vor “Tabus” zurückgeschreckt; er hat zwar Vererbung thematisiert aber nicht direkt im Zusammenhang mit Nation und Rasse. Man kann es aber auch so sehen, dass er einen Umweg ging und das Rassekonzept (das weitgehend diskreditiert ist) an sich rehabilitieren wollte. Auch Sarrazin hat aber hauptsächlich kulturalistisch argumentiert, nicht von der “Minderwertigkeit anderer Rassen” geschrieben sondern von der Minderwertigkeit anderer Kulturen. Ja, AfD-Petry hat kürzlich (zu “Die Welt”) den Begriff “völkisch” verteidigt.

Im Kulturalismus sind Deutsche/Westler an sich aufgeklärt und von daher Anderen überlegen; den “Nicht-Weissen” wird meist (theoretisch) “zugestanden”, dass sie dieses Stadium erreichen können wenn sie sich von „ihrer Kultur“ emanzipieren. An westlichen Werten soll die Welt genesen. Wir stehen für Fortschritt, sie für Rückschritt. Und wer genau “wir” und “sie” sind, da wird’s interessant. Also ob zB ein Boateng zu den Deutschen und somit zu den Westlern zu zählen ist. Oder ein Obama zu den Amerikanern. Oder ein Aborigine zu den Australiern. Tja, und für Manche wirds schon bezüglich Südeuropa oder Osteuropa problematisch (diese dazu zu zählen)…

Nach dem Amoklauf eines WASPs in der USA vor einigen Monaten rief Obama nach strengeren Waffengesetzen. Diverse neo-rechte Kreise, zB “republicbuzz”, “jihadwatch”, reagierten darauf, Obama als „Mulatte“ dar zu stellen, der damit „christliche Ziele“ angegriffen habe. Sie konstruierten also einen Widerspruch zwischen “Christentum” und seiner “Rasse”. Abgesehen davon wurde angebliches Lob von IS herangezogen um die Tat mit dem Islam in Verbindung zu bringen. Mit dem Verweis auf Islam und Islamismus lässt es sich leichter rechtfertigen, sich als überlegene Herren und Andere als zu zivilisierende Objekte auszuweisen. Dass man als Christ nicht unbedingt zur “christlich-jüdischen Zivilisation” gerechnet wird, wenn man zur falschen Rasse, Nation oder Kultur gehört, das müssen auch andere erfahren, nicht zuletzt Christen aus der islamischen Welt oder in Schwarzafrika.

Der “Kampf der Kulturen” ist definitiv rassisch konnotiert, trotz aller Nebelgranaten. Das machte schon Huntington in seinen Ausführungen klar (darüber hier etwas), dafür sorgt schon die Kontinuität aus dem Kolonial-Rassismus und dem faschistischer “Rassenkampf”. Das Rechtfertigen imperialistischer Ziele mit “Menschenrechten”, das “Wir wissen was für euch gut ist”, das sich selbst in einer Mission sehen als Herrschaftsinstrument, ist alt und wurde oft angewendet. Etwa in der Unterwerfung des Kongo durch Belgier oder im Krieg der Franzosen und Spanier gegen die berberischen Marokkaner unter Abdelkrim.

Die Behauptung von einem Zusammenprall der Kulturen funktioniert so wie der Rassismus und statt gegen die Mischung von Rassen wird nun gern gegen die Mischung von Kulturen gehetzt. Mal ist ja nicht Integrationsverweigerung und Verbleib in der eigenen/alten Kultur das Bedrohliche, sondern Vermischung und Integration (das Gegenteil). Karup von der Dänischen Volkspartei (DF) rief etwa dazu auf, Zuwanderer nicht zu integrieren, sie sollten in Lagern bleiben, würden sonst Dänen nur Arbeitsplätze weg nehmen und anderswie gefährden. Auch alle Formen der Apartheid wollen ja gerade Parallelgesellschaften erzwingen und Integration vermeiden, sehen diese als Gefahr…

Die Rechte und ihre Botschaften

Auch die Rechte ist heute grossteils so ausgerichtet, dass sie Rassismus in verschlüsselter Form auslebt, sich selbst auf der Seite einer fortschrittlichen Kultur verortet und Ressentiments gegenüber “Feindgruppen” aus deren “Rückständigkeit” heraus argumentiert. Dieser Fortschritts- bzw Toleranzchauvinismus hat sich zumindest bei den westeuropäischen Rechtsparteien durchgesetzt, in den letzten 10 Jahren. Die Ablehnung von Flüchtlingen wird dort nun so dargestellt, dass man ja auf der Seite der Menschenrechte stehe, dass Flüchtlingen Islamismus und Terrorismus unterstellt wird, dass man um den Erhalt der hiesigen (fortschrittlichen) Kultur besorgt sei. Bei der äussersten Rechten im Westen und den osteuropäischen Rechten hat sich dieser Chauvinismus noch nicht durchgesetzt; die NPD nennt aber inzwischen auch Asylmissbrauch das Übel. Eigentlich besteht das Problem für sie ja grundsätzlich darin, dass Leute aus gewissen Ländern/Gegenden nach Deutschland kommen, egal aus welchen Gründen.

Statt mit Rasse und Ethnizität zu operieren, kann man jetzt Kultur bzw Islamismus vorschieben, so kann man sich schmücken mit den Federn des Aufklärers, kann das Nazi-/Faschismus-Stigma des “alten” Ethnochauvinismus entsorgen, kann man ganz anders ausgrenzend wirken, kann auch der kleine Mann auf Kreuzzug gehen. Was die FPÖ betrifft, bei ihr wurde Mitte der 00er-Jahre des 21. Jahrhunderts aus einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit eine spezielle Muslimfeindlichkeit10, ähnlich wie bei anderen west-europäischen Rechtspopulisten. Diese hat den Vorteil hat, dass man sie scheinbar rationalisieren kann (“Wir sind besorgt wegen Fundamentalismus, um unsere Kultur,…”). Die FPÖ wandelte sich im Zeitalter der Islamophobie so, als ob sie jemals für Zuwanderung bei guter Integration gewesen sei, und versucht(e), Ex-Jugoslawen (besonders Serben) gegen Moslems sowie Kurden gegen Türken auszuspielen. Klassische rechte Positionen wie “Überfremdung” wurden mit dem antiislamischen Mainstream in Einklang gebracht (etwa „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“), Islam und Moslems als das Andere verortet, dessen Merkmal Rückständigeit sei.

Ein Zwischenschritt am Weg zur “Umarmung” der Serben und “Anerkennung” der Osteuropäer war bei der FPÖ die Akzeptanz der österreichischen Minderheiten wie den Kärntner Slowenen. Zum Plakatslogan im Wiener Wahlkampf 2010 „Mehr Mut für unser Wiener Blut – Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ führte Parteichef Strache aus, “Wiener Blut” habe immer Anteile aus Osteuropa gehabt.11 In Programmen und im Verständnis der FPÖ ist das “Abendland” homogen, steht der “Islam” ausserhalb, sind die Linken eine zersetzende Kraft im Abendland, Kollaborateure des Islam. Man steht zum “Westen” und seinen Werten, man ist Teil davon, es geht nicht mehr um eine deutsche Vormachtstellung oder eine Ummodelung der Systeme, die Bekämpfung diverser Zustände im Westen wird nun anders deklariert.

Man ist Kämpfer gegen totalitäre Ideologien, leistet Widerstand gegen Appeasement, hat den Mut zum Ansprechen, spricht von einer „kulturellen Identität“ für die es zu kämpfen gelte, man geht mit der Zeit. Der rechte Rand der Mitte sowie Rechtsaussen konnten mit Islamophobie eine Frischzellenkur machen, aus ihrer Malaise heraus kommen, neu definieren bzw um-firmieren wofür sie eigentlich stehen. Für die “Weltwoche” (und Andere) ist Antiislam Neuerfindung und Brücke zu den Linken. Stoiber, der wegen seiner Rede von der “durchrassten Gesellschaft” unter Kritik kam, hat versucht, das mit eifrigem Anti-Antisemitismus und Homosexuellen-Inschutznahme “auszugleichen”. Auch der österreichische Neokonservative Christian Ortner (Forderung nach Aufhebung NS-Verbotsgesetz, frauenfeindliche Untertöne, Gegeifer gegen Linke auf wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet,…) nutzt die eine oder andere Möglichkeit, sein rechtes Programm zu schmücken.

Auch Juden wurden positiv affirmiert, werden “in Schutz” genommen. Antisemitismus entstehe durch linke Toleranz für Zuwanderung. Strache hat etwa, wie hier erwähnt, in einem Wahlkampf versucht, die Ausländerfeindlichkeit seiner Partei mit seinem neuen Philosemitismus aufzuwiegen bzw dadurch zu verdrängen, mit Hilfe seiner Ursula Stenzel. Strache hat auch versucht, die SPÖ-Politikerin Staatssekretärin Muna Duzdar mit dem Islamismus/Terrorismus-Vorwurf zu diffamieren, politisch korrekt pro-israelisch. Er behauptete, die palästinensisch-stämmige Duzdar habe als Funktionärin der Palästinensisch-Österreichischen Gesellschaft Leila Khaled eingeladen. Duzdar hat ihn dafür geklagt. Wo waren da eigentlich Jene, die immer vorgeben, sie setzten sich für die Rechte von Frauen im und aus dem islamischen Raum ein?

Antijudaismus ist bei den westlichen Rechten verschwunden, Islamophobie wurde ein zentraler Programm-Punkt. Es gibt auch schon einige junge Rechtsparteien, die gar kein Antisemitismus-Erbe haben, die im neuen Jahrtausend entstanden, wie jene von “Pim” Fortuyn (LN, LPF) oder Geert Wilders (PVV), oder auch die AfD. Und die alten, wie FPÖ, Front National oder Vlaams Belang, haben sich entsprechend gedreht. Abgesehen von der Heuchelei und den doppelten Standards dabei: gerade Wilders hat viele altrechte Anhänger und Verbündete (zB FPÖ, Pegida) und er hält sich nicht ganz an die Grenzen des erlaubten Rechtsextremismus. Besonders hingebungsvoll und offensiv vertreten Rechte den Philozionismus, nicht zuletzt jene im deutschsprachigen Raum. “Antisemitismus” entsorgt man auch dadurch, indem man ihn zuweist, an die ausser-europäischen Rückständigen.

Bei der Bewunderung für Israel geht es um Legitimation für Rechtes an sich, Entsorgung der eigenen Vergangenheit (auch des Antisemitismus), um die zionistische “Zivilisierungsmission” gegenüber Nicht-Europäern, seine militärische Durchschlagskraft, einen nationalistischen Charakter, von dem man in Europa nur noch träumen kann, eine harte Hand gegenüber den Unterworfenen (Palästinensern). Israel-Begeisterung auf der Rechten (im Westen) gab es auch lange vor der Islamkrise, aus den selben Motiven wie heute. Die “Jerusalemer Erklärung” der Rechtsextremisten-Führer Strache (begleitet u.a. von Mölzer), Wilders, De Winter, Stadtkewitz, Ekeroth auf ihrer Solidaritäts-Reise 201012 wurde im “anti”deutschen Blatt “Bahamas” bejubelt (vom Selben, der auch die EDL gelobt hat); eine Rechte ohne Antisemitismus (bzw mit Pro-Israel) ist ja eh nicht schlimm – eine deutsche Lösung.

Nicht nur bei den Rechtsextremen wird versucht, NS-Bewältigung über Philosemitismus/-zionismus zu vollziehen und eine politische Agenda damit zu legitimieren. Monika Göth, Tochter von Amon (Leiter des KZ Plaszow), bekämpft ihre Familienlast mit einer offensiven Israelliebe; bei Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), sein Vater war bei der SS, ist es ähnlich, er kleidet seine Aktivität in ein wissenschaftliches Gewand. Missfelder war der typische deutsche Rechtskonservative, der sich mit aggressiver Israel-Apologetik zu profilieren trachtete (und Akzeptanz für seine Agenda zu gewinnen), mit inquisitorischen Antisemitismus-Vorwürfen ggü der Linken bzw den Wenigen dort, die auch bezüglich “Nahost” universalistische Maßstäbe anlegen. Als Kristina Köhler (Schröder) 09 einen Artikel für die “Jerusalem Post” über „Antisemitismus in Deutschland“ schrieb, verlor sie kaum ein Wort über Neonazis, brachte statt dessen den deutschen Zuwanderungs- /Integrationsdiskurs bzw ihre Haltung dazu hinein. Dass in Deutschland einer einen Rechtskonservatismus ohne schrilles Pro-Israel und Anti-Islam versucht, ist selten, Eckhard Jesse tut das etwa (er hauptsächlich durch Abgrenzung von Linksextremen).

Israel als Verbündeter/Retter/Beschützer des Westens, als Vorposten des Abendlands in einer “dunklen” Region (das bezieht sich durchaus auch auf “rassische Merkmale”), der glorreiche Bezwinger der Wilden, der Nationalismusersatz, das Alibi für rechte Agenden. So unterschiedlich die osteuropäischen Rechtspopulisten/-extremen von den westeuropäischen auch sind, die Bewunderung für Israel findet sich auch dort. Etwa in der Ukraine; die wohl rechteste der anlässlich des Euromaidan neu entstandenen Parteien, ist die Swoboda (“Freiheit”), von der sich sogar die ebenfalls sehr rechte Prawy Sektor abgrenzte. Internationale jüdische Organisationen zeigten sich zwar besorgt (um Juden in der Ukraine) und das Simon Wiesenthal Centre listete Swoboda mal in ihrer Top-Antisemiten-Liste. Swoboda-Vorsitzender Tyahnybok spricht aber warm über Israel, traf sich mit dessen Botschafter. Partei-Pressesprecher Oleksandr Aronets pries Israel als einen der nationalistischsten Staaten der Welt.13

Rechtspopulistische Parteien umwerben mit Anti-Islam-Rhetorik auch jüdische Wähler (vor allem die Front National in Frankreich), sind für viele von ihnen damit attraktiv. Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, der russische Rabbiner Pinchas Goldschmidt: „Ich nehme an, dass höchstwahrscheinlich ein nicht unwesentlicher Teil der jüdischen Gemeinschaft in Österreich bei der Präsidentenwahl für (FPÖ-Kandidat) Hofer gestimmt hat“. Goldschmidt kritisierte jüdische Wähler rechtspopulistischer Parteien wie auch deren Zugang, Moslems pauschal als “gefährlich” dar zu stellen und Juden zu signalisieren, man werde sie vor diesen retten. Wolfgang Fuhl dagegen ist ein Jude in Deutschland, der für die AfD aktiv ist. Er begründet seine politische Linie mit “Ängsten” bezüglich Moslems, mit Demonstrationen in Deutschland gegen das Gaza-Massaker 14. Die AfD diskutierte, sich gegen rituelle Beschneidungen von Buben auszusprechen, tat es dann aber nicht, wahrscheinlich mit Rücksicht auf Juden. Beliess es bei der Forderung nach einem Schächt-Verbot. So leicht ist es gar nicht, Moslems zu treffen und Juden zu “verschonen”.

Auch vorgeblich linke, emanzipationsgläubige „Westler/innen“ sind oft nicht ganz frei von Doppelmoral und rassistischem Gedankengut. Nicht immer ist das so krass wie bei den “Anti”deutschen. Bei Osten-Sacken kann man den Übergang von der negativen Deutschtümelei zur ziemlich offenen positiven deutlich erkennen. Linke Fremdenfeindlichkeit ist immer politisch korrekt, Antisemitismus, Homophobie, und auch westlicher Rechtsextremismus werden zugewiesen bzw abgewälzt (normalerweise auf “den Islam”), um Deutschland und den Westen rein zu waschen. Wenn Hartmut Krauss, einer der Scharfmacher der linken Islamophobie in “Gross-Deutschland” (Österreicher und Deutsch-Schweizer übernehmen so was gerne) von der “Dekadenz der deutschen Aufnahmegesellschaft” redet, ist er nicht so weit von Inhalten von Islamisten, des vermeintlichen Gegenpols, weg.

Politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit und Rassismus funktioniert in Deutschland auch bei der Linken über Israel. Sich pro-isrealisch geben bzw es sein, um rassistisch agitieren zu können. Nicht nur Rechte, auch (Pseudo)linke  haben diese Option, nehmen sie in den letzten 15 Jahren war. Auch hier sind Nazi-Komplexe und der Wunsch nach einem Ersatz-Nationalismus im Spiel. “Israel-Unterstützung” dient auch hier der Diffamierung Anderer und der eigenen Immunisierung und Profilierung. Der österreichische Grüne Marco Schreuder, ein Protzbischof des linken Chauvinismus’ in Österreich, stellt sich, mit seiner Homosexualität, gerne in eine unausgesprochene Opfergemeinschaft mit Juden; mit der Thematisierung des Holokausts versucht er Andere moralisch herabzusetzen, nicht zuletzt Kritiker israelischer Politik (hauptsächlich über soziale Medien).

Widersprüche und Heucheleien

Der Deutsch-Japaner “Blumio” hat in einem seinem “Rap da News”, zur Diskussion um ein Burka/Burkini-Verbot in Deutschland, einige gute Punkte gehabt, zu Themen die weniger dieses Verbot selbst betreffen (ich bin eher dafür): Die CDU, so Blumio, hat Angst, dass die AfD ihr den Rang abläuft, nennt Jens Spahn (schwul, katholisch, rechts). Die CDU kommt hier mit Frauenrechten, “soll ich ihr Glauben schenken?” “Wir sind die Frauenrechtler, es ist da zu wenig nackte Haut”. “Ob ein Mann dich zur Burka oder Strapsen zwingt…” Der ZWANG zum Tragen einer Burka, so Blumio, ist bereits verboten. “Politiker die auf Stimmenfang bei Rechten sind, sind eine viel grössere Gefahr als eine verschwindend kleine Minderheit”. Und: “Warum poltert ihr nicht auch mal zum Sozialabbau?”

Stichwort Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft: Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen wird bevorzugt bei Moslems skandalisiert, man (weisse Männer wie Samuel Schirmbeck) beschäftigt sich lieber mit der Rettung brauner Frauen und der dezenten Dämonisierung brauner Männer. Und beruft sich dabei auf Frauen wie Ayaan Hirsi-Ali oder Sabatina James14, lieber als auf Amina Sboui, Naika Foroutan, Schirin Ebadi oder Houria Bouteldja. Auf der anderen Seite aber, Broder & Co ja für unverdorbene Männer, echte Männlichkeit, gegen die Verweichlichung der Gesellschaft und gegen linke Schlampen (seine Wörter). Der Ex-Linke Jan Fleischhauer ist zwar Merkel-Fan, sieht sich aber auch als Männerrechtler, ähnlich verhält es sich mit seinem “Spiegel”-Kollegen Matussek.

Feministinnen schwächen europäische Männer, heisst es dann, so wie “Gutmenschen” Landesverräter sind, aber ihren “Liberalismus” vereinnahmt man doch wenn es um die Zurückgebliebenheit der Orientalen geht. Sogar die Altrechten können auf diesen Zug aufspringen, auch wenn sie Frauenemanzipation, Orientalen (Männern wie Frauen) und “verweichlichten Männern” gar nichts abgewinnen können.15 Die Sylvester-Übergriffe von Köln wurden von u.a. von Wilders dankbar thematisiert, zur Bestätigung für die eigene Überlegenheit, aber: Der Sherbini-Mord wurde u.a. von PI-Kommentatoren bejubelt. Und, ein Nigerianer, der vor Boko Haram nach Italien geflohen war, wurde dort zu Tode geprügelt, als er seine Frau gegen einen rassistischen Angriff verteidigte. AfD stöhnt über “Genderwahnsinn”, Strache lädt Eva Herman zu einem Vortrag.

Oder Religion. Eine Re-Religionisierung des Abendlandes anstrebenswert oder aber das Schreckgespenst. So oder so sind Moslems der Gegner, die “Avantgarde” der religiösen Rückständigkeit oder die Gegner des hiesigen Christentums. Beides ist im Grunde legitim, die Gegnerschaft zu Religiosität wie eine Besinnung auf die hiesigen, eigenen religiösen Wurzeln. Es ist aber auch hier viel Heuchelei und Naivität im Spiel. Zum Beispiel, wenn aufklärerische Religionskritik vorgegeben wird, aber eigentlich etwas Anderes getroffen werden soll und es um bestimmte Feindbilder geht, unabhängig von ihrer tatsächlichen Religiosität.16

Säkularismus verhindert nicht Kriege, Faschismus, Diktatur, im Gegenteil –  Hitler und Stalin etablierten beide areligiöse Systeme17. Auch in der islamischen Welt sind Säkularisierung und Säkularismus nicht die Allheilmittel. Im späten Osmanischen Reich und der frühen Türkei waren es die säkularen (und umso nationalistischeren!) Jungtürken und Kemalisten, die für den Völkermord an den Armeniern und extrem minderheitenfeindliche Politik verantwortlich waren – und nicht Islamisten oder die religiös orientierten osmanischen Sultane.

Das sind sie, die zwei Chauvinismen: “Pegida wird von 85% der Deutschen abgelehnt” – “Pegida und ihre Anliegen werden von politisch-korrekten Gutmenschen diffamiert”. Dem entspricht, dass die Fortschrittlichkeit des Westens und die Rückständigkeit des Orients immer anders definiert wird. Die Ablehnung liberaler Werte oder der Chauvinismus mit diesen Werten. In der einen Sicht ist Deutschland ja das toleranteste Land der Welt (bzw sollte es sein), wo niemand aufgrund Herkunft oder sexueller Orientierung diskriminiert wird (Engstirnigkeit etc Merkmale der Anderen); in der anderen beginnt das Verderben ja genau damit, dass Boateng oder Özil im deutschen Nationalteam spielen oder jemand wie Özkan in Niedersachsen Landesministerin wurde. Dem entsprechen in Österreich Alaba und El Habbassi.

Für Manche ist nicht Integrationsunwilligekeit unter Einwanderern das Problem, sondern die Einwanderer an sich. Das genuin Deutsche ist entweder durch “intolerante Einwanderer” bedroht oder aber durch Toleranz ggü Einwanderern, durch die “politisch-korrekte linke Meinungsdiktatur”; das sind die linke und die rechte Variante. Fortschrittschauvinismus und konservativer Chauvinismus, Deutschland/Europa muss zeigen wie gut es ist oder aber sich wehren. In beiden Varianten steckt ein Deutschnationalismus.

Bezüglich Lust und Sexualität verhält es sich genau so. Die eine Selbstdefinition des Westens als lustvoll, freisinnig, (ist er aber nicht)…, tolerant und aufgeklärt sowieso, im Gegensatz zum verklemmten, lustfeindlichen Orient/Süden. Oder aber dieser so lustig-undiszipliniert-tierisch, die Leute (von) dort solche Lustmolche. Und unsere eigentliche Kultur stehe im Gegensatz dazu, und Empörung bei “Paarungen” von “Hiesigen” mit Jenen. Wenn etwa das Fellner-Blatt “Österreich” über “Drogen-Orgien und Sex-Parties” in Islam-Kindergärten in Wien berichtet…

1996 wurde in Berlin an den Rathäusern von Schöneberg, Tiergarten und Kreuzberg das erste Mal die Regenbogenfahne (ein Symbol für Homosexualität) anlässlich des Christopher Street Days und des Lesbisch-Schwulen Stadtfestes gehisst. Der damalige Berliner Innensenator Jörg Schönbohm versuchte über mehrere Jahre hinweg erfolglos, das Setzen der Fahne in den Berliner Bezirken zu verhindern. Dieser manchmal Berliner Flaggenkrieg genannte Konflikt bringt auch die zwei Spielarten von Deutsch-/Westchauvinismus auf den Punkt. Auf der einen Seite der Standpunkt von Schönbohm vom rechten Flügel der CDU, auf der anderen Seite die Schwulenrechtsbewegung und jener Teil von ihr, der die Welt “emanzipieren” will, mit Tjark Kunstreich, Elmar Kraushaar, Klaus Lederer, “Alex” Gruber, Marco Schreuder.

orf.at empörte sich kürzlich, dass eine Lesben- und Schwulenparade in Istanbul verboten wurde. Das findet aber nur ein Teil seiner Leser empörenswert, der andere eher beispielhaft. Und, es beginnen nicht erst in der islamischen Welt diesbezüglich andere Zustände. In Polen hat vor einigen Jahren die Abgeordnete Ewa Sowinska von der nationalkatholischen LPR (Liga polnischer Familien) eine offizielle Untersuchung gefordert, weil sie die “Teletubby”-Figur “Tinky Winky” für schwul hielt. Die Idee stammt anscheinend vom verstorbenen evangelikalen US-Prediger Jerry Falwell. Auch forderte sie den Ausschluss Homosexueller aus gewissen Berufen. Manch einer von hier schaut eifersüchtig dort hin, wo so etwas noch möglich ist. Die FPÖ nahm für Putin Stellung, trifft sich mit diesem und Le Pen (Vater)18 in Einigkeit gegen die „Homosexuellenlobby“.

Akif Pirincci brachte das Buch “Die grosse Verschwulung” heraus, Schwule stecken bei ihm mit Moslems unter einer Decke, welche wiederum mit Islamisten gleichgesetzt werden. Mit seinem Gerede von der drohenden “Umvolkung” hat Pirincci manche Deutsche entzückt, u.a. Henryk Broder, auf dessen “Achse des Guten” er prompt landete. Broder, der auch gerne über “degenerierte schwule, impotente Männer” in Europa schreibt. Dass Homosexualität positiv affirmiert wird, ist eben nur in der einen Variante der Islamophobie so.

Wenn es, bezüglich Homo- oder Transsexualität, heisst, “Spätestens nach der Islamisierung ist damit Schluss”, kann das bedeuteten, “Das würde euch recht geschehen und wir werden euch vor den Islamisten beschützen müssen”19, oder “Wir kämpfen dafür dass es nicht so weit kommt, sind die Guten”. Dort, wo sich Schönbohm und Kunstreich treffen, da wird’s ja interessant… Die Gegenpositionen können eng beieinander liegen. Der deutsche Evangelikale Medforth ist etwa mit dem serbo-nationalistischen Blogger Bozinovic verbunden; bei diesem werden moslemische Leute als homosexuell diffamiert, während Medforth eine westliche/christliche Toleranz gegenüber Schwulen preist und eine diesbezügliche islamische Intoleranz anprangert.

Ein Segment der Hardcore-Zionisten (auch) in Wien versucht, den Zionismus/Israel als linksliberal zu affirmieren, als soo grosszügig, natürlich im Gegensatz zur bösen, dunklen Region; zB der “Kibbutz Club” (“Schwul, lesbisch, unkoscher”). Auf der anderen Seite zB der national-religiöse Zionismus. Als vor einigen Monaten ein national-religiöser Jude bei einer Homosexuellenparade in Jerusalem sechs Menschen niederstach (1 Toter; kleine Meldung bei orf.at u.a.), wurde der Hintergrund des/der Täter(s) im Kreis des äussersten zionistischen Rechten vermutet, bei JDL und Kach. Die selben Organisationen sind für Brandanschläge auf Palästinenser im Westjordanland (1 Toter) und das Benediktinerkloster Tabgha am See Genezareth verantwortlich.20 Auch hier sind die Gemeinsamkeiten der Fraktionen das wirklich Interessante, zwischen den Regenbogenfahnen-Zionisten mit den Thora-Uzi-Zionisten…21

Polens Aussenminister Waszczykowski (PiS) hat benannt, was die abendländische Gesellschaft seiner Meinung nach bedroht: Vegetarier, Radfahrer und Rassenmix. Rechte in Osteuropa sehen den postmodern dominierten Westen oft als jene Kultur, aus der eben das Dekadente, Schwule, Verdorbene kommt, Osteuropa als gläubiges christliches Bollwerk gegen den Islam. Teile der westeuropäischen Rechten sehen etwas sehnsüchtig darauf, auf jene die noch nicht angekränkelt sind von der “westlichem Selbstkritik” – als Alternative zu dem von den Linken übernommenen Toleranzchauvinismus (man ist aufgeklärt und Unaufgeklärtheit ist Merkmal der Anderen). Ob Russland Teil dieses Europas ist (oder schon zu orientalisch), ist in diesen Kreisen schon umstritten.

Im linken Deutschchauvinismus und der linken Islamophobie sind Frauenemanzipation, Rechte des Einzelnen, Areligiosität, Überwindung Nationalismus, Anti-Machismo, Toleranz,… Errungenschaften der abendländischen Gesellschaft, die es in erster Linie von Moslems gefährdet werden. “Rassenmix” ist hier ebenfalls irgendwie gefährlich. Nationalisten und Religiöse in Osteuropa sind quasi eine Zwischenstufe zum Islam in ihrer Rückständigkeit. Der Unterschied zu den Moslems bzw Islamisten soll hier durch die untergeordnete Rolle von Religion an sich her gestellt werden.22 Das “sie sollen sich anpassen” haben beide, woran sie sich anzupassen haben, das wird unterschiedlich definiert.

Waffenbesitz ist für die AfD legitim und gut, zur “Verteidigung” gegen Muselmanen & Konsorten, für linke Islamophobe/Toleranzchauvinisten dagegen Ausdruck orientalischer/südländischer Rückständigkeit. Gegen den Export deutscher Rüstungsprodukte in alle Welt haben übrigens auch sie nichts.23 Ähnliches gilt für den Umgang mit (vermuteten) Kriminellen – hartes Durchgreifen ist entweder ein Zeichen von (orientalischer) Rückständigkeit oder notwendiges Aufräumen mit linker Weicheiigkeit (wenn Trump etwa Saddam lobt, unter diesem seien Terroristen nicht ihre Rechte verlesen worden…). Oder: Einerseits soll Sklaverei auf die Moslems abgewälzt werden, andererseits versucht man Apologetiken für die Sklaverei.

Querfronten

Zu den, ebenfalls mit Widersprüche und Heucheleien behafteten, Topoi des Diskurses über Zuwanderer und andere Kulturen gehört auch die Herstellung der Verbindung Islam(ismus) mit europäischem Faschismus und Rechtsextremismus bzw der Versuch der Entsorgung des zweiteren über erstere. Auch Rechte haben das übernommen – dort gibt es diese fliessenden Übergänge zwischen dem Vorwurf der Nazi-Kollaboration ggü Moslems (bzw Vergleich Islam an sich mit Faschismus) und dem offenem eigenen Bekenntnis zu faschistischen Inhalten.

Für die linken Islamophoben sind Rechte Verbündete der Islamisten (und Moslems oft Partner der Rechten, beide gegen Fortschritt), für die rechten Islamophoben sind (westliche) Linke Kollaborateure der Moslems (Pascal Bruckner, “Islamo-Gauchisme”) und „Islamversteher“. Die Zusammenarbeit funktioniert zwischen den sogenannten “antideutschen Kommunisten” und den (im deutschsprachigen Raum wenig eingewurzelten) Neokonservativen, mit der selben kulturkampfideologischen Weltanschauung als Grundlage. “StopDrop the bomb” ist vordergründig “links”, hat aber rechte Islamophobie und rechten Zionismus inkorporiert; der Brückenschlag zur offenen Rechten über das Israel/Islam-Thema hinaus erweist sich als schwierig (Stichwort Akademikerbund24), da ein solches Bündnis etwas über das eigentliche Ansinnen und seine Initatoren aussagt, das (diesen) peinlich ist.

Gegenüber dem, was in “Bahamas” oder auf “Cafe critique” geschrieben wird, ist die “Nationalzeitung” und sosheimat.wordpress harmlos und gemäßigt. In beiden Lagern lobt man sich als “unbequeme Gegenstimme” und Ähnliches. Wenn Özil die Hymne inbrünstig mitsingen würde und sich auch “offensiv” zu Deutschland “bekennen”, würde er von der linkschauvinistischen, “anti”deutschen Seite Kritik abbekommen. Gegenüber Ashkan Dejagah war im “Spiegel”-Forum nach seiner Weigerung, mit der deutschen U-21 gegen Israel zu spielen (was er mit den Schwierigkeiten begründete, die er damit im Iran haben würde), zu beobachten, dass zu den Belehrungen über “moslemischen Antisemitismus” Kommentare kamen, wonach ohnehin zuviele “Ausländer” und “Dunkle” in deutschen Auswahlteams spielten. Der Diskurs kam nahtlos dorthin, wo ihn die NPD vor der WM 06 ggü Owomoyela gebracht hat, ging von getarntem zu offenem Rassismus über.

Der Platz an der Sonne

Ein Nikolaus Busse von der FAZ brachte 2009 “Die Entmachtung des Westens. Die neue Ordnung der Welt” heraus. Der Westen müsse seine Interessen “und Werte” verteidigen, “notfalls” mit militärischen Mitteln; auch Europa sich gegen Nord-Amerika und die angelsächsische Welt. Ein “Plädoyer für ein offensives, selbstbewusstes Agieren” sei das Buch. Ich werde das Buch nicht lesen, aber ich nehme an, mit “verteidigen” meint er weniger die Behauptung hiesiger Kultur gegen Neuankömmlinge sondern das “Exportieren” dieser “Werte” anderswo hin, mit “offensiv” meint er wahrscheinlich die Unterwerfung Anderer in irgend einer Form, mit “selbstbewusst” wohl, dass Deutschland stärker im West-Imperialismus mitmischen soll, auch führen. Dass die Afrikaner ja nicht glauben, sie können die Europäer durch die Chinesen ersetzen oder die Südamerikaner, sie könnten handelnde Akteure werden.

Europa der Ort des Friedens, der Aufklärung und der Menschenrechte, oder jener wo man zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hat, der fast die ganze Welt unterworfen hat. Die eigenen imperialistischen Sehnsüchte tarnen bzw schmücken oder doch dazu stehen? Busse ist ja so einen Mittelweg gegangen. Einen Universalismus formulieren (“unsere Werte”), aber auch einen Partikularismus rechtfertigen. Deutschland, von den Alliierten/Westmächten geläutert, hat nun die Pflicht, quasi andere zu erziehen. Im Zeichen des Kampfes gegen Islam(ismus) können sogar Rechtfertigungen für ein Deutschland mit Atomwaffen formuliert werden. Es geht bei deutscher/westlicher internationaler Einflussnahme aber immer um Menschenrechte.

Zurück zu den Flüchtlingen

Die Balkanroute der Flüchtlinge ist nun, nach dem entsprechenden Abkommen mit der Türkei, geschlossen und es kommen dort kaum noch Flüchtlinge nach Europa. Kaum war das Flüchtlingsproblem delegiert, kamen Zweifel ob die Türkei “demokratisch” und “sicher” genug ist. Für die Flüchtlinge. Dann doch lieber die Araber hier aufnehmen und Willkommenskultur? Zuerst die Horrorgeschichten über das Verhalten von Flüchtlingen in Deutschland/Europa, dann über ihr Fernhalten aus Deutschland/Europa. Z. B. „Spiegel“: Türkei lässt gut gebildete Flüchtlinge nicht in die EU” > Aha, es gibt also welche, die ein Gewinn für Europa wären? Flüchtlinge die Europa vorenthalten werden… Von der Verzerrung des Flüchtlingsproblems zur Verzerrung der Türkei unter Erdogan. Genau darum, um diese Verzerrung, wird es in einem der nächsten Artikel gehen; hier jetzt nur ein paar Anmerkungen zur Flüchtlingssache.

Andere Medien empören sich: “Die Türkei verweigert syrischen Flüchtlingen die Ausreise, obwohl Deutschland ihnen bereits ein Visum erteilt hat.” Auch wird skandalisiert, wie die Türkei mit Flüchtlingen umgehe… Wenn Erdogan Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt, wird er dämonisiert, wenn er sie durchlässt genau so wie wenn er sie “im Lande behält”, und auch wenn er gegen IS vorgeht.

Eine ARD-“Doku” über Flüchtlinge, von Esther Schapira. Ein paar Stossrichtungen hatte der Film, ein paar Botschaften sollten rüber gebracht werden. Osten-Sacken wurde, mit seiner “Hilfsorganisation”, darin gefeatured, ereiferte sich über die harte türkische Behandlung der Flüchtlinge, spielte den Experten/Insider, tadelte neben Erdogan auch Hisbollah/Assad/Iraner (und Salafisten/IS/Saudi-Arabien?). Auch die Leute der Antonio-Stiftung kommen vor, mimen die barmherzigen Fremdenfreunde und Kämpfer gegen das Rechte. Nein, wir Deutschen wollen die Flüchtlinge nicht vom Hals, wir sind die Humanisten, Barbaren sind die Anderen. Da ist der Deutschchauvinismus von AfD/Pegida um einiges ehrlicher.

Man kann es aber auch als Arbeitsteilung sehen, den bekennenden Rechten überlässt man die Drecksarbeit, man empört sich nachher, zB gegen die Türkei. Jene, die die Türkei unter Erdogan als nicht demokratisch sehen, müssten sich eigentlich für Asyl für Leute von dort einsetzen, und den dort “gestrandeten” Flüchtlingen auch.

Saudi-Arabien und Israel nehmen gar keine Flüchtlinge auf, höchstens billige, rechtlose Arbeitskräfte. Israel wird von (Neo-) Rechten auch als beispielhafte Festung gegen den Ansturm der Farbigen und Muselmanen bewundert. Es gibt aber auch hier ein alternatives Narrativ. “Die Welt” weiss von einer israelischen Organisation, die traumatisierten Flüchtlingen hilft. In Griechenland. Und die riesige Aufnahme von Syrern oder Afghanen in Libanon, Türkei oder Iran?

 

Ach, die rubbeln sich nur einen

Kritischer Beitrag über Knobel-Ulrich: www.youtube.com/watch?v=ZZSYDyIkl5E

Koray Yilmaz-Günay (Herausgeber): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre “Muslime versus Schwule”: Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001 (2011)

Latuff-Cartoons zur syrischen Flüchtlings-Tragödie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es sind zB Straches Fans, die auf dessen Facebook-Seite diesbezüglich Klartext reden
  2. Der Amoklauf von David Sonboly gehört hier nicht wirklich dazu. Abgesehen davon dass er in München geboren wurde, auch deutscher Staatsbürger war und wahrscheinlich zum Christentum übergetreten war (als er den Vornamen von Ali auf David änderte): Alle neun seiner Opfer hatten einen Migrationshintergrund, 7 davon dürften einen moslemischen gehabt haben. Und das war kein Zufall, nach dem was über den Täter bekannt wurde. Neben Faszination für Amokläufe generell scheint er auch eine für Breivik gehabt haben, seine Feindseligkeit gegenüber Nicht-Deutschen betraf v.a. Türken. Er hat die Verdrehung des “Arier”-Begriffs durch Nazis mit-getragen und begeisterte sich anscheinend für die AfD
  3. Das im Untergang befindliche Team Stronach in Österreich fordert in Hinblick auf die Flüchtlinge ein liberaleres Waffenrecht, verteilte vor dem Parlament in Wien Pfeffersprays
  4. Heinsohn oder Sarrazin hinterfragen auch nie die “Qualität“ von deutschen Auswanderern, nur die von jenen die nach Deutschland kommen
  5. Jedenfalls, das “Wir” und “Sie”, das sie in der Immigranten-“Doku” so durchzieht, fällt hier etwas unter den Tisch
  6. Und, alles, was sich in Deutschland durchsetzt, alles, kommt früher oder später auch nach Österreich
  7. Siehe Jene, die mit der australischen Flüchtlingspolitik, den Lagern auf Papua-Neuguinea und Nauru, kein Problem haben, diese nur thematisieren wenn es um sexuelle Gewalt gegen Frauen in diesen Lagern geht
  8. Nun ohne Zwangsarbeiter; die Redstone-Rakete war V2-Nachbau und Pershing-Vorläufer; dann arbeitete er für die NASA, schliesslich in der Privatwirtschaft
  9. Rudolph war einer von Wenigen aus dem Paperclip-Programm, dessen Nazi-Vergangenheit (später) thematisiert wurde; er musste die USA ja in den 1980ern verlassen, als er schon in Pension war, ging in die BRD
  10. Siehe dazu das Buch von John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich (2009)
  11. In einem “Kurier”-Interview etwa damals; in diesem Interview sprach er etwas später von den Arbeitslosen in der Slowakei etc, welche auf den österreichischen Arbeitsmarkt drängten
  12. Zu den israelischen Politikern, die Strache & Co damals empfingen, gehören Vizeminister Kara vom Likud und Abgeordneter Eliezer Cohen (Yisrael Beitenu). Zwischen Rechten gestaltet sich internationale Zusammenarbeit ja immer schwierig, darüber wird es in einem künftigen Artikel gehen. Zwischen der zionistischen und europäischen Rechten steht hauptsächlich die antijüdische Vergangenheit der Zweiteren. Aber es gibt schon Berührungspunkte, wie die “Rettung der Identität des Landes” und vor den “moslemischen Horden”, gegen die “naiv-tolerant-verräterischen Linken”. Die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen europäischen und zionistischen Rechte betreffen überhaupt das israelisch-europäische Verhältnis, wenn nicht auch das jüdisch-christliche allgemein
  13. Apropos Abendland und Osteuropa: Sah im TV einen Bericht von einem Treffen in Tschechien zur “Festung Europa”, Pegida-Leute waren dort, auch Leute einer bulgarischen Bürgerwehr, die an der Grenze zu Türkei Flüchtlinge aufspürt. Für Pegida, AfD sind aber Bulgaren im Grunde auch Teil des Problems…
  14. Fallaci wollte gerne ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzünden; trotz den “Hirsi-Alis” die sich dort aufhalten (könnten)
  15. „In einer Zeit, in der urige Wiener Paschas in der ‘Kopftuch-Debatte’ zu den grössten Verteidigern der Frauenrechte werden, insofern sie dadurch ihren Alltagsrassismus notdürftig kaschiert ausleben dürfen, sind Marjane Satrapis Comics von aktueller Brisanz“ schrieb einst eine Anna Rossenova in “Unique”, einer Wiener Studentenzeitschrift, in der aber auch die Grigats schreiben dürfen
  16. Zur Kritik an der Religionskritik: http://rhizom.blogsport.eu/2010/09/03/warum-dieser-hass-veranstaltungshinweis/ , der 3. Kommentar von oben, wo Rhizom ausführt
  17. „Stalin“ Dschgugaschwili besuchte im russischen Zarenreich eine Zeit lang ein georgisch-orthodoxes Priesterseminar in Tiflis
  18. Le Pen Tochter ist auch hier einen Schritt weiter gegangen
  19. So manche Republikaner in der USA gegenüber LGBTQ-Wählern. Homosexualität gilt dort als Angelegenheit der dummen, liberalen, verdorbenen Gegenseite
  20. Die Netanyahu-Regierung stand unter Druck (was allein wegen den Anschlägen auf Palästinenser nicht der Fall gewesen wäre), versprach Aufklärung und harte Maßnahmen gegen Hassverbrechen auch von jüdischen Israelis
  21. Auch bei den hiesigen Zion-Fans gibts Solche und Solche: Die Cafés in Tel Aviv sind Ausdruck israelischer Überlegenheit oder aber Hort der schlechten, liberalen Juden
  22. Broder ist eigentlich auf der Seite der Rechten, aber bei Osteuropa…
  23. Wieviele Menschen wohl nach Deutschland kommen auf der Flucht vor Kriegen die mit deutschen Waffen geführt werden?
  24. Dort, in der äusseren Rechten (Österreichs), sind beide Chauvinismen präsent. Sabaditsch-Wolf, die Strache nach Israel begleitete, stilisiert sich als jemand der „säkulare und liberale Werte hochhält” (und nur dafür angefeindet werde); Zeitz schoss sich auf die „von Linksliberalen unterwanderte“ Mutterpartei ÖVP ein – da geht es gegen diese „säkularen und liberalen Werte”

Herausragende Gefängnis-Ausbrüche

So lange es Gefängnisse gibt, so lange gibt es Versuche, von dort zu flüchten bzw. auszubrechen; auch beim Transport dorthin oder aus Polizei-Gewahrsam. Fluchtversuche sind nicht immer spektakulär und die meisten scheitern. Die meisten, denen die Flucht gelingt, werden bald geschnappt, viele auch dabei getötet. Die am häufigsten angewandte Methode soll das Fernbleiben nach dem Freigang sein und nicht Täuschung, Gewalt, mühevolle Kleinarbeit oder geniale Einfälle. Manchmal wird die Flucht gemeinsam unternommen, manchmal einzeln, ab und zu gibt es Flucht-Hilfe von aussen (auch von Wärtern gelegentlich). Etwas anderes sind Gefängnis-Meutereien wie jene von Attica (USA) 1971.

* Die Alcatraz-Insel vor San Francisco wurde nach der Eroberung Kaliforniens und anderer mexikanischer Gebiete durch die USA lange als militärischer Stützpunkt genutzt, ab 1934 als Bundesgefängnis. Dorthin wurden Gefangene gebracht, die in der einen oder anderen Hinsicht als gefährlich galten, so auch “Al” Capone. Natürlich wurden Fluchtversuche unternommen, insgesamt 14, 36 Männer waren darin involviert (2 2 x), 11 wurden dabei getötet. 1937 gelang es zwei Gefangenen, durch das Fenster einer Werkstatt zu entkommen, und in das Wasser der Bucht von San Francisco zu klettern, das an diesem Tag nicht nur kalt sondern auch sehr turbulent war; die Flüchtenden wurden weder im Wasser noch am Land gefunden, es wird angenommen, dass sie ertrunken sind. 1946 ereignete sich auf Alcatraz ein Aufstand von Gefangenen, die Wärter als Geiseln nahmen, um mit deren Transportschiff zu fliehen. Bei der Befreiungsaktion (auch mit Handgranaten) wurden nicht nur drei Insassen sondern auch zwei Wärter getötet.

1962 entkamen Frank Morris und die Anglin-Brüder John und Clarence. Zu den monatelangen Vorarbeiten gehörte v. a. das Graben einer Vergrösserung der vergitterten Öffnungen in ihren Zellen zum Lüftungsschacht, mit in die Zellen geschmuggelten Essbestecken und einer aus Staubsaugerteilen gebauten Bohrmaschine. Der vom Salzwasser angegriffene Mörtel liess sich relativ leicht aufbrechen. In der betreffenden Nacht platzierten sie angefertigte Attrappen ihrer Köpfe in ihren Betten, damit die Flucht nicht gleich auffiel. Ein vierter Beteiligter musste zurückbleiben, da er es nicht durch das Loch schaffte. Die Drei kletterten im Schacht auf das Dach des Zellenblocks und so ins Freie. Mit einem aus Regenmänteln gefertigten “Schlauchboot” traten sie den Weg in das Wasser der Bucht an. Ihr Verschwinden wurde erst bemerkt, als sie bereits einen Vorsprung von über neun Stunden hatten.

Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe
Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe

Wie die beiden 1937 Geflüchteten wurden die drei weder lebendig noch tot gefunden und wird allgemein ihr Ertrinken angenommen. Teile des Bootes und persönliche Gegenstände wurden vor Angel Island gefunden. Jolene Babyak, Tochter eines Wärters, hat Bücher über den Ausbruch geschrieben, glaubt dass die 3 mit der Gezeit raus aus der Bucht getrieben wurden, in den Pazifik, dort umgekommen sind. Sie könnten die Gezeit aber auch genutzt haben, um auf das Festland nördlich der Brücke zu kommen; sie hatten Gelegenheit gehabt, zu beobachten und zu planen. Und, die “Mythbusters” haben dies geschafft, 2003 in dieser Sendung auf Discovery Channel. Die vor Angel Island angeschwemmten Gegenstände deuten auf etwas anderes hin, und Zurückbleiber Allen West hat einen Plan mit Angel Island bestätigt – dies könnte aber eine bewusste Irreführung sein. Wie auch immer, von Angel Island hätten sie mit einem richtigen Boot aufs Festland kommen können. Falls die 3 die Flucht überlebt haben, würden sie dann aber nicht, in dem Alter in dem sie jetzt sein müssen, irgendein deutliches Zeichen an die Welt geben, bzw hätten das in der jüngeren Vergangenheit getan?

Die Bucht von San Francisco
Die Bucht von San Francisco

Die Sache wurde verfilmt. Im Dezember 1962, ein halbes Jahr danach, fand eine weitere Flucht statt. Der Bankräuber John Paul Scott schwamm mit Hilfe von aufgeblasenen Gummihandschuhen über eine Stunde durch das eiskalte Wasser. Man fand ihn halb erfroren am Festland (beim Fuss der Golden Gate Bridge), er wurde wiederbelebt und anschliessend wieder auf die Insel gebracht. Der Verfall des Gefängnisses durch Salzwasser, das auch den Ausbruch der 3 ermöglicht hatte, führte zu seiner Schliessung im Jahr darauf. Alcatraz war seither Schauplatz von Besetzungen durch Indianer (1969), Dreharbeiten von Filmen und Touristenbesuchen.

Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten
Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten zur Verfilmung des Ausbruchs

* Der Film “Gesprengte Ketten” (“The Great Escape”) hat ja eine wahre Grundlage. Aus dem Stalag (Stammlager) “Luft III”, einem deutschen Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen in Nieder-Schlesien, entkam 1944 ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel. Der englische Squadron Leader Roger Bushell entwickelte die Fluchtpläne. Wie im Film geriet der Tunnel (insgesamt wurde an drei gegraben) zu kurz, reichte nicht ganz unter das nahegelegene Waldstück; daher wurde der Ausbruch bald bemerkt und ein Teil konnte nicht fliehen, einige wurden gleich im Wald gestellt. Für die Anderen kam zu Problemen wie Kälte (März) das frühe Beginnen der Jagd hinzu; 50 wurden “auf der Flucht” getötet, zumindest ein Teil von diesen aber regelrecht hingerichtet. Der Rest der Gefassten wurde zurückgeschickt. Nur Drei gelang wirklich die Flucht, zwei norwegischen Piloten und einem niederländischen.

Ausbruch aus Kriegsgefangenenlagern gab es einige interessante. Im USA-Bürgerkrieg gelang 1864 etwa 109 Nordstaaten (USA)-Soldaten aus dem unwirtlichem Südstaaten (CSA)-Gefängnis “Libby’s” bei Richmond die Flucht, ebenfalls durch das Graben eines Tunnels, vom Keller aus. Ein Teil von ihnen konnte sich auf die andere Seite der Front, zu ihren Truppen, durchschlagen.

Im Fort San Cristóbal in der Nähe von Pamplona wurden während des Spanischen Bürgerkriegs Hunderte Republikaner und andere politische Gegner und Kriegsgefangene von den Nationalisten eingesperrt. 1938 organsierten Gefangene einen Massenausbruch, der fast 800 von ihnen gelang. Die nationalistischen Aufständischen veranstalteten eine Jagd, nur drei Flüchtige gelangten über die Grenze nach Frankreich. Der Rest wurde wieder eingesperrt oder erschossen.

Im 2. Weltkrieg ereignete sich in einem Internierungslager für japanische Soldaten in Australien 1944 ein Aufstand und die Flucht Hunderter; Viele wurden dabei oder bald danach getötet, alle waren innerhalb von 10 Tagen gefasst.

Karl Dönitz schickte 1943 ein U-Boot, um 4 im Kriegsgefangenenlager Bowmanville in Canada gefangene deutsche Marine-Offiziere, darunter Otto Kretschmer, fort zu bringen, die über Tunnel ausbrechen sollten (“Operation Kiebitz”). Die Kanadier wussten davon, wollten das U-Boot kommen lassen. Wolfgang Heyda gelang aber die Flucht, zum Treffpunkt, er wurde dort gefasst, das U-Boot entkam.

Aus dem KZ Mauthausen brachen im Februar 1945 über 400 sowjetische Soldaten und Offiziere aus (indem sie etwa mit nassen Decken einen elektrischen Zaun kurzschlossen), daraufhin wurde die “Hasenjagd” im Mühlviertel auf sie veranstaltet, die meisten wurden aufgegriffen und an Ort und Stelle getötet, etwa 50 wurden lebend zurückgebracht, 11 sollen das Kriegsende in Freiheit erlebt haben.

Der Franzose Henri Giraud entkam in beiden Weltkriegen der Kriegsgefangenschaft.

Im Vietnam-Krieg gelang dem deutsch-stämmigen Amerikaner Dieter Dengler, mit seinem Kampfflugzeug abgeschossen, 1966 aus einem Lager in Laos die Flucht, wobei er einige Wächter tötete.

* Der Südtiroler Max Leitner hat mehrere bewaffnete Raubüberfälle begangen (bei denen kein Mensch zu Schaden kam), wurde dafür 1990 erstmals verhaftet, von der österreichischen Gendarmerie, und flüchtete auch gleich. Auf seine Auffindung folgte eine Verurteilung, Gefängnis und der Ausbruch. Das wiederholte sich einige Male; seine dritte Flucht ereignete sich nach 9 Jahren Haft, als er von einem Freigang nicht mehr ins Hochsicherheitsgefängnis in Padua zurückkehrte. Nachdem er gefunden und zurückgebracht worden war, gelang im 04, zusammen mit einem Mafioso (Südtiroler und Süd-Italiener, ein Stück Völkerverständigung in diesem Milieu), die erneute Flucht, die in Marokko endete.

Da mit jedem Ausbruch neue Delikte bzw. Verurteilungen hinzu kamen, verlängerte sich seine Haftstrafe jedesmal. 2019 wäre er legal in Freiheit gekommen, wenn er 2011 dies nicht zum fünften Mal auf eigene Faust getan hätte, wieder anlässlich eines Freigangs. Der jetzt 57-jährige befindet sich also zur Zeit wieder einmal irgendwo auf der Flucht, soll gesundheitlich angeschlagen sein, hat eine Unterstützer-Seite auf Facebook und hat ein Video an eine Südtiroler Zeitung geschickt (zweisprachig, wie es sich dort “gehört”). Seine spektakulärste Flucht war noch seine zweite, als er sich aus dem Gefängnis in Bozen mit Leintüchern abseilte (klassisch). Bei ihm ist es die Wiederholung der Fluchten, die ihn hier nennenswert macht.

Das Leben des US-amerikanischen Hochstaplers und Trickbetrügers Steven Jay Russell, das auch mehrere Gefängnisausbrüche miteinschloss, wurde verfilmt (“I love you Philip Morris”). Russell täuschte etwa 1998 im Gefängnis in Houston eine AIDS-Erkrankung vor, etwa indem er durch die Einnahme von Abführmitteln Symptome dieser Krankheit erzeugte. Er kam so in ein Pflegeheim, und nachdem er dieses verlassen hatte, informierte er, als sein “behandelnder Arzt”, die Behörden von seinem angeblichen Tod. Andere Ausbrecherkönige waren der Brite Alfred Hinds, sein Landsmann Jack Sheppard (London, 18. Jh), Walter Stürm (Schweiz, 1970er & 80er), Yoshie Shiratori oder Joseph Bolitho Johns (Australien, 19. Jh). An einem neuen Ausbruch arbeiten zur Zeit wahrscheinlich Eckehard Lehmann (Spezialität: Schlüssel der Zellen nachbauen), Richard Lee McNair, Brian Bo Larsen, Frank Schmökel, Nordine Ben Allal.

* Die Flucht von abgelegenen Straflagern birgt eigene Charakteristika. Henri Charrière (“Papillon”, französisch “Schmetterling”, wegen einer Tätowierung) wurde 1932 wegen eines Mordes (den er immer abstritt) zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in den Straflagern von Französisch-Guyana verurteilt. Er unternahm mehrere Fluchtversuche, konnte sich 1934 mehrere Monate in Kolumbien in Freiheit halten. 10 Jahre später setzte er sich mit vier Mitgefangenen ab und gelangte nach Venezuela, das ihn nicht auslieferte. Vieles in seinen Büchern (die Grundlage für die Verfilmung 1973 waren), hat er nicht wirklich erlebt.

Clément Duval war Teilnehmer im französisch-deutschen Krieg 1870/71, wurde dabei verwundet und mit einer Krankheit infiziert. In Folge dessen arbeitsunfähig, schlug er eine kriminelle Laufbahn ein, wurde ausserdem Anarchist. Wegen mehrerer Taten wurde auch er zu Zwangsarbeit in Guyana verurteilt. 1887 auf die Îles du Salut gebracht, unternahm er mehrere Fluchtversuche. Erst nachdem er in eines der Straflager am Festland verlegt worden war (wo er mit anderen bedeutenden Anarchisten wie dem Italiener Pini oder Victor Cails zusammenkam), gelang ihm 1901 die Flucht nach Britisch-Guyana, von wo er nach New York weiterreiste, wo er sich niederliess und Memoiren schrieb. Duval ist nicht von der Teufelsinsel oder einer der beiden anderen Îles du Salut geflohen, wie manchmal gesagt wird.

* Dem wegen Mordes einsitzenden US-Amerikaner Richard L. McNair gelang es drei Mal, aus Gefängnissen aus zu brechen. Beim letzen Mal, 2006 in Louisiana, entkam er in einem Postsack. In der Nähe des Gefängnisses begegnete er einem Polizisten: https://www.youtube.com/watch?v=vBrnBmUmVzI

* Politische Gefangene: John Gerard flüchtete Ende des 16. Jh aus dem Tower in London, wo er als Anführer der verfolgten Katholiken saß, mit von Foltern zerschundenen Händen. André Devigny war französischer Offizier, Resistance-Mitglied, dafür im Montluc-Gefängnis, wurde gefoltert, konnte mit Sicherheitsnadeln Handschellen öffnen, daher flüchten, gelangte in die Schweiz; die Nazis verübten Sippenhaftung an seinen Verwandten. Er diente nach diesem Krieg in jenem in Algerien. Tapferes Nazi-Opfer, dann Unterdrücker in Algerien, Devigny vereinte diese Entwicklung Frankreichs in seiner Biografie (die auch teilweise verfilmt wurde).

Die slowakischen Juden Alfred Wetzler und Rudolf Vrba (Walter Rosenberg) waren zwei der wenigen Menschen, denen es gelang, dem “Konzentrationslager” Auschwitz (Oswieczim) zu entfliehen (1944). Der Pole Slawomir Rawicz soll im 2. WK mit einigen Mitgefangenen aus einem Lager in Sibirien geflohen sein, über die Grenze in die Mongolei, dann weiter nach Indien. 1983 machten IRA-Kämpfer im Maze-Gefängnis in Nord-Irland eine Revolte, 38 gelang dabei die Flucht, der Hälfte auf längere Sicht, manche sind bis heute “untergetaucht”.

* Gefangene Politiker: Napoleon 1815 aus Elba: Der selbstgekrönte Kaiser Frankreichs musste 1814 abdanken, nachdem allierte Truppen infolge der Leipziger Völkerschlacht 1813 bis nach Paris gekommen waren und er im Land die meiste Unterstützung verloren hatte. Die Mächtigen Europas wiesen ihm Elba zu, wo er nominell Herrscher wurde, die britische Marine aber das letzte Wort hatte. Während mit Ludwig XVIII. in Frankreich wieder die Bourbonen an die Macht kamen, gingen seine zweite Frau, eine Habsburgerin, und sein Sohn nach Österreich. Napoleon Bonaparte war eigentlich kein Gefangener, beschloss aber, noch einmal nach der Macht zu greifen.

Nach weniger als einem Jahr in diesem “Exil”, im Februar 1815, segelte er in der “Swiftsure” mit einigen Hundert Getreuen von Portoferraio nach Frankreich; warum die britischen Schiffe, die zu seiner Bewachung auf der Insel waren, nicht eingriffen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Auf dem Weg nach Paris (über die Alpen, um die grossteils pro-bourbonische Provence so weit wie möglich zu umgehen) traf die Gruppe kurz vor Grenoble auf das Regiment, das vom König beauftragt worden war, ihn aufzuhalten. Es schloss sich ihm an. Ab seinem Einzug in Lyon agierte er wieder als französischer Kaiser und erließ entsprechende Dekrete, ab seinem Einzug in Paris am 20. März erst wird seine zweite Herrschaftszeit als Kaiser, die 100 Tage (eigentlich 111), gezählt.

Mussolini, freilich mehr Diktator als Poltiker, wurde 1943 von deutscher Wehrmacht und SS nach einigen Monaten Gefangenschaft in Gran Sasso in den Abruzzen befreit.

* Der mexikanische Drogenboss Joaquin „El Chapo“ Guzman war auch schon vor seinen Ausbrüchen von Bedeutung. Der Chef des Sinaloa-Kartells ist 2001 und 2015 aus mexikanischen Hochsicherheits-Gefängnissen ausgebrochen. Mitglieder des Wachpersonals müssen ihm geholfen haben. In diesem Jahr wurde er wieder gefangen.

* Michel Vaujour flüchtete fünfmal aus französischen Gefängnissen. Seine spektakulären Methoden beinhalteten die erzwungene Flucht mit als Orangen getarnten Granaten, die Nachbildung eines Zellenschlüssels mittels Käseabdruck (1974), der Ausbruch mithilfe einer aus Seife gefertigten Pistolenattrappe (1976) sowie die Flucht aus dem sichersten Gefängnis des Landes durch einen Hubschrauber, der von seiner Ehefrau gekapert wurde (1986). Er wurde 2003 vorzeitig entlassen und berät heute Krimi-Autoren.

* Dem griechischen Straftäter Vasilis Paleokostas gelang 2006 und 2009 gleich zwei Mal eine filmreife Flucht aus dem grössten griechischen Gefängnis Korydallos mit Hilfe von Hubschraubern. Der Franzose Pascal Payet unternahm in den 00ern drei Ausbruchsversuche mit Hubschraubern, zunächst seine Flucht, dann (von draussen) die Befreiung anderer, wobei er gefasst wurde. Aus der folgenden Haft wurde er wieder mit gekapertem Hubschrauber befreit, später in Spanien gefasst. Mit einem Hubschrauber entkam etwa auch 1971 der Amerikaner Joel Kaplan in Mexiko.

* Jay Junior Sigler befand sich 1998 im achten Jahr von den 20, die er für bewaffneten Raub bekommen hatte, in der Everglades Correctional Institution, als er mit seiner Mutter und einigen Freunden seinen Ausbruch plante. Am hellichten Tag rammten drei Freunde mit einem 18-rädigen Lastwagen die Gefängniszäune, gefolgt von einem Auto das seine Mutter fuhr. Nach geglückter Flucht wurden vor einem Einkaufszentrum die Fahrzeuge gewechselt, die Polizei auf den Fersen, Sigler starb danach bei einem Zusammenstoss mit einem anderen Auto.

* “Billy” Hayes wurde in den 1970er in der Türkei wegen versuchtem Schmuggel von Haschisch verurteilt, kam auf das Gefängnis auf der Insel Imrali, von wo er nach Griechenland flüchtete. Sein Buch über die Erlebnisse wurde verfilmt (“Midnight Express”).

* Der 1970er-Frauenmörder “Ted” Bundy (der sich für die Republikanische Partei engagiert hatte), wurde 1976 erstmals gefasst, 1977 gelang es ihm in Colorado, als ein Gerichtsverfahren gegen ihn lief, zwei Mal, auszubrechen, verübte weitere Morde. John Dillinger, der amerikanische 1930er-Gangster (Banküberfälle), wurde nach seiner Verhaftung in ein als ausbruchssicheres Gefängnis in Ohio gebracht. Seinem Anwalt gelang es, eine Revolver-Attrappe aus Holz einzuschmuggeln, diese vorgehalten sperrte er die Wachmannschaft in “seine” Zelle, flüchtete mit dem Wagen des Sherriffs über die Bundesstaatsgrenze, womit er aber das (junge) FBI gegen sich aufbrachte, wurde schliesslich von ihnen erschossen.

* Bei manchen Ausbrechern kommt die Bedeutung von der Zeit, die sie schafften, sich in Freiheit zu halten. George Wright wurde 1963 als 19jähriger wegen bewaffneten Raubüberfällen in New Jersey verurteilt, nach 7 Jahren im Gefängnis gelang es ihm leicht und unpektakulär, auszubrechen. Er schloss sich der “Black Liberation Army” an, entführte einen USA-Inlands-Flug nach Algerien. Er wurde in Portugal aufgespürt, das ihn aber nicht ausliefern will, da er Staatsbürger dieses Landes geworden war. Ronald Carnes, ein anderer US-Amerikaner, war nach seinem Ausbruch 41 Jahre auf der Flucht (USA), Paula E. Carroll und Sam Gene Harris 34 Jahre lang.

* Natascha Kampusch entkam ihrem Entführer 2006 nach 8 Jahren Gefangenschaft in der Nähe von Wien

* Wie bei Kampusch muss man (unabhängig von Schuld oder Unschuld) nicht in einem “richtigen” Gefängnis sein, um flüchten zu wollen, es gibt manche Formen der Gefangenschaft. So war/ist Sklaverei natürlich auch eine Form der Freiheitsberaubung. Ein bedeutender Sklavenaufstand in USA ereignete sich 1831, unter der Führung von Nathaniel “Nat” Turner. Seine Mutter war aus Afrika nach Amerika verschleppt worden, den Namen bekam er von dem Besitzer der Plantage, auf der er geboren wurde. Es soll eine Sonnenfinsternis gewesen sein, die ihn veranlasste, die Befreiung zu beginnen. Diese Slavenrebellion in Virginia breitete sich zwar aus, Schwarze wurden befreit, sie wurde aber bald niedergeschlagen. Turner selbst wurde nach wenigen Wochen gefangen genommen, gehängt und gevierteilt. Mehr als hundert unbeteiligte Sklaven wurden als “Vergeltung” vom Pöbel getötet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen für andere wurden verschlechtert. Etwa 60 Sklavenhalter und Angehörige waren getötet worden.

Auch aus geschlossenen Abteilungen von Krankenhäusern oder Asyl-Lagern (> http://www.lastexitflucht.org/againstallodds/ ) werden Ausbrüche versucht.

* Christopher Boyce kam als Angestellter eines amerikanischen Technologie-Konzerns in den 1970ern an hochpolitische Informationen, etwa über den Druck, den der CIA bezüglich des Sturzes des australischen Premiers Gough Whitlam ausübte. Zusammen mit seinem Freund, dem Drogenhändler Dalton Lee, gab er diese an die Sowjetunion weiter, über deren Botschaft in Mexico. 1977 wurden die Beiden verhaftet, zunächst Lee in Mexiko, und verurteilt. Boyce brach 1980 aus dem Gefängnis in Lompoc (Kalifornien) aus. Auf der Flucht verübte er 17 Bank-Überfälle im Nordwesten der USA. Sein Ziel war es, in die Sowjetunion zu gelangen. 1981 wurde er eingefangen. 02 kam er nach 25 Jahren Gefängnis frei. Lee war bereits 1998 freigelassen worden, arbeitete danach eine Zeit lang als Sekretär von Sean Penn, der ihn im Film “Der Falke und der Schneemann” (1985 erschienen) dargestellt hatte. Boyce’ Website

* Der amerikanische Betrüger und Hochstapler Frank Abagnale (“Catch me if you can”) brach auch mehrmals aus Polizei- und Justizgewahrsam aus. Einmal überzeugte er einen Wächter, dass er ein Gefängnisinspektor sei, der nur zu Testzwecken eingesperrt worden sei.

* Der Südkoreaner Choi Gap-Bok, ein langjähriger Yoga-Praktikant, wurde 2012 wegen eines Diebstahl-Vorwurfs in Polizei-Gewahrsam genommen. Aus seiner Zelle entkam er durch eine winzige Essensluke; nach ein paar Tagen gefasst.

* Der französische Gangster Albert Spaggiari brach mit Kollegen 1976 in eine Bank in Nizza ein. Noch im selben Jahr gefasst, gelang ihm während eines Polizeiverhörs die Flucht. 1982 traf er in Rio de Janeiro mit dem Briten Ronald Biggs zusammen, der aus dem Gefängnis geflüchtet war. Während Biggs mit Sex Pistols und Toten Hosen gemeinsame “Sache” machte, stand der Algerien-Krieg-Veteran Spaggiari der OAS (die ihm auch bei seiner Flucht geholfen haben soll) und anderen Rechten nahe. Die brasilianischen Behörden lehnten die Auslieferung von Biggs auch deshalb ab, weil die britische Regierung nicht der Reziprozität zustimmte, d. h. gegebenenfalls jemanden aus GB nach Brasilien auszuliefern.

* William J. Sharkey entkam im New York des 19. Jahrhunderts als Frau verkleidet aus einem Gefängnis, in dem er wegen Mordes einsaß. Er floh in das damals spanische Kuba, von wo er nicht ausgeliefert wurde.

* Adolf Schandl, der wegen Raubüberfällen “saß”, brach 1971 mit drei Kollegen aus dem Gefängnis von Stein aus, im Lauf der Flucht wurde in Wien mit dem Polizeipräsidenten Holaubek verhandelt, dieser versuchte einen der Kollegen mit dem legendären Ausspruch “Kumm ausse, i bins, dei (oder: der) Präsident” zur Aufgabe zu überreden. Zwischendurch frei, versuchte Schandl 1996 aus der Anstalt in Karlau erneut einen Ausbruch, wiederum mit Geiselnahme.

* Den Briley-Brüdern gelang 1984 in Virginia (USA) der Ausbruch aus dem Todestrakt, sie wurden wieder eingefangen.

* Raymond Hamilton wurde 1934 von seinen Kompagnons Clyde Barrow und Bonnie Parker in Huntsville von einer Gefängnisfarm befreit, wurde wenige Monate später bei der Schiesserei festgenommen, bei der diese getötet wurden.

* Giacomo Casanova soll Ende des 18. Jh aus dem Gefängnis im Dogenpalast geflüchtet sein, was möglicherweise erfunden ist, wie vieles von ihm.

* Jacques Mesrine war ein Gewaltverbrecher im Frankreich der Nachkriegszeit, brach zwei Mal aus dem Gefängnis aus, war Staatsfeind Nr. 1 oder moderner Robin Hood, war oft und lange untergetaucht, auch in Amerika aktiv, wurde bei der Fahndung nach ihm erschossen.

* Gescheiterte Versuche: Juan Ramirez Tijerina sollte von seiner Ehefrau 2011 aus einem mexikanischen Gefängnis befreit werden, indem er sich beim Besuchstermin in einen mitgebrachten grossen Koffer quetschte.

In die Aussenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle, wo der RAF-Mann Sigurd Debus sass, wurde 1978 ein Loch gesprengt, womit ein Befreiungsversuch für ihn vorgetäuscht werden sollte; eine Aktion der deutschen Behörden unter falscher Flagge.

Die beiden Algerien-Krieg-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems versuchten 1971 aus dem Gefängnis in Clairvaux auszubrechen. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der bei der Stürmung durch die Polizei zwei Geiseln tötete. 1972 wurden beide dafür zum Tode verurteilt.

Der belgische Mehrfach-Mörder und -Entführer Marc Dutroux entkam 1998 für einige Stunden in Freiheit.

* Fiktive Ausbrüche in Film & Literatur:

“Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas. Ausbruch aus Gefängnis(-Insel) nach gemeiner Verurteilung als Beginn eines Rachefeldzugs; oft verfilmt

“Die Verurteilten”/”Shawshank Redemption” (1994). Buchvorlage von Stephen King

“Auf der Flucht”/”The Fugitive”. TV-Serie, dann Film. Dr. Kimble unschuldig verurteilt, bei Transport geflüchtet, um Unschuld zu beweisen. Wahre Grundlage (Samuel Sheppard), aber da kein Ausbruch

“Le Trou”/”Das Loch” (1960). Verfilmung des gleichnamigen Romans von José Giovanni, in dem es um einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnels geht; an einem solchen war Giovanni beteiligt

“Prison Break”. TV-Serie 00er-Jahre

“Der Kuss der Spinnenfrau” war zunächst ein Roman des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig (1976 erschienen, als “El beso de la mujer araña”). Der homosexuelle Luis Molina (des Kindesmissbrauchs beschuldigt) und der Kommunist Valentin Arregui (politischer Gefangener) teilen eine Gefängniszelle und flüchten in ihre Phantasie (Ausbruch im übertragenen Sinn), indem Molina Arregui Filme schildert. Dabei lösen sich “Grenzen” zwischen ihnen auf. 1985 Verfilmung von Hector Babenco, das Gefängnis darin in Brasilien. Dann auch als Musical.

“Nummer 6″/”The Prisoner”, eine britische TV-Serie aus 17 Folgen aus dem Jahr 1967, Hauptdarsteller Patrick McGoohan war auch einer der Macher (er spielte in der Alcatraz-Verfilmung den Gefängnisdirektor). Die Hauptperson beendet ihre Agententätigkeit beim britischen Geheimdienst, wird an einen abgelegenen Ort entführt und dort als “Nummer 6” festgehalten, versucht in jeder Folge, die Identität des Oberhauptes, Nummer 1, herauszufinden und dem Ort zu entkommen. Vielsagend ist, dass manche Folgen zensiert wurden, obwohl Sex und Gewalt fehlten; es ging um politische Aussagen. Vom Genre her eine Mischung aus Spionage-Thriller, Science-Fiction-Elementen, Psychodrama, Polit Thriller,…, lässt es viel Raum für Interpretationen. Fan-Seite

“Überleben is alles”/”Lock up” mit S. Stallone (1989). Ungerechte Verurteilung, sadistischer Direktor, gescheiterter Ausbruchsversuch, Mini-Aufstand,…

“Im Körper des Feindes”/”Face off” (1997): Entkommen aus Gefangenschaft nach misslungenem Identitätswechsel; extrem unglaubwürdig und plump

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Admiral, der Hitler nachfolgte

Karl Dönitz, das letzte Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs, polarisierte die Bonner Republik. Für die einen personifizierte er die “saubere Wehrmacht”, war er der Retter von Millionen Soldaten und Zivilisten, die er am Kriegsende in das Besatzungs-Gebiet der Westmächte holen liess, und Opfer der “Siegerjustiz“ in Nürnberg. Von der anderen Seite die Vorwürfe, dass er die nationalsozialistische Ideologie tief verinnerlicht habe, mit seinen Befehlen den Krieg künstlich verlängert habe, ein willfähriger Handlanger Hitlers gewesen sei – und deshalb auch von diesem in seinem Testament zum Präsidenten des untergehenden Nazi-Staates bestimmt wurde. Beim eigentlichen Untergang des “Dritten Reiches” (aber auch des Deutschen Reichs an sich), der sich nicht in Berlin, sondern in Flensburg vollzog, spielte er eine Hauptrolle.

Dönitz kam aus einer brandenburgischen Familie, die gerade in die Mittelklasse aufgestiegen war, manche erklären seine militärische Karriere vor diesem Hintergrund. Er begann in der kaiserlichen Marine, geriet im 1. Weltkrieg in Gefangenschaft von Deutschlands Marine-Hauptgegner Grossbritannien. Der Kieler Matrosenaufstand im November 1918, am Ende des Kriegs (als er in Gefangenschaft war), soll Dönitz ultrakonservativ gemacht haben. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft baute er die deutsche Unterseeboot-Flotte neu auf, wurde 1939 Befehlshaber der Unterseeboot-Flotte. 1942 wurde er in den Admirals-Rang erhoben, im Jahr darauf zum Grossadmiral und Chef der Kriegs-Marine im Oberkommando der Wehrmacht, als Nachfolger von Erich Raeder. Dönitz leitete auch das “Heranpirschen” deutscher U-Boote an die Ostküste der USA („Operation Paukenschlag“), auch wenn er sie nicht initiierte.

In der Endphase des Krieges schickte er mit seiner offensiven Strategie viele U-Boot-Besatzungen in den Tod. Seine zwei Söhne fielen in diesem Krieg als Angehörige der Marine, seine Tochter heiratete einen Marine-Offizier. Den Widerstands-Kreis in der Wehrmacht um Stauffenberg verurteilte er nach dem Auffliegen infolge des gescheiterten Attentats auf Hitler; im Nürnberger Prozess blieb er dabei, begründete es aber nun rein militärisch. Admiral Wilhelm Canaris, Leiter der Abwehr (Geheimdienst der Wehrmacht), der zu den konservativen Widerstandskämpfern Kontakte hielt, wurde im September 1944 durch Dönitz entlassen. Dönitz ordnete im Jänner 1945 die Evakuierung mit der „Wilhelm Gustloff“ aus Westpreussen (Gdynia/ “Gotenhafen”) an, das Schiff (auch Soldaten an Bord, militärische Begleitschiffe dabei) wurde ja von einem sowjetischen U-Boot durch 3 Torpedos versenkt, ca 6000 Menschen ertranken.

Gegen Kriegsende wurden zwei unter Dönitz’ Befehl stehende Kriegsschiffe von den Briten versenkt. Zu dieser Zeit brachten alliierte Heere Verwüstung und Tod in einem ähnlichen Maß nach Deutschland, wie die Wehrmacht zuvor fast überall in Europa, begünstigt durch die “Durchhaltepolitik” der faschistischen Führer. Im April 1945 wurde Dönitz von Hitler auch zum Wehrmachts-Oberbefehlshaber Nord gemacht und war daher in Plön in Schleswig-Holstein stationiert. Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg für Nazi-Deutschland längst verloren, zog sich bereits die alliierte Schlinge um Berlin. Ein Teil von Hitlers Ministern war am 20. April auf dessen Geheiss von Berlin ebenfalls nach Plön ausgewichen. Dönitz gehörte anscheinend zu jenen Machthabern, die Hitler vergeblich davon überzeugen wollten, vor der anrückenden Roten Armee aus Berlin nach Bayern auszuweichen, um dort den Krieg fortsetzen zu lassen. Es heisst, Dönitz wollte Hitler dann auch in/aus Berlin “befreien” lassen.

Am 30. 4., als die Rote Armee wenige 100 Meter von seiner Reichskanzlei entfernt war, am Tag nachdem Mussolini von Partisanen erschossen worden war, erschoss sich Hitler im Bunker der Kanzlei. Hitler soll bereits am 21. April, als sowjetische Truppen in Berlin eindrangen und Einschüsse im Führerbunker zu hören waren, zum Selbstmord bereit gewesen sein und von Martin Bormann sowie einigen Generälen davon abgehalten worden sein. Bruno Brehm: „So endete der Mann, der namenloses Unheil über die Welt gebracht hat. Nicht den Soldatentod wählte er, den er Millionen Deutschen abverlangte, sondern den Selbstmord des Verantwortungslosen.“ Im Frühling 1945 haben sich aber nicht nur viele Nazi-Führer das Leben genommen, sondern etwa 100 000 Deutsche.

Göring (der eigentlich vorgesehene Nachfolger) und Himmler waren in den Tagen davor wegen Angebot der Übernahme bzw. Kontakten zu den Alliierten vom “Führer” verstossen worden und befanden sich in Gefangenschaft bzw. auf der Flucht. Im Hitlers Testament wurden die Posten des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers wieder getrennt; Goebbels wurde darin als Kanzler (und eigentlicher Machthaber) bestimmt, als Minister viele aus der letzten Hitler-Regierung (etwa Schwerin von Krosigk als Finanzminister). Marinechef Dönitz wurde im Testament zum Reichspräsidenten (und damit Oberbefehlshaber der Wehrmacht) ernannt. Hitler tat dies auf Grundlage des “Gesetzes über den Nachfolger des Führers und Reichskanzlers” vom Dezember 1934.

Dönitz ist aber nur bedingt als Reichspräsident und letztes Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs anzusehen. Hitlers testamentarische Verfügungen bezüglich der Nachfolgeregierung gingen von einer Macht aus, die verbrecherisch errungen worden war. Die Grundlage für die Errichtung der Diktatur (und alle von ihr erlassenen Gesetze) war das Ermächtigungsgesetz von 1933; dieses war illegal in seinem Zustandekommen (Terror gegen Abgeordnete) und in seinem Charakter (widersprach Prinzipien der Weimarer Verfassung wie jenem der Gewaltenteilung). Gemäß der Weimarer Verfassung war der Reichspräsident durch allgemeine Wahl zu bestimmen, eine Ernennung durch den Amtsvorgänger war keinesfalls vorgesehen.

Bormann übermittelte Hitlers Verfügungen per Funk aus dem Führerbunker an Dönitz im Norden; nach anderen Angaben telegraphisch. Dönitz trat mit einer Rundfunkansprache über den Reichssender Hamburg am 1. Mai das Amt an, nachdem ein Rundfunksprecher den Deutschen Hitlers Tod mit geteilt hatte1, und dass der “Führer” den Grossadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt hat. Dönitz kündigte die Fortsetzung des Kampfes im Osten gegen den „bolschewistischen Feind“ an. An diesem Tag brachte sich in Berlin auch Goebbels um, samt seiner Familie, mit Zyankali, kurz bevor Einheiten der Roten Armee kampflos den “Führerbunker” einnahmen. Er hatte noch versucht (gegen Hitlers Willen), eine Teilkapitulation mit der Sowjetunion auszuhandeln.

So wurde Dönitz „Nachlassverwalter“ des Reichs; nachdem die Goebbels-Regierung nicht wirklich zustande gekommen war, ernannte er Finanzminister Schwerin von Krosigk zum Reichskanzler bzw. Leitenden Reichsminister, liess diesen eine neue Regierung zusammenstellen, auch, weil manche die Hitler in seinem Testament vorgesehen hatte, nicht verfügbar waren, abgeschnitten durch die Alliierten oder ebenfalls aus dem Leben desertiert, wie Bormann. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess sagte Dönitz, dass er mit einigen unter Goebbels vorgesehenen Ministern nicht zusammenarbeiten hätte wollen. Albert Speer, der Ende April, Anfang Mai nach Schleswig-Holstein kam, war in der Göbbels-Regierung nicht vorgesehen, wurde unter Schwerin Wirtschaftsminister. Am 3. Mai wich die Dönitz-Schwerin-Regierung vor den vorrückenden britischen Truppen nach Flensburg aus, in die Marineschule Mürwik. Dort hatte Dönitz’ Laufbahn in der Marine auch begonnen!

Dönitz und Schwerin hielten auch Ressorts, daneben gab es die sechs Minister Speer, Stuckart (hoch belastet bzw. schuldig als Schreibtischtäter, u.a. am Holocaust, dann milde bestraft), Thierack, Seldte, Dorpmüller und Backe sowie Hunderte Militärs, Beamte und Hilfskräfte, darunter Otto Meissner. Auch die Wehrmachts-Spitzen Keitel und Jodl bezogen dort Quartier. Die Führungsleute zogen auf die “Patria”, ein Wohnschiff der deutschen Marine vor Flensburg, Speer ins Schloss Glücksburg. Die Wehrmacht kämpfte noch beim Antritt dieser “geschäftsführenden Reichsregierung”, Dönitz sah dann aber ein dass sie nicht mehr in Lage war, Widerstand zu leisten, daher wurde der Plan eines Kampfes gegen die Sowjetunion bei gleichzeitiger Verwirklichung eines Separatfriedens mit den West-Alliierten (der schon von anderen Nazi-Führern am Kriegsende, wie auch etwas früher von einigen Widerstandskämpfern, angestrebt wurde) fallengelassen.

Auch die nun vollzogenen Kapitulationen waren gegen Hitlers Willen. Herrscher in Nordwest-Deutschland waren die Briten geworden. Admiral Hans-Georg von Friedeburg, der nach Dönitz Ernennung zum Reichspräsidenten zu dessen Nachfolger als Marine-Befehlshaber aufgerückt war, verhandelte in dessen Auftrag in Lüneburg mit dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery über die Kapitulation Nordwestdeutschlands sowie Dänemarks (eine der Teilkapitulationen), die am 4. Mai unterzeichnet wurde. Am 5. Mai untersagte Dönitz weitere Aktionen der Werwolf-Organisation, die in den besetzten Gebieten des Deutschen Reiches ab September ’44 Sabotage gegen alliierte Truppen verüben sollten, meist aber gegen Deutsche vorgegangen waren, die mit diesen zusammenarbeiteten. Keitel und Jodl unterzeichneten in den Tagen darauf (in Abstimmung mit bzw. im Auftrag von Dönitz) die Gesamt-Kapitulationen, kamen dann nach Flensburg zurück. Schwerin-Krosigk verkündete mit einer Ansprache über den Sender Flensburg am 7. Mai das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa und die deutsche Niederlage, Dönitz bestätigte einen Tag später dort die bedingungslose Kapitulation. Seine Regierung bestand aber über die Kapitulationen hinaus.2

Bald darauf, am 12. 5., traf in Flensburg eine „Alliierte Kontrollkommission beim Oberkommando der Wehrmacht“ ein, die die Durchführung der Kapitulationsbedingungen überwachen sollte. Zunächst bestand sie nur aus Briten und Amerikanern unter der Leitung von Brigadegeneral Foord und Generalmajor Rooks, später kamen Sowjets hinzu. Hauptquartier der Kommission wurde die “Patria”, anscheinend sind die Nachlassverwalter des 3. Reichs dann von dort ausgezogen. Der Umgangston zwischen Siegern und Besiegten soll höflich gewesen sein. Infolge kamen auch britische Truppen in die Gegend (in den ersten Mai-Tagen hatte es auch noch britische Luftangriffe auf Flensburg gegeben), das “Regierungsviertel” von Flensburg (der “Sonderbereich Mürwik”) blieb unbesetzt. Am 10. Mai musste die Dönitz-Regierung auf Druck der Engländer die Reichskriegsflagge über der Marineschule einholen. Keitel wurde nun von britischen Truppen verhaftet, Jodl von Dönitz zu dessen Nachfolger als Chef der Wehrmacht ernannt. Die Briten sorgten auch dafür, dass in Flensburg keine Todesurteile gegen Deserteure der Wehrmacht mehr vollstreckt wurden, was noch in den letzten Kriegstagen vorgekommen war.3

Das letzte Aufgebot des zusammenbrechenden Dritten Reiches zog sich also in den Norden zurück, nicht in die “Alpenfestung”. Die Reichsregierung ohne Reich amtierte weniger als ein Monat, von Anfang bis Ende Mai 1945, ihr Einfluss ging wegen der alliierten Besetzung nicht weit über den hohen Norden Deutschlands hinaus, die Briten sprachen vom “Pocket Reich”. Die Wehrmachts-Kapitulationen am 7. und 8. 5. bedeuteten eigentlich schon die Übergabe der Macht an die Alliierten, die deren Kontrollrat erst Anfang Juni “offiziell” übernahm. Wenn nicht schon der Sieg in Berlin am 2. 5., von wo die meisten NS-Bonzen geflüchtet waren. Die Alliierten erkannten Dönitz bis zum 8. Mai pragmatisch als Oberbefehlshaber der Wehrmacht und Verhandlungspartner für ihre bedingungslose Kapitulation an, bestritten danach jedoch seine Autorität als Reichspräsident; weil er diese nur auf Kopien von Funksprüchen stützen konnte und weil sie ja eigentlich einen Regimewechsel wollten.

Der in den frühen Mai-Tagen in Österreich von amerikanischen Soldaten festgenommene Göring anerkannte die Flensburger Regierung nicht. Zum Zeitpunkt der Kapitulationen wurde bereits an den Grundlagen für die künftigen deutschen Staaten gearbeitet. Konrad Adenauer wurde von den Amerikanern Anfang Mai 1945 wieder als Oberbürgermeister von Köln eingesetzt und begann auch, an der Gründung einer christlich-demokratische Partei zu arbeiten. Walter Ulbricht und andere im NS in der Sowjetunion exilierte KPD-Führer kehrten ab Ende April zurück, in die SBZ, und machten sich an die Neugründung der Partei. Die Regierung Dönitz blieb aber noch über die Kapitulation der Wehrmacht hinaus im Amt bzw. in Freiheit, ohne Einfluß und ohne Anerkennung. Am 2. Mai stellte sich Wernher von Braun zusammen mit seinem Team in Österreich den US-Streitkräften. Reinhard Gehlen tat dies am 22. Mai in Bayern.

Die Flensburger Regierung unter Dönitz bemühte sich, Wehrmachts-Soldaten in amerikanische oder britische Kriegsgefangenschaft zu bringen, sowjetischer zu entgehen, sowie deutsche Flüchtlinge aus Ost- und Westpreussen und Pommern mit der Marine über die Ostsee nach Schleswig-Holstein zu bringen. Dieter Hartwig, Ex-Marine-Offizier, Militärhistoriker und Enkel Friedrich Ruges, schrieb aber in seiner 2010 erschienen Dönitz-Biografie auf Basis von Originalquellen, Dönitz habe erst am 6. Mai den Rettungsschiffen Brennstoffreserven zur Verfügung gestellt und viele wurden sogar gegen seine Befehle gerettet. Jedenfalls kamen nun Hunderttausende Flüchtlinge/Vertriebene in den Norden (zunächst in Auffanglager), mehr als in jede andere Gegend Deutschlands. Hinzu kamen britische Internierungslager für Wehrmachtssoldaten.

Die Dönitz-Regierung verfügte auch die Auflösung der NSDAP und plante einen Wiederaufbau Deutschlands. Kanzler Schwerin wollte offenbar sämtliche Kabinettssitzungen nachholen, die in den Jahren unter Hitler ausgefallen waren. Hohe Offiziere und Beamte erfreuten sich in Flensburg an Luxus (Top-Offiziere liessen sich etwa in der Stadt neue Uniformen anfertigen), niedere an Alkohol und Sex. Albert Speer wollte seinen Posten als Minister wieder loswerden, er hielt eine Reichsregierung für überflüssig und störte sich an der Zusammenarbeit mit betrunkenen Beamten. Nach Keitel wurden auch die Minister Backe und Dorpsmüller im Laufe des Mai in Flensburg von den Briten verhaftet. Auch der NS-Ideologe Rosenberg, der ins Lazarett der Marineschule gekommen war, wurde dort verhaftet. Flensburg war im Mai 1945 ein Fluchtziel für diverse Drahtzieher des NS-Staats geworden.

Auch SS-Führer Himmler setzte sich auf der Flucht vor den Alliierten zum Rest der ehemals Hitler-Treuen im Norden ab, mit 150 Personen seines Stabes (auch Ex-Auschwitz-Kommandant Höss), kam dort am 2. 5. an, etwas vor dem OKW. Dönitz nahm Himmler nicht in seine Regierung auf, aber sein Beamtenapparat in der Marineschule und im Flensburger Polizeipräsidium half ihm, für SS- oder Gestapo-Leute falsche Papiere auszustellen. Viele von jenen, die dadurch zu einfachen Soldaten und Polizisten wurden (und den Alliierten nicht ins Netz gingen), blieben in Schleswig-Holstein und fanden in der Nachkriegszeit Anstellung im Landesdienst. Am 6. 5. nahm Himmler an einer Kabinettssitzung teil, wurde dann von Dönitz seiner Ämter enthoben (wie schon von Hitler) und verliess den Ort, mit falschen Papieren.

Am 20. Mai lief ein sowjetisches Kriegsschiff in den Flensburger Hafen ein und ankerte neben der Patria. Am 22. Mai wurden Dönitz, Jodl und von Friedeburg für 9:45 Uhr des Folgetages auf die Patria beordert. Es waren dort Ford, Rooks, und der sowjetrussische General Truskow anwesend. Rooks verlas ein Schreiben von Eisenhower, das die Geschäftsführende Reichsregierung und das Oberkommando der Wehrmacht für aufgelöst und zu Kriegsgefangenen erklärte.4 Dönitz feilschte noch um die Anzahl der Koffer, die er in die Gefangenschaft mitnehmen durfte. Währenddessen wurde nun auch das “Regierungsviertel” mit der Marineschule von den Briten gestürmt, besetzt und die dort Residierenden festgenommen. Dabei wurden Leibesvisitationen durchgeführt, nicht zuletzt, um Selbstmorde zu verhindern (wie jenen Himmlers an diesem Tag in Lüneburg), von Friedeburg gelang es aber, sich mit einer Zyankali-Kapsel das Leben zu nehmen.

Speer wurde in Glücksburg geschnappt. Dönitz, Jodl und Speer wurden noch zu Pressevorführung in den Innenhof des Flensburger Polizeipräsidiums gebracht (Foto). Sie und andere führende Militärs, Politiker, Beamte des NS-Staates wie Schwerin oder Meissner wurden auf LKWs zum Flugplatz und von dort aus nach Bad Mondorf in Luxemburg gebracht. Dort wurden die gefangenen Nazi-Größen, auch Göring, Keitel oder von Ribbentrop, unter Aufsicht der US-Armee in einem Kurhotel (Palace Hotel) interniert. In diesem „Camp Ashcan“ blieben sie von Mai bis September, ehe sie, als der Krieg endgültig zu Ende war, ins Nürnberger Zellengefängnis gebracht wurden.5

Wie das Deutsche Reich ging auch das Königreich Italien durch den Faschismus unter, König Vittorio Emanuele blieb aber über Mussolinis endgültige Entmachtung hinaus am Ruder (unter alliierter Kontrolle), trat 1946 zurück, sein Sohn Umberto wurde so für einen Monat, den Mai 1946, König, ehe die Monarchie durch eine Volksabstimmung abgeschafft wurde.

Im Hauptkriegsverbrecherprozess erschien Dönitz meist mit dunkler Brille. Sein Anwalt war Otto Kranzbühler, ein Marine-Veteran. Er reklamierte ab Nürnberg eine unpolitische, rein militärische Rolle für sich unter dem NS (ähnlich wie Speer, der sich als unpolitischer Technokrat darstellte). Die Annahme der Ernennung zum Präsidenten und die Regierungsarbeit sei erfolgt aufgrund der “Zugehörigkeit des deutschen Volkes zum christlichen Westen” und dem Streben nach der Rechtssicherheit für die Person… 1946 wurde er bezüglich Befehlen zur Behandlung von Schiffbrüchigen (Laconia-Befehl) und zum Seekrieg gegen Handelsschiffe freigesprochen (was ihn vor der Todesstrafe bewahrte), für die Durchführung des Angriffskriegs schuldig befunden. Er bekam eine Strafe von 10 Jahren Haft. Der Einsatz von KZ-Häftlinge in Werften zum U-Boot-Bau wurde ihm nicht zur Verantwortung gelegt.

Die sieben dort zu Freiheitsstrafen verurteilten (darunter auch Dönitz’ Vorgänger Raeder) wurden 1947 zur Verbüssung nach Berlin-Spandau gebracht, als der Kalte Krieg zwischen den Alliierten des Krieges schon dabei war, auszubrechen. Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1954 wurde für Dönitz, obwohl er nicht nominiert und noch in Haft war, in der Bundesversammlung eine Stimme abgegeben. Er hat sich laut Speers Memoiren in Spandau bei diesem beschwert, dass er es war der Hitler vorschlug, ihn als Nachfolger einzusetzen, wodurch er erst als “sauberer Wehrmachtsoffizier” mit der “schmutzigen Politik” in Verbindung gebracht worden sei und dadurch zu dieser Strafe gekommen. Andererseits soll er auch (vor seiner Haft, nachher) darauf herum geritten sein, als Staatsoberhaupt unrechtmäßig abgesetzt worden zu sein (in Bad Mondorf im Juli 1945 schrieb er eine Erklärung zu Kapitulation, Gefangennahme, Reich). Einerseits verteidigte er sich damit, ein “unpolitischer Offizier” gewesen zu sein, andererseits war er Hitler bis zum Ende ergeben und hat auch im Nachhinein nichts kritisches über den Nationalsozialismus gesagt.

1956 wurde er freigelassen und liess sich in Schleswig-Holstein nieder. Dönitz erhielt nur die Pension eines Kapitäns, da die Beförderungen ab der nationalsozialistischen Ausschaltung der Demokratie diesbezüglich nicht anerkannt wurden. Er schrieb zwei autobiografische Bücher, mehrere militärische. Mit Hitler und dem NS glaubte er nicht brechen zu müssen, da er nur als Offizier gedient habe. 1958 musste sich das Verteidigungsministerium von ihm distanzieren, nachdem sich Bundeswehr-Offiziere der Marine gegen die Distanzierung eines SPD-Politikers von Dönitz und Raeder verwahrt hatten. Dönitz beschwerte sich daraufhin schriftlich bei Kanzler Adenauer, der gab die Sache an Verteidigungsminister Strauss weiter, der soll Dönitz für seinen Standpunkt von der Wehrmacht, die mit NS-Verbrechen nichts zu tun hatte, kritisiert haben. Der positive Bezug auf Ex-Offiziere wie ihn fiel der Bundeswehr leichter als auf Widerständler in der Wehrmacht.

Rudolf-Christoph von Gersdorff, der den Krieg als einer von wenigen Wehrmachtsangehörigen des aktiven Widerstandes überlebte ohne aufzufliegen, scheiterte mit einigen Versuchen, in die Bundeswehr aufgenommen zu werden, am Widerstand des Adenauer-Vertrauten, Staatssekretär Hans Globke sowie Kreisen ehemaliger Offiziere der Wehrmacht in der Bundeswehr. Gersdorff wollte 1943 im Berliner Zeughaus ein Sprengstoff-Selbstmordattentat auf Hitler (sowie die anderen anwesenden Naziführer Göring, Himmler, Keitel und Dönitz) unternehmen, in Absprache mit dem Widerstands-Kreis in der Wehrmacht um v. Tresckow, scheiterte aber weil Hitler nur durch die Ausstellung hastete (es gelang Gersdorff gerade noch, den bereits aktivierten Säurezünder rechtzeitig zu entschärfen). Beim Attentat vom 20. Juli 1944 war er auch aktiv beteiligt. Konteradmiral Gerhard Wagner, einer der am 23. Mai 1945 in Mürwik verhafteten Offiziere (die nicht als Nazi-Grösse eingestuft wurden), wurde dagegen einer der führenden Leute in der Marine der BRD. Wie der erste Inspekteur der Bundesmarine Friedrich Ruge war er dazwischen im amerikanischen “Naval Historical Team”, das die Kriegserfahrung der NS-Marine gegen die Sowjetunion für die USA abzuschöpfen trachtete. Dönitz nahm gemeinsam mit Ruge (der auch sonst in der Hinsicht immer wieder herumeierte) 1960 an Raeders Begräbnis teil.

1963 trat er in einer Schule in Schleswig-Holstein auf, auf Einladung von Schülersprecher Uwe Barschel, erzählte von der NS-Zeit. Nach der Aufregung darüber, die entstand nachdem ein anwesender Journalist den Auftritt bejubelte (“Genauso, wie er im Krieg seine U-Boot-Soldaten begeisterte und zu höchsten Leistungen anspornte, zog er auch diese Jugend schnell in seinen Bann”), verübte der Direktor des Gymnasiums in Geesthacht Selbstmord. Durch den “Gegenwind” wurde Dönitz noch stärker eine Bezugsfigur für Rechtsextreme. Die Schule lud dann den Historiker Karl Dietrich Erdmann ein, um den Dönitz-Auftritt nachträglich “zurechtzurücken”. Erdmann erklärte dabei, dass (auch) Dönitz einer jener führenden Offiziere sei, die Hitler verfallen gewesen seien.

Nach Dönitz’ Tod zu Weihnachten 1980 entschied Verteidigungsminister Apel (der 1982 neue Traditionsrichtlinien erliess, die stärker mit der Wehrmacht brachen) für das Begräbnis im Jänner 1981 gegen eine Teilnahme der Bundeswehr und gegen die Erlaubnis zum Uniform-tragen von ihren Angehörigen bei privatem Erscheinen. 4000 Leute kamen zum Begräbnis, darunter Soldaten in Zivil (einige auch in Uniform) und angeblich Uwe Barschel (damals Innenminister von Schleswig-Holstein), der mit Dönitz seit dessen Schul-Auftritt in Kontakt gestanden haben soll, sowie Angehörige der britischen Marine.

Die Mürwiker Marineschule wurde nach dem Auszug der letzten Reichsregierung zunächst als Krankenhaus genutzt, dann ein Teil als Zollschule, ab Mitte der 1950er wieder von der Marine. Im 1973 erschienenem Roman „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim sind die Erlebnisse des Autors als Kriegsberichterstatter auf verschiedenen U-Booten im Hitler-Stalin-Krieg verarbeitet. Diverse ehemalige Marine-Offiziere waren nicht erfreut über die Darstellungen; auch Dönitz wird darin kritisch dargestellt. Dönitz ist übrigens bei weitem nicht das kürzest regierende Staats-/Regierungsoberhaupt (wenn man ihn überhaupt als Herrscher über das Deutsche Reich sieht, was er eigentlich weder de jure noch de facto war). Goebbels ist da mit seinem 1 Tag als Reichskanzler näher dran

 

23. 5. 1945 Flensburg, Jodl, Speer, Dönitz
Flensburg, 23. 5. 1945: Jodl, Speer, Dönitz, britische Soldaten

 

Dieter Hartwig: Großadmiral Karl Dönitz. Legende und Wirklichkeit (2010)

Peter Padfield: Dönitz. The Last Führer (2013; Englisch). Vom selben Autor: Dönitz – des Teufels Admiral (1984)

Michael Salewski, Marineoffizier in der BRD sowie Professor für Geschichte an den Universitäten Bonn und Kiel, arbeitete die Buchheim-Kontroverse in seinem 1976 erschienenen Werk „Von der Wirklichkeit des Krieges“ auf

Klaus Hesse: Das „Dritte Reich“ nach Hitler: 23 Tage im Mai 1945. Eine Chronik (2016)

Francois-Emmanuel Brézet: Dönitz. “Le dernier Führer” (2011; Französisch)

Jörg Hillmann: Der „Mythos“ Dönitz – Annäherungen an ein Geschichtsbild. In: Bea Lundt (Hg.): Nordlichter. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsmythen nördlich der Elbe (2004)

Walter Görlitz: Karl Dönitz. Der Großadmiral (1972)

Walter Lüdde-Neurath, der persönliche Adjutant des Grossadmirals in jener Zeit, berichtete mit Walter Baum über “Regierung Dönitz: die letzten Tage des Dritten Reiches”.

Joachim Fest: Der Untergang (2003)

“Eine deutsche Karriere. Rückblicke auf unser Jahrhundert.” Dokumentarfilm, DDR 1987, Karl Gass, soll empfehlenswert sein

www.youtube.com/watch?v=hNCrXc5880Q Über die Verhaftungen in Flensburg (Englisch)

www.youtube.com/watch?v=M6lvfL_2k0M&list=PL2d3cEu3bkorHNN6KetWWJndd4UdxdOT6&index=1 Dönitz in Nürnberg

www.youtube.com/watch?v=D505WKDrrHM Interview mit Dönitz und Speer 1973

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. „Bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen“
  2. Und einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen; dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren und sich nicht gegenüber der Roten Armee zu ergeben. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Tschechien, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Und, Wehrmachts-Soldaten agierten nach Kriegsende in Teilen Deutschlands unter alliierter Kontrolle als Polizei-Kräfte, auch im Nordwesten, für die Briten
  3. Im März ’45 wurde der Matrose Walter Gröger aus Schlesien, der desertiert war, in Norwegen von Marine-Richter Filbinger zu Tode verurteilt, und erschossen
  4. Den Alliierten ging es u.a. darum, den Eindruck zu vermeiden, es habe nur eine militärische Kapitulation gegeben, gegen den Willen der politischen Führung. Im 1. WK hatte es eine politische, aber keine militärische Kapitulation Deutschlands gegeben, und dies hatte die Dolchstosslegende genährt, welche auch Hitler dann politisch ausnützte
  5. Im August ’45 die Atombomben-Abwürfe auf Japan; in diesem Monat wurde auch die Wehrmacht aufgelöst