Flüchtlinge, Einwanderer & Deutschchauvinismus

AfD-Vizechef Alexander Gauland, vor der Fussball-EM, über den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng (Eltern aus Ghana/Deutschland): “Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Aufregung, Parteichefin Petry entschuldigte sich, Merkel & Seehofer u. v. A. kritisieren die Aussage scharf. Was genau eigentlich? Gauland sagt, streng genommen habe er nicht Boateng beleidigt, „sondern diejenigen, die vielleicht nicht in seiner Nachbarschaft leben wollen, wenn er nicht ein berühmter Fußballstar wäre“. Er hat ja tatsächlich nicht gesagt, ER wolle Boateng nicht als seinen Nachbarn. Er hat etwas über die Deutschen gesagt. Hat er damit etwas Falsches gesagt und damit etwas Negatives über sich/die AfD, oder was Richtiges und damit Negatives über die Deutschen?

Man ist schliesslich tolerant in Deutschland, man ist nicht in einem Land, wo irgendwer aufgrund Rasse oder Herkunft diskriminiert wird. Nein, es bekommen nur jene einen Tadel, die nicht aufgeklärt genug sind, und das aufrund der poltisch korrekten Zurückhaltung auch viel zu wenig. In Deutschland wird höchstens Machismus unter muslimischen Migranten beanstandet und setzt man sich ein für Minderjährige in aller Welt, die zwangsverheiratet werden sollen (so wie Hera Lind mit ihren Geschichten). AfD-Vorsitzende Frauke Petry hat das verstanden, so hat sie an Mesut Özil kritisiert, dass er “als Identifikationsfigur für so viele Kinder und Jugendliche” die Nationalhymne bei Länderspielen nicht mitsingt. Nein, nicht (seine) Herkunft oder Religion ist das Problem, und dass so einer im deutschen Nationalteam spielt, nicht für Petry und gaanz sicher auch nicht für das “Fussvolk” der AfD.

Die Aussprüche von Gauland über Boateng erinnern an jene von Mölzer über David Alaba in Österreich. Auch hier kann man Einiges schön studieren. Vor der EP-Wahl 2014, für die er Spitzenkandidat der FPÖ war, wurde bekannt, dass der damalige EP-Abgeordnete Andreas Mölzer in Zusammenhang mit der EU von einem „Negerkonglomerat“ gesprochen und den Staatenbund mit dem „Dritten Reich“ verglichen hat. Ausserdem, dass er, 2012, in seiner rechten Zeitschrift “Zur Zeit” unter dem Pseudonym “F. X. Seltsam” einen Artikel über den österreichischen Fussballer David Alaba (nigerianisch-phillipinische Wurzeln) verfasst („pechrabenschwarz“, könne Österreich nicht repräsentieren,…). Schrieb dort uA auch über Sizilianer (“wirklich z.T. nur 1,60 gross”).

Parteichef Heinz-Christian Strache verteidigte Mölzer zunächst; er musste dann aber umschwenken, um den neuen Chauvinismus, den er vertritt, durch zu ziehen – auch um den Preis eines offenen Konflikts mit dem Flügel der FPÖ, der noch weiter rechts steht als Strache. Alaba wurde von ihm als Integrationsbeispiel dargestellt (suggerierter Schluss: Man hat nichts gegen gut Integrierte1), Mölzer musste seine Kandidatur zurück ziehen. Dieser dann in “Zur Zeit”: “bin unschuldiges Opfer linker Kampagne, von Tugend-Terror, gibt Parallele zu Waldheim-Campaign”. Die FPÖ/BZÖ-Abspaltung REKOS unter Ewald Stadler (Rechtskonservatismus der einen christlichen Anspruch erhebt, bzw einen rechtskatholischen Einschlag hat) bot Siebenten-Tags-Adventist Alaba aufgrund seines “offenen christlichen Bekenntnisses” die Ehrenmitgliedschaft an.

Die stellvertretende AfD-Chefin Von Storch hat nach der Niederlage der deutschen Mannschaft im EM-Semifinale gegen Frankreich auf Twitter geschrieben, “Vielleicht sollte nächstes mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen?”. Was unschwer als Anspielung auf die deutschen Spieler mit Migrationshintergrund zu erkennen war. Auch in anderen Ländern Westeuropas gibt es diese “Politisierung” rund um die Fussball-Auswahl und die Migranten(kinder) darin, mancherorts offener als andernorts. Bei der Front National in Frankreich gibt’s auch diesbezüglich den Generationen-Unterschied zwischen Vater und Tochter Le Pen. Jean-Marie, für den auch der gebürtige katalanische Spanier Valls kein echter Franzose ist, hat immer wieder die aus der Karibik, Schwarz- oder Nordafrika stammenden Spieler als “un-französisch” angegriffen. Marine Le Pen dagegen heuchelt, die Diskussion um die Herkunft von Nationalspielern in ihrem Land interessiere sie nicht, Rassismus gehöre Anderen, die Spieler müssten nur Patriotismus zeigen (Hymne singen,…).

Dieser Artikel und einer der kommenden haben viele Berührungspunkte, hier geht es in erster Linie um Heuchelei bezüglich Toleranz, in dem anderen grob gesagt um die Grenzen von Meinungsfreiheit, jeweils mit Schwerpunkt auf Deutschland. Die Behauptung, dass hier niemand was zu befürchten hätte, wenn er nicht islamistisch ist, sich zu deutschen/europäischen/westlichen Werten bekennt, stimmt schon deshalb nicht, weil diese Werte unterschiedlich definiert hätten. Diverse Formen eines neuen deutschen Nationalismus’ gedeihen im Schatten von Islamismus und Asylansturm. Der Integrations- und der Islam-Diskurs bieten reichlich Gelegenheit für Identitätsstiftung und Profilierung. Es ist legitim, den Flüchtlings-Ansturm kritisch zu sehen, nur haben die Diskurse darüber oft wenig mit den tatsächlich damit verbundenen Problemen zu tun.

Widerstand gegen den Flüchtlingsansturm

Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge auf der einen Seite, Gewalt von Flüchtlingen auf der anderen; hauptsächlich Sylvester Köln 15/16 (wobei es sich um Einwanderer aus Nordafrika handelte, nicht um Flüchtlinge aus Syrien), zwei mehr versuchte als gelungene Gewalttaten in Bayern im Sommer und der Macheten-Angriff in Reutlingen.2 Bezüglich des in Sachsen verhafteten Syrers (der als Flüchtling gekommen war) kann man das halb leere (dass er anscheinend einen Sprengstoff-Anschlag geplant hat) oder das halb volle Glas (dass er von Landsleuten bei der Polizei gemeldet wurde) sehen. Die AfD profitiert natürlich von dieser Problematik, oder Götz Kubitschek, die CSU (Seehofer, Scheuer, Söder) versucht, sich zu profilieren, manch einer auf der “Achse des Guten” findet reiches Fressen vor.

Flüchtlingszustrom, Islamismus, Kriminalität vermischt sich bzw wird vermischt. (Landtags-) Wahlkämpfe werden mit dem Flüchtlingsthema geführt, und gewonnen. Die AfD schlägt vor, abgelehnte Asylbewerber und illegal Eingereiste auf Inseln ausserhalb Europas abzuschieben, fordert den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an den Grenzen.3 Die Gewinne der AfD gehen zu einem grossen Teil auf Kosten der CDU, aber auch auf Piraten und NPD; interessant wäre eine seriöse Untersuchung, wieviele von der Linken zu ihr “gegangen” sind.

Merkel war ja bestrebt, Deutschland bezüglich des Flüchtlings-Ansturms als ein vorbildliches westliches Land zu positionieren, war anfangs (letzten Sommer) Teil der Willkommenskultur für Flüchtlinge. Unmut über die Flüchtlingspolitik war/ist jedenfalls ein entscheidender Faktor bei den Erfolgen der AfD. Nach diversen Landtagswahl-Ergebnissen wurde Kritik an Merkel und ihrem Flüchtlingskurs von Landes-CDUs und CSU laut(er). Und vom rechten CDU-Flügel; dieser ist aber in höchstem Maß unsicher, inwiefern Nationalismus und Populismus in Deutschland zulässig sind, dazu noch mehr. Merkel steht offenbar vor einem Schwenk in Asyl- und Migrationsfragen. Die (v.a. gegen sie gerichteten) lautstarken Pöbeleien bei den Feiern zur deutschen Einheit in Dresden werden sie darin bestärken.

Die Führung der AfD hat diese (hauptsächlich auf Pegida zurück gehenden) Pfeifkonzerte, Sprechchöre und Krawalle gerechtfertigt. Die Alternative für Deutschland sieht sich zwar als Anti-Establishment-Partei, ist aber grundsätzlich um “Respektabilität” bemüht. Das Verhältnis zu Pegida ist umstritten; Gauland (AfD Brandenburg) etwa betrachtet Pegida als „natürliche Verbündete“ seiner Partei (FPÖ-Strache sieht das ähnlich), die AfD-Führung sieht “Schnittmengen”, viele Menschen sind in beiden Organisationen aktiv. Mit der FPÖ wurde bereits eine Kooperation vereinbart. Der Co-Bundeschef der AfD, Jörg Meuthen, hielt eine strikte Abgrenzung seiner Partei von der NPD in Mecklenburg-Vorpommerns Landtag nicht für erforderlich. Eine Zusammenarbeit kommt nun aber nicht zu Stande, da die AfD in den Landtag zwar eingezogen ist, die NPD aber gleichzeitig raus gewählt wurde. Tja, und der CDU-Europaabgeordnete Hermann Winkler hat sich für Koalitionen mit der AfD auf Landes- und Bundesebene ausgesprochen.

Kürzlich eine TV-“Doku” von Rita Knobel-Ulrich, “Ein Staat – zwei Welten? Einwanderer in Deutschland”. Es wird darin ein “hiesiges Wertesystem” voraus gesetzt und eine grundsätzliche Distanz der Flüchtlinge dazu. Daran ist ja noch etwas dran. Aber, wie oft in solchen Behandlungen des Integrations-Themas, es läuft dann darauf hinaus, dass die Distanz immer nur von den Zuwanderern geschaffen werde, die Ablehnung von ihnen käme, das Bemühen dagegen von der deutschen Gesellschaft. Dass die Kluft durch die Ablehnung der hiesigen (natürlich hehren) Wertevorstellungen durch die Immigranten entstehe. Wie unterschiedlich diese Werte definiert sein können, darum geht es noch in diesem Artikel. “Lehrer berichten”, Asylbewerber erzählen von Mobbing durch andere in Heimen (so etwas nach Deutschland importieren, tztz), auch Rabbiner Alter wird wieder herangezogen. Denn Deutschland ist ja tolerant, intolerant sind die Anderen. In Deutschland, so suggeriert es der Film, muss man sich höchstens Gedanken machen, ob man nicht zu tolerant ist, ob man nicht zu Vieles duldet. Nein, in Deutschland gibt es keine Xenophobie, nur ein naives Übermaß an Toleranz. Hautfarbe oder Andersgläubigkeit interessiert hier keinen.

Bezüglich den “Parallelwelten”, die der Film thematisiert: Natalie Rickli, Abgeordnete der Schweizer Volkspartei (SVP), hat über die in der Schweiz lebenden Deutschen gesagt: “Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse”. Auch Integrationskurse für diese werden diskutiert. Viele Deutsche auf Mallorca haben keinerlei Spanisch- oder Katalanisch-Kenntnisse, obwohl sie viele Jahre dort ansäßig sind.4 Nein, echte Integrationsdefizite in Deutschland sollen nicht damit “aufgewogen” oder relativiert werden, es geht um den Chauvinismus wie er in diesem Film mitschwingt, wo schon im Titel die “zwei Welten” zur Sprache kommen, die eine so hell, die andere so dunkel.

Knobel-Ulrich hat auch einen Film über Zwangsprostitution in Deutschland gestaltet, der sich durch Empathielosigkeit gegenüber den betroffenen Frauen auszeichnet und rigoroses Polizei-Vorgehen und strenge Gesetze als Gegenmaßnahmen anpreist; dort versuchte sie ihre Botschaft genau so verbissen rüber zu bringen. Die Nachfrage nach solchen Prostituierten bzw die deutschen Freier thematisierte Knobel nicht; ob sie deren Wertvorstellungen gestört haben?5 Auch die Geschlechter-Gleichberechtigung ist für sie dort oder sonstwo ausserhalb des Migrations-Komplexes (etwa im Hinblick auf deutsche Sextouristen im Ausland) kein Thema. In anderen Filmen und in Diskussionsrunden hat sich die FDP-nahe Knobel durch Überheblichkeit gegenüber Arbeitslosen und Ressentiments gegenüber dem Sozialstaat ausgezeichnet.

Die Artikulierung der Gegnerschaft

Knobel steht ja bei weitem nicht alleine da, das sind weit verbreitete Vorgehensweisen im gegenwärtigen Deutschland.6 “Wir Deutschen sind nur gegenüber Intoleranz kämpferisch bzw sollten es mehr sein.” Die „zurückgebliebenen Orientalen“ werden den „aufgeklärten Deutschen“ gegenüber-gestellt. “Wir sind nur gegen Islamismus” – und Boateng und Alaba? “Nur gegen Islamismus”, und es kommen Diffamierungen des neuen, Post-Apartheid Südafrikas. Früher war “Kommunismus” so ein Platzhalter. Der zur Annullierung historischer Verantwortung der Deutschen sowie Rassismus missbraucht wurde. Und heute eben oft ein als “islamkritisch” getarnter plumper Rassismus und Imperialismus. Die Tendenz geht dahin, Ressentiments zu “rationalisieren” > also, “sie sind Frauenunterdrücker und deshalb schlecht”. Dieser Deutschchauvinismus ist bei Rechts und Links verbreitet.7

Pro-Israel & Anti-Islam ist für Deutsche/Österreicher ein politisch korrekter Weg des Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit. “Überlegenheit” wird definiert, indem man dem Anderen alles Rückständige, Verwerfliche unterschiebt, nicht “Ja zu Unterdrückung” sondern “Die sind Unterdrücker”. Islamophobie besteht ja gerade darin, dass man einen Islamismus ausmacht, ihn jemandem umhängt, wo es eigentlich um etwas anderes geht. Das Grundgesetz wird gegen “den Islam” angeführt (vorgeschoben), die “westliche Wertegemeinschaft”. Klassischer Rassismus/Rechtsextremismus? Wir sind doch der goldene Westen. In Deutschland gibts keinen Rassismus.

So wie die Tirade gegen den „Islam“ von Nicolaus Fest in “Bild” in Zusammenhang mit dem Gaza-Massaker 14, wo Antisemitismus, Homophobie, Ehrenmorde vorgeschoben werden. Fest hat auch schon Plädoyers für “homogene Gesellschaften” (gegen Einwanderung, “Multikulti”) geschrieben, mit rassistischen Untertönen, sich auch Anliegen der deutschen Vertriebenen angenommen bzw versucht, diese neu zu firmieren, von PI bejubelt. Bemerkenswert ist, dass Salzborn, der zu den Vertriebenen ein anderes Lied singt, mit Fest oder Steinbach bei “gewissen anderen” Themen stark d’accord gehen wird…

Deutsche Bewältigung der Nazi-Vergangenheit fand im Zeichen des Kalten Kriegs statt, im Zeichen der Eingliederung West-Deutschlands in den Westen und der Unterstützung des zionistischen Projekts. An Reinhard Gehlens Lebenslauf ist der Weg Deutschlands vom NS an die Seite der USA und zur Zusammenarbeit mit Israel nach zu verfolgen. Gilbert Achcar spricht von einem zwiespältigen Philosemitismus, mit dem sich das westliche Nachkriegsdeutschland reinwaschen wollte und ins westliche System integriert wurde. Deutsche (und Österreicher) konnten ihre Ressentiments gegen Osteuropäer, eurozentrische Dünkel und andere Versatzstücke der NS-“Rassenlehre” umstandslos nach dem 2. WK weiter führen. Die links aufgebrochenen 60er haben immerhin genau solche Kontinuitäten in Frage gestellt. Die Verschiebung des Nationalsozialismus in den Orient ist eigentlich eine Sache der jungen Vergangenheit.

Auch vormalige Nazis haben ihr politisches Engagement im Nachhinein gerne als “im Dienste eines Westens” deklariert. Etwa Arthur Rudolph, der an der Arbeit an der V2 mit von Braun entscheidend beteiligt war, nach der Kriegs-Niederlage in der USA die Arbeit an Raketen fortsetzen konnte.8 Zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft erklärte Rudolph gegenüber US-Behörden: “…Die große Zahl an Arbeitslosen bewirkte eine Ausweitung von nationalsozialistischen und kommunistischen Parteien. Aus Angst vor der Machtergreifung der Kommunisten trat ich der NSDAP bei. Ich glaubte an die Erhaltung der westlichen Kultur…”. 9 Auch Karl Dönitz hat zu seiner Rechtfertigung etwas über die “westliche Zivilisation” gesagt.

Deutschland hat ein neues Nationskonzept benötigt mit Wiedervereinigung, Ende Kalter Krieg, Übergang zur Berliner Republik (der mit dem Beginn der Islamkrise ziemlich zusammen fiel). Und der Bezug auf das “christlich-jüdische Abendland” reicht nicht aus. Neuer Patriotismus? Man darf wieder rechts sein in Deutschland, man muss nur die Welt richtig in gut und böse auf zu teilen, so wie es Broder vorzeigt. Deutschland auf dem Weg, wieder eine Grossmacht zu werden? Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind alle noch im Rahmen von internationalen Projekten, da ist nichts selbst-initiiertes dabei. Das geschieht noch unter Kontrolle der Anglo-Mächte. Zur Entsorgung des NS werden gerne Israel (“Solidarität”) und Islam (Verschiebung) verwendet. Auch das Entstehen diverser neuer Rechtsparteien in Deutschland in den letzten paar Jahren (von Die Freiheit über PaxEuropa bis zu den Pro-Parteien) zeugt von einem Aufbruch.

Was ein neuer deutscher Nationalismus sein bzw beinhalten darf – und was nicht… Es gab auch schon Diskussionen um eine neue Rechtspartei für die Anhänger von Thilo Sarrazin und Erika Steinbach. Steinbach vom rechten CDU-Flügel ist wegen Vorstössen bzw Verstössen immer wieder in der Defensive. Dass sich in der CDU der “linke Nationalismus” (man ist aufgeklärt und Intoleranz ist Merkmal der Anderen) durchgesetzt hat, wird von Leuten wie ihr auch als „Schwenk nach links“ kritisiert. Die frühere Präsidentin des Vertriebenenbundes hatte auch schon Verständnis für die Pegida-Demonstrationen geäussert; CSU-Scheuer hat das auch p.c. versucht, über die “Sorgen dieser Menschen”. Wie schwer sich gerade Kanzlerin Merkel mit Nationalismus tut, hat deutlich ihr Umgang mit der deutschen Fahne gezeigt, den sie bei der CDU-Wahlfeier 2013 gezeigt hat; Tote Hosen-Song ja, Fahne nein.

Was die Definition der Nation bzw von Identität über Rasse und Abstammung betrifft, so gibt es hier eine Verschiebung zu (vermeintlichen) kulturellen Merkmalen wie auch Versuche der Rehabilitation des Konzepts. Sarrazin ist hier eigentlich vor “Tabus” zurückgeschreckt; er hat zwar Vererbung thematisiert aber nicht direkt im Zusammenhang mit Nation und Rasse. Man kann es aber auch so sehen, dass er einen Umweg ging und das Rassekonzept (das weitgehend diskreditiert ist) an sich rehabilitieren wollte. Auch Sarrazin hat aber hauptsächlich kulturalistisch argumentiert, nicht von der “Minderwertigkeit anderer Rassen” geschrieben sondern von der Minderwertigkeit anderer Kulturen. Ja, AfD-Petry hat kürzlich (zu “Die Welt”) den Begriff “völkisch” verteidigt.

Im Kulturalismus sind Deutsche/Westler an sich aufgeklärt und von daher Anderen überlegen; den “Nicht-Weissen” wird meist (theoretisch) “zugestanden”, dass sie dieses Stadium erreichen können wenn sie sich von „ihrer Kultur“ emanzipieren. An westlichen Werten soll die Welt genesen. Wir stehen für Fortschritt, sie für Rückschritt. Und wer genau “wir” und “sie” sind, da wird’s interessant. Also ob zB ein Boateng zu den Deutschen und somit zu den Westlern zu zählen ist. Oder ein Obama zu den Amerikanern. Oder ein Aborigine zu den Australiern. Tja, und für Manche wirds schon bezüglich Südeuropa oder Osteuropa problematisch (diese dazu zu zählen)…

Nach dem Amoklauf eines WASPs in der USA vor einigen Monaten rief Obama nach strengeren Waffengesetzen. Diverse neo-rechte Kreise, zB “republicbuzz”, “jihadwatch”, reagierten darauf, Obama als „Mulatte“ dar zu stellen, der damit „christliche Ziele“ angegriffen habe. Sie konstruierten also einen Widerspruch zwischen “Christentum” und seiner “Rasse”. Abgesehen davon wurde angebliches Lob von IS herangezogen um die Tat mit dem Islam in Verbindung zu bringen. Mit dem Verweis auf Islam und Islamismus lässt es sich leichter rechtfertigen, sich als überlegene Herren und Andere als zu zivilisierende Objekte auszuweisen. Dass man als Christ nicht unbedingt zur “christlich-jüdischen Zivilisation” gerechnet wird, wenn man zur falschen Rasse, Nation oder Kultur gehört, das müssen auch andere erfahren, nicht zuletzt Christen aus der islamischen Welt oder in Schwarzafrika.

Der “Kampf der Kulturen” ist definitiv rassisch konnotiert, trotz aller Nebelgranaten. Das machte schon Huntington in seinen Ausführungen klar (darüber hier etwas), dafür sorgt schon die Kontinuität aus dem Kolonial-Rassismus und dem faschistischer “Rassenkampf”. Das Rechtfertigen imperialistischer Ziele mit “Menschenrechten”, das “Wir wissen was für euch gut ist”, das sich selbst in einer Mission sehen als Herrschaftsinstrument, ist alt und wurde oft angewendet. Etwa in der Unterwerfung des Kongo durch Belgier oder im Krieg der Franzosen und Spanier gegen die berberischen Marokkaner unter Abdelkrim.

Die Behauptung von einem Zusammenprall der Kulturen funktioniert so wie der Rassismus und statt gegen die Mischung von Rassen wird nun gern gegen die Mischung von Kulturen gehetzt. Mal ist ja nicht Integrationsverweigerung und Verbleib in der eigenen/alten Kultur das Bedrohliche, sondern Vermischung und Integration (das Gegenteil). Karup von der Dänischen Volkspartei (DF) rief etwa dazu auf, Zuwanderer nicht zu integrieren, sie sollten in Lagern bleiben, würden sonst Dänen nur Arbeitsplätze weg nehmen und anderswie gefährden. Auch alle Formen der Apartheid wollen ja gerade Parallelgesellschaften erzwingen und Integration vermeiden, sehen diese als Gefahr…

Die Rechte und ihre Botschaften

Auch die Rechte ist heute grossteils so ausgerichtet, dass sie Rassismus in verschlüsselter Form auslebt, sich selbst auf der Seite einer fortschrittlichen Kultur verortet und Ressentiments gegenüber “Feindgruppen” aus deren “Rückständigkeit” heraus argumentiert. Dieser Fortschritts- bzw Toleranzchauvinismus hat sich zumindest bei den westeuropäischen Rechtsparteien durchgesetzt, in den letzten 10 Jahren. Die Ablehnung von Flüchtlingen wird dort nun so dargestellt, dass man ja auf der Seite der Menschenrechte stehe, dass Flüchtlingen Islamismus und Terrorismus unterstellt wird, dass man um den Erhalt der hiesigen (fortschrittlichen) Kultur besorgt sei. Bei der äussersten Rechten im Westen und den osteuropäischen Rechten hat sich dieser Chauvinismus noch nicht durchgesetzt; die NPD nennt aber inzwischen auch Asylmissbrauch das Übel. Eigentlich besteht das Problem für sie ja grundsätzlich darin, dass Leute aus gewissen Ländern/Gegenden nach Deutschland kommen, egal aus welchen Gründen.

Statt mit Rasse und Ethnizität zu operieren, kann man jetzt Kultur bzw Islamismus vorschieben, so kann man sich schmücken mit den Federn des Aufklärers, kann das Nazi-/Faschismus-Stigma des “alten” Ethnochauvinismus entsorgen, kann man ganz anders ausgrenzend wirken, kann auch der kleine Mann auf Kreuzzug gehen. Was die FPÖ betrifft, bei ihr wurde Mitte der 00er-Jahre des 21. Jahrhunderts aus einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit eine spezielle Muslimfeindlichkeit10, ähnlich wie bei anderen west-europäischen Rechtspopulisten. Diese hat den Vorteil hat, dass man sie scheinbar rationalisieren kann (“Wir sind besorgt wegen Fundamentalismus, um unsere Kultur,…”). Die FPÖ wandelte sich im Zeitalter der Islamophobie so, als ob sie jemals für Zuwanderung bei guter Integration gewesen sei, und versucht(e), Ex-Jugoslawen (besonders Serben) gegen Moslems sowie Kurden gegen Türken auszuspielen. Klassische rechte Positionen wie “Überfremdung” wurden mit dem antiislamischen Mainstream in Einklang gebracht (etwa „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“), Islam und Moslems als das Andere verortet, dessen Merkmal Rückständigeit sei.

Ein Zwischenschritt am Weg zur “Umarmung” der Serben und “Anerkennung” der Osteuropäer war bei der FPÖ die Akzeptanz der österreichischen Minderheiten wie den Kärntner Slowenen. Zum Plakatslogan im Wiener Wahlkampf 2010 „Mehr Mut für unser Wiener Blut – Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ führte Parteichef Strache aus, “Wiener Blut” habe immer Anteile aus Osteuropa gehabt.11 In Programmen und im Verständnis der FPÖ ist das “Abendland” homogen, steht der “Islam” ausserhalb, sind die Linken eine zersetzende Kraft im Abendland, Kollaborateure des Islam. Man steht zum “Westen” und seinen Werten, man ist Teil davon, es geht nicht mehr um eine deutsche Vormachtstellung oder eine Ummodelung der Systeme, die Bekämpfung diverser Zustände im Westen wird nun anders deklariert.

Man ist Kämpfer gegen totalitäre Ideologien, leistet Widerstand gegen Appeasement, hat den Mut zum Ansprechen, spricht von einer „kulturellen Identität“ für die es zu kämpfen gelte, man geht mit der Zeit. Der rechte Rand der Mitte sowie Rechtsaussen konnten mit Islamophobie eine Frischzellenkur machen, aus ihrer Malaise heraus kommen, neu definieren bzw um-firmieren wofür sie eigentlich stehen. Für die “Weltwoche” (und Andere) ist Antiislam Neuerfindung und Brücke zu den Linken. Stoiber, der wegen seiner Rede von der “durchrassten Gesellschaft” unter Kritik kam, hat versucht, das mit eifrigem Anti-Antisemitismus und Homosexuellen-Inschutznahme “auszugleichen”. Auch der österreichische Neokonservative Christian Ortner (Forderung nach Aufhebung NS-Verbotsgesetz, frauenfeindliche Untertöne, Gegeifer gegen Linke auf wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet,…) nutzt die eine oder andere Möglichkeit, sein rechtes Programm zu schmücken.

Auch Juden wurden positiv affirmiert, werden “in Schutz” genommen. Antisemitismus entstehe durch linke Toleranz für Zuwanderung. Strache hat etwa, wie hier erwähnt, in einem Wahlkampf versucht, die Ausländerfeindlichkeit seiner Partei mit seinem neuen Philosemitismus aufzuwiegen bzw dadurch zu verdrängen, mit Hilfe seiner Ursula Stenzel. Strache hat auch versucht, die SPÖ-Politikerin Staatssekretärin Muna Duzdar mit dem Islamismus/Terrorismus-Vorwurf zu diffamieren, politisch korrekt pro-israelisch. Er behauptete, die palästinensisch-stämmige Duzdar habe als Funktionärin der Palästinensisch-Österreichischen Gesellschaft Leila Khaled eingeladen. Duzdar hat ihn dafür geklagt. Wo waren da eigentlich Jene, die immer vorgeben, sie setzten sich für die Rechte von Frauen im und aus dem islamischen Raum ein?

Antijudaismus ist bei den westlichen Rechten verschwunden, Islamophobie wurde ein zentraler Programm-Punkt. Es gibt auch schon einige junge Rechtsparteien, die gar kein Antisemitismus-Erbe haben, die im neuen Jahrtausend entstanden, wie jene von “Pim” Fortuyn (LN, LPF) oder Geert Wilders (PVV), oder auch die AfD. Und die alten, wie FPÖ, Front National oder Vlaams Belang, haben sich entsprechend gedreht. Abgesehen von der Heuchelei und den doppelten Standards dabei: gerade Wilders hat viele altrechte Anhänger und Verbündete (zB FPÖ, Pegida) und er hält sich nicht ganz an die Grenzen des erlaubten Rechtsextremismus. Besonders hingebungsvoll und offensiv vertreten Rechte den Philozionismus, nicht zuletzt jene im deutschsprachigen Raum. “Antisemitismus” entsorgt man auch dadurch, indem man ihn zuweist, an die ausser-europäischen Rückständigen.

Bei der Bewunderung für Israel geht es um Legitimation für Rechtes an sich, Entsorgung der eigenen Vergangenheit (auch des Antisemitismus), um die zionistische “Zivilisierungsmission” gegenüber Nicht-Europäern, seine militärische Durchschlagskraft, einen nationalistischen Charakter, von dem man in Europa nur noch träumen kann, eine harte Hand gegenüber den Unterworfenen (Palästinensern). Israel-Begeisterung auf der Rechten (im Westen) gab es auch lange vor der Islamkrise, aus den selben Motiven wie heute. Die “Jerusalemer Erklärung” der Rechtsextremisten-Führer Strache (begleitet u.a. von Mölzer), Wilders, De Winter, Stadtkewitz, Ekeroth auf ihrer Solidaritäts-Reise 201012 wurde im “anti”deutschen Blatt “Bahamas” bejubelt (vom Selben, der auch die EDL gelobt hat); eine Rechte ohne Antisemitismus (bzw mit Pro-Israel) ist ja eh nicht schlimm – eine deutsche Lösung.

Nicht nur bei den Rechtsextremen wird versucht, NS-Bewältigung über Philosemitismus/-zionismus zu vollziehen und eine politische Agenda damit zu legitimieren. Monika Göth, Tochter von Amon (Leiter des KZ Plaszow), bekämpft ihre Familienlast mit einer offensiven Israelliebe; bei Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), sein Vater war bei der SS, ist es ähnlich, er kleidet seine Aktivität in ein wissenschaftliches Gewand. Missfelder war der typische deutsche Rechtskonservative, der sich mit aggressiver Israel-Apologetik zu profilieren trachtete (und Akzeptanz für seine Agenda zu gewinnen), mit inquisitorischen Antisemitismus-Vorwürfen ggü der Linken bzw den Wenigen dort, die auch bezüglich “Nahost” universalistische Maßstäbe anlegen. Als Kristina Köhler (Schröder) 09 einen Artikel für die “Jerusalem Post” über „Antisemitismus in Deutschland“ schrieb, verlor sie kaum ein Wort über Neonazis, brachte statt dessen den deutschen Zuwanderungs- /Integrationsdiskurs bzw ihre Haltung dazu hinein. Dass in Deutschland einer einen Rechtskonservatismus ohne schrilles Pro-Israel und Anti-Islam versucht, ist selten, Eckhard Jesse tut das etwa (er hauptsächlich durch Abgrenzung von Linksextremen).

Israel als Verbündeter/Retter/Beschützer des Westens, als Vorposten des Abendlands in einer “dunklen” Region (das bezieht sich durchaus auch auf “rassische Merkmale”), der glorreiche Bezwinger der Wilden, der Nationalismusersatz, das Alibi für rechte Agenden. So unterschiedlich die osteuropäischen Rechtspopulisten/-extremen von den westeuropäischen auch sind, die Bewunderung für Israel findet sich auch dort. Etwa in der Ukraine; die wohl rechteste der anlässlich des Euromaidan neu entstandenen Parteien, ist die Swoboda (“Freiheit”), von der sich sogar die ebenfalls sehr rechte Prawy Sektor abgrenzte. Internationale jüdische Organisationen zeigten sich zwar besorgt (um Juden in der Ukraine) und das Simon Wiesenthal Centre listete Swoboda mal in ihrer Top-Antisemiten-Liste. Swoboda-Vorsitzender Tyahnybok spricht aber warm über Israel, traf sich mit dessen Botschafter. Partei-Pressesprecher Oleksandr Aronets pries Israel als einen der nationalistischsten Staaten der Welt.13

Rechtspopulistische Parteien umwerben mit Anti-Islam-Rhetorik auch jüdische Wähler (vor allem die Front National in Frankreich), sind für viele von ihnen damit attraktiv. Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, der russische Rabbiner Pinchas Goldschmidt: „Ich nehme an, dass höchstwahrscheinlich ein nicht unwesentlicher Teil der jüdischen Gemeinschaft in Österreich bei der Präsidentenwahl für (FPÖ-Kandidat) Hofer gestimmt hat“. Goldschmidt kritisierte jüdische Wähler rechtspopulistischer Parteien wie auch deren Zugang, Moslems pauschal als “gefährlich” dar zu stellen und Juden zu signalisieren, man werde sie vor diesen retten. Wolfgang Fuhl dagegen ist ein Jude in Deutschland, der für die AfD aktiv ist. Er begründet seine politische Linie mit “Ängsten” bezüglich Moslems, mit Demonstrationen in Deutschland gegen das Gaza-Massaker 14. Die AfD diskutierte, sich gegen rituelle Beschneidungen von Buben auszusprechen, tat es dann aber nicht, wahrscheinlich mit Rücksicht auf Juden. Beliess es bei der Forderung nach einem Schächt-Verbot. So leicht ist es gar nicht, Moslems zu treffen und Juden zu “verschonen”.

Auch vorgeblich linke, emanzipationsgläubige „Westler/innen“ sind oft nicht ganz frei von Doppelmoral und rassistischem Gedankengut. Nicht immer ist das so krass wie bei den “Anti”deutschen. Bei Osten-Sacken kann man den Übergang von der negativen Deutschtümelei zur ziemlich offenen positiven deutlich erkennen. Linke Fremdenfeindlichkeit ist immer politisch korrekt, Antisemitismus, Homophobie, und auch westlicher Rechtsextremismus werden zugewiesen bzw abgewälzt (normalerweise auf “den Islam”), um Deutschland und den Westen rein zu waschen. Wenn Hartmut Krauss, einer der Scharfmacher der linken Islamophobie in “Gross-Deutschland” (Österreicher und Deutsch-Schweizer übernehmen so was gerne) von der “Dekadenz der deutschen Aufnahmegesellschaft” redet, ist er nicht so weit von Inhalten von Islamisten, des vermeintlichen Gegenpols, weg.

Politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit und Rassismus funktioniert in Deutschland auch bei der Linken über Israel. Sich pro-isrealisch geben bzw es sein, um rassistisch agitieren zu können. Nicht nur Rechte, auch (Pseudo)linke  haben diese Option, nehmen sie in den letzten 15 Jahren war. Auch hier sind Nazi-Komplexe und der Wunsch nach einem Ersatz-Nationalismus im Spiel. “Israel-Unterstützung” dient auch hier der Diffamierung Anderer und der eigenen Immunisierung und Profilierung. Der österreichische Grüne Marco Schreuder, ein Protzbischof des linken Chauvinismus’ in Österreich, stellt sich, mit seiner Homosexualität, gerne in eine unausgesprochene Opfergemeinschaft mit Juden; mit der Thematisierung des Holokausts versucht er Andere moralisch herabzusetzen, nicht zuletzt Kritiker israelischer Politik (hauptsächlich über soziale Medien).

Widersprüche und Heucheleien

Der Deutsch-Japaner “Blumio” hat in einem seinem “Rap da News”, zur Diskussion um ein Burka/Burkini-Verbot in Deutschland, einige gute Punkte gehabt, zu Themen die weniger dieses Verbot selbst betreffen (ich bin eher dafür): Die CDU, so Blumio, hat Angst, dass die AfD ihr den Rang abläuft, nennt Jens Spahn (schwul, katholisch, rechts). Die CDU kommt hier mit Frauenrechten, “soll ich ihr Glauben schenken?” “Wir sind die Frauenrechtler, es ist da zu wenig nackte Haut”. “Ob ein Mann dich zur Burka oder Strapsen zwingt…” Der ZWANG zum Tragen einer Burka, so Blumio, ist bereits verboten. “Politiker die auf Stimmenfang bei Rechten sind, sind eine viel grössere Gefahr als eine verschwindend kleine Minderheit”. Und: “Warum poltert ihr nicht auch mal zum Sozialabbau?”

Stichwort Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft: Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen wird bevorzugt bei Moslems skandalisiert, man (weisse Männer wie Samuel Schirmbeck) beschäftigt sich lieber mit der Rettung brauner Frauen und der dezenten Dämonisierung brauner Männer. Und beruft sich dabei auf Frauen wie Ayaan Hirsi-Ali oder Sabatina James14, lieber als auf Amina Sboui, Naika Foroutan, Schirin Ebadi oder Houria Bouteldja. Auf der anderen Seite aber, Broder & Co ja für unverdorbene Männer, echte Männlichkeit, gegen die Verweichlichung der Gesellschaft und gegen linke Schlampen (seine Wörter). Der Ex-Linke Jan Fleischhauer ist zwar Merkel-Fan, sieht sich aber auch als Männerrechtler, ähnlich verhält es sich mit seinem “Spiegel”-Kollegen Matussek.

Feministinnen schwächen europäische Männer, heisst es dann, so wie “Gutmenschen” Landesverräter sind, aber ihren “Liberalismus” vereinnahmt man doch wenn es um die Zurückgebliebenheit der Orientalen geht. Sogar die Altrechten können auf diesen Zug aufspringen, auch wenn sie Frauenemanzipation, Orientalen (Männern wie Frauen) und “verweichlichten Männern” gar nichts abgewinnen können.15 Die Sylvester-Übergriffe von Köln wurden von u.a. von Wilders dankbar thematisiert, zur Bestätigung für die eigene Überlegenheit, aber: Der Sherbini-Mord wurde u.a. von PI-Kommentatoren bejubelt. Und, ein Nigerianer, der vor Boko Haram nach Italien geflohen war, wurde dort zu Tode geprügelt, als er seine Frau gegen einen rassistischen Angriff verteidigte. AfD stöhnt über “Genderwahnsinn”, Strache lädt Eva Herman zu einem Vortrag.

Oder Religion. Eine Re-Religionisierung des Abendlandes anstrebenswert oder aber das Schreckgespenst. So oder so sind Moslems der Gegner, die “Avantgarde” der religiösen Rückständigkeit oder die Gegner des hiesigen Christentums. Beides ist im Grunde legitim, die Gegnerschaft zu Religiosität wie eine Besinnung auf die hiesigen, eigenen religiösen Wurzeln. Es ist aber auch hier viel Heuchelei und Naivität im Spiel. Zum Beispiel, wenn aufklärerische Religionskritik vorgegeben wird, aber eigentlich etwas Anderes getroffen werden soll und es um bestimmte Feindbilder geht, unabhängig von ihrer tatsächlichen Religiosität.16

Säkularismus verhindert nicht Kriege, Faschismus, Diktatur, im Gegenteil –  Hitler und Stalin etablierten beide areligiöse Systeme17. Auch in der islamischen Welt sind Säkularisierung und Säkularismus nicht die Allheilmittel. Im späten Osmanischen Reich und der frühen Türkei waren es die säkularen (und umso nationalistischeren!) Jungtürken und Kemalisten, die für den Völkermord an den Armeniern und extrem minderheitenfeindliche Politik verantwortlich waren – und nicht Islamisten oder die religiös orientierten osmanischen Sultane.

Das sind sie, die zwei Chauvinismen: “Pegida wird von 85% der Deutschen abgelehnt” – “Pegida und ihre Anliegen werden von politisch-korrekten Gutmenschen diffamiert”. Dem entspricht, dass die Fortschrittlichkeit des Westens und die Rückständigkeit des Orients immer anders definiert wird. Die Ablehnung liberaler Werte oder der Chauvinismus mit diesen Werten. In der einen Sicht ist Deutschland ja das toleranteste Land der Welt (bzw sollte es sein), wo niemand aufgrund Herkunft oder sexueller Orientierung diskriminiert wird (Engstirnigkeit etc Merkmale der Anderen); in der anderen beginnt das Verderben ja genau damit, dass Boateng oder Özil im deutschen Nationalteam spielen oder jemand wie Özkan in Niedersachsen Landesministerin wurde. Dem entsprechen in Österreich Alaba und El Habbassi.

Für Manche ist nicht Integrationsunwilligekeit unter Einwanderern das Problem, sondern die Einwanderer an sich. Das genuin Deutsche ist entweder durch “intolerante Einwanderer” bedroht oder aber durch Toleranz ggü Einwanderern, durch die “politisch-korrekte linke Meinungsdiktatur”; das sind die linke und die rechte Variante. Fortschrittschauvinismus und konservativer Chauvinismus, Deutschland/Europa muss zeigen wie gut es ist oder aber sich wehren. In beiden Varianten steckt ein Deutschnationalismus.

Bezüglich Lust und Sexualität verhält es sich genau so. Die eine Selbstdefinition des Westens als lustvoll, freisinnig, (ist er aber nicht)…, tolerant und aufgeklärt sowieso, im Gegensatz zum verklemmten, lustfeindlichen Orient/Süden. Oder aber dieser so lustig-undiszipliniert-tierisch, die Leute (von) dort solche Lustmolche. Und unsere eigentliche Kultur stehe im Gegensatz dazu, und Empörung bei “Paarungen” von “Hiesigen” mit Jenen. Wenn etwa das Fellner-Blatt “Österreich” über “Drogen-Orgien und Sex-Parties” in Islam-Kindergärten in Wien berichtet…

1996 wurde in Berlin an den Rathäusern von Schöneberg, Tiergarten und Kreuzberg das erste Mal die Regenbogenfahne (ein Symbol für Homosexualität) anlässlich des Christopher Street Days und des Lesbisch-Schwulen Stadtfestes gehisst. Der damalige Berliner Innensenator Jörg Schönbohm versuchte über mehrere Jahre hinweg erfolglos, das Setzen der Fahne in den Berliner Bezirken zu verhindern. Dieser manchmal Berliner Flaggenkrieg genannte Konflikt bringt auch die zwei Spielarten von Deutsch-/Westchauvinismus auf den Punkt. Auf der einen Seite der Standpunkt von Schönbohm vom rechten Flügel der CDU, auf der anderen Seite die Schwulenrechtsbewegung und jener Teil von ihr, der die Welt “emanzipieren” will, mit Tjark Kunstreich, Elmar Kraushaar, Klaus Lederer, “Alex” Gruber, Marco Schreuder.

orf.at empörte sich kürzlich, dass eine Lesben- und Schwulenparade in Istanbul verboten wurde. Das findet aber nur ein Teil seiner Leser empörenswert, der andere eher beispielhaft. Und, es beginnen nicht erst in der islamischen Welt diesbezüglich andere Zustände. In Polen hat vor einigen Jahren die Abgeordnete Ewa Sowinska von der nationalkatholischen LPR (Liga polnischer Familien) eine offizielle Untersuchung gefordert, weil sie die “Teletubby”-Figur “Tinky Winky” für schwul hielt. Die Idee stammt anscheinend vom verstorbenen evangelikalen US-Prediger Jerry Falwell. Auch forderte sie den Ausschluss Homosexueller aus gewissen Berufen. Manch einer von hier schaut eifersüchtig dort hin, wo so etwas noch möglich ist. Die FPÖ nahm für Putin Stellung, trifft sich mit diesem und Le Pen (Vater)18 in Einigkeit gegen die „Homosexuellenlobby“.

Akif Pirincci brachte das Buch “Die grosse Verschwulung” heraus, Schwule stecken bei ihm mit Moslems unter einer Decke, welche wiederum mit Islamisten gleichgesetzt werden. Mit seinem Gerede von der drohenden “Umvolkung” hat Pirincci manche Deutsche entzückt, u.a. Henryk Broder, auf dessen “Achse des Guten” er prompt landete. Broder, der auch gerne über “degenerierte schwule, impotente Männer” in Europa schreibt. Dass Homosexualität positiv affirmiert wird, ist eben nur in der einen Variante der Islamophobie so.

Wenn es, bezüglich Homo- oder Transsexualität, heisst, “Spätestens nach der Islamisierung ist damit Schluss”, kann das bedeuteten, “Das würde euch recht geschehen und wir werden euch vor den Islamisten beschützen müssen”19, oder “Wir kämpfen dafür dass es nicht so weit kommt, sind die Guten”. Dort, wo sich Schönbohm und Kunstreich treffen, da wird’s ja interessant… Die Gegenpositionen können eng beieinander liegen. Der deutsche Evangelikale Medforth ist etwa mit dem serbo-nationalistischen Blogger Bozinovic verbunden; bei diesem werden moslemische Leute als homosexuell diffamiert, während Medforth eine westliche/christliche Toleranz gegenüber Schwulen preist und eine diesbezügliche islamische Intoleranz anprangert.

Ein Segment der Hardcore-Zionisten (auch) in Wien versucht, den Zionismus/Israel als linksliberal zu affirmieren, als soo grosszügig, natürlich im Gegensatz zur bösen, dunklen Region; zB der “Kibbutz Club” (“Schwul, lesbisch, unkoscher”). Auf der anderen Seite zB der national-religiöse Zionismus. Als vor einigen Monaten ein national-religiöser Jude bei einer Homosexuellenparade in Jerusalem sechs Menschen niederstach (1 Toter; kleine Meldung bei orf.at u.a.), wurde der Hintergrund des/der Täter(s) im Kreis des äussersten zionistischen Rechten vermutet, bei JDL und Kach. Die selben Organisationen sind für Brandanschläge auf Palästinenser im Westjordanland (1 Toter) und das Benediktinerkloster Tabgha am See Genezareth verantwortlich.20 Auch hier sind die Gemeinsamkeiten der Fraktionen das wirklich Interessante, zwischen den Regenbogenfahnen-Zionisten mit den Thora-Uzi-Zionisten…21

Polens Aussenminister Waszczykowski (PiS) hat benannt, was die abendländische Gesellschaft seiner Meinung nach bedroht: Vegetarier, Radfahrer und Rassenmix. Rechte in Osteuropa sehen den postmodern dominierten Westen oft als jene Kultur, aus der eben das Dekadente, Schwule, Verdorbene kommt, Osteuropa als gläubiges christliches Bollwerk gegen den Islam. Teile der westeuropäischen Rechten sehen etwas sehnsüchtig darauf, auf jene die noch nicht angekränkelt sind von der “westlichem Selbstkritik” – als Alternative zu dem von den Linken übernommenen Toleranzchauvinismus (man ist aufgeklärt und Unaufgeklärtheit ist Merkmal der Anderen). Ob Russland Teil dieses Europas ist (oder schon zu orientalisch), ist in diesen Kreisen schon umstritten.

Im linken Deutschchauvinismus und der linken Islamophobie sind Frauenemanzipation, Rechte des Einzelnen, Areligiosität, Überwindung Nationalismus, Anti-Machismo, Toleranz,… Errungenschaften der abendländischen Gesellschaft, die es in erster Linie von Moslems gefährdet werden. “Rassenmix” ist hier ebenfalls irgendwie gefährlich. Nationalisten und Religiöse in Osteuropa sind quasi eine Zwischenstufe zum Islam in ihrer Rückständigkeit. Der Unterschied zu den Moslems bzw Islamisten soll hier durch die untergeordnete Rolle von Religion an sich her gestellt werden.22 Das “sie sollen sich anpassen” haben beide, woran sie sich anzupassen haben, das wird unterschiedlich definiert.

Waffenbesitz ist für die AfD legitim und gut, zur “Verteidigung” gegen Muselmanen & Konsorten, für linke Islamophobe/Toleranzchauvinisten dagegen Ausdruck orientalischer/südländischer Rückständigkeit. Gegen den Export deutscher Rüstungsprodukte in alle Welt haben übrigens auch sie nichts.23 Ähnliches gilt für den Umgang mit (vermuteten) Kriminellen – hartes Durchgreifen ist entweder ein Zeichen von (orientalischer) Rückständigkeit oder notwendiges Aufräumen mit linker Weicheiigkeit (wenn Trump etwa Saddam lobt, unter diesem seien Terroristen nicht ihre Rechte verlesen worden…). Oder: Einerseits soll Sklaverei auf die Moslems abgewälzt werden, andererseits versucht man Apologetiken für die Sklaverei.

Querfronten

Zu den, ebenfalls mit Widersprüche und Heucheleien behafteten, Topoi des Diskurses über Zuwanderer und andere Kulturen gehört auch die Herstellung der Verbindung Islam(ismus) mit europäischem Faschismus und Rechtsextremismus bzw der Versuch der Entsorgung des zweiteren über erstere. Auch Rechte haben das übernommen – dort gibt es diese fliessenden Übergänge zwischen dem Vorwurf der Nazi-Kollaboration ggü Moslems (bzw Vergleich Islam an sich mit Faschismus) und dem offenem eigenen Bekenntnis zu faschistischen Inhalten.

Für die linken Islamophoben sind Rechte Verbündete der Islamisten (und Moslems oft Partner der Rechten, beide gegen Fortschritt), für die rechten Islamophoben sind (westliche) Linke Kollaborateure der Moslems (Pascal Bruckner, “Islamo-Gauchisme”) und „Islamversteher“. Die Zusammenarbeit funktioniert zwischen den sogenannten “antideutschen Kommunisten” und den (im deutschsprachigen Raum wenig eingewurzelten) Neokonservativen, mit der selben kulturkampfideologischen Weltanschauung als Grundlage. “StopDrop the bomb” ist vordergründig “links”, hat aber rechte Islamophobie und rechten Zionismus inkorporiert; der Brückenschlag zur offenen Rechten über das Israel/Islam-Thema hinaus erweist sich als schwierig (Stichwort Akademikerbund24), da ein solches Bündnis etwas über das eigentliche Ansinnen und seine Initatoren aussagt, das (diesen) peinlich ist.

Gegenüber dem, was in “Bahamas” oder auf “Cafe critique” geschrieben wird, ist die “Nationalzeitung” und sosheimat.wordpress harmlos und gemäßigt. In beiden Lagern lobt man sich als “unbequeme Gegenstimme” und Ähnliches. Wenn Özil die Hymne inbrünstig mitsingen würde und sich auch “offensiv” zu Deutschland “bekennen”, würde er von der linkschauvinistischen, “anti”deutschen Seite Kritik abbekommen. Gegenüber Ashkan Dejagah war im “Spiegel”-Forum nach seiner Weigerung, mit der deutschen U-21 gegen Israel zu spielen (was er mit den Schwierigkeiten begründete, die er damit im Iran haben würde), zu beobachten, dass zu den Belehrungen über “moslemischen Antisemitismus” Kommentare kamen, wonach ohnehin zuviele “Ausländer” und “Dunkle” in deutschen Auswahlteams spielten. Der Diskurs kam nahtlos dorthin, wo ihn die NPD vor der WM 06 ggü Owomoyela gebracht hat, ging von getarntem zu offenem Rassismus über.

Der Platz an der Sonne

Ein Nikolaus Busse von der FAZ brachte 2009 “Die Entmachtung des Westens. Die neue Ordnung der Welt” heraus. Der Westen müsse seine Interessen “und Werte” verteidigen, “notfalls” mit militärischen Mitteln; auch Europa sich gegen Nord-Amerika und die angelsächsische Welt. Ein “Plädoyer für ein offensives, selbstbewusstes Agieren” sei das Buch. Ich werde das Buch nicht lesen, aber ich nehme an, mit “verteidigen” meint er weniger die Behauptung hiesiger Kultur gegen Neuankömmlinge sondern das “Exportieren” dieser “Werte” anderswo hin, mit “offensiv” meint er wahrscheinlich die Unterwerfung Anderer in irgend einer Form, mit “selbstbewusst” wohl, dass Deutschland stärker im West-Imperialismus mitmischen soll, auch führen. Dass die Afrikaner ja nicht glauben, sie können die Europäer durch die Chinesen ersetzen oder die Südamerikaner, sie könnten handelnde Akteure werden.

Europa der Ort des Friedens, der Aufklärung und der Menschenrechte, oder jener wo man zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hat, der fast die ganze Welt unterworfen hat. Die eigenen imperialistischen Sehnsüchte tarnen bzw schmücken oder doch dazu stehen? Busse ist ja so einen Mittelweg gegangen. Einen Universalismus formulieren (“unsere Werte”), aber auch einen Partikularismus rechtfertigen. Deutschland, von den Alliierten/Westmächten geläutert, hat nun die Pflicht, quasi andere zu erziehen. Im Zeichen des Kampfes gegen Islam(ismus) können sogar Rechtfertigungen für ein Deutschland mit Atomwaffen formuliert werden. Es geht bei deutscher/westlicher internationaler Einflussnahme aber immer um Menschenrechte.

Zurück zu den Flüchtlingen

Die Balkanroute der Flüchtlinge ist nun, nach dem entsprechenden Abkommen mit der Türkei, geschlossen und es kommen dort kaum noch Flüchtlinge nach Europa. Kaum war das Flüchtlingsproblem delegiert, kamen Zweifel ob die Türkei “demokratisch” und “sicher” genug ist. Für die Flüchtlinge. Dann doch lieber die Araber hier aufnehmen und Willkommenskultur? Zuerst die Horrorgeschichten über das Verhalten von Flüchtlingen in Deutschland/Europa, dann über ihr Fernhalten aus Deutschland/Europa. Z. B. „Spiegel“: Türkei lässt gut gebildete Flüchtlinge nicht in die EU” > Aha, es gibt also welche, die ein Gewinn für Europa wären? Flüchtlinge die Europa vorenthalten werden… Von der Verzerrung des Flüchtlingsproblems zur Verzerrung der Türkei unter Erdogan. Genau darum, um diese Verzerrung, wird es in einem der nächsten Artikel gehen; hier jetzt nur ein paar Anmerkungen zur Flüchtlingssache.

Andere Medien empören sich: “Die Türkei verweigert syrischen Flüchtlingen die Ausreise, obwohl Deutschland ihnen bereits ein Visum erteilt hat.” Auch wird skandalisiert, wie die Türkei mit Flüchtlingen umgehe… Wenn Erdogan Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt, wird er dämonisiert, wenn er sie durchlässt genau so wie wenn er sie “im Lande behält”, und auch wenn er gegen IS vorgeht.

Eine ARD-“Doku” über Flüchtlinge, von Esther Schapira. Ein paar Stossrichtungen hatte der Film, ein paar Botschaften sollten rüber gebracht werden. Osten-Sacken wurde, mit seiner “Hilfsorganisation”, darin gefeatured, ereiferte sich über die harte türkische Behandlung der Flüchtlinge, spielte den Experten/Insider, tadelte neben Erdogan auch Hisbollah/Assad/Iraner (und Salafisten/IS/Saudi-Arabien?). Auch die Leute der Antonio-Stiftung kommen vor, mimen die barmherzigen Fremdenfreunde und Kämpfer gegen das Rechte. Nein, wir Deutschen wollen die Flüchtlinge nicht vom Hals, wir sind die Humanisten, Barbaren sind die Anderen. Da ist der Deutschchauvinismus von AfD/Pegida um einiges ehrlicher.

Man kann es aber auch als Arbeitsteilung sehen, den bekennenden Rechten überlässt man die Drecksarbeit, man empört sich nachher, zB gegen die Türkei. Jene, die die Türkei unter Erdogan als nicht demokratisch sehen, müssten sich eigentlich für Asyl für Leute von dort einsetzen, und den dort “gestrandeten” Flüchtlingen auch.

Saudi-Arabien und Israel nehmen gar keine Flüchtlinge auf, höchstens billige, rechtlose Arbeitskräfte. Israel wird von (Neo-) Rechten auch als beispielhafte Festung gegen den Ansturm der Farbigen und Muselmanen bewundert. Es gibt aber auch hier ein alternatives Narrativ. “Die Welt” weiss von einer israelischen Organisation, die traumatisierten Flüchtlingen hilft. In Griechenland. Und die riesige Aufnahme von Syrern oder Afghanen in Libanon, Türkei oder Iran?

 

Ach, die rubbeln sich nur einen

Kritischer Beitrag über Knobel-Ulrich: www.youtube.com/watch?v=ZZSYDyIkl5E

Koray Yilmaz-Günay (Herausgeber): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre “Muslime versus Schwule”: Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001 (2011)

Latuff-Cartoons zur syrischen Flüchtlings-Tragödie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es sind zB Straches Fans, die auf dessen Facebook-Seite diesbezüglich Klartext reden
  2. Der Amoklauf von David Sonboly gehört hier nicht wirklich dazu. Abgesehen davon dass er in München geboren wurde, auch deutscher Staatsbürger war und wahrscheinlich zum Christentum übergetreten war (als er den Vornamen von Ali auf David änderte): Alle neun seiner Opfer hatten einen Migrationshintergrund, 7 davon dürften einen moslemischen gehabt haben. Und das war kein Zufall, nach dem was über den Täter bekannt wurde. Neben Faszination für Amokläufe generell scheint er auch eine für Breivik gehabt haben, seine Feindseligkeit gegenüber Nicht-Deutschen betraf v.a. Türken. Er hat die Verdrehung des “Arier”-Begriffs durch Nazis mit-getragen und begeisterte sich anscheinend für die AfD
  3. Das im Untergang befindliche Team Stronach in Österreich fordert in Hinblick auf die Flüchtlinge ein liberaleres Waffenrecht, verteilte vor dem Parlament in Wien Pfeffersprays
  4. Heinsohn oder Sarrazin hinterfragen auch nie die “Qualität“ von deutschen Auswanderern, nur die von jenen die nach Deutschland kommen
  5. Jedenfalls, das “Wir” und “Sie”, das sie in der Immigranten-“Doku” so durchzieht, fällt hier etwas unter den Tisch
  6. Und, alles, was sich in Deutschland durchsetzt, alles, kommt früher oder später auch nach Österreich
  7. Siehe Jene, die mit der australischen Flüchtlingspolitik, den Lagern auf Papua-Neuguinea und Nauru, kein Problem haben, diese nur thematisieren wenn es um sexuelle Gewalt gegen Frauen in diesen Lagern geht
  8. Nun ohne Zwangsarbeiter; die Redstone-Rakete war V2-Nachbau und Pershing-Vorläufer; dann arbeitete er für die NASA, schliesslich in der Privatwirtschaft
  9. Rudolph war einer von Wenigen aus dem Paperclip-Programm, dessen Nazi-Vergangenheit (später) thematisiert wurde; er musste die USA ja in den 1980ern verlassen, als er schon in Pension war, ging in die BRD
  10. Siehe dazu das Buch von John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich (2009)
  11. In einem “Kurier”-Interview etwa damals; in diesem Interview sprach er etwas später von den Arbeitslosen in der Slowakei etc, welche auf den österreichischen Arbeitsmarkt drängten
  12. Zu den israelischen Politikern, die Strache & Co damals empfingen, gehören Vizeminister Kara vom Likud und Abgeordneter Eliezer Cohen (Yisrael Beitenu). Zwischen Rechten gestaltet sich internationale Zusammenarbeit ja immer schwierig, darüber wird es in einem künftigen Artikel gehen. Zwischen der zionistischen und europäischen Rechten steht hauptsächlich die antijüdische Vergangenheit der Zweiteren. Aber es gibt schon Berührungspunkte, wie die “Rettung der Identität des Landes” und vor den “moslemischen Horden”, gegen die “naiv-tolerant-verräterischen Linken”. Die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen europäischen und zionistischen Rechte betreffen überhaupt das israelisch-europäische Verhältnis, wenn nicht auch das jüdisch-christliche allgemein
  13. Apropos Abendland und Osteuropa: Sah im TV einen Bericht von einem Treffen in Tschechien zur “Festung Europa”, Pegida-Leute waren dort, auch Leute einer bulgarischen Bürgerwehr, die an der Grenze zu Türkei Flüchtlinge aufspürt. Für Pegida, AfD sind aber Bulgaren im Grunde auch Teil des Problems…
  14. Fallaci wollte gerne ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzünden; trotz den “Hirsi-Alis” die sich dort aufhalten (könnten)
  15. „In einer Zeit, in der urige Wiener Paschas in der ‘Kopftuch-Debatte’ zu den grössten Verteidigern der Frauenrechte werden, insofern sie dadurch ihren Alltagsrassismus notdürftig kaschiert ausleben dürfen, sind Marjane Satrapis Comics von aktueller Brisanz“ schrieb einst eine Anna Rossenova in “Unique”, einer Wiener Studentenzeitschrift, in der aber auch die Grigats schreiben dürfen
  16. Zur Kritik an der Religionskritik: http://rhizom.blogsport.eu/2010/09/03/warum-dieser-hass-veranstaltungshinweis/ , der 3. Kommentar von oben, wo Rhizom ausführt
  17. „Stalin“ Dschgugaschwili besuchte im russischen Zarenreich eine Zeit lang ein georgisch-orthodoxes Priesterseminar in Tiflis
  18. Le Pen Tochter ist auch hier einen Schritt weiter gegangen
  19. So manche Republikaner in der USA gegenüber LGBTQ-Wählern. Homosexualität gilt dort als Angelegenheit der dummen, liberalen, verdorbenen Gegenseite
  20. Die Netanyahu-Regierung stand unter Druck (was allein wegen den Anschlägen auf Palästinenser nicht der Fall gewesen wäre), versprach Aufklärung und harte Maßnahmen gegen Hassverbrechen auch von jüdischen Israelis
  21. Auch bei den hiesigen Zion-Fans gibts Solche und Solche: Die Cafés in Tel Aviv sind Ausdruck israelischer Überlegenheit oder aber Hort der schlechten, liberalen Juden
  22. Broder ist eigentlich auf der Seite der Rechten, aber bei Osteuropa…
  23. Wieviele Menschen wohl nach Deutschland kommen auf der Flucht vor Kriegen die mit deutschen Waffen geführt werden?
  24. Dort, in der äusseren Rechten (Österreichs), sind beide Chauvinismen präsent. Sabaditsch-Wolf, die Strache nach Israel begleitete, stilisiert sich als jemand der „säkulare und liberale Werte hochhält” (und nur dafür angefeindet werde); Zeitz schoss sich auf die „von Linksliberalen unterwanderte“ Mutterpartei ÖVP ein – da geht es gegen diese „säkularen und liberalen Werte”

Das letzte gesamt-jugoslawische Fussball-Nationalteam

Das letzte gesamt-jugoslawische Fussballteam zerfiel 1990 bis 1992 parallel zum Staat, den es repräsentierte. Was noch übrig war, wurde kurz vor Beginn der EM 1992 ausgeschlossen. Zu Beginn der Qualifikation waren noch Spieler aus allen Teilrepubliken Jugoslawiens dabei, vor dem Turnier dann fast nur Spieler aus dem aus Serbien und Montenegro bestehenden Rest-Jugoslawien. Der Verbleib in bzw die Trennung von Jugoslawien verlief im Fussball ähnlich wie “im Grossen”. Basketball und Handball waren im damaligen Jugoslawien ebenfalls wichtig, aber der Fussball reflektierte den politischen Auseinanderfall besonders gut. So wie Sport meist in irgend einer Hinsicht politische und ethnische Verhältnisse wiederspiegelt. 2 Monate vor Beginn der EM 2016 ein Rückblick auf die Geschehnisse rund um die EM 1992.

Fussball, Nationalismus und Politik in Jugoslawien

Schon der erste grosse Erfolg des jugoslawischen Fussballs, der 4. Platz bei der ersten Weltmeisterschaft 1930, stand vor dem Hintergrund eines Nationalitäten-Konflikts. Es gab Streit zwischen serbischen und kroatischen Funktionären im Fussball-Verband, u. a. weil dessen Sitz von Zagreb nach Belgrad verlegt wurde. Kroaten boykottierten das Nationalteam bei der WM, das dann mit einer rein serbischen Mannschaft antrat.1 Und, mindestens so politisch wie das war der weitere Weg eines Spielers dieses Teams, Milutin Ivkovic. Er wurde dann Arzt, engagierte sich für den Boykott der Olympischen Spiele in Berlin in Nazi-Deutschland 1936. Wieder ein paar Jahre später war das erste (königliche) Jugoslawien durch den Angriff des Deutschen Reichs und seiner Verbündeten zerfallen. Ivkovic wurde während der nazideutschen Besatzung ermordet, da er mit den Partisanen zusammen arbeitete.

Ab 1945 bekamen die Klubs neue, sozialistische Namen. Und, gute Spieler aus diversen Republiken wurden gern zu den Belgrader Klubs Partizan oder Roter Stern “gelotst”, wie der Kroate „Tschick“ Cajkovski. Cajkovski, der später auch in West-Deutschland als Trainer tätig war, war bei Olympia 1952 dabei, als das jugoslawische Team die Silber-Medaillie gewann. In der ersten Runde gewann es über das sowjetische Team, das war kurz nach der Abwendung Titos von Stalin. In Emir Kusturicas Film „Papa ist auf Dienstreise“ (1985) werden Ereignisse rund um dieses Turnier dargestellt. Ja, der ex-moslemische Bosnier (was er nicht sein will) Kusturica. Am Beginn des Krieges in Bosnien 1992 ging er von Sarajevo nach Belgrad, trat dann zur serbisch-orthodoxen Kirche über, nahm den Namen Nemanja an, wurde eine islamophobe Ikone im Zeitalter von Islamkrise und Islamophobie. “Wir wurden nur Moslems, um die Türken zu überleben”, sagte er. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, aber was bedeutet das im Klartext? Dass die Bosniaken (moslemische Bosnier) keine “echten” Moslems sind und südslawische Brüder der Serben, es eigentlich keinen Grund gab, sie zu vertreiben und zu bekämpfen… Kusturica ist übrigens auch “anti-lateinisch”,  was sich nicht nur auf die Katholiken am Balkan (wie Kroaten) bezieht, sondern auch auf Mitteleuropa bzw das katholische Europa. Damit liegt er voll auf Linie mit dem serbischen Nationalismus, wo der „Westen“ nur der andere Feind ist neben dem „Islam“.

Doch ich greife vor. Bei Olympia hat Jugoslawien im Fussball auch 1948 (mit Bobek u. A.) oder 1956 (etwa mit T. Veselinovic) Medaillien gewonnen. Dann gabs den 2. Platz bei der EM 1960, den Olympiasieg im selben Jahr und den 4. Platz bei der WM 1962. Bei allen drei Erfolgen war Fahrudin Jusufi dabei. Der Kosovo (Kosova) und seine Bevölkerung standen in (fast) allen Belangen Jugoslawiens im Abseits, einem Staat der schon seinem Namen nach jener der Süd-Slawen war. Dennoch, einer der ganz wenigen Fussball-Nationalspieler Jugoslawiens, die aus dem Kosovo kamen, war gleichzeitig einer der besten Fussballer des Landes. Fahrudin Jusufi ist kein Albaner, sondern ein Gorani (moslemische Slawen, wie die Bosnier).2 Mit Partizan Belgrad war er ausserdem in einem Europacup-Finale. Er war einer der vielen Fussballer aus Jugoslawien (Spieler und Trainer), die in kommunistischer Zeit als “Legionäre” ins Ausland (Westeuropa) gingen.

Die Krise

Klappte der Zusammenhalt Jugoslawiens unter Tito wegen seiner harten Hand (UDBA) oder weil er einen gerechten Ausgleich fand? Die Rivalitäten zwischen den Nationalitäten (bzw Nationen) in Jugoslawien brachen bald nach Titos Tod aus; existent waren sie wohl schon vorher3. In den 1980ern wurden die Parteiorganisationen der KP in den Teilrepubliken Träger der Nationalismen der Republiken. In Serbien wurde Slobodan Milošević 1987 Parteichef. 1989/90 hob er die Autonomie des Kosovo auf – der Auseinanderfall Jugoslawiens begann (und endete dann auch) mit dem Kosovo. Im Jänner 1990, als das Land schon keine Einheit mehr war, der (letzte) Parteitag der kommunistischen Partei SKJ. Es gab Konsens über die Abschaffung des Einparteiensystems (!), aber Dissens über die Frage der künftigen Verteilung der Kompetenzen zwischen der Zentralregierung und den Teil-Republiken (die slowenische und kroatische Delegation wollten viel mehr Föderalismus). Es gab keine Lösung, nur die de facto-Auflösung der Partei auf Bundesebene4.

Die kommunistischen Partei-Organisationen in den Republiken wurden in eigenständige und reformkommunistische oder sozialdemokratische Parteien umgewandelt. Die Gründung von anderen Parteien wurde erlaubt. Der nächste Schritt waren Wahlen in den Teilrepubliken, im Laufe des Jahres 1990. Teilweise setzten sich dabei Reform-Kommunisten durch, teilweise die neuen, nicht-kommunistischen Kräfte. Das kommunistische System wurde in den Teilrepubliken abgeschafft. Es gab weiter keine Reform, keine Lösung, auf Bundesebene, die Republiken gingen ihre eigenen Wege, Spannungen zwischen ihnen verstärkten sich. Innerhalb Kroatiens, das nun von der HDZ regiert wurde, wurden sie am grössten, und zwar in jenen Gebieten in denen die serbische Minderheit lebte, bzw zwischen dieser Minderheit und der Republiks-Regierung.

Der Ministerpräsident der Bundesregierung, Ante Marković, versuchte weiter eine gesamtstaatliche Reform – er wollte ein vereintes Jugoslawien, es musste/sollte kein sozialistisches sein. 1990 gründete er eine liberale Partei. Er hatte dabei aber nicht einmal die volle Unterstützung seiner Kollegen in der Bundesregierung, sein Verteidigungsminister Kadijevic agierte zB an ihm vorbei. Sein Reformprojekt wurde von Nationalisten und Alt-Kommunisten sabotiert; 1990 das Karadjordjevo-Treffen zwischen den Präsidenten Serbiens und Kroatiens, Milosevic und Tudjman, die sich gegen Markovic einigten. Im Staatspräsidium (1989 letztmals gewählt) vertraten die Vertreter der einzelnen Republiken deren Interessen. Das (ernannte) Bundesparlament verlor in der Krise ab 1990 ganz die Bedeutung.

Der Bosnier Ivan Osim5 war als Spieler im jugoslawischen Team ein Aussenseiter, da er von keinem der vier grossen Klubs aus Serbien und Kroatien kam. Nach einer Sperre wegen erfundenen Schiebungsvorwürfen in der Meisterschaft kam sein Auftritt bei der EM 1968, wo Jugoslawien Zweiter wurde. “Schwabo” Osim wurde ins All Star-Team des Turniers gewählt, neben Zoff, Moore oder Mazzola.6 1986 wurde er jugoslawischer Nationaltrainer7, nachdem er unter unter Toplak und Milutinovic schon Assistent gewesen war. Er holte als Teamchef viele Bosnier, zB Mehmet Bazdarevic, den er bei Željezničar Sarajevo trainiert hatte. Er übernahm ein Team mit Spielern, die 1984 bei Olympia eine Medaillie geholt haben (etwa Katanec, Bazdarevic, Stojkovic, Ivkovic, Elsner) und bei der U 20-WM 1987 gewonnen haben (wie Šuker, Mijatović, Boban, Prosinečki, Jarni, Štimac, Brnović, Leković). Osim holte als erster jugoslawischer Nationaltrainer nach dem 2. WK Legionäre ins Team (zB Susic, Hadzibegic, Vujovic, Ivkovic, Katanec); zu seinen Spieler-Zeiten wurden Auslandstransfers in der Regel ab 28 J. genehmigt und nachdem er nach Frankreich gegangen war, hatte er keine Länderspiele mehr gemacht.

Ein wichtiger Schritt am Weg zur Auflösung Jugoslawiens war das Meisterschaftsspiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad, im Mai 1990. Hier gab es so etwas wie Wechselwirkungen zwischen Fussball und Politik, der Fussball spiegelte hier nicht rein Politik wieder, sondern beeinflusste sie. Das Match fand bald nach der kroatischen Wahl statt, mit dem Sieg der HDZ (die Manche als so etwas wie das Ende des YU-Konsenses sehen) und kurz vor dem Unabhängigkeits-Referendum Kroatiens. Vor dem Match brachen Krawalle zwischen den Fans beider Klubs aus, bei den Belgrader Fans mit dabei war “Arkan” Željko Ražnatović, der zuvor als Bankräuber in Westeuropa tätig war, danach als Führer serbischer Milizen in Kroatien und Bosnien. Dinamo-Spieler Zvonimir Boban kämpfte im Stadion mit einem Polizisten (ein Bosniake, wie man heute weiss), der auf einen Dinamo-Fan losgegangen war. Das Match, in der vorletzten Runde der Meisterschaft, wurde abgesagt und 0:3 für Roter Stern straf-verifiziert. Dies entschied aber nicht für die Meisterschaft von Roter Stern. Beide Klubs hatten viele Nationalspieler in ihren Reihen, Roter Stern etwa Stojkovic, Prosinecki, Pancev, Savicevic, Sabanadzovic oder den serbischen Rumänen Belodedici, Dinamo hatte neben Boban Suker, Ladic, Stimac, Deveric oder Panadic.

Wie bezeichnend: 10 Jahre zuvor war zum Spiel RS Belgrad gegen Hajduk Split die Nachricht vom Tod Titos in Ljubljana (Laibach) vorgedrungen, das Match wurde abgebrochen, alle weinten zusammen. Boban war bei der WM einige Wochen später wegen seiner Aktion nicht dabei8; Bazdarevic fehlte dort wegen einer Attacke auf einer Schiedsrichter mit dem Nationalteam in der Qualifikation. 3 Wochen später fand in dem Stadion in Zagreb das letzte Vorbereitungs-Spiel des Nationalteams für die WM statt, gegen Niederlande. Es gab Pfiffe für das Team. Viele waren damals schon mehr Kroaten oder Serben als Jugoslawen. Das jugoslawische Team spielte in Italien ein glänzendes Turnier, trotz der Auftakt-Niederlage gegen die BRD. Mit Dragan Stojkovic als Regisseur besiegte man Spanien im Achtelfinale. Im Viertelfinale war Argentinien mit Maradona der Gegner; es gab eine Rote Karte für Sabanadzovic und die Entscheidung im Elferschiessen, Hadzibegic vergab den entscheidenden.

Ein WM-Sieg 1990 hätte vielleicht Kriege bzw Auseinanderfall verhindert, sagte Osim im “Ballesterer”-Interview (s.u.). Er hat auch die Aufnahme Jugoslawiens in die EG zur Kriegsverhinderung angedacht. Dazu hätten aber die Jugoslawen den Willen zum Zusammenbleiben haben und ihren Staat reformieren müssen. Nach den Wahlen in den Teilrepubliken kamen aber in der “nächsten Runde” am Weg zur Auflösung Unabhängigkeits-Referenden; das erste fand im Dezember 1990 in Slowenien statt, das letzte im Frühling 1992 in Bosnien. Dazwischen führten auch Kroatien, Montenegro und Makedonien welche durch. Nur das in Montenegro (Crna Gora) ging negativ aus. Die machtlosen Albaner im (damals serbischen) Kosovo warteten auf ihre Chance.

Neben der Auflösung Jugoslawiens in Einzelstaaten und einer Reform in Richtung Marktwirtschaft und Demokratie war auch eine Umwandlung in einen Staatenbund eine Option. Bis Mitte 1991 war das nicht entschieden. Auch ein Militärputsch alt-kommunistischer Richtung (ähnlich wie er in der SU in diesem Jahr versucht wurde) wäre möglich gewesen. Im März 1991 war das Staatspräsidium knapp dran, den Kriegszustand in YU zu verhängen, vor dem Hintergrund von Waffenkäufen der kroatischen Regierung, Anti-Regierungs-Protesten in Serbien, Spannungen in Kroatien zwischen Kroaten und der serbischen Minderheit, Unabhängigkeits-Referenden und der allgemeinen Instabilität. Eine Verhängung wäre im Sinne Milosevics gewesen und der serbische Block im Staatspräsidium9 hatte vier von acht Stimmen; es war die Stimme des bosnischen Vertreters Bogicevic (ein serbischer Bosnier!), die dagegen entschied.

Der serbische Präsident Milosevic wurde der eigentliche Machthaber des späten Jugoslawien. Ausser auf den serbischen Block im Staatspräsidium konnte er seine Macht auf Montenegro unter Präsident Bulatovic (einem Reformkommunisten) stützen, die Führer der Serben in Kroatien (Raskovic /Babic, SDS) und Bosnien (Karadzic10), und das serbisch dominierte Militär Jugoslawiens JNA (Jugoslavenska narodna armija) unter Verteidigungsminister Kadijevic, nach der “Auflösung” des SKJ die wichtigste Klammer des Staates.11

Osim schaffte es als Nationaltrainer, aus den verschiedenen Nationalitäten und aus „Künstlern“ eine Mannschaft zu formen. Im Team selbst war die Stimmung lange Zeit gut. Die Qualifikation für die EM 92, Gruppe 4, das Debakel der Österreicher gegen die (zu Dänemark gehörenden) Färöer-Inseln. Zlatko Vujovic hörte nach der WM im jugoslawischen Team auf, sonst machten alle weiter; Bazdarevic und Boban kehrten zurück. Im Oktober 1990 spielte aber ein kroatisches Team bereits ein inoffizielles Länderspiel (zum ersten Mal seit 1945), gegen die USA, rund um die Wieder-Aufstellung des Denkmals von Josip Jelacic12 am zentralen Platz in Zagreb und der Rückbenennung des Platzes nach ihm.

Im September 1990, zu Beginn der jugoslawischen Meisterschaft 1990/91 (die letzte Saison, in der Alle dabei waren), verbrannten kroatische Fans beim Match Hajduk Split gegen Partizan Belgrad die jugoslawische Flagge. Roter Stern Belgrad wurde 90/91 wieder jugoslawischer Meister und sein makedonischer Stürmer Darko Pancev Topscorer (er schoss auch in der Quali für die EM die meisten Tore überhaupt, vor Papin und Van Basten). Bezüglich des Spiels Dinamo Zagreb gegen Roter Stern gab es Schiebungsvorwürfe. Roter Stern verlor in dieser letzten Saison des jugoslawischen Fussballs das aufgeheizte Pokal-Finale gegen Hajduk Split mit 0:1. Die Kroaten nahmen den Cup, eigentlich Eigentum des jugoslawischen Verbandes, mit nach Hause und behielten ihn, heisst es.

Die Sezessionen und die Kriege

Ab Mitte Mai 1991 wurde die Übernahme des Vorsitzes des Staatspräsidiums durch den kroatischen Vertreter Stjepan “Stipe” Mesic (als Nachfolger des Milosevic-Mannes Jovic) vom serbischen Block blockiert, eine Funktion die aber schon mit wenig Macht verbunden war. Ende Juni wurde Mesic, von der HDZ, dann gewählt, als das erste nicht-kommunistische Staatsoberhaupt Jugoslawiens seit König Petar II. (Karadjordjevic) 194513. Das war während des Krieges in Slowenien, der nach der Unabhängigkeitserklärung dieser Republik ausbrach.

Das Land fiel auseinander, als sich sein Fussball einem Höhepunkt näherte. Das 7:0 des jugoslawischen Teams gegen die Färöer im Mai 91 war das letzte Länderspiel einer gesamt-jugoslawischen Mannschaft. (Dass zu dem Spiel in Belgrad nur 7000 Zuschauer kamen, hatte wohl auch mit dem Gegner zu tun.) Der Europacup-Sieg Roter Stern Belgrads (mit Spielern aus fast allen Teilrepubliken), ebenfalls im Mai 1991. Ein Monat später die Unabhängigkeits-Erklärungen Sloweniens (auf die ein kurzer Krieg folgte) und Kroatiens – wo Spannungen und Scharmützel in einen offenen Krieg übergingen. Im Slowenien-Krieg versuchte die JNA auf Anordnung der Bundesregierung, zumindest die Kontrolle über die Aussen-Grenzen Sloweniens wieder zu erlangen, stiess dabei auf Widerstand.14 Jugoslawien löste sich während des Slowenien-Kriegs auf. Die Kräfte, die Jugoslawien erhalten wollten (in der Armee, der Politik,…), gerieten ins Hintertreffen. Milosevic hatte seine Priorität vom Erhalt (eines serbisch dominierten bzw zentralistischen) Jugoslawiens zur Schaffung eines Gross-Serbiens verschoben, war vom Kommunisten zum Nationalisten geworden.

Im Kroatien-Krieg war die JNA bereits eine Institution, die im Dienst der gross-serbischen Nationalismus stand, nicht im Dienst eines vereinten Jugoslawiens. Sie griff in der “Krajina” 15 an der Seite der Milizen der separatistischen Serben ein. Milosevic hatte sich damit durchgesetzt, Serbien zu vergrössern statt Jugoslawien zu erhalten, “dirigierte” die Bundesinstitutionen in diesem Sinne. Der Militärhistoriker Tudjman16 liebäugelte auch mit einem Gross-Kroatien (v.a. auf Kosten Bosniens dann), arbeitete aber weniger rücksichtslos darauf hin. Kroatien durfte Jugoslawien verlassen, aber nur ohne jene Gebiete, die als “serbisch” erklärt wurden. Eine gesamt-jugoslawische Lösung war nach dem Slowenien-Krieg hinfällig. Im Herbst 1991 gab es in Kroatien Kämpfe um JNA-Kasernen, in jener von Bjelovar lehnten sich kosovo-albanische Soldaten gegen ihre serbischen und montenegrinischen Offiziere auf; auch Makedonier und Bosnier desertierten immer wieder. Und, August bis November die serbische Einnahme Vukovars, der grausamste Teil des Kroatien-Krieges.

Im Juli ’91 gab es ein Trainigslager des jugoslawischen Nationalteams in Italien; die Kroaten, wie Talent Prosinecki, waren nicht mehr dabei. Der Slowene Katanec war in der Quali überhaupt nur einmal dabei, 1990, und erklärte dann schon seinen Rücktritt von Team, weil er in Ljubljana auf der Strasse angespuckt worden sei, da er noch für Jugoslawien spiele. Im Herbst 91 (als der Kroatien-Krieg in die heisse Phase kam) gab es an Qualifikationsspielen noch Färöer und Österreich auswärts17. Dazu drei freundschaftliche Länderspiele.18 Das Team bestand im letzten Drittel der Qualifikation aus Serben (wie Stojkovic), Montenegrinern (wie Savicevic), Bosniern wie Hadzibegic oder Osim (als Trainer), Makedoniern wie Pancev. Auch Mario Stanic war dabei, der später für Kroatien spielte. Er ist aber eigentlich Bosnier (kroatischer Bosnier) und spielte damals auch in Sarajevo.

Der serbische Nationalismus (den u.a. Milosevic vertrat) war bezüglich Kroatien und Bosnien für ethnische Grenzen – bezüglich Kosovo aber für historische Grenzen. Kosovo mit seiner 90%igen albanischen Bevölkerung sollte bei Serbien bleiben, weil es seit Jahrhunderten serbisch war. Von Serben bewohnte Gebiete in Kroatien und Bosnien sollten aber das Selbstbestimmungsrecht haben. Milosevic sagte, Republiken hätten eine reine Verwaltungsfunktion, ethnische Grenzen seien entscheidend; bezüglich Kosovo aber nicht. Serbische Nationalisten, die strikt gegen einen Auseinanderfall Jugoslawiens waren, begannen mit separatistischen Bestrebungen in Kroatien und Bosnien. Und während die serbisch dominierten bundesstaatlichen Institutionen im Vorfeld der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens auf eine Entwaffnung ihrer TO’s drängten, wurden bei den Serben Kroatiens und Bosniens separatistische Milizen aufgestellt. “Ethnische Säuberungen” wurden als Schutz-Maßnahmen dargestellt, wo es aber um den Gewinn von Territorium ging.

Als in Kroatien Serben für die Abspaltung einiger Gebiete kämpften (verbunden mit ethnischen “Säuberungen”), gab es de facto kein Jugoslawien mehr. De jure war Mesic noch immer Oberhaupt dieses Staates (der erst im Sommer 1992 offiziell zu existieren aufhörte). Als im Herbst 1991 Dubrovnik belagert und beschossen wurde, organisierte Mesic einen Schiffs-Konvoi dalmatinischer Bootsbesitzer von Split aus dorthin. Nördlich von Dubrovnik wurde der Konvoi von der Marine Rest-Jugoslawiens aufgehalten. Mesic trat von seinem Schiff aus mit ihnen in Funkkontakt, verlangte die Durchfahrt, verwies darauf dass er eigentlich noch immer Staatsoberhaupt und damit ihr Oberbefehlshaber sei – wobei weder er noch die Gegenseite von der Existenz dieses Staates ausgingen. Schliesslich, nach einem Funk-Gespräch mit dem jugoslawischen Vize-Verteidigungsminister Brovet (einem Slowenen) durfte die Flotille durch, nachdem diese auf Waffen durchsucht wurden war. Das ist eine der Kuriositäten aus diesem Auseinanderfall, einmal eine nicht blutige. Auch dass Naser Oric, ein Srebrenica-Verteidiger, Anfang der 90er Milosevics Leibwächter war, und den serbischen Oppositionellen Vuk Draskovic verhaftete, ist so eine.19

Beim Auseinanderfall gab es eben jene, die nicht so klar zum einen oder anderen “Bruchstück” gehörten. Jene, die an ein vereintes Jugoslawien glaubten, wozu auch “Ivica” Osim gehörte (der nebenbei einen gemischten ethnischen Hintergrund hatte). Oder Bosniaken oder Kroaten in von Serben gehaltenen (abgetrennten Gebieten). Gemischte Familien gab es nicht wenige in Bosnien und Kroatien; manche dieser Familien fielen auseinander. Teilweise gab der Vater die (neue) Nationalität für die anderen Mitglieder solcher Familien vor, teilweise war der Wohnort für die Staatsbürgerschaft entscheidend, teilweise geschieht die Definition über die Religionszugehörigkeit. Auch unter den Fussballern gab es “Mischlinge”. Robert Prosinecki hatte eine serbische Mutter (wurde daneben in Deutschland geboren), spielte zur Zeit der Unabhängigkeit Kroatiens bei Roter Stern Belgrad und hatte eine serbische Freundin. Dass er in dieser Zeit ein Angebot von Real Madrid bekam, hat ihn wohl vor dem einen oder anderen inneren (und auch äusseren) Konflikt bewahrt. Er gehört wohl zu den kroatischen Nationalspielern, von denen man sagt, dass sie gerne weiter in diesem jugoslawischen Team gespielt hätten. Er wusste, egal in welche Richtung er sich entschied, es würde für ihn persönliche Konsequenzen haben. Serbische oder kroatische Bosnier, die sich gegen das bosnische Team (das freilich erst nach Kriegsende ’95 begann) entschieden, gab es viele. Der Serbe Mihajlovic hatte kroatische Eltern, der Slowene Katanec ebenfalls.

Was von Jugoslawien nach der Abspaltung Kroatiens und Sloweniens noch übrig war, zerfiel im Herbst/Winter 91, durch die Rücktritte von Regierungschef Markovic und Staatsoberhaupt Mesic.20 Während des Kroatien-Kriegs schuf das Rumpf-Staatspräsidium kommunistische Symbole in der JNA ab (Uniformen,…)21 und schloss Slowenen und Kroaten offiziell von der Armee aus. Im Frühling/Sommer die Umwandlung in die “Bundesrepublik Jugoslawien”; da waren auch Bosnien-Herzegowina und Makedonien22 nicht mehr dabei. Gleichzeitig (damit, dass es sich auf Serbien und Montenegro beschränkte) unterstützte dieses Rest-Jugoslawien den Terror in Bosnien und die Besetzung von Teilen Kroatiens – die Schaffung eines Gross-Serbiens. Die JNA bzw Vojska Jugoslavije (VJ), wie die Armee nach dem offiziellen Ende des zweiten Jugoslawien hiess, zog auch aus Kroatien und Bosnien ab, in der Realität formierte sie sich dort nur um, die dortigen serbischen Milizen bekamen den Grossteil des Kriegs-Materials und Personals.

Milosevic blieb zunächst Präsident Serbiens. Staatspräsident Rest-Jugoslawiens wurde der serbische Schriftsteller Dobrica Cosic. Dieser hatte sich im 2. Weltkrieg den Partisanen angeschlossen, weil er glaubte, dass der Kommunismus den serbischen Interessen am besten diente. Aus dem selben Motiv wandte er sich später vom kommunistischen System ab.23

Die jugoslawische Liga ’91/92 fand grossteils vor der Beschränkung Jugoslawiens auf Serbien (mit Kosovo) und Montenegro statt. Klubs aus Makedonien waren dabei, und aus Bosnien-Herzegowina. Željezničar Sarajevo stieg Ende März aus, kurz nach Beginn der Frühjahrssaison. Das war in der Zeit, als BiH seine Unabhängigkeit erklärte und der Krieg ins Land kam. Željezničar-Spieler, wie Mario Stanić, konnten grossteils ins Ausland entkommen. FK Sarajevo sowie die Vereine aus Tuzla und Mostar stiegen gegen Ende der Saison aus; jener aus Banja Luka im serbisch kontrollierten Bosnien spielte sie zu Ende. Osim war in dieser Saison parallel zu seiner Tätigkeit als Nationaltrainer Coach von Partizan Belgrad, wo er auch Spieler aus Slowenien und Bosnien (nunmehr Legionäre) hatte, von denen noch die Rede sein wird. In Slowenien begann 91 eine eigene Liga. In Kroatien wurde von Februar bis Juni 92 eine Meisterschaft gespielt, nach der Ende der ersten Phase des Kroatien-Kriegs, ab der folgenden Saison dann regulär.

Der Krieg in Bosnien war/ist das traurigste Kapitel dieser Kriege, dieses Auseinanderfalls.24 Bosnien war das Zentrum Jugoslawien und keine der Volksgruppen drängte auf seine Auflösung. Bosnier glaubten lange an Jugoslawien. Aber im Zuge der Demokratisierung 1990 entstanden zunächst ethnisch definierte Parteien (der Bosniaken, Serben, Kroaten), die bei der Wahl die nationaliäten-übergreifenden wie den Ableger von Markovics liberaler Partei und die Reform-KP klar in den Schatten stellten. Nachdem auch Makedonien YU verliess, stand Bosnien vor der Aussicht, in einem von Milosevic beherrschten Rest-Jugoslawien (dass eher ein Gross-Serbien sein würde) zu verbleiben – und nahm erst jetzt Kurs auf Unabhängigkeit. Die Partei der serbischen Bosnier, die SDS unter Karadzic, bereitete sogleich die Sezession der Serben von diesem Bosnien vor. Bosnien-Herzegowina sei ein künstliches Gebilde, hiess es. Und, in (aus) diesen als serbisch definierten Gebieten sollten Angehörige anderer Nationalitäten vertrieben werden.

Das Vertreiben und Morden begann bald nach der Unabhängigkeit Bosniens im März 1992, als der Krieg in Kroatien gerade vorläufig mit der Besetzung/Sezession grosser Gebiete durch Serben in eine “Pause” gegangen war. Gebiete/Städte, die nicht eingenommen werden konnten, wie die Hauptstadt Sarajevo oder Srebrenica in Ost-Bosnien, wurden belagert und beschossen. Daneben kämpften in der Herzegowina auch Kroaten gegen Serben und Bosniaken. Die verbleibende VJ (ehemalige JNA) unterstützte die serbischen Milizen in Bosnien wie auch in Kroatien bei ihren Vertreibungen bzw Gebietsgewinnen. Kroatien und Serbien (bzw Rest-YU) waren/sind durch BiH miteinander “verbunden”, Milosevic und Tudjman machten auch zeitweise gemeinsame Sache in Bosnien. Serbische und kroatische Bosnier standen ganz unter dem Einfluss von ihnen.

Im Frühling 92 gab es nur ein offizielles Länderspiel, im März, gegen die Niederlande, ein 0:2; da waren Osim und die anderen Bosnier noch dabei. Und zwei inoffizielle Länderspiele: gegen Makedonien, in dem Pancev 1 Hälfte dort, 1 da spielte; dann in Sarajevo eines gegen eine Stadtauswahl. Osim hielt sich in Belgrad auf, als in Bosnien im Frühling der Krieg begann, u.a. mit der Einkesselung Sarajevos. Er trat am 23. Mai als Nationaltrainer zurück, wegen des Krieges, in den auch Rest-Jugoslawien “verwickelt war”, das sein Team ja eigentlich nun bei der EM in Schweden repräsentieren sollte. Es gab eine Pressekonferenz mit Verbandschef Miljanic in Belgrad. Osims Co-Trainer Ivan Cabrinovic, ein Serbe, übernahm das Team bis auf Weiteres.

Es sah so aus, dass das Team ohne ihn (und viele andere Wichtige) in Schweden spielen würde. Auch die bosnischen Spieler, wie Kapitän Hadzibegic 25, und der Makedonier Pancev, die bis zum Ende der Qualifikation und darüber hinaus dabei waren, traten im Frühling 92 aus dem jugoslawischen Team aus. Es verblieben Serben und Montenegriner sowie jene Spieler die dort spielten, bei den beiden grossen Belgrader Klubs, die Slowenen Milanic und Novak, der Bosnier Omerovic und der Makedonier Najdoski.26

Die EM 1992

Für Rest-Jugoslawien (die Bundesrepublik) wurde dann für sein Mitmischen in Bosnien und Kroatien (wo der Zustand, die serbische Besatzung von einem Drittel des Landes, für 3 Jahre mehr oder weniger eingefroren war) Sanktionen verhängt. Sanktionen die weh tun sollten! Der Sicherheitsrat der UN beschloss am 30. Mai 1992, also eine Woche nach Osims Rücktritt, Resolution 757. Noch am selben Tag schloss die UEFA auf Grundlage der Resolution das jugoslawische Team von der EM aus. Das war 11 Tage vor dem Beginn des Turniers. Und, der Gruppen-Zweite, das dänische Team, rückte nach, erbte sofort seine Qualifikation.27 Am 31. 5. lief eigentlich die Frist für die Bekanntgabe der Kader aus, Dänemarks Teamchef Möller-Nielsen bekam aber etwas mehr Zeit zugestanden, seine Spieler aus dem Urlaub zusammen zu trommeln.

Jugoslawiens Teamchef Cabrinovic hatte schon seine 20 Spieler bekannt gegeben. Das waren, an Serben: Dragan Stojkovic (Verona), Sinisa Mihajlovic (RS Belgrad), Miroslav Djukic (La Coruna), Vladimir Jugovic (RS Belgrad), Dragoje Lekovic (RS Belgrad; kann auch als Montenegriner gesehen werden), Slobodan Dubajic (Stuttgart), Vujadin Stanojkovic (Partizan Belgrad), Gordan Petric (Partizan B.), Slavisa Jokanovic (Partizan B.), Dejan Petkovic (Nis), D. Jakovljevic (Antwerpen), Krcmarevic (Partizan B.); Montenegriner: Dejan Savicevic (RS Belgrad), Predrag Mijatovic (Partizan Belgrad), Branko Brnovic (Partizan B.), Budimir Vujacic (Partizan B.), Dusko Radinovic (RS Belgrad; evtl mehr Serbe); Slowenen: Darko Milanic, Dzoni Novak (beide Partizan Belgrad); Makedonier: Ilija Najdoski (RS Belgrad); Bosnier: Fahrudin Omerovic (Partizan B.). Und, 17 oder 18 der 20 waren schon nach Schweden aufgebrochen, am 27. 5.28

Nach dem Ausschluss bekamen die jugoslawischen Spieler und Funktionäre 2 Tage Zeit, um Schweden zu verlassen. Ganz überraschend kam der Ausschluss nicht. Zum Jahreswechsel 1991/92, nach der Qualifikation, hatte UEFA-Präsident Johannson  angesichts des Krieges in Kroatien gemeint, eine Teilnahme Jugoslawiens bei der EM sei angesichts der politischen Zustände “schwer vorstellbar”. Und das Panini-Sammelalbum für 92 hatte, wenn mich nicht alles täuscht, neben der jugoslawischen Mannschaft zwei “Reserve-Teams” für den Falle eines Ausschlusses dabei, Dänemark und Italien.

Es ist noch immer irgendwie verwirrend; für wen war der Ausschluss eigentlich eine Strafe? Für die Milosevics und Karadzics? Für die Spieler? Oder für die Osims, die an ein friedlich vereintes Jugoslawien geglaubt hatten? Hätte die Mannschaft die nunmehrige Bundesrepublik Jugoslawien vertreten, die ein verkapptes Gross-Serbien war, oder ein nicht mehr existentes Land, das vereinte, multikulturelle Jugoslawien? Die paar Spieler von ausserhalb Serbien und Montenegro, die zuletzt geblieben waren, dürften von Osim davon überzeugt worden sein. Der Ausschluss war jedenfalls in Ordnung, zumal am Ende ja auch Osim fehlte und das verbliebenes Team ein fast ausschliesslich serbisches bzw rest-jugoslawisches war.

Die Sowjetunion zerfiel auch während der Qualifikation zur EM, aber friedlich, und als Staatenbund GUS (Ex-SU minus Baltikum) nahm ein Team aus den Nachfolgestaaten der SU teil. Und, die DDR war bereits für die Quali ausgelost worden, spielten vor der deutschen Vereinigung im Herbst 1990 zum Abschied noch ein Match in Belgien, das eigentlich als Qualifikationsmatch angesetzt wurorden war. Am 10. Juni der Turnierbeginn. Es war die letzte EM mit nur 8 Teilnehmern, die letzte bei der der Sieger eines Matches nur 2 Punkte bekam und die letzte vor der Einführung der Rückpass-Regel. Die kontrafaktische Frage „Wäre YU 1992 bei einem Nicht-Ausschluss Europameister geworden?“ muss beantwortet werden mit dem Hinweis auf den Zerfall des Landes und des Teams vom Sommer 1991 bis zum Sommer 1992. Das Team, das am Schluss blieb und teilgenommen hätte, hatte keinen Osim mehr als Trainer, keinen Prosinecki, Pancev, Katanec, Bazdarevic, Ivkovic, Hadzibegic, Boban, Sabanadzovic, Jarni, Spasic,… Bei einer Änderung nur der Variablen „Kein Ausschluss am 30. Mai (oder vorher oder nachher)“ wäre ein rest-jugoslawisches Team in Schweden angetreten, das wenig vom dem hatte, das durch die Auftritte in Italien 90 und in den ersten zwei Drittel der Qualifikation sowie von RS Belgrad im Europacup zum Mit-Favoriten für das Turnier geworden war. Etwas Anderes wäre es gewesen, wenn eine Einigung auf ein Weitermachen als Nationalteam bis zur EM zustande gekommen wäre, so ähnlich wie bei der Sowjetunion bzw GUS.29

Jugoslawien war in die Gruppe mit Frankreich, England und Schweden gelost worden, in die dann Dänemark kam. Eine schwere Gruppe, in der für das reale, geschwächte YU-Team auch das Ausscheiden in der 1. Runde möglich gewesen wäre. Osim sagte “Wir hätten das Turnier nicht gewonnen, wenn wir teilgenommen hätten.” – Wahrscheinlich meint er aber auch das ausgedünnte Team, das am Ende übrig war. Er sagte auch, dass es kein Wunder gewesen sei, dass das dänische Team gewonnen habe. In der Tat, Dänemark war schon in der Quali knapp an Jugoslawien dran, in Kopenhagen hatte das Jugo-Team gewonnen, in Belgrad das dänische, und am Ende war nur ein Punkt Unterschied. Auch ist zu berücksichtigen, dass Rest-Jugoslawien auch bei seinem nächsten Antreten, bei der WM 98, als Mitfavorit galt und dann ein schwaches Turnier spielte.

Ivica Osim verfolgt das Turnier am Fernseher in Belgrad. Er ging dann zu  Panathinaikos nach Athen. Die meisten Spieler des ehemaligen Nationalteams Jugoslawiens gingen in dem Sommer auf Klubebene ins westliche Ausland, falls sie das nicht schon waren. Savicevic zum AC Mailand, wo er auf Boban traf (der schon 91 hin gewechselt war). Die Möglichkeit, für ein Nationalteam zu spielen, hatte vorerst keiner von ihnen. Osims Frau und  Tochter waren in Sarajevo eingeschlossen, von der Karadzic-Mladic-Armee. Über Jahre hatte Osim nur sporadischen Kontakt zu seiner Familie, über einen Amateurfunker, und lebte in ständiger Angst, Nachricht zu bekommen dass seine Angehörigen vom Beschuss der serbischen Belagerer (der 4 Jahre auf die Stadt hinunter ging) getroffen worden sind.30

Der ehemalige bosnische Fussballer Vahid Halilhodzic wurde zu Beginn des Bosnien-Krieges 92 in Mostar verletzt. Der serbischer Bosnier Predrag Pasic blieb während des Kriegs in Sarajevo, obwohl er die Möglichkeit hatte, nach Westeuropa zu gehen. Er öffnete damals eine Fussballschule in seiner Stadt. Bei seinem Stammklub FK Sarajevo hatte er in den 1980ern Radovan Karadzic erlebt, einen der Hauptverantwortlichen der Massaker und Vertreibungen in Bosnien, als psychologischen Betreuer des Teams. Pasic sagte dazu, im Doku-Film “Rebelles du Foot”, er habe ihn damals als komplett unterschiedliche Person (als den Politiker) kennen gelernt. Damals habe Karadzic den Fussballern mit unterschiedlichem konfessionellen Hintergrund Einheit und Zusammenhalt “gepredigt”.31

Im März 94 fand im Zetra-Stadion von Sarajevo ein Match zwischen dem FK Sarajevo (dem, was noch von diesem Klub an Spielern übrig war) und den Blauhelmen der UNPROFOR statt, unter Luftüberwachung. Eine Art Todesmatch, das an jenes 1942, im 2. WK, erinnert, wo eine Stadtauswahl von Kiew (hauptsächlich frühere Spieler von Dynamo und Lokomotyv Kyiv) gegen eine deutsche “Flakelf” (deutsche Besatzungs-Soldaten der Luftabwehr) spielte und gewann. Anscheinend spielte die Kiewer Mannschaft weitere Matches gegen deutsche Teams in der besetzten Ukraine; einige Spieler wurden danach von der Gestapo in “Lager” gesteckt, aber aus “Gründen” die -entgegen dem Mythos- nichts mit den Matches zu tun hatten.32

Das Srebrenica-Massaker 1995 war noch ein schlimmer Höhepunkt gegen Ende von Europas schlimmstem Krieg seit dem 2. WK. Mit westlicher Hilfe kam er dann, parallel zu jenem in Kroatien, zu einem Ende. Die USA unter Bill Clinton, nach dem Sieg im Kalten Krieg allein an der Spitze, übten einen moderaten Imperialismus aus. Das folgende Dayton-Abkommen war Appeasement gegenüber der serbischen (paranoiden) Aggression. Das ehemalige Jugoslawien kam aber 95 einstweilen zur Ruhe, Milosevics Gross-Serbien war gestorben. Von den rund 200 000 Toten in allen Jugoslawien-Kriegen wurde etwa die Hälfte in Bosnien getötet.

Stadtmuseum Sarajevo, ein Automotor der während der Belagerung der Stadt als Generator zur Stromerzeugung verwendet wurde
Stadtmuseum Sarajevo, ein Automotor der während der Belagerung der Stadt als Generator zur Stromerzeugung verwendet worden ist

Epilog

Ivan Osim ging 1994 nach Graz, wo er mit seiner Famile wieder zusammen kam und das Ende des Kriegs erlebte. In seinen frühen Grazer Jahren muss auch der ehemalige Premier Ante Markovic in der Stadt gewesen sein, als Unternehmer. Osim war bis 2002 Trainer von Sturm, der Klub erlebte unter ihm einige goldene Jahre. In der österreichischen Liga gabs für ihn auch Wiedersehen mit Savicevic, Milanic oder Lubomir Petrovic, den EC-Siegertrainer von Roter Stern 1991.

Viele der 1990er-Mannschaft haben für Nationalteams von Nachfolgestaaten des sozialistischen Jugoslawiens gespielt, auch bei Welt- und Europameisterschaften. Im Juli 92 wurde der kroatische Verband bereits zur FIFA zugelassen und bald spielte ein kroatisches Team offizielle Länderspiele. Ähnlich war es mit Slowenien und Makedonien. Diese drei Nationalteams durften in der Qualifikation zur EM 1996 loslegen. Für ’98 waren auch Rest-Jugoslawien und Bosnien-Herzegowina mit dabei (Bosnien spielte seine Heimspiele in Italien). Das Team der BR Jugoslawien, mit einigen Spielern der 92er-Mannschaft wie Savicevic und Stojkovic, enttäuschte 1998 in Frankreich33 – wo Kroatien (mit Suker, Boban,…) mit dem Dritten Platz einen schönen Erfolg errang. Präsident Tudjman besuchte das Team dort.

In der Quali für die EM 2000 trafen Kroatien und Jugoslawien aufeinander, diesmal war das Team der Serben und Montenegriner stärker. Besonders rund um das Match in Zagreb gab es Spannungen, wurden Erinnerungen an den Raketenbeschuss und die Bombardierungen der Stadt im Krieg wach (gemacht). Und Dejan Savicevic, später ein glühender Verfechter der Unabhängigkeit Montenegros, gab ein bemerkenswertes Interview (https://www.youtube.com/watch?v=MTFhh3Ea5kE). Beim Turnier in Niederlande/Belgien traf Srecko Katanec, nun Trainer Sloweniens (mit Dzoni Novak), auf seinen Trainer bei Sampdoria Genua, Vujadin Boskov, nun Trainer Jugoslawiens.

Für 2014 hat sich auch das Team von Bosnien-Herzegowina qualifiziert. Ein Team, das zu ca 80% aus Bosniaken besteht, Serben und Kroaten aus Bosnien spielen noch immer oft lieber für die Teams von Serbien und Kroatien. Das begann bei kroatischen Bosniern mit Stanic, betrifft aktuell zB Corluka und Lovren. Ein serbischer Bosnier in der aktuellen serbischen Nationalmannschaft ist zB der Dortmunder Subotic. Man könnte fast sagen, dass nur jene bosnischen Kroaten und Serben für Bosnien spielen, die für die Teams von Kroatien und Serbien nicht gut genug sind. Ausnahmen davon sind aber Barbarez (der Wurzeln in allen drei Ethnien Bosniens hat) oder Misimovic.

Dann gabs und gibts Fussballer aus Ex-Jugoslawien, die für andere Nationalteams spielen. Solche, die in Jugoslawien (oder einem seiner Nachfolgestaaten) Fussball spielen gelernt haben und als Legionäre ins Ausland gingen, oder solche die als Gastarbeiterkinder im Ausland aufgewachsen sind. Zlatan Ibrahimovic (bosniakischer und kroatischer Herkunft) gehört zu Zweiteren, Ivica Vastic ist ein Beispiel für Erstere. Vastic spielte 90/91 bei RNK Split in der dritten jugoslawischen Liga. Nachdem 1991/92 aufgrund des Kriegs in Kroatien (zunächst) keine eigene Liga zu Stande kam, ging er nach Österreich, zur Vienna. Wie Ibrahimovic sind auch einige Kosovo-Albaner im “Ausland” aufgewachsen und dann Nationalspieler etwa der Schweiz geworden. Etwa Behrami und Shaqiri. So lange es Widerstand gegen die Anerkennung von Kosova/Kosovo als unabhängigen Staat gibt, gibt es auch Widerstand gegen die Anerkennung seines Fussball-Nationalteams – bzw umgekehrt, der Widerstand gegen die politische Anerkennung wird (v.a. von Serbien) über den Fussball geführt. Diverse “kosovarische” Schweizer Nationalspieler könnten zum Kosovo-Nationalteam wechseln, Albert Bunjaku hat das bereits getan.34

Auch in ex-jugoslawischen Nationalteams gibt es Eingebürgerte. Bei Kroatien etwa die schon erwähnten kroatischen Bosnier. Auch der 1998-Erfolgstrainer Miroslav Blažević ist ursprünglich Bosnier! Josip Simunic, der u.a. für seine Ustascha-Sprüche bekannt wurde, wurde in Australien geboren, seine Eltern sind anscheinend auch kroatische Bosnier. Dann gibts die “Gastarbeiter-Kinder”, die in das Land ihrer Eltern fussballerisch zurück kehrten, wie die Kovac-Brüder, Prso oder Rakitic. Darijo Srnas Vater ist Bosniake, seine Mutter anscheinend Serbin. Eduardo (Da Silva) kommt aus der brasilianischen Fussball-Diaspora. Der Kosova-Albaner Ardian Kozniku spielte während der Auflösung Jugoslawiens bei Hajduk Split, entschied sich für das kroatische Team, war beim 3. WM-Platz 1998 im Kader. Gelegentlich kommen auch Angehörige von nationalen Minderheiten ins Team, wie Giovanni Rosso (aus Dalmatien) oder Gordon Schildenfeld (aus Slawonien).35

Einen Nachschlag zu den Jugoslawien-Kriegen gab es 1998/99 im bzw durch Kosovo/Kosova. 2000 der Sturz Milosevics als Präsident Rest-Jugoslawiens und die Demokratisierung Serbiens. Dann seine Auslieferung an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, dem die internationale juristische Aufarbeitung der Kriege und Massaker übertragen wurde. 2000/01 gab es bürgerkriegsähnliche Unruhen zwischen slawischen und albanischen Makedoniern.36 2003 die Umwandlung Jugoslawiens in den Staatenbund Serbien-Montenegro; nach einem Referendum in Montenegro 06 die Auflösung dieses, die Trennung Montenegros von Serbien. ’08 wurde Kosovo durch Bush-Intervention von Serbien unabhängig.37. Mittlerweile sind 2 YU-Nachfolgestaaten EU-Mitglieder.

Wie sehr am West-Balkan (Ex-Jugoslawien und Albanien) nach wie vor Nationalismus und Politik mit Fussball (bzw Sport allgemein) zusammen hängt, zeigte sich auch am Streit um die Umbenennung von Dinamo Zagreb. Oder, als Bosnien-Herzegowina und Serbien-Montenegro in der Qualifikation für die WM 06 aufeinander trafen, es 04 in Belgrad Fan-Sprechchöre und Transparente für Mladic und Srebrenica gab, und tätliche Angriffe. Oder das Match zwischen Serbien und Albanien im Herbst 14 (Quali für die kommende EM), das nach Tumulten aufgrund einer Drohne mit der Fahne Gross-Albaniens über dem Spielfeld abgebrochen und strafverifiziert wurde. 2010 provozierten serbische Fans bereits nach sechs Minuten den Abbruch der EM-Qualifikationpartie gegen Italien in Genua.

Da es hier schon das Kontrafaktik-Gedankenspiele bezüglich des Abschneidens des YU-Teams 1992 gab, auch ein Blick darauf, wie ein solches Auseinanderfallen Jugoslawiens am ehesten vermieden hätte werden können. Ob das wünschenswert gewesen wäre, ist eine andere Frage. Der Krieg in Bosnien-Herzegowina allein rechtfertigt aber jedenfalls die Suche nach einer Alternative.

Für die Verhinderung eines Zerfalls wäre die Abhaltung von Wahlen zum Bundesparlament 1990/91 entscheidend gewesen. Eine Wahl  ohne Boykotte wichtiger Kräfte und anschliessende Reformen (v.a. eine weitere politische Pluralisierung und die Delegation von Kompetenzen von der Zentralregierung weg) hätte diversen Nationalismen Wind aus den Segeln genommen. Eine Regierungsbildung wäre aber schwierig geworden angesichts der ethnischen Zersplitterung des Landes38, man sah das im ersten Jugoslawien (dem der Zwischenkriegszeit) oder an Belgien, wo es nur 2 grosse Sprach-/Volksgruppen mit eigenen Parteien gibt. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn es gelungen wäre, bundesweit mehrere Parteien zu etablieren (wie es in der Schweiz die Regel ist).

Eine Politik, die alle wichtigen politischen Kräften zufrieden gestellt hätte, wäre 1990/91 aber eine Quadratur des Kreises gewesen. Die Sezessionsbestrebungen Kroatiens und der gross-serbische Nationalismus waren etwa unvereinbar. Für Letzteren war etwa schon das Erstarken der Teilrepubliken ein Problem, die Tatsache dass die Serben in Kroatien und Bosnien unter “fremde Herrschaft kamen”. Hätte ein Staatenbund (Konföderation) wie Serbien-Montenegro 03 bis 06 einer war, für alle Republiken Jugoslawiens funktionieren können, zumindest für einige Jahre? Wäre mit 6 Republiken schwieriger gewesen, mit einem Milosevic in Belgrad (und den von ihm abhängigen Serbenführern in Bosnien und Kroatien), der brisanten Frage einer gemeinsamen Armee (oder 6 separaten), dem zu vollziehenden Systemwechsel vom Einparteien-Kommunismus weg,…

Hin und wieder findet man in IT-Foren zusammen gestellte Fantasieteams mit jetzigen Spielern aus dem post-jugoslawischen Raum (Jugosphäre), also eine hypothetische aktuelle jugoslawische Nationalmannschaft. Nicht vorbei kommt man da zur Zeit an Handanovic, Modric39, Dzeko, Vucinic, Ivanovic, Pandev, Kolarov, Srna, Ibisevic, Mandzukic,…

Der Auseinanderfall Jugoslawiens spiegelt sich zB auch in seinen Song Contest-Auftritten wieder. 1989 der (einzige) Sieg, durch eine Gruppe aus Kroatien. 1990 die Ausrichtung; dass sie in Zagreb stattfand, war schon mal umstritten. Die Veranstaltung war am 5. Mai (mit dem Sieg des Italieners Toto Cutugno). Das war genau zwischen den beiden Runden der Wahl zum kroatischen Parlament. Präsident der Sozialistischen (Teil-) Republik Kroatiens war noch Latin. Man befand sich am Vorabend des Machtwechsels in Kroatiens, der ein wichtiger Schritt zur Auflösung Jugoslawiens war. Staatspräsidiums-Vorsitzender war der Slowene Drnovsek (ebenfalls ein Kommunist, zumindest ursprünglich), der auch anwesend war, wie Ministerpräsident Markovic. Auch auf dieser Ebene stand ein Übergang bevor, am 15. 5. wurde der Milosevic-Mann Jovic Staatsoberhaupt. Zwischendurch lief ein Film über Jugoslawien, in dem es um die Vielfalt des Landes ging, die auch die beiden kroatischen Moderatoren betonten. Die ORF-Kommentatorin Stöckl damals: “Die Moderation ist weitaus harmonischer, als es die politische Situation im Lande ist”. Aber die Spannungen begannen bald erst so richtig.

1991 gewann eine Serbin die Vorausscheidung, im März in Sarajevo, einen Punkt vor “Danijel” (Milan Popovic), der 1983 Vierter geworden war, was (neben 2 weiteren 4. Plätzen) die beste Platzierung Jugoslawiens nach dem Sieg ’89 war. Der Gesangswettbewerb fand in dem Jahr wie immer im Mai statt, kurz vor dem Beginn des blutigen Auseinanderfalls des Landes. Für 92 traten in der Vorausscheidung auch Künstlet aus Bosnien an, obwohl sie kurz nach der Unabhängigkeit dieser vormaligen Teilrepublik stattfand. Der Krieg in Kroatien pausierte damals, jener in Bosnien war dabei loszugehen. Der jugoslawische Vertreter vertrat nur noch die aus Serbien und Montenegro bestehende Bundesrepublik Jugoslawien. 1993 waren Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina (das mitten im Krieg war) dabei; Rest-YU nicht, wegen der Resolution 757.

Zum Weiterlesen und -schauen

* Zu Ivica Osim und seinem Nationalteam:

Klaus Zeyringer: Fussball. Eine Kulturgeschichte (2014); Ivica Osim, Gerd Enzinger, Tom Hofer, Jure Buric: Das Spiel des Lebens (2001); Andrej Krickovic: Football Is War (1999)

“ballesterer” 108 (Jänner/Februar 2016) mit Osim-Schwerpunkt 40

http://magicspongers.blogspot.co.at/2011/10/what-if-yugoslavia-euro-92.html

http://www.the42.ie/dinamo-v-red-star-the-match-that-heralded-war-840682-Mar2013/

http://www.historija.ba/d/27-roden-ivica-osim/(auf Bosnisch bzw BKMS)41

Die Nachfolge-Ligen der jugoslawischen

https://www.opendemocracy.net/can-europe-make-it/ivan-djordjevic/red-star-serbia-never-yugoslavia-football-politics-and-national-i

Rückblick auf das jugoslawische Nationalteam

Die TV-Reportage “Elf Freunde” (Schweiz 1998, Deutsch) von Miklos Gimes über die letzte gesamtjugoslawische Nati bzw ihre Protagonisten, damals und später

weitere Dokumentarfilme: “The Last Yugoslavian Football Team” von Vuk Janic (NL 2000; Serbo-kroatisch bzw BKS mit Untertiteln), und “Fudbal, nogomet i jo poneto” von Igor Stoimenov (SRB 2007, BKS)

https://www.youtube.com/watch?v=06tdOMS6TME (Osims Rücktritts-Bekanntgabe auf der Presse-Konferenz 92; auf BKS)

* Zum Auseinanderfall Jugoslawiens allgemein:

Die Ethno-Falle. Der Balkan-Konflikt und was Europa daraus lernen kann von Norbert Mappes-Niediek; Land ohne Wiederkehr. Ex-Jugoslawien: Die Wurzeln des Krieges von Svein Monnesland (1997); Dunja Melic: Der Jugoslawien-Krieg (2007); The Breakup of Yugoslavia and the War in Bosnia von Carole Rogel; Misha Glenny: The Fall of Yugoslavia (1992)/Jugoslawien: Der Krieg der nach Europa kam; Nigel Thomas, Krunoslav Mikulan, Darko Pavlovic: The Yugoslav Wars (2006); Dejan Djokić, James Ker-Lindsay (Hg.): New Perspectives on Yugoslavia: Key Issues and Controversies; The Serbian Project and Its Adversaries: A Strategy of War Crimes von James Gow; Yugoslavia’s Bloody Collapse: Causes, Course and Consequences von Christopher Bennett; Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert (2010); Erich Rathfelder: Kosovo (2010)

Der Auseinanderfall Jugoslawiens aus marxistischer Sicht 

Die JNA und der Auseinanderfall: hrcak.srce.hr/file/4593

Die BBC-Dokumentation “The Death of Yugoslavia”, ist auch auf Youtube zu finden

Zelimir Zilnik, 1994: “Tito po drugi put medju srbima” (Tito zum zweiten Mal unter den Serben), Mockumentary

* Zum post-jugoslawischen Raum:

Karl-Markus Gauss: Die sterbenden Europäer (2002). Der Autor kommt aus einer donauschwäbischen Familie aus der serbischen Batschka (Teil der Vojvodina), ist in Salzburg geboren und aufgewachsen. Er behandelt hier u. A. die sephardischen Juden in Bosnien, die Gottscheer in Slowenien, die Aromunen/Walachen Mazedoniens.

Matthias Marschik, Doris Sottopietra: Erbfeinde und Hasslieben. Konzept und Realität Mitteleuropas im Sport

Neven Andjelic: Bosnia-Herzegovina. The End of a Legacy

Vedran Dzihic: Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina: Staat und Gesellschaft in der Krise (2009)

http://www.academia.edu/9533564/Football_and_Reconciliation_in_Post-war_Bosnia_and_Herzegovina

Über die mögliche Anerkennung der “fussballerischen Unabhängigkeit” von Kosovo/Kosova

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ivan Bek, einer der wichtigeren Spieler der Mannschaft, war deutsch-tschechischer Herkunft, galt aber als Serbe, da er dort geboren worden war und lebte
  2. Fadil Vokrri war einer der Kosova-Albaner, die für das jugoslawische Fussball-Nationalteam spielten. Das war in der “goldenen Zeit” des Fussballs des Kosovo. FK Prshtina spielte Mitte der 1980er einige Jahre in der ersten YU-Liga. Das war die Generation mit Spielern wie Vokrri oder Shala. Miro Blazevic war in dieser Phase auch mal Trainer des Klubs. Auch einige Spieler kamen von jugoslawischen Gebieten ausserhalb des Kosovos. 1983 gewann man gegen Roter Stern Belgrad, auch so ein “unvergessliches” Match… Vokrri wurde ’08 Präsident des Fussballverbandes von Kosova
  3. Es gab die Spannungen im ersten Jugoslawien und es war der Sieg über die Nazis nicht von Allen mitgetragen worden
  4. Und die Initiative ging vollends auf die Teilrepubliken über
  5. Er gehört zu keiner der drei wichtigen Volksgruppen von Bosnien-Herzegowina, sein Vater war slowenisch-bayrisch, seine Mutter polnisch-tschechisch
  6. Auch bei der EM ’76 kam das jugoslawische Team ins Semifinale, wie 68 dabei war Roter Stern Belgrad-Legende Dragan Dzajic
  7. Wichtigster “Gegenkandidat” war Vlatko Markovic
  8. Der langjährige AC Milan-Legionär studierte nach seiner Karriere Geschichte in Zagreb, graduierte 2004 mit einer Arbeit über das Christentum im Römischen Reich
  9. Bestehend aus den Vertretern Serbiens und Montenegros sowie den beiden serbischen Gebieten Kosovo und Vojvodina
  10. Wie der kroatische Serbenführer Raskovic war Karadzic Psychiater und auch seine Partei hiess SDS. Als Hauptverantwortlicher für die Massaker in Bosnien wurde Karadzic kürzlich in Den Haag verurteilt
  11. Auch so ein Kuriosum: Die JNA war 1989–1991 Teil der “United Nations Angola Verification Mission”. Bald nach dessem Ende löste sie sich auf bzw wandelte sich um von der Bewahrerin von Einheit und Sozialismus in YU zur Hüterin gross-serbischer Interessen – im Zuge der folgenden Kriegen kamen nun “Blauhelme” ins zerfallende Jugoslawien
  12. Der 1848/49 im Dienste der Habsburger Aufstände niederschlug
  13. Ante Markovic wurde 1990 durch seinen Parteiwechsel der erste nicht-kommunistische Premier von YU seit Subasic 1944 (HSS)
  14. Die zur Unterstützung der JNA vorgesehene Teritorijalna odbrana/TO wurde dort und dann auch in den anderen Republiken der Kern einer eigenen Armee
  15. Am inneren Rand des Hufeisens, das Kroatien vereinfacht ist. Es handelte sich dabei um drei Gebiete, wobei die beiden im Westen vereinigt werden konnten
  16. Er war nach dem 2. WK Präsident von Partizan Belgrad gewesen!
  17. Das Match in Wien war das letzte Bewerbsspiel Jugoslawiens. Der horrende Rückpass des damaligen Rapidlers Gager, den Savicevic abfing; 8 Jahre später trafen die Beiden bei einem von Savicevics ersten Matches mit Rapid aufeinander, Gager nun bei Bregenz
  18. Tormann Tomislav Ivkovic war als einziger Kroate über die Sommerpause hinaus geblieben, spielte im August 1991 gegen Schweden, lieferte nach eigener Aussage beim 3:4 ein schlechtes Länderspiel ab. Ivkovic sagte später, er habe sich von der Mannschaft und insbesondere Trainer Osim verabschieden wollen
  19. Im Haager Gefängnis gab es in den 00er-Jahren ein Wiedersehen zwischen Milosevic und Oric
  20. Beide Funktionen wurden dann bis zur Umstrukturierung von “Platzhaltern” ausgefüllt
  21. Im Kroatien-Krieg wurden bei serbischen Besetzungen noch YU-Fahnen, mit dem rotem Stern, verwendet
  22. Die Makedonier fühlten sich in Jugoslawien überwiegendst gut aufgehoben (bis zum Schluss fast). Wie die Bosniaken, und das obwohl Beide in YU lange nicht als eigene Nation galten. Auch die Multiethnizität ist eine Parallele zu Bosnien, aber hier gab es ein dominierendes “Staatsvolk”, die slawischen Makedonier, die ethnisch-sprachlich mit den Bulgaren verwandt sind (nach anderer Auffassung sogar Teil dieses Volkes sind). Diese machen hier schon stattliche 65% aus; von den Minderheiten sind die Albaner die grösste. 1990 siegte die wieder gegründete, historisch pro-bulgarische VMRO bei der Parlamentswahl, 1991 wurde Gligorov von der Reform-KP vom Parlament zum Präsidenten gewählt. Im September 91 die Unabhängigkeits-Erklärung nach einem Referendum. Es gab hier keinen Krieg, weil das Land nicht als Teil Grossserbiens gesehen wurde. Aber Spannungen mit Griechenland wegen des Namens bzw angeblichen Gebietsansprüchen auf das griechische Makedonien, und zwischen Mehrheitsbevölkerung und albanischer Minderheit. Die bekanneste Albanerin aus Makedonien ist katholisch, Agnes/Anjezë Bojaxhiu, dennoch wird gerne ein Religionskonflikt daraus “gemacht”
  23. Ähnlich verhielt es sich mit dem Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic. Er war linientreuer kommunistischer Offizier in der JNA gewesen, bevor er Ausführender von Karadzics Politik wurde, den ethnischen “Säuberungen” in Bosnien-Herzegowina, seiner Heimatrepublik
  24. Durch das serbisch-montengrinische und kroatische Mitmischen war er kein reiner Bürgerkrieg
  25. Wie Osim hatte er Verwandte in Sarajevo, die nun eingeschlossen waren
  26. Serbische Bosnier hätten sicher auch mitgemacht, gab es damals aber keine an erstklassigen Fussballern
  27. Was insofern gerecht war, als Dänemark von den Gruppenzweiten der Fünfer-Gruppen die meisten Punkte hatte, mehr als Portugal und Italien
  28. Osim fuhr zum Belgrader Flughafen um sich von der Mannschaft zu verabschieden. Beim Umsteigen auf einem Flughafen stiess der “ausgestiegene” Faruk Hadzibegic zu ihnen, auf einen Cafe mit ihnen
  29. Oder wie zwischen Tschechien und Slowakei, die sich im Laufe der Qualifikation für 94 trennten und ab Anfang 1993 nicht mehr als Tschechoslowakei antraten, sondern als „Gemeinsames Team der Tschechen und Slowaken“; oder das in Serbien-Montenegro ummodelierte Rest-Jugoslawien nach geschaffter Quali für 06 durch die Unabhängigkeit Montenegros auseinanderfiel, bei der WM aber noch als gemeinsames Team antrat
  30. Eine Olivera Stajic, die bei der angeblichen Qualitätszeitung “Standard” schreiben darf, schrieb dort mal zur Belagerung Sarajevos, man habe “manchmal den Eindruck, dass diese romantisch verklärt werde” und dass die Lage der serbischen Bosnier zu kurz komme
  31. Karadzic war 1983/84 auch psychologischer Betreuer von RS Belgrad, damals mit Spielern wie Tomislav Ivković, Marko Elsner, Milan Janković, Milos Šestić, Đurovski, Milovanović; angeblich war er auch beim FC Barcelona in dieser Funktion tätig gewesen
  32. Nach Motiven der Spiele von 1942 entstand 1962 der ungarische Film “Két félidő a pokolban”, deutsch “Zwei Halbzeiten in der Hölle” oder “Das letzte Tor”. 1981 gabs eine Art Neu-Aufguss davon, den US-amerikanisch-britischen Film “Escape to Victory” (“Flucht oder Sieg”), in dem Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern gegen deutsche Bewacher spielen; mit Pelé, Robert Moore, Michael Caine, John Wark, Osvaldo Ardiles
  33. Trainer war Slobodan Santrac, der 92 Cabrinovics Co-Trainer gewesen wäre
  34. 1993 spielte ein Kosovo-Nationalteam erstmals ein inoffizielles Länderspiel, seit 2014 (6 Jahre nach Unabhängigkeit) offizielle
  35. Im slowenischen Team sind seit der Unabhängigkeit Serben sehr präsent, wie Zahovic oder Novakovic, Nachkommen von Einwanderern aus YU-Zeiten; um die Einbürgerung solcher Einwanderer gibt/gab es einen politischen Streit. Bei Rest-Jugoslawien bzw Serbien gabs zB Albert Nadj (Nađ, Nagy), der Wurzeln in der Vojvodina haben muss
  36. Bei Makedonien gab es Potential für Kriege mit Griechenland und Albanien
  37. Anlässlich der Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova gab es gewalttätige Demonstrationen von Belgrad (wo die US-Botschaft gestürmt wurde) bis Wien (Grussbotschaften von Handke bis Strache)
  38. Die grösste Volksgruppe Jugoslawiens waren die Serben, diese machten ca. 35% aus; eine Partei die unter Serben 60% bekam (was sehr viel ist), hätte landesweit dann etwas über 20% gehabt
  39. Luka Modrić wurde 1985 geboren und erlebte den Krieg in Kroatien in der Gegend um Zadar, musste mit seiner Familie flüchten, als die Gegend der “Republik Serbische Krajina” eingegliedert wurde
  40. Beim ballesterer gibt es freilich einige zweifelhafte Mitarbeiter wie Spitaler, Rosenberg, Forster
  41. Bei Serben, Kroaten, Bosniern und Montenegrinern schlug die Wahrnehmung bzw Hervorkehrung von Gemeinsamkeiten um zu jener von Unterschieden; die Sprache die lange als “Serbokroatisch” und gemeinsame Sprache gesehen wurde, wurde ab Anfang der 1990er zu drei bis vier verschiedenen, je nachdem ob Serbisch und Montenegrinisch als unterschiedliche Sprachen gesehen werden. Verständigung ist leicht möglich, es gibt zwischen diesen Sprachen Unterschiede, es gibt Gemeinsamkeiten, es kommt darauf an, was eher wahrgenommen wird. Wobei, (s)eine eigene nationale Identität zu unterstreichen, ist noch nicht der erste Weg zum Krieg, solange man Vielfalt akzeptiert

Möglicherweise geschobene Fussball-Spiele

Es geht hier nicht um Schiedsrichter-Fehlentscheidungen, etwa jene des Ecuadorianers bei Südkorea gegen Italien bei der WM 2002 (wobei gerade bei diesem Spiel möglicherweise nicht [nur] Inkompetenz im Spiel war…). Ein anderes Thema sind auch sicher geschobene Spiele. Manipulation geschieht in der Regel aus zwei verschiedenen Gründen, des sportlichen Erfolges halber oder wegen Wettgewinnen. Nicht immer sind die Akteure des betreffenden Spiels auch Profiteure der Schiebung.

Prominente Fälle aus der zweiten Kategorie ist etwa der Totonero-Skandal, in der italienischen Liga 1979/80, während dieser Saison von der von Guardia di Finanza aufgedeckt. Nationalspieler Rossi von Perugia oder Giordano waren involviert. Oder in der deutschen Bundesliga 1971 und 2005 (Hoyzer), ’06 wieder in Italien (rund um Juventus Turin), 09 in diversen europäischen Ligen, 1964 in England, in Österreich vor einigen Jahren um Kuljic und Taboga,…

Standard Lüttich half bei seinem belgischen Titelgewinn 1981/82 nach. Im letzten Meisterschaftsspiel gewann Standard gegen Thor Waterschei, und setzte sich damit gegen Anderlecht durch. Geld floss zuvor von Lüttich nach Waterschei. 2 Jahre später kam das heraus. Viele Standard-Spieler wie Gerets oder Preud’homme waren involviert und wurden bestraft. Olympique de Marseille wollte 1992/93 (als der Klub auch den Meistercup gewann) in der französischen Meisterschaft auch auf Nummer Sicher gehen, gegenüber dem Konkurrenten Paris SG. Dem Tapie-Klub wurde der Titel aberkannt.

Es geht hier auch nicht um Spiel-Absprachen im Irak unter Saddam Hussein, die geschahen, um nicht bestraft bzw gefoltert zu werden.1 Oder um die Schiebungen im kommunistischen Rumänien damit Rodion Camataru den Goldenen Schuh bekam (? 1987). Oder um Korruption bei der Vergabe von Turnieren.

Das Spiel zwischen den Mannschaften Argentiniens und Perus bei der Fussball-Weltmeisterschaft 1978 war entscheidend für dieses Turnier. Damals wurde die Zwischenrunde in Form von Gruppenspielen ausgetragen, die auch das Semifinale ersetzten. Argentinien, Veranstalterland der WM, und Brasilien hatten im direkten Aufeinandertreffen torlos gespielt und am letzten Spieltag der Gruppe besiegte Brasilien zunächst Polen, womit klar war, dass Argentinien gegen Peru zum Gruppensieg und Einzug ins Finale einen Sieg mit vier Toren Unterschied brauchte – Spiele wie dieses waren der Grund, dass letzte Gruppenspiele längst zeitgleich stattfinden. Argentinien gewann 6:0.

Für die Argentinien beherrschende Militärdiktatur unter Videla war die Ausrichtung der Weltmeisterschaft und das Abschneiden “ihres” Nationalteams eine Prestigesache, international und zur Stabilisierung der Herrschaft im Land. Bei der Schiebung des Spiels sollen eine Lieferung Getreide an Peru (organisiert von Argentiniens Landwirtschaftsminister Zorreguieta), der in Argentinien geborene peruanische Tormann Quiroga, die Präsidenten der beiden Länder, die Auslieferung von Gefangenen und Druck auf die peruanischen Spieler eine Rolle gespielt haben. Videla war unter den Zusehern im Stadion in Rosario, wie auch Ex-USA-Aussenminister Kissinger, der dabei ebenfalls eine Rolle gespielt haben könnte.

Peru, mit Teofilo Cubillas, war regierender Copa America-Sieger und hatte eine grandiose Vorrunde gespielt. Die ersten 15 Minuten war dieses Team auch überlegen. Zur Pause stand es 2:0. Tormann Quiroga hat möglicherweise Schlimmeres verhindert. Unter https://www.youtube.com/watch?v=xH9HZWO7Ez4 ist das ganze Spiel zu sehen. Unter https://www.youtube.com/watch?v=x74qjazOp-I eine Zusammenfassung. Man achte hier etwa ab 3:25 bis zum Abstoss und auf die folgende Aktion, auf das Gegenwehr-Verhalten der Peruaner, deren Körpersprache überhaupt… Eine Möglichkeit ist natürlich, dass sie demotiviert waren für diese Partie. Sie hatten auch bei einem Sieg gegen Argentinien keine Chancen mehr auf das Spiel um Platz 3, waren fix ausgeschieden.

Eines kann man ziemlich sicher sagen, der französische Schiedsrichter Wurtz hatte bei einer möglichen Manipulation keine Rolle. Auch, weil es da ein Foul eines Peruaners gab, auf den es einen Elfer geben hätte können. Bei einer Absprache müssen auch nicht alle Peruaner eingeweiht gewesen sein. 4 Tage später fand das Finale statt. 2012 hat der peruanische Abgeordnete Genaro Ledesma gesagt, es habe einen Handel zwischen den Präsidenten der Staaten, Bermudez und Videla, gegeben: das peruanische Team verliert mit vier Toren Unterschied, Argentinien übernimmt 13 peruanische Dissidenten in Gefangenschaft.

Argentiniens erster WM-Sieg steht also unter einem schlimmen Verdacht. David Yallop behandelte die Sache seriös in “How They Stole the Game”. Eine Darstellung darüber (auf Englisch) auch hier.

Unter Verdacht steht auch Spanien gegen Malta, 1983. Es ging um die Qualifikation für die EM 1984. Die Spanier bekamen im letzten Match den hohen Sieg, den sie brauchten, um die Niederlande noch zu überholen.

Bei den WM-Turnieren 1974 und 1966 gab es möglicherweise absichtliche Schiedsrichter-Hilfe für die jeweiligen Gastgeber-Teams. 1974 eine rote Karte des Bundesdeutschen Tschenscher in der Zwischenrunden-Partie Niederlande gegen Brasilien. Es ging darum, gegen wen die BRD im Finale spielen würde. 1966 der Ausschluss für den Argentinier Antonio Rattin, im Viertelfinal-Match gegen England. Vom Deutschen Kreitlein, wegen seiner verbalen Provokationen. Kreitlein konnte gar nicht Spanisch, wird eingewandt. Berühmt wurde die Sache wegen dem folgenden Sitzstreik Rattins bzw seiner Weigerung, den Platz zu verlassen. Dieser Rattin wurde übrigens Abgeordneter für die rechte Partido Unidad Federalista, geführt von Luis Patti, der unter der erwähnten Jorge Videla folterte. Beide Fälle sind aber wahrscheinlich weit von Schiebung entfernt.

Dann gibts ein Match aus der chinesischen Liga, um das es Diskussionen gab, aber diese Liga ist (noch) zu unbedeutend, um sich darüber auszulassen.

Doping ist auch eine Form der Manipulation; zumal wenn es sich um negatives handelt. So etwas soll es im Achtelfinale der WM 1990 gegeben haben, zwischen Brasilien und Argentinien. Der Brasilianer “Branco” sagte nach der Niederlage, dass ihm ein argentinischer Betreuer während einer Spielunterbrechung eine Flasche Wasser gereicht habe, nach dessen Konsum ihm übel geworden sei. Diego Maradona bestätigte das später, ein Beruhigungsmittel sei für einen Brasilianer in das Wasser gemischt worden. Trainer Carlos Bilardo sei dahinter gesteckt. Ob das spielentscheidend war, darf bezweifelt werden.

Was das EM-Finale 04 betrifft, Griechenland-Portugal, der Final-Schiedsrichter Markus Merk war Zahnarzt vom griechischen Trainer Otto Rehhagel. Er hat sich aber nichts zu Schulde kommen lassen. Das Match zwischen den Teams Österreichs und Deutschlands 1982 war nicht verabredet; es gab nach 10 Minuten den Spielstand, der Beiden zum Aufstieg genügte, und darauf hin so etwas wie einen unausgesprochenen “Waffenstillstand”.

Beschuldigungen gibt es diesbezüglich bald. Etwa in der Qualifikation für die WM 1994, als Bulgariens Star Christo Stoichkov behauptete, der schwedische UEFA-Präsident Johannsson hätte die Schiedsrichter unter Druck gesetzt, dem schwedischen Team zu helfen. In Jugoslawien gab es die Planinić-Affäre, nach dem Tormann benannt, der 1965 behauptete, dass 1963/64 in der Liga einige Spiele geschoben geworden sein. Man glaubte ihm und es gab einige Sperren, u.a. für Ivan Osim. Als dieser etwa 20 Jahre später jugoslawischer Nationaltrainer wurde, hat der Verband ihm gegenüber den Fehler eingestanden, heisst es.

Gegenüber Andres Escobar wurde der Vorwurf der absichtlichen Manipulation durch sein Eigentor bei der WM 94, im Spiel gegen USA, auch erhoben.

Gerade die Erwähnung der argentinischen Militärdiktatur zeigt, dass es Schlimmeres gibt als manipulierte Fussball-Spiele; etwa das Schicksal der unter Videla Gefolterten oder Ermordeten, oder der westliche Umgang mit dieser Junta oder jener in Chile unter Pinochet.

Falls jemand weitere “Kandidaten” weiss, bitte um Mitteilung als Kommentar.

http://sportnet.at/home/fussball/bundesliga/4671350/Experte-erklaert_So-werden-FussballSpiele-manipuliert

 

Nachtrag: Das zweite genannte Video, die Zusammenfassung, ist auf Youtube nicht mehr abrufbar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Folterungen an irakischen Sportlern begann, als Saddams ältester Sohn Uday 1987 das nationale olympische Komitee übernahm

Rasse, Sport und Politik in Südafrika

Allgemein

In der Republik Südafrika ist Politik nach wie vor rassisch, Sport nach wie vor politisch. Alles dreht sich in Südafrika am Ende um Rassenbeziehungen. Fast alle Probleme des Landes sind in gewisser Hinsicht Rassenprobleme bzw Apartheiderbe. Vom Rassendiskurs kommt man schnell zum Afrikadiskurs und zum Kolonialismus-/ West-/Imperialismus-Diskurs. Das eigentliche Apartheid-System herrschte in Südafrika von 1948 bis 1994; aber es sind 100 bis 150 Jahre, die Weisse dort über Schwarze geherrscht haben, teilweise mehr. In der Sportgeschichte steckt alles über das Land (Apartheid und Überwindung, Rassenbeziehungen, …) drinnen.

Verallgemeinert kann man sagen, dass Fussball in Südafrika der Sport der Schwarzen ist (sowohl was Aktive betrifft, als auch Zuseher), Rugby jener der Weissen. Dahinter ist v.a. Kricket noch zu nennen, wo auch die Inder Südafrikas eine Rolle spielen. Die Mischlinge (Coloureds, “Farbige”, im Westkap die grösste Volksgruppe) sind in allen Sportarten vertreten, nirgendwo dominierend. Im Rugby und Kricket gehört Südafrika zur Weltklasse, im Fussball gelang dieser Sprung nicht. Gebracht haben so gut wie alle Sportarten die Briten nach Südafrika, Ende des 19. Jahrhunderts.

Eine Rassentrennung gab es in Südafrika schon vor dem Beginn der Apartheid 1948 (burische Parteien alleine an der Macht), vor der (de facto-) Unabhängigkeit von Grossbritannien 1931 (Westminster-Statut) und vor der Entstehung Südafrikas als Einheitsstaat 1910 (Vereinigung von vier britischen Kolonien). Aus Kolonialpolitik wurde eine Praxis (der weissen Siedler), und diese wurde erst unter der Apartheid in Gesetzen festgeschrieben, im Sport in den 1950ern von Innenminister T. E. Dönges.1 1908 nahmen die damaligen britischen Kolonien Südafrikas, die Vereinigung von 1910 vorwegnehmend, erstmals bei Olympischen Spielen an, gemeinsam.2 Von diesem Anfang an bis zum Ausschluss in den 1960ern durften nur Weisse teilnehmen, die Anfang des 20. Jh 20 bis 25% der Bevölkerung ausmachten.3 Unter Premier Verwoerd (1958 bis 1966) wurde die Apartheid in verschiedener Hinsicht noch verschärft, auch im Sport.

Es gab verschiedene Sportvereine für die verschiedenen Rassen und getrennte Dachverbände, und nur die weissen waren in der South African Olympic and Empire [später Commonwealth] Games Association (SAOEGA, später SAOCGA) vertreten. Sogar die Uni, die als liberaler Campus schwarze Studierende zuliess, hatte zwei Teams. Diese Vorgabe galt auch für Gast-Mannschaften.4 Die British Empire – Spiele (Vorläufer der Commonwealth-Spiele) 1934, zuerst an Johannesburg vergeben, wurden nach London verlegt, da die südafrikanische Regierung eine Teilnahme farbiger Teilnehmer ablehnte. Es gab einige “farbige” Sportler, die durch Emigration diesem Ausschluss entgingen, wie der Gewichtheber Ronald Eland, der dann für Grossbritannien antrat; die Möglichkeit der Emigration hatten aber nur Wenige.

Ab Ende der 1940er beschwerten sich schwarze Athleten und Verbände Südafrikas beim IOC über ihren Ausschluss – ihnen wurde beschieden, die Sache mit “ihrem” nationalen olympischen Komitee SAOCGA auszumachen. Auch als 1952 ein neuer IOC-Präsident kam, der US-Amerikaner Avery Brundage (bis 1972), wurde dies als eine interne südafrikanische Angelegenheit gesehen, wurden keine Maßnahmen unternommen. Das IOC war eben eine Gruppe von Personen hauptsächlich aus dem Westen, welcher sich ausgebreitet hatte und damals noch über viele Kolonien herrschte, auch wenn er dabei war, einen Teil davon zu verlieren. Nachdem die olympische Bewegung 1936 in Hitlers Berlin und Garmisch gastiert hat, war die Apartheid auch kein Ausschlussgrund.

Es war der von der Sowjetunion geführte kommunistische Ostblock, der in den 1950ern zuerst die Haltung des IOC zu Apartheid-Südafrika in Frage stellte. Auch Indien und manche Blockfreie begannen sich in der Frage zu engagieren. Mit der Entkolonialisierung in Afrika, Asien, Amerika (Karibik) und Ozeanien entstand auch im IOC Opposition zur Apartheid. Ähnlich ging es in anderen internationalen Organisationen, wie der UN, und so kam es Ende der 1950er, Anfang der 1960er zur Isolation Apartheid-Südafrikas. Für Olympia 1960 ging es sich aber nochmal aus: Als IOC-Delegierte 1959 darauf hinwiesen, dass die Praxis der SAOCGA gegen die in der Olympischen Charta festgeschriebene Ächtung von Diskriminierung möglicherweise verstosse, behauptete der südafrikanische Delegierte, dass sich nicht-weisse Athleten aus rein sportlichen Gründen nicht qualifiziert hatten… Und Brundage war der Meinung, dass diese Nicht-Diskriminierungs-Regel nur für Olympia selbst und nicht für nationale “Vorausscheidungen” gelte. So war ein südafrikanisches Team 1960 in Rom dabei und auch erstmals eines bei den Winterspielen.

1955 wurde in Südafrika ein Committee for International Recognition gegründet, das 1958 in die South African Sports Association (SASA) überging und 1963 in das South African Non-Racial Olympic Committee (SAN-ROC). Der Organisation ging es um den Kampf gegen Rassentrennung im südafrikanischen Sport, die Anerkennung der alternativen Sportverbände und den Ausschluss eines rein weissen Südafrikas von Olympia. Geleitet wurde sie von Dennis Brutus (Generalsekretär der SASA und Präsident von SAN-ROC), der afrikanische, europäische und asiatische Vorfahren hatte, wie viele der Mischlinge Südafrikas. Dennis Brutus bekam keinen Reisepass und wurde gebannt, was eine Beschränkung u.a. seiner Bewegungsfreiheit und seiner Möglichkeit, Andere zu treffen, bedeutete. 1960 wurde er wegen Verstössen gegen diesen Bann verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach gelang ihm die Flucht ins portugiesische Mozambique, von wo ihn die Kolonialbehörden aber nach Südafrika zurückschickten. Bei einem Fluchtversuch wurde er dort angeschossen; er wurde ins Gefängnis auf Robben Island gebracht, für etwa eineinhalb Jahre, in eine Zelle neben jener Nelson Mandelas. Auch John Harris, Vorsitzender des SANROC, wurde gebannt und eingesperrt. Er schloss sich einer militanten weissen Gruppe an und wurde 1965 hingerichtet.5

Anfang der 1960er intensivierte sich der Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika und verband sich der Konflikt mit anderen im südlichen Afrika. Südafrika wurde eine Republik und trat aus dem Commonwealth aus, die Teilnahme an Commonwealth-Spielen wurde dadurch hinfällig. Die SAOCGA wurde in SAONGA (South African Olympic and National Games Association) umbenannt, später in SANOC (South Africa National Olympic Committee). Unabhängige afrikanische Staaten thematisierten die Rassendiskriminierung Südafrikas in internationalen Gremien, auch im IOC. Das Apartheid-Regime wurde von einem geachteten Mitglied der Staatengemeinschaft zu einem Aussenseiter; es behielt aber Freunde und gewann neue hinzu.

1963 gewann Sewsunker “Papwa” Sewgolum, ein indischer Südafrikaner, als Caddie tätig, die Golf-Meisterschaft von Natal. Er wurde zur Preisverleihung nicht in das Klubhaus gelassen, das Foto von ihm, wie er draussen in strömendem Regen die Trophäe erhielt, ging um die Welt, schadete dem Ansehen des Rassentrennungs-Systems und half jenen, die dagegen kämpften.

Das IOC verlegte seine Konferenz 1963 von Nairobi nach Baden-Baden, nachdem die kenianische Regierung der südafrikanischen Delegation die Einreise nicht gestatten wollte. SAN-ROC wurde daran gehindert, Vertreter zu der Konferenz zu schicken, aber die an Bedeutung gewinnende Anti-Apartheid-Bewegung im Exil schickte Appelle an nationale olympische Komitees, den Apartheid-Sport zu ächten. Abdul Samad Minty, Exil-Südafrikaner, in der britischen Anti-Apartheid-Bewegung aktiv, Leiter des UN-Zentrums gegen Apartheid, setzte sich in Baden-Baden bei Delegierten und IOC-Funktionären im Namen von SAN-ROC ein, präsentierte Material über Rassismus im südafrikanischen Sport. Besonders Indien nahm sich der Sache an (teilweise deshalb, weil die Apartheid auch die indische Volksgruppe in Südafrika betraf), beantragte Südafrikas Ausschluss von Olympia.

Das IOC nahm auf dieser Konferenz die Einladung an das SANOC zu den Olympischen Spielen 1964 zurück und stellte eine Teilnahme (nur) für den Fall in Aussicht, das sich das NOK von Südafrika gegen die Regierung(spolitik) dieses Landes stellte. Das tat SANOC nicht und zusätzlich kündigte Innenminister Jan de Klerk (Vater des zukünftigen Präsidenten Frederik W.) an, dass das Team für 1964 nicht “rassisch gemischt” sein würde. So blieb es beim Ausschluss. Dennis Brutus, der darauf hingearbeitet hatte, war gerade im Gefängnis, als diese Nachricht kam. Mit der Suspendierung Südafrikas von Olympia (ab) 1964 waren die Weichen für den Sportboykott gegen die Apartheid überhaupt gestellt.

Als Südafrika von Olympia ausgeschlossen wurde (und bei Commonwealth-Spielen nicht mehr antrat), begann, ab 1964, die Teilnahme an den Paralympics (Sommer und Winter) und im selben Jahr die Ausrichtung der South African Games (manchmal South African Open Games genannt). Diese waren eine direkte Antwort auf den Olympia-Ausschluss, fanden 64, 69, 73, 81, 86 statt, unter Teilnahme einiger ausländischer (weisser) Sportler. An den Behinderten-Spielen Paralympics durften südafrikanische Sportler 1976 letztmals antreten; ’80 wurden sie vom Veranstalter Niederlande ausgeschlossen, wegen der Rassentrennung Südafrikas bei Sportlern und Zuschauern.

1966 gründete die Organisation für afrikanische Einheit (OAU) das Supreme Council for Sport in Africa (SCSA), das sich vornahm, Apartheid-Südafrika von Olympia auszuschliessen und Spiele zu boykottieren, sofern Südafrika teilnahm. SAN-ROC war nach den Verhaftungen Mitte der 1960er zerschlagen, wurde in London 1966 wiederbelebt. Die Vereinigung nationaler olympischer Komitees Afrikas (ANOCA) gewährte SAN-ROC die Mitgliedschaft, anstelle des SANOC. Auf der IOC-Konferenz in Teheran 1967 sagte SANOC zu, ein Team aus allen Bevölkerungsgruppen zur Sommer-Olympia 1968 zu schicken. Um das eigene Verbot gemischtrassiger Wettbewerbe zu umgehen, sollten Vorausscheidungen ausserhalb Südafrikas stattfinden (obwohl die einzelnen Bewerbe rassisch getrennt sein sollten)… Dieses kleine Einlenken unter Premier Vorster war und ist für Hardcore-Apartheid-Anhänger auch Mit-Grund, ihn zu den “Verrätern” an dieser Ideologie zu erklären.

Im Februar 1968 entschied das IOC, SANOC zu den Spielen 1968 in Mexiko einzuladen, mit der Bedingung, das verbleibende Diskriminierung bis zu den Spielen 1972 beendet wird. Das SCSA drohte darauf hin, dass afrikanische Staaten Olympia 1968 boykottieren würden; auch der Ostblock deutete diese Möglichkeit an. Daraufhin intervenierte das mexikanische Organisationskomitee beim IOC, die Entscheidung zur Wiederzulassung zu überdenken, da seine Veranstaltung so zu einem Fiasko werden könnte. Im April schloss das Exekutiv-Komitee des IOC Südafrika “aufgrund des internationalen Klimas” aus. 1968 rief auch die UN-Generalversammlung zum Boykott von Sportveranstaltungen mit Südafrika auf.

1970 wurde SANOC vom IOC ausgeschlossen; auf der Konferenz in Amsterdam wurden Fälle von Diskriminierung im Sport vorgetragen sowie die Verwendung der olympischen Ringe bei den South African Games. Ungefähr zur selben Zeit wurde eine Tour des südafrikanischen Kricket-Teams in England abgesagt und das Land im Tennis-Davis-Cup ausgeschlossen. Ein Team aus der BR Deutschland zog die Teilnahme von den SA Games 1969 zurück, nachdem die SCSA im Namen afrikanischer Staaten androhte, Olympia in München 72 zu boykottieren. 1969 gab es auch den Versuch, Black Games in Soweto zu veranstalten.

1973 wurde ein South African Council on Sports (SACOS) gegründet, als Nachfolger der SASPO, als nicht-rassischer Sportverband, als Partner des SAN-ROC, auch bei Bemühungen zum vollständigen internationalen Boykott des Apartheid-Sports. Während dieses inzwischen vom Londoner Exil aus agierte, war SACOS in Südafrika tätig. SACOS-Generalsekretär M. N. Pather wurde etwa an der Ausreise gehindert, als ihn die UN zu Konsultationen nach New York einlud. Der Präsident der South African Amateur Swimming Federation (mit dem SACOS affilliert), Morgan Naidoo, wurde gebannt, nachdem der Apartheid-Schwimmverband 1973 von der International Swimming Federation ausgeschlossen wurde.

Eine wichtige Rolle im südafrikanischen Sport spielt(e) Sam Ramsamy, auch ein indischer Südafrikaner, aus Durban. Er schaffte es, zum Studium ins Ausland (nach Europa) zu gehen und arbeitete dann als Sportlehrer in London. Bereits während des Studiums gegen die Apartheid im Sport aktiv, war er ein Gründungsmitglied von SACOS. Er gab seinen Job auf, um hauptamtlich für SAN-ROC in London zu arbeiten, wurde 1976 dessen Vorsitzender. Er knüpfte Kontakte mit Sportverbänden, v.a. in der “3. Welt”, zum ANC und ausländischen Anti-Apartheid-Solidaritäts-Gruppen, mit Sportjournalisten, erreichte die Anerkennung für SACOS beim Supreme Council for Sport in Africa, verband Widerstand in Südafrika und im Exil, SACOS und SAN-ROC, arbeitete für die UN, arbeitete an einer Ausweitung des Sport-Boykotts.

Südafrika bzw die Apartheid war der indirekte Grund für den Olympia-Boykott 1976 (die nächsten Turniere wurden dann immer von irgendwem boykottiert, im Zeichen des Kalten Krieges). Das neuseeländische Rugby-Team gastierte in diesem Jahr, nach dem Soweto-Massaker, in Südafrika, mit dem Segen des neuen neuseeländischen Premiers Robert Muldoon (National Party).6 Afrikanische Länder verlangten den Ausschluss Neuseelands. Das IOC wies darauf hin, dass Rugby kein olympischer Sport war und der neuseeländische Rugby-Verband nicht Mitglied des NOK’s des Landes. 26 von 28 afrikanischen NOK’s boykottierten daraufhin die Spiele in Montreal, jene von Guyana und Irak schlossen sich ihnen dabei an. Im folgenden Jahr haben Regierende von Commonwealth-Staaten bei einem Treffen in Gleneagles, Schottland, beschlossen, von Sportkontakten mit Südafrika Abstand zu nehmen. 1978 hat auch die EG eine ähnliche Erklärung verabschiedet.

Der (in die USA ausgewanderte) Inder Enuga Sreenivasulu Reddy hat an der UN das Special Committee against Apartheid (dessen Sekretär er 1963–1965 war) und dessen Centre against Apartheid (dessen Direktor er 1976–1983 war) ins Leben gerufen. 1977 hat die UN eine Erklärung gegen Apartheid im Sport verbaschiedet. Das Spezialkomitee hat 1980 ein “Register of Sports Contacts with South Africa” begonnen, das alle Sportspersonen auflistete, die in Südafrika auftraten. Manche Regierungen verweigerten diesen Personen die Einreise

1985 hat die UN die Internationale Konvention gegen Apartheid im Sport verabschiedet, die zuvor u.a. wieder unter der Mitwirkung Sam Ramsamys ausgearbeitet worden war. Sie sah Sanktionen auch gegen jene vor, die Sportkontakte mit solchen hatten, die Sanktionen gebrochen hatten. Beim Entwurf gab es einigen Streit und vom Beginn des Unterzeichnungsprozesses 1986 bis zum Inkrafttreten (für die Unterzeichnerstaaten) wurde sie von keinen westlichen Staaten unterzeichnet, und nur von 20 von 52 afrikanischen. Die Sache mit dem bindenden Boykott von “Drittparteien” erwies sich als nicht konsensfähig. Die Sowjetunion etwa hatte Angst vor den Auswirkungen auf Olympia in Moskau 1980. Mit der Konvention wurde auch eine Commission against Apartheid in Sport (CAAS) ins Leben gerufen.

Das IOC verabschiedete 1988 eine “Erklärung gegen Apartheid im Sport”. In den 1980ern war der Apartheid-Sport weitgehend isoliert; im Sport haben die Gegner der Apartheid am meisten bezüglich der Isolation dieses Regimes erreicht – im Vergleich zum Handel mit Bodenschätzen, Waffen (auch nuklearen) oder Technologie war das aber ein “weicher” Bereich. Oder doch nicht? Gerade die Isolation im Rugby schmerzte viele Afrikaaner enorm. Mit Hilfe mancher westlicher Freunde blieb Apartheid-Südafrika von vollständiger Isolation im Sport bewahrt. Gastauftritte von Sportteams in Südafrika (etwa im Rugby, s. u.) konnten von der Boykott-Bewegung nur schwer verhindert werden. Dennis Brutus war nach seiner Haft-Entlassung zuerst nach GB, dann in die USA ausgewandert (wurde nach einem langen Kampf als politischer Flüchtling anerkannt). Er arbeitete dann als Englisch-Lehrer und musste seine Arbeit für SAN-ROC vernachlässigen.

In den 1980ern mussten sogar Israel sowie die konservativen Regierungen von USA, GB und BRD Maßnahmen gegen das Apartheid-Regime ergreifen, v.a. den Handel betreffend. Die Apartheid hatte aber bis zum Schluss ihre Apologeten und Kollaborateure. Jene, die keine Gelegenheit ausliessen, Menschenrechtsverletzungen und Totalitarismus in den kommunistischen Staaten anzuprangern, sich dabei als “Menschenrechtler” aufspielten, waren in der Regel jene, die bei der Apartheid in Südafrika oder der Diktatur in Chile nicht nur ein oder zwei Auge(n) zudrückten, sondern eher davon angetan waren. SANOCs langjähriger Präsident in den “kalten Jahren”, Rudolf Opperman, verfasste ein Buch mit, in dem es um die olympische Bewegung in Südafrika ging, Titel war “Afrikas erste Olympioniken”.

Anhänger des rassischen Fanatismus beschuldigten Leute die dagegen ankämpften des Fanatismus. Jene, die davon redeten, Sport und Politik getrennt zu halten, unterstützten ein System, das Politik (in Form von Rassismus) in den Sport brachte, oder Teil dieses Systems waren. Jene, die Verachtung für die Mehrheit der Südafrikaner hatten, machten jenen Vorwürfe, die das Rassische aus dem südafrikanischen Sport (und überhaupt aus der Gesellschaft) wegbringen wollten. Deon Geldenhuys’ “Isolated States: A Comparative Analysis” (1990/91) ist noch ein relativ moderates Lamento gegen den Sportboykott. Er hat nicht ganz Unrecht, wenn er schreibt, dass die Voraussetzungen für Wiederzulassung und Aufhebung nicht in den Händen der Sportverbände lagen sondern bei der Regierung – nur gab es da ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten, v.a. bei der ideologischen Ausrichtung.

Während früher manche Schwarze (wie Eland) vor der Diskriminierung ins Ausland auswiechen, taten dies später (von Anfang der 1960er bis Anfang der 90er) Weisse, wegen des Boykotts. Mit dem Wechsel der Nationalität (Staatsbürgerschaft) wurde dieses Problem gelöst. Der bekannteste Fall war jener der Läuferin Zola Budd, die für Grossbritannien startete. Der jüdische Südafrikaner Mark Handelsman, auch ein Läufer, nahm die israelische Staatsbürgerschaft an, trat so 1984 bei Olympia an. Der Fussballer Roy Wegerle ging in die USA, spielte für das dortige Nationalteam. Der Tennisspieler Kevin Curren trat auch für die USA an. Beim Rugby-Spieler Andrew Mehrtens waren es nicht sportpolitische Gründe, dass er von seinen Eltern als Kind nach Neuseeland gebracht wurde. Der Kricketer Allan Lamb ging während der Isolation Südafrikas nach England und spielte für dessen Nationalteam.

Dass der Boykott nicht nur den Sport von Apartheid-Südafrikas betraf, wurde etwa bei der Amtseinführung von F. W. De Klerk 1989 ersichtlich, wo es kaum internationale Gäste gab. De Klerk startete 1990 mit Reformen bzw der schrittweisen Abschaffung der Apartheid. Im Gegenzug wurden die Sanktionen nach und nach aufgehoben, jene im Sport zuerst, jene Waffen betreffend zuletzt7 Verhandlungen begannen, hauptsächlich zwischen der aus der NP gebildeten Regierung (unter De Klerk) und dem eben noch verbotenen ANC (unter Nelson Mandela) – auch über eine Abschaffung der Apartheid im Sport.

Die United Democratic Front (UDF), ein Zusammenschluss noch nicht verbotener Anti-Apartheid-Organisationen der 1980er, gründete 1989 der National Sports Congress (NSC), das stärker als SAN-ROC oder SACOS im Land verwurzelt war, auch in den “schwarzen” Townships. Während SACOS zum ANC oder der Gewerkschaft COSATU Abstand hielt, war das NSC eindeutig mit den wesentlichen politischen Anti-Apartheid-Kräften verbunden. So repräsentierte SACOS hauptsächlich die dünne schwarze Mittelklasse und wurde als “Sport-Flügel” der Befreiungsbewegung vom NSC in den Hintergrund gedrängt. Aus dem NSC wurde 1990 NOSC, der National Olympic and Sports Congress.

1988 hatte das IOC unter Juan A. Samaranch eine Apartheid and Olympism Commission (AOC) gegründet, mit Sportdiplomaten und Repräsentanten der im Kampf gegen Apartheid im Sport engagierten südafrikanischen Verbände. Die AOC beschäftigte sich ab 1990 (dem Beginn der Reformen unter De Klerk) hauptsächlich mit dem Ende der Apartheid im Sport. Auch das kaltgestellte olympische Komitee des Apartheid-Regimes (SANOC), ab 1989 unter Johan du Plessis, wurde an den Verhandlungen beteiligt. Das Ringen um die Wiederzulassung begann. Klar war, dass das Südafrika, welches wieder am internationalen Sport teilnehmen würde, ein anderes als bislang sein würde. Auch wenn IOC-Präsident Samaranch, ein früherer Funktionär des Franco-Regimes in Spanien, für eine baldige Rückkehr Südafrikas war, am liebsten bei Sommer-Olympia in Barcelona 1992. Sam Ramsamy vom SAN-ROC konnte Anfang der 1990er nach Südafrika zurückkehren, so wie auch andere Dissidenten; politische Häftlinge, wie Nelson Mandela vom ANC, wurden in dieser Zeit aus Gefängnissen entlassen.

SAN-ROC ging von Boykott zu Zusammenarbeit zur Erreichung einer nicht-rassischen Vereinigung des Sports über. Im November 1990 wurde bei einem Treffen in Harare (Zimbabwe) unter Leitung von Jean-Claude Ganga aus Kongo (AOC, ANOCA) mit weissen und schwarzen Sportfunktionären aus Südafrika die Aufhebung der Apartheid im Sport und die Aufhebung der Sanktionen im Gegenzug diskutiert. Wichtig war nun ein repräsentatives NOK für Südafrika. Als Vorstufe wurde ein Komitee der Acht (dann Zehn), Vertreter diverser Sportverbände des Landes, gegründet, mit Sam Ramsamy, einem der führenden Anti-Apartheid-Aktivisten in Bezug auf Sport, als Vorsitzender. Das Komitee setzte sich zusammen aus Vertretern von SANOC, SAN-ROC, SACOS, COSAS8 und NOSC. Es nannte sich dann South African Coordinating Committee, und Ramsamy wurde Präsident.

Im März 1991 wurde daraus (durch eine gewisse internationale Anerkennung) das Interim National Olympic Committee of South Africa (INOCSA).9 Nach dem Besuch einer IOC-Kommission in Südafrika (unter Keba Mbaye; AOC, Senegal) im selben Monat, die u.a. De Klerk, Mandela und den “Zulu-Führer” Buthelezi traf, wurde das INOCSA auch von der IOC zunächst vorläufig anerkannt. Im Juni 1991 hob das (weisse) Parlament auf De Klerks Initiative den Population Registration Act und den Group Areas Act von 1950 auf, zwei Grundpfeiler der Apartheid.

Nun hatten auch die politischen und sportpolitischen Anti-Apartheid-Bewegungen sowie die Apartheid and Olympism Commission (AOC) keine Einwände mehr gegen eine Wiederzulassung Südafrikas im Sport. Im folgenden Monat, Juli ’91, anerkannte das IOC die INOCSA endgültig, das damit das offizielle NOK Südafrikas wurde, unter dem Kürzel NOCSA, das “Interim” wurde aus dem Namen gestrichen. Südafrika war damit wieder Mitglied des IOC. Ramsamy blieb/wurde Präsident des NOCSA. Damit war die Voraussetzung für eine Teilnahme an Olympischen Spielen geschaffen; Südafrika wurde wenige Wochen später eingeladen, in Barcelona 92 (Sommer-Spiele der 25. Olympiade) teilzunehmen. SANOC und SAN-ROC, das bisherige offizielle und das alternative NOK, gingen beide in NOCSA auf. NOCSA-Präsident Ramsamy durfte die Annahme der Einladung verkünden.

Die Einigung im Sport, die Abschaffung der Rassentrennung dort und die internationale Anerkennung dafür nahm einiges von den grossen politischen Verhandlungen vorweg, die damals im vollen Lauf waren. Aber wie dort gab es auch im Sport noch einiges an Ärger und Hindernissen. Es standen ja noch die Vereinigungen der diversen (verschieden-rassigen) Fachverbände an, die Beitritte dieser neuen nationalen Verbände zum NOCSA und zu den internationalen Dachverbänden (und damit verbunden, die Wiederzulassung zu internationalen Wettbewerben). Und die Schaffung gemeinsamer nationaler Meisterschaftsbewerbe für Klubmannschaften der verschiedenen Sparten. Die Aufhebung der Rassenschranken auf der untersten Ebene, in Schulen und Vereinen. Das Zusammenwirken der Leute aus den verschiedenen “Lagern” in den neuen Nationalmannschaften und in deren Verbänden musste sich erst bewähren. Die Entwicklung in den wichtigsten Sportarten, Fussball, Rugby und Kricket (wo es international am schnellsten wieder los ging), werden noch genauer ausgeführt.

Südafrikas Teilnahme an Olympia Barcelona war die erste seit Rom 1960 und die erste überhaupt nicht mit einem rein weissen Team; auch an den Paralympics nahmen ab 92 wieder südafrikanische Teams teil. Dass man politisch noch keine Einigung gefunden hatte, zeigte sich auch darin, dass die offiziellen Staatssymbole damals alles andere als eine verbindende Wirkung hatten, (von Vielen) als Symbole der Apartheid gesehen wurden. NOCSA entschied daher, dass das südafrikanische Team in Barcelona unter einer “neutralen” Flagge (dem Symbol von NOCSA auf weissem Grund) antreten werde und dass bei Siegesfeiern gegebenenfalls Beethovens Ode an die Freude, die olympische Hymne, gespielt wird. Auch werde das Springbock-Zeichen nicht auf der Sportkleidung aufscheinen. Ramsamy gab das schon bei der Annahme der IOC-Einladung für 92 bekannt.

Die Entscheidung wurde in weiten Teilen des weissen Südafrikas mit Empörung und Ärger aufgenommen. Präsident De Klerk sagte, es handle sich um nationale Symbole, die nichts mit Apartheid zu tun hätten. Louis Pienaar, der auch für Sport zuständige Minister, kommentierte die Sache als “Schlag in das Gesicht aller Südafrikaner” und drohte, NOCSA Geld vorzuenthalten. Manche bemühten sich darauf hinzuweisen, dass der Springbock bereits viele Jahre vor der Apartheid als Sport-Symbol verwendet wurde. “The Citizen”, so ziemlich die einzige Englisch-sprachige Zeitung, die die Apartheid (bzw die Nationale Partei) unterstützte, schrieb, die Sport-Administratoren hätten vor dem ANC kapituliert.10 Als Konzession wurde die grün-gelbe Farbgebung der weissen Sportteams für das “gemischtrassige” bei Olympia übernommen.

Der nächste Streitpunkt war die Auswahl der teilnehmenden Athleten. Es gab einige umstrittene Entscheidungen, wie die Nominierung der (schwarzen) Tischtennis-Spielerin Cheryl Roberts (weniger wegen ihrem Engagement gegen die Apartheid als wegen einer positiven Dopingprobe) und die Auslassung des Weltklasse-Speerwerfers Tom Petranoff. Dieser war 1988 nach einem Antreten in Apartheid-Südafrika vom US-amerikanischen Leichtathletik-Verband gesperrt worden. Er wanderte nach Südafrika aus, wurde dessen Staatsbürger. Es gab einen Streit der (bisher) konkurrierenden LA-Verbände Südafrikas um seine Nominierung, die schon allein aufgrund seiner Haltung zur Apartheid einen politischen Charakter hatte. Roberts ist heute publizistisch tätig, s.u. Schliesslich wurde ein Team aus 93 Sportlern aus 17 Disziplinen nominiert, darunter beachtliche ca 90% Weisse. Stars waren der Tennisspieler Wayne Ferreira, die Schwimmerin Penelope Heyns11 und die zurückgekehrte Läuferin Zola Budd-Pieterse.

1992, als Winter- und Sommer-Olympia letztmals im selben Jahr stattfanden, gab es nicht nur die Rückkehr Südafrikas; Tschechoslowakei nahm letztmals teil, die GUS einmalig, die DDR erstmals nicht mehr (wie auch schon in Albertville), ebenso Jugoslawien12, Namibia erstmals, auch Jemen als geeinte Nation, Ungarn und einige anderen Staaten waren erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr kommunistisch. Erstmals seit Jahrzehnten gab es keinen Boykott und keinen Ausschluss mehr.

Der schwarze Marathon-Läufer Jan Tau wurde Südafrikas erster nicht-weisser Flaggenträger bei der Eröffnungsfeier. Im Juli/August 92 gab es für Südafrika in Barca bei der Olympia-Rückkehr zwei Silber-Medaillien, durch das Tennis-Doppel Ferreira/Norval und die Läuferin Elana Meyer. Bei Meyer zeigt sich die Relativität der Apartheid-Einteilung als “Weisse”.

Mandela, der selbst Amateur-Boxer gewesen war13, war 1992 bei einem Kricket -Länderspiel dabei, einem der ersten Südafrikas nach der Wiederzulassung bzw “Rassenintegration”; dies wurde als Beleg für seine Präsidentschafts-Ambitionen gedeutet. Eines der letzen wichtigen Apartheid-Gesetze, die De Klerk abschaffen liess, war 1993 die getrennte Bildung, die im Bantu Education Act festgeschrieben war.

Zum Zeitpunkt des Verhandlungsabschlusses 1993 und dem endgültigen Ende der Apartheid durch die ersten freien Wahlen 1994 war im Sport der Abbau der “äusseren” Rassenschranken schon erledigt (s.o.); im Sport wie in der Politik, der Gesellschaft allgemein,… folgte auf den Abbau der äusseren Schranken jener der inneren, bzw der Versuch dazu, von Teilen der Gesellschaft. Bisherige Feinde sollten nun zusammenwirken, in den verschiedensten Bereichen. Die 1994 eingeführte neue Fahne war auch ein Kompromiss, wie die Verhandlungslösung. Nelson Mandela sagte im Mai 1994 bei der Rede zu seiner Angelobung als Präsident, 40 Millionen Südafrikaner sollten in Zukunft mit erhobenem Haupt auftreten können.

Manche meinen, dass der ANC und Mandela 1993/94 einen faustischen Pakt eingegangen seien, weisse Privilegien vielfach belassen haben, nur die Inkorporation relativ weniger Schwarzer in die Eliten erreicht haben, den Neoliberalismus angenommen haben. Die wenige Umverteilung ist vielen weissen Südafrikanern (und ausländischen Beobachtern) schon zu viel, manche wollen mit minimalen Zugeständnissen einer echten Umverteilung aus dem Weg gehen. Kritiker des neuen Südafrika wollen weder Umverteilung noch die Folgen dieser Unterlassung (Kriminalität und Armut hängen natürlich stark zusammen).

Bei einer Anti-Rassismus-Konferenz 1999 haben viele Redner die Linie widergegeben, die viele Weisse nach dem Ende der Apartheid “eingeschlagen haben”, “Ich war eigentlich immer gegen die Apartheid, aber diese und jene Zustände im heutigen, Post-Apartheid-Südafrika…”. Der ANC-Politiker Pallo Jordan antwortete ihnen damals: “Anscheinend waren damals ALLE gegen die Apartheid. Schade dass man sich damals nicht gekannt hat, als WIR gegen die Apartheid kämpften”. Es gibt wenig Anerkennung dafür, dass Wenige um Demokratie gekämpft haben, in der Regel unter Einsatz ihres Lebens. Suzman und die anderen von den DA-Vorgängerparteien waren nicht jene, die aus ihrer privilegierten Position als Weisse heraus unter Einsatz ihres Lebens gegen die Apartheid gekämpft haben; Kasrils oder Schoon oder Slovo taten das.

Brutus konnte 1990 aus der USA nach Südafrika heimkehren. 2007 sollte er in die südafrikanische Sports Hall of Fame aufgenommen werden. Bei der Zeremonie lehnte er seine Aufnahme öffentlich ab, mit der Begründung, man könne nicht jene, die für Rassismus im Sport verantwortlich waren, mit ihren Opfern in eine Reihe stellen.

COSAS und NSC vereinigten sich zum National Sports Council of SA (NSC). NOCSA vereinigte sich 2004 mit anderen Organisationen zur South African Sports Confederation and Olympic Committee (SASCOC), der nationalen Sportbehörde, die dem Sport-Ministerium untersteht. Ramsamy ist inzwischen beim IOC.

So trennend Nationalismus auch sein, ein südafrikanischer Nationalismus (also kein burischer oder schwarzafrikanischer) ist einend – und erst seit ca. 1994 im Entstehen. Die Ausrichtung der Rugby-WM 1995 und der Sieg dabei (s.u.) war für Südafrika eine triumphale Rückkehr in die internationale Sport-Szene nach der Apartheid. Im Streit um Rassenquoten für nationale Auswahlmannschaften wie die Springboks (s.u.) steckt der ganze Post-Apartheid-Richtungsstreit drin.

Die weisse Auswanderung nach der Apartheid betraf auch Sportler. Der Kricket-Spieler Kevin Pietersen, Sohn eines Afrikaaners und einer englischen Südafrikanerin, ging 2000 ins Land der Vorfahren seiner Mutter, nachdem er sein Missfallen über Rassenquoten im südafrikanischen Kricket (s.u.) geäussert hatte. Dem Fussballer Sean Dundee gelang der Sprung ins deutsche Team nicht ganz. Der Rugbyspieler Pierre de Villiers ging 1994 nach Frankreich, von wo ein Teil seiner Vorfahren stammen (Hugenotten), spielte ab 1999 für dessen Nationalteam.

Die Oscar Pistorius-Mord-Sache (ab) 2013) enthält u.a. die Faktoren Rasse und Gewalt, welche in Südafrika sehr heikel sind. Pistorius’ Vater Henke sagte zu britischen Medien, dass sein Sohn Waffen zur Verteidigung brauchte, da es den ANC-Regierungen nicht gelänge, die Weissen zu beschützen. Die Richterin, die das erste, milde Urteil aussprach, hatte in ihrer Laufbahn noch die ganzen rassistischen Hindernisse des Apartheid-Staates für Schwarze zu spüren bekommen. Reiche Weisse könnten es „sich richten“, ist zu hören. Der Wiener Wirtschaftshistoriker und Südafrika-Spezialist Walter Sauer schrieb in “Indaba”, weisse Feministinnen und schwarze Law-and-Order-Fanatiker demonstrierten gegen das Urteil. Im südafrikanischen “Mail &Guardian” auch noch etwas dazu.

Fussball

Fussball ist in Südafrika wiegesagt der “Sport der Schwarzen” und da es in dem Land viel mehr Schwarze als Weisse gibt, ist Fussball der Sport Nr. 1.14 “Schwarze” Menschen, v.a. in den Townships der Städte, haben um die Wende vom 19. zum 20. Jh den englischen Import Fussball angenommen. Der Fussball war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt. Es bildeten sich um die Jahrhundertwende die Fussballverbände SAFA bzw dann FASA (Weisse), SABFA und SAAFA (Schwarze), SACFA (Mischlinge), SAIFA (Asiaten). Die Klubs dieser Verbände spielten zunächst in regionalen (Amateur-)Ligen. Die Umwandlung von SAFA zu FASA war verbunden mit einer Löschung der Statuten wonach nur weisse Fussballer in ihren Ligen und dem Auswahlteam willkommen waren – dies wurde aber natürlich als Praxis beibehalten. Der weisse Verband FASA wurde in den 1950ern Mitglied der afrikanischen Konföderation CAF (Gründungsmitglied) und des Weltverbandes FIFA.

Aus den Klubs dieses Verbandes wurde ein südafrikanisches Fussball-Nationalteam geformt, das 1924 sowie von 1947 bis 1955 und 1963 aktiv war, freundschaftliche Länderspiele absolvierte, anscheinend nur gegen Australien, Neuseeland, Portugal, Israel. SAAFA, SABFA und SACFA schlossen sich zum Anti-Apartheid-Fussballverband SASF zusammen, beantragten Mitgliedschaft bei der FIFA. Weder FASA noch SASF repräsentierten den ganzen Fussball des Landes; bei der FIFA scheint man auf das Argument von FASA-Chef Fell gehört zu haben, wonach Rassentrennung zur “Kultur des Landes” gehöre. Die CAF reagierte schneller: Vom ersten Afrika-Cup 1957, für den das südafrikanische Team schon eingeplant war, wurde dieses noch kurzfristig ausgeschlossen, weil es eben nur für Weisse offen war, so wie vieles im Apartheid-Südafrika. Bald danach wurde Südafrika bzw die FASA auch von der CAF ausgeschlossen.

Von der FIFA wurde die FASA zunächst 1961 bis 1963 suspendiert, dann aber wieder zugelassen, auf Drängen des britischen FIFA-Präsidenten Stanley Rous. Das Ringen dieser Jahre, Mitte 1950er bis Mitte 1970er, um die Anerkennung oder aber Ächtung des rein weissen Fussballs Südafrikas als jenen des Landes sagt viel über die Vorgänge im Weltfussball, in der FIFA und überhaupt in globalen Beziehungen aus! 1964 die neuerliche Suspendierung Apartheid-Südafrikas vom Weltfussball. Auch als der weisse Brasilianer Joao Havelange 1974 Rous-Nachfolger als FIFA-Chef wurde, ging dieses Ringen noch weiter. Havelange soll schliesslich im Hinblick auf die afrikanischen und asiatischen Verbände 1976 für den Ausschluss der FASA entschieden haben. Dazu ist anzumerken, dass im brasilianischen Fussball bis Pelé (ab Ende 1950er) Schwarze bzw Farbige noch die Ausnahme waren, im Nationalteam krass unterrepräsentiert waren.

Als die Fussball-Sanktionen wegen der Rassentrennung begannen, ging es auch mit den landesweiten Profi-Ligen in Südafrika los. Einigen schwarzen Spielern gelang davor unter schwierigen Umständen der Sprung von Amateurklubs nach Europa, wie Johanesson (nach England) und Dhlomo (der auch Boxer und politisch engagiert war, in die Niederlande). 1959 startete die weisse NFL, wo zB Durban City spielte, ein Klub bei dem Gordon Igesund seine Karriere begann, der spätere Österreich-Legionär und Bafana-Teamchef. In dieser Liga spielten auch vereinzelt Schwarze, wie Vincent Julius. Der farbige Verband SASF startete Anfang der 60er mit der SASL. Diese Liga hatte mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, u.a. mit einem Mangel an Spielplätzen/Stadien (Infrastruktur jeder Art für Nicht-Weisse wurde ja vernachlässigt). Nach einigen Jahren Unterbrechung wurde der “schwarze” Spielbetrieb 1971 mit der NPSL fortgesetzt. Diese, mit Klubs wie Kaizer Chiefs und Orlando Pirates (beide aus dem Raum Johannesburg), hatte ein gutes Niveau, von hier wurden Fussballer wie “Jomo” Sono in die amerikanische NASL engagiert. Ein Teil der Inder und Mischlinge spielt ab 1969 in der FPL.

Unter den Weissen sind Englischsprachige im Fussball eher zu finden als Afrikaaner. Auch einige Europäer kamen in die weisse Liga Südafrikas, die NFL. Auch einige der Beteiligten am deutschen Bundesligaskandal um Spielmanipulationen 1971, wie Bernd Patzke und Arno Steffenhagen, gingen während ihrer Sperre dorthin, da sich diese ausserhalb der FIFA befand und die Sperre daher dort nicht galt. Auch viele der politischen Gefangenen auf Robben Island, wie Nelson Mandela, versuchten, dort Fussballspiele zu organisieren; darüber, über den Makana FC auf Robben Island, gibt es die Film-Doku “More than just a game”.

Bei den Südafrika-Spielen (South African Games) 1973 gab es im Fussball keine ausländischen Teilnehmer, die Organisatoren veranstalteten daher ein Fussball-Turnier mit vier Mannschaften aus den vier Rassen, in die alle Südafrikaner eingeteilt waren. Die Weissen siegten im Finale über die Schwarzen 4:0, Dritter wurden die Farbigen, vor den Indern.

Sono und Kaizer Motaung haben beide nach ihrer Rückkehr aus der USA eigene Klubs in Südafrika gegründet, Jomo Cosmos und Kaizer Chiefs, im Raum Johannesburg. Keith Broad schloss sich in den 1970ern den Orlando Pirates in der NPSL an und wurde der erste weisse Spieler dort. 1978 vereinigten sich die schwarze NPSL und die weisse NFL zur neuen NPSL. Die Einrichtung einer gemischten Liga spiegelte die leichte Liberalisierung der Apartheid unter Premier P. W. Botha wieder. Ein Teil der schwarzen Klubs machte ab 1985 in einer neu gegründeten NSL weiter.

Viele schwarze, braune und weisse Fussball-Talente Südafrikas gingen in den Jahrzehnten vor 1992 “verloren”, von Sono bis Igesund, von Ntsoelengoe bis Smethurst. Sie konnten sich zwar teilweise in starken Ligen wie der englischen präsentieren, aber nicht als Nationalteam. Eine Auslegung des Sportboykotts traf auch den “Prinzen” des südafrikanischen Fussballs, (den Schwarzen) Jomo Sono, der von Zimbabwe 1988 daran gehindert wurde, an einem Wohltätigkeitsmatch von Pelé’s Weltelf in Harare teilzunehmen; Sono hatte mit dem Brasilianer in USA bei Cosmos New York zusammen gespielt. Ja, manchmal wurden auch schwarze Südafrikaner Opfer des Sportboykotts – der eigentlich wegen ihrer Diskriminierung angestrengt wurde.

1991, unter den Vorzeichen der Beendigung der Apartheid, vereinigten sich die vier rassisch definierten Fussball-Verbände des Landes zu einem, der SAFA. 1992 wurde dieser in die FIFA und die CAF aufgenommen, und ein erstmals “gemischtrassiges” südafrikanisches Nationalteam begann mit dem Spielbetrieb. Im Juli 92 trat es in Durban gegen Kamerun mit Roger Milla an; danach in Jo’burg und Kapstadt. Die Spieler dieses Teams wurden aus der gemischten NPSL und der schwarzen NSL zusammengetrommelt; die farbige FPL hatte 1990 ihren Betrieb eingestellt. Am 10. Mai 1994, dem Tag der Angelobung Nelson Mandelas als Staatspräsident, kurz nach den ersten freien Wahlen, spielte die “Bafana Bafana” (isiZulu für “die Burschen”, wurde Beiname des südafrikanischen Fussball-Nationalteams) in Johannesburg freundschaftlich gegen Zambia – in Anwesenheit des neuen Präsidenten. NPSL und NSL stellten Ende 1995 den Spielbetrieb ein und wurden zur Premier Soccer League (PSL) vereinigt, gleichzeitig wurde von Kalenderjahr auf Saison umgestellt, 1996/97 war die erste Saison der PSL. 1995 haben die Orlando Pirates die afrikanische Champions League gewonnen, was sonst noch keinem südafrikanischen Klub gelungen ist.

Das Ende der Apartheid bewirkte auch einen Abbau der Distanz zum restlichen Afrika, auch im Fussball, führte zu einem Messen mit anderen afrikanischen Teams. 1996 durfte Südafrika den Afrika-Cup ausrichten, kam bis ins Finale, gewann dieses gegen Tunesien. Eine überwiegend schwarze Mannschaft mit einigen Farbigen und Weissen (darunter der Kapitän Neil Tovey) feierte wie 95 das Rugby-Team einen Heimsieg. Präsident Mandela (im Trikot der Bafana) und sein Stellvertreter De Klerk waren bei der Preisverleihung im FNB-Stadion in Johannesburg anwesend, es hätte die Entsprechung zum weissen Rugby-Triumph im Jahr davor sein können. Vielleicht lag es an der mangelnden Anteilnahme von Weissen, besonders der Afrikaaner, dass dem nicht ganz so war.

Die Stars dieser Zeit waren neben Tovey Lucas Radebe (der auch lange in England spielte), Phil Masinga, “Doc” Khumalo, Mark Fish, und die aus dem Ausland “zurückgeholten” südafrikanischstämmigen Hans Vonk und Pierre Issa. Das Team, zeitweise von Europäern trainiert, qualifizierte sich für die WM 1998, spielte 98 und 2000 weitere gute Afrika-Cups, war bei Olympia ’00 und beim Confederations Cup 97 dabei. Die WM 02, hier waren auch “Benni” McCarthy und Steven Pienaar schon dabei, war seltsamerweise der Wendepunkt. Nach einem starken Auftritt und einem knappen Ausscheiden in der 1. Runde begann ein Abwärtstrend für das Team

Und das ausgerechnet in der Phase als dem Land die WM 2010 zugesprochen wurde. 01/02 wurde von der FIFA festgelegt, dass die Fussball-WM 2010 nach Afrika kommt; ’04 setzte sich Südafrika gegen Marokko und Ägypten durch. Für die Ausrichtung 06 war das Land schon knapp gescheitert. Es begannen die Vorbereitungen im Land (v.a. Um- oder Neubauten von Stadien), und das Land geriet stärker in den Focus der Weltöffentlichkeit. Ende 07 in Durban die Auslosung der Qualifikation für die WM, der österreichische Ex-Fussballer Peter Burgstaller, Agentur-Manager, privat dort, wurde damals am Golfplatz seines Hotels in Durban ermordet und ausgeraubt. Diskussionen über die WM-Austragung in Südafrika und die Kriminalität dort kamen auf Touren und gingen oft nahtlos über in Verdammungen des neuen (Post-Apartheid) Südafrikas. Als ob so etwas in Europa nicht vorkommen würde. Die Mörder an Burgstaller wurden übrigens gefasst und verurteilt.

Und die Krise der Bafana: bei den Afrika-Cups 04, 06, 08 schied sie immer in der 1. Runde aus, für die WM 06 konnte sie sich nicht qualifizieren. Langsam musste man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Südafrika ein schlafender Riese des Weltfussballs ist. Sogar der Anschluss an die afrikanische Spitze ging verloren. Bald nach dem Afrika-Cup 08 ging der brasilianische Bafana-Trainer Carlos A. Parreira („familiäre Gründe“), Nachfolger wurde sein Landsmann Santana. Die Bafana schaffte dann auch die Quali für den Afrika Cup 2010 nicht! Ein Lichtblick war der Confederations-Cup 2009, die WM-Generalprobe, sowohl vom organisatorischen (ein Test ohne Pannen) als auch vom Auftreten des Heimteams – dies besonders im kleinen Finale gegen Spanien.15 In Erinnerung blieben v.a. die Vuvuzelas und der dortige Winter. Santana wurde nach Niederlagen nach dem Confedcup gefeuert, Parreira wieder eingestellt.

Innerhalb Südafrikas, v.a. von Weissen, kam Kritik an der SAFA und der Politik (bzw den ANC-Regierungen), die sich laufend in Rugby-Angelegenheiten einmische, nicht aber in den Fussball. Die Misserfolge der Bafana werden (zB im Kommentarbereich von Online-Zeitungen) auch gern den Erfolgen der (hauptsächlich von Weissen gelenkten und “betriebenen”) Rugby-Auswahl gegenüber gestellt und dies als Beispiel schwarzer Misswirtschaft bzw Folge weissen Wirkens dargestellt. Rugby wird aber weltweit vielleicht in 1 Dutzend Staaten intensiv betrieben, im Fussball sind es ungefähr so viele, wo das nicht der Fall ist.

Nach dem ANC-Parteitag in Polokwane 07 (Abwahl Mbekis als Parteichef) und dem Rücktritt Mbekis als Präsident 08 begann eine paranoide Stimmungsmache im Hinblick auf die Wahl 09 (bei denen die Wahl Zumas zum Präsidenten zu erwarten war) und die WM 10. Die Zweifel an der ersten WM auf afrikanischem Boden erhielten neue Nahrung, nachdem im Sommer 08 gemeldet wurde, dass der Stadionneubau in Port Elizabeth nicht rechtzeitig zum Confederations Cup 09 fertiggestellt werden könne. FIFA-Präsident Joseph Blatter erklärte, dass drei Länder als Ersatz bereit stünden, falls Südafrika es nicht schaffen sollte, die Weltmeisterschaft auszurichten. Er relativiert dann aber: nur bei einer Naturkatastrophe würde Südafrika die WM verlieren. Im Mai 09, kurz vor dem Confederations-Cup, lief eine ARD-Doku: „Schafft Südafrika die WM 2010?“.

Der CSU-nahe kriminelle Unternehmer Ulrich Hoeness (2014 dreieinhalb Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung) sagte nach dem Terror im Vorfeld des Afrika-Cups 10 in Angola (Angriff gegen das anreisende togolesische Team, durch eine Abspaltung der Separatistenbewegung der Exklave Cabinda, FLEC, 3 Tote), die Vergabe der WM 2010 nach Südafrika sei “eine der grössten Fehlentscheidungen” von FIFA-Präsident Blatter gewesen (in Wirklichkeit dessen grösste Leistung). “Ich war nie ein großer Freund von einer WM in Südafrika oder überhaupt in Afrika, solange Sicherheitsaspekte nicht zu 100 Prozent geklärt sind”. Angebliche Korruption und Schiebung bei der Vergabe an Südafrika kam auch zur Sprache – inzwischen wird diesbezüglich aber auch über die Vergabe der WM 06 an Deutschland gesprochen.

Auch der Mord an dem Rechtsextremisten Terre Blanche auf seiner Farm 2 Monate vor WM-Beginn wurde instrumentalisiert, etwa von DA-Führerin Zille, gegen den ANC; sie stellte einen Zusammenhang mit dem damaligen ANC-Jugendchef Malema und dem von ihm gerne gesungenen Kampflied “Ayesaba amagwala” her. Die VF+ reagierte (auch) hier insgesamt gemäßigter/seriöser. Westliche Medien schrieben von “ethnischen Spannungen” im Land, die sich entladen könnten, verwiesen auf Farmenteignungen und Diktatur unter Mugabe in Zimbabwe. Misshandlungen von Farmarbeitern (die die Mörder waren) durch den Neonazi und einiges andere wurde dagegen selten thematisiert. Auch dass meistens Schwarze Opfer von Kriminalität in diesem Land sind. Dann auch noch Sozialproteste wenige Wochen vor WM-Beginn (wie in Brasilien vier Jahre später); eine Form von Umverteilung wollten jene, die das gegen Südafrika und die WM dort anführten, aber schon gar nicht.

Nelson Mandela, schon sehr gebrechlich, erlebte die Fussball-Weltmeisterschaft noch, deren Ausrichtung von einem stabilen Südafrika zeugte, zu dem niemand stärker hingeführt hatte als er. Seine Familie machte ihm Sorgen, seine Partei und das Land auch in mancher Hinsicht. Kurz vor der Eröffnungsfeier kam eines von Mandelas Urenkeln (13 Jahre alt) bei einem Autounfall ums Leben. Madiba trat bei der Feier kurz auf, die vor dem Eröffnungsspiel der Bafana gegen die mexikanische Auswahl stattfand. Auch an der Abschlussfeier vor dem Finale nahm er teil.

Matthew Booth (mit einer Schwarzen verheiratet) war der einzige Weisse im Kader der Bafana, einige Mischlinge wie Pienaar waren dabei, sonst Schwarze, nicht aber Benni McCarthy. Viele weisse Südafrikaner, besonders Afrikaaner, hielten Distanz zur Fussball-WM, weil sie mit diesem Sport wenig anfangen können, manche auch weil sie sie als Projekt der ANC-Regierung, der Schwarzen, sahen. Der Rechtsextremist Dan Roodt rief Afrikaaner dazu auf, bei der WM das niederländische Team zu unterstützen; bei der Rugby-WM 95 haben Schwarze entsprechendes erwogen (die Gegner der Springboks zu unterstützen), Mandelas Einsatz verhinderte dies damals. Im niederländischen Fussball-Nationalteam sind seit der Gullit-Generation in den 1980ern immer Schwarze bzw Farbige dabei und wichtig. Sie stammen aus den Ex-Kolonien Surinam (wie Gullits Vater oder Aron Winter) oder (seltener) Indonesien (Taument oder van Bronckhorst) oder von den niederländischen Antillen (wie Kluivert zT); seit einiger Zeit sind auch marokkanisch-stämmige dabei. Gullit hat seinen Preis als Fussballer des Jahres 1987 dem damals noch inhaftierten Nelson Mandela gewidmet. Auch der letzte Präsident der Apartheid-Ära, FW De Klerk, brachte vor dem Finale (also als das südafrikanische Team schon lange nimmer dabei war) seine teilweise holländische Herkunft mit seiner Unterstützung für die Oranjes in Verbindung. “Ich hatte aber einen der besten Urlaube meines Lebens in Spanien, daher wäre ich auch über einen Sieg von ihnen glücklich.”

Die Bafanas schieden nach der Vorrunde aus, das 0:3 gegen Uruguay im zweiten Match war entscheidend. Schuldzuweisungen begannen sogleich wieder. Das Team aus Ghana, das fast ins Semifinale kam, rettet das afrikanische Abschneiden insgesamt einigermaßen. Die WM 2010 in Südafrika sollte endlich den Durchbruch für den afrikanischen Fussball bringen, der sich seit Anfang der 1990er ankündigte. Auch aus sportlicher Sicht liess der WM-Slogan “Ke Nako – Afrikas Zeit ist gekommen” an den Erwarungen keinen Zweifel. Bei afrikanischen Nationalteams scheint es immer wieder ähnliche Probleme zu geben: die Stars reden den (oft ausländischen) Trainern oft drein, die Politik und der Verband mischen sich ein, es gibt Streits um Prämien, zu wenig Team-Qualität,…

Die WM ging mit der Umarmung zwischen Iker Casillas und Sara Carbonero nach dem Finale (mit dem spanischen Sieg) in der Soccer City (bzw FNB-Stadion) in Jo’burg zu Ende. Es gab allgemein Lob für die Organisation des Turniers. In der Vorbereitung zur WM sind Infrastruktur-Probleme (v.a. im öffentlichen Nah-Verkehr) ersichtlich geworden und zT behoben worden. Die Sicherheit war „Fragezeichen“ vor dem Turnier gewesen, islamistischer Terror war möglich gewesen, auch Anschläge von weissen Rechtsextremisten aus Südafrika. Für das Land brachte die WM einen Tourismus-Aufschwung, mehr Ansehen. Es hat zwar noch enorme Probleme, aber es ist wie mit dem Glas, das je nach Sichtweise, halb voll oder halb lehr ist. Mehr Einheit zwischen Schwarz und Weiss im Land hat die Fussball-WM nicht gebracht, sie sind kaum näher zusammengerückt.

Zu den Schattenseiten des Turniers gehörte neben Nationalismus und Kommerz die Verdrängung (im wahrsten Sinn) von Problemen in Südafrika (etwas ähnlich wurde auch über Brasilien 14 gesagt). In Kapstadt wurde etwa 07 das Green Point Stadion im Hinblick auf die WM abgerissen; ein Teil blieb als Leichtathletik-Stadion erhalten. 07-09 wurde dafür das Kapstadt-Stadion gebaut (von Murray & Roberts Construction). Arme und Obdachlose aus der Gegend (Green Point) wurden dafür umgesiedelt, auch aus anderen Teilen Kapstadts (zB Woodstock) vor der WM, an den Stadtrand (Blikkiesdorp). Nachrichten davon bringen aber ein schlechteres Image als der Anblick von Elendssiedlungen für WM-Besucher und andere Touristen. Die Nachnutzung vieler Stadien ist fraglich; in jenem von Kapstadt spielt seit der WM Ajax Cape Town (Partner von Ajax Amsterdam) und finden u.a. Konzerte statt.

Die Bafana vor der WM 02
Die Bafana vor der WM 02

Rugby

Wie überall ist auch in Südafrika Rugby Union wichtiger als Rugby League, das sich u.a. durch die Zahl der Spieler (nicht 15 pro Team, sondern 13) unterschiedet. England/GB ist auch das Mutterland vom Rugby, kam wie Fussball Ende des 19. Jh nach Südafrika – und verbreitete sich hauptsächlich unter den Afrikaanern/Buren. Dass ein Sport englischen Ursprungs als Zelebration afrikaansen Lebensstils gilt, ist einer der Widersprüche dieser Nationalität. V. a. im heutigen Ostkap wurde und wird Rugby auch von Schwarzen (hier v.a. Xhosa) gespielt16, im Westkap von Mischlingen. Auch Rugby war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt.

Wie im Fussball gab es ein – sich veränderndes – Nebeneinander rassisch getrennter Verbände mit dem Primat der Weissen. Das waren hauptsächlich der South African Rugby Board (SARB) von/für Weisse(n) (1889 bis 1992), der South African Coloured Rugby Football Board (SACRFB) und seine Abspaltung, die South African Rugby Federation (SARF) für Mischlinge, sowie die South African Rugby Association (SARA; zuvor South African African Rugby Board) für Schwarze. Die Verbände hatten jeweils eigene Ligen, im Fall des weissen SARB war dies der Currie Cup, der Teams aus den vier Kolonien umfasste, die 1910 zu Südafrika vereinigt wurden.

Auch eine Art weisses, südafrikanisches Rugby-Nationalteam gab es schon vor der Entstehung Südafrikas, eine Auswahl  aus den Teams des Currie Cups. Das Team hatte einen Springbock als Emblem und grüne Leibchen. Damals ging es darum (nicht nur im Rugby!), eine Einheit zwischen den beiden grossen weissen Gruppen, der Afrikaans- und der Englisch-sprachigen, zu erreichen. Die Rassentrennung gab es schon vor der Apartheid, der Wahl 1948, und in Südafrika gastierende Rugby-Mannschaften haben auch davor schon nicht-weisse Spieler zu Hause gelassen. Das neuseeländische Nationalteam “All Blacks” kam etwa 1928 ohne seine Maoris, wie George Nepia.

Auch die Verbände der Mischlinge und Schwarzen hatten zeitweise sowas wie Nationalteams. Der SACRB stellte etwa 1939 eine Auswahl von “Farbigen” für eine Tour zusammen. Auch dieses Team wurde “Springboks” genannt und trug die grün-gelben Farben. Später war auch eine andere “Mischlings”-Auswahl aktiv, von einem anderen Verband organisiert, von der South African Rugby Football Federation (SARFF). Dieses Team wurde “Proteas” genannt. Eine nationale schwarze Auswahl waren etwa die “Leopards”, zur SARA gehörig.

Im Rugby war Südafrika länger international dabei als in den meisten anderen Sportarten. Der Weltverband gehörte nicht zum IOC und ausserhalb einiger Commonwealth-Staaten (vor allem der weissen) ist Rugby vielleicht noch in Frankreich ernsthaft verbreitet.17 Und in vielen Commonwealth-Staaten war man mit dem Apartheid-System nicht so streng (auch wenn dieses im Zuge der von den herrschenden Afrikaanern durchgesetzten “Abnabelung” von Grossbritannien 1961 aus dem Commonwealth austrat). Rugby war der wichtigste Sport für die in der Apartheid herrschenden Afrikaaner, und hier nicht isoliert zu sein, liess sie vieles andere verschmerzen. Aber auch hier braute sich etwas zusammen. Eine Tour der Springboks durch Grossbritannien und Irland 1969 wurde von intensiven Protestaktionen gegen die Apartheid begleitet. Auftritte von Rugby-Teams in Südafrika oder des südafrikanischen Teams anderswo wurden registriert, führten zu internationalen Protesten und teilweise vor Ort.

Für 1970 waren die neuseeländischen “All Blacks” zu einer Tour in Südafrika angesagt; Premier Balthazar J. Vorster erlaubte die Präsenz von Maoris unter den neusseländischen Spielern und mitreisenden Zuschauern. Aus Protest gegen diese “Grosszügigkeit” spaltete sich 1969 eine Gruppe um Albert Hertzog (Sohn eines früheren Premiers) von der Nationalen Partei ab und gründete die Herstigte Nasionale Party (HNP), rechts von der NP. Die HNP war für eine noch stärkere Stellung der calvinistischen, niederländisch-reformierten Kirchen und der Afrikaans-Sprache in Südafrika (auch für Andere!), für noch mehr Rassentrennung.18

Ebenfalls 1969 wurde in Neuseeland, an der Universität Auckland, die Initiative Halt All Racist Tours (HART) gegründet, die gegen Sport-Kontakte mit Apartheid-Südafrika (mit besonderem Augenmerk auf dem Rugby) protestierte.19 Trevor Richards, einer der Mitbegründer, war auch lange ihr Vorsitzender und dann internationaler Sekretär. Der in Afrika aufgewachsene britische Labour-Politiker Peter Hain (Minister unter Blair und Brown) war auch bei HART aktiv. Eine australische Initiative war der South Africa Defence and Aid Fund (SADAF), von den aus Südafrika geflüchteten Weissen John und Meg Brink gegründet. Aus der Gruppe tat sich besonders der Anarchist Peter McGregor hervor, der sich auch Lebensbedingungen der Aborigines bei sich in Australien beschäftigte.

1970 kamen also die All Blacks nach Südafrika und die Maoris unter ihnen und den mitgereisten Zuschauern wurden als “Ehren-Weisse” behandelt.20 Im Jahr darauf kamen die Springboks nach Australien. Die Reise war begleitet von massiven Demonstrationen und Protest-Aktionen. Das südafrikanische Team wurde von der australischen Luftwaffen transportiert, da sich Gewerkschaften weigerten, Flugzeuge oder Züge für sie abzufertigen. Im Jahr darauf wurde in Australien die konservative Regierung abgewählt und die Labour-Regierung unter Gough Whitlam verhängte einen Boykott gegenüber dem Apartheid-Sport.

Eine geplante Tour der Springboks nach Neuseeland 1973 kam nicht zustande, wegen Boykott-Drohungen von Indien und afrikanischen Staaten für die nächsten Commonwealth-Spiele (in NZL), wegen der öffentlichen Meinung sowie Bedenken bezüglich der öffentlichen Sicherheit – in den 1970ern waren Sportkontakte jeder Art mit Südafrika schon stark politisiert (so wie die Apartheid-Regierung und ihre Anhänger den Sport Südafrikas politisiert hatten). 1974 kam das englische Rugby-Nationalteam, die “Lions”, nach Südafrika (sowie nach Südwestafrika und Rhodesien, wie diese Nachbarstaaten damals hiessen). Das Match gegen die Springboks in Port Elizabeth soll eines der brutalsten Rugby-Matches überhaupt gewesen sein, aber das hatte mit der Apartheid nichts zu tun. 1975 durften erstmals Mischlinge und Schwarze offiziell mit Weissen in einer nationalen südafrikanischen Auswahl (eine South African Invitation XV, nicht die Springboks) gegen einen ausländischen Gegner, in diesem fall das französische Nationalteam, spielen. Einer der vier vom langjährigen SARB-Präsidenten Daniel Craven ausgewählten “Farbigen” war John Noble.

Zur neuseeländischen Tour in Südafrika und den Folgen 1976, siehe oben. In einem südafrikanischen Provinzteam, das damals gegen die All Blacks spielte, war auch Daniel “Cheeky” Watson. Berühmt wurde er einige Monate später, als er mit seinem Bruder im heimatlichen Port Elizabeth (bzw einem schwarzen Township von ihm) verbotenerweise mit Schwarzen Rugby spielte, im Dan-Qeqe-Stadion, benannt nach einem schwarzen Spieler in der östlichen Kapprovinz in den 50ern. Das sorgte damals für einen landesweiten Skandal. Watson ist bis heute gegen Rassismus im südafrikanischen Rugby engagiert.

Infolge des wachsenden internationalen Drucks kam es 1977 zu einer formalen Vereinigung des weissen SARB mit der “farbigen” SARF und der schwarzen SARA. Die 1966 aus dem SACRFB hervorgegangene South African Rugby Union (SARU), ein nicht-rassischer Rugby-Verband, blieb abseits. SARU war Gründungsmitglied von SACOS und ihr Vorsitzender Abdul Abbas verlangte als Vorbedingung einer Vereinigung eine Integration auf Vereinsebene und die Abschaffung verschiedener Gesetze.

Spätestens ab Ende der 1970er hatten auch im Rugby Alle, die mit Südafrika Kontakte eingingen, zumindest mit Nachwirkungen zu rechnen. Eine geplante Springbok-Tour durch Frankreich 1979 wurde von der französischen Regierung verhindert. Die “South African Barbarians”, ein invitational club (also ein gelegentlich aus Spielern anderer Teams zusammengestellter Klub) tourte 1979 durch Grossbritannien, sensationellerweise mit weissen, schwarzen und “braunen” Spielern.

Einer der Nicht-Weissen bei den Barbarians 1979 war Errol Tobias, ein Kap-Mischling. Tobias spielte in den 1970ern für die Proteas, das damalige Mischlings-Nationalteam. 1980 wurde er für die weissen Springboks ausgewählt, für inoffizielle Testspiele in Südamerika gegen nationale Auswahlen (in Argentinien wurde ihnen die Einreise verweigert). 1981 war er der erste Nicht-Weisse in einem offiziellen Länderspiel (“Test”) der Springboks, zu Hause gegen Irland – Ausdruck der leichten Liberalisierung der Apartheid unter Botha. Bis 1984 war er immer wieder bei Länderspielen dabei (viele gab es nicht, da Gegner fehlten).21

Tobias war auch bei der Springbok-Tour nach Neuseeland 1981 mit dabei. Neuseeland setzte sich mit der Einladung dafür über das Gleneagles-Abkommen hinweg. Auch die Erinnerung an den Besuch der Südafrikaner 1976 und die Folgen spielten eine Rolle und in den 1980ern hatte die Apartheid auch im Westen die meiste Akzeptanz verloren. So wurde die Reise der Springboks von Massen-Protesten begleitet. Auch Maoris beteiligten sich an daran. Viele von deren Aktivisten stellten das Bekenntnis weisser Neuseeländer (Pākehā) zu rassischer Gleichheit in Frage und warfen die Frage auf, ob das Focussieren auf Rassismus anderswo nicht eine Verdrängung des eigenen ist.22 Das südafrikanische Team verlor die Testspiel-Serie 1:2, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Dem Nicht-Weissen Tobias wurde vorgeworfen, sich als Alibi-Farbiger zur Verfügung zu stellen. Über seine Behandlung innerhalb des Teams gibt es verschiedene Angaben.

Nach dieser Neuseeland-Tour wurde Südafrika vom International Rugby Board (IRB) von weiteren internationalen Auftritten ausgeschlossen. Erst 1992, als sich das Ende der Apartheid abzeichnete, änderten sich die Bedingungen. Das “Rugby-Embargo” war v.a. für den afrikaansen Teil der Weissen eine der härtesten Sanktionen. So verpassten die Springboks v.a. die ersten beiden Weltmeisterschaften, 1987 und 1991.23 Der Boykott war aber nicht vollständig. 1984 kam das englische Team, wobei ein ausgewählter Spieler, Ralph Knibbs, es aus politischen Gründen ablehnte, gegen Südafrika zu spielen. Eine geplante Reise der All Blacks 1986 wurde gerichtlich untersagt, dafür kam eine Art Ersatz-Nationalteam, New Zealand Cavaliers genannt. Im selben Jahr spielten Südafrikaner zum 100-Jahr-Jubiläum des IRB in All-Star-Games in Grossbritannien. 1989 kam eine Weltauswahl (World XV) zu Gastspielen nach Südafrika, zum 100-Jahr-Jubiläum des SARB diesmal.

1992, vor dem Hintergrund der Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid, vereinigten sich der weisse SARB und die farbige SARU zur SARFU (South African Rugby Football Union), der bisherige SARB-Präsident Craven leitete auch den neuen Verband. Die Vereinigung der Ligen bzw die Öffnung des Currie Cups für nicht-weisse Spieler und Teams wurde in die Wege geleitet. Dies und die politischen Schritte zum Abbau der Apartheid führten auch im Rugby zu einer Rückkehr Südafrikas auf die internationale Bühne. Der damalige Präsident De Klerk ist ein grosser Rugby-Fan. Sichtbares Zeichen, dass sich etwas geändert hatte, war etwa die Auflösung der neuseeländischen Initiative Halt All Racist Tours (HART) 1992.

Die Springboks kehrten 1992 mit einem Testspiel gegen die neuseeländischen All Blacks im Johannesburger Ellis-Park-Stadion zurück. Unter den Springbok-Spielern waren zwei dabei, die schon bei der turbulenten NZL-Tour 1981 mit von der Partie waren, “Naas” Botha und “Danie” Gerber. Der ANC, damals so etwas wie die ausserparlamentarische Opposition, hatte sein Einverständnis gegeben, dass internationale Sportsanktionen gegen Südafrika im Zuge der Beendigung der Apartheid aufgehoben werden. Vor dem Neuseeland-Match war vor diesem Hintergrund ausgemacht worden, dass die damals noch (alleine) gültige Nationalhymne, “Die Stem van Suid-Afrika”, nicht gespielt wird, um den Sport von der Apartheid zu trennen. Diese und andere Abmachungen wurden nicht eingehalten von der SARFU, die viel mehr SARB war als SARU.

So schnell änderten sich die Dinge nicht. Aber allmählich. Auf einer Tour durch GB bald darauf hat eine Gruppe von afrikaansen Fans vor dem Match gegen Schottland vor dem Stadion “Nkosi Sikelel’ Afrika” gesungen, so etwas wie die Hymne des schwarzen Südafrika. Es war diese Tour, nach der eine Erneuerung bei den Springboks stattfand. Francois Pienaar wurde danach statt Naas Botha Kapitän, ein neuer Trainer kam,… Das Ende der Apartheid im Rugby 1992 hat natürlich eine Öffnung der Springboks für Nicht-Weisse gebracht, theoretisch. In den ersten Jahren nach der Rückkehr spielten gelegentlich ein oder zwei Farbige, ab 93 etwa Chester Williams, dessen Onkel Avril Williams in den 80ern in der Zeit von Errol Tobias bei den Springboks gespielt hatte.

Natürlich hatte sich das Niveau des weissen Rugbys auf einem anderen Niveau bewegt als das “farbige” und ist ein Nationalteam eine Auswahl der Besten. Aber manchmal scheint es darum zu gehen, genau diesen aus der Apartheid resultierenden Rückstand einzuzementieren. Zu wenig Begeisterung und Talent fürs Rugby bei den Schwarzen oder rassistische Strukturen, Henne oder Ei, darum drehen sich die Diskussionen in Südafrika, noch immer. Louis Luyt, ein Unternehmer (u.a. Manager des Ellis Parks), später Politiker (Gründer der Federal Alliance), wurde 1994 Präsident der SARFU.24 Er wiedersetzte sich der “Aufnahme” Schwarzer bei den Springboks.

Die “Springböcke”, das Rugby-Nationalteam Südafrikas, waren Repräsentanten der Apartheid gewesen, der Afrikaaner-Vorherrschaft, sowohl für die Profiteure dieses Systems als auch für dessen Leidtragende. Das Durchbrechen von Sanktionen durch Andere auf diesem Gebiet hat das nur verstärkt. Premier Vorster sagte 1971, die Springboks seien nicht repräsentativ für ganz Südafrika, sondern nur für seine Weissen (eigentlich, für seinesgleichen, auch nur für den einen Teil der weissen Bevölkerung; aber die Englischsprachigen auszuschliessen konnten sich die Afrikaaner nicht leisten).25

Mandela wirkte dieser Konnotation des Rugbys in Südafrika entgegen. Bei einem Springbok-Länderspiel gegen England war ihm aufgefallen, dass Schwarze im Stadium die Gastmannschaft unterstützten; er sagte später dazu, dass er das im Gefängnis ebenso gehalten hatte. Die Heimmannschaft repräsentierte schon von ihrer ethnischen Zusammensetzung Apartheid bzw weisse Vorherrschaft. Im Hinblick auf die Rugby-WM in Südafrika 1995 begann er damit, auf verschiedenen Ebenen schwarze Unterstützung für den “weissen” Sport zu organisieren und gleichzeitig dessen Protagonisten für ein “gemischtrassiges” Südafrika zu öffnen – ein Spiegelbild seines Wirkens überhaupt! Er traf sich etwa mit Springboks-Kapitän François Pienaar, und machte ihn mit einem englischen Gedicht bekannt, “Invictus”, das ihn in seiner Zeit im Gefängnis inspiriert hatte.

Mluleki George stammt vom Ostkap, spielte selbst Rugby, engagierte sich gegen die Apartheid, beim ANC, war dafür auf Robben Island interniert, war beim NSC aktiv, nach der Apartheid bei NOCSA, wurde Vizepräsident von SARFU, Funktionär beim internationalen Rugby-Verband IRB, dann Vize-Verteidigungsminister, bevor er zu COPE wechselte. Er sagte, “In der Vergangenheit haben Schwarze immer die Gegner der Springboks angefeuert. Ich selbst habe das bei der Tour der Engländer 1974 getan. Um das Ende der Apartheid herum gab es das unter Schwarzen noch immer, und auf der anderen Seite das Gefühl bei vielen Weissen, dass Rugby ihnen gehört.”

Dass die Springboks bei der WM im Mai und Juni 1995 mit nur einem Farbigen spielten, war keine Überraschung. Das würde sich bald ändern, hofften Viele. Während des Turniers sah man in den Stadien bei den Spielen der “Boks” immer wieder die alte südafrikanische Flagge (die mit der Apartheid 1994 abgeschafft wurde). Und andererseits jene schwarzen Südafrikaner, die die Gegner der Springboks unterstützten. Diese kamen etwas überraschend ins Finale.

63 000 sahen dieses live im Ellis Park, fast ausschliesslich Weisse, v.a. Afrikaaner. Gegner war das neuseeländische Team mit dem kürzlich verstorbenen Maori Jonah Lomu, und es begann daher mit einem Haka. Mandela saß als Präsident des Landes (in Springbok-Kleidung) in der Ehrenloge, mit SARFU-Präsident Luyt, dem neuseeländischen Premier Bolger oder “Tokyo” Sexwale, dem Premier der Provinz Gauteng. In dem Spiel gab es nur Penalties, keine Tries. Die in den schwarzen Dressen glichen in der 2. Hälfte aus, 2 Penalties von Stransky in der Verlängerung nach der Führung durch Mehrtens (der aus Südafrika stammt!) sorgten für den 15:12-Sieg.

Dass zum ersten Mal ganz Südafrika hinter den Springboks stand, war Produkt von Mandelas Vorarbeit. Pienaar wurde Sekunden nach dem Schlusspfiff des englischen Schiedsrichters von einem TV-Reporter gefragt, wie das Gefühl der Unterstützung durch 63 000 Fans sei. “Heute hatten wir die Unterstützung von 42 Millionen”, so die Antwort. Dann die Übergabe des Webb-Ellis-Pokals. Nelson Mandela tat dies, mit den Worten “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben”. Pienaar, der an diesem Tag auch nichts falsch machte, antwortete: “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben” Das Ende der Apartheid, das Treten aus der Isolation, auch im Rugby, dann die triumphale Rückkehr mit dem Sieg bei der Heim-WM, und das Ganze dann auch noch im Zeichen der nationalen Versöhnung. Beinahe märchenhaft, ein Stück Sportgeschichte.

Der Triumph der Südafrikaner war aber auch von Misstönen überschattet.26 Louis Luyt sagte beim Abschlussdinner, “There were no true world champions in the 1987 and 1991 World Cups because South Africa were not there.” Die Neuseeländer (Sieger 1987) verließen daraufhin erbost den Saal. Die Jahre der Isolation haben das Gefühl der heimlichen Überlegenheit (auch was das Rugby betrifft) noch gestärkt.27

Und, fast alle neuseeländischen Spieler lagen zwei Tage vor dem Endspiel nach einem Restaurantbesuch (anscheinend in einem “Pizza Hut”) mit einer Lebensmittelvergiftung flach. Das Gerücht, das Team sei von einer Kellnerin namens „Suzie“ vergiftet worden, hält sich noch heute. Während des Finales sah man neuseeländische Spieler sich am Spielfeldrand übergeben. Weiters war/ist die Rede von Abhöreinrichtungen und Störungen des Schlafs der Neuseeländer.

Die Rugby-WM 1995 war ein Höhepunkt von Mandelas Versöhnungspolitik. Der britische Autor John Carlin schrieb darüber ein Buch, “Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game That Changed a Nation” (2008). 2009 wurde ein Hollywood-Film daraus, “Invictus”, von Clint Eastwood (!), mit Morgan Freeman als Mandela and Matt Damon als Pienaar. Einige Rugby-Profis waren als Spieler dabei. Es gab und gibt Vorwürfe, dass Mandela mehr zur Beschwichtigung der Weissen machte als zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Schwarzen; und das Weisse das Entgegenkommen nicht erwidert hätten. Aus einer Diskussion in der Kommentarsektion der Online-Ausgabe einer südafrikanischen Zeitung: “I wish that one day someone would critically assess the whole ‘Madiba Magic’ legacy. And really tell us -who was the beneficiary of this phase of our history? As time has ticked I have come to deride that picture of Madiba wearing the Francious Pienaar number 6. But are we allowed to honestly critic this?
I saw images of the 46664 concert and of the images that I saw, over 95 percent of people at that concert were white. Am I reading too much or has our greatest light be stolen from us? just as our land and heritage was.”

Die Frage der Rassenbeziehungen ist eine sehr empfindliche im neuen Südafrika. Was das Rugby betrifft, es ist in dem Land bis heute vorwiegend weiss (und von Afrikaanern dominiert) geblieben. So wie Mandelas Bemühen um 1995 die Versöhnung unter ihm wiederspiegelt, so spiegelt für Viele die mangelnde Transformation des Rugbys des Landes die fehlenden Bemühungen von Weissen zur “Veräusserung” ihrer Privilegien wieder. Der erste Schwarze, der für die Springboks spielte, war Kaya Malotana, aus dem Ostkap, 1999. Der Verband wurde in SARU (South African Rugby Union) umbenannt, hatte farbige Präsidenten. Aber unter den Spielern (Klubs, Nationalteam) dominieren weiterhin Weisse, die etwa 10% der Bevölkerung Südafrikas ausmachen. Die eine Sichtweise darauf ist, dass in dieser Bevölkerungsgruppe eben mehr Leidenschaft und schliesslich Klasse fürs Rugby da ist.

Die andere ist, dass die Klasse durch gezielte Förderung, bzw Diskriminierung gegenüber Anderen, zu Stande komme. So hat der Verband ein Quotensystem eingeführt, wonach Schwarze/Farbige auf verschiedenen Ebenen einen bestimmten Anteil von Teams ausmachen mussten; analog zum “Black Empowerment” in der Wirtschaft. Solcherarts geförderte Spieler werden hinter vorgehaltener Hand gerne “Quotenspieler” genannt, welche talentierteren Weissen den Weg verbauten.

Die Nationalhymne illustriert gut das “Patchwork” des politischen Kompromisses Südafrikas. Seit 1997 ist Südafrikas Nationalhymne eine Kombination aus Extrakten des schwarzen Befreiungslieds “Nkosi Sikelel’ iAfrika” und der alten weissen Hymne “Die Stem van Suid-Afrika”/”The Call of South Africa”. In den Jahren vom Ende der Apartheid bis 97 (u. a. bei der Rugby-WM 95 und Olympia 96) waren beide Hymnen nebeneinander in Kraft (wurden meist hintereinander gespielt). Die Kombination enthält Teile in den wichtigsten Sprachen des Landes, Englisch, isiZulu, Afrikaans, isiXhosa, Sesotho. Der Zeitungs-Herausgeber Mondli Makhanya wies darauf hin, dass bei ihrem Abspielen vor Rugby-Länderspielen die Menge beim ersten, “schwarzen”, Teil meistens ziemlich ruhig bleibt und beim “weissen” in Fahrt komme. “It tells you a lot. Rugby is the one thing Afrikaners want to hang on to as their own culturally.”

Hier geht es auch um die Frage, ob die 10% Weissen Südafrikas, eine (weiterhin) privilegierte Elite oder eine (nun) bedrängte Minderheit sind. Und wiegesagt, im Rugby sind besonders die Afrikaaner unter ihnen der “Platzhirsch”. Es gibt auch andere Länder, wo verschiedene Ethnien verschiedene Sport-Vorlieben haben und eine Minderheit einen Sport dominiert, zB Kasachstan: Kasachen mögen v.a. Ringen, Russen Eishockey. Das kasachische Eishockey-Nationalteam besteht zu mindestens 80% aus ethnischen Russen. Also hat das mit Diskriminierung und Privilegien nichts zu tun?28 Soll eine nationale Sportauswahl demographische Verhältnisse wiederspiegeln oder die besten verfügbaren Sportler bringen? Aber, jene die über 7 Maghrebiner/Schwarzafrikaner/Karibianer im französischen Fussball-Nationalteam maulen, das als Zeichen von Überfremdung sehen, sehen dann gerne 12 Weisse im südafrikanischen Rugby-Team als Selbstverständlichkeit.

In ethnisch gemischten Sport-Nationalteams spielt die Diversität teilweise eine Rolle, teilweise nicht, im brasilianischen Fussball-Nationalteam die Unterschiede zwischen Weissen, Schwarzen und Mischlingen schon lange nicht mehr. Im nordirischen Fussball-Nationalteam, wo Iren (“Katholiken”) und britische Siedler (“Protestanten”) zusammenspielen, spielen die Grenzen sehr wohl noch eine Rolle – wie auch ausserhalb des Fussballs dort. Und, teilweise spiegelt die Verteilung die Gesamtbevölkerung anteilsmäßig wieder, teilweise ist sie nicht proportional.

Auch bei den WMs 1999 und 2003 war das südafrikanische Team hauptsächlich weiss. 2004 wurde Jake White (eigentlich Jacob Westerduin…) als Springbok-Coach ernannt, nach dem schwachen Abschneiden von 2003, der Aufregung über Trainingsmethoden im Kamp Staaldraad und internen Konflikten in der SARU. Vor der WM 2007 in Frankreich kochte die “Rassendebatte” über.

Der Kader bestand aus 21 Afrikaanern (+ der Trainer), 5 englischsprachigen Weissen (darunter einer aus Zimbabwe), 5 Mischlingen (darunter die Leistungsträger Habana und Pietersen), 1 Schwarzen; 12 Jahre zuvor waren es 21 Afrikaaner, 6 Englischsprachige (darunter ein Jude; + der Trainer), 1 Mischling (Chester Williams) gewesen.29 Wenig Fortschritt also. Und, es stellte sich heraus, dass das Springbok-Team die gleiche Anzahl an Nicht-Weissen hatte wie das englische. Und die paar Nicht-Weissen waren grösstenteils auf Quoten-Vorgaben zurückzuführen.

Der Vorsitzende des parlamentarischen Sport-Ausschusses, Butana Khompela (ANC), regte in einem Interview an, dass den Spielern die Reisepässe weggenommen werden (und an der Reise zur WM gehindert werden sollten), wenn das Team nicht “repräsentativ” genug sei. Sport-Minister Makhinese Stofile (früher selbst Rugby-Spieler im Ost-Kap, wo der Sport unter Schwarzen ja eine gewisse Beliebtheit hat, ein Sport-Boykott-Kampaigner) sagte im Parlament, dass seit dem Ende der Apartheid im Rugby zu wenig passiert sei beim Abbau der Rassenschranken und dass ein Element des Zwangs notwendig sei.

Dann gabs auch eine Kontroverse über den “Springbok”, das Abzeichen, den Namen. Dass er teilweise als Symbol der Apartheid gesehen wird, war wieder aktuell. SARU-Präsident Hoskins war für die Beibehaltung, Sportminister Stofile neutral, Teile des ANC setzten sich für die Abschaffung ein; es solle ein einheitliches Symbol für alle Sportteams geben. Dann sagte Vize-Innenminister Malusi Gigaba vor dem Finale der WM (für das sich die Springboks qualifiziert hatten) im Parlament, nur weil das Team erfolgreich sei, werde das Verlangen nach einer repräsentativeren Zusammenstellung nicht nachlassen.

Präsident Mbeki versuchte entgegenzulenken, auch sein Vorgänger Mandela. Mandela sagte, er werde sich das Finale gegen England im Fernsehen anschauen und schickte dem Team Glückwünsche in verschiedenen Sprachen, darunter Afrikaans. Mbeki schrieb in seinem wöchentlichen “Blog” auf der ANC-Website, „Go Bokke, go!“. Die Regierung sei zuversichtlich, dass die Springboks das im Ellis Park 1995 Erreichte wiederholen und als Rugby-Weltmeister nach Hause kommen.

Nach dem 15:6 in Paris gegen England war Mbeki auch bei der Preisverleihung anwesend, wurde von Sarkozy eingeladen, den Pokal zu überreichen. Der Unterschied zwischen Mandela und Mbeki kommt in den Auftritten bei der Preiszeremonie bei den gewonnenen Rugby-Weltmeisterschaften heraus, 1995 und 2007. Mandela hatte eben mehr Selbstbewusstsein gegenüber Weissen; aber Mbeki hatte allgemein die Mühen der Ebene zu bewältigen, und wie die Post-Apartheid-Führer vor und nach ihm hat er die Negativ-Prophezeiungen Mancher nicht erfüllt. Nach der Heimkehr Empfang für die Springboks in den Union Buildings in Pretoria beim Präsidenten, Fahrt im offenen Bus durch Soweto, Besuch bei Mandela.

Der Chef der afrikaansen Partei Freiheitsfront Plus (VF+) Pieter Mulder, sagte, der Sieg 2007 sei sogar bedeutender als der 1995, weil das Team diesmal auch politischen Druck und Einmischung zu bewältigen gehabt hatte. Er argumentierte für ein Nationalteam das nach Leistung zusammengestellt werde, nicht nach Rasse bzw Ethnizität. Dieses Team, mit Bryan Habana als “Held”, habe mehr für “nation-building” und gute (Rassen-)Beziehungen getan als Quoten und politischer Druck.

1995 stand im Zeichen von Versöhnung und Neubeginn zwischen den Rassen, 07 im Zeichen von neuen Spannungen. Online-Benutzerkommentare von damals: “Victories such as the Rugby World Cup is superfluous and although the victory is wonderful, I cannot see how it can unite a nation of people who by instinct distrust one another. Sport is just that, sport.” Aber auch: “Amusing comments! Im a SA of Greek decent. Made choice to stay & have no regrets. It’s a Pandora’s Box!! Just open it and be amazed at what will spring out at you. I love it and truely believe it to be one of the most dynamic worldwide. I agree that ignorance of its youth, beauty,dynamics, progressiveness and determination to succeed, results in generalized, false media-hysterical induced, sensationalized stayed opinions being voiced! I love it and am proud to be South African!!”

Dass das Team auch 07 hauptsächlich aus Weissen bestand, einfach ein Zeichen dass Schwarze lieber Fussball mögen oder eine apartheidbedingte Struktursache? Die Auswahl nach Können zusammenstellen oder auch das “rassische Ungleichgewicht” etwas zurechtrücken? Das Argument der “Farbenblindheit” wirkt in einem Land, in dem die schwarze Mehrheit viele Jahrzehnte aufgrund rassischer Vorurteile unterdrückt wurde, etwas seltsam. Wirkt manchmal wie ein Bemühen um die Behauptung von Besitzständen. Der Rugby-Quotenstreit spiegelt die allgemeine Umverteilungsproblematik Südafrikas wieder. Muss man nicht etwas zurechtrücken, DAMIT es eines Tages keine Rassenschranken mehr gibt? Die Frage gibt es auch an Universitäten oder in Firmen.

Entscheidende Weichenstellungen sind wahrscheinlich nicht im Profi- (Elite-) Rugby zu finden, sondern am Weg dorthin, in Klubs und Gymnasien, teilweise auch in den Lebensbedingungen (siehe den Guardian-Artikel unten), teilweise in den Köpfen. Wie im Fussball vielerorts ist der Sprung von der U 21 zum “Senioren”- (bzw A-) Level der schwierigste, die Entwicklung im Alter von 19 bis 21.

Peter de Villiers, ein Kap-Mischling, wurde 2008 Nachfolger von Jake White als Teamchef von Rugby-Weltmeister Südafrika. Der vormalige Trainer der U21-Mannschaft war der erste nicht-weisse Headcoach der Springboks. „Gegenkandidat“ war Heyneke Meyer, früher u.a Coach der “Blue Bulls” Pretoria. Die VF+ und viele aus dem “weissen Südafrika” kritisierten die Wahl. Bei der WM 2011 kamen die Boks unter De Villiers ins Viertelfinale. Der Exil-Afrikaaner in GB, Wessel van Rensburg, schrieb dazu auf seinem Blog mhambi.com: “If any of you were reading Mhambi four years ago during the Rugby World Cup, you would have noticed how negative I was about South Africa. We won the tournament, but it did not lift my mood. No not at all.
Four years later and we don’t have a half bad team. In fact, in some respects its even better. But four years ago the agressive racial and purposefully unreflective debate – that the team were too white – even included threats of withholding visas by the minister of sport. Depressing stuff.”

Nach dem Turnier kam Meyer ans Ruder, bis zur WM 15. Peter de Villiers kritisierte seinen Nachfolger einmal, den farbigen Cornal Hendricks zugunsten des weissen Jesse Kriel aus dem Team genommen zu haben. Die Diskussion geht weiter.

Kricket

Auch Kricket wurde in Südafrika von seinen frühesten Tagen an nach rassischen Linien organisiert. Auch hier war Südafrika zu Zeiten der Rassentrennung Weltklasse und dann vom internationalen Betrieb ausgeschlossen. Auch hier wurden spät Weltmeisterschaften eingeführt (und gab es davor andere Turniere) und Südafrika hat die ersten paar wegen den Sanktionen verpasst. Auch hier kehrte man im Laufe der Beendigung der Apartheid zurück, ist an die (erweiterte) Weltspitze zurückgekehrt und gibt es Streitereien und Diskussionen über Rassismus bzw politische Eingriffe bezüglich der ethnischen Zusammensetzung von National- und Klubteams sowie der Strukturen. Wie Rugby wird auch Kricket in relativ wenigen Staaten ernsthaft betrieben.

Andre Odendaal (früher selbst Cricketer) hat in seinem Buch “The Story of an African Game” herausgearbeitet, dass Kricket seit Mitte des 19. Jh von Schwarzen im südlichen Afrika gespielt wurde und nicht (nur) ein Spiel privilegierter Weisser war. Auch indische Südafrikaner beteiligten sich natürlich am Kricket. Die 1890 gegründete weisse South African Cricket Association (SACA) spielte den Currie Cup aus, dessen Trophäe wie jene der Rugby-Meisterschaft vom britischen Reeder Donald Currie gestiftet wurde. Der Bewerb wurde während des Südafrikanischen Krieges 1899-1902 ausgesetzt, und dann auch während des 1. Weltkriegs.

Für Nicht-Weisse gabs den SA Coloured Cricket Board (SACCB), der die Barnato Memorial Trophy ausspielte. Dieser Verband spaltete sich in den folgenden Jahrzehnten (vor der Apartheid) in den schwarzen SA Bantu Cricket Board (SABCB; >NRC-Trophy), den farbigen SAICCB (> David Harris Trophy), die indische SAICU (>Christopher Floating Trophy), auf. 1947 vereinten sie sich wieder zum SA Cricket Board of Control (SACBOC) und zur Meisterschaft um die Dadabhay Trophy. In 1960ern spaltete sich der schwarze SAACB ab, die SACBOC blieb für Asiaten und Mischlinge. Als Folge der Rassentrennung bzw der weissen Vorherrschaft mussten jene, die gegen diese kämpften, die (Selbst-)Definition über die Rasse mitmachen.

Es gab, wie im Rugby, neben der weissen Nationalmannschaft “farbige”. Die weisse, “eigentliche” Kricket-Nationalmannschaft Südafrikas hatte als Test-Gegner nur Australien, England und Neuseeland; “farbige” Gegner wie Indien oder die Westindies kamen nicht in Frage und andere (weisse) Teams hatten nicht das Niveau. Auch im Kricket betrieben “farbige” Commonwealth-Staaten wie Indien den Ausschluss Apartheid-Südafrikas.

Später als im Fussball und früher als im Rugby kam es im Kricket zur Isolierung Südafrikas, infolge der D’Oliveira-Affäre. Basil D’Oliveira wurde in Kapstadt mit indischen und portugiesischen Wurzeln geboren, was ihn im Apartheid-System zum Mischling bzw (Cape) Coloured machte. Er spielte für Südafrikas farbiges Kricket-Nationalteam; viele Türen blieben ihm verschlossen. 1960 gelang ihm die Emigration nach Grossbritannien, ab 1966 spielte er für das englische Nationalteam. Für den Jahreswechsel 1968/69 war eine Tour(nee) des englischen Teams in Südafrika geplant, und D’Oliveira war eigentlich dafür vorgesehen.

Der Marylebone Cricket Club (MCC), der für das englische Team zuständig war, verzichtete auf seine Nominierung, wohl aus Appeasement gegenüber dem Apartheid-Regime; begründet wurde die Auslassung des farbigen Spielers gleichwohl mit Leistungsgründen. Nach der Verletzung eines anderen Spielers rückte er dann doch nach. Apartheid-Premierminister Vorster kündigte an, D’Oliveiras “Auftritt” in Südafrika nicht zuzulassen. Schliesslich wurde das Gastspiel der Engländer abgesagt.

Dies hatte entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung des Weltverbandes ICC 1970, Südafrika vom internationalen Kricket auszuschliessen. Der Boykott wurde auch hier nicht von allen eingehalten, es kam zu sogenannten “rebel tours”. Könner wie Graeme Pollock waren aber weitgehend vom internationalen Kricket ausgeschlossen. 1975 liess das ICC  erstmals eine Weltmeisterschaft ausspielen.

Die weisse South African Cricket Association (SACA), inzwischen aus der SACU hervorgegangen, versuchte gegenzusteuern, indem die rassisch definierten Verbände unter ein gemeinsames Dach gestellt werden. SACA und SAACB schlossen sich 1972 zum Cricket Council of South Africa zusammen, eine Vorstufe dazu. SACBOC zierte sich lange dagegen. 1976 machte er mit bei der “Vereinigung” mit den anderen beiden zur SA Cricket Union (SACU) mit, Teile von ihm blieben aber abseits, glaubten an keine echte Lösung, gründeten den South African Cricket Board (SACB), der sich mit SACOS verband. SACA-Funktionäre hatten mit dem Versprechen, die Rassenschranken im südafrikanischen Kricket niederzureissen, zur Vereinigung gelockt, auch im Currie Cup. Es kam natürlich nicht zu einer echten Gleichberechtigung, man konnte sich auf die Vorgaben der Regierung ausreden, und das südafrikanische Kricket kam nicht aus seiner internationalen Isolation heraus.

Die weiss dominierte SACU beteiligte sich an Bemühungen des Regimes, die Leute in den Townships zu gewinnen, indem sie ihnen Kricket-Ausrüstung wie Bälle, Schläger, Wickets zur Verfügung stellte. Spielfelder wurden allerdings keine geschaffen. Und, die Leute dort haben wichtigere Bedürfnisse, wie bessere Wohnmöglichkeiten, Wasser, Elektrizität, Bildung, medizinische Versorgung.

Als De Klerk 1990 mit seinen Reformen begann, war im Kricket gerade ein Streit zwischen der SACU und den Anti-Apartheid-Sportorganisationen NSC und SACOS im Gange, in dem es um eine kommende englische rebel cricket tour und Proteste dagegen ging. Schliesslich fand man im neuen Geist einen Kompromiss und auch im Kricket ging es mit Versöhnung los.

Unter Vermittlung des ANC-Sportsprechers Steve Tshwete vereinigten sich SACU und SACB im Juni 1991 zum United Cricket Board of South Africa (UCBSA)  – Kricket war erste Sport, in dem Einheit erreicht wurde. Es folgte die Aufhebung der Rassentrennung im Kricket, nicht-weisse Spieler und Klubs wurden in die Meisterschaft integriert. Im selben Jahr hob das ICC die Einschränkungen gegen Südafrika auf. Es war (das vehement gegen die Apartheid engagierte) Indien, das das südafrikanische Nationalteam in dem Jahr zur Rückkehr auf die Weltbühne einlud, das sein erstes offizielles Match seit 1970 spielte, in Kolkata. Das Nationalteam wurde (theoretisch) geöffnet für Nicht-Weisse, auch hier blieb aber weisse Dominanz.

Mandela and Tshwete setzten sich beim ICC dafür ein, dass der UCBSA zur WM 1992 eingeladen wird; was dann auch geschah. Südafrika wurde beim WM-Debut Dritter. Früher auch Springboks genannt, bekam das Kricket-Nationalteam nun die Bezeichnung “Proteas”, nach den Zuckerbüschen, die so etwas wie Südafrikas Nationalpflanze sind. Clive Rice’s Karriere war mit der internationalen Isolation weitgehend zusammengefallen. Er war 42, als er 1991 wieder international spielen konnte. Aber für die WM 1992 wurde er als zu alt eingeschätzt und nicht mitgenommen. Er starb letztes Jahr an einem Tumor.

Es folgten weitere WM-Teilnahmen, mit gemischtem Erfolg; 03 hat Südafrika die Kricket-WM ausgerichtet, schied in der Vorrunde aus. Aus dem UCBSA wurde Cricket South Africa (CSA). Currie Cup war der Name der Meisterschaft bis 1990/91, dann bis 1996/97 Castle Cup und anschließend Supersport Series; seit der Saison 2012/13 heisst der Wettbewerb Sunfoil Series. Bis zur Saison 2004/05 nahmen Provinzteams teil, seither sechs Franchises.

Der Streit um nicht-weisse Spieler in der Nationalmannschaft und den Klubs der Liga begann schon anlässlich der WM 92. Der 40-jährige Farbige Omar Henry war schliesslich der Einzige unter den 14 Nominierten. Mainstream-Medien schrieben dass die Nominierung rein nach Qualitätskriterien erfolgen sollte (merit selection) und wenn es eben keine schwarzen Klasse-Spieler gäbe… Künftige Streits im Rugby wurden hier vorweg genommen. Auch hier ist die Frage, ob es jenen, die merit selection das Wort reden, wirklich um Qualität geht, oder um die Aufrechterhaltung des Status quo. “Auswahl rein nach Leistung” baut automatisch auf den in der Apartheid geschaffenen Ungleichheiten auf. Auch hier also eine Entsprechung zur allgemeinen politischen Diskussion, Affirmative action und dergleichen betreffend.

Wenn man die Elite-Cricketers Südfrika (nach der Apartheid) ethnisch aufschlüsselt, dominieren Weisse (Afrikaaner und Englischsprachige), vor Indern (moslemischen und hinduistischen), dann Farbigen und zuletzt die Schwarzen. Makhaya Ntini war 1998 der erste schwarze Südafrikaner, der für die Proteas spielte. Seither ist nur ein gutes Dutzend dazu gekommen, wie Ashwell Prince und Tsolekile.

Von daher ist es nicht so abwegig, dass 2004 von der Politik in der obersten Liga “Rassen-“Quoten vorgegeben wurden, die eine gewisse Anzahl Nicht-Weisser im Team vorschreiben. Die Quoten wurden über die Jahre angehoben und Nachwuchs-Nationalteams repräsentieren bereits eher die demographischen Verhältnisse des Landes. Es zirkulieren Horrorgeschichten über Quoten, etwa dass verletzte schwarze Spieler anstatt fitten weissen in WM-Kader “hineingepresst” wurden. Und natürlich der Hinweis auf Zimbabwe, wo ein Quotensystem im Kricket zu einem Qualitätsverfall in diesem Sport geführt hat.

Andere Sportarten

Allgemein war es so, dass Südafrika in den meisten Sportarten spätestens in den 1980ern ausgeschlossen war vom internationalen Betrieb, und Anfang der 1990er vor dem Hintergrund der Apartheid Rassenschranken im Sport fielen und im Gegenzug Sanktionen aufgehoben wurden. Nur im Golf und Motorsport (auch zwei sehr “exklusive” Sportarten) waren Südafrikaner relativ unangestastet. Jody Scheckter war 1979 der letzte Formel 1-Weltmeister auf Ferrari bis Michael Schumacher 2000; der Grand Prix in Kyalami wurde 1985/93 aus dem FI-Kalender gestrichen, soll wieder rein. Sewgolum (s.o.) wurde 1963 von grossen Golf-Turnieren in Südafrika ausgeschlossen. Währenddessen haben weisse Golfer wie Gary Player internationale Karriere gemacht. Diese zwei Sportarten sind auch nach Ende der Apartheid vorwiegend weiss geblieben.

Der South African Table Tennis Board (SATTB), der in Opposition zum weissen Verband gegründet wurde, wurde 1956 von der International Table Tennis Federation anstelle von diesem anerkannt bzw aufgenommen. Bei der WM 1957 in Schweden durften Sportler des SATTB auch teilnehmen, allerdings wurde ihnen die Ausreise verweigert. Kein Schwarzer könne Südafrika international vertreten, hiess es vom Regime, höchstens über weisse Sport-Organe. In den 1970ern gab es erfolglose Vereinigungsgespräche der beiden Tischtennis-Verbände. Dazu kam es erst in den 1990ern.

Das südafrikanische Davis Cup-Team wurde 1970 ausgeschlossen, teilweise aufgrund der Bemühungen von Arthur Ashe. 1973 wurde es wieder zugelassen und kam im Jahr darauf (mit “Bob” Hewitt, einem Australier, der durch Heirat Südafrikaner wurde) bis ins Finale. Indien (mit den den Amitraj-Brüdern) weigerte sich dort, gegen Südafrika anzutreten, und so bekam dieses kampflos den Sieg. Dann wurden Südafrikaner wieder von diesem Team-Bewerb ausgeschlossen; auf der ATP-Tour waren sie weiter unterwegs. Johan Kriek und Kevin Curren, die Grand Slam-Finale erreichten, waren aber zuvor USA-Staatsbürger geworden. Einer der als Südafrikaner auftrat und erfolgreich, war Christo van Rensburg  (80er, 90er). Er hat sich dezidiert gegen die Apartheid ausgesprochen. Der südafrikanische Tennisverband SATU war anscheinend etwas liberaler als andere Sport-Behörden, aber damalige Gesetze verhinderten echte Integration. Schwarze Tennis-Spieler wie Mark Mathabane hatten keine Chance.

Im Zuge der Transformation Südafrikas vereinigten sich SATU und die farbigen bzw multirassischen Verbände, zu Tennis South Africa (TSA), und traten der International Tennis Federation (ITF) bei. Ab 1992 waren Südafrikaner wieder bei Davis Cup, Fed Cup, Olympia dabei; van Rensburg, Ferreira oder Coetzer konnten von da an auch bei diesen Bewerben antreten.

Im Leichtathletik wurde Südafrika bzw die SAAAU 1976 von der IAAF ausgeschlossen. Zola Budd brach 1984 mit 17 Jahren den Weltrekord über 5000m, der aber nicht anerkannt wurde, da er ausserhalb der Auspizien der IAAF erbracht wurde. Sie trat dann wie erwähnt für Grossbritannien an. Matthews Batswadi, ein schwarzer Langstreckenläufer, hatte seine beste Zeit in den Jahren nach dem Ausschluss, als die SAAAU die Rassenschranken lockerte.

1991 die Vereinigung der SAAAU mit SAAAB (mit SACOS verbunden) und SAAAC (mit NOSC verbunden) zur SAAAA. IAAF-Präsident Nebiolo gewährte dieser gleich die Aufnahme. Er lud den südafrikanischen Verband zur LA-WM im August/September 91 in Tokio ein. In der SAAAA gab es aber interne Differenzen ob die Transformation schon weit genug fortgeschritten war, oder die Teilnahme einer Anerkennung von Apartheid-Strukturen gleichkäme; sie entschied sich daher dagegen. 28 südafrikanische Leichtathleten stellten darauf hin den Antrag, “unabhängig” an der WM teilnehmen zu können, was nicht möglich war. Die Vereinigung der LA-Verbände wurde rückgängig gemacht und neu verhandelt, im Februar 1992 entstand schliesslich Athletics South Africa (ASA), anstelle von der SAAAA. ASA wurde von der IAAF anerkannt, Stunden nachdem Nebiolo in das IOC aufgenommen worden war; darum war es ihm hier nicht zuletzt gegangen.

Von Bedeutung sind darüber hinaus noch Schwimmen, Boxen, Segeln, Rad. Kapstadt hat sich für Sommer-Olympia ’04 beworben; irgendwann in den nächsten Jahrzehnten wird Südafrika Olympische Spiele ausrichten.

Material

John Nauright: Sport, Cultures, and Identities in South Africa (1998); neue Ausgabe 2010: Long Run to Freedom. Sport, Cultures and Identities in South Africa

Douglas Booth: The Race Game. Sport and Politics in South Africa (1998)

O. Alpheus Koonyaditse: The Politics of South African Football (2010)

David R. Black, John Nauright: Rugby and the South African Nation. Sport, Cultures, Politics, and Power in the old and new South Africas (1998)

Peter Alegi, Chris Bolsmann (Hg.): South Africa and the Global Game: Football, Apartheid and Beyond (2010)

André Odendaal: The Story of an African Game. Black Cricketers and the Unmasking of One of South Africa’s Greatest Myths, 1850 – 2003 (2003)

Kathrin Zuser und Gerald Hödl: Bafana Bafana. Fussball und Nation Building in Südafrika (2009)

Bartholomäus Grill: Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert (2009)

Marion Keim: Nation Building At Play. Sports As A Tool For Social Integration In Post-Apartheid South Africa (Sports, Culture & Society, Volume 4) (2003)

Peter Alegi: Laduma! Soccer, Politics and Society in South Africa (2004)

John Carlin: Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game That Changed a Nation (2008); Deutsch: Der Sieg des Nelson Mandela. Wie aus Feinden Freunde wurden. Übersetzt von Andrea Schleipen

Peter Alegi: Africa’s World Cup: Critical Reflections on Play, Patriotism, Spectatorship, and Space Paperback (2013)

Ashwin Desai (Hg.): The Race to Transform. Sport in post-apartheid South Africa (2010)

Scarlett Cornelissen, Albert Grundlingh: Sport Past and Present in South Africa: (Trans)forming the Nation (2011)

Timothy J. L. Chandler, John Nauright: Making the Rugby World. Race, Gender, Commerce (1999)

Grant Jarvie (Hg.): Sport, Racism And Ethnicity (1991)

André Odendaal, Albert Grundlingh, Burridge Spies: Beyond the Tryline. Rugby and South African Society (1995)

Christopher R. Hill: Olympic Politics (1996)

Jon Gemmell: The Politics of South African Cricket (2004)

Dan Retief: The Springboks and the Holy Grail. Behind the scenes at the Rugby World Cup, 1995-2007 (2011)

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Peter C. Alegi: Umdlalo Wabantu: A History of Soccer in Pre-Apartheid South Africa (Race & Ethnicity)

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André Odendaal, Krish Reddy, Andrew Samson: The Blue Book. A History of Western Province Cricket 1890-2011 (2012)

Peter Alegi: African Soccerscapes: How a Continent Changed the World’s Game (2010)

Peter Auf Der Heyde: Has Anybody Got a Whistle? A Football Reporter in Africa (2002)

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Robert G. Weisbord: Racism and the Olympics (2015)

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Michael Behrens und Robert von Rimscha: Gute Hoffnung am Kap? (1994)

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Where Are South Africa’s  Black Women Athletes And Coaches? By Cheryl Roberts

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Glory Beyond the Tryline (eBook): Memorable moments in Springbok rugby with with personal testimonies by Victor Matfield, Pierre Spies, Beast Mtawarira, Morné Steyn, Juan Smith, Jannie and Bismarck du Plessis, (2011) Christian Art Publishers

www.supersport.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. 1957 verbot die SAOCGA aufgrund dessen gemischtrassige Bewerbe unter den Fittichen seiner Mitgliedsverbände – die gab es aber auch davor so gut wie nicht
  2. Das britische NOK hatte im Vorfeld beim IOC erreicht, dass ein südafrikanisches Team teilnehmen konnte, statt vier
  3.  Besonders unter den Afrikaanern (hauptsächlich Männern) gab es in früheren Jahrhunderten Individuen, die Partnerschaften mit Angehörigen anderer “Rassen” eingingen. Deren Nachkommen gingen oft unter den Afrikaanern auf. Zu Apartheid-Zeiten wurde die Bevölkerung in vier Rassen klassifiziert und waren sexuelle Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener verboten. Und die Abgrenzung zwischen “Weissen” und “Farbigen” war oft nicht so eindeutig
  4. Übrigens, und aus solchen Implikationen geht klar hervor, dass es sich nicht um eine Trennung in gleichberechtigte Kollektive handelte, die Schwarzen oder Asiaten Südafrikas hatten nicht die Möglichkeit, sich mit ausländischen Sportlern ihrer “Rasse” zu messen
  5. Frederick John Harris wurde Mitglied des African Resistance Movement (ARM), das Anfang der 1960er als National Committee of Liberation (NCL) gegründet worden war, von Mitgliedern der hauptsächlich weissen südafrikanischen Liberalen Partei. Bei einer Polizei-Razzia 1964 wurde bei einem ihrer Anführer, Adrian Leftwich, in Kapstadt viel Material über die Aktivitäten und die Mitglieder des NLC/ARM gefunden. Dies und Aussagen von Leftwich ermöglichten den Apartheid-Kräften die Verhaftungen und dann Verurteilungen der meisten Aktivisten (zu Gefängnis-Strafen). Der nicht gefasste Harris platzierte einen Brandsatz im Johannesburger Hauptbahnhof, in einem Wartesaal für Weisse und gab eine Warnung an die Polizei durch, die nicht reagierte. Der Anschlag tötete eine Person und verletzte mehrere. Durch die Aussage eines anderen Mitkämpfers aufgeflogen, wurde Harris 1965 gehängt, als einzige weisse Person im Kampf gegen Apartheid
  6. Geduldet wurden von Südafrika fünf Maoris und ein Samoa-stämmiger im neuseeländischen Team
  7. Ende Mai 1994 wurde das Waffenembargo von 1977 durch die UN aufgehoben
  8. COSAS = Confederation of South African Sport, eine “weisse Organisation, die aus der South African Sports Federation (SASF) hervorgegangen war und sich um nicht-olympische Sportarten kümmerte
  9. Mit Gründung des INOCSA wurde aus NOSC wieder NSC
  10. Die Zeitung war 1976 von Louis Luyt gegründet worden, der auch als Rugby-Funktionär in Erscheinung trat. Während der Muldergate-Affäre (Informationsskandal) 1978 wurde bekannt, dass das Regime (auch) die Zeitung von der Gründung weg finanziell “unterstützt” hatte, um eine günstige Presse zu bekommen
  11. Bei Olympia 1996 und 2000 sorgte sie mit ihren Medaillien und ihren Tätowierungen für Aufsehen. In Atlanta war das ein Springbok (der als politisches Statement interpretiert wurde) und in Sydney ein kanadisches Ahornblatt
  12. Rest-Jugoslawien wurde aufgrund seiner Rolle in den Kriegen in Kroatien und Bosnien ausgeschlossen, individuelle Athleten durften aber als “Nations-Unabhängige” teilnehmen; Makedonien war aufgrund des Namensstreits mit Griechenland noch nicht teilnahmeberechtigt, auch von dort nahmen einige Unabhängige teil; Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina nahmen erstmals als unabhängige Staaten teil
  13. Bei seinen Mitstreitern Patrick M. “Terror” Lekota und Gabriel M. “Tokyo” Sexwale stecken die sportlichen Leidenschaften in ihren Spitznamen: bei Lekota die Art, Fussball zu spielen, bei Sexwale der ostasiatische Kampfsport
  14. Das Ellis Park-Stadion in Johannesburg etwa wurde ursprünglich für Rugby gebaut, ist aber meistens nur bei Fussball-Spielen ausverkauft
  15. Bafanas beste Spiele immer gegen Spanien: 2002 (WM), 2009 (Confederations Cup), 2013 (Freundschaftsspiel)
  16. Der Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko spielte es dort etwa auch
  17. Das Leistungsgefälle im Rugby führt dazu, dass sich die Teilnehmerliste der Weltmeisterschaften fast nie verändert
  18. Die Partei hatte ihre Basis unter den ruralen und ärmeren Afrikaanern; sie gewann nie Sitze bei Wahlen (evtl. einen bei einer Nachwahl). Die noch rechtere bzw militantere Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) spaltete sich von ihr ab. Die später ebenfalls von der NP abgespaltene Konservative Partei war erfolgreicher als die HNP, wurde in den letzten Jahren der Apartheid eine Konkurrenz für die NP. Die HNP boykottiert das Post-Apartheid-Südafrika seit 1994
  19. Für Neuseeland gilt im Rugby, was im Fussball für Brasilien gilt: Nicht das Mutterland, aber der Lehrmeister
  20. So ging es in Apartheid-Südafrika auch öfters Geschäftsleuten aus Japan oder Israelis, die nicht hell genug waren
  21. Tobias wurde später Bürgermeister seiner Heimatstadt Caledon im Westkap und TV-Ko-Kommentator für Rugby-Spiele
  22. Zumindest ein Teil der neuseeländischen Anti-Apartheid-Aktivisten nahm die Sache zum Anlass, sich auch Themen die neuseeländischen Maoris betreffend zu widmen, etwa dem Vertrag von Waitangi und seinen unterschiedlichen Auslegungen
  23. Bis dahin gab es “nur” Turniere wie das der „Five Nations“-Turnier – heute zwischen „Six Nations“ gespielt
  24. Der ehemalige SARU-Präsident Patel war ab 92 Cravens “Co-Präsident” gewesen, nach dessen Tod 93 dann Präsident der SARFU
  25. Auch mit Katholiken bzw Südeuropäern hatte das Apartheid-System ein Problem, sah diese nicht als ebenbürtig. Aber auch diesen, nach der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien im südlichen Afrika einströmenden, Weissen konnte man sich nicht verweigern
  26. Und nicht nur dieser. Im Vorrunden-Spiel zwischen Côte d’Ivoire und Tonga wurde der Ivorianer Max Brito zwischen mehreren Spielern “eingequetscht”, er blieb vom Hals abwärts gelähmt. Nur eine Fussnote
  27. Bei der WM 1991 waren in England auch zwei Südafrika-Fans aufs Spielfeld gelaufen, mit einem Banner, auf dem ihr Team als “Unofficial World Champions” proklamiert wurde
  28. Im rumänischen Eishockey-Nationalteam gibt es aber Konflikte aufgrund des hohen Anteils von ungarischen Rumänen
  29. Ein Springbok-Spieler (“Os” du Randt) war bei beiden WM-Siegen 1995 & 2007, dabei, aber sowohl 95 (Pienaar, van der Westhuizen, Stransky) als auch 07 (Smit, Montgomery, Habana) waren andere die Stars (du Randt 95 nicht mal Ersatz)

Pechvögel, verkannte Genies und einsame Talente

Die Qualifikation zur Fussball-Europameisterschaft 2016 ist fast abgeschlossen, der grösste Abwesende wird das niederländische Team sein, mit Stars wie Robben. Schottland hat es leider auch nicht geschafft. So wie es ManU-Verteidiger Darren Fletcher anscheinend zu keinem Turnier (WM, EM) mit dem Nationalteam schafft, ging es auch schon anderen Klassespielern, auch von noch grösserem Kaliber. Hier gehts also um diese Fussballer ohne Turnier-Teilnahmen, ohne WM-Teilnahmen, sowie solche die gar nicht für ein Nationalteam spielten oder sich dort nicht durchsetzten.

Fussballer internationaler Klasse, die nie bei einem grossen Turnier spielten, sind v.a. solche, deren Nationhal-Team sich nie qualifizierte, weil es auf längere Sicht zu schwach war (ist), wie Jari Litmanen, oder nur zur Zeit der Karriere der Betreffenden, wie bei George Best oder Franz Hasil (für Manche der beste Fussballer, den Österreich hervorbrachte). Sonny Silooy (NL) musste die Endrunden 1988, 1990, 1992 verletzungsbedingt auslassen. Zlatko Kranjcar (Jugoslawien/Kroatien) wäre zumindest für die EM 1984 in Frage gekommen, seine Nationalteam-Karriere hat unter seinem Auslands-Engagement in Österreich gelitten. Steve Heighway hörte lange vor Irlands erster Qualifikation für ein Grossereignis, EM 1988, auf. Ian Rush hat mit Wales die Qualifikation für ein Turnier in vielen Anläufen nie geschafft. Ähnlich ging es Hassan Salihamidzic mit Bosnien-Herzegowina, Robert Prytz mit Schweden. Peter Lipcsei war beim einzigen Turnier, für das sich das ungarische Team seit 1986 qualifizierte, Olympia 1996, nicht dabei.

Im Eishockey sind die Dinge hierbei anders, es gibt eine illustre Liste von Spielern, die nie mit ihrem Nationalteam ein Turnier spielten, hauptsächlich Kanadier, die keine Gelegenheit dazu hatten, weil Profis von WM- und Olympia-Turnieren ausgeschlossen waren, aber auch weil die NHL Priorität hatte.

Ryan Giggs nahm wenigstens an einem Olympia-Fussballturnier teil, Eric Cantona oder Bernd Schuster an einer EM, George Weah und Abedi Pelé Ayew an Afrika-Cups, Claudio Pizarro oder Juan Arango an Copa Americas. Diese Fussballer haben aber nie an einer WM teilgenommen. Zu den Spielern, die an kleineren Turnieren dabei waren, aber nicht an einer WM, gehören auch Flemming Povlsen, Mehmet Scholl, Fatih Terim (weder als Spieler noch als Trainer, bislang), Roberto Pruzzo, Kalusha Bwalya (Sambia wohl beste Fussball-Nation, die nie bei WM war), Essam El Hadary (Ägypten), Julio Dely-Valdes (Panama), Antony Vidmar (Australien), “Nick” Barmby, Gustavo Poyet (Uruguay), Jozef Moder (CSSR/Slowakei), Gilbert van Binst (Belgien), Theodoros Zagorakis, Segun Odegbami (Nigeria), Volodymyr Onyshchenko (Sowjetunion/Ukraine), Cristian Chivu, David Alaba (hat aber noch alle Chancen dafür), Kubilay Türkyilmaz, “Dixie” Dörner (DDR/Deutschland), Frederic Kanouté (Mali). In einigen Fällen hat die fragliche Nationalmannschaft auch mehrmals die Qualifikation verpasst, in anderen verlief die Laufbahn des Betreffenden im Nationalteam irgendwie problematisch.

Bei Arthur Friedenreich war die Sache anders. Der Sohn eines deutschen Einwanderers und einer Afro-Brasilianerin (seine Mutter war eine befreite Sklavin) begann mit dem Fussball bei einem deutschen Klub in Sao Paulo; als “Mulatte” hatte er noch viele Hürden in Brasilien und International zu überwinden (Schwarze waren im brasilianischen Fussball vor Pelé, also bis Ende 1950er, Anfang 1960er selten). Friedenreich war vielleicht der erste Könner des Weltfussballs. Er hat 2x die Copa America gewonnen, war bei der WM 1930 nicht dabei, da da nur Spieler aus Rio de Janeiro das brasilianische Team bildeten.

Alfredo Di Stefano war 1962 im spanischen Kader, kam aber nicht zum Einsatz. Kevin Keegans WM-Spielzeit beschränkte sich auf 26 Minuten 1982, in denen er im Match gegen Spanien eine grosse Torchance vergab.

Es gibt einige markante Fälle, wo Fussballer einzelne Turniere verpassten. Michael Laudrup war etwa 1992 nicht dabei, als Dänemark für das ausgeschlossene Jugoslawien nachrückte, weil er mit Nationaltrainer Richard Möller-Nielsen zerstritten war; jemand hat das (angesichts des Abschneidens des dänischen Teams bei diesem Turnier) mit einem Lottoschein verglichen, auf dem die richtigen Zahlen angekreuzt wurden, der aber nicht abgegeben wurde… In Jugoslawien kam der Auseinanderfall des Staats, als er das stärkste Fussballteam seit langem hatte. Der Ausschluss des Teams Rest-Jugoslawiens 1992 war gerechtfertigt angesichts der von diesem Staat unterstützten Blutbäder in Kroatien und Bosnien. Dragan Stojkovic war unter jenen Spielern, die 92 um die Teilnahme und vielleicht einen grossen Erfolg kamen (hat aber vorher und nachher Turniere gespielt). Kroatiens Unabhängigkeit wurde Anfang 1992 international anerkannt, für die Qualifikation für die WM 1994 war das zu spät, daher fiel etwa Davor Suker damals um eine Teilnahme um; sein grosser Auftritt kam vier Jahre später.

Ciro Ferrara hat die Turniere 1996 und 1998 verletzungsbedingt verpasst, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. “Ruud” van Nistelrooy hat sich kurz vor Beginn der Euro 2000 verletzt, so war es 2002 bei Canizares und Deisler. Javier Zanetti und einige andere argentinische Stars wurden 2006 nicht berücksichtigt. Zlatan Ibrahimovic hat mit Schweden die Qualifikation für die WM 2014 verpasst, evtl auch für 2016. “Dida” (Nelson de Jesus Silva) ist ein Fussballer, der fast alles gewonnen hat: Copa America (99), Confederations Cup (97, 05), 2 Mal die Champions League mit AC Milan, einmal die Klub-WM, die Copa Libertadores, bei Olympia 96 hat er mit dem brasilianischen Team immerhin die Bronzemedaillie gewonnen; und, er war auch beim WM-Sieg 02 dabei, allerdings war der Tormann ausgerechnet bei diesem wichtigsten Erfolg nur Reservist.

Es gibt dann jene Spieler, die sich in ihrem National-Team nicht durchsetzten und deshalb nie bei Turnieren dabei waren oder diesbezüglich unter ihren Möglichkeiten blieben. Etwa Bernd Schuster (nie bei einer WM), Andy Cole (bei keinem Turnier dabei), Giovane Elber, Peter Pacult (hätte eigentlich 1990 dabei sein müssen), Thomas Allofs, Victor Antelo (Bolivien), Michael Zorc, Pierre van Hooydonk, Manfred Burgsmüller, Marco Simone, Lars Ricken.

Und dann gibt’s jene, die überhaupt nie für ein Nationalteam spielten, zumindest nicht auf A-Level (und deshalb auch bei keinen Turnieren dabei waren), aus welchen Gründen auch immer. Bei “Soccernostalgia” (Englisch) gibts eine 9-teilige Serie über “The uncapped”, die namhaftesten Fussballer, auf die das zutrifft, hier Teil 1. Er hat u.a. Delio Onnis (den Argentinier, der in der ewigen Torschützenliste der französischen Liga noch immer sehr weit vorne ist), Jimmy Case, Bernd Dürnberger, Thomas von Heesen, Maurizio Ganz, John McGovern (Schottland), Norbert Nachtweih, Sergio Brio, H.-P. Lehnhoff, Pietro Virdis, Horst Blankenburg, “Nayim” (Spanien), Roland Grahammer, A. Di Bartolomei, Fritz Walter II. Manche von ihnen haben in Nachwuchs- oder Olympia-Nationalteams gespielt, Grahammer zB in mehreren. Gunnar Sauer war sogar bei einem Turnier im Kader (EM 88) ohne Nationalspieler zu werden.

Sean Dundee verdient hier besondere Aufmerksamkeit. Als Südafrikaner irischer Herkunft in Durban geboren, ist er den Weg über eine deutsche Regionalliga (Ditzingen) gegangen, um in der 1. Bundesliga, bei Karlsruhe, zu landen. Dort schoss er auch seine Tore, weshalb der damalige südafrikanische Teamchef Barker auf ihn aufmerksam wurde. Ungefähr zur selben Zeit hat auch Bundestrainer Vogts Interesse an ihm bekundet. Barker berief Dundee Ende 1995 zu einem Länderspiel in Johannesburg – gegen Deutschland. Er meldete sich dort dann verletzt, nahm auf der Bank Platz – ob er auch am Spielbericht stand, also Ersatzspieler war, ist mir nicht bekannt. Danach entschied er sich für Deutschland, saß bei der DFB-Elf dann aber auch (nur) einmal auf der Bank; und spielte einmal im B- bzw A2-Team.

Jocelyn Blanchard ist einer, den Soccernostalgia nicht hat. Oder Juan Lozano (setzte sich zwischen die “Stühle” Belgien und Spanien), Klaus Bachlechner (der wohl beste Fussballer, den Südtirol hervorbrachte; Enzo Bearzot ist zwar auf ihn aufmerksam geworden, hat ihn aber nicht einberufen), Heinz Stuy (mehrere Meistercup-Siege mit Ajax), Walter Knaller (Hickersberger Ende der 1980er über ihm: “Die Rufe nach Knaller habe ich gehört.”).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eric Cantona

Cantona hat sardische (italienische) Vorfahren väterlicherseits, katalanische (spanische) mütterlicherseits, die es in die süd-französische Metropole Marseille getrieben hatte, wo er aufwuchs. Sein Bruer Joel wurde auch Fussballer, kein so grosser wie er. Eric Cantona wurde bei Auxerre, unter Guy Roux, Mitte der 80er gross. Nach seinem Militärdienst (wo er sich einmal geweigert haben soll, sich zu rasieren), wurde er zu Martigues in die 2. Liga ausgeliehen. Zurück bei Auxerre, war ein schweres Foul an Nantes-Spieler Der-Zakarian einer seiner ersten Eklats. Er wurde 1987 erstmals ins französische Nationalteam berufen, das nach der WM 1986 komplett umgebaut wurde, aufgrund der Rücktritte von Platini u.v.a.

1988 wurde er U-21-Europameister, in einem französischen Team mit Sauzée oder Angloma. Im Sommer 88 schaffte er es zu Olympique Marseille. Nachdem ihn Teamchef Henri Michel 88/89 nicht für ein Testspiel nominiert hatte, nannte er zu Beginn der kommenden Saison in einem TV-Interview einen “sac à merde” (http://www.youtube.com/watch?v=iTQf1Iz4NMM); dies kam einem Rücktritt im Nationalteam gleich, den er auch verkündete. Bald darauf wurde Henri Michel aber als französischer Teamchef durch Michel Platini ersetzt, mit dem er noch zusammen gespielt hatte, wie auch als Trainer betreut. Nachdem das französische Team unter Michel die Qualifikation zur Europameisterschaft 1988 nicht geschafft hatte, begann auch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1990 schlecht, Michel trat nach nur zwei Spielen zurück, nach einem 1:1 gegen Zypern. Platini holte Cantona zurück und förderte ihn dort auch. Doch Frankreich schaffte die Quali für die WM 1990 auch mit Platini nicht, knapp, als Gruppen-Dritter hinter Jugoslawien und Schottland.

Dann kam sein Rauswurf bei Marseille, nachdem er Anfang 1989 in einem Freundschaftsspiel gegen Torpedo Moskau nach einer Auswechslung “ausflippte”. Er spielte ein halbes Jahr bei Bordeaux, ging Mitte 89 zu Montpellier wo er u.a. mit Laurent Blanc spielte. Im Sturm des Nationalteams harmonierte er gut mit Jean-Pierre Papin und – 1990 bekam er dort auch eine zweite Chance, durfte mit ihm auch im Klub zusammen spielen. Nach einer Verletzung war aber nicht mehr Franz Beckenbauer Trainer, sondern Raymond Goethals, der wenig von ihm hielt. So kam er auch im Europacup-Finale 1991 gegen Belgrad nicht zum Einsatz (saß nicht einmal auf der Ersatzbank).

In der folgenden Saison zu Nimes abgeschoben, drosch er dort in einem Meisterschaftsspiel (Dez. 91) aus Protest gegen eine Entscheidung den Ball auf den Schiedsrichter, beschimpfte dann die Mitglieder der Disziplinarkommission des französischen Fussballverbands bei einer Vorladung. Sperre. Rücktritt. Nationaltrainer Platini und sein Psychoanalytiker überredeten ihn, weiterzumachen. Er bekam ein Engegement bei Leeds United, nach einem halben Jahr und einem Meistertitel eines bei Manchester United.

Als England-Legionär kam er 1992 zu seinem einzigen grossen Turnier, der EM in Schweden, für die sich das französische Team unter Platini endlich wieder qualifiziert hatte. Cantona stürmte wieder zusammen mit Papin, ihm gelang aber kein Tor und nach einer Niederlage gegen Dänemark im letzten Vorrundenspiel (der Beginn von dessen Sensationslauf) war es schon wieder vorbei. Bei Manchester United, unter Alex Ferguson, konnte er sich entfalten, war ein Star der englischen Liga, spielte bei ManU noch mit Bryan Robson und schon mit Beckham.

Die Qualifikation für die WM 1994, inzwischen war Gerard Houillier Teamchef, verpasste die französische Mannschaft unglaublicherweise noch in den letzten beiden (Heim-)Spielen, aus denen sie einen Punkt brauchte. Nach einer Niederlage gegen Israel das Match gegen Bulgarien, im Pariser Prinzenpark-Stadion. Cantona hatte Frankreich in Führung gebracht. 90 Minuten beinahe vorbei, es stand inzwischen 1:1, Frankreich im Angriff, David Ginola (damals PSG, eingewechselt für Papin) flankt von rechts, der Ball fliegt aber nicht in den bulgarischen Strafraum sondern weiter, auf die gegenüberliegende Seite, zu einem Bulgaren, die bauen noch einen Angriff auf, der Ball kommt über 3 Stationen zu Kostadinov… Ginola bekam von den meisten Seiten die Schuld zugeschoben (und nicht die etwas lahme Verteidigung), ging dann auch nach England. Wenn Manchester gegen Bayern 1999 die Mutter aller Last-Minute-Entscheidungen war, war das gewissermaßen die Grossmutter. Für den französischen Fussball war das Match ein Trauma wie das WM-Semifinale in Sevilla 1982. Papin, schon grosser Abwesender bei der WM 1990, war wieder nicht dabei. Cantona war dann bei der WM 1994 in USA Co-Kommentator für das staatliche französische Fernsehen. Bekanntlich sind ja beide Qualifikations-Gruppengegner Frankreichs ins Semifinale gekommen.

Frankreich 1994 nicht dabei steht in einer Reihe mit der Nicht-Qualifikation von Spanien 1954 oder 1958, Deutschland 1968, England 1978, 1994 oder 2008, Uruguay 1982, Italien 1984 und 1992, Portugal 1998, Niederlande 2002, Ghana 94, 98, 02, Kamerun 06; Jugoslawien 1992 oder Mexiko 1990 wurden ausgeschlossen

Dramatische/wichtige Last-Minute-Tore:

  • ManU – BayernM, CL-Finale 1999, 2 Tore am Spielende, die das Match drehten, Schmeichel mit vorne beim Ausgleich
  • Grosso (Ita) gegen Deutschland, WM 06 Semifinale, dann noch ein zweites
  • Dt. Bundesliga 00/01, Titelduell zwischen Bayern & Schalke, Tor von P. Andersson
  • Kostadinov gg Fra. in WM-Quali f. 94
  • Arsenal- Liverpool, englische Liga, 88/89, letzter Spieltag, direktes Duell um Titel, spätes 2:0, Grundlage für “Fever Pitch” von Hornby
  • BRD-Esp. EM 84, Vorrunde, Tor Maceda (Spanien weiter, Deutschland raus)
  • EM-Finale 00, Ita.-Fra., Ausgleich Wiltord
  • WM-Finale 2010, Tor Iniesta, 116. Minute (kein echtes Last-Minute-Tor)
  • Niederlande – Mexiko, WM 14, Achtelfinale, Tore Snejder, Huntelaar (durch umstrittenen Elfer)
  • NL-Arg. WM ’98, VF, Tor Bergkamp
  • EC II-Fin. 95, Tor von Zaragoza gg Arsenal
  • Esp gg YU, EM 00, Tor Alfonso
  • Beckhams Tor gg. Griechenland in WM-Quali-Match 2001
  • Swe-Deu 2013, von 0:4 auf 4:4
  • CL-SF 09, Chelsea-Barca, Tor Iniesta
  • Ramos CL-Fin. 14 zw. den Madrider Klubs, Ausgleich

Aimé Jacquet wurde nun Teamchef, baute auch auf Cantona, beliess ihm die Kapitänswürde, die er von Houllier bekommen hatte. Dann der Jänner 1995, Auswärtsspiel von ManU bei Crystal Palace in London. Cantona bekam nach einer Tätlichkeit die Rote Karte, wurde beim Abgang vom Feld von einem Londoner Fan beschimpft, attackierte diesen mit einem fliegenden Kick; der Höhepunkt und gleichzeitig Schlusspunkt seiner Eklats. Der rätselhafte Seagulls-Sager bei einer Pressekonferenz danach: “When the seagulls follow the trawler, it’s because they think sardines will be thrown into the sea.” Mit den Möwen meinte er wahrscheinlich die Medien, mit dem Fischkutter sich und mit Sardinen die erwarteten Worte. Strafen auf diversen Ebenen, darunter paar Stunden Gefängnis, halbes Jahr Sperre. Ferguson überzeugte ihn zu bleiben, nach seiner Sperre bei ManU weiterzumachen.

Crystal Palace v Manchester United 25/1/95 F.A Premier League Mandatory Credit : Action Images Man Utd's Eric Cantona jumps into the crowd with his infamous Kung-Fu kick on a Palace supporter after being sent-off
Action Images

Die Aggression geht sonst meist in die andere Richtung (Flaschen, Golfbälle,…). Cantona hat aber kein verletzendes Foul begangen, keine Diktatoren unterstützt (> DFB Argentinien), kein Match geschoben, auch keine private Gewalt begangen.

Jacquet hat ihn danach nie mehr ins französische Team eingeladen, hat ungefähr zur selben Zeit auch die anderen Offensivstars Papin und Ginola aussortiert – was aber Platz frei machte für Zidane oder Djorkaeff, mit denen das französische Team bei der EM 1996 schon Dritter wurde, dann die Turniere 1998 und 2000 gewann, es war ein multikulturelleres Team. Papin war noch viel mehr als Cantona an der Weltklasse dran war, mit der Ausbootung vor 96 hat seine Karriere hat endgültig einen unglücklichen Charakter angenommen. Für die erfolgreiche Platini-Generation zu jung, für die noch erfolgreichere Zidane-Generation zu alt. Daneben hat er sich mit seinen Wechseln auf Klubebene (92 Milan, 94 Bayern, 96 Bordeaux) eine noch grössere Karriere vermasselt.

Cantona blieben 5 Meistertitel in England, im Europacup kam er in seiner letzten Saison 1996/97 am weitesten (Aus im Semifinale gegen Dortmund); den Sieg 99 mit seinen langjährigen Klubkollegen wie Schmeichel oder Giggs verpasste er.

Nach seiner Fussballer-Karriere spielte und trainierte Cantona Beachfussball, begann mit der Schauspielerei (am nennenswertesten wahrscheinlich der Film “Looking for Eric” von Ken Loach, 09 gedreht, als er selbst). Er wirkt(e) in Werbungen ebenso mit wie beim Aufruf zum Bank-Run. Von einem Philippe Auclair kam eine Biografie heraus. Bei Cosmos New York war “Director of Soccer”. Aus seiner ersten Ehe hat er 2 Kinder.

2012 hat er eine Petition zur Freilassung des palästinensischen Fussballers Mahmoud Sarsak unterzeichnet, der seit 2009 von Israel ohne Verurteilung eingesperrt wird.

Cantona ist, wie Maradona, „Socrates“, Gullit, Romario (selber in Politik), eine Ausnahme unter meist rechten Fussballern; man denke an Buffon oder  Beckenbauer, der Willy Brandt einst als «nationales Unglück» bezeichnet hat, Spezi von Stoiber war; deren künstlerische Interessen beschränken sich auch oft auf Helene Fischer.

Cantona hat keine Homepage und anscheinend nicht auf sozialen Medien, auf Twitter gibts einige falsche Cantona-Konten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Team der bei der Fussball-WM 2014 Abwesenden

Umfasst vorläufig nur Spieler von Teams, die sich nicht qualifiziert haben (die ja jetzt feststehen; nicht mehr als einer pro Nationalteam) und nicht jene, die aus anderen Gründen (verletzt, mit dem Trainer zerstritten,…) fehlen werden. Dieses “Team” wird sicher noch Verstärkung bekommen. Wichtigster Abwesender dürfte aber Zlatan Ibrahimovic bleiben (2010 war das der verletzte Ballack). Der Schwede mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien sagt zu seiner Nicht-Teilnahme in Brasilien: „Ich leide. Es wird vorübergehen – langsam, langsam“. Ein paar Spiele der WM werde er sich anschauen. „Es ist aber nicht so, dass ich nach Hause laufe, um vor dem Fernseher zu sitzen“.

* Cech (Tschechien)

* Vidic (Serbien)

* Fletcher (Schottland)

* Alaba (Österreich)

* Timoschuk (Ukraine)

* Abutrika (Ägypten)

* Cardozo (Paraguay)

* Bale (Wales)

* Pizarro (Peru)

* Lewandowski (Polen)

* Ibrahimovic (Schweden)

Weiterer Kader: Hamsik (Slowakei), Keane (Irland), Gudjohnsen (Island), Kanouté (Mali), Kiraly (Ungarn), Altintop (Türkei), Bendtner (Dänemark), Rat (Rumänien), Arango (Venezuela), Mkhitaryan (Armenien), Penedo (Panama), Handanovic (Slowenien), Dikgacoi (Südafrika), Chamakh (Marokko), Hangeland (Norwegen), Darraghi (Tunesien), Vicelich (Neuseeland), Mahmoud (Irak), Ricketts (Jamaika), Benayoun (Israel), Vucinic (Montenegro), Raldes (Bolivien), Pitroipa (Burkina Faso), Shatskich (Usbekistan), De Rosario (Kanada)

Als Trainer dieser virtuellen Mannschaft bieten sich der Italiener Trappatoni (bis vor kurzem bei Irland) oder der Schotte Ferguson an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die besten Fussballspiele bis jetzt

* Brasilien-Italien 4:1, Finale WM 1970, Pelés dritter WM-Sieg

* Frankreich-Deutschland 3:3 n.V., Sieg für Deu. n.E., Semifinale WM 1982; Rummenigge: “Die Franzosen wollten uns, als es 3:1 stand, eine Lehre erteilen” – wahrscheinlich haben sie dadurch die Führung verspielt; neben damatischem Spielverlauf und Elferdrama blieb Schumachers gefährliches Spiel gegen Battiston in Erinnerung.

* Frankreich-Brasilien 3:0, Finale WM 1998

* Argentinien-Deutschland 1:1 n.V., 2:4 Elfer, Viertelfinale WM 2006

* England-Deutschland 4:2 n.V., Finale WM 1966, umstrittenes Tor von Hurst

* Brasilien-Deutschland 2:0, Fin. WM 02

* Brasilien-Niederlande 3:2, Viertelfinale WM 1994

* Argentinien-Niederlande 3:1 n.V., Finale WM 1978

* Brasilien-Italien 2:3, Zwischenrunde WM 1982, die “Wiederaufstehung” von Paolo Rossi

* Manchester United – Bayern München 2:1, Finale EC I 1999

* Niederlande-Italien 0:0 n.V., 1:3 Elfer, Semifinale EM 2000

* Italien-Argentinien 1:1 n.V., 3:4 Elfer, Semifinale WM 1990

* Frankreich-Brasilien 1:1 n.V., 3:4 Elfer, Viertelfinale WM 1986

* Brasilien-England 2:1, Viertelfinale WM 2002

* Brasilien-Niederlande 1:1 n.V., 4:2 Elfer, SF WM ’98

* Argentinien-Deutschland 3:2, Finale WM 1986

* Niederlande-Deutschland 1:2, Finale WM 1974

* England-Deutschland 1:1 n.V., 5:6 Elfer, Semifinale EM 1996

* Italien-Deutschland 4:3 n.V., Semifinale WM 1970

* Belgien-Sowjetunion 4:3, Achtelfinale WM 1986

* Italien-Deutschland 3:1, Finale WM 1982

* Niederlande-Sowjetunion 2:0, Finale EM 1988

* Italien-Deutschland 2:1, Semifinale EM 2012

* Deutschland-Italien 0:2, SF WM 06

* Argentinien-England 2:2 n.V., 4:3 Elfer, Achtelfinale WM 1998

* Spanien-Russland 3:0, Semifinale EM 2008

* Brasilien-Schottland 4:1, Vorrunde WM 1982

* AC Milan-FC Barcelona 4:0, Fin. EC I 1994

* Spanien-Deutschland 1:0, SF WM 10

* Deutschland-Ungarn 3:2, Finale WM 1954 (“Wunder von Bern”; deutsche Mannschaft gedopt?; ein blutjunger Joseph Blatter war unter den Zusehern)

* Niederlande-Deutschland 1:2, WM 90 AF

* Liverpool-AC Milan 3:3 nV, Sieg nE, CL-Fin. 05

* Ghana-Uruguay 1:1 n.V., 2:4 Elfer, Viertelfinale WM 2010

* Brasilien-Argentinien 0:1, AF WM 90

* Real-Benfica 3:5, Fin. EC I 62

* Schweden-Rumänien 2:2 n.V., 5:4 Elfer, Viertelfinale WM 1994

* Brasilien-Italien 3:3, Tournoi de France 1997

* Kamerun-England 2:3 n.V., VF WM 1990

* Brasilien-Argentinien 2:2 n.V., 4:2 Elfer, Fin. Copa America 04

* Brasilien-Schweden 5:2, Finale WM 1958

* Spanien-Südkorea 0:0 n.V., Elfer 3:5, Viertelfinale WM 2002

* Deutschland-England 5:1, WM-Qu. 01

* Brasilien-Niederlande 0:2, ZR WM 74

* Tschechoslowakei-BRD 2:2 nV, Sieg nE, Fin. EM 76

* Uruguay-Brasilien 2:1, Finalrunde WM 1950

* Brasilien-Mexiko 1:2, Fin. Olympia 12

* Australien-Kroatien, VR WM 06

* Sowjetunion-Brasilien, Fin. Ol. 88

* Dortmund-Juve 3:1 ECI-Fin 97

* Ita.-Fra., Fin. WM 06

* Liverpool-M’gladbach 3:1, Fin. ECI 77

* Bra-Deu 4:1, Mini-WM 80/81 VR

* Mex-Bra CC-Fin 99

* Bra-Col VF WM 14

* Ita-Esp EM 12