Guyana 1978

Der Massen-Selbstmord einer US-amerikanischen Sekte/ Kommune in Guyana 1978 markiert wie kaum ein anderes Ereignis das Ende der 1970er, eines liberalen Jahrzehnts. Das Land, in dem sich das zutrug, ist ein weit gehend unbekanntes, schwer einzuordnendes. Gehört geographisch zu Südamerika, aber “tatsächlich” zum Karibik-Raum. In der Karibik ist die Vergangenheit der westlichen Sklaverei präsent, war sie doch Umschlagplatz für die aus Afrika Deportierten, auch in die USA. Wenn man so will, schloss sich mit dem Exodus des “People’s Temple” nach Guyana ein Kreis, waren dort doch viele Schwarze (Afro-Amerikaner) mit dabei. Und gab es in der USA (auch) in den 70ern Bemühungen um ihre Emanzipation. Zuerst geht es also um den Peoples Temple und “Jonestown”, dann um die 1970er und ihr Ende, schliesslich um Guyana und seine Region.

 

Der Peoples Temple und sein Ende

James “Jim” Jones stammte aus Indiana, hat mehrmals seine christliche Konfession gewechselt, seine Wurzeln dürften im Methodismus gelegen sein. Er engagierte sich früh gegen Rassismus gegen Schwarze und war ein Sympathisant der CPUSA. In den 1950ern gründete er in Indianapolis seine eigene Kirche, den Peoples Temple of the Disciples of Christ (Volkstempel der Schüler von Christus), meist zu Peoples Temple abgekürzt. Es war von Anfang an eine Kirche bzw Sekte mit stark politischer Prägung, bezüglich Rassengleichheit und gemeinsamen Besitz. In einem Land, in dem die grösste Einzelkirche, die baptistische, gespalten ist, weil ihre Anhänger im Süden an Sklaverei und Rassentrennung fest halten wollten.1

Der britische Autor Malise Ruthven schrieb von der Gründung der Mormonen-Sekte um 1830 als “religiöser Unabhängigkeits-Erklärung Amerikas”. Was die britisch-stämmigen Siedler in Nord-Amerika betrifft, stimmt das. Das Mormonentum war eine ihrer ersten Neu-Gründungen. Es folgten hunderte weitere, gross gewordene und klein gebliebene, meist aus dem protestantischen Bereich kommende Kirchen, oder Gruppen die das sein wollten. Von den 7-Tages-Adventisten bis Scientology, von Christian Society bis Weltweite Kirche Gottes. Die Abgrenzung zwischen Kirche und Sekte ist in der USA oft ziemlich schwierig.

In den frühen 1970ern übersiedelten Jones und seine Anhänger nach San Francisco in Kalifornien, die (ehemalige) Flower-Power-Metropole. Einigen Quellen zufolge umfasste der “Volkstempel” 20 000 Mitglieder, 5 000 sind aber wohl realistischer. Ist aber auch eine beachtliche Grösse. Angela Davis oder Dennis Banks nahmen an Veranstaltungen des Peoples Temple teil. Jones sprach von “jüdisch-christlicher Tradition”, wie Angela Merkel. Der Peoples Temple war eine Mischung aus einer unabhängigen US-amerikanischen Sekte (nicht Filiale einer grösseren) aus dem protestantischen Bereich, einer Flower-Power-Kommune (in Guyana dann), einer marxistischen Gruppe, einer Anti-Rassismus-Initiative (Jones selbst soll übrigens Cherokee-Vorfahren gehabt haben), hatte auch etwas von einem Sozialhilfeprojekt, einer Psychosekte oder den Black Hebrews.

Damals waren Viele auf der Suche nach der idealen Gesellschaft. Anscheinend änderte sich die “Sekte” in den 70ern, von Mitbestimmung, Antirassismus etc zur Tyrannei Jones, aus Liebe wurde Macht, aus Gleichheit Hierarchie, Paranoia wurde statt Gesellschaftsveränderung dominant. 1973 die erste Expedition einer Abordnung des PT nach Guyana, auf der Suche nach einem Ort für eine landwirtschaftliche Kommune fernab der USA. Ein “schwarzes” Land sollte es sein, zum Teil noch unerschlossen, mit einer sozialistischen Regierung, Englisch-sprachig, nicht voll dem Einfluss der USA ausgesetzt. Das war Guyana. 1974 die Pacht eines circa 1500 Hektar grossen Gebiets im Nordwesten Guyanas, nahe Port Kaituma, von der Co-operative Republic of Guyana. Es heisst, die Regierungsvertreter hofften darauf, dass die Anwesenheit von Amerikanern in dem von Venezuela beanspruchten Gebiet eine gewisse Sicherheit (vor diesen Ansprüchen) bedeuten würde.

Der Ort war im Dschungel, abgelegen, ohne fruchtbaren Boden, ohne Wasser in der Nähe. Dort wurde das Peoples Temple Agricultural Project begründet, meist “Jonestown” genannt. Wie nahe Jones und die “Notabeln” der Siedlung (bzw der Sekte) der guyanischen Regierung um Premierminister Burnham vom PNC standen, ist fraglich. Aber gewisse Gemeinsamkeiten hat man im jeweils Anderen wohl schon gesehen, das Engagement gegen “weisse” Vorherrschaft und das genossenschaftliche, sozialistische Wirtschaften. Charles Krause behauptet etwa in seinem Buch, dass Jones mit der guyanischen Regierung gut stand, speziell mit Minister Ptolemy Reid, einem Tierarzt, der dann 1980 bis 1984 Premier war, als Burnham zum Präsidenten aufgerückt war. In der USA wurden dann Kreise in der Democratic Party (DP) beschuldigt, Jones und seine Gruppe protegiert zu haben.

Jones glaubte gegen Ende der 70er, dass staatliche Organe der USA (CIA,…) daran arbeiteten, ihn und seine Kirche zu zerstören. Sein Projekt bekam einen faschistoiden Zug. Jones liess “weisse Nächte” veranstalten, “Selbstmord-Übungen“. 1976 der Tod des Sektenmitglieds “Bob” Houston, in San Francisco, ein Arbeitsunfall. Manche sag(t)en, Houston wollte die Gruppe verlassen, und der Tod war kein Unfall. Sein Vater war der Erste, der den Abgeordneten Ryan wegen des Peoples Temples konsultierte. Im Sommer 1977 ein kritischer Artikel im “New West Magazine” über Jones und den “Tempel”, von einem Marshall Kilduff. Erst danach wurde Jonestown das “Hauptquartier” der Organisation, übersiedelten etwa 1000 “Volkstempler” und ihr “leader” “Jim” Jones von San Francisco dauerhaft dort hin. In SF war die Organisation nicht mehr gut angeschrieben.

PT-Logo

Es gab zunehmend Angehörige von Peoples Temple-Mitgliedern, vor allem solchen in Guyana, die sich Sorgen um ihre Verwandten machten und damit an die Öffentlichkeit gingen. Manche davon waren früher selbst Mitglieder. So wie der Jurist Timothy O. Stoen, der einen Sorgerechtsstreit um seinen Sohn führte. Einst im Umkreis von Jones, wurde er ein Vertreter der besorgten Verwandten von Kommunen-Mitgliedern. Diplomaten der US-amerikanischen Botschaft in Guyana besuchten Jonestown ’78 mehrmals, das letzte Mal 11 Tage vor dem Massaker/ Massenselbstmord. Und fanden keine Anhaltspunkte für Misshandlungen und Zwang. War Jonestown ein Potemkinsches Dorf? Die besorgten Jonestown-Verwandten wandten sich 78 an den Kongress-Abgeordneten Leo Ryan.

Leo J. Ryan, irischer Amerikaner, DP, linksliberal für US-amerikanische Verhältnisse, vertrat ab 1973 Kalifornien im Repräsentanten-Haus des Kongresses, genauer einen Teil der San Francisco Bay. Er hatte im Kongress eine Kampagne für die Milderung des Urteils gegen Patricia Hearst geführt. Er entschloss sich zu einer Erkundungsmission nach Jonestown. Begleitet wurde er von seinen Mitarbeitern (“Jackie” Speier,…), einigen Journalisten (darunter ein Fernsehteam von NBC), Tim(othy) Stoen und weiteren besorgten Verwandten und dem Jones-Anwalt Mark Lane. Charles Krause von der “Washington Post” war im November 1978 gerade in Venezuela, um über die dortigen Wahlen (Präsident, Parlament) zu berichten. Da wurde er von seiner Zeitung nach Trinidad-Tobago geschickt, um sich dem Tross von Ryan anzuschliessen, der dort am Weg von Kalifornien nach Guyana umstieg.

Eine Abordnung von Jonestown-Leuten wartete am Timehri-Flughafen in (bzw bei) Guyanas Hauptstadt Georgetown. Ryan besuchte das HQ des Peoples Temple in Georgetown. Die Weiterreise nach Jonestown machten auch Richard “Dick” Dwyer von der USA-Botschaft sowie Informationsoffizier Annibourne vom guyanischen Tourismusministerium mit. Es ging mit einem gecharteten Flug von Georgetown nach Port Kaituma weiter. Dort wurde man von weiteren Jonestown-Leuten sowie der guyanischen Polizei empfangen. Der Journalist Gordon Lindsay wurde wegen seiner kritischen Artikel nicht nach Jonestown gelassen (musste nach Georgetown zurück fliegen), die Anderen mit dem Lastwagen nach Jonestown gebracht.

Ryan und die Journalisten gewannen dort überwiegend positive Eindrücke. Ein hoher Anteil von Schwarzen (Afro-Amerikanern), ein friedlicher Eindruck, Landwirtschaft und Anderes, ein Utopia im Dschungel. Der Politiker hielt am Abend dieses 17. November eine Rede zu den Jonestown-Bewohnern, die auch von Kamera(s) und Mikrofon(en) des NBC-Teams aufgenommen wurde. “…Whatever the [questions and criticisms] are, there are some people here who believe this is the best thing that ever happened to them in their whole life…” Jubel und Applaus. Und die Band spielte Marvin Gaye’s “The Greatest Love.” Abendessen, Tanz. In Gesprächen kamen Geschichten über sexuelle Beziehungen von Jones mit Frauen in der Kommune. Der Besucher-Tross musste in Pt. Kaituma übernachten, Jones liess sie nicht in Jonestown bleiben.

Am nächsten Tag fuhren die Besucher wieder zur Kommune. Die Erkundungsmission war fast beendet und hatte die “Vorbehalte” mancher Verwandter und Medien zum Teil (bzw in den Augen Mancher) ausgeräumt. Als Ryan & Co an diesem Tag dann abreisen wollten, baute sich eine Spannung auf. Es gab einen Zwischenfall mit einem Messer gegen Ryan. Und einige Jonestown-Bewohner entschieden sich, mit den Besuchern abzureisen. 16 Abtrünnige sollen es gewesen sein, die nun abreisten, darunter aber auch Einige wie Larry Layton, die sich darunter mischten, aber Anderes im Sinn hatten. Als am Flugplatz in Port Kaituma gerade die Frage der Aufteilung der Passagiere auf die 2 Flugzeuge besprochen wurde, kamen ein Lastwagen und ein Traktor mit Anhänger aus Jonestown.

Layton und die Jonestown-“Schergen” die mit den Besuchern und den Abtrünnigen gekommen waren, sowie “Tom” Kice und jene, die nun am Flugplatz in Port Kaituma ankamen, eröffneten dort das Feuer auf die Gruppe um Ryan, die abreisen wollte. Ryan, drei Medienleute (darunter NBC-Korrespondent Don Harris) und eine Frau die den “Tempel” verlassen wollte, wurden getötet, andere verletzt. Die Sache war von Jim Jones angeordnet worden. Dass die Jonestown-Leute gut bewaffnet waren, soll auf gute Beziehungen zur PNC-Regierung Guyanas hin deuten. Eines der beiden wartenden Kleinflugzeuge flog nach der Schiesserei nach Georgetown, die Angreifer zogen sich nach Jonestown zurück, die Toten und Verwundeten (wie Jackie Speier, Charles Krause) blieben zurück. Manche der “Abtrünnigen” aus Jonestown flüchteten in den Dschungel. Guyaner auf dem Flugplatz holten Hilfe aus der Stadt Port Kaituma. Die Verwundeten und anderen Überlebenden mussten aber eine Nacht warten, bis effektiv Hilfe kam.

In dieser Nacht spielte sich im Peoples Temple Agricultural Project die grosse Tragödie ab. Die Ereignisse liessen sich weitgehend rekonstruieren. Wie die wenigen überlebenden Augenzeugen berichten, berief Jones nach der Rückkehr der Fahrzeuge aus Pt. Kaituma am Abend eine Versammlung ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Davon gibt es eine MC-Aufnahme. Jones ordnete dabei einen “revolutionären” Massen-Selbstmord an, fürchtend dass der lang erwartete Angriff der staatlichen Organe der USA nun bevor stand. Jonestown-Arzt Lawrence “Larry” Schacht mixte einen “Cocktail” aus den Beruhigungsmitteln Diazepam/”Valium”, Promethazin, Chloralhydrat (in dieser Kombination bzw Konzentration evtl. auch schon tödlich), einem Grapefruit-Geschmacksaroma – und Zyankali. Mit Gehilfen, in grossen Eimern.

Über Lautsprecher wurden alle Bewohner angewiesen, sich “ihre” Portion des Giftes abzuholen, das in Einwegbechern ausgegeben wurde. Erwachsene sollten es auch Kindern und Tieren verabreichen. Bewaffnete (Privilegierte) wachten darüber. Einige versuchten zu fliehen, die Meisten davon wurden von den Wachen erschossen, fünf entkamen. Die Wachen töteten sich weitgehend danach (auch hier gibt es zumindest einen Überlebenden). Jones (er soll übrigens krebskrank gewesen sein) starb durch einen Kopfschuss. 909 der 1110 “Peoples Templer” in Guyana kamen an diesem 18. 11. 78 in Jonestown ums Leben. Darunter 276 Kinder, auch Timothy Stoens Sohn.

Einigen gelang es wie gesagt, in den Dschungel rundherum zu flüchten. Darunter der Rechtsanwalt Mark Lane, der mit Ryans Tross kam, aber zurück gelassen wurde; er war möglicherweise gewarnt worden. Auch Mike Prokes, der zu den Führern des Projektes gehörte, wollte nicht sterben und konnte entkommen. Odell Rhodes, ein gewöhnliches Mitglied, flüchtete bis nach Kaituma; von ihm stammen die Schilderungen über den “Todesabend” hauptsächlich. Der Dschungel, der einen grossen Teil von Guyana ausmacht… Indianer, wilde Tiere. Das (karbische) Meer und Venezuela in grösserer Entfernung. Der grössere Teil der Überlebenden war aber an diesem Abend (bzw Tag) gar nicht in “Jonestown” gewesen, sondern in Georgetown (oder anderen Teilen Guyanas) – sie überlebten deshalb.

In Georgetown gab es aber auch einen Selbstmord. Linda Sharon Amos, hochrangigstes Mitglied der Sekte in der Hauptstadt (bzw Leiterin der Aussenstelle dort), wurde über Funk angewiesen, an dem Massenselbstmord teil zu nehmen. Amos brachte darauf hin ihre drei Kinder und sich mit einem Messer um. Die Jonestown-Basketballmannschaft war aber für ein Spiel in Georgetown (gegen die nationale Auswahl Guyanas), wurde nicht beteiligt. Auch die zwei leiblichen Söhne von Jones und der eine oder andere Adoptivsohn waren Teil dieser Mannschaft und überlebten – Zufall? Jones und seine “Hauptfrau” Marceline hatten 7 Adoptivkinder verschiedener Rassen und einen leiblichen Sohn, Stephen. Weiters hatte er einen leiblichen Sohn mit einem Tempel-Mitglied (vermutlich eine Verwandte von Larry und Deborah Layton) und möglicherweise einige “Kuckuckskinder” in anderen Familien. Marceline und einige Adoptivkinder starben in Jonestown durch Gift.

Am folgenden Tag, dem 19. November, bekamen die am Flugplatz Pt. Kaituma Überlebenden Hilfe durch das Militär. Sie wurden nach Georgetown gebracht, die USA-Luftwaffe wartete dort bereits. Das guyanische Militär entdeckte auch die Toten in Jonestown. Soldaten, Journalisten,… aus der USA und anderen Teilen der westlichen Welt fielen in Guyana ein, in Georgtown, Kaituma, Jonestown. Auch der Journalist Krause und der Fotograf Johnston, die das Kaituma-“Massaker” überlebt hatten, flogen mit dem Hubschrauber nach Jonestown. Zuerst vermuteten guyanisches und amerikanisches Militär etwa 500 Tote. Es stellte sich aber heraus, dass es fast doppelt so viele waren, weil viele untereinander lagen, v.a. Eltern und Kinder. Von den 909 in Jonestown getöteten starben die allermeisten durch Zyankali-Vergiftung, einige wenige durch Schüsse. Insgesamt starben an diesem Tag 918 Menschen in Jonestown, Kaituma und Georgetown, die allermeisten davon Tempel-Mitglieder, alle oder fast alle US-Amerikaner.

Das USA-Militär holte die Leichen ab, mit Genehmigung der guyanischen Regierung, die Toten wurden von der Air Force auf einen Militärflughafen in Delaware gebracht. Am Ende agierte die staatliche, offizielle USA vernünftiger als ihre Gegner, die Aussteiger, die sich umgebracht hatten… Holte die Toten ab, kümmerte sich um Überlebende. Auch viele Afro-Amerikaner kamen mit den US-Streitkräften in dieser Mission nach Guyana, sie machen ca. ein Drittel dieser Streitkräfte aus. Schwarze wurden im USA-Militär benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die damit verbundenen Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. Erst ab dem Vietnam-Krieg gab es in der amerikanischen Armee Gleichberechtigung, davor überwiegend getrennte Einheiten.

Am 19. November verbreitete sich die Nachricht vom Massenselbstmord des Peoples Temple in Guyana, nicht zuletzt in der USA. Die meisten “Volkstempler” und somit auch die meisten Toten waren aus der Gegend um San Francisco. Hier war die Betroffenheit am grössten. Auch der getötete Abgeordnete war von dort. Jones hatte auch ganz gute Beziehungen zum Bürgermeister von SF, George Moscone, gehabt. Als die Betroffenheit in der Stadt noch gross war, am 27. November, erschoss der ehemalige Stadtrat Dan White den Bürgermeister sowie den Stadtrat Harvey Milk. White war zurückgetreten, wollte wieder “eingesetzt werden”, was Moscone auf Anraten Milks nicht tat. Milk war eine wichtige Figur in der Schwulenrechtsbewegung der USA gewesen; der Film über ihn (“Milk”, 08, mit Sean Penn) erwähnte Jones oder Jonestown nicht.

Der Peoples Temple – immerhin gab es ja in San Francisco eine hohe Zahl von Mitgliedern, die nicht nach Guyana gegangen waren – musste Ende 1978 Bankrott erklären und wurde aufgelöst. Einige “Templer” reisten von SF nach Guyana, um dort die Auflösung vor zu nehmen und Manches in die USA zu bringen; bis Mitte 1979 war das erledigt. Ein Koffer mit Geld aus Jonestown wird vermisst, heisst es. Der Einzige, der im Zusammenhang mit dem Massaker in Port Kaituma und dem (teilweise erzwungenen) Massenselbstmord in “Jonestown” angeklagt wurde, war Larry Layton. Er wurde von guyanischen Behörden fest genommen und an die USA ausgeliefert, und 1986 oder 1987 (in seinem zweiten Prozess) für seine Beteiligung an den Flugplatz-Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. 2002 wurde er vorzeitig freigelassen, nicht zuletzt weil sich der Jonestown-Überlebende Vernon Gosney dafür einsetzte.

Das verwaiste ehemalige Dschungelparadies brannte Mitte der 1980er ab, wurde danach wieder von der Vegetation “heimgesucht”. Man muss nun schon genau “hinschauen”, um festzustellen, dass es sich um eine Art Geisterstadt handelt. TV-Teams tun das gelegentlich, besichtigen und filmen die Relikte der Siedlung. Nächstes Jahr jährt sich das Ende von Jonestown zum 40. Mal, da wird es wohl wieder einige neue Dokus geben. In Guyana ist die touristische Aufbereitung des Ortes im Gespräch, hauptsächlich für Amerikaner. Das ehemalige Hauptquartier des Peoples Temple in San Francisco wurde bei dem Erdbeben 1989 zerstört. Andere früher vom “Tempel” genutzte Gebäude in anderen Städten werden hauptsächlich von anderen Kirchen genutzt; jenes in Los Angeles etwa von einer Spanisch-sprachigen Sieben-Tages-Adventisten-Gemeinde.

Die Überlebenden gingen verschiedene Wege. Jeannie Mills verliess die Gruppe 1975, wegen Gewalt von Jones gegen ihr Kind, wie es heisst. Schrieb ein Buch über die Sekte und war unter jenen, die Ryan von der Erkundungsmission nach Guyana überzeugten. 1980 wurde sie und ihre Familie in Kalifornien ermordet, unter nach wie vor ungeklärten Umständen. Es gibt Spekulationen über Rache von Ex-Templern. Deborah Layton, die Schwester von Larry, war unter jenen, die ’77 mit Jones nach Guyana gingen. Als sie sich im Mai 78 in Georgetown aufhielt, verliess sie Guyana und den Peoples Temple, liess einige Angehörige zurück. Sie schrieb ein Buch, das 1998 herauskam (“Seductive Poison”), 10 Jahre später auf Deutsch (“Selbstmord im Paradies”).2 Layton hat(te) einige TV-Auftritte, zum Thema Sekten, auch bei Maischberger in Deutschland.

Die überlebenden Journalisten Tim Reitermann und Charles Krause verfassten auch Bücher. Karen Lorraine Jacqueline „Jackie“ Speier gehörte sie zum Stab des Kongressabgeordneten, wurde am Flugplatz angeschossen; 2008 wurde sie ins Repräsentanten-Haus gewählt. Mark Lane war Politiker der DP, im Parlament des Staates NY, beschäftigte sich mit dem JFK-Mord (sah Oswald unschuldig), untersuchte Kriegsverbrechen der USA in Vietnam. 1978 wurde er Anwalt von Jones bzw des PT, sah die CIA und den Staat auch sehr kritisch. Er beschuldigte in seinem Buch die USA, beim Ende des PT bzw dem Massensterben eine Rolle gespielt zu haben, u.a. durch Agents provocateurs. Er arbeitete dann weiter als Anwalt und Autor. Stephen und Jim Jones jr., die “echten” Söhne des Reverends, überlebten wie erwähnt in Georgetown, wo sie dann einige Zeit von den Behörden festgehalten wurden. Beide leben in der USA.

War das in Jonestown ein Massenselbstmord oder eine Art Massaker? Die Frage der Freiwilligkeit ist nicht so eindeutig bzw pauschal zu beantworten. Die Sache erinnert an den kollektiven Suizid der Sonnentempler-Sekte nach dem ihr Gründer, der Belgier Luc Jouret, dies vorgemacht hatte, in den 1990ern. In der USA gab es die quasi-religiöse Gruppe Heaven’s Gate, die 1997 einen Gruppen-Selbstmord veranstaltete (39 Tote). 76 “Branch Davidians” mitsamt ihrem Führer “David Koresh” (Vernon Howell) starben 1993 in Texas durch selbst gelegtes Feuer am Ende einer “Belagerung” durch das FBI und andere Behörden der USA. Andere Pseudo-Religiöse haben sich eher darauf verlegt, das Spiel mit Leben und Tod mit Anderen zu spielen, die sie als “Ungläubige” sehen – und nehmen dabei auch den eigenen Tod in Kauf.

Auch Masada kommt einem in den Sinn, lieber sterben als dem Feind in die Hände zu fallen. Wie es die jüdischen Zeloten vor den belagernden Römern getan haben. Haben sie das getan? Oder die Montanisten im Byzantinischen Reich, die der Zwangskonversion von Kaiser Leo III. 722 zum orthodoxen Glauben entgehen wollten, in dem sie sich töteten.3 Das Seppuku bzw Harakiri der Samurai in Japan.4 Die Gruppenselbstmorde in der Erwartung von Weltuntergängen, quer durch die Jahrhunderte, etwa im Mai 1910, als sich der Halley’sche Komet der Erde näherte. Der rituelle Massenselbstmord Puputan in Bali, aus der dortigen hinduistischen Tradition, u.a. 1906 im Widerstand gegen die Niederländer in Denpasar praktiziert.

Beim Untergang des Deutschen Reichs 1945 im 13. Jahr der Nazi-Herrschaft gab es eine Selbstmordwelle, von Hitler abwärts. Selbstverbrennungen als politischer Protest, wie beim buddhistischen Mönch Thich Quang Duc 1963 in (Süd-)Vietnam oder Jan Pallach 1968 in der Tschechoslowakei. Aber auch Parallelen zur Manson Family tun sich auf, die gut 10 Jahre zuvor ebenfalls in Kalifornien aktiv war, auch von der Flower-Power-Kultur inspiriert waren, auch einen dominanten Führer hatte, aber Andere ermordete und dies Afro-Amerikanern in die Schuhe schieben wollte. Oder der Friedrichshof in Zurndorf im Nord-Burgenland unter Otto Mühl, auch ein aus dem Ruder gelaufenes 70er-Alternativ-Lebensprojekt; wenn auch mit weniger dramatischem Ausgang.

Der Charakter der Sekte/Kommune wurde nach dem angeordneten Massenselbstmord vielleicht schlechter gemacht als er (einmal) war, aus politischen Gründen. Der Peoples Temple war links. Seine Mitglieder waren arme Schwarze und liberale Weisse. Die Regierung Guyanas unter Burnham war damals ziemlich links, hatte gewisse Verbindungen zum Peoples Temple. Manche Unterstützer der Sekte in der USA waren für amerikanische Verhältnisse links, v.a. San Franciscos Bürgermeister Moscone. Auch der getötete Abgeordnete Ryan, Kaliforniens Gouverneur “Jerry” Brown und USA-Präsident Carter waren das.

Konservative Medien in der BRD wie “Bunte” oder “Bild” nahmen das Massensterben 1978 dankbar zum Anlass zur Abrechnung mit alternativen Lebensformen, der Schwarzenrechtsbewegung, Dritte-Welt-Solidarität, Kapitalismuskritik,… Medien und Politiker in der USA taten Ähnliches. Aber auch von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS kam ein Kommentar über die Gesellschaft der USA angesichts des Massenselbstmords, auch die Gegenseite im Kalten Krieg versuchte das Ereignis für sich auszuschlachten.5 Das Reagan-Zeitalter konnte kommen.

Die konservativen Sekten gab (gibt) es ja auch, Scientology, Mormonen oder Moon (Vereinigungskirche). Scientology-Gründer Hubbard war in den 70ern dennoch zeitweise untergetaucht, hauptsächlich wegen seiner Steuerprobleme. Man findet einige Gemeinsamkeiten zwischen Scientology und Peoples Temple, ablehnende Haltungen gegen Behörden, einiges Pseudoreligiöse, vielleicht einen Totalitarismus. Scientology wurde aber viel älter, ist viel grösser und etablierter. Und die Konstruktion als „Kirche“ war/ist nur eine Konstruktion zur Steuerschonung; 1993 gab die Steuerbehörde IRS in der USA auf, gestand dem Grosskonzern (der glz auch Psychosekte und Science-Fiction-Kirche ist) den Status einer gemeinnützigen Organisation zu. „High werden ohne Drogen“ versprach Scientology Anfang der 70er. Bei einer Demonstration gegen Scientology Anfang der 80er gab es ein Schild „No Jonestown here“.

V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor, hat einmal über die Lethargie/Trägheit in Guyana/Georgetown geschrieben. Sein Bruder Shiva(dhar) Naipaul bereiste nach der Tragödie Guyana und die USA, veröffentlichte 1980 “Journey to Nowhere” (USA) bzw “Black & White” (Titel des Buchs in GB), ein Text der eine Analyse des Peoples Temple und Reverend Jones darstellen sollte. Der indische Trinidad-Tobagoer6 kritisierte die kalifornische Gegenkultur wie auch revolutionäre Dritte-Welt-Regierungen, die (das Ende von) Jonestown möglich gemacht hätten. Das Thema dieses Naipauls war die Kritik am westlichen Liberalismus wie auch an den postkolonialen Gesellschaften.

 

Die 1970er

Die Tragödie in Jonestown, das Ende der multikulturellen sozialistischen amerikanischen Kommune in Guyana 78, markiert das Ende der 1970er! Der Massenselbstmord und die Morde waren repräsentativ für das Ende dieses Jahrzehnts, nicht nur weil die staatlichen Organe der USA hier vernünftiger als ihre Gegner agierten. Die 1970er waren eine liberale Dekade, global, auch in vielen islamischen Ländern, wenn auch nicht in Zaire (Kongo) unter Mobutu, Chile unter Pinochet, der Sowjetunion unter Brejschnew, Saudi-Arabien unter Feisal al Saud oder Israel unter Golda Meir (wenn man kein Jude war). Aber auch dort hin kam der Geist dieses Jahrzehnts, in der einen oder anderen Form.

Die Flower Power – oder Love & Peace – Ära war 1969, wenn man so will, mit den Morden der Manson-Family sowie dem Konzert in Altamont mit einem Toten zu Ende gegangen. Christopher Othen hat über dieses Ende und einige unheimliche/verrückte Querverbindungen geschrieben. Die 70er gingen unter mit der Revolution im Iran ab 1978 (dazu noch mehr), “Cat Stevens” brachte 1978 mit “Back to Earth” sein letztes Album vor der Konversion und Musikpause heraus, die Konservative Thatcher wurde 1979 britische Premierministerin, Ronald Reagan wurde 1980 zum Präsidenten der USA gewählt, 1980 wurden in der BRD auch die Grünen gegründet, als Zusammenschluss regionaler Gruppierungen, ohne “Rudi” Dutschke, der im Jahr davor gestorben war, der Putsch in der Türkei ’80 brachte eine Militärdiktatur, John Lennon wurde in diesem Jahr ermordet,…

Der verfilmte Roman „Der Eissturm“ (1994 “The Ice Storm, 1995 deutsche Übersetzung) gibt das Zeitkolorit der 70er ganz gut wieder. Er spielt 1973, in New Canaan in Connecticut, wo Autor Rick Moody her kommt. Es gibt auch eine Stelle vorne im Buch, wo er beschreibt, was es damals alles (noch) nicht gab. “Keine Anrufbeantworter…keine CD-Player…keine Laserdrucker…kein Vielfliegerbonus…kein Punkrock…Kein HIV…keine Perestroika…” Anderes war noch nicht so lange her, etwa die 4 Tote bei der Demo an der Uni in Kent, Ohio, 1970; und der Vietnam-Krieg war 73 noch voll im Laufen.7

1973 musste der Congress der USA in der Watergate-Affäre zu ermitteln beginnen – die entscheidende Frage war „Was wusste Nixon?“. Der fädelte in diesem Jahr noch die Errichtung der Pinochet-Diktatur in Chile ein. Watergate und Moneda, 2 Gebäude die für Nixons Präsidentschaft stehen (ausser dem Vietnam-Krieg). Das Watergate-Gebäude in Washington, wo Nixon 72 in die Parteizentrale der Democratic Party einbrechen liess, und der chilenische Präsidentenpalast Palacio de la Moneda in Santiago de Chile, der im September 73 von der Luftwaffe Pinochets bombardiert wurde, im Zuge des Militärputsches gegen Präsident Allende, ein Putsch der von der Nixon-Regierung unterstützt wurde.

Moneda Santiago 11. September 1973

Chile in den 1970er-Jahren war ein drastisches Beispiel dafür, dass Marktwirtschaft und Demokratie nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen – und Kommunismus nicht mit Diktatur. Ende 72 rettete die chilenische Luftwaffe noch die im chilenisch-argentinischen Anden-Gebiet durch den Flugzeugabturz in Bergnot geratenen Uruguyaner (die überlebten, weil sie ihre getöteten Kollegen aßen); ein Jahr später griff sie den Präsidentenpalast in der Hauptstadt im Rahmen ihres Putsches gegen den demokratischen Präsidenten Allende an… Armee-General Pinochet errichtete eine Diktatur, eine rechte Militär-Diktatur, wie sie damals in grossen Teilen Lateinamerikas existierte.

Die 200-Jahr-Feier der USA 1976 fand in der Präsidentschaft Fords statt, der im Zuge des Watergate-Skandals zunächst im Dezember 73 Agnew als Vizepräsident folgte und im Jahr darauf nach dem Rücktritt Nixons auf dessen Position nachrückte. Als Gerald Ford 1974 infolge Watergate Präsident wurde, wurde die Position des Vizepräsidenten vakant. Nelson Rockefeller (aus der Familie, die mit Öl zu Reichtum kam) setzte sich gegen Rumsfeld und Bush sen. als Nachfolger durch. Rockefeller war in der Eisenhower-Regierung (53-61), Gouverneur des Staates New York (59-73; > Attica-Gefängnis-Aufstand 71), dann VP 74-77. 76 wurde er als Running Mate von Ford (der sich in der RP gegen Reagan durch setzte) ausgebremst. James Carter setzte sich in der DP gegen Jerry Brown und George Wallace durch. Bei der Präsidenten-Wahl 76 gab es einen knappen Sieg Carters.

„Ted“ Bundy unterstützte als (Jus-)Student die Republikaner, u.a. Rockefeller bei dessen Kandidatur für die RP-Präsidentschaftskandidatur ’68. Bundy (als Theodore Cowell geboren) mordete in den 70ern Frauen, trat vom Methodismus zu den Mormonen über; im Februar 78 wurde er endgültig eingefangen, 79 die Prozesse, 80 die Verurteilung. John W. Gacy wiederum unterstützte die Demokraten und war Katholik. Er mordete ebenfalls in den 70ern, auch 30+ Menschen (er aber Buben) und wurde 78 verhaftet, auch zum Tode verurteilt.

Carter unterzeichnete mit SU-Führer Brejschnew 1979 in der Hofburg in Wien das SALT-II-Rüstungs-Abkommen. Und er stellte die Unterstützung für Pinochet8 oder das Apartheid-Regime Südafrikas ein… Seine Niederlage bei der Wahl 1980 gegen Reagan hatte viel mit dem Umsturz im Iran zu tun. Die Iranische Revolution kennzeichnet wie kein anderes Ereignis das Ende der 70er, mehr noch als Jonestown, nicht nur, aber auch wegen dem damit verbundenen Aufkommen des Islamismus. Gängiges Verständnis der Revolution ist, dass es den Iranern unter dem Schah soo gut ging, und sie, anstatt froh darüber zu sein, ein islamistisches Regime installiert haben.

Da kommt auch gleich die Oberflächlichkeit von Islamismus-Analysen zum Vorschein.. Unter diesem letzten Schah gab es keine unzensurierte Zeitung, Zugang zu Universitäten war reglementiert, es gab grosse Armut bzw grosse soziale Unterschiede, keine Demokratie,… Der grösste Teil der Opposition zum Schah war gegen den Absolutismus9, die Abhängigkeit von der USA, ausufernden Machtmissbrauch, die Oligarchie. Die “ursprüngliche” Opposition zum Schah (1950er, Mossadegh) stellte auch die Beibehaltung der Monarchie, die prowestliche Ausrichtung, den Säkularismus nicht in Frage. Der Schah hat das Loch ausgehoben, das die Mullahs mit Scheisse füllten… Aber inwiefern war das wirklich er, Mohammed Reza Pahlevi, und nicht die Verhältnisse der Zeit, die politische Grosswetterlage,…?

Khomeini, der den grössten Teil der 70er im Irak verbracht hatte, wo ein Baath-Regime herrschte, nutzte die Revolution, riss sie an sich. Und so folgte auf eine absolute Monarchie, eine repressive Modernisierungsdiktatur, ein rückwärtsgewandtes islamistisches Regime; viele Iraner wollten beides nicht, kämpften um Demokratisierung, scheiterten – bis 1981 war die Macht der schiitischen Islamisten (mit dem Klerus, den Mullahs, an der Spitze) abgesichert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Saddam Hussein, seit 1979 Staatschef des Irak, bereits einen Krieg mit dem Iran vom Zaun gebrochen, den Khomeini gerne “erwiderte”. Hussein war nach der Revolution im Iran der Gute für den Westen, für einige Jahre.

Mehrabad-Flughafen Tehran, 16. 1. 79: Der Schah des Iran verliess das Land. Rechts gegenüber Premierminister Schapour Bachtiar, links von ihm seine Frau Farah Diba-Pahlevi

Im Laufe der Revolution wurden Ende 1979 die Angehörigen der USA-Botschaft in Teheran von islamistischen Studenten sowie den (heute von westlichen Neokonservativen geschätzten) Volksmujahedin entführt. Die Sache führte zum Rücktritt vom iranischen Premier Bazargan (Nahżat-e āzādi-e Irān‎), was die (reinen) Islamisten dort weiter stärkte. Und sie spielte eine Rolle in der Präsidentenwahl der USA 1980. Der vormalige Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, trat im Wahlkampf 80 für “traditionelle Familienwerte” und die „konservative Revolution“ ein. Die (am Ende 52) Geiseln wurden am Tag der Amtseinführung von Reagan im Jänner 1981 frei gelassen. Es spricht einiges dafür, dass sich die Republican Party in Präsident Carters Bemühungen um eine Freilassung einmischte, mit den Islamisten zu einem Handel kam (die Freilassung hinaus zu zögern), um die Wahl zu beeinflussen.

Vom Ende der 70er nochmal zu ihrem Kern. Im Westen brachten sie eine Liberalisierung des Abtreibungs- und Scheidungsrechts, im Familienrecht eine Ent-Patriarchalisierung, die Freigabe und Popularisierung der Anti-Befruchtungs-Pille, eine weitere Säkularisierung der Gesellschaft, Erfolge der Schwulenrechtsbewegung. Und die Entfaltung der Wohlstandsgesellschaft auf breiter Ebene; in jeder Familie gab es nun (mindesteins) eine Fotokamera, einen Fernseher, (fast) Alle fuhren auf Urlaub,… Der Massentourismus kam in verschiedene Welt-Gegenden. Die wirtschaftliche Globalisierung bekam einen kräftigen Schub; zB wurde 1971 in München die erste McDonalds-Filiale in Deutschland eröffnet. Die Abschaffung der Todesstrafe in den letzten verbliebenen Ländern des Westens, wo es sie noch gab, erfolgte auch um die 70er. In GB 1969, in Frankreich gab es in den 70ern die letzten Exekutionen, die Abschaffung erfolgte 1981. In der USA gab es ab 1967 ein Moratorium, 1972 die Abschaffung durch den Obersten Gerichtshof; ab ’77 die Wiedereinführung in vielen Bundesstaaten.

“Maggie” Thatcher war 70-74 unter Heath Ministerin, den sie 75 als CUP-Führer ablöste, als Labour am Ruder war (Wilson, dann Callaghan). 1972 töteten britische Soldaten in (London)derry in Nord-Irland 13 Demonstranten. Zu den Anschlägen die die IRA durchführte, zählte jener auf zwei Pubs in Guilford 1974. Dafür wurden in den Jahren danach insgesamt 11 unschuldige Menschen verurteilt, die Guilford Four (darunter Gerard Conlon) und die Maguire Seven. 1976 der von Mairead Corrigan und Betty Williams veranstaltete Friedens-Marsch in Nordirland, Teil ihres Engagements für das sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

1970 trennten sich die Beatles. Die vier Band-Mitglieder gingen von da an Solopfade. Und, der Fussball-Klub aus Liverpool begann nach der Beatles-Auflösung mit den grossen internationalen Erfolgen. John Lennon und Yoko Ono lebten in den 1970ern in der USA, in New York. Lennon unterstützte dort alle Linken, wie “Bobby” Seale (Black Panther) und “Abbie” Hoffman. Hoffman, aus der amerikanischen APO, tauchte 74-86 unter. Nur wenige Monate vor seinem Tod, nach fünf-jähriger künstlerischer Pause, erschien Lennons letztes Album „Double Fantasy“ (mit „Woman“,…).

In Frankreich trugen sich in diesem Jahrzehnt zwei demographische Entwicklungen zu, von denen in anderen Artikeln hier die Rede war: Die Zahl der Algerier in Frankreich übertraf erstmals jene der im unabhängigen Algerien verbliebenen Franzosen. Und im Elsass setzte sich auch innerhalb der Familien das Französische durch. Das französisch-britische Überschallflugzeug Concorde hatte 1976 seinen kommerziellen Erstflug. Und 1979 startete die erste Rakete aus der “Ariane”-Familie, die “Ariane 1”, von Kourou in Französisch-Guyana aus in den Weltraum. Von Seiten der NASA gab es in den 70ern die Mondmissionen “Apollo” 13-17 (bis 72)10, die Mars-Mission “Viking 1”, das “Skylab”-Programm, die Arbeit am “Space Shuttle”.

In Österreich regierte die SPÖ von 1970 bis 1983 allein, unter Bundeskanzler Bruno Kreisky. 1969 war, noch unter der ÖVP-Regierung Klaus, der Beschluss zum Bau eines Atomkraftwerks in Zwentendorf bei Tulln im Mostviertel in Niederösterreich gefallen. 1972 begann der Bau, mit einem Siedewasserreaktor. 1976 war die Fertigstellung und der Beginn des Testbetriebs, sowie der Regierungs-Beschluss zur Errichtung zwei weiterer AKWs (St. Pantaleon, St. Andrä). Kanzler Kreisky liess dann vor der Inbetriebnahme abstimmen, um eine Bestätigung gegenüber den Atomkraft-Gegnern zu bekommen.

Diese Bürgerbewegung stellte die Anfänge der Umweltbewegung in Österreich dar; der Giftgas-Unfall in einer chemischen Fabrik in Seveso in der Lombardei 1976 hatte die Menschen für Umweltthemen weiter sensibilisiert. Es gab, im November 78 (also in zeitlicher Nähe zum Ende Jonestowns) eine hauchdünne Ablehnung von 50,47% in der Zwentendorf-Volksabstimmung. Die Gefahren durch Atomkraft wurde durch einen (Kernschmelz-) Unfall im AKW auf Three Mile Island bei Harrisburg in der USA im März 1979 in Erinnerung gerufen. Kreisky gewann die Nationalrats-Wahl 79, sein grösster und letzter Wahl-Sieg; und er “gewann” das Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum in Wien 82 (das Begehren wurde abgelehnt).

Die Reichsbrücke in Wien 1974, links die im Bau befindliche “UNO-City”

Die letzten Diktaturen Westeuropas, Spanien, Portugal und Griechenland (eigentlich Teil Osteuropas), demokratisierten sich Mitte der 70er. Die Demokratisierung Griechenlands war mit der türkischen Invasion auf Zypern verbunden, die zur Teilung der Insel führte. Die Demokratisierung Portugals war mit seiner Entkolonialisierung verbunden bzw diese bedingte sie. Und, die Unabhängigkeit von Angola und Mocambique 1975 verschärfte den bewaffneten Konflikt im südlichen Afrika, in dem auf der einen Seite das Apartheid-Regime Südafrikas (in den 70ern meist unter Premier Balthazar J. Vorster) und seine Verbündeten standen (Rhodesien, UNITA in Angola,…), auf der anderen Seite seine Gegner (ANC, SWAPO, ZANU, Regierungen von Angola und Mocambique, von der SU unterstützt,…). In der DR Congo herrschte seit 1965 den vom Westen (v.a. USA) unterstützte Mobutu, der das Land in “Zaire” umbenannt hatte. “Zaire” war vor allem in den Konflikt in Angola tief verstrickt. Ein anderer der schlimmsten Despoten Afrikas, Idi Amin, beherrschte Uganda von 1971 bis 1979. An Haile Selassie, dem Kaiser von Äthiopien, scheiden sich nach wie vor die Geister. Er wurde 1974 gestürzt.

“Rumble in the Jungle”: Boxkampf Mohammed Ali gegen George Foreman in Kinshasa 1974

In Ägypten folgte Anwar Sadat 1970 auf den verstorbenen Gamal Nasser. Ein grosser Teil Ägyptens, der Sinai, war seit dem Krieg 1967 von dem “blühenden Land, das auf den österreichischen Burschenschafter Herzl zurückgeht” (H. C. Strache) besetzt, etwas das sich auch durch den Krieg 73 nicht änderte. Im Widerstand gegen die zionistischen Besetzungen spielte die Konstruktion einer arabischen Nation eine Rolle und wuchs auch der Islamismus; ausserdem war der Konflikt (teilweise) in den Kalten Krieg integriert. Auch die “ausserparlamentarische Linke” im Westen war damals grossteils auf der Seite der Opfer Israels. Auch die erste (72 zerschlagen) und die zweite Generation der RAF (77). Der Terror in den 70ern war noch kein islamistischer; auch palästinensische Gruppen waren damals säkular und meist an der SU orientiert.

Die Errichtungen der israelischen Siedlungen am besetztem ägyptischen Sinai begannen relativ spät (im Vergleich zu den anderen 1967 eroberten/ besetzten Gebieten), Mitte der 70er, aber noch unter Arbeiterpartei-Regierungen. Zum Einen „Yamit“ und andere Siedlungen im Norden, am Mittelmeer, anschliessend an den Gaza-Streifen (seinem Süden, Rafah), diese sollten Puffer zwischen dem Streifen und Sinai und zugleich zionistischer Vorposten sein; zum Anderen im Süden, am Roten Meer und seinen Golfen. Das Land für „Yamit“ wurde von Beduinen enteignet, diese vertrieben (unter Verteidigungsminister Dayan und dem südlichen Kommandanten Scharon).11

Als die ersten Siedler kamen (zu den Soldaten), war schon der Likud an der Macht. Die Siedlungen am Sinai wurden auch für den Tourismus genutzt, „entwickelten sich zu einem späten Hippie-Paradies“ (so ein Reiseführer aus den 1990ern). Das sagt nicht nur viel über die israelische „Linke“ aus, sondern auch einiges über die Flower Power-„Bewegung“ (jene Teile, die einen unpolitischen Hedonismus pflegten, aber auch über den westlichen Charakter der Sache). Auch hier waren die israelischen „Ansiedlungen“ mit Inbesitznahme, Verdrängung, Errichtung von “Wehrposten”,… verbunden. Ein Paradies war es nicht für die ägyptischen Bewohner der Gegend, die vertrieben worden waren und von Soldaten fern gehalten wurden (diese wiederum konnten teilnehmen an Orgien u.ä.) und auch nicht für die Palästinenser in Gaza, nicht nur für jene in Gefängnissen wie „Ansar II“ am Strand der Stadt Gaza nicht, auch nicht für jene anderswo im Freiluftgefängnis „Gaza-Streifen“. Nach dem Abkommen Sadats mit Israel begann die israelische Räumung des ägyptischen Sinai. Die Aufgabe von “Yamit” war 1982 Teil der letzten „Etappe“ des Abzugs.12

Pakistan war in den 70ern von Zulfikar A. Bhutto dominiert. Seine PPP gewann bei der Wahl 70 in West-Pakistan, in Ost-Pakistan aber die Awami-Liga. Nachdem deren Machtantritt verhindert wurde, folgte die Sezession Ost-Pakistans als Bangla Desh. Die (West-) Pakistan gewaltsam verhindern wollte, in dem Krieg der folgte, intervenierte Indien auf der Seite Bangla Deshs. Bhutto war 71-73 Staatspräsident, dann Ministerpräsident. Obwohl er eher ein Liberaler war, bezüglich Afghanistan begann unter ihm die Unterstützung dortiger Islamisten, gegen die Republik, wegen (möglicher) afghanischer Gebietsansprüche auf den Westen Pakistans. Es waren jene Islamisten, die dann gegen die Kommunisten auch vom Westen unterstützt wurden, in der Endphase des Kalten Kriegs. Bhuttos PPP gewann die Wahl 77, doch das Militär unter General Haq würgte die Demokratie ab, konservative Kräfte setzten sich durch, und Bhutto wurde 79 getötet.

Hippies in Pakistan in den 1970ern

Kroatien war in den 1970ern noch ein Teil von (dem kommunistischen) Jugoslawien und radikale kroatische Exil-Gruppen bekämpften dieses YU; die Ukraine war Teil der SU (eine von 15 Teilrepubliken). Deren Dissident Aleksandr Solschenitzyn wurde 1974 in den Westen ausgewiesen. In die BRD, die damals von der SPD (und der FDP) regiert wurde. OJ Simpson spielte noch American Football, machte Werbung (v.a. für den Autovermieter Hertz), 1979 hörte er mit dem Profisport auf, bereits 1978 kam “Unternehmen Capricorn” (über eine vorgetäuschte Mars-Landung der NASA) heraus. Arnold Schwarzenegger machte noch Bodybuilding. Oriana Fallaci war noch eine Linke. Der saudi-arabische Bauunternehmer-Sohn Osama Bin Laden urlaubte 1971 mit der Familie in Schweden. Caitlyn Jenner war noch Bruce Jenner und Zehnkämpfer (Olympiasieger 76). Christoph Waltz trat, 1976, in der ORF-Kinder-Sendung „Am dam des“ auf.

Christoph Waltz 1976 in “Amdamdes”, mit Elisabeth Vitouch

Die Verfilmung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ (1973) gibt eindrucksvoll Zeugnis vom Geist dieses Jahrzehnts, spezifisch von der Gegenkultur in der USA (zu Nixon,…). In der BRD und anderen Teilen des Westens wurde das Hollywood/USA-Kino erst in den 60ern oder 70ern endgültig dominant. Zu den wichtigsten Filmen des Jahrzehnts zählen “Der Pate” (I+II), “Taxi driver”, “Der Clou”, “Einer flog übers Kuckucksnest”, “Grease” (I), “MASH”, “Love Story”, “Rocky” (I+II) und ziemlich alle Filme mit Jill Clayburgh. Die filmische “Konterrevolution” kam u.a. in Gestalt der “Dirty Harry”-Reihe daher, ab 1971, überhaupt die Eastwood-Filme, ab “Hang em high” (1968). Und natürlich mit “Electra Glide in Blue”/”Harley Davidson 344” (1973) mit “Robert Blake”, eine Art Anti-Easy-Rider. Zu den “typischen” Fernseh-Serien der 70er gehören “Kojak”, “Reich und Arm”, “Die Waltons”, “Die Strassen von San Francisco” (…), “Mondbasis Alpha 1”, “Columbo” (1. Ära); “Bonanza” ging zu Ende, “Dallas” begann, ebenso “Kottan ermittelt”. Wichtigste Unterhaltungsshow im deutschsprachigen Fernsehen wurde “Am laufenden Band”.

Punk entstand in GB, 1976 veröffentlichten die Sex Pistols ihre erste Single, „Anarchy in the U.K.“. Im selben Jahr lösten sich die deutsch-britischen “Les Humphries Singers” (69 gegründet; immer in den typischen Schlaghosen) auf. Funk-Musik blühte. Rock/Popkonzerte wurden aufwändig. ABBA starteten nach ihrem Sieg beim Song Contest durch. Es entstanden in dem Jahrzehnt “You’re so vain”, “Year of the cat”, “Tubular Bells”, “Goodbye Yellow Brick Road”, “Heart of glass”, “It’s a game”, oder die Hymnen “We Are The Champions”, “Another Brick in the wall”, “No woman no cry”. “Stayin’ Alive” von den Bee Gees verschmolz gewissermaßen mit dem dazu gehörigen Film “Saturday Night Fever” (1977). Rolling Stones oder Who wirkten zwar auch in den 70ern, ihr Bestes entstand aber in den 60ern, das Beste von Scorpions und BAP in den 80ern. Michael Jackson machte 1979 “Off the wall”, seine letzte LP vor “Thriller”. Elvis starb 1977. In der Musik wirkten in dieser Zeit auch Leonard Bernstein, Pierre Boulez oder Astrud Gilberto.

Im Eishockey gab es die parallelen Welten IIHF (Weltmeisterschaften, Olympia; von der SU dominiert) und NHL (von Canada dominiert). Und echtes Aufeinandertreffen gabs nur bei den Summit Series 72 und 74 und beim Canada Cup 76. Canada mit Howe, Perreault oder Hull, die SU mit Mihailov, Petrov, Kharlamov. Der Kalte Krieg dominierte auch andere Sportarten, etwa Handball (Männer wie Frauen). Franz Klammer war der erfolgreichste österreichische Skirennfahrer der Post-Schranz-Ära; er gewann zwar nie den Gesamt-Weltcup, war aber 1975 verdammt knapp dran. Zwei Saisonen nach seinem Olympiasieg ’76 kam er in eine 3-jährige Krise, hauptsächlich aufgrund seines Ski-Marken-Wechsels. Im Tennis begann 76 die Ära von Björn Borg in Wimbledon. Der dominierende Fussballer der 70er war wahrscheinlich Franz Beckenbauer, immerhin hatte er so ziemlich alles gewonnen, als er 1977 in die North American Soccer League wechselte.

 

Guyana

Aufgrund der kolonialen, wirtschaftlichen, demografischen, politischen, kulturellen Entwicklung ist das Guyana-Gebiet der Karibik zuzurechnen und nicht Südamerika, obwohl es dort geografisch liegt. Ob die Karibik ein Teil von Lateinamerika ist, ist eine andere Frage. Die Region ist auf 2 Staaten und ein Kolonialgebiet aufgeteilt, kleinere Teile des historischen Guyanas gehören auch zu Venezuela und Brasilien. Gu(a)yana bedeutet “Land des Wassers”, in der Sprache der Caraib, was sich auf die vielen Flüsse bezieht. Der Name “Karibik” stammt aebenfalls von Caraib(en), einem der “indianischen” Völker der Region, dem wichtigsten neben den Arawak, den Ureinwohnern auch in diesem Teil Amerikas. Für die Karibik gibt es noch diverse andere Bezeichnungen, wie Antillen oder West Indies. Der zirkumkaribische Raum schliesst auch Teile von Nord-, Mittel-, und Südamerika mit ein.

Die Karibik wurde im 15. Jahrhundert spanisch, Teil des Vizekönigreichs Neu-Spanien. Wurde allerdings von Spanien vernachlässigt; die Kolonialmacht war eigentlich nur auf den grossen Antillen präsent. Ab dem 16. Jh wurde die Karibik Umschlagplatz für afrikanische Sklaven nach Amerika. Besonders im zirkumkaribischen Raum entstand sklavenbasierte Plantagenwirtschaft, zB mit Zuckerrohr. Und die “Indianer” waren dezimiert bzw “ungeeignet” für diese Arbeit. Im 17. Jh drangen andere europäische Mächte in die Region ein, Grossbritannien, Frankreich, Niederlande; später noch andere. Spätestens ab dem Kolonialkrieg im 18. Jh gab es in der Karibik eine Dominanz der Briten ggü den Franzosen; Spanien war nur Cuba und Puerto Rico geblieben. In diesem Teil des amerikanischen Kontinents gab es viel mehr Diversität und Abänderungen unter den europäischen Kolonialmächten als in anderen.

Auch die Guyanas waren nur theoretisch unter spanischer Herrschaft gestanden, die tatsächlich ersten Europäer in dieser Region waren die Niederländer, deren WIC (Geoctroyeerde Westindische Compagnie) im 17. Jh ins westliche Guyana kam. Und sie arbeiteten auch dort mit den Engländern zusammen, luden diese ein, gemeinsam mit ihnen eine Plantagenwirtschaft aufzubauen. Englische “Pflanzer” kamen zB aus Barbados, brachten ihre aus Afrika stammenden Sklaven mit. Holländer und Engländer führten weiter versklavte Afrikaner für ihre Pflanzungen ein, aber auch zur Arbeit an Dämmen und Befestigungen an der Küste. Damit sollten Überschwemmungen abgewehrt werden (es gibt sie aber bis heute) und (fruchtbares) Land zum Anbau gewonnen werden – eine Polderisation der Küste, wie sie die Niederländer bei sich praktizier(t)en.

So kommen in den Guyanas bald nach der Küste landeinwärts die Plantagen, und dahinter der Busch, in riesigen Dimensionen, zT heute noch unerschlossen. Mit Flüssen, die dort entspringen und in den Atlantik bzw die Karibische See münden. Berge, wie der Roraima, Wasserfälle, wilde Tiere, die überlebenden Indianer, entlaufene Sklaven. Einen grossen Sklavenaufstand gab es 1763 unter einem “Cuffy” in Berbice im westlichen Guyana. Er wurde von den Niederländern mit Hilfe von Truppen der benachbarten Kolonialmächte GB und Frankreich nieder geschlagen. Im 18. Jh haben sich die Franzosen im östlichen Guyana festgesetzt. Aufstände und Fluchtversuche von Sklaven waren über Jahrhunderte gang und gäbe im Karibikraum. Im 18. Jh kamen verstärkt britische Siedler von den Kleinen Antillen ins westliche, niederländische Guyana; sie wurden im Westteil dieses Westens die Mehrheit.

Grossbritannien eroberten 1781 Teile des westlichen Guyanas (Berbice und Essequibo inkl. Demerara) von den Niederländern.13 In dieser Zeit wurde, an Mündung des Demerara in den Atlantik/die Karibik von den Briten Georgetown gegründet, benannt nach König George III. (1760-1820, Haus Hannover). An dieses britische “Zwischenspiel” 1781/82 schloss sich ein französisches an, 1782-84. Sie nannten Georgetown in Longchamps um. Die Niederländer benannten sie 1784 in Stabroek, nach Nicolaas Geelvinck van Stabroek, Präsident der WIC. Während der Revolutionskriege/Napoleonischen Kriege in Europa Ende des 18./Anfang des 19. Jh besetzten britische Truppen weder Niederländisch-Guyana. Frankreich mischte an der Seite der Holländer mit. Stabroek wurde wieder in Georgetown umbenannt.

1814 wurde Niederländisch-Gu(a)yana aufgeteilt: Die westlichen Teile, Berbice, Essequibo/Demerara und Pomeroon kamen definitiv an das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland. Den Niederländern blieb Surinam(e), das zuvor nur ein Teil von Niederländisch-Guyana gewesen war.14 1831 wurden die britischen Gebiete im nördlichen Südamerika zu Britisch-Guyana (British Guiana) vereinigt. Guyana war nunmehr aufgeteilt auf GB, Frankreich, NL15, diese Mächte hatten auch in der “eigentlichen” Karibik ihre Kolonien, in der Nähe ihrer Guyana-Kolonien.

Der westlichste Teil Guyanas kam also auch unter den britischen Kolonialismus. Zu einem Zeitpunkt, als sich jener Teil des britisch beherrschten Nordamerikas, aus dem die USA wurde, bereits unabhängig gemacht hatte und dabei war, zu expandieren. Ausser dem was dann Canada wurde, hatten die Briten in Amerika noch einige Kolonien im Karibik-Raum: Inseln in der eigentlichen Karibik, wie Jamaica; die Ostküsten Mittelamerikas (de jure aber nur das spätere Belize, und das auch erst ab 1862); und eben West-Guyana. Nach Eric Williams (Trinidad-Tobago, 20. Jh) waren Profite aus der Sklaven-/Plantagenwirtschaft entscheidend für den industriellen Aufschwung in GB. Liverpool war britisches Zentrum des Sklavenhandels aus der Karibik, dort gab es die erste Einwanderung von Schwarzen in GB. Wichtigste britische Kolonie wurde im 19. Jh Indien. In Britisch-Guyana machten aus Afrika stammende Sklaven die Arbeit in allen relevanten wirtschaftlichen Bereichen; und die waren Landwirtschaft (Plantagen, hauptsächlich Zuckerrohr, auch Reis), der Bergbau (Abbau von Bauxit, das für Aluminium benötigt wird; daneben auch Gold), und die Abholzung.

1823 gab es in Demerara-Essequibo eine Rebellion in die mehr als 10 000 Versklavte beteiligt waren. Die weitgehend friedliche Rebellion wurde von den britischen Kolonial-Truppen unter Gouvereneur John Murray in 2 Tagen brutal nieder-geschossen. Sie wurde von Sklaven mit hohem Status an-geführt, insbesondere einem Jack, der auf der Plantage eines John Gladstone arbeitete und daher auch Jack Gladstone genannt wurde. Auch dessen Vater, Quamina, und ein englischer Pastor, John Smith, waren beteiligt. Es ging ihnen um die aktuellen Lebens- und Arbeits-Bedingungen, auch gegen die Sklaverei an sich. Jack Gladstone wurde auf die britisch gehaltene Karibik-Insel Saint Lucia deportiert. Sein Vater Quamina wurde im unabhängigen Guyana ein Nationalheld für seinen Kampf gegen die Sklaverei. John Smith wurde zum Tode verurteilt, und insbesondere sein Schicksal stärkte die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei (abolitionist movement) im British Empire.

GB schuf 1833/34 die Sklaverei in seinen Kolonien ab.16 Viele der nun freien Schwarzen in Britisch-Guyana gründeten an der Küste Dörfer, in denen sie Subsistenz-Landwirtschaft (also für sich, nicht für den Verkauf) betrieben. Die Briten begannen 1838, so genannte Kontraktarbeiter (indentured laborers) für ihre Kolonien anzuwerben (hauptsächlich in der Karibik und im östlichen Afrika), die die Sklaven ersetzen sollten. Sie kamen hauptsächlich aus Indien, das damals dabei war, ganz britisch zu werden, sowie aus China und Portugal. Von 1838 bis 1917, dem Ende der Kontraktarbeit, brachten die Briten etwa 240 000 Inder in ihr Guyana. Sie arbeiteten in der Produktion von Zucker und Reis, wie zuvor die Sklaven, unter etwas besseren Bedingungen.

Die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sollen an dieser Stelle betrachtet werden. An der Spitze standen die Weissen, v.a. Briten, die Kolonialverwaltung sowie Plantagenbesitzer, wie Harry Davson von Davson & Co. Die Portugiesen kamen u.a. aus Madeira, gingen hauptsächlich nach Georgetown, als Händler. Von den Briten wurden sie, im Gegensatz zu den verbliebenen Niederländern, in der Regel nicht als gleichwertig angesehen, aufgrund ihrer mediterranen und katholischen Identität. Von den “Farbigen” wiederum wurden sie gerne als Lakaien der Briten gesehen. Zumindest ein Teil der Portugiesen in Britisch-Guyana assimilierte sich an die Briten, begann Englisch auch untereinander zu sprechen, nahm englische Namen an.

Die Schwarzen waren nun (de jure) frei. Inder und Chinesen arbeiteten bis zum “1. Weltkrieg” auf Plantagen. Die Indianer waren und wurden am wenigsten Teil der sich bildenden west-guyanischen Gesellschaft: die meisten von ihnen leb(t)en zurückgezogen im Urwald, dort wo Guyana gewissermaßen aufhörte. “Vermischungen” gab es im 19. Jh zwischen Schwarzen (meist Frauen) und Weissen (meist Männer), so entstand eine kleine Schicht von “Mischlingen”/ “Coloureds”/ “Mulatten”. Mitte des 19. Jh war der gemischt-rassige Prediger James Sayers -Orr in Britisch-Guyana aktiv, der anti-katholisch eingestellt war, er hetzte Schwarze gegen die Portugiesen auf. 1856 gab es deshalb die so genannten “Gabriel Riots”.

Ab Ende des 19. Jh gab es ernsthafte Bestrebungen hauptsächlich der Schwarzen und der Inder zur Änderung der kolonialen Plantokratie und schrittweise Reformen dieser. 1891 wurde eine erste Verfassung erlassen, auf deren Grundlage 1892 erstmals gewählt wurde. Und zwar die Hälfte eines 16-köpfigen Court of Policy, der britische Gouverneur war unter den nicht-gewählten Mitgliedern. Und die (sechs) Financial Representatives. Zusammen bildeten diese beiden Gremien den Combined Court. Das Wahlrecht war an Geschlecht, Einkommen, Bildung gebunden, wie damals üblich, so konnte ca. 1% der Bevölkerung wählen, und nur ein winziger Teil der Nicht-Weissen. Die Farbigen kämpften zunächst um Emanzipation, die Unabhängigkeit war zweitrangig.

Die Dekolonisation der Karibik erfolgte später als jene Lateinamerikas. Anfang des 19. Jh wurden die meisten lateinamerikanischen Staaten unabhängig, auch Haiti in dieser Zeit, als erster karibischer Staat. Es gibt in der Karibik heute noch von europäischen Staaten oder der USA abhängige Gebiete. Im Karibik-Raum gab es nicht den Unabhängigkeits-Kampf der weissen Oberschicht gegen das koloniale Mutterland wie in Lateinamerika > weil diese Schicht zu dünn, weil diese Gebiete an sich zu unattraktiv? Einer der gegen Rassenschranken kämpfte, der “Farbige” Patrick Dargan, scheiterte 1892 mit seiner Kandidatur; gewählt wurden 7 Plantagenbesitzer, 5 Händler, 2 Anwälte. Bei der nächsten Wahl 1897 schaffte es Dargan, der inzwischen die Progressive Association gegründet hatte. 1906 wurde unter Anderen der schwarze Guyaner Alfred Thorne gewählt, der sich auch anderswo in der Karibik gegen Rassendiskriminierung engagierte, Bürgermeister von Georgetown wurde.

1916 wurde mit Joseph Luckhoo der erste Inder in den Combined Court gewählt; ausserdem 3 Briten, 3 Portugiesen, 5 Schwarze (darunter Thorne), 1 Mischling. Im Wahlrecht gab es durch die Jahre leichte Änderungen/ Erweiterungen. 1917 schuf GB die Kontraktarbeit ab, die asiatischen Plantagenarbeiter blieben grossteils im Land, und suchten sich andere Plätze in der Gesellschaft. Die Oligarchie der britischen und niederländischen Plantagenbesitzer und Unternehmer blieb aber bestehen. Es gab ein langes Ringen um die Macht zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Beibehaltung weisser Vorherrschaft und universaler Demokratie. 1926 gewann die “schwarze” Popular Party (PP) 12 von 14 gewählten Sitzen. Die meisten Sitze wurden aberkannt. 1928 wurde British Guiana Kronkolonie mit starker Stellung des General-Gouverneurs, und wenig Mitsprache der farbigen Mehrheit. An statt des Combined court trat ein Legislative Council, mit 30 Mitgliedern, 14 gewählten, 16 ernannten oder ihm kraft ihres Amtes angehörenden (wie der britische Gouverneur).

Die PP gewann auch die Wahlen 1930, gewählt wurde etwa, in Berbice, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor A. R. F. Webber. In den 1940ern bereitete GB sein Guyana auf Autonomie vor. Georgetown brannte 1945 und 1951 ab. Die Wahl 1947 gewann die British Guyana Labour Party (BGLP) mit Crichlow von der Gewerkschaft BGLU; auch L. Forbes S. Burnham zog für sie ins Parlament. Dahinter die MPCA, die Partei (hauptsächlich) der indischen Zuckerarbeiter.  Das war auch das Political Affairs Committee (PAC) von Cheddie Jagan, der auch gewählt wurde. Diese 2, die die nächsten Jahrzehnte der Politik Guyanas bestimmen sollten, Führer der beiden wichtigsten Volksgruppen des Landes werden sollten, Burnham und Jagan, taten sich nach der Wahl zunächst mal zusammen, um 1950 die People’s Progressive Party (PPP) zu gründen, eine sozialistisch ausgerichtete Partei.

Der indische Gewerkschafts-Führer Jagan wurde leader der PPP, der schwarze (in GB ausgebildete) Jurist Burnham ihr chairman. Jagans Eltern waren aus Indien gekommen, er studierte in der USA, Zahnmedizin, heiratete dort Janet Rosenberg17, war dann gewerkschaftlich-politisch aktiv. Burnham wurde 1952 Führer der der PPP zugehörigen Gewerkschaft British Guiana Labour Union. Die PPP richtete sich an die ruralen indo-guyanesischen Arbeiter und die unteren Schichten der Afro-Guyanesen, sowie Elemente der Mittelklasse-Sektoren beider ethnischer Gruppen. Vor der Wahl 1953 wurde eine neue Verfassung beschlossen, die Gewährung echter Autonomie, die durch ein neues House of Assembly wahr genommen werden sollte (24 von 28 Mitgliedern gewählt) und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Diese Wahl brachte einen deutlichen Sieg der PPP. Die andere neue Partei war die National Democratic Party (NDP) unter Carter, die aus der League of Coloured Peoples hervor gegangen war und die Mittelklasse vertrat (Schwarze, Inder, Portugiesen).

Die Unterschichten siegten bei der ersten echt freien Wahl über die Mittelklasse, und die weisse Vorherrschaft schien sich nicht mehr lange halten zu können. Von Konservativen verschiedener Seiten wurde die PPP als kommunistisch gebrandmarkt, was in Zeiten des Kalten Kriegs in einem Entwicklungsland ein Verdikt war, das leicht zur Auslöschung der Betroffenen bzw zur Ausschaltung der Demokratie führen konnte. Zunächst wurde Jagan Premierminister und Abgeordnete seiner PPP wurden Minister, Burnham zB für Bildung.18 Die neue Regierung Britisch-Guyanas wurde vom britischen Kolonial-“Apparat” (vom Gouverneur abwärts) von Anfang an misstrauisch gesehen. Die Geschäftsleute waren aufgeschreckt vom Vorhaben, die Rolle des “Staates” in der Wirtschaft zu vergrössern.

Wobei sich auch innerhalb der Regierung bzw der PPP “Gräben” auftaten; Burnham plädierte angesichts der geopolitischen Bedingungen in der Region für eine moderatere Vorgehensweise als jene die Jagan wählte. Die PPP wurde zunehmend zwischen den Anhängern Jagans (die hauptsächlich Indo-Guyanesen waren) und jenen Burnhams (vornehmlich Afro-Guyaner) gespalten. Der aussen- und innenpolitisch linke Kurs der PPP-Regierung unter Jagan gefiel London und Washington gar nicht. Dann brachte die Regierung bzw ihre parlamentarische Mehrheit den Labour Relations Act durch, ein Gesetz das in den Augen seiner Kritiker die PPP-nahe Gewerkschaft GIWU begünstigen würde. An jenem Tag im Oktober 1953, als das Gesetz “durch kam”, suspendierte die britische Regierung (Premier Winston Churchill) die Verfassung Britisch-Guyanas (enthob damit die Autonomie-Regierung ihres Amtes) und schickte Truppen hin.

1953 bis 57 regierten der Generalgouverneur und eine “Interimsregierung”. Das Legislative Council wurde für die nächste Wahl wieder eingeführt. 1955 spaltete sich die PPP entlang der Anhängerschaften von Jagan und Burnham in zwei “Fraktionen”. Die Spaltung verlief weitgehend, aber noch nicht gänzlich, entlang der rassisch-ethnischen Linien. Bei der Wahl ’57 siegte die PPP-Jagan vor der PPP-Burnham, der NLF (der Arawak Stephen Campbell wurde erster Indianer im Parlament), UDP, GNP. Durch die neue Verfassung gab es nur ein (teilweise gewähltes) Parlament mit eingeschränkten Rechten, keine Regierung i.e.S. Eine Lektion, die Burnham aus der Wahl 57 lernte, war dass er mit den Stimmen der urbanen (und radikaleren) Unterschicht-Schwarzen nicht gewinnen konnte. Er brauchte die ruralen Mittelschicht-Schwarzen, Jene die die United Democratic Party (UDP) unterstützten. Seine Präferenz für Sozialismus konnte diese Schichten nicht zusammen bringen, so betonte er die Rasse als Gemeinsamkeit stärker.

Burnhams PPP-Fraktion und die UDP bildeten 1958 den People’s National Congress (PNC). Und die PPP wurde die Partei der indischen Bevölkerungs-Mehrheit der Kolonie, die ebenfalls klassenmäßig gespalten war, in die ruralen Zuckerrohr-Plantagen-Arbeiter und die urbanen Händler. Es bildeten sich hier die bestehenden (Konflikt-)Linien der Politik und Gesellschaft Guyanas heraus, v.a. die rassisch/ethnisch definierten Parteien. Und während Burnhams PNC etwas nach rechts rückte, blieb Jagans PPP links. Damit war er in den Augen von Verantwortlichen in Georgetown, London und Washington der Gefährlichere. Die “endgültige” Division der Politik in der Kolonie in eine indische PPP und einen schwarze PNC brachte Jagans Widerstand gegen den Beitritt Britisch-Guyanas zur Westindischen Föderation, die dabei war sich zu bilden, ein Zusammenschluss der britischen Karibik-Kolonien, als Übergangsform zur Unabhängigkeit. Nur in Trinidad-Tobago gab es sonst eine grosse indische Bevölkerungsgruppe und die PPP als Partei der Indo-Guyaner wollte einen politischen Rahmen vermeiden, in dem Inder den Schwarzen derart zahlenmäßig unterlegen waren.

Nach der Wiedereinsetzung der Autonomie wurde 1961 wieder gewählt, wieder ein neues Gremium, dazu kam ein ernannter Senat. Der PNC verbündete sich mit der NDP. Es siegte aber die PPP (Inder, Gewerkschaft GIWU) vor PNC (Schwarze, Gewerkschaft MPCA) und The United Force (TUF; Business, Katholische Kirche, Indianer, Chinesen, Portugiesen). Cheddi Jagan wurde wieder als Premier Britisch-Guyanas angelobt, von Oberrichter Joseph Luckhoo, auf die Bhagavad Gita, im Beisein von Gouverneur Ralph Grey. Er wurde auch Entwicklungsminister. Spätestens nach einem Abkommen mit Kubas Industrieminister “Che” Guevara begannen britische und amerikanische Destabilisierungsversuche seiner Regierung. Es ging jetzt um die Weichenstellungen für die Unabhängigkeit. 1964 brachte u.a. einen Streik der “Zucker-Arbeiter”. Dann die Ermordung von Arthur Abraham, einem portugiesischen Guyaner, der ein hoher Beamter war. Abraham, einer jener Portugiesen mit anglisierten Namen, und sieben seiner Kinder wurden durch ein gelegtes Feuer in seinem Haus in Georgetown getötet.

Eine Theorie dazu ist, dass Abraham getötet wurde, weil er an die TUF Informationen über die Regierung weiter gab, einer Partei die von einem anderen portugiesischen Guyaner geführt wurde, Peter d’Aguiar. Während Inder und Schwarze um die Macht kämpften, gelang es den Portugiesen nicht, sich ihren Platz im Land zu sichern. Portugiesen wurden mit dem britischen Kolonial-Establishment identifiziert, und der Mord an Abraham führte zu eienr Emigrations-Welle von Portugiesen, hauptsächlich nach Canada, USA, GB. Dann wurde Ende ’64 wieder gewählt, ein neues Ein-Kammern-Parlament, mit einem Sprecher der von den Gewählten gewählt wurde. Jagans PPP siegte vor Burnhams PNC und der (T)UF (D’Aguiar). CIA und MI6 sollen den PNC gegen die PPP unterstützt haben. PNC und UF bildeten eine Koalitionsregierung, Burnham wurde erstmals Premier.

1966 wurde Guyana von GB in die Unabhängigkeit entlassen, im Zuge der Entkolonialisierung der Karibik. Britische Truppen verliessen das Land, die britische Königin blieb zunächst Staatsoberhaupt, vertreten durch einen einheimischen General-Gouverneur. Guyana wurde nicht Teil der West Indies Associated States (1967 geschaffen), aber von dessen Kricket-Auswahl. Kricket war und ist der wichtigste Sport des Landes. Und er ist einend im Land der Spannungen zwischen Indern und Schwarzen, in dem auch nach der Unabhängigkeit das Trennende dominiert(e). Guyana ist ein Land ohne dominante Bevölkerungsgruppe und ohne kontinuierliche Kolonialherrschaft. Inder machen etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Indo-Guyaner sind ein wichtiger Bestandteil der indischen Diaspora. Sie leben eher im ruralen Raum, sind dort oft in der Zucker- und Reis-Produktion beschäftigt. Inder sind überall nach der Religion (Hindus, Moslems, Sikh, Christen,…) und nach dem Herkunftsgebiet (bzw der Sprache) diversifiziert (Bihari, Tamil,…). Afro-Guyaner machen etwa 40% aus.

Im benachbarten Surinam(e) (1975 von NL unabhängig) gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen jenen Schwarzen deren Vorfahren immer Sklaven und Bedienstete der Weissen waren (“Kreolen”, auch zT biologisch mit den Niederländern vermischt) und den “Maroons”, denen irgendwann die Flucht gelang, in den Dschungel, zu den Indianern – sie haben sich ihre afrikanische Identität stärker bewahrt. In Guyana sind diese Unterschiede nicht so ausgeprägt bzw ist die Gruppe der Maroons kleiner. Afro-Guyaner arbeiten oft im Bergbau, dominieren die meisten Städte, jedenfalls Georgetown, stellen einen sehr grossen Teil der Staatsbediensteten, nicht zuletzt jene in Militär und Polizei.

Die drittgrösste Bevölkerungsgruppe Guyanas sind Mischlinge, die etwa 4% ausmachen. Das sind v.a. “Dougla”, Nachkommen von Verbindungen zwischen Indern und Schwarzen, die es auch anderswo in der Karibik gibt. Im Land der rassischen Parteien haben sie keine eigene. Auch die “Indianer” (oft Amerindians genannt) machen etwa 4% aus. Es gibt Caraib, Arawak, WaiWai und andere Unter-Gruppen. Die meisten leben im Süden des Landes. Die nach der Unabhängigkeit gebliebenen Weissen (~1%) sind überwiegendst Portugiesen, die britische Oberschicht ist kaum geblieben. Weiters gibt es Chinesen und andere Asiaten, auch Mizrahi-Juden.

Die erste Wahl nach der Unabhängigkeit, 1968, brachte eine absolute Mehrheit für den PNC, die möglicherweise manipuliert war. PPP und UF landeten weit abgeschlagen. Und hier schliesst sich der Grenzstreit mit Venezuela sowie der Indianer-Aufstand von 1969 an. Guyana grenzt im Westen an Venezuela, im Osten an Suriname, im Süden an Brasilien. Grenzstreitigkeiten gibt es mit Venezuela und Suriname. Venezuela beansprucht seit seiner Unabhängigkeit 1830 Land westlich des Essequibo-Flusses. Einen Teil von dem, was Niederländer bzw Briten einst den Spaniern abnahmen. 1962 hat die Regierung Venezuelas den Anspruch erneuert und die Ablehnung der 1899 fest gelegten Grenze. 1966 annektierte Venezuela die Hälfte der Ankoko-Insel im Cuyuni-Fluss. Und 1968 erhob das Land Ansprüche auf einen Streifen an der Westküste Guyanas.

1969 erhoben sich in der Provinz Upper Takutu – Upper Essequibo im Südwesten Guyanas die Makushi-Indianer. In der Rupununi-Gegend dieser Provinz dominiert nicht Regenwald sondern Savanne, was Viehzucht ermöglicht. Die Makushi dort sind zT mit Weissen vermischt. Der dort “führende” Melville-Hart-Clan geht auf den Schotten Melville und seine 2 indianischen Frauen zurück (Ende des 19. Jh). Möglicherweise lebten 1969 auch Weisse dort. Die Gegend grenzt an Venezuela und Brasilien, ist teilweise protestantisch, teilweise katholisch. Sie ist südamerikanischer als der Rest Guyanas. Edward Melville wurde 1961 für die (T)UF ins Parlament gewählt.

Der Aufstand 1969 war vom PNC-Wahlsieg 68 motiviert, von der Sorge um Landrechte. Es war ein Aufstand gegen Guyana, wurde möglicherweise von Venezuela unterstützt. Das Gebiet befindet sich in dem von Venezuela beanspruchten “Guyana Essequiba”. TUF-Führer D’Aguiar wurde auch der Aufstachelung beschuldigt. Die Guyana Defence Force unter ihrem ersten Generalstabschef Ronald Pope, einem Briten, schlug den Aufstand nieder. Soldaten wurden mit Flugzeugen der Guyana Airways in den Süden gebracht, weil das Militär keine eigenen Transport-Flugzeuge hatte. Ein Abkommen zwischen den Regierungschefs von Venezuela und Guyana 1970 brachte vorläufig Ruhe in den Grenzstreit.

Die Indianer haben also auch ihren Anteil zu den rassisch-kulturell-politischen Konflikten des Landes bei getragen. Der dominierende war der Kampf um die Macht zwischen Schwarzen und Indern. Zu den Problemen nach der Unabhängigkeit kamen auch noch wirtschaftliche. Dies führte zur Auswanderung vieler Guyaner. Manche gingen schon vor der Unabhängigkeit, v.a. viele Weisse. Jene, die Guyana ab Ende der 1960er verliessen, gingen hauptsächlich nach Grossbritannien, USA, Canada. Manche auch in Länder der Region, wie Suriname und Brasilien. Die Emigration hält bis heute an, und der Verlust talentierter bzw gut gebildeter Menschen schwächt das Land natürlich weiter. Etwa 500 000 Guyaner leben im Exil, fast so Viele wie im Land. Auch die meisten Literaten Guyanas leben im Exil, etwa Rooplall Monar, ein indischer Guyaner. Der Reggae-Musiker Edmond “Eddy” Grant ist einer der berühmtesten Guyaner (bzw einer der wenigen berühmten) und ebenfalls Exil-Guyaner (in GB).19

1970 bekam das Land den bis heute geltenden Namen “Co-operative Republic” (of Guyana). Diese Änderung war damit verbunden, dass der letzte Gouverneur Edward Luckhoo (der die Queen als Staatsoberhaupt vertrat) Übergangs-Staatspräsident wurde. Dann war, 1970 bis 80 Arthur Chung, ein chinesischer Guyaner, Präsident Guyanas. Die Exekutivgewalt blieb beim Premierminister. Und da die Wahlen 73 und 80 eben so ausgingen wie jene 68, regierten Burnham und der PNC weiter. Burnham machte eine Wende nach Links, zu einem sozialistischen Kurs, und zu einem autoritären Regime. 1972 wurden die Beziehungen zu GB eingeschränkt. Cuba wurde dafür ein wichtiger Partner. Hegemonialmacht (und weisse Aufsicht?) in der Region wurde die USA. Als Gegengewicht (?) wurde 1973 der Staatenbund Caribbean Community (CARICOM) geschaffen.

Das Massaker bzw der Massenselbstmord der amerikanischen Sekte im November 78 brachte für die Burnham-Regierung ungewollte internationale “Aufmerksamkeit” bzw für die USA einen Grund, sich dort einzumischen. Zu einer Invasion wie in Grenada 1983 kam es aber nicht. Im Inneren schwelten in dieser Zeit die Spannungen zwischen Indern und Schwarzen weiter, führten 1979 zu Unruhen. Vor diesem Hintergrund gründete der Historiker Walter Rodney in diesem Jahr die Working People’s Alliance (WPA). Der Afro-Guyaner Rodney, in GB ausgebildet, beschäftigte sich mit schwarzer Geschichte, lebte auch in Tanzania, engagierte sich zB in Jamaica Ende der 60er. Er war Rastafari und Pan-Afrikanist, wollte mit der WPA aber einen Beitrag zur “interrassischen Harmonie” leisten, stand im Gegensatz zur PNC-Regierung. Er wurde 1980 durch eine Autobombe getötet, Burnham soll dahinter gestanden haben.

Die WPA kam bei der Wahl 1980 hinter PNC, PPP und UF ins Parlament. Die Wahlen der 70er und 80er in Guyana waren wahrscheinlich manipuliert, sicherten die PNC-Herrschaft. Burnham erliess ’80 eine neue Verfassung, die Umwandlung Guyanas in eine semi-presidentielle Republik. Burnham (Premier 64-80) selbst wurde erster Staatspräsident mit Exekutivgewalt (80-85); das Amt des Premierministers/ Ministerpräsidenten blieb bestehen. Burnham starb 1985, Desmond Hoyte (PNC), zuvor Vizepräsident und Premier, wurde neuer Staatspräsident. Hoyte änderte den linken, antiimperialistischen Kurs. Auch mit den Wahlschiebungen war es vorbei20. 1992 gewann die PPP die Wahl, Cheddi Jagan wurde Präsident21, Hoyte Oppositionsführer. Die Afro-Guyaner waren nicht mehr die dominierende Ethnie.

Der Zahnarzt Cheddi Jagan, 53 Chefminister, 61-64 Premier, feierte also 92 ein politisches Comeback. Nach seinem Tod 97 wurde zunächst Hinds, ein Schwarzer von der PPP, zuvor Premier, für kurze Zeit sein Nachfolger. Die Witwe Jagans, Janet, zuvor u.a. UN-Botschafterin Guyanas, wurde Vizepräsidentin und Premierministerin. Nach der Parlaments-Wahl im Dezember 97, die einen Sieg der PPP brachte, wurde Janet Jagan Präsidentin; Hinds wieder Premier. Darauf folgte ein Monat mit Unruhen in Guyana, hauptsächlich von Funktionären und Anhängern des PNC. Eine Mission der CARICOM vermittelte ein “Friedensabkommen”.

Janet Jagan trat 1999 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Der Indo-Guyaner Bharrat Jagdeo von der PPP wurde neuer Präsident.22 Da die PPP auch die Wahlen 01 und 06 gewann, blieb Jagdeo bis 11 Präsident. Die PPP gewann auch die Wahl 11, aber Donald Ramotar wurde Spitzenkandidat und dann neuer Präsident, da Jagdeo aufgrund einer von ihm selbst initiierten Begrenzung von Amtszeiten abtrat. Für die Wahl 15 tat sich die PNC mit anderen Parteien zusammen (NDF, WPA,…), zu A Partnership for National Unity (APNU), und gewann, knapp vor der PPP (alleine), dann die UF,… David Granger, ein früherer Top-Militär des Landes, war auf die verstorbenen Hoyte und Corbin als PNC-Chef gefolgt, wurde nun Staatspräsident. Jagdeo ist inzwischen wieder PPP- bzw Oppositions-Chef. Der Ausweg aus ethnischen Konflikten, politischer Instabilität, Unterentwicklung, Armut, Abhängigkeit muss noch gefunden werden.

Die Kreolisierung und die Suche nach Identität zeigt sich in Guyana auch in der Sprach-Situation. Die Kolonial-Sprache Englisch ist klar die Sprache Nr. 1, jene der Bildung, der (meisten) Medien,… Daneben spielen aber auch die Sprachen diverser Volksgruppen eine Rolle. Jene der Inder, wie Hindi, jene der Indianer, wie Arahuacan, ausserdem Portugiesisch, Chinesisch,… Und es gibt eine Englisch-Kreol-Sprache, ein verändertes, landesspezifisches Englisch mit Einflüssen diverser Volksgruppen. Darin finden sich Wörter der “Amerindians” (besonders für topographische Bezeichnungen, Ausdrücke für die Tier- und Pflanzenwelt), aus dem Niederländischen (hauptsächlich für Begriffe in Zusammenhang mit dem Meer), aus afrikanischen Sprachen, aus indischen Sprachen (v.a. für die Küche, aber auch Verwandtschaftsbezeichnungen).

Auch bei den Religionen Guyanas zeigt sich die Heterogenität bzw Diversität. Das Christentum dominiert (Anglikaner sind die grösste Einzel-Gruppe; die meisten von ihnen sind Afro-Guyaner), es gibt aber auch Hindus, Moslems, Sikh (Inder), Buddhisten (Chinesen), Baha’i, Naturreligionen (Indianer). Eine afro-amerikanische Mischreligion wie wie Voodoo, Rastafari oder Umbanda ist in Guyana nicht entstanden, aber besonders die Rastafari-Religion hat sich auch dort hin ausgebreitet. Dass der Katholizismus nicht dominierend ist, trennt Guyana auch von Lateinamerika (bzw ist Ausdruck dieser “Sonder-Entwicklung”).

Ungefähr 90% der Bevölkerung von Guyana lebt an oder in der Nähe der Küste.23 Ungefähr 90% der Fläche Guyanas ist nicht verbaut und spärlichst besiedelt. Jean La Rose, eine Arawak, kämpft für einen Schutz des Regenwalds und seiner Bewohner, gegen Bergbau-Unternehmen. Tourismus ist wichtigster Wirtschaftszweig der Karibik, Guyana nascht (noch) wenig mit. Im Drogenweiterhandel, dem Transit aus Südamerika (v.a. Kolumbien) nach Nordamerika (v.a USA), spielt das Land inzwischen auch eine Rolle.

Die Karibik wie sie heute besteht, ist Produkt des europäischen Kolonialismus’ der Neuzeit. Sie ist ethnisch, sprachlich, religiös, kulturell (Kricket ist zB nur in den britisch geprägten Inseln und Gebieten der dominierende Sport), wirtschaftlich, politisch heterogen. Schwarze sind die dominierende “Ethne” im karibischen Raum. Asiaten (v.a. Inder) gibt es nur in manchen Ländern der Karibik, Weisse sind wenig, Indianer fast nicht (mehr) existent; daneben gibt es Mischlinge. Sprachlich dominiert Spanisch, vor Englisch, Französisch, Niederländisch, Kreolsprachen, asiatischen Sprachen, “indianischen” Sprachen. Die Vorstellungen und Realitäten (von) der Karibik schwanken zwischen Paradies und 3. Welt.

 

Literatur & Links & Filme

* Zum Peoples Temple:

Alternative Considerations of Jonestown & Peoples Temple

Deborah Layton: Selbstmord im Paradies: Mein Leben in der Sekte (2008). Englisches Original: Seductive Poison. A Jonestown Survivor’s Story of Life and Death in the Peoples Temple (1998)

Mark Lane: The Strongest Poison (1980)

Henning Mankell: Vor dem Frost (2005). Roman der einen Bogen von dem Massaker in Jonestown 1978 bis zu jenem in New York 2001 spannt. Es geht um religiösen Wahn und Gewalt. In Jonestown gab es auch die höchste Zahl ziviler amerikanischer Opfer vor 01, ausser bei Naturkatastrophen

Tim Reiterman: Raven: The Untold Story of the Rev. Jim Jones and His People (1982)

Ralf Isau: Der silberne Sinn (2003). Mischung aus Tatsachenroman, SF,… mit der Massentötung 78 als Ausgangspunkt, auch das Land Guyana spielt eine Rolle

Verschwörungstheorien zu Jonestown! 

Franco »Bifo« Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid (2016)

Marshall Kilduff, Ron Javers: Der Selbstmordkult. Die Hintergrundgeschichte der ‘Volkstempel’-Sekte und das Massaker von Guayana (1979). Javers ist auch ein überlebender Journalist

Charles A. Krause: Die Tragödie von Guayana. Der Massenselbstmord (1978)

Shiva Naipaul: Journey to Nowhere/ Black & White (1980)

“Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple” ist ein Dokumentarfilm aus 2006. Dann gab es die CNN-Doku „Escape From Jonestown“ (2008, 30 Jahre danach). Es gibt (zumindest) 2 Spielfilme über Jonestown. Und, HBO plant eine Serie darüber, geschrieben von Vince Gilligan (“Breaking Bad”). Sie soll “Raven” heissen und auf dem Buch von Tim Reiterman basieren. Reportage aus 1978

* Zu Guyana:

Odeen Ishmael: The Guyana Story: From Earliest Times to Independence (2013)

Vere T. Daly: A Short History of The Guyanese People (1975)

Barbara Josiah: Migration, Mining, and the African Diaspora. Guyana in the Nineteenth and Twentieth Centuries (2011)

James G. Rose: British colonial policy and the transfer of power in British Guiana, 1945-1964 (1992)

Walter Rodney: Guyanese Sugar Plantations in the Late Nineteenth Century: a Contemporary Description from the “Argosy” (1979)

George K. Danns: Domination and Power in Guyana: A Study of the Police in a Third World Context (1982)

Odeen Ishmael: The Trail of Diplomacy: The Guyana-Venezuela Border Issue (2015)

Silvius E. Wilson: Nationalism in the Era of Globalisation – Issues from Guyana and the Bahamas: Working People’s Contribution to Civil Society, Good Governance and Sustainable Development (2008)

Selwyn R. Cudjoe: Caribbean Visionary: A. R. F. Webber and the Making of the Guyanese Nation (2008)

Juanita De Barros: Order and Place in a Colonial City. Patterns of Struggle and Resistance in Georgetown, British Guiana, 1889-1924 (2003)

Dave Hollett: Passage from India to El Dorado: Guyana and the Great Migration (1999)

Über die Wahl 2015

Michael Swan: The Marches Of El Dorado (1958)

Über die Portugiesen in Guyana

Nigel Westmaas, Juanita De Barros: Historical Commentaries: British Guiana (Guyana). In: Robert Hill (Hg.): The Marcus Garvey and Universal Negro Improvement Association Papers, The Caribbean Diaspora, 1910-1920, Volume 11 (2013)

Über Walter Rodney 

Albert Raymond Forbes Webber: Centenary History and Handbook of British Guiana (1931)

www.politicalresources.net/guyana.htm

workmall.com/wfb2001/guyana/

www.guyana.org

David J. Holbrook and Holly A. Holbrook: Guyanese Creole Survey Report  (SIL International 2001)

Herrscher Guyanas

Karte von Guyana

* Zur Karibik allgemein:

Eric Williams: From Columbus to Castro: The History of the Caribbean 1492-1969 (1984)

Bernd Hausberger, Gerhard Pfeisinger (Hg.): Die Karibik. Geschichte und Gesellschaft 1492-2000 (2005)

Franklin W. Knight: The Caribbean. The Genesis of a Fragmented Nationalism (1990)

Eric Williams: Capitalism and Slavery (1994)

Cécile Révauger: The Abolition of Slavery – The British Debate 1787–1840 (2008)

Jamaica verlangt Reparationen von GB für die Sklaverei 

Paloma Mohamed, Barrington Braithwaite, Al Creighton: Caribbean Mythology and Modern Life: 5 Plays for Young People (2004)

* Zu den 1970ern:

http://www.history.com/topics/1970s

Susanne Pauser, Wolfgang Ritschl: Wickie, Slime und Paiper. Das Online-Erinnerungsalbum für die Kinder der siebziger Jahre (1999)

Die besten Pop/Rock-Songs der 70er

http://seventiesmusic.wordpress.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Southern Baptist Convention hat sich erst 1995 davon distanziert
  2. 2014 machte Random House daraus ein Hörbuch; Charles Krause, ein anderer Überlebender, liest das Vorwort
  3. Die Zwangskonversion betraf auch andere religiöse “Dissidenten”, Paulikaner, Juden und Manichäer
  4. Das letzte bedeutende Seppuko war jenes von Yukio Mishima 1970
  5. Wenn man die selben Kategorien anwendet wie Manche heute zB zum Bürgerkrieg in Syrien, dann, ja, war es eine Sache unter (christlichen) Amerikanern
  6. Er ist wie sein Bruder nach GB ausgewandert. Guyana und TT sind jedenfalls die beiden Staaten im karibischen Raum mit der höchsten Zahl von Indern in der Bevölkerung; danach kommen, schon mit einigem Abstand, Surinam, Jamaica,…
  7. Und Pablo Picasso starb übrigens in diesem Jahr
  8. 3000+ Menschen unter ihm getötet
  9. Den man in Europa infolge der Aufklärung beseitigt hatte!
  10. “Apollo 13”, 1970, war die schief gelaufene Mission mit dem explodierten Tank, die mit “Tom” Hanks verfilmt wurde
  11. In Taba wurde „nur“ ein Hotel gebaut. In den Verhandlungen mit Ägypten beanspruchte Israel Taba dann für sich, da es bei der osmanisch-britischen Grenzziehung 1906 auf der osmanischen (palästinensichen) Seite gewesen sei. Die Stadt wurde erst 1989 an Ägypten zurück gegeben
  12. Im Libanon gingen 1975 Spannungen, Scharmützel (die stark mit der Anwesenheit palästinensischer Flüchtlinge seit der Nakba 1948 zu tun hatten) und staatlicher Autoritätsverlust in einen Bürgerkrieg über. Aber das ist eine andere Geschichte
  13. Die Briten waren dort bereits 1665/66 eingedrungen
  14. Niederländisch-Guyana” war bis 1814 die inoffizielle Bezeichnung für die Gesamtheit von Surinam, Berbice,…, wurde danach für Surinam (offizieller Name, tatsächliches Gebiet) benutzt, wurde Synonym dafür
  15. Teile im Westen waren den Spaniern verblieben, dieser war Teil von Neugranada, Grosskolumbien und schliesslich Venezuela. Vielleicht kam ein Teil von Guyana im Osten auch an das portugiesische Brasilien – das historische Guyana war schliesslich nie genau definiert. Aber wurde von europäischen Mächten aufgeteilt
  16. Einige Ausnahmen blieben bis in die 1840er
  17. Eine amerikanische Jüdin ungarisch-rumänischer Herkunft
  18. Der Speaker bzw Parlamentspräsident wurde vom Gouverneur ernannt, Janet Jagan von der PPP wurde zur Vizesprecherin gewählt
  19. Die 1980er waren seine beste Zeit. Er sagte einst in einem Interview, dass in Österreich zum Rhythmus seines hochpolitischen Anti-Apartheid-Songs “Gimme Hope Jo’anna” in Bierzelten herum-gehopst wird, störe ihn nicht
  20. Das Antiimperialistische und das Autoritäre hat nicht unbedingt miteinander zu tun, auch wenn man das gerne vermischt
  21. Der Kandidat der Siegerpartei bei der Parlaments-Wahl wird Präsident
  22. Jagdeo ist der Name eines Dorfes im heute pakistanischen Teil des Punjab; gut möglich, dass seine Vorfahren von dort stammen
  23. Das hat es mit den anderen beiden Guyanas gemeinsam. Das östliche Guyana ist noch immer französisch. Surinam hat wie die Co-operative Republic of Guyana grosse schwarze und asiatische Bevölkerungsteile, wenig Weisse, ethnisch definierte Parteien, viel Heterogenität und Gegeneinander, viel Armut und Auswanderung

Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, “neue Grenze”, bedeutet das chinesische Wort “Xinjiang” auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-“Sinkiang”, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch “Kafiren”/Ungläubige genannt wurden und das Land “Kafiristan”), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt “wie Milch und Honig” (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische “Kaste”, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder “Königreich Kabul”), der Name “Afghanistan” kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname “Durrani” setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir “mit”), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das “grosse Spiel” der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander “Sprungbrett” aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das “Great Game”, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: “Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.” Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen “Spiel” zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der “Fortsatz” von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den “kirgisischen Banditen” nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem “Grenzvolk” geworden waren. Die Begriff “Nuristan” (Land des Lichts) für das Land und “Nuristani” für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle “Kafiren” oder “Kafiristanis” bzw “Kafiristan”. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB “gebunden”. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman “Risiko” heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem “Staat Afghanistan” wurde das “Königreich Afghanistan”, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan “die Drehscheibe des asiatischen Schicksals”. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als “Durchgangsland” auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen “Hierarchie” ganz oben; früher waren mit “Afghanen” nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. “Afghane” ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also “Land der Paschtunen”. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens “mitgenommen” zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als “Farsiwan” zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische “Falschheit” definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist “Nuristani” evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der kurze Krieg im Süd-Atlantik 1982 und seine Implikationen

1982: Im Mai eroberten iranische Truppen den vom Irak besetzten Teil ihrer Provinz Khusestan zurück, womit der Krieg zu Ende hätte sein können, nun begann aber das islamistische Regime einen Gegenangriff auf den Irak. Im Juni nahm Israel einen palästinensischen Anschlag in London zum Vorwand für eine neue Intervention im Libanon, die einer Invasion gleichkam, um im dortigen Bürgerkrieg auch seine Ansprüche durchzusetzen, und das war die Vertreibung der PLO aus Beirut. Im November folgte Andropow in der Sowjetunion dem verstorbenen Brejschnew als Sekretär der KP (De facto-Staatschef), einen Monat nachdem in der BRD Kohl Schmidt als Kanzler “gestürzt” hatte. Der Roman “La casa de los espíritus” (Das Geisterhaus; eine Art historischer Roman über Chile anhand einer Familie) von der Exil-Chilenin Isabel Allende kam heraus, zunächst in Spanien; “E.T.” von Steven Spielberg kam in die Kinos. Und im März und April nahmen argentinische Truppen zwei von ihnen beanspruchte, britisch verwaltete Inselgruppen ein, was einen Krieg zur Folge hatte. Die Royal Navy stellte die alte Ordnung im Südatlantik wieder her, die britische Herrschaft wurde von April bis Juni 1982 nur unterbrochen. In diesem Krieg, einer der ersten, die ich bewusst miterlebte, steckte auch viel Weltpolitik und -geschichte.

Diese Malvinas/Falklands sind mit 12 000 km² grösser als man meinen möchte, grösser als Korsika oder Kreta (auch wenn sie nur 2500 bis 3000 Einwohner haben)! Sie bestehen aus zwei grösseren und mehreren kleinen Inseln, sind also eigentlich ein Archipel. Die Yaghan/Fueguinos aus Feuerland sind wohl zu den Inseln gefahren. Im Zuge der europäischen Erforschung Amerikas wurden sie neu entdeckt, es ist umstritten von wem zuerst. Das danach entstandene spanische Vizekönigreich des Rio de la Plata umfasste in etwa Argentinien, Uruguay, Bolivien, Paraguay; der von Mapuche/Araukanern besiedelte Süden war de facto ausserhalb spanischer Kontrolle. Die Malvinas liegen etwa 500 km vor der Küste dieses Südens. 1690 landeten Engländer auf den Inseln, zeichneten sie unter ihrem heutigen offiziellen Namen in Karten ein und begründeten einen Anspruch auf sie. Im 18. Jh kamen Franzosen, brachten Siedler und einen anderen Namen, “Iles Malouines”, nach der Stadt St. Malo. Das spanische Rio de la Plata beanspruchte dann auch die Inseln und Frankreich gab sie auf. Zur selben Zeit, um 1765,  gründeten Briten auf der westlichen der beiden Inseln eine Station. Es folgte eine spanisch-britische Auseinandersetzung, 1774 gaben die Briten die Inseln auf, obwohl sie aufgrund ihrer Nähe zur Kap Hoorn-Route strategisch wichtig waren.

Es war ein britischer Invasionsversuch am Río de la Plata zu Beginn des 19. Jh, der von Siedlern abgewehrt wurde, was ihrer Unabhängigkeitsbewegung Auftrieb gab. Von der Auflösung bzw Umwandlung des Vizekönigreichs zur Entstehung der Nachfolgestaaten war es hier ein langer Weg. Spanien zog von den Malwinen ab (1811), es blieben einige Siedler. Buenos Aires erlaubte dann dem deutsch-stämmigen Händler L(o)uis Vernet landwirtschaftliche Aktivitäten; er brachte neue Siedler, wurde von der Regierung der Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata (ein Vorgängerstaat Argentiniens wie auch Uruguays, der den grössten Teil des Territoriums des Vizekönigreichs übernommen hatte) zu einem Gouverneur über den Archipel ernannte. Dann die Ereignisse der Jahre 1831 bis 1833: Wal- und Robbenfänger-Schiffe diverser Nationen kamen damals in die Gewässer um die Inseln, es entwickelten sich Konflikte um Fischerei- und Jagdrechte, innerhalb derer auch amerikanische Schiffe auf den Inseln von den Argentiniern festgehalten wurden. Der Kapitän eines dieser Schiffe wurde nach Buenos Aires vor ein Gericht gebracht, Vernet begleitete diesen Transport. Vor diesem Hintergrund überfiel das US-amerikanische Schiff “Lexington” die Inseln und nahm Gefangene. Ein Mestivier als neuer Gouverneur sollte dann für Argentinien eine Strafkolonie aufbauen, er wurde durch eine Meuterei seiner Leute getötet. Das Schiff “Sarandi” unter Oberstleutnant Pinedo wurde zu deren Niederschlagung geschickt, er wurde Chef über die Inseln. Der amerikanische Überfall war eine Ermutigung für die Briten, die 1833 mit aus Brasilien kommenden Schiffen die Inseln einnahmen. Es gibt Ähnlichkeiten zu 1982, zB dass aufgrund der numerischen Unterlegenheit der Herren der Insel kaum ein Kampf stattfand, oder der britisch-amerikanische “Doppelpass” gegen die Argentinier. Der Union Jack wurde gehisst, argentinische Siedler und Soldaten vertrieben. Auf en.wikipedia ist dazu zu lesen: “On January 1833 a British task force re-established British rule on the Falkland Islands, ending the influence of Buenos Aires over them.”

Die Argentinische Konföderation, geführt vom Gouverneur von Buenos Aires, Juan Manuel de Rosas, protestierte gegen die Annexion (die in den Jahren danach formal vollzogen wurde), argentinische Regierungen halten seither den Anspruch auf den Archipel aufrecht, haben ihn im besagten Krieg dann für etwa 2 Monate durchgesetzt. Argentinien war damals erst dabei, seine Grenzen gegenüber den Nachbarstaaten zu finden, im Süden wurde Patagonien und Feuerland (genau wie bei Chile) erst im Laufe des 19. Jh von den Mapuche erobert. Patagonien und Feuerland sind ja durch den Beagle-Kanal getrennt, der seinen Namen von einem britischen Schiff hat, das in den Jahren vor der britischen Eroberung der Malvinas/Falklands Vermessungsfahrten an der Küste Südamerikas durchführte. Bei der zweiten Fahrt der “Beagle” wenige Jahre später (auch an den Inseln vorbei, um die es hier geht) war auch der englische Naturforscher Charles Darwin an Bord, schwärmte vom Anblick der Gletscher im südlichen Südamerika, gewann die Erkenntnisse, aus denen er seine Evolutionstheorie entwickelte (bedeutend dafür war der Besuch auf den Galapagosinseln 1835). Die von den Briten nun auf den Malwinen/Falklands angesiedelten Einwanderer stammten hauptsächlich aus Schottland und Wales, daneben aus England, Irland, Gibraltar, Skandinavien. Es entstanden Port Stanley u. a. Siedlungen, Schafzucht wurde eingeführt (das Land war lange auf eine kleine Zahl Grossgrundbesitzer aufgeteilt), daneben Schiffswerkstätten.

Von 1843 bis 1985 wurden die Falkland-Inseln im Rahmen der Falkland Islands Dependencies verwaltet, wozu auch die Süd-Sandwich- und Süd-Georgien-Inseln und dann der britische Antarktis-Sektor (bis 1962) gehörten. In der Umsetzung des britischen Anspruchs auf einen Teil der Antarktis spielten diese subantarktischen Besitzungen eine wichtige Rolle; in der Antarktis gibt es mit den Südlichen Orkney-Inseln noch eine zwischen GB und Argentinien umstrittene Inselgruppe. Mit der Errichtung des Panama-Kanals verlor der Schiffsweg um Südamerika herum Anfang des 20. Jh enorm an Bedeutung, damit auch die Malvinas. Die Inseln spielten in beiden Weltkriegen eine kleine Rolle, im ersten wehrte die britische Marine einen deutschen Angriff ab, im zweiten wurde eine japanische Invasion befürchtet und auch ein Marine-Kommando hingeschickt. Trotz der strategisch relativ wichtigen Lage im Süd-Atlantik war eine Aufrechterhaltung britischer Herrschaft über die Inseln nach diesem Krieg ungewiss, die Siedler (“Kelpers”) mussten mit Schiffen versorgt werden, Schafwolle warf nicht allzu viel ab. Zudem verstärkte Argentinien seine Ansprüche.

Auch Juan Perón erhob sie im Rahmen seiner ersten Präsidentschaft (1946-1955). Argentinische Historiker rollten die britischen Einflussnahmen im Argentinien des 19. Jh auf, die Invasion während der Napoleonischen Kriege, die Rolle bei der Abspaltung von Uruguay, die Besetzung der Malvinas. Briten hatten aber auch die Eisenbahn, Fussball und Tennis nach Argentinien gebracht; ein kleiner Teil der Einwanderer nach Argentinien kam aus GB, wobei hier auch teilweise Iren dazu gezählt werden. Argentinien ging mit seinen Ansprüchen auf die Inseln 1964 zum UN-Komitee für Ent-Kolonialisierung. Es begründete sie mit seinem Status als Nachfolgestaat Spaniens in der Gegend, der Nähe der Inseln zu sich, und ihrer kolonialen Situation. Grossbritannien brachte seine ununterbrochene Verwaltung seit 1833 vor (die es auch als Wiederherstellung von Kontrolle bzw Ansprüchen darstellt) und den Willen der von ihm dorthin gebrachten Siedler. Die UN-Generalversammlung verabschiedete eine Resolution, die beide Staaten zu Verhandlungen über eine friedliche Lösung einlud. Die Verhandlungen gingen von 1965 fast bis zur argentinischen Inbesitznahme 1982, nicht mehr historische Besitzansprüche spielten dabei eine Rolle, sondern Zusammenarbeit und Kompromisse. Die “Kelpers” waren/sind gegen jede Änderung zugunsten Argentiniens, hatten eine Lobby unter konservativen Abgeordneten des britischen Parlaments. Ein gewichtiger Faktor zugunsten einer solchen Änderung waren die Kosten, die die Inseln Grossbritannien verursachten. Nachdem im September 1966 eine peronistische Gruppe ein Flugzeug kaperte und nach Port Stanley entführte, wo sie zwei britische Beamte gefangen nahmen, um eine sofortige Übergabe der Inseln an Argentinien zu erzwingen, wurden die Gespräche zeitweilig abgebrochen. Es wurde daraufhin ein kleines Kontingent der Marineinfanterie in Stanley stationiert.

Besonders die britisch-nordirischen Labour-Regierungen waren zu Zugeständnissen an Argentinien bereit, pochten aber auf Autonomierechte für die “Falkländer”. Durch Streichung von Subventionen für die wöchentliche Schiffsverbindung nach Montevideo, die daraufhin eingestellt werden musste, erreichte die britische Regierung 1971 schliesslich, dass die Falkländer einem Luftfahrtsabkommen mit Argentinien zustimmten. So übernahm die staatliche argentinische Luftfahrtgesellschaft LADE die Verbindung mit dem Festland, betrachtete den Flug aber als Inlandsflug und zwang die Reisenden dazu, eine argentinische Identitätskarte zu akzeptieren, was zumindest für einen grösseren Teil der Falkländer ein grosses Ärgernis war. Die Argentinier erbauten 1972 auch den Flughafen von Stanley, übernahmen andere Infrastruktur-Projekte, ebenfalls mit dem Einverständnis Londons! Argentinische Rechte bei der Versorgung der Inseln wurden erweitert. Die britisch-argentinische Zusammenarbeit ging in den 1970ern überraschend weit, für Argentinien war das zu wenig, für die Kelpers zu viel. In Bezug auf eine Änderung des Status bzw der Besitzverhältnisse kam man nicht voran. Eine Rolle in den dadurch entstandenen Spannungen spielte Derick Ashe, der britische Botschafter in Argentinien zur Zeit der Präsidentschaft von “Isabel” Perón, die Vizepräsidentin ihres Manns in dessen zweiter Amtszeit war und dann seine Nachfolgerin. 1975 wurde eine Autobombe vor der britischen Botschaft gelegt, die einen Wachmann tötete. Mit dem Beitritt GBs zur EG 1973 wurden auch seine Übersee-Territorien, wie die “Falkland Islands Dependencies”, Mitglied.

1976 wieder Militärputsch und -diktatur in Argentinien, die letzte und schlimmste. Isabel Peron (erste Präsidentin des Kontinents Amerika) hatte den neuen Machthaber Videla im Jahr davor zum Generalstabschef ernannt. Die britische Regierung unter Callaghan (Labour Party) scheint ziemlich entschieden für eine Übertragung der Souveränitätsrechte der umstrittenen Inseln an Argentinien gewesen zu sein, wollte/konnte das aber nicht gegen den Willen seiner Einwohner durchziehen. Sie entsandte Edward Shackleton, den Sohn des irisch-britischen Entdeckers Ernest Shackleton (Antarktis), nach Argentinien und zu den Inseln. Einer der Fehler, die argentinische Regierungen in dieser Phase machten, war, auf diese Gesprächsbereitschaft nicht mehr einzugehen. Argentinien wollte keine Übergabe der Souveränität an die Insulaner, was eine Kompromiss-Möglichkeit gewesen wäre. Die Natur des Militär-Regimes in Argentinien, seine Grausamkeiten gegenüber der eigenen Bevölkerung, veränderte die Haltung vieler Politiker der Labour und der Liberal Party in Bezug auf eine Rückgabe dieses Aussengebiets. Die Regierungen von Israel oder USA (unter Reagan) hatten mit der Junta und ihren Chefs Videla oder Viola keine Probleme. Auch in den frühen Thatcher-Jahren (ab 1979) wurden die Verhandlungen über den Falkland- und den Sandwich-Archipel weitergeführt, wurde eine Aufgabe erwogen! Eine interessante Untersuchung wären die Beziehungen, die die Thatcher-Regierung bis 1982 mit dem argentinischen Regime hatte.

Zu Südgeorgien und den Südlichen Sandwichinseln (South Georgia and the South Sandwich Islands/ Islas Georgias del Sur y Sandwich del Sur): sie liegen weiter östlich (1 300 Kilometer von Falkland), mehr in atlantischen und antarktischen als (süd-)amerikanischen Gewässern, waren sicher nicht vor den europäischen Entdeckungsfahrten bewohnt und bekannt, nur bei Walen und Robben, diese wurden nach den englischen Expeditionen im 17. und 18. Jh (Cook, Benennung nach dem Earl of Sandwich, Erster Lord der Admiralität bzw Marineminister, wie auch die zwei Brotscheiben mit Belegung dazwischen, die er gern beim Kartenspielen ass, Inbesitznahme) auch fast bis zur Ausrottung gejagt. Hier gab es keine argentinische Vorgeschichte, aber auch Ansprüche, ab 1925. Keine Bewohner, nur Forscher, Walfänger, Soldaten,… 1977 (nach anderen Quellen 1976) etablierte Argentinien auf der South Sandwich-Insel Southern Thule die Forschungsstation “Corbeta Uruguay”. Grossbritannien sah das damals als Auftakt einer argentinischen Militäraktion (auch auf den Falklands/Malvinas), die aber nicht kam, evtl. deshalb, weil die britische Marine dies mit Vorkehrungen im Rahmen von “Operation Journeyman” verhinderte. Die Argentinier blieben bis 1982 auf den südlichen Sandwichinseln.

Im Dezember 1981 ein Coup innerhalb des argentinischen Regimes, Leopoldo Galtieri (Eltern aus Süd-Italien eingewandert) stürzte Viola, wurde neuer Staatschef. Er war einige Monate zuvor von Reagan in Washington warm empfangen worden, als Vertreter (Generalstabschef) der Diktatur, die auf der “richtigen” Seite im Kalten Krieg stand; dabei wurde die argentinische Unterstützung der Terrorgruppe “Contras”, welche Nicaragua destabilisieren sollte, eingefädelt. An einer Verhandlungs- bzw Kompromisslösung bezüglich der mit GB umstrittenen Gebiete hatte dieses Regime schon gar kein Interesse; 1981 plante es die Invasion, Marinechef Anaya war dabei federführend. Die Invasion wurde auch als Möglichkeit gesehen, das Regime zu retten, das den Rückhalt den es gehabt  hatte, verloren hatte, auch wegen wirtschaftlichen Problemen.

Der argentinische Schrotthändler Constantino Davidoff hatte 1979 eine stillgelegte norwegische Walfangstation in Leith (Harbour) auf Südgeorgien gekauft. Nach einer längeren Suche nach einer preisgünstigen Transportmöglichkeit für den Altmetall bot sich ihm die argentinische Kriegsmarine an, ein Flottentransportschiff zu vermieten. Das Schiff fuhr Mitte März 1982 von seinem Stützpunkt auf Feuerland nach Südgeorgien, wo es 40 Arbeiter an Land setzte, daneben auch Soldaten unter dem Kommando von Alfredo Astiz. Diese hissten die argentinische Flagge. Es ist nicht ganz geklärt, inwiefern Davidoff vom argentinischen Staat eingespannt wurde bzw eingeweiht war. Da der Winter auf der Südhalbkugel gegenüber der Nordhalbkugel um ein halbes Jahr versetzt ist, findet er auch im Süd-Atlantik von Mai bis November statt, er brach also während des Kriegs ein, zu einem für den Angreifer ungünstigen Zeitpunkt; von daher ist eher zu vermuten, dass das argentinische Regime den Schrotttransport spontan als Möglichkeit zum Losschlagen ergriff, ihn nicht selber plante bzw initiierte. Am 19. 3. also die “zivile Einnahme” Süd-Georgiens, dabei erste Kämpfe und Tote (der Kriegsbeginn wird dennoch später angesetzt). Die Briten hatten im Süd-Atlantik nur das Patrouillenschiff “HMS Endurance” sowie eine kleine Einheit von Soldaten auf den Malwinen. Die Endurance sollte im August 1982 ausser Dienst gestellt werden, aus Einsparungsgründen. Nun wurde sie von den Malwinen nach Südgeorgien geschickt, mit Soldaten. Die Argentinier hatten aber inzwischen ein weiteres Schiff mit Soldaten geschickt.

Die Landung der Argentinier, Tausender Soldaten, auf den Malvinas/Falklands am 2. 4. (Operación Rosario), wird als Kriegsbeginn gesehen. Das kleine Kontingent der britischen Marines leistete etwas Widerstand. Am Abend dieses Tages wurden Gouverneur Rex Hunt und die Soldaten nach Montevideo ausgeflogen. Am folgenden Tag nahmen die Argentinier auch Georgien & Sandwich militärisch ein und  –  Thatcher kündigte die Verschickung der Marine in den Süd-Atlantik an. Ihr Aussenminister Carrington (später NATO-Generalsekretär) trat zurück, auch Verteidigungsminister Nott bot ihn an; sie wollten die politische Verantwortung für die Besetzung dieser Ausengebiete übernehmen. In Argentinien wurde der Schritt vom Grossteil der Bevölkerung begrüsst; wo Tage zuvor Gewerkschaften gegen das Regime demonstriert hatten, gab es Freudens- und Solidaritätskundgebungen; das war für das Regime ebenso wichtig wie diese territoriale Frage an sich.

Argentinien hatte (bis 1995) die Wehrpflicht, die überwiegende Mehrheit der eingesetzten Landtruppen (Armee) waren Wehrpflichtige, sowie viele in der Marine. Die meisten der 1982 Eingezogenen waren Jahrgang 1963 und hatten gerade einmal drei Monate militärische Grundausbildung hinter sich, als sie zu den Inseln in den Krieg geschickt wurden. Etwa 10 000 Soldaten kamen auf die Inseln, unter General Mario Menendez. Unter den (direkt oder indirekt beteiligten) Offizieren des argentinischen Militärs befanden sich viele in Grausamkeiten der Diktatur gegen Argentinier verwickelte, zB Alfredo Astiz. Und auch der Anführer von zwei militärischen Erhebungen gegen die Post-Diktatur-Präsidenten Alfonsin und Menem, Mohamed Alí Seineldín, der drusischer libanesischer Herkunft war, kämpfte auf den Malwinen. In Grossbritannien wiederum war die Militärpflicht zuletzt von 1939 bis 1960 in Kraft, die letzten Wehrpflichtigen haben das britische Militär 1963 verlassen. Daher wurden auch nur Berufssoldaten in den Süd-Atlantik geschickt. Ende April schwamm, von Portsmouth, eine ganze Flotte den Atlantik hinunter, hauptsächlich also Marine: 36 Kriegsschiffe, darunter zwei Flugzeugträger, U-Boote,… Die Insel Ascension war dabei als Zwischen-Station wichtig. Generalstabschef (Chief of Defence Staff) war damals Terence Lewin. Oberkommandierender von “Operation Corporate” war Admiral John Fieldhouse, sein Stellvertreter war der für die Landstreitkräfte zuständige Generalmajor Jeremy Moore. Teile des Parachute-Regiments, für Massaker in Nord-Irland verantwortlich (u.a. den Bloody Sunday in Derry 1972), stellten den wesentlichen Bodenkampfverband, wurden teilweise aus Nordirland abgezogen. Die nepalesischen Gurkhas nahmen auch hier an englischer Seite teil, machten gegen Geld alles, was man von ihnen wünschte.

Die ersten Begegnungen von Schiffen und Flugzeugen der beiden Seiten gab es, als der diplomatische Prozess um eine Kriegsverhinderung unter UN-Vermittlung noch im Gange war, weshalb es vorerst keine Gefechte gab. Die USA unter Reagan verhandelte etwas zum Schein bevor sie sich auf die britische Seite stellte. Die massive britische Truppen-Verschickung war nur durch eine amerikanische Spende von ca. 55 000 Tonnen Flugtreibstoff möglich. Die USA-Regierung lieferte auch Waffen um 60 Millionen Dollar. Irland erklärte sich gegen die EG-Linie neutral. Die meisten Unterstützer der argentinischen Militär-Diktatur fielen um, als es um diesen Territorialkonflikt mit einem westeuropäischen Staat ging… Israel scheint wenigstens hier konsequent gewesen zu sein; die Kampfjets der Argentinier stammten zT von den Israel Aerospace Industries. Das chilenische Regime unter Pinochet, auch eine rechte Militärdiktatur, unterstützte die Briten, der Beagle-Kanal-Grenzkonflikt war eine Wurzel der Spannungen mit Argentinien. Wegen der Gefahr eines Zweifrontenkriegs behielt Argentinien einige seiner besten Einheiten an der südlichen Grenze mit Chile. Einige lateinamerikanische Staaten, wie Peru, unterstützten Argentinien. Brasilien erklärte sich neutral, hat Argentinien dann angeblich logistisch unterstützt. Der Spion für die Sowjetunion in der südafrikanischen Marine, Dieter Gerhardt, hat damals angeblich Informationen über Schiffe der britischen Marine im Süd-Atlantik weitergegeben, die bei den Argentiniern gelandet sein könnten; bei der rabiat anti-kommunistischen Diktatur…

Noch bevor es auf den Falklands/Malvinas losging, eroberten die Briten Südgeorgien zurück. Am 1. Mai begannen britische Luft- und Seeangriffe auf die Falklands – der eigentliche Kriegsbeginn. Der Angriff auf den Flugplatz von Puerto Argentino/Port Stanley hat Argentinien wenig geschadet, denn er war kein geeigneter Flughafen für Kampfjets; Argentinier mussten auch nach der Einnahme der Inseln vom Festland oder von Kriegsschiffen starten. Und, Argentinien wurde durch die britischen U-Boote bald von der See-Versorgung zu den Inseln abgeschnitten. GB hatte nach der argentinischen Landung auf den Malvinas eine Kriegs-Ausschluss-Zone um die Inseln verhängt, vergrösserte sie am 30. April auf 370 km Radius. Das argentinische Kriegsschiff “ARA General Belgrano”, früher ein USS, das den Pearl Harbor-Angriff überstanden hatte, war ausserhalb der Zone, als es am 2. Mai von einem U-Boot versenkt wurde (“Gotcha” triumphierte die “Sun”). Danach blieben Argentinier mit ihren Schiffen von den Inseln weg, abgesehen von ihrem einen U-Boot. Argentinische Kampfjets konnten mit (französischen) “Exocet”-Raketen die “Sheffield” versenken, das erste Schiff der britischen Marine seit dem 2. Weltkrieg, das versenkt wurde.

"Grüsse an den kleinen Prinzen" auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der "Invincible", soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)
“Grüsse an den kleinen Prinzen” auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der “Invincible”, soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)

Ein entscheidender Schritt war die Landung der Briten auf den Inseln Ende Mai, in der San Carlos-Bucht, im Norden von Ost-Falkland/Isla Soledad. Davor hatten sie schon Pebble überfallen, eine der kleinen Inseln des Archipels. Danach wurde es ein Landkrieg, begleitet von See- und Luftkämpfen, ein Vorrücken der Briten. Die Argentinier konnten die “Ardent” und andere Kriegsschiffe vernichten. Die Goose Greene-Schlacht bedeutete einen entscheidenden Durchbruch der Briten. Um die Schlacht von Mount Longdon (teilweise Mann gegen Mann, mit Bajonetten) drehen sich besonders viele britische Heldengeschichten. Am 11. Juni begann der Angriff auf Port Stanley/Puerto Argentino, am 14. Juni einigte man sich auf einen Waffenstillstand. Die etwa 10 000 argentinischen Soldaten auf den Inseln unter General Menendez kamen in Gefangenschaft, 1 800 davon waren bereits vor dem Fall von Stanley gefangen genommen worden, die meisten bei den Eroberungen von Darwin und Goose Green. Auf umfangreiches Kriegsmaterial der Argentinier fiel den Briten im Laufe des Kriegs in die Hände. Am 20. Juni besetzten die Briten auch die South Sandwich Islands, womit der Guerra del Atlántico Sur endgültig zu Ende war

Rund um den Krieg gab es einige Operationen von Geheimdienst- oder Spezialeinheiten, etwa Operation Algeciras: ein Versuch des argentinischen Militärs, während des Kriegs von Spanien aus ein britisches Kriegsschiff in Gibraltar (ein anderes britisch besetztes Gebiet) durch Haftminen zu sabotieren. Admiral Anaya, einer der Initiatoren der Aktion auf den Inseln vor der argentinischen Küste, stand auch hier dahinter. Dafür wurden sogar zwei (frühere) Montonero-Kämpfer (jene Guerilla, die gegen die Diktatur kämpfte) mit Unterwasser-Erfahrung rekrutiert! Die Aktion wurde durch einen britischen Geheimdienst verhindert, die spanischen Behörden wurden auf die Argentinier angesetzt, Premier Calvo Sotelo nahm sich der Sache an, die drei involvierten Argentinier wurden zurückgeflogen. Auf britischer Seite wurden Kämpfer des Special Air Service (SAS) von der “Invincible” mit einem Hubschrauber nach Süd-Chile gebracht, von wo sie ins argentinische Feuerland eindringen sollten, Luftwaffenbasen aufsuchen und Kampf-Flugzeuge zerstören. Auch sie mussten ihre Aktion abbrechen, da tausende argentinische Soldaten auf der Suche nach ihnen waren. Dann gab es den Horchposten in Fauske in Norwegen, wo Informationen von sowjetischen Satelliten über dem Süd-Atlantik abgefangen und an die Briten weiter gegeben wurde, Infos über die Lage argentinischer Schiffe. Die BBC hat, teilweise über ihr World Service, in zumindest 2 Fällen die Argentinier ungewollt, trotz Militärzensur, vorgewarnt bzw aufmerksam gemacht, etwa über den geplanten Angriff auf Goose Green.

Die 2 ½ Monate Krieg (eigtentlich 1 ½) forderten ca. 1000 Tote (700 Arg./300 GB). Sowohl auf britischer als auch auf argentinischer Seite waren die meisten Gefallenen sowie Verwundeten Opfer von Luftangriffen auf Schiffe; auf argentinischer Seite starben alleine 323 auf der “Belgrano”. Die meisten getöteten argentinischen Soldaten gehörten der Armee an (waren aber wohl zu einem grossen Teil auf Schiffen), getötete Briten v.a. der Marine (die meisten Opfer gab es unter der Besatzung der “Ardent”). Zivilangestellte des Militärs auf beiden Seiten wurden getötet, an “echten” Zivilisten starben drei Falkländer durch “freundliches Feuer” der Briten bei der Bombardierung Stanleys. Nur ein Brite, ein “Harrier”-Pilot, kam in Kriegs-Gefangenschaft, die Tausenden Argentinier wurden mit einem Schiff auf ihr Festland “entlassen”, nur einige Offiziere blieben etwas länger in britischer Gefangenschaft. Die zurückgekehrten Soldaten wurden in Argentinien mehrere Tage in einer Kaserne bei Buenos Aires eingesperrt und zum Schweigen verpflichtet – das muss ungefähr in jenen Tagen gewesen sein, als in Plymouth eine Siegesparade stattfand. Bevor die Kämpfe losgingen einigten sich beide Seiten auf eine Stelle auf hoher See (“Red Cross Box” genannt), wo Lazarettschiffe stationiert wurden. Verletzte Argentinier wurden auch in Comodoro Rivadavia in Patagonien behandelt, auf einer der wichtigsten Luftwaffenbasen.

So wie der Schriftsteller Ernesto Sabato waren viele argentinische Regimegegner für den Krieg bzw die (Rück-) Eroberung. Sein Kollege Jorge Luis Borges, der auch britische Vorfahren hatte, ein Gegner Perons, unterstützte dagegen die Militärdikatur bis zum Krieg um die Malouines, den er mit einem Kampf zweier alter Männer um einen Kamm verglich. UCR-Chef Alfonsin, damals so etwas wie ein Oppositionsführer zur argentinischen Dikatur, war ebenfalls gegen die zum Krieg führende Besetzung gewesen. Grossbritanniens Oppositionschef Neil Kinnock (Labour Party) attackierte Premierministerin Thatchers zum Krieg führende Politik; auch hier gegen die Bevölkerungs-Mehrheit, die wiederum die meisten Regierungsgegner umfasste. Im konservativen “Daily Mirror” wurde gegen den Krieg geschrieben. Während der Krieg in Argentinien half, die Diktatur zu stürzen, bewirkte er in GB einen Beliebtheits-Aufschwung für die konservative Regierung unter Thatcher (Wahlen 1979-1983). In den Tagen nach dem Fall von Stanley wurde Galtieri von Teilen des Militärs zum Rücktritt gedrängt, General Bignone rückte nach, setzte Wahlen an, bereitete das Ende der Diktatur vor (Amnestiegesetze, Vernichtung von Material,…). Im Oktober 1983 die Wahl von Präsident und Parlament (die erste seit 1973), Sieg von Raul Alfonsin und der UCR, über die peronistische PJ. Alfonsin leitete als Präsident die Demokratisierung.

Das britische Aussenministerium hat Ende April, noch bevor der Krieg richtig losging, in Argentinien lebende Briten zum Verlassen des Landes aufgefordert. Der argentinische Fussballer Osvaldo Ardiles, Weltmeister 1978, zur Zeit des Kriegs bei Tottenham in London engagiert, hatte einen Cousin der im Krieg fiel. Er verliess den Klub am Saisonende zu Paris St. Germain, kam aber wieder. Davor war die WM 1982, das argentinische Team spielte trotz Maradona ein schlechtes Turnier. England kam ebenfalls in die Zwischenrunde, direktes Aufeinandertreffen gab es keins, das gab es beim nächsten Turnier

Der Konflikt beinhaltet die umfangreichsten Luft-See-Kämpfe seit dem 2. Weltkrieg. Als solcher wurde er auch militäranalytisch und -historisch gründlich untersucht. Die Verwundbarkeit von Schiffen, gegenüber U-Booten und Raketen, mussten beide Seiten erfahren. Argentinien hatte vor allem an Schiffen viel weniger als Briten. Ausserdem erwiesen sich seine beiden “Start-Vorteile” nicht als solche: Die numerische Überlegenheit war die einer Armee von schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen, die oft aus subtropischen Gefilden im Norden des Landes stammten und in den subantarktischen Winter geschickt wurden, zudem oft ohne angemessene Kleidung, Verpflegung oder Waffen von ihren Offizieren “verheizt” wurden, gegen einen gut ausgerüsteten und ausgebildeten Feind, der das Klima und die Vegetation von zu Hause zumindest annähernd kannte. Zum anderen, der geografische Vorteil der Argentinier durch die Nähe: Da auf den Inseln kein geeigneter Flughafen war, mussten die Kampfjets vom Festland oder Kriegsschiffen starten und mit seiner U-Boot-Überlegenheit hielt GB zweitere vom Kampfschauplatz fern. Die argentinische Luftwaffe erfüllte ihre Aufgabe im Krieg gut, ansonsten gab es viel militärische Inkompetenz im Militärregime, zB nach der britischen Landung auf den Inseln stundenlanges Zu-Warten mit einer Antwort, das es dem Gegner erlaubte, in San Carlos einen Brückenkopf zu errichten.

Was das Politische betrifft, in der argentinischen Junta hatte man zwei entscheidende Dinge fälschlicherweise angenommen: GB würde wahrscheinlich nicht militärisch reagieren; und die USA würde sich nicht auf deren Seite stellen. Die argentinische wie die britische Regierung stand innenpolitisch unter Druck, beide nutzten die Kriegstreiberei als Ventil bzw Instrument. Es hat sich bestätigt, dass mächtige Verbündete genau so wichtig sind wie militärisches Material, und Argentinien wurde vom Westen nicht als gleichberechtigt gesehen. Argentinien, so etwas wie das weisseste Land Lateinamerikas, ist durch den Krieg ein Stück näher an Lateinamerika herangerückt. Viele Argentinier diskutieren noch heute, warum es eigentlich kein romanisches/lateinisches Staaten- oder Verteidigungsbündnis gibt, wo auch Spanien oder Italien mitmachen. Freunde der argentinischen antikommunistischen Militärdiktatur, ob die US-amerikanischen Regierung oder die rechten bundesdeutschen Medien, waren im Krieg mit Grossbritannien plötzlich auf der Gegenseite. Nun ja, islamophobe Kulturkrieger, die sich gerne auf die spanische „Reconquista“ beziehen in Bezug auf Europa und Moslems, werden auch sehr ruhig, wenn “Rückeroberung” von anderer Seite im Hinblick auf den Südwesten der USA, Mexikaner und Einwanderung bemüht wird. Die Sowjetunion hat einmal mehr im Nord-Süd-Konflikt dem Süden geholfen, wenn hier auch nur sehr, sehr leicht (s.o.).

Ein weltpolitischer (bzw zeitgeschichtlicher) Aspekt sind hier auch Europas letzte Kolonien. Jene, deren Status die Entkolonialisierung nach dem 2. WK bislang überstanden hat. Es gibt noch einige „Aussenposten“, v.a. von EU-Staaten, v.a. von Grossbritannien und Frankreich, in der Karibik oder im Südpazifik oder vor Afrika. Nicht immer ist dieser Status eindeutig, siehe Kanaren oder Sibirien. Der Entkolonialisierungsprozess ist auch die letzten Jahrzehnte weitergelaufen, Ost-Timor oder Hongkong wurden vor nicht allzu langer Zeit unabhängig oder zurückgegeben. Die ehemaligen Niederländischen Antillen sind Kandidaten für baldige Unabhängigkeit. Unabhängigkeits- bzw Irredenta-Bestrebungen und die daraus resultierenden Spannungen wie in Neu-Kaledonien/Kanaky sind hier (noch) die Ausnahme; es gibt auch einige von Europa abhängige Gebiete, deren Bewohner die Bindungen an Europa überwiegend wollen, wie Pitcairn (auch wenn sie nicht, wie auf den Falklands/Malvinas, von der Kolonialmacht einst dort angesiedelt wurden). In französischen Gebieten gibts da mehr Konflikt-Potential, bei denen ist auch die bisherige/frühere Entkolonialisierung mit viel mehr Gewalt verlaufen (Indochina, Algerien,…). Grossbritannien hat sich eigentlich nur wenig gegen die Entkolonialisierung von ihm gehaltener Gebiete gewehrt, etwa in Indien, Kenia oder Ägypten (eines der Gebiete, wo es versuchte, über die Unabhängigkeit hinaus Einfluss zu behalten); die Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien als USA von Grossbritannien im 18. Jh ist mit Malvinas/Falklands vergleichbar, insofern als die dabei handelnde Bevölkerung (bzw ihre Vorfahren) als Siedler der Kolonialmacht dorthin gebracht wurden. Die dort einheimischen Völker (“Indianer”) wie auch die als Zwangsarbeitskräfte dorthin deportierten Afrikaner wurden zwar eingespannt, waren aber keine Handelnden. Malvinas/Falklands ist auch mit anderen Gebieten mit (früheren) irredentistischen Bestrebungen zu vergleichen, wie Hongkong (> China) oder der Panama-Kanal-Zone (> Panama), mit der Besonderheit, dass hier ja 1833 die argentinische Bevölkerung von den Inseln vertrieben wurde, der Irredentismus daher nicht von der Bevölkerung des betreffenden Gebiets ausgeht sondern von Argentinien.

Ein weiterer Aspekts dieses Kriegs sind Nuklearwaffen; Grossbritannien hat(te) welche, hat sie nicht eingesetzt, Argentinien hat damals daran gearbeitet. Unter der Militär-Diktatur wurden ab 1978 eine Plutonium-Wiederaufbereitungsanlage in Ezeiza und eine Uran-Anreicherungsanlage in Pilcaniyeu gebaut, die auch dem Bau von Atomwaffen hätten dienen können; sowie an der Condor-Rakete, einem potentiellen Träger für Nuklearwaffen. Mit der Demokratisierung, unter Alfonsin, kam das Programm unter eine zivile Kontrolle, und wurde militärische Nutzung ausgeschlossen. Ein Teil der britischen Schiffe, die sich auf den Weg in den Südatlantik machten, kamen direkt von ihren Patrouillenfahrten im Nordatlantik, wo sie mit ballistischen Interkontinentalraketen ausgerüstete Unterwasserschiffe der sowjetischen Marine zu überwachen hatten. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der vor den Falklands/Malvinas positionierten Schiffe Nuklearwaffen an Bord hatte. 2003 musste das britische Verteidigungsministerium dies gegenüber “The Guardian” nach einem langen Rechtsstreit bestätigen. Ein Einsatz der Waffen sei jedoch von Anfang an ausgeschlossen worden. Zudem seien diese Schiffe nicht in die Nähe der Inseln gekommen. Der schottische Labour-Abgeordnete Tam Dalyell verfocht querulatorische Thesen zum Krieg, dass die Versenkung der “General Belgrano” ebenso vermeidbar gewesen sei wie der ganze Krieg (Thatcher habe die “Belgrano” nur versenken lassen, um einen Friedensplan platzen zu lassen, den der peruanische Präsident Belaunde Terry kurz zuvor mit dem US-Aussenminister Haig entworfen hatte) und dass die britische Regierung einen nuklearen Angriff auf eine argentinische Stadt, zumindest aber die Drohung damit, erwogen habe. Für Argentinien wäre eine Schiffbau- und Waffenindustrie (oder aber zuverlässige Lieferanten) wichtiger als eine atomare Militärkapazität gewesen.

An dieser Stelle seien einige kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien angerissen, Stoff für Gedankenspiele oder Romane. Durchwegs keine wünschenswerten Szenarien! Brasilien greift die britische Flotte unterwegs an, verwegen schon allein wegen der damaligen Spannungen der beiden (ähnlichen) Regime. GB setzt Atomwaffen gegen Argentinien ein. Die Sowjetunion bzw der Ostblock nutzt die Schwächung der NATO-Nordflanke durch britische Truppenbewegungen. Ein argentinischer Sieg, welche Folgen hätte er gehabt. Welchen Teil des Kriegsverlaufs müsste man abändern um einen argentinischen Sieg zu ermöglichen?

Die engen Beziehungen der Inseln zum argentinischen Festland sind durch den Krieg Geschichte. Nicht nur, weil Grossbritannien eine Verbotszone für Schiffe und Flugzeuge um die Inseln unter Androhung militärischer Gewalt aufrecht hält. Es hat auch seine militärische Präsenz auf den Inseln enorm ausgeweitet, für jährliche Kosten von etwa 200 Millionen Pfund. Es wurde mit dem “RAF Mount Pleasant” ein Militär-Flughafen gebaut, wo vier hypermoderne Kampfjets vom Typ “Typhoon” stationiert sind, die regelmäßig zu Patrouillenflügen aufsteigen; und der auch zivile Langstreckenflüge ermöglicht. Dazu kommen eine Fregatte und eine mit allen technischen Schikanen ausgestattete Radarüberwachung. Möglicherweise auch Atomwaffen. Die Garnison wurde auf 1300 Soldaten aufgestockt. Die Inselbewohner bekamen 1983 die “vollwertige” britische Staatsbürgerschft. Süd-Sandwich & Süd-Georgien wurden 1985 verwaltungstechnisch von den Malvinas/Falklands abgetrennt; mit der selben Gesetzes-Änderung wurde die Selbstverwaltung der Inselbewohner gestärkt. Das Strassennetz wurde ausgebaut. Die Minen, die in manchen Gegenden vom Krieg noch lagerten, wurden spät geräumt. Einwanderung aus GB, Saint Helena und Chile steht einer Auswanderung nach GB (v.a. Southampton) gegenüber. Heute leben ungefähr gleichviele Soldaten wie Zivilisten auf diesen Inseln. Fast 80 Prozent der Insulaner leben in Stanley. Wenn eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegt, das geschieht bis zu zehnmal im Jahr, kommen auf einen Schlag mehr Touristen in den Ort, als es dort Einwohner gibt.

Das Malwinen-Becken um die Inseln enthält erdölhaltige Schichten, die Erkundung hat schon begonnen, dies und die Ausweitung der Fischerei sorgen für aktuelle Spannungen mit Argentinien. Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner hat Grossbritannien zudem vorgeworfen, die Inseln zu einem der am stärksten militarisierten Gebiete der Welt gemacht zu haben. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten wurden 1989/1990 wieder hergestellt. Argentinien hält seine Ansprüche aufrecht. Buenos Aires hat es geschafft, Lateinamerika in der Malvinas-Frage hinter sich zu vereinen; der Konflikt belastet Grossbritanniens Beziehungen zu allen Ländern der Region. GB würde die Inseln gegen den Willen der Siedler nicht aufgeben (Referendum 2013 für Verbleib), nach dem Krieg schon gar nicht, und mit Öl sowieso nicht. Die Reise von Argentinien zu den Inseln, die auch manche Kriegs-Veteranen antreten, ist teuer und umständlich, der einzige Flug geht über Chile.

Das demokratische Argentinien tut sich schwer im Umgang mit dem Krieg, auch wenn “Las Malvinas son Argentinas” schnell daherkommt. Die damalige Diktatur ist damit verbunden, eine Niederlage, und die Frage, inwiefern die Malwinen ein tatsächliches Anliegen sind; Argentiniens Platz in der Welt. Der Veteranenverband CECIM (Centro de Ex-Combatientes Islas Malvinas) behandelt auch Misshandlungen von Soldaten durch Vorgesetzte während des Krieges, versucht, diese vor Gericht zu bringen. Manche Offiziere deckten sich in den Pubs der Insel mit Whisky ein, heisst es, haben sich verdrückt, als es ernst wurde, viele hatten der Diktatur als Stützen gedient, auch als Folterknechte gegen Oppositionelle, behandelten die eigenen Rekruten gewissermaßen als Feind. Bis 1991 erhielten die Veteranen keine Pension, dann sprach ihnen der damalige Präsident Carlos Menem (PJ; Alfonsins Nachfolger) eine Kriegspension in Höhe eines halben Mindestlohns zu. Heute erhalten sie 1200 Pesos monatlich, rund 300 Euro. Die Pensionen sind so begehrt, dass sich manche die Unterstützung erschwindeln. Viele sind verstümmelt. Schätzungsweise 350–500 argentinische Kriegsveteranen haben Selbstmord begangen, und 250-300 britische.

Von einem Eduardo Quiroga kam 1986 “On Foreign Ground” heraus, Ravensburger brachte es 1988 unter dem Titel “Auf fremder Erde”. Es handelt sich um einen Brief- und Tatsachenroman, dessen Fiktionalität nicht gleich erkennbar ist. Der Argentinier “Enrique Molina”, die Engländerin Sarah, der Krieg; es geht aber auch um das Land, die Diktatur, Sekundär-Charaktere wie “Monkey”. “Eduardo Quiroga” soll Pseudonym eines (damals) in Paris lebenden Argentiniers sein. Auf Spanisch wurde der Roman gar nicht veröffentlicht; von diesem Autor kam zumindest unter diesem Namen sonst nichts raus. In dem Roman wird der Krieg als sinnlose Militäraktion der argentinischen Junta dargestellt, dabei aber die britische Aneignung von Territorien rund um die Welt ebenso unkommentiert gelassen wie die Unterstützung dieser Junta durch die westlichen Staaten. “Pures Gold” sind die Einblicke, die der Roman in die Geschichte Argentiniens ermöglicht, etwa in der Beschreibung der Rückkehr Perons aus Spanien 1973, wie auch Szenen aus dem Krieg wie jene, als dieser “Molina” und andere Soldaten in ein verlassenes Haus eines Siedlers auf den Inseln eindringen und an den Wänden Bilder seiner mutmaßlichen Heimat, den schottischen Shetland-Inseln, erblicken; Molina denkt sich, dieser Mensch ist um die halbe Welt aus-gewandert, um auf einer Insel zu landen, die genau so aussieht wie jene von der er kommt. Authentisch sein dürfte das aus den Briefen des im Krieg gefallenen britischen Offiziers David Tinker an seine Familie zusammengestellte “Kriegstagebuch”, von seinem Vater Hugh 1983 herausgegeben: “A Message from the Falklands” bzw “Das kurze Leben des Leutnants zur See David Tinker (1957-1982)”.

Der Krieg wurde auch in weiteren Büchern, Filmen, Liedern, Computer-Spielen verarbeitet. “Elvis Costello”, Brite irischer Herkunft, brachte 1983 den Song “Shipbuilding” heraus, in dem es darum geht dass Jobs in Städten mit Schiffbauindustrie nur auf Kosten von im Krieg verlorenen Leben kamen. Im Film “Whoops Apocalypse” (“Die Bombe fliegt”; 1986; zu Grunde lag eine TV-“Sitcom”) geht es um den Konflikt ähnlich dem Falkland-Krieg, zwischen GB und einem fiktiven karibischen Inselstaat über eine gleichfalls fiktive Insel namens “Santa Maya”. Jorge Luis Borges schrieb 1985 ein kurzes Gedicht, “Juan López y John Ward”, über je einen dort gefallenen Soldaten beider Seiten. Aus der Sicht argentinischer Rekruten behandelt der Spielfilm “Iluminados por el fuego” (Vom Feuer erleuchtet) den Krieg.

Insbesondere britische Autoren haben den Krieg (militär-) historisch aufgearbeitet, aus ihrer Sicht. Von Lawrence Freedman stammt die offizielle Darstellung, Hastings und Jenkins haben auch ein maßgebliches Buch verfasst. Auf Spanisch wie auf Deutsch existieren nur wenige Publikationen zu diesem Krieg; jene von Ruben Moro gibt es auf Spanisch und Englisch. Der deutsche Wiki-Artikel hat teilweise einen Hang zum britischen Standpunkt, was v.a. auf den Benutzer “HeidoHeim” zurück geht, der Abschnitt über die Belgrano-Versenkung, evtl auch jener über die Verhandlungen in den 1970ern. Überhaupt, Militaristen sind hier lieber auf der britischen Seite, siehe dazu auch diese Darstellung eines österreichischen Militär-Historikers, wo auch das “Heroische” am Sieg herausgestrichen wird. Auf Youtube eine halbwegs objektive Doku zu finden, ist auch schwer.

  • Über mögliche britische Kriegsverbrechen
  • Der Krieg aus sozialistischer Sicht (Englisch)
  • Hier geht es um Iren auf den Falklands/Malvinas, auch jene (Auswanderer), die 1982 entweder in der britischen oder der argentinischen Armee (gegeneinander) kämpften! Einigermaßen ausgewogen, Geschichten vom Krieg. Iren kämpften auf beiden Seiten, im britischen Heer waren das (Nachkommen von) Auswanderer(n) sowie Nord-Iren, im argentinischen Nachkommen von Auswanderern. Irische Argentinier, die gut Englisch konnten, wurden für Übersetzungs-Arbeiten eingesetzt, sei es für abgefangene britische Kommunikation, oder im Umgang mit den Insel-Bewohnern (manche Quellen wissen hier von Misshandlungen zu berichten). Iren bzw Irisch-stämmige hatten auch schon beim Osteraufstand gegen die britische Herrschaft in Irland gegen Iren auf der anderen Seite gekämpft, im USA-Bürgerkrieg, oder im Südafrikanischen Krieg (Anglo-Buren-Krieg)
  • Fotos (Beschreibungen auf Spanisch)
  • http://www.theguardian.com/uk-news/2014/nov/27/british-falklands-veteran-meet-family-argentinian-soldier-killed
  • Ach ja, und Carol Thatcher, die Tochter der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, drehte einen “Dokumentarfilm” über “Mummy’s war” – “Mamas Krieg”

 

Punkte, zu denen ich keine Informationen fand, sind:

  • Die Position des südafrikanischen Apartheid-Regimes damals
  • Wie war die Schmerzbehandlung von Verletzten auf beiden Seiten mit Opiaten?
  • Gab es eine argentinische Militär-/Geheimdienstaktion auf Ascension?

Falls jemand dazu etwas weiss, bitte um Informierung über die Kommentarfunktion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bounty und andere Meutereien in der Geschichte

William Bligh aus Plymouth erhielt mit 21 Jahren die Chance, als Navigator an James Cooks dritter Südsee-Expedition von 1776 bis 1779 teilzunehmen, wurde dabei Augenzeuge von Cooks Ermordung auf Hawaii. Danach nahm er am Krieg gegen die nach Unabhängigkeit von Grossbritannien strebenden 13 amerikanischen Kolonien teil. Nach Kriegsende nahm er seinen Abschied von der Marine und befehligte ein Handelsschiff, das im Rum- und Zuckergeschäft zwischen England und der Karibik verkehrte. Dabei lernte er den Adeligen Fletcher Christian kennen, den späteren 2. Offizier der Bounty und Anführer der Meuterer, mit dem ihn anfangs eine Freundschaft verband. Auf Betreiben seines Förderers, des Naturforschers Joseph Banks, kehrte Bligh 1787 in den Dienst der Admiralität zurück und erhielt das Kommando über das britische Schiff “HMAV (His Majesty’s Armed Vessel) Bounty”. Das Schiff sollte Ableger des Brotfruchtbaums von Tahiti zu den Westindischen Inseln (Karibik) bringen, über Kap Hoorn und das Kap der guten Hoffnung, um die Zuckerrohr-Pflanzer aus den europäischen Kolonialmächten in der Karibik mit einem billigen Nahrungsmittel für ihre Sklaven zu versorgen. Aus Kostengründen wurde Bligh nicht zum Kapitän befördert, hatte an Bord aber die Stellung eines solchen. Am Weg nach Tahiti entdeckte die Besatzung des Schiffs für Europa einen Archipel, der fortan „Bounty“-Inseln genannt wurde (wurde britisch, dann Teil Neuseelands).

Tahiti war damals noch eine unabhängige Insel, deren Bevölkerung in Stammesfürstentümer gegliedert war. Blighs erste Handlung nach der Ankunft dort war es, zu den Fürsten gute Beziehungen herzustellen; einer von ihnen erinnerte sich an ihn, von seiner Reise mit Cook 15 Jahre davor. Warum die Mannschaft fünf Monate auf Tahiti blieb, darüber gibt es verschiedene Versionen. Weil sich der Brotfruchtbaum zur Ankunftszeit in einer Ruhephase befand und nicht sofort Stecklinge zu ziehen waren; weil die Weiterfahrt durch die Torres- (damals Endeavour-)Strasse wegen ungünstiger Winde im Winter nicht durchführbar war; weil das Verladen der Brotfruchtbäume so schnell erledigt war und sich dadurch ein Zeitfenster öffnete. In dem knappen halben Jahr auf Tahiti konnten die Besatzungsmitglieder das Leben weitgehend ohne Pflichten geniessen, viele gingen in dieser Zeit Beziehungen mit tahitianischen Frauen ein, lernten deren Kultur kennen. Drei Besatzungsmitglieder versuchten sich im Jänner 1789 mit einem Boot und Waffen auf der Insel abzusetzen; nach ihrer Auffindung wurden sie mit Peitschenhieben bestraft, was anscheinend eine relativ milde Strafe war.

Im April die Weiterfahrt über die Torres-Strasse (nördlich von Australien), Richtung Kap und dann Karibik. Auf einer der Inseln Tongas sollte Fletcher Christian im Beiboot an Land gehen und die Trinkwasservorräte auffrischen. Nachdem er und seine Leute von Tonganern mit Speeren und Keulen attackiert wurden, traten sie den Rückzug an. Bligh soll Christian dann vor versammelter Mannschaft heruntergemacht haben. Wenige Tage später bezichtigte Bligh Christian des Diebstahls von einigen der auf Tahiti geladenen Kokosnüsse, die er als Proviant für die Weiterfahrt eingeplant hatte, es kam zu einem Streit. Nach dem langen und genussvollen Aufenthalt auf Tahiti konnte sich Christian, wie ein grosser Teil der restlichen Mannschaft, nicht mehr so leicht an die Disziplin am Schiff gewöhnen. Auch die Weigerung der Admiralität, Bligh Marinesoldaten mit an Bord zu geben, wirkte sich nun aus. Am Morgen des 28. April 1789 kam es, vor den Tonga-Inseln, zur bekanntesten Meuterei der Geschichte. Jene, denen das “Südsee-Paradies” verlockender erschien als eine Fahrt fast um die ganze Welt, im Dienste des britischen Imperiums, sollen Christian in der Nacht davon überzeugt haben. Als Christian nun Morgenwache hatte, überwältigte er zusammen mit 11 weiteren Crewmitgliedern den schlafenden “Kapitän” Bligh in seiner Kajüte, bemächtigte sich der Waffen an Bord und übernahm das Kommando auf der “Bounty”. Bligh und jene, die loyal zu ihm bleiben wollten (18 Mann), wurden in ein grösseres Beiboot gezwungen und ausgesetzt; einige Anhänger hatten dort keinen Platz mehr und mussten auf der Bounty bleiben. Die Ausgesetzten bekamen reichlich Wasser und Proviant (darunter alkoholische Getränke) sowie Navigationsinstrumente und Segelausrüstung mit, und viele Tonga-Inseln waren in der Nähe. Die Meuterer warfen fast alle Brotfrucht-Setzlinge über Bord der Bounty und segelten Richtung Tahiti zurück.

Am Weg dorthin “entdeckten” sie die Insel Tubuai (Polynesien), das ein Stützpunkt von ihnen wurde. Es gab dort ständige Streits mit der Bevölkerung, die in einem Kampf gipfelten, welcher aufgrund der waffentechnischen Überlegenheit viele Tote unter den Polynesiern forderte. Daneben bröckelte Christians Autorität unter den Bounty-Meuterern. Die Mehrheit wollte auf Tahiti bleiben, was ihnen gestattet wurde. Im September 1789 wurde das “Pendeln” zwischen Tahiti und Tubuai beendet. 15 Meuterer durften auf Tahiti bleiben. Christian rechnete (richtig) damit, dass Bligh die Heimfahrt schaffen würde und sie ein englisches Schiff früher oder später dort aufsuchen werde, und wollte weiter. Er lockte einige Tahitianer, hauptsächlich Frauen, zu einer Party aufs Schiff zu seinen Getreuen, und liess dann den Anker lichten. Einem, den Christian aus seefahrerischen Gründen dabeihaben wollte, gelang es im letzten Moment, sich abzusetzen und auf Tahiti zu bleiben. Sechs ältere Frauen, für die er keine Verwendung hatte, wurden dann auf Mo’orea ausgesetzt. Neben 9 britischen Bounty-Meuterern waren nun 20 Polynesier am Schiff, darunter 14 Frauen und 2 Leute aus Tubuai.

Jene Briten, die auf Tahiti blieben, zerfielen in zwei Gruppen: Jene um Morrison, der kein aktiver Meuterer gewesen war, und den Bau eines Schiffs initiierte, mit dem Niederländisch-Indien (Indonesien) erreicht werden sollte, wo man sich in europäische Hände begeben wollte. Die anderen, um Churchill, mischten sich in das Leben der Tahitianer, mit verschiedenen “Schwerpunkten”, ob Feiern oder Tätowierungen; zwei kamen dabei ums Leben.

Bligh und seine Leute segelten mit der Barkasse 6 Wochen nach Kupang auf Timor (Niederländisch-Indien). Dass im Südosten des näher gelegenen Australien in diesen Jahren die britische Sträflingskolonie Sydney gegründet worden war, wusste er damals nicht. Die lange Fahrt in dem kleinen offenen Boot war beachtlich. Auf dem Weg nach Timor entdeckte die Besatzung als erste Europäer mehrere Inseln der Fidschi-Gruppe und der nördlichen “Neuen Hebriden” (Vanuatu-Archipel). Von den 19 Insassen der Barkasse überlebten 12, sie kehrten, nachdem sie sich erholt hatten, auf verschiedenen Schiffen nach England zurück. Die britische Admiralität sandte im November 1790 in Portsmouth die Fregatte “HMS Pandora” unter Kapitän Edwards aus, um die Meuterer aufzuspüren und festzunehmen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Fletcher-Christian-Gruppe schon auf den Pitcairn-Inseln im Ost-Pazifik niedergelassen. Die Bounty durchsegelte auf der Suche nach einer neuen Bleibe den polynesisch-melanesischen Grenzbereich, bevor sie sich nach Osten wandten. Einige der Polynesier wurden bei Zwischenstopps “abgesetzt”, so dass neben den neun Briten nur noch vier Männer und zwölf Frauen aus Tahiti und zwei Männer aus Tubuai an Bord waren. Die pazifisch-ozeanische Region war damals zwar weitgehend erforscht (u.a. durch Cook), aber noch nicht von Europäern kolonialisiert und in Besitz genommen. Pitcairn war abgelegen und unbewohnt, die polynesische Bevölkerung war vor der europäischen Entdeckung ausgestorben; nach diesen portugiesischen und britischen Sichtungen in der frühen Neuzeit waren die vier vulkanischen Inseln als “Pitcairn” in Seekarten eingetragen worden, nach dem Namen eines Seemanns auf einem der britischen Schiffe. Die Bounty-Gruppe kam im Jänner 1790 dort an. Man beschloss, die Bounty auf Grund zu setzen, um das Anlanden der mitgebrachten Habseligkeiten, Yamswurzeln und Süsskartoffeln sowie einiger Schweine, Ziegen und Hühner zu erleichtern. Einer der Meuterer steckte das Wrack am 23. Januar 1790 eigenmächtig in Brand, um jede von See aus sichtbare Spur zu vernichten. Bei einem Auffinden durch britische Schiffe drohte den Meuterern das Erhängen. In der Schifffahrt wurde Meuterei über Jahrhunderte hinweg fast immer mit dem Tode bestraft. Damit war aber auch eine Weiterfahrt ausgeschlossen, von der östlichsten Insel des Pazifiks (abgesehen von jenen vor der Küste Amerikas, wie Galapagos oder Rapanui).

Auf der Fahrt von England über Kap Hoorn nach Tahiti kam die “Pandora” zwar Pitcairn nahe, sichtete es jedoch nicht. Auf Tahiti wurden die vierzehn noch dort lebenden Mannschaftsmitglieder der Bounty gefangen genommen. Auf der Rückreise durchkreuzte das Schiff die weiter westlich gelegenen polynesischen Inseln auf der erfolglosen Suche nach weiteren Meuterern. Am Great Barrier Reef, vor der Nordostküste von Australien, lief die Pandora auf ein Korallenriff und sank. Dabei ertranken vier der Gefangenen, die zehn Überlebenden der Bounty erreichten im September 1791 England, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Drei wurden gehängt, die anderen freigesprochen bzw. begnadigt.

Jeder der britischen Bounty-Meuterer auf Pitcairn hatte eine polynesische Gefährtin; die sechs Polynesier mussten sich die übrigen drei Frauen teilen und wurden eher wie Sklaven behandelt. Ein Thema dieser Meuterei ist ja irgendwie, dass ein Teil dieser im britischen kolonialen Dienst stehenden Personen zeitweise mit den “Braunen” auf Augenhöhe lebte, aber auch in diesem Teil gab es im Endeffekt diese rassische Hierarchie; geriet sie ins Wanken, wurde sie mit überlegenen Waffen durchgesetzt. Aus den britisch-polynesischen Partnerschaften entstanden einige “Mischlinge”; die polynesischen Männer hinterliessen keine Nachkommen. Als die Frau von John Williams 1793 starb und er sich eine der drei den Polynesiern „gehörenden“ Frauen aneignete, eskalierte der Konflikt. Die Polynesier töteten Williams, Fletcher Christian und zwei weitere Briten. Dies zog Racheakte nach sich. Bald darauf waren alle polynesischen Männer und eine Frau getötet. 1794 lebten nur noch Young, der inzwischen die Führung übernommen hatte, Adams, Quintal, McCoy, zehn Frauen und die Kinder.

Der Schotte McCoy begann, aus der zuckerhaltigen Wurzel der Keulenlilie Schnaps zu brennen, verfiel dem Alkohol und starb bei einem Sturz von den Klippen. Nachdem der ebenfalls dem Alkohol verfallene, gewalttätige Quintal gedroht hatte, alle Kinder umzubringen, beseitigten ihn 1799 Young und Adams gemeinsam. Als Edward Young am 1800 an Asthma starb, blieb John Adams als einziger erwachsener Mann übrig, zusammen mit zehn Polynesierinnen und inzwischen 23 “gemischten” Kindern. Adams, dem Young kurz vor seinem Tod anhand der Bounty-Bord-Bibel das Lesen beigebracht hatte, las täglich darin, begann ein “gottesfürchtiges” Leben, verbot den Alkohol und hielt regelmäßige Gottesdienste ab. Am 5. März 1829 starb er als Oberhaupt der kleinen Gemeinde eines natürlichen Todes. Die Geschichte der Meuterer endete mit seinem Tod. Das nach ihm benannte Adamstown ist bis heute die einzige Gemeinde auf den Pitcairn-Inseln. Pitcairn Island, das “eigentliche” Pitcairn, ist die einzige bewohnte Insel des Archipels, die benachbarten drei Inseln bzw Atolle wurden Oeno, Henderson und Ducie genannt.

Pitcairn wurde Anfang des 19. Jh durch amerikanischen Robbenjäger wiederentdeckt. 1814 kamen die beiden britischen Kriegsschiffe “HMS Briton” und “HMS Tagus” vor Pitcairn an, unterstellten es de facto GB. Die Kapitäne Staines und Pipon fanden eine friedliche und “gottesfürchtige” Gemeinschaft vor. Adams, damals einer der letzten Überlebenden, wollte freiwillig mit nach England zurücksegeln und sich dem Seegericht stellen, aber die Bewohner flehten die Kapitäne an, ihn auf der Insel zu lassen; diese kamen dem nach, berichteten aber der Admiralität. Freundliche Beziehungen mit den britischen Behörden kamen nun zu Stande. In den Folgejahren gab es weitere Besuche, etwa von Walfängern, zur Auffrischung ihrer Vorräte. In Zeitungen vor allem englischsprachiger Länder erschienen damals immer wieder Berichte über die isolierte Gemeinschaft, die romantisch verklärt wurde und in der Folge Gebrauchsgegenständen und religiösen Büchern gespendet bekam. 1823 blieb als erster Siedler nach den Meuterern der englische Schiffszimmermann John Buffet auf der Insel.

1830 lud die Königin Tahitis, Pomare IV., die Pitcairner zur Rückkehr nach Tahiti, das damals noch nicht französisch kolonialisiert war, ein. Die Einladung wurde wohl durch britische Schiffe überbracht und “ausgeführt”. Anscheinend meldeten sich alle Bewohner Pitcairns dazu, 1831 wurden sie nach Tahiti gebracht. Nachdem dort etliche Pitcairner, darunter Fletcher Christians Sohn Thursday October Christian, so etwas wie ihr Führer, an Infektionskrankheiten gestorben waren, kehrten die 65 Überlebenden bereits im selben Jahr auf ihre isolierte Insel zurück. Die Tahitianer sammelten Geld für ihre Rückkehr, die ein Walfänger übernahm. Nach Übergriffen anderer vorbeifahrender Walfänger strebten die Bewohner den Schutz durch die britische Krone an. Dieser, bzw die Unterstellung, kam 1838 zu Stande. Mit Unterstützung des Kapitäns Elliot vom britischen Walfänger “Fly” formulierten die Insulaner in der selben Zeit eine Verfassung für ihre Gemeinschaft.

1856 wurde ein Teil der Pitcairner aus wirtschaftlichen Gründen (man befürchtete, dass sich die inzwischen beträchtlich angewachsene Inselgemeinde sich nicht mehr selbst ernähren könne) auf die Norfolk-Insel (bei Australien) umgesiedelt. 1858 kehrten 16 Emigranten unter der Führung von Moses und Mayhew Young zurück, 1864 folgten vier weitere Familien. Die Übrigen blieben auf Norfolk. Mit dem British Settlements Act von 1887 wurde die Zugehörigkeit Pitcairns zu Grossbritannien bestätigt. Ende des 19. Jh landete ein amerikanischer Missionar der 7-Tages-Adventisten auf dem Archipel, letztlich konvertierten alle Einwohner zu dieser Konfession/Sekte. 1957 wurde das Wrack der Bounty bzw Teile davon von einem “National Geographic”-Fotografen in wenigen Metern Tiefe bei der “Bounty Bay” (dem Landungsplatz) gefunden; es wurde nicht geborgen.

Bounty-Bucht Pitcairn,
Bounty-Bucht Pitcairn, “National Geographic” 1957

Heute besteht ein Drittel der weniger als 60 Leute starken Inselbevölkerung aus den Nachkommen der britischen Meuterer des späten 18. Jh. und “ihren” mehr oder weniger freiwillig mitgekommenen Polynesierinnen; vor allem “Funktionäre” wie Lehrer und Priester wurden von auswärts geholt. Einige Dutzend Pitcairner sind im 20. Jh nach Neuseeland ausgewandert. Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 endete die Isolation Pitcairns, das nun auf der Schiffsroute nach Neuseeland lag. Nach dem Zweiten Weltkrieg liessen die Interessen Grossbritanniens nach, so dass – in Ermangelung eines Hafens und eines Flugplatzes – eine erneute relative Isolierung einsetzte. Der einzige Weg auf die und von der Insel ist der mit dem Schiff, aber Stürme und der nichtvorhandene “Hafen” haben schon oftmals eine Landung verhindert. Drei Mal pro Jahr kommt ein Versorgungs- und Postschiff, aus dem australischen Norfolk, wo ja ein anderer Teil der Nachkommen lebt. Bei medizinischen Notfällen ist ein Schiffstransport nach Neuseeland notwendig, was Wochen dauert.

Die Pitcairn-Inseln sind das letzte britische Gebiet im Pazifik/Ozeanien. Obwohl das Vereinigte Königreich aus Kostengründen diesen Status gerne ändern würde, wehren sich die Bewohner seit Jahren erfolgreich dagegen, da sie ihren Verbleib auf der Insel nur mit britischer Unterstützung gesichert sehen. Alljährlich am 23. Januar, dem Bounty Day, schleppen die Einwohner ein Schiffsmodell aufs Wasser hinaus und zünden es an. Die einstige Vermischung als Grundlage der heutigen Bevölkerung zeigt sich auch in ihrer Sprache, Pitkern oder Pitcairnese, eine Kreol-/Mischsprache aus englischen Dialekten des 18. Jh und tahitischem Polynesisch. Auch die Bounty-Nachfahren auf Norfolk sprechen so etwas, dort “Norfuk” genannt. Die Pitcairn-Inseln (Pitkern Ailen auf Pitkern) sind ein britisches Übersee-Territorium, gehört damit auch zur EU… 2004 gab es einen Skandal um sexuelle Kontakte (bzw Missbrauch) Erwachsener mit Kindern, in den auch der damalige Bürgermeister von Adamstown und damit der Inseln, Steve Christian, ein Nachfahre Fletchers, verwickelt war.

William Bligh diente später als Seeoffizier in den Napoleonischen Kriegen/Revolutionskriegen und nahm 1801 unter Admiral Horatio Nelson an der Seeschlacht von Kopenhagen teil. 1805 wurde er zum Gouverneur der britischen Kolonie New South Wales im heutigen Australien ernannt. Dort machte er 1808 von sich reden, als sein Vorgehen gegen korrupte Offiziere der Kolonie die sogenannte Rum-Rebellion auslöste. Dass Bligh ein grausamer und inkompetenter Kapitän war, wie in Romanen und Filmen meist dargestellt, wird heute von der Historiographie bezweifelt. Nach den historischen Quellen, die nicht aus dem Umfeld der Meuterer und ihrer Familien stammen, war er ein erfahrener und umsichtiger und, für seine Zeit, sogar fürsorglicher Seeoffizier – was das Verhältnis zu den ihn untergebenen “Weissen” betrifft. Das durch die Dramatisierungen des Stoffes gezeichnete Bild ist aber hegemonial.

Im selben Jahr, in dem sich die Meuterei ereignete und in England bekannt wurde, ereignete sich die Französische Revolution, deren Ideen auch in England viele Anhänger fanden. Diese interpretierten die Meuterei wie die Revolution als Aufstand von Unterdrückten gegen die Willkür der Obrigkeit. Der Jurist Edward Christian, der ältere Bruder des Anführers der Meuterer, tat sich dabei hervor, Blighs Ruf in Zweifel zu ziehen. Er stellte ein inoffizielles Komitee zusammen, das die Meuterei und ihre Ursachen untersuchen sollte. Der 1794 herausgekommene Bericht zeichnete zum ersten Mal das spätestens durch die Filme bekannt gewordene Zerrbild von Bligh. Auch Blighs Darstellung der Ereignisse, die Aufzeichnungen seines Tagebuchs, wurde veröffentlicht, 1792. Blighs Apologet war Sir Joseph Banks, Präsident der Royal Society, welche die Brotfruchtmission für Sklaven mitorganisierte. 1831 kam das Buch eines John Barrow, der Freund der Familie des Meuterers Heywood war. Neben Entlastungen der Meuterer und Belastungen Blighs finden sich darin die Behauptung, dass Christian nicht auf Pitcairn starb, sondern inkognito nach England zurück kehrte.

Die erste Dramatisierung der Geschehnisse war die Kurzgeschichte “Les Révoltés de la Bounty” von Jules Verne (1879). Diverse, v.a. englische Dichter, haben die Meuterei verarbeitet, in der Regel die Meuterer romantisch dargestellt; Samuel Taylor Coleridge etwa soll seine Ballade vom “Ancient Mariner” mit Blick auf die Geschehnisse um die Bounty geschrieben haben. Den Drehbüchern der fünf Verfilmungen des 20. Jh lag, mit einer Ausnahme, die Bounty-Trilogie von Charles Bernard Nordhoff und James Norman Hall (1932-34 veröffentlicht) zugrunde, wo Bligh als brutaler Kapitän dargestellt wird. Die Mission der Bounty, letztlich für die europäische Sklavenwirtschaft der Karibik, wird weder in früheren noch gegenwärtigen westlichen Darstellungen der Meuterei hinterfragt bzw thematisiert, ebenso wenig wie der Rassismus auch der Meuterer, und ihre Rolle in der westlichen Unterwerfung Ozeaniens; rassische Hierarchie gegen Ansätze von Gleichheit ist in den westlichen, meist angelsächsischen, Dramatisierungen kein Thema. Bligh gegen Christian steht für Autoritarismus gegen Rebellion, eingeschränktes gegen freies Leben, das trifft den Geschmack des Publikums. An neueren Darstellungen ist das Buch von Caroline Alexander, “Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty” (2004, englisches Original 2003) zu nennen, es gehört zu jenen, in denen Bligh relativ positiv wegkommt. Im Rahmen einer BBC-Dokumentation 1998 kamen Nachkommen sowohl von Bligh (in England) als auch von Christian (auf Pitcairn) zu Wort.

Als Meuterei wird eine über die reine kollektive Gehorsamsverweigerung hinausgehende Revolte/Rebellion gegen Vorgesetzte bezeichnet, v.a. im militärischen Kontext und in der Schifffahrt. Bedeutende Meutereien (aus verschiedenen Gründen) gab es bei Magellans Weltumsegelung im 16. Jh, auf dem niederländischen Handelsschiff “Batavia” 1628 (nach einem Unglück), von Seeleuten der britischen Marine in Spithead und Nore 1797 (eigentlich Streiks für bessere Arbeitsbedingungen), von chinesischen Kontraktarbeitern auf dem auf USA-Schiff „Norway“ 1860 (Feuer gelegt; niedergeschossen), 1905 am russischen Panzerkreuzer “Potemkin” (Knjas Potjomkin Tawritscheski) im Rahmen der damaligen Revolution, 1917 auf den deutschen “SMS Prinzregent Luitpold” und “SMS Friedrich der Große” durch Matrosen im Krieg, 1931 in der chilenische Marine wegen Verteidigungsbudgetkürzungen (Armee dagegen eingesetzt), in Salerno 1943 in der britischen Marine, Anfang Mai 1945 am “M 612”, einem Minensuchboot der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (die Besatzung meuterte, als das Minensuchboot entgegen den Bestimmungen der Teilkapitulation Order erhielt, von Dänemark nach Kurland zu laufen; die Meuterei wurde von einem deutschen Schnellboot bemerkt und niedergeschlagen), 1946 in der indischen Marine gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC), 1975 auf der Fregatte “Storoschewoi” der sowjetischen Marine, wo der Politoffizier Waleri Sablin nach einer Vorführung des Films “Panzerkreuzer Potemkin” das Abweichen des sowjetischen Regimes von den Idealen Lenins anprangerte, den Kapitän einschloss und sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte (von den eigenen Streitkräften verfolgt, gab Sablin dann auf und wurde im Jahr darauf hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für den Film “Jagd auf Roter Oktober”).

1839 gab es auf dem Schiff  “La Amistad” keine Meuterei der Schiffsbesatzung, sondern einen Aufstand der transportierten afrikanischen Sklaven. Mehr als eine Meuterei war der Kieler Matrosenaufstand 1918, der den Ausgangspunkt der Novemberrevolution bildete. 1970 ereignete sich auf der “SS Columbia Eagle”, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Meuterei im Strafvollzug ist auch meist an der Grenze zum Aufstand.

An militärischen Meutereien sind u.a. zu nennen: Jene von indischen Hilfssoldaten der Briten 1857; von Teilen der südafrikanischen Armee unter Salomon Maritz 1914/15 gegen die eigene politische und militärische Führung, die die Eroberung Deutsch-Südwestafrikas im Dienst der Briten anordnete; in Kronstadt (St. Petersburg) 1921 gegen die kommunistische Russische SFSR (aus der die Sowjetunion wurde); auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Fernando („Asien den Asiaten“), stellten sich auf die Seite der Japaner; Farahbad 1979; als die indische Regierung 1984 die Operation “Blue Star” gegen Sikh-Extremisten in Amritsar durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres. Verwandt mit militärischer Meuterei sind Fahnenflucht/Desertion (z.B. Walter Gröger im 2. WK, der auf Initiative von Marinerichter Filbinger zu Tode verurteilt wurde), Kriegsdienstverweigerung, (Hoch)verrat und Befehlsverweigerung (engl. Insubordination; z.B. Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman).

https://en.wikipedia.org/wiki/Descendants_of_the_Bounty_mutineers

Nennenswert zur “Bounty”-Geschichte ist auch das Buch “Mr. Bligh’s Bad Language. Passion, Power and Theatre on the Bounty” (1992) von Greg Dening.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indien unter der Mogul-Herrschaft

Während Indien am Weg dazu ist, eine neue Grossmacht zu werden, dabei von inneren Konflikten (zwischen Religionsgemeinschaften, Geschlechtern, sozialen Klassen,… auch zwischen den Menschen und der Natur) geschüttelt wird, lohnt es sich, in die indische Geschichte zurückzuschauen, etwa in die frühere Neuzeit, als grosse Teile Indiens unter der moslemischen Herrschaft der “Moguln” war.

Indien ist für “Westisten”/Islamophobe/Kulturkämpfer oft ein anderes Gesicht “asiatischer Barbarei” oder aber es wird als ein positives Gegenstück zu ihr aufgebaut, wobei dann, wie bei Heinsohn, i.d.R. alles Gute der britischen Herrschaft zugeschrieben wird und Unbehagen über seinen Aufstieg spürbar bleibt. Im “Dschungelbuch” des englischen Imperialisten Kipling (der selbst in Indien zur Welt kam), einer Art Entwicklungsroman, mit seiner bekanntesten Erzählung von Mo(w)gli, einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst und schliesslich “Herrscher” dieser Welt wird, kommt Rassismus und Imperialismus dezent bzw. indirekt zum Ausdruck. Die Tiere scheinen für die “wilden Menschen” zu stehen und Mogli die Herrschaft der zivilisierten Kolonialmacht zu repräsentieren; manche Tiere, wie der widerspenstige Tiger “Shere Khan”, stehen für die anti-koloniale Auflehnung (das heutige Äquivalent dazu wäre jene die westliche Weltordnung), die als “gegen die Natur” dargestellt wird. Als Kipling das Buch schrieb, war das Unabhängigkeitsbestreben der Inder noch in seinen Anfängen, es wurde erst nach dem 1. Weltkrieg, in dem die Inder ihren Kolonialherrschern zu dienen hatten, eine dominante Kraft.

Es ist eine Konstante der indischen Geschichte, dass Eroberer dort hellhäutiger als Unterworfene waren, vom Norden kamen. Von daher soll es ein hellhäutiges Schönheitsideal unter Indern geben, eine Art Versuch, Kolonialherren zu imitieren (koloniales Mimikry), das auch zur Verwendung aufhellender Kosmetika führt. Auch im Kastensystem soll helle Haut eine Rolle spielen. Die Adivasi sind so etwas wie die Urbevölkerung des indischen Raums, sie sind wahrscheinlich Australoide; heute leben sie unvermischt nur an den Rändern Indiens, wie auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln. Nach ihnen kamen die Drawiden, die ihrerseits um 2000 vC von den Ariern in den Süden verdrängt wurden, nachdem sich diese von jenem Teil getrennt hatten, der den Iran “machte”. Auf diese gemeinsamen Wurzeln hat der damalige indische Premier Manmohan Singh (INC) vor einigen Jahren angespielt, als er zur Haltung Indiens zum Atomstreit mit dem Iran gefragt wurde.1 Dann Griechen, Hunnen und die diversen moslemische Eroberer: die türkischen Ghaznawiden, die iranischen Ghoriden, die türkischen und paschtunischen “Delhi-Sultane”. Und natürlich die Briten und die anderen Europäer.

Die Wurzeln der Mogule liegen in den von Dschingis (Cengiz) Khan Anfang des 13. Jh. und Timur Lenk (Tamerlan) Ende des 14. Jh errichteten mongolischen Reichen. Unter Dschingis’ Sohn Tschagatai entstand das nach diesem benannte Khanat in Zentralasien, zuerst als autonomer Bestandteil des Reichs, ab Mitte des 13. Jh als eines seiner Nachfolgereiche, von Tschagatais Nachfahren (einer Dschingisiden-Linie) regiert. Timur stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, gehörte zum Barlas-Stamm/Volk (turkisierten Mongolen); er unterwarf Zentralasien, von seinem Heimat-Khanat aber nur den westlichen Teil (wo auch das Fergana-Teil lag), während der verbliebene Osten als “Moghulistan” (auch: Ost-Tschagatai-Khanat) weiter bestand. Unter Timur wurde die mongolische Elite kulturell persianisiert, was auch mit ihrer Islamisierung zusammenhing; “Moghul” bzw. “Mughal” bedeutet in der persischen Sprache “Mongole”, “Moghulistan” bedeutet “Mongolei” bzw. “Mongolen-Land” (war aber eben nur ein Teil-Staat des Mongolen-Lands).

Aus der Familie der Lokalherrscher von Fergana, Timuriden, stammte Babur, der die Moghul-Herrschaft in Indien begründete; mütterlicherseits stammte er von den dschingisidischen Tschagatai-Herrschern ab. Babur sprach Tschagatai-Türkisch und Persisch, aber wahrscheinlich nicht Mongolisch. Er unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich. Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo die Delhi-Sultane herrschten, damals jene der Lodi-Dynastie – bis 1526. Mittel- und Süd-Indien war zwischen Reichen hinduistischer oder moslemischer Prägung geteilt.

“Mog(h)ul” bezeichnet im indischen Zusammenhang das Reich, die herrschende Ethnie bzw. Schicht, die herrschende Dynastie (eine Timuriden-Linie; auch “Gurkani” genannt) wie auch den Herrscher-Titel – als den es auch die Bezeichnungen “Padschah” (-e Hind), “Grossmogul”, “Mogulkaiser” gibt. “Gurkani” soll die persische Version des türkischen “gur akan” sein, was jemanden bezeichnet der Gräber gräbt und ein Beiname Timurs gewesen sein soll (der gerade im persischen Zusammenhang bis heute einen sehr schlechten Ruf hat). “Gurkani” bzw. “Gūrkāniyān” (گورکانیان‎) wurde neben der Herrscher-Dynastie dieses Reichs in Indien auch das Reich an sich genannt, für das es auch Bezeichnungen wie “Hind-Reich” oder “Mog(h)ul-Reich” (persisch Shahan-e Mogul, hindustani Mughliyah Saltanat) gibt.

Ethnisch waren die “Moguln” Moslems überwiegend nicht-indischer Herkunft (Mongolen, Perser, Türken, Araber, Kizilbash, die ihrerseits iranisch-türkische Mischlinge sind), Nachkommen der Eroberer und spätere Immigranten, über die Jahrhunderte ihrer Herrschaft zunehmend mit Indern vermischt, von den Padschahs abwärts.2 Das Militär war im Mogul-Staat die entscheidende Institution, durch die Rolle bei der Eroberung und Ausbreitung (Vergabe von Militärlehen, “Jagir”, an Beteiligte) und dem Machterhalt. Es übernahm Aufgaben ziviler Verwaltung, bildete eine Art Herrscherkaste (es gab keinen Erb-Adel).

Die Herrschaft der Moguln dauerte von der frühen Neuzeit bis in die späte, umfasste nie ganz Indien – je weiter es in den Süden ging, desto “löchriger” wurde diese Herrschaft. Der Norden war immer der Schwerpunkt, wurde auch viel stärker islamisiert als der Süden Indien. Regionalreiche und europäische Kolonialmächte (Beginn mit den Portugiesen unter Da Gama Ende 15. Jh) waren immer präsent, am Ende der fast 500 Jahre Mogul-Herrschaft bereits dominierend in Indien. Das Reich wuchs bis Aurangzeb (s.u.), schrumpfte dann, bis sein Rest Mitte des 19. Jh von den Briten “aufgelöst” wurde. Die Mogule knüpften an die anderen moslemischen Herrscher an, die Indien seit dem Hoch-Mittelalter dominierten, wobei die Ghaznawiden auch schon kulturell persianisiert waren, persische Kultur nach Indien gebracht hatten.

Unter dem Mogul bzw. Padschah gab es eine Regierung (Diwan) unter einem Wakil, kein Parlament, somit Absolutismus und Zentralismus; die Mogule waren aber diversen Einflüssen bzw. Lobbies ausgesetzt. Es gab direkt verwaltete Provinzen (Subahs) unter einem Nizam, Nawab oder Subahdar, vom Diwan kontrolliert, sowie halb autonome Staaten. Daneben existierten immer Staaten in Indien, die nicht unter Mogul-Herrschaft standen, somit komplett unabhängig waren. Über die Jahrhunderte gab es bezüglich des Status (wie auch bei der Ausdehnung) der Staaten zahlreiche Änderungen. Von Hindus und Sikh dominierte Staaten wurden von einem (Maha)raja/(Gross)könig regiert. Hauptstadt des Mogul-Reichs war bis 1648 u.a. Agra, dann Delhi, mit dem Roten Fort als Herrscher-Residenz. Delhi war auch unter den Vorgänger-Sultanen und den britischen “Nachfolgern” Zentrum; es bestand ursprünglich aus mehreren Städten nebeneinander. Wirtschaftlich handelte es sich um einen Agrar- und Handelsstaat, Manufakturen spielten keine grosse Rolle.

Flagge Indiens unter den Moguln
Flagge Indiens unter den Moguln

Als die Mogule im frühen 16. Jh Nord-Indien unter ihre Herrschaft brachten, war im Dekkan (Zentral- und Südindien) das hinduistische Vijayanaga-Reich (das vom 14. bis zum 17. Jh existierte) der wichtigste Staat. Die Portugiesen errichteten in dieser Zeit als erste europäische Macht Stützpunkte an der Küste Indiens. Persien und Indien grenzten meist südlich vom Hindukusch-Gebirge und westlich vom Indus-Fluss aneinander, also etwa im heutigen Afghanistan. Sowohl der Name für das Gebirge (“Indisches Gebirge”) als auch für den Fluss, die sich durchgesetzt haben, sind persisch. Die anderen Nachbarn waren ceylonische, nepalesische und bhutanische Fürstentümer, der Malediven-Archipel als Sultanat (während sich in Bhutan der Buddhismus gegen den Hinduismus durchsetzte, unterlag er auf den Malediven dem Islam), Tibet, getrennt durch das Arakan-Gebirge Birma (wo die Taungoo-Dynastie herrschte), über Kaschmir auch Sinkiang (war zeitweise ein Teil von Moghulistan, vor der chinesischen Eroberung).

Vom persischen Namen für den heute in Pakistan liegenden Fluss Indus (Eigenbezeichnung “Sindh”) leiteten sich auch der persische Name für (Nord-) Indien, (H)industan, ab, und davon wiederum die meisten Fremdbezeichnungen für Indien (kamen über Griechen nach Europa), wie auch Bezeichnungen für die Sprache Hindi und die Religion Hinduismus. Das Mogul-Indien hat mit dem Persien der Safawiden aber trotz der engen kulturellen Beziehungen viele Kriege geführt, nach der Abspaltung Afghanistans von Persien im 18. Jh. mit diesem. Der Eigenname Indiens, Bharat, leitet sich vom legendären König Bharata ab, der im Mahabharata auftaucht. Ein Arier aus der ebenso mythischen Chandravamsha- (Mond-) Dynastie, eroberte Bharata ganz Gross-Indien, das unter ihm als “Bharatavarsa” vereinigt wurde.

Unter dem dritten Mogul-Herrscher Akbar (Ende 16./Anfang 17. Jh), gelang durch die Unterwerfung der meisten Rajputen-Staaten die Ausdehnung des Reichs nach Zentralindien. Mit diesen Eroberungen kamen viele Hindus und Sikh unter seine Herrschaft, er heiratete auch eine Hindu. Akbar liess viel Nicht-Islamisches zur Geltung kommen, kreierte sogar eine neue Religion, Din-e Ilahi (persisch “Religion Gottes”), eine Synthese hauptsächlich aus Islam und Hinduismus3, mit Elementen aus dem Christentum, Zoroastrismus und Jainismus. Möglicherweise intendierte er auch eine Neuauslegung des Islam oder einen “Brückenbau” zwischen den Religionsgemeinschaften, keine neue Religion. Die einzigen Anhänger bzw. Praktikanten des “Kults” waren Angehörige des Herrscherhofs der Moguln, der damals in Fatehpur Sikri bei Agra residierte. Akbar liess dort im Palast als eine Art Gotteshaus 1575 das Ibādat Khāna (Haus der Verehrung) bauen. Vom Din-e Ilahi blieb nach Akbars Tod nichts übrig, auch von seiner religiösen Toleranz nicht.

Im 17. Jh. entstand das Buch “Dabestan-e Mazaheb” (“Schule der Religionen”), über die Religionen Indiens/Südasiens, auf Persisch, wahrscheinlich von einem Perser verfasst, eventuell einem zoroastrischen. Darin findet sich auch ein Kapitel über den Din-i Ilahi. Das Kapitel über das Judentum besteht aus Übersetzungen von Sarmad Kashani, einem Juden aus Persien, der zuerst zum Islam übertrat (ein Sufi wurde) und dann zum Hinduismus. Das Werk wurde möglicherweise vom Mogul-Prinzen Dara Shikoh in Auftrag gegeben, der sich mit Religionen beschäftigte und wie Akbar dabei einen synkretistischen Ansatz hatte.

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten
Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

In der “Kontaktzone” von Ariern und Drawiden in Mittelindien waren einst die Grundlagen für jene Kultur, die Grundlagen für den Hinduismus sind, entstanden. An Schriften waren das die Veden (ca. 1500 vC), dann die Upanischaden, und 100 nC das wichtigste Werk, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita (ein anonymes Helden-/Nationalepos). Buddha und Mahavir (der Stifter der Jaina-Religion) wirkten 500 vC in Indien; Hinduismus ist die Mutterreligion des Jainismus, hat zumindest den Vajrayana-Buddhismus beeinflusst, und auch der Sikhismus ging aus ihm hervor. Der Sikh-Guru Nanak lebte im 15./16. Jh, er hat möglicherweise den Beginn der Mogul-Herrschaft über Punjab und Indien am Ende seines Lebens noch erlebt (und das Ende der Herrschaft der ebenfalls moslemischen Delhi-Sultane dort).4 Der Hinduismus setzte sich in Indien gegen Buddhismus durch, der in Ost-Asien grossen Anklang fand. Christentum, Islam, Zoroastrismus, Judentum und Baha’ismus kamen von aussen nach Indien.

Die Islamisierung Indiens begann mit den Ghaznawiden und Ghoriden, die Nord-Indien und Ost-Iran im Hoch-Mittelalter hintereinander beherrschten, wurde im Spät-MA von den Delhi-Sultanen fortgeführt. Es waren die moslemischen Ghoriden, die den Ausdruck “Hindu” für die vielen verschiedenen “Kulte” auf Grundlage der Bhagavad Gita und älterer Schriften (Veden, Upanishaden) in der Region aufbrachten!5 Die dann am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren die letzen buddhistische Zentren im Land bzw. Subkontinent gewesen.6 Das Pala-Reich im NO war das letzte Reich in Indien, das den Buddhismus unterstützte. Es wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der NW war das zuerst islamisierte Gebiet, dort fielen sogar schon die Omayaden ein, dort waren auch die Heerlager (Urdu) der Moguln, dort, im heutigen Pakistan, gab es am stärksten Vermischung mit moslemischen Invasoren.

Über den Charakter der Islamisierung gibt es verschiedene Meinungen. Teilweise  geschah sie durch Zwangskonversionen. Im Sindh geschah sie aber zB hauptsächlich durch missionierende Sufis, in der Zeit des späten Delhi-Sultanats und des frühen Mogul-Reichs. Auch Sindh (zumindest sein westlicher Teil) gehört zum “Randbereichs” Indiens im Nordwesten. Südost-Asien (wo die indischen Religionen Hinduismus und Buddhismus vorherrschten) wurde teilweise von Indien aus islamisiert. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Indiens blieb hinduistisch, auch im Zentrum der islamischen Herrscher, in Delhi. Die Toleranz für sie unter moslemischer Herrschaft, wie auch für Sikh und andere Religionen, schwankte, die Sondersteuer wurde mehrmals eingeführt und wieder abgeschafft. Unter den Moguln wurde der Islam in Indien jedenfalls friedlicher. Und, der Islam in Indien wurde in dieser Zeit “indischer”: von Hinduismus beeinflusst (wie auch umgekehrt), von einheimischen Geistlichen ausgelegt,…

Unter den Moguln gab es eine gewisse Synthese von Hinduismus und Islam  in Indien, auf religiöser wie auf privater Ebene. Der Gegensatz zwischen Hindus und Moslems wurde gewissermaßen überbrückt. Von den Briten wurden diese Religions-Gemeinschaften dann gegeninander ausgespielt. Der schiitische Islam war und ist im indischen Raum in einer Aussenseiter-Rolle und noch dazu gespalten in die Zwölfer-Schiiten und die Siebener-Schiiten/Ismailiten, die wiederum auf Nizariten (“Khojas”; unter dem Aga Khan, der im 19. Jh aus Persien nach Indien kam) und Mustaliten (“Bohras”) aufgeteilt sind. Ab dem 18. Jh, als die Mogul-Herrschaft und moslemische generell in Indien zu bröckeln begann, wurde für religiöse Moslems dort eine Auseinandersetzung mit der Religion unabhängig von der Herrschaft notwendig und diverse Erneuerungsbewegungen entstanden.

Persisch war in der Mogul-Zeit die Staatssprache in Indien, wurde (wie auch schon unter manchen Vorgängern der Moguln als Herrscher Indiens) in Verwaltung, Literatur oder Wissenschaft verwendet; der Sohn des Mogulherrschers Jahan (auf Betreiben seiner jüngeren Brüder dann hingerichtet) verfasste etliche beachtliche Werke auf Persisch, hauptsächlich religiöser Natur, auch Übersetzungen, etwa der Upanischaden, aus dem Sanskrit. Währenddessen bildete sich in der Neuzeit die Hindustani-Sprache, auch Dehlavi, Hindawi oder Rekhta genannt, heraus, aus nordindischen Dialekten wie Khariboli, angereichert mit persischen, mongolischen, türkischen, arabischen Wörtern, die Eroberer mitgebracht haben. Hindustani, das mit anderen indo-iranischen Sprachen mehr oder weniger eng verwandt ist, wurde in der späten Mogul-Zeit die zweitwichtigste Sprache.

In arabischer Schrift geschrieben wurde daraus (Zaban-i-)Urdu, die Variante in Devanagari-Schrift wurde Hindi (nicht nur die Schrift des Sanskrit wurde hier übernommen, auch Wörter daraus, mit denen persische ersetzt wurden). Während Hindi von Hindus geformt wurde und sich zumindest unter jenen des Norden Indiens durchsetzte, wurde Urdu die wichtigste Sprache der Moslems Indiens, war am stärksten im Nordwesten, dem heutigen Pakistan, verankert. Das Wort “Urdu” geht auf das türkische Wort für “Heerlager” zurück, die damit bezeichnete Sprache aber nur insofern auf jene der frühen Moguln, als mit diesen Eroberungen die Einflüsse auf indische Sprachen begannen. An der Stelle sei angemerkt, dass Persisch (und andere iranische Sprachen wie Belutschisch oder Kurdisch) abgesehen von späteren Einflüssen mit Hindi/Urdu (und anderen nord-indischen Sprachen wie Bengali oder Marathi) von der Wurzeln her verwandt ist, was man leicht erkennen kann, wenn man etwa die Zahlen in diesen Sprachen vergleicht.

Im 17. Jh liess Herrscher Jahan in Agra das Taj Mahal (ungefähr mit “Kronen-Palast” zu übersetzen) als Grabmal für seine Haupt-Frau bauen, das wichtigste Stück Baukunst unter den Moguln. Unter Aurangzeb wurde Ende des 17./Anfang des 18. Jh. die grösste Ausdehnung des Mogul-Reichs erreicht, nur der tamilische Südzipfel Indiens blieb ausserhalb seinem Herrschaftsbereich – ähnlich wie beim Gupta-Reich in der Spät-Antike (mit dessen Untergang die lange Zeit der Zerstückelungen und Fremdherrschaften begann) und jenes der Maurya-Dynastie. Unter Aurangzeb wurden die Dekkan-Sultanate erobert, eine moslemische Staaten-Föderation in Zentral-Indien. Er propagierte einen strengen Islam, damit Schikanen gegen die hinduistische Mehrheit (u.a. die Sondersteuer Jizya). Der Beginn des Niedergangs ist nach seiner Herrschaftszeit anzusetzen, nach ihm ging es mit dem Mogul-Reich abwärts, es wurde zunehmend kleiner und machtloser.

Im Laufe des 17. Jh gesellten sich zu den portugiesischen Handels-Stützpunkten an der Küste Indiens solche anderer europäischer Mächte dazu, der Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten. Die English East India Company bzw. ab 1707 British East India Company (BEIC), liess sich zunächst in der Bucht von Bengalen nieder, führte Opium nach China ein; Tee, Baumwolle, Salpeter und Gewürze nach England aus. Die Verluste des Mogul-Reichs im 18. Jh, durch die es zu einem von vielen Lokalfürstentümern herab sank, gingen nicht zu Gunsten der Briten sondern waren hauptsächlich Gewinne des hinduistischen Marathi-Reichs, das seinen Kern an der Westküste (um Poona) hatte, sowie der Rajputen (mehr eine Kaste als eine Ethnie), die im NW ein grosses Fürstentum errichteten. 7 Der Vizekönig des Moguls im Süden, der Nizam, machte sich im 18. Jh. mit seinem Reich um Hyderabad selbstständig. Weitere bedeutende Staaten waren der von den Sikh regierte Punjab, das moslemische Kaschmir, das hinduistische Mysore im Süden.

Bengalen im Osten unterstand einem Nawab, der es im Namen des “Moguls” regierte, es war damit ein semi-unabhängiger Staat. Briten und Franzosen hatten an dessen Küste ihre Stützpunkte; daneben versuchten die Marathen im 18. Jh, dort einzudringen. Die Briten begannen damit, sich in innere Angelegenheiten Bengalens einzumischen, sich nicht nur auf Handel zu beschränken. Mitte des 18. Jh entzündete sich an der Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen in Nordamerika ein Kolonialkrieg, der sich mit dem 7-jährigen Krieg in Europa verband. Auch Indien war Kriegsschauplatz, nachdem Franzosen und Briten Konkurrenten um Bengalen waren.

Der Sieg der Briten in “Plassey” (Palashi) 1757 öffnete diesen die Tür zur Herrschaft über Indien. Die Franzosen, die die Ostküste kontrolliert hatten, verloren fast alles. Die Mogule verloren nun auch Bengalen, das Mogul-/Gurkani-/Hind-Reich wurde auf das Gebiet um Delhi beschränkt, einige Staaten blieben ihm als Vasallen verbunden, und es blieb eine offizielle Oberherrschaft über einige Gebiete bestehen, in denen es nichts mehr zu sagen hatten. Nun war klar, dass sich auch in Indien Europa durchsetzen würde und unter den europäischen Mächten die Briten.

Ab 1774 gab es einen General-Gouverneur der BEIC, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon mehr Macht hatte als die Mogule/Padschahs in Delhi. Als sich 13 der britischen Nordamerika-Kolonien als USA unabhängig machten (1776-1783), wurde Indien für Grossbritannien noch wichtiger. Die britische Herrschaft in Indien wurde schrittweise ausgedehnt, intensiviert und verstaatlicht; Ende des 18. Jh kam die BEIC unter stärkere staatliche Kontrolle. Persisch wurde als Verwaltungs- und Bildungssprache schrittweise durch Englisch ersetzt, eine Verwaltungsreform in den eroberten Gebieten durchgesetzt. Die Ansiedlung von Briten in Indien war vergleichsweise gering. Die britischen Herrscher machten sich die Diversifizierung der indischen Bevölkerung zu Nutze, die Vielfalt von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, Klassen, spielten v.a. Moslems gegen Hindus aus.

1818 besiegten die Briten nach langen Kämpfen ihre inzwischen schärfsten Rivalen, die Marathen (und mit ihnen verbündete kleinere Staaten). Nachdem auch südliche Lokalreiche in den Mysore-Kriegen eingegliedert wurden, blieben noch einige Fürstenstaaten wie das der Mogule, jene der Rajputen (in Rajasthan), Sikkim oder Kaschmir bestehen. 1825 gingen die Küsten-Stützpunkte der Niederländer durch Vertrag an GB, 1845 wurden die Dänen von den Briten abgefunden. Die Portugiesen (an der W-Küste) und die Franzosen (an der O-Küste) behielten ihre paar Exklaven, über die britische Kolonialherrschaft hinaus.

Die Briten benutzten Indien im 19. Jh auch als Sprungbrett zur Inbesitznahme oder Kontrolle diverser Gebiete Asiens: Birma, Ceylon (beide auch zeitweise Teil Britisch-Indiens), Afghanistan, Malediven; Nepal und China; Tibet und Bhutan. Sie zogen auch die Grenzen Indiens zu den Nachbarstaaten: im Westen zu Afghanistan (Durand-Line zu Ungunsten der Paschtunen, deren Gebiet bewusst z.T. Britisch-Indien zugeteilt wurde, auch Belutschistan wurde aufgeteilt), im langen und gebirgigen Norden zu China (Sinkiang), Nepal, Bhutan und Tibet, im Osten wurde Birma 1937 wieder abgetrennt.

“Sepoys” waren indische Hilfssoldaten der Briten, 1857 meuterten sie, wegen mit Tierfett präparierten Papier-Patronen, deren Ende vor dem Laden (Enfield-Gewehr) abgebissen werden musste, was Hindus (möglicherweise war es von Kühen) und Moslems (möglicherweise von Schweinen) gleichermaßen suspekt war. Der Aufstand wurde von einem Marathen-Adeligen angeführt und von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur Schah Zafar wurde in Folge des Aufstands 1858 abgesetzt, weil er von manchen der Teilnehmer als “Bezugsfigur” gesehen wurde und die Briten jetzt auch der symbolisch gewordenen Macht der Mogule (seine reale Macht reichte kaum über das Rote Fort in Delhi hinaus) ein Ende setzen wollten.

Bahadurs Mutter war eine hinduistische Inderin, er war 1838 Nachfolger seines verstorbenen Vaters geworden, war der einzige Mogul-Herrscher, von dem Fotos existieren. Bahadur schrieb Gedichte, hauptsächlich auf Urdu, hatte mehrere Frauen, rauchte Opium. Er wurde im ebenfalls britischen Birma exiliert, starb dort 1862. 1858 wurde auch die BEIC verstaatlicht, ihr letzter Generalgouverneur Canning wurde erster britischer Vizekönig Indiens. Die restlichen Staaten in Indien waren mehr oder weniger britische Vasallen. Ab 1876 nahmen britische Monarchen, beginnend mit Victoria, den Titel “Kaiser von Indien” an, wurden quasi Nachfolger der Mogul-Herrscher.

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma
Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Im Hinduismus traten in der späteren Neuzeit Reformer und Erneuerer auf, die eine besondere Rolle einnahmen, da diese Religion keinen Stifter und keine Priesterschaft hat. Etwa Vinayak Damodar “Veer” Savarkar (1883-1966), der für die Abschaffung des Kastensystems im Hinduismus argumentierte und für die Rück-Konversion von Moslems (u.a.), deren Vorfahren zum Islam übergetreten waren. Etwas, das anscheinend auch unter Hindus nicht unumstritten war und das im Falle einer Umsetzung die Geschichte Indiens im 20. Jahrhundert wohl drastisch verändert hätte. Mit seinem Konzept von “Hindutva”, das Indien in erster Linie über den Hinduismus definiert, legte er mit den Grundstein für den Hindu-Nationalismus, der inzwischen in zahlreichen Parteien und Organisationen organisiert ist.8 Daneben engagierte sich Savarkar für die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und war Literat in Hindi und Marathi.

Der reformistische Gelehrte Dayananda Saraswati (19. Jh) bewirkte eine Aufwertung des Schutzes der Kühe, zur Abgrenzung vom Islam und dem Christentum und als Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Stellenwert der Kuh im Hinduismus kam auch aus pragmatischeren Gründen. Die Tiere liefern mit Milch die Grundnahrung, waren das wichtigste Zugtier und ihr Dung Heizmaterial und Dünger. Der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha wies in seinem 2001 erschienenem Werk „Der Mythos der heiligen Kuh“ darauf hin, dass dieser im Wesentlichen im 19. Jh in diesem Zusammenhang entstanden sei; der Rigveda, der älteste Teil der Veden, enthalte etliche Verweise auf die Zubereitung und auch Opferung von Rindfleisch. Auch “Mahatma” Gandhi und andere Aktivisten aus höheren Kasten haben sich gegen das Töten von Kühen engagiert; Gandhi auch gegen Auswüchse des Kastenwesens. Ein Kritiker der Rinder-Verehrung war Bhimrao Ramji Ambedkar, ein Dalit (“Pariah”)-Politiker, der wegen des Kastensystems aus dem Hinduismus zum Buddhismus übertrat, er sah in der “heiligen Kuh” ein Mittel des Brahmanismus, der Vorherrschaft der obersten Kaste.9

“Gross-Indien” (Greater India), wie es nie als geeintes Reich bestanden hat, weder unter eigener noch unter fremder Herrschaft, bekam eine Bedeutung, bzw. mehrere. Indien und seine Nachbarstaaten sind darin als Geschichtsraum oder als Länder mit kulturellen Gemeinsamkeiten zusammengefasst, aber auch manchmal unter den Vorzeichen von Irredentismus oder Pan-Nationalismus. Es gibt verschiedene Ausdrücke für diesen Raum bzw. das Konzept: neben Gross-Indien auch Indosphäre, Vorderindien, East Indies, Südasien, Desi, Akhand(a) Bharat(a) (अखण्ड भारत). Neben Pakistan und Bangla Desch sind darin Sri Lanka, Nepal, Bhutan, Malediven, manchmal auch (Süd-)Afghanistan und Tibet mit Indien zusammengefasst. Und die Diaspora: die erste Welle war jene nach Südost-Asien, noch in der Mogul-Zeit; im 19. Jh. wurden Inder als Kontraktarbeiter in britische Kolonien geschickt, nachdem diese die Sklaverei abgeschafft hatten; nach der Unabhängigkeit gingen Inder sowie Bürger der Nachbarstaaten aus allen sozialen Schichten in den Westen. Die Diaspora existiert v.a. in Südost-Afrika, im Karibikraum, in SO-Asien, sowie in den anglokeltischen Staaten.

Zu Beginn des 20. Jh wuchsen Spannungen zwischen Hindus und Moslems, wurde die All-India Muslim League (Moslem-Liga) gegründet. Das indische “Risorgimento” im 20. Jh., der Unabhängigkeitskampf, war dann mit der Abspaltung der moslemisch gewordenen Teile als Pakistan verbunden. Auch wenn das Konzept eines moslemischen indischen Staates ungefähr ab Ende des 19. Jh angedacht wurde, hat sich die Moslem-Liga spät darauf festgelegt, dass Selbstbestimmung einen völlig vom restlichen Indien getrennten, unabhängigen Staat bedeuten muss, endgültig erst nach dem 2. Weltkrieg. Mohammed A. Jinnah, der langjährige Chef der Moslem-Liga und “Gründer” Pakistans, war der Enkel eines Hindus aus Gujarat, der aufgrund seines Berufs, dem Handel mit Fischen, mit Prinzipien seiner Religion (bzw. der Auslegung dieser Prinzipien in seiner Kaste) in Konflikt gekommen war; Jinnah selbst war schiitischer Moslem.

Eine Frage ist bis heute, ob die Moguln auswärtige Herrscher in Indien waren, die Mogul-Herrschaft ein über oder in Indien war, das Mogul-Reich ein einheimisches. Wenn man die Moguln als Fremdherrschaft sieht10, dann wurde Indien erst 1947, nach vielen Jahrhunderten, wieder unabhängig. Das was 1947 als Pakistan unabhängig wurde, ist demnach durch die Mogul-Herrschaft und andere moslemische Herrscher gewissermaßen in seinen “Erbanlagen” verändert worden.

Womit man auch schon beim Erbe der Moguln ist. Die (in verschiedenen Parteien organisierten) Hindu-Nationalisten bzw -Zentristen lehnen dieses ab, als “un-indisch”, und versuchen es stellenweise auszulöschen. 1992 wurde die Babri-Moschee in Ayodhya im nord-indischen Bundesstaat Uttar Pradesh von fanatischen Hindus zerstört, um an deren Stelle einen Hindu-Tempel zu bauen. Die Moschee soll 1528 (unter den ersten Moguln) an einem Ort errichtet worden sein, wo zuvor ein solcher Tempel gestanden war. Jedenfalls wurden auf Ruinen von Hindu-Tempeln Moscheen erbaut. Daneben gilt Ayodhya Hindus als Geburtsort von Gott Rama und heiligen Stadt. Nach der Zerstörung brachen landesweite Unruhen aus, rund 2 000 Menschen wurden getötet. Die Hindu-Nationalisten Indiens, die mit der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) und ihren Verbündeten gerade wieder die Regierung stellen, sind gegen die Idee eines pluralistischen Indiens, auch gegen “westliche Freiheiten”. Das Anti-Imperialistische ist auch für den INC (“Kongress-Partei”) nicht mehr die “Richtlinie” für die Politik.

 

Verweise:

S. R. Sharma: Mughal Empire in India (1999; 3 Bände)

How the Mughals viewed the British

Über Akbar und seine Religions-Synthese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Manmohan Singh ist ein Sikh, dessen Familie sich nach der Teilung Indiens in Pakistan “wiederfand” (in jenem Teil des Panjab) und nach Indien auswanderte
  2. Nachkommen der Moguln als Ethnie bzw. Klasse leben heute in Pakistan, Indien, Bangla Desch, Afghanistan
  3. Was auch der Sikhismus irgendwie war
  4. Nanak kam aus einer Hindu-Familie, wie „Baha’ullah“ aus einer schiitischen, Jesus einer jüdischen,…
  5. Die Eigenbezeichnung der Hindus für ihre Religion wurde “Sanathana Dharma” (Ewiges Gesetz); die Briten übernahmen aber die (eigentlich moslemische Fremd-) Bezeichnung “Hindus”, prägten damit die heutigen Bezeichnungen für diese Religion
  6. Nordwesten und Nordosten waren Randgebiete, Puffergebiete, wurden daher angeblich von Hindus “abgelehnt”, was den Boden für Buddhismus und Islam dort aufbereitet haben könnte
  7. Shivaji Bhonsle war im 17. Jh ein Marathen-Herrscher, dessen Kampf gegen das Sultanat der schiitischen Adilshahi-Dynastie in Bijapur (Süd-Indien) am Beginn der Enstehung des Marathen-Reichs stand. Das Marathen-Reich wird haupt-verantwortlich für den Untergang des Mogul-Reichs gemacht. Die heutige rechtsextreme, hindu-nationalistische Partei Shiv Sena (“Shivajis Armee”), 1966 vom politischen Cartoonisten Bal Thackeray gegründet, bezieht sich auf diesen Shivaji. Die Partei ist v.a. in Maharashtra aktiv, dem Marathen-Stammland
  8. Hindutva bzw Hindu-Zentrismus strebt weniger die Umsetzung der Religion im Alltag an als die Vorherrschaft von Hindus (die in sich sehr diversifiziert sind) über religiöse Minderheiten
  9. Brahmanen wurden im 19./20. Jh auch hauptsächliche Träger der Nationalbewegung (Indian National Congress)
  10. Wofür neben der Eroberung von Teilen Indiens durch sie spricht, dass moslemische Herrscher (auswärtiger Herkunft) über eine mehrheitlich hinduistische Bevölkerung herrschten

Der Irak durch die Jahrhunderte

Mit dem Vormarsch der islamistischen Terrormiliz IS ist der Irak wieder einmal Welt-Krisen-Brennpunkt. Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg, Diktatur, Terror, wirtschaftliche Engpässe durch Sanktionen,… Mehrere Generationen sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass allein das Recht des Stärkeren gilt und dieses mit Waffen durchzusetzen ist. Wie auch Andere in der Region stehen die Iraker zwischen dem Hammer des westlichen Imperialismus und dem Amboss des Islamismus. Mit dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins begann eine besonders dunkle Phase für den Irak. Der Name “Irak” leitet sich vom arabischen Wort für Ufer (von Euphrat/Tigris) oder aber von der sumerischen Stadt Uruk ab und soll seit dem 6. Jh. in Verwendung sein.

Mesopotamien, so die griechische Bezeichnung für “Zwischenstromland”, Land zwischen Euphrat und Tigris, aramäisch Beth Nahrin, war durch die Jahrhunderte meist eine geo-politische Einheit, ist kein durch die britische Kolonialherrschaft entstandenes Kunstgebilde; die Bevölkerung war schon immer sehr diversifiziert. Die jetzigen Probleme werde ich nicht mit einer grossen Vergangenheit überdecken, eher sie daraus erklären. Ich habe mir Mühe gemacht, die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Gliederung ergibt sich durch die Einschnitte und Umbrüche.

* Von den Sumerern bis zur persischen Eroberung, also etwa von 3000 vC bis 500 vC

Diese Phase umfasst die Zeit der antiken Hochkulturen der Sumerer, Akkader, Babylonier und Assyrer. Diese bildeten Stadtstaaten, die nacheinander die Herrschaft über ganz Mesopotamien und oft auch über ganz Vorderasien errangen, die Assyrer dehnten ihre Herrschaft sogar bis nach Ägypten aus. Die Bevölkerung dieser Reiche war grösstenteils semitisch, nur die Sumerer nicht (ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt). Der Beitrag Mesopotamiens zur Weltkultur aus dieser Zeit war ein grosser und ist noch immer lebendig. Von den Sumerern ist neben der Erfindung des Rads und der alkoholischen Gärung vor allem die Keilschrift zu nennen, eines der ersten Schriftsysteme der Welt, das später auch von Akkadern (deren Sprache auch von der sumerischen beeinflusst wurde) und Hethitern verwendet wurde und andere Kulturen beeinflusst hat; der ältere Teil des Gilgamesch-Epos wurde in dieser Schrift verfasst. Mehr zu erwirtschaften als man zum Leben brauchte, war Voraussetzung für die Entstehung der Hochkultur.

Der Untergang Sumerus durch den Angriff der Akkader (sowie die Einwanderung der Amoriter ins südliche Mesopotamien) um 2000 vC fiel mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zusammen bzw. bewirkte diesen. Die sumerische Weiblichkeits- bzw. Fruchtbarkeitsgöttin Inana wurde bei Akkadern, Assyrern und Babyloniern zu Ishtar. Während Inana männliche Gottheiten noch zur Seite gestellt bekam (auch als Gemahl), wurden Ishtar diese später übergeordnet. Bei den Assyrern etwa der Kriegsgott Ashur (Assur), bei den Babyloniern nicht zuletzt Marduk oder die Mondgottheit Sin. Die Akkadische Sprache (in Keilschrift) wurde dann auch lange von Assyrern und Babyloniern verwendet.

Die babylonischen Reiche (im Süden Mesopotamiens, in langen Kämpfen mit den Assyrern im Norden des Landes), haben der Welt Grosses in der Baukunst (die Stadt Babylon/Babel, mit dem Tor, das der Gottheit Ishtar gewidmet war, der Turm in der Nähe der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, die aber auch den Assyrern zugeschrieben werden, Kanäle), der Verwaltung (Hammurabis Gesetzeswerk), Astronomie (Kalender), Mathematik, Medizin hinterlassen. Mit dem Fall des Neu-Babylonischen Reichs gegen die Perser 539 vC verlor Mesopotamien seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, gewann sie erst im 20. Jahrhundert wieder! Zwischen Nabonid und Qasim wurde Irak/Mesopotamien 2500 Jahre von Ausländern regiert.1

Interessant in dem Zusammenhang ist die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten Königs dieses Reichs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll; in veränderter Form fand sie (wie vieles aus Mesopotamien, etwa der Garten Eden) Eingang in Tanach und Altes Testament der Bibel. Die Botschaft “Mene Mene Tekel Upharsin” war eine Warnung bzw. Ankündigung (Gottes). Was die Historizität dessen betrifft, so gehen anscheinend alle Quellen auf Xenophon zurück, der aber möglicherweise auch Daniel wiedergegeben hat. Ausgrabungen antiker mesopotamischer Hinterlassenschaften dauern an, werden aber immer wieder unterbrochen, durch die Gewalt, der der Irak nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.

* 6. Jh. vC bis 7. Jh. nC, Fremdherrschaften der Perser und Griechen:

Die Herrschaft Persiens, das von den Achämeniden regiert war, wurde nach etwa 200 Jahren durch die Eroberungszüge der Griechen unter Alexander beendet (Schlacht von Gaugamela). Von diesem soll der Ausdruck “Mesopotamien” stammen. In Asien setzte sich nach Alexanders Tod ja sein Feldherr Seleukos durch, der dort eine Herrscher-Dynastie begründete. Nach weiteren 200 Jahren erkämpfte im Nachbarland wieder ein iranisches Volk die Herrschaft, die Parther, unter der Arsakiden-Dynastie. Im 3. Jh. nC wurden diese von den persischen Sasaniden gestürzt, im Herkunftsland wie in Mesopotamien. Wie sehr die Iraner in der Spät-Antike das Zwischenstromland als Teil ihres Landes betrachteten, davon zeugt die Tatsache, dass arsakidische und sasanidische Herrscher ihre Hauptresidenz im dortigen Seleukia-Ktesiphon bezogen, das eigentlich aus zwei Städten bestand, die zur seleukidischen Zeit gegründet wurden. 64 vC wurde das Römische Reich Nachbar, wobei die Grenze meist entlang des Euphrats verlief. Rom und dann das Oströmische/Byzantinische Reich versuchten öfters, in Mesopotamien in den persischen Machtbereich einzudringen.

Ausserordentlich bunt war die religiöse Landschaft Mesopotamiens in der Spät-Antike: Unter persischer Herrschaft war auch dort der Zoroastrismus Staatsreligion. Ein grosser Teil der Bevölkerung Mesopotamiens verehrte aber weiter lokale semitische Gottheiten wie Sin und Aschur, v.a. im Norden des Landes. In Süd-Mesopotamien entstand im 1. Jh. nC die gnostische Mandäer-Religion (Mandaje; es gibt heute diverse Fremdbezeichnungen für sie, wie “Subba”). Auch die persische Manichäer-Religion entstand in Mesopotamien, im 3. Jh. nC, ihr Stifter Mani stammte aus der Arsakiden-Familie. Das Land wurde das erste Exil-Zentrum der Juden, der babylonische Talmud entstand hier, ebenso die Karäer-Sekte (Bene Mikra). Darüber hinaus trat die Herrscherschicht von Adiabene (Nodshirakan) im Norden, das eine gewisse Selbstständigkeit behauptete, und wo der Aschur-Kult vorherrschend war, zum Judentum über.

Im 1. Jh. nC kam das Christentum aus dem römischen Bereich (Syrien angrenzend) ins persische Mesopotamien, wo sein nestorianischer Zweig entstand, dieser Glaube dürfte der stärkste im damaligen Mesopotamien gewesen sein. In Seleukia-Ktesiphon entstand ein Katholikat, das dann zum Patriarchat aufgewertet wurde; “Persische Kirche”, auch “Seleukia-Kirche”, wurde diese Christengemeinde genannt. Bischof Nestorius vertrat im Oströmischen Reich die Meinung, dass in Jesus Christus Mensch und Gott getrennt seien (Diophysitismus). 484 nahm die Kirche in Mesopotamien Partei zugunsten des in der “Mutterkirche” ausgeschlossenen Nestorius, ging spätestens ab da nicht nur einen organisatorischen sondern auch einen dogmatischen Sonderweg. Nestorius’ Anhänger gingen aus Byzanz nach Persien. Die nestorianische Kirche breitete sich im persischen Bereich (Lachmiden) und darüber hinaus (Indien, Ostasien) aus.

Die sasanidischen Herrscher Persiens hatten an verschiedenen Grenzen Mühe, ihr Reich zu verteidigen, so etwa im Nordosten gegen die Weissen Hunnen. Im Westen, in Mesopotamien, war Byzanz der grosse Gegner geworden. Im südlichen Teil dieser Grenze hatten die Sasaniden einen vorislamischen arabischen Stamm, die Lachmiden (Banu Lakhm) als Vasallen engagiert. Diese waren zum nestorianischen Christentum übergetreten. Anfang des 7. Jahrhunderts gliederte Chosrou II. die Lachmiden seinem Reich ein – und verlor damit einen wirkungsvollen Grenzschutz.

Die Sprache der Aramäer in Syrien, die zu Beginn des 1. Jahrtausends vC entstand, hatte auch auf Mesopotamien grosse Auswirkungen. Sie entwickelten eine Konsonantenschrift, benutzten nicht mehr Tontafeln, sondern Papyrus und Pergament. So setzte sich Aramäisch auch im Neuassyrischen und Spätbabylonischen Reich durch. Auch die persischen und griechischen Herrscher Mesopotamiens verwendeten Aramäisch als Verwaltungssprache, es wurde dort erst im Mittelalter allmählich vom Arabischen verdrängt, wird aber noch immer von manchen Religionsgemeinschaften zumindest in der Liturgie verwendet. In diesem Land der historischen Brüche eine seltene Kontinuität. Phebe Marr findet noch eine Kontinuität von antiken Zeiten bis zu jetzigen bzw Gemeinsamkeiten in den Umbrüchen: “Rapider Expansion der Zentralmacht folgte unvollständige Assimilation der diversen Völker; interne Rebellionen und Palastrevolutionen brachen aus; Kriege an den Grenzen sowie Invasionen zerstörten schliesslich das Regime.” Die Zentralmacht waren früher eben die Babylonier, später die sunnitischen Araber.

* Von der arabischen Eroberung bis zum Auseinanderfall des Abbasiden-Kalifats, 7. bis 9. Jh.

636 nC siegte die arabisch-islamische Armee in Kedisia in Mesopotamien über die persische und eroberte in den folgenden Jahren den gesamten persischen Machtbereich. Damit ging auch die persische Herrschaft über Mesopotamien zu Ende, die mit Unterbrechungen fast ein Jahrtausend angehalten hatte, es sollte nicht die letzte sein.

Nach der Ermordung des dritten Kalifen Osman 656 wurde Ali, der davor übergangen worden war, sein Nachfolger als weltlich-geistlicher Führer (Kalif) des von Medina aus regierten Arabischen Reichs. Ali verlegte die “Hauptstadt” von Medina nach Kufa, einer arabischen Garnisonsstadt im mittleren Irak/Mesopotamien. Er sah sich der Konkurrenz v.a. der Omayaden-Familie unter Muawiya sowie den Kharidschiten ausgesetzt, von denen ihn dann auch einer ermordete. Muawiya folgte ihm als Herrscher nach und verlegte das Zentrum des Reichs nach Damaskus. Sein Sohn und Nachfolger Yazid wurde von Alis Sohn Hussain und seinem Gefolge (Schi’at Ali, die Partei Alis, die Schiiten) herausgefordert. 680 kam es in Kerbala im südlichen Irak zur Entscheidungsschlacht, die die Armee der Omayaden-Herrscher gewann. Die Schiiten gingen endgültig in Opposition zum Kalifat, religiös und politisch, und der südliche Irak wurde ihre Hochburg (die wichtigsten Heiligtümer dieser Konfession, die Gräber von Ali und seiner Familie, befinden sich dort).

Mitte des 8. Jh. brach innerhalb der herrschenden Omayaden-Dynastie ein Streit aus, in den sich die Abbasiden einschalteten und sich, durch Kämpfe im Irak, durchsetzten, 750 endgültig. Die neuen Kalifen gründeten eine neue Hauptstadt, Bagdad am Tigris, nördlich der untergegangenen Metropolen Seleukia-Ktesiphon und Babylon. Für etwa ein Jahrhundert blühte das Reich unter den Abbasiden politisch und kulturell auf, Perser (obwohl grossteils Schiiten) kamen unter ihnen zu bedeutendem Einfluss; ein genuin irakischer Beitrag zu der hohen Kultur war der Wissenschafter al Kindi. Die Zentralgewalt begann aber schon mit ihrer Machterringung zu bröckeln, als sich die entmachteten Omayaden auf der Iberischen Halbinsel selbstständig machten.

Harun al Rashid war Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts der letzte bedeutende abbasidische Kalif, Mitte des 9. Jh. versank das Kalifat in Bedeutungslosigkeit, als von den Rändern des Reiches (zunächst Nordafrika) ausgehend, regionale Herrscher die Macht übernahmen (Almoraviden, Fatimiden,…), schliesslich auch im Kernraum. In Mesopotamien hielten sich die abbasidischen Kalifen bis ins frühe 10. Jahrhundert, hatten aber auch dort den grössten Teil ihrer Macht an ihre Emire verloren. Ungefähr zur selben Zeit wie die sunnitischen Herrscher gingen auch ihre schiitischen Kontrahenten “unter”, der zwölfte Imam, der Mahdi, verschwand 869 in Samarra, er sollte der letzte sein.

Mit der arabisch-islamischen Eroberung des Irak begann auch hier der Prozess der Islamisierung und Arabisierung, durch den Druck von Sondersteuern, Einwanderung aus der arabischen Halbinsel (nach den Soldaten kamen Beduinen), Vermischung mit den einheimischen Semiten, allmähliche Durchsetzung/Annahme der arabischen Sprache, am Ende auch im privaten Bereich,… Auch die Ethnogenese der Kurden ist wahrscheinlich in früh-islamischer Zeit anzusetzen; sie dürften durch die Vermischung von eingewanderten Iranern (Medern?) mit semitischen Assyrern u.a. im Norden Meopotamiens entstanden sein. Armenier (im Irak nie so zahlreich) dürften im Mittelalter aus dem Norden eingewandert sein.

Im äussersten Norden und äussersten Süden Mesopotamiens gab es zwei Religionsgemeinschaften, die sich später Sabäer nannten. Der Hintergrund war dieser: bei der Ausbreitung des Islam wurden im Koran genannte Buch-Religionen anerkannt, das sind Christentum, Judentum und Sabäer (nicht aber Zoroastrier oder Hindus, die es dennoch zu dieser Anerkennung brachten). Sabäer (oder Sabier) waren zur Zeit Mohammeds Anhänger eines Gestirnkults in Jemen gewesen, der bald unterging. Die Mandäer in Süd-Mesopotamien, deren heilige Schrift die Ginza ist, bemühten sich zur Zeit der Islamisierung um Anerkennung und nannten sich daher nach dem im Koran erwähnten Sabäern. Dasselbe taten die Anhänger alt-mesopotamischer Kulte im Norden des Landes, um Harran! Während sich die Mandäer bis heute behaupten konnten (als ethnoreligiöse Gruppe, wie etwa die Drusen), sind die “Nord-Sabäer” im 12./13. Jahrhundert untergegangen – bzw. in den Alawiten aufgegangen.

* Hoch- und Spätmittelalter

Die Macht der Abbasiden wurde Mitte des 10. Jh. durch die persischen Buyiden (die Schiiten waren) endgültig gebrochen. Irak/Mesopotamien war in den folgenden Jahrhunderten meist wieder mit Iran/Persien zu einem Herrschaftsbereich zusammengefasst. Nach den Buyiden herrschten die türkischen Seldschuken (11./12. Jh.). Daneben und danach gabs die Hamdaniden, die Zengiden u. a., die über Teile des Irak regierten.

Bagdad war über den Untergang der Abbasiden-Herrschaft hinaus eine Metropole der islamischen Welt geblieben, durch die erste Mongolen-Invasion im 13. Jh. unter Hülagü wurde es schwer zerstört; auch der letzte abbasidische Kalif von Bagdad, der allenfalls noch eine religiöse Bedeutung hatte, wurde damals umgebracht. Im 15. Jh. fielen abermals die Mongolen ein, unter Tamerlan, verübten diesmal auch in Nord-Mesopotamien Massaker, an Nestorianern, die dort noch in der Mehrheit waren. Die nestorianische Kirche mit dem Patriarchat in Bagdad war nach der Arabisierung und Islamisierung Mesopotamiens weiter geblüht, hatte Anhänger in verschiedenen Teilen Asiens, wurde erst durch den zweiten Mongolen-Sturm stark getroffen, nicht nur in Mesopotamien. Zwischen den beiden Mongolen-Einfällen verbreitete sich im Land ausserdem die Pest.

Die Kämpfe mit den Mongolen führten zu hohen Sachschäden an dem komplexen Bewässerungssystem des Zweistromlandes. Dadurch konnte die mesopotamische Landwirtschaft ihr volles Potential nicht mehr entfalten. Das war einer der Faktoren dafür, dass das Land nach den Mongolen-Invasionen zur Peripherie wurde und für lange Zeit blieb (eigentlich war es erst das Erdöl, durch dass sich das änderte, in der modernen Zeit). Wie auch in Teilen Persiens etablierten sich dann turkmenische Stämme im Irak. Im Spät-Mittelalter begründeten die türkischen Osmanen in Anatolien ihre Herrschaft, in Persien die schiitische, multiethnische, Safawiden-Dynastie. In Mesopotamien trafen Perser und Osmanen im 16. Jh. aufeinander, die Osmanen setzten sich durch, gründeten das Wilayet von Bagdad, das den östlichen Rand ihres Reichs bildete.

Eine weitere im Zwischenstromland entstandene Religion ist die yazidische, die im 13. Jh. bei Mossul unter Kurden entstand, aus dem Islam, mit Beimischungen aus Zoroastrismus, Schamanismus,…  Diese Religion ist auch heute mehr oder weniger auf irakischen Kurden beschränkt; die Yaziden/Jesiden werden auch als ethnoreligiöse Gruppe gesehen.

Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im
Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im “Jami al-Tawarich”, einem mongolischen Geschichtsbuch der damaligen Zeit

* Neuzeit, osmanische Herrschaft

Das Land war bis ins 17. Jh. hart umkämpft zwischen Persischem und dem Osmanischen Reich; Teile des Landes bzw. die Grenzen sogar noch bis ins 19. Jh. Der Irak war für Persien schon wegen der schiitischen Bevölkerung (bzw. ihren heiligen Stätten) und den sprachverwandten Kurden wichtig. Erst nach der zweiten Einnahme Bagdads unter Sultan Murad IV. 1638 war die osmanische Herrschaft im Irak gesichert.

Ein Blick auf die Bevölkerungsgruppen, zumal sich in der Neuzeit die grossen Wanderungsbewegungen, Vermischungen und Assimilationsprozesse legten und sich die heutige “Landschaft” herausbildete. Es überwogen arabisierte und arabische Moslems, wobei Schiiten in der Mehrheit waren; deren Siedlungs-Schwerpunkt war der Süden geblieben, mit der Metropole Basra, am Schatt el-Arab/Arvandrud, der beim Zusammenfluss von Euphrat und Tigris entsteht und z.T. die Grenze zwischen Irak und Iran bildet. Schiiten wurden seit ihrer “Entstehung” im Irak bis auf die etwa 100 Jahre Herrschaft der Buyiden immer von Sunniten regiert  – bis zum Bush-Krieg 2003. Sie wurden unter Osmanen diskriminiert, weil sie als “Handlanger” der persischen Nachbarn und Konkurrenten verdächtigt wurden.

Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil des schiitischen Klerus im Süd-Irak aus Persien stammt(e) (davon zeugen auch heute Namen wie Sistani, der Gross-Ajatollah in Najaf), setzte diese Diskriminierung die Dynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang, wie oft in der Geschichte: Persien, seit den Safawiden ein “Paradies” für Schiiten, wurde so für die irakischen zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend verhielt es sich mit den Moslems in Bosnien-Herezegowina (den Bosniaken). Man unterstellte ihnen das Streben nach einer Vorherrschaft, nach einem politischen Islam, diffamierte sie als un-europäisch, rechtfertigte die ethnischen “Säuberungen”, die bald nach der Unabhängigkeit begannen, damit. Ein Resultat des Krieges ist, dass der Islam für die Bosniaken eine grössere Rolle spielt als vorher – nicht unbedingt als Lebensanleitung oder politisches Programm, aber zumindest als Teil der Identität. Erst 1908 wurde Schiiten von den osmanischen Behörden freie Religionsausübung erlaubt. Schiiten waren in unteren sozialen Schichten zu finden, waren oft Bazaris.

Sunnitische Araber mach(t)en etwa ein Drittel der Bevölkerung aus (Zentrum war/ist der Mittel-Irak um Bagdad), waren unter der türkischen Herrschaft, wie auch davor und danach, die privilegierte Bevölkerungsgruppe. Kurden waren und sind die vorherrschende Ethnie im Norden, wobei die grösste Stadt dort, Mossul, eine relative arabische Mehrheit hat. Kurden sind grossteils sunnitische Moslems, mit Minderheiten von Schiiten, Yaziden,… Die ebenfalls im Norden des Irak ansäßigen Türken werden “Turkmenen” genannt, was eigentlich irreführend ist. Sie stammen von verschiedenen türkischen Wanderungsbewegungen nach/durch Mesopotamien ab, jener unter den Seldschuken im Mittelalter und der unter den Osmanen in der Neuzeit – die meisten irakischen Turkmenen stammen von osmanischen Soldaten, Beamten und Händlern ab. Es gab im Früh-Mittelalter daneben eine Einwanderung echter Turkmenen aus Zentralasien, die vom Omayaden-Feldherr Ubayd-Allah ibn Ziyad dort als Soldaten rekrutiert worden waren. Diese gingen aber in der Mehrheitsbevölkerung auf, die (seit den Tagen der Omayaden) als “arabisch” gilt.

Ein Prozess, den es natürlich bei allen “Völkern” gibt, auch bei jenen, die als “Türken” gelten. Unter den Deutschen sind viele litauische und prussische Familiennamen verbreitet (bei Jenen, bei denen eine patrilineare Weitergabe des Namens gewährleistet war…), was u.a. auf die Assimilierung von Teilen dieser Völker an die Deutschen in Ostpreussen zurückzuführen sind. Zurück zu den irakischen Turkmenen. Früher wurden alle westlichen/oghusischen Türken “Türkmen” oder “Turkoman” genannt, dies erklärt diese Bezeichnung für sie. Ihre Sprache ist dem Aseri sehr ähnlich. Auch von den aus osmanischer Zeit stammenden Türken ist ein Teil in der “arabischen” Mehrheitsbevölkerung des Irak aufgegangen, etwa die Hashimi-Brüder, die im 20. Jh beide Premiers waren. Für die Türken/Turkmenen in Syrien gilt fast alles was über jene im Irak hier steht.

Der wichtigste nicht-moslemische Bevölkerungsteil waren (und sind) die christlichen Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert oft als “Assyrer” zusammengefasst werden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Nestorianer, die nach dem Mongolensturm mehr oder weniger auf einen Rest in Nord-Mesopotamien, wo sie v.a. mit Kurden zusammenlebten, reduziert waren. Die Kirche führte die Erblichkeit des Patriarchen-Amts ein, wechselte öfters den Sitz, es gab Nachfolgekämpfe, es entstanden Gegenpatriarchen (zeitweise gab es vier Patriarchen). Einer vollzog zu Beginn der Neuzeit die Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche. Im 19. Jh. hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass es eine autokephale und eine unierte Kirche gab.

Der Siedlungsschwerpunkt der Chaldäer, der unierten Nestorianer, verlagerte sich in den mittleren Irak, um das Patriarchat in Bagdad; die Nestorianer hatten ihr Patriarchat in Hakkari im Norden. Daneben waren auch die syrischen Christen der Jakobiten und ihrem katholisch-unierten Zweig im Irak vertreten; diese werden auch als “Aramäer” statt als “Assyrer” bezeichnet. Im 19. Jh. begann auch das westliche Interesse an den mesopotamischen Christen, das Missionsversuche, den Import von Nationalismus-Ideen, machtpolitische Überlegungen, historisch-religiöse Studien von ihnen, umfasste. Das nördliche Mesopotamien lag am Schnittpunkt türkischer, russischer, britischer Interessen. Hinzu kommen die Mandäer/Sabäer, Juden und Armenier.

Irak/Mesopotamien war im Osmanischen Reich eine Randregion, oft regiert von Statthaltern, die an persönlicher Bereicherung interessiert waren. Verwaltungstechnisch war das Land (in den Grenzen, die es nach der britischen Eroberung 1918 annahm und heute hat) auf vier (am Ende drei) Eyalets aufgeteilt (aus denen im 19. Jh. Vilayets wurden): Bagdad, Basra, Mossul, Sharazor (Kirkuk, ging 1830 in dem von Mossul auf). In den 1740ern übernahm in drei dieser Elayets (Bagdad, Basra, Kirkuk), also im grössten Teil des Irak, eine “Kaste” von mamelukischen Offizieren im osmanischen Dienst, die georgischer Herkunft waren, die Macht, für etwa 100 Jahre.

Während sich in der Provinz/Eyalet Mossul die Jalilis als quasi-erbliche Herrscher durchsetzten (“Araber”; sie waren christlicher, wahrscheinlich nestorianischer Herkunft und hatten wahrscheinlich auch kurdischen Einschlag), wurde Hasan Pascha 1702 Beylerbey (Gouverneur) von Bagdad, ernannt vom Sultanspalast in Konstantinopel/Istanbul, wo er auch aufgewachsen war. Er stammte von islamisierten georgischen Militärsklaven (Mameluken) ab. Er brachte neue Militärsklaven aus dem Kaukasus und etablierte in der Provinz, ja im Land, ein Machtsystem aus mamelukischen Offizieren, die sich auf militärischen Rückhalt stützen konnten, aber in Verwaltungspositionen ernannt wurden. Sein Sohn Ahmed (Pascha), zunächst Beylerbey im Eyalet Basra, wurde 1723 sein Nachfolger in Bagdad. Nach seinem Tod versuchte die “Hohe Pforte” dieses “Machtkartell” zu brechen, aber die von ihr ernannten Gouverneure von Bagdad konnten sich nicht durchsetzen. Suleyman Pascha, ebenfalls georgischer Mameluke, bislang Gouverneur von Basra, Schwiegersohn von Ahmed, erzwang seine Einsetzung in Bagdad. Manche setzen den Beginn der Mamelukenherrschaft mit ihm an. Unter ihm wurden die Gouverneurs-Positionen von Bagdad, Basra und Kirkuk quasi zu einer vereint.

Die Mameluken-Herrscher mussen oft in Streitigkeiten zwischen den Stämmen und ihren Scheichs intervenieren. Der grösste Teil des Zwischenstromlandes war von den 1740ern bis 1831 de facto autonom vom Osmanischen Sultanat; es hätte hier wie in Ägypten kommen können, wo die albanisch-stämmigen Lokalherrscher es schafften, sich tatsächlich unabhängig zu machen, wenn auch unter britischer Herrschaft dann. Mit Dawud Pascha fand diese Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und dann ihr Ende. Er leitete im Land einige Modernisierungsschritte ein (so geht die erste Zeitung des Irak auf ihn zurück), beendete die Unabhängigkeit des Janitscharen-Korps. Anfang der 1830 forderte der Wali von Ägypten Mohammed Ali indirekt die Herrschaft in Syrien, was ein Grund für die osmanische Regierung war, wenigstens im Irak die Macht der Mameluken zu brechen. 1830 wurde Dawud vom Sultan abgesetzt, der Emissär, der diese Nachricht überbrachte, wurde aber kurzerhand umgebracht.

So schickte Istanbul eine Militärexpedition unter Ali Rida Pascha, die 1831 Erfolg hatte. Ali Rida wurde selber Gouverneur in Bagdad. Er heiratete die Tochter eines Mameluken-Notabeln, blieb der Hohen Pforte aber treu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte der osmanische Politiker Midhat Pascha, anscheinend ein Alewit, als Gouverneur in Bagdad, betrieb eine Modernisierung, im Bildungsbereich und für das Heer. Zu den aus der Kaukasus-Region stammenden Irakern gehörten neben den im 18. Jh. als Militärsklaven rekrutierten Georgiern Moslems aus Daghestan, Tschetschenien oder Abchasien, die Mitte des 19. Jh. vor der russischen Eroberung ins Osmanische Reich “auswiechen”. Naji Shawkat, in der Phase nach der Unabhängigkeit im 20. Jh Premier, war etwa mamelukisch-georgischer Herkunft.

Für die Führer der Babi-Sekte war der Irak nach der Vertreibung aus Persien Exil-Station, für 10 Jahre. In einem Park in Bagdad erklärte sich einer von ihnen, Mirza Hussain Ali Nuri, 1863 (gegen Ende dieses Aufenthalts im osmanischen Mesopotamien) erstmals als die vom Gründer angekündigte messianische Gestalt, als “Baha’ullah” (Glanz Gottes), was als Stiftung der Baha’i-Religion verstanden wird. Kuwait, zwischen Mesopotamien und der arabischen Halbinsel (Hasa-Region) liegend, wurde 1756 ein Scheichtum unter der as-Sabah-Dynastie, unterstand aber der Oberhoheit der Osmanen. Nachdem diese im 19. Jh versuchten, ihre Oberhoheit auch durchzusetzen, löste sich Kuwait 1899 unter britischem Schutz von den Osmanen (endgültig im 1. Weltkrieg).

Anfang des 20. Jh begann auf osmanische Initiative der Bau der Bagdad-Bahn von Kleinasien nach Bagdad, ausgeführt durch das Deutsches Reich (das sich dadurch Zugriff aufs Öl erhoffte), als Konkurrenz zum britisch kontrollierten Suezkanal. In der späten osmanischen Herrschaft über Irak begannen auch die Ausgrabungen antiker Reste, v.a. durch Briten (Austen Layard, Norden, Ninive, Assyrer) und Deutsche (im Süden).

Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung, 1932?
Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung. Das Tor war eines der Stadttore Babylons, wurde unter Nebukadnezar II. (7./6. Jh. vC) errichtet. Es ist mit Reliefen der anderen babylonischen Gottheiten Marduk und Adad geschmückt. Es wurde im 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit der osmanischen und dann der britischen Herrschaft über Mesopotamien/Irak hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben, in Berlin aus den Teilen dann rekonstruiert

Mit dem westlichen Imperialismus, der Irak begann für den Westen v.a. wegen seines Erdöls interessant zu werden, kam auch der Nationalismus in die Region, erfasste auch im osmanischen Irak alle Bevölkerungsgruppen, Araber, Kurden, Türken, Assyrer, Juden,… Der zu Beginn des 20. Jh gegründete Irakische Bund (al-Ahd al-Iraqi) wurde die wichtigste Organisation arabischer Iraker, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wollten.

* Der 1. Weltkrieg, die britische Eroberung und Machtausübung bis zur Unabhängigkeit

“Bis zum Waffenstillstand von Mudros [in Westasien, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten, im Oktober 1918] war London an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert.” (Fürtig) Marineminister Churchill hatte im Vorfeld des Kriegs als ein Ziel ausgegeben, Eigentümer oder zumindest Kontrolleur der Menge Erdöl zu werden, die Grossbritannien benötigte. Und Aussenminister Sykes hatte 1916 mit seinem französischen Kollegen den Nahen und Mittleren Osten aufgeteilt, den grössten Teil Mesopotamiens sollte GB bekommen. Die Briten, mit ihren Hilfstruppen aus Indien (mehr als die Hälfte!) und anderen Ländern, eroberten, mit Hilfe vieler Iraker, gegen Osmanen und Deutsche, dieses Gebiet dann, von Süden nach Norden, zunächst bis Kirkuk, dann auch das Gebiet um Mossul.

Den äussersten Norden des Zwischenstromlands nicht, das waren die osmanischen Vilayets Harput, Erzurum, Bitlis, Diyarbakir (Amid), den äussersten Westen auch nicht, in den Vilayets Aleppo und Dar es Zur (das zu Aleppo gehört hatte, dann ein unabhängiger Sandjak geworden war). Die Gebiete der Oberläufe und Quellflüsse von Euphrat und Tigris kamen dann zum damals französischen Syrien und zur Türkei (der äusserste Norden Mesopotamiens, der dann türkisch wurde, war im 1920 vereinbarten Vertrag von Sevres zunächst dem Kurdengebiet und Armenien zugeteilt worden). Die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu “Mesopotamien” ist fraglich, möglicherweise gehören sie “geopolitisch” eher zu Syrien bzw. Kleinasien.

In der Antike standen sie teilweise unter der Herrschaft der Hethiter, waren dann (auch das anders als das restliche Zwischenstromland) teilweise bei Byzanz, unter islamischer Herrschaft waren die mesopotamischen Gebiete meist vereinigt, so auch bis zum Ende des Osmanischen Reichs, dann wurden die nördlichen und westlichen abgetrennt. Die heute zu Syrien und der Türkei gehörenden Gebiete um Euphrat und Tigris teilen einige Gemeinsamkeiten mit den irakischen, besonders dem angrenzenden des Nord-Irak, so etwa den (angestammten) kurdischen und assyrischen Bevölkerungsanteil. Euphrat und Tigris werden heute von Türkei und Syrien aufgestaut. Wenn man das Einzugsgebiet der zwei Flüsse dazuzählt, wäre Mesopotamien noch grösser, würde es Teile auch des Iran, Kuwaits und Saudi-Arabiens einschliessen. Hier geht es in der Folge aber um den Irak. Die Türkei beanspruchte dann auch den Nord-Irak um Mossul, auch wegen der dort lebenden türkischen Minderheit.

Das nördliche Mesopotamien lag nahe der osmanisch-russischen Front, 1915 mussten sich die Russen dort erstmals zurückziehen. In dieser Phase fand der grösste Teil jenes Terrors statt, der heute allgemein als Völkermord anerkannt ist. Osmanisches Militär und kurdische Milizen deportierten und ermordeten Armenier (deren Siedlungsgebiet zwischen osmanischem und russischem Gebiet lag) sowie Nestorianer, denen sie die Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellten. Ein furchtbares Ende der osmanischen Herrschaft über Mesopotamien. Nestorianer flüchteten, v.a. in den persischen Bereich (wo die Zentralgewalt wenig Macht hatte) um Urmie, ein Teil blieb in der Gegend um Hakkari.

1916/17 hatten wieder die Russen an der Kaukasus-Front die Oberhand, damit auch über Armenien und Nord-Mesopotamien. Für etwa ein Jahr konnten die christlichen Armenier und Assyrer (Nestorianer) anschliessend daran die Front gegen die Osmanen halten, hatten in dieser Zeit die Kurden als Hauptfeind. Als die Osmanen 1918 wieder vorrückten, flüchtete ein Teil der Nestorianer in den Süden Mesopotamiens, den Briten entgegen, auch ihren chaldäischen Brüdern, liessen sich bei Bagdad nieder. Im Urmie-Gebiet töteten Kurden unter ihrem Stammesfüher Simko Ismail Shikak 1918 den nestorianischen Patriarchen Mar Shimun XXI. Benyamin (der auch seinen Sitz in Hakkari aufgeben musste) und 150 seiner Gefolgsleute. Die Verfolgungen im 1. Weltkrieg waren für die Christen Mesopotamiens das einschneidendste Erlebnis seit Tamerlan.

1920 wurde der Irak vom Völkerbund offiziell britischer Kontrolle unterstellt. Die Briten zogen in den frühen 1920ern die Grenzen in der Region, in der sie durch den Krieg die vorherrschende Macht geworden waren, mit etwas französischer Mitsprache. Nach dem 1. Weltkrieg war die ganze islamische Welt unter direkter oder indirekter europäischer Kontrolle; der Einfluss der USA dort kam später. Aufstände von Irakern gegen die britische Herrschaft wurden blutig niedergeschlagen; 1919 sanktionierte Churchill als Kriegsminister den Einsatz von Giftgas gegen Kurden (“unzivilisierte Stämme“, wie er sie nannte), konventionelles Bombardement wurde dann aber als effektiver betrachtet. 1921 wurde der Sohn des Scherifen von Mekka, Hussein, aus der Haschemiten-Familie (am Hejaz von den Sauds “verdrängt”), Bruder des in Jordanien eingesetzten Abdullah (der eigentlich als irakischer König vorgesehen war), als König Syriens von den Franzosen abgesetzt, ein sunnitischer probritischer Araber, von den Briten als König des Irak eingesetzt.

Die Briten herrschten über einen Hochkommissar, dort stationierte Truppen, eigene Beamte, und schufen eine dünne pro-britische Oberschicht (v.a. sunnitische Stammesführer und ehemalige osmanische Offiziere). Iraker bzw arabische Iraker waren wieder nicht Herren im eigenen Haus. Es kam in den 1920ern daher zu weiteren Aufständen, angefacht etwa von der Haras as-Istiqlal (Hüter der Unabhängigkeit, eine schiitisch dominierte Partei), die niedergeschlagen wurden. Das Mossul-Gebiet kam entgegen türkischen Wünschen 1925 endgültig zum Irak, hauptsächlich weil sonst die schiitische Mehrheit im Land noch deutlicher gewesen wäre… Möglicherweise war das auch die Motivation bei der Grenzziehung im Westen, die die arabisch-sunnitische Dulaim/Ramadi/Anbar-Region mit einschloss.

Briten brachten die Erdöl-Förderung und -Verarbeitung auf Touren. Aufgrund des steigenden Interesses an Erdöl und die Vermutung dessen im Irak war in dessen osmanischer Endzeit die Turkish Petroleum Company gegründet worden. Diese TPC hatte britische (die Anglo-Persian Oil Company) und deutsche Teilhaber, und wurde vom armenischen Geschäftsmann Calouste Gulbenkian geführt. Nach dem 1. Weltkrieg (die Nachfrage nach Öl war inzwischen noch grösser) wurden die deutschen Teilhaber, wie Deutsche Bank, hinausgeworfen, Franzosen kamen hinzu, Briten dominierten die TPC nun ganz. Die Gesellschaft führte Mitte der 1920er Bohrungen durch, fand erstmals in Kirkuk etwas. Amerikanische Firmen kamen hinzu. Das Öl machte nun die grösste Bedeutung des Irak aus und blieb es auch über 100 Jahre später. Die TPC wurde 1929 in Iraqi Petroleum Company umbenannt, hatte das Monopol auf irakisches Öl, baute Raffinerien und Pipelines, war von der britischen AIOC dominiert und bohrte auch in benachbarten Ländern. Die Haupt-Pipeline aus dem Irak teilte sich in Haditha, die eine führte Öl von Kirkuk über Jordanien bis 1948 nach Haifa (dann Israel), die andere nach Tripolis im Libanon.

Der sunnitisch dominierte Irakische Bund unter Nuri as-Said stand zur Monarchie und den Briten. as-Said war dieses Bündnis im 1. Weltkrieg eingegangen, als er als Offizier in der osmanischen Armee in britische Gefangenschaft geriet, danach am Hejaz für Haschemiten und Briten gegen Osmanen kämpfte. Viele arabische Soldaten und Offiziere im osmanischen Heer wurden wie er in diesem Krieg zur Unterstützung der Sache des britischen Gegners “konvertiert”, die ihnen als der arabischen dienlich verkauft wurde, nicht zuletzt in Gefangenenlagern in Indien. Die Briten liessen nicht viel politische Betätigung und Mitbestimmung der Iraker zu. 1920 setzten sie erstmals eine Regierung ein, die ihre Vertrauensleute unter Irakern umfasste und nicht viel zu bestimmen hatte.

Nuri as Saids Schwager Jafar Askari war in den 1920ern mehrmals Premier und auf (nominell) wichtigen Ministerposten, Said vorerst nur Minister, als Verteidigungsminister leitete er den Aufbau des irakischen Militärs. 1924 durfte erstmals ein Parlament gewählt werden, die meisten Parteien waren aber verboten, das Wahlrecht eingeschränkt. In der zweiten Hälfte der 1920er drängten auch die Gewährsleute der Briten unter Irakern, auch König Feisal, immer vehementer auf die Unabhängigkeit. As Said wurde 1930 erstmals Premierminister (schloss mit den Briten einen “Bündnisvertrag”), bis 1958 war er das weitere 13 Male. Die Unabhängigkeit wurde 1932 gewährt, bei Beibehaltung britischer Vorrechte (Ölförderung und Militärbasen)

* Der unabhängige Irak bis zum Sturz der Monarchie

Auch nach der Unabhängigkeit unter den vom Hejaz stammenden Monarchen war starker britischer Einfluss gegeben, sunnitische Dominanz, wenig Selbstbestimmung der Iraker. König Feisal starb im Jahr nach der Unabhängigkeit, sein Sohn Ghazi wurde Nachfolger. Unter ihm bzw. in der Phase des unabhängigen, königlichen Irak bis 1958 spielte Nuri as Said weiter eine Hauptrolle. Seit 1924 fanden im Irak Parlaments-Wahlen statt (Männer-Wahlrecht); durch die Konstruktion (in der Verfassung von 1925) mit einem ernannten Oberhaus, eingeschränkten Rechten des Parlaments sowie Parteienverboten konnten die Herrschenden (Königshaus, die Schicht um as Said, Briten) die Opposition von Linken (die an der verbreiteten Armut etwas ändern wollten), Nationalisten (unter denen sich auch Anhänger einer repräsentativen Demokratie befanden!) und zu kurz gekommenen Volksgruppen (Schiiten, Kurden) klein halten.

Das Militär hatte die Rolle der Stütze dieses Systems,  sobald es sich aber gegen das System wandte, hatte dieses keine Chance mehr, wie sich noch zeigen sollte. Der britische Botschafter hatte nicht die Macht des Hochkommissars (die mit der des US-amerikanischen Zivilverwalters nach der Invasion 2003 vergleichbar war), aber dennoch eine beträchtliche; die wirtschaftliche über die Iraqi Petroleum Company wurde durch die militärische, etwa über die Luftwaffenbasis in Habbaniyah, abgesichert.

Ein Teil der Nestorianer im Irak war von den britischen Machthabern für militärische Sondereinheiten, die Levies, rekrutiert worden. Die Levies wurden von den Briten vor allem im Nord-Irak eingesetzt, v.a. um Revolten der Kurden unter Mahmud Bar(a)zani niederzuschlagen. Die Beziehung der Nestorianer zu ihren kurdischen Nachbarn war seit Jahrhunderten “schwierig”; die Verschlechterung der Beziehungen mit Arabern ist nach dem 1. Weltkrieg anzusetzen. Die militärische Instrumentalisierung von Nestorianern durch die Briten trug wesentlich zu ihrer Isolierung im Irak bei. Viele arabische Iraker sahen die Aktivitäten der Nestorianer als Versuch der Briten, den Irak mit Hilfe seiner Minderheiten zu spalten. Die Levies existierten auch noch im unabhängigen Königreich Irak, auf britischen Stützpunkten, wurden 1941 gegen die irakische Regierung eingesetzt.

Ein Teil der Nestorianer quittierte nach der Unabhängigkeit die Levies, 1933, mit dem Ziel, sich im Nord-Irak als Miliz zu organisieren, und verlangte dort Autonomie. Anders als die Chaldäer (deren Patriarch Emanuel Yosef Mitglied des irakischen Parlaments wurde) entwickelten die Nestorianer wenig Zugehörigkeit zum Irak. Der nestorianische Patriarch Mar Schimun XXI. selbst agitierte gegen die Integration in die irakische Gesellschaft. Er wurde im Sommer 1933 zu einem Gespräch mit der Regierung nach Bagdad geladen und danach ausgewiesen, nachdem er seinen Anspruch auf weltliche “Herrschaft” nicht aufgeben wollte.

Im Norden etablierte sich eine Miliz aus etwa 200 Kämpfern unter Malik Yaqo. Die irakische Regierung sandte Truppen unter dem kurdischen General Bakr Sidqi. Viele Kurden begrüssten ein Vorgehen gegen die Miliz. Die Yaqo-Truppe, dazu viele Zivilisten, insgesamt 600 Leute, versuchten, in das französische Syrien zu gelangen, wurde an der Grenze aber zurückgeschickt. In der Folge kam es zu Gefechten mit der irakischen Armee, deren Auslöser umstritten ist. Die Sidqi-Truppen verübten dann in der Dohuk-Region Massaker an Nestorianern, unterstützt von kurdischen (auch yazidischen) und arabischen Einwohnern der Gegend. Die Stadt, die auf aramäisch und türkisch Simele heisst, auf sorani Semel, arabisch Sumail, wurde Fluchtziel vieler Nestorianer der Gegend, wie Srebrenica in Ost-Bosnien für Bosniaken, als dort 1992 die ethnischen “Säuberungen” losgingen. Dort fand nun das schlimmste dieser Massaker statt, in dem Hunderte Menschen getötet wurden.

Wiederkehrende Aufstände der Schiiten wurden in dieser Phase nach der Unabhängigkeit ebenfalls mit Masskern des noch jungen irakischen Militärs beantwortet. 1936 putschte das Militär unter Bakr Sidqi, der inzwischen Generalstabschef war, erstmals. König Ghazi musste Premier Yasin Haschimi gegen Hikmet Suleiman (von der Partei der nationalen Bruderschaft, die hauptsächlich gegen die britische Vorherrschaft eingestellt war) austauschen. Nachdem dieser die Hoffnungen auf Reformen, auf eine breitere Verteilung von Macht und Ressourcen, enttäuscht hatte, sich mit Sidqi zerkracht hatte und dieser dann ermordet wurde (evtl. von der probritischen “Partei”), musste er 1937 zurücktreten.

Die probritische, oligarchische Garde unter Nuri as Said (der ins Exil nach Ägypten gegangen war), kehrte zurück an die Macht. Das Militär war aber zu einem politischen Spieler geworden, der von keinem mehr übergangen werden konnte – und sollte es für die nächsten Jahrzehnte, bis zum Ende der Saddam-Ära, auch bleiben. König Ghazi kam 1939 bei einem Autounfall ums Leben; da er begonnen hatte das bestehende System in Frage zu stellen, gibt es Vermutungen um “Nachhilfe” der Briten und ihrer irakischen Gefolgsleute um as Said dabei. Ghazis dreijähriger Sohn Feisal II. wurde sein Nachfolger, unter Regentschaft seines Verwandten Abdal’ilah, einem Cousin seines Vaters.

Raschid al Gailani von der Partei der nationalen Bruderschaft wurde der grosse Herausforderer as Saids und der bestehenden Verhältnisse; in den 1930ern wirkten die beiden zeitweise zusammen in Regierungen. Unter den Mitstreitern Gailanis war der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini, der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war. Über Husseini wurde eine Verbindung zum deutschen, nationalsozialistischen Regime hergestellt; die Achsenmächte wurde aufgrund des gemeinsamen Feindes GB gebraucht. Gailani wurde 1940 zum zweiten Mal Premierminister, musste 1941 auf Druck der Briten (Botschafter Cornwallis) zurücktreten. Daraufhin kam es zu einem Staatsstreich seines Lagers, das von Teilen des Militärs unterstützt wurde.

Regent Abdal’ilah, Said u.a. mussten fliehen. Die Putschisten verlangten den Abzug der Briten aus dem Irak. Britische Truppen im Land, verstärkt durch weitere aus der Region (wie 1917 viele Inder dabei), der transjordanischen Arabischen Legion und der zionistischen Terrorgruppe IZL (die allein im Jahr 1938 119 Palästinenser bei Anschlägen tötete), stürzten nun, mit Billigung der langjährigen irakischen Herrscher, die aktuellen Machthaber um Gailani. Die deutsche und italienische Luftwaffe beteiligte sich an den Kämpfen auf deren Seite. Nach der Niederlage der Gailani-Regierung (die sich etwa 1 Monat gehalten hatte) und vor dem Einzug britischer Truppen und ihrer Verbündeten kam es in Bagdad zu einem Massaker an Juden, das bis zu 200 Todesopfer forderte und als “Farhud” bekannt wurde.

Gailani und Husseini gelang die Flucht. Saids Stellung im Irak wurde nach der Niederschlagung des Putsches so stark, dass er es sich in Folge leisten konnte, das Amt des Regierungschefs an Politiker seiner Wahl zu vergeben, etwa an Midfai. Dies mit der Unterstützung der Briten, die ihre Militärpräsenz im Lande nach dem Putsch verstärkten, in der Region vorerst der unumschränkte Herrscher wurden (die irakischen Ölfelder waren darin neben dem ägyptischen Suezkanal ihr wichtigster „Schatz“). Die Kluft zwischen dem Regime und der Mehrheit der Bevölkerung vergrösserte sich weiter.

An dieser Stelle etwas über die irakischen Juden, ihren Transfer nach Israel in den frühen 1950ern, die Dynamiken zwischen ihnen, dem Zionismus und dem Irak (dem Staat und der Mehrheitsgesellschaft). Die jüdische Gemeinschaft im Irak war in nach-osmanischer Zeit die grösste in der Region, zählte über 100 000 Menschen, die meisten davon in Bagdad. Um 1920 waren 44% der Mitglieder der irakischen Handelskammer Juden. Der Einfluss aschkenasischer, meist zionistischer, Juden auf sie begann Ende des 19. Jh. Manche wanderten vor dem organisierten zionistischen Transfer nach Palästina aus (meist über den Iran übrigens) und schlossen sich dem zionistischen Projekt an; manche favorisierten einen Irak unter britischer Kuratel, viele sahen sich als Teil der irakischen Gesellschaft. Die Kommunistische Partei des Irak (CPI) hatte viel mehr Anhänger unter Juden als zionistische Organisationen wie Hehalutz.

Irakische Juden, neben jenen in Marokko wahrscheinlich die am besten Integrierten in arabischen Ländern, wurden Spielball im bzw. durch das zionistische Projekt; dass sich ihr Schicksal, wie auch das anderer jüdischer Gemeinschaften in der Region, mit dem Konflikt um Palästina verband, dafür sorgten nicht zuletzt im Untergrund tätige zionistische Aktivisten. Dass sich der Palästina-Konflikt und der Weltkrieg in Europa, speziell die Konfrontation zwischen Deutschland und Grossbritannien, auch auf den Irak als Ganzes auszuwirken begann, hatte nicht nur mit der Anwesenheit des palästinensischen Muftis zu tun.

Manche Iraker zogen Parallelen zwischen ihrer Situation als Bürger mit fast keiner Mitsprache in einem halb-kolonialen Staat und der Situation der Palästinenser. Der “Farhud” wird gerne als Rechtfertigung für zionistische Politik gegenüber irakischen Juden verwendet und überhaupt stark instrumentalisiert, auch gegen palästinensische Anliegen. Die Geschichte des Irak ist voll mit Massakern, in von den 1930ern bis in die 1950er an Gegnern des Regimes, an den Assyrern 1933, 1963 an 5000 Kommunisten, jene von Hussein und früheren Herrschern an Schiiten, das von Halabja 1988 an Kurden (mit durch westliche Hilfe hergestelltem Giftgas),…

Das frisch gegründete Israel schloss 1950 ein Abkommen mit dem irakischen Premier Said, dass die Auswanderung der Juden aus dem Irak nach Israel ermöglichen sollte. 12 000 meldeten sich daraufhin, das waren 10%. Dann fanden, 1950/51, einige Bomben-Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Bagdad statt. Bei dem Anschlag auf die Shemtov-Synagoge im Jänner 1951 gab es auch Todesopfer; ein anderer Anschlag betraf das amerikanische Kulturzentrum, das von Juden frequentiert wurde. Danach war der grösste Teil der Juden bereit zur Auswanderung und jene, die es nicht waren, wurden unter Zwang dazu gebracht.

Etwa 130 000 Juden, fast alle im Irak, wurden 1951 nach Israel gebracht, wie es etwa auch mit den Juden im Jemen geschah. Es spricht viel dafür, dass Zionisten unter den irakischen Juden und israelische Agenten für die Anschläge verantwortlich waren, diese unter falscher Flagge durchführten, ähnlich wie in Ägypten einige Jahre später. Während diese “Lavon-Affäre” (dort ging es nicht um die Auswanderung der Juden, die Aktion hatte aber Einfluss darauf) von Israel längst nicht mehr geleugnet wird, ist das mit den Bomben im Irak noch immer der Fall. Nach dem Verhör eines Verdächtigen wurden in einer der betroffenen Synagogen und anderswo Handgranaten u. ä. gefunden. Für die Anschläge wurden mehrere irakische Zionisten verurteilt.

Manche der nach Israel gebrachten gaben den ihnen dort oft entgegengebrachten Rassismus nicht einfach an die Palästinenser weiter und setz(t)en sich mit der Vergangenheit im Irak und ihrer Rolle in der Region auseinander, am kompromisslosesten wahrscheinlich der Schriftsteller Samir Naqqash, der auf Arabisch schrieb, hauptsächlich autobiografisch angehauchte Romane (teilweise in einem jüdischen Bagdader Dialekt, der damit am Leben gehalten wurde – im Spannungsfeld Sprache-Identität-Politik ein wichtiges Statement) und sich als Araber mit jüdischem Glauben definierte, als Exil-Iraker, auch seinen arabischen Namen behielt. In der zionistischen Gesellschaft sind sie damit zwangsläufig Aussenseiter; manche sind aber wieder ausgewandert. Das zionistische Narrativ über die orientalische Juden ist, dass sie bedroht waren, gerettet wurden und heimgekehrt sind, dass es kein Judentum ausserhalb des Zionismus gibt. Früher wurden Mizrahis auch offen als demografisches Matrial deklariert. Dass sie eine orientalische Identität haben oder wenigstens Israel durch sie orientalischer werden könnte, geht gegen den Strich des Zionismus.

Der Irak wurde also spätestens in den 1940ern in den Palästina-Konflikt mit hineingezogen. 1948 beteiligten sich Einheiten der irakischen Armee an der Seite (Trans)jordaniens (das ebenfalls eine Monarchie unter den Haschemiten war) am (vergeblichen) Versuch, die Nakba in Palästina zu stoppen, im Osten Palästinas. Jordanien unter seinem König Abdullah hatte mit Israel ein Abkommen geschlossen, da es auch einen Teil Palästinas wollte. Irakische Einheiten hielten sich nicht an die auferlegte Zurückhaltung, retteten ein paar palästinensische Dörfer im Norden, die aber durch den von Jordanien eingewilligten Waffenstillstand 1949 an Israel abgetreten wurden. Die CPI war damals so an der Sowjetunion orientiert, dass sie die damalige Position des Kreml, die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina zu unterstützen, übernahm. Irak nahm auch einen kleinen Teil der hunderttausenden während der Nakba vertriebenen Palästinenser auf. Zu nennen sind in dem Zusammenhang auch die späteren Spaltungs-/Infiltrierungsbemühungen von israelischen Geheimdienstbossen wie Meir Amit (Slutsky) gegenüber Kurden oder Assyrern im Irak.

1948 fand ein grosser Aufstand gegen einen neuen Vertrag mit GB statt, die Kommunistische Partei des Irak (CPI; الحزب الشيوعي العراقي‎) unter Salman Yusuf (einem Assyrer) war der Hauptorganisator. Die KP war von schiitischen Intellektuellen dominiert, hatte viele Juden, Assyrer und Kurden, bekam durch die Entstehung einer Arbeiterklasse infolge des Aufbaus der Ölindustrie Bedeutung. Eine “Säuberungswelle” des Regimes 1949 richtete sich gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, so endete auch KP-Chef Yusuf am Galgen. Ende der 1940er waren mit Salih Jabr und Mohammed Sadr erstmals Schiiten Premiers, sie waren aber nur Erfüllungsgehilfen der damaligen Repression. Schiiten erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierung, womit eine Auflösung der traditionellen arabischen Stammesverbindungen und eine Säkularisierung verbunden war.

1952 gab es wieder Unruhen, “inspiriert” vom Sturz König Faruks in Ägypten und der Öl-Verstaatlichung unter Mossadegh im Iran, sie wurden niedergeschossen, wie alle grossen Kundgebungen dieser Jahre. Die irakische Regierung verhandelte in diesem Jahr mit der britisch dominierten IPC (unter dem ehemaligen Marine-Offizier John Cunningham), mit eben jener Ergebenheit, in der sie den Briten gegenüberstand. 1954 wurden die meisten Parteien verboten. 1955 wurde der Irak unter den damals Herrschenden von ihrer “Schutzmacht” Grossbritannien mit den anderen antikommunistisch regierten Staaten der Region wie Türkei zum Bagdad-/CENTO-Pakt verbündet. 1957 schlossen sich die wichtigsten Oppositionsbewegungen, die (1950 als Ableger der älteren syrischen gegründete, panarabische und sozialistische) Baath-Partei (unter dem Schiiten Rikabi), die Kommunistische Partei CPI, die sozialdemokratische National-Demokratische Partei (NDP) und die Unabhängigkeits-Partei zur Front der nationalen Einheit zusammen, die auch mit der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP/PDK) zusammenarbeitete und heimliche Unterstützung von Teilen des Militärs bekam.

Durch die Volljährigkeit Faisals II. 1953 änderte sich wenig, Abdal-Ilah blieb sein “Berater”, Said zog die Fäden, die Briten hatten in Vielem das letzte Wort. Said war erfreut über die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten nach Nassers Verstaatlichung des Suez-Kanals, die Politik Nassers war quasi die Gegenthese zu seiner. Das Volk ging wieder auf die Strassen und wurde niedergeschossen. Auf die Vereinigung der linksnationalistisch regierten Staaten Ägypten und Syrien 1958 reagierten die konservativen und probritischen Monarchien Irak und Jordanien ihrerseits mit einer Vereinigung. Im Mai 1958 wurde gewählt, unter Umständen, die den Wahlen, die unter Saddam Hussein stattfanden, sehr ähnelten. Nachdem fast alle Parteien verboten worden waren, musste das Ergebnis auch nicht gross verändert werden. Nuri Said blieb Premier. Demokratie und Selbstbestimmung wurde den Irakern in der Phase der direkten und indirekten britischen Machtausübung verwehrt.

Im Juli 1958, während der inneren Krise im Libanon, wollte der jordanische König Hussein irakische Truppen zur Grenzsicherung. Ausserhalb der Hauptstadt stationierte Brigaden unter Brigadier Abdelkarim Qasim und Abdulsalam Aref machten sich am 14. 7. auf den Weg, allerdings nach Bagdad, und ergriffen die Gelegenheit zum Putsch. Was die Herrschenden nicht gewusst hatten, war, dass sie führende Leute des Oppositionskreises innerhalb des Heeres waren. Die Truppen nahmen neben dem Rundfunk den Königspalast ein und massakrierten die königliche Familie, nachdem sie diese dort im Hof versammelt hatten, auch König Faisal II. und Prinz Abdal-Ilah, sowie einige Diener.

* Von Qasim bis Bakr

Premier Nuri as Said gelang es zunächst, unterzutauchen, wurde aber am nächsten Tag erkannt, als er in Frauenkleidern (aber angeblich in Männerschuhen) flüchten wollte und von einem Mob gelyncht. Mit anderen Irakern, die dem Regime nahe gestanden waren, wurde auch abgerechnet, manchen gelang die Flucht ins Ausland – die erste politische Emigrationswelle aus diesem Land. Darunter waren auch die Tante der Königs, Badia, und ihre Familie, die sich zunächst in die saudi-arabische Botschaft in Bagdad flüchteten, von wo ihnen nach einem Monat die Ausreise erlaubt wurde, sie liessen sich in Grossbritannien nieder, ihrer anderen Schutzmacht. Ein Grossneffe des Königs, Seid bin Hussein, war Botschafter in GB gewesen und blieb dort. Die Rolle als Chef des Hauses des irakischen Zweigs der Haschemiten wird seither von Seid und seinen Nachkommen wie auch von Badias Sohn Ali, einem Cousin des Königs, beansprucht.

Ali bin al Hussein wurde in England Banker, leitet die Partei Iraqi Constitutional Monarchy (ICM), war mit ihr in der irakischen Exil-Opposition gegen das Baath-Regime unter S. Hussein aktiv (so im Iraqi National Congress), und kehrte nach dessen Sturz 03 in das Land zurück. In einem Interview hat er über den Staatsstreich 1958 gesagt, seit damals könne jeder mit einem Panzer die Macht im Land übernehmen. In der Tat, von 58 an bis zum Sturz Saddams gab es nur Militär-Regierungen und der Abschluss dieser Phase erfolgte auch durch Militär, ausländisches. Das System im Irak bis 1958 war aber eine derart eingeschränkte Demokratie, ein derart repressives System, bedeutete eine derartige Bevormundung, dass eine Fortsetzung kaum als bessere Alternative zur Macht der Panzer erscheint, die damals begründet wurde. Zum Zeitpunkt des Umsturzes waren alle politischen Parteien verboten, war die Presse zensuriert, gab es 10 000 politische Gefangene, war Folter an der Tagesordnung.

Die Putschisten um Qasim und Aref proklamierten die Republik. Es wurde eine Art Präsidentschaftsrat gebildet, mit einem Sunniten, einem Schiiten und einem Kurden, ähnlich wie nach dem Sturz Saddams. Vorsitzender und somit Staatsoberhaupt wurde General Rubai. Qasim wurde Premierminister und Verteidigungsminister, Aref Vizepremier und Innenminister. Wenn man die drei Könige aus der Haschemiten-Familie, die vom Hejaz stammt, nicht als einheimische Herrscher einstuft, und auch die britische Mitbestimmung “unter” ihnen berücksichtigt, war erst nach dem Sturz 1958 der Punkt erreicht, an dem der Irak wieder sich selbst regierte. Natürlich war er darüber hinaus diversen äusseren Kräften ausgesetzt. Die restliche Regierung wurde vorwiegend aus Zivilisten gebildet, aus den (bislang verbotenen) Parteien der Front der nationalen Einheit, wie der NDP und der Baath. Nicht vertreten davon waren die kommunistische CPI und die kurdische KDP. Die CPI unter ihrem Generalsekretär Radhi brachte der neuen Regierung kritische Unterstützung entgegen und Kurden erlebten unter Qasim eine Aufwertung.

Qasim war irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist wie Aref, ein Gegensatz, der diese Regierung mit zum Scheitern bringen sollte. Abdelkarim Qasims Vater war arabischer und kurdischer Herkunft und Sunnit, seine Mutter aus einer Familie schiitischer Kurden gewesen – er hatte also Wurzeln in allen grossen Volks- und Religionsgruppen des Landes, wuchs als Schiit im Süden auf. Er gehörte zu jenen, die Araber (eigentlich: Arabisierte) und Kurden als gleich ansahen, wertete die kurdische Sprache auf, KDP-Chef Mustafa Barzani konnte aus dem Exil heimkehren.

Flagge Irak 1959-63 unter Präsident Qasim; die Grundfarben der Streifen sind die pan-arabischen Farben, die gelbe Sonne steht für die Kurden, der rote Stern von Ischtar darum herum für die christlichen Assyrer und das antike Erbe des Landes. Sie wird heute z.T. in der kurdischen Autonomieregion Nord-Iraks verwendet (neben der kurdischen Fahne)

Auch andere Aspekte seiner Politik hatten sehr fortschrittlichen Charakter: eine Bildungsoffensive, Verbesserungen für Frauen, dringend benötigte Land- und Sozialreformen (dadurch verlor die bisherige Oberschicht endgültig ihre Macht), Amnestie politischer Gefangener, Legalisierung von Parteien – und Neugründungen: ein Teil des schiitischen Klerus unter Mohammed Baqir al Sadr gab den Quietismus auf und gründete die Dawa-Partei. Es kam eine neue Verfassung, eine neue Flagge (siehe Bild), britische Truppen mussten 1959 das Land verlassen, der Irak trat aus dem CENTO-Pakt aus, es wurde die Föderation mit Jordanien gelöst. Aref war für eine Anlehnung an Nassers Ägypten (evtl. sogar einen Anschluss an die Ägyptisch-Syrische Vereinigung), wurde von der Baath unterstützt. Qasim war für einen irakischen Einzelweg, hatte seine Unterstützer in der NDP. Noch 1958 entliess Premier Qasim seinen Innenminister Aref.

Unter Qasim hat eine irakische Regierung erstmals ausländische Vorrechte auf das irakische Öl in Frage gestellt – wie im Iran Mossadegh ein paar Jahre früher. Er verstaatlichte jedoch die IPC nicht – man hatte die Folgen eines solchen Schritts im Iran vor Augen, wo der Westen das Öl aus diesem Land nach diesem Schritt boykottiert und dann die Regierung gestürzt hat. Hinzu kam, dass die Briten Iraker in der Erdöl-Verarbeitung kaum ausgebildet hatten, es kaum Leute mit dem nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gab. Und Qasim brauchte die Öl-Einnahmen, schon allein um nicht einen Machtkampf mit Unzufriedenen, v.a. im Militär, hervorzurufen. So begnügte er sich mit Maßnahmen wie der Verstaatlichung des meisten Grundbesitzes der IPC, Verhandlungen über Vertragsänderungen, der Erhöhung der Transit-Gebühren – was die IPC umging, indem sie das Öl auf anderen Wegen ausser Land brachte.

1959 gab es bereits massive Unruhe im Irak. Die Baath, durch die Ausschaltung Arefs an den Rand gedrängt, versuchte ein Attentat auf den Premier; beteiligt war ein junger Aktivist namens Saddam Hussein. Demonstrationen erzwangen die Aufnahme der CPI in die Regierung (M. Ali wurde Justizminister). Teile der Armee waren gegen Qasim. Die Kurden-Politiker waren unzufrieden, weil Autonomie-Zusagen für ihre Region (im Norden bzw. Nordosten) nicht umgesetzt wurden. Die Schiiten, politisch traditionell von ihrem Klerus “geführt” (wie damals von S.M. al Hakim), erwarteten sich nun von der Regierung eine Umgestaltung des Landes in ihrem Sinn. Für die USA war die neue Regierung spätestens mit dem Austritt aus dem CENTO-Pakt und dem selbstbewussteren Auftreten hinsichtlich ihres Erdöls eine “Gefahr” geworden. Und dann noch ein Justizminister von der kommunistischen Partei…

So kam es, wie auch im Kongo unter Lumumba oder in Guatemala unter Arbenz: Eine selbstbewusste Politik führte zu einer Isolierung, was das Land fast zwangsläufig in die Nähe zur Sowjetunion führte (auch wenn diese Nähe nur in Form des Imports von ein paar Lastwägen oder alten Gewehren bestand), und damit war das Schicksal des Versuchs einer anderen Politik besiegelt. Ein Schritt ist dann jener, sich Verbündete (bzw. Handlanger für seine Intrigen) zu suchen unter den mit der Politik im Land Unzufriedenen, ob sie Tschombe heissen oder Armas oder Rikabi, wie der damalige Chef der Baath. Dass ausgerechnet unter dem kurden-freundlichsten Herrscher im Irak, der selbst kurdischer Herkunft war, Kurden-Aufstände ausbrachen (1961), ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass das Militär nun zur Bekämpfung der eigenen Bevölkerung eingesetzt wurde, nutzte den Gegnern von Qasim in mehrere Hinsicht: Das Land war gespalten, das Militär dort gebunden aber auch ständig mobilisiert, was sich beim von Qasim geführten Putsch 1958 ja ausnutzen hatte lassen. Und, zwischen Qasim und der CPI, die gegen ein militärisches Vorgehen gegen den Aufstand war, brach ein Streit aus.

Qasim als irakischer Nationalist meldete Ansprüche auf einen Gross-Irak an, womit er sich im Ausland auch Feinde machte (als ob er im Inneren nicht schon genug gehabt hätte). Zum einen beanspruchte er das eben unabhängig gewordene Kuwait; gegenüber dem Iran stellte er den Grenzverlauf im Süden in Frage und erhob Ansprüche auf die teilweise arabisch besiedelte Provinz Khusestan; schliesslich sah er auch irakische Ansprüche auf Teile der saudischen Provinz al Hasa, die zeitweise unter osmanischer Herrschaft gestanden war und zum Vilayet Basra gehört hatte. Der iranische Schah unterstützte wegen Qasims Ansprüchen den kurdischen Aufstand im Nord-Irak (das religiös ausgerichtete Regime nach dem Schah hat immer die Schiiten im Süd-Irak als “Ansprechpartner” des Iran im Irak gesehen, aus iranisch-nationalistischer Perspektive sind das dagegen die Kurden, deren Sprachen Sorani und Kurmanji zu den iranischen Sprachen gehören).

1963 war die Regierung unter Qasim von mehreren Seiten bedrängt und ein grosser Teil des Heeres im Norden im Kampf gegen Kurden engagiert. Im Februar dieses Jahres nutzen das Armee-Einheiten, die der Baath-Partei nahe standen, unter der Führung von Ahmed H. al Bakr und Abdulsalam Aref. Es kam in Bagdad zu Kämpfen zwischen Einheiten, die loyal zur Regierung waren und jenen, die zu den Aufständischen gehörten. Abdelkarim Qasim wurde im Verteidigungsministerium erschossen. Unterstützt wurde der Militärputsch von den Regierungen der USA (J. F. Kennedy) und GB. CIA und MI6 stellten den Putschisten etwa Listen von Kommunisten zur Verfügung. In den Tagen nach dem Putsch wurden tausende tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten getötet, darunter der Generalsekretär der Partei, Radhi.

Die Opfer der Kämpfe mit eingerechnet, dürfte es bis in diesen Tagen bis zu 5000 Todesopfer gegeben haben. Vielleicht ist der Beginn der irakischen Tragödie hier anzusetzen, im Scheitern Qasims. Regime wie das von Qasim wurden vom Westen gestürzt, solche wie das saudische seit Jahrzehnten gestützt. Militärs hatten im Irak nach dem Putsch weiter das Sagen, Aref, der parteiungebundene Panarabist und Nasserist, wurde Staatspräsident, der Baath-Mann Bakr Ministerpräsident und Vizepräsident. Das neue Regime kam mit den kurdischen Führern Mustafa Barzani und Jalal Talabani zu einem Waffenstillstand.

Baath-Aktivisten wie Rikabi und Hussein waren nach dem Attentatsversuch gegen Qasim 1959 ins benachbarte Syrien geflohen, wo ihre Schwesterpartei viel älter und stärker war. Deren Gründer und Chef Michel Aflak, ein griechisch-orthodoxer Christ, unterstützte die Absetzung Rikabis, eines (schiitischen) Nasseristen, und hievte seine Anhänger, darunter Hussein, in Führungspositionen der irakischen Baath. Saddam Hussein selbst kehrte nach dem Putsch 1963 in den Irak zurück, soll dort an Morden an politischen Gegnern der neuen Regierung teilgenommen haben.

In Syrien übernahm die Baath einen Monat später gewaltsam die Macht, auch mit Teilen des Militärs. Im Irak entzweiten sich Aref und die Baath nur wenige Monate nach dem Umsturz, der Präsident schaltete die Partei, die weiter in schwere Fraktionskämpfe verstrickt war, weitgehend aus. Unter Aref kam der Irak Ägypten unter Nasser so nahe, dass gemeinsame staatliche Institutionen geschaffen wurden und eine Vereinigung erwogen wurde. Aref gründete eine irakische Schwesterpartei der ägyptischen Staatspartei Arabisch-Sozialistische Union, die er auch im Irak mit einem Machtmonopol ausstatten wollte. Führende Leute der ASU waren der Ex-Baath-Führer Rikabi und Arefs Premiers wie Yahya.

Nachdem Premier Razzaq Präsident Aref stürzen wollte, wurde Bazzaz Premier, der erste Zivilist seit 1958. Im Jahr darauf kam Aref bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben. Als Ursache wird Sabotage von baathistischen Elementen im Militär vermutet. Arefs Bruder Abdul-Rahman, ebenfalls ein Militär, der an den Umstürzen 1958 und 1963 teilgenommen hatte, und auch ein Nasserist, wurde sein Nachfolger. Razzaq versuchte auch diesen Aref zu stürzen. Dies gelang 1968 der Baath, unblutig, mit Hilfe von ihr kontrollierten oder mit ihr sympathisierenden MIlitär-Einheiten. Aref durfte ins Exil und kehrte unter Hussein sogar wieder zurück. Ahmed al Bakr wurde neuer Machthaber, Präsident und Premier, nun war die Baath endlich alleiniger Herrscher, kontrollierte den Staat, “säuberte” ihn. Dabei spielte auch Bakrs Cousin Saddam Hussein (wie dieser aus Tikrit) wieder eine Rolle. Hussein wurde die Nummer 2 im Staat, u.a. als Vizechef im Revolutionären Kommandorat (auch hinter Bakr), ab 1969 auch als Vizepräsident.

Die Wirtschaft des Irak war seit langem vom Erdöl dominiert, das Land hat die weltweit drittgrössten Reserven nach Saudi-Arabien und Iran (das Land hat daneben grosse Phosphat-, Schwefel-, Wasservorkommen). Nach Qasims Versuch einer gerechteren Betiligung der Iraker an ihren Ressourcen war die IPC die 1960er hindurch Gegenstand von Agitation der beiden Folgeregime. Durch ein Abkommen mit der Sowjetunion 1969 hatte der Irak eine Art Druckmittel gegenüber den Eigentümern der IPC und verlangte zunächst 20% der Anteile und mehr Kontrolle.

Die IPC versuchte eine Befriedung durch kleinere Zugeständnisse. 1970 erneuerte die Regierung ihre Forderungen, stellte ihr 1972 ein Ultimatum. Da die IPC wieder nur eine Kompromisslösung anbot, wurde sie im Juni 1972 verstaatlicht und in die Iraq National Oil Company übergeführt; 1973 auch die Tochterfirmen. Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Öl-Verstaatlichung kam wieder nur der dünnen Herrscher-Schicht zu Gute. Der Irak hatte sich vom Westen so weit entfernt wie noch nie seit seiner Unabhängigkeit. Er versuchte nach Nassers Tod auch, eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu erringen, v.a. gegen die konservativen Monarchien wie Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko.

1970 kam eine Verfassung, die mit Modifikationen bis 2003 in Kraft blieb, der “Revolutionäre Kommandorat” war das wichtigste Organ im Staat. Der Bürgerkrieg mit den Kurden wurde wieder aufgenommen, die kurdische Seite wurde zeitweise von Israel unterstützt, im Rahmen von deren Strategie, sich Verbündete in der Region zu suchen, und weil der Konflikt einen grossen Teil der irakischen Armee ständig “band”. Die beiden wichtigsten politischen Lager der irakischen Kurden waren und sind die von den Barzanis geführte Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK; bzw. Kurdistan Democratic Party, KDP) und die Yekêtiy Niştîmaniy Kurdistan (یەکێتیی نیشتمانیی کوردستان;, Patriotic Union of Kurdistan, PUK) unter Jalal Talabani (Staatspräsident 2005-2014).

Das Verhältnis zum Iran verschlechterte sich unter dem Baath-Regime weiter. Schah Mohammed R. Pahlevi unterstützte die irakischen Kurden im Bürgerkrieg, der 1974 trotz eines Autonomieabkommens wieder aufflammte, wurde von der USA gegen Irak unterstützt, dazu kamen die alten Grenzkonflikte am Schatt el Arab. 1975 schlossen der iranische Schah und der irakische Vize-Staatschef Hussein in Algerien aber ein Abkommen ab, dass das Ende der iranischen Unterstützung für die Kurden festschrieb, gegen Zugeständnisse des Iraks an der Südgrenze. Der Aufstand der Kurden bzw. der Bürgerkrieg kam damit zu einem Ende. Das Verhältnis der Nachbarstaaten normalisierte sich infolge soweit, dass der in seinem Land in Bedrängnis geratene Schah 1978 von der irakischen Regierung die Ausweisung des Schiiten-Führers Khomeini, der sich in Najaf niedergelassen hatte, verlangen konnte. Die Iraker kamen dem gerne nach, hatte es doch 1977 in Najaf einen Schiiten-Aufstand gegeben, organisiert hauptsächlich von der Dawa-Partei, die auch zu Khomeini Verbindungen hatte

Die kommunistische CPI wurde 1973 in die Regierung aufgenommen, 1978 eliminiert. Dies bedeutete, dass die Staats- und die (Baath-)Parteiführung nun eins waren, und eine Abkehr von der Sowjetunion, mit der das Baath-Regime einige Jahre eng (wirtschaftlich, technologisch, militärisch) zusammengearbeitet hatte. Frankreich wurde dadurch ein noch wichtigerer Verbündeter, v.a. unter Premier Chirac. Reste der KP taten sich im Norden mit den Kurden zusammen.

* Die Ära Saddam Husseins

Saddam Hussein löste 1979 seinen Ziehvater al Bakr an der Staats- und Parteispitze ab, vermutlich mit Zwang, er war die Jahre davor schon der stärkere gewesen. Die erste “Säuberungs”welle fand innerhalb der Baath statt, bei einer Konferenz bald nach seinem Machtantritt. Funktionäre, die mit Syriens Baath-Machthaber Hafez al Assad gegen Hussein konspiriert haben sollen, wurden angeprangert und abgeführt, ein Teil exekutiert, der andere eingesperrt. Hussein, der nie in der irakischen Armee und anscheinend nicht einmal in der Baath-Parteimiliz “Volksarmee” aktiv gewesen war, trat meist in Uniform auf, nahm militärische Ränge an, stützte sich auf die Macht des Militärs. 1980 wurde erstmals seit 1968 ein Parlament gewählt, die erste von mehreren Scheinwahlen unter dem Regime (das waren sie nicht nur, weil die Entscheidungen woanders gefällt wurden).

Unter der Baath wurden sunnitische Araber im Irak privilegiert wie seit den Haschemiten nicht mehr. Schiiten und Kurden hatten nicht einmal dann eine Chance, wenn sie sich der Baath anschliessen wollten. Ausnahmen wie der Kurde T. Y. Ramadan, der Vizepräsident wurde, bestätigen die Regel. Die Revolution im Iran 1979, die zu einem schiitisch-fundamentalistischen Regime führte, machte die Situation der irakischen Schiiten noch schwieriger, besonders nach Beginn des Krieges zwischen den Ländern, da sie nun permanent der Kollaboration jeglicher Art mit den Iranern verdächtigt wurden.

Khomeini verschärfte das, indem er die Schiiten im Irak zum Sturz des Baath-Regimes aufrief. Die Dawa wurde 1980 verboten, ihr Führer, der Geistliche Mohammed Baqir Sadr, vom Regime hingerichtet, iranisch-stämmige Schiiten wurden aus dem Irak in den Iran ausgewiesen. Schiiten hatten durch den Ausschluss von Mitbestimmung und das Verbot ihrer säkularen wie religiösen Parteien wieder einmal nur die Religion als Rückzugsgebiet, ihre Kleriker als Bezugs- und Führungsfiguren, wie die al Hakims. Während der Exekution Husseins 2006 sah man einige der schiitischen Wachen “Es lebe Mohammed Baqir Sadr” rufen. Verurteilt wurde Hussein u. a. für die Repressalien gegen die Bevölkerung Dujails, wo Schiiten (auch sie scheinen von der Dawa-Partei gewesen zu sein) 1982 einen Anschlag auf ihn verübten.

Einen Personenkult und einen Nepotismus wie unter Hussein hat es wahrscheinlich nicht einmal in der antiken Geschichte des Irak gegeben. Zur starken Stellung des Militärs kam eine von Geheimdiensten und Polizei hinzu. Bis zu 3 Millionen Iraker hat er töten lassen. Viele gingen nicht aus Überzeugung zur Baath sondern wegen Aufstiegschancen. Wenn man über die Baath-Herrschaft im Irak etwas positives sagen kann, dann dass sich ihre säkulare Ausrichtung auf die Gesellschaftsordnung auswirkte, etwa die Rolle der Frau. Der Islamismus hatte keine Chance, kam erst danach. Hussein vertraute ausser auf Sunniten (am liebsten aus seiner Region um Tikrit) nur auf einige Christen (zumal er ein Anhänger des syrischen Baath-Gründers Aflak war), natürlich nicht auf solche, die einen assyrischen Nationalismus vertraten oder demokratisch gesinnt waren. Tarek Aziz, als Mikhail Yuhanna geboren, ein Chaldäer, war der prominenteste Christ im Baath-Regime. 1977 stieg er in den Revolutionären Kommandorat auf, das Zentrum der Macht. Er spielte bis zum Ende des Regimes eine Rolle.

Im September 1980 versuchte das irakische Regime die Turbulenzen im Iran nach dessen Revolution zu nützen, zu einem Feldzug, um die Provinz Khusestan, die ölreich und teilweise arabisch besiedelt war, zu erobern und den Grenzverlauf am Schatt el Arab zu seinen Gunsten zu korrigieren. Den ersten Versuch zur Regelung der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und Persien an dem Fluss gab es im 17. Jh.; im 19. Jh. mischten europäische Mächte in dem Grenzstreit mit. Zwei Abkommen im frühen 20. Jh. sprachen dem Irak den Fluss in seiner ganzen Breite zu, womit Schiffe aus Abadan durch irakisches Gewässer in den Golf mussten. In Algier 1975 war der Fluss geteilt worden. Vor dem Angriff forderte Hussein u.a. die Revision dieses Vertrags. Nachdem sich der Iran gefangen hatte, startete er einen Gegenangriff, eroberte bis 1982 das verlorene Territorium zurück, der Krieg hätte zu Ende sein können.

Das Khomeini-Regime nutze aber auch die Gelegenheit, sich zu profilieren, propagierte unrealistische Kriegsziele; stand dann knapp vor Basra. Der Krieg war für beide Regime eine gute Gelegenheit zum Ausschalten von Opposition, die in Kriegszeiten leicht als “Landesverräter” angeprangert werden konnten. Hussein liess in der Zeit auch die Losung “Allah-u Akbar” in die Nationalflagge aufnehmen. Die USA und weitere westliche Staaten, die Sowjetunion und der Grossteil der arabischen Welt unterstützten in dem Krieg den Irak; der Iran bekam Unterstützung von Syrien sowie westliche, im Rahmen der Iran-Contra-Affäre, also von USA und Israel (die an einer Verlängerung des Krieges interessiert waren). Was Syrien betrifft, so sind die Beziehungen der Baath-Regime der beiden Länder mit Husseins Übernahme drastisch verschlechtert worden. Unter Bakr war eine Art Vereinigung der beiden Staaten geplant und Husseins Opposition dagegen soll einer der Gründe für die Erzwingung des Rücktritts Bakrs gewesen sein; danach hat das Assad-Regime anscheinend versucht, über Verbündete in der irakischen Baath Hussein auszubooten.

Die iranische Armee agierte mit Selbstmordangriffen, die irakische Armee griff mit Chemiewaffen/Giftgas an – das Know How und das Material für die Herstellung kam u.a. aus der BRD – , am Ende des Kriegs auch die Kurden im Nord-Irak, als Vergeltung für ihr “Fraternisieren” mit den Iranern beim Einmarsch Jahre zuvor. Das Giftgas-Massaker von Halabja 1988 (organisiert vom “Chemie Ali” al Majid, einem Hussein-Cousin) war Teil der “Anfal”-Kampagne, mit der kurdische Aufstände gegen das Regime während des Krieges unterdrückt wurden. Beiden Seiten gelang es, auf der jeweils anderen Verbündete zu bekommen: Der Iran einen Teil der unterdrückten schiitischen (die religiösen) und kurdischen Iraker, der Irak einen Teil der Araber Khusestans und die iranischen Mujahedin; Assyrer oder auch Kurden beider Länder mussten aufeinander schiessen. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten während des Kriegs den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad. Der Krieg ging 1988 mit mindestens 700 000 Toten zu Ende, die Grenzen hatten sich nicht verändert gegenübder dem Vorkriegszustand.

Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein
Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein; 1984 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten wieder aufgenommen

Noch 1989 empfing der irakische Machthaber Hussein US-amerikanische Delegationen. Im August 1990 liess er Kuwait besetzen, brach wieder mit dem Westen. Der Emir und seine Familie konnten fliehen. Die irakischen Ansprüche waren nicht neu, 1973 bereits hatte es unter Bakr einen Einmarsch in Kuwait gegeben, nach Vermittlung der Arabischen Liga zog man sich zurück. Die UN verhängte 1990 Wirtschaftssanktionen. Um die öffentliche Meinung in USA zu überzeugen heuerte die kuwaitische Regierung eine PR-Firma in USA an, die u.a. eine angebliche Krankenschwester aus Kuwait City heulend vor dem Kongress in Washington von irakischen Soldaten erzählen ließ die Babys aus Brutkästen zogen. Die USA und ihre Alliierten zogen in der Region (Saudi-Arabien, Türkei,…) Truppen zusammen.

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg dieser Allianz gegen die irakische Besetzung statt, die damit endete. Der Irak feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien (3 und 1 Toter), während USA und Verbündete seine Besatzung Kuwaits beendete. Kurden im Norden des Irak und Schiiten im Süden erhoben sich am Ende der Kämpfe, im Glauben, das Regime sei angeschlagen und westliche Truppen in der Region könnten sie beschützen. Dem war aber nicht so, die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Es wurden aber in der Folge Flugverbotszonen im Süden und Norden von der “internationalen Gemeinschaft” deklariert, die gegebenfalls von in der Region stationierten Truppen gegenüber dem irakischen Militär durchgesetzt worden wären. Das 1974 geschaffene kurdische Autonomiegebiet im Nordosten lag nun in dieser Zone, wurde nun wirklich autonom, wenn nicht semi-souverän. Seit 1992 finden dort regelmäßig Wahlen statt; 1994 brach aber Gewalt zwischen den politischen Lagern von KDP und PUK aus.

Der Irak war noch nie in seiner modernen Geschichte dermaßen zerissen, zerstört und angeschlagen wie Anfang der 1990er, nach den zwei Kriegen, den vielen Massakern an der eigenen Bevölkerung, mit der Diktatur und den Wirtschaftssanktionen (die UN startete Mitte der 1990er das Programm “Öl für Lebensmittel”, um die Folgen der Sanktionen für die Bevölkerung zu lindern). Hinzu kam 1991 eine UN-Resolution über die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen, die Inspektionen und neue Sanktionen bedeutete. Die irakische Exil-Opposition, die inzwischen ein sehr breites Spektrum von Gruppen umfasste, von der Kommunistischen Partei über Monarchisten bis zu schiitisch-religiösen Gruppen, konnte dennoch, trotz Unterstützung westlicher oder arabischer Staaten, keinen Nutzen daraus ziehen.

Manche der Gruppen vertraten Partikular-Interessen, manche, wie der Iraqi National Congress, hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Auch Mitglieder von Husseins Familie waren vor seinem Regime ins Ausland geflohen. Der Gruppe Iraqi National Accord (INA) gelang es, die irakische Armee mit Vertrauensleuten zu infiltrieren und diese einen Attentatsversuch auf den Diktator ausführen zu lassen. Die Gruppe war aber ihrerseits von irakischen Agenten infiltriert worden, so flog die Sache auf und wieder wurden Dutzende hingerichtet und Hunderte eingesperrt. Das Hussein-Regime wiederum hat anscheinend 1993 versucht, George Bush sen., mit dem es früher kollaboriert hatte, zu töten.

Ein ziviles Atomprogramm des Irak begann in den 1960ern, mit sowjetischer Hilfe; in den 1970ern ging der Staat mit Frankreich eine nukleare Zusammenarbeit ein, erwarb von ihm einen Forschungsreaktor. Der Reaktor “Osirak” (bzw. “Tammuz”) wurde im Al Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum bei Bagdad gebaut. Er sollte (das für Atomwaffen zu verwendende) Plutonium produzieren können, hätte dazu aber angereichertes Uran gebraucht. Dies scheint der Irak unter Saddam Hussein versucht haben zu bekommen. Israel, das in der Region ein nukleares Monopol beansprucht, versuchte früh, das Programm mit Sabotage (evtl. durch französische Techniker) und Morden abzuwürgen und flog 1981 dann den Bombenangriff auf den Reaktor, kurz vor dessen Fertigstellung, als der Irak im Krieg mit dem Iran steckte – der für das Regime ein ebenso grosser Feind war. Iran hatte auch Tuwaitha angegriffen, der Irak griff das in Bau befindliche AKW in Bushehr an. Der Krieg war der eine Grund, nicht auf den israelischen Angriff zu antworten, der andere war das Fehlen von entsprechenden Raketen. Nach Ende des Kriegs gegen Iran scheint das Baath-Regime unter Hussein das Atomprogramm wieder aufgenommen zu haben, wieder in Tuwaitha, in Form von Urananreicherungsanlagen.

Nach dem Kuwait-Krieg 1991 begannen die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM)-Inspektionen im Irak auf Massenvernichtungswaffen, die bis 1998 gingen und in deren Rahmen Anlagen zerstört wurden. Es ist umstritten, ob die Inspektoren abgezogen oder ausgewiesen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Irak wahrscheinlich schon seine Programme für MVW beendet. Clinton ordnete Ende 98 die Bombardierung von Zielen im Irak an, die mit der Herstellung von MVW zu tun gehabt haben sollten. Ende 2002 lud Saddam Hussein, damals schon unter beträchtlichen Druck, die UN-Waffeninspektoren in einen Brief an IAEO-Chef Hans Blix zur Rückkehr in das Land ein. Das United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission (UNMOVIC) begann mit neuen Inspektionen. Die Regierungen der USA, Grossbritanniens und einiger Verbündeter waren damals schon auf der Suche nach Kriegsrechtfertigungen, bemängelten die Zusammenarbeit der Iraker, behaupteten die Existenz von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Regimes.

Nachdem 1991 aufgeflogen war, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck bzw. das schlechtes Gewissen der Deutschen die Zusage der Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten zustande – dazu wurde eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen (die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ auf Israel abschoss) „konstruiert“, obwohl sie sich eigentlich auf Husseins C-Waffen bezogen, mit denen er iranische und irakische Zivilisten und Soldaten töten liess. Diese Waffen, die Teil der Unterstützung des Westens bei seinem Angriff auf Iran waren, waren dann mit die Rechtfertigung für den Angriff auf Irak 03…

Im Jänner 2002 erklärte USA-Präsident Bush jun. in seiner “Rede zur Lage der Nation” den Irak neben Iran und Nordkorea zur “Achse des Bösen”. Im Juli des Jahres erklärte er, mit allen Mitteln einen Machtwechsel im Irak erzwingen zu wollen. Das Ballyhoo und die Kriegsvorbereitungen liefen in den folgenden Monaten voll an. Die vorgegebenen Gründe und die tatsächlichen für den Krieg zum Sturz des Baath-Regimes unter Hussein haben wenig miteinander zu tun. Neben den Massenvernichtungswaffen des Regimes wurde etwa auch genannt, dass das Regime zwei Kriege begonnen habe – dass es in einem davon von der USA unterstützt wurde und Bushs Kriegsminister Rumsfeld dies damals persönlich einfädelte, zeigt die ganze Heuchelei. Auch das “alte Europa” hat Hussein gegen den Iran unterstützt. Bei Kuwait ging es den Amerikanern hauptsächlich ums Erdöl, was auch 2003 ein wichtiger Grund für die neokonservativen Machthaber in Washington war.

Die irakische Exil-Opposition traf sich Anfang 2003 im kurdischen Autonomiegebiet im Nord-Irak. Die Grossmächte und auch die Öffentlichkeit im Westen waren bezüglich des Kriegs tief gespalten. Man schrieb die frühen Jahre von Islamkrise und Islamophobie, Ex-Linke wie Enzensberger in Deutschland gewannen einem Weltpolizisten USA plötzlich etwas ab, (Ex-?) Rechte wie Gauweiler überraschten als Kriegsskeptiker. Ob die Iraker durch den Krieg befreit (Bush sprach davon, den Irakern “Gottes Geschenk der Freiheit” zu bringen) oder unterworfen werden würden, dazwischen oszillierten die Bekundungen der Kriegsbefürworter… Viele regimegegnerische Iraker im In- und Ausland waren zerrissen zwischen dem Wunsch, dass endlich Diktatur und Gewalt vorbei sein würden, und Zweifeln an den westlichen Motiven und Absichten.

Im März 03 waren die UN- Inspektoren unter Blix noch mitten in ihrer Arbeit, hatten keine Massenvernichtungswaffen entdeckt, hatte Boden-Boden-Raketen zerstört. Bush und Blair behaupteten bezüglich MVW anderes und dass Diplomatie versagt hätte; die beiden Regierungen hatten versucht, ein UN-Mandat für den Krieg zu bekommen. Die „Koalition der Willigen“ aus etwa 50 Staaten (auch die Mongolen, deren Vorfahren bei ihren Invasionen im Spät-Mittelalter einst zwei Drittel der Bevölkerung des Zwischenstromlandes massakrierten, waren dabei) begann den Krieg mit Bombardements, dann kam der Bodeneinmarsch über Kuwait.

Hussein und seine Getreuen tauchten unter anstatt das Land zu verlassen, wie es Bushs Ultimatum verlangt hätte. Am 9. April wurde Bagdad eingenommen, das Baath-Regime kollabierte, in den Tagen danach nahmen kurdische Iraker mit Amerikanern Kirkuk und Mossul ein, dann Tikrit, der Krieg war beendet. 6000 Menschen waren ums Leben gekommen, die Hälfte davon irakische Zivilisten. Während des Einmarsches in Bagdad wurde das Irak (National) Museum teilweise geplündert; als ob sich ein Kreis schliessen würde, war auch eine Alabaster-Vase aus Uruk dabei, mit einer Darstellung der Göttin Inanna, 5000 Jahre alt, aus sumerischer Zeit, vom Beginn der Zivilisation in diesem Land. Die Vase wurde einige Monate später, während einer Amnestie-Phase für Plünderer des Museums, zurückgegeben.

* Der jetzige Irak

Unter dem Kommandeur des Kriegs, Franks, vom Central Command der USA-Streitkräfte, entstand eine Militärverwaltung über den Irak; daneben eine Zivilverwaltung unter Garner. Diese beiden wurden bald durch Abizaid (libanesischer Herkunft) und Paul Bremer abgelöst. MVW wurden übrigens keine gefunden. Ein Teil der Führungsriege des gestürzten Regimes, wie Ramadan, al Majid (der “Chemie Ali”), Aziz wurde gefunden, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Saddam Hussein wurde Ende 03 in einem Erdloch im sunnitischen Dreieck gefunden.

Politische Gefangene wurden freigelassen, bislang verbotene Parteien konnten sich wieder betätigen (der Chef der CPI, Moussa, war gegen den Krieg gewesen, arbeitete dann in den neuen Institutionen mit), manche Exil-Iraker kehrten zurück. Öl-Konzession gingen an die Ex-Firma von USA-Vizepräsident Cheney, Halliburton. US-Zivilgouverneur Bremer liess staatliche Institutionen wie das Heer auflösen, auch die Baath-Partei, diplomatische Vertretungen im Ausland wurden nicht mehr anerkannt. Alle Mitglieder der Baath-Partei mussten ihre Posten in Staat und Verwaltung räumen, die meisten von ihnen Sunniten, angeblich hat Bremer diese „Entbaathifizierung“ ohne Rücksprache mit Bush durchgeführt.

Nachhutgefechte der Streitkräfte des untergegangenen Regimes (bei einem solchen wurden Husseins Söhne bald nach Kriegsende getötet) gingen über in Widerstand gegen die sich etablierende Nachkriegsordnung, die Besatzung unter der Führung der USA, und war meist eine Form von Terror. Anschläge wurden nicht nur auf auf militärische Einrichtungen der Besatzer verübt (nach dem Krieg wurden mehr USA-Soldaten getötet als währenddessen), sondern auch auf Iraker, die mit ihnen zusammenarbeiteten oder sich an der Neugestaltung des Irak beteiligen wollten, auch einfach nur auf Schiiten, Kurden oder Assyrer. Der Terror wird zum einen von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee, ehemaligen Baath-Funktionären oder Staatsbeamten, Anhängern von Hussein, verübt oder unterstützt. Aus dieser Masse der Angehörigen oder Anhänger des alten Regimes wurde die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde) geformt. Vor allem über das gemeinsame Gefühl, dass Sunniten die Verlierer des Krieges seien, haben sich diese Seite und sunnitische, salafistische Islamisten gefunden.

Hier ist v. a. die vom jordanischen al Qaida-Mann Sarkawi gegründete Gruppe mit verschiedenen Namen zu nennen, aus der die IS hervorging (und weiter zusammen mit den Ex-Baathisten kämpft). Auch die kurdische islamistische Ansar al-Islam (“Die Unterstützer des Islam”) kämpft auf dieser Seite um den Irak (oder gegen ihn?). Besatzungskräfte (private Militär-Unternehmen wie “Blackwater” waren fast von Beginn an dabei) sowie (meist aus Schiiten gebildete) Sicherheitskräfte des neuen Staates verübten aber auch zahlreiche Gewaltakte an Angehörigen aller Volksgruppen. Schiitischer Widerstand gegen die Besatzung kam v.a. von der “Mahdi-Armee” des Sohnes des unter Hussein getöteten Geistlichen al Sadr, Muqtada – da er weniger als etwa die Dawa auf schiitische Dominanz aus ist, sucht er auch keine ausländische Hilfe zu ihrer Absicherung. Bei Anschlägen in der frühen Zeit der Besatzung wurden der UN-Hochkommissar für Menschenrechte De Mello, der liberale schiitische Theologe Khoi, 03 und 04 zwei Regierungsratsmitglieder, Ajatollah M. B. al Hakim von der SCIRI beim Anschlag auf die Moschee in Najaf oder Vize-Aussenminister Kubba getötet.

Bald nach dem Krieg setzten die Besatzer eine Regierung (ohne Chef, ohne Verteidigungsminister, mit einem Ölminister mit eingeschränkten Kompetenzen,…) und einen Regierungsrat (mit rotierendem Vorsitz, vertreten waren alle wichtigen Parteien wie die KDP mit Massud Barzani, der Iraqi National Congress unter Ahmed Chalabi, die CPI mit H. Moussa oder das SCIRI unter A. al Hakim, Arefs Aussenminister Pachachi, Vertreter der Zivilgesellschaft wie der sunnitische Stammesfüher al Yawar, …) ein. Die Gremien bekamen Anerkennung durch die Arabische Liga – und von der iranischen Regierung. Gegenüber den Besatzungsmächten rangen sie um eine Verfassung und die Machtübergabe. 2004 wurden Regierung und Regierungsrat aufgelöst, eine neue Übergangsregierung mit dem Sunniten al Yawar als Präsident (und zwei Stellvertretern aus den andern zwei grossen Volksgruppen; in den Präsidien von Ministerrat und Parlament entsprechend) und dem Schiiten Allawi als Premier (der Kurde Zabari von der KDP blieb Aussenminister) ernannt.

Am 30. Juni dieses Jahres wurde offiziell die Souveränität übertragen, amerikanische Zivil- und Militärverwalter traten ab, es blieben 160 000 ausländische Soldaten im Land, v.a. US-Amerikaner (unter George Casey); die spanische Soldaten etwa waren nach dem Regierungswechsel von Aznar zu Zapatero abgezogen worden, Briten blieben bis 09 im Süden, Island hatte genau einen Mann gestellt und dann abgezogen. Daneben gabs die USA-Botschaft unter Negroponte mit 4000 Mitarbeitern in der hoch gesicherten “grünen Zone” Bagdads. Eingesetzt wurde auch ein Nationalrat, ein Übergangs-Parlament, dem auch der haschemitische Thron-Prätendent Ali bin al Hussein angehörte. Es trat eine Übergangsverfassung in Kraft, für Jänner 05 wurden Wahlen angesetzt. Unter amerikanischer Anleitung wurde eine neue Armee aufgebaut.

Die Gewalt war nahe beim Bürgerkrieg, überschritt diese Schwelle dann irgendwann. Der Irak kam wieder nicht zu Ruhe. Sunnitische Araber, jahrhundertelang die herrschende Bevölkerungsgruppe, fühlen sich nun von den Schiiten an den Rand gedrängt, sind zu einem gewissen Grad führungslos. Nach der Wahl 05 wurde aus Widerstand/Terror gegen die Besatzer einer gegen die schiitischen Herrscher bzw. ein innerer Konflikt – der aber in einem hohen Maß von aussen beeinflusst wurde. Vor dem IS-Vormarsch war der Höhepunkt des bürgerkriegsartigen Konfliktes 2006/2007 mit Tausenden Toten durch Anschläge erreicht. 2005 starben beinahe 1000 Menschen bei einer Massenpanik bei einer schiitischen Prozession in Bagdad, als sich das Gerücht eines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordanschlags herumsprach. Angehörige von Militär und Polizei, die neu aufgebaut wurden, leben gefährdet und werden unregelmäßig bezahlt. In manchen Provinzen sorgen von Stammesführern befehligte Bürgerwehren für die Sicherheit ihrer Leute.

Neben Schiiten sind, in einem geringeren Maß, auch Christen von Anschlägen betroffen (s.u.); Kurden durch ihr geschlossenes Siedlungsgebiet weniger. 07 verübten Extremisten auch einen Angriff auf das Parlament in Bagdads grüner Zone, ein Abgeordneter wurde getötet. Auch Entführungen von “Westlern” (z.T. Söldner) gibt es. USA-Truppen und einige Verbündete starteten Ende 04 in Fallujah (im äussersten Osten der Provinz Anbar) eine Militäroffensive gegen die Aufständischen, ihr Führer Sarkawi entwischte aber; er wurde 06 bei einem US-Luftangriff getötet. Er hat anscheinend in Abstimmung mit “al Qaida”-Chef Bin Laden agiert. Bin Laden, der Salafist, war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Der von Amerikanern und Schiiten “beherrschte” Irak wurde für seinesgleichen ein Terrorziel von höchster Bedeutung. Nach Sarkawi wirkte ein gebürtiger Ägypter mit verschiedenen Namen wie “al Muhajir” oder “al Masri” als sein Nachfolger, dieser wurde 2010 getötet.

Manche sagen, dass es unter Hussein besser war. Damals konnte es einem zwar passieren, von dessen Agenten irgendwann irgendwo abgeholt zu werden, mit sehr ungewissem Ziel, aber wenigstens nicht, durch Bomben zerfetzt zu werden, ausser in den meist vom Regime losgetretenen Kriegen. Bagdad ist heute weitgehend ethnisch gesäubert: Sunniten leben westlich des Tigris, Schiiten östlich davon, dazwischen wird eine Art Mauer gebaut (was es auch in Belfast gibt). Viele denken an Auswanderung, manche schicken ihre Angehörigen ins Ausland, bleiben selber (noch). Der linke Historiker und Autor Kanan Makiya, Schiit, in der Exil-Opposition aktiv (INC), ein starker Befürworter des Kriegs, kehrte in dessen Folge zurück, wurde sogar Berater der Nachkriegsregierung; er ging 06, vor dem Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände, wieder in die USA. Die irakische Diaspora zählt mittlerweile umd die 4 Millionen Personen, Schwerpunkt ist Grossbritannien. Die weltbekannte Architektin Zaha Hadid zählt dazu, der nestorianische Patriarch in der USA, oder Samir Jamal-Aldin in der Schweiz (Macher des Films “Forget Bagdad”).

Gefangene Iraker wurden im Gefängnis in Abu Grayib vom amerikanischen Wachpersonal (Militär und CIA) gefoltert und misshandelt, wie bekannt wurde; im selben Gefängnis, in dem auch Hussein foltern liess. Der Anwalt eines der dafür Angeklagten im Prozess in USA dann: sein Mandant habe nur Befehle ausgeführt und es sei nichts dabei, Gefangene auszuziehen, Pyramiden bilden zu lassen und wie Hunde an der Leine zu halten, “überall in den USA bilden die Cheerleader Pyramiden”. “Wikileaks” veröffentlichte ein Video, das den Angriff von einem amerikanischen Hubschrauber (von diesem aus selbst gefilmt) auf Reporter und Zivilisten 07 zeigt, auch auf Fliehende und Helfer wurde geschossen, zu den Toten und Verletzten (auch Kindern) gab es zynische Kommentare der Soldaten. Oder die Massaker in Haditha 05, in Mahmudiya 06,…  Anscheinend gab/gibt es Tote auch durch missverstandene Handzeichen bei Strassen-Kontrollpunkten: Eine offene Handfläche wird häufig, kulturbedingt, als “Komm” statt “Stop” verstanden, Soldaten reagieren mit Beschuss.

Im Jänner 05 wurde also das Parlament gewählt (auch Provinzen und Gemeinden), die freieste Wahl in der Geschichte des Landes, wenn die Macht vom Parlament und der zu bildenden Regierung freilich noch eingeschränkt sein würde. Sunniten boykottierten die Wahl teilweise, am Wahltag gab es ca. 40 Tote bei Anschlägen. Die Vereinigte Irakische Allianz (UIA; aus den schiitischen Parteien SCIRI, Dawa, INC,…; Sistani-nahe) unter al Hakim, Jafari, Chalabi gewann, vor der Kurdischen Allianz aus KDP und PUK, dann kam die säkulare Irakische Liste unter Allawis INA, dann die sunnitische “Iraker” von Präsident Yawar, die Turkmenische Front, eine kommunistische Allianz, eine Sadr-nahes Bündnis,… Die monarchistische ICM schaffte es etwa nicht ins Parlament. Der Sunnit Hassani wurde Parlamentspräsident (er war von seiner Irakischen Islamischen Partei ausgeschlossen worden, weil er nach der Fallujah-Offensive in der Übergangsregierung geblieben war), der Kurde Jalabani Staatspräsident (Yawar einer seiner zwei Stellvertreter). Jafari von der Dawa wurde Ministerpräsident, zugleich Verteidigungsminister, löste Allawi ab, Zabari blieb Aussenminister, Ölminister wurde Chalabi.

Unter Jafari wurden die Beziehungen zum Iran verbessert. Eine neue Verfassung wurde in dem Jahr in einem Referendum angenommen, deshalb gab es Ende 05 eine Neuwahl: Sie brachte wieder einen Sieg der UIA vor der Kurdischen Allianz, dritter wurde die sunnitische Irakische Eintrachtsfront (IAF) mit der Irakischen Islamischen Partei u.a., dann die INL von Allawi. Nuri al Maliki, vom CIA damals als unabhängig vom Iran eingestuft, löste infolge der Wahl seinen Dawa-Parteikollegen Jafari als Premier ab, eine breite Koalition kam zustande, aus allen grösseren Parteien; Sharistani (UIA) wurde neuer Ölminister. Die sadristischen (Risalyun-Partei) und sunnitischen (Eintrachtsfront) Gruppen und der Block um Allawi (INL) zogen sich aber schon nach wenigen Monaten aus der Regierung zurück, die aber immer noch die wichtigsten schiitischen und kurdischen Parteien umfasste.

Maliki baute die unter seinem Vorgänger begonnenen Beziehungen zum Iran weiter aus und parallel dazu eine Vorherrschaft der Schiiten über die anderen Volksgruppen, als könne er die Benachteiligungen von Jahrhunderten nachholen. Ein Konzept, dass die innere Polarisierung und die Gewalt weiter verstärkt hat. Der von den Neocons forcierte Regierungswechsel kam also paradoxerweise den Mullahs entgegen. Und dann suchte auch der engste USA-Verbündete unter den Exilpolitikern vor dem Krieg, Chalabi, die Nähe Teherans, nachdem er sich mit den USA zerkracht hatte.

In den Vorstellungen von Neokonservativen (auch deutschen) sollte durch den Krieg der Irak ein Instrument westlicher Machtausübung in der Region werden, vollzogen durch eine gefügige politische Klasse. Da es den Amerikanern darum ging, die Karten im Irak neu zu mischen, entstand unter ihrer Besatzung ein pluralistisches politisches System, wie es ansatzweise zuletzt unter Premier Qasim existiert hatte, den sie mitgeholfen hatten, zu stürzen. Dadurch führte kein Weg zur Macht an den Schiiten vorbei, die ungefähr 60% der Bevölkerung ausmachen. Ein Teil der schiitischen bzw. schiitisch dominierten Parteien steht für ein gesamtirakisches Konzept, andere für eine Vorherrschaft über andere, für manche ist schiitische Machtausübung mit einer starken Rolle der Religion und damit Zuständen wie im Iran seit Anfang der 1980er verbunden.

Die meisten irakischen Schiiten wollen keinen “Gottesstaat” (mit Verschleierungsvorschriften für Frauen), wie auch die Iraner nicht. Zum ersten Mal seit der Buyiden-Zeit waren Schiiten in ihrem Ursprungsland Irak wieder “am Ruder”. Die Schiiten waren politische Verbündete der amerikanischen Besatzer (im Gegensatz zu den meisten Sunniten sahen sie diese als Befreier), auch Maliki lange Zeit, und gleichzeitig Verbündete des Nachbarn Islamische Republik Iran (die manche Neocons gerne als nächstes angreifen würden). Als der Schatt el Arab-Grenzstreit zwischen Irak und Iran wieder auflebte, wurde er durch die Nähe der beiden Regierungen dieser Zeit schnell beigelegt. Der Iran wurde durch den politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak zur Regionalmacht. Nun konnte er eine Achse bilden, mit Syrien (wo das Baath-Regime von einer „schiitischen Sekte“ getragen war, den Alawiten), der Hisbollah und der pro-syrischen “8. März”-Allianz im Libanon und schiitischen Minderheiten in Golfstaaten oder Afghanistan. Auf der Gegenseite steht die von Saudi-Arabien geführte mehr oder weniger prowestliche sunnitische Achse; die Hamas in Palästina dürfte inzwischen eher zu ihr gehören.

Die iranischen Volks-Mujahedin kämpften einst gegen den Schah, dann gegen Khomeini, auch an der Seite Saddam Husseins, dann gingen sie mit den Neocons ein Bündnis ein. Ausser im Westen haben sie noch immer im Irak einen Stützpunkt, wo ihnen Hussein 1986 in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad das Militärlager Aschraf zur Verfügung gestellt hat. Nach seinem Sturz bekamen sie vom USA-Militär gewissen Schutz, irakische Regierungen ab Jafari würden das Lager (in dem 3 500 Angehörige der Volksmujahedin und ihre Familie leben) am liebsten schliessen. Es gab mehrere Überfälle von schiitischen Extremisten bzw. der irakischen Armee.

2010 gab es die nächste Wahl, es gab neue Allianzen, die ethnisch und konfessionell etwas gemischter waren, es gab Manipulationsvorwürfe und Gewalt, Sieger wurde die Al Iraqiya bzw. Irakische Nationalbewegung, mit Allawis INA, sunnitischen Listen wie Hashimis Erneuerunsgliste, Mutlaqs Dialogfront, Pachachis Liste und Yawars “Iraker”, vor der Rechtsstaat-Koalition aus Dawa (Maliki) und kleineren v.a. schiitischen wie Shahristanis Unabhängigkeits-Block, dann die Irakische Nationalallianz (UIA, ohne Dawa; mit ISCI, die früher SCIRI hiess, wozu irakische Hisbollah oder Badr gehören, Chalabis INC, Fadhilah, Jafaris Abspaltung von Dawa, die Sadr-Bewegung), der kurdischen Allianz aus KDP, PUK und kleineren, dann die kurdische Gorran, 2 sunnitische (darunter Tawafuq) und 2 kurdische islamische Allianzen. Zwei Blöcke lagen gleich auf, beide waren gemischt, jener unter Maliki war pro-iranischer, jener unter Allawi orientierte sich mehr an arabischen Staaten und USA. Nach langen Parteienverhandlungen wurde eine Koalitionsregierung aus Iraqiya, Rechtsstaat, Nationalallianz, Kurdischer Allianz und kleineren gebildet, Maliki blieb Premier.

Christen sind ein Verlierer des Regimewechsels, nicht wegen den schiitisch dominierten Regierungen, sondern der Gewalt von sunnitischen Gruppen dagegen, die alle Nicht-Sunniten (und zum Teil auch sunnitische Kurden!) als Feind betrachten. Der chaldäische Bischof Paulus Faraj Raho wurde etwa 2008 in Mossul entführt und ermordet, es gab einige Angriffe auf Kirchen. Das Nineveh-Gebiet bei Mossul im Nordwesten ist der Siedlungs-Schwerpunkt der Nestorianer, die Chaldäer sind stärker in die irakische Gesellschaft integriert, was sich schon an ihrem Siedlungsgebiet zeigt, das über das ganze Land verteilt ist, wobei Bagdad ein Schwerpunkt ist. Neben den beiden assyrischen/ostsyrischen/diophysitischen Gruppen gibt es im Irak kleinere Gruppen der westsyrischen Jakobiten und Syrisch-Katholischen sowie Armenier. Ein chaldäischer Bischof hat sich dagegen ausgesprochen, eine christliche autonome Zone im Irak zu schaffen. Eine solche würde ein Ghetto darstellen und ein leichtes Ziel für Angriffe sein.

Die Radikalisierung bzw. Islamisierung käme von aussen ins Land. Die Assyrer werden seit dem Regimewechsel 03 im Parlament (bzw. seinem Vorläufer) vom Assyrian Democratic Movement, aramäisch Zowaa Demoqrataya Atoraya (abgekürzt zu ADM oder Zowaa) unter Yonadam Kanna vertreten, bei Wahlen tritt die ADM meist als Rafidain-Liste2 an (bei der Parlamentswahl 14 gab es erstmals Festmandate für Minderheiten). Der Chaldäer Tarek Aziz, ein hochrangiger Funktionär im Baath-Regime, war nach dem Krieg 03 zu Tode verurteilt worden, das Urteil wurde bislang nicht vollstreckt. Es ist scheinheilig, wenn seine Verurteilung mit seinem Christentum in Zusammenhang gebracht wird, etwa in einer Aufforderung des Europaparlaments, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, in der gleichzeitig Besorgnis über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak geäussert wurde. In dem Urteil ging es u.a. um die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands im Anschluss an den Kuwait-Krieg 1991. Viele christliche Iraker wandern aus, gehen meist den Weg eines langen Transits in der Türkei (Istanbul), dann nach Übersee. Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat sich gegen eine Auswanderung ausgesprochen. Jene die gehen, schwächen natürlich die Zurückbleibenden. Der nestorianische Patriarch Mar Dinkha Khanania residiert seit langem in USA.

Das Konzept einer assyrischen Nation oder Nationalität geht eigentlich auf das 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auf westliche Einflüsse zurück. Der 1. Weltkrieg brachte für dieses unter den Betreffenden selbst grösseren Zuspruch, durch die Verfolgungen (und die Distanz zu den moslemischen Landsleuten), das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in anderen Teilen N-Mesopotamiens und Syriens verfolgten Jakobiten (die meist in das Nationalkonzept der Assyrer eingeschlossen sind, auch als “Aramäer” bezeichnet werden), das Neumischen der Karten unter westlicher Aufsicht im sterbenden Osmanischen Reich. Die Abstammung der Nestorianer und der aus ihnen hervorgegangenen Chaldäer von den antiken Völkern Mesopotamiens ist umstritten, aber jedenfalls ist ein starker Bezug auf die vorislamische Geschichte des Landes, die Früh-Antike mit den Hochkulturen und die Spät-Antike mit der Christianisierung zur Zeit der persischen Herrschaft, äusserst wichtig.

Die zwei Gruppen der mesopotamischen Christen sehen sich u.a. wegen ihrer Verwendung des Aramäischen, als Bewahrer alt-mesopotamischer, vor-islamischer Kultur. Es gibt Richtungen im “Assyrianismus”, die darauf abzielen, ihn unabhängiger von der christlichen Identität zu machen, und etwa die Mandäer im Süd-Irak, die ebenfalls die aramäische Sprache bewahren, mit einzubeziehen. Andere sehen eher die christlichen Maroniten des Libanon als “Partner”, und dieses Nationskonzept daher nicht territorial definiert. Jene, die sich auf den Irak als geopolitisch-kulturell-historische Einheit beziehen, stehen dem Konzept eines irakischen Nationalismus (wie ihn Qasim vertrat) nahe, beide stehen in Widerspruch zum Konzept des Irak als Teil einer arabischen Nation oder als islamische (was im Irak für Schiiten und Sunniten kaum ein gemeinsamer Nenner ist).

Assyrianismus kann also eine Form von irakischem Nationalismus sein aber auch eine anti-irakische Sezessionsbewegung, Beth Nahrin kann für beides stehen. Manche Nestorianer oder Chaldäer schlossen sich dem Aufstand der Kurden in den 1960ern und 1970ern gegen die Zentralregierung an, andere sehen die Kurden als ihren grössten Feind. Die Frage der Führung durch geistliche oder weltliche Führer ist ein weiterer trennender Faktor, wie auch die Aufteilung auf verschiedene Staaten, wozu auch eine wachsender Teil in der westlichen Diaspora gehört. Die Shuubiyah war im Mittelalter der Kampf nicht-arabischer Moslems gegen ihre Diskriminierung im Kalifat bzw. Umma. Als “Neo-Shuubiyah” werden die nicht-arabischen Nationalbewegungen in der arabischen Welt bezeichnet, neben dem Assyrianismus etwa der ägyptische Nationalismus, das Phöniziertum im Libanon usw., oft getragen von nicht-moslemischen Minderheiten.

Ein irakischer Nationalismus entstand gegen die osmanische und dann die britische Herrschaft, kann verschiedene Ausprägungen haben, die mesopotamische Antike spielt eine mehr oder weniger grosse Rolle. Im Gegensatz dazu steht eben ein (Pan-)Arabismus oder ein Islamismus, der aber entweder sunnitisch oder schiitisch ist. Ein Ausgleich Sunniten-Schiiten hat im irakischen Kontext in der Regel was von einem Irak-Nationalismus (der dann aber nicht säkular ist). Für Minderheiten wie Kurden, Assyrer, Turkmenen sind ihre “Teil”-Identitäten oft wichtiger als eine gesamtirakische, auch wegen ihrer nicht-arabischen identität (diese ist aber “aus-dehnbar” auf sie), sie haben auch eigene Flaggen. Ein irakischer Nationalismus schliesst oft ein Gross-Irak-Konzept mit Gebietsansprüchen (von Herrschern auch erhoben) auf Kuwait, das iranische Khusestan (über die umstrittene Schatt el Arab-Grenze hinaus), al Hasa von Saudi-Arabien, türkisches und syrisches Mesopotamien mit ein. Hussein war diesbezüglich flexibel, hat sich auf Wandmalereien auch als babylonischer Herrscher darstellen lassen, auf Kuwait und Khusestan Ansprüche erhoben (diese Länder auch angegriffen), pseudo-islamische Gesten gesetzt (wie die Aufnahme des “Allahu Akbar” in die Staatsfahne), vor allem eine Vorherrschaft der sunnitischen Araber umgesetzt.

09 zogen sich die US-Truppen (die letzte ausländische Macht) in militärische Basen zurück, Einsätze sollte es nur noch mit Erlaubnis der irakischen Regierung geben. Auch die Kontrolle der Grünen Zone am Tigris-Ufer in Bagdad haben sie an den Irak übergeben, das einstige Machtzentrum von Saddam Hussein blieb bis zuletzt auch Symbol der US-geführten Okkupation des Landes. Umstellt von bis zu fünf Meter hohen Betonmauern gleicht das Regierungsviertel nach wie vor einem Hochsicherheitstrakt. Das USA-Militär zog sich 2011, unter Obama, ganz aus Irak zurück, bleibt aber natürlich in der Region um den Persischen/Arabischen Golf und baut seine Militärpräsenz dort aus. Zum Abschluss des Abzugs überquerte ein letzter Konvoi mit 500 Soldaten die Grenze zum Nachbarland Kuwait. Der Einsatz kostete die USA insgesamt 800 Milliarden Dollar, etwa 4500 US-Soldaten und 300 andere ausländische Soldaten waren getötet worden. Zur Ruhe kam das Land auch nach dem Ende der Besatzung nicht. Seit dem Krieg vor mehr als 10 Jahren sind zehntausende Iraker durch Kämpfe und Terror getötet worden.

Vor dem IS-Terror hatte sich die Sicherheitslage etwas beruhigt, was Voraussetzung auch dafür wäre, dass der Tourismus wieder in Schwung kommt. Als Herzstück der zahlreichen antiken Stätten des Landes gelten die Überreste der Stadt Babylon (Babil). Die Restaurierung von zwei Grundstrukturen wurde vom US-Aussenministerium gefördert. Auch Städte des antiken Sumer (Shumeru/Kiengir) wie Uruk (Warka), sollen vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Stätten sind auch für viele Iraker selbst von grosser Bedeutung. Auf besondere Schwierigkeiten stossen die Archäologen bei den „Rekonstruktionen“ aus den 1980ern, unter Hussein. Diese sind haarsträubend schlecht, dienten vor allem Hussein dazu sich ein Denkmal zu setzen (er liess, in Imitation Nebukadnezars, in viele Ziegeln seinen Namen einlassen) und müssen nun wieder abgetragen bzw. zurückgebaut werden.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit dem Krieg und dem Machtwechsel 03 (die v.a. durch den Terror durch sunnitische Gruppen ausgehen) werden durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, der als weiterer Aufstand gegen eine Diktatur in einem arabischen Staat begann, verschlimmert. 2011 gab es im Irak sunnitisch dominierte Demonstrationen, die zT im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling stehen, zT ein Protest gegen die schiitisch dominierte Regierung waren. In der Regel äussert sich Protest im Irak aber anders. Die Terrormiliz ISIS/ ISIL/ IS/ DAISH, eine Nachfolgeorganisation der vom jordanischen Salafisten Sarkawi geführten Gruppe, erstarkte durch das auf Teile Syriens (in der syrischen Wüste angrenzend zu ihrer Hochburg, der grossen, sunnitischen Anbar-Provinz im West-Irak, wo die irakische Zentralregierung wenig Macht hat) erweiterte Aktionsgebiet und die Unterstützung durch einen Teil der sunnitischen Bevölkerung des Irak infolge der Eskalation des Streits zwischen der von Schiiten dominierten Regierung unter Maliki und den sunnitischen Parteien 13/14.

Dieser innere Grundkonflikt des Irak nach Saddam verschärfte sich durch die Parlamentswahl 14 mit dem Sieg von Malikis Partei bzw. Allianz. Diese Wahl gewann die schiitische Rechtsstaat-Koalition unter Maliki vor den Sadristen, ISCI (Hakim), Muttahidun (Sunniten, Nujaif), KDP, Wataniya, PUK, al Arabe,… Die offen auf schiitische Vorherrschaft angelegte Politik Malikis (mit einer auch für viele Schiiten zu engen Anlehnung an Iran) war die beste Hilfe für den Vormarsch der IS 2014. Sogar hochrangige schiitische Partikularisten wie Sistani und Sadr sind nicht einverstanden mit seiner die Sunniten ausgrenzenden Politik, die dem Extremismus den Boden bereitet. Dass der Einfluss der Schiiten nach 03 gemäß ihrem Anteil an Bevölkerung erhöht wurde, und Sunniten ihre jahrhundertealte Privilegierung verloren, ist auch für einen Teil der sunnitischen Gegner der Maliki-Politik nicht das Problem. Der frühere irakische Vizepräsident Tarek al-Haschemi, sunnitischer Nach-Baath-Politiker, von der wichtigsten sunnitischen Parteienallianz IAF (Eintrachtsfront/Tawafuq, umfasst u. a. die IIP), einer der schärfsten Kritiker von Maliki, wurde 2012 wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit zum Tod verurteilt (was die Vorwürfe ggü Maliki, wonach er immer mehr diktatorische Züge annehme, möglicherweise bestätigt), lebt im türkischen Exil, ist davon überzeugt, dass der Irak mit dem IS-Vormarsch eine sunnitische Volkserhebung erlebt, gegen das Dominanz-Streben der Schiiten unter Maliki.

Es gehe bei weitem nicht nur um IS(IS), sagte Haschemi gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch politische Parteien, Armeeoffiziere und Stammesführer spielten eine Rolle. Maliki gab erst auf, als zum erbitterten Widerstand nach der Wahl vom grössten Teil des politischen Spektrums auch der Verlust der Unterstützung seiner Dawa-Partei hinzukam. Die IS kontrolliert inzwischen einen grossen Teil des Mittel-Irak, einen Teil des Nordens; gegen den Widerstand von irakischer Armee (von Schiiten dominiert) und kurdischer Peschmergas. Assyrische Kirchen, schiitische Moscheen, sufistische Schreine, antike Kulturgüter werden von den Salafisten zerstört. Auch manche junge Moslems aus Europa schliessen sich der hauptsächlich gegen Moslems aktiven Terrormiliz an.

Aus Mossul flüchteten Christen nach Erbil im Kurdengebiet. In Bagdad versammelten sich dazu Hunderte, um Solidarität mit ihnen zu demonstrieren. In Erbil demonstrierten assyrische Priester mit kurdischen Imamen. Der arabische Buchstabe „N“ (für Nasrani, „Nazarener“, also Christen), mit dem christliche Häuser im Irak von der IS gebrandmarkt worden sind, hat sich im Internet zu einem Zeichen der Solidarität entwickelt. Der US-Amerikaner Jeremy Courtney, von dem die Welle der Solidarität unter dem Hashtag „WeAreN“ ausging, sieht diese inzwischen aber kritisch. Durch die Solidaritätsbekundungen für die irakischen Christen würden nämlich andere Gruppen, die ebenso litten, ausgeblendet. Denn eigentlich sei die Welle der Solidarität von Muslimen ausgegangen, die selbst unter IS leiden und erkannt hätten, dass sie die nächsten sein könnten. Der chaldäische Patriarch, Louis R. Sako, hat geflohene Geistliche in den Irak zurückbeordert. Priester und Ordensleute könnten sich nicht aussuchen, „wo sie dienen. Wir müssen an dem Ort leben und sterben, an den Gott uns ruft.” Wer aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen aus dem Irak ausgereist sei, müsse zurückkommen, forderte Sako.

Angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe ist auch die Auf-Spaltung des Irak wieder ein Thema, wobei die Grenze zwischen der sunnitischen Mitte und dem schiitischen Süden quer durch Bagdad gehen würde. Der Regierungschef der Kurdenregion, Massud Barzani, hat angedeutet, dass eine Abspaltung für seine Region ein Thema wäre. Auch hier wäre die Grenzziehung umstritten und schwierig, zur Mittelregion. Das Kurdengebiet dehnt sich über die ursprüngliche Autonomiezone aus. Das ethnisch sehr gemischte Kirkuk ist stark umkämpft, es gibt dort Streit um Vorherrschaft, Zugehörigkeit, Rückkehr, Wahlrecht. General Ali al-Saidi fordert eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. Auch in diesem Konflikt spielt die Kontrolle ums Öl wieder eine entscheidende Rolle; IS verkauft Rohöl aus eingenommenen Gebieten im Nord-Irak und finanziert damit weiteren Terror; Kurden bekamen mit der Einnahme Kirkuks durch Peschmergas ebenfalls Kontrolle über Ölreserven und –industrie, die mit grosser Macht verbunden ist.

Kurden, auch in Syrien und aus der Türkei, kämpfen gegen IS, die auch Yaziden unter ihnen gewaltsam zum Islam bekehren will, in Nord-Irak und Nordost-Syrien, in Grenzgebieten zwischen kurdischen und arabischen Siedlungsgebieten. Als eines der ersten Länder hatte der Iran mit Waffenlieferungen an die Kurden begonnen. Deutschland liefert ihnen Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre für den Kampf gegen die Terrormiliz, Peschmergas sollen auch in Deutschland militärisch ausgebildet werden. Geredet wird dabei viel über Kobane im syrischen Kurdengebiet und seine gefährdete Zivilbevölkerung, aber das gehört zum imperialistischen deutschen Projekt.

Die irakische Kurdenregion arbeitet eng mit der Türkei unter Erdogan zusammen. Als im nordirakischen Sindschar-Gebirge die yazidische Bevölkerung einem Massaker durch den IS entgegenblickte, wurde sie von den Peschmergas des irakischen Kurdistan schutzlos zurückgelassen. Geholfen haben ihnen Kräfte aus den syrischen und türkischen Kurdengebieten (u.a. die PKK, die ihr Hauptquartier im Nordirak unterhält). Da die beiden grossen Parteien des Irakischen Kurdistan im vom Salafisten bedrängten syrischen Kurdistan (Rojava) schwach verankert sind und dieses unabhängig agieren will, zeigt die Autonomieregierung der irakischen Kurdenregion für Rojava wenig Engagement.

Die USA-Regierung unter Obama überlegte lange eine Militärintervention gegen IS („Es liegt am Irak, seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen“ hiess es zunächst), die sogar der iranische Präsident Rohani gefordert hat. Das grüne Licht für Luftangriffe gab Obama schliesslich mit der Begründung, “um in der Region eingesetzte US-Militärberater zu schützen” und ein Massaker an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Operation “Inherent Resolve“ erweist sich als Goldgrube für die Rüstungsindustrie, sie beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und die Möglichkeit auf Milliardeneinnahmen. Im Irak kämpfen jetzt die irakische Armee, schiitische Milizen (denen Amnesty International schwere Verbrechen vorwirft), kurdische Peschmergas, sunnitische Stammeskämpfer und USA-Militär gegen IS.

Im Irak begann die westliche Einflussnahme primär aus wirtschaftlichen Gründen (Öl), im Kalten Krieg mit dem Sowjet-Block erhöhte sich der strategische Wert des Landes (die angebliche “kommunistische Gefahr” spielte einen Hauptrolle beim Sturz von Qasim), bei der Unterstützung von Hussein spielte bereits der Islamismus (des Nachbarn Iran) die Hauptrolle, nach Ende dieser Unterstützung wurde er der “typische orientalische Despot”, nach seinem Sturz wurde die CPI wieder zugelassen, die Kontrolle über das Öl ist Teil des inneren Machtkampfes im Irak geworden.

* Literatur

Selim Matar: العراق.. سبعة آلاف عام من الحياة (Al-Irâq, saba’tu alâf ’âm min al-hayât; Irak, 7000 Jahre Geschichte) (2013)

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak (2004)

Kai Hafez (Hg.): Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden (2003)

Phebe Marr: The Modern History of Iraq (2012)

Dieter Lohmann: Irak: Von der Wiege der Kulturen zum internationalen Krisengebiet (2016)

Hanna Batatu: The old social classes and the revolutionary movements of Iraq. A study of Iraq’s old landed and commercial classes and of its communists, Ba’thists, and free officers (1978/2000)

Peter Heine, Hans J. Nissen: Von Mesopotamien zum Irak (2003 1. Auflage)

Kanan Makiya: Republic of Fear (1989/1998)

Fouad Ajami: The Foreigner’s Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq (2006)

Charles Tripp: A History of Iraq (2000)

Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (2000)

Georges Roux: Ancient Iraq (1992)

Ebubekir Ceylan: Ottoman Origins of Modern Iraq: Political Reform, Modernization and Development in the Nineteenth Century Middle East (2011)

Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte (2015)

Wolfgang Gockel: Irak. Sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland (2001)

Marion und Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 – von der Revolution zur Diktatur (1990)

John Curtis: Mesopotamia and Iran in the Parthian and Sasanian Periods (2000)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Hannes Galter: Mesopotamien, in: A. Grabner-Haider, K. Prenner (Hg.), Religionen und Kulturen der Erde. Ein Handbuch (2004)

Helga Anschütz: Die Gegenwartslage der „Assyrischen Kirche des Ostens“ und ihre Beziehungen zur „assyrischen“ Nationalbewegung, in: Ostkirchliche Studien 18 (1969)

Faleh A. Jabar: The Shi’ite Movement in Iraq (2003)

Abbas Kadhim: Reclaiming Iraq. The 1920 Revolution and the Founding of the Modern State (2012)

Barthel Hrouda: Mesopotamien. Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris (1997)

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Und andere Geschichten über den Irak (2015)

Johannes Renger (Hg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne (1999)

Henry William Frederick Saggs: Civilisation before Greece and Rome (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ein Mann namens Nidintu-Bel behauptete, Nabonids Sohn zu sein (war aber eher ein Usurpator/Hochstapler) und liess sich als Nebukadnesar III., König von Babylon(ien), ausrufen, zettelte einen Aufstand gegen die Perser an. Deren König Dareios schlug diesen nieder (522 vC, Schlacht) und liess den Anführer töten. Danach gab es noch einen Arakha, der sich als Nebukadnezar IV. proklamierte und einen Aufstand begann
  2. (Bilad al) Rafidain heisst auf Arabisch Mesopotamien

Der Admiral, der Hitler nachfolgte

Karl Dönitz, das letzte Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs, polarisierte die Bonner Republik. Für die einen personifizierte er die “saubere Wehrmacht”, war er der Retter von Millionen Soldaten und Zivilisten, die er am Kriegsende in das Besatzungs-Gebiet der Westmächte holen liess, und Opfer der “Siegerjustiz“ in Nürnberg. Von der anderen Seite die Vorwürfe, dass er die nationalsozialistische Ideologie tief verinnerlicht habe, mit seinen Befehlen den Krieg künstlich verlängert habe, ein willfähriger Handlanger Hitlers gewesen sei – und deshalb auch von diesem in seinem Testament zum Präsidenten des untergehenden Nazi-Staates bestimmt wurde. Beim eigentlichen Untergang des “Dritten Reiches” (aber auch des Deutschen Reichs an sich), der sich nicht in Berlin, sondern in Flensburg vollzog, spielte er eine Hauptrolle.

Dönitz kam aus einer brandenburgischen Familie, die gerade in die Mittelklasse aufgestiegen war, manche erklären seine militärische Karriere vor diesem Hintergrund. Er begann in der kaiserlichen Marine, geriet im 1. Weltkrieg in Gefangenschaft von Deutschlands Marine-Hauptgegner Grossbritannien. Der Kieler Matrosenaufstand im November 1918, am Ende des Kriegs (als er in Gefangenschaft war), soll Dönitz ultrakonservativ gemacht haben. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft baute er die deutsche Unterseeboot-Flotte neu auf, wurde 1939 Befehlshaber der Unterseeboot-Flotte. 1942 wurde er in den Admirals-Rang erhoben, im Jahr darauf zum Grossadmiral und Chef der Kriegs-Marine im Oberkommando der Wehrmacht, als Nachfolger von Erich Raeder. Dönitz leitete auch das “Heranpirschen” deutscher U-Boote an die Ostküste der USA („Operation Paukenschlag“), auch wenn er sie nicht initiierte.

In der Endphase des Krieges schickte er mit seiner offensiven Strategie viele U-Boot-Besatzungen in den Tod. Seine zwei Söhne fielen in diesem Krieg als Angehörige der Marine, seine Tochter heiratete einen Marine-Offizier. Den Widerstands-Kreis in der Wehrmacht um Stauffenberg verurteilte er nach dem Auffliegen infolge des gescheiterten Attentats auf Hitler; im Nürnberger Prozess blieb er dabei, begründete es aber nun rein militärisch. Admiral Wilhelm Canaris, Leiter der Abwehr (Geheimdienst der Wehrmacht), der zu den konservativen Widerstandskämpfern Kontakte hielt, wurde im September 1944 durch Dönitz entlassen. Dönitz ordnete im Jänner 1945 die Evakuierung mit der „Wilhelm Gustloff“ aus Westpreussen (Gdynia/ “Gotenhafen”) an, das Schiff (auch Soldaten an Bord, militärische Begleitschiffe dabei) wurde ja von einem sowjetischen U-Boot durch 3 Torpedos versenkt, ca 6000 Menschen ertranken.

Gegen Kriegsende wurden zwei unter Dönitz’ Befehl stehende Kriegsschiffe von den Briten versenkt. Zu dieser Zeit brachten alliierte Heere Verwüstung und Tod in einem ähnlichen Maß nach Deutschland, wie die Wehrmacht zuvor fast überall in Europa, begünstigt durch die “Durchhaltepolitik” der faschistischen Führer. Im April 1945 wurde Dönitz von Hitler auch zum Wehrmachts-Oberbefehlshaber Nord gemacht und war daher in Plön in Schleswig-Holstein stationiert. Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg für Nazi-Deutschland längst verloren, zog sich bereits die alliierte Schlinge um Berlin. Ein Teil von Hitlers Ministern war am 20. April auf dessen Geheiss von Berlin ebenfalls nach Plön ausgewichen. Dönitz gehörte anscheinend zu jenen Machthabern, die Hitler vergeblich davon überzeugen wollten, vor der anrückenden Roten Armee aus Berlin nach Bayern auszuweichen, um dort den Krieg fortsetzen zu lassen. Es heisst, Dönitz wollte Hitler dann auch in/aus Berlin “befreien” lassen.

Am 30. 4., als die Rote Armee wenige 100 Meter von seiner Reichskanzlei entfernt war, am Tag nachdem Mussolini von Partisanen erschossen worden war, erschoss sich Hitler im Bunker der Kanzlei. Hitler soll bereits am 21. April, als sowjetische Truppen in Berlin eindrangen und Einschüsse im Führerbunker zu hören waren, zum Selbstmord bereit gewesen sein und von Martin Bormann sowie einigen Generälen davon abgehalten worden sein. Bruno Brehm: „So endete der Mann, der namenloses Unheil über die Welt gebracht hat. Nicht den Soldatentod wählte er, den er Millionen Deutschen abverlangte, sondern den Selbstmord des Verantwortungslosen.“ Im Frühling 1945 haben sich aber nicht nur viele Nazi-Führer das Leben genommen, sondern etwa 100 000 Deutsche.

Göring (der eigentlich vorgesehene Nachfolger) und Himmler waren in den Tagen davor wegen Angebot der Übernahme bzw. Kontakten zu den Alliierten vom “Führer” verstossen worden und befanden sich in Gefangenschaft bzw. auf der Flucht. Im Hitlers Testament wurden die Posten des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers wieder getrennt; Goebbels wurde darin als Kanzler (und eigentlicher Machthaber) bestimmt, als Minister viele aus der letzten Hitler-Regierung (etwa Schwerin von Krosigk als Finanzminister). Marinechef Dönitz wurde im Testament zum Reichspräsidenten (und damit Oberbefehlshaber der Wehrmacht) ernannt. Hitler tat dies auf Grundlage des “Gesetzes über den Nachfolger des Führers und Reichskanzlers” vom Dezember 1934.

Dönitz ist aber nur bedingt als Reichspräsident und letztes Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs anzusehen. Hitlers testamentarische Verfügungen bezüglich der Nachfolgeregierung gingen von einer Macht aus, die verbrecherisch errungen worden war. Die Grundlage für die Errichtung der Diktatur (und alle von ihr erlassenen Gesetze) war das Ermächtigungsgesetz von 1933; dieses war illegal in seinem Zustandekommen (Terror gegen Abgeordnete) und in seinem Charakter (widersprach Prinzipien der Weimarer Verfassung wie jenem der Gewaltenteilung). Gemäß der Weimarer Verfassung war der Reichspräsident durch allgemeine Wahl zu bestimmen, eine Ernennung durch den Amtsvorgänger war keinesfalls vorgesehen.

Bormann übermittelte Hitlers Verfügungen per Funk aus dem Führerbunker an Dönitz im Norden; nach anderen Angaben telegraphisch. Dönitz trat mit einer Rundfunkansprache über den Reichssender Hamburg am 1. Mai das Amt an, nachdem ein Rundfunksprecher den Deutschen Hitlers Tod mit geteilt hatte1, und dass der “Führer” den Grossadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt hat. Dönitz kündigte die Fortsetzung des Kampfes im Osten gegen den „bolschewistischen Feind“ an. An diesem Tag brachte sich in Berlin auch Goebbels um, samt seiner Familie, mit Zyankali, kurz bevor Einheiten der Roten Armee kampflos den “Führerbunker” einnahmen. Er hatte noch versucht (gegen Hitlers Willen), eine Teilkapitulation mit der Sowjetunion auszuhandeln.

So wurde Dönitz „Nachlassverwalter“ des Reichs; nachdem die Goebbels-Regierung nicht wirklich zustande gekommen war, ernannte er Finanzminister Schwerin von Krosigk zum Reichskanzler bzw. Leitenden Reichsminister, liess diesen eine neue Regierung zusammenstellen, auch, weil manche die Hitler in seinem Testament vorgesehen hatte, nicht verfügbar waren, abgeschnitten durch die Alliierten oder ebenfalls aus dem Leben desertiert, wie Bormann. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess sagte Dönitz, dass er mit einigen unter Goebbels vorgesehenen Ministern nicht zusammenarbeiten hätte wollen. Albert Speer, der Ende April, Anfang Mai nach Schleswig-Holstein kam, war in der Göbbels-Regierung nicht vorgesehen, wurde unter Schwerin Wirtschaftsminister. Am 3. Mai wich die Dönitz-Schwerin-Regierung vor den vorrückenden britischen Truppen nach Flensburg aus, in die Marineschule Mürwik. Dort hatte Dönitz’ Laufbahn in der Marine auch begonnen!

Dönitz und Schwerin hielten auch Ressorts, daneben gab es die sechs Minister Speer, Stuckart (hoch belastet bzw. schuldig als Schreibtischtäter, u.a. am Holocaust, dann milde bestraft), Thierack, Seldte, Dorpmüller und Backe sowie Hunderte Militärs, Beamte und Hilfskräfte, darunter Otto Meissner. Auch die Wehrmachts-Spitzen Keitel und Jodl bezogen dort Quartier. Die Führungsleute zogen auf die “Patria”, ein Wohnschiff der deutschen Marine vor Flensburg, Speer ins Schloss Glücksburg. Die Wehrmacht kämpfte noch beim Antritt dieser “geschäftsführenden Reichsregierung”, Dönitz sah dann aber ein dass sie nicht mehr in Lage war, Widerstand zu leisten, daher wurde der Plan eines Kampfes gegen die Sowjetunion bei gleichzeitiger Verwirklichung eines Separatfriedens mit den West-Alliierten (der schon von anderen Nazi-Führern am Kriegsende, wie auch etwas früher von einigen Widerstandskämpfern, angestrebt wurde) fallengelassen.

Auch die nun vollzogenen Kapitulationen waren gegen Hitlers Willen. Herrscher in Nordwest-Deutschland waren die Briten geworden. Admiral Hans-Georg von Friedeburg, der nach Dönitz Ernennung zum Reichspräsidenten zu dessen Nachfolger als Marine-Befehlshaber aufgerückt war, verhandelte in dessen Auftrag in Lüneburg mit dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery über die Kapitulation Nordwestdeutschlands sowie Dänemarks (eine der Teilkapitulationen), die am 4. Mai unterzeichnet wurde. Am 5. Mai untersagte Dönitz weitere Aktionen der Werwolf-Organisation, die in den besetzten Gebieten des Deutschen Reiches ab September ’44 Sabotage gegen alliierte Truppen verüben sollten, meist aber gegen Deutsche vorgegangen waren, die mit diesen zusammenarbeiteten. Keitel und Jodl unterzeichneten in den Tagen darauf (in Abstimmung mit bzw. im Auftrag von Dönitz) die Gesamt-Kapitulationen, kamen dann nach Flensburg zurück. Schwerin-Krosigk verkündete mit einer Ansprache über den Sender Flensburg am 7. Mai das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa und die deutsche Niederlage, Dönitz bestätigte einen Tag später dort die bedingungslose Kapitulation. Seine Regierung bestand aber über die Kapitulationen hinaus.2

Bald darauf, am 12. 5., traf in Flensburg eine „Alliierte Kontrollkommission beim Oberkommando der Wehrmacht“ ein, die die Durchführung der Kapitulationsbedingungen überwachen sollte. Zunächst bestand sie nur aus Briten und Amerikanern unter der Leitung von Brigadegeneral Foord und Generalmajor Rooks, später kamen Sowjets hinzu. Hauptquartier der Kommission wurde die “Patria”, anscheinend sind die Nachlassverwalter des 3. Reichs dann von dort ausgezogen. Der Umgangston zwischen Siegern und Besiegten soll höflich gewesen sein. Infolge kamen auch britische Truppen in die Gegend (in den ersten Mai-Tagen hatte es auch noch britische Luftangriffe auf Flensburg gegeben), das “Regierungsviertel” von Flensburg (der “Sonderbereich Mürwik”) blieb unbesetzt. Am 10. Mai musste die Dönitz-Regierung auf Druck der Engländer die Reichskriegsflagge über der Marineschule einholen. Keitel wurde nun von britischen Truppen verhaftet, Jodl von Dönitz zu dessen Nachfolger als Chef der Wehrmacht ernannt. Die Briten sorgten auch dafür, dass in Flensburg keine Todesurteile gegen Deserteure der Wehrmacht mehr vollstreckt wurden, was noch in den letzten Kriegstagen vorgekommen war.3

Das letzte Aufgebot des zusammenbrechenden Dritten Reiches zog sich also in den Norden zurück, nicht in die “Alpenfestung”. Die Reichsregierung ohne Reich amtierte weniger als ein Monat, von Anfang bis Ende Mai 1945, ihr Einfluss ging wegen der alliierten Besetzung nicht weit über den hohen Norden Deutschlands hinaus, die Briten sprachen vom “Pocket Reich”. Die Wehrmachts-Kapitulationen am 7. und 8. 5. bedeuteten eigentlich schon die Übergabe der Macht an die Alliierten, die deren Kontrollrat erst Anfang Juni “offiziell” übernahm. Wenn nicht schon der Sieg in Berlin am 2. 5., von wo die meisten NS-Bonzen geflüchtet waren. Die Alliierten erkannten Dönitz bis zum 8. Mai pragmatisch als Oberbefehlshaber der Wehrmacht und Verhandlungspartner für ihre bedingungslose Kapitulation an, bestritten danach jedoch seine Autorität als Reichspräsident; weil er diese nur auf Kopien von Funksprüchen stützen konnte und weil sie ja eigentlich einen Regimewechsel wollten.

Der in den frühen Mai-Tagen in Österreich von amerikanischen Soldaten festgenommene Göring anerkannte die Flensburger Regierung nicht. Zum Zeitpunkt der Kapitulationen wurde bereits an den Grundlagen für die künftigen deutschen Staaten gearbeitet. Konrad Adenauer wurde von den Amerikanern Anfang Mai 1945 wieder als Oberbürgermeister von Köln eingesetzt und begann auch, an der Gründung einer christlich-demokratische Partei zu arbeiten. Walter Ulbricht und andere im NS in der Sowjetunion exilierte KPD-Führer kehrten ab Ende April zurück, in die SBZ, und machten sich an die Neugründung der Partei. Die Regierung Dönitz blieb aber noch über die Kapitulation der Wehrmacht hinaus im Amt bzw. in Freiheit, ohne Einfluß und ohne Anerkennung. Am 2. Mai stellte sich Wernher von Braun zusammen mit seinem Team in Österreich den US-Streitkräften. Reinhard Gehlen tat dies am 22. Mai in Bayern.

Die Flensburger Regierung unter Dönitz bemühte sich, Wehrmachts-Soldaten in amerikanische oder britische Kriegsgefangenschaft zu bringen, sowjetischer zu entgehen, sowie deutsche Flüchtlinge aus Ost- und Westpreussen und Pommern mit der Marine über die Ostsee nach Schleswig-Holstein zu bringen. Dieter Hartwig, Ex-Marine-Offizier, Militärhistoriker und Enkel Friedrich Ruges, schrieb aber in seiner 2010 erschienen Dönitz-Biografie auf Basis von Originalquellen, Dönitz habe erst am 6. Mai den Rettungsschiffen Brennstoffreserven zur Verfügung gestellt und viele wurden sogar gegen seine Befehle gerettet. Jedenfalls kamen nun Hunderttausende Flüchtlinge/Vertriebene in den Norden (zunächst in Auffanglager), mehr als in jede andere Gegend Deutschlands. Hinzu kamen britische Internierungslager für Wehrmachtssoldaten.

Die Dönitz-Regierung verfügte auch die Auflösung der NSDAP und plante einen Wiederaufbau Deutschlands. Kanzler Schwerin wollte offenbar sämtliche Kabinettssitzungen nachholen, die in den Jahren unter Hitler ausgefallen waren. Hohe Offiziere und Beamte erfreuten sich in Flensburg an Luxus (Top-Offiziere liessen sich etwa in der Stadt neue Uniformen anfertigen), niedere an Alkohol und Sex. Albert Speer wollte seinen Posten als Minister wieder loswerden, er hielt eine Reichsregierung für überflüssig und störte sich an der Zusammenarbeit mit betrunkenen Beamten. Nach Keitel wurden auch die Minister Backe und Dorpsmüller im Laufe des Mai in Flensburg von den Briten verhaftet. Auch der NS-Ideologe Rosenberg, der ins Lazarett der Marineschule gekommen war, wurde dort verhaftet. Flensburg war im Mai 1945 ein Fluchtziel für diverse Drahtzieher des NS-Staats geworden.

Auch SS-Führer Himmler setzte sich auf der Flucht vor den Alliierten zum Rest der ehemals Hitler-Treuen im Norden ab, mit 150 Personen seines Stabes (auch Ex-Auschwitz-Kommandant Höss), kam dort am 2. 5. an, etwas vor dem OKW. Dönitz nahm Himmler nicht in seine Regierung auf, aber sein Beamtenapparat in der Marineschule und im Flensburger Polizeipräsidium half ihm, für SS- oder Gestapo-Leute falsche Papiere auszustellen. Viele von jenen, die dadurch zu einfachen Soldaten und Polizisten wurden (und den Alliierten nicht ins Netz gingen), blieben in Schleswig-Holstein und fanden in der Nachkriegszeit Anstellung im Landesdienst. Am 6. 5. nahm Himmler an einer Kabinettssitzung teil, wurde dann von Dönitz seiner Ämter enthoben (wie schon von Hitler) und verliess den Ort, mit falschen Papieren.

Am 20. Mai lief ein sowjetisches Kriegsschiff in den Flensburger Hafen ein und ankerte neben der Patria. Am 22. Mai wurden Dönitz, Jodl und von Friedeburg für 9:45 Uhr des Folgetages auf die Patria beordert. Es waren dort Ford, Rooks, und der sowjetrussische General Truskow anwesend. Rooks verlas ein Schreiben von Eisenhower, das die Geschäftsführende Reichsregierung und das Oberkommando der Wehrmacht für aufgelöst und zu Kriegsgefangenen erklärte.4 Dönitz feilschte noch um die Anzahl der Koffer, die er in die Gefangenschaft mitnehmen durfte. Währenddessen wurde nun auch das “Regierungsviertel” mit der Marineschule von den Briten gestürmt, besetzt und die dort Residierenden festgenommen. Dabei wurden Leibesvisitationen durchgeführt, nicht zuletzt, um Selbstmorde zu verhindern (wie jenen Himmlers an diesem Tag in Lüneburg), von Friedeburg gelang es aber, sich mit einer Zyankali-Kapsel das Leben zu nehmen.

Speer wurde in Glücksburg geschnappt. Dönitz, Jodl und Speer wurden noch zu Pressevorführung in den Innenhof des Flensburger Polizeipräsidiums gebracht (Foto). Sie und andere führende Militärs, Politiker, Beamte des NS-Staates wie Schwerin oder Meissner wurden auf LKWs zum Flugplatz und von dort aus nach Bad Mondorf in Luxemburg gebracht. Dort wurden die gefangenen Nazi-Größen, auch Göring, Keitel oder von Ribbentrop, unter Aufsicht der US-Armee in einem Kurhotel (Palace Hotel) interniert. In diesem „Camp Ashcan“ blieben sie von Mai bis September, ehe sie, als der Krieg endgültig zu Ende war, ins Nürnberger Zellengefängnis gebracht wurden.5

Wie das Deutsche Reich ging auch das Königreich Italien durch den Faschismus unter, König Vittorio Emanuele blieb aber über Mussolinis endgültige Entmachtung hinaus am Ruder (unter alliierter Kontrolle), trat 1946 zurück, sein Sohn Umberto wurde so für einen Monat, den Mai 1946, König, ehe die Monarchie durch eine Volksabstimmung abgeschafft wurde.

Im Hauptkriegsverbrecherprozess erschien Dönitz meist mit dunkler Brille. Sein Anwalt war Otto Kranzbühler, ein Marine-Veteran. Er reklamierte ab Nürnberg eine unpolitische, rein militärische Rolle für sich unter dem NS (ähnlich wie Speer, der sich als unpolitischer Technokrat darstellte). Die Annahme der Ernennung zum Präsidenten und die Regierungsarbeit sei erfolgt aufgrund der “Zugehörigkeit des deutschen Volkes zum christlichen Westen” und dem Streben nach der Rechtssicherheit für die Person… 1946 wurde er bezüglich Befehlen zur Behandlung von Schiffbrüchigen (Laconia-Befehl) und zum Seekrieg gegen Handelsschiffe freigesprochen (was ihn vor der Todesstrafe bewahrte), für die Durchführung des Angriffskriegs schuldig befunden. Er bekam eine Strafe von 10 Jahren Haft. Der Einsatz von KZ-Häftlinge in Werften zum U-Boot-Bau wurde ihm nicht zur Verantwortung gelegt.

Die sieben dort zu Freiheitsstrafen verurteilten (darunter auch Dönitz’ Vorgänger Raeder) wurden 1947 zur Verbüssung nach Berlin-Spandau gebracht, als der Kalte Krieg zwischen den Alliierten des Krieges schon dabei war, auszubrechen. Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1954 wurde für Dönitz, obwohl er nicht nominiert und noch in Haft war, in der Bundesversammlung eine Stimme abgegeben. Er hat sich laut Speers Memoiren in Spandau bei diesem beschwert, dass er es war der Hitler vorschlug, ihn als Nachfolger einzusetzen, wodurch er erst als “sauberer Wehrmachtsoffizier” mit der “schmutzigen Politik” in Verbindung gebracht worden sei und dadurch zu dieser Strafe gekommen. Andererseits soll er auch (vor seiner Haft, nachher) darauf herum geritten sein, als Staatsoberhaupt unrechtmäßig abgesetzt worden zu sein (in Bad Mondorf im Juli 1945 schrieb er eine Erklärung zu Kapitulation, Gefangennahme, Reich). Einerseits verteidigte er sich damit, ein “unpolitischer Offizier” gewesen zu sein, andererseits war er Hitler bis zum Ende ergeben und hat auch im Nachhinein nichts kritisches über den Nationalsozialismus gesagt.

1956 wurde er freigelassen und liess sich in Schleswig-Holstein nieder. Dönitz erhielt nur die Pension eines Kapitäns, da die Beförderungen ab der nationalsozialistischen Ausschaltung der Demokratie diesbezüglich nicht anerkannt wurden. Er schrieb zwei autobiografische Bücher, mehrere militärische. Mit Hitler und dem NS glaubte er nicht brechen zu müssen, da er nur als Offizier gedient habe. 1958 musste sich das Verteidigungsministerium von ihm distanzieren, nachdem sich Bundeswehr-Offiziere der Marine gegen die Distanzierung eines SPD-Politikers von Dönitz und Raeder verwahrt hatten. Dönitz beschwerte sich daraufhin schriftlich bei Kanzler Adenauer, der gab die Sache an Verteidigungsminister Strauss weiter, der soll Dönitz für seinen Standpunkt von der Wehrmacht, die mit NS-Verbrechen nichts zu tun hatte, kritisiert haben. Der positive Bezug auf Ex-Offiziere wie ihn fiel der Bundeswehr leichter als auf Widerständler in der Wehrmacht.

Rudolf-Christoph von Gersdorff, der den Krieg als einer von wenigen Wehrmachtsangehörigen des aktiven Widerstandes überlebte ohne aufzufliegen, scheiterte mit einigen Versuchen, in die Bundeswehr aufgenommen zu werden, am Widerstand des Adenauer-Vertrauten, Staatssekretär Hans Globke sowie Kreisen ehemaliger Offiziere der Wehrmacht in der Bundeswehr. Gersdorff wollte 1943 im Berliner Zeughaus ein Sprengstoff-Selbstmordattentat auf Hitler (sowie die anderen anwesenden Naziführer Göring, Himmler, Keitel und Dönitz) unternehmen, in Absprache mit dem Widerstands-Kreis in der Wehrmacht um v. Tresckow, scheiterte aber weil Hitler nur durch die Ausstellung hastete (es gelang Gersdorff gerade noch, den bereits aktivierten Säurezünder rechtzeitig zu entschärfen). Beim Attentat vom 20. Juli 1944 war er auch aktiv beteiligt. Konteradmiral Gerhard Wagner, einer der am 23. Mai 1945 in Mürwik verhafteten Offiziere (die nicht als Nazi-Grösse eingestuft wurden), wurde dagegen einer der führenden Leute in der Marine der BRD. Wie der erste Inspekteur der Bundesmarine Friedrich Ruge war er dazwischen im amerikanischen “Naval Historical Team”, das die Kriegserfahrung der NS-Marine gegen die Sowjetunion für die USA abzuschöpfen trachtete. Dönitz nahm gemeinsam mit Ruge (der auch sonst in der Hinsicht immer wieder herumeierte) 1960 an Raeders Begräbnis teil.

1963 trat er in einer Schule in Schleswig-Holstein auf, auf Einladung von Schülersprecher Uwe Barschel, erzählte von der NS-Zeit. Nach der Aufregung darüber, die entstand nachdem ein anwesender Journalist den Auftritt bejubelte (“Genauso, wie er im Krieg seine U-Boot-Soldaten begeisterte und zu höchsten Leistungen anspornte, zog er auch diese Jugend schnell in seinen Bann”), verübte der Direktor des Gymnasiums in Geesthacht Selbstmord. Durch den “Gegenwind” wurde Dönitz noch stärker eine Bezugsfigur für Rechtsextreme. Die Schule lud dann den Historiker Karl Dietrich Erdmann ein, um den Dönitz-Auftritt nachträglich “zurechtzurücken”. Erdmann erklärte dabei, dass (auch) Dönitz einer jener führenden Offiziere sei, die Hitler verfallen gewesen seien.

Nach Dönitz’ Tod zu Weihnachten 1980 entschied Verteidigungsminister Apel (der 1982 neue Traditionsrichtlinien erliess, die stärker mit der Wehrmacht brachen) für das Begräbnis im Jänner 1981 gegen eine Teilnahme der Bundeswehr und gegen die Erlaubnis zum Uniform-tragen von ihren Angehörigen bei privatem Erscheinen. 4000 Leute kamen zum Begräbnis, darunter Soldaten in Zivil (einige auch in Uniform) und angeblich Uwe Barschel (damals Innenminister von Schleswig-Holstein), der mit Dönitz seit dessen Schul-Auftritt in Kontakt gestanden haben soll, sowie Angehörige der britischen Marine.

Die Mürwiker Marineschule wurde nach dem Auszug der letzten Reichsregierung zunächst als Krankenhaus genutzt, dann ein Teil als Zollschule, ab Mitte der 1950er wieder von der Marine. Im 1973 erschienenem Roman „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim sind die Erlebnisse des Autors als Kriegsberichterstatter auf verschiedenen U-Booten im Hitler-Stalin-Krieg verarbeitet. Diverse ehemalige Marine-Offiziere waren nicht erfreut über die Darstellungen; auch Dönitz wird darin kritisch dargestellt. Dönitz ist übrigens bei weitem nicht das kürzest regierende Staats-/Regierungsoberhaupt (wenn man ihn überhaupt als Herrscher über das Deutsche Reich sieht, was er eigentlich weder de jure noch de facto war). Goebbels ist da mit seinem 1 Tag als Reichskanzler näher dran

 

23. 5. 1945 Flensburg, Jodl, Speer, Dönitz
Flensburg, 23. 5. 1945: Jodl, Speer, Dönitz, britische Soldaten

 

Dieter Hartwig: Großadmiral Karl Dönitz. Legende und Wirklichkeit (2010)

Peter Padfield: Dönitz. The Last Führer (2013; Englisch). Vom selben Autor: Dönitz – des Teufels Admiral (1984)

Michael Salewski, Marineoffizier in der BRD sowie Professor für Geschichte an den Universitäten Bonn und Kiel, arbeitete die Buchheim-Kontroverse in seinem 1976 erschienenen Werk „Von der Wirklichkeit des Krieges“ auf

Klaus Hesse: Das „Dritte Reich“ nach Hitler: 23 Tage im Mai 1945. Eine Chronik (2016)

Francois-Emmanuel Brézet: Dönitz. “Le dernier Führer” (2011; Französisch)

Jörg Hillmann: Der „Mythos“ Dönitz – Annäherungen an ein Geschichtsbild. In: Bea Lundt (Hg.): Nordlichter. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsmythen nördlich der Elbe (2004)

Walter Görlitz: Karl Dönitz. Der Großadmiral (1972)

Walter Lüdde-Neurath, der persönliche Adjutant des Grossadmirals in jener Zeit, berichtete mit Walter Baum über “Regierung Dönitz: die letzten Tage des Dritten Reiches”.

Joachim Fest: Der Untergang (2003)

“Eine deutsche Karriere. Rückblicke auf unser Jahrhundert.” Dokumentarfilm, DDR 1987, Karl Gass, soll empfehlenswert sein

www.youtube.com/watch?v=hNCrXc5880Q Über die Verhaftungen in Flensburg (Englisch)

www.youtube.com/watch?v=M6lvfL_2k0M&list=PL2d3cEu3bkorHNN6KetWWJndd4UdxdOT6&index=1 Dönitz in Nürnberg

www.youtube.com/watch?v=D505WKDrrHM Interview mit Dönitz und Speer 1973

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. „Bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen“
  2. Und einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen; dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren und sich nicht gegenüber der Roten Armee zu ergeben. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Tschechien, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Und, Wehrmachts-Soldaten agierten nach Kriegsende in Teilen Deutschlands unter alliierter Kontrolle als Polizei-Kräfte, auch im Nordwesten, für die Briten
  3. Im März ’45 wurde der Matrose Walter Gröger aus Schlesien, der desertiert war, in Norwegen von Marine-Richter Filbinger zu Tode verurteilt, und erschossen
  4. Den Alliierten ging es u.a. darum, den Eindruck zu vermeiden, es habe nur eine militärische Kapitulation gegeben, gegen den Willen der politischen Führung. Im 1. WK hatte es eine politische, aber keine militärische Kapitulation Deutschlands gegeben, und dies hatte die Dolchstosslegende genährt, welche auch Hitler dann politisch ausnützte
  5. Im August ’45 die Atombomben-Abwürfe auf Japan; in diesem Monat wurde auch die Wehrmacht aufgelöst

Die Aborigines Australiens

Die Vorfahren der Aborigines in Australien wie auch anderer Australoide haben Genanalysen zufolge Afrika früher verlassen als die aller anderen heute lebenden Menschen. Die “Aboriginals” oder “Aborigines”, wie sie von den Briten getauft wurden, haben als Selbstbezeichnungen die Namen ihrer Untergruppen, etwa der Anangu, Koori, Noongar, Yorta Yorta. Sie werden zu den Melanesiern gerechnet, was aber eigentlich ebenfalls ein europäisches Konzept ist. Auf der australischen Inselgruppe gibt es neben ihnen an “Urvölkern” noch die Torres Strait Islanders, auf der Inselgruppe von der sich ihr Name ableitet, im Nordosten (zu Queensland), sie sind Polynesier, wie die Maoris Neuseelands. Auf die europäischen Entdeckungen in der Region im 17. und 18. Jahrhundert (Niederländer, Briten) folgte die Landnahme im 18. und 19. Jahrhundert.

Das Muster der britischen Landnahme dort entspricht jenem des europäischen Siedlerkolonialismus’ anderswo: Ausbreitung der Siedler, Besitzergreifung des Landes (im Fall Australiens entstanden anfangs hauptsächlich Straflager)1, Unterwerfung und Zurückdrängung der “Farbigen”/”Eingeborenen”, „Kampf“ um Nahrungsquellen und Wasser mit ihnen (auch das Foltern von Aborigines, damit sie Wasserquellen verraten), Unterwerfung dieser. Auch das, was Australien genannt wurde, wurde als terra nullius (Land, das niemandem gehört) bestimmt und ohne irgend eine Anerkennung der Rechte des Existenz der Einwohner kolonisiert. An der Küste gründeten die Briten Gross-Städte, dahinter (landeinwärts) findet die landwirtschaftliche Nutzung statt (Farmen), dahinter ist das Outback, das heisse und trockene Landesinnere. Dorthin wurden die Aborigines verdrängt; der Schwerpunkt des weissen Australien ist der Südosten (gemäßigtes Klima). Westliche Pracht und Reichtum hat sich immer auf Kosten Anderer entfaltet. Aborigines galten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht als Menschen, schon gar nicht als ebenbürtige.

1789 sollen die Briten mit ihrer ersten Flotte, die eine Niederlassung auf Australien (nahe dem späteren Sydney) errichtete, absichtlich Pocken gegen die Aborigines verbreitet haben, die Widerstand gegen ihre Verdrängung leisteten. Eine Pocken-Epidemie (evtl. auch Windpocken) hat in dem Jahr Tausende Aborigines getötet. Die britischen Soldaten von der Flotte hatten die nach Australien deportierten Sträflinge zu bewachen sowie die Siedlung gegen Aborigines, gegen die sie sich schwer taten. Waren die durch Krankheiten Getöteten also (teilweise) Opfer biologischer Kriegsführung? Ende des 18. Jahrhunderts, zur selben Zeit als die Briten den Südosten besiedelten, haben Seefahrer aus Makassa auf Sulawesi (unter niederländischer Kontrolle) an Australiens Nordküste vorübergehende Niederlassungen errichtet, sie werden auch der Einschleppung der Pocken verdächtigt; dann hätten sie sich aber quer über die Insel verbreiten müssen, wogegen einiges spricht.2

Pocken waren auch in Amerika jene Krankheit, die Indianer (die ebenfalls keine Resistenz dagegen hatten) am meisten dezimierten, Millionen von Toten brachte. Auch hier ist die Frage der Absicht (also des Einsatzes als biologische Waffe) gegeben. Briten könnten diese Kampfmethode auch schon in Nordamerika angewandt haben, etwa bei Fort Pitt im Grossen Seen-Gebiet. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde bereits festgehalten dass die Geschichte der Verbreitung der Krankheit in Liedern der Aborigines erzählt wurde. Henry Reynolds hat sich in “An Indelible Stain?” mit der Pocken-Epidemie um Sydney befasst.

In der australischen Geschichtsschreibung hat sich für die Gewalt bei der Ausbreitung der Briten in Australien der Begriff “Grenzkriege” (frontier wars) durchgesetzt. Auseinandersetzungen gab es z.B. im frühen 19. Jahrhundert mit dem Noongar-Stamm im Westen unter ihrem “Häuptling” Yagan (er wurde dabei getötet, sein Kopf dann in London ausgestellt), 1824 in Bathurst in New South Wales (Südosten) mit den Wiradjuri, oder in Gippsland in Victoria (ebenfalls SO) 1840-1850. Die Grenzen zwischen Kämpfen und reinen Massakern (wie jenem vom Jänner 1838 an den Kamilaroi im SO) sind fliessend. Mindestens 20 000 Aborigines wurden allein bei dadurch getötet. Auch die aus Aborigines rekrutierte Native Police war daran beteiligt. Viele verloren auch durch eingeschleppte Krankheiten (v.a. Pocken) ihr Leben.

Oder durch Zerstörung von Lebensgrundlagen; Nutztiere wie Hasen wurden eingeschleppt (die sich aufgrund mangelnder natürlicher Feinde rasant vermehrten), während der Beutelwolf auf Tasmanien ausgerottet wurde. Auf Tasmanien sind auch die Aborigines ausgerottet, zumindest das ursprünglich dort lebende Volk, die Palawa. Wie auch die amerikanischen Indianer war die Unterwerfung der Aborigines Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts abgeschlossen, zu einer Zeit, als der westliche/weisse Imperialismus global am Höhepunkt stand; dazu gehörte auch die Errichtung von Reservaten (Protektoraten) und die Missionierung zum Christentum. Diese Unterwerfung bedeutete den Tod für ihre traditionelle Lebensweise (nomadisches Jägertum), die nur in Resten weiterlebt(e) und leitete eine Assimilation ein.

Gewalt und Widerstand liefen auf kleiner Flamme bis in die 1930er weiter. 1928 noch verübte die australische Polizei in Coniston im Northern Territory ungestraft ein Massaker an Anmatyerr Aborigines, das zwischen 30 und 100 Tote forderte, nachdem 2 Weisse in der Gegend angegriffen worden waren. Ein Überlebender des Massakers, Billy Stockman Tjapaltjarri, wurde später Teil der ersten Generation der Maler in Papunya.3 Die Massaker des späten 19. und des 20. Jahrhunderts fanden alle im Norden statt, wohin Weisse spät kamen, und der das letzte “Hoheitsgebiet” der Aborigines war.4 Eine Parallele zu Nord-Amerika, wo sich nach dem Wounded Knee-Massaker von 1890 fast alle Gewalt im Südwesten zutrug, in Gebieten die zu Mexiko gehört hatten. Die Caledon Bay-Krise von 1932 bis 1934 im Arnhem Land (der Nord-Zipfel des Northern Territory) stellt einen Wendepunkt dar; nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Aborigines auf der einen Seite und japanischen Fischern und weissen Siedlern auf der anderen wurde eine geplante Strafexpedition abgeblasen und die Sache auf eine gerichtliche Ebene verlegt (die natürlich auch eine schiefe war).

Aborigines wurden auch im Outback und in Reservaten bedrängt, durch Erschliessung von Bodenschätzen, britische und australische Atomwaffentests, Deportationen/ Umsiedlungen, Formen von Zwangsarbeit, und Entführungen. Diese liefen bis Ende der 1960er, die Opfer, die gestohlenen Generationen, wurden in weissen Familien erzogen. Auch die “Protector of Aborigines“, die im 19./20. Jh. in den Teilstaaten existierten, offiziell zu ihrem Schutz spielten dabei eine unrühmliche Rolle (wie in Brasilien der “Indianerschutzdienst” SPI). Das grossteils wüstenhafte Northern Territory wurde eine Art Rückzugsgebiet für die Aborigines, ist es bis heute. Mit der Assimilierung einer “Elite” begann eine neue Phase des Widerstands gegen Diskriminierung und Entrechtung, mit den Worten und Mitteln der weissen Kultur. Anfang des 20. Jahrhundert wurden erste überregionale Aborigines-Organisationen gegründet.

Ein Aktivist war etwa der Schrifststeller David Unaipon vom Ngarrindjeri-Stamm, dessen Vater schon verwestlicht gewesen war (der Name anglisiert, der Presbyterianischen Kirche beigetreten). Die Infos über die gesetzlichen Grundlagen der Diskriminierung sind so versteckt wie diese selbst. Nicht auf Bundesebene (die mit der Vereinigung der britischen Kolonien in Australien 1901 geschaffen wurde), aber in den Teilstaaten existierten bis in die 1970er Apartheid-ähnliche Gesetze (Beschränkungen, Sondergesetze), die die Bürgerrechte der Aborigines einschränkten, wie den Erhalt der Staatsbürgerschaft (theoretisch waren sie mit der Einführung einer eigenen australischen 1949 dazu berechtigt), das Wahlrecht (das föderal geregelt war, die Diskriminierungen waren daher dort festgeschrieben), die Wahl des Wohnortes, die Wahl des Partners (in drei Teilstaaten bestanden zu verschiedenen Zeiten Beschränkungen von “Vermischungen” mit Weissen). Vor allem in jenen Staaten/Territorien, in denen Aborigines noch relativ zahlreich waren, blieben diskriminierende Gesetze gegen sie aufrecht, etwa in Queensland bis 1965 das Wahlverbot.

Ein Wendepunkt war das australische Referendum von 1967, das mit grosser Zustimmung angenommen wurde; in dessen Folge bekamen die Aborigines erst die vollen Bürgerrechte bzw. die formale Gleichstellung. Formal handelte es sich um zwei Verfassungsänderungen in Bezug auf die Aborigines: das Verbot der Spezialgesetzgebung in Teilstaaten bei Ermöglichung dieser auf Bundesebene sowie die Inklusion von Aborigines bei Volkszählungen (von denen sie bis dahin ausgeschlossen waren). Während der zweite Punkt v.a. gesonderte Werte über die Aborigines in Gesundheits- oder Bildungsstatistiken brachte, bewirkte der erste eine Verschiebung der Aborigines-Materie auf die Bundesebene. Bundesgesetze auf Grundlage dieser Verfassungsänderung, welche die Lage der Ureinwohner verbesserten, wurden aber erst Mitte/Anfang der 1970er, unter der Labor-Regierung von Premier Gough Whitlam erlassen.

Whitlam setzte sich auch für die Abschaffung der Todesstrafe, die Schliessung der USA-Militärbasen im Land, ein loseres Verhältnis zu Grossbritannien, ein und beendete die “White Australia Policy”, die aus einer Reihe von Gesetzen bestand, die sich gegen nicht-weisse Einwanderung, v.a. gegen Ost-Asiaten, richtete. 1975, nach einer Kampagne der Murdoch-Presse und des CIA (“Der Falke und der Schneemann”…), wurde er aus Anlass eines Streits um Geld mit dem Senat durch den Generalgouverneur abgesetzt. Er engagiert sich heute für die Umwandlung Australiens in eine Republik. Die unter Whitlams Regierung erlassenen Gesetze betrafen etwa die Abschaffung der in einigen Staaten für Aborigines bestehenden Verpflichtung, bei Bedarf ohne Bezahlung zu arbeiten, die Verschleppungen, Landrechte.

Jetzt erst konnten die Aborigines aus ihrer Untermenschen-Rolle heraus treten, wenngleich die Anwendung diskriminierender Praktiken (Bevormundung, Kontrolle, Benachteiligung) natürlich weit darüber hinaus läuft. Das Referendum kam in einer Zeit zunehmenden Selbstbewusstseins der Aborigines und der Solidarität eines Teils der australischen Gesellschaft. 1971 wurde mit Neville Bonner ein erster Aborigine Parlaments-Abgeordneter; 1971 wurde auch die Aborigines-Flagge von Harold Thomas geschaffen. Der Whitlam-Nachfolger Fraser änderte das wichtigste der neuen Gesetze zur Verbesserung der Lage der Aborigines, die Landrechte betreffende Aboriginal Land (Northern Territory) Bill, zu ihrem Nachteil ab. Unter Premier Howard (der auch gerne vom “jüdisch-christlichen Erbe” sprach) wurde 1996 die 1967 errungene Bundes-Vollmacht für Aborigines-Angelegenheiten gegen sie ausgelegt, bei einem Bauvorhaben.

In der weissen Mehrheitsgesellschaft Australiens begann Ende der 1960er mit der Kritik des Anthropologen Stanner an der Ausblendung der Urbevölkerung in der Geschichtsschreibung eine Aufarbeitung. Es entstand ein Historikerstreit (History wars) um die Frage, inwiefern in der europäische Besiedlung Australiens Massaker und andere Scheußlichkeiten gegen die Aboriginals die Ausnahme waren oder die Regel. Dass ein Völkermord vorliegt, wird von den meisten in Abrede gestellt. “Neue Historiker”, u.a. Harry Reynolds, korrigierten aber in der Folge Auslassungen und Umschreibungen. Konservative Historiker, v.a. Keith Windschuttle (ein Ex-Linker, es gibt keine grösseren Reaktionäre als diese) in „The Fabrication of Aboriginal History“ und im Magazin „Quadrant“, attackierten diese Aufarbeitung. Windschuttle zweifelt Opferzahlen unter Aboriginals an, fordert “Beweise” für Gewalttaten gegen sie ein, führt Massaker auf „Attacken von Aboriginals“ zurück (z.B. in Tasmanien) oder auch auf interne Streitigkeiten, Todesfälle auf Krankheiten, stellt Rassismus unter Weissen in Abrede, unterstellt ihnen (Für-)Sorge um Aborigines.

Andrew Bolt schreibt von “obszönen Behauptungen” der neuen Historiker, behauptet, Entführte z.B. waren vernachlässigt worden. Geoff. Blainey kanzelte die Arbeit der neuen Historiker als Geschichtsschreibung mit „schwarzem Armband“ ab. Ken. Minogue konzentriert sich auf Deutung des Historikerstreits als Auseinandersetzung innerhalb der weissen australischen Gesellschaft. Der rechte australische Journalist Andrew Bolt hat oft mit dem Historiker Robert Manne über die gestohlenen Generationen gestritten, die er relativiert, aus “rein rassistischen Gründen” habe es keine Entführungen bzw. Umsiedlungen in grösserem Maß gegeben. Aborigines nahmen an der Debatte nicht Teil weil ihre Wortführer ihre gegenwärtigen Probleme/Anliegen vom historischen Hintergrund trennen wollen. Windschuttle beschuldigt die Revisionisten der australischen Historiographie, eben diese Anliegen mit der Revision zu verfolgen. Die akademische löste eine politische Debatte aus.

Der Aktivist Michael Mansell, ein Mischling, aus Tasmanien, westlich ausgebildet, initiierte in den 1980ern eine Unabhängigkeits-Bewegung von Aborigines vom australischen Staat; mit-begründete 1990 die Aborigines Provisional Government, eine Art Gegenregierung für Australien), mit Sitz in Tasmanien. Die APG stellt eigene Pässe aus, die von Libyen unter Ghadaffi anerkannt wurden.5 Früher stellte der australische Staat eigene Pässe für Aborigines aus, in Western Australia bis 1963; früher liess man sie nicht Australier sein, nun werden jene, die das nimmer sein wollen, dafür verfolgt… Die Lenkung dessen, was die australische Regierung als „Aborigines-Angelegenheiten“ sieht, geschah lange über ein eigenes Ministerium (Department of Aboriginal Affairs), dann von 1990 bis 2005 über die Aboriginal and Torres Strait Islander Commission (ATSIC), nun durch das Office of Indigenous Policy Coordination, im Ministerium für Familien, Soziales und Indigene.

Heute machen die Ureinwohner 2,5 bis 3% der australischen Bevölkerung aus, Siedlungsschwerpunkt ist der Norden, im Northern Territory (NT) stellen Aborigines etwa ein Drittel der Bevölkerung. Das NT ist nicht zufällig nur ein Territorium, das weniger Selbstverwaltung als ein Staat hat. Chefminister des Northern Territory ist seit 2013 Adam Giles, der teilweise von Aborigines abstammt, im rechten politischen Lager steht. Im NT ist auch die heilige Stätte der dortigen Anangu, der Uluru. Die traditionelle Lebensweise konnte dort im Outback noch teilweise aufrecht erhalten werden, dazu gehören auch die Sprachen der Aborigines. In absoluten Zahlen gibt es in New South Wales mehr Aborigines; in weissen, urbanen Regionen leben sie assimiliert, an den Rändern der Städte und in Kleinstädten existieren auch Mischformen.6 Australiens Premier Kevin Rudd hat 2007 eine Entschuldigung des Staates für die Behandlung der Aborigines und Torres Strait Islanders durchgesetzt (was neben der Unterzeichnung des Kyoto-Klimaschutz-Protokolls eine seiner ersten Amtshandlungen war).

Die Rechte übt sich diesbezüglich im Herunterspielen und Verdrehen, wobei die Behandlung der Ureinwohner entweder als für diese “gewinnbringend” konstruiert wird oder aber ein Gewinn für sie offen abgelehnt wird. Eine gewisse Integration hat zweifellos stattgefunden, siehe etwa die Leichtathletin Cathy Freeman (mit einem Aborigines- aber auch einem Baha’i-Hintergrund) oder der Rugby-Spieler Wendell Sailor (ein Torres-Strait-Islander) oder die Musik-Gruppe Yothu Yindi (bei Olympia 2000 Auftritt bei der Abschluss-Feier). Es stellt sich jedoch die Frage, wem diese mehr nützt, der kleinen Minderheit der Ureinwohner oder der weissen australischen Mehrheitsgesellschaft, die sich mit ihnen schmücken kann und ihre Folklore touristisch vermarkten – ohne deren Probleme wie Diskriminierung, Armut, mangelnde Achtung vor bzw Zurückdrängung ihrer Kultur, Arbeitslosigkeit, anzugehen. Das in Ozeanien stärker verwurzelte und harmlosere Kava (das aus Fidschi eingeführt wurde und sich v.a. im NT verbreitete) ist etwa stark reglementiert, im Gegensatz zum Alkohol. Wenn in der politischen Auseinandersetzung heutzutage gegen Aborigines (oder Asiaten) “polemisiert” wird, dann nur noch von der rechts aussen stehenden One Nation-Partei.

1972 wurde nahe dem Parlamentsgebäude in Canberra die Aboriginal Tent Embassy errichtet, die bis heute besteht und seit über 40 Jahren ein Symbol für den Aktivismus gegen die Ungleichbehandlung der Aborigines ist. Am Nationalfeiertag 2012 (Australien feiert da die Ankunft der ersten weissen Siedler im Jahr 1788) haben etwa 200 Aborigines-Aktivisten die damalige Ministerpräsidentin Julia Gillard sowie Oppositionsführer Tony Abbott (heute Premier) bedrängt, sodass sie aus einem Restaurant flüchten mussten. Auslöser für die Proteste war Abbots Forderung am Nationalfeiertag, das Protestzelt der Ureinwohner abreißen zu lassen. Gilliard ist übrigens, wie die Labor-Partei an sich, eine Republik-Befürworterin – diese Umwandlung Australiens wird früher oder später kommen, spätestens wohl mit dem Abgang der jetzigen britischen Königin.

Australien ist seit seiner Entstehung 1901 Laufbursche britischer Politik, ab der Teilnahme im Südafrikanischen Krieg, bis in die Gegenwart (03 Irak). Aborigines waren von Anfang an dabei, wurden für die anglo-australische Politik eingespannt; im 1. Weltkrieg wurden solche in die Armee aufgenommen, die hell „genug“ waren. Ein Teil der Linken Australiens strebt eine andere Selbstedfinition bzw Orientierung an als integraler Bestandteil einer weissen Anglo-Weltpolizei zu sein. Bei der seit 13 wieder regierenden Liberale Partei (die mit einigen kleineren Parteien verbunden ist) unter Abbott und Turnbull korrelieren die Behandlung der Aborigines mit ihrem militärischen Aufrüstungsprogramm (16 Auftrag an Frankreich zum Bau und der Betreuung einer neuen U-Boot-Flotte), der Aussenpolitik, der Umgang mit bzw die Beschränkung von Einwanderung 7 und der Umwelt- bzw Klimapolitik.

J. Olaf Kleist: Die australischen History Wars und was dazu gehört: Grenzen historischer Anerkennung und Versöhnung. In: Peripherie Nr. 109/110 (Vom Erinnern und Vergessen) 2008

www.koorimail.com

Sabine & Burkhard Koch: Aborigines gestern und heute. Gesellschaft und Kultur im Wandel der Zeiten (2013)

Long Walk Home (2002): Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall

Der Film "Walkabout" von Nicolas Roeg (1971) mit Jenny Agutter und David Gulpilil behandelte das Verhältnis zwischen Aborigines und weissen Australiern eher subtil
Der Film “Walkabout” von Nicolas Roeg (1971) mit Jenny Agutter und David Gulpilil behandelte das Verhältnis zwischen Aborigines und weissen Australiern eher subtil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Zwischen 1788 und 1850 brachten die Engländer über 162 000 weisse Kriminelle bzw Verurteilte aus dem Britisch-Irischen Archipel nach Australien
  2. Händler und Fischer von den indonesischen Inseln, “Makkassan“, traten im frühen 16. Jh in Kontakt mit den “Aborigines”. Die Begegnungen, die auch biologische “Vermischung” mit einschloss, spielte sich im heutigen Arnhem Land ab
  3. Sein Onkel war Gwoya Jungarai, ein Überlebender des Coniston-Massakers. Für einen Magazin-Artikel über das Massaker viele Jahre später wurde von ihm ein Foto mit Speer gemacht, das Vorlage für sein Porträt auf einer Briefmarke sowie einer Münze wurde
  4. Und jene Weissen, die kamen, waren lange Eigenbrötler und Schatzsucher gewesen
  5. Dieser anerkannte auch Pässe, die nordamerikanische Indianer ausstell(t)en
  6. Bei Sydney gibt es einen Aborigine-Vorort
  7. Die zwangsweise Festhaltung von „illegalen Einwanderern“ dürfte unter Keating begonnen haben. 2001 schwenkte die Regierung unter Howard auf neue, hermetische Linie in der Asylpolitik ein: Das Lager bei Woomera in Süd-Australien wurde geschlossen, es wurden Flüchtlingslagern auf den Inseln Papua-Neuguineas und Naurus errichtet („Pacific Solution“). Flüchtlinge, die mit ihren Booten Australien erreichen oder auf See aufgegriffen werden, dürfen das Festland nicht betreten, sondern werden in Lagern weit draußen im Indischen Ozean interniert, während ihre Asylanträge geprüft werden. Selbst Jene, die als Flüchtlinge anerkannt werden, werden nicht ins Land gelassen, müssen sich in PNG/Nauru niederlassen

Zum schottischen Unabhängigkeitsreferendum

Am 18. September dieses Jahres stimmt Schottland (stimmberechtigt sind britische Staatsbürger ab 16 Jahren, die in Schottland wohnhaft sind) über die Unabhängigkeit von Grossbritannien ab. Geht es nach der Regionalregierung in Edinburgh, soll die Vereinigung mit England bald enden. Ob die Unabhängigkeit Schottlands für das restliche Grossbritannien von Nachteil ist oder für Schottland, darüber gehen die Meinungen auseinander. Im Folgenden ein historischer Abriss über die Entwicklung des schottischen Staates, den Verlust der Unabhängigkeit und das Bestreben nach ihrer Wiedererringung.

843 wurde ein Königreich Schottland (Eigenbezeichnung Alba) gegründet, was eine Vereinigung der (keltischen) Skoten und Pikten gegen die sie bedrängenden Normannen war. England, seit den Zeiten römischer Herrschaft durch den Hadrianswall (nahe der heutigen Grenze) klar abgegrenzt, wurde erst danach ein vereintes Reich. Mit ihm trug Schottland im 13. und 14. Jahrhundert eine Reihe von Kriegen um seine Unabhängigkeit aus. Schottland war eine Art Wahlmonarchie (im 11. Jahrhundert regierte etwa der von Shakespeare “verarbeitete” MacBeth) und nachdem der letzte König aus dem Haus Dunkeld 1286 ohne männlichen Nachkommen starb, fiel es erstmals an England. 1297 errangen die Schotten unter William Wallace („Braveheart“) einen geschichtsträchtigen Sieg über die Engländer in der Schlacht von Stirling Bridge. Ihre Unabhängigkeit gewannen sie erst 1314 durch die Schlacht von Bannockburn wieder. 1371 kam die Stuart-Familie auf den schottischen Thron. Unter ihr wurde die Unabhängigkeit gegen England über Jahrhunderte hinweg behauptet, setzte sich die calvinistische Reformation teilweise durch, wurden die bis dahin dänischen Shetland- und Orkney-Inseln erobert. 1603 nahm der schottische König Jakob (James) VI., der Sohn von Maria Stuart, auch die Königswürde in England an. Diese Personalunion überstand auch den Bürgerkrieg Mitte des 17. Jahrhunderts, gegen Ende des Jahrhunderts war sie aber immer mehr zu einem Anachronismus geworden.

Im Zuge der „Glorreichen Revolution“ 1688/89 wurde der Stuart-König James II. (in Schottland der VII.) durch seinen Schwiegersohn, den calvinistischen Niederländer Wilhelm III. von Oranien gestürzt. Die Stuarts waren eine katholische Dynastie und standen für Absolutismus. James Stuart flüchtete nach Irland (das längst unter englischer Herrschaft stand) und wurde dort 1690 von den Truppen des Herrschers über England (mit Wales), Schottland, Irland und einiger niederländischer Provinzen geschlagen. James ging nach Frankreich wo er die Unterstützung von Ludwig XIV. gewann. In Schottland standen die meisten Highland-Clans auf seiner, der jakobitischen, Seite. Der siegreiche Wilhelm bot den Hochland-Clans Amnestie gegen einen Treueeid an; am MacDonald-Clan, der diesen verspätet angab, wurde 1692 in Glencoe ein Massaker verübt. Nachdem der letzte Stuart-Herrscher James in Frankreich 1701 starb, gingen seine Ansprüche auf seinen gleichnamigen Sohn (VIII. in Schottland) über. Königin von England und Schottland wurde 1702 dessen (anglikanische) Halbschwester Anne, Schwägerin des verstorbenen Oraniers Wilhelm. Das englische Parlament legte sich auf das (mit den Stuarts verschwägerte) Haus Braunschweig-Lüneburg (Hannover) als künftige Könige fest. Die Unterstützung Frankreichs für die Jakobiten war für England Grund, in den Spanischen Erbfolgekrieg als Teil der anti-bourbonischen Haager Allianz einzutreten.

Die englischen Befürchtungen, dass Schottland mit Hilfe Frankreichs und seinem „Sonnenkönig“ unabhängig werden könnte, waren der Anlass für die Initiative, aus der englisch-schottischen Personalunion eine Realunion zu machen. 1707 verabschiedete das schottische Parlament mit 110 zu 69 Stimmen das Unionsgesetz (das englische hatte dies bereits ein Jahr früher getan), das seine Selbstauflösung und die Vereinigung zu Grossbritannien bedeutete – eigentlich auf Grundlage der Gleichberechtigung. Schottland konnte ab nun Abgeordnete ins britische Parlament wählen, anders gesagt wurden die Parlamente von Schottland und England vereinigt. Schottische Regierung im eigentlichen Sinn hatte es nicht gegeben, nur ein Privy Council, das den König beriet. Die Stuart-Königin Anne wurde so erste Königin Grossbritanniens. Mit der Vereinigung wurde auch die heute aktuelle britische Flagge geschaffen, aus der schottischen Flagge das blaue Feld mit dem weissen Andreaskreuz übernommen (1801 wurde die britische Personalunion mit Irland in eine Realunion umgewandelt, und auch der Union Jack mit dem irischen Patricks-Kreuz ergänzt).

Im Spanischen Erbfolgekrieg setzte sich zwar der bourbonische Thronanwärter Philipp durch, das nun mit Schottland vereinigte Grossbritannien stieg aber endgültig zur Weltmacht auf. Genau das, das Partizipieren an der Weltmachtrolle, verbunden mit wirtschaftlichen Vorteilen, war eines der Hauptmotive für die ernannten Mitglieder des schottischen Stände-Parlaments für ihre Zustimmung gewesen. Streitigkeiten unter den vereinigungs-kritischen Gruppen sowie Bestechung über den Gesandten der Königin im Parlament spielten dabei zwar eine gewisse Rolle. Aber aus schottischer Sicht ergab die Vereinigung damals schon einen Sinn, zumal ein eigener Kolonisierungs-Versuch des Königreichs Schottland in Mittelamerika gerade gescheitert war. Das Projekt in den 1690er-Jahren im zum spanischen Vizekönigreich Neugranada gehörenden Isthmus von Panama, nach dem angrenzenden Golf auch “Darien-Projekt” genannt (die Kolonie sollte “Caledonia” heissen, der lateinische Name für Schottland), scheiterte u.a. am spanischen Widerstand und führte zu einer Verschuldung Schottlands. Der Dichter Robert Burns (18. Jh.), der teilw. in Gälisch schrieb, einige Jahrzehnte später über das schottische Parlament, das für die Vereinigung mit England stimmte: “We’re bought and sold for English gold, such a parcel of rogues in a nation”.

Nach Annes Tod 1714 kamen wie geplant die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg auf den britischen Thron, wo ihre Nachfahren heute noch (gelegentlich) Platz nehmen. James VIII. Stuart und seine Anhänger versuchten im 18. Jahrhundert mehrmals, die Macht in den nun vereinigten Ländern zurückzugewinnen. In den schottischen Lowlands gab es kaum Unterstützung für die Erhebungen, wohl aber in den wirtschaftlich und sozial “zurückgebliebenen” Highlands, wo auch Rivalitäten unter den Clans herrschten. Nach dem Scheitern des Jakobiten-Aufstands 1745/46 erlosch der Widerstand gegen die Union, schottische Highland-Regimenter nahmen bald einen geachteten Platz im britischen Militär ein. Obwohl dort infolge der Vereinigung Kleinbauern vertrieben wurden, um für die Schafzucht Platz zu schaffen. James’ VIII. Sohn Henry wurde Bischof in Italien, die Stuart-Hauptlinie erlosch damit; manche Jakobiten sahen ihre Ansprüche auf die in Sardinien-Piemont herrschende Savoia-Familie übergehen, König Karl Emanuel war ein Grosscousin von Henry.

Schottland behielt bzw. bekam ein eigenes Rechts-, Schul- und Gesundheitssystem. Erst 1885 wurde in London ein Scottish Office eingerichtet, das bis 1999 im Range eines Ministeriums existierte und der einzige Ansatz von “Sonderregierung” für Schottland war, seither gibts einen Staatssekretär. Das intellektuelle Leben Schottlands blühte im 18. und 19. Jahrhundert auf, stellvertretend für viele seien der Dichter Walter Scott und der Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith genannt. Abertausende Schotten wanderten in die britischen Übersee-Kolonien in Nordamerika, Ozeanien und Südafrika aus, auch nach deren Unabhängigkeit – und wurden Teil des anglokeltischen Imperiums. Viele auch nach England und Irland. Heute gibt es 20 Millionen Menschen schottischer Abstammung ausserhalb Schottlands. Nicht nur hat der britische Kolonialismus Schottland mitgeprägt (so stammen die Dudelsäcke aus Indien), Schottland hat auch in ehemaligen Kolonien Spuren hinterlassen (so gibt es im Militär Indiens heute Einheiten, die Tartan-Elemente in ihren Uniformen tragen). Im 19. Jahrhundert wurde Schottland industrialisiert (v.a. Schiffsbau, Kohlebergbau, Eisenhütten), im 20. wurde Öl in der Nordsee gefunden. In Ermangelung eines Parlaments lag die Macht in Schottland lange bei Lokalregierungen und diversen Institutionen.

Eine Gegenüberstellung der Vorherrschaft Englands in Grossbritannien mit jener Preussens im Deutschen Reich und der Russlands in der Sowjetunion wäre interessant. In der Zeit der Weimarer Republik gab es aufgrund dieser drückenden Übermacht auch einen rheinländischen Separatismus.

Für manche Schotten fiel mit der britischen Entkolonialisierung nach dem 2. Weltkrieg die Existenzgrundlage für das Vereinigte Königreich/Grossbritannien weg. Die Devolution (Übertragungs) – oder Home Rule-Bewegung kam aber, im Gegensatz zu Irland, nur langsam auf Touren. Die Scottish National Party (SNP) wurde zwar schon 1934 gegründet und zog 1945 erstmals ins britische Parlament ein (ein Absentismus wie jener der Sinn Fein kam für sie nicht in Frage); dieser Sitz ging aber schnell wieder verloren und erst ab 1967 setzte sie sich durch. John MacCormick war ein Mitbegründer der Schottischen Nationalpartei, verliess sie dann, da er Autonomie (ein eigenes Parlament) der Unabhängigkeit von GB vorzog. Er gründete die “Scottish Convention“, eine inoffizielle Körperschaft, die 1949 die “Scottish Covenant” startete, eine Petition für ein schottisches Parlament, die von 2 Millionen (von damals 5 Millionen) unterschrieben. Damals befürworten aber nur die Liberalen Länderparlamente für Schottland und Wales und nur einer der damals 71 schottischen Abgeordneten im britischen Parlament, ein Liberaler. Mit dem Aufschwung der SNP ab 1967 schwenkten die andere Parteien allmählich auf eine Linie zugunsten eines schottischen Parlaments ein. Aus englischer Sicht war die Aufrechterhaltung protestantischer Vorherrschaft als Motiv für die Aufrechterhaltung der Union weg gefallen.

Die Labour-Regierung von Callaghan initiierte angesichts des wachsenden Verlangens unter Schotten nach Selbstregierung ein Referendum in Schottland über die (Wieder-)Einsetzung eines eigenen Parlaments, somit Autonomie innerhalb Grossbritanniens, das 1979 stattfand. Das Resultat war ein knappes “Ja”, wurde aber nicht umgesetzt, da zu Wenige teilgenommen hatten. Ebenfalls 1979 beteiligten sich die SNP-Abgeordneten im britischen Parlament am Misstrauensvotum gegen die Callaghan-Regierung; die folgende Neuwahl brachte eine Dezimierung der SNP-Stimmen und die konservative Thatcher-Regierung. “Truthähne, die für Weihnachten stimmen”, spottete Callaghan über das Abstimmungsverhalten der SNP. In der Partei entbrannte nun ein Richtungsstreit zwischen jenen, deren Hauptziel die Unabhängigkeit Schottlands war, unabhängig von traditionellen ideologischen Rechts/Links-Schemata und jenen, die sie links positionieren und sich an die Labour Party binden wollten. Vor vergleichbaren Fragen steht bzw. stand auch die Südtiroler Volkspartei immer wieder: Ideologisch etwa wie die CSU ausgerichtet, ist sie eine Sammelpartei der deutsch- (und ladinisch-) sprachigen Südtiroler, vom Hotelier zum Bergbauern. In der Ersten Republik Italiens paktierte sie (auf nationaler wie regionaler Ebene) mit der christdemokratischen DC, Anfang der 1990er lehnte sie sich an die Linke (wo die Post-Kommunisten führend sind) an. Diese sind weniger minderheiten- und autonomiefeindlich als die Gegenseite wo (u.a.) die Post-Faschisten stehen.

Nach dem Referendum von 1979 entstand eine militante Unabhängigkeits-Gruppe, die Scottish National Liberation Army (SNLA), die von den 1980er-jahren bis in die 2000er aktiv war, hauptsächlich Briefbomben verschickte, dabei wenig Schaden anrichtete.

Tony Blair liess als Premierminister ab 1997 eine Dezentralisierung des Vereinigten Königreichs zu, nach Referenden und der Schaffung gesetzlicher Grundlagen wurden 1999 in Schottland und Wales Parlamente eingerichtet; jenes in Nord-Irland wurde nach dem Karfreitags-Abkommen 1998 wieder eingesetzt – dies bedeutete auch jeweils die Bildung von Regierungen (mit beschränkten Kompetenzen) auf Grundlage der Wahlen zu diesen Parlamenten. In der SNP setzte sich das Bekenntnis zu Unabhängigkeit (statt nur zu Autonomie) und eine linksliberale Richtung durch; 2004 wurde Alexander Salmond Parteichef. Nachdem einige Jahre Labour in Schottland regiert hatte, gewann die SNP 2007 (zum 300-Jahr-Jubiläum der Vereinigung) die dortige Regionalwahl und bildete eine Minderheitsregierung unter Salmond. Bei Labour und den Liberalen sind kleine Teile der Parteiorganisationen in Schottland für eine Unabhängigkeit, in der Konservativen Partei ist der Unionismus natürlich am stärksten. Auch Blairs Nachfolger als britischer Premier, der Schotte Gordon Brown von Labour, war entschieden gegen eine Auflösung der Union. Er warnte 07 vor einer “Balkanisierung” Grossbritanniens.

2011 gelang der SNP der Durchbruch, sie gewann bei der Regionalwahl die absolute Mehrheit an Sitzen und begann, das anvisierte Unabhängigkeitsreferendum vorzubereiten. 2012 unterzeichneten der britische Premier David Cameron (CUP) und Schottlands Regierungschef Salmond ein Abkommen, das der Regionalregierung die Befugnis erteilte, die Volksabstimmung abzuhalten. Die Frage der Anerkennung des Ergebnisses des Referendums durch London bzw. Rest-GB als bindend war einige Zeit umstritten gewesen; auch, ob nicht ein gesamtbritisches Referendum entscheiden müsse. Sich auf eine unilaterale Unabhängigkeits-Erklärung Schottlands einzulassen bzw. sich ihr entgegenzustellen, war der konservativ-liberalen Regierung dann aber doch zu brisant.

Die SNP hat sich in den Jahren ihrer Regierung in Schottland mehrmals gedreht, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, als auch in Bezug auf den angestrebten Charakter der Souveränität. In der Aussen- und Verteidigungspolitik wurde zwischendurch ein Verbleiben unter dem britischen “Schirm” erwogen. Militärstützpunkte Grossbritanniens und der NATO in Schottland sowie die Teilnahme an deren MiIitäraktionen sind aber im 2013 rausgekommenen “Weissbuch“ der schottischen Regierung zum Referendum, „Scotland’s Future“, nicht mehr zu finden. Die britischen Atom-U-Boote (britische A-Waffen sind bislang allesamt auf solchen stationiert) müssten demnach aus ihren Stützpunkten in Schottland weichen; eigene nationale Streitkräfte sowie ein Geheimdienst sollen aufgebaut werden. Weltweit sollen 90 Botschaften eröffnet werden. Eine Republik wird nicht mehr angestrebt, der britische Monarch soll in Personalunion Staatsoberhaupt bleiben. In der Frage der zukünftigen Währung ist man vom Plan der Einführung des Euros abgekommen, Schottland soll in einer Währungsunion das britische Pfund behalten sowie einen Teil der britischen Gesamtschulden übernehmen. Weiters sehen die Pläne für die Unabhängigkeit den Entwurf einer geschriebenen Verfassung, die Wieder-Verstaatlichung der Post und die Schaffung einer eigenen Rundfunk-Anstalt anstelle von BBC Scotland vor. Salmond kündigte zuletzt an, man werde die Loslösung von London in zweijährigen Verhandlungen geordnet vollziehen (er will die Unabhängigkeit wohl vor der nächsten Regionalwahl zu Jahresanfang 2016 unter Dach und Fach haben).

Die Unabhängigkeits-Kampagne wird zu einem erheblichen Teil von einem Ehepaar finanziert, das 2011 den größten Lotteriegewinn in der europäischen Geschichte einstrich, 161 Millionen Pfund; Colin und Christine Weir aus der Nähe von Glasgow spendeten etwa 3,5 Millionen Pfund (4,28 Mio. Euro) davon. Geleitet wird die Kampagne von Angus Robertson (schottisch Aonghas MacRaibeirt), Sohn eines Schotten und einer Deutschen, ein ehemaliger Journalist, Fraktionschef der SNP im britischen Parlament im Westminster-Palast.

Im Fussball, wie auch im Rugby, bekam Schottland von Beginn des internationalen Spielbetriebs an das Recht, eigene Nationalmannschaften zu stellen, eigene Ligen sowieso. Auf die in Schottland wichtigsten Sportarten hätte eine Abspaltung damit keine grossen Auswirkungen. Im Falle einer Unabhängigkeit würde diese wahrscheinlich wenige Monate vor Beginn der Sommerspiele 2016 in Kraft treten, ein eigenes Team dort könnte sich ausgehen. Der Tennisspieler “Andy” Murray gab kürzlich an, dass es ihm unangenehm war, als ein schottischer Politiker bei seinem Wimbledon-Sieg 2013 eine schottische Fahne auspackte. Bei ihm wäre ein Nationswechsel (den er im Falle der Unabhängigkeit mitmachen würde) nur bei Olympischen Spielen oder im Davis-Cup von Bedeutung. Da der gebürtige Glasgower seinen Hauptwohnsitz in London hat, ist er beim Referendum nicht stimmberechtigt.

Auf der Gegenseite steht die Better Together-Kampagne, die von den schottischen Labour- (deren Politiker Alistair Darling sie führt), Konservativen- und Liberaldemokraten-Parteien getragen wird. Der Fussball-Trainer “Alex” Ferguson, lange in England tätig, unterstützt diese. Auch Rod Stewart und Ewan McGregor sprachen sich gegen eine Loslösung von GB aus – Irvine Welsh, auf dessen Roman “Trainspotting” basiert, einer der wichtigsten Filme McGregors, ist wiederum dafür. Umfragen sehen einen Vorsprung des Nein-Lagers bei einem grossen Anteil noch Unentschlossener. Der wohl berühmteste Schotte, der Schauspieler Sean Connery, als „James Bond“ Vertreter britischer Interessen, tritt für die Unabhängigkeit Schottlands von Grossbritannien ein, unterstützt die SNP. Auch einige prominente Engländer, wie der Regisseur Ken Loach, sprachen, aus unterschiedlichen Gründen, ihre Unterstützung für das Projekt aus. Andere, wie “David Bowie” appellierten zum Verbleib bei GB.

Die bei einer Unabhängigkeit wegfallenden finanziellen Zuwendungen der britischen Regierung sollen durch die alleinige Verwendung der Einnahmen aus den Ölvorkommen vor seinen Küsten ausgeglichen werden. Dennoch zweifeln manche, ob es Schottland wirtschaftlich alleine schaffen kann. Cameron will einem unabhängigen Schottland verbieten, das Pfund als Währung zu behalten. Er lehnte auch ab, dass beim Referendum eine dritte Option, die sogenannte “devo max” (maximum devolution) zur Abstimmung gestellt wird, die Schottland erlauben würde, fast totale Unabhängigkeit zu genießen und dennoch Teil des Vereinigten Königreichs zu bleiben. Timothy Garton Ash schrieb dazu: “Yet devo max is precisely what he seeks for Britain in relation to the EU. He insists on a clear ‘in or out’ choice for Scotland in relation to the British union. He ducks and weaves, rubbing all our European partners up the wrong way, to avoid a clear ‘in or out’ choice for Britain in relation to the European Union.” Mehr Druckmittel als Angstmache mit wirtschaftlicher Not will oder kann Cameron nicht aufbieten. „Gemeinsam haben wir eine größere Bedeutung in der Welt“, appellierte er am Rande der Olympischen Spiele in London 2012. Der damalige EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Durrao Barroso zweifelte in einem BBC-Interview im Februar dieses Jahres an den Chancen eines unabhängigen Schottlands auf eine EU-Mitgliedschaft. Die Europäische Union wäre bei einem positiven Ausgang des Referendums das erste Mal mit einer Sezession innerhalb der eigenen Grenzen konfrontiert.

Die Bewohner der Shetland-Inseln wollen mehrheitlich nicht Teil eines unabhängigen schottischen Staates sein und fordern gegebenenfalls ein eigenes Referendum über den Verbleib bei Grossbritannien. Auf den Inseln gibt es daneben auch Stimmen für einen unabhängigen Staat sowie Befürworter eines Anschlusses an Norwegen. Während die Shetlands historisch-ethnisch-geografisch eine grosse Nähe zu den Nordgermanen aufweisen, gilt das für den Orkney-Archipel schon weniger. Die Hebriden (schottisch Innse Gall) auf der anderen Seite sind, wie erwähnt, sehr keltisch.

Die Schottisch-Gälische Sprache wird noch von ungefähr 1% der Schotten gesprochen, anscheinend gibt es keine Pläne, sie wieder auferstehen zu lassen. Die Zurückdrängung begann schon in der Phase der Unabhängigkeit im Mittelalter. Anfangs war Englisch nur Sprache der Gelehrten gewesen, Gälisch jene des Volkes. Es ist v.a. noch auf den Hebriden verbreitet und anderen Teilen des Nordwestens (den Highlands). Der Südosten, die Lowlands, ist urbaner (damit auch multikultureller), protestantischer (die Presbyterianische Kirche, auf calvinistischer Grundlage, ist wichtiger als die Anglikanische), “britischer”. Diese Spaltung des Landes spiegelt sich in den beiden Glasgower Fussballklubs und ihren Anhängern wider: die Rangers gelten als protestantischer Klub, bei ihren Spielen ist oft der Union Jack im Publikum zu sehen; Celtic steht für ein anderes nationales Identitätsgefühl, eine andere Konfession, andere soziale Klassen.

Wie beim Unabhängigkeits-Referendum in Quebec 1995 könnten auch hier die Stimmen von ethnischen Minderheiten (v.a. Anglo-Scots, also in Schottland angesiedelte Engländer) und Einwanderern (v.a. aus dem indischen Raum) den Ausschlag geben. Möglicherweise muss bei einem schottischen Ausscheiden die britische Flagge geändert werden. Für den Union Jack gibt es keine gesetzliche Grundlage, daher sind diesbezügliche Konsequenzen vage. Möglicherweise entscheidet hier das Kostenargument gegen eine Änderung. Mittlerweile gibt es einige Vorschläge für eine neue britische Flagge. Neben den verbliebenen britischen Überseegebiete führen auch sieben eigenständige Staaten, allen voran Australien und Neuseeland (wo es aber schon lange Vorschläge für Änderungen gibt), den Union Jack in ihrer Flagge.

Vorschlag für eine Flagge Grossbritanniens ohne Schottland, in der erstmals auch Wales vertreten ist
Vorschlag für eine Flagge Grossbritanniens ohne Schottland, in der erstmals auch Wales vertreten ist; das ist es bis jetzt nicht, da es die “Union” als Teil Englands betrat (unterworfen von ihm wurde, nicht vereint mit ihm)

Der Unterschied zum Krim-Referendum etwa ein halbes Jahr vor dem schottischen ist zum einen, dass auf der Krim (die auch nicht als Nation gesehen wird) die Unabhängigkeit nicht zur Wahl stand, sondern der Verbleib bei der Ukraine und die Angliederung an Russland (letzteres war das Ziel des Referendums); zum anderen, dass die Abstimmung in Schottland nicht unter Druck stattfindet, die britische Zentralregierung ihre Einwilligung gab, dass kein anderer Staat die Fäden zieht – auch wenn man hier Rest-GB/England als Ausland ansieht, das Referendum wurde von Schottland initiiert und organisiert. Im Fall der Krim wurde ein Gebiet von einem Staat zu einem anderen “transferiert”, ohne Konsens. 2014 gibt es wahrscheinlich auch ein Unabhängigkeits-Referendum in Katalonien (auch als “Wohlstands-Separatismus” bezeichnet); in Spanien wird das Referendum gegen den Willen der Zentralregierung stattfinden, es wird von dieser nicht anerkannt. Flandern ist ein andere Kandidat in Europa. Eine Unabhängigkeit Schottlands würde Nordirland von Grossbritannien “abschneiden” und der dortigen Irredenta-Bewegung (dem irischen Republikanismus) möglicherweise Auftrieb geben. In Wales könnte die Plaid Cymru einen ähnlichen Weg wie die SNP gehen. Süd-Sudan ist momentan der jüngste Staat der Welt, das Gebiet wurde einst durch den britischen Kolonialismus Teil des Sudan.

Eingehend mit der Geschichte seines Landes beschäftigt hat sich der schottische Historiker Thomas “Tom” Devine. Von seinen vielen Veröffentlichungen dazu sind aber anscheinend keine ins Deutsche übersetzt worden
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opium, Krieg, und der Zusammenprall der Kulturen

Der Schlaf-Mohn wurde schon von den Sumerern kultiviert, verarbeitet und genutzt. Nicht geklärt ist, ob diese Pflanze durch natürliche Auslese entstanden ist oder durch menschliche Kultivierung. Der getrocknete Saft ihrer Kapseln ist Roh-Opium, das Opiate (Alkaloide wie Morphin) enthält. Opium wurde ursprünglich oral aufgenommen wurde, gegessen oder aufgelöst getrunken. In antiken vorderasiatischen und nordafrikanischen Kulturen wie dann auch in frühen europäischen wurde es als Medizin und Rauschmittel angesehen und verwendet, oft in kultische Rituale eingebettet. Für beide Zwecke wurden dieselben Effekte geschätzt, das Betäubende, Schmerzstillende, Beruhigende, Euphorisierende. Der Name “Opium” kommt von den alten Griechen (von “Opos”, Saft), die den Mohn und seine Wirkung in ihre Sagenwelt integrierten, die Göttin Demeter etwa betäubte damit ihren Kummer über den Verlust ihrer Tochter und pries die Heilkraft des Opiums. Das in der griechischen Mythologie und Literatur erwähnte Nepenthes war wahrscheinlich auch Opium. Das Soma/Haoma in den Veden bzw der Avesta könnte Opium gewesen sein, ebenso wie in den Mysterien von Eleusis. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurden nach gelungener Isolierung des wichtigsten Alkaloids des Opiums die Bezeichnung “Morphium” (bzw “Morphin”) in Anlehnung an Morpheus gewählt, den griechischen Gott des Traumes, manchmal auch des Schlafes oder des Sterbens, dessen Symbol eine Mohnkapsel war. Auch Hippokrates beschäftigte sich mit der Wirkung des Produktes der Mohnpflanze, aus medizinischer Sicht. Er verwarf die magischen Attribute, anerkannte eine narkotisierende und blutstillende Wirkung.

Im Mittelalter war Opium vor allem im islamischen Raum verbreitet, wo es, im Gegensatz zum Alkohol, nicht untersagt war, es wurde noch immer überwiegend oral eingenommen (gegessen oder in Wein aufgelöst getrunken). Der persische Wissenschafter Avicenna hat sich auch damit beschäftigt, er empfahl die stopfende und beruhigende Wirkung des Opiums, warnte aber auch vor seiner “den Geist und die Sinne zerstörenden” – die erste überlieferte derartige Einschätzung dieser Droge. In orientalischen, besonders persischen Dichtungen (etwa von Hafes, Omar Chayam) kann „Wein“ auch Opium meinen; auch für sexuelle Beschreibungen wurden anscheinend Metaphern benutzt, für Knabe oft „Frau“. Die Sufis suchten mithilfe des Opiums eine direkte Beziehung zwischen stofflichem und religiösem Rausch. Die früheste Anweisung gegen den Gebrauch von Drogen allgemein war eine religiöse, von Buddha, um 500 v. C., der seinen Anhängern einen klaren Kopf nahelegte. Von Persien aus wurde Opium über Indien nach China (und Südost-Asien) verbreitet, wo es im Hoch-Mittelalter ankam. Chinesen sahen dennoch Opium mitunter als eine für Buddha geschaffenen Gabe.

Ernte in Indien; Die Ernte des Schlafmohns erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein). Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Dieser Prozess gelang erstmals 1823 dem französischen Chemiker Tilloy. Aus Mohnstroh wird auch Morphinbase hergestellt, der Ausgangsstoff für Heroin. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.
Ernte des Schlafmohns in Indien; Diese erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein) – oder aber zu Morphinbase, den Ausgangsstoff für Heroin. Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.

Tabak-Rauchen (in Pfeifen) wurde nach der europäischen Entdeckung Amerikas in der frühen Neuzeit weltweit verbreitet, in China und anderswo folgte das Rauchen des mit Tabak vermischten (Rauch-)Opiums dem Tabakrauchen auf den Fersen. Der Tabak (aus Amerika) und das Opium (aus Indien) wurden von Portugiesen und Niederländern über Südostasien nach Taiwan und an die Südküste Chinas eingeführt. Der Süden des Landes blieb auch der Schwerpunkt des Opium-Konsums in China, er war dort in allen sozialen Schichten verbreitet. Der grösste Teil des in China konsumierten Opiums wurde aus Mogul-Indien importiert, wo es ebenfalls eine wichtige Rolle spielte (die Herrscher nahmen es dort, Soldaten wurde es gegeben, der Fiskus verdiente daran), und seltener selber angebaut, v. a. wegen der besseren Qualität des indischen. Die nach innen gerichtete, meditative, Form des Opium-Rausches kam der chinesischen Mentalität vielleicht entgegen; zum Teil wurde aber wahrscheinlich auch einfach eine Flucht aus dem hartem Alltag gesucht, eine Form der Entspannung. Der letzte Ming-Kaiser Chongzhen verbot 1644 das Tabakrauchen in seinem Reich, er hatte wirtschaftliche (keine Einnahmen in die Staatskasse), kulturelle (wurde noch als etwas un-chinesisches gesehen) und gesundheitspolitische Gründe dafür. Danach wurde Opium in China pur geraucht. Die chinesische Bezeichnung für Rauchopium ist “Chandu” (leitet sich von einem Hindi-Wort ab), während “Madak” die Rauchmischung mit Tabak bezeichnete. Im islamischen Raum, wo sich ab der Neuzeit ebenfalls Rauchopium durchsetzte, gab es dafür die Bezeichnungen “Afyun” (arabisch und türkisch) und “Teryak” (persisch). Auch in Südost-Asien verbreitete sich das Opiumrauchen. 1729 verbot der chinesische Kaiser Yongzheng (inzwischen herrschte die mandschurische Qing-Dynastie) das Opiumrauchen und den -handel (Schmidbauer/vom Scheidt: “Interessanterweise ging man sehr modern vor, indem man die Händler bestrafte, die Konsumenten jedoch ungeschoren ließ.”), ausser zu medizinischen Zwecken.

Im Westen spielte Opium in der Antike eine Rolle und erlebte in der späten Neuzeit eine relativ kurze Blüte. Griechen wie erwähnt und dann Römer integrierten es bis zu einem gewissen Grad in ihre Kultur. “Opium heilt alles, ausser sich selbst” war ein lateinisches Sprichwort. Auch der botanische Name des Schlafmohns, Papaver somniferum (“schlafbringender Mohn”), von Carl von Linné gewählt, ist lateinisch. Somnus war der römische Gott des Schlafes. Der römische Dichter Ovid sah am Eingang von dessen Höhle den Mohn stehen, zur Gewinnung der Schlummersäfte. Im europäischen Mittelalter wurde Opium von der Inquisition zeitweise verfolgt, als etwas Böses, vom Osten kommendes. Kreuzfahrer brachten es aus Westasien, zusammen mit Seide oder Seife. Der deutsche Mediziner Paracelsus kreierte im Spät-Mittelalter/ in der frühen Neuzeit, wahrscheinlich nach Reisen nach Vorderasien, das als (Universal-)Medizin gedachte und eingesetzte Laudanum (“die Lobenswerte”), eine trinkbare Tinktur aus Opium und Alkohol, manchmal auch Bilsenkraut. Diese Verarbeitung von Opium machte nicht zuletzt wegen dessem natürlichen bitteren Geschmack Sinn. „Dosis sola venenum facit“, “Allein die Dosis macht das Gift”, verteidigte Paracelsus sein Mittel gegenüber Kollegen. Der Engländer Sydenham entwickelte etwa 100 Jahre später eine gleichnamige Tinktur, eine von mehreren Variationen des Laudanum, die sich durch die Anteile von Opium, Alkohol, möglichen sonstigen psychoaktiven Pflanzen sowie die Aromata unterschieden. Laudanum war v. a. im 18. und 19. Jahrhundert in Europa populär, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Medizin angesehen (weshalb es nicht als alkoholisches Getränk versteuert werden musste und daher billiger war als solche), zuletzt von Pharmaunternehmen hergestellt. Daneben gab es “Theriak”, eine Tinktur die seit der griechische Antike als Gegengift gegen Schlangenbisse, später als Allheilmittel, zubereitet wurde, zunächst ohne Opium; sie wurde auch bis in die späte Neuzeit in Europa konsumiert. Der persische Name für Opium dürfte sich von diesem griechischen Wort ableiten.

Mitte des 18. Jahrhunderts eroberten die Briten Nordost-Indien (Bengalen und Bihar), ein Haupt-Anbaugebiet für Mohn; von dort aus (Hafen Kalkutta) wurde dann China mit Opium versorgt, auch Teile Südost-Asiens. Die British East India Company (BEIC) übernahm mit ihren Flotten nun den Handel mit Opium, der erstmals zu einem grossen Geschäft wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag der Vorteil im Handel zwischen China und den Europäern noch bei ersteren, die vor allem Tee, Seide und Porzellan verkauften und dafür Silber bekamen; dieser in der Neuzeit begonnene Seehandel war von chinesischer Seite aus auf Kanton beschränkt. Die Briten wollten den Handel ausgleichen indem sie dort auch bengalisches Opium verkauften. Da dies in China verboten war, kamen nur die Triaden als grosse Abnehmer in Frage, mit denen der Opiumhandel, gedeckt von korrupten Beamten, bis zu den chinesischen Opiumhöhlen abgewickelt wurde. Die Briten kontrollierten die Mohn-Plantagen und Opium-Fabriken (Umwandlung von Roh- in Rauch-Opium) in Indien sowie den Export nach China.

1799/1800 wurden Anbau und Import, der ein wirtschaftlicher Faktor für das Reich geworden war, verboten. Diese Verbote setzten sich nicht durch, da der Kaiser-Hof bezüglich der Opium-Prohibition gespalten war, sie von korrupten Beamten nicht genug durchgesetzt wurden, und durch Schmuggel und geheime Opiumhöhlen (organisiert von den Triaden-Gesellschaften) umgangen wurden. Opium wurde wurde nun nicht mehr in den Hafen transportiert, sondern davor  an eine Schmugglerflotte der Triaden übergeben. Jardine-Matheson war eines der britisches Handelsunternehmen die im 19. Jh Tee und Seide aus China importierten, Opium nach China schmuggelten. Die Triaden-Gruppen “Rote Bande”, geführt von Chang Hsiao-lin, wurde Opium-Partner von Jardine-Matheson und des britischen Geheimdienstes.

Der Beamte Lin Tse-Hsu wurde 1838 von Kaiser Daoguang nach Kanton geschickt um den Kampf gegen den Opiumhandel zu forcieren. Er wurde als derjenige gesehen, der die Engländer zum Krieg reizte. 1839 liess er Lager von ins Lande gebrachter Ware zerstört und in den Handel involvierte Ausländer internieren. Dabei war die Volksgesundheit wohl nur ein Motiv, die Wahrung des Handelsvorteils ein anderer, die Durchsetzung des Machtmonopols, etwa gegenüber dem Vizekönig von Kanton, der gut an Abgaben und Schmiergeld aus dem Schmuggel verdiente, ein weiterer. Für Grossbritannien (Premierminister Melbourne) war das chinesische Vorgehen von 1839 ein willkommener Anlass, das Chinesische Reich komplett zu “öffnen” indem es einen Krieg vom Zaun brach; die Chinesen wurden damals, vor dem Hintergrund von Geschäftsinteressen, erstmals als “gelbe Gefahr” aufgebaut.

Dieser erste Opiumkrieg, 1839 bis 1842, wurde von den Briten überwiegend mit dampfgetriebenen Kanonenbooten, also von der See aus, bestritten und aufgrund waffentechnischer und strategischer Überlegenheit gewonnen. Er endete mit dem Vertrag von Nanking, nach dessen Fall die Chinesen kapituliert hatten. Darin musste China Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Den zweiten Opiumkrieg 1856 bis 1860 führten die Briten für die Erweiterung ihres Einflusses in China und zur Niederschlagung neuer chinesischer Maßnahmen gegen den Opium-Import. Das Aufbringen eines britischen Schiffes vor China wurde dafür zum Anlass genommen. Frankreich hängte sich an, 1858 kam der Krieg nach der Einnahme Kantons zu einem vorläufigen Ende; das Chinesische Reich musste in den Tianjin-Vertrag einwilligen, der diverse Häfen für weitere westliche Mächte öffnete. 1859/60 wurde dieser Krieg wieder aufgenommen um auch westliche Botschaften in Peking und das Recht auf christliche Missionierung durchzusetzen, was nach der Einnahme Pekings inklusive Verwüstungen und Plünderungen gelang. Militärisch war die chinesische Armee in den Opiumkriegen überhaupt kein Gegner für die Briten.

Die Kriege, für China der erste Konflikt mit westlichen Nationen, leiteten seinen Niedergang ein, erschütterten seinen Sinozentrismus und den Ruf der Qing-Dynastie im Land, sind noch immer eine nationale Wunde – zumal es mit anderen westlichen Mächten (Europäer und USA, auch Japan) in Folge ähnliche ungleiche Verträge schliessen musste, in denen es sich “öffnen” musste (ihnen wirtschaftliche und politische Privilegien und Einflussnahme einräumen), z.T. auch territoriale Abtretungen hinnehmen und knapp vor einer echten Kolonialisierung stand. Zu wirtschaftlicher Bevormundung und kulturellen Umbrüchen kamen sozialer Verfall und innere Unruhen. Und China wurde endgültig das weltweit führende Opiumverbraucher-Land (nun wurde auch der Anbau im Land vorgenommen), bis zu 20 Millionen Opium-Süchtige werden für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt, eine Zahl die nicht allzu viel aussagt, da es verschiedene Arten von Sucht gibt. Die Briten haben dies neben Handelsvorteilen auch bezwecken wollen, die Droge und den Rausch zur Beherrschung eines Volkes eingesetzt, so wie es etwa auch mit Alkohol gegenüber den “Indianern” geschah. Rudolf Gelpke hat auf die Ambivalenz des Rausches hingewiesen: Drogen werden immer wieder in böser Absicht gegen einzelne oder Gruppen verwendet, die damit geschwächt oder lahmgelegt werden sollen, zur Beherrschung und Ausbeutung. Die britischen Opiumkriege sind dafür ein exzellentes Beispiel. Die Opiumkriege sind noch immer Gegenstand divergierender Anschauungen und wütender Debatten, von Chinesen werden sie als Versuch gesehen, ihr Land mit Gewalt und Drogen zu zerstören, um des Profits willen, manche westliche Kommentatoren spielen gern Opium und Profit als Kriegsgrund herunter, und stellen “freien Handel” und “Fortschritt” in den Vordergrund.

Shanghai und Honkong wurden wichtige Importhäfen für Opium, das formal anscheinend verboten blieb; die Triaden organisierten weiterhin den Vertrieb, blieben Haupthandelspartner der Briten. Das Kaiserreich wurde nun durch eine Importsteuer am Handel beteiligt. Ende des 19. Jh befahl der Kaiser, Opium im Land anzubauen; um die Jahrhundertwende betrug die chinesische Eigenproduktion 22 000 Tonnen, während der Importanteil aus Indien auf 3 500 Tonnen zurückging. Auch Morphium und Heroin wurden nach China importiert, zur Heilung der Opiumsucht bzw als Ersatz.

Die Revolution 1911/12, die den Sturz der Monarchie brachte, entzündete sich nicht zuletzt am ausländischen Einfluss bzw. am kolonial-ähnlichen Status Chinas. In der folgenden Republik wurden Gesetze gegen das Opium erlassen, aber ihre Durchsetzung war wegen dem politischen Durcheinander schwer behindert. Das Geschäft mit dem Opium war eine wichtige Grundlage der Finanzierung der “Warlords”. Ma Fuxiang, ein General, der der moslemischen Hui-Volksgruppe angehörte, nahm zur Zeit der Republik China im Nordwesten des Landes wichtige militärische und politische Posten ein (war ein Warlord), verbot den Opiumhandel in seinem Machtbereich, vielleicht weil viele Moslems dagegen waren, förderte ihn aber heimlich, um seine Kriegsunternehmen zu finanzieren. In Schanghai dominierte die Triaden-Organisation “Grüne Bande” unter Du Yuesheng, mit Protektion der Polizei, den Opiumhandel, dann auch den mit Heroin(pillen). Wie andere Triaden war auch die grüne Bande mit der in der Republik dominierenden Kuomintang verbündet. Chiang Kai-Shek verwandelte das Opiumverbot in ein Staatsmonopol, dessen erste Lizenzträger Paten des Handels damit, wie Du, wurden… Unter dem Druck westlicher Mächte wurde das Staatsmonopol bald wieder aufgehoben. Neue Medikamente wie Penicillin und neue Drogen wie Zigaretten drängten Opium dann doch zurück. Die KP hatte sich im Bürgerkrieg noch mit Opium-Handel finanziert. In der Volksrepublik unter Mao wurden ab 1949 wurden drakonische Maßnahmen gegen Opium erlassen, das dadurch in China in den 1950ern sehr stark zurückgedrängt war.

Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908
Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908

Möglicherweise wurde Opium im Orient erst durch das Rauchen ein „Massenphänomen“ und war die orale Einnahme (stärkere Wirkung nebenbei) eine Sache der Oberschicht gewesen (wobei das früher auch praktizierte “Inhalieren” schon eine gewisse Ähnlichkeit zum Rauchen aufwies). Das Rauchen von Opium wurde hauptsächlich mit der chinesischen Diaspora verbreitet, im 19. Jahrhundert gab es in vielen Teilen der Welt, so auch in Europa, spezielle Rauchsalons/Opiumhöhlen, die im Wesentlichen von Chinesen betrieben wurden und eine Konzession hatten. Diese etablierten sich v.a. in Hafenstädten, in Hamburg beispielsweise gab es bis in die 1930er-Jahren ein kleines Chinesenviertel und illegale Opiumhöhlen in St. Pauli. Die Ausstattung solcher Höhlen, zu der oft Diwane gehörten, spiegelte die soziale Schicht seiner Klientel wider, Reiche hatten oft einen privaten. Opium wurde dort nach einem bestimmten Ritual geraucht, in Pfeifen, später ohne Tabak.

Viele Künstler, beginnend mit Schriftstellern der Romantik, nahmen Opium in der einen oder anderen Form ein, in vielen Fällen ursprünglich als Abhilfe für eine Tuberkulose-Erkrankung. In “Novalis” Leben spielte es eine wesentliche Rolle; E.T.A. Hoffmann lässt seinen Helden Medardus die Wirkung jener “teuflischen” Elixiere erfahren, die er selbst ausprobierte, vermutlich Wein mit Mohnextrakten, also eine Art Laudanum; Charles Baudelaire fand “künstliche Paradiese” durch Cannabis, den Absinth, aber auch das Laudanum; Hesses “Steppenwolf” nahm neben anderen Drogen auch Opium; auch Samuel T. Coleridge, Thomas de Quincey oder Edgar A. Poe thematisierten ihre Erfahrungen mit Opium literarisch. Fraglich ist, wie gross der Einfluss der Droge auf ihr künstlerisches Schaffen war. De Quincey meinte, dass sie nur Wahrnehmungen verstärke, aber nichts schaffe, während Coleridge im Rausch ein ganzes Gedicht “empfangen” haben will.

De Quincey begann sein literarisches Wirken mit seinen “Bekenntnissen eines Opium-Essers”; mit Laudanum und Opium-Pillen hatte er als Mittel gegen Schmerzen begonnen, dann entdeckte er einen über die Befreiung von Schmerzen hinausgehenden Genuss, etwa eine „wohltätige und schützende Kraft“. “Man fühlt den göttlichen Teil seines Wesens aufsteigen”“, schrieb er in seinen Bekenntnissen. Opiumkonsum war damals in Grossbritannien legal, und in verschiedenen Gesellschaftsschichten verbreitet, in verschiedenen Zubereitungen (auch in Medikamenten, etwa gegen Tuberkulose). Auch viele Arbeiter nahmen es, da es meist billiger als alkoholische Getränke war, und den Hunger unterdrückte. De Quincey wandte sich gegen die auch damals schon übliche “betrügerische Dämonisierung” des Mittels. Coleridge hatte ihn für seine (angebliche) Wollust als Motivation beim Opium-Gebrauch, in Abgrenzung zu sich der es nur gegen Schmerzen nähme, attackiert (was wahrscheinlich nicht nur scharfrichterlich war, sondern auch scheinheilig); er antwortete in diesem Buch darauf: zum einen hatte es auch bei ihm mit der Schmerzlinderung begonnen, zum anderen stand er zur Freude an diesem Rausch: “Was der Mensch gerechterweise im Wein suchen darf, darf er gerechterweise auch im Opium finden”. Erst durch spätere unbesonnene Anwendung bzw. höhere Dosen (aufgrund von Magenschmerzen) begannen die Probleme mit Opium für ihn, so De Quincey. Das Heilmittel für seelische und körperliche Probleme versursachte dann selbst solche, etwa Sucht und Albträume. Da er mit seinen Schilderungen sein Geld verdiente, blieb ihm im Gegensatz zu anderen ein sozialer Abstieg erspart. Trotz seiner positiven Einstellung zum Opium, zum Rausch („Kritik der Nüchternheit“), seinen Problemen mit der englischen Gesellschaft und der damit verbundenen Fähigkeit zur Kritik an ihren „Dogmen“, zeigte sich De Quincey als englischer Rassist, grenzte sich verachtungsvoll zu Orientalen ab, obwohl er „deren“ Droge Opium der “westlichen” Alkohol als weit überlegen gegenüberstellt. Ungefähr zu jener Zeit als er auch Betrachtungen über mögliche Auswirkungen von Opium-Gebrauch auf die Volksgesundheit anstellte (mit positivem Fazit), führte der britische Staat um seiner Drogenprofite wegen die Opiumkriege und etwas später die westliche Welt im “Kreuzzug” gegen Drogen an. Im Orient war der Rausch integriert, daher gibt es von dort wenige Erfahrungsberichte à la Quincey (der es immer allein einnahm, ein Exzentriker, ein Bourgeois war). Gelpke mit seinen Sprachkenntnissen hat einige der wenigen übersetzt.

Der Schriftsteller Jean Cocteau, der ab 1923 Trost für den Tod seines Geliebten im Opium fand (den Stoff bezog er aus Indochina), das bald sein Leben bestimmte, fasste die Wirkung der von ihm gerauchten Droge so zusammen: “Der Tod trennt unsere schweren und leichten Körpersäfte völlig. Das Opium trennt sie ein wenig.” Er schilderte auch die Sucht und andere negative Seiten seines Konsums. In Charles Dickens letztem und unvollendeten Roman “The Mystery of Edwin Drood” spielt ein Teil der Handlung in einer Opiumhöhle. Auch Schiller oder Chopin sollen Opium genommen haben und künstlerisch davon beeinflusst worden sein.

Im Westen wurde Opium in der späten Neuzeit überwiegend eingeführt, selten selbst produziert. Insgesamt überwog hier seine Wahrnehmung und sein Stellenwert als betäubend, zur Ignoranz führend, schädlich, von der Wirklichkeit ablenkend, dekadent, “orientalisch”. Das Zitat von Marx aus 1844 über die Religion als “Opium des Volkes” spiegelt das wieder; oder das des Schriftstellers De Sade in seinem Roman “Juliette” (in dem eine Figur die Politik des Königs kritisiert indem sie deren Wirkung mit jener des Opiums vergleicht). Vielleicht hat Marx aber die “Zweischneidigkeit” dieser Droge gemeint, die oben erwähnte andere Seite, die gerne imperial eingesetzt wird. Friedrich II., der nur nach schweren Konflikten mit seinem Vater preussischer König wurde, da er eigentlich ein anderes Leben wollte, soll stets ein Döschen mit Opiumpillen um den Hals getragen haben, um sich gegebenenfalls ins Jenseits zu befördern. Auch andere sahen und verwendeten es als einfache Fahrt aus dieser Welt für sich oder andere (als Mordgift). Manche Kolonialherren nahmen im 19./20. Jahrhundert mit Einheimischen in Opiumländern “deren” Droge. In europäischen Gefilden wurde bis in die jüngste Zeit auch lokal gewachsener und selbst bearbeiteter Schlaf-oder Klatschmohn zur Beruhigung für Kinder (Mohnschnuller,..) eingesetzt oder beim Backen mit Mohnsamen “Erfahrungen” gemacht (früher trat beim Öffnen der Mohnkapseln Opiumsaft aus und verteilte sich über die Samen, heute werden die Samen u.a. gewaschen). Andere Arten aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) als der Schlafmohn enthalten jedenfalls nur geringe Mengen Opium.

In USA wurde das Opium-Rauchen in the 1850ern und 1860ern von chinesischen Arbeitern eingeführt, die zur Arbeit an Eisenbahnstrecken gekommen waren, nachdem viele Amerikaner während des Goldrausches ihre Arbeitsplätze dort verlassen hatten. Opium scheint in chinesischen Gemeinschaften eine ähnliche Rolle wie Bier als Feierabendgetränk zum Entspannen und Sozialisieren gehabt zu haben. Nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahnstrecke 1869 zogen mehrere 10 000 arbeitssuchende Chinesen in den Grossraum San Francisco, wo sie alsbald von der einheimischen Arbeiterschaft als Konkurrenz empfunden wurden. Opiumhöhlen (opium dens) entstanden in San Francisco und anderen Städten der Westküste, der Stoff dafür wurde importiert. Ins Zentrum der antichinesischen Ressentiments rückte das Opiumrauchen. Als ab 1870 “weisse” Amerikaner diese chinesische “Sitte” übernahmen, sah man die Kultur Amerikas bedroht, und es kam sogar zu Pogromen gegen Chinesen. Dabei waren Opiate in der USA das 19. Jahrhundert hindurch beliebt und legal (in Apotheken erhältlich), als Medizin gegen Durchfall, Husten, Menstruationsschmerzen, Schlaflosigkeit, zur Alkohol-Entwöhnung, dann auch zur Opium-Entwöhnung (!), u.v.a., bei Medizinern als Narkose- und Schmerzmittel. Die Darreichungsform der Opiate reichte von klassischem Laudanum über reines Morphium bis zu diversen Kombinationspräparaten mit Kräutern oder Alkohol, z.B. als Augentropfen oder Salben. Konsumenten wussten manchmal nicht gar nicht, was ihr Medikament so wirkungsvoll machte, oft wurden nicht alle Inhaltsstoffe genannt, andere wiederum kauften bestimmte Arzneimittel gerade wegen dieses Inhaltsstoffes und waren längst davon süchtig. So unscharf die Unterscheidung zwischen “Medizin” und “Droge” auch war, vor allem wenn es um konzentriertere, stärkere, gefährlichere ging, das Opiumrauchen der Chinesen in den USA wurde verteufelt, während dessen Verbot im Herkunftsland von Grossbritannien mit Waffengewalt aufgehoben wurde, das seinen Bürgern in Indien den Opium-Gebrauch untersagte.

Im späteren 19. Jahrhundert erlassene antichinesische Gesetze und Bestimmungen umfassten u.a. Wohnsitznahme nur in bestimmten Stadtteilen San Franciscos 1865, das Verbot der traditionellen Haartracht 1873 und das 1875 in San Francisco erlassene erste Strafgesetz der westlichen Welt gegen den Opiumkonsum. Auch in den meisten anderen amerikanischen Bundesstaaten wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gesetze gegen Einfuhr und Produktion von “Chandu” (war nur mehr US-amerikanischen Staatsbürgern vorbehalten), das Opiumrauchen und das Betreiben von Opiumhöhlen erlassen. Diese Gesetze betrafen nicht als Medizin eingestufte Produkte wie Laudanum, die von vielen weissen Amerikanern genommen wurden, sie richteten sich gegen eine Minderheit, dienten der öffentlichen Bekräftigung der “weissen” Normen. Mit dem Harrison Act 1914, einem Bundesgesetz, wurde eine Lizenz für den Verkauf von Opiaten verpflichtend, Ärzte durften Opiate nur mehr aus medizinischen Gründen verschrieben, die amerikanische Rauchopiumfabrikation wurde erheblich beschränkt und schliesslich verboten. Eine bestehende Opiat-Sucht (die auf ärztliche Verschreibung hin entstanden sein konnte) galt nicht als medizinischer Verschreibungsgrund, und bald wurden gar keine Lizenzen mehr ausgestellt. In den USA wurden Verbotsgesetze von Drogen grossteils fiskalisch ausgeführt (so auch der Marijuana Tax Act von 1937), auch wenn die eigentlichen Gründe und die Handhabung eine andere waren. In Folge des Harrison-Gesetzes entstand eine illegale Opiumfabrikation und der Schmuggel nahm erheblich zu, der Verkauf ging auf kriminelle Organisationen über, ähnlich wie bei der Alkohol-Prohibition 1920-1933. Auch Kokain, das isolierte Alkaloid des Cocas, war in den USA bis zum Harrison-Gesetz frei verkäuflich und als Medizin angesehen, in seinem Fall ging dem Verbot eine Kampagne als “Negerdroge” voraus. Die letzten Opiumhöhlen der USA wurden in den 1950er-Jahren geschlossen.

Rauchopium in Pillenform
Rauchopium in Pillenform

Sertürner gelang Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland die chemische Isolierung von Morphin, das dann ab den 1820er-Jahren als “Morphium” von der Firma Merck vertrieben wurde, als Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Im USA-Bürgerkrieg gab es einen massiven Einsatz von Opium in Pillenform, vor allem aber Morphium (durch die neu entwickelte Injektionsspritze verabreicht), als Schmerzmittel für Verwundete. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 wurde es verwundeten Soldaten in grossen Mengen gespritzt, was zur Folge hatte, dass viele der Überlebenden als Opiatabhänge heimkehrten. Die Wirkung des Morphiums ist um ein Vielfaches stärker als die von Opium und dementsprechend gefährlicher. Seine “Verwendung” als Droge, wie beim Laudanum auch hier oft durch Ärzte und Apotheker, war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet und führte die beabsichtigte Trennung zwischen “Droge” und “Medizin” ad absurdum. Wie bei anderen isolierten oder synthetischen Opiaten (Heroin, Codein,…) scheiterte hier der Versuch, Rausch- und Heilmittelaspekte zu trennen, bzw. den ersteren auszuschalten. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg wurde im Westen Morphium unter Opiaten hegemonial, nach dem Zweiten wurde es Heroin. Während der Drogenkonsum von US-Soldaten in diversen Kriegen (in Vietnam war auch Opium darunter) von staatlicher Seite bekämpft wurde, bekamen die Soldaten in diesen Kriegen zur “Leistungssteigerung” Amphetamine verabreicht.

Der britische “All India Opium Act” 1878 war, in einem weissen Weltsystem, die erste internationale Regelung bezüglich Drogen, die es davor nur auf nationaler Ebene gab (im Iran etwa gabs unter den Safawiden erste Einschränkungen für Opium). 1909 wurde in Shanghai die “Internationale Opiumkommission” (USA unter Hamilton Wright treibende Kraft) gegründet, sie legte den Grundstein für die internationale Opiumkonferenz 1912, auf der Drogenverbote, v. a. von Opium, erlassen wurden. Erst in der Zeit um die Konferenz in Shanghai hörte der Westen auf, den Opiumkonsum in China zu fördern. 1925, auf der Opium-Konferenz des Völkerbundes, wurden, auf Drängen der USA, weitere internationale Verbote erlassen, die Verbote auf nationaler Ebene nach sich zogen. In Deutschland wurde 1929 ein Drogengesetz (“Opiumgesetz”) erlassen, das mehrmals ergänzt und verschärft wurde (Hanf war etwa ursprünglich nicht darin erwähnt). Auch unter dem Nationalsozialismus, in einer Zeit, als Göring seine Codein-Sucht auslebte und man Soldaten aufputschendes “Pervitin” (Methamphetamin; heute illegal hergestellt und gehandelt als “Crystal Meth”) gab. Drogenverbote basieren oft auf Ressentiments gegen den Import einer als schädlich angesehenen anderen Kultur, Drogenpolitik im weitesten Sinn kann eine Form imperialer Machtausübung sein. Spanische Eroberer verboten den Indianern in Amerika die kultische Nutzung von Peyote und anderer psychotroper Pflanzen. Rauchopium hat im Westen nicht die Akkulturation geschafft. Auch die Haltung im Islam zum Alkohol kann so gedeutet werden; manchen Auslegungen zufolge wird im Koran nur sein Missbrauch verboten. Vergleiche dazu auch die US-Intervention gegen Panama 1989, die hier in einem späteren Artikel behandelt werden wird, wo Drogen der Vorwand für eine Bestrafungs-/Machtaktion aus anderen Motiven war.

Der Anbau von Schlafmohn ist in allen Staaten und von der UNO aus reguliert, die Herstellung von Schmerzmitteln oder anderen Pharmaka daraus ist die einzige anerkannte/erlaubte Verarbeitung. Für diese medizinischen Zwecke werden spezielle Züchtungen angebaut, die etwa einen besonders hohen Thebain-Gehalt haben. Australien ist das wichtigste Anbauland für Mohn der zur legalen Weiterverarbeitung exportiert wird, neben Grossbritannien. Der Mohnanbau war dort seit Jahrzehnten auf Tasmanien beschränkt; nachdem Pharma-Konzerne wie “GlaxoSmithKline” (GSK), die Abnehmer, auf eine Ausweitung drängten, wird er auch auf dem australischen Festland erlaubt. Die globale Nachfrage nach Schmerzmitteln steigt, weil weltweit immer mehr Menschen der Mittelklasse angehören, insbesondere in Asien.

Produktion, Konsum und Export von Opium wurden in China unter dem Kommunismus, in der Türkei in den 1960er/70er-Jahren auf westlichen Druck, im Libanon nach dem Bürgerkrieg weit zurückgedrängt. Auch im Iran seit 1980ern unter den Mullahs (denen man selbst Opium-Konsum vorwirft), dort gibt es aber eine systemüberdauernde Tradition einer gewissen staatlichen Tolerierung. Die wichtigsten illegalen Anbaugebiete von Mohn sind heute Afghanistan (v.a. der paschtunische Süden des Landes), Südost-Asien (das “Goldene Dreieck”, v.a. Birma), Süd-Amerika (v.a. Mexiko). Heroin dominiert das Angebot an illegalen Opiaten seit vielen Jahrzehnten. Nur ein ganz kleiner Teil des geernteten Rohopiums wird zu Rauchopium verarbeitet, dessen Konsum heute nah an Anbau und Produktion liegt, in einem Teil der genannten Anbauländer, z.T. auch in den Diaspora-Gemeinschaften aus diesen Ländern im Westen. Orale Verarbeitungen/Anwendungen wie Laudanum und ähnliches sind heute noch seltener. Opium ist heute also auf sein Ursprungsgebiet, Teile Asiens, beschränkt, wo traditioneller, mäßiger Gebrauch, dominiert, wie auch beim Coca in Teilen Süd-Amerikas. Daneben haben sich aber auch dort härtere, konzentriertere Drogen etabliert, v.a. Heroin. In Afghanistan haben die meisten Herrscher (Schahs, Präsidenten, Kommunisten, Islamisten, Besatzer) den Drogen den Krieg erklärt, aus religiöser oder politischer Argumentation heraus, die tatsächliche Politik richtet sich aber nach Rücksichten auf regionale Machtverhältnisse, Handelsbilanz, korrupte Beamte u.v.a. Mohn ist dort nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Machtmittel. In diesen Ländern hält aber auch eine medizinische Nutzung des Opiums an – für jene, die nicht zur Mittelklasse gehören. In Gegenden Afghanistan oder auch Indiens geben Mütter armer Familien (die nicht an andere Medikamente herankommen) ihren Kindern bei diversen Krankheiten wie Husten, Durchfall und Infektionen, aber auch bei Hunger, Opium. Gering dosiert, als Inhalat oder oral.

Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.
Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.

Literatur und Links:

* Der früh verstorbene Schweizer Ethnologe und Islamforscher Rudolf Gelpke beschäftigte sich mit persischer Literatur sowie mit Drogen, führte Selbstversuche durch, lebte zeitweise im Iran, pflegte eine Freundschaft mit Albert Hoffmann, lehrte und publizierte zu seinen beiden Forschungsbereichen, die er in “Vom Rausch in Orient und Okzident” (1966 erstmals erschienen) zusammenführte

* Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen

* Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers (1. Auflage 1822)

* Manfred Kappler: Drogen und Kolonialismus – Zur Ideologiegeschichte des Drogenkonsums

* Jean Cocteau: Opium (ein Buch aus der Zeit seines zweiten von sechs Entzugsversuchen 1929)

* Matthias Seefelder: Opium – eine Kulturgeschichte (1990)

* Herbert Grammatikopoulos: Opium als Mode- und Alltagsdroge und die literarische Avantgarde des 19. Jahrhundert (Magisterarbeit)

* Barbara Hodgson: Opium – A Portrait of the Heavenly Demon (englisch)

* Abul-Qasim Yazdi: Traktat für Opiumraucher. Erschien erstmals 1895 im damals britischen Indien, 1905 in Persien; dürfte in keine andere Sprache übersetzt worden sein und ist auch im persischen Original schwer aufzutreiben. Es enthält praktische Anweisungen wie philosophische Betrachtungen zum Opium. Yazdi beschreibt Opium als “erdend”, zur eigentlichen Realität führend (der Rausch wird gerne als Flucht aus „der Realität“ geheissen, nicht aber die Jagd nach Besitz etc)

* Alexander Kupfer: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

* Alethea Hayter: Opium and the romantic imagination (1968; englisch)

* Werner Pieper: Die Geschichte des O. OpiumFreuden – OpiumKriege

* P. G. Kritikos, S. P. Papadaki: The history of the poppy and of opium and their expansion in antiquity in the eastern Mediterranean area (1967; Online auf der Homepage des United Nations Office on Drugs and Crime) (englisch)

* Christian Rätsch: Heilpflanzen der Antike

* Thomas Dormandy: Opium: Reality’s Dark Dream (englisch)

* Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (behandelt hauptsächlich Cannabis, der Teil, in dem es um Opium geht, ist eine Übersetzung von De Quinceys oben angeführten Text)

* Arthur Waley: The Opium War Through Chinese Eyes (1958; englisch)

* Julia Lovell über die Opiumkriege und ihre heutige Rezeption (englisch)

Virtuelles Opiummuseum (englisch). Der Amerikaner Steven Martin kam als Journalist nach Südost-Asien (wo Opiumhöhlen chinesischer Art noch existieren), sammelte O.-Pfeifen u.ä., wurde süchtig vom Opium-Rauchen (was er 20 J. lang tat, oft gemeinsam mit befreundeter US-Journalistin), machte einen Entzug (“verlorener Himmel”) im buddhist. Tham Krabok-Kloster in Thailand, schildert Himmel und Hölle des Opiums, schrieb ein Buch („Opium fiend“), will wieder zur Pfeife greifen wenn die Gesundheit eines Tages durch Alter oder Krankheit weg ist

* Artikel über Opium als Arzneimittel; streckenweise sehr lesenswert, aber mitunter wird vergessen, zwischen Opium und anderen Opiaten zu unterscheiden

Ausführlicher Artikel rund um die Opium-Kriege

Radio-Feature zum Thema

* Bevor Lin Tse-Hsu englische Opium-Händler verhaften liess, schreib er im Namen seines Kaisers einen Brief (englisch) an die britische Königin Victoria (die letzte aus dem Haus Hannover), in dem er, etwas naiv, darauf hinwies, wie unredlich es sei, Opiumgebrauch im eigenen Land zu untersagen und in anderen Ländern Geld damit zu verdienen.