Geschichte im Film

Hier geht es um Filme und (vergangene) Realität, somit hauptsächlich um Historienfilme: Verfilmungen historischer Stoffe mit vielen oder wenigen fiktiven Elementen, bzw Spielfilme mit thematischem Bezug zur Geschichte. Die Darstellungsformen der Vergangenheit variieren. Historienfilme können filmische Entsprechungen zu historischen Romanen sein, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB „Ben Hur“). Fiktive Filmerzählungen, deren Handlungen vor historischer Kulisse angesiedelt sind. Kleine Geschichte eingebettet in die grosse. Die andere Form ist die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente, z.B. die Stauffenberg-Attentat-Filme. Die Darstellung grosser Geschichte, die Dramatisierung historischer Begebenheiten bei Veränderungen von Details.

Daneben gibts auch die Entsprechung zu oder Umsetzung von historischer Fiktion bzw Alternativgeschichten/Kontrafaktik, wie „Inglorious Basterds“. Und Historienfilme, die grosse Geschichte bringt (also nicht zB eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des USA-Bürgerkriegs, wie “Vom Winde verweht”), aber in “verschlüsselter” bzw fiktionalisierter Form, mit auf tatsächlichen Personen basierenden Figuren. Monumentalfilme (engl. epic film; aufwändig, epische Breite,…) sind oft Historienfilme, wie “Gladiator”, “Exodus”, “Cleopatra”.

Die englischen Entsprechungen zu “Historienfilm”, historical (fiction) film und historical (period) drama, bezeichnen mehr oder weniger dasselbe; der erstere Ausdruck vielleicht eher Filme mit Fiktion im Vordergerund, der zweitere Filme mit wirklich Geschehenem im Vordergrund. Filmische Darstellungen der Vergangenheit beinhalten immer auch Fiktion, weil manche Details nicht bekannt sind, weil Irrtümer vorliegen, oder um der Handlung willen. Im Artikel geht es auch um Verarbeitung von Geschichte für das Fernsehen.

Historienfilme sind Bestandteil von gegenwärtiger Geschichtskultur, transportieren über die Darstellung von Geschichte Vorstellungen und Verdrehungen von ihr, sind Resultat von Geschichtsbewusstsein und prägen dieses mit. Einerseits sind solche Filme Zeugnisse der Geschichtsauffassung der Macher und ihrer Umwelt/Gesellschaft, Dokumente ihrer Entstehungszeit, von bewusster und unbewusster Geschichtspolitik. Andererseits beeinflussen sie auch Vorstellungen von der Vergangenheit, verändern das Geschichtsbewusstsein der Zuschauer.

Als Vorgriff auf den Abschnitt über Filme, die nicht als Historienfilme zählen, sollen hier gleich ein paar Klarstellungen kommen. Die klassischen Historienfilme Hollywoods wurden im Wesentlichen ab den 1950ern gedreht. Es gab aber zuvor schon Filmbiografien (“Biopics”) und Kostümfilme, beide auch in Form von Musicals. Deren Zugehörigkeit zu den Historienfilmen ist diskutabel. Zu den Kostümfilmen wird etwa der Sandalenfilm (sword-and-sandal, Peplum) gezählt.1 Kriterium sind die schweren Anachronismen in diesen Filmen (zB Kämpfe Herkules’ gegen Vampire), die Betonung auf Kampfszenen, mythologischen Motive.

In anderen Monumentalfilmen werden historische Personen psychologisch (und oft spekulativ) dargestellt. Fantasy-Filme (Historical fantasy; Sagenstoffe,…), Science-Fiction, Steampunk zählen iR nicht als Historienfilme. Auch bei Western und Heimatfilmen ist das Historische meist zu entstellt. Fliessend sind die Übergänge zu Kriegs- und Abenteuerfilmen. Auch Filme, die vergangene tatsächliche Ereignisse behandeln, die aber nicht als einer anderen Epoche zugehörig erscheinen, gelten meist nicht als Historienfilme. Und Ereignisse, die für die Allgemeinheit zu wenig wichtig sind, mehr persönliche Erfahrung darstellen, qualifizieren Filme darüber auch nicht; die Grenzen sind natürlich fliessend…

Für die Unterteilung von Historienfilmen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Etwa danach, ob tatsächlich Geschehenes im Hintergrund bleibt oder Hauptsache ist (und nachgestellt wird). Dann gibt es jene Typen, in denen Tatsächliches verschlüsselt widergegeben wird. Und es gibt die Historienfilme mit Kontrafaktik bzw Alternativgeschichte. Ein anderer Parameter zur Einteilung ist, ob es eine literarische Grundlage (einen historischen Roman oder etwas ähnliches) gibt oder nicht. Einzuteilen sind Historienfilme auch nach der Epoche oder der Region in der sie spielen. Die Länge der dargestellten Periode kann vom ganzen Mittelalter bis zum Leben eines einzelnen Menschen oder noch viel kürzer reichen – auch diese Unterschiede bieten sich zur Charakteristik an. Historische Krimis (historical mystery) sind eine Untergattung, Kriegsfilme oder  Filmbiografien werden teilweise auch als solche gesehen.

Die hier getroffene Einteilung richtet sich danach, ob reales Vergangenes im Vordergrund steht (Nachstellungen gewissermaßen) oder das tatsächlich Geschehene im Hintergrund und Fiktives im Vordergrund.

Historienfilme mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund

Der letzte Kaiser (1987), eine Filmbiografie

Cleopatra (1963)

Die 5 Spielfilme über die Meuterei auf der Bounty (1916, 1933, 1935, 1962, 1984)

Gandhi (1982)

Spartacus (1960), über den realen Sklavenaufstand gegen die Römer in Süd-Italien, basiert auf einem historischen Roman

Lincoln (2012), über die Endphase des USA-Bürgerkriegs die glz. Abraham Lincolns letzte Lebens-Monate waren, grosse Akkuratesse

Tora! Tora! Tora! (1970), der Angriff auf Pearl Harbor 1941 von 2 Seiten

1492 – Die Eroberung des Paradieses (1992)

12 Years a Slave (2013)

Anna und der König von Siam (1946), basiert auf der Romanfassung (von Margaret Landon) der Tagebücher von Anna Leonowens, einer Britin mit teilweise indischen Wurzeln, die in den 1860ern am Königshof von Siam arbeitete; alle wichtigen Rollen wurden von “Anglos” gespielt, auch wenn es sich um asiatische Figuren handelte; Anna und der König (1999) war eine Art Neuverfilmung

Quo Vadis (1951), Rom zur Zeit von Nero

Der Leopard (1963, Il Gattopardo), über einen Teil des Risorgimento; basiert auf einem Gesellschaftsroman

Jesus von Nazareth (1977), von Zeffirelli

Viva Zapata! (1952)

Der Löwe im Winter (1968), Heinrich von Anjou-Plantagenet, König von England und Herzog der Normandie, 1183, Intrigen in seiner Familie; basiert auf einem Theaterstück

Die Bartholomäusnacht (1994; La Reine Margot)

Lawrence von Arabien (1962), basiert auf der Autobiografie von Thomas Lawrence, behandelt die Phase seines Lebens, die ihn historisch relevant machte (1916–1918, die arabische Revolte gegen das Osmanische Reich)

Der Opiumkrieg (1997), chinesischer Film über die Ereignisse um den 1. Opiumkrieg gegen Großbritannien in den 1830-er und 1840er-Jahren

Braveheart (1995) dreht sich um den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace (13. Jh), die Figuren und die Handlung sind nur teils authentisch. Der Film ist eines der Indizien, die auf eine “anti-englische” Einstellung von Mel Gibson hinweisen sollen

Der Untergang (2004), basiert vor allem auf dem gleichnamigen Werk des Historikers Joachim Fest

Der Pianist (2002), über Władysław Szpilman im Warschauer Ghetto

Die Unbestechlichen – The Untouchables (1987), über die Bekämpfung des Gangsters Al Capone in der Prohibitionszeit, basierend auf Elliot Ness’ Buch, Personen zT authentisch, ein historischer Krimi(nalfilm)

Schindlers Liste (1993) von Spielberg, basierend auf einem Tatsachenroman

Ararat (2002), über den armenischen Aufstand von Van 1915

The King’s Speech – Die Rede des Königs (2010), behandelt den britischen König George VI. (Vater von Elizabeth), hauptsächlich seine Radio-Reden zur Krönung 1936 und zum Kriegseintritt 1939, vor dem Hintergrund seiner Sprachschwierigkeiten

Napoleon (Frankreich 1927)

Amadeus (1984) basiert auf dem Theaterstück von Peter Shaffer

Jud Süß – Film ohne Gewissen (2010), über die Entstehungsgeschichte des NS-Propagandafilms “Jud Süß”

Alexander Newski (1938), von Sergej Eisenstein, Geschichtspolitik im Sinne der damaligen Sowjetunion, hart am Propagandafilm

Masada (1981)

Mohammed – Der Gesandte Gottes (1976, Moustapha Akkad)

1911 – Revolution (2011), von Jackie Chan, über die chinesische Revolution 1911/12, mit der der letzte Kaiser des Landes gestürzt wurde und die Republik gegründet

Manfred von Richthofen – Der Rote Baron (1971)

Sattar Khan (Iran 1972)

Die Reisen des jungen Che (2004)

Beau Brummell (1954), über George B. “Beau” Brummell, einen Engländer des 18. und 19. Jh, der eine modische Stilikone wurde

300 (2007) und Der Löwe von Sparta (1962; The 300 Spartans) haben mit den Ereignissen der Perser-Griechen-Kriege der Antike wenig zu tun, sind beides eher Propagandafilme, der frühere im Kalten Krieg, der neuere im “Kampf der Kulturen”; beide kommen übrigens praktisch ohne Griechen als Darsteller aus

Helen Mirren als “Die Queen” (2006), kein Biopic, da nur die Phase nach dem Tod von Diana Spencer 1997 und der Umgang der britischen Königs-Familie damit behandelt wird

Argo (2012), nahe beim Polit-Thriller

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (2013), basierend auf Nelson Mandelas gleichnamiger Autobiografie, zum Teil (zu) nahe an der Gegenwart; Invictus (2008) behandelt einen kleinen Ausschnitt von Mandelas Leben, ist ausserdem ein halber Sportfilm, auch zetlich sehr nahe am betreffenenem Geschehen gedreht

Malcolm X (1992)

Brennt Paris? (Paris brûle-t-il ?; 1966), über die Befreiung Paris’ 1944,
basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Dominique Lapierre und Larry Collins, Starensemble

Sieben Jahre in Tibet (1997), über Heinrich Harrers Erlebnisse in Tibet

R. Attenboroughs “Cry Freedom” (Schrei nach Freiheit, 1987) über das Leben und den Tod Steven Bikos, basiert auf 2 Büchern von Donald Woods, der lebte damals (1986 Dreharbeiten) im Exil und der Film wurde auch ausserhalb Apartheid-Südafrikas gedreht

Es geschah am 20. Juli (1955), mit Bernard Wicki, einer der Filme über das Stauffenberg-Attentat und den Umsturzversuch von einem Teil der Wehrmacht 1944; der in der BRD gedrehte Film sparte bei Aussenaufnahmen mit Hakenkreuz-Fahnen, 10 Jahre nach dem Ende von Nazi-Diktatur und dem von ihr losgetretenen Krieg hatte man noch nicht die Distanz dazu…

Jobs (2013) und The Social Network (2010) zeigen Phasen aus den Leben von Steve Jobs, Mark Zuckerberg – die nicht lange zurück liegen

Jenseits von Afrika (1985), über die Erlebnisse von Karen “Tanja” Blixen im britisch beherrschten Kenia, wo sie eine Farm hatte; die Klassifizierung als Historienfilm ist aufgrund des “unpolitischen Charakters” der Handlung bzw der mangelnden historischen Relevanz Blixens fraglich

Im Namen des Vaters (1993), über die Geschehnisse rund um den Justizirrtum bzw die Rechtsbeugung um Gerard Conlon, die Guilford 4 und die Maguire 7 (> www.youtube.com/watch?v=-xgulzALUHo ). Aus dramaturgischen Gründen wurden einige Details abgeändert, zB die tatsächliche Rolle der Anwältin Gareth Peirce bei der Neuaufnahme des Falls

Der Elefantenmensch (1980), Schwarzweiss-Film von David Lynch über eine Phase des Lebens des missgebildeten Joseph Merrick

Der Baader Meinhof Komplex (2008), Spielfilm über die ersten beiden Generationen der RAF, nach dem Sach-Buch von Stefan Aust

Apollo 13 (1995)

Die Unbestechlichen (1976), über die Aufdeckung der Watergate-Affäre, nach dem Buch von Carl Bernstein und Bob Woodward

Catch me if you can (2002): während (der echte) Frank Abagnale älter aussah als er war, ist es bei Leonardo di Caprio umgekehrt; Geschehnisse sind nahe an Gegenwart und historische Relevanz ist fraglich, damit auch die Klassifizierung als historischer Film; selbes gilt für “Bonnie und Clyde” (1967) oder “Zodiac” (2007; an das Ungeklärte an den betreffenden Verbrechen hat man sich im Film angenähert bzw es offen gelassen)

The Killing Fields (1984)

Das Wunder von Bern (2003), Film von Sönke Wortmann über das Westdeutschland der Nachkriegszeit und v.a. sein Fussball-Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 19542

Foxcatcher (2014) ist ein Sportdrama, das den wahren Fall des US-amerikanischen Ringsport-Sponsors John E. du Pont erzählt, der den Ringer David Schultz 1996 tötete

Historienfilme mit Fiktivem im Vordergrund

Dazu gehören die Verfilmungen von historischen Romanen, wie „Vom Winde verweht“. Von J. F. Coopers „Lederstrumpf“-Geschichten wurde u.a. “Der letzte Mohikaner” (Roman 1826) verfilmt (mehrmals), der vor dem Hintergrund des Britisch-Französischen Kolonial-Kriegs in Nord-Amerika spielt. Der Film über den „Glöckner von Notre-Dame“ aus 1956 (die wichtigste von mehreren Verfilmungen) weicht vom Roman Victor Hugos hauptsächlich darin ab, dass der missgestaltete Glöckner Quasimodo im Film eine dominierende Rolle einnimmt, im Buch aber nur einer von mehreren Handlungssträngen ausmacht. “Ben Hur”, über einen fiktiven jüdischen Fürsten, hat auch einen historischen Roman als Vorlage. Bei “Der Name der Rose” ist dies allgemein bekannt.

„Les Misérables“ ist eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde; dennoch stellt der Roman eine Beschreibung der Restaurations-Zeit in Frankreich (1815-1830) dar. Er wurde als Hörspiel, zu Filmen, als Musical, TV-Serie adaptiert. Die “Robinson Crusoe”-Filme basieren bekanntlich auch auf einem Roman; dieser basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Verfilmungen von “Cry, the Beloved Country” (Denn sie sollen getröstet werden, 1951 & 1995), dem Roman von Alan Paton, sind ein Grenzfall. Der Roman erschien 1948 spielte in der damaligen Gegenwart, im Übergang zur Apartheid. Die Handlung ist eng mit dem Politischen/Zeithistorischen verbunden und dieses ist eigentlich mehr als eine “Tapete” bzw Kulisse. „Das Boot“ war eine Art historischer Roman, aber auch hier ist die Handlung Teil der grossen Geschichte. „Goodbye Lenin“ erzählt das Ende der DDR in Form einer Tragikkomödie.

“Heaven’s Gate” (1980) basiert auf einem Konflikt zwischen amerikanischen Grossfarmern und osteuropäischen Einwanderern in Wyoming um 1890, dem Johnson County War, der Film verarbeitet diese realen Ereignisse, stellt sie nicht nach. “Gesprengte Ketten” (1963; Great escape) änderte hauptsächlich die tatsächlichen Figuren ab, ihre Namen, Nationalitäten,… Konstantinos Gavras’ Film “Z” (1969) ist von die Lambrakis-Affäre inspiriert. “Long Walk Home” (2002) ist ein Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall – fiktive Hauptpersonen, aber näher an der Realität als viele Filme, die Anspruch auf Authentizität bzw Abbildung erheben; daneben nahe am politischen Film. “Das Urteil von Nürnberg” (1961) spielt eindeutig auf den Nürnberger Nazi-Juristenprozess 1947 an. In „Mississippi Burning“ (1988) sind die Personen “verschlüsselt”, die Figur des Sheriff Ray Stuckey entsprach zB dem realen Lawrence Rainey. Auch in „Windtalkers“ oder “Hexenjagd” (1996)3 wurde Reales fiktionalisiert, und zwar die historisch relevanten Abläufe bzw Details. „Der Schakal“ (1973), eine Roman-Verfilmung, gehört auch in diese Kategorie.

“Ein Jahr in der Hölle” aus den 1980ern dagegen, das auf einem  zeithistorischen/politischen Roman basiert, zeigt als Haupthandlung fiktive Personen vor “unverschlüsseltem”, realen Hintergrund; Indonesien 1966, die Zeit der Machtübernahme Suhartos. Dies ist auch ein häufig vorkommendes Muster. Dieses Verhältnis zur Geschichte haben auch „Pearl Harbor“ (2001), “Der Soldat James Ryan” (1998), „Bobby“, “The Last Samurai” (2003; die Meiji-Restauration in Japan), “Gladiator”, „Der längste Tag“ (1962, ein Kriegsfilm), “Die letzte Schlacht” (1965, über die Ardennen-Schlacht), “Gangs of New York”, “36 Stunden” (mit James Garner, nach R. Dahl, 1965), „Little Buddha“, „Titanic“ (1997), die meisten Vietnam-Krieg-Filme (von “Apocalypse Now” bis “Platoon”),… Der Unterschied zum filmischen historischen Roman bei diesen Filmen ist, dass die erfundene Geschichte stärker mit der grossen, tatsächlichen, unveränderten Geschichte verbunden ist (bzw Teil von ihr ist). Die grosse Geschichte ist nicht im Hintergrund, die Handlung spielt sich in ihr ab. Natürlich wird auch hier Geschichtspolitik vertrieben, wie bei Vietnam-Kriegs-Filmen und der Darstellung der Intervention der USA darin, oder bei „Exodus“ bezüglich der Gründung Israels.

D-Day Normandie 6. 6. 1944

“Dead Man Walking” (1995) basiert auf zwei authentischen Kriminal-Fällen, die die Ordensschwester Helen Prejean in ihrem gleichnamigen Buch schildert. Der Film kombiniert die zwei Fälle, die Figur des Matthew Poncelet ist Robert L. Willie und Elmo Sonnier nachempfunden, die beide ähnliche Straftaten begangen hatten und dafür 1984 auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. Zweifel an der Schuld gibt es hier anscheinend nicht, Zweifel an der Todesstrafe schon. Prejean ist übrigens in einem Cameo zu sehen. Sie ist nach wie vor gegen die Todesstrafe engagiert, war das etwa beim Fall “Tookie” Williams. Die historische Relevanz ist hier fraglich. Selbes kann man bei “Casino” (im selben Jahr erschienen) sagen, der ja die Mafia in der Glücksspiel-Industrie in Las Vegas behandelt. „23 – Nichts ist so wie es scheint“ (1998)4, über den “KGB-Hack” 1985-1989, ist ausserdem teilweise spekulativ und verschlüsselt bzw verdichtet, und wie auch die anderen beiden Genannten nahe an der Gegenwart.

August Diehl in “23”

Manche Filme sind schwer einzuordnen. „Rapa Nui“ (1994) bringt eine verdichtete Darstellung der Zivilisation auf der Osterinsel/Rapanui, teilweise spekulativ und ahistorisch. „Die sieben Samurai“ von Kurosawa (1954, Jidai-Geki-Genre) ist ein Porträt der japanischen Gesellschaft des ausgehenden 16. Jh. In “Am Anfang war das Feuer” (1981) sucht eine Gruppe Steinzeitmenschen nach Feuer. “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” enthält Informationen zu Grönland und seiner Beherrschung durch Dänemark, die Romanvorlage allerdings mehr. Der Musik-Film„Yentl“, basierend auf Kurzgeschichte bzw Theaterstück von Isaac B. Singer, porträtiert das Judentum im späten Zarenreich. Die „Pate“-Filme bringen zur Mafia in der USA viel Zutreffendes, aber eben sehr verschlüsselt, dramatisiert,… „Jagd auf Roter Oktober“ sagt am meisten über den späten Kalten Krieg aus und wie Thomas Clancy ihn sah.

Keine Historienfilme …

Western-Filme zählen normalerweise nicht als als Subkategorie des Historienfilms, sondern als eigenes Genre. Western behandeln normalerweise die Expansion der USA in den Westen, stellen diese heroisch dar, den Kampf gegen Indianer (das Andere), Mexikaner und Franzosen, gegen das Schlechte in eigenen (angelsächsischen) Reihen, die Behauptung gegen Widrigkeiten der Natur des neu besiedelten Landes. In der Regel zeichnen sie sich durch grob tendenziöse Darstellung sowie gravierende historische Unrichtigkeiten aus; oft auch ersteres durch zweiteres. Es gibt einen Übergang vom Abschluss der Unterwerfung des Landes und seiner Einwohner über die Wild-West-Shows des “Buffalo Bill” zu den Western-Filmen des frühen Kinos. „(The) Alamo“ (1960) ist ein Western, der ein bestimmtes Geschichtsbild propagiert (über die Herauslösung des heutigen Texas aus Mexiko durch die USA 1836); hier steht grosse, tatsächlich Geschichte im Vordergrund.

“Hängt ihn höher” (1968) spielt in Oklahoma, als es noch ein Territorium und kein Bundesstaat war (Ende 19. Jh), das Historische ist hier aber nur Instrument zur Verbreitung aktueller politischer Botschaften, der Film hat keinen eigentlichen historischen Bezug. Der ungerecht bzw unrechtens verurteilte Cowboy sorgt für Gerechtigkeit in seiner Angelegenheit, wird dann aber auch Teil des Staatsapparats und sorgt allgemein für Recht und Ordnung. Man kann daraus Botschaften für innere Angelegenheiten der USA (1968!, “Das Gesetz zu befolgen zahlt sich aus”) und äussere (Vietnam-Krieg, USA hat sich dort zu engagieren) ableiten. Europäische Western, von den May-Verfilmungen zu den Italo-Western, behandeln meist andere Themen bzw transportieren andere Botschaften. “Hängt ihn höher” wird übrigens auch als „Anti-Western“ bzw “revisionistischer Western” eingestuft; im eigentlichen Sinn sind darunter aber solche zu verstehen, die sich kritisch mit amerikanischer Politik und Dogmen auseinander setzen. So wie „Little Big Man“, „Buffalo Bill und die Indianer“, vielleicht “Der mit dem Wolf tanzt”.

Abzugrenzen vom Historienfilm sind auch Polit-Thriller bzw politische Filme, die sich u.a. durch die Aktualität des Themas und den dramaturgischen Aufbau auszeichnen. Einige schon erwähnte (bzw eingeteilte) Filme (wie “Z”) sind auch als Polit-Film zu charakterisieren bzw haben etwas von einem (wie “Mississippi Burning”). Gavras’ “Vermisst” (1982) oder “Hotel Ruanda” (2004) bringen Faktisches, “Die drei Tage des Condor” (1975) oder “I wie Ikarus” (1979) Fiktives. Filme über den Kennedy-Mord, wie “JFK – Tatort Dallas” (1991), sind auch eher Polit- als Geschichtsfilme. Viele Klassiker dieses Genres kommen aus Italien, von “Der Tag der Eule” (1967; Verknüpfung von Mafia und Politik) über “Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger” (1970) bis “La seconda volta” (1995; den man auch als Psychodrama sehen kann). “Citizen Kane“ (1940) ist auch eine Genre-Kreuzung. Die Verfilmungen von “Der Manchurian Candidate” sind beinahe Science Fiction (SF), jene von 2004 mehr als jene von 1962. “Onkel Toms Hütte” war als Roman bei seiner Erscheinung (1852) ein (höchst) politisches Buch, die 5 Verfilmungen ab 1907 wiederum können als Historienfilme gesehen werden.

Filme, die reale Kriminalfälle zeigen, wie “Kaltblütig”/ “In cold blood” (1967, nach dem Tatsachenroman von T. Capote), erfüllen meist nicht das Kriterium der historischen Relevanz – wobei das Auslegungssache ist. “Sleepers” zB beruht angeblich auf einer wahren Begebenheit, diese wäre an sich politisch-gesellschaftlich relevant.5 Die Grenzen zum historischen Film (bzw von ihm zu anderen) verrutschen jedenfalls öfters. Der Film “Alexis Sorbas” (1964) beruht ja auf dem 1946 veröffentlichten Roman von Nikos Kazantzakis. Die Handlung, die sich um eine Kohlemine auf Kreta dreht, beruht wiederum auf wahren Personen bzw Begebenheiten, aber der Handlungsstrang selbst zu “unbedeutend” und das Griechenland in dem er sich abspielt, zu vage geschildert bzw spezifiziert, als dass der Film historisch wäre. Wenn “Alexis Sorbas” ein Historienfilm ist, dann ist das fast jeder Film.6

“Wall Street” (I) ist zB ein ganz gutes Porträt seiner Entstehungszeit, nicht nur mit den damaligen Mobiltelefonen. Der Zeitkolorit in manchen Romanen und Filmen kommt auch dadurch zustande, dass durchschimmert, was damals dort gesellschaftlicher Konsens war; diverse Rassismen in Kinder-/Jugendbüchern von  Enid Blyton oder in “Hatschi Bratschis Luftballon” (Ginzkey/Hartmann) störten etwa lange Keinen.7 “Mulholland Drive” ist ein Rätsel-Thriller, aber auch die Beschreibung eines (gegenwärtigen) Milieus bzw von Zuständen, jenen in Hollywood. Der Action-Film “Top Gun” sagt auch viel über die USA unter Reagan aus. “Johnny zieht in den Krieg” (1971), über einen jungen Kriegsfreiwilligen, der schwer verwundet wird, spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs, ist aber eigentlich ein zeitloser Antikriegsfilm.

Der Film “Tsotsi” kam 2005 heraus, war die Verfilmung eines Romans von Athol Fugard. Der Roman erschien 1980, geschrieben wurde er um 1960 herum. Das Roman-Original spielt wie die Film-Adaptierung in der Zeit der Entstehung, da sind also ca. 45 Jahre Unterschied. Im Roman näherte sich die Apartheid erst ihrem Höhepunkt (Zeit der Regierung von Verwoerd), im Film war sie gerade vorüber. Geschichte bzw Politik ist sowohl im Film als auch im Roman von “Tsotsi” im Hintergrund, sind aber doch präsent. Es gibt Unterschiede in den Dialogen und der Handlung. Dass Schwarze einen Schwarzen umbringen, in einem Vorort von Johannesburg, bliebt gleich, der Umgang der Polizei damit ist unterschiedlich. Fugard war 1958, als er mit dem Schreiben des Romans begann, gerade nach Johannesburg übersiedelt, und begann eine Arbeit als Beamter. Er erlebte die Zerstörung des “gemischten” Johannesburger Stadtteils Sophiatown mit – wo der Roman spielt -, und wurde kritisch gegenüber dem Apartheid-System, obwohl er als Weisser darin privilegiert war. Über Unterschiede zwischen Buch und Film

„Die Vögel“ von Hitchcock (1963) basiert auf einer Kurzgeschichte und  tatsächlichen Vorfällen. “Die Vögel” von Daphne du Maurier aus 1952 handelt von einem Landarbeiter in England, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aggressives Verhalten von Vögeln beobachtet, das in der Umgebung nur er richtig deutet und er sich so in Sicherheit bringt. Die Vögel symbolisieren wahrscheinlich entweder die deutschen Luftangriffe während des Krieges oder die Furcht vor einem kommunistischen Angriff aus Osteuropa; innerhalb weniger Jahre ging das eine ja in das andere über. Zum Anderen gab es Vorfälle aus 1961, als die Dreharbeiten bereits begonnen hatten, an der Ost-Küste der USA, als Vögel massenweise gegen Häuser und andere “Hindernisse” flogen; heute weiss man, dass ein von Kieselalgen produziertes Nervengift schuld daran war. Für einen Historienfilm ist das Ereignis zu unbedeutend und die Umsetzung zu wenig an den Tatsachen orientiert.

Die Film-Serie “Der Weisse Hai” (4 Teile) basiert auf dem Roman von Peter Benchley, der 1974 veröffentlicht wurde, nicht lange bevor die Dreharbeiten zum ersten Teil begannen.8 Das “Original” aus 1975 und seine Fortsetzungen gelten als Horrorthriller, Tierhorror-Filme oder Abenteuer-Film, es gibt aber auch hier eine historische Basis. Die im Roman verarbeitet wurde, die Haiangriffe an der Küste von New Jersey 1916 (vier Personen getötet, 1 verletzt). Wissenschaftler sind sich uneinig, welche Haiart für die Angriffe verantwortlich war, ob diese von mehr als nur einem Hai ausgingen und welche Faktoren dazu geführt haben. Die Haiattacken vor New Jersey führten Haie, besonders den Weissen, den man im Verdacht hat, in die Populärkultur und das Bewusstsein der USA ein, als Symbol für Gefahr. Die Buch-Verfilmung von 1975 wurde ja von Steven Spielberg vorgenommen, wurde ein internationaler Kassenschlager der 1970er. Spielberg, der damit durchstartete, gelang es, die Urängste von Menschen zu berühren.

Am Set von “Weisser Hai”

Im Roman ist der Hai zwar Protagonist, die Handlung ist aber weitaus komplexer und mehrdeutiger als im Film. Die fiktive Kleinstadt Amity auf Long Island (New York) ist darin auch Schauplatz diverser politischer und privater Verstrickungen. Im Film geht es nur um die vom Hai gestörte Badeort-Idylle und die Jagd auf diesen, durch den Polizeichef, einen Meeresbiologen und einen Haijäger. Das Politische, die Korruption, wird nur angedeutet, in Person des Bürgermeisters, der bemüht ist, die Hai-Gefahr zu vertuschen. Sowohl Buch als auch Film wurden mit dem 1972-1974 aufgeflogenen Watergate-Skandal der Nixon-Regierung in Verbindung gebracht. Zu den Fans des Buchs soll auch Fidel Castro gezählt haben, der das Buch als Metapher für das korrupte kapitalistische System gesehen haben soll. Und, die Filme sollen den Weissen Haien in der Realität das Leben schwer gemacht haben, die Jagd auf sie gefördert haben.

Dies führt zu Ric O’Barry (Feldman), der Trainer der 5 Delphine war, die “Flipper” spielten, darunter “Cathy”, die wie er sagt, Selbstmord beging indem sie zu atmen aufhörte. Mit seiner Mitarbeit an der Serie und anderen Aktivitäten half er 10 Jahre mit, eine Industrie aufzubauen (Deplhin-Shows u.a.) – um sich dann seit mehr als 35 Jahren der Zerstörung dieser Industrie zu widmen, v.a. für die Befreiung von Delphinen aus Gefangenschaft. Hier also auch eine interessante Wechselwirkung zwischen Film und Realität. A propos Grossfische, Buchverfilmungen, Realität: Der Roman „Moby Dick“ von Herman Melville, der 1851 in London und New York erschien, erzählt nicht nur die Fahrt des Walfangschiffes “Pequod”, dessen einbeiniger Kapitän Ahab einen weissen Pottwal jagt, der ihm das Bein abgerissen hat. Entlang dieses erzählerischen Fadens wird die Welt des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert detailreich geschildert, werden aber auch philosophische, wissenschaftliche, oder mythologische Exkurse unternommen. Dies wird in den 8 Verfilmungen auch weitgehend unterschlagen.

“Cool Runnings” (1993) geht wahrscheinlich auch nicht mehr als Historienfilm durch, abgesehen davon dass die Personen fiktiv sind und die Handlung auf der jamaikanischen Bob-Mannschaft von Olympia 1988 nur basiert, ist die Sache an sich nicht historisch relevant (genug) und liegt zu wenig weit zurück. Das trifft teilweise auch auf den Film über den Filmemacher Ed Wood zu. Sagen- und Mythen-Stoffe sind eigentlich an sich ahistorisch; daher sind die meisten Dracula- und Robin Hood-Filme nicht mal in der Nähe von Historienfilmen. Auch „Troja“ (Hollywood, 2004) oder “Elektra” (Griechenland, 1962) behandeln Mythologie und nicht Geschichte. Science Fiction-Filme qualifizieren klarerweise auch nicht. Wobei, Nach-dem-Atomkrieg-SF-Filme wie „Der Tag danach“, andere Distopyen wie „Waterworld“, oder „Total Recall“ natürlich viel über die Zeit der Entstehung aussagen.

Dokudramen werden meist nicht als Historienfilme gesehen, sie stehen gewissermaßen zwischen diesen und geschichtlichen Dokumentarfilmen9, sind dramatisierte Dokumentationen. Die Film-Dokumentation (als solche geltende) des US-Amerikaners R. Flaherty über „Nanook“ bzw die Inuit/Eskimos in Kanada ist eigentlich eher ein Dokudrama. Zumindest wurde kritisiert, dass Vieles in dem Film gestellt war (die traditionelle Lebensweise war damals schon im Umbruch begriffen!); ausserdem dass Flaherty sexuelle Beziehungen mit Eskimo-Frauen hatte. Die “Die Götter müssen verrückt sein”-Filme kommen als Mockumentary daher, aufgrund der Einleitung als Tier- bzw Naturfilm.

„Die Geburt einer Nation“ (1915 fertiggestellt und veröffentlicht) ist ein Pseudo-Historienfilm, über den amerikanischen Bürgerkrieg und die Zeit danach; die glorifizierende Darstellung des Ku Klux Klans führte zu dessen Neu-Gründung. Ein Fall, wo ein Film die Realität bzw Gegenwart beeinflusste. Relativ offene Propagandafilme sind NS-Filme wie “Die Entlassung” (1942; über die Entlassung Bismarcks 1890), “Kolberg” oder “Heimkehr”. “Panzerkreuzer Potemkin”, ein schwarz-weisser Stummfilm von Sergei Eisenstein aus 1925, lehnt sich sehr frei an Ereignisse der (gescheiterten) russischen Revolution von 1905 an, die Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs “Knjas Potjomkin Tawritscheski” gegen deren zaristische Offiziere, verarbeitet die Ereignisse im stalinistischen Sinn. „Casablanca“ (spielt 1941, wurde 1942 gedreht) war auch ein Propagandafilm, für die Anliegen der West-Alliierten im 2. WK.10

Dann gibt es die Filme mit alternativgeschichtlicher bzw kontrafaktischer Handlung. So wie „Rote Flut“ (1984), eine reaganistische Vision einer durch sowjetischen, kubanischen und nicaraguanischen Truppen besetzten USA, die sich tapfer wehrt. Während die USA unter Reagan Terror nach Nicaragua brachte, durch die Unterstützung der Contras, porträtierten John Milius11 und Kevin Reynolds die USA als Opfer der nicaraguanischen Sandinisten… In „Inglorious Basterds“ (2009) wird die Nazi-Führung im Sommer 1944 in einem Pariser Kino von einer Spezialeinheit des US-Militärs getötet und das Deutsche Reich kapituliert darauf hin. „CSA“ ist eine Mockumentary von Kevin Willmott, in der die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) den Bürgerkrieg gewonnen haben und dann die verbliebene USA (die “Nordstaaten”) geschluckt.

Weiters sind an alternativgeschichtlichen Filmen zu nennen: „Fatherland“ (“Vaterland”, über die Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie 1944), „Dr. Strangelove“, „White Man’s Burden“ (1995, eine USA mit vertauschten Rollen von Schwarz und Weiss), “Osmanlı Cumhuriyeti” (“Osmanische Republik”, eine türkische Komödie aus ’08, Was wenn Atatürk nicht existiert hätte?), „District 9“,… „Unternehmen Capricorn“12, über eine Mars-Landungs-Vortäuschung, hat etwas von einem alternativgeschichtlichen Film, kann auch als Action-Thriller, SF oder Polit-Film gesehen werden. „Und täglich grüsst das Murmeltier“ (1993) bringt keine anders verlaufene historischen Entwicklungen, eher eine private Alternativgeschichte, wird mitunter als Fantasy kategorisiert. Die „James Bond“-Filme haben einen zeithistorischen Hintergrund, in den auch schon mal eingegriffen wird, sind aber eher als Agenten- oder Actionfilme einzuordnen. Den historischen Wert bekommen sie dadurch, dass sie nicht nur über die angesagteste Mode in verschiedenen Bereichen und den Stand der Technik zur Entstehungszeit Zeugnis geben, sondern auch über die jeweilige weltpolitische Grosswetterlage.13

„Forrest Gump“ (1994) ist ein Film, in dem ein Tor durch die amerikanische Zeitgeschichte wandelt, in dem der Hauptdarsteller Hanks mit Hilfe computergrafischer Methoden in Originalaufnahmen historischer Ereignisse hineingeschnitten wurde, durch den die Roman-Vorlage (die sich in Einigem vom Film unterscheidet) erst bekannt wurde, der die Realität zumindest insofern beeinflusste, als eine “Bubba Gump Shrimp Company” wie sie im Film vorkommt, eine Fisch- und Meeresfrüchterestaurantkette, ins Leben gerufen wurde.14 In „Hot Shots“ kommen zahlreiche Zitate und Anspielungen früherer Filme vor, komödiantisch verpackt.

Im Fernsehen

Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen. Darum geht es in diesem Abschnitt nicht um die Einteiler, die für das Fernsehen produziert wurden, und die etwas Historisches haben. Wie “Am Tag als Bobby Ewing starb” (Deutschland 2005), der die 1980er wieder bringt, in einer Landkommune in Schlewsig-Holstein spielt, 1986, als Bobby in „Dallas“ starb (für eine Saison), der Reaktor im AKW in Tschernobyl in der Sowjet-Ukraine bei einer Sicherheitsübung explodierte, und Werder Bremen die (west-)deutsche Fussball-Meisterschaft knapp gegen die Bayern verlor. „Dallas“ sagt natürlich auch viel über die 1980er aus, ungewollt.

Die Mini-Serie „Shogun“ ist die Verfilmung eines historischen Romans; bei den Dreharbeiten in Japan gab es kulturelle Konflikte. Kurzserien mit historischem Inhalt sind auch „Die Schatzinsel“ (ZDF 1966, Verfilmung), die Filmbiografie “Hitler – Aufstieg des Bösen” mit R. Carlyle (na ja, 2 Teile), „Maximilian“ (ORF-Kurzserie 2017, über die Zeit des Übergangs von Kaiser Friedrich III. zu seinem Sohn Maximilian I. Ende des 15. Jh), “Marco Polo” (1982), “Die Gustloff” (2008); evtl ist auch “Dornenvögel” als solche zu sehen.

Längere TV-Serien die mehr od weniger akkurat historischen Inhalt behandeln sind zB “Roots”, “Berlin Alexanderplatz”, “Ringstrassenpalais” (1980-1986, ORF),„Der Kurier der Kaiserin“, “Downton Abbey”, „Fackeln im Sturm“, “Colorado Saga”, „Sandokan“, „Narcos“. Oder die türkische TV-Serie „Muhtesem Yüzyıl“ („Das prächtige Jahrhundert“; 2011-2014) über den osmanischen Sultan Süleyman den Prächtigen (15./16. Jh). Dieser wird weniger als weiser und gerechter Herrscher oder auf einem seiner zahlreichen Feldzüge gezeigt, als vielmehr bei den Intrigen innerhalb seines Palastes und vor allem seines Harems.

Auch Serien zeigen natürlich öfters eine Vergangenheit, die in Wirklichkeit anders war. „Unsere kleine Farm“, 1974-1983 erstmals ausgestrahlt (auf NBC), basiert auf der gleichnamigen (vermeintlich) autobiografischen Buchserie von Laura Ingalls-Wilder (1867-1957), die in den 1930ern und 1940ern erschien (original “Little House on the Prairie”). Die Geschichten über die heile Welt der Familie Ingalls in der ländlichen USA in den 1870ern und 1880ern sind fest im kollektiven Gedächtnis Amerikas verankert, sechs Museen beschäftigen sich dort zB mit Laura Ingalls und ihrem Leben, das angeblich ihre Bücher füllte. Dabei hatte diese eigentlich ihr Schreiben damit begonnen (in ihren 60ern), ihre tatsächliche Autobiografie zu schreiben. Nachdem diese von Verlegern abgelehnt wurde, begann sie mit der “Kleine Farm”-Serie, arbeitete ihre realen Erinnerungen zu einem Märchen um. 2014 kam diese Autobiografie erst heraus, “Pioneer Girl: The Annotated Autobiography”.

In ihren „Kleine Farm“-Büchern beschrieb Ingalls ihr Aufwachsen auf Farmen in zwei fiktiven Orten in Minnesota und Kansas, als ländliche Idylle. In Wirklichkeit  war diese Zeit für die Familie von Wanderungen geprägt, vom oftmaligen Übersiedeln. Als Erwachsene kam sie durch Heirat wieder auf eine Farm, in Missouri. Lieber hätte sie weiter als Lehrerin gerbeitet. In ihrer tatsächlichen Autobiografie hat Ingalls sowohl die Dörfer in der Natur als auch die ländlichen Kleinstädte sehr negativ dargestellt, als für sie beängstigend und bedrohlich. Manche Episoden des Landlebens hat sie für “Kleine Farm” wiederum dramatisiert. Die Erblindung von Lauras Schwester Mary geschah in den Büchern und im Fernsehen wegen Scharlachs, in Wahrheit wegen Enzephalitis, die die „Hälfte ihres Gesichts aus der Form“ geraten liess.

Überliefert ist auch ein Spruch von Ingalls über die Verfolgung und Verdrängung der Indianer, die in ihrer Jugend zum Abschluss kam, wonach diese mehr Weisse hätten skalpieren sollen. Andere “Western”-Serien wie “Bonanza” oder “Dr. Quinn” erhoben nicht den Anspruch auf Authentizität, bringen aber eben auch geschönte Darstellungen über das Leben im Zuge der Expansion der USA im 19. Jh. Dr. Quinn in der 90er-TV-Serie, die um 1867 in Colorado spielt, ist eine Gute die sich für Frauen, Indianer, Schwarze, Entstellte,… einsetzt. Die Serie bringt auch die Little Bighoorn-Sache in Montana, angeblich ziemlich wahrheitsgetreu, dabei aber doch absichtlich entstellend (apologetisierend).

In den “Sopranos” wird ja die Mafia von New Jersey dargestellt. Die Angehörigen der DeCavalcante-“Familie” sind gewissermaßen die “echten Sopranos”, die Vorbilder. HBO-Leute haben angeblich Abhörbänder des FBI von ihnen gehört. Auch in der Realität der dortigen Mafia gibt es legale Geschäfte als Vorwand, gibt es eine “Abhängigkeit” von der New Yorker Mafia (> Gambino/Gotti) und Minderwertigkeitskomplex dieser gegenüber. Und ist man gesellschaftlich konservativ. “Vinnie” Palermo soll Vorbild für “Tony” Soprano sein, war auch eigentlich jemandem untergeordnet, nämlich Giovanni Riggi. Der Beginn der TV-Serie 1998 soll die NJ-Mafia stolz gemacht haben, die Serie hat sie anscheinend erfolgreicher dargestellt als sie war/ist. Und, die De Cavalcantes imitierten die Sopranos dann in mancher Hinsicht.

“Wonder Years” / “Wunderbare Jahre” handelt ja von einer US-amerikanischen Familie um 1970 herum, mit dem Kleinen im Mittelpunkt. Auch wenn Vieles grob überzeichnet ist, steckt etwas Zeit- und Milieu-Porträt darin (wie zB auch in “Ein echter Wiener geht nicht unter”). „Homeland“ zeigt klar die Intentionen der Macher, die wiederum viel über die Entstehungszeit sagen. In der SF-TV-Serie “Fringe” gibt es einige Folgen mit Alternativgeschichte. In SF-Serien (und -Filmen), die ja in der Zukunft spielen, kam Einges als Fiktion vor, das Realität wurde. Etwa PC-Tablets in “Kampfstern Galactica” (USA, ’78-80, dem Original). Anderes, wie das Beamen in “Star Trek”/”Raumschiff Enterprise”, ist noch unerreichbar. Der Physiker Metin Tolan untersuchte in seinem Buch über die „Die Star Trek Physik“ die darin gezeigte Technik auf ihre Umsetzbarkeit.15 Beamen bei „Star Trek“ wurde ursprünglich von den Drehbuchautoren erfunden, um sich teure Kulissen für die Landung auf fremden Planten zu ersparen.

Zeichentrick-Serien? „The Flintstones“ / “Familie Feuerstein” ist eindeutig zu wenig historisch akkurat, ist nur pseudo-historisch bzw historisierend, erhebt auch gar nicht den Anspruch auf Historizität. “Wickie und die starken Männer” basiert ja auf einem Kinderbuch. “Es war einmal…der Mensch” (Frankreich 1978, Teil einer Serie mit verschiedenen Wissensgebieten) bringt die Weltgeschichte in 26 Episoden, wurde in sehr viele Länder exportiert.16 “Asterix” gab es ja als Comic bevor es zu einer Zeichentrickserie und “Realfilmen” wurde. Es hat das Geschichtsbewusstsein bezüglich Gallien unter römischer Herrschaft in vielen Ländern maßgeblich geprägt. Die vielen Anspielungen auf Personen oder Ereignisse, die viel später kamen, kann es sich leisten.17

Historische Fehler in Filmen

Dabei geht es also nicht um inhaltliche Fehler (Handlungs-Löcher,…), Anschlussfehler (“Goofs” im engeren Sinn), filmtechnische Fehler (zB Mikrofon zu sehen) oder Synchronisationsfehler. Sondern um Anachronismen und Ähnliches; diese sind nicht nur in Historienfilmen mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund von Relevanz. Sondern auch zB, dass in „Vom Winde verweht“ elektrische Strassenlaternen vorkommen, die es zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs noch nicht gab. Fehler in historischen Filmen bzw historische Fehler in Filmen werden auch den inhaltlichen Fehlern zugerechnet (Wiki: „Ein inhaltlicher Fehler liegt auch dann vor, wenn Filme, die auf realen Ereignissen basieren, sich von der Realität unterscheiden.“). Jene historischen Fehler, die für die Meisten offensichtlich sind, sind eine Art Handlungsloch.

Es gibt hier unbeabsichtigte Nachlässigkeiten und Beabsichtigtes, das sich als falsch herausstellt (Irrtümer der Macher, falsche Annahmen); sowie beabsichtigt Falsches. Anachronismen, die öfters vor kommen, sind die Verwendung von Waffen, die zur betreffenden Zeit an diesem Ort (meistens noch) nicht in Gebrauch waren. Es gibt Überschneidungen mit inhaltlichen Fehlern, logischen und filmtechnischen; ein Statist mit Armbanduhr in „Ben Hur“ oder „Spartacus“ (Antike) ist wohl eher ein filmtechnischer Fehler (Nachlässigkeit der Kostümbildner) als ein historischer, da unabsichtlich. Fehler bei Sprachakzenten sind nahe bei historischen Filmfehlern.18 Der Dreh an einem anderen Ort als dem Schauplatz des Films ist kein Fehler, sofern sich dieser Ort nicht “verrät”.

Absichtlich verzerrte Darstellungen der Vergangenheit können zum Einen einer Geschichtsauffassung entspringen, die man transportieren will, bzw Ausdruck von Geschichtspolitik sein. „300“ ist nahe an der Propaganda, „Birth of a Nation“ ist ein Propaganda-Film. Die reale Pocahontas (16./17. Jh) war natürlich auch eine Andere, als die in Romanen und Filmen (real und gezeichnet) dargestellte. Zum Anderen kann es sich dabei um Ausdruck künstlerischer Freiheit oder eine humoristische Note handeln. Wie die Soldaten mit Maschinengewehren und Anderes in der Verfilmung von „Jesus Christ Superstar“. In Steampunk-Filmen wie „Wild Wild West“ sind Anachronismen auch beabsichtigt, es handelt sich um eine Art von Alternativgeschichte.

Beispiel “Cleopatra”: Neben Anschlussfehlern und Sachfehlern wie im Dialog über die Gezeiten des Mittelmeers19 gibt es Anachronismen wie eine Luftröhrenschnitt-Narbe bei Elizabeth Taylor oder Bikini-Streifen an einer Tänzerin. Ein historischer Fehler im eigentlichen Sinn ist die Durchfahrt Cleopatras durch den Konstantinsbogen (Arco di Costantino) in Rom. Dieser Triumphbogen wurde 312 gebaut, zur Erinnerung an den Sieg Kaiser Konstantins über den Usurpator Maxentius. Cleopatra aber lebte von 69 vC bis 30 vC, war von 51 vC bis zu ihrem Tod (letzte) Königin des ptolemäischen Ägyptens. Abgesehen davon, und das betrifft natürlich auch andere Filme: Alle Hauptdarsteller und auch die wichtigen Nebendarsteller sind US-Amerikaner, Briten oder andere “Anglos”; Ägypter, Griechen oder Italiener spielen (wörtlich) keine Rolle; kein Fehler i.e.S., aber eben auch eine Unstimmigkeit.

In den Bounty-Filmen wird Kapitän Bligh als grausam und inkompetent dargestellt. Dieses Bild geht insbesondere auf die Roman-Trilogie von Charles Nordhoff und James Hall zurück und hat sich durch die Filme verfestigt und verbreitet (v.a. durch den aus 1935, mit Charles Laughton und Clark Gable), kommt mittlerweile einem Geschichtsirrtum nahe. „Der Clou“ ist kein Historienfilm, enthält aber einige Anachronismen: Scott Joplins Ragtime war viel früher „in“ als der Film spielt (1936), Canasta wurde erst 3 Jahre nach dem Jahr in dem der Film spielt entwickelt (’39 in Uruguay); Inspiration waren übrigens die Betrügereien der echten Gondorffs, diese trugen sich auch früher zu.

Die drei Sissi-Filme aus den 1950ern: In “Sissi” I (spielt 1853) zu sehende Autos sind eher ein filmtechnischer als historischer Fehler; an einer anderen Stelle darin fallen alle 9 Kegel während die Kugel noch weit von ihnen entfernt ist (Logikfehler oder filmtechnischer); ein Brief, der in einer Einstellung ein Siegel trägt, hat plötzlich deren zwei (Goof/Anschlussfehler); wiederholt ist in der Filmreihe vom „Starnberger See“ die Rede, obwohl dieser zu Sissis Zeiten noch „Würmsee“ hieß – dies ist ein echter Anachronismus bzw historischer Fehler. Die Darstellung der Romanze zwischen „Sissi“ und „Franz“ fällt wohl unter künstlerische Freiheit.

Im „Robin Hood“-Film von 1991 wird Schiesspulver eingesetzt, der legendäre Hood ist aber im 13. Jh angesetzt, gut 100 Jahre bevor dieses in Europa aufkommt. In „Braveheart“ treten Schotten in Kilts auf, die sich dort aber erst gut 300 Jahre nach der Zeit von William Wallace verbreiteten. Was oft vorkommt, sind Menschen in Europa im Mittelalter, die Kartoffeln aßen oder Baumwoll-Kleidung trugen.

Beispielhaft noch Links zu Behandlungen von Unstimmigkeiten in dem Kino-Film “Die letzte Schlacht” (auf Englisch) und dem Fernseh-Zweiteiler “Hitler-Aufstieg des Bösen”.

Wenn Filme die Realität beeinflussen oder mit ihr korrelieren

Manchmal gibt es Ähnlichkeiten zwischen Film-Charakteren und den sie darstellenden Schauspielern. Robin Williams war anscheinend mehr “Sy Parrish”  (“One Hour Photo”) als “Daniel Hillard” (“Mrs. Doubtfire”). “Tony” Sirico war Berufsverbrecher in New York im Umfeld der Colombo-Mafia-Familie bevor er Mafiosi spielte. Grace Kelly spielte in „To catch a thief“/”Über den Dächern von Nizza” 1955 eine Auto-Verfolgungsjagd auf der Grande Corniche, der Küstenstrasse in Süd-Frankreich zwischen Nizza und Monaco. Das war zu der Zeit, als sie Rainier Grimaldi kennen lernte. Auf einem anderen Abschnitt dieser Strasse ist sie im September 1982, als Fürsten-Gattin von Monaco, tödlich verunfallt. Brittany Murphy hatte etwas von der Figur, die sie in „Girl, interrupted” darstellte. Manchmal sind reale Personen Vorbilder für Film-Charaktere. So wie Jeff Dowd (Filmproduzent und politischer Aktivist, Coen-Bekannter) für Jeffrey Lebowski oder Frank Rosenthal für “Ace” Rothstein (“Casino”).

Was die „Oscar“-Verleihungen betrifft, 1953 wurde die Verleihung erstmals im Fernsehen übertragen. Millionen konnten von da an (live) miterleben, was bislang ein elitäres Dinner für die Branche gewesen war. Und 1953 hat der zweite Anlauf des Senators Joseph McCarthy begonnen, mit einem Ausschuss seiner Parlaments-Kammer auf Jagd auf (vermeintliche oder tatsächliche) Kommunisten zu gehen. Daneben war der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses “für unamerikanische Umtriebe” aktiv. Und auf Betreiben dieses zweiteren Ausschusses (zu HUAC abgekürzt) wurden in der Hollywood-Filmindustrie nicht Wenige beschuldigt und mit Arbeitsverbot belegt. Nominiert werden durften 1953 nur Filme, die dem HUAC als unverdächtig erschienen. Und der Kommentator der ersten im Fernsehen übertragenen Oscar-Verleihung war der Rechtsaussen Ronald Reagan.20

Reagan nahm ausserdem an der Propaganda-Kampagne “Crusade for Freedom” (1950–1960) teil, die vom CIA-gesteuerten “Radio Free Europe” finanziert wurde

Liberal durfte Hollywood erst später werden, und dann war es auch noch nicht die Jury der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für ihre Preise. Und deren Verleihungen wurden gelegentlich Ort politischer Manifestationen. Unter den Filmen, in denen der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses für unamerikanische Umtriebe (HUAC) und sein Wirken auf Hollywood eine zentrales Element der Handlung darstellen, ist zB “So wie wir waren” (1973) von Sydney Pollack. Zu Quasi-Propagandafilmen Hollywoods aus späteren Jahren zählt “The Green Berets” / “Die grünen Teufel” (1968) von und mit Marion Morrison (“John Wayne”), einem der ganz wenigen amerikanischen Filme, in denen das Mitmischen in Vietnam positiv dargestellt wurde.

In „Birdman of Alcatraz“ (1962) stellt Burt Lancaster den Mörder Robert Stroud (auch im Gefängnis tötete der einen Wärter) dar, der im Gefängnis in Leavenworth in Kansas autodidaktisch zum Ornithologen wurde. Der Film führte zu Wünschen nach Freilassung des noch inhaftierten Stroud. Stroud wurde 1942 nach Alcatraz gebracht (das vor-letzte Gefängnis, in das er verlegt wurde) – wo er keine Haustiere halten durfte. Auch wenn er als “Birdman of Alcatraz” bekannt wurde und einer der berühmtesten Gefangenen auf dieser Insel war, der Vogelmann war er in seiner Zeit in Leavenworth (1912-1942).

Manche Filme haben Aufruhr ausgelöst. “Baby Doll” von Elia Kazan (1957) etwa, wegen des Umgangs mit Sexualität. So eine Art Massenhysterie, die das Hörspiel “Krieg der Welten” anscheinend ausgelöst hat, ist mir durch einen Film nicht bekannt. Charles Chaplin besuchte 1931 Berlin, wurde gefeiert, die NS-Presse hetzte gegen ihn, u.a. als “Juden” (der er nicht war); 9 Jahre später spielte der Brite in USA Hitler in “Der grosse Diktator”. Montgomery Clift passierte während der Dreharbeiten zu “Raintree County”/”Im Land des Regenbogenbaums”21 1956 in Beverly Hills ein Auto-Unfall, der ihn entstellte und von dem er sich nie mehr erholte. Der Unterschied bei Clift zwischen den Szenen die vor dem Unfall und jenen die nachher gedreht wurden, war offensichtlich, und die Neugier darauf lockte Viele in die Kinos.

Und Lee H. Oswald ist ja, nachdem er durch die Erschiessung John Kennedys in Dallas Geschichte geschrieben hatte (oder: während mit ihm eine üble Nummer geschoben wurde) in ein Kino geflüchtet. Der Film, von dem er dort nicht viel gesehen hat, war “War Is Hell” / “Marschbefehl zur Hölle”, über den Korea-Krieg. 2012 der Amoklauf in einem Kino in Aurora in Colorado, während der mitternächtlichen Premiere des Batman-Films “The Dark Knight Rises”.

Hinweise

Robert Burgoyne: The Hollywood Historical Film (2008)

Will Wright: Sixguns and Society: A Structural Study of the Western (1977)

Über den Film „Die Brücke am Kwai“ (1957) und die Tatsachen dahinter (Englisch)

www.historienfilm.net

www.historyvshollywood.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Beispiel dafür sind 19 italienische Hercules-Filme, aus den späten 50ern, frühen 60ern
  2. In “Deutschland – ein Sommermärchen” zeigt Wortmann ja das deutsche Team bei der Heim-WM 06, als Dokumentarfilm
  3. Film über eine Hexenverfolgung in Salem 1692, nach einem Stück von Arthur Miller
  4. Cameo-Auftritt von Robert A. Wilson
  5. Fehler (Handlungs-Löcher) in diesem Film sind eine andere Sache, werden ein ander Mal behandelt werden
  6. “Alexis Sorbas” hat ausserdem eine Rückwirkung auf die Realität. Der Tanz- /Musikstil Sirtaki (“kleiner Syrtos”) wurde von “Mikis” Theodorakis für den Film erfunden! Vorbild sind die Syrtos-Volkstänze. Im griechischen Tourismus werden die Erwartungen an die Folklore meist bedient. Der Sirtaki ist somit auch ist Paradebeispiel einer erfundenen Tradition, die ein Konzept des verstorbenen jüdisch-britischen Historikers Hobsbawn ist
  7. Bzw, man traute sich nicht, das zu artikulieren
  8. Benchley hatte die Filmrechte schon vor der Veröffentlichung verkauft
  9. Wie der palästinensische “Five broken cameras”
  10. Als der Film zehn Jahre nach seinem Entstehen im deutschsprachigen Raum erstmals gezeigt wurde, war davon nicht viel mehr als eine harmlose Romanze übrig
  11. Die Figur des Walter Sobchak in “Big Lebowski” basiert (teilweise) auf diesem Drehbuchschreiber als Vorbild!
  12. Der wahrscheinlich beste Film mit O. J. Simpson
  13. Vielleicht auch über das britische Ringen um Geltung darin; zur Zeit von Ian Flemings erstem Bond-Roman Anfang der 50er und erst Recht zur Zeit des ersten Films 1962 war GB schon nicht mehr in der “ersten Liga”. Fleming hat auf seinem Anwesen “Goldeneye” in Oracabessa in Jamaika, wo er seine Romane schrieb, wahrscheinlich etwas Anderes gefühlt
  14. Etwas, das „Big Kahuna Burger“ (kommt in mehreren Tarantino-Filmen vor), “Los Pollos Hermanos” (“Breaking Bad”) und „Krusty Burger“ („The Simpsons“) noch nicht geschafft haben
  15. Er hat auch Bücher über die Physik in James-Bond-Filmen, über den Titanic-Untergang und Fussball geschrieben
  16. Im deutschsprachigen Raum ist die Serie untrennbar mit dem Titelsong “1000 Jahre sind ein Tag” verbunden, in Finnland aber etwa erklang als Intro die “Toccata” von Bach…
  17. 2012 gab es in der Völklinger Hütte im Saarland die Ausstellung “Asterix & Die Kelten”, u.a. mit einem Vortrag von Meinrad M. Grewenig zu “Historizität und Fiktion. Asterix und die ganze Wahrheit”
  18. In synchronisierten Filmen sind diese dann in der Regel weg – oder aber sie entstehen erst durch die Synchronisation
  19. Fehler in Dialogen sind so eine Sache; sie können der Person auch absichtlich in den Mund gelegt worden sein. In “Jackie Brown” gibt’s etwa die Szene mit dem Waffenvideo-Anschauen, in der Ordell einiges Falsche über Gewehre sagt, etwa dass die Steyr “AUG” nie in einem Film vorkam. Wahrscheinlich ging es darum, zu zeigen, dass er von Gewehren nicht viel versteht, obwohl er mit ihnen handelt
  20. Reagan nahm an der Kommunisten-Verfolgung in Hollywood in den 1950ern in mehrfacher Hinsicht teil. Er soll Kollegen diffamiert und denunziert haben. Einer der das sicher getan hat, war zB Walt(er) Disney
  21. Wie “Vom Winde verweht” eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs und Verfilmung eines Romans

Die Reichskrone und die Herrschaft über Deutschland

 

Der amerikanische Soldat Babcock am Ende des 2. Weltkriegs im Rheinland mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Geschichte zu einem Foto. Eine Krone, die wirklich die deutsche Geschichte widerspiegelt (bzw beinhaltet), in der einen oder anderen Form.

Es gibt ein Bild von Dürer aus dem Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, von Karl dem Grossen mit der Kaiser-/Reichskrone und anderen Insignien.1 Der fränkische König Karl gilt als derjenige, der das römische Kaisertum neu begründete, um 800; jedoch existierte das Römische Reich und sein Kaisertum durch Byzanz weiter. Die Reichskrone ist tatsächlich erst später, wohl ab 965, entstanden, nach der Teilung des Frankenreichs unter den späteren Karolingern.2 Der Sachse Otto I. liess im Ost-Frankenreich die karolingische Tradition wieder aufleben und sich im Jahr 936 in Aachen zum deutschen König krönen. Seine Krönung zum Kaiser in Rom 962 durch Papst Johannes XII. gilt als Anfang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Diese Krönung geschah möglicherweise mit der gegenständlichen Reichskrone; andernfalls kam diese für die Kaiserkrönungen von Ottos ottonischen Nachfolgern in Gebrauch, spätestens für jene des ersten salischen Herrschers Konrad II.3

Das Reich beanspruchte nicht zuletzt durch sein Kaisertum eine Anknüpfung an römische Traditionen. Diese und das Christliche standen in den ersten Jahrhunderten klar im Vordergrund; der Zusatz “Deutscher Nation” kam überhaupt erst in der frühen Neuzeit hinzu. Es war eine Wahlmonarchie, der römisch-deutsche König wurde von und unter den Mächtigen des Reichs (Fürsten, Kleriker) gewählt, dann in der Regel vom Papst zum Kaiser gekrönt. Der römisch-deutsche Kaiser, Oberhaupt des Reichs, hatte mehr symbolische als reale Macht, besonders in späteren Jahrhunderten, befand sich in einem Machtgerangel mit dem Papsttum (Kirchenstaat) und anderen deutschen und europäischen Königen.

Die Wahl zum römisch-deutschen König war gewissermaßen die Vorstufe zur Kaiser-Krönung; die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches waren zwischen ihrer Wahl zum König und ihrer Kaiserkrönung “römisch-deutsche Könige”.4 Nicht in allen Fällen konnte der Anspruch des römisch-deutschen Königs auf die Erhebung zum Kaiser durchgesetzt werden. Nur mit dem Kaisertitel war der Machtanspruch für das ganze Reich, auch in den “ausserdeutschen” Reichsteilen, ja sogar ein universaler Machtanspruch, verbunden.

Seit 1147 fanden die meisten Wahlen zum römisch-deutschen König in Frankfurt am Main statt. Die Krönung zum König fanden die längste Zeit in Aachen statt, in der damaligen Pfalzkapelle; die eigentliche Krönung am Altar, die Thronsetzung auf dem Thron von Karl dem Grossen (Charlemagne). Die Kaiserkrönungen fanden in der Regel in Rom statt, meist in der Peterskirche. Die Reichs-/Kaiserkrone und die anderen Reichskleinodien waren so etwas wie ein Ausweis des Kaisers, ein Machtsymbol. Der Machtkampf zwischen den Kaisern und den Päpsten zeigte sich nicht zuletzt bei der Krönung, also beim physischen Aufeinandertreffen, wo meist beide (samt ihrem Gefolge) versuchten, die überragende Stellung ein zu nehmen.

Das am Übergang vom Früh- zum Hoch-Mittelalter entstandene Römisch-Deutsche Reich war mehr Staatenbund als Bundesstaat. Es hatte, anders als die meisten anderen europäischen Reiche, auch kein Zentrum, keine Hauptstadt, keine feste Herrscherresidenz.5 Durch das Wahlkönigtum gab es auch keine kontinuierliche Herrscher-Dynastie, die sonst auch Repräsentant des Reichs war. Ein Symbol des Reichs, ein “Aushängeschild”, war die Reichskrone. Und die anderen Reichskleinodien (auch Reichsschatz oder Kronschatz genannt); die oft noch in (weltliche) Reichsinsignien und (geistliche) Reichsreliquien unterteilt werden. Zu den Insignien gehör(t)en neben der Krone auch Reichsapfel, Ornat/Krönungsmantel, Zepter oder Reichsschwert, zu den Reichsreliquien u.A. die heilige Lanze und das Reichskreuz.

Die Reichskrone, das wichtigste der Reichskleinodien, die aus der Zeit der Anfänge Deutschlands und des Christentums dort stammen, ist ein achteckige Bügelkrone aus Gold, mit Edelsteinen, mit biblischen und anderen Symbolen, nach byzantinischem Vorbild gestaltet. Der Bügel ist wahrscheinlich später hinzu gefügt worden; Teile der Urfassung sind dagegen im Laufe der Zeit verloren gegangen, v.a. der “Waise” genannte Edelstein. Durch das Wahlkönigtum bedingt, wurden die Krone und die anderen Kleinodien des Reichs zunächst einige Jahrhunderte lang von den jeweiligen Kaisern aufbewahrt bzw mit sich geführt, und dann an den jeweiligen Nachfolger weiter gegeben. Zweimal erfolgte die Weitergabe nur mit Gewalt. Als die Kleinodien in Böhmen lagerten, zur Zeit der Herrschaft von Sigismund von Luxemburg (bzw an deren Ende), versuchten sich die Hussiten ihrer zu bemächtigen. Im 15. Jh wurden die Reichskleinodien nach Nürnberg gebracht, in die Mitte des Reiches, wo sie meist im Heilig-Geist-Spital aufbewahrt wurden.6 Nur zu den Krönungen der deutschen Könige und Kaiser, verließ der Reichsschatz dann die Stadt, von Nürnberger Gesandten begleitet.

1273 wurde mit Rudolf der erste Habsburger römisch-deutscher Kaiser, ab dem Spät-Mittelalter bekamen mit einigen wenigen Ausnahmen nur noch Habsburger die Reichskrone aufgesetzt. Österreich war der wichtigste Staat im Reich (v.a. durch Gebiete, die ausserhalb des “eigentlichen Österreich” lagen), die Habsburger die dominante Dynastie. Als ein Höhepunkt des HRR kann die “Vereinigung” mit Spanien (und seinen Kolonien) in Personalunion an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit gesehen werden, unter Karl V. Bald darauf wurde die Zersplitterung des Reichs durch die Reformation noch verstärkt.7

In der Goldenen Bulle wurden 1356 ja die Königswahlen geregelt. Zum Einen wurde dadurch das aktive Wahlrecht auf sieben festgelegte Kurfürsten eingeschränkt.8 Zum Anderen wurde die Wahl durch die Kurfürsten die einzig maßgebliche Legitimation. Die Approbation der Wahl des römisch-deutschen Königs durch den Papst, als Grundlage zur Krönung zum Kaiser, wurde eine Formsache. An der Kaiserkrönung durch den Papst in Rom wurde vorerst festgehalten. Der Habsburger Karl V. war der letzte Kaiser, der vom Papst gekrönt wurde, 1530 in Bologna.9 Karl V. nahm anscheinend wie sein Vorgänger Maximilian I. zunächst den Titel “Erwählter Römischer Kaiser” an, bei seiner Königskrönung, liess sich dann aber doch durch den Papst krönen.

Karls Bruder und Nachfolger Ferdinand I. “verzichtete” auf eine Kaiserkrönung durch den Papst. Ab dem 16. Jahrhundert wurde auch die Krönung durch den Papst nicht mehr als zwingend für einen Kaiser angesehen. Daher wurde allmählich zwischen dem „erwählten“ und dem „gekrönten“ Kaiser nicht mehr unterschieden. Zu den Umwälzungen bezüglich der Kaiser des Reichs im Spät-MA/Früh-NZ gehört auch, dass der Krönungsort deutscher Könige ab 1562 (Maximilian II.) bis zur Auflösung des Reichs von Aachen nach Frankfurt, dem Ort der Königswahl, verlegt wurde. Bis 1531 fanden die Krönungen 600 Jahre lang meist Aachen statt.

In manchen Fällen, etwa bei Joseph II., wurde der künftige Kaiser bereits zu Lebzeiten seines Vorgängers designiert, in dem er zum (“römischen”) König gewählt und auch gekrönt wurde.10 Ansonsten trat nach dem Tode eines Kaisers ein Interregnum ein11 und das Wahlkollegium der Kurfürsten wurde zusammengerufen. Weiters wurden die Reichskleinodien aus Nürnberg und Aachen an den Ort der (Wahl und) Krönung, Frankfurt, gebracht.

Ein bis drei Wochen nach der Wahl durch die Kurfürsten fand die Krönung zum Kaiser statt, zur formalen Bestätigung des Wahlakts. Die Krönung im Kaiserdom, in der Neuzeit ohne Papst, hatte die Form einer feierlichen Messe. Mit Gebet, Eid, Salbung, Überreichung der Kleinodien, zuletzt die eigentliche Krönung: dem knienden König wurde von den drei geistlichen Kurfürsten gemeinsam die Reichskrone auf das Haupt gesetzt. Dann bestieg der neue Kaiser den Thron. Die Kleinodien wurden kurz nach der Krönung wieder zurück gebracht.

“Voltaire” sagte über das Heilige Römische Reich, es sei weder heilig, noch römisch, noch ein Reich. Und tatsächlich: die Säkularisierung verlangte nach einer Trennung des Weltlichem vom Religiösen; der ebenfalls aufkommende Nationalismus verlangte danach, das Deutsche in den Mittelpunkt zu stellen; und die Konkurrenz mit benachbarten Reichen danach, die Zersplitterung in Gliedstaaten zu “kitten”.

Im Juli 1792 die letzte Königs-Wahl und Kaiser-Krönung im Reich, Franz II. Zum König in Ungarn wurde er vorher, zu jenem in Böhmen danach gekrönt. Das war zur Zeit der der Französischen Revolution; der inzwischen nur mehr konstitutionelle König Louis XVI. wurde einen Monat nach Franz’ Krönung verhaftet und einen weiteren Monat später abgesetzt. Franz’ Vater Leopold II. war der Bruder von Louis’ Frau Marie Antoinette, der Habsburgerin, die wie ihr Mann dann 1793 geköpft wurde. In den Revolutions-Jahren gab es in Frankreich auch Zerstörungen von Königsgräbern (auch von Karolingern), Königs-Reliquien,… Franz verfolgte, als Erzherzog von Österreich, usw., wegen der Revolution in Frankreich die Fortsetzung der Reformen seiner Vorgänger nicht mehr so energisch, liess den Absolutismus sein.

Gemälde Kaiser Franz II.

Frankreich war eigentlich grosser Konkurrent vom Reich bzw Österreich, trotz der Verschwägerung der Herrscherhäuser. Die erste Koalition von Staaten gegen das revolutionäre Frankreich bildete sich 1792, um gegen die Revolution vorzugehen und den dort ihrer Macht und Freiheit beraubten Bourbonen zu helfen; Österreich und Preussen waren dabei führend. Und schon begannen die “Koalitionskriege”, mit Österreich und anderen deutschen Staaten auf der einen Seite, Frankreich mit einigen deutschen Staaten auf der anderen. Die Kriege, die zum Erlöschen des Römisch-Deutschen Reichs und alter Ordnungen führten. Ab dem zweiten Koalitionskrieg (1799-1802) war Napoleon Bonaparte (Vorbilder Hannibal und Charlemagne) der Herrscher (und Feldherr) Frankreichs.

1794 wurde bereits Aachen von französischen Truppen besetzt, die dort lagernden Reichskleinodien, etwa der Säbel von Karl/Charles/Carolus, waren zuvor weg gebracht worden, zunächst nach Paderborn. Die Franzosen rückten weiter vor. 1796 wurden die Reichskrone und die anderen Kleinodien in Nürnberg nach Regensburg gebracht. Angeblich garantierten sowohl Kaiser Franz II. als auch sein Prinzipalkommissar Johann von Hügel, dass die Reichskleinodien nach Nürnberg zurück gebrachten werden würden. 1800 wurden die Krone und die anderen Nürnberger Schätze nach Wien weiter gebracht, wo sie der kaiserlichen Schatzkammer der Wiener Hofburg übergeben wurden (die noch kein Museum war). Im Jahr darauf trafen auch die Aachener Schätze aus Paderborn dort ein. Napoleon krönte sich zwar (1804) zum Kaiser Frankreichs, die Reichskrone bekam er aber nicht. Die Schätze wurden 1805 vor den Franzosen nach Buda evakuiert, 1809 nach Temesvar.

Die Zukunft des HRR war ungewiss, nicht zuletzt, da sich Teilstaaten des Reichs im Krieg auf verschiedenen Seiten befanden. Franz II. krönte sich 1804 vorsorglich zum Kaiser Österreichs.12 Die Habsburger konnten über die Kaiserkrone nicht frei verfügen, für das österreichisches Kaisertum wurde eine andere Krone verwendet, die “Rudolfskrone”. Nach dem Sieg über Österreich vom Dezember 1805 und dem darauf folgenden Frieden von Pressburg war Napoleon gegenüber dem Reich in einer absoluten Machtposition. Er verfügte 1806 die Gründung des Rheinbundes aus 16 deutschen Staaten, bislang Teilstaaten des Römisch-Deutschen Reichs.13 Nun (August 1806) verlangte er vom Kaiser die Abdankung, unter Androhung einer Wiederaufnahme militärischer Handlungen. Und am 6. 8. legte Franz die Krone nieder (trat als römisch-deutscher Kaiser zurück; war nur mehr österreichischer Kaiser), nicht nur für seine Person, er erklärte auch das Reich für aufgelöst.14 Der österreichische Aussenminister, Graf Johann Philipp von Stadion, hatte dem Habsburger dazu geraten.

Auch das Wirken Dalbergs hat dazu beigetragen. Karl Theodor von Dalberg war als Erzbischof von Mainz Kurfürst und einer der Reichserzkanzler (eines der Erzämter). Sein Schritt 1806, Napoleons Onkel, Kardinal Joseph Fesch zu seinem Koadjutor zu ernennen, geschah wahrscheinlich im Bemühen, das Reich zu erhalten; dieses war damals ohnehin von Napoleon abhängig. Er erreichte damit aber das Gegenteil, die Ernennung Feschs soll für Franz der letzte Anstoss für die Niederlegung der Krone gewesen sein; da Franz eine Umgestaltung des Reiches unter französischer Herrschaft fürchtete. Dalberg wurde schliesslich Fürstprimas des Rheinbundes.

Die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien kehrten mit Ende der Kriege  nach Wien zurück, in die „Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses“. Sie bekamen nun eine andere Bedeutung; nach Meinung Stadions waren sie Antiquitäten. Der nunmehrige österreichische Kaiser Franz I. musste Napoleon auch seine Tochter Marie-Louise (Maria Ludovica) “überlassen”.15 Auch hier ist die Frage, inwiefern Zwang Napoleons und inwiefern der Versuch Franz’, sich dadurch gegenüber diesem zu behaupten, ausschlaggebend war. Durch die 1810 zunächst als Ferntrauung vollzogene Heirat wurde Napoleon Schwiegersohn von Franz.

Preussen war im 18. Jh zum grössten Konkurrenten Österreichs aufgestiegen. 1701 wurde Preussen vom Herzogtum zum Königreich, durch die Königskrönung des Hohenzollern Friedrich in Königsberg. Mit der Bewilligung von Kaiser Leopold I. Es wurde dabei die kaiserlichen Krönungsriten nachgeahmt. Erst 1815 aber kam es zur Realunion des eigentlichen Preussens (das ausserhalb des Römisch-Deutschen Reichs gelegen war und auf den der Königstitel bezogen war) mit dem bisherigen Kurfürstentum Brandenburg. Nun gab es keinen Kaiser mehr, den man um Erlaubnis fragen musste.16 Das war nach dem Wiener Kongress, der nach der ersten Bezwingung Napoleons begonnen wurde und nach seiner endgültigen fertig gestellt.

Die alten Ordnungen wurden in Europa auf diesem Kongress nochmal her gestellt. Die deutsche Frage war mit dem Deutschen Bund natürlich nicht beantwortet.17 Preussen war auf dem Weg, Österreich als deutsche Führungsmacht zu verdrängen. Dazu trugen auch die ihm am Wiener Kongress zugesprochenen Gebietserweiterungen im Rheinland bei. Preussen wurde dadurch nicht nur “Schutzmacht” im Rheinland gegenüber Frankreich, es wuchs stärker in Deutschland hinein, wurde so zum Motor der neuen Einigung. Und ein deutscher Nationalismus entstand, wie überall ging der Trend zur Loyalität zu Nationen anstatt zu Herrschern. Flaggen wurden Symbole anstelle von Kronen.

Das aus der Revolution 1848 hervorgegangene Frankfurter Paulskirchen-Parlament bot 1849 dem preussischen König die Kaiserkrone an. Abgesehen von seiner Ablehnung, die Reichskrone war damals in Wien in der Hand der Habsburger (bzw in ihrer Schatzkammer), als die Demokraten sie dem Hohenzollern anboten. Ein interessantes kontrafaktisches Szenario: eine neue deutsche Reichsgründung damals durch die Paulskirche statt durch Kriege unter Führung des absolutistischen Preussen später, zB eben durch die Annahme der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm, die Gründung eines kleindeutschen konstitutionellen Staats.

Zuerst kam die Trennung Österreichs von Deutschland (dem Deutschen Bund), zusammen mit seinem Ausgleich mit Ungarn. Dann die Entstehung des (“zweiten”) Deutschen Reichs unter preussischer Führung. Es gab nun zwei deutsche Kaiser, wobei der österreichisch-ungarische nur bedingt als ein solcher anzusehen ist. Und: Wilhelm von Hohenzollern wurde in Versailles nicht wirklich gekrönt, sondern nur zum Kaiser ausgerufen. Es gab für ihn und seine zwei Nachfolger gar keine Kaiserkrone; nur jene als preussische Könige. In seiner Rede (die von Bismarck verlesen wurde) nahm Wilhelm I. in Versailles Bezug auf die alte Kaiserwürde des HRRDN.18 Für die Kaiser Österreich-Ungarns blieb die Rudolfskrone die Kaiserkrone. Allerdings wurde sie nie bei Krönungen verwendet und war nur Symbol der Kaiser für die österreichische Reichshälfte. Allgemein wurden Uniformen für Herrscher wichtiger als Insignien.

Von 1871 an wurden die Reichskleinodien mit der ehemaligen Reichskrone in Wien ausgestellt, nicht zuletzt um die Bedeutung der Habsburger-Dynastie zu betonen. Aus Nürnberg, das ja nun zu Bayern gehörte, kamen Forderungen nach Rückkehr der Reichskleinodien aus Wien. Auch aus Aachen im Rheinland, wo man längst unter Preussen stöhnte. Dort war 1915 eine Krönungsausstellung geplant, 100 Jahre nachdem das Rheinland preussisch geworden war (der Anlass). Dafür wurden Kopien der Reichskleinodien angefertigt. Aufgrund des Kriegs fand die Ausstellung dann nicht statt. Und dieser Krieg brachte ja das Ende der Monarchie in Deutschland und Österreich, gemäß dem Trend der Zeit.

Der eine entmachtete Kaiser, der Habsburger Karl, versuchte in den wenigen Jahren die ihm noch blieben, zwei Mal die Restauration in Ungarn und besuchte im Schweizer Exil den Stammsitz seiner Ahnen, die Habichtsburg. Was die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien betrifft, nach dem Ende der Monarchie 1918 wurden die weltliche und die geistliche Schatzkammer vereint (im Schweizertrakt der Hofburg), auch zweitere zugänglich gemacht, auch an das Kunsthistorische Museum angeschlossen. Einige Gegenstände daraus, Schmuckstücke, wurden vom ehemaligen Kaiser und seiner Familie als persönlicher Besitz gesehen und waren ins Ausland gebracht worden.19

Der andere Ex-Kaiser, Wilhelm II., hielt nach der Abdankung die Ansprüche im Exil aufrecht. In der Weimarer Republik gab es mit DNVP und DVP immerhin zwei monarchistisch ausgerichtete Parteien. Und dann auch Reichspräsident Hindenburg. Sie wirkten aber eben in der Republik mit. Im republikanischen Deutschen Reich gab es 1925 eine Veranstaltung anlässlich bzw zu “1000 Jahre Rheinland bei Deutschland”, jener Region die nach dem Krieg besetzt war. Diese “Rheinische Jahrtausendfeier” bestand aus Ausstellungen, Festumzügen, Demonstrationen und Gottesdiensten. Kern war die „Krönungsausstellung“ in Aachen, in den Räumen des Rathauses, worin im Spätmittelalter das Krönungsmahl stattzufinden gepflegt hatte. Hierbei konnte an die für 1915 geplante und dann ausgefallene Krönungsausstellung angeknüpft werden.

Von Hindenburg war es ja dann zur NS-Diktatur nicht so weit. Darin wurde ein ideologischer Zickzackkurs (auch) gegenüber der monarchischen Vergangenheit Deutschlands (und Österreichs) gefahren20. Göring besuchte 1933 Aachen, begutachtete Kopien der Reichskleinodien im Rathaus und setzte sich auf den Stuhl Karls in der Marienkirche. Die für 1915 angefertigte Kopien u.a. der Reichskrone wurden zum NSDAP-Parteitag 1934 nach Nürnberg gebracht. Nach dem Anschluss Österreichs wurde Hitler ja auf dem Wiener Heldenplatz begeistert empfangen. Der Schatzmeister der Schatzkammer, der Kunsthistoriker Arpad Weixlgärtner, wurde als nicht zuverlässig gesehen und gleich beurlaubt. Er erinnerte sich später an den Tag der Hitler-Rede, dass keine Besucher in die Schatzkammer kamen, bevor er die Schlüssel abgeben musste, da der Zugang über den Heldenplatz verstopft war.

Und, 1938 wurden die Originale der Kleinodien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von Wien nach Nürnberg gebracht.21 Österreich war nach dem (Wieder-) Anschluss an Deutschland, in der NS-Zeit, Peripherie bzw Anhängsel des „Grossdeutschen Reichs“, nicht Nabel, nicht mehr Zentrum und Akteur wie zu Zeiten des “Altreichs”. Ein Jahr lang wurden die Reichskleinodien im Nürnberger Katharinenkloster ausgestellt.22 Mit Kriegsbeginn wurden sie in den Tresor eines Bankhauses gebracht und 1940 in einen speziell für Kunstwerke eingerichteten Luftschutzbunker in den Felsen unter der Nürnberger Kaiserburg. Ende 1944, Anfang 1945 wurde auch Nürnberg von alliierten Bomben schwer angegriffen und zerstört.

Und bald drang vom Westen die US-amerikanische Armee vor. Im März 1945 liess der Nürnberger Oberbürgermeister “Willy” Liebel die Kleinodien in Glaswolle verpacken, in Kupferbehälter einlegen und diese verlöten. Diese Behälter wurden von Liebel und seinem engsten Kreis dann aus dem “Kunstbunker” unter dem Nürnberger Burgberg geholt in ein nahes Felsenlabyrinth gebracht, dort eigenhändig eingemauert. Im April rückten die Amerikaner in die Ruinen der Stadt ein. So wie anderswo nach der Eroberung nach deutschen “Wunderwaffen” bzw Unterlagen dazu gesucht wurde, wurde hier dann nach den Reichskleinodien gesucht. Geleitet wurde die Suche von Walter Horn, einem wegen der Nazi-Herrschaft in die USA ausgewanderten Deutschen.

Horn gehörte der Monuments, Fine Arts, and Archives Section in der amerikanischen Armee an, welche sich um Kunst- und Kulturschätze kümmerte. Er war Kunsthistoriker und hatte natürlich auch die Kenntnis der Sprache für Befragungen.23 Das Fehlen der Reichskrone und der anderen Insignien im Kunstbunker wurde von den “Monuments Officers” festgestellt und sie vernahmen das bewusst gestreute Gerücht, die Schätze seien durch die SS abtransportiert und im Zeller See versenkt worden. Es wussten auch nur Wenige von dem Versteck und Oberbürgermeister Liebel war tot. Er, der sich für die Rückführung der Kleinodien eingesetzt hatte und auch um ihre Erhaltung gekümmert, beging wahrscheinlich am Kriegsende Selbstmord. Und die anderen relevanten Nazi-Bonzen Nürnbergs waren zunächst unauffindbar oder redeten nicht. Es soll nicht Horn sondern sein Kollege John Brown gewesen sein, dem es gelang, durch gezielte Verhaftungen und Verhöre die Wahrheit herauszufinden.

Zunächst wurden aber, im Juni ’45, in einem Bergwerks-Stollen bei Siegen (Rheinland) von amerikanischen Soldaten Reichskleinodien gefunden, die man für die echten hielt. Bei ihrer Bergung entstand das Bild des Soldaten Ivan Babcock, der sich, mit einer Zigarette in der Hand, die Reichskrone aufs Haupt setzte und von einem Kollegen fotografiert wurde.24 Eine heitere Geste gestresster Soldaten, unbekümmert von der Bedeutung und der Tradition des Stückes, aber irgendwie mit tiefer historischer Bedeutung. Die Kriegsniederlage, das Ende der Nazi-Diktatur, die Besetzung durch Armeen anderer Länder, das steckt einmal in diesem Bild, in dieser Geste. Aber auch an den vorangegangenen Umgang Deutschland unter den Nazis mit seinem kulturellen und historischen Erbe erinnert das Bild. An die Versuche der Vereinnahmung des “ersten” Reichs durch das “dritte”.25

Deutschland an einem Tiefpunkt. Und seine Bezwinger/Befreier im Besitz seiner Schätze, sie können sich auch einen “respektlosen” Umgang damit leisten. Auch wenn die Besatzung selbst nur relativ kurz war, Deutschland wurde von den Besatzern geprägt, wurden an sie gebunden. Eigentlich waren die Amerikaner aber nur eine von vier Mächten, die Deutschland damals besetzten und übergangsweise über das Land herrschten. Ein Teil Deutschlands kam unter eine ganz anders geartete Herrschaft, jene der Sowjetunion. Und eigentlich waren die gefundenen Reichsinsignien nicht die echten. In Siegen waren die Aachener Kopien von 1915 versteckt worden, die Krönungsparodie fand mit der nachgebildeten Reichskrone statt.

Spätestens als man die Originale in Nürnberg entdeckte, im Spätherbst 45, wiederum Truppen der USA, erkannte man das. Nürnberger Notabeln versuchten in den folgenden Monaten alles, um die Kronschätze in der Stadt zu behalten, sie im Germanischen Nationalmuseum auszustellen. Doch die Amerikaner beschlossen die Rückführung nach Österreich. Im Jänner 1946, nachdem auch ein entsprechender Antrag der neuen österreichischen Regierung eingegangen war, wurde der Reichsschatz vom USA-Militär per Flugzeug zunächst zum Militärflugplatz Tulln gebracht. Ein paar Tage danach übergab ihn General Mark Clark Bundeskanzler Leopold Figl.

372 Jahre lang war die Krone (meist) in Nürnberg gewesen, dann etwa 130 Jahre in Wien, einige Jahre wieder in Nürnberg, nun war sie wieder in Wien. Die Habsburger mit dem Stammland Österreich waren fast 400 Jahre Kaiser des HRRDN gewesen. Auch in den Jahren nach diesem Krieg wurden in Deutschland, genauer in der Bundesrepublik, wieder Bestrebungen wach, die Kronschätze nach Nürnberg bzw. Aachen zurück zu bringen. In den Rathäusern dieser beiden Städte werden bis heute nur Nachbildungen der jeweiligen Kleinodien ausgestellt. Die DDR hielt Distanz zu allem Monarchischen (> Sprengung Stadtschloss Berlin,…), wenngleich das preussische Erbe in gewisser Hinsicht für sie schon sehr bestimmend war (etwa für Traditionen der NVA).

In Wien wurden die Krone und die anderen Schätze zunächst in den Tresorräumen der Österreichischen Nationalbank verwahrt. 1954 wurden die Reichskleinodien in der Wiener Schatzkammer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie einst bis 1938.

Hofburg Wien
Neue Burg der Hofburg Wien

 

http://www.reichskrone.de/

http://www.kaiserliche-schatzkammer.at/

Ernst Kubin: Die Reichskleinodien. Ihr tausendjähriger Weg (1991)

Julius Wilhelm Hamberger: Merkwurdigkeiten bey der romischen konigswahl und kaiserkronung (1791)

Alexander von Roes: Memoriale de prerogativa imperii Romani (Denkschrift über den Vorrang des römischen Reichs, 1281). Über die Ehrenstellung von Kaiser/Reich im Abendland

rudolfskrone
Die Rudolfskrone als Wiener “Magnetsouvenir”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das Bild des Nürnbergers Albrecht Dürer wurde, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, von den Nürnberger Stadtvätern in Auftrag gegeben
  2. Die Krone, mit welcher Karl in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, verblieb im Besitze der Päpste
  3. Die Entstehung der Krone ist ein historisches Rätsel, es spricht aber einiges dafür, dass Otto I. sie in Auftrag gegeben hat
  4. Eigentlich aber nur im Nachhinein, in der Historiographie. Ihr damaliger Titel war während der Ottonenzeit “König der Franken” (lat. Rex Francorum), ab der späten Salierzeit Römischer König oder König der Römer (Rex Romanorum), am Ende des Reiches König in Germanien (Germaniae Rex)
  5. Es gab einen Reichstag, ursprünglich die Versammlung der Reichsstände, die sich seit dem 12. Jahrhundert aus Hoftagen entwickelte, und 1495 zu einer festen Institution der Reichsverfassung wurde. Ab 1663 tagte der Immerwährende Reichstag als ständiger Gesandtenkongress in Regensburg
  6. Einige wenige der Stücke wurden, ebenfalls im Spätmittelalter, nach Aachen gebracht
  7. Auch Nürnberg und das Frankenland fielen mehrheitlich von der katholischen Kirche ab
  8. Die sieben Kurfürsten bekamen auch Erzämter für das Reich zugeteilt
  9. Dies hatte mit den politischen Verhältnissen in Italien zu tun. Der Letzte, der in Rom gekrönt wurde, war Friedrich III. 1452
  10. Goethe war 1764 bei der Krönung Josephs zum römisch-deutschen König in Frankfurt anwesend, schrieb darüber in “Dichtung und Wahrheit”. Im Jahr darauf erst, nach dem Tod seines Vaters Franz I., wurde Joseph Kaiser
  11. Die Regierung des Reiches übernahmen dann, in ihrer Eigenschaft als Reichsvikare, gemeinsam die Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz
  12. Um nicht nur Herrscher eines Staates zu sein, den es nicht mehr gibt; so ähnlich ging es Gorbatschow 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion
  13. Nürnberg  und das Frankenland wurden mit der Rheinbundakte Teil Bayerns, das im Preßburg-Frieden zum Königreich erhöht worden war
  14. “Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an uns als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren. Unsere sämtlichen deutschen Provinzen und Reichsländer zählen wir dagegen wechselseitig von allen Verpflichtungen, die sie bis jetzt, unter was immer für einem Titel, gegen das deutsche Reich getragen haben, los…”
  15. Aus der Ehe ging Napoleon Franz Bonaparte (1811-1832) hervor, der u.a. den Titel des “Herzogs von Reichstadt” bekam. Seine Wiege und andere Gegenstände aus dem Besitz der Familie kamen später auch in die Wiener Schatzkammer
  16. Das eigentliche Preussen, in Ost- und West- geteilt, lag aber auch ausserhalb des Deutschen Bunds
  17. Ist sie 1990 definitiv beantwortet worden?
  18. Und im Niederwalddenkmal in Hessen hält die Germania die Reichskrone in der erhobenen Hand. Das 1883 fertig gestellte Denkmal wurde nach der Entstehung des Deutschen Reichs 1871 in Auftrag gegeben und sollte eben daran erinnern
  19. Am wertvollsten war darunter der “Florentiner”-Diamant, der noch vor der Abdankung Karl von Habsburgs von seinem Oberkämmerer Bechtold in die Schweiz geschickt wurde. Dieser Schmuck war das einzige Vermögen, das der ehemals kaiserlichen Familie im Exil zur Verfügung stand. Ein Teil wurde in der Schweiz zu Geld gemacht, der Florentiner gehörte zu den Stücken, die behalten werden sollten. Schliesslich verloren sie diese aber, weil sie dem Falschen vertrauten und weil sie für einen Restaurationsversuch in Ungarn Geld brauchten
  20. Siehe dazu etwa: Bruno Reudenbach, Maike Steinkamp: Mittelalterbilder im Nationalsozialismus (2013); Edgar Bierende, Sven Bretfeld und Klaus Oschema, Riten, Gesten, Zeremonien: Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit (2008)
  21. Seyss-Inquart sprach bei der Übergabe von einer “Rückführung heim ins Reich”
  22. Hitler nahm in einer Rede am NSDAP-Parteitag 38 Bezug auf die “Rückführung” der Stücke, eine Rede in der die diesbezügliche Geschichtspolitik dargelegt wurde; natürlich ging es um ein Anknüpfen an eine Kontinuität, die Ableitung eines Herrschaftsanspruchs, das Sonnen in einem Glanz, das sich schmücken, um das sich-die-Krone-aufsetzen
  23. Horn hatte bald nach dem Krieg Schwierigkeiten an seiner Universität in Kalifornien aufgrund der McCarthy-Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten
  24. Dies war ein Dennis R. Whitehead. Auch von einem anderen Soldaten, Richard Swenson, entstand ein Foto mit der Krone auf dem Kopf
  25. Der Interessierte kann sich dazu auch die Karikatur von einem Paul Iribe aus 1933 oder 34 suchen, mit Germania mit der Reichskrone und Marianne, Bildunterschrift “Grand’mère Germaine, comme vous avez de longues dents…”

Südtirol zwischen Mussolini und Hitler

Es ist dies Fortsetzung eines früheren Artikels, mit dem zeitlichen Rahmen von 1922 (wo dieser Artikel aufhörte) bis 1948, als in Südtirol und Italien überhaupt die Weichen für die Zukunft gestellt waren. Diese knapp 25 Jahre waren (nicht nur für dieses Land und seine Leute) eben von den Regimen Hitlers und Mussolini geprägt. Will man diese Zeit gliedern, so kommt man auf:

  • 1922-43 (Faschismus, Italianisierung, Modernisierung, Industrialisierung; Ausverkauf durch Mussolinis Verbündeten Hitler)
  • 43 bis 45 (nazideutsche Herrschaft; der Weltkrieg kam dann an seinem Ende auch nach Südtirol)
  • 45 bis 48 (Wiederherstellung italienischer Herrschaft, Demokratie kommt erstmals nach Südtirol)

Der Faschismus

1922 wurde Benito Mussolini ja Premier, nach Gewalt-Ausübung durch seine Partei. Bis 1926 war die faschistische Machtübernahme (das Abwürgen der Demokratie) in Italien vollzogen: Auflösung oppositioneller Parteien (die PNF wurde Staatspartei), Ausschaltung des Parlaments, Gleichschaltung der Presse, Polizeiterror gegen Andersdenkende,… Das unter Duldung von König Vittorio Emanuele III.

Die Wahl 1924 war die letzte halbwegs faire in der Zwischenkriegszeit. 1923 kam das Acerbo-Gesetz zustande, eine Wahlrechtsänderung, die der stimmenstärksten Partei zwei Drittel der Parlamentssitze zumaß. Das war 1924 erwartungsgemäß die Lista Nazionale (PNF,…), vor der PPI. Slawen und Deutsche traten wie 1921 wieder zusammen an (Liste di slavi e di tedeschi), konnten in Venezia Giulia (Josip Vilfan,…) und Tridentina einige Sitze erringen. Auch trat eine eigene Liste der Sarden an (die grösste Minderheit Italiens, bis heute, falls sie als nicht-italienische Gruppe klassifiziert werden). Der Jurist Karl Tinzl, im 1. Weltkrieg in der österreichisch-ungarischen Armee, 1919 einer der Mitbegründer des Deutschen Verbands, 1923 Nachfolger von Reut-Nicolussi als dessen Vorsitzender geworden, 1921 bereits in die Kammer gewählt, behauptete 1924 seinen Sitz. Zusammen mit ihm zog Paul von Sternbach ein. Tinzl suchte in dieser Legislatur-Periode, 1924 bis 1929, anfangs eine Verständigung mit den faschistischen Machthabern.

Die PSU, die antimarxistische Abspaltung von der PSI, war dritt-stärkste Partei geworden. Giacomo Matteotti, ihr Sekretär1, verlangte kurz nach der Wahl 24 ihre Annullierung aufgrund von Unregelmäßigkeiten. Einige Tage später war er tot. Die anti-faschistischen Kräfte (die “Aventinianer”) verliessen darauf hin das Parlament. Im Rahmen der Parteien-Auflösung 1926 wurde auch der Deutsche Verband verboten und wurden die Mandate der Aventinianer (darunter war auch Alcide De Gasperi von der PPI) aberkannt. Bei der “Wahl” 29 und den folgenden traten nur die Faschisten an.

1923 wurde im Compartimento Venezia Tridentina die Einheitsprovinz Trentino (Trient) gebildet, die also Südtirol und Trentino umfasste. Mit einem Präfekten, in Trient, und einem Unterpräfekten in Bozen. Im selben Jahr wurden die ladinischen Täler Ampezzo und Buchenstein der Provinz Belluno angeschlossen (Compartimento Venezia Euganea). 1927 wurde im Rahmen einer Verwaltungsreform die Provinz Bozen (Provincia di Bolzano) geschaffen, herausgelöst aus der Einheitsprovinz. Dass Südtirol eigene Provinz wurde, hatte den Hintergrund, das Land der Kontrolle der Trentiner zu entziehen; die Faschisten begannen, den nach Südtirol berufenen Trentiner Beamten zu misstrauen, sie der “Verbrüderung” zu verdächtigen…2 Bei der Provinz Trient blieben das Südtiroler Unterland (Südgrenze Südtirols verlief nun bei Leifers, nicht bei Salurn) sowie der Deutschnonsberg; dies bestand bezüglich Wahlkreisen schon seit 1921 so.

Unter dem Faschismus wurden die Mitglieder der Deputazione provinciale, der Provinzregierung, ab 1923 vom Regime ernannt. Was die Provinzen Bozen und Trient betraf, wurden diese vor dem Faschismus nicht gewählt, weil sie noch nicht bestanden haben. Ende 1928 schaffte man die noch bestehenden Selbstverwaltungsorgane der Provinzen ganz ab und ersetzte sie durch einen ernannten Vorsteher (Preside) und durch ein Rektorat (Rettorato). Die Präfekten, die die Provinzen von Anfang an hatten, blieben. 1925 begann man auch damit, die Gemeindeautonomie abzuschaffen. 1926 wurden – überall in Italien – die gewählten Bürgermeister abgesetzt und staatliche “Amtsbürgermeister”, die Podestà, eingesetzt. In Südtirol waren die (nicht nur frei gewählten, sondern auch “andersstämmigen”) Bürgermeister zT schon vorher abgesetzt worden; in Bozen wurde Julius Perathoner ja 1922 durch einen “Sonderkommissar” ersetzt.

Die nach dem 1. Weltkrieg neu hinzu gekommenen Minderheiten im Norden, Deutsch(sprachig)e, Slowenen und Kroaten wurden eine Zielscheibe im Inneren, neben Regimegegnern. Über den Beginn der Italianisierung in der Venezia Tridentina (Südtirol und Trentino) und Venezia Giulia (Istrien, Görz, Fiume/Rijeka,…) steht schon im erwähnten ersten Südtirol-Artikel einiges. Nicht abzusehen war damals, dass die nationalistische Politik auf eine totale Italianisierung hinaus laufen sollte. Die drastische Einschränkung von Minderheitenrechten betraf auch “alte” Minderheiten, wie die Franco-Provenzalen im Piemont.3 Für die romanischen und/oder in Italien verwurzelten Volksgruppen, dazu sind auch die Sarden oder die Griechen in Kalabrien zu zählen, war der Faschismus in dieser Hinsicht aber wahrscheinlich weniger schlimm.

Als für die Süd-Slawen im Nordosten und die Deutschen, wozu neben den Süd-Tirolern auch die Sprach-bzw Minderheiteninseln der Zimbrer und Mocheni/Fersentaler, Kärntner Kanaltaler sowie weitere im Nordosten zu zählen sind. Nur die Walserdeutschen im Nordwesten (Piemont) waren schon lange in Italien heimisch. Der  Trentiner Irrendentist Ettore Tolomei war Antreiber der Italianisierung in Südtirol, er wollte ursprünglich die Ladiner als Instrument dafür. Ab der Zeit des Faschismus übte Tolomei in Italien Einfluss aus.

Unter der faschistischen Regierung Mussolini kam es zu einem gross angelegten Transfer von Italienern, meist aus dem Süden, Arbeiter- und Beamtenfamilien. Und zum Bau vom Wohnhäusern für die Neuen. In manchen Fällen war die Versetzung in die weit entfernte Provinz Bozen Strafe für mehr oder weniger schwere Vergehen. Die Einwohnerzahl Bozens wuchs von 1921 bis 1939 von etwa 26 400 auf 58 000.

Tolomei verlangte in den 1930ern die Umsiedlung Südtiroler Bauern nach Abessinien/Äthiopien, das Italien gerade in Besitz genommen hatte. Die Ansiedlung von Italienern in Kolonien war ein Projekt des Faschismus; in diesem Fall wäre sie mit einer Ausdünnung der “fremdstämmigen” Minderheit in ihrer Provinz einher gegangen. Österreichisch-stämmige Einwohner Südtirols, die keine italienische Staatsbürgerschaft hatten, wurden ausgewiesen. So der Kärntner Sebastian Weberitsch, der von 1900 bis 1925 als Facharzt in Bozen tätig war (einst von einem Bundesland ins andere gegangen war). Die Staatsbürgerschaft wurde ihm auf sein Ansuchen hin verweigert. Er verfasste Memoiren.

Italienische Einwanderung, industrielle Erschliessung und Modernisierung (von Kraftwerken bis Spül-Toiletten) kamen Hand in Hand nach Südtirol, unter dem Faschismus4. Die Industriezone Bozen wurde ab Herbst 1935 am Südrand der Stadt errichtet, unmittelbar vor der Ernte wurden Zehntausende Obstbäume und Weinstöcke abgeholzt. Es entstand dort das Lancia-Auto-Werk.5 Oder das Aluminiumwerk Montecatini. Diese Betriebe beschäftigten fast ausschliesslich aus dem Süden eingewanderte Italiener. Die städtischen Grosswohnbauten wurden in derselben Gegend errichtet.

Ab 1923 wurden Ortsnamen durch italienische ersetzt (Schilder übermalt,…), die fälschlich als „Rückübersetzungen“ deklariert wurden. Es handelte sich dabei um die Erfindungen Tolomeis. Auch andere Arten von topographischen Bezeichnungen wurden geändert, traten also nicht an die Seite der bisherigen, sondern an ihre Stelle. Die Bezeichnung Alto Adige (manchmal als “Oberetsch” übersetzt) für das Land wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Irredentismus geprägt, in Anlehnung an den Namen des Départements Haut-Adige im napoleonischen Königreich Italien, das auch den Südteil des späteren Südtirols umfasste.

Auch viele Familiennamen wurden zwangsweise geändert. Und, deutscher Schulunterricht wurde verboten, mit der Lex Gentile 19236. Die Antwort waren Geheimschulen, sogenannnte “Katakombenschulen” (in Erinnerung an die verfolgten Christen im alten Rom). In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden zudem in Bozen (v.a. im Stadtteil Gries) mehrere Gebäude im faschistischen Stil errichtet, wie das „Siegesdenkmal“, der Parteisitz (heutiges Finanzamt) und ein neue Gerichtsgebäude. Hinzu kamen Einberufungen ins italienische Militär. In der Phase der schwersten Unterdrückung der Südtiroler söhnte sich das Königreich Italien mit dem Papsttum bzw der katholischen Kirche aus, was seit der Eingliederung des Kirchenstaats in Italien im Zuge des Risorgimento 1870 ausständig war. Die Lateranverträge 1929 brachten die Unabhängigkeit des Vatikans.

Das Julische Venetien im Nordosten, das ehemalige österreichische Küstenland, wies viele Gemeinsamkeiten mit Südtirol auf: das österreichische Erbe, die grosse nicht-italienische Volksgruppe, umstrittene Grenzen. Und die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg bezüglich Italianisierung, vom Austausch von Beamten über die Schliessung anders-sprachiger Schulen und Änderungen von Namen bis zu Ansiedlungen von Italienern. Das Italienische war in der Venezia Giulia aber viel stärker als in Südtirol und die Volksgruppen hier nicht so klar voneinander abgegrenzt (die Kultur war entscheidend).

Und, dort gab es Widerstand der Slowenen und Kroaten. Von der 1924 gegründeten Organisation TIGR, die für Trst (Triest), Istra (Istrien), Gorica (Görz) und Reka (Rijeka) stand; der volle Name war Revolucionarna organizacija Julijske krajine T.I.G.R. Die Organisation bestand hauptsächlich aus Slowenen, die den Nordwesten dieser Region bevölkerten und weniger aus Kroaten Istriens; auch antifaschistische Italiener machten mit. Sie pendelte von rechts nach links. Der Triester Slowene Josip Vilfan, ein Führer der Slawen in Istrien und den umliegenden Ländern, war nicht Teil des radikalen Widerstands von TIGR, musste dennoch Übergriffe und Schikanierungen durch den Faschismus erdulden. 1928 ging er nach Österreich, dann nach Jugoslawien, wie viele Slawen aus dem faschistischen Italien.

Das SHS-Reich (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ab 1929 Jugoslawien) war einer jener Staaten, in dem es nach dem 1. WK eine italienische Volksgruppe gab. Circa 500 000 Slowenen und Kroaten lebten in der Venezia Giulia, einige Tausend Italiener im SHS-Königreich (v.a. Dalmatien). Es gab Auswanderungsaktionen, von Italienern v.a. nach Zara/Zadar, von Süd-Slawen in den SHS-Staat (ca. 70 000)7 Eine Art Bevölkerungsaustausch, wobei sich die Grenzen bald wieder ändern sollten. Der italienischen Minderheit verblieben gewisse Rechte (auf Grundlage des Rapallo-Vertrags), die die Südslawen im faschistischen Italien verloren, etwa Elementarunterricht in der Muttersprache. Das SHS-Reich wurde Hauptfeind Italiens. Italien bot etwa Exil/Unterstützung für die kroatische nationalistische Ustascha unter Pavelic.8 SHS/YU war jedenfalls Schutzmacht der Slawen in Italien, im Gegensatz zu Österreich für die Südtiroler.

Österreich und Deutschland

Die Grenzen und die Eigenständigkeit der ersten österreichischen Republik waren in in St. Germain festgelegt worden. Die Staatsform war ja auch neu. Wenige wollten diesen Staat. Ja, der Katholizismus taugte als Identitätsmerkmal Österreichs. Dass Österreich von Südtirol, der Untersteiermark und den Sudetenländern abgetrennt war, war v.a. in den angrenzenden Bundesländern ein Thema. Es gab nach dem Krieg einen kleinen Exodus von Alt-Österreichern (aus der Tschechoslowakei oder dem SHS-Staat) nach Rest-Österreich. Es kamen auch Nicht-Deutsche, v.a. solche, die Österreich-Ungarn gedient hatten. Feldmarschall Boroevic etwa, einer der Feldherren der Donaumonarchie an der Italienfront, diente sich nach dem Krieg der SHS-Armee an, wurde nicht genommen, liess sich in Österreich nieder. Der christlich-soziale Josef Schraffl war letzter Tiroler Landeshauptmann in der Monarchie, erster in der Republik; ein Anhänger der Monarchie, arbeitete er dann mit der Republik zusammen bzw in ihr.

Italien wurde einer der wichtigsten Partner Österreichs, sein faschistisches System ab 1922 und die Unterdrückung der Südtiroler änderte nichts daran. Österreich (die Politik) hat Südtirol sehr bald nach dem Krieg, sogar schon vor der Machterringung des Faschismus, fallen gelassen. Aus der Weimarer Republik kam dagegen etwas Protest. Grund war die aussenpolitische Isolierung der jungen Republik Österreich (jedes Zusammengehen von Österreich mit dem Deutschem Reich wurde von den Grossmächten argwöhnisch beobachtet). Das faschistische Italien war auch strikt gegen eine Restauration der Habsburger-Monarchie in Österreich, wohl im Hinblick auf die nach dem Krieg von Österreich gewonnenen Gebiete. Im Februar 1928 wurde das Südtirol-Thema und auch speziell die Verbannung Josef Noldins (russische Kriegsgefangenschaft, Dt. Verband, Engagement für Geheimschulen) auf Lipari im Parlament in Wien behandelt. Die österreichische Sozialdemokratischen Partei brachte 1931 eine Broschüre mit dem anklagenden Titel “Südtirol verrecke!” heraus, wo sie den österreichischen Umgang mit Südtirol anprangerte.

Eduard Reut-Nicolussi, der nach dem 1. Weltkrieg Abgeordneter im österreichischen Parlament (1919) und dann im italienischen (1921 bis 1924) war, betätigte sich nach Beendigung seiner Mandate auf einer anderen Ebene politisch. Er war in Bozen als Rechtsanwalt tätig, und verteidigte vornehmlich Leute, die aus politischen Gründen oder ethnischen vom faschistischen Regime verfolgt wurden, etwa Gewerkschafter oder (Hilfs-)Lehrer des verbotenen Deutsch-Unterrichts. 1927 wurde er schliesslich von der Anwaltsliste gestrichen,  daraufhin ging er nach Innsbruck. Dort verfasste er das Buch „Tirol unterm Beil“. Dann war er aktiv als Leiter des österreichischen „Deutschen Schulvereins (Südmark)“ sowie beim “Andreas-Hofer-Bund Tirol” (AHBT), die bei der Unterstützung des deutschen Geheimunterrichts in Südtirol zusammen arbeiteten.

Südtiroler, die in faschistischer Zeit schon vor der Option nach Österreich oder Deutschland umsiedelten, wie Reut-Nicolussi, gab es einige. Etwa der Historiker Leo Santifaller, der Maler Paul Flora oder der Raketentechniker Max Valier. Oder auch Karl Ebner, der Südtirol verliess, als er 1923 ins italienische Militär eingezogen werden sollte. Er wurde Jurist und nach dem Anschluss stellvertretender Leiter der Gestapo Wien.

Natürlich gab es in Südtirol in der schweren Lage Hoffnung auf Österreich oder auf Deutschland. Mit dem Anschluss Österreichs waren es Deutschland und der Nationalsozialismus, die als Alternative zur Lage unter dem italienischen Faschismus blieben. Aber grossdeutsche Hoffnungen und der deutsche Faschismus etablierten sich bereits davor in Südtirol, auch vor der Machterringung Hitlers im Deutschen Reich. 1932 wurde der “Völkische Kampfring Südtirol” (VKS; aus der „Südtiroler Heimatfront“) gegründet. Auch bei Kanonikus (Domherr) Michael Gamper trat das Christlich-Soziale zeitweilig in den Hintergrund.

1933, als im Deutschen Reich Hitler an die Macht kam, wurde auch in Österreich die Demokratie ausgeschaltet, wurde der austrofaschistische Ständestaat errichtet, unter Bundeskanzler Dollfuss. Dieser war sehr von Mussolini beeinflusst. Die Machtübernahme der Nazis in Deutschland führten zu einer noch engeren Anlehnung der Republik Österreich, der Christlich-Sozialen, an das faschistische Italien. So hoffte man, die Eigenständigkeit Österreichs erhalten zu können. Während des Nazi-Putschversuchs in Österreich 1934 zog Mussolini am Brenner Truppen zusammen, um Hitler davon abzuhalten, diesen zu unterstützen. Die Kanzler des Ständestaats, Dollfuss und Schuschnigg, setzten auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern bzw deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien (34 römische Protokolle).

So gab es unter dem Austrofaschismus schon gar keine Forderungen an Italien nach Grenzrevisionen oder Minderheitenschutz bezüglich Südtirol. Widerstand gegen diese Linie gab es hauptsächlich aus/in (Nord-) Tirol. Und so richteten sich Südtiroler Hoffnungen noch mehr auf Hitler und Nazi-Deutschland. Eduard Reut-Nicolussi musste 1935 auf Druck der austrofaschistischen Regierung bzw auf Wunsch Italiens als Obmann des Andreas-Hofer-Bundes zurücktreten… Auch die Ablöse von Ernst Rüdiger Starhemberg, 1934 bis 1936 Vizekanzler unter Dollfuss und Schuschnigg, stand in diesem Zusammenhang.

Starhemberg, im Ersten Weltkrieg wie Dollfuss an der Italienfront im Einsatz, war vom monarchistischen Flügel der Christlichsozialen. 1936 näherte sich zum einen Schuschnigg etwas an Hitler an, auf Kosten der Beziehung zu Mussolini; zum anderen gelang Italien im zweiten Anlauf die Annexion Abessiniens (durch den Angriffs-Krieg 1935/36). Starhemberg wollte weiter eine enge Anlehung an das faschistische Italien, um nicht von Nazi-Deutschland “geschluckt” zu werden. Er schickte ein überschwengliches Glückwunschtelegramm an Mussolini, dessen Regime nach dem Krieg nun etwas isoliert war.

Italien hatte 1895/96 erstmals versucht, Abessinien/Äthiopien einzunehmen (Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua, konnte seine Unabhängigkeit wahren. Italien behielt nur das, was Eritrea wurde. 1935 marschierten das italienische Militär unter General Emilio De Bono von Eritrea aus in Äthiopien ein und begann den zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg; führte ihn unter Einsatz von Giftgas. Im Mai 1936 wurde Äthiopien schliesslich Teil des italienischen Kolonialgebietes Ostafrika (Kaiser Haile Selassie ging ins Exil) und blieb das bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Invasion wurde vom Völkerbund verurteilt, und das faschistische Italien unter Mussolini wurde als Aggressor bezeichnet, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt.

Etwa 1300 Südtiroler mussten bei dem Kolonial-Abenteuer im italienischen Heer mitmachen, wo insgesamt um die 500 000 Italiener aufmarschierten. Viele davon blieben bis 1941 bei der Besetzung beteiligt und machten Niederlage, Kriegsgefangenschaft, Abzug mit. Hunderte Südtiroler die 1935 eingezogen wurden, desertierten/flüchteten nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz. 17 Südtiroler sollen in Ostafrika gefallen sein. In der Literatur-/Linkliste unten finden sich zwei Darstellungen zum Thema Südtiroler in Abessinien-Krieg (ein Buch und ein Film), die beide auf den selben Historiker zurückgehen.

1936 die Bildung der Achse Berlin-Rom; 1937 liess Mussolini Hitler freie Hand für Österreich; im März 1938 der Anschluss. Rolf Steininger hat es in einem Satz zusammen gefasst: Hitler opferte nicht das Bündnis mit (dem faschistischen) Italien für Südtirol, sondern Südtirol für das Bündnis mit Italien. Bereits 1922 erklarte Hitler in einer Rede in München: “Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine grosse Zukunft hat, muss Deutschland zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht auf die Deutschen in Südtirol.” Das Bündnis mit Mussolini galt ihm als wichtigste Voraussetzung eines erfolgreichen Kriegs in Mitteleuropa, im Mittelmeerraum, am Balkan und in Nordafrika. 1926 liess er in seiner Schrift “Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem” erneut erkennen, dass er Südtirol dahingehend als ein Hindernis sah. Bei einer Wahlrede 1928 soll er gesagt haben: „Wenn ein Andreas Hofer aufsteht, soll er sich hüten, dass er auf der Flucht nicht nach Deutschland kommt, sonst wird er verhaftet und ausgeliefert.“

Doch für die meisten Südtiroler kam die Ernüchterung erst am 7. Mai 1938, mit Hitlers Besuch in Rom. Hier machte er erneut klar, dass es sein “unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk” sei, “die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen”. Ausserdem wurde mit Mussolini prinzipielle Übereinstimmung in der Frage der „Auswanderung“ der Südtiroler gefunden. Für so etwas wie “Minderheitenschutz” hatte der grössenwahnsinnige Hysteriker höchstens Verachtung über und hätte Mussolini das aufgezogen, hätte er wohl die Achtung vor ihm verloren. Hitler fuhr zum Treffen mit dem faschistischen Diktator mit dem Zug, auch durch Südtirol. Dort versammelten sich in den Bahnhöfen tausende Menschen, um ihm zuzujubeln. Der “Führer” liess die Vorhänge seines Abteils zu.

1935 wurde der Schneidergeselle Peter Hofer, zuvor Obmann der katholischen Gesellenjugend, Führer des VKS. Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte die Rede Hitlers 38 in Rom mit. Er war bestürzt, schrieb aber schliesslich in sein Tagebuch: “Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können.” Ja, Hitler und Tirol. Osttirol wurde im Juli 1938 mit Kärnten zum „Gau Kärnten” vereinigt.

Im Mai 1939 der Stahlpakt zwischen Hitler und Mussolini. Im Oktober ’39 schlossen die beiden das Abkommen über die Option der Südtiroler auf Auswanderung. Aufgabe der Heimat oder die Aufgabe aller Rechte in Italien waren die Alternativen. Bevölkerungsaustausche gab es in der Zwischenkriegszeit einige, etwa den 1923 vereinbarten zwischen Griechenland und der Türkei. Der deutsche Botschafter in der Türkei, Rudolf Nadolny, hatte seinem italienischen Amtskollegen Montagna bereits 1925 eine Umsiedlung der Südtiroler vorgeschlagen. Der deutsche Publizist Siegfried Lichtenstaedter machte in den 1920ern den Vorschlag, die italienische Bevölkerung des Schweizer Kantons Tessin mit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol “auszutauschen”.

Der nun klandestine Deutsche Verband (katholisch-konservativ) und der nazistische VKS beschlossen bei einem Treffen bei Michael Gamper in Bozen, die Heimat keinesfalls zu verlassen. Doch der VKS schwenkte nach einem Treffen seiner Führung mit Heinrich Himmler (dem Organisator der Umsiedlung) um und propagierte die Auswanderung als bessere Option. Der VKS leistete Propagandaarbeit fürs Wegziehen. Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) entstand 1940 als Vereinigung von Südtiroler Aussiedlern oder Ja-Optanten (was ja nicht dasselbe war). Karl Tinzl war gegen die Option über die Auswanderung, optierte aber dann dafür, war in der AdO tätig.

Das Abkommen zur Umsiedlung betraf neben den Südtirolern auch die Ladiner und andere deutsche Minderheiten (Angehörige deutscher Sprachinseln) in Norditalien. Das waren die Bewohner des Kanaltals und der Gemeinden Sauris und Timau in der Venezia Euganea. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, ob auch die Zimbrer und Fersentaler im Trentino sowie die Ladiner ausserhalb Südtirols, im Trentino und der Provinz Belluno mit einbezogen waren.9

Südtirol war erfüllt mit Spekulationen, was mit “Optanten”, was mit “Dableibern” konkret geschehen würde. Ansiedlungen waren v.a. in vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektierten Gebieten geplant, zur Veränderung von deren Bevölkerungsstruktur. Die Nazis behaupteten, dass diejenigen Südtiroler, die nicht für Deutschland optieren würden, nach Sizilien transferiert werden würden. Mussolinis Präfekt in Südtirol (Provinz Bozen) 1933-40, Giuseppe Mastromattei, versprach, dass alle jene, “die immer Treue zu Italien und zu den Einrichtungen des Regimes bewiesen haben”, im angestammten Lande bleiben dürften. Mit der Option sah Ettore Tolomei sein Lebenswerk vollendet. Die faschistische Regierung Italiens hatte auch Befürchtungen bezüglich eines Weggangs der Südtiroler, vor entvölkerten Tälern und Dörfern.

Bis Jahresende 39 musste entschieden werden; Familienväter stimmten für die Familien. 86% waren schliesslich fürs Gehen (die NS-Option), optierten für Auswanderung. Ab 1940 wurde die Auswanderung umgesetzt, sie geriet bald ins Stocken, wegen Fehlens geeigneter Umsiedlungsgebiete. Etwa 75 000 verliessen bis 1943 das Land, vor allem nach Nordtirol, Vorarlberg und Bayern. Wenige Ja-Optanten wurden in Tschechien und Luxemburg angesiedelt.

Der niedere Klerus war für das Dableiben, der höhere fürs Wegziehen. Vorwiegend Städter und Gebildete sind ausgewandert. Viele Südtiroler Beamte verloren erst mit der Option ihre Stellen. Die vierzehnprozentige Minderheit – 34 000 Menschen – , die bleiben wollte, bestand hauptsächlich aus Bauern. Ihr Führer war Michael Gamper; auch der Abgeordnete zum italienischen Parlament 1924-29, von Sternbach, nahm eine führende Rolle ein. Aus Widerstand gegen das nazistisch-faschistische Aussiedlungsprojekt formierte sich der Andreas-Hofer-Bund (AHB), nicht zu verwechseln mit dem Andreas-Hofer-Bund Tirol (AHBT). Es ging diesem Bund um den Verbleib der Südtiroler in ihrem Land und um darüber hinaus gehenden Widerstand. Hans Egarter, Journalist beim katholischen Athesia-Verlag, war sein Leiter. „Dableiber“ wie Egarter, Sternbach, Volgger waren oft Antifaschisten und im AHB.

Viele deutsch(sprachig)e Volksgruppen in Europa wurden unter Hitler umgesiedelt, noch mehr verloren ihre Heimat infolge der Nazi-Politik. Wie auch anderswo (und am Ende durch den Rückstoss überall) mussten “Volksdeutsche” draufzahlen für Nazis, widersinniges “Grossdeutschtum”. Von den Nazis kam nicht die “Erlösung” für die schlimme Unterdrückung unter dem Faschismus sondern eine Steigerung: Auswandern oder jede nationalen Rechte aufgeben. Im Budweiser Becken wurden einigen Zimbrern aus dem Trentino Höfe “in Verwaltung” übergeben. Wer von den Umsiedlern geglaubt hatte, eine neue Heimat gefunden zu haben, wurde gegen Kriegsende eines Besseren belehrt. Eine erneute Flucht stand an; in ähnlicher Weise wurde etwa in der Untersteiermark die slowenische Bevölkerung aus und Volksdeutsche aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gotschee angesiedelt. Bis 1945.

Im Krieg

Das faschistische Italien trat 1940 in den 2. Weltkrieg ein, um italienische Interessenssphären sowie jenen der Deutschen, gewann für einige Jahre neue Gebiete hinzu, am Balkan, im Mittelmeerraum, Nordafrika. Optanten kamen ab 1939 in die Wehrmacht, Dableiber ab 1943; im 2. WK gab es damit kaum eine Südtiroler Mitwirkung in der italienischen Armee. Infolge des alliierten Sieges  von El Alamein 1942 verlor die Achse in Nord-Afrika (in Nordost-Afrika bereits zuvor). 1943 setzten die Alliierten nach Sizilien über, rollten Italien von unten auf. Auch am am Balkan gab es in dieser Zeit Niederlagen und Verluste.

In dieser Situation wurde Mussolini vom König entlassen, neuer Premierminister wurde Generalstabschef  Pietro Badoglio. Unter diesem wechselte Italien von den Achsenmächten auf die Seite der Alliierten. König Vittorio Emanuele di Savoia und die Badoglio-Regierung begaben sich unter den Schutz der Alliierten in Süd-Italien (USA, GB und “Hilfstruppen”)10. Politische Parteien entstanden in dieser Machtsphäre wieder, schlossen sich zum Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) zusammen, das in die Badoglio-Regierung eintrat.

Nach dem Ende des Bündnisses Hitler-Deutschlands mit Italien wurde Hitler-Deutschland in Norditalien Machhaber (anfangs auch in Mittelitalien). Es entstand unter dem aus seiner Gefangenschaft befreiten Mussolini die “Repubblica Sociale Italiana” (RSI), die von der Wehrmacht abhing. Diese gründete im September 1943 die „Operationszone Alpenvorland“ (Provinzen Bozen, Trient, Belluno) und die „Operationszone Adriatisches Küstenland” (bestand aus Friaul, Teilen des Julischen Venetiens und der bislang auch italienisch verwalteten slowenischen Krain). Deutsche Truppen rückten u.a. nach Südtirol vor (wurden dort mit Jubel empfangen), entwaffneten Teile der italienischen Armee, stellte eine neue auf, für die RSI, die “Esercito Nazionale Repubblicano” (E.N.R.) unter Rodolfo Graziani. Kommunistische Partisanen, mehr oder weniger mit dem CLN bzw der “Süd-Regierung” verbunden, leisteten im Norden Widerstand gegen deutschen und italienischen Faschismus.

Offiziell blieb Südtirol bzw das Gebiet der “Operationszonen” also, wieder aus Rücksicht auf den von den Nazis befreiten Duce, ein Teil Italiens (bzw der “Repubblica di Salò”, wie die RSI auch genannt wurde). Die Umsiedlung wurde gestoppt, die Option kam zum Erliegen. Die AdO wurde aufgelöst und in “Deutsche Volksgruppe” umbenannt; Peter Hofer wurde zum „Volksgruppenführer“ und Präfekt der Provinz Bozen befördert. Nach dessen Tod durch eine Fliegerbombe im Dezember 194311 wurde Karl Tinzl Nachfolger als Präfekt. Unterstellt war er dem Salzburger Franz Hofer, der als Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland und ausserdem als NS-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg fungierte (dieser Gau umfasste das nördliche, österreichische Tirol). Adolfo de Bertolini war unter Hofer für das Trentino zuständig.

Im deutschsprachigem Teil des “Alpenvorlands” stand erst recht Nationalsozialismus über Faschismus. Hitler nahm aber auch nach dem italienischen Regime- und Frontwechsel Rücksicht auf Mussolini und dessen Reststaat. Südtirol wurde nicht dem Deutschen Reich angeschlossen (Hofer war dafür). Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Diverse faschistische Maßnahmen wurden ausser Kraft gesetzt.

Die deutschsprachige Tageszeitung “Dolomiten” konnte ab 1925 wieder erscheinen, Michael Gamper hatte dies mit Unterstützung des Vatikans erreicht. Unter Mussolini konnte dieses eine deutsche Printmedium in Südtirol also meist erscheinen, unter der deutschen Herrschaft wurde sie nun verboten, zu christlich-sozial, zu südtirolerisch-partikularistisch war es. Die Mehrheit der Südtiroler war davon überzeugt, dass ihr Land nun nie mehr zu Italien kommen würde: Gewann Hitler den Krieg, würde er es behalten12; verlor er ihn, so würden es die Alliierten an Österreich zurückgeben.

Einige Mitglieder der AdO schlossen sich zum “Südtiroler Ordnungsdienst” (SOD) zusammen und waren ab September 1943 maßgeblich beteiligt (neben SS u.ä.) an der Verfolgung von Kommunisten und anderen Dissidenten, Partisanen, Juden13, Südtiroler Kriegsdienstverweigerern, Behinderten, in der „Operationszone Alpenvorland“. Auch gab es Repressalien an Dableibern/Nein-Optanten. Familienangehörige wurden in Sippenhaft genommen.

Die ethnisch oder politisch Verfolgten wurden in der Regel in das Lager Gries bei/in Bozen eingeliefert, das auch “KZ Sigmundskron” oder “Durchgangslager Bozen” genannt wurde. Von dort wurden sie zT in “echte” “Konzentrationslager” abtransportiert. Das Lager Bozen war vom Juli 1944 bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb, aber bereits seit dem Winter 1943 wurden darin einige Südtiroler gefangen gehalten. 11 000 bis 15 000 Gefangene wurden dorthin gebracht. Im Unterschied zu anderen Lagern in Italien wurde es von deutschen Dienststellen geleitet und verwaltet, verantwortlich war Franz Hofer. In Aussenlagern des Bozner Lagers in Südtirol mussten Gefangene Arbeitseinsätze leisten. Ettore Tolomei kam 1943 auch in deutsche Lager.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norditalien 1943 verschärfte sich auch die Verfolgung der Mitglieder des Andreas-Hofer-Bundes. Der Geistliche Michael Gamper konnte sich in einem Kloster bei Florenz in Sicherheit bringen. Friedrich „Friedl“ Volgger, seine rechte Hand in der Redaktion der “Dolomiten”, wurde in ein Konzentrationslager verschleppt. Hans Egarter, der in den letzten Kriegsjahren die Leitung des AHB übernahm, unterhielt ab 1944 Kontakte zum französischen und britischen Militärgeheimdienst in die Schweiz.

Kriegsende

Vom Süden rückte, wenn man so will, mit den amerikanisch-britischen Truppen  das künftige Italien vor. Im April und Mai 1945 fand die finale Offensive der Alliierten unter dem amerikanischen General Mark Clark in Nord-Italien statt. In ihren Reihen waren neben dem amerikanischen und britischen Militär auch Teile des italienischen, die üblichen Truppen aus Ländern des britischen Commonwealth (hier aus Neuseeland, Südafrika, Indien, Palästina), die polnische Exil-Armee sowie brasilianische Einheiten. Auf der Gegenseite die Wehrmacht in Italien unter Von Vietinghoff (Kesselring wurde am Kriegsende an die Westfront beordert) sowie das Militär von Mussolinis Salo-Republik. Vietinghoffs Quartier wurde Ende April in Bozen von Partisanen belagert, die ja die königlich-alliierte Seite unterstützen. Er nahm Kapitulations-Verhandlungen mit den Alliierten in Italien auf; auch andere nazi-deutsche Führer in Nord-Italien wie Hofer (mit einem Fuss nördlich des Brenners, mit dem anderen südlich davon) suchten Verhandlungen. Am 29. April wurde eine Kapitulation der deutsch-faschistischen Kräfte in Norditalien unter v. Vietinghoff für den 2. Mai ausgehandelt.

Mussolini versuchte, in die Schweiz zu entkommen, von dort wollte er in das franquistische Spanien weiter. Am 27. April wurden er und seine Vertrauten am Comer See (Lombardei) von kommunistischen Partisanen gestoppt und am nächsten Tag erschossen. Starace, jener Faschist der 1922 die Besetzung Bozens anführte, war einer jener, die zusammen mit Mussolini hingerichtet wurden. 2 Tage später der Selbstmord Hitlers. Es war das Ende des Krieges überhaupt, das Nazi-Reich implodierte, Vietinghoff wurde abberufen, es gab Verwirrung.

In Südtirol fanden zwischen der Kapitulation und dem Eintreffen der Alliierten diverse Bemühungen für die Zeit nach dem Krieg statt. Das CLN etablierte sich in Bozen, unter dem Mailänder Geschäftsmann Bruno De Angelis. Noch hatten die verbliebenen nazideutschen Behörden und Truppen die Macht.14 Partisanen wurden gegen sie aktiv. Es ging nun auch darum, ob die Machtübergabe der Nazis an die amerikanischen Truppen oder die demokratischen italienischen Parteien, das CLN, erfolgen würde. Auch um die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien oder Österreich.

Am 3. Mai kam es in der Bozner Industriezone, wo die Arbeiter der Lancia-Werke bewaffnet worden waren, zu einem Angriff auf die nach Norden zurückflutenden deutschen Truppen. Die “Schlacht von Bozen” forderte etwa 50 Tote, hauptsächlich bei den Partisanen und italienischen Zivilisten. Am selben Tag übergab der führende SS-General in Italien, Wolff, anscheinend die Verwaltung Südtirols (dessen Grenzen wie auch staatliche Zugehörigkeit noch nicht ganz fest standen) an das CLN unter De Angelis, nicht an Tinzl. Am 4. Mai erreichten die amerikanischen Truppen das grün-weiss-rot beflaggte Bozen. Sie bestätigten die italienische Verwaltung Südtirols durch das CLN unter De Angelis, die sich auf die Carabineri stützen konnte. Wehrmachts-Soldaten (auch Südtiroler) kamen in Gefangenschaft.

In Südtirol wie auf nationaler Ebene wurde also das CLN unter Kontrolle der anglokeltischen Alliierten bestimmende Kraft; die nicht unbedeutende Rolle der kommunitischen PCI darin war auch in den Augen der Amerikaner oder italienischen Christdemokraten noch kein grosses Problem. In Südtirol war das Machtgerangel der Partisanen mit den Amerikanern nicht so gross. Clark wurde Militär-Gouverneur in Italien, später Chef des USA-Militärs in Österreich. Italiener übernahmen unter amerikanischer Kontrolle also 1945 wieder die Kontrolle über Südtirol. Unter De Angelis als Präfekt der Provinz Bozen wurden alle Verordnungen aus der Zeit der nazi-deutschen Verwaltung ausser Kraft gesetzt, nicht jedoch alle faschistischen Gesetze. Es gab in mancher Hinsicht eine Rückkehr zu Rahmenbedingungen bis 1943, wie die fast alleinige Stellung der italienischen Sprache und die fast alleinige Besetzung öffentlicher Stellen durch Italienisch-Sprachige.

Zum 2. Vizepräfekten ernannten die Amerikaner, am 5. 5., Karl Tinzl, den Vorgänger von De Angelis als Präfekt. Die deutschsprachigen Südtiroler mussten sich nun wieder mit Italien und den Italienern arrangieren, bei der Vorbereitung der Nachkriegsordnung. Kontaktpersonen der US-amerikanischen Militärverwaltung waren auch Hans Egarter und andere AHB-Mitglieder wie Erich Amonn. Dableiber, oft solche die im Andreas-Hofer-Bund mitarbeiteten, waren nun “obenauf” bei den Südtirolern; daneben noch Optanten, die nicht mehr ausgesiedelt wurden und keine Nationalsozialisten waren. Tinzl nahm dabei eine seltsame Stellung, zwischen NS-Kollaborateuren und NS-Gegnern, ein.

Die führenden Südtiroler strebten nach dem Krieg eine Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich an. Die Übernahme der Zivilverwaltung im Land durch Italien(er) war diesbezüglich eine erste Niederlage. Reut-Nicolussi in Österreich, der während des Krieges im Widerstand zum NS-Regime gestanden war, arbeitete auch dafür, hielt auch Kontakte zum semi-clandestinen Movimento Separatista Trentino (MST), das auch das Trentin(o) aus Italien herauslösen wollte.

Am Ende des Kriegs führten die Fluchtwege von zwei entgegen gesetzten Gruppen aus dem (von Alliierten besetzten) deutschen Raum heraus über Südtirol, nach Italien und weiter aus Europa heraus. Zuerst von Juden, dann von Nazis. Eine Route führte über den Brenner, eine andere über die Birnlücke. Tirol war bis in die 1950er Drehkreuz bzw Transitland des jüdischen Exodus. Wichtigste Zwischenstation in Südtirol war das jüdische Sanatorium in Meran, von wo aus die Transporte meist zu den Schiffen von Genua weiter gingen. Von dort nach Palästina.15 Nazi-Funktionäre gingen die „Klosterroute“, später „Rattenlinie“ genannt, mit Hilfe der katholischen Kirche (Papst Pius XII., der österreichische Bischof Alois Hudal). Auch sie über Genua, meist nach Argentinien. Dort traf man sich manchmal wieder; die Wege der Beiden kreuzten sich auch in Südtirol: Es kam vor, dass sich Juden und Nazis zur selben Zeit im gleichen Flüchtlingsversteck (zB Klöstern) aufhielten. Die Bevölkerung Südtirols hatte trotz des “Verrats” durch den Nationalsozialismus anscheinend noch immer Sympathien für seine Vertreter und half oft den Flüchtigen. Die katholische Kirche half auch den Flüchtlingen.

Zuvor, am Ende des Kriegs, im April 45, gabs den Transport von „Sonder- und Sippenhäftlingen“ über das KZ Dachau nach Südtirol. Das waren deutsche Widerstandskämpfer und Regimegegner wie Fabian von Schlabrendorf, Martin Niemöller, Friedrich L. v. Preussen oder Fritz Thyssen, Verwandte von Angehörigen des Widerstands-Kreises in der Wehrmacht wie Stauffenberg, hohe Kriegsgefangene wie der SU-General Bessonow, in Ungnade gefallenen Nazis wie Schacht oder Halder, Überlebende des Great Escape, Schuschnigg mit Familie, der ehemalige französische Premier Blum, Xavier de Bourbon-Parma, der griechische Generalstabschef Papagos, der britische Geheimagent Sigismund Payne-Best, die Angehörigen von ehemalige NS-Verbündeten wie Badoglio oder Horthy. Georg Elser wurde vor dem Transport in Dachau ermordet. Anscheinend waren sie als Geiseln/Verhandlungsmasse für sie SS mit den Westalliierten in der „Alpenfestung“ gedacht. Kurz vor Inkrafttreten der Kapitulation Wehrmacht in Italien befreiten Soldaten der Wehrmacht unter von Alvensleben die Gefangenen aus der Gewalt der SS und brachte sie in ein Hotel in Niederdorf im Pustertal. Dort wurden sie bald von amerikanischen Soldaten übernommen.

Am 8. Mai 1945 wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet, aus Resten des Deutschen Verbands (von dem auch das Edelweiss-Symbol übernommen wurde) und dem Andreas-Hofer-Bund. Dableiber bzw Nein-Optanten dominierten die Partei anfangs, wie der erste Obmann Erich Amonn, Egarter, Volgger, Raffeiner, v. Guggenberg. Dass Tinzl und andere Optanten im Hintergrund waren, hatte auch den (pragmatischen) Grund, dass diese als NS-nahe gesehen wurden und man die Zulassung der Partei durch italienische und alliierte Stellen nicht gefährden wollte. Daneben waren viele von ihnen damals staatenlos (nicht mehr Italiener, noch nicht Deutsche geworden) und konnten keine politischen Mandate/Funktionen übernehmen. Am 17. Mai 1945 wurde Tinzl auf Betreiben des CLN als Vizepräfekt abgesetzt. Tinzl, der aufgrund seiner Staatenlosigkeit auch seinen Anwaltsberuf nicht ausüben konnte, widmete sich nun der Aufbauarbeit für die SVP und verfasste das erste Parteiprogramm.

Die SVP verhandelte mit den CLN-Stellen über die Rückkehr der Optanten und Minderheitenrechte, obwohl man damals nicht Teil des neuen Italiens werden wollte. Präfekt De Angelis wollte anscheinend die Ausweisung jener Südtiroler, die für die Auswanderung optiert hatten, aber das noch nicht getan hatten, der nichtumgesiedelten Optanten (das waren etwa 137 000 Personen), wie Tinzl einer war. Auch wurde die Frage der Kollaboration mit Nazis als Kriterium für die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft vorgeschlagen, was angesichts der Achse Hitler-Mussolini und der Nicht-Ahndung der meisten faschistischen Tätigkeiten irgendwie absurd gewesen wäre.16 Viele ausgesiedelte Südtiroler kehrten vor einer Regelung der Frage heimlich in das Land zurück. Im Oktober 1945 wurden wieder deutsch-sprachige Schulen in Südtirol zugelassen. In Rom wurde der Trentiner De Gasperi von der Democrazia Cristiana (DC) im Dezember 1945 erstmals Premier. Präfekt der Provinz wurde 46 Innocenti.

Die Entwicklungen in Nordost-Italien (Julisches Venetien, Friaul) wiesen am Ende des Krieges wieder Ähnlichkeiten und Affinität zu Südtirol auf, auch Unterschiede. Auch dort gab es also 1943 die Änderungen der Fronten. 1945 kämpften dort Wehrmacht, Faschisten, Kollaborateure gegen Partisanen (südslawische und italienische), Anglo-Alliierte; ein CLN bildete sich. Hier waren die Alliierten am Ende nicht überall die Ordnungsmacht bis zum Finden einer Nachkriegsordnung; die jugoslawischen Partisanen drangen (zum Abschluss der Eroberung Istriens) bis Triest vor (2. 5.; das nach 40 Tagen an die Alliierten übergeben wurde), schufen Fakten bezüglich künftiger Grenzen (das Äquivalent in Südtirol wären vorgedrungene österreichische Milizen gewesen, die aber auch die Wehrmacht bekämpft hätten). Es hatte hier mehrere deutsche Gefangenen-Lager gegeben, für Slawen, Juden und italienische Antifaschisten; die Behandlung der Slowenen und Kroaten dort war unter den Faschisten allgemein harscher als jene der Deutschen Südtirols – und entsprechend waren auch die Reaktionen/Repressalien (durch die jugoslawischen Partisanen) am/nach Kriegsende. Es gab Massaker und Vertreibungen an/von Italienern, wobei die Frage der Kollaboration mit Faschismus/Nationalsozialismus oft gar keine Rolle spielte. Und, die Grenze Italiens im Nordosten zu Jugoslawien war umstritten – und das sollte auch Rückwirkungen auf Südtirol haben.17

Nachkriegsordnung

Auf der Pariser Konferenz 1946 wurde u. a. das “Schicksal” Italiens entschieden. In Südtirol wurden dafür Unterschriften für eine Petition gesammelt, die die Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich (wieder selbstständig geworden) forderte. Fast alle grossjährigen, deutschsprachigen Südtiroler unterschrieben. Die Unterschriften wurden April 1946 auf einer Südtirol-Grosskundgebung in Innsbruck (Nord-Tirol; französische Besatzungszone) an Österreichs Bundeskanzler Figl überreicht. Österreich erhob auch diese Forderung; der Tiroler Landeshauptmann und spätere (ab 45) Aussenminister Karl Gruber übergab die Petition an die Pariser Konferenz. Österreich hatte selbst eine Territorialforderung abzuwehren: Tito-Jugoslawien erhob Ansprüche auf Südost-Kärnten, das Siedlungsgebiet einer slowenischen Volksgruppe. Bis zum Staatsvertrag 1955 (mit der definitiven Festlegung der Grenzen) erhob Österreich seinerseits Ansprüche auf einige Gebiete, neben Südtirol waren das das Kanaltal (ebenfalls von Italien), das Berchtesgadener Land (kleines deutsches Eck) und der Rupertiwinkel von Deutschland, Ödenburg/Sopron von Ungarn und ein Gebiet an der Thaya von der Tschechoslowakei.

Die nächste Protestaktion der Südtiroler war die Kundgebung von Castelfeder vom 30. Mai 1946, wo gefordert wurde, die Südgrenze der Provinz Bozen wieder unterhalb Salurn zu ziehen, das Unterland wieder vom Trentino an Südtirol zurück zu gliedern. Während dessen gab es im Julischen Venetien/Venezia Giulia/Julijska krajina die Vertreibungen von Italienern und die Kontrolle Dalmatiens, der Kvarner Bucht und Istriens durch Jugoslawien. Da sich dort ein Ausgang zuungunsten Italiens abzeichnete, verteidigte Italien umso zäher die Brennergrenze, zumal es das betreffende Gebiet unter seiner Kontrolle hatte. Und, von alliierter Seite war man bereit, Südtirol wie schon nach dem ersten WK Italien als Kompensation für jene Teile des Julischen Venetiens zu überlassen, die es nicht bekam. Inzwischen gab es ja auch die Konkurrenz zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion; und Italien (mit einer starken kommunistischen Partei) hätte sich zur SU neigen können, wenn sich die West-Alliierten für die Rückgabe Südtirols an Österreich eingesetzt hätten. Südtirol geriet zwischen die Mühlsteine des frühen Kalten Krieges, wenn man so will, während Triest Frontstadt des Kalten Kriegs wurde.

Ja, die Atlantik-Charta vom August 1941 von Franklin Roosevelt und Winston Churchill, genau wie Wilsons 14 Punkte 1918, gerechte Grenzen, Selbstbestimmungsrecht der Völker, usw. Nationale Ansprüche spiessen sich oft gegenseitig und ausserdem ging es gar nicht um eine gerechte Lösung sondern Belohung, Bestrafung, Vorbeugung und eigene Machtausübung.

Im Rahmen der Pariser Konferenz wurde 1946 ein Vertrag zwischen Österreich und Italien geschlossen, von den Aussenministern Gruber und De Gasperi, nach der alliierten Entscheidung über den Verbleib Südtirol bei Italien. Er sah Autonomie innerhalb Italiens vor, den Schutz der Kultur der deutsch(sprachig)en Südtiroler, Gleichberechtigung, die Revision verschiedener faschistischer Verordnungen, darunter die Rückkehr der ausgesiedelten Optanten18. Auch die Sprachinseln in der Provinz Trient wurden darin erwähnt. Der “Rahmen” der Autonomie sollte “auch” in Beratung mit lokalen deutschsprachigen Vertretern festgelegt werden. Das Abkommen wurde an den Pariser Vertrag der Alliierten mit Italien angehängt, der 1947 unterzeichnet wurde. Österreich, nach dem 2. WK erstmals nun für Südtirol engagiert, wurde durch den Vertrag indirekt Schutzmacht.

Es gab Aufruhr in Nord- und Südtirol nach der Entscheidung des Verbleibs Südtirols bei Italien, Protestkundgebungen in mehreren Städten. Im Pustertal, der österreichischsten Gegend (Bezirk wurde es erst später) Südtirols, gab es Zusammenstösse zwischen Bevölkerung und Carabineri. Österreich versuchte dann (erfolglos), wenigstens dieses Pustertal (der östliche Teil Südtirols) zu bekommen, die in der Ablehnung erwähnten möglichen “kleinen Grenzkorrekturen” einzulösen.

König Viktor Emanuel war nach der Befreiung Roms durch die Alliierten im  Juni 1944 in die Hauptstadt zurück gekehrt; er übertrug in der Folge die meisten seiner Rechte an seinen Sohn Umberto, behielt jedoch den Königstitel. Anfang Mai 1946 dankte er zugunsten seines Sohnes ab. Zu diesem Zeitpunkt gab es von verschiedenen Seiten Rufe nach einem solchen Schritt wie auch nach einer Abschaffung der Monarchie. Anfang Juni fand eine Abstimmung über die Staatsform sowie die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung statt. Italien wurde Republik.

Das Resultat der Pariser Friedenskonferenz vom Juli bis Oktober 1946 waren die im Februar 1947 unterzeichneten Verträge, darunter der Italien betreffend. Italien war gewissermaßen gleichzeitig Gewinner und Verlierer des Kriegs gewesen, war an der Seite der Achse und der Alliierten gestanden, war an Hitlers Kriegen beteiligt gewesen und auch am Sieg über ihn. Dann war auch das damals mit Stalins SU verbündete Tito-Jugoslawien ein Faktor. Am Ende musste Italien erhebliche Gebietsverluste hinnehmen, verlor in etwa das, was seit Kriegsende nicht mehr unter seiner Kontrolle war. Das war alles unter dem Faschismus eroberte (wie Albanien), alle Kolonien, und im Nordosten ganz Istrien (über Triest sollte erst entschieden werden), Teile von Friaul, Fiume, Dalmatien, an Jugoslawien. Wie Deutschland in dessen Ostgebieten (bzw über diese hinaus) hatte Italien im Ost-Adria-Raum zuviel gewollt und verlor alles. Im Nord-Westen wurden kleinere Grenzgebiete Frankreich zugesprochen. Hinzu kamen militärische Beschränkungen. Italien gewann aber seine Souveränität wieder, die Alliierten zogen ab.

Infolge der Gruber-De Gasperi-Vereinbarungen wurden diverse faschistische Maßnahmen zurück genommen, von der Italianisierung von Namen bis zur Auswanderung der Optanten. Anfang 1948 trat das Optantendekret in Kraft, welches die Rückkehr der Optanten und die italienische Staatsbürgerschaft für sie ermöglichte. Es betraf auch die Kinder der Optanten. Davor waren zwischen 2 000 und 12 000 ausgewanderte Optanten “illegal” nach Südtirol zurückgekehrt. Viele blieben aber weg, aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich in Österreich und West-Deutschland. Etwa Claus Gatterer, der im Österreich der Nachkriegszeit als Journalist, Historiker, Autor und Dokumentarfilmer von sich reden machte.

Die Südtiroler wurden durch die Option noch stärker ein “Bauernvolk”, da die Gebildeteren meist wegblieben; auch weil Italien mit verschiedenen Maßnahmen das Entstehen bzw Florieren einer Südtiroler Mittelschicht verhinderte. Michael Gamper leitete das Versöhnungswerk zwischen Dableibern und Optanten ein. Reut-Nicolussi, einer jener Südtiroler, die vor der Option gegangen waren, wegen der Zustände unter dem Faschismus, war nach dem Krieg kurzzeitig in der (Nord-) Tiroler Landesregierung, resignierte aber, nachdem 1946 klar wurde, dass Südtirol bei Italien bleiben würde, und zog sich weitgehend aus der Politik zurück. Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden des „Verbandes der Südtiroler“ gewählt. 1945 erhielt er an der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Völkerrecht und Rechtsphilosophie, 1951 wurde er Rektor der Universität Innsbruck.

Die gewählte Konstituante arbeitete eine Verfassung Italiens aus, die 1948 in Kraft trat. Italien wurde in Regionen eingeteilt, die die Compartimenti ersetzten. Südtirol wurde Teil der Region Trentino-Alto Adige (Trentino-Tiroler Etschland), als Provinz Bozen, blieb also mit dem Trentino (Provinz Trient) zusammen. Das Unterland kam von der Provinz Trient zu Südtirol zurück; das Gebiet um Ampezzo (nach dem 1. Weltkrieg abgetrennt) nicht. Trentino-Alto Adige wurde eine von fünf autonomen Regionen, die alle geographische, historische oder ethnische “Besonderheiten” aufweisen.

Nach der Ausarbeitung der Verfassung wurde 1948 gewählt, das nationale Parlament. Es gab, zu Zeiten des frühen Kalten Kriegs, mancherorts Angst vor einem kommunistischem Wahlsieg (PCI, Togliatti). Es siegte aber die DC, unter De Gasperi, und es wurde eine Koalition ohne die PCI gebildet. In Südtirol siegte die SVP, die fünf Abgeordnete ins Parlament in Rom senden durfte (u.a. Tinzl, v. Guggenberg, Volgger, Raffeiner). Auch in den autonomen Regionen und ihren Provinzen wurde erstmals gewählt.

In Trentino-Alto Adige (TAA) wurde der Regionalrat in zwei Wahlkreisen (Bozen, Trient) gewählt, Regionalrats-Abgeordnete wurden gleichzeitig Landtags-Abgeordnete. Die Wahl im Kreis Bozen war gleichzeitig Wahl zum Provinzrat (Landtag) Bozen (Südtirol). Bei dieser ersten Landtags-Wahl siegte die SVP klar, vor DC, MSI, PCI und anderen gesamtitalienischen Parteien verschiedener Richtungen. Die etwa 68% für die SVP dürften ziemlich dem Bevölkerungsanteil der deutschen/österreichischen Südtiroler (zu denen sich auch die meisten Ladiner zählen) entsprochen haben, wie er sich nun darstellte. Da Trentiner etwas zahlreicher sind, gab es 48 im (damals wichtigeren) Regionalrat eine (relative) Mehrheit für die DC, vor SVP, PATT (die Trentiner Autonomisten-Partei), PSI.

Landeshauptmann (Presidente della Provincia) der Provinz Bozen/Südtirol wurde Karl Erckert, ein nicht ausgesiedelter Optant. Der italienische Faschismus, der sich 1943 durch die de facto-Annexion durch Nazi-Deutschland weitgehend aus Südtirol verzogen hatte, kam nach dem Krieg wieder, in Form der neofaschistischen Partei MSI und ihrer Anhänger. Erckert bemühte sich um eine Überwindung der Gegensätze zwischen zurückgekehrten oder nicht ausgesiedelten Optanten und Dableibern, um Aufgaben des infrastrukturellen Wiederaufbaus, sowie eine Umsetzung der Autonomie innerhalb Italiens

Resümee

Die 4 Jahre vom Ende des Krieges zur Errichtung des Faschismus waren zu kurz und die italienische Herrschaft zu ungefestigt als dass diese Zeit wirklich zählen würde; die erste italienische Zeit für Südtirol war somit die faschistische und die ist in mancher Hinsicht für das Land noch immer prägend. Die Südtiroler waren ab Ende der 1930er nicht nur dem italienischem Faschismus sondern auch dem deutschem Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie waren aber nicht nur Opfer, wie sie sich gerne für diese Zeit darstellen, sondern auch Täter, wie viele andere „volksdeutsche“ Gruppen. Die Umsiedlungen von deutschen Volksgruppen in europäischen Ländern unter den Nazis zeigt den Wahnsinn des Nationalsozialismus’; mit der Angliederung Südtirols (und Österreichs) und Westpreussens wären sie durchgekommen, diese Gebiete würden heute noch zu Deutschland gehören. Das Schicksal von Südtirol und den Südtirolern pendelte vom Abschluss der Option über die deutsche, dann alliierte Besatzung bis zum Pariser Vertrag zwischen Italien und “Gross-Deutschland” bzw Österreich.

Luis Trenker wird ein Lavieren bzw Taktieren zwischen Mussolini und Hitler vorgeworfen. Dies kommt auch im 2014 gedrehten Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” von Wolfgang Murnberger heraus. 1945 hat er die ladinische Kulturorganisation “Union di Ladins de Gherdëina” mitbegründet. In gewisser Hinsicht steht er stellvertretend für die Südtiroler Bevölkerung. Es gab aber einen Südtiroler Widerstand gegen den NS. Kanonikus Gamper, Organisator der Katakombenschulen, war etwa Verfechter der Rechte der Südtiroler UND Nazi-Gegner.

Aber es gab wenig Aufarbeitung mit der Verstrickung in den NS. Der Dableiber Egarter, der sich dafür engagierte, geriet dadurch an den Rand der Gesellschaft. Aber, bevor man schnell urteilt: der Vietinghoff, der Nachfolger Kesselrings als Wehrmachts-Oberbefehlshaber in Italien war, spielte etwa eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr in der BRD (nach zweieinhalb Jahre in britischer Kriegsgefangenschaft), gehörte der Expertengruppe an, die 1950 im Auftrag der Regierung Adenauer die Himmeroder Denkschrift über einen westdeutschen Beitrag zur westeuropäischen “Verteidigung” verfasste. Und, das 1946 gegründete MSI ging vorwiegend aus Kämpfern und Funktionären der RSI hervor.

Das Schicksal der Südtiroler in der Zwischenkriegszeit, im 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit ist ein Lehrstück über die Unvereinbarkeit von rechten Ideologien verschiedener Länder, ein Kapitel aus dem Zeitalter des Nationalismus, mit Dramen und Paradoxa nationalistischer Flurbereinigungen. Deutsch-Sprachige Rechte sind bezüglich Südtirol unter den Nazis in einer Zwickmühle. Hitler wie Dollfuss haben das Land nicht nur Italien überlassen, sondern auch dem Faschismus, der die Minderheiten-Rechte der Bevölkerung (Sprache,…) mit den Füssen trat. 1943 wurde das von Hitler nur beendet, um etwas zu verhindern, was für Südtirol eine gemäßigte italienische Verwaltung bedeutet hätte… Ja, und die Alliierten waren dort der endgültige Befreier vom Faschismus. Entsprechende Nationalitäten-Rechte einzufordern für jene Gebiete, die von Nazis besetzt wurden, etwa Polen, wie für die Südtiroler in Italien, das fällt natürlich auch schwer. Ja, und ethnische Grenzen oder Selbstbestimmung oder zumindest Minderheitenrechte in Südost-Kärnten, im Gebiet der slowenischen Volkssgruppe?

Aber, die Parteinahme geht hier oft so weit, dass der Angriffskrieg Italiens gegen Äthiopien/Abessinien in den 1930ern (mit Giftgas-Einsatz) skandalisiert wird, die Rechte der Äthiopier als schützenswert firmiert werden, gibt man sich richtig antiimperialistisch… Ja, auch im äthiopischen Heer gab es 1935/36 Soldaten, deren Gebiete durch Angriffskriege einst äthiopisch geworden waren, etwa die kuschitischen Afar oder die omotischen Kaffa, und die nolens volens im Heer dieses “Vaterlandes” mitmachten, wie die Südtiroler im italienischen. Menelik II. (der Italien beim ersten Versuch der Einnahme weitgehend abwehrte) hat Abessinien Ende des 19. Jh gehörig erweitert. Und, die Eingliederung Eritreas nach dem 2. WK durch Äthiopien führte zu einem Sezessionskrieg; Eritreas Andersartigkeit gegenüber Äthiopien kam eigentlich nur durch die längere italienische Kolonialherrschaft zu Stande, diesseits und jenseits der Grenze leben Tigre.

Der Haupt-Organisator der deutschen Geheim-Schulen, Michael Gamper, floh vor der nazideutschen Verwaltung Südtirols 43-45, in ein Kloster in der Toskana. Reut-Nicolussi durfte nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wegen seiner erklärten Opposition gegen die nationalsozialistische Südtirol-Politik (in Österreich) nur mehr Zivilrecht lehren. Bezeichnenderweise befand sich der beschämendste Ort nationalsozialistisch-deutschen Wirkens in Südtirol, das Anhaltelager, im selben Stadtteil Bozens wie die faschistischen Protzbauten, die gegen die ursprüngliche Bevölkerung Südtirols gerichtet waren, in Gries. 1938 erfolgte die Zwangsauflösung des Andreas-Hofer-Bunds Tirol durch die Nationalsozialisten, nicht die Faschisten.19 Der Deutsche Verband Südtirols ging vor der Ausschaltung der Demokratie in Italien durch den Faschismus Wahlbündnisse mit der italienischen Südslawen-Partei ein. Dableiber wurden ausser von Faschisten auch von Nazis (und Weggehern zT) angefeindet; führende Dableiber/Nein-Optanten wie Sternbach wurden 43 oft interniert.

Multiethnische Regionen wie Istrien oder Banat wurden im 20. Jh zerstückelt, auch Tirol auseinander gerissen. Besetzungen, wechselnde Herrscher, ändernde Grenzen (mal aus versuchter Gerechtigkeit, mal aus arrogantem Machtanspruch), Aussiedlung oder Flucht von Bevölkerungsteilen, Verfolgung anderer. Das war das 20. Jahrhundert, waren die europäischen (“Welt”-) Kriege.

Das Buch “Von Reval bis Bukarest” (1991, 2 Teile) von Mads Ole Balling gibt einen Überblick über die Parlamentarier deutscher Minderheiten in Ost-Europa in der Zwischenkriegszeit. In Westeuropa gab es in dieser Zeit die Elsässer und Lothringer in Frankreich, die Nord-Schleswiger in Dänemark und die Eupener in Belgien, deren Gebiete im Versailles-Vertrag vom Deutschen Reich im Westen und Norden abgetrennt worden waren. Wie die Südtiroler in Italien, die durch St. Germain von Österreich(-Ungarn) abgetrennt wurden, kamen auch sie im Laufe des Hitler-Kriegs unter deutsche Herrschaft, für eine Zeit. Im Unterschied zu jenen in Osteuropa gab es hier am Ende des Kriegs nicht solche Fluchtströme und Vertreibungen – was auch damit zu tun hat, dass die Nazis und ihre Kollaborateure in Westeuropa nicht ganz so wüteten.

Den Kampf um die Erhaltung ihrer Eigenart haben die Südtiroler eigentlich gewonnen; es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis sie innerhalb Italiens zu ihrem Recht auf Minderheitenschutz und einem gehörigen Maß an Selbstverwaltung kamen. Darum wird es in Teil III gehen.

Literatur-/Linkliste

Manfred Alexander, Umberto Corsini, Davide Zaffi: Die Minderheiten zwischen den beiden Weltkriegen (1997)

Sabina Donati: A Political History of National Citizenship and Identity in Italy, 1861–1950 (2013; Englisch)

Günther Pallaver und Leopold Steurer (Hg.): „Deutsche! Hitler verkauft euch!“ Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol (2011)

Rolf Steininger: Autonomie oder Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gasperi-Abkommen (2008)

Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus (2002)

Manfred Kittel: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich (2006)

Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939 (1980)

Karin Golle: Kanonikus Michael Gamper und seine Bedeutung für die deutsche Sprachgruppe Südtirols zur Zeit der Italianisierung“. Diplomarbeit Wien 2011

Klaus Eisterer, Rolf Steininger: Die Option: Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (1989)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen allen Fronten: Ludwig K. Ratschiller, Autobiografie eines Südtiroler Partisanen (2003)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen Duce, Führer und Negus. Südtirol und der Abessinienkrieg 1935–1941 (2006)

Annuska Trompedeller: Karl Tinzl (1888–1964). Eine politische Biografie (2007)

Patrick Lobis: Südtirol und die Optionsfrage (2013)

Edmund Theil: Kampf um Italien: Von Sizilien bis Tirol, 1943-1945 (1983)

Lilli Gruber: Der Sturm. Die Kriegsjahre meiner Südtiroler Familie (2015). Über ihre Familie im Südtirol in dieser Zeit, ihre Grosstante Hella Rizzoli, die „Katakombenschulen“ organisierte aber anscheinend auch dem NS treu blieb

Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921-1926 (2005)

Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen (2010)

Luciano Happacher: Il Lager di Bolzano, con appendice documentaria (1979; Italienisch)

Ein Film von Gerald Steinacher und Franz Josef Haller über Südtiroler in Abessinien; ziemlich tendenziös

Anita Rauch: Polizeiliches Durchgangslager Bozen. Diplomarbeit Innsbruck 2003

Rolf Wörsdörfer: Krisenherd Adria 1915-1955: Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum (2004)

Die Sonder- und Sippenhäftlinge und ihre Befreiung

Teja Krašovec: Primorski priseljenci v Ljubljani v luči popisa prebivalstva iz leta 1928. Geschichte-Diplomarbeit Koper 2010 (Slowenisch). Über die Auswanderung von Slowenen und Kroaten aus der Venezia Giulia in der Zwischenkriegszeit aus dem faschistischen Italien in das SHS-Reich bzw Jugoslawien, besonders Laibach/Ljubljana 

Über das Movimento Separatista Trentino (Italienisch; fragliche Seriosität)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sein Vater stammte aus dem Trentino
  2. Was die Trentiner über/in Südtirol nach dem 1. WK betrifft: das gabs/gibts öfters in der Geschichte, dass die “Unterdrückten” dann mal oben sind, etwa die Rumänen in Transylvanien in der selben Zeit, über den Ungarn
  3. Und auch regionale Identitäten der Sizilianer, Lombarden oder Trentiner
  4. Weshalb das Urbane, Intellektuelle, Moderne bis weit in die 1960er hinein unter Südtirolern verpönt war
  5. 1950 vor dem Konkurs mit Marshallplan-Dollars gerettet
  6. Als die österreichisch-italienische Grenzziehungskommission in den 1920ern noch dabei war, die Bestimmungen von St. Germain umzusetzen
  7. Oft nach Laibach
  8. In SHS/YU gab es wiederum grosse Konflikte zwischen den Nationalitäten bzw zwischen Zentralismus und Föderalismus
  9. Es tauchen auch Zahlen von Italienern auf, die für eine Auswanderung in das “Grossdeutsche Reich” gestimmt hätten. Möglicherweise sind damit Ladiner gemeint
  10. Die Deutschen konnten Vittorio Emanueles Tochter Mafalda in Rom gefangen nehmen. Sie kam 1944 im KZ Buchenwald ums Leben
  11. Bozen wurde zwischen dem 2. September 1943 und dem 28. Februar 1945 bombardiert
  12. Der Eiertanz, den die Nazis nun um Südtirol vollführten, sollte dieses Gefühl auch wach halten – ohne die Faschisten zu vergraulen
  13. Mussolini erliess 38 auf deutschen Einfluss hin “Rassengesetze”, mit Augenmerk auch auf die Kolonien. Deportationen und Morde gab es erst nach der deutschen Besatzung
  14. Franz Hofer übergab Innsbruck am 3. 5. den Amerikanern. 3 Tage später wurde er von diesen anderswo in Tirol verhaftet und inhaftiert. 1948 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. In Mülheim an der Ruhr setzte er seine gelernte Arbeit als Kaufmann ab 1949 fort, ab 1954 auch unter seinem richtigen Namen, bis zu seinem natürlichen Tod 1975
  15. Tom Segev schrieb in “Die siebte Million” auch darüber, wie sie dort von den Zionisten gesehen und behandelt wurden
  16. Tolomei etwa war nach dem Krieg wieder politisch tätig
  17. Ein anderes Thema ist das Schicksal der nicht-kommunistischen slawischen Widerständler gegen Faschismus im kommunistischen Nachkriegs-Jugoslawien. Ehemalige TIGR-Kämpfer durften kaum an der Macht teilhaben, wurden vielmehr bis in die 1970er vom Geheimdienst UDBA überwacht. Vilfan lehnte die Kommunisten ab bzw sie ihn. Er wurde von der jugoslawischen Regierung zwar zeitweise als Experte für die Triest-Verhandlungen konsultiert, man kann aber sagen, dass er von Österreich-Ungarn, dem faschistischen Italien und dem kommunistischen Jugoslawien verfolgt wurde
  18. „…in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren.”
  19. 1994 wurde der Bund wiedergegründet

Politiker, die Geschichte schrieben

Es geht hier um Historiker, die als Politiker wirkten. Historiker, die Geschichte machten bzw Politiker, die Geschichte schrieben. Auch antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichtsschreiber werden dabei als Historiker behandelt, obgleich sie nicht Geschichtswissenschafter im heutigen Sinne waren. Erst mit der Aufklärung ist eine einigermaßen vernünftige Geschichtsschreibung anzusetzen. Abzugrenzen ist die Thematik von Geschichtspolitik, der aus politischen Gründen formulierten Interpretation von Geschichte.

Die Verbindung von politischer Tätigkeit und historischen Kenntnissen macht einerseits Sinn, ist andererseits widersinnig. In der Politik zählen in der Regel Kurzzeit-Effekte, ist die Zufriedenstellung der Wählerschaft bzw eines Teils davon gefragt (siehe den “Guardian”-Artikel unten), historische Dimensionen sind aus dieser Sicht eher eine Bürde. Und manchmal sind Politiker besser, die keinen historischen Anspruch erheben bzw nicht in historischen Kategorien denken… Bei Wahlen sind historische Themen in der Regel nicht von Bedeutung, es sind in erster Linie die Persönlichkeit des Kandidaten und sein Auftreten von Bedeutung, nicht seine Kenntnisse und Fähigkeiten.

Andererseits, der Historiker lernt normalerweise einiges, was auch auch ausserhalb historischer Arbeitsfelder zu gebrauchen ist, auch in der Politik eigentlich: Zusammenhänge herzustellen, einzelne Phänomene richtig einzuordnen, komplex zu denken, Dingen auf den Grund zu gehen, die menschliche Gesellschaft zu erforschen, Informations-Quellen kritisch zu betrachten,… Ein Grundverständnis für historische Zusammenhänge wird Politikern immer wieder von Nutzen sein. Ehrlichkeit bei der Ursachenforschung ist in der Politik aber möglicherweise eher ein Nachteil.

Die jüdische US-amerikanische Historikerin Barbara Tuchman beschrieb in “Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam” (englisches Original 1984) anhand einiger Beispiele Fehler von Herrschenden, die Entwicklungen zu ihren eigenen Ungunsten auslösten, zB wie Torheit der Päpste die Kirchenspaltung zur Folge hatte. Sie befasste sich überhaupt bevorzugt mit Schwächen und Tugenden von Entscheidungsträgern. Aus Geschichte kann man nach Tuchmans Überzeugung trotz aller Einmaligkeit des jeweils Geschehenen lernen; Politikberatung durch Historiker sei erlaubt und geboten.

John F. Kennedy hatte ihr Buch „August 1914“ über den Ausbruch des 1. Weltkriegs ebenfalls gelesen und erinnerte sich während der Kuba-Krise 1962 hieran. Er war sich anscheinend sicher, dass die Sowjetunion wegen Kuba keinen Krieg beginnen würde und fürchtete gleichzeitig, dass Missverständnisse und falscher Stolz die beiden damaligen Supermächte in einen Krieg verwickeln könnten. Daher gab er für die Seeblockade gegen Kuba die Richtlinie aus, im Falle des Bruchs nur auf Steuerruder und Schiffsschrauben der sowjetischen Schiffe zu zielen, und die Priorität auf die Suche nach sowjetischen U-Booten zu legen und nicht auf das Durchsuchen der anzuhaltenden Schiffe.

Durch Beratung haben sich viele Politiker eine historische Perspektive “geholt”, man denke etwa an Helmut Kohl und Michael Stürmer. Die Unfähigkeit geht aber auch oft von Historikern aus, diese sind nicht immer “die Vernunft” neben den unfähigen/korrupten Politikern. Der gerade eben genannte ist eigentlich dafür ein ganz gutes Beispiel. Manche Politiker glauben auch, mit ihren Memoiren o.ä. Geschichte geschrieben zu haben. Dumme Geschichtsauffassungen von Politikern liegen entweder ihrer Ideologie zugrunde oder aber sie versuchen, ihre Politik durch solche Geschichtsinterpretationen zu erklären.

Die lateinische Phrase historia magistra vitae (est) von Cicero (De oratore, II 9) bedeutet “Geschichte (ist) Lehrmeisterin des Lebens”. Das Prinzip bedeutet, dass aus der Geschichte Lehren zu ziehen sind, um Fehler zu vermeiden. Eine wichtige geschichtsphilosophische Aussage (Geschichtsphilosophie reflektiert zum anderen auch die Arbeit der Historiker). Das Kennen von Geschichte ist demnach die Voraussetzung.

Im Gegensatz zum Politiker gibt es für den Historiker eine genormte Ausbildung. In historischen Kernberufen geht es um das Vermitteln von und Forschen an Geschichte, als Lehrer, an Hochschulen, in der Erwachsenenbildung, in Museen und Archiven, als Autor von Büchern, in Agenturen (für Provenienzforschung u.ä.). Nahe daran sind Medien/ Journalismus (“Lernen’S a bissl Geschichte, … Herr Reporter!” 1), Wirtschaft (zB Tourismus), Behörden (Öffentlicher Dienst, auch diplomatischer). Interessanterweise ist der Anteil von Exilanten/Emigranten an bedeutenden Historikern ziemlich hoch.

Der kornische Historiker G.M. Trevelyan (19./20. Jh.) bekannte sich zur offen parteiischen, von persönlichen Urteilen gefärbten Geschichtsschreibung und wandte sich gegen den Versuch, sich der Geschichte auf dem Weg der leidenschaftslosen, objektiven Analyse anzunähern. Den politischen bzw ideologischen Blick in die Geschichte gibt es ohnehin, und Geschichtsschulen (zb die marxistische). Historiker, die politisch engagiert sind, gibt es sehr oft, solche die selbst Politik gestalten wollen, sind sehr selten. In der Regel wurden diese zuerst Historiker, dann Politiker. Das eigene Wirken wird daher selten behandelt.

Philippe Maurice war zuerst “Gangster”, dann Historiker. Er wurde 1980 wegen Mordes zum Tode verurteilt. Er profitierte von der Abschaffung der Todesstrafe  durch den neugewählten Präsidenten Mitterrand 1981; seine Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Maurice holte im Gefängnis den Gymnasiums-Abschluss nach und studierte Geschichte. Nach 23 Jahren wurde er auf Bewährung freigelassen. Er ist Dozent mit Mittelalter-Schwerpunkt an der EHESS in Paris.

Jeder Mensch ist ein Repräsentant der Geschichte, jeder Historiker ist Teil seiner Zeit und seiner Kultur. Howard Zinn stellte 1970 fest “We can separate ourselves in theory as historians and citizens. But that is a one-way separation which has no return: when the world blows up, we cannot claim exemption as historians.” Auch Historiker sind der Politik bzw der Geschichte (ihrer Zeit und ihres Ortes) “ausgeliefert”. Henri Pirenne schrieb in “Mohammed und Karl der Grosse” (1937), erst die Ausbreitung des Islam habe eine Umorientierung in Europa bewirkt, einen Bruch mit der Antike, und die Karolinger-Zeit sei der eigentlich Beginn des Mittelalters. Dan Diner thematisiert in einem (“posthumen”) Nachwort zu dem Buch Pirennes wallonische Identität und dessen Erfahrung im 1. Weltkrieg, als er von den deutschen Besatzungsbehörden verhaftet und deportiert wurde. Er schliesst nicht aus, dass die Reduzierung der Rolle der Germanen beim geschichtlichen Umbruch zum Mittelalter (nicht schon mit Merowingern) in Pirennes These vor diesem Hintergrund zu sehen ist. Diner: “… ist … anzuerkennen, dass der Historiker nicht in einem geschichtslosen Raum als geschichtsloses Subjekt wirkt.”

Ein Studium der Politikwissenschaften wäre die “eigentliche” Ausbildung für den Beruf Politiker, da geht’s um Analyse von Politik. Politikwissenschafter dürfte es aber noch weniger in der Politik geben als Historiker. Politiker sind meist Juristen, Beamte, Interessensvertreter/Lobbyisten, früher oft Geistliche (bzw gleichzeitig Machthaber, kraft ihres Amtes). Karrierechancen in der Politik gibt es für Absolventen jeder Ausbildung und Angehörige jedes Berufes in der Regel nur mit vorhandenen persönlichen Netzwerken bzw. dem Rückhalt einer Partei. In Diktaturen gibt es weitere Einschränkungen beim Weg in die Politik.

Hitler hatte keinen Beruf (und wenig Bildung), Stalin ebenfalls nicht. Der eine wollte Priester werden, der andere Maler. Mussolini oder Stenzel waren Journalisten, bevor sie in die Politik gingen. Franco, Peron, “Atatürk”, De Gaulle, Nasser und Bonaparte waren Offiziere/Militärs. Nehru, Lincoln, Adenauer, Obama (auch wenn er zeitweise als Sozialarbeiter arbeitete) oder Mandela waren/sind gelernte Juristen; Guttenberg wurde diese Qualifikation aufgrund von Plagiaten in seiner Dissertation aberkannt. Mao war Bauer und Hilfsbibliothekar, J.F. Kennedy Ökonom, “Lula” Da Silva ebenso wie Walesa Arbeiter und Gewerkschafter, Senghor Philologe, Offizier und Dichter. Mediziner gibts ab und zu in der Politik. Als der Premier von Apartheid-Südafrika, Verwoerd (ein Psychologe und Journalist), 1966 im Parlament erstochen wurde, waren gleich einige Abgeordnete, die Ärzte waren, mit Hilfe zur Stelle. Vaclav Havel war einer der eher wenigen Künstler, die sich die Politik antaten. Merkel und Lafontaine sind Physiker. Auch “Joschka” Fischer hat eigentlich keinen Beruf gelernt. Khomeini oder Richelieu waren Geistliche. Bin Laden war Ingenieur und Bauunternehmer bevor er sich politisch “engagierte”. Haile Selassie (Tafari Makonnen Woldemikael) war Sohn eines (adeligen) Gouverneurs, hatte diese Funktion dann selbst inne. “Romario” oder Peter Stastny waren Sportler.

Es gibt einen Film von Tim Robbins aus 1992, “Bob Roberts”. Roberts ist ein konservativer Folk-Sänger und Selfmademillionär, der zu den Senatswahlen 1990 im Bundesstaat Pennsylvania als Kandidat antritt. Der Film beschreibt den Wahlkampf des „rechten“ Bob Dylan, ist eine politsatirische, sozialkritische Mockumentary. Die Roberts-Figur will eben eine Alternative zu dem gängigen Juristen-Politiker sein.

Franjo Tudjman musste den mysteriösen Tod der Eltern überwinden, ging zu den Partisanen, dann zur “Jugoslawischen Volksarmee” (JNA). Wo er seine Ausbildung als Historiker machte, ist nicht ganz klar: an der Militärakademie, am Institut für Arbeitergeschichte, im Rahmen seiner Ausbildung als Politikwissenschafter? Er hat aber anscheinend darin einen Abschluss gemacht und auch geforscht, gelehrt und publiziert. Eine Abschlussarbeit schrieb er über das Scheitern des Ersten Jugoslawiens, jenem der Zwischenkriegszeit, dem monarchistischen. Seine Geschichtsauffassung und sein politisches Engagement bedingten einander ! An einem Punkt sah er Kroatien in einem sozialistischen Jugoslawien nicht mehr gut aufgehoben und kam in Dissidenz zu diesem Jugoslawien. Seine politische Haltung zeigte sich in seinen historischen Publikationen. Eine Verharmlosung des Ustascha-Regimes wurde ihm vorgeworfen. Nach der Teilnahme am Kroatischen Frühling kam er das erste Mal ins Gefängnis. Danach unternahm er Auslandsreisen, nahm mit Hilfe der katholischen Kirche Kontakte zur kroatischen Diaspora (Westeuropa, Nordamerika, Ozeanien, Südamerika) auf. In den 1980ern wiederholte sich das, zuerst neuerlich Gefängnis, dann Auslands-Reisen.

1989/90 die Gründung der oppositionellen HDZ, in einem liberaleren Klima in der SFR Jugoslawien. Im Frühling 1990 Wahlen zum Parlament, dieses wählte Tudjman zum Präsidenten Kroatiens. Er berief den Hardliner Susak aus der Diaspora (eigentlich kroatischer Bosnier) zum Verteidigungsminister. Mit der serbischen Minderheit Kroatiens sowie mit Serbien (unter Milosevic) schaukelten sich Spannungen auf. Das Sahovnica-Symbol und die kroatische Nation sind älter als die Ustascha, dennoch wurde das Ansteuern von Souveränität durch die neue kroatische Regierung gerne mit dieser faschistischen Bewegung in Zusammenhang gebracht. Tudjmans Geschichtsbild war vielfach undifferenziert, auf der Gegenseite die noch plumperen gross-serbischen Geschichtsklitterungen. Tudjman war einer der Republiks-Präsidenten des späten Jugoslawiens, die statt einer Reform Jugoslawiens dessen Ende wollten.

Im Sommer 1991 die Erklärung der Unabhängigkeit von Jugoslawien, zusammen mit Slowenien. Dann der Krieg 91/92 (ein schleichender Beginn), es ging darin um die Loslösung der grossteils serbisch besiedelten “Krajina” von Kroatien, einer möglichst grossen. Daneben das Mitmischen Kroatiens unter Tudjman im Krieg in Bosnien-Herzegowina, meist gegen Milosevic, zeitweise mit ihm. Tudjmans Autokratie zeigte sich etwa beim Eingreifen in die Kommunalpolitik von Zagreb. Nach seinem Tod infolge einer Krankheit ging für Kroatien eines Zeitalter los. Im deutschen Wiki-Artikel (& Diskussion) wird er aber für “Antisemitismus” gescholten, na ja, mit Verweis auf “Hagalil” und die Radonic von der inzüchtigen Wiener Politikwissenschaft…scharfrichterlich-verdreht-politisch “korrekt”.

Über Nicolae Iorga habe ich das Einiges schon hier geschrieben. Er begründete nach der Ausbildung die PND mit, wurde in den 1930ern Premierminister, Innenminister, Parlamentspräsident. Sein Geschichtsbild hat bei ihm die politische Ideologie nicht nur beeinflusst, sondern geformt. Er wurde 1940 von der faschistischen “Garde” ermordet. 1936 setzte er sich für den armenisch-ungarischen Archäologen Márton Roska ein, der für seine Thesen zu Transsylvanien angeklagt war; Transsylvanien könne nicht mit Gefängnisstrafen verteidigt werden. Iorga war skeptisch gegenüber einer ukrainischen Nation/Identität/Unabhängigkeit. Er nahm positiv Bezug zum Balkan, womit er aus dem rumänischen Geistesleben herausragte, als „Regatler“ war ihm das näher als das Mitteleuropäische, sah den Balkan aber durch die Donau begrenzt, womit ein Teil Serbiens und der grösste Teil Rumäniens nicht dazugehören würden (nur die Dobrudscha). Er nannte den Balkan aber auch „orientalisch“ und „unterentwickelt“ (etwas, das aus rumänischer wie mitteleuropäischer Sicht zT auch auf Russland bzw das Ostslawentum zutraf). Hier noch etwas zu Iorga.

Zu Niccolò Machiavellis Zeiten (Übergang Mittelalter-Neuzeit) schloss Universalbildung Geschichtsschreibung mit ein. 1494 wurden die Medicis in der Republik Florenz durch den Geistlichen Savonarola vertrieben, dieser wurde de facto Herrscher dort, bis zu seiner Hinrichtung 1498. Danach, unter Soderini, wurde Machiavelli Amtsträger in der Republik, eine Art Minister (Aussen-, Verteidigung-), führte Militärreformen durch. Mit der Rückkehr der Medici 1512 wurde er abgesetzt. Im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici verfasste Machiavelli von 1521 bis 1525 seine Abhandlung über die Geschichte von Florenz, die den Zeitraum von der Gründung der Stadt bis knapp vor seiner eigenen politischen Tätigkeit in ihr abdeckt. Er schildert die Florentiner Politik aber durch die Brille seiner politischen und historischen Überzeugungen. An Geschichtswerken stammt von ihm eigentlich nur das, seine Hauptwerke sind eher politikwissenschaftlich-philosophisch, darunter sind aber auch geschichtsphilosophische Betrachtungen: “Der Fürst” (“Il Principe”; auch die Einigung Italiens ist darin ein Thema), “Discorsi” (sopra la prima deca di Tito Livio; Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius). Daneben schrieb er Gedichte. Dass sein Name mit einem raffinierten aber unethischen Vorgehen verbunden ist, kommt hauptsächlich von seinen Ausführungen im “Principe”.

Thukydides war eigentlich Militär und nicht Politiker, aber jedenfalls Machthaber.  Etwas jünger als Herodot, war der Athener Stratege im Archidamischen Krieg, einem Abschnitt des Peloponnesischen Kriegs, dem Krieg zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter Sparta, von 431 v. C. bis 404 v. C., unterbrochen von einigen Waffenstillständen. Nach dem Nikiasfrieden lasteten die Athener den Verlust von Amphipolis ihrem Strategen Thukydides an und fassten den Beschluss zu seiner Verbannung – dort wurde er Geschichtsschreiber, zum Historiker des Peloponnesischen Krieges. Er war also zuerst “Politiker”, dann “Historiker”. Darüber, wo und wie Thukydides die 20 Jahre in Verbannung verbracht hat, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse; er selbst hat über seine Verbannung und ihre Vorgeschichte nichts geschrieben. Sie endete jedenfalls mit dem Ende des Peloponnesischen Krieges, der Niederlage Athens. Sein Werk prägt das Wissen über diesen Krieg bis heute maßgeblich, trotz seiner durch seine Involvierung bedingten Parteilichkeit. Die letzten Jahre des Kriegs hat Thukydides nicht mehr behandelt.

Johann Droysen aus Pommern studierte Philosophie und antike Philologie in Berlin, u.a. bei Hegel. Dass eine systematische Geschichtswissenschaft entstand, ein eigenes Geschichtsstudium, dazu trug er später bei. Er war Lehrer an einem Berliner Gymnasium, Hauslehrer von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Professor an diversen deutschen Universitäten. Einer der bedeutendsten Studenten, die Vorlesungen bei Droysen besuchten, zählt Friedrich Meinecke. Droysen beschäftigte sich mit griechischer Antike und preussischer Geschichte. Er lehnte Objektivität in der Geschichtsschreibung auch ab, „Geschichte ist das Wissen der Menschheit von sich, ihre Selbstgewissheit.“ Er machte sich für die Geschichtstheorie/Historik verdient, indem er die Hermeneutik als geschichtswissenschaftliche Methode mitbegründete, ebenso die ersten grundlegenden methodischen Anleitungen für ein Geschichtsstudium. Auch im Institutionalisierungsprozess der Geschichte als eigenes akademisches Fach spielte er eine Rolle, die zur Zeit seiner eigenen Ausbildung noch Teildisziplin anderer Wissenschaften war. Politisch engagierte er sich u.a. als Abgeordneter zur Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, wo er der nationalliberalen “Casino”-Fraktion angehörte; auch für die Abtrennung Schleswigs und Holsteins von Dänemark und die Vereinigung mit Deutschland. Sein Sohn Gustav Droysen wurde ebenfalls Geschichtsprofessor und legte wichtige Forschungen zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges vor.

Winston Churchill war Offizier, Journalist, Politiker und Amateur-Historiker, als solcher wird er ausnahmsweise hier behandelt. Schwerpunkte seiner politischen Karriere waren die britischen Kolonien, der Kampf gegen NS-Deutschland im 2. Weltkrieg und dann der Kalte Krieg. Als Lord der Admiralität (Marineminister) verheizte er im 1. Weltkrieg 1915 Zehntausende Soldaten aus Grossbritannien und seinen Kolonien in einem später als sinnlos bewerteten Feldzug gegen das Osmanische Reich. Für die Hungersnot in Bengalen, Britisch Indien, 1943, mit Millionen Toten wird der britischen Regierung unter Churchill eine Mitschuld gegeben, neben natürlichen Gründen (Schädlingsbefall) und kriegsbedingten (benachbartes Birma von Japanern besetzt). Die Vorwürfe gehen dahin, dass die Briten Reis für die Versorgung der britisch-indischen Armee und des britischen Mutterlandes horteten. Churchill hat seine Verachtung für die Inder immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Er wollte bei den britischen Wahlen 1955 (vor denen er als Premier abtrat) “Keep Britain White” als Anti-Einwanderungs-Slogan der Konservativen Partei, setzte sich nicht durch. Der Imperialismus “draussen” und der Rassismus “daheim” korrelierten miteinander. Churchill wollte ein Imperium erhalten, das (u.a.) wirtschaftlich von denen abhängig war, die er und seinesgleichen als “minderwertig” betrachteten. Nicht-Weisse im Empire sollten für britische Ziele arbeiten oder kämpfen, aber gleichberechtigt sein?! Zu seinem Wirken als Historiker hier ein Überblick (Englisch). Sein Glaube an die Auserwähltheit der Angelsachsen kommt auch darin zum Ausdruck. 1953 erhielt er ja den Nobelpreis für Literatur für sein Werk über den Zweiten Weltkrieg, in jenem Jahr, als er am Sturz der iranischen Demokratie beteiligt war.

Auch Władysław Bartoszewski wurde von der Muse Clio geküsst. Kurz nachdem der Katholik in Warschau sein Studium abschloss, kam der Krieg dorthin. Er war sowohl unter der deutschen Besatzung als auch unter der sowjetischen bzw der beginnenden kommunistischen Diktatur im Widerstand tätig und inhaftiert, auch im Lager Auschwitz /Oswiecim (unter den Nazis). Danach war er als Publizist tätig. Nach der Wende 1989 wurde er Diplomat und parteiloser Aussenminister für das demokratische Polen. Er hat sich immer wieder für gute Beziehungen Polens zu Deutschen und Juden eingesetzt.

Jean Jaures, der Sozialist in Frankreichs 3. Republik, war nach der Ausbildung Lehrer und Dozent, und für das republikanisches Lager in der Nationalversammlung. Der Linksrepublikaner war auch als Journalist und in der Lokalpolitik aktiv, auch mit akademischen Studien beschäftigt, darunter einer 1901 veröffentlichten, bemerkenswert neutralen Analyse der Gründe des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871. Im linken politischen Spektrum Frankreichs, das sich damals formierte, wurde er eine Führungsfigur, als SFIO-Chef. Vor Ausbruch des 1. WK, für dessen Verhinderung er sich eingesetzt hatte, wurde von einem Nationalisten ermordet.

Michael Ignatieff, der Kanadier teilweise russischer Herkunft, war als Historiker wissenschaftlich, literarisch und journalistisch tätig. Als er schwer auf die 60 zuging, liess er sich davon überzeugen, für die der Mitte-Links stehende Liberale Partei in die Politik zu gehen, 08 wurde er zum Chef dieser Partei gewählt, die damals in der Opposition (zur konservativen Regierung unter Harper) war, blieb es bis 11, ehe er seine historische Schulung wieder anders einsetzte. Besonders aussenpolitisch wankte er als Politiker zwischen liberal und konservativ hin und her; den israelischen Angriff 06 auf Kana im Libanon zB verharmloste er zunächst, bezeichnete ihn dann als Kriegsverbrechen.

Der vor drei Monaten verstorbene Juri Afanasiev war in der Sowjetunion mit einem Fuss im System, mit dem anderen Dissident, wurde in der Perestroika wichtig. In dieser Endphase der SU wurde er ins Parlament gewählt, hielt sich dort auch in der Frühphase des unabhängigen Russlands. Als Aktivist für ein demokratisches Russland war er stark gegen Putin eingestellt.

Yusuf Halacoglu war Chef der staatlichen türkischen “Geschichtspolitik-Agentur” TTK, die hauptsächlich mit “alternativen Versionen” zum Genozid an den Armeniern beschäftigt ist. Darin war auch er aktiv, linientreu, aber (wie es scheint) ohne Hass. 2015 wurde er konsequenterweise MHP-Abgeordneter.

Yigal Yadin (Sukenik) war wie sein Vater, der aus dem damals russischen Ost-Polen ins damals osmanische Palästina eingewandert war, als zionistischer Milizionär und Geschichtsverdreher aktiv

Newt Gingrich: seine strunzndumme Politik ist wohl nicht von seinem Geschichtsbild zu trennen

Der italienische Historiker und Philosoph Benedetto Croce war 1944 bis 47 Führer der liberalen PLI

Fritz Neugebauer: Naja, Lehrer u.a. für Geschichte an Haupt- und Volksschulen, also i-wie Historiker, als Gewerkschafter (ÖAAB, FCG) in die Politik (ÖVP, Nationalrat)

Sallust (Gaius Sallustius Crispus): Parteigänger von Julius Caesar, nach seinem Rückzug aus der Politik widmete er sich der Geschichtsschreibung und führte sie im Lateinischen zu ihrem ersten Höhepunkt. Vorbild für ihn war Thukydides

Weiters: Adolphe Thiers (direkt an die Macht zu Beginn der 3. Republik), Ernst M. Arndt, Cicero, François Guizot (starker Mann unter Louis-Philippe d’Orleans), Bronislav Geremek, Gottfried W. Leibniz (auch Historiker bevor die Ausbildung dazu genormt wurde, als Teil seiner Universalbildung, und politischer Berater), Arthur Schlesinger (Politiker-Berater), Heinrich von Treitschke, C. Alexis de Tocqueville, Theodore Roosevelt, Evangelos Averoff-Tositsas (aromunischer Grieche), Snorri Sturluson (Island), Ludwig Quidde, Mihail Kogalniceanu, Franz Schausberger, John Dalberg-Acton, Christoph Stölzl, William Hague, Spyridon Trikoupis, James Bryce (GB), Peter Kaiser (Liechtenstein), Walter Goetz, Hertha Firnberg, Richard Hart (Jamaika), Genc Pollo (Albanien, in post-kommunistischer Politik dabei), Alfred von Arneth, Hans Delbrück, Heinz Schaden (seit 1999 Bürgermeister der Stadt Salzburg, der erste direkt gewählte), Markus Kutter (Schweiz), G. G. Gervinus, Conor Cruise O’Brien (Irland), Hermann Bengtson, Lajos Thalloczy, Burikukiye Prosper alias Bahaga (Burundi), Michael Drayton (England, 16./17. Jh, auch eine Definitionsfrage), Geza Jeszenszky (Ungarn), Emil Strauss (1889–1942),…

Ausser-europäische Politiker-Historiker habe ich kaum welche gefunden (ja, Nordamerikaner,..), solche die in dem einen oder dem anderen Bereich namhaft waren, in weit vergangenen oder aktuelleren zeiten; warum eigentlich? Ein Kandidat wäre Mohammad-Javad Larijani, ein Funktionär im islamistischen Regime des Iran, Bruder des Parlamentspräsidenten Ali, ist einigen Angaben zufolge auch Historiker, anderen zufolge aber hat er Mathematik studiert.

Ivo Goldstein ist Historiker, sein Vater Slavko Politiker (Gründer der HSLS). Joachim Petzold war ein bedeutender DDR-Historiker, SED-Mitglied, aber kein Politiker. Peter Brandt war nur Politiker-Sohn (und gesellschaftlich engagierter Historiker).

http://www.theguardian.com/education/2014/oct/07/why-politicians-need-historians

 

 

 

 

 

Ali Saad Dawabsha gewidmet

 

 

 

  1. Der damalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky 1981 zum (SPÖ-nahen) ORF-Reporter Ulrich Brunner. Hintergrund war der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Bauskandal beim Wiener Allgemeinen Krankenhaus. SPÖ und ÖVP stritten über Zeugenladungen. Kreisky sah in dem Vorgehen der ÖVP über den Bundespräsidenten die Gefahr einer innenpolitischen Krise wie in der 1. Republik. Das verkündete er auch im Pressefoyer nach dem Ministerrat. Auf Brunners Einwand, dass man das doch niemandem im heutigen Österreich unterstellen könne, verwies Kreisky auf den gerade in Spanien scheiternden Putschversuch. Auf das hin bzw der Frage der Vergleichbarkeit des aktuelen Österreichs mit Krisensituationen kam der Dialog Regierungschef-Journalist zu dem besagten Ausspruch des Politikers. Kreisky war damals nicht mehr ganz gesund und beim Pressefoyer immer gereizter.

Geschichtsirrtümer

Man muss dabei zwischen Fehlern von Historikern (eigentliche Geschichtsirrtümer) und solchen von Laien unterscheiden. In der Geschichtsschreibung oder -auffassung sind die Grenzen zwischen Revisionismus, Fälschung, Irrtum und Legende fliessend. Die Dolchstosslegende um Deutschland im 1. Weltkrieg geht auf eine Geschichtspolitik zurück, der Glaube daran ist eine Form von Geschichtsirrtum. Dass Linke hinter den Gladio-Anschlägen standen, sollten diese falsche-Flagge-Aktionen nahelegen. Manche irr(t)en sich insofern als sie das glaub(t)en und evtl sogar weiter verbreiteten. Wo es Rätsel gibt, gibt es meist auch Irrtümer und Lügen, zB rund um den Tod der russischen Zarenfamilie oder beim Turiner Grabtuch, auch nach der Radiokohlenstoffdatierung von 1988. Ein Sonderfall sind Fehler von Handelnden mit Folgen, zB Napoleons russische Invasion im Winter, der russische Verkauf Alaskas an die USA, Columbus’ Glaube wie geplant den Seeweg nach Indien bzw Asien auf dem Westkurs gefunden zu haben und nicht einen “neuen” Kontinent, oder Schabowski mit dem falschen Datum für das Inkrafttreten des Rechtes auf Westreisen.

Geschichtsirrtümer von Laien sind meist Mythen und (nicht als solche verstandene) Legenden, diese werden aber auch von vielen Historikern weiter-/wiedergegeben. Etwa die Ritterlichkeit des “Roten Barons” Von Richthofen (vom Feind angeblich zwar gefürchtet, aber auch geschätzt) oder die Existenz der Päpstin Johanna. Dass es den legendären Wilhelm Tell tatsächlich gab, ist ein Irrtum, der lange geglaubt wurde. Interpretationen von Ereignissen oder Entwicklungen können den Charakter eines Irrtums einnehmen, zB ob Deutschland 1945 besiegt oder befreit wurde, dass die Revolution im Iran um 1979 eine islamische (und nicht eine von Islamisten gestohlene) war, der USA-Bürgerkrieg um die Sklavenbefreiung geführt wurde (und nicht wegen der Sezession). Weiters: Wenn Illig mit seinen revisionistischen Behauptungen Recht hat, ist zB die Existenz Karls d. Gr. ein Geschichtsirrtum; wenn Marco Polo ein Lügner war, irrt die Geschichtsforschung über ihn, entsprechend verhält es sich mit der ersten Mondlandung 1969. Dass vor Columbus andere Europäer Amerika entdeckt haben, wissen inzwischen die Meisten, ebenso dass Jesus nicht im Jahr Null zur Welt kam, sich da jemand (Dionysius Exiguus) verrechnet hat – diese Irrtümer sind inzwischen auch bei Laien weitgehend als solche bekannt. Nun einige Beispiele für Geschichtsirrtümer, zunächst der “Kanon“:

Beim Sturm auf die Bastille, dem Auftakt der Französischen Revolution 1789, ging es den Aufständischen nicht um die Befreiung der wenigen Gefangenen, die dort damals unter relativ guten Bedingungen einsaßen und keine Justizopfer oder politischen Gefangenen waren, sondern hauptsächlich um die Erbeutung der dort lagernden Kanonen und Munition. Die Stürmung, die auch eine Befreiung der Gefangenen brachte, war daneben symbolisch wichtig als ein Sieg über eine Befestigung des Regimes. Die Besatzung der Burg kapitulierte auch, bevor die Menge hereinstürmte. Donatien de Sade wurde übrigens einige Tage vor dem 14. Juli 1789 in eine geschlossene Anstalt in der Nähe von Paris gebracht.

Der nach unten gebogene Daumen in römischen Gladiatorenkämpfen bedeutete (ziemlich sicher) nicht das Todesurteil für den Besiegten, der nach oben gestreckte nicht die Begnadigung. So viel gilt als gesichert: Wenn der Kampf zwischen zwei Gladiatoren nicht mit dem Tod des Verlierers geendet hatte, bat der Unterlegene um Gnade, indem er einen Zeigefinger ausstreckte oder seine Waffen niederlegte. Der Schiedsrichter wandte sich dann an den Veranstalter der Spiele, meist der Kaiser, der das Urteil zu fällen hatte. Dieser übertrug die Entscheidung aber gewöhnlich den Zuschauern. In der allgemeinen Vorstellung, geprägt durch Hollywood-Filme wie Ridley Scotts “Gladiator” sowie Comics wie “Asterix”, zeigten diese ihre Entscheidung über die Begnadigung mit dem nach oben oder unten zeigenden Daumen an. Bis heute ist unter Historikern umstritten, ob und wie die Römer in der Arena Daumenzeichen gaben, aber historisch überliefert ist ein Daumen-an/in-die-Faust drücken (nach unten also) als Begnadigung (so wie man heute jemandem “die Daumen drückt”), als Symbol für das Schwert in der Scheide oder für ein Verbleiben auf dieser Erde. Für ein Todesurteil dürfte der an die Brust (evtl auch an die Kehle) gerichtete Daumen gestanden haben, der den Todesstoss mit dem Schwert vom Schlüsselbein in das Herz symbolisierte, vielleicht auch die Entfernung von Mutter Erde. Ein aufgerichteter Daumen hat (bis) heute in Italien und anderen südlichen Ländern keine positive Bedeutung.

Das Colosseum in Rom heute
Das Colosseum in Rom heute

Marie Antoinette, durch ihre Heirat mit dem Bourbonen Louis Königin von Frankreich, hat nicht gesagt “S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche” (”…, sollen sie doch Kuchen essen”). Das Zitat legte der Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau in “Les Confessions” schon um 1766 einer “grossen Fürstin” in den Mund – als Maria Antonia von Habsburg-Lothringen, wie sie damals noch hiess, erst zehn Jahre alt war. Es brachte die kalte Gleichgültigkeit, den Zynismus und die Dummheit von Herrschenden gegenüber den Nöten des Volkes zum Ausdruck und kam in der Frühphase der Französischen Revolution zu seiner Verwendung.

Nero musizierte nicht während Rom 64 nC brannte. Es ist umstritten, ob der Kaiser den Brand legen liess, wahrscheinlich wurde er gar nicht gelegt. Gerüchte (von Tacitus verbreitet bzw wiedergegeben) besagten, er wollte Platz für einen riesigen Palast schaffen, habe vom Brand  zumindest profitiert. Nero verdächtigte Christen oder aber brauchte einen Schuldigen für den Brand, schon allein um den Verdacht von sich abzulenken. So kam es zur ersten Christenverfolgung (die Todesstrafen wurden u.a. durch Kreuzigung oder Auslieferung an Tiere in der Arena vollstreckt), welche später sein schlechtes Image festigte. Wie bei Marie Antoinette wird mit der Geschichte ein Bild „transportiert“.

Napoleon war nicht klein, er erreichte mit etwa 1,68 m eine für Männer seiner Zeit durchschnittliche Körpergrösse. Die Fehlzuschreibung geht entweder auf einen Umrechnungsfehler von Maßeinheiten oder britische Kriesgpropaganda zurück; sie hat den österreichischen Psychotherapeuten Alfred Adler sogar dazu veranlasst, den Minderwertigkeitskomplex kleingewachsener Männer und dessen Überkompensation “Napoleon-Komplex” zu nennen.

Die Wandalen, die 455 in Rom einfielen, waren nicht die Zerstörer und Barbaren, die der Begriff  “Vandalismus” nahelegt. Der seither verwendete Begriff (sprachlich von diesen Germanen abgeleitet aber historisch wenig begründet) ist wahrscheinlich zur Zeit der Französischen Revolution entstanden.

Im Mittelalter glaubte man nicht an die Scheibengestalt der Erde. Die damaligen Wissenschafter wussten, dass sie eine Kugel ist, etwas das schon in der griechischen Antike festgestellt wurde. Die entsprechende Mär soll im 19. Jh aufgekommen sein, als damalige “Fortschrittler” die damaligen Konservativen bzw das “christliche Denken” diffamieren wollten; dem amerikanischen Historiker Jeffery B. Russell zufolge, und er nennt dabei u.a. Thomas Paine. Der Byzantiner Kosmas Indikopleustes hat zB im Mittelalter die Kugelgestalt der Erde angefochten. Geglaubt hat man im MA, aus verschiedenen Gründen, dass auf der gegenüberliegenden Erd-Seite (Antipode) keine Menschen leben. Aus der Sicht der Flat Earth Society ist die Kugelgestalt der Erde ein Irrtum (kein historischer).

Albert Einstein, der Schutzpatron aller Schulnieten, dürfte kein schlechter Schüler gewesen sein. Die “Legende” dürfte auf eine falsche Interpretation des Schweizer Notensystems zurückgehen.

Das Folterinstrument Eiserne Jungfrau dürfte es nicht gegeben haben, es gab Schandmäntel, ohne Nägel nach innen; ähnlich verhält es sich mit dem Keuschheitsgürtel, der Mythos darum dürfte in der frühen Neuzeit entstanden sein, vermutlich um ein besonders düsteres Bild des Mittelalters zu zeigen. Bei der Eisernen Jungfrau dürften sich die Historiker bzw Ur-Heber der “Legende” selbst geirrt haben, beim Keuschheitsgürtel saß man einer verbreiteten Legende auf.

Kleopatra dürfte nicht so schön gewesen sein

Julis Caesars angeblich letzte Worte “Et tu, Brute?” (“Auch du, Brutus?”), zu einem der Mörder, haben keine historische Basis. Sie gehen auf den Historiker Suetonius zurück, der aber davon berichtete, dass anderen zufolge Caesar diese Worte auf Griechisch (“Kai su, teknon?”) sagte. Shakespeare griff die Worte in seinem Stück über den römischen Diktator und Konsul auf, brachte sie auf Latein. Vermutlich waren seine Verletzungen durch die zahlreichen Dolchstiche zu schwer, um noch sprechen zu können. Auch Goethes angeblich letzte Worte vor seinem Tod 1832, “Mehr Licht”, und jene Luthers 1521 am Reichstag inWorms (“Hier stehe ich,…”) gehen auf unverlässliche Quellen zurück und dürften den Betreffenden in den Mund gelegt und bzw dort verdreht worden sein. Gandhi dürfte den ihm zugeschriebenen Aus-Spruch über die westliche Zivilisation nicht getätigt haben.

Die ersten deutschen Autobahnen wurden nicht unter Hitler gebaut

Archäologen haben viele Wikinger-Artefakte ausgegraben – ein mit Hörnern verzierter Helm war aber nicht darunter

Charles Lindbergh überflog nicht als Erster den Atlantik, auch nicht Non-Stop, aber als Erster allein

Kapitän Bligh war kein Tyrann

Die römischen Kriegsschiffe wurden nicht von Sträflingen gerudert

Und jetzt einige seltener aufgeklärte Annahmen:

Joseph McCarthy war nicht Mitglied im Ausschuss für „unamerikanische Untriebe“; dieser war ein Ausschuss des Repräsentanten- Hauses, wogegen McCarthy dem Senat angehörte. Der Republikaner aus Wisconsin war dort u.a. im Unterausschuss “zur Überprüfung der Staatstreue von Angestellten des Aussenministeriums“, besser bekannt unter der Bezeichnung Tydings Committee, aktiv. McCarthys aggressive Paranoia bezog sich auf die “Unterwanderung” des amerikanischen Regierungsapparats durch Kommunisten, der “sein” Komitee auch “nachging”; der Ausschuss der unteren Kammer des US-amerikanischen Parlaments veranstaltete dagegen eine Hexenjagd um vermeintliche Kommunisten in anderen Bereichen der Gesellschaft, nicht zuletzt Künstler und Einwanderer. Dennoch, beide Parlaments-Ausschüsse entsprangen der selben Geisteshaltung und waren in derselben “Ära” aktiv und diese wurde von diesem Alkoholiker geprägt und nach ihm benannt.

Die Motivation der japanischen Führung für ihre Kapitulation am Ende des 2. Weltkriegs kam nicht allein von den amerikanischen Atombombenabwürfen, sondern auch von der Kriegserklärung der Sowjetunion in den selben Tagen. Schon in den Wochen vor den Atombombenabwürfen hatte das USA-Militär mehr als 60 Städte, darunter Tokio, mit den heftigsten Bombardements der Kriegsgeschichte überzogen. Am 6. August der Abwurf der Atombombe über Hiroshima. Es gab danach keine Krisensitzung des obersten japanischen Kriegsrats. Am 8. August gab die Sowjetunion ihren Nichtangriffspakt mit Japan auf und erklärte ihm den Krieg; noch in der folgenden Nacht marschierte die Rote Armee in die Mandschurei ein, wo die Japaner einen Marionettenstaat errichtet hatten, sowie auf den Kurilen. Später am 9. August die nukleare Bombardierung Nagasakis. Danach veranlasste Kaiser Hirohito den Kriegsrat und die Regierung, die in Potsdam festgehaltenen Bedingungen für eine Beendigung des Kriegs zu akzeptieren. Premierminister Admiral Suzuki stimmte zu, es gab aber ein langes Ringen, die meisten Militärs waren gegen die Kapitulation, in den frühen Stunden des 10. dürfte die Entscheidung gefallen sein. Japan kapitulierte am 15. 8. Es war wahrscheinlich die Kombination aus dem sowjetischen Kriegseintritt gegen Japan (der zu einer baldigen Invasion führen “musste”) und den Atombomben (von denen man weitere erwarten musste), die dazu führten. In der Nacht zum 15. versuchten Teile des Militärs noch, mit einen Putsch die Kapitulation zu verhindern, Premier Suzuki zu töten. Ein interessanter Ansatz für ein kontrafaktisches Szenario (Gelingen dieses Putsches)

Über den NS-“Lebensborn” gab und gibt es den “Mythos”, diese Heime seien “Bordelle” bzw Zuchtanstalten zur qualitativen und quantitativen “Verbesserung” des Nachwuchses gewesen. In Wirklichkeit war es so, dass ledige Mütter, die NS-Kriterien entsprachen und/oder ein Kind von einem SS-Mann erwarteten, dort Aufnahme fanden, zur Entbindung und teilweise zum Aufziehen. Hinzu kamen aus besetzten Gebieten verschleppte blonde Kinder. Dort dann nicht als “rassisch wertvoll” erachtete Geborene kamen in ein KZ.

Einige Mythen und Irrtümer rund um den „Titanic“-Untergang sind bis heute kaum entlarvt, etwa:

– dass Kapitän und Reederei auf Rekordfahrt für das „Blaue Band“ für die schnellste Atlantiküberquerung waren, hochmütig für einen Temporekord das Leben ihrer Passagiere aufs Spiel setzten. Diese Behauptung geht auf den 1939 erstmals erschienenen Roman „Titanic“ von Josef Pelz von Felinau zurück (eine Art Tatsachenroman), in dem der Autor diese angebliche Wettfahrt und weiteres aus rein dramaturgischen Gesichtspunkten erfand.

– dass der Eisberg den Rumpf der „Titanic“ über Dutzende Meter Länge aufschlitzte – allein schon durch die Gegenüberstellung der spezifischen Dichte von Eis und jener von Stahl eine physikalische Unmöglichkeit. Es gab vielmehr sechs kleine Lecks durch die Kollision mit dem Eisberg.

–  dass die Eigentümer das Schiff als „unsinkbar“ angepriesen hätten und der Untergang damit nachgerade „bestrafter Hochmut“ sei, stimmt auch nicht. Es wurde von Medien so charakterisiert, wegen den abschottbaren Abteilungen

– dass Eisbergwarnungen ignoriert wurden. Es wurde vielmehr deshalb der Kurs des Schiffs geändert.

– Kaum jemand weiss, dass beim Untergang der „Dona Paz“ auf den Philippinen 1987 über 4 300 Menschen ums Leben kamen, ein Vielfaches der Opfer der Titanic

Anne Frank ist im KZ (Bergen-Belsen) an Typhus gestorben, wurde nicht vergast. Die Verantwortung für den Tod liegt natürlich trotzdem bei den Initiatoren dieses ethnischen Genozids

Alfred Redl, der österreichisch-ungarische Generalstabsoffizier, der u. a. für das Russische Reich spionierte, wurde anscheinend nicht mit seiner Homosexualität erpresst und er trat selbst an die Russen heran. In den Unterlagen über Redl in russischen Archiven finden sich keine Hinweise auf seine Homosexualität. Er brauchte Geld für seine Partner bzw seinen aufwändigen Lebensstil.

Dass die Swastika aus Indien stammt und von deutschen Nazis zweckentfremdet wurde und nicht erfunden (selbiges gilt für den Ausdruck “Arier”), weiss die Geschichtsforschung,  wissen zumindest die meisten Gebildeten, ist aber ein unter vielen “Laien” verbreiteter Irrtum

Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es “Märchen”, die noch immer von Manchen als faktisch gesehen werden; dieser Komplex ist Gegenstand von Geschichtspolitik. Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora. Es gibt dort Geklautes aus anderen Kulturkreisen. Es gibt Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede.

Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern,  v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist zB ein Irrtum, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen

Die gefälschten Hitler-Tagebücher sollten Geld einbringen, aber auch Geschichts-Revisionen bewirken bzw das vorherrschende Narrativ als Irrtum überführen

Geschichtliche Irrtümer in Vorhersagen/Erwartungen > zB Fukuyamas “Ende der Geschichte” mit dem Ende des Kalten Kriegs

Andere Arten von Irrtümern: Die Mär dass man die Chinesische Mauer aus dem All sieht, ist auch ein Irrtum/Mythos, aber eben kein historischer. Der Piltdown-Schädel war eine wissenschaftliche Fälschung aus einem anderen Bereich, die man irrtümlicherweise eine Zeit lang nicht erkannte. In Georgien gibt es wahrscheinlich nicht überproportional viele Alte. Moderne Sagen, urbane Mythen, Grossstadtlegenden, Schauermärchen, Zeitungsenten, erfundene Anekdoten sind auch Arten von Irrtümern; zB: “Harry, fahr schon mal den Wagen vor” soll “Derrick” so wörtlich nie gesagt haben. Lange glaubte man auch, ein hervorstehendes Kinn hinge mit einem starken Charakter zusammen. Strausse stecken nicht bei Gefahr den Kopf in den Sand. Justizirrtümer: Galilei musste etwa im 17. Jh unter dem Druck der Inquisition seinem “Irrtum” abschwören, dem heliozentrischen Weltbild; rund 400 Jahre nach dem Urteilsspruch wurde er von Papst Johannes Paul II. 1992 rehabilitiert.

Literatur:

Frank Fabian: Die größten Lügen der Geschichte. Wie “historische Wahrheiten” gefälscht wurden (2009)

Friedemann Bedürftig: Als Hitler die Atombombe baute. Lügen und Irrtümer über das Dritte Reich (2004). Legenden und Irrtümer zur Nazi-Zeit werden richtig gestellt, etwa dass man mit dem Angriff auf die SU dieser zuvorzukommen wollte/musste, oder um den Reichstagsbrand

Bernd Ingmar Gutberlet: Irrtümer und Legenden der deutschen Geschichte (2002)

Frank Fabian: Die größten Fälschungen der Geschichte. Was nicht in unseren Schulbüchern steht (2013). Auch über die Misskonzeptionen über Urheberschaften antiker Kulturen

Stephan Conermann (Hg.): Mythen, Geschichte(n), Identitäten. Der Kampf um die Vergangenheit (1999)

Reiner Ruffing: Kleines Lexikon wissenschaftlicher Irrtümer (2011)

Jörg Meidenbauer: Lexikon der Geschichtsirrtümer (2004). Sehr populärwissenschaftlich; anscheinend schreibt er dort, dass der Attentäter von Sarajevo “Kroate war”, nicht Serbe – was ein irrtümlicher Irrtum wäre, Princip war (je nach Sicht) serbischer Bosnier oder Serbe

Gerhard Prause: Niemand hat Kolumbus ausgelacht – Populäre Irrtümer der Geschichte richtiggestellt (erste Ausgabe 1995)

Klaus Waller: Lexikon der klassischen Irrtümer. Wo Einstein, die katholische Kirche und andere total danebenlagen (1999)

Jean-Francois Bouvet: Vom Eisen im Spinat und anderen populären Irrtümern (2002; Original Du fer dans les épinards. Et autres idées reçues Poche, 2000)

Walter-Jörg Langbein: Lexikon der biblischen Irrtümer (2003)

Ralf Höcker: Lexikon der Rechtsirrtümer (2004)

Udo Pollmer, Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer (2004)

Christa Pöppelmann: Die neuen Irrtümer der Allgemeinbildung (2009)

Walter Krämer, Götz Trenkler: Lexikon der populären Irrtümer (1996)

Werner Fuld: Das Lexikon der Fälschungen (1999)

Oliver Ernst, Jan Claas Freienstein, Lina Schaipp: Populäre Irrtümer über Sprache (2011)

Rainer Köthe: 120 populäre Irrtümer über Sonne, Mond und Sterne. Von funkelnden Fixsternen, kleinen grünen Männchen und dem unendlichen Universum (2005)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Taiwan-China

Im Verhältnis China-Taiwan bzw Volksrepublik-Republik stehen der vorangegangene Bürger-Krieg, die De Facto-Teilung, die Krisen bzw Spannungen, die jeweiligen Ansprüche auf ganz China, im Vordergrund. Die inneren Gräben in der ROC bzw auf Taiwan verschwinden dabei aus dem Blickfeld; sie bieten einige Paradoxa sowie interessante Parallelen.

In China ist der Name Taiwan, bei dem es sich wahrscheinlich um ein Lehnwort aus einer Ureinwohnersprache handelt, seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlich. Der Name bezeichnete ursprünglich sowohl die gesamte Insel als auch die damalige Hauptstadt (das heutige Tainan) im Süden der Insel. Bewohnt war die Insel vor Chinas Küste bis in die frühe Neuzeit von malaio-polynesischen, austronesischen Gruppen. Taiwan liegt zwar vor dem Ostteil Chinas, der das “innere China”, das Kernland, bildet, es liegt im Süden aber nach Südost-Asien hin offen (Strasse von Luzon zu den Philippinen) und im Osten zum Pazifik/Ozeanien. Der Admiral Zheng He soll im 15. Jahrhundert eine erste chinesische Expedition nach Taiwan unternommen haben, dies ist aber nicht gesichert.

1583 erreichten portugiesische Seefahrer als erste Europäer die Insel und nannten sie Ilha Formosa („Schöne Insel”), ein Name, der lange verwendet wurde. 1624 besetzte die niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) den Süden der Insel und 1626 gründeten Spanier Niederlassungen im Norden; sie wurden bald von den Niederländern vertrieben. Auf die niederländischen Kolonisatoren geht die erste grössere Einwanderungswelle von Chinesen zurück, die bis dahin nur vereinzelt gekommen waren. Die Holländer warben sie als Arbeiter u a. für den Zuckerrohr-Anbau an. Durch die weniger als 40 Jahre währende niederländische Kolonial-Herrschaft, die nur das südliche Drittel der Insel umfasste, gab es tiefgreifende Änderungen: (Han-)Chinesen kamen, wurden allmählich zahlreicher als die “indigenen Völker”. Diese wiederum wurden von den Niederländern kontrolliert, in dem sie Dorfvorsteher bzw. Häuptlinge ernannten, was die Gesellschaftsstrukturen veränderte; ebenso wie die christliche Missionierung. Die aus Südostasien und Ozeanien stammenden “Aborigines” verloren ihre Unabhängigkeit und die Kontrolle über ihre Insel, wurden ab da zunehmend zurückgedrängt. Es kam zu Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den eingewanderten Chinesen, wie auch zwischen den Chinesen und Niederländern.

1644 besiegten in China die Mandschuren unter der Qing-Dynastie die Ming-Herrscher; viele Ming-Loyalisten flüchteten nach Taiwan (erinnert an die Einwanderung der Führung der Republik um 1949 dann). Einer dieser Ming-Anhänger, Koxinga (Zheng Chenggong), ein Kriegsherr und Kaufmann chinesisch-japanischer Abstammung, vertrieb 1662 die niederländischen Kolonialherren. Er gründete ein Lokalreich auf Taiwan, das Tungning-Königreich, den ersten chinesischen Staat auf der Insel; dieser setzte den Widerstand gegen die auf dem Festland herrschenden Qing fort. 1683 eroberten dann die Mandschu-Herrscher vom Festland die Insel. Taiwan war nun erstmals mit China vereinigt, blieb dies für etwa 200 Jahre, eine Folge waren weitere Einwanderungswellen aus dem Festland. Es kamen Soldaten, Beamte, Siedler, v.a. aus der Taiwan/Formosa am Festland ggü-liegenden Fujian-Region. Diese gehörten überwiegend den Hoklo/Hokken/Holo an, einer südchinesischen Han-Untergruppe. Sie waren es, die Landwirtschaft auf der Insel etablierten und sie bildeten den Kern der heutigen chinesischen Bevölkerungsmehrheit Taiwans. Die Ureinwohner wurden entweder von den Küsten in das gebirgige Landesinnere verdrängt oder gingen in der eingewanderten Han-Bevölkerung auf, durch kulturelle Assimilation oder biologische Vermischung.

Als Taiwan von China nach einem Krieg mit Japan Ende des 19. Jahrhunderts an dieses abgetreten werden musste, waren Chinesen längst die Mehrheit der Bevölkerung gegenüber den Ureinwohnern. Chinesen und “Aborigines” erhoben sich in den frühen Jahren der Herrschaft der Japaner gemeinsam gegen diese. Ansätze zu eigener (taiwanesischer) Identität in der Bevölkerung wurden durch diese Herrschaft gestärkt. Da ein taiwanesisches Bewusstsein (das zumindest eine starke chinesische “Komponente” hatte) von den japanischen Besatzern unterdrückt wurde, wurde es von der (festland-) chinesischen KP damals unterstützt, eines der Paradoxa bei diesem Thema. In unzugänglichen Bergregionen konnten einige indigene Völker ihre Eigenständigkeit und Kultur bis ins frühe 20. Jahrhundert bewahren, sie wurden von den Japanern “unter Kontrolle” gebracht. Die Japaner behielten ihnen gegenüber die Klassifizierung der chinesischen Qing-Ära in “roh” (wild) oder “gekocht” (assimiliert) bei.

Die japanische Herrschaft über Taiwan (1895-1945) wird heute auf der Insel gerne als Modernisierung geschätzt bzw eingestuft. Die Erziehung in japanischer Sprache trug dazu bei, dass sich viele Taiwaner als Japaner fühlten. Es gab einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Japaner brachten auch den heute sehr beliebten Sport Baseball nach Taiwan. Die Zeit fiel z. T. mit der japanischen Meiji-Ära zusammen, in der Verwestlichung ein zentrales Thema war. Dies schlug sich auch in einer Haltung gegen Drogen nieder, wirkte sich auf das Opium-Rauchen auf Taiwan aus, das in der frühen Qing-Zeit begonnen hatte. Dieses lud zwar auch zur Besteuerung ein, wurde aber schliesslich ausgemerzt.

Auch während der chinesischen Revolution 1911/12 (die ein Ende der Monarchie und eine Republik und, wenn man so will, die Moderne, brachte) war Taiwan bei Japan. Dieser Umsturz brachte den Abfall der Mongolei und Tibets, eine stärkere westliche Beeinflussung, Instabilität, konkurrierende Machtzentren bzw Zerfall. Die Kommunistische Partei und die Kuomintang (KMT) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen, 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Der Krieg wurde einer zwischen der Regierung der Republik bzw ihrer Armee und der KP-Miliz Rote Armee; er wurde während der japanischen Invasion 1937-1945 unterbrochen. Tschiang Kai-Schek wurde 1943-1949 zum 2. Mal Präsident der Republik, ihr letzter am Festland.

Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 transferierte die amerikanische Militärregierung unter MacArthur Taiwan unter die Verwaltung der Republik China. Es kam bald zu Spannungen und Konflikten zwischen Taiwanern und der von der (gesamtchinesischen) Kuomintang-Regierung eingesetzten Verwaltung aus Festlandschinesen, die zunächst begeistert empfangen worden waren. Soldaten und Beamte konfiszierten nicht nur Eigentum der japanischen Kolonialverwaltung, sondern auch von taiwanesischen Firmen oder Personen, etwa Waren wie Reis, Salz und Zucker, die auf das kriegsgebeutelte Festland geschafft wurden. Chinesische Soldaten sollen die Bevölkerung terrorisiert haben und der Machtwechsel einen wirtschaftlichen Niedergang eingeleitet haben. Die Spannungen entluden sich am 28. Februar 1947 in einem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand. Ein Streit zwischen einer Zigarettenverkäuferin und einem Anti-Schmuggel-Beamten am Tag davor löste einen Aufstand aus, der durch das Militär gewaltsam niedergeschlagen wurde. Zwischen 10 000 und 30 000 Taiwaner wurden dabei getötet, Anführer ebenso wie Unbeteiligte. Danach wurde das Kriegsrecht über die Insel verhängt, was 40 Jahre aufrecht bleiben sollte, die längste solche Phase in der Geschichte. Das Massaker war auch der Auftakt zum “weissen Terror”, der ebenfalls bis 1987 anhalten sollte, sich gegen des Kommunismus oder anderer Dissidenz Verdächtigte richtete.

Zum Erbe des Aufstands und des Massakers gehört die Abwendung grosser Teile der Bevölkerung von der Republik und von China überhaupt. Militärgouverneur Chen Yi, der Verantwortliche, wurde entlassen, aber nur um am Festland andere wichtige Posten einzunehmen. Als Gouverneur der Provinz Zhejiang wurde er entlassen und verhaftet, unter der Anschuldigung, sich in der Endphase des Krieges der Roten Armee bzw der KP ergeben zu wollen. Nach dem Todesurteil gegen ihn wurde er auf Taiwan gebracht und 1950 dort exekutiert. Im Regime der KMT war der “228-Vorfall” von 1947 ein Tabu. In der Phase der Demokratisierung entschuldigte sich Präsident Lee Teng-hui (KMT), der damals als kommunistischer Sympathisant am Aufstand teilgenommen hatte und verhaftet worden war, 1995 im Namen der Regierung und erklärte den 28. Februar in Gedenken an das Massaker zum staatlichen Feiertag.

Der Bürgerkrieg war 1948 entschieden, im April 1949 wurde die damalige Hauptstadt Nanjing durch die Rote Armee erobert. Die Führung von Republik, Partei und Armee mussten sich immer weiter in den Süden zurückziehen. Im Dezember 1949 wurde ihre letzte Bastion Chengdu in Szechuan belagert. Chiang Kai-Shek und sein Sohn Chiang Ching-Kuo waren unter jenen, die die Militärakademie der Stadt schliesslich per Flugzeug nach Taiwan verliessen (das praktisch kein Schauplatz des Kriegs gewesen war). Mao Tse-Tung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Volksrepublik China proklamiert, Anfang Oktober, in Peking. In Szechuan waren noch eine Zeit lang Truppen der Republik aktiv, ebenso im Süden. Ansonsten hielt die KMT-Republik nur Taiwan mit seinen vorgelagerten Inseln sowie Hainan und zwei weitere Insel(gruppe)n vor der Ost- und Südküste. Ein Angriff der Volksrepublik auf Quemoy, eine dieser vorgelagerten Inseln, der auf Taiwan gerichtet war, wurde im Oktober 1949 abgewehrt. Im Süd-Westen isolierte Reste des Militärs der Republik sowie verbündete Milizen und zivile Anhänger zogen sich nach Nord-Birma und Nord-Thailand zurück. Von dort wurden sie teilweise nach Taiwan evakuiert, teilweise wandten sie sich hier im „Goldenen Dreieck“ der Opiumproduktion zu, teilweise begannen sie von dort Guerilla-Attacken auf das nun kommunistische China. Auch die Annexion Tibets gehört zu den Kriegshandlungen nach Ausrufung der Volksrepublik. Im Frühling 1950 wurde die Insel Hainan von der Roten Armee erobert, danach auch die Wanshan-Inseln und Zhoushan. Damit endeten die letzten grösseren Kampfhandlungen des Chinesischen Bürgerkrieges. Die letzte Phase des Bürgerkriegs wird teilweise nicht mehr als solcher gesehen, sondern als zwischenstaatlicher.

Es wurde erwartet, dass auch Taiwan früher oder später fallen würde, zumal die USA-Regierung, die die Republik im Bürgerkrieg unterstützt hatte, zunächst kein Interesse an einer Unterstützung von Chiang’s letztem Stand hatte. Dies änderte sich mit dem Beginn des Korea-Kriegs im Juni 1950, danach sandte Truman eine Flotte in das Südchinesische Meer. In Nordwest-China erhoben sich ab 1950 Reste der Armee der Republik, die dort grossteils aus Angehörigen moslemischer Völker bestand, gegen die Volksrepublik, bis 1958. Der Widerstand bzw Guerilla-Krieg von Birma aus gegen Süd-China unter Li Mi wurde von der USA unterstützt. Nachdem sich Birma darüber bei den UN beschwert hatte, lösten sich die Truppen 1953/54 grossteils auf und gingen auch nach Taiwan. Einige Tausend kämpften, unterstützt von der Republik, noch bis 1961 weiter.

Chiang proklamierte nach seiner Ankunft in Taiwan im Dezember 1949 Taipeh zur “vorübergehenden” Hauptstadt der Republik, die sich nach den Ansprüchen seiner Regierung auf ganz China erstreckte. Die Republik China wurde auf Taiwan fortgeführt, das bedeutete eine Fortsetzung der auf das Militär gestützten Einparteien-Diktatur des Festlandes. Taiwan war 1945 bis 1949 Teil der KMT-geführten Republik, bildete danach (de facto) diese. Die chinesische Flagge ab 1928 wurde die taiwanesische. Der Militär Chiang blieb mit einer Unterbrechung bis zu seinem Tod 1975 Herrscher Taiwans. War seine Regierung eine Exilregierung, eine Gegenregierung oder die legitime? Die Rück- bzw die Rest-Eroberung wurden Ziele der Regierungen der Volksrepubik am Festland und der Republik auf Taiwan. Die im 19. Jh. de facto verlorene Souveränität Chinas wurde nach dem 2. WK trotz (de facto-) Teilung wiederhergestellt; de jure gab bzw gibt es zwei Parallelregierungen für ganz China, de facto wurde Taiwan unabhängig. Die Republik stellte den Vertreter Chinas in der UN, wurde von den Staaten der westlichen Welt als für ganz China zuständig anerkannt.

Die Regierung der Republik China erhebt also den Anspruch auf die Alleinvertretung für ganz China (wie einst die BRD für Deutschland), wie auch die Volksrepublik (Ein-China-Politik). De Facto ist das von ihr kontrollierte Territorium auf Taiwan und die vorgelagerten Inseln beschränkt. Offiziell beansprucht die Republik ein China in den Grenzen von 1911, also vor der Revolution, ein Gebiet mit der Mongolei und Tibet, dem indisch kontrollierten Süd-Tibet oder dem Tuwa-Gebiet, das nach der Revolution zu Russland gekommen ist; es beansprucht Hongkong, Macao und Sinkiang sowie die Diaoyu/Diaoyutai/Senkaku-Inseln, die bereits im 19. Jh zu Japan kamen (siehe Karte unten). Das ist um einiges mehr, als die Volksrepublik kontrolliert bzw beansprucht…

China stand wie auch Deutschland voll im Kalten Krieg, die Sowjetunion unterstützte die VR (wie auch schon die KP im Bürgerkrieg), die USA die Republik. Die VR mischte ausserdem in Korea und Indochina mit. Die Quemoy/Kinmen/Chinmen-Inseln, ein Archipel in der Taiwan-Strasse, zwischen Festland und Insel, blieb nach 1949 unter Kontrolle der Republik; urprünglich hatte er zur Provinz Fujian gehört. Nachdem die VR China in der Endphase des Bürgerkriegs bereits nach diesen Inseln vor seiner Küste gegriffen hatte, kam es 1954/55 wieder zu Kämpfen; bei einem Eingreifen der Schutzmächte der beiden Chinas wäre die Welt- und Atomkriegsgefahr gross gewesen. Die Kämpfe gingen auf kleinerer Flamme bis 1958 weiter. Danach pendelte sich eine Koexistenz zwischen den beiden Staaten ein.

Infolge der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg flüchteten um 1949 beinahe 2 Millonen Chinesen aus allen Teilen des Festlandes (zu Han-Chinesen “eingeschmolzen”, falls sie das nicht waren) nach Taiwan (Soldaten, KMT-Kader, Beamten, Sympathisanten aus Wirtschaft oder Kunst und andere Zivilisten). Sie bildeten die Oberschicht, sie standen der Regierungspartei zumindest nahe, bekamen die Stellen im öffentlichen Dienst, wurden überall gefördert. Die in der taiwanesischen Gesellschaft als Waishengren bezeichneten (im Deutschen meist als „Festlandchinesen” übersetzt) schraubten die ohnehin schon hohe Bevölkerungsdichte weiter in die Höhe, sind bis heute an der Nordküste Taiwans konzentriert, besonders im Raum um Taipeh. Credo der KMT war/ist ein chinesischer Nationalismus und die Rückgewinnung des verlorenen Landes; Taiwan wollte sie nach ihrer Wunschvorstellung Chinas umgestalten, die Insel ist für sie einfach ein Teil Chinas.

Der andere Teil der Bevölkerung sind die Benshengren (chinesisch 本省人, „Menschen aus der hiesigen Provinz”), die Nachfahren der früheren Festland-Einwanderer, teilweise werden auch die Ureinwohner dazugezählt (die in der Hierarchie der Volksgruppen ganz unten stehen). Die eigentlichen Benshengren (die Han sind) sind Nachfahren der seit dem 17. Jahrhundert in mehreren Wellen vom südlichen Festland her Eingewanderten, unter den Niederländern, dem Ming-Loyalisten Koxinga und den Qing. Sie zerfallen wiederum ihrer Herkunft nach in zwei Gruppen: die Hoklo, die früher kamen, v.a. aus Fujian, und einen Teil der Ureinwohner unter sich “aufnahmen”; und die Hakka, die hauptsächlich im 18. und 19. Jh und aus Guangdong kamen. Die Benshengren sind verwurzelter auf Taiwan als die Waishengren und in der Regel offen für einen taiwanesischen Nationalismus, der aus Sicht der “Sinozentristen” einen separatistischen Charakter hat.

Durch den Gegensatz zu den Benshengren hat sich unter den Waishengren, die ursprünglich aus den verschiedensten Gegenden Chinas stammten und keineswegs eine Einheit bildeten, im Laufe der Zeit eine neue ethnische Gruppe entwickelt. Die ethnisch-politischen Grenzen in der taiwanesischen Bevölkerung wurden gestärkt, indem in Personal-Dokumenten früher die Ethnizität (bzw der Stammsitz der Grossfamilie) eingetragen wurde, bis Anfang der 1990er. Für Waishengren sind auch Benshengren und die Ureinwohner auf die eine oder andere Art Chinesen; streng (bzw ethnisch) genommen sind die Hokla und Hakka (Untergruppen der Benshengren) tatsächlich Han-Chinesen, wobei ein Teil der austronesischen Ureinwohner in ersteren aufgegangen ist. Ein Teil der Waishengren ist nicht sinitischer Herkunft.

Die Diversität der Bevölkerung und die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen zeigt sich auch in der Sprachsituation. Es gibt auf Taiwan vier Sprachgruppen: Hoch-Chinesisch, “taiwanesische” Sprachen, austronesische Sprachen, “auswärtige” Sprachen. Waishengren, die späten Immigranten (und ihre Nachkommen), pflegen Han-Chinesisch bzw Mandarin, daneben diverse chinesische Dialekte. Die Sprache der Benshengren, der Nachkommen der früher Eingewanderten, ist hauptsächlich die Sprache der Hoklo, das südchinesische Hokkien (bzw die taiwanesische Variante davon), das auch als “Taiwanisch” oder “Taiwanesisch” (臺灣話) bezeichnet wird. Die Verbreitung des taiwanesischen Hokkien ist nicht ganz mit der Hoklo-Gruppe der Benshengren kongruent, auch sehr viele Hakka sprechen es zumindest als Zweit- oder Drittsprache. Die Hakka haben ansonsten ihre eigene Sprache. Was diese Hakka-Sprache und das taiwanesische Hokkien betrifft, so werden beide auch als Dialekte des Chinesischen gesehen. Die Unterscheidung, ob sie Dialekte oder eigene Sprachen sind, wird nicht zuletzt auf Grundlage politischer Ansichten getroffen. Im Zuge der Demokratisierung in den 1990ern wurde Taiwanesisch mehr zugelassen.

Die Ureinwohner, wie die Ami, haben ihre eigenen Sprachen, die mit Chinesisch gar nicht verwandt sind, aber mit ozeanischen Sprachen wie Hawaianisch. Wie diese Ethnien wurden auch ihre Sprachen stark zurückgedrängt, sind im öffentlichen Raum (Bildung, Medien,…) so gut wie nicht präsent. Japanisch ist noch immer die “Hilfssprache” vieler Taiwanesen, nicht zuletzt der Ureinwohner! Englisch wurde aufgrund der Amerikanisierung der letzten Jahrzehnte, die genau so tief ging wie einst die Japanisierung, eine Konkurrenz für das Japanische als “Lingua Franca”. Interessantwerweise gingen Re-Sinisierung und Amerikanisierung ab 1949 Hand in Hand auf Taiwan, aufgrund der politischen Umwälzungen. Hoch-Chinesisch war für Jahrzehnte die einzige zugelassene Sprache in Bildung, Staatsdienst, Medien, usw., und auch ein Instrument zum Ausschluss der Nicht-Waishengren. Die Einstellung oder Beförderung von Benshengren wurde etwa gerne mit der Begründung angelehnt, dass diese nicht gut genug Chinesisch sprächen. Dies änderte sich parallel zur Aufweichung der Diktatur. Taiwanesisches Hokkien hat sich wieder Bedeutung zurück erkämpft, nicht zuletzt in der Wirtschaft, auch durch das Entstehen einer Benshengren-Mittelklasse.

Die erfolgreiche Industrialisierung (besonders Elektronik- und Kommunikations-Industrie) nach dem Bürgerkrieg bzw der Teilung bzw der Waishengren-Machtübernahme haben das landwirtschaftlich geprägte Land stark verändert. Das Zwei-Kammern-Parlament trat jahrzehntelang auf Grundlage der Wahlen von 1947 und 1948 zusammen, den letzten der Republik am Festland; ab 1969 gab es immerhin Nachwahlen für verstorbene oder zurückgetretene Abgeordnete. Die chinesische Verfassung von 1947 ist noch immer die Grundlage jener Taiwans. Widerstand gegen Sinisierung/Sinifizierung und Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans waren in den Jahrzehnten der Dikatur eine ebenso schwere Abweichung wie Kommunismus, wurden mit Gefängnis- und Todesstrafen geahndet. Pro-Demokratie-Bewegung, Benshengren-Emanzipations-Bestrebungen und Unabhängigkeits-Aktivismus waren eigentlich nicht voneinander zu trennen. Die Festland-KMT-Elite wurde in der Bevölkerungsmehrheit vielfach als ausländische Besatzungsmacht aufgefasst und der Ein-China-Anspruch als falscher Kurs. Es war üblich, dass Benshengren als Bedienstete für Waishengren arbeiteten, umgekehrt kam das nicht in Frage. Ehen zwischen Angehörigen der beiden Gruppen hatten den Charkter einer Hypergamie, eines „Hinaufheiratens“; Benshengren-Frauen heirateten gelegentlich Waishengren-Männer, nicht umgekehrt. Die Kinder solcher Beziehungen gingen in den Waishengren auf. So hatte es sich aber auch mit den Ureinwohnern und den Benshengren Jahrhunderte davor verhalten… Es gab auch so etwas wie eine Trennung der Wohngebiete der beiden Gruppen.

Die 1970er brachten einige Krisen für das Regime: 1971 der Ausschluss aus der UN zugunsten der VR. Dann die Annäherung der USA an die Volksrepublik, die 1978 zu deren Anerkennung führte, zuungunsten der Republik; USA blieb aber ihre Schutzmacht, während sich die Sowjetunion und die VR in den 1960ern entzweiten. 1975 der Tod Chiang Kai-Sheks, dem sein Sohn nachfolgte. Daneben begann sich unter Benshengren aus der Erfahrung der Unterdrückung Widerstand zu formieren, die Tangwai-Bewegung. Die Front zwischen Befürwortern von Ein-China und Taiwan-Eigenständigkeit war grossteils kongruent mit jenen zwischen Regime und Opposition sowie Festland-Einwanderern (Elite) und autochthonen Insulanern (Unterworfene). Ein Protestmarsch in Kaohsiung 1979 wurde gewaltsam aufgelöst, die Anführer, wie Annette Lu (2000 Vize-Präsidentin), vor Gericht gestellt. Genau das, bzw die Berichte in den Medien über die Prozesse, fachte den Demokratie- und Unabhängigkeits-Diskurs weiter an. Den “Taiwanisten” ging es damals hauptsächlich um Gleichheit bzw Emanzipation, nicht Umsturz oder Kurs-/Machtwechsel.

Die Tangwai-Bewegung wurde in den 1980ern stärker, als die Ehefrauen inhaftierter Aktivisten bei Lokalwahlen als unabhängige Kandidaten Mandate gewannen. Die Widerstandsbewegung gegen das Regime begann sich zu organisieren: 1986 wurde die Democratic Progressive Party (DPP) gegründet, als erste Oppositionspartei im Kuomintang-Staat, obwohl dies noch illegal war. 1987 hob Präsident Chiang Ching-Kuo das Kriegsrecht auf. 1988 starb der jüngere Chiang, Lee Teng-hui wurde sein Nachfolger. Lee (Li) ist ein Benshengren, der erste an der Spitze der KMT und des Regimes, als Präsident 1988 bis 2000 demokratisierte er es. Aufweichung der Diktatur bedeutete auch eine Aufweichung der Waishengren-Vorherrschaft und ein Abweichen vom strikten Ein-China-Kurs. 1991 wurde das Verbot des Eintretens für die Unabhängigkeit Taiwans aufgehoben; im selben Jahr wurde das vor Jahrzehnten am Festland gewählte Parlament aufgelöst. 1992 wurde es erstmals frei gewählt, Lees KMT gewann vor der DPP. Unter Lee fand in den 1990ern parallel zur Demokratisierung eine Taiwanisierung statt: in verschiedenen Bereichen wurde taiwanesische Kultur aufgewertet, in Schul-Lehrplänen etwa von einem pan-chinesischen Geschichtsbild auf ein stärker Taiwan-zentriertes umgestellt, die “taiwanesische” Sprache gewann an Bedeutung. Im Vorfeld der Präsidenten-Wahl 1996 (der ersten direkten), die eine Wiederwahl Lees brachte, gab es starke Spannungen mit der Volksrepublik, deren Führung die Ein-China-Formel durch ihn gefährdet sah, und Raketentests in der Taiwan-Strasse durchführen liess. Man muss sich das vor Augen führen: Dass dieser Staat nicht mehr das Territorium der Volksrepublik beanspruchen könnte, veranlasst diese zu solch indirekten Drohungen

Rund um die Präsidentenwahl 2000, die erstmals ein DPP-Kandidat (Chen Shui-bian, ein Benshengren) gewann, nachdem der KMT-Präsident Lee das Land reformiert hatte, war die Auseinandersetzung zwischen den politischen Lagern besonders intensiv. Waishengren und Benshengren standen (nicht nur da) ziemlich geschlossen im Lager von KMT bzw DPP. Die Haltung zur Volksrepublik (Anspruch auf sie oder Kurs auf Abtrennung) korreliert mit der Vorstellung vom Charakter Taiwans. Von jenen, die ihre jahrzehntelangen Privilegien verloren hatten, blickten nur wenige kritisch auf die vier Jahrzehnte autoritäre KMT-Alleinherrschaft zurück. 2001 gewann die DPP auch die Parlaments-Wahl. In der Folge bildeten sich zwei Blöcke unter DPP bzw KMT, mit kleineren verbündeten Parteien, der grüne und der blaue. Seither wechseln sie sich an der Macht ab.

Die China-Frage, das Verhältnis zur Volksrepublik bzw zum Festland, ist auf Taiwan das zentrale politische Thema, es berührt dort alle wichtigen Themen; auf dem Festland ist das umgekehrt nicht so. Die Haltung zur VR spiegelt das Nationskonzept der politischen Lager Taiwans wieder. Und, diese Lager sind grossteils ethnisch definiert; Scott (s. u.) stellte Parallelen zu Südafrika fest. Wahlen sind nicht nur Richtungskämpfe, sondern gewissermaßen auch ethnische Auseinandersetzungen. “Gemischte” Ehen, neue Generationen und Demokratisierung haben Unterschiede kleiner gemacht, Grenzen aufgeweicht, aber es gibt sie noch. Die ethnischen Spannungen erreichten rund um die Präsidentenwahl 2004 einen Höhepunkt, als Amtsinhaber Chen und seine Vizepräsidentin Lu beim Wahlkampf in Tainan angeschossen wurden. Die Wahl brachte einen hauchdünnen Sieg der “grünen” Kandidaten, den die “blauen” nicht anerkannten.

Die Republik China könnte der UN beitreten wenn sie nicht darauf bestünde, als Vertreterin ganz Chinas anerkannt zu werden, selbiges gilt für bilaterale Beziehungen. Der WTO oder UNICEF ist sie unter solchen pragmatischen Umständen (und unter Namen wie “Taiwan”) beigetreten. Offizielle Beziehungen hat die Republik zu wenigen Staaten, inoffiziell zu den meisten. Diese laufen über Quasi-Botschaften mit dem Namen “Taipei Economic and Cultural Representative Offices” (TECRO). 2004 wurde der Staatsname “Republik China” z.B. auf Pässen mit dem Zusatz “(Taiwan)” ergänzt. Im selben Jahr fand ein Referendum statt, in dem über die Beziehungen zur Volksrepublik abgestimmt wurde; diese Initiative von Präsident Chen wurde sowohl von der blauen Opposition als auch von der Volksrepublik heftig kritisiert, als Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Die Volksrepublik will also kein Ende des Alleinvertretungsanspruches der Republik, ist gegenüber Abspaltungstendenzen intolerant, trifft sich darin mit dem blauen Lager Taiwans, ihrem vermeintlichen Gegenpol! Zu den Unabhängigkeits-Unterstützern gehören auch Politiker aus dem blauen Lager, wie Ex-Präsident Lee; er gehörte zu jenen, die eine Unabhängigkeits-Erklärung vor Olympia ’08 in Peking befürworteten, unter der Annahme dass internationale Aufmerksamkeit die Volksrepublik dann davon abhalten würde, Taiwan anzugreifen. Manche “Taiwanisten” die für die totale Trennung von (Festland-) China sind, sind aus taktischen Gründen gegen eine Unabhängigkeits-Erklärung, wegen der Reaktion der VR und von vielen Waishengren (“Festländlern”) auf Taiwan. Auch die Schutzmacht USA ist gegen die Unabhängigkeit Taiwans.

Was das blaue Lager und seine Ambitionen betrifft, so meinen die meisten darin, dass die angestrebte “Vereinigung” mit dem Festland nur über dessen Demokratisierung laufen kann, einer Aufgabe der Staatsideologie der Volksrepublik (ähnlich wie bei der DDR). So wie jene “Sezessionisten”, die eine Abspaltung zurückhalten wollen, solange ein Militärschlag dafür droht, sind sie für die Aufrechterhaltung des Status Quo. Nicht wenige Waishengren bzw Blaue haben sogar das Anti-Abspaltungsgesetz der VR 05 begrüsst, das im Artikel 8 die Drohung, dass militärische Mittel zum Einsatz kommen können, sollte Taiwan weitere formelle Unabhängigkeitsbestrebungen unternehmen, enthält… Sie sehen es als ein Mittel gegen Benshengren/ Grüne/ Taiwanisten. Die KMT und ihre Verbündeten sehen ihr Ziel nicht als Wiedervereinigung, auch nicht als Irredentismus, die Regierung in Taipeh war in ihren Augen ohnehin immer für ganz China zuständig, wird nur in einem (sehr grossen) Teil seit Jahrzehnten von “Aufständischen” davon abgehalten, wie es auch vor und während des Bürgerkriegs Regierungen der Republik ergangen war. Diese hätten sich unerlaubterweise unabhängig gemacht. Und, wie erwähnt, ist das China von 1911 ihre “Verhandlungsgrundlage”. Allerdings, die Republik erhebt “aktiv” nur den Anspruch auf drei Gebiete: die Senkaku-, die Paracel- und die Spratly-Inseln, die alle recht nahe bei dem von ihr kontrolliertem Territorium liegen. Die Perspektive der Taiwan-Zentristen ist die Mikroperspektive, jene der Sino-Zentristen die Makroperspektive. Für die einen hat Taiwan eine eigene Identität und gehört in den südostasiatisch-ozeanischen Raum, die anderen sehen es als kleinen Teil Chinas bzw Zufluchtsort für seine vertriebenen rechtmäßigen Herrscher.

Die Taiwanisten sehen sich im selben Boot mit den Tibetern oder Uiguren oder Hongkongern; KMT-Anhänger sehen diese ähnlich wie die Volksrepublik. Der tibetische Dalai Lama Tenzin Gyatso wird von den meisten Waishengren bzw KMT-Anhängern ebenso abgelehnt wie von den Kommunisten. Der Dalai Lama traf bei seinen ersten beiden Besuchen auf Taiwan 1997 und 2001 die damaligen Präsidenten Lee und Chen, Befürworter der Unabhängigkeit Taiwans, und aus dem Lager der DPP. 09 kam er auf Einladung der DPP, Präsident Ma von der KMT ging ihm aus dem Weg; er sagte anlässlich des Besuchs, er strebe nicht die Sezession Tibets von China an, sondern eine echte Autonomie. KP und KMT treffen sich in ihrem chinesischen Nationalismus. Benshengren sehen dagegen die Ein-China-Politik auch als Kapitulation vor der Volksrepublik. Die KMT war einst gegen die Monarchie und gegen die Mandschu-Herrscher gegründet worden, ist ziemlich minderheiten-feindlich, gegen Traditionen des alten Chinas. Unter Dissidenten der Volksrepublik gibt es verschiedene Haltungen zur Republik bzw Taiwan. Der jetzige Präsident Ma Y. J. von der KMT, ein Waishengren, hat die Republik ein Stück näher an die Volksrepublik herangeführt. Etwa eine Million Taiwaner sollen in der Volksrepublik leben. Taiwan bzw die Republik ist der grösste Investor in der VR bzw dem Festland. In den 00er-Jahren wurden direkte Reiseverbindungen geschaffen, die auch zuvor schon über Hongkong bestanden.

Waishengren, also die um 1949 vom Festland Eingewanderten und ihre Nachkommen, stellen heute ungefähr 14 % der Bevölkerung Taiwans. Sie waren ähnlich wie die Afrikaaner in Südafrika die ethnisch-poltische Elite, viele von ihnen glauben noch immer, dass ihnen die Führungsrolle auf Taiwan zusteht –  ähnlich wie Aschkenasen in Israel, WASPs in USA, sunnitische Araber im Irak, Paschtunen in Afghanistan, Amhara in Äthiopien, Engländer in Grossbritannien, (moslemische) Panjabis in Pakistan, Weisse in Südafrika, oder Americo-Liberianer in Liberia. Der vielleicht bekannteste Taiwaner, der in USA lebende Regisseur Ang Lee, ist ein Waishengren, beide Eltern kamen am Ende des Bürgerkriegs vom chinesischen Festland, sein Vater legte in der Erziehung auch grossen Wert auf chinesische Kultur. Obwohl Waishengren die Regierung nicht mehr dominieren, machen sie noch immer einen überproportional grossen Teil der Beamtenschaft und des Militärs aus. Das, was von ihren Privilegien geblieben ist, hoffen sie durch die KMT zu behalten.

Simon Scott arbeitete heraus, dass Benshengren mit den Afrikaanern Südafrikas einiges gemeinsam haben: Beide stammen sie von Leuten ab (Chinesen bzw Europäern), die ab dem 17. Jahrhundert, ursprünglich auf Initiative der niederländischen VOC, in ein neues Gebiet auswanderten. Beide haben ihren Nationalismus dort “eingewurzelt”, was sich schon daran zeigt, dass sie ihre Sprache nach diesem Gebiet genannt haben (Afrikaans bzw Taiwanesisch). Lee Teng-Hui hat, um bei dem Vergleich zu bleiben, etwas von F. W. De Klerk. Die Benshengren haben auch etwas von den israelischen Mizrahis: auch für diese begann, im zionistischen Zusammenhang, Ende der 1940er die Konfrontation mit einer mächtigeren Gruppe, die eigentlich Landsleute sind. Beide haben in den 1970ern eine gewisse Emanzipation erreicht. Auch die Begründungen für die Diskriminierung, man formt und definiert den Staat nach seinen Vorstellungen und sagt, die anderen sind nicht reif dafür. Die ethnischen Spannungen der Taiwan-Wahl 04 entsprechen aber jener Israels von 1981. Die Benshengren setzen sich wie erwähnt zusammen aus den noch verwurzelteren Hoklos (ca. 70% der Gesamtbevölkerung heute), in denen viele sinifizierte bzw assimilierte Ureinwohner aufgegangen sind, und den ca 15% Hakka. Eine Mehrheit von ihnen will Taiwan als eigenen Staat, sieht es auch als Nation.

Die austronesischen Ureinwohner Taiwans, auf chinesisch Táiwānyuánzhùmín (臺灣原住民) oder Yuánzhùmín (原住民) genannt, hatten mit der Ankunft der Benshengren die Kontrolle über die Insel verloren. Für sie waren die ersten chinesischen Siedler, die Niederländer, Japaner, die Waishengren, alles irgendwie Kolonialherren. Im Vergleich mit Südafrika entsprechen sie entweder den Bantu-Völkern oder den Khoisan, im zionistischen Zusammenhang den Palästinensern (jenen in den Restgebieten oder den “israelischen Arabern”). Gerade mit den Hoklo soll die Yuánzhùmín eine tiefe Feindseligkeit verbinden, die sie tendenziell die KMT wählen lässt, obwohl sie so gut wie keine chinesische Identität haben.

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg
https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg

 

Simon Scott: Taiwan’s Mainlanders: A Diasporic Identity in Construction. In: Révue Européenne des Migrations Internationales, Band 22, Nr. 1, 2006, S 87–106

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtlicher_Status_Taiwans

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entwurzelung der orientalischen Juden

Allgemeines

Die afro-asiatischen Juden bzw Mizrahim haben eher die vom Zionismus behaupteten Wurzeln der Juden in Palästina, waren jedenfalls lange Teil der Region, sind – vereinfacht gesagt – durch den aschkenasisch dominierten Zionismus entwurzelt worden. Mizrahis wurden teilweise im damals persisch regierten Babylon bzw Mesopotamien, in der Spät-Antike das wichtigste Zentrum der Juden, geprägt. Sie sind abzugrenzen von den Sepharden, welche von der moslemisch dominierten iberischen Halbinsel stammen, von wo sie mit der Reconquista vertrieben wurden, eine viel kleinere “Gruppe” sind. Wobei es Überschneidungen gibt, siehe Maimonides. Und, die Bezeichnung “Sepharden” wird auch gelegentlich für die Mizrahis verwendet. Nach der Ausbreitung des Islams in der Region durch die Araber waren Juden eine der anerkannten Religionsgemeinschaften (etwas, das für die Hindus Indiens etwa nur bedingt galt); eigentlich aber eine ethno-religiöse Gemeinschaft. Die arabisch-sprachigen (und entsprechend kulturalisierten) Juden, in der Neuzeit hauptsächlich im Osmanischen Reich, wurden auch “Musta’arabim” genannt. Grosse Gemeinschaften gab es in Mesopotamien und Ägypten. Jene in Jemen und Algerien kamen im 19. Jahrhundert unter die Herrschaft europäischer Kolonialmächte, andere später. Die Juden in Marokko waren nie unter osmanischer Herrschaft. Dasselbe galt für die meisten im iranischen Kulturkreis, zu dem auch die kurdischen und afghanischen sowie Teile der zentralasiatischen und kaukasischen Juden gehör(t)en. Die Juden Abessiniens (Äthiopiens) standen in keinerlei Kontakt mit “Glaubensbrüdern” anderswo; dass der Talmud keine Rolle in ihrer Religionsauffassung spielt, dürfte damit zu tun haben. Wie jene in Indien lebten sie nicht in einem mehrheitlich moslemischen Land.

Das 19. Jh. brachte für die Mizrahis, wie für andere Gemeinschaften im “Orient”, tiefgreifende Umwälzungen: Die westliche Einflussnahme in der Region, das Eindringen des europäischen Antijudaismus, die Einflussnahme der aschkenasischen (euro-amerikanischen, “weissen”) Juden auf sie. Die aschkenasische Bevormundung (hauptsächlich durch die AIU, s.u.) begann etwas früher als deren Griff nach Palästina. Die Einflussnahme von europäischer Kolonialmacht und aschkenasischen Organisationen verband sich am stärksten bzw deutlichsten in Algerien; auch anderswo gab es die Unterstützung der dortigen Juden für die Kolonialherren bzw die Nötigung dazu. So begann die Entfremdung von ihrer Umgebung und der„Entorientalisierungsprozess“ der Mizrahis, eine Umerziehung. Es gab auch vor ihren organisierten Transfers nach Palästina Mitte des 20. Jahrhunderts Einwanderungen dorthin (“Alija”) und die Teilnahme am dortigen zionistischen Projekt, auch von westlichen jüdischen Funktionären gelenkt. Der “Dynamik”, die der Zionismus mit der Nakba endgültig in der Region entfesselte, konnten sich nur wenige Mizrahis entziehen, auch jene nicht, die nicht direkt zur Teilnahme am zionistischen Projekt genötigt wurden. Manche von ihnen waren schon an der Nakba, der Umsetzung des Zionismus, beteiligt. Die Nakba bedeutete schliesslich auch die Verschmelzung diverser bewaffneter zionistischer Gruppen sowie die Einschmelzung der schon ins Lande geholten Mizrahis.

Der Grossteil der Mizrahis verliess ihre Länder durch von Israel (direkt oder indirekt) organisierte Transfers bzw Aussiedlungsaktionen in den 1950ern und 1960ern, oder, ebenfalls in dieser Zeit, in Auswanderungswellen, die viel mit Israel zu tun hatten und von ihm unterstützt wurden. Der Krieg 1967 markiert hier einen gewissen Abschluss. Danach gab es im Orient noch in Iran, Marokko, Türkei, Tunesien grössere jüdische Populationen. Jene in Äthiopien wurden damals übrigens noch nicht als Juden angesehen, zumindest nicht vom offiziellen Israel. Etwa eine Million Palästinenser wurden bei der Nakba aus dem dann israelischen Staatsgebiet vertrieben oder ermordet, eine ungefähr gleich grosse Zahl von Mizrahim kam in den Jahren danach aus islamischen Ländern nach Israel. Die unter israelischer Herrschaft gebliebenen bzw unterworfenen Palästinenser, “israelische Araber” (ein andermal wird sich hier ein Artikel um sie drehen), mussten im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahi, die sich meist besonders von ihnen abzugrenzen müssen glaub(t)en; die restlichen palästinensischen Gebiete kamen 67 “hinzu”.

Die Integrationsleistung der Mizrahis beim Eintritt in die israelische Gesellschaft war die Teilnahme an der Unterdrückung und eine Extra-Portion Rassismus gegenüber den Palästinensern. Sie nahmen oft den Platz von Palästinensern ein, deren Häuser oder deren Arbeit, geben die Diskriminierung und Verachtung der Aschkenasen an sie weiter. Und, die Brücken hinter ihnen aus der alten Heimat sind abgebrochen, nicht nur weil sich einige ihrer Herkunftsländer im Krieg mit Israel befanden. Die Mizrahis waren nach ihrem Transfer angewiesen auf “Zion”. Auch wenn es solche gab, die aus dem Orient in den Westen gingen oder über Israel in westliche Länder oder dort Verwandte hatten – Frankreich wurde so etwa für die algerischen Juden ein wichtiger “Bezug”, Grossbritannien für die irakischen.

Ungefähr die Hälfte der israelischen Bevölkerung hat Wurzeln in nordafrikanischen oder westasiatischen Staaten; zum grösseren Teil sind die Mizrahis bei Eheschliessungen/Partnerschaften unter sich geblieben (z.T. auch in der angestammten jemenitischen oder marokkanischen “Edah”). Daneben sind ein kleinerer Teil der Juden in der westlichen “Diaspora” Mizrahis. Hinzu kommt der immer kleiner werdende Satz der in orientalischen Ländern verbliebenen Juden. Die allermeisten Mizrahis sind also heute zumindest räumlich entfremdet von ihren Herkunftsländern. Beziehungen Israels zu Regimen der Region gab und gibt es, diese stellen aber keine Brücke in den Orient dar, waren nie zum Vorteil von deren Bevölkerung. Es gibt natürlich eine rote Linie von der rhetorischen Abgrenzung Herzls zum Orient zu der Entwurzelung und Instrumentalisierung der Mizrahis und der Unterdrückung der Palästinenser. Manche Mizrahis stellen sich der aschkenasisch-zionistischen Hoheit über sie auf die eine oder andere Weise entgegen, scheren aus; andere aus dem Orient stammende Juden kämpfen mit dem Gewehr im Westjordanland, oder, wie die aus Ägypten stammende Giselle Littman (“Bat Yeor”), in der Hass-Propaganda an vorderster zionistischer Front.

Ausgewählte Länder

In Ägypten waren die Karäer (die den Talmud auch nicht anerkennen) die am stärksten verwurzelte und in die Mehrheitsgesellschaft integrierteste jüdische Gruppe. Zu den Mizrahis kamen im 19. Jh, als die Briten bei formalem Fortbestehen osmanischer Oberhoheit Ägypten unter ihre Kontrolle brachten, sephardische und aschkenasische Einwanderer dazu. Es gab, was die Juden Ägyptens betraf, im 19. und 20. Jh ein Nebeneinander verschiedener Staatsbürgerschaften, Klassen, Ausrichtungen, Sprachen, Kulturen. Die Intensivierung des Konfliktes zwischen Palästinensern und Juden im benachbarten Palästina in den 1930ern wirkte sich auf die Juden Ägyptens aus. Der Zionismus bekam erstmals in der Zeit des 2. Weltkriegs unter ihnen grössere Unterstützung, er blieb aber die Angelegenheit einer Minderheit. Sowohl die Zionisten als auch diverse ägyptische Nationalisten und Islamisten waren, aus unterschiedlichen Gründen, der Meinung dass Juden kein Bestandteil der ägyptischen Gesellschaft sein konnten! Nach der Nakba 1948, an der das Eingreifen der ägyptischen Armee wenig ändern konne, wurde es für Juden in Ägypten zunehmend schwieriger – ihr Schicksal verband sich in mehrerer Hinsicht mit dem Konflikt um Palästina. In der kommunistischen Bewegung Ägyptens nahmen Juden eine führende Rolle ein, manche davon waren gleichzeitig Zionisten. Nicht so Henri Curiel, der eine der kommunistischen Gruppen anführte. Er wurde 1950 unter König Faruk aufgrund seiner kommunistischen Tätigkeit ausgewiesen und liess sich in Frankreich nieder. Von dort aus unterstützte er etwa den Unabhängigkeitskampf Algeriens.

1954 unternahm ein Netz ägyptischer Juden im Auftrag des israelischen Militär-Geheimdienstes Bombenanschläge auf westliche Einrichtungen in Ägypten; die Anschläge sollten so aussehen als ob sie von nationalistischen Ägyptern verübt wurden und den britischen Rückzug aus dem Land zumindest verzögern. Durch ein Missgeschick flog die Sache bzw das Netzwerk auf. Es gibt verschiedene Bezeichnungen für die Operation, etwa jene nach dem Verteidigungsminister Lavon (eigentlich Lubianiker); Drahtzieher war aber Ben Gurion (Grün). Juden waren in Ägypten fortan als Saboteure bzw als fünfte Kolonne Israels im Land verdächtig, und als Israel zusammen mit GB und Frankreich nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nasers 1956 (der entscheidende Schritt zur endgültigen Unabhängigkeit des Landes) angriff, reagierte die ägyptische Regierung mit Maßnahmen gegen Juden. Viele von jenen, die nicht ausgewiesen wurden, gingen damals von selbst. Beim Krieg 1967 wiederholte sich das. Die allermeisten Juden hatten danach Ägypten verlassen, bis auf einen kleinen Rest, der in den folgenden Jahren weiter schmolz. Ungefähr ein Drittel ging nach Israel, der Rest hauptsächlich nach Westeuropa und Nordamerika. Die Überlebenden der 1954 Verhafteten (zwei waren zum Tode verurteilt worden, einer beging im Gefängnis Selbstmord) wurden übrigens im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach dem Krieg 67 freigelassen. 1975 erzählten die vier Freigelassenen im israelischen Fernsehen ihre Geschichte, womit bestätigt wurde, dass sie im Auftrag des israelischen Staates handelten; dies war lange abgestritten worden. Einer von ihnen, Roberto Dassa, kehrte im Rahmen der Aussöhnung zwischen Ägypten und Israel unter Sadat als israelischer Journalist nach Ägypten zurück, als er den Besuch von Begin (Biegun) begleitete. Ihm und den anderen Bombenlegern wurden dann Heldenehrungen zuteil. Ende der 1980er wurden sie vom zionistischen Staat unter Premier Shamir (Jaziernicki) öffentlich geehrt, 05 von Präsident Kazav (Qasab).

Eine eingehende Untersuchung über die moderne Geschichte der Juden Ägyptens, das Ringen um eine säkular-liberale ägyptischen Nation unter gleichberechtigtem Einschluss von Minderheiten, und den Exodus in den 1950ern und 1960ern stammt von Joel Beinin (“Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia”). Der Text ist wertvoll aufgrund der grossen Sachkenntnis des Autors, in vielen Punkten als Herausforderung zum hegemonialen Narrativ, und weil er auch die Wurzeln heutiger Konfliktlinien aufzeigt. Beinin weist etwa darauf hin, dass der Autor der autorisierten israelischen Darstellung der Bombenleger bei den ägyptischen Juden ein Fehlen von Affinität zu Ägypten behauptete. Der ägyptische Innenminister Muhyi al-Din dagegen beeilte sich damals, die in die Sache involvierte Juden sowie andere zionistische der grossen Mehrheit der zu Ägypten loyalen und in ihm verwurzelten gegenüber zu stellen. Erinnert wird man hier u. a. daran, das der israelische Spitzenpolitiker Lieberman vor einigen Jahren gefordert hat, “israelischen Arabern” die Staatsbürgerschaft zu entziehen wenn sie dem Staat gegenüber “illoyal” seien. John Bunzl hat in “Juden im Orient” die irakischen Juden besonders ausführlich behandelt, da ihre Entwicklung von “exemplarischer Tragik” sei; ich finde aber, dass die Entwicklung in Ägypten viel exemplarischer ist, für das Schicksal der Mizrahim.

Über die Juden des Irak habe ich hier schon einiges geschrieben. In den zionistischen Darstellungen wird die Zusammenarbeit von manchen politischen und militärischen Kreisen des Irak mit der faschistischen Achse herausgestrichen und der “Farhud” als Vorbedingung zur Aussiedlung instrumentalisiert, bei Ausblendung der zionistischen Bombenanschläge (auch unter falscher Flagge) und dem Abkommen zwischen Irak und Israel zur Aussiedlung. Das widersprüchliche Geklage ist “Sie waren kein Teil des Irak” – “Es wurde ihnen nicht erlaubt, Teil des Irak zu sein”. “Forget Baghdad”, ein Dokumentarfilm von Samir (Jamal-Aldin) aus 2002 behandelt das Schicksal ex(il)-irakischer Juden, auch die Bomben der Zionisten die zur Auswanderung führten und der dahintersteckende aschkenasische Hegemonie-Anspruch. Im Orient-Institut der Österreichischen Orient-Gesellschaft kam es zu einem jüdisch-moslemischen Irakertreffen anlässlich des Films; Karl Pfeifer (IKG; seine Fangemeinde hat auch einen Film über ihn gemacht…) hat irgendwo verbal dagegen gehetzt, die übliche Haltung des zionistisch-aschkenasischen Mainstream zu Mizrahis an den Tag gelegt, Instrumentalisierung, nicht Aufarbeitung, Narrativ-Hoheit, Vereinnahmung.

In dem Film wird u.a. Samir Naqqash interviewt. 1938 in Bagdad in eine reiche jüdische Familie geboren, ist er vor einigen Jahren gestorben. Zu dem Transfer 1951, mit den allermeisten anderen Juden aus dem Irak nach israel, sagte er, er wurde von der Jewish Agency entführt. Er hat einige Integrationsleistungen in die israelische Gesellschaft nicht vollzogen, diese Gesellschaft auch verlassen, um im Iran und anderen orientalischen Staaten zu leben, wie auch in Grossbritannien, kehrte nochmal zurück, hatte dort Familie. Er hatte diverse Jobs, studierte arabische Literatur in Jerusalem, lebte seine arabistische, anti-zionistische Haltung als Schriftsteller aus. Er hat den Zionismus eher boykottiert anstatt zu versuchen, ihn zu ändern. Der ägyptische Autor Naguib Mahfouz nannte ihn einen der grössten gegenwärtigen Schriftsteller auf Arabisch. Bezeichnenderweise wurde nur ein Buch von Naqqash auf Hebräisch übersetzt. In seinem letzten Roman, “Die Genitalien des Engels” (1996; anscheinend auf Englisch übersetzt, nicht aber auf Deutsch), beschreibt er etwa die Probleme eines arabischen Juden (mit einem “terrroristischen Gesicht”) am Ben Gurion-Flughafen. Andere jüdische Iraker in der israelischen Gesellschaft haben sich ähnlich weit vorgewagt wie Naqqash, etwa Sasson Somekh oder Sami Mikhael, die mit Palästinensern einen gemeinsamen Grund such(t)en und dabei auch die arabische Sprache als Brücke verwend(et)en. Von Elle Shohat und Rachel Shabi wird hier noch die Rede sein. Solche sind aber in einer Aussenseiter-Rolle. Stärker im Mainstream verhaftet ist etwa Eli Amir, der auch für die Jewish Agency arbeitete; er schrieb etwa “Aus dem Irak ins Land der Väter”.

Der Transfer der Juden aus dem Jemen 1949/50 (“Fliegender Teppich”) lief so ab, dass Manchen die Kinder wegenommen wurden und an aschkenasische Familien inner- und ausserhalb Israels verteilt wurden. Es spricht einiges dafür, dass der amerikanische Schauspieler Grant Heslov einen solchen Hintergrund hat. Die Entführungen wurden in einem Ochajon-Roman von Batya Gur behandelt, sind aber nach wie vor ein Tabu, rufen ansonsten Verschleierung bzw aggressives Bestreiten hervor. Auf der englischen Wikipedia etwa wird versucht, die Sache als Verschwörungstheorie abzutun.

In der Geschichte der Juden Algeriens waren die Cremieux-Dekrete zentral und bezeichnend: Adolphe Cremieux (Moise), Gründer der schon erwähnten Alliance Israelite Universelle (AIU), ein Lobbyist, wurde 1870 mit dem Sturz Napoleons III. Justizminister. In dieser Funktion verlieh der Aschkenase den Juden in Algerien (v.a. Sepharden, Mizrahi) die französische Staatsbürgerschaft, stellte sie mit den Franzosen bzw den dortigen französischen Siedlern gleich; die moslemischen Araber und Berber blieben zweitklassig. Ein extremes Beispiel einer Einflussnahme, die orientalische Juden an eine westliche Kolonialmacht band und sie von ihren Landsleuten entfremdete. Diese Entfremdung bzw Verschlechterung der Beziehungen wirkte sich dann im Unabhängigkeits-Krieg massiv aus. Damals (1950er, 1960er) war Israel eng mit Frankreich verbündet, die (an Frankreich gebundenen) Juden Algeriens wurden gewissermaßen in diese Zusammenarbeit einbezogen. Manche die 1962 Algerien verliessen, wie der Musiker Enrico Macias (Gaston Ghrenassia), versuchen sich als Zionisten und Brückenbauer zu Algeriern bzw der Region. Cremieux war übrigens laut en.wiki ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg für dieses Einstufung wird die “Jerusalem Post” angegeben.

In Marokko, das 1956 seine Unabhängigkeit gewann, gab es Anfang der 1960er die “Operation Mural” zur Aussiedlung der Juden (die stark in die marokkanische Gesellschaft integriert waren), von David Littman und dem Mossad. Die Aktion fand z.T. mit Zustimmung des marokkanischen Königs Hassan statt, z.T. an ihm vorbei. Die Aktion, die auch die Entführung von Kindern mit einschloss, wird auch als “humanitär” deklariert; Littman, der Ehemann von “Bat Yeor”, ist laut Wiki auch ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg genügte eine entsprechende Charakterisierung von Broder-Schützling Medick im “Spiegel”. Die nach Israel gebrachten wurden neben der normalen Diskriminierung Maßnahmen unterzogen die an Eugenik grenzten. In Israel sind marokkanisch-stämmige Juden die grösste Mizrahi-Gruppe, machen um die 500 000 Menschen aus. Ein Teil ist in Marokko geblieben, bis heute, zwischen 5 000 und 10 000.

Im Iran gab es in den frühen 1950ern den Versuch eines organisierten zionistischen Transfers, der schon deshalb nicht umfassend war, weil der iranische Schah mit Israel gute Beziehungen pflegte. Die Revolution 1979 führte zu bis heute anhaltenden Auswanderungswellen von Juden, primär in westliche Länder. Dennoch machen die im Iran Gebliebenen noch immer eine der grössten jüdischen Gemeinden des Orients aus, neben jenen in Marokko und der Türkei. Die ab 1991 aus der Sowjetunion in grosser Zahl ausgewanderten Juden sind teilweise den Mizrahis zuzurechnen (v.a. Bucharis aus Usbekistan und Tadschikistan).

In Israel

Bei Ilan Pappe kann man einiges über Eliahu Sassoon lesen, einen der wenigen Mizrahis, die zur Zeit der Staatsgründung schon eine Rolle spielten. Dieser stammte aus Syrien, das in der Zwischenkriegszeit französisches Mandatsgebiet war, er wirkte zunächst in der syrischen National- bzw Unabhängigkeits-Bewegung mit. Dann, nach seiner Auswanderung, im zionistischen Projekt in Palästina, stieg dort in diversen Führungsgremien auf. Rund um die Nakba spielte er das „Teile und herrsche“-Spiel gegen die Palästinenser (v.a. gegen Husseini, ausserdem die Instrumentalisierung der Drusen), wollte das aber anscheinend anstatt ethnischen “Säuberungen” weiter betreiben (womit er sich ja nicht durchgesetzt hat), war also ein vergleichsweise gemäßigter Zionist. Dieser Sassoon begründete die zionistische „Arabistik“, bei der es sich um dieses gegeneinander ausspielen, Aktionen unter deren “Flagge” unternehmen, sie vorführen, handelt. Fortgeführt hat diese “Arabistik” der Aschkenase Menahem Milson, führender Politikberater und einer der “Memri”-Führungsleute.

Der Zionismus brauchte die Mizrahis zur jüdischen Besiedlung Palästinas, wollte aber nicht ihre Kultur. Im Zionismus wurde alles Orientalische immer abgewertet und verdrängt. Dass Mizrahis (in mehrerer Hinsicht) oft die Plätze der vertriebenen Palästinenser einnahmen, kann man gut anhand des Viertels Wadi Salib in Haifa sehen. In den Häusern der während der Nakba Vertriebenen oder Ermordeten wurden bald danach die aus dem Orient transferierten Juden angesiedelt; v.a. Nord-Afrikaner, v.a. Marokkaner. Diese machten 1959 einen kleinen Aufstand gegen das Ashkenasi-Establishment, unter Führung der Schwarzen Panther. Später wurde das Viertel geräumt. Es gibt ein Buch von Professor Yifat Weiss darüber, s.u.

Der Krieg 1967 brachte Israel dem Orient näher, v.a. wegen den vielen Palästinensern, die nun unter seiner Herrschaft lebten. Mizrahis profitierten von der Besetzung, da Palästinenser nun ihre Arbeit übernahmen; die Okkupation war und ist mit der “Einbeziehung” der Palästinenser als Arbeiter verbunden. Mizrahis sind in der Regel nicht zuletzt aus diesem Grund gegen eine Aufgabe der “Gebiete”! In den 1970ern gab es Verbesserungen für die Mizrahis.

Bei Bunzl findet sich eine eingehende Behandlung der Frage, warum Mizrahis in der Regel rechts wähl(t)en, was meist Likud bedeutet. Und auch ein wenig über den “doppelten Boden” bei “linken” und “friedensbewegten” Israelis Marke Amos Oz (Klausner). Der Regierungswechsel 1977 zum Likud soll auch den Niedergang der aschkenasischen Hegemonie eingeleitet haben, obwohl auch dessen Spitzenleute alle aschkenasisch waren; Begin, der Premier wurde, Shamir, zunächst Parlamentspräsident, und Verteidigungsminister Scharon (Scheinerman) stammten alle aus Polen (jenem der Zwischenkriegszeit, aus Gebieten die dann zur Sowjetunion kamen). Auch der Frieden mit Ägypten hat dabei eine Rolle gespielt. Bis dahin waren die Mizrahis in der israelischen Spitzenpolitik sehr überschaubar, etwa der aus Jemen stammende Yeshayahu, der den “Fliegenden Teppich” mitorganisierte und für die Arbeiter-Partei Parlamentspräsident war. In Likud-Regierungen wurden sie allmählich häufiger, etwa mit dem aus Marokko stammenden Aussenminister David Levy. Was Levy betrifft, so gab es (israelische) Witze über ihn, die das Bild des ungebildeten Orientalen gut herausbrachten, zB: Levy ist auf Staatsbesuch in USA, seine Mitarbeiter sagen ihm dass am Abend ein Besuch im “Schwanensee” am Programm steht, und er fragt: “Haben wir Badekleidung dabei?” Eigentlich wurden Mizrahis erst in den 00er-Jahren des 21. Jh eine Selbstverständlichkeit in den Eliten des israelischen Staats, wobei Kazavs Wahl zum Staatspräsidenten da etwas bewirkte; danach kamen etwa Shalom oder Mofaz (Mofazzazkār). Bei der letzten Wahl hat der libysch-stämmige Kahlon mit einer eigenen Partei einen gewissen Erfolg erzielt, diese ist aber keine Mizrahi-Partei. Das ist noch immer am ehesten die Schas, die Partei der religiösen orientalischen Juden.

Da Fussball ja auch immer irgendwie ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft ist, lohnt es sich, auch dorthin zu sehen. Der grösste Erfolg des israelischen Fussballs war die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1970. Das damalige Team war noch ein überwiegendes aschkenasisches. Der Verband war aber damals, und zwar von 1954 bis 1974, beim asiatischen Kontinentalverband AFC, hat sich dort für einige Asien Cups, die WM 70 und ein Olympia-Turnier qualifiziert. Nach einer Reise durch verschiedene Kontinentalverbände (die WM-Quali bestritten sie meist über Ozeanien) ist der isrealische Fussball 1992 bei der europäischen UEFA gelandet. Mittlerweile dominieren aber Mizrahis den dortigen Fussball (wenn auch nicht den Verband). In “Fussball und Rassismus” (1993/94, Hg. Dietrich Schulze-Marmeling) steht über die israelische Liga, „Rassistische Schmähungen gegen arabische Spieler sind … erstaunlicherweise nahezu unbekannt.“ Das stimmte leider auch schon damals nicht, heute noch weniger. Besonders die Anhänger der dem Likud nahestehenden Betar-Klubs (wie jener aus Jerusalem) sind für ihren Rassismus gegen Nicht-Juden berüchtigt. Je tiefer die Liga, desto mehr Palästinenser und Mizrahis spielen darin.

Gegenüber den Zeiten, als Ben Gurion sagte, Israels Mizrahi-Immigranten hätten keine “jüdische Erziehung” und diese gegenüber ihren neuen Landsleuten ihre Kultur verleugnen mussten, es im Land kaum irgendeine kulturelle Entsprechung zur Tatsache gab, dass gut die Hälfte der Bevölkerung aus orientalischen Ländern stammte, hat sich vieles verändert. Wie man auch im Fussball sieht. Die einen haben sich ein Stück angepasst, die anderen wurden ein Stück toleranter. Künstler wie die aus Jemen stammende Ofra Haza, die die Kultur aus ihren Herkunftsländern aufbereiteten, wurden akzeptierter. Auch im israelischen Atomprogramm spielte die Thematik Aschkenasis-Mizrahis eine Rolle. Der inner-israelische Diskurs begann, vorsichtiger, codierter, zu laufen. Bei Oz gibt es z.B. in “Black Box” (Ende der 1980er erschienen) die Figur des aus Nordafrika (Algerien) stammenden Michel Somo, fanatisch, engstirnig, irgendwie unfähig. Wenn der Rechtsextremist Aryeh Eldad (Scheib) sagt, dass er den halben Tag gegen einen palästinensischen Staat kämpft und die andere Hälfte gegen “Korruption”, meint er mit zweiterem wahrscheinlich die Mizrahim bzw ihren Anteil an der Macht. Mizrahis sind heute unter den Siedlern in den “verbliebenen” palästinensischen Gebieten, ebenso wie im organisierten Verbrechen Israels; der Alperon-Clan kommt etwa aus Ägypten, andere wichtige Familien aus Marokko, daneben v.a. aus der Ex-Sowjetunion. Unter jenen, die vor der Strafverfolgung ins Ausland ausweichen, sind auch welche, die nach Marokko gehen (daneben u.a. nach Südafrika), meist solche, deren Grosseltern von dort stammen. “Rückkehr” in diese Herkunftsländer oder auch nur Besuche dort ist in mehrerer Hinsicht ein heikles Thema und kommt auch nicht allzu oft vor.

Der im Iran geborene Mosche Kazav wurde von seinen Eltern als Kind nach Israel gebracht. Er wurde für den Likud im Alter von 24 Bürgermeister von Kiryat Mal’achi, ursprünglich ein Auffanglager für orientalische Einwanderer. Nach dem Wahlsieg seiner Partei 1977 zog er in die Knesset ein. Begin, der damals Premier wurde, schickte ihn in dieser Zeit mehrmals in den Iran um die dortigen Juden zur Einwanderung zu bewegen – was angesichts der Revolution auch in gewissem Maß geschah. Der Gegner des Oslo-Friedensabkommens wurde unter Netanyahu (Mileikowsky) Tourismusminister, hier dürften die sexuellen Übergriffe an Mitarbeiterinnen bzw Untergebenen begonnen haben. 2000 Staatspräsident, wobei ein Teil der Abgeordneten der Regierungskoalition (jene der religiösen Parteien, v.a. Schas) für ihn, den Oppositionskandidaten, gestimmt haben, und nicht für Peres (Perski). Amos Asa El schrieb damals in der “Jerusalem Post” eine Lobpreisung für Peres (wegen seiner Nuklearisierung Israels, seinen Verdiensten für Wissenschaft, Militär, Diplomatie,…), eine Selbstbeweihräucherung der säkularen, alteingesessenen, herrschenden, aschkenasischen, “produktiven” Israelern, die Teil des Westens seien, und eine Schmähung der (zT orientalischen) Religiösen in dem Land, welche die zionistische Idee der “Befreiung von Juden aus der Ghetto-Abhängigkeit” gefährdeten. Kazav hat den Artikel bei der Pressekonferenz anlässlich seines (emotionellen) Abtritts als Präsident als Teil einer Kampagne gegen ihn angeführt. 2003 sprach er in der persisch-sprachigen Radiosendung des Senders “Kol Israel” (lange von Menashe Amir geführt) mit Hörern aus dem Iran. Sexuelle Gewalt, derer Kazav beschuldigt und dann auch (zu einer Gefängnisstrafe) verurteilt wurde, ist im Judenstaat verbreitet. Kazav selbst (und mancher Anhänger von ihm) hat seine Verurteilung als abgekartetes Spiel der aschkenasischen Elite und als durch seine orientalische Herkunft motiviert dargestellt. Jüdische und nicht-jüdische Zionisten überschlugen sich angesichts des Urteils in Lobeshymnen für Israel, seine Demokratie, seine Justiz, usw. In manchen Kommentaren wurde auch die iranische Herkunft Kazavs mit seiner Sexualität in Zusammenhang gebracht bzw diese dadurch erklärt.

Ihre Rolle und der Diskurs

Die Sache mit Juden aus islamischen Ländern spielt eine wichtige Rolle im Themenkomplex Zionismus, Nahostkonflikt, Antisemitismus, Islamophobie. Ein Paradebeispiel für eine zionistisch-tendenziöse Darstellung ist “In Ishmael’s House. A History of the Jews in Muslim Lands” von Martin Gilbert. Pappe wies in seinem Buch über die Nakba auf die zionistische Propagandalinie hin, die transferierten Mizrahis den getöteten/vertriebenen Palästinensern der Nakba gegenüberzustellen, die einen mit den anderen aufzuwiegen. Auch als Argument gegen das Rückkehrrecht der überlebenden Palästinenser. Über die “vergessene Million” klagen, auch um die Vertreibung der Palästinenser zu parallelisieren. Obwohl Israel für beide Zwangsumsiedlungen verantwortlich war! Wenn Mizrahi als Vertriebene dargestellt werden, kann man aber ihr Eigentum und ihren Status mit denen der palästinensischen Bevölkerung verrechnen und deren Ansprüche damit als abgeschlossen darstellen.

Auf der einen Seite will man die ethnische Säuberung Palästinas parallelisieren, auf der anderen sie in Abrede stellen. Joseph Massad weist darauf hin dass Israel einerseits beansprucht, Heimat aller Juden zu sein, andererseits die Behauptung aufstellt, dass die orientalischen Juden als “Flüchtlinge” und “Vertriebene” kamen (und nicht als “Rückkehrer”, “nach Hause”).

Die Auswanderung der Mizrahis wurde in den meisten Fällen von Israel organisiert oder/und diese bewusst von ihren Landsleuten entfremdet bzw. das gerne hingenommen. Probleme wurden geschaffen als deren Löser sich der Zionismus, in seinen heroischen Ansprüchen, darstellt. Beim Rechtfertigen der aufgeflogenen israelischen Aktion von 1954, bei der ägyptische Juden angeleitet wurden, Spionage sowie Sabotage gegen westliche Einrichtungen auszuführen, und sie nach einer ägyptisch-nationalistischen Aktion aussehen zu lassen, kommt das zionistische Narrativ (und seine Widersprüche) heraus: Juden in diesen Ländern hätten ohnehin keine Verbindung zum Land und ihren Landsleuten gehabt, der Orient sei zurückgeblieben, der westliche Zionismus zivilisatorisch überlegen und die wahre Bestimmung für diese Juden. Auf der anderen Seite das Lamento, von/in der Region nicht akzeptiert zu werden, was der Grund für den Konflikt sei… Aus zionistischer Perspektive gibt es auch die Tendenz, alles „Negative“ an Mizrahis zu einem „Erbe“ ihrer „Sozialisation“ im „Orient“ zu erklären, alles Positive zur Folge ihres Jüdisch-Seins. Die Geschichten über „Moslems und Nationalsozialismus“ werden gerne mit denen über Juden im/aus dem Orient zusammengepackt. Der Orientale als fanatischer Feind der Juden, Gegner der Aufklärung, Helfer der Nazis…

Man muss aufpassen, nicht in eine Falle zu tappen. Es ist nicht so, dass aschkenasische Zionisten überall die Harmonie zwischen Juden und Moslems im Orient zerstörten, und sie heute daran hindern, eine Brücke zum Orient zu bauen bzw einen Ausgleich mit ihm zu finden. Es gab auch ohne zionistischen oder europäischen Einfluss Diskriminierungen von Nicht-Moslems, antijudaistische Strömungen in diesen Ländern; diese werden heute maßlos übertrieben dargestellt, und als Henne die das Ei hervorbrachte, dankbar angeprangert als ein authentischer “moslemischer Antisemitismus”. Manche Aschkenasen waren/sind im zionistischen Zusammenhang für eine “Orientalisierung” (und sei es in Form von einer Vereinnahmung, wie bei der Gruppe der “Kanaaniter”), viele Mizrahis für “Anschluss” an den Westen. Aschkenasen dominieren fast alle jüdischen “Nahost”-Friedensgruppen und antizionistischen Initiativen – weil Mizrahis auf Israel angewiesen sind… Und weil sie, wie auch die später nach Israel gebrachten äthiopischen Juden, bei den gegebenen Verhältnissen ihre einzige Chance meist in einer Abgrenzung ggü Palästinensern und anderen Völkern der Region sehen.

Was immer wieder die Rolle der Mizrahis im zionistischen Rahmen ist, in dem sie sich befinden, ist das Spielen von Orientalen, ob in der Spionage oder in Spielfilmen. Bekanntestes Beispiel im ersteren Tätigkeitsfeld ist der syrisch-ägyptische Jude Eli Cohen, der im Vorfeld des 6-Tages-Kriegs in Syrien in die Nähe der Staatsspitze kam. In der anderen Branche ist etwa Sasson Gabay aktiv, ein israelischer Schauspieler wohl irakischer Herkunft. Im Hollywood-Film „Nicht ohne meine Tochter“ (z.T. in Israel gedreht) spielte er einen Iraner, in „Das Schwein von Gaza“ (auf eine andere Art ebenso tendenziös) etwa einen Palästinenser. Ist ja irgendwie dasselbe

In der Hierarchie des Rassismus suchen sich Opfer wie Mizrahis neue Opfer (wie Palästinenser). Dennoch haben Mizrahis immer wieder zumindest ansatzweise ihr Potential als Brückenbauer ausgeschöpft. Etwa der aus dem Iran stammende Friedensaktivist Avraham “Abie” Nathan oder die Mizrahi Democratic Rainbow Coalition (Hakeshet Hademocratit Hamizrahit), die wie die israelischen Schwarzen Panther früher neben dem Engagement für Mizrahi-Rechte auch den Palästinenser die Hand reicht, und die Verbindung zwischen Mizrahi-Juden und Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft auch einen “Missing Link” nennt. Oder der Autor und Aktivist Mati Shemoelof, dessen Vater aus Syrien, die Mutter aus Irak stammen. Er ist Zionismus-Kritiker, auch, aber nicht nur, wegen dessen Bedeutung für die Palästinenser. „Mein Judentum steht nicht im Widerspruch dazu, dass ich queer bin oder Araber.“ Die Abgrenzung von Aschkenasen ist für ihn auch eine von der Holocaust-Thematik.

Zugespitzt gesagt: Wenn man Palästina/Israel nimmt und Palästinenser und Mizrahis zusammenzählt, kommt man auf 90% der Bevölkerung, die von einer aschkenasischen Elite regiert werden – wovon aber noch deren Ultra-Religiöse abzuziehen wären sowie auf der anderen Seite jene Mizrahis die mittlerweile in den Eliten mitmischen. Ein Bündnis zwischen Mizrahis und Palästinensern gibt es natürlich nicht. Aber, bei den israelischen Sozialprotesten vor einigen Jahren gab es gemeinsame Demonstrationen in Tel Aviv, mit Schildern wie “Arabs and Jews refuse to be enemies” – daneben übrigens auch Solidarisierungen der sozialkritischen “Bewegung 14. Juli” mit den zionistischen Siedlern im Westjordanland. Vom Gefühl von Gemeinsamkeiten bei Rassismus und Benachteiligung zum Gefühl von Gemeinsamkeiten bei der Herkunft und Kultur ist es noch ein Weg. Elle Shohat hat ihr Standardwerk “Zionismus vom Standpunkt seiner jüdischen Opfer” genannt. Die aus dem Irak stammende Jüdin (sie hat auch in “Forget Bagdad” mitgewirkt) lehrt zur Zeit in USA, wird “Edward Said der Mizrahim” genannt, aufgrund ihrer radikalen Beschäftigung mit Eurozentrismus, Postkolonialismus und Orientalismus. Rachel Shabi (auch in den Hinweisen unten) stammt auch aus dem Irak, ist aus Israel nach Grossbritannien ausgewichen, schreibt von dunklen Juden (Mizrahis), die, um von der israelischen Polizei nicht für Palästinenser gehalten zu werden, Kipas oder Sterne tragen. Sie wird übrigens, wie auch andere in diesem Text genannte Personen, vom zionistischen Mainstream angefeindet, aufgrund ihrer Analysen.

Als die Böll-Stiftung vor einigen Jahren ein Filmfestival verantaltete, in dem Mizrahim im Mittelpunkt standen, gab es einen offenen Protestbrief von Juden, darunter auch Mizrahis wie der in Berlin lebenden Filmregisseurin Meital Abekasis, gegen die fehlende Behandlung von Rassismus gegen diese Gruppe in der zionistischen Gesellschaft (der richtigerweise als mit jenem gegen Araber als verwandt eingeschätzt wird). Es werde etwa ein Film von Ephraim Kishon (Hoffmann) mit rassistischer Darstellung von Mizrahis ohne Diskussion bzw Kritik gezeigt. Auch wurde Kritik an der Rede von “Vertreibung” dieser Gruppe aus ihren Ländern geübt und auf diverse unbequeme Wahrheiten im Zusammenhang mit Zionismus und Mizrahim hingewiesen,

Auf der anderen Seite: Die Ausschreitungen gegen afrikanische Flüchtlinge 2012 in Tel Aviv, auch hauptsächlich von Mizrahis. An vorderster Front der (aus Tunesien stammende) Innenminister Yishai, der dann auch für die Ausweisungen mit-verantwortlich war. Der Führer einer Partei (Schas), die den Juden, welche lange als “schwarz” angesehen wurden, eine Stimme geben soll, erklärte, Israel müsse die Afrikaner ausweisen da das Land “uns, dem weissen Mann” gehöre. Beinart auf openzionism: ”Yishai’s comments illustrate the awful paradox of contemporary Sephardi (or more accurately, Mizrahi) identity.” Was bewirkt dieses Paradox: Dass die Mizrahis, Yishais Klientel, in den ärmeren, schlechteren Gegenden Tel Avivs leben, in denen sich auch Afrikaner angesiedelt hatten? Dass jene, die das Gefühl haben, zwischen den Stühlen zu sitzen, sich auf einen der Stühle fixieren? Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” abgewehrt, vor allem von jenen linken Zionisten (auch nicht-jüdischen, im Westen), die gerne die israelische Fahne zusammen mit der des Regenbogens zeigen. Ihre (die afrikanischen) Probleme sind nicht unsere (die israelischen), sagen jene, die ihre Anliegen gerne zu jenen der ganzen Welt oder zumindest des Westens erklären. Während der Kriege im Sudan oder beim Terrorangriff in Kenia 2013 wurden Opfer gerne als Propagandamittel, gegen die Moslems, gebraucht. Oder auch der ghanaische Fussballer Paintsil. Den eigenen Umgang mit Afrikanern blendet man da lieber aus, und da gehört auch das sehr enge Bündnis mit dem Apartheid-Regime Südafrikas dazu.

Noch einmal zurück zu Joel Beinin und seinen Text über ägyptische jüdische Identitäten und Loyalitäten. Er schreibt dort über Rachel Maccabi’s autobiografisches Buch Mitzrayim sheli (Mein Ägypten), einem der ersten Bücher für ein israelisches Publikum, das jüdisches Leben in einem orientalischen Land porträtiert. Die ersten Kapitel erschienen 1965 in “Keshet”, der Zeitschrift der “Kanaaniter-Bewegung”. In der triumphalistischen Atmosphäre nach dem Sieg im “Präventivkrieg” 1967, so Beinin, gab es in der israelischen Gesellschaft einen Markt für diesen Blick auf Ägypten als Buch, nicht zuletzt da der Sieg über den wichtigsten Gegner und die Besetzung eines grossen Teils seines Territoriums als Folge einer zivilisatorischen Überlegenheit über diesen gesehen wurde. Maccabi wuchs in den 1920ern und 1930ern in einer Mittelschichtsfamilie in Alexandria auf, der Vater war aus einer einige Generationen im Land ansässigen aschkenasischen Familie, jene der Mutter stammte aus dem Irak. 1935 wanderte sie, nach einigen Besuchen dort, in einen Kibbuz im damals britischen verwalteten Palästina aus, wurde Offizierin in der “Haganah” (die Integration in die zionistische Gesellschaft Palästinas bzw das Ablegen des Ägyptischen ermöglichte ihr erst, mit ihren ägyptischen Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen). Ihr Milieu beschreibt sie als fast gänzlich von allem Arabischen oder Ägyptischen isoliert, ihre Sprachkenntnisse des Arabischen blieben minimal. Während sich die (aschkenasische) Familie väterlicherseits zumindest bis zu einem gewissen Grad in Ägypten assimilierte, war es die (Mizrahi-)Mutter die das ägyptische als “schmutzig” und “barbarisch” sah, und die Tochter damit prägte (Maccabi hat auch den Titel “Mein Ägypten” nicht gewollt und gewählt). Maccabi schrieb von einem “schmutzigen arabischen Viertel” in der Nähe ihrer Villa, den Arabern Alexandrias als “dunkelhäutigen und trübäugigen Männern”, der Welt der Ägypter als “angsteinflössend”, “minderwertig” und “das Andere”; dies erstreckte sich auch auf jene Juden, die sich nicht von der ägyptischen Mehrheitsbevölkerung unterschieden. Maccabis Buch bestätigt das zionistische Narrativ: Juden in diesen Ländern waren unberührt von der Landeskultur, irgendwie überlegen, ihre jüdische Identität wurde durch das Einschlagen des zionistischen Wegs (Auswanderung) bewahrt. Amos Elon (Sternbach) hat in “Nachrichten aus Jerusalem” (1995/1998) ebenfalls über Maccabis Ägypten-Darstellung geschrieben, sie im Gegensatz zu Beinin unkritisch wiedergegeben, auch den kaum verhüllten Rassismus und Kulturalismus, der Familie mit der Ermordung des Vaters noch die Opferrolle zugebilligt.

Nicht alle Juden gingen während ihres Lebens dort und in der nachträglichen Darstellung so auf Distanz zu Ägypten und gaben die Deutungshoheit über sich an den Zionismus ab. Nach Sadats Besuch in Jerusalem 1977 und dem Frieden mit Ägypten kamen auch andere von dort stammende Juden mit ihren Erinnerungen hervor. Yitzak Gormezano-Goren schrieb ebenfalls über seine Jugend in Alexandria, die er ganz anders darstellt als Maccabi; die damalige (aschkenasische) zionistische Aktivität porträtierte er dagegen wenig schmeichelhaft. Beinin bringt ein bezeichnendes Detail aus der Rezeption: Eine Kritikerin tat seinen Roman “Blanche” nicht nur als Kitsch ab, sie schalt Gormezano auch dafür, “Superman” und “Flash Gordon” “anachronistisch” in das Kino des Alexandria der 1940er eingebaut zu haben. Beinin: “She believed that they, like so much that is valued and recognized by Israeli yuppie culture, could only be a product of the 1980s.” Auch Jacqueline Kahanoff feierte in ihren Erinnerungen einen Levantinismus bzw Mediterranismus (der auch der aktuellen ägyptischen Nationskonstruktion entgegensteht), hinterfragte damit den zionistischen Kanon, forderte das eurozentrische Kultur-Establishment Israels heraus. Die Selbstkonzeption als Teil der Region, nicht in Gegnerschaft zu ihr (bzw nicht als weisse, westliche Festung), ist eine Unterminierung des Paradigmas der nativen Feindschaft von Juden und Arabern und damit eine Perspektive eines substantiellen Ausgleichs.

Bei westlichen Kulturkämpfern oszilliert die Rolle der Mizrahis zwischen Instrumentalisierung als Opfer der Orientalen (Moslems), rassistisch formulierter Verachtung und Ratlosigkeit. Philozionisten sehen sie teilweise ähnlich wie sie Moslems sehen; ein Kommentar zur Schas: “Orientalisch und zurückgeblieben, das passt zusammen.” Keine Anerkennung der Selbsteinstufung des ehemaligen Führers dieser Partei als “weisser Mann” (s.o.) also. Aus solchen “Zurückweisungen” heraus glauben viele, sich durch Rassimus gegen andere anbiedern zu müssen. Der israelische Soziologe Kimmerling sagte, Palästinenser und Mizrahim seien im aktuellen Diskurs beide nicht präsent; es gibt noch eine dritte Gruppe der Einwohner von Israel/Palästina, die dazu zu zählen wäre, die extrem religiösen Juden sind ebenfalls Aussenseiter, was etwa die Referenz westlicher Israel-Fans auf sie betrifft. In der deutsch-österreichischen Israel-Solidarität von links (oder eher: der Schönfärber; Feiern von Homosexuellen-Rechten, Holocaust-Aufarbeitung) und rechts (Faszination für Nationalismus, militärische Durchschlagskraft) kann man mit diesen Gruppen jenseits von Bevormundung meist nicht so viel anfangen.

Material

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry. Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (1998; Englisch)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Naeim Giladi: Ben-Gurion’s Scandals. How the Haganah and the Mossad Eliminated Jews (2006; Englisch). Der irakische Jude Khalaschi bekam von Israel den neuen Namen “Giladi”. Er ging weiter in die USA, wo er u.a. dieses Buch schrieb

Baruch Kimmerling: קץ שלטון האחוסלים (Kets shilton ha-Ahusalim; Das Ende der aschkenasischen Hegemonie) (2001; Hebräisch)

Gudrun Krämer: The Jews in Modern Egypt, 1914–1952 (1989; Englisch)

Abdelwahab Meddeb, Benjamin Stora (Hg.): A History of Jewish-Muslim Relations. From the Origins to the Present Day (2013; Englisch)

Alexandra Nocke: The Place of the Mediterranean in Modern Israeli Identity (2009; Englisch)

Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas (2007; englische Originalausgabe 2006)

Rachel Shabi: We Look Like the Enemy. The Hidden Story of Israel’s Jews from Arab Lands (2009; Englisch)

Abbas Shiblak: Iraqi Jews. A History (2005; Englisch). Der Palästinenser Shiblak, nun in GB, forscht über Vertreibung und Flucht, zu den Folgen der Nakba (bzw. der palästinensischen Diaspora), wie auch zu den nach Israel gebrachten orientalischen Juden, v.a. jenen aus dem Irak; publizierte über die zionistischen Aktionen zum Transfer sowie ihrer Geschichte. Hat das “Shaml”-Zentrum in Ramallah begründet.

Yfaat Weiss: A Confiscated Memory: Wadi Salib and Haifa’s Lost Heritage (2011; kam 2012 auf Deutsch heraus)

Joel Beinin: Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia

https://libcom.org/library/khamsin-5-oriental-jewry

Ehud Ein-Gil und Moshe Machover: Zionism and Oriental Jews. A dialectic of exploitation and co-optation. In: Race & Class 50/3 (2009) 62-76. Die beiden Autoren kommen aus der linken (anti-kapitalistischen und anti-zionistischen) Organisation “Matzpen” (eigentlich nur der Name der Publikation der Organisation), die 1962 in Israel gegründet wurde, als Abspaltung der kommunistischen Maki, aufgrund deren unkritischen Haltung zur Sowjetunion und aus einer grösseren Gegnerschaft zum Zionismus. In Matzpen waren Juden und Palästinenser aktiv. Dieser Artikel wurde im britischen Magazin “Race & Class” veröffentlicht; es geht darum um die ethnischen Grenzen in der israelischen Gesellschaft. Online

David Green: Arab Jews and Myths of Expulsion and Exchange

Joseph Massad: Palestinians, Egyptian Jews and propaganda

Ella Shohat: Sephardim in Israel. Zionism from the Standpoint of Its Jewish Victims. In: Social Text No. 19/20 (Autumn, 1988)

http://rehmat1.com/2013/11/28/what-about-jewish-refugees-rights-of-return/

Yifat Bitton: Discrimination Based on Sameness, Not Difference: Re- Defining the Limits of Equality through an Israeli Case for Discrimination. In: Journal of Hate Studies, Vol. 12, No. 1 (2014)

Ran Greenstein: Zionism and its Discontents: A Century of Radical Dissent in Israel/Palestine (2014; Englisch)

Nissim Rejwan: The Jews of Iraq (1985; Englisch)

Yitzhak Gormezano-Goren: Alexandrian summer (1978/2015). Roman

Nachtrag: Artikel über die entführten jemenitischen Babies

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutschland und Griechenland

Der deutsche bzw westeuropäische Blick auf Griechenland änderte sich durch dessen Staatsschuldenkrise (wieder). Die Stimmung zwischen den beiden “Seiten” ist gereizt, auf so gut wie allen Ebenen, nicht nur zwischen den Politikern. Nikolaus Blome in “Bild”: “Tretet endlich aus, ihr Griechen”. Sarrazin schrieb in seinem Folge-Buch zu jenem über das “Abschaffen” Deutschlands, in dem es über den Euro geht, dagegen arrogant-verächtlich über die Griechen, kritisierte die deutsche “Euro-Hilfe” als vom schlechten Gewissen wegen des Holocausts motiviert. Günter Grass aber schrieb in einem seiner letzten Gedichte, Europa stelle Griechenland, wo die europäische Idee einst geboren wurde, „als Schuldner nackt an den Pranger“, beraube es seiner Rechte und verurteile es zu Armut. Zugleich zeige Grass Verständnis für die Wut der Griechen.

Die westliche Griechenland-Wahrnehmung schwankt zwischen “Retter” bzw “Beschützer” des “Abendlands” und der Enttäuschung dieser Erwartung, aus der heraus Griechenland dessen “Gefährder” bzw “Zerstörer” wird. In den ca 10 Jahren zwischen September 2001 dem Beginn ihrer Finanzkrise überwog klar ersteres Bild. Das positive Gegenstück zu den Türken oder aber deren “Geschwister”. “Tapferes christliches Grenzvolk” oder aber “südländische Kaffeehausmentalität” (Broder).

Die Sichtweise auf Ukrainer lässt grüssen. Auch die Serben haben es in den letzten Jahren bei manchen Seiten (von Breivik bis Bozic) zu Abendland-Rettern gebracht. Wie die Griechen und die Ukrainer kann man auch die Serben nicht ohne ihr Verhältnis zu Russland sehen/verstehen. Die Selbst-Defintion Deutschlands wird in letzten Jahren gerne über „christlich-jüdische“ Kultur gemacht, bei afrikanischen Flüchtlingen, christlichen Palästinensern oder auch Griechen zeigen sich öfters deren Grenzen, zeigt sich eine Ablehnung in den Mustern der Islamophobie. Kurden werden jetzt von rechten und linken Kulturkämpfern umschmeichelt, wobei an ihnen alles, was sie schon an den Griechen nicht aushalten, noch stärker da ist…

Es war kein Zufall dass sich unter den Opfern der NSU-Morde neben acht Türken (bzw türkischstämmigen Deutschen) ein Grieche befand. Nach dem Mord an Theodoros Boulgarides 2005 in München schrieb die “tz”: „Türken-Mafia schlug wieder zu“. Seine Hinterbliebenen wurden monatelang durch die ermittelnden Behörden krimineller Machenschaften verdächtigt.

Dass die “Antisemitismus”-Keule ein Utensil deutschen Chauvinismuses geworden ist, zeigt sich etwa, wenn der CDU-Politiker Laschet damit grundlos im Schulden-/Sparstreit die griechische Regierung attackiert; mit den Vorwürfen der “Homophobie” und mit Frauenrechten wird ähnlich hantiert. Dann lieber ehrliche Altrechte, die zu Intoleranz stehen, als neudeutscher Toleranzchauvinismus. Für Missfelder ist “Antisemitismus”-Inquisition bei Kritik an israelischer Politik eine Möglichkeit zur Profilierung v.a. gegen Linke, ist eingebettet in Verteidigung von NSA, Rüstungsexporten oder Saudi-Arabien.

Der Philo-Zionismus ist eine Art Ersatz für Deutsch-Nationalismus bzw eine Form davon geworden. Von rechts bis links, wobei die “Anti”deutschen ohnehin früher oder später bei “Springer” landen. Er besorgt die politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit (die “Unnützen” bei Sarrazin sind in der Regel Moslems, Juden beurteilt er positiv), die NS-Bewältigung, das Nationalkonzept für die Berliner Republik. Bei der “Bild“-„Aktion“ gegen Antisemitismus“ während des Gaza-Massakers 2014, wo von Gauck bis Giordano Worte gesammelt wurden, versuchten nur wenige eine universelle, generelle Verdammung von Rassismus, es überwog ein „Ausspielen“ von “Antisemitismus“ gegen Rassismus. Aber es gibt natürlich auch hier Stolpersteine; die Philhellenen und ihre Enttäuschungen (s. u.) erinnern an deutsche Philozionisten, die auf Mizrahis oder orthodox-religiöse Juden treffen.

“Du bist ein typischer Grieche, der wie alle Griechen die Geschichte nicht kennt ! Ja ,ein hoffnungsloser Fall…Dann wird es aber eng für die griechischen Geldverteiler. Wer hat eben noch die gerade Entlassenen wieder eingestellt? Oh Mann, dann müssen sie wirklich und ehrlich arbeiten. Das gibt Probleme. Das Osmanische Reich hat den Geist dieses Landes gewaltig vergiftet…wir brauchen keine Parasiten , also mach `dich hier vom Acker…”

(Kommentare unter Yahoo-Artikeln zum Thema Griechenland)

Was natürlich nicht unter den Tisch fallen darf: Griechenland hat gewissermaßen über seine Verhältnisse gelebt. Die Eisenbahn-Gesellschaft, liest man, hatte mehr Angestellte als Fahrgäste. Oder, laut griechischem Gesundheitsministerium haben sich zehntausende Griechen jahrelang als behindert ausgegeben und sich so staatliche Zuschüsse erschlichen. Auf Zakynthos etwa waren angeblich 700 Menschen blind, 10% davon waren es tatsächlich, wie eine Kontrolle im Rahmen der Sparprogramme ergab. Da sind dann aber auch jene Reichen, die auf verschiedenen Wegen (etwa Verlegung ihres Hauptwohn- oder Firmensitzes ins Ausland) das Zahlen von Steuern umgehen, weil sie der Meinung sind, dass der Staat damit ohnehin schlecht wirtschaftet. Während Leute am unteren Ende der sozialen “Hierarchie” jetzt verelenden. Dann gibt es auch Probleme ganz anderer Art: die Brandstiftung von Wäldern in der Umgebung Athens durch (bzw im Auftrag von) Bodenspekulanten zerstört die natürliche Kühlung der Stadt, was weitere aus Stadt hinaustreibt, Bedarf nach weiterem Bauland entsteht…

Der Mythos Griechenlands von der “Verteidigung des Abendlands” bezieht sich auf die antiken Kriege mit Persien (das natürlich noch kein islamisiertes Reich war) sowie die Auseinandersetzungen mit den türkischen Osmanen, besonders am Beginn von deren Herrschaft über Griechen (Fall von Byzanz) und an deren Ende (die griechischen Unabhängigkeitskriege 1821 bis 1922). Der amerikanische Militärhistoriker Victor Hanson trug zur Legenden-Bildung um die Schlachten von den Thermopylen und Salamis bei. Den Film “300” und seine simplifizierende Botschaft bezüglich “Westen” und “Orient” verteidigend schrieb er:

“In universal terms, a small, free people had willingly outfought huge numbers of imperial subjects who advanced under the lash. More specifically, the Western idea that soldiers themselves decide where, how, and against whom they will fight was contrasted against the Eastern notion of despotism and monarchy—freedom proving the stronger idea as the more courageous fighting of the Greeks at Thermopylae, and their later victories at Salamis and Plataea attested.”

Nun, Hanson ist ein Bewunderer von Churchill und Bush, Befürworter einer militärischen Konfrontation mit Iran, Verteidiger von Israel. Eine Linie von den antiken Griechen zu amerikanischem Imperialismus zieht er gerne, bzw er rechtfertigt zweiteren damit. Rassisch argumentieren (wie Sarrazin) tut er nicht. 2001 kam von ihm “Carnage and Culture” (Why the West Has Won) heraus, in dem er eine mit den antiken Griechen beginnende westliche Zivilisation behauptet, deren militärische Überlegenheit aus einer zivilisatorischen käme. Die Kalte-Krieg-Argumentation zeitlich ausgedehnt, nach hinten und vorne, wie so oft in diesen Zeiten. Übrigens, in “300” wurde der spartanische König Leonidas vom Schotten Gerard Butler dargestellt, kein Grieche war unter den Hauptdarstellern und wichtigeren Nebendarstellern des Films, der Perser Xerxes (Hsyarsa) wurde von einem Brasilianer verkörpert

“Europa” ist ein griechisches Wort, der Westen hat viel Kultur und Gedankengut von den antiken Griechen übernommen, zT über die Römer. Die griechische Hochkultur war die erste in Europa. Die Griechen haben ihrerseits einiges aus Asien oder Afrika übernommen. Mesopotamische und ägyptische Astrologie kam etwa durch die Griechen nach Europa, war die Grundlage für die heutige westliche. Oder das Wort “Magie”, das aus dem Alt-Persischen über das Alt-Griechische in europäische Sprachen einging. a² + b² = c² – das wusste man in Babylon schon Jahrhunderte vor der Geburt von Pythagoras von Samos. Dem griechischen Philosophen gelang allerdings als erster nachweislich der Beweis für diesen fundamentalen Satz der Geometrie.

In der späten Antike, dem frühen Mittelalter gab es wie zu Zeiten der griechischen Stadtstaaten und des achämenidischen Persiens wieder diese Konfrontation Griechenland-Persien, West gegen Ost, nun zwischen Byzanz und Sasaniden, wenn auch unter anderen religiösen Vorzeichen. Dazwischen lag die Eroberung Persiens unter den makedonischen Griechen. Und die römische Herrschaft über Griechenland, so etwas wie der erste Kontakt zwischen Westeuropa und den Griechen.

Eine wichtige Station in den griechisch-westeuropäischen Beziehungen ist der vierte Kreuzzug, der sich gegen Byzanz richtete, das so etwas wie ein griechisches Reich war. Wieder zeigte sich, das Griechenland aus westlicher Sicht Bastion gegen den Orient sein konnte, aber auch Teil von diesem. Papst Innozenz III. rief Ende des 12. Jahrhunderts zu dem Kreuzzug auf, zur Demonstration seiner weltlichen Macht. Er fand unter venezianischer Führung statt, sollte nach Ägypten gehen, das ein Machtzentrum der kurdischen Ayubiden war, die auch über Palästina herrschten. Zunächst wurde der Kriegszug nach Zara/Zadar umdirigiert, das die Venezianer von den Ungarn zurückerobern wollten.

Nachdem das gelungen war, überwinterten die Krieger dort, brachen dann nach Konstantinopel auf, der Hauptstadt des Byzantinischen Reichs: Die Venezianer hatten in Ägypten bzw den Ayubiden einen wichtigen Handelspartner, ein byzantinischer Prinz hatte sich an die Republik Venedig gewandt wegen eines Thronfolgestreits, schliesslich gabs auch die Aussicht auf eine “Union mit” (Unterwerfung von) der orthodoxen Kirche und den Reichtum der Stadt. 1203/04 wurde sie eingenommen und geplündert. Ein “lateinisches Kaiserreich” wurde gegründet, das im Laufe der nächsten Jahrzehnte von byzantinischen Nachfolgereichen wie jenem um Nicäa schrittweise zurückerobert wurde. Byzanz wurde dauerhaft geschwächt, gegenüber den Seldschuken, die damals schon tief in Kleinasien/Anatolien standen, die katholische und die orthodoxe Welt entfremdeten sich nachhaltig voneinander.

Es gibt unter Griechen wie unter “Westlern” die Denkweise, alles Schlechte im modernen Griechenland den Jahrhunderten osmanischer Herrschaft anzulasten, vor allem das, was die Griechen mit “Rousfeti” (ρουσφέτι) bezeichnen (ein Wort türkischer Herkunft…), also Misswirtschaft, Korruption, Vettern- bzw Klientelwirtschaft. Die Wahrheit ist wahrscheinlich etwas komplexer. War nicht das Byzantinische Reich schon ein “Nährboden” dafür? Und, zumindest die griechische Oberschicht war an osmanischer Machtausübung beteiligt, etwa in den Donau-Fürstentümern (Walachei und Moldau).

Die Geschichte der Akropolis von Athen in osmanischer Zeit spiegelt auch griechisch-westeuropäische Beziehungen wieder. Im 17. Jahrhundert die Belagerung durch die Venezianer unter Morosini, der wider besseren Wissens um die Bedeutung der Bauten den Parthenon beschiessen liess. Die Explosion des dortigen türkischen Pulvermagazins beschädigte den Tempel schwer, ebenso umliegende Bauten. Bereits einige Jahre vorher war ein Pulvermagazin in den Propyläen vermutlich durch Blitzschlag explodiert. Die Zerstörung der Akropolis vollendete der britische Botschafter in Konstantinopel, Lord Elgin, der ab 1801 einen Grossteil des Skulpturenschmucks des Parthenon sowie eine Kore vom Erechtheion, Reliefs vom Niketempel, und andere Teile nach London brachte.

Für Westeuropa sind die antiken (vorchristlichen) Wurzeln Griechenlands seine eigenen, für die Griechen selbst (ausser für die Tourismus-Industrie) ist das byzantinische (orthodoxe) Erbe wichtiger. Das byzantinische Phokas-Kreuz wurde auch als Nationalflagge für das moderne, dritte Griechenland bestimmt. Griechen sahen in osmanischer Zeit Konstantinopel als ihr Zentrum an, Westeuropäer Athen als griechisches Zentrum. Das war auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts so, als sich die Griechen daran machten, sich ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich (das damals sehr schwach war) zu erkämpfen und westeuropäische Philhellenen diesen Kampf unterstützten. Die Griechen und nicht etwa Slawen wurden Bezugspunkt der Westeuropäer im nationalen Aufbegehren gegen die Osmanen im 19. Jh., u.a. wegen des antiken Erbes.

Die Unabhängigkeits-Bewegung wurde z. T. von Auslandsgriechen getragen, war z.T. russophil. Die Westmächte waren gegen eine Schwächung des Osmanischen Sultanats, weil sie davon eine Stärkung Russlands erwarteten – und stützten es deshalb auch. Rigas Velestinlis (Pheraios) wurde von den Österreichern wegen seiner Unabhängigkeits-Pläne aus seinem Exil an die Osmanen ausgeliefert, in Belgrad von diesen hingerichtet. Alexander Ypsilanti stammte aus einer Phanarioten-Familie, also Griechen in Istanbul/Konstantinopel, die unter den Osmanen einflussreich waren (sein Vater war etwa ein Wojwode in Moldau). Er leitete mit anderen Exil-Griechen den Hetairen-Bund, der den Aufstand 1821 (zunächst am Peloponnes) organisierte, starb in österreichischer Haft.

Viele Philhellenen, u.a. aus Deutschland, die damals als Freiwillige zu den Kämpfen mit Osmanen kamen, die auf den Aufstand folgten, waren enttäuscht von den modernen Griechen und ihrer Kultur, die sie als “zu orientalisch” und den Türken zu ähnlich empfanden. Viele haben auch ihre eigenen nationalen und anti-absolutistischen Anliegen in das griechische Projekt hineinprojeziert. Der britische Autor George Byron starb während des griechischen Unabhängigkeitskriegs an einer Krankheit.

Nachdem der Aufstand der Griechen und der Philhellenen zusammengebrochen war, rettete westeuropäisches Eingreifen die griechische Unabhängigkeit (in einem Gebiet das hauptsächlich den Peloponnes umfasste), was wiederum ein Schachzug gegen die Russen war. Wellington und Metternich “verurteilten” den Sieg von Navarino; Metternich verfasste unter Pseudonymen auch zwei griechenfeindliche Bücher. An der Spitze der Republik stand u. a. der prorussische Ioannis Kapodistrias. Grossbritannien, Frankreich, Russland einigten sich auf den bayerischen Prinzen Otto von Wittelsbach als König Griechenlands. Dessen Vater, der philhellenische bayerische König Ludwig I., änderte die Schreibweise des Namen “seines” Landes auf die heutige, mit dem griechischen Ypsilon.

Mit Otto kamen 1832 einige Bayern nach Griechenland, an der Spitze Graf Armansperg, der bis zu Ottos Volljährigkeit dessen Regent war, dann sein Kanzler. Ludwig von Wittelsbach setzte von München aus eine absolute Monarchie durch. Die Briten verhinderten den Aufbau einer Flotte, wollten Griechenland klein halten. Otto blieb katholisch, heiratete eine protestantische Oldenburgerin, die Ehe blieb kinderlos. Die Verwestlichungs-Bemühungen ähnelten jenen unter deutsch-stämmigen Fürsten in Rumänien und Bulgarien Ende des 19. Jh. Von den Griechen wurde die Herrschaft zT als andere Fremdherrschaft empfunden. Die Griechen im “verbliebenen” Osmanischen Reich sahen dieses Griechenland als ein Gebilde der “Franken” (Westeuropäer) an. Athen blühte aber unter “bayerischer Herrschaft” auf (Restauration Akropolis,…), wuchs nach Jahrhunderten von einem Dorf wieder zu einer Grossstadt. 1862 wurde Otto gestürzt, was gelang, da die Briten einverstanden waren.

Neuer König wurde der dänische Prinz Georg von Schleswig-Holstein-Sönderburg-Glücksburg. Eng mit dem britischen Königshaus verwandt, heiratete er eine Romanov(a), die Kinder wurden orthodox erzogen. In einer neuer Verfassung wurde vom königlichen Absolutismus abgerückt. Die Briten traten die Ionischen Inseln an Griechenland ab; behielten sich Zypern. In den folgenden Jahrzehnten wurde sukzessive der Anschluss der meisten osmanisch beherrschten, griechisch besiedelten Gebiete (Kreta, Thessalien, Makedonien,…) erkämpft (Enosis/Megali Idea). Auch wenn der Einfluss von Aussen auf die Könige geringer wurde, ihre ausländische Herkunft blieb an ihnen bis zum Ende der Monarchie als Makel haften.

Der österreichisch-bayerische Orientalist Jakob Fallmerayer spielt(e) eine wichtige Rolle in deutsch-griechischen Beziehungen, v.a. durch seine Thesen zur Ethnogenese der Griechen. Die antiken Griechen seien im Mittelalter, also in byzantinischer Zeit, “ausgestorben” und durch hellenisierte Slawen und Albaner verdrängt worden, so Fallmerayer. Nach ihm hatte es im antiken Griechenland eine einheitliche hellenische Ethnie gegeben. Die Landnahme der Slawen am Balkan im Früh-Mittelalter hätte sich auch auf den Peloponnes erstreckt. Diese Thesen stellte er zu einer Zeit auf, als gerade in Deutschland die philhellenische Bewegung blühte – von dieser wurde er angefeindet. Später sprach er den kleinasiatischen Griechen des Schwarzen Meeres, eine Gegend die er bereist hat, eine griechische Kontinuität zu.

Aber auch sie entsprachen nicht seinem Idealbild eines gebildeten griechischen Byzantiners, waren ihm zu orientalisch. Seine Ansichten zum Russischen Reich änderten sich, er sah dieses u.a. als Rettung Europas vor Napoleon, später als Bedrohung für Westeuropa, und begrüsste das westeuropäische Eingreifen zugunsten der Osmanen gegen Russland im Krim-Krieg. Seine Neugriechen-These gilt insbesondere in ihrer Verallgemeinerung und Verabsolutierung als falsch. Fallmerayer gilt als einer der Begründer der Byzantinistik. Während der nazi-deutschen Besatzung Griechenlands wurde seine These herangezogen (instrumentalisiert), um den Widerspruch zwischen dem vorgeblich geschichtsbewussten Vorgehen (Bewunderung des Altgriechischen) und der Okkupationspolitik zu begründen.

Der Enosis-Kampf, der griechische Irredentismus, kam nach dem 1. Weltkrieg anstatt zu seiner Vollendung an seine Grenzen. Im Inneren schwelte damals ein Streit zwischen König Konstantin I. und Premierminister Eleftherios Venizelos, es ging um einen grundsätzlichen Machtkampf zwischen Königtum und gewählter Regierung, daneben um Meinungsverschiedenheiten über ein Engagement im grossen europäischen Krieg. Venizelos war pro-Entente, Glücksburg für Neutralität bzw die Mittelmächte; es gab einige Jahre eine monarchistische pro-deutsche Regierung in Athen und eine “venizelistische” pro-britische in Thessaloniki. Nachdem Konstantin 1917 zugunsten seines Sohnes abgetreten war, kam es zu einer Einigung und dem Kriegs-Eintritt an Seite der Entente, zu Kämpfen mit bulgarischen Truppen. Nach der Niederlage des Osmanischen Reichs waren Griechen an der Einnahme von Ost-Thrakien, Konstantinopel/Istanbul und dem Gebiet um Smyrna/Izmir beteiligt.

Im Friedensvertrag von Sevres wurde Griechenland ein Teil Ost-Thrakiens und das Smyrna-Gebiet zugesprochen; das Gebiet um Konstantinopel sollte ent-militarisiert werden und ein Teil des Osmanischen Reichs bleiben. Zu diesem Zeitpunkt waren in Kleinasien/Anatolien bereits Kämpfe zwischen Griechen und Türken in Gange, der Griechisch-Türkische Krieg 1919-22, welcher zu Flucht und Vertreibung der griechischen Bevölkerung und dem Verlust der zugesprochenen Gebiete führte. Die opportunistische Politik der Westmächte setzte sich fort. Im Lausanne-Vertrag zwischen Griechenland und dem osmanischen Nachfolgestaat, Republik Türkei, wurde ein Bevölkerungsaustausch der Volksgruppe im jeweils anderen Staat (mit Ausnahmen) sowie die Grenzen festgelegt – für Griechenland standen damit die heutigen Grenzen fest, abgesehen vom Dodekanes der bis nach dem 2. Weltkrieg italienisch war.

In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg gab es, 1922, eine Zwangsanleihe in Griechenland, um die Inflation zu bekämpfen. Finanzminister Petros Protopapadakis ordnete an, dass die Banknoten in der Mitte zerschnitten werden. Die rechte Hälfte blieb Zahlungsmittel (zum halben Wert, womit die Geldmenge halbiert wurde) und die linke Hälfte musste zwangsweise gegen Staatsanleihen eingetauscht werden.

Bei der nazideutschen Besetzung Griechenlands im 2. Weltkrieg gab es 1941 auch eine Schlacht bei den Thermopylen (Thermopylai), gegen abziehende Briten, welche Griechenland zur Hilfe gekommen waren. Göring stellte in einer Rede dort Parallelen zur Antike her. Das Besatzungsregime in Griechenland durch die Achsenmächte Bulgarien, Italien und Deutschland wurde begleitet von wirtschaftlicher Ausbeutung. Griechenland musste nicht nur die Kosten der Besatzung tragen; die Besatzungsmächte zogen auch in großem Umfang Rohstoffe und Produkte aus Griechenland ab, was 1941/42 eine grosse Hungersnot zur Folge hatte.

Bei der sogenannten Zwangsanleihe geht es darum, dass Griechenland 1942 auferlegt wurde, diesem Abtransport, der formal verrechnet wurde, zuzustimmen. Während der König und Exilregierungen (u.a. unter Georgios Papandreou) nach Ägypten ausgewichen waren, amtierten in Athen Kollaborationsregierungen (die aus Abneigung gegenüber der kommunistischen Dominanz im Widerstand auch von manchen zentristischen Politikern unterstützt  wurden).

Die beiden bekanntesten Massaker an griechischen Zivilisten begingen deutsche Truppen in Distomo und Kalavryta. In beiden Fällen war die Tötung deutscher Besatzungssoldaten durch Widerstandskämpfer der äussere Anlass. Das rechtfertigte nach nazideutschem Kriegsrecht Sühnemaßnahmen. In Distomo, einem Dorf am Rande des Parnass-Gebirges in Mittelgriechenland, töteten Einheiten der Waffen-SS am 10. Juni 1944 mindestens 218 Zivilisten – ungefähr jeden neunten der rund 1800 Einwohner. In Kalavryta im Norden des Peloponnes erschossen Soldaten der 117. Jägerdivision am 13. Dezember 1943 mindestens 511 Zivilisten; weitere etwa 200 wurden in umliegenden Orten massakriert. Die größte Opferzahl bei einem deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland betraf keine einheimischen Zivilisten, sondern italienische Soldaten: Auf der ionischen Insel Kefalonia töteten abermals Soldaten der deutschen 1. Gebirgsdivision Mitte September 1943 bis zu 5200 Mitglieder der Division “Acqui”. Nach dem Seitenwechsel Italiens waren die vormaligen Verbündeten plötzlich zu Gegnern geworden. Es kam zu Gefechten, an deren Ende der Massenmord an entwaffneten Soldaten stand.

Nach Kriegs-Ende fand im Herbst 1945 in Paris auf Einladung der alliierten Siegermächte eine Reparationskonferenz statt, bei der Griechenland an Reparationen einen Gegenwert von etwa 25 Millionen Dollar erhielt, meist über Demontage von in Deutschland abgebauten Industrieanlagen. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde die Prüfung von Forderungen auf Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines förmlichen Friedensvertrages verschoben. Mit diesem Abkommen wurde nicht nur die Regelung der Besatzungskosten im engeren Sinn vertagt, sondern auch die Regelung von Krediten bzw. Clearingguthaben, die eine deutsche Schuld begründeten.

1960 schlossen die BR Deutschland und das Königreich Griechenland einen Vertrag über Entschädigungen von Griechen, die von nazideutschen Verfolgungsmaßnahmen betroffen waren (persönlich oder als Hinterbliebene), Griechenland erhielt Zahlungen in Höhe von 115 Millionen D-Mark. Die BRD schloss solche Wiedergutmachungs-“Global”abkommen damals mit elf westlichen Staaten ab. Die Parlamente der beiden Staaten stimmten dem Abkommen 1961 zu, das damit zu Gesetzen wurde.

Das Londoner Moratorium von 1953 wurde 1990 durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag zur Wiedervereinigung beendet. Nach Auffassung der deutschen Bundesregierung ergab sich daraus, dass die Reparationsfrage nach dem Willen der Vertragspartner nicht mehr geregelt werden sollte. Die Staaten der damaligen Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) – darunter Griechenland – hätten dem in der Charta von Paris zugestimmt. Dagegen wird von griechischer Seite eingewandt, Griechenland habe den Vertrag nur „zur Kenntnis“ genommen und die Entschädigungsfrage sei noch nicht geklärt.

Griechische Politiker und Hinterbliebenenverbände forderten aktuell Reparationszahlungen von Deutschland auch wegen der Zwangsanleihe von 1942. Nach griechischer Sicht ist juristisch noch nicht abschliessend geklärt, ob eine Rückzahlung der Zwangsanleihe unter die Reparationszahlungen zu rechnen ist (so sieht es Deutschland) oder nicht vielmehr zivilrechtlich als Kredit betrachtet werden muss. Die Tsipras-Regierung hat an Entschädigungszahlungen, den Zwangskredit miteingerechnet, von Deutschland 278,7 Milliarden Euro gefordert. Hinterbliebene von Opfern des Distomo-Massakers haben ab den späten 1990ern ausserdem eine eigene Entschädigung verlangt, was 2012 vom Internationalen Gerichtshof abgelehnt wurde. Teile der deutschen Linken anerkennen griechische Reparationsforderungen. Vizekanzler Gabriel nannte es „dumm“, Reparationsforderungen mit den Verhandlungen über Kredithilfen zu vermischen.

Max Merten war “Kriegsverwaltungsrat” der nazideutschen Besatzungskräfte in Thessaloniki, wirkte als solcher an den Deportationen und Ermordungen von Juden aus der Stadt mit. In der BRD hatte sich Merten als Anwalt gut etabliert, engagierte sich in der Gesamtdeutschen Volkspartei. Bei einem Besuch in Griechenland 1957 wurde er festgenommen und 1959 wegen seiner Taten während der Besatzungszeit zu 25 Jahren Haft verurteilt. Die BRD engagierte sich für seine Freilassung, wie auch die deutsch-stämmige Ehefrau von König Paul, Friederike (aus dem Haus Hannover). So kam er nach nur einem halben Jahr Haft wieder frei; ein Ermittlungsverfahren gegen ihn in West-Deutschland wurde eingestellt.

Ein anderer Verantwortlichen für Besatzungsgräuel in Griechenland, Wilhelm Speidel, wurde in einem Nürnberger Nachfolgeprozess zunächst zu 20 Jahren verurteilt, dann durch den amerikanischen Hochkommissar vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Kriegs nach 3 Jahren begnadigt; sein Bruder Hans war maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt. Auch damit beschäftigt sich ein Küntzel halt nicht so gerne

Die deutschen Besatzer waren damals in Griechenland mit einer starken Widerstandsbewegung konfrontiert. Zum einen die kommunistische ELAS-Miliz, zum anderen die rechte bzw zentristische EDES (nicht kohärent in ihrer Ideologie, teils republikanisch, teils monarchistisch). Daneben kämpfte auch eine Exilarmee mit den Alliierten u.a. in Nord-Afrika. ELAS und EDES hatten auch untereinander Konflikte, die, wenn man so will, nach Kriegsende bzw Abzug der Deutschen in einen Bürgerkrieg übergingen (bis 1949), in den die aus dem Exil zurückgekehrten König und Regierung auf der rechten Seite eingriffen.

Nachdem die Abgeordnete der deutschen Linken, Ulla Jelpke, 2008 eine Anfrage zur Unterstützung eines Kameradentreffens der Gebirgstruppen mit Beteiligung von Wehrmachts-Soldaten durch die Bundeswehr und der damit verbundenen Pflege des Mythos der “sauberen Wehrmacht” stellte, arbeitete das “Militärgeschichtliche Forschungsamt” (MGFA) einen Text aus, in dem behauptet wurde: “Die schlimmsten Verbrechen begingen Griechen an Griechen”. In der “Welt” wurde das frohlockend und mit einer gewundenen Apologetik wiedergegeben (xxx.welt.de/welt_print/article1971878/Die-schlimmsten-Verbrechen-begingen-Griechen-an-Griechen.html; Kellerhoff).

Griechenland war nach dem Bürgerkrieg für die USA und den Westblock ein wichtiger geostrategischer Verbündeter gegen die Kommunisten; die slawischen Staaten Osteuropas waren allesamt kommunistisch geworden. Das Land wurde 1952 NATO-Mitglied, im selben Jahr wie die Türkei. Ungefähr zur selben Zeit als der Massentourismus nach Griechenland kam, kamen (auch) griechische Gastarbeiter nach Deutschland. 1967 war es wieder ein Konflikt zwischen dem König (Konstantin II.) und einem venizelistischen Politiker (Ex-Premier Georgios Papandreou) der für instabile politische Verhältnisse sorgte. In dieser Situation übernahm, kurz vor der geplanten Parlamentswahl, eine Gruppe rechtsgerichteter mittlerer Offiziere unter Georgios Papadopoulos, mit Unterstützung der US-amerikanischen Regierung, die Macht und errichtete eine faschistoide Militärdiktatur.

Papadopoulos hatte während des Hitler-Stalin-Kriegs mit den deutschen Besatzern kollaboriert, im Rahmen der “Sicherheitsbattaillone”, welche von der Kollaborationsregierung von Ioannis Rallis aufgestellt wurden. In ihnen dienten neben zwangsverpflichteten Soldaten opportunistische Offiziere die an einen Kriegssieg der Achsenmächte glaubten, und  Rechtsextremisten. Papadopoulos hatte nach dem Krieg im griechischen Geheimdienst gearbeitet und dabei die Kontakte zum CIA geknüpft. Das Ende für die Diktatur kam ja anlässlich des Versuchs, die Enosis (Vereinigung) mit Zypern zu vollziehen.

Konstantin Karamanlis aus Makedonien wurde nach dem Ende der Diktatur 1974 zum vierten Mal Premier, gründete die konservative Nea Dimokratia (ND) und leitete den Übergang Griechenlands zur Demokratie, die Metapolitefsi. Der damals im Exil befindliche König Konstantin II. war bereits 1973 von der Militärjunta abgesetzt worden, kehrte unter demokratischen Verhältnissen nicht mehr an die Staatsspitze zurück, nachdem ein von Karamanlis angesetztes Referendum zugunsten der Republik ausging. Karamanlis nahm Kurs auf EG-Mitgliedschaft, die bereits 1959 beantragt worden war. Als Griechenland zu Jahresbeginn 1981 als 10. Mitglied in die EG aufgenommen wurde, war er bereits Staatspräsident.

Die Stabilität der wieder-errungenen Demokratie war damals der wichtigste Grund für einen Beitritt, Griechenlands geostrategischer Lage im Kalten Krieg ein weiterer (die USA engagierten sich deshalb dafür), die antike und mittelalterliche Vergangenheit spielte auch eine Rolle. Dem gegenüber stand (und steht) Griechenlands Charakter als osteuropäisch-orthodoxes Land, seine wirtschaftliche Struktur, oder auch sein ausgeprägter Zentralismus. Zum Zeitpunkt des Beitritts waren auch nur 40% der Griechen für die EG. Frankreichs Präsident 1974-1981 Valéry Giscard d’Estaing sagt heute, dass der Beitritt Griechenlands, den er mit-entschieden hat, ein Fehler war.

Zwischen Otto Rehhagels EM-Triumph mit der griechischen Fussball-Nationalmannschaft und dem Ausbruch der griechischen Staatsschuldenkrise (2009/10) vergingen nur wenige Jahre. Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček sagt, die griechische Wirtschaftskrise ist Vorgeschmack einer europäischen. Wie zu erwarten, hat die Krise Parteien von den Rändern des politischen Spektrums gestärkt oder dort gar ins Leben gerufen. Die neolinke SYRIZA (eigentlich ein Parteienbündnis) hat nach ihrem Wahlsieg dieses Jahr eine Koalition mit der rechten ANEL (“Unabhängige Griechen”, eine ND-Abspaltung) gebildet. “Europa in Angst”, schlagzeilte die “Bild” angesichts der griechischen Wahlen 15.1

ANEL-Gründer Panagiotis “Panos” Kammenos, Verteidigungsminister in dieser Regierung, hat gesagt, Europa werde von deutschen Neo-Nazis regiert. Den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble erklärte er wegen dessen Haltung zu Kriegs-Reparationen zur persona non grata; falls Europa in der griechischen Schuldenkrise keine Lösung finde, werde Griechenland Europa mit Flüchtlingen überflüten, darunter auch Jihadisten aus Syrien. Für Aufregung sorgt auch Finanzminister Varoufakis. Premier Alexis Tsipras war bei Russlands Präsident Wladimir Putin zu Besuch; die russische Karte für Griechenland eine Alternative zur EU, in der Schuldenkrise?

Plakat der Schweizerischen Volkspartei 2013
Plakat der Schweizerischen Volkspartei 2013

Ausgenommen vom griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch 1923 waren hauptsächlich Griechen im Raum Istanbul sowie Türken in West-Thrakien. Dimitris Mardas, Vize-Finanzminister in der Tsipras-Regierung, als der er Entschädigungsforderungen gegenüber Deutschland erhebt, wurde etwa in Istanbul geboren, ist einer von jenen aus der griechischen Minderheit in der Türkei, die nach Griechenland ausgewandert sind. Unter Erdogan hat der türkische Staat vor wenigen Jahren Besitz (Immobilien) an Stiftungen religiöser Minderheiten zurückgegeben (gegen den Willen von CHP und MHP), darunter auch Land auf Chalki, einer der Prinzeninseln im Marmarameer, um das geschlossene Priesterseminar herum, an die griechisch-orthodoxe Kirche. Die Wiedereröffnung des Seminars ist nähergerückt; Erdogan scheint als “Gegenleistung” die Restauration von zwei Moscheen in Athen zu verlangen. Hier setzt aber die Hetze westlicher Islamophober ein, ein Douglas Murray von der “Henry Jackson Society” (britische Neokonservative) engagiert sich etwa gegen eine Moschee in Athen. Ansonsten auf der Agenda dieser Gruppe: Homophobie, Kampf gegen “Multikulturalismus” und „white guilt“.

Die rechtsextreme griechische Chrysi Avgí (Goldene Morgenröte) vertritt eher einen “Bauch”- als einen “Kopf”-Rechtsextremismus. Sie war mit anderen Rechtsparteien, v.a. LAOS (etwas weniger rowdy-haft) zeitweise in der “Patriotischen Allianz” aufgegangen. Bei den Wahlen 2012 im Rahmen der Krise wurde sie gross. Sie strebt ein Gross-Griechenland an (Megali Idea), dabei sind Türken der Hauptfeind, daneben aber auch aber auch diverse christliche Balkanvölker (Makedonien!). Sie will ein Bündnis mit Serbien; griechische Freiwillige aus dem Umfeld der Partei im Bosnien-Krieg sollen auch bei der Einnahme Srebrenicas dabei gewesen sein. Der Islam spielt auch eine Rolle bei der Gegnerschaft zu Einwanderung; das und jene zu Schwulenrechten ist klassisches rechtsextremes Repertoir. Sie bezieht sich auf die Diktatoren Metaxas und Papadopoulos sowie den Juristen Plevris (der auch mit der CIA zusammenarbeitete).

Es ist wenig Bezug auf die griechische Antike oder Mittelalter da, eher Orientierung an westlichen “Idealen”, obwohl die USA und West-Europa nicht Vorbild sind. Bezüglich Russland nimmt die Partei nur für Shirinovsky Partei, das Land an sich stellt keinen wichtigen Bezug dar. Auch der Zionismus nicht, im Gegensatz zu westeuropäischen aktuellen Rechtsextremen. Es gab Verhaftungen in der Partei wegen des Todes eines antifaschistischen Musikers, gibt viel Gewalt von ihren Funktionären und Anhängern, auch Fussball-Hooliganismus – sie ist aber gegen Anarchismus. Das orthodoxe Christentum wird hochgehalten, aber auch mit dem Heidentum geflirtet. Ob die deutsche NPD und südafrikanische weisse Rechtsextreme, für die sie Stellung nehmen, diese griechischen Rechtsextremisten als ebenbürtig betrachten?

Die “Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral”, eine Anekdote bzw Kurzgeschichte von Heinrich Böll, passt eigentlich ganz gut zum griechisch-deutschen Verhältnis, auch wenn von einem Touristen und einem Fischer an einer Küste Westeuropas die Rede ist. Das Thema tauchte vorher in “Pyrrhus und Cineas” auf2, einem philosophischen Essay von Simone de Beauvoir, der einen Dialog zwischen Pyrrhus, einem Herrscher im Epirus-Gebiet und Konkurrenten des frühen Roms, und seinem Diplomaten Cineas enthält. Auch Michel de Montaigne soll das Motiv schon bearbeitet haben, es stammt entweder von Plutarch oder Diogenes. Man kann die Anekdote natürlich auch so deuten, dass es eben zwei (oder mehrere) Wege zu einem Ziel gibt.

Hinweise/Empfehlungen:

Nikos Dimou veröffentlichte nach dem Sturz der Diktatur der Obristen sein in Griechenland sehr kritisch aufgenommenes Buch I Dystychia tou na ise Ellinas, das erst 2012 in deutscher Sprache mit dem Titel “Über das Unglück, ein Grieche zu sein” publiziert wurde. Es geht darin um die Identität der Griechen, ihren Platz in der Welt.

Michael W. Weithmann: Griechenland. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart (1994)

Dionyssis G. Dimitrakopoulos und Argyris G. Passas: Greece in the European Union (2004)

1915 fuhr der spanische Journalist Agustí Calvet Pascual im Auftrag der in Barcelona erscheinenden Tageszeitung “La Vanguardia” durch Serbien und Griechenland, um vom dortigen Kriegsgeschehen zu berichten. Er schrieb unter dem Pseudonym Gaziel, über Griechenland durch die Jahrhunderte: “Nach Saloniki und Serbien. Eine Reise in den ersten Weltkrieg”

Arnold Toynbee: Some Problems of Greek History (1969)

Mark Mazower: Inside Hitler’s Greece: The Experience of Occupation, 1941-44 (1993)

Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt: Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike (2010)

Hagen Fleischer: Wenn ihr euch erinnert, können wir vergessen

Bölls Anekdote

ZDF heute verbreitet erneut „Terrorismus“-Lüge zur antigriechischen Agitation

“le bohemien” über in Zhg. mit der Griechenland-Krise Stehendes

Nachtrag: Katerina Kralova: Das Vermächtnis der Besatzung. Deutsch-griechische Beziehungen seit 1940 (2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Mein Freund B. hat gemeint, wenn die Österreicher unter Voraussetzungen leben müssten wie die Griechen (zB 400 € Pension, bei Lebensmittel-Preisen wie hier) würde es keine Mitte-Links-Regierung geben wie dort, sondern eine FPÖ-Alleinregierung plus eine Rechts-Abspaltung von der FPÖ mit ca. weiteren 10%…
  2. Cineas fragte Pyrrhus, warum sich dieser nicht jetzt ausruhte, anstatt sich die Eroberungen anderer Reiche anzutun, wo doch sein Ziel sei, sich nach dem ultimativen Sieg auszuruhen

Israel hat gewählt

Netanyahus Äusserungen kurz vor und kurz nach den Wahlen. Hier gehts nicht um das iranische Atomprogramm (oder das israelische). Dass Islamisten wie jene von IS ihm nützen bzw er daraus Kapital schlägt, hat sich im Wahlkampf bestätigt, wo der Likud einen Wahlkampfspot gebracht hat, in welchem eine “Kapitulationsmentalität” der (israelischen) “Linken” suggeriert wird, gegenüber dem Vormarsch des IS. Als ob diese Gruppe nicht genau jenes Bild von “Islam” vermitteln würden, die er braucht, nicht genau jene Instabilität in der Region verbreitet, die Israel nutzt.

Als das Rennen um den Wahlsieg knapp wurde, hat Netanyahu sein wahres Gesicht gezeigt. Keine “Konzessionen” gegenüber den Palästinensern werde es geben, keinen palästinensischen Staat, es werde vielmehr weiter eine Verdrängung und Unterwerfung der Palästinenser (das bedeutet der Siedlungsbau) geben. Natürlich, wie sein “Friedensangebot” 09 und seine “Verhandlungsbereitschaft” zu verstehen ist, hätte eigentlich schon lange klar sein müssen. Nur ganz am Rande: die Geschichtpolitik, die mit der Besiedlung/Unterwerfung der palästinensischen Gebiete einhergeht, würde auch mal Augenmerk verdienen.

Und am Wahltag dann, auf seiner Facebook-Seite: „Die Herrschaft der Likud-Partei ist in Gefahr. Arabische Wähler gehen in Massen in die Wahllokale, linksorientierte Organisationen bringen sie in Bussen dorthin.“ Für das Letztere hat er sich entschuldigt, aber eben genau so chauvinistisch, “Israel, seine einzigartige Demokratie”, usw. Das sind die beiden Pole bzw Spielarten des zionistischen Chauvinismus: “Wir sind so tolerant, wir wollen nur Koexistenz, verteidigen uns nur, wollen in der Region akzeptiert werden” oder aber “Das Land gehört uns, sie sind die Unterworfenen, wir sind ihnen überlegen, wir scheissen auf die Region”. Westliche Israel-Fans stören sich daran nicht, sie entscheiden sich in der Regel ebenfalls für eine der zwei Varianten (> “Israel ein linkes Paradies” oder aber “Israel so toll weil es eben nicht durch die Linke verdorben ist”).

Die “israelischen Araber”, um die es hier ging, werde ich ein ander Mal behandeln; sie sind jedenfalls im zionistischen Diskurs (auch in der Praxis) immer Zielobjekt von Chauvinismus, solchem oder solchem, eine Art Trophäe. Was jene Palästinenser betrifft, die erst 1967 unter israelische Herrschaft gekommen sind, diese werden, direkt oder indirekt, ohne ihre Einwilligung und Mitbestimmung von Israel kontrolliert. Einer der Gründe, warum Israel nicht wirklich eine Demokratie ist; hier zeigen sich Parallelen zu Apartheid-Südafrika: volle Mitbestimmung und Bürgerrechte, wenn man zur richtigen Gruppe gehört, nur für diese.

Christopher Hitchens hat einmal in einem Artikel aufgezeigt, wie der Vater des israelischen Ministerpräsidenten, Benzion Netanyahu (Mileikowsky), vom revisionistischen Zionisten und selbsterklärten Faschisten Ahimeir/Geisinovich beeinflusst wurde, und letztendlich auch dieser selbst. Der Artikel heisst “The iron wall” und erschien 1998 auf salon.com (zur Zeit anscheinend nicht online).

Ein wirklich souveräner palästinensischer Staat in jenen Gebieten, die den Palästinensern nach der Nakba 1948 blieben, wäre auch weit weg von einer einigermaßen gerechten Friedenslösung (das ist noch um einiges weniger als das was für die Palästinenser im UN-Teilungsvorschlag 1948 vorgesehen war, etwa im Gebiet um Gaza). Aber auch dazu ist keine der im zionistischen Mainstream verankerten Parteien bereit.

Peres hat vor einigen Jahren zum Sieg der Hamas bei der Wahl zur Palästinensischen Autonomiebehörde und zum Argument, es sei eine einwandfreie demokratische Wahl gewesen, gesagt, “The fact that they were elected properly, does not entitle them to attack Israelis”. Nun, genau das ist auch auf das Gefasel (Geprotze) von der “israelischen Demokratie” zu sagen, bzw. zeigt auf, was diese seit Jahrzehnten für Palästinenser bedeutet. Eine Demokratie für Juden und eine Militärdiktatur für Palästinenser; und aus ihrer ordentlichen Wahl leiten israelische Politiker das Recht ab, Palästinenser anzugreifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überblick zur Geschichte und Gegenwart Armeniens

Armenien, auf Armenisch Հայաստան (Hayastan), das Land zwischen Europa und Asien, liegt in einem seismischen wie politischen Bebengebiet. Auch der Völkermord mit ihnen steht damit in Zusammenhang, dieser jährt sich heuer zum 100. Mal (1915-2015). Nach dieser Katastrophe wurde das russisch beherrschte Ost-Armenien unabhängig, der erste armenische Staat nach Jahrhunderten. Am Ende dieser Phase war aber fast alles verloren. Das Ende der Sowjetunion war die nächste grosse Zäsur. Zur Zeit gibt es quasi zwei armenische Staaten, da Karabach diesen Status der Unabhängigkeit beansprucht, sich nicht an die Republik Armenien angeschlossen hat. Und die Diaspora (armenisch “Spjurk”).

Historischer Überblick bis zum Ersten Weltkrieg

In das 6. Jh. vC fällt der Übergang vom Urartu-Reich (von dem sich der Name Ararat ableitet, der auf armenisch Masis heisst) zu Hayassa (aus dem Hayastan wurde) bzw. Harminuya (> Arminya), das meist persisch beherrscht war. Armenien/Hayastan gewann seine Unabhängigkeit in der Spät-Antike, unter König Tigran entstand ein Grossreich, das schon damals in einer schwierigen geopolitischen Lage war, zwischen Rom und Persien. Nach Tigran kam Armenien auch unter römische Oberherrschaft. Im 4. Jh erfolgte seine Christianisierung. Ende des 4. Jh wurde es zwischen Byzanz und Persien geteilt, womit die Spaltung in Ost- und West-Armenien eingeleitet wurde. Auch die Begriffe Gross- und Kleinarmenien werden dafür benutzt, da Persien mit dem Osten etwa vier Fünftel Armeniens bekam; allerdings werden Gross- und Kleinarmenien auch zur Bezeichnung des “eigentlichen” Armenien bzw Kilikiens (wo im Hoch-Mittelalter ein armenischer “Filialstaat” entstand) verwendet. In dieser Zeit der ersten Teilung wirkte Mesrop Mashtoz, der Entwickler des armenischen Alphabets, der zwischen den Sphären pendelte. Auch die Behauptung der Eigenständigkeit der armenischen Kirche und ihr Festhalten am (gemäßigten) Monophysitismus ist in Spät-Antike/Früh-Mittelalter anzusetzen.

Wenn man so will, waren die moslemischen Araber der lachende Dritte im “Duell” zwischen Persien und Byzanz, auch Armenien geriet Anfang des 7. Jh unter ihre Herrschaft, war aber autonom. Im 9. Jh wurde es wieder unabhängig, unter der Bagratiden-Dynastie. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Byzanz, das sich damit selber schwächte, da Armenien einen Pufferstaat zu den Seldschuken darstellte. Im 11. Jh nahmen diese zuerst Armenien ein und eroberten dann den Grossteil der kleinasiatischen Gebiete des Byzantinischen Reichs. Armenien verlor damit für sehr lange Zeit seine Unabhängigkeit, wurde Spielball anderer Mächte. Auch die Entstehung der armenischen Diaspora wird auf die Seldschuken-Invasion zurückgeführt; diese bewirkte eine Massenflucht nach Kilikien und über den Kaukasus und Russland nach Europa. Byzantinische Herrscher haben aber schon Jahrhunderte zuvor Armenier auf den Balkan umsiedeln lassen. In Kilikien entstand im 11./12. Jh “Kleinarmenien”, das mit den südlich angrenzenden Kreuzfahrer-Staaten zusammenarbeitete. “Grossarmenien” wurde von Seldschuken beherrscht, erlebte im 13. und 14. Mongolen-Invasionen.

Kleinarmenien/Kilikien wurde 1375 von den Mameluken unterworfen, im eigentlichen Armenien herrschten nach den Mongolen u.a. Turkmenen. Es wurde im 16. Jh zwischen dem safawidischen Perserreich und dem osmanischen Türkenreich geteilt, eine Weichenstellung für die Neuzeit, die einige Jahrhunderte Bestand hatte, auch wenn die Grenzziehung jahrhundertelang umstritten war. Die Teilung Armeniens in einen Ost- und Westteil durch verschiedene Staaten war eine Konstante in seiner Geschichte, hat sich auch in der Sprache und der Kirche ausgewirkt. Das nun osmanische West-Armenien war auf diverse Eyalets, später Vilayets, aufgeteilt, bis in das späte 19. Jh hinein als “Ermenistan” anerkannt. Daneben gab es natürlich eine armenische “Binnen-Diaspora” im Osmanischen Reich, ob in Kilikien, Syrien, Palästina (an der Spitze ihrer Präsenz in Jerusalem stand der dortige Patriarch) oder Konstantinopel/Istanbul. Der armenische Patriarch in Istanbul, der theologisch dem Katholikos von Etschmiadsin in Ost-Armenien untergeordnet war, wurde vom osmanischen Staat als Oberhaupt der armenischen Nation (Millet) in diesem Staat gesehen. In Sis gab es, quasi als Relikt des armenischen Reichs in Kilikien, ein Katholikat, das in Konkurrenz zu jenem in Etschmiadsin bestand und sich erst im 17. Jh unterordnete. Auf der Achtamar-Insel im Van-See bestand seit dem 12. Jh ebenfalls ein Gegenkatholikat, das aus Protest gegen die Ausrufung eines Minderjährigen zum Katholikos von Etschmiadsin entstand und später ein regionales Katholikat wurde (statt einem konkurrierenden). Unmittelbare Nachbarn und Mitbewohner der Armenier im westlichen Teil ihres Stammlandes waren Kurden, mit denen sie eine lange, konfliktreiche Geschichte verbindet.

Im persischen Ost-Armenien befand sich das Etschmiadsin-Katholikat (die Führung der armenisch-gregorianischen/apostolischen Kirche, bis heute), das “albanische” Katholikat, wie auch der für Armenier heilige Berg Ararat (Masis). Unter Schah Abbas wurden Armenier weiter in den Süden Persiens umgesiedelt, v.a. nach Isfahan. In ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet im Nordwesten des Persischen Reichs waren hauptsächlich Aserbeidschaner (Aseris) ihre Nachbarn. Auch in Karabach/Arzach, das unter diversen Herrschern Autonomie behauptete (auch unter den Persern). Der Rest Ost-Armeniens wurde unter den Persern auf die Khanate Jerewan und Nachitschewan aufgeteilt. 1827/28 eroberte das Russische Reich Ost-Armenien und weitere Gebiete im Süd-Kaukasus von den Persern; Russen waren die Hauptfeinde der nun angrenzenden Osmanen. Die Verwaltungsgliederung wie auch die Behandlung allgemein wechselte unter Russen, verschlechterte sich, anfangs gab es ein “Armenisches Gebiet” (Oblast) mit Autonomie. Das Gebiet (und spätere Einheiten) umfasste die vormaligen persischen Khanate Jerewan und Nachitschewan, nicht aber Karabach. Ostarmenien war unter den Russen als Teil des Kaukasus neben Sibirien Verbannungsort für Gegner des Zaren-Regimes (Narodniki, Raskolniki,…).

Ende des 19. Jh verschlechterte sich das Verhältnis der Armenier zu den Türken wie zu den Aseris. Was das osmanische West-Armenien betraf, so kam mit dem Niedergang des Reichs das Ende relativer osmanisch-moslemischer Toleranz. Der Versuch der Modernisierung und Umorganisierung des Reichs, die Tanzimat-Periode, endete mit Sultan Abdulhamid (Abdülhamit) 1876. Armenier, die eine wichtige Rolle im Handel einnahmen, lebten v.a. in den sechs Vilayets, die W-Armenien ausmachten, aber auch in vielen anderen Gebieten des Sultanats. Das Osmanische Reich war im 19. Jh unter starken Einfluss europäischer Staaten geraten, die hier unterschiedliche Ziele verfolgten. Es gärte unter Türken wie unter Arabern oder Armeniern. Die Griechen gewannen Stück für Stück ihre Unabhängigkeit, der Balkan ging sukzessive verloren. Nordkaukasische moslemische Völker aus dem russischem Bereich (oft pauschal als “Tscherkessen” bezeichnet) wurden auch in W-Armenien angesiedelt, wodurch Armenier dort zusehends in die “Defensive” gerieten. Im osmanisch-russischen Krieg 1877/78 kämpften Armenier auf beiden Seiten; im Friedensvertrag von Berlin musste ein Teil W-Armeniens, das Gebiet um Kars, an Russland abgetreten werden, daneben wurde Autonomie für Armenier unter osmanischer Herrschaft beschlossen. Da diese nicht gewährt wurde, gab es armenische Proteste, daraufhin kam es zu Massaker an Armeniern, Mitte der 1890er, die erstes grossen unter osmanischer Herrschaft, unter Abdülhamit, durch die von ihm geschaffenen Hamdiyeh-Einheiten (die hauptsächlich aus Kurden bestanden), mit zehntausenden Todes-Opfern.

Ende des 19. Jh entstand auch unter Armeniern eine Nationalbewegung, nicht zuletzt in Konkurrenz zu religiösen Führern. Russland wurde darin manchmal als Verbündeter gesehen, manchmal als einer von zwei Mächten die über Armenien herrschten. Autonomie in diesen Reichen war ein Ziel von Teilen dieser Bewegung, Unabhängigkeit das von anderen. Wichtigste Organisation wurde die 1890 im russischen Bereich gegründete “Föderation Armenischer Revolutionäre” (Hay Heghapokhakanneri Dashnaktsutyun), meist “Dashnaktsutiun” oder “Daschnak” genannt, die sich mit Arabern gegen Osmanen verbündete, mit Sozialisten gegen den Zaren. Daneben entstand die ebenfalls linksnationalistische “Hntschak” (in der westlichen Diaspora) und die “Armenak”/”Ramgavar”. Die Daschnak führte 1896 einen Banküberfall in Istanbul durch und 1905 ein Attentat auf den Sultan. Zur westlichen Diaspora gehörte auch die Führung der mit “Rom” unierten armenisch-katholischen Kirche.

Der Völkermord

Die Jungtürken-Bewegung hatte ursprünglich neben nationalistischen auch liberale Ziele, wie die Wiedereinsetzung von Verfassung und Parlament im Osmanischen Reich, Beschneidung der Macht des Sultans, Abänderung einer rein islamischen Rechtsdefinition. Sie arbeitete vor ihrer Machtübernahme dabei auch mit armenischen Organisationen zusammen. Nach ihrer Machtübernahme 1908/09 wurden vorrangig jene Tanzimat-Maßnahmen wieder eingeführt, die unter Abdulhamit rückgängig gemacht worden waren, darunter auch die formale Gleichstellung aller Bürger und Wehrpflicht für alle (was im Balkankrieg zum Tragen kam). Im Sinne von Minderheiten (damit sind in erster Linie Nicht-Moslems gemeint) war (auch) die Amnestie für Angehörige von Bürgerwehren wie den armenischen. Islam war auch angesichts der Unabhängigkeits-Bestrebungen der arabischen Völker keine “Reichsklammer” mehr. 1909 wurde von Anhängern der alten Ordnung an Armeniern in Kilikien (v.a. Adana) ein neues Massaker verübt; Armenier waren zu einem gutem Teil anfänglich für die Jungtürken. Der liberale Teil der jungtürkischen Bewegung spaltete sich von ihrer Organisation “Komitee für Einheit und Fortschritt” ab; Streitpunkt war zB die Frage Zentralismus-Föderalismus. 1913 stürzte das Komitee diese nun gerade herrschenden “Freiheits- und Einigkeitspartei”. Die “drei Paschas” Talat, Enver und Djemal wurde dominierende Kräfte in der Regierung (Talat am Ende als Grosswesir), führten das Reich an der Seite der Mittelmächte in den grossen Krieg. Die Jungtürken (das Komitee) regierten bis zur Niederlage im 1. WK, dem Sultan eher übergeordnet, wie Mussolini dem König in Italien später.

Dort wo Kleinasien und Kaukasus aufeinandertreffen, grenzten Russisches und Osmanisches Reich aneinander, lebten auf beiden Seiten Armenier. Dort kam es 1914 zum Krieg. Vorrangiges türkisches Ziel war die Rückeroberung der 1878 verlorenen Gebiete, im Hintergrund lockte die Aussicht auf eine “Vereinigung” mit Turkvölkern im Kaukasus und Zentralasien. Für die Russen waren die Armenier Vehikel für ihre gleichfalls expansionistische Politik. Istanbuler Patriarchat und Daschnak riefen die osmanischen Armenier zu osmanischem Kriegsdienst auf. 1914/15 erfolgte ein russischer Vorstoss nach Kleinasien, die Eroberung Westarmeniens und Nord-Kurdistans. Manche West-Armenier halfen der vorrückenden russischen Armee – so wie etwa Araber damals den Briten im Irak gegen die Osmanen halfen oder Nordkaukasier im russischen Bereich den Osmanen gegen die Russen. Daneben kämpften natürlich Ost-Armenier in der russischen Armee. 1915 gelang es der osmanischen Armee, die Russen zurückzuschlagen. In der Phase darauf ereignete sich der Völkermord (armenisch Aghet, Katastrophe).

Armenier wurden von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Sultanats nach der ersten Niederlage gegen die Russen 1914 als deren fünfte Kolonne gesehen; hier fiel der Beschluss zu den folgenden Maßnahmen. Es begann 1915 mit Entlassungen von Armeniern aus osmanischem Staats- und Kriegsdienst, dann folgten Verhaftungen ihrer Notabeln, im April in Istanbul. Diran Kelekian, Gründer und erster Chefredakteur der Tageszeitung “Sabah”, als Professor an der Universität Istanbul/Konstantinopel akademischer Lehrer zahlreicher Führer der jungtürkischen Bewegung, war unter jenen führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinde Istanbuls, die Opfer der Verhaftungswelle vom 24. und 25. April 1915 wurden. Diese Armenier aus dem Westen sowie jene aus allen Teilen Anatoliens (v.a. aus W-Armenien) wurden zunächst nach Zentralanatolien deportiert; von dort weiter in die syrische Wüste weiter getrieben; ein Endpunkt war Dar es Zur. Die Deportationen waren begleitet von Übergriffen aller Art, Massakern, Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Verschleppungen. Eine maßgebliche Rolle spielten wieder die Kurden, auch beim Eindringen osmanischer Truppen nach Persien, wo die Zentralgewalt damals sehr schwach war, und der dortigen Verfolgung von Armeniern und Assyrern.

Widerstand leisteten Armenier u.a. in Van, das von ihnen mit Unterbrechungen bis 1918 gehalten werden konnte und am Musa Dag (Musa Ler) im Antiochia-Gebiet 1915 (von Franz Werfel verarbeitet), wo dann ausländische Hilfe kam, in Form eines französischen Schiffes. Hunderttausende Armenier wurden in diesen Monaten getötet, manche überlebten, versteckt in Anatolien (auch mit Hilfe von Türken oder Kurden) oder in Syrien (wo vielen von Arabern geholfen wurde) oder ins russische O-Armenien geflüchtet. Betroffen waren auch Assyrer, Pontus-Griechen und Georgier in Ost-Anatolien, denen ebenfalls Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellt wurden. Armenische Kinder, die als Waisen den Völkermord in Syrien oder anderswo überlebten, wurden in der Regel türkisiert, eine besonders unrühmliche Rolle spielte dabei Halide Edip, osmanische Schulinspektorin in diesem Gebiet, in Zusammenarbeit mit Djemal Pascha.

Hauptverantwortlicher für den Völkermord war Talat Pascha, z. T. bulgarisch-pomakischer Herkunft, Innenminister und dann Grosswesir. Er fand nach dem Krieg in Deutschland Zuflucht und wurde dort 1921 von einem Armenier ermordet. Enver Pascha hatte Wurzeln am Balkan, ein Elternteil war Albaner, nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er in die SU und versuchte sich dort in pan-turkistischen Aktivitäten. Er wurde 1922 in Tadschikistan (einem nicht-türkischen Gebiet Zentralasiens) von russischen Truppen (anscheinend unter einem Armenier) getötet. Djemal Pascha hatte evtl. griechische Wurzeln, war Marine-Minister, wurde 1922 in Georgien (damals SU) für seine Verantwortung am Genozid (die eine geringe gewesen sein soll) von Armeniern ermordet.

Armenische Geschichte nach dem Völkermord

1916 gelang der russischen Armee die Wiedereroberung Ost-Anatoliens, womit die Deportationen und Massaker von Christen in diesem Gebiet zu einem Ende kamen. Mit den Russen kämpften armenische Milizen wie jene unter “Dro” Kanayan (ein ost-armenischer Daschnake). Die Russen drangen diesmal weiter vor, die Frontlinie umfasste dann in etwa die Grenzen West-Armeniens (ausgehend von Gerasunt/Giresun am Schwarzen Meer, dann südlich von Erzingan und Van verlaufend, bis zur persischen Grenze), das nun von Armeniern weitgehend leer war. 1916/17 war dieses Gebiet also unter russischer Verwaltung; es gab keine Autonomie für verbliebene oder aus O-Armenien zurückkehrende Armenier, dagegen eine Ansiedlung von Russen. Wegen der russischen Revolutionen 1917 zog sich die russische Armee von der “Kaukasus-Front” zurück; jene der Osmanen war auch an der Dardanellen-Front um Istanbul und diversen arabischen Fronten beschäftigt.

Die Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern und anderen christlichen Völkern. Da im Zuge der Umwälzungen im Russischen Reich O-Armenien (wie auch andere Gebiete) de facto unabhängig war, war damals ganz Armenien mehr oder weniger unter armenischer Kontrolle – aber ein grosser Teil der Bevölkerung war getötet oder verschleppt worden und die Zukunft war unsicher. In dieser Phase, der armenischen Kontrolle über W-Armenien/NO-Anatolien, soll es Gräuel gegen Türken und Kurden in dieser Region gegeben haben, ob zur Sicherung der Herrschaft oder als Vergeltung, was in einer polyperspektivischen Betrachtung auch nicht unterschlagen werden sollte. Ein Denkmal für durch armenische Unabhängigkeitskämpfer ermordete Türken gibt es dort auch längst, eines für Armenier nicht.

1918 stieg die kommunistische Regierung Russlands ganz aus dem Krieg aus, vereinbarte im März im Brest-Litowsk-Vertrag die Rückgabe des Kars- und Batumi-Gebiets an das Osmanische Reich; keiner der Beiden kontrollierte zu dem Zeitpunkt aber das betreffende Gebiet. Am Ende des Kriegs eroberte die osmanische Armee unter Enver Pascha aber W-Armenien zurück, es gab neue Massaker und Vertreibungen, die Enver-Armee drang auch nach O-Armenien ein, wurde in der Sardarapat-Schlacht abgewehrt. In dieser Zeit (Mai ’18) rief O-Armenien (wie auch die anderen beiden südkaukasischen Staaten) offiziell seine Unabhängigkeit aus. Während W-Armenien wieder osmanisch war, wurde O-Armenien unabhängig. Im Oktober des Jahres kapitulierte das Osmanische Reich (Mudros-Waffenstillstand). Türkische und kurdische Kämpfer mussten sich aus den westlichen Gebieten des unabhängigen Armeniens, wie Kars, zurückziehen. Die drei Jungtürken-Führer flüchteten mit deutscher Hilfe ins Ausland, wo sie von Armeniern getötet wurden (s.o). Der liberale Flügel der Jungtürken kam unter westeuropäischer Besatzung im Osmanischen Reich wieder ans Ruder; etwa Damad Farid Pascha, der 1919 und 1920 Grosswesir war, ein Türke montenegrinischer Herkunft – bei den Jungtürken-Führern gab es auffallend viele Eingetürkte. Die Besetzung durch die Entente betraf das türkische Kernland, nicht aber Ost-Anatolien. Unter der Besatzung fanden 1919-21 auch Prozesse gegen Jungtürken-Führer der zweiten Reihe und andere Verantwortliche des Genozids statt.

Die Demokratische Republik Armenien bestand 1918-20, im davor und danach russischen Ost-Armenien, war überfüllt mit Flüchtlingen aus West-Armenien. Das Kars-Gebiet, Nachitschewan und der Ararat waren Teil dieses Staats; Karabach war mit Aserbeidschan, Javakheti mit Georgien, umstritten. Bei der Parlaments-Wahl 1919 wurde die Daschnak die stärkste Partei. Aseris waren die grösste Minderheit, im Kars-Gebiet gabs auch viele Kurden. Die im 1. WK siegreiche Entente unterstütze im Russischen Bürgerkrieg die Weisse Armee, die die Wiederherstellung alter Grenzen wollte, somit kein unabhängiges Armenien.

Die Nachkriegsverhandlungen in den Pariser Vororten führten bezüglich des Osmanischen Reichs 1920 zum Vertrag von Sevres; zwischen den „verbliebenen“ Alliierten des Kriegs (Russland war nicht mehr dabei) und dem Osmanischen Reich. Der Vertrag bestätigte die Abtrennung der arabischen Gebiete (an Grossbritannien und Frankreich). Griechenland und Armenien bekamen ihren Anteil am Osmanischen Reich zugesprochen; im Fall der Griechen waren das die teilweise griechisch besiedelten Gebiete Ost-Thrakien und das Gebiet um Smyrna/Izmir. Das damals unabhängige O-Armenien sollte W-Armenien bekommen; unter USA-Präsident Wilson wurde den Armeniern ein Gebiet zugestanden, das 2 Jahre zuvor in Reichweite gewesen war, das sich im Wesentlichen mit der Frontlinie 1916-18 deckte, das noch heute in der Regel die Maximalforderung von, je nach Standpunkt, nationalistischen oder geschichtsbewussten Armeniern darstellt, ein Gebiet über das die Armenier zuletzt vor 900 Jahren geherrscht hatten. Darüber hinaus wurde fast das ganze Kleinasien/Anatolien europäischen Mächten als “Einflusszone” zugesprochen.

Türkischer Widerstand gegen Sevres formierte sich unter einer neuen Nationalbewegung, geführt von mittleren Offizieren wie Mustafa Kemal Pascha (später “Atatürk”) aus Saloniki, und führte zum “Türkischen Unabhängigkeitskrieg” an drei Fronten (1919-23). Armenier waren auch von der türkischen Einnahme Smyrnas (von Griechenland) und Kilikiens (von Frankreich) betroffen, vor allem aber natürlich vom Vorstoss unter Karabekir auf Ost-Armenien (“Türkisch-Armenischer Krieg”). Keiner der Alliierten/Entente-Mächte hatte den Schutz für das in Sevres geschaffene Gross-Armenien übernommen. Armenien verlor so nicht nur den Westteil, der Hauptschauplatz des Völkermords gewesen war, bevor es ihn in Besitz genommen hatte, sondern auch das Kars-Gebiet; das Friedensdiktat von Alexandropol bestätigte die Brest-Litowsk-Grenze. Der Rest Armeniens unterstellte sich der Sowjetunion, um Schlimmeres zu verhindern, die Unabhängigkeit endete somit nach zwei Jahren.

1921 schlossen die kemalistische Regierung des sterbenden Osmanischen Reichs und die der jungen Sowjetunion den Vertrag von Kars über ihre Grenze, die hauptsächlich die Armenier betraf. Der neue Vertrag folgte dem von Alexandropol weitgehend, zusätzlich zur Kars-Ardahan-Region wurde nun auch noch die Surmalu/Igdir-Region mit dem Ararat/Masis den Türken zugesprochen; nachdem in West-Armenien fast keine Armenier mehr lebten, waren die Armenier nun erstmals von “ihrem” Berg getrennt! Nach dem 2. WK stellte die SU den Kars-Vertrag und die darin festgelegte Grenzziehung in Frage. Inner-Sowjetische Grenzziehungen wirkten sich auch ungünstig für die Armenier aus: 1922 wurden Karabach, Nachitschewan und Javakheti abgetrennt bzw. den Nachbarn Aserbeidschan und Georgien zugeschlagen. Die heutigen Grenzen Armeniens sind auf die Ereignisse der Jahre 1920-22 zurückzuführen. Durch den Völkermord und Kriege 1914 bis 1922 haben Armenier etwa neun Zehntel ihres Landes (neben W-Armenien auch den Ararat und andere ostarmenische Gebiete) und zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren.

Die Gründung der Republik Türkei 1923 war “Schlusspunkt” dieser Phase, die Weichen für die nächsten Jahrzehnte waren gestellt. Die Prozesse gegen die Völkermord-Verantwortlichen waren bereits 1921 eingestellt worden. Der türkische Nationalstaat sollte eine türkische Nationalkultur haben, weshalb unter dem unumschränkten Herrscher Atatürk neben diversen Verwestlichungsschritten (wie der Einführung der lateinischen statt der arabischen Schrift) auch kulturelle Nationalisierungs-Maßnahmen durchgeführt wurden, wie die “Reinigung” der Sprache von Wörtern ausländischer Herkunft. So “gemischt” die Türken von ihrer Ethnogenese sind, so widersprüchlich ist dieses Unterfangen auch. Ziya Gökalp, der mit das theoretische Fundament für den türkischen Nationalismus legte, war eigentlich Kurde. Kurden, nicht durch die Religion von der türkischen Mehrheitsgesellschaft getrennt, haben lange bei allem mitgemacht, sind in grosser Zahl in ihnen aufgegangen (grosse Teile der türkischen Gesellschaft bis hin zu Staatspräsidenten wie Turgut Özal haben/hatten kurdische Wurzeln, früher osmanische Sultane). Widerstand nicht-assimilierter Kurden begann nach der Gründung der Türkei. Die Niederschlagung des immer wieder aufflackernden Aufbegehrens in Südost-Anatolien war in Dersim 1937/38 abgeschlossen; wenn man so will, begann es in den 1980ern wieder mit der PKK.

Der armenische Rest in der Türkei lebt(e) v.a. in Istanbul, wo sich auch ihr Patriarchat befindet; daneben existieren diverse “Krypto-Armenier” über das Land verstreut, s. u. 1939 gaben die Franzosen das Antiochia-Gebiet an die Türkei ab (statt an Syrien), Armenier hatten wieder die Wahl zwischen Exodus und Massaker. 1955 gab es in Istanbul ein Pogrom gegen christliche Gruppen, v.a. Griechen, die damals noch zahlreicher waren, nachdem bekannt wurde dass in Saloniki ein Anschlag auf das Geburtshaus Atatürks stattgefunden hatte, wahrscheinlich eine Aktion unter falscher Flagge. Unter den wenigen Nicht-Moslems, die seit der Gründung der Türkei ins Parlament gewählt wurden, waren auch einige Istanbul-Armenier, zuletzt der Bauunternehmer Migirdic Sellefyan Ende der 1950er, für die DP.

In Sowjet-Armenien gabs in der Anfangszeit von der Daschnak (die dann verboten wurde) etwas Widerstand, der bald unter Kontrolle gebracht war. Alexander Mjasnikjan (“Mjasnikov”) war in der Anfangszeit Chef der KP in Armenien und Ministerpräsident der Teilrepublik. 1922-36 wurden die drei südkaukasischen Republiken Armenien, Georgien, Aserbeidschan zur “Transkaukasischen Republik” zusammengeschlossen, dann wieder getrennt. Nachitschewan und ein Teil Karabachs wurden autonome Gebiete Aserbeidschans, in dessem Gebiet Armenier auch sonst verstreut lebten, vielfach in der Ölindustrie arbeiteten. Die Tötungen, Zwangskollektivierungen und Deportationen unter Stalin betrafen natürlich auch Armenier. Katholikos Choren I. wurde damals ermordet, aber auch (führende) Kommunisten wie Khanijan, der (aus Van stammende) Parteichef der Republik. Mit Anastas Mikoyan war sogar ein Armenier Staatsoberhaupt der Sowjetunion, 1964/65, in der Ära Breschnew, als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets.

Das Agrarland (Ost-) Armenien wurde industrialisiert. Kulturelle Autonomie, vor allem die Pflege der eigenen Sprache war weitgehend gewährleistet. Es gab sogar eine Einwanderung von Diaspora-Armeniern nach Sowjet-Armenien, die Familie des späteren Präsidenten Lewon Ter-Petrossian kam etwa 1946 aus Syrien. Im 2. WK kam die deutsche Wehrmacht nicht bis Armenien; Sowjet-Armenier kämpften aber für die Rote Armee an diversen Fronten, Marschall Ivan Bagramyan führte sie im Baltikum. Ein anderer berühmter Sowjet-Armenier war der Komponist Aram Khatchatourian. Durch den Kalten Krieg war Armenien wieder im Spannungsfeld der Weltpolitik, an der sowjetisch-türkischen Grenze stiessen die beiden Blöcke aneinander, die SU-Republik Armenien war auf der einen Seite, das von Armeniern entvölkerte türkische West-Armenien auf der anderen. Die “religiöse Entsprechung” zur Tatsache, dass ein Teil der Armenier zum Ostblock gehörte und ein anderer zum Westblock, war die doppelköpfige Führung ihrer Kirche durch die Katholikate von Etschmiadsin und Beirut, wobei ersteres den Vorrang hatte.

Eine armenische Diaspora in Westasien gibts hautsächlich im Iran, Syrien und Libanon. In diesen Staaten haben Armenier nach ihrem Völkermord auch Zuflucht gefunden. Die multiethnische/-religiöse Gesellschaft des Libanon, der in den 1940ern von Frankreich unabhängig wurde, kam Armeniern entgegen. Neben dem unierten Patriarchat übersiedelte in den 1920ern auch das kilikische Katholikat aus der Türkei in dieses Land. Die ungünstige Entwicklung im “Nahen Osten” (Bürgerkrieg Libanon ab 1975, Revolution Iran 1979,…) traf auch die dort lebenden Armenier. Die Diaspora im Westen wird seit dem 1. WK immer grösser, hier sind v.a. Frankreich und USA zu nennen. Herausragende Vertreter sind hier der Künstler Charles Azanavour oder der Politiker George Deukmejian (war Gouverneur von Kalifornien). In der Diaspora müssen Armenier oft eine Dreifach-Identität bewältigen; ein in Deutschland lebender armenischer Iraner etwa wird (was rein die Sprache betrifft) versuchen, Deutsch, Armenisch und Persisch zu beherrschen. 1973 erschoss der Diaspora-Armenier Yanikian, der den Völkermord erlebt hatte, in der USA türkische Diplomaten; danach bildeten sich Gruppen wie ASALA (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia), die bis Ende der 1980er Gewalt gegen türkische Staatsrepräsentanten und Zivilisten ausübte (vom Libanon aus), den Kreislauf des Hasses kräftig ankurbelte.

1988 brachte für Sowjet-Armenien zum einen ein verheerendes Erdbeben (~25 000 Todesopfer, grosse Zerstörungen), zum anderen den Beginn des Konfliktes mit der benachbarten Sowjet-Republik Aserbeidschan um Berg-Karabach/Arzach. Wie auch in Jugoslawien brachte die Lockerung des kommunistischen Systems in der Sowjetunion eingefrorene nationale Konflikte zum Auftauen. Die grossteils armenische Bevölkerung Karabachs, das autonomes Gebiet innerhalb Aserbeidschans war, wollte den Anschluss an Armenien. Die Unruhen, die sich zunächst etwa in Vertreibungen niederschlugen, brachten auch neue armenisch-türkische Spannungen. Die Türkei betrachtet sich als eine Art Schutzmacht für sie sprach- und religionsverwandten Aserbeidschaner/Aseris. Aseris wurden aus Karabach und Armenien vertrieben, Armenier aus Aserbeidschan und dessem exterritoralen Gebiet Nachitschewan. Dieser “Bevölkerungsaustausch” war mit Massakern verbunden, wie jenes in Baku 1988 an dort lebenden Armeniern.

Die anti-kommunistische Unabhängigkeitsbewegung sammelte sich in der “Pan-Nationalen Armenischen Bewegung” (Hayots Hamazgain Sharzhum/Հայոց Համազգային Շարժում/HHSch), deren Kandidaten bei der ersten halbwegs freien Wahl zum Parlament SU-Armeniens (“Oberster Rat”) als Unabhängige antraten und viele Sitze errangen; die KP gewann die Wahl. Der HHSch-Spitzenmann Lewon Ter-Petrossian wurde zunächst Parlamentspräsident. Die SU-Republik Armenien erklärte im August 1990 ihre “Souveränität”. Nach dem gescheiterten Putsch von Altkommunisten gegen SU-Präsident Gorbatschow im August 1991 erklärte sie sich für unabhängig, was von der Bevölkerung in einem Referendum bestätigt wurde. Dies fiel zeitlich ziemlich mit der Wahl Ter-Petrossians zum Präsidenten Armeniens zusammen, der im November 1991 sein Amt antrat.

Mit der Unabhängigkeit begann der (Berg-)Karabach-Krieg mit Aserbeidschan. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte autonome Gebiet erklärte sich unabhängig, Aserbeidschan hob seine Autonomie auf. Armenier leisteten gegen den Versuch der Eingliederung Widerstand, eroberten 1992 das Latschin-Gebiet, einen Verbindungskorridor zwischen Karabach/Arzach und der Republik Armenien; dieses Gebiet war 1922 wie andere Teile Karabachs nicht zu dem autonomen Gebiet dazugenommen worden. Armenien behauptete in dem bis 1994 laufenden Krieg diese Gebiete. Nach etwa 30 000 Toten auf beiden Seiten wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Karabach wurde nicht als Teil Armeniens proklamiert, es ist je nach Sichtweise unabhängig oder ein abtrünniger/besetzter Teil Aserbeidschans, de facto ist es aber ein Teil Armeniens. Der Krieg hat das vom Erdbeben schon schwer getroffene Land weiter wirtschaftlich geschwächt, nicht zuletzt, da Aserbeidschan, schon zu Sowjet-Zeiten, eine Blockade der Luft- und Schienenwege nach Armenien verfügte. Die Grenze zur Türkei war nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion kurz geöffnet, wurde dann aufgrund des Krieges von der Türkei geschlossen. 1993 drohte Türkeis Präsident Özal Armenien. Aserbeidschan profitiert von Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, Armenien bleibt arm.

Vor diesem Hintergrund vollzogen sich die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen von der SU-Republik zum unabhängigen Staat. Wie auch in den anderen ehemaligen SU-Republiken kamen irgendwann die Privatisierungen der Staatsbetriebe, wodurch eine Klasse der Oligarchen entstand, die eng mit der Politik verbunden ist. Von den drei Kaukasus-Republiken hat sich Georgien inzwischen am stärksten von Russland ab- und dem Westen zugewandt, Aserbeidschan (das auch noch die Türkei hat) hat noch relativ starke Bande, Armenien ist von diesen Staaten am stärksten an Russland “orientiert”. Ob das den Handel betrifft (wo es aber auch neue Partner gab) oder die Militärbasis in Gyumri, die Russland in Armenien unterhalten darf, oder die russische Minderheit im Land (oder auch die in Russland lebenden Armenier). Zu den Nachbarn Georgien und Iran hat Armenien vielfältige Beziehungen. 1993 wurde eine eigene Währung eingeführt, davor gab es eine Währungsunion innerhalb der GUS. Auf religiösem Gebiet gab es 1995 eine Art Versöhnung, Neshan Sarkissian, als Garegin II. Katholikos von Kilikien im Libanon, wurde als Karekin I. (ost-armenische Schreibweise) Katholikos von Etschmiadsin, somit Oberhaupt der armenisch-gregorianischen Kirche, der die meisten Armenier, in der Republik und in der Diaspora, angehören.

Die innenpolitischen Probleme begannen mit dem Auseinanderfall der HHSch, dessen Rest 1995 noch die Wahl gewann. Armenien hat ein semi-präsidentielles System, ist de facto aber eine Präsidialrepublik, was schon unter Ter-Petrossian zu Spannungen mit Regierung und Parlament führte – anders herum kann man auch sagen, dass er autoritäre Züge an den Tag legte. Er liess etwa die Daschnak-Partei (HHD), damals neben der KP die stärkste Oppositionspartei, vorübergehend verbieten. Seine Wiederwahl 1996 war die erste Wahl mit Schiebungsvorwürfen in Armenien. 1998 trat er wegen Unstimmigkeiten mit der Regierung unter Robert Khotscharian, der zu seinem Nachfolger gewählt wurde, zurück. Die Republikanische Partei (HHK), 1990 gegründet, wurde bei der Parlamentswahl 1999 Grosspartei, siegte vor der KP-Nachfolgepartei HKK, stellte mit Wasgen Sargsyan den Ministerpräsidenten. Seither hat sie bei allen Wahlen gewonnen, wahrscheinlich aber nicht ganz “sauber”, und übt ein Machtmonopol aus. Im Oktober 1999 ereignete sich ein Terrorangriff auf das Parlament, eine Gruppe unter einem Ex-Daschnak-Aktivisten tötete den Ministerpräsidenten, Parlamentspräsident K. Demirtschian (KP-Chef der Republik 74-88, nun bei der HZK) sowie mehrere Minister und Abgeordnete. Der damalige Sicherheitsminister Sersch Sargsian wurde von Ex-Präsident Ter-Petrossian der Komplizenschaft mit den Terroristen beschuldigt, auch Präsident Khotscharian (parteilos) wurde dessen beschuldigt. Sersch Sargsian von der HHK wurde 2007 Ministerpräsident, 2008 Staatspräsident.

Der Ararat von Jerewan aus gesehen
Der Ararat von Jerewan aus gesehen

Der Umgang mit dem Völkermord, seine Aufarbeitung

Eng verbunden mit der Beurteilung des Völkermordes ist die Frage, inwiefern Unabhängigkeits- bzw. Irredentismusbestrebungen der Armenier berechtigt waren; abgesehen davon, dass nur ein Teil der West-Armenier diesen Bestrebungen nachgingen. Es gab gerade im 1. Weltkrieg einige vergleichbare Situationen. Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter. In der Ukraine standen sie sich auch gegenüber, und beide verdächtigten die Ukrainer der Kollaboration mit dem Anderen und erliessen auch harte Repressalien in Fällen, wo sie diesen Verdacht bestätigt sahen; diese waren aber weit weg von kollektiven Zwangsumsiedlungen aus dem Kriegsgebiet. Ähnlich verhielt es sich an der österreichisch-italienischen Front, wo viele Italiener unter österreichisch-ungarischer Herrschaft (Trient, Triest) vor “Loyalitätskonflikten” standen, wo es Exekutionen gab wie jene Cesare Battistis.

Natürlich gab/gibt es vielerorts Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, harten Maßnahmen währenddessen und dem Bestreben nach Grenzveränderungen. Während des 1. Weltkriegs gab es einige Volksgruppen im Osmanischen Reich, die ein ähnliches Schicksal wie die Armenier erleiden hätten können, nicht zuletzt diverse arabische Völker, aufgrund ihrer Sezessionsbestrebungen. Die osmanischen Kriegsherren wie Djemal Pascha sollen potentiell illoyalen Gemeinschaften explizit gedroht haben, sie wie die Armenier zu behandeln. Die Sezessionsbestrebungen der Araber versuchten die Jungtürken auch niederzuwerfen (Djemal Pascha hier auch verantwortlich), waren aber nicht so grausam und auch nicht erfolgreich wie bei den Armeniern. Weil die Araber viel zahlreicher waren und das fragliche Gebiet grösser, weil die Türken Anatolien im Gegensatz zu Irak oder Palästina als ihr Kernland betrachteten oder weil sich Westmächte um die arabischen Länder kümmerten?

Durch den Prozess gegen Soghomon Tehlirjan, den Talat-Attentäter, im Deutschen Reich wurde vieles über den Völkermord erstmals bekannt, zumal der Theologe Johannes Lepsius, der Helfer und Zeuge dabei gewesen war, dort aussagte. Deutsche waren im Krieg Verbündete der Osmanen gewesen, bei den Aktionen gegen Armenier in mehrerer Hinsicht Mittäter bzw. Kollaborateure; auch einer dieser Beteiligten sagte damals in Berlin aus, General Liman von Sanders. Lepsius hat nach dem Ersten Weltkrieg auch Akten des deutschen Aussenministeriums zu den Deportationen veröffentlicht, diese so genannten Lepsius-Dokumente galten bis in die 1960er als die wichtigste Quelle für den Völkermord an den Armeniern.

Franz Werfels 1933 erschienener Tatsachenroman “Die vierzig Tage des Musa Dag” war eine der frühen Thematisierungen des Völkermordes, und ist bis heute eine der eindrucksvollsten. 1929 war er mit Alma Mahler über Kairo nach Jerusalem und weiter nach Damaskus gereist, alles Länder die in der Zwischenkriegszeit unter europäischer, nicht mehr osmanischer, Herrschaft standen. In Damaskus im französisch beherrschten Syrien wurden sie auch in die grösste Teppichweberei der Stadt geführt. Bei der Führung bemerkten sie ausgehungerte Kinder, die Hilfsarbeiten verrichteten. Der Fabrikbesitzer erklärte dazu, es seien die Kinder der von den Türken erschlagenen Armenier, denen er Brot und Unterkunft für die Arbeit gäbe. Dies war Werfels erste Begegnung mit dem Unglück der Armenier, das ihn so bewegte, dass er noch auf der Reise die Idee eines Romans skizzierte. Um die historischen Details zu erfahren, suchte er u.a. das armenische Kloster der Mechitaristen in Wien auf (eine armenisch-katholische Kongregation übrigens), wo er in der Bibliothek recherchieren durfte. Werfel, im 1. WK selbst Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee, fand die Augenzeugenberichte eines protestantischen Priesters namens Dikran Andreasian über die Ereignisse von 1915 in der Antiochia-Region, wo auf diesem Berg Widerstand geleistet wurde. 36 Tage, nicht 40, einer der Punkte, in denen der Roman von der Realität abweicht. Viele der von Franzosen geretteten Musa-Dag-Überlebenden wurden einige Jahre später von diesen bei der Besetzung der Region eingesetzt. Als die Franzosen das Gebiet 1939 an die Türkei abtraten (die es dann “Hatay” nannte), zogen auch die meisten Armenier ab, viele liessen sich in der Bekaa-Ebene im Libanon nieder.

Die sogenannten Andonian-Papiere sind in der Forschung über den Völkermord deshalb so wichtig, weil sie (im Fall ihrer Echtheit) die Vernichtungsabsicht bei den Umsiedlungsaktionen beweisen, oder aber (im Fall ihrer Falschheit) diese Absicht widerlegen sollen, ein Hinweis auf die ungerechtfertigte Unterstellung dieser wären. Die Diskussionen bei den Wikipedia-Artikeln über sie sind ein ganz guter Indikator für ihre Umstrittenheit. “The Memoirs of Naim Bey: Turkish Official Documents Relating to the Deportation and the Massacres of Armenians” wurden 1920 von Aram Andonian, einem der Überlebenden der am 24. April 1915 aus Istanbul nach Anatolien deportierten Armenier, als Buchpublikation herausgebracht. Im selben Jahr erschien eine französische Ausgabe, im Jahr darauf in USA eine armenische. Sie zeigen, teils als Faksimile, teils als Übersetzung, Telegramme der jungtürkischen Führung an Regierungsstellen in der damaligen osmanischen Provinz, welche als Anordnung zur Vernichtung der deportierten Armenier verstanden werden müssen. Ein osmanischer Beamter in Aleppo, eben dieser Naim Bey, soll sie gesammelt und dann verkauft haben. Die Zweifel beziehen sich vor allem auf Unstimmigkeiten bei Datumsangaben in den Telegrammen. Zur Bewertung dieser und anderer Dokumente zum Genozid sind Kenntnisse des osmanischen Rumi-Kalenders, der osmanischen Sprache (die in vielen Punkten vom heutigen Türkisch abweicht) und des Chiffriersystems der osmanischen Behörden notwendig, Kenntnisse, die rar geworden sind, wie der deutsche Wikipedia-Artikel anmerkt!

Daher ist der Authentizitäts-Streit auch ziemlich auf die Experten-Ebene beschränkt. Natürlich ist auch der Kontext der Entstehung zu betrachten; zum Zeitpunkt der Entstehung und Veröffentlichung des Buches war das Schicksal Armeniens noch in der Schwebe, in Sevres wurde verhandelt, die englische Ausgabe enthält einen offenen Brief des deutschen Völkermord-Augenzeugen Armin Wegner an den dort maßgeblichen USA-Präsidenten Wilson. Falls die Dokumente gefälscht wurden, muss dies nicht unbedingt auf Andonian zurückgehen, es könnte auch jemand versucht haben, damit ein Geschäft zu machen. Die Tatsache, dass auch nicht-revisionistische Forscher zu diesem Genozid wie Yves Ternon und Christopher Walker nicht (ganz) von der Echtheit der verwendeten Telegramme überzeugt sind, ist Grund genug, die Zweifel zu akzeptieren. Dazu sei gesagt, dass die Vernichtungabsicht und damit der Genozid-Charakter der Aktionen nicht von dem Buch abhängen. Die Originale der Naim-Bey-Telegramme sind verschollen.

Die Aufarbeitung dieses Völkermordes war in der Geschichtsforschung wie in der Politik lange ein Aussenseiter-Thema (ausser für Armenier). Sowohl die Anzweiflung als auch die Anerkennung des Völkermord-Charakters der osmanischen Aktionen gegen die Armenier im 1. Weltkrieg folgt in der Regel weniger sachlichen Begutachtungen und Kriterien als politischen Erwägungen! Die zentralen Streitfragen der Diskussion darüber, insofern sie einigermaßen seriös geführt wird, sind die Frage der Vernichtungsabsicht, die Opferzahlen, die “Rechtmäßigkeit” bzw. der Anlass der Deportationen. Inzwischen hat sich in Historiographie und Politik grossteils durchgesetzt, dass es sich um einen der grossen Völkermorde des 20. Jh. handelt, neben dem an Juden und dem Stalins an verschiedenen Gruppen; der “Völkermord”-Begriff ist nach dem 2. Weltkrieg entstanden.

Es gibt gewisse Parallelen zum Völkermord an den Juden, dem/der Holocaust/Schoah, etwa dass beide im Schatten des Krieges stattfanden. Gerade diese Gemeinsamkeiten werden aber oft in Frage gestellt. Guenter Lewy (aus Deutschland nach USA) etwa lässt den Völkermord an den Zigeunern/Sinti wie auch den an den Armeniern nicht als solchen gelten, zum Entzücken v. a. von türkischen Nationalisten. Er trifft sich mit Eberhard Jäckel, einem deutschen Historiker, der das Lied von der Einzigartigkeit des jüdischen Holokausts singt, von “Legenden­bildungen bezüglich der Zigeuner die sich sehr geschickt den verfolgten Juden gleichstellen möchten” schreibt; Sündenstolz? Bernard Lewis, ein anderer Leugner, verteidigt wie Vertreter des türkischen Staates die These des “Bürgerkriegs” zwischen Türken und Armeniern. Auch Daniel Goldhagen oder Steven T. Katz verfechten eine “abgehobene, metahistorisierende Einzigartigkeit der Shoa” (Kieser). Justin McCarthy, in diesem Zusammenhang (Leugnung/Relativierung des Armenier-Genozids) berüchtigt, dürfte “eingekauft” worden sein. Ein kleiner Indikator, welcher Unterschied international in der Akzeptanz des jüdischen und des armenischen Völkermordes besteht: Bei der Eishockey-WM 2006 musste das armenische Team (in der Division III) am armenischen Völkermord-Gedenktag (24. April) gegen das türkische spielen; am 25. April hätte das israelische Team in der Division II am jüdischen Völkermord-Gedenktag gegen das deutsche antreten sollen – aufgrund der Bedeutung des Tages wurde das Spiel verschoben. Der türkische Historiker Fikret Adanir schrieb, bei manchen armenischen Historikern gäbe es vor diesem Hintergrund eine Art “Obsession”, die zum metahistorischen Mass alles Bösen erhobenen Nationalsozialisten und die Jungtürken gleichzusetzen, um so mehr Anteil an internationaler Beachtung und Anerkennung zu erlangen.

Die Entstehung eines neuen armenischen Nationalbewusstseins in den 1960ern, verstreut auf westliches Exil, “Orient” (Westasien) und “Ostblock” (v.a. SU), vollzog sich v.a. im Gedenken an den Völkermord; die armenischen Bezeichnungen dafür sind neben “Aghet” (Katastrophe) “Medz Yeghern” (grosses Verbrechen) oder “Hayots Tseghaspanutyun” (armenischer Völkermord). Dazu gehörte die Einführung eines Gedenktages und die Errichtung des Gedenkmals Jerern bei Jerewan 1967. Auch die Aktionen militanter Gruppen wie ASALA kamen aus Frustration von Armeniern, deren Tragödie in der Endphase des Osmanischen Reichs meist verdrängt blieb. Für die Armenier war, wie erwähnt, die Vernichtung von einem grossen Teil des Volkes mit dem Verlust von einem grossen Teil des Territoriums verbunden.

Auf dem Territorium der Republik Türkei ging ein Auslöschungsprozess gegenüber allem armenischen (bzw. generell nicht-türkischen) auch lange nach dem 1. Weltkrieg (und dem Völkermord), dem “Unabhängigkeitskrieg” und der Gründung der Republik weiter – einer der Unterschiede zum deutschen Völkermord an den Juden im 2. Weltkrieg. Dazu gehörte die staatliche Beschlagnahmung aller sogenannten “verlassenen Güter”, Kirchen-Zerstörungen, Umbenennungen von Ortschaften und die lancierte Geschichtspolitik zum Ende des Osmanischen Reichs. Der Westen kam der Türkei dabei weit entgegen, vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung im Kalten Krieg, die sie aus westlicher Sicht schon in der Zwischenkriegszeit gegenüber der Sowjetunion bekam, und in den 1990ern als Verbündeter in der Region behielt. Für Armenier war/ist es schmerzlich, dass eine Frage wie jene nach der materiellen Restitution ihrer geraubten oder zerstörten Güter nur als utopisch anzusehen ist. Jene Türken, die den Völkermord oder zumindest grosses Leid der Armenier anerkennen, sind Aussenseiter ihres Milieus, ob in der Politik, der Geschichtswissenschaft, der Publizistik oder anderen Bereichen. Entgegen landläufiger Vorstellungen ist die seit 2002 regierende AKP hier die positive Ausnahme, kein anderer türkischer Staats- oder Ministerpräsident ist hier so grosse Schritte gegangen wie Recep Tayyip Erdogan (s. u.).

Es gibt auch eine recht unmittelbare Verbindung zwischen den Völkermorden in den beiden Weltkriegen: Max Erwin von Scheubner-Richter, deutscher Offizier und Diplomat, war während des 1. Weltkriegs (Vize-?) Konsul des Deutschen Reichs in Erzurum, also im “Zentrum der Ereignisse”, und somit Augenzeuge der Deportationen und Übergriffe. Dass er osmanischen Behörden dabei entgegen getreten sein soll, erscheint zweifelhaft, Deutschland war ja Verbündeter und unterstützte es in mehrerer Hinsicht bei den Gräueln an Armeniern, z. B. bei der Belagerung des Musa Dag, in Form von Militärberatern. Es waren auch die deutschen Bündnispartner, die die Türken zur Instrumentalisierung des Islam zum heiligen Krieg/Jihad in diesem Krieg drängten… Scheubners Biograph Paul Leverkuehn (im 1. WK in dessen Delegation, im 2. WK für die deutsche Abwehr in der Türkei, in der BRD u. a. CDU-Politiker) schrieb 1938 über die “wölfische Wildheit der losgelassenen Kurden” (dass Kurden maßgeblich an dem Genozid beteiligt waren, ist zutreffend) und von einer “Auseinandersetzung eines Volkes Asiens mit einem anderen fernab europäischer Zivilisation”. Scheubner wurde bald nach dem 1. WK einer der engsten Mitarbeiter Hitlers bei dessen frühen politischen Aktivitäten, er soll Hitler vom Völkermord an den Armeniern (den er damals auch als “asiatisch” und “grauenvoll” einstufte) unterrichtet und ihn “inspiriert” haben. Hier kommt Ernst Nolte ins Spiel, der den deutschen Historikerstreit in den 1980ern u.a. damit auslöste indem er schrieb, die Sowjetunion (unter Stalin) habe “asiatische Methoden” der Nationalsozialisten vorweg genommen (beschreibt eine Folter mit Rattenkäfig vor dem Gesicht) und damit den Holokaust (den er nicht leugnet) u.ä. quasi provoziert. Scheubner-Richter wurde beim Putschversuch Hitlers 1923 in München erschossen.

Die Armenier erfuhren für die erlittenen Gräuel nicht nur keinerlei Wiedergutmachung der Türkei, im Gegenteil, die Türkei hat nie Verantwortung dafür übernommen. Der türkische Umgang mit dem Leid der Armenier schwankt zwischen Leugnung von Grausamkeiten, Rechtfertigungen dieser, Opfer-Notwehr-Behauptungen als Begründung für das Vorgehen, Totschweigen, Aufarbeitung. Türken sehen sich, was die Zeit um den 1. Weltkrieg betrifft, in der Regel in einer Position der Schwäche bzw. als Opfer. Die Armenier werden dabei meist als einer jenen “inneren und äusseren Feinde” gesehen, gegen die man sich letztlich erfolgreich gewehrt hat. Das Vorgehen der Jungtürken, v.a. aber der Kemalisten, wird gerne auch antiimperialistisch interpretiert. Manchmal wird von einem “Bürgerkrieg” in Kleinasien gesprochen, der für Türken ein Überlebenskampf gewesen sei, in dessen Zuge die todbringenden Umsiedlungen geschahen. “Geschah ihnen Recht” kommt von türkischer Seite eben so wie “Gabs nie”. Die seriöseren Argumente sind: Umsiedlungen geschahen wegen dem Krieg bzw. der Illoyalität, es gab keine geplanten Vernichtungen, Massaker waren die Ausnahme. Dann werden meist Opfer-Zahlen bestritten, höchstens 300 000 seien ums Leben gekommen, nicht 1,5 Millionen. Der gemäßigtere türkische Standpunkt ist, dass es Gewalt von beiden Seiten gab, Türken auch Opfer gewesen seien. Die Geschehnisse rund um den 1. WK sind Hauptgegenstand staatlicher türkischer Propaganda und Lobbyings, die Türk Tarih Kurumu (TTK; Türkische Historische Gesellschaft) hat etliche pseudohistorische Arbeiten dazu angefertigt. Laut “Washington Post” gaben türkische Regierungen mehr als 300 000 $ monatlich für Lobbying gegen Resolutionen zum Völkermord im US-Kongress aus. Akademische Diskussionen über den Völkermord zwischen türkischen und armenischen Wissenschaftlern sind selten; 2000 fand etwa in Frankreich eine statt. Man muss dazu bedenken, dass türkische Historiker, die diesbezüglich von ihrer “nationalen Norm” abweichen, viel zu verlieren haben. Kieser weist darauf hin, dass sich auch die internationale Turkologie seit den 1930ern stark im Schlepptau türkischer Nationalgeschichtsschreibung bewegt.

Jungtürken wie Kemalisten waren bzw. sind stark für Säkularismus bzw. Laizismus in der Türkei, konkret bedeutet das die Verbannung des Islam aus dem öffentlichen Leben, die Entmachtung religiöser Funktionäre – und einen aggressiven Nationalismus als Ersatz-Religion, der im Zuge einer oberflächlichen Verwestlichung entstand. Türkentum wird darin aber (unausgesprochen) über den Islam definiert und die Einschmelzung bzw. Konversion zum Türken geschieht über diesen. Hier sind türkische Kemalisten oder Nationalisten intoleranter als Religiöse bzw. Traditionelle, früher wie heute (Dissenz kommt auch von Linken). Die christlichen Völker im Osmanischen Reich bzw. der Türkei sind die Leidtragenden dieser Entwicklung; durch ihre Ermordung, Ausweisung, Marginalisierung wurde die Türkei ethnisch homogen. Inwiefern die europäische “Interventionspolitik” im späten Osmanischen Reich dabei eine Rolle spielte, wäre eine interessante Frage. Es gibt Mutige in der türkischen Gesellschaft und Diaspora mit dem Willen zur Auseinandersetzung mit den Gründungsmythen der türkischen Nation (wozu auch der Völkermord gehört), wie Ragib Zaraoglu, Elif Shafak, Taner Akcam, Orhan Pamuk oder Cem Özdemir. Anlass zur Hoffnung gibt etwa, dass ein Enkel von einem der Jungtürken-Führer, Djemal Pascha, Hasan Cemal, für Aussöhnung eintritt, vor einigen Jahren auch am Völkermord-Denkmal in Armenien Blumen niederlegte.

Die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern begann in den 1980ern, geschieht hauptsächlich im Westen. In den letzten 10-15 Jahren ist dabei aber eine Instrumentalisierung durch anti-islamische Kulturkämpfer oder aus politischem Kalkül zu beobachten. Der Völkermord als Verhandlungschip und Druckmittel, genau wie bei seiner Leugnung, je nachdem, wen man als Verbündeten braucht. Jede Solidarität hat ihre Falle, jede Geschichte hat ihre andere Seite; und manchmal sind Feigheit und Berechnung der Antrieb. Als etwa FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aus dem Wiener Gemeinderat/Landtag ausschied um in den Nationalrat zu wechseln (vor etwa 10 Jahren), war sein letzter Antrag im Rathaus, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord zu verurteilen. Zu dem Zeitpunkt war bei dem westeuropäischen Rechtspopulisten bereits die Verschiebung zum “Islam” als Feindbild vollzogen. Nicht über den Inhalt, aber über die Art und Weise, wie und womit Politik gemacht wird, gab es zu Recht eine heftige Debatte. SPÖ, ÖVP und Grüne warfen der FPÖ vor, lediglich anti-türkische Ressentiments schüren zu wollen und auch einen unsauberen Umgang mit der eigenen Vergangenheit und dem Nationalsozialismus. Somit blieb Strache mit seiner Fraktion allein, den Völkermord 1915 zu verurteilen bzw. zu benutzen. Die aus Griechenland stammende damalige Klubchefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, fand dazu klare Worte an Strache. Dieser hat ja bei einem anderen Anlass gesagt, dass er “westlich orientierte” Türken akzeptiert; nun, diese (Wähler der CHP, die jahrzehntelang regierte und hauptverantwortlich für die türkische Geschichtspolitik ist) werden ihm bei seiner Behandlung türkischer Geschichte entschieden widersprechen, um es vorsichtig zu sagen. Dabei übertreffen werden sie nur Funktionäre und Klientel der rechtsnationalistischen MHP, die so etwas wie das Äquivalent der FPÖ in der Türkei ist… Internationalismus war immer problematisch für Rechte, aber das ist eine andere Geschichte. Ein ähnliches Beispiel ist der Versuch der bulgarischen Rechtsextremisten (Ataka) vor einigen Jahren, im Parlament eine Armenier-Völkermord-Verurteilung durchzubringen; genau so undurchdacht und nationalistisch waren auch die Abwehrreflexe der Partei der türkischen Minderheit in Bulgarien, DPS, gegen die sich die Aktion richtete.

Als Sarkozy in Frankreich ein Völkermord-Gesetz, das den von Türken an Armeniern miteinschliesst, durchbringen wollte, kam aus der Türkei die “Drohung”, die französische Kolonialgeschichte, besonders jene in Algerien, zu thematisieren und die Unterstellung des Schielens nach Stimmen von armenischen Franzosen; auch Befürworter einer Annäherung an Armenien in der Türkei sollen sich gegen dieses Gesetz ausgesprochen haben. Als das schwedische Parlament eine Erklärung verabschiedete, in der die Tötung von Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs als Völkermord bezeichnet wurde, regierte die Türkei mit der Abberufung ihres Botschafters. Aussenminister Carl Bildt distanzierte sich von der Erklärung und schrieb in seinem Blog: “Die Geschichte durch Abstimmungen im Reichstag zu politisieren ist alles andere als konstruktiv.” Es beunruhige ihn vor allem, dass das von Reformgegnern in der Türkei ausgenutzt und der Versöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern gestoppt werden könne.

Die Frage, ob Parlamente Geschichte schreiben sollen, rückwirkend, ist tatsächlich berechtigt. Meist kommen die Einwände aber aus politischem Kalkül. Die Türkei ist/war als NATO-Mitglied und als Transitland für Energiequellen Asiens ein wichtiger Verbündeter der USA und des restlichen Westens in seiner Region. Aus diesem Grund stossen Initiativen zur Anerkennung des Armenier-Völkermordes im USA-Kongress immer auf harte Widerstände und ist diese noch immer nicht durch. Spätestens unter Präsident “Bill” Clinton (93-01) begann das Spiel mit dem Versuch und der Verhinderung. Unter Bush jun. forderten Verteidigungsminister Gates und Aussenministerin Rice den Aussen-Ausschuss des Repräsentantenhauses 07 auf, gegen die Verurteilung bzw. Anerkennung des Völkermordes zu stimmen. “Als Akademikerin sind mir Tatsachen bekannt, aber als Aussenministerin…”, hauchte Condoleeza Rice. Der Ausschuss hat dann unter Obama, der sich weniger entschieden dagegen wehrte, die Verfolgung von Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet. Eine Annahme durch die ganze Kammer steht noch aus. Die türkische Regierung hat daraufhin ihren Botschafter aus USA abberufen, der sagte, die Beschuldigung eines Völkermordes sei die schwerste vorstellbare. Aussenministerin Hillary Clinton kündigte an, “sehr hart dafür zu arbeiten”, dass die Resolution nicht im Plenum des Repräsentantenhauses in Washington zur Abstimmung gestellt wird. Türkeis Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Gül haben damals in ihren Reaktionen die Auswirkungen auf die Beziehungen zur USA in den Mittelpunkt gestellt.

Jungtürken und Zionisten haben in der osmanischen Spätzeit verschiedentlich zusammengearbeitet; manche sagen dass hier die Grundlage für die spätere Zusammenarbeit zwischen Israel und den Kemalisten (die in den 1950ern begann) gelegt wurde. Der israelische Wissenschaftler Yair Auron hat in seinem Buch “The Banality of Indifference” das auf die eigenen Interessen und das eigene Überleben ausgerichtete Verhalten der zionistischen Führer und der jüdischen Siedlerschaft in Palästina angesichts der spätosmanischen Armenierverfolgungen behandelt. Er geht etwa auf die “Realpolitik” ab Theodor Herzl ein, der um die Jahrhundertwende den osmanischen Sultan Abdulhamid hofierte, ungeachtet der Pogrome an Armeniern unter diesem. Diese Hofierung hat der französische Jude Bernard Lazare, ein früher Weggefährte Herzls, heftig kritisiert. Der Yishuv in Palästina, so Auron, war im 1. WK geschützt durch seine ostentative Loyalität mit dem Osmanischen Reich sowie das Eintreten der Deutschen (eines seiner Verbündeten) und die Protektion der Briten (die Palästina dann eroberten) für sie. Franz Werfel hat wohl Verknüpfungspunkte zwischen der armenischen Tragödie und den Juden gesehen, vor deren grösster Tragödie. Die “40 Tage” sollen in den jüdischen Ghettos während des Zweiten Weltkrieges “Leiblektüre” gewesen sein. Jüdische Nationalisten machten ihm den Vorwurf, sich mit dem Leiden eines fremden Volkes zu beschäftigen anstatt des eigenen.

Die Zusammenarbeit zwischen Israel und der Türkei bedeutete für die Armenier grosse Sorge, zumal auch Aserbeidschan auf dieser Achse lag/liegt. Vor dem Hintergrund der türkisch-israelischen Partnerschaft (sowie der Türkei als Partner des Westens und den Juden in der Türkei) sind auch die (entscheidenden) Bemühungen israelischer Stellen und jüdischer Organisationen zu sehen, den Völkermord an den Armeniern nicht als solchen anerkennen zu lassen. Auch ein Singularitäts-Anspruch für die “Schoah” spielt(e) dabei eine Rolle. 1982 wurden Armenier bei einer Völkermord-Konferenz in Israel auf türkischen Druck ausgeladen. Shimon Peres sagte im April 2001 bei einem Besuch in der Türkei: “Die Armenier haben eine Tragödie erlitten, aber keinen Genozid.” Die “Anti-Defamation League” hat noch 07 den Chef ihrer New England-Regional-Organisation, Andrew Tarsy, wegen seiner Anerkennung des Genozids abgesetzt. Pro-israelische Lobbies haben in Washington mit türkischen gegen armenische Interessen agitiert. Auch Cefi Kamhi, Istanbuler Jude, in den 1990ern Abgeordneter der DYP, hat sich daran beteiligt. Die Vereinigung türkischer Juden in Israel hat erklärt, es habe einen Bürgerkrieg gegeben, keinen Genozid. Vertreter der israelischen Diplomatie und jüdischer Organisationen in den USA haben zur Genugtuung türkischer Stellen den ursprünglich vorgesehenen Einbezug des armenischen Genozids im Holocaust Memorial Museum in Washington (eingeweiht 1993) vereitelt.

Staat und Diaspora in der Gegenwart, neue und neueste Entwicklungen

Die unabhängige Republik Armenien ist trotz ihrer Armut, ihrer Kleinheit und des autoritären Systems für Armenier weltweit ein noch wichtigerer Bezugsrahmen als es die Sowjetrepublik war, auch wenn es nur einen relativ kleinen Teil des historischen Armeniens umfasst und grosse Probleme hat (politische, wirtschaftliche, ökologische). Es gibt aber zwischen Ost-Armeniern (die grossteils die Bevölkerung der Republik stellen) und West-Armeniern (die grossteils die Diaspora ausmachen) Unterschiede, nicht nur in der Aus-Sprache. Für West-Armenier spielen der Völkermord und “ihre” an die Türkei verlorenen Gebiete in der Regel eine grössere Rolle als für Ost-Armenier. Dies hat sich etwa gezeigt, als der nach der Unabhängigkeit aus der USA nach Armenien eingewanderte Raffi Hovanissian als Aussenminister beim Staatsbesuch in der Türkei 1992 diese Themen zur Sprache brachte – und daraufhin entlassen wurde. Auch die Ausrichtung an Russland ist eher nach dem Geschmack der O-Armenier; erste Alternative wäre wohl der Westen (EU, USA; wo auch ein grosser Teil der Diaspora lebt).

Seit 2008 wird das Land von Sersch Sargsian (Sarkissian) und der HHK geführt. Seine Wahl damals gegen Ter-Petrossian war umstritten, bei anschliessenden Protesten wurden zehn Menschen getötet. Die Wiederwahl Sargsians als Staatspräsident 2013 wurde von der Opposition (“Blühendes Armenien” unter Oligarch Tsarukian, “Armenischer Nationalkongress” unter Ex-Präsident Ter-Petrossian, Daschnak unter Markarian, “Erbe” unter Hovanissian) grossteils boykottiert, da sie die Fairness der Wahlen schon im vorhinein anzweifelte. Nur das “Land des Rechts” unter Baghdasarian ist mit der herrschenden Partei verbündet. Auch die letzte Parlaments-Wahl ’12 soll zu ihren Gunsten geschoben worden sein.

Nachdem die meisten Aseri in Armenien im Krieg vertrieben wurden oder geflüchtet sind (analog zu den Armeniern aus Aserbeidschan), sind Kurden die grösste Minderheit. Bei ihnen überwiegen Yaziden gegenüber Moslems. An der Akademie der Wissenschaften in Jerewan gibt es eines der wenigen Kurdologie-Institute auf der Welt. Dann sind Russen, Assyrer, Griechen, Juden, Ukrainer und weitere kleine Gruppen zu nennen. Deutsche und Polen dort sind etwa stark russifiziert, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken.

Heute leben etwa 3,5 Millionen Armenier in der Republik und Karabach und 3,5 Millionen in der Diaspora (darunter auch in Gebieten wie Javakh). Der Waffenstillstand von 1994 um Karabach/Arzach ist brüchig, es gibt keinen Friedensvertrag, immer wieder kommt es zu Scharmützeln. Im Schatten der Karabach-Frage steht die Auffassung von Pan-Turkisten, dass nur Armenien zwischen der Türkei und Aserbeidschan sowie den zentralasiatischen Turkstaaten steht. Armeniens Schutzmacht ist Russland, jene von Aserbeidschan die Türkei, die unter der AKP eine konstruktivere Rolle einnimmt. Ansonsten haben Armenier in ihren historischen Territorien (traditionellen Siedlungsbieten) nur in Javak(eti) in Georgien “einen Fuss in der Tür”. Der südliche, armenisch besiedelte Teil der georgischen Provinz Samtskhe-Javakheti ist das armenische Javakhk (Akhalkalaki und Akhaltsikhe), das im Sevres-Vertrag Armenien zugesprochen worden war und von der Ersten Republik Armeniens umkämpft war, in Sowjetzeiten Georgien zugesprochen wurde. Da das Verhältnis Armeniens zu Georgien im Gegensatz zu den anderen beiden Staaten, mit denen Territorium/Grenzen “umstritten” sind, in Ordnung ist und die Minderheit/Bevölkerung (daneben gibts auch in Tiflis welche) dort im Grossen und Ganzen korrekt “behandelt” wird, sind Armenier hier sehr zurückhaltend mit Ansprüchen. Im exterritorialen aserbeidschanischen Gebiet Nachitschewan (zwischen Armenien und der Türkei gelegen) sowie in (dem früheren) West-Armenien (Nordost-Anatolien) leben heute fast keine Armenier mehr (zu den Hemshenli unten mehr). Die eine “Säuberung” fand im Zuge des Karabach-Krieges statt (am Ende der Sowjetunion), die andere am Ende des Osmanischen Reichs.

In der Republik Armenien erhebt nur die Daschnak-Partei (HHD), die an zwei HHK-geführten Kabinetten als Juniorpartner beteiligt war, im post-sowjetischen Armenien insgesamt aber wenig Macht ausübt(e), Ansprüche auf historische armenische Gebiete. Regierungen erheben keine Territorialforderungen, auch auf Karabach nicht offen (das von Armenien kontrolliert wird), tun sich mit der Anerkennung der einen oder anderen Grenze aber schwer. Irredenta ist eher für West-Armenier bzw. die Diaspora ein Thema, aus der Diaspora wird gegenüber armenischen Regierungen, von HHSch wie von HHK, der Vorwurf erhoben, armenische Grundinteressen nicht zu vertreten, Appeasement ggü der Türkei zu üben. Die Daschnak ist auch die einzige Partei, die in der Republik (bzw. Ost-) Armenien und in der Diaspora verankert ist, und deren Wurzeln über die spät- oder postsowjetische Zeit hinunterreichen.

Neben den genannten Nachbarn grenzt Armenien an den Iran, mit dem es eine lange gemeinsame Geschichte und viele Verbindungen hat: Zunächst gibt es im Iran ein kleines Gebiet, im Nordzipfel der Provinz West-Aserbeidschan, wo es seit undenklichen Zeiten Armenier gab; durch Massaker von Türken und Kurden 1915 und 1918 wurden die diese dort zumindest stark dezimiert. Dann gab es schon in der vorchristlichen Religion der Armenier starke persische Einflüsse. Persien herrschte dann von der frühen Neuzeit bis in die späte über Ost-Armenien; in dieser Phase wurden Armenier in das “zentralere” Persien gebracht, v.a. nach Isfahan, der Grossteil der Vorfahren jener, die heute die armenische Bevölkerung Irans ausmachen. Es gibt Gemeinsamkeiten in der Küche oder im Sport, Ringen ist z.B. bei beiden Völkern sehr beliebt. Die armenisches Namesendung “-ian” ist wahrscheinlich persischer Herkunft, ebenso das “-stan” wie im armenischen Eigennamen für Armenien, “Hayastan”. Im 19. und 20. Jh. kamen armenische Flüchtlinge nach Persien, v.a. aus dem osmanischen Bereich; manche gingen aber auch von Persien in den russischen Bereich. Heute ist der Iran zum einen ein wichtiges Diaspora-Land der Armenier (die Parskahaj, die persischen Armenier, fallen in verschiedene Gruppen, nach Herkunft bzw. Verwurzelung im Land, Konfession, Wohngebiet, soziale Klasse,…). Auch während der gewaltsamsten Phase der “Islamischen Revolution” (dem Diebstahl der Revolution durch Khomeini) blieben ihre Rechte zumindest auf einem Grundniveau geschützt. Zum anderen ist der Iran für die Republik Armenien Handelspartner, Reisen finden in beide Richtungen statt, etc.

In der Diaspora gibt es einige armenische Enklaven, von ihnen überwiegend besiedelte Gebiete. Dazu gehört z. B. Anjar in der Bekaa-Ebene im Libanon, wo sich Musa Dag-Überlebende und andere aus dem Antiochia-Gebiet niederliessen. Oder das armenischen Viertel der Altstadt von Jerusalem/Quds (Israel/Palästina). Im Westen ist das etwa Little Armenia in Los Angeles (USA).

Armenien und seine historischen Gebiete
Armenien und seine historischen Gebiete

Istanbul, die einzige Stadt der Türkei, wo es heute eine grosse armenische Gemeinde gibt (um die 50 000), war aus armenischer Sicht immer Diaspora. Armenier sind die grösste christliche wie nicht-moslemische Gruppe in der Türkei. In den letzten Jahren soll es sogar eine Einwanderung aus Armenien in die Türkei gegeben haben, anscheinend aus wirtschaftlichen Gründen. Hrant Dink war neben dem Patriarchen wohl der prominenteste (und wichtigste) Armenier Istanbuls. Als Chefredakteur der Wochenzeitung “Agos” hat er auch heisse Eisen behandelt, wie die Massaker und Deportationen im 1. Weltkrieg. Daher musste er sich auch Prozessen stellen, wegen “Beleidigung des Türkentums”. Dink war aber nicht für Aufrechnung oder Vergeltung, sondern für Aussöhnung, und für die Demokratisierung der Türkei. Versöhnung nicht ohne Aufarbeitung, Aufarbeitung nicht mit Hass und im Hinblick auf eine friedliche Lösung zwischen Türken und Armeniern. Er kämpfte darum, Armenier als Teil der Türkei zu verankern. Er wollte nicht, dass die Vergangenheit den Weg in die Zukunft versperrt. Er hat auch eine Konferenz zum Genozid in der Türkei mit-organisiert. Einmal standen die Bewohner eines ganzen Dorfes in seiner Redaktion, Nachfahren türkischer Armenier, die 1915, zur Zeit der schlimmsten Verfolgung, bei ihren alewitischen Nachbarn in der Region Dersim Schutz gefunden hatten. Jenen, die die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern als Vorbedingung für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei fordern, hielt er vor, dass sie das Spiel der reaktionären Kräfte in der Türkei mitspielten. Er stritt für die Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien. Und liess sich nicht auf Zahlen- und Begriffsdiskussionen bezüglich des belastendsten Kapitels in der Beziehung der beiden Völker ein. Er musste lange darum kämpfen, einen türkischen Reisepass zu bekomment; er galt als nicht “verlässlich” und sollte nicht ausser Landes reisen. Gerade weil er sich so um die konstruktive Debatte und um Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken bemühte, wurde ihm von anderen Armeniern, v.a. aus der westlichen Diaspora, mitunter vorgeworfen, Verrat an der armenischen Sache zu begehen.

Hrant Dink wurde 2007 im Alter von 52 Jahren vor seiner Redaktion ermordet, aus den selben Gründen aus denen er verurteilt worden war. Der Mörder wurde nach seiner Verhaftung auf der Polizeiwache wie ein Held gefeiert (wie ein Video zeigte); diese Polizisten wurden aber bestraft, auch jene, die Hinweise auf Hintermänner nicht ernst nahmen. Zwischen 100 000 und 200 000 Menschen nahmen an seinem Begräbnis in Istanbul teil, riefen “Wir sind alle Armenier” oder “Schulter an Schulter gegen Faschismus”. Der türkische Staat lud Politiker (Vize-Aussenminister Arman Kirakosian war der hochrangigste) und Geistliche aus Armenien, zu dem es keine Beziehungen hat, ein. Auch einige Diaspora-Armenier kamen, wie Bischof Khazkah Parsamian aus USA. Dink brachte Türken und Armenier also auch über seinen Tod zusammen. Die Messe wurde von Patriarch Mesrob II. zelebriert.

Dass sich unter der AKP (2002 nach Wahlsieg zuerst Gül, dann Erdogan Ministerpräsident, beide dann Staatspräsidenten) in der Türkei für Armenier und andere Minderheiten etwas zum positiven verbessert hat, wird im Westen in der Regel nicht wahrgenommen. Für sie als gemäßigte Islamisten ist nicht ein intoleranter Nationalismus als Ersatz-Religion bzw. Identitätsstiftung vonnöten, wie für die kemalistischen Parteien. Eine Konferenz zur historischen Aufarbeitung der Armenier-Frage etwa konnte nur dank der ungewöhnlichen Allianz von liberalen Bürgerrechtlern und der islamisch-konservativen Regierung von Erdogan stattfinden. Westliche Beobachter ereifern sich über “Säuberungsaktionen” von AKP-Regierungen in der Justiz oder im Militär, die sich gegen türkische Ultra-Nationalisten richtet, wie die “Ergenekon”-Gruppe, die eine Rolle auch bei dem Mord an Dink und anderen Christen spielte. Auch dass unter Erdogan bezüglich der Kurden etwas weitergegangen ist (Unterricht von und Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), fällt bei seiner Beurteilung gern unter den Tisch.

Zur türkischen Parlaments-Wahl 07 wurde der armenische Patriarch in Istanbul, Mesrob II. Mutafyan, von der “Hürriyet” interviewt, er gab eine Art Unterstützungserklärung für die AKP ab, die er als toleranter gegenüber Minderheiten einschätzte. Ein wichtiges Zeichen war auch die Restaurierung der Kirche auf der Achtamar-Insel im Van-See unter Erdogan, die bis zum Genozid so etwas wie ein kulturelles Zentrum der West-Armenier gewesen war. Die Insel war Sitz der Könige von Vaspurakan, einem armenischen Staat, der sich im Hoch-Mittelalter vom Armenischen Reich der Bagratiden loslöste und die Kirche “Zum heiligen Kreuz” vom 12. Jh an Sitz eines Katholikats. Dieses war ab 1895 (Abdulhamit-Massaker) verwaist und wurde 1916 von den osmanischen Behörden aufgelöst, nachdem im Zuge des Völkermordes das Kloster zerstört wurde und Mönche ermordet wurden. Die Kirche war geplündert worden und verfiel.

Die AKP-Politik bedeutete einen Kurswechsel auch gegenüber “Nahost”, ein stärkeres Engagement für die Palästinenser statt einem Ausbau des Bündnisses mit Israel. Durch das Massaker israelischer Soldaten 2010 auf einem Schiff der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, die hauptsächlich türkisch besetzte “Mavi Marmara”, kam es zu einer entscheidenden Entfremdung. Der Quasi-Abbruch der Beziehungen der Staaten kam dann erst mit dem UN-Bericht zum Massaker. Israels Aussenminister Lieberman posaunte danach, er könnte sich mit Vertretern der PKK in Europa treffen und über eine mögliche Waffenhilfe beraten, möglich seien auch Kontakte mit der armenischen Lobby in den USA, mit dem Ziel, eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im US-Kongress zu erreichen; er wurde übrigens schnell zurückgepfiffen. Als Erdogan beim Gipfeltreffen in Davos Peres wütend auf dessen Begründung für ein neues Massaker in Gaza antwortete, schrieb ein Kolumnist in der israelischen Zeitung “Haaretz” am nächsten Tag: “Perhaps the next time the Armenian genocide bill comes up in the U.S. congress, the Palestinians will help them block it.” Der Völkermord und seine Anerkennung als reiner Verhandlungsgegenstand bzw. Druckmittel, aus politischem Kalkül, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Kritik an der Hilfsflotte und der Haltung der Erdogan-Regierung dazu kam von der „Hürriyet“ und dem islamischen Prediger Fethullah Gülen. Der Chef der kemalistischen CHP, Kilicdaroglu (der teilweise kurdischer Herkunft ist, aber nicht kurdische Interessen vertritt), äusserte verhaltene Kritik an Erdogan. Dass Israel sich (nun) um Kurden bemühen will, wird gerade jene Kemalisten die pro-zionistisch sind, vergraulen…

Vor wenigen Jahren gab es eine Erklärung einer Gruppe von rund 200 türkischen Intellektuellen, die sich für die Aktionen im 1. WK entschuldigten. In der Erklärung heißt es: “Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, denen die Armenier im Osmanischen Reich 1915 ausgesetzt waren, immer noch so unsensibel behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück und teile die Schmerzen meiner armenischen Brüder. Ich entschuldige mich bei ihnen.” Die Initiatoren vermieden in ihrer Erklärung den Begriff “Völkermord”, sie sprachen stattdessen von einer “grossen Katastrophe”. Erdogan sagte damals, “Wenn es ein Verbrechen gab, dann können die, die es begangen haben, eine Entschuldigung anbieten”. Am 24. April 2010 gab es in der Türkei erstmals eine öffentliche Gedenkfeier für den Armenier-Völkermord, von der Menschenrechtsorganisation IHD organisiert; eine Gegendemonstration wurde von der Polizei auf Distanz gehalten. 2011 lud Erdogan Vertreter von Stiftungen von Alewiten, Christen und Juden zu einem Abendessen anlässlich des traditionellen Fastenbrechens im islamischen Fastenmonat Ramadan. An dem Treffen nahmen unter anderen der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios I., der amtierende armenische Patriarch Aram Atesyan und der türkische Oberrabbiner Isak Haleva teil. Auch der Chef des Religionsamtes, Mehmet Görmez, sowie einige Minister aus Erdogans Kabinett waren Gäste des Treffens. In seiner Rede ging Erdogan auf den kurz zuvor veröffentlichten Erlass seiner Regierung ein, der die Rückgabe von eingezogenem Besitz nicht-muslimischer Stiftungen oder die Entschädigung für die Enteignungen vorsieht; in der Türkei gebe es unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur „Bürger erster Klasse“. Patriarch Bartholomaios sagte damals, die Türkei sei auf dem richtigen Weg. Oberrabbiner Haleva sprach von einer „Revolution“. 2011 hat sich Erdogan im Namen des Staates auch für das Dersim-Massaker 1937/38 an Alewiten und Zaza-Kurden entschuldigt.

Die eigentliche Entspannung der Türkei mit Armeniern und Armenien begann mit einem Fussballspiel. In der Qualifikation für die WM 2010 wurden Armenien und die Türkei in die selbe (Europa-)Gruppe gelost; 08 begleitete der damalige türkische Staatspräsident Gül die türkische Mannschaft zum Match in Jerewan, traf dabei mit seinem armenischen Amtskollegen Sargsian zusammen. Dies leitete das Tauwetter in den Beziehungen der beiden Staaten ein, die sehr viel mehr ausmachen als binationale Beziehungen. Mit den Beziehungen zur Türkei (die noch keine diplomatischen sind) sind für Armenier die Anerkennung des Völkermordes, die Öffnung der gemeinsamen Grenze, die Anerkennung dieser Grenze, der Konflikt mit Aserbeidschan um Karabach und auch die armenische Minderheit in der Türkei verbunden. Die Verwundbarkeit Armeniens kommt hauptsächlich von der noch bestehenden Feindschaft mit der Türkei, die einer der mächtigsten Staaten der Region ist, v.a. militärisch, aufgrund ihrer Unterstützung durch den Westen. Dies scheint sich jetzt zu drehen.

09 wurde in der Schweiz zwischen Repräsentanten der Türkei und Armeniens das Zürich-Protokoll unterzeichnet, ein Grundsatzabkommen bzw. ein Fahrplan, welche Punkte in Verhandlungen gelöst werden müssen. Der Annäherungsprozess ist dann ins Stocken gekommen, da es auf beiden Seiten “Bremser” gibt, die jeweils meist gar nicht zum betreffenden Staat gehören und warnen, sich “zu billig” zu verkaufen. Im Fall der Türkei sind dies das verbündete Aserbeidschan und die Rechtspartei MHP, die u.a. das Resultat des Krieges als Besetzung aserbeidschanischen Territoriums ansehen. Bei Armenien sind dies ebenfalls die Rechte (Daschnak?) und Teile der Diaspora, die eine Grenzanerkennung als Gebietsverzicht verstehen und eine Anerkennung des Völkermordes zur Vorbedingung für Verhandlungen machen möchten. Armeniens Präsident Sargsian sprach irgendwann in den Jahren danach von “West-Armenien”, was Erdogan erzürnte und die Annäherung wieder zurückwarf; umgekehrt haben Aussagen armenischer Politiker zur Anerkennung der Grenzen zum Rückzug der Daschnak aus der Regierung geführt.

2014, einen Tag vor dem armenischen Völkermord-Gedenktag, also am 23. April, sprach Erdogan zum Völkermord, 99 Jahre danach: Er ordnete die Taten nicht als Völkermord ein, sprach aber den Nachfahren der Opfer im Namen der Türkei Beileid aus, äusserte sein Bedauern darüber, verurteilte die Ereignisse als unmenschlich. “Die pluralistische Sichtweise, die demokratische Kultur und die Moderne erfordern, dass in der Türkei unterschiedliche Meinungen und Gedanken zu den Ereignissen von 1915 frei geäußert werden”, hiess es in der Erklärung weiter, die auch auf Armenisch veröffentlicht wurde. „Es lässt sich nicht abstreiten, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, gleich welcher Religion oder ethnischer Herkunft sie angehörten, für Türken, Kurden, Araber, Armenier und Millionen weiterer osmanischer Bürger eine schwierige Zeit voller Schmerz waren“. So weit war noch nie ein türkischer Spitzenpolitiker diesbezüglich gegangen, noch nie hatte ein Ministerpräsident in der Frage so versöhnliche Töne angeschlagen. Kritik kam von MHP und CHP. Am Tag danach fand ein relativ grosse Gedenkfeier in Istanbul statt, durch nationalistische Sprechchöre gestört. Deutschlands Präsident Gauck war bald darauf auf Staatsbesuch in der Türkei, kritisierte Erdogans “Twitter-Verbot” statt das Bedauern über den Völkermord zu loben – exemplarisch für die westliche Wahrnehmung.

In diesem Jahr, zum 100. Jahrestag des Völkermordes, hat Erdogan, nun Staatspräsident, im Staatsfernsehen TRT seinen Vorschlag erneuert, eine unabhängige Historikerkommission einzusetzen, die die Massaker an den Armeniern untersuchen soll. Sollte sich ergeben, dass die Türkei Schuld auf sich geladen und „einen Preis zu zahlen“ habe, dann werde er entsprechend handeln. In dem Interview beklagte er auch, Armenien sei nicht bereit, sich dieser Diskussion zu stellen. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, Erdogans Nachfolger in dieser Position, hat Armenien kürzlich, anlässlich des Gedenkens an die Ermordung Hrant Dinks, einen „Neuanfang“ in den beiderseitigen Beziehungen vorgeschlagen. „Für zwei Alte ist es möglich, die nötige Reife zu haben, um sich zu verstehen und gemeinsam in die Zukunft zu schauen“, Türken und Armenier teilten sich „dieselbe Geografie und dieselbe lange Geschichte“. Sie müssten daher miteinander „über ihre Probleme sprechen können und gemeinsam Möglichkeiten finden, um sie zu lösen“, hieß es in der Erklärung Davutoglus. Die Türkei teile das „Leid der Armenier“ und bemühe sich „mit Geduld und Entschiedenheit, die Sympathie zwischen unseren beiden Völkern wiederherzustellen“.

Ein erstaunliches Kapitel armenischer Existenz in der Türkei sind Krypto-Armenier, welche ihre (teilweise) armenischen Wurzeln entweder geheim halten oder verloren haben oder nichts davon wissen. Die kompakteste und bekannteste Gruppe unter ihnen sind die Hemshenli, eine “Nationalität” in Nordost-Anatolien, im ehemaligen West-Armenien, benannt nach dem Ort Hemşin. Ob es sich bei ihnen um Moslems handelt, die die armenische Sprache übernommen haben (sie sprechen Homschezi, einen Dialekt des West-Armenischen), oder um Armenier, die den Islam angenommen haben, ist umstritten. Wegen ihrer islamischen Religion waren sie nicht vom osmanischen Völkermord betroffen.

Dann gibt es Leute wie Fethiye Cetin, eine (Menschenrechts-) Anwältin in Istanbul. Sie brachte 04 auf Türkisch ihre Familiengeschichte in Buchform heraus („Meine Grossmutter“); ihre Grossmutter hatte ihr anvertraut dass sie Armenierin war die dem Todesmarsch entkam indem sie in eine türkische Familie verschleppt wurde und dort moslemisch erzogen wurde. Sie hält sich mit Anklagen zurück, will Tabus brechen. Es soll Hunderttausende wie sie geben, manche wissen auch nichts davon, manche wollen nichts davon wissen, manche halten es geheim. Cetin sagt, in der türkischen Gesellschaft stecke viel armenisches. Manche kehren auch zu ihren Wurzeln zurück, wie Aras Özbiliz. Legendär waren die Telefonanrufe nach Hrant Dinks TV-Auftritten, in denen Türken ihre bislang verheimlichten armenischen Wurzeln offenbarten. Andere berichteten von Spuren armenischen Lebens in ihren Orten und bitteten um seine Hilfe für die Bewahrung dieses kulturellen Erbes. Auch in Syrien gibt es solche “Armenier”, deren Vorfahren von Arabern gerettet wurden.

Material

Richard G. Hovannisian: The Armenian People from Ancient to Modern Times (2004)

Hrant Dink, Günter Seufert: Von der Saat der Worte (2010)

Jasmine Dum-Tragut und Uwe Blasing (Herausgeber): Cultural, Linguistic and Ethnological Interrelations in and Around Armenia (2011)

Tessa Hofmann: Annäherung an Armenien (1997)

Taner Akcam: Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung (2004)

Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei (2010)

Artem Ohandjanian: Armenien – der verschwiegene Völkermord (1989)

Mihran Dabag and Kristin Platt: Verlust und Vermächtnis. Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich (2015). Dabag leitet das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Uni Bochum

Vahakn Dadrian: Autopsie du Génocide Arménien (1995)

Marwan R. Buheiry: Theodor Herzl and the Armenian Question. In: Palestine Studies, Bd. 7, Nr. 1, 1977, S. 81-92. Buheiry übt eine ähnliche Kritik wie Lazare

Hans-Lukas Kieser: Die Armenierverfolgungen in der spätosmanischen Türkei. Neue Quellen und Literatur zu einem unbewältigten Thema

www.armenianhistory.info

Online-Ausgabe der Zeitschrift der Istanbuler Armenier, “Agos”, auf Türkisch, Armenisch, Englisch